PIPER Reader Frühjahr 2026
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DER
REA
DER
FRÜHJAHR 2026
ANNE STERN
GISA PAULY
PETER WOHLLEBEN
JUDITH HOERSCH
ANDREA STOLL
ROBERT LÖHR
ANNE BEREST
BETTINA TIETJEN
JENNY COLGAN
ANJA GMEINWIESER
DR. AMIR LEVINE
LEA SINGER
A. T. QURESHI
LUKAS MI-SA
NGU YEN EGGER
URSULA SCHRÖDER
JOHANNA ROTH
SILVI CARLSSON
NICOLA FÖRG
LIEBE
LESERIN,
LIEBER
LESER,
Nachahmung ist bekanntlich die aufrichtigste Form
der Schmeichelei. Insofern fühlen wir uns durchaus
gebauchpinselt von der Nachricht, dass inzwischen
auch andere Verlage Hefte mit Hintergrundinformationen
zu ihren Büchern herausbringen. Dennoch
möchten wir an dieser Stelle in aller Bescheidenheit
darauf hinweisen: Was Sie in Händen halten, ist das
Original. In diesem Sinne: Herzlich willkommen zur
fünfzehnten Ausgabe des Piper Readers!
Es gibt immer viele gute Gründe, sich aufs Frühjahr
zu freuen – längere Tage, steigende Temperaturen,
die Leipziger Buchmesse. Für mich aber sind unsere
neuen Bücher Vorfreudebooster Nummer 1, und das
gilt diesmal ganz besonders. Denn wie Sie auf den
kommenden Seiten erleben werden, ähneln unsere
Frühjahrsprogramme einer Blumenwiese: Einmal
entdeckt, will man alle lesen. Wollte man es auf einen
Nenner bringen, könnte man sagen: Bei uns dreht sich
heuer alles um Beziehungen, sowohl in der Belletristik
wie im Sachbuch. Der einzigartige Peter Wohlleben
bringt uns in seinem großen neuen Buch die kleinsten,
aber wichtigsten Wesen unseres Planeten nahe,
nämlich die Bakterien, ohne die wir nicht existieren
könnten. Der amerikanische Psychiater Amir Levine
erklärt, wie wir Menschen untereinander Beziehungen
eingehen können, die zum emotionalen Gleichgewicht
beitragen. Und zum hundertsten Geburtstag
unserer Hausautorin Ingeborg Bachmann zeigt ihre
Biografin Andrea Stoll die Dichterin im Licht bislang
unergründeter Konstellationen.
Anne Stern lädt in »Die weiße Nacht« in eine Zeit ein,
die uns gerade heute viel zu sagen hat. Der erste Fall
für Lou und König, ihr so ungewöhnliches wie widerwilliges
Ermittlergespann, spielt im bitterkalten
Nachkriegswinter des Jahres 1946, und die Frage, wo
jemand in den Jahren zuvor stand, schwebt über allen
Begegnungen. In »Oberammergau« sind es Glaube
und Furcht, die ein ganzes Dorf zusammenschweißen,
um trotz immenser Widerstände einem Gelübde
Folge zu leisten und ein Passionsspiel auf die Beine zu
stellen. Robert Löhr hat aus dem historischen Stoff
ein ungemein modernes Lehrstück über die Chancen
und Risiken jeglicher Gemeinschaft gemacht.
Die Kombination aus Sylt und italienischem Temperament
ist seit zwanzig Jahren umwerfend bellissimo:
Wir feiern Gisa Pauly und ihre legendäre Mamma
Carlotta, und auf alle Fans der Reihe wartet zum
Jubiläum ein besonders vertrackter Fall.
Viel Freude mit dem Piper Reader und mit unseren
neuen Büchern!
INHALT
ANNE STERN
DIE WEISSE NACHT
GISA PAULY
20 JAHRE MAMMA CARLOTTA!
PETER WOHLLEBEN
BAKTERIEN – DIE HEIMLICHEN
HELDEN
JUDITH HOERSCH
NIEMANDS TÖCHTER
ANDREA STOLL
»ZWEI MENSCHEN SIND IN MIR«
ROBERT LÖHR
OBERAMMERGAU
ANNE BEREST
VATERTAGE
BETTINA TIETJEN
TIETJEN SUCHT DAS WEITE
JENNY COLGAN
SOMMER FÜHLT SICH AN WIE ZUHAUSE
04
14
18
24
32
38
46
56
62
ANJA GMEINWIESER
WIR KÖNIGINNEN
DR. AMIR LEVINE
SECURE. DER SCHLÜSSEL ZU
ECHTER VERBUNDENHEIT
LEA SINGER
EINE FRAGE DES FORMATS
A. T. QURESHI
THE BABY DRAGON CAFÉ
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
VIELLEICHT IM SOMMER
URSULA SCHRÖDER
SCHUTZ IN KRISENZEITEN
JOHANNA ROTH
THIS IS AMERICA – IS THIS AMERICA?
SILVI CARLSSON
GOOD GIRL EXIT
NICOLA FÖRG
LANDWISSEN!
66
74
82
90
94
100
106
110
114
EVERLOVE 120 VORSCHAU 122
4
ANNE STERN
DIE WEISSE NACHT
ANNE STERN
DIE
WEISSE
NACHT
DER AUFTAKT DER GROSSEN KRIMISERIE
ZUR STUNDE NULL
Berlin, im Hungerwinter 1946:
Eine Stadt in Trümmern.
Eine junge Fotografin auf Motivsuche.
Ein rastloser Kriminalkommissar mit einem Geheimnis.
Eine Ermittlung, die in die finstere Vergangenheit führt.
6
ANNE STERN
INTERVIEW
INTERVIEW
Liebe Anne, Du bist in Berlin aufgewachsen
und lebst immer noch dort. War das der
Hauptgrund dafür, die Lou & König-Reihe
in Berlin spielen zu lassen?
Meine Heimatstadt Berlin hat eine absolut faszinierende
Geschichte voller Brüche und Neuanfänge, und
ich mag das Temperament dieser Stadt – eine Mischung
aus schroffer Berliner Schnauze, Widerständigkeit
und einem entspannten Achselzucken allen
Widrigkeiten zum Trotz. Berlin mit allen Licht- und
Schattenseiten wird immer wieder der Motor sein, der
mich zum Erzählen bringt.
Du bist bekannt geworden durch den großen
Erfolg Deiner Reihe um »Fräulein Gold«.
Inwiefern unterscheidet sie sich von der Lou
& König-Reihe und warum war es Dir wichtig,
diese neue Reihe zu entwickeln?
In »Fräulein Gold« erzähle ich den Weg in die Diktatur
in einem Ton, der zwischen Melancholie und
Heiterkeit changiert – eben dieser flirrende Ton, der
die Zwanzigerjahre prägte. Ich habe mich aber zunehmend
gefragt, wie ich als Schriftstellerin das »Danach«
erzählen könnte. Die Antwort darauf ist meine neue
»Lou & König«-Reihe. Nach der sogenannten Stunde
Null 1945 steht vermeintlich alles auf Anfang, die
Vergangenheit lastet aber schwer auf den Menschen.
Dafür brauchte ich einen anderen, etwas härteren Erzählton,
der auch dem Krimi-Genre gerecht wird.
Wer war zuerst da, Lou oder König?
Lou Faber und ihre Kamera waren zuerst da. Die
Fotografin Lou schafft mit ihren Bildern Sinn und
Ordnung in einer Welt im Chaos. Sie ist außerdem das
Auge für Kommissar Alfred König, der seines im Krieg
verloren hat. König muss den Mordfall aufklären, aber
erst mit der Hilfe von Lou kann er das Rätsel lösen und
wird auch als Mensch wieder ein Stück weit ganz.
Und wer steht Dir näher?
Alle meine Figuren sind mir gleich nah, denn ich habe
sie erschaffen. Sie sind alle auf irgendeine Weise ein
Splitter von mir selbst. Manche verstehe ich besser
oder schneller als andere, manche muss ich lange suchen.
Einige sehe ich besonders deutlich vor mir, als
würden sie vor mir stehen und mir die Hand reichen,
andere sind schüchtern. Aber sie kommen alle von mir
und sind mir gleich wichtig.
Wie kommst Du auf die Verbrechen, die zu
Kriminalfällen werden, in denen König
ermittelt?
Das ist ein langer Prozess vom Suchen und Finden. Es
ist wie eine Wanderung, bei der man am Anfang zwar
ungefähr weiß, wohin man möchte, bei der aber der
Weg selbst noch im Dunkeln liegt. So ist es bei allen
Geschichten, die ich schreibe, egal, ob es ein Krimi ist
oder nicht. Auch der Mörder offenbart sich mir nicht
ganz am Anfang. Ähnlich wie meine Ermittler finde
ich zu Beginn eine Leiche und gehe dann auf die Suche,
bis ich verstanden habe, wie alles zusammenhängt.
Wie hast Du Dir ein Bild von der Situation in
Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkriegs
gemacht?
Wir haben sehr gute und präzise Quellen zu dieser
Zeit, es gibt Tagebuchaufzeichnungen, Tonfilme,
Unmengen Fotografien und sehr gute Sekundärliteratur
von Historiker:innen. Ich bin ein visueller Typ
und muss alles wie im Film vor mir sehen, darum sind
mir besonders Bildquellen sehr wichtig. Ich habe aber
auch in den Archiven der Polizeihistorischen Sammlung
in Berlin ganze Aktenordner durchgewälzt,
in denen schreibmaschinengetippte Berichte der
Kriminalpolizei jedes Verbrechen dieser Jahre nach
1945 akribisch dokumentieren.
Wie ist das Verhältnis von Recherche und
Konzeption zum Schreibvorgang?
Eine gute Recherche ist nötig, um den Nährboden für
die Geschichte zu bereiten. Erst auf dieser Grundlage
kann die Fiktion entstehen. Man sollte im historischen
Roman aber nicht in Versuchung geraten, um
jeden Preis die »Wahrheit« erzählen zu wollen, denn
7
ANNE STERN
INTERVIEW
Wirklichkeit und Erfindung gehen im Roman eine
wichtige und wunderbare Allianz ein. Idealerweise
kann man am Ende der Geschichte als Autorin gar
nicht mehr sagen, was »wahr« oder was »erfunden« ist.
Während des Schreibens recherchiere ich dann immer
weiter an der Erzählung entlang, um noch weitere
wichtige Details zu finden und die Zeit lebendig
werden zu lassen.
War es mühsam, sich mit dem Wiederaufbau
der Institutionen, der kommunalen Verwaltung
und des Polizeiapparats zu beschäftigen?
Es war sehr viel Arbeit, aber nicht mühsam. Da ich als
Historikerin von jedem neuen Fund begeistert bin, ist
diese Arbeit auch gleichzeitig ein Vergnügen. Es ist
wie ein Puzzle, und je mehr Teile ich zusammentrage,
je klarer das Bild wird, desto mehr Freude habe ich
beim Schreiben. Ich habe schon als Kind sehr gern
Rätsel gelöst, und diese Leidenschaft hilft mir in meinem
Beruf sehr.
Wie wichtig ist der politische Konflikt
zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion
für den weiteren Verlauf der Reihe?
Dieser Konflikt ist prägend für meine ganze Romanreihe.
Die Entwicklung Berlins nach 1945 hängt in
hohem Maße von der raschen Zuspitzung des Kalten
Krieges ab, und die Teilung der Berliner Kripo, die
schon ab 1946 beginnt, nimmt die Teilung Berlins
1948 auf der Ebene des Polizeiapparats bereits sehr
früh vorweg. Die gespaltene Stadt ist ein Pulverfass,
in dem politische Ideologien, Spionage, Korruption
und der Ehrgeiz einzelner Akteur:innen kräftig mitmischen
– eine ideale Ausgangssituation für einen
spannenden Krimi.
Welche Erkenntnis aus der Zeit nach 1945 hat
Dich besonders überrascht?
Wie wahnsinnig schnell die Allianz der Siegermächte
auseinanderbricht! Im Grunde enden die Gemeinsamkeiten
der West-Alliierten und der Sowjetunion
bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach dem
gemeinsamen Sieg über Nazideutschland. Die ideologischen
Gräben zwischen den Mächten waren von
Anfang an unüberwindbar, und die Folgen wird meine
Romanserie im Detail erzählen.
Lou ist eine Fotografin mit einem ganz besonderen
Blick für die Dinge und Menschen und einer
ganz eigenen Perspektive. Kannst Du gut fotografieren
und was fotografierst Du am liebsten?
Ich kann leider nicht gut fotografieren, aber ich kann
mir vorstellen, wie es ist, gut fotografieren zu können.
Imagination ist alles, und man kann auf jedem Gebiet
Expertin werden, wenn man sich nur intensiv genug
damit beschäftigt. Auf dem Papier bin ich Gärtnerin,
Konditorin, Geigenbauerin, Hebamme, Detektivin
und Fotografin, in Wahrheit kann ich nur Romane
schreiben. Und ähnlich wie eine Fotografin richte ich
beim Schreiben meinen Fokus auf etwas, das es wert
ist, gesehen zu werden, und ordne auf diese Weise die
Welt neu – nur eben mit Worten.
Was tust Du am liebsten, wenn Du nicht
schreibst?
Natürlich Lesen. Spazierengehen und gut essen. Musik
machen und Singen. Aufs Meer sehen. Meinen Kindern
alle meine früheren Lieblingsbücher vorlesen und
sie mit ihnen gemeinsam noch einmal entdecken.
Wie ist Dein Verhältnis zu Abgabeterminen
und Deadlines?
Sie sind eine Notwendigkeit meines Berufs und ich
habe keine Angst vor ihnen. Ich komme aus dem Selfpublishing
und habe ein recht sportliches Verhältnis
zum Schreiben. Manchmal mag ich es sogar, unter
Zeitdruck zu arbeiten und auf diese Weise in einen
Flow zu kommen. Wie immer ist eine Deadline im
Notfall aber verhandelbar.
Du hast ein sicheres Angestelltenverhältnis
verlassen, um freie Künstlerin zu werden.
Welche Rolle spielt Freiheit in Deinem Leben
und wann fühlst Du Dich tatsächlich frei?
Freiheit ist für mich das wichtigste Motiv in meinem
Leben. Die Freiheit, ohne Angst und ohne Not leben zu
dürfen. Die Freiheit, als Frau über meinen Körper und
meinen Weg entscheiden zu dürfen. Jeden Tag das zu tun,
was mir Freude bereitet, jede Geschichte so zu erzählen,
wie ich es möchte, weil ich ahne, dass sie meine Leser:innen
erreichen und bewegen wird. Das ist ein unglaublicher
Luxus, und es gibt keinen Morgen, an dem ich nicht
mit diesem Wissen aufwache und mich darüber freue.
8
ANNE STERN
LESEPROBE
LESEPROBE
Dezember 1946
Die tief verschneite Welt sah durch den Sucher von
Lous Kamera kleiner und größer zugleich aus. Kleiner,
weil der Blick der Leica einen Splitter aus der Unendlichkeit
brach und das Chaos der Trümmerlandschaften
in einem sauber umgrenzten Viereck bannte.
Größer, weil nun jedes Detail bloßlag. Das silberne
Chewinggumpapier, zusammengeknüllt und achtlos
zwischen die Steinbrocken geworfen, auf denen
eine dünne Eisschicht schimmerte. Der Puppenarm
aus bemalter Emaille, der nach einer Detonation von
seinem Rumpf gerissen und bis hierher geschleudert
worden war. Die hingekritzelten Namen auf der Tür,
die noch unversehrt im Mauerstück schwebte, aber
nirgendwo mehr hinführte als in einen unbewohnbaren
Krater. Überall die weißen Kreidebuchstaben –
Peter Kranz sucht Leonore und Dietlind, zuletzt
wohnhaft bei Frau Jelena Korsak, Südstern. Friederike
Zörbel lebt bei Giselhers, Bethaniendamm 26, Kellergeschoss.
Erich Siebert wohnt jetzt im Wedding, zu finden
bei Familie Jäger in der Ackerstraße.
Fast alle Mauern in der Stadt waren von solchen Suchanzeigen
aus Kreideschrift überzogen. Lou waren die
Namen längst vertraut. Mehr als ein Jahr lang war sie
durchs zerstörte Berlin geirrt und hatte sie alle gelesen
wie ein endloses Gedicht, das man auswendig kannte
und immer wieder hersagte. Sie war besessen von der
Idee gewesen, unter den vielen Namen diesen einen zu
finden, der ihr die Erlösung brachte.
Doch sosehr sie auch suchte – sie fand ihn nicht.
Wieder sah Lou durch den Sucher, drückte auf den
Auslöser, zog auf, drückte erneut ab, zog auf, knipste.
Endlich hatte sie genug, drehte das kleine silberne
Objektiv ein und richtete sich auf. Ihre Kamera verschloss
das Bild sicher im Gedächtnis aus Zelluloid.
Über den Trümmern wölbte sich der Morgenhimmel.
Ein rostroter Nebel hing in der Winterluft, zerschnitten
von den mächtigen Mauern der Ruinen. Die
Sonne ging gerade auf, flimmerte fahlgelb von Osten
hinter den zerbröckelnden Resten der Heilig-Kreuz-
Kirche am Blücherplatz hervor, streifte die Friedhöfe
und schob sich höher, um diesen verwüsteten Planeten
zu beleuchten. Es war kurz vor acht Uhr. Die
Strukturen der Stadt waren kaum mehr zu erkennen.
Es gab keine Straßen mehr, nur Schneisen zwischen
Dünen aus weißem Gestein. Berlin, sagte man, lag
neuerdings am Meer. Lou hob die Kamera, besah sich
den Himmel durch den Sucher und ließ den Apparat
wieder sinken. Das Bild hatte sie schon zu oft in diesem
Winter geschossen. Sie war jeden Morgen früh
unterwegs und beobachtete das Schauspiel der Farben
über sich, wenn ein neuer Tag erwachte. Rostrot,
Zartrosa, Grellorange. Woher nur nahm der Himmel
täglich wieder den Mut zu derart verschwenderischer
Schönheit?
Sie trampelte im Schnee, um ihre Zehen aufzuwärmen.
Die Stiefel hatte sie im vorletzten Sommer einem deutschen
Soldaten abgenommen, der an einer Laterne
in ihrer Straße gehangen hatte. Mit einem Schild um
den Hals, er sei ein Verräter und habe den Tod bekommen,
den jede Ratte verdiene. Seitdem waren die
derben Stiefel mit den Metallkappen ein Teil von ihr
geworden. Um die Füße gewickelt trug sie darin selbst
gehäkelte Lappen, die halfen einigermaßen gegen die
Kälte. Bruno hatte ihr den Rat gegeben und sogar
Wollgarn auf Sonderbezugsmarken aufgetrieben. Er
hatte sich die Idee mit den Lappen bei den Russen
abgeschaut. Sie schützten besser vor Erfrierungen als
Strümpfe und hatten der sowjetischen Armee einen
entscheidenden Vorteil während der Weichseloffensive
gebracht Hier und da bemerkte Lou noch andere
Frühaufsteher, die durch die Trümmer liefen und
vorsichtig über das vereiste Geröll stiegen. Die Stadt
erwachte und mit ihr die Notwendigkeit, Brennholz
zu finden, etwas Essbares aufzutreiben oder auch
nur, sich zu bewegen, um warm zu werden. Oder die
paar Lebensmittelmarken, die man vom Magistrat
erhielt, in den beinahe leeren Geschäften gegen Brot
und Margarine einzutauschen. Ein paar Vorräte oder
armselige Geschenke für das bevorstehende Weihnachtsfest
zu hamstern. Und diesen Tag irgendwie zu
überstehen.
Es waren minus zwölf Grad, hatte das Thermometer
«
9
ANNE STERN
LESEPROBE
mit der gesprungenen Glashaube gesagt, das zu Hause
am Chamissoplatz Nummer sieben an der vereisten
Fensterluke in ihrer Schlafkammer hing. Die Leute
hatten sich, genau wie Lou, Tücher und Schals um
den Kopf gebunden oder ihre Mützen tief ins Gesicht
gezogen. Einige Glückliche trugen Fäustlinge, noch
Glücklichere hatten Handkarren dabei, um gefundene
Schätze darauf abzuladen. Allerdings waren die
Trümmer anderthalb Jahre nach Kriegsende weitgehend
abgegrast, man fand kaum noch Brauchbares
darin.
Lou fror in dem alten Mantel, dessen mürbe Wollfasern
nicht mehr dichthielten. Der Atem stand weiß
vor ihrem Mund. Die Narbe an ihrer Unterlippe,
wo die Haut in Plötzensee von einem treffsicheren
Schlagring aufgerissen worden war, schmerzte in der
Kälte des Dezembermorgens. Eine getigerte Katze
huschte durch den Schnee, schmiegte den Kopf an
Lous Schienbein, und gedankenverloren bückte sie
sich und strich dem Tier mit einer Hand übers Fell,
ehe es wieder davonlief.
Sie hatte es nicht eilig. Später wollte sie auf dem
Schwarzmarkt am Mehringplatz ein Pfund Kartoffeln
auftreiben oder an der alten Markthalle im Bergmannkiez,
dort konnte sie manchmal auch Brunos
Muckefuck ergattern, der schon wieder zur Neige
ging. Wenn er das heiße Getränk schlürfte, klarten
seine Augen auf, und seine oft wirren und ziellosen
Sätze fügten sich. Das waren die guten Momente am
Chamissoplatz. Der frühe Morgen gehörte nur Lou
und ihrer Leica. Im ersten Friedenssommer hatten
sie sämtliche Fotoapparate abliefern müssen. Wer
heimlich ein Gerät zurückbehielt, konnte erschossen
werden. Auch Lous altgediente Kodak Baby Brownie
war konfisziert worden. Etwas später hatte sie die
kleine Sucherkamera mit dem versenkbaren Objektiv
von Eddie White geschenkt bekommen. Ihrem Beschützer,
wie die alte Seydlitz aus der ersten Etage ihn
hämisch genannt hatte. Lou hatte es überhört. Eddie
White war eine Notwendigkeit gewesen, kein Grund,
sich zu schämen. Und nun war er wieder fort und kaum
mehr als eine blasse Erinnerung. Sie kniff ein Auge
zusammen und sah durch den Sucher. Vor ihr krallte
sich eine eisüberzogene Flechte an einen Riss im
Mauerwerk. Ein Zeichen verzweifelten Widerstands
angesichts drohender Zerstörung. Das Bild gefiel ihr.
»Sie war jeden Morgen früh
unterwegs und beobachtete
das Schauspiel der Farben
über sich, wenn ein neuer
Tag erwachte. Rostrot,
Zartrosa, Grellorange.
Woher nur nahm der
Himmel täglich wieder
den Mut zu derart
verschwenderischer
Schönheit?«
10
ANNE STERN
LESEPROBE
Sie ging einen Schritt näher und hob den Apparat
noch dichter vors Gesicht. Gerade wollte sie wieder
auf den Auslöser drücken, da fuhr sie zusammen
und ließ die Kamera sinken. Noch einmal guckte sie
dorthin, wo die Brandmauer des Hauses in zwei große
Hälften zerborsten war. Von ihrem Standpunkt
aus konnte man durch einen Spalt sehen, hinter dem
sich die Reste eines verschneiten Hinterhofs auftaten.
Oben starrten die Fensterhöhlen leer und ohne Glas
in den frühen Morgen. Unten im Schnee, unberührt,
vollkommen reglos, von einem Mauerrest halb verborgen,
lag etwas.
***
»Der weiße Tod, so nannte
man es, wenn jemand in
diesem Winter erfror, und
täglich wurden es mehr.«
Die Frage war nicht, ob, sondern nur, woran man
am Ende krepierte. Am Hunger, an der Kälte oder
an beidem gleichzeitig. König ging im Dienstzimmer
des neu ernannten Polizeipräsidiums Elsässer Straße
in Mitte auf und ab und starrte unwillig auf die Eisblumen
am Fenster. Der weiße Tod, so nannte man
es, wenn jemand in diesem Winter erfror, und täglich
wurden es mehr. All die Toten waren Teil der Stadt,
in der sie einmal gelebt hatten, und in den Mauern
der Ruinen flüsterten ihre Stimmen. Der Unterschied
war nur, dass der Tod jetzt langsamer kam. Er holte
sie im Schlaf, all die Erfrorenen dieses Winters, die
Kranken, die Kinder, die Greise, die Hungernden. Er
machte kein Getöse mehr, der Tod, er war genügsamer
geworden, bescheiden fast. König schlug den Mantelkragen
hoch und schob sein schmales Kinn tiefer
hinein. Es war kein Uniformmantel – die waren rar
und hatten noch immer die Farben der Wehrmacht –,
sondern ein schweres, wildledernes Ungetüm aus
längst vergangenen Tagen, das ihm hoffnungslos zu
weit war. Die Missstände betrafen die gesamte Ausrüstung
der Kripo, es gab keine neuen Uniformen,
sondern nur umgefärbte Restbestände der früheren
Polizeibataillone. Dann also lieber dieser alte Mantel.
Wie hatte es in einem Schreiben des Sektorenassistenten
zum dürftigen Zustand der Polizeikleidung
geheißen – fehlende Wintermäntel sind durch schneidige
Haltung zu ersetzen!
König hätte beinahe laut aufgelacht. Zu ihm passten
eher leichte, weiche Gewebe wie Kaschmir, Seide oder
Perlon, aber was sollte man machen? Und schneidig …
11
ANNE STERN
LESEPROBE
nun, heute war er einfach dürr, wie die meisten ehrlichen
Teufel in der Stadt. Eine Speckschicht konnten
sich nur noch Betrüger leisten.
Wieder betrachtete er die Eisblumen und die weißlich-graue
Welt dahinter, die sich vor den Fenstern
der provisorischen Kripozentrale ausbreitete. Sein
Magen knurrte. Das Frühstück hatte aus einer Tasse
Ersatzkaffee und einem Margarinebrot bestanden,
dünn gekratzt. Und zum Mittagessen, das erst in vier
Stunden fällig war, würde es zwei Kartoffeln mit etwas
gekochtem Kohl geben, die er für gewöhnlich kalt
und ohne Besteck aus einer Blechbüchse am Schreibtisch
aß. Er fantasierte von Rippchen und Prinzessbohnen
und einem guten Schluck Whisky zum nahen
Weihnachtsfest.
»Wer heute noch lebt, ist selber schuld«, hatte ein alter
Mann in der schwankenden Untergrundbahn der
Nordsüdlinie zu ihm gesagt, nachdem er herzhaft auf
den Boden vor Königs Füße gespuckt hatte, »Bomben
sind schließlich genug gefallen.« Das meckernde Lachen
des Kerls und das Geräusch, als er sich von seinem
eigenen Witz begeistert auf die Schenkel hieb, hatten
König den ganzen Weg in sein Amtszimmer verfolgt.
Um sich warm zu halten, lief er Slalom um die Aktenstapel,
die auf dem tintenfleckigen Boden standen. Man
hatte sie bergeweise mit Militärlastwagen vom Alexanderplatz
hergefahren und im ehemaligen Israelitischen
Krankenheim in der Elsässer Straße in der Nähe vom
Oranienburger Tor aufgetürmt, das jetzt mitsamt den
früheren Bettensälen und Operationsräumen als behelfsmäßiges
Polizeipräsidium diente Nun staubten die
Akten in Stapeln auf dem Linoleumfußboden, auf alten
Operationstischen und Liegen, in den Korridoren und
ehemaligen Krankenzimmern vor sich hin. Niemand
hatte die Zeit und die Kraft, sie in Regale einzusortieren.
Täglich wurden neue Befehle in dieser Stadt ausgegeben,
die zu viele Herren hatte. Die Sowjets und die anderen
drei Siegermächte beäugten einander eifersüchtig
wie beim Tauziehen. Niemand wusste, wo in diesem
Chaos etwas zu finden sein sollte. Namen, Karteieinträge,
Fotografien, Fingerabdrücke der schwersten Verbrechen
in der Geschichte der Stadt schmolzen zu nutzlosen
Klumpen und Haufen zusammen, und durch die
schmutzige Vergangenheit des kriminellen Berlins ging
ein tiefer Schnitt, der neunzehnhundertfünfundvierzig
hieß. Kriegsende. Tabula rasa. Stunde null.
»Die Narbe an ihrer
Unterlippe, wo die Haut
in Plötzensee von einem
treffsicheren Schlagring
aufgerissen worden war,
schmerzte in der Kälte des
Dezembermorgens.«
12
ANNE STERN
LESEPROBE
»Vor ihr krallte sich
eine eisüberzogene
Flechte an einen Riss
im Mauerwerk. Ein
Zeichen verzweifelten
Widerstands angesichts
drohender
Zerstörung. Das Bild
gefiel ihr.
König schob sich widerwillig die schwarze Augenklappe
zurecht. Sein Glasauge lag zu Hause. Er vermied
das Tragen dieses Folterinstruments, wenn er
konnte, denn es drückte höllisch in der Höhle. Obwohl
es schon ein paar Jahre her war, dass ein wütender
Aufseher im Zuchthaus Brandenburg- Görden
die Kontrolle verloren und ihm den fatalen Schlag
aufs linke Auge verpasst hatte, konnte er sich nicht
an die Prothese gewöhnen. Sein Kopf fühlte sich vom
Hunger viel zu leicht an, er stützte sich auf den klobigen
Schreibtisch, den irgendjemand in den Trümmern
gefunden und hereingeschleppt hatte, um das
Dienstzimmer des frischgebackenen Kriminalkommissars
Alfred König zu möblieren. Alles war Provisorium,
alles halb kaputt, besudelt oder nutzlos. Ein
Überbleibsel wie König selbst. Zögernd verebbte der
Schwindel, und automatisch griff König in die Brusttasche
zu den Lucky Strikes, ehe er die Hand wieder
zurückzog. Für drei Zigaretten gab es auf dem
Schwarzmarkt diese Woche ein Viertelpfund Kaffee
oder eine kleine Speckseite, und er durfte das Geld
nicht achtlos verrauchen.
Trotzdem holte er eine Zigarette aus seiner Westentasche,
hielt sie sich unter die Nase und sog den süßlichen
Duft nach Tabak tief ein. Mit übermenschlichem
Willen steckte er sie wieder weg, setzte sich an den
Schreibtisch und schlug die Akte auf. Später, sagte
er sich. Immerhin hatte er schon weit Schlimmeres
überstanden. Ein kurzes Stakkato hämmerte an seine
Tür, dann wurde sie aufgerissen.
***
Das, was dort reglos im Schnee lag, schien ein
Mensch zu sein. Lou ließ die Leica sinken und
machte vorsichtig ein paar Schritte durch den Schutt
in Richtung des Hofs – bereit, sofort zu verschwinden.
Sie würde sich in nichts hineinziehen lassen.
Leute wurden auf den Straßen wegen Lappalien
verhaftet und man sah sie nie wieder. Angeblich kamen
sie nach Sachsenhausen, ein ehemaliges Konzentrationslager
im Norden Berlins, das die Sowjets
jetzt weiter nutzten. Dort pferchten sie unliebsame
Gegner, aber auch Unschuldige zusammen und verschleppten
sie an einen unbekannten Ort. Auch
wenn es unvernünftig war – sie musste nachsehen,
warum dort jemand lag. Lou war beinahe sicher,
dass dieser Mensch tot war. Niemand würde bei
solcher Kälte freiwillig regungslos im Schnee liegen
bleiben. Sie lugte zwischen den Mauerteilen hindurch
in das, was einst der Hinterhof des Hauses
gewesen war. Neben einer Teppichklopfstange, deren
verbogenes Querrohr in den rosaroten Himmel
ragte, lag der Körper, und sie konnte erkennen, dass
es eine Frau war. Es war still hinter der zerborstenen
Brandmauer. Aus dem flammenden Himmel fiel seit
ein paar Minuten graupeliger Schnee und benetzte
das Tuch, das sie sich über dem Mantel zusätzlich
um die Schultern geschlungen hatte. Die Leica
mit der ledernen Ummantelung lag gefügig in ihrer
Hand. Etwas zog sie weiter voran. Lou schloss die
eiskalten Finger fester um das genoppte Leder und
machte einen Schritt. Und noch einen. Ihre Stiefelkappen
deuteten direkt auf den Körper im Schnee.
Dieser Ort war durch die hohe Mauer halbwegs
abgeschirmt von den Ruinen weiter vorn und auch
von den Straßenresten nicht einsehbar. Es war ein
ideales Versteck für etwas, das nicht sofort gefunden
werden sollte. Aber sicher hatte derjenige, der
es hergebracht hatte, gewollt, dass man es fand. Es?
Sie. Lou fiel das Luftholen schwer. Hatte sie Angst?
Es war nicht der scharfe Wind dieses Wintermorgens,
der ihr die Atemluft von den Lippen fortriss.
Sie sah entschlossen nach unten und betrachtete das
Ding vor sich. Ding, dachte sie, kein Mensch mehr.
Nichts deutete darauf hin, dass diese Frau bis vor
Kurzem noch geatmet und geträumt hatte. Alles
Leben war fort. Ihre Haut war aschfahl, ja wächsern,
ihre Lippen blutleer. Dennoch hatte die Szene
etwas Friedliches. Der Kopf der Frau lag zur Seite
gedreht, ihre Augen waren geschlossen. Langes
schwarzes Haar kringelte sich darum.
Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz.
Lou konnte die Augen nicht abwenden. Sie rang noch
immer nach Luft, ihr Herz raste, als sei sie gerannt,
doch sie nahm die Leica, zog sie auf, hob sie vors Gesicht,
sah durch den Sucher, fokussierte und drückte
den Auslöser.
Es machte klick, unnatürlich laut wie eine Explosion,
und ein paar Raben, die sich auf der zerborstenen
Teppichstange niedergelassen hatten, flatterten auf.
Klick. Aufziehen. Klick. Aufziehen. Klick.
voraussichtlich
09.
JAN
2026
ANNE STERN
DIE WEISSE NACHT
Der erste Fall für Lou & König
Hardcover mit Schutzumschlag
400 Seiten
25,00 € (D) 25,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07461-2
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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
14
GISA PAULY
20 JAHRE MAMMA CARLOTTA!
GISA PAULY
JAHRE
Mamma
Carlotta!
15
GISA PAULY
INTERVIEW
INTERVIEW
mit der Autorin und ihrer Protagonistin
Liebe Frau Pauly, haben Sie vielen Dank,
dass Sie und Frau Capella sich die Zeit für ein
Interview nehmen! Wir bekommen Sie ja sehr
selten gemeinsam zu sprechen.
Frau Capella, beginnen wir mit Ihnen. Vielen
sind Sie nur als Mamma Carlotta bekannt,
welche Anrede bevorzugen Sie?
Carlotta Capella: Mamma Carlotta klingt sehr nett.
Ich mag diese Anrede!
Inzwischen waren Sie schon unzählige Male
auf Sylt. Hätten Sie je gedacht, dass aus Ihrem
ersten Besuch eine so lange und abenteuerliche
Geschichte wird?
No! Als Signora Pauly mir mit dieser Idee kam, habe
ich sie ausgelacht. Aber da sie es unbedingt wollte,
habe ich dann doch zugestimmt. Sie wissen ja, etwas
Neues reizt mich immer.
Frau Pauly, wie kam Ihnen damals die Idee,
eine italienische Signora als Ermittlerin auf
Sylt einzusetzen?
Gisa Pauly: Ich habe Mamma Carlotta gesehen!
Also … eine Frau, die so aussieht wie sie. Das war
in Umbrien, in der Nähe von Città di Castello. Eine
Signora, die mir so gut gefiel, weil sie Temperament
und Herzenswärme gleichzeitig ausstrahlte, eine
Mamma und Nonna einerseits, eine anziehende
Frau andererseits. Diese Mischung hat mich neugierig
gemacht. Bei Mamma Carlotta muss man immer
mit allem rechnen, das gefällt mir. Man könnte auch
sagen: Sie ist mit allen Wassern gewaschen.
Mamma Carlotta, gibt es einen Fall, der Ihnen
besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ganz besonders aufregend fand ich den fünften Fall,
als auf der Insel ein Film gedreht wurde und ich eine
Komparsenrolle bekam. Dio mio! Was haben mich
meine Nachbarinnen beneidet!
Frau Pauly, ist es Ihnen schon passiert, dass
Sie im Alltag an Mamma Carlotta denken
und sich fragen, was sie in einer bestimmten
Situation wohl tun würde?
In der Küche kann das passieren. Ich bin keine so
exzellente Köchin wie Mamma Carlotta. Da könnte
ich häufig ihren Rat gebrauchen. Wenn sie nicht bei
mir ist, überlege ich manchmal, was sie tun würde.
Sie gehört ja mittlerweile zu meinem Leben, begleitet
mich nun schon seit 20 Jahren!
Mamma Carlotta, sind Sie manchmal eifersüchtig,
wenn Ihre Autorin anderen Figuren
mehr Aufmerksamkeit schenkt?
No, no! Signora Pauly vergisst ja nie, dass ich die
Hauptperson bin. Bei aller Bescheidenheit – mir gefällt
es, Hauptperson zu sein!
Frau Pauly, steckt in Mamma Carlotta vielleicht
auch ein bisschen von Ihnen selbst?
(Mamma Carlotta lässt Frau Pauly nicht zu Wort
kommen.)
Io und Signora Pauly? No! Sie ist eine Autrice, die
den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und schreibt,
selten mit anderen Leuten redet, keine Zeit zum
Kochen hat und immer nur denkt.
So stimmt das nun auch nicht … Aber die Signora
hat schon recht, wir sind sehr verschieden. Vielleicht
verstehen wir uns gerade deshalb so gut.
Mamma Carlotta, gibt es etwas, das Sie Ihrer
Autorin schon immer einmal sagen wollten?
Sì! Sie könnte mich attraktiver machen. So hübsch,
dass ich den Syltern den Kopf verdrehe.
Das habe ich doch längst! Tove, der Wirt von Käptens
Kajüte, hat schon durchblicken lassen, dass er
an Ihnen interessiert ist. Und Signor Muratoni, der
Sizilianer, der neben Käptens Kajüte sein Restaurant
aufgemacht hat, ist hin und weg von Ihnen.
16
GISA PAULY
INTERVIEW
Sie hätte immer
Gelegenheit gehabt, sich
aus der Affäre zu
ziehen. Aber sie tut
es nie, weil sie in
Wirklichkeit
nämlich das
Abenteuer liebt.
Frau Pauly, gibt es Eigenschaften von
Mamma Carlotta, die Sie selbst gern hätten –
oder vielleicht Marotten, auf die Sie verzichten
würden?
Ihre Zufriedenheit mit ihrem Leben, die bewundere
ich. Sie beklagt sich nie über das, was sie nicht hat,
ist immer glücklich mit dem, was sie bekommt. Das
imponiert mir, daran arbeite ich, seit ich Mamma
Carlotta kenne. Ihre Neugier und dass sie sich überall
einmischt … das muss nicht unbedingt sein.
Io? Curiosa? Ma no! Und einmischen tu ich mich
nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Manchmal
braucht mein Schwiegersohn eben ein bisschen Hilfe
bei seinen Ermittlungen … Aber natürlich nur so
viel, dass er es nicht merkt.
Mamma Carlotta, wie fühlt es sich an, dass
Ihr Leben und Ihre Abenteuer von jemand
anderem bestimmt werden? Und haben Sie
manchmal das Bedürfnis, Ihrer Autorin ins
Handwerk zu pfuschen?
Das passiert ja nur auf Sylt. In meinem Dorf mache
ich, was ich will. Da lasse ich Signora Pauly nicht
mitmischen. Aber auf Sylt tanze ich ganz gern nach
ihrer Pfeife. Sie hat ja auch manchmal verrückte
Ideen! Durch sie erlebe ich viel, das gefällt mir.
Frau Pauly, lassen Sie sich manchmal von
Mamma Carlotta überreden, Dinge anders
zu schreiben, als Sie es ursprünglich geplant
hatten?
Ja, gelegentlich durchaus. Manchmal sagt Mamma
Carlotta mir, dass eine andere Reaktion logischer
ist, und dann glaube ich ihr und folge ihrem Rat. Es
kommt übrigens öfter vor, dass Figuren sich anders
entwickeln, als man das vorher geplant hat. Und
manchmal eben auch bei Mamma Carlotta.
Mamma Carlotta, haben Sie Ihrer Autorin
schon einmal einen ihrer Pläne übelgenommen?
Gibt es eine Szene oder ein Kapitel, bei
dem Sie am liebsten gesagt hätten: »No, das
mache ich nicht!«?
Sì! (Sie wirf Signora Pauly einen giftigen Blick zu.)
In dem Buch Vogelkoje gab es eine sehr unangenehme
Szene für mich, die ich Signora Pauly noch immer
übelnehme. Da musste ich mich von Tove Griess,
dem schmuddeligen Wirt von Käptens Kajüte, küssen
lassen. Allora … er ist zwar mein Freund, aber so
nahe wollte ich ihm trotzdem nicht kommen. Aber
es ging um die Sache, so musste ich es auf mich nehmen.
Dio mio! Das war terribile!
Frau Pauly, hatten Sie manchmal Mitleid mit
Ihrer Heldin, wenn Sie ihr wieder einmal ein
besonders turbulentes Abenteuer zugemutet
haben?
Noch nie! Sie hätte immer Gelegenheit gehabt, sich
aus der Affäre zu ziehen. Aber sie tut es nie, weil
sie in Wirklichkeit nämlich das Abenteuer liebt. Da
ist es nur gerecht, wenn ich dafür sorge, dass sie in
irgendeinen Schlamassel gerät.
Mamma Carlotta, was würden Sie tun, wenn
Frau Pauly Sie plötzlich in ein anderes Genre
schreiben würde, zum Beispiel in einen
Thriller oder Liebesroman?
Thriller? No! Das ist mir zu blutrünstig, zu aufregend,
zu düster. Ein Liebesroman würde mir schon
eher gefallen. Natürlich dürfte nicht ich es sein, die
sich verliebt, dazu bin ich zu alt. Aber vielleicht
meine Enkelin Carolina? Ich würde dann sehr
gerne dafür sorgen, dass es zu einem Happy End
kommt. Natürlich nur, wenn es ein netter junger
Mann ist.
Frau Pauly, gibt es etwas, das Sie Ihrer Figur
Mamma Carlotta gern einmal persönlich
sagen würden?
Gerne würde ich sie mal fragen, ob ich sie meine
Freundin nennen darf? (Wendet sich Mamma Carlotta
zu.)
Sì, volentieri! Naturalmente! Wir sind doch längst
Freundinnen geworden in den vergangenen zwanzig
Jahren!
Mamma Carlotta, wenn Sie einen Tag lang
die Rolle der Autorin übernehmen dürften:
Was würden Sie an Ihrer Geschichte
ändern?
Gar nichts! Vielleicht würde ich noch mehr kochen.
Aber eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, als
Autorin zu leben. Immer am Schreibtisch, immer
allein, immer mit Gedanken beschäftigt! Nein, das
wäre nichts für mich.
Frau Pauly, was wünschen Sie sich für die
nächsten zwanzig Bände – für Ihre Figuren
und für die Leserinnen und Leser?
Erstmal wünsche ich mir, dass ich noch zwanzig
weitere Jahre schreiben kann. Das wäre wundervoll!
Und natürlich wünsche ich mir, dass meine Geschichten
dann noch immer gelesen werden. Meine
Figuren müssen gesund bleiben, vor allem Mamma
Carlotta. Und dann fällt mir noch der Sizilianer ein,
der Restaurantbesitzer …
Finito! Davon reden wir nicht! Basta!
Nun gut, lassen wir uns überraschen, wie es
in Zukunft weitergehen wird. Vielen Dank für
Ihre Zeit und all die ausführlichen Antworten,
das wird unsere Leserinnen und Leser sicherlich
begeistern!
02.
APR
2026
GISA PAULY
WINDJAMMER
Taschenbuch
448 Seiten
12,00 € (D) 12,40 € (A)
ISBN 978-3-492-31950-8
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
18
PETER WOHLLEBEN
BAKTERIEN – DIE HEIMLICHEN HELDEN
Peter Wohlleben, geboren 1964, interessierte
sich schon als Kind für Biologie und Naturschutz.
Nach 30 Jahren Tätigkeit als Förster gründete er
2016 eine Waldakademie, an der er als Dozent
tätig ist. Sein Welterfolg »Das geheime Leben der
Bäume« wurde wegweisend für deren Verständnis.
Für seinen Podcast ist er in ständigem Austausch
mit Expert:innen und Wissenschaftler:innen.
Zuletzt erschien der Bestseller »Buchenleben«.
PETER WOHLLEBEN
BAKTERIEN
DIE HEIMLICHEN HELDEN
Bestsellerautor Peter Wohlleben eröffnet uns eine faszinierende
Welt: das Verständnis für Organismen, die mit bloßem Auge
nicht erkennbar sind, aber die Geschicke der Menschheit lenken.
Sie sind nicht nur praktische Alltagshelfer – ohne Bakterien
kein Joghurt, keine Salami und kein Sauerkraut – und wohnen
auf der Haut, der Zunge oder im Darm, sondern in jeder unserer
Körperzellen, wo sie uns nach ihren Bedürfnissen steuern.
Fundiert, anschaulich und zugänglich legt Peter Wohlleben
dar, dass wir aus Bakterien gemacht sind und wie stark sie
uns tatsächlich prägen, zum Beispiel durch die Produktion von
Hormonen, die unsere Stimmungen beeinflussen. Er erklärt,
wie sie uns bei der Bewältigung der Klimakrise unterstützen.
Und dass wir mit ihnen kooperieren und Rücksicht auf sie nehmen
sollten, damit es ihnen und uns gut geht.
20
PETER WOHLLEBEN
FRAGEN AN DEN AUTOR
FRAGEN
AN PETER
WOHLLEBEN
Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?
Nach dem Aufstehen trinken meine Frau
und ich erst einmal einen Kaffee und lesen
zwanzig Minuten auf der Couch in unserem
Forsthaus im Wald. Dann werden die Pferde
und Ziegen auf der Weide versorgt, und
danach folgt oft ein Seminar in der Waldakademie.
Manchmal reise ich auch zu Vorträgen
ins In- und Ausland, ansonsten gibt
es noch viel Korrespondenz mit Forschenden
oder Umweltorganisationen. Und ich
nehme mir jeden Tag ein bis zwei Stunden
Zeit fürs Schreiben. Das mache ich übrigens
besonders gerne im Zug – da werde ich nicht
so leicht abgelenkt. Neue Ideen kommen
mir oft beim Fahrradfahren durch die Eifel –
draußen in der Natur bin ich nämlich auch
fast jeden Tag.
21
PETER WOHLLEBEN
FRAGEN AN DEN AUTOR
Wie kommt man von so großen
Lebewesen wie den Bäumen auf die
kleinsten?
Bakterien beschäftigen mich schon
lange, und ich habe sie bereits in etlichen
Büchern thematisiert. Welche Rolle sie
für Bäume und Wälder insgesamt spielen,
wurde mir jedoch erst durch Gespräche
mit einer Forscherin klar, die sich mit dem
globalen Klima beschäftigt. Da wusste
ich, dass es mehr als genug Stoff für ein
spannendes Buch gibt.
Sie bezeichnen Bakterien als
»heimliche Helden«. Klingt so, als
hätte man die kleinen Wesen bisher
unterschätzt und zu Unrecht in eine
Schmuddelecke gestellt?
Bakterien tauchen im Alltag meist im
Zusammenhang mit Krankheiten auf,
und wir versuchen sie ständig loszuwerden,
zum Beispiel beim Händewaschen.
Dabei sind die meisten Bakterien in und
am Körper nützlich. Sie haben das Leben,
wie wir es kennen, überhaupt erst möglich
gemacht und sind offenbar sehr daran
interessiert, dass es uns gut geht. Das
führt beispielsweise sogar so weit, dass die
Kleinen versuchen, uns zu mehr Sport zu
motivieren.
22
PETER WOHLLEBEN
FRAGEN AN DEN AUTOR
Haben Sie, seit Sie dieses Buch
geschrieben haben, konkret etwas
an Ihrem Verhalten geändert?
Ja, auf jeden Fall! So schaue ich, dass ich
mehr Rohkost esse, das lieben die körpereigenen
Bakterien nämlich. Und der Ekel
vor fremden Klobrillen ist auch ein wenig
verflogen, seit ich weiß, dass dort überraschend
wenig fremde Einzeller sitzen,
ganz im Gegensatz etwa zu Seifenspendern
mit Pumpkopf.
Wann wurde Ihnen klar, wie wichtig
Bakterien sind – im Alltag, aber auch
für unser aller Zukunft auf diesem
Planeten?
Wenn Bakterien das Leben auf diesem
Planeten seit vier Milliarden Jahren erfolgreich
organisieren, dann sollten sie auch
auf die aktuellen Bedrohungen Antworten
finden. Und sie haben Antworten! Jüngste
Studien zeigen, dass sie sich intensiv mit
dem Klimawandel beschäftigen, mit neuartigen
Erkrankungen bei Bäumen und
sogar mit Mikroplastik. Sie sind die heimlichen
Helden der aktuellen Umweltkrise.
04.
An wen richten Sie sich in Ihrem
neuen Buch?
An alle Menschen. Bakterien begegnen uns
überall im Alltag, und es ist nicht nur wichtig
zu wissen, wie wir mehr Rücksicht auf sie
nehmen können, nein, es ist spannend und
unterhaltsam zu sehen, wie ihre Welt aufgebaut
ist. Wenn man weiß, dass sie schlau
sind, kommunizieren und gemeinsame Aktionen
planen, allerdings so klein sind, dass
wir sie nicht sehen können, dann ist dieses
Buch nicht nur wie ein Mikroskop, sondern
wie eine Türe in ihre Welt. Schlagen Sie es
auf, und Sie sind mittendrin.
MAI
2026
PETER WOHLLEBEN
BAKTERIEN – DIE HEIMLICHEN HELDEN
Hardcover mit Schutzumschlag
320 Seiten
23,00 € (D) 23,70 € (A)
ISBN 978-3-89029-611-1
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
24
JUDITH HOERSCH
NIEMANDS TÖCHTER
NIEMANDS
TOCHTER
JUDITH HOERSCH
26
JUDITH HOERSCH
INTERVIEW
INTERVIEW
Liebe Judith, in deinem Roman stehen Mutter-
Tochter-Beziehungen im Zentrum. Was hat
dich an diesem Thema besonders gereizt?
Beim Schreiben tauche ich meistens mit einer Fragestellung
in die Geschichte ein. Besonders faszinieren
mich die Prägungen, die wir von unseren Eltern mitbekommen
– und im Speziellen Töchter von ihren
Müttern. Selbst das Unausgesprochene kommt irgendwann
ans Licht, und es gibt Wiederholungen:
transgenerationale Themen, die sich wiederholen, bis
wir sie auflösen. Ich habe mich gefragt: Was macht
eine Mutter aus? Bleibt man Mutter, auch wenn man
das Kind nicht selbst großgezogen hat? Und ist man
Mutter, wenn man das Kind nicht selbst geboren hat?
Wie prägen uns die Geheimnisse unserer Mütter –
und wie das, was nie ausgesprochen wurde?
Wie bist du auf die Idee gekommen, Polaroid-
Bilder als zentrales Motiv und Verbindungsglied
zwischen den Generationen zu nutzen?
Ich hatte bereits einen großen Teil geschrieben, doch
es fehlte mir ein Symbol – ein Element, das durch die
Zeit reisen kann. Ich habe eine Schwäche dafür, mir
vorzustellen, wo ein Objekt vorher war: eine Münze,
ein Stein. Als Idee erschien es mir schließlich wundervoll,
dass am Ende ein Polaroid-Bild alles zusammenführt.
Am Polaroid-Bild liebe ich, dass jede Aufnahme
kostbar und unwiederholbar ist. Ein Moment,
der sich nicht vervielfältigen lässt. Oft zeigen sie auf
den ersten Blick etwas Unspektakuläres, Alltägliches –
und gerade darin liegt ihre eigentliche Kraft.
Maries Entscheidung, ihr Kind auszusetzen,
ist radikal. Wie hast du dich in diese Ausnahmesituation
hineingedacht?
Im Prozess gibt es immer diesen Moment, in dem ich
in die Figuren hineinklettere. Menschen innerlich
nachzuvollziehen, fällt mir durch meinen Beruf als
Schauspielerin leicht. Ich spiele sie durch – so, wie ich
mich einer Rolle annähern würde.
Dass Marie ihr Kind aussetzt, entstand erst beim
Schreiben. Natürlich habe ich im Vorfeld einen
Rohentwurf, doch die Figuren und ihre Schicksale
zeigen sich mir anfangs oft nur skizzenhaft, fast zweidimensional.
Erst nach und nach gewinnen sie Tiefe.
Als ich gerade in Maries Leben eingetaucht war, stieß
ich zufällig auf einen Zeitungsartikel über eine Frau,
die 1981 in einem Berliner Kaufhaus ausgesetzt worden
war. Dieser Zufall gab mir die entscheidende Idee.
Alma wächst mit einer Lebenslüge auf.
Glaubst du, dass Geheimnisse in Familien
manchmal notwendig sind – oder immer
zerstörerisch?
Geheimnisse können beides sein: zerstörerisch und
bewahrend. Doch früher oder später finden sie ihren
Weg an die Oberfläche. In meiner Geschichte ist Gabriele
die Hüterin des Geheimnisses – und sie trägt
die Last am schwersten. Denn wer schweigt, leidet
am meisten. Erst wenn das Verborgene ans Licht tritt,
entsteht ein Raum für Heilung. So auch in Niemands
Töchter.
Deine Figuren erleben immer wieder Brüche,
Verluste und Neuanfänge. Was möchtest du
über Resilienz und das Weiterleben nach
Krisen erzählen?
Ich liebe Menschen mit Brüchen, mit Fehlern – und
mit dem Mut, neu anzufangen. Nichts ist langweiliger,
als wenn immer alles gelingt; darin liegt kaum
eine Möglichkeit zu wachsen. Meine größten Krisen
waren zugleich meine größten Lehrmeister. Scheitern,
wieder aufstehen, weitermachen – darin liegt für
mich die eigentliche Stärke. Ich glaube, wir müssen
solche Erfahrungen durchleben, um überhaupt Resilienz
entwickeln zu können.
Maries Indienreise ist ein Wendepunkt in
ihrem Leben. Hast du eigene Erfahrungen
mit Indien gemacht, die in den Roman
eingeflossen sind?
Tatsächlich habe ich zwei große Indienreisen unternommen.
Mit dem Rucksack und alleine bin ich in
meinem Leben schon viel herumgekommen, doch
27
JUDITH HOERSCH
INTERVIEW
Indien hatte eine besonders soghafte Wirkung auf
mich. Dieses Lebensgefühl konnte ich unmittelbar
aus meinen eigenen Erfahrungen heraus ins Schreiben
übertragen.
Die Bäckerei in Mayen ist ein zentraler Ort für
Alma und Gabriele. Gibt es ein reales Vorbild
für diesen Schauplatz?
Ja, den gibt es. Ich habe unzählige Stunden bei meinen
Großeltern und in unseren Bäckereien verbracht.
Meine ganze Familie stammt aus Mayen – dort liegen
meine Wurzeln, auch wenn ich in Köln aufgewachsen
bin. Die Bäckerei im Buch war tatsächlich unsere, und
die Figuren Jupp und Hedwig tragen in abgewandelter
Dein Roman endet mit der Hoffnung auf eine
neue Familie. Glaubst du, dass Versöhnung
und Neuanfang immer möglich sind?
Zumindest möchte ich das glauben. Familie, das
kann viel sein. Sie muss nicht zwingend die klassische
Kernfamilie sein. Wichtig ist, dass wir unsere »Herde«
finden – unsere Menschen, unseren Ort, an dem wir
ganz wir selbst sein dürfen.
Du selbst bist Mutter, Tochter, Schauspielerin
und Schriftstellerin. Wie bekommst du das
alles unter einen Hut? Und was sind die
größten Herausforderungen im Alltag mit
Jobs und Familie?
»
IRGENDWIE SCHREIBT
MAN IMMER AUCH EIN
STÜCK ENTLANG DES
EIGENEN LEBENS.
»
Form viel von meinen Großeltern in sich. Nicht das,
was ihnen widerfährt, doch ich brauchte mir nur vorzustellen,
wie sie reagiert hätten. Meine Großmutter
war ein wundervoller Mensch, und die Zeit bei ihr war
für mich prägend und unverlierbar.
Gibt es eine Figur, mit der du dich beim
Schreiben besonders verbunden gefühlt hast?
Warum?
Irgendwie schreibt man immer auch ein Stück entlang
des eigenen Lebens. Es gibt Elemente, in denen
ich mich wiederfinde oder mit denen ich mich verbunden
fühle. Am nächsten ist mir allerdings Alma.
Doch auch in die anderen drei Frauen einzutauchen,
war eine Freude und eine wunderbare Reise.
Ehrlich gesagt weiß ich oft selbst nicht, wie ich das
alles unter einen Hut bekomme! Ein Schlüssel, damit
dieser Spagat gelingt, ist sicherlich Disziplin und eine
gute Planung, und gleichzeitig auch Flexibilität. Als
Mutter habe ich gelernt: Nutze die Lücke – und sei
dann zu hundert Prozent bei der Sache. Wenn ich mit
meiner Tochter zusammen bin, dann ganz und gar.
Dasselbe gilt fürs Schreiben und fürs Spielen. Meistens
stehe ich sehr früh auf und schreibe gleich am
Morgen, auch vor Drehtagen. In drehfreien Zeiten
widme ich mich ausschließlich dem Schreiben. Ich
agiere nicht so sehr nach dem Lustprinzip. Wenn ich
mir etwas Vornehme bin ich sehr damit beschäftigt,
sehr stur und sehr eisern – das habe ich wohl von
meiner Großmutter.
28
JUDITH HOERSCH
LESEPROBE
LESEPROBE
30. September 1981
Marie
»Mama, bist du noch dran?« Marie warf zwanzig
Pfennig nach und hörte, dass ihre Mutter an einer
Zigarette zog und durchs Wohnzimmer tigerte, das
Telefonkabel hinter sich herziehend. Gedämpft drang
der Straßenlärm durch die Tür, sodass Marie sich das
freie Ohr zuhielt, um sie besser zu verstehen.
Zwei Mark hatte sie bereits vertelefoniert, und ihre
Mutter hatte in einem endlosen Wortschwall von
der harten Arbeit in der Fabrik und ihrem abartigen
Chef erzählt - »Die werden schon sehen, was sie an
mir hatten!« - und im Nebensatz von der Kündigung
berichtet. Inzwischen hatte sie sich über eine Mieterhöhung,
das englische Königshaus - »Lady Di sieht
aus wie eine Dorfpomeranze« - und die bekloppten
Nachbarn in einer Dauerschleife aus Schimpfwörtern
verirrt. Sie klang wirr und überdreht, aber zugleich
seltsam heiter. Es war dieser Gefühlswahnsinn, der
Marie immer wieder durcheinanderbrachte. Und in
jedem zweiten Satz fiel der Name »Rolfi«. Ihre Mutter
hatte Neuigkeiten, und als sie damit rausrückte, wurde
Marie schlagartig klar, dass dies der einzige Grund
gewesen war, warum ihre Mutter überhaupt so lang
mit ihr telefoniert hatte.
»Rolfi, stell dir vor, der hat mir einen Antrag gemacht.
Ist das nicht fantastisch? Die Hochzeit ist kommende
Woche, und ich muss noch so viel vorbereiten. Ein
Kleid habe ich schon, eins mit einer Schleppe. Perlweiß
und zehnmal schöner als das von Lady Di, aber
ich muss noch ein bisschen hungern, dann pass ich
auch rein.« Ihre Mutter hatte immer schon ein Thema
mit ihrem Gewicht gehabt, und seit Maries Pubertät
war es schlimmer geworden, weil Marie um einiges
schlanker war als sie.
»Toll …« Zu mehr kam Marie nicht. Sie hätte gerne gefragt,
warum sie als Tochter nicht eingeladen war, aber
stattdessen fuhr ihre Mutter mit ihrem Monolog fort.
»Ach, und dann renovieren wir noch. Rolfi ist nun
ganz eingezogen, und wir haben uns ein Nestchen
gebaut in deinem alten Zimmer. Endlich haben wir
Platz hier.« Marie schauderte es. »Rolf ist ein Mann,
der mich zu schätzen weiß.« Ihre Mutter kicherte. Es
klang hysterisch und dann wieder lieblich. »Und was
gibt es bei dir?«
»Kannst du das Radio leiser drehen? Ich verstehe dich
so schlecht.« Ihre Mutter schnaubte, und Marie sah
förmlich vor sich, wie sie zum Radio schlappte und widerwillig
den Lautstärkeregler drehte. Ihre Mutter war
alles losgeworden, den Rest wollte sie möglichst schnell
hinter sich bringen. Gedanklich hatte sie bereits aufgelegt.
»Ist noch was, sonst würd ich dann mal …« Marie
musste zum Punkt kommen.
»Ich … Kann ich zurück?«
»Was? Wieso?« Ihre Mutter klang empört. Marie konnte
sich ihr Gesicht vorstellen. Eine Mischung aus Ekel
und Entsetzen, eine Prise Sarkasmus in den Stirnfalten.
»Ich …« Sie hatte Angst davor, es ihr zu sagen. Aber
die Zeit lief. Fünfzig Pfennig blieben übrig. »Ich …
bin schwanger.« Für einen Moment wurde es still am
anderen Ende. Sie hatte ihre Mutter aus dem Konzept
gebracht.
»Was soll das?« Jetzt klang sie sauer.
»Ende siebter Monat.« Nun müsste sie nur noch eins
und eins zusammenzählen. Begreif es endlich, Mama.
Wieder hörte sie ihre Mutter an der Zigarette ziehen.
»Wieso machst du immer so eine Scheiße?«
»Ich hab mir das doch nicht ausgesucht.« Maries Stimme
klang erstickt. Wie immer, wenn sie mit ihrer Mutter
sprach, kam sie sich klein und dumm vor. Aber sie
hatte sonst niemanden. Es gab keine Verwandten. Ihre
Mutter hatte alle Kontakte niedergebrannt, und ihr Vater
war laut Aussagen der Mutter ein Säufer gewesen.
Bei der ersten Gelegenheit abgehauen.
»Musst du dir halt überlegen, bevor du die Beine breit
machst. Bist alt genug.«
»Ich hab nicht, ich wollte … Mama, ich brauche deine
Hilfe!«
»Rolfi und ich, wir haben es gerade so schön. Wir fahren
bald in die Flitterwochen.« Jetzt klang sie wie ein
Kleinkind, dem man das Spielzeug aus der Hand nehmen
wollte. Marie hätte ihr gerne die Wahrheit über
Rolfi erzählt. Aber sie konnte es nicht aussprechen.
29
JUDITH HOERSCH
LESEPROBE
Hoffte, dass sie es nicht musste. War ihre Mutter wirklich
so blind, oder wollte sie es sein?
»Mama, bitte! Ich weiß nicht, was ich machen soll.«
»Gib es weg. Das kriegst du nicht hin.«
»Aber eine Mutter braucht doch jeder.« Das hatte ihre
Mutter schon nicht mehr gehört. Aus der Leitung kam
nur noch das Tut-Tut-Tut.
Marie hielt den Hörer noch einen Moment in der Hand,
bevor sie ihn einhängte. In ihrem Bauch regte sich etwas.
Instinktiv legte sie eine Hand unter den Nabel und
schluchzte so lang in der Telefonzelle, bis jemand an
die Scheibe klopfte.
»Junge Dame, ick müsste och mal telefoniern.«
Marie lag auf ihrem Bett und sah auf die vielen Polaroids,
die immer noch an der Wäscheleine quer durch das Zimmer
hingen. Vom Fenster bis hinüber zur Tür. Bilder aus
dem letzten Sommer, der sich langsam aber sicher aus
den Tagen herausschlich. Die Oberbaumbrücke bei
Morgengrauen. Leonard vor der sich in der Morgensonne
spiegelnden Spree. Bilder aus dem Dschungel. Nackte
Männer bei der Demo gegen das Vermummungsverbot.
Touristen, die über die Aussichtsplattform Richtung
Ostberlin blicken. Ein aufs Bild gebannter Kinderschrei,
ein Hund, der dem Kind sein Eis klaute. Tjen Tjen und
Bao Bao. Ein Porträt, das Leonard von ihr gemacht hatte.
Geschlossene Augen, versunken im Tanz. Bilder von
Graffitis und zerstörten Häuserfassaden. Bilder vom Siff
der Mariannenstraße in Kreuzberg. Immer wieder Berlin.
Gezeichnet vom Kalten Krieg. Berlin, immer noch
provisorisch, längst nicht fertig. So wie sie.
Was sollte sie nur tun? Das Kind behalten? Sie war
doch selbst noch ein Kind. Zur Adoptionsbehörde gehen?
Alles erschien ihr falsch.
Noch konnte sie den Bauch verbergen. Beim Putzen
im Krankenhaus waren die Kittel so weit, dass niemand
ihren Bauch sehen würde. Das kriegst du nicht
hin in Endlosschleife in ihrem Kopf. Die jüngste Enttäuschung,
die all die anderen mit ihrer Patina überzog.
Unglauben, dass nicht einmal die Schwangerschaft
ihre Mutter aufwachen ließ. Warum war sie es nicht
wert? Die Frage, die das beständige Grundrauschen
ihrer Kindheit gewesen war, suchte Marie nun wieder
heim. Wie sollte eine wie sie, die nie eine liebevolle
Mutter gekannt hatte, nun selbst Mutter werden?
Wie sollte sie den Anblick dieses Kindes ertragen?
Marie schloss die Augen und drehte sich zur Seite. Sie
fröstelte und legte eine Hand auf den Bauch. Im nächsten
Moment spürte sie ihr Baby, wie es sachte gegen
ihre Hand drückte. Eine Träne fiel auf das Kopfkissen,
lautlos wie Schnee. Dann träumte Marie sich davon, in
ein Paralleluniversum, in dem das Leben schwerelos
war, in ein Leben mit Leonard.
Das Surren ließ sie zusammenzucken. Sie regte sich
nicht. Blieb einfach liegen, aber es klingelte erneut,
dieses Mal mit etwas mehr Nachdruck. Sie erhob sich
vom Bett und spähte in den Flur. Vorsichtig ging sie zur
Tür, schlich über die Dielen, damit sie nicht knarrten.
Sie legte das Ohr an die Haustür und horchte hinaus.
Eine Weile rührte sich nichts, dann hörte sie Leonards
vertraute Stimme.
»Marie?«
Wie gerne hätte sie die Tür aufgerissen und ihn in die
Arme geschlossen, ihre Nase in seinem Nacken vergraben.
Ihr ganzer Körper krampfte sich vor Sehnsucht
zusammen.
»Marie, bitte mach auf. Was ist mit dir? Wieso willst du
mich nicht mehr sehen?«
Marie stockte der Atem. Es war ihr nicht in den Sinn
gekommen, dass er denken könnte, es läge an ihm. Wie
konnte er das nur glauben?
»Du fehlst mir. Hab ich irgendwas falsch gemacht? Bitte.
Sag doch was. Ich weiß, dass du da bist.«
Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es blieb
bei einem Kopfschütteln, kein Wort kam heraus. Es gab
nichts, was sie sagen konnte. Sie hatte keine Antwort.
Langsam senkte sie ihre Stirn an die Tür und stand eine
Weile so da, nur wenige Zentimeter von ihm entfernt.
Marie hoffte, dass er diese unsichtbare Geste spürte,
trösten würde sie ihn kaum. Nach einer Weile hörte
sie ihn etwas auf die Türschwelle legen, dann ging er
langsam die Holztreppe hinunter.
Sie glitt an der Innenseite der Tür zu Boden und vergrub
den Kopf zwischen den Knien. Stunden später,
es war bereits dunkel, öffnete sie die Tür und fand ein
Buch auf der Türschwelle. Siddharta – Eine indische
Dichtung von Hermann Hesse. Sie strich über den rotbraunen
Einband, der schon etwas abgenutzt war. Vorsichtig
öffnete sie das Buch.
Für Marie. Meine Liebe. Für immer.
30
JUDITH HOERSCH
LESEPROBE
30. November 2019
Isabell
Das sagte einem niemand, wenn man ein Kind bekam.
Was ein Kind mit der Beziehung machte und wie wenig
Liebe dann noch für den anderen übrigblieb. Alle Liebe
floss in die Fürsorge des Kindes. Vielleicht war dies
aber auch eine Wahrheit, die alle Eltern teilten, eine die
frei verfügbar gewesen wäre und nach der sie aus dem
überheblichen Gefühl heraus, vor solchen Alltagsproblemen
gefeit zu sein, einfach niemanden befragt hatten.
Und wenn, hätten sie es vermutlich nicht geglaubt.
Tom unterbrach ihre Gedanken mit noch mehr Alltag.
»Ich muss das Atelier aufgeben. Es ist zu teuer. Ich
müsste mal wieder eine Ausstellung machen, dann verkaufe
ich auch, aber ich krieg es zeitlich nicht hin.«
»Oh, tut mir leid«, sagte Isabell, war aber noch immer
nicht ganz bei der Sache. Tom sah sie von der Seite an,
dann rollte er vom Bett und zog sich wieder an.
»Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe?«
»Ja, klar.« Isabell sah ihn perplex an. Sein Ton hatte
jetzt eine ungewohnte Schärfe.
»Es ist mir zu viel. Ich komme hier langsam gar nicht
mehr vor. Ich tue alles für euch, aber ich brauch dich auch.
Wir brauchen dich. Ich habe ewig nicht mehr gemalt.
Das ist meine Leidenschaft, mein Atelier, meine Arbeit.«
»Soll ich mehr unterrichten, dann haben wir mehr
Geld?« Isabell stand auf und zog sich die Hose wieder
an, das Oberteil hatten sie gar nicht erst ausgezogen.
»Verdammt, es geht nicht um Geld. Es geht um uns.
Du bekommst doch gar nichts mehr mit. Hängst nur
noch in deinen Fotos.«
»Jetzt werd nicht unfair. Erst sollte ich mich mit allem
auseinandersetzen, dann mache ich das, und dann ist es
auch wieder falsch.«
Tom seufzte gequält. »Es hat doch gar nichts damit zu
tun. Ich unterstütze dich bei allem, das weißt du, aber
ich weiß nicht mehr, wie ich mit dir umgehen soll. Du
bist so unermesslich weit weg.«
»Ich gebe mir ja Mühe.«
Tom kickte mit dem Fuß ein T-Shirt weg, das auf dem Boden
lag. Eine ratlose Geste, die sie irritierte, weil sie nicht
zu ihm passte. »Ich kann so nicht mit dir weiterleben.«
»Was soll das heißen?«, fragte sie, und es klang eher
nach »Bist du jetzt total bescheuert?«, aber die Angst
flutete bereits ihr Gehirn, was sie immer zuschnappen
ließ wie ein bissiger Hund.
»Ich liebe dich, aber es macht mich fertig.«
»Willst du dich trennen?« Jetzt klang sie schriller als
gewollt.
»Ich rede über meine Gefühle. Ich habe auch Gefühle,
verstehst du das?« Er hatte das Zimmer verlassen und
ging im Fersengang in die Küche. Sie folgte ihm. Mit
einem festen Griff zog er den Korken aus der halb getrunkenen
Rotweinflasche, goss zwei Gläser voll und
reichte ihr eins. Während er das tat, begann Isabells
Blut zu brodeln.
»Meine Angsthasen sind riesengroß. Ist es das, was du
meinst?« Sie zog die Augenbrauen hoch. Er verstand
nicht. »Hast du das etwa nicht gesagt?«
»Doch, hab ich. Weil ich versuche, Ruby zu erklären,
warum du so bist. Warum du zu allem immer Nein
sagst. Warum du nicht mit schwimmen kommst. Warum
sie keine Katze haben darf. Weil sie dir ausweicht.
Weil du nicht da bist.«
»Ich bin doch da«, sagte Isabell, aber sie wusste, dass
das nicht stimmte. Sie war nicht wirklich da. Und das
nicht erst, seit die blaue Tasche bei ihnen eingezogen
war. Tom stand vor ihr mit seiner ganzen Liebe, erschöpft
und überfordert, und das überforderte sie.
Sie fühlte sich in der Defensive. Auf Zehenspitzen
schlich sie zurück ins Schlafzimmer, um die Zigaretten
aus der Schublade zu zerren. »Ich habe nicht aufgehört,
falls es dich interessiert.«
»Ach, ehrlich?« Beinahe grinste er. »Isabell, es ist mir egal,
ob du rauchst oder nicht.« Er stand neben ihr, und sein Gesichtsausdruck
wurde wieder milder. »Gib mir auch eine.«
Sie stellten sich ans offene Fenster und rauchten in
den stillen Abend hinaus. Ein eisiger Wind wehte die
dunkle Straße hinunter. Nach einer Weile sprach sie,
ohne ihn anzusehen.
»Ich will es besser machen. Ich will uns als Familie. Ich
will eine gute Mutter sein. Und ich bewundere dich.
Du kannst alles so viel besser.« Sie drückten die Zigaretten
aus, und Tom drehte sich zu ihr. Er streichelte
ihr über das offene lockige Haar, drehte eine Strähne
zwischen seinen Fingern. »Sei doch einfach nur ein
Teil von uns dreien, nicht besser. Einfach nur ein Teil
von unserem Team.«
»Es tut mir leid, dass ich mich immer so zurückziehe.
Dass ich die Dinge nicht leichtnehmen kann.« Sie legte
den Kopf an seine Brust. »Ich weiß, es klingt ver
rückt, aber ich habe das Gefühl, in dieser verdammten
Tasche liegt etwas, das ich ergründen muss. Wie du gesagt
hast. Etwas, das Heilung bringt.« Sie schloss die
Arme um seinen warmen Körper, der immer so viel Zuversicht
ausstrahlte.
»Dann lass mich doch daran teilhaben.« Ein zaghaftes,
ermutigendes Lächeln. Dieser unerschütterliche Optimismus.
Sie sah ihn an und küsste ihn. »Okay.«
Stunden später war die zweite Flasche Rotwein ebenfalls
leer, und Tom wischte sich die Müdigkeit aus den Augen.
Isabell hatte ihm alles erzählt, was sie bisher herausgefunden
hatte, und streckte, ebenso erschöpft wie er, ihre
Beine kerzengerade und mit gestreckten Füßen nach
oben - so ganz bekam sie die Ballerina nicht aus sich raus.
»Irgendetwas übersehe ich. Was ist nach diesem Sommer
1981 passiert? Wieso wird danach alles so trüb?«
»Mein Name sei Gantenbein. Waren die auch alle in
der Tasche?« Tom drehte den alten Ledereinband in
den Händen. Isabell nickte. »Meine Mutter hat sie,
glaube ich, alle von diesem Leonard geschenkt bekommen.«
Sie hatte den Büchern bisher keine große Beachtung
geschenkt, jetzt sah sie zu, wie Tom das Buch fast
andächtig durchblätterte.
Und da, zwischen den Seiten, segelte ein weiteres Polaroidbild
heraus. »Hast du das schon gesehen?«
Isabell nahm das Bild. Es zeigte die junge Marie mit
einem Baby auf dem Arm vor einem Spiegel. Sie trug
den grünen Mantel, hinter ihr war eine Wäscheleine
zu erkennen, die sich durchs Zimmer spannte, daran
dutzende Polaroids. Von dem Säugling sah man nur
den winzigen Kopf, der aus einem Handtuch herausschaute.
Das Bild trug keine Bildunterschrift. Weder
einen Satz noch ein Datum. Ein Umstand, der dieses
Sofortbild von allen anderen unterschied. Vielleicht
war es der Rotwein oder die Aufregung, aber Isabell
wurde schlagartig heiß. Eine Ewigkeit starrten Tom
und sie das Bild an, sagten jedoch kein Wort.
»Sie sieht irgendwie traurig aus, wie sie dasteht und
dich im Arm hält.«
»Das bin nicht ich«, sagte Isabell, und die Tragweite
ihrer Erkenntnis sickerte nur langsam in sie ein. Tom
sah sie überrascht an. Auf einmal hielt Isabell das fehlende
Puzzleteil in den Händen.
»Meine Mutter hatte vor mir schon ein Kind.«
30.
JAN
2026
JUDITH HOERSCH
NIEMANDS TÖCHTER
Hardcover mit Schutzumschlag
384 Seiten
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07369-1
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
32
ANDREA STOLL
»ZWEI MENSCHEN SIND IN MIR«
»ZWEI
MENSCHEN
SIND IN MIR.«
Fünfzig Jahre nach ihrem Tod fordern Ingeborg Bachmanns
Briefe eine neue Perspektive auf Leben und Werk
dieser Autorin. Andrea Stolls Biografie beleuchtet das
unübersehbare Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen.
Neben wissenschaftlicher Recherche stützt sich Stoll
auf Gespräche mit Zeitzeugen und die Auswertung jüngst
veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge. So gelingt
der erfahrenen Bachmann-Forscherin eine erste umfassende
Biografie der österreichischen Dichterin.
INGEBORG
BACHMANN.
ANDREA STOLL
DIE
BIOGRAFIE
34
ANDREA STOLL
INTERVIEW
INTERVIEW
Was war der beglückendste Moment für Sie
bei der Arbeit an diesem Buch?
Jeder, der über Jahre zu einem Thema recherchiert
oder forscht, entwickelt ein intuitives Wissen zu bestimmten
Themen, deren Wahrhaftigkeit man fühlen,
aber noch nicht beweisen kann. Wenn es dann gelingt
die entscheidenden Puzzlesteine zusammen zu tragen,
entsteht ein enormes Glücksgefühl.
Sie beschäftigen Sie sich schon sehr lange und
intensiv mit Ingeborg Bachmann. Wie kam es
dazu?
Tatsächlich habe ich Ingeborg Bachmann schon
während meines Studiums entdeckt und war gleich
von ihr fasziniert. Ich fand ihr Werk außerordentlich,
also beschloss ich, eine Dissertation über sie zu
schreiben. Prompt geriet ich an einen Doktorvater,
der ihren Roman »Malina« abscheulich fand: der
reine Kitsch. Mit dieser Auffassung befand er sich
damals übrigens in bester Gesellschaft: Walter Jens
und Marcel Reich-Ranicki sahen das genauso. Für
mich war dieser Roman mit seiner unverwechselbaren
Autorinnenstimme eine der aufregendsten Entdeckungen
– und ich spürte damals, dass ihr Werk
ein Höhepunkt modernen Erzählens ist. Der Bachmann-Forscher
Hans Höller holte mich daraufhin
an die Salzburger Universität, wo ich 15 Jahre als
Dozentin arbeitete. Und Suhrkamp beauftragte
Weihnachtsurlaub des Vaters von der Front 1939
mich mit der Herausgabe eines Materialienbandes
zu »Malina«. Wenn heutzutage eine so großartige
Autorin wie Rachel Kushner im New Yorker verkündet:
»Malina is the truest portrait of female consiousness
since Sappho«, macht mich das ganz einfach
glücklich.
Im kommenden Jahr wäre Ingeborg Bachmann
100 Jahre alt geworden. Warum zählt
sie immer noch zu den meistgelesenen Autorinnen
der deutschen Sprache?
Da ist zum einen die außerordentliche Schönheit
und hohe Bewusstheit ihrer Sprache. Kein Wort,
kein Motiv, keine Metapher sind zufällig gewählt.
Jedes Wort, jeder Satz ist durchdrungen, häufig philosophisch
durchdacht und kompositorisch so lange
gedreht und gewendet, bis es diese Einmaligkeit
des Ausdrucks hat, die wir von Bachmann kennen.
Trotz ihres artistischen Sprachbewusstseins gilt für
ihre Literatur aber kein l’art pour l’art. Ihr poetisches
Sprechenwollen ist aus den Katastrophen des
20. Jahrhunderts entstanden, ihr Wirklichkeitsbewusstsein
wurzelt in den traumatischen Erfahrungen
von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg.
Das gilt auch dann, wenn ihre Gedichte, Erzählungen
oder ihre Romanprosa auf den ersten Blick ganz
unpolitisch daherkommen, wie aus einer Windstille
von Zeit und Ort heraus. Als gebürtige Österreicherin
weiß sie um die unterirdischen Querverbindungen,
die die Historie eines Landes mit der Mentalität
seiner Bewohner verbindet. Im scheinbar Alltäglichsten
ist Bachmann häufig am politischsten und
führt uns in seit der Antike bekannten Motiven und
scheinbar nebensächlichen Szenen archetypische
Muster des Menschseins vor Augen. In ihrer unbestechlichen
Art, die Wirklichkeit zu betrachten, war
sie ihrer Zeit weit voraus. Vieles von dem, was sie
aussprach, können wir erst heute in seiner ganzen
Tragweite ermessen. So erklärte sie 1971 in einem
Hörfunkinterview anlässlich der Veröffentlichung
von »Malina«: »Über Krieg kann jeder etwas sagen,
und der Krieg ist immer schrecklich. Aber über den
35
ANDREA STOLL
INTERVIEW
Frieden etwas zu schreiben, über das, was wir Frieden
nennen, denn das ist der Krieg ... Der Krieg, der
wirkliche Krieg, ist nur die Explosion dieses Krieges,
der der Frieden ist.« Wer solche Sätze heute liest,
kriegt Gänsehaut. Die Botschaften ihrer Dichtung
haben unbestreitbar seismographische Qualität.
Neben ihrem Werk interessiert sich vor allem
die deutschsprachige Welt für die Person
Ingeborg Bachmann. Sie gehörte fraglos zu
den charismatischsten Dichterinnen ihrer Zeit.
Kaum eine Autorin hat Kritiker, Leserinnen
und auch die Wissenschaft über die Jahrzehnte
so fasziniert wie sie. Und doch gibt es noch
keine umfassende Biografie über sie.
Warum ist das so?
Ingeborg Bachmann war eine Dichterin, die äußerste
Gegensätze in sich vereint hat. Sie war scheu, benötigte
Stille und Rückzug für ihr Schreiben und
fürchtete sich wie ein Kind vor öffentlichen Auftritten.
Gleichzeitig wusste sie um die Einmaligkeit
ihrer Kunst und hat es verstanden, sich wie eine
Diva zu inszenieren. Sie nutzte alle Insignien des
eleganten Lebens und verschuldete sich schon mal
für Haute Couture und teure Schuhe, die sie dann
wie eine Ritterrüstung trug. Ihr Glanz täuschte die
Menschen darüber hinweg, dass sie ihr Schreiben im
Kern als asozial empfand, sich selbst als Ausgestoßene
fühlte, als eine, die ihr Schicksal erleidet, ganz
einfach weil sie nicht anders kann. Das hat den biografischen
Zugriff für viele Forscher:innen schwer
gemacht, es ist eine große Herausforderung, ihre
Dichtung und ihre komplexe Persönlichkeit zusammen
zu denken. Hinzu kommt, dass ihr persönlicher
und literarischer Nachlass nach ihrem frühen und
tragischen Tod 1973 auf Jahrzehnte gesperrt war.
Erst nach dem Veröffentlichen der Briefwechsel mit
Hans-Werner Henze 2004 und Paul Celan 2009
konnte biografisch fundierter gearbeitet werden.
Während ich an der Herausgabe des Celan-Briefwechsels
beteiligt war, konnte ich das Vertrauen der
Familie gewinnen und habe viele Entdeckungen
machen dürfen, die mir zusammen mit den in den
letzten Jahren freigegebenen Briefwechseln und Tagebucheinträgen
ein sicheres Fundament verschaffen.
Das ist deshalb so bedeutsam, weil Bachmanns
ANDREA
STOLL
geboren 1960, lebt als Autorin und Filmemacherin
bei Frankfurt. 1991 schrieb sie ihre Dissertation
über Ingeborg Bachmann und beschäftigt sich
seither immer wieder mit der österreichischen
Dichterin, über die sie im Lauf der Jahre Bücher,
Essays und Drehbücher veröffentlichte. Der von
ihr 2009 mit herausgegebene Briefwechsel von
Ingeborg Bachmann und Paul Celan »Herzzeit«
war ein literarisches Weltereignis.
36
ANDREA STOLL
INTERVIEW
Werk ohne den biografischen Hintergrund so gar
nicht entstanden wäre. Leben und Werk sind bei
Bachmann viel enger verflochten, als es lange den
Anschein hatte. Erst der Celan- Briefwechsel Herzzeit
hat das Blatt gewendet. Der 2022 erschienene
Briefwechsel mit Max Frisch fügt dem Gesamtbild
eine weitere neue Perspektive bei und ist für eine umfassende
Biografie unerlässlich.
Ihr Buch unternimmt den, wie es scheint, überfälligen
und ehrgeizigen Versuch, das Leben
und das Werk Ingeborg Bachmanns von den
ersten Tagen in Klagenfurt bis zu ihrem Tod in
Rom in den Mittelpunkt zu stellen. Was erwartet
uns in Ihrem Buch?
Was ich nicht wollte, war, die vielen Mythen und
Mutmaßungen zu wiederholen, die in den letzten
Jahrzehnten über Ingeborg Bachmann geschrieben
wurden. Werk und Person allein aus der wissenschaftlichen
Analyse heraus deuten zu wollen, führt
oft genauso in die Irre, wie es fahrlässig ist, ihr allein
aus dem eigenen Erfahrungshorizont begegnen
zu wollen. Es war eine Weile populär, sie an ihren
Lebensorten zu imaginieren und Geschichten zu
reproduzieren, die Freunde und Weggefährten über
sie erzählt haben. Erst heute können wir übersehen,
wer da wem auf den Leim gegangen ist, und
die Spreu vom Weizen trennen. Die inzwischen
aus dem Nachlass veröffentlichten Tagebücher und
Briefwechsel erlauben uns nicht nur einen tieferen
Einblick in Bachmanns Denken und Fühlen, sie ermöglichen
uns auch einen sehr viel klareren Blick auf
Beim Signieren des Malina-Romans 1971
Pose mit Partitur 1964
die von ihr eingesetzten Strategien im Umgang mit
anderen Menschen. Vieles von dem, was da im Laufe
der Jahre behauptet wurde, erweist sich nun als das,
was es immer war: reine Spekulation. Hier genauer
zu sein ist mein Ziel, und ich hoffe, dass es mir gelungen
ist, Ingeborg Bachmanns Anfänge und das
Ende zusammen zu denken.
Worin bestanden für Sie die größten Herausforderungen?
Tatsächlich in dem, was ich eben sagte: die Spreu
vom Weizen zu trennen. Denn da ging es natürlich
nicht nur darum, frühe Irrtümer zu erkennen. Angesichts
der neuen Quellenlage bestand meine größte
Herausforderung darin, auch eigene lieb gewordene
Denkmuster zu überwinden und sich alles noch
einmal so vorzunehmen, als sähe ich es zum ersten
Mal. Das war ungeheuer herausfordernd, aber auch
außerordentlich spannend: eine tolle Reise!
Seit einigen Jahren erscheint die große Werkausgabe
Ingeborg Bachmanns, in der es auch
darum geht, Tagebücher und Briefe erstmals
der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Max
Frisch beispielsweise oder auch Heinrich Böll
standen in regem Briefwechsel mit Ingeborg
Bachmann. Haben diese Bände einen großen
Einfluss auf Ihre Biografie?
Der Briefwechsel mit Heinrich Böll ist tief berührend
und bedeutsam. Der Briefwechsel mit Max
Frisch allerdings ist fundamental für das Verständnis
von Bachmanns Werk und Person.
Am 25. Juni 2026 wäre Ingeborg Bachmann
100 geworden: Erwartet uns im Jubiläumsjahr
eine große Zahl an Veranstaltungen um Werk
und Person der Dichterin?
Ganz sicher wird es eine Vielzahl von Publikationen,
dramatischen Bearbeitungen, Filmportraits und
Veranstaltungen geben. Wir alle sollten diese großartige
Dichterin feiern, die 1973 auf tragische Weise
und viel zu jung verstorben ist. Zum 100. Geburtstag
wird niemand mehr ihr Werk als Kitsch abtun.
Ingeborg Bachmann gehört längst zu den Großen
der Weltliteratur. Jedenfalls freue ich mich darauf,
mit meiner im Frühjahr erscheinenden Biografie
auf Lesereise zu gehen, außerdem feiert ein Theaterstück
von mir zu Ingeborg Bachmann am 24. April
2026 Premiere an den Kammerspielen in Frankfurt
am Main.
30.
APR
2026
ANDREA STOLL
»ZWEI MENSCHEN SIND IN MIR«
Ingeborg Bachmann. Die Biografie
Hardcover mit Schutzumschlag
400 Seiten
26,00 € (D) 26,80 € (A)
ISBN 978-3-492-07275-5
»Die einzige Weiblichkeit« Bachmann Anfang der
Fünfzigerjahre in Wien
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
38
ROBERT LÖHR
OBERAMMERGAU
OBER
AMME
GAU
ROBERT LÖHR
R
»Robert Löhr beweist, dass das in Deutschland
vermeintlich Unmögliche doch möglich ist: der
Tradition lustvoll auf die Sprünge zu helfen
mit Humor, Spannung und Phantasie.«
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG ÜBER
»KRIEG DER SÄNGER«
»Robert Löhr ist ein wahrer Meister des Erzählens.
Er beherrscht sowohl das mühsame Handwerk der
detailverliebten Recherche als auch die Kunst,
fließend, witzig und intelligent zu fabulieren.«
THÜRINGER ALLGEMEINE ÜBER
»DAS HAMLET-KOMPLOTT«
OBERT
Liebe Buchhändlerinnen
und Buchhändler!
Auch zwischen Schriftstellern und Stoffen gibt es so etwas wie Liebe auf den ersten
Blick. Als Autor wünscht man unentwegt, über Themen und Milieus zu stolpern,
die einen inspirieren wie ein Götterfunken.
Am Gründonnerstag 2020 – Tag 23 des ersten Corona-Lockdowns – las ich in der
Zeitung ein Interview mit Christian Stückl, dem langjährigen Leiter der Oberammergauer
Passionsspiele. Der Gemeinderat von Oberammergau hatte gerade
schweren Herzens beschlossen, die diesjährigen Festspiele wegen der Pandemie
um zwei Jahre zu verschieben. Gut hundert Aufführungen wurden abgesagt und
eine halbe Million Gäste auf 2022 vertröstet. Alle Probenarbeit war umsonst, die
Bärte hatte man vergebens wachsen lassen.
Und das Absurdeste daran: Die Oberammergauer Passion wurde seinerzeit ja ins
Leben gerufen, um eine Pandemie auf alle Zeiten zu vertreiben: die Pest. Nun erzwang
eine weitere Pandemie die Absage dieses Peststücks.
Noch am selben Tag las ich sämtliche Artikel zu Oberammergau, der Pest und
dem Gelübde von 1633, derer ich auf die Schnelle habhaft werden konnte, und ich
wusste, dass dies mein Stoff war. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Die Passionsspiele Oberammergau sind ein theatrales Weltwunder. Alle zehn Jahre
spielt die Gemeinde im bayrischen Alpenvorland das fünfstündige »Spiel vom
Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus«. Mehr als jeder
dritte Einwohner wirkt an der Passion mit, atemberaubende 1.400 davon stehen
allein auf der Bühne. Es ist das am längsten laufende Theaterstück der Geschichte
im berühmtesten Dorf der Welt.
Umso bedauerlicher, dass man über den Grundstein dieser Passionsspiele wenig
weiß. Mitten im Dreißigjährigen Krieg brach in Oberammergau die Pest aus, so
geht die Legende. Innerhalb weniger Wochen starb ein Drittel der Einwohner,
LÖHR
und weil keine Besserung in Sicht war, flehten die verzweifelten Dörfler um himmlischen
Beistand: Sie gelobten, von jetzt bis in alle Ewigkeit die Leidensgeschichte
Christi zu spielen, wenn Gott die Seuche von ihnen nähme.
Und Gott ließ sich auf den Handel ein: Am nächsten Tag waren die Kranken wieder
gesund, und nicht einer starb mehr an der Pest. Allerdings stand Oberammergau
nun auch in der Pflicht, die Passion zu spielen. Ein rückständiges Bergdorf im
Ausnahmezustand – den Krieg und die Pest hinter sich und den Hunger vor sich –
musste in kürzester Zeit ein Theaterstück auf die Beine stellen; musste eine Bühne,
Kostüme und sogar einen Text organisieren.
Ich bin keineswegs der erste Autor, der sich dem legendären Ursprung der Oberammergauer
Passion widmet. Insbesondere in den 1930ern entstanden einige
Romane über das »Wunder von Oberammergau«, z.B. von Leo Weismantel oder
Luis Trenker. Aber zum einen legen diese Werke den Fokus mehr auf die Zeit vor
der Pest als auf die danach, und zum anderen kann man heute deutlich säkularer
und unverblümter erzählen.
Mein letzter historischer Roman, »Krieg der Sänger«, liegt 13 Jahre zurück; seitdem
habe ich vor allem für Film und Bühne geschrieben. Ich freue mich sehr über
meine Rückkehr zum Roman und zu Piper. Beim Schreiben von »Oberammergau«
habe ich aus dem Vollen geschöpft. Ich hatte lange nicht so viel Spaß an Sprache,
Figuren und Konflikten.
Ihnen wünsche ich eine spannende Lektüre. Krieg und Pest, Liebe und Hass,
Bauerntheater und ein göttliches Wunder – die nötigen Zutaten sind vorhanden.
Herzliche Grüße
Ihr Robert Löhr
41
ROBERT LÖHR
BRIEF
42
ROBERT LÖHR
LESEPROBE
LESEPROBE
Die Passion musste auf Gräbern gespielt werden. Wegen
der leichten Neigung des Geländes, das wie ein
natürliches Amphitheater war, wegen der Nähe zur
Kirche und vielleicht auch, weil der alte Pfarrer an
der Pest gestorben war und keinen Einspruch hatte
erheben können, war beschlossen worden, die Bühne
auf dem Friedhof zu errichten – an der Mauer ein
Podium von etwa zehn auf fünf Schritt Größe. Nach
dem großen Sterben war der Platz allerdings so knapp
geworden, dass die Bühne nach ihrer Fertigstellung
einige der jüngeren Grabstätten überdecken würde:
die von Veit und Anna Streitl, von Karl Madlener und
sämtlichen Gintharts, die der Geschwister Lang und
Pfarrer Christeiners. In der schlimmen Zeit hatte einzig
der Pfarrer ein Kreuz erhalten; ein schmuckloses
Holzkreuz, das man vor Baubeginn aus der Erde
gezogen und flach aufs Grab gelegt hatte.
Der Bühnenbau, der unmittelbar nach dem Gelübde
mit großem Elan begonnen worden war, war über den
Winter gezwungenermaßen zum Erliegen gekommen
und wurde jetzt, in den ersten Tagen des Frühlings,
nur mit halber Kraft wieder aufgenommen. Auf
der rückwärtigen Seite der Mauer lagen noch zahlreiche
der Bäume, die man im Graswangtal geschlagen
und unbemerkt nach Oberammergau gebracht hatte,
und harrten, von Altschnee bedeckt, ihrer Verwendung.
Und obwohl es Sonntag war und der Dienst an
der Passion doch Dienst an Gott, waren zur Arbeit
am Podium lediglich vier Mann und der Schwede
erschienen, und zum Vorsprechen nur ein knappes
Dutzend.
Im Schatten der Kirche fror Johannes neben Rosalie
und Gregor dem Schmied und ließ den Blick verdrossen
über die potentiellen Darsteller gleiten. Ein
knappes Dutzend, das genügte nicht einmal für alle
Apostel. Aber immerhin hatte die Frau des Gastwirts
zum Auftakt eine glaubwürdige Maria Muttergottes
dargeboten; mit dem Mut zum Gebärdenspiel und der
kräftigen Stimme einer, die gewohnt ist, sich in einer
vollen Wirtsstube Gehör zu verschaffen.
Jetzt folgte ihr ein Mann auf das unvollendete Podium:
kräftig, aber auf eine gedrungene Art, mit niedriger
Stirn und Blatternarben im Gesicht. Er nahm den
Filzhut vom rothaarigen Haupt und begann augenblicklich,
ihn in seinen Händen zu kneten.
»Grüß dich Gott und willkommen«, sagte Johannes.
»Magst du dich kurz vorstellen? Ich bin ja neu in der
Gemeinde und kenne bei weitem noch nicht alle Mitglieder.«
»Ich bin Franz Faistenmantl, Hochwürden. Ich zähle
33 Jahre. Ich bin Schnitzer.«
»Grobschnitzer«, raunte Gregor so leis, dass es Franz
auf der Bühne nicht hören konnte.
»Was ist der Unterschied?«, fragte Johannes leise zurück.
»Es gibt die Grobschnitzer und die Herrgottsschnitzer.
Vom Herrgottsschnitzer ist das Kruzifix in meiner
Stube, das mich jeden Tag daran erinnert, wie
der Heiland für unsere Sünden gelitten hat. Vom
Grobschnitzer ist das Kruzifix im Stall, das meine
Schweine schützt.«
»Franz: Hast du dir vielleicht schon eine Rolle überlegt,
die du in der Passion gerne spielen würdest?«
»Ja. Den Jesus.«
Johannes war so verblüfft, dass er die unsinnige Nachfrage
»Jesus Christus?« stellte.
»Ja.«
»Einen Augenblick, bitte.«
Johannes, Gregor und Rosalie steckten die Köpfe zusammen.
»Ich bin Christus«, sagte Gregor. »So hatten
wir es vereinbart.«
»Ich weiß das«, erwiderte Johannes, »aber Franz weiß
es nicht. Und wir hatten gesagt, ein jeder darf sich um
jede Rolle bemühen.«
»Er soll ein paar Sätze sagen, dann danken wir ihm
und bieten ihm einen der Händler im Tempel an«,
schlug Rosalie vor. »Oder diesen einen da, der Jesus
beim Tragen hilft.«
Lächelnd wandte sich Johannes wieder der Bühne zu.
»Kannst du uns denn einmal zeigen, wie du dir den
Jesus vorstellst, lieber Franz?«
»Gibt es einen Text?«
»Nein, es gibt noch immer keinen Text«, meinte Gregor
mit einem hörbaren Unterton.
43
ROBERT LÖHR
LESEPROBE
»Ich bin beinahe damit fertig«, sagte Johannes. »Aber
bis dahin, Franz, sag einfach irgendetwas.«
»Was denn?«
»Was du möchtest. Vielleicht etwas, das auch Jesus
sagen würde.« Und auf Franz’ stupiden Blick: »Ein
Paternoster zum Beispiel.«
»Unser Vater im Himmel –«
»Schau mal, warte, wir stellen die Loni gleich an deine
Seite« – Johannes winkte die Frau des Gastwirts zurück
auf die Bühne – »sie wird die Maria spielen« –
und auf Gregors Räuspern: – »sie wird möglicherweise
die Maria spielen, wäre dann also deine Mutter. Vielleicht
hilft dir das mit ihr an deiner Seite. Und noch
einmal von vorn. Laut und deutlich!«
Ganz augenscheinlich half es Franz nicht, das mit
Loni an seiner Seite. Gefühllos und viel zu schnell
sagte er das Gebet auf.
Gregor wartete nicht, bis der Grobschnitzer fertig
war. Er zog Johannes am schwarzen Priesterrock einige
Schritte in die Reihen der Gräber hinein, fort von
Rosalie und dem Gerüst der Bühne.
»Wohin soll das führen?«, sagte er. »Warum geben wir
diesem blatternarbigen Trampel die Illusion, er könne
Jesus spielen? Und erwägen wir allen Ernstes, eine
Frau, die im Dorf vor allem für ihre Schamlosigkeit
bekannt ist, zur Jungfrau Maria zu machen?«
»Es haben sich bislang keine anderen Frauen gemeldet
und Loni hat hervorragend gespielt. Und der Herr
spricht: Ich bin gekommen, die Sünder –«
»Aber warum haben sich denn bislang keine anderen
Frauen gemeldet? Warum haben wir keine Auswahl?
Warum steht da nur diese traurige Handvoll Freiwilliger
und nicht das ganze Dorf? Prügeln müssten sie
sich um das Heil, auf dieser Bühne stehen zu dürfen!
Und warum gibt nicht jeder Mann Oberammergaus
jede freie Stunde hin, diesen Tempel mit aufzurichten?
Was haben die Menschen denn Wichtigeres zu
tun an einem Sonntag?«
Johannes hatte viele Erklärungen, warum dem so war:
Weil die Pest ein halbes Jahr zurücklag und man inzwischen
geringere, aber dringendere Sorgen hatte.
Weil manche Oberammergauer, die nicht beim Gelübde
zugegen gewesen waren, sich diesem auch
nicht verpflichtet fühlten, während manche, die den
Schwur geleistet hatten, sich jetzt dafür genierten:
Was war in jener Nacht nur in sie gefahren, Gott ein
Passionsspiel zu versprechen, und zwar nicht nur eines
davon, sondern unendliche viele, von jetzt bis ans
Ende der Zeit? Einige Oberammergauer mochten
bühnenscheu sein, andere hielten das Theater möglicherweise
für verderbt und wieder andere trauten es
dem Dorf vielleicht gar nicht zu, diese Herkulesaufgabe
zu stemmen. Oder sie trauten es nur ihm nicht
zu, Johannes, dem neuen, unerfahrenen Pfarrvikar
aus dem Tiefland.
»In drei Monaten ist Pfingsten«, fuhr Gregor fort,
»und wir haben kaum Darsteller; wir haben noch keinen
Text, keine Bühne, keine Kostüme – wir haben
noch nicht einmal ein Kreuz!«
»Ich weiß.«
»Du bist der Pfarrer der Gemeinde! Sei du der Schäfer,
treib sie von der Kanzel aus zusammen; erinnere sie
an ihre Pflicht, an den Schwur, den sie hier auf diesem
heiligen Boden vor Gott getan haben! Wer ist das
Haupt der Passion?«
»Ich?«
»Du bist das Haupt der Passion, genau! Sag ihnen
jetzt, dass ich Christus bin. Sag Franz, er soll beim
Bühnenbau helfen.«
»Gut.«
»Und bei der Gelegenheit: Schick Rosalie fort. Ich
ertrage diesen eisigen Blick nicht, und noch weniger
ihre Bemerkungen. Das Weib schweige in der
Gemeinde.«
»Rosalie brennt für die Passion. Sie ist eine große
Hilfe.«
»Mag sein, aber sie ist wunderlich. Menschen senken
den Blick, wenn sie an ihnen vorbeigeht. Das letzte
Jahr hat ihren Geist zerrüttet.« Gregor fügte eine entsprechende
Geste an.
Ein Schrei unterbrach die Unterredung der beiden.
Loni sprang von der halbfertigen Bühne und zeigte
mit dem Finger auf Franz. »Eine Beule, er hat eine
Beule am Hals!«, rief sie.
Sofort brach Panik aus auf dem Kirchhof. Die Wartenden
schlugen Tücher und Hände vors Gesicht, die
Zimmerleute entfernten sich vom Podium, und selbst
Franz schien fliehen zu wollen, gewissermaßen vor sich
selbst. Johannes rückte unwillkürlich hinter Gregor
und hielt sich an ihm fest, als wäre die Pest ein wildes
Tier, vor dem dieser ihn schützen könnte. Mund und
Nase barg er in seiner Armbeuge.
44
ROBERT LÖHR
LESEPROBE
»DAS
GELÜBDE!«,
DONNERTE
GREGOR ÜBER
DEN FRIEDHOF.
»DAS GELÜBDE
SCHÜTZT
UNS!«
Nur drei Menschen blieben unbeeindruckt: Gregor,
Rosalie und der Schwede. »Das Gelübde!«, donnerte
Gregor über den Friedhof. »Das Gelübde schützt uns,
ihr Kleinmütigen!«
»Es ist nicht die Pest!«, rief Franz »Ich schwöre, es ist
nicht die Pest! Ich habe kein Fieber, es geht mir gut!
Ich war doch damals selbst krank und weiß, wie es
sich anfühlt! Die Beule schmerzt nicht, seht her!« Er
zog den Kragen herunter und drückte mit dem Zeigefinger
auf der Beule herum, die tatsächlich klein und
farblos war und unter dem Druck nicht aufplatzte.
Zum Unbehagen der Umstehenden trat Rosalie an die
Bühnenkante, dem Kranken entgegen, um die Beule
von Nahem zu betrachten.
»Er soll sich ausziehen«, rief jemand aus der Menge.
Franz sah hilfesuchend zu Gregor Plaikner, der doch
ein Mitglied des Sechserrates war und folglich im
Dorf etwas zu sagen hatte. Aber der Schmied war
derselben Meinung. Also blieb Franz nichts, als sich
an Ort und Stelle zu entkleiden. »Ganz ausziehen!«,
rief es zwischendrin – denn wenn es Pestbeulen gäbe,
wären sie nicht nur am Hals und unter den Achseln,
sondern auch in der Leiste zu finden.
Franz zog alles aus bis auf die Strümpfe. Nackt stand
er vor ihnen, fror in der Märzeskälte, bedeckte halbherzig
seine Scham und ließ sich von den Blicken der
Anwesenden untersuchen. Als er die Beine spreizen
und den Blick auf sein Geschlecht freigeben musste,
lachte irgendwo ein Kind.
Man sah die Narben und schwarzen Flecken, die die
Pest auf Franz’ Haut zurückgelassen hatte, aber keine
weiteren Geschwüre. Franz durfte sich wieder anziehen.
Einer der Zimmerleute wagte jetzt sich aufs
Podium, um die Schwellung an Franz’ Hals zu prüfen.
»Vielleicht ein Furunkel oder ein eingewachsenes
Haar«, sagte der Mann und zog ein kleines Schnitzmesser
aus dem Gürtel. »Darf ich?«
Franz, der bislang nur die Hosen wieder angezogen
hatte, seufzte und streckte den Kopf so, dass der andere
ihn in den Hals schneiden konnte.
»Wer ist das?«, flüsterte Johannes zu Gregor.
»Das ist der Herrgottsschnitzer. Das ist Anton, Franz’
Bruder.«
»Sein Bruder?«
»Sein Halbbruder.«
Denn unterschiedlicher hätten die beiden Männer
nicht sein können. Der Bruder hatte helles langwelliges
Haar, einen dichten Bart, makellose Haut, eine
edle Körperlinie und überhaupt ein freundliches,
einnehmendes Wesen. Mit ruhiger Hand tat er den
Schnitt. Franz verzog das Gesicht. Anton stocherte
mit der Messerspitze in der Öffnung herum und
hielt bald einen weißen Knoten zwischen blutigen
Fingern: ein harmloser Grützbeutel. Das Publikum
applaudierte. Franz presste zwei Finger auf die Wunde,
aus der überraschend viel Blut floss. Offensichtlich
war eine Ader durchtrennt worden.
In diesem Augenblick rissen die Wolken über dem
Kofel auf, und Sonnenstrahlen fielen auf den Kirchhof
von Sankt Peter und Paul. Wie Anton so im warmen
Licht stand und seinem Bruder lächelnd die
Hand auf die Schulter legte, da musste Johannes kurz
nach Atem ringen. Anderen erging es ebenso.
»Anton«, sagte Johannes, »möchtest du nicht auch
einmal vorsprechen?«
»Ich, Hochwürden?«
»Ja, bitte.«
»Ich fürchte, mir fehlt das Talent. Ich will niemanden
langweilen. Ich bin doch lediglich hier, um beim
Zimmern der Bühne zu helfen.«
»Versuch es einmal, nur kurz. Sprich ein paar Sätze –
was immer dir gerade in den Sinn kommt.«
Anton blies die Backen auf, zuckte mit den Schultern,
schaute fragend zu Franz. Dann schnipste er den
Grützbeutel weg und deklamierte – »Selig sind die
Armen im Geiste« – die gesamte Bergpredigt.
Niemand regte sich. Aller Augen waren auf Anton gerichtet.
Zu seinen Worten kam unwillkürlich auch die
Gestik, und das Blut an seinen Händen verstärkte den
Eindruck. Mangels anderer Mitspieler richtete Anton
einige seiner Worte an Franz, der wie versteinert danebenstand
mit seinem freien Oberkörper, dem haarigen
Rücken und dem offenen Mund – als hätte Jesus einen
Bruder; einen älteren, begriffsstutzigen, von der Geschichte
vergessenen Halbbruder.
Als Anton geendet hatte, schob sich wieder eine Wolke
vor die Sonne. Alle blieben still, bis Rosalie irgendwann
sagte: »Du musst unseren Jesus spielen.« Und
Loni pflichtete ihr bei, indem sie ihren Ärmel hochzog
und den Unterarm präsentierte: »Seht euch das an,
Gänsehaut.«
Anton schüttelte lachend den Kopf. »Ich gebe gerne
einen der geringeren Apostel, wenn kein anderer vortritt,
aber bitte, nicht den Jesus. Das ist über mir. Und
ich werde meinem Bruder gewiss nicht die Rolle wegnehmen.«
Gregor trat nun vor. »Dein Bruder ist nicht Christus,
ich bin Christus. Das haben Pfarrer Fink und ich
bereits besprochen.«
Unmut machte sich daraufhin breit, und da Gregor
auf Johannes wies, den Verantwortlichen, richtete
sich der Unmut gegen ihn. Johannes hob beschwichtigend
die Hände: »Das entscheide aber nicht ich! Ich
bin schließlich neu in der Gemeinde. Ihr kennt einander
besser – warum stimmt ihr nicht einfach ab? Ja,
genau, wir wollen das Urteil des Volkes hören.«
Gregor schaute argwöhnisch, erhob aber keinen Einspruch.
Also stieg Johannes zu den Brüdern aufs Podium
und sprach zu den versammelten Ammergauern:
»Hört mich an: Wir entscheiden jetzt, wer euer Messias
werden soll: Gregor – oder Anton.«
»Oder Franz«, sagte Franz, der noch immer nicht zu
bluten aufgehört hatte.
»Natürlich, ja, verzeih: Oder Franz. Wollen wir vielleicht
mit den Stimmen für Anton beginnen?« Johannes
legte eine Hand auf Antons Schulter. »Ich enthalte
mich der Stimme, damit nicht der Eindruck entsteht,
ich würde das Ergebnis beeinflussen wollen. – Hebt
eure Hände, wenn ihr der Meinung seid, dass Anton
hier, der uns gerade eine so makellose Probe seines Könnens
dargeboten hat, den Christus von Oberammergau
geben soll.«
27.
FEB
2026
ROBERT LÖHR
OBERAMMERGAU
Hardcover mit Schutzumschlag
480 Seiten
26,00 € (D) 26,80 € (A)
ISBN 978-3-492-07408-7
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46
ANNE BEREST
VATERTAGE
ANNE BEREST
Vatertage
Nach ihrem Welterfolg mit Die Postkarte, dem Buch
über die Familie ihrer Mutter, widmet Anne Berest dies
neue Kapitel ihres Romanwerks dem väterlichen, dem
bretonischen Zweig ihrer Familie. Schon der Ururgroßvater
lebte im Finistère. Wie schon in Die Postkarte
vermischt sich die private mit der »großen« Geschichte,
von der Gründung der ersten Bauerngenossenschaften
bis zum Mai 1968, von der deutschen Besatzung eines
Dorfes im Léon bis zur Zerstörung der Stadt Brest.
Anne Berest wurde 1979 in Paris geboren. Sie arbeitete
als Schauspielerin, Regisseurin und gab eine Theaterzeitschrift
heraus, bevor sie 2010 ihren ersten Roman
veröffentlichte, 2017 schrieb sie gemeinsam mit ihrer
Schwester Claire ein Buch über ihre Urgroßmutter:
Ein Leben für die Avantgarde - Die Geschichte von
Gabriële Buffet-Picabia. Mit Die Postkarte, dem Roman
über ihre Vorfahren Rabinovitch gelang Anne Berest ein
literarischer Coup - das Buch war auf der Shortlist sämtlicher
großer Literaturpreise in Frankreich und wurde ein
internationaler Bestseller.
48
ANNE BEREST
LESEPROBE
LESEPROBE
Jeden Sommer verließen wir unsere Pariser Banlieue
und fuhren in die Bretagne, das Land meines Vaters,
in dem er zur Welt gekommen war, ganz wie sein Vater
und der Vater seines Vaters vor ihm.
Die Reise begann am Bahnhof Montparnasse unter
den Vasarely-Fresken, ihren seriellen Formen, ihren
kinetischen Motiven, deren satte Farben sich unter
einer schwarzen Schmutzschicht eintrübten.
Meine beiden Schwestern und ich waren die ersten
einer Abstammungsreihe, für die der Bahnhof Montparnasse
kein Ziel mehr war, sondern ein Ausgangspunkt.
Die ersten Berests, die außerhalb des Département
Finistère geboren wurden. Und dieser bloße
Richtungswechsel schrieb uns einen Unterschied ein,
den die vorhergehenden Generationen sich nicht hätten
vorstellen können. Ich fühlte mich deswegen meinem
Vater auf kaum merkliche Weise fremd.
Unsere Koffer auf dem Bahnsteig, die voller Bücher
für unsere Eltern waren, wogen schwer wie Baumstämme.
Meine Mutter Lélia arbeitete damals an
ihrer Habitilationsschrift mit dem nüchternen Titel
Anapher und Bestimmung, während mein Vater Pierre,
ebenfalls Wissenschaftler, sich weiter seinem Werk
Variationsrechnung: Anwendungen in der Mechanik und
der Physik widmete. Wir hatten die Schreibmaschine
dabei, eine grell orangefarbene Robotron Cella,
wuchtiges, gedrungenes Biest, das genauso viel Platz
einnahm wie meine kleine Schwester – und weniger
herumzappelte. Die Schreibmaschine besaß ihre eigene
Ledertasche sowie, Gipfel der Modernität, ein
zweifarbiges Tintenband in schwarz und rot.
Der Corail-Zug, in den wir uns buchstäblich hineinhievten,
war ein Kofferwort aus confort und rail,
Symbol einer bequemen, kollektiven und effizienten
Fortbewegung.
Ungeheure Errungenschaft: Wir brauchten nur sieben
Stunden bis Brest. Unsere Eltern erinnerten uns
daran, welches Glück wir hatten, Kinder einer schnellen
Epoche zu sein, einer modernen Epoche, in der
Klimatisierung für alle Reisenden erschwinglich war.
Schluss mit dem Mief von hartgekochten Eiern und
Salami, mit Achselschweiß, Schwangeren, denen
übel wurde, und vor Hitze krebsroten Babys. Dieser
Zug im peppigen Industriedesign, mit seinen lebhaften
Farben, seinem giftgrünen Speisewagen, war wie
ein Wunder in unser Leben getreten, zugleich mit
François Mitterrand.
In den Raucherwaggons wurde die Luft nach vier
oder fünf Stunden Fahrt dick wie Kinonebel, und
man konnte die Menschen am anderen Ende des
Wagens nicht mehr erkennen. Der Weg zur Toilette
führte durch die Gummiwulstübergänge. Ich kam
mir vor wie in einem riesigen Akkordeon. Der ohrenbetäubende
Lärm und die Vibration der Gleise unter
meinen Füßen machten mir Angst.
Ich fürchtete auch die Männer in den Zügen, die die
Kinder penetrant anstarrten. Während der gesamten
Strecke hefteten sich ihre Begierden an uns, für die Augen
der Erwachsenen unsichtbar. Wir spürten ihre Beharrlichkeit,
hautnah, greifbar. Ich versteckte mich hinter
den senfgelben Plisseevorhängen aus kratziger Wolle,
die den Zigarettengestank ungerührt aufnahmen.
49
ANNE BEREST
PRESSESTIMME
In Die Postkarte begann Anne Berest, sich mit den Erinnerungen ihrer Mutter
auseinanderzusetzen. In ihrem neuen Buch lässt sie die Seite ihres Vaters Pierre
zu Wort kommen. Das Unterfangen ist weniger offensichtlich, weil das Leben der
Familie Berest nicht von Russland über Palästina bis nach Frankreich im Zuge
der Turbulenzen der Geschichte verläuft, die so reichlich episches Material bieten.
In diesem Buch geht es um eine Familie aus Saint-Pol-Léon im Finistère, die
einen raschen sozialen Aufstieg erleben: Innerhalb weniger Jahrzehnte führt der
die Bérests nach Paris. Der Akzent des Namens geht dabei verloren. Pierre wird
ein angesehener Wissenschaftler, seine Töchter Anne und Claire erfolgreiche
Autorinnen. Indem man Pierre ins Paris der 1968 folgt, wo er ein
Studentenleben führte, das sich so sehr von dem seiner Väter unterscheidet, wird
einem der grundlegende Wandel der Zeit, der Zivilisation bewusst. Die ländliche
und traditionelle Gesellschaft macht Platz für die Großstadt und ihre tektonischen
Verschiebungen, die alle Sitten und Glaubensvorstellungen auf den Kopf stellen.
In weniger als einem halben Jahrhundert erleben die Berests den Wandel von
einer bäuerlichen, stabilen Welt hin zum Wirbelwind der 68er-Jahre. Anhand
von Pierres Lebensweg verfolgen wir die ideologischen Strömungen dieser Zeit,
ihre Strategien und Rivalitäten. Der brillante Mathematik-Student aus der
Bretagne, kann sich der politischen Naivität seiner Generation nicht entziehen.
Er und seine Zeitgenossen pflegen die Utopie einer neuen Welt, die bald durch die
wirtschaftliche und soziale Krise und den Beginn der AIDS-Ära ausgelöscht
werden wird.
Aber man sollte nicht glauben, dass es um eine soziologische Studie geht. Anne
Berest verliert nie aus den Augen, dass dieses Fresko, auch wenn es eine Epoche
charakterisiert, in erster Linie das Porträt eines Mannes ist. Sie hat sein Gesicht
vor Augen, wenn sie schreibt; es ist ihr Vater, von dem sie spricht. Sie erzählt seine
Geschichte, aber auch ihre gemeinsame Geschichte, mit allen Gefühlsausbrüchen,
dem Schweigen, allen Missverständnissen. Die Autorin tritt immer mehr in den
Vordergrund, je näher die Ereignisse ihr kommen. Insbesondere nach der
Ankündigung von Pierres Krankheit ist es sie, Anne Berest, eine Frau von heute,
mit ihrem Leben als Frau, Mutter und Autorin, die die Erzählung vorantreibt.
Sie verschweigt dabei nicht, worum es ihr geht: eine lange Liebeserklärung an
den mittlerweile verstorbenen Vater zu schreiben.
LE FIGARO
50
ANNE BEREST
LESEPROBE
In Morlaix fuhr der Zug herrschaftlich hoch über
der Stadt ein. Vom Viadukt aus lauerte ich auf das
plötzliche Erscheinen einer Flut sich türmender
nachtblauer Schieferdächer, gleich einer Weite versteinerter
Wogen. Von hier aus war es nur noch eine
Stunde Fahrt bis Brest, dem äußersten Zipfel, Ende
der Welt, Finis Terrae. Weiter ging es nicht. Danach
kam Amerika.
Ab der Endstation mussten wir unsere Koffer-Bibliotheken,
die uns nach der erschöpfenden Reise
noch schwerer vorkamen, weiterschleifen. Wir gingen
zu Fuß zu meinen Großeltern, die nur ein paar
Hundert Meter vom Bahnhof entfernt wohnten. Ich
nannte sie Omi und Opi, und mir kam gar nicht in
den Sinn, dass sie auch Namen hatten. In meinen
Augen hatten sie nur eine Rolle: die meiner bretonischen
Großeltern, gleichzeitig reale und ferne Wesen,
denen gegenüber ich eine Mischung aus Respekt
und Scheu empfand.
Der Vater meines Vaters war ein charismatischer
Mann, der »Ämter bekleidete«. Er war Bürgermeister
von Brest gewesen, vor meiner Geburt, angetreten
mit dem Slogan BÉREST FÜR BREST, nomen est
omen, wie beim Fußballer Jérémy [Fuß] Pied. Er hatte
keine Politiker-»Karriere« hinter sich, sondern war
Lehrer für Französisch, Latein und Griechisch. Das
war sein Trumpf, als er im Rathaus kandidierte. Und
später wurde er als der Literaturlehrer-Bürgermeister
bekannt.
Ich fühlte mich meinem Großvater gegenüber immer
befangen. In seiner Gegenwart spielte ich unwillkürlich
das vorbildliche kleine Mädchen – ein Verhalten,
das ich später auch in anderen Situationen annehmen
sollte. Ich veränderte meine Art, zu sein, lächelte
albern, verbog mich, um zu gefallen. Ich begriff nicht,
dass ich dadurch affektiert wirkte, unnatürlich und
reizlos.
Eugène Bérest starb 1994. In jenem Sommer, in dem
ich fünfzehn wurde, hatte ich die Schlaghosen meiner
Mutter aus den Tiefen ihrer Schubladen gekramt.
Ich zog nur gebrauchte Klamotten vom Trödel oder
vom Weinfest in Bagneux an – alten Fummel, der
mir durchdrungen schien von der Erinnerung jener,
die ihn in bedeutenderen, wahrhaftigeren Epochen
getragen hatten. Ich hatte dieses Faible für die
Vergangenheit und den Eindruck, zu spät geboren
zu sein, in eine Zeit, die nicht meine war. Mir schien,
als hätte alles, was zählte, alles, was es wert war, gelebt
zu werden, bereits stattgefunden, vorher, ohne
mich. Ich sehnte mich nach Freundschaften, die
ich nicht erfahren hatte, deren Möglichkeit ich in
Büchern suchte. Ich klapperte die Programmkinos
ab, um alte Filme zu sehen. Danach war ich immer
ein wenig melancholisch, fand mein Leben öde und
banal.
In den Tagen nach Eugènes Tod vertraute meine
Großmutter Odile meiner Mutter Lélia, ihrer
Schwiegertochter, ein paar Hefte an. Vier Schulhefte
der Marke Oxford, in denen mein Großvater einige
seiner Erinnerungen festgehalten hatte, ehe er starb.
Ich weiß nicht, warum, doch als ich diese Hefte sah,
hatte ich eine Art Erinnerung an die Zukunft, wie es
in der Kindheit und Jugend manchmal vorkommt. Ich
wusste, dass sie eines Tages in meinen Besitz gelangen
würden.
51
ANNE BEREST
LESEPROBE
Und so kam es, dreißig Jahre später. Ich hatte gerade
einen Roman veröffentlicht, der die Geschichte
meiner Familie mütterlicherseits, den Rabinovitchs,
russischen und polnischen Juden, erzählte. Die
wahre Geschichte einer an meine Mutter Lélia
gesandten anonymen Postkarte. Lélia war es auch,
die unerschöpfliche Matrix, immer eine Kippe im
Mundwinkel, die aus einer Schublade die vier Oxford-Hefte
mit Schottenmuster meines Großvaters
für mich herauszog. Ich habe sie sofort wiedererkannt.
»Weißt du, ich glaube, dein Vater würde sich freuen,
wenn du da mal einen Blick reinwerfen würdest«,
sagte sie.
Da mein Vater kein besonders gesprächiger Mensch
war, nahm meine Mutter oft für uns, seine Töchter,
die Dolmetscherrolle ein.
Genau an diesem Tag erhielt ich eine Mail von ihm.
Das geschah äußerst selten. Er hatte gerade das Buch
ausgelesen, das ich über meine Familie mütterlicherseits
geschrieben hatte, und schloss seine Anmerkungen
dazu folgendermaßen:
Schach mit Bakunin
Der Typ, der auf Pierre zukam, trug eine Brille mit
rundem Gestell, hatte hohe Wangenknochen und
wie Baumwollwerg verfilztes Haar. Es war ein junger
Mann mit olivfarbener Haut, stumpf vom Schlafmangel
und exzessivem Tabakgenuss. Seinen glühenden
schwarzen Augen war anzusehen, dass er klar
und präzise denken konnte. Eine überbordende Intelligenz.
Im Grunde sah er so aus, wie das, was er war,
ein Philosophiestudent im ersten Studienjahr.
Er war Pierre am Ausgang des Gymnasiums aufgefallen.
Angeblich wollte er den Gymnasiasten Zeitschriften
verkaufen – doch das war nur ein Vorwand
für andere geheime Aktivitäten. Er schwenkte die von
der kommunistischen Partei herausgegebene Zeitschrift
Nous les garçons et les filles, eine Art Chanel-rote
Version von Salut les copains.
Daher war Pierre nicht überrascht, als der Typ ihn
fragte: »Interessierst du dich für Politik?«
Er klopfte ihm freundlich auf die Schulter und antwortete:
»Ja, ich interessiere mich für Politik. Aber hör
Als deine Mama mir vor langer Zeit sagte, sie verspüre
den Drang, die Geschichte ihrer Familie aufzuzeichnen
– so wie du ihn verspürt hast -, habe ich ihr
gesagt, dass das gut sei, dass es aber auch das Leben
gebe, euch drei, alles, was wir noch zu tun hatten.
Diesbezüglich hatte ich nie etwas zu befürchten. Ich
sage dir nun dasselbe, ohne wahre Sorge. Du bist
dem Äußeren nach mehr Viviane oder Yseult als
Esther oder Judith. Das musst du nicht bedauern.
De Gaulle schreibt, Frankreich forme die Völker.
Ich stamme von einem einfachen Menschenschlag
ab, von Bauern und Seeleuten, oft hart im Nehmen,
über alle Maßen treu.
In jener Nacht in meinem Bett hörte ich, wie die Hefte
nach mir riefen. Sie enthielten Lebensbruchstücke
meines Großvaters, seine Kindheit im Finistère, in
Saint-Pol-de-Léon. Und ich hoffte, ohne es mir wirklich
einzugestehen, darin den Stoff für einen Roman
zu finden. Vermutlich rau, schmucklos und wortkarg.
Doch ich sollte einige Männer kennenlernen, von deren
Anstand, Zurückhaltung und Schüchterneit ich
keinerlei Vorstellung gehabt hatte.
52
ANNE BEREST
PRESSESTIMME
»In ihrer Familie ist Anne Berest diejenige, der man die Notizbücher, Fotoalben und
Archive weitergibt. Nach dem Tod ihres Großvaters väterlicherseits, Eugène, erbt sie vier
Schulhefte, in denen dieser einige Erinnerungen festgehalten hatte – Material, von dem
sie weiß, dass es eines Tages zu einem Buch werden wird. Aber wie schreibt man über das
Leben eines wortkargen Mannes, der ein brillanter, aber extrem zurückhaltender
Wissenschaftler ist, der ganz den schweigsamen Charakter der Menschen aus dem
Finistère geerbt hat? »Mein ganzes Leben lang habe ich meinen Vater als ein Rätsel
betrachtet«, gesteht die Schriftstellerin angesichts der Schwindel erregenden Aufgabe, die
sie sich gestellt hat. Indem sie die Geschichte dieser Familie erzählt, gelingt es ihr, eine
ganze Epoche wieder zum Leben zu erwecken, vom Frankreich der Zwischenkriegszeit
bis zu den Verwüstungen der AIDS-Epidemie, aber auch das Rätsel der Verbindung
zwischen Vätern und ihren Töchtern zu entschlüsseln. In Vatertage folgt Anne Berest
dem Leben ihres Urgroßvaters Eugène, Gründer einer landwirtschaftlichen
Genossenschaft, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Bauern
einsetzte; ihres Großvaters, ebenfalls namens Eugène, der lieber Altphilologie in Pars
studerte, als die Kooperative zu übernehmen, und ihres Vaters Pierre, dessen manchmal
gewaltbereites Engagement für die Trotzkisten sie entdeckt. Eine Reihe von Männern,
die die jeweils Erwartungen ihrer Väter enttäuscht haben.
In diesem Buch hinterfragt Anne Berest ihr eigenes Gefühl der Schuld. »Vatertage ist ein
Buch, das ich im Zorn geschrieben habe«, erklärt die Schriftstellerin dem Point. »Aber als
ich es fertiggestellt hatte, begriff ich, dass dieser Zorn, verbunden mit dem Eindruck,
meinen Vater enttäuscht zu haben, typisch für Menschen ist, deren Eltern und
Großeltern sich politisch und sozial engagiert haben und die sich diesem Engagement
nicht gewachsen fühlen.« Dieser Roman beweist, wie dringend notwendig es ist, die
Lebenden zu dem Thema zu befragen, das ihr Leben geprägt hat. Und ihnen unsere
Liebe zu bezeugen.«
LE POINT
53
ANNE BEREST
LESEPROBE
mal, deine Zeitschrift … Nimm’s mir nicht übel, Genosse
… das kann man nicht ernst nehmen …«
Pierre hatte absichtlich »Genosse« gesagt, damit sein
Gegenüber sich in seinen Absichten keinesfalls täuschte.
Er verdeutlichte: »Ihr möchtet Kritik an Salut les
copains äußern und an der gesamten amerikanischkapitalistischen
Ideologie, die ihr zugrundeliegt. Aber
ihr kopiert ihre Aufmachung und benutzen dieselbe
Typographie.«
»Na und?«
»Na ja … Wen man imitiert, den kann man weder anklagen
noch ihm widersprechen. In meinen Augen
habt ihr euch dadurch von vornherein unglaubwürdig
gemacht.«
»Du bist Pierre Berest, stimmt’s?«
»Ja.«
»Du spielst gern Schach, heißt es.«
»Du bist gut informiert.«
»Hast du Lust, gehen wir in den Park nebenan? Wir
könnten eine Partie spielen.«
Pierre nickte nur und folgte dem Typen.
»Setzen wir uns dort hin?«, schlug der Student vor und
deutete auf eine Bank auf dem Platz.
Pierre hatte das Gefühl, zu einem Treffen zu gehen,
das schon vor langer Zeit vereinbart worden war. Der
Student ließ zwischen ihnen etwas Platz, um ein zusammenklappbares
Schachbrett aus Pinienholz abzulegen,
das er aus seiner alten Ledertasche gezogen
hatte.
»Also du leitest das Aktionskomitee der Gymnasiasten?«,
fragte der Student, während er das Schachbrett
aufklappte.
»Nein«, antwortete Pierre verärgert. Geschwätzige
Spieler konnte er nicht ausstehen. Für ihn war Schach
etwas, das man schweigend spielte.
»Ach nein?! Bist du dir sicher?« fuhr der Typ fort. »Ich
habe dich aber Flugblätter verteilen sehen.«
»In dem, was du sagst, stecken zwei Irrtümer. Erstens
wird das Aktionskomitee der Gymnasiasten erst gegründet,
offiziell gibt es noch keins. Zweitens leite ich
gar nichts, bei uns gibt es keine Hierarchie.«
»Seid ihr Anarchisten?«
Der Student kippte alle Schachfiguren aus und Pierre
wusste sofort, dass in dem Spiel drei weiße Figuren
fehlten. Er musste sie nicht zählen, das sah er einfach.
»Nein«, erwiderte Pierre gereizt, »wir sind keine Anarchisten
… ich glaube, es fehlen Bauern in deinem
Satz.«
»Aber wenn ihr ein Aktionskomitee gründet, wird
das ziemlich zeitraubend für dich werden … Hast du
keine Angst, deine Auswahlprüfungen zu verhauen?«
Der Typ kramte lang in seiner Tasche herum, auf der
Suche nach den fehlenden Bauern.
»Nein.«
»Du bereitest dich auf die École Polytechnique vor!
Das heißt, du willst zur Elite gehören …«
»Nein, das heißt einfach, dass ich gut in Mathe bin«,
schnitt Pierre ihm das Wort ab. »Ich kann Weiß nehmen,
wenn du willst, weil da welche fehlen. Ich fange
an. Weißer Bauer nach e4«, sagte er und schloss die
Augen.
»Was machst du da?«, fragte der Typ.
»Ich werde blind spielen, falls es dich nicht stört. Du
musst mir nur deine Züge mitteilen.«
»Wenn es dir Spaß macht … Schwarzer Bauer nach
e5«, sagte der Student und fügte hinzu: »Hast du
schon einmal etwas vom Nationalen Vietnam-Komitee
gehört?«
»Springer nach f3. Nein«, antwortete Pierre, der mit
dem Angriff begonnen hatte. »Machst du deinen Zug?«
ANNE BEREST
54
PRESSESTIMME
Vatertage ist der bretonischen väterlichen
Linie von Anne Berests Familie gewidmet.
Das Buch aus einer recht unterschwelligen
Botschaft ihres Vaters entstanden, denn er
war ein »schweig amer Mann, den man
entschlüsseln musste«. Pierre Berest war
Mathematiker und Direktor des Labors
für Festkörpermechanik an der École
Polytechnique. Er regte sie dazu an,
zumindest so interpretierte Anne Berest
es, sich nach Die Postkarte, der
Familiengeschichte ihrer Mutter, auch
für das bretonische Volk der Seeleute und
Bauern zu interessieren, aus dem er stammte.
Vatertage ist eine Familiensaga, eine
Reflexion über Weitergabe und
Transgenealogie, eine Untersuchung der
Bretagne, eine Schilderung der
trotzkistischen Jahre – kurz, ein Roman
über die eigenen Wurzeln und dabei eine
Liebeserklärung an einen geliebten und
liebenden, aber distanzierten Vater, den
2022 der Krebs dahinraffte und den Anne
Berest durch das Schreiben noch eine Zeit
lang an ihrer Seite behalten konnte.
MADAME
»Entschuldige. Erinnerst du dich, vor vierzehn Tagen
in Paris, die jungen Leute, die die amerikanische
Bank überfallen haben, die American Express?«
»Ja, ich erinnere mich … Ziehst du?«
»Und was denkst du darüber?«
»Ich unterstütze das. Kannst du mir deinen Zug
sagen?«
»Springer nach c6. Na ja, das waren die Jungs vom Nationalen
Vietnam-Komitee. Wir kämpfen. Wir tun
nicht nur so, als ob. Wir sind organisiert. Wir ziehen
Aktionen durch. Verstehst du, was ich meine?«
»Läufer nach c4«, antwortete Pierre.
»Würde es dich interessieren, die Jungs vom Nationalen
Vietnam-Komitee von Brest kennenzulernen?«,
fragte der Typ und meldete, dass sein Springer nun
auf f6 stand.
Pierre richtete sich leicht auf und erwiderte scheinbar
beiläufig: »Warum nicht? Mein Bauer nach d4.«
»Sehr gut«, sagte der Typ lächelnd und schnappte
Pierre den Bauern weg.
Pierre reagierte nicht sofort. Vorerst nickte er nur,
dann ließ er einen Bauern auf e5 vorrücken. Der Student
legte den Zeigefinger auf seinen Mund und begann
ernsthaft nachzudenken, wie er seine Position
verteidigen könnte. Er schob den Bauern auf d5. Das
war der Fehler, auf den Pierre gewartet hatte. Jetzt
lächelte Weiß, er wusste genau, wie alles ablaufen
würde. Es war unausweichlich, er holte tief Luft und
schickte seinen Läufer nach b5, sein Gegner wich zurück,
runzelte die Brauen. Sein Springer zog vor nach
d7, bedrohte den weißen Springer. Da sagte Pierre die
kurze Rochade an. Der Student biss die Kiefer zusammen.
Sein Läufer zog nach c5. Pierre, unerschütterlich,
setzte sanft seinen Läufer auf g5.
»Schach«, sagte Pierre.
Der Student sah auf das Spielbrett, dann sah er Pierre
an, der ihn gerade in wenigen Zügen Schachmatt gesetzt
hatte, blind, mit drei Bauern weniger. Aber das
Wichtigste war: Er schien sich nicht das Geringste
darauf einzubilden. Der Student fühlte sich in seinem
Entschluss bestärkt. Dieser Pierre Berest wäre ein guter
Rekrut für sein Nationales Vietnam-Komitee. Der
Student holte ein Stück Papier aus der Tasche, schrieb
eine Adresse drauf, die er Pierre zeigte.
»Morgen, achtzehn Uhr. Versammlung des Nationalen
Vietnam-Komitees.«
»Ich werde dort sein«, antwortete Pierre.
Der Typ nahm sein Feuerzeug und ließ die Flamme
nach dem Papier züngeln, um jede Spur der Adresse
zu vernichten.
»Wie heißt du?«, fragte Pierre.
Der Typ schwieg. Er blickte in die Ferne und setzte
eine geheimnisvolle Miene auf, ehe er antwortete:
»Bei uns haben wir Codenamen. Wenn du willst,
kannst du mich Bak nennen.«
»Bak wie … Bakunin?«
»Ja. Bis morgen.«
29.
MAI
2026
ANNE BEREST
VATERTAGE
Hardcover mit Schutzumschlag
464 Seiten
25,00 € (D) 25,70 € (A)
ISBN 978-3-8270-1537-2
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schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
56
BETTINA TIETJEN
TIETJEN SUCHT DAS WEITE
BETTINA TIETJEN
TIETJEN
SUCHT DAS
WEITE
57
BETTINA TIETJEN
LESEPROBE
LESEPROBE
Prolog
Ein Uhr nachts und 30 Grad. Unerträglich heiß,
diese Sommernacht auf Korsika. Ich liege bei weit
offener Schiebetür im Bett und versuche zu schlafen,
während der Ingenieur noch draußen sitzt und auf
einen Windhauch hofft. Als ich gerade etwas weggedämmert
bin, reißt mich ein stechender Schmerz
in der Brust wieder aus dem Halbschlaf.
»Aua! Was zum Teufel machst du da?«, schreie ich
und versuche blinzelnd zu erkennen, ob es wirklich
mein Mann ist, der da auf meinem Brustkorb kniet.
Ich höre ein unschönes knirschendes Geräusch und
ahne, was es bedeutet. Mein Körper hält dieser Belastung
nicht stand.
»Runter da«, keuche ich, »ich glaube, du hast mir gerade
eine Rippe gebrochen.«
»Entschuldige mein Schatz«, sagt Udo erschrocken
und rutscht von mir runter. »Ich wollte nur ins Bett
und muss ja nun mal über dich rüberklettern, um auf
meine Seite zu kommen.«
»Aber dazu musst du dich ja nicht auf mich knien«,
keuche ich wütend, »weißt du eigentlich, wieviel du
wiegst?« Der Ingenieur schaut schuldbewusst.
»Naja«, sagt er zerknirscht, »ich dachte, da, wo ich
mich hingekniet habe, wärst du schon zu Ende...«.
Ich fasse es nicht. Wir sind mehr als 32 Jahre verheiratet
und mein Mann kann den Umfang seiner
Frau nicht richtig einschätzen! Viele Entschuldigungen
und Streicheleinheiten später bin ich trotz
der starken Rippenschmerzen eingeschlafen. Den
ganzen Urlaub über kann ich keinen Handgriff mehr
verrichten, der mit körperlicher Anstrengung verbunden
ist. Das Bett auf- und abbauen, spülen, Hängematte
aufhängen, SUP aufblasen – das muss der
Ingenieur jetzt alles allein machen. Ich bin schwerverletzt,
gehe aber nicht zum Arzt. Eine gebrochene
Rippe, habe ich recherchiert, muss langsam heilen,
eingipsen kann man sie nicht, da hilft nur Ruhe.
So einen Kollateralschaden wünscht man sich nicht,
aber man muss damit rechnen, wenn man zu zweit
auf einem ein Meter vierzig breiten Bett schläft und
das Idealgewicht seit Jahren hinter sich gelassen hat.
»Wir sind einfach zu groß und zu schwer«, jammert
mein Mann jedes Mal, wenn er in der Hitze der
Nacht wieder ohne meine Hilfe unser Lager herrichten
muss.
»Ich liebe dich auch!«, rufe ich ihm zu, während ich
entspannt draußen im Klappstuhl sitze und den
Sternenhimmel betrachte. Strafe muss sein.
Es sind Erlebnisse wie dieses, die uns immer mal
wieder daran zweifeln lassen, ob unser 26 Jahre alter
spartanischer Ducato ohne Klimaanlage noch das
Richtige für zwei Ü-60 Camper wie uns ist. Sollten
wir uns nicht doch ein etwas luxuriöseres Wohnmobil
zulegen? Eins mit eingebauter Toilette und
Dusche und einem schönen breiten Bett mit Federkernmatratze,
in das man abends nur noch hineinkrabbeln
muss? Aber dann kommen all die Erinnerungen
hoch. Die vielen wunderbaren Urlaube mit
den Kindern und auch später zu zweit, der Blick aus
dem Bett aufs Meer durch die weit geöffnete Schiebetür,
die vielen versteckten kleinen Campingplätze,
auf denen wir mit einem größeren Auto gar keinen
Platz gefunden hätten. Ist dieses Tietjen-Mobil,
mit viel Liebe und Arbeit selbst ausgebaut und auf
unsere Bedürfnisse zugeschnitten, überhaupt durch
irgendetwas zu ersetzen?
Sentimental betrachten wir dann unser altes Schätzchen,
weiß mit gelbem Streifen, das ja mittlerweile
zum Fernsehstar geworden ist.
»Ich wollte ja nie, dass dieses Auto ins Fernsehen
kommt«, sagt mein Mann dann versonnen, »aber
jetzt bin ich auch ein bisschen stolz drauf, dass es auf
seine alten Tage noch so berühmt geworden ist.«
Hunderte von Kilometern bin ich in den vergangenen
Jahren schon unter Kamerabeobachtung mit unserem
aufgepimpten Lieferwagen umhergereist, viele Prominente
habe ich für meine Sendung »Tietjen campt«
damit chauffiert, von der Müritz bis zum Gardasee
haben wir die Campingplätze unsicher gemacht. Und
wer auch immer sich mit mir auf das Fernseh-Campingabenteuer
eingelassen hat, war schockverliebt in
meinen Oldie. Was ist schon eine gebrochene Rippe
gegen all diese bezaubernden Erlebnisse?
BETTINA TIETJEN
58
LESEPROBE
»
EINEN NEOPRENANZUG
IN DEINER GRÖSSE
MUSS ICH ABER
ERST SUCHEN.
Deshalb rollt er weiter, der alte Haudegen. Mit und
ohne Kameras. Ob auf der Landstraße, beim Outdoor-Frühstück
oder am Lagerfeuer, ich sammle
weiter Geschichten.
Draußen sein. Unterwegs sein. Den Ballast unseres
durchstrukturierten und gut organisierten Alltags
hinter mir lassen – das gelingt mir nach wie vor am
besten beim Camping.
Ein Auto, dem die Spuren seines Lebens anzusehen
sind. Der Ingenieur neben mir, die Welt vor mir.
Mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein.
Volles Risiko
Dass die Coronazeit noch lange nicht vorbei ist, bekommen
wir zu spüren, als wir im Herbst 2020 nach
Italien fahren. Zwar sind die Ansteckungszahlen
gesunken, aber man muss höllisch aufpassen, dass
man nicht plötzlich in ein Hochrisikogebiet gerät.
Der größte Teil des Stiefels wird zu dem Zeitpunkt
als sicher bewertet – kaum zu glauben, wenn man an
die schrecklichen Bilder aus Bergamo vom Frühjahr
zurückdenkt. Tausende sind dort gestorben, über
fast ganz Italien wurde damals ein extrem strenger
Lockdown verhängt, die Menschen durften nur zum
Einkaufen, für einen Arztbesuch oder zum Gassigehen
mit ihren Hunden ihre Wohnungen verlassen.
Das ist zum Glück vorbei. Nachdem wir unterwegs
in Süddeutschland noch eine Hochzeit von Verwandten
besucht und im größtmöglichen erlaubten
Kreis unsere Stoffmasken gerührt nassgeweint haben,
checken wir die Lage am Gardasee.
»Fahrt nach Südwesten, auf die Halbinsel Manerba«,
haben uns Freunde empfohlen, »da ist nicht viel los.
Es gibt dort wunderschöne Campingplätze direkt
am See, und keine laute Straße vor der Nase wie an
der Ostseite.«
Nicht viel los ist untertrieben. Jetzt im Herbst hat
nur noch ein einziger Platz überhaupt geöffnet, und
der hat jede Menge Parzellen am Ufer frei.
»Ich habe nur noch diese Woche offen«, sagt der Platzchef,
ein behäbiger Typ mit Strohhut, und schaut uns
durch die Sicherheitsscheibe seines kleinen Empfangshäuschens
an. »Wir Italiener fahren um diese
Jahreszeit nicht zum Campen und die meisten anderen
sind auch noch skeptisch wegen der Pandemie. Stellt
euch hin, wo ihr wollt, aber bitte immer Maske tragen,
wenn ihr eure Parzelle verlasst!« Aha. Strenger als in
Deutschland, bei uns darf man zu diesem Zeitpunkt
sogar schon wieder zu mehreren Personen ohne Maske
Sport treiben. Wir installieren uns und bewundern
den weiten Blick auf See und Berge. Am nächsten Tag
kommen noch unsere Freunde Klaus und Hermy dazu
und wir genießen es, so ganz allein mit den Füßen im
Wasser zu frühstücken, zu paddeln und die für den
Gardasee so ungewohnte Stille auszukosten.
Die Idylle ist vorbei, als vor unserer Nase ein E-Foil-
Kurs stattfindet. Junge Menschen in Neoprenanzügen
lernen unter viel Gelächter und Gekreische, wie
man auf einem elektrisch angetriebenen Surfbrett
dank des Foils (eine Art Finne mit kleinen Flügeln,
die auf der Unterseite des Boards montiert ist) fünfzig
Zentimeter über der Wasseroberfläche durch den
See pflügt.
»Das will ich auch!«, rufe ich begeistert und ernte von
meinen Mitreisenden nur spöttische Kommentare.
»Denk dran, dass du in Sport immer eine vier minus
auf dem Zeugnis hattest«, feixt der Ingenieur. »Das
Windsurfen hast du doch auch schon nach einem Tag
aufgegeben«, sagt Hermy lachend, »und beim Standup-Paddeln
kommst du nicht mehr aufs Brett zurück,
sobald du im Wasser nicht mehr stehen kannst!« Ich
ignoriere die missgünstigen Bemerkungen und marschiere
wildentschlossen zur Kursleiterin. Die sieht
mich zwar leicht irritiert an und mustert mich von
Kopf bis Fuß, als ich nach einer Einzelstunde frage,
willigt dann aber ein.
»Komm um halb fünf, Bella«, sagt sie, »einen Neoprenanzug
in deiner Größe muss ich aber erst suchen.«
- Sehr charmant.
Zwei Stunden später lasse ich mir - in einen knapp
bemessenen knallroten Neopren-Ganzkörper-Suit
gezwängt - von Gloria erklären, wie ich auf dem
Bauch starten und dann vorsichtig in die Hocke gehen
muss, um ein Gefühl für die Geschwindigkeit
zu bekommen. »Wenn du dich hinhockst, musst du
mit der Fernbedienung die Geschwindigkeit erhöhen,
damit der Foil aus dem Wasser kommt. Und
dann langsam ins Gleiten kommen.« Als ich auf dem
Bauch durchs Wasser schieße, ist mir rätselhaft, wie
ich mich bei dem Tempo erheben soll. Ich schaffe es
ja kaum, im Liegen nicht ins Wasser zu fallen.
»Laaaangsaaamer«, schreit Gloria mir hinterher. Ich
verstehe sie kaum, weil sie vorschriftsgemäß Maske
trägt, obwohl sie ganz alleine bis zu den Knien im
Wasser steht. Ich versuche durch den Wasserschleier
das Display der Fernbedienung zu erkennen und
sehe, dass ich versehentlich auf »full speed« gedrückt
habe. Ich schalte um auf die langsamste Stufe. Das
Brett bremst abrupt – und wirft mich ab wie ein störrisches
Pferd. Dazu passend schallt vom Ufer wieherndes
Gelächter zu mir rüber. Meine Gang scheint
sich köstlich zu amüsieren.
»Los, Carissima, next try«, ruft Gloria. Ich klettere
aufs Board und starte den nächsten Versuch. Nachdem
ich noch mehrmals im Wasser gelandet bin, gelingt
es mir immerhin, irgendwie in die Hocke zu
kommen. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer.
»Und jetzt Gas geben«, ermutigt mich die Lehrerin,
»aber subito, sonst fällst du wieder rein!« Ich gehorche
und erschrecke höllisch, als mein Gefährt losrast
und ich kopfüber abstürze, nicht ohne mir noch
den Kopf am Mast des Foils zu stoßen, der führerlos
durchs Wasser trudelt. Nach diversen weiteren Versuchen,
die mich nie weiter als zwanzig Meter vom
Ufer kommen lassen, drehe ich das Brett mit dem
Mast nach oben und wate völlig erschöpft zu Gloria.
»Ich gebe auf«, stöhne ich, »mir tut alles weh und
ich habe sehr viel Wasser geschluckt.« Gloria kichert
und nimmt kurz ihre Maske ab.
»Das ist okay, Bella«, sagt sie, »hören wir auf für heute.
Auf ein totes Pferd soll man auch nicht länger einprügeln.«
Ich bezahle und verrate ihr nicht, dass
es für mich kein zweites Mal geben wird. Mit Ü60
muss man manchmal auch einsehen, dass nicht mehr
alles möglich ist.
59
BETTINA TIETJEN
LESEPROBE
BETTINA TIETJEN
60
LESEPROBE
Als ich zum Campingplatz zurückkomme, empfangen
mich meine Mitreisenden unter Applaus. Sie haben
schon eine Flasche Wein geleert und sind bester
Laune.
»Selten so ein aufregendes Rodeo gesehen«, ruft
mein Mann. »Der Anzug steht dir übrigens hervorragend.
Als nächste Wassersportart solltest du Canyoning
ausprobieren.«
Als ich am nächsten Morgen aufstehe, fühle ich mich,
als hätte ich mindestens einen Triathlon hinter mir.
»Habe ich das nur geträumt oder habe ich gestern
tatsächlich einen Trendsport für junge sportliche
Menschen ausprobiert?«, frage ich Udo. »Alles nur
geträumt«, sagt er schnell, »nur ein böser Traum,
mein Schatz. Heute fahren wir weiter nach Ligurien,
es soll da einen schönen Stellplatz direkt am Wasser
geben. Ein Geheimtipp.«
Wild Life
Als wir in Australien in einem der vielen Nationalparks
im Stockdunklen unter leise rauschenden Eukalyptusbäumen
sitzen, unterhalten wir uns vor lauter
Ehrfurcht vor der Stille nur flüsternd. Kein Licht ist
zu sehen außer unserer Kerze auf dem Campingtisch
zwischen uns und dem betörend glitzernden Sternenhimmel
über uns. Die paar anderen Camper verlieren
sich auf dem weitläufigen Gelände. Alles fühlt sich
wunderbar an in dieser lauen Sommernacht in Down
Under. Nur dass der Ingenieur seine Füße unterm
Tisch auf meine gelegt hat, stört mich ein bisschen.
Falls das eine zärtliche Geste sein soll, finde ich sie in
diesem Moment irgendwie unangebracht.
»Sag mal Schatz, musst du unbedingt deine Füße auf
meinen parken?«, frage ich vorsichtig. »Ich finde das
alles ja auch wahnsinnig romantisch. Aber mir ist
sehr warm und Platz für schwitzige Füße gibt’s hier
nun wirklich genug.«
Ich kann im schummerigen Kerzenlicht sein Gesicht
nicht sehen, aber in seiner Stimme schwingt
leichte Verblüffung mit als er sagt: »Das bin ich nicht.
Meine Füße sind hier bei mir.« Ich zucke zusammen
und taste hektisch nach der Taschenlampe. Was
auch immer das auf meinen Füßen ist, es fühlt sich
warm und lebendig an. Als ich die Lampe endlich
gefunden habe, leuchte ich nach unten und ... mein
gellender Schrei zerstört die paradiesische Stille.
Auf meinen nackten Füßen sitzen zwei Tiere und
sehen mich erschrocken aus funkelnden rot umrandeten
Augen an.
»Hilfe!«, schreie ich, »Da sitzt was auf meinen Zehen,
was Lebendiges, ich glaube, es sind Koalas.« Der Ingenieur
greift nach seinem Handy und leuchtet auf
meine Füße.
»Oh!«, ruft er begeistert, »Das sind Opossums. Sehen
aus wie Mutter und Kind.« Mit einem Ruck ziehe ich
meine Beine weg, springe auf und entferne mich ein
paar Schritte. Die beiden sehen zwar wohlgesonnen
aus, aber man weiß ja nie. Wir sind hier mitten in der
Wildnis. Schilder, die vor bissigen Opossums warnen,
habe ich allerdings nirgends gesehen.
»Na kommt her ihr kleinen Racker«, höre ich meinen
Mann flüstern, »wir tun euch nichts.« Die kleinen
Racker lassen sich das nicht zwei Mal sagen. Flink
springen sie zuerst auf meinen Stuhl, dann auf den
Tisch und machen sich geschickt an der Chipstüte
zu schaffen.
»Hahaha«, freut sich Udo, »das scheint ihnen zu
schmecken. Ich glaube, Chips essen die nicht zum
ersten Mal.«
Offenbar sind wir auch nicht die ersten menschlichen
Wesen, die die Opossumfamilie zu Gesicht bekommt.
Völlig entspannt snacken die Tierchen die
Tüte leer und machen sich dann ganz in Ruhe davon -
nicht ohne auf unserem Tisch noch einen Haufen
kleiner schwarzer Köttel zu hinterlassen.
Stöhnend lasse ich mich auf meinen Stuhl fallen –
und springe gleich wieder auf. Alles feucht und klebrig
am Po.
»Die haben auch meinen Stuhl als Klo missbraucht«,
jammere ich. »Wie kriege ich denn bloß die Opossumkacke
wieder aus meiner Hose raus?«
»Beruhige dich«, sagt der Ingenieur, »du wolltest
doch Wildlife, jetzt hast du es. Das sind doch richtig
süße Nachbarn, die passen diese Nacht auf uns auf.«
Als wir im Bett liegen, höre ich auf dem Dach unseres
Wohnmobils leises Getrappel.
»Wer schleicht so spät durch Nacht und Wind«, flüstere
ich Udo ins Ohr. »Es ist die Opossum-Mama
mit ihrem Kind«, sagt er schlaftrunken. »Morgen
müssen wir erstmal neue Chips kaufen, damit das
nicht unsere letzte Begegnung mit den Knopfaugen
war.«
02.
APR
2026
BETTINA TIETJEN
TIETJEN SUCHT DAS WEITE
Klappenbroschur
256 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06594-8
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
62
JENNY COLGAN
SOMMER FÜHLT SICH AN WIE ZUHAUSE
63
JENNY COLGAN
INTERVIEW
JENNY COLGAN
Sommer
fühlt sich
an wie
Zuhause
INTERVIEW
geführt von Felicitas von Lovenberg
Jenny, in deinem neuen Roman »Sommer
fühlt sich an wie Zuhause« geht es – unter
anderem – um die Beziehung zwischen
Müttern und Töchtern. Was hat dich an
dem Thema gereizt?
Wie an vielen anderen Orten auch sind die Mieten
in Schottland für junge Menschen unglaublich hoch,
und viele sind gezwungen, zurück zu ihren Eltern zu
ziehen, wenn sich in ihrem Leben etwas verändert. In
meiner Generation war es so: Wenn man einmal ausgezogen
war, war man weg – aber das ist heute nicht
mehr so. Ich dachte, diese Art zweiter Wohngemeinschaft
wäre ein spannendes Thema, das man mal beleuchten
könnte. Familienbeziehungen sind doch einfach
immer interessant!
Im Mittelpunkt deines Romans stehen Janey, eine
Mutter um die fünfzig, und ihre erwachsene Tochter
Essie, die ihren Job verliert und gezwungen
ist, wieder bei ihrer Mutter einzuziehen. Für wen
von den beiden ist die Situation schwieriger?
Sie ist für beide sehr schwierig – für die Tochter, die das
Gefühl hat, in der großen Stadt Edinburgh gescheitert zu
sein, und für die Mutter, die nach einer harten Scheidung
gerade versucht, ihr Leben neu aufzubauen. Zu Beginn
fühlen sich beide auf ihre eigene Weise als Versagerinnen,
und sie müssen einen Weg finden, trotz allem wieder
zueinanderzufinden. Da meine eigenen Kinder langsam
erwachsen werden, interessiert mich dieser Übergang
von einer Erwachsenen-Kind-Beziehung hin zu einer
Erwachsenen-Erwachsenen-Beziehung ungemein!
64
JENNY COLGAN
INTERVIEW
Die Beziehung zwischen Janey und Essie ist
sowohl zärtlich als auch kompliziert …
Na ja, so sind Familien eben. Sie sind herzlich, lustig,
schwierig und kompliziert – ich glaube, alle liebevollen
Familien sind so. Wenn ich über das Schreiben
spreche und Leute mich fragen, wo ich meine Ideen
hernehme, sage ich immer: »Wenn ich dich jetzt bitten
würde, mir von deiner verrückten Familie zu erzählen,
könnten wir die ganze Nacht hier sitzen.« Jede
Familie ist doch auf irgendeine Weise verrückt!
Verrätst du uns eine deiner Lieblingsszenen
zwischen Mutter und Tochter aus dem Buch?
Meine eigene Mutter habe ich schon vor langer Zeit
verloren, und meine Tochter ist noch recht jung, aber
ich mag die Szenen, in denen Janey immer wieder
Ausreden erfindet, um mit ihrer Tochter zu sprechen
– zum Beispiel, dass sie etwas über Haarprodukte
oder Make-up wissen will. Ich erkenne mich
da selbst sehr wieder! Die Komikerin Tina Fey hat
einmal gesagt: Mit seiner Teenagertochter zu sprechen,
sei so, wie den Schwarm aus der Schule um
ein Date zu bitten: »Du, da hat ein ganz tolles neues
Eiscafé aufgemacht … Hast du Lust, oder … Nein?
Okay, ist auch nicht schlimm …« Das kommt mir
bekannt vor!
Du hast schon mehrere Bücher in Carso angesiedelt.
Diesmal wirkt das Städtchen mit
seiner Küstenlage fast wie eine Hauptfigur.
Was reizt dich so an Schauplätzen, die am
Meer liegen?
Ich bin direkt am Meer geboren, an der Westküste
Schottlands, und habe immer am Wasser gelebt. Alles
andere fühlt sich für mich nicht ganz richtig an,
auch wenn ich andere Orte ebenfalls liebe. Aber die
Wellen, das wechselhafte Wetter und die frische Brise
finden immer wieder ihren Weg in meine Bücher.
Dein Hauptthema ist »Zuhause« – es zu finden,
zu verlassen und wirklich schätzen zu lernen.
Wie steht es um dein eigenes Gefühl für
Herkunft?
Ich bin mit Zwanzig aus Schottland weggezogen
und erst in meinen Vierzigern zurückgekehrt. Es
war wirklich spannend, wie sich mein Blick auf die
Heimat verändert hat. All die Dinge, die mich beim
Weggehen gestört haben – dass jeder deine Familie
kennt und alle so gesprächig sind – habe ich plötzlich
sehr geschätzt, als ich zurückkam! Es ist schön,
dort zu leben, wo alle so klingen wie man selbst und
jeder versteht, wovon man spricht. Und heute bedeutet
es mir mehr als früher. Ich glaube, das geht
vielen Menschen so: Man wächst auf, zieht los, reist –
aber irgendwann ruft die Familie einen wieder nach
Hause.
Ohne zu viel zu verraten: Es gibt eine sehr
leidenschaftliche Liebesszene im Buch! War es
schwierig oder eher spaßig, sie zu schreiben?
Ha! Ja, die gibt es – und ich hatte großen Spaß beim
Schreiben, das war wirklich lustig.
Viele Leser:innen lieben das Gemeinschaftsgefühl
in deinen Büchern. Wie prägt das
Dorfleben deine Charaktere?
Ich mag Gemeinschaften, in denen Menschen aller
Altersgruppen und Hintergründe miteinander auskommen
müssen – und das funktioniert in kleinen
Dörfern besonders gut, vor allem in abgelegenen, wo
man auf seine Nachbarn angewiesen ist. Sonst werden
die Winter dort sehr lang!
Im Buch gibt es auch eine wunderbare Hundegeschichte
…
Ich mochte es, mir eine ganz ungewöhnliche Mischung
vorzustellen – zwischen einem sehr großen
und einem sehr kleinen Hund. Einfach zu meiner
eigenen Belustigung sind die Welpen eine Kreuzung
aus Irischem Wolfshund und Highland Terrier. Ich
liebe Hunde! Wir hatten selbst einmal einen Wurf
Terrierwelpen – das war ein herrliches, chaotisches
Durcheinander mit sieben kleinen Hunden, die überall
herumrannten. Wir haben sie im Gewächshaus gehalten,
und sie haben ihre Mutter ganz schön gequält.
Die war dann auch richtig sauer, als wir einen der
Welpen behalten haben. Inzwischen haben sie sich
aber mit ihrer Mutter-Sohn-WG abgefunden!
Deine Romane haben immer einen besonderen
Charme – wenn ich eines deiner Bücher
lese, bekomme ich gleich gute Laune – und
stelle mir immer vor, dass es dir beim Schreiben
auch so ging.
Das ist lieb, aber niemand ist immer gut gelaunt!
Meine Schreibtage laufen recht ähnlich ab: Ich gehe
mit meinem Mann, wenn er da ist, und den Hunden
spazieren, dann setze ich mich ins Café und versuche,
mein Tagespensum zu schaffen. Danach gehe ich
nach Hause, spiele Harfe oder Klavier und überlege,
was es zum Abendessen gibt und ob ich dafür noch
etwas einkaufen gehen muss.
Die Mutter-Tochter-Dynamik steht im Zentrum
des Buches. Hast du eigene Erfahrungen als
Mutter oder Tochter verarbeitet?
Meine Tochter ist noch ziemlich jung, und wir verstehen
uns sehr gut. Mit meiner eigenen Mutter hatte
ich eine liebevolle, aber auch manchmal schwierige
Beziehung. Wir sind immer wieder in die klassischen
Mutter-Kind-Rollen zurückgefallen, wenn wir zusammen
waren – ich glaube, das passiert in vielen Familien.
Davon habe ich mich tatsächlich inspirieren
lassen.
Wenn Sie Janey einen Rat geben könnten –
und Essie ebenfalls –, welcher wäre das?
Ich glaube, wir alle sind gut darin, Rat zu geben, aber
schlecht darin, ihn selbst anzunehmen! Für die ältere
Janey würde ich sagen: Lass dich vom Älterwerden
nicht davon abhalten, Neues auszuprobieren – du bist
immer noch voller Energie und Möglichkeiten. Für
die junge Essie: Mit 26 sollte dich nichts allzu sehr
aus der Bahn werfen, denn in dem Alter ist alles noch
umkehrbar!
Es soll ja immer noch Leserinnen und Leser
geben, die dich und deine Romane bisher
nicht entdeckt haben. Für alle Neulinge: Was
macht »Sommer fühlt sich an wie Zuhause«
unter deinen Romanen einzigartig, und worauf
dürfen sie sich am meisten freuen?
Hallo, liebe neue Leserinnen und Leser! Ich hoffe, ihr
geht nach einem meiner Bücher immer mit einem guten
Gefühl und einem Lächeln auf dem Gesicht nach
Hause – und ich hoffe sehr, dass ich euch zum Lachen
bringe. Das ist eigentlich mein wichtigster Job! Alles
Liebe, Jenny xxx
30.
APR
2026
JENNY COLGAN
SOMMER FÜHLT SICH AN WIE ZUHAUSE
Taschenbuch mit Klappen
448 Seiten
13,00 € (D) 13,40 € (A)
ISBN 978-3-492-32261-4
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
66
ANJA GMEINWIESER
WIR KÖNIGINNEN
WI R
KÖN
IGIN
NEN
EINE ROAD NOVEL ÜBER ZWEI
FRAUEN UND EINE HERDE KÜHE
ANJA GMEINWIESER
67
ANJA GMEINWIESER
INTERVIEW
INTERVIEW
Wovon handelt Wir Königinnen?
Wir reisen mit zwei Frauen und 24 Kühen in einem
Lkw durch den Süden Europas von den italienischen
Alpen bis an die bulgarisch-türkische Grenze. Die
beiden lernen sich kennen, wundern sich übereinander,
streiten sich, kommen einander näher.
Wer sind die beiden Heldinnen?
Die Ich-Erzählerin ist ihrem Alltag entflohen und
sucht auf einer Trekkingtour nach Ruhe, findet in den
Bergen aber nicht das Erwartete. Da trifft sie auf die
Fernfahrerin Anna und die Rinder, fährt spontan mit,
wittert einen Ausweg aus Entscheidung und Verantwortung.
Anna steht mit beiden Füßen fest im Leben,
kennt ihre Spielräume, geht pragmatisch damit um.
Sie will einfach ihre Arbeit machen – unter den gegebenen
Umständen ist das überhaupt nicht einfach.
Gibt es viele Frauen wie Anna in der Fernfahrerbranche?
Nicht viele Frauen machen diesen Job. Womit aber alle
Fernfahrenden zu tun haben, ist die dürftige Struktur
auf den Routen, die es ihnen schwer macht, gesetzliche
Vorgaben einzuhalten. Auch arbeiten viele westlich des
eigenen Landes, weil sie dort in der Regel besser bezahlt
werden – allerdings immer noch schlecht. Vor ein, zwei
Jahren haben Lkw-Fahrer auf einer deutschen Raststätte
gestreikt und gegen ihren Spediteur demonstriert –
ein rarer Moment für eine größere Öffentlichkeit. Wir
haben eine Welt geschaffen, deren »Uhrwerk« ein Teil
der Gesellschaft nicht sieht – während der andere die
Maschine am Laufen hält. Ich habe mit einer Fahrerin
gesprochen, Aussagen wie: »Ich muss besser einparken
können als die Männer«, sind von ihr.
Welche Recherchen stecken dahinter?
Auf einer Wandertour im Piemont bin ich einmal auf
einen Tiertransporter mit Rindern getroffen, mitten
in den Bergen. Das fand ich schräg, ich habe es
als Geschichte weitergesponnen. Natürlich habe ich
viel recherchiert: Da waren Tierärzt*innen und Tierrechtsaktivist*innen
eine große Hilfe. Ich habe bei
Transportunternehmen nachgefragt, dort blieben
die Türen aber in der Regel zu. Ein Viehhändler hat
sich bereit erklärt, mir seinen Lkw zu zeigen und aus
dem Alltag zu erzählen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Und natürlich bin ich die Strecke zwischen
Italien und Kapikule gereist – die Route meiner Protagonistinnen.
Ich habe versucht, die Ästhetik der
Autobahn aufzuschreiben: Raststätten, Greifvögel
neben der Fahrbahn, der Blick durch die Frontscheibe.
Sind solche Tiertransporte quer durch Europa
an der Tagesordnung?
Noch immer werden jedes Jahr Millionen von Säugetieren
lebend durch Europa gefahren, z. T. auch übers
Mittelmeer. Je länger die Tiere transportiert werden,
desto kritischer ist das für sie. Es gibt EU-Versorgungsställe,
aber natürlich ist es für die Tiere stressig,
Stunden und Tage eng gedrängt im Stehen durch die
Gegend gefahren zu werden. Die rechtlichen Vorgaben
sind zwar strikt und werden nach Möglichkeit
kontrolliert, dennoch decken Tierrechtsorganisationen
jedes Jahr schwere Verstöße auf. Immer wieder
schaffen es missglückte Tiertransporte in die Medien
wie 2024, als 69 Holstein-Rinder wochenlang im
Laster an der Grenze stehen mussten, oder 2021, als
eine Fähre mit 900 Rindern übers Mittelmeer irrte,
weil sie aus Seuchenschutzgründen am Zielort nicht
abgeladen werden konnten.
Die beiden Frauen kommunizieren in knappem
Englisch oder mithilfe eines Übersetzungsprogramms
– wie kam es dazu?
Jede*r Reisende verwendet die Mittel, die man hat.
Das sind oft knappes Englisch und ein Übersetzungsprogramm.
Wie hätte ich die Kommunikation zwischen
den beiden authentischer darstellen können? Es
wären eine Menge Missverständnis und Witz verloren
gegangen. Außerdem sind die Übersetzungen von
Google & Co. zum Teil lustig und lesenswert, sie zeigen,
welche Eigenheiten das Deutsche hat, wenn der
Kontext fehlt. Leider sind die Programme im Laufe
des Schreibens besser geworden.
68
ANJA GMEINWIESER
LESEPROBE
LESEPROBE
Ich entschließe mich zu einem Spaziergang, weil sich
die Welt wie frisch gewaschen anfühlt. Ich nehme
den Weg, den ich morgen ohnehin gehen werde: bergab,
von der Ruine fort, bergan, kleine Bäche Regenwasser,
die mir entgegeneilen, bergab, Weiden ohne
Tier, als solche erkennbar an Elektrozaunschnüren
und Kuhfladen, bergan. Immer wieder die Illusion,
dass du den Berg nur hochmusst, gegebenenfalls in
Serpentinen, und auf der anderen Seite wieder runter.
Landschaft funktioniert in Wirklichkeit anders, sie
wellt und faltet sich langsam bergan und bergab, du
musst jede Falte, jede Welle, tausend Kuppen hochund
wieder runterlaufen.
Gute zehn Minuten von meiner Ruine entfernt sehe
ich von einer Kuppe hangabwärts eine zweite Ruine,
nein, auch keine Ruine, ein Haus, sicher alt, aber es hat
eine Tür, ein Dach ohne Löcher, es ist nicht verlassen.
Vor dem Haus oder der Hütte parkt auf einer erstaunlich
großen Fläche ein blaumannblauer Laster. Tiertransporter,
denke ich, er hat dieses Raster an der Seite,
längliche Luftschlitze in einem Korpus aus Metall. Er
muss die gewundene Asphaltstraße genommen haben,
die an der Hütte endet. Um den Lkw herum Kühe,
eine kleine Herde schmutzgrauer Kühe, nah aneinandergedrängt
und still, sie wirken verloren vor den
Bergen. Sie stehen da, die Köpfe in meine Richtung
gewandt, und ich glaube, sie kauen synchron.
Ein Laster ist ebenso gut ein Mensch. Er bedeutet
einen Menschen. Der Mensch hat den Laster hier hingefahren
und die Ladefläche geöffnet, damit die Rinder
nach draußen können. Der Mensch steht winzig
vor der Hütte auf der Treppe zur Tür. Meine Hand
zum Gruß, seine Hand zum Gruß. Er ruft etwas, das
ich nicht verstehe, ich kann die Stimme auch keinem
Geschlecht zuordnen, ich kann ihn nicht einschätzen,
er ist ein ferner dunkler menschförmiger Fleck, wie ich
ihn seit Tagen nicht gesehen habe. Der Mensch ruft
noch mal, es könnte der Name einer Ortschaft in der
Nähe sein, ich rufe »Sì« und schaue mit zusammengekniffenen
Augen. Plötzlich ist mir ein anderer Mensch
unangenehm. Seit Tagen vermisse ich Menschen, jetzt
ist da nur das Drücken der Ablehnung in meiner Kehle.
Ich trete von einem Fuß auf den anderen. Dann winke
ich und kehre um.
Ich gehe extra langsam und ruhig, um nicht eigenartig
zu wirken. Ich drehe mich nicht um. Ich schließe
mit mir selbst eine Wette ab, mich nicht umzudrehen,
bis ich auf der ersten Kuppe bin. Ich gewinne.
Oben halte ich inne, bücke mich, schnüre meine Schuhe
neu. Drehe mich etwas um im Aufstehen. Auf der
Kuppe gegenüber zeichnet sich die Silhouette des
Menschen gegen die hellgrauen Wolken ab. Ich hätte
mich früher umdrehen sollen, die ganze Zeit über hätte
ich mich umdrehen sollen. Ich gehe schnell weiter, und
fast sofort höre ich aus der Richtung der Person einen
Schuss. Ich fahre herum. Noch immer steht da die Person,
die geschossen hat, die auf mich geschossen hat.
Warte!
Hat sie wirklich geschossen? An der Silhouette nichts,
was darauf hinweist. Sie hat nicht geschossen. Sie hat
geschossen. Hat sie nicht, warum sollte sie. Vielleicht
Einbildung oder mein Trommelfell, vielleicht ein
Scherz, vielleicht hat etwas die Schallmauer durchbrochen,
vielleicht ist ein Stück Fels aufgeschlagen.
Die Person hat die Hände in die Hüften gestemmt und
bewegt sich nicht. Ich fahre herum und renne, und immer,
wenn ich mich umblicke, steht sie noch da. Keuchen
in meinen Ohren, mein eigenes, ich habe Seitenstechen.
Unter meinem Schuh rutscht ein Stein weg,
und ich rutsche hinterher, falle auf den Hintern. Mein
Gesicht ein Schrei ohne Ton. Mein Puls ein Beben,
mein Schweiß riecht nach Angst, ich fluche nach innen.
Ich stehe auf, wische mir Dreck und Steinchen von
Handflächen und Hintern. Vorsichtige Schritte. Ich
blicke zurück. Die Kuppe versperrt die Sicht. Von hier
aus gesehen endet der Weg an den Wolken.
Ich kauere hinter meiner Ruine auf dem Schlafsack
und warte.
Warte, dass etwas passiert.
Warte, dass, wer auch geschossen hat, hierherkommt.
Warte darauf, dass mein Herzschlag ruhiger wird.
69
ANJA GMEINWIESER
LESEPROBE
Warte, dass die Spaghetti, die ich wie ferngesteuert
auf den Gaskocher gestellt habe, endlich durch sind.
Ich denke an die Person beim Laster, die vielleicht geschossen
hat, vielleicht auf mich, vielleicht auch nicht.
Sie hat sicher etwas zu essen. Ich könnte danach fragen.
Ich könnte es stehlen. Ich werde beides nicht tun.
Ich gieße das Nudelwasser ins Gras.
Schritte hinter mir. Ich fahre herum, Spaghetti
schnellen aus dem Topf, den ich gerade noch festhalten
kann. Da steht eine Frau, ein Gewehr in der Hand,
der Lauf nach hinten gerichtet.
Ich stelle mich darauf ein, dass die Situation kippt.
Wir starren einander an. Wir blicken ungläubig. Sie
ist in meinem Alter. Das dunkle Haar zum Zopf geflochten,
ein Muttermal unter der Lippe, dichte Augenbrauen,
die das Gesicht irgendwie ausmachen und
die sie hochzieht, aus Skepsis oder Überraschung.
Sie trägt Jeans, Flip-Flops und ein kariertes Hemd.
Und das Gewehr.
Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud
Spencer.
Ich zeige auf mich und sage meinen Namen, als Friedenszeichen,
falls notwendig.
Sie hebt die Brauen, sagt ihren Namen: »Anna.«
Ich deute mit dem Nudeltopf auf das Gewehr. »Want
to shoot me?«, und wundere mich über die eigene
Ruhe. Sie mustert mich, blickt auf das Gewehr, lehnt
es dann vorsichtig gegen die Hauswand. Sie holt
Luft, wie um etwas zu sagen, grinst aber nur, hebt die
Schultern und hält mir eine Schachtel Zigaretten hin,
die sie aus ihrer Potasche geholt hat. Fast hätte ich abgelehnt,
ich nehme eine. Sie zündet ihre an, reicht mir
ein Feuerzeug, es ist körperwarm. Ich schiele auf die
Flamme dicht vor meiner Nase. Sie nimmt einen Zug
und blickt mich an, den Kopf schief gelegt. Ich ziehe
auch, behalte den Rauch lange im Mund, dass es aussieht,
als könnte ich rauchen, unterdrücke ein Husten
und atme ihn langsam aus. Versuche mich zu erinnern,
wann ich zuletzt geraucht habe.
Da steht sie, sieht unschlüssig aus. Weil ich nicht weiß,
was tun, gehe ich in die Hocke und sammle die Spaghetti
zurück in den Topf, die Zigarette zwischen den
Lippen. Vom Qualm tränen mir die Augen.
Sie kniet sich dazu, nimmt eine Nudel, gibt sie in
den Topf, runzelt die Stirn. Holt ein Handy aus der
anderen Potasche, tippt darauf herum, spricht etwas
hinein in einer Sprache, die ich nicht zuordnen kann.
Ihre Stimme klingt, als hätte sie sie länger nicht benutzt.
Das Handy stellt eine Frage auf verschlafenem
Italienisch. Ich wische mir die Hände an der Hose
ab, nehme ihr das Gerät aus der Hand, vorsichtig, als
wäre auch das eine Waffe, und stelle die Sprache um.
Was tust du hier?
Ich drücke auf das Mikrofon-Symbol und setze zum
Sprechen an. Aber was sagen? Ich beginne zu tippen,
bin unsicher, wie ausführlich die Antwort werden soll,
lösche wieder, was ich getippt habe. Tippe dann doch
wieder:
Ich bin Touristin.
Ich wandere einfach so vor mich
hin.
Ich gebe ihr das Handy zurück, sie blickt auf die
Übersetzung und nickt.
Ich nehme es wieder. Schreibe:
Und du?
Sie erklärt etwas ins Telefon hinein, dabei schaut sie
mir in die Augen, als müssten wir nicht erst auf die
Übersetzung warten.
Das Handy sagt mit gleichgültiger Computerstimme:
Ich fahre Rinder zu Erzurum in
Türkei. Du hast sie gesehen,
beim Laster.
Die Fragen, die das aufwirft, verkneife ich mir, konzentriere
mich auf nicken, lächeln, freundlich sein,
das Gespräch unverfänglich am Laufen halten. Ich
glaube mir das Lächeln selber nicht. Gilt das monotone
Leiern eines Handys als Gespräch? Ich setze
mich auf meinen Schlafsack, nehme den Topf auf den
Schoß und wickle so langsam wie möglich Spaghetti
auf die Gabel. Wenn man langsamer isst, wird man
von weniger satt. Das Gefühl, ich sollte ihr etwas anbieten.
Ich rieche an den Nudeln.
»You really want to eat them? They were on the
ground.«
70
ANJA GMEINWIESER
LESEPROBE
»Dieser Roman ist
eine rauschhafte
Fahrt. Entlarvend,
kraftvoll – und
unwiderstehlich.«
Katharina Köller
»It’s almost my last food.« Ich schiebe mir die Gabel
in den Mund.
Sie mustert die Situation, Schlafsack, Rucksack, Gaskocher,
setzt sich zu mir, zündet sich eine zweite Zigarette
an und versucht so halbherzig wie vergeblich,
von mir weg zu rauchen.
Dass blanke Nudeln mit Gras und Erde so intensiv
schmecken können.
Ihr Blick auf meine Kieferbewegungen. Sie sagt nochmal
etwas zu ihrem Handy. Dass sie hier Empfang hat,
denke ich, sie muss Empfang haben.
Das Handy erklärt:
Die Rinder werden dort zur
Zucht gehen. In der Türkei.
Sie sind auch schwanger.
Ich erinnere mich vage an einen Zeitungsartikel dazu.
»Your internet is working here.« Ich deute mit dem
Kinn auf ihr Telefon.
»Mhm. It is working everywhere. It is always with me.«
An ihrem Gesicht kann ich nicht ablesen, ob sie das
gut oder schlecht findet.
Ein zweiter Mensch ändert die Zeit wieder zur Menschenzeit,
die Gegenwart ist wieder ein Zucken, das
du kaum wahrnimmst, und die Dinge passieren wieder
nacheinander, die Zeit schnürt wie die Linie im
EKG, ein pochender Moment nach dem anderen, und
du kommst nicht mehr dazu, nach links oder rechts
zu schauen.
Sie: »Holiday?«
Ich nicke und schüttle dann den Kopf.
»Yes and no?«
Ich tippe in ihr Handy: I am walking. Aber das habe
ich eben schon geschrieben, und auf Englisch kann
ich es auch einfach sagen. Ich lösche es wieder. Schreibe,
dass ich nachdenken muss.
Sie liest. »Think about what to tell me?«
»No, this is what I’m doing. Walking and thinking.«
Sie wartet sichtlich auf mehr Information.
»I need time to think about my life. And the world.
And everything.« Klingt nicht nachvollziehbar. Und
es stimmt nicht. Ich will nicht nachdenken. Ich denke
aus Versehen nach. Ich habe jetzt schon das Gefühl,
mich um Kopf und Kragen zu reden. Ich muss kichern.
Ein zweiter Mensch ist jemand, vor dem mir
das unangenehm sein könnte.
Sie sieht mich lange und konzentriert an, spricht langsam
ins Handy.
Gute Arbeit. Etwas Ruhigeres.
Yoga, aber nicht aus Leidenschaft.
Dunkelgraues Sofa.
Ein Ratespiel. Sie ist gut. Ich denke an die graue
Couch, deren Polster so hart sind, dass sie keine
Mulden bekommen, wenn man sich draufsetzt, das
Sofa, auf das Swen bestanden hat, das Sofa, das mir
egal war, das Sofa, das mich mit seiner butlerhaften
Ausstrahlung leicht aggressiv macht, ein Sofa, das
ich manchmal gern treten würde, aber in Wahrheit
tritt es mich mit seiner Ungemütlichkeit.
»Right?«
Ich nicke, es ist mir unangenehm.
»Everything?«
»Yes.«
»Yes!« Sie ballt die Hände zu Siegesfäusten.
Ich meine, Ringe unter meinen Augen zu spüren. Ich
denke an meinen Körper in einer Yogaposition, deren
Namen ich mir nicht merken kann, der aber in jeder
Stunde von der Trainerin auf Sanskrit wiederholt
wird. An den Schweiß, der mir den Nacken herabläuft,
und wie ich, das Räucherstäbchen beim Glimmen
betrachtend, darauf warte, dass es vorbei ist.
71
ANJA GMEINWIESER
LESEPROBE
Ich rate zurück. Ich brauche viel länger als sie, auch
das ist mir unangenehm. Ich kann mir sie – Anna –
überhaupt nicht vorstellen. Ich sehe sie an. Ihr Blick
neugierig und gelassen. Weiß nicht, warum mich das
erstaunt. In ihrem Gesicht keinerlei Hinweise auf Familie
oder Möbelgeschmack. Krähenfüße in den Augenwinkeln,
die heller sind als der Rest der Haut. Die
Wölbung des Muttermals unter ihrer Lippe. Sie hat
sehr kleine Ohren.
Schließlich ich: »No children, lots of stress.« Ich forsche
in den kleinen Falten, den Poren auf der Nase,
aber nichts kommt mehr.
Sie schaut mich erwartungsvoll an, lacht laut, dann:
»No and Fifty-fifty. So I have a child and fifty percent
stress and fifty percent no stress.«
»Did you shoot at me?« Die Frage passiert mir irgendwie,
ich habe das Gefühl, dass diese Direktheit nicht
unbedingt eine gute Idee ist.
Sie sackt ein wenig in sich zusammen, ihre Antwort
ist eine Art Kopfwiegen, ein Vielleicht. Sie sucht mit
den Händen in der Luft nach Worten. Zündet noch
eine Zigarette an, reicht sie mir und steckt sich dann
selbst eine in den Mund.
Ich ziehe einmal und sehe zu, wie sich die Glut Richtung
Filter frisst und einen krummen Aschezylinder
hinterlässt.
Sie tippt auf ihre Zigarette. »It’s not that.« Sie bläst
den Rauch aus und starrt in die Ferne. »I didn’t.« Sie
schüttelt den Kopf und hebt die Schultern. »I did
shoot. But not at you.«
»At what?«
Sie spricht ins Handy. Ich lese mit, als das Handy
spricht:
Es tut uns leid. Ich wollte dich
nicht erschießen. Ich habe die
Kuhpistole. Eigentlich kann ich
damit überhaupt nicht umgehen.
Ich hatte es dabei. Und es ist
vorbei. Ich hätte mir fast ins
Knie geschossen. Ich dachte
irgendwie, du wärst Bergretter.
Ich hatte ein bisschen Angst.
Sie, als das Handy wieder still ist: »I have it just in case.
Just in case. And I am very sorry. I am very very sorry.«
Wir blicken uns atemlos an. Alles an ihr ist sorry, das
Stirnrunzeln sorry, das Flehen in den Augen sorry,
die Hände, die sich gegenseitig kneten, sorry, der Biss
von Innen auf Ober- und Unterlippe sorry.
»Okay.« Und nochmal, mehr zu mir selbst: »Okay.«
Sie schüttelt ärgerlich den Kopf. »And it is bullshit in
every way.«
»What?«
Wieder spricht sie ins Handy.
Die Kuhpistole. So wird es
nicht gemacht.
»You did not say cow pistol.«
»Does it say cow pistol?«
Ich zeige ihr das Wort.
Sie: »I mean. I cannot shoot a cow. Just pchiu pchiu.
I do not have a licence, I do not know how to do this.«
Sie schnaubt. In ihrem Augenverdrehen die ganze unerzählte
Geschichte über das Gewehr. »Sorry, okay?
I am really sorry. Sorry. I cannot be sorry enough.«
Sie starrt auf ihre Zigarette, drückt sie aus. Nochmal
sie, ins Telefon:
Sie können die Waffe
als Vergeltung abfeuern.
Sie holt das Gewehr und hält es mir mit beiden Händen
hin. Ich stelle den Topf ab und nehme es entgegen.
Es hat ein eigenartiges Gewicht, schwerer, als es
aussieht. Ich lege es auf meinen Schoß, streiche mit
dem Finger über die Rundungen. Holz, Metall, Holz,
Metall, das Metall kommt mir kälter vor.
»What do you mean?«
»You can try it.«
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
»Come on.« Ihre Stimme klingt so fröhlich, als sollte
ich ein Blumenkleid anprobieren.
Ich nehme das Gewehr hoch und halte es so, wie ich denke,
dass man das macht, die rechte Wange am Kolben.
»I think you should stand.« Sie nimmt es mir nochmal
aus der Hand, hantiert daran herum, ich sehe nicht,
was sie da tut, mit einem Mal strahlt sie eine merkwürdige
Konzentration aus. Sie steht neben mir, das
linke Bein vorn, das rechte dahinter, sie duckt sich
zum Kolben hin. »Like this.«
72
ANJA GMEINWIESER
LESEPROBE
So stehen wir eine Weile da. Dann reicht sie mir das
Gewehr zurück, ich versuche, ihren Stand nachzuahmen,
und fühle mich beobachtet. Ich drehe mich so,
dass ich auf einen Fels etwas weiter entfernt ziele.
»You have to look to this.« Sie legt den Finger auf die
Erhebung vorne am Lauf, sie trägt fliederfarbenen
Nagellack. »It has to come together with this.« Der
Finger legt sich in eine Mulde auf dem Gewehr. »And
of course you look at what you want to shoot.«
Ich ziele. Meine Arme zittern unter dem Gewicht, ich
kann es nicht ruhig halten. Ich kneife die Augen zusammen.
»You pull here.« Sie zieht einen Hebel unten am Griff
zu mir. »Now you can shoot.«
Ich schaue aus den Augenwinkeln zu ihr rüber, ihr
Gesicht nah neben meinem, als würde sie versuchen
mitzuzielen.
Sie: »Be careful. It is very loud.« Dann, mit einem
Schritt zurück, flüsternd: »Shoot.«
Ich drücke mit dem Finger auf den Abzug, ganz leicht
nur. Der Schuss löst sich, stößt mich zurück, der Knall
zerreißt etwas in meinem Kopf, ein komplett körperliches
Geräusch. Ich taumle, habe Mühe, das Gewehr
zu halten. In meinen Ohren summt die Taubheit, um
uns eine Stille, die im Kontrast noch hörbarer wird.
»Shit!« Sie klingt anerkennend, strahlt mich an, als
hätte sie mir einen Gewinn überreicht.
Ich setze mich auf den Boden, schiebe den Unterkiefer
hin und her, um wieder ein normales Gefühl in die
Ohren zu bekommen, drücke mir die Fingerkuppen
in den Gehörgang.
Irgendwas will ich sagen, weiß aber nicht, was.
Neben mir liegt ein kleiner goldener Zylinder, er muss
ein Teil der Patrone sein. Ich nehme ihn, halte ihn an
die Nase. Riecht nach Knete.
»This is not for me.« Obwohl es sich im Nachhinein eigenartig
gut anfühlt: der Finger am Abzug, der Knall,
der Rückstoß, die explosive Wirkung eines einzelnen
Muskelzuckens.
Das Taubheitsgefühl in meinen Ohren packt die Welt
in Watte, ich fühle mich erschöpft, obwohl ich nur
einen Finger gekrümmt habe. Dort, wo ich meine hingeschossen
zu haben, gibt es keine Veränderung, der
Fels ist derselbe wie vorher, der Hang sieht genauso aus,
die Welt hat den Schuss geschluckt, als wäre er nichts,
nur das Gefühl im Körper bezeugt, dass er da war.
»Diese beiden Frauen
sind nicht nur Romanfiguren,
sie sind
Solidarität, Hoffnung,
Rebellion. Wir
Königinnen ist ein
Feuerwerk an Ideen. So
ein Buch hat gefehlt!«
Mareike Fallwickl
Ich wasche den Nudeltopf am Brunnen.
»Do you want tea?« Das Gefühl, ihr etwas anbieten zu
müssen. Ich stelle den Topf mit Wasser auf den Kocher,
und die Tasse mit Teebeutel zwischen uns, wir
betrachten den blauen Flammenring. Der kommt mir
auch schon schwächer vor. »I have only this cup.« Ich
deute auf die Tasse.
Sie starrt ins Teewasser. »So you are walking.«
Wir blicken auf den Grashang vor uns.
»Nice.«
»Yes.«
»But. Here is nothing.«
»That‘s the problem.«
Ich zeige ihr auf der Karte die Route, die ich gelaufen
bin. Sie fährt die Kugelschreiberlinie, die ich auf das
Papier gezeichnet habe, mit dem Finger nach.
»Wow. How far is it?«
Ich blicke auf den Maßstab – 1:25.000 – und muss zugeben,
dass ich es nicht genau sagen kann.
Dann sie, mit einem langen Blick auf mich: »Why is
everthing red?« Sie zeigt auf mich, den Rucksack, den
Schlafsack, auf dem wir beide sitzen, und hält mir die
Emaille-Tasse unter die Nase.
Ich nehme sie und gieße den Tee auf.
»Everything you have is very, very red. You look like a
warning sign. With more warning signs around you.«
»Coincidence?«
»But you see that it is red, yes? Some people cannot
see red.«
»I see it.« Ich füge hinzu: »It is mostly men who can’t
see it.«
»Like bulls.« Sie spricht eine Erklärung ins Handy:
Bullen in spanischen Kämpfen?
Sie benutzen dieses rote Tuch,
aber die Bullen sehen die Farbe
überhaupt nicht. Dies ist nur
für die Öffentlichkeit.
Ich blicke auf die rote Tasse. Alles außer den Schuhen
habe ich neu gekauft, bevor ich los bin. Dass wirklich
alles rot ist, fiel mir erst auf, als ich in der Natur
stand wie ein, ja sie hat recht, wie ein Warnschild. Ich
habe die Sachen hastig besorgt, ohne auf den Preis
oder irgendwelche Outdoor-Eigenschaften zu achten.
Der Verkäufer im Geschäft sah mich an, als sei ich auf
genau die Art irre, auf die er gewartet hatte, er war
jung und barfuß, hatte den Blick eines Jägers, der sofort
verschwand, als ihm klar wurde, dass mir egal war,
wieviel Geld ich ausgab. Mir war die Situation peinlich,
mir war peinlich, dass ich kopflos konsumierte,
dass ich so wenig Ahnung hatte, dass ich die einzige
Kundin war. Seine Kollegen, die alle irgendwie beschäftigt
wirkten, sahen sicher, dass ich die Ausstrahlung
einer Parkspaziergängerin hatte. Ich versuchte
also, ein wissendes Gesicht zu machen zu allen Details,
die mir der Junge zu Rucksack, Schlafsack, Isomatte
nannte: Eigengewicht, Wärmeleistung, bla, bla,
bla. Er trug das vor, ohne nachzusehen, eine Hand am
Kinn. Ich bedankte mich, zahlte einen absurd hohen
Preis und flüchtete, den Rucksack voller Zeug auf dem
Rücken, aus dem Laden.
»I didn't think about the color, when I bought it.«
Wir trinken aus der einen Tasse, starren auf den Berg.
Sie nimmt eine Zigarette zwischen die Lippen, hält
das Feuerzeug davor und steckt dann doch beides zurück
in die Packung.
»Do you want to see the cows?«
»Sure.«
In Wirklichkeit bin ich mir nicht sicher.
27.
FEB
2026
ANJA GMEINWIESER
WIR KÖNIGINNEN
Hardcover mit Schutzumschlag
224 Seiten
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-8270-1528-0
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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
74
DR. AMIR LEVINE
SECURE. DER SCHLÜSSEL ZU ECHTER VERBUNDENHEIT
DR. AMIR LEVINE
SECURE.
Der Schlüssel zu echter Verbundenheit
Ȇber ein Jahrzehnt nach seiner
Veröffentlichung hat ein Buch über
Dating die Menschen fest im Griff.«
NEW YORK TIMES
»Jeder, der von der uralten Frage geplagt wird:
›Was ist bloß mit ihm los?‹, könnte von einem
Crashkurs in Bindungstheorie profitieren.«
ELLE
76
DR. AMIR LEVINE
LESEPROBE
LESEPROBE
Vorwort:
Berührt von einem magischen Gefühl
der Sicherheit
Mit zwölf Jahren begleitete ich meine damals vierzehnjährige
Schwester im schönen Monat August auf
einem einwöchigen Strandurlaub mit ihrer Freundin
Lila und deren Mutter Ruth. Wir wohnten in einem
alten etwas windschiefen Strandhaus mit Blick aufs
Meer. Jeden Tagt liefen wir den kleinen gewundenen
Pfad hinunter zum Strand, surften auf den Wellen
und ließen uns die Haut von der Sonne wärmen.
Wenn wir genug hatten, stiegen wir den Hügel wieder
hinauf, spritzten uns im Garten mit dem Schlauch
das Salzwasser vom Körper, trockneten uns kurz ab
und rannten ins Haus, um uns ein Eis zu holen. Wir
aßen deftig, spielten Brettspiele und ab und zu gingen
wir auf Entdeckungsreise in die Stadt.
Ich war meiner Schwester dankbar, dass sie mich
mitgenommen hatte, und vor allem auch Ruth, dass
sie damit einverstanden war, mich in ihren Familienurlaub
mitzunehmen. Es war großzügig von ihr,
zwei weitere Teenager, von denen sie einen nicht einmal
kannte, auf ihren einwöchigen Sommerausflug
einzuladen. Ruth war wie ihre biblische Namenspatronin
eine ausgesprochen herzliche Gastgeberin.
Wir fühlten uns bei ihr sofort zu Hause. Sie strahlte
Gelassenheit und Ruhe aus, hatte stets ein sanftes
Lächeln im Gesicht und sprach in einer Weise mit
uns, die uns spüren ließ, dass wir ihr wichtig waren
und sie uns wirklich gernhatte. Sobald zwischen uns
Kindern die leiseste Spannung aufkam, gelang es ihr
mühelos, die Wogen zu glätten. Sie sagte uns auch
nie unmittelbar, was wir tun sollten, oder wann wir
etwas tun sollten, irgendwie wussten wir es auch so,
und es war uns ein Bedürfnis, uns in ihrer Nähe gut
zu benehmen.
Ich war nicht der einzige, den Ruths Wesen berührte.
Sie war Grundschullehrerin einer dritten Klasse, und
viele ihrer Schülerinnen und Schüler waren noch Jahrzehnte
nachdem sie die Grundschule verlassen hatten
in Kontakt mit ihr. Irgendwie gelang es ihr, dass man
sich allein durch ihre Art und ihre Gegenwart gestärkt
und aufgebaut fühlte. Dabei gab es auch in ihrem
Leben durchaus Herausforderungen. Ihr Mann
starb mit sechsundvierzig Jahren an einer Herzkrankheit
und ließ sie als alleinerziehende Mutter mit zwei
Töchtern zurück. Um für die kleine Familie sorgen zu
können, musste sie ihren Beruf wechseln. Sie wurde
Produzentin bei einem bekannten Fernsehsender, zur
damaligen Zeit vor allem eine Männerdomäne, und
produzierte eine Reihe von preisgekrönten Dokumentarfilmen.
Ich habe seitdem viele schöne Orte auf der ganzen
Welt besucht und dort wunderbare Urlaube verbracht,
doch dieser magische Sommer mit Ruth nimmt immer
noch einen ganz besonderen Platz in meinem
Herzen ein. Erst Jahrzehnte später, als ich zufällig in
Studien auf den Begriff der »sicheren Bindung« stieß,
wurde mir klar, warum diese Ferien nach wie vor so
einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen einnehmen
– wegen Ruth.
Mit meinem heutigen Wissen verstehe ich, dass
Ruth, die leider nicht mehr lebt, ein Mensch mit
einem sicheren Bindungsstil war. Diese sicheren
Menschen haben die besondere Gabe, andere um
sie herum aufzubauen. Wenn Sie Ihre Erinnerungen
durchforsten, fallen Ihnen höchstwahrscheinlich
auch eigene Begegnungen mit sicheren Menschen
ein. Und bei näherem Hinsehen gehören sie vermutlich
zu den glücklichsten Momenten Ihres Lebens.
Meine Schwester, der ich diesen besonderen Urlaub
überhaupt verdanke, besitzt die gleiche Gabe wie
Ruth, und strahlte mein ganzes Leben über, soweit
ich mich zurückerinnern kann, Sicherheit aus. Seit
ich klein war erlaubte sie mir immer, dass ich sie
überallhin begleitete, ich wurde nie ausgeschlossen,
egal was sie unternahm. Eine meiner frühesten Erinnerungen,
als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt
war, ist ein Besuch mit ihr bei ihrer Freundin, die
gerade drei süße Dackelwelpen hatte, mit denen ich
gerne spielen wollte. Ich erinnere mich auch noch
gut daran, wie sie und ein paar Freundinnen mich in
den Park mitgenommen haben.
77
DR. AMIR LEVINE
LESEPROBE
In den letzten Jahrzehnten entstanden einige Studien,
die zeigen, dass selbst die winzigsten Interaktionen
mit solch »sicheren« Menschen ganz wesentlich
für unser Glücksempfinden und unser Wohlergehen
sind. Und sogar noch mehr – man nimmt an, dass
diese sicheren Begegnungen im Laufe unseres Lebens
eine Art Samenkorn an Sicherheit in uns hinterlassen,
das wir dann zum Gedeihen bringen können;
eine Basis dafür, selbst sicherer zu werden.
In diesem Buch kombiniere ich Erkenntnisse aus
meinen eigenen Erfahrungen mit sicheren Menschen
mit denen meiner Patienten, Studierenden,
Interviewpartnerinnen sowie mit Forschungsergebnissen
zum Thema »sichere Bindung und das Gehirn«,
um den Lesenden zu helfen, selbst dauerhaft
sicherer zu werden. Ich wende dabei auch eine Methode
an, die ich bei der Arbeit mit meinen Patienten
entwickelt habe, die ich »Secure Priming Therapy«
nenne, oder kurz: »Secure Therapy«. Dabei erinnert
man sich an sichere Momente im Leben, um den
Samen der Sicherheit in uns zu nähren und so im
Alltag sicherer zu werden.
Im Laufe der Jahre haben meine Patienten in unseren
Sitzungen Dutzende solcher Erinnerungen mit
mir geteilt. Einige hatten außergewöhnliche Eltern,
andere hatten Großeltern, die sie über alles liebten,
manche erzählten von unglaublich beeindruckenden,
fürsorglichen Lehrern, Professorinnen, Ehepartnern,
Chefinnen und Geschwistern, die ihnen
ihr eigenes Gefühl der Sicherheit weitervermittelten.
So wuchs meine tiefe Bewunderung für diese Menschen
in der Welt, die Sicherheit ausstrahlen, immer
weiter. Je mehr Zeugnisse von sicheren Bindungen
ich voller Ehrfurcht höre, desto intensiver wird meine
Zuneigung für diese sicheren Menschen um uns
herum. Diese Menschen, die immer für uns da sind
– die uns so gut wie nie im Stich lassen und nicht mit
uns streiten. Mir ist aufgefallen, dass dieses Talent
oft ungewürdigt bleibt, zuweilen sogar völlig unbeachtet,
möglicherweise weil diese sicher gebundenen
Menschen so unerschütterlich sind. Sie teilen ihre
vielfältigen Gaben großzügig, ohne großes Aufheben
darum zu machen. Bei der Secure Therapy dagegen
stehen die Sicheren dieser Welt im Mittelpunkt,
weil sie ein Vorbild an Sicherheit und Gelassenheit
in ihrer Beziehung zu uns sind und uns lehren, selbst
Je mehr Zeugnisse von
sicheren Bindungen ich
voller Ehrfurcht höre,
desto intensiver wird
meine Zuneigung für diese
sicheren Menschen um uns
herum. Diese Menschen, die
immer für uns da sind – die
uns so gut wie nie im Stich
lassen und nicht mit uns
streiten.
78
DR. AMIR LEVINE
LESEPROBE
Ängstliche Menschen
suchen Nähe und sind
sehr sensibel gegenüber
Ablehnung, sie haben
Angst, die Zuneigung des
anderen zu verlieren.
Vermeidende Menschen
dagegen haben Angst
vor Nähe, sie betonen
ihre Unabhängigkeit
und schaffen Distanz zu
anderen. Sichere Menschen
sind herzlich und liebevoll.
Sie suchen die Nähe und
fürchten nicht, abgelehnt
zu werden.
mit einem stärkeren Gefühl der Sicherheit durchs
Leben zu gehen. Dieser Ansatz hilft uns nicht nur
dabei, sichere Beziehungen zu entwickeln, sondern
regt darüber hinaus Veränderungen in unserem
Gehirn an, die dazu beitragen, dass wir uns von
negativen Erlebnissen in der Vergangenheit erholen
können.
Dieses Buch soll, ähnlich wie die Arbeit mit meinen
Patientinnen und Patienten, dabei helfen, die
kleinen Samenkörner von Sicherheit, die jeder von
uns in sich trägt und um sich herum erfährt, zu aktivieren,
um sicherer zu werden, so wie Ruth, meine
Schwester und all die anderen, die auch so sind wie
sie. Wenn man in dem Modus, den ich den »sicheren
Modus« nenne, in dieser Welt lebt, dann gelingt es
einem auch, mit einem größeren Gefühl der Sicherheit
zu lieben, zu arbeiten und mit sich selbst und
anderen wohlwollend und fürsorglich umzugehen.
Die weitreichenden Auswirkungen des
»sicheren Modus«
Jüngste wissenschaftliche Studien haben gezeigt,
dass das Leben im sicheren Modus einen positiven
Effekt auf viele verschiedene Aspekte des Lebens hat.
Diese Untersuchungen bestätigen die weitreichenden,
positiven Wirkungen – die weit über romantische
Beziehungen hinausgehen – darauf, wie man
sich selbst, seine Umwelt und Beziehungen im Allgemeinen
erlebt. Es konnte zum Beispiel belegt werden,
dass sichere Menschen auch besser im Umgang
mit sozialen Medien sind. Sie vermeiden erfolgreich
die negativen Erlebnisse, die unsichere Menschen
häufig haben. Dazu gehört zum Beispiel, obsessiv
darüber nachzudenken, wie andere einen wahrnehmen,
oder dass man eine geringe Anzahl von Likes
als Ablehnung empfindet. Beim Einkaufen ist man
weniger gefährdet viel zu viel zu kaufen, Logos und
Marken haben weniger Einfluss. Sicher gebundene
Menschen sind langfristig gesünder und haben auch
ein besseres Verhältnis zu den Menschen, die ihnen
im Bereich der Gesundheit zur Seite stehen. Bei
ernsteren Krankheiten wie Krebs oder chronisch
schmerzhaften Zuständen wie Fibromyalgie weisen
sie weniger körperliche Symptome auf und es gelingt
79
DR. AMIR LEVINE
LESEPROBE
ihnen emotional besser, mit ihrer Krankheit umzugehen
– sie sind seltener depressiv, und die Gesamtsicht
auf das Leben durch die Krankheit ist weniger
negativ geprägt. Auch bei der Jobsuche sind sichere
Menschen zuversichtlicher. Sie sind erfolgreicher in
der Suche, und der Prozess zieht sie emotional weniger
herunter – ihr Selbstbewusstsein bleibt unbeeinträchtigt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass zahlreiche
Studien belegen, dass das Leben von sicheren Menschen
emotional weniger belastend ist. Ein sicherer
Bindungsstil scheint zu bewirken, dass man mehr
Zeit hat, sich den wesentlichen Dingen im Leben
zu widmen: Freundschaften zu schließen, sich um
seine Kinder zu kümmern und kreativ und offen für
Neues zu sein.
Doch wie können wir alle dauerhaft sicherer werden?
Scans zeigen immer wieder, dass sich das Gehirn von
sicher gebundenen Menschen bezüglich Struktur
und Funktionsweise von dem von unsicher gebundenen
unterscheidet. Bestimmte Gehirnareale, die bei
Angst und Stress aktiv werden, sind davon besonders
betroffen. Um sicherer zu werden, muss man also
tatsächlich Struktur und Arbeitsweise des Gehirns
verändern. Doch wie kann man das erreichen? Die
Antwort auf diese Frage verdanke ich einem großen
Zufall.
Einführung:
Das Gehirn verändern für mehr
Sicherheit: Von der Psychoanalyse zur
Neurowissenschaft und wieder zurück
Wie kann man sein Gehirn verändern, um sicherer
zu werden und so sein Leben zu verbessern? Indem
man dessen physische Struktur modifiziert. Doch
wie erreicht man das? Man könnte annehmen, dass
ich das während meiner Ausbildung zum Psychiater
gelernt hätte, das stimmt jedoch nicht. Ich stolperte
rein zufällig über die Lösung – wie das oft passiert.
Schon sehr früh wollte ich Psychoanalytiker werden.
Ich fand die Vorstellung faszinierend, anderen
Menschen mittels Gesprächstherapie zu helfen, störende
Muster zu verändern, und so ein zufriedeneres
Leben zu führen. Ich unterzog mich deshalb selbst
einer einjährigen Psychoanalyse und lag viermal pro
Woche auf der berühmt-berüchtigten Couch, eine
notwendige Voraussetzung für die Qualifizierung
zum Psychoanalytiker. Ich arbeitete mich durch die
Schriften von Freud und seinen Nachfolgern, und
alle meine Betreuerinnen und Betreuer während der
Facharztausbildung erwarteten, dass ich weiterhin
Psychoanalyse studierte. Meine berufliche Zukunft
lag fertig geplant vor mir. Nicht in meinen wildesten
Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass ich
einmal in einem Labor enden und Flüssigkeiten in
kleine Reagenzgläser pipettieren würde, um zu untersuchen,
wie man Gehirnveränderungen anhand
von Molekülen nachweisen kann. Doch genau das
geschah.
Es gibt viele Gründe, weshalb ich meine Berufswahl
meiner eigenen Analyse verdanke. In dem Jahr, als
ich mich auf die Psychoanalyse-Ausbildung vorbereitete,
musste ich ein Forschungsthema auswählen.
Eine meiner Mentorinnen während der Facharztausbildung,
Professor Abby Fyer, gab mir dabei
folgenden Rat: »Das Leben in der Wissenschaft ist
hart. Sie werden immer wieder viel Ablehnung und
Kritik erfahren und es wird zahlreiche Rückschläge
geben. Um zu überleben, braucht man etwas, für
das man wirklich brennt, ein Thema, das einen motiviert,
trotz mangelnder Anerkennung auch langwierige,
anstrengende Phasen durchzuhalten, die
Teil unseres Berufes sind.« Mit dieser Warnung im
Hinterkopf suchte ich intensiv nach einem Thema,
das Leidenschaft in mir entfachte. Ich las zahllose
Artikel, von Dozentinnen meiner Fachrichtung die
mich interessierten. Ein Paper in der Fachzeitschrift
Cell beeindruckte mich dabei besonders – es ging um
molekulare Strukturen, die für die Entstehung bleibender
Erinnerungen verantwortlich sind.
Ich bat um ein Gespräch mit dem Hauptautor dieses
Artikels, dem Nobelpreisträger Eric Kandel. Etwas
nervös sprach ich über mein Interesse an seiner Forschungsarbeit,
besonders über besagte Veröffentlichung
in Cell, und darüber, dass ich jedoch keinerlei
Erfahrung mitbrächte. Nach zwei Minuten stand er
auf und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen eine
Treppe hoch und er stellte mich dem führenden Kopf
des Projektes vor, James Schwartz, den jeder Jimmy
nannte.
80
DR. AMIR LEVINE
LESEPROBE
Epigenetik, die Umwelt und das Gehirn
Jimmys Paper beschäftige sich damit, wie das Anhängen
bestimmter molekularer »Tags« (oder »Switches«)
an der DNA im Gehirn eine Voraussetzung für
Langzeiterinnerungen ist. Jimmy und sein Postdoc,
Zhonghui Guan, konnten in Kollaboration mit Eric
Kandels Labor zeigen: Aktiviert man Neuronen der
Aplysia, einer Meereschnecke mit riesigen Neuronen,
dann werden molekulare Tags an die DNA dieser
Zellen angehängt. Dieser Prozess wird von bestimmten
Enzymen ausgeführt. Der Zusatz der DNA-Tags
fördert die Genexpression, das heißt sie regen diese
Gene dazu an, Proteine zu produzieren, was zu Langzeiterinnerungen
und Lernprozessen führt. Die Forschenden
stellten weiter die These auf, dass auch im
menschlichen Gehirn molekulare Tags angehängt
werden. Wenn man sich also morgen noch an etwas
aus diesem Vorwort erinnert, dann müssen bestimmte
molekulare Tags an die DNA im Gehirn angehängt
worden sein. Kurzgefasst bewiesen sie, dass dieser
Prozess, der eine Art epigenetische Veränderung ist,
essenziell für die Bildung von Erinnerungen ist.
Zum damaligen Zeitpunkt war mir das noch nicht
klar, aber dieses Paper und das darauffolgende aus
Eric Kandels Labor waren bahnbrechend, und zusammen
mit anderen Arbeiten aus dieser Zeit
begründeten sie das neue Forschungsgebiet der
Epigenetik in der Neurowissenschaft. Nach Erscheinen
dieser beiden Paper explodierte das ganze
Forschungsgebiet: Von Erkenntnissen zur Rolle der
Epigenetik bei Substanz-Abhängigkeit, im Bereich
Gedächtnis und Lernen, bei mütterlichem Verhalten
und anderen Bereichen in der Neurowissenschaft
wurde von zahlreichen Forschungsgruppen auf der
ganzen Welt berichtet. Im Laufe der nächsten zehn
Jahre wurde deutlich, dass epigenetische Veränderungen
im zentralen Nervensystem der vorrangige
Mechanismus sind, der das Gehirn flexibel hält – ein
wichtiger Faktor, der dazu beiträgt, dass einschneidende
Lebensereignisse unser Gehirn strukturell
verändern und uns im Laufe unseres Lebens, sogar
bis ins hohe Alter, zu den Menschen machen, die
wir sind. Das Knifflige dabei ist, eine Umgebung zu
finden, die positive Veränderungen in unserem Gehirn
ermöglicht.
Da war ich nun also – im Labor, mit einer Pipette in
der Hand, und lernte, wie man Experimente in der
Molekularbiologie durchführte. Jimmy und ich trafen
uns regelmäßig, um über die Forschung, Literatur
und andere interessante Themen zu sprechen. Wir
sammelten gemeinsam Ideen zu weiteren möglichen
Forschungsprojekten. Drei Monate vergingen wie im
Flug. Jimmy war ein unglaublicher Mentor mit originellen
Ideen. Er ging das Risiko ein, einen blutigen
Anfänger wie mich in seinem Labor aufzunehmen,
wo die meisten anderen höflich dankend abgelehnt
hätten. Die Arbeit war alles andere als einfach. Ich erinnere
mich gut daran, wie ich zum ersten Mal richtig
Mist baute. Ich war mit einem dreitägigen arbeitsintensiven
und teuren Experiment beschäftigt, bei dem
ich ein bestimmtes DNA-Präparat zusammen mit
seinen Tags aus Gehirngewebe isolierte. Am Ende
des dritten Tages schüttete ich die obere Schicht der
Flüssigkeit weg und zeigte dem Techniker stolz das
hübsche Klümpchen am Boden des Reagenzglases –
nur um dann zu erkennen, dass die gesuchte DNA in
der oberen Schicht der Flüssigkeit gewesen war und
das Klümpchen lediglich Zellabfall war, den man
entsorgen konnte. Mir war das sterbenspeinlich und
ich rechnete damit, dass Jimmy mich aus dem Labor
werfen würde. Doch stattdessen sagte er nur: »Das
ist nicht so schlimm, du bekommst da schon noch
Übung. Du hast einen Fehler gemacht, aber davon
geht die Welt nicht unter. Um ein guter Wissenschaftler
zu sein, braucht man nicht nur praktisches
Wissen, viel hängt davon ab, was da oben drinnen ist.«
Und er zeigte auf meinen Kopf. »Es geht darum, kreativ,
mutig und neugierig zu sein.« Und genau so ist es.
Ich blieb länger als die drei geplanten Monate und
mit der Zeit wurde ich immer besser in diesen technischen
Arbeiten. Inzwischen weiß ich, dass das daran
lag, dass Jimmy ein sicheres Umfeld im Labor
geschaffen hatte, das es mir erlaubte, mir ein neues
Forschungsfeld von Null an zu erarbeiten.
Parallel zu meinen Untersuchungen am Gehirn auf
molekularer Ebene interessierte mich weiterhin die
klinische Arbeit, um Menschen zu helfen. Gleichzeitig
ließ ich meiner zweiten Passion, dem Schreiben, freien
Lauf. Im Rahmen meines Fellowships in der Kinderund
Jugendpsychiatrie im therapeutischen Kindergarten
der Columbia University stieß ich durch einen
glücklichen Zufall auf Forschungsberichte aus dem
Gebiet der Sozialpsychologie. Es ging darum, dass wir
alle bestimmte »Bindungsstile« aufweisen – ängstlich,
vermeidend und sicher. Diese Bindungsmuster haben
einen immensen Einfluss darauf, wie wir uns als Erwachsene
in Beziehungen verhalten. Ängstliche Menschen
suchen Nähe und sind sehr sensibel gegenüber
Ablehnung, sie haben Angst, die Zuneigung des anderen
zu verlieren. Vermeidende Menschen dagegen haben
Angst vor Nähe, sie betonen ihre Unabhängigkeit
und schaffen Distanz zu anderen. Sichere Menschen
sind herzlich und liebevoll. Sie suchen die Nähe und
fürchten nicht, abgelehnt zu werden.
Ich fand die Forschung zum Thema Bindungstheorie
ausgesprochen hilfreich. Sie öffnete mir die Augen
und bescherte mir ein wahrhaftiges Aha-Erlebnis:
Wenn dieses Wissen so hilfreich für mich ist, dann
ist es das bestimmt auch für viele andere! Das einzige
Problem war, dass es in dieser wissenschaftlichen
Sprache für die meisten Menschen in ihrem Alltag
nicht leicht zugänglich und damit wenig hilfreich war.
Über nahezu fünf Jahre hinweg übersetzte ich also
diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine verständliche
Sprache und schrieb zusammen mit meiner
Co-Autorin Rachel Heller das Buch Attached
(Warum wir uns immer in den Falschen verlieben). Es
war das erste Mal, dass ich ein klinisches Werkzeug
schuf, das auf Forschungskenntnissen basierte. Das
Buch half vielen Leserinnen und Lesern zu erkennen,
dass das Wissen um Bindungsstile ihre Fähigkeiten
verbessern kann, im täglichen Leben mit Beziehungen
umzugehen. In Sitzungen mit Patienten, in den
Emails von Leserinnen und in Interviews tauchte
jedoch immer wieder eine bestimmte Frage auf:
»Wie werde ich sicherer?«
Und die Antwort auf diese Frage ergab sich auf eine
Weise, die ich am wenigsten erwartet hätte. Ohne dass
es mir bewusst war, wandte ich in den Therapiesitzungen
mit meinen Patientinnen und Patienten mein
Wissen aus dem Labor an, um die Dinge, die sie erlebten
und die sie beschäftigten, besser zu durchleuchten.
Mir fiel auf, dass ich von den üblichen therapeutischen
Techniken abwich und stattdessen die Funktionen des
Gehirns erklärte und welchen Einfluss es auf unseren
Alltag hat. Über die Jahre wurde das zum Dreh- und
Angelpunkt meines Ansatzes.
30.
APR
2026
DR. AMIR LEVINE
SECURE. DER SCHLÜSSEL ZU
ECHTER VERBUNDENHEIT
Wie du einen sicheren Bindungsstil aufbaust und so
deine Beziehungen und dein ganzes Leben stärkst
Hardcover
384 Seiten
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07439-1
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
82
LEA SINGER
EINE FRAGE DES FORMATS
LEA SINGER
EINE
FRAGE
DES
Lea Singer studierte Kunstgeschichte,
Musik- und Literaturwissenschaft. Mit
ihren Romanen vor allem über historische
Persönlichkeiten ist die promovierte
Kunsthistorikerin ebenso erfolgreich
FORMATS
wie mit ihren Biografien unter ihrem
Klarnamen Eva Gesine Baur. Sie lebt
in München. Zuletzt erschienen »Die
Heilige der Trinkers« und »Maria Callas.
Die Stimme der Leidenschaft«.
84
LEA SINGER
INTERVIEW
WIE
ALLES
ANFING
Es fing an mit einer Kunstpostkarte. Im Münchner Haus
der Kunst war 2015 zum ersten Mal einer Frau eine
Einzelausstellung vergönnt, einer alten Frau. Louise
Bourgeois war fünf Jahre zuvor mit 99 gestorben. Die
alte Frau auf der Kunstpostkarte war jünger, Mitte
Siebzig, und weltberühmt seit Geburt, und sie wurde
porträtiert. Ich hielt das Ganze für ein fotorealistisches
Gemälde, was es zeigte für frei erfunden. Die Rückseite
klärte mich auf: Es war ein Foto. Der Fotograf:
David Dawson. Die Dargestellten: Elizabeth II. und
der Maler Lucian Freud. Für Lucian Freud brannte ich
seit Langem, für die Queen brannte ich noch nicht, zu
kühl. Die Karte wurde nicht abgeschickt. Sie stand von
da an am Sockel meines Bildschirms.
WARUM
MICH
DAS
NICHT
MEHR
LOSLIESS
Mich interessiert nichts mehr im menschlichen Dasein
als Begegnungen. Aus ihnen ergibt sich alles, Unglücksfälle,
Unfälle, Glücksfälle, Krieg und Frieden, Liebe und
Hass, Desinteresse und Leidenschaft. Es braucht dazu
nur zwei Menschen und ihren Dialog. Der Dialog ist für
mich der Inbegriff des Menschlichen, er öffnet den Blick
für das Unbekannte, Ungewohnte, Fremde. Jedenfalls
denjenigen, die ihren Blick öffnen wollen. Der Dialog
macht es möglich, das kennenzulernen – und auch sich
selbst. Den anderen zu erfahren bedeutet Selbsterfahrung.
Menschen, die Monologe halten sind einsam,
bleiben es und sind nicht bereit, oft auch nicht mehr imstande,
sich zu verändern. Beispiel? Hitlers Monologe
im Führerbunker, 1945.
Diese Begegnung stellte mich vor ein Rätsel: Was war
zwischen der Queen und dem Maler geschehen, was
war gesagt worden? Nach allem, was ich wusste, waren
ihre Charaktere extrem gegensätzlich.
Freud sagte: A painter’s taste must grow out of what so
obsesses him in life, that he never asks himself what is
suitable for him to do in art.
Der persönliche Stil eines Malers muss aus dem erwachsen,
wovon er in seinem Dasein so besessen ist, dass er
sich nie fragt, was für ihn angemessen ist in der Kunst.
Für seine Exzesse war Lucian Freud im Leben wie in
seinen Werken berüchtigt.
Die Queen stand ein Leben lang für das Angemessene.
Skandale und Exzesse schienen ihr fremd zu sein.
Lucian Freud provozierte, das Kunstpublikum und die
Menschen um sich her. Hatte er auch sie provoziert?
85
LEA SINGER
INTERVIEW
WAS
SCHWIERIG
WAR
Das Porträt ist eine der ältesten, aber auch heikelsten
Formen des künstlerischen Ausdrucks: Nur hier entstehen
menschliche Interferenzen, die das Werk beeinflussen,
vielleicht sogar ausmachen. Das Entstehen
des Porträts ist ein hochkomplexer Vorgang. Und die
Frage, wen es nachher zeigt, niemals eindeutig zu beantworten.
Den Dargestellten? Denjenigen, den der
Künstler in diesem Menschen sieht? Denjenigen, für
den dieser gehalten werden will? Oder den Künstler
im Gewand eines anderen Wesens? Besonders spannend
wird die Entstehung eines Porträts, wenn der Dargestellte
und der Künstler Ausnahmestatus genießen.
Damit tritt noch stärker als sonst die Frage hinter der
von Ähnlichkeit, Wahrheit und Wirklichkeit zutage: Es
geht um Macht. In diesem Stück porträtiert einer der
berühmtesten Maler der Welt eine der berühmtesten
Frauen der Welt.
Das lateinische Wort, auf dem der Begriff Porträt gründet,
heißt pro trahere – ans Licht bringen, hervorziehen.
Das wollte Freud, auch wenn es den Porträtierten
nicht passte.
Aber diese beiden Protagonisten sind Mythen. Waren
es bereits, als sie sich trafen.
Einen Mythos erkennt man daran, dass er nicht zu knacken
ist. Wie sollte ich eindringen?
Von Mai 2000 bis Dezember 2001 arbeitete Lucian
Freud an seinem Porträt der Queen. Es sollte rechtzeitig
zum Krönungsjubiläum fertig werden. Die Umstände
der Entstehung dokumentierte Freuds Assistent
David Dawson in Fotografien.
Wie sollte ich vorgehen? Bekannt war, wie oft und wie
lange die beiden sich gesehen hatten hinter verschlossenen
Türen, wie das Ergebnis aussah und wie die Medien
reagierten. Das fertige Bild löste einen Schrei der
Empörung aus. Mehr nicht.
86
LEA SINGER
INTERVIEW
DAS
EXPERI-
MENT
Die einzige Möglichkeit schien mir, wie eine Traumdeuterin
vorzugehen.
Die Fakten waren der manifeste Trauminhalt, wann
sich wer wo mit wem traf unter welchen Bedingungen,
wer wie aussah und was trug bei welcher Beleuchtung
in welcher Umgebung. Um den zu deuten, musste ich
wie jeder Mensch, der Träume deutet, vieles erkunden
über die Träumer. Über ihre Vergangenheit, ihre Ängste,
ihre Verletzungen, über das, was sie verheimlichten
und das, was sie nie vergessen und überwinden konnten.
Auch über die Menschen, mit denen oder ohne
die sie zu leben gelernt hatten, über Trennungen und
Beziehungen, Krankheit, Tod, Sehnsucht und Scham.
Über die erfüllten und die unerfüllten Wünsche.
Mir war bewusst, dass es wie beim Traumdeuten die
definitiv richtige Deutung nicht geben kann. Auch nicht
geben soll: Eindeutig kann und will eine Traumdeutung
nicht sein. Wenn sie dem Träumenden glaubwürdig
erscheint, hat er das Äußerste erreicht. In dem Fall
müssen die Lesenden entscheiden: Wenn sie sagen So
kann es gewesen sein, bin ich froh.
DAS
RISIKO
Im belletristischen Raum dominiert seit weit über zehn
Jahren das Autofiktionale. In einer Welt der bald vollständigen
Fälschbarkeit verständlich, dass die Schreibenden
wie die Lesenden darin eine Rückversicherung
sehen. Das Autofiktionale behauptet von sich, glaubwürdig
zu sein, weil es so geschehen ist. Dieser Theorie
kann man vertrauen. Ich vertraue ihr nicht. Wir alle
erfinden unser ideales Ich und erzählen davon, nicht
von unserem wirklichen. Die radikalisierte Form des
Autofiktionalen lebt im Reality-Film, der dem Publikum
sagt: Hier gibt jemand alles von sich zu erkennen und
gibt alles zu. Er kann nichts verstecken. Diese Prostitution
intimer Geheimnisse und Schwächen ist nicht zufällig
zu einem Erfolgsrezept beachtlichen Ausmaßes
gewachsen. Ich hatte jedoch vor, in diesem Buch das
Gegenteil zu wagen: die Verteidigung des Geheimnisses.
Bei aller Lust am Aufdecken sollte am Ende dieses
Geheimnis stehen bleiben. Das war riskant. Ich habe
es dennoch versucht.
87
LEA SINGER
LESEPROBE
LESEPROBE
Am Eingang zu St. James’s Palace wurden Lucian
Freud und David Dawson abgeholt. Die Aufpasserin
war keine vierzig, ihr glattes Haar ließ eine hohe Stirn
frei, breit und glänzend glatt über starken Brauenknochen.
Mein Name ist Henrietta Edwards, ich arbeite
hier in der Royal Collection im Archiv.
Lucian starrte sie an. Dieses Stirnbein, sagte er.
Was sagen Sie?, fragte Henrietta.
Es ist außergewöhnlich stark, Ihr Stirnbein, sagte
Lucian.
Wenn jemand ihre Knochen oder Knorpel pries, irritierte
das die meisten Frauen, manche reagierten
gekränkt. Sogar beim Betreten eines Restaurants mit
Besuchern aus der Mode- und Filmszene hielt Lucian
nur nach Kniescheiben, Schlüsselbeinen, Schultern,
Nacken, Handgelenken oder Ohren Ausschau.
Schönheit interessierte ihn nicht. Die Stirn Henriettas
schien ihn zu beruhigen. Seit er morgens um halb
sieben sein Kaschmirjackett angezogen und fluchend
seine Schuhe zugebunden hatte, benahm er sich, als
hätte ihn jemand eingesperrt, und tobte in dieser Zelle.
Nun auf einmal trabte er still neben Henrietta her,
den Blick auf ihre Stirn gerichtet.
Henrietta blieb vor einer Tür stehen, die auch in eine
Toilette hätte führen können, neben der Tür stand ein
Bürostuhl. Die Tür quietschte. Der Raum dahinter
war kahl und hell. Die Leitungen waren über dem
Putz verlegt, der Kunststoff der Lichtschalter vergilbt,
der Linoleumbelag auf dem Boden erinnerte David an
sein Klassenzimmer. An der Rückwand stand ein rot
verkleidetes Podest, darauf ein Sessel, mit rotem Damast
bezogen, die Armlehnen und Sesselbeine waren
mit Goldbronze angestrichen.
David stellte die Staffelei auf, Lucian sog hörbar Luft
ein.
Das Licht, Mister Freud, ist ziemlich kalt, sind Sie
damit zufrieden?, fragte Henrietta Edwards im Weggehen.
Sehr zufrieden.
Zwei Minuten später kam zusammen mit einem
beigen Begleiter, der einen Koffer trug, Lucians
Modell ins Zimmer, eine alte Dame von vielleicht
einem Meter sechzig, blass, die Lippen hellrosa
geschminkt, sie ging leicht nach vorn geneigt. Ihr
Kleid war azurblau, das Jackett darüber war azurblau,
ihre Handtasche war azurblau, nur ihre Schuhe waren
schwarz, als sollten sie erden. Sie trug eine dreireihige
Perlenkette, Perlenstecker an den Ohren und
lächelte mild. Davids Mutter hatte nie etwas Azurblaues
getragen und keine Perlen besessen, ihre Haut
hatte von der Arbeit im Freien immer eine kräftige
Farbe, ihr graues Haar hatte sie niemals ondulieren
lassen. Trotzdem dachte er an seine Mutter.
Lucian rückte den Sessel zurecht, markierte mit Klebestreifen
die Position des Sessels auf dem roten Podestbezug,
rückte die Staffelei zurecht und markierte
dann die Stelle, an der sie stand, mit Klebestreifen auf
dem Fußboden.
Die alte Dame legte ihre Hände auf den Schoß. Ihr
Interesse galt nicht dem Maler, es galt dem Assistenten,
der sie mit Kinderaugen von der Seite her anglotzte.
Verzeihen Sie, Mister Dawson, aber erinnere ich
Sie zufällig an Ihre Mutter?, fragte sie.
Wie kommen Sie darauf, Ma’am?
Sie lächelte. Ich erinnere fast jeden Menschen an seine
Mutter.
David Dawson öffnete den Koffer mit Lucians Utensilien,
entnahm die Kohlestifte, die Palette und ein
paar Pinsel. Der beige Begleiter schloss seinen Koffer
auf, entnahm ihm ein Diadem, setzte es der alten
Dame aufs ondulierte Haar und ging hinaus. Schritte
treppabwärts? Nein, der Begleiter entfernte sich nicht,
der Bürostuhl wartete auf ihn.
Nur, ein Diadem, sagte die alte Dame, setzen die
meisten Mütter selten auf.
Lucian schraubte die Staffelei fester. Deswegen, sagte
er, brauchen wir das Diadem. Damit man Sie überhaupt
erkennt.
Er kehrte ihr den Rücken zu und beugte sich zu seinem
Koffer hinab.
Sie haben recht, Mister Freud, sagte die alte Dame.
Auch wenn ich Beige trüge, würde mich kein Mensch
erkennen.
Noch immer kramte Lucian im Koffer. Wissen Sie,
88
LEA SINGER
LESEPROBE
«
SO
SCHLIMM
KANN ES
NICHT SEIN,
MA’AM
Ma’am, im Vorfeld habe ich bereits gearbeitet an
Ihrem Bild, also an seinem Format, wegen des Diadems.
Damit es draufgeht, musste ich die Leinwand
vergrößern.
Das Lächeln der alten Dame schien einzufrieren.
Kürzlich, erzählte David, habe Freud ein Gemälde
mit drei Personen, eine Hommage an Cézanne, ebenfalls
angestückelt. Es habe wegen der Übergröße nur
noch durchs Fenster über das Dach des Atelierhauses
hinaustransportiert werden können, ein teures Manöver.
Die alte Dame sagte: Ach so, wie interessant, und
verfolgte Freuds Bewegungen. Lucian drehte sich
um und stellte eine Leinwand im Keilrahmen auf die
Staffelei. Sie war ungefähr so groß wie eine Geburtstagsgrußkarte,
kleiner jedenfalls als der Deckel einer
Zigarrenkiste.
Die alte Dame beugte sich vor. Ich wusste gar nicht,
dass Sie auch Miniaturen malen, Mister Freud. Sie
lehnte sich wieder an und stellte die Beine exakt parallel
nebeneinander. Ich schätze Miniaturen, die Wände
sind überall viel zu voll bei uns.
Ich garantiere dir, sie kennt von mir nichts, hatte Lucian
auf der Fahrt hierher zu David gesagt. David hatte
daran erinnert, dass sie soeben persönlich die New
Tate eröffnet habe.
Bei Eröffnungen, hatte Lucian gesagt, würden Leute
Reden halten und Sekt trinken, der nichts kostet,
während sie ihre Ärsche an den Bildern reiben, kein
Mensch sehe sich an, was an der Wand hängt.
Die Zeit, Ma’am, sagte er, die Zeit die wir nicht haben,
zwingt mich dazu. Ich muss Ihren Kopf einschrumpfen,
aber das ist kein Problem.
Sie lächelte. Sagt Ihnen der Name John Griff, zweiter
Baron Altrincham etwas?, fragte sie. Sie würden sich
verstehen. Er ist zwei Jahre älter als ich, Journalist und
Oxford-Absolvent. Als ich Anfang dreißig war, hat
Altrincham in seinem Magazin geschrieben, meine
Reden seien dümmliche Moralpredigten. Und ich
würde sie auch noch nervtötend wie ein Schulmädchen
ablesen, weil ich außerstande sei, ohne Manuskript
nur zwei Sätze von mir zu geben. Mein Mann
sagte, Altrincham hätte sich den langen Artikel sparen
können und das Ganze auf drei Wörter verkürzen:
Firmenchefin mit Hühnerhirn.
Freud begann mit der Kohle die Nasenwurzel und die
Jochbeine zu skizzieren, trat zurück, fixierte sein Modell,
maß mit dem Kohlestift Nasenlänge und Augenabstand,
trat wieder an die Leinwand.
Typisch, Ma’am, dass Sie sich daran haarscharf erinnern.
Leiden können wir vergessen, Demütigungen
nie. In jungen Jahren war ich oft in Schlägereien verwickelt.
Nicht, weil es mir Spaß gemacht hätte. Aber
die Leute sagten Dinge zu mir, auf die Prügel die einzig
mögliche Antwort waren.
Seine Stimme war deutlich höher als zuvor.
Und trotzdem haben Sie diese Herabsetzungen nicht
vergessen, Mister Freud? Es hat also nicht geholfen,
oder?
Das Lächeln der alten Dame belebte sich. Lucians
Kohlestift brach ab, David reichte ihm einen neuen.
Vorsicht, sagte er.
Der neue Kohlestift war unterhalb der Nase an der
Oberlippe gelandet.
Pardon, Ma’am, sagte Freud, aber ich hätte Sie gerne
ohne Lächeln.
Die alte Dame rückte das Diadem zurecht und entschuldigte
sich dafür. Sie habe es schon lange nicht
mehr aufgesetzt und ganz vergessen, wie schwer das
Ding sei. Um die zwei Kilo.
Lucian wartete ab, bis sie wieder rechtwinklig saß.
Der Stand ihrer Füße war ihm schon mehrmals
aufgefallen, egal, wo sie redete, begrüßte oder Auszeichnungen
verlieh, immer verteilte sie ihr Gewicht
gleichmäßig auf beide Beine.
So schlimm kann es nicht sein, Ma’am, Sie lächeln
doch unentwegt.
Nur weil ich im Lauf der letzten Jahrzehnte einsehen
musste, dass mein Gesicht sofort grantig ausschaut,
wenn ich nicht lächle. Was mich interessiert, Mister
Freud, nehmen Sie mir das nicht übel, aber wird es
mit zunehmendem Alter nicht riskant, mit Fäusten
zu argumentieren?
David Dawson machte eine Bewegung, die als Verneigung
gedacht war, und sagte, er werde jetzt für
etwas mehr als eine Stunde den St. James’s Palace verlassen.
Lucian stand mit lockerem Spielbein da, seine
Stimme war auf die normale Tonlage gesunken.
Als ich Mitte zwanzig war, bin ich Francis Bacon begegnet,
von da an waren wir zusammen unterwegs. Er
brachte mich, wie jeden, mit dem er sich herumtrieb,
auf James Joyce, aufs Glücksspiel, auf Whiskey und
Wodka und zahlte die Rechnungen in Kneipen für
alle. Wenn er nicht soff oder zockte, war sein Hirn ein
Glaspalast. Willst du es nicht mal mit Charme statt
mit den Fäusten probieren?, hat er mich gefragt.
Haben Sie es probiert, Mister Freud?
Weil es Francis war, ja, aber nur deswegen.
Das hörte David Dawson im Hinausgehen.
Nach exakt einer Stunde – zwanzig Minuten vor Ablauf
der Frist – betrat David wieder das geborgte Atelier.
Lucian hatte an Lidern und Brauen zu malen begonnen,
starrte aber immer wieder unten in das Gesicht,
dort, wo das Lächeln stand, und seufzte.
Übrigens, Ma’am, der größte Kopf unter allen Kollegen,
die ich persönlich kennengelernt habe, war
Francis, und mein bestes Porträt von ihm, nur sein
Kopf, war 17, 8 auf 12,8 Zentimeter groß, Ihr Porträt,
Ma’am, ist größer, 23,5 auf 15,2.
Wegen des Diadems, sagte sie. Dabei sagte erst vor
Kurzem jemand zu mir, als ich ganz ohne privat unterwegs
war, ich sähe der Queen ähnlich.
Und? Freud ließ die Palette sinken.
Ich habe gesagt: Wie beruhigend. Aber Sie, Mister
Freud, brauchen dieses Ding wegen der Ähnlichkeit.
Lucian lachte. Ähnlichkeit? Interessiert mich überhaupt
nicht, Ma’am. Die meisten Menschen können
von Glück reden, wenn sie sich auf einem Porträt
nicht ähnlichsehen. Rembrandt saßen fast nur Banker
und Kaufleute Modell, wahrscheinlich wenig bemerkenswerte
Personen, aber er machte uns glauben, dass
sie geistige Größe besitzen.
Dann, sagte die alte Dame, habe ich ja Grund zur Zuversicht.
27.
FEB
2026
LEA SINGER
EINE FRAGE DES FORMATS
Roman
Hardcover mit Schutzumschlag
192 Seiten
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07460-5
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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
90
A. T. QURESHI
THE BABY DRAGON CAFÉ
THE
BABY
DRAGON
CAFÉ
A. T. QURESHI
91
A. T. QURESHI
LESEPROBE
LESEPROBE
Saphira Margala hatte den ganzen Tag kaum eine
Verschnaufpause gehabt. Im Baby Dragon Café war
viel zu tun gewesen – was gut war, wie sie sich immer
wieder sagte, obwohl ihr die Füße wehtaten.
Es war Ende März, und der Frühling hatte gerade
erst angefangen. Immer mehr Menschen kamen in
die Stadt und nutzten ihre Mittagspause und den
Abend für einen Bummel über die Main Street. Das
bedeutete auch mehr Laufkundschaft für Saphiras
Café. Die Tage wurden länger, die Sonne stieg höher,
und alle wollten die erste Wärme genießen. Draußen
vor dem Café konnte man mindestens ein halbes
Dutzend Drachen über das Tal fliegen sehen, die
sich nach dem langen, kalten Winter an den Sonnenstrahlen
erfreuten.
Starshine Valley war ein Paradies für Drachen und
ihre Reiter. Die kleine Stadt schmiegte sich zwischen
wunderschöne schneebedeckte Berge. Das Gelände
eignete sich hervorragend zum Fliegen und bot herrliche
Ausblicke auf Wälder, Hügel und Seen. Saphira
liebte es, die erwachsenen Drachen im Flug zu beobachten.
Jetzt stand sie am Fenster ihres Cafés und
nahm sich einen kurzen Moment, um die majestätischen
Tiere zu bewundern. Es waren atemberaubende
Geschöpfe. Wenn Drachenbabys nur auch so gelassen
sein könnten wie die Erwachsenen!
Die fraglichen kleinen Ungeheuer lenkten ihre Aufmerksamkeit
wieder zurück auf ihr voll besetztes Café.
Die Gäste hatten es sich an Tischen bequem gemacht
und nutzten verschiedenste Sitzgelegenheiten. Die
Drachenbabys einiger Gäste lagen in Bettchen oder
Höhlen, andere kleine Drachen sprangen in die Drachenbäume
oder Nischen an den Steinwänden.
Der Anblick von Drachenbabys in ihrem Café erfüllte
Saphira mit Stolz. Sie hatte das Café vor sechs Monaten
eröffnet, und es war das erste, das seinen Gästen gestattete,
ihre kleinen Drachen mitzubringen. In den meisten
Lokalen war es nicht erlaubt, Haustiere mitzubringen,
und viele hatten sogar Schilder mit der Aufschrift
DRACHENBABYS VERBOTEN aufgestellt.
Leider verstand Saphira mehr und mehr, warum.
Sie schob Holzstühle an einen der Tische und räumte
leere Becher ab, bevor sie mit dem Geschirr zur Theke
ging. Als sie an einem bärtigen Vater und seiner Tochter
vorbeikam – er nippte an einem Cappuccino, während
die Kleine ein Stück Zitronen-Himbeer-Kuchen
aß –, gab Saphira gut auf ihre Füße Acht, während
sie um ein Drachenbaby herumging, das mit den baumelnden
Beinen des Mädchens spielte. Drachenbabys
waren genauso schelmisch wie Kleinkinder, aber auch
genauso niedlich.
Hinter der Theke schaltete Saphira die Kaffeemühle
ein, um die nächsten Bestellungen vorzubereiten. Sie
goss ein kaltes Getränk in einen Kristallkelch, ein
heißes in einen Keramikbecher und legte Leckerlis
auf Stahlteller. Sobald sie mit den Vorbereitungen
fertig war, stellte Saphira alles auf ein Tablett und
schlängelte sich damit zwischen dicht besetzten Tischen
und Stühlen mit tratschenden Zwölfjährigen
und turtelnden Pärchen hindurch zu ihrem Ziel.
»Ich habe hier einen Cold Brew mit braunem Zucker
und kaltem Milchschaum für Mrs Cartwright und
einen Vanille-Hafermilch-Latte für Mrs Li«, sagte
Saphira und stellte die Getränke auf den Tisch vor
zwei ältere Damen. Sie saßen in bequemen Sesseln
neben großen offenen Fenstern.
Saphira beugte sich zu den Drachenbettchen herunter,
die vor den Füßen der Frauen standen, um zwei
kleinen Drachen ihre Leckerlis zu geben. Der eine
war ein Opala mit großen, gelben Augen und schillernden,
weißen Schuppen, der andere ein Azura mit
tiefblauen Augen und ebenso blauen Schuppen. Beide
waren ungefähr dreißig Zentimeter groß und hatten
kleine Flügel.
»Dörrfleisch für den kleinen Thorn und Ingwerbonbons
für die kleine Viper.« Saphira stellte die Stahlteller
vor den Drachen ab. Da sie jetzt die Hände frei
hatte, streichelte sie die Drachenbabys. Diese gurrten
erfreut, bevor sie über die Leckerlis herfielen, die Saphira
eigens für ihre Reptiliengäste bereithielt.
»Danke, Liebes«, sagte Mrs Cartwright, deren Augen
hinter ihren Brillengläsern Lachfältchen aufwiesen.
Sie legte ihre Stricknadeln beiseite, um einen Schluck
von ihrem Cold Brew zu trinken, und seufzte zufrieden.
92
A. T. QURESHI
LESEPROBE
PFUI, VIPER,
AUS! HÖR AUF
MIT DEM
THEATER.
«
»Sie sind ein Engel«, fügte Mrs Li hinzu, die das Gleiche
tat. »Ein absoluter Engel.«
Wärme durchströmte Saphira, und sie strahlte. »Sagen
Sie mir Bescheid, wenn ich Ihnen noch etwas
anderes bringen kann!« Sie zwinkerte den beiden zu,
was ihr ein Lächeln von den älteren Damen eintrug.
In diesem Moment hörte sie ein tiefes Knurren. Viper
hatte Thorn ein Stück Dörrfleisch weggeschnappt
und mit zwei Bissen heruntergeschlungen. O nein.
Saphiras Herzschlag beschleunigte sich vor Sorge.
Das würde dem kleinen Thorn nicht gefallen …
Wie erwartet spie Thorn eine Flamme auf Viper, die
zischte und sich auf die Hinterbeine stellte, um sich zu
wehren. Sofort rief Mrs Cartwright ihr Drachenbaby
streng zur Ordnung: »Pfui, Viper, aus! Hör auf mit
dem Theater.«
»Thorn!«, sagte Mrs Li streng. »Benimm dich.«
Die Drachenbabys lösten sich aus ihrer kämpferischen
Haltung, und Saphira stieß einen erleichterten
Seufzer aus. Azura-Drachen und Opala-Drachen
waren dafür bekannt, dass sie leicht in Streit gerieten.
Doch da ihre Besitzerinnen beste Freundinnen waren,
mussten Thorn und Viper lernen, miteinander auszukommen.
Mit einem Lächeln für Mrs Cartwright und Mrs Li
ging Saphira zurück zur Theke und hielt dabei aufmerksam
Ausschau nach weiteren Anzeichen von
Ärger. Glücklicherweise schienen sich alle anderen
Drachenbabys zu benehmen.
Das Café war ein wahr gewordener Traum. Saphira
hatte seit Highschool-Zeiten in der Gastronomie gejobbt,
aber sie hatte immer den Ehrgeiz gehabt, eines
Tages ihr eigenes Café zu besitzen. Nun, sechs Monate
nach der Eröffnung, waren Saphiras Ersparnisse
allerdings aufgebraucht, und sie hielt sich gerade so
über Wasser. Solange in dieser Woche nichts in Flammen
aufging, war sie sich jedoch sicher, dass alles gut
werden würde …
Leider währte ihr Optimismus nur ungefähr eine
Stunde.
»Flare, nein!«, erklang eine laute Kleinmädchenstimme.
Saphira schaute zu dem Mädchen hinüber, das
hinter seinem Drachenbaby herlief. Es war das Mädchen,
das mit seinem Vater – er hieß Aziz, glaubte
Saphira – Zitronen-Himbeer-Kuchen gegessen hatte.
»Alles in Ordnung?« Saphira trat hinter der Theke
hervor.
»Hana, wir müssen Flare da runterholen«, sagte Aziz
zu seiner Tochter. »Entschuldige, Saphira, Flare ist
nur ein bisschen hyperaktiv.«
Aber das Drachenbaby schien mehr als nur hyperaktiv
zu sein. Der Kleine war auf den Tisch geklettert und
sprang nun in die Luft, um zu fliegen.
»Flare, stopp!«, rief Hana in gereiztem Ton, als der
Drache auf der Rückenlehne eines Stuhls landete.
Dem kleinen Drachen leuchtete der Schalk aus den
Augen, und bevor Hana ihn einfangen konnte, sprang
er zu einem neuen Flugversuch los.
Saphira griff nach ein paar gebratenen Bittergurken
– Drachenbabys liebten sie! – und hielt sie Flare hin.
Als er näher kam, roch er sie und wandte sich Saphira
zu. Seine Augen weiteten sich vor Freude. Doch der
Anblick der Bittergurken schien die Aufregung des
Drachenbabys leider noch weiter zu befeuern. Flare
sprang auf Saphira zu, schlug mit den Flügeln und
öffnete sein Maul. Saphira sah ein rotes Licht in seinem
Rachen.
Sie wusste, was das bedeutete.
Ohne zu zögern duckte sie sich und bedeckte gerade
noch rechtzeitig ihren Kopf, als Flammen über sie
hinwegschossen. Wenige Augenblicke später ließ die
Hitze nach.
Mit klopfendem Herzen richtete Saphira sich auf.
Der Geruch nach verbranntem Gummi und heißem
Stahl erfüllte die Luft. Im Café war es totenstill, und
alle Augen richteten sich auf das Chaos. O Gott.
Langsam drehte Saphira sich um, und das war der
Moment, in dem sie es sah: Ihre Espresso-Maschine.
Der mittlere Teil war in sich zusammengefallen.
Saphira stand da wie gelähmt und starrte auf die geschmolzene
Masse. Ihre Hände zitterten.
»O nein, das tut mir so leid!« Aziz griff in seine Tasche
und holte etwas heraus. »Hier ist mein Versicherungsnachweis
– ich bin mir sicher, dass sie den Schaden bezahlen
werden.« Er reichte Saphira eine kleine Karte.
»Keine Sorge«, kiekste Saphira und tat ihr Bestes,
Aziz und seiner Tochter ein ungerührtes Lächeln zu
schenken. Sie kämpfte gegen die Tränen an, die ihr
in die Augen steigen wollten. Wie durch Watte hörte
sie, dass Aziz mit seiner Tochter schimpfte, als die
beiden das Café verließen, achtete aber kaum darauf.
Saphira wusste, dass die Versicherung die Kosten
nicht übernehmen würde. Panik stieg in ihr auf. Was
sollte sie tun? Sie hatte nicht die Mittel, um eine neue
Espresso-Maschine zu kaufen, aber wie sollte sie ohne
Espresso-Maschine ein Café betreiben? Den Großteil
ihrer Einnahmen erzielte sie mit überteuertem Latte
Macchiato. Vielleicht war es gar keine so große Katastrophe,
sagte sie sich. Schließlich war ihre Speisekarte
riesig. Sicherlich würde sie auch ohne Espresso-Maschine
Umsatz machen. Es wäre ja nur für ein paar
Wochen. Nur bis sie genug Geld gespart hatte, um
eine neue Maschine zu kaufen.
Saphira wusste jedoch eines mit Bestimmtheit: Sie
würde nicht aufgeben …
27.
FEB
2026
A. T. QURESHI
THE BABY DRAGON CAFÉ
Aus dem amerikanischen Englisch
von Michaela Link
Klappenbroschur
352 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-72205-6
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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
94
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
VIELLEICHT IM SOMMER
Vielleicht
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
im
Sommer
Jung, authentisch, mitreißend
– ein neuer Lieblingsautor,
der viel zu sagen hat.
Lukas Mi-Sa Nguyen Egger
wuchs als jüngster Sohn eines
vietnamesischen Vaters und
einer deutschen Mutter auf und
erlebte früh, was es bedeuten
kann, sowohl kulturell am Rand
der Gesellschaft zu stehen
als auch finanziell vom Staat
abhängig zu sein. Darin fand
er die Motivation, sich intensiv
mit den Schicksalsbiografien
von ausgegrenzten Kindern
und Jugendlichen in Deutschland
auseinanderzusetzen. Der
Wunsch, denen eine Stimme
zu geben, die keine haben,
pulsiert in seinen Texten.
96
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
INTERVIEW
INTERVIEW
Lieber Lukas, wie bist Du zum Schreiben
gekommen?
Ich kann nicht genau sagen, wann das Schreiben angefangen
hat. Ich weiß nur, dass ich schon als Kind
Geschichten erfunden und meiner ältesten Schwester
zum Testlesen gegeben habe. Dass mich Worte
bereits in frühen Jahren so fasziniert haben, liegt sicher
an der Familie, in die ich hinein geboren wurde:
Mein Vater ist Vietnamese, und wäre ihm nicht das
tragische Schicksal zuteilgeworden, im Vietnamkrieg
aufwachsen zu müssen, dann wäre aus ihm
ganz bestimmt ein Poet geworden. Meine Mutter ist
Deutsche, und auch sie hat ein besonderes Sprachgefühl.
Als jüngstes von vier Kindern vollendete ich
diese bunte Familie, in der vor allem zwei Dinge
sehr wichtig waren: Essen und Reden. Oft saßen
wir stundenlang zusammen, haben Reis gegessen,
Geschichten erzählt, diskutiert und uns gegenseitig
unterbrochen.
Worte waren also schon immer wichtig für mich.
Und da es mir oft schwerfällt, mich zu öffnen, ist
das Schreiben für mich auch immer eine Art der Reflexion
und Selbstoffenbarung. Außerdem macht es
mir unglaublich viel Spaß. Ich vergesse die Zeit beim
Schreiben. Und ich liebe die Momente, wenn die Figuren
anfangen, ihre eigenen Entscheidungen zu
treffen. Das ist manchmal anstrengend, wenn sie dir
dein ganzes Skript verdrehen, aber ich werde gern
von ihnen überrascht.
Wie bist Du auf die Geschichte von Kian und
Marco gekommen?
2019 habe ich die erste Idee aufgeschrieben. Ich wollte
jungen, einsamen und ohnmächtigen Figuren die
Chance geben, so etwas wie Freiheit und Vertrauen
zu erleben. Und dann nachfühlen, was das mit ihnen
macht. Beim Schreiben und im Austausch mit meinem
Bruder Benjamin hab ich dann gemerkt, dass
die Geschichte nicht nur leicht sein darf. Die echte
Welt ist für mich der Maßstab, deshalb braucht es
eine gewisse Härte. Kinder mit gebrochenen Biografien
liegen mir sehr am Herzen. Dass ich darüber
schreibe, wundert niemanden, der mich näher kennt.
Ich kann vieles von dem nachempfinden, was meine
Figuren beschäftigt, deshalb das Setting und die
Hauptfiguren.
Was sollen den Leser:innen nach der Lektüre
deines Romans bleiben?
Ein bittersüßer Geschmack auf der Zunge. Vielleicht
etwas Wärme, gemischt mit Erinnerungen an eigene
Jugendtage. Ich hoffe, dass man meine Figuren nicht
so schnell vergisst, wenn man das Buch zuschlägt. Ich
wünsche mir Verständnis für Menschen, die am Rand
der Gesellschaft aufwachsen. Die von Freiheit vielleicht
etwas überfordert sind, die keine Stimme haben
und die am Ende auch nur auf der Suche sind – so wie
jeder von uns.
Was war dir beim Schreiben wichtig? Was ist
der Kern deines Romans?
Wir leben in einer Zeit, in der gewisse Stimmen kaum
gehört werden. Kinder und Jugendliche sind eine sehr
vulnerable Gruppe. Wenn sie dann auch noch aus
prekären Verhältnissen kommen, haben sie kaum eine
Chance auf Repräsentation. Ich weiß, dass Geschichten
Trost spenden und Raum für Identifikation öffnen.
Sie ersetzen keine politischen Veränderungen, aber
sie können die Gefühle von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit
lindern. Gleichzeitig war mir wichtig,
zwischen all den schweren Themen auch Leichtigkeit
einzufangen – die Nostalgie, den Sommer, die Freiheit.
Etwas, das die Lesenden durchatmen lässt.
Für wen hast Du den Roman geschrieben?
Ich habe den Roman während Corona geschrieben –
als Student, ohne Kontakte in die Literaturbranche.
Entsprechend hatte ich gar keine Veröffentlichung vor
Augen. Deshalb habe ich vor allem für mich selbst geschrieben:
Ich wollte mir einen Ort geben, den mein
jugendliches Ich gebraucht oder gesucht hätte. Und
genau damit richte ich mich letztlich an alle. Denn
das Erwachsenwerden bringt Themen mit, die uns
ein Leben lang begleiten: Freundschaft, Vertrauen,
97
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
INTERVIEW
Ich wünsche mir
Verständnis für
Menschen, die am Rand der
Gesellschaft aufwachsen.
Die von Freiheit vielleicht
etwas überfordert sind, die
keine Stimme haben und
die am Ende auch nur auf
der Suche sind – so wie
jeder von uns.
Familie und das Loslösen von der eigenen Herkunft.
Ganz egal, ob man mittendrin steckt, ob es erst kurz
zurückliegt oder schon Jahrzehnte her ist – jeder kann
sich darin wiederfinden.
Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass Erwachsenwerden
nicht an ein Alter gebunden ist. Erwachsenwerden
ist die Zeit, in der all diese Fragen
aufkommen. Wie unter einem Brennglas. Die Zeit, in
der Antworten neu verhandelt werden. Und in der sich
alles überwältigend anfühlt: Nach Anfang und Ende.
Wann das passiert, ist bei jedem unterschiedlich. Dass
jeder diese Zeit durchleben muss, ist unumgänglich.
Und weil niemand dieser Zeit entkommt, richtet sich
mein Roman letztlich an alle.
98
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
LESEPROBE
LESEPROBE
Prolog
31.07.07: Man ist nie wirklich vorbereitet auf das, was
kommt. Genauso wenig wie auf das Ende. Oder darauf,
wie der Weg bis dahin aussieht. Es ist ganz egal, welche
Geschichte man sich ausdenkt. Das echte Leben kann
man nicht planen. Das echte Leben spielt sich zwischen
den Zeilen ab.
Und irgendwie ist das mit den Menschen auch so. Die
wichtigsten Menschen sind nicht die, die man sich aussucht.
Die wichtigsten Menschen stolpern ins Leben.
Und sie sind die einzigen, die zu Familie werden können.
Echter Familie. Denn Familie sucht man sich ja auch
nicht aus, oder? Familie passiert auch einfach so. Und
man kann nichts dagegen tun.
Und obwohl sich alles bewegt. Die Luft. Die Sonne. Das
Meer. Der Sand. Und obwohl alles wehtut. Mein Herz.
Meine Beine. Meine Träume. Meine Gedanken.
Obwohl sich alles bewegt und alles wehtut, würd ich mir
wünschen, dass die Zeit stillsteht. So wie die Sterne über
dem Wasser. Vielleicht kann dann alles so bleiben, wie es
ist. Vielleicht kann dann das Ende kommen.
Und alles ist gut, denn ich hab einen dieser Menschen
gefunden.
1
Kian schweigt. Er tastet die Narbe hinter seinem Ohr
ab. Die Aludecke, die ihm ein Sanitäter vor wenigen
Sekunden über die Schultern gelegt hat, rutscht runter
und fällt achtlos auf den Teppichboden.
»Irgendwie saß er die ganze Zeit still da. Ich weiß
nicht, was mit ihm los ist.« Der Polizist tritt zur Seite
und macht Platz für den Sozialarbeiter, der vor wenigen
Sekunden durch die Tür gekommen ist und nun
die Tapete begutachtet. Der Beamte betrachtet ihn
und winkt ab. »Das ist Ihr Job.«
Der dürre Mann rückt seine Hornbrille zurecht, löst
seinen Blick von der Wand und wendet sich Kian zu.
Der Polizist verlässt die Wohnung.
»Hallo. Also ich bin … ich heiße Erik.«
Kian reagiert nicht.
Den Polizisten hat er von Anfang an nicht leiden
können, und auf die Floskeln eines Sozialarbeiters
hat er wirklich keine Lust. Im Zweifel hat er sie sowieso
schon etliche Male gehört.
»Das tut mir alles sehr leid, Kian. Das ist schrecklich.
Du … du musst dich schrecklich fühlen.« Die Worte
verhallen.
Als seine Hand anfängt zu zittern, ballt Kian sie
zur Faust und lässt sie im Ärmel seines Hoodies verschwinden.
»Wenn du darüber reden willst … also mit mir reden
willst, dann bin ich für dich da.«
Warum sollte er reden wollen? Immer erst, wenn
schon literweise Wasser auf den Boden gefallen ist,
kriechen die beschissenen Regenwürmer an die
Oberfläche.
»Klar.« Kian dreht sich weg und schweigt. Den Namen
des Sozialarbeiters hat er bereits wieder vergessen.
Emil?
Sein Blick fällt durch die offen stehende Zimmertür
auf sein Bett. Daneben steht der rote Sessel, den er
vor zwei Jahren geschenkt bekommen hat. Er lächelt.
Sein Vater kam die Treppe nach oben gerannt, riss
die Wohnungstür auf, warf seine Lederjacke samt
Kippen, Kleingeld und Schlüssel aufs Sofa und rief
nach ihm.
»Bin im Zimmer.«
Eine Sekunde später stand sein Vater breitbeinig im
Türrahmen.
Kian zuckte zusammen. Meistens vermied er anklagende
Worte. Doch nach über zehn Jahren reichte
ein Blick, um zu erkennen, ob es ein schlechter Tag
dafür war oder einer dieser seltenen guten Tage. »Ey,
kannst du nich anklopfen?«
»Ich hab unten was für dich stehen. Glaub ja nicht,
dass ich dir die Scheiße eigenhändig nach oben trage.«
Kian kletterte aus dem Bett, während sein Vater ihm
ein Grinsen zuwarf.
»Kian?« Der Sozialarbeiter geht einige Schritte
auf ihn zu und legt ihm zögerlich die Hand auf die
Schulter. »Du musst mit aufs Revier …«
»Ich brauch meinen Rucksack.« Kian steht auf und
schleppt sich in sein Zimmer. Mit einer Hand stützt
er sich auf dem Sessel ab, mit der anderen greift er
nach seiner Tasche, die auf dem Boden liegt.
»Du kannst generell alles packen … also eben alles,
was du so brauchst … zum Leben.«
Kian öffnet den Reißverschluss und kramt durch den
Inhalt. Ein paar dünne Papierservietten von McDonalds,
eine angebrochene Juicy-Fruits-Packung, ein
paar Münzen und ein zerknicktes Notizbuch. Lose
daneben ein Bleistift. Er nickt. Alles, was ich zum
Leben brauch.
Er stopft noch ein paar Klamotten in den Rucksack
und hängt ihn sich über die Schulter. Als er das
Wohnzimmer wieder betritt, steigt ihm das Aftershave
des Polizisten in die Nase. Seine Lunge zieht
sich zusammen.
Die Hoffnung, dass die Atemnot, die ihn seit drei
Monaten heimsucht, nur ein Vorbote des heutigen
Tages war, schwindet. Der Druck in seinem Brustkorb
schwillt an.
»Wie gesagt, du musst auf die Wache und erzählen,
was … Du musst einfach ein paar Fragen beantworten.«
Erneut legt der Sozialarbeiter ihm die Hand
auf die Schulter.
Kian zieht sich die Kapuze über den Kopf. Der Mann
tritt einen Schritt zurück.
»Danach komm ich sofort wieder vorbei, und wir finden
gemeinsam eine gute Lösung für … deine Situation.«
Er lächelt.
Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst,
will Kian sagen. Stattdessen nickt er und schlüpft in
seine Chucks.
Fünf Minuten später wirft er einen letzten Blick zurück
auf den Plattenbau. Vierzehn Stockwerke.
30.
APR
2026
LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER
VIELLEICHT IM SOMMER
Hardcover mit Schutzumschlag
288 Seiten
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07383-7
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100
URSULA SCHRÖDER
SCHUTZ IN KRISENZEITEN
SCHUTZ IN
KRISENZEITEN
URSULA SCHRÖDER
101
URSULA SCHRÖDER
INTERVIEW
«
WIR BRAUCHEN ALS GESELLSCHAFT
EINE KLARE VORSTELLUNG DAVON, WAS
FÜR UNS UNVERZICHTBAR IST
INTERVIEW
Frau Schröder, worum geht es in Ihrem Buch –
in drei Sätzen?
Angesichts der fundamentalen Krisen unserer Zeit müssen
wir den Schutz unserer Gesellschaft neu denken und
anders gestalten als bisher. In meinem Buch untersuche
ich, wie das staatliche Versprechen auf Schutz und unsere
Erwartungen daran heute neu verhandelt werden –
aber auch, was der Staat im Gegenzug von uns verlangen
kann. Ich plädiere dafür, den Blick über militärische
Verteidigung und individuellen Selbstschutz
hinaus zu erweitern und eine gemeinsame, inklusive
Vorstellung davon zu entwickeln, welche Werte und
Güter wir künftig als Gesellschaft schützen wollen.
Viele verzweifeln im Moment an der Lage der
Welt. Gibt es wirklich mehr Krisen und Konflikte
als zuvor, oder kommt uns das nur so vor?
Ja, das ist leider richtig – wir sehen eine beispiellose
Häufung von Krisen, Kriegen und Konflikten. Die europäische
Sicherheitsordnung liegt in Trümmern, die
Zahl gewaltsamer Konflikte ist auf einem historischen
Höchststand, und wir leben auf dem wärmsten Planeten
seit Beginn der Aufzeichnungen. Klar, Krisen hat
es auch früher gegeben. Aber was die heutige Situation
so besonders macht, ist die Gleichzeitigkeit von akuten
und langfristigen Krisen: Einerseits erleben wir,
dass die globale Sicherheitslage immer konfrontativer
wird. Andererseits wissen wir, dass wir die fundamentale
ökologische Krise unseres Planeten nur durch enge,
belastbare internationale Zusammenarbeit bewältigen
können. Genau dieser Widerspruch stellt uns vor immense
Herausforderungen.
Nach dem Kalten Krieg gab es eine lange Zeit,
in der abgerüstet wurde. Jetzt rufen alle nach
Aufrüstung. Ist das berechtigt?
Die Aufrechterhaltung unserer demokratischen Gesellschaft
und unserer Werte basiert – leider – auch auf
militärischer Stärke. Deshalb müssen wir in Europa
unsere Verteidigungspolitik und auch die militärischen
Fähigkeiten neu aufstellen. Aber dabei darf es
nicht bleiben. Ich argumentiere, dass wir über diese
aktuelle Fokussierung auf Verteidigung und Abschreckung
hinausdenken müssen. Langfristig brauchen
wir eine nachhaltige Sicherheitspolitik, die nicht
allein auf militärischen Fähigkeiten beruht.
102
URSULA SCHRÖDER
INTERVIEW
«
ICH ARGUMENTIERE, DASS WIR ÜBER
DIE AKTUELLE FOKUSSIERUNG AUF
VERTEIDIGUNG UND ABSCHRECKUNG
HINAUSDENKEN MÜSSEN
Wie verständigen wir uns darauf, was wir
schützen wollen? Können wir alles schützen,
was schützenswert ist?
Wir erleben derzeit, wie schnell sich unsere Sicherheitslage
verändern kann und wie schwierig es angesichts der
Klimakrise sein wird, alles zu schützen, was uns wichtig
ist. Eine zentrale Aufgabe der künftigen Sicherheitspolitik
wird daher sein, sorgfältig abzuwägen, was und
wen wir schützen wollen – und was wir im Zweifel auch
preisgeben müssen. Dafür brauchen wir als Gesellschaft
eine klare Vorstellung davon, was für uns unverzichtbar
ist – und diese Vision sollte über individuelle
Interessen und nationale Grenzen hinausreichen.
Können wir uns beim Thema Schutz und
Sicherheit auf Hilfsorganisationen und das
Militär verlassen, oder sind wir alle als
Gesellschaft gefragt?
Ich denke, viele von uns sind lange davon ausgegangen,
dass der Staat allein für unseren Schutz und unsere
Sicherheit zuständig ist. Heute aber fordern Fragen
des Schutzes uns als Gesellschaft ganz anders und
nehmen uns direkter in die Verantwortung. Schutz ist
keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis der
Arbeit vieler haupt- und ehrenamtlicher Kräfte – diese
Arbeit muss jetzt neu verteilt und organisiert werden.
Wir werden also neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe
entwickeln müssen: vom Wehrdienst über den
Katastrophenschutz und darüber hinaus.
Jede und jeder muss vor Gefahren geschützt
werden – sollte man denken. Aber nicht alle
genießen denselben Schutz. Warum ist das so,
und wie können wir das ändern?
Eigentlich sollte jeder Mensch vor Bedrohungen und
Gefahren geschützt werden – aber in der Realität
genießen nicht alle denselben Schutz. Eine zentrale
Frage ist daher, wie wir eine demokratische Sicherheitspolitik
gestalten können, die Risiken und Kosten
der neuen Herausforderungen gerecht in der Gesellschaft
verteilt. Dabei müssen wir zum Beispiel auch
an Generationengerechtigkeit denken: Lösungswege
müssen so gestaltet sein, dass sie auch zukünftigen
Generationen ein gutes Leben ermöglichen. Gleichzeitig
müssen wir Schutzkonzepte entwickeln, die
nicht ausschließlich auf individuelle Resilienz setzen,
denn nicht jeder kann für sich selbst vorsorgen. Gerade
im Katastrophenfall zeigt sich: Wir müssen auch
an diejenigen denken, die besondere Unterstützung
brauchen.
103
URSULA SCHRÖDER
LESEPROBE
LESEPROBE
Ich erinnere mich noch an das Ende der Geschichte.
1989, direkt nach dem Ende des Kalten Krieges,
schien vieles möglich: sogar die Umsetzung der schon
damals steilen These, dass sich bald liberale Demokratien
und Marktwirtschaft überall auf der Welt durchsetzen
würden. In den Jahren darauf verschwanden
nach und nach die Symbole und Praktiken militärischer
Vorbereitung aus dem öffentlichen Raum. Zuerst
gingen die Panzerkolonnen, denen wir damals auf
dem Fahrrad lieber auswichen. Jahre später wurden
die gelben NATO-Brückenschilder, die in amerikanischen
Tonnen angaben, wie viele Militärfahrzeuge
eine Brücke aushält, bevor sie zusammenbricht, nicht
mehr erneuert. Die Aussetzung der allgemeinen
Wehrpflicht am 1. Juli 2011, 55 Jahre nach ihrer Einführung,
war einer der letzten Akte auf diesem Weg.
Spätestens jetzt war klar, dass Deutschland sich auf
einen Frieden einstellte, von dem nicht erwartet wurde,
dass er erneut brechen könne.
Bis auf die wenigen freiwilligen Wehrdienstleistenden,
die man an den Wochenenden in den Zügen der
Deutschen Bahn traf, war alles vorbei, abgebaut, oder es
zerfiel: die Überschallflüge und Tiefflieger, die NATO-
Manöver ebenso wie die Sprengschächte an zentralen
Autobahnen oder die Fallkörpersperren am Hamburger
Elbtunnel, die noch im Dezember 1989 fertiggestellt
wurden, um sowjetische Panzer von einer Elbunterquerung
abzuhalten. Dass heute alles anders ist, ist nicht
nur bedauerlich, sondern hat das Zeug zur Tragödie.
Denn heute befinden wir uns mittendrin in einer
180-Grad-Wende weg von der »Friedensdividende«,
die seit dem Ende des Kalten Kriegs beschworen wurde,
weg vom liberalen Optimismus einer internationalen
Ordnung, die durch mehr Demokratie, mehr
Wohlstand, mehr Recht und weniger Krieg geprägt
sein sollte. Und weg von einer Zeit, in der unsere
Hori zonte weiter wurden, nicht enger. In der wir, zumindest
in der Europäischen Union, reisen konnten
ohne Grenzkontrollen und arbeiten ohne Visum. In
der Frieden und Sicherheit für viele in unserer Gesellschaft
– wenn auch nie für alle – einfach gegeben
waren und nichts, wofür wir kämpfen mussten.
«
WIR BEFINDEN
UNS HEUTE
MITTENDRIN IN
EINER 180-GRAD-
WENDE WEG VON
DER »FRIEDENS-
DIVIDENDE«
In den letzten Jahren wurde klar, dass dieser Optimismus
wenig Grundlage in der heutigen Realität hat.
Auslöser waren nicht erst die langen Pandemiejahre,
auch nicht die Finanzkrise oder der Einmarsch russischer
Truppen in der Ostukraine im Jahr 2014 – die
Zeichen standen schon viel länger an der Wand. Das
Wissen, dass wir unseren hohen Lebensstandard, der
grundlegend auf fossilen Energien beruht, nur auf
Kosten unseres Planeten aufrechterhalten können, haben
wir schon lange. Auch die fundamentale Schwäche
der internationalen Ordnung ist keine Neuigkeit.
Der russische Großangriff auf die Ukraine im Februar
2022 hat diese Situation nur wie in einem Brennglas
gebündelt – und die Aufmerksamkeit in Europa auf
die verteidigungspolitischen Aspekte dieser größeren
Problemkonstellation gerichtet.
Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass unser Schutz –
sei es vor externer Bedrohung oder vor Extremwetter –
104
URSULA SCHRÖDER
LESEPROBE
«
VITA
Prof. Dr. Ursula Schröder ist seit 2017
Wissenschaftliche Direktorin des Instituts
für Friedensforschung und Sicherheitspolitik
(IFSH) sowie Professorin für Politikwissenschaft
an der Universität Hamburg. Zuvor
war sie Professorin für internationale Sicherheitspolitik
an der Freien Universität Berlin.
Im Zentrum ihrer Forschung steht der fundamentale
Wandel demokratischer Friedensund
Sicherheitsordnungen in einer Welt
multipler Krisen. In diesem Rahmen leitet
sie derzeit verschiedene Forschungs- und
Wissenstransferprojekte: zu demokratischer
Sicherheitspolitik in Krisenzeiten, zum
Nexus von Sicherheit und Klimawandel, zum
deutschen Engagement in der internationalen
Friedensförderung und Konfliktbearbeitung
sowie zur Beteiligung gesellschaftlicher
Akteure an der Erforschung sicherheitspolitischer
Fragen.
Sie studierte an der Humboldt-Universität
und der Freien Universität Berlin sowie an
der University of Wales in Aberystwyth und
promovierte am Europäischen Hochschulinstitut
in Florenz.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit
ist Prof. Dr. Ursula Schröder eine gefragte
Expertin in den Medien. Sie ist regelmäßig
in TV-Formaten wie »maybrit illner«, »titel,
thesen, temperamente«, dem »ZDF-Morgenmagazin«
sowie »3sat Kulturzeit«
präsent. Darüber hinaus gibt sie Interviews
für renommierte Zeitungen und Radiosender,
darunter Deutschlandfunk, NDR Info,
zdfheute, das Hamburger Abendblatt, SWR
Kultur und ntv.
SCHUTZ WIRD NICHT
ALLEN MENSCHEN
GLEICHERMASSEN
GEWÄHRT
nichts Gegebenes ist. Dennoch ist Schutz in unserer
Gesellschaft über die Jahre zu etwas geworden, das
wir als selbstverständlich hingenommen haben. Und
damit zu einem Thema, das im Leben vieler Menschen
zunehmend an Bedeutung verloren hat. Wir sind dabei
in den letzten Jahrzehnten als Gesellschaft in eine
paradoxe Situation geraten, in der wir immer höhere
Ansprüche an staatlichen Schutz stellen, gleichzeitig
aber seine Voraussetzungen und Praktiken weitgehend
unsichtbar geworden sind und ohne die Beteiligung
breiterer Gesellschaftsschichten stattfinden.
Die aktuelle Lage erfordert nun eine Neuaufstellung
unseres Schutzes. Denn Schutz ist ein Versprechen,
das in Zeiten der Krise neu ausgehandelt werden muss.
Das Bedürfnis nach Schutz ist dabei eines der grundlegendsten
menschlichen Bedürfnisse, ob es um den
Schutz vor Naturkatastrophen geht oder um den
Schutz vor Angriffen und Überfällen. Doch Schutz
vor Bedrohungen ist auch in demokratischen Staaten
nach wie vor höchst ungleich verteilt. Staatliche
Schutzangebote haben Leerstellen und Widersprüche.
Schutz wird nicht allen Menschen gleichermaßen
gewährt – Faktoren wie Hautfarbe, Geschlecht
oder soziale Herkunft spielen dabei weiterhin eine
entscheidende Rolle.
Auch ist staatlicher Zwang nicht neutral: Gewalt
wird nicht gegenüber allen Bevölkerungsgruppen
in gleicher Weise angedroht oder ausgeübt. Hinzu
kommt, dass Schutz zunehmend zur Ware wird. Der
Markt für private Sicherheitsdienste wächst, und viele
Schutzmaßnahmen werden zunehmend aus dem öffentlichen
Raum in den privaten Sektor verlagert. All
dies zeigt: Schutzerfahrungen sind nicht für alle Mitglieder
der Gesellschaft gleich – und waren es auch
nie. Soziale und politische Ungleichheit spielen eine
zentrale Rolle dafür, wem Schutz zuteilwird und wem
nicht.
Angesichts der heutigen Lage wird eine neue, tiefgehende
gesellschaftliche Auseinandersetzung über die
Ausdehnung und auch die Grenzen unseres Schutzes
immer dringlicher. Denn die gegenwärtige Krisenkonstellation
hat eine neue Qualität, die unseren Umgang
mit Bedrohungen grundlegend herausfordert.
In einer Situation, in der sich ganz unterschiedliche
Herausforderungen zunehmend verschränken und
beschleunigen, müssen wir uns neu orientieren.
Als Gesellschaft stehen wir dabei vor einer zunehmend
konfrontativen weltpolitischen Lage, die einen
Fokus auf Verteidigung und Abwehr nahelegt und in
der militärischer Schutz Vorrang hat. Gleichzeitig
können die Herausforderungen zukünftiger Pandemien
oder die Klimakrise nicht militärisch gelöst werden,
sondern benötigen robuste globale Kooperation.
Hinzu kommt, dass sich Menschen überall – auch in
Deutschland – zunehmend individuell vor verschiedensten
Herausforderungen schützen müssen. Dabei
bekommen wir auch hier bereits die Grenzen von
Schutz zu spüren, wenn es beispielsweise nicht mehr
möglich ist, eine Elementarschadensversicherung für
Häuser in Gebieten abzuschließen, die Extremwetter
ausgesetzt sein könnten. Fragen des Schutzes sind für
uns plötzlich wieder ernst geworden.
Die aktuellen Diskussionen um einen neuen Wehrdienst,
die Reaktivierung der Wehrpflicht oder die
Einführung einer Dienstpflicht für alle deuten bereits
auf anstehende gesellschaftliche Umbrüche hin. Es
wird nicht nur um spezifische technische Details von
Verteidigungspolitik gehen, über die derzeit bereits
viel diskutiert wird, sondern um viel grundlegendere
Fragen: Was sind wir alle unserer Gesellschaft schuldig?
Was sind wir unserer Gesellschaft aber auch nicht
schuldig? Welche Ansprüche darf der Staat an seine
Bürgerinnen und Bürger stellen? Gleichzeitig geht es
aber auch um die Frage, welche Ansprüche wir auf
Schutz und Verteidigung haben, wofür der Staat im
Katastrophenfall aufkommen muss – und wofür nicht.
02.
APR
2026
URSULA SCHRÖDER
SCHUTZ IN KRISENZEITEN
Hardcover mit Schutzumschlag
256 Seiten
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07396-7
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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
106
JOHANNA ROTH
THIS IS AMERICA – IS THIS AMERICA?
JOHANNA ROTH
THIS IS
AMERICA
–
IS THIS
AMERICA?
107
JOHANNA ROTH
INTERVIEW
INTERVIEW
Liebe Johanna, in deinem Buch betrachtest
du 250 Jahre USA und gehst dem amerikanischen
Versprechen auf den Grund. Worin
bestand beziehungsweise besteht dieses –
bei der Gründung der Nation und heute?
Alle Menschen sind gleich und haben ein Recht
auf Freiheit und das Streben nach Glück. So stellt
es die Unabhängigkeitserklärung fest, was in der
feudalistisch geprägten Welt des Jahres 1776 völlig
revolutionär war. Bis heute werden Millionen Leute
davon angezogen, und die USA sind unverändert
stolz darauf. Aber sie haben sich nie wirklich damit
auseinandergesetzt, dass sie dieses Versprechen von
Anfang an gebrochen haben.
Viele der sogenannten Gründerväter, die diese Erklärung
gemeinsam unterzeichneten, hielten sich
zuhause Menschen als Sklav:innen. Auch 60 Jahre
nach der Abschaffung der Segregationsgesetze in
den Südstaaten werden Schwarze systematisch diskriminiert.
Und in Städten wie New York und Los
Angeles sehen wir mittlerweile täglich, wie Einwander:innen
von maskierten Polizeikräften gekidnappt
und im Zweifelsfall ohne faires Verfahren abgeschoben
werden.
Dass die USA der Inbegriff von Freiheit und Gleichberechtigung
seien, ist ein Mythos, den sie sich seit
250 Jahren selbst erzählen. Ich glaube, dass das einer
der Gründe ist, warum Donald Trump an die Macht
kommen konnte.
»
Ich will das Land hinter den
Schlagzeilen zeigen, wie ich
es in den vergangenen Jahren
erlebt habe: Wovon die
Menschen dort träumen, was
sie wütend macht, wovor sie
Angst haben.
Was hat dich dazu bewegt, gerade jetzt ein
Buch über die USA zu schreiben – und was
macht das 250. Jubiläum so besonders für
deine Recherche?
Jeden Tag erreichen Leser:innen in Deutschland
neue und oft bestürzende Nachrichten aus den
Vereinigten Staaten. Ich will das Land hinter den
Schlagzeilen zeigen, wie ich es in den vergangenen
Jahren erlebt habe: Wovon die Menschen dort träumen,
was sie wütend macht, wovor sie Angst haben.
Zugleich ist es wahnsinnig spannend, welche zentrale
und eben auch schwierige Rolle die Geschichte
108
JOHANNA ROTH
INTERVIEW
»
Das Motto vieler Anti-Trump-
Proteste ist nicht zufällig
»No Kings«: So wie 1776, als
man sich von der Monarchie
des alten Kontinents emanzipierte,
soll es auch heute
keinen Tyrannen geben.
der USA in ihrer Gegenwart spielt. Sie verwandeln
sich gerade in das Land, das sie nie werden sollten –
worauf es aber irgendwie immer auch hinausgelaufen
ist, betrachtet man die zurückliegenden 250 Jahre
genauer, von Gettysburg bis Guantánamo, vom Bear
River Massacre bis zum Hurrikan Katrina.
Wie wird der Gründungsmythos im heutigen
Amerika gelebt, hinterfragt oder sogar
instrumentalisiert?
Einer der gewalttätigsten Kapitolstürmer:innen des
6. Januar 2021 hatte die Jahreszahl 1776 auf den
Handrücken tätowiert. Ich sehe oft Trump-Unterstützer
mit T-Shirts, auf denen »We the People«
abgedruckt ist, die ersten Worte der Verfassung.
Trump selbst will Geschichtsschreibung diktieren.
Er und seine Leute bekämpfen die gerade erst begonnene
Aufarbeitung der Tatsache, dass der Wohlstand
dieses Landes nicht nur auf Pionieren und
Entdeckern gründet, sondern auch auf Ausbeutung
von versklavten und indigenen Menschen, als »antiamerikanisch«.
Sie lassen Bücher verbieten und Museen
säubern.
Aber das mobilisiert auch Widerstand. Linke hängen
sich zum ersten Mal im Leben eine US-amerikanische
Nationalflagge ans Haus. Manche drehen sie auf
dem Kopf, das Symbol einer bedrohten Nation, das
bis vor kurzem noch von den Rechten besetzt war, die
Joe Biden für einen illegitimen Präsidenten hielten.
Das Motto vieler Anti-Trump-Proteste ist nicht zufällig
»No Kings«: So wie 1776, als man sich von der
Monarchie des alten Kontinents emanzipierte, soll
es auch heute keinen Tyrannen geben.
Welche Gegensätze und Widersprüche der
USA stehen für dich besonders im Mittelpunkt?
Ich könnte stundenlang aufzählen. Warum ist es
in einer überwiegend christlich geprägten Nation
selbstverständlich, dass sonntags sämtliche Läden
geöffnet haben? Wie kann es sein, dass in einem
der reichsten Länder der Welt Kinder freitags einen
Rucksack mit Lebensmitteln aus der Schule mit nach
Hause bekommen, weil sie sonst das Wochenende
über nichts zu essen hätten? Warum ist die einzige
Person, auf die sich das konservative und das liberale
Amerika noch einigen können, ausgerechnet Dolly
Parton, eine 79-jährige Country-Musikerin mit
falschen Brüsten und Zwölf-Zentimeter-Absätzen?
Seine Widersprüche haben dieses Land geformt.
Ihnen nachzugehen, ist manchmal lustig, manchmal
verstörend, aber immer faszinierend.
»
Gleichzeitig ist es schwer zu
fassen, welche Verdrängungskräfte
die Amerikaner:innen
entwickeln, gerade jetzt, da
immer mehr Menschen die
Auswirkungen des autoritären
Regimes im Weißen Haus zu
spüren bekommen. Wie wenig
Widerstand es gibt, gemessen
an der Radikalität und der
Grausamkeit, mit der Trump
das Land umbaut.
Gibt es einen Moment, in dem du dachtest:
»So habe ich die USA noch nie gesehen«?
Da fällt mir die Totenwache für den ehemaligen
Präsidenten Jimmy Carter im Kapitol ein. Es war
Januar, bitterkalt und verschneit, und trotzdem
standen die Menschen bis tief in die Nacht Schlange.
Auch Republikaner:innen habe ich dort getroffen,
die ihm ihren Respekt erweisen wollten. Es
war so ruhig, wie ich es hier in der Öffentlichkeit
noch nie erlebt habe, und auf eine merkwürdige
Art versöhnlich und beklemmend zugleich. Nur
Tage später wurde Trump erneut vereidigt – an
genau der Stelle, an der Carters Sarg aufgebahrt
worden war.
Was macht die USA für dich heute noch einzigartig
– und was erschüttert dieses Bild?
Mich hat immer wieder bewegt, wie freundlich man
hier miteinander umgeht. Das ist oft oberflächlich,
klar, aber es spricht ja auch für einen gewissen gesellschaftlichen
Konsens, dass wirklich jedem
noch so kurzen Gespräch ein »Wie geht’s« vorangeht.
Gleichzeitig ist es schwer zu fassen, welche
Verdrängungskräfte die Amerikaner:innen entwickeln,
gerade jetzt, da immer mehr Menschen die
Auswirkungen des autoritären Regimes im Weißen
Haus zu spüren bekommen. Wie wenig Widerstand
es gibt, gemessen an der Radikalität und der Grausamkeit,
mit der Trump das Land umbaut. Gebar
das amerikanische Experiment eine Gesellschaft
von Egoist:innen? Das ist eine Frage, die ich mir
immer wieder stelle und die auch im Buch eine Rolle
spielt.
30.
APR
2026
Gibt es etwas, das dich an den USA trotz aller
Widersprüche besonders fasziniert oder inspiriert?
Tatsächlich sind es gerade die Widersprüche, die
mich am meisten fesseln und mir auf meinen Reisen
immer wieder begegnen. Nicht zuletzt in Form
von Menschen: Klischees bestätigen sich hier sehr
oft – aber genauso oft passiert es, dass jemand so
gar nicht in die Schublade passt, in den ich ihn oder
sie schon hatte stecken wollen. Das sind immer die
tollsten Begegnungen, weil man daraus am meisten
lernt.
JOHANNA ROTH
THIS IS AMERICA – IS THIS AMERICA?
250 Jahre USA: Eine Idee und ihre Widersprüche
Hardcover mit Schutzumschlag
256 Seiten
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07467-4
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
110
SILVI CARLSSON
GOOD GIRL EXIT
GOOD
GIRL
EXIT
SILVI CARLSSON
INTERVIEW
111
SILVI CARLSSON
INTERVIEW
Warum möchtest du dieses Buch über weibliche
Verfügbarkeit und Nicht-Verfügbarkeit
schreiben?
Dieses Projekt bedeutet mir viel. Aber vor allem bedeutet
es, meine eigene Stimme ernst zu nehmen und
meine Erfahrungen in etwas Größeres zu übersetzen,
weil ich weiß, dass das keine individuellen Geschichten
sind. Ich dachte immer, ich sei viel zu meinungsstark,
um vom Good Girl Komplex betroffen zu sein.
Ich dachte immer, ich sei »zu emanzipiert«, als dass
ich meine Verfügbarkeiten einfach so hergebe. Falsch
gedacht. Der »Good Girl Komplex«, darauf gehe ich
gleich noch ein, zeigt sich in so vielen Facetten. Der gemeinsame
Nenner: Wir wollen als weiblich sozialisierte
Menschen oft einfach passen. Und dabei schrumpfen
wir uns, machen uns so klein wie es geht, so sanft
und leise wie es geht, packen jedes Wort dreimal in
Watte und denken zweiundzwanzig mal darüber nach,
112
SILVI CARLSSON
INTERVIEW
ob wir das jetzt wirklich so sagen können, ob wir das
Outfit jetzt wirklich so tragen können. Wir baden in
Scham und Schuld, wenn wir Nein sagen, wenn wir etwas
»falsch« machen und vor allem wenn wir es endlich
wagen, aus den Fugen zu geraten. Egal ob als Karrierefrau,
Traumfrau, Übermutter oder aber auch als »perfekte
Feministin«. Und das kostet so verdammt viel
Energie! Energie, die wir eigentlich für andere Dinge
gebrauchen könnten.
Früher oder später sehen sich vor allem Frauen
mit dem gerade schon angesprochenen
»Good Girl Komplex« konfrontiert. Kannst
du dazu ein wenig erzählen, was sind deine
Beobachtungen dazu und wie ist das mit dem
Thema des Buches verknüpft?
Frauen bekommen schon im Kindesalter beigebracht,
dass sie auf die externe Validierung angewiesen sind.
Sie müssen hübsch aussehen und sich benehmen, um
anerkannt zu werden. Ein Überlebensmechanismus,
um zur Gesellschaft dazuzugehören und nicht ausgeschlossen
zu werden. Das wird verstärkt durch den
sogenannten Male Gaze, dem männlichen Blick der
Medien. Frauen in der Öffentlichkeit, wie z.B. Ikkimel,
Britney Spears oder Amy Winehouse dienen dann als
Vergrößerungsglas für das, was allen Frauen passieren
würde, wenn sie nicht mehr in das Konzept der
»anständigen Frau« passen. Die Konsequenzen werden
uns regelmäßig vorgeführt und lassen uns lernen,
bloß nicht zu sehr aus dem Rahmen zu fallen.
Und selbst wenn wir im erwachsenen Alter diese Mechanismen
hinterfragen und ablegen wollen, passiert
es gerne mal, dass wir genau die gleiche Prägung auf
ein anderes Feld schieben. Dann ist man eben nicht
mehr das klassische brave Mädchen, sondern die perfekte
Karriere-Frau, die alles unter einen Hut kriegt,
die Über-Mutter oder aber auch die perfekte Feministin,
die nie was falsch machen darf. Unsere Kapazitäten
und Verfügbarkeiten sind oft nur nach dem Außen
gerichtet, weil wir es eben so gelernt haben. Das
hindert uns aber oft daran, wirklich in Verbindung zu
gehen und echte Beziehungen zu leben.
Was bedeutet Verfügbarkeit denn für dich –
und wann hast du gemerkt, wie sehr dieses
Thema Frauen betrifft?
Verfügbarkeit heißt für mich, dass etwas zugänglich
ist. Wir müssen für uns selbst und auch untereinander
verfügbar sein, damit wir als Menschen funktionieren.
Wir brauchen einander. Eigentlich ist das nichts
Schlechtes, im Gegenteil: Verfügbarkeit kann Nähe,
Freund:innenschaft und Verbundenheit möglich machen.
Problematisch wird sie erst, wenn sie einseitig
wird, als selbstverständlich angesehen und wir dabei
unsere eigenen Grenzen übergehen. Die weibliche
Verfügbarkeit stellt eine Funktion für andere dar, keine
Verbindung. Deswegen wird sie auch anders bewertet.
Und dass wir das nur so schwer loslassen können,
hängt meiner Meinung nach auch ganz stark mit dem
Good Girl Komplex zusammen.
Mit welchen Emotionen verbindest du das
Thema Verfügbarkeit?
Verfügbarkeit an sich ist Etwas wunderschönes - wenn
sie wirklich Konsens hat. Aber weibliche Verfügbarkeit
hat andere Regeln. Vor allem Frauen müssen
ständig für alles Mögliche zur Verfügung stehen, nur
damit sich alle wohl fühlen und wenn sie es nicht tun,
droht ihnen der Ausschluss. Das löst in mir vor allem
Wut aus. Weil gute Mädchen erfahrungsgemäß nicht
unbedingt glücklicher und sicherer sind. Im Gegenteil.
Sie sind gefährdeter. Und ja, hinter der Wut liegt
natürlich auch eine Traurigkeit, wenn ich darüber
nachdenke, wie viele Träume und Leben deswegen
nie gelebt wurden und werden.
Warum glaubst du, dass weibliche Verfügbarkeit
ein Thema ist, das alle etwas angeht?
Weil es unsere Beziehungen, unsere Arbeitswelt, unser
gesamtes Miteinander prägt. Sind wir mal ehrlich:
Ohne weibliche Verfügbarkeit würde das System
zusammenbrechen. Wenn Frauen sich weigern
würden, verfügbar zu sein, würde nichts mehr funktionieren.
Und genau deswegen lernen Frauen, verfügbar
für alle zu sein, jederzeit. Außer für sich selbst.
Körperlich, emotional, organisatorisch. Das erschöpft,
zerstört Nähe und verhindert echte Gleichberechtigung.
Wir geben damit unsere Verfügbarkeiten
für alles auf, wofür wir uns selbst gar nicht
entschieden haben, und das nur, weil es so erwartet
wird. Wenn wir diese Verfügbarkeiten umlenken
können, gewinnen wir endlich mehr Authentizität,
Verbundenheit und damit auch mehr Freiheit für alle
von uns. Aber dafür muss erst mal das Good Girl in
uns dran glauben.
Inwiefern unterscheidet sich weibliche Verfügbarkeit
in Körper, Emotionen und sozialen
Rollen?
Körperliche weibliche Verfügbarkeit zeigt sich in der
Erwartung schön, begehrenswert und jederzeit bereit
zu sein, gleichzeitig aber natürlich aber nicht für
alle. Eine exklusive Verfügbarkeit mit ausgedachten
Besitzansprüchen und Schönheitsidealen, denen niemand
gerecht werden kann.
Emotionale weibliche Verfügbarkeit bedeutet, für andere
aufopferungsvoll zu sein und auch die Gefühle
anderer mitzuregulieren, vor allem die von Männern.
Dazu gehört auch seine eigenen Emotionen und Bedürfnisse
hintenanzustellen oder sie vielleicht nicht
mal mehr wirklich spüren zu können und natürlich
auch das erwartete Lächeln, damit sich alle im Raum
wohl fühlen.
Weibliche Verfügbarkeit in sozialen Rollen finden
wir unter anderem in der Care-Arbeit, wie beispielsweise
im Kin-Keeping. Also, Termine ausmachen,
Geschenke ausdenken und kaufen, Urlaube planen
und auch als Alleinverantwortliche für Kindergarten,
Schule oder Verwandtschaft fungieren, wenn es um
die Kinder geht. All das unsichtbare Kümmern - Aufgaben,
die Frauen selbstverständlich übernehmen sollen,
oft bis zur völligen Erschöpfung.
Was möchtest du den Menschen mit auf den
Weg geben, die dein Buch lesen?
Ich wünsche mir, dass wir unsere Kapazitäten nicht
mehr für Ausbeutung hergeben müssen. Ich will, dass
wir dafür nicht mehr verfügbar sind. Zumindest, soweit
wie es für uns möglich ist. Damit wir für die anderen
Dinge verfügbar sind, die uns einander näherbringen.
Wie krass wäre es, wenn wir unseren Fokus
auf uns selbst und auf das, was wir eigentlich wirklich
brauchen, verlegen könnten?
Ich wünsche mir, dass wir miteinander authentischer
in Verbindung gehen können und verstehen, dass es
uns am Ende rein gar nichts bringt, ein Good Girl
zu sein.
02.
APR
2026
SILVI CARLSSON
GOOD GIRL EXIT
Klappenbroschur
224 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06720-1
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schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
114
NICOLA FÖRG
LANDWISSEN!
NICOLA FÖRG
LAND-
WISSEN!
Mit Haus- und Nutztieren, aber auch Wildtieren kennt
Nicola Förg sich aus: als Fachjournalistin für Tier- und
Naturthemen, als Forstwirtin und Ponyhofbetreiberin.
Als Gastgeberin im Voralpenland erlebt sie, was Gäste
und Einheimische nicht (mehr) wissen. Ihr Buch ist ein
leidenschaftlicher Appell, sich in der Natur mit Respekt
zu bewegen – mit Blick auf die Abläufe und Traditionen,
denen das landwirtschaftliche Jahr folgt. Und auf die
Alpenfauna, denn hoch spezialisierte Arten haben immer
weniger Lebensraum. Sie weiß, weshalb man Tiere hinterm
Zaun nicht füttern soll, warum Almwiesen so wichtig für
den Erhalt der Artenvielfalt sind und dass auch der folgsamste
Hund in der Brut- und Setzzeit angeleint gehört.
»Landwissen!« erscheint am 27.02.2026, zeitgleich wie
Nicola Förgs neuer Irmi-Mangold-Krimi »Schroffe Klippen«.
116
NICOLA FÖRG
INTERVIEW
INTERVIEW
Liebe Frau Förg, Sie schreiben nicht nur Krimi-
Bestseller, sondern betreiben einen Ponyhof,
haben Erfahrungen in der Land- und Forstwirtschaft
und vermieten ein kleines Ferienhaus.
Wann kam konkret die Idee für dieses
Buch über Landwissen?
Sie geistert in meinem Kopf schon länger herum, auch
weil ich mich als Journalistin für Tier- und Naturthemen
seit rund zwanzig Jahren in der Thematik bewege
und feststellen musste, dass vieles, was meiner
Generation von ihren Eltern und Großeltern mit auf
den Weg gegeben wurde, heute nicht mehr gilt. Damals
war mehr Allgemeinwissen und auch ein Mehr
an Respekt für Tiere und Pflanzen. Wir beherbergen
in unserem Ferienhaus zudem seit fünfzehn Jahren
Menschen, die Stille und Naturnähe suchen, also
salopp gesagt: »Eh schon die Guten«. Aber selbst in
dieser Zielgruppe gibt es viel Unwissen. Wir geben
gerne die Erklärbären in Naturdingen und haben da
viele Aha-Erlebnisse generiert. Als letztes Frühjahr
ein zertifizierter Waldpädagoge, ein ganz reizender
Mensch, völlig verblüfft war, dass Wiesen einem Betretungsverbot
unterliegen, war das dann das endgültige
»Go« für mich, die Aha-Erlebnisse zu einem
Buch zusammenzuführen.
Als Reisejournalistin sind Sie viel herumgekommen;
unter anderem in Skandinavien,
Irland und Kanada. Was macht die Alpen
und das Voralpenland so besonders?
Ich bin eine Frau für raue Länder; wenn es nach mir
ginge, könnte es zudem immer Herbst und Winter
sein. Meine Seelenlandschaften haben mit Bergen
zu tun, mit Felsen und stillen Pfaden. Ein einschneidendes
Erlebnis war für mich, als ich in den isländischen
Westfjorden fotografiert hatte – großartige
Bilder, aber nur Natur. Es fehlte der Vordergrund,
man lechzte fast nach einem Boot oder einer verfallenen
Kate, um dem Bild Tiefe zu geben. Die acht
Alpenstaaten verfügen über diese unvergleichliche
Kombination aus Vordergrund, einer gewichtigen
Mitte und den Bergen im Hintergrund, damit man
nicht aus dem Rahmen fällt. Diese Mischung aus
Bergen, Flüssen und Seen immer in Verbindung mit
Zeugen menschlichen Schaffens ist einzigartig. Und
wie oft war ich in Schweden oder Norwegen an grandiosen
Plätzen und hätte mir gewünscht, da gäbe es
nun ein Café oder einen Biergarten. Die Thermoskanne
tut es auch, aber einkehren zu können macht eben
die Lebensqualität der Alpenregionen aus!
Das Voralpenland ist Ihr Zuhause – eine der
beliebtesten, touristisch hoch erschlossenen
Ferienregionen. Wie hat sie sich in den letzten
Jahren verändert?
Leider nicht zum Guten. Fast täglich sind inzwischen
die Medien voll davon: Massen am Eibsee,
Rückstau im Pustertal wegen derer, die zum Pragser
Wildsee pilgern. Lautes Badetreiben am Schliersee,
dort wo Baden verboten ist, bis hin zu etwas,
was mich wirklich erschüttert: Schutzhütten in den
Alpen werden verwüstet und mit Fäkalien » verziert« –
so schlimm, dass die Bergwacht Hütten sperren
muss. Fakt ist aber, dass das keine Einzelereignisse
mehr sind, genau wie zugeparkte Wirtschaftswege
und Wildcamper, die bei hoher Waldbrandgefahr
noch ein Lagerfeuerchen machen. Man mag nun
trefflich darüber philosophieren, wie es dazu kam –
Menschen wollen ihren Stress irgendwo abbauen, und
es gibt inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen
zum Übertourismus. Die »Gäste« spalten sich davon
ab, dass sie sich im Wohnzimmer von Wildtieren
117
NICOLA FÖRG
INTERVIEW
befinden und im Vorgarten von Einheimischen. Aggressives
Tourismusmarketing und all die Touren auf
den Outdoor-Plattformen vermitteln, dass den Gästen
alles erlaubt ist, und vergessen diejenigen, die diese
Landschaft pflegen und dort Steuern zahlen. Menschen
mit mannigfaltigen Freizeitbedürfnissen – oft
auch noch mit Hund – greifen in ein fragiles Ökosystem
ein, in eine Welt, die das Leben für Wildtiere sowieso
immer gefährlicher macht. Da ist die intensive
Landwirtschaft, und da sind überall Straßen, die Lebensräume
durchschneiden. Der Druck auf die Natur
wird gewaltig, dazu kommt der Klimawandel, der es
einzelnen Arten schon ohne menschliche Störungen
so schwer macht. Arten verschwinden, während der
Mensch vielfach expandiert.
Landmilch, Alpenmilch, Weidemilch,
Bio-Milch, Bio-Wiesenmilch, Heumilch …
Verstehen Sie, dass die vielen Label im Milchregal
manche Menschen verwirren?
Natürlich! Und es ist auch gar nicht so einfach, sich
in dem Dschungel zurechtzufinden. Nicht jede/r recherchiert
im Supermarkt erst mal nach, was diese
Label bedeuten. Und dann sind da oft diese manipulativen
Bildchen von bärtigen alten Bauern oder
glücklichen Familien. Der Milch-Wirrwarr ist ein
gutes Beispiel für den gesamten Ansatz im Buch:
Ich biete Wissen statt Halbwissen an und auch ohne
einen Algorithmus, der entscheidet, was interessant
ist. Jeder kann damit Entscheidungen treffen und
zumindest nicht mehr sagen: »Das habe ich nicht
gewusst.«
Wie können Hundeleinen Leben retten?
Die Diskussion, ob Hunde angeleint sein müssen,
werden immer polemischer geführt. Natürlich muss
ein Hund auch frei laufen dürfen, aber nur, wenn
er zu hundert Prozent abrufbar ist, und nie in der
Brut- und Setzzeit. Und auch, wenn der Hund kein
Tier reißt, kann sein Sprint tödlich enden. Das Reh
zum Beispiel hat Pech. Es hat von den vor den Alpen
vorkommenden Wiederkäuern einen relativ kleinen
Pansen. Es muss bis zu elfmal am Tag Nahrung aufnehmen
und dazwischen wiederkäuen. Wenn es in
diesem Zyklus durch unnötige Fluchten mehrfach
gestört wird, ist das sehr gesundheitsschädlich, die
Störung der Wiederkäuphasen kann bis zum Tod
führen! Noch komplizierter wird es in einer hochsensiblen
Phase in der Natur, wenn es tragende Tiere
sind oder sie gerade ein Kitz bekommen haben. Und
dann betritt ein Hund den Lebensraum und jagt eine
Geiß. Auch wenn er sie nicht niederstreckt, sprengt
er sie weit weg von ihrem Einstand, sie verbraucht
Energie, und das Kitz ist zudem viel zu lange allein.
Hunde spüren Kitze auf. Selbst wenn der Hund nur
schnuppert, die Mutter wird es nicht mehr annehmen.
Es wird elend verhungern über lange Tage.
Eine Leine rettet also wirklich Leben!
Was wünschen Sie sich für den Alpenraum?
Wissen ist Macht und macht etwas mit einem. Es
ist sicher so, dass man nur etwas schützen will, das
man kennt und mag. Deshalb versuche ich in meinen
Krimis und nun im »Landwissen!«, ein paar Menschen
mehr auf meine Seite zu ziehen: auf die des
Respekts für alle Geschöpfe und Pflanzen. Auch für
die, die nicht putzig sind und die man nicht streicheln
kann. Und ich wünsche mir mehr Respekt für
die Gastgeber. Natürlich leben im Alpenraum Menschen
mal mehr, mal weniger vom Tourismus. Aber
das darf doch nicht dazu führen, dass Eigentum in
Hotels, Ferienwohnungen, auf Höfen und Berghütten
verletzt wird! Und es wäre schön, wenn jede/r
einen Plan B hätte, wenn der Plan A eben nicht möglich
ist. Wir müssen wegkommen davon, dass alles
grenzenlos zu jeder Tag- und Nachtzeit verfügbar ist,
weg von der »Vollkasko-Mentalität«, die ja auch zuschlägt,
wenn havarierte Bergsteiger die Bergwacht
wie ein Taxiunternehmen verwenden. Wir werden
auch mal Wege sperren müssen!
118
NICOLA FÖRG
LESEPROBE
LESEPROBE
Die folgende Leseprobe ist ein Querschnitt aus
mehreren Textstellen, die aus verschiedenen
Kapiteln stammen:
Es ist so schön vor und in den Alpen: dieses Mosaik
aus Hügeln, Seen, Flüssen und Bächen, es sind die
geheimnisvollen Wälder, es sind die Felsenberge
weiter oben, es ist die kalte Welt oberhalb der Baumgrenze
und die der schwindenden Gletscher. Es ist in
weiten Teilen eine Kulturlandschaft, die ihre heutige
Optik primär deshalb hat, weil sie von Landwirten
gepflegt und von Tieren beweidet wird. Wohl fast alle
wollen das in fünfzig Jahren auch noch erleben oder
wünschen es sich für ihre Kinder und Kindeskinder –
dafür aber brauchen wir Respekt, und gelegentlich
das Wort »Nein«, weil es für bestimmte Arten bereits
nach zwölf ist.
Man schützt lieber das, was man kennt. Und man
schützt lieber das, was putzig ist. Aber wer entscheidet,
wer süß ist und wer eklig?
Käfer gelten vielen als eklig, dabei sind sie Wunderwerke
der Natur. Zur Familie der Schröter gehört der
Hirschkäfer. Seinen Namen hat er, weil beim Männchen
die Mandibeln (Oberkiefer) geweihartig aussehen.
Er ist stark gefährdet, weil seine Bruthabitate
schwinden, er bräuchte lichte Wälder und Waldweiden,
er braucht Wärme und Totholz. Die Larven ernähren
sich ausschließlich von abgestorbenem, sich
bereits zersetzendem Holz, vorzugsweise Baumstrünken
von Eichen und Edelkastanien, aber auch vom
Totholz anderer Laubbäume. Larven entwickeln sich
bis zu acht Jahre lang innerhalb des Holzes und sind
im adulten Stadium nur drei bis acht Wochen am Leben!
Aber die Larven machen aus dem Holz Mulm, den
andere Mikroorganismen zu Humus abbauen. Hirschkäfer
helfen den Stoffkreislauf zu erhalten. Wenn ich
ein Kind sehe, das einen Käfer zertritt, und womöglich
stehen die Eltern daneben und sagen nichts, wird meine
Sprache sehr unwirsch. Das ist schlicht Mord!
***
Bei uns wogen die Wiesen lange. Wir mähen spät
und auch nur zweimal im Jahr. Bei uns wogen ganz
unterschiedliche Gräser, in unterschiedlichen Längen,
und es gibt Blumen dazwischen. So etwas nennt
man eine extensiv genutzte Wiese, und es hat gute
zehn Jahre gedauert, bis sie von einer über Jahrzehnte
gedüngten Futterwiese für Milchkühe wieder zu
einem Ort der Vielfalt wurde.
Gräser sind eine späte Entwicklung in der Evolution.
Sie haben pflanzliches Leben revolutioniert, sie
wachsen auch in unwirtlichen Gegenden. Gräser haben
eine unschlagbare Strategie. Sie werden nicht von
Insekten bestäubt, sondern vom Wind. Gräser stecken
ihre Energie nicht in große Blüten oder Früchte,
nicht in dicke, harte Stämme, nicht in Dornen oder
Giftstoffe. Dass sie so effektiv Wasser und Sonne
nutzen können, ist auch der Grund, warum sie kultiviert
wurden. Der Mensch hat sie quasi domestiziert
und in Jahrtausenden eine Kulturpflanze gezüchtet,
die die Menschheit ernähren soll: das Getreide.
***
Bitte keine Hunde frei in Schlangengebieten laufen
lassen! Einem stöbernden Hund kann eine Kreuzotter,
die vielleicht gerade erst beginnt, sich zu erwärmen,
nicht mehr entkommen. Und wenn sie beißt,
kann das je nach Größe des Hundes, und je nachdem,
wie stark sich der Hund dann noch bewegt, ergo wie
viel Gift in die Blutbahn gelangt, durchaus bedrohlich
werden.
Nicht nur in der Aufzuchtzeit, auch in der kalten Jahreszeit
stressen Fluchten: Es ist für aufgeschreckte
Hirsche und Rehe so, als würde ein Marathonläufer
völlig unaufgewärmt losrennen. Sie sind im Winter-
Sparmodus, haben auch kalte Füße und brauchen ungeheure
Energiereserven, über die sie im Winter aber
nicht verfügen.
Rinder sind Herden- und Fluchttiere. In der Laufstallhaltung
leben sie das nur bedingt aus. Einige von
ihnen dürfen aber auf Almen und Alpen, und anders
als im Stall im Tale leben sie auf der Alm viel stärker
ihre angeborenen Fähigkeiten aus. Vor allem Mutterkühe
verteidigen ihre Kälber; jeder Hund ist ein Beutegreifer
und damit eine Bedrohung. Und so passiert
es jeden Sommer wieder. Die Medien überbieten sich
mit Headlines wie »Mörderalm«, »Mörderkühe« oder
»Killer auf Hufen«. Es kommt zu tragischen, wenn
auch vermeidbaren Unfällen mit Almkühen oder
anderen Almtieren. Ein Grund ist, dass der Zwang
zum guten Foto so drängend ist. Und dann wird es
den Kühen zu bunt. Inzwischen stehen auf vielen
Almböden Erklärungstafeln, die man wirklich ernst
nehmen sollte. Man ignoriert Kühe, auch neugierige
Jungviecher. Man umläuft oder umfährt sie langsam.
Der Hund gehört an die Leine, auf der den Kühen
abgewandten Seite. Nur im Falle eines Angriffs lässt
man Hunde von der Leine, weil sich der Fokus der
Tiere auf den Hund verschiebt – und der Hund leichter
flüchten kann.
***
»Ihre mitgebrachten Speisen können Sie auf Ihrer
mitgebrachten Terrasse verzehren.« Dieses Schild
findet sich auf so einigen Alm- und Alphütten. Witzig,
plakativ – und leider notwendig. Denn es geht
natürlich nicht, dass man auf einer bewirtschafteten
Hütte Tische okkupiert und blockiert, während man
seine Stulle verzehrt und an der Trinkflasche nuckelt.
Die Gastronomie in der Höhe hat oft weit kompliziertere
Transportwege, auch die Mitarbeiter müssen
erst mal ankommen – alles ungleich aufwendiger als
in der Tal-Gastro.
Gut zu wissen:
Der Mensch ist ein tagaktives Säugetier, das nachts schläft
und seine Batterien wieder auflädt. Man sollte auf Nachtwanderungen
verzichten, im Schlaf liegt aktiver Tierschutz!
Die goldene Regel: vor dem Dunkelwerden zu Hause
sein, erst nach der Morgendämmerung unterwegs sein.
27.
FEB
2026
NICOLA FÖRG
LANDWISSEN!
Hardcover
240 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-89029-620-3
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120
EVERLOVE
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MICA HEALAND
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30.01.2026
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Rocky Mountains
Nur er kann sie
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Dark Romance
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Academia
Vibes
Touch her and
you die
MONTY JAY
THE LIES WE STEAL
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Versuchung
Beliebt auf
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121
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KIRSCHBLÜTE IN DER FREI-
TAGSBUCHHANDLUNG
(DIE FREITAGSBUCH-
HANDLUNG 1)
27.02.2026
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07411-7
ROSS
MONTGOMERY
TEE, TOD UND DIE
VERSIEGELTE TÜR
02.04.2026
17,00 € (D) 17,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06658-7
ELLA
MILLS
(WOODWARD)
DELICIOUSLY ELLA –
QUICK WINS
30.01.2026
25,00 € (D) 25,70 € (A)
ISBN 978-3-8270-1536-5
123
PIPER
VORSCHAU
ALEXANDRA
POTTER
FREUNDSCHAFT IST WIE
LIEBE MIT VERSTAND
30.04.2026
17,00 € (D) 17,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06429-3
KIERA
AZAR
THORN SEASON
27.02.2026
25,00 € (D) 25,70 € (A)
ISBN 978-3-492-70991-0
JASON
REKULAK
DEIN LETZTES FEST
02.04.2026
17,00 € (D) 17,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06568-9
CHRISTINE
THÜRMER
HIKING ASIA
27.02.2026
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-89029-609-8
JULIANE
MARIE
SCHREIBER
WIR SIND DYNAMIT
29.05.2026
16,00 € (D) 16,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06573-3
ANNETTE
KELLER
DIE VERWUNSCHENE
BÜCHERVILLA IN DER
SILVER LANE
(BOOKS & BREAKFAST 1)
03.07.2026
12,00 € (D) 12,40 € (A)
ISBN 978-3-492-32171-6
124
PIPER
IMPRESSUM
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Stand Oktober 2025
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Gestaltung: Daniel Sluka | Design · www.daniel-sluka.de
Herstellung: Mark Oliver Stehr, oliver.stehr@piper.de
VERWENDETE SCHRIFTEN:
Acier, Acumin, Adobe Aldine, Adobe Caslon, Al Fresco, Architype
Renner, Barbieri, Bebas Neue, DK, Eds Market Narrow Slant, Fat
Frank, Felt Tip, Gloock, League Gothic, Otago, Playfair, Sofia Pro
BILDNACHWEIS:
S. 4 Anne Stern © Heike Steinweg
S. 14 Gisa Pauly © Anna Leste-Matzen
S. 18 – 23 Peter Wohlleben © Gaby Gerster
S. 24/25 Judith Hoersch © Marcus Höhn
S. 32 – 37 Ingeborg Bachmann © Ingeborg Bachmann Fotoarchiv
S. 35 Andrea Stoll © Privat
S. 38/39 Robert Löhr © Jacobia Dahm
S. 46 Anne Berest © JF Paga
S. 48 – 55 © Anne Berest
S. 56 Bettina Tietjen © Sebastian Fuchs
S. 59/60 Bettina Tietjen © Privat
S. 62 Jenny Colgan © SWNS / action press
S. 66 Anja Gmeinwieser © Linda Sier
S. 75 Dr. Amir Levine © Blanche Mackey
S. 82 – 85 Lea Singer © Irène Zandel
S. 90 A. T. Qureshi © A. T. Qureshi
S. 94/95 Lukas Mi-Sa Nguyen Egger © Micha Roth
S. 100 Ursula Schröder © IFSH
S. 106 © Sora
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S. 110 Silvi Carlsson © Denise Leiting
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