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Baumeister 11/2025

Krisen überwinden

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B11

BAU

November 2025

122. JAHRGANG

Das Architektur-

Magazin

MEISTER

Krisen

überwinden

4 194673 018502

11

D 18,50 €

A,L 20,95 €

CH 2 4 , 9 0 S F R


Krisen als

Katalysator

COVERFOTO: HAZILY LIGHT

TITELBILD Die Wand scheint

unüberwindlich, der Weg aufs

Dach mit der Holzleiter wird

auch noch von einem Lüftungskanal

blockiert. – Dieses Heft

plädiert dafür, Krisen in kleinen

Schritten anzugehen – idealerweise

mit minimalen Eingriffen.

Liebe Leserinnen, liebe

Leser! Krisen sind uns nicht

neu. Sie kommen regelmäßig

– mal laut, mal schleichend,

selten gelegen. Und

doch überrascht uns jede

aufs Neue. Vielleicht, weil

sie nicht nur unsere Planung stören, sondern unser Selbstbild.

Denn wer baut, denkt gerne langfristig. In Entwürfen,

Zeitachsen, Lebenszyklen. Krisen hingegen denken in

Brüchen. Sie scheren sich nicht um Pläne. Sie stellen Fragen,

wo wir Antworten geben wollten.

Aber genau darin liegt ihre Kraft. Denn Krisen sind nicht nur

Störungen – sie sind Übergänge. Zonen der Unsicherheit,

in denen das Alte nicht mehr funktioniert und das Neue noch

nicht stabil ist. Genau dort, in diesem wackligen Dazwischen,

beginnt die eigentliche Arbeit der Architektur. Nicht

das Aufräumen nach der Krise ist entscheidend – sondern

das Gestalten durch sie hindurch.

Resilienz ist das Stichwort, das derzeit so oft bemüht wird,

dass es fast seine Kraft verliert. Dabei meint es etwas

sehr Handfestes: die Fähigkeit, sich zu verändern, ohne den

Kern zu verlieren. Ohne an der Veränderung zu zerbrechen.

Das trifft auf Menschen ebenso zu wie auf Gebäude, Städte

oder Systeme. Resiliente Architektur fragt nicht nur: Wie

bleibe ich stehen, wenn es wackelt? Sondern auch: Wie

verändere ich mich, wenn die Welt es verlangt – und bleibe

dabei sinnvoll?

In der Psychologie ist Resilienz kein Zustand, sondern ein

Prozess. Kein Schutzschild, sondern eine Bewegung. Sie

entsteht nicht durch Vermeidung, sondern durch Auseinandersetzung.

Und genau das gilt auch für die Architektur:

Wer nur auf Beständigkeit setzt, verpasst die

Chance zur Erneuerung. Wer hingegen bereit ist, mit Unsicherheit

zu entwerfen – der schafft Räume, die nicht

nur funktionieren, sondern tragen. Auch dann, wenn alles

andere bröckelt.

Vielleicht müssen wir anfangen, Krisen nicht mehr als

Ausnahme zu sehen – sondern als Teil des Gestaltungsprozesses.

Nicht als Hindernis, sondern als Katalysator. Sie

zwingen uns, Dinge zu hinterfragen, Komplexität zu akzeptieren,

neue Wege zu gehen. Und ja – manchmal helfen

sie sogar, mutiger zu werden, als wir es uns in stabilen Zeiten

je zugetraut hätten.

Diese Ausgabe ist kein Dokument des Scheiterns. Sie ist eine

Sammlung von Antworten. Nicht alle perfekt. Aber alle

mit Haltung. Denn wer Krisen wirklich überwinden will,

muss mehr tun als weiterbauen. Er muss neu denken –

und manchmal auch neu hoffen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude mit dieser

Ausgabe und freue mich auf Ihre Kritik dazu.

Herzlichst,

Tobias Hager

Chefredakteur

t.hager@georg-media.de

03


II Ideen

Bauaufgaben für Menschen in Lebenskrisen wie Krank-

heit oder Obdachlosigkeit stellen die Architektur vor

Herausforderungen. Im besten Fall reagieren Gesundheits-

und Sozialbauten auf die Krisensituationen und bieten

gute räumliche Lösungen für den Notfall.

Position

Seite 36

Vom Containerschiff

zum Krankenhausschiff.

Modulbau

auf hoher See

10 Aufnahmezentrum für

Geflüchtete und Mediathek

James Baldwin in Paris

20 Hauptsitz „Ärzte ohne

Grenzen“ in Genf

28 Wohnheim für obdachlose

Frauen in Barcelona

42 Erweiterung des Sächsischen

Krankenhauses Altscherbitz

52 Bahnhofsmission

in Hamburg

09


S TANDORT

12bis rue Henri Ribière,

19. Arrondissement,

Paris

BAUHERR

Dcpa/Samo, DAC,

DSOL (Ville de Paris)

ARCHITEKTUR

Associer, Paris

atelierPhilippeMadec

TEAM ARCHITEKTUR

Philippe Madec (Projektarchitekt),

Projektleiter:

Yann Le Métayer, Estelle Nguyen,

Nathalie Dectot

LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

Mutabilis

TR AGW E R KSPL AN U N G, H L S,

KOSTENPLANUNG

Igrec Ingenierie

HOLZKONSTRUKTION

Gaujard technologies

WETTBEWERB

2018

FERTIGSTELLUNG

Juni 2024 /

April 2025

NUTZER

DAC (Ville de Paris),

Emmaüs et Singa

BAULEITUNG

Nicolas Miessner, Amàco, BETerre

AKUSTIK

Aab

„Glückliche

Genügsamkeit“

A R C H I T E K T U R

Associer

FOTOS

Pierre-Yves Brunaud

TEXT

Leonardo Lella

Eine seltene Kombination von Nutzungen erfüllt dieser

Umbau einer ehemaligen Hotelfachschule aus

den 1970ern in Paris. Unter dem Dach eines Aufnahmezentrums

für Geflüchtete ist auch die „Mediathek

James Baldwin“ untergebracht und verbindet so

die Anlaufstelle für Menschen in Not mit einer kulturellen

Einrichtung für das Quartier.

11


OBEN Auf der dem Platz abgewandten

Seite des zweigeschossigen

Riegels bieten sich attraktive

Freiräume für zwanglose

Treffen. Sie liegen ein halbes

Geschoss tiefer und vermitteln

dadurch auch ein wenig

Privatheit.

RECHTS In dem L-förmigen Bestandsbau

ist jetzt im fünfgeschossigen

Teil die Mediathek

James Baldwin untergebracht

und im den Platz flankierenden

niedrigeren Flügel das Haus

für Geflüchtete und Migranten.

Ein hölzernes „Scharnier“ verbindet

beide und setzt nicht

zuletzt ein städtebauliches

Signal.

12 B11 / 25 – KRISEN ÜBERWINDEN IMPULS IDEEN INSPIRATION


OBEN Das Gelände variiert auf

der Ostseite um ein halbes

Geschoss, dadurch entstehen

terrassierte Freiräume für verschiedene

Nutzungen. Der lose

hölzerne Sonnenschutzmantel

um das Scharnierbauwerk

besteht aus vorvergrauten Fichtenlatten,

Restbestände anderer

Baustellen.

UNTEN Die Situation vor der Umnutzung.Inmitten

der Wohnblöcke

im Pariser 19. Arrondissement stand

die ehemalige Hotelfachschule

lange Zeit leer. Der Bestand

wurde gereinigt, einige Fertigteilelemente

sowie viele der Betonplatten

wurden an anderer Stelle

wieder eingebaut.

FOTO UNTEN: VILLE DE PARIS

14 B11 / 25 – KRISEN ÜBERWINDEN IMPULS IDEEN INSPIRATION


Im Sommer 2016, auf dem Höhepunkt der damaligen Migrationskrise

in Europa, wurde das leerstehende Gebäude

der Hotelfachschule Jean-Quarré im 19. Pariser Arrondissement

von 1.300 Asylbewerbern besetzt. Seine Räumung

durch die Polizei einige Monate später wurde in den Medien

breit diskutiert und mit einem Versprechen verbunden:

Die besetzte Schule sollte in eine Notunterkunft für Migranten

umgewandelt werden. Dieses Versprechen wurde

zwar eingehalten, doch neun Jahre später hat die Stadt die

ehemalige Schule erneut umgewidmet. Das Gebäude beherbergt

nun zwei öffentliche Einrichtungen: die „Maison

des réfugiés“, ein Aufnahmezentrum mit der Aufgabe,

Menschen im Exil bei ihrer Integration zu unterstützen, sowie

die Mediathek James Baldwin, eine Stadtteilbibliothek

mit Schwerpunkt Feminismus, Ökologie und LGBTQIA+-

Themen.

Die neuen Einrichtungen liegen am Rand eines Hochhausviertels

– wie der ehemalige Schulbau selbst aus den

1970er-Jahren – und öffnet sich zu einer Fußgängerzone.

Entworfen wurden sie vom Architekturbüro Associer

von Philippe Madec. Madec ist ein ökologisch engagierter

Architekt und in Frankreich vor allem dafür bekannt,

dass er 2018 zusammen mit Alain Bornarel und Dominique

Gauzin-Müller das „Manifest für eine glückliche und

kreative Frugalität“ veröffentlicht hat, ein Werk, das die

Frage der Genügsamkeit und der nachhaltigen Entwicklung

in den Mittelpunkt der Debatte gestellt hat. Die Pariser

Mediathek kann als Demonstrationsobjekt der darin

vertretenen Ideen betrachtet werden. Denn bei der Planung

stand an erster Stelle die Einsparung natürlicher Ressourcen,

die sich in der Ertüchtigung der Stahlbetonkonstruktion

des Hochschulgebäudes niederschlägt. Außerdem

die Energieeinsparung, indem die Prinzipien der

Luftzirkulation und natürlichen Kühlung genutzt werden.

HÖLZERNES SCHARNIER

Das Tragwerk des Schulbaus, der aus zwei im rechten Winkel

zueinander positionierten Betongebäuden am Rand des

Grundstücks besteht, wurde erhalten, gereinigt, von Asbest

und überflüssigen Elementen befreit. Der Rückbau fiel

sehr selektiv aus: Betonplatten, Wände und Fassadenelemente

wurden herausgeschnitten, dann blieben die entfernten

Teile vor Ort, um im Projekt wiederverwendet zu

werden – insbesondere die 135 Platten, mit denen der

begrünte Vorplatz nach einem Entwurf der Landschaftsarchitekten

Mutabilis belegt wurde. „Das Gebäude ist zum

Steinbruch seiner eigenen Zukunft geworden”, fasst

Philippe Madec sein Vorhaben zusammen. Und er betont,

dass auch andere Bauteile von der Stadt, von der Sozialund

Solidarwirtschaft und von Privatpersonen übernommen

worden seien.

oder sogar dreifacher Höhe geschaffen werden sowie ein

begrünter Innenhof, der klimatisch eine Art Unterdruckkammer

bildet. All dies sorgt dafür, dass die warme

Luft nach oben gesaugt wird und kalte Luft durch die in die

Fensterrahmen integrierten Lamellen eindringen kann.

Während die Räume der ehemaligen Hochschule beheizt,

aber nicht klimatisiert sind, bleiben die des neu angebauten

Verbindungsgelenks unbeheizt und selbstverständlich auch

ohne Klimaanlage. Dieser markante, aus Holz konstruierte

bioklimatische Pufferraum verbindet als Scharnier die

verschiedenen Ebenen beider Bestandsbauten miteinander

und kann als Manifest der vom Architekten vertretenen

Prinzipien verstanden werden: Vorgefertigte Lehmbauwände

gewährleisten thermische Trägheit und eine gute

Feuchtigkeitsregulierung; seine Massivholzkonstruktion

reduziert seinen CO2-Fußabdruck erheblich. Er ist mit

einer Hülle aus Tausenden von kleinen Holzleisten verkleidet,

die als Sonnenschutzfilter dient und dem Bau inmitten

der Hochhäuser und Wohnblöcke des Viertels eine

besondere Präsenz verleiht.

DEM NAMENSPATRON VERPFLICHTET

Die Sparsamkeit hinderte die Planenden nicht daran, dem

Entwurf eine spielerische Note zu geben. Etwa durch

die abgerundeten Formen des Holzscharniers oder in der

Mediathek selbst, wo die Arbeitsplätze rund um die

Deckendurchbrüche angeordnet sind und sich die Nutzer

um einen großen Luftraum herum gegenübersitzen.

Die Maison des réfugiés dagegen bietet neu in Paris angekommenen

Geflüchteten die Möglichkeit, hier einer ganzen

Reihe von Aktivitäten nachzugehen: sich ausruhen,

Französisch lernen, kochen, sich über ihre Rechte informieren,

miteinander austauschen, an Veranstaltungen teilnehmen

und Unterstützung bei Behördengängen finden.

In einer Stadt, die wie alle ihre europäischen Pendants von

einer rasanten Gentrifizierung heimgesucht wird, sind

die Möglichkeiten, die der neue Komplex bietet, alles andere

als selbstverständlich. Sie sind Teil der sozialen und ökologischen

Politik, die seit 2014 von der sozialistischen

Bürgermeisterin der Hauptstadt verfolgt wird, die versucht,

neue Sozialwohnungen und -einrichtungen zu bauen, um

die soziale Segregation zu bekämpfen. Der für die neue Einrichtung

gewählte Name ist in diesem Zusammenhang

nicht unbedeutend. Denn der amerikanische Autor, Dichter

und Essayist James Baldwin (1924 bis 1987) ist ein berühmter

Flüchtling; entsetzt über den Rassismus und die

Homophobie im Amerika der 1940er-Jahre, verließ er 1948

sein Land und ließ sich in Paris nieder, wo er den Rest

seines Lebens verbrachte.

Neben der Verwertung der Baustellenabfälle konnten

durch die Erhaltung des Tragwerks Räume mit doppelter

WEITER

15


Vom Containerschiff

zum Krankenhausschiff.

Modulbau

auf hoher See

I N T E R V I E W

Sabine Schneider

Nickl & Partner Architekten haben ein einzigartiges

Projekt umgesetzt: Ehemalige Containerschiffe

werden zu schwimmenden Krankenhäusern umgebaut.

Wir sprachen mit dem verantwortlichen

Architekten Magnus Nickl über die Entstehung dieses

Auftrags, die besonderen Herausforderungen und

die Zukunft modularer Gesundheitseinrichtungen.

VISUALISIERUNG: WWH WORLDWIDE HOSPITALS UND VAMED

36 B11 / 25 – KRISEN ÜBERWINDEN IMPULS IDEEN INSPIRATION


BAUMEISTER Herr Nickl, wie kommt ein Architekturbüro

zum Auftrag für ein Krankenhausschiff?

MAGNUS NICKL Zufall spielte eine große Rolle.

Eines Tages erhielten wir einen Anruf von

einem Hamburger Investor mit der Anfrage,

ob wir Interesse hätten, ein modulares

Bauprojekt umzusetzen. Da wir bereits viel

Erfahrung mit modularem Bauen gesammelt

hatten, signalisierten wir sofort

Interesse. Kurz darauf präsentierten wir

dem Investor unter anderem unser Projekt

„Pocket Hospital“, das sind kleine, modulare

Gesundheitszentren für die rund

17.000 indonesischen Inseln. Besonders die

enge Verzahnung von Betriebsorganisationsplanung,

Architektur und speziellem

Know-how im Modulbau hat offenbar Eindruck

gemacht.

Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir allerdings

noch nicht, dass der neue Auftrag auf einem

Schiff stattfinden würde. Das erfuhren

wir erst nach Vertragsunterzeichnung 2019.

Dieses Kick-off-Meeting fand nicht etwa

an Land statt, sondern auf der „SunAid X“,

einem der sieben Schwesterschiffe, die

wir später zu Krankenhausschiffen umbauen

sollten. Sie können sich vorstellen, dass wir

erstmal große Augen gemacht haben! Beim

Rückflug war unserer damaligen Projektleiterin

und mir ziemlich mulmig zumute –

aus Respekt vor dem, was da auf uns zukam.

und bis zum Ende durchgestanden haben.

Besonders die Zusammenarbeit mit den Fachleuten

der Schiffsplanung und die strengen

regulatorischen Rahmenbedingungen

im Schiffsbau haben uns wirklich gefordert.

Aber nun blicken wir nach vorn: Die ersten

Schiffe sind in einer chinesischen Werft

fertig umgebaut, als Nächstes folgt die Installation

der Helikopterlandeplätze in Norwegen.

Die Module, die später den Großteil

der Krankenhausfläche bilden, sind in der

eigenen WWH-Fabrik in Spanien ebenfalls

bereits fertiggestellt. Sobald die Helipads

auf dem obersten Deck montiert sind, werden

diese Module auf die Schiffe verladen. Wenn

keine unerwarteten Schwierigkeiten auftreten,

können wir schon bald die Fertigstellung

des ersten Krankenhausschiffs feiern.

BAUMEISTER Wie sieht ein solches Krankenhausschiff

denn im Detail aus?

MAGNUS NICKL Ein modulares Krankenhausschiff

kombiniert ein umgebautes Frachtschiff

als Plattform mit darauf verankerten

Krankenhausmodulen. Wichtig zu wissen:

Patientinnen und Patienten werden nur

versorgt, wenn das Schiff im Hafen liegt oder

vor Anker geht; während der Fahrt wird

niemand behandelt, dann ist lediglich die

Crew an Bord. Nun aber zum Auf bau selbst:

Im Grunde besteht das Krankenhausschiff

aus zwei Elementen, dem Schiff als Trägerplattform

und den darauf platzierten Modulen.

Zunächst waren wir also „nur“ als Planer

für die Betriebsorganisation und die architektonischen

Layouts an Bord; ab Sommer

2020 übernahmen wir dann die Rolle des

Generalplaners für den gesamten medizinischen

Bereich des Schiffs. 2021 folgte die

Gründung eines gemeinsamen Joint Ventures,

der Pocket Hospital Switzerland AG.

Danach entstand die Firma Worldwide

Hospitals (WWH), deren Auf bau ich begleiten

durfte.

BAUMEISTER Sind Sie heute glücklich über diesen

Projektverlauf?

MAGNUS NICKL Im Nachhinein zeigt dieses

Projekt, wie wichtig glückliche Zufälle im

Leben sein können. Rückblickend unterstreicht

es auch die oft beschworene Innovationskraft

unseres Büros: dass wir ein

solches Projekt überhaupt angenommen

Bei dem Schiff – genauer gesagt bei den

sieben baugleichen Schiffen – handelt es sich

um ehemals normale Containerschiffe,

sogenannte „Feeder“ mit etwa 129 Metern

Länge und 20 Metern Breite. Um sie als

Krankenhäuser nutzen zu können, waren

tiefgreifende Umbauten nötig. Im Bauch

wurden drei neue Vollgeschosse eingezogen:

Auf Deck –3 befinden sich Personalbereiche,

etwa Umkleiden und Schlafräume für den

Bereitschaftsdienst. Auf Deck –2 liegen die

Notaufnahme und die Radiologie mit CT

und Röntgen. Für Notfallpatienten haben

wir auf beiden Seiten des Schiffs sogenannte

Shell-Doors eingebaut, also große seitliche

Klappen, die sich öffnen lassen, um

direkt Patienten aufzunehmen. Dazu muss

das Schiff vor Anker oder die Kaimauer

im Hafen auf passender Höhe liegen. Auf

Deck –1 sind Untersuchungs- und Behandlungsräume,

Personal-Restaurant mit

WEITER

37


S TANDORT

Leipziger Straße 59,

Schkeuditz

BAU H E RR

Freistaat Sachsen,

vertreten durch

das Sächsische Staatsministerium

der Finanzen,

vertreten durch

den Staatsbetrieb Sächsisches

Immobilien

und Baumanagement,

Niederlassung Leipzig II

ARCH I TE K T U R

Schulz und Schulz Architekten

GmbH, Leipzig

Ansgar Schulz, Benedikt Schulz,

MITARBEIT

Anna Haberland,

Bodo Roßberg, Anne Gelhaar,

Charlotte Reh, Eberhard Rühl,

Christian Wischalla,

Felix Haunstein, Karsten Liebner,

Jörg Fritzsche, Stephan Seiler,

Tim Hanke,

Michael Schoener,

Max Wasserkampf

TRAGWERKSPLANUNG/BAUPHYSIK

Büro für Baustatik Förtsch, Leipzig

HLS-PLANUNG

Planungsbüro Haustechnik,

D. Quellmalz, Schkeuditz

AKUSTIK

goritzka akustik, Ingenieurbüro

für Schall & Schwingungstechnik,

Leipzig

BR ANDSCH U T Z

BCL Brandschutz Consult

Ingenieurgesellschaft Leipzig

M E D I Z I N TE CH N I K

IFG Ingenieurbüro für

Gesundheitswesen,

Leipzig

F R E IANL AG E N

Landschaftsarchitekturbüro

Volker von Gagern,

Dresden

WETTBEWERB

2014, 1. Preis

FERTIGSTELLUNG

April 2024

Therapiefaktor

Wohlfühl-Ambiente

A R C H I T E K T U R

Schulz und Schulz Architekten

FOTOS

Gustav Willeit; Albrecht Voss

TEXT

Falk Jaeger

Wie gelingt es, ein historisches „Siechenasyl“ in eine

angenehmere Heilstätte zu verwandeln? Bei der

Erweiterung des Sächsischen Krankenhauses

Altscherbitz ist es geglückt. Die Architekten haben das

Sozialpsychiatrische, Psychotherapeutische

Behandlungszentrum geschickt um einen freundlichen,

alles verbindenden Flachbau ergänzt.

43


Zwei der drei Altbauten sind

bereits sorgfältig saniert. Der neue

Flachbau optimiert die Abläufe

und schafft Klarheit in der Organisation:

Die Architekten betonen,

dass die bestehende Substanz nur

dadurch ihre gleichrangige

Bedeutung gegenüber dem Neubau

behält, was eine zentrale

Voraussetzung für ihren Erhalt und

ihre sinnvolle Weiternutzung sei.

Zwei Ziele mögen im

Königreich Sachsen 1876

der Grund gewesen sein,

warum man die „Provinzial

Irren Anstalt“ auf dem

Gelände des Ritterguts Alt-

Scherbitz weit vor den

Toren Leipzigs errichtet

hat. Psychisch Kranke wurden

pauschal diskriminiert

und eher ausgegrenzt denn als Teil der Gesellschaft gesehen.

Das „Siechenasyl“ hatte man so auch gerne etwas

abseits außerhalb des Blickfelds platziert. Andererseits galt

der Standort auf dem Land fern dem Trubel der Stadt und

im Grünen als der Heilung zuträglich. Letzteres ist noch

heute ein therapeutischer Faktor, und so ging es bei der

Baumaßnahme am Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz,

wie die Einrichtung heute heißt, auch darum, das Naturerlebnis

für den Genesungsprozess der psychisch Kranken

nutzbar zu machen.

H I STORISCHE PAVILLONANORDNUNG

IM PARK

Die Gesamtanlage entstand in den 1880er-Jahren nach den

neuesten Erkenntnissen des Krankenhausbaus, wie er

sich in Berlin nach 1865 entwickelt hatte. In einem Pavillonsystem

wurden Krankensäle, Behandlungsgebäude und

WEITER

47


Viel Liebe zum Detail zeigt

sich beim Ausbau im neuen

Riegel als auch bei der Renovierung

der Bestandsbauten

wie hier im Treppenhaus.

Die Patientenzimmer profitieren

vom direkten Blick ins

Grüne und einem ebenerdigen

Bezug zur Umgebung.

48 B11 / 25 – KRISEN ÜBERWINDEN IMPULS IDEEN INSPIRATION


Personalhäuser in einer fast barocken Gebäudekonstellation

nach einem symmetrischen Lageplan in parkartiger

Umgebung angeordnet. Auch die architektonische Ausgestaltung

mit Backsteinbauten in klassizierenden Formen

entsprach dem Berliner Vorbild, bis hin zur Ornamentierung

durch Farbwechsel bei den Ziegelfarben gemäß der

Berliner Schule in der Schinkel-Nachfolge um Martin

Gropius und Hermann Blankenstein.

Ein 2014 vom Staatsbetrieb Sächsische Immobilien und

Baumanagement ausgeschriebener Architektenwettbewerb

für das Sozialpsychiatrische, Psychotherapeutische Behandlungszentrum

stellte die Aufgabe, zwei spiegelgleiche,

1880 als „Siechenasyl“ für unheilbar kranke Männer und

Frauen errichtete Backsteinbauten, zwischen denen in der

Symmetrieachse ein zugehöriges „Beamtenhaus“ stand,

zu sanieren, für die neue Funktion umzuwidmen und durch

einen Ergänzungsbau organisatorisch zusammenzubinden.

ALLES VERBINDENDE LÖSUNG

Was durch die Ausschreibung nahelag – und alle Wettbewerbskonkurrenten

geplant haben –, nämlich einen

mehrgeschossigen Neubau in das Achsenkreuz zu stellen

und damit die drei Bestandsbauten zusammenzubinden,

wollte den Architekten Schulz und Schulz nicht

gefallen, weil der Neubau das Ensemble der unter Denkmalschutz

stehenden attraktiven Altbauten allzu sehr

dominiert hätte. Sie gewannen den Wettbewerb mit ihrer

Lösung, einen sehr langen, flachen, lediglich eingeschossigen

Trakt zwischen die Bestandsbauten zu legen, der

diese miteinander verbindet. Der Grundriss des Neubaus reflektiert

die Altbauten und fügt sich derart stimmig im

Lageplan ein, dass man meinen könnte, es handle sich um

den bauzeitlichen Gesamtplan. Und obgleich er flachgedeckt

ist, fügt sich der Neubau in Dimension und Anmutung

ganz unaufgeregt in die Kulisse der historischen

Krankenhausanlage ein.

VIEL TAGESLICHT UND GUTE ORIENTIERUNG

Denn so wenig wie die äußere Erscheinung lässt das Innere

an eine Krankenanstalt denken. Farben und Materialien,

die raumhohen Holzpaneele, die farbig gestreiften Ziegelwände

der Altbauten, die zu Innenwänden im Neubau

wurden, die qualitätvollen Holzfenster, überhaupt der

handwerklich hochwertig erscheinende Ausbau erzeugen

eine ruhige, harmonische Stimmung und zeugen von

Zuwendung und Respekt den Bewohnern gegenüber. So

haben die Architekten versucht, eine angenehme Wohnsituation

zu schaffen, die den psychisch labilen oder

in Rekonvaleszenz lebenden Bewohnern Normalität vermittelt.

Die Bewohner können sich in Privatheit zurückziehen oder

in Gemeinschaftsräumen in soziale Kontakte treten.

Sport, Ergo-, Bewegungs- und Tanztherapie stehen in den

Bestandsbauten zur Verfügung, auch Patientenküchen

zum gemeinschaftlichen Kochen oder zur Selbstversorgung.

In einem „Snoezelen-Raum“ kann man sich bei angenehmen

Klang-, Farb- und Lichteffekten in bequemer

Liegelandschaft entspannen und sich geborgen fühlen.

Statt einen aseptischen Neubau hinzuzufügen, haben die

Architekten den sympathischen Anmutungscharakter der

historischen Backsteinbauten aufgenommen, um ein

Wohlfühl-Ambiente für die hier wohnenden Kranken zu

schaffen, das ihre Genesung unterstützen kann. Und

ganz nebenbei haben sie mit der bruchlosen Einbindung des

selbstbewussten Neubaus in ein historisches Ensemble

mustergültige denkmalpflegerische Arbeit abgeliefert.

Dennoch wirkt der Neubautrakt aufgrund seiner deutlich

dunkleren Ziegelfassaden und seiner kantigeren Kubatur

nicht anpasslerisch oder gar historisierend. Nur der zentrale

Risalit an der Nordseite mit verhaltener Repräsentanz

zeigt, dass hier der Haupteingang mit dem Zugang zum

gesamten Ensemble zu finden ist. Beiderseits der kleinen

Eingangshalle liegen Therapie- und Funktionsräume, in der

Mittelachse der Zugang zum Erdgeschoss des Beamtenhauses

mit dem Empfang für Außenstehende, dem Sekretariat

und dem Psychologischen Dienst.

Die beiden langgestreckten Flügel des 175 Meter langen

Neubaus sind den Wohnräumen für die Patienten vorbehalten.

Seitenwechsel, knappe Vor- und Rücksprünge sowie

zwei geländebedingte Höhensprünge sorgen dafür, dass

bei dem einhüftig erschlossenen Neubau keine endlos lang

erscheinenden „Krankenhausflure“ entstehen.

WEITER

49


Bücher

Neuerscheinungen

B A U K U L T U R M I T B E S T A N D .

G E D A N K E N Ü B E R E I N E N D R I N G E N D

NOTWENDIGEN PARADIGMEN-

WECHSEL IM DENKEN,

P L A N E N U N D M I T E I N A N D E R D E S

W E I T E R B A U E N S

Falls Sie sich schon mal gefragt haben, wie

ein Buch in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie

aussehen könnte: wahrscheinlich

wie Stefan Kuraths Büchlein über

Planungskultur. „Erst in der Überwindung

der Planungskrise kann den aktuellen Klima-,

Ressourcen-, Biodiversitäts- und Wohnungskrisen

planerisch nachhaltig begegnet

werden.“ So seine Analyse der Ausgangssituation.

Der Schweizer Architekt, Urbanist

und Hochschullehrer sieht das Grundproblem

der Planung darin, dass die Gesellschaft

ihr nicht Folge leistet. Das wiederum sei nicht

die Schuld der Gesellschaft, sondern jene

der Planenden mit ihren falschen Annahmen.

Denn Planung sei kein linearer Prozess –

alle Beteiligten beeinflussen sie und ihre

Ergebnisse. Krise, das ist in Kuraths Definition

der aktuelle Zustand immerwährender

Debatten und scheinbarer Lösungsansätze

wie jüngst die Digitalisierung, ohne dass sich

tatsächlich was bewegt. Das Zauberwort zur

Bewältigung heißt für ihn Wirksamkeit.

Zur Unruhe beim Lesen des Büchleins tragen

allerdings unzählige Absätze bei, teilweise

einen Halbsatz lang, die man sonst nur von

Social-Media-Postings kennt – wohl bewusst

ein Kontrapunkt zur sonst oft schwer verdaulichen

Fachliteratur. Kurath führt damit

entlang von Bruchlinien zwischen Gesellschaftsdynamiken,

baukulturellen Ansprüchen

und Planungsprozessen, deren Fazit

er in zwölf Erkenntnissen sammelt: etwa

„Verantwortung übernehmen“ oder „Ohne

Idee keine Allianz“. Es stellt sich heraus: Der

Autor bleibt manche Antwort schuldig, die

man dann wohl bei sich selbst suchen muss.

Wer grundlegende Denkimpulse zum Thema

Krisen und Planung braucht, ist bei dieser

Lektüre gut aufgehoben. Stefan Kurath

schafft es, mit seinem Buch eine Art Gesprächsszenario

zu konstruieren, in dem er

sich, ganz Professor, Zeit nimmt, um uns die

Welt zu erklären. Denken muss man dabei

aber schon noch selbst.

Text: Ramona Kraxner

Von Stefan Kurath.

Buchgestaltung:

Wessinger und Peng,

Stuttgart.

Broschiert, 112 Seiten,

14,8 × 21 cm,

25 Euro

Triest-Verlag

Zürich 2025

ISBN 978-3-03863-086-9

GRÜNE DÄCHER. GESCHICHTE,

P L A N U N G , G E S T A L T U N G

Es kann gar nicht genug gute Beispiele dafür

geben: Gründächer fördern bekanntlich

die Biodiversität, mindern Hitzeinseln, werden

Schwammstadt-Bausteine, Stromkraftwerke

und sind nicht zuletzt auch wertvolle

begehbare Grünräume. Der Projektatlas

stellt 16 Dachbegrünungen mit und ohne

Solarnutzungen vorwiegend in Basel und

Zürich im Detail vor. Schnittzeichnungen erklären

den Aufbau jedes Dachs; eine thematische

Skala dient dem systematischen

Vergleich. Der Band basiert auf wissenschaftlichen

Arbeiten der Forschungsgruppe

Stadtökologie der Zürcher Hochschule für

Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und

wurde von ihr begleitet. Das Kompendium

ergänzt auch ein Blick in die Geschichte der

Dachbegrünung.

Herausgegeben von

der ZHAW / Stephan Brenneisen

Texte: Jonas Frei

Gestaltung: Upset in Zusammenarbeit

mit Valentin Hindermann.

Broschiert, 160 Seiten

mit zahlreichen Fotos und Plänen,

19 × 27 cm, 49 Euro

Edition Hochparterre,

Zürich 2025

ISBN 978-3-909928-98-9

64 B11 / 25 – KRISEN ÜBERWINDEN IMPULS IDEEN INSPIRATION


FOTO: MICHAEL WESELY

B I L D E R Ü B E R B I L D E R .

8 0 J A H R E

K R I E G S E N D E .

BERLIN 1945 – 2025

Die Vergangenheit vergegenwärtigen

– das ist einer

Fotoausstellung kürzlich

in Berlin eindrucksvoll

gelungen. Der Fotokünstler

Michael Wesely hat sich aufgemacht, die

Stadt von exakt den gleichen Standpunkten

aus zu dokumentieren, an denen Fotografen

wie Hein Gorny oder Martin Badekow in

den Jahren 1945/46 im kriegszerstörten Berlin

standen. Wesely hat die Aufnahmen

zusammengeführt, und so entstehen hochdifferenzierte

Langzeitbelichtungen in

die Vergangenheit, unter denen unsere

Gegenwart durchschimmert. Den Katalog

zur Ausstellung gibt es als Sonderedition

in limitierter Auflage, die vom Fotografen

nummeriert und signiert ist. Durch die

Schweizer Bindung mit offenem Rücken lassen

sich alle Seiten auf 180 Grad plan öffnen,

so dass alle Abbildungen wie Bildtafeln

betrachtet werden können.

Michael Wesely (Fotos),

Christian Posthofen (Text)

96 Seiten mit 54 Abbildungen

Broschiert, 29,5 x 23,5 cm, 88 Euro

Wasmuth Verlag

Berlin 2025

ISBN 978-3-8030-3417-5

65

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