Everweard Castle - Schau im Traums Paradies (Leseprobe)
Everweard Castle - Schau im Traums Paradies Drittes Buch der Everweard Castle Trilogie Ein Fantasy-Roman von Harriet R. Burrell Ausführliche Leseprobe aus der Taschenbuchausgabe New Everweard, 18 Jahre später Aus Lilianas Tochter Falca ist eine intelligente und willensstarke junge Frau geworden. Sie besitzt sowohl die magischen Fähigkeiten der Zauberei als auch die der Gestaltwandlung. Ihre dritte und zugleich mächtigste magische Fähigkeit macht sie einzigartig, birgt aber auch Gefahren. Falca besitzt die Macht, mühelos zwischen den Welten hin- und herzuwechseln oder ihre eigenen Welten entstehen zu lassen. Unter der Anleitung der geheimnisvollen Lady Ombra muss Falca lernen, ihre Magie zu beherrschen. Denn das Eindringen der Götterbrüder in die reale Welt muss unter allen Umständen endgültig verhindert werden. So breitet Lilianas Tochter Falca ihre Flügel aus und verlässt zusammen mit Lady Ombra das heimische Nest. Unterwegs begegnen sie dem mysteriösen und undurchschaubaren Ariel. Auch er kann die Grenzen zwischen den Welten überschreiten. Ob Freund oder Feind, Falca muss sich einer weiteren Herausforderung stellen – ihrer ersten Liebe. Währenddessen sehen sich Liliana und Gina einer neuen Bedrohung gegenüber. Alte Feinde mit Einfluss auf das englische Königshaus ergreifen die Gelegenheit, das Dukedom Everweard zu Fall zu bringen. Aber wieder einmal werden die Frauen von Everweard völlig unterschätzt. Paperback-Ausgabe: Everweard Publishing, 2025, 688 Seiten, 13,5 × 21,0 cm, Kartoniert Euro (D) 22,00, ISBN 978-3-911352-26-0 E-Book-Ausgabe: Everweard Publishing, 2025 Euro (D) 4,99, ISBN 978-3-911352-27-7 Hardcover-Ausgabe: Everweard Publishing, 2025, 790 Seiten, 14,0 × 21,5 cm, Hardcover Euro (D) 34,00, 978-3-911352-28-4
Everweard Castle - Schau im Traums Paradies
Drittes Buch der Everweard Castle Trilogie
Ein Fantasy-Roman von Harriet R. Burrell
Ausführliche Leseprobe aus der Taschenbuchausgabe
New Everweard, 18 Jahre später
Aus Lilianas Tochter Falca ist eine intelligente und willensstarke junge Frau geworden.
Sie besitzt sowohl die magischen Fähigkeiten der Zauberei als auch die der Gestaltwandlung. Ihre dritte und zugleich mächtigste magische Fähigkeit macht sie einzigartig, birgt aber auch Gefahren. Falca besitzt die Macht, mühelos zwischen den Welten hin- und herzuwechseln oder ihre eigenen Welten entstehen zu lassen.
Unter der Anleitung der geheimnisvollen Lady Ombra muss Falca lernen, ihre Magie zu beherrschen. Denn das Eindringen der Götterbrüder in die reale Welt muss unter allen Umständen endgültig verhindert werden. So breitet Lilianas Tochter Falca ihre Flügel aus und verlässt zusammen mit Lady Ombra das heimische Nest.
Unterwegs begegnen sie dem mysteriösen und undurchschaubaren Ariel. Auch er kann die Grenzen zwischen den Welten überschreiten. Ob Freund oder Feind, Falca muss sich einer weiteren Herausforderung stellen – ihrer ersten Liebe.
Währenddessen sehen sich Liliana und Gina einer neuen Bedrohung gegenüber. Alte Feinde mit Einfluss auf das englische Königshaus ergreifen die Gelegenheit, das Dukedom Everweard zu Fall zu bringen.
Aber wieder einmal werden die Frauen von Everweard völlig unterschätzt.
Paperback-Ausgabe:
Everweard Publishing, 2025, 688 Seiten, 13,5 × 21,0 cm, Kartoniert
Euro (D) 22,00, ISBN 978-3-911352-26-0
E-Book-Ausgabe:
Everweard Publishing, 2025
Euro (D) 4,99, ISBN 978-3-911352-27-7
Hardcover-Ausgabe:
Everweard Publishing, 2025, 790 Seiten, 14,0 × 21,5 cm, Hardcover
Euro (D) 34,00, 978-3-911352-28-4
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Harriet R. Burrell
Everweard Castle
Schau im Traums Paradies
Drittes Buch der Everweard Castle Trilogie
EVERWEARD PUBLISHING
Dies ist ein Auszug aus der Paperback-Ausgabe von:
Everweard Castle - Schau im Traums Paradies
Drittes Buch der Everweard Castle Trilogie
von
Harriet R. Burrell
Erschienen 2025 bei Everweard Publishing
www.everweard.com
Erhältlich als E-Book, Paperback und Hardcover
Hier finden Sie weitere Informationen zum Titel
und zur Serie:
hps://www.everweard-castle.de
Erhältlich überall, wo es Bücher gibt.
E-Book ISBN 978-3-911352-27-7
Paperback ISBN 978-3-911352-26-0
Hardcover ISBN 978-3-911352-28-4
Harriet R. Burrell
Everweard Castle
–
Schau im Traums Paradies
Drittes Buch der Everweard Castle Trilogie
Dieses Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.
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Copyright by Harriet R. Burrell
Copyright © 2025 by:
Everweard Media & Publishing
Frédéric R. Bürthel
Friedrich-Naumann-Allee 29, 19288 Ludwigslust
www.everweard-publishing.com
kontakt@everweard.com
Everweard Publishing ist ein Imprint
von Everweard Media & Publishing
Satz, Layout, Umschlaggestaltung: FRB
Abbildungen und Elemente auf dem Umschlag:
iStock by Getty Images (Anna Bliokh, Chris Gorgio)
Printed in Europe
ISBN: 978-3-911352-26-0
1. Auflage
Prolog
Er rüttelt sich, er schüttelt sich …
Falca schrak hoch. Es war Nacht. Das Bett schwankte …
Nein, sie lag nicht im Bett …
Sie lag in einem Boot. Die schwarze Decke über ihr öffnete sich.
Der Mond erschien – und verschwand wieder. Sie war mitten auf dem
See. Das Boot musste sich losgerissen haben, als sie schlief, und den
Fluss hinunter in den See getrieben sein. Oder die Zwillinge hatten
das Seil losgemacht, die Zwillinge waren zu jedem Schabernack fähig.
Falca setzte sich auf. Das Ufer blieb ein ferner Schatten.
Jetzt erinnerte sie sich.
Papa war gestorben …
Papa war gestorben. Alle hatten geweint, nur Mama nicht.
»Seine Zeit ist abgelaufen, Falca. Weine nicht, sei dankbar für die
herrlichen Jahre, die wir mit ihm verbringen durften!«
Mama war ja so weise, nicht zum Aushalten weise!
Falca war davongeschlichen hinunter zum Fluss. Dort hatte sie sich
in ein Boot gesetzt und ihren Tränen freien Lauf gelassen. Ihr war
schnell klar geworden, dass sie vor allem sich selbst leidtat. Sie war
gerade zwölf geworden und hatte ihren Vater verloren. Gestern noch
waren sie zusammen ausgeritten nach Monleirdon, nur sie und er. Es
war solch ein schöner Tag gewesen. Ein Schmetterling hatte sich auf
ihre Nase gesetzt … Der Admiral hatte ihr Pralinen geschenkt … Die
Schleusen hatten sich geöffnet, so viele Erinnerungen wollten durchgelassen
werden. Darüber musste sie eingeschlafen sein.
Jetzt befand sie sich mitten auf dem See in finsterer Nacht und saß
auf etwas Feuchtem. War das Boot leck? Sie legte die Hand unter sich.
Es war kein Wasser … Es war Blut.
Der Schmerz im Unterleib. Das war nicht der Schmerz um den Tod
ihres Vaters. Es war ihr eigener Tod!
Flieg, Falke, flieg!
Deine Flügel sind Träume,
Spanne sie weit.
Meine Liebe ist der Wind,
Der dich trägt.
Sieh meine Hand,
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Wie sie winkt,
Und mit dir fliegen will.
Diesen Kuss noch,
Nimm ihn mit auf die Reise.
Auf deinen Lippen wird er
Zu einem Lächeln
Flieg, Falke, flieg!
Schau im Traum ins Paradies
Und bring uns zurück
Seinen Glanz.
Dieses Gedicht hatte Papa ihr zum Geburtstag geschenkt, ein Gedicht
nur für sie allein. Ach, Papa, wie soll ich das Paradies finden ohne
dich? Wenn ich nicht sterben müsste und ein Falke sein könnte, dann
würde ich diesen düsteren Ort verlassen.
Falca schloss die Augen. Ich will deinen Traum träumen, Papa. Länger
kann ich diese Traurigkeit nicht ertragen. Sie streckte die Arme
aus und stellte sich vor, sie habe Flügel und flöge hinauf und ließe
sich vom Wind tragen hinüber an Land, hinweg über die Wälder, den
silbernen Fluss hinauf bis nach New Everweard, wo Mama auf sie
wartete. Es war ein schöner Traum. Sie fühlte sich von aller Schwere
befreit. Der Wind kühlte ihr Gesicht und spielte mit ihren Haaren.
Plötzlich, wie ein Schlag in den Unterleib, kam dieser Schmerz zurück.
Sie öffnete die Augen.
Es war kein Traum. Sie flog. Unter ihr lag New Everweard. Das
Penthouse war hell erleuchtet. Jemand stand auf der Terrasse und sah
herauf zu ihr. Der Falke stürzte ab, direkt in Ginas geöffnete Hände.
»Da bist du ja wieder!«
Gina setzte den Vogel auf den Boden. Falca stand auf und befühlte
Arme und Gesicht, ob sie wirklich wieder sie selbst war. Da sah sie es.
Auf ihrem Kleid war Blut.
»Muss ich sterben?«
Gina legte den Arm um sie und gab ihr einen Kuss.
»Du bist jetzt eine Frau. Jedenfalls beinahe!«
»Dann ist das …«
»Ja, du bist kein Kind mehr.«
»Es tut weh.«
»Es geht vorbei … und kommt wieder.«
»Bin ich wirklich geflogen?«
»Du warst ein wunderschöner Falke«, sagte Gina.
»Wie ist das möglich?«
»Das muss dir Liliana erklären. Weißt du, wo sie ist?«
»Wie sollte ich das wissen? Ich bin gerade erst gekommen.«
»Wo ist sie? Schließe die Augen und finde sie!«
»Wie …«
»Pst, tu es!«
Falca schloss die Augen. Mama, wo bist du? Sie fühlte sofort ihre
Nähe – und spürte ihre Trauer. Also doch! Sie hatte Papa geliebt.
»Mama sitzt unten im Schlafzimmer und hält die Totenwache«,
sagte Falca.
›Sie sitzt dort seit Stunden. Kannst du mich hören, Falca?‹
»Was soll das, Gina? Ich stehe doch direkt vor dir. Warum sollte ich
dich nicht hören können?«
›Weil ich nicht laut gesprochen habe, sondern nur in meinen Gedanken.
Kannst du mir auf diese Weise antworten?‹
Falca hatte auf ihre Lippen geschaut. Gina hatte den Mund nicht
bewegt, trotzdem hatte sie jedes Wort verstanden.
›Wie ist das möglich, Gina?‹
»Auch das muss dir Liliana erklären. Willst du hier oben bleiben?«
»Warum bist du nicht bei ihr?«, fragte Falca.
»Ich bin bei ihr.«
»In deinen Gedanken?«
»So ungefähr … Es ist schwer zu erklären. Was rede ich nur? Man
kann es überhaupt nicht erklären!«
»Woher wusstest du, dass ich dieser Vogel war?«
»Wie sollte ich nicht unsere über alles geliebte Falca erkennen?«
»Ich hatte geträumt, Gina. Träume ich immer noch?«
»Soll ich dir eine Ohrfeige geben, du Göre?«
»Keine Göre mehr! Dann gehe ich mal lieber.«
»Möchtest du nicht zuerst noch etwas essen und trinken?«
»Ich würde bestimmt nichts herunterbringen.«
»Du wirst dich doch vorher noch umziehen?«, fragte Gina.
»Das ist mir völlig egal. Wem es nicht gefällt, soll wegschauen. Ich
jedenfalls schäme mich nicht.«
9
Gina gab Falca einen Kuss. Diese Mädchen von heute, sie waren
viel freier und kesser, als sie damals waren.
Um das Bett standen Kerzen. Mutter saß in einer Ecke und tat das, was
sie als Stricken bezeichnete. In der anderen Ecke saß die Alte. Das Fenster
war weit geöffnet. Der Wind ließ von Zeit zu Zeit die Kerzen flackern.
Es gelang ihm nicht, sie zu löschen. Falca trat neben das Bett.
»Leb wohl, Papa, und danke!«
Auf seinem Gesicht lag ein Lächeln. Der Tod hatte einen glücklichen
Menschen mit sich genommen. Wohin wird er ihn führen? Wie sollte
ein Paradies aussehen ohne die Menschen, die man liebt?
»Mama?«
»Du brauchst nicht zu flüstern. Walter hat uns schon lange verlassen.
Was da im Bett liegt, hat mit ihm nichts mehr zu tun.«
»Trotzdem sitzt du hier«, sagte Falca.
»Es ist Tradition.«
»Welchen Sinn hat das, wenn er nicht mehr da ist?«
»Es ist ein Ritual, das wir uns selbst schulden. Wir wollen uns an
die schönen Zeiten erinnern, die wir mit ihm verbracht haben.«
Falca nahm einen Stuhl und setzte sich neben sie.
»Ich war ein Falke.«
»Hat es dir Spaß gemacht?«
»Wie ist das möglich?«
»Du bist eine Gestaltwandlerin«, sagte Liliana.
»Bist du auch eine Gestaltwandlerin?«
»Nein.«
»War Papa Gestaltwandler?«
»Nein.«
»Kann ich mich in alles verwandeln, was ich möchte?«
»Ja.«
»Ich konnte Ginas Gedanken hören. Wie ist das möglich?«
»Du bist eine Zauberin«, sagte Liliana.
»War Papa ein Zauberer?«
»Nein.«
»Bist du eine Zauberin?«
»Ja.«
»Und Gina auch?«
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»Gina und ich sind eine Zauberin.«
»Was bedeutet Zaubern?«
»Verantwortung«, sagte Liliana.
Falca musste lachen.
»Das hätte ich mir denken können, dass du das sagst. Aber außer
Verantwortung, macht es auch Spaß?«
»Du musst es lernen. Ich hatte niemand, der es mir beibrachte. Da
bist du besser dran.«
»Bin ich die Einzige? Was ist mit Vince und den anderen?«
»Du bist die einzige Zauberin und die einzige Gestaltwandlerin.«
»Hm, du musst jetzt mit mir offen sprechen. Wie du siehst, bin ich
kein Kind mehr.«
»Du hättest dich wirklich umziehen sollen, Falca. Möchtest du
nicht hübsch aussehen?«
»Darauf kann ich heute verzichten. Hättest du mich nicht warnen
können, Mama?«
»Das lässt sich nicht voraussagen, wann es soweit ist«, sagte Liliana.
»Du bist doch eine Zauberin.«
»Ich hatte meine Gedanken woanders. Kannst du mir verzeihen?«
»Ausnahmsweise!«
Die Alte lachte. Sie stand auf und kam zu ihnen herüber. Wie immer
war sie ganz in Schwarz gekleidet. Sie streichelte Falcas Wange.
»Ich werde dir alles beibringen, was du wissen musst.«
»Lady Ombra!« Liliana fasste Falcas Arm. »Sie machen mir Angst.
Es wäre das erste Mal, dass Sie sich einmischen.«
»Ja, Liliana! Dich liebe ich, aber in Falca sehe ich mich selbst.«
Die Alte verließ das Zimmer.
»Ist sie auch eine Zauberin?«, fragte Falca.
»Lady Ombra ist … Zu mir hatte sie einmal gesagt, sie sei keine
Zauberin. Das heißt aber nicht, dass sie nicht zaubern kann. Ich habe
eine Vermutung, aber keine Gewissheit.«
»Gibt es noch andere Zauberer?«
»Nur Gina und mich.«
»Gibt es noch andere Gestaltwandler?«
»Nur Salvatore.«
»Salvatore? Ich habe niemals gesehen, dass er seine Gestalt veränderte.«
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»Niemand darf es wissen. Niemand darf wissen, dass Gina und ich
zusammen eine Zauberin sind. Das gilt auch für dich. Niemand darf
jemals erfahren, dass du deine Gestalt ändern und zaubern kannst.
Hörst du mich!«
»Ja, Mama, ja! Wozu ist es dann gut?«
»Du wirst es herausfinden. Salvatore ist dein Vater.«
»Er hat niemals etwas gesagt«, sagte Falca verwundert.
»Er weiß es nicht. Walter war dir ein guter Vater. Er war sehr stolz
auf dich und liebte dich über alles.«
»Ich hatte ihn unendlich lieb!« Falca kamen die Tränen. »Warum
musste er sterben?«
»Er war alt. Wir alle müssen sterben. Wichtig ist nur, wie wir die
Zeit vor dem Tod verbringen.«
»Trotzdem!«
»Ja, Falca, trotzdem! Ich bin nicht so vernünftig, wie ich gern sein
möchte. Mit dem Tod würde ich kämpfen, um ihn zurückzuholen.
Aber er wollte gehen. Der Tod, weißt du, kann auch so etwas sein wie
das Happy End eines wunderschönen Romans. Wir haben das Buch
gelesen, die Personen bleiben in unseren Gedanken lebendig. Walter
wird immer bei uns sein.«
»Ja, Mama! Er war nicht mein Vater?«
»Er war dein Vater.«
»Und Salvatore?«
»Salvatore ist dein Vater.«
»Kannst du mir das erklären?«, sagte Falca.
»Es ist wichtig, dass du die Duchess of Everweard wirst. Daran darf
es keinen Zweifel geben. Salvatore kann dir ja beim Gestaltwandeln
helfen, vor allem, wie man das heimlich tut. Das macht er sicher gern.«
»Wusste Papa, dass Salvatore mein Vater ist?«
»Wie sollte er? Außerdem ist das doch unwichtig. Für Walter warst
du von deinem ersten Schrei an seine Tochter, sein Sonnenschein,
daran hätten auch biologische Fakten nichts ändern können. Das galt
doch auch für dich. Bei euch beiden war es Liebe auf den ersten
Blick.«
»Ja, Mama, das war es. Jetzt ist es vorbei. Er ist tot und ich bin kein
Kind mehr – und habe Verantwortung. Wird von nun an alles ernst
und schwer?«
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»Es bedeutet nur, du musst deinen eigenen Weg finden, deinen eigenen
Weg zum Glück. Dafür sind wir da, uns am Leben zu erfreuen.«
»Ich werde mich doch umziehen.« Falca stand auf und gab Liliana
einen Kuss. »Mama, ich liebe dich! Ich möchte dich diese Nacht nicht
allein lassen.«
»Wir wachen gemeinsam, mein Falke.«
13
Teil I
Das Ende von New Everweard
Kapitel 1
Everweard Castle
Ein gelber Papierdrachen schwebte vor dem Fenster. Zwei
hellblaue Augen und ein roter Mund aus Stoffresten grinsten
herein in Lilianas Arbeitszimmer auf Everweard Castle. Der Drache
knallte gegen den Fensterrahmen und stürzte in die Tiefe. Es war
Sommer, die Zeit der Drachen war noch nicht gekommen.
Liliana saß hinter dem großen Schreibtisch, Gina davor und mitten
drauf eine rote Katze, die sich nicht vertreiben ließ. Sie lag auf dem
Kontorbuch und ließ nicht zu, dass Liliana es öffnete.
»Magst du Kinder, Marchesina?«
»Allgemein oder in diesem speziellen Fall, Duchess?«, fragte Gina.
»Vielleicht sollte man sie daran erinnern, dass sie letzte Woche
achtzehn geworden ist«, sagte Liliana.
»Waren wir auch einmal achtzehn?«
»Mein Gedächtnis lässt mich da im Stich. Wenn überhaupt, dann
muss es sehr schnell vorübergegangen sein.«
Die Katze streckte alle Viere von sich und schnurrte.
Es klopfte. Ruth trat ein und sagte:
»Besuch!«
Ruth war noch genauso schnodderig wie in jungen Jahren.
»Wir sind beschäftigt«, sagte Liliana.
»Das sehe ich. Soll ich die Katze ersäufen oder ihr eine Schale Milch
bringen?«
»Was sagt die anglikanische Ethik dazu? Ist sie dir nicht Richtschnur
in allen Lebensfragen?«
»Ich habe entschieden, es ist nicht meine Katze. Soll ich den Besuch
wieder zurück nach Indien schicken?«
»Nein, geleite sie herein! Sie kennt sich besser mit Wildkatzen aus
als wir.«
Floriana trat ein. Sie war kaum wiederzuerkennen, nach all den
Jahren. Die Bräune in ihrem Gesicht wirkte ungesund. Das Haar
war kurz und fettig. Die großen, bunten Ohrringe ließen den Kopf
kleiner erscheinen. Ihre Augen flossen sofort über, als sie den Raum
betrat.
Liliana nahm sie in den Arm und führte sie auf die Couch im Neben-
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zimmer. Gina setzte sich daneben und legte ebenfalls den Arm um sie.
Die Katze sprang auf Florianas Schoß und rollte sich zusammen.
»Wie froh bin ich, euch alle wiederzusehen! Geht es euch gut?«
»Wenn du uns verrätst, wie es dir geht, dann würde es uns gleich
noch einmal so gut gehen«, sagte Liliana.
»Möchten Sie Tee, Mrs. Fitzgerald, oder lieber gleich etwas Stärkeres?«,
fragte Ruth. Sie hatte nichts übrig für Sentimentalitäten.
»Ruth, danke! Warum bist du hier? Hattest du nicht den Pfarrer
geheiratet?«, fragte Floriana.
»Der Herr hat ihn zu sich gerufen. Jetzt weiß ich auch, dass Gebete
keine sinnlose Zeitverschwendung sind. Tee oder Whiskey?«
»Tee.«
Ruth schlurfte davon.
»Hast du sie wieder aufgenommen in deiner Herzensgüte, Liliana?«
»Nicht ich! Sybil hatte schließlich festgestellt, dass Ruth die einzige
Person ist, mit der sie zusammenarbeiten kann. Sie ersetzt mühelos
zwei Assistentinnen. Aber jetzt lass dich einmal anschauen!«
»Schau mich besser nicht so genau an. Ich weiß ja, du siehst Dinge,
die andere nicht sehen können.«
»Nur weil ich dich liebe, Floriana.«
Jetzt flossen die Tränen wieder. Die Katze auf ihrem Schoß war
nicht aus der Ruhe zu bringen.
»Ist das deine Katze?«, fragte Floriana.
»Du kennst doch Katzen. Sie gehören niemandem. Wo ist Martin?«
Ruth brachte Tee für Floriana und Kaffee für Liliana und Gina. Dass
sie eine Schale Wasser für die Katze brachte, war sicher der sittlichen
Läuterung zuzuschreiben, die sie als Pfarrersfrau erfahren hatte. Sie
entfernte sich wieder.
»Martin ist in London«, sagte Floriana.
Obwohl sie weit weg von London lebten, wussten Liliana und Gina
Bescheid, worüber man in höheren Kreisen sprach.
»Sir Martin heißt er jetzt, habe ich gehört«, sagte Gina. »Von der
Königin wurde er persönlich geadelt für Verdienste um die britische
Tonkunst. Ist es so?«
»Ja, Gina! Aus Martin wurde ein berühmter Komponist. Er ist jemand.«
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»Deshalb hat er keine Zeit mehr für seine Mutter und seine
Schwester?«
»Und keine Zeit für seine Ehefrau.«
»Das klingt nach Lord Monleirdon«, sagte Liliana.
»Das klingt nicht nur so.«
»So war das aber nicht gedacht! Nicht wahr, Liliana?«, sagte Gina.
»Wart ihr wenigstens ein paar Jahre glücklich?«, fragte Liliana.
»Ach, Liliana! Du musstest damals diesen alten Widerling heiraten
und bist doch mit ihm glücklich geworden, wie man hört. Nie hätte
ich gedacht, dass die einzig wahre Liebe ein solcher Reinfall werden
könnte!«
Die Katze fauchte. Liliana streichelte ihr beruhigend das Fell. Sie
begann wieder zu schnurren.
»Willst du ihn verlassen?«
»Ich habe ihn verlassen. Die Frage ist nur, ob es ihm auffällt.«
»Du bleibst bei uns!«
Floriana begann wieder zu schluchzen. Jetzt wurde es der Katze zu
viel. Sie verließ Floriana und wechselte hinüber auf Lilianas Schoß.
»Immerhin hast du es achtzehn Jahre mit ihm ausgehalten«, sagte
Gina.
»Erinnerst du dich an die Brautrede der Marchesa zu Aurelias
Hochzeit, Gina? Sie hatte ja so recht! Ich habe meinen Ehegatten bewundert.
Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich bewundern soll. Aber
sprechen wir doch nicht von mir! Wie geht es euch? Liliana, hast du
jetzt deinen Salvatore?«
»Meinen Salvatore? Nein, er gehört mir nicht. Aber ich liebe ihn.«
»Seid mir nicht böse! Ich bin völlig erschöpft. Wenn ich mich irgendwo
hinlegen könnte, dann würde ich achtzehn Jahre einfach
wegträumen.«
Ruth kam herein.
»Ruth, bring Floriana in unsere schönste Suite!«
»Haben Sie Gepäck, Mrs. Fitzgerald?«
»Einen Koffer! Ich wollte nur fort.«
»Wenn Sie mir folgen …«
»Ich folge, ich folge! Liliana, Gina, danke!«
»Wir sehen dich zum Abendessen.«
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»An Essen will ich jetzt nicht denken. Lasst mich schlafen! Mehr
will ich nicht mehr in diesem Leben.«
»Dann schlaf gut!«
Floriana war gegangen. Die rote Katze streckte sich und wurde zu
einer jungen Frau. Sie war wütend.
»Von welchem alten Widerling hat sie gesprochen?«
»Es handelt sich um die übliche Bezeichnung für den Duke of Everweard.
Das waren hier alles heidnische Barbaren, als wir ankamen.
Ich musste den Duke etwas umerziehen, dann war er doch noch recht
manierlich.«
»Jetzt ist er schon sechs Jahre tot und ich vermisse ihn immer
noch.«
»So geht es uns allen, Falca. Warum bist du nicht im College?«
»Bei euch lerne ich mehr. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass du
Papa heiraten ›musstest‹. Was bedeutet das? Ich kam doch erst später
zur Welt.«
Sie hatte die schwarzen Haare und Augen ihrer Mutter. Liliana
wirkte zart und vornehm, ihre Tochter stark und voll innerer Energie.
Falcas Lippen waren blutrot und versprachen Leidenschaft. In den
Mundwinkeln aber lag ein spöttischer Schatten, der zur Vorsicht
mahnte.
»Das sind alte Geschichten. Beschäftige dich besser mit alter Geschichte.«
»Tante Gina …«
»Besser, du weißt es nicht!«, sagte Gina.
»Dann erst recht. Ich will alles wissen!«
Falca setzte sich zu den beiden auf die Couch. Die Arme verschränkte
sie vor der Brust und sah Liliana herausfordernd an.
Liliana faltete die Hände wie zum Gebet.
»Conte Adriano di Salamandra, das war mein Vater, machte
krumme Sachen und verspielte unser gesamtes Vermögen an der
Börse. Er kam ins Gefängnis. Meine Mutter und meine Schwestern
und noch ein paar Leute standen in Gefahr, betteln gehen zu müssen.
Ein Duke aus dem fernen Everweard erfuhr von unserer misslichen
Lage. Sein gutes Herz bewog ihn, dem Conte zu helfen. Als Gegenleistung
wollte er mich zur Gattin. Du kannst dir denken, wie dankbar ich
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war, meiner Familie helfen zu können. Ich heiratete den Duke. Salamandra
wurde gerettet … und das war’s.«
»Du willst, dass ich andere Leute frage, was wirklich geschehen
ist?«, sagte Falca.
»In meinem Alter ist das Gedächtnis nicht mehr so zuverlässig.«
»Du bist siebenunddreißig! Urgroßmutter wird bald neunzig und
kann sich noch an alles genau erinnern.«
»Die Marchesa ist bewundernswert.«
Liliana schwieg. Falca sagte nichts. Sie fühlte, dass Mama mit sich
rang. Gina seufzte.
»Liliana, können wir wirklich wissen, ob diese Geschichte abgeschlossen
ist?«
»Ach, Gina, war denn das nicht genug, was wir getan haben?«
»Vielleicht war es genug, vielleicht aber auch nicht. Was sagt die
Alte dazu?«
»Lady Ombra hüllt sich in dunkle Andeutungen, wie wir es von ihr
gewohnt sind. Aus ihren Äußerungen kann man nicht entnehmen, ob
es morgen regnen wird oder nur die Welt untergeht«, sagte Liliana.
»Ihr Alter möchte ich erst gar nicht erraten müssen.«
»Ich hätte nie gedacht, dass sie bei uns bleibt. Ist sie dir eine gute
Lehrerin, Falca?«
»Ich beantworte keine Frage mehr, bevor ich nicht die volle Wahrheit
kenne.«
»Und wenn es mir wehtut, die Wahrheit zu sagen, wenn sie mir den
Magen zusammenkrampft und mir das Herz zerreißt?«
»So leicht bringt dich nichts aus der Fassung, Mama. Ich kenne
dich!«
»Du bist herzlos.«
»Warum haben wir niemals unsere Verwandten in Salamandra besucht?«
Liliana wurde ernst. Sie sah Falca direkt in die Augen.
»Die Wahrheit, die Kenntnis der Wahrheit, das bedeutet die Vertreibung
aus dem Paradies.«
»Wenn das Paradies bloße Täuschung ist, dann will ich es gern verlassen«,
sagte Falca, ohne nachzudenken.
»Gut gesprochen! Aber außerhalb des Paradieses ist die Welt kalt
und ungemütlich.« Liliana hatte gewusst, dass dieser Augenblick
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eines Tages kommen würde. Warum war er nur so schnell gekommen!
Müssen wir wirklich alle erwachsen werden? »Du hast ein
Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren. Ich kann sie dir nicht verwehren.
Du bist meine Tochter … in so vielen Dingen.«
»Aber, Mama, ich liebe dich!«
Liliana umarmte Falca und gab ihr einen Kuss.
»War es gestern oder ist es morgen …«
22
* * *
Der Tisch war abgeräumt. Niemand kam auf den Gedanken, die
Gläser zu füllen. Sie saßen stumm im kleinen Salon.
Sybil kam herein und setzte sich an den Tisch.
»Was ist los, Liliana?«
Miss Heather führte Everweard Castle mit eiserner Hand. Die wenigen
grauen Strähnen im Haar gaben ihr einen noch strengeren
Ausdruck. Nichts entging ihr, fühlte sie sich doch für alles verantwortlich.
Und wenn es um Liliana ging, war nichts anderes mehr von
Bedeutung.
»Ah, Sybil, willst du uns Gesellschaft leisten? Schläft Floriana
noch?«
»Plappere nicht! Die Mädchen kamen heulend zu mir gerannt. Kein
einziges Wort sei gesprochen worden, während sie euch das Essen
servierten. Das war noch nie vorgekommen. Sie sind fest davon überzeugt,
dass etwas Furchtbares geschehen sein muss.«
»Falca wollte alles über meine finstere Vergangenheit wissen. Das
muss sie erst verdauen.«
»Du hast dir bestimmt nichts vorzuwerfen, Liliana.«
»Es geht um ihren geliebten Vater.«
Sybil stand auf und setzte sich neben Falca.
»Ich kannte Walter, lange bevor Liliana zu uns kam. Dieser Duke
ist unwichtig. Erst Liliana machte ihn zu einem Menschen, der lieben
konnte. Der Vater, den du kanntest, Falca, hatte mit dem alten Duke
of Everweard nichts mehr gemein.«
»Danke, Sybil! Wir sprachen vorhin vom Paradies. Nie hätte ich
gedacht, dass es erst geschaffen werden musste. Ich bin dumm«,
sagte Falca.
»Wir haben alles deiner Mutter zu verdanken. Du wirst es gewiss
leichter haben.«
»War der alte Duke wirklich so schlimm?«
»Das war er. Wie ich Liliana kenne, wird sie ihn trotzdem noch in
den mildesten Tönen geschildert haben. Vergiss das! Der Duke war
ein Ekel, das auf niemanden Rücksicht nahm. Er und der Fürst, sie
passten zusammen. Ich mag nicht mehr an diese schlimmen Zeiten
zurückdenken. Behalte deinen Vater so in Erinnerung, wie du ihn
kanntest!«
»Das werde ich. Er war ein völlig neuer Mensch?«
»Nach der Hochzeit war er nicht mehr wiederzuerkennen. Er unternahm
alles, seine Untaten wiedergutzumachen. All das Gute, das
er tat, kam aus tiefem Herzen. Bald gab es niemanden mehr, der ihn
nicht schätzte und gern hatte.«
»Wie soll man einen Menschen beurteilen? Muss man sein gesamtes
Leben berücksichtigen oder nur die letzten Jahre?«, fragte Falca.
»Das fragst du besser deine Mutter oder die Marchesa. Meine
Meinung ist, dass sich ein Mensch ändern kann. Wenn er schwere
Fehler in seinen jungen Jahren beging, wie viel mehr zählt dann das
Gute, das er später tut! Ist seine Leistung nicht größer als die eines
Menschen, der niemals mit sich ringen musste? Was sagst du dazu,
Liliana?«
»Das ist schon richtig, Sybil. Aber Fehler, die ich gemacht habe, die
habe ich gemacht. Daran ist nichts zu ändern. Sie verschwinden nicht
einfach, indem ich bereue. Habe ich einen Menschen umgebracht, ist
er tot. Was sollte daran wiedergutzumachen sein?«
»Manchmal schlittert man in eine Sache hinein«, sagte Sybil.
»Das ändert nichts daran, dass ein Unrecht begangen wurde. Nimm
den Duke, er stand unter dem Einfluss des Fürsten. Man könnte sagen,
der Duke war nicht verantwortlich, der Fürst hatte ihn manipuliert
und benutzt. Aber hätte der Fürst wirklich sein Ziel erreicht, wenn der
Duke es nicht gewollt hätte? Walter wusste das. Er konnte sich das
niemals verzeihen. Deshalb war er in der Lage, sich zu ändern, weil er
keine Ausflüchte und Rechtfertigungen gelten ließ. Nur aus diesem
Grund konnte ich ihn lieben.«
»Was ist ein Verbrechen?«
»Sybil, darüber brauchen wir doch gar nicht zu reden. Nicht alles, was
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die Gesellschaft für ein Verbrechen hält, ist wirklich ein Verbrechen. Gesetzgebung
und Justiz sind Machtinstrumente – wie Religion. Es gibt
zum Beispiel das Recht auf Widerstand, das in keinem Gesetzbuch steht.
Im Grunde gibt es nur eine Richtlinie für jedes Verhalten, nämlich
Liebe.«
»Das war wieder eine echt Lilianische Wendung!« Gina klatschte
in die Hände. »Das geht noch als fundamentaler Lehrsatz in die philosophische
Logik ein. Die Lilianische Formel lautet: Wie immer ein
Problem auch beschaffen ist, es lässt sich lösen mit Liebe.«
»Du bezweifelst meine Weisheit, Gina mia?«
»Nie und nimmer! Ich war schon immer derselben Meinung. Nur
habe ich dazu nie diese intellektuellen Verrenkungen gebraucht. Mir
genügt, was mein Herz sagt.«
»Hörst du, Falca?« Liliana goss sich ein Glas Wasser ein. »Wie man
es wendet, ob mit dem Kopf oder dem Herzen, die Liebe ist der Maßstab
aller Dinge. Walter liebte dich und du liebtest deinen Papa. Lass
es damit gut sein! Mehr kann man nicht verlangen.«
»Es kam so unerwartet, Mama. Ich hielt ihn für … vollkommen.«
»Er war ein Mensch.«
Sybil stand auf. Sie streichelte Falcas Wange.
»Dich habe ich auch lieb. Jetzt weißt du es.«
Eilig ging sie hinaus.
»War sie auch anders … früher?«, fragte Falca.
»Sybil war anders, ich war anders, Gina war anders, die Marchesa
war anders, alle, alle waren wir anders. Beunruhigt dich das, Falca?«
»Ich wollte nur wissen, ob Sybil auch kein Engel war.«
»Du bist eine Zauberin und kannst in einen Menschen hineinschauen.
Ich rate dir, respektiere die Grenzen, die er um sich aufgerichtet hat.
Wenn wir seine Würde verletzen, begehen wir ein Verbrechen.«
»Mir ist etwas aufgefallen. Du weißt, was ein Mensch denkt und
fühlt, Mama. Trotzdem gehst du mit ihm um, als wüsstest du es nicht.«
»Ich kann niemals einen Menschen ganz erfassen, schon gar nicht
bei einer kurzen Begegnung. Wie er sich darstellt und verstanden
werden möchte, das kann ich nur an seinen Äußerungen und Handlungen
erkennen. Die meisten Menschen möchten nämlich gar nicht
der sein, den du in ihnen vorfindest.«
»Ob ich das je lerne?«
24
»Du hast die beste Lehrmeisterin.«
»Ich kann dir versichern, dass für Lady Ombra nicht die Liebe der
Maßstab aller Dinge ist«, sagte Falca.
»Vielleicht täuschst du dich in ihr.«
»Erwartet sie etwas von mir? Soll ich so etwas tun wie ihr beiden?«
»Lass dich zu nichts verführen! Diesmal soll sie selbst die Welt
retten. Du tust nichts allein! Gina und ich werden an deiner Seite
stehen. Salvatore wird auch alles für dich tun.«
»Ein bisschen Abwechslung …«
»Falca!«
»Ihr gönnt mir keinen Spaß.«
* * *
Ruth kam herein.
»Mrs. Fitzgerald lässt fragen, ob sie ungelegen komme. Sie könne
ums Verrecken nicht einschlafen!«
»Hat sie das so gesagt?«
»Den ersten Teil.«
»Wieso verrichtest du eigentlich niedere Personaldienste?, fragte
Liliana.«
»Pure Neugierde! Es interessiert mich sehr, wie es Floriana ergangen
ist. Soll ich sie hereinholen?«
»Wir machen das so, Ruth. Du bittest unseren Gast herein und
schickst mir jemanden aus der Küche. Morgen Nachmittag laden
wir dich und Sybil zur Teestunde ein. Dann kannst du Floriana alles
fragen, was dir auf der Seele brennt. Einverstanden?«
»Danke, Liliana!«
Ruth eilte hinaus. Floriana kam herein. Die Wimperntusche war
verlaufen. Sie sah aus, als habe sie sich nach indischer Sitte schminken
wollen, aber nach dem ersten Versuch aufgegeben.
»Floriana, du kannst nicht schlafen?«
»Wenn ich schon einmal hier bin, möchte ich auch in deiner Nähe
sein, Liliana.«
Liliana umarmte Floriana. Sie tupfte ihr mit dem Taschentuch die
verlaufene Schminke aus den Augenwinkeln.
»Setz dich zu uns! Du musst etwas essen. Ruth wird jemanden aus
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der Küche heraufschicken. Wir haben zur Zeit zwar Ferienbetrieb,
aber es wäre doch gelacht, wenn wir dich nicht sattbekämen!«
»Danke, Liliana! Gina, du siehst gut aus!« Zu Falca sagte sie: »Sie
müssen Lilianas Tochter sein?«
»Falca!« Falca umarmte Floriana. »Ich habe schon viel von Ihnen
gehört, Mrs. Fitzgerald!«
»Floriana!«
»Wie ist Indien, Floriana? Es muss ein traumhaft schönes und aufregendes
Land sein.«
»Es ist wunderschön, Falca, und es ist aufregend, besonders jetzt, wo
die Inder dabei sind, ihre ›Wohltäter‹ aus dem Land zu werfen.«
»Sie nehmen doch hoffentlich alles mit, was niet– und nagellos ist!«,
sagte Falca.
»Ja, du bist Lilianas Tochter. Daran gibt es keinen Zweifel.«
Es klopfte. Ein Küchenmädchen trat ein.
»Duchess, Sie ließen mich rufen?«
»Floriana, was können wir dir anbieten?«, fragte Liliana.
Floriana wandte sich an das Mädchen.
»Wer ist Küchenchefin?«
»Miss Jean, gnädige Frau!«
»Ist es …«
»Ja, Floriana, Jean ist die übereifrige Göre, die du in Erinnerung
hast. Du wirst stolz sein auf sie. Sie ist aber nicht da, weil ich sie
gezwungen habe, Urlaub zu nehmen. Trotzdem wird alles, was aus
der Küche kommt, so schmecken, als habe sie es selbst zubereitet. Ich
kann mir keine strengere Küchenchefin vorstellen.«
»Wie heißt du?«, fragte Floriana.
»Marianne, gnädige Frau!«
»Gut, Marianne, macht mir etwas Leichtes, einen frischen Salat,
Käse, geröstete Kartoffeln mit etwas Petersilie. Dazu einen nicht zu
trockenen Weißwein, der ist für meine Nerven. Etwas Süßes zum
Nachtisch … Ich lasse mich überraschen!«
Marianne machte einen Knicks und ging hinaus.
»Ihr habt schon gegessen?«
»Ja, Floriana, wir schauen dir aber gerne zu.«
Sie setzten sich um den runden Tisch. Es war später Nachmittag.
Gina schaltete eine Lampe an.
26
»Können wir dich gleich ins Verhör nehmen oder willst du dich
erst stärken?«
»Über mich sprechen wir später. Erzählt mir von dem sagenumwobenen
New Everweard. Warum seid ihr hier im Schloss und nicht
dort? Gibt es LiliaGinas Nest noch und was ist aus Monleirdon College
geworden? Wo ist dein Sohn, Gina? Hast du ihn versteckt? Was machen
Rosemary, Elizabeth und Martha …«
»Genug! Du wirst von uns nichts erfahren«, sagte Liliana. »Da
könnte ja jeder kommen und uns aushorchen! Wir werden dir in den
nächsten Tagen alles zeigen. Dann kannst du es mit eigenen Augen
sehen. Heute ist der erste Urlaubstag auf Everweard Castle. Es war
noch Papierkram zu erledigen. Deshalb sind Gina und ich hier. Warum
meine Tochter nicht auf dem College ist, muss sie dir selbst sagen.«
»Du gehst auf das Monleirdon College, Falca?«
»Das stimmt schon … Heute ist der Tag feierlicher Abschlussreden.
Da dachte ich mir, von Besuch aus Indien kann ich viel mehr lernen.«
»Dann hast du also vorausschauend geschwänzt?«, fragte Floriana.
»Ja, genau das ist es! Hast du das gehört, Mama? Vorausschauend
war ich!«
Mädchen fuhren einen Servierwagen herein. Marianne deckte den
Tisch. Sie gab einen Schuss Wein ins Glas. Floriana kostete und
nickte. Dann stürzte sie sich auf das Essen, als habe sie seit Tagen
nichts mehr gegessen.
»Wenn ich bei dir bleibe, Liliana, was könnte ich tun?«
»Hast du wirklich mit deiner Ehe abgeschlossen?«
»Welche Ehe?«
»Ich sehe, das wird eine lange Geschichte. Wir können es kaum erwarten,
sie endlich zu hören. Es ist gut, dass ihr keine Kinder habt.«
»Ich kann keine Kinder bekommen.«
Liliana blickte tiefer.
»Versuche es mit einem anderen Mann! So eine winzige Veränderung
kann Wunder bewirken.«
»Meinst du? An Männer will ich vorläufig nicht denken. Hast du
eine Aufgabe für mich?«, fragte Floriana.
»Was immer du willst. Aber jetzt machen wir Urlaub. Die Jungs
werden aus Eton kommen. Deshalb müssen wir etwas unternehmen,
damit sie keinen Unfug treiben. Nicht wahr, Marchesina?«
27
»Ob er wieder gewachsen ist?«
»Sicher! Emiliano soll schon einmal vorbeugend die Zimmerdecke
durchbrechen.«
»Dein Sohn heißt Vincente?«, fragte Floriana.
»Ich nenne ihn Vincente, der Rest der Welt Vince. Da gibt man sich
solche Mühe, einen anständigen Namen auszusuchen, dann wird er
doch verhunzt.«
Floriana war fertig mit dem Essen. Die Mädchen räumten ab und
fuhren den Wagen hinaus.
»Das war die Henkersmahlzeit, Floriana«, sagte Liliana. »Jetzt gibt
es keine Ausflüchte mehr. Ich erinnere mich an einen Satz aus deinem
ersten Brief. Warst du der Welt abhandengekommen?«
»Wir wurden vom Kapitän getraut. Danach wurde mir so übel, dass
ich eine Woche nicht aus dem Bett kam. Das hätte mir eine Warnung
sein müssen.«
»Sybil war so erschüttert von deiner Schilderung des Bullauges,
dass sie sich schwor, niemals eine Schiffsreise zu unternehmen.«
»Rückreisen sind besser zu ertragen.«
»Wir schweigen jetzt und hören dir zu, Floriana.«
»Also … Falca, ich erzähle dir die Vorgeschichte. Schon als kleines
Mädchen verliebte ich mich in Martin, den einzigen Sohn Lord Monleirdons,
und er sich in mich. Da ich niederen Standes bin, musste
unsere Beziehung geheim bleiben. Eines Tages verschwand Martin.
Niemand wusste, was mit ihm geschehen war. Aller Schmerz half
nichts, ich musste meinem Leben einen Sinn geben. So wurde ich Köchin.
Als deine Mutter, Gina und die Marchesa nach Everweard
Castle kamen, war ich hier die Küchenchefin. Liliana war die erste
Person, die mein Essen zu würdigen wusste. Es machte mich ganz
krank, dass sie diesen unheimlichen Grafen heiraten musste. Der
Duke fuhr bald nach Ankunft seiner Braut nach London. In dieser
Zeit gingen die italienischen Gäste nach Monleirdon. Salvatore blieb
zurück. Ihm vertraute ich auch mein Geheimnis an, wusste ich doch,
dass er unglücklich in Liliana verliebt war. Wir schworen uns, niemals
aufzugeben und immer Herr unseres Schicksals zu sein. Seit Liliana
in mein Leben getreten war, schöpfte ich neue Hoffnung. Alles
schien verändert – und alles veränderte sich. Tatsächlich kam Martin
zurück. Sein Vater hatte ihn fünf Jahre zuvor nach Indien verschlep-
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pen lassen. Er war zurückgekommen, um eine Lady königlichen Geblüts
zu heiraten. Lord Monleirdon starb aber überraschend an Herzversagen.
Die Hochzeitspläne platzten. Martin erinnerte sich wieder
seiner Jugendliebe. Er bat meine Eltern um meine Hand. Aber auf einen
Hochzeitstermin wollte er sich nicht festlegen. Monleirdon College
wurde gegründet. Ich sollte den hauswirtschaftlichen Teil der
Verwaltung übernehmen. Am Tag vor der Eröffnung des Colleges fiel
Martin ein, dass er doch lieber zurück nach Indien wollte. Ich ging
mit ihm. Auf dem Schiff wurden wir vor dem Gesetz Mann und Frau.«
»Es war die Musik, die ihn nach Indien zog.«
»Ja, Liliana, es war die Musik und noch etwas anderes. Dazu
komme ich gleich.«
»Liebe … Das ist alles so romantisch!«
»War es romantisch? Falca, ich kann es dir nicht mehr sagen. Ich
wollte ihn. Zu lange hatte ich auf ihn gewartet. Auf deine Mutter
hätte ich hören sollen. Sie fragte mich, ist das noch der Martin, den
du liebtest? Ich wollte es glauben. War er nicht der Sinn meines
Lebens?«
»Ein anderer Mensch kann niemals der Sinn des Lebens sein«, sagte
Liliana. »Jeder hat sein eigenes Leben. Es ist schön, wenn man den
Weg gemeinsam gehen kann. Das Höchste ist, wenn zwei Menschen
dem gleichen Ziel folgen.«
»Ich weiß, Liliana. Die Marchesa hat das oft genug gepredigt. Aber
es stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus, ob zwei Menschen füreinander
geschaffen sind.«
»Liebe genügt nicht?«
»Mit der Liebe, Falca, fängt alles an. Aber Liebe verändert sich, wie
wir uns verändern. Sprich darüber mit deiner Mutter! Ich muss leider
gestehen, ich habe meine Illusionen verloren.«
»So schwierig habe ich mir das nicht vorgestellt mit der Liebe«,
sagte Falca.
»Wenn es der Richtige ist … Aber lassen wir das! Ich erzähle weiter.
In Indien wartete ein Palast auf mich mit einem Heer von Dienern
und Dienerinnen. Die sind nicht wie das Personal hierzulande.
Sie lesen dir jeden Wunsch von der Stirn ab, bevor du überhaupt
weißt, dass du ihn hast. Das bedeutete, ich war die Herrin und durfte
keinen Finger mehr rühren. Meine Hauptbeschäftigung war es, mich
29
für unsere Gäste festlich einkleiden und dekorativ herrichten zu lassen.
Das nahm fast den ganzen Tag in Anspruch. Glaubt ja nicht,
dass es mir, der Mem Sahib, erlaubt war, in der Küche nur eine Gabel
anzufassen! Martin fühlte sich sofort wieder zu Hause. So hatte er
nämlich dort all die Jahre gelebt. Sein Martyrium hatte darin bestanden,
seinem Vater zu grollen und seiner Mutter und überhaupt der
ganzen Welt. Martin, der Pascha, Martin, der Patriarch, Martin, der
Allesbesserwisser, Martin der Kolonialherr, Martin das Genie, das
waren neue Seiten, die ich an ihm kennenlernte. Eigentlich hätte ich
sie schon früher erkennen können, wenn ich keine verliebte, dumme
Gans gewesen wäre!«
»Hattet ihr Elefanten?«
»Ja, Falca, wir hatten Elefanten, Tiger, Affen, Papageien, Pfaue, Katzen
und Jagdhunde. Für die Elefanten gab es Mahouts. Eine Menge
Leute kümmerten sich nur um die Tiere. Martin widmete sich von nun
an ausschließlich der Musik. Wenn ich ausschließlich sage, dann meine
ich es auch. Ich war dazu da, seine Werke zu bewundern. Was ich auch
tat. Er ist wirklich ein begnadeter Künstler. Jetzt komme ich zu dem zurück,
worüber wir gerade sprachen. Wo lag der Sinn meines Lebens?
Sollte er darin bestehen, Martin kritiklos anzuhimmeln und zu vergöttern?
Bestand meine Aufgabe als Ehefrau darin, eigene Wünsche
und Fähigkeiten dem Genie meines Gatten zu opfern? Ich führte ein
Doppelleben. Auf der einen Seite war ich die pflichtbewusste Ehefrau,
auf der anderen Seite erforschte ich die indische Kochkunst. Ich ließ mir
eine eigene Küche einrichten, in der niemand kochen durfte außer mir.
Das war die Werkstatt, in der ich systematisch alle meine Entdeckungen
ausprobierte. Und was es alles zu entdecken gab! Früchte, Gemüse,
Salate, Gewürze, Gewürze und nochmals Gewürze! Das waren die Farben
in meinem Leben. Wenn ihr wollt, war ich genauso besessen wie
Martin, er von der Musik, ich von den Früchten der Erde. Aber Besessenheit
sättigt nicht, sie frisst auf. Unser Eheleben? Wir konnten keine
Kinder bekommen. Irgendwann stellten wir diesbezügliche Versuche
ein. Uns war das beiden recht. So vergingen die Jahre. Dann kam der
Ruhm. Martins Werke wurden auf der ganzen Welt aufgeführt. Er war
plötzlich ein vielgefragter Mann und ständig unterwegs. Indien wurde
langsam ungemütlich. Es gab sogar Mordanschläge auf Engländer. Da
kam uns ein Angebot aus der Heimat gerade recht. Wir kauften eine
30
Villa in London. Martin wurde Sir Martin und mit Ehren überschüttet.
Er wäre gewiss größenwahnsinnig geworden, wenn er es nicht schon
gewesen wäre. Das klingt gehässig? Mag sein, es ist aber die Wahrheit.
Stell dir vor, Liliana, eines Tages verirrte sich ein gelber Vogel in mein
Zimmer! Er flatterte hilflos umher, bis er wieder den Weg nach draußen
fand. Brauche ich mehr zu sagen? Ich packte einen Koffer und verließ
London, Sir Martin und sechsundvierzig Jahre meines Lebens. Jetzt bin
ich hier. Gib mir eine Aufgabe, liebste Liliana!«
»Du hast deine Aufgabe doch längst gefunden.«
»Dann kann ich bleiben?«
»Du hast immer zu uns gehört, Floriana.«
Floriana stand auf und gähnte.
»Jetzt kann ich schlafen!«
* * *
»Du hast gar nicht Papa geliebt, sondern Salvatore.«
»Ich habe Walter geliebt. Die Liebe meines Lebens aber ist Salvatore.
Deshalb ist er auch dein Vater.«
»Kann man denn zwei Männer gleichzeitig lieben?«
»Die Liebe ist niemals gleich. So wie jeder Mensch anders ist, so
sind unsere Gefühle jeweils anders. Liebe ist nur ein Oberbegriff für
eine Vielfalt positiver Gefühle.«
»Gina, bist du derselben Meinung?«
»Mir ist das zu hoch, Falca. Ich weiß, dass ich nur einen einzigen
Menschen restlos und vorbehaltlos liebe … Wenn man es so sieht, hat
Liliana recht.«
»Du sprichst von Emiliano?«
»Freust du dich, wenn die Jungs wieder da sind?«, fragte Gina.
»Es wird von Jahr zu Jahr schwerer, mit ihnen auszukommen. Waren
sie früher gute Freunde, kommen sie mir heute wie meine Feinde vor.«
»Gehen wir nach Hause?« Gina stand auf.
»Hätte ich es verhindern können?«, fragte Liliana.
Gina setzte sich wieder. Sie nahm Lilianas Hände und streichelte sie.
»Aber, Liebste! Du hilfst den Menschen, sich selbst zu erkennen,
und gibst ihnen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Vielleicht war der
Weg Florianas nicht Martin, sondern die Kochkunst?«
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»Kann Liebe ein falscher Ratgeber sein?«
»Fragst du das Gina Savantini, die Autorin erfolgreicher Liebesromane?«
»Ich frage meine Gina.«
»Sag selbst, Liliana, wonach sollten wir uns sonst richten als nach
der Liebe?«
32
Kapitel 2
LiliaGinas Nest war ungewohnt leer. An den Tischen im Freien
saßen ein paar luftig gekleidete Studentinnen, die von Monleirdon
College herübergekommen waren. Im Restaurant
selbst war niemand. Liliana, Gina und Falca gingen hinauf auf den
achteckigen Turm und setzten sich an den Tisch, der für sie reserviert
war. Alle drei trugen gelbe Strohhüte mit breitem Rand.
»Duchess! Was darf ich euch servieren?«
»Barbara, bedienst du selbst?«
Barbara war die Geschäftsführerin des Lokals. Sie wirkte heute entspannt.
Die Haare hatte sie nicht wie sonst zu einem Knoten hochgebunden,
sie hingen lose auf die Schultern herab.
»Es sind Ferien. Ich habe alle Mädchen nach Hause geschickt bis
auf Sandy und Fran.«
»Bring uns eine Limonade und setz dich zu uns! Ich muss mit dir
reden.«
»Limone wie immer?«
»Was würde besser zu diesem Limonenwetter passen?«
Barbara lächelte und ging hinunter ins Restaurant.
Die Sonne war von der Toskana zu Besuch gekommen. Sie ließ das
Grün der Gräser und Bäume, das Rot, Gelb, Violett der Blumen und das
Blau des Himmels intensiver leuchten, so wie ein Künstler die kräftigsten
Farben verwendet, um Lebensfreude und Sinnenlust auszudrücken.
»Jetzt bist du eine Studentin, Falca?«
»Ja, Tante Gina! Leider ist Zauberei kein akademisches Fach.«
Falca trug die Ohrringe, die ihr Liliana und Gina zum Geburtstag
geschenkt hatten. Die Perlen waren fast durchsichtig und gaben eigentlich
nicht viel her. Sie trug sie nur, um den beiden eine Freude zu
bereiten.
»Psychologie, ist das nicht auch so etwas wie Zauberei?«, sagte
Gina.
»Aber nein! Psychologie ist eine Wissenschaft. Es ist das jüngste
Fach. Da gibt es noch nicht so viele Studentinnen. Wenn es mich
langweilt, studiere ich etwas anderes.«
»Was hältst du von Psychologie, Liliana? Könnte sie nicht wenigstens
Kunst studieren wie Salvatore?«
33
»Solange sie keine Liebesromane schreibt, ist mir alles recht.«
Barbara stellte vier Gläser Limonade auf den Tisch und setzte sich.
»Bei diesem Wetter würde ich auch lieber Urlaub machen.«
»Gibt dir deine Chefin keinen Urlaub?«, sagte Liliana.
»Ich bin meine eigene Chefin, wenn man von der Besitzerin absieht.«
»Die Besitzerin hatte schon immer das Problem, ihre Freundinnen
dazu zu bewegen, auch einmal zu entspannen. Woran das liegen mag?«
»Es liegt nicht an dir, Duchess. Du wolltest mich sprechen?«
»Weil das Wetter so schön und hier alles so ruhig und friedlich ist,
fiel mir spontan ein, dir noch mehr Arbeit zu verschaffen. Wie findest
du das?«
»Du weißt, dass ich dir nichts abschlagen kann.«
»Wie würdest du LiliaGinas Nest beschreiben, sagen wir, in einem
Reiseprospekt?«
»LiliaGinas Nest ist ein typisches Ausflugslokal. Wir bieten Eisspezialitäten,
Erfrischungsgetränke, Tee und Kaffee, Kuchen, Torten und
Backwaren. Angeschlossen ist ein Restaurant mit einfacher, bürgerlicher
Küche. Berühmt ist unser sättigendes Stew. Es gibt einen gemütlichen
Ballsaal, in dem wir kleinere Familienfeiern ausrichten können.
Beliebt sind auch die Schafe und Ziegen hinterm Haus, die sich gerne
von den Kindern knuddeln lassen. Die Einnahmen sind nicht hoch,
aber für diese Art Lokal recht ordentlich.«
»Bist du zufrieden, Barbara?«
»Zufrieden? In welcher Beziehung?«
»Ist es das, was du im Leben machen möchtest?«
Barbara spielte mit dem leeren Limonadenglas.
»Es geht mir gut, Duchess, es geht mir gut.«
»Durch die Wiederholung setzt du ein Fragezeichen hinter deine
Aussage. Ich will dir sagen, was ich mir ausgesponnen habe. Du hast
schon von Mrs. Floriana Fitzgerald gehört?«
»Floriana? Sie ist eine Legende. Gibt es sie wirklich?«
»Sie wird sich in den nächsten Minuten an diesen Tisch setzen.
Zuvor aber möchte ich mit dir sprechen.«
»Sie ist sicher sehr reich.«
»Floriana ist vor allem eins, sie ist die beste Köchin der Welt.«
»So sagt die Legende.«
»Außerdem ist sie meine Freundin.«
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»Spann mich nicht auf die Folter, Duchess!«
»LiliaGinas Nest könnte doch genauso gut ein Gourmettempel
sein, findest du nicht?«
»Die Küche auf Everweard Castle ist so schnell nicht zu übertrumpfen«,
sagte Barbara.
»Keine Konkurrenz! Nein, LiliaGinas Nest könnte so eine Kultstätte
werden, zu der Feinschmecker und Meisterköche pilgern, um
neue Rezepte und Gerichte kennenzulernen. LiliaGinas Nest, die
Wiege einer neuen Geschmackskultur!«
»Wenn das jemand anders sagen würde …«
»Barbara, bist du dabei?«
»Was wäre meine Aufgabe?«
»Du führst den Laden, sorgst für Ausstattung und Bewirtung,
machst Reklame, hältst das Personal auf Trab, zählst die Einnahmen,
flirtest mit den unverheirateten Gästen, verhandelst mit den Lieferanten,
achtest streng darauf, dass nur frisches Gemüse und Fleisch
geliefert wird … und weitere Aufgaben ungezählt. Du bist der Boss.
Floriana sorgt nur dafür, dass du dich nicht für das zu schämen
brauchst, was du auf den Tisch bringst. Wie klingt das?«
»Mrs. Fitzgerald würde sich in die Küche stellen?«
»Das werde ich gleich herausfinden. Bevor ich sie frage, will ich
von dir wissen, ob ich mit dir rechnen kann. Wenn du ablehnst, geht
es hier so weiter wie bisher.«
»Es könnte nur funktionieren, wenn Mrs. Fitzgerald und ich uns
verstehen. Da sie aber deine Freundin ist …«
»Da kommt sie auch schon!«
Floriana sah ausgeruht aus. Sie hatte darauf verzichtet, Make-up
aufzutragen. Der gelbe Strohhut auf dem Kopf ließ sie wie ein verspätetes
Schulmädchen in der Sommerfrische aussehen.
»Schön ist es hier oben!«
»Darf ich dir Barbara vorstellen?«, sagte Liliana. »Sie ist die Patronin
von LiliaGinas Nest.«
»Wie geht es Ihnen, Barbara? Geht es Ihnen gut bei der Duchess?«
»Danke, mir geht es gut, Mrs Fitzgerald. Ich habe schon viel von
Ihnen gehört.«
Floriana setzte sich.
»Ich will auch eine Limonenlimonade.«
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»Kommt sofort!«
Barbara stand auf und ging hinunter.
»Hast du gut geschlafen, Floriana?«, fragte Liliana.
»Wie ein Kind im Schoß seiner Mutter.«
»Ich habe gründlich über dich nachgedacht.«
»Und du sitzt immer noch ruhig da, Liliana?«
»Nicht ganz so ruhig, wie es aussieht.«
»Müssen wir heute über ernste Probleme sprechen? Lass mich die
Aussicht genießen. Was hast du nur aus diesem düsteren Everweard
Castle gemacht! Nie hätte ich gedacht, dass sich darunter ein solch
freundliches, modernes Gebäude versteckt. Vermehrt hat es sich auch
noch! Zwischen den Bäumen, die waren auch noch nicht da, blinzeln
weitere Glasbauten hervor. Überhaupt, es sieht aus wie in einem
Frühlingsgarten.«
»Gestaltung und Planung …«
»Gestaltung und Planung? So sagt man wohl heute. Liliana, mir
brauchst du das nicht zu verkaufen. Mir gefällt es!«
»Wenn ich es in einfache Worten fasse, wirst du es nicht mehr so
sehr bewundern können. Na gut! Gina und ich haben uns das ausgedacht,
Salvatore hat es gemacht.«
»Maître Brava! Ist er nicht von Everweard Castle losgekommen
oder nicht von der Duchess of Everweard?«
»Das kannst du ihn selbst fragen. Sprechen wir von dir! Als ich damals,
das war auf Aurelias Hochzeit, mit Martin sprach, sah ich nur
einen verzweifelten Menschen, der zerbrechen würde, wenn er nicht
sein Talent verwirklichte. Ich ermunterte ihn dazu, zu sich selbst zu
stehen. Dass er dich auf dem Altar seiner Kunst opfern würde, hätte
ich es ahnen können?«
»Du kannst doch nichts dafür. Liliana, Liebste, es lag an mir. Ich
hätte ihn jederzeit verlassen können. Warum habe ich es nicht getan?
Ich will es dir sagen. Weil ich selbst eine Verrückte bin! Es war keine
Ehe, es war das Zusammenleben zweier Besessener. Die Sonne
scheint. Ich habe genauso einen gelben Sonnenhut aufgesetzt, wie du
ihn mir vor langer Zeit geschenkt hattest. Ich bin wieder bei dir. Sprechen
wir nicht mehr von der Vergangenheit!«
»Es lässt mir keine Ruhe. Ich muss dir sagen, was ich mir ausgedacht
habe.«
36
Barbara brachte Floriana die Limonade. Sie blieb unschlüssig stehen.
»Barbara«, sagte Liliana, »wir erwarten noch Sybil und Ruth.
Kannst du sie bitten, noch etwas zu warten? Lass auch sonst niemanden
zu uns. Mrs. Fitzgerald und ich haben noch etwas Vertrauliches
zu besprechen. Du weißt Bescheid?«
Barbara lächelte.
»Ich habe verstanden.«
Sie ging hinunter.
»Falca, was wirst du studieren?«, fragte Floriana.
»Psychologie und Philosophie.«
»Setzt du die Tradition der Marchesa fort?«
»Papa meinte ja immer, ich müsse Wirtschaft studieren, weil ich
Mamas Nachfolgerin werde. Aber damals konnte er natürlich nicht
wissen, dass ich überhaupt kein Talent habe.«
»War er ein guter Vater?«, fragte Floriana.
»Der beste!«
»Ich kann mir den Duke nicht als Vater vorstellen, schon gar nicht
als besten Vater. Kümmerte sich Salvatore um dich?«
»Er kann mit Mädchen nichts anfangen. Gut, dass er nicht mein
Vater ist!« Falca sah ihre Mutter trotzig an. »Für die Jungs tat Salvatore
alles. Nicht wahr, Tante Gina?«
»Das stimmt, Falca! Vincente verbrachte mehr Zeit mit Salvatore
als mit Emiliano. Und Eric erst! Für Eric war Salvatore sein Vater, der
Admiral ist viel zu alt.«
»Du sagst Tante zu Gina?«, fragte Floriana.
»Eigentlich ist sie meine Großtante. Gina wurde von Marchesa
Montecorno adoptiert. Somit ist sie ihre Tochter, Liliana ist die Tochter
ihrer leiblichen Tochter, also ist sie ihre Enkelin. Daraus folgt:
Gina ist die Tante meiner Mutter und ergo meine Großtante. Da ich
aber etwas größer bin als sie, lasse ich das Groß weg. Außerdem sage
ich nur Tante zu ihr, wenn ich sie foppen will.«
»Wie die Mutter so die Tochter!«
»Im Grunde bräuchtest du ja nie wieder einen Finger zu rühren,
Mrs. Floriana Monleirdon«, sagte Liliana.
»Liliana! Schleichst du dich jetzt von hinten an? Ich gebe mich geschlagen.
Eher gibst du doch keine Ruhe. Sag, was du auf dem Herzen
37
hast, aber ohne Umwege bitte! Dann kann es vielleicht doch noch ein
erholsamer Tag werden.«
»Ihr habt alle keinen Sinn für kunstreiche Formulierungen! Millionen
von Wörter gibt es und ihr wollt, dass ich mich auf wenige
hundert beschränke.«
»Diese Millionen von Wörtern können ganz schön anstrengen,
meine Liebe! Siehst du, was ich auf dem Kopf habe? Es ist ein Strohhut.
Gehe davon aus, dass darunter auch nur Stroh ist, dann werden
wir uns wunderbar verstehen!«
»Ich biete dir LiliaGinas Nest als Atelier für deine Kochkunst.«
»Ich höre.«
»Wir machen daraus ein Nobelrestaurant. Du bringst deine Kreationen
auf den Tisch. Gourmets und Meisterköche aus aller Welt kommen
hierher, um deine Werke zu bewundern und zu genießen.«
»Was soll mit Barbara geschehen?«
»Barbara bleibt die Geschäftsführerin. Du produzierst Kunstwerke,
sie richtet die Vernissagen aus und sorgt für den Verkauf.
Bildlich gesprochen! Habe ich dich mit dieser Metapher überfordert,
Strohkopf?«
Floriana stand auf und ging nach vorn. Sie legte die Hände auf die
Zinnen und blickte über Everweard. Indien war schön, von wilder, atemberaubender
Schönheit. Everweard aber besaß die natürliche Schönheit
der Heimat, denn sie trug die warmen Farben der Freundschaft.
Falca dachte über Floriana nach. Hatte sie ihr Leben vergeudet mit
dem falschen Mann oder hatte sie wertvolle Erfahrungen gesammelt?
»Wann wird der neueste Gina Savantini erscheinen, Tantchen?«
»Sobald ich die Druckfahnen durchgesehen habe, Nichtchen! Hat
Nichte etwas mit Nichts zu tun, Liliana?«
»Mitnichten!«
»Wie ist der Titel, große Tante?«
»Mein Herz ruft nach dir!«
»Das wird vor allem Mediziner ansprechen.«
»Die heutige Generation ist ja so unromantisch, Liliana. Ich sehe
das Ende der Menschheit kommen, wenn keiner mehr an Fortpflanzung
denkt.«
»Zur Fortpflanzung braucht man keine Romantik, Gina mia! Du
weißt, dass du meine Lieblingsautorin bist?«
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»So wie du meine Lieblingsleserin!«
»Wozu braucht ihr eigentlich noch den Rest der Menschheit?«,
fragte Falca.
»Wir brauchen ihn nicht, Tochter meines Herzens.«
Floriana kam zurück. Sie setzte sich. Lange schwieg sie.
»Kein Restaurant.«
»Ah, ein Schnellimbiss!«
»Eine Kochakademie!«
»Eine akademische Stätte der Kochkunst, eine wissenschaftliche
Lehrstätte des Auseinandernehmens und Zusammensetzens von Lebensmitteln«,
sagte Liliana.
»Eine künstlerische Werkstätte auf wissenschaftlicher Grundlage«,
sagte Floriana.
»Bald sind ganz Everweard und Monleirdon eine einzige Universität.
Und ich soll mich auf hundert Wörter beschränken!«
»War das nicht dein Ziel, Liliana?«
»Sprich nicht von Ziel, Floriana! Wahnvorstellung passt besser.
Frage Maureen, sie wird es dir bestätigen!«
»Gekocht wird mitten im Raum, nicht in einer abgeschiedenen
Kammer. Nicht das Gericht, das auf geheimnisvolle, möglicherweise
sogar obszöne Weise entstanden ist, steht im Vordergrund, sondern
der Vorgang der Zubereitung selbst.«
»Der Akt des Entstehens eines Kunstwerks als Kunst?«
»Wir Köchinnen wollen uns nicht mehr verstecken. Wir gehen mit
unserem blutigen Handwerk an die Öffentlichkeit.«
»Das gefällt mir, noch eine Revolution«, sagte Liliana.
»Dinge werden hergestellt und damit zu einer beliebigen Sache. Sie
sind unpersönlich und eigentlich wertlos. Man muss die Leute dazu
zwingen, in den Dingen die Menschen zu sehen, die an ihrer Herstellung
beteiligt waren. Das bedeutet, die Welt lebendig machen. Wenn
sie sähen, wie Sachen nur von Maschinen hergestellt werden, würden
sie sie nicht kaufen. Außerdem, eine Tomate, das ist Leben. Sie will
gepflegt, richtig behandelt und in ihrer Schönheit gewürdigt werden.
Wir müssen sie mit Dankbarkeit und Ehrfurcht behandeln. Ihr wisst
ungefähr, was ich sagen will?«
Falca beobachtete, wie Floriana aufblühte, wie ihre Gesichtszüge
sich entspannten, wie ihr Blick klarer wurde, wie ihr Herz schneller
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schlug, wie sie wieder jung wurde. Sie fühlte, diese Kraft kam von
Liliana – wie ein Kuss. Falca streichelte ihre Hand. »Mama!«
»Es ist schön, dass wir alle beisammen sind«, sagte Liliana.
»Wenn ich dich richtig verstehe, Floriana, heißt das, es könnte dich
reizen?«
»Ich muss mit Barbara sprechen.«
»Floriana! Sie sind es wirklich!«
Eine junge Frau kam die Treppe herauf gestürmt und stürzte geradewegs
auf ihren Tisch zu. Barbara folgte ihr. Sie schüttelte bedauernd
den Kopf.
»Jean?«, sagte Floriana.
»Sie erinnern sich an mich?«
»Eine erwachsene Frau bist du geworden. Jetzt erst wird mir bewusst,
wie alt ich bin.«
Jean hielt Florianas Hände und wollte sie nicht mehr loslassen.
»Verzeihen Sie, Duchess! Als ich hörte, dass …«
»Ist schon gut, Jean. Setz dich zu uns! Ich dachte, ich hätte dich in
Urlaub geschickt?«
»Ich war bereits auf dem Weg zum Bahnhof, als ich die Nachricht
hörte.«
Barbara brachte noch einen Stuhl. Jean setzte sich neben Floriana.
»Barbara, du kannst auch hierbleiben. Mrs. Fitzgerald hat dir etwas
zu sagen.«
»Miss Heather und Ruth sitzen unten. Lady Barton ist ebenfalls
eingetroffen. Soll ich sie heraufbitten?«, fragte Barbara.
»Noch einen Augenblick! Ich überlasse Floriana das Wort.«
Floriana überlegte. Sollte sie wirklich? Sie sah in Jeans erwartungsvolle
Augen, da wusste sie, es war der richtige Weg.
»Barbara, wir müssen unter vier Augen sprechen. Wenn du mitmachst,
dann wird aus LiliaGinas Nest ein Tempel der Kochkunst.«
Jean wurde ganz aufgeregt. Sie war wieder das Mädchen, das alles
lernen wollte und sich von nichts und niemand davon abbringen ließ,
ihr Ziel zu erreichen.
»Brauchen Sie noch eine Hohepriesterin?«, fragte sie schnell.
»Jean, würdest du wirklich deine Herrschaft über die Küchen auf
Everweard Castle aufgeben?«
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»Ach, das ist öde! Dort funktioniert alles wie am Fließband. Wenn
ich ab und zu nach dem Rechten sehe, genügt es vollkommen.«
»Was sagst du dazu, Barbara?«, sagte Floriana.
»Keine sättigenden Stews mehr und kein Apfelkuchen mit Lindenblütentee?«
»Nur für Schwerverbrecher!«
»Ich bin dabei! Duchess, bist du einverstanden?«
»Es wurde schon fast langweilig auf Everweard Castle. Nicht wahr,
Gina? Jetzt kannst du auf neue Anregungen für deine Romane
hoffen.«
»Ich werde wohl nie erfahren, was eine biedere Hausfrau ist.«
Lady Barton musste zuerst einmal durchatmen, nachdem sie die
Treppe zum Turm hinaufgestiegen war. Die weißen Haare passten
nicht zu dem faltenlosen Gesicht, aus dem zwei wache Augen
blickten.
»Wo hast du deinen Mann gelassen, Floriana?«, fragte sie als erstes.
»Er ist mir abhandengekommen, Maureen. Schön, dich zu sehen!«
Maureen setzte sich an den Tisch. Sandy und Fran waren ebenfalls
nach oben gekommen, um die Gäste zu bedienen. Sybil und Ruth
nahmen als letzte Platz.
»Wird er noch kommen?«, fragte Maureen.
»Was Sir Martin zu geruhen gedenkt, liegt außerhalb meiner
Kenntnis und meines Interesses. Weißt du jetzt Bescheid?«
»Dann geht es dir schlecht oder geht es dir gut?«, sagte Maureen.
»Mir ging es achtzehn Jahre lang nicht so gut wie heute.«
»Das tut mir leid!«
Alle bestellten Limonenlimonade. Es sah nicht aus, als könnte LiliaGinas
Nest heute ein gutes Geschäft machen.
»Ein Damenkränzchen! Wie ich das liebe!«, sagte Maureen. »Was
gibt es zu tratschen?«
»Floriana hat sich gerade dazu entschlossen, die Kochkunst zu revolutionieren.«
»Liliana, hast du noch nicht genug revolutioniert?«
»Ich muss noch eine lange Liste abarbeiten, Maureen. Konntest du
dein Schloss vermieten?«
»Eine Professorin der Wirtschaftswissenschaften wird dort mit
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ihren beiden Töchtern und einem Knaben einziehen. Das große Gebäude
braucht sie für den Kreis ihrer Jüngerinnen. Sie werden nämlich
von ihr fernab des schnöden Collegelebens in das Geheimwissen
der Ökonomie eingeweiht. Wahrscheinlich sind eins und eins doch
nicht zwei, wie ich fälschlicherweise angenommen habe? Falca, du
bist doch jetzt auch Studentin. Kläre mich auf!«
»Ich stehe erst am Anfang einer glänzenden Laufbahn. Vielleicht
hätte ich gar nicht auf das College gehen, sondern mich gleich den
Geheimbünden anschließen sollen? Mama, das hast du mir verheimlicht.«
»Das liegt an meiner mangelnden Bildung. Meine Eltern konnten
mir keine teure Ausbildung finanzieren. Ich musste gleich anschaffen
gehen.«
»Maureen, du wirst doch weiterhin in deinem Schloss wohnen?«
»Nein, Floriana! Dort wohne ich schon lange nicht mehr. Ich
wohne in New Everweard. Sophia und ich trinken abends unser Gläschen
Rotwein. Das möchte ich nicht missen.«
»Die Marchesa lebt auch hier? Ich hätte nie gedacht, dass sie ihre
geliebte Toskana verlässt. Sie muss doch jetzt schon sehr alt sein?«
»Sie ist neunundachtzig und hat noch eine genauso spitze Zunge
wie eh und je. Die zwanzig Kniebeugen nach dem Aufstehen schafft
sie nicht mehr. Das freut mich, denn ich hatte sie nie geschafft«, sagte
Liliana.
»Ich kann mich nur wundern. Gibt es noch mehr Veränderungen?
Ich frage mich, ob ich nicht aus dem falschen Zug gestiegen bin.«
»Hör mal! Du warst achtzehn Jahre weg. Hattest du angenommen,
ich würde hier untätig auf deine Wiederkehr warten?«
Ruth räusperte sich.
»Floriana, darf ich dich etwas fragen?«
»Frag nur, Ruth, manchmal bin ich sogar in der Lage, eine Antwort
zu geben.«
»In Indien gibt es doch Polygamie?«
»Das ist nicht die Regel. Es gibt Polygamie und in einigen abgelegenen
Regionen auch Polyandrie. Polyandrie bedeutet, eine Frau hat
mehrere Männer.«
»Das gibt es auch in mindestens einer Region Englands«, sagte
Ruth.
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»Du scherzest!«
»Geht das denn gut, wenn sich mehrere Frauen einen Mann teilen?«
»Das weiß ich nicht. Wenn man bedenkt, welch ein Wunder es ist,
wenn sich ein Mann und eine Frau vertragen, dann habe ich doch
Zweifel. In Ehesachen bin ich das Gegenteil einer Expertin. Aber du
warst doch selbst verheiratet.«
»Das war kein Mann, das war ein Pfarrer«, sagte Ruth.
»Genauso kann ich sagen, Martin ist kein Mann, sondern ein
Künstler. Du siehst, mich darfst du nicht fragen. Würdest du denn
noch einmal heiraten?«
»Nur wenn ich der Boss bin«, antwortete Ruth.
»Was wäre das für ein Mann, der darauf einginge?«
»Da hast du auch wieder recht. Dann lasse ich es lieber.«
Falca hielt Lilianas Hand. Wenn sie nur immer zusammen sein
könnten! Mama und New Everweard waren der Garten Eden, den sie
niemals verlassen wollte. Gina gehörte dazu.
»Weißt du«, sagte Floriana, »alle Mädchen zitterten vor dir, Sybil?
Mir warst du auch nicht gerade sympathisch.«
Sybil warf Liliana einen verzweifelten Blick zu.
Liliana sprach mit harter Stimme. »Glaubst du, sie hätte sich damals
wohlgefühlt? Ich rechne es ihr hoch an, dass sie trotz unwürdiger
Bedingungen nicht nur blieb, sondern sogar ihr Bestes gab. Ohne sie
hätte ich es nie geschafft, Everweard Castle zu dem zu machen, was es
heute ist.«
»Ich wollte doch nur feststellen, wie sehr sie sich verändert hat«,
sagte Floriana entschuldigend.
»Wir haben uns alle verändert und sind doch dieselben geblieben.
Ich bin nicht einfach ich. Ich bin ich in Bezug auf einen Menschen, in
Bezug auf die Gesellschaft, in Bezug auf die Welt, in die ich hineingeworfen
wurde …«
»Liliana!« Floriana stand auf und umarmte sie. »Kannst du mir
noch einmal verzeihen? Sybil, entschuldige meine Bemerkung!«
»Niemand von uns denkt gern an die alten Zeiten zurück, Floriana«,
Sybil lächelte, »an die Zeiten vor Liliana.«
»Ja, das ist es, Sybil! Das hast du gut gesagt. Vergessen wir die
Jahre, die davor lagen!«
Floriana gab Liliana einen Kuss und streichelte Falcas Wange.
43
»Du weißt gar nicht, was du an deiner Mutter hast.«
»Ich weiß aber auch, was ich an Papa hatte.«
»Ja, Falca, gerade was den Duke betrifft, sollten wir die Zeit vor
Liliana vergessen.«
»Vergessen ist nicht gut!« Maureen winkte die Mädchen herbei.
»Bringt mir einen grünen Tee! Habt ihr noch Kuchen?«
»Keinen frischgebackenen, Lady Barton. Eine Johannisbeerbaisertorte
von gestern ist noch da.«
»Wie wär’s, meine Damen? Was ist ein Teekränzchen ohne Tee und
Kuchen?«
Alle bestellten Tee, Liliana, Gina und Falca Kaffee. Der Kuchen
sollte gerecht an alle verteilt werden.
»Was ich sagen wollte«, fuhr Maureen fort, »Vergessen ist nicht
gut! Wie sollte man sonst etwas lernen? Dass wir uns heute alle so
wohl fühlen, liegt daran, dass wir immer noch die Vergangenheit in
den Knochen haben. Und wenn Sybil nicht mehr die Miss Heather
von früher ist, kann sie stolz auf sich sein und braucht sich deshalb
gewiss nicht zu schämen. Sie hat Großartiges geleistet.«
»Mir war sie schon immer ein Vorbild«, sagte Ruth.
»Ruth, wie kommt es, dass du wieder in Everweard Castle arbeitest?
Ich hatte immer den Eindruck, dir ginge dort alles auf die Nerven«,
sagte Floriana.
»Das ist so meine Art. Außerdem genieße ich es, Leute zu provozieren.«
»Und du lässt es ihr durchgehen, Sybil?«
»Den Damen, die zu uns kommen, muss man manchmal deutlich
die Grenzen zeigen. Ruth lässt sich nicht von oben herab behandeln
und schikanieren. Wer sich für etwas Besseres hält, gehört nicht hierher.
Nicht wahr, Liliana?«
»Die Damen kommen anschließend zu mir gerannt und beschweren
sich. Ich kann Ruth gut verstehen. Auch ich liebe es, mich mit
ihnen zu streiten. So lerne ich sie am besten kennen. Ohne Ruth
würden uns alle auf der Nase herumtanzen. Zu einem gut geführten
Haus gehört traditionsgemäß auch ein Hausdrache.«
Tee und Kaffee wurden ausgeschenkt, der Kuchen verteilt. Es gab
für jeden nur ein schmales Stück, das gerade ausreichte, noch mehr
Appetit zu machen.
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»Du willst also hierbleiben, Floriana, und ein Restaurant eröffnen.
Habe ich das richtig verstanden?«
»Ja, Maureen! Ich werde mithilfe Barbaras und Jeans etwas Neues
ausprobieren, eine Kochakademie mit Restaurant. Wir brauchen
noch einen Gestalter und Planer. Hat der Herr dafür Zeit, Liliana?«
»Ich werde ein gutes Wort für euch einlegen.«
»Eigentlich hatte mir Salvatore immer gut gefallen. Wenn ich nicht
in Martin vernarrt gewesen wäre …«
»Du kannst später besichtigen, was von ihm übrig geblieben ist.«
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46
Kapitel 3
Alle Fenster standen weit offen. Liliana saß hinter dem
Schreibtisch, die Beine hatte sie hochgelegt. Draußen war es
heiß. Die dicken Mauern von Everweard Castle hielten die
Hitze ab. Es war doch gut, den mittleren Teil des Schlosses nicht verändert
zu haben. In den ersten Tagen nach Ferienbeginn schien alles
so unwirklich. Der Trubel fehlte, die ständige Auseinandersetzung
mit anderen Menschen. Jetzt galt es, diese fremde Person, die allein
zurückgeblieben war, wieder als sich selbst anzuerkennen. Und diese
Person hatte Angst. Seit achtzehn Jahren hatte sie Angst. Deshalb
hatte sie auch keine weiteren Kinder mehr gewollt, um sich ganz um
das eine kümmern zu können. Liliana hielt die Angst gut in Schach,
solange sie beschäftigt war und Probleme lösen konnte. In diesem
Augenblick aber der äußeren und inneren Stille war sie ihr hilflos
ausgesetzt. Falca war zugleich Zauberin und Gestaltwandlerin. Eine
solche Begabung wird einem Menschen nicht ohne Grund gegeben.
Eine gefährliche Aufgabe wartete auf sie. Deshalb war auch die Alte
geblieben. Ich werde es nicht zulassen! War sie doch die Mutterglucke
geworden, die sie nicht hatte werden wollen? Sie hatte die Flügel
über Falca gebreitet. Was konnte daran falsch sein? Aber sie wusste
es, sie musste ihre Tochter ziehen lassen.
Es klopfte. Sybil kam herein.
»Dachte ich es mir doch, dass du noch hier bist, Liliana. Du hast
also Floriana nicht nach Monleirdon begleitet.«
»Ich muss nicht überall dabei sein. Setz dich zu mir!«
Sybil setzte sich auf die andere Seite des Schreibtischs und legte
ebenfalls die Beine hoch.
»Ich bin immer froh, wenn alle aus dem Haus sind. Aber dann weiß
ich nicht, was ich mit mir anfangen soll.«
»Du solltest Urlaub machen, meine liebe Sybil. Fahr nach Paris!
Oder in die Toskana, dort würde es dir bestimmt gefallen. Wie wäre
es mit Irland?«
»Liliana, lass es gut sein! Nur wenn wir zusammen sind, fühle ich
mich wohl. Was interessiert mich die Welt?«
»Falca ist erwachsen. Sie wird uns eines Tages verlassen«, sagte
Liliana.
»Sie wird im Monleirdon College studieren. So schnell wird sie
nicht weggehen.«
»Hoffentlich hast du recht! Ich mache mir Sorgen um sie und habe
dazu gar keinen Grund. Lachst du mich aus?«
»Um deine Tochter brauchst du dir keine Gedanken zu machen, sie
scheint mir robuster als du. Obwohl … dich haben alle unterschätzt.«
»Noch habe ich es nicht verlernt zu kämpfen.«
»Du hast Angst davor, ihr könnte etwas zustoßen? Dagegen sind
wir alle machtlos«, sagte Sybil.
»Gibt es noch etwas zu erledigen, bevor wir hier endgültig alles
dichtmachen?«
»Siehst du, ich mache doch Urlaub!«
»Weil du während der Ferien nicht auf Everweard Castle wohnst,
sondern bei uns in New Everweard?«
»Einen schöneren Urlaub kann ich mir nicht vorstellen. Als die
Kinder noch klein waren, glaubte ich, zu einer großen Familie zu gehören.«
»Du gehörst zu unserer Familie, Sybil.«
»Zwei unangenehme Aufgaben sind noch zu erledigen, Duchess.
Allerdings kann ich sie auch abwimmeln. Du musst dich nicht persönlich
darum kümmern.«
»Nein, das ist gut! Ich befürchtete schon, mir selbst überlassen zu
sein.«
»Bist du heute etwas melancholisch?«
»Es ist schon wieder vorbei.«
»Ann Fraggles, die kennst du noch?«, fragte Sybil.
»Sie ging vor achtzehn Jahren nach London, um ihr Glück zu machen.
Hat sie ihr Glück gemacht?«
»Sie ist reich und hat eine Tochter. Um diese Tochter geht es. Fürstin
Alina Feodorovna weigert sich, sie ins College aufzunehmen.«
»Wie alt ist die Tochter?«
»Achtzehn.«
»Sind die beiden hier?«
»Sie sitzen in LiliaGinas Nest und warten darauf, dass ich ihnen
Bescheid gebe.«
»Worin liegt das Problem?«
»Ann führt in London ein ertragreiches Luxusbordell«, sagte Sybil.
47
»Ja, das liegt ihr! Na gut, ich werde mit ihr sprechen. Was ist die
zweite unangenehme Angelegenheit?«
»Señora Tara Higuera!«
»Tara? Die Pianistin! Stell dir vor, ich hatte sie vollkommen vergessen.
Dabei wollte ich mich um sie kümmern.«
»Du hast dich um sie gekümmert«, sagte Sybil.
»Das habe ich? Davon weiß ich gar nichts.«
»Das hast du nicht persönlich gemacht. Das braucht die Duchess of
Everweard auch nicht, schließlich hat sie dafür ihre Leute.«
»Dich!«
»Wir haben ihre Karriere verfolgt und nach ihrem Zusammenbruch
sämtliche Kosten für Klinikaufenthalte und psychiatrische Betreuung
übernommen.«
»Zusammenbruch? Daran kann nur ihre Mutter schuld gewesen
sein.«
»Die Mutter ist vor kurzem verstorben. Seitdem geht es Tara besser.
Sie konnte aus der Klinik entlassen werden. Man ließ sie aber nur
gehen, weil sie behauptete, die Duchess of Everweard werde sich ihrer
annehmen. Das war auch die einzige Person, von der sie jemals
während ihrer Behandlung gesprochen hatte.«
»Wo ist sie?«
»Sie schläft in meinem Bett. Die Reise war sehr anstrengend für
sie.«
»Wir nehmen sie später mit nach New Everweard. Gut, dann rufe
oben in LiliaGinas Nest an. Barbara soll Ann und ihre Tochter herunterschicken.
Wie heißt die Tochter?«
»Holly.«
»Ein frommer Name, das hilft bestimmt.«
Holly sah aus wie eine Klosterschülerin. Sie trug ein schwarzes Kostüm
aus Samt, eine weiße Bluse mit Rüschen, weiße Söckchen und
schwarze, blank polierte Schuhe. Zwei Zöpfe hingen ihr auf die
Schultern. Das Gesicht war bleich. Sie hatte dunkelbraune Augen
mit kleinen, hellen Flecken wie Staubkörnern.
Ann war sehr vornehm gekleidet in einem enganliegenden Cilla
Wedgeworth Kostüm aus schwarzer Seide. Sie trug einen Hut mit
einem hauchzarten Schleier, der halb auf die Stirn herabhing.
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»Duchess, vielen Dank, dass Sie uns empfangen!«
»Hattet ihr eine gute Fahrt? Nehmt doch Platz!«
Sie setzten sich in den Salon neben dem Arbeitszimmer. Hier war es
gemütlicher. An der Wand hing ein Gemälde. Der Duke saß in einem
Sessel. Ein Bein ruhte lässig auf der Lehne. Der Künstler hatte ihn so
lebendig gemalt, dass man glauben konnte, er würde jeden Moment
aus dem Rahmen treten und im Zimmer umherspringen. Die Duchess
stand hinter ihm. Sie hatte ein Hand auf seine Schulter gelegt und hielt
ihn davon ab. In ihren Augen lag ein Zwinkern, das zu sagen schien,
es ist alles nicht wahr.
»Du bist Holly?«
»Ja, Duchess!«
»Du möchtest auf das Monleirdon College?«
»Mutter meint, es sei das beste College für mich, weil es dort nur
Mädchen gibt.«
»Was möchtest du denn studieren?«
»Medizin.«
»Möchtest du eine Familientradition fortsetzen?«
»Ich verstehe Sie nicht, Duchess.«
Ann schüttelte den Kopf.
»Dann habe ich das verwechselt. Es ist ein schwerer Beruf, den du
dir ausgesucht hast«, sagte Liliana.
»Das ist mir egal! Ich möchte Ärztin werden.«
Liliana sah tiefer. Holly war ein ernstes Mädchen. Sie war tatsächlich
in einer Klosterschule aufgewachsen. Mit den Jahren war ihr
Trotz immer stärker geworden gegen das Sichfügen. Sie wollte sich
keinem Schicksal und keinem unsichtbaren Wesen unterwerfen, das
so viel Elend auf der Welt zuließ. Selbst wenn sie schwach und unbedeutend
war, wollte sie das tun, was sie für richtig hielt. Und Liliana
sah noch mehr …
»Holly, würde es dir etwas ausmachen, deine Mutter und mich kurz
allein zu lassen?«
»Ich warte draußen.«
Holly stand auf und ging hinaus.
»Wie ist ihr Familienname?«
»Fraggles.«
»Das ist ihr amtlicher Name, Holly Fraggles?«
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»Ja!«
»Welche Schwierigkeiten gibt es mit Fürstin Alina?«
»Die Fürstin nimmt Anstoß an meinem Beruf.«
»Du willst doch nicht studieren.«
»Es ist kein angesehener Beruf.«
»Erfüllt Holly die erforderlichen Voraussetzungen?«
»Sie war immer Klassenbeste«, sagte Ann.
»Würden ihr London und die große Welt nicht fehlen?«
»Sie ist in Klosterschulen aufgewachsen. London und die große Welt
kennt sie nicht. Sie weiß auch nicht, womit ich mein Geld verdiene.«
»Dazu äußere ich mich nicht. Es gibt viele Kinder von Generälen
und Offizieren im College. Ob Kriegführen ein ehrenhafteres Gewerbe
ist, möchte ich bezweifeln. Eines Tages wirst du es ihr sagen müssen.«
»Davor habe ich Angst.«
»Dann gilt, je eher, desto besser.«
»Ich habe ihr gesagt, ich besäße ein Hotel.«
»Ich würde mich freuen, wenn Holly zu uns aufs College kommt.
Mit der Fürstin werde ich sprechen. Reist ihr wieder ab oder bleibt ihr
noch in der Nähe?«
»Also … Wer hätte das gedacht?«
»Ich nicht! Von was sprichst du?«
»Mrs. Rosemary Steaton hat uns eingeladen. Wir werden bei ihr
wohnen, bis wir wissen, wie es weitergeht.«
»Woher weiß die Fürstin, womit du dein Geld verdienst?«
»Mein teurer Bruder gab ihr einen Wink. Er wollte Geld aus mir
herauspressen – wie üblich. Aber das Maß war voll. Ich hatte auch
nicht wirklich geglaubt, dass er die Drohung wahrmacht.«
»Ist er wieder im Lande?«
»Simon ist in London. Er hat einen hohen Posten im Gesundheitsministerium.
Dort muss er nicht wirklich arbeiten, kann aber mächtig
angeben und anderen das Leben schwermachen.«
»Wenn Marchesina Montecorno das hört, wird sie sich noch einmal
ärgern, ihn damals nicht ertränkt zu haben.«
»Marchesina Montecorno? Ich verstehe nicht.«
»Das ist eine alte Geschichte. Ich spreche mit der Fürstin. Vielleicht
könnte das College einer begabten Studentin ein Stipendium
gewähren?«
50
»Sie ist nicht darauf angewiesen.«
»Ich will dich nicht kränken, Ann. Aber deiner Tochter würde das
viel bedeuten.«
»Das macht die Fürstin nie.«
»Überlass das mir!«
Liliana stand auf.
»Wir werden uns in den nächsten Tagen bei Mrs. Steaton sehen.
Macht euch eine schöne Zeit!«
»Danke, Duchess, danke für Ihr Verständnis!«
»Es geht um Holly.«
»Ja natürlich, Duchess, danke!«
Tara schlief noch zusammengerollt in Sybils Bett. Die Haare waren
kurzgeschnitten wie bei einem Sträfling. Sie schlug die Augen auf.
Entsetzen lag in ihnen, Entsetzen, das sich in Erkennen umwandelte
und in Tränen auflöste. Liliana nahm sie in den Arm und streichelte
sie.
»Tara, Liebes, welch eine Freude, dich wiederzusehen!«
Tara konnte nichts sagen. Sie schluchzte und bebte am ganzen Körper.
»Komm, Liebes, zieh dich an! Ich nehme dich mit zu mir.«
Sybil und Liliana mussten Tara beim Anziehen helfen. Sie hakten
sie unter. So verließen sie Everweard Castle. Vor dem Schloss wartete
Phil mit dem Wagen. Kaum waren sie eingestiegen, schlief Tara an
Lilianas Schultern ein. Sie lächelte.
In New Everweard brachten sie Tara gleich in Lilianas Schlafzimmer.
Sie schlief weiter, ohne aufzuwachen.
»Hat sie Medikamente genommen, Sybil?«
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich bekam sie über Jahre Tabletten.
Das machen die doch so in diesen Anstalten.«
»Warum nur hatte ich mich nicht früher um sie gekümmert!«
»Solange ihre Mutter lebte, konnten wir nichts unternehmen, Liliana.«
»Die Mutter ist wirklich tot?«
»Ja!«
»Schade, ich hätte sie gern selbst umgebracht.«
Sie schlossen die Tür sachte hinter sich.
»Spielt sie noch Klavier?«
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»Seit Jahren nicht mehr. Wenn man sie vor ein Klavier setzte, bekam
sie einen Nervenzusammenbruch.«
»Danke, Sybil, das hast du gut gemacht!«
* * *
»Ann Fraggles ist in Everweard.«
»Wer?«
»Na, Ann, die wirst du doch noch kennen!«
Salvatore legte das Buch zur Seite. Liliana saß ihm gegenüber und
betrachtete ihn. So ein Gestaltwandler hat es doch gut, dachte sie. Er
kann immer das Alter annehmen, das ihm angenehm ist. So sah er
wesentlich jünger aus, als er war.
»DIE Ann meinst du!«
»Sie hat ihre Tochter mitgebracht.«
»So? Dann hat sie geheiratet.«
»Sie hat nicht geheiratet.«
»Du sagtest doch, sie habe eine Tochter.«
»Sie heißt Holly und ist ein klein wenig älter als Falca.«
Ja, da war sie, die Erinnerung, auf die sie gewartet hatte. Sie
konnte in Salvatore lesen wie in einem Buch. In Monleirdon war es
geschehen. Sie waren von Castello Arcano zurückgekehrt, wo sie ihn
gerettet hatte vor einem ›Schicksal schlimmer als der Tod‹. Aber sie
hatte mit dem Duke getanzt in jener Nacht. Da konnte man von dem
gekränkten Herrn fürwahr keine Treue erwarten.
»Wie schön für Ann!«
»Die Tochter heißt auch Fraggles.«
»Hat sie keinen Vater?«
»Es sieht so aus. Wer käme da in Frage? Was war vor achtzehn
Jahren?«
»Ann ist jedem nachgelaufen.«
»Auch dem Maître Brava?«
Salvatore gelang es nicht, nicht rot zu werden.
»Sie war nicht sein Typ«, sagte Salvatore.
»Das höre ich gern. Bin ich Ihr Typ, Maître?«
»Das weißt du doch.«
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»Das war gestern. Bin ich heute noch dein Typ, just in diesem Augenblick?«
»Liliana, ich liebe dich doch!«
»Das ›doch‹ erfreut mich besonders.«
»Was hast du auf einmal?«
»Hast du dich mit Falca abgefunden?«
»Was du nur redest!«
»Schließlich ist sie ein Mädchen. Ich erinnere mich noch gut daran,
dass du nur einen Jungen haben wolltest.«
»Können wir das Gespräch beenden? Es ist wirklich überflüssig,
diese alten Geschichten aufzuwärmen. Dass Falca meine Tochter ist,
habe ich erst sehr spät erfahren – durch Zufall – und nicht von dir.«
»Warst du überrascht?«
»Ja … nein! Falca ist Falca. Außer dass sie Gestaltwandlerin ist,
kann ich keine Ähnlichkeit zwischen uns feststellen.«
»Da hat das arme Kind aber Glück gehabt.«
»Findest du mich so abstoßend?«
»Diese Frage ist zu intim.«
»Hat dich heute jemand geärgert?«, fragte Salvatore.
»Geärgert ist nicht das richtige Wort.«
»Und was ist das richtige Wort?«
»Enttäuscht, gekränkt, verletzt, angewidert, angeekelt …«
»Vergiss es! Bei mir kannst du Trost finden. Wie wäre es?«
»Du bist nicht bei Trost!«
»Also, Liliana, ich verstehe dich nicht. Wollen wir einen Spaziergang
machen? Es ist noch ein wenig hell draußen.«
»Ich kann nicht weg. Tara kann jeden Moment aufwachen. Dann
sollte sie nicht allein sein.«
»Musstest du dir die auch noch aufbürden?«
»Wenn sie zu schwer wird, kann ich ja anderen Ballast von Bord
werfen.«
Salvatore stand auf.
»Ich besuche die Zwillinge. Sie haben bestimmt noch ein Bier übrig
für mich.«
»Bei der Gelegenheit kannst du dir mit Ann und ihrer Tochter
einen hinter die Binde kippen. Die beiden sind dort zu Gast.«
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»Dann will ich nicht stören. Dem Admiral habe ich schon lange
keinen Besuch mehr abgestattet.«
»Und seiner bildhübschen Gattin!«
»Du bist mir heute unheimlich, Liliana. Ich verwandle mich dann
eben in einen Habicht und fliege über die Wälder. Vielleicht treffe ich
Falca.«
»Es ist besser, du fliegst durch die Lüfte, als dass ich in die Luft
gehe!«
»Ich gehe ja schon!«
Die Tür fiel etwas unsanft zu.
»Das war ein interessantes Gespräch, Mama.«
»Es war schon immer sehr lehrreich, heimlich zu lauschen«, sagte
Liliana.
Falca wurde sichtbar.
»Dann habe ich also eine Halbschwester?«
»Nein!«
»Wenn Salvatore ihr Vater ist?«
»Dein Name ist Lady Falca, zukünftige Duchess of Everweard und
nicht Falca Brava.«
»Ich bewundere dich, Mama. Wie du das alles wieder drehst!«
»Setz dich hin! Oder willst du wieder gehen?«
Falca setzte sich und nahm das Buch in die Hand, das Salvatore
gelesen hatte.
»Hat er noch nicht genug über die Tektonik antiker Badehäuser
gelesen? Liest er Ginas Romane?«
»Die könnten nur von Frauen verkraftet werden, sagt er. Es hieße
auch, Perlen vor die …«
»Mama, nicht dieses Wort! Denk an meine sensiblen Ohren!«
»Du hast ja recht! Säue sind edle Tiere.«
»Lady Ombra will uns sprechen.«
Liliana hielt einen Moment den Atem an. Falca entging es nicht.
»Morgen Abend! Warum macht sie es so feierlich?«
»Wen will sie sprechen?«
»Uns beide und Gina.«
»Will sie über deine Fortschritte berichten?«, fragte Liliana.
»Vor was hast du Angst, Mama?«
54
»Ich habe nicht Angst vor etwas. Ich habe Angst um dich. Werde
erst einmal selbst Mutter, dann kannst du das verstehen.«
»Bis dahin brauche ich dich nicht zu verstehen?«
»Tara ist wach. Kommst du mit nach oben?«
»Sie tut mir leid. Ich konnte es nicht verhindern, aber all ihre
Qualen stürzten auf mich ein. Ich war völlig unvorbereitet.«
»Wir müssen ihr helfen.«
»Wie kann eine Mutter das ihrem Kind antun?«
»Wenn sie keine Mutter ist.«
* * *
New Everweard. Der Wald trat zurück. Ein lieblicher Garten Eden
erstreckte sich bis zum Fluss. Apfelbäume, Birnbäume, Pflaumenbäume,
Mirabellenbäume und Kirschbäume warfen ihren milden
Schatten auf Gemüsebeete und Rabatte. Die Wege waren schmal,
eingefasst von niederen Hecken. Efeu und wilder Wein wuchsen
die Häuser empor. Vögel sangen, Gänse und Enten schnatterten,
Hähne krähten. Um den großen Brunnen liefen Hühner und
stritten sich mit den Spatzen. Ein Steg ragte in den Fluss. Zwei
Boote waren dort vertäut. Die Häuser waren zweistöckig. Bei starkem
Wind wurden die Fensterläden verschlossen. In einem Haus
wohnte Aurelia mit ihrer Familie – und wechselndem Personal. Im
Haus daneben lebten die Marchesa und Beth im ersten Stock, Lady
Barton im zweiten. Wo die hohen Kastanienbäume begannen,
wohnte Rosemary mit ihren doppelten Zwillingen. Dort war es die
meiste Zeit des Jahres totenstill. Die Kinder waren im Internat, die
Eltern irgendwo in der weiten Welt. In den Ferien aber war es dort
so laut und lebendig wie auf einem orientalischen Basar. In der
Mitte von New Everweard lag ein U-förmiger Bauernhof. In dem
einen Flügel wohnten Liliana und ihre Familie, in dem andern Gina
und die ihre. Im mittleren Gebäude wechselten die Bewohner. In
den Ferien wohnte dort Sybil. Jetzt war auch Tara dort untergebracht.
Ständiger Bewohner war Lady Ombra. Dieses Gebäude war
das einzige, das alle Wipfel der Bäume überragte, denn es hatte ein
weiteres Stockwerk, ein Penthouse, zu dem nur Liliana und Gina
Zutritt hatten. Das war ihr Nest.
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Es war noch angenehm warm draußen auf der Terrasse. Der Fluss
schimmerte silbern im Schein des Mondes. Liliana und Gina saßen
auf der Hollywoodschaukel. Tara lag auf einer Gartenliege. Sie war
in eine Decke eingepackt. Ihr Kopf wirkte so klein mit den kurzen
Haaren. Falca saß neben ihr. Sybil stellte ein Tablett mit Gläsern ab.
Auf dem Tisch stand eine Grenadinebowle. Sybil füllte die Gläser mit
einer Suppenkelle.
Die Limonade war süß und kalt. Tara zog langsam an dem Strohhalm
mit geschlossenen Augen. Falca hielt ihr das Glas. Nicht dass
Tara nicht in der Lage gewesen wäre, das Glas selbst zu halten, aber
es war schön, verwöhnt zu werden.
Sybil setzte sich.
»Deine Sachen werden in den nächsten Tagen gebracht, Tara.«
»Ich habe nicht viel. In Mutters Wohnung muss noch das Klavier
stehen. Das ist das einzig Wertvolle, was ich besitze.«
»Es ist auf dem Weg hierher.«
»Was soll ich damit anfangen?«
»Ein Klavier ist auf jeden Fall ein dekoratives Möbelstück. Eine
Vase mit ein paar Lilien drauf, ein Spitzendeckchen und ein Foto in
einem Silberrahmen, schon gibt es eine gemütliche Atmosphäre.«
»Aber, Miss Heather, ich habe kein Zuhause! Wenn ich es recht
bedenke, hatte ich noch nie eins.«
»Sag Sybil zu mir!«
»Sybil!«
»Du weißt, dass die Duchess of Everweard all die Jahre ihre schützende
Hand über dich gehalten hatte – und ihr Scheckbuch?«
Tara drehte sich zu Liliana um.
»Warum haben Sie das getan, Duchess?«
»Nenne mich Liliana! Wir sprechen uns hier alle mit Vornamen an.
So spricht es sich leichter.«
»Danke, Liliana!«
»Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war es Sybil, die sich um dich
gekümmert hatte, in meinem Namen natürlich. Doch ohne sie hätte
ich dich sicher aus den Augen verloren. Wir waren uns einig, dass du
zu uns gehörst.«
»Aber warum nur? Ich muss doch eine große Enttäuschung für
dich sein.«
56
»Wenn deine Mutter nicht gewesen wäre, hätten wir dich schon
viel früher geholt.«
»Ich bin erleichtert, dass sie tot ist. Muss ich mich deshalb schämen?
Nie konnte ich ihren Ansprüchen gerecht werden.«
»Jetzt kann sie dir nichts mehr anhaben.«
»Da täuschst du dich, Liliana.«
»Du wirst ihr vergeben müssen oder sie umbringen«, sagte Liliana.
»Ich war immer allein.«
»Das ist jetzt vorbei! Du kannst Walters Zimmer haben. Es ist darin
sogar noch Platz für ein Klavier. Wir können das Klavier aber auch
gut verpacken und in den Keller stellen. Ganz wie du willst.«
»In den Keller!«
»Ganz, wie du willst.«
»Nein … Es gehört mir, nicht meiner Mutter. Papá hatte es mir geschenkt.
Damals war ich drei Jahre alt. Es soll mich an Papá erinnern!«
»Dann haben wir das geklärt. Aber wir wollen von solchen Sachen
nicht länger reden. Wir haben Ferien. Überlege dir, was du unternehmen
möchtest.«
»Ich möchte immer hier liegen und mit euch plaudern.«
»Das machen wir. Aber zwischendrin werden wir reiten, segeln,
tanzen und singen. Wie klingt das?«
»Ich kann das alles nicht.«
»Na gut! Dann werden wir eben Trübsal blasen«, sagte Liliana.
»Ich kann es ja versuchen …«
»Lass dir Zeit, Tara! Liest du gern?«
»Ich darf es gar nicht laut sagen, sonst lacht ihr mich aus. Wenn ich
diese Romane lese, dann vergesse ich alles um mich herum. Es ist
keine hohe Literatur.«
»Du liest Liebesromane?«
»Ich gestehe!«
»Hast du schon einmal etwas von Gina Savantini gelesen?«
»Gina Savantini lese ich besonders gern. Von ihr habe ich alles
gelesen, was ich bekommen konnte. Das musste heimlich geschehen.
Die Ärzte meinten, ich solle nicht vor meinen Problemen in eine
Scheinwelt flüchten, sondern mich ihnen stellen.«
»Sehr vernünftig! Sie waren sicher auch der Meinung, du solltest
deine Mutter ins Jenseits befördern«, sagte Liliana.
57
»Warum haben sie es dann nicht so gesagt?«
»Weil sie Feiglinge sind! Von Gina Savantini habe ich zufällig das
Gesamtwerk im Bücherschrank. Sie ist meine Lieblingsautorin.«
»Das hätte ich nie gedacht, dass du so etwas liest, Liliana.«
»Sie schreibt so lebendig, ich glaube manchmal, ich würde ihr über
die Schulter blicken.«
»Dann will ich die nächsten Tage nur lesen.«
»Hoffentlich stört dich Emiliano nicht.«
»Wenn ich lese, lasse ich mich nicht so schnell von etwas ablenken.«
»Emiliano spielt abends gelegentlich Klavier. Er ist recht begabt –
für einen Juristen.«
»Das macht mir nichts aus. Ich höre gern Musik.«
»Tara, es würde uns alle freuen, wenn du bei uns bleibst. Es liegt
bei dir. Verbringe die Ferien mit uns, dann kannst du dich entscheiden!
Möchtest du das?«
»Danke, Liliana! Danke, Sybil! Ich bin überwältigt. Bin ich euch
keine Last?«
»So weit lassen wir es nicht kommen. In den nächsten Tagen wird
es hier lebhaft. Die jungen Männer kommen aus Eton. Du wirst keine
Zeit für Langeweile haben«, sagte Liliana.
»Dann bleibe ich im Haus.«
»Die ganzen Ferien über?«
»Sie werden sich nicht für ein Mauerblümchen wie mich interessieren.«
»Da hast du sicher recht. Also kannst du dich auch ruhig draußen
in die Sonne legen.«
»Sind das deine Freunde, Falca?«
»Wir sind zusammen aufgewachsen. Ob sie noch meine Freunde sind,
weiß ich nicht. Sie sind längst nicht mehr so unterhaltsam wie früher.«
Eine dichte Wolkendecke schob sich vor den Mond. Der Wind blies
kalt vom Fluss herauf. Es war Zeit, schlafen zu gehen.
58
* * *
Liliana und Gina waren noch wach. Die Tür hinaus zur Terrasse des
Penthouse stand offen und quietschte im Wind.
»Ann konnte ich nie ausstehen – wie die ganze Fraggles Brut.«
»Versündige dich nicht, Gina! Joshua lauscht bestimmt und verpetzt
dich bei seinem Chef.«
»Du meinst, er spukt noch als ruheloser Geist umher?«
»Du glaubst nicht an Gerechtigkeit?«, fragte Liliana.
»Schön wär’s! Schön gruselig wär’s!«
»Holly ist anders als Ann, Joshua oder Simon.«
»Hat sie einen hohen Salvatore-Anteil?«
»Ich war sehr überrascht. Damals war ich voller Freude, Salvatore
gerettet zu haben, und dankbar, dass Walter zu mir gestanden hatte.
In dieser Nacht ließ ich mich einfach gehen. Nie hätte ich gedacht, ich
müsste Salvatore im Auge behalten!«
»Hättest du es verhindert?«
»Darauf kannst du wetten!«
»War er denn danach treu?«
»Es fehlte ihm offensichtlich an Gelegenheiten.«
»In dieser Beziehung habe ich mit meinem Emiliano mehr Glück.
Er ist ja manchmal recht langweilig, aber lieb.«
»Dein Emiliano ist ein Schatz.«
»Trotz allem liebst du Salvatore. Das ist der einzige Punkt, bei dem
dein Verstand aussetzt.«
»Ich musste erkennen, Liebe hat nichts mit Vernunft zu tun. Das
heißt aber nicht, dass ich wie ein kopfloses Huhn umherrenne.«
»Lässt du ihn deinen Groll spüren?«
»Das Verbrechen ist verjährt. Vielleicht sollte ich einen Ersatz für
Walter suchen?«
»Liliana! Man soll nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.«
»Ich dachte, gerade das sollte man? Auge um Auge, Zahn um
Zahn!«
»Wir fragen die Marchesa.«
»Sie ist die letzte Autorität in solchen Fragen. Gut, dass wir sie
haben!«
»Warum spielst du mir etwas vor, Liliana? Die Sache mit Salvatore
ist dir im Grunde gleichgültig. Deine Gedanken kreisen um Falca.«
Liliana legte den Arm um Gina und drückte sich fest an sie. Die Tür
fiel mit einem lauten Schlag zu. An die Fenster prasselte der Regen.
In den Wäldern heulte der Wind.
59
»Gina, du musst mir helfen!«
»Wie kannst du nur fragen? Du weißt doch, ich bin immer für
dich da.«
»Morgen, wenn die Alte … Jetzt weiß ich, was wir machen! Wir
schicken sie weg. ›Es war schön, dass Sie unser Gast waren. Doch wir
benötigen das Häuschen jetzt für … für … Tara. Genau! Sollten sie im
nächsten Jahrhundert noch einmal in unsere Gegend kommen, stellen
wir ihnen gern eine Notpritsche für die Nacht zur Verfügung.‹ Das
machen wir! Wenn sie weg ist, brauche ich mir auch keine Gedanken
mehr um Falca zu machen. Ist das nicht ein schlauer Plan?«
»Wenn sie mit Falca etwas vorhat, warum will sie mit uns dreien
sprechen?«
»Siehst du! Da stimmt etwas nicht. Wir verreisen, Falca, du und ich.
Gleich morgen nehmen wir den Zug nach London.«
Gina gab Liliana einen Kuss.
»Ach, Liebste, was auch auf uns zukommt, wir werden es gemeinsam
durchstehen. Falca wird ihren Weg gehen. Sie ist es, die sich entscheiden
muss. Wir beide, wir können ihr nur helfen, wenn sie unsere
Hilfe will.«
»Ich weiß, Gina! Vielleicht mache ich mir unnötig Sorgen? Nein,
ich mache mir nicht unnötig Sorgen! Aber wer mir auch immer diese
Sorgen bereiten wird, muss sich vor mir in acht nehmen.«
Gina wischte ihr zärtlich die Tränen von der Wange.
60
Kapitel 4
Den ganzen Tag regnete es in Strömen. Ein Sturm wütete, als
müsse New Everweard für alles Übel in der Welt büßen. Ein
Blitz folgte dem anderen. Donner rollten heran und ließen
das Tal erbeben wie das Innere einer Trommel. Je mehr es auf den
Abend zuging, desto schlimmer wurde es. Der Fluss trat über die Ufer.
Bäume wurden unterspült und stürzten in die Fluten.
Die Alte kam herein. Sie packte Liliana an den Schultern und
rüttelte sie.
»Es ist genug!«
Liliana öffnete die Augen. Sie war blass wie der Tod.
»Ist es schon soweit?«
»Duchess of Everweard, komm zu dir!«
Gina kam hereingestürmt. Falca folgte ihr.
»Lady Ombra, was hat sie?«
»Ihr müsst sie beruhigen, bevor ein Unglück geschieht.«
Gina umarmte Liliana. Sie drückte sie fest an sich und gab ihr einen
Kuss auf den Mund.
»Liebste, ich bin bei dir!«
»Gina? Ist mit Falca alles in Ordnung?«
»Sie steht direkt neben dir! Hast du geträumt?«
Liliana streichelte Falcas Wange. Tränen liefen ihr die Wange hinunter.
»Da bist du ja!«
Liliana sank zu Boden. Draußen wurde es still. Der Sturm war von
einer Sekunde zur anderen vorüber. Die Wolkendecke riss auf, der
Mond sah hindurch und die Sterne.
»War sie das?«, fragte Falca.
»Vergiss nicht, Falca, deine Mutter ist eine mächtige Zauberin, auch
wenn sie nie davon Gebrauch macht«, sagte die Alte.
»Worauf ist sie denn so wütend?«
»Sie hat Angst.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Sie hat Angst um dich.«
»So? Hat sie Grund dazu?«
»Ja! Darüber wollte ich heute Abend mit euch sprechen.«
61
Gina saß auf dem Boden. Sie hielt Lilianas Kopf im Schoß und strich
ihr über das Haar.
Lady Ombra ging zur Tür.
»Ich gehe jetzt und bereite einen Punsch vor. Es hat ja ziemlich
abgekühlt. Ich erwarte euch!«
Als die Alte gegangen war, schlug Liliana die Augen auf.
»Hatte ich doch recht!«
Gina gab ihr einen Kuss und half ihr auf die Beine.
»Liliana, Liebste, wir sind noch nie vor etwas weggelaufen.«
»Nein, das sind wir nicht und werden auch nicht damit anfangen.
Wenn es nur um mich ginge!«
»Mama, vielleicht machst du dir unnötig Sorgen. Hören wir uns
doch erst einmal an, was Lady Ombra zu sagen hat. Vertraust du ihr
nicht?«
»Ich vertraue ihr. Deshalb muss mir aber nicht gefallen, was sie zu
sagen hat. Achtzehn Jahre hatte ich gehofft, dass dieser Tag niemals
kommen würde. Was macht Tara?«
»Du weißt es!«
»Ja, ich weiß es und ich weiß auch, was Sybil denkt, wo Salvatore
ist und was Emiliano fühlt und alle anderen. Aber ich weiß nicht, was
Lady Ombra denkt. Sie ist die einzige Person, die ich nicht lesen
kann.«
»Sie wird es dir sagen.«
»Gehen wir!«
62
* * *
Ein Feuer brannte im Kamin. Lady Ombra verteilte den Punsch. Liliana
lehnte ab.
»Das würde dir guttun.«
»Ganz bestimmt nicht!«
Liliana bekam einen Kräutertee. Sie nippte daran.
»Lady Ombra, Sie haben uns etwas zu sagen?«
»Sei nicht so ungesellig, Liliana! Ich dachte, wir machen uns einen
gemütlichen Abend, trinken Punsch und plaudern ein wenig – wie
alte Freundinnen.«
»Sie wollen mich nur quälen.«
»Glaubst du das wirklich?«
»Über was wollten Sie mit uns plaudern?«
»Über Gott und die Welt!«
»Über Gott kann ich nichts sagen, auch nicht über Götter.«
»Das ist klug von dir. Dann sprechen wir über alte Bekannte, über
z’Lar und z’Veel.«
»Ist das Thema denn immer noch nicht erledigt?«, fragte Liliana.
»Es ist höchste Zeit, es abzuschließen.«
»Falca?«
Die Alte nickte.
Regen prasselte gegen die Scheiben. Ein Blitz erhellte grell das
Zimmer. Das Feuer im Kamin loderte auf.
Die Alte nahm Lilianas Hand und streichelte sie.
»Liliana, du weißt, dass ich dich liebe?«
»Trotzdem würden Sie mich, Gina und Falca einer höheren Sache
opfern.«
»Nein, nein, das würde ich nicht! Beruhige dich!«
Der Regen hörte auf. Das Feuer wurde wieder friedlich.
Falca wusste, dass ihre Mutter sich für einen reinen Vernunftmenschen
hielt. Aber sie hatte längst erkannt, dass ihre Gefühle so
übermächtig waren, dass nur ihr klarer Verstand, der alles erleuchten
und ergründen musste, sie vor dem Versinken in grenzenloser
Liebe bewahrte. Mutter brauchte Fakten. Unwissenheit war für sie
eine tödliche Krankheit.
»Lady Ombra, wer sind Sie?«
»Falca, kennst du mich nicht lange genug, um in mir deine Freundin
zu sehen?«
»Sie wollen, dass ich in Ihnen nicht mehr sehe als eine Freundin?«
»So ist es. Um dich zu schützen, sage ich nicht mehr. Vertraue mir
und frage nicht weiter!«
»Mama?«
»Ich vertraue Lady Ombra.«
»Aber jetzt geht es nicht um Vertrauen, es geht um Aufklärung«,
sagte Falca entschieden. »Inzwischen mache ich mir Sorgen um Mama.
Lady Ombra, bitte, kommen Sie zur Sache!«
»Es waren einmal drei Brüder. Sie stammten von Göttern ab, – ich
will es einmal so ausdrücken. Sie fanden heraus, es gibt neben unserer
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Welt noch andere Welten. Um dahin zu gelangen, taten sich zwei der
Brüder zusammen. Sie schmiedeten einen Dolch. Damit töteten sie den
dritten Bruder. Mit diesem Blutopfer öffneten sie ein Portal, durch das
sie unsere Welt verließen. Sie hatten zuvor einigen Menschen Unsterblichkeit
verliehen und den Auftrag gegeben, eines Tages ein Portal zu
öffnen, durch das sie wieder zurückkehren konnten. Die beiden Brüder
blieben in Kontakt mit diesen Menschen über Träume und Trancezustände.
Das letzte Mal, als die Brüder zurückwollten, – es war ihnen einmal
zuvor misslungen, – sollte Liliana geopfert werden, um das Portal
zu öffnen. Dies misslang. Ein zweiter Versuch, bei dem Salvatore Liliana
töten sollte, misslang ebenfalls. Die Unsterblichen in unserer Welt, das
waren der Fürst und der Direktor des Circo Fantasmagoria, wurden mit
dem Dolch getötet. Es gibt also niemanden mehr, der ein Portal öffnen
könnte. z’Veel und z’Lar, so heißen die beiden Brüder, können also nicht
mehr zurück.«
»Das klingt nach einem Happy End.«
»Es ist ein Happy End mit einem Fragezeichen.«
»Wie sähe ein Happy End mit Ausrufezeichen aus?«, fragte Falca.
»Wenn die bösen Buben eingefangen und unschädlich gemacht
worden sind!«
»Wir sind doch sicher vor ihnen oder nicht?«
»Vielleicht.«
»Vielleicht ist zu wenig?«
»Ich möchte euch etwas anvertrauen. Neben dieser Welt gibt es
unendlich viele Welten. Wenn ich von Welt spreche, dann meine ich
das ganz im Sinne des Mittelalters. Ich spreche von der Erde und dem
Menschen als Mittelpunkt des Kosmos. Deshalb unterscheiden sich
diese Welten nicht so, wie ein Planet sich von einem anderen unterscheidet,
also in Atmosphäre und Beschaffenheit. So gibt es eine
Welt, in der zur Zeit ein verheerender Krieg in Europa stattfindet. Es
ist jeweils unsere Erde, die sich in verschiedene Richtungen entwickelt
hat. Jede denkbare Veränderung im Ablauf der Geschichte
führt zu einer neuen Welt. So wie jeder Mensch in seiner eigenen
Welt lebt und sie anders wahrnimmt als ein anderer, so gibt es für die
Menschheit als Ganzes verschiedene Welten. Ich nehme deinen Einwand
gleich vorweg, Liliana, ja, es ist möglich, dass es sich nicht um
reale Welten handelt, sondern um gedachte. Aber ist unsere Welt die
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einzige, die wahr ist oder ist unsere Welt auch gedacht? Darauf gibt
es keine Antwort. Ob wahr oder geträumt, für unsere Sinne ist diese
Welt die wahre. So wie jede andere Welt von ihren Bewohnern als
wahr und real gesehen wird.«
»Was treiben diese beiden Brüder eigentlich?«, fragte Falca.
»Sie nehmen Einfluss auf die Entwicklung der Menschen. Vorzugsweise
betreten sie Welten, die sich noch am Anfang ihrer zivilisatorischen
Entwicklung befinden. Dort können sie all ihren männlichen
Vergnügungen frönen wie blutige Gemetzel, Vergewaltigungen, Folter,
Plünderungen, Hetzjagden und der Grausamkeiten mehr. Es gibt
Zivilisationen, die sich darüber nicht mehr erheben können. Wenn
ihr es so wollt, vernichten sie die Zukunft der Menschheit.«
»Sie können von einer Welt zur andern wechseln?«
»Ja!«
»Warum können sie dann nicht einfach hierher zurück?«, fragte
Falca.
»Weil sie im Grunde unreife Knaben sind. Sie hatten sich den ganzen
Mummenschanz um das Portal und die komplizierten Rituale nur
ausgedacht, um sich wichtig zu machen. Wenn alles so einfach wäre,
wären sie dann nicht selbst unbedeutend? Entscheidend ist, dass sie
selbst daran glaubten und noch daran glauben.«
Liliana hatte jetzt Material zur Analyse.
»Die reale Grundlage aller Welten ist also fraglich?«
»So ist es, Liliana.«
»Die Welt ist nur für den Augenblick real, in dem sie mir bewusst
ist, weil ich sie in meinem Kopf zusammensetze.«
»So kann man es auffassen.«
»Die Entwicklung der Welt hängt somit davon ab, wie ich in die
Zukunft denke und nicht nur ich, sondern alle mit mir.«
»Die Welt wird zu dem, was wir aus ihr machen. So ist es.«
»Meine Welt, Lady Ombra, sind die Menschen, die ich kenne, nicht
mehr.«
»Deine kleine Welt, Liliana, ist die reale Welt. Wie sie heute aussieht,
das hast du bewirkt. Du bist nur ein Mensch und hast doch viele
Menschen so sehr überzeugt von deinen Vorstellungen, dass sie mitwirkten,
sie zu verwirklichen. Stell dir vor, was erst ein Gott bewirken
könnte! Dann stell dir vor, dass dieser Gott das Böse will. Geh noch
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einen Schritt weiter. Was könnten zwei Götter bewirken, die nur Vernichtung
wollen?«
»Es gibt also Myriaden von Welten, unsere dazugerechnet, die nur in
diesem Augenblick existieren, genauer gesagt, in diesem Augenblick in
den Gehirnen ihrer Bewohner zusammengesetzt werden. Denkbar wäre
also, all diese Welten werden ihrerseits im selben Augenblick gedacht
von einem einzigen Wesen, das keinen realen Körper hat, sondern nur
Geist ist.«
»Wenn wir in deinem Bild bleiben, Liliana, – mehr kann es nicht
sein als ein Bild – dann sind die beiden Brüder Krebszellen, die diesen
Körper peinigen oder gar zerstören.«
»Wer hat sich nur diese Götter ausgedacht?«, fragte Gina.
»Das ist eine gute Frage«, sagte die Alte. »Götter gehören an den
Anfang einer Entwicklung. Sie sind der Atem, der das Leben anstößt.
Was danach kommt, muss dem Leben selbst überlassen sein. Jedes
Leben, und sei es noch so winzig, schafft seine eigene Welt.«
»z’Veel und z’Lar benehmen sich demnach nicht wie Götter?«,
fragte Liliana.
»Nein!«
»Gilt das nicht auch für z’Fla, wenn es sie gibt?«
»z’Fla mischt sich nicht ein. Wenn sie ihre Brüder unschädlich
gemacht hat, wird sie verschwinden.«
»Darüber sind Sie sich ganz sicher, Lady Ombra?«
»Das bin ich, Gina.«
Falca hörte fasziniert zu. Sie konnte sich unter all dem nichts
vorstellen. Sie freute sich nur, dass ihre Mutter wieder sie selbst
war.
Liliana trank den Kräutertee.
»Das war die Einleitung.«
»Wie kommst du darauf, Liliana?«
»Weil Sie üblicherweise nicht so viele Worte machen, Lady Ombra.
Es waren diesmal sogar ein paar verständliche Sätze darunter.«
»Es ist die Bestimmung von …«
»Nein, Lady Ombra, nein! In diesem wundersamen Gespinst von
Myriaden erdachter Welten kann von Bestimmung keine Rede sein.
Sprechen Sie nicht von Bestimmung, sprechen Sie davon, was Sie uns
zumuten wollen.«
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»In Falca sind Fähigkeiten vereint, die einmalig sind. Es lässt sich
nicht bestreiten, dass sie eine Aufgabe hat«, sagte die Alte.
»Ich bestreite! Wenn sie eine Aufgabe hat, dann ist es die, ihr eigenes
Leben zu leben und darin ihr Glück zu finden. Ihre Aufgabe ist es,
glücklich zu sein.«
»Mama, ich würde gerne wissen, was Lady Ombra von mir
möchte.«
»Das hat sie bereits deutlich gesagt. Sie wird dir sagen, dass du etwas
ganz Besonderes bist und welche Ehre es doch für dich sein
müsste, die Menschheit zu retten oder noch besser, Myriaden von
Menschheiten. Ja, dass du dein Antlitz im Spiegel nicht mehr ertragen
könntest, wenn du vor dieser Aufgabe davonläufst, für die du exklusiv
geboren wurdest.« Liliana stand auf. »Gina, Falca, wir gehen! Der
Tee war sehr gut, Lady Ombra. Vielen Dank für den anregenden
Abend!«
»Falca kann von einer Welt zur andern gehen. Falca kann Welten
schaffen und verändern«, sagte die Alte.
Liliana setzte sich wieder. Sie griff nach Falcas Hand und hielt sie fest.
»Sie ist also etwas, was nicht sein dürfte?«
»Aber Liliana! Falca ist deine Tochter. Liebe bestimmt ihr Leben
und ihr Denken.«
»Haben Sie ihr das schon beigebracht, das Gehen in andere Welten,
das Schaffen und Verändern?«
»Nein! Ich werde es nicht ohne deine Zustimmung tun, Liliana.«
»Warum nicht?«
»Weil ich dich liebe, du dumme Göre! Warum denn sonst?«
»Dann bin ich machtlos?«
»Nein, das bist du nicht! Was ich von Falca verlangen würde, ist
doch ein Teil deines Kampfes. Ich möchte dich für meine Sache gewinnen,
Liliana. Wir waren doch immer auf derselben Seite.«
»Ja, das waren wir. Wenn es nur um mich ginge, dann könnten Sie
mit mir rechnen.«
»Mama!«
»Falca, entschuldige! Warum ich zu einer italienischen Mama geworden
bin, weiß ich nicht. Hatte ich doch nie eine Mamma! Wahrscheinlich
liegt das im Blut.«
Falca gab ihr einen Kuss.
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»Du bist schon in Ordnung. Aber jetzt bin ich dran. Lady Ombra,
ich höre!«
»Deine Fähigkeiten zum Gestaltwandeln hast du von Salvatore, das
Zaubern von deiner Mutter. Dass du von einer Welt zur andern gelangen
und dass du Welten schaffen und verändern kannst, hast du von
Blanche.«
»Wer ist Blanche?«, fragte Falca.
Liliana sah die Alte nachdenklich an. »Blanche war zuletzt ein Teil
Salvatores. Ich erinnere mich daran, dass er sich eines Tages darüber
wunderte, dass sie verschwunden war. Jetzt sehe ich den Zusammenhang.
Besitzt Falca nur ihre Fähigkeiten oder ist Blanche in ihr?«
»Blanche erfand sich selbst. Sie ist ein Hauch des Odems von Ihr,
die keinen Namen hat.«
»Wie wir alle?«, fragte Gina.
»Nein, Blanche ist der mahnende Ruf der Mutter an ihre Kinder, zu
ihr zurückzukehren.«
»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr!«, sagte Falca.
»Hat dir deine Mutter nicht von Blanche erzählt, Falca?«
»Keinen Pieps! Genauso wenig wusste ich, dass Salvatore sie umbringen
wollte.«
»Liliana?«
»Ich hatte gehofft, dass diese Geschichte endgültig abgeschlossen
ist. Warum sollte ich Falca damit belasten? Salvatore wollte mich
nicht wirklich umbringen. Er war nicht er selbst. Dass ich gegenüber
Blanche nicht gerade Sympathie empfand, können Sie sich ja denken.
Kinder sollten nicht mit dem Ballast ihrer Eltern aufwachsen.«
»Sagen Sie es mir, Lady Ombra«, sagte Falca.
»Blanche ist schwer zu erklären«, sagte die Alte. »Wie gesagt, Sie,
die keinen Namen hat, schickte einen Hauch ihres Odems ihren Söhnen
hinterher. Darüber gibt es viele Legenden. In einer Legende
brachte ein Adler ein Baby in die andere Welt, bevor das Portal sich
schloss. Das Baby war tot, aber eine Seele entwich ihm. Das war Blanche.
Sie konnte jede Gestalt annehmen, die sie wollte. z’Veel und
z’Lar benutzten sie für ihre Missetaten. Erst als sie Salvatores Träume
mitträumte, entwickelte sie eine Persönlichkeit. Es gelang ihr, sich
immer mehr den beiden Brüdern zu entziehen. Schließlich kam sie
durch eine kurze Öffnung des Portals in unsere Welt. Aber auch hier
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hatte sie keinen eigenen Körper. So nahm sie jeweils die Gestalt an,
die ihr gefiel. Sie glaubte, Salvatore zu lieben. Deshalb opferte sie jede
Hoffnung, einen eigenen Körper zu erhalten, um Salvatore zu retten.
Sie wurde eins mit ihm. Da Salvatore dein Vater ist, ist auch Blanche
ein Teil deines Erbes.«
»Wer bin ich?«
»Du bist du! Was du aus diesen Anlagen und Fähigkeiten machst,
liegt allein an dir. Dein Charakter, deine Persönlichkeit bilden daraus
etwas Neues, Unverwechselbares.«
»Ich soll die Söhne wieder zu ihrer Mutter zurückbringen?«, fragte
Falca.
»Falca, da mischen wir uns nicht ein.« Liliana gab noch nicht auf.
»Das ist eine Familienangelegenheit. Soll sich die Tochter darum
kümmern!«
»Die Schwester sorgt dafür, dass dieses Portal geschlossen bleibt«,
sagte die Alte.
»Jenes Portal, das es nicht gibt?«
»Es existiert, solange z’Veel und z’Lar daran glauben. Dafür, dass
sie auch weiterhin daran glauben, sorgt z’Fla. Außerdem würden sie
ihre Schwester sofort erkennen. Sie hätte keine Chance gegen sie.«
»Wie soll ich die beiden einfangen?«, fragte Falca.
»Du hast zwei schöne Ohrringe.«
»Schön sind sie gerade nicht. Da können sie nicht mehr heraus?«
»Sie wären gefangen – wie Dschinns in der Flasche.«
»Sie werden kaum freiwillig hineingehen.«
»Ich werde dir alles beibringen.«
Lady Ombra öffnete die Fenster. Frische Luft kam herein. Der
Punsch war getrunken, das Glas Tee geleert. Lange Zeit sagte keiner
etwas.
»Zwei Aussagen möchte ich dazu machen.« Liliana blickte in die
Flammen. »Ich bin verantwortlich für die Menschen, die ich kenne,
nicht für die Menschheit und schon gar nicht für Menschheiten. Deshalb
heißt meine Entscheidung: Nein! Es gibt für uns keine Veranlassung,
freiwillig zum Spielball höherer Mächte zu werden.«
Gina nickte erleichtert.
»Zweitens erlaube ich Ihnen, Lady Ombra, Falca in den Dingen zu
unterrichten, die sie noch nicht beherrscht, den Fähigkeiten, die von
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Blanche stammen. Das ist kein Widerspruch zu meiner ersten Aussage.
Ich möchte nicht, dass meine Tochter unvorbereitet in eine Situation
gerät, die ihre Kräfte überfordert. Ich möchte ihr ersparen,
was mir geschehen ist. Dass ich das zulasse, ist ein Zeichen meines
Vertrauens, Lady Ombra. Sollte die Lage eintreten, dass gehandelt
werden muss, dann möchte ich umgehend informiert und nicht vor
vollendete Tatsachen gestellt werden.«
»Es soll so geschehen, wie du es wünschst, Liliana.«
»Falca, du verstehst mich?«
»Ja, Mama! Nicht um alles in der Welt möchte ich dir Kummer
bereiten.«
Liliana stand auf.
»Ich kann nicht sagen, es war ein angenehmer Abend. Doch ich
danke Ihnen, ein klein wenig Licht in einen Abgrund der Finsternis
geworfen zu haben. Ob ich das wirklich alles wissen will?«
»Du musst.«
»Vielleicht … Eine gute Nacht, Lady Ombra!«
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Dies ist ein Auszug aus der Paperback-Ausgabe von:
Everweard Castle - Schau im Traums Paradies
Drittes Buch der Everweard Castle Trilogie
von
Harriet R. Burrell
Erschienen 2025 bei Everweard Publishing
www.everweard.com
Erhältlich als E-Book, Paperback und Hardcover
Hier finden Sie weitere Informationen zum Titel
und zur Serie:
hps://www.everweard-castle.de
Erhältlich überall, wo es Bücher gibt.
E-Book ISBN 978-3-911352-27-7
Paperback ISBN 978-3-911352-26-0
Hardcover ISBN 978-3-911352-28-4
New Everweard, 18 Jahre später
Aus Lilianas Tochter Falca ist eine intelligente und willensstarke junge
Frau geworden.
Sie besitzt sowohl die magischen Fähigkeiten der Zauberei als auch die der
Gestaltwandlung Ihre dritte und zugleich mächtigste magische Fähigkeit
macht sie einzigartig, birgt aber auch Gefahren. Falca besitzt die Macht,
mühelos zwischen den Welten hin- und herzuwechseln oder ihre eigenen
Welten entstehen zu lassen.
Unter der Anleitung der geheimnisvollen Lady Ombra muss Falca lernen,
ihre Magie zu beherrschen. Denn das Eindringen der Götterbrüder in die
reale Welt muss unter allen Umständen endgültig verhindert werden. So
breitet Lilianas Tochter Falca ihre Flügel aus und verlässt zusammen mit
Lady Ombra das heimische Nest.
Unterwegs begegnen sie dem mysteriösen und undurchschaubaren Ariel.
Auch er kann die Grenzen zwischen den Welten überschreiten. Ob Freund
oder Feind, Falca muss sich einer weiteren Herausforderung stellen – ihrer
ersten Liebe.
Währenddessen sehen sich Liliana und Gina einer neuen Bedrohung
gegenüber. Alte Feinde mit Einfluss auf das englische Königshaus ergreifen
die Gelegenheit, das Dukedom Everweard zu Fall zu bringen.
Aber wieder einmal werden die Frauen von Everweard völlig unterschätzt.
»Mit dem dritten Band voller Magie, wundervoller
Geschichten und liebenswerter Charaktere findet die
Everweard Castle-Trilogie einen würdigen Abschluss!«
ISBN 978-3-911352-26-0
€ 22,00 [D]
EVERWEARD PUBLISHING