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Biber Magazin 2/25

Das neue BIBER. Scharf und Schärfer. Hier die zweite Ausgabe 2025

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OKTOBER 2025

DIE

GEWINNER

DES BIBER

IMPACT

AWARDS!

WIEN – BRATISLAVA

TÄGLICH ZWISCHEN WELTEN

SPRACHE

LERN DEITSCH, HEAST!

INTERVIEW

BILDUNGSMINISTER

WIEDERKEHR UND

FINANZSTADTRÄTIN

NOVAK

LAND DER

CHANCEN?

DIE GROSSE BIBER-KARRIERE-

UND-BERUFSWELT-STUDIE


HANNA J., ADMINISTRATION & ORGANISATION

STÄRKT VON

INNEN NACH

AUSSEN.

MEHR ALS EIN JOB.

JETZT BEWERBEN!

Raum für Persönlichkeiten.

Seit 1365.


Liebe Leserinnen

und Leser,

„Ohne Fleiß kein Preis“ war das Leit motiv

meiner Kindheit. Wer etwas will, muss auch

etwas dafür tun, das wurde mir früh eingebläut.

Aber genügt in Österreich harte

Arbeit, um den Aufstieg zu schaffen?

Wie wichtig ist Bildung? Wie lernt man am

besten Deutsch? Und braucht es nicht

doch ein wenig Vitamin B? Unsere Herbstausgabe

steht ganz im Zeichen von Bildung,

Karriere, Leistung, Aufstieg.

Wir haben den Bildungsminister gefragt,

wie man am besten Deutsch lernt

(S. 6) und Menschen porträtiert, die es in

Österreich bis ganz nach oben geschafft

haben – wie Ivona Dadić (S. 24). Wir haben

aber auch mit jenen gesprochen, die ihr

Leben in Österreich erst aufbauen und

dafür jeden Tag einen weiten Weg auf sich

nehmen (S. 34). Und mit Huse, der sich in

Österreich sehr gern ein Leben aufgebaut

hätte, aber nicht durfte (S. 8).

Wir haben nachgeforscht, wie man

in Österreich Karriere als Autorin (S. 74)

und als Musiker (S. 80) macht. Eine Unternehmerin

(S. 46) und eine Kabarettistin

(S. 78) aus Serbien haben uns von ihrem

Werde gang erzählt.

Inspiration, um ganz groß rauszukommen,

ist in diesem Heft also genug zu

finden. Wer sich trotzdem lieber einen gemütlichen

Tag macht, kocht statt dessen eins

unserer Rezepte mit scharf nach (S. 84)

oder macht es sich mit unseren Buchempfehlungen

gemütlich (S. 72).

Viel Freude beim

Lesen wünscht

DAMITA PRESSL

Entgeltliche Einschaltung

Jetzt

anmelden!

Beruf mit Zukunft? Sicher!

Starte deine

Pflegeausbildung

FSW | Foto: GettyImages/Sewupari-studio

Mehr zu Ausbildungen und Infoveranstaltungen

unter:

www.bildungszentrum-wien.at

Das FSW Bildungszentrum ist eine eingetragene Marke der AWZ Soziales Wien GmbH. Die AWZ Soziales Wien GmbH ist ein

Tochterunternehmen des Fonds Soziales Wien (FSW). Gesellschafter sind der FSW, das Kuratorium Wiener Pensionisten-

Wohnhäuser (KWP) und die Stadt Wien, vertreten durch die Magistratsabteilung 17 – Integration und Diversität sowie

den Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV).


INHALTSVE

05 Kolumne

GEGEN RASSISMUS HELFEN NUR BÜCHER,

schreibt Biber-Kolumnist Ruşen Timur Aksak.

24 Magazin

06 Politik & Gesellschaft

06 „HANDYVERBOT AN SCHULEN –

WIE STEHT’S UM IHRE EIGENE BILDSCHIRMZEIT?“

Mit Hand, Fuß und Schmäh – Biber fragt, Bildungsminister

46 Meinung

Christoph Wiederkehr antwortet pantomimisch.

08 GEKOMMEN, UM ZU GEHEN

Der junge bosnische Saisonarbeiter Huse will in Österreich bleiben,

anpacken, sich etwas aufbauen. Warum er trotzdem wieder geht.

12 LEISTUNG = ERFOLG?

Österreich, das Land der Chancen? Gallup hat nachgeforscht.

22 „LEUTE SUCHEN, DIE VORBILDER SEIN KÖNNEN“

Asif Butt forscht an der Londoner LSE zu sozialer Mobilität.

Er erklärt, was es braucht, um es von ganz unten nach ganz oben zu

schaffen.

24 „MAN DARF SICH KEINE GRENZEN SETZEN“

Olympia-Sportlerin Ivona Dadić über ihr Erfolgsrezept

30 STUNDENLANGES PENDELN

Warum Menschen aus Bratislava ihr Glück in Wien suchen

34 „EIN GROSSES FUCK YOU“

Wie eine Tochter bosnischer Flüchtlinge Karriere in New York macht

40 DIE ZWEITE MUTTER?

In vielen Migra-Familien spielen die ältesten Töchter

eine Schlüsselrolle – und verlieren sich dabei selbst.

42 BOTOX UND FILLER AUF UKRAINISCH

Ärztinnen aus Osteuropa arbeiten in Österreich oft im

legalen Graubereich, weil die Nostrifizierung Jahre dauert.

Ihre Kundinnen sind trotzdem zufrieden.

44 HEAST, OIDA, GEMMA LUGNER!?

Ein Sprachwissenschaftler erklärt, was „gscheites Deutsch“ ist.

46 LERN DEITSCH, HEAST!

Warum Deutsch so schwierig zu lernen ist, und wie man es

trotzdem schaffen kann.

50 „WARTE NICHT AUF CHANCEN“

Wie eine serbische Unternehmerin in Österreich ihren Weg macht

54 DOPPELT DISKRIMINIERT, HALB BEZAHLT

Migrantische Frauen halten das Land am Laufen.

Und bekommen dafür viel zu wenig.


RZEICHNIS

57 Feature

70 Kultur & Events

70 KULTUR IN WIEN

kultur*knistern teilt die besten Event-Tipps –

mit Fokus auf Karriere, Beruf und Aufstieg!

86 Fotostrecke

82 Fun

IMPACT AWARD

Preisträgerinnen und Preisträger, die Vielfalt leben und gestalten

72 BIBER LIEST

Ein Blick ins Bücherregal der kultur*knistern-Redaktion.

74 „WENN MAN VERBOTE NICHT KENNT, GELTEN SIE NICHT“

Wie Migra-Autorinnen und -Autoren ihren Weg in Österreich gehen

78 „DAS UNERTRÄGLICHE ERTRÄGLICH ERZÄHLEN“

Die Kabarettistin Malarina erklärt, warum uns gerade jetzt das

Lachen nicht vergehen darf.

80 „WIEN IST MEINE NEUE GROSSE LIEBE“

Der Jazzmusiker András Dés ist von Budapest nach Wien gezogen.

Zuhause war er jemand – doch hier fühlt er sich freier.

86 IN MILAN MIT PAT DOMINGO

Der Starfotograf teilt seine Tipps für die Fashion Week.

90 WIEN DURCH DIE AUGEN VON

Die Künstlerin Irena Pejčić zeigt uns ihre Lieblingsorte

in der Hauptstadt.

ABER BITTE MIT SCHARF!

Was der Pfeffer alles kann – mit Rezepten zum Nachkochen!

IMPRESSUM:

MEDIENINHABER & HERAUSGEBER

Kobza Media Beratungs GmbH

Lange Gasse 50/2, 1080 Wien

HERSTELLER

Mediaprint Zeitungsdruckerei gesellschaft m.b.H. & Co KG

HERSTELLUNGSORT Wien

dasbiber.at

CHEFREDAKTEURIN Damita Pressl

ART-DIREKTORIN Valerija Iļčuka

BILDREDAKTION Leila Glatz

PROJEKTTEAM Daniela Steinklammer

Medina Osmanović

LEKTORAT Kristina Reinecker

COVER-FOTO Apollonia Theresa Bitzan

HAIR & MAKE-UP d.Agentur

Christine Sutterlüty

ÖAK-GEPRÜFT laut Bericht über

die Jahres prüfung im 1. Hj. 2025:

Druck auflage: 105.681 Stück

Verbreitete Auflage: 105.271 Stück



Von meinem ersten Schultag an ha te ich wunder volle

Lehrer. Wenn ich das Wort Heimat höre, denke ich nicht

an die Fahne, die Hymne oder den Bundesadler, ich denke

an diese tollen Menschen, die es geschafft haben, aus

mir einen halbwegs anständigen Bildungsbürger zu

machen. Doch es gab auch einige wenige Lehrer, die gar

nicht wundervo l waren. Zumindest nicht zu mir. Am

Gymnasium gab es da diesen Geografi elehrer. Er war

Mitglied einer gewi sen Partei, was ich damals zwar

wusste, aber nicht wirklich einordnen konnte. Was ich

allerdings verstand, war seine seltsame Art mir gegenüber.

So nannte er a

le meine Klassen kameraden beim

Vornamen, nur mich beim Nachnamen: „Herr Aksak“.

Das hat mich damals vor a lem deshalb gewundert, weil

Herr Aksak ja eigentlich mein Vater war. Aber es war

nicht nur das. Er sah mich auch anders an, zumindest

empfand

ich das damals so. Meine Jugendjahre sind

heute ja schon länger vorbei und die a

Ra sismus- und Diskriminierungsdebatte existierte

damals einfach nicht. Ein Lehrer mochte dich nicht?

Tja, da n war das dein Problem. Ich

lgegenwärtige

nicht mehr sicher, ob ich schon vor den Erfahrungen

mit diesem Lehrer an Geografi e interessiert war, oder

bin mir heute

ob ich „dank“ ihm zur Geografi e fand. Ich fasste seine

Feindseligkeit wohl als eine Art Heraus forderung auf.

GEGEN RASSISMUS HELFEN NUR BÜCHER

Ich war wütend, doch ich konnte die Wut, die ich damals

empfand, in vernünftige Bahnen lenken. Ich

lernte. Noch im selben Jahr las ich das Geografie-

Schulbuch und den Schulatlas mehrmals durch. Nicht

nur das. Ich lernte die Hauptstädte, Ein wohner zahlen

und Flächengrößen aller Länder auswendig. Denn wir

spielten im Unterricht ein Spiel: An einer großen, aufgehängten

Weltkarte standen zwei Schüler. Der Lehrer

nannte eine Hauptstadt oder ein Land. Der Schüler,

der zuerst auf den richtigen Ort auf der Landkarte zeigte,

hatte die Runde gewonnen. Ich wurde zum Besten –

beinahe unschlagbar. So verdiente ich mir den Respekt

meines Lehrers. Er begann mich irgendwann

Natürlich war, ist und wird es nicht immer so

sogar beim Vornamen anzusprechen. Ich hatte es geschafft

– durchs Lernen.

leicht sein. Dennoch sind Bücher die besten Verbündeten

im Kampf gegen Diskriminierung. Du bist ein

Arbeiterkind, das von den Lehrern als unwürdig erachtet

wird? Zeig es ihnen. Aber mach

es richtig!

Durch den Willen, zu lernen. Denn wenn ich meinen

wunder vollen Lehrern eines verdanke, so ist das der

tiefe Glaube daran, dass unser Österreich all jenen

eine faire Chance bietet, die sich Mühe geben und ein

Teil dieser Gesellschaft werden wollen.

5

von

TIMUR AKSAK

Ruşen Timur Aksak ist selbständiger Medienberater.

Zuvor arbeitete er als Journalist und

TV-Redakteur und war später Pressesprecher der

Islamischen Glaubensgemeinschaft.

Kolumne


MIT HAND, FUSS ...

Das etwas andere Interview:

Wir stellen unsere Fragen. Geantwortet wird ohne

Worte – dafür mit viel Körper einsatz. Diesmal vor der

Kamera: Bildungsminister Christoph Wiederkehr.

Wie geht es Ihnen,

wenn Sie an Ihre eigene

Schulzeit zurückdenken?

Wie viel herausfordernder ist es,

Bildungsminister zu sein,

als Bildungsstadtrat zu sein?

„So mittel“, meint Wiederkehr.

FOTOS © Florentina Olareanu

Sie planen eine

Deutschoffensive.

Wie lernt man eine

Sprache am besten?

„Viel reden — und Fehler machen!“

„Ungefähr gleich“, sagt Wiederkehr. Wir merken schon,

ohne Worte kommt der Bildungsminister nicht ganz aus.

Sie haben

ebenfalls eine

Mental-Health-Offensive

angekündigt.

Wie kümmern Sie sich

um Ihre psychische

Gesundheit und

Ausgeglichenheit?

Wir fragen die Pressesprecherin lachend, ob die Seifenblasen

extra für unser Interview vorbereitet wurden. Sie verneint.

Politik

& Gesellschaft

von

DAMITA PRESSL

6


„Stark, dass es jetzt geklappt hat!“, sagt der Minister.

Eine schöne Politikerantwort.

... UND SCHMÄH

Seit Mai gilt ein Handy -

verbot an Österreichs Schulen.

Würden Sie uns Ihre eigene

Bildschirmzeit zeigen?

Und dürfen wir auch

Ihre meistgenutzten

Apps sehen?

Wir sind uns nicht sicher, ob die Frage nicht zu privat ist — aber der Minister

strahlt. „Gerne, da bin ich sehr stolz drauf, weil ich sie gerade stark reduziert

hab!“ Sein Trick: Das Handy darf weder ins Schlafzimmer noch auf die Couch.

7 Minuten am Tag auf

Instagram — Wiederkehr

hält sich selbst offenbar

auch an die Regeln, die

er den Schulen auferlegt.

2011 hat ein Expertenrat ein

zweites verpflichtendes Kindergartenjahr

vorgeschlagen — für Kin der,

bei denen zusätzlicher (Sprach-)

Förder bedarf besteht. Das soll laut

Regierung 2027 kommen — 16 Jahre

später. Das, obwohl sich die meisten

Parteien dazu halbwegs einig sind.

Was macht das mit Ihnen?

In Deutschland hat der Versuch,

mit drei Parteien eine Regierung zu

bilden, eher ungut geendet. Wie

zuversichtlich sind Sie, dass diese

Regierung in Österreich die geplanten

fünf Jahre durchhält?

Ihre Frau ist

US-Amerikanerin.

Was kann Österreich

aus Ihrer Sicht von den

USA lernen?

Wiederkehr reibt sich die Nase,

unsere Autorin schaut verwirrt.

„Wie bei ‚Wickie und die starken

Männer‘, da reibt sich Wickie

immer die Nase, wenn er nach einer

Idee sucht!“, erklärt Wiederkehr.

Unsere Autorin nimmt sich vor, mehr

Zeichentrick-Klassiker zu schauen.

„Sehr“, sagt Wiederkehr, und fügt hinzu: „Danke, das

war eine sehr kreative Aufgabe für einen Minister!“

7

Politik

& Gesellschaft


GEKOMMEN,

UM ZU GEHEN

FOTOS Laura Stolfi / stocksy.com, Lukas Köppl-Haslinger

von

LUKAS KÖPPL-HASLINGER


Österreichs Wirtschaft braucht

Arbeitskräfte aus dem Ausland.

Viele sind leistungswillig,

fleißig und hoffnungsvoll –

und können sich trotzdem kein

Leben in Österreich aufbauen.

Wir haben einen jungen

bosnischen Saisonarbeiter

begleitet.

Huse steht im Garten eines Einfamilienhauses

im Grazer Vorort Premstätten.

Er gräbt mit einem Bagger

Tonnen von Erde um. Die letzten

neun Monate hat der 23-Jährige aus

Bosnien hier als Saisonarbeiter verbracht.

Mit Schaufeln hat er Grünflächen

in Graz und Umgebung umgeackert,

mit Hebebühnen Fassaden

bepflanzt und mit einem LKW hat

er Schotter zu seinen Baustellen gefahren.

Anfang Dezember 2024 sind

die Erdhügel rund um ihn von ein

wenig Schnee und Frost überzogen.

Trotzdem trägt er keine Handschuhe.

Zwischen Zeigefnger und Daumen

bewegt er Millimeter um Millimeter

die Joysticks der Fernsteuerung, die

um seinen Bauch baumelt. Er beobachtet

dabei die Baggerschaufel mit

weit aufgerissenen Augen. Der Winter

bringt das Ende der Saison. Sein

Arbeitsvertrag und damit auch seine

Aufenthalts bewilligung laufen aus.

Es ist Huses letzter Arbeitstag in

Österreich.

9

Politik

& Gesellschaft


FOTOS Awais / adobe.stock.com, Anton Starikov / shutterstock.com, Lukas Köppl-Haslinger

Huse war von März bis Dezember

2024 einer der rund 385.000 Drittstaatsangehörigen,

die in Öster reich

arbeiten – gekommen in der Hoff nung

auf ein besseres Leben. Das entspricht

fast der Einwohnerzahl von

Graz und Villach zusammen. Das

Land bräuchte aber noch mehr Menschen,

die hier arbeiten wollen. Österreich

bewegt sich in den letzten

Jahren konstant an der Spitze der

EU-Länder mit den meisten offenen

Stellen. Die Bevölkerung altert, die

Geburten gehen zurück. Ohne Migration

können die Lücken nicht mehr

geschlossen werden. Doch auch

aus dem EU-Ausland kommen

nicht genug Menschen,

um die Jobs

zu er ledigen.

„Ich dachte, es ist ein besseres Leben. Dass ich mehr Geld verdienen

kann”, antwortet Huse auf Bosnisch auf die Frage, warum er nach Österreich

gekommen ist. Immer wieder muss er das Gespräch unterbrechen: Er tippt

und telefoniert am Handy, um seine Heimreise zu organisieren; die Koffer

sind gepackt. Von Bekannten aus der bosnischen Community bekommt er eine

Mitfahrgelegenheit in seine rund vier Stunden entfernte Heimatstadt Prijedor.

Er zieht zurück auf den kleinen Bauernhof seiner Eltern.

„Ein besseres Leben bedeutet wirtschaftliche Sicherheit“, meint er. Bekommen

hat er aber nur einen Arbeitsvertrag für sechs Monate, der dann auf

neun verlängert wurde. Länger darf ein Saison arbeiter nicht bleiben. Die kleine,

möblierte Garçonnière im Arbeiterhotel, in der er zum Ende der Saison

gewohnt hat, ist fast leer. Neben dem Sofa stehen ein Satz Autoreifen und eine

Motorsäge. Die seien in Bosnien schwerer zu bekommen als hier, erklärt er.

Seine Unterkunft wird er nicht vermissen. Am liebsten hätte Huse

eine eigene, wie er sagt, „normale“ Wohnung gehabt. Doch als

Saison arbeiter ist es die Mühe nicht wert, sich eine zu suchen

und die dann einzurichten.

„Ich möchte kein Saisonarbeiter sein. Ich möchte eine normale

Arbeit“, sagt Huse. Doch ein unbefristeter Arbeitsvertrag war

ausgeschlossen. In den Wintermonaten gibt es weniger zu tun und der

Betrieb spart Personalkosten. „Die Firma, für die ich gearbeitet habe,

hat mich bis zum Maximum ausgenutzt und dafür nur minimal bezahlt“,

erklärt Huse. Nur an Sonntagen oder wenn es geregnet hat, hat er nicht gearbeitet:

„Zweimal war ich in Graz in der Freizeit. Einmal in der Balkandisco

und einmal im Einkaufszentrum.“ Selten kam er dazu, am Wochen ende seine

Familie in Prijedor zu besuchen. Im August 2025, neun Monate nach Ende seines

Aufenthalts in Österreich, schreibt uns Huse eine WhatsApp- Nachricht:

„Ich hatte 450 Überstunden, die am Ende der Saison hätten bezahlt werden

sollen. Davon habe ich aber nur 2.400 € ausbezahlt bekommen.“

Huse ist desillusioniert, fühlt sich ausgenutzt und alleingelassen.

„Ich hätte mir jemanden gewünscht, der mir bei der Sprache und der Bürokratie

hilft.“ Eine Studie des österreichischen Landes büros des Europäischen

Migrationsnetzwerkes aus dem April 2025 analysiert die österreichischen

Regulierungen zur Zuwanderung von Drittstaats angehörigen

für Erwerbstätigkeit. Sie fasst das, was Huse erlebt hat, unter einer „ausbaufähigen

Will kommens kultur“ zusammen. Die Autorinnen der Studie

sehen Lösungen zum Beispiel in Beratungsangeboten und liberaleren

Arbeitsmarktzugangs regelungen, um eine gelungene Anwerbung von Arbeitskräften

zu ermöglichen. Es ist auch die ne gativ geführte Migrationsdebatte,

die laut Expert:innen eine erfolgreiche Rekrutierung erschwert.

„Ich möchte kein Saisonarbeiter sein.

Ich möchte eine normale Arbeit.“

Politik

& Gesellschaft

10


Als wir Huse das erste Mal treffen, will er noch bleiben. Drei Monate vor seinem

letzten Arbeitstag genießt er seinen Heimaturlaub in Prijedor. Nach

ein paar Rakija mit Freunden landet er auf der Terrasse von Verwandten.

Dort lernt er die österreichischen Freunde seines Cousins kennen. Er erzählt

stolz von seinen Baustellen und seinen Erfahrungen als LWK- und

Baggerfahrer in Graz. In den frühen Morgenstunden sitzt er breitbeinig

auf einem weißen Plastiksessel. Im Mundwinkel hängt eine Zigarette.

Da zückt er ihn: seinen EU-Führerschein. Stolz präsentiert er

seinen Schlüssel zum österreichischen Arbeitsmarkt.

Auf der Rückseite der kleinen rosa Plastikkarte

sind fast alle Felder des schwarzen Rasters mit

demselben Datum ausgefüllt: dem 5. September

2022. Da hat er seinen bosnischen Führerschein im

EU- Nachbarland Kroatien anerkennen lassen. Die

Fahrerlaubnis für LKW und Traktor macht ihn für

seinen Arbeitgeber in Österreich attraktiv.

Sein Führerschein allein verschafft ihm aber keinen

freien Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt.

Dafür braucht es zuerst die Rot-Weiß-Rot-Karte, dann

die Rot-Weiß-Rot-Karte plus. Als Saisonarbeiter geht das

nur über die Stammsaisonier- Schiene: zwei Jahre in Folge

je mindestens sieben Monate im selben Wirtschaftszweig,

A1-Deutschkenntnisse und ein unbefristetes, kollektivvertragskonformes

Jobangebot. Das wären die Auflagen für

die normale Karte. Erst nach 21 Monaten Beschäftigung innerhalb von zwei

Jahren mit dieser Karte gibt es dann die Rot-Weiß-Rot-Karte plus. Die Rot-

Weiß-Rot-Karte ist das zentrale Instrument der österreichischen Politik zur

Anwerbung von Arbeitskräften aus Drittstaaten. Auf dem Weg zu dieser Karte

fehlt aber die wirtschaftliche Sicherheit, die Huse braucht.

Ein Jahr nachdem wir Huse kennenlernen, ist er seinem Ziel von einem besseren

Leben um einiges näher. Aber eben in Bosnien. Im August 2025 ist

Huse Schüler der Polizeiakademie. „Den Wunsch, Polizist zu werden, habe

ich seit meiner Kindheit. Jetzt ist es Wirklichkeit geworden. Ich will gerecht

sein, und möchte so zur Entwicklung meines Landes bei tragen“, sagt Huse.

Er denkt kaum noch an seine Zeit in Österreich. „Ich sehe die Zeit als eine

Lebens schule, in der ich neue Erfahrungen gesammelt, andere Menschen

kennen gelernt und eine andere Sprache gelernt habe. Alles in allem habe ich

gute Lebenserfahrung gesammelt“, berichtet er. Nach Österreich zurückkehren

würde er aber nur im Notfall, wenn sich die politischen und ethnischen

Konflikte in Bosnien noch weiter verschärfen sollten oder er in seiner Heimat

gar keine Arbeit mehr fndet.

Es gibt keine amtliche Zahl darüber,

wie viele erwerbstätige Dritt staatsan

gehörige Österreich wieder verlassen.

Laut Regierungs-Wirkungsmonitoring

2023

schaffen nur 54

Prozent der Inhaber:innen

einer Rot-Weiß-Rot-Karte den Sprung

zur Rot-Weiß-Rot-Karte plus. Das

Ziel der Bundesregierung liegt eigentlich

bei 95 Prozent. Die Plus-

Karte bringt freien Arbeits marktzugang

– für viele eine Be dingung,

um langfristig zu bleiben. Die, die

sie nicht bekommen, ziehen in andere

EU-Länder weiter, erfüllen die

Vorgaben nicht oder kehren in ihre

Heimat zurück.

Der Rechnungshof Österreich

fordert Maß nahmen, die Menschen

aus Drittstaaten das Bleiben erleichtern,

und kritisiert den Mangel an

Daten zur Arbeitsmigrationspolitik.

Zudem verlangt er schnellere Verfahren

im Aufenthalts- und Arbeitsrecht

und eine Gesamtstrategie, um

Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen

und zu halten. Sonst bleiben

die Stellen weiterhin offen, während

jene, die kommen, um zu arbeiten,

wieder gehen.

11

Politik

& Gesellschaft


LAND DER C

MEHR

WOLLEN,

MEHR

LEISTEN –

MEHR

ERREICHEN?

„Welchen Berufsweg möchtest du gehen und was bist

du bereit zu tun, um deine Ziele zu erreichen?“ Diese

Fragen haben wir den Mitgliedern der Biber­ Community

gestellt – viele von ihnen mit Migrations hintergrund, viele

aus der sogenannten zweiten Generation. Wir wollten

wissen: Was erwarten sie sich von ihrer Zukunft? Wie

groß ist ihr Wille, etwas zu erreichen? Und sehen sie

in Österreich tatsächlich die Chance auf ein besseres

Leben, als es ihre Eltern hatten?

Die Ergebnisse unserer Umfrage zeichnen ein

klares Bild: Junge Menschen mit Migrationsgeschichte

wollen vorankommen – beruflich, gesellschaftlich, finanziell.

Sie sind motiviert, leistungsbereit und träumen

groß. Gleichzeitig begegnen sie strukturellen Hürden,

Erwartungen der Herkunftsfamilie – und einer Realität,

in der Leistung allein nicht immer reicht.

Was heißt das für soziale Mobilität in Österreich?

Unsere Ergebnisse zeigen, warum junge Migrantinnen

und Migranten mehr wollen – und warum sie trotzdem

nicht immer mehr erreichen.

von

DANIELA STEINKLAMMER

12


HANCEN?

DIE GROSSE

GALLUP-KARRIERE-STUDIE

EXKLUSIV FÜR BIBER

Faktencheck

ERHEBUNGSMETHODE

Online-Umfrage

in der Biber-Community und

im Gallup-Online-Panel

ZIELGRUPPE

Aktuelle und potenzielle

Leserinnen und Leser von Biber im

Alter 14+ österreichweit; mit und

ohne Migrationshintergrund

STICHPROBE

n = 500

UNTERSUCHUNGS­

ZEITRAUM

7. bis 20. Juli 2025

FOTO Javier Díez / stocksy.com

13


Vom Streben nach Erfolg

„ARBEIT IST DIE FREUDE AM LEBEN UND

DIE FRUCHT DER BEHARRLICHKEIT.“

Teilnehmer der Studie

Am Willen zum beruflichen Aufstieg fehlt es keinesfalls. 90 Prozent

der Community-Mitglieder sind bereit, Zeit und Energie zu investieren,

um im Beruf weiterzukommen. Besonders hoch ist die Motivation

unter jüngeren Befragten bis 30 Jahre und insbesondere

unter Personen mit Migrationshintergrund der zweiten Generation.

„ICH BIN BEREIT, ZEIT UND ENERGIE ZU INVESTIEREN,

UM IM BERUF WEITERZUKOMMEN.“

2 3

5

48

42

Wenn Karriereziele auf familiäre

Erwartungen treffen

Die meisten jungen Menschen aus der Biber-Community fühlen sich

in ihren beruflichen Ambitionen grundsätzlich von ihrem Umfeld

unter stützt. Aber immerhin ein Viertel der Befragten mit Migrationshintergrund

gibt an, dass die Karriereziele nicht mit den Erwartungen

der Familie übereinstimmen. Bei Befragten aus der zweiten

Generation ist es sogar ein Drittel. Auf der einen Seite stehen

traditionelle Werte und Rollenbilder, die oft aus dem Herkunftsland

der Eltern stammen. Auf der anderen Seite erleben junge Menschen

in Österreich neue Möglichkeiten sowie gesellschaftliche

Normen, und definieren so Erfolg, Selbstverwirklichung und ihren

Lebensweg neu.

Berufswahl: Inspiration beginnt oft in der Familie

Bei der Berufswahl zeigt sich: Die meisten orientieren sich am

engsten Umfeld. 36 Prozent der Community-Mitglieder suchten

Rat in der Familie, 24 Prozent im Freundeskreis. Der größte Anteil

aber – 40 Prozent – entschied ganz allein, welchen Weg er einschlagen

möchte.

INSPIRATION BEI DER BERUFSWAHL

0 20 40 60 80 100

Eltern, Familie

36

Freund:innen, Bekannte

24

Lehrer:innen

14

Stimme sehr zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu

Stimme gar nicht zu Keine Angabe

%-Werte, n = 500

Berühmte Menschen, die es

im Leben geschafft haben

11

Dieser Leistungswille geht oft mit einem ausgeprägten Bildungsbewusstsein

einher – auch innerhalb der Familien. Fast drei Viertel

der Befragten sagen, dass Bildung für sie persönlich einen sehr

hohen Stellenwert hat, beinahe gleich viele Personen berichten

Ähnliches über ihre Herkunftsfamilie.

Influencer:innen

Andere

Niemand, ich gehe

meinen eigenen Weg

5

6

40

„SCHON ALS KIND WURDE MIR VON

MEINEN ELTERN VERMITTELT, DASS ARBEIT UND

FLEISS DIR IM LEBEN VIEL WEITERHELFEN.“

Teilnehmer der Studie

%-Werte, n = 500

Politik

& Gesellschaft

14


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Top 10 Arbeitgeber und Branchen im Fokus

Wenn es um die Berufswahl geht, sind Medien und Werbung besonders

beliebt, dicht gefolgt vom öffentlichen Bereich. Auch Kunst

und Kultur, Beratung sowie Bildung zählen zu den Branchen, die viele

in der Biber-Community anziehen. Bei den abgefragten Arbeitgebern

haben sich klare Favoriten heraus kristallisiert: Ganz vorne

liegen die Stadt Wien, der ORF, die Universität Wien, die Arbeiterkammer

Wien und Red Bull.

TOP 10 BRANCHEN

TOP 10 ARBEITGEBER

0 20 40 60 80 100 0 20 40 60 80 100

Medien und Werbung

30

Stadt Wien

27

Öffentlicher Bereich

(Magistrate, Ministerien etc.)

27

ORF (Österreichischer

Rundfunk)

25

Kunst- und Kulturbereich

24

Universität Wien

24

Beratung (z. B. Lebensberatung,

Wirtschaftsberatung etc.)

23

AK Wien

(Arbeiterkammer Wien)

23

Bildung (Schulen,

Kindergärten etc.)

22

Red Bull GmbH

18

Medizinischer Bereich

20

Erste Bank Sparkassen

17

Tourismus und Freizeit

(z. B. Hotel, Gastronomie, Events)

18

ÖBB (Österreichische

Bundesbahnen)

17

Bank oder Versicherung

15

OMV (Österreichische

Mineralölverwaltung AG

13

Start-ups und IT

(z. B. Programmieren)

14

Coca-Cola HBC Austria

13

Industrie

(z. B. Maschinenbau, Produktion)

10

Wiener Linien GmbH

12

%-Werte, n = 500 %-Werte, n = 500

16


Hohe Leistungsbereitschaft:

Ja – aber bitte gut bezahlt!

Einsatz will belohnt werden: Die Erwartungen an Arbeitgeber sind

klar: Wer viel gibt, will auch viel zurück. Neben einer fairen Bezahlung

(88 Prozent) steht vor allem eines im Vordergrund: Respekt. Knapp

drei Viertel der Befragten erwarten Wertschätzung, gefolgt von

sicheren Arbeitsverhältnissen, Aufstiegsmöglichkeiten, einer sinn­

stiftenden Tätigkeit und einer ausgewogenen Work-Life-Balance.

Bei den bis 30-Jährigen ist der Wunsch nach Karriereentwicklung

besonders stark ausgeprägt: 71 Prozent nennen Aufstiegsmöglichkeiten

als zentrales Kriterium bei der Arbeitgeberwahl.

ERWARTUNGEN AN ARBEITGEBER

0 20 40 60 80 100

Gute Bezahlung

88

Respekt

72

Ein sicherer Arbeitsplatz

59

Möglichkeit, weiterzukommen

58

Sinnvolle Tätigkeiten

58

Work-Life-Balance (z. B. flexible Arbeitszeiten, Homeoffice)

58

Gute Chef:innen

51

Möglichkeit zur Weiterbildung

48

Team-Spirit

45

Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft

37

Vielfalt, Diversität

28

Anderes

4

%-Werte, n = 500

„ICH FINDE ES WICHTIG, DASS ARBEIT NICHT NUR

GUT BEZAHLT IST, SONDERN AUCH FREUDE MACHT UND

MAN SICH DABEI WOHLFÜHLT. EIN GUTES ARBEITSKLIMA UND

WERTSCHÄTZUNG SIND MIR SEHR WICHTIG.“

Teilnehmer der Studie

17

Politik

& Gesellschaft


Österreich: Ein Land der Chancen?

Hohe Ambitionen treffen auf wachsenden

Realismus

„ES IST SCHADE, DASS SO VIEL

POTENZIAL VERSCHWENDET WIRD, WEIL

ES IN ÖSTERREICH NUR DARUM GEHT, WEN MAN

KENNT UND WEN NICHT, WAS MAN KANN ODER

BEREIT IST ZU TUN. LEISTUNG ZAHLT SICH

NICHT AUS, DESHALB SIND VIELE FRUSTRIERT

UND HABEN SCHON AUFGEGEBEN.“

Teilnehmerin der Studie

„MAN KOMMT NUR DURCH BEZIEHUNGEN

ANS ZIEL, DAS IST TRAURIG.“

Teilnehmerin der Studie

Die gute Nachricht vorweg: Österreich wird mehrheitlich als Land

der Chancen wahrgenommen. Rund zwei Drittel der Community­

Mitglieder sind der Meinung, dass man hier alles erreichen kann,

wenn man will. Und 78 Prozent der Befragten glauben, bessere

Chancen auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg zu

haben als ihre Eltern. Dieser Glaube ist besonders unter Migrant:innen

der zweiten Generation stark verbreitet.

„IN ÖSTERREICH KANN MAN ALLES ERREICHEN,

„IM VERGLEICH ZU MEINEN ELTERN HABE ICH

WENN MAN WILL.“

BESSERE CHANCEN AUF GESELLSCHAFTLICHEN

UND WIRTSCHAFTLICHEN AUFSTIEG.“

6 2

20

25

17

39

47

39

Stimme sehr zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu

Stimme gar nicht zu Keine Angabe

%-Werte, n = 500

4 1 18

Stimme sehr zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu

Stimme gar nicht zu Keine Angabe

%-Werte, n = 500

Politik

& Gesellschaft


Gleichzeitig ist das Vertrauen in das Prinzip der Leistungsgesellschaft

brüchig. Gerade jene, die am stärksten nach Erfolg streben,

sind skeptischer: Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation

und junge Menschen bis 30 Jahre bezweifeln stark, dass Leistung

und eine gute Ausbildung allein ausreichen. Sie glauben eher

an das vielzitierte Vitamin B – die richtigen Beziehungen, die laut

unserer Community ganz besonders entscheidend für beruflichen

Erfolg sind. Immerhin: Deutschkenntnisse, Mut, Dranbleiben, Offenheit

für Neues und Glück wurden auch genannt.

ERFOLGSFAKTOREN IN ÖSTERREICH

0 20 40 60 80 100

Eine gute Ausbildung

66

Beziehungen

66

Fleiß

60

Sich etwas trauen

51

Offen sein für Neues

51

Glück

50

Dranbleiben

45

Perfekt Deutsch können

43

Anderes

5

%-Werte, n = 500

„OFT KOMMT MAN NUR MIT VITAMIN B AN

SUPER JOBS IN ÖSTERREICH, AUSSER MAN TRAUT

SICH ETWAS UND MACHT WAS EIGENES.“

Teilnehmerin der Studie

Auch bei der Frage nach dem Traumberuf klafft eine Lücke zwischen

Ideal und Realität. Künstlerin, Influencer, Unternehmerin,

Manager oder Ärztin – das sind die meistgenannten Wunschberufe

bei jungen Menschen bis 30 Jahre. Doch nur ein kleiner Teil glaubt,

diesen Beruf tatsächlich ausüben zu können. Die Gründe dafür sind

vielfältig: strukturelle Hindernisse, fehlende Netzwerke, finanzielle

Unsicherheiten – und nicht zuletzt das Gefühl, dass bestimmte

Wege schlicht „nicht allen offenstehen“.

„DIE SCHWIERIGKEIT DER

BERUFSWAHL BE STAND FÜR MICH PERSÖNLICH

DARIN, DASS DIE SICHERHEIT EINES

MITTLEREN EINKOMMENS UND DER WUNSCH,

MICH KÜNSTLERISCH ZU ENTFALTEN,

NICHT IMMER LEICHT UNTER EINEN HUT

ZU BRINGEN SIND.“

Teilnehmer der Studie

19

Politik

& Gesellschaft


Wenn ich alles gebe, dann will ich

auch alles bekommen.

Junge Erwachsene mit Migrationsbiografie wollen gestalten,

Verantwortung übernehmen, und sie sind auch

bereit, dafür zu arbeiten. Was sie einfordern: faire Bedingungen,

echte Chancen und ein Umfeld, das ihre

Ambitionen nicht ausbremst, sondern stärkt.

Bildung und beruflicher Erfolg stehen für sie im

Zentrum ihres Aufstrebens. Sie wollen nicht nur ein

besseres Leben als ihre Eltern, sie sehen es auch als

realistisch an – und setzen sich entschlossen dafür ein.

Doch trotz all dieser Energie und des individuellen

Engagements bleibt soziale Mobilität für viele ein

herausfordernder Weg. Denn während Österreich auf

dem Papier Chancengleichheit verspricht, erleben

viele eine Realität, in der Herkunft, Sprache, familiäre

Netzwerke oder auch subtiler Alltagsrassismus eine

Rolle spielen. Das führt zur Einschätzung: Beziehungen

zählen oft mehr als Bildung.

Gleichzeitig findet ein Wertewandel statt: Junge

Menschen wollen nicht nur Karriere machen, sondern

auch in einem Umfeld arbeiten, das Wertschätzung,

Sinn und Entwicklungsperspektiven bietet. Aufstieg

ja – aber nicht um jeden Preis. Neben guter Bezahlung

erwarten sie Respekt, Aufstiegsmöglichkeiten und

Work-Life-Balance.

Ganz nach dem Motto: Wenn ich alles gebe, dann

will ich auch alles bekommen.

Es liegt nun an Politik, Bildungssystem und Arbeitswelt,

diese Potenziale ernst zu nehmen, gezielt zu

fördern – und den Weg nach oben nicht nur für einige,

„Junge Menschen mit

Migrationshintergrund leben

oft in zwei oder sogar

mehr Kulturen.

Sie balancieren jeden Tag

zwischen unterschiedlichen

Erwartungen und gesellschaftlichen

Bedingungen.

Das macht sie kreativ,

anpassungsfähig und resilient.

Wer ihnen die Möglichkeit gibt,

ihre Talente einzubringen,

stärkt unsere Gesellschaft.“

Mag. Dr. Andrea Fronaschütz

Geschäftsleiterin und Gesellschafterin

Österreichisches Gallup-Institut

sondern für alle offen zu halten.

Melde dich mit ein paar Klicks für unsere

Umfragen an! Für deine Meinung gibt es

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Politik

& Gesellschaft

20


Vergessene Prinzipien

Die soziale Marktwirtschaft hat über Jahrzehnte dafür gesorgt,

dass Österreich als kleine Nation überdurchschnittlich

erfolgreich war: Jeder zweite Euro wurde hierzulande im Export

verdient. Irgendwann haben wir dann aber auf die wichtigsten

Prinzipen dieses Erfolgs modells vergessen…

fähigkeit des Staatshaushalts hoff-

Die Abgabenquote ist so hoch

nungslos überfordert haben. Spätes-

wie nie und viel zu viele Menschen

tens seit 2019 ist die Ausgabenwut der

arbeiten, auch ohne jegliche Betreu-

öffentlichen Hand außer Kontrolle

ungspflichten, lieber Teilzeit als Voll-

geraten. Während der Corona- Jahre,

zeit. Mit ein Grund dafür ist, dass

aber auch während der Energiekrise,

in kaum einem anderen Land mehr

Mag. Christian C. Pochtler

Präsident der

Industriellenvereinigung (IV) Wien

verschärft durch den Angriffskrieg

Russlands in der Ukraine, wurden

Milliarden per Gießkanne verschüttet,

was wiederum die Inflation in

Leistung, also etwa das Aufstocken

der Arbeitszeit auf Vollzeit, so wenig

belohnt wird wie in Österreich. Wenn

mehr Arbeitsstunden nur zu einem

rekordverdächtige Höhen getrieben

unwesentlichen Anstieg des Netto-

hat, was wiederum zu enormen Lohn-

lohns führen, der den Menschen am

und Gehaltserhöhungen geführt hat.

Ende auch in der eigenen Tasche

Im Ergebnis stehen wir heute

bleibt, dann läuft etwas grundlegend

vor einem veritablen Desaster: Öster -

falsch.

Die soziale Marktwirtschaft hatte

reich ist als Standort nicht einmal

Wir werden über kurz oder lang

immer eine klare Ausrichtung: Mit

mehr im Vergleich zu unseren direkten

in unserem Land um grundlegen-

Leistung und Einsatzwillen mög-

EU-Nachbarn konkurrenzfähig. Der

de Reformen nicht herumkommen,

lichst vieler sollen jene Mittel ver-

ehemals größte Dienstgeber des Lan-

offenbar ist der Leidensdruck aber

dient werden, die dann auch zur sozi-

des, die Industrie, schrumpft weiter -

wohl noch nicht groß genug. Das ist

alen Absicherung aller aufgewendet

hin ungebremst. Investitionen wan-

gefährlich, denn der aktuelle Weg un-

werden. Der moderne Wohlfahrts-

dern ins Ausland, und als Unterneh-

seres Landes führt zwangsläufg zu

staat ist damit die Folge dieses er-

mer muss man sich mittlerweile echt

einem Ergebnis: Weniger Wohlstand

arbeiteten Wohlstandes, nicht etwa

die Frage stellen, ob es überhaupt

für alle. Das ist im Sinne der Genera-

die Quelle. Irgendwann scheint sich

aber genau hier eine komplett schiefe

Optik eingeschlichen zu haben. Wir

erleben heute im gesamten „Westen“

teilweise ein abenteuerliches

Anspruchsdenken. Staatliche Leistungen

und Unterstützung werden

als selbstverständlich erachtet, der

Staat soll nach Möglichkeit alle Risiken

des Lebens abdecken, für alle

und jederzeit.

Nicht nur in Österreich hat der

Glaube an den allmächtigen Nannystaat

dazu geführt, dass wir die Trag -

noch sinnvoll ist, in Österreich Geschäfte

machen zu wollen.

Mittlerweile hat die öffentliche

Hand die Industrie als größten Arbeitgeber

abgelöst. Wir leisten uns

den teuersten Sozialstaat in der EU,

während gleichzeitig der Schuldenberg

ungebremst wächst. Nachhaltig

und zukunftsfähig ist das auf keinen

Fall. Und dennoch scheinen wir unfähig,

den notwendigen Wandel einzuleiten.

Echte Strukturreformen, ob

nun bei den Pensionen oder in der Verwaltung,

werden maximal diskutiert.

tionengerechtigkeit der völlig falsche

Weg, denn die Zeche dafür werden

die Jungen zahlen müssen!

Für echte Veränderung wird

es aber eben auch ein gesamtgesellschaftliches

Umdenken geben müssen.

Wir alle müssen uns wieder an

die Tugenden der sozialen Marktwirtschaft

erinnern. Wir alle müssen

einsehen, dass wir unseren gut ausgebauten

Sozial- und Wohlfahrtsstaat

nur dann erhalten können, wenn wir

auch alle bereit sind, mit eigener

Leistung etwas dazu beizutragen.

in Kooperation mit der IV-Wien FOTO © Noll

21

Politik

& Gesellschaft


Wie schafft man es bis ganz

nach oben, wenn die Eltern einem

dabei nicht helfen können?

Dr. Asif Butt forscht an der renommierten

London School of Economics zu sozialer Klasse,

sozialer Mobilität und Eliten.

Er hat uns erklärt, was die Wissenschaft zu

sozialer Mobilität weiß.

Wenn jemand, der nicht unter Ärztinnen, Managerinnen

oder Anwälten aufgewachsen ist, einen akademischen

Beruf anstrebt, was wären Ihre Ratschläge?

Die erste Frage ist, wer in welchen

Kinder garten geht, in welche Volksschule,

wer auf einer weiterführenden Schule landet, die

überhaupt eine Matura anbietet. So haben junge

Menschen erst die Möglichkeit, einen akademischen

Beruf zu erlangen. Das Schulsystem selektiert von

vornherein Menschen aus, die gar nie an die Universität

gehen können.

Für jene, die aber Matura machen und es an die

Uni schaffen, sind Vorbilder extrem wichtig. Das

merken wir immer wieder, sowohl in Umfragen mit

vielen Teilnehmern als auch in Einzelinterviews.

Oft ist es Zufall: Junge Menschen stoßen auf jemanden,

der ganz maßgeblich ihre Bildungs- und ihre berufliche

Karriere beeinflusst. Das Umfeld spielt hier

eine große Rolle: Wen kenne ich eigentlich? Wer ist

mein soziales Umfeld, mit wem hänge ich ab? Und

wer kann mir konkrete Ratschläge geben? Ich würde

mir Leute suchen, die Vorbilder sein können und die

auch meine persönliche Situation verstehen.

Der zweite Tipp: Viele Universitäten und Hochschulen

bieten Möglichkeiten, sich zu informieren

und als Erstakademiker Fuß zu fassen. Auch Stipendienprogramme

können helfen.

Ist es als Unternehmerin oder Influencer einfacher,

auch ohne langjährige Ausbildung aufzusteigen?

Wenn ich eine großartige Geschäftsidee habe, ist es

doch egal, aus welcher Familie ich komme.

Mit der Annahme wäre ich vorsichtig. Es

gibt eine große Hürde für Unternehmer

aus unprivilegierten Schichten. Top-

Unternehmer bekommen häufg erstmal

Kapital von Freunden und Familie, das sie

in ihre Idee investieren können. Ob ich hier auf Geld

zugreifen kann oder nicht, macht einen riesigen Unterschied.

Auch die Risikobereitschaft ist ein Kernaspekt:

Kann ich es mir leisten, einen unkonventionellen

Karriereweg zu gehen, Lehre oder Studium

liegen zu lassen und meine Idee umzusetzen? Das

ist natürlich etwas anderes, wenn ich nebenher noch

versuchen muss, die Rechnungen zu zahlen. Auch

soziales und kulturelles Kapital zählen: das eigene

Netzwerk, wie gut ich mich ausdrücken, präsentieren,

meine Idee pitchen kann. Ich glaube, Unternehmertum

ist nicht so offen, wie man denkt.

Inwieweit prägen die Eltern, das direkte familiäre Umfeld und deren

Erwartungen Bildungs- und Karrierewege?

Wir nennen das den Bildungstrichter: Jemand aus

einem Nicht-Akademiker-Haushalt geht selten an

die Hochschule, noch seltener macht er oder sie einen

Bachelorabschluss, noch seltener einen Master

und am seltensten ist die Promotion. Sowohl Einkommen

als auch Bildungsabschlüsse und Vermögen

werden sehr stark vererbt. Wer aus einem

Akademiker haushalt kommt, macht eher Matu-

Politik

& Gesellschaft

von

DAMITA PRESSL

22


ra und wird eher Akademiker. Und auch der Beruf

selbst wird vererbt: 20 Prozent der Anwälte in den

größten deutschen Wirtschaftskanzleien kommen

aus juristischen Haushalten. Diese Kinder wurden

häufg in irgendeiner Form von ihrem Zuhause geprägt.

Aber natürlich gibt es für Kinder ohne Akademikereltern

auch Wege, und ich glaube, es muss

ohne hin nicht jeder studieren, um erfolgreich zu

sein. Die Eltern sind jedenfalls der Maßstab, an dem

wir sozialen Aufstieg messen. Wir schauen uns an:

Wo steht jemand im Vergleich zu den Eltern? Und wo

stehen die im Vergleich zu den Großeltern? Sowohl,

was den Bildungsabschluss als auch Einkommen,

Vermögen und soziales Prestige angeht.

Was haben die Menschen, die im Vergleich zu ihren Eltern besser

dastehen, gemeinsam?

Erstens haben sie meistens gute schulische Leistungen

erbracht und es auf die Uni geschafft. Leistung

ist ein absolut wichtiger Punkt. Auch die konkrete

Studien- und Berufswahl zählt: Nach einem Jusoder

BWL-Studium sind die Karrierewege klarer als

etwa in den Geistes- und Sozialwissenschaften und

führen eher zu einem Einkommensaufstieg.

Dann sind es eben die Vorbilder: Die Leute,

mit denen ich spreche, erzählen mir häufg, dass

sie irgend wann irgendjemandem begegnet sind,

zum Beispiel dem Vater eines Schulkameraden – oft

durch kompletten Zufall –, der ihnen unter die Arme

griff und zum Beispiel ein Praktikum ermöglichte.

Und es gibt Persönlichkeitszüge, die helfen.

Ambitioniert sein, Drive haben, sich nicht unterkriegen

lassen, kreativ und lösungsorientiert denken.

Ich glaube, soziale Aufsteigerinnen haben oft

eine Art Street Smartness, die Menschen aus bessergestellten

Haushalten gar nicht kennen. Aufsteiger

müssen sich ihre eigenen Chancen erkämpfen.

Ist der soziale Aufstieg für Menschen mit Migrationshintergrund

schwieriger?

Menschen mit Migrationshintergrund sind häufger

auch aus bildungs- und einkommensbenachteiligten

Milieus, gerade, wenn sie etwa aus Gastarbeiterfamilien

kommen. Aber Migrationshintergrund ist

nicht gleich Migrationshintergrund. Derzeit wird

Migrationshintergrund oft als binäre Variable zusammengefasst:

Man hat ihn, oder man hat ihn

nicht. Aber jemand, der in den USA geboren wird,

dessen Eltern Diplomaten sind, hat eine ganz andere

Lebensrealität als ein Kind türkischer Gastarbeiter.

In der Forschung landen diese beiden Personen aber

in der gleichen Kategorie: Migrationshintergrund.

Man muss da genauer hinsehen: Es geht nicht nur

um den Hintergrund, sondern um die Migrationsgeschichte.

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24


IVONA

Ihr Weg zum Erfolg

Österreichs Siebenkämpferin

über ihre Wurzeln,

die Kraft ihrer Familien geschichte

und ihren Weg an die Spitze

DADIĆ

Text von

Fotos

Hair & Make-Up

ANDJELA CEGAR APOLLONIA THERESA

D.AGENTUR,

25 BITZAN

CHRISTINE SUTTERLÜTY

Magazin


Über dem Bett hängt der Big Ben, auf Papier, mitten im

Jugend zimmer von Ivona Dadić.

Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen 2012

druckt die damals 18-Jährige ein Bild des Wahrzeichens der

britischen Hauptstadt aus, hängt es an die Wand und sagt

sich: „Ich fahre nach London.“

Akribisch notiert sie die Ergebnisse, die sie im Siebenkampf

für die Olympiaqualifikation erreichen muss. Beim

Weitsprung sind es 6,14 Meter.

Beim entscheidenden Mehrkampf-Meeting in Götzis

springt sie diese Weite – auf den Zentimeter genau.

Mit 5959 Punkten bricht sie außerdem den seit 1985

bestehenden österreichischen Mehrkampf­ Rekord und stellt

in fünf von sieben Disziplinen persönliche Bestleistungen auf.

Damit qualifiziert sich Ivona Dadić für die Sommer spiele

2012 in London. Sie schreibt Geschichte als erste Österreicherin

im Siebenkampf bei den Olympischen Spielen und

läuft als jüngste Athletin ihres Feldes ins Olympiastadion ein.

Dieser Meilen stein ebnet den Weg für eine Karriere, die sie

zu einem der Aushängeschilder der heimischen Leichtathletik

macht.

Mehr als zehn Jahre später stehen in ihrer Bilanz mehrere

Top-Ten-Platzierungen bei internationalen Großereignissen,

EM-Silber im Hallenfünfkampf 2017, WM-Silber im Hallenfünfkampf

2018 und zwei weitere Olympiateilnahmen. Doch

Erfolg bedeutet für Ivona Dadić nicht nur große Momente. Er

ist das Ergebnis unzähliger kleiner Schritte: im Training, nach

Verletzungen, vor einem großen Sprung, einer Hürde oder

dem Speerwurf.

„Sich keine Grenzen setzen, Disziplin,

Durchhaltevermögen und Mut – das sind

für mich die Grundvoraussetzungen,

um es als Leistungssportler überhaupt

schaffen zu können“, sagt die

Oberösterreicherin mit kroatischen Wurzeln.

Magazin

26


Man darf sich keine

Grenzen setzen

„Niemand hätte damals damit gerechnet,

dass ich das schaffe. Also wirklich niemand,

außer ich selbst“, erinnert sich die heute

31-Jährige an ihre Olympiapremiere in London. „Man darf

sich keine Grenzen setzen. In einem steckt so viel mehr, als

man glaubt.“

Diese Einstellung begleitet sie seit ihrer Kindheit. Mit

neun Jahren meldet sie sich als einziges Mädchen in der ganzen

Schule für die Lauf-Olympiade an. „Unsere Direktorin ging

damals durch die Klassen und kein einziges Mädchen wollte

mit machen. Also war ich eben die Einzige, die sich traute.“

In diesem Schuljahr schreibt sie ins Abschlussbuch der dritten

Klasse Volksschule auf die Frage, was sie einmal werden

möchte: „Olympiasiegerin im Laufen“. Es ist der Beginn einer

Leidenschaft, die sie bis heute antreibt.

Dass sie sich im Sport wie im Leben viel zutraut, hat

auch mir ihrer Familiengeschichte zu tun. Als Tochter kroatischer

Kriegsflüchtlinge wächst Ivona mit dem Bewusstsein

auf, dass man sich seinen Platz erkämpfen muss. „Meine Eltern

haben ihr Zuhause, ihre Arbeit und Familie hinter sich gelassen

und sind in Österreich angekommen, ohne die Sprache

zu sprechen.“

Der Anfang war hart. In den ersten Jahren in Österreich

erkrankt ihr Vater Nino schwer. „Meine Mama musste

plötzlich alles sein – Mutter, Vater und zugleich die einzige

Einnahmequelle.“ Ivona kommt in Wels auf die Welt und spricht

am ersten Kindergartentag kein einziges Wort Deutsch. Um

ihr zu helfen, lernt ihre Mutter die Sprache und beherrscht

sie als Erste in der Familie fließend. So findet sie sich auch am

schnellsten in der neuen Umgebung zurecht.

„Ich bin

sehr stolz auf meine Mama. Sie ist

mein größtes Vorbild. Was sie geschafft

hat, schafft nicht jeder.“

Die Kindheitsjahre haben Ivona geprägt: „Ich habe

zu Hause gesehen, dass meine Mama nie nachgelassen und

immer Gas gegeben hat. Dass man immer stark ist. Das hat

mich zu der resistenten Athletin gemacht, die ich heute bin.“

27 Magazin


Daran glauben, dass

mehr möglich ist, als man

denkt – und dann

hart dafür arbeiten

„Einmal etwas zu gewinnen, ist eigentlich

einfach. Aber dort oben zu bleiben, immer

wieder zu gewinnen und abzuliefern,

ist viel schwerer“, sagt die Mehrkämpferin.

„Es erfordert enorme Disziplin, Leistungssport auf

diesem Niveau zu betreiben.“

Dazu gehören jahrelanges tägliches Training, die richtige

Ernährung und das Weitermachen nach Niederlagen. Und

dennoch gab es in Ivonas Laufbahn nur wenige Tage, an denen

ihr die Motivation fehlte. „Erst spät in meiner Karriere habe

ich erlebt, wie es ist, für gewisse Dinge keine Motivation zu

haben.“

Diese Disziplin, sich zurückzukämpfen und nicht aufzugeben,

zeigt sich besonders in schweren Zeiten, etwa nach

einer Knie-Operation im Herbst 2022. Ivona fällt für 16 Monate

aus.

„Als Sportler spricht man wenig über die Schattenseiten

– über Verlet zungen, Selbst zweifel, Phasen, in denen es

einem nicht gut geht“, sagt Ivona rückblickend. Umso wichtiger

war für sie die Entscheidung, im Sommer 2023 ihr Umfeld

zu verändern und nach Stockholm zu ziehen, um unter Trainer

Vlado Petrović einen sportlichen Neustart zu wagen. „Er hat

mir geholfen, die Liebe zum Sport wiederzufinden, das Gute

zu sehen und nicht immer nur das, was nicht gut läuft.“

Doch auch ihr Comeback Anfang 2024 verläuft nicht

ohne Rückschläge. Beim Qualifikationsmeeting in Ratingen

stürzt sie im 100-Meter-Hürdenlauf und muss den Mehrkampf

abbrechen. Der Traum von den Olympischen Spielen in

Paris ist geplatzt.

Für viele wäre das ein Moment gewesen, in dem Selbstzweifel

die Überhand nehmen. Für die österreichische Sportlerin

des Jahres 2020 ist es ein weiterer Anlass, ihre größte

Stärke zu beweisen: das Aufstehen nach dem Fallen.

„Was mich als Athletin und als Mensch

aus zeichnet, ist, immer wieder aufzu stehen

und nie aufzugeben.

Diese Charakter eigenschaft habe ich von meiner Mama:

Daran glauben, dass mehr möglich ist, als man denkt – und

dann hart dafür arbeiten.“

Magazin

28


Familie ist für

mich das Wichtigste

In ihrer bisherigen Laufbahn hat Ivona Dadić immer wieder bewiesen,

dass Durchhaltevermögen zu ihren größten Stärken

zählt – nicht nur im Sport, sondern auch im Leben. Ihre Karriere

ist geprägt von Verletzungen, Rückschlägen und Comebacks.

Der wohl größte Beweis dafür liegt in einem Schicksalsschlag,

der ihr Leben nachhaltig verändert und sie stärker

prägt als jede sportliche Erfahrung.

Als Ivona 14 Jahre alt ist, verliert sie ihren 18-jährigen

Bruder Ivan bei einem Motorradunfall. Zu seinem Gedenken

lässt sie sich an der Innenseite des rechten Unterarms, direkt

über der Handfläche, ein kleines Kreuz mit seinem Namen in

geschwungenen Buchstaben tätowieren. Seitdem trägt sie

bei jedem Wettkampf ein Bild von ihm bei sich. Es gibt ihr Kraft.

„Diese Schicksalsschläge,

die Werte meiner Eltern und

mein eigener Antrieb – all das

zusammen hat mich zu einer

stärkeren Persönlichkeit und

Athletin gemacht.“

Auch aus diesem Tief kann sie sich mit Hilfe des Sports

und des starken Zusammenhalts in der Familie zurückkämpfen.

Ein Rückhalt, der für sie bis heute von unschätzbarem Wert

ist. „Familie ist für mich das Wichtigste“, betont Ivona. Die kroatischen

Werte und Traditionen, mit denen sie aufge wachsen

ist, möchte sie eines Tages auch an ihre Kinder weitergeben.

„Der Zusammenhalt in einer kroatischen Großfamilie ist etwas

Besonderes. Meine Familie war immer meine große Stütze und

mein Rückzugsort – und das möchte ich mir unbedingt bewahren.“

„Ich bin stolz auf meine Wurzeln und das ist mir auch

von Anfang an mitgegeben worden“, sagt Ivona. Neben diesem

Einfluss vertraut die mehrfache Staatsmeisterin auf ihren

un erschütterlichen Eigenantrieb: „Für mich ist das selbstverständlich,

dass ich eine große Eigenmotivation mitbringe.“

Doch sie gesteht: „Es gibt Tage, an denen es mir schwerer fällt.“

Obwohl sie viel Durchhaltevermögen besitzt, weiß Ivona,

wie wichtig es ist, an schweren Tagen „ein Umfeld zu haben,

das einem den nötigen Schubs in die richtige Richtung gibt.“

In jungen Jahren waren das vor allem ihre Eltern, heute zählen

dazu auch ihr Verlobter Dario Glavaš, Freunde, ihr Trainer und

ihre Trainingspartner. Umgeben von all diesen Menschen und

voll Charakterstärke blickt Ivona entschlossen ihrem großen

Ziel entgegen: „In meiner Karriere noch einmal an meine Bestleistung

heranzukommen.“

29

Magazin


Rund 50 Kilometer Luft linie

trennen Wien und Bratislava.

Zum Pendeln eine machbare Distanz,

die aber trotzdem mehr als

zwei Stunden täglich kostet.

Auch einige junge Slowak:innen

haben sich für diesen Arbeitsweg

und gegen einen Umzug entschieden.

Auf der Suche nach ihren

Motiven und unterwegs zwischen

zwei Hauptstädten.

ATTRAKTIVE ARBEIT,

Magazin

von

ALEXANDER WIEDER

30


„Das Frühaufstehen ist anstrengend, aber ich bin

gerne im Büro“, sagt der 23-jährige Wirtschaftsstudent

Adam. Er pendelt täglich von seiner Heimatstadt

Bratislava nach Wien und wieder zurück. Denn

er weiß, mit Arbeitserfahrung im Ausland hat er später

bessere Chancen.

Heute ist Donnerstag, da kann Adam schon um

14 Uhr aus der Arbeit gehen. Im sommerlich lockeren

Businesslook mit lachsfarbenem Polo-Shirt und

weißen Adidas-Sneakers tritt der junge Slowake

auf den Otto-Wagner-Platz neben dem Alten AKH.

Bei mehr als 30 Grad Anfang August ist hier sonst

kaum jemand unterwegs. Mit einem einladenden

Lächeln im Gesicht kündigt er seine Reise an: „Los

geht’s!“ Mit der U2 und U1 ist er in einer halben Stunde

am Hauptbahnhof. Der Bahnsteig 12 ist bereits

voll mit Reisenden, ihren Rucksäcken und Koffern.

Alle haben dasselbe Ziel: In erster Linie ist das nicht

Bratislava, sondern ein Sitzplatz. Später zusteigen

be deutet auch heute, dass man stehen muss.

Junge Leute wie Adam, die diesen weiten Arbeitsweg

auf sich nehmen, gibt es verhältnismäßig

wenige. Es sind eher Menschen im mittleren Alter,

die sich woanders schon ein Leben aufgebaut haben.

Im Jahr 2024 pendelten im Schnitt rund 11 000 Menschen

zwischen 15 und 24 Jahren aus dem Ausland

nach Österreich. Sie machen nur rund 7 Prozent aller

Grenzpendler:innen aus. Adam ist einer davon.

Alle 30 Minuten verlässt ein Zug den Hauptbahnhof

Wien Richtung Bratislava-Petržalka und

braucht dafür fast genau eine Stunde. Den Weg

kennt Adam nur zu gut. Jeden Dienstag, Mittwoch

und Donners tag ist er etwa vier Stunden unterwegs

und legt dabei knapp 180 Kilometer an Wegstrecke

zurück. Pro Monat kommt er auf mehr als 52 Stunden

und rund 2300 Kilometer Arbeitsweg – in etwa eine

Fahrt von Wien nach Madrid.

„In Wien sind die Öffs super. Als Student zahle

ich für das Semesterticket 75 Euro. Nur jetzt in den

Ferien muss ich halt Fahrscheine zwicken. Das kostet

mich zusätzlich zirka 50 Euro pro Monat“, erzählt

Adam mit dem Rücken in Fahrtrichtung sitzend. Für

die gesamte Strecke kommt er in der Ferienzeit auf

etwa 150 Euro monatlich.

Wegen eines besseren Gehalts macht er das

Ganze aber nicht, zumindest noch nicht. Adam

möchte später einmal im Ausland leben und arbeiten.

Um seine Chancen zu erhöhen, hat er zuerst in

Schottland seinen Bachelor gemacht und studiert

aktuell an der Uni Wien „Applied Economics“. Für

ein 20-Stunden-Praktikum arbeitet er seit zwei Monaten

bei der Finanzmarktaufsicht, das „schaut gut

im Lebenslauf aus“.

ITER WEG Diese

MP Studio / adobe.stock.com

Reportagereise fand im Rahmen des Projekts „Eurotours“ statt und wurde aus Mitteln des Bundes und der EU mitfinanziert. FOTO

31

Magazin


SPRACHE ALS SPRUNGBRETT

Die Tore zu Studium und Arbeit haben sich für

Adam durch seine Schulbildung aufgetan. Schon im

Kindergarten haben ihn seine Eltern auf die Deutsche

Schule Bratislava geschickt, in der die gesamte

Schulzeit bis zum Abitur durchlaufen werden kann.

Hier hat Adam seine ersten Wörter auf Deutsch

gelernt und spricht die Sprache heute ausgezeichnet.

Trotzdem hatte er

Angst, keine Chance auf

das Praktikum zu haben,

denn in der Stellen ausschreibung

stand „sehr

gute Deutschkenntnisse“.

„Ich hatte davor vier Jahre

nicht mehr Deutsch gesprochen“,

meint Adam.

Selbst eine kurze Unterhaltung

mit ihm reicht

aus, um zu hören, dass

seine Angst unbegründet

war.

Katarína kann nicht

Deutsch. Sonst wäre sie

vielleicht in Wien geblieben.

„So gut wie all meine

Freunde haben außerhalb

der Slowakei studiert

oder sind zumindest auf

Erasmus gewesen“, erzählt

sie auf Englisch.

Die 25- jährige Slowakin

mit Kurzhaarschnitt und

dezentem Nasenpiercing

kommt ursprünglich aus

Piešťany. Heute arbeitet

sie für das Youth Hub Bratislava,

das erste städtische

Jugendzentrum, das

im Mai 2024 eröffnet wurde.

Auch sie hat in Wien an der Angewandten studiert

und ist nach ihrem Abschluss in „Social Design“

zurück in die Slowakei gegangen. Doch viele kehren

nicht zurück, weil „sie glauben, das Leben wäre außerhalb

der Slowakei besser“, meint Katarína und

zuckt mit den Schultern. Sie nennt es einen regelrechten

„Brain Drain“, den sie einerseits nachvollziehen

kann: Im Ausland sind die beruflichen Chancen

schließlich besser. Andererseits fügt sie hinzu: „Das

bedeutet natürlich, dass diese Leute bei der Entwicklung

unseres Landes fehlen.“

Tatsächlich werden Schätzungen zufolge zirka

60 Prozent der rund 32 000 Auslandsstudierenden

nach ihrem Abschluss nicht in die Slowakei zurückkehren.

Dazu kommen jene Arbeitskräfte, die ohnehin

bereits außerhalb des Landes beschäftigt sind,

die meisten von ihnen im Nachbarland Tschechien.

Hier arbeiten mehr als 240 000 Slowak:innen. Die

Gehälter dort sind wesentlich höher, die Kaufkraft

ähnlich, die Sprachbarriere

gering.

Doch auch Österreich

ist ein attraktives

Ziel. In Wien hatte Katarína

während ihres Studiums

den Eindruck, die

Leute hätten eine bessere

„Work-Life-Balance“ als

in der Slowakei. Warum

sie selbst nicht in Wien

geblieben ist, beantwortet

sie lachend: „Ich würde

liebend gerne in Wien arbeiten

und leben, aber leider

kann ich kein Deutsch

und so ist es schwierig, im

Kulturbereich einen Job

zu fnden.“ Dabei hätte

es sich fnanziell gelohnt,

sagt sie: „Selbst wenn

man einen Job in der Slowakei

fndet, ist er meistens

schlecht bezahlt.

Ich habe in Wien Miete

bezahlt und jetzt auch in

Bratislava und die Kosten

sind vergleichbar. Man

zahlt vielleicht eine Spur

mehr Miete in Wien, verdient

aber auch wesentlich

mehr.“

POLITISCHE UMWÄLZUNGEN

Dass es junge Slowak:innen nach draußen zieht, liegt

auch am Bildungssystem, sagt Adam: „Die slowakischen

Unis haben schlechtes Equipment, weil sie

der Staat zu wenig unterstützt, und können deshalb

kaum Forschung betreiben.“

Aber Adam und Katarína sind sich einig: Die

politische Lage in der Slowakei ist einer der Hauptgründe,

das Land zu verlassen. Der Linkspopulist

Robert Fico regiert seit Herbst 2023 das Land. Als

Premierminister ist er auf dem besten Weg, seine

Vorstellung einer „illiberalen Demokratie“ umzu-

FOTO Helen Rushbrook / stocksy.com

Magazin

32


setzen. Trotz Warnung der EU-Kommission, damit

gegen Europarecht zu verstoßen, löst Fico die für

Korruption und organisierte Kriminalität zuständige

Sonderstaatsanwaltschaft mit März 2024 auf.

Nach einem Attentat im darauffolgenden Mai, bei

dem Fico schwer verletzt wird, verschärft er den Regierungskurs

weiter: Nach seiner Rückkehr wandelt

er umgehend den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

RTVS in ein Staatsmedium um.

Korruption ist seit jeher ein großes Problem

in der Slowakei. Aufgrund der einschneidenden Reformen

der neuen Regierung spürt sie die Bevölkerung

nun aber noch stärker. Martin* zum Beispiel

ist genau deswegen gegangen. Der 26-jährige Slowake

hatte sich in einem Ministerium bereits in eine

Führungsposition hinaufgearbeitet. „Seit den letzten

Wahlen hat sich die Korruption dramatisch verschärft.

Die Situation wurde so unerträglich, dass ich

mich entschied, zu kündigen“, erzählt Martin knapp

zwei Jahre später. Heute arbeitet er für eine Supermarktkette

in Wien und pendelt von Montag bis

Freitag zwischen Wien und Bratislava. Ein Dauerzustand

ist das Pendeln aber auch für ihn nicht.

Martin hat den Vorteil, bereits Deutsch zu können.

Seine Freundin besucht seit kurzem einen Deutschkurs.

Sobald sie sich mit der Sprache sicher genug

fühlt, werden sie gemeinsam nach Wien ziehen.

HEIMWEH INKLUSIVE FERNWEH

Inzwischen hat der Regionalexpress die unmarkierte

Staatsgrenze passiert und rollt langsam in den Bahnhof

Petržalka ein. Mit der Buslinie 94 und anschließend

der Linie 83 geht es für Adam Richtung Slavín,

einem Altstadtviertel von Bratislava. Hier wohnt er

mit seinen Eltern in einem der unzähligen Einfamilienhäuser.

Sein Traum wäre, eines Tages für eine

Bank in der Schweiz zu arbeiten. Umso schöner fndet

er es, jetzt noch ein paar Jahre zusammen mit seinen

Eltern leben zu können, bevor es ihn vielleicht weiter

weg zieht. Um 16:15 Uhr verabschiedet sich Adam mit

den Worten: „Ich werde mich jetzt eine Stunde hinlegen,

denn ich bin sehr müde.“ Später will er noch

Freunde in der Stadt treffen, denn morgen hat er frei

und der Abend wäre sonst „verschwendet“.

*Name von der Redaktion geändert

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33

UNIVERSITÄT WIEN

Advertorial


EIN GROSSES

FUCK YOU

Wie eine Tochter bosnischer Flüchtlinge

Karriere in New York macht

FOTO Tom Coe / unsplash.com

von

ELISABETH BAUER


Vom Dorf Plav in Montenegro bis ins

Herz des Finanzviertels von New York:

Amina Cecunjanin-Music hat gelernt,

was es heißt, zwischen zwei Welten

aufzuwachsen. Mit Eltern, die vor dem

Krieg flohen, und einer Gesellschaft,

die ihrer Religion mit Misstrauen

begegnete. Heute will die 23-Jährige

die Regeln dieser Gesellschaft

selbst mit gestalten.

DORFKIND IM HERZEN VON NEW YORK

„Ich dachte immer, eines Tages werde

ich in New York leben. Das ist die beste

Stadt der Welt. Aber irgendwann

auf dem Weg hierher musste ich feststellen:

Eigentlich bin ich ein Dorfkind.

Ich komme aus einem kleinen

Bergdorf in Montenegro – Plav.“ Wir

bestellen Kaffee an der Theke einer

italienischen Kette, links von uns öffnet

sich hinter der Glas fassade das

Finanzviertel. Zwei Straßen von der

Wall Street entfernt setzen wir uns

an einen der freien Tische im dritten

Stock.

Amina Cecunjanin-Music ist

23 Jahre alt, sie trägt eine hellblaue

Bluse unter einem dunklen Gilet.

Mit ihren wachen braunen Augen

wirkt sie genau so, wie man

sich eine junge Anwaltsanwärterin

vorstellt. „Ich

bin in Connecticut auf -

gewachsen“, sagt sie, nachdem

sie einen Schluck von

ihrem Iced Café Latte genommen

hat. Für sie ist

der Spagat zwischen „Ich

komme aus Montenegro“

und „Ich bin in Connecticut

aufgewachsen“ so

selbstverständlich wie das

Atmen.

35 Magazin


FLUCHT UND NEUANFANG

Amina und ihre Familie defnieren sich als Bosniaks,

also bosnische Muslime – in ihrem Fall aus Montenegro.

Als Aminas Vater 18 Jahre alt war, sollte er in die

jugoslawische Armee eingezogen werden. „Er wollte

nicht Teil einer Armee sein, die ihre eigenen Leute

bekämpft“, sagt Amina. Also floh er in die USA,

arbeitete in Restaurants und Küchen, wie so viele

Männer aus der Region in den 1990er-Jahren. Mit

dem Krieg kamen zehntausende Bosnier:innen in die

USA, viele über das Flüchtlingsprogramm.

Heute leben schätzungsweise 350 000 bis

390 000 Menschen bosnischer Herkunft in den Vereinigten

Staaten, die meisten in St. Louis und Chicago.

Dabei wollen bosnische Amerikaner:innen der

zweiten Generation ihre Interessen mittlerweile

auch in die Politik tragen. Sie sind nicht eindeutig

einer Partei zuzuschreiben, aber Donald Trump und

seine Anti-Migrationspolitik haben viele Menschen

in der bosnisch-amerikanischen Community politisiert.

Darüber hinaus hat sich ein Think Tank namens

United States Advisory Council for Bosnia and

Herzegovina (USABH) etabliert, der die Interessen

der Community auch landesweit vertritt.

AUFWACHSEN ZWISCHEN WELTEN

Ein paar Jahre nach Aminas Vater folgte ihre Mutter,

die eigentlich in Sarajevo studieren wollte. Statt

Hörsaal: Kellnern, Putzen, Supermarktkassen. Zwei

Jobs, manchmal drei. Immer unter dem Druck, vier

Töchter durchzubringen. „Ich habe keine Zeit für

dumme Menschen“, sagte Aminas Mutter oft, erzählt

sie. „Ich habe alles aufge geben, damit du erfolgreich

wirst.“ Amina, die Älteste, übernahm

früh Verantwortung für

ihre Schwestern.

„Für mich war die

Schule mein Ausweg.

Dort konnte ich

mich auf das konzentrieren,

was wir gerade

lernen mussten. Dort

war ich einfach nur

Schülerin.“ Leicht war

es trotzdem nicht. Obwohl

in den USA ge boren,

sprach Amina bei der Einschulung

kaum Englisch.

Ihre Familie lebte eng eingebettet

in die bosnische

Community, zu Hause wurde

nur Bosnisch gesprochen.

VERSTECKTE IDENTITÄT

Am ersten Schultag sitzt Amina in einem zu großen

Klassenzimmerstuhl, das Heft vor ihr bleibt leer. Die

Lehrerin spricht, aber die Worte prallen an ihr ab,

klingen wie ein Rauschen. In ihrer Lunchbox hat sie

Burek, den die Mutter gebacken hat. Kaum macht

sie den Deckel auf, drehen sich die Köpfe: „What is

that?“ – kichernd, neugierig, spöttisch. Amina versteht

nicht, warum die Kinder lachen, sie weiß nur,

dass sie anders ist. „Ich war wie ein Alien“, sagt

sie heute. Erst in der zweiten Klasse, mit Sprachtherapie,

lernt sie flüssig Englisch. Zuhause wird

Bosnisch gesprochen, die Eltern wollen die Sprache

und Kultur bewahren, bringen den Kindern sogar

Kyrillisch bei. In der Schule fühlt sie sich isoliert.

Im Geschichts unterricht war es später besonders

nervenaufreibend. Amina hat in amerikanischen

Geschichtsbüchern oft vergeblich nach der europäischen

Geschichte des Balkans gesucht.

Das eine Mal, als sie in der High School offen er -

zählte, dass sie Muslimin sei, bereute sie es sofort.

Ihre Lehrerin machte ihr das Leben schwer, ließ sie

ein Jahr lang isoliert in der Ecke sitzen und beschuldigte

sie sogar, Essen gestohlen zu haben. „Einmal

hat sie mir meinen Test weggenommen, bevor die

Zeit um war. Und dieser Test bestimmte, ob man in

ein Förderprogramm kommt, das den Weg aufs College

ebnet. Dieses eine Mal bin ich zur Rektorin gegangen.“

Es war das erste Mal, dass sie sich gegen

eine Autorität stellte, und es sollte nicht das letzte

Mal bleiben. Sie bestand und wurde später an der

Wesleyan University aufgenommen,

einem der renommiertesten

Liberal-Arts-Colleges der USA.

„In meinem letzten Schuljahr,

als schon klar war, wo wir alle

danach hingehen werden, da

habe ich meinen Freunden in

der Schule zum ersten Mal

verraten, dass ich Muslimin

bin. Da musste ich zum ersten

Mal nicht mehr so tun,

als wäre ich jemand anders“,

sagt Amina. Dabei

ist Aminas Erfahrung kein

Einzelfall. Nach den Anschlägen

vom 11. September

2001 stieg die Zahl

muslimfeindlicher Vorfälle

stark an und blieb

seitdem auf hohem

Niveau. Laut einer

aktuellen Umfrage

Magazin

36


„ICH HABE MEINEN VATER

NUR DIESES EINE MAL WEINEN SEHEN.“

Ein entscheidender Wendepunkt

kam, als ihre Eltern das Restaurant,

in dem sie jahrelang gearbeitet hatten,

schließlich kaufen konnten. Mit dem

Eigentum kamen auch Anfeindungen:

Schmierereien an den Wänden, anonyme

Drohungen, sogar Hassbriefe. „Meine Eltern

sagten immer: Kopf runter, dann passiert

uns nichts. Aber das stimmte nicht.

Selbst wenn wir uns anpassten, wurden wir

angegriffen.“ Amina begann, Gesetzestexte

zu wälzen und die Vorarbeit für den Anwalt zu

leisten, um den Eltern einen Teil der Kosten zu

sparen. Am Ende gewann die Familie den Prozess.

„Mein Vater hat an dem Tag geweint, als die

Ladenvermieter, die uns ständig belästigt haben,

gehen mussten. Ich habe ihn in meinem Leben nur

dieses eine Mal weinen sehen. Da habe ich verstanden,

was Recht wirklich bedeutet: Das Gesetz für

die zu übersetzen, die es nicht verstehen können.“

des Pew Research

Center sagen 44 % der US-

Erwachsenen, dass Muslim:innen in

der Gesellschaft sehr viel Diskriminierung erleben

– mehr als andere große Gruppen. 2023 hat die

damalige US-Regierung unter Präsident Joe Biden

angekündigt, gegen die steigenden antimuslimischen

und antisemitischen Übergriffe im Land vorzugehen.

BILDUNG ALS AUSWEG

An der Wesleyan University begann Amina, offener

mit ihrer Herkunft umzugehen. Sie studierte Osteuropäische

Geschichte, schrieb ihre Abschlussarbeit

über den Balkan und präsentierte ihre Forschung

sogar an der University of Pennsylvania. Ihr

Freundeskreis veränderte sich und viele ihrer Freunde

dort haben selbst Wurzeln in der Region. „Diese

Seminare haben mich an zuhause erinnert: an die

Sprache, das Essen, die Geschichten meiner Eltern.

Plötzlich war das nicht mehr nur Last, sondern Wissen.“

Zum ersten Mal durfte sie – wie andere Studierende

auch – auf dem Campus wohnen. Etwas, das

ihre Eltern zunächst kaum akzeptieren wollten. In

ihrer Familie galt es als undenkbar, dass eine unverheiratete

Tochter in einer Uni-WG lebt. Doch Amina

setzte sich durch.

Heute lebt Amina in New York. Die Stadt, die für sie

früher das große Ziel war. Doch manchmal sehnt sie

sich nach etwas mehr Ruhe. Sie ist ein Jahr jünger

als die meisten ihrer Kolleginnen an der New York

Law School. Nebenbei arbeitet sie in der Rechtsabteilung

eines Fortune-100-Unternehmens und für

eine Anwalts kanzlei, die sich um Stadtplanung kümmert.

Amina schaut nochmal auf die Uhr – ihre Pause

ist vorbei. Sie nimmt den letzten Schluck vom Café

Latte. Bevor sie aufsteht und zurück ins Büro eilt,

sagt Amina: „Ich möchte einmal eine richtig erfolgreiche

Businessfrau werden. Es ist ein großes ‚Fuck

You‘ an alle, die denken, dass eine Frau, ein Kind von

Einwanderern, das nicht schaffen kann.“ Ein Satz,

halb trotzig, halb entschlossen – und vielleicht die

ehrlichste Zusammenfassung ihrer Geschichte.

37 Magazin


Schon bei der Gründung haben Hans und Grete

Attensam ein Fundament an Werten gelegt, das bis

heute im Unternehmen wirkt. Deshalb en gagiert

sich die Familie Attensam auch für ausgewählte

Herzensprojekte. Zwei davon unterstützt Oliver

Attensam aus ganz persönlichen Gründen: Bildungsgerechtigkeit

und den Kampf gegen Blutkrebs.

ATTENSAM –

VERANTWOR

BILDUNG SCHAFFT CHANCEN –

TEACH FOR AUSTRIA &

ATTENSAM

An diesem Vormittag steht nicht Mathe

im Mittelpunkt. Oliver Attensam

ist mit „Teach for Austria“ zu Gast in

einer Wiener Mittelschule. Vor ihm

sitzen Jugendliche aus aller Welt:

Armenien, der Türkei, Syrien, Afghanistan,

Bosnien, alle vereint in einem

Klassenzimmer. Die Stimmung ist

lebendig, Hände gehen nach oben.

„Teach for Austria“ bringt engagierte

Hochschulabsolvent:innen für

zwei Jahre als „Fellows“ in Schulen,

die oft als „Brennpunkt“-Schulen bezeichnet

werden. Hier zählt nicht nur

das Fachwissen, sondern echtes Interesse

und Empathie.

Für Oliver Attensam ist das eine

Herzensangelegenheit: „Viele Kinder

haben nicht die gleichen Startbedingungen.

Aber sie haben den gleichen

Willen, wenn man ihnen die Chance

gibt.“

„Wenn junge Menschen merken,

dass man an sie glaubt, kann das alles

verändern.“

„Teach for Austria“ macht das Thema

Bildungs erfolg seit Jahren sichtbar, © TFA

(Weiter-)Bildung ist bei Attensam

zentrales Thema und vor allem

gelebte Praxis im Alltag: Intern werden

viele Mitarbeitende mit Migrationshintergrund

gefördert. Deswegen

unterstützt das Unternehmen „Teach

for Austria“ jährlich mit 30.000 Euro.

Bildung verändert Leben

Nimm jetzt am

Social-Leader ship-Programm

teil, und zwar unter:

teachforaustria.at

ATTENSAM MEETS

TEACH FOR AUSTRIA

Oliver Attensam mit einer Schulklasse, © TFA


Caro Attensam und

Viktoria Wulffen von DKMS

TUNG

AUS

ÜBERZEUGUNG

Blutkrebs –

Das sollten Sie wissen:

BLUTKREBS BESIEGEN –

DKMS & ATTENSAM

EIN VERLUST,

DER ALLES VERÄNDERTE.

2004 verlor Oliver Attensam seinen

Vater Hans an Blutkrebs. Die Diagnose

kam plötzlich. Die Chancen waren

gering. Eine Stammzellenspende

hätte vielleicht geholfen. „Damals

wussten wir kaum, was das ist. Heute

weiß ich’s besser: Ein einfacher

Wangenabstrich kann Leben retten.“

Diese Erfahrung prägt die Familie

Attensam bis heute, weswegen

sie die DKMS sowohl fnanziell als

auch kommunikativ unterstützt.

Hans Attensam und

Sohn Oliver

Erforderliche Stammzellspenden

pro Jahr:

Rund 300 Patient:innen in Österreich

sind jährlich darauf angewiesen.

Passende Spender:innen in

der Familie:

Nur 40 % finden ge eignete

Spender:innen innerhalb der Familie –

meist Geschwister. Der Rest braucht

externe Spenden.

Die Registrierung:

Schnell, anonym, kostenlos –

und lebensrettend.

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Unter

„Wir wollen mithelfen, dem Thema

mehr Auf merksam keit zu verschaffen

und damit vielleicht das ein

oder andere schwere Schicksal

zu ersparen.“

Oliver Attensam

participate.roteskreuz.at/

stammzellen

registrieren!

Die DKMS vermittelt weltweit

Stamm zellenspenden und schenkt

Kranken damit eine zweite Chance.

„Es braucht mehr Menschen,

die sich registrieren lassen“, sagt

Oliver Attensam. „Es tut nicht weh

und es kann Leben retten.“

Entgeltliche Einschaltung

39

ATTENSAM

Advertorial


Babysitterin, Stell vertreterin, Übersetzerin: In vielen Familien

mit Migrationshintergrund spielt die älteste Tochter

eine Schlüsselrolle. Sie navigiert zwischen zwei Kulturen

und hält die Familie zusammen. Manchmal ist dieser Verantwortungsdruck

jedoch der Grund, dass sie ihren eigenen

Träumen nicht nachgehen kann. Eine älteste Tochter

erzählt, was es heißt, sich für die Familie aufzuopfern, und

wie sie Grenzen setzt, um sich selbst nicht zu verlieren.

Süheyla* (26) tritt ruhig, gelassen und doch stark und

selbstbewusst auf. Lange, braune Wellen fallen ihr über

die Schultern. Sie ist die älteste Tochter einer türkischstämmigen

Familie mit fünf Kindern. Als Lehr amtsstudentin

und AHS-Lehrerin fndet sie langsam ihren

eigenen Weg. Aber das war nicht immer so.

Ihre Kindheit in Wien-Meidling war unbeschwert,

ihre größten Hobbys das Lesen, Singen und Malen, erinnert

sich Süheyla. Als sie zehn war, wurde ihr kleiner

Bruder geboren, mit 14 kam die jüngste Schwester dazu.

Die Familiendynamik begann sich zu verändern. „Damals

war ich glücklich darüber, zwei kleine Menschen

heranwachsen zu sehen. Ich habe gerne mit Puppen gespielt

und nun hatte ich echte Babys, denen ich die Windel

ge wechselt, die ich in den Schlaf gewiegt und für die ich

Milch vorbereitet habe“, erzählt Süheyla.

War ihre Mutter nicht zuhause, erklärte sie den restlichen

Geschwistern, sie müssten auf Süheyla hören, „die

zweite Mutter“. „Das hat mich sehr bestätigt und mir ein

Gefühl von Vertrauen und Verantwortung gegeben. Aber

ich wurde die Rolle der zweiten Mutter dann nicht mehr

los“, sagt die 26-Jährige. Mit den Jahren wuchsen die Aufgaben:

Kindergartenabholungen, Haushalt, Elternsprechtage,

Arztbesuche und Behördengänge.

ZWISCHEN P

SELBSTVERWI

WIE ÄLTEST

IHRE

NEU DEF

PERFEKTIONISMUS & FAMILIENLIEBE

Im Vergleich zu ihrem älteren Bruder war Süheyla das Vorzeigekind.

Schon als junges Mädchen war klar: Sie hatte

perfekt zu sein. Sowohl, um den Frust der Eltern mit dem

Bruder zu kompensieren, als auch, um zu zeigen, dass ihre

Familie das Leben in Österreich ver diente. Ihr Vater sah

in Süheyla als Einzige das Potenzial, zu er reichen, was

ihm verwehrt blieb. So drängte er sie zu einem Studium,

das sie nicht interessierte. Der Druck, perfekt zu sein,

stieg immer weiter an.

„Ich defnierte mich schon seit der Schulzeit über

meine Noten. Die Angst, meinen Vater zu enttäuschen,

war groß. Kam ich mit einer Eins nach Hause, wurde die

Schularbeit dennoch inspiziert und kleine Fehler kommentiert“,

erzählt Süheyla. Den Wunsch, Lehramt zu studieren,

gab sie zunächst auf. Das Fach entsprach nicht den

Magazin

von

AMIRA ALI

40


FLICHT UND

RKLICHUNG –

E TÖCHTER

ROLLE

INIEREN

Erwartungen des Vaters. Aber warum hat sie sich damals

nicht durchgesetzt? „In meiner Kultur wird von Frauen

gefordert, dass sie die Bedürfnisse anderer den eigenen

voranstellen. Als wäre die Selbstaufopferung ein Liebesbeweis.“

WUT, FRUST, EIFERSUCHT

Wenn Süheyla über ihre Emotionen spricht, fallen oft die

Begriffe Wut, Frust und Eifersucht. Wut darüber, dass ihr

die Freiheiten ihrer Freundinnen verwehrt blieben. Eifersucht

auf die Geschwister und Unverständnis, dass ihnen

nicht dieselbe Verantwortung aufgelastet wird. Eine Weile

hat Sühelya mit Angstzuständen und Panikattacken zu

kämpfen.

„Oft liege ich nachts im Bett und kann nicht einschlafen,

denn ich versuche, alles gedanklich zu sortieren:

Steuererklärung mit Papa machen, Nachweise dafür

ausdrucken, E-Mails schreiben, Vokabeln abprüfen, für

Mama einkaufen und für meine Prüfung lernen“, zählt

sie ihre To-Do-Liste auf. Zeit fürs Lernen bleibt Süheyla

meist keine, und auch Treffen mit Freunden sind selten geworden,

da sowohl die Zeit als auch die Energie fehlt.

Ihre Sorgen kann der Freundeskreis ohnehin nicht

nachvollziehen: „Andere geben einem oft den Rat, man

solle sich von der Familie distanzieren oder den Kontakt

abbrechen. So leicht ist es aber nicht, denn in unserer Kultur

ist man in der Familie verwurzelt.“

GRENZEN UND STÄRKEN

Mit 23 beginnt Süheyla umzudenken. Sie lernt, Grenzen

zu setzen und „Nein“ zu sagen. Sie entscheidet sich,

das Studium, das sie für ihren Vater begonnen hat, abzubrechen

und geht ihrem eigenen Wunsch nach: Lehrerin

werden. „Ich habe mich den Großteil meines Lebens mit

Kindern beschäftigt und habe gemerkt, dass das auch ein

Vorteil sein kann“, sagt sie stolz.

Das passt ihren Eltern anfangs gar nicht, mit der

Zeit legt sich der Unmut aber und Süheyla gewinnt ihre

Unterstützung. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

erfüllt sie, durch ihre frühe Verantwortung fühlt sie sich

den Herausforderungen gewachsen. Derzeit bereitet Süheyla

ihr Auslandssemester vor – und zwar in Brasilien.

Sie weiß, dass das bedeutet, eine Zeit lang nicht zuhause

zu sein, und ihrer Familie nicht helfen zu können. „Auch

wenn meine Familie nach wie vor mein Sicherheitsnetz

ist, ist das Gefühl, mich selbst einmal an erste Stelle zu

setzen, befreiend“, sagt sie.

Was sie als älteste Schwester gelernt hat? Süheyla

zögert, dann lächelt sie: „Fremde merken oft sofort, dass

ich die Älteste bin – durch dieses schwer zu beschreibende

Etwas. Heute weiß ich: Es ist Stärke, und die kommt genau

von dort.“

*Name von der Redaktion geändert. FOTO (Symbolbild) Sravan Kumar / pexels.com

41 Magazin


„Keine Ahnung,

ob meine Ärztin

legal

arbeitet.“

FOTO Andrej Lišakov / unsplash.com

von

DAMITA PRESSL


In Wien sind diesen Sommer mehrere illegale

Beauty-Kliniken aufge flogen.

Manche dieser Anbieter gefährden ihre

Patientinnen wirklich. Doch auch hoch qualifizierte

Ärz tinnen aus Osteuropa üben ihren Beruf

oft ohne offizielle Er laubnis aus.

Denn bis zur Nostrifizierung in Österreich ist es

ein langer und steiniger Weg. Und ihre Kundinnen

sind auch ohne Nostrifizierung zufrieden.

Nastya* lässt sich mehrmals im Jahr Botox spritzen. Ob ihre ukrainische

Ärztin in Österreich legal praktiziert, weiß sie nicht. Sie

hat sie nie gefragt, und es ist ihr auch egal. „Das Wissen in der

Beauty-Branche ist in Österreich so veraltet, dass eine österreichische

Akkreditierung mein Vertrauen nicht erhöhen würde“,

sagt Nastya. „Mir genügt es zu wissen, dass meine Ärztin seit 20

Jahren mit hochkarätigen Kunden arbeitet.“

OIha* ist eine dieser Ärztinnen: zehn Jahre Studium in der Ukraine,

jahrelange Berufserfahrung im Beauty-Bereich. In Österreich

genügt das nicht. Weil die Ukraine kein EWR-Land ist, muss

Olha ihren Abschluss an einer medizinischen Universität nostrifizieren

lassen. Das bedeutet: Ihr Kenntnisstand wird nochmals

geprüft, sie muss eine neunmonatige Basisaus bildung und eine

Facharztausbildung absolvieren. Und sie muss Deutsch auf C1-

Niveau sprechen, also beinahe so gut wie Muttersprachler. „Der

ganze Prozess dauert mindestens drei Jahre und ist extrem intensiv.

Ich bereite mich gleichzeitig auf die medizinischen und die

Deutschprüfungen vor. Und von irgend was muss ich in der Zeit

ja auch leben.“

Sie und viele ihrer Kolleginnen arbeiten daher als angestellte

Ordinationsassistentinnen bei österreichischen Ärztinnen,

er zählt Olha. In dieser Funktion dürfen sie grundlegende Tätigkeiten

ausführen: Blut abnehmen, EKGs durchführen und den

Blutdruck messen. Bei invasiven Eingriffen wie dem Spritzen von

Botulinumtoxin oder Hyaluronsäure muss hingegen zumindest in

der Theorie eine akkreditierte Ärztin im Raum sein, die Ordinationsassistenz

darf maximal mithelfen. Praktisch ist das kaum

zu überprüfen.

Wer auf Instagram oder Facebook weiß, nach welchen Begriffen

man suchen muss, findet rasch Profile wie das von

Olha: russisch- oder ukrainischsprachig, mit Angeboten

für kosmetische Behandlungen, von Lasern über Gesichtsbehandlungen

bis hin zu Botox und Fillern. Manche dieser

Ärztinnen verbringen jeweils nur ein paar Tage in einer Stadt

und bieten ihre Dienste in ganz Europa an. „Aber ich ver lasse

mich auf Empfehlungen“, sagt Nastya. „Instagram ist keine

gute Quelle.“

Olha bestätigt das: Vorher-Nachher-Fotos können

schließlich bearbeitet sein. Sie versteht auch die strengeren

Kontrollen in Wien. „Unterspritzungen sind medizinische Eingriffe.

Wenn das irgendeine Kosmetikerin ohne Ausbildung

und ohne Anatomiekenntnisse macht, kann das wirklich gefährlich

sein. Das gilt auch für Ärztinnen, die hier keinen fixen

Standort haben. Was ist, wenn eine Nachbehandlung nötig

wird oder ein Problem auftritt?“ Trotzdem hofft sie, dass

jene, die ihren Beruf beherrschen und die nötige Erfahrung

haben, künftig schneller auch legal arbeiten können. „In der

Ukraine spritzen Ärztinnen zehn, zwanzig Patientinnen am

Tag, dort sind Beauty-Behandlungen sehr beliebt und wir

haben daher einfach oft viel mehr Erfahrung als österreichische

Kollegen. Seit dem Krieg sind mehr Expertinnen aus

der Ukraine hier, die sehr gute Arbeit machen und zufriedene

Kundinnen haben.“

43 Magazin


„Hawara, ich geh mit dem Karfiol

und dem Faschierten an die

Kassa zum Bezahlen, brauchst

du noch was für die Jause?“ Auf

den ersten Blick mag dieser Satz

so typisch Öster reichisch wie

nur irgend möglich klingen,

aber, liebe:r Leser:in: Fünf dieser

Wörter kommen aus völlig

anderen Sprachen. Und weil

das Ganze eine ziemlich komplexe

G’schicht ist, hat BIBER bei

einem Sprachwissenschaftler

nachgefragt, was es mit „österreichischem

Deutsch“ eigentlich

auf sich hat.

Der Hawara kommt aus dem Jiddischen, der Karfiol und die Kassa stammen aus dem Italienischen,

faschieren und damit auch das Faschierte aus dem Französischen und die Jause

aus dem Slowenischen.

Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Lehnwörter. Tatsächlich strotzt die

deutsche Sprache, wie sie in Österreich gesprochen wird, nur so davon, sei es im österreichischen

Standarddeutsch oder im Dialekt. Und genau das macht es so spannend,

wenn Personen mit Migrationshintergrund mahnend darauf hingewiesen werden, dass sie

doch gefälligst „gscheit Deutsch lernen“ sollen. Denn das Deutsch, auf das sich

Außenstehende dabei beziehen, spiegelt eine diverse Gesellschaft – und damit auch Migration

– wider. Ein großer Teil dieses „ach so österreichischen Wortschatzes“

stammt aus völlig anderen Sprachen.

HEAST, OIDA,

GEMMA LUGNER!?

VON BRUDER,

BRO UND BRATE

„In früheren Jahrhunderten war es vor allem – wie überall in Europa – Französisch, dann

aber auch Italienisch, Tschechisch, Jiddisch; nach 1945 wurde natürlich Englisch in allen

Be reichen immer wichtiger, und ab den 1960ern waren es durch die so genannten Gastarbeiter:innen

südslawische Sprachen, vor allem Serbisch und Kroatisch, sowie Türkisch.

In den letzten Jahrzehnten sind dann vermehrt Arabisch, Dari und Farsi, Tschetschenisch,

Russisch und noch andere mehr dazu gekommen“, erklärt Sprachwissenschaftler Manfred

Glauninger von der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

(ÖAW). Allgemein sei der Einfluss von Bosnisch-Kroatisch-Serbisch (BKS) auf das

Deutsche in Österreich eher gering, aber zum Beispiel das vor allem dialektal ge brauchte

„Pivo“ oder die Klassiker „Brate“ und „Babo“ zählen dazu: „Indirekt auf BKS­ Sprachgebrauch

bzw. auf das Türkische geht die Verwendung des deutschen Wortes Bruder (in der Bedeutung

Kumpel, Freund, Gleichgesinnter) zurück, das ähnlich wie das Englische bro

gebraucht wird.“

ARTIKEL

OPTIONAL

Es sind also nicht nur Begriffe, die übernommen

werden, sondern auch gewisse

Gebräuchlichkeiten und grammatikalische

Strukturen. Glauninger erwähnt an dieser

Stelle auch das Weglassen von Artikeln und

Präpositionen im Deutschen, die es in der

jeweiligen Ausgangssprache so nicht gibt.

„Und weil das lustig bzw. cool klingt, wird es

auch von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund

übernommen“, erklärt der Sprachwissenschaftler

weiter. So kommt es dann

etwa zur Frage und Antwort schlechthin,

wenn in Wien über Freizeit pläne diskutiert

wird: „Gemma Lugner?“

Magazin

von

SARAH NEURURER

44


STIRBT DIE

DEUTSCHE SPRACHE

LOWKEY AUS?

Sobald jedes Jahr die Kandidaten für das Jugendwort des Jahres

bekannt werden, flammt sie wieder auf, die Diskussion über den

Verfall der deutschen Sprache. Die Topkandidaten dieses Jahr

sind etwa „goonen“, „Checkst du?“ oder „lowkey“.

Tatsache ist, dass Sprache nicht statisch ist und es auch nie war.

Doch die Sorgen darum sind keineswegs neu, erklärt Manfred

Glauninger. Die Veränderung der Sprache führe „oft zu Verlustängsten

bzw. zur Behauptung, die Sprache würde verfallen oder

sterben. Die Diskussionen um den Einfluss des Englischen zeigen

das beispielsweise sehr deutlich“.

Im Falle von Arabisch, Türkisch oder BKS schwingt aber

gleichzeitig eine völlig andere Ebene mit: „Im Fall der Sprachen

der Immigrant:innen geht es immer auch um politische Spannungen,

die mit der Sprache selbst unmittelbar nichts zu tun haben.

Sprache ist aber ein durch und durch gesellschaft liches Phänomen,

und sprachliche und somit gesellschaftliche Vielfalt ist nicht

nur eine Ressource im positiven Sinn, sondern bedeutet immer

auch soziale Ungleichheit und Konflikt“, resümiert der Sprachwissenschaftler.

HEUTE EIN SKANDAL,

MORGEN „TRADITION“?

Fest steht aber auch: Wie man am eingangs erwähnten „Hawara“

sieht, treten die sprachlichen Hintergründe für ein zelne

Wörter oft mit der Zeit in den Hintergrund und gelten irgendwann

als traditionelle Bestandteile der österreichischen Sprachlandschaft.

Glauninger meint, dass sich das vermutlich auch in

Zukunft nicht ändern wird.

Der Aufreger von heute kann somit morgen das urösterreichische

Wort schlechthin sein. Denn was heute als „gscheites

Deutsch“ bezeichnet wird, ist das Ergebnis von jahrhundertelangen

Sprachkontakten und Migrations bewegungen. Es ist also

an der Zeit, Sprachwandel als das zu bezeichnen, was er ist: Vielfalt

statt Verfall.

Fun Facts

1 BKS

Um zu sagen, dass jemand blonde Haare hat,

verwendet man das Wort für „blau“: plavo / plava.

Will man dann aber tatsächlich sagen, dass

jemand blaue Haare hat, dann sagt man übersetzt

oft „blau blau“.

2 Arabisch

Häufig kursiert der Mythos, dass es im

Arabischen bis zu 100 Wörter für Liebe gibt.

Diese Zahl ist nicht belegt und wohl eher

übertrieben. Realistischer ist, dass es zwischen

11 und 14 Wörter dafür gibt, die unterschiedlichste

Facetten des Gefühls ausdrücken.

3 Türkisch

Im türkischen Bergdorf Kusköy wird eine

Art Pfeifsprache gesprochen (Kuş Dili).

Ursprünglich war es für Bergbauern dadurch

einfacher, über große Entfernungen mit ­

einander zu kommunizieren.

Manfred Glauninger

45 Magazin


Stefan Kokovic ist ein bekannter Modefotograf

aus Serbien.

DEUTSCHE SPRACHE, SCHWERE SPRACHE?

Mit herausgestreckter Zunge in Schwarz-Rot-Gold werben

deutsche Promis schon 2010 für die Kampagne „Raus mit

der Sprache. Rein ins Leben.“ Die Botschaft: Sprache ist der

Schlüssel zur Integration. Das gilt nicht nur in Deutschland,

sondern auch bei uns in Österreich. Aber über Integration

wird genug geredet. Mich interessiert: Wie schwer ist es

eigentlich, Deutsch zu lernen? Ganz ohne politisches Beiwerk.

Ich selbst bin in Wien geboren und Deutsch ist meine Erstsprache

– nicht, weil ich privilegiert war, sondern weil meine

Eltern mich mit einem Jahr in den Kindergarten geschickt

haben. So war das bei vielen Gastarbeiterkindern: Die Eltern

mussten arbeiten, Oma und Opa waren weit weg – in meinem

Fall in der Türkei. Fünf Jahre lang waren also unsere Pädagogin

Tante Helga und meine Freund:innen mein Zuhause, und

ganz nebenbei lernte ich perfektes Deutsch. Beim Schuleintrittstest

konnte ich Farben benennen und vollständige

Sätze bilden. Dem Kindergarten habe ich viel zu verdanken.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr sieht das übrigens

ähnlich – er plant ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr

ab 2027. Gut so.

Heute bin ich selbst Trainerin und unterrichte Deutsch

als Fremd- bzw. Zweitsprache. Und plötzlich sehe ich, wie

komplex diese Sprache wirklich ist und wie schwer sich viele

Menschen mit ihr tun. Fälle, Artikel, unregelmäßige Verben, die

Phonetik. Und ich sehe, wie viele meiner Kursteilnehmer:innen

Angst haben, Fehler zu machen. Weil sie vielleicht ausgelacht

werden. Und das tut weh – ihnen und mir. Ich versuche sie zu

ermutigen: Fehler machen ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig.

Nur so lernt man.

Genau so sieht es auch Starfotograf Stefan Kokovic.

„Keine Angst vor Fehlern – einfach sprechen, so oft und so

viel wie möglich. Übung macht den Meister.“ Das kann ich nur

unterschreiben!

Aber so einfach ist es dann doch nicht wirklich, merke

ich im Gespräch mit Univ.-Prof. Inci Dirim. Sie ist die erste

Professorin für Deutsch als Zweitsprache in Österreich und

meint, dass die unterschiedlichen Dialekte das Erlernen der

Fremdsprache erschweren. Dass mit „Müch“ die Milch gemeint

ist, ist für jemanden, der die Sprache gerade lernt,

schwer zu verstehen.

Und für den Germanisten und Autor Tahsim Durgun

ist am wichtigsten, „wer dir wie die Sprache vermittelt“. Da

gebe ich ihm recht.

Meinung

habe – Ruhe und Stabilität.

Du bist in Belgrad geboren. Wann

bist du nach Wien gekommen?

Und warum hast du dich für Österreich

entschieden?

Ich bin 2016 nach

Wien

gekommen.

Es war eine spontane

Entscheidung –

wie eigentlich alle

großen Entscheidungen

in meinem Leben.

Ich stand an einem Wendepunkt

im Leben. Wien

hat mir damals genau das

gegeben, was ich gebraucht

Konntest du damals schon Deutsch oder musstest du es erst

lernen?

Ich konnte kein Deutsch, aber durch meinen

musikalischen Hintergrund lerne ich Sprachen

ziemlich leicht. Ich verstehe sieben Sprachen

und spreche vier.

Wie hast du Deutsch gelernt? Was waren die größten Hürden?

Ich habe in Belgrad mit dem A1-Kurs angefangen

und später in Wien bis zum B2-Level

weiter gemacht. Die größte Hürde war für mich

der Klang – Deutsch ist nicht gerade die melodischste

Sprache. Aber: Übung macht den

Meister.

Was bzw. wer hat dir geholfen, Deutsch zu lernen? Und würdest

du sagen, dass Deutsch eine einfache Sprache ist?

Ehrlich gesagt: Ich fnde Deutsch nicht besonders

schön, aber durch ständiges Hören wird

es mit der Zeit besser. Bei mir lief zuhause oft

deutsches Radio, Musik oder Filme – so habe ich

mich langsam an die Sprache gewöhnt. Einfach

ist Deutsch defnitiv nicht, aber machbar!

In welcher Sprache träumst du oder fühlst du dich am wohlsten?

von

ESER AKBABA

Eser Akbaba ist Moderatorin, Autorin

und Sprachtrainerin in Wien

Ich träume meistens auf Serbisch, manchmal

auf Englisch und fast nie auf Deutsch, obwohl

mein Deutsch inzwischen recht flüssig ist.

Was würdest du jemandem raten, der neu nach Österreich

kommt und Deutsch lernen möchte?

Wie gesagt: Übung macht den Meister. Keine

Angst vor Fehlern – einfach sprechen, so oft

und so viel wie möglich. Auch wenn es grammatikalisch

nicht perfekt ist: Man muss die

Sprache fühlen.

46


Tahsim Durgun (@tahdurr) ist Germanist,

Content Creator und Autor des Bestsellers

„Mama, bitte lern Deutsch“.

Was bedeutet Sprache für dich?

Sprache war immer mein liebstes

Werkzeug – aber auch das, vor dem

ich die größte Ehrfurcht hatte. Sie

ist grenzenlos und lässt mich jeden

Gedanken, jede Fantasie, jede Eventualität

zum Leben er wecken. Schön

und gefährlich zugleich.

Du hast Deutsch und Geschichte studiert. Würdest

du sagen, dass die deutsche Sprache leicht ist?

Das Sprachenlernen, und Lernen generell, kann

immer leicht sein. Dabei kommt es weniger auf

die Sprache selbst an, sondern vielmehr darauf,

wer dir wie die Sprache vermittelt. Ich hatte

drei Jahre lang frontalen Spanischunterricht

und am Ende brachte ich gerade mal „Me gusta“

heraus. Mein Neffe hingegen konnte nach einer

Staffel japanischer Animes ganze Sätze bilden.

Das Gerüst muss reizvoll sein – dann kann alles

leichtfallen. Wichtig ist natürlich auch die

eigene Initiative.

Warum glaubst du, dass viele unserer Eltern die deutsche

Sprache nicht erlernt haben, obwohl sie ja schon mehr als die

Hälfte ihres Lebens in einem deutschsprachigen Land sind?

Ich tue mir schwer, für eine ganze Generation zu

sprechen. Aber viele Migrationsgeschichten –

zum Beispiel im Zuge der Gastarbeiterschaft –

sind geprägt von Identitätskrisen, Zerrissenheit

und bürokratischen Herausforderungen,

sodass ein ruhiges Ankommen nie wirklich

möglich war. Viele Familien lebten mit der Überzeugung,

nur vorübergehend hier zu sein. Diese

Unruhe, gepaart mit der Kollektivierung von

Migra-Familien in den gleichen Bezirken, hat

„Bubbles“ entstehen lassen, in denen Deutsch

nicht zugänglich oder schlicht nicht notwendig

war. Aber es gibt auch viele Menschen,

die die Sprache sehr wohl erlernt

haben.

Würdest du sagen, dass der deutsche Sprachraum

offen für andere Sprachen ist?

Es gibt sicherlich immer noch die

„heimlichen Favoriten“ wie Spanisch

und Französisch. Kurdisch

oder Türkisch werden bis heute –

gerade im akademischen Kontext –

als weniger herausfordernd oder weniger

„elitär“ wahrgenommen. Das

ist völliger Unsinn. Jede Sprache zu

lernen und zu sprechen, erfordert Hirnschmalz.

Daher ist jede Sprache – egal

welche, egal wo – ein Flex. Es gibt nichts

Cooleres, als viele Sprachen zu beherrschen.

Du kannst Deutsch – denkst du, hilft das, damit man deinen

Migrationshintergrund ausschaltet und man dich einfach so

sieht, wie du bist?

In meinen Inhalten dreht sich vieles um Sprache.

Ich weiß, dass ich durch meine Kenntnisse

und mein Germanistikstudium einen anderen

Zugang habe, der es mir womöglich einfacher

macht. Einen Migrationshintergrund kann

man aber nicht ausschalten oder ausradieren.

Geschichte, Aussehen und die politische Diskussion

bleiben – und vor allem auch die Reaktionen

der Mehrheitsgesellschaft.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der hier Fuß fassen

möchte? Wie sollte diese Person deiner Meinung nach

Deutsch lernen?

Das hängt sehr von der Person ab – vom Alter,

von den bisherigen Erfahrungen und Herausforderungen.

Aber grundsätzlich: Knüpft Kontakte

und glaubt an euch.

FOTOS Links C Steve Keef & Viktoria Scher, Rechts C Mirza Odabasi

47 Meinung


Inci Dirim ist Professorin

für Deutsch als

Fremd- und Zweitsprache.

In welchen Ländern

spricht man heute noch

Deutsch?

Grundsätzlich in

Deutschland, der Schweiz,

Österreich und Liechtenstein. Über Luxemburg

kann man streiten, weil dort die Amtssprache

Luxemburgisch ist. Und dann gibt es in Afrika

einige Gegenden, wo man noch Deutsch spricht.

Deutsch ist aber auch Minderheitensprache in

vielen Ländern, z. B. in Südtirol in Italien.

Woher kommen eigentlich Artikel und warum gibt es sie? Hat

die irgendwann mal jemand festgelegt?

Das ist sehr schwer zu rekonstruieren und die

Wissenschaft ist sich nicht einig. Es gibt Einflüsse

vom Lateinischen. Es gibt aber auch

Richtlinien: Zählbare Objekte, wie zum Beispiel

Tische, sind eher männlich, nicht zähl bare

Objekte wie Liebe sind eher weiblich. Es hat

jedenfalls niemand festgelegt, dass es Artikel

geben soll – so etwas entsteht in der Kommunikation.

Würden Sie sagen, dass Deutsch eine schwere Sprache ist?

Ja, das würde ich schon sagen. Die Artikel

wirken sich auf die Syntax aus und viele

Grammatik regeln sind davon abhängig. Das

macht die Sprache sehr schwer. Eine andere

Schwierigkeit ist, dass es im Deutschen sehr

viel Variation gibt. Das ist gerade in Österreich

stark ausgeprägt. In Oberösterreich zum Beispiel

sprechen Lehrer:innen im Unterricht mal

Standarddeutsch, mal Dialekt. Das macht es

für Kinder, die nach Österreich einwandern und

neu Deutsch lernen, schwieriger.

Können Menschen Deutsch lernen, noch bevor sie nach Österreich

einwandern?

Man kann zwar Kurse besuchen und Zertifkate

erwerben, aber damit ist ja die Sprache noch

nicht gelernt.

Die deutsche Sprache hat sich über die Jahre sehr verändert

und wird sich weiterhin verändern. In welche Richtung geht

der Trend?

Die deutsche Sprache wird vom Englischen beeinflusst.

Im Alltag sprechen junge Leute oft

auch Englisch. An der Uni höre ich immer häufger

einzelne Wortfetzen oder ganze Gespräche

auf Englisch. Auch Migrationssprachen wie

Türkisch werden oft dazu gemischt, aber das

sind eher Nischen.

Wie lernt man am schnellsten Deutsch?

Sprachlernprozesse gehen nicht schnell, man

muss Geduld haben. In Norwegen zum Beispiel

bekommen Kinder Unterstützung in ihrer Erstsprache,

bis sie selbst gut Norwegisch sprechen.

Es würde sich lohnen, sich von solchen

Modellen inspirieren zu lassen. Wir leben in

einer mehrsprachigen Gesellschaft, in der Menschen,

die Deutsch lernen, im Alltag nicht immer

die Gelegenheiten haben, Deutsch auch zu

sprechen. Da kommt die „Nur Deutsch“-Politik

an ihre Grenzen. Wir sollten Mehrsprachigkeit

stärker berücksichtigen.

Meinung

48


Claire ist Französin und lebt mit ihrem Mann und

zwei Kindern seit Beginn der Pandemie in Wien.

Obwohl sie drei Sprachen spricht, tut sie sich

mit Deutsch schwer. Den Deutschkurs hat sie

zwar besucht, das Interview führt sie aber

lieber auf Englisch. Claires Kinder besuchen

das Lycée Français und sprechen Englisch,

Deutsch und Französisch.

Seit wann lebst du in Wien und warum bist du hergekommen?

Ich bin seit Frühjahr 2019 hier. Mein Mann hat

hier einen neuen Job bekommen. Davor waren

wir in Großbritannien, aber der Brexit hat ihm

dort einen Jobwechsel verbaut.

Warum machen wir das Interview auf Englisch?

Ich fühle mich auf Deutsch nicht wohl, obwohl

ich seit unserer Ankunft an zwei Sprachschulen

und an der Uni Kurse gemacht habe.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir

eine neue Sprache so schwerfällt, obwohl ich im

Alltag ständig damit in Berührung bin.

Hast du Deutschkurse besucht?

Ja, viele – bis B1 auf Uniniveau.

Brauchst du im Alltag Deutsch?

Eigentlich nicht, außer für kurze Begrüßungen.

Vielleicht noch, wenn ich meinen Kindern bei

den Hausaufgaben helfe – dann aber schriftlich

– und manchmal beim Ausfüllen von Formularen.

FOTOS Links C Martin Lifka, Rechts C Privat

Vorsicht vor Phishing-Nachrichten!

Phishing bedeutet so viel wie „Passwort fischen“.

Phishing-Nachrichten werden von Kriminellen verwendet,

um an persönliche Daten zu gelangen.

© ADOBE STOCK

So erkennen Sie Phishing-Nachrichten:

• Der Absender ist nicht eindeutig zu erkennen

• Der Empfänger wird zur sofortigen Handlung ermutigt

• Der Text beinhaltet Fehler und verdächtige Links

• Es werden vertrauliche Daten abgefragt

49

Für Unterstützung:

against-cybercrime@bmi.gv.at

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG


VON NULL ZUR

MEIN WEG ALS MIGRANTIN IN ÖSTERREICH

Von einer jungen Frau ohne Kontakte in einem fremden Land

zur Gründerin einer erfolgreichen Agentur – meine Geschichte zeigt,

dass Mut und Aus dauer tatsächlich alles ver ändern können.

Ich bin in Novi Sad, Serbien, aufgewachsen,

in einer Familie, in der harte Arbeit selbstverständlich

war. Schon als Kind liebte ich

Herausforderungen: Ich spielte im Orchester,

sang auf Festivals, gewann mehr als 30

Schwimmmedaillen. Mein Leben war voller

Möglichkeiten – bis ich nach meiner Matura

mit 18 nach Wien zog, um Publizistik und

Kommunikationswissenschaften zu studieren.

Damals war ich jung, ehrgeizig und naiv

genug zu glauben, dass Leistung allein genügt.

Wenn ich hart arbeite, wird man das

merken, dachte ich. Wenn ich mich anpasse,

werde ich dazugehören. Was ich damals

nicht wusste: Für Menschen wie mich ist

das Dazugehören nie selbstverständlich.

In Wien stieß ich auf unsicht bare

Mauern: Kulturunterschiede, Visaprobleme,

berufliche Absagen – oft nur, weil ich „von

woanders“ kam. Da es schwierig war, österreichische

Freunde zu finden, knüpfte ich

Freundschaften mit Deutschen und lernte

so Hochdeutsch. Jedes Jahr stand ich mit

fünf anderen Studentinnen in der Bank. Wir

überwiesen uns gegenseitig Geld, damit

jede von uns die 10.000 Euro für das Studentenvisum

auf dem Konto nachweisen

konnte. Bei der Wohnungssuche wurde ich

offen abgelehnt, weil ich Serbin bin. Dasselbe

passierte mir bei der Jobsuche. Je

mehr ich versuchte, mich anzupassen, desto

mehr verlor ich meinen Mut und meinen

Glanz.

Der Tiefpunkt kam während der Pandemie.

Ich verlor meine Stelle als Medienproduzentin,

ent wickelte eine Depression,

dazu kam eine PCOS­ Diagnose und ich

fragte mich, ob ich hier jemals eine faire

Chance bekommen würde. Ich war kurz davor

auszuwandern. Doch gerade in dieser

Phase wurde der Entschluss zum Neuanfang

immer stärker. Ich heilte meinen Körper,

veränderte mein Mindset und gründete

2023 meine eigene Agentur: CCLab,

spezialisiert auf Content Marketing für

Events.

Innerhalb eines Jahres durfte ich für

Kund:innen wie Red Bull, die Wiener Zeitung,

WKÖ, FFG und UNIDO arbeiten – zum Teil

dieselben Firmen, die mich zuvor abgelehnt

hatten. Im zweiten Geschäftsjahr baute ich

ein zwölfköpfiges Team auf und entwickelte

ein Social-Media-Studio für Events, das

vor Ort hochwertige, sofort einsetzbare

Inhalte produziert. Die Resonanz war überwältigend.

Heute leite ich eine Agentur, die

große Social-Media-Projekte umsetzt, Diversität

lebt und junge Menschen beim Einstieg

in die Arbeitswelt unterstützt.

Meinung

von

ALEXANDRA-ANNA PANIC

50


Ich möchte weiter geben,

was ich gelernt habe

Mein Fazit

1

Warte nicht auf Chancen – erschaffe

sie selbst. Schreibe po­

3

Baue dir ein starkes berufliches

Netzwerk auf – und pflege es

Erfolg in Österreich bedeutet nicht, perfekt

ins System zu passen. Er bedeutet,

tenzielle Mentor:innen aktiv an,

bewirb dich auch auf Stellen,

für die du dich (noch) unterqua­

4

regelmäßig.

Nutze Social Media bewusst, indem

du über deine Erfolge und

sichtbar zu bleiben, Rückschläge zu nutzen

und sich nicht davon abhalten zu lassen,

neue Wege zu gehen.

lifiziert fühlst, und habe den

Projekte berichtest. Sichtbar­

2

Mut, eigene Projekte ins Leben

zu rufen.

Nutze deine Herkunft strategisch:

Wer mehrere Kulturen

5

keit schafft Vertrauen.

Sei flexibel, geduldig mit dir

selbst, aber diszipliniert in deinem

Handeln.

PS: Meine Erfahrungen als Gründerin teile

ich regelmäßig auf Instagram und TikTok

unter @anna.theceo. Folgt mir gerne!

kennt, bringt einzigartige Kommunikations-

und Anpassungsfähig

keiten mit.

GRÜNDERIN

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Leben

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Wer sich in seinem Lebensraum

wohlfühlt, kann auch das Leben in

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„Es ist ein Beruf mit viel Sinn und Herz.“

Entgeltliche Einschaltung FOTO WIGEV / Lisa Schwetz

Pflege ist ein Beruf, der nicht nur medizinisches Fachwissen erfordert,

sondern auch ein hohes Maß an Empathie, Verantwortungsbewusstsein

und die Fähigkeit, in belastenden Situationen einen

klaren Kopf zu bewahren. Sarah arbeitet als Diplomierte Gesundheits-

und Krankenpflegerin auf der Intensivmedizin und der IMCU

(Intermediate Care Unit) der Klinik Floridsdorf – eine Station, die

Patient*innen mit besonders komplexen medizinischen Bedürfnissen

betreut.

Im Interview erzählt sie, warum sie ihre Arbeit als sinn stiftend

empfindet, was für sie Zusammenarbeit bedeutet und warum es

motivierend ist, Teil von etwas Großem zu sein.

Wie gefällt dir deine Arbeit und würdest du deine Arbeit deinen

Freund*innen weiterempfehlen?

Mir gefällt meine Arbeit in der Pflege sehr, weil

ich in jedem Dienst das Gefühl bekomme, etwas

Sinn volles zu tun und Menschen in schwierigen

Lebens phasen unterstützen zu können. Besonders

erfüllend ist es, wenn ich merke, dass meine Hilfeleistung

einen Unterschied macht. Ich würde meinen

Freund*innen die Arbeit in der Pflege auf jeden

Fall weiterempfehlen, besonders, wenn sie gerne mit

Menschen arbeiten, einfühlsam sind und Freude

daran haben, Verantwortung zu übernehmen. Es

ist ein Beruf mit viel Sinn und Herz, der einem auch

selbst viel zurückgibt. Mit der richtigen Einstellung

lassen sich manchmal Berge versetzen!

Was macht für dich Erfolg im Beruf aus?

Erfolg im Beruf bedeutet für mich, dass ich durch

meine Arbeit das Leben meiner Patient*innen positiv

beeinflussen kann. Dass meine Unter stützung

dazu beiträgt, Schmerzen zu lindern, Lebensqualität

zu verbessern oder einfach ein Lächeln

auf ein Gesicht zu zaubern – dann fühle ich mich

erfolgreich. Es geht nicht nur um medizinische

Versorgung, sondern auch darum, Menschlichkeit

und Würde zu bewahren. Des Weiteren zeigt sich

Erfolg für mich auch darin, wenn ich im Team gut

zusammen arbeite, Herausforderungen gemeinsam

meistere und mich durch Fortbildungen und Erfahrungen

fachlich weiterentwickle.

Was zeichnet die Zusammenarbeit mit so vielen Kolleg*innen und

Berufsgruppen im WIGEV aus?

Die Zusammenarbeit ist geprägt von einem starken

Teamgeist und gegenseitiger Unterstützung. Gemeinsam

verfolgen wir die Mission, das Wohl der

Patient*innen in den Mittelpunkt zu stellen. Jede*r

bringt eigene Expertise und Erfahrungen ein, wodurch

wir gemeinsam die bestmögliche Versorgung

für unsere Patient*innen sicherstellen können.

Diese Interdisziplinarität macht die Arbeit spannend

und lehrreich, da man ständig neue Perspektiven

gewinnen kann.

Was macht den Wiener Gesundheitsverbund als Arbeitgeber aus?

Besonders hervorzuheben ist die Sicherheit und

Verlässlichkeit, die der WIGEV als großer öffentlicher

Arbeitgeber bietet. Mit seinen zahlreichen

Ein richtungen bietet er eine breite Palette an Einsatzbereichen,

wodurch man die Chance hat, in verschiedenen

Fachgebieten zu arbeiten und wertvolle

Erfahrungen zu sammeln. Egal ob in der Pflege,

Therapie oder Verwaltung – jede*r fndet hier seinen

Platz. Was ich besonders schätze, ist das Engagement

für die Weiterbildung der Mitarbeiter*innen. Der

WIGEV investiert in Fortbildungen und Karriere-

möglichkeiten, was nicht nur die fachliche Entwicklung

fördert, sondern auch motivierend wirkt.

Zahlen und Fakten

Der Wiener Gesundheits verbund ist Österreichs

größter Aus bildner im Bereich Gesundheits- und

Krankenpflege. Ob Bachelor-Studium, Aus ­

bildung zur Pflegefachassistenz oder zur Pflegeassistenz

– bei uns finden Interessierte alle drei

Wege in die Pflege.

Alle Infos rund um Ausbildung, Bewerbung und

persönliche Erfahrungsberichte gibt’s unter:

gesundheitsverbund.at/ichpflege

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WIENER GESUNDHEITSVERBUND

52


© Tim Mossholder - Unsplash

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DOPPELT DISKR

HALB BEZAHLT

Migrantinnen schuften für Österreich

Wer Frau und Migrantin ist, hat gleich zwei Gründe,

weniger zu verdienen. Es ist der Jackpot der Ungerechtigkeit

– herzlichen Glückwunsch!

Wer putzt die Spitäler, pflegt die Oma, schupft den

Supermarkt? Genau: migrantische Frauen. Ohne sie

stünde Österreich still. Fair bezahlt? Ach, träumen

wir ruhig weiter.

Der Gender Pay Gap liegt hierzulande im

Schnitt bei 18 Prozent. Aber Frauen mit Migrationsgeschichte

bekommen fast 30 Prozent weniger Lohn.

Drei Monate Extra-Arbeit pro Jahr – gratis!

Applaus gab’s im Lockdown, mehr Lohn bis

heute nicht.

„Systemrelevant“ nennt man das. Die Frauen

in der Pflege, der Reinigung, der Gastronomie mögen

Heldinnen auf Social Media sein, auf dem Gehaltszettel

sind sie Neben darstellerinnen.

Auch die hochqualifzierten Migrantinnen dürfen

sich freuen: Ihr Diplom aus dem Ausland zählt hier

oft so viel wie ein Panini-Sticker. Sprachbarrieren?

Makel. Aus ländischer Name? Bewerbungsunterlagen

verschwinden wie von Geisterhand. Karrierechancen?

Doppelte Hürde, halbe Anerkennung –

Intersectionality, live in Österreich! Hoch lebe die

Überschneidung mehrerer Benachteiligungen. In

diesem Fall das Zusammenspiel von Geschlecht und

Herkunft, das zu systematischer Diskriminierung

führt.

Ingenieurinnen, Ärztinnen und IT-Expertinnen

landen in Jobs, in denen ihre Fähigkeiten nicht einmal

annähernd genutzt werden. Für sie persönlich

frustrierend, für das Land wirtschaftlich unklug:

Wertvolles Wissen bleibt ungenutzt, Potenzial verpufft,

Innovation bleibt aus. Brain Waste, anyone?

von

URSULA RESSL

Ursula Ressl ist Kommunikationsstrategin und Gründerin der

Plattform Female Forward sowie Bezirksrätin für NEOS in Wieden.

Meinung ursularessl.com

54


IMINIERT,

Dabei gäbe es Lösungen: rasche und unkomplizierte

Anerkennung von Qualifkationen, Förderprogramme

für Expertinnen in Wirtschaft, Forschung und Technik,

neutrale Bewerbungsverfahren. Unternehmen,

die Vielfalt ernst nehmen, proftieren durch Innovation,

Wachstum, Fachkräfte. Und ja, Vielfalt ernst zu

nehmen, bedeutet auch: Endlich gleicher Lohn für

gleiche Arbeit. Klingt simpel? Ist es auch. Nur unbequem.

Die noch unbequemere Wahrheit: Ohne migrantische

Frauen würde Österreich zusammenbrechen.

Denn migrantische Frauen tragen unsere

Krankenhäuser, unsere Schulen, Start-ups und Forschungslabors.

Und das für ein Gehalt, das weit unter

dem ihrer männlichen Kollegen liegt. Volkswirtschaftlich

dumm? Absolut. Ungerecht? Defnitiv.

Es ist Zeit, hinzuschauen. Es ist Zeit, zu handeln.

Gerechtigkeit ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.

Für alle Frauen, aber besonders für jene, die

das Land Tag für Tag am Laufen halten. Migrantische

Frauen inklusive.

Wer migrantische Frauen stärkt, stärkt das

ganze Land. Punkt. Wer das nicht glaubt,

soll es auch nur einen Tag lang ohne sie

probieren.

PUMPKIN’

AT DUNKIN’

Pumpkin Spice Latte

Iced • Hot

55



Vielfalt ist mehr als ein Schlagwort – sie ist ein zentraler Erfolgsfaktor

für Wirtschaft, Gesellschaft und Innovation. Der Biber

Impact Award würdigt Menschen und Initiativen, die Diversität

nicht nur leben, sondern aktiv gestalten – als Vorbilder, Mutmacher

und Changemaker.

„Vielfalt ist kein Nice-to-have, sondern

ein Must-have für unsere Zukunft.

Der Biber Impact Award zeigt: Diversität

bedeutet nicht Anpassung, sondern

Be reicherung – für Unternehmen,

Institutionen und jede einzelne Biografie.“

Rudi Kobza, Herausgeber von Biber und Initiator des Awards

Der Biber Impact Award zeichnet herausragende Persönlichkeiten

und Organisationen in vier Kategorien aus: Unternehmen, Institutionen,

Karriere und Talent.

Sie brechen Barrieren, schaffen neue Perspektiven und zeigen,

wie gelebte Vielfalt unsere Gesellschaft stärkt: Sie setzen

sich auf beeindruckende Weise für Inklusion, Chancengleichheit

und kulturelle Öffnung ein – sei es als Einzelperson mit Migrationsbiografie

oder als Organisation, die Vielfalt systematisch

fördert.

Die Preisträger:innen des Impact Awards gestalten eine Gesellschaft,

in der Herkunft kein Hindernis, sondern eine Stärke ist.

VIELFALT

SICHTBAR

MACHEN

Die Jury

Aus allen Einreichungen hat die Biber-Redaktion eine Vorauswahl

an Nominierten getroffen. Eine Jury aus beeindruckenden

Persönlichkeiten, die sich für Vielfalt und Chancengleichheit einsetzen,

hat die Gewinnerinnen und Gewinner ausgewählt.

Eser Akbaba Journalistin und Moderatorin

Ivona Dadić Österreichische Leichtathletin und

mehrfache Medaillengewinnerin im Siebenkampf

Gabriel Karas CEO karas strategy group

Boris Marte CEO ERSTE Stiftung

Ali Rahimi Gründer und Geschäftsführer Rahimi & Rahimi

Ursula Ressl Kommunikationsexpertin, Gründerin Female Forward

Sandra Thier Unternehmerin, Journalistin und Moderatorin

Anika Vavić Pianistin

57

Feature


Ohne Vielfalt keine Zukunft

Ein Gespräch mit Finanzstadträtin Barbara Novak

Barbara Novak, amtsführende Stadträtin für Finanzen, Wirtschaft,

Arbeit, Internationales und Digitales im Gespräch mit Biber über die Rolle

von Vielfalt als Wirtschaftsmotor, Chancen für Gründer:innen und

Wiens Vision 2035.

Welche Rolle spielt Vielfalt heute schon für die wirtschaftliche

Stärke Wiens?

Die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, um

eine vielfältige Unternehmenslandschaft zu fördern,

ist entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung

Wiens. Denn Unternehmen, die Diversität in

ihren Teams und Strukturen verankern, proftieren

von einer größeren Bandbreite an Perspektiven, Erfahrungen

und Kompetenzen. Diese Vielfalt bildet

die Grundlage für Innovation, Kreativität und nachhaltiges

Wachstum.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Wien wächst – und

mit diesem Wachstum nimmt auch die Vielfalt in

der Bevölkerung weiter zu. Die demografsche Entwicklung

bietet der Wiener Wirtschaft eine große

Chance, da die Stadt so langfristig auf ausreichend

qualifzierte Arbeitskräfte zurückgreifen kann.

Wie unterstützt die Stadt Gründer:innen und Unternehmen mit Migrationshintergrund

konkret?

Rund 40 Prozent der Unternehmer*innen in Wien

haben einen Migrationshintergrund. Die Stadt setzt

sich aktiv für ein vielfältiges und chancengerechtes

wirtschaftliches Umfeld ein. Das bedeutet: Alle

Menschen – unabhängig von Herkunft, Sprache, Geschlecht,

kulturellem Hintergrund, Bildungsstand

oder familiärem Umfeld – erhalten Zugang zu Information,

Beratung und Förderung.

Gründer*innen, Unternehmen wie auch internationale

Fachkräfte und Expats werden durch

die Wirtschaftsagentur Wien in über 17 Sprachen

beraten. Ergänzend dazu vermitteln mehrsprachige

Workshops praxisnahes Wissen zu zentralen

Gründungsthemen – mit besonderem Fokus auf

Gründer*innen mit Migrationsgeschichte. Diese

muttersprachlichen Angebote erleichtern den Zugang

zu allen wichtigen Informationen und fördern

den interkulturellen Austausch zwischen Branchen

und Personen. Auch Gründerinnen stehen bei der

Wirtschaftsagentur im Fokus: Mit gezielten Förderprogrammen

wie dem Frauenbonus setzt die Stadt

klare Schwerpunkte für Frauen in der Wirtschaft.

Durch diese vielfältigen Angebote ist die Wirtschaftsagentur

nah an den Gründer*innen und Wiener

Unternehmen und weiß aus erster Hand, mit

welchen Herausforderungen und Hürden diese konfrontiert

sind. Die gewonnenen Erkenntnisse werden

in die städtischen Strukturen hineingetragen,

um dort – wo immer möglich – Verbesserungen anzustoßen.

Was bedeutet der neue Biber Impact Award für die Wiener Wirtschaft

und das internationale Image der Stadt?

Der neue Biber Impact Award ist ein bedeutender

Meilenstein für die Wiener Wirtschaft und stärkt

Wien international. Er setzt ein klares Zeichen für

Innovationskraft, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung.

Das fördert den Wettbewerb und die

Weiterentwicklung unserer Wirtschaft und positioniert

Wien als zukunftsorientierten und verantwortungsvollen

Wirtschaftsstandort auf der internationalen

Bühne.

Wien ist eine Stadt, in der wirtschaftlicher

Erfolg und gesellschaftliches Engagement Hand in

Hand gehen. Das macht uns in der globalen Vernetzung

noch attraktiver und stärkt nachhaltig unsere

Wettbewerbsfähigkeit.

Viele erfolgreiche Digitalunternehmen haben migrantischen Background

– wie will Wien dieses Potenzial noch besser nutzen?

Ohne migrantische Unternehmen wäre Wien wirtschaftlich,

kulinarisch und kulturell deutlich ärmer:

der Naschmarkt, zahlreiche Kaffeehäuser, internationale

Softwarefrmen, Pflege-Startups oder

spezialisierte Handwerksbetriebe – sie alle zeigen,

wie Vielfalt die Stadt prägt. Diese Betriebe schaffen

Arbeitsplätze, bilden aus, reagieren flexibel auf

neue Marktbedürfnisse und bringen internationale

Netzwerke, Sprachkenntnisse und interkulturelles

Know-how mit. Diversität trägt damit maßgeblich

zur Weiterentwicklung Wiens und zu seiner Positionierung

als multinationale Wirtschafts metropole

bei.

Feature

58


FOTO © MeinBezirk Marinelic

Eine Studie der Stadt Wien aus dem Jahr 2022

zeigt unter anderem, dass die Bevölkerung mit Migrationshintergrund

inzwischen die Mehrheit des

Arbeitskräftepotenzials in Wien stellt und einen

wesentlichen volkswirtschaftlichen Beitrag leistet.

So wurden 2022 bereits 43 Prozent aller in Wien geleisteten

Arbeitsstunden von Menschen mit Migrationshintergrund

erbracht. Wien bietet mit diversen

Förderungen und Beratungsangeboten umfangreiche

Unterstützung für Gründer*innen mit Migrationshintergrund

an.

Vielfalt schafft Chancen und braucht auch ein Miteinander. Welche

Verantwortung tragen hier Politik und Wirtschaft?

Politik gibt den Rahmen vor. Einer dieser zentralen

Werte ist Vielfalt – ein Wesensmerkmal Wiens seit

über 2000 Jahren. Schon immer war die Stadt ein

Ort des Aufeinandertreffens von Menschen aus unterschiedlichen

Ländern, Gesellschaften sowie politischen

Systemen. Diese Vielfalt eröffnet der Wiener

Wirtschaft große Chancen für Innovation und

Wachstum. Gleichzeitig liegt es in der Verantwortung

der Unternehmen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen

einzuhalten und sich aktiv in die Gesellschaft

einzubringen, um ihre Weiterentwicklung im

Sinne der Menschen in Wien mitzugestalten.

Wo sehen Sie Wien in zehn Jahren – wirtschaftlich und gesellschaftlich?

In den kommenden zehn Jahren werden die Vorteile

der demografschen Entwicklung Wiens noch deutlicher

sichtbar werden. Schon heute verzeichnet die

Stadt eine Rekordbeschäftigung mit nahezu einer

Million Arbeitsverhältnissen; allein zwischen 2014

und 2024 entstanden trotz Herausforderungen wie

Corona, Inflation und dem Krieg in der Ukraine

zusätzlich 127.000 neue Jobs. Diese positive Entwicklung

gilt es in den nächsten Jahren konsequent

fortzusetzen, um die wirtschaftliche Prosperität zu

sichern.

Parallel dazu zeigt sich die internationale

Strahlkraft Wiens auch im Bereich der Wissenschaft:

Mehrere Nobelpreise der letzten Jahre stehen

in engem Zusammenhang mit der Stadt – von Peter

Handke über Anton Zeilinger bis zu Ferenc Krausz

und Emmanuelle Charpentier, die Teile ihrer Arbeiten

in Wien durchführten. Diese Erfolge unterstreichen,

dass Wien nicht nur wirtschaftlich wächst,

sondern auch als Zentrum von Forschung, Innovation

und Kultur internationale Bedeutung hat.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in den nächsten 12 bis 24

Monaten – und warum sind diese gerade jetzt besonders wichtig?

Mein Fokus liegt auf der Stärkung des Wirtschaftsstandortes,

besonders in den Bereichen Life Science

und Digitalisierung. Frauenförderung und Fachkräftesicherung

ist mir ebenso ein besonderes Anliegen

wie der Tourismusstandort Wien. Projekte

wie die Bewerbung der KI-Gigafactory sind wichtig

und natürlich, dass der ESC in Wien ausgetragen

wird und Wien dadurch international zu einer wichtigen

Drehscheibe wird.

59 Feature


KATEGORIE 1

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Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?

Bei IKEA ist unsere Vision, den vielen Menschen

einen besseren Alltag zu ermöglichen. Dabei beginnen

wir bei uns selbst: Vielfalt zu erkennen,

sichtbar zu machen und zu feiern, macht sie zu

unserer Stärke. Wir schaffen ein Arbeitsumfeld, in

dem sich alle willkommen, respektiert und wertgeschätzt

fühlen. Jede:r soll die eigenen Perspektiven

und Talente einbringen können – unabhängig von

Her kunft, Ge schlecht, Alter, sexueller Orientierung,

Religion, Behinderung oder anderen

Merkmalen.

Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders

prägend und wie haben Sie diese überwunden?

Besonders prägend war für uns die Herausforderung,

gesellschaftspolitische Themen in den

Arbeitsalltag zu bringen, etwa die Reduktion

des Gender Pay Gaps auf 0,71 % zugunsten der

Frauen. Gleichstellung bedeutet für uns jedoch

mehr: Dank einer von uns initiierten Studie

wissen wir, dass Frauen wegen der durchschnittlich

höheren Belastung durch Care-

Arbeit schlechter und/oder weniger schlafen.

Hier wollen wir gesellschaftlich Stellung beziehen

und Bewusstsein schaffen. Gleichzeitig

fragen wir uns laufend: Wie können wir unterschiedliche

Belastungen von Kolleg:innen berücksichtigen?

Vieles ist bereits umgesetzt – etwa

Sprachförderungen für Menschen mit Fluchthintergrund,

Zusatzurlaube oder Hilfsmittel für

Kolleg:innen mit Behinderungen, Plattformen für

Austausch innerhalb einzelner Communitys – und

doch sind wir noch immer auf dem Weg.

Welche Rolle spielt die Herkunft Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

auf IhremWeg zum Erfolg?

Unsere Stärke liegt in der Vielfalt und darin, Talente

gezielt zu fördern. Unser Impuls an andere:

Sich auf Vielfalt einzulassen, eröffnet neue Möglichkeiten.

Oft sind es die kleinen Gesten, die Großes

bewirken – für Organisationen, Gesellschaft

und einzelne Menschen.

Verena Schnabl

Talent Sourcing & EVP Specialist

AUSZEICHNUNGEN

Kenny’s

Vielfalt mit 20+ Nationen: Sprachförderung,

Buddy-System & Aufstieg eröffnen

Chancen für Menschen mit Migration.

Österreichische Post AG

Sprachcafés, Frauenprogramme & Diversity-Netzwerke

schaffen gleiche Chancen.

Vielfalt wird gelebtes Erfolgsprinzip.

VIG Holding

Life Balance, Familie, Vielfalt & Gesundheit:

Trainings, Teams & Netzwerke machen gelebte

Chancengleichheit möglich.

Feature

60


KATEGORIE 2

INSTITUTIONEN

Wenn ich in eine neue Stadt ziehe, bin

ich dankbar für eine Nachbarin, die mir

zeigt, wie man hier miteinander umgeht,

mich willkommen heißt und Tipps gibt.

Genau das tun die NACHBARINNEN für

nach Wien migrierte Menschen.

Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders

prägend und wie haben Sie diese überwunden?

Unsere Näherinnen haben vor ihrer Arbeit

bei uns noch nie gearbeitet, konnten

es sich gar nicht vorstellen. Heute sind

sie Role Models für Praktikantinnen – so

geben wir das Feuer der Zugehörigkeit

von Frau zu Frau weiter.

FOTO Landesinnung Wien der Denkmal-, Fassaden-und Gebäudereiniger © Max Slovencik

Nähwerkstatt Verein

Nachbarinnen

Die Nähwerkstatt ermöglicht Migrantinnen den Einstieg ins

Berufs leben: Fixe Jobs, Training, Sprachgruppen und kulturelle

Aktivitäten fördern Selbstständigkeit und Teilhabe. Frauen aus

fünf Nationen gewinnen so Gemeinschaft, Selbstvertrauen und

Perspektiven.

nachbarinnen.at/die-naehwerkstatt

Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?

Wir machen diese Arbeit, weil wir sehen, dass Integration

möglich ist – und keine Einbahnstraße. Zugewanderte

müssen große Schritte tun. Und wir als

Ankunftsgesellschaft haben die Aufgabe zu zeigen,

wie es geht und warum es für alle ein Gewinn ist.

Landesinnung Wien der Denkmal-,

Fassaden- und Gebäudereiniger

80 Syrer:innen wurden ausgebildet, fast die Hälfte fand Jobs.

Wien zeigt: Integration & Fachkräftesicherung können gelingen.

Welche Rolle spielt die Herkunft Ihrer Mitarbeiterinnen

auf Ihrem Weg zum Erfolg?

Nur Frauen, die selbst traditionelle Rollen hinter

sich gelassen haben, können als glaubwürdige

Vorbilder wirken. Darum ist die Vielfalt unserer

Mitarbeiterinnen ein so großer Schatz – keine Österreicherin

könnte diese tiefen Veränderungen

auslösen.

Welche Impulse möchten Sie anderen Unternehmen oder Organisationen

mitgeben?

Wir sehen täglich, wie sehr sich Migrantinnen für

ihre Kinder und für einen guten Weg in Österreich

einsetzen. Deshalb appelliere ich an uns alle, die

schon länger hier sind: Lassen Sie uns alles tun,

um Menschen echte Chancen in Bildung, Beruf

und gesellschaftlicher Teilhabe zu eröffnen. Dazu

gehört auch die Möglichkeit zu wählen.

Dr. in Christine Scholten,

Gründerin und Geschäftsführerin Verein Nachbarinnen

Teach for Austria

2 Jahre Leadership an benachteiligten Schulen: Inklusive Projekte

und Safer Spaces schaffen Chancen für alle Kinder.

AUSZEICHNUNGEN GEWINNER

61

Feature


KATEGORIE 3

KARRIERE

opfert, damit ich in Österreich alle

Möglichkeiten habe – deshalb will

und muss ich es schaffen.

GEWINNER

Adel Hafizovic, 40

NEOH , Co-Founder

Als Kind aus Bosnien geflüchtet, machte Adel Hafizovic in Österreich

Karriere auf – vom Sales Representative bis zum Mitgründer

von NEOH. Er zeigt, dass Herkunft kein Hindernis ist und macht

Menschen mit Migrationshintergrund Mut zum Erfolg.

neoh.com

Was motiviert dich in deinem Tun?

Mich motiviert vor allem, mit meiner Arbeit echte

Wirkung zu erzielen und etwas zu schaffen, das

bleibt. Ich sehe es als meine Verantwortung, die

Chancen zu nutzen, die meine Eltern und viele

ihrer Generation nicht hatten. Sie haben viel ge-

Welche Herausforderungen haben dich geprägt

– und wie hast du diese überwunden?

Geprägt haben mich Unsicherheiten,

Sprachbarrieren und Diskriminierung,

aber auch der Neuanfang

meiner Familie. Während andere

einem klaren Plan folgen konnten,

musste ich mir meinen Weg selbst

erarbeiten. Rückschläge habe ich

als Lernchancen begriffen. Beharrlichkeit,

Lernbereitschaft und die

Kraft des Sports – im Fußball habe

ich Freundschaft und Halt gefunden

– waren entscheidend, um

diese Hürden zu überwinden.

Welche Rolle spielte deine Herkunft auf deinem Weg zum

Erfolg?

Meine Herkunft ist ein ständiger Begleiter und

eine Quelle der Stärke. Sie hat mich gelehrt, flexibel

zu denken, Brücken zu bauen und Chancen zu

sehen, wo andere Grenzen sehen. Dankbarkeit und

Bodenständigkeit sind die Basis meiner Identität.

Was möchtest du anderen Menschen mit auf den Weg geben, die

ebenfalls etwas bewegen wollen?

Anderen möchte ich mitgeben: Bleibt euch treu, verwandelt

Rückschläge in Energie und sucht die Zusammenarbeit

mit anderen. Wirklicher Erfolg entsteht

selten linear, sondern durch Ausdauer, Mut

und die Fähigkeit, nie den eigenen Antrieb zu verlieren.

AUSZEICHNUNGEN

Yakup Abdulgani, 51

Österreichische Post AG

Vom Paketzusteller zum Disponenten:

Flucht, digitale Innovation & Einsatz für Respekt

und Chancengleichheit prägen ihn.

Jing Chen, 29

Gastronom

In Wien geboren, 7 Betriebe aufgebaut &

300 000 Follower: Er verbindet Kulturen –

Vielfalt fördert Innovation & Miteinander.

Kambis Kohansal Vajargah, 37

WKO

In 50+ Startups aktiv, heute Leiter der

WKO­ Startup-Services: Er baut Brücken &

zeigt, wie Vielfalt Innovation schafft.

Feature

62


KATEGORIE 4

TALENT

FOTO Ilja Jay Lawal © Chiara Milo

Banan Sakbani, 22

Integrationsbotschafterin, Musikerin, Autorin und

Schauspielerin

2014 aus Syrien geflohen, lebt Banan Sakbani seit 2017 in

Wien. Nach 15 Schulwechseln maturierte sie mit Auszeichnung,

lernte acht Sprachen und studiert Jus. Aktuell ist sie Rechtspraktikantin

bei der FMA, zudem Autorin, Musikerin, Schauspielerin,

Integrationsbotschafterin und mehrfache Preisträgerin.

banansakbani.com

Was motiviert dich in deinem Tun?

Mich motiviert mein Glaube daran, dass ein einzelner

Mensch in seinem Umfeld viel verändern und

prägen kann. Ich mag das Wort Multiplikator.

Ilja Jay Lawal, 32

FOLLOW

Vom Startup zur 30-köpfigen Agentur mit

3 Mio. Umsatz: 70 % Frauen & klare Haltung

zeigen, wie Vielfalt Unternehmertum prägt.

Moulham Obid, 34

Fashion Designer

2014 aus Syrien nach Wien, 2018 Couture-

Label gegründet: Nachhaltig & vielfältig

schafft er Chancen in der Kreativbranche.

Welche Herausforderungen haben dich geprägt – und wie hast du

diese überwunden?

Mein Leben wurde durch Flucht, zahlreiche Länder-

und Sprachwechsel geprägt. Dank Bildung,

Familie und der Unterstützung engagierter Lehrkräfte

habe ich diese Herausforderungen gemeistert

– trotz des Systems, nicht durch es.

Welche Rolle spielte deine Herkunft auf deinem Weg zum Erfolg?

Meine Identität machen Musik, Kunst, die Bühne,

alle drei Länder (Syrien, die Türkei & Österreich)

und alle acht Sprachen aus. Es ist ein Mosaik, das

meinen Erfolg in den verschiedenen Gesellschaften

und Bereichen bestimmt hat und bestimmen wird.

Es ist das Mosaik, welches mir Berufserfahrungen

und Praktika in zwei Kanzleien, bei der AK, dem

Sozialministerium, der Österreich-Vertretung der

EU-Kommission, der globalen Organisation Ashoka

und jetzt im Team für internationale Angelegenheiten

der FMA ermöglicht hat. Es ist das Mosaik,

das mich auf große Bühnen wie die UNO, das

4Gamechangers Festival, das Forum Alpbach, die

Wiener Staatsoper und in Präsidentschaftskanzleien

als Public Speaker, Changemaker, Theater-

Schauspielerin und Integrationsbotschafterin hinaufgetragen

hat. Ich bin stolz auf meine Sprachen

und meine Herkunft.

Was möchtest du anderen Menschen mit auf den Weg geben, die

ebenfalls etwas bewegen wollen?

Vor allem möchte ich jungen Menschen, die etwas

bewegen wollen, Geduld, Kraft und positive Energie

mitgeben. Das Wort Aufgeben soll in deren

Wortschatz keinen Platz haben, denn mit Ehrgeiz

ist alles möglich, jeder Traum kann in Realität umgewandelt

werden. Es lohnt sich!

Vada Prosquill, 30

Leaders in Heels

Gründerin von „Leaders in Heels“ & „Future

of LeadHERship“: Sie vernetzt Frauen mit

Wirt schaft & Investoren, stärkt Sichtbarkeit.

AUSZEICHNUNGEN GEWINNER

63 Feature


SONDERPREIS

NGO

SPRINGBOARD

Verein zur Förderung von Talenten

Seit zehn Jahren stärkt SPRINGBOARD Chancengleichheit, Teilhabe

und In tegration junger Menschen. Mit praxisnahen Programmen,

kreativen Lösungen und einem starken Netzwerk werden Jugendliche

beim Einstieg in Aus bildung und Beruf unterstützt.

springboard.wien

Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?

Unsere Motivation ist es, jungen Menschen aus benachteiligten

Verhältnissen echte Perspektiven zu

eröffnen. Jeder Erfolg – sei es ein vermitteltes Praktikum,

eine bestandene Prüfung oder die Integration

eines Jugendlichen in den Arbeitsmarkt – zeigt,

dass Unterstützung ankommt und einen Unterschied

macht. Uns treibt der Wunsch an, Chancengleichheit

praktisch umzusetzen und gesellschaftliche

Teilhabe zu ermöglichen.

Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders prägend

und wie haben Sie diese überwunden?

Zu Beginn standen wir oft vor begrenzten Ressourcen

und der Her aus forderung, bürokratische Hürden

schnell und flexibel zu überwinden. Die Corona-

Pandemie hat uns zudem vor Augen geführt, wie

wichtig Digitalisierung ist und wie gravierend die

„digitale Kluft“ für benachteiligte Jugendliche sein

kann. Wir sind pragmatisch geblieben, haben kre-

ative Lösungen entwickelt

(wie Laptopspenden oder die

Unterstützung der digitalen

Förderungsinitiative an Wiener

Schulen) und durch partnerschaftliche

Netzwerke

stetig neue Unterstützer:innen

gefunden.

Welche Rolle spielt die Herkunft Ihres

Freiwilligen-Teams auf Ihrem Weg zum

Erfolg?

Die Vielfalt unseres Teams ist

ein entscheidender Er folgsfaktor.

Viele unserer Ehrenamtlichen

und Vorstandsmitglieder

kommen selbst aus

nicht privilegierten Verhältnissen

oder haben Migrationshintergrund.

Sie kennen die

He rausforderungen unserer Zielgruppen

aus eigener Erfahrung, bringen Mehrsprachigkeit,

kulturelles Verständnis und hohe

Empathie ein, was die Bedarfe der Klient:innen

gezielt abdeckt.

Welche Impulse möchten Sie anderen Unternehmen oder Organisationen

mitgeben?

Wir empfehlen, auf echte Teilhabe zu setzen: Offenheit

für Vielfalt, Mut zu schnellen, unbürokratischen

Lösungen und die Bereitschaft, gemeinsam

mit anderen zu arbeiten. Diversität und Multilingualität

der Mitarbeiter:innen sind in einer

globalisierten Welt ein wichtiges Asset für Unternehmen

und sollten als Stärke gelebt werden. Projekte

entfalten ihre Wirkung vor allem dann, wenn

sie flexibel an den realen Bedürfnissen ausgerichtet

und kontinuierlich hinterfragt werden. Erfolg

misst sich für uns nicht an Zahlen, sondern an den

nachhaltigen Veränderungen im Leben der Menschen.

Mag. Robert Gulla, Dr. Farid Sigari-Majd,

Obmänner Verein SPRINGBOARD

Feature

64


SONDERPREIS

INNOVATION

SPRACHE & MEDIEN

ORF

SAG’S MULTI

Der ORF zeigt mit SAG’S MULTI und dem gleichnamigen TikTok­

Kanal, wie Sprachvielfalt, kulturelle Identität und digitale Reichweite

erfolgreich verbunden werden können. Das Projekt gibt

jungen Menschen eine Bühne und transportiert ihre Stimmen

über moderne Plattformen in die Gesellschaft. Dabei stehen die

Wertschätzung der Sprache und Kulturen, die Mehrsprachigkeit

und die Diversität als Schatz einer Gesellschaft im Mittelpunkt.

Ein Parade beispiel dafür, wie öffentlich-rechtliche Medien Innovation

in den Dienst von Bildung, Demokratie und gesellschaftlicher

Integration stellen.

sagsmulti.ORF.at

tiktok.com/@sagsmulti

Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?

Mit 91 Prozent wöchentlicher Reichweite ist der

ORF zentraler Bestandteil des Lebens der Menschen

in Österreich. Unser Publikum zu informieren,

zu bilden sowie zu unterhalten – und dies alles

höchst erfolgreich – bereitet mir jeden Tag große

Freude.

Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders prägend

und wie haben Sie diese überwunden?

In jedem Abschnitt meines ORF-Berufslebens – als

Journalist, Chefproducer und nun Generaldirektor

– gab es unzählige Herausforderungen, die ich ge-

meinsam mit meinen Teams erfolgreich

bewältigt habe. Die größte

Herausforderung war sicher lich

die neu geregelte Finanzierung des

ORF mit einem geräte unabhängige

ORF-Beitrag. Wir konnten damit

eine solidarische und nachhaltige

Finanzierung sicherstellen sowie

3,2 Millionen Haushalte spürbar

entlasten. Ein nun von allen fnanzierter

ORF muss auch in seinen

Angeboten ein „ORF für alle“ sein:

Daher zünden wir auch 2026 – trotz

des immensen Sparvolumens von

mehreren Hundert Millionen Euro

bis 2029 – ein Programm feuerwerk

mit Sport wie der Fußball-WM,

Unter haltung wie dem ESC in Wien oder

dem Comeback von „Kommissar Rex“, Kultur, Info

sowie zahlreichen neuen Formaten.

Welche Rolle spielt die Herkunft Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

auf Ihrem Weg zum Erfolg?

Qualifkation ist das Wichtigste, da wird jeder zustimmen,

aber gleichzeitig wissen wir um die Bedeutung

von ethnisch und kulturell durchmischten

Teams, weil die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert

wird und es auch zu neuen Blickwinkeln führen

kann. Die Steigerung der Diversität im Unternehmen

habe ich als Generaldirektor als wichtiges

Ziel festgeschrieben und wir haben in diesem

Bereich in den vergangenen Jahren schon viel erreicht.

Welche Impulse möchten Sie anderen Unternehmen oder Organisationen

mitgeben?

Die digitale Transformation sowie der Umgang mit

künstlicher Intelligenz werden alle Unternehmen

weltweit vor große Herausforderungen stellen.

Roland Weißmann,

Generaldirektor des ORF

65

Feature


IRENA PEJČIĆ:

MUT, LEIDENSCHAFT UND ENTSCHLOSSENHEIT

IN GIPS GEGOSSEN.

Ihre Geschichte ist Teil ihrer Kunst.

Irena wurde in Jugoslawien geboren (heute Bosnien-Herzegowina) und ist als Zweijährige

nach Österreich gekommen. Der Kontrast zwischen Kriegsvergangenheit und

sicherem Aufwachsen in Österreich prägt ihre Sicht auf die Welt – und das spürt

man in ihrer Kunst.

Künstlerin mit Tiefgang.

Irenas Werke thematisieren das Zerbrechliche, persönliche

und gemeinsame Erfahrungen – und wie all das in unseren Körpern

und der Welt um uns herum Spuren hinterlässt.

Ihr Hauptmaterial: Gips.

Gips ist brüchig, sensibel – und genau das zeigt, worum es ihr geht: Risse und Narben,

die etwas erzählen. Über das, was war, und darüber, wie wir damit umgehen. Für die

Gestaltung des Biber Impact Awards hat sich die Künstlerin von der Begeisterung

und Zielstrebigkeit der Preisträgerinnen und Preisträger inspirieren lassen.

Eine aufstrebende

Flamme als Symbol für

den Mut, die Leidenschaft

und die Ent schlossenheit

der Preis trägerinnen

und Preis träger.

Biber mit scharf eben.

FOTOS © Florentina Olareanu

Feature

66


Was dich antreibt,

wird zur Lebensqualität

von Millionen.

Gemeinsam halten wir Wien

jeden Tag am Laufen.

wienerstadtwerke.at/jobs

Über 200

freie Stellen:

Jetzt bewerben!

67


WIR DANKEN

UNSEREN PARTNERN DES

BIBER IMPACT AWARDS

McMuffin Ham & Egg

Avocado & Egg Wrap

McMuffin Beef & Egg

Täglich bis 10:30.

Erhältlich in allen teilnehmenden Restaurants in Österreich,

solange der Vorrat reicht. Produkte mit Schmelzkäsezubereitung.

McMuffin Fresh Avocado


TICKETHEAD

DIE WIENER,

DIE FAKE-TICKETS

KILLEN

Gefälschte Tickets, Bots,

Wucher preise – Live-Kultur

hat ein Problem. Ein Startup

aus Wien sagt: Nicht mit uns.

FOTOS Laura Stanley / pexels.com, © The Guardians

Die Mission

Konzerte ausverkauft, Tickets im Netz plötzlich dreimal

so teuer – oder gleich fake. Tickethead baut Tickets,

die man nicht so leicht fälschen kann, und erlaubt den

Weiterverkauf nur fair und transparent. Wer verkauft,

macht das in der App – zu Preisen, die Veranstalter:innen

vorgeben.

DIE KÖPFE DAHINTER

Christoph Divis und Raphael Tsitsovits gründeten

2023 in Wien. Ihr Motto: „Tickets, die Fans schützen –

und Veranstalter:innen die Macht zurückgeben.“

Raphael Tsitsovits und Christoph Divis

TICKETING AM ZAHN DER ZEIT

Neuester Stand der Technologie – aber nur im Hintergrund.

Für Fans und Veranstalter:innen bleibt es einfach:

Tickets buchen, weitergeben oder scannen, ohne sich

mit Blockchain, Wallets oder Technikdetails herumzuschlagen.

Tickethead setzt Hightech so ein, dass man sie

gar nicht merkt, aber überall profitiert.

SCHON LIVE IM EINSATZ

Von großen Messen wie der Ferienmesse über Clubshows

und Open Airs bis hin zu Konzerten in der Stadthalle

– Tickethead verkauft schon quer durch die Eventlandschaft.

Fazit

Bots und Wucherpreise nerven – Tickethead zeigt, dass

es auch fair geht. Weniger Stress am Einlass, mehr Sicherheit

für Fans, mehr Kontrolle für Veranstalter:innen.

So könnte Ticketing 2025 klingen.

69

TICKETHEAD

Advertorial


BIBER IN

WIEN

kultur*knistern ist ein neues Onlinemedium, bei dem das

„Kulturland Österreich“ wieder auf den Boden zurückgeholt

wird. Wir machen Kulturjournalismus auf Augenhöhe,

verständlich und ohne viel „Blabla“ – online und auf Social

Media. Denn Kultur ist für alle da!

Wiener Kriminacht

23.10.

in mehr als 30

Kaffeehäusern der Stadt

Buch Wien

12. bis 16.11.

Messe Wien

Foto Wien

03.10. bis 02.11.

Foto Arsenal

Früher mal ein Insider-Event, inzwischen

ist es „Österreichs größtes Fotofestival“

für alle. Einen Monat lang bietet es ein

breites Programm rund um die Kunst der

Fotografie. 2025 liegt

der Fokus auf „Dynamic

Futures“ – es könnte also

richtig schräg werden!

Das Wiener Kaffeehaus-Flair lässt sich

am besten mit einem guten Krimi in der

Hand genießen. Noch besser ist es, wenn

in mehr als 30 Cafés in ganz Wien (inter-)

nationale Autor*innen selbst vorlesen –

und das bei freiem Eintritt.

So lassen sich Horror,

Intrigen und Morde

(zur Abwechslung mal)

genießen!

Blue Bird Festival

20. bis 22.11.

Porgy & Bess

Längst kein Geheimtipp mehr, aber einen

Be such wert: Ob man ein Buch im Jahr oder

zehn im Monat liest, hier gibt es immer

Neues zu entdecken. Neben vielen Möglichkeiten

zum Durchwühlen von Büchern und

Gesprächen mit Menschen aus der Verlagsbranche

stehen eine Menge Podiumsdiskussionen

zu aktuelle

gesellschaftlichen Themen

am Programm. Der „to

read“-Stapel ist schließlich

nie groß genug…

MEINUNG

Mach doch was G’scheits!

Jeder von uns hat diesen Satz schon einmal gehört. Egal ob es um ein Hobby, die Wahl der

Ausbildung oder um den aktuellen Job geht: Hätten wir doch nur Jus, Wirtschaft oder

Medizin studiert, dann wären wir jetzt alle reich. Oder so. Das wahrscheinlich schlimmste

berufliche Schicksal, egal woher man kommt, ist die Kunst- und Kulturbranche. Unübersichtliche

Ausbildungswege, geringe Einstiegschancen, niedrige Gehälter. Dann noch die

tägliche Frage: „Davon kannst du leben?“ Und ja, Menschen in Kunst- und Kulturjobs sind

meist unterbezahlt, überqualifiziert und schwer zu finden. Gleichzeitig gibt es viel Konkurrenzkampf.

Aber geht es derzeit nicht allen Berufsgruppen so? Ein Grund mehr, bei

der Ausbildungs- und Berufswahl über den Tellerrand zu schauen. Denn auch in der Kultur

gibt es Lehrberufe, Fachkräftemangel und ein Generationenproblem. Also

warum eigentlich nicht einmal im Leben etwas *nicht* Gescheites machen?

Manon Soukup,

Kulturjournalistin & Gründerin

kultur*knistern

Genre is a funny little concept: Die Vienna

Songwriting Association „Blue Bird

Vienna“ ist eine Nonprofit-Organisation,

die Songwriting fördert. Beim 3-tägigen

Festival im Porgy & Bess treten 12 Acts

auf, von Newcomern bis hin zu bekannten

Künstler*innen aus Österreich und dem

Rest der Welt. Das Line-Up ist schon on ­

line. Ob Festivalpass oder

Einzelticket, du gehst fix

mit neuen Lieblingsliedern

nach Hause!

PORTRÄT MANON SOUKUP © Privat

Kultur

& Events

in Kooperation mit

KULTUR*KNISTERN

70


BIBER

KARRIERE

Bachelor, Master & more!

14. & 15.11.

Austria Center Vienna

Die Info-Events für Oberstufenschüler*innen, ihre Eltern und

natürlich aktive Studis und Absolvent*innen. Der Eintritt ist

frei und es gibt viele Tipps

und Vorträge rund um Studienwahl,

Finanzierung, Bewerbung

und Karriere.

WU Campus Recruiting Day

02. bis 04.12.

Campus WU & mehr

Bewerbungsgespräche mal anders! Beim Recruiting-Day der

Wirtschaftsuniversität Wien kannst du Arbeitgeber*innen im

Interview, beim Bowling oder im Escape-Room

treffen. Die Anmeldung beginnt am 10. November

und man kann sich bewusst entscheiden:

Klassisches Interview oder mal anders?

71


BIBER LIEST

Ein Blick ins Bücherregal der

kultur*knistern-Redaktion mit

Carina Schramek, Julia Gaiswinkler

& Theresa-Marie Stütz.

CARINA SCHRAMEK

Kulturliebhaberin und Allrounderin.

Hat TFM und Medienkulturanalyse

studiert, ist außerdem

ausgebildete Psychotherapeutin

und im Theater-, Tanz- und TV-Bereich engagiert.

Mama, bitte lern Deutsch

Tahsim Durgun

JULIA GAISWINKLER

Liebt Sprache. Hat Publizistik

und Germanistik studiert,

schreibt jetzt für kultur*knistern,

The Gap, Sinnterest und

MeinBezirk. Verbringt das letzte

bisschen Freizeit lesend oder im Park

beim Krähenfüttern.

Neben der Volksschule

Abschiebebescheide

übersetzen, der Kampf

mit

Alltagsrassismus

und die ständige Diskriminierung

seiner kurdischen

Familie: Tahsim

Durgun zeigt, was es

braucht, um in Gemeinschaft miteinander

zu leben. Dabei hält er der Gesellschaft gekonnt

den Spiegel vor und überzeugt mit

zynischem Humor und Sprache, die nicht

näher gehen könnte. Ein absolutes Must

Read, das in jedes Bücherregal und jeden

Kopf gehört.

THERESA-MARIE STÜTZ

Möchte zeigen, dass Inklusion

in allen Lebensbereichen mitgedacht

werden kann. Sie studiert

Journalismus sowie Deutsch, Geschichte

und Inklusive Pädagogik auf

Lehramt und gehört nicht nur zum Team von

kultur*knistern, sondern auch zur Zielgruppe.

Mir geht’s gut, wenn

nicht heute, dann morgen

Dirk Stermann

Hollywoods

Psychoanalytik-Koryphäe

Erika Freemann und

Kabarettist Dirk Stermann

sprechen jeden

Mittwoch bei Melange

und Kipferl im Hotel

Imperial über Freemans

unglaubliches Leben: Von ihrer Flucht aus

Wien nach New York über ihre Karriere als

Psychoanalytikerin bis hin zu durchlebten

Krisen, Alltagsfreuden, Antisemitismus sowie

berührenden Familienanekdoten und

ihren unbesiegbaren Optimismus. Auch mit

98 Jahren kämpft Freeman noch für das,

was ihr wichtig ist. Ein Roman über eine

faszinierende Frau, die zeigt, dass man jede

Hürde bewältigen kann. Chapeau!

Der Patriarchatsindex

Lenka Reschenbach

Was ist eigentlich das

Patriarchat? Mit ihren

Grafiken gelingt es

Lenka

Reschenbach,

es leicht verständlich

und eindrücklich zu erklären.

Auf 207 Seiten

zeigt sie, wie gleichberechtigt

Frauen und

Männer wirklich sind. Spoiler vorab: Eigentlich

nicht wirklich. Egal ob Finanzen, Gesundheit

oder Preise für Beauty-Produkte

– hier wird nichts ausgelassen. Ein Buch für

alle, die bei der Diskussion auf der nächsten

Familienfeier mit handfesten Beweisen

auftrumpfen wollen.

Gratulieren müsst ihr

mir nicht

Lilli Polansky

Mit Anfang 20 einen

Herzschrittmacher

eingesetzt zu bekommen,

steht mit Sicherheit

auf keiner Bucketlist.

Für Lilli ist das

jedoch die Realität.

Noch dazu ist sie mitten

im Maturajahr und

dann macht ihr Freund auch noch Schluss.

Ergreifend und brutal ehrlich zeigt sie, wie

wichtig Freundschaften in schweren Zeiten

sind – und wie tief die eigenen Abgründe

sein können. Ein beeindruckender Debütroman,

der absolut verdient mit dem Rauriser

Literaturpreis 2025 ausgezeichnet

wurde.

Beklaute Frauen

Leonie Schöler

Frauen jagten, Männer

sammelten – und

umgekehrt. Ja, richtig

gelesen. Historikerin

Leonie Schöler

deckt in ihrem Buch

verfestigte Denkmuster

rund um eine vermeintlich

natürliche

Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern

auf. Sie erzählt von gesellschaftlichen

Strukturen im Laufe der Geschichte und

stellt Frauen vor, deren Leistungen lange

unbeachtet blieben. Dabei schafft sie es,

inklusive historischer Fakten, in ihren Erzählungen

mitzureißen und gleichzeitig geschichtliche

Lücken zu schließen.

Kultur

& Events

in Kooperation mit

KULTUR*KNISTERN

72


Bezahlte Anzeige

Wir setzen

Zeichen.

Kultur kann.

Kultur ist für alle da – ohne Barrieren oder Grenzen. Daher fördert die Stadt

das Kulturprogramm und bietet dir einen gesammelten Überblick über das

vielfältige Angebot: von kostenlosen Eintritten bis zu frei zugänglichen

Veranstaltungen. Zum Mitmachen, Zuschauen und Dabeisein.

Entdecke dein persönliches Kulturprogramm

in deiner Stadt – einfach, digital, für dich!

wien.gv.at/kultur


WER

SCHREIBT

ÖSTER -

REICH

Lange blieben Autor*innen

mit Migrationshintergrund

in Österreichs Literaturwelt

unsichtbar. Erst seit wenigen

Jahrzehnten finden sie Beachtung.

Gibt es heute noch

Hürden? Und wie schafft man

es in Österreich als Autor*in?

Die Schriftsteller*innen Barbi

Marković, Anna Kim und

Omar Khir Alanam erzählen

von ihrem Weg, davon, was

sich in der Branche ändern

sollte – und wie der Einstieg

gelingen kann.

Juni, Juli, August: Kein Sommermonat kam ohne Barbi

Marković und ihr neues Buch „Stehlen, Schimpfen, Spielen“

aus. Das Cover mit den grün bestrumpften Füßen in

weißen Stöckelschuhen reihte sich dreimal in Folge unter

die Top Ten der ORF-Bestenliste. Darin erzählt die gebürtige

Belgraderin unter anderem, wie sie in der Literaturszene

Fuß fasste. Der beste Weg zu einem Verlag sei

demnach eine Kombination aus „Zufall, Geburtsort, Geburtszeit,

einer schlechten psychischen Beschaffenheit

und Einsamkeit.“ So erlebte es Barbi in Serbien,

wo sie Germanistik studierte und als Lektorin

beim Rende- Verlag in der Hauptstadt arbeitete.

In Österreich war es kaum anders. Der Zufall

dominierte, wie die 45-Jährige im Interview

beschreibt: Bei einem Branchenevent lernte sie

die Dolmetscherin Mascha Dabić kennen, mit

der sie ihr erstes Buch „Izlaženje“ (Rende, 2006)

ins Deutsche übersetzte („Ausgehen“, Suhrkamp).

Ausgehend davon suchte die Programmleiterin

des Residenz Verlags von selbst den Kontakt zu

Barbi – dabei entstand unter anderem „Minihorror“

(2023), für das sie den Preis der Leipziger

Buchmesse 2024 in der Kategorie Belletristik

gewann. „Das war alles ein Riesenglück“,

fasst die Autorin zusammen. „Manuskripte an

verschiedene Verlage zu schicken, hat nicht geklappt.

Veröffentlicht wurde ich oft über zufällige

Gespräche – quasi durch die Hintertür.“ Das ist

in der Branche nicht ungewöhnlich. Die österreichische

Literaturwelt stand nicht immer für

alle Menschen gleichermaßen offen.

Kultur

von

PATRICIA KORNFELD

74


In die Unsichtbarkeit

gedrängt

Wiebke Sievers, Migrationsforscherin an der Österreichischen

Akademie der Wissenschaften, hält in ihrer Analyse

„Postmigrantische Literaturgeschichte“ (transcript

Verlag, 2024) fest, dass Immigrant*innen und ihre Nachkommen

ab der Nachkriegszeit immer mehr ausgeschlossen

wurden und als Schriftsteller*innen kaum Anerkennung

erhielten. Erklärt wird das unter anderem mit

der „Nationalisierung“ der Literatur nach dem Zweiten

Weltkrieg. Literarische Werke sollten sich von Deutschland

abgrenzen und auf das „typisch Österreichische“

fokussieren.

Infolgedessen wurde die Staatsbürgerschaft häufg

zur Voraussetzung für die Vergabe von Stipendien und

Preisen. Außerdem entwickelte sich ab 1960 die Idee einer

„österreichischen Literatursprache“: Von da an herrschte

die Annahme, dass sprachliche Kreativität nur solchen

Menschen möglich sei, deren Erstsprache „Öster reichisch“

war. Dadurch brach die Sichtbarkeit migrantischer

Autor*innen vor allem in den 70er- und 80er-Jahren stark

ein. In den 1990ern vollzog sich allmählich ein Wandel.

Wem gehört Sprache?

Ein komisches Verhältnis zur Sprache merkt Barbi heute

noch, wie sie auch in „Stehlen, Schimpfen, Spielen“ hervorhebt:

Nach einer Lesung fragt sie ein Herr: „Wie ist es

für Sie, in unserer deutschen Sprache zu schreiben?“ Barbi

fühlt sich etwas angegriffen: „Das, was ich nach mehr

als zwölf Jahren Beschäftigung mit der deutschen Sprache

vorzuweisen habe, ist meine deutsche Sprache. Ich

habe sie nicht ausgeliehen, um sie später zurückzugeben.

Ich benutze sie auf kreative Art und Weise.“ Wenngleich

sie davon ausgeht, dass sie einen kleineren Wortschatz

als die Durchschnittsperson hat: „Beim Schreiben selbst

ist das natürlich schon ein bisschen nachteilig.“

Anna Kim fühlte sich vor allem zu Beginn ihrer Karriere

oft auf ihre Herkunft reduziert: Die Autorin zog 1979

im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern von Südkorea

zuerst nach Deutschland, dann nach Wien. Um die Jahrtausendwende

begann sie nach einem Schreibseminar

an der Akademie Graz, Gedichte und Prosa in Literaturzeitungen

zu veröffentlichen, danach folgten Romane. In

ihrem ersten Kinderbuch „Die Allianz der 3 1/2“ (Suhrkamp,

2024) schickt sie ein Detektivteam auf Spurensuche.

Sie hatte den Eindruck, eine gewisse Rolle ausüben

zu müssen: „Ich wurde zum Beispiel sehr häufg gefragt,

wann ich denn endlich etwas über Korea schreibe. Und

dann habe ich aktiv dagegen gespielt, indem ich eben erstmal

nichts darüber geschrieben habe.“

Privileg vs.

Prekariat

Wirklich divers ist die Literaturbranche aus Annas

Sicht nicht: „Auf Literaturfestivals zum Beispiel bin ich

meistens die einzige Diverse weit und breit.“ Die geringe

Vielfalt im Berufsfeld hängt stark mit gesellschaftlichen

Klassen zusammen, sagt sie: „Wenn man einsteigt, hat

man oft die ersten vier bis fünf Jahre gar kein Einkommen.

Nicht jede Familie kann es sich leisten, eine*n angehende*n

Autor*in zu fnanzieren.“ Sie selbst hatte lange

einen Nebenjob, bevor sie vom Schreiben leben konnte.

Auch Omar Khir Alanam baut auf mehrere Standbeine.

Der 34-Jährige tritt als Kabarettist, Moderator

oder Workshopleiter auf. Die Liebe zur Literatur erwachte

mit 16 Jahren, als er seinen Lehrer zu einer Lesung in

Damaskus begleitete. Von da an diente ihm das Schreiben

als Kraftquelle. Ganz besonders während seiner zweijährigen

Flucht von Syrien nach Graz. „Schreiben war für

mich eine Möglichkeit, um das Erlebte zu verarbeiten.“

FOTO © Apollonia Theresa Bitzan

75

Kultur


In Österreich tauchte Omar im Rahmen eines Schreibworkshops

in die Welt des Poetry Slams ein und trug seine

persönlichen Texte auf Bühnen vor. 2017 nahm er an

der österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaft teil und

erzielte den dritten Platz. Danach klopften die Medien bei

ihm an und in weiterer Folge auch der Verlag „edition a“:

Dort erschienen bisher vier Bücher (zuletzt „Gspusis,

Gspür und wilde Gschichten – Ein Syrer entdeckt das

öster reichische Liebesleben“, 2024), in denen er sowohl

der syrischen als auch der österreichischen Gesellschaft

den Spiegel vorhält. Zu Beginn stellte ihn die Branche allerdings

vor viele Rätsel. Omar wusste nicht, wo er sich

bewerben oder nach Förderungen Ausschau halten sollte.

Ein Preis als

Mutmacher

Informationen rund um Förderungen und Stipendien erhalten

angehende Schriftsteller*innen beispielsweise

im Amerlinghaus im 7. Bezirk. Seit 1997 begleitet die österreichische

Kulturmanagerin Christa Stippinger im

eigens gegründeten Kleinverlag „Edition Exil“ Autor*innen

mit anderer Kultur und Erstsprache, die auf Deutsch

schreiben. Jährlich werden unter dem Titel „Schreiben

zwischen den Kulturen“ acht Exil-Literaturpreise für unterschiedliche

Textgattungen vergeben – auch an Jugendliche.

In der Schreibwerkstatt

feilen die Preisträger*innen

an neuen Publikationen.

Für die Initiatorin ist

die Auszeichnung ein Mutmacher:

„Viele der Autor*innen

schreiben mir später,

dass sie ein Buch in einem

anderen Verlag veröffentlicht

haben und der Preis für sie

unglaublich motivierend war.

Genau so etwas braucht man

als Autor*in.“ Anna Kim gewann

den Preis im Jahr 2000.

Er war für sie eine Starthilfe:

„Ich verwendete das Geld, um

mein erstes Buch zu schreiben.“

Die Erstsprache

schreibt mit

Perfekte Deutschkenntnisse sind für die dreiköpfge

Jury – bestehend aus Literaturexpert*innen und ehemaligen

Preisträger*innen – nicht entscheidend: „Wenn der

Text interessant ist, die Sprache in ungewöhnlicher Form

benutzt wird oder die Ursprungssprache mitschreibt, ist

das nicht unbedingt ein Hindernis – im Gegenteil“, erklärt

Stippinger. Um einen Text einreichen zu können,

müssen Interessierte mindestens ein halbes Jahr lang in

Österreich leben. Ähnliches würde Stippinger sich auch

bei anderen Literaturpreisen wünschen – damit sie „für

alle zugänglich sind“.

Ansonsten hat sich aus ihrer Sicht schon vieles

verbessert: „Heute ist es wesentlich leichter für

Autor*innen, die aus einer anderen Erstsprache kommen,

als noch vor 30 Jahren. Als ich begonnen habe, gab es –

zumindest in Österreich – nur sehr wenige Autor*innen

mit Migrationshintergrund und sie waren nur

Insider*innen bekannt.“ Die Nischenzuweisung „Migrationsliteratur“,

die Autor*innen auf Themen wie Zuwanderung,

Herkunft oder Fremdsein reduzierte, hat

ebenso an Bedeutung verloren.

FOTO © Nicole Viktorik

Kultur

76


Und Action!

Dem stimmt Anna zu. Für sie spielt auch das Arbeitsumfeld

eine sehr große Rolle für den beruflichen Erfolg.

„Literatur funktioniert immer noch so, dass

man von Einzelnen unterstützt wird, die einem helfen

und offen sind.“ Jungen Autor*innen rät sie, den

Weg über eine Agentur oder Schreibschule (zum Beispiel

Angewandte Wien) zu gehen, weil diese bereits

gut vernetzt sind.

Vermeintliche Barrieren einfach zu ignorieren,

ist Barbis Tipp: „Man hat mir irgendwann gesagt:

‚Du kannst doch nicht in einer fremden Sprache

schreiben.‘ Das habe ich lange geglaubt. Wenn

man solche ‚Verbote‘ nicht kennt, gelten sie nicht.“

Und natürlich: Einreichen! „Wenn man irgendwie

auf Deutsch schreibt, dann sollte man alle Stipendien

und Ausschreibungen nutzen.“ Omar empfehlt,

nicht auf den perfekten Text zu warten. „Bei meinen

damaligen Auftritten sprach ich noch sehr gebrochenes

Deutsch, aber meine Grammatikfehler machten

sie authentisch.“

Ein abschließender Tipp aus Barbis „Stehlen,

Schimpfen, Spielen“ fasst es aber wohl am besten zusammen:

„Sei schlecht in allem, aber am wenigsten

im Schreiben.“

Jugendliche zwischen 14

und 20 Jahren können die

„exil.Literaturhauswerkstatt

für

junge Autor*innen“

unter der Leitung des

Autors Thomas Perle im

Literatur haus Wien

( Seidengasse 13, 1070) besuchen.

„Einige der

Teilnehmer*innen sind

bereits an namhaften

Schreibschulen an ­

ge nommen worden,

zum Beispiel an der

Sprachkunst Wien oder

am Deutschen Literaturinstitut

Leipzig“, sagt

Christa Stippinger.

Deutschsprachige Stipendien

und Förderungen:

autorenwelt.de

lcb.de

wien.gv.at/kultur/foerderungen-literatur

bmwkms.gv.at/themen/kunst-und-kultur

77 Magazin Kultur


DAS UN-

ERTRÄGLICHE

ERTRÄGLICH

ERZÄHLEN

WARUM UNS GERADE JETZT

DAS LACHEN NICHT VERGEHEN DARF

In ihrem aktuellen Comedy-Programm „Trophäenraub“ lotet

Marina Lacković alias Malarina die endlosen Möglichkeiten

aus, um sich als Frau im Patriarchat einen Vorteil zu verschaffen

– Achtung, Sarkasmus! Aber genau das ist der

Punkt: Warum es sich lohnt, politischer Realität mit Humor zu

begegnen, verrät sie uns im Interview.

Es gibt zunehmend Künstler:innen mit Migrationshintergrund,

die ihre Erfahrungen in ihren Programmen aufgreifen. Woran

liegt das deiner Meinung nach? Und warum kommen sie so gut

an?

Weil es sie in Österreich erst seit Kurzem gibt

und es interessant ist, was meine Kolleg:innen

zu sagen haben. Und das nicht nur für Menschen

mit Migrationshintergrund, auch für die

Mehrheits gesellschaft – man unterschätzt gerne,

wie offen auch die Mehrheitsgesellschaft

für Geschichten ist, die sie weniger direkt betreffen.

Ist Humor für dich eher eine Art Selbstschutz oder ein Werkzeug,

um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten?

Klar beides, aber diese Antwort wird die

Leser:innen langweilen. Ich selbst fnde solche

Antworten auch unbefriedigend. Zuerst kam

jedenfalls der Selbstschutz. Dann habe ich mir

diesen rhetorischen Schutzschild zum Beruf gemacht.

Warum hast du dich entschieden, Themen wie etwa deine serbische

Herkunft oder den Rechtsruck in Österreich auf humoristische

Weise darzulegen?

Weil mich diese Themen beschäftigen. Ich denke,

man schreibt am besten über Themen, die

einen persönlich betreffen.

FOTO © Ernesto Gelles

Interview von

SARAH NEURURER


Hast du den Eindruck, dass Menschen eher zuhören, wenn

ernste Themen humorvoll verpackt sind?

Ja, das habe ich bei meinem ersten Programm

„Serben sterben langsam” gemerkt. Es ist aber

wichtig, fair zu bleiben und nicht nach unten zu

treten.

In diesem Programm thematisierst du die Scheinheiligkeit

Öster reichs – man empört sich gern über andere, nimmt es

bei sich selbst aber nicht so genau. Siehst du da Parallelen

zwischen den beiden Ländern?

Die Parallelen zwischen Serbien und Österreich

sind zahlreich. Die politischen Trends

sind zwischen den beiden Ländern oft nur ein

wenig zeitversetzt. Sprich: Als Österreich sehr

rechts war, war Serbien daraufhin links. Als

Österreich liberaler wurde, entstand in Serbien

schon die nächste Autokratie.

„Seit 2019 versucht Malarina durch das Kabarett zur Völkerverständigung

zwischen den Schwabos, Tschuschen und

Elite­ Tschuschen beizutragen“, heißt es auf deiner Website.

Wer sind für dich die „Elite-Tschuschen“? Und wie gut gelingt

dir die „Völker verständigung“?

Elite-Tschuschen ist eine Wortschöpfung und

meint jene, die selbst Migrationshintergrund

haben, aber denken, mehr Rechte verdient zu

haben als andere, weil sie früher da waren, aus

einem Land kommen, das nicht so weit weg ist

… die Liste ist beliebig lange fortsetzbar. Völkerverständigung

gelingt mir in meinen Sälen

gut: Da kommen Menschen zusammen, die sich

außerhalb dieser Veranstaltung kaum getroffen

hätten – und sie lachen gemeinsam.

Ist es in der aktuellen politischen Lage besonders wichtig, den

Humor nicht zu verlieren?

Eigentlich in jeder politischen Lage, für mich

zumindest. Rein beruflich spielt uns Humorarbeiter:innen

inkompetente Politik ja in die

Karten – aber menschlich nimmt es einen natürlich

mit. Teil meiner Arbeit ist es, das Unerträgliche

erträglich zu erzählen.

Wirtschaft mit Haltung.

ERFOLGREICH

durch Wiener Betriebe.

Kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der Wiener Wirtschaft. Als

Wirtschaftsmotor Österreichs sichert die Wiener Wirtschaft Arbeitsplätze und

schafft Wertschöpfung.

Entgeltliche Einschaltung; Foto: Markus Sibrawa


WIEN HAT MIR GE

AUS DER KISTE AUSZUSTE

András Dés wirkt zugleich wie ein neugieriger Professor

und ein Versuchsobjekt im eigenen Experiment. Als wir

ihn treffen, nimmt er gerade mit zwei anderen Musikern

ein Album im Studio auf – drei Stunden lang wird gespielt,

zwischen Melodiefragmenten und englisch-deutschen

Gesprächsfetzen.

András spielt seit mehr als 20 Jahren Schlaginstrumente.

Vor sieben Jahren ist er mit seiner Frau und seinen

Kindern nach Wien gezogen. Ein Schritt, der sich anfühlt

wie eine Befreiung aus einer engen Kiste, erzählt er. Eine

Kiste, in der er von Geburt an steckt, und um die ihn vermutlich

viele in Ungarn beneiden.

RAUS AUS DER KISTE

András’ Familie ist tief im intellektuellen Milieu von Budapest

verwurzelt. Sein Großvater ist eine der prägendsten

Oppositionsfguren gegen den ungarischen Staatssozialismus,

die Mutter Soziologin und Publizistin, der

Vater als Jazzmusiker und Komponist im ganzen Land

bekannt. András steht seinen Eltern um nichts nach: Zuerst

studiert er Schlagzeug an der renommierten Liszt-

Ferenc-Musikuniversität in Budapest, dann spielt er in

mehreren Bands. Ein Werdegang wie aus dem Bilderbuch

– und doch fühlt sich András stets beengt.

„In Ungarn konnte ich oft schon an den Augen der

Menschen ablesen, dass sie mich sofort in eine

Kiste steckten, sobald ich meinen

Namen nannte, wegen

meiner Eltern,

und oft sogar wegen

meines Großvaters“, erzählt

András. „Bevor ich überhaupt den Mund

aufmachen konnte, glaubten die Leute schon, alles

über mich zu wissen. Sogar unsere politischen Ansichten

sind allgemein bekannt. Jeder hat eine vorgefertigte Meinung

über meine Person oder meine künstlerische Vision.

Ich ertrage Einschränkungen schwer, das war eine große

Belastung.“

Vor neun Jahren beginnt András’ Frau Dóra, mit

einer Gruppe österreichischer Schmuckdesigner zusammenzuarbeiten.

Sie pendelt wöchentlich zwischen Budapest

und Wien. Doch die Kinder sind klein, das Pendeln

wird anstrengend – und in Ungarn wackelt die liberale

Demokratie. Als der politische Druck sogar das Bildungssystem

erfasst, beschließt die Familie, auszuwandern.

András und Dóra wollen ihren Kindern eine freie, offene

Schulzeit ermöglichen. Aber der Anfang ist nicht ganz

András Dés ist in

seiner Heimat Ungarn

ein bekannter und

erfolgreicher Jazzmusiker.

Mit 40 Jahren zieht er

nach Wien.

Hier kennt ihn niemand.

Warum er alles hinter sich

gelassen hat, und

wie er sich in der Wiener

Jazzszene behauptet.

einfach: Die Kinder müssen in der Schule erst Fuß fassen,

András spricht noch kein Deutsch. Während der Pandemie

ist es schwer, andere Musiker kennenzulernen. Die

enge Kiste ist weg, aber an ihrer Stelle ist... nichts.

DURCHBRUCH

„Es ist kurios und lustig“, erzählt András. „Man kommt

als angesehener Schlagzeuger – in Ungarn bekannt, mit

internationalem Netzwerk, einer beeindruckenden Diskografe

und einem starken Lebenslauf – in Wien an. Und

FOTOS © Viktoria Nazarova, thomaslenne / istockphoto.com

Kultur

von

BARBARA VINCZE

80


HOLFEN,

IGEN

spätestens beim dritten Gespräch merkt man, dass das

alles hier niemandem etwas sagt. Andere wären vielleicht

daran verzweifelt. Für mich war das ein Geschenk.“

zum Jammen eingeladen, meine ersten wichtigen Konzerte

habe ich mit ihm gespielt. Danach hat er mich für verschiedene

Projekte und Bands empfohlen.“ Inzwischen

spielt András inmitten der Crème de la Crème der Wiener

Jazzszene, etwa am „Glatt und Verkehrt“-Festival in

Krems. Das Konzert endet mit tosendem Applaus.

András ist jemand, der Grenzsituationen sucht: Er

spielt auch gern im Wald, auf Schneckenhäusern,

Holzstücken, Steinen und Tannenzapfen. Er

hat zu den meisten Instrumenten keine

emotionale Bindung. „Viel

m e h r

reizt mich die Frage, welche

musikali- schen Ideen man

mit dem jeweiligen Instrument

ausdrücken kann. Darin

steckt auch eine gute Portion Risiko,

wie in fast allem, was ich mache. Musik

mache ich am liebsten, wenn ich das Gefühl habe,

dass auf der Bühne alles passieren kann. Mein ganzes

Leben dreht sich darum, Grenzen zu suchen und zu überschreiten.

Ich versuche, sowohl als Künstler als auch als

Mensch, nicht in Stereotypen zu denken, sondern mich

der Kunst und den Menschen so offen wie möglich zu nähern.

Wien hilft mir dabei sehr.“

András braucht eine neue Strategie, um sich als

Künstler durchzusetzen: Er beginnt, sich anderen Jazzmusikerinnen

und -musikern nach ihren Konzerten vorzustellen.

Anfangs wirkt die Szene etwas verschlossen.

Seine ersten Kontakte schließt er zu anderen internationalen

Musikern. Zum Beispiel zu Mahan Mirarab, inzwischen

ein guter Freund. „Kein anderer Mensch hat mich

so unterstützt. Mahan war sehr einfühlsam. Er kommt

aus dem Iran und musste hart arbeiten, um in Wien und

weltweit als Musiker anerkannt zu werden. Er hat mich

GESCHENK

Auch nach sieben Jahren in der österreichischen Hauptstadt

nimmt András jeden Tag als Geschenk wahr. Er liebt

die abwechslungsreiche Wiener Jazzszene, die internationalen

Musiker und die vielfältigen musikalischen Einflüsse.

„Im Vergleich zu Budapest ist der Übergang zwischen

klassischer Musik und Jazz in Wien fließender“,

sagt er, „und genügend Geld für Kultur gibt es auch.“

Heute spielt András in einem Dutzend Bands und

Projekten – auch grenzüberschreitend. In seinem eigenen

Quartett spielt ein Musiker aus Vorarlberg, ein anderer

aus Salzburg und ein japanisch-österreichischer Musiker.

Es verbindet sie die „Wiener Identität“. Künftig

wollen sie mindestens einmal im Monat als Quartett auftreten.

„Wenn das klappt, würde ich mir nicht viel mehr

wünschen. In Ungarn habe ich ständig mit meinem Impostor-Syndrom

gekämpft. Hier habe ich ganz allein meinen

Platz gefunden und werde jetzt auch zu Kooperationen

eingeladen. Wien ist defnitiv meine neue große Liebe.“

81 Kultur


WO DER PFEFFER WÄCHST

Pfeffer ist ein Gewürz mit

Migrationshintergrund. Wo

kommt er her, wofür wird

er verwendet? Und machen

Pfeffer und Chili süchtig?

Wir haben mit Frau Charlotte

und Herrn Zhang-Schmidt

ge sprochen, die allerbesten

Tipps zusammengestellt –

und natürlich auch zwei

der allerbesten Rezepte

mit scharf.

Pfeffer ist, wie Chili, eine eigene Wissenschaft. Oft werden die beiden

scharfen Geschwister auch in einen Topf geworfen. Wie bei unserem

Ma-La-Rezept. Oder im Sprachgebrauch. Der peruanische

Aji Charapita etwa wird als „teuerster Pfeffer der Welt“ ge handelt.

Die Preise bewegen sich zwischen 500 und astronomischen 20.000

Euro für ein Kilo getrockneter Ware – ja, wir sprechen hier noch

von Pfeffer. Oder auch nicht: Denn dieser Pfeffer besteht in Wahrheit

aus winzigen peruanischen Chilis, deren Form, nämlich die kleiner

Pfefferkörner, ihnen den verwirrenden Namen leiht. Es gibt also

nicht nur unzähliger Arten von echtem Pfeffer, es gibt auch unechte

Verwandte wie Sichuan-Pfeffer & Co. Das macht die Lage

komplizierter. Aber: Um Botanik soll es hier gar nicht gehen. Sondern

um Historie, Wirkung und Verwendung.

GEHANDELT SEIT DER ANTIKE

„Pfeffer war wohl das erste scharfe Gewürz, das bis nach Europa

gehandelt wurde. Wobei bei den alten Römern anscheinend der

lange Pfeffer noch wichtiger war als der schwarze Pfeffer“, erklärt

Kultur- und Sozialanthropologe Gerald Zhang-Schmidt. „Pfeffer

stammt ursprünglich aus Südindien. Er lässt sich auch nur in subtropischem

oder tropischem Klima erfolgreich ziehen. Gehandelt

wurde der kostbare Scharfmacher in Europa mindestens seit der

Antike; schon der römische Universalgelehrte Plinius der Ältere

beschwerte sich, dass Pfeffer so teuer angeboten werde und dabei

doch keinen Nährwert, sondern nur einen Effekt hätte“, erzählt

Herr Zhang-Schmidt, der im burgenländischen Parndorf selbst

Sichuan-Pfeffer zieht.

LANGER UND KURZER PFEFFER

Apropos Effekt: „Echter Pfeffer und Chili produzieren Piperin bzw.

Capsaicin. Diese Stoffe regen den Schmerz- und Hitzerezeptor

TRPV-1 an. Die Schärfe von Pfeffer ist dabei vergleichsweise mild

und kurz anhaltend.“ Die Aromatik wiederum ist je nach Pfeffer-Art

und Produktionsweise unterschiedlich (siehe Infokasten). Langer

Pfeffer etwa ist wesentlich parfümierter und wird daher niedriger

dosiert. Schwarzer Pfeffer ist, nun ja, schwarzer Pfeffer. Ein

Aroma, das jeder kennt. „Wobei es davon inzwischen auch bei uns

verschiedene Herkünfte gibt, die sich durchaus etwas voneinander

unterscheiden.“ Ins selbe Horn stößt auch die Gewürzexpertin Frau

Charlotte vom Babette’s, die uns ihren Nachnamen nicht verraten

möchte: „Bleiben wir bei Charlotte, mein Nachname ist so kompliziert.“

DIE HERKUNFT UND QUALITÄT

An die 20 Pfefferarten sind in der Gewürzmanufaktur Babette’s

vorrätig. Das Sortiment reicht vom beliebten schwarzen Bio­

Kampot aus Kambodscha, der am häufigsten verlangt wird, über

den exquisiten tasmanischen Bergpfeffer bis hin zum prickelnden

Sichuan-Pfeffer, der aber wiederum „im botanischen Sinne kein

echter Pfeffer ist“, wie Frau Charlotte bereitwillig erklärt. „Cacio e

Pepe“ ist übrigens auch eines ihrer liebsten Rezepte.

G’SCHICHTLN UND ANGEBEREI

Schärfe wirkt prinzipiell Bakterien und Pilzen entgegen. Auch wird

der Kreislauf angeregt. Natürlich tritt bei Schärfe auch ein Gewöhnungseffekt

ein, aber „die ganze Idee, dass man es dann immer

schärfer bräuchte, scheint mir eher ein Resultat von G’schichtln,

Angeberei und Missverständnissen“, schmunzelt Herr Zhang-

Schmidt, der auch in diesem Zusammenhang nicht von einer Sucht

sprechen will. Ein Tipp zum Schluss: Experimentiert mit unterschiedlichen

Pfeffersorten. Es ist erstaunlich, wie sehr sie den Geschmack

der jeweilige Speisen verändern.

Zusätzliche

Infos:

Kochbuchhandlung und

Gewürzgeschäft Babette’s

Am Hof 13, 1010 Wien

Blog:

zhangschmidt.com

Fun

von

MARKO LOCATIN

82


Die wichtigsten

Sorten

im Überblick:

Schwarzer Pfeffer

unreif geerntet, fermentiert

und getrocknet; kräftig, scharf,

universell einsetzbar

Weißer Pfeffer

reif geerntet, Schale entfernt;

mild, durchdringend, ideal für helle

Saucen und Fisch

Grüner Pfeffer

unreif geerntet, gefriergetrocknet

oder in Lake; frisch, leicht fruchtig,

passt fein zu Fleisch

Roter Pfeffer

vollreif, schonend getrocknet;

selten, süßlich-fruchtig,

für exotische Gerichte

Tellicherry-Pfeffer

hochwertiger indischer Pfeffer,

großkörnig, besonders aromatisch

Kampot-Pfeffer

Spezialität aus Kambodscha,

komplexes Aroma, sehr geschätzt

FOTO AUDSHULE / stocksy.com

Szechuan-Pfeffer

wertvoll, doch im botanischen Sinne

kein echter Pfeffer; zitronig-frisch,

leicht betäubende Schärfe;

passt zu Wok-Gerichten und

ist im Doppel mit Chili die Basis

diverser Ma-La-Gerichte

83 Fun


CACIO E PEPE

Für 4 Portionen. Zubereitungszeit: ca. 15 Minuten

Rezept: © Martina Hohenlohes Kochsalon

Zutaten

500 g Spaghetti

160 g Parmigiano Reggiano

(optional: zur Hälfte Pecorino Romano,

idealerweise 48 Monate gereift)

1 EL schwarze Pfefferkörner Kampot

(optional: Tasmanischer Bergpfeffer)

Salz für das Kochwasser

Zubereitung

1

2

3

4

5

Spaghetti in reichlich Salzwasser al

dente kochen. Etwas Kochwasser

aufbewahren.

Käse fein reiben und mit ca. 4 EL

Pastawasser zu einer cremigen Masse

verrühren.

Pfefferkörner grob mörsern und in

einer Pfanne ohne Öl anrösten, bis

sie duften. Mit etwas Pastawasser

ablöschen.

Spaghetti hinzufügen, gut durchschwenken

und die Käsecreme

unterrühren. Falls nötig, noch etwas

Kochwasser zugeben, bis eine cremige

Sauce entsteht.

Auf Tellern anrichten und mit frisch

gemahlenem Pfeffer bestreuen.

HUHN MA-LA

Für 2 bis 3 Portionen. Zubereitungszeit: ca. 20 Minuten

Rezept: Gerald Zhang-Schmidt

Zutaten

250 g Hühnerbrust, in max. 1 cm große

Stücke geschnitten

5 EL Öl (z. B. Erdnussöl)

1 TL Sichuan-Pfeffer (Menge je nach

Qualität und gewünschter Intensität)

1 TL Pixian Doubanjiang (fermentierte

Chilibohnenpaste) oder 1 bis 2

frische rote Chilis

Zubereitung

1

2

3

4

Öl im Wok erhitzen. Den Sichuan­

Pfeffer ca. 2 Minuten rösten, bis er

aromatisch ist. Dann mit einem Löffel

wieder herausnehmen.

Pixian Doubanjiang ins Öl geben, kurz

anrösten und gut einrühren, damit

sich die Aromen entfalten.

Hühnerfleisch zugeben und kräftig

anbraten, bis es durchgegart und

leicht gebräunt ist.

Sofort servieren.

VARIATIONEN

MIT FRISCHEM CHILI

Gehackte rote Chili zusammen mit

dem Fleisch anbraten – wird mitgegessen

und sorgt für direkte

Schärfe.

MIT GETROCKNETEN CHILIS

Eine großzügige Menge getrocknete

rote Chilis mitbraten. Sie würzen das

Öl, werden aber in der Regel nicht

mitgegessen.

FOTOS Davide Illini / stocksy.com, ALLEKO / istockphoto.com

84


SIMACEK

VIELFALT LEBEN –

CHANCEN SCHAFFEN

PRAXISBEISPIELE AUS DEM

ALLTAG

KARRIERECHANCEN DURCH

DIE SIMACEK AKADEMIE

Mit der hauseigenen, Ö-Cert­ zertifizierten

Akademie bietet SIMACEK praxisnahe Aus-

und Weiter bildungen – von Sprachkursen

bis zu Führungstrainings. Die erworbenen

Qualifikationen sind anerkannt und eröffnen

Mitarbeitenden neue berufliche Perspektiven.

INTEGRATION HEISST FÜR UNS,

POTENZIALE ZU SEHEN –

NICHT HÜRDEN

Vielfalt ist gelebte Realität. Bei SIMACEK

arbeiten mehr als 4 000 Menschen aus

knapp 70 Nationen. Über 75 Prozent der

Belegschaft sind Frauen. Diese Vielfalt

bringt unterschiedliche Sprachen, Kulturen

und Erfahrungen zusammen – und macht

das Unternehmen stark. Damit das funktioniert,

setzt SIMACEK auf klare Werte:

Gleichbehandlung, Respekt und Fairness.

Ziel ist ein Arbeitsumfeld, in dem sich alle

Mitarbeitenden wohlfühlen und ihre Talente

entfalten können.

GLEICHBEHANDLUNG

ALS GRUNDSATZ

Chancengleichheit ist fest in der Unternehmenspolitik

verankert. Eine eigene Abteilung

sorgt dafür, dass Gleichbehandlung

nicht nur ein Leitbild, sondern gelebte

Praxis ist. Ob flexible Arbeitszeitmodelle,

verbindliche Richtlinien oder individuelle

Weiterbildungsangebote – SIMACEK

schafft Rahmenbedingungen, die allen Mitarbeitenden

gleiche Chancen eröffnen.

Diskriminierung hat keinen Platz, Vielfalt

wird als Stärke verstanden.

SPRACHFÖRDERUNG ALS SCHLÜSSEL

ZUR INTEGRATION

Seit 2010 können Mitarbeitende direkt am

Arbeitsplatz ihre Deutschkenntnisse verbessern.

Die mobile Sprachförderung baut

Barrieren ab und stärkt die Zusammenarbeit

im Team. Sprache wird so zum Türöffner

für berufliche und persönliche Entwicklung.

UNTERSTÜTZUNG IN HERAUS-

FORDERNDEN LEBENSSITUATIONEN

In Kooperation mit der Caritas stellt

SIMACEK eine kostenlose Sozial beratung

bereit. Ob bei Behörden gängen, Fragen

zur Kinderbetreuung oder in Krisenzeiten

– Mit arbeitende erhalten schnelle und unbürokratische

Hilfe.

VIELFALT ALS ERFOLGSFAKTOR

Unterschiedliche Blickwinkel fördern Kreativität,

Innovation und Flexibilität. Eine inklusive

Unternehmenskultur stärkt das Mit ­

einander und die Wettbewerbsfähigkeit.

Bei SIMACEK bedeutet Diversität nicht

Herausforderung, sondern Zukunftschance

– für das Unternehmen, für die Gesellschaft

und vor allem für die Menschen, die

hier arbeiten.

Alle Infos und offene Stellen:

simacek.com/jobs-karriere

Entgeltliche Einschaltung

85

SIMACEK

Advertorial


Die Elevator Boys

mit Luis Freitag,

Tim Schaecker und

Julien Brown.

Der Schauspieler André Lamoglia

wurde exklusiv von Pat porträtiert. Er ist bekannt aus

der Netflix-Serie ELITE, in der Rolle als Ivan.

INMilan

MIT PAT DOMINGO

Pat Domingo ist ein internationaler People- und Lifestyle-

Fotograf aus Wien. Er arbeitet hautnah mit Persönlichkeiten,

Prominenten und internationalen Marken wie Leica

oder Breitling, LV, BVLGARI und macht in jeder

Situation das beste Foto. Unterstützt wird er von seiner

Schwester Joy im Management. Die beiden sind ein eingeschworenes

Team: Joy kümmert sich um alles Organisatorische

und hält Pat den Rücken frei, damit er seine Kreativität

voll entfalten kann.

Britischer Schauspieler

Will Poulter

– aktuell bekannt aus der mehrfach

preisgekrönten Disney-Produktion

THE BEAR.

Fotostrecke

86


Die deutsche Persönlichkeit

Caro Daur

darf als OG der Influencer bei

einer Fashion Week nicht fehlen.

Pat und sie kennen sich

seit über einem Jahrzehnt.

Jean-Claude

Mpassy,

bekannt als

@newkissontheblog auf

Instagram. Er zählt zu den

erfolgreichsten deutschsprachigen

Fashion Digital

Creators und trägt das

heißbegehrte It-Piece

SUPER OCEAN von

Breitling.

PATS TIPPS für ein Wochenende in Mailand

FONDAZIONE PRADA

Ein Ort voller Inspiration. Nicht nur für Modeinteressierte.

Architektur und Kunst werden hier sehr hochwertig

kuratiert und präsentiert.

A SANTA LUCIA

Einfaches und sehr zentral gelegenes Restaurant.

Stets ein Pflichttermin während der Fashion Week –

nicht nur für Fashionistas, sondern auch für bekannte

Persönlichkeiten aus der Modewelt.

NAVIGLI (STADTVIERTEL IN MAILAND)

Den Stadtteil prägen seine Kanäle.

Auf jeder Kanalseite findet man gute Restaurants und Bars,

wo schnell neue Bekanntschaften gefunden sind.

MODEGESCHÄFT ANTONIOLI

Einer der besten Modestores für alle,

die angesagte Mode in Mailand suchen. Toll ausgewählte

Stücke von verschiedenen Marken treffen jeden

Geschmack – nicht nur für Fashion-Liebhaber ein

„Must-visit“, sondern auch bei internationalen

Stars bekannt.

Fotos Pat & Joy: Pius Martin. Alle anderen Fotos: Pat Domingo.

Im Juni fand die

„Milan Men’s Fashion Week“ statt:

20 Runway-Shows,

47 Präsentationen und unzählige

Events. Pat Domingo war mitten im

Geschehen und konnte einzigartige

Momente festhalten.

Amerikanischer Schauspieler

Giancarlo Esposito

– bekannt aus der Kultserie

BREAKING BAD oder aktuell aus der

Netflix-Serie THE RESIDENCE

als A. B. Wynter.

87 Fotostrecke


SICHER & SINNVOLL

Deine Lehre bei den Wiener Stadtwerken

Wien gilt als eine der lebenswertesten

Städte der Welt – und bietet jungen Menschen

viele Karrierechancen. Die Wiener

Stadtwerke sind einer der größten Lehrbetriebe

Österreichs und bieten eine erstklassige

Ausbildung mit Zukunftsperspektiven.

Ob Technik, IT, kaufmännische Berufe

oder Floristik – hier findet jede*r den passenden

Beruf.

Diesen Herbst starten bei den

Wiener Stadtwerken, zu denen unter anderem

die Wiener Linien, Wien Energie und

die Wiener Netze gehören, 235 neue Lehrlinge

in 20 verschiedenen Lehrberufen, darunter

erstmals der neue Lehrberuf Fernwärmetechnik,

der sich mit nach haltigen

Energielösungen befasst. Die Lehrpläne

werden regelmäßig an aktuelle Anforderungen

angepasst. Zudem haben 80 % der

Absolvent*innen beste Chancen auf eine

Übernahme in ein fixes Dienstverhältnis.

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Von Elektrotechnik über IT bis hin zur

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bieten vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten.

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Mehr Infos & Online-Bewerbung:

wienerstadtwerke.at/lehre

VERKÜRZTE LEHRE FÜR ERWACHSENE

Für Personen ab 18 Jahren in Kooperation mit

INKLUSIVE AUFNAHMETAGE

Chancengleichheit für Jugendliche

mit Unterstützungsbedarf

AMS & WAFF

Advertorial WIENER STADTWERKE

88

Entgeltliche Einschaltung


WIEN DURCH DIE AUGEN

VON IRENA PEJČIĆ

Was hat dich nach Wien geführt?

Die Enge Vorarlbergs und der Wiener Schmäh. Im Ländle

fühlte ich mich konstant eingeengt. Wien bot mir Raum,

Anonymität, Neues.

Was bewunderst du an Wien?

Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Stadt. Ich bewundere,

wie viele verschiedene Welten und Kulturen

hier Seite an Seite frei atmen.

Was vermisst du in Wien?

Die geografische Lage lässt zu wünschen übrig, mir

fehlt das Meer vor der Haustür.

Was könnte sich Österreich von Bosnien abschauen?

„Komm rein, setz dich und trink einen

Kaffee!“ – die bosnische Leichtigkeit

der Begegnungen.

Irena Pejčić stellt Intimitäten dar, Geschichten

über Brüchiges, Unwiederbringliches,

Vergangenes. Ihre Ausdrucksformen sind Installationen,

Performances und Skulpturen.

Mehr unter irenapejcic.com

DIE GRAPHISCHE

Abendkolleg und Meister*innenschule

für Grafik- und Kommunikationsdesign.

Dort habe

ich gelernt, dass Kunst

mein Weg ist. „Land

of Mine“ begann

hier – leise,

im vierten

Jahr.

PORTRÄT © Jolly Schwarz

Interview von

DAMITA PRESSL


UMSPANNWERK SCHMELZ

Keine Geschichte,

nur eine Fassade. Brutalismus, roh.

Ich mag, dass es so dasteht –

ohne Erklärung.

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JUBILÄUMSWARTE

183 Stufen, laut

Falter, in den Wienerwald.

Oben der phänomenale

Blick. Der

Weg lohnt sich jedes

Mal.


CAFÉ KRIEMHILD

Die Zeit bleibt hier stehen.

Die Einrichtung trägt Spuren einer

anderen Epoche. Die Menschen auch.

Ich komme wegen beidem.


„Ich setze

mich dafür ein,

Hintergründe

zu beleuchten.“

Juan, Lichtmeister

Ein Mitarbeiter des ORF, der wie all seine Kolleginnen und Kollegen den Auftrag hat, mit einem

ausgewogenen Programm zu einer funktionierenden Gemeinschaft in Österreich beizutragen.


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