22.10.2025 Aufrufe

PIPER Reader Frühjahr 2026

  • Keine Tags gefunden...

Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!

Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.

DER

REA

DER

FRÜHJAHR 2026

ANNE STERN

GISA PAULY

PETER WOHLLEBEN

JUDITH HOERSCH

ANDREA STOLL

ROBERT LÖHR

ANNE BEREST

BETTINA TIETJEN

JENNY COLGAN

ANJA GMEINWIESER

DR. AMIR LEVINE

LEA SINGER

A. T. QURESHI

LUKAS MI-SA

NGU YEN EGGER

URSULA SCHRÖDER

JOHANNA ROTH

SILVI CARLSSON

NICOLA FÖRG


LIEBE

LESERIN,

LIEBER

LESER,

Nachahmung ist bekanntlich die aufrichtigste Form

der Schmeichelei. Insofern fühlen wir uns durchaus

gebauchpinselt von der Nachricht, dass inzwischen

auch andere Verlage Hefte mit Hintergrundinformationen

zu ihren Büchern herausbringen. Dennoch

möchten wir an dieser Stelle in aller Bescheidenheit

darauf hinweisen: Was Sie in Händen halten, ist das

Original. In diesem Sinne: Herzlich willkommen zur

fünfzehnten Ausgabe des Piper Readers!

Es gibt immer viele gute Gründe, sich aufs Frühjahr

zu freuen – längere Tage, steigende Temperaturen,

die Leipziger Buchmesse. Für mich aber sind unsere

neuen Bücher Vorfreudebooster Nummer 1, und das

gilt diesmal ganz besonders. Denn wie Sie auf den

kommenden Seiten erleben werden, ähneln unsere

Frühjahrsprogramme einer Blumenwiese: Einmal

entdeckt, will man alle lesen. Wollte man es auf einen

Nenner bringen, könnte man sagen: Bei uns dreht sich

heuer alles um Beziehungen, sowohl in der Belletristik

wie im Sachbuch. Der einzigartige Peter Wohlleben

bringt uns in seinem großen neuen Buch die kleinsten,

aber wichtigsten Wesen unseres Planeten nahe,

nämlich die Bakterien, ohne die wir nicht existieren

könnten. Der amerikanische Psychiater Amir Levine

erklärt, wie wir Menschen untereinander Beziehungen

eingehen können, die zum emotionalen Gleichgewicht

beitragen. Und zum hundertsten Geburtstag

unserer Hausautorin Ingeborg Bachmann zeigt ihre

Biografin Andrea Stoll die Dichterin im Licht bislang

unergründeter Konstellationen.

Anne Stern lädt in »Die weiße Nacht« in eine Zeit ein,

die uns gerade heute viel zu sagen hat. Der erste Fall

für Lou und König, ihr so ungewöhnliches wie widerwilliges

Ermittlergespann, spielt im bitterkalten

Nachkriegswinter des Jahres 1946, und die Frage, wo

jemand in den Jahren zuvor stand, schwebt über allen

Begegnungen. In »Oberammergau« sind es Glaube

und Furcht, die ein ganzes Dorf zusammenschweißen,

um trotz immenser Widerstände einem Gelübde

Folge zu leisten und ein Passionsspiel auf die Beine zu

stellen. Robert Löhr hat aus dem historischen Stoff

ein ungemein modernes Lehrstück über die Chancen

und Risiken jeglicher Gemeinschaft gemacht.

Die Kombination aus Sylt und italienischem Temperament

ist seit zwanzig Jahren umwerfend bellissimo:

Wir feiern Gisa Pauly und ihre legendäre Mamma

Carlotta, und auf alle Fans der Reihe wartet zum

Jubiläum ein besonders vertrackter Fall.

Viel Freude mit dem Piper Reader und mit unseren

neuen Büchern!


INHALT

ANNE STERN

DIE WEISSE NACHT

GISA PAULY

20 JAHRE MAMMA CARLOTTA!

PETER WOHLLEBEN

BAKTERIEN – DIE HEIMLICHEN

HELDEN

JUDITH HOERSCH

NIEMANDS TÖCHTER

ANDREA STOLL

»ZWEI MENSCHEN SIND IN MIR«

ROBERT LÖHR

OBERAMMERGAU

ANNE BEREST

VATERTAGE

BETTINA TIETJEN

TIETJEN SUCHT DAS WEITE

JENNY COLGAN

SOMMER FÜHLT SICH AN WIE ZUHAUSE

04

14

18

24

32

38

46

56

62


ANJA GMEINWIESER

WIR KÖNIGINNEN

DR. AMIR LEVINE

SECURE. DER SCHLÜSSEL ZU

ECHTER VERBUNDENHEIT

LEA SINGER

EINE FRAGE DES FORMATS

A. T. QURESHI

THE BABY DRAGON CAFÉ

LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

VIELLEICHT IM SOMMER

URSULA SCHRÖDER

SCHUTZ IN KRISENZEITEN

JOHANNA ROTH

THIS IS AMERICA – IS THIS AMERICA?

SILVI CARLSSON

GOOD GIRL EXIT

NICOLA FÖRG

LANDWISSEN!

66

74

82

90

94

100

106

110

114

EVERLOVE 120 VORSCHAU 122


4

ANNE STERN

DIE WEISSE NACHT


ANNE STERN

DIE

WEISSE

NACHT

DER AUFTAKT DER GROSSEN KRIMISERIE

ZUR STUNDE NULL

Berlin, im Hungerwinter 1946:

Eine Stadt in Trümmern.

Eine junge Fotografin auf Motivsuche.

Ein rastloser Kriminalkommissar mit einem Geheimnis.

Eine Ermittlung, die in die finstere Vergangenheit führt.


6

ANNE STERN

INTERVIEW

INTERVIEW

Liebe Anne, Du bist in Berlin aufgewachsen

und lebst immer noch dort. War das der

Hauptgrund dafür, die Lou & König-Reihe

in Berlin spielen zu lassen?

Meine Heimatstadt Berlin hat eine absolut faszinierende

Geschichte voller Brüche und Neuanfänge, und

ich mag das Temperament dieser Stadt – eine Mischung

aus schroffer Berliner Schnauze, Widerständigkeit

und einem entspannten Achselzucken allen

Widrigkeiten zum Trotz. Berlin mit allen Licht- und

Schattenseiten wird immer wieder der Motor sein, der

mich zum Erzählen bringt.

Du bist bekannt geworden durch den großen

Erfolg Deiner Reihe um »Fräulein Gold«.

Inwiefern unterscheidet sie sich von der Lou

& König-Reihe und warum war es Dir wichtig,

diese neue Reihe zu entwickeln?

In »Fräulein Gold« erzähle ich den Weg in die Diktatur

in einem Ton, der zwischen Melancholie und

Heiterkeit changiert – eben dieser flirrende Ton, der

die Zwanzigerjahre prägte. Ich habe mich aber zunehmend

gefragt, wie ich als Schriftstellerin das »Danach«

erzählen könnte. Die Antwort darauf ist meine neue

»Lou & König«-Reihe. Nach der sogenannten Stunde

Null 1945 steht vermeintlich alles auf Anfang, die

Vergangenheit lastet aber schwer auf den Menschen.

Dafür brauchte ich einen anderen, etwas härteren Erzählton,

der auch dem Krimi-Genre gerecht wird.

Wer war zuerst da, Lou oder König?

Lou Faber und ihre Kamera waren zuerst da. Die

Fotografin Lou schafft mit ihren Bildern Sinn und

Ordnung in einer Welt im Chaos. Sie ist außerdem das

Auge für Kommissar Alfred König, der seines im Krieg

verloren hat. König muss den Mordfall aufklären, aber

erst mit der Hilfe von Lou kann er das Rätsel lösen und

wird auch als Mensch wieder ein Stück weit ganz.

Und wer steht Dir näher?

Alle meine Figuren sind mir gleich nah, denn ich habe

sie erschaffen. Sie sind alle auf irgendeine Weise ein

Splitter von mir selbst. Manche verstehe ich besser

oder schneller als andere, manche muss ich lange suchen.

Einige sehe ich besonders deutlich vor mir, als

würden sie vor mir stehen und mir die Hand reichen,

andere sind schüchtern. Aber sie kommen alle von mir

und sind mir gleich wichtig.

Wie kommst Du auf die Verbrechen, die zu

Kriminalfällen werden, in denen König

ermittelt?

Das ist ein langer Prozess vom Suchen und Finden. Es

ist wie eine Wanderung, bei der man am Anfang zwar

ungefähr weiß, wohin man möchte, bei der aber der

Weg selbst noch im Dunkeln liegt. So ist es bei allen

Geschichten, die ich schreibe, egal, ob es ein Krimi ist

oder nicht. Auch der Mörder offenbart sich mir nicht

ganz am Anfang. Ähnlich wie meine Ermittler finde

ich zu Beginn eine Leiche und gehe dann auf die Suche,

bis ich verstanden habe, wie alles zusammenhängt.

Wie hast Du Dir ein Bild von der Situation in

Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkriegs

gemacht?

Wir haben sehr gute und präzise Quellen zu dieser

Zeit, es gibt Tagebuchaufzeichnungen, Tonfilme,

Unmengen Fotografien und sehr gute Sekundärliteratur

von Historiker:innen. Ich bin ein visueller Typ

und muss alles wie im Film vor mir sehen, darum sind

mir besonders Bildquellen sehr wichtig. Ich habe aber

auch in den Archiven der Polizeihistorischen Sammlung

in Berlin ganze Aktenordner durchgewälzt,

in denen schreibmaschinengetippte Berichte der

Kriminalpolizei jedes Verbrechen dieser Jahre nach

1945 akribisch dokumentieren.

Wie ist das Verhältnis von Recherche und

Konzeption zum Schreibvorgang?

Eine gute Recherche ist nötig, um den Nährboden für

die Geschichte zu bereiten. Erst auf dieser Grundlage

kann die Fiktion entstehen. Man sollte im historischen

Roman aber nicht in Versuchung geraten, um

jeden Preis die »Wahrheit« erzählen zu wollen, denn


7

ANNE STERN

INTERVIEW

Wirklichkeit und Erfindung gehen im Roman eine

wichtige und wunderbare Allianz ein. Idealerweise

kann man am Ende der Geschichte als Autorin gar

nicht mehr sagen, was »wahr« oder was »erfunden« ist.

Während des Schreibens recherchiere ich dann immer

weiter an der Erzählung entlang, um noch weitere

wichtige Details zu finden und die Zeit lebendig

werden zu lassen.

War es mühsam, sich mit dem Wiederaufbau

der Institutionen, der kommunalen Verwaltung

und des Polizeiapparats zu beschäftigen?

Es war sehr viel Arbeit, aber nicht mühsam. Da ich als

Historikerin von jedem neuen Fund begeistert bin, ist

diese Arbeit auch gleichzeitig ein Vergnügen. Es ist

wie ein Puzzle, und je mehr Teile ich zusammentrage,

je klarer das Bild wird, desto mehr Freude habe ich

beim Schreiben. Ich habe schon als Kind sehr gern

Rätsel gelöst, und diese Leidenschaft hilft mir in meinem

Beruf sehr.

Wie wichtig ist der politische Konflikt

zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion

für den weiteren Verlauf der Reihe?

Dieser Konflikt ist prägend für meine ganze Romanreihe.

Die Entwicklung Berlins nach 1945 hängt in

hohem Maße von der raschen Zuspitzung des Kalten

Krieges ab, und die Teilung der Berliner Kripo, die

schon ab 1946 beginnt, nimmt die Teilung Berlins

1948 auf der Ebene des Polizeiapparats bereits sehr

früh vorweg. Die gespaltene Stadt ist ein Pulverfass,

in dem politische Ideologien, Spionage, Korruption

und der Ehrgeiz einzelner Akteur:innen kräftig mitmischen

– eine ideale Ausgangssituation für einen

spannenden Krimi.

Welche Erkenntnis aus der Zeit nach 1945 hat

Dich besonders überrascht?

Wie wahnsinnig schnell die Allianz der Siegermächte

auseinanderbricht! Im Grunde enden die Gemeinsamkeiten

der West-Alliierten und der Sowjetunion

bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach dem

gemeinsamen Sieg über Nazideutschland. Die ideologischen

Gräben zwischen den Mächten waren von

Anfang an unüberwindbar, und die Folgen wird meine

Romanserie im Detail erzählen.

Lou ist eine Fotografin mit einem ganz besonderen

Blick für die Dinge und Menschen und einer

ganz eigenen Perspektive. Kannst Du gut fotografieren

und was fotografierst Du am liebsten?

Ich kann leider nicht gut fotografieren, aber ich kann

mir vorstellen, wie es ist, gut fotografieren zu können.

Imagination ist alles, und man kann auf jedem Gebiet

Expertin werden, wenn man sich nur intensiv genug

damit beschäftigt. Auf dem Papier bin ich Gärtnerin,

Konditorin, Geigenbauerin, Hebamme, Detektivin

und Fotografin, in Wahrheit kann ich nur Romane

schreiben. Und ähnlich wie eine Fotografin richte ich

beim Schreiben meinen Fokus auf etwas, das es wert

ist, gesehen zu werden, und ordne auf diese Weise die

Welt neu – nur eben mit Worten.

Was tust Du am liebsten, wenn Du nicht

schreibst?

Natürlich Lesen. Spazierengehen und gut essen. Musik

machen und Singen. Aufs Meer sehen. Meinen Kindern

alle meine früheren Lieblingsbücher vorlesen und

sie mit ihnen gemeinsam noch einmal entdecken.

Wie ist Dein Verhältnis zu Abgabeterminen

und Deadlines?

Sie sind eine Notwendigkeit meines Berufs und ich

habe keine Angst vor ihnen. Ich komme aus dem Selfpublishing

und habe ein recht sportliches Verhältnis

zum Schreiben. Manchmal mag ich es sogar, unter

Zeitdruck zu arbeiten und auf diese Weise in einen

Flow zu kommen. Wie immer ist eine Deadline im

Notfall aber verhandelbar.

Du hast ein sicheres Angestelltenverhältnis

verlassen, um freie Künstlerin zu werden.

Welche Rolle spielt Freiheit in Deinem Leben

und wann fühlst Du Dich tatsächlich frei?

Freiheit ist für mich das wichtigste Motiv in meinem

Leben. Die Freiheit, ohne Angst und ohne Not leben zu

dürfen. Die Freiheit, als Frau über meinen Körper und

meinen Weg entscheiden zu dürfen. Jeden Tag das zu tun,

was mir Freude bereitet, jede Geschichte so zu erzählen,

wie ich es möchte, weil ich ahne, dass sie meine Leser:innen

erreichen und bewegen wird. Das ist ein unglaublicher

Luxus, und es gibt keinen Morgen, an dem ich nicht

mit diesem Wissen aufwache und mich darüber freue.


8

ANNE STERN

LESEPROBE

LESEPROBE

Dezember 1946

Die tief verschneite Welt sah durch den Sucher von

Lous Kamera kleiner und größer zugleich aus. Kleiner,

weil der Blick der Leica einen Splitter aus der Unendlichkeit

brach und das Chaos der Trümmerlandschaften

in einem sauber umgrenzten Viereck bannte.

Größer, weil nun jedes Detail bloßlag. Das silberne

Chewinggumpapier, zusammengeknüllt und achtlos

zwischen die Steinbrocken geworfen, auf denen

eine dünne Eisschicht schimmerte. Der Puppenarm

aus bemalter Emaille, der nach einer Detonation von

seinem Rumpf gerissen und bis hierher geschleudert

worden war. Die hingekritzelten Namen auf der Tür,

die noch unversehrt im Mauerstück schwebte, aber

nirgendwo mehr hinführte als in einen unbewohnbaren

Krater. Überall die weißen Kreidebuchstaben –

Peter Kranz sucht Leonore und Dietlind, zuletzt

wohnhaft bei Frau Jelena Korsak, Südstern. Friederike

Zörbel lebt bei Giselhers, Bethaniendamm 26, Kellergeschoss.

Erich Siebert wohnt jetzt im Wedding, zu finden

bei Familie Jäger in der Ackerstraße.

Fast alle Mauern in der Stadt waren von solchen Suchanzeigen

aus Kreideschrift überzogen. Lou waren die

Namen längst vertraut. Mehr als ein Jahr lang war sie

durchs zerstörte Berlin geirrt und hatte sie alle gelesen

wie ein endloses Gedicht, das man auswendig kannte

und immer wieder hersagte. Sie war besessen von der

Idee gewesen, unter den vielen Namen diesen einen zu

finden, der ihr die Erlösung brachte.

Doch sosehr sie auch suchte – sie fand ihn nicht.

Wieder sah Lou durch den Sucher, drückte auf den

Auslöser, zog auf, drückte erneut ab, zog auf, knipste.

Endlich hatte sie genug, drehte das kleine silberne

Objektiv ein und richtete sich auf. Ihre Kamera verschloss

das Bild sicher im Gedächtnis aus Zelluloid.

Über den Trümmern wölbte sich der Morgenhimmel.

Ein rostroter Nebel hing in der Winterluft, zerschnitten

von den mächtigen Mauern der Ruinen. Die

Sonne ging gerade auf, flimmerte fahlgelb von Osten

hinter den zerbröckelnden Resten der Heilig-Kreuz-

Kirche am Blücherplatz hervor, streifte die Friedhöfe

und schob sich höher, um diesen verwüsteten Planeten

zu beleuchten. Es war kurz vor acht Uhr. Die

Strukturen der Stadt waren kaum mehr zu erkennen.

Es gab keine Straßen mehr, nur Schneisen zwischen

Dünen aus weißem Gestein. Berlin, sagte man, lag

neuerdings am Meer. Lou hob die Kamera, besah sich

den Himmel durch den Sucher und ließ den Apparat

wieder sinken. Das Bild hatte sie schon zu oft in diesem

Winter geschossen. Sie war jeden Morgen früh

unterwegs und beobachtete das Schauspiel der Farben

über sich, wenn ein neuer Tag erwachte. Rostrot,

Zartrosa, Grellorange. Woher nur nahm der Himmel

täglich wieder den Mut zu derart verschwenderischer

Schönheit?

Sie trampelte im Schnee, um ihre Zehen aufzuwärmen.

Die Stiefel hatte sie im vorletzten Sommer einem deutschen

Soldaten abgenommen, der an einer Laterne

in ihrer Straße gehangen hatte. Mit einem Schild um

den Hals, er sei ein Verräter und habe den Tod bekommen,

den jede Ratte verdiene. Seitdem waren die

derben Stiefel mit den Metallkappen ein Teil von ihr

geworden. Um die Füße gewickelt trug sie darin selbst

gehäkelte Lappen, die halfen einigermaßen gegen die

Kälte. Bruno hatte ihr den Rat gegeben und sogar

Wollgarn auf Sonderbezugsmarken aufgetrieben. Er

hatte sich die Idee mit den Lappen bei den Russen

abgeschaut. Sie schützten besser vor Erfrierungen als

Strümpfe und hatten der sowjetischen Armee einen

entscheidenden Vorteil während der Weichseloffensive

gebracht Hier und da bemerkte Lou noch andere

Frühaufsteher, die durch die Trümmer liefen und

vorsichtig über das vereiste Geröll stiegen. Die Stadt

erwachte und mit ihr die Notwendigkeit, Brennholz

zu finden, etwas Essbares aufzutreiben oder auch

nur, sich zu bewegen, um warm zu werden. Oder die

paar Lebensmittelmarken, die man vom Magistrat

erhielt, in den beinahe leeren Geschäften gegen Brot

und Margarine einzutauschen. Ein paar Vorräte oder

armselige Geschenke für das bevorstehende Weihnachtsfest

zu hamstern. Und diesen Tag irgendwie zu

überstehen.

Es waren minus zwölf Grad, hatte das Thermometer


«

9

ANNE STERN

LESEPROBE

mit der gesprungenen Glashaube gesagt, das zu Hause

am Chamissoplatz Nummer sieben an der vereisten

Fensterluke in ihrer Schlafkammer hing. Die Leute

hatten sich, genau wie Lou, Tücher und Schals um

den Kopf gebunden oder ihre Mützen tief ins Gesicht

gezogen. Einige Glückliche trugen Fäustlinge, noch

Glücklichere hatten Handkarren dabei, um gefundene

Schätze darauf abzuladen. Allerdings waren die

Trümmer anderthalb Jahre nach Kriegsende weitgehend

abgegrast, man fand kaum noch Brauchbares

darin.

Lou fror in dem alten Mantel, dessen mürbe Wollfasern

nicht mehr dichthielten. Der Atem stand weiß

vor ihrem Mund. Die Narbe an ihrer Unterlippe,

wo die Haut in Plötzensee von einem treffsicheren

Schlagring aufgerissen worden war, schmerzte in der

Kälte des Dezembermorgens. Eine getigerte Katze

huschte durch den Schnee, schmiegte den Kopf an

Lous Schienbein, und gedankenverloren bückte sie

sich und strich dem Tier mit einer Hand übers Fell,

ehe es wieder davonlief.

Sie hatte es nicht eilig. Später wollte sie auf dem

Schwarzmarkt am Mehringplatz ein Pfund Kartoffeln

auftreiben oder an der alten Markthalle im Bergmannkiez,

dort konnte sie manchmal auch Brunos

Muckefuck ergattern, der schon wieder zur Neige

ging. Wenn er das heiße Getränk schlürfte, klarten

seine Augen auf, und seine oft wirren und ziellosen

Sätze fügten sich. Das waren die guten Momente am

Chamissoplatz. Der frühe Morgen gehörte nur Lou

und ihrer Leica. Im ersten Friedenssommer hatten

sie sämtliche Fotoapparate abliefern müssen. Wer

heimlich ein Gerät zurückbehielt, konnte erschossen

werden. Auch Lous altgediente Kodak Baby Brownie

war konfisziert worden. Etwas später hatte sie die

kleine Sucherkamera mit dem versenkbaren Objektiv

von Eddie White geschenkt bekommen. Ihrem Beschützer,

wie die alte Seydlitz aus der ersten Etage ihn

hämisch genannt hatte. Lou hatte es überhört. Eddie

White war eine Notwendigkeit gewesen, kein Grund,

sich zu schämen. Und nun war er wieder fort und kaum

mehr als eine blasse Erinnerung. Sie kniff ein Auge

zusammen und sah durch den Sucher. Vor ihr krallte

sich eine eisüberzogene Flechte an einen Riss im

Mauerwerk. Ein Zeichen verzweifelten Widerstands

angesichts drohender Zerstörung. Das Bild gefiel ihr.

»Sie war jeden Morgen früh

unterwegs und beobachtete

das Schauspiel der Farben

über sich, wenn ein neuer

Tag erwachte. Rostrot,

Zartrosa, Grellorange.

Woher nur nahm der

Himmel täglich wieder

den Mut zu derart

verschwenderischer

Schönheit?«


10

ANNE STERN

LESEPROBE

Sie ging einen Schritt näher und hob den Apparat

noch dichter vors Gesicht. Gerade wollte sie wieder

auf den Auslöser drücken, da fuhr sie zusammen

und ließ die Kamera sinken. Noch einmal guckte sie

dorthin, wo die Brandmauer des Hauses in zwei große

Hälften zerborsten war. Von ihrem Standpunkt

aus konnte man durch einen Spalt sehen, hinter dem

sich die Reste eines verschneiten Hinterhofs auftaten.

Oben starrten die Fensterhöhlen leer und ohne Glas

in den frühen Morgen. Unten im Schnee, unberührt,

vollkommen reglos, von einem Mauerrest halb verborgen,

lag etwas.

***

»Der weiße Tod, so nannte

man es, wenn jemand in

diesem Winter erfror, und

täglich wurden es mehr.«

Die Frage war nicht, ob, sondern nur, woran man

am Ende krepierte. Am Hunger, an der Kälte oder

an beidem gleichzeitig. König ging im Dienstzimmer

des neu ernannten Polizeipräsidiums Elsässer Straße

in Mitte auf und ab und starrte unwillig auf die Eisblumen

am Fenster. Der weiße Tod, so nannte man

es, wenn jemand in diesem Winter erfror, und täglich

wurden es mehr. All die Toten waren Teil der Stadt,

in der sie einmal gelebt hatten, und in den Mauern

der Ruinen flüsterten ihre Stimmen. Der Unterschied

war nur, dass der Tod jetzt langsamer kam. Er holte

sie im Schlaf, all die Erfrorenen dieses Winters, die

Kranken, die Kinder, die Greise, die Hungernden. Er

machte kein Getöse mehr, der Tod, er war genügsamer

geworden, bescheiden fast. König schlug den Mantelkragen

hoch und schob sein schmales Kinn tiefer

hinein. Es war kein Uniformmantel – die waren rar

und hatten noch immer die Farben der Wehrmacht –,

sondern ein schweres, wildledernes Ungetüm aus

längst vergangenen Tagen, das ihm hoffnungslos zu

weit war. Die Missstände betrafen die gesamte Ausrüstung

der Kripo, es gab keine neuen Uniformen,

sondern nur umgefärbte Restbestände der früheren

Polizeibataillone. Dann also lieber dieser alte Mantel.

Wie hatte es in einem Schreiben des Sektorenassistenten

zum dürftigen Zustand der Polizeikleidung

geheißen – fehlende Wintermäntel sind durch schneidige

Haltung zu ersetzen!

König hätte beinahe laut aufgelacht. Zu ihm passten

eher leichte, weiche Gewebe wie Kaschmir, Seide oder

Perlon, aber was sollte man machen? Und schneidig …


11

ANNE STERN

LESEPROBE

nun, heute war er einfach dürr, wie die meisten ehrlichen

Teufel in der Stadt. Eine Speckschicht konnten

sich nur noch Betrüger leisten.

Wieder betrachtete er die Eisblumen und die weißlich-graue

Welt dahinter, die sich vor den Fenstern

der provisorischen Kripozentrale ausbreitete. Sein

Magen knurrte. Das Frühstück hatte aus einer Tasse

Ersatzkaffee und einem Margarinebrot bestanden,

dünn gekratzt. Und zum Mittagessen, das erst in vier

Stunden fällig war, würde es zwei Kartoffeln mit etwas

gekochtem Kohl geben, die er für gewöhnlich kalt

und ohne Besteck aus einer Blechbüchse am Schreibtisch

aß. Er fantasierte von Rippchen und Prinzessbohnen

und einem guten Schluck Whisky zum nahen

Weihnachtsfest.

»Wer heute noch lebt, ist selber schuld«, hatte ein alter

Mann in der schwankenden Untergrundbahn der

Nordsüdlinie zu ihm gesagt, nachdem er herzhaft auf

den Boden vor Königs Füße gespuckt hatte, »Bomben

sind schließlich genug gefallen.« Das meckernde Lachen

des Kerls und das Geräusch, als er sich von seinem

eigenen Witz begeistert auf die Schenkel hieb, hatten

König den ganzen Weg in sein Amtszimmer verfolgt.

Um sich warm zu halten, lief er Slalom um die Aktenstapel,

die auf dem tintenfleckigen Boden standen. Man

hatte sie bergeweise mit Militärlastwagen vom Alexanderplatz

hergefahren und im ehemaligen Israelitischen

Krankenheim in der Elsässer Straße in der Nähe vom

Oranienburger Tor aufgetürmt, das jetzt mitsamt den

früheren Bettensälen und Operationsräumen als behelfsmäßiges

Polizeipräsidium diente Nun staubten die

Akten in Stapeln auf dem Linoleumfußboden, auf alten

Operationstischen und Liegen, in den Korridoren und

ehemaligen Krankenzimmern vor sich hin. Niemand

hatte die Zeit und die Kraft, sie in Regale einzusortieren.

Täglich wurden neue Befehle in dieser Stadt ausgegeben,

die zu viele Herren hatte. Die Sowjets und die anderen

drei Siegermächte beäugten einander eifersüchtig

wie beim Tauziehen. Niemand wusste, wo in diesem

Chaos etwas zu finden sein sollte. Namen, Karteieinträge,

Fotografien, Fingerabdrücke der schwersten Verbrechen

in der Geschichte der Stadt schmolzen zu nutzlosen

Klumpen und Haufen zusammen, und durch die

schmutzige Vergangenheit des kriminellen Berlins ging

ein tiefer Schnitt, der neunzehnhundertfünfundvierzig

hieß. Kriegsende. Tabula rasa. Stunde null.

»Die Narbe an ihrer

Unterlippe, wo die Haut

in Plötzensee von einem

treffsicheren Schlagring

aufgerissen worden war,

schmerzte in der Kälte des

Dezembermorgens.«


12

ANNE STERN

LESEPROBE

»Vor ihr krallte sich

eine eisüberzogene

Flechte an einen Riss

im Mauerwerk. Ein

Zeichen verzweifelten

Widerstands angesichts

drohender

Zerstörung. Das Bild

gefiel ihr.

König schob sich widerwillig die schwarze Augenklappe

zurecht. Sein Glasauge lag zu Hause. Er vermied

das Tragen dieses Folterinstruments, wenn er

konnte, denn es drückte höllisch in der Höhle. Obwohl

es schon ein paar Jahre her war, dass ein wütender

Aufseher im Zuchthaus Brandenburg- Görden

die Kontrolle verloren und ihm den fatalen Schlag

aufs linke Auge verpasst hatte, konnte er sich nicht

an die Prothese gewöhnen. Sein Kopf fühlte sich vom

Hunger viel zu leicht an, er stützte sich auf den klobigen

Schreibtisch, den irgendjemand in den Trümmern

gefunden und hereingeschleppt hatte, um das

Dienstzimmer des frischgebackenen Kriminalkommissars

Alfred König zu möblieren. Alles war Provisorium,

alles halb kaputt, besudelt oder nutzlos. Ein

Überbleibsel wie König selbst. Zögernd verebbte der

Schwindel, und automatisch griff König in die Brusttasche

zu den Lucky Strikes, ehe er die Hand wieder

zurückzog. Für drei Zigaretten gab es auf dem

Schwarzmarkt diese Woche ein Viertelpfund Kaffee

oder eine kleine Speckseite, und er durfte das Geld

nicht achtlos verrauchen.

Trotzdem holte er eine Zigarette aus seiner Westentasche,

hielt sie sich unter die Nase und sog den süßlichen

Duft nach Tabak tief ein. Mit übermenschlichem

Willen steckte er sie wieder weg, setzte sich an den

Schreibtisch und schlug die Akte auf. Später, sagte

er sich. Immerhin hatte er schon weit Schlimmeres

überstanden. Ein kurzes Stakkato hämmerte an seine

Tür, dann wurde sie aufgerissen.

***

Das, was dort reglos im Schnee lag, schien ein

Mensch zu sein. Lou ließ die Leica sinken und

machte vorsichtig ein paar Schritte durch den Schutt

in Richtung des Hofs – bereit, sofort zu verschwinden.

Sie würde sich in nichts hineinziehen lassen.

Leute wurden auf den Straßen wegen Lappalien

verhaftet und man sah sie nie wieder. Angeblich kamen

sie nach Sachsenhausen, ein ehemaliges Konzentrationslager

im Norden Berlins, das die Sowjets

jetzt weiter nutzten. Dort pferchten sie unliebsame

Gegner, aber auch Unschuldige zusammen und verschleppten

sie an einen unbekannten Ort. Auch

wenn es unvernünftig war – sie musste nachsehen,


warum dort jemand lag. Lou war beinahe sicher,

dass dieser Mensch tot war. Niemand würde bei

solcher Kälte freiwillig regungslos im Schnee liegen

bleiben. Sie lugte zwischen den Mauerteilen hindurch

in das, was einst der Hinterhof des Hauses

gewesen war. Neben einer Teppichklopfstange, deren

verbogenes Querrohr in den rosaroten Himmel

ragte, lag der Körper, und sie konnte erkennen, dass

es eine Frau war. Es war still hinter der zerborstenen

Brandmauer. Aus dem flammenden Himmel fiel seit

ein paar Minuten graupeliger Schnee und benetzte

das Tuch, das sie sich über dem Mantel zusätzlich

um die Schultern geschlungen hatte. Die Leica

mit der ledernen Ummantelung lag gefügig in ihrer

Hand. Etwas zog sie weiter voran. Lou schloss die

eiskalten Finger fester um das genoppte Leder und

machte einen Schritt. Und noch einen. Ihre Stiefelkappen

deuteten direkt auf den Körper im Schnee.

Dieser Ort war durch die hohe Mauer halbwegs

abgeschirmt von den Ruinen weiter vorn und auch

von den Straßenresten nicht einsehbar. Es war ein

ideales Versteck für etwas, das nicht sofort gefunden

werden sollte. Aber sicher hatte derjenige, der

es hergebracht hatte, gewollt, dass man es fand. Es?

Sie. Lou fiel das Luftholen schwer. Hatte sie Angst?

Es war nicht der scharfe Wind dieses Wintermorgens,

der ihr die Atemluft von den Lippen fortriss.

Sie sah entschlossen nach unten und betrachtete das

Ding vor sich. Ding, dachte sie, kein Mensch mehr.

Nichts deutete darauf hin, dass diese Frau bis vor

Kurzem noch geatmet und geträumt hatte. Alles

Leben war fort. Ihre Haut war aschfahl, ja wächsern,

ihre Lippen blutleer. Dennoch hatte die Szene

etwas Friedliches. Der Kopf der Frau lag zur Seite

gedreht, ihre Augen waren geschlossen. Langes

schwarzes Haar kringelte sich darum.

Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz.

Lou konnte die Augen nicht abwenden. Sie rang noch

immer nach Luft, ihr Herz raste, als sei sie gerannt,

doch sie nahm die Leica, zog sie auf, hob sie vors Gesicht,

sah durch den Sucher, fokussierte und drückte

den Auslöser.

Es machte klick, unnatürlich laut wie eine Explosion,

und ein paar Raben, die sich auf der zerborstenen

Teppichstange niedergelassen hatten, flatterten auf.

Klick. Aufziehen. Klick. Aufziehen. Klick.

voraussichtlich

09.

JAN

2026

ANNE STERN

DIE WEISSE NACHT

Der erste Fall für Lou & König

Hardcover mit Schutzumschlag

400 Seiten

25,00 € (D) 25,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07461-2

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


14

GISA PAULY

20 JAHRE MAMMA CARLOTTA!

GISA PAULY

JAHRE

Mamma

Carlotta!


15

GISA PAULY

INTERVIEW

INTERVIEW

mit der Autorin und ihrer Protagonistin

Liebe Frau Pauly, haben Sie vielen Dank,

dass Sie und Frau Capella sich die Zeit für ein

Interview nehmen! Wir bekommen Sie ja sehr

selten gemeinsam zu sprechen.

Frau Capella, beginnen wir mit Ihnen. Vielen

sind Sie nur als Mamma Carlotta bekannt,

welche Anrede bevorzugen Sie?

Carlotta Capella: Mamma Carlotta klingt sehr nett.

Ich mag diese Anrede!

Inzwischen waren Sie schon unzählige Male

auf Sylt. Hätten Sie je gedacht, dass aus Ihrem

ersten Besuch eine so lange und abenteuerliche

Geschichte wird?

No! Als Signora Pauly mir mit dieser Idee kam, habe

ich sie ausgelacht. Aber da sie es unbedingt wollte,

habe ich dann doch zugestimmt. Sie wissen ja, etwas

Neues reizt mich immer.

Frau Pauly, wie kam Ihnen damals die Idee,

eine italienische Signora als Ermittlerin auf

Sylt einzusetzen?

Gisa Pauly: Ich habe Mamma Carlotta gesehen!

Also … eine Frau, die so aussieht wie sie. Das war

in Umbrien, in der Nähe von Città di Castello. Eine

Signora, die mir so gut gefiel, weil sie Temperament

und Herzenswärme gleichzeitig ausstrahlte, eine

Mamma und Nonna einerseits, eine anziehende

Frau andererseits. Diese Mischung hat mich neugierig

gemacht. Bei Mamma Carlotta muss man immer

mit allem rechnen, das gefällt mir. Man könnte auch

sagen: Sie ist mit allen Wassern gewaschen.

Mamma Carlotta, gibt es einen Fall, der Ihnen

besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ganz besonders aufregend fand ich den fünften Fall,

als auf der Insel ein Film gedreht wurde und ich eine

Komparsenrolle bekam. Dio mio! Was haben mich

meine Nachbarinnen beneidet!

Frau Pauly, ist es Ihnen schon passiert, dass

Sie im Alltag an Mamma Carlotta denken

und sich fragen, was sie in einer bestimmten

Situation wohl tun würde?

In der Küche kann das passieren. Ich bin keine so

exzellente Köchin wie Mamma Carlotta. Da könnte

ich häufig ihren Rat gebrauchen. Wenn sie nicht bei

mir ist, überlege ich manchmal, was sie tun würde.

Sie gehört ja mittlerweile zu meinem Leben, begleitet

mich nun schon seit 20 Jahren!

Mamma Carlotta, sind Sie manchmal eifersüchtig,

wenn Ihre Autorin anderen Figuren

mehr Aufmerksamkeit schenkt?

No, no! Signora Pauly vergisst ja nie, dass ich die

Hauptperson bin. Bei aller Bescheidenheit – mir gefällt

es, Hauptperson zu sein!

Frau Pauly, steckt in Mamma Carlotta vielleicht

auch ein bisschen von Ihnen selbst?

(Mamma Carlotta lässt Frau Pauly nicht zu Wort

kommen.)

Io und Signora Pauly? No! Sie ist eine Autrice, die

den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und schreibt,

selten mit anderen Leuten redet, keine Zeit zum

Kochen hat und immer nur denkt.

So stimmt das nun auch nicht … Aber die Signora

hat schon recht, wir sind sehr verschieden. Vielleicht

verstehen wir uns gerade deshalb so gut.

Mamma Carlotta, gibt es etwas, das Sie Ihrer

Autorin schon immer einmal sagen wollten?

Sì! Sie könnte mich attraktiver machen. So hübsch,

dass ich den Syltern den Kopf verdrehe.

Das habe ich doch längst! Tove, der Wirt von Käptens

Kajüte, hat schon durchblicken lassen, dass er

an Ihnen interessiert ist. Und Signor Muratoni, der

Sizilianer, der neben Käptens Kajüte sein Restaurant

aufgemacht hat, ist hin und weg von Ihnen.


16

GISA PAULY

INTERVIEW

Sie hätte immer

Gelegenheit gehabt, sich

aus der Affäre zu

ziehen. Aber sie tut

es nie, weil sie in

Wirklichkeit

nämlich das

Abenteuer liebt.

Frau Pauly, gibt es Eigenschaften von

Mamma Carlotta, die Sie selbst gern hätten –

oder vielleicht Marotten, auf die Sie verzichten

würden?

Ihre Zufriedenheit mit ihrem Leben, die bewundere

ich. Sie beklagt sich nie über das, was sie nicht hat,

ist immer glücklich mit dem, was sie bekommt. Das

imponiert mir, daran arbeite ich, seit ich Mamma

Carlotta kenne. Ihre Neugier und dass sie sich überall

einmischt … das muss nicht unbedingt sein.

Io? Curiosa? Ma no! Und einmischen tu ich mich

nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Manchmal

braucht mein Schwiegersohn eben ein bisschen Hilfe

bei seinen Ermittlungen … Aber natürlich nur so

viel, dass er es nicht merkt.

Mamma Carlotta, wie fühlt es sich an, dass

Ihr Leben und Ihre Abenteuer von jemand

anderem bestimmt werden? Und haben Sie

manchmal das Bedürfnis, Ihrer Autorin ins

Handwerk zu pfuschen?

Das passiert ja nur auf Sylt. In meinem Dorf mache

ich, was ich will. Da lasse ich Signora Pauly nicht

mitmischen. Aber auf Sylt tanze ich ganz gern nach

ihrer Pfeife. Sie hat ja auch manchmal verrückte

Ideen! Durch sie erlebe ich viel, das gefällt mir.

Frau Pauly, lassen Sie sich manchmal von

Mamma Carlotta überreden, Dinge anders

zu schreiben, als Sie es ursprünglich geplant

hatten?

Ja, gelegentlich durchaus. Manchmal sagt Mamma

Carlotta mir, dass eine andere Reaktion logischer

ist, und dann glaube ich ihr und folge ihrem Rat. Es

kommt übrigens öfter vor, dass Figuren sich anders

entwickeln, als man das vorher geplant hat. Und

manchmal eben auch bei Mamma Carlotta.

Mamma Carlotta, haben Sie Ihrer Autorin

schon einmal einen ihrer Pläne übelgenommen?

Gibt es eine Szene oder ein Kapitel, bei

dem Sie am liebsten gesagt hätten: »No, das

mache ich nicht!«?

Sì! (Sie wirf Signora Pauly einen giftigen Blick zu.)

In dem Buch Vogelkoje gab es eine sehr unangenehme

Szene für mich, die ich Signora Pauly noch immer

übelnehme. Da musste ich mich von Tove Griess,

dem schmuddeligen Wirt von Käptens Kajüte, küssen

lassen. Allora … er ist zwar mein Freund, aber so

nahe wollte ich ihm trotzdem nicht kommen. Aber

es ging um die Sache, so musste ich es auf mich nehmen.

Dio mio! Das war terribile!

Frau Pauly, hatten Sie manchmal Mitleid mit

Ihrer Heldin, wenn Sie ihr wieder einmal ein

besonders turbulentes Abenteuer zugemutet

haben?

Noch nie! Sie hätte immer Gelegenheit gehabt, sich

aus der Affäre zu ziehen. Aber sie tut es nie, weil

sie in Wirklichkeit nämlich das Abenteuer liebt. Da

ist es nur gerecht, wenn ich dafür sorge, dass sie in

irgendeinen Schlamassel gerät.

Mamma Carlotta, was würden Sie tun, wenn

Frau Pauly Sie plötzlich in ein anderes Genre

schreiben würde, zum Beispiel in einen

Thriller oder Liebesroman?


Thriller? No! Das ist mir zu blutrünstig, zu aufregend,

zu düster. Ein Liebesroman würde mir schon

eher gefallen. Natürlich dürfte nicht ich es sein, die

sich verliebt, dazu bin ich zu alt. Aber vielleicht

meine Enkelin Carolina? Ich würde dann sehr

gerne dafür sorgen, dass es zu einem Happy End

kommt. Natürlich nur, wenn es ein netter junger

Mann ist.

Frau Pauly, gibt es etwas, das Sie Ihrer Figur

Mamma Carlotta gern einmal persönlich

sagen würden?

Gerne würde ich sie mal fragen, ob ich sie meine

Freundin nennen darf? (Wendet sich Mamma Carlotta

zu.)

Sì, volentieri! Naturalmente! Wir sind doch längst

Freundinnen geworden in den vergangenen zwanzig

Jahren!

Mamma Carlotta, wenn Sie einen Tag lang

die Rolle der Autorin übernehmen dürften:

Was würden Sie an Ihrer Geschichte

ändern?

Gar nichts! Vielleicht würde ich noch mehr kochen.

Aber eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, als

Autorin zu leben. Immer am Schreibtisch, immer

allein, immer mit Gedanken beschäftigt! Nein, das

wäre nichts für mich.

Frau Pauly, was wünschen Sie sich für die

nächsten zwanzig Bände – für Ihre Figuren

und für die Leserinnen und Leser?

Erstmal wünsche ich mir, dass ich noch zwanzig

weitere Jahre schreiben kann. Das wäre wundervoll!

Und natürlich wünsche ich mir, dass meine Geschichten

dann noch immer gelesen werden. Meine

Figuren müssen gesund bleiben, vor allem Mamma

Carlotta. Und dann fällt mir noch der Sizilianer ein,

der Restaurantbesitzer …

Finito! Davon reden wir nicht! Basta!

Nun gut, lassen wir uns überraschen, wie es

in Zukunft weitergehen wird. Vielen Dank für

Ihre Zeit und all die ausführlichen Antworten,

das wird unsere Leserinnen und Leser sicherlich

begeistern!

02.

APR

2026

GISA PAULY

WINDJAMMER

Taschenbuch

448 Seiten

12,00 € (D) 12,40 € (A)

ISBN 978-3-492-31950-8

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


18

PETER WOHLLEBEN

BAKTERIEN – DIE HEIMLICHEN HELDEN

Peter Wohlleben, geboren 1964, interessierte

sich schon als Kind für Biologie und Naturschutz.

Nach 30 Jahren Tätigkeit als Förster gründete er

2016 eine Waldakademie, an der er als Dozent

tätig ist. Sein Welterfolg »Das geheime Leben der

Bäume« wurde wegweisend für deren Verständnis.

Für seinen Podcast ist er in ständigem Austausch

mit Expert:innen und Wissenschaftler:innen.

Zuletzt erschien der Bestseller »Buchenleben«.


PETER WOHLLEBEN

BAKTERIEN

DIE HEIMLICHEN HELDEN

Bestsellerautor Peter Wohlleben eröffnet uns eine faszinierende

Welt: das Verständnis für Organismen, die mit bloßem Auge

nicht erkennbar sind, aber die Geschicke der Menschheit lenken.

Sie sind nicht nur praktische Alltagshelfer – ohne Bakterien

kein Joghurt, keine Salami und kein Sauerkraut – und wohnen

auf der Haut, der Zunge oder im Darm, sondern in jeder unserer

Körperzellen, wo sie uns nach ihren Bedürfnissen steuern.

Fundiert, anschaulich und zugänglich legt Peter Wohlleben

dar, dass wir aus Bakterien gemacht sind und wie stark sie

uns tatsächlich prägen, zum Beispiel durch die Produktion von

Hormonen, die unsere Stimmungen beeinflussen. Er erklärt,

wie sie uns bei der Bewältigung der Klimakrise unterstützen.

Und dass wir mit ihnen kooperieren und Rücksicht auf sie nehmen

sollten, damit es ihnen und uns gut geht.


20

PETER WOHLLEBEN

FRAGEN AN DEN AUTOR

FRAGEN

AN PETER

WOHLLEBEN

Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

Nach dem Aufstehen trinken meine Frau

und ich erst einmal einen Kaffee und lesen

zwanzig Minuten auf der Couch in unserem

Forsthaus im Wald. Dann werden die Pferde

und Ziegen auf der Weide versorgt, und

danach folgt oft ein Seminar in der Waldakademie.

Manchmal reise ich auch zu Vorträgen

ins In- und Ausland, ansonsten gibt

es noch viel Korrespondenz mit Forschenden

oder Umweltorganisationen. Und ich

nehme mir jeden Tag ein bis zwei Stunden

Zeit fürs Schreiben. Das mache ich übrigens

besonders gerne im Zug – da werde ich nicht

so leicht abgelenkt. Neue Ideen kommen

mir oft beim Fahrradfahren durch die Eifel –

draußen in der Natur bin ich nämlich auch

fast jeden Tag.


21

PETER WOHLLEBEN

FRAGEN AN DEN AUTOR

Wie kommt man von so großen

Lebewesen wie den Bäumen auf die

kleinsten?

Bakterien beschäftigen mich schon

lange, und ich habe sie bereits in etlichen

Büchern thematisiert. Welche Rolle sie

für Bäume und Wälder insgesamt spielen,

wurde mir jedoch erst durch Gespräche

mit einer Forscherin klar, die sich mit dem

globalen Klima beschäftigt. Da wusste

ich, dass es mehr als genug Stoff für ein

spannendes Buch gibt.

Sie bezeichnen Bakterien als

»heimliche Helden«. Klingt so, als

hätte man die kleinen Wesen bisher

unterschätzt und zu Unrecht in eine

Schmuddelecke gestellt?

Bakterien tauchen im Alltag meist im

Zusammenhang mit Krankheiten auf,

und wir versuchen sie ständig loszuwerden,

zum Beispiel beim Händewaschen.

Dabei sind die meisten Bakterien in und

am Körper nützlich. Sie haben das Leben,

wie wir es kennen, überhaupt erst möglich

gemacht und sind offenbar sehr daran

interessiert, dass es uns gut geht. Das

führt beispielsweise sogar so weit, dass die

Kleinen versuchen, uns zu mehr Sport zu

motivieren.


22

PETER WOHLLEBEN

FRAGEN AN DEN AUTOR

Haben Sie, seit Sie dieses Buch

geschrieben haben, konkret etwas

an Ihrem Verhalten geändert?

Ja, auf jeden Fall! So schaue ich, dass ich

mehr Rohkost esse, das lieben die körpereigenen

Bakterien nämlich. Und der Ekel

vor fremden Klobrillen ist auch ein wenig

verflogen, seit ich weiß, dass dort überraschend

wenig fremde Einzeller sitzen,

ganz im Gegensatz etwa zu Seifenspendern

mit Pumpkopf.

Wann wurde Ihnen klar, wie wichtig

Bakterien sind – im Alltag, aber auch

für unser aller Zukunft auf diesem

Planeten?

Wenn Bakterien das Leben auf diesem

Planeten seit vier Milliarden Jahren erfolgreich

organisieren, dann sollten sie auch

auf die aktuellen Bedrohungen Antworten

finden. Und sie haben Antworten! Jüngste

Studien zeigen, dass sie sich intensiv mit

dem Klimawandel beschäftigen, mit neuartigen

Erkrankungen bei Bäumen und

sogar mit Mikroplastik. Sie sind die heimlichen

Helden der aktuellen Umweltkrise.


04.

An wen richten Sie sich in Ihrem

neuen Buch?

An alle Menschen. Bakterien begegnen uns

überall im Alltag, und es ist nicht nur wichtig

zu wissen, wie wir mehr Rücksicht auf sie

nehmen können, nein, es ist spannend und

unterhaltsam zu sehen, wie ihre Welt aufgebaut

ist. Wenn man weiß, dass sie schlau

sind, kommunizieren und gemeinsame Aktionen

planen, allerdings so klein sind, dass

wir sie nicht sehen können, dann ist dieses

Buch nicht nur wie ein Mikroskop, sondern

wie eine Türe in ihre Welt. Schlagen Sie es

auf, und Sie sind mittendrin.

MAI

2026

PETER WOHLLEBEN

BAKTERIEN – DIE HEIMLICHEN HELDEN

Hardcover mit Schutzumschlag

320 Seiten

23,00 € (D) 23,70 € (A)

ISBN 978-3-89029-611-1

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


24

JUDITH HOERSCH

NIEMANDS TÖCHTER

NIEMANDS

TOCHTER

JUDITH HOERSCH



26

JUDITH HOERSCH

INTERVIEW

INTERVIEW

Liebe Judith, in deinem Roman stehen Mutter-

Tochter-Beziehungen im Zentrum. Was hat

dich an diesem Thema besonders gereizt?

Beim Schreiben tauche ich meistens mit einer Fragestellung

in die Geschichte ein. Besonders faszinieren

mich die Prägungen, die wir von unseren Eltern mitbekommen

– und im Speziellen Töchter von ihren

Müttern. Selbst das Unausgesprochene kommt irgendwann

ans Licht, und es gibt Wiederholungen:

transgenerationale Themen, die sich wiederholen, bis

wir sie auflösen. Ich habe mich gefragt: Was macht

eine Mutter aus? Bleibt man Mutter, auch wenn man

das Kind nicht selbst großgezogen hat? Und ist man

Mutter, wenn man das Kind nicht selbst geboren hat?

Wie prägen uns die Geheimnisse unserer Mütter –

und wie das, was nie ausgesprochen wurde?

Wie bist du auf die Idee gekommen, Polaroid-

Bilder als zentrales Motiv und Verbindungsglied

zwischen den Generationen zu nutzen?

Ich hatte bereits einen großen Teil geschrieben, doch

es fehlte mir ein Symbol – ein Element, das durch die

Zeit reisen kann. Ich habe eine Schwäche dafür, mir

vorzustellen, wo ein Objekt vorher war: eine Münze,

ein Stein. Als Idee erschien es mir schließlich wundervoll,

dass am Ende ein Polaroid-Bild alles zusammenführt.

Am Polaroid-Bild liebe ich, dass jede Aufnahme

kostbar und unwiederholbar ist. Ein Moment,

der sich nicht vervielfältigen lässt. Oft zeigen sie auf

den ersten Blick etwas Unspektakuläres, Alltägliches –

und gerade darin liegt ihre eigentliche Kraft.

Maries Entscheidung, ihr Kind auszusetzen,

ist radikal. Wie hast du dich in diese Ausnahmesituation

hineingedacht?

Im Prozess gibt es immer diesen Moment, in dem ich

in die Figuren hineinklettere. Menschen innerlich

nachzuvollziehen, fällt mir durch meinen Beruf als

Schauspielerin leicht. Ich spiele sie durch – so, wie ich

mich einer Rolle annähern würde.

Dass Marie ihr Kind aussetzt, entstand erst beim

Schreiben. Natürlich habe ich im Vorfeld einen

Rohentwurf, doch die Figuren und ihre Schicksale

zeigen sich mir anfangs oft nur skizzenhaft, fast zweidimensional.

Erst nach und nach gewinnen sie Tiefe.

Als ich gerade in Maries Leben eingetaucht war, stieß

ich zufällig auf einen Zeitungsartikel über eine Frau,

die 1981 in einem Berliner Kaufhaus ausgesetzt worden

war. Dieser Zufall gab mir die entscheidende Idee.

Alma wächst mit einer Lebenslüge auf.

Glaubst du, dass Geheimnisse in Familien

manchmal notwendig sind – oder immer

zerstörerisch?

Geheimnisse können beides sein: zerstörerisch und

bewahrend. Doch früher oder später finden sie ihren

Weg an die Oberfläche. In meiner Geschichte ist Gabriele

die Hüterin des Geheimnisses – und sie trägt

die Last am schwersten. Denn wer schweigt, leidet

am meisten. Erst wenn das Verborgene ans Licht tritt,

entsteht ein Raum für Heilung. So auch in Niemands

Töchter.

Deine Figuren erleben immer wieder Brüche,

Verluste und Neuanfänge. Was möchtest du

über Resilienz und das Weiterleben nach

Krisen erzählen?

Ich liebe Menschen mit Brüchen, mit Fehlern – und

mit dem Mut, neu anzufangen. Nichts ist langweiliger,

als wenn immer alles gelingt; darin liegt kaum

eine Möglichkeit zu wachsen. Meine größten Krisen

waren zugleich meine größten Lehrmeister. Scheitern,

wieder aufstehen, weitermachen – darin liegt für

mich die eigentliche Stärke. Ich glaube, wir müssen

solche Erfahrungen durchleben, um überhaupt Resilienz

entwickeln zu können.

Maries Indienreise ist ein Wendepunkt in

ihrem Leben. Hast du eigene Erfahrungen

mit Indien gemacht, die in den Roman

eingeflossen sind?

Tatsächlich habe ich zwei große Indienreisen unternommen.

Mit dem Rucksack und alleine bin ich in

meinem Leben schon viel herumgekommen, doch


27

JUDITH HOERSCH

INTERVIEW

Indien hatte eine besonders soghafte Wirkung auf

mich. Dieses Lebensgefühl konnte ich unmittelbar

aus meinen eigenen Erfahrungen heraus ins Schreiben

übertragen.

Die Bäckerei in Mayen ist ein zentraler Ort für

Alma und Gabriele. Gibt es ein reales Vorbild

für diesen Schauplatz?

Ja, den gibt es. Ich habe unzählige Stunden bei meinen

Großeltern und in unseren Bäckereien verbracht.

Meine ganze Familie stammt aus Mayen – dort liegen

meine Wurzeln, auch wenn ich in Köln aufgewachsen

bin. Die Bäckerei im Buch war tatsächlich unsere, und

die Figuren Jupp und Hedwig tragen in abgewandelter

Dein Roman endet mit der Hoffnung auf eine

neue Familie. Glaubst du, dass Versöhnung

und Neuanfang immer möglich sind?

Zumindest möchte ich das glauben. Familie, das

kann viel sein. Sie muss nicht zwingend die klassische

Kernfamilie sein. Wichtig ist, dass wir unsere »Herde«

finden – unsere Menschen, unseren Ort, an dem wir

ganz wir selbst sein dürfen.

Du selbst bist Mutter, Tochter, Schauspielerin

und Schriftstellerin. Wie bekommst du das

alles unter einen Hut? Und was sind die

größten Herausforderungen im Alltag mit

Jobs und Familie?

»

IRGENDWIE SCHREIBT

MAN IMMER AUCH EIN

STÜCK ENTLANG DES

EIGENEN LEBENS.

»

Form viel von meinen Großeltern in sich. Nicht das,

was ihnen widerfährt, doch ich brauchte mir nur vorzustellen,

wie sie reagiert hätten. Meine Großmutter

war ein wundervoller Mensch, und die Zeit bei ihr war

für mich prägend und unverlierbar.

Gibt es eine Figur, mit der du dich beim

Schreiben besonders verbunden gefühlt hast?

Warum?

Irgendwie schreibt man immer auch ein Stück entlang

des eigenen Lebens. Es gibt Elemente, in denen

ich mich wiederfinde oder mit denen ich mich verbunden

fühle. Am nächsten ist mir allerdings Alma.

Doch auch in die anderen drei Frauen einzutauchen,

war eine Freude und eine wunderbare Reise.

Ehrlich gesagt weiß ich oft selbst nicht, wie ich das

alles unter einen Hut bekomme! Ein Schlüssel, damit

dieser Spagat gelingt, ist sicherlich Disziplin und eine

gute Planung, und gleichzeitig auch Flexibilität. Als

Mutter habe ich gelernt: Nutze die Lücke – und sei

dann zu hundert Prozent bei der Sache. Wenn ich mit

meiner Tochter zusammen bin, dann ganz und gar.

Dasselbe gilt fürs Schreiben und fürs Spielen. Meistens

stehe ich sehr früh auf und schreibe gleich am

Morgen, auch vor Drehtagen. In drehfreien Zeiten

widme ich mich ausschließlich dem Schreiben. Ich

agiere nicht so sehr nach dem Lustprinzip. Wenn ich

mir etwas Vornehme bin ich sehr damit beschäftigt,

sehr stur und sehr eisern – das habe ich wohl von

meiner Großmutter.


28

JUDITH HOERSCH

LESEPROBE

LESEPROBE

30. September 1981

Marie

»Mama, bist du noch dran?« Marie warf zwanzig

Pfennig nach und hörte, dass ihre Mutter an einer

Zigarette zog und durchs Wohnzimmer tigerte, das

Telefonkabel hinter sich herziehend. Gedämpft drang

der Straßenlärm durch die Tür, sodass Marie sich das

freie Ohr zuhielt, um sie besser zu verstehen.

Zwei Mark hatte sie bereits vertelefoniert, und ihre

Mutter hatte in einem endlosen Wortschwall von

der harten Arbeit in der Fabrik und ihrem abartigen

Chef erzählt - »Die werden schon sehen, was sie an

mir hatten!« - und im Nebensatz von der Kündigung

berichtet. Inzwischen hatte sie sich über eine Mieterhöhung,

das englische Königshaus - »Lady Di sieht

aus wie eine Dorfpomeranze« - und die bekloppten

Nachbarn in einer Dauerschleife aus Schimpfwörtern

verirrt. Sie klang wirr und überdreht, aber zugleich

seltsam heiter. Es war dieser Gefühlswahnsinn, der

Marie immer wieder durcheinanderbrachte. Und in

jedem zweiten Satz fiel der Name »Rolfi«. Ihre Mutter

hatte Neuigkeiten, und als sie damit rausrückte, wurde

Marie schlagartig klar, dass dies der einzige Grund

gewesen war, warum ihre Mutter überhaupt so lang

mit ihr telefoniert hatte.

»Rolfi, stell dir vor, der hat mir einen Antrag gemacht.

Ist das nicht fantastisch? Die Hochzeit ist kommende

Woche, und ich muss noch so viel vorbereiten. Ein

Kleid habe ich schon, eins mit einer Schleppe. Perlweiß

und zehnmal schöner als das von Lady Di, aber

ich muss noch ein bisschen hungern, dann pass ich

auch rein.« Ihre Mutter hatte immer schon ein Thema

mit ihrem Gewicht gehabt, und seit Maries Pubertät

war es schlimmer geworden, weil Marie um einiges

schlanker war als sie.

»Toll …« Zu mehr kam Marie nicht. Sie hätte gerne gefragt,

warum sie als Tochter nicht eingeladen war, aber

stattdessen fuhr ihre Mutter mit ihrem Monolog fort.

»Ach, und dann renovieren wir noch. Rolfi ist nun

ganz eingezogen, und wir haben uns ein Nestchen

gebaut in deinem alten Zimmer. Endlich haben wir

Platz hier.« Marie schauderte es. »Rolf ist ein Mann,

der mich zu schätzen weiß.« Ihre Mutter kicherte. Es

klang hysterisch und dann wieder lieblich. »Und was

gibt es bei dir?«

»Kannst du das Radio leiser drehen? Ich verstehe dich

so schlecht.« Ihre Mutter schnaubte, und Marie sah

förmlich vor sich, wie sie zum Radio schlappte und widerwillig

den Lautstärkeregler drehte. Ihre Mutter war

alles losgeworden, den Rest wollte sie möglichst schnell

hinter sich bringen. Gedanklich hatte sie bereits aufgelegt.

»Ist noch was, sonst würd ich dann mal …« Marie

musste zum Punkt kommen.

»Ich … Kann ich zurück?«

»Was? Wieso?« Ihre Mutter klang empört. Marie konnte

sich ihr Gesicht vorstellen. Eine Mischung aus Ekel

und Entsetzen, eine Prise Sarkasmus in den Stirnfalten.

»Ich …« Sie hatte Angst davor, es ihr zu sagen. Aber

die Zeit lief. Fünfzig Pfennig blieben übrig. »Ich …

bin schwanger.« Für einen Moment wurde es still am

anderen Ende. Sie hatte ihre Mutter aus dem Konzept

gebracht.

»Was soll das?« Jetzt klang sie sauer.

»Ende siebter Monat.« Nun müsste sie nur noch eins

und eins zusammenzählen. Begreif es endlich, Mama.

Wieder hörte sie ihre Mutter an der Zigarette ziehen.

»Wieso machst du immer so eine Scheiße?«

»Ich hab mir das doch nicht ausgesucht.« Maries Stimme

klang erstickt. Wie immer, wenn sie mit ihrer Mutter

sprach, kam sie sich klein und dumm vor. Aber sie

hatte sonst niemanden. Es gab keine Verwandten. Ihre

Mutter hatte alle Kontakte niedergebrannt, und ihr Vater

war laut Aussagen der Mutter ein Säufer gewesen.

Bei der ersten Gelegenheit abgehauen.

»Musst du dir halt überlegen, bevor du die Beine breit

machst. Bist alt genug.«

»Ich hab nicht, ich wollte … Mama, ich brauche deine

Hilfe!«

»Rolfi und ich, wir haben es gerade so schön. Wir fahren

bald in die Flitterwochen.« Jetzt klang sie wie ein

Kleinkind, dem man das Spielzeug aus der Hand nehmen

wollte. Marie hätte ihr gerne die Wahrheit über

Rolfi erzählt. Aber sie konnte es nicht aussprechen.


29

JUDITH HOERSCH

LESEPROBE

Hoffte, dass sie es nicht musste. War ihre Mutter wirklich

so blind, oder wollte sie es sein?

»Mama, bitte! Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Gib es weg. Das kriegst du nicht hin.«

»Aber eine Mutter braucht doch jeder.« Das hatte ihre

Mutter schon nicht mehr gehört. Aus der Leitung kam

nur noch das Tut-Tut-Tut.

Marie hielt den Hörer noch einen Moment in der Hand,

bevor sie ihn einhängte. In ihrem Bauch regte sich etwas.

Instinktiv legte sie eine Hand unter den Nabel und

schluchzte so lang in der Telefonzelle, bis jemand an

die Scheibe klopfte.

»Junge Dame, ick müsste och mal telefoniern.«

Marie lag auf ihrem Bett und sah auf die vielen Polaroids,

die immer noch an der Wäscheleine quer durch das Zimmer

hingen. Vom Fenster bis hinüber zur Tür. Bilder aus

dem letzten Sommer, der sich langsam aber sicher aus

den Tagen herausschlich. Die Oberbaumbrücke bei

Morgengrauen. Leonard vor der sich in der Morgensonne

spiegelnden Spree. Bilder aus dem Dschungel. Nackte

Männer bei der Demo gegen das Vermummungsverbot.

Touristen, die über die Aussichtsplattform Richtung

Ostberlin blicken. Ein aufs Bild gebannter Kinderschrei,

ein Hund, der dem Kind sein Eis klaute. Tjen Tjen und

Bao Bao. Ein Porträt, das Leonard von ihr gemacht hatte.

Geschlossene Augen, versunken im Tanz. Bilder von

Graffitis und zerstörten Häuserfassaden. Bilder vom Siff

der Mariannenstraße in Kreuzberg. Immer wieder Berlin.

Gezeichnet vom Kalten Krieg. Berlin, immer noch

provisorisch, längst nicht fertig. So wie sie.

Was sollte sie nur tun? Das Kind behalten? Sie war

doch selbst noch ein Kind. Zur Adoptionsbehörde gehen?

Alles erschien ihr falsch.

Noch konnte sie den Bauch verbergen. Beim Putzen

im Krankenhaus waren die Kittel so weit, dass niemand

ihren Bauch sehen würde. Das kriegst du nicht

hin in Endlosschleife in ihrem Kopf. Die jüngste Enttäuschung,

die all die anderen mit ihrer Patina überzog.

Unglauben, dass nicht einmal die Schwangerschaft

ihre Mutter aufwachen ließ. Warum war sie es nicht

wert? Die Frage, die das beständige Grundrauschen

ihrer Kindheit gewesen war, suchte Marie nun wieder

heim. Wie sollte eine wie sie, die nie eine liebevolle

Mutter gekannt hatte, nun selbst Mutter werden?

Wie sollte sie den Anblick dieses Kindes ertragen?

Marie schloss die Augen und drehte sich zur Seite. Sie

fröstelte und legte eine Hand auf den Bauch. Im nächsten

Moment spürte sie ihr Baby, wie es sachte gegen

ihre Hand drückte. Eine Träne fiel auf das Kopfkissen,

lautlos wie Schnee. Dann träumte Marie sich davon, in

ein Paralleluniversum, in dem das Leben schwerelos

war, in ein Leben mit Leonard.

Das Surren ließ sie zusammenzucken. Sie regte sich

nicht. Blieb einfach liegen, aber es klingelte erneut,

dieses Mal mit etwas mehr Nachdruck. Sie erhob sich

vom Bett und spähte in den Flur. Vorsichtig ging sie zur

Tür, schlich über die Dielen, damit sie nicht knarrten.

Sie legte das Ohr an die Haustür und horchte hinaus.

Eine Weile rührte sich nichts, dann hörte sie Leonards

vertraute Stimme.

»Marie?«

Wie gerne hätte sie die Tür aufgerissen und ihn in die

Arme geschlossen, ihre Nase in seinem Nacken vergraben.

Ihr ganzer Körper krampfte sich vor Sehnsucht

zusammen.

»Marie, bitte mach auf. Was ist mit dir? Wieso willst du

mich nicht mehr sehen?«

Marie stockte der Atem. Es war ihr nicht in den Sinn

gekommen, dass er denken könnte, es läge an ihm. Wie

konnte er das nur glauben?

»Du fehlst mir. Hab ich irgendwas falsch gemacht? Bitte.

Sag doch was. Ich weiß, dass du da bist.«

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es blieb

bei einem Kopfschütteln, kein Wort kam heraus. Es gab

nichts, was sie sagen konnte. Sie hatte keine Antwort.

Langsam senkte sie ihre Stirn an die Tür und stand eine

Weile so da, nur wenige Zentimeter von ihm entfernt.

Marie hoffte, dass er diese unsichtbare Geste spürte,

trösten würde sie ihn kaum. Nach einer Weile hörte

sie ihn etwas auf die Türschwelle legen, dann ging er

langsam die Holztreppe hinunter.

Sie glitt an der Innenseite der Tür zu Boden und vergrub

den Kopf zwischen den Knien. Stunden später,

es war bereits dunkel, öffnete sie die Tür und fand ein

Buch auf der Türschwelle. Siddharta – Eine indische

Dichtung von Hermann Hesse. Sie strich über den rotbraunen

Einband, der schon etwas abgenutzt war. Vorsichtig

öffnete sie das Buch.

Für Marie. Meine Liebe. Für immer.


30

JUDITH HOERSCH

LESEPROBE

30. November 2019

Isabell

Das sagte einem niemand, wenn man ein Kind bekam.

Was ein Kind mit der Beziehung machte und wie wenig

Liebe dann noch für den anderen übrigblieb. Alle Liebe

floss in die Fürsorge des Kindes. Vielleicht war dies

aber auch eine Wahrheit, die alle Eltern teilten, eine die

frei verfügbar gewesen wäre und nach der sie aus dem

überheblichen Gefühl heraus, vor solchen Alltagsproblemen

gefeit zu sein, einfach niemanden befragt hatten.

Und wenn, hätten sie es vermutlich nicht geglaubt.

Tom unterbrach ihre Gedanken mit noch mehr Alltag.

»Ich muss das Atelier aufgeben. Es ist zu teuer. Ich

müsste mal wieder eine Ausstellung machen, dann verkaufe

ich auch, aber ich krieg es zeitlich nicht hin.«

»Oh, tut mir leid«, sagte Isabell, war aber noch immer

nicht ganz bei der Sache. Tom sah sie von der Seite an,

dann rollte er vom Bett und zog sich wieder an.

»Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe?«

»Ja, klar.« Isabell sah ihn perplex an. Sein Ton hatte

jetzt eine ungewohnte Schärfe.

»Es ist mir zu viel. Ich komme hier langsam gar nicht

mehr vor. Ich tue alles für euch, aber ich brauch dich auch.

Wir brauchen dich. Ich habe ewig nicht mehr gemalt.

Das ist meine Leidenschaft, mein Atelier, meine Arbeit.«

»Soll ich mehr unterrichten, dann haben wir mehr

Geld?« Isabell stand auf und zog sich die Hose wieder

an, das Oberteil hatten sie gar nicht erst ausgezogen.

»Verdammt, es geht nicht um Geld. Es geht um uns.

Du bekommst doch gar nichts mehr mit. Hängst nur

noch in deinen Fotos.«

»Jetzt werd nicht unfair. Erst sollte ich mich mit allem

auseinandersetzen, dann mache ich das, und dann ist es

auch wieder falsch.«

Tom seufzte gequält. »Es hat doch gar nichts damit zu

tun. Ich unterstütze dich bei allem, das weißt du, aber

ich weiß nicht mehr, wie ich mit dir umgehen soll. Du

bist so unermesslich weit weg.«

»Ich gebe mir ja Mühe.«

Tom kickte mit dem Fuß ein T-Shirt weg, das auf dem Boden

lag. Eine ratlose Geste, die sie irritierte, weil sie nicht

zu ihm passte. »Ich kann so nicht mit dir weiterleben.«

»Was soll das heißen?«, fragte sie, und es klang eher

nach »Bist du jetzt total bescheuert?«, aber die Angst

flutete bereits ihr Gehirn, was sie immer zuschnappen

ließ wie ein bissiger Hund.

»Ich liebe dich, aber es macht mich fertig.«

»Willst du dich trennen?« Jetzt klang sie schriller als

gewollt.

»Ich rede über meine Gefühle. Ich habe auch Gefühle,

verstehst du das?« Er hatte das Zimmer verlassen und

ging im Fersengang in die Küche. Sie folgte ihm. Mit

einem festen Griff zog er den Korken aus der halb getrunkenen

Rotweinflasche, goss zwei Gläser voll und

reichte ihr eins. Während er das tat, begann Isabells

Blut zu brodeln.

»Meine Angsthasen sind riesengroß. Ist es das, was du

meinst?« Sie zog die Augenbrauen hoch. Er verstand

nicht. »Hast du das etwa nicht gesagt?«

»Doch, hab ich. Weil ich versuche, Ruby zu erklären,

warum du so bist. Warum du zu allem immer Nein

sagst. Warum du nicht mit schwimmen kommst. Warum

sie keine Katze haben darf. Weil sie dir ausweicht.

Weil du nicht da bist.«

»Ich bin doch da«, sagte Isabell, aber sie wusste, dass

das nicht stimmte. Sie war nicht wirklich da. Und das

nicht erst, seit die blaue Tasche bei ihnen eingezogen

war. Tom stand vor ihr mit seiner ganzen Liebe, erschöpft

und überfordert, und das überforderte sie.

Sie fühlte sich in der Defensive. Auf Zehenspitzen

schlich sie zurück ins Schlafzimmer, um die Zigaretten

aus der Schublade zu zerren. »Ich habe nicht aufgehört,

falls es dich interessiert.«

»Ach, ehrlich?« Beinahe grinste er. »Isabell, es ist mir egal,

ob du rauchst oder nicht.« Er stand neben ihr, und sein Gesichtsausdruck

wurde wieder milder. »Gib mir auch eine.«

Sie stellten sich ans offene Fenster und rauchten in

den stillen Abend hinaus. Ein eisiger Wind wehte die

dunkle Straße hinunter. Nach einer Weile sprach sie,

ohne ihn anzusehen.

»Ich will es besser machen. Ich will uns als Familie. Ich

will eine gute Mutter sein. Und ich bewundere dich.

Du kannst alles so viel besser.« Sie drückten die Zigaretten

aus, und Tom drehte sich zu ihr. Er streichelte

ihr über das offene lockige Haar, drehte eine Strähne

zwischen seinen Fingern. »Sei doch einfach nur ein

Teil von uns dreien, nicht besser. Einfach nur ein Teil

von unserem Team.«

»Es tut mir leid, dass ich mich immer so zurückziehe.

Dass ich die Dinge nicht leichtnehmen kann.« Sie legte

den Kopf an seine Brust. »Ich weiß, es klingt ver­


rückt, aber ich habe das Gefühl, in dieser verdammten

Tasche liegt etwas, das ich ergründen muss. Wie du gesagt

hast. Etwas, das Heilung bringt.« Sie schloss die

Arme um seinen warmen Körper, der immer so viel Zuversicht

ausstrahlte.

»Dann lass mich doch daran teilhaben.« Ein zaghaftes,

ermutigendes Lächeln. Dieser unerschütterliche Optimismus.

Sie sah ihn an und küsste ihn. »Okay.«

Stunden später war die zweite Flasche Rotwein ebenfalls

leer, und Tom wischte sich die Müdigkeit aus den Augen.

Isabell hatte ihm alles erzählt, was sie bisher herausgefunden

hatte, und streckte, ebenso erschöpft wie er, ihre

Beine kerzengerade und mit gestreckten Füßen nach

oben - so ganz bekam sie die Ballerina nicht aus sich raus.

»Irgendetwas übersehe ich. Was ist nach diesem Sommer

1981 passiert? Wieso wird danach alles so trüb?«

»Mein Name sei Gantenbein. Waren die auch alle in

der Tasche?« Tom drehte den alten Ledereinband in

den Händen. Isabell nickte. »Meine Mutter hat sie,

glaube ich, alle von diesem Leonard geschenkt bekommen.«

Sie hatte den Büchern bisher keine große Beachtung

geschenkt, jetzt sah sie zu, wie Tom das Buch fast

andächtig durchblätterte.

Und da, zwischen den Seiten, segelte ein weiteres Polaroidbild

heraus. »Hast du das schon gesehen?«

Isabell nahm das Bild. Es zeigte die junge Marie mit

einem Baby auf dem Arm vor einem Spiegel. Sie trug

den grünen Mantel, hinter ihr war eine Wäscheleine

zu erkennen, die sich durchs Zimmer spannte, daran

dutzende Polaroids. Von dem Säugling sah man nur

den winzigen Kopf, der aus einem Handtuch herausschaute.

Das Bild trug keine Bildunterschrift. Weder

einen Satz noch ein Datum. Ein Umstand, der dieses

Sofortbild von allen anderen unterschied. Vielleicht

war es der Rotwein oder die Aufregung, aber Isabell

wurde schlagartig heiß. Eine Ewigkeit starrten Tom

und sie das Bild an, sagten jedoch kein Wort.

»Sie sieht irgendwie traurig aus, wie sie dasteht und

dich im Arm hält.«

»Das bin nicht ich«, sagte Isabell, und die Tragweite

ihrer Erkenntnis sickerte nur langsam in sie ein. Tom

sah sie überrascht an. Auf einmal hielt Isabell das fehlende

Puzzleteil in den Händen.

»Meine Mutter hatte vor mir schon ein Kind.«

30.

JAN

2026

JUDITH HOERSCH

NIEMANDS TÖCHTER

Hardcover mit Schutzumschlag

384 Seiten

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07369-1

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


32

ANDREA STOLL

»ZWEI MENSCHEN SIND IN MIR«

»ZWEI

MENSCHEN

SIND IN MIR.«


Fünfzig Jahre nach ihrem Tod fordern Ingeborg Bachmanns

Briefe eine neue Perspektive auf Leben und Werk

dieser Autorin. Andrea Stolls Biografie beleuchtet das

unübersehbare Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen.

Neben wissenschaftlicher Recherche stützt sich Stoll

auf Gespräche mit Zeitzeugen und die Auswertung jüngst

veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge. So gelingt

der erfahrenen Bachmann-Forscherin eine erste umfassende

Biografie der österreichischen Dichterin.

INGEBORG

BACHMANN.

ANDREA STOLL

DIE

BIOGRAFIE


34

ANDREA STOLL

INTERVIEW

INTERVIEW

Was war der beglückendste Moment für Sie

bei der Arbeit an diesem Buch?

Jeder, der über Jahre zu einem Thema recherchiert

oder forscht, entwickelt ein intuitives Wissen zu bestimmten

Themen, deren Wahrhaftigkeit man fühlen,

aber noch nicht beweisen kann. Wenn es dann gelingt

die entscheidenden Puzzlesteine zusammen zu tragen,

entsteht ein enormes Glücksgefühl.

Sie beschäftigen Sie sich schon sehr lange und

intensiv mit Ingeborg Bachmann. Wie kam es

dazu?

Tatsächlich habe ich Ingeborg Bachmann schon

während meines Studiums entdeckt und war gleich

von ihr fasziniert. Ich fand ihr Werk außerordentlich,

also beschloss ich, eine Dissertation über sie zu

schreiben. Prompt geriet ich an einen Doktorvater,

der ihren Roman »Malina« abscheulich fand: der

reine Kitsch. Mit dieser Auffassung befand er sich

damals übrigens in bester Gesellschaft: Walter Jens

und Marcel Reich-Ranicki sahen das genauso. Für

mich war dieser Roman mit seiner unverwechselbaren

Autorinnenstimme eine der aufregendsten Entdeckungen

– und ich spürte damals, dass ihr Werk

ein Höhepunkt modernen Erzählens ist. Der Bachmann-Forscher

Hans Höller holte mich daraufhin

an die Salzburger Universität, wo ich 15 Jahre als

Dozentin arbeitete. Und Suhrkamp beauftragte

Weihnachtsurlaub des Vaters von der Front 1939

mich mit der Herausgabe eines Materialienbandes

zu »Malina«. Wenn heutzutage eine so großartige

Autorin wie Rachel Kushner im New Yorker verkündet:

»Malina is the truest portrait of female consiousness

since Sappho«, macht mich das ganz einfach

glücklich.

Im kommenden Jahr wäre Ingeborg Bachmann

100 Jahre alt geworden. Warum zählt

sie immer noch zu den meistgelesenen Autorinnen

der deutschen Sprache?

Da ist zum einen die außerordentliche Schönheit

und hohe Bewusstheit ihrer Sprache. Kein Wort,

kein Motiv, keine Metapher sind zufällig gewählt.

Jedes Wort, jeder Satz ist durchdrungen, häufig philosophisch

durchdacht und kompositorisch so lange

gedreht und gewendet, bis es diese Einmaligkeit

des Ausdrucks hat, die wir von Bachmann kennen.

Trotz ihres artistischen Sprachbewusstseins gilt für

ihre Literatur aber kein l’art pour l’art. Ihr poetisches

Sprechenwollen ist aus den Katastrophen des

20. Jahrhunderts entstanden, ihr Wirklichkeitsbewusstsein

wurzelt in den traumatischen Erfahrungen

von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg.

Das gilt auch dann, wenn ihre Gedichte, Erzählungen

oder ihre Romanprosa auf den ersten Blick ganz

unpolitisch daherkommen, wie aus einer Windstille

von Zeit und Ort heraus. Als gebürtige Österreicherin

weiß sie um die unterirdischen Querverbindungen,

die die Historie eines Landes mit der Mentalität

seiner Bewohner verbindet. Im scheinbar Alltäglichsten

ist Bachmann häufig am politischsten und

führt uns in seit der Antike bekannten Motiven und

scheinbar nebensächlichen Szenen archetypische

Muster des Menschseins vor Augen. In ihrer unbestechlichen

Art, die Wirklichkeit zu betrachten, war

sie ihrer Zeit weit voraus. Vieles von dem, was sie

aussprach, können wir erst heute in seiner ganzen

Tragweite ermessen. So erklärte sie 1971 in einem

Hörfunkinterview anlässlich der Veröffentlichung

von »Malina«: »Über Krieg kann jeder etwas sagen,

und der Krieg ist immer schrecklich. Aber über den


35

ANDREA STOLL

INTERVIEW

Frieden etwas zu schreiben, über das, was wir Frieden

nennen, denn das ist der Krieg ... Der Krieg, der

wirkliche Krieg, ist nur die Explosion dieses Krieges,

der der Frieden ist.« Wer solche Sätze heute liest,

kriegt Gänsehaut. Die Botschaften ihrer Dichtung

haben unbestreitbar seismographische Qualität.

Neben ihrem Werk interessiert sich vor allem

die deutschsprachige Welt für die Person

Ingeborg Bachmann. Sie gehörte fraglos zu

den charismatischsten Dichterinnen ihrer Zeit.

Kaum eine Autorin hat Kritiker, Leserinnen

und auch die Wissenschaft über die Jahrzehnte

so fasziniert wie sie. Und doch gibt es noch

keine umfassende Biografie über sie.

Warum ist das so?

Ingeborg Bachmann war eine Dichterin, die äußerste

Gegensätze in sich vereint hat. Sie war scheu, benötigte

Stille und Rückzug für ihr Schreiben und

fürchtete sich wie ein Kind vor öffentlichen Auftritten.

Gleichzeitig wusste sie um die Einmaligkeit

ihrer Kunst und hat es verstanden, sich wie eine

Diva zu inszenieren. Sie nutzte alle Insignien des

eleganten Lebens und verschuldete sich schon mal

für Haute Couture und teure Schuhe, die sie dann

wie eine Ritterrüstung trug. Ihr Glanz täuschte die

Menschen darüber hinweg, dass sie ihr Schreiben im

Kern als asozial empfand, sich selbst als Ausgestoßene

fühlte, als eine, die ihr Schicksal erleidet, ganz

einfach weil sie nicht anders kann. Das hat den biografischen

Zugriff für viele Forscher:innen schwer

gemacht, es ist eine große Herausforderung, ihre

Dichtung und ihre komplexe Persönlichkeit zusammen

zu denken. Hinzu kommt, dass ihr persönlicher

und literarischer Nachlass nach ihrem frühen und

tragischen Tod 1973 auf Jahrzehnte gesperrt war.

Erst nach dem Veröffentlichen der Briefwechsel mit

Hans-Werner Henze 2004 und Paul Celan 2009

konnte biografisch fundierter gearbeitet werden.

Während ich an der Herausgabe des Celan-Briefwechsels

beteiligt war, konnte ich das Vertrauen der

Familie gewinnen und habe viele Entdeckungen

machen dürfen, die mir zusammen mit den in den

letzten Jahren freigegebenen Briefwechseln und Tagebucheinträgen

ein sicheres Fundament verschaffen.

Das ist deshalb so bedeutsam, weil Bachmanns

ANDREA

STOLL

geboren 1960, lebt als Autorin und Filmemacherin

bei Frankfurt. 1991 schrieb sie ihre Dissertation

über Ingeborg Bachmann und beschäftigt sich

seither immer wieder mit der österreichischen

Dichterin, über die sie im Lauf der Jahre Bücher,

Essays und Drehbücher veröffentlichte. Der von

ihr 2009 mit herausgegebene Briefwechsel von

Ingeborg Bachmann und Paul Celan »Herzzeit«

war ein literarisches Weltereignis.


36

ANDREA STOLL

INTERVIEW

Werk ohne den biografischen Hintergrund so gar

nicht entstanden wäre. Leben und Werk sind bei

Bachmann viel enger verflochten, als es lange den

Anschein hatte. Erst der Celan- Briefwechsel Herzzeit

hat das Blatt gewendet. Der 2022 erschienene

Briefwechsel mit Max Frisch fügt dem Gesamtbild

eine weitere neue Perspektive bei und ist für eine umfassende

Biografie unerlässlich.

Ihr Buch unternimmt den, wie es scheint, überfälligen

und ehrgeizigen Versuch, das Leben

und das Werk Ingeborg Bachmanns von den

ersten Tagen in Klagenfurt bis zu ihrem Tod in

Rom in den Mittelpunkt zu stellen. Was erwartet

uns in Ihrem Buch?

Was ich nicht wollte, war, die vielen Mythen und

Mutmaßungen zu wiederholen, die in den letzten

Jahrzehnten über Ingeborg Bachmann geschrieben

wurden. Werk und Person allein aus der wissenschaftlichen

Analyse heraus deuten zu wollen, führt

oft genauso in die Irre, wie es fahrlässig ist, ihr allein

aus dem eigenen Erfahrungshorizont begegnen

zu wollen. Es war eine Weile populär, sie an ihren

Lebensorten zu imaginieren und Geschichten zu

reproduzieren, die Freunde und Weggefährten über

sie erzählt haben. Erst heute können wir übersehen,

wer da wem auf den Leim gegangen ist, und

die Spreu vom Weizen trennen. Die inzwischen

aus dem Nachlass veröffentlichten Tagebücher und

Briefwechsel erlauben uns nicht nur einen tieferen

Einblick in Bachmanns Denken und Fühlen, sie ermöglichen

uns auch einen sehr viel klareren Blick auf

Beim Signieren des Malina-Romans 1971

Pose mit Partitur 1964

die von ihr eingesetzten Strategien im Umgang mit

anderen Menschen. Vieles von dem, was da im Laufe

der Jahre behauptet wurde, erweist sich nun als das,

was es immer war: reine Spekulation. Hier genauer

zu sein ist mein Ziel, und ich hoffe, dass es mir gelungen

ist, Ingeborg Bachmanns Anfänge und das

Ende zusammen zu denken.

Worin bestanden für Sie die größten Herausforderungen?

Tatsächlich in dem, was ich eben sagte: die Spreu

vom Weizen zu trennen. Denn da ging es natürlich

nicht nur darum, frühe Irrtümer zu erkennen. Angesichts

der neuen Quellenlage bestand meine größte

Herausforderung darin, auch eigene lieb gewordene

Denkmuster zu überwinden und sich alles noch

einmal so vorzunehmen, als sähe ich es zum ersten

Mal. Das war ungeheuer herausfordernd, aber auch

außerordentlich spannend: eine tolle Reise!


Seit einigen Jahren erscheint die große Werkausgabe

Ingeborg Bachmanns, in der es auch

darum geht, Tagebücher und Briefe erstmals

der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Max

Frisch beispielsweise oder auch Heinrich Böll

standen in regem Briefwechsel mit Ingeborg

Bachmann. Haben diese Bände einen großen

Einfluss auf Ihre Biografie?

Der Briefwechsel mit Heinrich Böll ist tief berührend

und bedeutsam. Der Briefwechsel mit Max

Frisch allerdings ist fundamental für das Verständnis

von Bachmanns Werk und Person.

Am 25. Juni 2026 wäre Ingeborg Bachmann

100 geworden: Erwartet uns im Jubiläumsjahr

eine große Zahl an Veranstaltungen um Werk

und Person der Dichterin?

Ganz sicher wird es eine Vielzahl von Publikationen,

dramatischen Bearbeitungen, Filmportraits und

Veranstaltungen geben. Wir alle sollten diese großartige

Dichterin feiern, die 1973 auf tragische Weise

und viel zu jung verstorben ist. Zum 100. Geburtstag

wird niemand mehr ihr Werk als Kitsch abtun.

Ingeborg Bachmann gehört längst zu den Großen

der Weltliteratur. Jedenfalls freue ich mich darauf,

mit meiner im Frühjahr erscheinenden Biografie

auf Lesereise zu gehen, außerdem feiert ein Theaterstück

von mir zu Ingeborg Bachmann am 24. April

2026 Premiere an den Kammerspielen in Frankfurt

am Main.

30.

APR

2026

ANDREA STOLL

»ZWEI MENSCHEN SIND IN MIR«

Ingeborg Bachmann. Die Biografie

Hardcover mit Schutzumschlag

400 Seiten

26,00 € (D) 26,80 € (A)

ISBN 978-3-492-07275-5

»Die einzige Weiblichkeit« Bachmann Anfang der

Fünfzigerjahre in Wien

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


38

ROBERT LÖHR

OBERAMMERGAU

OBER

AMME

GAU

ROBERT LÖHR


R

»Robert Löhr beweist, dass das in Deutschland

vermeintlich Unmögliche doch möglich ist: der

Tradition lustvoll auf die Sprünge zu helfen

mit Humor, Spannung und Phantasie.«

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG ÜBER

»KRIEG DER SÄNGER«

»Robert Löhr ist ein wahrer Meister des Erzählens.

Er beherrscht sowohl das mühsame Handwerk der

detailverliebten Recherche als auch die Kunst,

fließend, witzig und intelligent zu fabulieren.«

THÜRINGER ALLGEMEINE ÜBER

»DAS HAMLET-KOMPLOTT«


OBERT

Liebe Buchhändlerinnen

und Buchhändler!

Auch zwischen Schriftstellern und Stoffen gibt es so etwas wie Liebe auf den ersten

Blick. Als Autor wünscht man unentwegt, über Themen und Milieus zu stolpern,

die einen inspirieren wie ein Götterfunken.

Am Gründonnerstag 2020 – Tag 23 des ersten Corona-Lockdowns – las ich in der

Zeitung ein Interview mit Christian Stückl, dem langjährigen Leiter der Oberammergauer

Passionsspiele. Der Gemeinderat von Oberammergau hatte gerade

schweren Herzens beschlossen, die diesjährigen Festspiele wegen der Pandemie

um zwei Jahre zu verschieben. Gut hundert Aufführungen wurden abgesagt und

eine halbe Million Gäste auf 2022 vertröstet. Alle Probenarbeit war umsonst, die

Bärte hatte man vergebens wachsen lassen.

Und das Absurdeste daran: Die Oberammergauer Passion wurde seinerzeit ja ins

Leben gerufen, um eine Pandemie auf alle Zeiten zu vertreiben: die Pest. Nun erzwang

eine weitere Pandemie die Absage dieses Peststücks.

Noch am selben Tag las ich sämtliche Artikel zu Oberammergau, der Pest und

dem Gelübde von 1633, derer ich auf die Schnelle habhaft werden konnte, und ich

wusste, dass dies mein Stoff war. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Die Passionsspiele Oberammergau sind ein theatrales Weltwunder. Alle zehn Jahre

spielt die Gemeinde im bayrischen Alpenvorland das fünfstündige »Spiel vom

Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus«. Mehr als jeder

dritte Einwohner wirkt an der Passion mit, atemberaubende 1.400 davon stehen

allein auf der Bühne. Es ist das am längsten laufende Theaterstück der Geschichte

im berühmtesten Dorf der Welt.

Umso bedauerlicher, dass man über den Grundstein dieser Passionsspiele wenig

weiß. Mitten im Dreißigjährigen Krieg brach in Oberammergau die Pest aus, so

geht die Legende. Innerhalb weniger Wochen starb ein Drittel der Einwohner,


LÖHR

und weil keine Besserung in Sicht war, flehten die verzweifelten Dörfler um himmlischen

Beistand: Sie gelobten, von jetzt bis in alle Ewigkeit die Leidensgeschichte

Christi zu spielen, wenn Gott die Seuche von ihnen nähme.

Und Gott ließ sich auf den Handel ein: Am nächsten Tag waren die Kranken wieder

gesund, und nicht einer starb mehr an der Pest. Allerdings stand Oberammergau

nun auch in der Pflicht, die Passion zu spielen. Ein rückständiges Bergdorf im

Ausnahmezustand – den Krieg und die Pest hinter sich und den Hunger vor sich –

musste in kürzester Zeit ein Theaterstück auf die Beine stellen; musste eine Bühne,

Kostüme und sogar einen Text organisieren.

Ich bin keineswegs der erste Autor, der sich dem legendären Ursprung der Oberammergauer

Passion widmet. Insbesondere in den 1930ern entstanden einige

Romane über das »Wunder von Oberammergau«, z.B. von Leo Weismantel oder

Luis Trenker. Aber zum einen legen diese Werke den Fokus mehr auf die Zeit vor

der Pest als auf die danach, und zum anderen kann man heute deutlich säkularer

und unverblümter erzählen.

Mein letzter historischer Roman, »Krieg der Sänger«, liegt 13 Jahre zurück; seitdem

habe ich vor allem für Film und Bühne geschrieben. Ich freue mich sehr über

meine Rückkehr zum Roman und zu Piper. Beim Schreiben von »Oberammergau«

habe ich aus dem Vollen geschöpft. Ich hatte lange nicht so viel Spaß an Sprache,

Figuren und Konflikten.

Ihnen wünsche ich eine spannende Lektüre. Krieg und Pest, Liebe und Hass,

Bauerntheater und ein göttliches Wunder – die nötigen Zutaten sind vorhanden.

Herzliche Grüße

Ihr Robert Löhr

41

ROBERT LÖHR

BRIEF


42

ROBERT LÖHR

LESEPROBE

LESEPROBE

Die Passion musste auf Gräbern gespielt werden. Wegen

der leichten Neigung des Geländes, das wie ein

natürliches Amphitheater war, wegen der Nähe zur

Kirche und vielleicht auch, weil der alte Pfarrer an

der Pest gestorben war und keinen Einspruch hatte

erheben können, war beschlossen worden, die Bühne

auf dem Friedhof zu errichten – an der Mauer ein

Podium von etwa zehn auf fünf Schritt Größe. Nach

dem großen Sterben war der Platz allerdings so knapp

geworden, dass die Bühne nach ihrer Fertigstellung

einige der jüngeren Grabstätten überdecken würde:

die von Veit und Anna Streitl, von Karl Madlener und

sämtlichen Gintharts, die der Geschwister Lang und

Pfarrer Christeiners. In der schlimmen Zeit hatte einzig

der Pfarrer ein Kreuz erhalten; ein schmuckloses

Holzkreuz, das man vor Baubeginn aus der Erde

gezogen und flach aufs Grab gelegt hatte.

Der Bühnenbau, der unmittelbar nach dem Gelübde

mit großem Elan begonnen worden war, war über den

Winter gezwungenermaßen zum Erliegen gekommen

und wurde jetzt, in den ersten Tagen des Frühlings,

nur mit halber Kraft wieder aufgenommen. Auf

der rückwärtigen Seite der Mauer lagen noch zahlreiche

der Bäume, die man im Graswangtal geschlagen

und unbemerkt nach Oberammergau gebracht hatte,

und harrten, von Altschnee bedeckt, ihrer Verwendung.

Und obwohl es Sonntag war und der Dienst an

der Passion doch Dienst an Gott, waren zur Arbeit

am Podium lediglich vier Mann und der Schwede

erschienen, und zum Vorsprechen nur ein knappes

Dutzend.

Im Schatten der Kirche fror Johannes neben Rosalie

und Gregor dem Schmied und ließ den Blick verdrossen

über die potentiellen Darsteller gleiten. Ein

knappes Dutzend, das genügte nicht einmal für alle

Apostel. Aber immerhin hatte die Frau des Gastwirts

zum Auftakt eine glaubwürdige Maria Muttergottes

dargeboten; mit dem Mut zum Gebärdenspiel und der

kräftigen Stimme einer, die gewohnt ist, sich in einer

vollen Wirtsstube Gehör zu verschaffen.

Jetzt folgte ihr ein Mann auf das unvollendete Podium:

kräftig, aber auf eine gedrungene Art, mit niedriger

Stirn und Blatternarben im Gesicht. Er nahm den

Filzhut vom rothaarigen Haupt und begann augenblicklich,

ihn in seinen Händen zu kneten.

»Grüß dich Gott und willkommen«, sagte Johannes.

»Magst du dich kurz vorstellen? Ich bin ja neu in der

Gemeinde und kenne bei weitem noch nicht alle Mitglieder.«

»Ich bin Franz Faistenmantl, Hochwürden. Ich zähle

33 Jahre. Ich bin Schnitzer.«

»Grobschnitzer«, raunte Gregor so leis, dass es Franz

auf der Bühne nicht hören konnte.

»Was ist der Unterschied?«, fragte Johannes leise zurück.

»Es gibt die Grobschnitzer und die Herrgottsschnitzer.

Vom Herrgottsschnitzer ist das Kruzifix in meiner

Stube, das mich jeden Tag daran erinnert, wie

der Heiland für unsere Sünden gelitten hat. Vom

Grobschnitzer ist das Kruzifix im Stall, das meine

Schweine schützt.«

»Franz: Hast du dir vielleicht schon eine Rolle überlegt,

die du in der Passion gerne spielen würdest?«

»Ja. Den Jesus.«

Johannes war so verblüfft, dass er die unsinnige Nachfrage

»Jesus Christus?« stellte.

»Ja.«

»Einen Augenblick, bitte.«

Johannes, Gregor und Rosalie steckten die Köpfe zusammen.

»Ich bin Christus«, sagte Gregor. »So hatten

wir es vereinbart.«

»Ich weiß das«, erwiderte Johannes, »aber Franz weiß

es nicht. Und wir hatten gesagt, ein jeder darf sich um

jede Rolle bemühen.«

»Er soll ein paar Sätze sagen, dann danken wir ihm

und bieten ihm einen der Händler im Tempel an«,

schlug Rosalie vor. »Oder diesen einen da, der Jesus

beim Tragen hilft.«

Lächelnd wandte sich Johannes wieder der Bühne zu.

»Kannst du uns denn einmal zeigen, wie du dir den

Jesus vorstellst, lieber Franz?«

»Gibt es einen Text?«

»Nein, es gibt noch immer keinen Text«, meinte Gregor

mit einem hörbaren Unterton.


43

ROBERT LÖHR

LESEPROBE

»Ich bin beinahe damit fertig«, sagte Johannes. »Aber

bis dahin, Franz, sag einfach irgendetwas.«

»Was denn?«

»Was du möchtest. Vielleicht etwas, das auch Jesus

sagen würde.« Und auf Franz’ stupiden Blick: »Ein

Paternoster zum Beispiel.«

»Unser Vater im Himmel –«

»Schau mal, warte, wir stellen die Loni gleich an deine

Seite« – Johannes winkte die Frau des Gastwirts zurück

auf die Bühne – »sie wird die Maria spielen« –

und auf Gregors Räuspern: – »sie wird möglicherweise

die Maria spielen, wäre dann also deine Mutter. Vielleicht

hilft dir das mit ihr an deiner Seite. Und noch

einmal von vorn. Laut und deutlich!«

Ganz augenscheinlich half es Franz nicht, das mit

Loni an seiner Seite. Gefühllos und viel zu schnell

sagte er das Gebet auf.

Gregor wartete nicht, bis der Grobschnitzer fertig

war. Er zog Johannes am schwarzen Priesterrock einige

Schritte in die Reihen der Gräber hinein, fort von

Rosalie und dem Gerüst der Bühne.

»Wohin soll das führen?«, sagte er. »Warum geben wir

diesem blatternarbigen Trampel die Illusion, er könne

Jesus spielen? Und erwägen wir allen Ernstes, eine

Frau, die im Dorf vor allem für ihre Schamlosigkeit

bekannt ist, zur Jungfrau Maria zu machen?«

»Es haben sich bislang keine anderen Frauen gemeldet

und Loni hat hervorragend gespielt. Und der Herr

spricht: Ich bin gekommen, die Sünder –«

»Aber warum haben sich denn bislang keine anderen

Frauen gemeldet? Warum haben wir keine Auswahl?

Warum steht da nur diese traurige Handvoll Freiwilliger

und nicht das ganze Dorf? Prügeln müssten sie

sich um das Heil, auf dieser Bühne stehen zu dürfen!

Und warum gibt nicht jeder Mann Oberammergaus

jede freie Stunde hin, diesen Tempel mit aufzurichten?

Was haben die Menschen denn Wichtigeres zu

tun an einem Sonntag?«

Johannes hatte viele Erklärungen, warum dem so war:

Weil die Pest ein halbes Jahr zurücklag und man inzwischen

geringere, aber dringendere Sorgen hatte.

Weil manche Oberammergauer, die nicht beim Gelübde

zugegen gewesen waren, sich diesem auch

nicht verpflichtet fühlten, während manche, die den

Schwur geleistet hatten, sich jetzt dafür genierten:

Was war in jener Nacht nur in sie gefahren, Gott ein

Passionsspiel zu versprechen, und zwar nicht nur eines

davon, sondern unendliche viele, von jetzt bis ans

Ende der Zeit? Einige Oberammergauer mochten

bühnenscheu sein, andere hielten das Theater möglicherweise

für verderbt und wieder andere trauten es

dem Dorf vielleicht gar nicht zu, diese Herkulesaufgabe

zu stemmen. Oder sie trauten es nur ihm nicht

zu, Johannes, dem neuen, unerfahrenen Pfarrvikar

aus dem Tiefland.

»In drei Monaten ist Pfingsten«, fuhr Gregor fort,

»und wir haben kaum Darsteller; wir haben noch keinen

Text, keine Bühne, keine Kostüme – wir haben

noch nicht einmal ein Kreuz!«

»Ich weiß.«

»Du bist der Pfarrer der Gemeinde! Sei du der Schäfer,

treib sie von der Kanzel aus zusammen; erinnere sie

an ihre Pflicht, an den Schwur, den sie hier auf diesem

heiligen Boden vor Gott getan haben! Wer ist das

Haupt der Passion?«

»Ich?«

»Du bist das Haupt der Passion, genau! Sag ihnen

jetzt, dass ich Christus bin. Sag Franz, er soll beim

Bühnenbau helfen.«

»Gut.«

»Und bei der Gelegenheit: Schick Rosalie fort. Ich

ertrage diesen eisigen Blick nicht, und noch weniger

ihre Bemerkungen. Das Weib schweige in der

Gemeinde.«

»Rosalie brennt für die Passion. Sie ist eine große

Hilfe.«

»Mag sein, aber sie ist wunderlich. Menschen senken

den Blick, wenn sie an ihnen vorbeigeht. Das letzte

Jahr hat ihren Geist zerrüttet.« Gregor fügte eine entsprechende

Geste an.

Ein Schrei unterbrach die Unterredung der beiden.

Loni sprang von der halbfertigen Bühne und zeigte

mit dem Finger auf Franz. »Eine Beule, er hat eine

Beule am Hals!«, rief sie.

Sofort brach Panik aus auf dem Kirchhof. Die Wartenden

schlugen Tücher und Hände vors Gesicht, die

Zimmerleute entfernten sich vom Podium, und selbst

Franz schien fliehen zu wollen, gewissermaßen vor sich

selbst. Johannes rückte unwillkürlich hinter Gregor

und hielt sich an ihm fest, als wäre die Pest ein wildes

Tier, vor dem dieser ihn schützen könnte. Mund und

Nase barg er in seiner Armbeuge.


44

ROBERT LÖHR

LESEPROBE

»DAS

GELÜBDE!«,

DONNERTE

GREGOR ÜBER

DEN FRIEDHOF.

»DAS GELÜBDE

SCHÜTZT

UNS!«

Nur drei Menschen blieben unbeeindruckt: Gregor,

Rosalie und der Schwede. »Das Gelübde!«, donnerte

Gregor über den Friedhof. »Das Gelübde schützt uns,

ihr Kleinmütigen!«

»Es ist nicht die Pest!«, rief Franz »Ich schwöre, es ist

nicht die Pest! Ich habe kein Fieber, es geht mir gut!

Ich war doch damals selbst krank und weiß, wie es

sich anfühlt! Die Beule schmerzt nicht, seht her!« Er

zog den Kragen herunter und drückte mit dem Zeigefinger

auf der Beule herum, die tatsächlich klein und

farblos war und unter dem Druck nicht aufplatzte.

Zum Unbehagen der Umstehenden trat Rosalie an die

Bühnenkante, dem Kranken entgegen, um die Beule

von Nahem zu betrachten.

»Er soll sich ausziehen«, rief jemand aus der Menge.

Franz sah hilfesuchend zu Gregor Plaikner, der doch

ein Mitglied des Sechserrates war und folglich im

Dorf etwas zu sagen hatte. Aber der Schmied war

derselben Meinung. Also blieb Franz nichts, als sich

an Ort und Stelle zu entkleiden. »Ganz ausziehen!«,

rief es zwischendrin – denn wenn es Pestbeulen gäbe,

wären sie nicht nur am Hals und unter den Achseln,

sondern auch in der Leiste zu finden.

Franz zog alles aus bis auf die Strümpfe. Nackt stand

er vor ihnen, fror in der Märzeskälte, bedeckte halbherzig

seine Scham und ließ sich von den Blicken der

Anwesenden untersuchen. Als er die Beine spreizen

und den Blick auf sein Geschlecht freigeben musste,

lachte irgendwo ein Kind.

Man sah die Narben und schwarzen Flecken, die die

Pest auf Franz’ Haut zurückgelassen hatte, aber keine

weiteren Geschwüre. Franz durfte sich wieder anziehen.

Einer der Zimmerleute wagte jetzt sich aufs

Podium, um die Schwellung an Franz’ Hals zu prüfen.

»Vielleicht ein Furunkel oder ein eingewachsenes

Haar«, sagte der Mann und zog ein kleines Schnitzmesser

aus dem Gürtel. »Darf ich?«

Franz, der bislang nur die Hosen wieder angezogen

hatte, seufzte und streckte den Kopf so, dass der andere

ihn in den Hals schneiden konnte.

»Wer ist das?«, flüsterte Johannes zu Gregor.

»Das ist der Herrgottsschnitzer. Das ist Anton, Franz’

Bruder.«

»Sein Bruder?«

»Sein Halbbruder.«

Denn unterschiedlicher hätten die beiden Männer

nicht sein können. Der Bruder hatte helles langwelliges

Haar, einen dichten Bart, makellose Haut, eine

edle Körperlinie und überhaupt ein freundliches,

einnehmendes Wesen. Mit ruhiger Hand tat er den

Schnitt. Franz verzog das Gesicht. Anton stocherte

mit der Messerspitze in der Öffnung herum und

hielt bald einen weißen Knoten zwischen blutigen

Fingern: ein harmloser Grützbeutel. Das Publikum

applaudierte. Franz presste zwei Finger auf die Wunde,

aus der überraschend viel Blut floss. Offensichtlich

war eine Ader durchtrennt worden.

In diesem Augenblick rissen die Wolken über dem

Kofel auf, und Sonnenstrahlen fielen auf den Kirchhof

von Sankt Peter und Paul. Wie Anton so im warmen

Licht stand und seinem Bruder lächelnd die

Hand auf die Schulter legte, da musste Johannes kurz

nach Atem ringen. Anderen erging es ebenso.

»Anton«, sagte Johannes, »möchtest du nicht auch

einmal vorsprechen?«

»Ich, Hochwürden?«

»Ja, bitte.«

»Ich fürchte, mir fehlt das Talent. Ich will niemanden

langweilen. Ich bin doch lediglich hier, um beim

Zimmern der Bühne zu helfen.«

»Versuch es einmal, nur kurz. Sprich ein paar Sätze –

was immer dir gerade in den Sinn kommt.«

Anton blies die Backen auf, zuckte mit den Schultern,

schaute fragend zu Franz. Dann schnipste er den

Grützbeutel weg und deklamierte – »Selig sind die

Armen im Geiste« – die gesamte Bergpredigt.


Niemand regte sich. Aller Augen waren auf Anton gerichtet.

Zu seinen Worten kam unwillkürlich auch die

Gestik, und das Blut an seinen Händen verstärkte den

Eindruck. Mangels anderer Mitspieler richtete Anton

einige seiner Worte an Franz, der wie versteinert danebenstand

mit seinem freien Oberkörper, dem haarigen

Rücken und dem offenen Mund – als hätte Jesus einen

Bruder; einen älteren, begriffsstutzigen, von der Geschichte

vergessenen Halbbruder.

Als Anton geendet hatte, schob sich wieder eine Wolke

vor die Sonne. Alle blieben still, bis Rosalie irgendwann

sagte: »Du musst unseren Jesus spielen.« Und

Loni pflichtete ihr bei, indem sie ihren Ärmel hochzog

und den Unterarm präsentierte: »Seht euch das an,

Gänsehaut.«

Anton schüttelte lachend den Kopf. »Ich gebe gerne

einen der geringeren Apostel, wenn kein anderer vortritt,

aber bitte, nicht den Jesus. Das ist über mir. Und

ich werde meinem Bruder gewiss nicht die Rolle wegnehmen.«

Gregor trat nun vor. »Dein Bruder ist nicht Christus,

ich bin Christus. Das haben Pfarrer Fink und ich

bereits besprochen.«

Unmut machte sich daraufhin breit, und da Gregor

auf Johannes wies, den Verantwortlichen, richtete

sich der Unmut gegen ihn. Johannes hob beschwichtigend

die Hände: »Das entscheide aber nicht ich! Ich

bin schließlich neu in der Gemeinde. Ihr kennt einander

besser – warum stimmt ihr nicht einfach ab? Ja,

genau, wir wollen das Urteil des Volkes hören.«

Gregor schaute argwöhnisch, erhob aber keinen Einspruch.

Also stieg Johannes zu den Brüdern aufs Podium

und sprach zu den versammelten Ammergauern:

»Hört mich an: Wir entscheiden jetzt, wer euer Messias

werden soll: Gregor – oder Anton.«

»Oder Franz«, sagte Franz, der noch immer nicht zu

bluten aufgehört hatte.

»Natürlich, ja, verzeih: Oder Franz. Wollen wir vielleicht

mit den Stimmen für Anton beginnen?« Johannes

legte eine Hand auf Antons Schulter. »Ich enthalte

mich der Stimme, damit nicht der Eindruck entsteht,

ich würde das Ergebnis beeinflussen wollen. – Hebt

eure Hände, wenn ihr der Meinung seid, dass Anton

hier, der uns gerade eine so makellose Probe seines Könnens

dargeboten hat, den Christus von Oberammergau

geben soll.«

27.

FEB

2026

ROBERT LÖHR

OBERAMMERGAU

Hardcover mit Schutzumschlag

480 Seiten

26,00 € (D) 26,80 € (A)

ISBN 978-3-492-07408-7

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


46

ANNE BEREST

VATERTAGE


ANNE BEREST

Vatertage

Nach ihrem Welterfolg mit Die Postkarte, dem Buch

über die Familie ihrer Mutter, widmet Anne Berest dies

neue Kapitel ihres Romanwerks dem väterlichen, dem

bretonischen Zweig ihrer Familie. Schon der Ururgroßvater

lebte im Finistère. Wie schon in Die Postkarte

vermischt sich die private mit der »großen« Geschichte,

von der Gründung der ersten Bauerngenossenschaften

bis zum Mai 1968, von der deutschen Besatzung eines

Dorfes im Léon bis zur Zerstörung der Stadt Brest.

Anne Berest wurde 1979 in Paris geboren. Sie arbeitete

als Schauspielerin, Regisseurin und gab eine Theaterzeitschrift

heraus, bevor sie 2010 ihren ersten Roman

veröffentlichte, 2017 schrieb sie gemeinsam mit ihrer

Schwester Claire ein Buch über ihre Urgroßmutter:

Ein Leben für die Avantgarde - Die Geschichte von

Gabriële Buffet-Picabia. Mit Die Postkarte, dem Roman

über ihre Vorfahren Rabinovitch gelang Anne Berest ein

literarischer Coup - das Buch war auf der Shortlist sämtlicher

großer Literaturpreise in Frankreich und wurde ein

internationaler Bestseller.


48

ANNE BEREST

LESEPROBE

LESEPROBE

Jeden Sommer verließen wir unsere Pariser Banlieue

und fuhren in die Bretagne, das Land meines Vaters,

in dem er zur Welt gekommen war, ganz wie sein Vater

und der Vater seines Vaters vor ihm.

Die Reise begann am Bahnhof Montparnasse unter

den Vasarely-Fresken, ihren seriellen Formen, ihren

kinetischen Motiven, deren satte Farben sich unter

einer schwarzen Schmutzschicht eintrübten.

Meine beiden Schwestern und ich waren die ersten

einer Abstammungsreihe, für die der Bahnhof Montparnasse

kein Ziel mehr war, sondern ein Ausgangspunkt.

Die ersten Berests, die außerhalb des Département

Finistère geboren wurden. Und dieser bloße

Richtungswechsel schrieb uns einen Unterschied ein,

den die vorhergehenden Generationen sich nicht hätten

vorstellen können. Ich fühlte mich deswegen meinem

Vater auf kaum merkliche Weise fremd.

Unsere Koffer auf dem Bahnsteig, die voller Bücher

für unsere Eltern waren, wogen schwer wie Baumstämme.

Meine Mutter Lélia arbeitete damals an

ihrer Habitilationsschrift mit dem nüchternen Titel

Anapher und Bestimmung, während mein Vater Pierre,

ebenfalls Wissenschaftler, sich weiter seinem Werk

Variationsrechnung: Anwendungen in der Mechanik und

der Physik widmete. Wir hatten die Schreibmaschine

dabei, eine grell orangefarbene Robotron Cella,

wuchtiges, gedrungenes Biest, das genauso viel Platz

einnahm wie meine kleine Schwester – und weniger

herumzappelte. Die Schreibmaschine besaß ihre eigene

Ledertasche sowie, Gipfel der Modernität, ein

zweifarbiges Tintenband in schwarz und rot.

Der Corail-Zug, in den wir uns buchstäblich hineinhievten,

war ein Kofferwort aus confort und rail,

Symbol einer bequemen, kollektiven und effizienten

Fortbewegung.

Ungeheure Errungenschaft: Wir brauchten nur sieben

Stunden bis Brest. Unsere Eltern erinnerten uns

daran, welches Glück wir hatten, Kinder einer schnellen

Epoche zu sein, einer modernen Epoche, in der

Klimatisierung für alle Reisenden erschwinglich war.

Schluss mit dem Mief von hartgekochten Eiern und

Salami, mit Achselschweiß, Schwangeren, denen

übel wurde, und vor Hitze krebsroten Babys. Dieser

Zug im peppigen Industriedesign, mit seinen lebhaften

Farben, seinem giftgrünen Speisewagen, war wie

ein Wunder in unser Leben getreten, zugleich mit

François Mitterrand.

In den Raucherwaggons wurde die Luft nach vier

oder fünf Stunden Fahrt dick wie Kinonebel, und

man konnte die Menschen am anderen Ende des

Wagens nicht mehr erkennen. Der Weg zur Toilette

führte durch die Gummiwulstübergänge. Ich kam

mir vor wie in einem riesigen Akkordeon. Der ohrenbetäubende

Lärm und die Vibration der Gleise unter

meinen Füßen machten mir Angst.

Ich fürchtete auch die Männer in den Zügen, die die

Kinder penetrant anstarrten. Während der gesamten

Strecke hefteten sich ihre Begierden an uns, für die Augen

der Erwachsenen unsichtbar. Wir spürten ihre Beharrlichkeit,

hautnah, greifbar. Ich versteckte mich hinter

den senfgelben Plisseevorhängen aus kratziger Wolle,

die den Zigarettengestank ungerührt aufnahmen.


49

ANNE BEREST

PRESSESTIMME

In Die Postkarte begann Anne Berest, sich mit den Erinnerungen ihrer Mutter

auseinanderzusetzen. In ihrem neuen Buch lässt sie die Seite ihres Vaters Pierre

zu Wort kommen. Das Unterfangen ist weniger offensichtlich, weil das Leben der

Familie Berest nicht von Russland über Palästina bis nach Frankreich im Zuge

der Turbulenzen der Geschichte verläuft, die so reichlich episches Material bieten.

In diesem Buch geht es um eine Familie aus Saint-Pol-Léon im Finistère, die

einen raschen sozialen Aufstieg erleben: Innerhalb weniger Jahrzehnte führt der

die Bérests nach Paris. Der Akzent des Namens geht dabei verloren. Pierre wird

ein angesehener Wissenschaftler, seine Töchter Anne und Claire erfolgreiche

Autorinnen. Indem man Pierre ins Paris der 1968 folgt, wo er ein

Studentenleben führte, das sich so sehr von dem seiner Väter unterscheidet, wird

einem der grundlegende Wandel der Zeit, der Zivilisation bewusst. Die ländliche

und traditionelle Gesellschaft macht Platz für die Großstadt und ihre tektonischen

Verschiebungen, die alle Sitten und Glaubensvorstellungen auf den Kopf stellen.

In weniger als einem halben Jahrhundert erleben die Berests den Wandel von

einer bäuerlichen, stabilen Welt hin zum Wirbelwind der 68er-Jahre. Anhand

von Pierres Lebensweg verfolgen wir die ideologischen Strömungen dieser Zeit,

ihre Strategien und Rivalitäten. Der brillante Mathematik-Student aus der

Bretagne, kann sich der politischen Naivität seiner Generation nicht entziehen.

Er und seine Zeitgenossen pflegen die Utopie einer neuen Welt, die bald durch die

wirtschaftliche und soziale Krise und den Beginn der AIDS-Ära ausgelöscht

werden wird.

Aber man sollte nicht glauben, dass es um eine soziologische Studie geht. Anne

Berest verliert nie aus den Augen, dass dieses Fresko, auch wenn es eine Epoche

charakterisiert, in erster Linie das Porträt eines Mannes ist. Sie hat sein Gesicht

vor Augen, wenn sie schreibt; es ist ihr Vater, von dem sie spricht. Sie erzählt seine

Geschichte, aber auch ihre gemeinsame Geschichte, mit allen Gefühlsausbrüchen,

dem Schweigen, allen Missverständnissen. Die Autorin tritt immer mehr in den

Vordergrund, je näher die Ereignisse ihr kommen. Insbesondere nach der

Ankündigung von Pierres Krankheit ist es sie, Anne Berest, eine Frau von heute,

mit ihrem Leben als Frau, Mutter und Autorin, die die Erzählung vorantreibt.

Sie verschweigt dabei nicht, worum es ihr geht: eine lange Liebeserklärung an

den mittlerweile verstorbenen Vater zu schreiben.

LE FIGARO


50

ANNE BEREST

LESEPROBE

In Morlaix fuhr der Zug herrschaftlich hoch über

der Stadt ein. Vom Viadukt aus lauerte ich auf das

plötzliche Erscheinen einer Flut sich türmender

nachtblauer Schieferdächer, gleich einer Weite versteinerter

Wogen. Von hier aus war es nur noch eine

Stunde Fahrt bis Brest, dem äußersten Zipfel, Ende

der Welt, Finis Terrae. Weiter ging es nicht. Danach

kam Amerika.

Ab der Endstation mussten wir unsere Koffer-Bibliotheken,

die uns nach der erschöpfenden Reise

noch schwerer vorkamen, weiterschleifen. Wir gingen

zu Fuß zu meinen Großeltern, die nur ein paar

Hundert Meter vom Bahnhof entfernt wohnten. Ich

nannte sie Omi und Opi, und mir kam gar nicht in

den Sinn, dass sie auch Namen hatten. In meinen

Augen hatten sie nur eine Rolle: die meiner bretonischen

Großeltern, gleichzeitig reale und ferne Wesen,

denen gegenüber ich eine Mischung aus Respekt

und Scheu empfand.

Der Vater meines Vaters war ein charismatischer

Mann, der »Ämter bekleidete«. Er war Bürgermeister

von Brest gewesen, vor meiner Geburt, angetreten

mit dem Slogan BÉREST FÜR BREST, nomen est

omen, wie beim Fußballer Jérémy [Fuß] Pied. Er hatte

keine Politiker-»Karriere« hinter sich, sondern war

Lehrer für Französisch, Latein und Griechisch. Das

war sein Trumpf, als er im Rathaus kandidierte. Und

später wurde er als der Literaturlehrer-Bürgermeister

bekannt.

Ich fühlte mich meinem Großvater gegenüber immer

befangen. In seiner Gegenwart spielte ich unwillkürlich

das vorbildliche kleine Mädchen – ein Verhalten,

das ich später auch in anderen Situationen annehmen

sollte. Ich veränderte meine Art, zu sein, lächelte

albern, verbog mich, um zu gefallen. Ich begriff nicht,

dass ich dadurch affektiert wirkte, unnatürlich und

reizlos.

Eugène Bérest starb 1994. In jenem Sommer, in dem

ich fünfzehn wurde, hatte ich die Schlaghosen meiner

Mutter aus den Tiefen ihrer Schubladen gekramt.

Ich zog nur gebrauchte Klamotten vom Trödel oder

vom Weinfest in Bagneux an – alten Fummel, der

mir durchdrungen schien von der Erinnerung jener,

die ihn in bedeutenderen, wahrhaftigeren Epochen

getragen hatten. Ich hatte dieses Faible für die

Vergangenheit und den Eindruck, zu spät geboren

zu sein, in eine Zeit, die nicht meine war. Mir schien,

als hätte alles, was zählte, alles, was es wert war, gelebt

zu werden, bereits stattgefunden, vorher, ohne

mich. Ich sehnte mich nach Freundschaften, die

ich nicht erfahren hatte, deren Möglichkeit ich in

Büchern suchte. Ich klapperte die Programmkinos

ab, um alte Filme zu sehen. Danach war ich immer

ein wenig melancholisch, fand mein Leben öde und

banal.

In den Tagen nach Eugènes Tod vertraute meine

Großmutter Odile meiner Mutter Lélia, ihrer

Schwiegertochter, ein paar Hefte an. Vier Schulhefte

der Marke Oxford, in denen mein Großvater einige

seiner Erinnerungen festgehalten hatte, ehe er starb.

Ich weiß nicht, warum, doch als ich diese Hefte sah,

hatte ich eine Art Erinnerung an die Zukunft, wie es

in der Kindheit und Jugend manchmal vorkommt. Ich

wusste, dass sie eines Tages in meinen Besitz gelangen

würden.


51

ANNE BEREST

LESEPROBE

Und so kam es, dreißig Jahre später. Ich hatte gerade

einen Roman veröffentlicht, der die Geschichte

meiner Familie mütterlicherseits, den Rabinovitchs,

russischen und polnischen Juden, erzählte. Die

wahre Geschichte einer an meine Mutter Lélia

gesandten anonymen Postkarte. Lélia war es auch,

die unerschöpfliche Matrix, immer eine Kippe im

Mundwinkel, die aus einer Schublade die vier Oxford-Hefte

mit Schottenmuster meines Großvaters

für mich herauszog. Ich habe sie sofort wiedererkannt.

»Weißt du, ich glaube, dein Vater würde sich freuen,

wenn du da mal einen Blick reinwerfen würdest«,

sagte sie.

Da mein Vater kein besonders gesprächiger Mensch

war, nahm meine Mutter oft für uns, seine Töchter,

die Dolmetscherrolle ein.

Genau an diesem Tag erhielt ich eine Mail von ihm.

Das geschah äußerst selten. Er hatte gerade das Buch

ausgelesen, das ich über meine Familie mütterlicherseits

geschrieben hatte, und schloss seine Anmerkungen

dazu folgendermaßen:

Schach mit Bakunin

Der Typ, der auf Pierre zukam, trug eine Brille mit

rundem Gestell, hatte hohe Wangenknochen und

wie Baumwollwerg verfilztes Haar. Es war ein junger

Mann mit olivfarbener Haut, stumpf vom Schlafmangel

und exzessivem Tabakgenuss. Seinen glühenden

schwarzen Augen war anzusehen, dass er klar

und präzise denken konnte. Eine überbordende Intelligenz.

Im Grunde sah er so aus, wie das, was er war,

ein Philosophiestudent im ersten Studienjahr.

Er war Pierre am Ausgang des Gymnasiums aufgefallen.

Angeblich wollte er den Gymnasiasten Zeitschriften

verkaufen – doch das war nur ein Vorwand

für andere geheime Aktivitäten. Er schwenkte die von

der kommunistischen Partei herausgegebene Zeitschrift

Nous les garçons et les filles, eine Art Chanel-rote

Version von Salut les copains.

Daher war Pierre nicht überrascht, als der Typ ihn

fragte: »Interessierst du dich für Politik?«

Er klopfte ihm freundlich auf die Schulter und antwortete:

»Ja, ich interessiere mich für Politik. Aber hör

Als deine Mama mir vor langer Zeit sagte, sie verspüre

den Drang, die Geschichte ihrer Familie aufzuzeichnen

– so wie du ihn verspürt hast -, habe ich ihr

gesagt, dass das gut sei, dass es aber auch das Leben

gebe, euch drei, alles, was wir noch zu tun hatten.

Diesbezüglich hatte ich nie etwas zu befürchten. Ich

sage dir nun dasselbe, ohne wahre Sorge. Du bist

dem Äußeren nach mehr Viviane oder Yseult als

Esther oder Judith. Das musst du nicht bedauern.

De Gaulle schreibt, Frankreich forme die Völker.

Ich stamme von einem einfachen Menschenschlag

ab, von Bauern und Seeleuten, oft hart im Nehmen,

über alle Maßen treu.

In jener Nacht in meinem Bett hörte ich, wie die Hefte

nach mir riefen. Sie enthielten Lebensbruchstücke

meines Großvaters, seine Kindheit im Finistère, in

Saint-Pol-de-Léon. Und ich hoffte, ohne es mir wirklich

einzugestehen, darin den Stoff für einen Roman

zu finden. Vermutlich rau, schmucklos und wortkarg.

Doch ich sollte einige Männer kennenlernen, von deren

Anstand, Zurückhaltung und Schüchterneit ich

keinerlei Vorstellung gehabt hatte.


52

ANNE BEREST

PRESSESTIMME

»In ihrer Familie ist Anne Berest diejenige, der man die Notizbücher, Fotoalben und

Archive weitergibt. Nach dem Tod ihres Großvaters väterlicherseits, Eugène, erbt sie vier

Schulhefte, in denen dieser einige Erinnerungen festgehalten hatte – Material, von dem

sie weiß, dass es eines Tages zu einem Buch werden wird. Aber wie schreibt man über das

Leben eines wortkargen Mannes, der ein brillanter, aber extrem zurückhaltender

Wissenschaftler ist, der ganz den schweigsamen Charakter der Menschen aus dem

Finistère geerbt hat? »Mein ganzes Leben lang habe ich meinen Vater als ein Rätsel

betrachtet«, gesteht die Schriftstellerin angesichts der Schwindel erregenden Aufgabe, die

sie sich gestellt hat. Indem sie die Geschichte dieser Familie erzählt, gelingt es ihr, eine

ganze Epoche wieder zum Leben zu erwecken, vom Frankreich der Zwischenkriegszeit

bis zu den Verwüstungen der AIDS-Epidemie, aber auch das Rätsel der Verbindung

zwischen Vätern und ihren Töchtern zu entschlüsseln. In Vatertage folgt Anne Berest

dem Leben ihres Urgroßvaters Eugène, Gründer einer landwirtschaftlichen

Genossenschaft, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Bauern

einsetzte; ihres Großvaters, ebenfalls namens Eugène, der lieber Altphilologie in Pars

studerte, als die Kooperative zu übernehmen, und ihres Vaters Pierre, dessen manchmal

gewaltbereites Engagement für die Trotzkisten sie entdeckt. Eine Reihe von Männern,

die die jeweils Erwartungen ihrer Väter enttäuscht haben.

In diesem Buch hinterfragt Anne Berest ihr eigenes Gefühl der Schuld. »Vatertage ist ein

Buch, das ich im Zorn geschrieben habe«, erklärt die Schriftstellerin dem Point. »Aber als

ich es fertiggestellt hatte, begriff ich, dass dieser Zorn, verbunden mit dem Eindruck,

meinen Vater enttäuscht zu haben, typisch für Menschen ist, deren Eltern und

Großeltern sich politisch und sozial engagiert haben und die sich diesem Engagement

nicht gewachsen fühlen.« Dieser Roman beweist, wie dringend notwendig es ist, die

Lebenden zu dem Thema zu befragen, das ihr Leben geprägt hat. Und ihnen unsere

Liebe zu bezeugen.«

LE POINT


53

ANNE BEREST

LESEPROBE

mal, deine Zeitschrift … Nimm’s mir nicht übel, Genosse

… das kann man nicht ernst nehmen …«

Pierre hatte absichtlich »Genosse« gesagt, damit sein

Gegenüber sich in seinen Absichten keinesfalls täuschte.

Er verdeutlichte: »Ihr möchtet Kritik an Salut les

copains äußern und an der gesamten amerikanischkapitalistischen

Ideologie, die ihr zugrundeliegt. Aber

ihr kopiert ihre Aufmachung und benutzen dieselbe

Typographie.«

»Na und?«

»Na ja … Wen man imitiert, den kann man weder anklagen

noch ihm widersprechen. In meinen Augen

habt ihr euch dadurch von vornherein unglaubwürdig

gemacht.«

»Du bist Pierre Berest, stimmt’s?«

»Ja.«

»Du spielst gern Schach, heißt es.«

»Du bist gut informiert.«

»Hast du Lust, gehen wir in den Park nebenan? Wir

könnten eine Partie spielen.«

Pierre nickte nur und folgte dem Typen.

»Setzen wir uns dort hin?«, schlug der Student vor und

deutete auf eine Bank auf dem Platz.

Pierre hatte das Gefühl, zu einem Treffen zu gehen,

das schon vor langer Zeit vereinbart worden war. Der

Student ließ zwischen ihnen etwas Platz, um ein zusammenklappbares

Schachbrett aus Pinienholz abzulegen,

das er aus seiner alten Ledertasche gezogen

hatte.

»Also du leitest das Aktionskomitee der Gymnasiasten?«,

fragte der Student, während er das Schachbrett

aufklappte.

»Nein«, antwortete Pierre verärgert. Geschwätzige

Spieler konnte er nicht ausstehen. Für ihn war Schach

etwas, das man schweigend spielte.

»Ach nein?! Bist du dir sicher?« fuhr der Typ fort. »Ich

habe dich aber Flugblätter verteilen sehen.«

»In dem, was du sagst, stecken zwei Irrtümer. Erstens

wird das Aktionskomitee der Gymnasiasten erst gegründet,

offiziell gibt es noch keins. Zweitens leite ich

gar nichts, bei uns gibt es keine Hierarchie.«

»Seid ihr Anarchisten?«

Der Student kippte alle Schachfiguren aus und Pierre

wusste sofort, dass in dem Spiel drei weiße Figuren

fehlten. Er musste sie nicht zählen, das sah er einfach.

»Nein«, erwiderte Pierre gereizt, »wir sind keine Anarchisten

… ich glaube, es fehlen Bauern in deinem

Satz.«

»Aber wenn ihr ein Aktionskomitee gründet, wird

das ziemlich zeitraubend für dich werden … Hast du

keine Angst, deine Auswahlprüfungen zu verhauen?«

Der Typ kramte lang in seiner Tasche herum, auf der

Suche nach den fehlenden Bauern.

»Nein.«

»Du bereitest dich auf die École Polytechnique vor!

Das heißt, du willst zur Elite gehören …«

»Nein, das heißt einfach, dass ich gut in Mathe bin«,

schnitt Pierre ihm das Wort ab. »Ich kann Weiß nehmen,

wenn du willst, weil da welche fehlen. Ich fange

an. Weißer Bauer nach e4«, sagte er und schloss die

Augen.

»Was machst du da?«, fragte der Typ.

»Ich werde blind spielen, falls es dich nicht stört. Du

musst mir nur deine Züge mitteilen.«

»Wenn es dir Spaß macht … Schwarzer Bauer nach

e5«, sagte der Student und fügte hinzu: »Hast du

schon einmal etwas vom Nationalen Vietnam-Komitee

gehört?«

»Springer nach f3. Nein«, antwortete Pierre, der mit

dem Angriff begonnen hatte. »Machst du deinen Zug?«


ANNE BEREST

54

PRESSESTIMME

Vatertage ist der bretonischen väterlichen

Linie von Anne Berests Familie gewidmet.

Das Buch aus einer recht unterschwelligen

Botschaft ihres Vaters entstanden, denn er

war ein »schweig amer Mann, den man

entschlüsseln musste«. Pierre Berest war

Mathematiker und Direktor des Labors

für Festkörpermechanik an der École

Polytechnique. Er regte sie dazu an,

zumindest so interpretierte Anne Berest

es, sich nach Die Postkarte, der

Familiengeschichte ihrer Mutter, auch

für das bretonische Volk der Seeleute und

Bauern zu interessieren, aus dem er stammte.

Vatertage ist eine Familiensaga, eine

Reflexion über Weitergabe und

Transgenealogie, eine Untersuchung der

Bretagne, eine Schilderung der

trotzkistischen Jahre – kurz, ein Roman

über die eigenen Wurzeln und dabei eine

Liebeserklärung an einen geliebten und

liebenden, aber distanzierten Vater, den

2022 der Krebs dahinraffte und den Anne

Berest durch das Schreiben noch eine Zeit

lang an ihrer Seite behalten konnte.

MADAME

»Entschuldige. Erinnerst du dich, vor vierzehn Tagen

in Paris, die jungen Leute, die die amerikanische

Bank überfallen haben, die American Express?«

»Ja, ich erinnere mich … Ziehst du?«

»Und was denkst du darüber?«

»Ich unterstütze das. Kannst du mir deinen Zug

sagen?«

»Springer nach c6. Na ja, das waren die Jungs vom Nationalen

Vietnam-Komitee. Wir kämpfen. Wir tun

nicht nur so, als ob. Wir sind organisiert. Wir ziehen

Aktionen durch. Verstehst du, was ich meine?«

»Läufer nach c4«, antwortete Pierre.

»Würde es dich interessieren, die Jungs vom Nationalen

Vietnam-Komitee von Brest kennenzulernen?«,

fragte der Typ und meldete, dass sein Springer nun

auf f6 stand.

Pierre richtete sich leicht auf und erwiderte scheinbar

beiläufig: »Warum nicht? Mein Bauer nach d4.«

»Sehr gut«, sagte der Typ lächelnd und schnappte

Pierre den Bauern weg.

Pierre reagierte nicht sofort. Vorerst nickte er nur,

dann ließ er einen Bauern auf e5 vorrücken. Der Student

legte den Zeigefinger auf seinen Mund und begann

ernsthaft nachzudenken, wie er seine Position


verteidigen könnte. Er schob den Bauern auf d5. Das

war der Fehler, auf den Pierre gewartet hatte. Jetzt

lächelte Weiß, er wusste genau, wie alles ablaufen

würde. Es war unausweichlich, er holte tief Luft und

schickte seinen Läufer nach b5, sein Gegner wich zurück,

runzelte die Brauen. Sein Springer zog vor nach

d7, bedrohte den weißen Springer. Da sagte Pierre die

kurze Rochade an. Der Student biss die Kiefer zusammen.

Sein Läufer zog nach c5. Pierre, unerschütterlich,

setzte sanft seinen Läufer auf g5.

»Schach«, sagte Pierre.

Der Student sah auf das Spielbrett, dann sah er Pierre

an, der ihn gerade in wenigen Zügen Schachmatt gesetzt

hatte, blind, mit drei Bauern weniger. Aber das

Wichtigste war: Er schien sich nicht das Geringste

darauf einzubilden. Der Student fühlte sich in seinem

Entschluss bestärkt. Dieser Pierre Berest wäre ein guter

Rekrut für sein Nationales Vietnam-Komitee. Der

Student holte ein Stück Papier aus der Tasche, schrieb

eine Adresse drauf, die er Pierre zeigte.

»Morgen, achtzehn Uhr. Versammlung des Nationalen

Vietnam-Komitees.«

»Ich werde dort sein«, antwortete Pierre.

Der Typ nahm sein Feuerzeug und ließ die Flamme

nach dem Papier züngeln, um jede Spur der Adresse

zu vernichten.

»Wie heißt du?«, fragte Pierre.

Der Typ schwieg. Er blickte in die Ferne und setzte

eine geheimnisvolle Miene auf, ehe er antwortete:

»Bei uns haben wir Codenamen. Wenn du willst,

kannst du mich Bak nennen.«

»Bak wie … Bakunin?«

»Ja. Bis morgen.«

29.

MAI

2026

ANNE BEREST

VATERTAGE

Hardcover mit Schutzumschlag

464 Seiten

25,00 € (D) 25,70 € (A)

ISBN 978-3-8270-1537-2

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


56

BETTINA TIETJEN

TIETJEN SUCHT DAS WEITE

BETTINA TIETJEN

TIETJEN

SUCHT DAS

WEITE


57

BETTINA TIETJEN

LESEPROBE

LESEPROBE

Prolog

Ein Uhr nachts und 30 Grad. Unerträglich heiß,

diese Sommernacht auf Korsika. Ich liege bei weit

offener Schiebetür im Bett und versuche zu schlafen,

während der Ingenieur noch draußen sitzt und auf

einen Windhauch hofft. Als ich gerade etwas weggedämmert

bin, reißt mich ein stechender Schmerz

in der Brust wieder aus dem Halbschlaf.

»Aua! Was zum Teufel machst du da?«, schreie ich

und versuche blinzelnd zu erkennen, ob es wirklich

mein Mann ist, der da auf meinem Brustkorb kniet.

Ich höre ein unschönes knirschendes Geräusch und

ahne, was es bedeutet. Mein Körper hält dieser Belastung

nicht stand.

»Runter da«, keuche ich, »ich glaube, du hast mir gerade

eine Rippe gebrochen.«

»Entschuldige mein Schatz«, sagt Udo erschrocken

und rutscht von mir runter. »Ich wollte nur ins Bett

und muss ja nun mal über dich rüberklettern, um auf

meine Seite zu kommen.«

»Aber dazu musst du dich ja nicht auf mich knien«,

keuche ich wütend, »weißt du eigentlich, wieviel du

wiegst?« Der Ingenieur schaut schuldbewusst.

»Naja«, sagt er zerknirscht, »ich dachte, da, wo ich

mich hingekniet habe, wärst du schon zu Ende...«.

Ich fasse es nicht. Wir sind mehr als 32 Jahre verheiratet

und mein Mann kann den Umfang seiner

Frau nicht richtig einschätzen! Viele Entschuldigungen

und Streicheleinheiten später bin ich trotz

der starken Rippenschmerzen eingeschlafen. Den

ganzen Urlaub über kann ich keinen Handgriff mehr

verrichten, der mit körperlicher Anstrengung verbunden

ist. Das Bett auf- und abbauen, spülen, Hängematte

aufhängen, SUP aufblasen – das muss der

Ingenieur jetzt alles allein machen. Ich bin schwerverletzt,

gehe aber nicht zum Arzt. Eine gebrochene

Rippe, habe ich recherchiert, muss langsam heilen,

eingipsen kann man sie nicht, da hilft nur Ruhe.

So einen Kollateralschaden wünscht man sich nicht,

aber man muss damit rechnen, wenn man zu zweit

auf einem ein Meter vierzig breiten Bett schläft und

das Idealgewicht seit Jahren hinter sich gelassen hat.

»Wir sind einfach zu groß und zu schwer«, jammert

mein Mann jedes Mal, wenn er in der Hitze der

Nacht wieder ohne meine Hilfe unser Lager herrichten

muss.

»Ich liebe dich auch!«, rufe ich ihm zu, während ich

entspannt draußen im Klappstuhl sitze und den

Sternenhimmel betrachte. Strafe muss sein.

Es sind Erlebnisse wie dieses, die uns immer mal

wieder daran zweifeln lassen, ob unser 26 Jahre alter

spartanischer Ducato ohne Klimaanlage noch das

Richtige für zwei Ü-60 Camper wie uns ist. Sollten

wir uns nicht doch ein etwas luxuriöseres Wohnmobil

zulegen? Eins mit eingebauter Toilette und

Dusche und einem schönen breiten Bett mit Federkernmatratze,

in das man abends nur noch hineinkrabbeln

muss? Aber dann kommen all die Erinnerungen

hoch. Die vielen wunderbaren Urlaube mit

den Kindern und auch später zu zweit, der Blick aus

dem Bett aufs Meer durch die weit geöffnete Schiebetür,

die vielen versteckten kleinen Campingplätze,

auf denen wir mit einem größeren Auto gar keinen

Platz gefunden hätten. Ist dieses Tietjen-Mobil,

mit viel Liebe und Arbeit selbst ausgebaut und auf

unsere Bedürfnisse zugeschnitten, überhaupt durch

irgendetwas zu ersetzen?

Sentimental betrachten wir dann unser altes Schätzchen,

weiß mit gelbem Streifen, das ja mittlerweile

zum Fernsehstar geworden ist.

»Ich wollte ja nie, dass dieses Auto ins Fernsehen

kommt«, sagt mein Mann dann versonnen, »aber

jetzt bin ich auch ein bisschen stolz drauf, dass es auf

seine alten Tage noch so berühmt geworden ist.«

Hunderte von Kilometern bin ich in den vergangenen

Jahren schon unter Kamerabeobachtung mit unserem

aufgepimpten Lieferwagen umhergereist, viele Prominente

habe ich für meine Sendung »Tietjen campt«

damit chauffiert, von der Müritz bis zum Gardasee

haben wir die Campingplätze unsicher gemacht. Und

wer auch immer sich mit mir auf das Fernseh-Campingabenteuer

eingelassen hat, war schockverliebt in

meinen Oldie. Was ist schon eine gebrochene Rippe

gegen all diese bezaubernden Erlebnisse?


BETTINA TIETJEN

58

LESEPROBE

»

EINEN NEOPRENANZUG

IN DEINER GRÖSSE

MUSS ICH ABER

ERST SUCHEN.

Deshalb rollt er weiter, der alte Haudegen. Mit und

ohne Kameras. Ob auf der Landstraße, beim Outdoor-Frühstück

oder am Lagerfeuer, ich sammle

weiter Geschichten.

Draußen sein. Unterwegs sein. Den Ballast unseres

durchstrukturierten und gut organisierten Alltags

hinter mir lassen – das gelingt mir nach wie vor am

besten beim Camping.

Ein Auto, dem die Spuren seines Lebens anzusehen

sind. Der Ingenieur neben mir, die Welt vor mir.

Mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein.

Volles Risiko

Dass die Coronazeit noch lange nicht vorbei ist, bekommen

wir zu spüren, als wir im Herbst 2020 nach

Italien fahren. Zwar sind die Ansteckungszahlen

gesunken, aber man muss höllisch aufpassen, dass

man nicht plötzlich in ein Hochrisikogebiet gerät.

Der größte Teil des Stiefels wird zu dem Zeitpunkt

als sicher bewertet – kaum zu glauben, wenn man an

die schrecklichen Bilder aus Bergamo vom Frühjahr

zurückdenkt. Tausende sind dort gestorben, über

fast ganz Italien wurde damals ein extrem strenger

Lockdown verhängt, die Menschen durften nur zum

Einkaufen, für einen Arztbesuch oder zum Gassigehen

mit ihren Hunden ihre Wohnungen verlassen.

Das ist zum Glück vorbei. Nachdem wir unterwegs

in Süddeutschland noch eine Hochzeit von Verwandten

besucht und im größtmöglichen erlaubten

Kreis unsere Stoffmasken gerührt nassgeweint haben,

checken wir die Lage am Gardasee.

»Fahrt nach Südwesten, auf die Halbinsel Manerba«,

haben uns Freunde empfohlen, »da ist nicht viel los.

Es gibt dort wunderschöne Campingplätze direkt

am See, und keine laute Straße vor der Nase wie an

der Ostseite.«

Nicht viel los ist untertrieben. Jetzt im Herbst hat

nur noch ein einziger Platz überhaupt geöffnet, und

der hat jede Menge Parzellen am Ufer frei.

»Ich habe nur noch diese Woche offen«, sagt der Platzchef,

ein behäbiger Typ mit Strohhut, und schaut uns

durch die Sicherheitsscheibe seines kleinen Empfangshäuschens

an. »Wir Italiener fahren um diese

Jahreszeit nicht zum Campen und die meisten anderen

sind auch noch skeptisch wegen der Pandemie. Stellt

euch hin, wo ihr wollt, aber bitte immer Maske tragen,

wenn ihr eure Parzelle verlasst!« Aha. Strenger als in

Deutschland, bei uns darf man zu diesem Zeitpunkt

sogar schon wieder zu mehreren Personen ohne Maske

Sport treiben. Wir installieren uns und bewundern

den weiten Blick auf See und Berge. Am nächsten Tag

kommen noch unsere Freunde Klaus und Hermy dazu

und wir genießen es, so ganz allein mit den Füßen im

Wasser zu frühstücken, zu paddeln und die für den

Gardasee so ungewohnte Stille auszukosten.

Die Idylle ist vorbei, als vor unserer Nase ein E-Foil-

Kurs stattfindet. Junge Menschen in Neoprenanzügen

lernen unter viel Gelächter und Gekreische, wie

man auf einem elektrisch angetriebenen Surfbrett

dank des Foils (eine Art Finne mit kleinen Flügeln,

die auf der Unterseite des Boards montiert ist) fünfzig

Zentimeter über der Wasseroberfläche durch den

See pflügt.

»Das will ich auch!«, rufe ich begeistert und ernte von

meinen Mitreisenden nur spöttische Kommentare.

»Denk dran, dass du in Sport immer eine vier minus

auf dem Zeugnis hattest«, feixt der Ingenieur. »Das

Windsurfen hast du doch auch schon nach einem Tag

aufgegeben«, sagt Hermy lachend, »und beim Standup-Paddeln

kommst du nicht mehr aufs Brett zurück,

sobald du im Wasser nicht mehr stehen kannst!« Ich

ignoriere die missgünstigen Bemerkungen und marschiere

wildentschlossen zur Kursleiterin. Die sieht

mich zwar leicht irritiert an und mustert mich von

Kopf bis Fuß, als ich nach einer Einzelstunde frage,

willigt dann aber ein.

»Komm um halb fünf, Bella«, sagt sie, »einen Neoprenanzug

in deiner Größe muss ich aber erst suchen.«

- Sehr charmant.


Zwei Stunden später lasse ich mir - in einen knapp

bemessenen knallroten Neopren-Ganzkörper-Suit

gezwängt - von Gloria erklären, wie ich auf dem

Bauch starten und dann vorsichtig in die Hocke gehen

muss, um ein Gefühl für die Geschwindigkeit

zu bekommen. »Wenn du dich hinhockst, musst du

mit der Fernbedienung die Geschwindigkeit erhöhen,

damit der Foil aus dem Wasser kommt. Und

dann langsam ins Gleiten kommen.« Als ich auf dem

Bauch durchs Wasser schieße, ist mir rätselhaft, wie

ich mich bei dem Tempo erheben soll. Ich schaffe es

ja kaum, im Liegen nicht ins Wasser zu fallen.

»Laaaangsaaamer«, schreit Gloria mir hinterher. Ich

verstehe sie kaum, weil sie vorschriftsgemäß Maske

trägt, obwohl sie ganz alleine bis zu den Knien im

Wasser steht. Ich versuche durch den Wasserschleier

das Display der Fernbedienung zu erkennen und

sehe, dass ich versehentlich auf »full speed« gedrückt

habe. Ich schalte um auf die langsamste Stufe. Das

Brett bremst abrupt – und wirft mich ab wie ein störrisches

Pferd. Dazu passend schallt vom Ufer wieherndes

Gelächter zu mir rüber. Meine Gang scheint

sich köstlich zu amüsieren.

»Los, Carissima, next try«, ruft Gloria. Ich klettere

aufs Board und starte den nächsten Versuch. Nachdem

ich noch mehrmals im Wasser gelandet bin, gelingt

es mir immerhin, irgendwie in die Hocke zu

kommen. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer.

»Und jetzt Gas geben«, ermutigt mich die Lehrerin,

»aber subito, sonst fällst du wieder rein!« Ich gehorche

und erschrecke höllisch, als mein Gefährt losrast

und ich kopfüber abstürze, nicht ohne mir noch

den Kopf am Mast des Foils zu stoßen, der führerlos

durchs Wasser trudelt. Nach diversen weiteren Versuchen,

die mich nie weiter als zwanzig Meter vom

Ufer kommen lassen, drehe ich das Brett mit dem

Mast nach oben und wate völlig erschöpft zu Gloria.

»Ich gebe auf«, stöhne ich, »mir tut alles weh und

ich habe sehr viel Wasser geschluckt.« Gloria kichert

und nimmt kurz ihre Maske ab.

»Das ist okay, Bella«, sagt sie, »hören wir auf für heute.

Auf ein totes Pferd soll man auch nicht länger einprügeln.«

Ich bezahle und verrate ihr nicht, dass

es für mich kein zweites Mal geben wird. Mit Ü60

muss man manchmal auch einsehen, dass nicht mehr

alles möglich ist.

59

BETTINA TIETJEN

LESEPROBE


BETTINA TIETJEN

60

LESEPROBE

Als ich zum Campingplatz zurückkomme, empfangen

mich meine Mitreisenden unter Applaus. Sie haben

schon eine Flasche Wein geleert und sind bester

Laune.

»Selten so ein aufregendes Rodeo gesehen«, ruft

mein Mann. »Der Anzug steht dir übrigens hervorragend.

Als nächste Wassersportart solltest du Canyoning

ausprobieren.«

Als ich am nächsten Morgen aufstehe, fühle ich mich,

als hätte ich mindestens einen Triathlon hinter mir.

»Habe ich das nur geträumt oder habe ich gestern

tatsächlich einen Trendsport für junge sportliche

Menschen ausprobiert?«, frage ich Udo. »Alles nur

geträumt«, sagt er schnell, »nur ein böser Traum,

mein Schatz. Heute fahren wir weiter nach Ligurien,

es soll da einen schönen Stellplatz direkt am Wasser

geben. Ein Geheimtipp.«

Wild Life

Als wir in Australien in einem der vielen Nationalparks

im Stockdunklen unter leise rauschenden Eukalyptusbäumen

sitzen, unterhalten wir uns vor lauter

Ehrfurcht vor der Stille nur flüsternd. Kein Licht ist

zu sehen außer unserer Kerze auf dem Campingtisch

zwischen uns und dem betörend glitzernden Sternenhimmel

über uns. Die paar anderen Camper verlieren

sich auf dem weitläufigen Gelände. Alles fühlt sich

wunderbar an in dieser lauen Sommernacht in Down

Under. Nur dass der Ingenieur seine Füße unterm

Tisch auf meine gelegt hat, stört mich ein bisschen.

Falls das eine zärtliche Geste sein soll, finde ich sie in

diesem Moment irgendwie unangebracht.

»Sag mal Schatz, musst du unbedingt deine Füße auf

meinen parken?«, frage ich vorsichtig. »Ich finde das

alles ja auch wahnsinnig romantisch. Aber mir ist

sehr warm und Platz für schwitzige Füße gibt’s hier

nun wirklich genug.«

Ich kann im schummerigen Kerzenlicht sein Gesicht

nicht sehen, aber in seiner Stimme schwingt

leichte Verblüffung mit als er sagt: »Das bin ich nicht.

Meine Füße sind hier bei mir.« Ich zucke zusammen

und taste hektisch nach der Taschenlampe. Was

auch immer das auf meinen Füßen ist, es fühlt sich

warm und lebendig an. Als ich die Lampe endlich

gefunden habe, leuchte ich nach unten und ... mein

gellender Schrei zerstört die paradiesische Stille.


Auf meinen nackten Füßen sitzen zwei Tiere und

sehen mich erschrocken aus funkelnden rot umrandeten

Augen an.

»Hilfe!«, schreie ich, »Da sitzt was auf meinen Zehen,

was Lebendiges, ich glaube, es sind Koalas.« Der Ingenieur

greift nach seinem Handy und leuchtet auf

meine Füße.

»Oh!«, ruft er begeistert, »Das sind Opossums. Sehen

aus wie Mutter und Kind.« Mit einem Ruck ziehe ich

meine Beine weg, springe auf und entferne mich ein

paar Schritte. Die beiden sehen zwar wohlgesonnen

aus, aber man weiß ja nie. Wir sind hier mitten in der

Wildnis. Schilder, die vor bissigen Opossums warnen,

habe ich allerdings nirgends gesehen.

»Na kommt her ihr kleinen Racker«, höre ich meinen

Mann flüstern, »wir tun euch nichts.« Die kleinen

Racker lassen sich das nicht zwei Mal sagen. Flink

springen sie zuerst auf meinen Stuhl, dann auf den

Tisch und machen sich geschickt an der Chipstüte

zu schaffen.

»Hahaha«, freut sich Udo, »das scheint ihnen zu

schmecken. Ich glaube, Chips essen die nicht zum

ersten Mal.«

Offenbar sind wir auch nicht die ersten menschlichen

Wesen, die die Opossumfamilie zu Gesicht bekommt.

Völlig entspannt snacken die Tierchen die

Tüte leer und machen sich dann ganz in Ruhe davon -

nicht ohne auf unserem Tisch noch einen Haufen

kleiner schwarzer Köttel zu hinterlassen.

Stöhnend lasse ich mich auf meinen Stuhl fallen –

und springe gleich wieder auf. Alles feucht und klebrig

am Po.

»Die haben auch meinen Stuhl als Klo missbraucht«,

jammere ich. »Wie kriege ich denn bloß die Opossumkacke

wieder aus meiner Hose raus?«

»Beruhige dich«, sagt der Ingenieur, »du wolltest

doch Wildlife, jetzt hast du es. Das sind doch richtig

süße Nachbarn, die passen diese Nacht auf uns auf.«

Als wir im Bett liegen, höre ich auf dem Dach unseres

Wohnmobils leises Getrappel.

»Wer schleicht so spät durch Nacht und Wind«, flüstere

ich Udo ins Ohr. »Es ist die Opossum-Mama

mit ihrem Kind«, sagt er schlaftrunken. »Morgen

müssen wir erstmal neue Chips kaufen, damit das

nicht unsere letzte Begegnung mit den Knopfaugen

war.«

02.

APR

2026

BETTINA TIETJEN

TIETJEN SUCHT DAS WEITE

Klappenbroschur

256 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06594-8

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


62

JENNY COLGAN

SOMMER FÜHLT SICH AN WIE ZUHAUSE


63

JENNY COLGAN

INTERVIEW

JENNY COLGAN

Sommer

fühlt sich

an wie

Zuhause

INTERVIEW

geführt von Felicitas von Lovenberg

Jenny, in deinem neuen Roman »Sommer

fühlt sich an wie Zuhause« geht es – unter

anderem – um die Beziehung zwischen

Müttern und Töchtern. Was hat dich an

dem Thema gereizt?

Wie an vielen anderen Orten auch sind die Mieten

in Schottland für junge Menschen unglaublich hoch,

und viele sind gezwungen, zurück zu ihren Eltern zu

ziehen, wenn sich in ihrem Leben etwas verändert. In

meiner Generation war es so: Wenn man einmal ausgezogen

war, war man weg – aber das ist heute nicht

mehr so. Ich dachte, diese Art zweiter Wohngemeinschaft

wäre ein spannendes Thema, das man mal beleuchten

könnte. Familienbeziehungen sind doch einfach

immer interessant!

Im Mittelpunkt deines Romans stehen Janey, eine

Mutter um die fünfzig, und ihre erwachsene Tochter

Essie, die ihren Job verliert und gezwungen

ist, wieder bei ihrer Mutter einzuziehen. Für wen

von den beiden ist die Situation schwieriger?

Sie ist für beide sehr schwierig – für die Tochter, die das

Gefühl hat, in der großen Stadt Edinburgh gescheitert zu

sein, und für die Mutter, die nach einer harten Scheidung

gerade versucht, ihr Leben neu aufzubauen. Zu Beginn

fühlen sich beide auf ihre eigene Weise als Versagerinnen,

und sie müssen einen Weg finden, trotz allem wieder

zueinanderzufinden. Da meine eigenen Kinder langsam

erwachsen werden, interessiert mich dieser Übergang

von einer Erwachsenen-Kind-Beziehung hin zu einer

Erwachsenen-Erwachsenen-Beziehung ungemein!


64

JENNY COLGAN

INTERVIEW

Die Beziehung zwischen Janey und Essie ist

sowohl zärtlich als auch kompliziert …

Na ja, so sind Familien eben. Sie sind herzlich, lustig,

schwierig und kompliziert – ich glaube, alle liebevollen

Familien sind so. Wenn ich über das Schreiben

spreche und Leute mich fragen, wo ich meine Ideen

hernehme, sage ich immer: »Wenn ich dich jetzt bitten

würde, mir von deiner verrückten Familie zu erzählen,

könnten wir die ganze Nacht hier sitzen.« Jede

Familie ist doch auf irgendeine Weise verrückt!

Verrätst du uns eine deiner Lieblingsszenen

zwischen Mutter und Tochter aus dem Buch?

Meine eigene Mutter habe ich schon vor langer Zeit

verloren, und meine Tochter ist noch recht jung, aber

ich mag die Szenen, in denen Janey immer wieder

Ausreden erfindet, um mit ihrer Tochter zu sprechen

– zum Beispiel, dass sie etwas über Haarprodukte

oder Make-up wissen will. Ich erkenne mich

da selbst sehr wieder! Die Komikerin Tina Fey hat

einmal gesagt: Mit seiner Teenagertochter zu sprechen,

sei so, wie den Schwarm aus der Schule um

ein Date zu bitten: »Du, da hat ein ganz tolles neues

Eiscafé aufgemacht … Hast du Lust, oder … Nein?

Okay, ist auch nicht schlimm …« Das kommt mir

bekannt vor!

Du hast schon mehrere Bücher in Carso angesiedelt.

Diesmal wirkt das Städtchen mit

seiner Küstenlage fast wie eine Hauptfigur.

Was reizt dich so an Schauplätzen, die am

Meer liegen?

Ich bin direkt am Meer geboren, an der Westküste

Schottlands, und habe immer am Wasser gelebt. Alles

andere fühlt sich für mich nicht ganz richtig an,

auch wenn ich andere Orte ebenfalls liebe. Aber die

Wellen, das wechselhafte Wetter und die frische Brise

finden immer wieder ihren Weg in meine Bücher.

Dein Hauptthema ist »Zuhause« – es zu finden,

zu verlassen und wirklich schätzen zu lernen.

Wie steht es um dein eigenes Gefühl für

Herkunft?

Ich bin mit Zwanzig aus Schottland weggezogen

und erst in meinen Vierzigern zurückgekehrt. Es

war wirklich spannend, wie sich mein Blick auf die

Heimat verändert hat. All die Dinge, die mich beim

Weggehen gestört haben – dass jeder deine Familie

kennt und alle so gesprächig sind – habe ich plötzlich

sehr geschätzt, als ich zurückkam! Es ist schön,

dort zu leben, wo alle so klingen wie man selbst und

jeder versteht, wovon man spricht. Und heute bedeutet

es mir mehr als früher. Ich glaube, das geht

vielen Menschen so: Man wächst auf, zieht los, reist –

aber irgendwann ruft die Familie einen wieder nach

Hause.

Ohne zu viel zu verraten: Es gibt eine sehr

leidenschaftliche Liebesszene im Buch! War es

schwierig oder eher spaßig, sie zu schreiben?

Ha! Ja, die gibt es – und ich hatte großen Spaß beim

Schreiben, das war wirklich lustig.

Viele Leser:innen lieben das Gemeinschaftsgefühl

in deinen Büchern. Wie prägt das

Dorfleben deine Charaktere?

Ich mag Gemeinschaften, in denen Menschen aller

Altersgruppen und Hintergründe miteinander auskommen

müssen – und das funktioniert in kleinen

Dörfern besonders gut, vor allem in abgelegenen, wo

man auf seine Nachbarn angewiesen ist. Sonst werden

die Winter dort sehr lang!

Im Buch gibt es auch eine wunderbare Hundegeschichte

Ich mochte es, mir eine ganz ungewöhnliche Mischung

vorzustellen – zwischen einem sehr großen

und einem sehr kleinen Hund. Einfach zu meiner

eigenen Belustigung sind die Welpen eine Kreuzung

aus Irischem Wolfshund und Highland Terrier. Ich

liebe Hunde! Wir hatten selbst einmal einen Wurf

Terrierwelpen – das war ein herrliches, chaotisches

Durcheinander mit sieben kleinen Hunden, die überall

herumrannten. Wir haben sie im Gewächshaus gehalten,

und sie haben ihre Mutter ganz schön gequält.

Die war dann auch richtig sauer, als wir einen der

Welpen behalten haben. Inzwischen haben sie sich

aber mit ihrer Mutter-Sohn-WG abgefunden!

Deine Romane haben immer einen besonderen

Charme – wenn ich eines deiner Bücher

lese, bekomme ich gleich gute Laune – und


stelle mir immer vor, dass es dir beim Schreiben

auch so ging.

Das ist lieb, aber niemand ist immer gut gelaunt!

Meine Schreibtage laufen recht ähnlich ab: Ich gehe

mit meinem Mann, wenn er da ist, und den Hunden

spazieren, dann setze ich mich ins Café und versuche,

mein Tagespensum zu schaffen. Danach gehe ich

nach Hause, spiele Harfe oder Klavier und überlege,

was es zum Abendessen gibt und ob ich dafür noch

etwas einkaufen gehen muss.

Die Mutter-Tochter-Dynamik steht im Zentrum

des Buches. Hast du eigene Erfahrungen als

Mutter oder Tochter verarbeitet?

Meine Tochter ist noch ziemlich jung, und wir verstehen

uns sehr gut. Mit meiner eigenen Mutter hatte

ich eine liebevolle, aber auch manchmal schwierige

Beziehung. Wir sind immer wieder in die klassischen

Mutter-Kind-Rollen zurückgefallen, wenn wir zusammen

waren – ich glaube, das passiert in vielen Familien.

Davon habe ich mich tatsächlich inspirieren

lassen.

Wenn Sie Janey einen Rat geben könnten –

und Essie ebenfalls –, welcher wäre das?

Ich glaube, wir alle sind gut darin, Rat zu geben, aber

schlecht darin, ihn selbst anzunehmen! Für die ältere

Janey würde ich sagen: Lass dich vom Älterwerden

nicht davon abhalten, Neues auszuprobieren – du bist

immer noch voller Energie und Möglichkeiten. Für

die junge Essie: Mit 26 sollte dich nichts allzu sehr

aus der Bahn werfen, denn in dem Alter ist alles noch

umkehrbar!

Es soll ja immer noch Leserinnen und Leser

geben, die dich und deine Romane bisher

nicht entdeckt haben. Für alle Neulinge: Was

macht »Sommer fühlt sich an wie Zuhause«

unter deinen Romanen einzigartig, und worauf

dürfen sie sich am meisten freuen?

Hallo, liebe neue Leserinnen und Leser! Ich hoffe, ihr

geht nach einem meiner Bücher immer mit einem guten

Gefühl und einem Lächeln auf dem Gesicht nach

Hause – und ich hoffe sehr, dass ich euch zum Lachen

bringe. Das ist eigentlich mein wichtigster Job! Alles

Liebe, Jenny xxx

30.

APR

2026

JENNY COLGAN

SOMMER FÜHLT SICH AN WIE ZUHAUSE

Taschenbuch mit Klappen

448 Seiten

13,00 € (D) 13,40 € (A)

ISBN 978-3-492-32261-4

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


66

ANJA GMEINWIESER

WIR KÖNIGINNEN

WI R

KÖN

IGIN

NEN

EINE ROAD NOVEL ÜBER ZWEI

FRAUEN UND EINE HERDE KÜHE

ANJA GMEINWIESER


67

ANJA GMEINWIESER

INTERVIEW

INTERVIEW

Wovon handelt Wir Königinnen?

Wir reisen mit zwei Frauen und 24 Kühen in einem

Lkw durch den Süden Europas von den italienischen

Alpen bis an die bulgarisch-türkische Grenze. Die

beiden lernen sich kennen, wundern sich übereinander,

streiten sich, kommen einander näher.

Wer sind die beiden Heldinnen?

Die Ich-Erzählerin ist ihrem Alltag entflohen und

sucht auf einer Trekkingtour nach Ruhe, findet in den

Bergen aber nicht das Erwartete. Da trifft sie auf die

Fernfahrerin Anna und die Rinder, fährt spontan mit,

wittert einen Ausweg aus Entscheidung und Verantwortung.

Anna steht mit beiden Füßen fest im Leben,

kennt ihre Spielräume, geht pragmatisch damit um.

Sie will einfach ihre Arbeit machen – unter den gegebenen

Umständen ist das überhaupt nicht einfach.

Gibt es viele Frauen wie Anna in der Fernfahrerbranche?

Nicht viele Frauen machen diesen Job. Womit aber alle

Fernfahrenden zu tun haben, ist die dürftige Struktur

auf den Routen, die es ihnen schwer macht, gesetzliche

Vorgaben einzuhalten. Auch arbeiten viele westlich des

eigenen Landes, weil sie dort in der Regel besser bezahlt

werden – allerdings immer noch schlecht. Vor ein, zwei

Jahren haben Lkw-Fahrer auf einer deutschen Raststätte

gestreikt und gegen ihren Spediteur demonstriert –

ein rarer Moment für eine größere Öffentlichkeit. Wir

haben eine Welt geschaffen, deren »Uhrwerk« ein Teil

der Gesellschaft nicht sieht – während der andere die

Maschine am Laufen hält. Ich habe mit einer Fahrerin

gesprochen, Aussagen wie: »Ich muss besser einparken

können als die Männer«, sind von ihr.

Welche Recherchen stecken dahinter?

Auf einer Wandertour im Piemont bin ich einmal auf

einen Tiertransporter mit Rindern getroffen, mitten

in den Bergen. Das fand ich schräg, ich habe es

als Geschichte weitergesponnen. Natürlich habe ich

viel recherchiert: Da waren Tierärzt*innen und Tierrechtsaktivist*innen

eine große Hilfe. Ich habe bei

Transportunternehmen nachgefragt, dort blieben

die Türen aber in der Regel zu. Ein Viehhändler hat

sich bereit erklärt, mir seinen Lkw zu zeigen und aus

dem Alltag zu erzählen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Und natürlich bin ich die Strecke zwischen

Italien und Kapikule gereist – die Route meiner Protagonistinnen.

Ich habe versucht, die Ästhetik der

Autobahn aufzuschreiben: Raststätten, Greifvögel

neben der Fahrbahn, der Blick durch die Frontscheibe.

Sind solche Tiertransporte quer durch Europa

an der Tagesordnung?

Noch immer werden jedes Jahr Millionen von Säugetieren

lebend durch Europa gefahren, z. T. auch übers

Mittelmeer. Je länger die Tiere transportiert werden,

desto kritischer ist das für sie. Es gibt EU-Versorgungsställe,

aber natürlich ist es für die Tiere stressig,

Stunden und Tage eng gedrängt im Stehen durch die

Gegend gefahren zu werden. Die rechtlichen Vorgaben

sind zwar strikt und werden nach Möglichkeit

kontrolliert, dennoch decken Tierrechtsorganisationen

jedes Jahr schwere Verstöße auf. Immer wieder

schaffen es missglückte Tiertransporte in die Medien

wie 2024, als 69 Holstein-Rinder wochenlang im

Laster an der Grenze stehen mussten, oder 2021, als

eine Fähre mit 900 Rindern übers Mittelmeer irrte,

weil sie aus Seuchenschutzgründen am Zielort nicht

abgeladen werden konnten.

Die beiden Frauen kommunizieren in knappem

Englisch oder mithilfe eines Übersetzungsprogramms

– wie kam es dazu?

Jede*r Reisende verwendet die Mittel, die man hat.

Das sind oft knappes Englisch und ein Übersetzungsprogramm.

Wie hätte ich die Kommunikation zwischen

den beiden authentischer darstellen können? Es

wären eine Menge Missverständnis und Witz verloren

gegangen. Außerdem sind die Übersetzungen von

Google & Co. zum Teil lustig und lesenswert, sie zeigen,

welche Eigenheiten das Deutsche hat, wenn der

Kontext fehlt. Leider sind die Programme im Laufe

des Schreibens besser geworden.


68

ANJA GMEINWIESER

LESEPROBE

LESEPROBE

Ich entschließe mich zu einem Spaziergang, weil sich

die Welt wie frisch gewaschen anfühlt. Ich nehme

den Weg, den ich morgen ohnehin gehen werde: bergab,

von der Ruine fort, bergan, kleine Bäche Regenwasser,

die mir entgegeneilen, bergab, Weiden ohne

Tier, als solche erkennbar an Elektrozaunschnüren

und Kuhfladen, bergan. Immer wieder die Illusion,

dass du den Berg nur hochmusst, gegebenenfalls in

Serpentinen, und auf der anderen Seite wieder runter.

Landschaft funktioniert in Wirklichkeit anders, sie

wellt und faltet sich langsam bergan und bergab, du

musst jede Falte, jede Welle, tausend Kuppen hochund

wieder runterlaufen.

Gute zehn Minuten von meiner Ruine entfernt sehe

ich von einer Kuppe hangabwärts eine zweite Ruine,

nein, auch keine Ruine, ein Haus, sicher alt, aber es hat

eine Tür, ein Dach ohne Löcher, es ist nicht verlassen.

Vor dem Haus oder der Hütte parkt auf einer erstaunlich

großen Fläche ein blaumannblauer Laster. Tiertransporter,

denke ich, er hat dieses Raster an der Seite,

längliche Luftschlitze in einem Korpus aus Metall. Er

muss die gewundene Asphaltstraße genommen haben,

die an der Hütte endet. Um den Lkw herum Kühe,

eine kleine Herde schmutzgrauer Kühe, nah aneinandergedrängt

und still, sie wirken verloren vor den

Bergen. Sie stehen da, die Köpfe in meine Richtung

gewandt, und ich glaube, sie kauen synchron.

Ein Laster ist ebenso gut ein Mensch. Er bedeutet

einen Menschen. Der Mensch hat den Laster hier hingefahren

und die Ladefläche geöffnet, damit die Rinder

nach draußen können. Der Mensch steht winzig

vor der Hütte auf der Treppe zur Tür. Meine Hand

zum Gruß, seine Hand zum Gruß. Er ruft etwas, das

ich nicht verstehe, ich kann die Stimme auch keinem

Geschlecht zuordnen, ich kann ihn nicht einschätzen,

er ist ein ferner dunkler menschförmiger Fleck, wie ich

ihn seit Tagen nicht gesehen habe. Der Mensch ruft

noch mal, es könnte der Name einer Ortschaft in der

Nähe sein, ich rufe »Sì« und schaue mit zusammengekniffenen

Augen. Plötzlich ist mir ein anderer Mensch

unangenehm. Seit Tagen vermisse ich Menschen, jetzt

ist da nur das Drücken der Ablehnung in meiner Kehle.

Ich trete von einem Fuß auf den anderen. Dann winke

ich und kehre um.

Ich gehe extra langsam und ruhig, um nicht eigenartig

zu wirken. Ich drehe mich nicht um. Ich schließe

mit mir selbst eine Wette ab, mich nicht umzudrehen,

bis ich auf der ersten Kuppe bin. Ich gewinne.

Oben halte ich inne, bücke mich, schnüre meine Schuhe

neu. Drehe mich etwas um im Aufstehen. Auf der

Kuppe gegenüber zeichnet sich die Silhouette des

Menschen gegen die hellgrauen Wolken ab. Ich hätte

mich früher umdrehen sollen, die ganze Zeit über hätte

ich mich umdrehen sollen. Ich gehe schnell weiter, und

fast sofort höre ich aus der Richtung der Person einen

Schuss. Ich fahre herum. Noch immer steht da die Person,

die geschossen hat, die auf mich geschossen hat.

Warte!

Hat sie wirklich geschossen? An der Silhouette nichts,

was darauf hinweist. Sie hat nicht geschossen. Sie hat

geschossen. Hat sie nicht, warum sollte sie. Vielleicht

Einbildung oder mein Trommelfell, vielleicht ein

Scherz, vielleicht hat etwas die Schallmauer durchbrochen,

vielleicht ist ein Stück Fels aufgeschlagen.

Die Person hat die Hände in die Hüften gestemmt und

bewegt sich nicht. Ich fahre herum und renne, und immer,

wenn ich mich umblicke, steht sie noch da. Keuchen

in meinen Ohren, mein eigenes, ich habe Seitenstechen.

Unter meinem Schuh rutscht ein Stein weg,

und ich rutsche hinterher, falle auf den Hintern. Mein

Gesicht ein Schrei ohne Ton. Mein Puls ein Beben,

mein Schweiß riecht nach Angst, ich fluche nach innen.

Ich stehe auf, wische mir Dreck und Steinchen von

Handflächen und Hintern. Vorsichtige Schritte. Ich

blicke zurück. Die Kuppe versperrt die Sicht. Von hier

aus gesehen endet der Weg an den Wolken.

Ich kauere hinter meiner Ruine auf dem Schlafsack

und warte.

Warte, dass etwas passiert.

Warte, dass, wer auch geschossen hat, hierherkommt.

Warte darauf, dass mein Herzschlag ruhiger wird.


69

ANJA GMEINWIESER

LESEPROBE

Warte, dass die Spaghetti, die ich wie ferngesteuert

auf den Gaskocher gestellt habe, endlich durch sind.

Ich denke an die Person beim Laster, die vielleicht geschossen

hat, vielleicht auf mich, vielleicht auch nicht.

Sie hat sicher etwas zu essen. Ich könnte danach fragen.

Ich könnte es stehlen. Ich werde beides nicht tun.

Ich gieße das Nudelwasser ins Gras.

Schritte hinter mir. Ich fahre herum, Spaghetti

schnellen aus dem Topf, den ich gerade noch festhalten

kann. Da steht eine Frau, ein Gewehr in der Hand,

der Lauf nach hinten gerichtet.

Ich stelle mich darauf ein, dass die Situation kippt.

Wir starren einander an. Wir blicken ungläubig. Sie

ist in meinem Alter. Das dunkle Haar zum Zopf geflochten,

ein Muttermal unter der Lippe, dichte Augenbrauen,

die das Gesicht irgendwie ausmachen und

die sie hochzieht, aus Skepsis oder Überraschung.

Sie trägt Jeans, Flip-Flops und ein kariertes Hemd.

Und das Gewehr.

Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud

Spencer.

Ich zeige auf mich und sage meinen Namen, als Friedenszeichen,

falls notwendig.

Sie hebt die Brauen, sagt ihren Namen: »Anna.«

Ich deute mit dem Nudeltopf auf das Gewehr. »Want

to shoot me?«, und wundere mich über die eigene

Ruhe. Sie mustert mich, blickt auf das Gewehr, lehnt

es dann vorsichtig gegen die Hauswand. Sie holt

Luft, wie um etwas zu sagen, grinst aber nur, hebt die

Schultern und hält mir eine Schachtel Zigaretten hin,

die sie aus ihrer Potasche geholt hat. Fast hätte ich abgelehnt,

ich nehme eine. Sie zündet ihre an, reicht mir

ein Feuerzeug, es ist körperwarm. Ich schiele auf die

Flamme dicht vor meiner Nase. Sie nimmt einen Zug

und blickt mich an, den Kopf schief gelegt. Ich ziehe

auch, behalte den Rauch lange im Mund, dass es aussieht,

als könnte ich rauchen, unterdrücke ein Husten

und atme ihn langsam aus. Versuche mich zu erinnern,

wann ich zuletzt geraucht habe.

Da steht sie, sieht unschlüssig aus. Weil ich nicht weiß,

was tun, gehe ich in die Hocke und sammle die Spaghetti

zurück in den Topf, die Zigarette zwischen den

Lippen. Vom Qualm tränen mir die Augen.

Sie kniet sich dazu, nimmt eine Nudel, gibt sie in

den Topf, runzelt die Stirn. Holt ein Handy aus der

anderen Potasche, tippt darauf herum, spricht etwas

hinein in einer Sprache, die ich nicht zuordnen kann.

Ihre Stimme klingt, als hätte sie sie länger nicht benutzt.

Das Handy stellt eine Frage auf verschlafenem

Italienisch. Ich wische mir die Hände an der Hose

ab, nehme ihr das Gerät aus der Hand, vorsichtig, als

wäre auch das eine Waffe, und stelle die Sprache um.

Was tust du hier?

Ich drücke auf das Mikrofon-Symbol und setze zum

Sprechen an. Aber was sagen? Ich beginne zu tippen,

bin unsicher, wie ausführlich die Antwort werden soll,

lösche wieder, was ich getippt habe. Tippe dann doch

wieder:

Ich bin Touristin.

Ich wandere einfach so vor mich

hin.

Ich gebe ihr das Handy zurück, sie blickt auf die

Übersetzung und nickt.

Ich nehme es wieder. Schreibe:

Und du?

Sie erklärt etwas ins Telefon hinein, dabei schaut sie

mir in die Augen, als müssten wir nicht erst auf die

Übersetzung warten.

Das Handy sagt mit gleichgültiger Computerstimme:

Ich fahre Rinder zu Erzurum in

Türkei. Du hast sie gesehen,

beim Laster.

Die Fragen, die das aufwirft, verkneife ich mir, konzentriere

mich auf nicken, lächeln, freundlich sein,

das Gespräch unverfänglich am Laufen halten. Ich

glaube mir das Lächeln selber nicht. Gilt das monotone

Leiern eines Handys als Gespräch? Ich setze

mich auf meinen Schlafsack, nehme den Topf auf den

Schoß und wickle so langsam wie möglich Spaghetti

auf die Gabel. Wenn man langsamer isst, wird man

von weniger satt. Das Gefühl, ich sollte ihr etwas anbieten.

Ich rieche an den Nudeln.

»You really want to eat them? They were on the

ground.«


70

ANJA GMEINWIESER

LESEPROBE

»Dieser Roman ist

eine rauschhafte

Fahrt. Entlarvend,

kraftvoll – und

unwiderstehlich.«

Katharina Köller

»It’s almost my last food.« Ich schiebe mir die Gabel

in den Mund.

Sie mustert die Situation, Schlafsack, Rucksack, Gaskocher,

setzt sich zu mir, zündet sich eine zweite Zigarette

an und versucht so halbherzig wie vergeblich,

von mir weg zu rauchen.

Dass blanke Nudeln mit Gras und Erde so intensiv

schmecken können.

Ihr Blick auf meine Kieferbewegungen. Sie sagt nochmal

etwas zu ihrem Handy. Dass sie hier Empfang hat,

denke ich, sie muss Empfang haben.

Das Handy erklärt:

Die Rinder werden dort zur

Zucht gehen. In der Türkei.

Sie sind auch schwanger.

Ich erinnere mich vage an einen Zeitungsartikel dazu.

»Your internet is working here.« Ich deute mit dem

Kinn auf ihr Telefon.

»Mhm. It is working everywhere. It is always with me.«

An ihrem Gesicht kann ich nicht ablesen, ob sie das

gut oder schlecht findet.

Ein zweiter Mensch ändert die Zeit wieder zur Menschenzeit,

die Gegenwart ist wieder ein Zucken, das

du kaum wahrnimmst, und die Dinge passieren wieder

nacheinander, die Zeit schnürt wie die Linie im

EKG, ein pochender Moment nach dem anderen, und

du kommst nicht mehr dazu, nach links oder rechts

zu schauen.

Sie: »Holiday?«

Ich nicke und schüttle dann den Kopf.

»Yes and no?«

Ich tippe in ihr Handy: I am walking. Aber das habe

ich eben schon geschrieben, und auf Englisch kann

ich es auch einfach sagen. Ich lösche es wieder. Schreibe,

dass ich nachdenken muss.

Sie liest. »Think about what to tell me?«

»No, this is what I’m doing. Walking and thinking.«

Sie wartet sichtlich auf mehr Information.

»I need time to think about my life. And the world.

And everything.« Klingt nicht nachvollziehbar. Und

es stimmt nicht. Ich will nicht nachdenken. Ich denke

aus Versehen nach. Ich habe jetzt schon das Gefühl,

mich um Kopf und Kragen zu reden. Ich muss kichern.

Ein zweiter Mensch ist jemand, vor dem mir

das unangenehm sein könnte.

Sie sieht mich lange und konzentriert an, spricht langsam

ins Handy.

Gute Arbeit. Etwas Ruhigeres.

Yoga, aber nicht aus Leidenschaft.

Dunkelgraues Sofa.

Ein Ratespiel. Sie ist gut. Ich denke an die graue

Couch, deren Polster so hart sind, dass sie keine

Mulden bekommen, wenn man sich draufsetzt, das

Sofa, auf das Swen bestanden hat, das Sofa, das mir

egal war, das Sofa, das mich mit seiner butlerhaften

Ausstrahlung leicht aggressiv macht, ein Sofa, das

ich manchmal gern treten würde, aber in Wahrheit

tritt es mich mit seiner Ungemütlichkeit.

»Right?«

Ich nicke, es ist mir unangenehm.

»Everything?«

»Yes.«

»Yes!« Sie ballt die Hände zu Siegesfäusten.

Ich meine, Ringe unter meinen Augen zu spüren. Ich

denke an meinen Körper in einer Yogaposition, deren

Namen ich mir nicht merken kann, der aber in jeder

Stunde von der Trainerin auf Sanskrit wiederholt

wird. An den Schweiß, der mir den Nacken herabläuft,

und wie ich, das Räucherstäbchen beim Glimmen

betrachtend, darauf warte, dass es vorbei ist.


71

ANJA GMEINWIESER

LESEPROBE

Ich rate zurück. Ich brauche viel länger als sie, auch

das ist mir unangenehm. Ich kann mir sie – Anna –

überhaupt nicht vorstellen. Ich sehe sie an. Ihr Blick

neugierig und gelassen. Weiß nicht, warum mich das

erstaunt. In ihrem Gesicht keinerlei Hinweise auf Familie

oder Möbelgeschmack. Krähenfüße in den Augenwinkeln,

die heller sind als der Rest der Haut. Die

Wölbung des Muttermals unter ihrer Lippe. Sie hat

sehr kleine Ohren.

Schließlich ich: »No children, lots of stress.« Ich forsche

in den kleinen Falten, den Poren auf der Nase,

aber nichts kommt mehr.

Sie schaut mich erwartungsvoll an, lacht laut, dann:

»No and Fifty-fifty. So I have a child and fifty percent

stress and fifty percent no stress.«

»Did you shoot at me?« Die Frage passiert mir irgendwie,

ich habe das Gefühl, dass diese Direktheit nicht

unbedingt eine gute Idee ist.

Sie sackt ein wenig in sich zusammen, ihre Antwort

ist eine Art Kopfwiegen, ein Vielleicht. Sie sucht mit

den Händen in der Luft nach Worten. Zündet noch

eine Zigarette an, reicht sie mir und steckt sich dann

selbst eine in den Mund.

Ich ziehe einmal und sehe zu, wie sich die Glut Richtung

Filter frisst und einen krummen Aschezylinder

hinterlässt.

Sie tippt auf ihre Zigarette. »It’s not that.« Sie bläst

den Rauch aus und starrt in die Ferne. »I didn’t.« Sie

schüttelt den Kopf und hebt die Schultern. »I did

shoot. But not at you.«

»At what?«

Sie spricht ins Handy. Ich lese mit, als das Handy

spricht:

Es tut uns leid. Ich wollte dich

nicht erschießen. Ich habe die

Kuhpistole. Eigentlich kann ich

damit überhaupt nicht umgehen.

Ich hatte es dabei. Und es ist

vorbei. Ich hätte mir fast ins

Knie geschossen. Ich dachte

irgendwie, du wärst Bergretter.

Ich hatte ein bisschen Angst.

Sie, als das Handy wieder still ist: »I have it just in case.

Just in case. And I am very sorry. I am very very sorry.«

Wir blicken uns atemlos an. Alles an ihr ist sorry, das

Stirnrunzeln sorry, das Flehen in den Augen sorry,

die Hände, die sich gegenseitig kneten, sorry, der Biss

von Innen auf Ober- und Unterlippe sorry.

»Okay.« Und nochmal, mehr zu mir selbst: »Okay.«

Sie schüttelt ärgerlich den Kopf. »And it is bullshit in

every way.«

»What?«

Wieder spricht sie ins Handy.

Die Kuhpistole. So wird es

nicht gemacht.

»You did not say cow pistol.«

»Does it say cow pistol?«

Ich zeige ihr das Wort.

Sie: »I mean. I cannot shoot a cow. Just pchiu pchiu.

I do not have a licence, I do not know how to do this.«

Sie schnaubt. In ihrem Augenverdrehen die ganze unerzählte

Geschichte über das Gewehr. »Sorry, okay?

I am really sorry. Sorry. I cannot be sorry enough.«

Sie starrt auf ihre Zigarette, drückt sie aus. Nochmal

sie, ins Telefon:

Sie können die Waffe

als Vergeltung abfeuern.

Sie holt das Gewehr und hält es mir mit beiden Händen

hin. Ich stelle den Topf ab und nehme es entgegen.

Es hat ein eigenartiges Gewicht, schwerer, als es

aussieht. Ich lege es auf meinen Schoß, streiche mit

dem Finger über die Rundungen. Holz, Metall, Holz,

Metall, das Metall kommt mir kälter vor.

»What do you mean?«

»You can try it.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

»Come on.« Ihre Stimme klingt so fröhlich, als sollte

ich ein Blumenkleid anprobieren.

Ich nehme das Gewehr hoch und halte es so, wie ich denke,

dass man das macht, die rechte Wange am Kolben.

»I think you should stand.« Sie nimmt es mir nochmal

aus der Hand, hantiert daran herum, ich sehe nicht,

was sie da tut, mit einem Mal strahlt sie eine merkwürdige

Konzentration aus. Sie steht neben mir, das

linke Bein vorn, das rechte dahinter, sie duckt sich

zum Kolben hin. »Like this.«


72

ANJA GMEINWIESER

LESEPROBE

So stehen wir eine Weile da. Dann reicht sie mir das

Gewehr zurück, ich versuche, ihren Stand nachzuahmen,

und fühle mich beobachtet. Ich drehe mich so,

dass ich auf einen Fels etwas weiter entfernt ziele.

»You have to look to this.« Sie legt den Finger auf die

Erhebung vorne am Lauf, sie trägt fliederfarbenen

Nagellack. »It has to come together with this.« Der

Finger legt sich in eine Mulde auf dem Gewehr. »And

of course you look at what you want to shoot.«

Ich ziele. Meine Arme zittern unter dem Gewicht, ich

kann es nicht ruhig halten. Ich kneife die Augen zusammen.

»You pull here.« Sie zieht einen Hebel unten am Griff

zu mir. »Now you can shoot.«

Ich schaue aus den Augenwinkeln zu ihr rüber, ihr

Gesicht nah neben meinem, als würde sie versuchen

mitzuzielen.

Sie: »Be careful. It is very loud.« Dann, mit einem

Schritt zurück, flüsternd: »Shoot.«

Ich drücke mit dem Finger auf den Abzug, ganz leicht

nur. Der Schuss löst sich, stößt mich zurück, der Knall

zerreißt etwas in meinem Kopf, ein komplett körperliches

Geräusch. Ich taumle, habe Mühe, das Gewehr

zu halten. In meinen Ohren summt die Taubheit, um

uns eine Stille, die im Kontrast noch hörbarer wird.

»Shit!« Sie klingt anerkennend, strahlt mich an, als

hätte sie mir einen Gewinn überreicht.

Ich setze mich auf den Boden, schiebe den Unterkiefer

hin und her, um wieder ein normales Gefühl in die

Ohren zu bekommen, drücke mir die Fingerkuppen

in den Gehörgang.

Irgendwas will ich sagen, weiß aber nicht, was.

Neben mir liegt ein kleiner goldener Zylinder, er muss

ein Teil der Patrone sein. Ich nehme ihn, halte ihn an

die Nase. Riecht nach Knete.

»This is not for me.« Obwohl es sich im Nachhinein eigenartig

gut anfühlt: der Finger am Abzug, der Knall,

der Rückstoß, die explosive Wirkung eines einzelnen

Muskelzuckens.

Das Taubheitsgefühl in meinen Ohren packt die Welt

in Watte, ich fühle mich erschöpft, obwohl ich nur

einen Finger gekrümmt habe. Dort, wo ich meine hingeschossen

zu haben, gibt es keine Veränderung, der

Fels ist derselbe wie vorher, der Hang sieht genauso aus,

die Welt hat den Schuss geschluckt, als wäre er nichts,

nur das Gefühl im Körper bezeugt, dass er da war.

»Diese beiden Frauen

sind nicht nur Romanfiguren,

sie sind

Solidarität, Hoffnung,

Rebellion. Wir

Königinnen ist ein

Feuerwerk an Ideen. So

ein Buch hat gefehlt!«

Mareike Fallwickl

Ich wasche den Nudeltopf am Brunnen.

»Do you want tea?« Das Gefühl, ihr etwas anbieten zu

müssen. Ich stelle den Topf mit Wasser auf den Kocher,

und die Tasse mit Teebeutel zwischen uns, wir

betrachten den blauen Flammenring. Der kommt mir

auch schon schwächer vor. »I have only this cup.« Ich

deute auf die Tasse.

Sie starrt ins Teewasser. »So you are walking.«

Wir blicken auf den Grashang vor uns.

»Nice.«

»Yes.«

»But. Here is nothing.«

»That‘s the problem.«

Ich zeige ihr auf der Karte die Route, die ich gelaufen

bin. Sie fährt die Kugelschreiberlinie, die ich auf das

Papier gezeichnet habe, mit dem Finger nach.

»Wow. How far is it?«

Ich blicke auf den Maßstab – 1:25.000 – und muss zugeben,

dass ich es nicht genau sagen kann.

Dann sie, mit einem langen Blick auf mich: »Why is

everthing red?« Sie zeigt auf mich, den Rucksack, den

Schlafsack, auf dem wir beide sitzen, und hält mir die

Emaille-Tasse unter die Nase.

Ich nehme sie und gieße den Tee auf.


»Everything you have is very, very red. You look like a

warning sign. With more warning signs around you.«

»Coincidence?«

»But you see that it is red, yes? Some people cannot

see red.«

»I see it.« Ich füge hinzu: »It is mostly men who can’t

see it.«

»Like bulls.« Sie spricht eine Erklärung ins Handy:

Bullen in spanischen Kämpfen?

Sie benutzen dieses rote Tuch,

aber die Bullen sehen die Farbe

überhaupt nicht. Dies ist nur

für die Öffentlichkeit.

Ich blicke auf die rote Tasse. Alles außer den Schuhen

habe ich neu gekauft, bevor ich los bin. Dass wirklich

alles rot ist, fiel mir erst auf, als ich in der Natur

stand wie ein, ja sie hat recht, wie ein Warnschild. Ich

habe die Sachen hastig besorgt, ohne auf den Preis

oder irgendwelche Outdoor-Eigenschaften zu achten.

Der Verkäufer im Geschäft sah mich an, als sei ich auf

genau die Art irre, auf die er gewartet hatte, er war

jung und barfuß, hatte den Blick eines Jägers, der sofort

verschwand, als ihm klar wurde, dass mir egal war,

wieviel Geld ich ausgab. Mir war die Situation peinlich,

mir war peinlich, dass ich kopflos konsumierte,

dass ich so wenig Ahnung hatte, dass ich die einzige

Kundin war. Seine Kollegen, die alle irgendwie beschäftigt

wirkten, sahen sicher, dass ich die Ausstrahlung

einer Parkspaziergängerin hatte. Ich versuchte

also, ein wissendes Gesicht zu machen zu allen Details,

die mir der Junge zu Rucksack, Schlafsack, Isomatte

nannte: Eigengewicht, Wärmeleistung, bla, bla,

bla. Er trug das vor, ohne nachzusehen, eine Hand am

Kinn. Ich bedankte mich, zahlte einen absurd hohen

Preis und flüchtete, den Rucksack voller Zeug auf dem

Rücken, aus dem Laden.

»I didn't think about the color, when I bought it.«

Wir trinken aus der einen Tasse, starren auf den Berg.

Sie nimmt eine Zigarette zwischen die Lippen, hält

das Feuerzeug davor und steckt dann doch beides zurück

in die Packung.

»Do you want to see the cows?«

»Sure.«

In Wirklichkeit bin ich mir nicht sicher.

27.

FEB

2026

ANJA GMEINWIESER

WIR KÖNIGINNEN

Hardcover mit Schutzumschlag

224 Seiten

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-8270-1528-0

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


74

DR. AMIR LEVINE

SECURE. DER SCHLÜSSEL ZU ECHTER VERBUNDENHEIT

DR. AMIR LEVINE

SECURE.

Der Schlüssel zu echter Verbundenheit

Ȇber ein Jahrzehnt nach seiner

Veröffentlichung hat ein Buch über

Dating die Menschen fest im Griff.«

NEW YORK TIMES

»Jeder, der von der uralten Frage geplagt wird:

›Was ist bloß mit ihm los?‹, könnte von einem

Crashkurs in Bindungstheorie profitieren.«

ELLE



76

DR. AMIR LEVINE

LESEPROBE

LESEPROBE

Vorwort:

Berührt von einem magischen Gefühl

der Sicherheit

Mit zwölf Jahren begleitete ich meine damals vierzehnjährige

Schwester im schönen Monat August auf

einem einwöchigen Strandurlaub mit ihrer Freundin

Lila und deren Mutter Ruth. Wir wohnten in einem

alten etwas windschiefen Strandhaus mit Blick aufs

Meer. Jeden Tagt liefen wir den kleinen gewundenen

Pfad hinunter zum Strand, surften auf den Wellen

und ließen uns die Haut von der Sonne wärmen.

Wenn wir genug hatten, stiegen wir den Hügel wieder

hinauf, spritzten uns im Garten mit dem Schlauch

das Salzwasser vom Körper, trockneten uns kurz ab

und rannten ins Haus, um uns ein Eis zu holen. Wir

aßen deftig, spielten Brettspiele und ab und zu gingen

wir auf Entdeckungsreise in die Stadt.

Ich war meiner Schwester dankbar, dass sie mich

mitgenommen hatte, und vor allem auch Ruth, dass

sie damit einverstanden war, mich in ihren Familienurlaub

mitzunehmen. Es war großzügig von ihr,

zwei weitere Teenager, von denen sie einen nicht einmal

kannte, auf ihren einwöchigen Sommerausflug

einzuladen. Ruth war wie ihre biblische Namenspatronin

eine ausgesprochen herzliche Gastgeberin.

Wir fühlten uns bei ihr sofort zu Hause. Sie strahlte

Gelassenheit und Ruhe aus, hatte stets ein sanftes

Lächeln im Gesicht und sprach in einer Weise mit

uns, die uns spüren ließ, dass wir ihr wichtig waren

und sie uns wirklich gernhatte. Sobald zwischen uns

Kindern die leiseste Spannung aufkam, gelang es ihr

mühelos, die Wogen zu glätten. Sie sagte uns auch

nie unmittelbar, was wir tun sollten, oder wann wir

etwas tun sollten, irgendwie wussten wir es auch so,

und es war uns ein Bedürfnis, uns in ihrer Nähe gut

zu benehmen.

Ich war nicht der einzige, den Ruths Wesen berührte.

Sie war Grundschullehrerin einer dritten Klasse, und

viele ihrer Schülerinnen und Schüler waren noch Jahrzehnte

nachdem sie die Grundschule verlassen hatten

in Kontakt mit ihr. Irgendwie gelang es ihr, dass man

sich allein durch ihre Art und ihre Gegenwart gestärkt

und aufgebaut fühlte. Dabei gab es auch in ihrem

Leben durchaus Herausforderungen. Ihr Mann

starb mit sechsundvierzig Jahren an einer Herzkrankheit

und ließ sie als alleinerziehende Mutter mit zwei

Töchtern zurück. Um für die kleine Familie sorgen zu

können, musste sie ihren Beruf wechseln. Sie wurde

Produzentin bei einem bekannten Fernsehsender, zur

damaligen Zeit vor allem eine Männerdomäne, und

produzierte eine Reihe von preisgekrönten Dokumentarfilmen.

Ich habe seitdem viele schöne Orte auf der ganzen

Welt besucht und dort wunderbare Urlaube verbracht,

doch dieser magische Sommer mit Ruth nimmt immer

noch einen ganz besonderen Platz in meinem

Herzen ein. Erst Jahrzehnte später, als ich zufällig in

Studien auf den Begriff der »sicheren Bindung« stieß,

wurde mir klar, warum diese Ferien nach wie vor so

einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen einnehmen

– wegen Ruth.

Mit meinem heutigen Wissen verstehe ich, dass

Ruth, die leider nicht mehr lebt, ein Mensch mit

einem sicheren Bindungsstil war. Diese sicheren

Menschen haben die besondere Gabe, andere um

sie herum aufzubauen. Wenn Sie Ihre Erinnerungen

durchforsten, fallen Ihnen höchstwahrscheinlich

auch eigene Begegnungen mit sicheren Menschen

ein. Und bei näherem Hinsehen gehören sie vermutlich

zu den glücklichsten Momenten Ihres Lebens.

Meine Schwester, der ich diesen besonderen Urlaub

überhaupt verdanke, besitzt die gleiche Gabe wie

Ruth, und strahlte mein ganzes Leben über, soweit

ich mich zurückerinnern kann, Sicherheit aus. Seit

ich klein war erlaubte sie mir immer, dass ich sie

überallhin begleitete, ich wurde nie ausgeschlossen,

egal was sie unternahm. Eine meiner frühesten Erinnerungen,

als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt

war, ist ein Besuch mit ihr bei ihrer Freundin, die

gerade drei süße Dackelwelpen hatte, mit denen ich

gerne spielen wollte. Ich erinnere mich auch noch

gut daran, wie sie und ein paar Freundinnen mich in

den Park mitgenommen haben.


77

DR. AMIR LEVINE

LESEPROBE

In den letzten Jahrzehnten entstanden einige Studien,

die zeigen, dass selbst die winzigsten Interaktionen

mit solch »sicheren« Menschen ganz wesentlich

für unser Glücksempfinden und unser Wohlergehen

sind. Und sogar noch mehr – man nimmt an, dass

diese sicheren Begegnungen im Laufe unseres Lebens

eine Art Samenkorn an Sicherheit in uns hinterlassen,

das wir dann zum Gedeihen bringen können;

eine Basis dafür, selbst sicherer zu werden.

In diesem Buch kombiniere ich Erkenntnisse aus

meinen eigenen Erfahrungen mit sicheren Menschen

mit denen meiner Patienten, Studierenden,

Interviewpartnerinnen sowie mit Forschungsergebnissen

zum Thema »sichere Bindung und das Gehirn«,

um den Lesenden zu helfen, selbst dauerhaft

sicherer zu werden. Ich wende dabei auch eine Methode

an, die ich bei der Arbeit mit meinen Patienten

entwickelt habe, die ich »Secure Priming Therapy«

nenne, oder kurz: »Secure Therapy«. Dabei erinnert

man sich an sichere Momente im Leben, um den

Samen der Sicherheit in uns zu nähren und so im

Alltag sicherer zu werden.

Im Laufe der Jahre haben meine Patienten in unseren

Sitzungen Dutzende solcher Erinnerungen mit

mir geteilt. Einige hatten außergewöhnliche Eltern,

andere hatten Großeltern, die sie über alles liebten,

manche erzählten von unglaublich beeindruckenden,

fürsorglichen Lehrern, Professorinnen, Ehepartnern,

Chefinnen und Geschwistern, die ihnen

ihr eigenes Gefühl der Sicherheit weitervermittelten.

So wuchs meine tiefe Bewunderung für diese Menschen

in der Welt, die Sicherheit ausstrahlen, immer

weiter. Je mehr Zeugnisse von sicheren Bindungen

ich voller Ehrfurcht höre, desto intensiver wird meine

Zuneigung für diese sicheren Menschen um uns

herum. Diese Menschen, die immer für uns da sind

– die uns so gut wie nie im Stich lassen und nicht mit

uns streiten. Mir ist aufgefallen, dass dieses Talent

oft ungewürdigt bleibt, zuweilen sogar völlig unbeachtet,

möglicherweise weil diese sicher gebundenen

Menschen so unerschütterlich sind. Sie teilen ihre

vielfältigen Gaben großzügig, ohne großes Aufheben

darum zu machen. Bei der Secure Therapy dagegen

stehen die Sicheren dieser Welt im Mittelpunkt,

weil sie ein Vorbild an Sicherheit und Gelassenheit

in ihrer Beziehung zu uns sind und uns lehren, selbst

Je mehr Zeugnisse von

sicheren Bindungen ich

voller Ehrfurcht höre,

desto intensiver wird

meine Zuneigung für diese

sicheren Menschen um uns

herum. Diese Menschen, die

immer für uns da sind – die

uns so gut wie nie im Stich

lassen und nicht mit uns

streiten.


78

DR. AMIR LEVINE

LESEPROBE

Ängstliche Menschen

suchen Nähe und sind

sehr sensibel gegenüber

Ablehnung, sie haben

Angst, die Zuneigung des

anderen zu verlieren.

Vermeidende Menschen

dagegen haben Angst

vor Nähe, sie betonen

ihre Unabhängigkeit

und schaffen Distanz zu

anderen. Sichere Menschen

sind herzlich und liebevoll.

Sie suchen die Nähe und

fürchten nicht, abgelehnt

zu werden.

mit einem stärkeren Gefühl der Sicherheit durchs

Leben zu gehen. Dieser Ansatz hilft uns nicht nur

dabei, sichere Beziehungen zu entwickeln, sondern

regt darüber hinaus Veränderungen in unserem

Gehirn an, die dazu beitragen, dass wir uns von

negativen Erlebnissen in der Vergangenheit erholen

können.

Dieses Buch soll, ähnlich wie die Arbeit mit meinen

Patientinnen und Patienten, dabei helfen, die

kleinen Samenkörner von Sicherheit, die jeder von

uns in sich trägt und um sich herum erfährt, zu aktivieren,

um sicherer zu werden, so wie Ruth, meine

Schwester und all die anderen, die auch so sind wie

sie. Wenn man in dem Modus, den ich den »sicheren

Modus« nenne, in dieser Welt lebt, dann gelingt es

einem auch, mit einem größeren Gefühl der Sicherheit

zu lieben, zu arbeiten und mit sich selbst und

anderen wohlwollend und fürsorglich umzugehen.

Die weitreichenden Auswirkungen des

»sicheren Modus«

Jüngste wissenschaftliche Studien haben gezeigt,

dass das Leben im sicheren Modus einen positiven

Effekt auf viele verschiedene Aspekte des Lebens hat.

Diese Untersuchungen bestätigen die weitreichenden,

positiven Wirkungen – die weit über romantische

Beziehungen hinausgehen – darauf, wie man

sich selbst, seine Umwelt und Beziehungen im Allgemeinen

erlebt. Es konnte zum Beispiel belegt werden,

dass sichere Menschen auch besser im Umgang

mit sozialen Medien sind. Sie vermeiden erfolgreich

die negativen Erlebnisse, die unsichere Menschen

häufig haben. Dazu gehört zum Beispiel, obsessiv

darüber nachzudenken, wie andere einen wahrnehmen,

oder dass man eine geringe Anzahl von Likes

als Ablehnung empfindet. Beim Einkaufen ist man

weniger gefährdet viel zu viel zu kaufen, Logos und

Marken haben weniger Einfluss. Sicher gebundene

Menschen sind langfristig gesünder und haben auch

ein besseres Verhältnis zu den Menschen, die ihnen

im Bereich der Gesundheit zur Seite stehen. Bei

ernsteren Krankheiten wie Krebs oder chronisch

schmerzhaften Zuständen wie Fibromyalgie weisen

sie weniger körperliche Symptome auf und es gelingt


79

DR. AMIR LEVINE

LESEPROBE

ihnen emotional besser, mit ihrer Krankheit umzugehen

– sie sind seltener depressiv, und die Gesamtsicht

auf das Leben durch die Krankheit ist weniger

negativ geprägt. Auch bei der Jobsuche sind sichere

Menschen zuversichtlicher. Sie sind erfolgreicher in

der Suche, und der Prozess zieht sie emotional weniger

herunter – ihr Selbstbewusstsein bleibt unbeeinträchtigt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass zahlreiche

Studien belegen, dass das Leben von sicheren Menschen

emotional weniger belastend ist. Ein sicherer

Bindungsstil scheint zu bewirken, dass man mehr

Zeit hat, sich den wesentlichen Dingen im Leben

zu widmen: Freundschaften zu schließen, sich um

seine Kinder zu kümmern und kreativ und offen für

Neues zu sein.

Doch wie können wir alle dauerhaft sicherer werden?

Scans zeigen immer wieder, dass sich das Gehirn von

sicher gebundenen Menschen bezüglich Struktur

und Funktionsweise von dem von unsicher gebundenen

unterscheidet. Bestimmte Gehirnareale, die bei

Angst und Stress aktiv werden, sind davon besonders

betroffen. Um sicherer zu werden, muss man also

tatsächlich Struktur und Arbeitsweise des Gehirns

verändern. Doch wie kann man das erreichen? Die

Antwort auf diese Frage verdanke ich einem großen

Zufall.

Einführung:

Das Gehirn verändern für mehr

Sicherheit: Von der Psychoanalyse zur

Neurowissenschaft und wieder zurück

Wie kann man sein Gehirn verändern, um sicherer

zu werden und so sein Leben zu verbessern? Indem

man dessen physische Struktur modifiziert. Doch

wie erreicht man das? Man könnte annehmen, dass

ich das während meiner Ausbildung zum Psychiater

gelernt hätte, das stimmt jedoch nicht. Ich stolperte

rein zufällig über die Lösung – wie das oft passiert.

Schon sehr früh wollte ich Psychoanalytiker werden.

Ich fand die Vorstellung faszinierend, anderen

Menschen mittels Gesprächstherapie zu helfen, störende

Muster zu verändern, und so ein zufriedeneres

Leben zu führen. Ich unterzog mich deshalb selbst

einer einjährigen Psychoanalyse und lag viermal pro

Woche auf der berühmt-berüchtigten Couch, eine

notwendige Voraussetzung für die Qualifizierung

zum Psychoanalytiker. Ich arbeitete mich durch die

Schriften von Freud und seinen Nachfolgern, und

alle meine Betreuerinnen und Betreuer während der

Facharztausbildung erwarteten, dass ich weiterhin

Psychoanalyse studierte. Meine berufliche Zukunft

lag fertig geplant vor mir. Nicht in meinen wildesten

Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass ich

einmal in einem Labor enden und Flüssigkeiten in

kleine Reagenzgläser pipettieren würde, um zu untersuchen,

wie man Gehirnveränderungen anhand

von Molekülen nachweisen kann. Doch genau das

geschah.

Es gibt viele Gründe, weshalb ich meine Berufswahl

meiner eigenen Analyse verdanke. In dem Jahr, als

ich mich auf die Psychoanalyse-Ausbildung vorbereitete,

musste ich ein Forschungsthema auswählen.

Eine meiner Mentorinnen während der Facharztausbildung,

Professor Abby Fyer, gab mir dabei

folgenden Rat: »Das Leben in der Wissenschaft ist

hart. Sie werden immer wieder viel Ablehnung und

Kritik erfahren und es wird zahlreiche Rückschläge

geben. Um zu überleben, braucht man etwas, für

das man wirklich brennt, ein Thema, das einen motiviert,

trotz mangelnder Anerkennung auch langwierige,

anstrengende Phasen durchzuhalten, die

Teil unseres Berufes sind.« Mit dieser Warnung im

Hinterkopf suchte ich intensiv nach einem Thema,

das Leidenschaft in mir entfachte. Ich las zahllose

Artikel, von Dozentinnen meiner Fachrichtung die

mich interessierten. Ein Paper in der Fachzeitschrift

Cell beeindruckte mich dabei besonders – es ging um

molekulare Strukturen, die für die Entstehung bleibender

Erinnerungen verantwortlich sind.

Ich bat um ein Gespräch mit dem Hauptautor dieses

Artikels, dem Nobelpreisträger Eric Kandel. Etwas

nervös sprach ich über mein Interesse an seiner Forschungsarbeit,

besonders über besagte Veröffentlichung

in Cell, und darüber, dass ich jedoch keinerlei

Erfahrung mitbrächte. Nach zwei Minuten stand er

auf und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen eine

Treppe hoch und er stellte mich dem führenden Kopf

des Projektes vor, James Schwartz, den jeder Jimmy

nannte.


80

DR. AMIR LEVINE

LESEPROBE

Epigenetik, die Umwelt und das Gehirn

Jimmys Paper beschäftige sich damit, wie das Anhängen

bestimmter molekularer »Tags« (oder »Switches«)

an der DNA im Gehirn eine Voraussetzung für

Langzeiterinnerungen ist. Jimmy und sein Postdoc,

Zhonghui Guan, konnten in Kollaboration mit Eric

Kandels Labor zeigen: Aktiviert man Neuronen der

Aplysia, einer Meereschnecke mit riesigen Neuronen,

dann werden molekulare Tags an die DNA dieser

Zellen angehängt. Dieser Prozess wird von bestimmten

Enzymen ausgeführt. Der Zusatz der DNA-Tags

fördert die Genexpression, das heißt sie regen diese

Gene dazu an, Proteine zu produzieren, was zu Langzeiterinnerungen

und Lernprozessen führt. Die Forschenden

stellten weiter die These auf, dass auch im

menschlichen Gehirn molekulare Tags angehängt

werden. Wenn man sich also morgen noch an etwas

aus diesem Vorwort erinnert, dann müssen bestimmte

molekulare Tags an die DNA im Gehirn angehängt

worden sein. Kurzgefasst bewiesen sie, dass dieser

Prozess, der eine Art epigenetische Veränderung ist,

essenziell für die Bildung von Erinnerungen ist.

Zum damaligen Zeitpunkt war mir das noch nicht

klar, aber dieses Paper und das darauffolgende aus

Eric Kandels Labor waren bahnbrechend, und zusammen

mit anderen Arbeiten aus dieser Zeit

begründeten sie das neue Forschungsgebiet der

Epigenetik in der Neurowissenschaft. Nach Erscheinen

dieser beiden Paper explodierte das ganze

Forschungsgebiet: Von Erkenntnissen zur Rolle der

Epigenetik bei Substanz-Abhängigkeit, im Bereich

Gedächtnis und Lernen, bei mütterlichem Verhalten

und anderen Bereichen in der Neurowissenschaft

wurde von zahlreichen Forschungsgruppen auf der

ganzen Welt berichtet. Im Laufe der nächsten zehn

Jahre wurde deutlich, dass epigenetische Veränderungen

im zentralen Nervensystem der vorrangige

Mechanismus sind, der das Gehirn flexibel hält – ein

wichtiger Faktor, der dazu beiträgt, dass einschneidende

Lebensereignisse unser Gehirn strukturell

verändern und uns im Laufe unseres Lebens, sogar

bis ins hohe Alter, zu den Menschen machen, die

wir sind. Das Knifflige dabei ist, eine Umgebung zu

finden, die positive Veränderungen in unserem Gehirn

ermöglicht.

Da war ich nun also – im Labor, mit einer Pipette in

der Hand, und lernte, wie man Experimente in der

Molekularbiologie durchführte. Jimmy und ich trafen

uns regelmäßig, um über die Forschung, Literatur

und andere interessante Themen zu sprechen. Wir

sammelten gemeinsam Ideen zu weiteren möglichen

Forschungsprojekten. Drei Monate vergingen wie im

Flug. Jimmy war ein unglaublicher Mentor mit originellen

Ideen. Er ging das Risiko ein, einen blutigen

Anfänger wie mich in seinem Labor aufzunehmen,

wo die meisten anderen höflich dankend abgelehnt

hätten. Die Arbeit war alles andere als einfach. Ich erinnere

mich gut daran, wie ich zum ersten Mal richtig

Mist baute. Ich war mit einem dreitägigen arbeitsintensiven

und teuren Experiment beschäftigt, bei dem

ich ein bestimmtes DNA-Präparat zusammen mit

seinen Tags aus Gehirngewebe isolierte. Am Ende

des dritten Tages schüttete ich die obere Schicht der

Flüssigkeit weg und zeigte dem Techniker stolz das

hübsche Klümpchen am Boden des Reagenzglases –

nur um dann zu erkennen, dass die gesuchte DNA in

der oberen Schicht der Flüssigkeit gewesen war und

das Klümpchen lediglich Zellabfall war, den man

entsorgen konnte. Mir war das sterbenspeinlich und

ich rechnete damit, dass Jimmy mich aus dem Labor

werfen würde. Doch stattdessen sagte er nur: »Das

ist nicht so schlimm, du bekommst da schon noch

Übung. Du hast einen Fehler gemacht, aber davon

geht die Welt nicht unter. Um ein guter Wissenschaftler

zu sein, braucht man nicht nur praktisches

Wissen, viel hängt davon ab, was da oben drinnen ist.«

Und er zeigte auf meinen Kopf. »Es geht darum, kreativ,

mutig und neugierig zu sein.« Und genau so ist es.

Ich blieb länger als die drei geplanten Monate und

mit der Zeit wurde ich immer besser in diesen technischen

Arbeiten. Inzwischen weiß ich, dass das daran

lag, dass Jimmy ein sicheres Umfeld im Labor

geschaffen hatte, das es mir erlaubte, mir ein neues

Forschungsfeld von Null an zu erarbeiten.

Parallel zu meinen Untersuchungen am Gehirn auf

molekularer Ebene interessierte mich weiterhin die

klinische Arbeit, um Menschen zu helfen. Gleichzeitig

ließ ich meiner zweiten Passion, dem Schreiben, freien

Lauf. Im Rahmen meines Fellowships in der Kinderund

Jugendpsychiatrie im therapeutischen Kindergarten

der Columbia University stieß ich durch einen


glücklichen Zufall auf Forschungsberichte aus dem

Gebiet der Sozialpsychologie. Es ging darum, dass wir

alle bestimmte »Bindungsstile« aufweisen – ängstlich,

vermeidend und sicher. Diese Bindungsmuster haben

einen immensen Einfluss darauf, wie wir uns als Erwachsene

in Beziehungen verhalten. Ängstliche Menschen

suchen Nähe und sind sehr sensibel gegenüber

Ablehnung, sie haben Angst, die Zuneigung des anderen

zu verlieren. Vermeidende Menschen dagegen haben

Angst vor Nähe, sie betonen ihre Unabhängigkeit

und schaffen Distanz zu anderen. Sichere Menschen

sind herzlich und liebevoll. Sie suchen die Nähe und

fürchten nicht, abgelehnt zu werden.

Ich fand die Forschung zum Thema Bindungstheorie

ausgesprochen hilfreich. Sie öffnete mir die Augen

und bescherte mir ein wahrhaftiges Aha-Erlebnis:

Wenn dieses Wissen so hilfreich für mich ist, dann

ist es das bestimmt auch für viele andere! Das einzige

Problem war, dass es in dieser wissenschaftlichen

Sprache für die meisten Menschen in ihrem Alltag

nicht leicht zugänglich und damit wenig hilfreich war.

Über nahezu fünf Jahre hinweg übersetzte ich also

diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine verständliche

Sprache und schrieb zusammen mit meiner

Co-Autorin Rachel Heller das Buch Attached

(Warum wir uns immer in den Falschen verlieben). Es

war das erste Mal, dass ich ein klinisches Werkzeug

schuf, das auf Forschungskenntnissen basierte. Das

Buch half vielen Leserinnen und Lesern zu erkennen,

dass das Wissen um Bindungsstile ihre Fähigkeiten

verbessern kann, im täglichen Leben mit Beziehungen

umzugehen. In Sitzungen mit Patienten, in den

Emails von Leserinnen und in Interviews tauchte

jedoch immer wieder eine bestimmte Frage auf:

»Wie werde ich sicherer?«

Und die Antwort auf diese Frage ergab sich auf eine

Weise, die ich am wenigsten erwartet hätte. Ohne dass

es mir bewusst war, wandte ich in den Therapiesitzungen

mit meinen Patientinnen und Patienten mein

Wissen aus dem Labor an, um die Dinge, die sie erlebten

und die sie beschäftigten, besser zu durchleuchten.

Mir fiel auf, dass ich von den üblichen therapeutischen

Techniken abwich und stattdessen die Funktionen des

Gehirns erklärte und welchen Einfluss es auf unseren

Alltag hat. Über die Jahre wurde das zum Dreh- und

Angelpunkt meines Ansatzes.

30.

APR

2026

DR. AMIR LEVINE

SECURE. DER SCHLÜSSEL ZU

ECHTER VERBUNDENHEIT

Wie du einen sicheren Bindungsstil aufbaust und so

deine Beziehungen und dein ganzes Leben stärkst

Hardcover

384 Seiten

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07439-1

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


82

LEA SINGER

EINE FRAGE DES FORMATS

LEA SINGER

EINE

FRAGE


DES

Lea Singer studierte Kunstgeschichte,

Musik- und Literaturwissenschaft. Mit

ihren Romanen vor allem über historische

Persönlichkeiten ist die promovierte

Kunsthistorikerin ebenso erfolgreich

FORMATS

wie mit ihren Biografien unter ihrem

Klarnamen Eva Gesine Baur. Sie lebt

in München. Zuletzt erschienen »Die

Heilige der Trinkers« und »Maria Callas.

Die Stimme der Leidenschaft«.


84

LEA SINGER

INTERVIEW

WIE

ALLES

ANFING

Es fing an mit einer Kunstpostkarte. Im Münchner Haus

der Kunst war 2015 zum ersten Mal einer Frau eine

Einzelausstellung vergönnt, einer alten Frau. Louise

Bourgeois war fünf Jahre zuvor mit 99 gestorben. Die

alte Frau auf der Kunstpostkarte war jünger, Mitte

Siebzig, und weltberühmt seit Geburt, und sie wurde

porträtiert. Ich hielt das Ganze für ein fotorealistisches

Gemälde, was es zeigte für frei erfunden. Die Rückseite

klärte mich auf: Es war ein Foto. Der Fotograf:

David Dawson. Die Dargestellten: Elizabeth II. und

der Maler Lucian Freud. Für Lucian Freud brannte ich

seit Langem, für die Queen brannte ich noch nicht, zu

kühl. Die Karte wurde nicht abgeschickt. Sie stand von

da an am Sockel meines Bildschirms.

WARUM

MICH

DAS

NICHT

MEHR

LOSLIESS

Mich interessiert nichts mehr im menschlichen Dasein

als Begegnungen. Aus ihnen ergibt sich alles, Unglücksfälle,

Unfälle, Glücksfälle, Krieg und Frieden, Liebe und

Hass, Desinteresse und Leidenschaft. Es braucht dazu

nur zwei Menschen und ihren Dialog. Der Dialog ist für

mich der Inbegriff des Menschlichen, er öffnet den Blick

für das Unbekannte, Ungewohnte, Fremde. Jedenfalls

denjenigen, die ihren Blick öffnen wollen. Der Dialog

macht es möglich, das kennenzulernen – und auch sich

selbst. Den anderen zu erfahren bedeutet Selbsterfahrung.

Menschen, die Monologe halten sind einsam,

bleiben es und sind nicht bereit, oft auch nicht mehr imstande,

sich zu verändern. Beispiel? Hitlers Monologe

im Führerbunker, 1945.

Diese Begegnung stellte mich vor ein Rätsel: Was war

zwischen der Queen und dem Maler geschehen, was

war gesagt worden? Nach allem, was ich wusste, waren

ihre Charaktere extrem gegensätzlich.

Freud sagte: A painter’s taste must grow out of what so

obsesses him in life, that he never asks himself what is

suitable for him to do in art.

Der persönliche Stil eines Malers muss aus dem erwachsen,

wovon er in seinem Dasein so besessen ist, dass er

sich nie fragt, was für ihn angemessen ist in der Kunst.

Für seine Exzesse war Lucian Freud im Leben wie in

seinen Werken berüchtigt.

Die Queen stand ein Leben lang für das Angemessene.

Skandale und Exzesse schienen ihr fremd zu sein.

Lucian Freud provozierte, das Kunstpublikum und die

Menschen um sich her. Hatte er auch sie provoziert?


85

LEA SINGER

INTERVIEW

WAS

SCHWIERIG

WAR

Das Porträt ist eine der ältesten, aber auch heikelsten

Formen des künstlerischen Ausdrucks: Nur hier entstehen

menschliche Interferenzen, die das Werk beeinflussen,

vielleicht sogar ausmachen. Das Entstehen

des Porträts ist ein hochkomplexer Vorgang. Und die

Frage, wen es nachher zeigt, niemals eindeutig zu beantworten.

Den Dargestellten? Denjenigen, den der

Künstler in diesem Menschen sieht? Denjenigen, für

den dieser gehalten werden will? Oder den Künstler

im Gewand eines anderen Wesens? Besonders spannend

wird die Entstehung eines Porträts, wenn der Dargestellte

und der Künstler Ausnahmestatus genießen.

Damit tritt noch stärker als sonst die Frage hinter der

von Ähnlichkeit, Wahrheit und Wirklichkeit zutage: Es

geht um Macht. In diesem Stück porträtiert einer der

berühmtesten Maler der Welt eine der berühmtesten

Frauen der Welt.

Das lateinische Wort, auf dem der Begriff Porträt gründet,

heißt pro trahere – ans Licht bringen, hervorziehen.

Das wollte Freud, auch wenn es den Porträtierten

nicht passte.

Aber diese beiden Protagonisten sind Mythen. Waren

es bereits, als sie sich trafen.

Einen Mythos erkennt man daran, dass er nicht zu knacken

ist. Wie sollte ich eindringen?

Von Mai 2000 bis Dezember 2001 arbeitete Lucian

Freud an seinem Porträt der Queen. Es sollte rechtzeitig

zum Krönungsjubiläum fertig werden. Die Umstände

der Entstehung dokumentierte Freuds Assistent

David Dawson in Fotografien.

Wie sollte ich vorgehen? Bekannt war, wie oft und wie

lange die beiden sich gesehen hatten hinter verschlossenen

Türen, wie das Ergebnis aussah und wie die Medien

reagierten. Das fertige Bild löste einen Schrei der

Empörung aus. Mehr nicht.


86

LEA SINGER

INTERVIEW

DAS

EXPERI-

MENT

Die einzige Möglichkeit schien mir, wie eine Traumdeuterin

vorzugehen.

Die Fakten waren der manifeste Trauminhalt, wann

sich wer wo mit wem traf unter welchen Bedingungen,

wer wie aussah und was trug bei welcher Beleuchtung

in welcher Umgebung. Um den zu deuten, musste ich

wie jeder Mensch, der Träume deutet, vieles erkunden

über die Träumer. Über ihre Vergangenheit, ihre Ängste,

ihre Verletzungen, über das, was sie verheimlichten

und das, was sie nie vergessen und überwinden konnten.

Auch über die Menschen, mit denen oder ohne

die sie zu leben gelernt hatten, über Trennungen und

Beziehungen, Krankheit, Tod, Sehnsucht und Scham.

Über die erfüllten und die unerfüllten Wünsche.

Mir war bewusst, dass es wie beim Traumdeuten die

definitiv richtige Deutung nicht geben kann. Auch nicht

geben soll: Eindeutig kann und will eine Traumdeutung

nicht sein. Wenn sie dem Träumenden glaubwürdig

erscheint, hat er das Äußerste erreicht. In dem Fall

müssen die Lesenden entscheiden: Wenn sie sagen So

kann es gewesen sein, bin ich froh.

DAS

RISIKO

Im belletristischen Raum dominiert seit weit über zehn

Jahren das Autofiktionale. In einer Welt der bald vollständigen

Fälschbarkeit verständlich, dass die Schreibenden

wie die Lesenden darin eine Rückversicherung

sehen. Das Autofiktionale behauptet von sich, glaubwürdig

zu sein, weil es so geschehen ist. Dieser Theorie

kann man vertrauen. Ich vertraue ihr nicht. Wir alle

erfinden unser ideales Ich und erzählen davon, nicht

von unserem wirklichen. Die radikalisierte Form des

Autofiktionalen lebt im Reality-Film, der dem Publikum

sagt: Hier gibt jemand alles von sich zu erkennen und

gibt alles zu. Er kann nichts verstecken. Diese Prostitution

intimer Geheimnisse und Schwächen ist nicht zufällig

zu einem Erfolgsrezept beachtlichen Ausmaßes

gewachsen. Ich hatte jedoch vor, in diesem Buch das

Gegenteil zu wagen: die Verteidigung des Geheimnisses.

Bei aller Lust am Aufdecken sollte am Ende dieses

Geheimnis stehen bleiben. Das war riskant. Ich habe

es dennoch versucht.


87

LEA SINGER

LESEPROBE

LESEPROBE

Am Eingang zu St. James’s Palace wurden Lucian

Freud und David Dawson abgeholt. Die Aufpasserin

war keine vierzig, ihr glattes Haar ließ eine hohe Stirn

frei, breit und glänzend glatt über starken Brauenknochen.

Mein Name ist Henrietta Edwards, ich arbeite

hier in der Royal Collection im Archiv.

Lucian starrte sie an. Dieses Stirnbein, sagte er.

Was sagen Sie?, fragte Henrietta.

Es ist außergewöhnlich stark, Ihr Stirnbein, sagte

Lucian.

Wenn jemand ihre Knochen oder Knorpel pries, irritierte

das die meisten Frauen, manche reagierten

gekränkt. Sogar beim Betreten eines Restaurants mit

Besuchern aus der Mode- und Filmszene hielt Lucian

nur nach Kniescheiben, Schlüsselbeinen, Schultern,

Nacken, Handgelenken oder Ohren Ausschau.

Schönheit interessierte ihn nicht. Die Stirn Henriettas

schien ihn zu beruhigen. Seit er morgens um halb

sieben sein Kaschmirjackett angezogen und fluchend

seine Schuhe zugebunden hatte, benahm er sich, als

hätte ihn jemand eingesperrt, und tobte in dieser Zelle.

Nun auf einmal trabte er still neben Henrietta her,

den Blick auf ihre Stirn gerichtet.

Henrietta blieb vor einer Tür stehen, die auch in eine

Toilette hätte führen können, neben der Tür stand ein

Bürostuhl. Die Tür quietschte. Der Raum dahinter

war kahl und hell. Die Leitungen waren über dem

Putz verlegt, der Kunststoff der Lichtschalter vergilbt,

der Linoleumbelag auf dem Boden erinnerte David an

sein Klassenzimmer. An der Rückwand stand ein rot

verkleidetes Podest, darauf ein Sessel, mit rotem Damast

bezogen, die Armlehnen und Sesselbeine waren

mit Goldbronze angestrichen.

David stellte die Staffelei auf, Lucian sog hörbar Luft

ein.

Das Licht, Mister Freud, ist ziemlich kalt, sind Sie

damit zufrieden?, fragte Henrietta Edwards im Weggehen.

Sehr zufrieden.

Zwei Minuten später kam zusammen mit einem

beigen Begleiter, der einen Koffer trug, Lucians

Modell ins Zimmer, eine alte Dame von vielleicht

einem Meter sechzig, blass, die Lippen hellrosa

geschminkt, sie ging leicht nach vorn geneigt. Ihr

Kleid war azurblau, das Jackett darüber war azurblau,

ihre Handtasche war azurblau, nur ihre Schuhe waren

schwarz, als sollten sie erden. Sie trug eine dreireihige

Perlenkette, Perlenstecker an den Ohren und

lächelte mild. Davids Mutter hatte nie etwas Azurblaues

getragen und keine Perlen besessen, ihre Haut

hatte von der Arbeit im Freien immer eine kräftige

Farbe, ihr graues Haar hatte sie niemals ondulieren

lassen. Trotzdem dachte er an seine Mutter.

Lucian rückte den Sessel zurecht, markierte mit Klebestreifen

die Position des Sessels auf dem roten Podestbezug,

rückte die Staffelei zurecht und markierte

dann die Stelle, an der sie stand, mit Klebestreifen auf

dem Fußboden.

Die alte Dame legte ihre Hände auf den Schoß. Ihr

Interesse galt nicht dem Maler, es galt dem Assistenten,

der sie mit Kinderaugen von der Seite her anglotzte.

Verzeihen Sie, Mister Dawson, aber erinnere ich

Sie zufällig an Ihre Mutter?, fragte sie.

Wie kommen Sie darauf, Ma’am?

Sie lächelte. Ich erinnere fast jeden Menschen an seine

Mutter.

David Dawson öffnete den Koffer mit Lucians Utensilien,

entnahm die Kohlestifte, die Palette und ein

paar Pinsel. Der beige Begleiter schloss seinen Koffer

auf, entnahm ihm ein Diadem, setzte es der alten

Dame aufs ondulierte Haar und ging hinaus. Schritte

treppabwärts? Nein, der Begleiter entfernte sich nicht,

der Bürostuhl wartete auf ihn.

Nur, ein Diadem, sagte die alte Dame, setzen die

meisten Mütter selten auf.

Lucian schraubte die Staffelei fester. Deswegen, sagte

er, brauchen wir das Diadem. Damit man Sie überhaupt

erkennt.

Er kehrte ihr den Rücken zu und beugte sich zu seinem

Koffer hinab.

Sie haben recht, Mister Freud, sagte die alte Dame.

Auch wenn ich Beige trüge, würde mich kein Mensch

erkennen.

Noch immer kramte Lucian im Koffer. Wissen Sie,


88

LEA SINGER

LESEPROBE

«

SO

SCHLIMM

KANN ES

NICHT SEIN,

MA’AM

Ma’am, im Vorfeld habe ich bereits gearbeitet an

Ihrem Bild, also an seinem Format, wegen des Diadems.

Damit es draufgeht, musste ich die Leinwand

vergrößern.

Das Lächeln der alten Dame schien einzufrieren.

Kürzlich, erzählte David, habe Freud ein Gemälde

mit drei Personen, eine Hommage an Cézanne, ebenfalls

angestückelt. Es habe wegen der Übergröße nur

noch durchs Fenster über das Dach des Atelierhauses

hinaustransportiert werden können, ein teures Manöver.

Die alte Dame sagte: Ach so, wie interessant, und

verfolgte Freuds Bewegungen. Lucian drehte sich

um und stellte eine Leinwand im Keilrahmen auf die

Staffelei. Sie war ungefähr so groß wie eine Geburtstagsgrußkarte,

kleiner jedenfalls als der Deckel einer

Zigarrenkiste.

Die alte Dame beugte sich vor. Ich wusste gar nicht,

dass Sie auch Miniaturen malen, Mister Freud. Sie

lehnte sich wieder an und stellte die Beine exakt parallel

nebeneinander. Ich schätze Miniaturen, die Wände

sind überall viel zu voll bei uns.

Ich garantiere dir, sie kennt von mir nichts, hatte Lucian

auf der Fahrt hierher zu David gesagt. David hatte

daran erinnert, dass sie soeben persönlich die New

Tate eröffnet habe.

Bei Eröffnungen, hatte Lucian gesagt, würden Leute

Reden halten und Sekt trinken, der nichts kostet,

während sie ihre Ärsche an den Bildern reiben, kein

Mensch sehe sich an, was an der Wand hängt.

Die Zeit, Ma’am, sagte er, die Zeit die wir nicht haben,

zwingt mich dazu. Ich muss Ihren Kopf einschrumpfen,

aber das ist kein Problem.

Sie lächelte. Sagt Ihnen der Name John Griff, zweiter

Baron Altrincham etwas?, fragte sie. Sie würden sich

verstehen. Er ist zwei Jahre älter als ich, Journalist und

Oxford-Absolvent. Als ich Anfang dreißig war, hat

Altrincham in seinem Magazin geschrieben, meine

Reden seien dümmliche Moralpredigten. Und ich

würde sie auch noch nervtötend wie ein Schulmädchen

ablesen, weil ich außerstande sei, ohne Manuskript

nur zwei Sätze von mir zu geben. Mein Mann

sagte, Altrincham hätte sich den langen Artikel sparen

können und das Ganze auf drei Wörter verkürzen:

Firmenchefin mit Hühnerhirn.

Freud begann mit der Kohle die Nasenwurzel und die

Jochbeine zu skizzieren, trat zurück, fixierte sein Modell,

maß mit dem Kohlestift Nasenlänge und Augenabstand,

trat wieder an die Leinwand.

Typisch, Ma’am, dass Sie sich daran haarscharf erinnern.

Leiden können wir vergessen, Demütigungen

nie. In jungen Jahren war ich oft in Schlägereien verwickelt.

Nicht, weil es mir Spaß gemacht hätte. Aber

die Leute sagten Dinge zu mir, auf die Prügel die einzig

mögliche Antwort waren.

Seine Stimme war deutlich höher als zuvor.

Und trotzdem haben Sie diese Herabsetzungen nicht

vergessen, Mister Freud? Es hat also nicht geholfen,

oder?

Das Lächeln der alten Dame belebte sich. Lucians

Kohlestift brach ab, David reichte ihm einen neuen.

Vorsicht, sagte er.

Der neue Kohlestift war unterhalb der Nase an der

Oberlippe gelandet.

Pardon, Ma’am, sagte Freud, aber ich hätte Sie gerne

ohne Lächeln.

Die alte Dame rückte das Diadem zurecht und entschuldigte

sich dafür. Sie habe es schon lange nicht

mehr aufgesetzt und ganz vergessen, wie schwer das

Ding sei. Um die zwei Kilo.

Lucian wartete ab, bis sie wieder rechtwinklig saß.

Der Stand ihrer Füße war ihm schon mehrmals

aufgefallen, egal, wo sie redete, begrüßte oder Auszeichnungen

verlieh, immer verteilte sie ihr Gewicht

gleichmäßig auf beide Beine.

So schlimm kann es nicht sein, Ma’am, Sie lächeln

doch unentwegt.

Nur weil ich im Lauf der letzten Jahrzehnte einsehen


musste, dass mein Gesicht sofort grantig ausschaut,

wenn ich nicht lächle. Was mich interessiert, Mister

Freud, nehmen Sie mir das nicht übel, aber wird es

mit zunehmendem Alter nicht riskant, mit Fäusten

zu argumentieren?

David Dawson machte eine Bewegung, die als Verneigung

gedacht war, und sagte, er werde jetzt für

etwas mehr als eine Stunde den St. James’s Palace verlassen.

Lucian stand mit lockerem Spielbein da, seine

Stimme war auf die normale Tonlage gesunken.

Als ich Mitte zwanzig war, bin ich Francis Bacon begegnet,

von da an waren wir zusammen unterwegs. Er

brachte mich, wie jeden, mit dem er sich herumtrieb,

auf James Joyce, aufs Glücksspiel, auf Whiskey und

Wodka und zahlte die Rechnungen in Kneipen für

alle. Wenn er nicht soff oder zockte, war sein Hirn ein

Glaspalast. Willst du es nicht mal mit Charme statt

mit den Fäusten probieren?, hat er mich gefragt.

Haben Sie es probiert, Mister Freud?

Weil es Francis war, ja, aber nur deswegen.

Das hörte David Dawson im Hinausgehen.

Nach exakt einer Stunde – zwanzig Minuten vor Ablauf

der Frist – betrat David wieder das geborgte Atelier.

Lucian hatte an Lidern und Brauen zu malen begonnen,

starrte aber immer wieder unten in das Gesicht,

dort, wo das Lächeln stand, und seufzte.

Übrigens, Ma’am, der größte Kopf unter allen Kollegen,

die ich persönlich kennengelernt habe, war

Francis, und mein bestes Porträt von ihm, nur sein

Kopf, war 17, 8 auf 12,8 Zentimeter groß, Ihr Porträt,

Ma’am, ist größer, 23,5 auf 15,2.

Wegen des Diadems, sagte sie. Dabei sagte erst vor

Kurzem jemand zu mir, als ich ganz ohne privat unterwegs

war, ich sähe der Queen ähnlich.

Und? Freud ließ die Palette sinken.

Ich habe gesagt: Wie beruhigend. Aber Sie, Mister

Freud, brauchen dieses Ding wegen der Ähnlichkeit.

Lucian lachte. Ähnlichkeit? Interessiert mich überhaupt

nicht, Ma’am. Die meisten Menschen können

von Glück reden, wenn sie sich auf einem Porträt

nicht ähnlichsehen. Rembrandt saßen fast nur Banker

und Kaufleute Modell, wahrscheinlich wenig bemerkenswerte

Personen, aber er machte uns glauben, dass

sie geistige Größe besitzen.

Dann, sagte die alte Dame, habe ich ja Grund zur Zuversicht.

27.

FEB

2026

LEA SINGER

EINE FRAGE DES FORMATS

Roman

Hardcover mit Schutzumschlag

192 Seiten

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07460-5

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


90

A. T. QURESHI

THE BABY DRAGON CAFÉ

THE

BABY

DRAGON

CAFÉ

A. T. QURESHI


91

A. T. QURESHI

LESEPROBE

LESEPROBE

Saphira Margala hatte den ganzen Tag kaum eine

Verschnaufpause gehabt. Im Baby Dragon Café war

viel zu tun gewesen – was gut war, wie sie sich immer

wieder sagte, obwohl ihr die Füße wehtaten.

Es war Ende März, und der Frühling hatte gerade

erst angefangen. Immer mehr Menschen kamen in

die Stadt und nutzten ihre Mittagspause und den

Abend für einen Bummel über die Main Street. Das

bedeutete auch mehr Laufkundschaft für Saphiras

Café. Die Tage wurden länger, die Sonne stieg höher,

und alle wollten die erste Wärme genießen. Draußen

vor dem Café konnte man mindestens ein halbes

Dutzend Drachen über das Tal fliegen sehen, die

sich nach dem langen, kalten Winter an den Sonnenstrahlen

erfreuten.

Starshine Valley war ein Paradies für Drachen und

ihre Reiter. Die kleine Stadt schmiegte sich zwischen

wunderschöne schneebedeckte Berge. Das Gelände

eignete sich hervorragend zum Fliegen und bot herrliche

Ausblicke auf Wälder, Hügel und Seen. Saphira

liebte es, die erwachsenen Drachen im Flug zu beobachten.

Jetzt stand sie am Fenster ihres Cafés und

nahm sich einen kurzen Moment, um die majestätischen

Tiere zu bewundern. Es waren atemberaubende

Geschöpfe. Wenn Drachenbabys nur auch so gelassen

sein könnten wie die Erwachsenen!

Die fraglichen kleinen Ungeheuer lenkten ihre Aufmerksamkeit

wieder zurück auf ihr voll besetztes Café.

Die Gäste hatten es sich an Tischen bequem gemacht

und nutzten verschiedenste Sitzgelegenheiten. Die

Drachenbabys einiger Gäste lagen in Bettchen oder

Höhlen, andere kleine Drachen sprangen in die Drachenbäume

oder Nischen an den Steinwänden.

Der Anblick von Drachenbabys in ihrem Café erfüllte

Saphira mit Stolz. Sie hatte das Café vor sechs Monaten

eröffnet, und es war das erste, das seinen Gästen gestattete,

ihre kleinen Drachen mitzubringen. In den meisten

Lokalen war es nicht erlaubt, Haustiere mitzubringen,

und viele hatten sogar Schilder mit der Aufschrift

DRACHENBABYS VERBOTEN aufgestellt.

Leider verstand Saphira mehr und mehr, warum.

Sie schob Holzstühle an einen der Tische und räumte

leere Becher ab, bevor sie mit dem Geschirr zur Theke

ging. Als sie an einem bärtigen Vater und seiner Tochter

vorbeikam – er nippte an einem Cappuccino, während

die Kleine ein Stück Zitronen-Himbeer-Kuchen

aß –, gab Saphira gut auf ihre Füße Acht, während

sie um ein Drachenbaby herumging, das mit den baumelnden

Beinen des Mädchens spielte. Drachenbabys

waren genauso schelmisch wie Kleinkinder, aber auch

genauso niedlich.

Hinter der Theke schaltete Saphira die Kaffeemühle

ein, um die nächsten Bestellungen vorzubereiten. Sie

goss ein kaltes Getränk in einen Kristallkelch, ein

heißes in einen Keramikbecher und legte Leckerlis

auf Stahlteller. Sobald sie mit den Vorbereitungen

fertig war, stellte Saphira alles auf ein Tablett und

schlängelte sich damit zwischen dicht besetzten Tischen

und Stühlen mit tratschenden Zwölfjährigen

und turtelnden Pärchen hindurch zu ihrem Ziel.

»Ich habe hier einen Cold Brew mit braunem Zucker

und kaltem Milchschaum für Mrs Cartwright und

einen Vanille-Hafermilch-Latte für Mrs Li«, sagte

Saphira und stellte die Getränke auf den Tisch vor

zwei ältere Damen. Sie saßen in bequemen Sesseln

neben großen offenen Fenstern.

Saphira beugte sich zu den Drachenbettchen herunter,

die vor den Füßen der Frauen standen, um zwei

kleinen Drachen ihre Leckerlis zu geben. Der eine

war ein Opala mit großen, gelben Augen und schillernden,

weißen Schuppen, der andere ein Azura mit

tiefblauen Augen und ebenso blauen Schuppen. Beide

waren ungefähr dreißig Zentimeter groß und hatten

kleine Flügel.

»Dörrfleisch für den kleinen Thorn und Ingwerbonbons

für die kleine Viper.« Saphira stellte die Stahlteller

vor den Drachen ab. Da sie jetzt die Hände frei

hatte, streichelte sie die Drachenbabys. Diese gurrten

erfreut, bevor sie über die Leckerlis herfielen, die Saphira

eigens für ihre Reptiliengäste bereithielt.

»Danke, Liebes«, sagte Mrs Cartwright, deren Augen

hinter ihren Brillengläsern Lachfältchen aufwiesen.

Sie legte ihre Stricknadeln beiseite, um einen Schluck

von ihrem Cold Brew zu trinken, und seufzte zufrieden.


92

A. T. QURESHI

LESEPROBE

PFUI, VIPER,

AUS! HÖR AUF

MIT DEM

THEATER.

«

»Sie sind ein Engel«, fügte Mrs Li hinzu, die das Gleiche

tat. »Ein absoluter Engel.«

Wärme durchströmte Saphira, und sie strahlte. »Sagen

Sie mir Bescheid, wenn ich Ihnen noch etwas

anderes bringen kann!« Sie zwinkerte den beiden zu,

was ihr ein Lächeln von den älteren Damen eintrug.

In diesem Moment hörte sie ein tiefes Knurren. Viper

hatte Thorn ein Stück Dörrfleisch weggeschnappt

und mit zwei Bissen heruntergeschlungen. O nein.

Saphiras Herzschlag beschleunigte sich vor Sorge.

Das würde dem kleinen Thorn nicht gefallen …

Wie erwartet spie Thorn eine Flamme auf Viper, die

zischte und sich auf die Hinterbeine stellte, um sich zu

wehren. Sofort rief Mrs Cartwright ihr Drachenbaby

streng zur Ordnung: »Pfui, Viper, aus! Hör auf mit

dem Theater.«

»Thorn!«, sagte Mrs Li streng. »Benimm dich.«

Die Drachenbabys lösten sich aus ihrer kämpferischen

Haltung, und Saphira stieß einen erleichterten

Seufzer aus. Azura-Drachen und Opala-Drachen

waren dafür bekannt, dass sie leicht in Streit gerieten.

Doch da ihre Besitzerinnen beste Freundinnen waren,

mussten Thorn und Viper lernen, miteinander auszukommen.

Mit einem Lächeln für Mrs Cartwright und Mrs Li

ging Saphira zurück zur Theke und hielt dabei aufmerksam

Ausschau nach weiteren Anzeichen von

Ärger. Glücklicherweise schienen sich alle anderen

Drachenbabys zu benehmen.

Das Café war ein wahr gewordener Traum. Saphira

hatte seit Highschool-Zeiten in der Gastronomie gejobbt,

aber sie hatte immer den Ehrgeiz gehabt, eines

Tages ihr eigenes Café zu besitzen. Nun, sechs Monate

nach der Eröffnung, waren Saphiras Ersparnisse

allerdings aufgebraucht, und sie hielt sich gerade so

über Wasser. Solange in dieser Woche nichts in Flammen

aufging, war sie sich jedoch sicher, dass alles gut

werden würde …

Leider währte ihr Optimismus nur ungefähr eine

Stunde.

»Flare, nein!«, erklang eine laute Kleinmädchenstimme.

Saphira schaute zu dem Mädchen hinüber, das

hinter seinem Drachenbaby herlief. Es war das Mädchen,

das mit seinem Vater – er hieß Aziz, glaubte

Saphira – Zitronen-Himbeer-Kuchen gegessen hatte.

»Alles in Ordnung?« Saphira trat hinter der Theke

hervor.

»Hana, wir müssen Flare da runterholen«, sagte Aziz

zu seiner Tochter. »Entschuldige, Saphira, Flare ist

nur ein bisschen hyperaktiv.«

Aber das Drachenbaby schien mehr als nur hyperaktiv

zu sein. Der Kleine war auf den Tisch geklettert und

sprang nun in die Luft, um zu fliegen.

»Flare, stopp!«, rief Hana in gereiztem Ton, als der

Drache auf der Rückenlehne eines Stuhls landete.

Dem kleinen Drachen leuchtete der Schalk aus den

Augen, und bevor Hana ihn einfangen konnte, sprang

er zu einem neuen Flugversuch los.

Saphira griff nach ein paar gebratenen Bittergurken

– Drachenbabys liebten sie! – und hielt sie Flare hin.

Als er näher kam, roch er sie und wandte sich Saphira

zu. Seine Augen weiteten sich vor Freude. Doch der

Anblick der Bittergurken schien die Aufregung des

Drachenbabys leider noch weiter zu befeuern. Flare

sprang auf Saphira zu, schlug mit den Flügeln und

öffnete sein Maul. Saphira sah ein rotes Licht in seinem

Rachen.

Sie wusste, was das bedeutete.

Ohne zu zögern duckte sie sich und bedeckte gerade

noch rechtzeitig ihren Kopf, als Flammen über sie


hinwegschossen. Wenige Augenblicke später ließ die

Hitze nach.

Mit klopfendem Herzen richtete Saphira sich auf.

Der Geruch nach verbranntem Gummi und heißem

Stahl erfüllte die Luft. Im Café war es totenstill, und

alle Augen richteten sich auf das Chaos. O Gott.

Langsam drehte Saphira sich um, und das war der

Moment, in dem sie es sah: Ihre Espresso-Maschine.

Der mittlere Teil war in sich zusammengefallen.

Saphira stand da wie gelähmt und starrte auf die geschmolzene

Masse. Ihre Hände zitterten.

»O nein, das tut mir so leid!« Aziz griff in seine Tasche

und holte etwas heraus. »Hier ist mein Versicherungsnachweis

– ich bin mir sicher, dass sie den Schaden bezahlen

werden.« Er reichte Saphira eine kleine Karte.

»Keine Sorge«, kiekste Saphira und tat ihr Bestes,

Aziz und seiner Tochter ein ungerührtes Lächeln zu

schenken. Sie kämpfte gegen die Tränen an, die ihr

in die Augen steigen wollten. Wie durch Watte hörte

sie, dass Aziz mit seiner Tochter schimpfte, als die

beiden das Café verließen, achtete aber kaum darauf.

Saphira wusste, dass die Versicherung die Kosten

nicht übernehmen würde. Panik stieg in ihr auf. Was

sollte sie tun? Sie hatte nicht die Mittel, um eine neue

Espresso-Maschine zu kaufen, aber wie sollte sie ohne

Espresso-Maschine ein Café betreiben? Den Großteil

ihrer Einnahmen erzielte sie mit überteuertem Latte

Macchiato. Vielleicht war es gar keine so große Katastrophe,

sagte sie sich. Schließlich war ihre Speisekarte

riesig. Sicherlich würde sie auch ohne Espresso-Maschine

Umsatz machen. Es wäre ja nur für ein paar

Wochen. Nur bis sie genug Geld gespart hatte, um

eine neue Maschine zu kaufen.

Saphira wusste jedoch eines mit Bestimmtheit: Sie

würde nicht aufgeben …

27.

FEB

2026

A. T. QURESHI

THE BABY DRAGON CAFÉ

Aus dem amerikanischen Englisch

von Michaela Link

Klappenbroschur

352 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-72205-6

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


94

LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

VIELLEICHT IM SOMMER

Vielleicht


LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

im

Sommer

Jung, authentisch, mitreißend

– ein neuer Lieblingsautor,

der viel zu sagen hat.

Lukas Mi-Sa Nguyen Egger

wuchs als jüngster Sohn eines

vietnamesischen Vaters und

einer deutschen Mutter auf und

erlebte früh, was es bedeuten

kann, sowohl kulturell am Rand

der Gesellschaft zu stehen

als auch finanziell vom Staat

abhängig zu sein. Darin fand

er die Motivation, sich intensiv

mit den Schicksalsbiografien

von ausgegrenzten Kindern

und Jugendlichen in Deutschland

auseinanderzusetzen. Der

Wunsch, denen eine Stimme

zu geben, die keine haben,

pulsiert in seinen Texten.


96

LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

INTERVIEW

INTERVIEW

Lieber Lukas, wie bist Du zum Schreiben

gekommen?

Ich kann nicht genau sagen, wann das Schreiben angefangen

hat. Ich weiß nur, dass ich schon als Kind

Geschichten erfunden und meiner ältesten Schwester

zum Testlesen gegeben habe. Dass mich Worte

bereits in frühen Jahren so fasziniert haben, liegt sicher

an der Familie, in die ich hinein geboren wurde:

Mein Vater ist Vietnamese, und wäre ihm nicht das

tragische Schicksal zuteilgeworden, im Vietnamkrieg

aufwachsen zu müssen, dann wäre aus ihm

ganz bestimmt ein Poet geworden. Meine Mutter ist

Deutsche, und auch sie hat ein besonderes Sprachgefühl.

Als jüngstes von vier Kindern vollendete ich

diese bunte Familie, in der vor allem zwei Dinge

sehr wichtig waren: Essen und Reden. Oft saßen

wir stundenlang zusammen, haben Reis gegessen,

Geschichten erzählt, diskutiert und uns gegenseitig

unterbrochen.

Worte waren also schon immer wichtig für mich.

Und da es mir oft schwerfällt, mich zu öffnen, ist

das Schreiben für mich auch immer eine Art der Reflexion

und Selbstoffenbarung. Außerdem macht es

mir unglaublich viel Spaß. Ich vergesse die Zeit beim

Schreiben. Und ich liebe die Momente, wenn die Figuren

anfangen, ihre eigenen Entscheidungen zu

treffen. Das ist manchmal anstrengend, wenn sie dir

dein ganzes Skript verdrehen, aber ich werde gern

von ihnen überrascht.

Wie bist Du auf die Geschichte von Kian und

Marco gekommen?

2019 habe ich die erste Idee aufgeschrieben. Ich wollte

jungen, einsamen und ohnmächtigen Figuren die

Chance geben, so etwas wie Freiheit und Vertrauen

zu erleben. Und dann nachfühlen, was das mit ihnen

macht. Beim Schreiben und im Austausch mit meinem

Bruder Benjamin hab ich dann gemerkt, dass

die Geschichte nicht nur leicht sein darf. Die echte

Welt ist für mich der Maßstab, deshalb braucht es

eine gewisse Härte. Kinder mit gebrochenen Biografien

liegen mir sehr am Herzen. Dass ich darüber

schreibe, wundert niemanden, der mich näher kennt.

Ich kann vieles von dem nachempfinden, was meine

Figuren beschäftigt, deshalb das Setting und die

Hauptfiguren.

Was sollen den Leser:innen nach der Lektüre

deines Romans bleiben?

Ein bittersüßer Geschmack auf der Zunge. Vielleicht

etwas Wärme, gemischt mit Erinnerungen an eigene

Jugendtage. Ich hoffe, dass man meine Figuren nicht

so schnell vergisst, wenn man das Buch zuschlägt. Ich

wünsche mir Verständnis für Menschen, die am Rand

der Gesellschaft aufwachsen. Die von Freiheit vielleicht

etwas überfordert sind, die keine Stimme haben

und die am Ende auch nur auf der Suche sind – so wie

jeder von uns.

Was war dir beim Schreiben wichtig? Was ist

der Kern deines Romans?

Wir leben in einer Zeit, in der gewisse Stimmen kaum

gehört werden. Kinder und Jugendliche sind eine sehr

vulnerable Gruppe. Wenn sie dann auch noch aus

prekären Verhältnissen kommen, haben sie kaum eine

Chance auf Repräsentation. Ich weiß, dass Geschichten

Trost spenden und Raum für Identifikation öffnen.

Sie ersetzen keine politischen Veränderungen, aber

sie können die Gefühle von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit

lindern. Gleichzeitig war mir wichtig,

zwischen all den schweren Themen auch Leichtigkeit

einzufangen – die Nostalgie, den Sommer, die Freiheit.

Etwas, das die Lesenden durchatmen lässt.

Für wen hast Du den Roman geschrieben?

Ich habe den Roman während Corona geschrieben –

als Student, ohne Kontakte in die Literaturbranche.

Entsprechend hatte ich gar keine Veröffentlichung vor

Augen. Deshalb habe ich vor allem für mich selbst geschrieben:

Ich wollte mir einen Ort geben, den mein

jugendliches Ich gebraucht oder gesucht hätte. Und

genau damit richte ich mich letztlich an alle. Denn

das Erwachsenwerden bringt Themen mit, die uns

ein Leben lang begleiten: Freundschaft, Vertrauen,


97

LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

INTERVIEW

Ich wünsche mir

Verständnis für

Menschen, die am Rand der

Gesellschaft aufwachsen.

Die von Freiheit vielleicht

etwas überfordert sind, die

keine Stimme haben und

die am Ende auch nur auf

der Suche sind – so wie

jeder von uns.

Familie und das Loslösen von der eigenen Herkunft.

Ganz egal, ob man mittendrin steckt, ob es erst kurz

zurückliegt oder schon Jahrzehnte her ist – jeder kann

sich darin wiederfinden.

Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass Erwachsenwerden

nicht an ein Alter gebunden ist. Erwachsenwerden

ist die Zeit, in der all diese Fragen

aufkommen. Wie unter einem Brennglas. Die Zeit, in

der Antworten neu verhandelt werden. Und in der sich

alles überwältigend anfühlt: Nach Anfang und Ende.

Wann das passiert, ist bei jedem unterschiedlich. Dass

jeder diese Zeit durchleben muss, ist unumgänglich.

Und weil niemand dieser Zeit entkommt, richtet sich

mein Roman letztlich an alle.


98

LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

LESEPROBE

LESEPROBE

Prolog

31.07.07: Man ist nie wirklich vorbereitet auf das, was

kommt. Genauso wenig wie auf das Ende. Oder darauf,

wie der Weg bis dahin aussieht. Es ist ganz egal, welche

Geschichte man sich ausdenkt. Das echte Leben kann

man nicht planen. Das echte Leben spielt sich zwischen

den Zeilen ab.

Und irgendwie ist das mit den Menschen auch so. Die

wichtigsten Menschen sind nicht die, die man sich aussucht.

Die wichtigsten Menschen stolpern ins Leben.

Und sie sind die einzigen, die zu Familie werden können.

Echter Familie. Denn Familie sucht man sich ja auch

nicht aus, oder? Familie passiert auch einfach so. Und

man kann nichts dagegen tun.

Und obwohl sich alles bewegt. Die Luft. Die Sonne. Das

Meer. Der Sand. Und obwohl alles wehtut. Mein Herz.

Meine Beine. Meine Träume. Meine Gedanken.

Obwohl sich alles bewegt und alles wehtut, würd ich mir

wünschen, dass die Zeit stillsteht. So wie die Sterne über

dem Wasser. Vielleicht kann dann alles so bleiben, wie es

ist. Vielleicht kann dann das Ende kommen.

Und alles ist gut, denn ich hab einen dieser Menschen

gefunden.

1

Kian schweigt. Er tastet die Narbe hinter seinem Ohr

ab. Die Aludecke, die ihm ein Sanitäter vor wenigen

Sekunden über die Schultern gelegt hat, rutscht runter

und fällt achtlos auf den Teppichboden.

»Irgendwie saß er die ganze Zeit still da. Ich weiß

nicht, was mit ihm los ist.« Der Polizist tritt zur Seite

und macht Platz für den Sozialarbeiter, der vor wenigen

Sekunden durch die Tür gekommen ist und nun

die Tapete begutachtet. Der Beamte betrachtet ihn

und winkt ab. »Das ist Ihr Job.«

Der dürre Mann rückt seine Hornbrille zurecht, löst

seinen Blick von der Wand und wendet sich Kian zu.

Der Polizist verlässt die Wohnung.

»Hallo. Also ich bin … ich heiße Erik.«

Kian reagiert nicht.

Den Polizisten hat er von Anfang an nicht leiden

können, und auf die Floskeln eines Sozialarbeiters

hat er wirklich keine Lust. Im Zweifel hat er sie sowieso

schon etliche Male gehört.

»Das tut mir alles sehr leid, Kian. Das ist schrecklich.

Du … du musst dich schrecklich fühlen.« Die Worte

verhallen.

Als seine Hand anfängt zu zittern, ballt Kian sie

zur Faust und lässt sie im Ärmel seines Hoodies verschwinden.

»Wenn du darüber reden willst … also mit mir reden

willst, dann bin ich für dich da.«

Warum sollte er reden wollen? Immer erst, wenn

schon literweise Wasser auf den Boden gefallen ist,

kriechen die beschissenen Regenwürmer an die

Oberfläche.

»Klar.« Kian dreht sich weg und schweigt. Den Namen

des Sozialarbeiters hat er bereits wieder vergessen.

Emil?

Sein Blick fällt durch die offen stehende Zimmertür

auf sein Bett. Daneben steht der rote Sessel, den er

vor zwei Jahren geschenkt bekommen hat. Er lächelt.

Sein Vater kam die Treppe nach oben gerannt, riss

die Wohnungstür auf, warf seine Lederjacke samt

Kippen, Kleingeld und Schlüssel aufs Sofa und rief

nach ihm.

»Bin im Zimmer.«

Eine Sekunde später stand sein Vater breitbeinig im

Türrahmen.

Kian zuckte zusammen. Meistens vermied er anklagende

Worte. Doch nach über zehn Jahren reichte

ein Blick, um zu erkennen, ob es ein schlechter Tag

dafür war oder einer dieser seltenen guten Tage. »Ey,

kannst du nich anklopfen?«

»Ich hab unten was für dich stehen. Glaub ja nicht,

dass ich dir die Scheiße eigenhändig nach oben trage.«

Kian kletterte aus dem Bett, während sein Vater ihm

ein Grinsen zuwarf.

»Kian?« Der Sozialarbeiter geht einige Schritte

auf ihn zu und legt ihm zögerlich die Hand auf die

Schulter. »Du musst mit aufs Revier …«


»Ich brauch meinen Rucksack.« Kian steht auf und

schleppt sich in sein Zimmer. Mit einer Hand stützt

er sich auf dem Sessel ab, mit der anderen greift er

nach seiner Tasche, die auf dem Boden liegt.

»Du kannst generell alles packen … also eben alles,

was du so brauchst … zum Leben.«

Kian öffnet den Reißverschluss und kramt durch den

Inhalt. Ein paar dünne Papierservietten von McDonalds,

eine angebrochene Juicy-Fruits-Packung, ein

paar Münzen und ein zerknicktes Notizbuch. Lose

daneben ein Bleistift. Er nickt. Alles, was ich zum

Leben brauch.

Er stopft noch ein paar Klamotten in den Rucksack

und hängt ihn sich über die Schulter. Als er das

Wohnzimmer wieder betritt, steigt ihm das Aftershave

des Polizisten in die Nase. Seine Lunge zieht

sich zusammen.

Die Hoffnung, dass die Atemnot, die ihn seit drei

Monaten heimsucht, nur ein Vorbote des heutigen

Tages war, schwindet. Der Druck in seinem Brustkorb

schwillt an.

»Wie gesagt, du musst auf die Wache und erzählen,

was … Du musst einfach ein paar Fragen beantworten.«

Erneut legt der Sozialarbeiter ihm die Hand

auf die Schulter.

Kian zieht sich die Kapuze über den Kopf. Der Mann

tritt einen Schritt zurück.

»Danach komm ich sofort wieder vorbei, und wir finden

gemeinsam eine gute Lösung für … deine Situation.«

Er lächelt.

Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst,

will Kian sagen. Stattdessen nickt er und schlüpft in

seine Chucks.

Fünf Minuten später wirft er einen letzten Blick zurück

auf den Plattenbau. Vierzehn Stockwerke.

30.

APR

2026

LUKAS MI-SA NGUYEN EGGER

VIELLEICHT IM SOMMER

Hardcover mit Schutzumschlag

288 Seiten

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07383-7

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


100

URSULA SCHRÖDER

SCHUTZ IN KRISENZEITEN

SCHUTZ IN

KRISENZEITEN

URSULA SCHRÖDER


101

URSULA SCHRÖDER

INTERVIEW

«

WIR BRAUCHEN ALS GESELLSCHAFT

EINE KLARE VORSTELLUNG DAVON, WAS

FÜR UNS UNVERZICHTBAR IST

INTERVIEW

Frau Schröder, worum geht es in Ihrem Buch –

in drei Sätzen?

Angesichts der fundamentalen Krisen unserer Zeit müssen

wir den Schutz unserer Gesellschaft neu denken und

anders gestalten als bisher. In meinem Buch untersuche

ich, wie das staatliche Versprechen auf Schutz und unsere

Erwartungen daran heute neu verhandelt werden –

aber auch, was der Staat im Gegenzug von uns verlangen

kann. Ich plädiere dafür, den Blick über militärische

Verteidigung und individuellen Selbstschutz

hinaus zu erweitern und eine gemeinsame, inklusive

Vorstellung davon zu entwickeln, welche Werte und

Güter wir künftig als Gesellschaft schützen wollen.

Viele verzweifeln im Moment an der Lage der

Welt. Gibt es wirklich mehr Krisen und Konflikte

als zuvor, oder kommt uns das nur so vor?

Ja, das ist leider richtig – wir sehen eine beispiellose

Häufung von Krisen, Kriegen und Konflikten. Die europäische

Sicherheitsordnung liegt in Trümmern, die

Zahl gewaltsamer Konflikte ist auf einem historischen

Höchststand, und wir leben auf dem wärmsten Planeten

seit Beginn der Aufzeichnungen. Klar, Krisen hat

es auch früher gegeben. Aber was die heutige Situation

so besonders macht, ist die Gleichzeitigkeit von akuten

und langfristigen Krisen: Einerseits erleben wir,

dass die globale Sicherheitslage immer konfrontativer

wird. Andererseits wissen wir, dass wir die fundamentale

ökologische Krise unseres Planeten nur durch enge,

belastbare internationale Zusammenarbeit bewältigen

können. Genau dieser Widerspruch stellt uns vor immense

Herausforderungen.

Nach dem Kalten Krieg gab es eine lange Zeit,

in der abgerüstet wurde. Jetzt rufen alle nach

Aufrüstung. Ist das berechtigt?

Die Aufrechterhaltung unserer demokratischen Gesellschaft

und unserer Werte basiert – leider – auch auf

militärischer Stärke. Deshalb müssen wir in Europa

unsere Verteidigungspolitik und auch die militärischen

Fähigkeiten neu aufstellen. Aber dabei darf es

nicht bleiben. Ich argumentiere, dass wir über diese

aktuelle Fokussierung auf Verteidigung und Abschreckung

hinausdenken müssen. Langfristig brauchen

wir eine nachhaltige Sicherheitspolitik, die nicht

allein auf militärischen Fähigkeiten beruht.


102

URSULA SCHRÖDER

INTERVIEW

«

ICH ARGUMENTIERE, DASS WIR ÜBER

DIE AKTUELLE FOKUSSIERUNG AUF

VERTEIDIGUNG UND ABSCHRECKUNG

HINAUSDENKEN MÜSSEN

Wie verständigen wir uns darauf, was wir

schützen wollen? Können wir alles schützen,

was schützenswert ist?

Wir erleben derzeit, wie schnell sich unsere Sicherheitslage

verändern kann und wie schwierig es angesichts der

Klimakrise sein wird, alles zu schützen, was uns wichtig

ist. Eine zentrale Aufgabe der künftigen Sicherheitspolitik

wird daher sein, sorgfältig abzuwägen, was und

wen wir schützen wollen – und was wir im Zweifel auch

preisgeben müssen. Dafür brauchen wir als Gesellschaft

eine klare Vorstellung davon, was für uns unverzichtbar

ist – und diese Vision sollte über individuelle

Interessen und nationale Grenzen hinausreichen.

Können wir uns beim Thema Schutz und

Sicherheit auf Hilfsorganisationen und das

Militär verlassen, oder sind wir alle als

Gesellschaft gefragt?

Ich denke, viele von uns sind lange davon ausgegangen,

dass der Staat allein für unseren Schutz und unsere

Sicherheit zuständig ist. Heute aber fordern Fragen

des Schutzes uns als Gesellschaft ganz anders und

nehmen uns direkter in die Verantwortung. Schutz ist

keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis der

Arbeit vieler haupt- und ehrenamtlicher Kräfte – diese

Arbeit muss jetzt neu verteilt und organisiert werden.

Wir werden also neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe

entwickeln müssen: vom Wehrdienst über den

Katastrophenschutz und darüber hinaus.

Jede und jeder muss vor Gefahren geschützt

werden – sollte man denken. Aber nicht alle

genießen denselben Schutz. Warum ist das so,

und wie können wir das ändern?

Eigentlich sollte jeder Mensch vor Bedrohungen und

Gefahren geschützt werden – aber in der Realität

genießen nicht alle denselben Schutz. Eine zentrale

Frage ist daher, wie wir eine demokratische Sicherheitspolitik

gestalten können, die Risiken und Kosten

der neuen Herausforderungen gerecht in der Gesellschaft

verteilt. Dabei müssen wir zum Beispiel auch

an Generationengerechtigkeit denken: Lösungswege

müssen so gestaltet sein, dass sie auch zukünftigen

Generationen ein gutes Leben ermöglichen. Gleichzeitig

müssen wir Schutzkonzepte entwickeln, die

nicht ausschließlich auf individuelle Resilienz setzen,

denn nicht jeder kann für sich selbst vorsorgen. Gerade

im Katastrophenfall zeigt sich: Wir müssen auch

an diejenigen denken, die besondere Unterstützung

brauchen.


103

URSULA SCHRÖDER

LESEPROBE

LESEPROBE

Ich erinnere mich noch an das Ende der Geschichte.

1989, direkt nach dem Ende des Kalten Krieges,

schien vieles möglich: sogar die Umsetzung der schon

damals steilen These, dass sich bald liberale Demokratien

und Marktwirtschaft überall auf der Welt durchsetzen

würden. In den Jahren darauf verschwanden

nach und nach die Symbole und Praktiken militärischer

Vorbereitung aus dem öffentlichen Raum. Zuerst

gingen die Panzerkolonnen, denen wir damals auf

dem Fahrrad lieber auswichen. Jahre später wurden

die gelben NATO-Brückenschilder, die in amerikanischen

Tonnen angaben, wie viele Militärfahrzeuge

eine Brücke aushält, bevor sie zusammenbricht, nicht

mehr erneuert. Die Aussetzung der allgemeinen

Wehrpflicht am 1. Juli 2011, 55 Jahre nach ihrer Einführung,

war einer der letzten Akte auf diesem Weg.

Spätestens jetzt war klar, dass Deutschland sich auf

einen Frieden einstellte, von dem nicht erwartet wurde,

dass er erneut brechen könne.

Bis auf die wenigen freiwilligen Wehrdienstleistenden,

die man an den Wochenenden in den Zügen der

Deutschen Bahn traf, war alles vorbei, abgebaut, oder es

zerfiel: die Überschallflüge und Tiefflieger, die NATO-

Manöver ebenso wie die Sprengschächte an zentralen

Autobahnen oder die Fallkörpersperren am Hamburger

Elbtunnel, die noch im Dezember 1989 fertiggestellt

wurden, um sowjetische Panzer von einer Elbunterquerung

abzuhalten. Dass heute alles anders ist, ist nicht

nur bedauerlich, sondern hat das Zeug zur Tragödie.

Denn heute befinden wir uns mittendrin in einer

180-Grad-Wende weg von der »Friedensdividende«,

die seit dem Ende des Kalten Kriegs beschworen wurde,

weg vom liberalen Optimismus einer internationalen

Ordnung, die durch mehr Demokratie, mehr

Wohlstand, mehr Recht und weniger Krieg geprägt

sein sollte. Und weg von einer Zeit, in der unsere

Hori zonte weiter wurden, nicht enger. In der wir, zumindest

in der Europäischen Union, reisen konnten

ohne Grenzkontrollen und arbeiten ohne Visum. In

der Frieden und Sicherheit für viele in unserer Gesellschaft

– wenn auch nie für alle – einfach gegeben

waren und nichts, wofür wir kämpfen mussten.

«

WIR BEFINDEN

UNS HEUTE

MITTENDRIN IN

EINER 180-GRAD-

WENDE WEG VON

DER »FRIEDENS-

DIVIDENDE«

In den letzten Jahren wurde klar, dass dieser Optimismus

wenig Grundlage in der heutigen Realität hat.

Auslöser waren nicht erst die langen Pandemiejahre,

auch nicht die Finanzkrise oder der Einmarsch russischer

Truppen in der Ostukraine im Jahr 2014 – die

Zeichen standen schon viel länger an der Wand. Das

Wissen, dass wir unseren hohen Lebensstandard, der

grundlegend auf fossilen Energien beruht, nur auf

Kosten unseres Planeten aufrechterhalten können, haben

wir schon lange. Auch die fundamentale Schwäche

der internationalen Ordnung ist keine Neuigkeit.

Der russische Großangriff auf die Ukraine im Februar

2022 hat diese Situation nur wie in einem Brennglas

gebündelt – und die Aufmerksamkeit in Europa auf

die verteidigungspolitischen Aspekte dieser größeren

Problemkonstellation gerichtet.

Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass unser Schutz –

sei es vor externer Bedrohung oder vor Extremwetter –


104

URSULA SCHRÖDER

LESEPROBE

«

VITA

Prof. Dr. Ursula Schröder ist seit 2017

Wissenschaftliche Direktorin des Instituts

für Friedensforschung und Sicherheitspolitik

(IFSH) sowie Professorin für Politikwissenschaft

an der Universität Hamburg. Zuvor

war sie Professorin für internationale Sicherheitspolitik

an der Freien Universität Berlin.

Im Zentrum ihrer Forschung steht der fundamentale

Wandel demokratischer Friedensund

Sicherheitsordnungen in einer Welt

multipler Krisen. In diesem Rahmen leitet

sie derzeit verschiedene Forschungs- und

Wissenstransferprojekte: zu demokratischer

Sicherheitspolitik in Krisenzeiten, zum

Nexus von Sicherheit und Klimawandel, zum

deutschen Engagement in der internationalen

Friedensförderung und Konfliktbearbeitung

sowie zur Beteiligung gesellschaftlicher

Akteure an der Erforschung sicherheitspolitischer

Fragen.

Sie studierte an der Humboldt-Universität

und der Freien Universität Berlin sowie an

der University of Wales in Aberystwyth und

promovierte am Europäischen Hochschulinstitut

in Florenz.

Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit

ist Prof. Dr. Ursula Schröder eine gefragte

Expertin in den Medien. Sie ist regelmäßig

in TV-Formaten wie »maybrit illner«, »titel,

thesen, temperamente«, dem »ZDF-Morgenmagazin«

sowie »3sat Kulturzeit«

präsent. Darüber hinaus gibt sie Interviews

für renommierte Zeitungen und Radiosender,

darunter Deutschlandfunk, NDR Info,

zdfheute, das Hamburger Abendblatt, SWR

Kultur und ntv.

SCHUTZ WIRD NICHT

ALLEN MENSCHEN

GLEICHERMASSEN

GEWÄHRT

nichts Gegebenes ist. Dennoch ist Schutz in unserer

Gesellschaft über die Jahre zu etwas geworden, das

wir als selbstverständlich hingenommen haben. Und

damit zu einem Thema, das im Leben vieler Menschen

zunehmend an Bedeutung verloren hat. Wir sind dabei

in den letzten Jahrzehnten als Gesellschaft in eine

paradoxe Situation geraten, in der wir immer höhere

Ansprüche an staatlichen Schutz stellen, gleichzeitig

aber seine Voraussetzungen und Praktiken weitgehend

unsichtbar geworden sind und ohne die Beteiligung

breiterer Gesellschaftsschichten stattfinden.

Die aktuelle Lage erfordert nun eine Neuaufstellung

unseres Schutzes. Denn Schutz ist ein Versprechen,

das in Zeiten der Krise neu ausgehandelt werden muss.

Das Bedürfnis nach Schutz ist dabei eines der grundlegendsten

menschlichen Bedürfnisse, ob es um den

Schutz vor Naturkatastrophen geht oder um den

Schutz vor Angriffen und Überfällen. Doch Schutz

vor Bedrohungen ist auch in demokratischen Staaten

nach wie vor höchst ungleich verteilt. Staatliche

Schutzangebote haben Leerstellen und Widersprüche.

Schutz wird nicht allen Menschen gleichermaßen

gewährt – Faktoren wie Hautfarbe, Geschlecht

oder soziale Herkunft spielen dabei weiterhin eine

entscheidende Rolle.

Auch ist staatlicher Zwang nicht neutral: Gewalt

wird nicht gegenüber allen Bevölkerungsgruppen

in gleicher Weise angedroht oder ausgeübt. Hinzu

kommt, dass Schutz zunehmend zur Ware wird. Der

Markt für private Sicherheitsdienste wächst, und viele


Schutzmaßnahmen werden zunehmend aus dem öffentlichen

Raum in den privaten Sektor verlagert. All

dies zeigt: Schutzerfahrungen sind nicht für alle Mitglieder

der Gesellschaft gleich – und waren es auch

nie. Soziale und politische Ungleichheit spielen eine

zentrale Rolle dafür, wem Schutz zuteilwird und wem

nicht.

Angesichts der heutigen Lage wird eine neue, tiefgehende

gesellschaftliche Auseinandersetzung über die

Ausdehnung und auch die Grenzen unseres Schutzes

immer dringlicher. Denn die gegenwärtige Krisenkonstellation

hat eine neue Qualität, die unseren Umgang

mit Bedrohungen grundlegend herausfordert.

In einer Situation, in der sich ganz unterschiedliche

Herausforderungen zunehmend verschränken und

beschleunigen, müssen wir uns neu orientieren.

Als Gesellschaft stehen wir dabei vor einer zunehmend

konfrontativen weltpolitischen Lage, die einen

Fokus auf Verteidigung und Abwehr nahelegt und in

der militärischer Schutz Vorrang hat. Gleichzeitig

können die Herausforderungen zukünftiger Pandemien

oder die Klimakrise nicht militärisch gelöst werden,

sondern benötigen robuste globale Kooperation.

Hinzu kommt, dass sich Menschen überall – auch in

Deutschland – zunehmend individuell vor verschiedensten

Herausforderungen schützen müssen. Dabei

bekommen wir auch hier bereits die Grenzen von

Schutz zu spüren, wenn es beispielsweise nicht mehr

möglich ist, eine Elementarschadensversicherung für

Häuser in Gebieten abzuschließen, die Extremwetter

ausgesetzt sein könnten. Fragen des Schutzes sind für

uns plötzlich wieder ernst geworden.

Die aktuellen Diskussionen um einen neuen Wehrdienst,

die Reaktivierung der Wehrpflicht oder die

Einführung einer Dienstpflicht für alle deuten bereits

auf anstehende gesellschaftliche Umbrüche hin. Es

wird nicht nur um spezifische technische Details von

Verteidigungspolitik gehen, über die derzeit bereits

viel diskutiert wird, sondern um viel grundlegendere

Fragen: Was sind wir alle unserer Gesellschaft schuldig?

Was sind wir unserer Gesellschaft aber auch nicht

schuldig? Welche Ansprüche darf der Staat an seine

Bürgerinnen und Bürger stellen? Gleichzeitig geht es

aber auch um die Frage, welche Ansprüche wir auf

Schutz und Verteidigung haben, wofür der Staat im

Katastrophenfall aufkommen muss – und wofür nicht.

02.

APR

2026

URSULA SCHRÖDER

SCHUTZ IN KRISENZEITEN

Hardcover mit Schutzumschlag

256 Seiten

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07396-7

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


106

JOHANNA ROTH

THIS IS AMERICA – IS THIS AMERICA?

JOHANNA ROTH

THIS IS

AMERICA

IS THIS

AMERICA?


107

JOHANNA ROTH

INTERVIEW

INTERVIEW

Liebe Johanna, in deinem Buch betrachtest

du 250 Jahre USA und gehst dem amerikanischen

Versprechen auf den Grund. Worin

bestand beziehungsweise besteht dieses –

bei der Gründung der Nation und heute?

Alle Menschen sind gleich und haben ein Recht

auf Freiheit und das Streben nach Glück. So stellt

es die Unabhängigkeitserklärung fest, was in der

feudalistisch geprägten Welt des Jahres 1776 völlig

revolutionär war. Bis heute werden Millionen Leute

davon angezogen, und die USA sind unverändert

stolz darauf. Aber sie haben sich nie wirklich damit

auseinandergesetzt, dass sie dieses Versprechen von

Anfang an gebrochen haben.

Viele der sogenannten Gründerväter, die diese Erklärung

gemeinsam unterzeichneten, hielten sich

zuhause Menschen als Sklav:innen. Auch 60 Jahre

nach der Abschaffung der Segregationsgesetze in

den Südstaaten werden Schwarze systematisch diskriminiert.

Und in Städten wie New York und Los

Angeles sehen wir mittlerweile täglich, wie Einwander:innen

von maskierten Polizeikräften gekidnappt

und im Zweifelsfall ohne faires Verfahren abgeschoben

werden.

Dass die USA der Inbegriff von Freiheit und Gleichberechtigung

seien, ist ein Mythos, den sie sich seit

250 Jahren selbst erzählen. Ich glaube, dass das einer

der Gründe ist, warum Donald Trump an die Macht

kommen konnte.

»

Ich will das Land hinter den

Schlagzeilen zeigen, wie ich

es in den vergangenen Jahren

erlebt habe: Wovon die

Menschen dort träumen, was

sie wütend macht, wovor sie

Angst haben.

Was hat dich dazu bewegt, gerade jetzt ein

Buch über die USA zu schreiben – und was

macht das 250. Jubiläum so besonders für

deine Recherche?

Jeden Tag erreichen Leser:innen in Deutschland

neue und oft bestürzende Nachrichten aus den

Vereinigten Staaten. Ich will das Land hinter den

Schlagzeilen zeigen, wie ich es in den vergangenen

Jahren erlebt habe: Wovon die Menschen dort träumen,

was sie wütend macht, wovor sie Angst haben.

Zugleich ist es wahnsinnig spannend, welche zentrale

und eben auch schwierige Rolle die Geschichte


108

JOHANNA ROTH

INTERVIEW

»

Das Motto vieler Anti-Trump-

Proteste ist nicht zufällig

»No Kings«: So wie 1776, als

man sich von der Monarchie

des alten Kontinents emanzipierte,

soll es auch heute

keinen Tyrannen geben.

der USA in ihrer Gegenwart spielt. Sie verwandeln

sich gerade in das Land, das sie nie werden sollten –

worauf es aber irgendwie immer auch hinausgelaufen

ist, betrachtet man die zurückliegenden 250 Jahre

genauer, von Gettysburg bis Guantánamo, vom Bear

River Massacre bis zum Hurrikan Katrina.

Wie wird der Gründungsmythos im heutigen

Amerika gelebt, hinterfragt oder sogar

instrumentalisiert?

Einer der gewalttätigsten Kapitolstürmer:innen des

6. Januar 2021 hatte die Jahreszahl 1776 auf den

Handrücken tätowiert. Ich sehe oft Trump-Unterstützer

mit T-Shirts, auf denen »We the People«

abgedruckt ist, die ersten Worte der Verfassung.

Trump selbst will Geschichtsschreibung diktieren.

Er und seine Leute bekämpfen die gerade erst begonnene

Aufarbeitung der Tatsache, dass der Wohlstand

dieses Landes nicht nur auf Pionieren und

Entdeckern gründet, sondern auch auf Ausbeutung

von versklavten und indigenen Menschen, als »antiamerikanisch«.

Sie lassen Bücher verbieten und Museen

säubern.

Aber das mobilisiert auch Widerstand. Linke hängen

sich zum ersten Mal im Leben eine US-amerikanische

Nationalflagge ans Haus. Manche drehen sie auf

dem Kopf, das Symbol einer bedrohten Nation, das

bis vor kurzem noch von den Rechten besetzt war, die

Joe Biden für einen illegitimen Präsidenten hielten.

Das Motto vieler Anti-Trump-Proteste ist nicht zufällig

»No Kings«: So wie 1776, als man sich von der

Monarchie des alten Kontinents emanzipierte, soll

es auch heute keinen Tyrannen geben.

Welche Gegensätze und Widersprüche der

USA stehen für dich besonders im Mittelpunkt?

Ich könnte stundenlang aufzählen. Warum ist es

in einer überwiegend christlich geprägten Nation

selbstverständlich, dass sonntags sämtliche Läden

geöffnet haben? Wie kann es sein, dass in einem

der reichsten Länder der Welt Kinder freitags einen

Rucksack mit Lebensmitteln aus der Schule mit nach

Hause bekommen, weil sie sonst das Wochenende

über nichts zu essen hätten? Warum ist die einzige

Person, auf die sich das konservative und das liberale

Amerika noch einigen können, ausgerechnet Dolly

Parton, eine 79-jährige Country-Musikerin mit

falschen Brüsten und Zwölf-Zentimeter-Absätzen?

Seine Widersprüche haben dieses Land geformt.

Ihnen nachzugehen, ist manchmal lustig, manchmal

verstörend, aber immer faszinierend.

»

Gleichzeitig ist es schwer zu

fassen, welche Verdrängungskräfte

die Amerikaner:innen

entwickeln, gerade jetzt, da

immer mehr Menschen die

Auswirkungen des autoritären

Regimes im Weißen Haus zu

spüren bekommen. Wie wenig

Widerstand es gibt, gemessen

an der Radikalität und der

Grausamkeit, mit der Trump

das Land umbaut.


Gibt es einen Moment, in dem du dachtest:

»So habe ich die USA noch nie gesehen«?

Da fällt mir die Totenwache für den ehemaligen

Präsidenten Jimmy Carter im Kapitol ein. Es war

Januar, bitterkalt und verschneit, und trotzdem

standen die Menschen bis tief in die Nacht Schlange.

Auch Republikaner:innen habe ich dort getroffen,

die ihm ihren Respekt erweisen wollten. Es

war so ruhig, wie ich es hier in der Öffentlichkeit

noch nie erlebt habe, und auf eine merkwürdige

Art versöhnlich und beklemmend zugleich. Nur

Tage später wurde Trump erneut vereidigt – an

genau der Stelle, an der Carters Sarg aufgebahrt

worden war.

Was macht die USA für dich heute noch einzigartig

– und was erschüttert dieses Bild?

Mich hat immer wieder bewegt, wie freundlich man

hier miteinander umgeht. Das ist oft oberflächlich,

klar, aber es spricht ja auch für einen gewissen gesellschaftlichen

Konsens, dass wirklich jedem

noch so kurzen Gespräch ein »Wie geht’s« vorangeht.

Gleichzeitig ist es schwer zu fassen, welche

Verdrängungskräfte die Amerikaner:innen entwickeln,

gerade jetzt, da immer mehr Menschen die

Auswirkungen des autoritären Regimes im Weißen

Haus zu spüren bekommen. Wie wenig Widerstand

es gibt, gemessen an der Radikalität und der Grausamkeit,

mit der Trump das Land umbaut. Gebar

das amerikanische Experiment eine Gesellschaft

von Egoist:innen? Das ist eine Frage, die ich mir

immer wieder stelle und die auch im Buch eine Rolle

spielt.

30.

APR

2026

Gibt es etwas, das dich an den USA trotz aller

Widersprüche besonders fasziniert oder inspiriert?

Tatsächlich sind es gerade die Widersprüche, die

mich am meisten fesseln und mir auf meinen Reisen

immer wieder begegnen. Nicht zuletzt in Form

von Menschen: Klischees bestätigen sich hier sehr

oft – aber genauso oft passiert es, dass jemand so

gar nicht in die Schublade passt, in den ich ihn oder

sie schon hatte stecken wollen. Das sind immer die

tollsten Begegnungen, weil man daraus am meisten

lernt.

JOHANNA ROTH

THIS IS AMERICA – IS THIS AMERICA?

250 Jahre USA: Eine Idee und ihre Widersprüche

Hardcover mit Schutzumschlag

256 Seiten

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07467-4

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


110

SILVI CARLSSON

GOOD GIRL EXIT


GOOD

GIRL

EXIT

SILVI CARLSSON

INTERVIEW

111

SILVI CARLSSON

INTERVIEW

Warum möchtest du dieses Buch über weibliche

Verfügbarkeit und Nicht-Verfügbarkeit

schreiben?

Dieses Projekt bedeutet mir viel. Aber vor allem bedeutet

es, meine eigene Stimme ernst zu nehmen und

meine Erfahrungen in etwas Größeres zu übersetzen,

weil ich weiß, dass das keine individuellen Geschichten

sind. Ich dachte immer, ich sei viel zu meinungsstark,

um vom Good Girl Komplex betroffen zu sein.

Ich dachte immer, ich sei »zu emanzipiert«, als dass

ich meine Verfügbarkeiten einfach so hergebe. Falsch

gedacht. Der »Good Girl Komplex«, darauf gehe ich

gleich noch ein, zeigt sich in so vielen Facetten. Der gemeinsame

Nenner: Wir wollen als weiblich sozialisierte

Menschen oft einfach passen. Und dabei schrumpfen

wir uns, machen uns so klein wie es geht, so sanft

und leise wie es geht, packen jedes Wort dreimal in

Watte und denken zweiundzwanzig mal darüber nach,


112

SILVI CARLSSON

INTERVIEW

ob wir das jetzt wirklich so sagen können, ob wir das

Outfit jetzt wirklich so tragen können. Wir baden in

Scham und Schuld, wenn wir Nein sagen, wenn wir etwas

»falsch« machen und vor allem wenn wir es endlich

wagen, aus den Fugen zu geraten. Egal ob als Karrierefrau,

Traumfrau, Übermutter oder aber auch als »perfekte

Feministin«. Und das kostet so verdammt viel

Energie! Energie, die wir eigentlich für andere Dinge

gebrauchen könnten.

Früher oder später sehen sich vor allem Frauen

mit dem gerade schon angesprochenen

»Good Girl Komplex« konfrontiert. Kannst

du dazu ein wenig erzählen, was sind deine

Beobachtungen dazu und wie ist das mit dem

Thema des Buches verknüpft?

Frauen bekommen schon im Kindesalter beigebracht,

dass sie auf die externe Validierung angewiesen sind.

Sie müssen hübsch aussehen und sich benehmen, um

anerkannt zu werden. Ein Überlebensmechanismus,

um zur Gesellschaft dazuzugehören und nicht ausgeschlossen

zu werden. Das wird verstärkt durch den

sogenannten Male Gaze, dem männlichen Blick der

Medien. Frauen in der Öffentlichkeit, wie z.B. Ikkimel,

Britney Spears oder Amy Winehouse dienen dann als

Vergrößerungsglas für das, was allen Frauen passieren

würde, wenn sie nicht mehr in das Konzept der

»anständigen Frau« passen. Die Konsequenzen werden

uns regelmäßig vorgeführt und lassen uns lernen,

bloß nicht zu sehr aus dem Rahmen zu fallen.

Und selbst wenn wir im erwachsenen Alter diese Mechanismen

hinterfragen und ablegen wollen, passiert

es gerne mal, dass wir genau die gleiche Prägung auf

ein anderes Feld schieben. Dann ist man eben nicht

mehr das klassische brave Mädchen, sondern die perfekte

Karriere-Frau, die alles unter einen Hut kriegt,

die Über-Mutter oder aber auch die perfekte Feministin,

die nie was falsch machen darf. Unsere Kapazitäten

und Verfügbarkeiten sind oft nur nach dem Außen

gerichtet, weil wir es eben so gelernt haben. Das

hindert uns aber oft daran, wirklich in Verbindung zu

gehen und echte Beziehungen zu leben.

Was bedeutet Verfügbarkeit denn für dich –

und wann hast du gemerkt, wie sehr dieses

Thema Frauen betrifft?

Verfügbarkeit heißt für mich, dass etwas zugänglich

ist. Wir müssen für uns selbst und auch untereinander

verfügbar sein, damit wir als Menschen funktionieren.

Wir brauchen einander. Eigentlich ist das nichts

Schlechtes, im Gegenteil: Verfügbarkeit kann Nähe,

Freund:innenschaft und Verbundenheit möglich machen.

Problematisch wird sie erst, wenn sie einseitig

wird, als selbstverständlich angesehen und wir dabei

unsere eigenen Grenzen übergehen. Die weibliche

Verfügbarkeit stellt eine Funktion für andere dar, keine

Verbindung. Deswegen wird sie auch anders bewertet.

Und dass wir das nur so schwer loslassen können,

hängt meiner Meinung nach auch ganz stark mit dem

Good Girl Komplex zusammen.

Mit welchen Emotionen verbindest du das

Thema Verfügbarkeit?

Verfügbarkeit an sich ist Etwas wunderschönes - wenn

sie wirklich Konsens hat. Aber weibliche Verfügbarkeit

hat andere Regeln. Vor allem Frauen müssen

ständig für alles Mögliche zur Verfügung stehen, nur

damit sich alle wohl fühlen und wenn sie es nicht tun,

droht ihnen der Ausschluss. Das löst in mir vor allem

Wut aus. Weil gute Mädchen erfahrungsgemäß nicht

unbedingt glücklicher und sicherer sind. Im Gegenteil.

Sie sind gefährdeter. Und ja, hinter der Wut liegt

natürlich auch eine Traurigkeit, wenn ich darüber

nachdenke, wie viele Träume und Leben deswegen

nie gelebt wurden und werden.

Warum glaubst du, dass weibliche Verfügbarkeit

ein Thema ist, das alle etwas angeht?

Weil es unsere Beziehungen, unsere Arbeitswelt, unser

gesamtes Miteinander prägt. Sind wir mal ehrlich:

Ohne weibliche Verfügbarkeit würde das System

zusammenbrechen. Wenn Frauen sich weigern

würden, verfügbar zu sein, würde nichts mehr funktionieren.

Und genau deswegen lernen Frauen, verfügbar

für alle zu sein, jederzeit. Außer für sich selbst.

Körperlich, emotional, organisatorisch. Das erschöpft,

zerstört Nähe und verhindert echte Gleichberechtigung.

Wir geben damit unsere Verfügbarkeiten

für alles auf, wofür wir uns selbst gar nicht

entschieden haben, und das nur, weil es so erwartet

wird. Wenn wir diese Verfügbarkeiten umlenken

können, gewinnen wir endlich mehr Authentizität,


Verbundenheit und damit auch mehr Freiheit für alle

von uns. Aber dafür muss erst mal das Good Girl in

uns dran glauben.

Inwiefern unterscheidet sich weibliche Verfügbarkeit

in Körper, Emotionen und sozialen

Rollen?

Körperliche weibliche Verfügbarkeit zeigt sich in der

Erwartung schön, begehrenswert und jederzeit bereit

zu sein, gleichzeitig aber natürlich aber nicht für

alle. Eine exklusive Verfügbarkeit mit ausgedachten

Besitzansprüchen und Schönheitsidealen, denen niemand

gerecht werden kann.

Emotionale weibliche Verfügbarkeit bedeutet, für andere

aufopferungsvoll zu sein und auch die Gefühle

anderer mitzuregulieren, vor allem die von Männern.

Dazu gehört auch seine eigenen Emotionen und Bedürfnisse

hintenanzustellen oder sie vielleicht nicht

mal mehr wirklich spüren zu können und natürlich

auch das erwartete Lächeln, damit sich alle im Raum

wohl fühlen.

Weibliche Verfügbarkeit in sozialen Rollen finden

wir unter anderem in der Care-Arbeit, wie beispielsweise

im Kin-Keeping. Also, Termine ausmachen,

Geschenke ausdenken und kaufen, Urlaube planen

und auch als Alleinverantwortliche für Kindergarten,

Schule oder Verwandtschaft fungieren, wenn es um

die Kinder geht. All das unsichtbare Kümmern - Aufgaben,

die Frauen selbstverständlich übernehmen sollen,

oft bis zur völligen Erschöpfung.

Was möchtest du den Menschen mit auf den

Weg geben, die dein Buch lesen?

Ich wünsche mir, dass wir unsere Kapazitäten nicht

mehr für Ausbeutung hergeben müssen. Ich will, dass

wir dafür nicht mehr verfügbar sind. Zumindest, soweit

wie es für uns möglich ist. Damit wir für die anderen

Dinge verfügbar sind, die uns einander näherbringen.

Wie krass wäre es, wenn wir unseren Fokus

auf uns selbst und auf das, was wir eigentlich wirklich

brauchen, verlegen könnten?

Ich wünsche mir, dass wir miteinander authentischer

in Verbindung gehen können und verstehen, dass es

uns am Ende rein gar nichts bringt, ein Good Girl

zu sein.

02.

APR

2026

SILVI CARLSSON

GOOD GIRL EXIT

Klappenbroschur

224 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06720-1

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


114

NICOLA FÖRG

LANDWISSEN!

NICOLA FÖRG

LAND-

WISSEN!

Mit Haus- und Nutztieren, aber auch Wildtieren kennt

Nicola Förg sich aus: als Fachjournalistin für Tier- und

Naturthemen, als Forstwirtin und Ponyhofbetreiberin.

Als Gastgeberin im Voralpenland erlebt sie, was Gäste

und Einheimische nicht (mehr) wissen. Ihr Buch ist ein

leidenschaftlicher Appell, sich in der Natur mit Respekt

zu bewegen – mit Blick auf die Abläufe und Traditionen,

denen das landwirtschaftliche Jahr folgt. Und auf die

Alpenfauna, denn hoch spezialisierte Arten haben immer

weniger Lebensraum. Sie weiß, weshalb man Tiere hinterm

Zaun nicht füttern soll, warum Almwiesen so wichtig für

den Erhalt der Artenvielfalt sind und dass auch der folgsamste

Hund in der Brut- und Setzzeit angeleint gehört.

»Landwissen!« erscheint am 27.02.2026, zeitgleich wie

Nicola Förgs neuer Irmi-Mangold-Krimi »Schroffe Klippen«.



116

NICOLA FÖRG

INTERVIEW

INTERVIEW

Liebe Frau Förg, Sie schreiben nicht nur Krimi-

Bestseller, sondern betreiben einen Ponyhof,

haben Erfahrungen in der Land- und Forstwirtschaft

und vermieten ein kleines Ferienhaus.

Wann kam konkret die Idee für dieses

Buch über Landwissen?

Sie geistert in meinem Kopf schon länger herum, auch

weil ich mich als Journalistin für Tier- und Naturthemen

seit rund zwanzig Jahren in der Thematik bewege

und feststellen musste, dass vieles, was meiner

Generation von ihren Eltern und Großeltern mit auf

den Weg gegeben wurde, heute nicht mehr gilt. Damals

war mehr Allgemeinwissen und auch ein Mehr

an Respekt für Tiere und Pflanzen. Wir beherbergen

in unserem Ferienhaus zudem seit fünfzehn Jahren

Menschen, die Stille und Naturnähe suchen, also

salopp gesagt: »Eh schon die Guten«. Aber selbst in

dieser Zielgruppe gibt es viel Unwissen. Wir geben

gerne die Erklärbären in Naturdingen und haben da

viele Aha-Erlebnisse generiert. Als letztes Frühjahr

ein zertifizierter Waldpädagoge, ein ganz reizender

Mensch, völlig verblüfft war, dass Wiesen einem Betretungsverbot

unterliegen, war das dann das endgültige

»Go« für mich, die Aha-Erlebnisse zu einem

Buch zusammenzuführen.

Als Reisejournalistin sind Sie viel herumgekommen;

unter anderem in Skandinavien,

Irland und Kanada. Was macht die Alpen

und das Voralpenland so besonders?

Ich bin eine Frau für raue Länder; wenn es nach mir

ginge, könnte es zudem immer Herbst und Winter

sein. Meine Seelenlandschaften haben mit Bergen

zu tun, mit Felsen und stillen Pfaden. Ein einschneidendes

Erlebnis war für mich, als ich in den isländischen

Westfjorden fotografiert hatte – großartige

Bilder, aber nur Natur. Es fehlte der Vordergrund,

man lechzte fast nach einem Boot oder einer verfallenen

Kate, um dem Bild Tiefe zu geben. Die acht

Alpenstaaten verfügen über diese unvergleichliche

Kombination aus Vordergrund, einer gewichtigen

Mitte und den Bergen im Hintergrund, damit man

nicht aus dem Rahmen fällt. Diese Mischung aus

Bergen, Flüssen und Seen immer in Verbindung mit

Zeugen menschlichen Schaffens ist einzigartig. Und

wie oft war ich in Schweden oder Norwegen an grandiosen

Plätzen und hätte mir gewünscht, da gäbe es

nun ein Café oder einen Biergarten. Die Thermoskanne

tut es auch, aber einkehren zu können macht eben

die Lebensqualität der Alpenregionen aus!

Das Voralpenland ist Ihr Zuhause – eine der

beliebtesten, touristisch hoch erschlossenen

Ferienregionen. Wie hat sie sich in den letzten

Jahren verändert?

Leider nicht zum Guten. Fast täglich sind inzwischen

die Medien voll davon: Massen am Eibsee,

Rückstau im Pustertal wegen derer, die zum Pragser

Wildsee pilgern. Lautes Badetreiben am Schliersee,

dort wo Baden verboten ist, bis hin zu etwas,

was mich wirklich erschüttert: Schutzhütten in den

Alpen werden verwüstet und mit Fäkalien » verziert« –

so schlimm, dass die Bergwacht Hütten sperren

muss. Fakt ist aber, dass das keine Einzelereignisse

mehr sind, genau wie zugeparkte Wirtschaftswege

und Wildcamper, die bei hoher Waldbrandgefahr

noch ein Lagerfeuerchen machen. Man mag nun

trefflich darüber philosophieren, wie es dazu kam –

Menschen wollen ihren Stress irgendwo abbauen, und

es gibt inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen

zum Übertourismus. Die »Gäste« spalten sich davon

ab, dass sie sich im Wohnzimmer von Wildtieren


117

NICOLA FÖRG

INTERVIEW

befinden und im Vorgarten von Einheimischen. Aggressives

Tourismusmarketing und all die Touren auf

den Outdoor-Plattformen vermitteln, dass den Gästen

alles erlaubt ist, und vergessen diejenigen, die diese

Landschaft pflegen und dort Steuern zahlen. Menschen

mit mannigfaltigen Freizeitbedürfnissen – oft

auch noch mit Hund – greifen in ein fragiles Ökosystem

ein, in eine Welt, die das Leben für Wildtiere sowieso

immer gefährlicher macht. Da ist die intensive

Landwirtschaft, und da sind überall Straßen, die Lebensräume

durchschneiden. Der Druck auf die Natur

wird gewaltig, dazu kommt der Klimawandel, der es

einzelnen Arten schon ohne menschliche Störungen

so schwer macht. Arten verschwinden, während der

Mensch vielfach expandiert.

Landmilch, Alpenmilch, Weidemilch,

Bio-Milch, Bio-Wiesenmilch, Heumilch …

Verstehen Sie, dass die vielen Label im Milchregal

manche Menschen verwirren?

Natürlich! Und es ist auch gar nicht so einfach, sich

in dem Dschungel zurechtzufinden. Nicht jede/r recherchiert

im Supermarkt erst mal nach, was diese

Label bedeuten. Und dann sind da oft diese manipulativen

Bildchen von bärtigen alten Bauern oder

glücklichen Familien. Der Milch-Wirrwarr ist ein

gutes Beispiel für den gesamten Ansatz im Buch:

Ich biete Wissen statt Halbwissen an und auch ohne

einen Algorithmus, der entscheidet, was interessant

ist. Jeder kann damit Entscheidungen treffen und

zumindest nicht mehr sagen: »Das habe ich nicht

gewusst.«

Wie können Hundeleinen Leben retten?

Die Diskussion, ob Hunde angeleint sein müssen,

werden immer polemischer geführt. Natürlich muss

ein Hund auch frei laufen dürfen, aber nur, wenn

er zu hundert Prozent abrufbar ist, und nie in der

Brut- und Setzzeit. Und auch, wenn der Hund kein

Tier reißt, kann sein Sprint tödlich enden. Das Reh

zum Beispiel hat Pech. Es hat von den vor den Alpen

vorkommenden Wiederkäuern einen relativ kleinen

Pansen. Es muss bis zu elfmal am Tag Nahrung aufnehmen

und dazwischen wiederkäuen. Wenn es in

diesem Zyklus durch unnötige Fluchten mehrfach

gestört wird, ist das sehr gesundheitsschädlich, die

Störung der Wiederkäuphasen kann bis zum Tod

führen! Noch komplizierter wird es in einer hochsensiblen

Phase in der Natur, wenn es tragende Tiere

sind oder sie gerade ein Kitz bekommen haben. Und

dann betritt ein Hund den Lebensraum und jagt eine

Geiß. Auch wenn er sie nicht niederstreckt, sprengt

er sie weit weg von ihrem Einstand, sie verbraucht

Energie, und das Kitz ist zudem viel zu lange allein.

Hunde spüren Kitze auf. Selbst wenn der Hund nur

schnuppert, die Mutter wird es nicht mehr annehmen.

Es wird elend verhungern über lange Tage.

Eine Leine rettet also wirklich Leben!

Was wünschen Sie sich für den Alpenraum?

Wissen ist Macht und macht etwas mit einem. Es

ist sicher so, dass man nur etwas schützen will, das

man kennt und mag. Deshalb versuche ich in meinen

Krimis und nun im »Landwissen!«, ein paar Menschen

mehr auf meine Seite zu ziehen: auf die des

Respekts für alle Geschöpfe und Pflanzen. Auch für

die, die nicht putzig sind und die man nicht streicheln

kann. Und ich wünsche mir mehr Respekt für

die Gastgeber. Natürlich leben im Alpenraum Menschen

mal mehr, mal weniger vom Tourismus. Aber

das darf doch nicht dazu führen, dass Eigentum in

Hotels, Ferienwohnungen, auf Höfen und Berghütten

verletzt wird! Und es wäre schön, wenn jede/r

einen Plan B hätte, wenn der Plan A eben nicht möglich

ist. Wir müssen wegkommen davon, dass alles

grenzenlos zu jeder Tag- und Nachtzeit verfügbar ist,

weg von der »Vollkasko-Mentalität«, die ja auch zuschlägt,

wenn havarierte Bergsteiger die Bergwacht

wie ein Taxiunternehmen verwenden. Wir werden

auch mal Wege sperren müssen!


118

NICOLA FÖRG

LESEPROBE

LESEPROBE

Die folgende Leseprobe ist ein Querschnitt aus

mehreren Textstellen, die aus verschiedenen

Kapiteln stammen:

Es ist so schön vor und in den Alpen: dieses Mosaik

aus Hügeln, Seen, Flüssen und Bächen, es sind die

geheimnisvollen Wälder, es sind die Felsenberge

weiter oben, es ist die kalte Welt oberhalb der Baumgrenze

und die der schwindenden Gletscher. Es ist in

weiten Teilen eine Kulturlandschaft, die ihre heutige

Optik primär deshalb hat, weil sie von Landwirten

gepflegt und von Tieren beweidet wird. Wohl fast alle

wollen das in fünfzig Jahren auch noch erleben oder

wünschen es sich für ihre Kinder und Kindeskinder –

dafür aber brauchen wir Respekt, und gelegentlich

das Wort »Nein«, weil es für bestimmte Arten bereits

nach zwölf ist.

Man schützt lieber das, was man kennt. Und man

schützt lieber das, was putzig ist. Aber wer entscheidet,

wer süß ist und wer eklig?

Käfer gelten vielen als eklig, dabei sind sie Wunderwerke

der Natur. Zur Familie der Schröter gehört der

Hirschkäfer. Seinen Namen hat er, weil beim Männchen

die Mandibeln (Oberkiefer) geweihartig aussehen.

Er ist stark gefährdet, weil seine Bruthabitate

schwinden, er bräuchte lichte Wälder und Waldweiden,

er braucht Wärme und Totholz. Die Larven ernähren

sich ausschließlich von abgestorbenem, sich

bereits zersetzendem Holz, vorzugsweise Baumstrünken

von Eichen und Edelkastanien, aber auch vom

Totholz anderer Laubbäume. Larven entwickeln sich

bis zu acht Jahre lang innerhalb des Holzes und sind

im adulten Stadium nur drei bis acht Wochen am Leben!

Aber die Larven machen aus dem Holz Mulm, den

andere Mikroorganismen zu Humus abbauen. Hirschkäfer

helfen den Stoffkreislauf zu erhalten. Wenn ich

ein Kind sehe, das einen Käfer zertritt, und womöglich

stehen die Eltern daneben und sagen nichts, wird meine

Sprache sehr unwirsch. Das ist schlicht Mord!

***

Bei uns wogen die Wiesen lange. Wir mähen spät

und auch nur zweimal im Jahr. Bei uns wogen ganz

unterschiedliche Gräser, in unterschiedlichen Längen,

und es gibt Blumen dazwischen. So etwas nennt

man eine extensiv genutzte Wiese, und es hat gute

zehn Jahre gedauert, bis sie von einer über Jahrzehnte

gedüngten Futterwiese für Milchkühe wieder zu

einem Ort der Vielfalt wurde.

Gräser sind eine späte Entwicklung in der Evolution.

Sie haben pflanzliches Leben revolutioniert, sie

wachsen auch in unwirtlichen Gegenden. Gräser haben

eine unschlagbare Strategie. Sie werden nicht von

Insekten bestäubt, sondern vom Wind. Gräser stecken

ihre Energie nicht in große Blüten oder Früchte,

nicht in dicke, harte Stämme, nicht in Dornen oder

Giftstoffe. Dass sie so effektiv Wasser und Sonne

nutzen können, ist auch der Grund, warum sie kultiviert

wurden. Der Mensch hat sie quasi domestiziert

und in Jahrtausenden eine Kulturpflanze gezüchtet,

die die Menschheit ernähren soll: das Getreide.

***

Bitte keine Hunde frei in Schlangengebieten laufen

lassen! Einem stöbernden Hund kann eine Kreuzotter,

die vielleicht gerade erst beginnt, sich zu erwärmen,

nicht mehr entkommen. Und wenn sie beißt,

kann das je nach Größe des Hundes, und je nachdem,

wie stark sich der Hund dann noch bewegt, ergo wie

viel Gift in die Blutbahn gelangt, durchaus bedrohlich

werden.

Nicht nur in der Aufzuchtzeit, auch in der kalten Jahreszeit

stressen Fluchten: Es ist für aufgeschreckte

Hirsche und Rehe so, als würde ein Marathonläufer

völlig unaufgewärmt losrennen. Sie sind im Winter-

Sparmodus, haben auch kalte Füße und brauchen ungeheure

Energiereserven, über die sie im Winter aber

nicht verfügen.


Rinder sind Herden- und Fluchttiere. In der Laufstallhaltung

leben sie das nur bedingt aus. Einige von

ihnen dürfen aber auf Almen und Alpen, und anders

als im Stall im Tale leben sie auf der Alm viel stärker

ihre angeborenen Fähigkeiten aus. Vor allem Mutterkühe

verteidigen ihre Kälber; jeder Hund ist ein Beutegreifer

und damit eine Bedrohung. Und so passiert

es jeden Sommer wieder. Die Medien überbieten sich

mit Headlines wie »Mörderalm«, »Mörderkühe« oder

»Killer auf Hufen«. Es kommt zu tragischen, wenn

auch vermeidbaren Unfällen mit Almkühen oder

anderen Almtieren. Ein Grund ist, dass der Zwang

zum guten Foto so drängend ist. Und dann wird es

den Kühen zu bunt. Inzwischen stehen auf vielen

Almböden Erklärungstafeln, die man wirklich ernst

nehmen sollte. Man ignoriert Kühe, auch neugierige

Jungviecher. Man umläuft oder umfährt sie langsam.

Der Hund gehört an die Leine, auf der den Kühen

abgewandten Seite. Nur im Falle eines Angriffs lässt

man Hunde von der Leine, weil sich der Fokus der

Tiere auf den Hund verschiebt – und der Hund leichter

flüchten kann.

***

»Ihre mitgebrachten Speisen können Sie auf Ihrer

mitgebrachten Terrasse verzehren.« Dieses Schild

findet sich auf so einigen Alm- und Alphütten. Witzig,

plakativ – und leider notwendig. Denn es geht

natürlich nicht, dass man auf einer bewirtschafteten

Hütte Tische okkupiert und blockiert, während man

seine Stulle verzehrt und an der Trinkflasche nuckelt.

Die Gastronomie in der Höhe hat oft weit kompliziertere

Transportwege, auch die Mitarbeiter müssen

erst mal ankommen – alles ungleich aufwendiger als

in der Tal-Gastro.

Gut zu wissen:

Der Mensch ist ein tagaktives Säugetier, das nachts schläft

und seine Batterien wieder auflädt. Man sollte auf Nachtwanderungen

verzichten, im Schlaf liegt aktiver Tierschutz!

Die goldene Regel: vor dem Dunkelwerden zu Hause

sein, erst nach der Morgendämmerung unterwegs sein.

27.

FEB

2026

NICOLA FÖRG

LANDWISSEN!

Hardcover

240 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-89029-620-3

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


120

EVERLOVE

Mafia Romance

Spicy

Bad

Hero

MICA HEALAND

BEYOND HIS REACH

30.01.2026

Klappenbroschur

352 Seiten

16,00 € (D) 16,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06781-2

Rocky Mountains

Nur er kann sie

beschützen

Forced Proximity

ALL YOU NEED IS

Dark Romance

Dark

Academia

Vibes

Touch her and

you die

MONTY JAY

THE LIES WE STEAL

30.04.2026

Klappenbroschur

560 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06653-2

Dunkle

Versuchung

Beliebt auf

Booktok

Morally grey


121

EVERLOVE

Only One Boat

SPIEGEL-

Bestsellerautorin

RomCom

BETH O’LEARY

SWEPT AWAY – NACH DIESER

NACHT IST ABTAUCHEN

UNMÖGLICH

30.04.2026

Klappenbroschur

512 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06605-1

Verloren auf

hoher See

Humorvoll

Originell

SPIEGEL-

Bestsellerautorin

High Society

Enemies to

Lovers

Rich vs. Poor

KATHINKA ENGEL

UNMASKING BILLIONAIRES’ ROW

02.04.2026

Klappenbroschur

432 Seiten

17,00 € (D) 17,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06851-2

Secret Identity

London


122

PIPER

VORSCHAU

JOËL

DICKER

EIN UNGEZÄHMTES TIER

27.02.2026

14,00 € (D) 14,40 € (A)

ISBN 978-3-492-32267-6

LINUS

GESCHKE

DAS CAMP

30.01.2026

17,00 € (D) 17,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06862-8

THOMAS

SCHLESSER

MONAS AUGEN –

EINE REISE ZU DEN

SCHÖNSTEN KUNST-

WERKEN UNSERER ZEIT

27.02.2026

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06800-0

SAWAKO

NATORI

KIRSCHBLÜTE IN DER FREI-

TAGSBUCHHANDLUNG

(DIE FREITAGSBUCH-

HANDLUNG 1)

27.02.2026

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07411-7

ROSS

MONTGOMERY

TEE, TOD UND DIE

VERSIEGELTE TÜR

02.04.2026

17,00 € (D) 17,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06658-7

ELLA

MILLS

(WOODWARD)

DELICIOUSLY ELLA –

QUICK WINS

30.01.2026

25,00 € (D) 25,70 € (A)

ISBN 978-3-8270-1536-5


123

PIPER

VORSCHAU

ALEXANDRA

POTTER

FREUNDSCHAFT IST WIE

LIEBE MIT VERSTAND

30.04.2026

17,00 € (D) 17,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06429-3

KIERA

AZAR

THORN SEASON

27.02.2026

25,00 € (D) 25,70 € (A)

ISBN 978-3-492-70991-0

JASON

REKULAK

DEIN LETZTES FEST

02.04.2026

17,00 € (D) 17,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06568-9

CHRISTINE

THÜRMER

HIKING ASIA

27.02.2026

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-89029-609-8

JULIANE

MARIE

SCHREIBER

WIR SIND DYNAMIT

29.05.2026

16,00 € (D) 16,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06573-3

ANNETTE

KELLER

DIE VERWUNSCHENE

BÜCHERVILLA IN DER

SILVER LANE

(BOOKS & BREAKFAST 1)

03.07.2026

12,00 € (D) 12,40 € (A)

ISBN 978-3-492-32171-6


124

PIPER

IMPRESSUM

Piper Verlag GmbH

Georgenstraße 4

80799 München

Postfach 40 14 60

80714 München

Tel. (089) 38 18 01-0

Fax (089) 33 87 04

info@piper.de

www.piper.de

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Felicitas von Lovenberg, Christian Schniedermann

Registergericht: Amtsgericht München

Registernummer: HRB 71118

LEITUNG VERKAUF UND VERTRIEB:

Sabrina Zingg

Tel. (089) 38 18 01 44

Fax (089) 38 18 01 68

sabrina.zingg@piper.de

LEITUNG MARKETING:

Jennifer Maurer

Tel. (089) 38 18 01- 63

Fax (089) 38 18 01- 591

jennifer.maurer@piper.de

LEITUNG LIZENZEN & FOREIGN RIGHTS:

Sven Diedrich

Tel. (089) 38 18 01- 26

Fax (089) 38 18 01- 272

sven.diedrich@piper.de

LEITUNG PRESSE- UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT/

VERANSTALTUNGEN:

Kerstin Beaujean

Tel. (089) 38 18 01-25

kerstin.beaujean@piper.de

REZENSIONSANFORDERUNGEN:

press@piper.de

Fax (089) 38 1 01-65

DRUCKEREI:

Gotteswinter und Fibo Druck- und Verlags GmbH

Joseph-Dollinger-Bogen 22

80807 München

Stand Oktober 2025

Preisänderungen und Irrtümer vorbehalten.

Die € (A)-Preise wurden von unserem Auslieferer als sein

gesetzlicher Letztverkaufspreis in Österreich angegeben.

Gestaltung: Daniel Sluka | Design · www.daniel-sluka.de

Herstellung: Mark Oliver Stehr, oliver.stehr@piper.de

VERWENDETE SCHRIFTEN:

Acier, Acumin, Adobe Aldine, Adobe Caslon, Al Fresco, Architype

Renner, Barbieri, Bebas Neue, DK, Eds Market Narrow Slant, Fat­

Frank, Felt Tip, Gloock, League Gothic, Otago, Playfair, Sofia Pro

BILDNACHWEIS:

S. 4 Anne Stern © Heike Steinweg

S. 14 Gisa Pauly © Anna Leste-Matzen

S. 18 – 23 Peter Wohlleben © Gaby Gerster

S. 24/25 Judith Hoersch © Marcus Höhn

S. 32 – 37 Ingeborg Bachmann © Ingeborg Bachmann Fotoarchiv

S. 35 Andrea Stoll © Privat

S. 38/39 Robert Löhr © Jacobia Dahm

S. 46 Anne Berest © JF Paga

S. 48 – 55 © Anne Berest

S. 56 Bettina Tietjen © Sebastian Fuchs

S. 59/60 Bettina Tietjen © Privat

S. 62 Jenny Colgan © SWNS / action press

S. 66 Anja Gmeinwieser © Linda Sier

S. 75 Dr. Amir Levine © Blanche Mackey

S. 82 – 85 Lea Singer © Irène Zandel

S. 90 A. T. Qureshi © A. T. Qureshi

S. 94/95 Lukas Mi-Sa Nguyen Egger © Micha Roth

S. 100 Ursula Schröder © IFSH

S. 106 © Sora

S. 107 Johanna Roth © Adnan Khatib

S. 110 Silvi Carlsson © Denise Leiting

S. 115 Nicola Förg © Regina Recht (oben) / Florian Deventer (unten)

Leseexemplar-Service für Buchhändler:innen

Bestellen Sie in drei Schritten Ihr digitales

Leseexemplar auf www.piper.de/leseexemplare

e-Book

Trailer für Ihre Online-Filiale

Autorenveranstaltungen

Weiteres Infomaterial auf vlbTIX

MATERIAL UMSCHLAG:

PEYDUR recycled lissé 270g/m2

Von peyer graphic, Leonberg


Piper Verlag GmbH

Georgenstraße 4

80799 München

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!