Biber Magazin 2/25
Das neue BIBER. Scharf und Schärfer. Hier die zweite Ausgabe 2025
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OKTOBER 2025
DIE
GEWINNER
DES BIBER
IMPACT
AWARDS!
WIEN – BRATISLAVA
TÄGLICH ZWISCHEN WELTEN
SPRACHE
LERN DEITSCH, HEAST!
INTERVIEW
BILDUNGSMINISTER
WIEDERKEHR UND
FINANZSTADTRÄTIN
NOVAK
LAND DER
CHANCEN?
DIE GROSSE BIBER-KARRIERE-
UND-BERUFSWELT-STUDIE
HANNA J., ADMINISTRATION & ORGANISATION
STÄRKT VON
INNEN NACH
AUSSEN.
MEHR ALS EIN JOB.
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Raum für Persönlichkeiten.
Seit 1365.
Liebe Leserinnen
und Leser,
„Ohne Fleiß kein Preis“ war das Leit motiv
meiner Kindheit. Wer etwas will, muss auch
etwas dafür tun, das wurde mir früh eingebläut.
Aber genügt in Österreich harte
Arbeit, um den Aufstieg zu schaffen?
Wie wichtig ist Bildung? Wie lernt man am
besten Deutsch? Und braucht es nicht
doch ein wenig Vitamin B? Unsere Herbstausgabe
steht ganz im Zeichen von Bildung,
Karriere, Leistung, Aufstieg.
Wir haben den Bildungsminister gefragt,
wie man am besten Deutsch lernt
(S. 6) und Menschen porträtiert, die es in
Österreich bis ganz nach oben geschafft
haben – wie Ivona Dadić (S. 24). Wir haben
aber auch mit jenen gesprochen, die ihr
Leben in Österreich erst aufbauen und
dafür jeden Tag einen weiten Weg auf sich
nehmen (S. 34). Und mit Huse, der sich in
Österreich sehr gern ein Leben aufgebaut
hätte, aber nicht durfte (S. 8).
Wir haben nachgeforscht, wie man
in Österreich Karriere als Autorin (S. 74)
und als Musiker (S. 80) macht. Eine Unternehmerin
(S. 46) und eine Kabarettistin
(S. 78) aus Serbien haben uns von ihrem
Werde gang erzählt.
Inspiration, um ganz groß rauszukommen,
ist in diesem Heft also genug zu
finden. Wer sich trotzdem lieber einen gemütlichen
Tag macht, kocht statt dessen eins
unserer Rezepte mit scharf nach (S. 84)
oder macht es sich mit unseren Buchempfehlungen
gemütlich (S. 72).
Viel Freude beim
Lesen wünscht
DAMITA PRESSL
Entgeltliche Einschaltung
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FSW | Foto: GettyImages/Sewupari-studio
Mehr zu Ausbildungen und Infoveranstaltungen
unter:
www.bildungszentrum-wien.at
Das FSW Bildungszentrum ist eine eingetragene Marke der AWZ Soziales Wien GmbH. Die AWZ Soziales Wien GmbH ist ein
Tochterunternehmen des Fonds Soziales Wien (FSW). Gesellschafter sind der FSW, das Kuratorium Wiener Pensionisten-
Wohnhäuser (KWP) und die Stadt Wien, vertreten durch die Magistratsabteilung 17 – Integration und Diversität sowie
den Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV).
INHALTSVE
05 Kolumne
GEGEN RASSISMUS HELFEN NUR BÜCHER,
schreibt Biber-Kolumnist Ruşen Timur Aksak.
24 Magazin
06 Politik & Gesellschaft
06 „HANDYVERBOT AN SCHULEN –
WIE STEHT’S UM IHRE EIGENE BILDSCHIRMZEIT?“
Mit Hand, Fuß und Schmäh – Biber fragt, Bildungsminister
46 Meinung
Christoph Wiederkehr antwortet pantomimisch.
08 GEKOMMEN, UM ZU GEHEN
Der junge bosnische Saisonarbeiter Huse will in Österreich bleiben,
anpacken, sich etwas aufbauen. Warum er trotzdem wieder geht.
12 LEISTUNG = ERFOLG?
Österreich, das Land der Chancen? Gallup hat nachgeforscht.
22 „LEUTE SUCHEN, DIE VORBILDER SEIN KÖNNEN“
Asif Butt forscht an der Londoner LSE zu sozialer Mobilität.
Er erklärt, was es braucht, um es von ganz unten nach ganz oben zu
schaffen.
24 „MAN DARF SICH KEINE GRENZEN SETZEN“
Olympia-Sportlerin Ivona Dadić über ihr Erfolgsrezept
30 STUNDENLANGES PENDELN
Warum Menschen aus Bratislava ihr Glück in Wien suchen
34 „EIN GROSSES FUCK YOU“
Wie eine Tochter bosnischer Flüchtlinge Karriere in New York macht
40 DIE ZWEITE MUTTER?
In vielen Migra-Familien spielen die ältesten Töchter
eine Schlüsselrolle – und verlieren sich dabei selbst.
42 BOTOX UND FILLER AUF UKRAINISCH
Ärztinnen aus Osteuropa arbeiten in Österreich oft im
legalen Graubereich, weil die Nostrifizierung Jahre dauert.
Ihre Kundinnen sind trotzdem zufrieden.
44 HEAST, OIDA, GEMMA LUGNER!?
Ein Sprachwissenschaftler erklärt, was „gscheites Deutsch“ ist.
46 LERN DEITSCH, HEAST!
Warum Deutsch so schwierig zu lernen ist, und wie man es
trotzdem schaffen kann.
50 „WARTE NICHT AUF CHANCEN“
Wie eine serbische Unternehmerin in Österreich ihren Weg macht
54 DOPPELT DISKRIMINIERT, HALB BEZAHLT
Migrantische Frauen halten das Land am Laufen.
Und bekommen dafür viel zu wenig.
RZEICHNIS
57 Feature
70 Kultur & Events
70 KULTUR IN WIEN
kultur*knistern teilt die besten Event-Tipps –
mit Fokus auf Karriere, Beruf und Aufstieg!
86 Fotostrecke
82 Fun
IMPACT AWARD
Preisträgerinnen und Preisträger, die Vielfalt leben und gestalten
72 BIBER LIEST
Ein Blick ins Bücherregal der kultur*knistern-Redaktion.
74 „WENN MAN VERBOTE NICHT KENNT, GELTEN SIE NICHT“
Wie Migra-Autorinnen und -Autoren ihren Weg in Österreich gehen
78 „DAS UNERTRÄGLICHE ERTRÄGLICH ERZÄHLEN“
Die Kabarettistin Malarina erklärt, warum uns gerade jetzt das
Lachen nicht vergehen darf.
80 „WIEN IST MEINE NEUE GROSSE LIEBE“
Der Jazzmusiker András Dés ist von Budapest nach Wien gezogen.
Zuhause war er jemand – doch hier fühlt er sich freier.
86 IN MILAN MIT PAT DOMINGO
Der Starfotograf teilt seine Tipps für die Fashion Week.
90 WIEN DURCH DIE AUGEN VON
Die Künstlerin Irena Pejčić zeigt uns ihre Lieblingsorte
in der Hauptstadt.
ABER BITTE MIT SCHARF!
Was der Pfeffer alles kann – mit Rezepten zum Nachkochen!
IMPRESSUM:
MEDIENINHABER & HERAUSGEBER
Kobza Media Beratungs GmbH
Lange Gasse 50/2, 1080 Wien
HERSTELLER
Mediaprint Zeitungsdruckerei gesellschaft m.b.H. & Co KG
HERSTELLUNGSORT Wien
dasbiber.at
CHEFREDAKTEURIN Damita Pressl
ART-DIREKTORIN Valerija Iļčuka
BILDREDAKTION Leila Glatz
PROJEKTTEAM Daniela Steinklammer
Medina Osmanović
LEKTORAT Kristina Reinecker
COVER-FOTO Apollonia Theresa Bitzan
HAIR & MAKE-UP d.Agentur
Christine Sutterlüty
ÖAK-GEPRÜFT laut Bericht über
die Jahres prüfung im 1. Hj. 2025:
Druck auflage: 105.681 Stück
Verbreitete Auflage: 105.271 Stück
Von meinem ersten Schultag an ha te ich wunder volle
Lehrer. Wenn ich das Wort Heimat höre, denke ich nicht
an die Fahne, die Hymne oder den Bundesadler, ich denke
an diese tollen Menschen, die es geschafft haben, aus
mir einen halbwegs anständigen Bildungsbürger zu
machen. Doch es gab auch einige wenige Lehrer, die gar
nicht wundervo l waren. Zumindest nicht zu mir. Am
Gymnasium gab es da diesen Geografi elehrer. Er war
Mitglied einer gewi sen Partei, was ich damals zwar
wusste, aber nicht wirklich einordnen konnte. Was ich
allerdings verstand, war seine seltsame Art mir gegenüber.
So nannte er a
le meine Klassen kameraden beim
Vornamen, nur mich beim Nachnamen: „Herr Aksak“.
Das hat mich damals vor a lem deshalb gewundert, weil
Herr Aksak ja eigentlich mein Vater war. Aber es war
nicht nur das. Er sah mich auch anders an, zumindest
empfand
ich das damals so. Meine Jugendjahre sind
heute ja schon länger vorbei und die a
Ra sismus- und Diskriminierungsdebatte existierte
damals einfach nicht. Ein Lehrer mochte dich nicht?
Tja, da n war das dein Problem. Ich
lgegenwärtige
nicht mehr sicher, ob ich schon vor den Erfahrungen
mit diesem Lehrer an Geografi e interessiert war, oder
bin mir heute
ob ich „dank“ ihm zur Geografi e fand. Ich fasste seine
Feindseligkeit wohl als eine Art Heraus forderung auf.
GEGEN RASSISMUS HELFEN NUR BÜCHER
Ich war wütend, doch ich konnte die Wut, die ich damals
empfand, in vernünftige Bahnen lenken. Ich
lernte. Noch im selben Jahr las ich das Geografie-
Schulbuch und den Schulatlas mehrmals durch. Nicht
nur das. Ich lernte die Hauptstädte, Ein wohner zahlen
und Flächengrößen aller Länder auswendig. Denn wir
spielten im Unterricht ein Spiel: An einer großen, aufgehängten
Weltkarte standen zwei Schüler. Der Lehrer
nannte eine Hauptstadt oder ein Land. Der Schüler,
der zuerst auf den richtigen Ort auf der Landkarte zeigte,
hatte die Runde gewonnen. Ich wurde zum Besten –
beinahe unschlagbar. So verdiente ich mir den Respekt
meines Lehrers. Er begann mich irgendwann
Natürlich war, ist und wird es nicht immer so
sogar beim Vornamen anzusprechen. Ich hatte es geschafft
– durchs Lernen.
leicht sein. Dennoch sind Bücher die besten Verbündeten
im Kampf gegen Diskriminierung. Du bist ein
Arbeiterkind, das von den Lehrern als unwürdig erachtet
wird? Zeig es ihnen. Aber mach
es richtig!
Durch den Willen, zu lernen. Denn wenn ich meinen
wunder vollen Lehrern eines verdanke, so ist das der
tiefe Glaube daran, dass unser Österreich all jenen
eine faire Chance bietet, die sich Mühe geben und ein
Teil dieser Gesellschaft werden wollen.
5
von
TIMUR AKSAK
Ruşen Timur Aksak ist selbständiger Medienberater.
Zuvor arbeitete er als Journalist und
TV-Redakteur und war später Pressesprecher der
Islamischen Glaubensgemeinschaft.
Kolumne
MIT HAND, FUSS ...
Das etwas andere Interview:
Wir stellen unsere Fragen. Geantwortet wird ohne
Worte – dafür mit viel Körper einsatz. Diesmal vor der
Kamera: Bildungsminister Christoph Wiederkehr.
Wie geht es Ihnen,
wenn Sie an Ihre eigene
Schulzeit zurückdenken?
Wie viel herausfordernder ist es,
Bildungsminister zu sein,
als Bildungsstadtrat zu sein?
„So mittel“, meint Wiederkehr.
FOTOS © Florentina Olareanu
Sie planen eine
Deutschoffensive.
Wie lernt man eine
Sprache am besten?
„Viel reden — und Fehler machen!“
„Ungefähr gleich“, sagt Wiederkehr. Wir merken schon,
ohne Worte kommt der Bildungsminister nicht ganz aus.
Sie haben
ebenfalls eine
Mental-Health-Offensive
angekündigt.
Wie kümmern Sie sich
um Ihre psychische
Gesundheit und
Ausgeglichenheit?
Wir fragen die Pressesprecherin lachend, ob die Seifenblasen
extra für unser Interview vorbereitet wurden. Sie verneint.
Politik
& Gesellschaft
von
DAMITA PRESSL
6
„Stark, dass es jetzt geklappt hat!“, sagt der Minister.
Eine schöne Politikerantwort.
... UND SCHMÄH
Seit Mai gilt ein Handy -
verbot an Österreichs Schulen.
Würden Sie uns Ihre eigene
Bildschirmzeit zeigen?
Und dürfen wir auch
Ihre meistgenutzten
Apps sehen?
Wir sind uns nicht sicher, ob die Frage nicht zu privat ist — aber der Minister
strahlt. „Gerne, da bin ich sehr stolz drauf, weil ich sie gerade stark reduziert
hab!“ Sein Trick: Das Handy darf weder ins Schlafzimmer noch auf die Couch.
7 Minuten am Tag auf
Instagram — Wiederkehr
hält sich selbst offenbar
auch an die Regeln, die
er den Schulen auferlegt.
2011 hat ein Expertenrat ein
zweites verpflichtendes Kindergartenjahr
vorgeschlagen — für Kin der,
bei denen zusätzlicher (Sprach-)
Förder bedarf besteht. Das soll laut
Regierung 2027 kommen — 16 Jahre
später. Das, obwohl sich die meisten
Parteien dazu halbwegs einig sind.
Was macht das mit Ihnen?
In Deutschland hat der Versuch,
mit drei Parteien eine Regierung zu
bilden, eher ungut geendet. Wie
zuversichtlich sind Sie, dass diese
Regierung in Österreich die geplanten
fünf Jahre durchhält?
Ihre Frau ist
US-Amerikanerin.
Was kann Österreich
aus Ihrer Sicht von den
USA lernen?
Wiederkehr reibt sich die Nase,
unsere Autorin schaut verwirrt.
„Wie bei ‚Wickie und die starken
Männer‘, da reibt sich Wickie
immer die Nase, wenn er nach einer
Idee sucht!“, erklärt Wiederkehr.
Unsere Autorin nimmt sich vor, mehr
Zeichentrick-Klassiker zu schauen.
„Sehr“, sagt Wiederkehr, und fügt hinzu: „Danke, das
war eine sehr kreative Aufgabe für einen Minister!“
7
Politik
& Gesellschaft
GEKOMMEN,
UM ZU GEHEN
FOTOS Laura Stolfi / stocksy.com, Lukas Köppl-Haslinger
von
LUKAS KÖPPL-HASLINGER
Österreichs Wirtschaft braucht
Arbeitskräfte aus dem Ausland.
Viele sind leistungswillig,
fleißig und hoffnungsvoll –
und können sich trotzdem kein
Leben in Österreich aufbauen.
Wir haben einen jungen
bosnischen Saisonarbeiter
begleitet.
Huse steht im Garten eines Einfamilienhauses
im Grazer Vorort Premstätten.
Er gräbt mit einem Bagger
Tonnen von Erde um. Die letzten
neun Monate hat der 23-Jährige aus
Bosnien hier als Saisonarbeiter verbracht.
Mit Schaufeln hat er Grünflächen
in Graz und Umgebung umgeackert,
mit Hebebühnen Fassaden
bepflanzt und mit einem LKW hat
er Schotter zu seinen Baustellen gefahren.
Anfang Dezember 2024 sind
die Erdhügel rund um ihn von ein
wenig Schnee und Frost überzogen.
Trotzdem trägt er keine Handschuhe.
Zwischen Zeigefnger und Daumen
bewegt er Millimeter um Millimeter
die Joysticks der Fernsteuerung, die
um seinen Bauch baumelt. Er beobachtet
dabei die Baggerschaufel mit
weit aufgerissenen Augen. Der Winter
bringt das Ende der Saison. Sein
Arbeitsvertrag und damit auch seine
Aufenthalts bewilligung laufen aus.
Es ist Huses letzter Arbeitstag in
Österreich.
9
Politik
& Gesellschaft
FOTOS Awais / adobe.stock.com, Anton Starikov / shutterstock.com, Lukas Köppl-Haslinger
Huse war von März bis Dezember
2024 einer der rund 385.000 Drittstaatsangehörigen,
die in Öster reich
arbeiten – gekommen in der Hoff nung
auf ein besseres Leben. Das entspricht
fast der Einwohnerzahl von
Graz und Villach zusammen. Das
Land bräuchte aber noch mehr Menschen,
die hier arbeiten wollen. Österreich
bewegt sich in den letzten
Jahren konstant an der Spitze der
EU-Länder mit den meisten offenen
Stellen. Die Bevölkerung altert, die
Geburten gehen zurück. Ohne Migration
können die Lücken nicht mehr
geschlossen werden. Doch auch
aus dem EU-Ausland kommen
nicht genug Menschen,
um die Jobs
zu er ledigen.
„Ich dachte, es ist ein besseres Leben. Dass ich mehr Geld verdienen
kann”, antwortet Huse auf Bosnisch auf die Frage, warum er nach Österreich
gekommen ist. Immer wieder muss er das Gespräch unterbrechen: Er tippt
und telefoniert am Handy, um seine Heimreise zu organisieren; die Koffer
sind gepackt. Von Bekannten aus der bosnischen Community bekommt er eine
Mitfahrgelegenheit in seine rund vier Stunden entfernte Heimatstadt Prijedor.
Er zieht zurück auf den kleinen Bauernhof seiner Eltern.
„Ein besseres Leben bedeutet wirtschaftliche Sicherheit“, meint er. Bekommen
hat er aber nur einen Arbeitsvertrag für sechs Monate, der dann auf
neun verlängert wurde. Länger darf ein Saison arbeiter nicht bleiben. Die kleine,
möblierte Garçonnière im Arbeiterhotel, in der er zum Ende der Saison
gewohnt hat, ist fast leer. Neben dem Sofa stehen ein Satz Autoreifen und eine
Motorsäge. Die seien in Bosnien schwerer zu bekommen als hier, erklärt er.
Seine Unterkunft wird er nicht vermissen. Am liebsten hätte Huse
eine eigene, wie er sagt, „normale“ Wohnung gehabt. Doch als
Saison arbeiter ist es die Mühe nicht wert, sich eine zu suchen
und die dann einzurichten.
„Ich möchte kein Saisonarbeiter sein. Ich möchte eine normale
Arbeit“, sagt Huse. Doch ein unbefristeter Arbeitsvertrag war
ausgeschlossen. In den Wintermonaten gibt es weniger zu tun und der
Betrieb spart Personalkosten. „Die Firma, für die ich gearbeitet habe,
hat mich bis zum Maximum ausgenutzt und dafür nur minimal bezahlt“,
erklärt Huse. Nur an Sonntagen oder wenn es geregnet hat, hat er nicht gearbeitet:
„Zweimal war ich in Graz in der Freizeit. Einmal in der Balkandisco
und einmal im Einkaufszentrum.“ Selten kam er dazu, am Wochen ende seine
Familie in Prijedor zu besuchen. Im August 2025, neun Monate nach Ende seines
Aufenthalts in Österreich, schreibt uns Huse eine WhatsApp- Nachricht:
„Ich hatte 450 Überstunden, die am Ende der Saison hätten bezahlt werden
sollen. Davon habe ich aber nur 2.400 € ausbezahlt bekommen.“
Huse ist desillusioniert, fühlt sich ausgenutzt und alleingelassen.
„Ich hätte mir jemanden gewünscht, der mir bei der Sprache und der Bürokratie
hilft.“ Eine Studie des österreichischen Landes büros des Europäischen
Migrationsnetzwerkes aus dem April 2025 analysiert die österreichischen
Regulierungen zur Zuwanderung von Drittstaats angehörigen
für Erwerbstätigkeit. Sie fasst das, was Huse erlebt hat, unter einer „ausbaufähigen
Will kommens kultur“ zusammen. Die Autorinnen der Studie
sehen Lösungen zum Beispiel in Beratungsangeboten und liberaleren
Arbeitsmarktzugangs regelungen, um eine gelungene Anwerbung von Arbeitskräften
zu ermöglichen. Es ist auch die ne gativ geführte Migrationsdebatte,
die laut Expert:innen eine erfolgreiche Rekrutierung erschwert.
„Ich möchte kein Saisonarbeiter sein.
Ich möchte eine normale Arbeit.“
Politik
& Gesellschaft
10
Als wir Huse das erste Mal treffen, will er noch bleiben. Drei Monate vor seinem
letzten Arbeitstag genießt er seinen Heimaturlaub in Prijedor. Nach
ein paar Rakija mit Freunden landet er auf der Terrasse von Verwandten.
Dort lernt er die österreichischen Freunde seines Cousins kennen. Er erzählt
stolz von seinen Baustellen und seinen Erfahrungen als LWK- und
Baggerfahrer in Graz. In den frühen Morgenstunden sitzt er breitbeinig
auf einem weißen Plastiksessel. Im Mundwinkel hängt eine Zigarette.
Da zückt er ihn: seinen EU-Führerschein. Stolz präsentiert er
seinen Schlüssel zum österreichischen Arbeitsmarkt.
Auf der Rückseite der kleinen rosa Plastikkarte
sind fast alle Felder des schwarzen Rasters mit
demselben Datum ausgefüllt: dem 5. September
2022. Da hat er seinen bosnischen Führerschein im
EU- Nachbarland Kroatien anerkennen lassen. Die
Fahrerlaubnis für LKW und Traktor macht ihn für
seinen Arbeitgeber in Österreich attraktiv.
Sein Führerschein allein verschafft ihm aber keinen
freien Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt.
Dafür braucht es zuerst die Rot-Weiß-Rot-Karte, dann
die Rot-Weiß-Rot-Karte plus. Als Saisonarbeiter geht das
nur über die Stammsaisonier- Schiene: zwei Jahre in Folge
je mindestens sieben Monate im selben Wirtschaftszweig,
A1-Deutschkenntnisse und ein unbefristetes, kollektivvertragskonformes
Jobangebot. Das wären die Auflagen für
die normale Karte. Erst nach 21 Monaten Beschäftigung innerhalb von zwei
Jahren mit dieser Karte gibt es dann die Rot-Weiß-Rot-Karte plus. Die Rot-
Weiß-Rot-Karte ist das zentrale Instrument der österreichischen Politik zur
Anwerbung von Arbeitskräften aus Drittstaaten. Auf dem Weg zu dieser Karte
fehlt aber die wirtschaftliche Sicherheit, die Huse braucht.
Ein Jahr nachdem wir Huse kennenlernen, ist er seinem Ziel von einem besseren
Leben um einiges näher. Aber eben in Bosnien. Im August 2025 ist
Huse Schüler der Polizeiakademie. „Den Wunsch, Polizist zu werden, habe
ich seit meiner Kindheit. Jetzt ist es Wirklichkeit geworden. Ich will gerecht
sein, und möchte so zur Entwicklung meines Landes bei tragen“, sagt Huse.
Er denkt kaum noch an seine Zeit in Österreich. „Ich sehe die Zeit als eine
Lebens schule, in der ich neue Erfahrungen gesammelt, andere Menschen
kennen gelernt und eine andere Sprache gelernt habe. Alles in allem habe ich
gute Lebenserfahrung gesammelt“, berichtet er. Nach Österreich zurückkehren
würde er aber nur im Notfall, wenn sich die politischen und ethnischen
Konflikte in Bosnien noch weiter verschärfen sollten oder er in seiner Heimat
gar keine Arbeit mehr fndet.
Es gibt keine amtliche Zahl darüber,
wie viele erwerbstätige Dritt staatsan
gehörige Österreich wieder verlassen.
Laut Regierungs-Wirkungsmonitoring
2023
schaffen nur 54
Prozent der Inhaber:innen
einer Rot-Weiß-Rot-Karte den Sprung
zur Rot-Weiß-Rot-Karte plus. Das
Ziel der Bundesregierung liegt eigentlich
bei 95 Prozent. Die Plus-
Karte bringt freien Arbeits marktzugang
– für viele eine Be dingung,
um langfristig zu bleiben. Die, die
sie nicht bekommen, ziehen in andere
EU-Länder weiter, erfüllen die
Vorgaben nicht oder kehren in ihre
Heimat zurück.
Der Rechnungshof Österreich
fordert Maß nahmen, die Menschen
aus Drittstaaten das Bleiben erleichtern,
und kritisiert den Mangel an
Daten zur Arbeitsmigrationspolitik.
Zudem verlangt er schnellere Verfahren
im Aufenthalts- und Arbeitsrecht
und eine Gesamtstrategie, um
Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen
und zu halten. Sonst bleiben
die Stellen weiterhin offen, während
jene, die kommen, um zu arbeiten,
wieder gehen.
11
Politik
& Gesellschaft
LAND DER C
MEHR
WOLLEN,
MEHR
LEISTEN –
MEHR
ERREICHEN?
„Welchen Berufsweg möchtest du gehen und was bist
du bereit zu tun, um deine Ziele zu erreichen?“ Diese
Fragen haben wir den Mitgliedern der Biber Community
gestellt – viele von ihnen mit Migrations hintergrund, viele
aus der sogenannten zweiten Generation. Wir wollten
wissen: Was erwarten sie sich von ihrer Zukunft? Wie
groß ist ihr Wille, etwas zu erreichen? Und sehen sie
in Österreich tatsächlich die Chance auf ein besseres
Leben, als es ihre Eltern hatten?
Die Ergebnisse unserer Umfrage zeichnen ein
klares Bild: Junge Menschen mit Migrationsgeschichte
wollen vorankommen – beruflich, gesellschaftlich, finanziell.
Sie sind motiviert, leistungsbereit und träumen
groß. Gleichzeitig begegnen sie strukturellen Hürden,
Erwartungen der Herkunftsfamilie – und einer Realität,
in der Leistung allein nicht immer reicht.
Was heißt das für soziale Mobilität in Österreich?
Unsere Ergebnisse zeigen, warum junge Migrantinnen
und Migranten mehr wollen – und warum sie trotzdem
nicht immer mehr erreichen.
von
DANIELA STEINKLAMMER
12
HANCEN?
DIE GROSSE
GALLUP-KARRIERE-STUDIE
EXKLUSIV FÜR BIBER
Faktencheck
ERHEBUNGSMETHODE
Online-Umfrage
in der Biber-Community und
im Gallup-Online-Panel
ZIELGRUPPE
Aktuelle und potenzielle
Leserinnen und Leser von Biber im
Alter 14+ österreichweit; mit und
ohne Migrationshintergrund
STICHPROBE
n = 500
UNTERSUCHUNGS
ZEITRAUM
7. bis 20. Juli 2025
FOTO Javier Díez / stocksy.com
13
Vom Streben nach Erfolg
„ARBEIT IST DIE FREUDE AM LEBEN UND
DIE FRUCHT DER BEHARRLICHKEIT.“
Teilnehmer der Studie
Am Willen zum beruflichen Aufstieg fehlt es keinesfalls. 90 Prozent
der Community-Mitglieder sind bereit, Zeit und Energie zu investieren,
um im Beruf weiterzukommen. Besonders hoch ist die Motivation
unter jüngeren Befragten bis 30 Jahre und insbesondere
unter Personen mit Migrationshintergrund der zweiten Generation.
„ICH BIN BEREIT, ZEIT UND ENERGIE ZU INVESTIEREN,
UM IM BERUF WEITERZUKOMMEN.“
2 3
5
48
42
Wenn Karriereziele auf familiäre
Erwartungen treffen
Die meisten jungen Menschen aus der Biber-Community fühlen sich
in ihren beruflichen Ambitionen grundsätzlich von ihrem Umfeld
unter stützt. Aber immerhin ein Viertel der Befragten mit Migrationshintergrund
gibt an, dass die Karriereziele nicht mit den Erwartungen
der Familie übereinstimmen. Bei Befragten aus der zweiten
Generation ist es sogar ein Drittel. Auf der einen Seite stehen
traditionelle Werte und Rollenbilder, die oft aus dem Herkunftsland
der Eltern stammen. Auf der anderen Seite erleben junge Menschen
in Österreich neue Möglichkeiten sowie gesellschaftliche
Normen, und definieren so Erfolg, Selbstverwirklichung und ihren
Lebensweg neu.
Berufswahl: Inspiration beginnt oft in der Familie
Bei der Berufswahl zeigt sich: Die meisten orientieren sich am
engsten Umfeld. 36 Prozent der Community-Mitglieder suchten
Rat in der Familie, 24 Prozent im Freundeskreis. Der größte Anteil
aber – 40 Prozent – entschied ganz allein, welchen Weg er einschlagen
möchte.
INSPIRATION BEI DER BERUFSWAHL
0 20 40 60 80 100
Eltern, Familie
36
Freund:innen, Bekannte
24
Lehrer:innen
14
Stimme sehr zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu
Stimme gar nicht zu Keine Angabe
%-Werte, n = 500
Berühmte Menschen, die es
im Leben geschafft haben
11
Dieser Leistungswille geht oft mit einem ausgeprägten Bildungsbewusstsein
einher – auch innerhalb der Familien. Fast drei Viertel
der Befragten sagen, dass Bildung für sie persönlich einen sehr
hohen Stellenwert hat, beinahe gleich viele Personen berichten
Ähnliches über ihre Herkunftsfamilie.
Influencer:innen
Andere
Niemand, ich gehe
meinen eigenen Weg
5
6
40
„SCHON ALS KIND WURDE MIR VON
MEINEN ELTERN VERMITTELT, DASS ARBEIT UND
FLEISS DIR IM LEBEN VIEL WEITERHELFEN.“
Teilnehmer der Studie
%-Werte, n = 500
Politik
& Gesellschaft
14
DMB.
#frausorgtvor
Schon ab
50 Euro/Monat
finanziell
vorsorgen.
Unsere Vorsorgelösungen entdecken.
Auf wienerstaedtische.at, telefonisch
und natürlich auch persönlich.
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Top 10 Arbeitgeber und Branchen im Fokus
Wenn es um die Berufswahl geht, sind Medien und Werbung besonders
beliebt, dicht gefolgt vom öffentlichen Bereich. Auch Kunst
und Kultur, Beratung sowie Bildung zählen zu den Branchen, die viele
in der Biber-Community anziehen. Bei den abgefragten Arbeitgebern
haben sich klare Favoriten heraus kristallisiert: Ganz vorne
liegen die Stadt Wien, der ORF, die Universität Wien, die Arbeiterkammer
Wien und Red Bull.
TOP 10 BRANCHEN
TOP 10 ARBEITGEBER
0 20 40 60 80 100 0 20 40 60 80 100
Medien und Werbung
30
Stadt Wien
27
Öffentlicher Bereich
(Magistrate, Ministerien etc.)
27
ORF (Österreichischer
Rundfunk)
25
Kunst- und Kulturbereich
24
Universität Wien
24
Beratung (z. B. Lebensberatung,
Wirtschaftsberatung etc.)
23
AK Wien
(Arbeiterkammer Wien)
23
Bildung (Schulen,
Kindergärten etc.)
22
Red Bull GmbH
18
Medizinischer Bereich
20
Erste Bank Sparkassen
17
Tourismus und Freizeit
(z. B. Hotel, Gastronomie, Events)
18
ÖBB (Österreichische
Bundesbahnen)
17
Bank oder Versicherung
15
OMV (Österreichische
Mineralölverwaltung AG
13
Start-ups und IT
(z. B. Programmieren)
14
Coca-Cola HBC Austria
13
Industrie
(z. B. Maschinenbau, Produktion)
10
Wiener Linien GmbH
12
%-Werte, n = 500 %-Werte, n = 500
16
Hohe Leistungsbereitschaft:
Ja – aber bitte gut bezahlt!
Einsatz will belohnt werden: Die Erwartungen an Arbeitgeber sind
klar: Wer viel gibt, will auch viel zurück. Neben einer fairen Bezahlung
(88 Prozent) steht vor allem eines im Vordergrund: Respekt. Knapp
drei Viertel der Befragten erwarten Wertschätzung, gefolgt von
sicheren Arbeitsverhältnissen, Aufstiegsmöglichkeiten, einer sinn
stiftenden Tätigkeit und einer ausgewogenen Work-Life-Balance.
Bei den bis 30-Jährigen ist der Wunsch nach Karriereentwicklung
besonders stark ausgeprägt: 71 Prozent nennen Aufstiegsmöglichkeiten
als zentrales Kriterium bei der Arbeitgeberwahl.
ERWARTUNGEN AN ARBEITGEBER
0 20 40 60 80 100
Gute Bezahlung
88
Respekt
72
Ein sicherer Arbeitsplatz
59
Möglichkeit, weiterzukommen
58
Sinnvolle Tätigkeiten
58
Work-Life-Balance (z. B. flexible Arbeitszeiten, Homeoffice)
58
Gute Chef:innen
51
Möglichkeit zur Weiterbildung
48
Team-Spirit
45
Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft
37
Vielfalt, Diversität
28
Anderes
4
%-Werte, n = 500
„ICH FINDE ES WICHTIG, DASS ARBEIT NICHT NUR
GUT BEZAHLT IST, SONDERN AUCH FREUDE MACHT UND
MAN SICH DABEI WOHLFÜHLT. EIN GUTES ARBEITSKLIMA UND
WERTSCHÄTZUNG SIND MIR SEHR WICHTIG.“
Teilnehmer der Studie
17
Politik
& Gesellschaft
Österreich: Ein Land der Chancen?
Hohe Ambitionen treffen auf wachsenden
Realismus
„ES IST SCHADE, DASS SO VIEL
POTENZIAL VERSCHWENDET WIRD, WEIL
ES IN ÖSTERREICH NUR DARUM GEHT, WEN MAN
KENNT UND WEN NICHT, WAS MAN KANN ODER
BEREIT IST ZU TUN. LEISTUNG ZAHLT SICH
NICHT AUS, DESHALB SIND VIELE FRUSTRIERT
UND HABEN SCHON AUFGEGEBEN.“
Teilnehmerin der Studie
„MAN KOMMT NUR DURCH BEZIEHUNGEN
ANS ZIEL, DAS IST TRAURIG.“
Teilnehmerin der Studie
Die gute Nachricht vorweg: Österreich wird mehrheitlich als Land
der Chancen wahrgenommen. Rund zwei Drittel der Community
Mitglieder sind der Meinung, dass man hier alles erreichen kann,
wenn man will. Und 78 Prozent der Befragten glauben, bessere
Chancen auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg zu
haben als ihre Eltern. Dieser Glaube ist besonders unter Migrant:innen
der zweiten Generation stark verbreitet.
„IN ÖSTERREICH KANN MAN ALLES ERREICHEN,
„IM VERGLEICH ZU MEINEN ELTERN HABE ICH
WENN MAN WILL.“
BESSERE CHANCEN AUF GESELLSCHAFTLICHEN
UND WIRTSCHAFTLICHEN AUFSTIEG.“
6 2
20
25
17
39
47
39
Stimme sehr zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu
Stimme gar nicht zu Keine Angabe
%-Werte, n = 500
4 1 18
Stimme sehr zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu
Stimme gar nicht zu Keine Angabe
%-Werte, n = 500
Politik
& Gesellschaft
Gleichzeitig ist das Vertrauen in das Prinzip der Leistungsgesellschaft
brüchig. Gerade jene, die am stärksten nach Erfolg streben,
sind skeptischer: Migrantinnen und Migranten der zweiten Generation
und junge Menschen bis 30 Jahre bezweifeln stark, dass Leistung
und eine gute Ausbildung allein ausreichen. Sie glauben eher
an das vielzitierte Vitamin B – die richtigen Beziehungen, die laut
unserer Community ganz besonders entscheidend für beruflichen
Erfolg sind. Immerhin: Deutschkenntnisse, Mut, Dranbleiben, Offenheit
für Neues und Glück wurden auch genannt.
ERFOLGSFAKTOREN IN ÖSTERREICH
0 20 40 60 80 100
Eine gute Ausbildung
66
Beziehungen
66
Fleiß
60
Sich etwas trauen
51
Offen sein für Neues
51
Glück
50
Dranbleiben
45
Perfekt Deutsch können
43
Anderes
5
%-Werte, n = 500
„OFT KOMMT MAN NUR MIT VITAMIN B AN
SUPER JOBS IN ÖSTERREICH, AUSSER MAN TRAUT
SICH ETWAS UND MACHT WAS EIGENES.“
Teilnehmerin der Studie
Auch bei der Frage nach dem Traumberuf klafft eine Lücke zwischen
Ideal und Realität. Künstlerin, Influencer, Unternehmerin,
Manager oder Ärztin – das sind die meistgenannten Wunschberufe
bei jungen Menschen bis 30 Jahre. Doch nur ein kleiner Teil glaubt,
diesen Beruf tatsächlich ausüben zu können. Die Gründe dafür sind
vielfältig: strukturelle Hindernisse, fehlende Netzwerke, finanzielle
Unsicherheiten – und nicht zuletzt das Gefühl, dass bestimmte
Wege schlicht „nicht allen offenstehen“.
„DIE SCHWIERIGKEIT DER
BERUFSWAHL BE STAND FÜR MICH PERSÖNLICH
DARIN, DASS DIE SICHERHEIT EINES
MITTLEREN EINKOMMENS UND DER WUNSCH,
MICH KÜNSTLERISCH ZU ENTFALTEN,
NICHT IMMER LEICHT UNTER EINEN HUT
ZU BRINGEN SIND.“
Teilnehmer der Studie
19
Politik
& Gesellschaft
Wenn ich alles gebe, dann will ich
auch alles bekommen.
Junge Erwachsene mit Migrationsbiografie wollen gestalten,
Verantwortung übernehmen, und sie sind auch
bereit, dafür zu arbeiten. Was sie einfordern: faire Bedingungen,
echte Chancen und ein Umfeld, das ihre
Ambitionen nicht ausbremst, sondern stärkt.
Bildung und beruflicher Erfolg stehen für sie im
Zentrum ihres Aufstrebens. Sie wollen nicht nur ein
besseres Leben als ihre Eltern, sie sehen es auch als
realistisch an – und setzen sich entschlossen dafür ein.
Doch trotz all dieser Energie und des individuellen
Engagements bleibt soziale Mobilität für viele ein
herausfordernder Weg. Denn während Österreich auf
dem Papier Chancengleichheit verspricht, erleben
viele eine Realität, in der Herkunft, Sprache, familiäre
Netzwerke oder auch subtiler Alltagsrassismus eine
Rolle spielen. Das führt zur Einschätzung: Beziehungen
zählen oft mehr als Bildung.
Gleichzeitig findet ein Wertewandel statt: Junge
Menschen wollen nicht nur Karriere machen, sondern
auch in einem Umfeld arbeiten, das Wertschätzung,
Sinn und Entwicklungsperspektiven bietet. Aufstieg
ja – aber nicht um jeden Preis. Neben guter Bezahlung
erwarten sie Respekt, Aufstiegsmöglichkeiten und
Work-Life-Balance.
Ganz nach dem Motto: Wenn ich alles gebe, dann
will ich auch alles bekommen.
Es liegt nun an Politik, Bildungssystem und Arbeitswelt,
diese Potenziale ernst zu nehmen, gezielt zu
fördern – und den Weg nach oben nicht nur für einige,
„Junge Menschen mit
Migrationshintergrund leben
oft in zwei oder sogar
mehr Kulturen.
Sie balancieren jeden Tag
zwischen unterschiedlichen
Erwartungen und gesellschaftlichen
Bedingungen.
Das macht sie kreativ,
anpassungsfähig und resilient.
Wer ihnen die Möglichkeit gibt,
ihre Talente einzubringen,
stärkt unsere Gesellschaft.“
Mag. Dr. Andrea Fronaschütz
Geschäftsleiterin und Gesellschafterin
Österreichisches Gallup-Institut
sondern für alle offen zu halten.
Melde dich mit ein paar Klicks für unsere
Umfragen an! Für deine Meinung gibt es
Gutscheine, Cash & Gewinnspiele.
Politik
& Gesellschaft
20
Vergessene Prinzipien
Die soziale Marktwirtschaft hat über Jahrzehnte dafür gesorgt,
dass Österreich als kleine Nation überdurchschnittlich
erfolgreich war: Jeder zweite Euro wurde hierzulande im Export
verdient. Irgendwann haben wir dann aber auf die wichtigsten
Prinzipen dieses Erfolgs modells vergessen…
fähigkeit des Staatshaushalts hoff-
Die Abgabenquote ist so hoch
nungslos überfordert haben. Spätes-
wie nie und viel zu viele Menschen
tens seit 2019 ist die Ausgabenwut der
arbeiten, auch ohne jegliche Betreu-
öffentlichen Hand außer Kontrolle
ungspflichten, lieber Teilzeit als Voll-
geraten. Während der Corona- Jahre,
zeit. Mit ein Grund dafür ist, dass
aber auch während der Energiekrise,
in kaum einem anderen Land mehr
Mag. Christian C. Pochtler
Präsident der
Industriellenvereinigung (IV) Wien
verschärft durch den Angriffskrieg
Russlands in der Ukraine, wurden
Milliarden per Gießkanne verschüttet,
was wiederum die Inflation in
Leistung, also etwa das Aufstocken
der Arbeitszeit auf Vollzeit, so wenig
belohnt wird wie in Österreich. Wenn
mehr Arbeitsstunden nur zu einem
rekordverdächtige Höhen getrieben
unwesentlichen Anstieg des Netto-
hat, was wiederum zu enormen Lohn-
lohns führen, der den Menschen am
und Gehaltserhöhungen geführt hat.
Ende auch in der eigenen Tasche
Im Ergebnis stehen wir heute
bleibt, dann läuft etwas grundlegend
vor einem veritablen Desaster: Öster -
falsch.
Die soziale Marktwirtschaft hatte
reich ist als Standort nicht einmal
Wir werden über kurz oder lang
immer eine klare Ausrichtung: Mit
mehr im Vergleich zu unseren direkten
in unserem Land um grundlegen-
Leistung und Einsatzwillen mög-
EU-Nachbarn konkurrenzfähig. Der
de Reformen nicht herumkommen,
lichst vieler sollen jene Mittel ver-
ehemals größte Dienstgeber des Lan-
offenbar ist der Leidensdruck aber
dient werden, die dann auch zur sozi-
des, die Industrie, schrumpft weiter -
wohl noch nicht groß genug. Das ist
alen Absicherung aller aufgewendet
hin ungebremst. Investitionen wan-
gefährlich, denn der aktuelle Weg un-
werden. Der moderne Wohlfahrts-
dern ins Ausland, und als Unterneh-
seres Landes führt zwangsläufg zu
staat ist damit die Folge dieses er-
mer muss man sich mittlerweile echt
einem Ergebnis: Weniger Wohlstand
arbeiteten Wohlstandes, nicht etwa
die Frage stellen, ob es überhaupt
für alle. Das ist im Sinne der Genera-
die Quelle. Irgendwann scheint sich
aber genau hier eine komplett schiefe
Optik eingeschlichen zu haben. Wir
erleben heute im gesamten „Westen“
teilweise ein abenteuerliches
Anspruchsdenken. Staatliche Leistungen
und Unterstützung werden
als selbstverständlich erachtet, der
Staat soll nach Möglichkeit alle Risiken
des Lebens abdecken, für alle
und jederzeit.
Nicht nur in Österreich hat der
Glaube an den allmächtigen Nannystaat
dazu geführt, dass wir die Trag -
noch sinnvoll ist, in Österreich Geschäfte
machen zu wollen.
Mittlerweile hat die öffentliche
Hand die Industrie als größten Arbeitgeber
abgelöst. Wir leisten uns
den teuersten Sozialstaat in der EU,
während gleichzeitig der Schuldenberg
ungebremst wächst. Nachhaltig
und zukunftsfähig ist das auf keinen
Fall. Und dennoch scheinen wir unfähig,
den notwendigen Wandel einzuleiten.
Echte Strukturreformen, ob
nun bei den Pensionen oder in der Verwaltung,
werden maximal diskutiert.
tionengerechtigkeit der völlig falsche
Weg, denn die Zeche dafür werden
die Jungen zahlen müssen!
Für echte Veränderung wird
es aber eben auch ein gesamtgesellschaftliches
Umdenken geben müssen.
Wir alle müssen uns wieder an
die Tugenden der sozialen Marktwirtschaft
erinnern. Wir alle müssen
einsehen, dass wir unseren gut ausgebauten
Sozial- und Wohlfahrtsstaat
nur dann erhalten können, wenn wir
auch alle bereit sind, mit eigener
Leistung etwas dazu beizutragen.
in Kooperation mit der IV-Wien FOTO © Noll
21
Politik
& Gesellschaft
Wie schafft man es bis ganz
nach oben, wenn die Eltern einem
dabei nicht helfen können?
Dr. Asif Butt forscht an der renommierten
London School of Economics zu sozialer Klasse,
sozialer Mobilität und Eliten.
Er hat uns erklärt, was die Wissenschaft zu
sozialer Mobilität weiß.
Wenn jemand, der nicht unter Ärztinnen, Managerinnen
oder Anwälten aufgewachsen ist, einen akademischen
Beruf anstrebt, was wären Ihre Ratschläge?
Die erste Frage ist, wer in welchen
Kinder garten geht, in welche Volksschule,
wer auf einer weiterführenden Schule landet, die
überhaupt eine Matura anbietet. So haben junge
Menschen erst die Möglichkeit, einen akademischen
Beruf zu erlangen. Das Schulsystem selektiert von
vornherein Menschen aus, die gar nie an die Universität
gehen können.
Für jene, die aber Matura machen und es an die
Uni schaffen, sind Vorbilder extrem wichtig. Das
merken wir immer wieder, sowohl in Umfragen mit
vielen Teilnehmern als auch in Einzelinterviews.
Oft ist es Zufall: Junge Menschen stoßen auf jemanden,
der ganz maßgeblich ihre Bildungs- und ihre berufliche
Karriere beeinflusst. Das Umfeld spielt hier
eine große Rolle: Wen kenne ich eigentlich? Wer ist
mein soziales Umfeld, mit wem hänge ich ab? Und
wer kann mir konkrete Ratschläge geben? Ich würde
mir Leute suchen, die Vorbilder sein können und die
auch meine persönliche Situation verstehen.
Der zweite Tipp: Viele Universitäten und Hochschulen
bieten Möglichkeiten, sich zu informieren
und als Erstakademiker Fuß zu fassen. Auch Stipendienprogramme
können helfen.
Ist es als Unternehmerin oder Influencer einfacher,
auch ohne langjährige Ausbildung aufzusteigen?
Wenn ich eine großartige Geschäftsidee habe, ist es
doch egal, aus welcher Familie ich komme.
Mit der Annahme wäre ich vorsichtig. Es
gibt eine große Hürde für Unternehmer
aus unprivilegierten Schichten. Top-
Unternehmer bekommen häufg erstmal
Kapital von Freunden und Familie, das sie
in ihre Idee investieren können. Ob ich hier auf Geld
zugreifen kann oder nicht, macht einen riesigen Unterschied.
Auch die Risikobereitschaft ist ein Kernaspekt:
Kann ich es mir leisten, einen unkonventionellen
Karriereweg zu gehen, Lehre oder Studium
liegen zu lassen und meine Idee umzusetzen? Das
ist natürlich etwas anderes, wenn ich nebenher noch
versuchen muss, die Rechnungen zu zahlen. Auch
soziales und kulturelles Kapital zählen: das eigene
Netzwerk, wie gut ich mich ausdrücken, präsentieren,
meine Idee pitchen kann. Ich glaube, Unternehmertum
ist nicht so offen, wie man denkt.
Inwieweit prägen die Eltern, das direkte familiäre Umfeld und deren
Erwartungen Bildungs- und Karrierewege?
Wir nennen das den Bildungstrichter: Jemand aus
einem Nicht-Akademiker-Haushalt geht selten an
die Hochschule, noch seltener macht er oder sie einen
Bachelorabschluss, noch seltener einen Master
und am seltensten ist die Promotion. Sowohl Einkommen
als auch Bildungsabschlüsse und Vermögen
werden sehr stark vererbt. Wer aus einem
Akademiker haushalt kommt, macht eher Matu-
Politik
& Gesellschaft
von
DAMITA PRESSL
22
ra und wird eher Akademiker. Und auch der Beruf
selbst wird vererbt: 20 Prozent der Anwälte in den
größten deutschen Wirtschaftskanzleien kommen
aus juristischen Haushalten. Diese Kinder wurden
häufg in irgendeiner Form von ihrem Zuhause geprägt.
Aber natürlich gibt es für Kinder ohne Akademikereltern
auch Wege, und ich glaube, es muss
ohne hin nicht jeder studieren, um erfolgreich zu
sein. Die Eltern sind jedenfalls der Maßstab, an dem
wir sozialen Aufstieg messen. Wir schauen uns an:
Wo steht jemand im Vergleich zu den Eltern? Und wo
stehen die im Vergleich zu den Großeltern? Sowohl,
was den Bildungsabschluss als auch Einkommen,
Vermögen und soziales Prestige angeht.
Was haben die Menschen, die im Vergleich zu ihren Eltern besser
dastehen, gemeinsam?
Erstens haben sie meistens gute schulische Leistungen
erbracht und es auf die Uni geschafft. Leistung
ist ein absolut wichtiger Punkt. Auch die konkrete
Studien- und Berufswahl zählt: Nach einem Jusoder
BWL-Studium sind die Karrierewege klarer als
etwa in den Geistes- und Sozialwissenschaften und
führen eher zu einem Einkommensaufstieg.
Dann sind es eben die Vorbilder: Die Leute,
mit denen ich spreche, erzählen mir häufg, dass
sie irgend wann irgendjemandem begegnet sind,
zum Beispiel dem Vater eines Schulkameraden – oft
durch kompletten Zufall –, der ihnen unter die Arme
griff und zum Beispiel ein Praktikum ermöglichte.
Und es gibt Persönlichkeitszüge, die helfen.
Ambitioniert sein, Drive haben, sich nicht unterkriegen
lassen, kreativ und lösungsorientiert denken.
Ich glaube, soziale Aufsteigerinnen haben oft
eine Art Street Smartness, die Menschen aus bessergestellten
Haushalten gar nicht kennen. Aufsteiger
müssen sich ihre eigenen Chancen erkämpfen.
Ist der soziale Aufstieg für Menschen mit Migrationshintergrund
schwieriger?
Menschen mit Migrationshintergrund sind häufger
auch aus bildungs- und einkommensbenachteiligten
Milieus, gerade, wenn sie etwa aus Gastarbeiterfamilien
kommen. Aber Migrationshintergrund ist
nicht gleich Migrationshintergrund. Derzeit wird
Migrationshintergrund oft als binäre Variable zusammengefasst:
Man hat ihn, oder man hat ihn
nicht. Aber jemand, der in den USA geboren wird,
dessen Eltern Diplomaten sind, hat eine ganz andere
Lebensrealität als ein Kind türkischer Gastarbeiter.
In der Forschung landen diese beiden Personen aber
in der gleichen Kategorie: Migrationshintergrund.
Man muss da genauer hinsehen: Es geht nicht nur
um den Hintergrund, sondern um die Migrationsgeschichte.
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24
IVONA
Ihr Weg zum Erfolg
Österreichs Siebenkämpferin
über ihre Wurzeln,
die Kraft ihrer Familien geschichte
und ihren Weg an die Spitze
DADIĆ
Text von
Fotos
Hair & Make-Up
ANDJELA CEGAR APOLLONIA THERESA
D.AGENTUR,
25 BITZAN
CHRISTINE SUTTERLÜTY
Magazin
Über dem Bett hängt der Big Ben, auf Papier, mitten im
Jugend zimmer von Ivona Dadić.
Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen 2012
druckt die damals 18-Jährige ein Bild des Wahrzeichens der
britischen Hauptstadt aus, hängt es an die Wand und sagt
sich: „Ich fahre nach London.“
Akribisch notiert sie die Ergebnisse, die sie im Siebenkampf
für die Olympiaqualifikation erreichen muss. Beim
Weitsprung sind es 6,14 Meter.
Beim entscheidenden Mehrkampf-Meeting in Götzis
springt sie diese Weite – auf den Zentimeter genau.
Mit 5959 Punkten bricht sie außerdem den seit 1985
bestehenden österreichischen Mehrkampf Rekord und stellt
in fünf von sieben Disziplinen persönliche Bestleistungen auf.
Damit qualifiziert sich Ivona Dadić für die Sommer spiele
2012 in London. Sie schreibt Geschichte als erste Österreicherin
im Siebenkampf bei den Olympischen Spielen und
läuft als jüngste Athletin ihres Feldes ins Olympiastadion ein.
Dieser Meilen stein ebnet den Weg für eine Karriere, die sie
zu einem der Aushängeschilder der heimischen Leichtathletik
macht.
Mehr als zehn Jahre später stehen in ihrer Bilanz mehrere
Top-Ten-Platzierungen bei internationalen Großereignissen,
EM-Silber im Hallenfünfkampf 2017, WM-Silber im Hallenfünfkampf
2018 und zwei weitere Olympiateilnahmen. Doch
Erfolg bedeutet für Ivona Dadić nicht nur große Momente. Er
ist das Ergebnis unzähliger kleiner Schritte: im Training, nach
Verletzungen, vor einem großen Sprung, einer Hürde oder
dem Speerwurf.
„Sich keine Grenzen setzen, Disziplin,
Durchhaltevermögen und Mut – das sind
für mich die Grundvoraussetzungen,
um es als Leistungssportler überhaupt
schaffen zu können“, sagt die
Oberösterreicherin mit kroatischen Wurzeln.
Magazin
26
Man darf sich keine
Grenzen setzen
„Niemand hätte damals damit gerechnet,
dass ich das schaffe. Also wirklich niemand,
außer ich selbst“, erinnert sich die heute
31-Jährige an ihre Olympiapremiere in London. „Man darf
sich keine Grenzen setzen. In einem steckt so viel mehr, als
man glaubt.“
Diese Einstellung begleitet sie seit ihrer Kindheit. Mit
neun Jahren meldet sie sich als einziges Mädchen in der ganzen
Schule für die Lauf-Olympiade an. „Unsere Direktorin ging
damals durch die Klassen und kein einziges Mädchen wollte
mit machen. Also war ich eben die Einzige, die sich traute.“
In diesem Schuljahr schreibt sie ins Abschlussbuch der dritten
Klasse Volksschule auf die Frage, was sie einmal werden
möchte: „Olympiasiegerin im Laufen“. Es ist der Beginn einer
Leidenschaft, die sie bis heute antreibt.
Dass sie sich im Sport wie im Leben viel zutraut, hat
auch mir ihrer Familiengeschichte zu tun. Als Tochter kroatischer
Kriegsflüchtlinge wächst Ivona mit dem Bewusstsein
auf, dass man sich seinen Platz erkämpfen muss. „Meine Eltern
haben ihr Zuhause, ihre Arbeit und Familie hinter sich gelassen
und sind in Österreich angekommen, ohne die Sprache
zu sprechen.“
Der Anfang war hart. In den ersten Jahren in Österreich
erkrankt ihr Vater Nino schwer. „Meine Mama musste
plötzlich alles sein – Mutter, Vater und zugleich die einzige
Einnahmequelle.“ Ivona kommt in Wels auf die Welt und spricht
am ersten Kindergartentag kein einziges Wort Deutsch. Um
ihr zu helfen, lernt ihre Mutter die Sprache und beherrscht
sie als Erste in der Familie fließend. So findet sie sich auch am
schnellsten in der neuen Umgebung zurecht.
„Ich bin
sehr stolz auf meine Mama. Sie ist
mein größtes Vorbild. Was sie geschafft
hat, schafft nicht jeder.“
Die Kindheitsjahre haben Ivona geprägt: „Ich habe
zu Hause gesehen, dass meine Mama nie nachgelassen und
immer Gas gegeben hat. Dass man immer stark ist. Das hat
mich zu der resistenten Athletin gemacht, die ich heute bin.“
27 Magazin
Daran glauben, dass
mehr möglich ist, als man
denkt – und dann
hart dafür arbeiten
„Einmal etwas zu gewinnen, ist eigentlich
einfach. Aber dort oben zu bleiben, immer
wieder zu gewinnen und abzuliefern,
ist viel schwerer“, sagt die Mehrkämpferin.
„Es erfordert enorme Disziplin, Leistungssport auf
diesem Niveau zu betreiben.“
Dazu gehören jahrelanges tägliches Training, die richtige
Ernährung und das Weitermachen nach Niederlagen. Und
dennoch gab es in Ivonas Laufbahn nur wenige Tage, an denen
ihr die Motivation fehlte. „Erst spät in meiner Karriere habe
ich erlebt, wie es ist, für gewisse Dinge keine Motivation zu
haben.“
Diese Disziplin, sich zurückzukämpfen und nicht aufzugeben,
zeigt sich besonders in schweren Zeiten, etwa nach
einer Knie-Operation im Herbst 2022. Ivona fällt für 16 Monate
aus.
„Als Sportler spricht man wenig über die Schattenseiten
– über Verlet zungen, Selbst zweifel, Phasen, in denen es
einem nicht gut geht“, sagt Ivona rückblickend. Umso wichtiger
war für sie die Entscheidung, im Sommer 2023 ihr Umfeld
zu verändern und nach Stockholm zu ziehen, um unter Trainer
Vlado Petrović einen sportlichen Neustart zu wagen. „Er hat
mir geholfen, die Liebe zum Sport wiederzufinden, das Gute
zu sehen und nicht immer nur das, was nicht gut läuft.“
Doch auch ihr Comeback Anfang 2024 verläuft nicht
ohne Rückschläge. Beim Qualifikationsmeeting in Ratingen
stürzt sie im 100-Meter-Hürdenlauf und muss den Mehrkampf
abbrechen. Der Traum von den Olympischen Spielen in
Paris ist geplatzt.
Für viele wäre das ein Moment gewesen, in dem Selbstzweifel
die Überhand nehmen. Für die österreichische Sportlerin
des Jahres 2020 ist es ein weiterer Anlass, ihre größte
Stärke zu beweisen: das Aufstehen nach dem Fallen.
„Was mich als Athletin und als Mensch
aus zeichnet, ist, immer wieder aufzu stehen
und nie aufzugeben.
Diese Charakter eigenschaft habe ich von meiner Mama:
Daran glauben, dass mehr möglich ist, als man denkt – und
dann hart dafür arbeiten.“
Magazin
28
Familie ist für
mich das Wichtigste
In ihrer bisherigen Laufbahn hat Ivona Dadić immer wieder bewiesen,
dass Durchhaltevermögen zu ihren größten Stärken
zählt – nicht nur im Sport, sondern auch im Leben. Ihre Karriere
ist geprägt von Verletzungen, Rückschlägen und Comebacks.
Der wohl größte Beweis dafür liegt in einem Schicksalsschlag,
der ihr Leben nachhaltig verändert und sie stärker
prägt als jede sportliche Erfahrung.
Als Ivona 14 Jahre alt ist, verliert sie ihren 18-jährigen
Bruder Ivan bei einem Motorradunfall. Zu seinem Gedenken
lässt sie sich an der Innenseite des rechten Unterarms, direkt
über der Handfläche, ein kleines Kreuz mit seinem Namen in
geschwungenen Buchstaben tätowieren. Seitdem trägt sie
bei jedem Wettkampf ein Bild von ihm bei sich. Es gibt ihr Kraft.
„Diese Schicksalsschläge,
die Werte meiner Eltern und
mein eigener Antrieb – all das
zusammen hat mich zu einer
stärkeren Persönlichkeit und
Athletin gemacht.“
Auch aus diesem Tief kann sie sich mit Hilfe des Sports
und des starken Zusammenhalts in der Familie zurückkämpfen.
Ein Rückhalt, der für sie bis heute von unschätzbarem Wert
ist. „Familie ist für mich das Wichtigste“, betont Ivona. Die kroatischen
Werte und Traditionen, mit denen sie aufge wachsen
ist, möchte sie eines Tages auch an ihre Kinder weitergeben.
„Der Zusammenhalt in einer kroatischen Großfamilie ist etwas
Besonderes. Meine Familie war immer meine große Stütze und
mein Rückzugsort – und das möchte ich mir unbedingt bewahren.“
„Ich bin stolz auf meine Wurzeln und das ist mir auch
von Anfang an mitgegeben worden“, sagt Ivona. Neben diesem
Einfluss vertraut die mehrfache Staatsmeisterin auf ihren
un erschütterlichen Eigenantrieb: „Für mich ist das selbstverständlich,
dass ich eine große Eigenmotivation mitbringe.“
Doch sie gesteht: „Es gibt Tage, an denen es mir schwerer fällt.“
Obwohl sie viel Durchhaltevermögen besitzt, weiß Ivona,
wie wichtig es ist, an schweren Tagen „ein Umfeld zu haben,
das einem den nötigen Schubs in die richtige Richtung gibt.“
In jungen Jahren waren das vor allem ihre Eltern, heute zählen
dazu auch ihr Verlobter Dario Glavaš, Freunde, ihr Trainer und
ihre Trainingspartner. Umgeben von all diesen Menschen und
voll Charakterstärke blickt Ivona entschlossen ihrem großen
Ziel entgegen: „In meiner Karriere noch einmal an meine Bestleistung
heranzukommen.“
29
Magazin
Rund 50 Kilometer Luft linie
trennen Wien und Bratislava.
Zum Pendeln eine machbare Distanz,
die aber trotzdem mehr als
zwei Stunden täglich kostet.
Auch einige junge Slowak:innen
haben sich für diesen Arbeitsweg
und gegen einen Umzug entschieden.
Auf der Suche nach ihren
Motiven und unterwegs zwischen
zwei Hauptstädten.
ATTRAKTIVE ARBEIT,
Magazin
von
ALEXANDER WIEDER
30
„Das Frühaufstehen ist anstrengend, aber ich bin
gerne im Büro“, sagt der 23-jährige Wirtschaftsstudent
Adam. Er pendelt täglich von seiner Heimatstadt
Bratislava nach Wien und wieder zurück. Denn
er weiß, mit Arbeitserfahrung im Ausland hat er später
bessere Chancen.
Heute ist Donnerstag, da kann Adam schon um
14 Uhr aus der Arbeit gehen. Im sommerlich lockeren
Businesslook mit lachsfarbenem Polo-Shirt und
weißen Adidas-Sneakers tritt der junge Slowake
auf den Otto-Wagner-Platz neben dem Alten AKH.
Bei mehr als 30 Grad Anfang August ist hier sonst
kaum jemand unterwegs. Mit einem einladenden
Lächeln im Gesicht kündigt er seine Reise an: „Los
geht’s!“ Mit der U2 und U1 ist er in einer halben Stunde
am Hauptbahnhof. Der Bahnsteig 12 ist bereits
voll mit Reisenden, ihren Rucksäcken und Koffern.
Alle haben dasselbe Ziel: In erster Linie ist das nicht
Bratislava, sondern ein Sitzplatz. Später zusteigen
be deutet auch heute, dass man stehen muss.
Junge Leute wie Adam, die diesen weiten Arbeitsweg
auf sich nehmen, gibt es verhältnismäßig
wenige. Es sind eher Menschen im mittleren Alter,
die sich woanders schon ein Leben aufgebaut haben.
Im Jahr 2024 pendelten im Schnitt rund 11 000 Menschen
zwischen 15 und 24 Jahren aus dem Ausland
nach Österreich. Sie machen nur rund 7 Prozent aller
Grenzpendler:innen aus. Adam ist einer davon.
Alle 30 Minuten verlässt ein Zug den Hauptbahnhof
Wien Richtung Bratislava-Petržalka und
braucht dafür fast genau eine Stunde. Den Weg
kennt Adam nur zu gut. Jeden Dienstag, Mittwoch
und Donners tag ist er etwa vier Stunden unterwegs
und legt dabei knapp 180 Kilometer an Wegstrecke
zurück. Pro Monat kommt er auf mehr als 52 Stunden
und rund 2300 Kilometer Arbeitsweg – in etwa eine
Fahrt von Wien nach Madrid.
„In Wien sind die Öffs super. Als Student zahle
ich für das Semesterticket 75 Euro. Nur jetzt in den
Ferien muss ich halt Fahrscheine zwicken. Das kostet
mich zusätzlich zirka 50 Euro pro Monat“, erzählt
Adam mit dem Rücken in Fahrtrichtung sitzend. Für
die gesamte Strecke kommt er in der Ferienzeit auf
etwa 150 Euro monatlich.
Wegen eines besseren Gehalts macht er das
Ganze aber nicht, zumindest noch nicht. Adam
möchte später einmal im Ausland leben und arbeiten.
Um seine Chancen zu erhöhen, hat er zuerst in
Schottland seinen Bachelor gemacht und studiert
aktuell an der Uni Wien „Applied Economics“. Für
ein 20-Stunden-Praktikum arbeitet er seit zwei Monaten
bei der Finanzmarktaufsicht, das „schaut gut
im Lebenslauf aus“.
ITER WEG Diese
MP Studio / adobe.stock.com
Reportagereise fand im Rahmen des Projekts „Eurotours“ statt und wurde aus Mitteln des Bundes und der EU mitfinanziert. FOTO
31
Magazin
SPRACHE ALS SPRUNGBRETT
Die Tore zu Studium und Arbeit haben sich für
Adam durch seine Schulbildung aufgetan. Schon im
Kindergarten haben ihn seine Eltern auf die Deutsche
Schule Bratislava geschickt, in der die gesamte
Schulzeit bis zum Abitur durchlaufen werden kann.
Hier hat Adam seine ersten Wörter auf Deutsch
gelernt und spricht die Sprache heute ausgezeichnet.
Trotzdem hatte er
Angst, keine Chance auf
das Praktikum zu haben,
denn in der Stellen ausschreibung
stand „sehr
gute Deutschkenntnisse“.
„Ich hatte davor vier Jahre
nicht mehr Deutsch gesprochen“,
meint Adam.
Selbst eine kurze Unterhaltung
mit ihm reicht
aus, um zu hören, dass
seine Angst unbegründet
war.
Katarína kann nicht
Deutsch. Sonst wäre sie
vielleicht in Wien geblieben.
„So gut wie all meine
Freunde haben außerhalb
der Slowakei studiert
oder sind zumindest auf
Erasmus gewesen“, erzählt
sie auf Englisch.
Die 25- jährige Slowakin
mit Kurzhaarschnitt und
dezentem Nasenpiercing
kommt ursprünglich aus
Piešťany. Heute arbeitet
sie für das Youth Hub Bratislava,
das erste städtische
Jugendzentrum, das
im Mai 2024 eröffnet wurde.
Auch sie hat in Wien an der Angewandten studiert
und ist nach ihrem Abschluss in „Social Design“
zurück in die Slowakei gegangen. Doch viele kehren
nicht zurück, weil „sie glauben, das Leben wäre außerhalb
der Slowakei besser“, meint Katarína und
zuckt mit den Schultern. Sie nennt es einen regelrechten
„Brain Drain“, den sie einerseits nachvollziehen
kann: Im Ausland sind die beruflichen Chancen
schließlich besser. Andererseits fügt sie hinzu: „Das
bedeutet natürlich, dass diese Leute bei der Entwicklung
unseres Landes fehlen.“
Tatsächlich werden Schätzungen zufolge zirka
60 Prozent der rund 32 000 Auslandsstudierenden
nach ihrem Abschluss nicht in die Slowakei zurückkehren.
Dazu kommen jene Arbeitskräfte, die ohnehin
bereits außerhalb des Landes beschäftigt sind,
die meisten von ihnen im Nachbarland Tschechien.
Hier arbeiten mehr als 240 000 Slowak:innen. Die
Gehälter dort sind wesentlich höher, die Kaufkraft
ähnlich, die Sprachbarriere
gering.
Doch auch Österreich
ist ein attraktives
Ziel. In Wien hatte Katarína
während ihres Studiums
den Eindruck, die
Leute hätten eine bessere
„Work-Life-Balance“ als
in der Slowakei. Warum
sie selbst nicht in Wien
geblieben ist, beantwortet
sie lachend: „Ich würde
liebend gerne in Wien arbeiten
und leben, aber leider
kann ich kein Deutsch
und so ist es schwierig, im
Kulturbereich einen Job
zu fnden.“ Dabei hätte
es sich fnanziell gelohnt,
sagt sie: „Selbst wenn
man einen Job in der Slowakei
fndet, ist er meistens
schlecht bezahlt.
Ich habe in Wien Miete
bezahlt und jetzt auch in
Bratislava und die Kosten
sind vergleichbar. Man
zahlt vielleicht eine Spur
mehr Miete in Wien, verdient
aber auch wesentlich
mehr.“
POLITISCHE UMWÄLZUNGEN
Dass es junge Slowak:innen nach draußen zieht, liegt
auch am Bildungssystem, sagt Adam: „Die slowakischen
Unis haben schlechtes Equipment, weil sie
der Staat zu wenig unterstützt, und können deshalb
kaum Forschung betreiben.“
Aber Adam und Katarína sind sich einig: Die
politische Lage in der Slowakei ist einer der Hauptgründe,
das Land zu verlassen. Der Linkspopulist
Robert Fico regiert seit Herbst 2023 das Land. Als
Premierminister ist er auf dem besten Weg, seine
Vorstellung einer „illiberalen Demokratie“ umzu-
FOTO Helen Rushbrook / stocksy.com
Magazin
32
setzen. Trotz Warnung der EU-Kommission, damit
gegen Europarecht zu verstoßen, löst Fico die für
Korruption und organisierte Kriminalität zuständige
Sonderstaatsanwaltschaft mit März 2024 auf.
Nach einem Attentat im darauffolgenden Mai, bei
dem Fico schwer verletzt wird, verschärft er den Regierungskurs
weiter: Nach seiner Rückkehr wandelt
er umgehend den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
RTVS in ein Staatsmedium um.
Korruption ist seit jeher ein großes Problem
in der Slowakei. Aufgrund der einschneidenden Reformen
der neuen Regierung spürt sie die Bevölkerung
nun aber noch stärker. Martin* zum Beispiel
ist genau deswegen gegangen. Der 26-jährige Slowake
hatte sich in einem Ministerium bereits in eine
Führungsposition hinaufgearbeitet. „Seit den letzten
Wahlen hat sich die Korruption dramatisch verschärft.
Die Situation wurde so unerträglich, dass ich
mich entschied, zu kündigen“, erzählt Martin knapp
zwei Jahre später. Heute arbeitet er für eine Supermarktkette
in Wien und pendelt von Montag bis
Freitag zwischen Wien und Bratislava. Ein Dauerzustand
ist das Pendeln aber auch für ihn nicht.
Martin hat den Vorteil, bereits Deutsch zu können.
Seine Freundin besucht seit kurzem einen Deutschkurs.
Sobald sie sich mit der Sprache sicher genug
fühlt, werden sie gemeinsam nach Wien ziehen.
HEIMWEH INKLUSIVE FERNWEH
Inzwischen hat der Regionalexpress die unmarkierte
Staatsgrenze passiert und rollt langsam in den Bahnhof
Petržalka ein. Mit der Buslinie 94 und anschließend
der Linie 83 geht es für Adam Richtung Slavín,
einem Altstadtviertel von Bratislava. Hier wohnt er
mit seinen Eltern in einem der unzähligen Einfamilienhäuser.
Sein Traum wäre, eines Tages für eine
Bank in der Schweiz zu arbeiten. Umso schöner fndet
er es, jetzt noch ein paar Jahre zusammen mit seinen
Eltern leben zu können, bevor es ihn vielleicht weiter
weg zieht. Um 16:15 Uhr verabschiedet sich Adam mit
den Worten: „Ich werde mich jetzt eine Stunde hinlegen,
denn ich bin sehr müde.“ Später will er noch
Freunde in der Stadt treffen, denn morgen hat er frei
und der Abend wäre sonst „verschwendet“.
*Name von der Redaktion geändert
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33
UNIVERSITÄT WIEN
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EIN GROSSES
FUCK YOU
Wie eine Tochter bosnischer Flüchtlinge
Karriere in New York macht
FOTO Tom Coe / unsplash.com
von
ELISABETH BAUER
Vom Dorf Plav in Montenegro bis ins
Herz des Finanzviertels von New York:
Amina Cecunjanin-Music hat gelernt,
was es heißt, zwischen zwei Welten
aufzuwachsen. Mit Eltern, die vor dem
Krieg flohen, und einer Gesellschaft,
die ihrer Religion mit Misstrauen
begegnete. Heute will die 23-Jährige
die Regeln dieser Gesellschaft
selbst mit gestalten.
DORFKIND IM HERZEN VON NEW YORK
„Ich dachte immer, eines Tages werde
ich in New York leben. Das ist die beste
Stadt der Welt. Aber irgendwann
auf dem Weg hierher musste ich feststellen:
Eigentlich bin ich ein Dorfkind.
Ich komme aus einem kleinen
Bergdorf in Montenegro – Plav.“ Wir
bestellen Kaffee an der Theke einer
italienischen Kette, links von uns öffnet
sich hinter der Glas fassade das
Finanzviertel. Zwei Straßen von der
Wall Street entfernt setzen wir uns
an einen der freien Tische im dritten
Stock.
Amina Cecunjanin-Music ist
23 Jahre alt, sie trägt eine hellblaue
Bluse unter einem dunklen Gilet.
Mit ihren wachen braunen Augen
wirkt sie genau so, wie man
sich eine junge Anwaltsanwärterin
vorstellt. „Ich
bin in Connecticut auf -
gewachsen“, sagt sie, nachdem
sie einen Schluck von
ihrem Iced Café Latte genommen
hat. Für sie ist
der Spagat zwischen „Ich
komme aus Montenegro“
und „Ich bin in Connecticut
aufgewachsen“ so
selbstverständlich wie das
Atmen.
35 Magazin
FLUCHT UND NEUANFANG
Amina und ihre Familie defnieren sich als Bosniaks,
also bosnische Muslime – in ihrem Fall aus Montenegro.
Als Aminas Vater 18 Jahre alt war, sollte er in die
jugoslawische Armee eingezogen werden. „Er wollte
nicht Teil einer Armee sein, die ihre eigenen Leute
bekämpft“, sagt Amina. Also floh er in die USA,
arbeitete in Restaurants und Küchen, wie so viele
Männer aus der Region in den 1990er-Jahren. Mit
dem Krieg kamen zehntausende Bosnier:innen in die
USA, viele über das Flüchtlingsprogramm.
Heute leben schätzungsweise 350 000 bis
390 000 Menschen bosnischer Herkunft in den Vereinigten
Staaten, die meisten in St. Louis und Chicago.
Dabei wollen bosnische Amerikaner:innen der
zweiten Generation ihre Interessen mittlerweile
auch in die Politik tragen. Sie sind nicht eindeutig
einer Partei zuzuschreiben, aber Donald Trump und
seine Anti-Migrationspolitik haben viele Menschen
in der bosnisch-amerikanischen Community politisiert.
Darüber hinaus hat sich ein Think Tank namens
United States Advisory Council for Bosnia and
Herzegovina (USABH) etabliert, der die Interessen
der Community auch landesweit vertritt.
AUFWACHSEN ZWISCHEN WELTEN
Ein paar Jahre nach Aminas Vater folgte ihre Mutter,
die eigentlich in Sarajevo studieren wollte. Statt
Hörsaal: Kellnern, Putzen, Supermarktkassen. Zwei
Jobs, manchmal drei. Immer unter dem Druck, vier
Töchter durchzubringen. „Ich habe keine Zeit für
dumme Menschen“, sagte Aminas Mutter oft, erzählt
sie. „Ich habe alles aufge geben, damit du erfolgreich
wirst.“ Amina, die Älteste, übernahm
früh Verantwortung für
ihre Schwestern.
„Für mich war die
Schule mein Ausweg.
Dort konnte ich
mich auf das konzentrieren,
was wir gerade
lernen mussten. Dort
war ich einfach nur
Schülerin.“ Leicht war
es trotzdem nicht. Obwohl
in den USA ge boren,
sprach Amina bei der Einschulung
kaum Englisch.
Ihre Familie lebte eng eingebettet
in die bosnische
Community, zu Hause wurde
nur Bosnisch gesprochen.
VERSTECKTE IDENTITÄT
Am ersten Schultag sitzt Amina in einem zu großen
Klassenzimmerstuhl, das Heft vor ihr bleibt leer. Die
Lehrerin spricht, aber die Worte prallen an ihr ab,
klingen wie ein Rauschen. In ihrer Lunchbox hat sie
Burek, den die Mutter gebacken hat. Kaum macht
sie den Deckel auf, drehen sich die Köpfe: „What is
that?“ – kichernd, neugierig, spöttisch. Amina versteht
nicht, warum die Kinder lachen, sie weiß nur,
dass sie anders ist. „Ich war wie ein Alien“, sagt
sie heute. Erst in der zweiten Klasse, mit Sprachtherapie,
lernt sie flüssig Englisch. Zuhause wird
Bosnisch gesprochen, die Eltern wollen die Sprache
und Kultur bewahren, bringen den Kindern sogar
Kyrillisch bei. In der Schule fühlt sie sich isoliert.
Im Geschichts unterricht war es später besonders
nervenaufreibend. Amina hat in amerikanischen
Geschichtsbüchern oft vergeblich nach der europäischen
Geschichte des Balkans gesucht.
Das eine Mal, als sie in der High School offen er -
zählte, dass sie Muslimin sei, bereute sie es sofort.
Ihre Lehrerin machte ihr das Leben schwer, ließ sie
ein Jahr lang isoliert in der Ecke sitzen und beschuldigte
sie sogar, Essen gestohlen zu haben. „Einmal
hat sie mir meinen Test weggenommen, bevor die
Zeit um war. Und dieser Test bestimmte, ob man in
ein Förderprogramm kommt, das den Weg aufs College
ebnet. Dieses eine Mal bin ich zur Rektorin gegangen.“
Es war das erste Mal, dass sie sich gegen
eine Autorität stellte, und es sollte nicht das letzte
Mal bleiben. Sie bestand und wurde später an der
Wesleyan University aufgenommen,
einem der renommiertesten
Liberal-Arts-Colleges der USA.
„In meinem letzten Schuljahr,
als schon klar war, wo wir alle
danach hingehen werden, da
habe ich meinen Freunden in
der Schule zum ersten Mal
verraten, dass ich Muslimin
bin. Da musste ich zum ersten
Mal nicht mehr so tun,
als wäre ich jemand anders“,
sagt Amina. Dabei
ist Aminas Erfahrung kein
Einzelfall. Nach den Anschlägen
vom 11. September
2001 stieg die Zahl
muslimfeindlicher Vorfälle
stark an und blieb
seitdem auf hohem
Niveau. Laut einer
aktuellen Umfrage
Magazin
36
„ICH HABE MEINEN VATER
NUR DIESES EINE MAL WEINEN SEHEN.“
Ein entscheidender Wendepunkt
kam, als ihre Eltern das Restaurant,
in dem sie jahrelang gearbeitet hatten,
schließlich kaufen konnten. Mit dem
Eigentum kamen auch Anfeindungen:
Schmierereien an den Wänden, anonyme
Drohungen, sogar Hassbriefe. „Meine Eltern
sagten immer: Kopf runter, dann passiert
uns nichts. Aber das stimmte nicht.
Selbst wenn wir uns anpassten, wurden wir
angegriffen.“ Amina begann, Gesetzestexte
zu wälzen und die Vorarbeit für den Anwalt zu
leisten, um den Eltern einen Teil der Kosten zu
sparen. Am Ende gewann die Familie den Prozess.
„Mein Vater hat an dem Tag geweint, als die
Ladenvermieter, die uns ständig belästigt haben,
gehen mussten. Ich habe ihn in meinem Leben nur
dieses eine Mal weinen sehen. Da habe ich verstanden,
was Recht wirklich bedeutet: Das Gesetz für
die zu übersetzen, die es nicht verstehen können.“
des Pew Research
Center sagen 44 % der US-
Erwachsenen, dass Muslim:innen in
der Gesellschaft sehr viel Diskriminierung erleben
– mehr als andere große Gruppen. 2023 hat die
damalige US-Regierung unter Präsident Joe Biden
angekündigt, gegen die steigenden antimuslimischen
und antisemitischen Übergriffe im Land vorzugehen.
BILDUNG ALS AUSWEG
An der Wesleyan University begann Amina, offener
mit ihrer Herkunft umzugehen. Sie studierte Osteuropäische
Geschichte, schrieb ihre Abschlussarbeit
über den Balkan und präsentierte ihre Forschung
sogar an der University of Pennsylvania. Ihr
Freundeskreis veränderte sich und viele ihrer Freunde
dort haben selbst Wurzeln in der Region. „Diese
Seminare haben mich an zuhause erinnert: an die
Sprache, das Essen, die Geschichten meiner Eltern.
Plötzlich war das nicht mehr nur Last, sondern Wissen.“
Zum ersten Mal durfte sie – wie andere Studierende
auch – auf dem Campus wohnen. Etwas, das
ihre Eltern zunächst kaum akzeptieren wollten. In
ihrer Familie galt es als undenkbar, dass eine unverheiratete
Tochter in einer Uni-WG lebt. Doch Amina
setzte sich durch.
Heute lebt Amina in New York. Die Stadt, die für sie
früher das große Ziel war. Doch manchmal sehnt sie
sich nach etwas mehr Ruhe. Sie ist ein Jahr jünger
als die meisten ihrer Kolleginnen an der New York
Law School. Nebenbei arbeitet sie in der Rechtsabteilung
eines Fortune-100-Unternehmens und für
eine Anwalts kanzlei, die sich um Stadtplanung kümmert.
Amina schaut nochmal auf die Uhr – ihre Pause
ist vorbei. Sie nimmt den letzten Schluck vom Café
Latte. Bevor sie aufsteht und zurück ins Büro eilt,
sagt Amina: „Ich möchte einmal eine richtig erfolgreiche
Businessfrau werden. Es ist ein großes ‚Fuck
You‘ an alle, die denken, dass eine Frau, ein Kind von
Einwanderern, das nicht schaffen kann.“ Ein Satz,
halb trotzig, halb entschlossen – und vielleicht die
ehrlichste Zusammenfassung ihrer Geschichte.
37 Magazin
Schon bei der Gründung haben Hans und Grete
Attensam ein Fundament an Werten gelegt, das bis
heute im Unternehmen wirkt. Deshalb en gagiert
sich die Familie Attensam auch für ausgewählte
Herzensprojekte. Zwei davon unterstützt Oliver
Attensam aus ganz persönlichen Gründen: Bildungsgerechtigkeit
und den Kampf gegen Blutkrebs.
ATTENSAM –
VERANTWOR
BILDUNG SCHAFFT CHANCEN –
TEACH FOR AUSTRIA &
ATTENSAM
An diesem Vormittag steht nicht Mathe
im Mittelpunkt. Oliver Attensam
ist mit „Teach for Austria“ zu Gast in
einer Wiener Mittelschule. Vor ihm
sitzen Jugendliche aus aller Welt:
Armenien, der Türkei, Syrien, Afghanistan,
Bosnien, alle vereint in einem
Klassenzimmer. Die Stimmung ist
lebendig, Hände gehen nach oben.
„Teach for Austria“ bringt engagierte
Hochschulabsolvent:innen für
zwei Jahre als „Fellows“ in Schulen,
die oft als „Brennpunkt“-Schulen bezeichnet
werden. Hier zählt nicht nur
das Fachwissen, sondern echtes Interesse
und Empathie.
Für Oliver Attensam ist das eine
Herzensangelegenheit: „Viele Kinder
haben nicht die gleichen Startbedingungen.
Aber sie haben den gleichen
Willen, wenn man ihnen die Chance
gibt.“
„Wenn junge Menschen merken,
dass man an sie glaubt, kann das alles
verändern.“
„Teach for Austria“ macht das Thema
Bildungs erfolg seit Jahren sichtbar, © TFA
(Weiter-)Bildung ist bei Attensam
zentrales Thema und vor allem
gelebte Praxis im Alltag: Intern werden
viele Mitarbeitende mit Migrationshintergrund
gefördert. Deswegen
unterstützt das Unternehmen „Teach
for Austria“ jährlich mit 30.000 Euro.
Bildung verändert Leben
Nimm jetzt am
Social-Leader ship-Programm
teil, und zwar unter:
teachforaustria.at
ATTENSAM MEETS
TEACH FOR AUSTRIA
Oliver Attensam mit einer Schulklasse, © TFA
Caro Attensam und
Viktoria Wulffen von DKMS
TUNG
AUS
ÜBERZEUGUNG
Blutkrebs –
Das sollten Sie wissen:
BLUTKREBS BESIEGEN –
DKMS & ATTENSAM
EIN VERLUST,
DER ALLES VERÄNDERTE.
2004 verlor Oliver Attensam seinen
Vater Hans an Blutkrebs. Die Diagnose
kam plötzlich. Die Chancen waren
gering. Eine Stammzellenspende
hätte vielleicht geholfen. „Damals
wussten wir kaum, was das ist. Heute
weiß ich’s besser: Ein einfacher
Wangenabstrich kann Leben retten.“
Diese Erfahrung prägt die Familie
Attensam bis heute, weswegen
sie die DKMS sowohl fnanziell als
auch kommunikativ unterstützt.
Hans Attensam und
Sohn Oliver
Erforderliche Stammzellspenden
pro Jahr:
Rund 300 Patient:innen in Österreich
sind jährlich darauf angewiesen.
Passende Spender:innen in
der Familie:
Nur 40 % finden ge eignete
Spender:innen innerhalb der Familie –
meist Geschwister. Der Rest braucht
externe Spenden.
Die Registrierung:
Schnell, anonym, kostenlos –
und lebensrettend.
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„Wir wollen mithelfen, dem Thema
mehr Auf merksam keit zu verschaffen
und damit vielleicht das ein
oder andere schwere Schicksal
zu ersparen.“
Oliver Attensam
participate.roteskreuz.at/
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Die DKMS vermittelt weltweit
Stamm zellenspenden und schenkt
Kranken damit eine zweite Chance.
„Es braucht mehr Menschen,
die sich registrieren lassen“, sagt
Oliver Attensam. „Es tut nicht weh
und es kann Leben retten.“
Entgeltliche Einschaltung
39
ATTENSAM
Advertorial
Babysitterin, Stell vertreterin, Übersetzerin: In vielen Familien
mit Migrationshintergrund spielt die älteste Tochter
eine Schlüsselrolle. Sie navigiert zwischen zwei Kulturen
und hält die Familie zusammen. Manchmal ist dieser Verantwortungsdruck
jedoch der Grund, dass sie ihren eigenen
Träumen nicht nachgehen kann. Eine älteste Tochter
erzählt, was es heißt, sich für die Familie aufzuopfern, und
wie sie Grenzen setzt, um sich selbst nicht zu verlieren.
Süheyla* (26) tritt ruhig, gelassen und doch stark und
selbstbewusst auf. Lange, braune Wellen fallen ihr über
die Schultern. Sie ist die älteste Tochter einer türkischstämmigen
Familie mit fünf Kindern. Als Lehr amtsstudentin
und AHS-Lehrerin fndet sie langsam ihren
eigenen Weg. Aber das war nicht immer so.
Ihre Kindheit in Wien-Meidling war unbeschwert,
ihre größten Hobbys das Lesen, Singen und Malen, erinnert
sich Süheyla. Als sie zehn war, wurde ihr kleiner
Bruder geboren, mit 14 kam die jüngste Schwester dazu.
Die Familiendynamik begann sich zu verändern. „Damals
war ich glücklich darüber, zwei kleine Menschen
heranwachsen zu sehen. Ich habe gerne mit Puppen gespielt
und nun hatte ich echte Babys, denen ich die Windel
ge wechselt, die ich in den Schlaf gewiegt und für die ich
Milch vorbereitet habe“, erzählt Süheyla.
War ihre Mutter nicht zuhause, erklärte sie den restlichen
Geschwistern, sie müssten auf Süheyla hören, „die
zweite Mutter“. „Das hat mich sehr bestätigt und mir ein
Gefühl von Vertrauen und Verantwortung gegeben. Aber
ich wurde die Rolle der zweiten Mutter dann nicht mehr
los“, sagt die 26-Jährige. Mit den Jahren wuchsen die Aufgaben:
Kindergartenabholungen, Haushalt, Elternsprechtage,
Arztbesuche und Behördengänge.
ZWISCHEN P
SELBSTVERWI
WIE ÄLTEST
IHRE
NEU DEF
PERFEKTIONISMUS & FAMILIENLIEBE
Im Vergleich zu ihrem älteren Bruder war Süheyla das Vorzeigekind.
Schon als junges Mädchen war klar: Sie hatte
perfekt zu sein. Sowohl, um den Frust der Eltern mit dem
Bruder zu kompensieren, als auch, um zu zeigen, dass ihre
Familie das Leben in Österreich ver diente. Ihr Vater sah
in Süheyla als Einzige das Potenzial, zu er reichen, was
ihm verwehrt blieb. So drängte er sie zu einem Studium,
das sie nicht interessierte. Der Druck, perfekt zu sein,
stieg immer weiter an.
„Ich defnierte mich schon seit der Schulzeit über
meine Noten. Die Angst, meinen Vater zu enttäuschen,
war groß. Kam ich mit einer Eins nach Hause, wurde die
Schularbeit dennoch inspiziert und kleine Fehler kommentiert“,
erzählt Süheyla. Den Wunsch, Lehramt zu studieren,
gab sie zunächst auf. Das Fach entsprach nicht den
Magazin
von
AMIRA ALI
40
FLICHT UND
RKLICHUNG –
E TÖCHTER
ROLLE
INIEREN
Erwartungen des Vaters. Aber warum hat sie sich damals
nicht durchgesetzt? „In meiner Kultur wird von Frauen
gefordert, dass sie die Bedürfnisse anderer den eigenen
voranstellen. Als wäre die Selbstaufopferung ein Liebesbeweis.“
WUT, FRUST, EIFERSUCHT
Wenn Süheyla über ihre Emotionen spricht, fallen oft die
Begriffe Wut, Frust und Eifersucht. Wut darüber, dass ihr
die Freiheiten ihrer Freundinnen verwehrt blieben. Eifersucht
auf die Geschwister und Unverständnis, dass ihnen
nicht dieselbe Verantwortung aufgelastet wird. Eine Weile
hat Sühelya mit Angstzuständen und Panikattacken zu
kämpfen.
„Oft liege ich nachts im Bett und kann nicht einschlafen,
denn ich versuche, alles gedanklich zu sortieren:
Steuererklärung mit Papa machen, Nachweise dafür
ausdrucken, E-Mails schreiben, Vokabeln abprüfen, für
Mama einkaufen und für meine Prüfung lernen“, zählt
sie ihre To-Do-Liste auf. Zeit fürs Lernen bleibt Süheyla
meist keine, und auch Treffen mit Freunden sind selten geworden,
da sowohl die Zeit als auch die Energie fehlt.
Ihre Sorgen kann der Freundeskreis ohnehin nicht
nachvollziehen: „Andere geben einem oft den Rat, man
solle sich von der Familie distanzieren oder den Kontakt
abbrechen. So leicht ist es aber nicht, denn in unserer Kultur
ist man in der Familie verwurzelt.“
GRENZEN UND STÄRKEN
Mit 23 beginnt Süheyla umzudenken. Sie lernt, Grenzen
zu setzen und „Nein“ zu sagen. Sie entscheidet sich,
das Studium, das sie für ihren Vater begonnen hat, abzubrechen
und geht ihrem eigenen Wunsch nach: Lehrerin
werden. „Ich habe mich den Großteil meines Lebens mit
Kindern beschäftigt und habe gemerkt, dass das auch ein
Vorteil sein kann“, sagt sie stolz.
Das passt ihren Eltern anfangs gar nicht, mit der
Zeit legt sich der Unmut aber und Süheyla gewinnt ihre
Unterstützung. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
erfüllt sie, durch ihre frühe Verantwortung fühlt sie sich
den Herausforderungen gewachsen. Derzeit bereitet Süheyla
ihr Auslandssemester vor – und zwar in Brasilien.
Sie weiß, dass das bedeutet, eine Zeit lang nicht zuhause
zu sein, und ihrer Familie nicht helfen zu können. „Auch
wenn meine Familie nach wie vor mein Sicherheitsnetz
ist, ist das Gefühl, mich selbst einmal an erste Stelle zu
setzen, befreiend“, sagt sie.
Was sie als älteste Schwester gelernt hat? Süheyla
zögert, dann lächelt sie: „Fremde merken oft sofort, dass
ich die Älteste bin – durch dieses schwer zu beschreibende
Etwas. Heute weiß ich: Es ist Stärke, und die kommt genau
von dort.“
*Name von der Redaktion geändert. FOTO (Symbolbild) Sravan Kumar / pexels.com
41 Magazin
„Keine Ahnung,
ob meine Ärztin
legal
arbeitet.“
FOTO Andrej Lišakov / unsplash.com
von
DAMITA PRESSL
In Wien sind diesen Sommer mehrere illegale
Beauty-Kliniken aufge flogen.
Manche dieser Anbieter gefährden ihre
Patientinnen wirklich. Doch auch hoch qualifizierte
Ärz tinnen aus Osteuropa üben ihren Beruf
oft ohne offizielle Er laubnis aus.
Denn bis zur Nostrifizierung in Österreich ist es
ein langer und steiniger Weg. Und ihre Kundinnen
sind auch ohne Nostrifizierung zufrieden.
Nastya* lässt sich mehrmals im Jahr Botox spritzen. Ob ihre ukrainische
Ärztin in Österreich legal praktiziert, weiß sie nicht. Sie
hat sie nie gefragt, und es ist ihr auch egal. „Das Wissen in der
Beauty-Branche ist in Österreich so veraltet, dass eine österreichische
Akkreditierung mein Vertrauen nicht erhöhen würde“,
sagt Nastya. „Mir genügt es zu wissen, dass meine Ärztin seit 20
Jahren mit hochkarätigen Kunden arbeitet.“
OIha* ist eine dieser Ärztinnen: zehn Jahre Studium in der Ukraine,
jahrelange Berufserfahrung im Beauty-Bereich. In Österreich
genügt das nicht. Weil die Ukraine kein EWR-Land ist, muss
Olha ihren Abschluss an einer medizinischen Universität nostrifizieren
lassen. Das bedeutet: Ihr Kenntnisstand wird nochmals
geprüft, sie muss eine neunmonatige Basisaus bildung und eine
Facharztausbildung absolvieren. Und sie muss Deutsch auf C1-
Niveau sprechen, also beinahe so gut wie Muttersprachler. „Der
ganze Prozess dauert mindestens drei Jahre und ist extrem intensiv.
Ich bereite mich gleichzeitig auf die medizinischen und die
Deutschprüfungen vor. Und von irgend was muss ich in der Zeit
ja auch leben.“
Sie und viele ihrer Kolleginnen arbeiten daher als angestellte
Ordinationsassistentinnen bei österreichischen Ärztinnen,
er zählt Olha. In dieser Funktion dürfen sie grundlegende Tätigkeiten
ausführen: Blut abnehmen, EKGs durchführen und den
Blutdruck messen. Bei invasiven Eingriffen wie dem Spritzen von
Botulinumtoxin oder Hyaluronsäure muss hingegen zumindest in
der Theorie eine akkreditierte Ärztin im Raum sein, die Ordinationsassistenz
darf maximal mithelfen. Praktisch ist das kaum
zu überprüfen.
Wer auf Instagram oder Facebook weiß, nach welchen Begriffen
man suchen muss, findet rasch Profile wie das von
Olha: russisch- oder ukrainischsprachig, mit Angeboten
für kosmetische Behandlungen, von Lasern über Gesichtsbehandlungen
bis hin zu Botox und Fillern. Manche dieser
Ärztinnen verbringen jeweils nur ein paar Tage in einer Stadt
und bieten ihre Dienste in ganz Europa an. „Aber ich ver lasse
mich auf Empfehlungen“, sagt Nastya. „Instagram ist keine
gute Quelle.“
Olha bestätigt das: Vorher-Nachher-Fotos können
schließlich bearbeitet sein. Sie versteht auch die strengeren
Kontrollen in Wien. „Unterspritzungen sind medizinische Eingriffe.
Wenn das irgendeine Kosmetikerin ohne Ausbildung
und ohne Anatomiekenntnisse macht, kann das wirklich gefährlich
sein. Das gilt auch für Ärztinnen, die hier keinen fixen
Standort haben. Was ist, wenn eine Nachbehandlung nötig
wird oder ein Problem auftritt?“ Trotzdem hofft sie, dass
jene, die ihren Beruf beherrschen und die nötige Erfahrung
haben, künftig schneller auch legal arbeiten können. „In der
Ukraine spritzen Ärztinnen zehn, zwanzig Patientinnen am
Tag, dort sind Beauty-Behandlungen sehr beliebt und wir
haben daher einfach oft viel mehr Erfahrung als österreichische
Kollegen. Seit dem Krieg sind mehr Expertinnen aus
der Ukraine hier, die sehr gute Arbeit machen und zufriedene
Kundinnen haben.“
43 Magazin
„Hawara, ich geh mit dem Karfiol
und dem Faschierten an die
Kassa zum Bezahlen, brauchst
du noch was für die Jause?“ Auf
den ersten Blick mag dieser Satz
so typisch Öster reichisch wie
nur irgend möglich klingen,
aber, liebe:r Leser:in: Fünf dieser
Wörter kommen aus völlig
anderen Sprachen. Und weil
das Ganze eine ziemlich komplexe
G’schicht ist, hat BIBER bei
einem Sprachwissenschaftler
nachgefragt, was es mit „österreichischem
Deutsch“ eigentlich
auf sich hat.
Der Hawara kommt aus dem Jiddischen, der Karfiol und die Kassa stammen aus dem Italienischen,
faschieren und damit auch das Faschierte aus dem Französischen und die Jause
aus dem Slowenischen.
Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Lehnwörter. Tatsächlich strotzt die
deutsche Sprache, wie sie in Österreich gesprochen wird, nur so davon, sei es im österreichischen
Standarddeutsch oder im Dialekt. Und genau das macht es so spannend,
wenn Personen mit Migrationshintergrund mahnend darauf hingewiesen werden, dass sie
doch gefälligst „gscheit Deutsch lernen“ sollen. Denn das Deutsch, auf das sich
Außenstehende dabei beziehen, spiegelt eine diverse Gesellschaft – und damit auch Migration
– wider. Ein großer Teil dieses „ach so österreichischen Wortschatzes“
stammt aus völlig anderen Sprachen.
HEAST, OIDA,
GEMMA LUGNER!?
VON BRUDER,
BRO UND BRATE
„In früheren Jahrhunderten war es vor allem – wie überall in Europa – Französisch, dann
aber auch Italienisch, Tschechisch, Jiddisch; nach 1945 wurde natürlich Englisch in allen
Be reichen immer wichtiger, und ab den 1960ern waren es durch die so genannten Gastarbeiter:innen
südslawische Sprachen, vor allem Serbisch und Kroatisch, sowie Türkisch.
In den letzten Jahrzehnten sind dann vermehrt Arabisch, Dari und Farsi, Tschetschenisch,
Russisch und noch andere mehr dazu gekommen“, erklärt Sprachwissenschaftler Manfred
Glauninger von der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
(ÖAW). Allgemein sei der Einfluss von Bosnisch-Kroatisch-Serbisch (BKS) auf das
Deutsche in Österreich eher gering, aber zum Beispiel das vor allem dialektal ge brauchte
„Pivo“ oder die Klassiker „Brate“ und „Babo“ zählen dazu: „Indirekt auf BKS Sprachgebrauch
bzw. auf das Türkische geht die Verwendung des deutschen Wortes Bruder (in der Bedeutung
Kumpel, Freund, Gleichgesinnter) zurück, das ähnlich wie das Englische bro
gebraucht wird.“
ARTIKEL
OPTIONAL
Es sind also nicht nur Begriffe, die übernommen
werden, sondern auch gewisse
Gebräuchlichkeiten und grammatikalische
Strukturen. Glauninger erwähnt an dieser
Stelle auch das Weglassen von Artikeln und
Präpositionen im Deutschen, die es in der
jeweiligen Ausgangssprache so nicht gibt.
„Und weil das lustig bzw. cool klingt, wird es
auch von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund
übernommen“, erklärt der Sprachwissenschaftler
weiter. So kommt es dann
etwa zur Frage und Antwort schlechthin,
wenn in Wien über Freizeit pläne diskutiert
wird: „Gemma Lugner?“
Magazin
von
SARAH NEURURER
44
STIRBT DIE
DEUTSCHE SPRACHE
LOWKEY AUS?
Sobald jedes Jahr die Kandidaten für das Jugendwort des Jahres
bekannt werden, flammt sie wieder auf, die Diskussion über den
Verfall der deutschen Sprache. Die Topkandidaten dieses Jahr
sind etwa „goonen“, „Checkst du?“ oder „lowkey“.
Tatsache ist, dass Sprache nicht statisch ist und es auch nie war.
Doch die Sorgen darum sind keineswegs neu, erklärt Manfred
Glauninger. Die Veränderung der Sprache führe „oft zu Verlustängsten
bzw. zur Behauptung, die Sprache würde verfallen oder
sterben. Die Diskussionen um den Einfluss des Englischen zeigen
das beispielsweise sehr deutlich“.
Im Falle von Arabisch, Türkisch oder BKS schwingt aber
gleichzeitig eine völlig andere Ebene mit: „Im Fall der Sprachen
der Immigrant:innen geht es immer auch um politische Spannungen,
die mit der Sprache selbst unmittelbar nichts zu tun haben.
Sprache ist aber ein durch und durch gesellschaft liches Phänomen,
und sprachliche und somit gesellschaftliche Vielfalt ist nicht
nur eine Ressource im positiven Sinn, sondern bedeutet immer
auch soziale Ungleichheit und Konflikt“, resümiert der Sprachwissenschaftler.
HEUTE EIN SKANDAL,
MORGEN „TRADITION“?
Fest steht aber auch: Wie man am eingangs erwähnten „Hawara“
sieht, treten die sprachlichen Hintergründe für ein zelne
Wörter oft mit der Zeit in den Hintergrund und gelten irgendwann
als traditionelle Bestandteile der österreichischen Sprachlandschaft.
Glauninger meint, dass sich das vermutlich auch in
Zukunft nicht ändern wird.
Der Aufreger von heute kann somit morgen das urösterreichische
Wort schlechthin sein. Denn was heute als „gscheites
Deutsch“ bezeichnet wird, ist das Ergebnis von jahrhundertelangen
Sprachkontakten und Migrations bewegungen. Es ist also
an der Zeit, Sprachwandel als das zu bezeichnen, was er ist: Vielfalt
statt Verfall.
Fun Facts
1 BKS
Um zu sagen, dass jemand blonde Haare hat,
verwendet man das Wort für „blau“: plavo / plava.
Will man dann aber tatsächlich sagen, dass
jemand blaue Haare hat, dann sagt man übersetzt
oft „blau blau“.
2 Arabisch
Häufig kursiert der Mythos, dass es im
Arabischen bis zu 100 Wörter für Liebe gibt.
Diese Zahl ist nicht belegt und wohl eher
übertrieben. Realistischer ist, dass es zwischen
11 und 14 Wörter dafür gibt, die unterschiedlichste
Facetten des Gefühls ausdrücken.
3 Türkisch
Im türkischen Bergdorf Kusköy wird eine
Art Pfeifsprache gesprochen (Kuş Dili).
Ursprünglich war es für Bergbauern dadurch
einfacher, über große Entfernungen mit
einander zu kommunizieren.
Manfred Glauninger
45 Magazin
Stefan Kokovic ist ein bekannter Modefotograf
aus Serbien.
DEUTSCHE SPRACHE, SCHWERE SPRACHE?
Mit herausgestreckter Zunge in Schwarz-Rot-Gold werben
deutsche Promis schon 2010 für die Kampagne „Raus mit
der Sprache. Rein ins Leben.“ Die Botschaft: Sprache ist der
Schlüssel zur Integration. Das gilt nicht nur in Deutschland,
sondern auch bei uns in Österreich. Aber über Integration
wird genug geredet. Mich interessiert: Wie schwer ist es
eigentlich, Deutsch zu lernen? Ganz ohne politisches Beiwerk.
Ich selbst bin in Wien geboren und Deutsch ist meine Erstsprache
– nicht, weil ich privilegiert war, sondern weil meine
Eltern mich mit einem Jahr in den Kindergarten geschickt
haben. So war das bei vielen Gastarbeiterkindern: Die Eltern
mussten arbeiten, Oma und Opa waren weit weg – in meinem
Fall in der Türkei. Fünf Jahre lang waren also unsere Pädagogin
Tante Helga und meine Freund:innen mein Zuhause, und
ganz nebenbei lernte ich perfektes Deutsch. Beim Schuleintrittstest
konnte ich Farben benennen und vollständige
Sätze bilden. Dem Kindergarten habe ich viel zu verdanken.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr sieht das übrigens
ähnlich – er plant ein verpflichtendes zweites Kindergartenjahr
ab 2027. Gut so.
Heute bin ich selbst Trainerin und unterrichte Deutsch
als Fremd- bzw. Zweitsprache. Und plötzlich sehe ich, wie
komplex diese Sprache wirklich ist und wie schwer sich viele
Menschen mit ihr tun. Fälle, Artikel, unregelmäßige Verben, die
Phonetik. Und ich sehe, wie viele meiner Kursteilnehmer:innen
Angst haben, Fehler zu machen. Weil sie vielleicht ausgelacht
werden. Und das tut weh – ihnen und mir. Ich versuche sie zu
ermutigen: Fehler machen ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig.
Nur so lernt man.
Genau so sieht es auch Starfotograf Stefan Kokovic.
„Keine Angst vor Fehlern – einfach sprechen, so oft und so
viel wie möglich. Übung macht den Meister.“ Das kann ich nur
unterschreiben!
Aber so einfach ist es dann doch nicht wirklich, merke
ich im Gespräch mit Univ.-Prof. Inci Dirim. Sie ist die erste
Professorin für Deutsch als Zweitsprache in Österreich und
meint, dass die unterschiedlichen Dialekte das Erlernen der
Fremdsprache erschweren. Dass mit „Müch“ die Milch gemeint
ist, ist für jemanden, der die Sprache gerade lernt,
schwer zu verstehen.
Und für den Germanisten und Autor Tahsim Durgun
ist am wichtigsten, „wer dir wie die Sprache vermittelt“. Da
gebe ich ihm recht.
Meinung
habe – Ruhe und Stabilität.
Du bist in Belgrad geboren. Wann
bist du nach Wien gekommen?
Und warum hast du dich für Österreich
entschieden?
Ich bin 2016 nach
Wien
gekommen.
Es war eine spontane
Entscheidung –
wie eigentlich alle
großen Entscheidungen
in meinem Leben.
Ich stand an einem Wendepunkt
im Leben. Wien
hat mir damals genau das
gegeben, was ich gebraucht
Konntest du damals schon Deutsch oder musstest du es erst
lernen?
Ich konnte kein Deutsch, aber durch meinen
musikalischen Hintergrund lerne ich Sprachen
ziemlich leicht. Ich verstehe sieben Sprachen
und spreche vier.
Wie hast du Deutsch gelernt? Was waren die größten Hürden?
Ich habe in Belgrad mit dem A1-Kurs angefangen
und später in Wien bis zum B2-Level
weiter gemacht. Die größte Hürde war für mich
der Klang – Deutsch ist nicht gerade die melodischste
Sprache. Aber: Übung macht den
Meister.
Was bzw. wer hat dir geholfen, Deutsch zu lernen? Und würdest
du sagen, dass Deutsch eine einfache Sprache ist?
Ehrlich gesagt: Ich fnde Deutsch nicht besonders
schön, aber durch ständiges Hören wird
es mit der Zeit besser. Bei mir lief zuhause oft
deutsches Radio, Musik oder Filme – so habe ich
mich langsam an die Sprache gewöhnt. Einfach
ist Deutsch defnitiv nicht, aber machbar!
In welcher Sprache träumst du oder fühlst du dich am wohlsten?
von
ESER AKBABA
Eser Akbaba ist Moderatorin, Autorin
und Sprachtrainerin in Wien
Ich träume meistens auf Serbisch, manchmal
auf Englisch und fast nie auf Deutsch, obwohl
mein Deutsch inzwischen recht flüssig ist.
Was würdest du jemandem raten, der neu nach Österreich
kommt und Deutsch lernen möchte?
Wie gesagt: Übung macht den Meister. Keine
Angst vor Fehlern – einfach sprechen, so oft
und so viel wie möglich. Auch wenn es grammatikalisch
nicht perfekt ist: Man muss die
Sprache fühlen.
46
Tahsim Durgun (@tahdurr) ist Germanist,
Content Creator und Autor des Bestsellers
„Mama, bitte lern Deutsch“.
Was bedeutet Sprache für dich?
Sprache war immer mein liebstes
Werkzeug – aber auch das, vor dem
ich die größte Ehrfurcht hatte. Sie
ist grenzenlos und lässt mich jeden
Gedanken, jede Fantasie, jede Eventualität
zum Leben er wecken. Schön
und gefährlich zugleich.
Du hast Deutsch und Geschichte studiert. Würdest
du sagen, dass die deutsche Sprache leicht ist?
Das Sprachenlernen, und Lernen generell, kann
immer leicht sein. Dabei kommt es weniger auf
die Sprache selbst an, sondern vielmehr darauf,
wer dir wie die Sprache vermittelt. Ich hatte
drei Jahre lang frontalen Spanischunterricht
und am Ende brachte ich gerade mal „Me gusta“
heraus. Mein Neffe hingegen konnte nach einer
Staffel japanischer Animes ganze Sätze bilden.
Das Gerüst muss reizvoll sein – dann kann alles
leichtfallen. Wichtig ist natürlich auch die
eigene Initiative.
Warum glaubst du, dass viele unserer Eltern die deutsche
Sprache nicht erlernt haben, obwohl sie ja schon mehr als die
Hälfte ihres Lebens in einem deutschsprachigen Land sind?
Ich tue mir schwer, für eine ganze Generation zu
sprechen. Aber viele Migrationsgeschichten –
zum Beispiel im Zuge der Gastarbeiterschaft –
sind geprägt von Identitätskrisen, Zerrissenheit
und bürokratischen Herausforderungen,
sodass ein ruhiges Ankommen nie wirklich
möglich war. Viele Familien lebten mit der Überzeugung,
nur vorübergehend hier zu sein. Diese
Unruhe, gepaart mit der Kollektivierung von
Migra-Familien in den gleichen Bezirken, hat
„Bubbles“ entstehen lassen, in denen Deutsch
nicht zugänglich oder schlicht nicht notwendig
war. Aber es gibt auch viele Menschen,
die die Sprache sehr wohl erlernt
haben.
Würdest du sagen, dass der deutsche Sprachraum
offen für andere Sprachen ist?
Es gibt sicherlich immer noch die
„heimlichen Favoriten“ wie Spanisch
und Französisch. Kurdisch
oder Türkisch werden bis heute –
gerade im akademischen Kontext –
als weniger herausfordernd oder weniger
„elitär“ wahrgenommen. Das
ist völliger Unsinn. Jede Sprache zu
lernen und zu sprechen, erfordert Hirnschmalz.
Daher ist jede Sprache – egal
welche, egal wo – ein Flex. Es gibt nichts
Cooleres, als viele Sprachen zu beherrschen.
Du kannst Deutsch – denkst du, hilft das, damit man deinen
Migrationshintergrund ausschaltet und man dich einfach so
sieht, wie du bist?
In meinen Inhalten dreht sich vieles um Sprache.
Ich weiß, dass ich durch meine Kenntnisse
und mein Germanistikstudium einen anderen
Zugang habe, der es mir womöglich einfacher
macht. Einen Migrationshintergrund kann
man aber nicht ausschalten oder ausradieren.
Geschichte, Aussehen und die politische Diskussion
bleiben – und vor allem auch die Reaktionen
der Mehrheitsgesellschaft.
Welchen Rat würdest du jemandem geben, der hier Fuß fassen
möchte? Wie sollte diese Person deiner Meinung nach
Deutsch lernen?
Das hängt sehr von der Person ab – vom Alter,
von den bisherigen Erfahrungen und Herausforderungen.
Aber grundsätzlich: Knüpft Kontakte
und glaubt an euch.
FOTOS Links C Steve Keef & Viktoria Scher, Rechts C Mirza Odabasi
47 Meinung
Inci Dirim ist Professorin
für Deutsch als
Fremd- und Zweitsprache.
In welchen Ländern
spricht man heute noch
Deutsch?
Grundsätzlich in
Deutschland, der Schweiz,
Österreich und Liechtenstein. Über Luxemburg
kann man streiten, weil dort die Amtssprache
Luxemburgisch ist. Und dann gibt es in Afrika
einige Gegenden, wo man noch Deutsch spricht.
Deutsch ist aber auch Minderheitensprache in
vielen Ländern, z. B. in Südtirol in Italien.
Woher kommen eigentlich Artikel und warum gibt es sie? Hat
die irgendwann mal jemand festgelegt?
Das ist sehr schwer zu rekonstruieren und die
Wissenschaft ist sich nicht einig. Es gibt Einflüsse
vom Lateinischen. Es gibt aber auch
Richtlinien: Zählbare Objekte, wie zum Beispiel
Tische, sind eher männlich, nicht zähl bare
Objekte wie Liebe sind eher weiblich. Es hat
jedenfalls niemand festgelegt, dass es Artikel
geben soll – so etwas entsteht in der Kommunikation.
Würden Sie sagen, dass Deutsch eine schwere Sprache ist?
Ja, das würde ich schon sagen. Die Artikel
wirken sich auf die Syntax aus und viele
Grammatik regeln sind davon abhängig. Das
macht die Sprache sehr schwer. Eine andere
Schwierigkeit ist, dass es im Deutschen sehr
viel Variation gibt. Das ist gerade in Österreich
stark ausgeprägt. In Oberösterreich zum Beispiel
sprechen Lehrer:innen im Unterricht mal
Standarddeutsch, mal Dialekt. Das macht es
für Kinder, die nach Österreich einwandern und
neu Deutsch lernen, schwieriger.
Können Menschen Deutsch lernen, noch bevor sie nach Österreich
einwandern?
Man kann zwar Kurse besuchen und Zertifkate
erwerben, aber damit ist ja die Sprache noch
nicht gelernt.
Die deutsche Sprache hat sich über die Jahre sehr verändert
und wird sich weiterhin verändern. In welche Richtung geht
der Trend?
Die deutsche Sprache wird vom Englischen beeinflusst.
Im Alltag sprechen junge Leute oft
auch Englisch. An der Uni höre ich immer häufger
einzelne Wortfetzen oder ganze Gespräche
auf Englisch. Auch Migrationssprachen wie
Türkisch werden oft dazu gemischt, aber das
sind eher Nischen.
Wie lernt man am schnellsten Deutsch?
Sprachlernprozesse gehen nicht schnell, man
muss Geduld haben. In Norwegen zum Beispiel
bekommen Kinder Unterstützung in ihrer Erstsprache,
bis sie selbst gut Norwegisch sprechen.
Es würde sich lohnen, sich von solchen
Modellen inspirieren zu lassen. Wir leben in
einer mehrsprachigen Gesellschaft, in der Menschen,
die Deutsch lernen, im Alltag nicht immer
die Gelegenheiten haben, Deutsch auch zu
sprechen. Da kommt die „Nur Deutsch“-Politik
an ihre Grenzen. Wir sollten Mehrsprachigkeit
stärker berücksichtigen.
Meinung
48
Claire ist Französin und lebt mit ihrem Mann und
zwei Kindern seit Beginn der Pandemie in Wien.
Obwohl sie drei Sprachen spricht, tut sie sich
mit Deutsch schwer. Den Deutschkurs hat sie
zwar besucht, das Interview führt sie aber
lieber auf Englisch. Claires Kinder besuchen
das Lycée Français und sprechen Englisch,
Deutsch und Französisch.
Seit wann lebst du in Wien und warum bist du hergekommen?
Ich bin seit Frühjahr 2019 hier. Mein Mann hat
hier einen neuen Job bekommen. Davor waren
wir in Großbritannien, aber der Brexit hat ihm
dort einen Jobwechsel verbaut.
Warum machen wir das Interview auf Englisch?
Ich fühle mich auf Deutsch nicht wohl, obwohl
ich seit unserer Ankunft an zwei Sprachschulen
und an der Uni Kurse gemacht habe.
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir
eine neue Sprache so schwerfällt, obwohl ich im
Alltag ständig damit in Berührung bin.
Hast du Deutschkurse besucht?
Ja, viele – bis B1 auf Uniniveau.
Brauchst du im Alltag Deutsch?
Eigentlich nicht, außer für kurze Begrüßungen.
Vielleicht noch, wenn ich meinen Kindern bei
den Hausaufgaben helfe – dann aber schriftlich
– und manchmal beim Ausfüllen von Formularen.
FOTOS Links C Martin Lifka, Rechts C Privat
Vorsicht vor Phishing-Nachrichten!
Phishing bedeutet so viel wie „Passwort fischen“.
Phishing-Nachrichten werden von Kriminellen verwendet,
um an persönliche Daten zu gelangen.
© ADOBE STOCK
So erkennen Sie Phishing-Nachrichten:
• Der Absender ist nicht eindeutig zu erkennen
• Der Empfänger wird zur sofortigen Handlung ermutigt
• Der Text beinhaltet Fehler und verdächtige Links
• Es werden vertrauliche Daten abgefragt
49
Für Unterstützung:
against-cybercrime@bmi.gv.at
ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG
VON NULL ZUR
MEIN WEG ALS MIGRANTIN IN ÖSTERREICH
Von einer jungen Frau ohne Kontakte in einem fremden Land
zur Gründerin einer erfolgreichen Agentur – meine Geschichte zeigt,
dass Mut und Aus dauer tatsächlich alles ver ändern können.
Ich bin in Novi Sad, Serbien, aufgewachsen,
in einer Familie, in der harte Arbeit selbstverständlich
war. Schon als Kind liebte ich
Herausforderungen: Ich spielte im Orchester,
sang auf Festivals, gewann mehr als 30
Schwimmmedaillen. Mein Leben war voller
Möglichkeiten – bis ich nach meiner Matura
mit 18 nach Wien zog, um Publizistik und
Kommunikationswissenschaften zu studieren.
Damals war ich jung, ehrgeizig und naiv
genug zu glauben, dass Leistung allein genügt.
Wenn ich hart arbeite, wird man das
merken, dachte ich. Wenn ich mich anpasse,
werde ich dazugehören. Was ich damals
nicht wusste: Für Menschen wie mich ist
das Dazugehören nie selbstverständlich.
In Wien stieß ich auf unsicht bare
Mauern: Kulturunterschiede, Visaprobleme,
berufliche Absagen – oft nur, weil ich „von
woanders“ kam. Da es schwierig war, österreichische
Freunde zu finden, knüpfte ich
Freundschaften mit Deutschen und lernte
so Hochdeutsch. Jedes Jahr stand ich mit
fünf anderen Studentinnen in der Bank. Wir
überwiesen uns gegenseitig Geld, damit
jede von uns die 10.000 Euro für das Studentenvisum
auf dem Konto nachweisen
konnte. Bei der Wohnungssuche wurde ich
offen abgelehnt, weil ich Serbin bin. Dasselbe
passierte mir bei der Jobsuche. Je
mehr ich versuchte, mich anzupassen, desto
mehr verlor ich meinen Mut und meinen
Glanz.
Der Tiefpunkt kam während der Pandemie.
Ich verlor meine Stelle als Medienproduzentin,
ent wickelte eine Depression,
dazu kam eine PCOS Diagnose und ich
fragte mich, ob ich hier jemals eine faire
Chance bekommen würde. Ich war kurz davor
auszuwandern. Doch gerade in dieser
Phase wurde der Entschluss zum Neuanfang
immer stärker. Ich heilte meinen Körper,
veränderte mein Mindset und gründete
2023 meine eigene Agentur: CCLab,
spezialisiert auf Content Marketing für
Events.
Innerhalb eines Jahres durfte ich für
Kund:innen wie Red Bull, die Wiener Zeitung,
WKÖ, FFG und UNIDO arbeiten – zum Teil
dieselben Firmen, die mich zuvor abgelehnt
hatten. Im zweiten Geschäftsjahr baute ich
ein zwölfköpfiges Team auf und entwickelte
ein Social-Media-Studio für Events, das
vor Ort hochwertige, sofort einsetzbare
Inhalte produziert. Die Resonanz war überwältigend.
Heute leite ich eine Agentur, die
große Social-Media-Projekte umsetzt, Diversität
lebt und junge Menschen beim Einstieg
in die Arbeitswelt unterstützt.
Meinung
von
ALEXANDRA-ANNA PANIC
50
Ich möchte weiter geben,
was ich gelernt habe
Mein Fazit
1
Warte nicht auf Chancen – erschaffe
sie selbst. Schreibe po
3
Baue dir ein starkes berufliches
Netzwerk auf – und pflege es
Erfolg in Österreich bedeutet nicht, perfekt
ins System zu passen. Er bedeutet,
tenzielle Mentor:innen aktiv an,
bewirb dich auch auf Stellen,
für die du dich (noch) unterqua
4
regelmäßig.
Nutze Social Media bewusst, indem
du über deine Erfolge und
sichtbar zu bleiben, Rückschläge zu nutzen
und sich nicht davon abhalten zu lassen,
neue Wege zu gehen.
lifiziert fühlst, und habe den
Projekte berichtest. Sichtbar
2
Mut, eigene Projekte ins Leben
zu rufen.
Nutze deine Herkunft strategisch:
Wer mehrere Kulturen
5
keit schafft Vertrauen.
Sei flexibel, geduldig mit dir
selbst, aber diszipliniert in deinem
Handeln.
PS: Meine Erfahrungen als Gründerin teile
ich regelmäßig auf Instagram und TikTok
unter @anna.theceo. Folgt mir gerne!
kennt, bringt einzigartige Kommunikations-
und Anpassungsfähig
keiten mit.
GRÜNDERIN
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Miet- & Eigentumswohnungen
auf
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Leben
lebt.
Wer sich in seinem Lebensraum
wohlfühlt, kann auch das Leben in
vollen Zügen genießen. Deshalb bietet
die ARWAG Wohnungen in attraktiven
Wiener Lagen mit großzügigen,
grünen Freiflächen und ausgebauter
Infrastruktur zu leistbaren Preisen.
„Es ist ein Beruf mit viel Sinn und Herz.“
Entgeltliche Einschaltung FOTO WIGEV / Lisa Schwetz
Pflege ist ein Beruf, der nicht nur medizinisches Fachwissen erfordert,
sondern auch ein hohes Maß an Empathie, Verantwortungsbewusstsein
und die Fähigkeit, in belastenden Situationen einen
klaren Kopf zu bewahren. Sarah arbeitet als Diplomierte Gesundheits-
und Krankenpflegerin auf der Intensivmedizin und der IMCU
(Intermediate Care Unit) der Klinik Floridsdorf – eine Station, die
Patient*innen mit besonders komplexen medizinischen Bedürfnissen
betreut.
Im Interview erzählt sie, warum sie ihre Arbeit als sinn stiftend
empfindet, was für sie Zusammenarbeit bedeutet und warum es
motivierend ist, Teil von etwas Großem zu sein.
Wie gefällt dir deine Arbeit und würdest du deine Arbeit deinen
Freund*innen weiterempfehlen?
Mir gefällt meine Arbeit in der Pflege sehr, weil
ich in jedem Dienst das Gefühl bekomme, etwas
Sinn volles zu tun und Menschen in schwierigen
Lebens phasen unterstützen zu können. Besonders
erfüllend ist es, wenn ich merke, dass meine Hilfeleistung
einen Unterschied macht. Ich würde meinen
Freund*innen die Arbeit in der Pflege auf jeden
Fall weiterempfehlen, besonders, wenn sie gerne mit
Menschen arbeiten, einfühlsam sind und Freude
daran haben, Verantwortung zu übernehmen. Es
ist ein Beruf mit viel Sinn und Herz, der einem auch
selbst viel zurückgibt. Mit der richtigen Einstellung
lassen sich manchmal Berge versetzen!
Was macht für dich Erfolg im Beruf aus?
Erfolg im Beruf bedeutet für mich, dass ich durch
meine Arbeit das Leben meiner Patient*innen positiv
beeinflussen kann. Dass meine Unter stützung
dazu beiträgt, Schmerzen zu lindern, Lebensqualität
zu verbessern oder einfach ein Lächeln
auf ein Gesicht zu zaubern – dann fühle ich mich
erfolgreich. Es geht nicht nur um medizinische
Versorgung, sondern auch darum, Menschlichkeit
und Würde zu bewahren. Des Weiteren zeigt sich
Erfolg für mich auch darin, wenn ich im Team gut
zusammen arbeite, Herausforderungen gemeinsam
meistere und mich durch Fortbildungen und Erfahrungen
fachlich weiterentwickle.
Was zeichnet die Zusammenarbeit mit so vielen Kolleg*innen und
Berufsgruppen im WIGEV aus?
Die Zusammenarbeit ist geprägt von einem starken
Teamgeist und gegenseitiger Unterstützung. Gemeinsam
verfolgen wir die Mission, das Wohl der
Patient*innen in den Mittelpunkt zu stellen. Jede*r
bringt eigene Expertise und Erfahrungen ein, wodurch
wir gemeinsam die bestmögliche Versorgung
für unsere Patient*innen sicherstellen können.
Diese Interdisziplinarität macht die Arbeit spannend
und lehrreich, da man ständig neue Perspektiven
gewinnen kann.
Was macht den Wiener Gesundheitsverbund als Arbeitgeber aus?
Besonders hervorzuheben ist die Sicherheit und
Verlässlichkeit, die der WIGEV als großer öffentlicher
Arbeitgeber bietet. Mit seinen zahlreichen
Ein richtungen bietet er eine breite Palette an Einsatzbereichen,
wodurch man die Chance hat, in verschiedenen
Fachgebieten zu arbeiten und wertvolle
Erfahrungen zu sammeln. Egal ob in der Pflege,
Therapie oder Verwaltung – jede*r fndet hier seinen
Platz. Was ich besonders schätze, ist das Engagement
für die Weiterbildung der Mitarbeiter*innen. Der
WIGEV investiert in Fortbildungen und Karriere-
möglichkeiten, was nicht nur die fachliche Entwicklung
fördert, sondern auch motivierend wirkt.
Zahlen und Fakten
Der Wiener Gesundheits verbund ist Österreichs
größter Aus bildner im Bereich Gesundheits- und
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Migrantinnen schuften für Österreich
Wer Frau und Migrantin ist, hat gleich zwei Gründe,
weniger zu verdienen. Es ist der Jackpot der Ungerechtigkeit
– herzlichen Glückwunsch!
Wer putzt die Spitäler, pflegt die Oma, schupft den
Supermarkt? Genau: migrantische Frauen. Ohne sie
stünde Österreich still. Fair bezahlt? Ach, träumen
wir ruhig weiter.
Der Gender Pay Gap liegt hierzulande im
Schnitt bei 18 Prozent. Aber Frauen mit Migrationsgeschichte
bekommen fast 30 Prozent weniger Lohn.
Drei Monate Extra-Arbeit pro Jahr – gratis!
Applaus gab’s im Lockdown, mehr Lohn bis
heute nicht.
„Systemrelevant“ nennt man das. Die Frauen
in der Pflege, der Reinigung, der Gastronomie mögen
Heldinnen auf Social Media sein, auf dem Gehaltszettel
sind sie Neben darstellerinnen.
Auch die hochqualifzierten Migrantinnen dürfen
sich freuen: Ihr Diplom aus dem Ausland zählt hier
oft so viel wie ein Panini-Sticker. Sprachbarrieren?
Makel. Aus ländischer Name? Bewerbungsunterlagen
verschwinden wie von Geisterhand. Karrierechancen?
Doppelte Hürde, halbe Anerkennung –
Intersectionality, live in Österreich! Hoch lebe die
Überschneidung mehrerer Benachteiligungen. In
diesem Fall das Zusammenspiel von Geschlecht und
Herkunft, das zu systematischer Diskriminierung
führt.
Ingenieurinnen, Ärztinnen und IT-Expertinnen
landen in Jobs, in denen ihre Fähigkeiten nicht einmal
annähernd genutzt werden. Für sie persönlich
frustrierend, für das Land wirtschaftlich unklug:
Wertvolles Wissen bleibt ungenutzt, Potenzial verpufft,
Innovation bleibt aus. Brain Waste, anyone?
von
URSULA RESSL
Ursula Ressl ist Kommunikationsstrategin und Gründerin der
Plattform Female Forward sowie Bezirksrätin für NEOS in Wieden.
Meinung ursularessl.com
54
IMINIERT,
Dabei gäbe es Lösungen: rasche und unkomplizierte
Anerkennung von Qualifkationen, Förderprogramme
für Expertinnen in Wirtschaft, Forschung und Technik,
neutrale Bewerbungsverfahren. Unternehmen,
die Vielfalt ernst nehmen, proftieren durch Innovation,
Wachstum, Fachkräfte. Und ja, Vielfalt ernst zu
nehmen, bedeutet auch: Endlich gleicher Lohn für
gleiche Arbeit. Klingt simpel? Ist es auch. Nur unbequem.
Die noch unbequemere Wahrheit: Ohne migrantische
Frauen würde Österreich zusammenbrechen.
Denn migrantische Frauen tragen unsere
Krankenhäuser, unsere Schulen, Start-ups und Forschungslabors.
Und das für ein Gehalt, das weit unter
dem ihrer männlichen Kollegen liegt. Volkswirtschaftlich
dumm? Absolut. Ungerecht? Defnitiv.
Es ist Zeit, hinzuschauen. Es ist Zeit, zu handeln.
Gerechtigkeit ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.
Für alle Frauen, aber besonders für jene, die
das Land Tag für Tag am Laufen halten. Migrantische
Frauen inklusive.
Wer migrantische Frauen stärkt, stärkt das
ganze Land. Punkt. Wer das nicht glaubt,
soll es auch nur einen Tag lang ohne sie
probieren.
PUMPKIN’
AT DUNKIN’
Pumpkin Spice Latte
Iced • Hot
55
Vielfalt ist mehr als ein Schlagwort – sie ist ein zentraler Erfolgsfaktor
für Wirtschaft, Gesellschaft und Innovation. Der Biber
Impact Award würdigt Menschen und Initiativen, die Diversität
nicht nur leben, sondern aktiv gestalten – als Vorbilder, Mutmacher
und Changemaker.
„Vielfalt ist kein Nice-to-have, sondern
ein Must-have für unsere Zukunft.
Der Biber Impact Award zeigt: Diversität
bedeutet nicht Anpassung, sondern
Be reicherung – für Unternehmen,
Institutionen und jede einzelne Biografie.“
Rudi Kobza, Herausgeber von Biber und Initiator des Awards
Der Biber Impact Award zeichnet herausragende Persönlichkeiten
und Organisationen in vier Kategorien aus: Unternehmen, Institutionen,
Karriere und Talent.
Sie brechen Barrieren, schaffen neue Perspektiven und zeigen,
wie gelebte Vielfalt unsere Gesellschaft stärkt: Sie setzen
sich auf beeindruckende Weise für Inklusion, Chancengleichheit
und kulturelle Öffnung ein – sei es als Einzelperson mit Migrationsbiografie
oder als Organisation, die Vielfalt systematisch
fördert.
Die Preisträger:innen des Impact Awards gestalten eine Gesellschaft,
in der Herkunft kein Hindernis, sondern eine Stärke ist.
VIELFALT
SICHTBAR
MACHEN
Die Jury
Aus allen Einreichungen hat die Biber-Redaktion eine Vorauswahl
an Nominierten getroffen. Eine Jury aus beeindruckenden
Persönlichkeiten, die sich für Vielfalt und Chancengleichheit einsetzen,
hat die Gewinnerinnen und Gewinner ausgewählt.
Eser Akbaba Journalistin und Moderatorin
Ivona Dadić Österreichische Leichtathletin und
mehrfache Medaillengewinnerin im Siebenkampf
Gabriel Karas CEO karas strategy group
Boris Marte CEO ERSTE Stiftung
Ali Rahimi Gründer und Geschäftsführer Rahimi & Rahimi
Ursula Ressl Kommunikationsexpertin, Gründerin Female Forward
Sandra Thier Unternehmerin, Journalistin und Moderatorin
Anika Vavić Pianistin
57
Feature
Ohne Vielfalt keine Zukunft
Ein Gespräch mit Finanzstadträtin Barbara Novak
Barbara Novak, amtsführende Stadträtin für Finanzen, Wirtschaft,
Arbeit, Internationales und Digitales im Gespräch mit Biber über die Rolle
von Vielfalt als Wirtschaftsmotor, Chancen für Gründer:innen und
Wiens Vision 2035.
Welche Rolle spielt Vielfalt heute schon für die wirtschaftliche
Stärke Wiens?
Die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, um
eine vielfältige Unternehmenslandschaft zu fördern,
ist entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung
Wiens. Denn Unternehmen, die Diversität in
ihren Teams und Strukturen verankern, proftieren
von einer größeren Bandbreite an Perspektiven, Erfahrungen
und Kompetenzen. Diese Vielfalt bildet
die Grundlage für Innovation, Kreativität und nachhaltiges
Wachstum.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Wien wächst – und
mit diesem Wachstum nimmt auch die Vielfalt in
der Bevölkerung weiter zu. Die demografsche Entwicklung
bietet der Wiener Wirtschaft eine große
Chance, da die Stadt so langfristig auf ausreichend
qualifzierte Arbeitskräfte zurückgreifen kann.
Wie unterstützt die Stadt Gründer:innen und Unternehmen mit Migrationshintergrund
konkret?
Rund 40 Prozent der Unternehmer*innen in Wien
haben einen Migrationshintergrund. Die Stadt setzt
sich aktiv für ein vielfältiges und chancengerechtes
wirtschaftliches Umfeld ein. Das bedeutet: Alle
Menschen – unabhängig von Herkunft, Sprache, Geschlecht,
kulturellem Hintergrund, Bildungsstand
oder familiärem Umfeld – erhalten Zugang zu Information,
Beratung und Förderung.
Gründer*innen, Unternehmen wie auch internationale
Fachkräfte und Expats werden durch
die Wirtschaftsagentur Wien in über 17 Sprachen
beraten. Ergänzend dazu vermitteln mehrsprachige
Workshops praxisnahes Wissen zu zentralen
Gründungsthemen – mit besonderem Fokus auf
Gründer*innen mit Migrationsgeschichte. Diese
muttersprachlichen Angebote erleichtern den Zugang
zu allen wichtigen Informationen und fördern
den interkulturellen Austausch zwischen Branchen
und Personen. Auch Gründerinnen stehen bei der
Wirtschaftsagentur im Fokus: Mit gezielten Förderprogrammen
wie dem Frauenbonus setzt die Stadt
klare Schwerpunkte für Frauen in der Wirtschaft.
Durch diese vielfältigen Angebote ist die Wirtschaftsagentur
nah an den Gründer*innen und Wiener
Unternehmen und weiß aus erster Hand, mit
welchen Herausforderungen und Hürden diese konfrontiert
sind. Die gewonnenen Erkenntnisse werden
in die städtischen Strukturen hineingetragen,
um dort – wo immer möglich – Verbesserungen anzustoßen.
Was bedeutet der neue Biber Impact Award für die Wiener Wirtschaft
und das internationale Image der Stadt?
Der neue Biber Impact Award ist ein bedeutender
Meilenstein für die Wiener Wirtschaft und stärkt
Wien international. Er setzt ein klares Zeichen für
Innovationskraft, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung.
Das fördert den Wettbewerb und die
Weiterentwicklung unserer Wirtschaft und positioniert
Wien als zukunftsorientierten und verantwortungsvollen
Wirtschaftsstandort auf der internationalen
Bühne.
Wien ist eine Stadt, in der wirtschaftlicher
Erfolg und gesellschaftliches Engagement Hand in
Hand gehen. Das macht uns in der globalen Vernetzung
noch attraktiver und stärkt nachhaltig unsere
Wettbewerbsfähigkeit.
Viele erfolgreiche Digitalunternehmen haben migrantischen Background
– wie will Wien dieses Potenzial noch besser nutzen?
Ohne migrantische Unternehmen wäre Wien wirtschaftlich,
kulinarisch und kulturell deutlich ärmer:
der Naschmarkt, zahlreiche Kaffeehäuser, internationale
Softwarefrmen, Pflege-Startups oder
spezialisierte Handwerksbetriebe – sie alle zeigen,
wie Vielfalt die Stadt prägt. Diese Betriebe schaffen
Arbeitsplätze, bilden aus, reagieren flexibel auf
neue Marktbedürfnisse und bringen internationale
Netzwerke, Sprachkenntnisse und interkulturelles
Know-how mit. Diversität trägt damit maßgeblich
zur Weiterentwicklung Wiens und zu seiner Positionierung
als multinationale Wirtschafts metropole
bei.
Feature
58
FOTO © MeinBezirk Marinelic
Eine Studie der Stadt Wien aus dem Jahr 2022
zeigt unter anderem, dass die Bevölkerung mit Migrationshintergrund
inzwischen die Mehrheit des
Arbeitskräftepotenzials in Wien stellt und einen
wesentlichen volkswirtschaftlichen Beitrag leistet.
So wurden 2022 bereits 43 Prozent aller in Wien geleisteten
Arbeitsstunden von Menschen mit Migrationshintergrund
erbracht. Wien bietet mit diversen
Förderungen und Beratungsangeboten umfangreiche
Unterstützung für Gründer*innen mit Migrationshintergrund
an.
Vielfalt schafft Chancen und braucht auch ein Miteinander. Welche
Verantwortung tragen hier Politik und Wirtschaft?
Politik gibt den Rahmen vor. Einer dieser zentralen
Werte ist Vielfalt – ein Wesensmerkmal Wiens seit
über 2000 Jahren. Schon immer war die Stadt ein
Ort des Aufeinandertreffens von Menschen aus unterschiedlichen
Ländern, Gesellschaften sowie politischen
Systemen. Diese Vielfalt eröffnet der Wiener
Wirtschaft große Chancen für Innovation und
Wachstum. Gleichzeitig liegt es in der Verantwortung
der Unternehmen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen
einzuhalten und sich aktiv in die Gesellschaft
einzubringen, um ihre Weiterentwicklung im
Sinne der Menschen in Wien mitzugestalten.
Wo sehen Sie Wien in zehn Jahren – wirtschaftlich und gesellschaftlich?
In den kommenden zehn Jahren werden die Vorteile
der demografschen Entwicklung Wiens noch deutlicher
sichtbar werden. Schon heute verzeichnet die
Stadt eine Rekordbeschäftigung mit nahezu einer
Million Arbeitsverhältnissen; allein zwischen 2014
und 2024 entstanden trotz Herausforderungen wie
Corona, Inflation und dem Krieg in der Ukraine
zusätzlich 127.000 neue Jobs. Diese positive Entwicklung
gilt es in den nächsten Jahren konsequent
fortzusetzen, um die wirtschaftliche Prosperität zu
sichern.
Parallel dazu zeigt sich die internationale
Strahlkraft Wiens auch im Bereich der Wissenschaft:
Mehrere Nobelpreise der letzten Jahre stehen
in engem Zusammenhang mit der Stadt – von Peter
Handke über Anton Zeilinger bis zu Ferenc Krausz
und Emmanuelle Charpentier, die Teile ihrer Arbeiten
in Wien durchführten. Diese Erfolge unterstreichen,
dass Wien nicht nur wirtschaftlich wächst,
sondern auch als Zentrum von Forschung, Innovation
und Kultur internationale Bedeutung hat.
Welche Schwerpunkte setzen Sie in den nächsten 12 bis 24
Monaten – und warum sind diese gerade jetzt besonders wichtig?
Mein Fokus liegt auf der Stärkung des Wirtschaftsstandortes,
besonders in den Bereichen Life Science
und Digitalisierung. Frauenförderung und Fachkräftesicherung
ist mir ebenso ein besonderes Anliegen
wie der Tourismusstandort Wien. Projekte
wie die Bewerbung der KI-Gigafactory sind wichtig
und natürlich, dass der ESC in Wien ausgetragen
wird und Wien dadurch international zu einer wichtigen
Drehscheibe wird.
59 Feature
KATEGORIE 1
UNTERNEHMEN
GEWINNER
IKEA Austria GmbH
Bei IKEA schaffen Pride-Kampagnen, Programme für Geflüchtete
und Menschen mit Behinderung sowie ein 50/50-Management
Chancen. Unterschiede werden als Stärke verstanden, damit jede
Person ihr Potenzial entfalten kann.
ikea.com/at
Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?
Bei IKEA ist unsere Vision, den vielen Menschen
einen besseren Alltag zu ermöglichen. Dabei beginnen
wir bei uns selbst: Vielfalt zu erkennen,
sichtbar zu machen und zu feiern, macht sie zu
unserer Stärke. Wir schaffen ein Arbeitsumfeld, in
dem sich alle willkommen, respektiert und wertgeschätzt
fühlen. Jede:r soll die eigenen Perspektiven
und Talente einbringen können – unabhängig von
Her kunft, Ge schlecht, Alter, sexueller Orientierung,
Religion, Behinderung oder anderen
Merkmalen.
Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders
prägend und wie haben Sie diese überwunden?
Besonders prägend war für uns die Herausforderung,
gesellschaftspolitische Themen in den
Arbeitsalltag zu bringen, etwa die Reduktion
des Gender Pay Gaps auf 0,71 % zugunsten der
Frauen. Gleichstellung bedeutet für uns jedoch
mehr: Dank einer von uns initiierten Studie
wissen wir, dass Frauen wegen der durchschnittlich
höheren Belastung durch Care-
Arbeit schlechter und/oder weniger schlafen.
Hier wollen wir gesellschaftlich Stellung beziehen
und Bewusstsein schaffen. Gleichzeitig
fragen wir uns laufend: Wie können wir unterschiedliche
Belastungen von Kolleg:innen berücksichtigen?
Vieles ist bereits umgesetzt – etwa
Sprachförderungen für Menschen mit Fluchthintergrund,
Zusatzurlaube oder Hilfsmittel für
Kolleg:innen mit Behinderungen, Plattformen für
Austausch innerhalb einzelner Communitys – und
doch sind wir noch immer auf dem Weg.
Welche Rolle spielt die Herkunft Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
auf IhremWeg zum Erfolg?
Unsere Stärke liegt in der Vielfalt und darin, Talente
gezielt zu fördern. Unser Impuls an andere:
Sich auf Vielfalt einzulassen, eröffnet neue Möglichkeiten.
Oft sind es die kleinen Gesten, die Großes
bewirken – für Organisationen, Gesellschaft
und einzelne Menschen.
Verena Schnabl
Talent Sourcing & EVP Specialist
AUSZEICHNUNGEN
Kenny’s
Vielfalt mit 20+ Nationen: Sprachförderung,
Buddy-System & Aufstieg eröffnen
Chancen für Menschen mit Migration.
Österreichische Post AG
Sprachcafés, Frauenprogramme & Diversity-Netzwerke
schaffen gleiche Chancen.
Vielfalt wird gelebtes Erfolgsprinzip.
VIG Holding
Life Balance, Familie, Vielfalt & Gesundheit:
Trainings, Teams & Netzwerke machen gelebte
Chancengleichheit möglich.
Feature
60
KATEGORIE 2
INSTITUTIONEN
Wenn ich in eine neue Stadt ziehe, bin
ich dankbar für eine Nachbarin, die mir
zeigt, wie man hier miteinander umgeht,
mich willkommen heißt und Tipps gibt.
Genau das tun die NACHBARINNEN für
nach Wien migrierte Menschen.
Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders
prägend und wie haben Sie diese überwunden?
Unsere Näherinnen haben vor ihrer Arbeit
bei uns noch nie gearbeitet, konnten
es sich gar nicht vorstellen. Heute sind
sie Role Models für Praktikantinnen – so
geben wir das Feuer der Zugehörigkeit
von Frau zu Frau weiter.
FOTO Landesinnung Wien der Denkmal-, Fassaden-und Gebäudereiniger © Max Slovencik
Nähwerkstatt Verein
Nachbarinnen
Die Nähwerkstatt ermöglicht Migrantinnen den Einstieg ins
Berufs leben: Fixe Jobs, Training, Sprachgruppen und kulturelle
Aktivitäten fördern Selbstständigkeit und Teilhabe. Frauen aus
fünf Nationen gewinnen so Gemeinschaft, Selbstvertrauen und
Perspektiven.
nachbarinnen.at/die-naehwerkstatt
Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?
Wir machen diese Arbeit, weil wir sehen, dass Integration
möglich ist – und keine Einbahnstraße. Zugewanderte
müssen große Schritte tun. Und wir als
Ankunftsgesellschaft haben die Aufgabe zu zeigen,
wie es geht und warum es für alle ein Gewinn ist.
Landesinnung Wien der Denkmal-,
Fassaden- und Gebäudereiniger
80 Syrer:innen wurden ausgebildet, fast die Hälfte fand Jobs.
Wien zeigt: Integration & Fachkräftesicherung können gelingen.
Welche Rolle spielt die Herkunft Ihrer Mitarbeiterinnen
auf Ihrem Weg zum Erfolg?
Nur Frauen, die selbst traditionelle Rollen hinter
sich gelassen haben, können als glaubwürdige
Vorbilder wirken. Darum ist die Vielfalt unserer
Mitarbeiterinnen ein so großer Schatz – keine Österreicherin
könnte diese tiefen Veränderungen
auslösen.
Welche Impulse möchten Sie anderen Unternehmen oder Organisationen
mitgeben?
Wir sehen täglich, wie sehr sich Migrantinnen für
ihre Kinder und für einen guten Weg in Österreich
einsetzen. Deshalb appelliere ich an uns alle, die
schon länger hier sind: Lassen Sie uns alles tun,
um Menschen echte Chancen in Bildung, Beruf
und gesellschaftlicher Teilhabe zu eröffnen. Dazu
gehört auch die Möglichkeit zu wählen.
Dr. in Christine Scholten,
Gründerin und Geschäftsführerin Verein Nachbarinnen
Teach for Austria
2 Jahre Leadership an benachteiligten Schulen: Inklusive Projekte
und Safer Spaces schaffen Chancen für alle Kinder.
AUSZEICHNUNGEN GEWINNER
61
Feature
KATEGORIE 3
KARRIERE
opfert, damit ich in Österreich alle
Möglichkeiten habe – deshalb will
und muss ich es schaffen.
GEWINNER
Adel Hafizovic, 40
NEOH , Co-Founder
Als Kind aus Bosnien geflüchtet, machte Adel Hafizovic in Österreich
Karriere auf – vom Sales Representative bis zum Mitgründer
von NEOH. Er zeigt, dass Herkunft kein Hindernis ist und macht
Menschen mit Migrationshintergrund Mut zum Erfolg.
neoh.com
Was motiviert dich in deinem Tun?
Mich motiviert vor allem, mit meiner Arbeit echte
Wirkung zu erzielen und etwas zu schaffen, das
bleibt. Ich sehe es als meine Verantwortung, die
Chancen zu nutzen, die meine Eltern und viele
ihrer Generation nicht hatten. Sie haben viel ge-
Welche Herausforderungen haben dich geprägt
– und wie hast du diese überwunden?
Geprägt haben mich Unsicherheiten,
Sprachbarrieren und Diskriminierung,
aber auch der Neuanfang
meiner Familie. Während andere
einem klaren Plan folgen konnten,
musste ich mir meinen Weg selbst
erarbeiten. Rückschläge habe ich
als Lernchancen begriffen. Beharrlichkeit,
Lernbereitschaft und die
Kraft des Sports – im Fußball habe
ich Freundschaft und Halt gefunden
– waren entscheidend, um
diese Hürden zu überwinden.
Welche Rolle spielte deine Herkunft auf deinem Weg zum
Erfolg?
Meine Herkunft ist ein ständiger Begleiter und
eine Quelle der Stärke. Sie hat mich gelehrt, flexibel
zu denken, Brücken zu bauen und Chancen zu
sehen, wo andere Grenzen sehen. Dankbarkeit und
Bodenständigkeit sind die Basis meiner Identität.
Was möchtest du anderen Menschen mit auf den Weg geben, die
ebenfalls etwas bewegen wollen?
Anderen möchte ich mitgeben: Bleibt euch treu, verwandelt
Rückschläge in Energie und sucht die Zusammenarbeit
mit anderen. Wirklicher Erfolg entsteht
selten linear, sondern durch Ausdauer, Mut
und die Fähigkeit, nie den eigenen Antrieb zu verlieren.
AUSZEICHNUNGEN
Yakup Abdulgani, 51
Österreichische Post AG
Vom Paketzusteller zum Disponenten:
Flucht, digitale Innovation & Einsatz für Respekt
und Chancengleichheit prägen ihn.
Jing Chen, 29
Gastronom
In Wien geboren, 7 Betriebe aufgebaut &
300 000 Follower: Er verbindet Kulturen –
Vielfalt fördert Innovation & Miteinander.
Kambis Kohansal Vajargah, 37
WKO
In 50+ Startups aktiv, heute Leiter der
WKO Startup-Services: Er baut Brücken &
zeigt, wie Vielfalt Innovation schafft.
Feature
62
KATEGORIE 4
TALENT
FOTO Ilja Jay Lawal © Chiara Milo
Banan Sakbani, 22
Integrationsbotschafterin, Musikerin, Autorin und
Schauspielerin
2014 aus Syrien geflohen, lebt Banan Sakbani seit 2017 in
Wien. Nach 15 Schulwechseln maturierte sie mit Auszeichnung,
lernte acht Sprachen und studiert Jus. Aktuell ist sie Rechtspraktikantin
bei der FMA, zudem Autorin, Musikerin, Schauspielerin,
Integrationsbotschafterin und mehrfache Preisträgerin.
banansakbani.com
Was motiviert dich in deinem Tun?
Mich motiviert mein Glaube daran, dass ein einzelner
Mensch in seinem Umfeld viel verändern und
prägen kann. Ich mag das Wort Multiplikator.
Ilja Jay Lawal, 32
FOLLOW
Vom Startup zur 30-köpfigen Agentur mit
3 Mio. Umsatz: 70 % Frauen & klare Haltung
zeigen, wie Vielfalt Unternehmertum prägt.
Moulham Obid, 34
Fashion Designer
2014 aus Syrien nach Wien, 2018 Couture-
Label gegründet: Nachhaltig & vielfältig
schafft er Chancen in der Kreativbranche.
Welche Herausforderungen haben dich geprägt – und wie hast du
diese überwunden?
Mein Leben wurde durch Flucht, zahlreiche Länder-
und Sprachwechsel geprägt. Dank Bildung,
Familie und der Unterstützung engagierter Lehrkräfte
habe ich diese Herausforderungen gemeistert
– trotz des Systems, nicht durch es.
Welche Rolle spielte deine Herkunft auf deinem Weg zum Erfolg?
Meine Identität machen Musik, Kunst, die Bühne,
alle drei Länder (Syrien, die Türkei & Österreich)
und alle acht Sprachen aus. Es ist ein Mosaik, das
meinen Erfolg in den verschiedenen Gesellschaften
und Bereichen bestimmt hat und bestimmen wird.
Es ist das Mosaik, welches mir Berufserfahrungen
und Praktika in zwei Kanzleien, bei der AK, dem
Sozialministerium, der Österreich-Vertretung der
EU-Kommission, der globalen Organisation Ashoka
und jetzt im Team für internationale Angelegenheiten
der FMA ermöglicht hat. Es ist das Mosaik,
das mich auf große Bühnen wie die UNO, das
4Gamechangers Festival, das Forum Alpbach, die
Wiener Staatsoper und in Präsidentschaftskanzleien
als Public Speaker, Changemaker, Theater-
Schauspielerin und Integrationsbotschafterin hinaufgetragen
hat. Ich bin stolz auf meine Sprachen
und meine Herkunft.
Was möchtest du anderen Menschen mit auf den Weg geben, die
ebenfalls etwas bewegen wollen?
Vor allem möchte ich jungen Menschen, die etwas
bewegen wollen, Geduld, Kraft und positive Energie
mitgeben. Das Wort Aufgeben soll in deren
Wortschatz keinen Platz haben, denn mit Ehrgeiz
ist alles möglich, jeder Traum kann in Realität umgewandelt
werden. Es lohnt sich!
Vada Prosquill, 30
Leaders in Heels
Gründerin von „Leaders in Heels“ & „Future
of LeadHERship“: Sie vernetzt Frauen mit
Wirt schaft & Investoren, stärkt Sichtbarkeit.
AUSZEICHNUNGEN GEWINNER
63 Feature
SONDERPREIS
NGO
SPRINGBOARD
Verein zur Förderung von Talenten
Seit zehn Jahren stärkt SPRINGBOARD Chancengleichheit, Teilhabe
und In tegration junger Menschen. Mit praxisnahen Programmen,
kreativen Lösungen und einem starken Netzwerk werden Jugendliche
beim Einstieg in Aus bildung und Beruf unterstützt.
springboard.wien
Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?
Unsere Motivation ist es, jungen Menschen aus benachteiligten
Verhältnissen echte Perspektiven zu
eröffnen. Jeder Erfolg – sei es ein vermitteltes Praktikum,
eine bestandene Prüfung oder die Integration
eines Jugendlichen in den Arbeitsmarkt – zeigt,
dass Unterstützung ankommt und einen Unterschied
macht. Uns treibt der Wunsch an, Chancengleichheit
praktisch umzusetzen und gesellschaftliche
Teilhabe zu ermöglichen.
Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders prägend
und wie haben Sie diese überwunden?
Zu Beginn standen wir oft vor begrenzten Ressourcen
und der Her aus forderung, bürokratische Hürden
schnell und flexibel zu überwinden. Die Corona-
Pandemie hat uns zudem vor Augen geführt, wie
wichtig Digitalisierung ist und wie gravierend die
„digitale Kluft“ für benachteiligte Jugendliche sein
kann. Wir sind pragmatisch geblieben, haben kre-
ative Lösungen entwickelt
(wie Laptopspenden oder die
Unterstützung der digitalen
Förderungsinitiative an Wiener
Schulen) und durch partnerschaftliche
Netzwerke
stetig neue Unterstützer:innen
gefunden.
Welche Rolle spielt die Herkunft Ihres
Freiwilligen-Teams auf Ihrem Weg zum
Erfolg?
Die Vielfalt unseres Teams ist
ein entscheidender Er folgsfaktor.
Viele unserer Ehrenamtlichen
und Vorstandsmitglieder
kommen selbst aus
nicht privilegierten Verhältnissen
oder haben Migrationshintergrund.
Sie kennen die
He rausforderungen unserer Zielgruppen
aus eigener Erfahrung, bringen Mehrsprachigkeit,
kulturelles Verständnis und hohe
Empathie ein, was die Bedarfe der Klient:innen
gezielt abdeckt.
Welche Impulse möchten Sie anderen Unternehmen oder Organisationen
mitgeben?
Wir empfehlen, auf echte Teilhabe zu setzen: Offenheit
für Vielfalt, Mut zu schnellen, unbürokratischen
Lösungen und die Bereitschaft, gemeinsam
mit anderen zu arbeiten. Diversität und Multilingualität
der Mitarbeiter:innen sind in einer
globalisierten Welt ein wichtiges Asset für Unternehmen
und sollten als Stärke gelebt werden. Projekte
entfalten ihre Wirkung vor allem dann, wenn
sie flexibel an den realen Bedürfnissen ausgerichtet
und kontinuierlich hinterfragt werden. Erfolg
misst sich für uns nicht an Zahlen, sondern an den
nachhaltigen Veränderungen im Leben der Menschen.
Mag. Robert Gulla, Dr. Farid Sigari-Majd,
Obmänner Verein SPRINGBOARD
Feature
64
SONDERPREIS
INNOVATION
SPRACHE & MEDIEN
ORF
SAG’S MULTI
Der ORF zeigt mit SAG’S MULTI und dem gleichnamigen TikTok
Kanal, wie Sprachvielfalt, kulturelle Identität und digitale Reichweite
erfolgreich verbunden werden können. Das Projekt gibt
jungen Menschen eine Bühne und transportiert ihre Stimmen
über moderne Plattformen in die Gesellschaft. Dabei stehen die
Wertschätzung der Sprache und Kulturen, die Mehrsprachigkeit
und die Diversität als Schatz einer Gesellschaft im Mittelpunkt.
Ein Parade beispiel dafür, wie öffentlich-rechtliche Medien Innovation
in den Dienst von Bildung, Demokratie und gesellschaftlicher
Integration stellen.
sagsmulti.ORF.at
tiktok.com/@sagsmulti
Was treibt Sie in Ihrer täglichen Arbeit an?
Mit 91 Prozent wöchentlicher Reichweite ist der
ORF zentraler Bestandteil des Lebens der Menschen
in Österreich. Unser Publikum zu informieren,
zu bilden sowie zu unterhalten – und dies alles
höchst erfolgreich – bereitet mir jeden Tag große
Freude.
Welche Herausforderungen waren auf Ihrem Weg besonders prägend
und wie haben Sie diese überwunden?
In jedem Abschnitt meines ORF-Berufslebens – als
Journalist, Chefproducer und nun Generaldirektor
– gab es unzählige Herausforderungen, die ich ge-
meinsam mit meinen Teams erfolgreich
bewältigt habe. Die größte
Herausforderung war sicher lich
die neu geregelte Finanzierung des
ORF mit einem geräte unabhängige
ORF-Beitrag. Wir konnten damit
eine solidarische und nachhaltige
Finanzierung sicherstellen sowie
3,2 Millionen Haushalte spürbar
entlasten. Ein nun von allen fnanzierter
ORF muss auch in seinen
Angeboten ein „ORF für alle“ sein:
Daher zünden wir auch 2026 – trotz
des immensen Sparvolumens von
mehreren Hundert Millionen Euro
bis 2029 – ein Programm feuerwerk
mit Sport wie der Fußball-WM,
Unter haltung wie dem ESC in Wien oder
dem Comeback von „Kommissar Rex“, Kultur, Info
sowie zahlreichen neuen Formaten.
Welche Rolle spielt die Herkunft Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
auf Ihrem Weg zum Erfolg?
Qualifkation ist das Wichtigste, da wird jeder zustimmen,
aber gleichzeitig wissen wir um die Bedeutung
von ethnisch und kulturell durchmischten
Teams, weil die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert
wird und es auch zu neuen Blickwinkeln führen
kann. Die Steigerung der Diversität im Unternehmen
habe ich als Generaldirektor als wichtiges
Ziel festgeschrieben und wir haben in diesem
Bereich in den vergangenen Jahren schon viel erreicht.
Welche Impulse möchten Sie anderen Unternehmen oder Organisationen
mitgeben?
Die digitale Transformation sowie der Umgang mit
künstlicher Intelligenz werden alle Unternehmen
weltweit vor große Herausforderungen stellen.
Roland Weißmann,
Generaldirektor des ORF
65
Feature
IRENA PEJČIĆ:
MUT, LEIDENSCHAFT UND ENTSCHLOSSENHEIT
IN GIPS GEGOSSEN.
Ihre Geschichte ist Teil ihrer Kunst.
Irena wurde in Jugoslawien geboren (heute Bosnien-Herzegowina) und ist als Zweijährige
nach Österreich gekommen. Der Kontrast zwischen Kriegsvergangenheit und
sicherem Aufwachsen in Österreich prägt ihre Sicht auf die Welt – und das spürt
man in ihrer Kunst.
Künstlerin mit Tiefgang.
Irenas Werke thematisieren das Zerbrechliche, persönliche
und gemeinsame Erfahrungen – und wie all das in unseren Körpern
und der Welt um uns herum Spuren hinterlässt.
Ihr Hauptmaterial: Gips.
Gips ist brüchig, sensibel – und genau das zeigt, worum es ihr geht: Risse und Narben,
die etwas erzählen. Über das, was war, und darüber, wie wir damit umgehen. Für die
Gestaltung des Biber Impact Awards hat sich die Künstlerin von der Begeisterung
und Zielstrebigkeit der Preisträgerinnen und Preisträger inspirieren lassen.
Eine aufstrebende
Flamme als Symbol für
den Mut, die Leidenschaft
und die Ent schlossenheit
der Preis trägerinnen
und Preis träger.
Biber mit scharf eben.
FOTOS © Florentina Olareanu
Feature
66
Was dich antreibt,
wird zur Lebensqualität
von Millionen.
Gemeinsam halten wir Wien
jeden Tag am Laufen.
wienerstadtwerke.at/jobs
Über 200
freie Stellen:
Jetzt bewerben!
67
WIR DANKEN
UNSEREN PARTNERN DES
BIBER IMPACT AWARDS
McMuffin Ham & Egg
Avocado & Egg Wrap
McMuffin Beef & Egg
Täglich bis 10:30.
Erhältlich in allen teilnehmenden Restaurants in Österreich,
solange der Vorrat reicht. Produkte mit Schmelzkäsezubereitung.
McMuffin Fresh Avocado
TICKETHEAD
DIE WIENER,
DIE FAKE-TICKETS
KILLEN
Gefälschte Tickets, Bots,
Wucher preise – Live-Kultur
hat ein Problem. Ein Startup
aus Wien sagt: Nicht mit uns.
FOTOS Laura Stanley / pexels.com, © The Guardians
Die Mission
Konzerte ausverkauft, Tickets im Netz plötzlich dreimal
so teuer – oder gleich fake. Tickethead baut Tickets,
die man nicht so leicht fälschen kann, und erlaubt den
Weiterverkauf nur fair und transparent. Wer verkauft,
macht das in der App – zu Preisen, die Veranstalter:innen
vorgeben.
DIE KÖPFE DAHINTER
Christoph Divis und Raphael Tsitsovits gründeten
2023 in Wien. Ihr Motto: „Tickets, die Fans schützen –
und Veranstalter:innen die Macht zurückgeben.“
Raphael Tsitsovits und Christoph Divis
TICKETING AM ZAHN DER ZEIT
Neuester Stand der Technologie – aber nur im Hintergrund.
Für Fans und Veranstalter:innen bleibt es einfach:
Tickets buchen, weitergeben oder scannen, ohne sich
mit Blockchain, Wallets oder Technikdetails herumzuschlagen.
Tickethead setzt Hightech so ein, dass man sie
gar nicht merkt, aber überall profitiert.
SCHON LIVE IM EINSATZ
Von großen Messen wie der Ferienmesse über Clubshows
und Open Airs bis hin zu Konzerten in der Stadthalle
– Tickethead verkauft schon quer durch die Eventlandschaft.
Fazit
Bots und Wucherpreise nerven – Tickethead zeigt, dass
es auch fair geht. Weniger Stress am Einlass, mehr Sicherheit
für Fans, mehr Kontrolle für Veranstalter:innen.
So könnte Ticketing 2025 klingen.
69
TICKETHEAD
Advertorial
BIBER IN
WIEN
kultur*knistern ist ein neues Onlinemedium, bei dem das
„Kulturland Österreich“ wieder auf den Boden zurückgeholt
wird. Wir machen Kulturjournalismus auf Augenhöhe,
verständlich und ohne viel „Blabla“ – online und auf Social
Media. Denn Kultur ist für alle da!
Wiener Kriminacht
23.10.
in mehr als 30
Kaffeehäusern der Stadt
Buch Wien
12. bis 16.11.
Messe Wien
Foto Wien
03.10. bis 02.11.
Foto Arsenal
Früher mal ein Insider-Event, inzwischen
ist es „Österreichs größtes Fotofestival“
für alle. Einen Monat lang bietet es ein
breites Programm rund um die Kunst der
Fotografie. 2025 liegt
der Fokus auf „Dynamic
Futures“ – es könnte also
richtig schräg werden!
Das Wiener Kaffeehaus-Flair lässt sich
am besten mit einem guten Krimi in der
Hand genießen. Noch besser ist es, wenn
in mehr als 30 Cafés in ganz Wien (inter-)
nationale Autor*innen selbst vorlesen –
und das bei freiem Eintritt.
So lassen sich Horror,
Intrigen und Morde
(zur Abwechslung mal)
genießen!
Blue Bird Festival
20. bis 22.11.
Porgy & Bess
Längst kein Geheimtipp mehr, aber einen
Be such wert: Ob man ein Buch im Jahr oder
zehn im Monat liest, hier gibt es immer
Neues zu entdecken. Neben vielen Möglichkeiten
zum Durchwühlen von Büchern und
Gesprächen mit Menschen aus der Verlagsbranche
stehen eine Menge Podiumsdiskussionen
zu aktuelle
gesellschaftlichen Themen
am Programm. Der „to
read“-Stapel ist schließlich
nie groß genug…
MEINUNG
Mach doch was G’scheits!
Jeder von uns hat diesen Satz schon einmal gehört. Egal ob es um ein Hobby, die Wahl der
Ausbildung oder um den aktuellen Job geht: Hätten wir doch nur Jus, Wirtschaft oder
Medizin studiert, dann wären wir jetzt alle reich. Oder so. Das wahrscheinlich schlimmste
berufliche Schicksal, egal woher man kommt, ist die Kunst- und Kulturbranche. Unübersichtliche
Ausbildungswege, geringe Einstiegschancen, niedrige Gehälter. Dann noch die
tägliche Frage: „Davon kannst du leben?“ Und ja, Menschen in Kunst- und Kulturjobs sind
meist unterbezahlt, überqualifiziert und schwer zu finden. Gleichzeitig gibt es viel Konkurrenzkampf.
Aber geht es derzeit nicht allen Berufsgruppen so? Ein Grund mehr, bei
der Ausbildungs- und Berufswahl über den Tellerrand zu schauen. Denn auch in der Kultur
gibt es Lehrberufe, Fachkräftemangel und ein Generationenproblem. Also
warum eigentlich nicht einmal im Leben etwas *nicht* Gescheites machen?
Manon Soukup,
Kulturjournalistin & Gründerin
kultur*knistern
Genre is a funny little concept: Die Vienna
Songwriting Association „Blue Bird
Vienna“ ist eine Nonprofit-Organisation,
die Songwriting fördert. Beim 3-tägigen
Festival im Porgy & Bess treten 12 Acts
auf, von Newcomern bis hin zu bekannten
Künstler*innen aus Österreich und dem
Rest der Welt. Das Line-Up ist schon on
line. Ob Festivalpass oder
Einzelticket, du gehst fix
mit neuen Lieblingsliedern
nach Hause!
PORTRÄT MANON SOUKUP © Privat
Kultur
& Events
in Kooperation mit
KULTUR*KNISTERN
70
BIBER
KARRIERE
Bachelor, Master & more!
14. & 15.11.
Austria Center Vienna
Die Info-Events für Oberstufenschüler*innen, ihre Eltern und
natürlich aktive Studis und Absolvent*innen. Der Eintritt ist
frei und es gibt viele Tipps
und Vorträge rund um Studienwahl,
Finanzierung, Bewerbung
und Karriere.
WU Campus Recruiting Day
02. bis 04.12.
Campus WU & mehr
Bewerbungsgespräche mal anders! Beim Recruiting-Day der
Wirtschaftsuniversität Wien kannst du Arbeitgeber*innen im
Interview, beim Bowling oder im Escape-Room
treffen. Die Anmeldung beginnt am 10. November
und man kann sich bewusst entscheiden:
Klassisches Interview oder mal anders?
71
BIBER LIEST
Ein Blick ins Bücherregal der
kultur*knistern-Redaktion mit
Carina Schramek, Julia Gaiswinkler
& Theresa-Marie Stütz.
CARINA SCHRAMEK
Kulturliebhaberin und Allrounderin.
Hat TFM und Medienkulturanalyse
studiert, ist außerdem
ausgebildete Psychotherapeutin
und im Theater-, Tanz- und TV-Bereich engagiert.
Mama, bitte lern Deutsch
Tahsim Durgun
JULIA GAISWINKLER
Liebt Sprache. Hat Publizistik
und Germanistik studiert,
schreibt jetzt für kultur*knistern,
The Gap, Sinnterest und
MeinBezirk. Verbringt das letzte
bisschen Freizeit lesend oder im Park
beim Krähenfüttern.
Neben der Volksschule
Abschiebebescheide
übersetzen, der Kampf
mit
Alltagsrassismus
und die ständige Diskriminierung
seiner kurdischen
Familie: Tahsim
Durgun zeigt, was es
braucht, um in Gemeinschaft miteinander
zu leben. Dabei hält er der Gesellschaft gekonnt
den Spiegel vor und überzeugt mit
zynischem Humor und Sprache, die nicht
näher gehen könnte. Ein absolutes Must
Read, das in jedes Bücherregal und jeden
Kopf gehört.
THERESA-MARIE STÜTZ
Möchte zeigen, dass Inklusion
in allen Lebensbereichen mitgedacht
werden kann. Sie studiert
Journalismus sowie Deutsch, Geschichte
und Inklusive Pädagogik auf
Lehramt und gehört nicht nur zum Team von
kultur*knistern, sondern auch zur Zielgruppe.
Mir geht’s gut, wenn
nicht heute, dann morgen
Dirk Stermann
Hollywoods
Psychoanalytik-Koryphäe
Erika Freemann und
Kabarettist Dirk Stermann
sprechen jeden
Mittwoch bei Melange
und Kipferl im Hotel
Imperial über Freemans
unglaubliches Leben: Von ihrer Flucht aus
Wien nach New York über ihre Karriere als
Psychoanalytikerin bis hin zu durchlebten
Krisen, Alltagsfreuden, Antisemitismus sowie
berührenden Familienanekdoten und
ihren unbesiegbaren Optimismus. Auch mit
98 Jahren kämpft Freeman noch für das,
was ihr wichtig ist. Ein Roman über eine
faszinierende Frau, die zeigt, dass man jede
Hürde bewältigen kann. Chapeau!
Der Patriarchatsindex
Lenka Reschenbach
Was ist eigentlich das
Patriarchat? Mit ihren
Grafiken gelingt es
Lenka
Reschenbach,
es leicht verständlich
und eindrücklich zu erklären.
Auf 207 Seiten
zeigt sie, wie gleichberechtigt
Frauen und
Männer wirklich sind. Spoiler vorab: Eigentlich
nicht wirklich. Egal ob Finanzen, Gesundheit
oder Preise für Beauty-Produkte
– hier wird nichts ausgelassen. Ein Buch für
alle, die bei der Diskussion auf der nächsten
Familienfeier mit handfesten Beweisen
auftrumpfen wollen.
Gratulieren müsst ihr
mir nicht
Lilli Polansky
Mit Anfang 20 einen
Herzschrittmacher
eingesetzt zu bekommen,
steht mit Sicherheit
auf keiner Bucketlist.
Für Lilli ist das
jedoch die Realität.
Noch dazu ist sie mitten
im Maturajahr und
dann macht ihr Freund auch noch Schluss.
Ergreifend und brutal ehrlich zeigt sie, wie
wichtig Freundschaften in schweren Zeiten
sind – und wie tief die eigenen Abgründe
sein können. Ein beeindruckender Debütroman,
der absolut verdient mit dem Rauriser
Literaturpreis 2025 ausgezeichnet
wurde.
Beklaute Frauen
Leonie Schöler
Frauen jagten, Männer
sammelten – und
umgekehrt. Ja, richtig
gelesen. Historikerin
Leonie Schöler
deckt in ihrem Buch
verfestigte Denkmuster
rund um eine vermeintlich
natürliche
Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern
auf. Sie erzählt von gesellschaftlichen
Strukturen im Laufe der Geschichte und
stellt Frauen vor, deren Leistungen lange
unbeachtet blieben. Dabei schafft sie es,
inklusive historischer Fakten, in ihren Erzählungen
mitzureißen und gleichzeitig geschichtliche
Lücken zu schließen.
Kultur
& Events
in Kooperation mit
KULTUR*KNISTERN
72
Bezahlte Anzeige
Wir setzen
Zeichen.
Kultur kann.
Kultur ist für alle da – ohne Barrieren oder Grenzen. Daher fördert die Stadt
das Kulturprogramm und bietet dir einen gesammelten Überblick über das
vielfältige Angebot: von kostenlosen Eintritten bis zu frei zugänglichen
Veranstaltungen. Zum Mitmachen, Zuschauen und Dabeisein.
Entdecke dein persönliches Kulturprogramm
in deiner Stadt – einfach, digital, für dich!
wien.gv.at/kultur
WER
SCHREIBT
ÖSTER -
REICH
Lange blieben Autor*innen
mit Migrationshintergrund
in Österreichs Literaturwelt
unsichtbar. Erst seit wenigen
Jahrzehnten finden sie Beachtung.
Gibt es heute noch
Hürden? Und wie schafft man
es in Österreich als Autor*in?
Die Schriftsteller*innen Barbi
Marković, Anna Kim und
Omar Khir Alanam erzählen
von ihrem Weg, davon, was
sich in der Branche ändern
sollte – und wie der Einstieg
gelingen kann.
Juni, Juli, August: Kein Sommermonat kam ohne Barbi
Marković und ihr neues Buch „Stehlen, Schimpfen, Spielen“
aus. Das Cover mit den grün bestrumpften Füßen in
weißen Stöckelschuhen reihte sich dreimal in Folge unter
die Top Ten der ORF-Bestenliste. Darin erzählt die gebürtige
Belgraderin unter anderem, wie sie in der Literaturszene
Fuß fasste. Der beste Weg zu einem Verlag sei
demnach eine Kombination aus „Zufall, Geburtsort, Geburtszeit,
einer schlechten psychischen Beschaffenheit
und Einsamkeit.“ So erlebte es Barbi in Serbien,
wo sie Germanistik studierte und als Lektorin
beim Rende- Verlag in der Hauptstadt arbeitete.
In Österreich war es kaum anders. Der Zufall
dominierte, wie die 45-Jährige im Interview
beschreibt: Bei einem Branchenevent lernte sie
die Dolmetscherin Mascha Dabić kennen, mit
der sie ihr erstes Buch „Izlaženje“ (Rende, 2006)
ins Deutsche übersetzte („Ausgehen“, Suhrkamp).
Ausgehend davon suchte die Programmleiterin
des Residenz Verlags von selbst den Kontakt zu
Barbi – dabei entstand unter anderem „Minihorror“
(2023), für das sie den Preis der Leipziger
Buchmesse 2024 in der Kategorie Belletristik
gewann. „Das war alles ein Riesenglück“,
fasst die Autorin zusammen. „Manuskripte an
verschiedene Verlage zu schicken, hat nicht geklappt.
Veröffentlicht wurde ich oft über zufällige
Gespräche – quasi durch die Hintertür.“ Das ist
in der Branche nicht ungewöhnlich. Die österreichische
Literaturwelt stand nicht immer für
alle Menschen gleichermaßen offen.
Kultur
von
PATRICIA KORNFELD
74
In die Unsichtbarkeit
gedrängt
Wiebke Sievers, Migrationsforscherin an der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften, hält in ihrer Analyse
„Postmigrantische Literaturgeschichte“ (transcript
Verlag, 2024) fest, dass Immigrant*innen und ihre Nachkommen
ab der Nachkriegszeit immer mehr ausgeschlossen
wurden und als Schriftsteller*innen kaum Anerkennung
erhielten. Erklärt wird das unter anderem mit
der „Nationalisierung“ der Literatur nach dem Zweiten
Weltkrieg. Literarische Werke sollten sich von Deutschland
abgrenzen und auf das „typisch Österreichische“
fokussieren.
Infolgedessen wurde die Staatsbürgerschaft häufg
zur Voraussetzung für die Vergabe von Stipendien und
Preisen. Außerdem entwickelte sich ab 1960 die Idee einer
„österreichischen Literatursprache“: Von da an herrschte
die Annahme, dass sprachliche Kreativität nur solchen
Menschen möglich sei, deren Erstsprache „Öster reichisch“
war. Dadurch brach die Sichtbarkeit migrantischer
Autor*innen vor allem in den 70er- und 80er-Jahren stark
ein. In den 1990ern vollzog sich allmählich ein Wandel.
Wem gehört Sprache?
Ein komisches Verhältnis zur Sprache merkt Barbi heute
noch, wie sie auch in „Stehlen, Schimpfen, Spielen“ hervorhebt:
Nach einer Lesung fragt sie ein Herr: „Wie ist es
für Sie, in unserer deutschen Sprache zu schreiben?“ Barbi
fühlt sich etwas angegriffen: „Das, was ich nach mehr
als zwölf Jahren Beschäftigung mit der deutschen Sprache
vorzuweisen habe, ist meine deutsche Sprache. Ich
habe sie nicht ausgeliehen, um sie später zurückzugeben.
Ich benutze sie auf kreative Art und Weise.“ Wenngleich
sie davon ausgeht, dass sie einen kleineren Wortschatz
als die Durchschnittsperson hat: „Beim Schreiben selbst
ist das natürlich schon ein bisschen nachteilig.“
Anna Kim fühlte sich vor allem zu Beginn ihrer Karriere
oft auf ihre Herkunft reduziert: Die Autorin zog 1979
im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern von Südkorea
zuerst nach Deutschland, dann nach Wien. Um die Jahrtausendwende
begann sie nach einem Schreibseminar
an der Akademie Graz, Gedichte und Prosa in Literaturzeitungen
zu veröffentlichen, danach folgten Romane. In
ihrem ersten Kinderbuch „Die Allianz der 3 1/2“ (Suhrkamp,
2024) schickt sie ein Detektivteam auf Spurensuche.
Sie hatte den Eindruck, eine gewisse Rolle ausüben
zu müssen: „Ich wurde zum Beispiel sehr häufg gefragt,
wann ich denn endlich etwas über Korea schreibe. Und
dann habe ich aktiv dagegen gespielt, indem ich eben erstmal
nichts darüber geschrieben habe.“
Privileg vs.
Prekariat
Wirklich divers ist die Literaturbranche aus Annas
Sicht nicht: „Auf Literaturfestivals zum Beispiel bin ich
meistens die einzige Diverse weit und breit.“ Die geringe
Vielfalt im Berufsfeld hängt stark mit gesellschaftlichen
Klassen zusammen, sagt sie: „Wenn man einsteigt, hat
man oft die ersten vier bis fünf Jahre gar kein Einkommen.
Nicht jede Familie kann es sich leisten, eine*n angehende*n
Autor*in zu fnanzieren.“ Sie selbst hatte lange
einen Nebenjob, bevor sie vom Schreiben leben konnte.
Auch Omar Khir Alanam baut auf mehrere Standbeine.
Der 34-Jährige tritt als Kabarettist, Moderator
oder Workshopleiter auf. Die Liebe zur Literatur erwachte
mit 16 Jahren, als er seinen Lehrer zu einer Lesung in
Damaskus begleitete. Von da an diente ihm das Schreiben
als Kraftquelle. Ganz besonders während seiner zweijährigen
Flucht von Syrien nach Graz. „Schreiben war für
mich eine Möglichkeit, um das Erlebte zu verarbeiten.“
FOTO © Apollonia Theresa Bitzan
75
Kultur
In Österreich tauchte Omar im Rahmen eines Schreibworkshops
in die Welt des Poetry Slams ein und trug seine
persönlichen Texte auf Bühnen vor. 2017 nahm er an
der österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaft teil und
erzielte den dritten Platz. Danach klopften die Medien bei
ihm an und in weiterer Folge auch der Verlag „edition a“:
Dort erschienen bisher vier Bücher (zuletzt „Gspusis,
Gspür und wilde Gschichten – Ein Syrer entdeckt das
öster reichische Liebesleben“, 2024), in denen er sowohl
der syrischen als auch der österreichischen Gesellschaft
den Spiegel vorhält. Zu Beginn stellte ihn die Branche allerdings
vor viele Rätsel. Omar wusste nicht, wo er sich
bewerben oder nach Förderungen Ausschau halten sollte.
Ein Preis als
Mutmacher
Informationen rund um Förderungen und Stipendien erhalten
angehende Schriftsteller*innen beispielsweise
im Amerlinghaus im 7. Bezirk. Seit 1997 begleitet die österreichische
Kulturmanagerin Christa Stippinger im
eigens gegründeten Kleinverlag „Edition Exil“ Autor*innen
mit anderer Kultur und Erstsprache, die auf Deutsch
schreiben. Jährlich werden unter dem Titel „Schreiben
zwischen den Kulturen“ acht Exil-Literaturpreise für unterschiedliche
Textgattungen vergeben – auch an Jugendliche.
In der Schreibwerkstatt
feilen die Preisträger*innen
an neuen Publikationen.
Für die Initiatorin ist
die Auszeichnung ein Mutmacher:
„Viele der Autor*innen
schreiben mir später,
dass sie ein Buch in einem
anderen Verlag veröffentlicht
haben und der Preis für sie
unglaublich motivierend war.
Genau so etwas braucht man
als Autor*in.“ Anna Kim gewann
den Preis im Jahr 2000.
Er war für sie eine Starthilfe:
„Ich verwendete das Geld, um
mein erstes Buch zu schreiben.“
Die Erstsprache
schreibt mit
Perfekte Deutschkenntnisse sind für die dreiköpfge
Jury – bestehend aus Literaturexpert*innen und ehemaligen
Preisträger*innen – nicht entscheidend: „Wenn der
Text interessant ist, die Sprache in ungewöhnlicher Form
benutzt wird oder die Ursprungssprache mitschreibt, ist
das nicht unbedingt ein Hindernis – im Gegenteil“, erklärt
Stippinger. Um einen Text einreichen zu können,
müssen Interessierte mindestens ein halbes Jahr lang in
Österreich leben. Ähnliches würde Stippinger sich auch
bei anderen Literaturpreisen wünschen – damit sie „für
alle zugänglich sind“.
Ansonsten hat sich aus ihrer Sicht schon vieles
verbessert: „Heute ist es wesentlich leichter für
Autor*innen, die aus einer anderen Erstsprache kommen,
als noch vor 30 Jahren. Als ich begonnen habe, gab es –
zumindest in Österreich – nur sehr wenige Autor*innen
mit Migrationshintergrund und sie waren nur
Insider*innen bekannt.“ Die Nischenzuweisung „Migrationsliteratur“,
die Autor*innen auf Themen wie Zuwanderung,
Herkunft oder Fremdsein reduzierte, hat
ebenso an Bedeutung verloren.
FOTO © Nicole Viktorik
Kultur
76
Und Action!
Dem stimmt Anna zu. Für sie spielt auch das Arbeitsumfeld
eine sehr große Rolle für den beruflichen Erfolg.
„Literatur funktioniert immer noch so, dass
man von Einzelnen unterstützt wird, die einem helfen
und offen sind.“ Jungen Autor*innen rät sie, den
Weg über eine Agentur oder Schreibschule (zum Beispiel
Angewandte Wien) zu gehen, weil diese bereits
gut vernetzt sind.
Vermeintliche Barrieren einfach zu ignorieren,
ist Barbis Tipp: „Man hat mir irgendwann gesagt:
‚Du kannst doch nicht in einer fremden Sprache
schreiben.‘ Das habe ich lange geglaubt. Wenn
man solche ‚Verbote‘ nicht kennt, gelten sie nicht.“
Und natürlich: Einreichen! „Wenn man irgendwie
auf Deutsch schreibt, dann sollte man alle Stipendien
und Ausschreibungen nutzen.“ Omar empfehlt,
nicht auf den perfekten Text zu warten. „Bei meinen
damaligen Auftritten sprach ich noch sehr gebrochenes
Deutsch, aber meine Grammatikfehler machten
sie authentisch.“
Ein abschließender Tipp aus Barbis „Stehlen,
Schimpfen, Spielen“ fasst es aber wohl am besten zusammen:
„Sei schlecht in allem, aber am wenigsten
im Schreiben.“
Jugendliche zwischen 14
und 20 Jahren können die
„exil.Literaturhauswerkstatt
für
junge Autor*innen“
unter der Leitung des
Autors Thomas Perle im
Literatur haus Wien
( Seidengasse 13, 1070) besuchen.
„Einige der
Teilnehmer*innen sind
bereits an namhaften
Schreibschulen an
ge nommen worden,
zum Beispiel an der
Sprachkunst Wien oder
am Deutschen Literaturinstitut
Leipzig“, sagt
Christa Stippinger.
Deutschsprachige Stipendien
und Förderungen:
autorenwelt.de
lcb.de
wien.gv.at/kultur/foerderungen-literatur
bmwkms.gv.at/themen/kunst-und-kultur
77 Magazin Kultur
DAS UN-
ERTRÄGLICHE
ERTRÄGLICH
ERZÄHLEN
WARUM UNS GERADE JETZT
DAS LACHEN NICHT VERGEHEN DARF
In ihrem aktuellen Comedy-Programm „Trophäenraub“ lotet
Marina Lacković alias Malarina die endlosen Möglichkeiten
aus, um sich als Frau im Patriarchat einen Vorteil zu verschaffen
– Achtung, Sarkasmus! Aber genau das ist der
Punkt: Warum es sich lohnt, politischer Realität mit Humor zu
begegnen, verrät sie uns im Interview.
Es gibt zunehmend Künstler:innen mit Migrationshintergrund,
die ihre Erfahrungen in ihren Programmen aufgreifen. Woran
liegt das deiner Meinung nach? Und warum kommen sie so gut
an?
Weil es sie in Österreich erst seit Kurzem gibt
und es interessant ist, was meine Kolleg:innen
zu sagen haben. Und das nicht nur für Menschen
mit Migrationshintergrund, auch für die
Mehrheits gesellschaft – man unterschätzt gerne,
wie offen auch die Mehrheitsgesellschaft
für Geschichten ist, die sie weniger direkt betreffen.
Ist Humor für dich eher eine Art Selbstschutz oder ein Werkzeug,
um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten?
Klar beides, aber diese Antwort wird die
Leser:innen langweilen. Ich selbst fnde solche
Antworten auch unbefriedigend. Zuerst kam
jedenfalls der Selbstschutz. Dann habe ich mir
diesen rhetorischen Schutzschild zum Beruf gemacht.
Warum hast du dich entschieden, Themen wie etwa deine serbische
Herkunft oder den Rechtsruck in Österreich auf humoristische
Weise darzulegen?
Weil mich diese Themen beschäftigen. Ich denke,
man schreibt am besten über Themen, die
einen persönlich betreffen.
FOTO © Ernesto Gelles
Interview von
SARAH NEURURER
Hast du den Eindruck, dass Menschen eher zuhören, wenn
ernste Themen humorvoll verpackt sind?
Ja, das habe ich bei meinem ersten Programm
„Serben sterben langsam” gemerkt. Es ist aber
wichtig, fair zu bleiben und nicht nach unten zu
treten.
In diesem Programm thematisierst du die Scheinheiligkeit
Öster reichs – man empört sich gern über andere, nimmt es
bei sich selbst aber nicht so genau. Siehst du da Parallelen
zwischen den beiden Ländern?
Die Parallelen zwischen Serbien und Österreich
sind zahlreich. Die politischen Trends
sind zwischen den beiden Ländern oft nur ein
wenig zeitversetzt. Sprich: Als Österreich sehr
rechts war, war Serbien daraufhin links. Als
Österreich liberaler wurde, entstand in Serbien
schon die nächste Autokratie.
„Seit 2019 versucht Malarina durch das Kabarett zur Völkerverständigung
zwischen den Schwabos, Tschuschen und
Elite Tschuschen beizutragen“, heißt es auf deiner Website.
Wer sind für dich die „Elite-Tschuschen“? Und wie gut gelingt
dir die „Völker verständigung“?
Elite-Tschuschen ist eine Wortschöpfung und
meint jene, die selbst Migrationshintergrund
haben, aber denken, mehr Rechte verdient zu
haben als andere, weil sie früher da waren, aus
einem Land kommen, das nicht so weit weg ist
… die Liste ist beliebig lange fortsetzbar. Völkerverständigung
gelingt mir in meinen Sälen
gut: Da kommen Menschen zusammen, die sich
außerhalb dieser Veranstaltung kaum getroffen
hätten – und sie lachen gemeinsam.
Ist es in der aktuellen politischen Lage besonders wichtig, den
Humor nicht zu verlieren?
Eigentlich in jeder politischen Lage, für mich
zumindest. Rein beruflich spielt uns Humorarbeiter:innen
inkompetente Politik ja in die
Karten – aber menschlich nimmt es einen natürlich
mit. Teil meiner Arbeit ist es, das Unerträgliche
erträglich zu erzählen.
Wirtschaft mit Haltung.
ERFOLGREICH
durch Wiener Betriebe.
Kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der Wiener Wirtschaft. Als
Wirtschaftsmotor Österreichs sichert die Wiener Wirtschaft Arbeitsplätze und
schafft Wertschöpfung.
Entgeltliche Einschaltung; Foto: Markus Sibrawa
WIEN HAT MIR GE
AUS DER KISTE AUSZUSTE
András Dés wirkt zugleich wie ein neugieriger Professor
und ein Versuchsobjekt im eigenen Experiment. Als wir
ihn treffen, nimmt er gerade mit zwei anderen Musikern
ein Album im Studio auf – drei Stunden lang wird gespielt,
zwischen Melodiefragmenten und englisch-deutschen
Gesprächsfetzen.
András spielt seit mehr als 20 Jahren Schlaginstrumente.
Vor sieben Jahren ist er mit seiner Frau und seinen
Kindern nach Wien gezogen. Ein Schritt, der sich anfühlt
wie eine Befreiung aus einer engen Kiste, erzählt er. Eine
Kiste, in der er von Geburt an steckt, und um die ihn vermutlich
viele in Ungarn beneiden.
RAUS AUS DER KISTE
András’ Familie ist tief im intellektuellen Milieu von Budapest
verwurzelt. Sein Großvater ist eine der prägendsten
Oppositionsfguren gegen den ungarischen Staatssozialismus,
die Mutter Soziologin und Publizistin, der
Vater als Jazzmusiker und Komponist im ganzen Land
bekannt. András steht seinen Eltern um nichts nach: Zuerst
studiert er Schlagzeug an der renommierten Liszt-
Ferenc-Musikuniversität in Budapest, dann spielt er in
mehreren Bands. Ein Werdegang wie aus dem Bilderbuch
– und doch fühlt sich András stets beengt.
„In Ungarn konnte ich oft schon an den Augen der
Menschen ablesen, dass sie mich sofort in eine
Kiste steckten, sobald ich meinen
Namen nannte, wegen
meiner Eltern,
und oft sogar wegen
meines Großvaters“, erzählt
András. „Bevor ich überhaupt den Mund
aufmachen konnte, glaubten die Leute schon, alles
über mich zu wissen. Sogar unsere politischen Ansichten
sind allgemein bekannt. Jeder hat eine vorgefertigte Meinung
über meine Person oder meine künstlerische Vision.
Ich ertrage Einschränkungen schwer, das war eine große
Belastung.“
Vor neun Jahren beginnt András’ Frau Dóra, mit
einer Gruppe österreichischer Schmuckdesigner zusammenzuarbeiten.
Sie pendelt wöchentlich zwischen Budapest
und Wien. Doch die Kinder sind klein, das Pendeln
wird anstrengend – und in Ungarn wackelt die liberale
Demokratie. Als der politische Druck sogar das Bildungssystem
erfasst, beschließt die Familie, auszuwandern.
András und Dóra wollen ihren Kindern eine freie, offene
Schulzeit ermöglichen. Aber der Anfang ist nicht ganz
András Dés ist in
seiner Heimat Ungarn
ein bekannter und
erfolgreicher Jazzmusiker.
Mit 40 Jahren zieht er
nach Wien.
Hier kennt ihn niemand.
Warum er alles hinter sich
gelassen hat, und
wie er sich in der Wiener
Jazzszene behauptet.
einfach: Die Kinder müssen in der Schule erst Fuß fassen,
András spricht noch kein Deutsch. Während der Pandemie
ist es schwer, andere Musiker kennenzulernen. Die
enge Kiste ist weg, aber an ihrer Stelle ist... nichts.
DURCHBRUCH
„Es ist kurios und lustig“, erzählt András. „Man kommt
als angesehener Schlagzeuger – in Ungarn bekannt, mit
internationalem Netzwerk, einer beeindruckenden Diskografe
und einem starken Lebenslauf – in Wien an. Und
FOTOS © Viktoria Nazarova, thomaslenne / istockphoto.com
Kultur
von
BARBARA VINCZE
80
HOLFEN,
IGEN
spätestens beim dritten Gespräch merkt man, dass das
alles hier niemandem etwas sagt. Andere wären vielleicht
daran verzweifelt. Für mich war das ein Geschenk.“
zum Jammen eingeladen, meine ersten wichtigen Konzerte
habe ich mit ihm gespielt. Danach hat er mich für verschiedene
Projekte und Bands empfohlen.“ Inzwischen
spielt András inmitten der Crème de la Crème der Wiener
Jazzszene, etwa am „Glatt und Verkehrt“-Festival in
Krems. Das Konzert endet mit tosendem Applaus.
András ist jemand, der Grenzsituationen sucht: Er
spielt auch gern im Wald, auf Schneckenhäusern,
Holzstücken, Steinen und Tannenzapfen. Er
hat zu den meisten Instrumenten keine
emotionale Bindung. „Viel
m e h r
reizt mich die Frage, welche
musikali- schen Ideen man
mit dem jeweiligen Instrument
ausdrücken kann. Darin
steckt auch eine gute Portion Risiko,
wie in fast allem, was ich mache. Musik
mache ich am liebsten, wenn ich das Gefühl habe,
dass auf der Bühne alles passieren kann. Mein ganzes
Leben dreht sich darum, Grenzen zu suchen und zu überschreiten.
Ich versuche, sowohl als Künstler als auch als
Mensch, nicht in Stereotypen zu denken, sondern mich
der Kunst und den Menschen so offen wie möglich zu nähern.
Wien hilft mir dabei sehr.“
András braucht eine neue Strategie, um sich als
Künstler durchzusetzen: Er beginnt, sich anderen Jazzmusikerinnen
und -musikern nach ihren Konzerten vorzustellen.
Anfangs wirkt die Szene etwas verschlossen.
Seine ersten Kontakte schließt er zu anderen internationalen
Musikern. Zum Beispiel zu Mahan Mirarab, inzwischen
ein guter Freund. „Kein anderer Mensch hat mich
so unterstützt. Mahan war sehr einfühlsam. Er kommt
aus dem Iran und musste hart arbeiten, um in Wien und
weltweit als Musiker anerkannt zu werden. Er hat mich
GESCHENK
Auch nach sieben Jahren in der österreichischen Hauptstadt
nimmt András jeden Tag als Geschenk wahr. Er liebt
die abwechslungsreiche Wiener Jazzszene, die internationalen
Musiker und die vielfältigen musikalischen Einflüsse.
„Im Vergleich zu Budapest ist der Übergang zwischen
klassischer Musik und Jazz in Wien fließender“,
sagt er, „und genügend Geld für Kultur gibt es auch.“
Heute spielt András in einem Dutzend Bands und
Projekten – auch grenzüberschreitend. In seinem eigenen
Quartett spielt ein Musiker aus Vorarlberg, ein anderer
aus Salzburg und ein japanisch-österreichischer Musiker.
Es verbindet sie die „Wiener Identität“. Künftig
wollen sie mindestens einmal im Monat als Quartett auftreten.
„Wenn das klappt, würde ich mir nicht viel mehr
wünschen. In Ungarn habe ich ständig mit meinem Impostor-Syndrom
gekämpft. Hier habe ich ganz allein meinen
Platz gefunden und werde jetzt auch zu Kooperationen
eingeladen. Wien ist defnitiv meine neue große Liebe.“
81 Kultur
WO DER PFEFFER WÄCHST
Pfeffer ist ein Gewürz mit
Migrationshintergrund. Wo
kommt er her, wofür wird
er verwendet? Und machen
Pfeffer und Chili süchtig?
Wir haben mit Frau Charlotte
und Herrn Zhang-Schmidt
ge sprochen, die allerbesten
Tipps zusammengestellt –
und natürlich auch zwei
der allerbesten Rezepte
mit scharf.
Pfeffer ist, wie Chili, eine eigene Wissenschaft. Oft werden die beiden
scharfen Geschwister auch in einen Topf geworfen. Wie bei unserem
Ma-La-Rezept. Oder im Sprachgebrauch. Der peruanische
Aji Charapita etwa wird als „teuerster Pfeffer der Welt“ ge handelt.
Die Preise bewegen sich zwischen 500 und astronomischen 20.000
Euro für ein Kilo getrockneter Ware – ja, wir sprechen hier noch
von Pfeffer. Oder auch nicht: Denn dieser Pfeffer besteht in Wahrheit
aus winzigen peruanischen Chilis, deren Form, nämlich die kleiner
Pfefferkörner, ihnen den verwirrenden Namen leiht. Es gibt also
nicht nur unzähliger Arten von echtem Pfeffer, es gibt auch unechte
Verwandte wie Sichuan-Pfeffer & Co. Das macht die Lage
komplizierter. Aber: Um Botanik soll es hier gar nicht gehen. Sondern
um Historie, Wirkung und Verwendung.
GEHANDELT SEIT DER ANTIKE
„Pfeffer war wohl das erste scharfe Gewürz, das bis nach Europa
gehandelt wurde. Wobei bei den alten Römern anscheinend der
lange Pfeffer noch wichtiger war als der schwarze Pfeffer“, erklärt
Kultur- und Sozialanthropologe Gerald Zhang-Schmidt. „Pfeffer
stammt ursprünglich aus Südindien. Er lässt sich auch nur in subtropischem
oder tropischem Klima erfolgreich ziehen. Gehandelt
wurde der kostbare Scharfmacher in Europa mindestens seit der
Antike; schon der römische Universalgelehrte Plinius der Ältere
beschwerte sich, dass Pfeffer so teuer angeboten werde und dabei
doch keinen Nährwert, sondern nur einen Effekt hätte“, erzählt
Herr Zhang-Schmidt, der im burgenländischen Parndorf selbst
Sichuan-Pfeffer zieht.
LANGER UND KURZER PFEFFER
Apropos Effekt: „Echter Pfeffer und Chili produzieren Piperin bzw.
Capsaicin. Diese Stoffe regen den Schmerz- und Hitzerezeptor
TRPV-1 an. Die Schärfe von Pfeffer ist dabei vergleichsweise mild
und kurz anhaltend.“ Die Aromatik wiederum ist je nach Pfeffer-Art
und Produktionsweise unterschiedlich (siehe Infokasten). Langer
Pfeffer etwa ist wesentlich parfümierter und wird daher niedriger
dosiert. Schwarzer Pfeffer ist, nun ja, schwarzer Pfeffer. Ein
Aroma, das jeder kennt. „Wobei es davon inzwischen auch bei uns
verschiedene Herkünfte gibt, die sich durchaus etwas voneinander
unterscheiden.“ Ins selbe Horn stößt auch die Gewürzexpertin Frau
Charlotte vom Babette’s, die uns ihren Nachnamen nicht verraten
möchte: „Bleiben wir bei Charlotte, mein Nachname ist so kompliziert.“
DIE HERKUNFT UND QUALITÄT
An die 20 Pfefferarten sind in der Gewürzmanufaktur Babette’s
vorrätig. Das Sortiment reicht vom beliebten schwarzen Bio
Kampot aus Kambodscha, der am häufigsten verlangt wird, über
den exquisiten tasmanischen Bergpfeffer bis hin zum prickelnden
Sichuan-Pfeffer, der aber wiederum „im botanischen Sinne kein
echter Pfeffer ist“, wie Frau Charlotte bereitwillig erklärt. „Cacio e
Pepe“ ist übrigens auch eines ihrer liebsten Rezepte.
G’SCHICHTLN UND ANGEBEREI
Schärfe wirkt prinzipiell Bakterien und Pilzen entgegen. Auch wird
der Kreislauf angeregt. Natürlich tritt bei Schärfe auch ein Gewöhnungseffekt
ein, aber „die ganze Idee, dass man es dann immer
schärfer bräuchte, scheint mir eher ein Resultat von G’schichtln,
Angeberei und Missverständnissen“, schmunzelt Herr Zhang-
Schmidt, der auch in diesem Zusammenhang nicht von einer Sucht
sprechen will. Ein Tipp zum Schluss: Experimentiert mit unterschiedlichen
Pfeffersorten. Es ist erstaunlich, wie sehr sie den Geschmack
der jeweilige Speisen verändern.
Zusätzliche
Infos:
Kochbuchhandlung und
Gewürzgeschäft Babette’s
Am Hof 13, 1010 Wien
Blog:
zhangschmidt.com
Fun
von
MARKO LOCATIN
82
Die wichtigsten
Sorten
im Überblick:
Schwarzer Pfeffer
unreif geerntet, fermentiert
und getrocknet; kräftig, scharf,
universell einsetzbar
Weißer Pfeffer
reif geerntet, Schale entfernt;
mild, durchdringend, ideal für helle
Saucen und Fisch
Grüner Pfeffer
unreif geerntet, gefriergetrocknet
oder in Lake; frisch, leicht fruchtig,
passt fein zu Fleisch
Roter Pfeffer
vollreif, schonend getrocknet;
selten, süßlich-fruchtig,
für exotische Gerichte
Tellicherry-Pfeffer
hochwertiger indischer Pfeffer,
großkörnig, besonders aromatisch
Kampot-Pfeffer
Spezialität aus Kambodscha,
komplexes Aroma, sehr geschätzt
FOTO AUDSHULE / stocksy.com
Szechuan-Pfeffer
wertvoll, doch im botanischen Sinne
kein echter Pfeffer; zitronig-frisch,
leicht betäubende Schärfe;
passt zu Wok-Gerichten und
ist im Doppel mit Chili die Basis
diverser Ma-La-Gerichte
83 Fun
CACIO E PEPE
Für 4 Portionen. Zubereitungszeit: ca. 15 Minuten
Rezept: © Martina Hohenlohes Kochsalon
Zutaten
○
○
○
○
500 g Spaghetti
160 g Parmigiano Reggiano
(optional: zur Hälfte Pecorino Romano,
idealerweise 48 Monate gereift)
1 EL schwarze Pfefferkörner Kampot
(optional: Tasmanischer Bergpfeffer)
Salz für das Kochwasser
Zubereitung
1
2
3
4
5
Spaghetti in reichlich Salzwasser al
dente kochen. Etwas Kochwasser
aufbewahren.
Käse fein reiben und mit ca. 4 EL
Pastawasser zu einer cremigen Masse
verrühren.
Pfefferkörner grob mörsern und in
einer Pfanne ohne Öl anrösten, bis
sie duften. Mit etwas Pastawasser
ablöschen.
Spaghetti hinzufügen, gut durchschwenken
und die Käsecreme
unterrühren. Falls nötig, noch etwas
Kochwasser zugeben, bis eine cremige
Sauce entsteht.
Auf Tellern anrichten und mit frisch
gemahlenem Pfeffer bestreuen.
HUHN MA-LA
Für 2 bis 3 Portionen. Zubereitungszeit: ca. 20 Minuten
Rezept: Gerald Zhang-Schmidt
Zutaten
○
○
○
○
250 g Hühnerbrust, in max. 1 cm große
Stücke geschnitten
5 EL Öl (z. B. Erdnussöl)
1 TL Sichuan-Pfeffer (Menge je nach
Qualität und gewünschter Intensität)
1 TL Pixian Doubanjiang (fermentierte
Chilibohnenpaste) oder 1 bis 2
frische rote Chilis
Zubereitung
1
2
3
4
Öl im Wok erhitzen. Den Sichuan
Pfeffer ca. 2 Minuten rösten, bis er
aromatisch ist. Dann mit einem Löffel
wieder herausnehmen.
Pixian Doubanjiang ins Öl geben, kurz
anrösten und gut einrühren, damit
sich die Aromen entfalten.
Hühnerfleisch zugeben und kräftig
anbraten, bis es durchgegart und
leicht gebräunt ist.
Sofort servieren.
VARIATIONEN
☺
☺
MIT FRISCHEM CHILI
Gehackte rote Chili zusammen mit
dem Fleisch anbraten – wird mitgegessen
und sorgt für direkte
Schärfe.
MIT GETROCKNETEN CHILIS
Eine großzügige Menge getrocknete
rote Chilis mitbraten. Sie würzen das
Öl, werden aber in der Regel nicht
mitgegessen.
FOTOS Davide Illini / stocksy.com, ALLEKO / istockphoto.com
84
SIMACEK
VIELFALT LEBEN –
CHANCEN SCHAFFEN
PRAXISBEISPIELE AUS DEM
ALLTAG
KARRIERECHANCEN DURCH
DIE SIMACEK AKADEMIE
Mit der hauseigenen, Ö-Cert zertifizierten
Akademie bietet SIMACEK praxisnahe Aus-
und Weiter bildungen – von Sprachkursen
bis zu Führungstrainings. Die erworbenen
Qualifikationen sind anerkannt und eröffnen
Mitarbeitenden neue berufliche Perspektiven.
INTEGRATION HEISST FÜR UNS,
POTENZIALE ZU SEHEN –
NICHT HÜRDEN
Vielfalt ist gelebte Realität. Bei SIMACEK
arbeiten mehr als 4 000 Menschen aus
knapp 70 Nationen. Über 75 Prozent der
Belegschaft sind Frauen. Diese Vielfalt
bringt unterschiedliche Sprachen, Kulturen
und Erfahrungen zusammen – und macht
das Unternehmen stark. Damit das funktioniert,
setzt SIMACEK auf klare Werte:
Gleichbehandlung, Respekt und Fairness.
Ziel ist ein Arbeitsumfeld, in dem sich alle
Mitarbeitenden wohlfühlen und ihre Talente
entfalten können.
GLEICHBEHANDLUNG
ALS GRUNDSATZ
Chancengleichheit ist fest in der Unternehmenspolitik
verankert. Eine eigene Abteilung
sorgt dafür, dass Gleichbehandlung
nicht nur ein Leitbild, sondern gelebte
Praxis ist. Ob flexible Arbeitszeitmodelle,
verbindliche Richtlinien oder individuelle
Weiterbildungsangebote – SIMACEK
schafft Rahmenbedingungen, die allen Mitarbeitenden
gleiche Chancen eröffnen.
Diskriminierung hat keinen Platz, Vielfalt
wird als Stärke verstanden.
SPRACHFÖRDERUNG ALS SCHLÜSSEL
ZUR INTEGRATION
Seit 2010 können Mitarbeitende direkt am
Arbeitsplatz ihre Deutschkenntnisse verbessern.
Die mobile Sprachförderung baut
Barrieren ab und stärkt die Zusammenarbeit
im Team. Sprache wird so zum Türöffner
für berufliche und persönliche Entwicklung.
UNTERSTÜTZUNG IN HERAUS-
FORDERNDEN LEBENSSITUATIONEN
In Kooperation mit der Caritas stellt
SIMACEK eine kostenlose Sozial beratung
bereit. Ob bei Behörden gängen, Fragen
zur Kinderbetreuung oder in Krisenzeiten
– Mit arbeitende erhalten schnelle und unbürokratische
Hilfe.
VIELFALT ALS ERFOLGSFAKTOR
Unterschiedliche Blickwinkel fördern Kreativität,
Innovation und Flexibilität. Eine inklusive
Unternehmenskultur stärkt das Mit
einander und die Wettbewerbsfähigkeit.
Bei SIMACEK bedeutet Diversität nicht
Herausforderung, sondern Zukunftschance
– für das Unternehmen, für die Gesellschaft
und vor allem für die Menschen, die
hier arbeiten.
Alle Infos und offene Stellen:
simacek.com/jobs-karriere
Entgeltliche Einschaltung
85
SIMACEK
Advertorial
Die Elevator Boys
mit Luis Freitag,
Tim Schaecker und
Julien Brown.
Der Schauspieler André Lamoglia
wurde exklusiv von Pat porträtiert. Er ist bekannt aus
der Netflix-Serie ELITE, in der Rolle als Ivan.
INMilan
MIT PAT DOMINGO
Pat Domingo ist ein internationaler People- und Lifestyle-
Fotograf aus Wien. Er arbeitet hautnah mit Persönlichkeiten,
Prominenten und internationalen Marken wie Leica
oder Breitling, LV, BVLGARI und macht in jeder
Situation das beste Foto. Unterstützt wird er von seiner
Schwester Joy im Management. Die beiden sind ein eingeschworenes
Team: Joy kümmert sich um alles Organisatorische
und hält Pat den Rücken frei, damit er seine Kreativität
voll entfalten kann.
Britischer Schauspieler
Will Poulter
– aktuell bekannt aus der mehrfach
preisgekrönten Disney-Produktion
THE BEAR.
Fotostrecke
86
Die deutsche Persönlichkeit
Caro Daur
darf als OG der Influencer bei
einer Fashion Week nicht fehlen.
Pat und sie kennen sich
seit über einem Jahrzehnt.
Jean-Claude
Mpassy,
bekannt als
@newkissontheblog auf
Instagram. Er zählt zu den
erfolgreichsten deutschsprachigen
Fashion Digital
Creators und trägt das
heißbegehrte It-Piece
SUPER OCEAN von
Breitling.
PATS TIPPS für ein Wochenende in Mailand
FONDAZIONE PRADA
Ein Ort voller Inspiration. Nicht nur für Modeinteressierte.
Architektur und Kunst werden hier sehr hochwertig
kuratiert und präsentiert.
A SANTA LUCIA
Einfaches und sehr zentral gelegenes Restaurant.
Stets ein Pflichttermin während der Fashion Week –
nicht nur für Fashionistas, sondern auch für bekannte
Persönlichkeiten aus der Modewelt.
NAVIGLI (STADTVIERTEL IN MAILAND)
Den Stadtteil prägen seine Kanäle.
Auf jeder Kanalseite findet man gute Restaurants und Bars,
wo schnell neue Bekanntschaften gefunden sind.
MODEGESCHÄFT ANTONIOLI
Einer der besten Modestores für alle,
die angesagte Mode in Mailand suchen. Toll ausgewählte
Stücke von verschiedenen Marken treffen jeden
Geschmack – nicht nur für Fashion-Liebhaber ein
„Must-visit“, sondern auch bei internationalen
Stars bekannt.
Fotos Pat & Joy: Pius Martin. Alle anderen Fotos: Pat Domingo.
Im Juni fand die
„Milan Men’s Fashion Week“ statt:
20 Runway-Shows,
47 Präsentationen und unzählige
Events. Pat Domingo war mitten im
Geschehen und konnte einzigartige
Momente festhalten.
Amerikanischer Schauspieler
Giancarlo Esposito
– bekannt aus der Kultserie
BREAKING BAD oder aktuell aus der
Netflix-Serie THE RESIDENCE
als A. B. Wynter.
87 Fotostrecke
SICHER & SINNVOLL
Deine Lehre bei den Wiener Stadtwerken
Wien gilt als eine der lebenswertesten
Städte der Welt – und bietet jungen Menschen
viele Karrierechancen. Die Wiener
Stadtwerke sind einer der größten Lehrbetriebe
Österreichs und bieten eine erstklassige
Ausbildung mit Zukunftsperspektiven.
Ob Technik, IT, kaufmännische Berufe
oder Floristik – hier findet jede*r den passenden
Beruf.
Diesen Herbst starten bei den
Wiener Stadtwerken, zu denen unter anderem
die Wiener Linien, Wien Energie und
die Wiener Netze gehören, 235 neue Lehrlinge
in 20 verschiedenen Lehrberufen, darunter
erstmals der neue Lehrberuf Fernwärmetechnik,
der sich mit nach haltigen
Energielösungen befasst. Die Lehrpläne
werden regelmäßig an aktuelle Anforderungen
angepasst. Zudem haben 80 % der
Absolvent*innen beste Chancen auf eine
Übernahme in ein fixes Dienstverhältnis.
DEIN LEHRBERUF –
DEINE ZUKUNFT!
Von Elektrotechnik über IT bis hin zur
Steinmetzarbeit – die Wiener Stadtwerke
bieten vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten.
In drei modernen Lehr werkstätten erhalten
Lehrlinge eine praxisnahe Ausbildung auf
höchstem Niveau.
Deine Benefits als Lehrling
Gratis in Wien, Niederösterreich
und Burgenland unterwegs
Prämien für besondere
Leistungen
Vorbereitung auf die
Lehrabschlussprüfung
Exkursionen, Sprach reisen &
Wettbewerbe
Fitness- & Weiterbildungsangebote
MEHR ALS EINE LEHRE –
STARKE ZUSATZANGEBOTE
LEHRE MIT MATURA
Kostenlos & flexibel
während der Arbeitszeit
Jetzt bewerben und im
Herbst 2026 mit deiner Lehre
bei den Wiener Stadtwerken
starten!
Mehr Infos & Online-Bewerbung:
wienerstadtwerke.at/lehre
VERKÜRZTE LEHRE FÜR ERWACHSENE
Für Personen ab 18 Jahren in Kooperation mit
INKLUSIVE AUFNAHMETAGE
Chancengleichheit für Jugendliche
mit Unterstützungsbedarf
AMS & WAFF
Advertorial WIENER STADTWERKE
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Entgeltliche Einschaltung
WIEN DURCH DIE AUGEN
VON IRENA PEJČIĆ
Was hat dich nach Wien geführt?
Die Enge Vorarlbergs und der Wiener Schmäh. Im Ländle
fühlte ich mich konstant eingeengt. Wien bot mir Raum,
Anonymität, Neues.
Was bewunderst du an Wien?
Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Stadt. Ich bewundere,
wie viele verschiedene Welten und Kulturen
hier Seite an Seite frei atmen.
Was vermisst du in Wien?
Die geografische Lage lässt zu wünschen übrig, mir
fehlt das Meer vor der Haustür.
Was könnte sich Österreich von Bosnien abschauen?
„Komm rein, setz dich und trink einen
Kaffee!“ – die bosnische Leichtigkeit
der Begegnungen.
Irena Pejčić stellt Intimitäten dar, Geschichten
über Brüchiges, Unwiederbringliches,
Vergangenes. Ihre Ausdrucksformen sind Installationen,
Performances und Skulpturen.
Mehr unter irenapejcic.com
DIE GRAPHISCHE
Abendkolleg und Meister*innenschule
für Grafik- und Kommunikationsdesign.
Dort habe
ich gelernt, dass Kunst
mein Weg ist. „Land
of Mine“ begann
hier – leise,
im vierten
Jahr.
PORTRÄT © Jolly Schwarz
Interview von
DAMITA PRESSL
UMSPANNWERK SCHMELZ
Keine Geschichte,
nur eine Fassade. Brutalismus, roh.
Ich mag, dass es so dasteht –
ohne Erklärung.
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JUBILÄUMSWARTE
183 Stufen, laut
Falter, in den Wienerwald.
Oben der phänomenale
Blick. Der
Weg lohnt sich jedes
Mal.
CAFÉ KRIEMHILD
Die Zeit bleibt hier stehen.
Die Einrichtung trägt Spuren einer
anderen Epoche. Die Menschen auch.
Ich komme wegen beidem.
„Ich setze
mich dafür ein,
Hintergründe
zu beleuchten.“
Juan, Lichtmeister
Ein Mitarbeiter des ORF, der wie all seine Kolleginnen und Kollegen den Auftrag hat, mit einem
ausgewogenen Programm zu einer funktionierenden Gemeinschaft in Österreich beizutragen.
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