Das Verwaltungsmagazin für einen nachhaltige Einkauf "Kleine Kniffe"
Wie wird die öffentliche Beschaffung zum entscheidenden Hebel für die Transformation? Wir beleuchten die drängendsten Themen an der Schnittstelle von Verwaltung, Nachhaltigkeit und Markt. Das sind unsere Top-Themen:
Wie wird die öffentliche Beschaffung zum entscheidenden Hebel für die Transformation? Wir beleuchten die drängendsten Themen an der Schnittstelle von Verwaltung, Nachhaltigkeit und Markt.
Das sind unsere Top-Themen:
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Das Verwaltungsmagazin
für einen nachhaltigen Einkauf
6,80 EURO
Ausgabe Oktober 2025
Künstliche Intelligenz
im nachhaltigen Einkauf
Im Interview
Carsten Träger,
Staatssekretär im BMUKN
Top-Themen:
Kreislaufwirtschaft in der Beschaffung
Kleine Kniffe
Biodiversität in der öffentlichen Beschaffung
1
2 Kleine Kniffe
Editorial
Nachhaltige öffentliche Beschaffung ist längst kein Nischenthema mehr – sie ist zum Gestaltungsinstrument
staatlichen Handelns geworden. Vergabeentscheidungen prägen heute, wie wir
Ressourcen nutzen, Innovation fördern und gesellschaftliche Verantwortung umsetzen. Zugleich
wächst der Druck: Klimaziele, Lieferkettensorgfalt, Kreislaufwirtschaft und Biodiversität sind
nicht nur politische Programme, sondern rechtliche Verpflichtungen, die Verwaltung und
Beschaffungspraxis verändern.
Diese Ausgabe widmet sich den zentralen Themen, die diesen Wandel bestimmen – von
Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bis hin
zu den Anforderungen neuer staatlicher Regulierungen. Sie zeigen, wie Beschaffung heute mehr
leisten muss als Bedarfe zu decken: Sie gestaltet Transformation.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Digitalisierung des Vergabeprozesses. E-Vergabe,
automatisierte Prüfverfahren und datenbasierte Steuerung verändern Rollen, Abläufe und Kompetenzen.
Beschaffung wird strategischer – und zugleich zum Motor regionaler Wertschöpfung,
von KMU-Förderung bis hin zu innovativen Partnerschaften.
Wir freuen uns, dass zunehmend auch europäische Autorinnen und Autoren in dieser Ausgabe
ihre Perspektiven teilen. Ihre Beiträge zeigen: Nachhaltige Beschaffung ist ein europäisches
Gemeinschaftsprojekt – eines, das Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen fordert
und verbindet.
Die Magazine erreichen Sie unter dieser Adresse (https://t1p.de/sg8q7), den Podcast unter
dieser Adresse (https://t1p.de/aw09o) und die LinkedIn-Gruppe zum Magazin unter dieser
Adresse (https://t1p.de/pt9nw). Die App „Kleine Kniffe“ bringt Ihnen diese Informationen ab
sopfort auch auf Ihr Smartphone.
Chefredakteur
Kleine Kniffe
3
08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.42.ZUKUNFTEINKAUFEN
Impressum
Redaktion
SDG media GmbH
Wagenfeldstraße 7a
44141 Dortmund
Kontakt:
redaktion@kleine-kniffe.de
Chefredaktion und V.i.S.d.P:
Thomas Heine
44
Textbeiträge von:
Marret Bähr, Hendrik Claaßen, Lucia De Carlo,
Antonia Dierker, Martin Eichenseder, Livia
El-Khawad, Dr. Moritz Gomm, Roland Günter,
Thomas Heine, Anja Jacobsen, Jürgen Jonke,
Jon Jonoski, Harald Joos, Miriam Kaufmann,
Nicole Krojer, Lars Lammers, Kay Langhammer,
Anita Lührs, Kathrin Maier, Christina Lang,
Eveline Lemke, Natalia Parmenova, Reiner Petzold
,Michal Plaček ,Dr. Tassilo Schröck ,Dirk
Schrödter, Ivan Stanisavljevic, Dr. Kristin Stechemesser,
Esther Steverding, Ingmar Thomas,
Daniela Ugovsek ,Arjen van Berkum, Karna
Wegner, Michael Wilczynska ,Marc Wolinda
Fotos/Grafiken:
Depositphotos, Ute Grabowsky, Roland Günter,
NaBe-Plattform, Natalia Parmenova, Esther
Steverding, Staatskanzlei.SH, Thomas Trutschel
50
Internet:
www.nachhaltige-beschaffung.com
Social media:
LinkedIn: https://t1p.de/7xkcw
Twitter: https://t1p.de/z16xt
Facebook: https://t1p.de/fd2fu
Digitale Ausgabe veröffentlicht unter:
https://t1p.de/sg8q7
Herausgeber
SDG media GmbH
Wagenfeldstraße 7a
44141 Dortmund
www.sdg-media.de
kleine kniffe® ist eingetragene Marke
der IMAGO GmbH, Dortmund
06. FAHRPLAN STAATSREFORM
08. BESCHAFFUNG UND NACHHALTIGKEIT
10. DORTMUND MACHT NACHHALTIGKEIT HANDHABBAR
12. NACHHALTIGE ÖFFENTLICHE BESCHAFFUNG IN SH
16. NEUE MATERIALIEN UND ARBEITSHILFEN
20. KOMPASS NACHHALTIGKEIT
22. AUSWIRKUNGEN DER § 14 UVGO-WERTGRENZE
26. AKTUELLE SCHWERPUNKTE DES IMA NÖB
30. INTERVIEW MIT LUCIA DE CARLO
33. INTENTION GROSS, UMSETZUNG KLEIN
34. VERGABEREFORM 2025 - EINE EINSCHÄTZUNG
36. WIRKUNGSENTFALTUNG JENSEITS VON PARAGRAFEN
38. JENSEITS DES FETISCHS DER VEREINBARUNG
40. INDIREKTE EINKÄUFE ZWISCHEN ANSPRUCH UND PRAXIS
43. AUSTAUSCH TUT NOT BEISPIEL AHRTAL
44. INTERVIEW MIT STAATSSEKRETÄR CARSTEN TRÄGER
46. DIE KLAVIATUR DER KREISLAUFFÄHIGEN BESCHAFFUNG
48. DIGITALISIERUNG - AUFBRUCH IN EINE NEUE ÄRA
50. DIGITALE SOUVERÄNITÄT SCHLESWIG-HOLSTEINS
4 Kleine Kniffe
08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.08.LOREMIPSUMaecenasnecanteacorcidictumalesuadaeuismod.42.ZUKUNFTEINKAUFEN
36 30
20 58
54. KI NACHHALTIG BETREIBEN
56. KI IN DER BESCHAFFUNG - ÜBERBLICK
58. INTERVIEW MIT MARTIN EICHENSEDER, TCO CERTIFIED
60. INTERVIE MIT CHRISTINA LANG, DIGITALSERVICE
63. LÖSUNGEN VON START-UPS
64. DIGITALE SOUVERÄNITÄT UND CLOUD NUTZUNG
66. MULTI-AGENTEN-INFRASTRUKTUR
70. LÖSUNGEN VON START-UPS
72. GREEN PUBLIC PROCUREMENT (GPP) IN TSCHECHIEN
74. GREEN PUBLIC PROCUREMENT (GPP) IN ÖSTERREICH
76. GREEN PUBLIC PROCUREMENT (GPP) - EU-SCHULUNGEN
78. NACHHALTIGE ENERGIE FÜR SOZIALEINRICHTUNGEN
79. CO₂ SCHATTENPREISE IN DER VERGABE
80. EMISSIONSHANDEL EU-ETS 2 IM EINKAUF
82. BIODIVERSITÄT - DIE „BIO-LOGIK“ DER NATUR VERSTEHEN
86. MODERNISIERUNG DER VERWALTUNG
88. ZUKE GREEN HEALTH KONGRESS 2025
Kleine Kniffe
5
Strategisches Beschaffungsmanagement
Fahrplan Staatsreform:
Moderne Verwaltung braucht effiziente Beschaffung
„Wir werden ein strategisches Beschaffungsmanagement implementieren. Behörden sollen künftig
auf Rahmenverträge anderer öffentlicher Dienststellen und auf zentrale Einkaufsplattformen
zurückgreifen dürfen. Die Bestellplattformen des Bundes (Kaufhaus des Bundes) machen
wir zu einem digitalen Marktplatz für Bund, Länder und Kommunen und konsolidieren
Vergabeplattformen.“ Koalitionsvertrag, S. 65.
Ein Beitrag von Dr. Tassilo Schröck
Von der App für eine Verwaltungsleistung über die Einsatzfahrzeuge
der Polizei bis zu Büroartikeln und Druckern: Auf die
öffentliche Beschaffung entfallen schätzungsweise jedes Jahr Ausgaben
in Höhe von 500 Milliarden Euro. Die öffentliche Beschaffung
soll deshalb wirtschaftlich, nachhaltig und zugleich rechtskonform
erfolgen – insbesondere unter Beachtung des komplexen Vergaberechts.
Ein Beispiel: Will eine Stadt Laptops für ihre Verwaltung beschaffen,
muss sie sich erst einmal am Markt darüber informieren,
welche Modelle ihre Anforderungen erfüllen. Die Erkenntnisse aus
der Markterkundung müssen dann mühsam in eine detaillierte, produktneutrale
Leistungsbeschreibung überführt werden. Es folgt ein
mehrmonatiges Vergabeverfahren, in dem Bieterfragen beantwortet,
Angebote ausgewertet und schließlich Vergabevermerke geschrieben
werden. Diesen Aufwand betreiben tausende Kommunen für
das gleiche Standardprodukt. Die Folge: Die Parallelarbeit strapaziert
die ohnehin schon sehr knappen Ressourcen der Kommunen.
Mehr Kooperation zwischen den öffentlichen Auftraggebern
könnte das ändern. Werden Bedarfe gebündelt, entstehen
Mengenvorteile, und der Verfahrensaufwand sinkt. Die Beschaffungsstellen
werden routinierter und haben noch dazu einen besseren
Marktüberblick. Die Bundesbeschaffung GmbH (BBG) in Österreich
oder die Union des Groupements d’Achats Publics (UGAP)
in Frankreich bündeln deswegen im großen Stil, verwaltungsebenenübergreifend
öffentliche Beschaffungen.
In Deutschland existiert bislang keine vergleichbar zentralisierte
Beschaffungsstruktur. Das Kaufhaus des Bundes ist eine
elektronische Bestellplattform, auf der zahlreiche Rahmenvereinbarungen
über Standardprodukte – etwa IT, Büroausstattung oder
Fahrzeuge – bereitgestellt werden. Zentrale Beschaffungsstellen des
Bundes schreiben diese Rahmenvereinbarungen regelmäßig nach
den Regeln des Vergaberechts aus. Für die technische Betreuung ist
das Bundesbeschaffungsamt (BeschA) zuständig. Abrufberechtigt
sind aber nur Bundesbehörden.
Dass die Koalition das Kaufhaus des Bundes zu einem digitalen
Marktplatz für Bund, Länder und Kommunen ausbauen will, ist
daher ein wichtiger Schritt. Doch wie muss dieser Marktplatz aufgebaut
sein, damit er funktioniert?
Der Marktplatz muss einen echten Mehrwert liefern. Länder
und Kommunen werden den Marktplatz nur nutzen, wenn das
Angebot ihren Bedürfnissen entspricht. Der Marktplatz muss
deshalb von Beginn an nutzerorientiert und gemeinsam mit Ländern
und Kommunen entwickelt werden. Dabei muss geklärt werden,
welche Produkte am einfachsten gebündelt auf Bundesebene
beschafft werden können. Auch muss ein gemeinsames Verständnis
dafür gefunden werden, welchen Stellenwert jeweils Qualität, Nachhaltigkeit
und Preis im Einkauf haben. Es braucht eine gemeinsame
Beschaffungsstrategie.
Gebündelte Beschaffungen sehen sich zuweilen der Kritik ausgesetzt,
dass sie den Mittelstand aus der öffentlichen Auftragsvergabe
verdrängen und damit den Wettbewerb beeinträchtigen. Das könnte
langfristig zur Abhängigkeit von wenigen Lieferanten führen.
Gerade für Kommunen und Länder ist der Schutz des Mittelstandes
ein wichtiges Anliegen. Der Einkauf für den Marktplatz sollte in
6 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
ständigem Dialog mit den angesprochenen Branchen erfolgen. So
kann frühzeitig erkannt werden, ob das gewählte Ausschreibungsdesign
mittelständischen Unternehmen die Teilnahme erlaubt oder
angepasst werden sollte.
Außerdem ist beim Einrichten des Marktplatzes zu beachten,
dass sich vereinzelt bereits kooperative Beschaffungsstrukturen auf
Bundes- und Landesebene entwickelt haben. Ein Beispiel sind die
zahlreichen Sammelbeschaffungen der Landesministerien, um den
kommunalen Bedarf an Feuerwehrausrüstung zu decken. Ein vom
Bund eingeführter Marktplatz sollte die bestehenden Strukturen
sinnvoll ergänzen und nicht verdrängen.
Der Marktplatz sollte im ersten Ansatz als „kleinstes funktionsfähiges
Produkt“ geplant werden, um schnell erste Ergebnisse liefern
zu können. Zahllos sind die verwaltungspolitischen Reformprojekte,
die aufgrund hochgesteckter Ambitionen zu langsam in die
Umsetzung kommen. Außerdem würde ein Ausbau des BeschA zur
„Superbeschaffungsstelle“ nach dem Vorbild der BBG oder UGAP eine
Verfassungsänderung erfordern. Erfolgreiche Beschaffungskooperationen
beginnen ohnehin meist informal mit einem kleinen Kreis
Gleichgesinnter, beschränkt auf einzelne Beschaffungsgegenstände.
Wenn erste Erfolge zu verbuchen sind, wachsen Beschaffungskooperationen
in der Regel organisch. Aufbauend darauf können
Strukturen verstetigt und formalisiert werden.
Schließlich wird es darauf ankommen, ob die Kooperationspartner
ein neues Verständnis für den Föderalismus mittragen. Dazu
gehört die Erkenntnis, dass ein Bürostuhl für Bayern nicht so andere
Anforderungen hat als für Mecklenburg-Vorpommern. Durch die
stärkere Standardisierung und Bündelung der Beschaffung auf Bundesebene
wird zwar weniger individuell eingekauft. Doch erhalten
die Länder und Kommunen die dringend benötigten Handlungsspielräume
für andere Aufgaben.
Moderne Verwaltung braucht effiziente Beschaffung. Kooperation
und Bündelung können dazu beitragen. Ein digitaler Marktplatz
für Bund, Länder und Kommunen hat deshalb Potenzial – wenn er
schlank und praxisnah startet.
Hinweis
Dieser Beitrag ist am 31. Juli 2025 im Re:Form-
Newsletter versendet worden. Erfahre mehr über
Re:Form, der Allianz für den Staat von morgen: https: /
reform-staat.org/
Autor
Dr. Tassilo Schröck
Fachanwalt für Vergaberecht,
Redeker Sellner Dahs
Rechtsanwälte
Kleine Kniffe
7
Potentiale des öffentlichen Einkaufs
Beschaffung und Nachhaltigkeit
bei der öffentlichen Verwaltung in Deutschland
Die öffentliche Verwaltung in Deutschland ist mit einem dem Beschaffungsvolumen ein wirtschaftlicher
Schwergewichtsakteur. Diese enorme Marktmacht birgt ein immenses Potenzial, ökologische und
soziale Standards durch nachhaltige Beschaffung zu fördern. Doch trotz politischer Bekenntnisse bleibt
die Umsetzung hinter den Erwartungen zurück. Die aktuelle Trends, Herausforderungen und heutige
Lösungsansätze bringen interessante Perspektiven für die Zukunft.
Ein Beitrag von Reiner Petzold
Aktuelle Trends
Wachsende politische Aufmerksamkeit
Seit dem Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts
2021 und dem Koalitionsvertrag „Mehr Fortschritt wagen“ wird
Nachhaltigkeit verstärkt als strategisches Ziel in der öffentlichen
Beschaffung verankert.
Reform des Vergaberechts
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat
2024 ein „Vergabetransformationspaket“ vorgelegt, das ökologische,
soziale und innovative Kriterien stärker im Vergabeverfahren verankern
soll. Ziel ist es, die Vergabeprozesse transparenter, digitaler
und nachhaltiger zu gestalten.
Innovationsförderung durch Startups
Junge Unternehmen sollen durch angepasste Eignungskriterien
besser in Vergabeverfahren integriert werden. Dies fördert nicht nur
Nachhaltigkeit, sondern auch Digitalisierung und Ressourceneffizienz.
Herausforderungen
Intention-Action-Gap
Obwohl Nachhaltigkeit als Ziel anerkannt ist, werden laut Studien
nur 13,7 % der kommunalen Aufträge unter Berücksichtigung
von Nachhaltigkeitskriterien vergeben – Tendenz sinkend.
Rechtliche Unsicherheiten
Viele Vergabestellen sind unsicher, wie sie Nachhaltigkeitskriterien
rechtssicher integrieren können. Die Angst vor Rekursen
hemmt ambitionierte Ausschreibungen.
Mangelnde Professionalisierung
Es fehlt häufig an spezifischem Wissen und Ausbildung im Bereich
nachhaltiger Beschaffung. Schulungen sind nicht flächendeckend
etabliert.
Strukturelle Defizite
Bestehende Prozesse und IT-Systeme sind oft nicht auf Nachhaltigkeit
ausgerichtet. Lebenszykluskosten, CO₂-Bilanzen oder
soziale Standards werden selten systematisch erfasst.
Lösungsansätze heute
Schulungen und Kompetenzaufbau
Initiativen wie die KOINNO-Akademie oder Programme der
Bertelsmann Stiftung fördern gezielt das Know-how von Beschaffungsverantwortlichen.
Schulungen zu Lebenszykluskosten,
Umweltkennzeichen und rechtssicherer Integration von Nachhaltigkeitskriterien
sind essenziell.
8 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Digitale Tools und Plattformen
Vergabeplattformen mit integrierten Nachhaltigkeitsmodulen
ermöglichen eine transparente Bewertung von Angeboten.
KI-gestützte Systeme helfen, ökologische und soziale Kriterien
automatisiert zu prüfen.
Best-Practice-Austausch
Kommunale Netzwerke wie das „Kompetenzzentrum nachhaltige
Beschaffung“ fördern den Austausch erfolgreicher Modelle.
Städte wie Bonn oder Freiburg gelten als Vorreiter in der Integration
von Umweltstandards in Ausschreibungen.
Perspektiven für die Zukunft
Verbindliche Quoten für nachhaltige Vergabe
Diskutiert wird die Einführung von Mindestquoten für nachhaltige
Ausschreibungen auf Bundes- und Landesebene. Dies könnte
den Anteil nachhaltiger Vergaben deutlich erhöhen.
CO₂-Bilanzierung als Standard
Zukünftig könnten CO₂-Fußabdrücke verpflichtend in Ausschreibungen
integriert werden – etwa bei Bauprojekten oder
Fahrzeugbeschaffung. Dies würde die Klimaziele direkt in die Vergabepraxis
übersetzen.
Kreislaufwirtschaft und Reparaturfähigkeit
Produkte mit hoher Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit
sollen bevorzugt werden. Dies fördert Ressourcenschonung
und reduziert Abfall.
EU-weite Harmonisierung
Die EU arbeitet an einer stärkeren Harmonisierung nachhaltiger
Vergabekriterien. Deutschland könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen
– vorausgesetzt, die Umsetzung erfolgt konsequent.
Fazit:
Lösungen und Zukunftsperspektiven für
nachhaltige Beschaffung
Die Herausforderungen sind komplex – doch es gibt konkrete
Lösungsansätze, die bereits heute Wirkung zeigen und die Zukunft
der öffentlichen Beschaffung nachhaltig gestalten können.
Autor
Reiner Petzold
Advisory Board Swiss CxO Forum
Council Harvard Business Review
Dozent UniBasel, FHNW, HWZ
CDO, swissICT Fachgruppe DTI
Kleine Kniffe
9
Dekarbonisierung in der öffentlichen Beschaffung
Klimaschutz in der Vergabe:
Dortmund macht Nachhaltigkeit handhabbar
Viele Kommunen haben sich ambitionierte Klimaziele gesetzt – Dortmund strebt etwa die
Klimaneutralität bis 2035 an. Ein zentraler Hebel zur Zielerreichung ist dabei die öffentliche
Beschaffung: Rund 15 % des BIP werden in Deutschland jährlich durch öffentliche Aufträge
umgesetzt – eine enorme Steuerungswirkung für klimarelevante Produkte, Dienstleistungen und
Bauleistungen.
Ein Beitrag von Livia El-Khawad und Ingmar Thomas
Doch in der Praxis fehlt es häufig an praktikablen Verfahren, um
ökologische Kriterien in Vergaben zu berücksichtigen – insbesondere
bei Bauvorhaben mit hohem Emissionspotenzial. Vergabestellen
stehen vor der Herausforderung, wirksame Kriterien zu definieren,
ohne rechtliche Unsicherheiten oder unnötige Komplexität zu schaffen.
Im Zuge der zunehmenden Bemühungen, Klimaschutz stärker
in der Beschaffung zu verankern, bietet sich die CO₂ Performance
Ladder zunehmend als wertvolles Instrument an.
Das aus den Niederlanden stammende System ordnet Unternehmen
je nach CO₂-Management in Stufen ein – von der reinen
Bilanzierung bis hin zur strategischen Reduktion in der Lieferkette.
Statt jede Maßnahme individuell zu prüfen, können anerkannte
Drittzertifizierungen direkt in die Wertung übernommen werden,
was die Vergabestelle entlastet.
Für Bieter bedeutet das eine klare Orientierung und die Möglichkeit,
vorhandene Zertifikate in kommunalen Ausschreibungen
strategisch zu nutzen. Für Auftraggeber entsteht eine sachlich
geprüfte Grundlage, die die Berücksichtigung von Klimaschutzmaßnahmen
rechtssicher und nachvollziehbar macht.
Verwendung der CO 2
Performance Ladder in
Dortmund
Um Dekarbonisierungskriterien in Ausschreibungen zu integrieren,
hat Dortmund Anfang 2025 einen „Klimafaktor“ als
zusätzliches Wertungskriterium eingeführt und nutzt zur strukturierten
Bewertung unter anderem die CO₂ Performance Ladder
als Referenzrahmen. Unternehmen können einen Vergabevorteil
erhalten, wenn sie nachweisen, dass die Leistung klimafreundlich
erbracht wird – etwa durch den Einsatz emissionsarmer Materialien,
den Bezug von Ökostrom oder CO₂-sparende Logistik.
Umsetzung und Monitoring des Klimafaktors
Bis zum 25. Juni 2025 wurde der Dortmunder Klimafaktor
bereits in 117 Bauvergaben angewendet. In den ersten 19 abgeschlossenen
Verfahren wurden 15 Angebote mit Klimafaktor eingereicht
– mit Maßnahmen wie Ökostromnutzung, LED-Technik, Recyclingmaterial
oder CO₂-kompensierter Baustellenlogistik. Weitere
44 Angebote mit Klimafaktor sind in laufenden Ausschreibungen
eingegangen.
Aktuell bereitet Dortmund gemeinsam mit wissenschaftlichen
Partnern eine Evaluation der Implementierung des Klimafaktors
10 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
vor. Ziel ist die Weiterentwicklung des städtischen Bewertungsrahmens:
Welche Kriterien funktionieren gut, wo braucht es mehr
Klarheit? Und wie lässt sich das Verfahren perspektivisch auch auf
andere Leistungsbereiche übertragen?
Dortmund zeigt, wie Nachhaltigkeit in der Vergabe strukturiert
und praxistauglich abgebildet werden kann, ohne zusätzliche
Komplexität zu erzeugen. Die CO₂ Performance Ladder hilft dabei,
vorhandene Maßnahmen zu systematisieren und in standardisierter
Form nachzuweisen – ein Vorteil für beide Seiten des Verfahrens.
Kommunen, die ähnliche Wege gehen möchten, finden hier ein
bewährtes Modell, das sich an bestehende Verfahren andocken lässt,
skalierbar ist und langfristig zur Dekarbonisierung der öffentlichen
Beschaffung beitragen kann.
Auf europäischer Ebene wird die CO₂ Performance Ladder derzeit
zunehmend implementiert. In den großen Beschaffungsmärkten
Frankreich und Großbritannien befindet sich das Instrument aktuell
in der aktiven Einführung. Auch die Europäische Kommission
hat das Potenzial des Instruments erkannt, um CO₂-Emissionen im
Rahmen öffentlicher Beschaffung wirksam zu senken. Ein sichtbares
Zeichen dafür ist die kürzlich auf der Big Buyers Platform eingerichtete
Community of Practice für die CO₂ Performance Ladder.
Weitere Informationen
Arbeiten Sie in einer Stadt oder einer Kommune
und haben Interesse die CO₂ Performance Ladder
kennenzulernen?
Kontakt:
Melden Sie sich gerne unter co2pl@cscp.org.
Autoren
Livia El-Khawad und Ingmar Thomas
COLLABORATING CENTRE ON SUSTAINABLE
CONSUMPTION AND PRODUCTION (CSCP)
Kleine Kniffe
11
Aus Kompetenzzentren des nachhaltigen Einkaufs
Nachhaltige öffentliche Beschaffung
in Schleswig-Holstein
Das Kompetenzzentrum für nachhaltige Beschaffung und Vergabe in Schleswig-Holstein (KNBV.
SH) orientiert sich am Informationsbedarf von beschaffenden Stellen. Das Unterstützungsangebot
wird mehr und mehr ausgebaut.
Ein Beitrag von Marret Bähr und Anja Jacobsen
Nachhaltige Beschaffung gewinnt in kommunalen Verwaltungen
zunehmend an Bedeutung. Positive Beispiele, wo und wie
schon heute nachhaltige Beschaffung praktiziert wird, geben uns
Anstöße für unser konkretes Handeln vor Ort. Um die bisherigen
Erfahrungen, bewährte Vorgehensweisen (Best Practices) sowie
Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe besser zu verstehen
und systematisch auszuwerten, führt das KNBV eine Evaluationsabfrage
durch.
Dabei interessieren nicht nur die kommunalen Erfahrungen im
Zusammenhang mit der Erstellung und Umsetzung von Leitfäden
oder Strategien, sondern ausdrücklich auch konkrete Einzelfälle:
Welche Beschaffungsvorgänge sind besonders gut gelungen? Wo
hat sich nachhaltiges Handeln bewährt? Und wo zeigen sich noch
Hürden oder offene Fragen?
Die Rückmeldungen werden vom KNBV gesammelt, gebündelt
und in geeigneter Form zur Verfügung gestellt.
Ziel ist es, noch mehr voneinander zu lernen und seitens des
KNBV, das Unters¬tützungsangebot noch bedarfsgerechter auszurichten
sowie eine zielgerichtete Informationsbereitstellung,
Beratung und Vernetzung.
Hier gelangen Sie zur Abfrage:
https://www.knbv.de/angebot/evaluation
Apropos Vernetzung: am 30. September hatte das KNBV
gemeinsam mit dem MEKUN, BEI und BNUR zum landesweiten
Vernetzungstreffen nachhaltige Beschaffung eingeladen. Die
Teilnehmenden erhielten inspirierende Impulse für Ihren Handwerkskoffer
der nachhaltigen Beschaffung. Zudem wurde der
gewinnbringende Erfahrungs- und Informationsaustausch zu nachhaltiger
Beschaffung und Vergabe erfolgreich fortgeführt.
Sie konnten nicht teilnehmen? - Save the Date: die Folgeveranstaltungen
sind bereits in Planung: für den 13. Februar 2026 ist
das nächste Online- und für den Herbst 2026 das nächste Präsenz/
Hybrid-Treffen terminiert.
Weitergehende Informationen werden zeitnah zu den Veranstaltungen
auf der KNBV-Homepage
(https://www.knbv.de/ueber-uns/termine) veröffentlicht.
Darüber hinaus lohnt sich immer mal wieder ein Blick auf
die Website, nicht nur auf die Veranstaltungshinweise. Die
KNBV-Homepage: www.knbv.de erfährt regelmäßig Anpassungen.
Marret Bähr und Anja Jacobsen orientieren sich dabei an dem
Informationsbedarf, basierend auf den vielfältigen Anfragen und
Kontakten Ihres Arbeitsalltags. Die Themen werden allgemeininformativ
aufbereitet auf der Homepage platziert. So ist anlassbezogen
auch eine Themenseite zum Klimaschutz entstanden:
Klimaschutz und Nachhaltige Beschaffung
Die Klimakrise zeigt sich immer deutlicher in unseren Städten
und Gemeinden. Der Klimawandel lässt das Thermometer kräftig
steigen und wirkt sich erheblich auf Mensch und Umwelt aus. Bund,
Länder und Kommunen stehen vor großen Herausforderungen.
Klimaschutz ist das zentrale Instrument, um der Klimakrise entgegenzuwirken.
Die wichtigsten Schritte umfassen eine deutliche
Reduzierung der Treibhausgasemissionen, die Förderung nachhaltiger,
ressourceneffizienter Wirtschafts- und Lebensweisen und die
Anpassung an die bereits unvermeidlichen Folgen des Klimawandels.
Das Konsumverhalten und Beschaffungsprozesse nehmen Einfluss
auf die Treibhausgasentwicklung. Neben der Art der Mobilität
12 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
und Gebäudetechnik sowie die Einrichtung und Gestaltung des
öffentlichen Raums, sind es auch die alltäglichen Bedarfe/Beschaffungen,
die Wirkung zeigen.
Vor diesem Hintergrund stellt das KNBV Grundlageninformationen
zum Klima- und Hitzeschutz, insbesondere mit dem Blick
auf die Beschaffung bereit, s. https://www.knbv.de/themen/klimaschutz
Lebenszykluskosten machen
Treibhausgasemissionen sichtbar
Als Instrument für die Entscheidungsfindung in Richtung Treibhausgaseinsparung
und mehr, dient der Lebenszyklusansatz. Dieser
Ansatz betrachtet den gesamten Lebensweg eines Produkts oder
einer Dienstleistung, angefangen bei der Rohstoffgewinnung über
Produktion und Nutzung bis hin zur Entsorgung und ermöglicht
eine umfassende Bewertung der Umwelt- und Sozialauswirkungen
über die gesamte Lieferkette hinweg.
Die Einbeziehung von Lebenszykluskosten („Life Cycle Costing“,
LCC) und Umweltkosten ermöglicht es, bei einem Variantenvergleich
verstärkt umweltfreundliche Produkte zu berücksichtigen.
Vergaberechtlich ist die Einbindung der Lebenszykluskosten
im Vergabeverfahren zulässig. Das gilt für alle Vergaben sowohl
oberhalb als auch unterhalb der EU-Schwellenwerte im Rahmen
der Angebotswertung. Bei europaweiten Ausschreibungen für
energieverbrauchsrelevante Liefer- oder Dienstleistungen ist die
Berechnung der Lebens¬zykluskosten vorgeschrieben (vgl. § 59
und in § 67 VgV). Für die Lebenszykluskostenberechnung stehen
Arbeitshilfen zur Verfügung, welche kostenlos von den Beschaffenden
genutzt werden können.
Das Umweltbundesamt hat ein Tool entwickelt, um eine Prognose
der verursachten Treibhausgasemissionen eines zu beschaffenden
Produktes während des gesamten Lebens-zyklus zu erstellen.
Zu dem jüngst überarbeiteten Werkzeug
gelangen Sie hier:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/umweltfreundliche-beschaffung/lebenszykluskosten
Weitergeben anstatt Entsorgen
Eine weitere Fragestellung zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen
im Rahmen der Beschaffung fand einen ganz
pragmatischen Lösungsansatz: Unter dem Moto:“To goot för de
Tünn“ hat das Kompetenzzentrum eine Gebrauchtmarkt-Rubik
auf der KNBV-Homepage eingerichtet. Ein Versuch, um ganz
lösungsorientiert den zunehmen¬den Anfragen zum Verbleib von
Gebrauchtmöbeln u.a. gerecht zu werden. „Unter Berücksichtigung
bestimmter Vorgaben, geben wir damit öffentlichen abgebenden
und annehmenden Stellen in eine Möglichkeit zum Austausch“
führen Marret Bähr und Anja Jacobsen vom KNBV aus.
In dem Zusammenhang auch ein Verweis zum neuen Abfallwirtschaftsplan
(AWP) für Siedlungsabfälle für Schleswig-Holstein.
Abfall vermeiden,
Produkte wiederwenden und recyceln
Im AWP werden u.a. Ziele und Leitlinien der Kreislaufwirtschaft
in Schleswig-Holstein gesetzt. Generell soll die Menge
an Siedlungsabfällen reduziert werden. Stichworte hierfür sind
die Stärkung der Wiederverwendung von Gebrauchtwaren, die
umweltfreundliche öffentliche Beschaffung und die Vermeidung
Kleine Kniffe
13
von Lebensmittelabfällen. https://www.schleswig-holstein.de/DE/
fachinhalte/A/abfallwirtschaft/abfallwirtschaftsplaene
Weiterhin fördert das Land Schleswig-Holstein Gemeinden,
Ämter, Kreise und öffentliche Einrichtungen bei der Durchführung
oder Unterstützung von nicht-investiven Maßnahmen der Abfallvermeidung
und ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft. Förderfähig
sind unter anderem die Durchführung von Zero-Waste-Strategien,
der Aufbau von Reparaturnetzwerken, sowie Initiativen zur Mehrfachnutzung.
Die Förderrichtlinie ist bis zum 31.12.2027 befristet.
https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/A/abfallwirtschaft/abfallvermeidungRessourcenschonung
Nachhaltige Beschaffung von Merchandise-
Produkten im kommunalen Stadt- und
Tourismusmarketing
Das KNBV unterstützt das neue Projekt vom Bündnis Eine Welt
(BEI).
Kontakt:
Kompetenzzentrum für Nachhaltige
Beschaffung und Vergabe
Marret Bähr und Anja Jacobsen
Küterstraße 30,
24103 Kiel
Tel. 0170 242 8104 und 0151 28198337
info@knbv.de
Immer mehr Kommunen und Regionen in Schleswig-Holstein
möchten sich als nachhaltige Reisedestinationen positionieren – fair,
ökologisch und zukunftsfähig. Doch was bedeutet das konkret für
die Beschaffung im Stadt- und Tourismusmarketing? Was verkaufen
wir in unseren Tourist-Informationen, und womit werben wir
für unsere Region, unsere Stadt oder unsere Landschaft? Mit einem
neuen Projekt unterstützt das Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein
Kommunen dabei, im Stadt- und Tourismusmarketing neue Wege in
der nachhaltigen Beschaffung zu gehen. Austauschformate, bewährte
wie außergewöhnliche Praxisbeispiele und kreative Design Thinking-Werkstätten
werden Impulse für faires Merchandising bieten.
Liegt ihr Standort in Schleswig-Holstein und wollen auch
Sie neue Wege gehen? Dann werden Sie eine von drei Modellkommunen,
die 2026 von Antje Edler und Eva Pisall bei der Entwicklung
von Ideen für fair gehandelte und kreative Werbemittel
begleitet werden. Mehr dazu unter:
https://www.bei-sh.org/faires-merchandising
Autorinnen
Marret Bähr und Anja Jacobsen
Kompetenzzentrum
für nachhaltige Beschaffung und Vergabe in SH
14 Kleine Kniffe
Community Building in der Gesundheitswirtschaft
Beitrag zur Nordischen Konferenz
für das nachhaltige Gesundheitswesen 2025
Das Aushängeschild von NCHS ist die Nordic Conference on
Sustainable Healthcare - eine eintägige Konferenz, die Führungskräfte
aus dem Gesundheitswesen, der Politik, der Industrie, der
Forschung und der Zivilgesellschaft zusammenbringt, um Kontakte
zu knüpfen, sich auszutauschen und sich für eine umweltfreundlichere,
resilientere und gerechtere Gesundheitslandschaft einzusetzen.
Die 7. Ausgabe findet am 12. November in Malmö, Schweden, statt
und wird sich mit den dringendsten und wirkungsvollsten Themen
im Bereich der Nachhaltigkeit befassen. Der Tag wird mit einer
hochrangigen Podiumsdiskussion eröffnet, in der die Vorreiterrolle
der nordischen und nordeuropäischen Länder bei den weltweiten
Nachhaltigkeitsbestrebungen im Gesundheitswesen erörtert wird,
und endet mit einem zukunftsorientierten Dialog über das Erreichen
einer gemeinsamen internationalen Vision - oder Samsyn - für den
Sektor.
Es folgen parallele Sitzungen mit hochrelevanten Themen wie
das nachhaltige Gesundheitswesen in einer sich wandelnden geopolitischen
Landschaft, das Schließen des Kreislaufs, Resilienz und
nachhaltiges Gesundheitswesen, Werkzeuge und Methoden zur
Beschleunigung der Umsetzung sowie digitale Lösungen zur Förderung
des nachhaltigen Gesundheitswesens (KI, 3D-Druck) und
andere. Das Programm bietet den Teilnehmenden einen tiefen
Einblick in die einzelnen Bereiche durch zielgerichtete Sitzungen,
Fallstudien und moderierte Diskussionen. Ziel ist es, Fachleute nicht
nur zu informieren, sondern ihnen auch Werkzeuge und Strategien
an die Hand zu geben, um Gesundheitssysteme in nachhaltigere,
widerstandsfähigere und integrativere Modelle zu verwandeln.
In der dazugehörigen Ausstellung werden Lösungsanbieter
vorgestellt, die den Teilnehmenden Zugang zu hochmodernen
Technologien und nachhaltigen Materialien bieten, die auf das
Gesundheitsumfeld zugeschnitten sind. Dieser Teil der Konferenz
unterstreicht die Rolle der Industrie bei der Erreichung von
Nachhaltigkeitszielen und fördert die Zusammenarbeit zwischen
öffentlichen Einrichtungen und privaten Unternehmen.
Im Laufe der Jahre hat sich die Konferenz zum Mittelpunkt
einer ganzen Woche der nachhaltigen Umgestaltung des Gesundheitswesens
entwickelt. Fünf Tage lang finden unter dem Dach
der Sustainable Healthcare Week zahlreiche Side-Events statt. Die
Teilnehmenden erwartet ein breites Spektrum an Inhalten, die den
Teilnehmenden ein tieferes Eintauchen in reale Praktiken ermöglichen
und gleichzeitig ihr Netzwerk erweitern. Zu den geplanten
Veranstaltungen gehören beispielsweise Studienreisen zu Krankenhäusern
in Dänemark und Schweden, bei denen innovative
Lösungen vorgestellt werden, Workshops zum Thema nachhaltige
Beschaffung im Gesundheitswesen und ein Mingle-Event in einer
Botschaft.
Weitere Informationen über das Netzwerk, die Konferenz
und die Möglichkeit, sich zu beteiligen, finden Sie auf der Website
https://nordicshc.org/ oder unter info@nordicshc.org.
Autorin
Evelien Fiselier
Project officer - Nordic Center for
Sustainable Healthcare
Web: www.tem.se /
www.nordicshc.org
Kleine Kniffe
15
Aus Kompetenzzentren des nachhaltigen Einkaufs
Neue Materialien und Arbeitshilfen
für eine klimaschonende und kreislauforientierte öffentliche Beschaffungspraxis
Das am Umweltbundesamt laufende Forschungsvorhaben „Erarbeitung methodischer
Grundlagen und Arbeitshilfen für Klimaschutz und Kreislaufwirtschaftsaspekte in der öffentlichen
Beschaffungspraxis“ steht kurz vor dem Abschluss. Das Forschungsvorhaben wurde vom Öko-
Institut e. V., Freiburg, in Zusammenarbeit mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung,
Berlin, in den Jahren 2021 bis 2025 realisiert.
Ein Beitrag von Dr. Kristin Stechemesser
Ziel des Forschungsvorhabens war es, für Beschaffer*innen und
Bedarfsträger*innen themenspezifische Unterstützungsangebote zu
entwickeln, um deren Beschaffungspraxis klimaschonender und/
oder kreislaufwirtschaftsorientierter auszurichten. Basis bildeten die
gesetzlichen Neuregelungen zur umweltfreundlichen Beschaffung
im Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), im Bundes-Klimaschutzgesetz
(KSG) und in der allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur
Beschaffung klimafreundlicher Leistungen (AVV Klima).
Folgende Veröffentlichungen bilden die
wesentlichen Ergebnisse:
1. Berücksichtigung von Klimaschutz- und Ressourcenschutzaspekten
in der umweltfreundlichen öffentlichen
Beschaffung - Darstellung der rechtlichen Lage
Der Bericht gibt Hinweise zur Umsetzung des speziellen Berücksichtigungsgebots
für Klimaschutzaspekte gemäß § 13 Abs. 2 und 3
KSG, des CO 2
- Schattenpreises (§ 13 Abs. 1 KSG) sowie der Bevorzugungspflicht
in § 45 Abs. 2 Satz 1 KrWG. Neben einer rechtlichen
Betrachtung und Auslegung beider Gesetze enthält der Bericht
Hinweise und Empfehlungen zu ihrer Operationalisierung entlang
aller Stufen des Vergabeverfahrens. Dabei ist die Rechtslage im Oberund
Unterschwellenbereich sowie GWB, in der VgV, UVgO und der
„Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Beschaffung klimafreundlicher
Leistungen“ (AVV Klima) von Relevanz.
Berücksichtigung von Klimaschutz- und Ressourcenschutzaspekten
in der umweltfreundlichen öffentlichen Beschaffung |
Umweltbundesamt
16 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
2. LCC-CO2-Tool und dazugehöriges Schulungsskript
„Arbeitshilfe zur Berechnung von Lebenszykluskosten
inklusive CO2-Kosten aufgrund der prognostizierten
Treibhausgasemissionen in der öffentlichen Beschaffung
(LCC-CO2-Tool)”
Mit der Lebenszykluskostenrechnung (englisch: „Life Cycle
Costing“, LCC) können alle relevanten Kosten, die ein Produkt
während seines gesamten Lebenszyklus verursacht, berechnet
werden. Das Tool ermöglicht es, die prognostizierten Treibhausgasemissionen
während des gesamten Lebenszyklus bei den Prüf- und
Berücksichtigungspflichten vor Einleitung des Vergabeverfahrens
einzubeziehen. Mittels eines CO2-Preises können somit die CO2-
Kosten als Teil der gesamten Lebenszykluskosten ermittelt werden.
Außerdem bietet das Tool ein frei konfigurierbares Punktevergabeschema,
welches öffentliche Auftraggeber bei der Angebotswertung
unterstützen kann. Das umfassend angepasste Schulungsskript dient
als Anleitung für das LCC-CO2-Tool und erleichtert den Einstieg
sowie die Nutzung. Zum Download bereitgestellte Beispieldateien
ergänzen das Schulungsskript und zeigen die Möglichkeiten der
Toolnutzung exemplarisch auf.
Zum LCC-CO2-Tool:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/neues-uba-toolzur-berechnung-von-lebenszyklus-co2
Zum Schulungsskript:
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltfreundliche-beschaffung-schulungsskript-2-0
Kleine Kniffe
17
3. Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft in der
öffentlichen Beschaffung Arbeitshilfe mit rechtlichen Grundlagen,
Kriterien und Beispielen für zehn Produktgruppen
Diese Arbeitshilfe zeigt anschaulich, wie Klimaschutz und
Kreislaufwirtschaft in Ausschreibungen berücksichtigt werden
können. Dazu werden im ersten Abschnitt die gesetzlichen Grundlagen
wie KSG und KrWG erläutert sowie im dritten Abschnitt
wesentliche Begriffe eingeführt.
Abschnitt 4 adressiert drei relevante Beschaffungsthemen: die
Beschaffung von klimaschonenden Produkten, von langlebigen Produkten
und von instandgesetzten Produkten.
Die einzelnen Stufen des Beschaffungsprozesses sowie die
Prognose der Treibhausgas-Emissionen und CO2-Kosten mittels
LCC-CO2-Tool werden in den Abschnitten 5 und 6 adressiert.
Abschließend werden die wichtigsten Stellschrauben und Hebel
benannt.
Der Anhang listet für die zehn Produktgruppen Bekleidung,
Schuhe, Bettwaren, Matratzen, Möbel, Notebooks,
Rechenzentren und Serverräume, Pkw und leichten Nutzfahrzeuge,
Frontgabelstapler und Innenbeleuchtung Gütezeichen, Leitfäden
und Spezifikationen auf. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/klimaschutz-kreislaufwirtschaft-in-der
4. Zuletzt wurde außerdem der Bericht „Regelungen
der Bundesländer auf dem Gebiet der umweltfreundlichen
Beschaffung - Aktualisierung Juli 2025“ neu aufgelegt.
Diese Veröffentlichung beschreibt rechtliche Vorgaben auf
Landesebene (sowohl auf Gesetzes- und Verordnungsebene als auch
verwaltungsinterne Vorschriften), die dazu beitragen, dass umweltfreundliche
Waren und Dienstleistungen beschafft werden. Im
Vordergrund stehen die Vergabevorschriften der Bundesländer, die
Umsetzung der Unterschwellenvergabeordnung (UVgO), die Vorgaben
zur Kreislaufwirtschaft und zum Klimaschutz. Zudem wurden
noch die Vorgaben bzgl. Holz, Papier und Lebenszykluskosten
erfasst. In einer Übersicht werden neben den gesetzlichen und
untergesetzlichen Regelungen auch (weitere) Leitfäden, vorhandene
Kompetenzstellen für nachhaltige Beschaffung und weitergehende
Entwicklungen zusammengestellt.
Wir freuen uns auf eine rege Nutzung der neuen Materialien
und Hilfsmittel durch Bedarfsträger*innen und Beschaffer*innen.
18 Kleine Kniffe
Einige Ergebnisse wurden bereits auf verschiedenen Veranstaltungen
präsentiert. Besonders hervorzuheben sind die folgenden
Veranstaltungen. Die jeweiligen Präsentationen sind beim hinterlegten
Link zu finden:
1. Kooperativer Online-Fachtag von KNB, UBA und BAköV
zur AVV Klima im November 2022
2. Zweiter gemeinsamer Fachtag von UBA, KNB und BAköV
zur AVV Klima im September 2024
3. Fachworkshop: Auf dem Weg: Kreislaufwirtschaft in der
öffentlichen Beschaffung im Mai 2025
4. Prognose der Treibhausgasemissionen und Anwendung
des CO2-Preises im Vergabeprozess: Arbeitshilfe „LCC-
CO2-Tool“ des Umweltbundesamtes im Mai 2025
Der Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben wird zeitnah
auf den Seiten des Umweltbundesamtes, und auch auf dem
Themenportal www.beschaffung-info.de veröffentlicht. Dieser
Abschlussbericht beinhaltet noch weitere Themen wie Monitoringansätze
zur Umsetzung des KrWG sowie einen Vorschlag zum
Monitoring von Kreislaufwirtschaftsaspekten. Ein anderes Thema
ist eine Literaturanalyse, die sich mit dem Zusammenhang von Grad
der verbindlichen Ausgestaltung der Beschaffung und dem Erfolg bei
der Beschaffung nachhaltiger Waren und Dienstleistungen befasst.
Außerdem werden einige erfolgreiche Praxisbeispiele vorgestellt, die
ebenfalls auf www.beschaffung-info.de zu finden sind.
Autorin
Dr. Kristin Stechemesser
Umweltbundesamt
Fachgebiet III 1.3
Ökodesign, Umweltkennzeichnung,
umweltfreundliche Beschaffung
Kleine Kniffe
19
Aus nationalen Kompetenzstellen der Beschaffung
Der Kompass Nachhaltigkeit:
In 6 Schritten zur fairen Beschaffung
Seit 15 Jahren unterstützt die Informationsplattform www.kompass-nachhaltigkeit.de
Beschaffungsverantwortliche bei der praxisgerechten Umsetzung einer nachhaltigen Beschaffung.
Dafür stellt Dafür stellt der Kompass nützliche Werkzeuge für die verschiedenen Phasen der
Vergabe ab der Bedarfsanalyse, über die Gestaltung der Vergabeunterlagen bis hin zum
Monitoring der Beschaffung zur Verfügung.
Ein Beitrag von Karna Wegner
Inzwischen ist der Kompass ein umfangreiches Webportal,
auf dem bereits 142 Kommunen und kommunale Unternehmen
insgesamt 431 Praxisbeispiele (u. A. Ausschreibungen, Dienstanweisungen,
Ratsbeschlüsse) veröffentlicht haben. Kommunen
können die landesrechtlichen Bestimmungen im Themenfeld je nach
Bundesland nachlesen und mit dem Gütezeichenfinder schnell das
passende Siegel für den Nachweis ihrer sozialen und ökologischen
Vergabekriterien finden. Darüber hinaus werden auf dem Kompass
viele Hintergrundinformationen zur Verfügung gestellt, wie bspw.
Risiken in den Lieferketten, rechtliche Grundlagen, Nachweismöglichkeiten,
Mustervorlagen und vieles mehr.
Seit Juni 2023 hat der Kompass Nachhaltigkeit auch einen
Login-Bereich mit dem Namen „Mein Kompass“. Mit vielen
Funktionen, wie bspw. einem Strategieplaner, einem Monitoring-Werkzeug
für Beschaffungen, einem offenen FAQ und einer
Online-Community (veröffentlicht im März 2025), unterstützt er
nicht nur die Umsetzung einer nachhaltigen Beschaffung, sondern
bietet Beschaffenden auch die Möglichkeit sich fachlich untereinander
austauschen und Wissen zu bündeln.
Wie kann nun der Kompass Nachhaltigkeit konkret bei einer
nachhaltigen Beschaffung genutzt werden? Die wichtigsten Schritte
und Funktionen haben wir im Folgenden zusammengestellt:
1. Die Bedarfsanalyse
Die Bedarfsanalyse hinterfragt den tatsächlichen Bedarf an
Produkten oder Dienstleistungen und identifiziert eventuelle (nachhaltige)
Alternativen frühzeitig. Im Fokus stehen zudem folgende
Fragen: Unter welchen Bedingungen werden die benötigten Produkte
üblicherweise hergestellt? Gibt es menschenrechtliche Risiken?
Können diese durch geeignete Nachweise ausgeschlossen werden?
Durch die frühzeitige Reflexion kann sichergestellt werden, dass
der öffentliche Beschaffungsvorgang von Anfang an sozial gerecht
abläuft. Informationen zur Bedarfsanalyse finden sich unter dem
Reiter Grundlagenwissen/Nachhaltigkeit im Beschaffungsprozess.
2. Unterstützung durch vorhandene Leitfäden und
Arbeitshilfen
Zur Unterstützung der Bedarfsanalyse können weiterführend
bereits bestehende Leitfäden und Arbeitshilfen herangezogen
werden, um zu beurteilen, auf welche Punkte beim Beschaffungsvorgang
besonders geachtet werden sollte. Praxisnahe Informationen,
rechtliche Hinweise sowie konkrete Formulierungshilfen für Ausschreibungen
werden den Nutzenden zum Beispiel in Form von
Musterausschreibungen bereitgestellt.
3. Glaubwürdige Umwelt- und Sozialstandards identifizieren
- Der Gütezeichenfinder
Der Gütezeichenfinder ist ein zentrales Werkzeug des Kompass
Nachhaltigkeit. Er unterstützt bei der Identifikation glaubwürdiger
Umwelt- und Sozialstandards mithilfe von Gütezeichen, indem er
passende Gütezeichen zu individuell ausgewählten Kriterien anzeigt,
die im Detail miteinander verglichen werden können. Darüber
hinaus bietet er eine Übersicht potentieller Anbieter von Produkten
mit den angezeigten Gütezeichen sowie Formulierungshilfen.
4. Vergabeunterlagen in den Praxisbeispielen des
Kompass Nachhaltigkeit
Die Praxisbeispiele im Kompass Nachhaltigkeit bieten den
Nutzenden Einsicht in Vergabeunterlagen aus bereits erfolgreich
durchgeführten Beschaffungsvorgängen, in denen Nachhaltig-
20 Kleine Kniffe
Foto: Screenshot Webseite
keitsaspekte berücksichtigt wurden. Die Beispiele beschreiben die
Vorgehensweise und beinhalten nachhaltige Kriterien. Viele ermöglichen
einen direkten Blick in die Vergabeunterlagen. Sie zeigen, wie
von Bürobedarf über Textilien bis hin zu IT-Hardware nachhaltige
und faire Beschaffung rechtssicher in verschiedenen Produktgruppen
umgesetzt werden kann. Durch die Einsicht in diese Unterlagen
können öffentliche Auftraggeber Zeit sparen und sich inspirieren
lassen.
5. Weitere Meinungen einholen und Expertenwissen
erfragen
Sollten weitere offene Fragen bestehen oder sich im Vergabeprozess
auftun, besteht die Möglichkeit in der Community oder im
Wissenspool des Login-Bereichs Mein Kompass Antworten zu
erhalten. Nach einer kurzen Registrierung auf Mein Kompass
können sie sich zu ihren Fragen auszutauschen oder diese direkt an
eine Person mit Fachexpertise richten.
Gut zu wissen:
Betreut wird der Kompass Nachhaltigkeit von
der Servicestelle Kommunen in der Einen
Welt (SKEW) von Engagement Global und der
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit
(GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ). Das Team vom Kompass Nachhaltigkeit
ist im regelmäßigen Austausch mit kommunalen
Mitarbeitenden und arbeitet auf Basis der
Rückmeldungen daran, den Kompass Nachhaltigkeit
stetig zu verbessern. Wir freuen uns auch auf Ihre
Rückmeldung über info@kompass-nachhaltigkeit.de.
6. Dokumentation und Teilen der fairen Beschaffung mit
dem Beschaffungsmonitor und der Praxisbeispiel-
Funktion
Nach Abschluss einer Beschaffung können Kommunen oder
kommunale Unternehmen ihre Beschaffungsvorgänge in den
Beschaffungsmonitor auf Mein Kompass eintragen. Dies ermöglicht
die Auswertung von Beschaffungsvorgängen und eine effektive
Steuerung der nachhaltigen Beschaffung. Eintragungen sind mithilfe
einer Eingabemaske oder eines (Destatis-) Datenimports möglich.
Abschließend kann über die Funktion „Praxisbeispiele“ die Vergabe
auch für andere Kommunen öffentlich zur Verfügung gestellt
werden, damit auch diese von dem Beschaffungsvorgang profitieren
können.
Autorin
Karna Wegner
Servicestelle Kommunen in der
Einen Welt
ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH
Kleine Kniffe
21
Aus nationalen Kompetenzstellen der Beschaffung
Schneller beschaffen, nachhaltig bleiben?
Auswirkungen der § 14 UVgO-Wertgrenze auf die Praxis
Die Anhebung der Wertgrenzen für Direktaufträge der Bundesverwaltung sorgt für
Diskussionsbedarf in vielen Bereichen. Viele Länder haben mittlerweile ebenfalls eine höhere
Grenze für Direktaufträge. Somit stellt sich die Frage, inwiefern Nachhaltigkeitskriterien bei
Beschaffungen bis zu diesem Auftragswert eingebunden werden können.
Ein Beitrag von Antonia Dierker und Kathrin Maier
Um dieser Frage näher auf den Grund zu gehen, beantworten
wir als Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung (KNB) folgende
Fragen:
1. Was hat sich seit dem 1. Januar 2025
für die Bundesverwaltung geändert?
In der Vorschrift des § 14 UVgO ist geregelt, dass Leistungen, die
voraussichtlich einen Auftragswert von 1.000 Euro nicht überschreiten,
ausnahmsweise ohne Durchführung eines Vergabeverfahren
direkt beauftragt werden dürfen. Dem öffentlichen Auftraggeber
soll so ein unverhältnismäßiger Aufwand bei niedrigvolumigen
Beschaffungen erspart werden. Diese Grenze wurde auf nunmehr
15.000 Euro angehoben [siehe Bekanntmachung im Bundesanzeiger
vom 11.12.2024 1 ]. Die Anhebung der Wertgrenzen ist momentan
befristet und eine gesetzliche Regelung in Planung.
2. Sollten bei Direktaufträgen
Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt
werden?
Auf jeden Fall! Wichtig ist, dass der Verzicht auf ein Vergabeverfahren
nicht bedeutet, dass auf Nachhaltigkeitskriterien
verzichtet werden sollte. Die Erleichterung für öffentliche Auftraggeber
wird insbesondere dadurch erreicht, dass Vergabestellen
Aufträge vergeben können, ohne den Aufwand eines förmlichen
Vergabeverfahrens betreiben zu müssen. Insbesondere das Maßnahmenprogramm
Nachhaltigkeit der Bundesregierung setzt auf
Bundesebene den Maßstab, die öffentliche Beschaffung am Leitprinzip
einer nachhaltigen Entwicklung auszurichten. Die Änderung der
Wertgrenzen für Direktaufträge hat hieran nichts geändert.
3. Welche Vorschriften sind auch
unterhalb der Schwelle bei der
Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien
bei der Beschaffung zu berücksichtigen?
Neben dem bereits genannten Maßnahmenprogramm Nachhaltigkeit
sind derzeit insbesondere folgende flankierende Regelungen
für Nachhaltigkeitskriterien bei Beschaffungen durch die öffentliche
Hand auch unterhalb der Schwelle von 15.000 Euro zu beachten:
Das Kreislaufwirtschaftsgesetz normiert in § 45 KrWG für
Behörden des Bundes die Pflicht, bei Beschaffungen umweltfreundlichen
Erzeugnissen den Vorzug zu geben, wenn keine unzumutbaren
Mehrkosten entstehen. Dabei werden Kriterien zum Produktionsverfahren,
den eingesetzten Materialien, den Produkteigenschaften
sowie zur Abfallbewirtschaftung aufgeführt.
Das Ziel des Klimaschutzgesetzes, eine klimaneutrale Bundesverwaltung
zu erreichen (§ 15 KSG), wie auch das in § 13 KSG
normierte Berücksichtigungsgebot gelten ebenfalls fort.
Bei der Beschaffung von Holzprodukten ist im Leitfaden zum
Holzerlass ein Wert von 2.000 Euro als Betrag angegeben, ab welchem
der Nachhaltigkeitsnachweis erforderlich ist. Der Holzerlass
bezieht sich für den Nachweis auf ein Chain-of-Custody-Zertifikat
oder die Möglichkeit, über Einzelnachweise die Anforderungen
nachzuweisen.
22 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
4. Welche Möglichkeiten zur nachhaltigen
Beschaffung ergeben sich bei
Direktaufträgen?
Öffentliche Auftraggeber können Unternehmen, die nachhaltige
Kriterien erfüllen oder besonders nachhaltige Produkte anbieten,
für einen Direktauftrag berücksichtigen, sofern die Grundsätze der
Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit eingehalten werden. Wichtig ist
hierbei der Wechsel zwischen den beauftragten Unternehmen.
Ein mögliches Vorgehen ist die Klärung, ob die bisher angewandten
und etablierten Nachhaltigkeitskriterien auch für weitere
Direktaufträge herangezogen werden können.
Eine weitere Option ist die Umsetzung von Pilotprojekten,
um neue Nachhaltigkeitsaspekte in der Praxis einfach anzuwenden
und erste Erfahrungswerte zu sammeln. Sollte unklar sein, welche
Möglichkeiten sich für einzelne Produktgruppen ergeben, können
Sie über die Produktgruppenblätter 2 der KNB eine schnelle Orientierung
erhalten, eine Fortbildung bei der KNB besuchen oder sich
direkt an uns wenden (z.B. per Mail: nachhaltigkeit@bescha.bund.
de).
5. Welche praxisorientierten
Hilfestellungen gibt es?
Folgende produktbezogene Tipps erleichtern den nachhaltigen
Direktkauf:
Beim Bedarf beginnts! Prüfen Sie vor der Direktvergabe, ob das
Produkt neu beschafft werden muss oder eventuell ein gebrauchtes
Produkt oder Leasing bzw. Miete eine passende Alternative sind.
Gerade bei Direktaufträgen können erste Erfahrungen in diesem
Zusammenhang gemacht werden und somit die Vorgaben des Kreislaufwirtschaftsgesetzes
beachtet werden.
Für viele Produkte, die in der öffentlichen Verwaltung benötigt
werden, gibt es Leitfäden, die zu möglichen Nachhaltigkeitskriterien
informieren.
Gütezeichen als Nachweismöglichkeit für ökologische und soziale
Aspekte sind ein naheliegendes Instrument der öffentlichen Hand
für die Überprüfung der geforderten Nachhaltigkeitskriterien.
• Zur Orientierung für die Nutzung von Gütezeichen bietet
das Schulungsskript 3 des Umweltbundesamtes einen guten
Überblick.
• Zur Verfügbarkeit bzw. für hilfreiches Hintergrundwissen von
Gütezeichen bietet sich der Gütezeichenfinder 4 vom Kompass
Nachhaltigkeit an.
Zur Berücksichtigung von energieeffizienten Produkten finden
Sie über die europäische Produktdatenbank EPREL 5 eine Übersicht
aller Produktgruppen mit der Energieverbrauchskennzeichnung.
Für Unternehmen besteht die Verpflichtung, ein korrektes Label
beim Inverkehrbringen auf dem europäischen Markt beizulegen
sowie die Eintragung in die Datenbank EPREL.
Der Markt für nachwachsende Rohstoffe wächst stetig. Somit
ist eine weitere Option, Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen
anstatt aus Kunststoff zu beschaffen. Die FNR bietet auf Ihrer
Website hierzu viele Informationen: https://einkauf.fnr.de/guetezeichen-finder
Kleine Kniffe
23
Grafik: KNB
Zwei weitere Themen können unternehmensbezogen integriert
werden:
Viele Produkte aus dem Verwaltungsalltag werden von Inklusionsunternehmen
oder Werkstätten für behinderte Menschen
(WfbM) angeboten. Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht
jährlich ein Verzeichnis 6 anerkannter WfbM und ermöglicht somit
eine schnelle Übersicht der dort angebotenen Produktvielfalt. Unter
dem nachfolgenden Link findet man zudem ein Verzeichnis für
Inklusionsunternehmen in Deutschland: https://www.rehadat.de/
mediathek/verzeichnisse/#headline-ac_14ae77b6-1-2
Eine weitere Möglichkeit ist die Beauftragung von Unternehmen
mit einem Umweltmanagementsystem, z.B. EMAS. Das
EMAS-Register 7 ist dafür eine hilfreiche Recherche-Datenbank und
die Broschüre 8 des UBA eine gute Orientierung.
Wir stehen als KNB für konkrete Fragen oder Anregungen
jederzeit gerne zur Verfügung (nachhaltigkeit@bescha.bund.de).
Wir freuen uns auch über Erfahrungen und Beispiele aus Ihrer
Beschaffungspraxis.
Links und Quellen:
1 https://www.bundesamtsozialesicherung.de/fileadmin/
redaktion/Vergabe/20250122AnlageBAnz_AT.pdf
2 https://www.nachhaltige-beschaffung.info/DE/Produktgruppen/produktgruppen_node.html
3 https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/
umweltfreundliche-beschaffung-schulungsskript-3
4 https://www.kompass-nachhaltigkeit.de/guetezeichenfinder
5 https://eprel.ec.europa.eu/screen/home
6 https://www.rehadat-wfbm.de/werkstaetten-finden/
werkstaettenverzeichnis
7 https://www.emas-register.de/
8 https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/
emas-in-der-oeffentlichen-beschaffung
Autorinnen
Antonia Dierker und Kathrin Maier
Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung
Beschaffungsamt des BMI
24 Kleine Kniffe
Kleine Kniffe
25
Aus nationalen Kompetenzstellen der Beschaffung
Nachhaltige Beschaffung gemeinsam gestalten:
Aktuelle Schwerpunkte des Interministeriellen Ausschusses für nachhaltige öffentliche Beschaffung
Im Interministeriellen Ausschuss für nachhaltige öffentliche Beschaffung (IMA nöB) wird der
nachhaltige öffentliche Einkauf für die Bundesebene gemeinsam gestaltet. Seit der Ausschuss im
Sommer 2022 seine Arbeit aufgenommen hat, arbeiten hier alle Ressorts konstruktiv zusammen
an realistischen und praktikablen Lösungen für die zukünftige Ausgestaltung der nachhaltigen
öffentliche Beschaffung in der Bundesverwaltung. Erste Entscheidungen hat der IMA nöB hierzu
bereits getroffen und erste Handlungshilfen für Beschaffende erstellt.
Ein Beitrag von Anita Lührs
Ziel des IMA nöB ist darüber hinaus auch eine möglichst bundesweit
einheitliche Gestaltung der nachhaltigen Beschaffung. Durch
einheitliche Standards soll der nachhaltige öffentliche Einkauf
dabei zügig, wirtschaftlich und bürokratiearm gestaltet werden.
Durch gemeinsame Standards soll außerdem eine Entwicklung des
Marktes hin zum mehr Nachhaltigkeit angestoßen werden. Um
dies zu erreichen, hat der IMA nöB ein Netzwerk mit Expertinnen
und Experten aus Bund, Länder und Kommunen aufgebaut, in dem
er sich über Praxisbeispiele austauscht und mögliche gemeinsame
Ansätze diskutiert. Gleichzeitig hat er auch einen Dialog mit der
Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft angestoßen.
Hilfestellungen für Beschaffende
Die inhaltliche Arbeit des IMA nöB wird neben dem Entscheidungsgremium
– dem Plenum - vor allem in Unterarbeitsgruppen
(UAG) organisiert.
Um Beschaffende bei der Dokumentation und Beachtung der
Nachhaltigkeit im Beschaffungsprozess zu unterstützen, wurde
seitens der UAG Dokumentation ein Dokumentationsmuster für
die Prüfung von Nachhaltigkeitsaspekten im Vergabeverfahren
erstellt. Das Muster ist als eine Art Checkliste für die Beachtung und
Prüfung von Nachhaltigkeitsaspekten im Beschaffungsprozess zu verstehen.
Die Checkliste kann inklusive eines Informationsblattes
unter IMAnoeb@bmi.bund.de angefragt werden und wird zeitnah
auf der Website des IMA nöB zum Download zur Verfügung stehen.
Die UAG Büroverbrauchsmaterial hat darüber hinaus
Empfehlungen für nachhaltige Ausschreibungen von Büroverbrauchsmaterial
für Rahmenvereinbarungen der Bundesverwaltung
erarbeitet, die demnächst auch Ländern und Kommunen bereitgestellt
werden. Diese Empfehlungen enthalten sowohl Vorschläge
für eine nachhaltige Ausschreibungen von Büroverbrauchsmaterial
selbst, als auch Vorschläge für nachhaltige Zuschlagskriterien bzgl.
Transport und Verpackung sowie für einen nachhaltigen Versand
inklusive nachhaltiger Transportverpackungen.
Aktuell wird von der UAG Dienstleistungen eine Praxishilfe
für die Ausschreibung von Dienstleistungen erstellt. Diese beinhaltet
sowohl konkrete Textbausteine als auch eine Checkliste
für die Erstellung von Vergabeunterlagen. Dabei differenziert
die Hilfestellung in ihren Empfehlungen für die Anwendung
von Nachhaltigkeitskriterien eine Reihe von unterschiedlichen
Dienstleistungen bzw. Bestandteile von Dienstleistungsaufträgen.
Die Ausführungen betreffen etwa Dienstleistungen wie Reinigung,
Catering und Verpflegung sowie Grünflächen- und Landschaftspflege.
Nach ihrer Verabschiedung durch den IMA nöB gelten
diese Empfehlungen für die Bundesverwaltung, wobei geplant ist,
die Hilfestellungen Kommunen und Länder ebenfalls zur Nutzung
bereitzustellen.
26 Kleine Kniffe
Verbindungen schaffen
durch ein gemeinsames Stakeholder-Netzwerk
Im September 2024 gründete der IMA nöB im Rahmen einer
ersten Auftaktveranstaltung ein Stakeholder-Netzwerk – bestehend
aus Expertinnen und Experten aus Kommunen, Ländern und dem
Bund. Neben dem Austausch von Best-Practice-Beispielen soll bei
der jährlich stattfindenden Veranstaltung Raum für ein gegenseitiges
Kennenlernen und voneinander Lernen geschaffen werden. Ziel
ist damit eine Grundlage dafür zu schaffen, die Herausforderungen
– auch über die Veranstaltung hinaus – gemeinsam anzugehen und
potenzielle Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Das zweite Austauschtreffen
in diesem Teilnehmendenkreis fandt am 14. Oktober
2025 statt.
Erweitert wurde das Netzwerk im März 2025 um Akteure aus
Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Dabei spiegeln
zivilgesellschaftliche Akteure die große Bandbreite der gesellschaftlichen
Interessen wider, was sie dazu befähigt, durch ihre Anregungen
Veränderungen für die nachhaltige öffentliche Beschaffung anzustoßen
und als innovative Ideengeber zu fungieren. Nicht weniger
bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Akteure aus der
Wirtschaft, die durch die Bereitstellung nachhaltiger Produkte,
innovativer Dienstleistungen und kreativer Lösungsansätze nicht
nur zur Schaffung eines nachhaltigen Marktes beitragen, sondern
auch Impulse für weitere Akteure setzen können. Darüber hinaus
kommt auch der Wissenschaft eine zentrale Rolle bei der nachhaltigen
Beschaffung zu, da ihre Forschungsergebnisse und innovativen
Lösungsansätze essentiell für die nachhaltige Gestaltung des öffentlichen
Einkaufs sind.
Ziel des IMA nöB ist es in diesem Zusammenhang alle Akteure
und Sichtweisen zusammen zu bringen, um im öffentlichen Einkauf
gemeinsam eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Für den IMA nöB
ist es dabei wichtig, die verschiedenen Perspektiven, Erwartungen
und Belange aller Akteure kennenzulernen, zusammenzutragen
und bei seinen Entscheidungen zu berücksichtigen. Ziel der jährlich
im Frühjahr stattfindenden Veranstaltung mit allen Akteuren aus
Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung ist
es daher, sich untereinander zu verknüpfen, sich auszutauschen,
Themen anzustoßen sowie daraus entstehende Synergieeffekte zu
nutzen. Als nächster Termin für ein gemeinsames Treffen ist der 12.
März 2026 vorgesehen.
Startschuss für
die ersten Stakeholder-Beteiligungen
Kommunen und Länder sind im Rahmen von Stakeholderbeteiligungen
eingeladen, in den Unterarbeitsgruppen des IMA
nöB mitzuwirken und dort ihre Expertise zu teilen. So können
die Bedürfnisse von Ländern und Kommunen bei Empfehlungen
und Beschlüssen des IMA nöB berücksichtigt werden, um die dort
für den Bund getroffenen Entscheidungen möglichst weitgehend
Kleine Kniffe
27
auch für Länder und Kommunen anwendbar zu halten. Im Jahr
2025 fanden die ersten Stakeholderbeteiligungen statt: So wurde
die Expertise von Kommunen und Ländern durch die UAGen
Büroverbrauchsmaterial und Dienstleistungen im Rahmen eines
Online-Beteiligungsverfahrens eingeholt. Partiell wurde auch
das Feedback von Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft
einbezogen. Der IMA nöB erhielt zahlreiche, in Teilen auch sehr
ausführliche Rückläufe, von denen die UAGen maßgeblich profitieren.
Weitere Stakeholderbeteiligungen sind geplant.
Digitalisierung zukunftsweisend für die
nachhaltige öffentliche Beschaffung
Die Digitalisierung gewinnt bei der nachhaltigen öffentlichen
Beschaffung zunehmend an Bedeutung. Sie erleichtert die Implementierung
notwendiger einheitlicher Standards und Strukturen sowie
die Automatisierung und Vereinfachung von Beschaffungsprozessen.
Zudem kann sie die Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei der
Anwendung und Nutzung von Nachhaltigkeitskriterien im öffentlichen
Einkauf verbessern. Es ist jedoch entscheidend, dass die dafür
erforderlichen Voraussetzungen zuerst geschaffen werden, damit
die Beschaffenden digitale Tools auch effizient nutzen können. Der
IMA nöB setzt sich für den Aufbau der notwendigen Rahmenbedingungen
ein, einschließlich der Etablierung gemeinsamer Standards
und Strukturen. Des Weiteren ist durch die Geschäftsstelle geplant,
ein “Wiki+” für Beschaffende zu entwickeln, das zukünftig zu einer
Wissensdatenbank, Schulungs-, Weiterbildungs – und Austauschplattform
sowie zu einer Plattform für Unterstützungsmaterialien
und Ideenmanagement ausgebaut werden kann.
Sie wollen noch mehr Informationen
oder Teil des Netzwerks werden?
Sollten Sie Interesse haben, Teil des IMA nöB Netzwerks zu werden,
melden Sie sich gerne unter IMAnoeb@bmi.bund.de. Wir freuen uns auf
den Austausch, Ihren Blick und Ihre Erfahrungen!
Weitere Informationen zu unserer Arbeit, ihren Hintergründen
und unseren Partnern finden Sie unter: https://www.bmi.bund.de/DE/
themen/moderne-verwaltung/verwaltungsmodernisierung/imanoeb/
imanoeb-artikel.html
Autorin
Anita Lührs
Co-Vorsitzende und Leiterin der
Geschäftsstelle des IMA nöB
28 Kleine Kniffe
Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft im Bau
Die Bauwirtschaft ist einer der ressourcenintensivsten Wirtschaftszweige in Deutschland. Mehr als die
Hälfte aller Abfälle entsteht im Bau- und Abbruchsektor. Der aktuelle Monitoring-Bericht der Initiative
“Kreislaufwirtschaft Bau” zeigt: 2022 sind 207,9 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle angefallen,
davon konnten 90,4 Prozent verwertet werden.
Pressemeldung der Bundesgütegemeinschaft Instandsetzung von Betonbauwerken e.V.
Die Ergebnisse unterscheiden sich stark zwischen den einzelnen
Stoffgruppen: Während beim Straßenaufbruch 93 Prozent und beim
Bauschutt 81,7 Prozent recycelt wurden, bleibt die Verwertung bei
Baustellenabfällen mit nur 2 Prozent Recycling sowie bei Bauabfällen
auf Gipsbasis (0 Prozent) eine Herausforderung. Von allen insgesamt
erfassten mineralischen Bauabfällen wurden 75,3 Millionen Tonnen
zu Recycling-Baustoffen aufbereitet. Damit deckten diese 13,3 Prozent
des Bedarfs an Gesteinskörnungen in Deutschland. Der größte
Teil dieser Recycling-Baustoffe fand wiederum Einsatz im Straßenund
Erdbau, knapp 20 Prozent wurden direkt in der Asphalt- und
Betonherstellung genutzt. “Das Monitoring belegt eindrucksvoll
die Fortschritte der Kreislaufwirtschaft im Bausektor”, heißt es im
Bericht.
Circular Economy im Bausektor gewinnt an
Bedeutung
Eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung des Ludwig-Fröhler-Instituts
zeigt die Relevanz der Circular Economy:
Dort heißt es, dass die Bauwirtschaft weltweit rund 37 Prozent der
Treibhausgasemissionen verursacht - allein die Zementproduktion
macht etwa 7 Prozent aus (United Nations Environment Programme,
2023). Ressourcenschonung, Wiederverwendung und Recycling
sind daher zentrale Stellschrauben, um Klimaziele zu erreichen.
Der regulatorische Rahmen verschiebt sich dabei deutlich in
Richtung Kreislaufwirtschaft: Der EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft
und die Überarbeitung der Bauprodukteverordnung
zielen darauf ab, Baustoffe langlebiger, reparierbarer und leichter
wiederverwendbar zu machen. Auch verbindliche Rezyklatanteile
(verbindliche Mindestquoten für den Einsatz recycelter Materialien
in Bauprodukten) sind in der Diskussion. In Deutschland gilt seit
2023 die bundeseinheitliche Mantelverordnung, die erstmals klare
Standards für die Herstellung und den Einsatz von Recycling-Baustoffen
festlegt. Aktuell wird über eine Anpassung der Verordnung
beraten, die voraussichtlich Ende 2025 vorgelegt wird. Die Botschaft
ist klar: Ressourcen sind endlich - der Bausektor muss vom linearen
“Wegwerfmodell” auf echte Kreisläufe umschalten.
Beton im Fokus - Instandsetzung als Schlüssel
Beton ist der am häufigsten verwendete Baustoff weltweit und
gleichzeitig einer der ressourcen- und emissionsintensivsten. Hier
setzt die Arbeit der Bundesgütegemeinschaft Instandsetzung von
Betonbauwerken e.V. (BGIB) an: Die Instandsetzung bestehender
Bauwerke verlängert die Lebensdauer von Beton, spart Primärrohstoffe
und vermeidet klimaschädliche Emissionen, die beim Neubau
entstehen würden. Die Instandhaltung ist damit ein wichtiger
Bestandteil der Circular Economy im Bausektor.
“Die Zahlen verdeutlichen: Ohne Kreislaufwirtschaft im
Bauwesen sind Ressourcenschonung und Klimaschutz nicht
erreichbar. Besonders Betonbauwerke spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Jede gelungene Instandsetzung spart enorme Mengen an
Energie, Rohstoffen und Kohlenstoffdioxid. Damit leisten unsere
Mitgliedsunternehmen einen direkten Beitrag zur Transformation
hin zu einer nachhaltigeren Bauwirtschaft,” sagt Marco Götze, Vorsitzender
der Bundesgütegemeinschaft für die Instandhaltung von
Betonbauwerken e.V..
Kleine Kniffe
29
Nachhaltiger Einkauf - Faire Beschaffung
Nachhaltigkeit in der öffentlichen Beschaffung –
Chancen, Erfolge und Ziele
Der öffentliche Einkauf hat ein enormes Potenzial für nachhaltige Entwicklung. Der Staat hat
mit seinem jährlichen Auftragsvolumen einen großen Hebel und damit die Chance, soziale
und ökologische Standards in globalen Lieferketten zu stärken und nachhaltige Innovationen
voranzutreiben. Verbindliche Vorgaben helfen dabei, die Arbeits- und Lebensbedingungen
weltweit zu verbessern. Gleichzeitig fördern sie den Klima- und Ressourcenschutz.
Verantwortungsvolle Auftragsvergaben sollen zur Norm werden. Ich sprach dazu mit Frau
Lucia De Carlo, Referatsleiterin Referat 120 - Nachhaltige Transformation globaler Lieferketten,
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Das Interview führte Thomas Heine
Welchen Beitrag kann die öffentliche Beschaffung zur
nachhaltigen Entwicklung leisten?
Der Bund, die Länder und die Kommunen in Deutschland geben
jedes Jahr einen dreistelligen Milliardenbetrag für Waren, Bau- und
Dienstleistungen aus. Das entspricht etwa 15 Prozent des Bruttoinlandproduktes.
Wir können die Beschaffung strategisch nutzen, um
Innovationen und nachhaltige Entwicklung zu fördern. Wenn die
öffentliche Hand diesen großen Hebel nutzt und mit gutem Vorbild
vorangeht, indem sie konsequent soziale und ökologische Kriterien
einfordert, kann sie echte Veränderungen anstoßen. Dadurch
etablieren sich neue Standards am Markt, die den Schutz der
Arbeiterinnen und Arbeiter gewährleisten und Umweltschutz
fördern. Der Staat steht zudem in der Verantwortung, seiner Schutzpflicht
nachzukommen und sicherzustellen, dass mit öffentlichen
Mitteln keine negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte
verursacht oder begünstigt werden.
Auch heute arbeiten über eine Milliarde Menschen unter
menschenunwürdigen Bedingungen, darunter Millionen Kinder in
ausbeuterischer Kinderarbeit. Die Folgen der Erderwärmung spüren
wir immer deutlicher. Mit einem verantwortungsvollen Einkauf
können wir dem etwas entgegensetzen. Die Beschaffungsstellen sind
mächtige Akteure. Sie können mehr zu besseren Arbeitsbedingungen
und zum Klima- und Ressourcenschutz beitragen, als manchen
bewusst ist.
Wenn wir stärker darauf achten, wo die Produkte herkommen
und wie sie produziert wurden, tragen wir effektiv zu Umweltschutz,
zur Vermeidung von Kinderarbeit und zu fairen Produktionsbedingungen
bei.
Welche Ziele verfolgt das BMZ im Bereich nachhaltige
öffentliche Beschaffung und was wurde bereits getan?
Wir brauchen klare Vorgaben, die ressourcenschonende und faire
Produktionsweisen begünstigen. Das BMZ setzt sich für produktspezifische
und verbindliche Nachhaltigkeitsstandards ein.
Ein konkretes Beispiel: Ab dem Jahr 2026 sollen mindestens 50 Prozent
der Textilien in der Bundesverwaltung nachhaltig beschafft werden.
Durch konkrete Kriterien und Zielvorgaben und mit unterstützenden
Leitfäden, Schulungen und Beratungsangeboten arbeiten wir gemeinsam
mit den Beschaffenden auf dieses Ziel hin.
Das BMZ hat im Textilbereich Pionierarbeit geleistet. Mit dem
Leitfaden der Bundesregierung für eine nachhaltige Textilbeschaffung
der Bundesverwaltung und dem Stufenplan zur Steigerung der nachhaltigen
Beschaffung von Textilien durch Behörden und Einrichtungen
der Bundesverwaltung haben wir verbindliche soziale und ökologische
Mindestkriterien und Zielgrößen definiert. Zahlreiche Akteure aus der
öffentlichen Beschaffung melden uns, dass der Leitfaden die Umsetzung
von ökologischen und sozialen Kriterien erleichtert.
Ein wichtiger erster Schritt und Erfolg ist, dass die größten zentralen
Beschaffungsstellen des Bundes im Textilbereich ihre Vergabeunterlagen
bereits an die neuen Kriterien angepasst haben. Das Monitoring
zeigt, dass dadurch bereits erfolgreich nachhaltig beschafft werden
konnte. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit
(GIZ) berät und unterstützt bei der Umsetzung. Dort werden auch Schulungen
angeboten.
30 Kleine Kniffe
Foto: © Photothek/Thomas Trutschel
Das BMZ hat zudem verschiedene Instrumente entwickelt,
die die nachhaltige Beschaffung vorantreiben und neue Maßstäbe
setzen. Das staatliche Textilsiegel Grüner Knopf gibt beispielsweise
Auskunft, ob Unternehmen Verantwortung für die Einhaltung von
Sozial- und Umweltstandards in ihren Lieferketten übernehmen.
Die Online-Tools Kompass Nachhaltigkeit und Gütezeichenfinder
unterstützen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstandards und
werden in der Vergabepraxis intensiv genutzt. Sie geben Beschafferinnen
und Beschaffern gezielt Orientierung bei der Ausgestaltung
von Vergabeverfahren und schaffen Transparenz zu glaubwürdigen
Nachweisen. Damit wird nicht nur ein Beitrag zum Umwelt- und
Arbeitsschutz gewährleistet, sondern auch verlässliche Rahmenbedingungen
für den Markt geschaffen. Einheitliche Standards sorgen
für Rechtssicherheit, fördern faire Wettbewerbsbedingungen und
reduzieren langfristig Kosten.
Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?
Ein gutes Beispiel für die Anreizwirkung der genannten
Instrumente ist die Weiterentwicklung des Öko-Tex-Standards.
Dieser ist auf dem Markt ein sehr weit verbreiteter Standard und
wichtiges Siegel für die öffentliche Beschaffung. Die Kriterien
werden jährlich weiterentwickelt und in der letzten Revision gemäß
den Leitfadenkriterien angepasst, um diese noch breiter abzudecken.
Das zeigt, dass durch klare, verbindliche Anforderungen entsprechende
Standards angehoben werden, welche dann wiederum
durch einen breiten Markt bedient werden können. Dies hat große
Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen. Konkret wurden
wichtige Kriterien wie der Ausschluss von Chlorbleichmitteln und
halogenierten Stoffen angepasst, was die Entstehung langlebiger, giftiger
und schwer abbaubarer Nebenprodukte verhindert. Stattdessen
werden alternative, schadstoffärmere Bleich- und Chemikalienverfahren
eingesetzt, sodass Umwelt- und Gesundheitsrisiken deutlich
reduziert werden, und letztlich auch entsprechende Folgekosten
eingespart werden.
Warum begünstigt ein nachhaltiger Einkauf auch
Innovationen und wer kann davon profitieren?
Nachhaltige Lösungen stärken nicht nur soziale und ökologische
Standards, sondern bieten selbstverständlich auch wirtschaftliche
Chancen und Wettbewerbsvorteile.
Nachhaltigkeit braucht Innovation und nachhaltige Lösungen
sind gleichzeitig auch innovativ.
Beide Aspekte sind eng verzahnt. Innovative und nachhaltige
Lösungen sind der Schlüssel, um mit der Herausforderung begrenzter
natürlicher, personeller und finanzieller Ressourcen umzugehen.
Die öffentliche Nachfrage nach nachhaltigen Produkten setzt Innovationsanreize
und erleichtert es den Unternehmen, neue Lösungen
zu skalieren.
Noch ein Beispiel: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gehen
im Bereich Sorgfaltspflichten in der Vergabe erfolgreich voran. Nachhaltigkeit
ist erklärtes strategisches Ziel, um die Klimafreundlichkeit
Berlins zu verbessern und wirtschaftlich verantwortungsvolles
Handeln zu stärken. Nachhaltigkeitsaspekte sollen in jede Vergabe
einbezogen werden. Eine erste innovative Ausschreibung mit Kriterien
zur Einhaltung unternehmerischer Sorgfaltspflichten wurde
erfolgreich abgeschlossen. Konkret wurden Konzepte von den
Bietenden bewertet, beispielsweise zur Risikoanalyse und daraus
abgeleiteten Maßnahmen in den relevanten Lieferkettenstufen.
Kleine Kniffe
31
Foto: Näherin in der Textilfabrik der Firma Desta Garment in Addis Abeba, die für eine deutsche Handelskette produziert, Äthiopien, 2.12.2019 Urheberrecht© Photothek/Ute Grabowsky
Dabei hat die BVG die von der GIZ veröffentlichten Handreichungen
und den Austausch zur Gestaltung von Konzeptbewertungen als
sehr hilfreich bewertet. Zudem haben sich innovative Ansätze zur
Einbindung des Marktes, etwa in Form eines Bietendenkolloquiums,
als äußerst hilfreich erwiesen. Eine enge kommunikative Begleitung
wirkt sich sehr positiv auf die Akzeptanz und Motivation zur Weiterentwicklung
aus und im konkreten Fall wurden trotz der neuen
Anforderungen genauso viele Angebote eingereicht wie in der Vergangenheit.
Ein schönes Beispiel, das zeigt, dass es gemeinsam geht.
Wie wird sich das BMZ in Zukunft für die nachhaltige
öffentliche Beschaffung stark machen?
Ein besonderer Fokus liegt auf der Umsetzung dessen, was im
bestehenden Rechtsrahmen möglich ist. Denn das Vergaberecht
bietet große Gestaltungsspielräume, die es zu nutzen gilt.
Beschaffungsstellen, die sich um eine nachhaltige Vergabe
bemühen, werden aktiv unterstützt: durch Austauschformate,
Fortbildungen und individuelle Beratung. Zudem wollen wir entwicklungspolitische
Zukunftsthemen noch stärker in die Vergabe
einbinden. Aspekte wie menschenrechtliche Sorgfaltspflichten,
Geschlechtergerechtigkeit und existenzsichernde Löhne sind von
zentraler Bedeutung für faire Lieferketten. Diese sollen mehr Aufmerksamkeit
bekommen, da sie nicht nur maßgeblich zu langfristiger
Stabilität und sozialer Gerechtigkeit beitragen, sondern auch als
Fundament für künftige Standardsetzung dienen. Wir legen damit
den Grundstein für eine Vergabepraxis, die global Verantwortung
übernimmt und auf eine gerechtere, lebenswerte Zukunft ausgerichtet
ist, im eigenen Interesse.
Denn wir leben in herausfordernden Zeiten und es ist umso
wichtiger, verantwortungsvoll zu wirtschaften und resilienter zu
werden. Sorgfaltsprozesse helfen dabei, Reputations- und Lieferkettenrisiken
zu minimieren. Sie sind ein zentrales Instrument,
um Risiken systematisch zu identifizieren und zu adressieren, um
z. B. Produktionsstopps infolge von Menschenrechtsverletzungen
vorzubeugen. Sie fördern zudem den Aufbau vertrauensvoller,
langfristiger Partnerschaften mit Lieferanten und können somit die
Versorgungssicherheit verbessern. Das zahlt sich am Ende für alle
aus.
Das BMZ setzt sich weiterhin für eine Vergabetransformation
im Sinne der Nachhaltigkeit ein. Wichtig ist aber, dass durch neue
Anforderungen kein bürokratischer Mehraufwand entsteht und die
öffentliche Beschaffung insgesamt effizienter und unbürokratischer
ausgestaltet wird. Die beiden Aspekte der Vereinfachung und Nachhaltigkeit
können durch klare und einheitliche Mindeststandards gut
miteinander in Einklang gebracht werden.
Gleichzeitig setzen wir uns innerhalb der Bundesregierung dafür
ein, dass das EU-Vergaberecht vereinfacht wird, um durch klare
Vorgaben die Möglichkeiten zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten
zu stärken und die Kohärenz mit Regulierungen zu
Sorgfaltspflichten sicherzustellen.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
32 Kleine Kniffe
Nachhaltigkeit in der öffentlichen Beschaffung
Intention groß, Umsetzung klein:
Wie Kommunen die Nachhaltigkeitslücke schließen können
Unsere Studie „Nachhaltigkeit in der öffentlichen Beschaffung“ zeigt einen klaren Intention Action
Gap: Ziele und vergaberechtlicher Spielraum sind vorhanden, doch in der Praxis werden sie selten
genutzt. Laut Vergabestatistik wurden im Jahr 2021 nur bei 11 % der kommunalen Vergaben
Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt. Die TED-Daten zeigen für die Jahre seit 2012 sogar eine
stark rückläufige Tendenz (-41 %). Insgesamt 61 % der Verfahren wurden ausschließlich nach dem
Anschaffungspreis vergeben.
Ein Bericht von Marc Wolinda
Warum die Lücke? Die Studie identifiziert 16 Defizite in vier
Feldern. Besonders relevant sind fehlende Rechtssicherheit und
Verbindlichkeit, mangelnde Professionalisierung und strategische
Führung sowie ein Mitteldefizit.
Mit standardisierten Prozessen, einer Professionalisierung des
Einkaufs, strategischen Zielen und eines ganzheitlichen Wirtschaftlichkeitsprinzips
kann die Nachhaltigkeit in der öffentlichen
Beschaffung langfristig gestärkt werden.
Zudem stellen wir fest, dass Nachhaltigkeit bislang kaum
ganzheitlich gedacht wird. Umweltaspekte dominieren, soziale und
kreislaufwirtschaftliche Aspekte werden deutlich seltener beachtet.
Fünf „kleine Kniffe“ für große Wirkung:
1) MEAT statt „niedrigster Preis“. Zuschläge nach dem besten
Preis Leistungs Verhältnis (MEAT: Most Economically Advantageous
Tender) öffnen den Wettbewerb um nachhaltige Lösungen.
Die Festlegung von klaren Zuschlagskriterien und deren Gewichtung
ermöglichen eine rechtssichere Vergabe.
2) Lebenszykluskosten nutzen. Energie- , Betriebs- und
Entsorgungskosten machen viele Produkte langfristig günstiger.
Empfehlenswert sind Bewertungsmatrizen und die ihre Testung mit
priorisierten Warengruppen.
3) Kriterien standardisieren. Durch die Arbeit mit etablierten
Labels (z. B. Blauer Engel) und praxiserprobten Textbausteinen
sowie das Führen interner Muster Leistungsbeschreibungen und
Checklisten sinkt die Hemmschwelle für die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten
in Vergaben deutlich.
4) Kompetenzen bündeln. Zum Auf- und Ausbau von Kompetenzen
innerhalb der Verwaltung empfiehlt sich das Bilden von
„Green Teams“ aus Bedarf, Vergabe, Recht und Controlling sowie
die Schulung der Beschaffer:innen entlang von ProcurCompEU/
GreenComp. Bei komplexen Vergaben können Intermediäre wie
KOINNO hinzugezogen werden.
5) Wirkungen messen, ehrlich berichten. Durch die
Definition von wenigen Kennzahlen (z. B. Anteil MEAT Vergaben
mit Nachhaltigkeitskriterien) und die Veröffentlichung
der Monitoring-Ergebnisse wird die Akzeptanz von Nachhaltigkeitskriterien
erhöht. Zudem ermöglicht es Lerneffekte und
Steuerungsmaßnahmen in der Verwaltung.
Fazit:
Recht und Ambition allein reichen nicht. Wer Nachhaltigkeit
systematisch in Zuschlagsentscheidungen bringt, Kompetenzen
stärkt und Prozesse standardisiert, schließt die Lücke – ohne
Wirtschaftlichkeit zu gefährden, oft mit Effizienzgewinnen. Die
Kniffe sind umsetzbar – und bringen Kommunen vom guten Willen
zur messbaren Wirkung.
Autor
Marc Wolinda
Senior Project Manager
Nachhaltige Soziale
Marktwirtschaft
Bertelsmann Stiftung
Kleine Kniffe
33
Vergabereform 2025
Warum der neue Referentenentwurf der Bundesregierung
Chancen für die nachhaltige öffentliche Beschaffung verschenkt
Mit großer Ankündigung präsentiert das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz seinen
Referentenentwurf zur Beschleunigung der Vergabe öffentlicher Aufträge. Was als notwendige
Modernisierung verkauft wird, liest sich stellenweise wie ein Rückzug ins Verfahrensrecht. Statt
Nachhaltigkeit zum festen Bestandteil öffentlicher Aufträge zu machen, bleibt sie eine Option unter
vielen. Eine vertane Chance? Die Analyse legt diesen Verdacht nahe.
Ein Bericht von Thomas Heine
Reform mit angezogener Handbremse
Die Bundesregierung will den Einkauf der öffentlichen Hand
vereinfachen, digitalisieren und beschleunigen – und das ist zunächst
zu begrüßen. Zu oft scheitern Projekte an überkomplexen Verfahren,
realitätsfernen Vorgaben und administrativer Überforderung,
gerade in kleineren Kommunen. Der Entwurf hebt deshalb unter
anderem die Wertgrenze für Direktvergaben auf 50.000 Euro an,
erlaubt Eigenerklärungen statt aufwendiger Nachweise und räumt
mit einigen Formalismen auf. Die Einsparprognose von jährlich über
250 Millionen Euro Verwaltungskosten ist beeindruckend.
Doch während die Verfahren verschlankt werden, bleiben zentrale
Inhalte unterentwickelt – insbesondere dort, wo Nachhaltigkeit
betroffen ist. Der Entwurf verfehlt es, soziale, ökologische und menschenrechtliche
Standards verbindlich zu machen. Nachhaltigkeit
wird rechtlich möglich, aber nicht strukturell notwendig. Das ist
eine Schwäche, die in Zeiten der planetaren Krise politisch wie
ökonomisch nicht zu rechtfertigen ist.
Digitalisierung: Fortschritt auf halbem Weg
Positiv fällt der Digitalisierungsansatz ins Auge. Der Entwurf
stärkt die elektronische Kommunikation über alle Verfahrensstufen
hinweg, von der Angebotsabgabe bis zum Nachprüfungsverfahren.
Zudem wird der „Datenservice Öffentlicher Einkauf“ beim Beschaffungsamt
des BMI als zentrale Plattform für Ausschreibungen
ausgebaut.
Aber auch hier offenbart sich eine Schieflage: Die Digitalisierung
bleibt auf die Prozessschicht beschränkt. Wo bleiben standardisierte
Nachhaltigkeitsdaten, der digitale Produktpass, die Integration von
CO₂- oder Kreislaufindikatoren in der Beschaffungsakte? Der Verzicht
auf diese Bausteine ist nicht technischer Natur – er ist politisch.
Die Chance, die Beschaffung zukunftsfähig und datenbasiert nachhaltig
zu gestalten, bleibt ungenutzt.
Nachhaltigkeit: eine verpasste
Systementscheidung
Der Entwurf enthält eine Ermächtigungsgrundlage, um künftig
Anforderungen an die klimafreundliche Beschaffung per Verordnung
zu regeln. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber
ein sehr kleiner. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ taucht im Gesetzestext
fast ausschließlich im Kontext von Wirtschaftlichkeit auf. Eine
systematische Verankerung ökologischer, sozialer oder menschenrechtlicher
Standards bleibt aus.
Gerade letzteres ist irritierend: Weder die menschenrechtlichen
Sorgfaltspflichten aus dem Lieferkettengesetz noch die Berichtsstandards
der CSRD finden einen Niederschlag. Dabei hatte die Initiative
„Aktiv für eine nachhaltige öffentliche Beschaffung“ im Rahmen
der Konsultation 2023 vorgeschlagen, Unternehmen ohne gesetzeskonforme
Nachhaltigkeitsberichterstattung künftig von Vergaben
auszuschließen. Der Entwurf greift diese Forderung nicht auf – ein
Rückschritt hinter internationale Standards.
Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung – im
Konjunktiv
Die Bundesregierung bekennt sich im Begründungsteil des
Gesetzes zur Förderung klimafreundlicher Produkte wie CO₂-reduziertem
Stahl oder emissionsarmem Zement. Doch auch hier fehlt
die Verbindlichkeit. Es bleibt dem Ermessen künftiger Rechtsverordnungen
überlassen, ob, wann und wie entsprechende Vorgaben
eingeführt werden. Für zentrale Transformationsziele wie die
Kreislaufwirtschaft oder die systematische CO₂-Bewertung von
Produkten fehlt jede Regelung.
34 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Die Initiative hatte konkrete Vorschläge gemacht – etwa die verpflichtende
Nutzung von Rezyklaten mit kurzen Transportwegen
oder die Einbeziehung von Rücknahme- und Reparaturkonzepten
in Ausschreibungen. Nichts davon ist im Entwurf wiederzufinden.
So bleibt auch die Dekarbonisierung ein Thema für Fachgespräche,
nicht für die Praxis.
Start-ups und Mittelstand: immerhin adressiert
Eine der wenigen Stellen, an denen sich der Entwurf den
Forderungen der Stakeholder sichtbar nähert, ist die Einbeziehung
kleiner und junger Unternehmen. Die Teilnahmevoraussetzungen
werden vereinfacht, Begründungspflichten für die Auswahl reduziert,
und die Nutzung von Eigenerklärungen erleichtert den Zugang.
Das ist ein wichtiges Signal – und ein Baustein für mehr Innovation
in der öffentlichen Beschaffung.
Gleichzeitig mahnt die Initiative zu Recht: Ohne differenzierte
Eignungsanforderungen könnten auch Start-ups von Ausschreibungen
ausgeschlossen bleiben – etwa, wenn CSR-Berichtspflichten
pauschal gefordert werden. Der Entwurf berücksichtigt diese Problematik
nicht ausdrücklich. Auch hier wäre mehr Feingefühl für
marktseitige Realitäten wünschenswert gewesen.
Damit bleibt das zentrale Instrument zur Steuerung der Transformation
in der Verwaltung – das öffentliche Beschaffungswesen
– blind auf dem Auge der Wirkung. Eine moderne, zielorientierte
Verwaltung braucht aber genau das Gegenteil: Steuerungsfähigkeit
durch Evidenz. Hier wäre es dringend notwendig, Nachhaltigkeit
auch im Monitoring gesetzlich zu verankern.
Fazit: Ein mutloser Modernisierungsvorschlag
Der Referentenentwurf zur Vergabereform 2025 löst zentrale
Probleme des Beschaffungswesens – aber nur auf der
Verfahrensebene. Wer sich davon einen wirklichen Impuls für
nachhaltige Entwicklung, Klima- und Ressourcenschutz oder
soziale Gerechtigkeit erhofft hatte, wird enttäuscht. Die strukturellen
Stellschrauben, mit denen der Staat seine Marktmacht nutzen
könnte, bleiben unangetastet. Die notwendige Transformation des
Beschaffungswesens wird vertagt – auf unbestimmte Zeit, auf ungewisse
Verordnungen, auf ein späteres politisches Bekenntnis.
Dabei steht zu viel auf dem Spiel: 500 Milliarden Euro jährlich
geben deutsche öffentliche Auftraggeber aus. Wer diese Summe nicht
konsequent an nachhaltigen Zielen ausrichtet, verspielt Handlungsspielraum,
Glaubwürdigkeit und letztlich auch Zukunftsfähigkeit.
Monitoring: Daten ja – Wirkung nein?
Mit der Reform wird das Monitoring der Vergabe gestärkt. Die
zentrale Plattform wird verpflichtend ausgebaut, die Vergabestatistik
konsolidiert. Das ist ein Fortschritt – allerdings vor allem für
die quantitativen Aspekte der Vergabe. Nachhaltigkeitsindikatoren,
Wirkungsmessung, Berichterstattung zur sozialen oder ökologischen
Wirkung der Beschaffung? Fehlanzeige.
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
35
Green Public Procurement in Europe
Öffentliche Beschaffung:
Wirkungsentfaltung jenseits von Paragrafen
Öffentliche Vergabe braucht strategische Beschaffung statt bloßen Fokus auf Rechtsvorschriften. Unter
Spardruck und einander scheinbar widersprechenden Zielsetzungen entscheidet die Fähigkeit, Bedarf und
Markt richtig zu „lesen“ und zu verstehen, wie Nachhaltigkeit, Innovation, KMU und Regionalität mit dem
Streben nach dem besten Kosten-/Qualitätsverhältnis, Verfügbarkeit und Rechtssicherheit vereinbar sind.
Ein Bericht von Jürgen Jonke
Doch wie gelingt das im Ausschreibungsalltag?
Ausgangspunkt ist die Bedarfsanalyse: Bedarfe erheben, hinterfragen,
validieren und konsolidieren.
Darauf aufbauend folgt eine umfassende Marktanalyse:
• Wer ist der Markt?
• Wie ist seine Struktur?
• Was kann er leisten?
• Was gilt als marktüblich?
• Wie wirken gesellschaftspolitische Ziele auf den Wettbewerb?
• Wo ist der „Sweet-Spot“? – Jener Bereich, wo Angebot und
Bedarf die größte Deckung bei maximalem Wettbewerb aufweisen.
Auf dieser Basis wird die
Verfahrenszielsetzung definiert: Was soll das
Ergebnis des Vergabeverfahrens sein?
Hier sind bereits erste Ansätze für ein „Sowohl-als-auch“
divergenter Zieldimensionen auszuarbeiten. Lassen sich einzelne
Zielkonflikte nicht vollständig auflösen, ist bereits hier eine klare
„Entweder-oder“-Entscheidung zu treffen, um den Fokus früh auf
die konkreten Gestaltungsspielräume zu lenken.
Es folgt die Entwicklung einer Ausschreibungsstrategie: Die
detaillierte Ausarbeitung, wie die definierte Verfahrenszielsetzung
erreicht werden soll. Dies beinhaltet u.a. eine weiterführende Produktanalyse
mit Festlegungen z.B. zu Losteilung oder Lieferlogistik,
eine TCO-Analyse, eine Analyse der Kostenstruktur bzw. -treiber
und Margen, die konkreten gesellschaftspolitischen Maßnahmen
sowie die Identifikation der passenden Beschaffungshebel (methodische,
verfahrens- bzw. vertragsspezifische). Weiters die Festlegung
der Eignungs-, Auswahl- und Bewertungskriterien, der Preisanpassungsmodalitäten
sowie der übrigen Vertragsinhalte.
Erst dann, nach Vorliegen und Abnahme einer umfassenden
Ausschreibungsstrategie, sollte die Ausarbeitung der Verfahrensunterlagen
erfolgen.
Als Bereichsleiter „Strategische Beschaffung“ bei der Bundesbeschaffung
GmbH sehe ich folgende erfolgskritische
Faktoren in der öffentlichen Beschaffung:
• Eine schlagkräftige Organisationsstruktur mit klar
definierten Prozessen und Verantwortlichkeiten in allen
Phasen des Vergabeverfahrens
36 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
• Strategische Einkäuferinnen und Einkäufer mit hoher
Fach- sowie strategischer Einkaufskompetenz zur
Gewährleistung des Kraftschlusses von Verfahrenszielsetzung
und Vertrag
• Lösungsorientierte Vergabejuristinnen und -juristen zur
Beratung im Zuge der Strategieentwicklung und Unterlagenerstellung
• Dokumentation der Verfahrensgenese und Lessons-
Learned als Basis für die eigene Weiterentwicklung, denn
nach der Ausschreibung ist vor der Ausschreibung.
Weitere Informationen
Die Bundesbeschaffung GmbH (BBG) ist der
verlässliche Lösungspartner in Beschaffungsfragen für
den Bund sowie für Bundesländer, Städte und Gemeinden,
ausgegliederte Unternehmen, Einrichtungen aus dem
Gesundheits- und Bildungsbereich, Feuerwehren
u. v. m. Als zentraler Einkaufspartner bieten wir ein
umfassendes Produkt- und Dienstleistungsportfolio
für öffentliche Auftraggeber. in Österreich
Öffentliche Beschaffung ist professionelles Handwerk
auch jenseits von Paragrafen – und das will beherrscht
werden.
Über den Autor
Autor
Jürgen Jonke
Leiter des Bereichs
Strategische Beschaffung in der
Bundesbeschaffung GmbH (BBG)
Jürgen Jonke trat im August 2001 in die BBG ein. Seit
Anfang 2017 ist er als Bereichsleiter strategische
Beschaffung für die einkaufsstrategischen
Belange und damit für die inhaltliche
Weiterentwicklung aller BBG-Beschaffungsgruppen
und Ausschreibungsthemen zuständig.
Kleine Kniffe
37
Transformation der Beschaffung
Jenseits des Fetischs der Vereinbarung:
Der nächste Schritt im öffentlichen Beschaffungswesen
Seit Jahrzehnten ist das öffentliche Beschaffungswesen in einem ritualisierten Wettlauf
gefangen: dem unermüdlichen Streben nach der perfekten Vereinbarung. Allzu oft wird die
Beschaffung wie ein Fetisch behandelt – ein Streben nach einem unterzeichneten Vertrag, gefolgt
von einem hastigen Rückzug, sobald die Tinte getrocknet ist. Das Ergebnis? Ein System, das von
Compliance und Prozessen besessen ist, aber allzu oft blind dafür ist, was nach Abschluss des
Geschäfts geschieht.
Ein Beitrag von Arjen van Berkum
Es ist Zeit für eine Revolution. Der nächste Schritt im öffentlichen
Beschaffungswesen besteht nicht darin, Strategien in
endlosen Whitepapers zu verfeinern oder dem neuesten theoretischen
Modell nachzujagen. Es geht darum, das Beschaffungswesen
von einem transaktionalen Gatekeeper zu einer echten Projektmanagement-Kraft
zu transformieren – einer Kraft, die den gesamten
Lebenszyklus der Wertschöpfung umfasst, nicht nur die Phase vor
der Vergabe.
Beschaffung ist Projektmanagement – oder
sollte es zumindest sein
Öffentliche Beschaffung ist im besten Fall eine Projektmanagement-Organisation.
Jede Ausschreibung, jede Rahmenvereinbarung,
jede Partnerschaft ist ein eigenständiges Projekt – komplex, mit
vielen Beteiligten und voller Risiken. Doch allzu oft werden Beschaffungsteams
darauf trainiert, sich auf Prozessmeilensteine und die
Einhaltung gesetzlicher Vorschriften zu konzentrieren, anstatt auf
die disziplinierte Ausführung und Lieferung, die ein hervorragendes
Projektmanagement ausmachen.
Die eigentliche Chance liegt nach der Vergabe. Hier wird Wert
realisiert, entstehen Risiken und gedeiht oder scheitert Innovation.
Vertragsmanagement ist kein Teilbereich der Beschaffung,
sondern eine eigenständige Disziplin nach der Vergabe, die eigene
Fachkenntnisse, Werkzeuge und Denkweisen erfordert. Wenn der
öffentliche Sektor vorankommen will, muss er die Beschaffung nicht
mehr als Ziellinie betrachten, sondern als Startblock für eine kontinuierliche
Wertschöpfung.
Konkrete Best Practices für die neue Ära
1. Integrieren Sie das Projektmanagement
in die Beschaffungsteams
Statten Sie Beschaffungsfachleute mit formellen Projektmanagement-Schulungen
und -Tools aus. Machen Sie
Projektmanagement-Methoden (Agile, PRINCE2, IPMA) zur Standardpraxis
und nicht zu einer nachträglichen Idee. Behandeln Sie
jede Beschaffung als Projekt mit klaren Rollen, Verantwortlichkeiten,
Zeitplänen und KPIs, die weit über die Vertragsunterzeichnung
hinausgehen.
2. Richten Sie spezielle Funktionen für das
Vertragsmanagement nach der Vergabe ein
Trennen Sie das Vertragsmanagement von der Beschaffung.
Schaffen Sie spezialisierte Rollen, die sich auf Beziehungsmanagement,
Leistungsüberwachung, Risikominderung und kontinuierliche
Verbesserung konzentrieren. Nutzen Sie Vertragsmanagement-Plattformen,
um Verpflichtungen zu verfolgen, Ergebnisse zu messen
und die Zusammenarbeit zwischen Lieferanten und internen Stakeholdern
zu ermöglichen.
3. Schaffen Sie Mehrwert durch
Zusammenarbeit, nicht nur durch Compliance
Gehen Sie über das Abhaken von Checklisten hinaus. Fördern
Sie eine Kultur der Partnerschaft mit Lieferanten, in der beide
Seiten Anreize haben, innovativ zu sein, Probleme zu lösen und
sich an veränderte Bedürfnisse anzupassen. Nutzen Sie regelmäßige
Leistungsbewertungen, gemeinsame Verbesserungsworkshops
und transparente Kommunikation, um Vertrauen aufzubauen und
Ergebnisse zu erzielen.
38 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
4. Nutzen Sie Daten und Technologie für
die Echtzeitüberwachung
Implementieren Sie digitale Tools für das Vertragslebenszyklusmanagement,
die Ausgabenanalyse und die Verfolgung der
Lieferantenleistung. Nutzen Sie Dashboards und automatisierte
Warnmeldungen, um Risiken und Chancen zu erkennen, bevor sie
eskalieren. Machen Sie datengestützte Entscheidungen zur Norm in
jeder Phase des Beschaffungs- und Vertragsmanagementprozesses.
5. Fördern Sie ergebnisorientierte
Beschaffung
Wechseln Sie von inputbasierten Spezifikationen zu ergebnisorientierten
Verträgen. Definieren Sie Erfolg anhand der tatsächlichen
Auswirkungen und nicht nur anhand der Ergebnisse. Nutzen Sie
flexible Vertragsmodelle, die Anpassungen, Innovationen und eine
gemeinsame Risiko-/Gewinnbeteiligung ermöglichen.
Umsetzbare Empfehlungen für
Entscheidungsträger
• Überprüfen und verfeinern Sie kontinuierlich die Praktiken
nach der Vergabe. Lernen Sie aus jedem Projekt, tauschen Sie
bewährte Verfahren aus und schaffen Sie eine Kultur der Verbesserung.
Der Weg in die Zukunft
Die Zukunft des öffentlichen Beschaffungswesens liegt nicht
in mehr Regeln, Checklisten oder theoretischen Debatten. Sie liegt
darin, den gesamten Projektlebenszyklus zu berücksichtigen, von
der Beschaffung über die Lieferung bis hin zur kontinuierlichen
Verbesserung. Die eigentliche Arbeit – und die eigentliche Chance
– beginnt nach der Vertragsunterzeichnung.
Wenn wir dem öffentlichen Sektor besser dienen wollen,
ist es an der Zeit, aufzuhören, den Vertrag zu fetischisieren, und
stattdessen den gesamten Prozess zu managen. Lassen Sie uns das
Projektmanagement und das Vertragsmanagement nach der Vergabe
zum Herzstück des öffentlichen Beschaffungswesens machen. Nur
dann können wir den Wert, die Innovation und die Wirkung liefern,
die unsere Gemeinden verdienen.
• Hören Sie auf, Vertragsunterzeichnungen als Siege zu feiern.
Beginnen Sie, den Erfolg anhand des über die Vertragslaufzeit
erzielten Mehrwerts zu messen.
• Investieren Sie in Menschen, nicht nur in Prozesse. Bilden Sie
Ihre Beschaffungsteams in den Bereichen Projektmanagement,
Verhandlung und Beziehungsaufbau weiter.
• Beseitigen Sie Silos. Integrieren Sie Beschaffung, Vertragsmanagement
und Projektmanagement in eine nahtlose, durchgängige
Wertschöpfungskette.
• Halten Sie Lieferanten – und sich selbst – für Ergebnisse verantwortlich,
nicht nur für die Einhaltung von Vorschriften.
Autor
Arjen van Berkum
Keynote speaker &
technology evangelist
https://www.arjenvanberkum.nl/
Kleine Kniffe
39
Indirekte Beschaffung
Nachhaltig beschaffen im öffentlichen Sektor:
Indirekte Einkäufe zwischen Anspruch und Praxis
Während Großprojekte und Infrastrukturinvestitionen öffentliche Aufmerksamkeit erhalten,
findet die eigentliche Nachhaltigkeitstransformation oft im Verborgenen statt: bei der
indirekten Beschaffung. Sie umfasst alle Güter und Dienstleistungen, die nicht direkt in die
Kernleistung einer Organisation einfließen, aber für den Betrieb unverzichtbar sind – etwa
Büromaterial, IT-Ausstattung, Reinigungsmittel, Fahrzeuge und Dienstleistungen. Diese
scheinbar nebensächlichen Einkäufe summieren sich zu enormen Mengen und haben erhebliche
Umweltwirkungen.
Ein Bericht von Natalia Parmenova
Öffentliche Verwaltungen, Hochschulen und kommunale
Betriebe stehen daher vor der Aufgabe, ihre Beschaffung konsequent
nachhaltig auszurichten. Dass dies längst Teil ihres
Leistungsauftrags ist, zeigen zum Beispiel die Initiative „Green Public
Procurement (GPP)“ [1] der Europäischen Kommission und das
deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) [2]. Die GPP empfiehlt
dem öffentlichen Sektor, Produkte mit geringerer Umweltbelastung
über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu bevorzugen, während
das KrWG diesen sogar verpflichtet, nachhaltigen Produkten den
Vorzug zu geben.
Warum Nachhaltigkeit
in der indirekten Beschaffung kritisch ist
Nachhaltigkeit ist gerade für die indirekte Beschaffung
besonders relevant, da diese drei charakteristische Eigenschaften
aufweist: hohe Mengen durch dezentrale Beschaffung, geringe
Einzelwerte mit entsprechend wenig Aufmerksamkeit und repetitive
Kaufentscheidungen, die sich über Jahre multiplizieren. Ihre
Umweltwirkung wird erst bei der Betrachtung der Gesamtmengen
sichtbar. Recyclingpapier statt herkömmliches Papier, umweltzertifizierte
Reinigungsmittel oder energieeffiziente IT-Geräte – jede
einzelne Entscheidung mag marginal erscheinen, multipliziert sie
sich jedoch, entsteht eine beträchtliche Gesamtwirkung.
Im Kern gilt deshalb: Jede Kaufentscheidung bestimmt
mit, welche Produkte und Dienstleistungen genutzt werden
– und welche Wirkungen sie über Jahre hinweg entfalten. Nachhaltigkeitsziele
beziehen sich dabei sowohl auf ökologische als
auch auf soziale und wirtschaftliche Aspekte. Dazu gehören etwa
Energieeffizienz, Reparierbarkeit und Langlebigkeit, die Achtung
von Arbeits- und Menschenrechten in der Lieferkette sowie eine
wirtschaftliche Betrachtung über Total Cost of Ownership (TCO).
Entscheidend ist die Übersetzung dieser Ziele in den operativen
Alltag: Nachhaltigkeitskriterien müssen messbar sein und sich in
Vergabeunterlagen abbilden lassen. Außerdem muss während des
gesamten Einkaufsprozesses überprüfbar bleiben, ob diese Kriterien
eingehalten werden. Nur so entstehen echte Verbesserungen, die
sich auch dokumentieren und in Berichten darstellen lassen.
Hürden durch Recht, Organisation und Budget
Die Nachhaltigkeitstransformation ist anspruchsvoll. Indirekte
Güter werden häufig dezentral von Mitarbeitenden bestellt, die
keine Beschaffungsexperten sind. Sie haben weder die Zeit noch
das Fachwissen, um komplexe Nachhaltigkeitskriterien zu prüfen.
Hinzu kommt die fragmentierte Lieferantenlandschaft: Während
bei Großaufträgen wenige spezialisierte Anbieter dominieren, konkurrieren
im Bereich der Standardartikel zahlreiche Lieferanten
mit sehr unterschiedlichen Umwelt- und Sozialstandards. Deren
Bewertung und Überwachung überfordert viele Verwaltungen.
Das Vergaberecht verschärft die Situation zusätzlich, da vergaberechtliche
Anforderungen komplex sind und nachvollziehbare
Entscheidungen verlangen.
40 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
In der Praxis trifft dies auf gewachsene Einkaufslandschaften mit
parallelen Portalen, Medienbrüchen und uneinheitlichen Workflows.
Das macht Orientierung für Gelegenheitsnutzer ebenso schwierig
wie die Auswertung für Einkauf und Buchhaltung. Wo Prozesse
nicht durchgängig digital sind, entstehen Rückfragen, Dopplungen
und Intransparenz – genau dort, wo Nachhaltigkeitskriterien
eigentlich systemisch greifen sollten. Hinzu kommt die Budgetperspektive:
Ohne Lebenszyklus- und TCO-Sicht erscheinen nachhaltige
Optionen oft teurer, obwohl sie Betrieb und Entsorgung über Jahre
entlasten können. Kurz: Strategischer Anspruch und operative
Realität fallen auseinander, wenn Governance, Daten und Nutzerführung
nicht zusammenspielen.
Nachhaltigkeit systemisch verankern
Nachhaltigkeit lässt sich in der Beschaffung nur dann wirksam
umsetzen, wenn die Prozesse selbst transparent, konsistent und digital
unterstützt sind. Denn ohne klare Datenbasis und systemgestützte
Abläufe können Nachhaltigkeitskriterien weder zuverlässig geprüft
noch ausgewertet werden. Um die Lücke zwischen Anspruch und
Realität zu schließen, muss Nachhaltigkeit deshalb auch als Standard
im Beschaffungssystem verankert sein. Das gelingt, wenn
nachhaltige Produkte bereits in Katalogen, Rahmenverträgen und
Plattformen voreingestellt sind. So greifen Mitarbeitende automatisch
auf umweltfreundliche Optionen wie Recyclingpapier,
energieeffiziente Geräte und umweltzertifizierte Reinigungsmittel
zurück, ohne zusätzlichen Aufwand. Entscheidend hierfür ist die
Vorarbeit des Beschaffungsmanagements. Rahmenverträge müssen
so gestaltet werden, dass sie nachhaltige Produkte bevorzugen oder
ausschließlich enthalten. Lieferanten werden anhand ihrer Umweltund
Sozialstandards ausgewählt, und Produktkataloge werden
gezielt gepflegt.
Ergänzend braucht es klare Governance-Leitplanken. Rollen
und Zuständigkeiten müssen eindeutig geregelt, Anforderungen als
Kriterien definiert und mit Nachweisen abgesichert werden. Operativ
ist ein digitales Beschaffungssystem mit zentralem Einstiegspunkt
(Single-Entry-Point) für alle Bedarfe sinnvoll. Verbunden mit einer
Echtzeit-Validierung gegen ERP-Daten, sorgt dieses dafür, dass Budgets,
Verträge und Rollen bereits bei der Bedarfserfassung geprüft
werden. Wirksam sind zudem Guided-Buying-Prinzipien und
strukturierte Freitextanforderungen, da sie unterschiedliche Nutzergruppen
intuitiv durch den Beschaffungsprozess führen, Rückfragen
reduzieren und die Datentiefe schaffen, die nachhaltige Steuerung
und Berichterstattung erfordern.
Praxisbeispiel: Digitale Beschaffung an einer
Hochschule
Ein Beispiel dafür, wie solche digitalen Grundlagen in der
Praxis geschaffen werden, zeigt die digitale Transformation einer
technischen Hochschule. Diese beschafft ein sehr breites Spektrum
– von Büroartikeln und Dienstleistungen bis hin zu hochspezialisierten
Laborgeräten. Über Jahre hinweg gewachsene Strukturen mit
Kleine Kniffe
41
Foto: Natalia Parmenova
parallelen Systemen erschwerten jedoch Transparenz, Auswertung
und Schulbarkeit. Deshalb startete die Hochschule ein Transformationsprojekt,
um die Einkaufskanäle zu standardisieren, durchgängig
zu digitalisieren und in SAP zu integrieren.
Den Auftrag erhielt BeNeering [3], ein Anbieter von KI-gestützten
digitalen Beschaffungslösungen, der mit Echtzeit-Integration in
SAP, katalogübergreifender Suche und Abbildung der spezifischen
Vergabe- und Genehmigungslogik überzeugte. Die Einführung
erfolgte zunächst schrittweise mit Workshops, Testphasen und Rollenkonzept
und wurde anschließend produktiv gestartet.
Das Ergebnis ist ein zentraler Einstiegspunkt über das bestehende
Single-Sign-On und das SAP-Fiori-Launchpad. Dort wurden
die wesentlichen Beschaffungskanäle gebündelt: katalogisierte
Artikel, Ausschreibungen, Bestellungen aus dem Zentrallager,
Rahmenverträge sowie strukturierte Freitextanforderungen. Alle
Prozesse laufen systemgestützt im Hintergrund und vergabe- und
haushaltsrechtliche Vorgaben werden automatisch geprüft. Dadurch
verringern sich Rückfragen, der Datenfluss wird konsistent und
Auswertungen sind in Echtzeit möglich.
Nachhaltige indirekte Beschaffung wird dann zur Realität, wenn
sie im System fest etabliert wird. Dies erfordert die strategische
Neuausrichtung der Beschaffungsprozesse, bei der Umwelt- und
Sozialkriterien nicht nachträglich geprüft, sondern von vornherein
integriert werden. Moderne Technologie macht es möglich, diese
Kriterien nutzerfreundlich und effizient umzusetzen. Das Transformationsprojekt
der Hochschule zeigt, wie ein zentraler Einstiegspunkt,
konsolidierte Kanäle und Echtzeit-Integration die Beschaffung zugleich
rechtssicherer und steuerbarer machen – und damit nachhaltige
Entscheidungen im Alltag erleichtern.
Links und Quellen:
[1] https://green-forum.ec.europa.eu/green-business/
green-public-procurement_en
[2] https://www.bundesumweltministerium.de/gesetz/kreislaufwirtschaftsgesetz
[3] https://www.beneering.com/
Fazit
Autorin
Natalia Parmenova
Chief Revenue Officer bei BeNeering
https://www.beneering.com/
42 Kleine Kniffe
Kreislaufwirtschaft
Zusammenarbeit, Zusammenhalt und gute Kommunikation
zwischen allen Akteuren in der Region führt zu Resilienz
Behörden sind oft unter Druck. Besonderer Druck herrscht, wenn Umweltkatastrophen eine Region
treffen und Behörden aus Krisenmanager*innen auftreten müssen. Gut für den, der auf derartige
Situationen vorbereitet ist und einen Plan für Klimaanpassung hat.
Ein Beitrag von Eveline Lemke
Auch deshalb hat Land Rheinland-Pfalz hat hier weit reichende
Weichen gestellt, hier sollen Klimaanpassungsmanager*innen alle
Belange strategisch und nachhaltig in der Verwaltung verankern.
Ob Hitzeaktionsplan, Begrünungsmaßnahmen, Starkregenvorsorge
oder die Erstellung und Bericht über den Status des Erreichten
bei. Die Gesetzgebung zu kritischer Infrastruktur verlangt weitere
Vorsorgepläne und Risikoeinschätzungen.
Im Ahrtal hätten 2021 derartige Vorsorgepläne und bessere
Risikobetrachtung sicherlich konkret Menschenleben bei der Flutkatastrophe
gerettet. Das war eine wesentliche Erkenntnis aller
Untersuchungen, ebenso wie im spanischen Valencia im Jahr 2024.
Beide Regionen beschreiten nun neue Wege und suchen einen
Erfahrungsaustausch. So trafen sich Vertreter*innen aus beiden
Regionen an der Umweltlernschule Plus des AWB Niederzissen und
zur Konferenz auf dem Campus Remagen der Hochschule Koblenz.
Hierbei wurden umfangreiche Studien und Vergleiche der Regionen
von Wissenschaftler*innen vorgestellt.
Die Teilnehmenden betonten alle in ähnlicher Weise die
Bedeutung sektorübergreifender Kooperation, auch mit Freiwilligendiensten
und der Zivilgesellschaft. Der entscheidende Faktor sei
aber der Zusammenhalt innerhalb der Region. Eine weitere Lehre
ist, dass die umgesetzten Sicherheitsmaßnahmen vom Prinzip der
Zusammenarbeit zwischen den Verwaltungen geleitet werden
müssen – eine Variable, die bei keiner der beiden Katastrophen
vollständig funktioniert hat.
Austausch tut Not
Das Fazit der Veranstaltung, an der rund 100 Fachleute
teilnahmen und bei der sie auch mit dem Staatssekretär des Umweltministeriums,
Michael Hauer, und der Europaabgeordneten Jutta
Paulus (Die Grünen) zusammentrafen, lautet: „Es ist notwendig,
den direkten Austausch zwischen den Betroffenen, den Managern
des Wiederaufbaus in den Kommunen, der Wissenschaft und den
Behörden zu führen.“ Gegenseitiger Erkenntnisgewinn helfe bei der
Einordnung der eigenen Herausforderungen und ermögliche Lernen
durch die Betrachtung von außen. „Dafür wollen sich die Beteiligten
weiter einsetzen“, sagt Veranstalterin Eveline Lemke von Thinking
Circular®.
Weitere Informationen
Hier finden Sie das Abschlusspapier:
https: /thinking-circular.com/wp-content/
uploads/2025/07/Ergebnispapier-4.7.-DEENES.pdf
Autorin
Eveline Lemke
Thinking Circular®
Sustainability and
Circular Economy Consulting
e.lemke@thinking-circular.com
Kleine Kniffe
43
Kreislaufwirtschaft
Interview mit Carsten Träger,
Staatssekretär im BMUKN
Das Bundesumweltministerium hat den Entwurf eines Aktionsprogramms zur Umsetzung der
Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) vorgestellt. Das Aktionsprogramm bündelt
priorisierte Maßnahmen, die bereits bis Ende 2027 greifen sollen: Darunter eine stärkere
Investitionsförderung, eine Digitalisierungsinitiative, der Abbau bürokratischer Hemmnisse
und eine zirkuläre öffentliche Beschaffung. Im Gespräch mit Carsten Träger, Staatssekretär im
Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit wollte ich
wissen, welche Rückschlüsse sich daraus für den öffentlichen Einkauf ergeben
Das Interview führte Thomas Heine
Herr Staatssekretär, die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie
setzt das ambitionierte Ziel, den
Primärrohstoffverbrauch bis 2045 zu halbieren. Welche
konkreten Meilensteine haben Sie für die Beschaffung
in den nächsten fünf Jahren definiert, um dieses Ziel zu
erreichen?
Die meisten Produkte entstehen heute aus primären Rohstoffen.
Diese werden am anderen Ende der Welt abgebaut und gelangen
auf langen Wegen in die Produktion. Das ist fatal für die Umwelt
und unser Klima. Es ist also unerlässlich, dass wir den Verbrauch
primärer Rohstoffe senken und mehr und mehr auf Recyclingprodukte
setzen. Für diese Trendwende ist die öffentliche Beschaffung
ein enorm wichtiger Hebel. Das hat auch die Bundesregierung
erkannt: Mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS)
sollen Recyclingprodukte und die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft
stärker als bisher Vorrang in der Beschaffung bekommen. Dazu
werden wir bestehende Regularien anpassen, um Kreislaufwirtschaft
in der öffentlichen Beschaffung rechtlich zu verankern, z.B. mit
einer neuen Verwaltungsvorschrift Klima und Umwelt. Außerdem
verbessern wir den Beschaffungsprozess mit digitalen Tools und digitalisiertem
Monitoring. Und wir flankieren die Maßnahmen mit
passgenauer Forschungs- und Innovationsförderung.
Sie bezeichnen die öffentliche Beschaffung als “zentralen
Nachfragehebel” mit einem Volumen von 500
Milliarden Euro jährlich. Wie wollen Sie diese Marktmacht
strategisch einsetzen, um Sekundärrohstoffe und
Rezyklate in der Privatwirtschaft marktfähig zu machen?
Beschaffungen der öffentlichen Hand machen rund 15 Prozent
des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Jede Neuausrichtung der
öffentlichen Beschaffung wirkt sich also direkt auf die unterschiedlichen
Märkte aus. Diese Trendwende zu mehr Kreislaufwirtschaft
gelingt, wenn wir die Anforderungen bei Beschaffungen auf allen
Ebenen der Verwaltung harmonisieren und vereinheitlichen. Dafür
sorgen entsprechende Regeln im Kreislaufwirtschaftsgesetz und im
Klimaschutzgesetz: Sie verpflichten die Behörden des Bundes dazu,
bevorzugt Produkte und Dienstleistungen zu beschaffen, die klimafreundlich
bzw. ressourcenschonend sind. Weitere Verbesserungen
soll die neue Allgemeine Verwaltungsvorschrift Klima und Umwelt
schaffen, die alle Umweltaspekte, neben dem Klimaschutz vor allem
den Ressourcenschutz und die Kreislaufwirtschaft, abdecken soll.
Und sie soll die Beschaffungspraxis des Bundes praxistauglicher
gestalten. Damit greifen wir auch eine vom BDE geforderte Stärkung
kreislaufgerechterer öffentlicher Ausschreibung für mineralische
Ersatzbaustoffe (MEB) auf.
§ 45 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes verpflichtet
bereits seit 2020 Bundesbehörden zur
ressourcenschonenden Beschaffung. Welche konkreten
44 Kleine Kniffe
Verschärfungen plant das BMUKN bei den Rechtsgrundlagen,
und wie werden Sie die Verpflichtung auf Länder
und Kommunen ausweiten?
Wir wollen die genannte Pflicht zur Bevorzugung von
Sekundärrohstoffen bei Ausschreibungen so anpassen, dass sie
Drittschutz entfaltet. Dann können sich z.B. unterlegene Bieter in
einem Ausschreibungsverfahren nach dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen
darauf berufen. Ob eine solche Regelung auch
auf Länder und Kommunen übertragbar ist, muss erst noch geprüft
werden.
Wiederaufbereitete und gebrauchte Produkte stoßen
in der Beschaffungspraxis oft auf Vorbehalte bezüglich
Qualität, Garantie und Lieferzeiten. Mit welchen konkreten
Maßnahmen wollen Sie diese Hemmnisse abbauen?
Diese Vorbehalte nehmen wir sehr ernst. Um Lösungswege
aufzuzeigen, erarbeiten wir im Rahmen der NKWS einen passenden
Leitfaden. Er soll Beschaffungsstellen Orientierung geben, welche
Anforderungen sie in ihren Ausschreibungen stellen können, damit
benötigte Qualität, Garantie und Lieferzeiten für wiederaufbereitete
Produkte eingehalten werden können. Gerade bei Möbeln und
IT-Produkten entwickelt sich das Marktangebot an instandgesetzte
Produkte kontinuierlich weiter. Best-Practice-Beispiele zeigen, dass
es prinzipiell machbar ist und oft nicht nur ökologische, sondern
auch ökonomische Vorteile mit sich bringt.
Digitale Produktpässe gelten als Schlüsseltechnologie
für die zirkuläre Beschaffung. Wann werden diese
für welche Produktgruppen verpflichtend eingeführt, und
wie unterstützen Sie Beschaffungsstellen beim Umgang
mit diesen neuen Datenquellen?
Digitale Produktpässe werden das Recycling von Produkten
für alle Beteiligten enorm erleichtern. Ihr Einsatz wird über die
EU-Ökodesignverordnung vorgeschrieben, sofern es für die jeweilige
Produktgruppe nicht schon ein Energielabel gibt. Allerdings
bearbeitet die EU-Kommission derzeit nur wenige Produktgruppen,
z.B. Reifen oder gewerbliche Geschirrspülmaschinen und
Waschmaschinen. Bis wir einen breiten Einsatz von Digitalen Produktpässen
sehen, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Für
die Beschaffungsstellen ist daher aktuell noch keine Unterstützung
erforderlich.
Der Baubereich verursacht 60% des deutschen
Abfallaufkommens. Welche konkreten Schritte plant
das BMUKN, um Sekundärbaustoffe und modulare Bauweisen
in öffentlichen Ausschreibungen zum Standard
zu machen?
Das Umweltbundesamt bereitet derzeit die Entwicklung einer
vereinfachten Methodik zur Anwendung eines CO2-Schattenpreises
im Baubereich vor. Er ist eine wichtige Voraussetzung für
eine möglichst einheitliche und praxisgerechte Anwendung durch
die Bundesbehörden bei Vergaben von Bauvorhaben. Gerade die
Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus von Bauvorhaben
führt dazu, dass klimafreundliche und ressourcenschonende Angebote
den Zuschlag erhalten. Über die neue Umsetzungsplattform
NKWS sollen weitere Maßnahmen und Hilfsmittel entwickelt
werden, um Vergabestellen zu unterstützen.
Die NKWS sieht Indikatoren für zirkuläre Beschaffung
vor, die “konsequent angewandt” werden sollen. Welche
konkreten KPIs werden Sie einführen, und wie werden
Sie deren Erhebung und Monitoring in der dezentralen
Beschaffungslandschaft sicherstellen?
Indikatoren sind in diesem Kontext sehr wichtig, da diese eine
klare Messbarkeit definieren und ein transparentes Monitoring
gewährleisten. Noch fehlen konkrete Indikatoren für zirkuläre
Beschaffung. Deren Entwicklung ist aber Teil eines aktuellen Forschungsvorhabens
des Umweltbundesamts.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
45
Kreislaufwirtschaft
Die Klaviatur der kreislauffähigen Beschaffung:
Handlungsoptionen entlang des gesamten Beschaffungsprozesses
Indem Einkäufer:innen auf kreislauffähige Lösungen setzen, können sie von ökologischen und
ökonomischen Vorteilen profitieren. Die Rolle des Einkaufs wandelt sich dabei vom reinen
Serviceerbringer hin zum Kompetenzzentrum.
Ein Beitrag von Miriam Kaufmann
Im Saal geht es geschäftig zu. Gut 80 Personen diskutieren an 10
Tischinseln die Frage, was sie dazu beitragen können, dass in ihrer
Branche vermehrt kreislauffähige Lösungen angeboten und bestellt
werden. Die anwesenden Beschaffungsverantwortlichen lernen, was
der Markt bereits kann. Und die Anbietenden im Raum verstehen,
welche Lösungen die öffentliche Hand erwartet.
Dieser Anlass darf Prozirkula im Auftrag des Bundesamts für
Umwelt (BAFU) “Förderung der kreislauffähigen öffentlichen Beschaffung”
organisieren und durchführen. Zusätzlich gibt es mit den
Erfahrungsaustauschen ein weiteres Format, bei dem Mitarbeitende
von Beschaffungsorganisationen miteinander und voneinander
lernen. Warum sind diese Austausche wichtig? «Kollaboration ist der
Schlüssel», meint eine Teilnehmerin und benennt damit eine Tatsache
in Zusammenhang mit der Förderung der Kreislaufwirtschaft.
Denn darum geht es Prozirkula, die Kreislaufwirtschaft in der
Schweiz über den Hebel der öffentlichen Beschaffung voranzutreiben.
Die Firma ist überzeugt, dass die kreislauffähige Beschaffung
Antworten auf verschiedene Herausforderungen bereithält, mit
denen sich Beschaffungsorganisationen aktuell konfrontiert sehen.
So stellt kreislauffähige Beschaffung komplexen Lieferketten,
Preisschwankungen, Regulierungen und Fachkräftemangel resiliente
Lieferketten gegenüber, ressourcenschonende und CO 2
-arme
Produkte sowie ökonomisch attraktive, qualitativ hochwertige
Lösungen.
Die Macht der Nachfrage
Indem eine Organisation auf die kreislauffähige Beschaffung
setzt, treibt sie die Umstellung auf diese ressourcenschonende
Wirtschaftsform voran. Die Kreislaufwirtschaft hält Produkte und
deren Komponenten und Materialien im Umlauf, wodurch sie im
Vergleich zum linearen Wirtschaftssystem weniger Energie und
Primärrohstoffe verbraucht. Dies gelingt durch unterschiedliche
Strategien wie das Teilen, Reparieren oder Wiederaufbereiten. Anbietende
kreislauffähiger Lösungen müssen ihre Produkte entsprechend
designen (bspw. damit sie rasch zerlegbar und damit
kosteneffizient reparierbar sind) und ihr Geschäftsmodell anpassen
(damit die Firmen nicht nur am Verkauf der Produkte verdienen,
sondern auch an den angelagerten Dienstleistungen wie Planung,
Unterhalt oder Aufbereitung). Beides kann über eine entsprechende
Nachfrage gefördert werden. Somit besitzt der Einkauf einen grossen
Hebel, um das lineare Wirtschaftsmodell in ein zirkuläres zu transformieren.
Wissensaufbau und Hilfsmittel
Wer das Instrument der kreislauffähigen Beschaffung anwenden
will, muss das entsprechende Wissen bereitstellen und die
Mitarbeitenden dazu befähigen. Beispielsweise will das Formulieren
geeigneter und evaluierbarer Kreislaufkriterien geübt sein. Zum
Glück muss das Rad nicht gänzlich neu erfunden werden: Es gibt
schon Pioniere, die sich diesen Aufgaben stellen. Und es gibt Unterlagen,
die den Einstieg erleichtern. Beispielsweise finden sich auf der
Wissensplattform nachhaltige öffentliche Beschaffung ein Leitfaden,
46 Kleine Kniffe
Foto: Screenshot Webseite
Ausschreibungskriterien und Beispiele zur kreislauffähigen Beschaffung
(die auch von privaten Einkaufsorganisationen genutzt werden
können). Diese Unterlagen helfen also beim Einstieg in die Welt der
kreislauffähigen Beschaffung. Aber wie und wann ist dieser Einstieg
sinnvollerweise zu wagen?
Handlungsoptionen entlang des
Beschaffungsprozesses
Wer von den Chancen der kreislauffähigen Beschaffung überzeugt
ist, kann an unterschiedlichen Stellen im Beschaffungsprozess
mit der Umsetzung anfangen:
• Vor Beschaffungen ist neben der oben skizzierten Möglichkeit
der Marktrecherche eine gute Bedarfsanalyse zentral: Es gilt,
das Richtige zu beschaffen. Ein Beispiel: Eine Organisation
wollte neues Mobiliar beschaffen. Innerhalb des Prozesses
stellte sich aber heraus, dass im Lager noch genügend Mobiliar
vorhanden ist. Sicher, es entsprach nicht mehr dem neuesten
Stand, aber da es für eine temporäre Nutzung gedacht ist,
konnten solche Ansprüche negiert werden. So wurde die
Beschaffung zurückgestellt. Was viele ökonomische und ökologische
Ressourcen einsparte.
• Während Beschaffungen: Im Moment der Erstellung des
Lastenhefts können die angesprochenen Produktdesign- und
Geschäftsmodellanpassungen mittels Ausschreibungskriterien
begünstigt werden. Ein Beispiel belohnte die werterhaltende
Verwertungsoption ausgedienter Fahrbahnkomponenten.
• Nach Beschaffungen: Die Möglichkeiten zur Ressourcenschonung
werden grösser, wenn eine Beschaffung umfassend
betrachtet wird. Einerseits bedarf es der Anpassung von
(Nutzungs- oder auch Unterhalts-) Prozessen. Andererseits
gilt es auch, das Ziel der Ressourcenschonung innerhalb der
Organisation zu verankern und mit weisenden Dokumenten zu
verzahnen, beispielsweise indem Beschaffungsverantwortliche
entsprechende Zielvorgaben erhalten.
Ein Gemeinsamer Weg
Mit der Umsetzung der kreislauffähigen Beschaffung kann
also jederzeit begonnen werden. Es ist wichtig zu sehen, dass sich
Beschaffungsorganisationen dabei auf einen Weg begeben, der
lange vor der Vergabe anfängt und weit danach aufhört. Und dass
sie diesen Weg nicht allein gehen können. Nur in gemeinsamer Anstrengung
mit den Lieferanten wird die kreislauffähige Beschaffung
auf Resonanz stossen, entsprechende Lösungen skaliert werden und
die Transformation des Wirtschaftssystems entsprechend vorangetrieben.
Voraussetzung für diese gemeinsamen Anstrengungen ist ein
gutes Verständnis der jeweils anderen Marktseite und ein Lernen
untereinander. In beides können Beschaffungsorganisationen investieren,
indem sie an Austauschen teilnehmen. Sind Sie dabei?
Autorin
Miriam Kaufmann
Stellvertretende Geschäftsführerin
Prozirkula GmbH
https://prozirkula.ch/
Kleine Kniffe
47
Digitalisierung
Aufbruch in eine neue Ära
Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Steuer eines Schiffes, das durch stürmische See navigiert. Die
Wellen heißen geopolitische Unsicherheiten, Handelskonflikte und Klimarisiken, während der Nebel der
Digitalisierung die Sicht auf den besten Kurs erschwert. Wer heute im Einkauf Verantwortung trägt,
weiß: Die Zeiten, in denen Routinen und Erfahrungswerte ausreichten, sind vorbei. Es ist an der Zeit,
neue Instrumente zu ergreifen, um das eigene Unternehmen oder die öffentliche Hand sicher in den
Hafen der Zukunft zu steuern.
Ein Bericht von Thomas Heine
Herausforderungen, die den Einkauf fordern
Die Welt des Einkaufs gleicht einem Spielfeld, auf dem die
Regeln sich ständig ändern. Politische Spannungen werfen Schatten
auf internationale Lieferketten, Handelsabkommen werden über
Nacht neu verhandelt, und der Klimawandel zwingt zu nachhaltigem
Handeln. Gleichzeitig beschleunigt die Digitalisierung die Taktung
der Märkte. Für Sie als Entscheider bedeutet das: Die Unsicherheiten
bei jeder Einkaufsentscheidung wachsen, und der Druck, die
richtigen Weichen zu stellen, steigt. Wie gelingt es, inmitten dieser
Turbulenzen den Überblick zu behalten und kluge Entscheidungen
zu treffen?
Bewährte Werkzeuge stoßen an ihre Grenzen
Vielleicht erinnern Sie sich an Zeiten, in denen Ausschreibungen,
Lieferantenbewertungen und Preisvergleiche als solide Werkzeuge
galten, um den Einkauf zu steuern. Doch je komplexer die Welt wird,
desto deutlicher zeigt sich: Diese Instrumente sind nur so gut wie
die Daten, auf denen sie basieren. Wenn Informationen fehlen, veraltet
oder unvollständig sind, wird der Einkauf zum Blindflug. Die
Qualität, Verfügbarkeit und Aktualität der Daten sind längst zum
entscheidenden Kompass geworden.
Die Datenflut – Segen und Fluch zugleich
Wer heute im Einkauf Verantwortung trägt, steht vor einer
paradoxen Situation: Noch nie gab es so viele Daten, und doch war
es nie schwieriger, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die
Informationsflut gleicht einem reißenden Fluss, der alles mit sich
reißt – auch die Sicherheit, auf Basis von Fakten zu entscheiden. Hier
zeigt sich, wie wichtig es ist, Daten nicht nur zu sammeln, sondern
sie auch intelligent zu verarbeiten. Ohne digitale Helfer droht der
Entscheider im Datendschungel die Orientierung zu verlieren. Künstliche
Intelligenz wird so zum Leuchtturm, der Licht ins Dunkel
bringt und hilft, aus der Masse an Informationen die relevanten
Erkenntnisse zu filtern.
Künstliche Intelligenz –
Mehr als nur ein Schlagwort
Doch was bedeutet KI im Einkauf konkret? Stellen Sie sich
eine digitale Kollegin vor, die nicht schläft, nicht müde wird und
aus jedem Vorgang lernt. Künstliche Intelligenz analysiert Daten,
erkennt Muster und schlägt Lösungen vor, die weit über menschliche
Kapazitäten hinausgehen. Besonders spannend: Mit KI-Agenten
betreten digitale Assistenten die Bühne, die eigenständig Aufgaben
übernehmen – von der Analyse von Angeboten bis zur Überwachung
ganzer Lieferketten. Sie sind die neuen Lotsen, die den Einkauf
sicher durch unbekannte Gewässer führen.
Prozesse und Anwendungsfelder –
Wo KI den Unterschied macht
Die Einsatzmöglichkeiten von KI im Einkauf sind so vielfältig
wie die Herausforderungen selbst. Im Lieferantenmanagement hilft
sie, aus einem Meer von Anbietern die zuverlässigsten Partner zu
identifizieren. Im Vertragsmanagement wacht sie über Fristen und
Konditionen, als wäre sie ein digitaler Hüter der Vereinbarungen.
Bei Preisverhandlungen und Benchmarking liefert sie Analysen, die
wie ein scharfer Blick durch das Fernglas den Markt durchdringen.
Im Warengruppenmanagement sorgt sie für Transparenz, indem sie
Zusammenhänge sichtbar macht, die dem bloßen Auge verborgen
bleiben. Und im Risikomanagement erkennt sie drohende Störungen
in der Lieferkette, bevor sie zum Sturm heranwachsen.
48 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Chancen, die den Einkauf beflügeln
Mit Künstlicher Intelligenz an Ihrer Seite verwandelt sich der
Einkauf in ein modernes Cockpit, in dem Sie nicht nur schneller,
sondern auch sicherer navigieren. Routineaufgaben, die früher viel
Zeit verschlangen, laufen nun wie von selbst im Hintergrund ab:
Angebote werden automatisch verglichen, Verträge überwacht und
Lieferantenbewertungen in Echtzeit aktualisiert. Dadurch gewinnen
Sie wertvolle Zeit, um sich auf strategische Entscheidungen zu konzentrieren.
Die Kosten sinken, weil KI versteckte Einsparpotenziale
aufspürt, Preisentwicklungen frühzeitig erkennt und Einkaufsvolumina
optimal bündelt – als hätten Sie einen erfahrenen Analysten,
der rund um die Uhr für Sie arbeitet.
Transparenz wird zum neuen Standard: Statt im Nebel von
Excel-Tabellen und verstreuten Informationen zu tappen, erhalten
Sie einen klaren Blick auf alle relevanten Daten. Risiken, die früher
im Verborgenen lauerten, werden sichtbar und können gezielt
adressiert werden. Compliance, oft ein Stolperstein im hektischen
Tagesgeschäft, wird durch automatisierte Prüfungen und lückenlose
Dokumentation zur festen Größe. Sie können sich darauf verlassen,
dass Vorgaben eingehalten und Richtlinien beachtet werden – wie
ein Sicherheitsnetz, das Sie vor unangenehmen Überraschungen
schützt.
Auch das Thema Nachhaltigkeit erhält durch KI eine neue
Dimension. Die intelligente Auswertung von Umweltdaten, CO₂-Bilanzen
und Lieferanteninformationen macht es möglich, ökologische
Kriterien konsequent in den Einkaufsprozess zu integrieren. Risiken
wie Menschenrechtsverletzungen oder Umweltverstöße werden
frühzeitig erkannt, sodass Sie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch
ethisch und ökologisch verantwortungsvoll handeln können.
Doch so verheißungsvoll diese Möglichkeiten auch sind: Künstliche
Intelligenz ist kein Zauberstab, der auf Knopfdruck alle
Probleme löst. Sie ist ein mächtiges Werkzeug, das seine volle
Wirkung nur entfaltet, wenn es mit Sachverstand, klaren Zielen und
einer verantwortungsvollen Strategie eingesetzt wird. Wer KI im
Einkauf nutzt, bleibt Kapitän auf der Brücke – und steuert das Schiff
mit Weitblick und Augenmaß in die Zukunft.
Ausblick: Die Reise geht weiter
Wer die Chancen der Künstlichen Intelligenz im Einkauf nutzen
will, muss bereit sein, neue Wege zu gehen und alte Denkmuster zu
hinterfragen. In den kommenden neun Artikeln dieser Serie nehmen
wir Sie mit auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der KI im
Einkauf – von der Datenqualität über den Einsatz von KI-Agenten
bis hin zu ethischen Fragen und Praxisbeispielen.
Bleiben Sie am Puls der Zeit und lassen Sie sich inspirieren:
Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie die gesamte
Artikelserie direkt in Ihr Postfach. So verpassen Sie keine Entwicklung
und sind immer einen Schritt voraus – auf dem Weg zu einem
Einkauf, der die Zukunft gestaltet.
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
CO Chair Chapter DACH
SustainableIT.org
Kleine Kniffe
49
Digitale Transformation der Verwaltung
Warum die digitale Souveränität
Schleswig-Holsteins auch für Europa zählt
Verwaltungen, Unternehmen, Institutionen stehen vor einer gemeinsamen Herausforderung – und
zugleich einer großen Chance: die Souveränität Europas zu gestalten. Die digitalen Systeme,
die wir nutzen, sind kritische Infrastrukturen – sowohl für die öffentliche Verwaltung als auch
für die Wirtschaft. Öffentliche IT ist tief eingebettet in die täglichen Abläufe von Verwaltung,
Unternehmen und Gesellschaft.
Ein Beitrag von Dirk Schrödter,
Chef der Staatskanzlei und Digitalisierungsminister des Landes Schleswig-Holstein
Wenn wir die Kontrolle über unsere IT-Systeme verlieren,
riskieren wir, politische und administrative Handlungsfähigkeit
einzubüßen. Digitale Souveränität ist daher kein rein technisches
Thema – sie ist eine Frage der nationalen Sicherheit, der betrieblichen
Integrität und der demokratischen Legitimität.
Noch immer sind viele Regierungen und Unternehmen stark
von sogenannter proprietärer Software abhängig, die oft von nur
wenigen globalen Technologiekonzernen bereitgestellt wird. Diese
Abhängigkeit hat weitreichende Folgen. Ohne Zugang zum Quellcode
oder zu technischen Spezifikationen sind wir gezwungen, uns
den Produkten anzupassen – statt Produkte an unsere Bedürfnisse
anzupassen. Diese Intransparenz wirkt sich auch auf die Sicherheit
aus: Wir können mögliche Schwachstellen nicht prüfen, Risiken
nicht erkennen und Standards nicht verlässlich umsetzen. In vielen
Fällen lassen sich Datenabflüsse nicht verhindern, weil wir keine
Kontrolle über das Funktionsprinzip der Systeme haben.
Um unsere Souveränität zu sichern,
müssen wir diese Abhängigkeiten verringern.
Das bedeutet: eine vielfältige IT-Anbieterlandschaft fördern,
sodass kein einzelner Anbieter den Markt dominiert. Es bedeutet:
offene Standards einzusetzen, die Interoperabilität und fairen
Wettbewerb sicherstellen. Und vor allem bedeutet es, Open-Source-Technologien
als Fundament für Innovation, Sicherheit und
Unabhängigkeit zu nutzen.
Offene Software ermöglicht uns Einblick in deren Funktionsweise,
die Anpassung an unsere Bedürfnisse und die gemeinsame
Weiterentwicklung in einer vielfältigen Anbieterlandschaft. Durch
Transparenz erhöhen wir die IT-Sicherheit, durch Offenheit stärken
wir Innovationskraft und ökonomische Resilienz. Die Motivation ist
daher klar: Nur durch den konsequenten Einsatz von Open Source
können wir unsere digitale Zukunft souverän, sicher und wirtschaftlich
nachhaltig gestalten.
Etappen der Umsetzung
Wir dürfen jedoch nicht nur über digitale Souveränität in der
Theorie sprechen, wir müssen sie konkret angehen und umsetzen.
Das tun wir in Schleswig-Holstein mit der schrittweisen und ganzheitlichen
Einführung eines digital souveränen IT-Arbeitsplatzes für
sämtliche rund 30.000 Beschäftigte in der Landesverwaltung.
Die Mail-Umstellung von Microsoft-Exchange und Outlook zu
Open-Xchange und Thunderbird ist dabei ein absoluter Meilenstein
auf dem Weg. Dass ein ganzes Land diesen Schritt geht, ist revolutionär.
Mehr als 40.000 Postfächer mit insgesamt deutlich mehr als
110 Millionen Mails und Kalendereinträgen haben wir vollständig
migriert. Microsoft Office wird jetzt schrittweise von den Rechnern
deinstalliert. Bereits im vergangenen Jahr wurde Libre Office ausgerollt
und ist inzwischen die Standardbürosoftware. Mehr noch: Die
Open-Source-Lösung Nextcloud ersetzt Schritt für Schritt Microsoft
SharePoint als zentrale Plattform für Zusammenarbeit und wird
bereits in zahlreichen Verwaltungen aktiv genutzt. Auch im Bereich
der Videokonferenzen vertrauen wir von Anfang an auf Open
Source. Hier setzen wir auf die Lösung OpenTalk. Auch erproben
wir den Einsatz von Linux als Alternative zu Windows. Ich selbst
nehme an der Pilotphase mit einem eigenen Linux-Rechner teil.
50 Kleine Kniffe
Foto: Staatskanzlei.SH
Schließlich wollen wir unsere Telefonsysteme umstellen und
mit einer Open-Source-Lösung betreiben. All das sind die Bausteine
auf dem Weg in die digitale Souveränität unseres Landes mit mehr
Transparenz und Sicherheit für unsere Verwaltung.
Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt: Eine
solche Umstellung ist keine Kleinigkeit. Wir sind echte Pioniere.
Wir können nicht auf die Erfahrung anderer zurückgreifen – weltweit
gibt es kaum ein vergleichbares Projekt dieser Größenordnung.
Der große Dank gilt allen Mitarbeitenden. Ohne ihre Unterstützung
wäre diese Umstellung nicht möglich. Künftig können wir mit unseren
Erfahrungswerten von der Datenanalyse bis zum Monitoring im
Rechenzentrum anderen helfen und sie unterstützen, wenn sie sich
auf den Weg machen, den wir gerade als erste beschreiten.
Digitale Souveränität und Industriepolitik -
ein strategischer Ansatz
Der strategische Ansatz Schleswig-Holstein ist umfassend. Wir
bauen gezielt ein Open-Source-Ökosystem in Schleswig-Holstein
auf und vernetzen Start-ups, Mittelstand und Hochschulen sowie
Verwaltungen und gemeinnützige Einrichtungen wie Verbände und
Vereine. Damit tragen wir dazu bei, dass digitale Wertschöpfung
bei uns im Land und Schleswig-Holstein digitale Vorzeigeregion
bleibt. Wir setzen unser öffentliches Budget strategisch ein, indem
wir Programmieraufträge bei unserer heimischen Digitalwirtschaft
finanzieren, anstatt über immer teurer werdende Lizenzen den
weiteren Ausbau des Technologievorsprungs außereuropäischer
Anbieter zu bezahlen. Mit diesen Investitionen stärken wir zugleich
den Digitalstandort Deutschland.
Digitale Souveränität und Industriepolitik für unsere Digitalwirtschaft
sind zwei Seiten einer Medaille. All das haben wir in
unserer Open Innovation und Open Source Strategie verankert.
Open Source ist ein wirtschaftlich sinnvoller Ansatz und zugleich
ein Katalysator für Wachstum. Laut einer Studie der Europäischen
Kommission könnte ein jährlicher Anstieg der Open-Source-Beiträge
um nur 10 % mehr als 600 zusätzliche IKT-Startups schaffen
und das EU-BIP um bis zu 0,6 % erhöhen. Eine Harvard-Studie zeigt,
dass die Beschäftigung mit Open Source die Wettbewerbsfähigkeit
steigert.
Das beweist: Digitale Souveränität durch Open Source eröffnet
enormes wirtschaftliches Potenzial für Europa.
OSPO SH - klare Strategie, organisatorische
Struktur und starke Governance
Doch um das volle Potenzial von Open Source zu entfalten,
braucht es mehr als nur Technologie: Es braucht eine klare Strategie,
eine organisatorische Struktur und starke Governance. Hier
kommen die Open Source Program Offices (OSPOs) ins Spiel.
Ein OSPO ist das strategische Zentrum der Open-Source-Aktivitäten
einer Organisation. Es macht Open Source von einer
Hintergrundtechnologie zu einem Treiber von Innovation.
In Schleswig-Holstein haben wir mit OSPO SH ein eigenes Open
Source Program Office gestartet. Das OSPO SH als wichtige Koordinierungsstelle
in der Landesverwaltung steuert den strategischen
Kleine Kniffe
51
Foto: Staatskanzlei.SH
Einsatz, die Entwicklung und die Verwaltung von Open-Source-Software.
Der Blick über den Tellerrand SHs hinaus
In ganz Europa gründen immer mehr öffentliche Institutionen
und private Unternehmen OSPOs. Sie verwandeln Organisationen
von passiven Konsumenten in aktive Mitgestalter und Innovatoren.
Ein erfolgreiches OSPO vereint technisches, organisatorisches und
strategisches Wissen. Damit OSPOs ihre Rolle ausfüllen können,
müssen sie gut ausgestattet und fest in der Unternehmensführung
verankert sein.
Wenn wir die digitale Souveränität Europas stärken wollen,
müssen wir diese Initiativen miteinander vernetzen und in ein kohärentes,
kooperatives Ökosystem überführen.
Genau deshalb hatten wir zum Beispiel im September europäische
Akteure nach Brüssel in unser Hanse Office eingeladen, um
Ideen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und die Zukunft von
Open Source auf europäischer Ebene zu diskutieren. Gemeinsam
wollen wir die Rolle von OSPOs weiterentwickeln, nationale und
EU-weite Strategien aufeinander abstimmen sowie Best Practices und
fehlende Bausteine identifizieren.
Unser Ziel ist es, zu einem nachhaltigen europäischen OSPO-Ökosystem
beizutragen – einem, das Zusammenarbeit, Innovation und
Souveränität fördert.
Fazit
Europa hat das Talent, die Ideen und die Gemeinschaft, um bei der
digitalen Souveränität eine Führungsrolle einzunehmen – aber nur,
wenn wir Offenheit konsequent leben.
Autor
Dirk Schrödter,
Chef der Staatskanzlei und Digitalisierungsminister des
Landes Schleswig-Holstein
52 Kleine Kniffe
Procurement Plattform
Procurement-Pioneer.com
Eine neue auf den Einkauf spezialiserte Plattform
Procurement-Pioneer.com ist eine neue Procurement-Plattform, die sich auf die Kommunikation
von Inhalten rund um das Beschaffungswesen spezialisiert hat. In einer Zeit, in der sich die
Beschaffungslandschaft rasant verändert, bietet Procurement-Pioneer einen zentralen Anlaufpunkt für
alle Themen rund um modernes und zukunftsorientiertes Procurement. Das Portal ist die Antwort auf die
wachsenden Herausforderungen und Chancen im Einkauf und der Beschaffung. Sie bietet Einkaufsexperten
und Beschaffungsprofis einen zentralen Anlaufpunkt für aktuelle Informationen und Expertenwissen.
Täglich werden Artikel zu Themen wie Procurement-Strategie, Best Practices, Digitalisierung im Einkauf,
Nachhaltigkeit und HR-Management im Procurement veröffentlicht.
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erfahrenen Einkäufern und Branchenkennern liefert Ihnen
regelmäßig hochwertige Inhalte zu den Kernthemen:
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Einkaufsstrategie optimieren und an zukünftige Herausforderungen
anpassen können.
• Best Practices: Lernen Sie von den Besten der Branche und
entdecken Sie praxiserprobte Lösungen für Ihre täglichen
Herausforderungen.
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Laufenden über die neuesten technologischen Entwicklungen
und deren Anwendung im Einkauf.
• HR-Management im Procurement: Erhalten Sie wertvolle
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modernen Einkauf.
Bleiben Sie immer up-to-date über die neuesten Entwicklungen
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Köpfen der Branche. nutzen Sie konkrete Tipps und Anleitungen
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herzlich ein, sich für unseren Newsletter anzumelden. So erhalten
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Aber das ist noch nicht alles! Wir freuen uns, Sie auch in unserer
lebendigen LinkedIn-Gruppe begrüßen zu dürfen: https://www.
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meistern Herausforderungen und gestalten die Zukunft des Einkaufs.
Kleine Kniffe
53
Digitalisierung
Wie kann die Beschaffung dazu beitragen,
dass KI nachhaltig betrieben wird?
Die technischen Fortschritte auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz (KI) waren in den letzten
Jahren oft Thema in den Medien. Damit ist auch das Bewusstsein für den hohen Energiebedarf
einiger großer Modelle der generativen KI in den Fokus gerückt. Zwar beanspruchen
viele KI-Anwendungen deutlich weniger Energie und Ressourcen als die bekannten großen
Sprachmodelle wie GPT-5, doch auch hier gilt: Je mehr Trainingsdaten für bessere Ergebnisse
genutzt werden, desto höher der Energieverbrauch und der CO 2
-Fußabdruck.
Ein Bericht von Kay Langhammer
Dabei kann KI selbst zur ökologischen Nachhaltigkeit beitragen
und die Transformation zur Green Economy unterstützen. Viele
Beispiele dafür, wie kleine und mittlere Unternehmen mit Künstlicher
Intelligenz wirtschaftlicher sowie umweltfreundlicher arbeiten
können, liefert der Green-AI Hub Mittelstand. Er wurde 2022 vom
Bundesumweltministerium ins Leben gerufen. Über 20 Pilotprojekte
zeigen konkret, wie sich Materialien einsparen oder Ressourcen
effizienter nutzen lassen: So kann KI-Objekterkennung die Rückführung
von Produkten in den Kreislauf erleichtern, Lebensmittelabfälle
werden durch eine KI-optimierte Bedarfsprognose vermieden und
KI-Regelungen optimieren das Energiemanagement in Gebäuden.
Ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit gehen
auch hier Hand in Hand. So bedeutet eine höhere Energieeffizienz
auch niedrigere Stromkosten und ein geringerer Ressourcenverbrauch
weniger Ausbeutung in Rohstoffminen.
Guidelines for Green AI
Es stellt sich daher die Frage: Wie kann eine KI-Anwendung
möglichst ökologisch nachhaltig betrieben werden? Hilfestellungen
bieten die durch den Green-AI Hub in Zusammenarbeit mit
dem KI Bundesverband entwickelten Guidelines for Green AI. Sie
beschreiben einen Orientierungsrahmen, an dem sich vor allem
KI-Entwickler*innen orientieren können, um KI-Systeme so ökologisch
nachhaltig wie möglich zu gestalten und einzusetzen. Da die
Beschaffung ebenfalls einen großen Beitrag zur Nachhaltigkeit von
KI-Anwendungen leistet, werden auch dieser Zielgruppe konkrete
Werkzeuge an die Hand gegeben. Für die Beschaffung sind vor
allem zwei der acht Guidelines relevant, die im Folgenden vorgestellt
werden:
Guideline:
»Wähle die Hardware sorgfältig aus«
Die nachhaltigste Hardware ist oft die, die nicht beschafft werden
muss. Dementsprechend stellt die Guideline bei jeder Beschaffung
als erstes die Frage: Können wir nicht unsere bestehende Hardware
nutzen?
KI-Anwendungen laufen am effizientesten auf sogenannten
Rechenbeschleunigern wie GPUs oder FPGAs. Zudem werden
Beschleuniger entwickelt, die für spezielle KI-Anwendungen optimiert
sind. Ein Beispiel sind etwa die eigens für die KI-Bibliothek
TensorFlow konzipierten Tensor-Prozessoren von Google. Zwar
ist bei derartiger spezialisierter Hardware die höchste Effizienz und
Performance zu erwarten, allerdings geht dies zu Lasten der Flexibilität.
Einen Kompromiss zwischen Effizienz und Flexibilität bei
gleichzeitig hoher Skalierbarkeit und Wartungsfreundlichkeit stellt
die in den Guidelines empfohlene Verwendung modularer Hardwarestrukturen
dar.
Gegen die Verwendung bereits vorhandener Hardware kann
auch sprechen, dass neue Hardware tendenziell im Betrieb energieeffizienter
ist. Dadurch ist es möglich, dass die Beschaffung
neuer Hardware tatsächlich unter dem Strich geringere Umweltauswirkungen
mit sich ziehen kann. In die Betrachtung sollte auch
die Beschaffung wiederaufbereiteter Hardware (»refurbished«)
mit einbezogen werden: Diese Möglichkeit ist nicht nur ressourcen-schonender,
sondern oft auch besonders kostengünstig.
Es wird zudem empfohlen, einen möglichst hohen Anteil an
zertifizierter Hardware einzusetzen. Vertrauenswürdige Label sind
54 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
etwa der Blaue Engel und TCO. Diese werden nur vergeben, wenn
die Produkte energieeffizient, aber auch reparierbar, belastbar und
frei von toxischen Substanzen sind.
Guideline:
»Wähle und betreibe Rechenzentren mit
Verantwortung«
Für den Betrieb einer KI-Anwendung in einem Rechenzentrum
(RZ) stehen grundsätzlich zwei Optionen zur Verfügung: der Betrieb
eines eigenen RZ oder die Nutzung eines externen RZ.
Im Falle des externen RZ empfiehlt die Guideline Zertifizierungen
(z. B. Blauer Engel, DGNB), welche energieeffiziente und
ressourcenschonende RZ auszeichnen. Eine weitere Entscheidungshilfe
stellen Umweltkennzahlen dar, wie sie von der Normenreihe
DIN EN 50600-4 vorgesehen sind. Es sind dabei RZ zu bevorzugen,
welche einen möglichst hohen Anteil an erneuerbarem Strom beziehen
und dies durch PPAs oder Herkunftsnachweise gem. § 42 EnWG
belegen können. Wichtig hierbei: Häufig wird auch Atomkraft als
nachhaltige Energiequelle eingestuft, obwohl sie mit immensen
negativen Umweltauswirkungen verbun-den ist.
Im Falle eines eigenen RZ gelten weiterhin die Empfehlungen
zur Hardwareauswahl. Es gilt in diesem Fall zudem, nicht überdimensioniert
zu planen, denn eine schlechte Auslastung führt zu einer
niedrigen Energieeffizienz und zu vermeidbaren CO2-Emissionen.
Ab 100 kW Anschlussleistung wird auch das Thema Abwärme
relevant: Diese sollte konsequent weitergenutzt werden. Falls
es keine Anwendung im eigenen Betrieb gibt, kann sie externen
Abnehmern angeboten werden.
Wenn das RZ nach ökologischen Kriterien geplant wird, bietet
es sich an, dies auch leicht verständlich nach außen und innen zu
zeigen, indem man es mit dem Blauen Engel oder durch die DGNB
zertifizieren lässt.
Fazit
Die Beschaffung spielt für die ökologische Nachhaltigkeit eine
bedeutende Rolle: Hier werden Entscheidungen getroffen, die einen
langfristigen Einfluss auf die ökologische, soziale und ökonomische
Nachhaltigkeit der KI-Anwendungen haben. Die Guidelines for
Green AI geben dafür praxisrelevante Empfehlungen und Werkzeuge
an die Hand.
Weitere Details mit Verweisen auf Werkzeuge, Normen und
wissenschaftliche Literatur finden sie unter https://www.green-aihub.de/ki-fuer-ressourceneffizienz/guidelines-for-green-ai
Autor
Kay Langhammer
Wuppertal Institut fuer Klima,
Umwelt, Energie gGmbH
Abteilung Kreislaufwirtschaft
Kleine Kniffe
55
Digitalisierung
KI in der Beschaffung und
Nachhaltigkeit bei der öffentlichen Verwaltung
Die öffentliche Verwaltung in Deutschland steht unter wachsendem Druck: steigende Anforderungen,
Fachkräftemangel und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele erfordern neue Lösungen. Mit einem
heutigen Beschaffungsvolumen besitzt der Staat eine enorme Marktmacht – und damit Verantwortung.
Künstliche Intelligenz (KI) bietet hier transformative Potenziale, insbesondere in der Beschaffung
und Nachhaltigkeitssteuerung. Die aktuelle Trends, Herausforderungen und heutige Lösungsansätze
bringen interessante Perspektiven für die Zukunft.
Ein Beitrag von Reiner Petzold
Aktuelle Trends
Automatisierung der
Ausschreibungsvorbereitung
KI-gestützte Tools wie GovRadar unterstützen bereits heute über
400 Kommunen in NRW bei der Erstellung von Ausschreibungsunterlagen
– von der Bedarfsermittlung bis zur Wertungsmatrix. Dies
spart Zeit und reduziert Fehlerquellen.
Generative KI für Text- und
Datenverarbeitung
Laut einer McKinsey-Studie können durch den Einsatz von generativer
KI bis zu 70 % der Verwaltungszeit bei Routineaufgaben
eingespart werden. Dazu zählen etwa die Erstellung von Berichten,
die Analyse von Angeboten oder die Beantwortung von Bürgeranfragen.
Nachhaltigkeitsbewertung durch KI
KI-Systeme ermöglichen die automatisierte Bewertung von
Umweltlabels, CO₂-Bilanzen und Lebenszykluskosten. So können
Angebote nicht nur nach Preis, sondern auch nach ökologischer und
sozialer Wirkung verglichen werden.
Herausforderungen
Datenqualität und Schnittstellen
Viele Verwaltungen arbeiten mit veralteten IT-Systemen. KI
benötigt strukturierte, aktuelle Daten – doch diese sind oft nicht
vorhanden oder nicht kompatibel.
Rechtliche Unsicherheiten
Die Integration von KI in Vergabeverfahren wirft Fragen zur
Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Rechtskonformität auf. Die
Vergaberechtsreform 2024 bietet erste Ansätze, bleibt aber in der
Praxis oft unklar.
Akzeptanz und Kompetenzmangel
Nur wenige Mitarbeitende sind mit KI vertraut. Schulungen
und Change-Management fehlen vielerorts, was die Einführung
erschwert.
Ethik und Kontrolle
KI darf keine diskriminierenden oder intransparente Entscheidungen
treffen. Die öffentliche Verwaltung muss sicherstellen, dass
Algorithmen nachvollziehbar und fair agieren.
Lösungsansätze heute
Pilotprojekte und Leuchttürme
Viele Kommunen starten Proof-of-Concepts (PoCs), um KI in
begrenzten Bereichen zu testen. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass
bereits einfache Anwendungen wie die automatische Erstellung von
Leistungsbeschreibungen spürbare Entlastung bringen.
Zentrale Plattformen und Standards
Bund und Länder arbeiten an interoperablen E-Vergabeplattformen
mit KI-Modulen. Ziel ist eine einheitliche Datenbasis und
transparente Prozesse über Verwaltungsebenen hinweg.
56 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Schulungen und Kompetenzzentren
Initiativen wie das Kompetenzzentrum Öffentliche IT oder
KOINNO bieten Fortbildungen und Leitfäden für den KI-Einsatz.
Dies fördert Akzeptanz und befähigt Mitarbeitende zur aktiven Mitgestaltung.
Nachhaltigkeitsintegration durch KI
KI kann Umweltwirkungen von Produkten analysieren, Lieferketten
bewerten und CO₂-Fußabdrücke berechnen. So wird
Nachhaltigkeit messbar und steuerbar – auch bei komplexen Vergaben.
Perspektiven für die Zukunft
Vorausschauende Bedarfsplanung
KI kann historische Daten analysieren und zukünftige Bedarfe
prognostizieren. Dies ermöglicht strategische Beschaffung mit
Fokus auf Ressourcenschonung und Effizienz.
Skalierung und europäische Kooperation
Deutschland kann von Vorreitern wie Dänemark oder
Großbritannien lernen, die bereits Exzellenzcluster für KI in der
Verwaltung aufgebaut haben. Eine europäische Harmonisierung
könnte Standards setzen und Innovationen beschleunigen.Seit dem
Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts 2021 und dem Koalitionsvertrag
„Mehr Fortschritt wagen“ wird Nachhaltigkeit verstärkt
als strategisches Ziel in der öffentlichen Beschaffung verankert.
Fazit:
Lösungen und Zukunftsperspektiven – KI als
Treiber nachhaltiger Beschaffung
Die Potenziale von KI sind enorm – doch ihre Wirkung entfaltet
sich nur bei gezielter und verantwortungsvoller Anwendung.
Die Zukunft der öffentlichen Beschaffung liegt in der intelligenten
Verbindung von Technologie, Nachhaltigkeit und Governance.
KI als Nachhaltigkeitsmonitor
Zukünftig könnten KI-Systeme kontinuierlich die Nachhaltigkeitsleistung
von Lieferanten überwachen – etwa durch
Echtzeitdaten zu Energieverbrauch, Recyclingquoten oder
Sozialstandards.
Autor
Reiner Petzold
Ethik-by-Design und Governance
Die Entwicklung von KI in der Verwaltung muss ethischen
Prinzipien folgen. Transparenz, Fairness und Kontrolle müssen von
Anfang an mitgedacht und gesetzlich verankert werden.
Advisory Board Swiss CxO Forum
Council Harvard Business Review
Dozent UniBasel, FHNW, HWZ
CDO, swissICT Fachgruppe DTI
Kleine Kniffe
57
Digitalisierung des Einkaufs
Wie TCO Certified
die nachhaltige IT-Beschaffung praxistauglich macht
Die Beschaffung von IT-Hardware steht im Spannungsfeld zwischen Budget, Leistung und der immer
dringlicher werdenden Nachhaltigkeitsagenda. Doch wie findet man als Einkäufer/in verlässliche
Produkte, die soziale und ökologische Kriterien entlang der gesamten Lieferkette erfüllen? Eine
etablierte Antwort ist TCO Certified, die globale Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte. Wir
haben mit Martin Eichenseder, DACH-Vertreter von TCO Certified, gesprochen, um zu erfahren, wie
Einkaufsabteilungen dieses Werkzeug optimal für sich nutzen können.
Das Interview führte Thomas Heine
TCO Certified ist für viele Einkäufer ein bekannter
Begriff. Was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Irrglaube,
den es darüber gibt?
Der größte Irrglaube ist, dass es sich um eine reine Produktzertifizierung
mit Schwerpunkt auf Energieeffizienz handelt.
In Wirklichkeit ist TCO Certified ein umfassendes System, das die
gesamte Lieferkette in den Blick nimmt. Jedes zertifizierte Produkt
muss ausnahmslos alle Kriterien in den vier Schlüsselbereichen
Klima, Stoffe, Kreislaufwirtschaft und Lieferkette erfüllen. Es gibt
keine Wahlmöglichkeiten für die Marken. Und entscheidend ist: Die
Einhaltung wird nicht nur einmalig, sondern während der gesamten
Gültigkeitsdauer des Zertifikats von unabhängigen, akkreditierten
Prüforganisationen überwacht. Das ist kein reines Selbstauskunftssystem
der Hersteller.
Das klingt nach einem sehr hohen Aufwand. Warum
sollten sich Einkäufer/innen dieser Komplexität überhaupt
stellen? Was ist der konkrete Nutzen für mein Unternehmen
oder meine Behörde?
Ganz einfach: Risikominimierung und Effizienz. Stellen Sie sich
vor, Sie müssten selbst die Fabriken in Asien auditen, die Chemikalien
in den Produkten bewerten oder die Reparierbarkeit prüfen. Das
ist weder praktikabel noch wirtschaftlich. Wir erledigen diese Arbeit
für Sie. Indem Sie TCO Certified in Ihre Ausschreibungen aufnehmen,
lagern Sie diese komplexen Due-Diligence-Prüfungen an uns
aus. Sie erhalten eine unabhängige Verifizierung, dass Sie Produkte
beschaffen, die strenge soziale und ökologische Mindeststandards
erfüllen. Das schützt Sie vor Reputationsrisiken, erleichtert die
Einhaltung von Compliance-Vorgaben, z.B. des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes,
und spart Ihnen immense eigene Ressourcen.
Wie kann ich TCO Certified konkret in meinen Beschaffungsprozess
integrieren? Ist das nicht sehr kompliziert?
Im Gegenteil, der erste Schritt ist extrem einfach. Sie müssen
kein Nachhaltigkeitsexperte werden. In den allermeisten Fällen
reicht es aus, in Ihre technischen Spezifikationen einen klaren Satz
aufzunehmen: ‘Die Produkte sind nach TCO Certified zertifiziert.’
Als Nachweis fordern Sie, dass die Produkte zum Zeitpunkt der
Lieferung und während des gesamten Vertrags im ‘Product Finder’
auf tcocertified.com als aktiv zertifiziert gelistet sind. Dieses Tool
ist Ihr zentraler Kontrollmechanismus. So stellen Sie sicher, dass Sie
auch tatsächlich zertifizierte Ware erhalten und nicht nur ein Modell,
das einmal zertifiziert war.
Und was ist mit Produkten, die noch nicht zertifiziert
sind, oder in Szenarien, in denen ich etwas flexibler sein
muss?
Hier bieten wir maßgeschneiderte Lösungen. Sie können TCO
Certified als freiwilliges Kriterium mit Zusatzpunkten in der Wertung
verankern. Oder Sie formulieren: ‘Die Produkte müssen nach
58 Kleine Kniffe
Foto: Martin Eichenseder,
TCO Certified oder gleichwertig zertifiziert sein.’ Wobei ‘gleichwertig’
einen anspruchsvollen, unabhängigen Nachweis erfordert.
Wenn Sie Produkte beschaffen wollen, die es noch nicht zertifiziert
gibt, empfehlen wir, Ihre Lieferanten mindestens sechs Monate vor
der Ausschreibung über Ihre Absicht zu informieren. So haben die
Marken Zeit, ihre Produkte zertifizieren zu lassen. Sie nutzen so
Ihre Marktmacht, um aktiv nachhaltigere Produkte auf den Markt
zu bringen.
Die Kriterien sind sehr vielfältig. Können Sie ein oder
zwei Beispiele nennen, die besonders praxisrelevant für
Einkäufer sind?
Sehr gerne. Zwei Beispiele, die unmittelbar den Total Cost of
Ownership (TCO) positiv beeinflussen, sind die unterstützte Produktlebensdauer
von mindestens fünf Jahren und die Reparierbarkeit.
Die Marke muss Garantie und kostenlose Sicherheitsupdates für fünf
Jahre bieten. In Kombination mit Kriterien zur Haltbarkeit und zur
austauschbaren Batterie bedeutet das: Sie können die Geräte länger
nutzen, senken die jährlichen Gesamtkosten und reduzieren Elektroschrott.
Das ist ein direkter finanzieller und ökologischer Hebel. Ein
weiteres starkes Kriterium ist die Transparenz der Lieferkette, die
die Einhaltung von Arbeitsrechten in den Fabriken sicherstellt – ein
zentrales Thema in der heutigen Zeit.
Zum Abschluss: Welche konkreten nächsten Schritte
empfehlen Sie einem Einkaufsteam, das starten möchte?
Drei einfache Schritte:
1. Machen Sie eine Bestandsaufnahme: Nutzen Sie den kostenlosen
Product Finder auf unserer Website. Geben Sie ein, welche
IT-Marken und Modelle Sie aktuell nutzen. Sie werden überrascht
sein, wie viele bereits zertifiziert sind. Das stärkt Ihre
Argumentation intern.
2. Starten Sie den Dialog: Sprechen Sie mit Ihren wichtigsten
IT-Lieferanten über TCO Certified. Fragen Sie nach ihrem
zertifizierten Portfolio und teilen Sie Ihre zukünftigen Pläne mit.
3. Passen Sie Ihre Vorlagen an: Integrieren Sie die empfohlene
Standard-Formulierung in Ihre Ausschreibungsvorlagen für
IT-Hardware.
Auf unserer Website finden Sie dazu den ‘Leitfaden für Einkäufer’
mit einer praktischen Checkliste, die Sie Schritt für Schritt begleitet.
Der Wechsel zu einer nachhaltigeren IT-Beschaffung ist ein Prozess,
aber mit TCO Certified müssen Sie das Rad nicht neu erfinden.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
59
Digitalisierung
Der Servicestandard -
Ein Erfolgsrezept für die digitale Verwaltung
Im Interview spricht Christina Lang, Gründerin und CEO des DigitalService, über fünf Jahre
digitale Verwaltungsmodernisierung. Sie zeigt, wie ihr Team mit Start-up-Spirit, Open-Source-
Prinzipien und partnerschaftlicher Zusammenarbeit nutzerfreundliche Lösungen entwickelt, und
erklärt, warum der Servicestandard für Bund, Länder und Kommunen das Rezept für erfolgreiche
Digitalisierung ist.
Das Interview führte Thomas Heine
Der DigitalService des Bundes feiert seinen fünften
Geburtstag. Was machen Sie und Ihr Team konkret?
Wir entwickeln im Auftrag der Bundesverwaltung nutzerfreundliche
digitale Lösungen und unterstützen die Verwaltung, moderne
agile Arbeitsweisen zu etablieren. Dabei verbinden wir das
Beste aus beiden Welten: Wir bringen das Know-how für die Digitalisierung
mit und kennen gleichzeitig die Besonderheiten der
Verwaltung.
Viele unserer über 200 Mitarbeitenden stammen aus der Digitalbranche
und aus führenden Tech-Unternehmen. Unsere Kultur
gleicht eher einem Start-up: Wir arbeiten in interdisziplinären Projektteams,
nutzen moderne Produktentwicklungsprinzipien und
stellen die Nutzenden in den Mittelpunkt. Was uns dabei besonders
wichtig ist: Wir arbeiten eng und auf Augenhöhe mit unseren Projektpartnerinnen
und Projektpartnern zusammen.
Als Bundes-GmbH wirken wir dabei stets im Interesse des
Gemeinwohls und orientieren uns nicht an Gewinnmaximierung.
Auch deshalb sind wir ein vertrauenswürdiger interner Digitalisierungspartner
für die Verwaltung. So entwickeln wir beispielsweise
alle unsere Software-Projekte mit Open-Source-Lizenzen.
Weil sie mit öffentlichen Geldern erarbeitet wurden, sollen auch die
Ergebnisse öffentlich zur Verfügung stehen. Wir ermöglichen Nachnutzung
und bauen, wo immer möglich, auf Vorarbeiten anderer
auf. Außerdem teilen wir Wissen, Konzepte und Erfahrungen offen.
Wie sehen die Projekte aus, die Sie umsetzen?
Ein Beispiel: Gemeinsam mit dem Bundesministerium der Justiz
und für Verbraucherschutz entwickeln und betreiben wir digitale
Angebote, die den Zugang zum Recht für Bürgerinnen und Bürger
verbessert. Wir ermöglichen es, Anträge wie Beratungshilfe oder
Prozesskostenhilfe digital bei Amtsgerichten einzureichen. Diese
Projekte sind eine föderale Kooperation zwischen dem Bund, zehn
Partnerländern und 24 Pilotgerichten. Unser Anspruch ist die bundeseinheitliche
Entwicklung dieser Dienste. Dazu müssen wir von
Anfang an die Breite der Gerichtslandschaft in die Entwicklung einbeziehen.
Ein ganz anderes Beispiel ist der Digitalcheck für digitaltaugliche
Gesetzgebung. Hier arbeiten wir mit dem Bundesministerium für
Digitales und Staatsmodernisierung daran, dass unsere Gesetzgebung
fit für das digitale Zeitalter wird. Dafür geben wir Mitarbeitenden
der Verwaltung neue Werkzeuge an die Hand, zum Beispiel, um
umsetzende Behörden besser einzubinden. Auch hier arbeiten wir
eng mit den Bundesländern, tauschen Erfahrungen aus und bieten
Unterstützung an.
In Kommunen sind finanzielle und personelle
Ressourcen ein großes Thema. Welche Rolle kann die
Digitalisierung hier spielen?
Mit Blick auf die personellen Ressourcen bietet Digitalisierung
perspektivisch die große Chance, dass Mitarbeitende von repetitiven,
automatisierbaren Aufgaben entlastet werden und ihre Zeit für die
wirklich wichtigen Aufgaben nutzen können oder dass Bürgerinnen
und Bürger von deutlich besseren und schnelleren digitalen
Services profitieren. Gleichzeitig darf man nicht die Augen davor
60 Kleine Kniffe
Foto: DigitalService
verschließen, dass die Umsetzung von Digitalisierungsprojekten
und die Implementierung vor Ort erst einmal kundiges Personal
erfordern.
Die Herausforderungen bei den finanziellen Ressourcen in den
Kommunen sind und dabei sehr bewusst. Ein wichtiger Effizienzhebel
wäre eine Bündelung der Bereitstellung von digitalen Lösungen
für Kommunen auf gemeinsam nutzbaren Infrastrukturen. Aber es
gilt auch, stärker auf standardisierte, offene Schnittstellen bei der
Entwicklung von IT-Lösungen und Fachverfahren unterschiedlicher
Software-Anbieter hinzuwirken. Das macht die IT-Systeme kompatibler
und ermöglicht günstige Nachnutzung.
Welche konkreten Vorteile bringen Standardisierungen
in diesem Kontext?
Gut gemachte technische und fachliche Standards setzen den
Rahmen für die Interoperabilität von IT-Lösungen. Gleichzeitig
reduzieren sie den individuellen Aufwand in Digitalisierungsvorhaben
und sichern eine einheitlich hohe Qualität. Wichtig ist uns, dass
Standards so entwickelt werden, dass sie gut für die Praxis funktionieren.
Das heißt widerspruchsfrei, verständlich und verbindlich.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Servicestandard, der Maßstäbe für
die Qualität digitaler Angebote der Verwaltung setzt.
Was genau ist der Servicestandard und
an wen richtet er sich?
Der Servicestandard bietet klare, überprüfbare Qualitätsanforderungen
und praxisnahe Unterstützung für digitale
Verwaltungsdienste. Damit ist der Servicestandard ein wirksames
und hilfreiches Werkzeug, um schnell und effizient gute Verwaltungsdienste
zu entwickeln und zu betreiben. Er ist wie ein gutes
Kochrezept für alle, die in Bund, Ländern und Kommunen an digitalen
Services arbeiten.
Sie entwickeln den Servicestandard gemeinsam mit
dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung
weiter. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Wir sind im Sommer 2024 gestartet, damals noch mit dem
Bundesministerium des Innern (BMI). Wir haben zunächst rund 60
Interviews mit Expertinnen und Experten aus Bund, Ländern, Kommunen,
Wirtschaft und und Zivilgesellschaft geführt. Ein Wunsch,
der sich dabei herausstellte: Orientierung ist gut, Vorgaben sind
besser!
Daher haben wir gemeinsam mit dem BMI, dem Deutschen
Institut für Normung (DIN) und einem breiten Konsortium aus
Weitere Informationen
Sie möchten mehr über den DigitalService des Bundes
erfahren? Die Webseite bieten einen Einlbick.
Die Expertinnen und Experten aus Software-Entwicklung,
Produktmanagement, Transformation sowie Design
& User Research arbeiten Hand in Hand mit ihren
Projektpartner:innen daran, Verwaltungsangebote gut zu
digitalisieren.
Kleine Kniffe
61
Foto: DigitalService
Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die DIN SPEC 66336
(Servicestandard) entwickelt. Nach nur drei Monaten konzentrierter
Arbeit wurde sie im März 2025 veröffentlicht. Sie konkretisiert in
13 Kapiteln die Qualitätskriterien des Servicestandards mit Muss-,
Sollte- und Kann-Vorgaben. Im Juni haben wir die Webseite servicestandard.gov.de
gelauncht, um die Anforderungen der DIN
SPEC 66336 verständlich und praxisnah aufzubereiten. Die Webseite
wird kontinuierlich erweitert und dient für alle, die mit dem
Servicestandard arbeiten, als erste und wichtigste Anlaufstelle.
Aktuell sind wir mit Ländern und Kommunen in Gesprächen, um
den Servicestandard in konkreten Pilotprojekten zu verproben. Die
Erfahrungen, die wir dort sammeln, fließen dann wieder in die
Weiterentwicklung der Angebote.
Welche Vorteile bietet der Servicestandard Verwaltungsmitarbeitenden,
die sich mit Beschaffung und
Vergabe befassen?
Insbesondere die DIN SPEC 66336 vereinfacht die Zusammenarbeit
mit externen Dienstleistern, da sie einheitliche und
überprüfbare Anforderungen für Online-Services und -Portale der
Verwaltung definiert und bereits eine Vielzahl an rechtlich relevanten
Vorgaben und EU-Richtlinien beinhaltet. Da die Anforderungen
feststehen, entfallen langwierige Verhandlungen. Einheitliche
Qualitätsstandards, wie der Servicestandard, fördern zudem die
Wiederverwendung bestehender Lösungen und verbessern die
Interoperabilität. Und mit der klareren Orientierung sinkt das Risiko
von Fehlinvestitionen.
Wichtig ist aber auch: Der Servicestandard ist mehr als nur diese
Norm. Seine 13 Kriterien fordern und fördern eine ganzheitliche
Sicht auf digitale Services – von der Nutzendenforschung über
Barrierefreiheit oder Datensicherheit bis hin zur Verbesserung
von rechtlichen Regelungen. Damit die Verantwortlichen diese
Kriterien in ihrer Arbeit wirklich anwenden können, braucht es
konkrete Anleitungen, Praxisbeispiele und weitere Handreichungen.
Daran arbeiten wir derzeit.
Und wo stehen Sie aktuell beim Servicestandard?
Am 1. Oktober 2025 ist die Standardverordnung Onlinezugang
(OZ-SV) in Kraft getreten. Das ist eine gute Nachricht, denn damit
gelten für digitale Verwaltungsservices verbindliche Qualitätsanforderungen
nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik
mit Verweis auf die DIN SPEC 66336 zum Servicestandard. Damit
der Servicestandard in der Breite angewendet wird und seine
volle Wirksamkeit entfalten kann, braucht es aber vor allem eins:
Effektive und praxisorientierte Unterstützung – und genau das
bietet servicestandard.gov.de. Seit Projektstart haben wir mit weit
über 100 Expertinnen und Experten zusammengearbeitet – aus allen
Bereichen und Hierarchieebenen der Verwaltung, aber auch aus der
Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Das betrifft
die Erarbeitung der DIN SPEC 66336, genauso wie die Konzeption
von servicestandard.gov.de. Die gemeinsame Arbeit All dies sind
wunderbare Beispiele dafür, wie sinnstiftend die Arbeit in der Verwaltung
ist. Wir spüren in diesen Formaten: Wir gestalten die
Zukunft unseres Staates – durch ein gemeinsames Ziel und durch
Kollaboration auf Augenhöhe. Das schafft mutige Ergebnisse, mit
denen wir richtig zufrieden sein können.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
62 Kleine Kniffe
Lösungen von Start-ups
Vom Ausschreibungsdschungel zur Auftragsklarheit:
Wie macht man KMU fit macht für Ausschreibungen – und bringt der öffentlichen Hand neue Partner
Ein Montagmorgen in Ostwestfalen. Der Geschäftsführer eines mittelständischen Modulbauunternehmens
überfliegt seine Mails. “Neue Ausschreibung – Krankenhausanbau in Hessen – Submission
in 9 Tagen.” Klingt passend. Aber: wieder 43 Seiten Vergabeunterlagen. Wieder unklare Formulierungen.
Wieder Unsicherheit, ob man die Unterlagen überhaupt vollständig einreichen kann.
Ein Bericht von Lars Lammers
Diese Realität kennen viele KMU. Und sie führt dazu, dass tausende
potenziell passende Anbieter nicht teilnehmen – obwohl die
öffentliche Hand genau solche Anbieter sucht. Genau hier setzt TenderFlow
an. Das Paderborner Startup hat eine Plattform entwickelt,
die öffentliche Ausschreibungen endlich zugänglich macht. Automatisiert,
verständlich – und ohne eigenes Vertriebsteam.
„TenderFlow funktioniert wie eine Shopping-App für Ausschreibungen:
Profil anlegen, Kriterien eingeben, passende Aufträge
bekommen – ohne Amtsdeutsch, ohne Vergabestress“, sagt Lars
Lammers, Gründer von TenderFlow.
Für die öffentliche Hand bedeutet das: mehr Auswahl, mehr
Innovation, mehr Nachhaltigkeit.
Klingt gut – aber funktioniert es auch?
Markus Hartmann, Geschäftsführer bei HARTMANN
TRESORE, kann es beantworten: „Wir haben mit TenderFlow in
zwei Wochen vier passende Ausschreibungen erhalten – und direkt
Angebote abgegeben. Die Software hat uns nicht nur Arbeit, sondern
auch Unsicherheit abgenommen.“
Auch ADK Modulraum GmbH, Klosebrothers oder Novomind
nutzen die Plattform bereits – und bringen so ihre spezialisierten
Angebote schneller in öffentliche Prozesse ein. Das hilft nicht nur
den Unternehmen, sondern auch der öffentlichen Hand: Die Zahl
der qualifizierten Bewerber steigt – ohne mehr Ausschreibungsaufwand.
• KMU mit ESG-Qualifikationen werden systematisch berücksichtigt
• Innovative Lösungen kommen nicht nur von Konzernen –
sondern aus dem Mittelstand
TenderFlow denkt die Vergabe neu – aus Sicht der Praxis, mit
der Intelligenz von KI und dem Ziel, öffentliche Mittel gezielt, fair
und wirkungsvoll einzusetzen.
Die Vision ist klar:
Ein europäisches, mehrsprachiges Vergabesystem, das KMU
stärkt, Verwaltung entlastet – und nachhaltige, resiliente Beschaffung
fördert. Denn was heute noch wie ein Technologieprojekt
klingt, ist in Wahrheit ein Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer
Wirtschaft – und unserer Verwaltung.
Exklusives Angebot für Leser:innen dieses
Magazins
Leser:innen des „Magazins für nachhaltige Beschaffung“ erhalten
exklusiv und nur für die nächsten 30 Tage 10 % Rabatt auf
TenderFlow – und damit direkten Zugang zum offiziellen Launch
im November. Einfach bei der Registrierung den Code Nachhaltige-
Beschaffung25 eingeben – und als erste:r vom neuen Standard der
smarten Ausschreibungsakquise profitieren.
Gerade im Kontext nachhaltiger Beschaffung
ist das entscheidend:
• Regionale Anbieter werden durch smarte Filter schneller
gefunden
Autor
Lars Lammers
CEO und Co-Founder
TenderFlow
http://www.tenderflow.ai/
Kleine Kniffe
63
Digitale Souveränität und Cloud Nutzung
Cloud – während wir diskutieren,
nimmt die Cloud-Nutzung immer weiter zu
Noch immer ist der Wissensstand über „Cloud“ stark heterogen und von einigen Vorbehalten
geprägt. Risiken stehen im Vordergrund, Chancen werden noch zu wenig betrachtet. Dabei ist
„Cloud“ mehr als eine Technologie oder ein anderes, großes leistungsfähiges Rechenzentrum.
Ein Beitrag von Harald Joos
Die Nutzung der „Cloud“ geht mit Veränderungen einher:
Änderungen im Rechenzentrumsbetrieb, beim Betriebsmodell,
bei der Softwareentwicklung, der Abrechnung, den Fachabteilungen,
bei den klassischen Geschäftsmodellen und vielem mehr. Die
Cloud-Nutzung wird zu Veränderungen führen, damit steigt die
„gefühlte“ Unsicherheit.
Gleichzeitig wissen wir, dass wir uns verändern müssen, denn
Anforderungen und Herausforderungen nehmen stetig zu und
können mit den Lösungen der Vergangenheit nicht mehr bewältigt
werden. Rund ein Drittel der Beschäftigten wird bis Ende
dieses Jahrzehnts altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden,
Anforderungen an Informationssicherheit und Compliance steigen,
Cyberangriffe nehmen zu, Schwachstellen müssen immer
schneller gepatcht werden, der technologische Wandel gewinnt
weiter an Geschwindigkeit, Fachpersonal fehlt. Wichtig ist es
weniger Schwarz-Weiß-Diskussionen zu führen, sondern sich mit
den Vor- und Nachteilen der Cloudnutzung aus unterschiedlichen
Blickwinkeln auseinanderzusetzen, um dann unter Berücksichtigung
der jeweiligen Rahmenbedingung die Entscheidung zu treffen, die
am besten passt und diese gut zu erklären und zu kommunizieren.
Die „Cloud“ als Fundament und Plattform ist Enabler und einer der
wesentlichen Treiber bei der Digitalisierung.
Einfache Bezugswege für Cloud-Angebote bilden bei der
Cloud-Nutzung eine wichtige Voraussetzung. Im Jahr 2024 wurden
mehrere große „Cloud-Broker-Ausschreibungen“ in der Öffentlichen
Verwaltung durchgeführt. Ziel dieser Ausschreibungen war es
nicht einzelne Cloud-Anbieter und deren Lösungen auszuschreiben,
sondern mehrere Anbieter nutzen zu können. Insbesondere sollten
neben den US-Angeboten auch deutsche und europäische Angebote
vertreten sein. Mit der gemeinsamen Cloud-Broker-Ausschreibung
der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung
und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung können nun
in der Sozialversicherung die Angebote der deutschen Cloud-Anbieter
STACKIT und IONOS, des französischen Cloud-Anbieters
OVH und des polnischen Cloud-Anbieters CloudFerro neben den
US-Angeboten genutzt werden.
Dies ist wichtig, um eine zu starke Abhängigkeit von
US-Anbietern zu reduzieren, denn der Marktanteil der drei US-Hyperscaler
beträgt rund zwei Drittel des Weltmarkts. Eine Vielzahl
von SaaS-Lösungen (Software as a Service) laufen zurzeit vorrangig
auf den Plattformen der US-Hyperscaler. Dank der hohen Umsätze
und Erlöse können diese immer mehr in neue Lösungen investieren
als auch milliardenschwere Akquisitionen tätigen. Durch die Vielzahl
der innovativen Lösungen kommen die Kunden auf der einen
Seite schneller voran, auf der anderen Seite binden die Kunden sich
gleichzeitig stark an ein Ökosystem, einen Hersteller. Abhängigkeiten
und Risiken eines Vendor-Lock-ins nehmen zu.
Hinzu kommen (geo-)politische Rahmenbedingungen, die
zunehmend an Bedeutung gewinnen. Können unsere Daten bei
einem US-Anbieter ausreichend vor einem fremden Zugriff, z.B.
durch die US-Regierung, geschützt werden? Digitale Souveränität,
DSGVO, EU-Angemessenheitsbeschluss, CLOUD-Act, FISA 702,
Konzernstrukturen, Executive Order sind dabei einige der Begriffe,
denen man in diesem Kontext häufig begegnet. Es würde den
Rahmen sprengen, an dieser Stelle ausführlich darauf einzugehen.
64 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Festzuhalten bleibt: Die Nutzung der Public-Cloud Angebote der
US-Hyperscaler ist mit Risiken verbunden, die es zu bewerten gilt.
Die US-Firmen haben dies erkannt und reagieren darauf mit „souveränen“
Angeboten, wie der „AWS European Sovereign Cloud“, der
„Google Distributed Cloud“ und der „Delos Cloud - für die Lösungen
der Firma Microsoft“. Damit sollen einige der Risiken der Public
Cloud mitigiert werden.
Der starke Fokus auf die US-Angebote verstellt mitunter etwas
den Blick darauf, dass es bereits heute eine Vielzahl leistungsfähiger
Cloud-Angebote aus Deutschland und Europa gibt. KI-Angebote
kommen hinzu. Cloud in Verbindung mit KI, vorrangig die KI-Modelle,
die als open source Lösung zur Verfügung stehen, bietet
Chancen für die europäischen Anbieter im Wettbewerb mit den
großen US-Anbietern. Obligatorisch sollte im Rahmen einer
Cloud-Nutzungstrategie auch mindestens ein deutsches,europäisches
Angebot vertreten sein.
Der Markt ist groß genug für mehrere Angebote. Es liegt an uns,
die deutschen und europäischen Alternativen bereits heute mehr zu
nutzen. Wichtig für Europa ist es, dass wir über marktstarke Alternativen
verfügen. Dazu bedarf es eines sichtbaren Marktanteils. Auch
die US-amerikanischen Angebote werden weiter genutzt werden.
Wir sollten sie nutzen können, aber nicht in eine Situation kommen,
in der wir sie nutzen müssen. Um für den jeweiligen Use Case die
beste Lösung anzuwenden, sollten mehrere „Clouds“ genutzt werden
können, in und außerhalb des eigenen Rechenzentrums, es bedarf
einer Multi-Cloud-Strategie. Deutsche und Europäische Angebote
sollten dabei fester Bestandteil einer Multi-Cloud-Strategie sein.
Der Autor
Harald Joos ist seit April 2023 „Cloud Beauftragter der Deutschen
Rentenversicherung Bund“. Er kümmert er sich um die
Nutzbarmachung von Public-Cloud-Angeboten für die öffentliche
Verwaltung und leitet das Projekt „Cloud-Reallabor – sichere Verarbeitung
in der Cloud“ auf dem GovTech Campus. Von Februar
2021 bis Januar 2023 war er IT-Beauftragter der Bundesfinanzverwaltung
und Leiter der Abteilung VI „Informationstechnik“ im
Bundesministerium der Finanzen und zuvor Chief Information
Officer (CIO) der Deutschen Rentenversicherung Bund.
Autor
Harald Joos
Cloudbeauftragter der Deutschen
Rentenversicherung Bund
Kleine Kniffe
65
Lösungen von Start-ups
Multi-Agenten-Infrastruktur
Eine strategische Antwort des öffentlichen Beschaffungswesens in Europa
Die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung in Europa ist ein komplexes Unterfangen,
das durch eine starke Kombination aus regulatorischen Entwicklungen und erheblichen
demografischen Herausforderungen vorangetrieben wird. Tenderos neue Multiple Agent
Infrastructure (MAI) zur Angebotsbewertung für öffentliche Auftraggeber ist kein
isoliertes Produkt, sondern eine zeitgerechte und strategische Antwort auf diese beiden
Herausforderungen.
Ein Bericht von Ivan Stanisavljevic
Das öffentliche Beschaffungswesen, das rund 19 % des Bruttoinlandsprodukts
der Europäischen Union ausmacht, befindet sich
in einem grundlegenden Paradigmenwechsel: weg vom alleinigen
Fokus auf den niedrigsten Preis hin zum umfassenderen Modell des
wirtschaftlich günstigsten Angebots (MEAT – Most Economically
Advantageous Tender). Diese gesetzliche Neuausrichtung soll Innovation
und gesellschaftlichen Mehrwert fördern, führt jedoch zu
einer neuen Komplexität, die manuelle Bewertungsverfahren kaum
noch bewältigen können.
Gleichzeitig steht der öffentliche Dienst vor einem akuten
Fachkräftemangel, insbesondere in Deutschland, wo ein erheblicher
Teil der Beschäftigten kurz vor dem Ruhestand steht. Diese demografische
Entwicklung bedroht die Handlungsfähigkeit staatlicher
Institutionen und macht die Automatisierung zeitaufwändiger Aufgaben
zu einer strategischen Notwendigkeit.
Tenderos MAI-Lösung adressiert genau diesen Schnittpunkt.
Durch den Einsatz eines hochentwickelten Multi-Agenten-KI-Systems
automatisiert sie die anspruchsvolle und vielschichtige
Analyse, die das MEAT-Verfahren erfordert, und wirkt damit wie
ein „Kraftverstärker“ für unterbesetzte Behörden. Dank flexibler
Hosting-Optionen, einschließlich lokaler On-Premise-Installation,
trägt die Plattform den zentralen Anliegen des öffentlichen Sektors
in Bezug auf Datensouveränität und regulatorische Compliance
Rechnung.
Der Wandel im öffentlichen Beschaffungswesen:
Vom niedrigsten Preis zum MEAT-Prinzip
Das Fundament der öffentlichen Auftragsvergabe in Europa hat
einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. Historisch stützten sich Vergabestellen
häufig auf ein einziges, scheinbar objektives Kriterium: den
niedrigsten Preis. Diese Praxis führte jedoch oft zu mangelnder Qualität,
geringerer Innovationskraft und fehlendem langfristigen Mehrwert, da
Bieter gezwungen waren, ihre Angebote auf Kosten der Nachhaltigkeit
zu verschlanken.
Mit der EU-Richtlinie 2014/24/EU sowie den Richtlinien 2014/25/
EU und 2014/23/EU wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet: Seit
April 2016 sollen Aufträge auf Grundlage des wirtschaftlich günstigsten
Angebots (MEAT) vergeben werden. Dieses Modell geht über eine reine
Kostenbewertung hinaus und berücksichtigt den gesamten Lebenszyklus
eines Projekts – mit dem Ziel, den besten Gegenwert für öffentliche
Mittel zu erzielen.
Das MEAT-Prinzip erlaubt eine mehrdimensionale Bewertung,
die neben dem Preis auch Qualität, technische Leistung, ökologische
Aspekte, soziale Kriterien und Innovationsfaktoren einbezieht. So kann
beispielsweise ein Infrastrukturprojekt nicht an den billigsten Anbieter
gehen, sondern an ein Unternehmen, das nachhaltigere Materialien
nutzt oder ein designtechnisch wartungsärmeres Konzept vorlegt.
66 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben bleibt ein Gap zwischen Theorie
und Praxis. Daten zeigen, dass einige Mitgliedstaaten wie die
Slowakei, Litauen und Rumänien noch immer in über 90 % der Fälle
den niedrigsten Preis als Kriterium heranziehen, während Länder
wie Kroatien, Frankreich oder die Niederlande das MEAT-Prinzip
stärker umsetzen. Ursache ist die hohe Komplexität: Die manuelle
Abwägung zahlreicher qualitativer und quantitativer Kriterien ist für
Vergabestellen extrem ressourcenintensiv. Hier entsteht ein klarer
Bedarf nach technologischen Lösungen, die den Prozess vereinfachen
und auditierbar machen.
Eine Kapazitätskrise: Der Fachkräftemangel in
der deutschen Verwaltung
Die Umsetzung des MEAT-Prinzips wird zusätzlich durch die
demografische Entwicklung erschwert. In Deutschland steht der
öffentliche Dienst vor einem massiven Fachkräfteengpass, ausgelöst
durch eine Welle anstehender Pensionierungen.
Laut einer McKinsey-Studie droht dem deutschen öffentlichen
Sektor bis 2030 ein Defizit von 730.000 Beschäftigten. Rund 1,8
Millionen der heute 4,7 Millionen Angestellten – also mehr als ein
Drittel – werden in den kommenden zwölf Jahren in den Ruhestand
gehen. Gleichzeitig sind zu wenige Nachwuchskräfte in Sicht, um
diese Lücke zu schließen.
Dieses Wissens- und Personaldelta bedroht die Funktionsfähigkeit
der Behörden und erschwert insbesondere zeitintensive
Prozesse wie die aufwendige Angebotsbewertung nach MEAT. Digitale
Lösungen und Automatisierung gelten daher als unverzichtbare
Bestandteile der Antwort auf diese Herausforderung.
Tenderos Lösungsökosystem: Von der
Bieterseite zur Vergabestelle
Tendero hat zunächst seine Marktstellung durch eine KI-gestützte
Plattform für Unternehmen aufgebaut, die an öffentlichen
Ausschreibungen teilnehmen. Die wichtigsten Module umfassen:
• Compliance Report: Automatische Prüfung der Eignungskriterien.
• Intelligente Zusammenfassung: KI-basierte Übersicht der
Ausschreibungsdokumente.
• Magellan AI Chatbot: Interaktive Unterstützung zu Vergabedokumenten
und Rechtsgrundlagen.
• Market Intelligence: Analysen zu Auftraggebern, Wettbewerbern
und Markttrends.
Aufbauend auf diesem Fundament richtet Tendero seinen
Fokus nun auf die Vergabestellen selbst. Die neue Lösung – ein
Multi-Agenten-Ökosystem (MAI) – ist speziell für die Angebotsbewertung
entwickelt. Statt einer monolithischen KI setzt das System
Kleine Kniffe
67
Foto: Screenshot Webseite
auf spezialisierte Agenten, die unterschiedliche Aufgaben wie
Kontextanalyse, Strukturierung, Begründung oder Querverweise
übernehmen.
Strategischer Mehrwert: MEAT, MAI und
Marktbedürfnisse
Der strategische Nutzen von Tenderos MAI-Lösung zeigt sich
in drei Dimensionen:
Überbrückung der Policy-Practice-Lücke: Durch Automatisierung
der komplexen Kriterienbewertung ermöglicht MAI eine
transparente, prüfbare und datenbasierte Entscheidungsfindung –
jenseits des niedrigsten Preises.
Deutschland – entsteht eine Situation, die Digitalisierung und Automatisierung
zu einer strategischen Pflicht macht.
Tenderos MAI-Software ist eine direkte Antwort auf diese Herausforderungen.
Sie vereinfacht die MEAT-Bewertung, stärkt die
Handlungsfähigkeit unterbesetzter Verwaltungen und gewährleistet
gleichzeitig höchste Standards in Bezug auf Datensicherheit und
Souveränität.
Die Zukunft der öffentlichen Verwaltung wird maßgeblich
davon abhängen, in welchem Umfang Behörden bereit sind, KI-gestützte
Lösungen wie Tenderos MAI zu integrieren – nicht nur zur
Effizienzsteigerung, sondern als Fundament für eine moderne, nachhaltige
Verwaltung.
Antwort auf den Fachkräftemangel: Automatisierung entlastet
die Verwaltung und verschafft den verbleibenden Teams Zeit
für wertschöpfende Aufgaben.
Datensouveränität und Sicherheit: Mit On-Premise-Optionen
und strikter DSGVO-Konformität erfüllt Tendero die zentralen
Anforderungen öffentlicher Institutionen.
Fazit: Die Zukunft
der öffentlichen Auftragsvergabe
Das öffentliche Beschaffungswesen in Europa steht an einem
Wendepunkt. Die Umstellung auf das MEAT-Prinzip ist notwendig,
aber komplex. Zusammen mit dem Fachkräftemangel – besonders in
Autor
Ivan Stanisavljevic
Tendero,
Co-Founder & CEO
https://tendero.eu/
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Kleine Kniffe
69
Lösungen von Start-ups
Wie KI die Verwaltung
nicht nur digitalisiert, sondern revolutioniert
Verwaltungen stehen zunehmend unter Druck: Einerseits fehlen qualifizierte Fachkräfte,
andererseits steigen die Anforderungen an Servicequalität, Geschwindigkeit und Kosteneffizienz.
Mitarbeitende sind häufig mit Routinetätigkeiten ausgelastet, während
gleichzeitig die Erwartung nach moderner, digitaler Bürgernähe wächst. Hier setzen
Automatisierungslösungen mit Künstlicher Intelligenz an, die Verwaltungsprozesse nicht nur
digitalisieren, sondern spürbar entlasten lassen können – ohne lange Projektlaufzeiten oder
komplexe IT-Anpassungen.
Ein Bericht von Dr. Moritz Gomm & Michael Wilczynska
Eine solche KI ist zum Beispiel EMMA, die Prozesse wie ein
Mensch versteht, analysiert und ausführt. Mitarbeitende können sie
in wenigen Tagen anlernen, um Routineaufgaben zu automatisieren
und so wertvolle Zeit für anspruchsvollere Tätigkeiten zu gewinnen.
Erste Praxiseinsätze zeigen deutliche Effekte: Mehrere Stunden
Arbeitszeit und zehntausende Klicks pro Tag lassen sich einsparen.
Best Practice:
EMMA in der öffentlichen Verwaltung
EMMA wird bereits erfolgreich in zahlreichen Behörden eingesetzt
– etwa im Jugendamt Lüchow-Dannenberg zur Bearbeitung
von Unterhaltsvorschüssen oder bei Wohngeldanträgen. Die KI
übernimmt dabei Routineaufgaben wie das Ausfüllen von Formularen,
die Prüfung von Dokumenten oder die Übergabe von Daten
an Fachverfahren – und das revisionssicher und rund um die Uhr.
EMMA wird seit 2023 z.B. auch in der Verwaltung des Hochtaunuskreises
für digitale Rechnungsprozesse, den digitale Posteingang
im Jobcenter, im Personal- und Ausländerwesen sowie in der Unteren
Wasserbehörde eingesetzt.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
• Keine Schnittstellen notwendig: EMMA bedient die Software
wie ein Mensch.
• Datensicherheit: Die KI läuft lokal („on premise“) und erfüllt
höchste Datenschutzstandards.
• Mitarbeiterzentriert: Fachbereiche automatisieren ihre Prozesse
selbst – ohne IT-Abhängigkeit.
Dass die Mitarbeiter:innen die Digitalisierung selbst in die Hand
nehmen, ist für den Erfinder von EMMA, Michael Wilczynska, besonders
wichtig: „Wenn möglichst viele Menschen an der Digitalisierung
ihrer Prozesse mitwirken, statt nur als Zuschauer am Rande zu stehen,
schafft das Akzeptanz sowie unternehmerische und gesellschaftliche
Mehrwerte.“
Faktoren, die für eine Automatisierung mit Emma sprechen, sind:
• Hoher manueller Aufwand: Wiederkehrende Tätigkeiten mit
vielen Klicks und Dateneingaben
• Fehlende Schnittstellen: Prozesse, die nicht direkt digital integriert
sind und manuell bedient werden müssen
• Standardisierte Abläufe: Prozesse mit klaren Regeln (z. B. Formularbearbeitung,
Datenübertragung)
• Systemvielfalt: Nutzung verschiedener Fachverfahren und Softwarelösungen,
die EMMA applikationsübergreifend bedienen
kann
• Fachkräftemangel: Prozesse, die aktuell personell nicht effizient
abgedeckt werden können
Fallbeispiel:
Digitalisierung in der Abfallwirtschaft
Ein spannendes Einsatzfeld für EMMA ist z.B. die Abfallentsorgung
und das Recycling – ein Bereich, der trotz hoher regulatorischer
Anforderungen noch stark papierbasiert arbeitet. Zwischen Entsorgungsunternehmen,
Behörden und Recyclingbetrieben werden
täglich tausende Formulare, Nachweise und Dokumente manuell erstellt,
70 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
geprüft und übermittelt. Gleichzeitig steht die Branche aktuell unter
enormen Kostendruck.
Die Herausforderung
Die Gewerbeabfallverordnung (GewAbfV) schreibt eine lückenlose
Dokumentation und elektronische Nachweisführung vor.
Dennoch werden viele Prozesse noch per Hand erledigt: Excel-Tabellen,
PDF-Formulare, E-Mail-Anhänge und Faxe bilden einen
digitalen Flickenteppich, der Zeit kostet und Fehlerquellen birgt.
Die Lösung mit EMMA
Entsorger und Recycler könnten EMMA für die Automatisierung
des gesamten Nachweisprozesses nutzen:
Fazit: Vom „Ob“ zum „Wie“ der Digitalisierung
EMMA zeigt eindrucksvoll, wie Digitalisierung in der Verwaltung
sofort umsetzbar ist. Statt auf externe IT-Teams zu warten,
können Fachbereiche selbst aktiv werden. Die KI ist dabei nicht
Ersatz, sondern Ermöglicher – sie schafft Freiräume für menschliche
Stärken wie Empathie, Kreativität und strategische Entscheidungen.
Gerade in komplexen, stark regulierten Bereichen wie der
Abfallwirtschaft wird deutlich: Digitalisierung ist kein Selbstzweck,
sondern ein Werkzeug für Effizienz, Nachhaltigkeit und Souveränität.
Und EMMA ist ein Beweis, dass die Zukunft der Verwaltung
bereits begonnen hat.
• Eingehende Auftragsdaten aus E-Mails oder Formularen
einlesen,
• die gesetzlich vorgeschriebenen Nachweise automatisch
ausfüllen,
• die Daten in das Fachverfahren übertragen, ohne dass Schnittstellen
programmiert werden müssen, und
• alle Schritte revisionssicher archivieren und Entscheidung
dokumentieren.
Das Ergebnis: Papierlose Workflows, minimierter Aufwand,
maximale Transparenz und mehr Zeit für das Wesentliche – und
das alles bei voller Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben.
Autoren
Michael Wilczynska
Gründer & CEO Wianco OTT Robotics, www.wianco.com
Dr. Moritz Gomm
Entsorger Circle. www.enstorger-circle.org
Kleine Kniffe
71
EU - Green Public Procurement (GPP)
Umweltfreundliche öffentliche Beschaffung auf lokaler Ebene:
erste Bestandsaufnahme in Tschechien und der Slowakei
Die öffentliche Beschaffung ist ein wirkungsvolles Instrument, das mit einem Anteil von etwa
12 % am BIP Tschechiens und der Slowakei eine bedeutende Rolle spielt. Es geht dabei nicht
nur um den Kauf von Waren und Dienstleistungen, sondern um einen strategischen Hebel, mit
dem einige der dringendsten Herausforderungen unserer Zeit angegangen werden können, vom
Klimawandel bis zur Energiekrise. Aber wie „umweltfreundlich” sind diese unverzichtbaren
Ausgaben, insbesondere auf lokaler Ebene?
Ein Beitrag von Michal Plaček
Die öffentliche Beschaffung ist ein wirkungsvolles Instrument,
das mit einem Anteil von etwa 12 % am BIP Tschechiens und der Slowakei
eine bedeutende Rolle spielt. Es geht dabei nicht nur um den
Kauf von Waren und Dienstleistungen, sondern um einen strategischen
Hebel, mit dem einige der dringendsten Herausforderungen
unserer Zeit angegangen werden können, vom Klimawandel bis zur
Energiekrise. Aber wie „umweltfreundlich” sind diese unverzichtbaren
Ausgaben, insbesondere auf lokaler Ebene?
Diese Fragen werden in den beiden neuesten Studien der Initiative
für nachhaltige Beschaffung an der Kogod Business School der
American University Washington unter der Leitung von Professorin
Nicole Darnall beantwortet. Mehrere tschechische und slowakische
Universitäten (Karls-Universität, Technische Universität für Bergbau
und Metallurgie, Ambis-Universität, Matej-Bel-Universität)
nahmen unter der Leitung von Professor Michal Plaček ebenfalls
an der Studie teil.
Die Tschechische Republik und die Slowakei zeichnen sich
durch eine hohe Anzahl von Gemeinden aus. Die Tschechische
Republik hat 6.242 Gemeinden und die Slowakei 2.891. Ein großer
Teil der Gemeinden hat zudem nur wenige hundert Einwohner.
Diese Fragmentierung verursacht Probleme bei der Umsetzung
nachhaltiger Politik.
Der aktuelle Stand: Eine Mischung aus
Fortschritten und Herausforderungen
Die Ergebnisse für Tschechien zeigten ein gemischtes Bild.
Nur 33 % der Gemeinden gaben an, über eine formelle Richtlinie
für umweltfreundliche Beschaffung zu verfügen. Von diesen gaben
etwas mehr als die Hälfte – 58 % – an, dass sie diese erfolgreich
umsetzen. Diese Zahlen zeigen sowohl ermutigende Fortschritte als
auch einen klaren Bedarf an einer breiteren Einführung. Gemeinden,
die umweltfreundliche Beschaffungspraktiken eingeführt hatten,
wiesen einige gemeinsame Merkmale auf. Sie verfügten eher bereits
über ergänzende Umwelt- und Sozialpolitiken, wie z. B. Energieund
Wassersparprogramme, lokale Recyclinginitiativen und interne
Nachhaltigkeitsaudits. Diese Gemeinden legten auch Wert auf
Zusammenarbeit, arbeiteten oft abteilungsübergreifend und unterstützten
lokale Unternehmen bei der Erreichung ihrer Umweltziele.
Der Erfolg hing nicht nur von den richtigen Richtlinien ab. Kommunen,
die von einer effektiven Umsetzung berichteten, setzten sich
auch konkrete Nachhaltigkeitsziele, verwendeten Umweltzeichen
und Umweltzertifizierungen, wurden von der obersten Führungsebene
stark unterstützt, investierten finanzielle und personelle
Ressourcen in GPP und erhielten Hilfe von externen Quellen wie
Subventionen oder technischer Beratung.
In der Slowakei ist die Situation sehr ähnlich. Trotz einer
Änderung des slowakischen Gesetzes über das öffentliche Beschaf-
72 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
fungswesen im Jahr 2022, die den öffentlichen Auftraggebern
vorschreibt, bei mindestens 6 % ihrer jährlichen Beschaffungsverfahren
ökologische oder soziale Aspekte zu berücksichtigen, ist
die Einhaltung dieser Vorschriften nach wie vor begrenzt. Der
Bericht hebt hervor, dass weiterhin das Kriterium des niedrigsten
Preises im Vordergrund steht, wodurch wichtige Umweltaspekte
oft vernachlässigt werden. Der Bürgermeister tritt durchweg
als der einflussreichste Akteur bei den GPP-Bemühungen hervor.
Interessanterweise wird der Einfluss der Zentralregierung von
Organisationen ohne GPP-Richtlinien als wichtiger angesehen, was
auf eine Abhängigkeit von Top-down-Richtlinien hindeutet, wenn
lokale Initiativen fehlen. Von den 31 % der Kommunen mit einer
GPP-Richtlinie betrachten 58 % deren Umsetzung als erfolgreich.
Zu den wichtigsten Faktoren für diesen Erfolg gehören die Priorisierung
der Reduzierung von Emissionen und Luftverschmutzung,
die Verwendung von Zertifikaten und Umweltzeichen sowie die
Anerkennung der entscheidenden Rolle des Top-Managements, des
mittleren Managements und der Mitarbeiter auf allen Ebenen.
Dazu gehören
• die Anerkennung der öffentlichen Beschaffung als wichtiges
Instrument für politische Veränderungen
• die Umstellung von einem „Abhaken-Ansatz” auf einen Ansatz,
der sich auf Rechenschaftspflicht und Ergebnisse konzentriert
• die Festlegung messbarer Ziele für umweltfreundliche Beschaffung
• die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Kommunen zum
Austausch von Wissen und Ressourcen
• die Vereinfachung von Verfahren wie Umweltprüfungen
• das Angebot von Schulungen, Instrumenten und öffentlicher
Aufklärung zur Sensibilisierung und zum Aufbau von
Kapazitäten
Der Weg in die Zukunft
Der Weg zu einer nachhaltigeren Zukunft erfordert mehr als
nur große nationale Strategien – er hängt von Tausenden kleiner,
alltäglicher Entscheidungen auf lokaler Ebene ab. Durch umweltfreundliche
öffentliche Beschaffung können Kommunen mit gutem
Beispiel vorangehen, die Umweltbelastung reduzieren und lokale
Innovationen und Arbeitsplätze fördern.
Autor
Prof. Ing. Michal Plaček, Ph.D.
Institute of Sociological Studies
Karlsuniversität, Prag
Kleine Kniffe
73
EU - Green Public Procurement (GPP)
Soziale Nachhaltigkeit sichtbar machen –
das integrative Unternehmen wienwork als Good Practice
Öffentliche Beschaffung gilt als wirksames Instrument, um ökologische Standards durchzusetzen.
Zunehmend rücken auch soziale Kriterien in den Fokus. Ein zentrales Beispiel aus der Praxis liefert
wienwork, ein österreichischer Integrationsbetrieb, der zeigt, wie soziale Kriterien messbaren
Mehrwert für Kunden, Mitarbeitende und Gesellschaft schaffen.
Ein Beitrag von Daniela Ugovsek
Wie kann öffentliche Beschaffung nicht nur umweltfreundlich,
sondern auch sozial nachhaltig gestaltet werden? Diese Frage stand
im Mittelpunkt des KNB-Fachtags „Dienstleistungen nachhaltig
beschaffen“. Eingeladen hatte die Kompetenzstelle für nachhaltige
Beschaffung (KNB) – zwischen Vergaberecht, ESG-Druck und
Alltagstauglichkeit wurde diskutiert, wie sich soziale Ziele konkret
umsetzen lassen.
Beim KNB-Fachtag wurde – vernetzt durch die naBe-Plattform
– auch ein Good Practice-Beispiel aus Österreich vorgestellt. Die
gezielte Vermittlung über die naBe-Plattform trug dazu bei, dass ein
innovatives Projekt vorgestellt werden konnte und inspirierende
Impulse für die Teilnehmenden in Deutschland setzte. wienwork,
ein Integrationsbetrieb, beweist seit Jahren, dass soziale Kriterien
in Ausschreibungen kein bürokratisches Hindernis, sondern einen
echten Mehrwert für Auftraggebende, Gesellschaft und Mitarbeitende
darstellen.
Der österreichische Aktionsplan für nachhaltige öffentliche
Beschaffung (kurz: naBe-Aktionsplan) erfüllt eine ähnliche Rolle
wie die Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung in Deutschland.
Der naBe-Aktionsplan setzt sich bewusst für die Förderung der
Nachhaltigkeit in allen drei Dimensionen ein. Sozialverantwortliche
und nachhaltige öffentliche Beschaffung verfolgt das Ziel, durch die
Berücksichtigung sozialer Aspekte bei der Auftragsvergabe positive
Wirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft zu erzeugen.
Durch die Integration sozialer Kriterien in Beschaffungsprozesse
liegt ein zentraler Hebel zur Achtung sozialer Standards und eines
ethischen Handels.
Europäische und nationale
Rahmenbedingungen
Die EU-Vergaberichtlinie 2014/24/EU erlaubt die Einbindung
sozialer Aspekte in Ausschreibungen – etwa faire Arbeitsbedingungen,
die Beschäftigung benachteiligter Gruppen oder die Einhaltung
von Standards in der Lieferkette. Voraussetzung: Sie müssen auftragsbezogen
sein und den Wettbewerb nicht verzerren.
Damit wird klar: Der rechtliche Rahmen erlaubt und fordert
soziale Nachhaltigkeit – Auftraggeber müssen ihn nur aktiv nutzen.
Berücksichtigung sozialer Aspekte in
öffentlichen Vergabeverfahren
Soziale Nachhaltigkeit kann auf mehreren Ebenen verankert
werden: Bei Eignungskriterien (z. B. Nachweis sozialer Standards
über Gütezeichen), bei Zuschlagskriterien (Beschäftigung benachteiligter
Personen während der Leistungserbringung) und in den
Vertragsbedingungen (verbindliche soziale Vorgaben wie Frauenförderung
oder Integration Langzeitarbeitsloser).
In Vergabeverfahren können soziale Kriterien auf unterschiedliche
Weise berücksichtigt werden. Werden soziale Aspekte
verbindlich gefordert, müssen sie bereits in den Leistungsbeschreibungen,
technischen Spezifikationen oder Ausführungsbedingungen
stehen. Im Leistungsvertrag können soziale Bedingungen vorgeschrieben
werden, die während der Ausführung umzusetzen und zu
kontrollieren sind, etwa die Einstellung Langzeitarbeitsloser oder
Frauenfördermaßnahmen. Praxisbeispiele zeigen, dass solche Vorgaben
erfolgreich zur Beschäftigung benachteiligter Gruppen führen.
74 Kleine Kniffe
Foto: NaBe-Plattform
Ein Küchenauftrag mit Signalwirkung
Im Rahmen seines Beitrags „Vergabe an einen integrativen
Betrieb – Erfahrungen aus Sicht eines Auftragnehmers“ beschrieb
Robert Dobrosek (Geschäftsfeldleiter Holztechnik bei Wien
Work-integrative Betriebe und AusbildungsgmbH) die Ausgestaltung
der Ausschreibung, Planung sowie der Erfahrungen in der
Zusammenarbeit mit den Auftraggebern.
Die Stadt Wien vergab einen Rahmenvertrag für die Planung,
Herstellung und Montage von Systemeinbauküchen an wienwork.
wienwork beschäftigt rund 800 Menschen, davon über zwei Drittel
mit Behinderungen. 180 Lehrlinge mit Lernschwächen werden
ausgebildet, neue berufliche Perspektiven eröffnet. Durch den
Küchenauftrag entstanden nicht nur moderne Arbeitsplätze in den
Dienststellen, sondern auch gesicherte Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten
in einem Betrieb, der wirtschaftlich erfolgreich ist und
gleichzeitig soziale Integration vorlebt. Die Erfolgsformel: Klare
Kommunikation, transparente Spezifikationen und flexible Vertragsgestaltung.
Für den Auftraggeber bedeutet das: planbare Lieferungen, hohe
Qualität, faire Preise – und zusätzlich messbare soziale Wirkung. Für
integrative Betriebe wie wienwork wiederum: eine Verdoppelung
des Umsatzes im Küchenbereich innerhalb von zehn Jahren, Investitionen
in Technik und Personal sowie ein sichtbares Signal, dass
integrative Betriebe in der öffentlichen Beschaffung einen festen
Platz haben (sollten).
Der Motor für Inklusion: wienwork als Vorbild
für nachhaltige Vergabepraxis
Auch für deutsche Kommunen und Ministerien ist dieses Beispiel
relevant. Denn die rechtlichen Grundlagen sind die gleichen:
Das deutsche Vergaberecht erlaubt Aufträge an integrative Betriebe,
sofern ein bestimmter Anteil an Menschen mit Behinderungen
beschäftigt wird (§ 118 Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen
(GWB). Der Wiener Rahmenvertrag zeigt, wie das praktisch
funktionieren kann – ohne Abstriche bei Wirtschaftlichkeit oder
Professionalität.
Das ist nicht nur Theorie. Andere Good Practices aus dem
naBe-Portfolio belegen die Vielfalt: von Ausweisherstellung über
integrative Druckereien bis hin zu Malerarbeiten im Klimaschutzministerium.
All diese Projekte beweisen, dass soziale Beschaffung
weder Nischenlösung noch Ausnahme, sondern skalierbare Realität
ist.
Für Beschafferinnen und Beschaffer bedeutet das: Wer soziale
Kriterien ernst nimmt, kann Mehrwert schaffen – für die eigene
Organisation ebenso wie für die Gesellschaft. Die wichtigsten Lösungen
aus Wien:
• Gezielt integrative Betriebe ansprechen. Die rechtlichen
Möglichkeiten bestehen – sie müssen nur genutzt werden.
• Spezifikationen präzise, Abläufe flexibel. So lassen sich
Qualitätsstandards sichern und gleichzeitig individuelle
Lösungen ermöglichen.
• Kommunikation institutionalisieren. Feste Ansprechpartner
beider Seiten reduzieren Missverständnisse.
• Langfristig planen. Rahmenverträge geben Sicherheit – für
Auftraggeber und Auftragnehmer.
Am Ende zeigt das Beispiel wienwork: nachhaltige Beschaffung
ist kein theoretisches Konzept, sondern gelebte Praxis. Sie schafft
reale Arbeitsplätze, stärkt regionale Wertschöpfung und macht
Vergabe zu einem Steuerinstrument für gesellschaftliche Verantwortung.
Autorin
Daniela Ugovsek
Projektmanagerin
naBe-Plattform
daniela.ugovsek@nabe.gv.at
Kleine Kniffe
75
EU - Green Public Procurement (GPP)
Europäische Schulungen
stärken die strategischen Fähigkeiten öffentlicher Einkäufer
Seit der Einführung der EU-Richtlinien zum öffentlichen Beschaffungswesen im Jahr 2014
nutzen europäische Behörden das öffentliche Beschaffungswesen zunehmend als strategisches
Instrument, das zu Innovation, sozialem Zusammenhalt und Nachhaltigkeit beitragen kann.
Allerdings konzentrieren sich 60 % der Beschaffungsentscheidungen nach wie vor auf die
niedrigsten Preise, wobei es zwischen den Mitgliedstaaten große Unterschiede gibt.
Ein Beitrag von Jon Jonoski
Die Europäische Kommission möchte, dass soziale und ökologische
Faktoren besser in das öffentliche Beschaffungswesen
integriert werden, und evaluiert derzeit die Richtlinien. Es wird
erwartet, dass sie eine Überarbeitung der Richtlinien vorschlagen
wird. Aber auch mit den aktuellen Vorschriften haben öffentliche
Behörden mehr Möglichkeiten, das strategische Potenzial des öffentlichen
Beschaffungswesens zu nutzen. Aus diesem Grund hat die
Europäische Kommission mehrere Schulungsprojekte für öffentliche
Auftraggeber in ganz Europa finanziert.
Ein Beispiel ist das Projekt WeBuySocialEU, das darauf abzielte,
sozial verantwortliche öffentliche Beschaffung (SRPP) zu fördern
und das Bewusstsein dafür zu schärfen, indem Kapazitäten aufgebaut
und die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Auftraggebern und
dem Sozialwirtschaftssektor gefördert wurden. Zwischen 2023 und
2025 organisierte das Projekt 16 Schulungsveranstaltungen in 12
EU-Mitgliedstaaten mit dem Ziel, öffentliche Auftraggeber bei der
Integration sozialer Kriterien in ihre Ausschreibungen zu unterstützen
und gleichzeitig Unternehmen der Sozialwirtschaft ein besseres
Verständnis für öffentliche Beschaffungsprozesse zu vermitteln und
ihnen die Teilnahme daran zu erleichtern.
Sozialwirtschaftliche Organisationen beschäftigen EU-weit
rund 3,5 Millionen Menschen und machen 8 % des BIP aus. Die
Sozialwirtschaft funktioniert, indem sie das Gemeinwohl vor den
Profit stellt, beispielsweise durch die Bereitstellung von Dienstleistungen
und Schulungen für marginalisierte Gruppen, die Schaffung
sinnvoller Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Abstand
zum Arbeitsmarkt und die Förderung von Gleichstellungspraktiken,
fairem Handel, sozialer Innovation und Zugang zu Gesundheitsversorgung
und sozialem Wohnraum. Öffentliche Auftraggeber
können ihnen helfen, indem sie Ausschreibungen um Sozialklauseln
ergänzen oder Aufträge für Sozialunternehmen reservieren. Doch
selbst wenn öffentliche Auftraggeber soziale Aspekte berücksichtigen,
erreichen sie oft nicht genügend Sozialunternehmen, da diese
mit (sozial verantwortlicher) öffentlicher Beschaffung nicht vertraut
sind. Die WeBuySocialEU-Schulungen versuchten, all diese Herausforderungen
anzugehen.
Die Schulungen wurden von ICLEI Europe, AEIDL, Diesis Network
und Reves Network in Österreich, Belgien, Bulgarien, Zypern,
Estland, Finnland, Litauen, Luxemburg, Malta, Portugal, Slowenien
und Spanien durchgeführt und führten zu einer Stärkung der
SRPP-Kapazitäten auf mehreren Regierungsebenen, schufen neue
Netzwerke und Möglichkeiten für die Zusammenarbeit zwischen
Sozialwirtschaftsunternehmen und öffentlichen Auftraggebern und
initiierten Maßnahmen, um SRPP auf einer strategischeren Ebene
in Politik und Praxis zu verankern. Für jedes Land wurden in den
Schulungen Lücken identifiziert und Empfehlungen zur Verbesserung
der Situation ausgesprochen.
Im Fall von Österreich, wo ICLEI Europe mit Unterstützung
der Sozialwirtschaftsorganisation arbeit plus für die Organisation
der Schulung verantwortlich war, wurden die sozialen Bestimmungen
der EU-Richtlinien in österreichisches Recht umgesetzt. Die
nationalen Gesetze sehen jedoch keine zusätzlichen oder strengeren
Vorschriften vor, und viele öffentliche Auftraggeber zögern, aufgrund
der Angst vor rechtlichen Herausforderungen Kriterien über
den Preis hinaus in Ausschreibungen aufzunehmen. Auftragnehmer
sind beispielsweise unsicher, ob sie soziale Kriterien anwenden
sollen, die aufgrund der Datenschutzgesetze sensible personen-
76 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
bezogene Daten erfordern. Darüber hinaus mangelt es öffentlichen
Auftraggebern und Sozialwirtschaftsunternehmen an Wissen und
Bewusstsein über einander und über das Potenzial von SRPP:
Im Dialog mit den Teilnehmern wurden eine Reihe von Schlüsselmaßnahmen
identifiziert, mit denen diese Herausforderungen
angegangen werden könnten. Erstens ist es wichtig, dass es ein
politisches Bekenntnis zu SRPP gibt, das konkrete Maßnahmen
und Leitlinien zur Unterstützung seiner Umsetzung umfasst und
auf einer Strategie basiert, die die Bedürfnisse von Beschaffern,
Akteuren der Sozialwirtschaft und politischen Entscheidungsträgern
in Einklang bringt. Dies sollte mit gezielter Unterstützung und
Kapazitätsaufbau für Unternehmen der Sozialwirtschaft einhergehen.
Österreich könnte auch von Frankreich und Belgien lernen und
einen nationalen Vermittler für SRPP benennen. Darüber hinaus
sollten Maßnahmen ergriffen werden, die es öffentlichen Auftraggebern
und Sozialunternehmen erleichtern, zueinander zu finden.
arbeit plus betreibt eine Datenbank mit sozialen Unternehmen
zur Arbeitsintegration und deren Produkten und Dienstleistungen.
Diese Datenbank sollte regelmäßig aktualisiert und besser sichtbar
gemacht werden, um die Entwicklung von Netzwerk- und Austauschprogrammen
zwischen der Sozialwirtschaft und öffentlichen
Auftraggebern zu ermöglichen.
ICLEI Europe arbeitet auch mit österreichischen Partnern am
Projekt PPE+ Europe 2024-2028 zusammen, das von BBG, der
österreichischen zentralen Einkaufsstelle, koordiniert wird. Das
Projekt bietet vier Schulungsprogramme an, die darauf abzielen, die
Verwaltungskapazitäten von Mitarbeitern mit wichtigen Beschaffungsfunktionen
im europäischen zentralen Einkauf zu verbessern.
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Schulungsprogramms PPE+
Europe 2024 begann am 15. September in Wien die Ausgabe 2025.
Nach einem umfangreichen Bewerbungsverfahren wurden 44
Fachleute für öffentliches Beschaffungswesen aus 21 europäischen
Ländern ausgewählt, um von führenden Experten und Praktikern
zu lernen.
Die Schulung verbindet Theorie mit praktischer Anwendung
und bietet eine Plattform für den Austausch mit der breiteren
europäischen Gemeinschaft für öffentliches Beschaffungswesen
– auch die Nachbarländer der EU sind herzlich eingeladen, an der
Schulung teilzunehmen, und an der Ausgabe 2025 nehmen öffentliche
Auftraggeber aus Bosnien, Nordmazedonien, Serbien und
der Türkei teil. Traditionell konzentrierten sich Schulungen wie
diese hauptsächlich auf öffentliche Beschaffungsverfahren. Der
Mehrwert dieses Programms liegt in seinem zusätzlichen Fokus auf
Vertragsmanagement und -abwicklung, Lieferkettenmanagement,
der Gestaltung und Planung von Ausschreibungen sowie der Durchführung
von Marktkonsultationen. Der Austausch von bewährten
Verfahren und Wissen zwischen zentralen Einkaufsorganisationen
in ganz Europa, der während dieser Schulungen stattfindet, trägt
ebenfalls zur Professionalisierung des öffentlichen Beschaffungswesens
auf dem gesamten Kontinent bei.
Autor
Jon Jonoski
Expert, Events & Project
Communications
https://iclei.org/
Kleine Kniffe
77
Dekarbonisierung in der öffentlichen Beschaffung
100% Ökostrom aus Deutschland und/oder Österreich –
Nachhaltige Energie für Kirche und Sozialeinrichtungen
Die Bewahrung der Schöpfung ist ein zentrales Anliegen kirchlicher und sozialer Arbeit. Ein
wirksamer Schritt auf diesem Weg ist die Entscheidung für den Bezug von 100% Ökostrom
aus Deutschland und/oder Österreich. Viele Einrichtungen haben erkannt: Der Umstieg auf
erneuerbare Energien schont nicht nur die Umwelt, sondern stärkt auch das eigene Profil als
verantwortungsbewusste Institution.
Ein Bericht von Hendrik Claaßen
Spürbare Entlastung für das Klima
Mit der Nutzung von Ökostrom wird der CO₂-Ausstoß deutlich
gesenkt, denn bei der Erzeugung entfallen klimaschädliche
Emissionen, wie sie bei konventionellem Strom aus Kohle oder Gas
anfallen. Gerade in Zeiten, in denen Klimaschutz immer dringender
wird, leisten kirchliche und soziale Einrichtungen durch ihren
Strombezug einen wichtigen Beitrag zur Reduktion ihres ökologischen
Fußabdrucks.
Jeder Arbeitsplatz, jede Pflegeeinrichtung und jedes Gemeindehaus,
das mit Ökostrom betrieben wird, ist ein sichtbares Zeichen für
Klimaverantwortung. So wird die ökologische Dimension diakonischer
und kirchlicher Arbeit erlebbar.
Strom mit geprüfter Herkunft
Nicht jeder Ökostrom ist gleich. Gerade Einrichtungen, die auf
Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit angewiesen sind, profitieren
von einer transparenten und zertifizierten Versorgung. Der HKD-
Ökostrom ist sowohl TÜV- als auch Grüner Strom-zertifiziert. Diese
Siegel garantieren u.a., dass der Strom vollständig aus erneuerbaren
Energien stammt und, dass mit jedem Vertragsabschluss der Ausbau
von Ökoenergieanlagen in Deutschland direkt gefördert wird.
Die Kombination von Herkunftsnachweis und Investitionsgarantien
sorgt dafür, dass der Einkauf von Strom nicht nur
klimaneutral, sondern auch zukunftssicher ist. So wird langfristig
die Energiewende aktiv unterstützt.
Ein Gewinn für
die Einrichtung und die Gesellschaft
Kirchliche Einrichtungen, Kindergärten, Pflegeeinrichtungen
und soziale Träger zeigen mit der Umstellung auf zertifizierten
Ökostrom: Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung gehören
zusammen. Neben der direkten CO₂-Einsparung stärkt dies auch
die Außenwirkung – Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner
sowie Gemeindemitglieder erleben das Engagement konkret und
nachvollziehbar.
Damit wird deutlich: Klimaschutz ist kein Zusatzprojekt, sondern
Teil einer ganzheitlichen Verantwortung, die sowohl der
Gesellschaft als auch unserem Morgen zugutekommt.
Autor:
Hendrik Claaßen
Geschäftsführer der
HKD Handelsgesellschaft für
Kirche und Diakonie mbH
www.kirchenshop.de
78 Kleine Kniffe
Dekarbonisierung in der öffentlichen Beschaffung
CO₂ Schattenpreise in der Vergabe:
Vom Kann zur Pflicht auf allen Verwaltungsebenen
Die öffentliche Hand verfügt über einen großen Hebel für den Klimaschutz: Sie beschafft jährlich
im mittleren dreistelligen Milliardenbereich (ca. 15 % des BIP) und ist damit auch ein großer
Emittent von Treibhausgasen. Dennoch dominiert mindestens auf der kommunalen Ebene oft der
niedrigste Anschaffungspreis die Zuschlagsentscheidung.
Ein Bericht von Marc Wolinda
Rechtlich ist mehr möglich. GWB und VgV erlauben längst
Lebenszykluskosten inklusive externer Umweltkosten. Die AVV
Klima verpflichtet sogar seit 2021 Bundesbehörden, grundsätzlich
einen CO₂ Schattenpreis bei der Wirtschaftlichkeitsuntersuchung
und beim Zuschlag zu berücksichtigen. Hemmnisse für die Anwendung
des CO₂ Schattenpreises auf kommunaler Ebene sind vor
allem fehlende Verbindlichkeit, Rechtsunsicherheit und knappe
Kapazitäten.
Der Schattenpreis monetarisiert prognostizierte Emissionen
(CO₂ Menge × CO₂-Preis) und macht klimafreundliche Angebote
im Wettbewerb günstiger. So passt Klimaschutz in die Preis Logik
der Vergabe.
Wo anfangen? Im Bausektor. Die öffentliche Bautätigkeit
umfasst rund 78 Mrd. € (2023) und erreicht insgesamt einen Anteil
von knapp 14 % – im Tiefbau, etwa bei Verkehrswegen, sogar nahezu
100 % Marktanteil. Zugleich sind die Emissionen in der Lieferkette
hoch: Zement verursacht etwa 600 kg CO₂ je Tonne.
Die Datengrundlage ist vorhanden: ÖKOBAUDAT und verifizierte
Environmental Product Declarations (EPD) decken die
meisten Bauprodukte ab; EPBD und CPR machen die Offenlegung
von THG Werten ab 2027/2028 schrittweise verpflichtend. Damit
sind Prognosen „mit vertretbarem Aufwand“ möglich und Angebote
vergleichbar.
Umsetzung: Der Schattenpreis sollte doppelt verankert werden
– in der Wirtschaftlichkeitsuntersuchung (steuert die Leistungsbeschreibung)
und als Zuschlagskriterium (differenziert die Angebote).
Ein Wertungsmodell addiert den CO₂ Schattenpreis auf den Angebotspreis;
maßgeblich ist der resultierende Wertungspreis.
Entscheidend ist die Höhe. Die Untergrenze aus dem BEHG
(55–65 €/t) entfaltet kaum Wirkung. Angemessen ist die Anlehnung
an die vom UBA ausgewiesenen Klimafolgekosten von 300–880 €/t
CO₂ äq. Das schafft Preissignale, Planungssicherheit und vermeidet
Unterbewertung.
Handlungsempfehlungen:
• Stufenweise Pflicht zur Anwendung, beginnend im Bau.
• Preisniveau mindestens nach UBA Bandbreite.
• Anwendung in Wirtschaftlichkeitsuntersuchung und als
Zuschlagskriterium.
• EPD Förderprogramm für Lücken (z. B. Technische Gebäudeausstattung,
Innovationen).
• Ökobilanzpflicht ins Ordnungsrecht.
Fazit:
CO₂ Schattenpreise übersetzen Klimaziele in Beschaffungspraxis.
Wo der Staat Marktmacht und Daten hat – im Bau besonders
– kann die Verwaltung schon heute rechtssicher und wirtschaftlich
ausschreiben. Entscheidend sind klare Preise, verbindliche Anwendung
und ein robustes Datenfundament.
Autor
Marc Wolinda
Senior Project Manager
Nachhaltige Soziale
Marktwirtschaft
Bertelsmann Stiftung
Kleine Kniffe
79
Dekarbonisierung in der öffentlichen Beschaffung
Zwischen Klage und Klimastrategie:
Warum der Einkauf beim EU-ETS 2 zum Spielmacher wird
Die deutsche Industrie klagt. Zu teuer, zu unsicher, zu riskant – so lauten die Vorwürfe gegen die
Einführung des Europäischen Emissionshandelssystems 2 (EU-ETS 2). Gleichzeitig pumpt die Politik
Milliarden in Strompreis-Subventionen, die den Standort retten sollen. Und nun stehen CFOs, CPOs und
CSOs vor einer unbequemen Wahrheit: Die Subventionen lindern höchstens kurzfristig. Der Preisdruck
des Emissionshandels bleibt. Die Frage ist nicht mehr, ob er kommt, sondern wie Unternehmen damit
umgehen.
Ein Bericht von Thomas Heine
Das neue Regelwerk:
Druck auf fossile Energien
Mit der Novelle des Treibhausgas-Emissionshandelsgesetzes
(TEHG) hat Deutschland im März 2025 die Grundlage geschaffen,
um den Übergang vom nationalen BEHG zum EU-ETS 2 einzuleiten.
In der Übergangsphase bis 2026 laufen beide Systeme parallel.
Unternehmen müssen bis Ende Juni 2025 Emissionsgenehmigung
und Überwachungsplan einreichen, ab 2025 jährlich berichten, und
ab 2028 erstmals Zertifikate abgeben.
Damit wird CO₂-Preis zum festen Bestandteil der Kostenrechnung.
Heute zahlen Unternehmen im nationalen System 55 Euro pro
Tonne. Ab 2027 öffnet sich der Markt: Prognosen für 2030 schwanken
zwischen 71 und 380 Euro pro Tonne, im Schnitt erwarten
Ökonomen rund 220 Euro. Wer jetzt noch glaubt, Subventionen
könnten diesen Mechanismus dauerhaft neutralisieren, der irrt.
Industrieklagen: Ökonomisch nachvollziehbar,
strategisch gefährlich
Ja, die Klagen der Industrie sind nachvollziehbar. Internationale
Wettbewerber, die keinen vergleichbaren CO₂-Preis zahlen, haben
auf den ersten Blick Kostenvorteile. Aber der Ruf nach dauerhafter
Entlastung ist gefährlich: Er verstellt den Blick auf die eigentliche
Aufgabe – die Transformation.
Für CFOs heißt das: Preisschocks sind keine Ausnahme, sondern
ein strukturelles Risiko. Für CPOs: Lieferantenbeziehungen
sind ohne CO₂-Kriterien nicht mehr zukunftsfähig. Für CSOs:
ESG-Strategien sind nicht Beiwerk, sondern Überlebensbedingung.
Wer nur auf kurzfristige Kompensation setzt, verliert mittelfristig
Markt und Glaubwürdigkeit.
Der Einkauf als Spielmacher
Die entscheidende Rolle kommt dem Einkauf zu. Er ist der Hebel,
um zwischen politischem Druck und Unternehmensstrategie zu vermitteln.
Der Einkauf bestimmt, welche Energie ins Unternehmen
fließt, welche Materialien beschafft werden und welche Lieferanten
Zugang haben. Er ist damit nicht länger reiner Kostenmanager, sondern
Klimasteuerer.
Das erfordert einen Strategiewechsel. Subventionen dürfen
nicht als Puffer für die alte Welt verstanden werden, sondern als
Brücke in die neue. Wer sie klug nutzt, finanziert damit Power Purchase
Agreements für erneuerbare Energien, fördert CO₂-optimierte
Lieferanten oder entwickelt neue Risikomanagementsysteme. Wer
sie dumm nutzt, erkauft sich nur Zeit – und verschiebt das Problem.
Neue Spielregeln für den Einkauf
Für die Beschaffung bedeutet das: CO₂-Kosten werden zur vierten
Dimension neben Material, Personal und Logistik. Sie gehören in
jede Ausschreibung, in jede Verhandlung, in jede Vertragsklausel. Die
Praxis zeigt: Unternehmen integrieren bereits CO₂-Preis-Klauseln
in Lieferverträge, erweitern Force-Majeure-Regelungen für regulatorische
Änderungen und machen Emissionsdaten zur Pflicht.
Parallel entstehen neue Instrumente: Hedging über CO₂-Futures,
Optionen gegen Preisspitzen, Portfolio-Strategien mit Energiepreisabsicherung.
Die ersten ETS-2-Futures wurden 2025 bei rund 74
80 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Euro gehandelt. Wer jetzt einsteigt, fixiert sich Wettbewerbsvorteile.
Nachhaltigkeitsstrategie:
Vom Preisdrücker zum Klimasteuerer
Die Botschaft ist klar: Nachhaltigkeit wird nicht mehr gegen
Kosten gerechnet – sie wird selbst zur Kostenstrategie. Unternehmen,
die CO₂-arme Lieferketten aufbauen, senken nicht nur ihre
Emissionen, sondern auch ihre Preisrisiken. Regionale Beschaffung
reduziert Transportemissionen, digitale Tools wie der SAP Sustainability
Control Tower oder der Microsoft Sustainability Manager
machen Scope-3-Emissionen transparent.
CPOs, die diese Instrumente früh einsetzen, werden zu Taktgebern
der Transformation. CSOs, die die Einkaufspolitik an ESG
koppeln, stärken die Position gegenüber Investoren und Kunden.
CFOs, die CO₂ als Bilanzgröße ernst nehmen, sichern sich Zugang
zu Green Finance und günstigeren Kreditkonditionen.
Hintergrund
Das EU-Emissionshandelssystem 2 (EU-ETS 2) erweitert
ab 2027 den CO₂-Handel auf die Sektoren Gebäude und Verkehr
und führt damit erstmals marktbasierte Preismechanismen
in diesen Bereichen ein. In Deutschland wird die Umsetzung
durch das novellierte Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz
(TEHG) geregelt, das einen schrittweisen Übergang vom nationalen
Brennstoffemissionshandel (BEHG) vollzieht. Für deutsche
Unternehmen entstehen daraus neue Compliance-Pflichten, wie
die Beantragung einer Emissionsgenehmigung bis Mitte 2025, die
jährliche Berichterstattung ab 2025 und die erstmalige Abgabe
von Zertifikaten im Mai 2028 für die Emissionen des Vorjahres.
Der Übergang von nationalen Festpreisen zu volatilen EU-Marktpreisen,
mit Prognosen von 48 € bis 380 € pro Tonne CO₂ für
2030, erzwingt die Anpassung von Beschaffungsverträgen durch
CO₂-Preisklauseln und die Entwicklung von Hedging-Strategien
zur Absicherung gegen Preisschwankungen.
Fazit: Vom Klagenden zum Gestaltenden
Die Klagen der Industrie sind das Echo einer alten Logik. Der
Einkauf hat die Chance, eine neue Logik durchzusetzen. Wer CO₂-
Kosten nicht nur erträgt, sondern aktiv managt, wer Subventionen
nicht als Schutzschild, sondern als Investitionsvehikel begreift, wer
Lieferketten konsequent dekarbonisiert, der wird nicht getrieben –
er wird Treiber.
EU-ETS 2 ist kein Schreckgespenst, sondern ein Spielfeld. Auf
diesem Spielfeld entscheidet der Einkauf, ob das Unternehmen in der
Defensive verharrt oder zum Spielmacher der Transformation wird.
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
81
Biodiversität
Die „Bio-Logik“ der Natur verstehen
Nur wer Biodiversität schützt, kann nachhaltig handeln
Sie finden privat und beruflich die Natur erhaltenswert? Sie kaufen beim Biobauern, beschaffen
Möbel und Bauelemente aus nachwachsenden Rohstoffen und lassen versiegelte Flächen durch
Blühstreifen austauschen? Vorbildlich! Sie tun mit Ihrer Arbeit etwas für den Naturschutz.
Allerdings lindern Sie damit lediglich ein Symptom. Die Krankheit dagegen schreitet rasant
voran. Der Unterschied ist wie Räuspern oder Lungenkrebs. Das Gute: Sie können sehr viel mehr
erreichen.
Ein Bericht von Roland Günter
Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist ein Verständnis der „Bio-Logik“
in der Natur, die Kenntnis der Gesetze der Biodiversität. Besonders
wichtig werden diese Kenntnisse, wenn es um Güter und
Dienstleistungen geht, die unmittelbar mit der Natur zu tun haben:
Lebensmittel, Bauwesen mit Holz, Grünanlagen.
Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklären. Nehmen wir an, Ihre
Kommune hat die Anlage von naturnahen Blühwiesen beschlossen.
Sie beschaffen große Mengen an bienen- und schmetterlingsfreundlichen
Samen und Pflanzen und beauftragen einen Öko-Gärtner mit
der Ausführung. Die Ausgaben und Anstrengungen werden in den
darauffolgenden Jahren wiederholt, müssen aber auch gesteigert
werden. Der Öko-Gärtner zuckt die Achseln. Doch das Ergebnis
sieht hübsch aus, Sie sehen bunte Blumen, Insekten summen, Vögel
zwitschern – eine Idylle, der ganze Stolz des Grünflächenamtes. Der
Biodiversitätsexperte sieht dagegen ein Ökosystem, das stirbt. Und
die Ökonomin beobachtet, wie Geld zum Fenster hinausgeworfen
wird. Aber warum?
Grundlegende Zusammenhänge
Was ist Biodiversität überhaupt? Der Begriff Biodiversität oder
biologische Vielfalt umfasst die Vielfalt der Ökosysteme, der Tierund
Pflanzenarten und die genetische Vielfalt.
D. h. für eine intakte Natur braucht es
• viele verschiedene Lebensräume (Wald, Wiese, Wasserflächen
…)
• viele unterschiedliche Arten (Amsel, Ameise, Alge, Alpenveilchen,
Ahorn …)
• ausreichende Mengen an Individuen, damit die Genpools der
einzelnen Arten groß genug und die Tiere gesund bleiben.
Alle drei Komponenten interagieren miteinander, und sie sind voneinander
abhängig.
Jetzt schauen wir uns Ihre Blühwiese an, ein Ökosystem: Sie sehen
viele bunte Blumen, der Experte zählt – zu wenige Arten, zu wenige
Individuen einer Art. Sie sehen die Insekten von Blume zu Blume fliegen,
die Fachfrau weiß: Das sind nur Honigbienen, die zudem nicht auf
Blühwiesen angewiesen sind, weil sie vom Menschen gefüttert werden
können. Wildbienen oder andere Insekten: zumeist Fehlanzeige. Nach
spätestens drei Jahren ist die Pracht verschwunden, neue Samen müssen
ausgebracht werden. Das ist der Lauf der Welt, denken Sie. Der Biodiversitätsexperte
sagt: Das muss nicht sein.
82 Kleine Kniffe
Foto: Roland Günter Ein heimisches Seidenbienen-Männchen (Wildbiene) auf einer Margerite – charakteristisch für naturnahe Blumenwiesen mit vielfältiger, regionaltypischer Flora.
Es geht nicht um Artenkunde,
es geht um Prinzipien
Was müssen Sie wissen, um dem Nachhaltigkeitsgedanken in
Ihrer Arbeit wirklich gerecht zu werden?
Eine naturnahe, intakte Blumenwiese ist ein hochkomplexes, in
sich und mit anderen Systemen vernetztes Ökosystem. Die Tiere
und Pflanzen in der Blumenwiese sind entweder Generalisten oder
Spezialisten. Generalisten kommen meist gut zurecht; tierische
Generalisten z. B. sind nicht auf eine einzige Pflanzenart als Nahrung
angewiesen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass für eine
nachhaltige Gesundheit der Generalisten und deren Populationen
auch mehr als eine Pflanzenart vorhanden sein muss – also eine Vielfalt
an Pflanzenarten.
Tierische Spezialisten sind gefährdeter. Im Laufe von Jahrmillionen
haben sie sich an nur sehr wenige oder sogar ausschließlich eine
einzige Pflanzenart angepasst. Blumen aus anderen Ländern, egal,
wie attraktiv ihre großen und bunten Blüten sind, wären für diese
Spezialisten keine Nahrung, sie würden verhungern. Sie brauchen
einheimische Pflanzen.
Die Populationen von Tieren und Pflanzen innerhalb der
Blumenwiese müssen im Gleichgewicht sein, um sich gegenseitig
regulieren zu können. Dabei spielt sowohl die Anzahl der Individuen
einer Art eine Rolle als auch die Diversität der Arten. Ein Beispiel:
Findet ein Spezialist zu wenige Futterpflanzen vor, stirbt er mangels
Nahrung aus. Aber nicht nur er stirbt: Auch die Tierart, die sich auf
unseren Spezialisten als Nahrung spezialisiert hat, wird aussterben.
Dann der Jäger der zweiten Tierart. Eine Kaskade setzt sich in Gang.
Ein Generalist kann zwar beim Fehlen der einen Futterpflanze auf
eine andere ausweichen, aber diese muss es auch geben, und zwar
in ausreichender Anzahl. Tut sie das nicht, kann der Generalist auf
eine dritte Pflanze ausweichen. Und wenn es nur drei gibt, weil der
vorhandene Platz klein ist?
Insekten fressen und bestäuben nicht nur Pflanzen, sie nutzen
sie auch z. B. als Ablageort für ihre Eier. Dafür gibt es meist nur
ein kleines Zeitfenster auf beiden Seiten. Sagen wir mal, dass ein
Insekt in der zweiten Aprilhälfte seine Eier in die noch geschlossenen
Blütenknospen einer bestimmten Pflanze legt. Die Eier und
später die Larven können sich dann im Schutz der sich entfaltenden
Blüte sicher entwickeln. Und jetzt stellen wir uns vor, dass es diese
Pflanze zwar gibt, sie aber aus Helgoland geholt wurde. Angepasst
an die kühle Witterung des Nordens, würde diese Pflanze in Bayern
später blühen als ihre wärmeverwöhnte bayerische Verwandte;
für die Eiablage des Spezialisten zu spät, er würde aussterben. Es
Kleine Kniffe
83
Foto: Roland Günter Auch im Biolandbau werden viele Flächen intensiv genutzt. Die dort erzeugten Lebensmittel mögen gesünder für den Menschen sein – ein artenreiches, dauerhaft stabiles Ökosystem
entsteht dadurch jedoch meist nicht.
braucht also regionale Pflanzen, deren Wachstumsverlauf zum
Fortpflanzungszyklus der hiesigen Insekten passt. (Das ist übrigens
der Hauptfehler bei den meisten Samen- und Pflanzenanbietern: Um
große Mengen anbieten zu können, achten sie nicht ausreichend
genug auf Regionalität.)
Diese Liste ließe sich noch seitenweise fortführen. Und die
Prinzipien, die dahinterstehen, gelten genauso in anderen Bereichen
der Beschaffung:
Holz-, Papier- und Verpackungsbeschaffung: Kommen die
Hölzer aus Forstplantagen oder aus ökologisch ausgerichteten Waldgebieten?
Sind es einheimische Arten? Werden auf den Flächen nur
wenige, dafür aber wirtschaftlich attraktive Baumarten angepflanzt,
um den Ertrag zu maximieren?
Lebensmittel: Konventionelle Landwirtschaft ruiniert großflächig
und seit Jahrzehnten die Böden und tötet alles „unerwünschte“
Leben auf den Feldern und weit darüber hinaus. Selbst Ökobauern
beachten die Gesetze der Biodiversität unzureichend. Ihr weitgehender
Verzicht auf künstlichen Dünger und Pflanzenschutzmittel
dient primär der Qualität der Erzeugnisse, nicht aber der Erhaltung
der Biodiversität. Denn auch auf ihren Feldern ist die Artenvielfalt
weder in der Qualität noch der Quantität gegeben, die benötigt
würden für ein intaktes Ökosystem.
Fragen stellen, um echte Fachleute von Blendern zu unterscheiden,
und die bewilligten Mittel gewinnbringend, da wirklich nachhaltig,
einsetzen. Und Sie haben Macht: Das Kompetenzzentrum
für innovative Beschaffung KOINNO geht von einem jährlichen
Beschaffungsvolumen öffentlicher Auftraggeber in Höhe von 350
Milliarden Euro aus. Nutzen Sie diese Mittel klug. Denn was ist
besser als nachhaltigen Erfolg zu haben mit weniger Ausgaben?
Autor
Roland Günter ist diplomierter Forstwirt und Experte
für Biodiversität. Für die Erforschung der Natur liegt
er auch schon mal zehn-Stunden-am-Tag-sieben-
Tage-die-Woche-mehrere- Monate-lang in einer
Blumenwiese und dokumentiert das dortige Treiben.
Seine Multivisionsvorträge haben bereits
zehntausende BesucherInnen begeistert.
Mehr erfahren im Video [https: /youtu.be/
BrACXDlmA48] oder unter www.rolandguenter.com
Bevor Sie jetzt resignieren oder sich für den Rest Ihres Lebens
zurückziehen, um alles zu lernen über die Magerwiesenmargeritenkleinrüsslererzwespe
(ja, diesen Spezialisten gibt es wirklich!): Sie
haben einen Einblick bekommen, warum Biodiversität in jeder Hinsicht
Grundvoraussetzung ist für ein intaktes Ökosystem, und die
„Bio-Logik“ hinter der Biodiversität entdeckt. Mit diesem Wissen
können Sie bei der Planung zukünftiger Grünflächen die richtigen
Autor
Roland Günter
Experte für Biodiversität,
Publizist, Naturfotograf
84 Kleine Kniffe
Foto: Roland Günter Die Magerwiesenmargeritenbohrfliege nutzt ein enges Zeitfenster von wenigen Stunden, um ihr Ei in die sich öffnende Knospe der heimischen Margerite zu legen. In deren Blütenköpfen
leben über zehn spezialisierte Insektenarten – ein Zusammenspiel, das in ähnlicher Weise bei allen einheimischen Pflanzenarten vorliegt, bei nicht heimischen jedoch weitestgehend fehlt.
Foto: Roland Günter So bunt sie wirken: Blühmischungen mit nicht heimischen Arten bieten spezialisierten heimischen Insekten kaum Nahrung. Ihre ökologische Wirkung ist gering – für den Aufbau
nachhaltiger Ökosysteme sind sie ungeeignet.
Kleine Kniffe 85
Biodiversität
Von versteckten (Natur)risiken
zu widerstandsfähigen Lieferketten
Für moderne Beschaffungsteams ist „nachhaltige Beschaffung“ keine einfache Entscheidung mehr.
Die Realität ist eine komplexe Landschaft aus Risiken und Chancen, die hier anhand von drei
„Materialmodellen“ erläutert wird.
Ein Bericht von Mara Lehmann
Das erste Materialmodell, synthetische Materialien,
birgt klare Risiken: energieintensiver Lebenszyklus, Kopplung
an volatile Erdölmärkte, enorme Auswirkungen auf die Natur,
Umweltverschmutzung und Entsorgungsprobleme (Mülldeponien,
Mikroplastik).
Das zweite Materialmodell, die Beschaffung konventioneller
natürlicher Materialien, scheint die naheliegende Lösung.
Jedoch verbergen sich hier oft tiefgreifende Kosten. Stammen diese
Materialien aus Monokulturen oder von umgewandelten Naturlandschaften,
können sie Treiber für Entwaldung, Artenvielfaltkollaps
und Schädigung von Ökosystemen sein.
Daraus ergibt sich eine dritte, überlegene Option: die Beschaffung
naturpositiver Materialien – Systeme, die Natur und
Artenvielfalt nicht nur schonen, sondern aktiv fördern. Sie bauen
ökologische und ökonomische Widerstandsfähigkeit auf und verschaffen
Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil.
Um dieses Konzept in der Praxis zu sehen, betrachten wir Kautschuk.
Das synthetische Materialmodell: Eine
Sackgasse der fossilen Brennstoffe:
Synthetischer Kautschuk ist ein Erdölprodukt mit schwerwiegenden
Umweltauswirkungen: energieintensive Herstellung, hoher
CO₂- und Natur-Fußabdruck, Luft- und Wasserverschmutzung,
gefährliche Nebenprodukte. Am Ende des Lebenszyklus bleibt er
über Jahrhunderte in Deponien bestehen – ein wachsendes Natur-,
Haftungs- und Reputationsrisiko.
Das konventionelle natürliche Modell:
Die versteckten Kosten der Monokultur:
• Entwaldung: Naturkautschuk ist ein oft unterschätzter Treiber
der Entwaldung. Zwischen 2001 und 2021 wurden 1,8 Millionen
Hektar Primärwald in Kautschukplantagen umgewandelt.
Das führt zu einem Verlust von Ökosystemleistungen und
höheren Compliance-Risiken.
• Kollaps der Artenvielfalt: Die Ersetzung komplexer Wälder
durch Monokulturen ist verheerend. Studien zeigen, dass
Monokulturen „undurchdringliche Barrieren“ für Waldtiere
werden können. Wer hier einkauft, riskiert öffentliche Kritik
und den Verlust von Nachhaltigkeitszertifikaten.
• Schädigung von Ökosystemen: Diese Umwandlungen verursachen
erhebliche Kohlenstoffverluste (über 135 Tonnen pro
Hektar). Für Unternehmen steigen dadurch Klimarisiken und
Offenlegungspflichten. Pestizide und Dünger belasten Böden
und Gewässer – ein Risiko für Markenreputation und
Marktzugang.
Lieferketten- & Resilienzrisiken
• Anfälligkeit für Krankheiten & Klima: Über 75 % der Produktion
ist auf Südostasien konzentriert. Eine einzige Blattkrankheit
reduziert die Erträge in Indonesien bereits um fast die
Hälfte. Für Unternehmen bedeutet das: Engpässe sind das neue
Normal.
• Preisvolatilität: Der Naturkautschukmarkt ist stark volatil, was
Budgetplanung erschwert und Kosten erhöht. Die weltweite
Nachfrage übersteigt das Angebot seit fünf Jahren.
86 Kleine Kniffe
Naturfreundlichen, widerstandsfähigen
Kautschuk beschaffen:
Die Lösung liegt im Ersatz risikoreicher Monokulturen durch
naturpositive Systeme. Agroforstwirtschaft ist hier ein Schlüsselmodell.
Kautschukbäume werden im Mischanbau mit Arten wie
Kaffee, Bambus oder Durian angebaut. Das senkt Risiken, stabilisiert
Erträge und stärkt die Resilienz gleich dreifach:
Die Herausforderung für Unternehmen besteht darin, zu wissen,
welches Beschaffungsmodell nachhaltig ist und dies dann auch nachweisen
zu können. Zertifikate sind teuer, Selbstauskünfte unsicher.
Dies schafft Daten- und Vertrauenslücken.
Plattformen wie tumblebee (www.tumblebee.earth) schließt
diese Lücken, indem sie Satelliten- und Geodaten in handlungsorientierte
Erkenntnisse übersetzt. Sie ergänzt bestehende Zertifikate
und liefert kontinuierliches, skalierbares Monitoring.
1. Resilienz der Lieferkette: Studien zeigen keine signifikan
ten Unterschiede bei Latexerträgen zwischen Agroforstsystemen
und Monokulturen – gleiche Leistung bei geringerem Risiko.
2. Biodiversität & Klima: Agroforstsysteme bieten mehr
Lebensräume, speichern mehr Kohlenstoff und verbessern
Wasser- und Bodenqualität. Das senkt Klima- und Reputations
risiken und unterstützt ESG-Standards.
3. Ökonomische Stabilität: Landwirte erzielen diversifizierte
Einkommen, was ihre Abhängigkeit vom Kautschukpreis ver
ringert. Für Unternehmen bedeutet das: stabilere Lieferanten
und weniger Ausfälle.
Kurz gesagt: Naturpositive Beschaffung schützt nicht nur die
Umwelt, sie sichert auch regulatorische Compliance, senkt Kostenrisiken
und steigert die Marktattraktivität.
Praxisbeispiele:
Produzentenmodell: Kelani Valley Plantations (Sri Lanka)
kombiniert Kautschuk mit anderen Kulturen und baut Biodiversitätszentren
auf.
Kleinbauernmodell: Die Regenerative Rubber Initiative
garantiert Abnahmepreise für Kleinbauern in Thailand, was Rückverfolgbarkeit
und Resilienz stärkt.
Objektives Echtzeit-Monitoring von Anbietern
1. Lieferantenstandorte oder Interessensgebiete hochladen:
Unternehmen laden geografische Grenzen hoch; das System
prüft Datenqualität automatisch.
2. Satellitenanalyse zeigt Vegetations- und Landnutzungstrends
nahezu in Echtzeit.
3. Monokulturen oder Agroforst: Vegetationsindizes
erkennen Unterschiede klar.
4. Handlungsorientierte Kennzahlen:
Prüfung auf historische Landnutzungsänderungen:
Zeigt, ob Plantagen auf ger oteten Waldflächen angelegt
wurden (EUDR-Compliance).
Ökosystemgesundheit und Wasserdynamik:
Frühwarnsystem für Klimarisiken.
Prüfung auf Gebiete mit Bedeutung für die Artenvielfalt:
Warnung bei Überschneidung mit Schutzgebieten
oder Wildtierkorridoren.
So können Beschaffungsteams Behauptungen überprüfen, Risiken
frühzeitig managen und Partner nach objektiven Nachweisen
auswählen. Beschaffung wird so vom Risikofaktor zum strategischen
Werttreiber.
Autorin
Mara Lehmann
Geschäftsführerin
https://www.tumblebee.earth/de/
Kleine Kniffe
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Modernisierung der Verwaltung
Bürokratieentlastung –
Wie sie auch ohne das Anlegen einer Kettensäge gelingt
Bürokratie ist für einen funktionierenden Staat unverzichtbar. Sie schafft Rechtssicherheit,
Transparenz und klare Abläufe, daher lautet die Frage nicht, „brauchen wir Bürokratie“, sondern
„wie viel Bürokratie brauchen wir - und wie setzen wir diese effizient um?“ Denn ein Zuviel an
Bürokratie führt zu unnötigem Mehraufwand – sowohl für Bürgerinnen und Bürger als auch für
Unternehmen und nicht zuletzt auch für die Verwaltung selbst.
Ein Beitrag von Esther Steverding
Der Nationale Normenkontrollrat schätzt die jährlichen Kosten
allein für die Wirtschaft auf rund 65 Milliarden Euro, das ifo-
Institut kommt auf 146 Milliarden Euro, die aufgrund von Bürokratie
volkswirtschaftlich nicht realisiert werden – eine Summe, die dem
Bruttoinlandsprodukt eines mittelgroßen Bundeslandes entspricht.
Doch auch in den Ämtern, Rathäusern und staatlichen Einrichtungen
vor Ort zeigt sich täglich: Formulare, Medienbrüche und
doppelte Berichtspflichten binden Zeit und Personal, das an anderer
Stelle dringend benötigt wird.
Doch wie kann Bürokratieentlastung in einem demokratischen
Mehrebenensystem gelingen?
Ein Dreiklang an Entlastungen
Wir schlagen drei Hebel für eine strukturelle und nachhaltige
Bürokratieentlastung vor:
• Bürokratie zurückbauen, wo sie zu weit geht
• Bürokratie gar nicht erst entstehen lassen
• Eine serviceorientierte Verwaltung, die das sinnvolle Maß an
Bürokratie effizient umsetzt
Klingt simpel, ist aber ein Kraftakt, denn bürokratische Prozesse
verschwinden nicht einfach. Es bedarf zum einen vieler kleiner, hartnäckiger
Schritte, die gegangen werden müssen, und zum anderen
Veränderungen in alltäglichen Arbeitsabläufen und dem Alltagshandeln.
Bestehende Bürokratie zurückbauen
Für die Verwaltung bedeutet Bürokratieabbau vor allem, eigene
Verfahren kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört die Reduzierung
nationaler Sonderwege, die oft über europäische Vorgaben hinausgehen,
das sogenannte Gold-Plating. Aber auch Vergabe- und
Beschaffungsprozesse sind vielfach zu komplex und uneinheitlich.
Eine stärkere Zentralisierung, standardisierte Verfahren und digitale
Plattformen könnten hier spürbare Erleichterungen bringen
– nicht nur für Bietende, sondern auch für die Mitarbeitenden in den
Beschaffungsstellen.
Zudem sollten Berichtspflichten und Datenübermittlungen
konsequent harmonisiert werden. Zu oft werden von unterschiedlichen
Stellen ähnliche Daten und Informationen angefordert.
Durch regelmäßige Praxischecks können weitere vermeidbare bürokratische
Hürden identifiziert und im Rahmen des nun jährlich zu
verabschiedenden Bürokratieentlastungsgesetzes abgebaut werden.
Bürokratie gar nicht erst entstehen lassen
Ein entscheidender Ansatzpunkt ist der Gesetzgebungsprozess.
Künftig sollte jedes Vorhaben einem Digitalcheck unterzogen
werden: Ist es digital ausführbar? Sind die Begriffe technisch und
semantisch klar definiert? Solche Prüfungen helfen, spätere Umsetzungsprobleme
zu vermeiden.
Darüber hinaus sollten Genehmigungsfiktionen eingeführt
werden. Sie sehen vor, dass nach Ablauf bestimmter Fristen – sofern
alle Unterlagen vorliegen – eine Genehmigung automatisch erteilt
88 Kleine Kniffe
Foto: Esther Steverding
wird bzw. die Genehmigung als gegeben hingenommen wird. Für
die Verwaltung schafft dies klare zeitliche Leitplanken, für Antragstellende
Planungssicherheit.
Auch die Schaffung und aktive Nutzung eines digitalen
Gesetzgebungsportals kann Bürokratie vermeiden: Bereits im Entstehungsprozess
von Gesetzen können Betroffene, ob Bürgerinnen
und Bürger oder Verwaltungsmitarbeitende auf praxisuntaugliche
Reglungen hinweisen, sodass diese im weiteren Gesetzgebungsprozess
beseitigt werden können.
Eine serviceorientierte
Verwaltung Realität werden lassen
Von zentraler Bedeutung für eine Modernisierung ist der
Übergang zu durchgehend digitalen Prozessen. Es braucht u.a. ein
einheitliches Unternehmenskonto als Zugangstor zu allen wirtschaftsbezogenen
Verwaltungsleistungen. Ergänzend sollten digitale
Signaturen und Identitäten breit eingesetzt werden, damit Nachweise
und Urkunden rechtssicher und papierlos (automatisch) bearbeitet
werden können. Übertragen auf den Alltag der Verwaltung bedeutet
das: weniger Medienbrüche, einheitliche Kommunikationswege mit
den Antragstellenden und besser strukturierte Daten.
Ein zentraler Schritt ist zudem die Registermodernisierung.
Wenn staatliche Stellen ihre Daten austauschen können, entfallen
Mehrfacheingaben, Nachfragen und Korrekturen. Das führt auf
beiden Seiten zu mehr Effizienz.
Schließlich sollte die Verwaltung auch proaktiver werden: Statt
auf eingehende Anträge zu reagieren, können Leistungen automatisch
gewährt werden, sobald die Voraussetzungen erfüllt sind oder
Prozesse automatisch auf Verwaltungsseite angestoßen werden. Ein
einfaches Beispiel: Die Verwaltung weiß, wann der Personalausweis
abläuft, warum muss man ihn dennoch selbst beantragen?
Bürokratie soll dem Menschen dienen –
nicht umgekehrt
Bürokratieabbau ist kein Selbstzweck, sondern Standortpolitik
und hilft, die Handlungsfähigkeit zu wahren. Länder, die ihre Verwaltung
modernisieren, ziehen Innovationen und Investitionen an
und stärken das Vertrauen in den Staat.
Denn am Ende geht es nicht darum, das bürokratische Grundprinzip
abzuschaffen. Sondern darum, die Bürokratie so zu gestalten,
dass sie dem Staat, der Gesellschaft und der Wirtschaft dient – und
nicht umgekehrt.
Autorin
Esther Steverding
Bereichsleiterin Public Sector beim Bitkom e.V.
Kleine Kniffe
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Community Building in der Gesundheitswirtschaft
5 Jahre ZUKE Green Health Kongress – Jetzt erst recht.
2025 ist ein besonderes Jahr: Der ZUKE Green Health Kongress geht in die fünfte Runde. Fünf Jahre
Austausch, fünf Jahre Praxisbeispiele, fünf Jahre Impulse für ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen.
Was aus der ZUKE Green Community heraus als Idee begann, ist heute eine etablierte Plattform für
Menschen, die den Wandel nicht nur beobachten, sondern gestalten wollen. Unter dem diesjährigen Motto
„Zukunftsfähig wirtschaften. Gesundheit gestalten.“ laden wir am 25. und 26. November 2025 wieder
Vertreter:innen aus Unternehmen, Verbänden, Kliniken und NGOs ein, die sich für mehr Transparenz,
Effizienz und Resilienz im Gesundheitswesen einsetzen – 100 % digital und für Mitarbeitende aus Kliniken
wie immer kostenfrei.
Ein Beitrag von Nicole Krojer
Digital denken. Wirkung erzielen.
Ein rein digitales Format war 2021 noch mutig. Heute ist es ein
Statement: Verzicht auf Reisen, keine Hürden für Teilnehmende,
kein Aufwand für Arbeitgeber:innen aber maximale Reichweite
und Wirkung. Im letzten Jahr haben wir knapp 500 Teilnehmende
erreicht. Tendenz: steigend. Die Botschaft ist klar: Wissenstransfer
und Vernetzung dürfen keine Frage von Zeit oder Budget sein.
Digitale Veranstaltungen funktionieren, wenn man sie richtig denkt.
Der ZUKE Green Health Kongress kombiniert fundierte Inhalte mit
echten Begegnungsmöglichkeiten. Er ist kein reiner Vortragsstream,
sondern ein interaktives Forum, in dem es um die Praxis geht:
Wer hat was wie gelöst? Was funktioniert wirklich? Welche Wege
lohnen sich?
Vorteile auf einen Blick – Warum Sie dabei sein sollten
• Frei zugänglich für Klinikteams – Wissen für alle.
• Teilnahme bequem vom Arbeitsplatz oder Homeoffice.
• Digitales Networking mit Interessen-Matching.
• Digitale Netzwerktische für offenen Austausch mit Fachleuten.
• Zwei volle Tage geballtes Praxiswissen, News, Lösungen und
Innovationen.
• Zeiteffizient Wissen tanken – ohne CO₂-Emissionen durch
Reisen.
• Auch nach dem Kongress: Ein Monat On-Demand-Zugang zu
allen Vorträgen.
• Motivation durch Austausch auf Augenhöhe.
• Aktive Community mit Haltung und Ideen.
Netzwerken, das effizient funktioniert
Viele Kongresse reden vom Austausch. Wir organisieren ihn.
Mit spannenden Filtermöglichkeiten finden Sie Menschen, die sich
für dieselben Themen interessieren. Unsere digitalen Thementische
bringen Sie direkt in kleine Gruppen – ohne Kaffeeschlange oder
Lost-Suche. Einfach einloggen, mitdiskutieren, mitnehmen. Für
uns ist Austausch keine Floskel. Die Netzwerktische sind das Herzstück:
kleine Runden, offener Dialog. Viele Speaker:innen setzen
sich direkt nach ihrem Vortrag dazu – das schafft Nähe, bricht Hierarchien
auf und bringt Fachwissen in Bewegung. Die Atmosphäre:
motivierend, konstruktiv, lösungsorientiert.
Wer teilnimmt, bringt Veränderung voran
Ob strategisch oder operativ – ob Einkauf, Pflege, Management
oder Industrie: Der Kongress richtet sich an alle, die Teil der Lösung
sein wollen. Wer sich informieren, vernetzen und neue Ideen mitnehmen
will, ist hier richtig. Denn klar ist: Die Herausforderungen
im Gesundheitswesen lösen wir nicht mit Einzelaktionen, sondern
mit klugen Kooperationen. Einzelkämpfer:innen bringen uns nicht
weiter – vernetzte Macher:innen schon. Genau das macht den ZUKE
Green Health Kongress aus: Ein Netzwerk aus Verantwortungsträger:innen,
die ihr Know-how teilen und voneinander lernen.
90 Kleine Kniffe
Jetzt anmelden – und Verbindungen schaffen,
die wirken
Die Anmeldung ist geöffnet. Einfach online registrieren, Interessen
angeben, Netzwerke knüpfen. Die professionelle Plattform
ermöglicht es, sich schon vor dem Event zu vernetzen, Gespräche
zu planen und passende Sessions vorzumerken.
Freiticket sichern.
Wir bieten vier „Kleine Kniffe“ Leser:innen dieser Ausgabe zu
unserem online Kongress Jubiläum ein Freiticket an. Schnell sein
lohnt sich. Einfach im Ticketshop mit dem Code „Kniffe“ eine Freikarte
sichern.
Fazit
Fünf Jahre. Ein Ziel. Viele Ideen. Der ZUKE Green Health Kongress
2025 steht für eine klare Haltung: Wirtschaftlich klug handeln,
gesundheitlich wirksam denken. Zwei Tage, die zeigen, wie viel
Power im gemeinsamen Gestalten steckt. Ohne Umwege. Ohne
Greenwashing. Mit Klartext, mit Wirkung, mit dir.
Die ZUKE Green Community als Nährboden des
ZUKE Green Health Kongress
Die ZUKE Green Community hat es sich zur Aufgabe gemacht,
im Gesundheitssektor eine nachhaltige Transformation voranzutreiben,
indem es Krankenhäuser, Krankenhausmitarbeitende und
Unternehmen im Gesundheitssektor durch die Community von 100
Nachhaltigkeitsbotschafter:innen vernetzt und unterstützt. Unternehmen,
die sich mit viel Leidenschaft in diesem Bereich einsetzen,
können sich in der Community als ZUKE Nachhaltigkeitspartner
ebenfalls Austauschen. Das Ziel: eine Plattform zu schaffen, auf der
Klinikmitarbeitende, Unternehmen und andere Interessierte sich
über Best Practices und innovative Ideen vernetzen und austauschen
können.
Die Vision von ZUKE Green ist ehrgeizig: Eine Gesundheitsbranche,
die sich durch soziale Verantwortung, ökologische
Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Effizienz auszeichnet. Durch die
Förderung des Wissens- und Lösungsaustauschs soll eine Zukunft
gestaltet werden, in der Nachhaltigkeit fest im Kern des Gesundheitswesens
verankert ist. Weitere Infos finden Sie hier.
Autorin
Nicole Krojer
Geschäftsführerin ZUKE Green
Community
www.zuke-green.de
https://kongress.zuke-green.de
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