Beschaffung aktuell 12.2025
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Ausgabe 11-12 | 2025
www.beschaffung-aktuell.de
Einkauf
Materialwirtschaft
Logistik
Interview
Informationen
GuV-wirksame Potentiale durch KI
im strategischen Einkauf
» Seite 22
Gehaltsreport
So viel verdienen Einkaufs profis
in Deutschland
» Seite 24
Scouting
Lieferanten finden, die
andere übersehen
» Seite 30
Marcus Gerlach,
CPO Rheinmetall Group &
CEO Central Division
» Seite 12
Bremsen für
sicherheits -
kritische
Anwendungen
» Seite 42
Professionell. Innovativ. Einkauf.
DIE
KUNST
der C-Teile-Versorgung
2 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
» EDITORIAL
Netzwerk schlägt
Algorithmus
SPS in Nürnberg
25. - 27. November 2025
Halle 3 Stand 468
Manchmal ist es ein einziger Moment, der hängen bleibt. Beim ersten Treffen
der Einkaufsleiter großer deutscher Konzerne, dem CPO Network Germany –
initiiert und inspiriert von Jacek Drozak, der auch für Beschaffung aktuell als
Autor aktiv ist – saßen wir in kleiner Runde zusammen. Keine Kameras, keine
Folien, keine Buzzwords. Nur ehrlicher Austausch. Ein echtes Netzwerk, das
hier entsteht und ich redaktionell begleiten darf. Da spürt man, wie wichtig
dieser persönliche Kontakt ist, gerade auch unter CPOs.
Der direkte Austausch, die Gespräche zwischen Tür und Angel oder die
Diskussion nach dem Vortrag lassen sich digital nicht ersetzen. So sehr ich die
Möglichkeiten von KI, Plattformen und datengetriebenen Prozessen schätze,
merke ich doch immer wieder, wie wertvoll reale Begegnungen sind. Ob bei
der von Roland Berger und SAP initiierten Leaders League in Essen bei der
Funke Mediengruppe mit spannenden Einblicken von Michael Pradel (Hapag-
Lloyd) und Robert Suvak (Dräxlmaier) oder kürzlich bei DPW in Amsterdam,
wo sehr offen miteinander diskutiert wurde – ich kam jedes Mal mit einem
vollen Notizbuch und vielen neuen Ideen für Beschaffung aktuell zurück. Und
das sind nur die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen.
In dieser Ausgabe geben wir wieder tiefe Einblicke in das, was den Einkauf
aktuell bewegt: Marcus Gerlach von Rheinmetall spricht offen über die
Herausforderungen einer Zeitenwende, in der Lieferketten zu sicherheitsrelevanten
Faktoren werden. Und Jan van Hueth von Körber zeigt, wie Technologieprojekte
wie der globale Rollout von Ivalua nur dann gelingen, wenn
auch ethische Fragen von Beginn an mitgedacht werden.
Kloepfel präsentiert die Ergebnisse seiner diesjährigen Gehaltsumfrage und
beantwortet die Frage, wie viel Einkaufsprofis in Deutschland wirklich verdienen.
Mein Kollege Yannick Schwab hat mit dem Einkaufsverantwortlichen der Reifenhäuser-Gruppe
und dem Gründer von Matchory gesprochen. Daraus entstand
sein Beitrag, der ein gelungenes Beispiel für Co-Innovation zwischen
Mittelstand und Jungunternehmen zeigt. Darin wird deutlich, wie die Firmengruppe
mit 40 strategischen Warengruppen und KI-gestütztem Lieferanten -
scouting die Professionalisierung in der Beschaffung vorantreibt.
Ich freue mich darauf, viele
von Ihnen persönlich in
Berlin auf dem BME-Symposium
zu treffen. Wenn
nicht dort, dann lesen wir
uns. Oder hören voneinander.
Hauptsache: im
Austausch.
Hochpräzise,
kompakt
und effizient
Bestens geeignet, wenn exakte
Bewegungskontrolle und hohe
Drehmomentübertragung auf
kleinstem Bauraum erforderlich
sind, wie z. B. in der Robotik.
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Sabine Schulz-Rohde,
Verantwortliche
Redakteurin
Beschaffung aktuell
schulz@konradin.de
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 3
» INHALT 11-12 | 2025 71. JAHRGANG
Bremsen für
sicherheits -
kritische
Anwendungen
Bei sicherheitskritischen Anwendungen sind Bremsen oft die letzte Barriere
gegen Abstürze oder unkontrolliertes Absinken. Ihre Auswahl und Dimensionierung
entscheiden über die Betriebssicherheit. Ein genauer Blick lohnt
sich.
» Seite 42
Titelbild: Mayr Antriebstechnik
MAGAZIN
Personalien und Unternehmensmeldungen 6
Wirtschaftsindices 8
Studie offenbart strategische Schwächen im Einkauf
Einkaufsagenda 2025 – Reifeprüfung für den Einkauf 10
MANAGEMENT
Marcus Gerlach, Rheinmetall Group
Was für die Autoindustrie gilt,
hilft jetzt in der Rüstung 12
Zur Meisterschaft im Verhandeln – vom Profi lernen
Verhandlungen – gestern, heute, übermorgen 16
Supply Chain Finance (SCF)
Lieferkettenfinanzierung als Stabilitätsfaktor
in der Zollkrise 20
Strategischer Einkauf im KI-Turbo
GuV-wirksame Potenziale dank KI im
strategischen Einkauf 22
Gehaltsreport 2025
So viel verdienen Einkaufsprofis
in Deutschland wirklich 24
Jan van Hueth, Körber
„Komplexität raus, Nutzen rauf“ 27
Mehr Markttransparenz bei Reifenhäuser
Lieferanten finden, die andere übersehen 30
Rezyklatquoten
Bedroht die Recyclingkrise die Rohstoffversorgung? 34
Ganzheitliches Risikomanagement im Einkauf, Teil 2
Top-Risiken steuern 38
Planungen für umfassende Reform
Der große Umbau der Zollunion 40
ANTRIEBSTECHNIK
TITEL
Einkaufsführer: Bremsen
Sicherheitskritische Anwendungen 42
Leichtbau-Linearführungen
Wartungsfreie Leichtgewichte 46
In 5 Schritten zur erfolgreichen Systemintegration
Vom Frameless-Servomotor zum Antriebssystem 48
Andreas Philipp und Stefan Zilm, Maxon Motor
Keramik – Werkstoff für High-Performance-
Anwendungen 50
SEW-Eurodrive auf der SPS 2025
Mehr Drehmoment auf engem Raum 53
AUTOMATISIERUNG
Unternehmensweites Product Lifecycle Management
Der Schlüssel zu stabilen, resilienten Lieferketten 54
Messevorschau
Von KI bis Safety: Die SPS als
Schaufenster der Automation 56
4 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Bild: Rheinmetall
Marcus Gerlach, CPO der Rheinmetall
Group und CEO der Central Division,
führt den Einkauf des Rüstungskonzerns
mit klarer Linie und
industriellem Pragmatismus. Sein
Ziel: lokale, resiliente Lieferketten
nach dem Vorbild der Automobilindustrie
– effizient, robust und technisch
führend.
» Seite 12
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sicheren Betrieb.
BME
Vorschau 60. Symposium Einkauf und Logistik
Zukunft gestalten in Zeiten des Umbruchs 60
Preisverleihung auf dem Symposium
Die Nominierten der BME Business Awards 2025 62
Beschaffungsrisiko Seltene Erden
Einkauf zwischen Abhängigkeit und Resilienz 63
BÜCHER
Rezension
Aufsteiger China, Absteiger USA und der Westen? 64
Buchempfehlungen 65
RUBRIKEN
Editorial 3
Partner des Einkaufs 58
In eigener Sache 66
Meinung
Cyberresilienz entscheidet über
die Zukunft der Supply Chains 67
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 5
» MAGAZIN
Personalwechsel an der Spitze
Mercedes-Benz stellt Einkauf und Entwicklung neu auf
Bild: Mercedes-Benz Group
Jörg Burzer wird ab dem 1. Dezember die
Verantwortung für das Vorstandsressort
Entwicklung und Einkauf innehaben.
Zum 1. Dezember 2025 übernimmt Jörg
Burzer bei Mercedes-Benz die Verantwortung
für das Ressort Entwicklung und
Einkauf sowie die Rolle des Chief Technology
Officer (CTO). Er folgt auf Markus
Schäfer, der nach mehr als 30 Jahren im
Konzern ausscheidet. Burzers bisheriges
Ressort Produktion, Qualität & Supply
Bild: Mercedes-Benz Group
Michael Schiebe wurde in den MB-Vorstand
für Produktion, Qualität und Supply Chain
Management berufen.
Chain Management geht an Michael
Schiebe, derzeit Chef von Mercedes-AMG
und Leiter der Top End Vehicle Group.
Mit dieser Neuaufstellung will der Konzern
die Verzahnung von Produktion, Entwicklung
und Einkauf weiter stärken und
zugleich die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.
Der Aufsichtsrat betont, dass Burzer
„technologische Entwicklungen und industrielle
Umsetzung konsequent miteinander
verknüpft“ habe – eine Kompetenz,
die nun in die Steuerung von Entwicklung
und Einkauf einfließen soll.
Für den Einkauf bedeutet der Wechsel eine
strategische Neuausrichtung unter
technologischer Perspektive. Burzer gilt
als Treiber von Effizienz, Flexibilität und
Innovation. Unter seiner Verantwortung
wurden in der Produktion neue Standards
für Nachhaltigkeit und Qualität gesetzt
sowie Liefernetzwerke weltweit stabilisiert.
Künftig soll er diese Erfahrungen in
die Weiterentwicklung des globalen Beschaffungsnetzwerks
und in die enge Kooperation
mit Entwicklungsteams einbringen.
Michael Schiebe übernimmt parallel Burzers
bisheriges Ressort Produktion, Qualität
& Supply Chain Management. Er
bringt langjährige Erfahrung in Führung,
Vertrieb und Prozessoptimierung mit. (sas)
Zulieferer im Umbau
Continental stärkt Einkauf und Erstausrüstung im Reifenbereich
Der Reifenbereich von Continental hat
zum 1. September 2025 zwei Schlüsselpositionen
neu besetzt. Jana Striezel verantwortet
seither den globalen Einkauf
von Continental Tires. Dennis Bellmund
übernahm zeitgleich die Leitung des
weltweiten Reifenerstausrüstungsgeschäfts.
Beide berichten direkt an Christian
Kötz, Vorstandsmitglied der Continental
AG und Leiter des Reifenbereichs.
Für die Beschaffung bedeutet die Ernennung
von Jana Striezel eine strategische
Neuausrichtung mit internationaler Perspektive.
Die Juristin bringt umfassende
Erfahrung aus dem globalen Einkauf des
Renault-Konzerns mit, wo sie zuletzt den
europäischen Einkauf für Renault sowie
die Allianz mit Nissan und Mitsubishi leitete.
Zuvor war sie bei Volkswagen in leitenden
Funktionen im Konzerneinkauf
und der Rechtsabteilung tätig. Striezel
soll den Einkauf bei Continental Tires ge-
Jana Striezel verantwortet als Chief Purchasing
Officer den Einkauf der Continental-Reifensparte.
zielt weiterentwickeln und die Zusammenarbeit
mit Lieferanten in den internationalen
Märkten ausbauen.
Mit Dennis Bellmund erhält das Erstausrüstungsgeschäft
einen langjährigen
Continental-Manager mit breiter Erfah-
Bild: Continental
Dennis Bellmund verantwortet seit dem
1. September das Reifenerstausrüstungsgeschäft
von Continental.
rung in Vertrieb, Supply Chain und Handelsmanagement.
Er war zuletzt für die
Reifenhandelsaktivitäten des Unternehmens
verantwortlich und leitete zuvor
das Supply-Chain-Management in der
Region EMEA. (sas)
Bild: Continental
6 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Stärkung von Supplier Intelligence und Discovery
Coupa übernimmt Sourcing-Experte Scoutbee
Der Spend-Management-Experte Coupa
hat die Unterzeichnung einer Vereinbarung
zur Übernahme von Scoutbee, Anbieter
der gleichnamigen Sourcing-Lösung,
bekannt gegeben. Der Zusammenschluss
soll Effizienz und Einsparungen
für Einkäufer fördern sowie Umsatzwachstum
für Lieferanten ermöglichen.
Durch die Integration von Scoutbees KIbasierter
Lieferantensuche,
der umfangreichen Datenbank
und verschiedenen
Kollaborationstools in die
Coupa-Plattform sollen Unternehmen
von mehr Transparenz
und Effizienz bei der
Lieferantensuche, dem Onboarding
und der Transaktionsabwicklung
profitieren.
In einem zunehmend volatilen
globalen Handelsumfeld
suchen Unternehmen nach
Wegen, schnell und sicher
neue Beschaffungsmärkte
und Lieferantenbeziehungen
aufzubauen, um ihre Handlungsoptionen
zu erweitern
und profitablere Entscheidungen
zu treffen.
Scoutbees Plattform unterstützt
Anwender dabei, Lieferanten
besser zu verstehen,
neue Partner in Echtzeit
zu identifizieren und
fundierte Entscheidungen
zu treffen. So sollen Prozesse
in der Zusammenarbeit
mit neuen Lieferanten vereinfacht
werden. Gleichzeitig
hilft die Plattform Lieferanten,
ihren Umsatz zu
steigern, indem sie neue Geschäftspartner
erreicht, Verifizierungen
vereinfacht
und Vertragsabschlüsse beschleunigt.
„Coupa und Scoutbee teilen
die Überzeugung, dass bessere
Daten zu besserer KI,
besseren Entscheidungen
und letztlich zu einer widerstandsfähigeren
Lieferkette führen“, sagte
Salvatore Lombardo, Chief Product and
Technology Officer bei Coupa. „Gemeinsam
schaffen wir das weltweit umfassendste,
dynamischste und datenreichste
Netzwerk.“
Scoutbee-CEO Gregor Stühler ergänzte:
„Der Zusammenschluss mit Coupa gibt
uns die Möglichkeit, unsere Mission auf
eine globale Bühne zu heben und ein besonders
datenreiches Buyer-Supplier-
Netzwerk im großen Maßstab bereitzustellen.“
Der Abschluss der Transaktion wird noch
im laufenden Geschäftsquartal erwartet.
Coupa hatte in diesem Jahr bereits das
auf Category Management spezialisierte
Unternehmen Cirtuo übernommen. (ys)
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Alle Teile des Erfolgs
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 7
» MAGAZIN
Einkaufsmanagerindex EMI für September
Produktion wächst trotz sinkender Neuaufträge
Bild: S$P Global/BME
Die Stimmung in der deutschen Industrie
bleibt verhalten. Der EMI fiel im September
auf 49,5 Punkte nach 49,8 im Vormonat.
Damit verharrt der Index weiter unter der
Wachstumsschwelle von 50 Punkten und
signalisiert eine anhaltende Kontraktion.
Ausschlaggebend für den Rückgang waren
erstmals seit vier Monaten sinkende Neuaufträge.
Viele Unternehmen führen dies
auf die wirtschaftliche Unsicherheit, den
zunehmenden Wettbewerbsdruck aus dem
Ausland und die Folgen der US-Zölle zu-
rück. Parallel dazu beschleunigte sich der
Stellenabbau und fiel so stark aus wie seit
Juni nicht mehr. Positiv entwickelte sich
dagegen die Produktion, die im September
den höchsten Anstieg seit dreieinhalb
Jahren verzeichnete. Zuwächse gab es in
allen drei Teilbereichen, besonders im Investitionsgütersektor.
Die Fertigung wurde
häufig durch das Abarbeiten bestehender
Auftragsbestände gestützt, die dadurch
stark schrumpften. Die Lieferzeiten verlängerten
sich erstmals seit Oktober 2022.
Ursache waren verzögerte Lieferungen aus
Asien und Kapazitätsengpässe bei Zulieferern.
Die Einkaufspreise gingen weiter zurück.
Genannt wurden ein starker Euro,
ein Überangebot am Markt und Wechsel
zu günstigeren Zulieferern, oft in Osteuropa.
Die Verkaufspreise gaben aufgrund des
Wettbewerbs um Neuaufträge ebenfalls
nach, der Rückgang fiel moderat aus. (sas)
Geschäftsklimaindex der ArGeZ für September
Geschäftsklima hellt sich auf – Erwartungen erstmals neutral
Bild: Ifo München, ArGeZ
Das Geschäftsklima der deutschen Zulieferer
hat sich im September leicht verbessert.
Der saisonbereinigte Ifo-Index stieg
von -11,4 Punkten im August auf -9,3
Punkte. Damit setzt sich der vorsichtige
Aufwärtstrend der vergangenen Monate
fort, auch wenn die Stimmung insgesamt
weiter im negativen Bereich verharrt. Treiber
sind die Erwartungen für die kom-
menden sechs Monate: Mit +0,1 Punkten
liegen sie erstmals seit über drei Jahren
nicht mehr im Minus. Faktisch entspricht
dies einem Gleichgewicht zwischen Optimisten
und Pessimisten. Von einem Aufschwung
kann allerdings noch keine Rede
sein. Dennoch markiert der Nulldurchgang
eine Zäsur, die die lange Abwärtsspirale
zumindest stoppt.
Die Lagebeurteilung verschlechterte sich
dagegen leicht von -17,9 auf -18,2 Punkte.
Nur 12 % der Unternehmen melden eine
gute Geschäftslage, knapp 30 % sprechen
von einer schlechten, rund 60 % von
einer befriedigenden Situation. Eine tragfähige
Basis für eine schnelle Erholung ist
damit nicht erkennbar. Etwas Rückenwind
kommt aus der Automobilindustrie. Der
VDA erhöhte seine Prognose für die Pkw-
Inlandsproduktion 2025 von -1 auf +2
Prozent. Grund ist ein besserer Jahresverlauf
als erwartet. Für die aktuelle Lage der
Zulieferer bedeutet dies keine Entlastung,
wohl aber ein psychologisches Signal: Die
Nachfrage wirkt stabiler, als lange befürchtet.
Gleichzeitig wächst der Druck
durch Überkapazitäten aus Nicht-EU-Ländern.
Aufgrund der jüngsten US-Zölle suchen
Anbieter verstärkt Absatzmärkte in
Europa. Für heimische Zulieferer bedeutet
das zusätzlichen Wettbewerb auf ohnehin
schwachen Märkten – und eine weitere
Belastung der angespannten Lage. (sas)
8 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Rohstoffmärkte: Dera-Preismonitor September 2025
Wolfram und Seltene Erden mit deutlichen Preissprüngen
Die Preise für Primärrohstoffe sind im September
erneut gestiegen. Laut Dera-Preismonitor
lag das Plus gegenüber August bei
durchschnittlich 2,6 %. Dahinter steht eine
deutliche Schere: 58 der erfassten Rohstoffe
verteuerten sich, 25 wurden günstiger.
Besonders stark legten Edelmetalle
mit plus 10,5 %, Platinmetalle mit plus
4 % und Seltene Erden mit plus 3,8 % zu.
In allen drei Segmenten gab es 2025 bislang
keinen Monat mit sinkenden Preisen.
Leichte Entspannung zeigte sich bei Industriemineralen
(-0,8 %). Auffällig war
Wolfram: APT verteuerte sich um 32,9 %,
Wolframpulver um 32,5 %, Ferrowolfram
um 23,3 %. Ursache war eine angespannte
Lage auf dem Konzentratmarkt.
Auch bei Seltenen Erden setzte sich die
Aufwärtsbewegung fort. Neodym (Oxid
+15,7 %, Metall +12 %) und Praseodymoxid
(+14,4 %) stiegen besonders stark.
Innerhalb der Eisenlegierungen zeigten
sich gegensätzliche Trends: Während Ferrowolfram
kräftig zulegte, sanken die Preise
für Ferrotitan (-17,7 %), Ferromolybdän
(-12,1 %) und Ferrosilizium (-8,5 %). Auch
Aluminiumoxid (-8,9 %) und Chrom
(-6 %) wurden günstiger gehandelt.
Im Recyclingsegment hielten die Preisrückgänge
bei Stahlschrotten an. Sie fielen
je nach Sorte um 1,6 bis 4,9 % – auf ein
Niveau wie zuletzt 2020.
Chart des Monats September 2025: Chinesische Exportkontrollen treiben Rohstoffpreise in Europa.
Für zusätzliche Unsicherheit sorgen die
geopolitischen Entwicklungen bei Seltenen
Erden. Seit Einführung chinesischer
Exportkontrollen im Frühjahr 2025 sind die
europäischen Preise stark gestiegen. Laut
Europäischer Handelskammer in China berichten
Unternehmen über wachsende Beschaffungsprobleme;
einige mussten ihre
Produktion einstellen.
Die Preisunterschiede zwischen China und
Europa haben sich deutlich vergrößert. Ende
September zahlten europäische Abnehmer
für Yttrium das 15-Fache des chinesischen
Preises. Auch Gadolinium (Faktor 5),
Terbium (3,7) und Dysprosium (3,5) lagen
weit über dem chinesischen Niveau – ein
Signal für die angespannte Versorgungslage.
Von 141 Exportanträgen europäischer
Firmen wurden laut EUCCC nur 19 genehmigt.
Der Export chinesischer SE-Magnete
nach Europa sank im Juli 2025 um 40 %
gegenüber dem Vorjahr. Auch die USA sind
betroffen: Im Mai 2025 exportierte China
rund 90 % weniger SE-Magnete in die
Vereinigten Staaten. Allerdings haben die
USA früh reagiert. Seit 2020 investiert das
Verteidigungsministerium in eine eigene
Wertschöpfungskette; rund 400 Mio. USD
flossen bisher in Projekte. Zuletzt beteiligte
sich das Ministerium am US-Produzenten
MP Materials und sicherte per Zehnjahresvertrag
feste Abnahmepreise. (sas)
Bild: Deutsche Rohstoffagentur
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PROCUREMENT INTELLIGENCE
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 9
» MAGAZIN
Studie offenbart strategische Schwächen im Einkauf
Einkaufsagenda 2025 – Reifeprüfung
für den Einkauf
Die „Einkaufsagenda 2025“ zieht ein ernüchterndes Fazit: Strategien sind vorhanden, doch
an der Umsetzung hapert es. Digitalisierung, Risikomanagement und Nachhaltigkeit bleiben
Stückwerk. Nur wenige Einkaufsorganisationen erreichen ein hohes Reifegradniveau.
Die Einkaufsagenda von amc ordnet Unternehmen je nach Reifegrad fünf Entwicklungsstufen zu: Je höher der Reifegrad, desto stärker ist im Einkauf
die strategische Ausrichtung. Der Gesamtdurchschnitt der Firmen liegt bei 48 % (Praktiker). Nur die Top-5 erzielen mit 71 % Profi-Niveau. Ein einziges
Unternehmen erreicht einen Reifegrad von über 80 % und gilt als Innovator.
Bild: amc
Der Einkauf steht vor einer strategischen
Nagelprobe. Eine aktuelle
Reifegradanalyse von amc, Bonn, zeigt:
Viele Organisationen bleiben hinter den
eigenen Ansprüchen zurück. Zwar existieren
Strategien, doch an der Umsetzung
hapert es gewaltig.
Mehr als 70 Unternehmen aus unterschiedlichen
Branchen, vom Mittelständler
bis zum Großkonzern, haben sich an
der Studie beteiligt. Das Ergebnis ist ernüchternd:
Der durchschnittliche Reifegrad
liegt bei 48 Prozent. Nur ein einziges
Unternehmen erreicht mit über 80 Prozent
die Stufe „Innovator“. Die große
Mehrheit bewegt sich auf dem Niveau
„Starter“ oder „Praktiker“.
Strategien ohne Wirkung
94 Prozent der Unternehmen geben an,
ihre Strategien nicht konsequent umzusetzen.
Fast 40 Prozent belassen ihre Einkaufsstrategie
im PowerPoint-Status.
Zwar haben 60 Prozent ein Zukunftsbild
entwickelt, doch nur 15 Prozent stimmen
die Ziele bereichsübergreifend mit Stakeholdern
ab. Auch die Messung der Zielerreichung
bleibt lückenhaft: 42 Prozent
verfügen über keine verlässliche KPI-
Struktur.
Die Folge: Einkaufsziele bleiben isoliert
und entfalten kaum Wirkung. Besonders
kritisch ist, dass 68 Prozent die Zufriedenheit
ihrer Stakeholder gar nicht erfassen.
Damit fehlt dem Einkauf oft die
Rückkopplung, die für Akzeptanz und
Durchsetzungskraft entscheidend wäre.
Achillesfersen
Beim Thema Digitalisierung erreicht der
Einkauf im Schnitt nur 40 von 100 möglichen
Reifegradpunkten. Prozesse wie Purchase-to-Pay
sind meist standardisiert,
aber nicht durchgängig digitalisiert. Im
Reporting fehlt es an Genauigkeit, was
10 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
die Steuerung erschwert. 62 Prozent der
Firmen bemängeln eine fehlende Prozesskonsequenz,
kein einziges Unternehmen
ist mit seiner Datenqualität zufrieden.
Auch die Transparenz über Ausgaben
bleibt unzureichend: 44 Prozent der Unternehmen
wissen nicht genau, wohin ihr
So arbeiten die
Top-Einkaufs -
organisationen
Die Top-5-Unternehmen erreichen
mit 71 % einen deutlich
höheren Gesamtreifegrad
als der Durchschnitt (48 %).
In keiner Dimension schneiden
die Top-5 unter 65 % ab.
Das zeichnet sie aus:
• Crossfunktional abgestimmtes
Zukunftsbild
• fortlaufende Messung relevanter
KPI und Zielwerte
• Strategien und Maßnahmen
mit Stakeholdern abgestimmt
• durchgängige Digitalisierung
und Systemintegration
aller operativen und
taktischen Prozesse
• gute Reporting- und
Controlling -Strukturen
• strukturierte Strategien für
über die Hälfte des
Einkaufsvolumens
• Einkauf als vollwertiger
strategischer Business-
Partner akzeptiert
• belastbare Forecasts
• etablierte Kommunikationsund
Eskalationsprozesse
• proaktives
Risikomanagement
• ESG-Kriterien integriert in
Ausschreibungen und
Bewertunge n
• Klima-Roadmap mit Zielen
für den Scope-3
Budget fließt. Strategisch gesteuert werden
im Durchschnitt nur 28 Prozent des
Einkaufsvolumens.
Rückstand
Nur 25 Prozent der Befragten nutzen spezielle
IT-Lösungen für das Risikomanagement,
38 Prozent verfügen über gar keinen
Prozess. Externe Datenquellen oder
proaktive Ansätze sind selten. Bei der
Nachhaltigkeit ist die Lage ähnlich: Lediglich
28 Prozent haben ESG-Ziele im
Einkauf verankert, Ausschreibungen berücksichtigen
Nachhaltigkeitskriterien
bislang nur in Ausnahmefällen.
Logistik und Bestände
Auch in der Logistik offenbart die Analyse
Schwächen: 91 Prozent der Unternehmen
kennen ihre Transportrouten nicht oder
verzichten auf Echtzeit-Tracking. In der
Lagersteuerung passen 68 Prozent ihre
Parameter nur unregelmäßig an. Ein systematisches
Sales & Operations Planning
(S&OP) haben nur 36 Prozent etabliert.
Was die Top-5 anders
machen
Die besten fünf Unternehmen der Studie
erreichen einen Reifegrad von 71 Prozent,
deutlich über dem Durchschnitt. Sie eint
ein klares Zukunftsbild, das mit allen relevanten
Stakeholdern abgestimmt ist. KPI-
Strukturen, belastbare Forecasts und
etablierte Kommunikationsprozesse sorgen
für Transparenz. Zudem sind Digitalisierung
und Systemintegration konsequent
umgesetzt, ESG-Kriterien fließen in
Ausschreibungen und Bewertungen ein.
Die Einkaufsagenda zeigt: Effizienz ersetzt
keine Strategie. Viele Einkaufsorganisationen
agieren noch immer zu operativ
und isoliert. Wer den Reifegrad steigern
will, muss seine Ziele bereichsübergreifend
abstimmen, Kennzahlen etablieren
und den Dialog mit Stakeholdern suchen.
Erst wenn Strategie, Digitalisierung
und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen,
wird der Einkauf zum echten Business-
Partner. Zum Download der Studie:
amc-group.de/whitepaper/praxisstudie
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 11
» MANAGEMENT
Marcus Gerlach, CPO Rheinmetall Group & CEO Central Division
Was für die Autoindustrie gilt,
hilft jetzt in der Rüstung
Das Investitionspaket für die Bundeswehr, der Bedarf anderer westlicher Armeen sowie
der Streitkräfte in der Ukraine sorgen bei Rheinmetall für einen nie dagewesenen
Nachfrageschub. Wie der Rüstungskonzern mit der Zeitenwende umgeht, wie wichtig
lokale Lieferketten sind und wo die Autoindustrie als Benchmark dient, erklärt Rheinmetall-Einkaufsleiter
Marcus Gerlach.
Beschaffung aktuell: Herr Gerlach, Sie leiten
seit 2023 den Gesamteinkauf bei Rheinmetall. Was
ist Ziel der neuen zentralen Einkaufsstruktur?
Marcus Gerlach: Das Mandat des Einkaufs ist bei
Rheinmetall über die Jahre stetig gewachsen. Zunächst
über die Bündelung des indirekten Einkaufs.
Seit 2023 sind auch das Produktionsmaterial und
ESG in der Lieferkette Teil des zentralen Verantwortungsbereichs.
2025 folgte die direkte Berichtslinie
aller globalen Einkaufsbereiche, der Projekteinkauf
und das Supplier Quality Development. Doch obwohl
ich den Einkauf für alle fünf Divisionen leite, bin ich
kein Freund des Zentraleinkaufs.
Warum nicht?
Der Einkauf darf sich nicht von den Geschäftsfeldern
entkoppeln. Wir müssen wettbewerbsfähiger einkaufen,
aber immer an den Bedürfnissen der Businessunits
bleiben. Deshalb sitzen unsere Einkäufer in den Werken
und nah an der Entwicklung. Von weltweit 1050 Einkäuferinnen
und Einkäufern arbeiten 1000 dezentral,
nur 50 verantworten die übergeordnete Koordination.
Marcus Gerlach
... ist seit Januar 2023 Chief Purchasing Officer von
Rheinmetall. Der Betriebswirt mit Studium an der
LMU München blickt auf 27 Jahre Industrieerfahrung
im In- und Ausland zurück. Zu den Stationen
seiner Laufbahn zählen führende Positionen bei
Pierburg (Teil der Rheinmetall) in Deutschland,
China und den USA sowie bei KS Aluminium Technologie
und Kolbenschmidt. Gerlach gilt als profilierter
Einkaufsstratege mit breitem unternehmerischem
Blick. Unter seiner Führung hat Rheinmetall
den Einkauf neu strukturiert.
Was machen Sie heute anders?
Dass der Einkauf nicht mehr als „Bestellschreiber“
agiert, ist für manche Division ein Kulturwandel. Der
Vorstand erkennt den Wertbeitrag des Einkaufs. Unsere
Zukaufquote liegt bei 54 Prozent des Umsatzes,
der externe Wertschöpfungsanteil nach Abzug von
Overheadkosten und Gewinn bei rund 75 Prozent. Insofern
ist ein starker Einkauf alternativlos.
Rüstung ist technologiegetrieben. Wie eng arbeiten
Sie mit Ihrer Entwicklung zusammen?
Mit Lieferanten erst dann kommerziell zu verhandeln,
wenn sie feststehen, ist ein Mittel mit klaren
Grenzen. Nur wenn wir früh eingebunden sind, können
wir mehrere Lieferanten anfragen und Wettbewerb
schaffen. Dazu brauchen wir die Entwicklung:
für Zeichnungen, für alternative technische Ansätze
auch mit Blick auf bessere Produzierbarkeit. Deshalb
orchestrieren wir die gesamte Kette von der Entwicklung
über den Einkauf bis zur Produktion. Der Aufbau
von Zweit- und Drittlieferanten führt außerdem zur
Absicherung unserer Lieferkette. Auch das ist ein gemeinsames
Ziel.
Wird Ihre Stimme im Konzern ausreichend gehört?
Solche Veränderungen passieren nicht über Nacht.
Das ist ein Weg, unterstützt durch den Vorstand,
der unser Mandat in den vergangenen sieben Jahren
stetig erweitert hat und an den ich direkt berichte.
Über meine 27 Jahre bei Rheinmetall in verschiedenen
Funktionen habe ich ein generalistisches
Verständnis des Unternehmens gewonnen. Ich
begreife mich weniger als den besten Einkäufer
oder Verhandler, sondern als Libero, der das Spielfeld
dieser Querschnittfunktion überblickt und dafür
sorgt, dass die Teams ihren Wertbeitrag erbringen
können. Dazu gehört, dass ich um Mitarbeit
und Kooperation werbe.
12 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
»Wir alle im Einkauf
empfinden es
als Verantwortung,
ja Verpflichtung, zur Sicherheit
und Verteidigungs -
fähigkeit unseres Landes
und eines freien Europas
beizutragen.«
Rheinmetall erlebt ein enormes Wachstum. Wie sichern
Sie sich die notwendigen Kapazitäten?
Dazu möchte ich eines vorwegschicken: Wir alle im
Einkauf empfinden es als Verantwortung, ja Verpflichtung,
zur Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit
unseres Landes und eines freien Europas beizutragen.
Insofern wird der erhöhte Arbeitsaufwand klaglos
aufgenommen und in Leistung umgesetzt.
Wie gehen Sie konkret vor?
Wir orientieren uns an den Prozessen der Automobilindustrie.
Rheinmetall ist als Tier-1 mit den Anforderungen
dieser Branche hinsichtlich Prozesseffizienz,
Kostenorientierung, On-Time-Delivery und Null-Fehler-Mindset
ja durchaus vertraut. Diese Benchmarks
übertragen wir nun auf den Rüstungsbereich. Das
betrifft den Einkauf, aber auch die Arbeit auf technischer
Seite. Termintreue hat im Verteidigungssektor
eine ganz andere Priorität gewonnen. Das erreichen
wir durch die Verzahnung der Divisionen und den
Austausch, den wir anstoßen.
Sind Automobilzulieferer als neue Lieferpartner eine
Option? Die Kapazitäten wären dort ja vorhanden.
Grundsätzlich ja. Viele der Firmen erfüllen grundsätzliche
Voraussetzung wie ISO 9001, ISO 27001, Umweltzertifizierung,
ESG-Ranking. Darüber hinaus gibt es je
nach Produkt Qualifizierungen, die gegebenenfalls
nachzuholen sind. Allerdings wird Rheinmetall – da
wird in der Öffentlichkeit bisweilen ein falscher Eindruck
erweckt – nicht in Gänze die fehlenden Volumina
der Automobilindustrie ausgleichen können. Hier
geht es noch immer um andere Mengengerüste. Aber
natürlich ergeben sich für uns in diesem Markt Chancen,
die wir aus der Notwendigkeit heraus die Resilienz
in der Lieferkette und den Output in kurzer Zeit
zu erhöhen nutzen werden. Die lokale Nähe der Unternehmen
ist ein weiterer Pluspunkt.
Sourcen Sie vor allem in Deutschland und Europa?
Obwohl ich mein Einkaufshandwerk im Automobilzulieferbereich
gelernt habe, war ich nie ein Freund von
Low-Cost-Country Sourcing. Die wahren Risiken einer
global umspannenden Lieferkette sind meines Erachtens
nie ehrlich in die Kostenbetrachtung eingeflossen.
Damit meine ich nicht die Transportkosten, sondern
Kapitalbindung, Qualitätsrisiken und die Risiken,
wenn Container große Distanzen über die Weltmeere
überbrücken. Naturkatastrophen, Pandemien, geopolitische
Unsicherheiten wurden nie sauber in die Gesamtbetrachtung
einbezogen. „Local for local“ ist aus
meiner Sicht die einzig langfristig richtige, nachhaltige
Einkaufsstrategie. Hinzu kommt im Verteidigungsbereich
natürlich die Erwartung unserer Auftraggeber,
dass Aufträge im Land Wertschöpfung erzeugen.
Der erwünschte Nebeneffekt ist Resilienz.
Marcus Gerlach, CPO
bei Rheinmetall, über
Lieferkettenresilienz,
Automobilstandards in
der Rüstung – und
warum lokale Nähe für
ihn mehr zählt als vermeintlich
günstige Bezugsquellen.
Bild: Rheinmetall
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 13
» MANAGEMENT
Nicht nur für den Skyranger,
ein mobiles
Flugabwehrsystem zum
Schutz gegen Angriffe
aus der Luft, liegen bei
Rheinmetall zahlreiche
Aufträge von NATO-
Ländern und der Bundeswehr
vor.
Können Sie dies konkretisieren?
Resilienz entsteht nicht nur, indem ich die Anzahl
meiner Lieferquellen erhöhe, sondern auch, indem
ich die Lieferketten näher an mich heranhole. Ein
Beispiel: Für Panzerstahl war
die Nachfrage in Europa über
viele Jahre so niedrig, dass
viele Stahlhersteller die Sparte
aufgegeben haben und eine
monopolistische Anbieterstruktur
entstanden ist. Jetzt
bauen auch deutsche Hersteller
wieder Kapazitäten auf.
Das sorgt für kurze, abgesicherte
Lieferketten. Zusätzlich setzen wir auf
CO 2 -reduzierten Stahl und leisten gleichzeitig einen
wirtschaftlichen Beitrag vor Ort.
Resilienz entsteht auch in den tiefen Stufen der
Lieferkette. Wie gut kennen Sie diese?
Die ESG-Gesetzgebung verlangt Durchgriff und
Transparenz bis zum Rohmaterial. Das ist in der Praxis
kaum umsetzbar, weil sich die Durchsetzbarkeit
eines Vertrages irgendwann verliert. Aber es ist richtig,
die Risiken entlang der gesamten Kette zu denken
und zu analysieren. Gerade Zwischenhändler legen
ihre Portfolios jedoch selten ganz offen. Insofern
kommt man ab einem bestimmten Punkt dazu Wahrscheinlichkeiten
zu betrachten.
Was heißt das konkret?
Wir führen mit unseren 12.500 direkten Lieferanten
einen Risikodialog, um sie zu sensibilisieren. Bei kritischen
Komponenten, gewissen Metallen, Rohstoffen
oder Elektronik, geht es vor allem um regionale Abhängigkeiten.
Hier sind wir sehr engagiert, sodass
Bild: Rheinmetall
»„Local for local“ ist
aus meiner Sicht die
einzig langfristig
richtige, nachhaltige
Einkaufsstrategie.«
unser Blick auf die Tier-2-Ebene bereits recht gut ist.
Danach wird es unschärfer und wir nutzen für die
Geolokalisation KI-basierte Tools.
Welche Anforderungen stellen Sie an neue Lieferanten?
Die Anforderungen hängen natürlich vom Endprodukt
ab. Über alle Produktgruppen hinweg orientiert
sich Rheinmetall aber – auch beim Einkauf – an nationalen
und internationalen Standards wie dem
Global Compact oder den Leitprinzipien für Wirtschaft
und Menschenrechte der Vereinten Nationen
sowie an unserem eigenem Leitbild und unserem
Supplier Code of Conduct. Und um etwaigen unvorhersehbaren
Entwicklungen in den Lieferketten nicht
ausgesetzt zu sein, haben wir jede Form von Abhängigkeit
von einzelnen Quellen systematisch reduziert.
Das ist unser Zielbild. Und mit diesem Zielbild vor
Augen haben wir stabile und verlässliche Lieferketten
etabliert, sodass die Versorgung mit wichtigen
Rohstoffen für unsere Produktion sichergestellt ist.
Wir müssen lieferfähig sein und brauchen Verlässlichkeit.
Das entspricht in diesen
Zeiten auch der Erwartungshaltung
unserer Kunden.
Wie reduzieren Sie die Abhängigkeiten
von einzelnen
Ländern und Regionen?
Zum einen kann man sich Alternativen
erarbeiten, so sie
technisch verfügbar sind. Bei
kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden begrüßen
wir Bestrebungen diese in anderen Weltregionen zu
fördern und zu verarbeiten, auch dass in Deutschland
über den Lithiumabbau nachgedacht wird. Durch die
neue Bundesregierung und auch in Brüssel hat sich
die Haltung verändert. Es gibt wieder eine europäische
Industriepolitik.
Kommen wir noch einmal auf die Dringlichkeit der
Lieferungen zurück. Es geht um große Volumina,
die eingekauft und produziert werden müssen. Wie
stellen Sie angesichts der Mengen die Lieferfähigkeit
sicher?
Wir beginnen bei den Produktionsprozessen, identifizieren
Bottlenecks und beseitigen die Engpässe
durch Investitionen oder Automatisierung. Das tun
wir sowohl inhouse, als auch in der Diskussion mit
Lieferanten. Es geht darum, den Prozess der Lieferantenentwicklung
viel holistischer zu begreifen. Also
nicht erst dann zu starten, wenn Schlechtteile geliefert
werden, sondern im Entwicklungsprozess mit
den Lieferanten die Themen schrittweise, prozessual
14 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
sauber abzuarbeiten. Wir nutzen Quality Gates, wie
sie die Automobilindustrie kennt, um die Anforderungen
regelmäßig zu überprüfen. Das ist an sich
keine Innovation. Neu ist, dass wir es in einem neuen
Industriesektor anwenden.
Kommt der Anstoß hierfür aus dem Einkauf?
Das ist ein klares Credo des Einkaufs, der die Lieferanteninteraktion
steuert. Aber es ist eine Teamleistung,
ein gemeinsamer Erfolg mit der Entwicklung,
die die technische Impulse liefert. Der Einkauf ist
verantwortlich für Qualität, Kosten, Termine der zugekauften
Komponenten.
Verändern sich dadurch die Anforderungen an Ihre
Einkäufer?
Auf jeden Fall! Die neue Rolle des Werttreibers macht
etwas mit dem Einkauf. Die Aufgaben werden vielfältiger
und interessanter. Insofern sehen die Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen einen Ansporn, sich dahingehend
zu entwickeln.
Qualitätsanforderungen, Schnelligkeit und eine
Vielzahl an Absprachen brauchen eine gute Datenbasis.
Wie steht es um die Digitalisierung?
Aufgrund unserer Konzernstruktur ist unsere ERP-
Landschaft eher heterogen, was bei unserer Matrixstruktur
aber kein Problem ist. Gleichwohl brauchen
wir einen zentralen Überblick, bei wem wir in welchen
Mengen und zu welchen Konditionen kaufen. Über separate
Datenfelder bekommen wir diese eindeutigen
Zuordnungen. Außerdem nutzen wir eine global ausgerollte
Procurement-Suite, die das gesamte Lieferuniversum
von Rheinmetall abbildet und die Zusammenarbeit
über die Divisionen hinweg sicherstellt.
Rheinmetall
Die Rheinmetall AG mit Sitz in Düsseldorf
ist als Technologiekonzern im militärischen
und zivilen Bereich aktiv. Der DAXnotierte
Konzern gliedert sich in fünf Divisionen
und beschäftigt 40.000 Mitarbeitende
weltweit. Im Geschäftsjahr 2024 erzielte
Rheinmetall einen Umsatz von rund
9,8 Mrd. Euro. Das Unternehmen ist ein
zentraler Ausrüster für Streitkräfte und
Zulieferer für die Industrie. Zuletzt übernahm
das Unternehmen die Militärsparte
der Bremer Lürssen-Gruppe.
Bild: Rheinmetall
Wie koordinieren Sie weltweit über 1000 Einkäufer?
Über Commodity-Teams und das Warengruppenmanagement.
Über diese Teams stellen wir sicher, dass
alle Warengruppenverantwortlichen in einem regelmäßigen
Austausch stehen, gemeinsam die Datenbasis
analysieren, Strategien entwickeln und Projekte
umsetzen. Digitale Informationsmöglichkeiten werden
diesen Austausch von Mensch zu Mensch nicht
ersetzen.
Was ist für die Zukunft wichtig?
Strukturell ist der Einkauf gut aufgestellt. Wichtig ist
jetzt, dass das globale Team noch stärker zusammenwächst,
vor allem mit den Kolleginnen und Kollegen
aus den anderen Kontinenten. Gleichzeitig wollen
wir die Zusammenarbeit mit der Entwicklung vertiefen,
um Multi Sourcing zu ermöglichen, um technische
Verfeinerungen und Innovationen, die von Lieferanten
an uns herangetragen werden, stärker zu
nutzen.
Wie blicken Sie persönlich auf die kommenden
Jahre?
Ich sehe darin vor allem Verantwortung. Unsere Aufgabe
ist es, die Produktion und Lieferketten so zu
skalieren, dass wir schnell, verlässlich und in hoher
Qualität liefern, um die Verteidigungsfähigkeit
Deutschlands, der NATO und Europas zu stärken. Daran
mitarbeiten zu können, unsere Demokratie, Sicherheit
und Freiheit abzusichern, ist für mich jeden
Tag Motivation und Freude zugleich.
Das Gespräch führte Annette Mühlberger.
Munitionsfertigung im
neuen Rheinmetall-
Werk in Niedersachsen.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 15
» MANAGEMENT
Zur Meisterschaft im Verhandeln – vom Profi lernen, Teil VIII
Verhandlungen – gestern,
heute, übermorgen
Seit Januar 2025 hat Verhandlungsexperte Jacek Drozak in seiner Kolumne gezeigt, wie Strategie,
Psychologie und Haltung erfolgreiche Verhandlungen prägen – von der Vorbereitung über
Machtbalance bis zur richtigen Reaktion in kritischen Momenten. Im achten und letzten Teil
blickt er zurück auf drei Jahrzehnte Verhandlungspraxis. Er beschreibt, wie sich Methoden,
Werkzeuge und Rollen verändert haben, welche Kompetenzen künftig zählen und warum trotz
aller Technologie eines bleibt: Der entscheidende Faktor ist und bleibt der Mensch.
Von der Fernsprechleitung zur KI-
Verhandlung: Zwei Hörer, zwei
Welten – wie sich Verhandlungen
über Jahrzehnte verändert haben.
Vor 30 Jahren verhandelten Menschen miteinander,
heute verhandeln Menschen mit Maschinen.
Und morgen wird vielleicht ein Algorithmus
den ersten Kompromiss kassieren. In den letzten drei
Jahrzehnten hat sich die Verhandlungswelt grundlegend
verändert: Methoden, Prozesse, Infrastruktur
und Kultur. Während der Wandel früher linear verlief,
ist er heute exponentiell.
Damals: Als Verhandlungen noch
nach Papier rochen
Vor dreißig Jahren war Verhandeln ein haptisches Erlebnis.
Man traf sich persönlich, tauschte Aktenordner,
las Körpersprache, reichte Verträge über den
Tisch. Faxgeräte ratterten, E-Mails waren selten, und
wer einen Informationsvorsprung hatte, war König.
Ein Faxgerät zu Hause galt als Statussymbol. Man
war „jemand“.
Verhandlungen in den 1990ern folgten klaren Ritualen:
Angebotsrunde, Gegenangebot, Pause. Positionen
waren fix, Kompromisse das Ergebnis von Überzeugungskraft.
„Soft Skills“ zählten, Daten weniger,
weil es kaum welche gab.
Bild: Dukes - stock.adobe.com
Die Globalisierung begann, aber noch im Schneckentempo.
Lieferanten saßen im 50-Kilometer-Radius
„um den Kirchturm“, nicht in Bratislava oder Shenzhen.
Verhandeln hieß, Menschen zu treffen, nicht
Systeme zu steuern. Ich erinnere mich an ein „Tool for
Lean Quotations“, das damals bei Siemens Automotive
entstand – eine Excel-Datei mit acht verknüpften
Tabellenblättern zur Angebotserstellung und Verhandlungsvorbereitung.
Nach dem Eingeben der Daten
ging man erst einmal Kaffee trinken und hoffte,
dass Excel bis zur Rückkehr fertig gerechnet hatte.
Auf der Einkaufsseite war der Anteil der Ausschreibungen
gering, freihändige Vergaben an Lieblingslieferanten
dagegen alltäglich. Die Lieferantenseite tat
alles, um dieses Schlaraffenland zu erhalten. Mit einer
gewissen Kreativität – von der obligatorischen
Weinflasche zu Weihnachten bis zur Einladung in
den VIP-Bereich der Formel 1. Kurz vor Weihnachten
sah der Konferenzraum aus wie ein Versandlager voller
Geschenkpakete, auch bei uns im Office.
Der Weg bis heute
Mit der Jahrtausendwende wurde das Verhandlungsklima
kälter – fast wie im Film „The Day After Tomorrow“.
Dafür gab es mehrere Gründe. Der sogenannte
López-Effekt veränderte durch die Einkaufsabteilungen
der Automobilkonzerne die Spielregeln. Die
wachsende Globalisierung und Standardisierung mit
mehr Wettbewerb, internationaler Bündelung, Rotationsprogrammen
und lokalen Dienstleistern erhöhte
die Dynamik. Eine neue Generation von CPOs – jung,
klug und transformationsbereit – etablierte moderne
Verhandlungsstandards, etwa bei Siemens, ABB oder
Airbus. Gleichzeitig brachte die Methodenvielfalt von
Einkaufsallianzen, Outsourcing-Partnern und spezialisierten
Beratungen neue Instrumente wie Spieltheorie,
E-Auktionen und datenbasierte Vorbereitung
in die Praxis.
16 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 17
» MANAGEMENT
Dr. Jacek Drozak
Heute: Verhandeln in Echtzeit
Drei Jahrzehnte später ist alles digital, datengetrieben
und oft remote. Wer heute verhandelt, hat kein
Faxgerät mehr, sondern zehn geöffnete Tabs: ERP-
System, Dashboard, Videokonferenz und Vertragsplattform.
Seit Corona hat sich das hybride Verhandeln
etabliert. Körpersprache, Atmosphäre und Small
Talk wirken anders, dafür entstehen neue Signale –
Pausen, Stimme, Mikromimik. Digitale Tools zeichnen
Gespräche auf, transkribieren und analysieren sie.
Der Verhandlungstisch ist gläsern geworden.
Künstliche Intelligenz und Analytik liefern Echtzeitdaten
zu Preisen, Lieferzeiten, Qualität oder ESG-
Scores. Entscheidungen werden faktenbasiert. Ein
Einkäufer, der früher nach Bauchgefühl entschied,
bekommt heute datenbasierte Vorschläge: „Strategie
A: Preisführerschaft. Strategie B: Nachhaltigkeit
priorisieren.“ Das verschiebt die Macht – weg vom
Instinkt, hin zur Evidenz.
Verhandlungen drehen sich längst nicht mehr nur um
Preis und Lieferzeit. Neben ESG-Kriterien, Menschenrechten,
CO 2 -Bilanzen und KI-Transparenz stehen
heute auch Resilienz, geopolitische Konflikte,
Kriege, Pandemien und Zölle auf jeder Agenda. „Winwin“
bedeutet inzwischen nicht nur wirtschaftlich,
sondern auch nachhaltig und partnerschaftlich zu
agieren.
Auch Diversity gewinnt an Bedeutung – von der stärkeren
Präsenz von Frauen über die Integration junger
Talente bis zu cross-funktionalen Teams aus Einkauf
und Vertrieb.
Übermorgen: Wenn Algorithmen
mitverhandeln
Die nächste Entwicklungsstufe steht bevor: Künstliche
Intelligenz wird Teil des Verhandlungsteams. KIgestützte
„Negotiation Assistants“ schlagen Argumente,
Preisanker oder Kompromisse vor. Beispiel:
„Wenn du den Lieferzeitpunkt verschiebst, bekommst
du 2,3 Prozent mehr Rabatt.“ Der Mensch entscheidet,
die Maschine denkt mit.
Bisher analysiert KI, bald wird sie aktiv assistieren
und in Standardfällen Abschlüsse tätigen. Schon
heute nutzt ein Einkaufsteam KI, um aus 120 Lieferanten
die besten zehn zu priorisieren.
Die Maschine bewertet Preise, Lieferzeiten
und Nachhaltigkeit, der Mensch
übernimmt Strategie und Beziehungspflege.
In wenigen Jahren werden standardisierte
Verhandlungen weitgehend automatisiert
ablaufen. KI-Systeme operieren innerhalb
klarer „Guardrails“ – etwa bei
Mindestmargen oder Lieferfristen. Sind
Bild: Privat
sich beide Seiten einig, schließt das System selbstständig
ab. Nur komplexe Fälle werden an den Menschen
eskaliert.
Autonome KI-Agenten werden Routineverhandlungen
übernehmen, Mengenrabatte, SLA-Anpassungen
und taktische Vorschläge inklusive. Zwei Bots könnten
binnen Sekunden Hunderte Positionen abgleichen
und das geschieht regelkonform, neutral, effizient.
Doch empathisch? Niemals. Der Mensch bleibt
Regisseur. Die Zukunft ist keine Arena von „KI gegen
Mensch“, sondern eine Kooperation von „Mensch mit
KI“. Die Rolle des Menschen verschiebt sich weg vom
Taktiker hin zum Strategen und Ethik-Wächter.
Gefragt sind neue Kernkompetenzen:
• Datenintelligenz – Welche Daten zählen wirklich?
• Prompt-Kompetenz – Wie steuere ich KI gezielt?
• Empathie – Was keine Maschine je kann: Beziehung,
Vertrauen, Zwischentöne.
Wo KI mitredet, entstehen neue Fragen zu Risiko und
Verantwortung. Was, wenn beide Seiten mit Algorithmen
arbeiten? Kommt es zu einem strategischen
Wettrüsten zwischen Maschinen? Und wer trägt die
Verantwortung, wenn ein KI-Vorschlag rechtliche
Folgen hat?
Hier braucht es klare Leitplanken: nachvollziehbare
Entscheidungswege, Transparenzpflichten beim KI-
Einsatz und die menschliche Letztentscheidung.
Denn eines bleibt sicher – Fairness und Vertrauen
lassen sich nicht automatisieren. KI mag schneller
verhandeln, doch Vertrauen bleibt das langsamste
und wichtigste Element jeder Verhandlung.
Fazit
Die Verhandlungswelt wird schneller, transparenter
und komplexer. Verhandlungen bleiben ein Spiel
menschlicher Interessen, doch die Züge werden immer
öfter von Maschinen vorgeschlagen. Wer erfolgreich
bleiben will, muss künftig drei Sprachen sprechen:
die der Menschen, die der Daten und die der
Maschinen. Lieber Leser, erlaube mir zum Schluss eine
persönliche Note.
Die vielen positiven Rückmeldungen haben mich sehr
berührt. Das Schreiben und Teilen meiner 30-jährigen
Erfahrung war für mich eine bereichernde Reise
– und sie ist hoffentlich noch nicht zu Ende.
18 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
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Foto: Ceyoniq
Mit nscale CLM können Einkäufer selbst das größte Vertragschaos meistern
Sichere Verträge – nscale CLM
Im Einkauf ist ein sicherer Vertragsumgang entscheidend: Zahlreiche Lieferanten aus
verschiedensten Ländern, jeweils mit eigenen Zahlungsbedingungen, Fristen sowie
Kündigungs- und Verlängerungsmodalitäten. nscale CLM von Ceyoniq sorgt für klare
Übersicht und ein zuverlässiges Management aller Verträge – einfach und intuitiv.
Eine Studie der techconsult GmbH in Zusammen -
arbeit mit Ceyoniq aus dem September 2025 zeigt
klar: In vielen Unternehmen fehlt der Überblick.
35 Prozent der Unternehmen gaben an, dass sie
keinen zentralen Überblick über laufende Verträge
haben und ein Drittel (29%) verpassen regelmäßig
Termine oder Fristen in Zusammenhang mit diesen
Verträgen zum Beispiel zu Kündigungen oder Vertragsverlängerungen.
Es ist also eindeutig, dass in vielen Organisationen
noch einiges im Argen liegt, was den Umgang mit und
die Verwaltung von Verträgen angeht. Dabei helfen
kann nscale CLM von Ceyoniq, die neue digitale
Lösung für Vertragsmanagement (Contract Lifecycle
Management – CLM), die auf echte Arbeitsabläufe
abgestimmt ist. Die Cloud-Lösung integriert sich
nahtlos in bestehende IT-Landschaften und der Einkauf
profitiert. Die Lieferantenverträge können automatisiert
abgewickelt und verwaltet werden – so
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Effizienz erhöht. Mit der klaren Struktur wird das
Arbeiten mit nscale CLM einfach und alltagstauglich.
Verpasste Fristen gehören der Vergangenheit an.
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KONTAKT
Ceyoniq Technology GmbH
Boulevard 9
33613 Bielefeld
Ansprechpartner: Timo Krause
Telefon: +49 (0)521 93181000
E-Mail: info@ceyoniq.com
www.ceyoniq.com
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 19
Foto: Siemens
Stromleitmasten von Siemens: Supply Chain Finance kommt vor allem im Projektgeschäft und bei langen Zahlungszielen zum Einsatz.
Supply Chain Finance (SCF)
Lieferkettenfinanzierung als
Stabilitätsfaktor in der Zollkrise
Supply Chain Finance (SCF) setzt Liquidität in der Lieferkette frei. Das stärkt die
Stabilität von Handelsbeziehungen. Kann SCF auch in Zoll- und Handelskrise helfen?
Zölle belasten die internationalen Lieferketten,
schmälern die Margen und erhöhen die Risiken.
Tarife von bis zu 50 Prozent des Warenwerts mindern
die Liquidität und verstärken die Volatilität von Angebot
und Nachfrage: „Zölle sind mehr als politische
Instrumente, sie wirken wie strukturelle Schocks“,
sagt Prof. Dr. David Wuttke, Supply-Chain-Experte
der TU München am Campus Heilbronn. Um die Folgen
für Unternehmen abzufedern, rückt er die Lieferkettenfinanzierung
in den Fokus.
Wuttkes Professur beschäftigt sich seit Jahren mit
dem Finanzinstrument Supply Chain Finance (SCF).
Mit dem SCF-Hub veranstaltet er jährlich einen Wissenschafts-
und Praxisdialog. „Lieferkettenfinanzierung
beseitigt zwar nicht die Ursachen, kann aber die
Folgen des Zollkriese dämpfen“, so der Forscher.
Liquiditätspuffer für die Lieferkette
Beim Supply Chain Finance erhalten Lieferanten ihr
Geld deutlich vor Fälligkeit der Rechnung. Die Kunden
nutzen weiter ihre Zahlungsziele, oft 60, 90 oder mehr
Tagen. Die Zwischenfinanzierung übernehmen Banken
oder Investoren. Provider und Plattformen vermitteln.
Für Lieferanten bringt die meist bessere Bonität der
Kunden Zinsvorteile. Initiiert wird SCF von den einkaufenden
Unternehmen. Das Ziel: mehr Liquidität in
der Lieferkette. Reverse Factoring, die gebräuchlichste
Form, ist in Verhandlungen eine Alternative zum klassischen
Skonto oder Dynamic Discounting.
Siemens als Vorreiter
Siemens führte bereits 2008 mit Erfolg erste SCF-
Programme ein. Heute nutzt der Konzern sie weltweit:
In manchen Geschäftsbereichen kommt die
Lieferkettenfinanzierung für bis zu 30 Prozent des
Einkaufsvolumens zum Tragen, in anderen Segmenten
aber auch deutlich weniger. „Gerade im Projektgeschäft
und bei langen Zahlungszielen stößt SCF
auf hohe Akzeptanz“, sagt Friedemann Kirchhof, Leiter
Supply Chain Finance bei Siemens.
In Anspruch genommen wird die Finanzierung von
Lieferanten aller Größen, mit unterschiedlichen Zielen.
Kleinere Lieferanten profitieren vom Zinsvorteil,
größere beim Working-Capital-Management. Siemens
analysiert derzeit, welche Lieferanten in welchem
Ausmaß von Zöllen betroffen sind und schafft
so Transparenz. „SCF schützt nicht vor Zöllen, macht
aber die Lieferkette robuster, indem es Liquidität bereitstellt“,
betont Kirchhof.
Zölle werden sofort beim Import fällig. Hier stoßen
klassische SCF-Modelle an Grenzen. „Standardisierte
Lösungen für ein spezielles Tariff-Financing fehlen
20 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MANAGEMENT «
bislang überwiegend“, sagt Wuttke. Meist tragen
Käufer die Zölle. Lieferanten versuchen die Kosten in
der Lieferkette weiterzugeben. Nicht immer gelingt
das. Lokale Lieferketten vermeiden Zölle. Nearshoring
ist aber nicht für alle Liefernetzwerke eine Option.
Wo die Regionalisierung nicht in Frage kommt, kann
SCF finanziell entlasten.
Mit Deep-Tier-Financing geht der Trend in Richtung
vorgelagerte Lieferanten und über die Finanzierung
direkter Lieferpartner hinaus. Auch Pre-Shipment-Finanzierungen,
also Zwischenzahlungen vor Wareneingang,
können den finanziellen Spielraum der Lieferpartner
im Rahmen von SCF-Programmen erweitern.
Risiken sichtbar machen
Die Modelle zur Finanzierung weiterer Lieferstufen
erhöhen die Anforderungen im Risikomanagement.
Analysen von Fracht- und Zolldaten, Liquiditätskennzahlen
und Lieferanten-Indizes helfen, Risiken jenseits
der direkten Partner zu erkennen. SCF-Anbieter
wie Orbian optimieren dahingehend schon ihre Programme.
Orbian arbeitet hierfür mit Calculum zusammen,
einer auf Supply Chain-Analysen spezialisieren
KI-Plattform.
Welchen Lieferanten eine Lieferkettenfinanzierung
angeboten werden soll und welchen Zahlungsziele,
entscheiden zunehmend KI-gestützte Modelle. Die
KI-Analysen könnten künftig sogar Bankbürgschaften
ersetzen.
Siemens sieht in der für die Lieferkettenfinanzierung
gewonnen Transparenz insgesamt Vorteile: „Datengestützte
Erkenntnisse aus bestehenden Geschäftsbeziehungen
helfen nicht nur im SCF, sondern auch
an anderer Stelle“, erklärt Kirchhof.
Bestehende Programme ausbauen
Das klassische Reverse Factoring braucht jedoch Zeit
und das Vertrauen aller Beteiligten: „Firmen mit bestehender
Lieferkettenfinanzierung sind im Vorteil. Sie
können ihre Programme flexibel und kurzfristig ausweiten“
sagt Lena Stelzner vom SCF-Anbieter CRX-
Markets. Sie warnt davor, SCF allein als Werkzeug zur
Optimierung des Working Capital zu sehen: „Lieferkettenfinanzierung
erfordert bereichsübergreifendes
Denken und ist nicht allein Sache von Treasury.“
Vor allem der Einkauf muss eingebunden sein –
schließlich macht er den Lieferanten das Angebot
und wählt die Gesprächspartner aus. Auch bei Siemens
war die Zusammenarbeit von Finance und Einkauf
ein wichtiger Erfolgsfaktor. „Lieferkettenfinanzierung
braucht eine Systemperspektive“, sagt Friedemann
Kirchhof. Gleichzeitig sieht er die Limitationen:
„Wenn viele Themen in Verhandlungen zu klären
sind, steht SCF nicht immer ganz oben auf der Liste.“
Friedemann Kirchhof, Siemens: „Lieferkettenfinanzierung
braucht eine Systemperspektive.”
Hinzu kommt: Viele Lieferanten finanzieren sich über
ihre Hausbank. Und Zahlungsbedingungen sind nur
ein Hebel unter vielen.
Alternativen zum Reverse Factoring
Daher entstanden Alternativen ohne Lieferantenbeteiligung.
„Einfache, schnelle Lösungen für Krisenzeiten,
in denen es schwierig ist, mit Lieferanten Zahlungsziele
zu verhandeln“, erklärt Lena Stelzner. Dabei
beauftragt das Unternehmen einen Zahlungsdienstleister,
den Lieferanten wie vereinbart bei Fälligkeit
zu zahlen. Der Zahlungsdienstleister wiederum
räumt dem Unternehmen ein zusätzliches Zahlungsziel
ein, das über Dritte zwischenfinanziert wird „Anders
als die klassischen Programme dienen diese Lösungen
in der Regel ausschließlich der Cashflow-Optimierung,
was sie aber nicht unbedingt weniger attraktiv
macht“, erklärt David Wuttke den Unterschied.
Angesichts der Turbulenzen auf den Märkten zögern
viele Firmen mit der Ausweitung ihrer SCF-Programme:
„Wenn wir über Unsicherheit sprechen, denken
wir oft an Cashflow-Risiken. Doch Unsicherheit
bremst auch strategische Entscheidungen“, erklärt
David Wuttke die Zurückhaltung. „Unternehmen fragen
sich: Sieht meine Lieferkette morgen noch genauso
aus – oder verhandle ich Zahlungskonditionen
bald mit anderen Lieferanten?“ Wuttke empfiehlt
trotzdem das Instrument gezielt zu nutzen: „SCF
kann kurzfristige Liquiditätsengpässe wirksam abfedern
und in der Zollkrise aktiv gegensteuern.“
Unabhängig davon werden Vertragsklauseln für Härtefälle,
höhere Gewalt oder Gesetzesänderungen
wichtiger: „Wer das Risiko neuer Zölle trägt, muss im
Einzelfall klar definiert werden“, betont Dr. Jan Conrady
von der Kanzlei Clifford Chance.
Annette Mühlberger, Journalistin
Bild: Siemens
Prof. Dr. David Wuttke, TUM Campus Heilbronn:
„SCF kann kurzfristige Liquiditätsengpässe
abfedern.“
Bild: TUM Campus Heilbronn
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 21
Künstliche Intelligenz analysiert,
vergleicht, prognostiziert – und wird
so zum strategischen Partner im
Einkauf.
Strategischer Einkauf im KI-Turbo
GuV-wirksame Potentiale durch
KI im strategischen Einkauf
Large Language Models (LLM) unterstützen den strategischen Einkauf
inzwischen in vielen Aufgaben – von der Texterstellung über Webrecherchen bis
hin zur Nutzung komplexer Softwarelösungen. Noch größere Einsparpotenziale
entstehen jedoch durch mathematische und statistische KI-Modelle. Diese sind
weniger intuitiv als ein Chatbot, dafür aber messbar wirksam.
Ein modernes Informationssystem wie WebCIS
4.0 schafft die Grundlage dafür, das Potential
künstlicher Intelligenz im Einkauf gezielt zu nutzen.
Es verknüpft Berichtswesen, Benchmarks und Entscheidungsgrundlagen
in einer zentralen Datenbasis
– und eröffnet so den Zugang zu KI-gestützten Analysen.
Die integrierten Modelle erkennen Muster in
Preis- und Mengenstrukturen, zeigen Auffälligkeiten
bei Staffelpreisen oder Lieferantenkosten auf und
liefern Prognosen, die auf echten Lernprozessen beruhen.
So wird sichtbar, wo der Einkauf wirtschaftliche
Potenziale heben, Risiken frühzeitig erkennen
und Entscheidungen faktenbasiert treffen kann.
Der Erfahrung von Softcon CIS nach teilen sich die
Interessenten für mathematische KI-Modelle in zwei
Lager: Chancenjäger, die die Ergebnisse von KI-Modellen
in ihrem Arbeitsumfeld sofort als weiteren
Fortschritt wahrnehmen und Bedenkenträger, die unzureichende
Perfektion bei der Zuordnung von Marktindizes
bemängeln und Vergleiche von KI-Ergebnissen
mit der eigenen Zahlenwelt ablehnen. Fakt ist –
ohne die Fehler der KI-Modelle zu negieren – nie zuvor
konnte man mit einer derartigen Geschwindigkeit,
Vorschläge, Ideen, Potentiale bekommen, die eine
erweiterte Sicht aktueller Denkmuster ermöglichen.
Faktenbasiert und nicht als Bauchgefühl.
22 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MANAGEMENT «
Multiregressionsanalysen zur
Identifizierung der Kostentreiber
Wie wirken Eigenschaften eines Zukaufteils auf die
Kaufpreise? Eine Möglichkeit wäre ein aufwändiger
Cost-Break-Down. Doch wie viele Teile lassen sich in
angemessener Zeit analysieren? Und auch dann sind
die internen Diskussionen je nach Ergebnis nicht gerade
klein. Eine Multiregressionsanalyse holt sich die Eigenschaften
von Materialien – Gewicht, Größe, Werkstoff,
Fertigungsverfahren und weitere Merkmale, die
den Kaufpreis beeinflussen. Die Regressionsgleichung
zeigt, welcher Einflussfaktor welchen Anteil an der
Preisbildung hat und wo man verhandeln kann.
Marktindexvergleiche als
Benchmark auf Knopfdruck
Orientiert man sich an dem Leistungsnachweis für
erfolgreiche Einkaufsaktivitäten stellt sich sofort
die Frage: Ist die Entwicklungen der Materialkosten
je Warengruppe im Vergleich zu Marktindizes besser
oder schlechter.
Durch die KI-unterstützte Zuordnung von Warengruppen
zu passenden Indizes – NACE, Eurostat,
Statistisches Bundesamt – können nicht nur fallweise
Vergleiche, sondern sämtliche Warengruppen
auf Knopfdruck eingeordnet werden, inklusive
Aufriss auf Lieferanten und Materialien. Ein eindrucksvolles
Bild entsteht für tiefergehende Analysen.
Homogenitätsindex als Maßstab
der Warengruppenbildung
Obige Indexvergleiche provozieren naturbedingt
Zweifel an der Aussagekraft existierender Warengruppenzuordnungen.
KI-basierte Homogenitätsindizes
zeigen innerhalb der Warengruppen oft nur geringe
Übereinstimmungen der zugrunde liegenden
Vergleichsmerkmale. Ein spannender Weg zur Erweiterung
des eigenen Betrachtungshorizonts wäre ein
zusätzliches alternatives System, einzig mit dem Ziel
innerhalb der Warengruppen einen möglichst hohen
Homogenitätsindex zu erreichen. KI-Modelle leisten
hierbei wertvolle Vorschläge.
Bild: InfiniteFlow - stock.adobe.com
Staffelpreise: Sind Definition und
Nutzung logisch oder Zufall?
Losgrößenabhängige Preise gelten nach wie vor als
ein gängiger Weg, mit dispositiven Schwankungen
umzugehen. Doch nach welchen Regeln werden
Staffelmengen und Staffelpreise eigentlich definiert?
Auf diese einfache Frage kommt selten eine plausible
Erklärung. Zwei wichtige Fragen stellen sich bei der
Staffelpreisdefinition: Welche Materialien eignen
sich überhaupt für Staffelpreise und sind die Staffeln
so aufgebaut, dass Fixkosten und variable Kosten für
jede Staffelmenge eine logische Preiskalkulation ermöglichen?
KI-Modelle zeigen denkbare Ungereimtheiten
und Lösungen auf Knopfdruck.
Im nächsten Schritt sollte man die tatsächlich genutzten
Staffeln mit möglichen günstigeren Staffelpreisen
vergleichen. Unter Abwägung der Preisvorteile
und trotz höherer Kapitalbindung sind Einsparungen
von 5 bis 10 Prozent realistisch.
Hat steigendes Einkaufsvolumen
Einfluss auf das Einkaufsergebnis?
Was landläufig Mengen- bzw. Volumenrabatt genannt
wird, existiert auch im industriellen Einkauf.
Fixkostendegression, verbesserte Planungssicherheit
und Frachtoptimierungen gehen mit steigendem Volumen
einher. Erstaunlich, wie oft wir systemseitig
Mengensteigerungen mit kaum
wahrnehmbaren Kostensenkungen
bzw. fehlenden Bonusvereinbarungen
aufspüren. Im WebCIS genügt
ein Knopfdruck, um potenzielle
Lieferanten zu identifizieren, mit
denen Bonusstaffeln möglich wären.
All diese Beispiele zeigen, wie
die mathematischen und statistischen
Modelle der künstlichen Intelligenz
ein eigener Rohstofffaktor
im Einkauf der Zukunft schon
sind und weiter reifen werden.
Bild: Softcon CIS
Werner Güntner
CEO, Softcon CIS GmbH
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 23
» MANAGEMENT
Gehaltsreport 2025
So viel verdienen Einkaufs -
profis in Deutschland wirklich
Was bin ich wert? Der Kloepfel Gehaltsreport 2025 liefert Einkaufs- und Supply-Chain-
Profis eine solide Basis für Karriereentscheidungen. In Deutschland nahmen über
1100 Fachkräfte teil. Das Ergebnis: Gehälter variieren stark nach Branche, Position,
Unternehmens größe und Region. Wer Verantwortung übernimmt, sich weiterbildet und
die Digitalisierung vorantreibt, steigert seinen Marktwert und sein Einkommen. Die
Zahlen in diesem Text wurden zur besseren Übersichtlichkeit kaufmännisch gerundet.
Der Kloepfel Gehaltsreport
2025 zeigt:
Einkommen im Einkauf
unterscheiden sich je
nach Branche, Position
und Region deutlich.
Einkaufsprofis, die ihren Marktwert kennen, verhandeln
souveräner, treffen bessere Karriereentscheidungen
– und entwickeln sich gezielt weiter.
Der Einkäufer-Gehaltsreport 2025 für die DACH-Region
von Kloepfel mit 1936 Teilnehmern aus
Deutschland, Österreich und der Schweiz liefert fundierte
Antworten. In Deutschland haben sich 1146
Einkaufs- und Supply-Chain-Fachkräfte beteiligt.
Deutliche Gehaltsunterschiede
nach Branche
Beim Vergleich der Durchschnittsgehälter zeigt sich
die Industrie mit 97.000 Euro im Gesamtschnitt. Die
Dienstleistungen liegen bei 91.000 Euro, wobei IT-
Bild: Rochu_2008/stock.adobe.com
und Telekommunikation mit 112.000 Euro die Spitze
bilden und das Baugewerbe mit 74.000 Euro deutlich
darunter liegt. Im Handel beträgt das mittlere Einkommen
92.000 Euro, mit deutlichen Aufschlägen im
Online- und Einzelhandel. In der öffentlichen Hand
liegen die Gehälter bei 91.000 Euro – am besten vergütet
wird in Infrastrukturbetrieben mit 104.000
Euro, während Verwaltung und Behörden mit 80.000
Euro zurückfallen.
Breite Gehaltsspanne – von
operativ bis CPO
Die Gehälter variieren stark nach Position. Operative
Einkäufer verdienen im Schnitt rund 55.000 Euro,
während strategische Einkäufer bei etwa 80.000
Euro liegen. Einkaufsleiter kommen auf durchschnittlich
114.000 Euro, an der Spitze stehen die
CPOs (Chief Procurement Officers) mit 163.000 Euro
im Jahr. Besonders profitieren Beschäftigte, die strategische
Verantwortung übernehmen und sich aktiv
in Themen wie Nachhaltigkeit oder Automatisierung
und Digitalisierung einbringen und KI im Unternehmen
nutzen.
Umsatz macht den Unterschied
Mit steigendem Unternehmensumsatz steigen auch
die Gehälter: Kleine Firmen zahlen im Schnitt
75.000 Euro (-22 Prozent), ab 100 Mio. Euro Umsatz
wird der Gesamtschnitt von 97.000 Euro erreicht.
In Konzernen mit über 1 Mrd. Euro liegen die
Einkommen rund 16 Prozent darüber. Einkaufsleiter
steigern sich von 92.000 Euro auf bis zu 137.000
Euro (+50 Prozent), CPOs überschreiten ab 250 Mio.
Euro häufig 175.000 Euro. Operative Einkäufer liegen
bis 500 Mio. Euro Jahresumsatz bei 49.000 bis
55.000 Euro und klettern in Konzernen auf bis zu
98.000 Euro.
24 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Gehaltsunterschiede nach Branche.
Bild: Kloepfel
Gehaltsunterschiede nach Position.
Bild: Kloepfel
Leistung messbar machen – und
besser verdienen
Wo Leistung nicht bewertet wird (19 Prozent der Fälle),
liegen die Gehälter rund 19 Prozent unter dem
Schnitt von 96.000 Euro – besonders bei operativen
Einkäufern. Am häufigsten zählen Einsparungen, Liefertermintreue
und Versorgungssicherheit als Kriterium
zur Leistungsmessung. Selten genannte Kriterien
wie Risikomanagement, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung
gehen dagegen mit überdurchschnittlichen
Einkommen einher, vor allem bei CPOs, Einkaufsleitern
und Lead Buyern.
Regionale Unterschiede – Süden
zahlt mehr
Auch der Standort beeinflusst das Gehalt erheblich.
Baden-Württemberg (+10 Prozent) und Bayern (+5
Prozent) liegen klar über dem Bundesschnitt. Berlin
überrascht mit Spitzengehältern für Einkaufsleiter
von 128.000 Euro. Am unteren Ende stehen Sachsen
(-22 Prozent), das Saarland (-28 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern
(-32 Prozent). Ein einheitlicher
Trend nach Himmelsrichtungen zeigt sich jedoch
nicht – vielmehr hängt das Niveau von der jeweiligen
Wirtschaftsstruktur ab.
Erfahrung und Weiterbildung
zahlen sich aus
Die Gehaltskurve steigt mit zunehmender Erfahrung
deutlich an, allerdings degressiv. Der größte Sprung
erfolgt beim Übergang von den ersten auf die zweiten
fünf Berufsjahre: von 57.000 Euro auf 79.000
Euro – ein Plus von 39 Prozent. Danach verläuft die
Entwicklung flacher. Ab 21 Jahren Berufspraxis stabilisieren
sich die Einkommen auf einem Plateau um
114.000 Euro.
Eine Weiterbildung bringt ebenfalls klare Vorteile: 62
Prozent der Befragten haben sich fortgebildet und
verdienen im Schnitt 27 Prozent mehr als diejenigen
ohne Fortbildung – im operativen Einkauf bedeutet
das sogar ein Plus von 55 Prozent von 49.000 auf
75.000 Euro.
Auch der Bildungsabschluss spielt eine große Rolle:
Während Fachkräfte mit Berufsausbildung auf
80.000 Euro kommen, erzielen Promovierte im
Schnitt 129.000 Euro.
Art des Einkaufs – Kombination
zahlt sich aus
43 Prozent der Einkäufer verantworten sowohl direkte
als auch indirekte Beschaffung und verdienen damit
rund 10 Prozent mehr als der Gesamtschnitt von
96.000 Euro. Wer sich ausschließlich auf direkten
Einkauf konzentriert, liegt 10 Prozent darunter, während
Einkaufsleiter im indirekten Bereich mit
122.000 Euro besonders stark abschneiden.
Beschaffungsbereiche – direktes
Material dominiert
Mehrfachnennungen zugelassen: 44 Prozent der
Teilnehmenden kaufen indirekte Materialien und
Dienstleistungen ein, 37 Prozent betreuen Projekt-
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 25
» MANAGEMENT
Gehaltsreport 2025
Der Gehaltsreport kann
kostenfrei herunter -
geladen werden.
www.kloepfel-karriere.com
einkauf, je 29 Prozent Investitionsgüter und Handelsware,
weiterhin beschaffen 69 Prozent direktes
Material – der mit Abstand häufigste und zugleich
lukrativste Bereich. Lead Buyer erzielen hier 123.000
Euro, Supply-Chain-Manager 138.000 Euro und Einkaufsleiter
139.000 Euro. An der Spitze stehen CPOs
mit bis zu 196.000 Euro im direkten Materialeinkauf.
Geschlechterunterschied bleibt
bestehen
Frauen im Einkauf verdienen im Schnitt 21 Prozent
weniger als Männer. Höhere Teilzeitquoten und eine
geringere Präsenz in Führungspositionen erklären einen
Teil der Differenz, dennoch bleibt ein Gender-
Gap von 11 Prozent. Positiv: Im strategischen Einkauf
ist der Unterschied mit nur drei Prozent minimal.
Arbeitszeit, Zufriedenheit und
Fairness
Nur 2,4 Prozent der Befragten arbeiten in Teilzeit.
Überstunden sind dagegen weit verbreitet: 28 Prozent
leisten fünf Stunden und mehr pro Woche. CPOs arbeiten
in 69 Prozent mit diesem Pensum und erreichen
Spitzengehälter von 159.000 Euro bis 182.000 Euro.
Wer sehr zufrieden mit seinen Entwicklungsmöglichkeiten
ist, verdient im Schnitt 114.000 Euro, während
eher Unzufriedene nur auf 82.000 Euro kommen. Auch
die Wahrnehmung von Fairness wirkt sich aus: Teilnehmende,
die ihr Gehalt als „sehr fair“ einschätzen,
liegen mit 119.000 Euro deutlich über denjenigen, die
es als „gar nicht fair“ empfinden (69.000 Euro).
Gehaltsunterschiede nach Bundesland.
Bild: Kloepfel
Digitalisierung bringt
Gehaltsvorteile
Unternehmen nutzen bereits (39 Prozent) Künstliche
Intelligenz oder planen (39 Prozent) den Einsatz. Für
Nutzer zahlt sich das aus: Sie verdienen im Schnitt
21 Prozent mehr als diejenigen ohne Nutzung, je
nach Sektor sogar bis zu 38 Prozent. Digitalisierung
ist damit nicht nur ein Effizienztreiber – sondern
auch ein klarer Gehaltsfaktor.
Die Autoren:
Dr. oec. HSG Stephan Hofstetter, Partner &
Geschäftsführer Schweiz, Kloepfel Consulting
Alexander Hornikel, Country Manager
Deutschland, Kloepfel Consulting
Christian Fischer, Head of PR, Kloepfel Consulting
26 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MANAGEMENT «
Jan van Hueth, Senior Project Manager SCM/IT im eSolutions Team bei Körber
„Komplexität raus, Nutzen rauf“
ÜBERBLICK
Körber zeigt, wie KI den
Einkauf verändert.
Globaler Roll-out, klare
Daten, neue KI-Skills
Der Technologiekonzern Körber hat mit dem weltweiten Rollout der
Source-to-Pay-Plattform Ivalua einen wichtigen Meilenstein im Einkauf
erreicht. Ziel ist es, datengetriebene Prozesse zu harmonisieren
und konkrete KI-Anwendungen nutzbar zu machen. Im Gespräch
erläutert Jan van Hueth, Senior Project Manager SCM/IT im
eSolutions Team, wie Körber die globale Einführung umgesetzt hat
– und warum Mitbestimmung sowie ethische Fragen dabei von
Anfang an eine Rolle spielen.
Beschaffung aktuell: Herr van Hueth, wo sind
Sie bei Körber organisatorisch verankert und worum
kümmert sich Ihr Team?
Jan van Hueth: Ich arbeite im eSolutions-Team.
Wir sind fünf bis sechs Kolleginnen und Kollegen und
verantworten global die Digitalisierungsthemen des
Einkaufs sowie das Reporting und Risikomanagement.
Dazu gehören Sustainability, Supplier Risk,
Zölle und Inflation. Hinzu kommen die Plattformund
Datenthemen. Eine Sub-Unit betreut Ivalua.
Seit wann arbeitet Körber mit Ivalua und warum
der Wechsel zu dem System?
Ivalua ist bei Körber seit 2020 im Einsatz. Zuvor
nutzten wir Jaggaer, ehemals Pool4Tool. Körber versteht
sich als Heimat für Unternehmer und dieser
Anspruch gilt gleichermaßen für unsere Kunden und
Geschäftspartner sowie für die Mitarbeiter. Deshalb
sind unsere Business Units stark dezentral und eigenverantwortlich.
Ein globales Einkaufstool muss in
diesem Umfeld sehr unterschiedliche Anforderungen
abdecken. Genau daran scheiterte früher die Akzeptanz.
Vor der Entscheidung für Ivalua haben wir ein
Jahr lang strukturiertes Requirements Engineering
betrieben, den Implementierungspartner ausgewählt
und Ende 2020 mit Sourcing, Contracts und Supplier
Management die ersten Go-Lives umgesetzt.
Wie lief der Roll-out in einem so dezentralen Setup?
Wir sind Land für Land und Gesellschaft für Gesellschaft
vorgegangen und haben den Roll-out bis zum
vergangenen Jahr abgeschlossen. Zum 1. Januar hat
die IT den Betrieb übernommen. Das Projekt ist organisatorisch
beendet. Offene Roll-outs gibt es noch in
Nordamerika. Der Umfang ist überschaubar, für die
globale Abdeckung aber wichtig.
Jan van Hueth, Senior Project Manager SCM/IT im eSolutions
Team bei Körber, über datengetriebene Prozessharmonisierung
und konkrete KI-Anwendungsfälle im Einkauf.
»Einheitliche Systeme fördern die
Prozess-Compliance quasi automatisch .
Zusätzlich sinkt der IT-Aufwand.«
Wie komplex ist Ihre Systemlandschaft heute?
Die Architektur ist anspruchsvoll und anfangs bewusst
breit aufgestellt worden. Zeitweise waren sieben
ERP-Systeme angebunden. Nahezu einhundert
Schnittstellen liefen produktiv. Ein Data Warehouse
hat lange das Lieferanten-Matching übernommen.
Diese Aufgaben verlagern wir nun schrittweise in das
Ivalua Supplier Management. Das reduziert Tool-
Bild: Körber
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 27
» MANAGEMENT
Jan van Hueth
... ist Senior Project Manager bei Körber mit
Schwerpunkt Einkauf und Supply Chain Management.
Seit fast 20 Jahren arbeitet er in diesem
Umfeld und hat dabei verschiedene Rollen übernommen
– von Beratung über Investitionsprojekte
und Transformation bis hin zu globalen Technologieinitiativen.
Derzeit verantwortet er als Product
Owner die Einführung von Ivalua und leitet die
GenAI-Initiative im Einkauf. Sein Fokus liegt darauf,
KI-Technologien gezielt einzusetzen, um Beschaffungsprozesse
zu optimieren und die digitale
Transformation im Unternehmen voranzutreiben.
Vielfalt und spart Kosten. Ivalua gehört damit neben
Salesforce zu den wenigen konzernweit genutzten
Kernsystemen.
Wird die Lösung damit wirklich einfacher oder
kommen nur weitere Funktionen hinzu?
Inzwischen beobachten wir, dass sich die Komplexität
selbst reduziert. Viele Kolleginnen und Kollegen,
die früher Sonderanforderungen eingebracht haben,
arbeiten heute in anderen Rollen. Die Einheiten einigen
sich deutlich leichter auf gemeinsame Standards.
Es entsteht eine Konvergenz über die Organisation
hinweg, ohne dass zentraler Druck aufgebaut
werden muss.
Sie pilotieren den Intelligent Virtual Assistant
(IVA) von Ivalua. Wie ist der Stand?
Wir haben IVA im Produktivsystem seit Oktober 2024
mit einer kleinen, technikaffinen Nutzergruppe pilotiert
und insgesamt 12 Anwendungsfälle umgesetzt
bzw. selbst entwickelt. Im September 2025 haben wir
IVA unseren 360 bis 370 Nutzerinnen und Nutzern
im Einkauf querschnittlich zur Verfügung gestellt.
Eine Öffnung auf alle ca. 1500 Nutzer im Ivalua-
System planen wir, sobald wir genügend Anwendungsfälle
für Nicht-Einkäufer anbieten können.
KI ist in Deutschland auch ein Thema der Mitbestimmung.
Wie sind Sie vorgegangen?
Der Einsatz von KI berührt das Betriebsverfassungsgesetz.
Es geht um den möglichen Bezug zur Leistungs-
und Verhaltenskontrolle. Wir haben frühzeitig
eine Konzernvereinbarung vorbereitet und ein konzernweites
KI-Grundsatzpapier verabschiedet. Ergänzend
wurde ein Ethik-Gremium etabliert. Dort
sind Mitbestimmung, Management, Mitarbeitende
sowie Legal, Compliance und Sustainability vertreten.
Das Gremium bewertet Use Cases, die über Datenschutzfragen
hinausgehen. Im Einkauf tritt das
seltener auf. In HR entstehen solche Fragestellungen
schneller.
Welche IVA-Anwendungsfälle funktionieren heute
bereits zuverlässig?
Die Standardfunktionen wie Chatbot und Dateianalyse
stehen bereit. Zusätzlich haben wir eigene Skills
entwickelt. Besonders wirksam ist die Erstellung von
NDA, Vertraulichkeitsvereinbarungen. Viele Prozesse
hängen bei uns von aktiven NDAs ab. Die manuelle
Anlage hat bisher schnell fünfzehn Minuten gebraucht.
Heute öffnet der Einkauf den IVA-Chat,
wählt den Skill, lädt das Dokument hoch und erhält
einen fertig befüllten Datensatz in Ivalua. Partei,
Geltungsbereich, Laufzeit, Sprache und Unterschriftsstatus
werden automatisch erkannt. Wo erforderlich,
startet der DocuSign-Prozess. In etwa 95
bis 98 Prozent der Fälle genügt eine kurze Sichtkontrolle.
Das spart Zeit und stabilisiert die nachgelagerten
Prozessschritte.
Wer entwickelt diese Skills und wie stellen Sie die
Qualität sicher?
Drei Teammitglieder sind als IVA-Developer zertifiziert.
Die Zertifizierung basiert auf einem kompakten
Tageskurs von Ivalua. Ohne diese Grundlage kommt
man in der Entwicklung kaum voran. Für die Qualität
setzen wir auf kleine Iterationen mit Pilotnutzern
und auf klare Abnahmekriterien je Skill.
Wie nehmen Sie die breite Organisation mit, insbesondere
Kolleginnen und Kollegen, die KI skeptisch
betrachten?
Unsere Group Function Innovation & Technology
stellt ein breites Trainingsangebot bereit, das allen
offensteht. Darauf bauen wir auf und ergänzen zielgruppengerechte
Befähigungsmodule für die betroffenen
Nutzer. Der EU-AI-Act verlangt ohnehin eine
Grundbefähigung. Im ersten Schritt geht es um ein
Verständnis dafür, wie ein Chatbot mit Daten umgeht,
welche Risiken bestehen und wie verantwortungsvolles
Arbeiten aussieht. Für Pilotnutzer ist der Einstieg
niedriger, da sie nah an unseren Systemen arbeiten.
Datenqualität entscheidet über KI-Wertschöpfung.
Wie gut sind Ihre Einkaufsdaten?
Eine stabile Ivalua-Instanz sorgt für einheitliche Prozesse
und damit für standardisierte Daten. Früher
28 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
wurden die Lieferantendaten im Data Warehouse zusammengeführt,
um Gruppierungen und Konzernbezüge
zuverlässig abzubilden. Das migrieren wir nun
nach Ivalua. Das Reporting wird schlanker und doppelte
Datenhaltungen entfallen. Gleichzeitig steigt
die Bedarfstransparenz, besonders im indirekten Bereich.
Heute ist sichtbar, welche Bedarfe weltweit
anstehen. Das war früher kaum möglich.
Welche Effekte sehen Sie bei Governance, Compliance
und Betrieb?
Einheitliche Systeme fördern die Prozess-Compliance
quasi automatisch. Zusätzlich sinkt der IT-Aufwand.
Aktuell betreuen etwa fünf bis sechs Kolleginnen und
Kollegen die Einkaufssysteme. Das ist deutlich weniger
als früher.
Blick über Ivalua hinaus. Evaluieren Sie ergänzende
KI-Anbieter oder Funktionen?
Wir sprechen regelmäßig mit neuen Anbietern wie
AskLeo, DeepAdvisor and anderen. Es geht um Anwendungsfälle,
die nicht zwingend in Ivalua liegen,
beispielsweise Erklär- Funktionen für Richtlinien wie
die Reiserichtlinie oder Assistenten und Intake-Funktionen,
die Nutzer durch einen Prozess führen und
bei Bedarf den Vorgang in Ivalua oder im Reisetool
anlegen. Für dieses Jahr planen wir mindestens einen
kleinen Piloten. Ob produktiv ausgerollt oder zunächst
als Expertensystem in einer Laborumgebung,
entscheiden wir nach einem belastbaren Nachweis.
KI verursacht nutzungsabhängige Kosten. Wie bewerten
Sie das für den Einkauf?
Die wesentlichen Kosten entstehen durch das Volumen
an Ein- und Ausgaben der Modelle. Ein von uns
unterstützter Hochschul-Case hat in einer einzelnen
Diplomarbeit fast eintausend Euro an Token-Kosten
erzeugt. Überträgt man das in einen industriellen Betrieb,
entstehen rasch relevante Budgets. Wir beobachten,
ob neue Modelle die Preise senken können.
Gleichzeitig achten wir auf Energieverbrauch und
Datensouveränität. Das gilt insbesondere für Angebote
aus Drittstaaten. Entwicklungen wie DeepSeek
sind aus Einkaufssicht interessant, dennoch müssen
Herkunft, Verfügbarkeit und regulatorische Rahmenbedingungen
genau geprüft werden.
Ein anderes Stichwort aus Ihrer Landschaft lautet
Infios, die Körber Supply Chain Software. Wie fügt
sich die Lösung in die Einkaufs-IT?
Die Einführung läuft im Moment prototypisch in Logistik
und Supply Chain. Formal liegt das Thema beim
Einkauf, fachlich handelt es sich jedoch um eine eigene
Domäne. Soweit mein Einblick. In der Praxis
werden wir sehen, wie sich das Zusammenspiel entwickelt.
Welches Fazit ziehen Sie nach vier Jahren Ivalua
und einem Jahr IVA-Pilot?
Der Mehrwert liegt in der Kombination aus globaler
Transparenz, harmonisierten Prozessen und der Fähigkeit,
schnell praxistaugliche Skills zu bauen. Im
nächsten Schritt stehen Optimierung und Standardisierung
im Vordergrund. Ebenso wichtig ist eine sichere
und kompetente Nutzung in der Breite der Organisation.
Das Gespräch führte Sabine Schulz-Rohde,
Beschaffung aktuell.
Governance bei KI-Einführungen
im Einkauf
• Stakeholder früh einbinden.
Betriebsrat, Datenschutz, IT, Fachbereiche, Legal und
Sustainability sitzen von Beginn an am Tisch. Ziele werden
gemeinsam geklärt, Risiken offen benannt und verbindliche
Leitplanken beschlossen.
• Ethik verbindlich verankern.
Ein festes Gremium bewertet Anwendungsfälle,
stoppt sensible Vorhaben und sorgt für Transparenz.
Kriterien umfassen Fairness, Nachvollziehbarkeit,
Zweckbindung und den Menschen als letzte Instanz.
• Rechte und Pflichten regeln.
Ein konzernweites Grundsatzpapier für KI definiert
Verantwortlichkeiten, Trainingspflicht, Protokollierung
und Auditfähigkeit. Die Regelungen greifen
über klassische IT-Policies hinaus.
• Daten vor Automatisierung stabilisieren.
Einheitliche Prozesse in der Plattform erzeugen saubere
Daten. Konsolidierung und Standardisierung
schaffen die Grundlage, erst danach folgt die Auto -
matisierung.
• Rollout fokussiert steuern.
Pilotgruppen mit hoher Systemaffinität erproben
neue Funktionen, Skills werden iterativ geschärft
und über klare Kennzahlen wie Durchlaufzeit, Trefferquote
und Fehlerquote bewertet, erst dann erfolgt
die Skalierung.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 29
Vom Projekt zum Standard: Der Maschinen- und Anlagenbauer Reifenhäuser hat Matchory in seine Warengruppenstrategie integriert und verschafft dem
Einkauf so globale Transparenz beim Lieferanten-Scouting.
Bild: Reifenhäuser
Mehr Markttransparenz beim Hersteller von Extrusionsanlagen
Lieferanten finden, die andere
übersehen
Mit dem Projekt „Einkauf 2030“, 40 strategischen Warengruppen und einem
KI-gestützten Lieferantenscouting treibt die Reifenhäuser-Gruppe die Professionalisierung
in der Beschaffung voran. Mittendrin: Softwareanbieter Matchory,
der Markttransparenz schafft und weltweit Anbieter identifiziert. Was als Projekt
begann , ist heute integraler Bestandteil der Warengruppenstrategie und ein
Beispiel für gelungene Co-Innovation zwischen Start-up und Mittelstand.
Vor rund drei Jahren startete Reifenhäuser das
Programm „Einkauf 2030“, ein strategisches
Transformationsprojekt, das gemeinsam mit einer
Unternehmensberatung aufgesetzt wurde. Ausgangspunkt
des Projekts war die Frage, wie sich der
Einkauf des deutschen Extrusionsanlagenherstellers
langfristig aufstellen muss, um kommende Herausforderungen
zu bewältigen – auch im Hinblick auf
anstehende Generationswechsel in zentralen Führungspositionen.
Ein zentrales Element dieser Neuausrichtung ist die
Warengruppenstrategie. Von den rund 540 im SAP-
System hinterlegten Warengruppen führt der Einkauf
heute 40 strategisch. Diese sind verantwortlich für
70 Prozent des Einkaufsvolumens und bieten ein großes
Synergiepotenzial über die verschiedenen Business
Units hinweg. Für jede dieser Warengruppen
gibt es einen verantwortlichen Lead Buyer, der aus
der Holding heraus agiert und alle relevanten Stakeholder
aus Technik, Produktion, Qualität und Vertrieb
in die Strategieentwicklung einbindet. Die Strategien
basieren dabei auf klar definierten Methoden, darunter
Kosten- und SWOT-Analysen sowie Make-or-
Buy-Fragestellungen.
30 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MANAGEMENT «
Standards im Einkauf setzen
Der Maschinenbauer mit Sitz in Troisdorf steuert seine
Beschaffungsorganisation heute zentral aus einem
Shared Service Center. Gleichzeitig agiert der
Bereich als Center of Excellence für die gesamte Unternehmensgruppe
mit rund 1700 Mitarbeitenden.
„Wir setzen Standards in den Bereichen Procurement,
Logistics und Mobility Management, die wir
auf alle Business Units ausrollen“, erklärt Jörg Stolz.
Der langjährige Group Director Procurement & Logistics
der Reifenhäuser-Gruppe hat den Staffelstab im
September dieses Jahres an seinen Nachfolger Max
Sander übergeben und begleitet das Unternehmen
weiterhin als Senior Consultant.
Zentrale Steuerung bedeutet in diesem Fall allerdings
nicht Top-down, sondern koordiniert: Seit 2010
hält das Reifenhäuser Corporate Procurement Network
(RCPN) die Einkaufsorganisation über die verschiedenen
Business Units zusammen. Durch regelmäßige
Treffen und gemeinsame Aktivitäten werden
Synergien und Bündelungseffekte geschaffen. Ergänzt
wird es durch Fachforen mit Experten aus
»Früher war Lieferantensuche oft
zufällig oder erfahrungsgetrieben.
Heute gibt es dafür einen klar
definierten Prozess – und ein Tool,
das diesen abbildet.«
Jörg Stolz
Technik und Konstruktion – für Stolz eine entscheidende
Voraussetzung, um Themen wie Modularisierung,
Standardisierung und Bündelung voranzutreiben.
„Früher hat jeder sein Ding gemacht. Heute gibt
es gemeinsame Strategien und Synergien über die
Units hinweg.“ Zusätzlich wurde im Rahmen des Beratungsprojekts
ein zentrales Sourcing Board etabliert,
das als Entscheidungsgremium für die wichtigen
Beschaffungsaktivitäten fungiert.
Doch bei aller Methodik stieß man bald auf eine operative
Lücke: Besonders bei globalen Sourcing-Projekten
erreicht das klassische Supplier Scouting
Der Einkauf bei Reifenhäuser
Tradition und Moderne: Das renovierte Reifenhäuser-Verwaltungsgebäude
und daneben die alte
Fabrikhalle mit Sheddach.
Die Reifenhäuser-Gruppe ist ein global
agierender Maschinen- und Anlagenbauer
mit Fokus auf den Kunststoff-Extrusionsmarkt.
Das Unternehmen aus Troisdorf
fertigt stark kundenspezifische Investitionsgüter
mit einem Wert von bis zu 65 Mio.
Euro pro Anlage. Über 90 Prozent der Produktion
gehen in den Export. Obwohl alle
Kernkomponenten intern gefertigt werden,
liegt der Anteil externer Wertschöpfung bei
über 60 Prozent.
Bild: Reifenhäuser
Reifenhäuser arbeitet weltweit mit rund
2500 Lieferanten zusammen. Auf 150 davon
entfallen rund 80 Prozent des Beschaffungsvolumens.
Der Einkauf agiert überwiegend
auf den deutschen und europäischen
Markt, da im Sondermaschinenbau
mit geringen Stückzahlen und kurzen Lieferzeiten
gearbeitet wird. Um den Einkauf
über die dezentral aufgestellten Business
Units hinweg zu koordinieren, wurde 2010
das Reifenhäuser Corporate Procurement
Network (RCPN) ins Leben gerufen. Das
interne Netzwerk sorgt für einen abgestimmten
Marktauftritt und eine strategische
Ausrichtung entlang der wichtigsten
Warengruppen.
Rund 40 strategische Warengruppen mit
klarer Lead-Buyer-Zuordnung bilden das
Rückgrat der Materialversorgung – darunter
Antriebstechnik, Steuerungstechnologie,
Walzen und komplexe Fertigungsteile.
Hinzu kommen komplette Systeme von
langjährigen Partnerunternehmen. Im indirekten
Einkauf sind viele Warengruppen
bereits zentral gebündelt.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 31
» MANAGEMENT
Jörg Stolz war viele Jahre Group Director Procurement &
Logistic s bei der Reifenhäuser-Gruppe. Seit September ist er
als Senior Consultant für das Unternehmen tätig.
Bild: Reifenhäuser
Aiko Wiegand ist CEO und Mitgründer von Matchory. Vor der
Gründung sammelte der Wirtschaftsingenieur Erfahrungen im
E-Commerce und internationalen Einkauf.
Bild: Matchory
schnell seine Grenzen – etwa, wenn neue Märkte erschlossen
werden. Globale Transparenz über alle Beschaffungsmärkte
hinweg ließ sich mit klassischen
Recherchemöglichkeiten nicht verlässlich herstellen.
Stolz: „Ein Mittelständler hat schlichtweg nicht die
Möglichkeit, weltweit die relevanten Lieferantenstrukturen
systematisch zu erfassen.“
Globale Lieferanten aufspüren
Auf der Suche nach einem geeigneten Werkzeug für
systematisches, digitales Supplier Scouting wurde
Jörg Stolz zunächst auf verschiedene Anbieter aufmerksam,
darunter auch Matchory. Das bei Ulm ansässige
Unternehmen hat sich auf die KI-gestützte
Lieferantensuche spezialisiert und listet über 14 Millionen
Zulieferer in seiner Datenbank. Erste Gespräche
und Rückmeldungen aus dem Netzwerk überzeugten
den langjährigen Beschaffungsleiter: „Was
uns getrieben hat, Matchory zu nutzen, war nicht
nur die positive Reputation in der frühen Phase, sondern
auch die hohe Bereitschaft, den Kunden sehr
genau zuzuhören.“
Die Maschinenbauer startete 2023 mit dem Tool und
integrierte es in seine Warengruppenstrategie. Das
Ziel: Globale Markttransparenz auf Knopfdruck. „Auf
der einen Seite stellen wir über die Arbeit mit Matchory
häufig fest, dass wir im Wesentlichen die richtigen
Lieferanten haben. Das ist auch eine Bestätigung,
dass der Einkauf seinen Job bisher gut gemacht
hat“, erklärt Stolz. „Zum Zweiten zeigt uns
Matchory auf, welche Lieferanten wir noch nicht
kennen. Wir erhalten damit mehr Transparenz im Beschaffungsmarkt.“
Webcrawler des Spezialisten für
die Lieferantensuche scannen hierfür öffentliche
Quellen, Unternehmensregister, Messelisten und
Zolldaten. „Ein Tool ist nur so gut wie der Input“, betont
Aiko Wiegand, Gründer und CEO von Matchory.
„Deswegen legen wir großen Wert auf Qualität,
Transparenz und Nutzbarkeit der Daten.“
Aus diesen Daten entstehen Longlists mit potenziellen
Lieferanten, visualisiert auf einer Weltkarte und
gewichtet nach einem eigenen Scoring-Modell, welches
dafür sorgt, die relevantesten Anbieter an der
Spitze erscheinen. „Die übliche Treffermenge liegt bei
uns zunächst bei rund 1000“, beschreibt es Stolz.
„Aber mit den verfügbaren Filterfunktionen kommen
wir auf eine handhabbare Größe von 20 bis 30.“
Die Einführung von Matchory hat bei Reifenhäuser
allerdings nicht nur methodisch, sondern auch wirtschaftlich
Wirkung gezeigt. Zum einen liefert das
Tool mehr Markttransparenz, zum anderen hat es
konkrete Effekte auf die Lieferantenauswahl und damit
auch auf die Kostenstruktur. In einigen Warengruppen
wurden neue, zuvor unbekannte Anbieter
identifiziert. „Früher war Lieferantensuche oft zufällig
oder erfahrungsgetrieben. Heute gibt es dafür einen
klar definierten Prozess – und ein Tool, das diesen
Prozess abbildet“, sagt Stolz.
In der Warengruppe Stahl identifizierte das Team
mithilfe von Matchory in kurzer Zeit einen neuen,
günstigeren Lieferanten. „Das war eine der ersten
Warengruppen, die wir mit Matchory bearbeitet haben“,
berichtet Stolz. „Damit war der ROI für die Lösung
bereits nach der ersten Vergaberunde erreicht.“
32 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Für den Einkaufsleiter war dieser Erfolg zentral, um
das Tool intern zu legitimieren. Seither ist Matchory
fester Bestandteil der Warengruppenstrategie. Jeder
Lead Buyer muss für seine Warengruppenstrategie
das Ergebnis seines Scoutings vorstellen.
Auch über den Einkauf hinaus stößt die Lösung bei
Reifenhäuser auf Interesse. Inzwischen nutzen auch
Kolleginnen und Kollegen aus dem Controlling und
Vertrieb die Lösung – etwa zur Wettbewerbsbeobachtung
oder zur Unterstützung von Kunden bei Investitionsprojekten.
„Wenn ein Kunde bei uns eine
neue Anlage kauft, können wir mit Matchory potenzielle
Abnehmer seines Produkts aufzeigen. Das ist
ein ganz neuer Use Case“, so Stolz.
Security
Cleaning
Personal Service
Facility Services
Smart Service
Solutions
KÖTTER
Services
Wenn beide Seiten profitieren
Die Zusammenarbeit zwischen Reifenhäuser und
dem Start-up hat längst den Projektstatus hinter sich
gelassen. „Wir haben Matchory heute als strategisches
Tool verankert, das wir langfristig nutzen wollen“,
sagt Stolz. Die Weiterentwicklung erfolge dabei
kontinuierlich und auf Augenhöhe. Stolz lobt die Offenheit
und Umsetzungsstärke seines Partners:
„Matchory hört sehr genau zu. Und auch wenn nicht
jeder Wunsch sofort umgesetzt wird, sind viele unserer
Anregungen in die Plattform eingeflossen.“
Auch das junge Softwareunternehmen profitiert von
der Zusammenarbeit. „Reifenhäuser liefert uns sehr
konkretes Feedback aus der Anwendung. Daraus entstehen
regelmäßig neue Anforderungen, die wir in
unsere Produktentwicklung aufnehmen“, sagt Wiegand.
So wurde etwa eine neue Exportfunktion für
Lieferantenevaluationen ergänzt. Für Wiegand ist
dieses Zusammenspiel ein wichtiger Teil der Unternehmensphilosophie:
„Wir entwickeln unser Produkt
mit unseren Kunden weiter – nicht im stillen Kämmerlein.“
Weitere Neuentwicklungen sind eine Upload-Funktion
für eigene Lieferanten, strukturierte Lieferantensteckbriefe
und eine Ähnlichkeitssuche auf
Basis von Referenzlieferanten.
Dennoch bleibt Matchory fokussiert. „Wir haben uns
bewusst entschieden, unsere Kernkompetenz nicht
aufzuweichen“, betont Wiegand. „Unsere Stärke ist
die Daten- und Matching-Qualität – darin wollen wir
Weltklasse sein.“ Deshalb setzt das Unternehmen
auch auf die Integration externer Datenanbieter: etwa
für Finanzdaten, ESG-Ratings, Zertifikate oder Risiko-Scoring.
Perspektivisch geht es dabei nicht nur
um historische Daten, sondern auch um Prognosen –
alles mit dem Ziel, in der Frühphase des Scouting-
Prozesses ein vollständigeres Bild potenzieller Lieferanten
zu bieten.
Ihr Ziel ist maximale Produktivität – unser Ziel ist es,
dazu beizutragen. Mit einem vielseitigen, bedarfsorientierten
Dienstleistungsspektrum bieten wir Ihnen
Lösungen, die Mehrwert entfalten. Qualitätsdienste
von KÖTTER Services setzen Ressourcen frei, erhöhen
Ihre Flexibilität, geben Ihnen Sicherheit und steigern
das Vertrauen Ihrer Kunden. Bei maximaler Effizienz.
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 33
Hochwertige Rezyklate aus Kunststoff kommen in der Automobil, Bau- und Verpackungsindustrie zum Einsatz. Obwohl verbindliche
Quoten kommen, schließt die europäische Recyclingindustrie Anlagen und Produktionsstraßen.
Bild: Grannex
Rezyklatquoten
Bedroht die Recyclingkrise die
Rohstoffversorgung?
Die EU setzt auf Rezyklatquoten, doch die Recyclingbranche kämpft ums Überleben.
Billige Neuware und fehlende Nachfrage bringen Europas Kreislaufwirtschaft ins
Wanken – mit Folgen für Industrie und Versorgungssicherheit. Auch der Einkauf ist
in der Pflicht.
Europas Bedeutung in der Kunststoffproduktion
schwindet seit Jahren: So sank der europäische
Anteil an der Produktion von Neuware zwischen
2005 und 2022 von 22 auf 14 Prozent. Ähnliches
droht der europäischen Recycling-Industrie: Obwohl
die Branche viel investiert hat, werden Produktionsstraßen
und Aufbereitungsanlagen geschlossen. „Die
Krise hat sich ausgeweitet. In den letzten 18 Monaten
sind europaweit 460.000 Jahrestonnen an Kapazität
verschwunden“, berichtet Dr. Thomas Probst
vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung
(bvse). Die Gründe: schwache Nachfrage, billige
Neuware und zweifelhafte Rezyklate aus Asien.
Absatzkrise gefährdet die Branche
Der Verband Plastics Recyclers Europe warnt vor einem
drohenden Zusammenbruch der europäischen Kunststoffrecycling-Branche.
Gefordert werden Importbeschränkung
für Materialien, die nicht den EU-Nachhaltigkeits-
und Sicherheitsstandards entsprechen, Einfuhrzölle
für Rezyklate aus Nicht-EU-Ländern und
steuerliche Anreize wie eine Plastiksteuer für Neuware.
Auch der bsve fordert eigene Zollcodes für recycelte
Kunststoffe und Produkte mit Rezyklatanteil, um die
Einfuhren transparent überwachen und rückverfolgen
zu können. „Wir brauchen ein Zollsystem, das
Importe aus Ländern ohne vergleichbare Standards
verteuert und Marktverzerrungen vermeidet“, erklärt
bsve-Vizepräsident Dr. Herbert Snell.
Aktuell steht die gesamte Wertschöpfungskette von
der Herstellung, über die Compoundierung, Verarbeitung
und dem Maschinen- und Anlagenbau unter
Druck. In Deutschland trifft die Marktschwäche vor
allem mittelständische Betriebe. Doch auch große
34 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MANAGEMENT «
Dr. Thomas Probst, Fachverband Kunststoffrecycling (bsve): „In den letzten 18
Monaten sind europaweit 460.000 Jahrestonnen an Kapazität verschwunden.“
Bild: bsve
Timothy Glaz, Werner & Mertz: „Die Recyclingindustrie braucht den Support
ihrer künftigen Kunden.“
Bild: Werner & Mertz
Entsorgungsfirmen wie Remondis und Alba leiden
unter der schwachen Nachfrage, sinkenden Preisen
und hohen Energie- und Abfallkosten.
Für rPET steigen die Preise wieder
Der PET-Kreislauf funktioniert nach einem längeren
Tief noch am besten. Beim PET ist die Rücklaufquote
mit weit über 90 Prozent grundsätzlich sehr gut. Rezykliertes
PET (rPET) lässt sich für Verpackungen sehr
gut wiederverwenden, fließt aber auch in andere
Stoffströme wie Fasern und technische Anwendungen.
Der Markt hat sich nach einer temporären Absatzkrise
erholt: „Die Preise für rPET liegen aktuell
über denen der Neuware“, so Probst.
Für die größtenteils mittelständischen Aufbereiter ist
die schwankende Nachfrage ein Problem. Nach Angaben
von Branchenvertretern betrugen die Abweichungen
in den letzten Jahren allein beim rPET über
30 Prozent. In der Folge wurden auch hier Aufbereitungsanlagen
stillgelegt – Kapazitäten, die dem
Markt jetzt fehlen. „Es ist kontraproduktiv, wenn immer
mehr Unternehmen aus dem Markt verschwinden,
während in der europäischen Gesetzgebung die
Quoten kommen“, warnt Probst.
Kommentar
Annette Mühlberger
Bild: Mühlberger
Der europäische Rezyklatmarkt steht unter
Druck. Von außen durch asiatische Billigimporte.
Von innen durch fehlende politische
Klarheit und zögerliche Industriekunden.
Während die regulatorischen Anforderungen
steigen, fehlt es der Branche
an Planungssicherheit. Wer den Wandel
zur Kreislaufwirtschaft ernst meint, sollte
jetzt Verantwortung übernehmen: mit Partnerschaften,
die strategisch wichtige und
zukunftsfähige Rohstoffquellen fördern
und absichern.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 35
Bild: Conversio
Von wegen Kreislaufwirtschaft:
Von den
12,85 Mio. Tonnen in
Deutschland verarbeiteten
Kunststoffe sind
nur 1,93 Mio. Tonnen
aus Rezyklat, der Rest
ist nach wie vor Neuware.
Der schrumpfenden industriellen Basis steht ein steigender
Bedarf gegenüber. Laut dem aktuellen „Stoffstrombild
Kunststoffe“ wuchs der Anteil von Post-
Consumer-Rezyklaten (PCR) an Kunststoffanwendungen
von 2021 bis 2023 um 17 Prozent.
Der größte Anteil der Altkunststoffe wird in Deutschland
jedoch nach wie vor verbrannt: Nur 35 Prozent
der Kunststoffe aus dem gelben Sack und aus Industrieabfällen
werden mechanisch recycelt, alles andere
landet in der Müllverbrennung. Chemisches Recycling
spielt mit einem Anteil von unter einem Prozent
praktisch keine Rolle. „Das wird auch in absehbarer
Zeit so bleiben“, sagt Thomas Probst. Die Technologie
steckt trotz medialer Aufmerksamkeit noch
in der Testphase.
Rezyklat als strategische
Rohstoffquelle
Die Rezyklate stammen überwiegend aus Verpackungen.
Dort wird etwas mehr als die Hälfte recycelt. Industrieabfälle
werden häufiger recycelt als Haushaltsverpackungen,
diese stellen jedoch mengenmäßig
den größten Strom. Schnittreste aus der Kunststoffverarbeitung
– sogenannte Post-Industrial-Rezyklate
(PIR) – lassen sich aufgrund ihrer Reinheit
leichter aufbereiten, gelten im strengen Sinne jedoch
nicht als im Kreislauf geführtes Material.
Während die Wiederaufbereitungs-Kapazitäten in
Europa sinken, steigen die gesetzlichen Anforderungen:
Seit diesem Jahr gilt die EU-Verpackungsverordnung
(Packaging and Packaging Wast Regulation,
PPWR). Sie stellt Anforderungen an Rezyklate, Wiederverwertbarkeit
und Kompostierbarkeit. Für die
Umsetzung in nationale Gesetze haben die Mitgliedsländern
Zeit bis August 2026. Ab dann gelten
schrittweise verbindliche Mindestquoten. Bis 2030
sind dies:
• 30 Prozent für kontaktempfindlichen PET-Verpackungen,
• 10 Prozent für kontaktempfindlichen Verpackungen
aus anderen Kunststoffen,
• 30 Prozent für Einweggetränkeflaschen und
• 35 Prozent für alle anderen Verpackungen.
Auch die EU-Altfahrzeugverordnung und die Vorschriften
für Elektro-/Elektronik-Altgeräte gelten als
Marktstimulanz für den Rezyklateinsatz. Für Neufahrzeuge
ist eine Zielvorgabe von 25 Prozent Sekundärkunststoffe
in der Diskussion. Die Verordnungen befindet
sich aber noch im Gesetzgebungsprozess.
Zeitraum bis zur Quote
überbrücken
Bis die Vorgaben greifen, bleibt der Markt für die Anbieter
volatil. „Die Investitionen in die europäische
Recyclingwirtschaft stocken, weil der politische Wille
zur Umsetzung einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft
und die Planungssicherheit fehlen“, sagt Timothy
Glaz, Leiter Corporate Affairs von Werner &
Mertz mit der Öko-Marke Frosch. „Primärkunststoffe
bleiben günstiger, deshalb gibt es in der Branche keine
stabile Nachfrage“, erklärt er.
Werner & Mertz:
Partnerschaftlicher Kreislauf
Für Werner & Mertz ist zirkuläres Wirtschaften Teil
der Unternehmensstrategie: Seit 2008 setzt das Unternehmen
rezykliertes PET in Flaschen ein, seit 2012
bestehen diese zu 100 Prozent aus rPET. Um den
36 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MANAGEMENT «
Stoffkreislauf in Menge und Qualität zu schließen,
stammen 75 Prozent der Rezyklate aus dem Gelben
Sack und nur noch 25 Prozent aus dem Getränkeflaschenkreislauf:
„Unsere Rolle als Pionier erfordert einen
tiefen Einblick in die Materie“, erklärt Glaz die
präzise Differenzierung bis zum Materialursprung.
Oft betritt das Unternehmen mit den Lieferanten
Neuland. Damit die Verpackungen nicht nur optisch,
sondern auch preislich überzeugen, ist bei allen Projekten
früh auch der Einkauf involviert. „Wir beweisen
jeden Tag am Regal, dass Nachhaltigkeit bezahlbar
ist“, erklärt Glaz. Nicht nur rPET kommt zum Einsatz:
PP und HDPE aus Rezyklat werden u. a. für
Sprüh- und Verschlusskappen verwendet. „Die Qualitäten
werden immer besser“, freut sich Glaz.
Der Weg bis zur Verpackung ist aufwendiger als bei
Neuware: sammeln, sortieren, waschen, extrudieren,
vorformen. Jeder Schritt zählt. Multikomponenten-
Kunststoffe, saisonale Schwankungen und Verschmutzungen
beeinflussen den Stoffstrom und erschweren
die Aufbereitung. Deshalb arbeitet Werner
& Mertz mit Aufbereitern und Vorproduzenten eng
zusammen. Die Maschinen stehen teilweise direkt im
Mainzer Werk.
Einzelne Leuchtturmprojekte reichen für die Transformation
nicht aus: „Die Recyclingindustrie braucht
den Support ihrer künftigen Kunden“, fordert Glaz.
Auch der Branchenverband bsve betont die Notwendigkeit
langfristiger Abnahmeverträge seitens der
kunststoffverarbeitenden Industrie. „Ohne diese Verlässlichkeit
gerät der Aufbau stabiler Geschäftsmodelle
ins Wanken“, mahnt Thomas Probst.
Seine Empfehlung an die Industrie: „Wer als Produzent,
als verpflichteter Markenhersteller, ein verlässliches
Liefernetzwerk für Rezyklate etablieren will,
sollte die Zusammenarbeit mit einem dualen System
jetzt beginnen.“
In anderen Branchen sind mehrjährige Rahmenverträge
mit Mengen- und Preiszusagen zum Aufbau
und zur Stabilisierung von Lieferketten längst üblich.
Für das Kunststoffrecycling wären sie überlebenswichtig.
Auch in Mainz beobachtet man die Lage kritisch.
Timothy Glaz: „Import-Rezyklate zum halben
Preis können, so sie korrekt deklariert sind, definitiv
nicht die gleiche Qualität haben.“
Annette Mühlberger, Journalistin
Post-Consumer-Rezyklate (PCR)
• Rezyklate aus Abfällen nach
Gebrauch (z. B. Verpackungen
aus Haushalten, gewerbliche
Verpackungs abfälle).
• Quelle: Duales System, Pfandflaschenrückgabe,
Wertstoffhöfe,
gewerbliche Sammelsysteme
• Verschmutzungen und Verbundverpackungen
erschweren Verarbeitung
• gesetzliche Mindesteinsatzquoten
beziehen sich i.d.R auf PCR
Post-Industrial-Rezyklat (PIR)
• Rezyklate aus Produktions- und
Verarbeitungsabfällen vor Gebrauch
(Angüsse, Fehlchargen,
Verschnitt).
• homogen, sauber, einfacher zu
verarbeiten als PCR
• Beitrag zur Ressourceneffizienz,
keine Anrechnung auf Quoten
Kunststoffrecycling
Rezyklat-Polyethylenterephthalat
(rPET)
• aus gebrauchten PET-Produkten
gewonnenes Rezyklat, häufig
aus Getränkeflaschen.
• für „Bottle-to-Bottle“-Kreisläufe
(Lebensmittelkontakt möglich
bei geeigneter Aufbereitung),
aber auch für Folien, Fasern,
Schalen.
• Steigende Nachfrage durch EU-
Quoten. Preis aktuell über Neuware.
Mechanisches Kunststoffrecycling
• Physikalische Aufbereitung: sortieren,
waschen, regranulieren.
• etabliertes, energieeffizientes
Verfahren
• Qualitätsverluste bei jedem
Zyklus möglich
• nur für sortenreine/sortierbare
Kunststoffe wirtschaftlich
Chemisches Kunststoffrecycling
• Aufspaltung der Polymerketten
in chemische Grundbausteine
• Kann auch gemischte oder stark
verunreinigte Kunststoffströme
verwerten.
• Pilotphase, aktueller Anteil am
Recycling unter 1 %
• Kontroverse: Energiebilanz, Kosten,
Anrechnung auf Recyclingquoten.
Design for Recycling: Produktdesign
für einfache Demontage, saubere
Trennung und hohe Materialreinheit.
Massenbilanzierung: Bilanzielle
Verteilung von Rezyklat auf Produkte,
kritisiert wegen fehlender
Nachvollziehbarkeit.
Downcycling: Wiederverwertung
in minderwertige Anwendungen,
kritisch gesehen, im Bausektor
üblich und wirtschaftlich.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 37
» MANAGEMENT
Ganzheitliches Risikomanagement im Einkauf, Teil 2
Top-Risiken steuern
Risikomanagement gleicht dem Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer: Kaum
ist eine Gefahr gebannt, tauchen neue auf. Wer nur reagiert, bleibt im Nachteil.
Entscheidend ist ein Ansatz, der Risiken von Beginn an in alle Einkaufsent -
scheidungen und Prozesse einbezieht und so ein stabiles Fundament für eine
widerstandsfähige Beschaffung schafft.
Bild: Heß
Im 15M-Risk-Cube werden drei Building Blocks nach den Ansätzen im Risikomanagement unterschieden.
chenorientierten (BB1), den wirkungsorientierten
(BB2) und den auf Krisenfestigkeit
(BB3) abzielenden Ansatz. Jeder dieser
„Building Blocks“ lässt sich separat einführen,
ihre volle Wirkung entfalten sie jedoch
im Zusammenspiel.
Ursachenorientierter
Ansatz
Der ursachenorientierte Ansatz (BB1) orientiert
sich an klassischen Methoden des
Risikomanagements. Im Zentrum steht
die sogenannte Risk-Map. Hier werden
die identifizierten Risiken nach Schadensausmaß
und Eintrittswahrscheinlichkeit
eingeordnet. Grundlage für diese Bewer-
Allokation kritischer Rohstoffe, Währungsrisiken,
Qualitätsrisiken, die zu
Rückrufaktionen führen, oder Compliance-Risiken,
die die Marke des Unternehmens
beschädigen, sind Beispiele für Top-
Risiken. Allgemein gesagt: Top-Risiken im
Einkauf sind Risiken mit besonderer Tragweite
für das Unternehmen, die in der Regel
über einzelne Lieferanten oder Materialgruppen
hinausgehen. Ihnen sollte besondere
Aufmerksamkeit zukommen. Sie
sollten innerhalb der Einkaufsstrategie
gesteuert werden, zumindest wenn das
Unternehmen eine Einkaufsstrategie hat.
Im 15M-Risk-Cube werden hierzu drei
Building Blocks unterschieden: den ursatung
ist idealerweise ein strukturierter
Workshop mit erfahrenen Einkäufern, ergänzt
durch interne Stakeholder, ausgewählte
Lieferanten oder Branchenkenner.
1. Risiken identifizieren: Im ersten
Schritt sind potenzielle Bedrohungen zu
identifizieren. Meist durch Brainstorming,
ggf. mit Checklisten gestützt, werden
mögliche Risiken von den Teilnehmern
genannt. Das häufig chaotisch anmutende
Ergebnis muss anschließend im Teilnehmerkreis
geclustert werden. Ähnliche
Ideen werden zusammengefasst und mit
einem Namen versehen.
2. Risiken bewerten: Die geclusterten
Risiken werden analysiert und nach Ein-
38 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
trittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß
bewertet. Im strategischen Einkauf
gibt es hierbei in der Regel keine
mathematisch exakte Lösung. Vielmehr
geht es im Workshop darum, eine gemeinsame
Einschätzung als Basis für die
weitere Vorgehensweise zu finden.
3. Risiken steuern und überwachen: Für
kritische Risiken werden Maßnahmen zur
Vermeidung, Verminderung oder Überwälzung
des Risikos geprüft, ggf. werden
Risiken auch akzeptiert. Es wird empfohlen,
diesen Schritte in die Einkaufsstrategie
zu integrieren. Die Überwachung der
Risiken ist vielfältig und konzentriert sich
beispielsweise auf die Entwicklung der
identifizierten Risiken, aber auch auf die
frühzeitige Identifikation neuer Risiken.
Wirkungsorientierte
Steuerung
Der ursachenorientierte Ansatz hat zwei
kritische Schwächen: Zum einen können
kritische Risiken übersehen werden. Nicht
wenige Einkaufsabteilungen hatten das
Pandemie-Risiko vor Covid-19 nicht erkannt.
Zum zweiten lassen sich beliebig
viele Risiken mit existentiellen Schadensausmaß
konstruieren, z. B. Meteoriteneinschlag
in einem wichtigen Wirtschaftszentrum,
langfristige Störung des weltweiten
Flugverkehrs durch die Explosion
eines Super-Vulkans. Der Phantasie sind
keine Grenzen gesetzt. Die Eintrittswahrscheinlichkeit
des einzelnen Risikos ist so
gering, dass eine Reaktion wirtschaftlich
nicht sinnvoll ist. Problem ist: Man weiß
nicht, was kommt, aber es ist sicher, dass
sich irgendein Großrisiko realisieren wird.
Der zweite Ansatz (BB2), die wirkungsorientierte
Steuerung, setzt bewusst einen
anderen Schwerpunkt. Hier geht es nicht
um mögliche Bedrohungen, sondern um
die Frage: Wo wäre der Schaden am größten?
Statt hypothetischer Gefahren steht
der konkrete Impact im Mittelpunkt. Risiken
werden dabei nicht durch ihre Ursache
definiert, sondern durch die potenziellen
Folgen eines Ausfalls. Wenn etwa
ein bestimmter Lieferant oder ein kritisches
Material nicht mehr zur Verfügung
steht, kann das zu erheblichen Umsatzeinbußen
oder Produktionsstopps führen,
unabhängig davon, wie wahrscheinlich
dieses Szenario ist. Über die Auflösung
der Stücklisten und die Verknüpfung mit
Absatzplänen lässt sich der gefährdete
Umsatz oder Deckungsbeitrag konkret beziffern.
Auch wenn Details wie Ausfallzeiten,
Lagerreichweiten oder Umrüstzeiten
berücksichtigt werden müssen, schafft
dieser Ansatz ein deutliches Bild davon,
wo das Unternehmen besonders verwundbar
ist und wo Absicherungsmaßnahmen
wie Second Sources oder Materialsubstitution
Priorität haben sollten.
Steigerung der
Krisenfestigkeit
Der dritte Ansatz schließlich zielt auf die
Steigerung der Krisenfestigkeit (BB3).
Denn Risikomanagement bedeutet nicht,
alle Risiken zu vermeiden, sondern mit ihnen
umgehen zu können. Der Fokus liegt
deshalb auf den Fähigkeiten und Strukturen
im Einkauf, um im Ernstfall handlungsfähig
zu bleiben. In „Steigerung der
Krisenfestigkeit“ wird ein Reifegradmodell
mit 46 Fragen angeboten, mit denen
die Reife des Einkaufs bei kritischen Kompetenzen
der Krisenfestigkeit beurteilt
werden kann. Drei Beispiele illustrieren
den Charakter der Reifegradfragen:
(1) Gibt es umfassend ausgearbeitete
Standardkrisenpläne für typische Krisensituationen
wie Lieferanteninsolvenz,
Menschenrechtsverstöße oder Versorgungsengpässe.
(2) Gibt es sogenannte
„Feuerwehrübungen“ zur Verbesserung
der Krisenfestigkeit, z. B. Freigabe von
Materialien oder Lieferanten in einem
Drittel der üblichen Prozesszeit. (3) Wie
wirkungsvoll ist die Kommunikation mit
den strategisch bedeutsamen Lieferanten?
Gibt es einen vertrauensvollen Austausch
auf Top Management Ebene?
Einbindung in die
Einkaufsstrategie
So unterschiedlich diese drei Ansätze
auch sind – ihre Integration in die Einkaufsstrategie
ist der entscheidende
Schritt. Die folgenden Ausführungen orientieren
sich am Strategiekonzept der
15M-Architektur, sind aber verallgemeinerbar:
Im ersten Schritt werden die Anforderungen
der Stakeholder diskutiert
und die Wertbeitragsziele festgelegt. Da-
mit wird der Maßstab für Einkaufsrisiken
fixiert. In der strategischen Analyse – dem
zweiten Schritt – wird die strategische
Handlungssituation des Einkaufs betrachtet.
In diesem Rahmen werden die drei
vorgestellten Building Blocks durchgeführt.
Im Ergebnis werden Risiken und
mögliche Handlungsoptionen identifiziert.
Zur Formulierung der Strategie sind
die Risiken und die Handlungsoptionen
aus strategischer Sicht zu bewerten.
Kritische Risiken können in der Einkaufsstrategie
zu bedeutsamen strategischen
Stoßrichtungen führen, z. B. „Strategie
der Reduzierung geopolitischer Abhängigkeiten“
mit Maßnahmen wie verstärkte
Lokalisierung oder regionale Verteilung.
Weniger kritische Risiken können im
Rahmen anderer strategischer Stoßrichtungen
berücksichtigt werden, z. B. Aufbau
eines konsequenten Natural Hedging
im Rahmen einer Globalisierungsstrategie
des Einkaufs. Kleine Risiken unterhalb der
Strategieschwelle werden als Verbesserungsmaßnahmen
(Improvements) gesteuert.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert
allerdings die hohe Dynamik in der
Entwicklung von Risiken. Insofern verlangt
die Integration des Risikomanagements
in die Einkaufsstrategie ein agiles
strategisches Management im Einkauf.
Im folgenden Artikel der Serie wird das
Risikomanagement für Materialgruppenund
Lieferantenmanagement vorgestellt.
Bild: TH Nürnberg
Prof. Dr. Gerhard Heß
Technische Hochschule
Nürnberg Georg-
Simon-Ohm, Strategischer
Einkauf und
Supply Management
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 39
» MANAGEMENT
Planungen für umfassende Reform
Der große Umbau der Zollunion
Die Europäische Union geht mit der Zollreform ein Großprojekt an, das sich über
Jahre erstrecken wird. Das System soll sicherer, einfacher und digitaler werden.
Rechtstreue Unternehmen könnten in Zukunft erheblich profitieren.
Zölle – überall sind sie aktuell ein Thema:
ob Trumps Abschreckungszölle,
die zollfreien Kleinsendungen von Temu,
Shein & Co., die Europa fluten, oder eben
eines der ehrgeizigsten Projekte der Europäischen
Union (EU) für die kommenden
Jahre, die große Zollreform.
Rund 80 Milliarden Euro an Zöllen zahlen
Wirtschaftsunternehmen jährlich an die
europäischen Zollbehörden. Angesichts
dieser Größenordnung ist es überaus
sinnvoll, Zollfragen schon bei der Beschaffung
im Auge zu haben. Zumal dem
Einkauf nach der Reform eine Schlüsselposition
dabei zukommen wird, die Zollvorgaben
zugunsten erheblicher bürokratischer
Erleichterungen umzusetzen. Man
ahnt es bereits: es geht um globale Lieferketten,
Transparenz und uneingeschränkten
Datenaustausch. Doch der
Reihe nach.
Ausgangslage
„Die Zollunion ist eine echte Erfolgsgeschichte
der Integration in Europa“, sagt
Birgit Schmeitzner, Pressesprecherin der
Vertretung der Europäischen Kommission
in Deutschland. „Waren können in der EU
dank der Zollunion ungehindert im weltweit
größten integrierten Binnenmarkt
zirkulieren.“ Doch die Verfahren und Systeme
des derzeitigen Zollwesens sind zu
komplex. „EU-Einführer haben es mit
27 nationalen Zollverwaltungen und
mehr als 111 unterschiedlichen Schnittstellen
und IT-Systemen zu tun“, bringt
Schmeitzner das Dilemma auf den Punkt.
Es gibt zudem keine zentrale EU-Zolldatenbank
oder eine Überwachung der Lieferkette
auf EU-Ebene, was Europa anfällig
macht für allerlei Risiken – Terrorismus,
Betrug, unlauterer Wettbewerb, Einfuhr
gefährlicher Produkte. Die Lösung:
eine umfassende Digitalisierung und Vereinheitlichung
aller Zollprozesse.
Vier zentrale Neuerungen
Zur Umsetzung dieser Ziele setzt man auf
vier zentrale Neuerungen, die unterschiedliche
Wirkrichtungen aufweisen:
1. Die Einführung des EU Customs Data
Hub, einer Plattform, die die verschiedenen
nationalen IT-Systeme zusammenführt,
die Datenprozesse bündelt und an
der auch die Unternehmen partizipieren
2. Die Schaffung einer zentralen EU-Zollbehörde,
der EUCA
3. Den neuen Status „Trust & Check Trader“,
der Unternehmen erheblich von Formalitäten
entlastet
4. Eine tiefgreifende
Reform des
E-Commerce, die
die Paketflut eindämmt
und die
Zollbehörden entlastet
Der EU Customs
Data Hub gilt als
Herzstück der Reform.
Er soll den
Übergang von dem
bisherigen, auf Anmeldungen beruhenden,
hin zu einem datengesteuerten System
gewährleisten. Ermöglicht wird dies durch
die Echtzeitbewertung jeder einzelnen
Sendung auf Basis zentral erfasster Daten.
„Für transparente und konforme Lieferketten
werden Papiere und Formalitäten auf
ein Mindestmaß reduziert, und die Zollabgaben
werden nicht mehr bei der Einfuhr,
sondern in regelmäßigen Abständen entrichtet“,
erklärt Kommissionssprecherin
Schmeitzner.
Orchestriert wird das Ganze von der EUCA,
der neuen zentralen Zollbehörde. Wo der
Standort dieses Mega-Amtes sein wird,
darüber gibt es allerhand Gerüchte. Genannt
werden Rotterdam, Amsterdam,
Lissabon, Lille, Málaga und in Deutschland
Hamburg und Karlsruhe.
Lohn für Digitalisierung
»EU-Einführer haben
es mit 27 nationalen
Zollverwaltungen und
mehr als 111 unterschiedlichen
Schnittstellen
und IT-Systemen
zu tun.«
Birgit Schmeitzner
Mit der Zollrechtsreform führt die EU den
neuen Status „Trust & Check Trader“ ein,
frei übersetzt: vom Zoll geprüfter und für
vertrauenswürdig befundener Wirtschaftsbeteiligter.
„Dabei handelt es sich
um eine Weiterentwicklung des bisherigen
AEO-Status, oft auch als ‚AEO-plus‘ bezeichnet“,
erläutert Rechtsanwalt Marko
Uhl. Laut dem Außenwirtschaftsexperten
von Deloitte bringt
der neue Status
weitreichende Vereinfachungen
mit
sich, „etwa die zollrechtliche
Überlassung
von Waren
ohne aktive Kontrolle,
den Wegfall
von Transitverfahren
oder die Möglichkeit,
Zollschulden
periodisch
selbst zu berechnen“.
In den Genuss dieser erheblichen bürokratischen
Erleichterungen kommt jedoch
nur, wer einen ausreichend hohen Digitalisierungsgrad
aufweist und bereit ist,
sein Innerstes offenzulegen: Status-Anwärter
müssen dem Zoll den Echtzeitzugriff
auf ihre elektronischen Systeme ermöglichen.
Der Lohn: Einsparungen für
die Wirtschaft in Milliardenhöhe. Die
Kommission spricht von bis zu 2,7 Milliarden
Euro jährlich. „Gesetzestreue Unternehmen
können sich außerdem darauf
verlassen, dass die Zollbehörden mehr
40 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Birgit Schmeitzner, Pressesprecherin der Vertretung
der Europäischen Kommission in Deutschland.
Bild: EK
RA Marko Uhl, Deloitte.
Bild: Deloitte
Thomas Hartinger, Produktmanager bei AEB.
Bild: AEB
Zeit und Ressourcen zur Verfügung haben
werden, um betrügerische Konkurrenten
zu verfolgen“, verspricht Sprecherin
Schmeitzner.
Transparenzgarant
Die zukünftige Rolle des Einkaufs ist dabei
inzwischen schon fast ein „alter Hut“. Wie
schon durch andere EU-Gesetzgebungsakte
sind der Beschaffungsseite
neue
Aufgaben hinsichtlich
der Transparenz
ihrer Lieferkette zugewiesen.
„Deutsche
Unternehmen
müssen im Procurement
und Supply
Chain Management
künftig nicht nur
ihre eigenen Datenströme
kontrollieren, sondern auch die ihrer
Partner entlang der gesamten Lieferkette“,
sagt Zollrechtler Uhl. „Besonders
bei Hochrisikowaren, Hochrisikoländern
oder komplexen Strukturen sind gezielte
EU-weite Kontrollen zu erwarten.“ Ähnliche
Anforderungen finden sich auch im
deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz
(LkSG) und sind geplant in der europäischen
Corporate Sustainability Due
Diligence Directive (CSDDD), dem Carbon
Border Adjustment Mechanism (CBAM)
und der EU-Entwaldungsverordnung
(EUDR) – sie alle verlangen umfangreiche
Überwachungs- und Berichtspflichten
über die Supply Chain.
»Einkaufsabteilungen
werden stärker mit
Zoll- und Compliance-
Abteilungen
zusammenarbeiten
müssen.«
Thomas Hartinger
„Die Bereitstellung von Daten in vorhandenen
Formaten kann eine Vereinfachung
gegenüber bisherigen Zollanmeldungen
bedeuten“, beruhigt Thomas Hartinger,
Produktmanager beim Stuttgarter Softwareentwickler
AEB, der auf Zoll- und Logistikprozesse
spezialisiert ist. „Auch sollen
mehrere Beteiligte entlang der Lieferkette
jeweils Teile der Daten liefern können.“
Hartinger
verweist aber auch
darauf, dass die
Anforderungen an
Datenqualität und
Organisation zwischen
Unternehmen
wohl steigen
und insgesamt
mehr Daten abgefragt
werden. „Einkaufsabteilungen
werden daher stärker mit Zoll- und Compliance-Abteilungen
zusammenarbeiten
müssen“, lautet seine Prognose.
Zeitplan bis 2038
Bei den geplanten Änderungen kann man
ohne Übertreibung von einem Paradigmenwechsel
in der Zollabwicklung sprechen.
Und der dauert. Zwar hat man sich
in diesem Jahr politisch deutlich angenähert,
dennoch wird weiterhin über den
Kommissionsvorschlag verhandelt. Zu erwarten
ist, dass die Umsetzung der Reform
gestaffelt erfolgt und sich über einen
Zeitraum von zehn bis zwölf Jahren
erstreckt.
Einige Bestimmungen sollen recht schnell
nach der Annahme der Reform wirksam
werden, nämlich ab 1. Juli 2028. Hierunter
fallen die Neuregelungen zu Fernverkäufen
und zur neuen EU-Zollbehörde.
„Unternehmen, die am grenzüberschreitenden
Onlinehandel beteiligt sind, werden
zuerst betroffen sein, einschließlich
der in diesem Bereich tätigen Zolldeklaranten,
Transporteure und Spediteure“, so
Zollspezialist Hartinger. Damit sind auch
die Bewerber für den Trust & Check-Status
schon in diesem frühen Stadium der
Umstellung angesprochen.
Ab 2032 sollen Unternehmen dann freiwillig
den EU Customs Data Hub nutzen
können, der die zentralen Datenprozesse
bündelt. Ab 2038 wird dessen Nutzung
für alle verpflichtend werden. Die Zollfreigrenze
bei Sendungen bis zu 150 Euro
Warenwert möchte man sogar schon im
kommenden Jahr, also 2026, streichen.
Anja Falkenstein,
Rechtsanwältin,
Karlsruhe
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 41
TITEL » Antriebstechnik
Bild: Mayr Antriebstechnik
Sicher bremsen in jeder Achse: Für jede
Bewegung die passende Sicherheitslösung – ob
rotatorisch , linear oder redundant. Der gezielte
Einsatz abgestimmter Bremsen typen schützt
Mensch, Maschine und Prozess.
Einkaufsführer: Bremsen
Sicherheitskritische
Anwendungen
Sicherheitskritische Anwendungen müssen Abstürze und unkontrolliertes
Absinken verhindern. Dafür sorgen Sicherheitsbremsen – oft
als einzige Absicherung. Entscheidend ist ihre richtige Auswahl und
Dimensionierung, sonst drohen Schäden. Daher lohnt sich ein genauer
Blick auf technische Details, Leistungsumfang und den angebotenen
Support des Herstellers.
42 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Bild: Mayr Antriebstechnik
Bild: Mayr Antriebstechnik
Als kompakte Bremseinheit kann die ROBA linearstop einfach,
schnell und ohne aufwändige Einstellarbeiten auch in bereits
bestehende Maschinen- und Anlagenkonstruktionen integriert
werden. Sie wirkt auf eine separate Bremsstange und klemmt
diese positionsgenau und spielfrei.
Die spielfreie Sicherheitsbremse ROBA guidestop wirkt direkt auf die bewegten Massen
der Vertikalachsen. Sie bietet damit hohe Sicherheit und minimiert das Gefährdungsrisiko
von Personen.
Schwebende Lasten stellen in Maschinen und
Anlagen ein erhebliches Gefährdungspotenzial
dar – besonders mit Personen im Gefahrenbereich.
Ein unbeabsichtigtes Absinken sowie zu lange Anhaltewege
müssen daher bereits in der Konstruktionsphase
ausgeschlossen werden. Für sicherheitskritische
Anwendungen sind Sicherheitsbremsen nach
dem Fail-Safe-Prinzip die erste Wahl. Denn diese
Bremsen erzeugen die Bremskraft durch Druckfedern
und sind im energielosen Zustand geschlossen. Selbst
wenn sichere motorische Antriebe bei Ausfall der
Energieversorgung in der Lage sind, die Last bis nahe
zum Stillstand zu verzögern (SS1 Betrieb), muss danach
die Sicherheitsbremse die Last halten.
Und bei Ausfall des motorischen Verzögerns übernehmen
die Sicherheitsbremsen die Aufgabe, die Last
auch aus der Dynamik abzubremsen.
Mehr Sicherheit bei der
Bremsenauswahl
Maschinenhersteller sind für die Sicherheit ihrer Maschinen
verantwortlich. Sie müssen bereits in der
Projektierung eine Risikoanalyse durchführen und für
sicherheitskritische Anwendungen den erforderlichen
Performance Level (PLr) nach DIN EN ISO
13849–1 ermitteln. Komponenten erfahrener Hersteller
unterstützen bei der normkonformen Umsetzung.
Für mehr Sicherheit bei der Auswahl sorgen Services
wie zum Beispiel die Validierungshilfe von Mayr Antriebstechnik:
Das strukturierte Dokument stellt dem
Maschinenhersteller zusätzlich zu den Sicherheitskennwerten
B10d (MTTF D ) wichtige Informationen
zur Verfügung, welche für die Validierung des eingesetzten
Produktes nach DIN EN ISO 13849–2 erforderlich
sind. Es hilft Konstrukteuren dabei, die richtige
Bremse oder Bremsenausführung für die Anwendung
zu finden.
In diesem Zusammenhang ist es auch vorteilhaft,
wenn Hersteller geprüfte Bremsen anbieten. So kann
beispielsweise die ROBA topstop von Mayr nach
Mayr Antriebstechnik
Das 1897 gegründete Familienunternehmen Mayr
Antriebstechnik ist ein führender Hersteller von
Sicherheitsbremsen, Sicherheitskupplungen und
Wellenkupplungen. Diese Produkte sind in erster
Linie für den Einsatz in elektrisch angetriebenen
Maschinen und Anlagen konzipiert. Sie finden sich
unter anderem in Abfüllanlagen, Werkzeug-, Verpackungs-
und Druckmaschinen sowie in Aufzügen,
Windkraftanlagen und in der Bühnentechnik. Weltweit
ist das Unternehmen in über 60 Branchen aktiv.
Im Allgäuer Stammhaus in Mauerstetten arbeiten
derzeit rund 750 Beschäftigte, international hat
Mayr Antriebstechnik rund 1350 Mitarbeitende.
Das Unternehmen betreibt zwei weitere Werke in
Polen und China und errichtet aktuell eine Niederlassung
in Indien. Mit Tochtergesellschaften in den
USA, in Frankreich, Großbritannien, Italien, Singapur,
Japan, Spanien und in der Schweiz sowie rund
40 weiteren Ländervertretungen ist Mayr Antriebstechnik
global präsent.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 43
TITEL » Antriebstechnik
Bild: Mayr Antriebstechnik
Bild: Mayr Antriebstechnik
Durch ihre konstruktive Besonderheit und die geprüfte Sicherheit hat sich
die ROBA topstop zum marktführenden Bremssystem bei Vertikalachsen mit
rotatorischen Antrieben entwickelt. Der TÜV hat die Type 8990.00021,
Größe 200 geprüft, um zu bestätigen, dass die Bremse als „bewährtes Bauteil“
im Sinne der Kategorie 1 nach DIN EN ISO 13849–1 betrachtet werden
kann.
Die ROBA pinionstop ist eine Sicherheitsbremse mit integrierter Ritzelwelle
oder integrierter Welle, die mit einem Ritzel bestückt werden kann. Sie ist als
zusätzliches Bremssystem für Achsen mit Zahnstangenantrieb vorgesehen.
Überprüfung durch den TÜV als „bewährtes Bauteil“
im Sinne der Kategorie 1 nach DIN EN ISO 13849–1
betrachtet werden.
Kurze Schaltzeiten und zuverlässige
Schaltzustandskontrolle
Für die Sicherheit von Mensch und Maschine sind
gerade bei sicherheitskritischen Anwendungen und
vertikalen Achsen kurze Anhaltewege wichtig. Entscheidend
für den Bremsweg sind dabei die Schaltzeiten
der Bremse. Denn in der Zeit des freien Falls,
bis die Bremse schließt und die Verzögerung einsetzt,
beschleunigt sich die Masse
zusätzlich – unter Umständen
so extrem, dass die zulässigen
Werte der Bremse überschritten
werden. Anwender sollten
daher bei der Auswahl der Sicherheitsbremsen
auf möglichst
kurze, verifizierte
Schaltzeiten achten – und
auch darauf, dass diese
Schaltzeiten über die gesamte
Lebensdauer der Bremse eingehalten werden. Um
dies zu gewährleisten, ist eine zuverlässige Schaltzustandskontrolle
notwendig. Moderne Überwachungssysteme
arbeiten sensorlos und geschützt
vom Schaltschrank aus. Sie liefern wichtige Datengrundlagen
für permanente Inspektion, vorausschauende
Wartung, Automatisierungskonzepte und KI-
Tools.
»Neben qualitätssichernder
Konstruktion
ist eine 100 %-Prüfung
jeder einzelnen Bremse
seitens der Hersteller
notwendig.«
Mit dem ROBA brake-checker bietet Mayr ein solches
intelligentes Modul, das Sicherheitsbremsen sensorlos
überwacht und gleichzeitig mit Energie versorgt.
In Kombination mit dem Modul ROBA gateway wird
die Lösung netzwerkfähig: Die Daten der Bremse lassen
sich dann per Ethernet-Anschluss permanent
auslesen und über ein Dashboard visuell darstellen.
Bekanntes statisches und
dynamisches Bremsverhalten
Damit die Bremsen bei ihrem Einsatz in der jeweiligen
Anwendung immer größtmögliche Sicherheit gewährleisten,
ist es wichtig, dass statisches
und dynamisches
Bremsmoment den jeweiligen
Kundenspezifikationen entsprechen.
Dafür ist es nötig,
diese beiden Einsatzbedingungen
versuchstechnisch zu prüfen.
Anwender sollten sich daher
über das Versuchsfeld des
Herstellers informieren und
hinterfragen, ob die Bremsen
so realitätsnah wie möglich getestet werden: Unterzieht
der Hersteller die Sicherheitsbremsen auch klimatischen
Tests mit realistischem Temperatur- und
Luftfeuchtigkeitsbereich? Werden Parameter wie
Bremsmoment, Drehzahl, Temperatur, Reibbeiwert und
Reibarbeit ermittelt und unter verschiedenen Bedingungen
abgeprüft? Werden der Reibwertverlauf und
das Verschleißverhalten am Reibsystem bewertet? Nur
44 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
so kann verifiziert werden, dass die Sicherheitsbremse
für den Anwendungsfall richtig ausgewählt und dimensioniert
wurde.
Renommierte Hersteller integrieren Versuchsdaten
direkt in ihre Berechnungstools. Daraus ergeben sich
belastbare Aussagen zum Verhalten der Bremse – etwa
Reibwerte in Abhängigkeit von Temperatur und
Pressung oder Verschleiß bei verschiedenen Gleitgeschwindigkeiten.
Daraus lassen sich Auslegungsrichtlinien
für die Konstruktion ableiten, was zuverlässige
Prognosen zum Verhalten, aber auch Grenzen
der Bremse in der Anwendung ermöglicht. Dies
schafft die Basis für eine hohe Service-Qualität –
und Sicherheit.
100 %-Qualitätskontrollen
Neben qualitätssichernder Konstruktion ist eine
100 %-Prüfung jeder einzelnen Bremse seitens der
Hersteller notwendig. Dabei werden funktionsrelevante
Parameter wie Anzugs- und Abfallspannung,
Spulenwiderstand, Durchschlagfestigkeit der Spule,
Isolation der Spule zum Gehäuse, Axialkraft, Ankerscheibenhub
und die Funktionsweise der Schaltzustandsüberwachung
ermittelt. Auch eine Serienprüfung
des Bremsmoments beziehungsweise der
Bremskraft ist Standard. Bei renommierten Herstellern
werden alle Messwerte in einer Datenbank gespeichert
und mit den Seriennummern verknüpft –
für lückenlose Rückverfolgbarkeit.
Breites Produktportfolio
Die Einsatzbereiche für Sicherheitsbremsen sind vielfältig.
Entsprechend breit ist das Produktprogramm
führender Hersteller: von rotatorischen Bremsen für
Wellen und zum direkten Ein- und Anbau an Motoren,
über redundante Doppelbremsen, Scheiben- und
Zahnstangenbremsen bis hin zu Linearbremsen für
Profilschienen oder Kolbenstangen – in elektromagnetischer,
pneumatischer oder hydraulischer Ausführung.
Kunden können so passend zum jeweiligen Anwendungsfall
das entsprechende Funktionsprinzip
wählen. Solche Hersteller sind zudem in der Lage, die
Bremsen für spezielle Einsatzfälle, zum Beispiel im
Lebensmittelbereich oder auch im maritimen Bereich,
korrosionsgeschützt und besonders robust auszuführen.
(sas)
Checkliste für den Einkauf von Sicherheitsbremsen für
sicherheitskritische Anwendungen
• Achten Sie darauf, dass die Sicherheitsbremsen
auch für dynamische Bremsungen
geeignet sind und unter realistischen
Bedingungen getestet wurden. Erkundigen
Sie sich hier auch nach den Prüfmöglichkeiten
des Herstellers.
• Vergewissern Sie sich, dass der Lieferant
eine 100%-Endprüfung durchführt, inklusive
der automatischen Speicherung aller
Testdaten. Für eine lückenlose Rückverfolgbarkeit
müssen die Bremsen zudem
mit eindeutigen Seriennummern gekennzeichnet
sein.
• Prüfen Sie die Ansprechzeiten der Bremse
(Anzug/Abfall). Nur mit einer schnellen
Bremse und konstanten Schaltzeiten
über die Lebensdauer erreichen Sie kurze,
sichere Anhaltewege.
• Setzen Sie auf Lieferanten mit einem breiten
Standardproduktprogramm. Eine große
Auswahl an rotatorischen und linearen
Bremsen mit verschiedenen Funktionsprinzipien
(elektromagnetisch, pneumatisch
oder hydraulisch gelüftet) bietet
Flexibilität für verschiedenste Anwendungen.
Hier finden Sie zudem Komplettlösungen
aus einer Hand.
• Setzen Sie auf Hersteller mit Entwicklungs-,
Fertigungs,- und Applikationserfahrung
sowie schnellem, weltweiten Vor-
Ort-Service (vor allem wenn Sie Ihre Maschinen
global vermarkten) und kompetenter
Beratung. Fordern Sie Beratung
ein, um so die Unterschiede feststellen zu
können.
• Nehmen Sie sich die Zeit, die Produktion
des Lieferanten zu besichtigen, gerade
bei wichtigen Einkäufen. Bei einem Besuch
im Werk können Sie sich selbst davon
überzeugen, was wirklich hinter den
Kulissen steckt.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 45
» ANTRIEBSTECHNIK
Leichtbau-Linearführungen sind zugleich flexibel und präzise
Wartungsfreie Leichtgewichte
Linearführungen von Franke übertragen das Funktionsprinzip der eingelegten
Laufbahnen aus den Drahtwälzlagern auf lineare Achsen. Sie sind besonders
leicht und Industriekunden schätzen die einfache Montage, eine schnelle
Reinigung sowie die hohen Tragzahlen der abnehmbaren Laufwagen.
fekte treten nicht auf und die Laufwagen
bringen sofort volle Leistung. Das niedrige
Gewicht der Aluminium-Komponenten
ermöglicht hohe Geschwindigkeiten bei
geringer Antriebsenergie.
Die abnehmbaren Laufwagen der Linearführungen bieten Anwendern eine Kombination aus Flexibilität,
einfacher Handhabung und hoher Präzision.
Das Funktionsprinzip der eingelegten
Laufbahnen aus den Drahtwälzlagern
ist bei Linearführungen von Franke
auf lineare Achsen übertragen worden.
Sie bestehen aus einem leichten Aluminium-Grundkörper
mit nadel- oder kugelgelagerten
Laufrollen aus Stahl oder Niro
und sind völlig wartungsfrei.
Spezielle Deckscheiben an den Laufrollen
dichten die Lagerung nach außen ab.
Laufrollen in O-Anordnung gewährleisten
eine gleich hohe Belastbarkeit aus allen
Richtungen. Die Laufrollen sind mit einer
Nut versehen, die an das Profil der Laufbahn
angepasst ist. Durch dieses System
Bild: Franke
Wartungsfreie Systeme werden verstärkt
angefragt. Zielvorgaben beim Verpacken
von Lebensmitteln, Pharmazie-, Chemieoder
Technikprodukten sind hohe Flexibilität
und Produktivität bei geringen Wartungs-
und Stillstandzeiten. Der Trend
geht in der Verpackungsindustrie aus diesen
Gründen immer mehr in Richtung
Wartungsfreiheit. Franke-Linearführungen
erfüllen diese Anforderungen.
Die Nadellager der Laufrollen besitzen eine
Lebensdauerschmierung. Durch die geschlossene
Bauform wird der Austritt von
Schmierstoffen vermieden und ein Nachschmieren
überflüssig. Völlig schmierstofffreie
Varianten der Führung sind für
spezielle Einsatzfälle ebenfalls erhältlich
und helfen somit, die Produktionssicherheit
zu garantieren. Speziell eingesetzte
Niro-Komponenten machen die Führung
auf Wunsch lebensmitteltauglich und
abwaschbar. Selbst aggressive Medien
wie Salz, Molke oder Säure können der
Führung nichts anhaben. Hohe hygienider
geführten Rolle werden die Laufrollen
seitlich geführt, und es wird ein gleichmäßig
leichter und leiser Lauf erreicht.
Schienen- und Kassettenprofile können
darüber hinaus kundenspezifisch angepasst
werden.
Zudem kommt es bei Linearsystemen auf
geringe bewegte Massen an. Die Aluminium-Rollenführung
von Franke überzeugt
dabei durch ihre Leistungs daten: Geschwindigkeiten
von 10 m/s sowie
Beschleunigungen von 40 m/s² können
realisiert werden. Die Führungen besitzen
ein ausgezeichnetes Ansprechverhalten
bei hohen Wiederholraten. Stick-Slip-Ef-
Vorteilhafte
Linearführungen
46 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
L
Bild: Franke
Die Gestaltung der Laufwagen ist frei definierbar und kann um zusätzliche Komponenten wie Spindelgehäuse
oder Adapterplatten ergänzt werden.
Bild: Franke
Bei seinen Linearführungen überträgt Franke das Funktionsprinzip der eingelegten Laufbahnen
aus den Drahtwälzlagern in lineare Achsen.
sche Anforderungen für das Verpacken
von Lebensmitteln werden durch eine
Reinraum-Zertifizierung erfüllt.
Aluminium-Rollenführungen sind in 6
Größen erhältlich: von der kompakten
Größe 12 bis zur kräftigen Größe 45. Alle
Größen sind in Schienenlängen bis 4 m
einteilig lieferbar. Lange Hubstrecken
sind problemlos umsetzbar durch koppelbare
Schienen. Zubehör wie Klemmung,
Faltenbalg, Metallabstreifer ergänzen das
Sortiment. Wesentlich ist auch, dass
Franke Laufbahnen jedes vom Kunden
gewünschte Aluprofil eingebracht werden
können. Auch die Gestaltung der
Laufwagen ist frei definierbar und kann
um zusätzliche Komponenten wie Spindelgehäuse
oder Adapterplatten ergänzt
werden.
Abnehmbare Laufwagen
In vielen industriellen Anwendungen sind
Linearführungen unverzichtbar – sei es in
Verpackungsmaschinen, Portalsystemen
oder hochpräzisen Medizingeräten. Doch
herkömmliche Systeme bringen oft Einschränkungen
mit sich, insbesondere
wenn der Laufwagen von der Schiene
entfernt werden muss.
Genau hier setzt Franke mit einer innovativen
Lösung an: Die abnehmbaren Laufwagen
der Franke- Linearführungen bieten
eine einzigartige Kombination aus Flexibilität,
einfacher Handhabung und hoher
Präzision. Damit heben sie sich deutlich
von klassischen Kugelumlaufführungen ab
und eröffnen neue Möglichkeiten für Konstruktion,
Montage und Wartung.
Es gibt zahlreiche Szenarien, in denen es
erforderlich ist, einen Laufwagen von der
Schiene zu entfernen. Beispielsweise erleichtert
dies die Konstruktion und Montage
von Portalsystemen oder Aufzugsanlagen,
da die Schienen oft erst nachträglich
in eine bestehende Struktur integriert
werden. Auch in der Instandhaltung bietet
sich ein entscheidender Vorteil: Laufwagen
können ohne vollständige Demontage
der Führung ausgetauscht oder gewartet
werden. Besonders interessant ist
die Möglichkeit, mit den Franke-Linearführungen
Spalten zwischen Schienen zu
überbrücken – ein Szenario, das bei herkömmlichen
Kugelumlaufführungen problematisch
wäre.
Ein weiteres zentrales Problem tritt auf,
wenn der Laufwagen von der Schiene
entfernt wird: Die Kugeln oder Rollen fallen
heraus. Das macht eine Demon tage
extrem aufwendig und führt dazu, dass
herkömmliche Kugelumlaufführungen
nur in seltenen Fällen abgenommen werden
können, ohne das System zu beschädigen
oder erneut einzurichten. (sc)
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 47
» ANTRIEBSTECHNIK
In fünf Schritten zur erfolgreichen Systemintegration
Vom Frameless-Servomotor
zum kompletten Antriebssystem
In vielen Industrieanwendungen sind leistungsfähige Antriebssysteme gefragt,
die sich nahtlos in komplexe Strukturen integrieren lassen. Frameless-Servo -
motoren, also Motoren ohne eigenes Gehäuse, bieten eine vielversprechende
Lösung . Doch erst das Zusammenspiel von Motor, Sensorik, Getriebe, Controller
und Software entscheidet über die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems.
Frameless-Servomotoren lassen sich effizient in ein Gesamtsystem integrieren und beeinflussen so
maßgeblich Leistung, Zuverlässigkeit und Lebensdauer.
Am Anfang jeder Systemintegration
steht die Definition der Applikationsanforderungen.
Auf Basis dieser definierten
Parameter wird das Lastprofil erstellt.
Es bildet ab, wie sich Drehmoment
und Drehzahl im Zeitverlauf verändern,
welche Beschleunigungsphasen, Spitzenbelastungen
und thermischen Herausforderungen
zu erwarten sind. Das Lastprofil
ist damit die Grundlage für die nachfolgende
Auswahl aller Komponenten im
Antriebssystem.
1. Auswahl des Motors
Die Auswahl des geeigneten Motors beeinflusst
maßgeblich die Effizienz, Reaktionsfähigkeit
und Lebensdauer des Gesamtsystems.
Besonders in Anwendungen
Bild: TQ-Systems
Die Sensorik bildet das Rückgrat jeder
präzisen Antriebsregelung. Sie ermöglicht
die kontinuierliche Überwachung und
Steuerung von Bewegungs- und Temperaturwerten.
Zu den wichtigsten Sensorarten
zählen Temperatursensoren, Hallsensoren
und Encoder. Temperatursensoren
messen die Wicklungstemperatur und
verhindern eine thermische Überlastung
des Motors. Hallsensoren erfassen die Rotorposition
anhand des Magnetfelds und
sind unverzichtbar für die Kommutierung
von Servomotoren. Encoder liefern Informationen
zu Position, Geschwindigkeit
und Drehrichtung.
Je nach Anwendung kann die Sensorik
einfach oder komplex aufgebaut sein. Für
Standardaufgaben genügt oft ein Encoder
am Motor. In hochpräzisen Anwendungen
ist zusätzlich ein Encoder direkt an der
mechanischen Achse erforderlich. Kombimit
hohem Anspruch an Präzision und
Dynamik spielen Frameless-Servomotoren
ihre Vorteile aus: Sie bieten ein sehr gutes
Verhältnis von Leistung zu Gewicht, lassen
sich platzsparend integrieren und ermöglichen
die Realisierung maßgeschneiderter
Antriebslösungen.
Für Anwendungen, in denen Bauraum
knapp und Masse kritisch ist, spielen bei
der Motorauswahl neben der Leistung
und dem Drehmoment speziell auch Baugröße
und Gewicht eine zentrale Rolle.
Ein effizient gestaltetes thermisches Management
ist ebenfalls wichtig. Es stellt
sicher, dass der Motor auch unter Dauerbelastung
zuverlässig arbeitet. Besonders
hilfreich ist hier ein hoher Kupferfüllfaktor,
wie er etwa bei TQ-Motoren zum Ein-
satz kommt: Er verringert den elektrischen
Widerstand, reduziert Wärmeverluste
und verbessert die Effizienz.
Auch die Dynamik und Geschwindigkeit
müssen stimmen: Bei Anwendungen mit
schnellen, reaktionsfreudigen Bewegungen
ist eine hohe Drehzahl ebenso gefragt
wie eine schnelle Beschleunigungsfähigkeit.
Zuletzt ist auch das Kosten-Nutzen-
Verhältnis ein wesentlicher Entscheidungsfaktor:
Frameless-Motoren bieten
durch die reduzierte Bauteilanzahl, geringe
Wartungsanforderungen und robuste
Bauweise klare Vorteile gegenüber konventionellen
Motorlösungen mit Gehäuse.
2. Die Sensorik bestimmen
48 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
niert man diesen mit einem Drehmomentsensor,
lässt sich eine kraftadaptive
Steuerung realisieren, wie sie in High-
End-Systemen eingesetzt wird.
3. Getriebe: ja oder nein?
Ob ein Getriebe benötigt wird, hängt von
mehreren Faktoren ab: Reicht das direkt
erzeugte Drehmoment des Motors? Ist eine
hohe Dynamik gefordert? Wie präzise
muss positioniert werden? Und wie viel
Bauraum steht zur Verfügung?
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen
Direktantrieben, die ohne Getriebe
für höchste Präzision und Dynamik stehen,
Quasi-Direktantrieben, die mit minimaler
Übersetzung z. B. in leichten Roboterarmen
oder E-Bikes zum Einsatz kommen,
und hochübersetzte Getriebeantrieben,
die für Anwendungen mit hohem
Drehmomentbedarf bei geringer Drehzahl
genutzt werden.
4. Die Auswahl des
Motor-Controllers
Auch der passende Motor-Controller ist
entscheidend. Er regelt Drehzahl, Drehmoment
und Position und muss zur elektrischen
Auslegung des Systems passen.
Neben Spannungs- und Stromstärke sind
Schnittstellen wie CAN, EtherCAT oder
RS485 relevant, ebenso wie Sicherheitsfunktionen.
Ein leistungsfähiger Controller
ist darüber hinaus programmierbar,
unterstützt gängige Software-Frameworks
wie ROS (Robot Operating System)
und lässt sich über standardisierte
Schnittstellen in komplexe Systemarchitekturen
integrieren.
Mechanisch gilt: Die Verbindung von Motor,
Getriebe und Sensorik muss spielfrei,
vibrationsarm und stabil erfolgen. Eine
durchdachte Kabelführung, beispielsweise
durch eine große Hohlwelle im Motor, erleichtert
die elektrische Integration erheblich.
5. Das Gesamtsystem
effizient integrieren
Die erfolgreiche Systemintegration erfordert
ein abgestimmtes Zusammenspiel aller
Komponenten – mechanisch, elektrisch
und softwareseitig. Nur wenn Sensoren,
Aktoren und Controller kontinuierlich
im Feedback-Loop kommunizieren,
lassen sich präzise Bewegungen, schnelle
Reaktionszeiten und ein zuverlässiger Betrieb
gewährleisten.
Zu den zentralen Aspekten zählen die mechanische
Passgenauigkeit aller Komponenten
für eine verlustarme Kraftübertragung
sowie die nahtlose elektrische Anbindung
von Spannungsversorgung, Encodern
und Sensorik. Ein effektives thermisches
Management sorgt durch geeignete
Maßnahmen wie Kühlkörper, Lüfter
oder spezielle Gehäusedesigns für die nötige
Wärmeableitung. Ebenso wichtig
sind die präzise Synchronisation und Systemabstimmung
zur Vermeidung von Torsionsschwingungen
und zur Gewährleistung
eines gleichmäßigen Achsenlaufs.
Nicht zuletzt ist die Echtzeitfähigkeit der
Software entscheidend, um flüssige und
koordinierte Bewegungsabläufe bei niedriger
Latenz sicherzustellen. Besonders in
dynamischen Umgebungen entscheidet
die Softwareintegration über den Erfolg
des Systems. Monitoring-Tools ermöglichen
die Erfassung von Betriebsdaten und
unterstützen vorausschauende Wartung
(Predictive Maintenance).
Fazit: Frühzeitige
Systembetrachtung
Neben den genannten Punkten beginnt
eine optimale Systemintegration bereits
bei der klaren Definition der Anforderungen.
Der Schlüssel zum Erfolg: Bereits in
der Planungsphase müssen Performance,
Baugröße, Kosten und die Bedeutung der
Antriebseinheit für die Gesamtapplikation
genau analysiert werden. Besonders in
Bereichen wie Robotik, Messtechnik oder
bei Positionierungssystemen, wo der Antrieb
eine Kernfunktion übernimmt, sind
die richtige Auswahl und Integration entscheidend
für die Effizienz und Leistungsfähigkeit
des Endprodukts.
Robert Vogel, Sales & Business
Development Manager, TQ-RoboDrive
Halle 1 | Stand 340
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 49
» ANTRIEBSTECHNIK
Andreas Philipp und Stefan Zilm, Maxon Motor
Keramik – Werkstoff für High-
Performance-Anwendungen
Keramik kommt zum Einsatz, wenn andere Materialien versagen. Je höher die Anforderungen
in einem Projekt, desto interessanter ist Technische Keramik als Werkstoff. Die
Anwendungen, die die besonderen Eigenschaften der Keramik nutzen, sind vielfältig –
entsprechend steigt auch die Nachfrage. Ein Gespräch mit Andreas Philipp, Leiter der
Business Unit CIM/MIM, und Stefan Zilm, Head of Business, Development, Competence
Center CIM/MIM, von Maxon Motor in Sexau, vermittelt Einblicke.
Bei Maxon fokussieren wir uns auf Oxidkeramiken,
etwa das häufig verwendete Material Zirkonoxid.
Dabei handelt es sich um ein sehr hartes Material mit
einer vergleichbaren Dichte wie Stahl, das extrem
verschleißfest ist. Die zweite Variante, die wir standardmäßig
im Portfolio haben, ist Aluminiumoxid; es
wird in der Industrie unter anderem für Isolationsaufgaben
verwendet. Beim Aluminiumoxid gibt es
verschiedene Reinheitsgrade. Welche Keramik wir
einsetzen, hängt am Ende von der Anforderung ab,
also geht es um Durchschlagfestigkeit, Verschleiß,
Oberflächengüte oder Reibung. Wir bei Maxon bewegen
uns im Bereich hochpräziser Verzahnungsbauteile,
Achsen und Wellen, beispielsweise aus Zirkonoxid-Keramik,
aber auch aus Aluminiumoxid als
Isolationsbauteil.
Technische Keramik ist
vor allem für ihre hohe
Materialbeständigkeit
bekannt. Im Bild: Eine
Keramikachse im
Schleifprozess.
Beschaffung aktuell: Herr Zilm, können Sie erklären,
was genau Technische Keramik ist und welche
Eigenschaften sie hat?
Stefan Zilm: Technische Keramik umfasst verschiedene
keramische Werkstoffe und Produkte, bei denen
die Technik im Vordergrund steht. Das heißt, diese
Keramik muss spezielle Anforderungen erfüllen, beziehungsweise
spezielle Eigenschaften mitbringen
und kommt in technischen Anwendungen zum Einsatz.
Es gibt bei der Technischen Keramik ein großes
Spektrum verschiedener Werkstoffgruppen, beispielsweise
Oxid-Keramik und Nichtoxid- Keramik.
Bild: Maxon Motor
Welche Vorteile bietet Keramik?
Zilm: Wenn wir über technische Keramik sprechen,
geht es meistens um Themen wie Materialbeständigkeiten
und Steigerung der Performance. Unsere Kunden
bekommen durch den Einsatz von Keramik eine
bessere Performance ihrer Systeme. Zu den Vorteilen
von Technischer Keramik gehört die Verschleißfestigkeit
selbst gegenüber Stählen. Auch beim Thema
Magnetismus – ebenfalls eine häufige Anforderung
in der Industrie – kann Keramik punkten. Zudem erreichen
wir mit Keramik sehr hohe Oberflächengüten.
Darüber hinaus ist Keramik korrosions- und
hochtemperaturbeständig sowie biokompatibel und
hat hervorragende Gleiteigenschaften.
Hat Keramik auch Nachteile?
Zilm: Ein Nachteil ist sicherlich, dass Keramik beim
Preis nicht mit Stahl konkurrieren kann. Das resultiert
daraus, dass das Grundmaterial etwas teurer ist
als Stahl. Ein weiterer Nachteil ist, dass Keramik im
50 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Vergleich zu Stahl bei gewissen Anwendungen etwas
schlechter abschneidet, etwa wenn es um Festigkeit
bei speziellen Belastungen geht.
Herr Philipp, wie hat sich die Nachfrage nach
Technischer Keramik in der Antriebstechnik in den
letzten Jahren entwickelt und welche Faktoren
treiben diese Entwicklung?
Andreas Philipp: Die Nachfrage nach technischer
Keramik hat in den letzten Jahren stetig zugenommen,
auch in der Antriebstechnik. Mehrere Faktoren
sind dafür verantwortlich. Die kontinuierliche Weiterentwicklung
von Herstellungsverfahren und fortschrittlicher
Verarbeitungstechnologien, hat die Produktion
von technischer Keramik effizienter und kostengünstiger
gemacht. In der Antriebstechnik benötigt
man Materialien, die hohe thermische und mechanische
Belastungen aushalten können. Technische
Keramik bietet hervorragende Eigenschaften
wie hohe Temperaturbeständigkeit, Verschleißfestigkeit,
sehr gute Gleiteigenschaften und elektrische
Isolierung. Auch die zunehmende Bedeutung von
Nachhaltigkeit fördert die Verwendung von technischen
Keramiken.
Wie entwickelt sich der Preis für Technische
Keramik ?
Philipp: Die Preisentwicklung für technische Keramik
würde ich als stabil einschätzen. Mit dem Anstieg
der Energiekosten sind auch die Preise für Keramik
nach oben gegangen. Wir setzen hier auf langfristige
Partnerschaften und den offenen Dialog. Permanente
Prozessoptimierung und unser Drang, stetig
besser zu werden, helfen, diese Preisanstiege zu
kompensieren. So erreichen wir heute schon ähnliche
Bearbeitungsgeschwindigkeiten bei der Zerspanung
von Keramik wie bei Stahl.
Sie haben den Nachhaltigkeitsaspekt angesprochen.
Warum ist der Einsatz von Technischer Keramik
als Werkstoff nachhaltig?
Zilm: Keramik ist ein nahezu unzerstörbarer Werkstoff,
durch dessen Einsatz Systeme länger laufen
und so gut wie keine Ausfallerscheinungen auftreten.
Sei es bei unseren Motoren und Getrieben, aber auch
bei den Kunden, die damit hundertmal mehr Zyklen
erreichen als mit anderen Werkstoffen. Man kann sagen,
dass Keramik eine unerreichte Lebensdauer hat,
und wenn das Bauteil nicht kaputt geht, muss es
auch nicht ersetzt werden. Auch das Recycling zu
Keramik-Recyclat ist möglich und relativ simpel.
Ähnlich wie beim Kunststoff-Spritzguss kann das
nicht fertig gesinterte Material recycelt werden. Wir
achten darauf, dass die Bauteile und die Auslegung
Einsatzfelder von Technischer Keramik
Maxon Motor ist mit seinen Lösungen aus Technischer
Keramik in sechs Bereichen unterwegs:
• In der Industrieautomation kommen Keramik -
komponenten für Spindeln, Achsen, Buchsen,
Düsen , Schienen oder Zentrierstifte zum Einsatz.
Maxon fokussiert sich in diesem Bereich zunehmend
auf die Robotik.
• In der Antriebstechnik genügen herkömmliche
Materialien je nach Anwendung den Anforderungen
nicht. So kann beispielsweise für Unterwasserantriebe
nur Material verwendet werden, das salzwasserresistent
ist. Keramische Planetenträger in
einem Planetengetriebe sind zudem verschleiß -
fester im Vergleich zu Stahl.
• In der Medizintechnik ist Keramik vor allem wegen
ihrer Biokompatibilität, Härte und Verschleißfestigkeit
gefragt. Die Materialien etwa für Isolierhülsen
oder Kanülen müssen sterilisierbar und korrosionsbeständig
sein.
• In der Messtechnik wird Keramik für Sensor -
gehäuse und -köpfe eingesetzt. Als Sensorgehäuse
widersteht Keramik widrigen Bedingungen wie
hohen Temperaturen, abrasivem Staub im Gasstrom
und chemisch aggressivem Kondensat. Zudem wird
Technische Keramik in dieser Branche für Messaufsätze
wie Pins, Kugeln oder Achsen verwendet.
• In der Uhrentechnik kommt Keramik für Ritzel,
Zahnradstufen, Achsen, Lager, Klinken oder
Gehäuse zum Einsatz. In diesem Bereich punktet
der Werkstoff durch Eigenschaften wie Präzision,
Langlebigkeit, Verschleißfestigkeit und dadurch,
dass er nicht magnetisch ist.
• In der Audiotechnik wird Keramik vor allem im
audiophilen High-End-Bereich verwendet, etwa in
Achsen für Lagerungen, in Gehäusen für
In-Ear-Kopfhörer oder Dekorbauteile.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 51
» ANTRIEBSTECHNIK
Stefan Zilm, Head of Business, Development Competence Center CIM/MIM
bei Maxon Motor in Sexau.
Bild: Maxon Motor
Andreas Philipp, Leiter der Business Unit CIM/MIM bei Maxon Motor in
Sexau.
Bild: Maxon Motor
von Spritzgussbauteilen mit Anguss so ausgewählt
werden, dass möglichst wenig Abfall anfällt und wir
wenig zu recyclen haben. Und wenn mal ein Bauteil
kaputt geht, muss es nicht gesondert entsorgt werden,
sondern kann entsprechend recycelt werden.
Mit heutigen Recyclingverfahren kann man bis zu
100 Prozent des Werkstoffs zurückgewinnen.
Auf welche Herausforderungen stoßen Sie bei der
Beschaffung von Technischer Keramik?
Philipp: Die Materialqualität ist die größte Herausforderung
für den Einkauf. Die Qualität der Rohstoffe
und Halbzeuge muss konstant hoch sein, um die gewünschten
Eigenschaften der Endprodukte zu gewährleisten.
Schwankungen in der Qualität können
nicht nur zu Defekten, sondern auch zu Ausschuss
innerhalb des Herstellungsprozesses führen. Um sie
sicherzustellen, müssen die Materialeigenschaften
immer präziser definiert und die Material-Spezifikationen
kontinuierlich verbessert werden.
Gibt es spezifische Herausforderungen bei der Verarbeitung?
Philipp: Technische Keramik ist aufgrund der mehrstufigen
Prozesse schwer zu bearbeiten. Die Verarbeitungstechniken
werden ständig weiterentwickelt.
Dazu gehören fortschrittliche Bearbeitungs- und
Formgebungstechnologien ebenso wie optimierte
Sinterprozesse. Auch im Bereich der Hartbearbeitung
von Keramik machen wir stetige Fortschritte, neben
dem Schleifen gewinnt die Bearbeitung mit geometrisch
bestimmter Schneide immer mehr an Bedeutung.
Die Sicherstellung der Qualität der eingehenden
Materialien ist entscheidend, um Produktionsausfälle
und Qualitätsmängel zu vermeiden. Darum
hat die Wareneingangskontrolle bei uns einen hohen
Stellenwert!
Wann ist der Einsatz von Technischer Keramik
sinnvoll?
Zilm: Generell sollten keramische Werkstoffe immer
dann zum Einsatz kommen, wenn ihre besonderen
Eigenschaften ein Anforderungsprofil besser erfüllen
als Metalle. Wenn es um High-Performance-Anwendungen
geht und es spezielle Anforderungen an ein
System gibt, greifen wir zu Keramik – auch bei unseren
Motoren und Getrieben. Gerade in der Lagertechnik
lassen sich mit Keramiklagern höhere Umdrehungen
von Motoren erreichen, weil sich Keramik durch
ihre Hochtemperatur-Beständigkeit auszeichnet und
eine bessere Wärmeabfuhr als andere Materialien ermöglicht.
Zudem hat Keramik hervorragende Gleiteigenschaften,
was durch die geringere Reibung zu einer
besseren Laufruhe führt. Unsere Planetengetriebe
arbeiten beispielsweise durch den Einsatz von Keramik
geräuschärmer. Keramik kommt auch bei Spindelantrieben
zum Einsatz. Wir setzen hier keramische
Spindeln ein, die einen deutlich geringeren Verschleiß
aufweisen als Spindeln aus anderen Werkstoffen.
Dadurch ist die Lebensdauer des Gesamtsystems
deutlich höher, Anfahrmomente können dank
spezieller, polierter Oberflächen reduziert werden.
Das heißt, man hat ein sehr geringes Anfahrmoment.
Auch schnellere Bewegungen sind möglich, und ein
Verkleben tritt nicht auf, wenn mit unterschiedlichen
Stoffen gearbeitet wird.
Die Fragen stellte Yannick Schwab für
Beschaffung aktuell. Das Original-Interview
führte Johannes Gillar für das Magazin KEM.
52 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
SEW-Eurodrive auf der SPS in Nürnberg
Mehr Drehmoment auf engem Raum – die Baukästen wachsen weiter
Kompakte Kraftpakete: Die Synchronmotoren-
Baureihe CM3P löst CMP ab.
Höhere Leistungsdichte und kompakte
Bauformen – mit diesen Schwerpunkten
präsentiert SEW-Eurodrive auf der SPS
2025 aktuelle Entwicklungen. Neben einer
neuen Generation synchroner Servomotoren
stellt das Unternehmen unter anderem
eine Kombination aus Motor und Getriebe
sowie eine erweiterte Economy-Reihe seiner
Servoplanetengetriebe vor.
SEW-Eurodrive stellt mit der Baureihe
CM3P eine neue Generation synchroner
Servomotoren für industrielle Automatisierungslösungen
vor. Die Serie erweitert
den bestehenden CM3-Baukasten und löst
die Baureihe CMP ab. Sie zeichnet sich laut
Hersteller durch eine gesteigerte Leistungsdichte
aus und bietet bei gleichem
Bauraum höhere Nenndrehmomente. Aufgrund
ihrer geringen Rotorträgheit und
hohen Überlastfähigkeit soll die Baureihe
mit hoher Dynamik überzeugen. Mechanisch
und elektrisch ist sie vollständig
kompatibel mit der Vorgängerbaureihe. Die
neue Reihe lässt sich in unterschiedliche
Maschinen- und Anlagenkonzepte integrieren.
Aufgrund ihres kompakten Designs
eignen sich die Motoren auch für den Einsatz
in stark beengten Einbausituationen.
Die gesamte CM3P-Motorreihe ist ab sofort
verfügbar und umfasst sechs Baugrößen
mit jeweils drei verschiedenen Baulängen
und drei Drehzahlklassen.
Neben der neuen Servomotorreihe stellt
SEW-Eurodrive mit der Baureihe PxG integrated
eine Lösung vor, die Motor und
Getriebe kombiniert: Sie vereint das Servoplanetengetriebe
PxG precision und
den CM3G-Servomotor zu einer Einheit.
Da das Sonnenrad des Planetengetriebes
direkt in der Motorwelle sitzt, kommt die
Lösung ohne Adapterwelle und Klemmring
aus. Dadurch ist der Antrieb laut
SEW-Eurodrive bis zu 40 Prozent kürzer
als herkömmliche Lösungen mit vergleichbarem
Spitzendrehmoment. Das soll
nicht nur den Einbau bei beengten Platzverhältnissen
erleichtern, sondern auch
die Massenträgheit reduzieren und die
Dynamik steigern. Zudem kann die Produktivität
in kurztaktenden Applikationen
nach Angaben des Anbieters mit der Baureihe
um bis zu 34 Prozent erhöht werden.
Typische Einsatzbereiche sind die Lebensmittelproduktion,
die Metallverarbeitung
sowie Handling-Systeme.
Da der vollständige PxG-Getriebebaukasten
zur Verfügung steht, sind verschiedene
Kombinationen möglich, die eine hohe
Bild: SEW-Eurodrive
Der Präzisionsplanetengetriebemotor PxG integrated
wurde speziell für dynamische Applikationen
mit engen Platzverhältnissen konzipiert.
Flexibilität bieten sollen. So gibt es beispielsweise
Abtriebsausführungen wie
Flanschblockwelle oder Vollwelle auch in
Edelstahlausführung. Zudem können
sämtliche für den Baukasten vorgesehenen
Schmierstoffe eingesetzt werden.
Mit der Economy-Reihe PxG economy ergänzt
der Antriebstechnikspezialist seine
Servoplanetengetriebe darüber hinaus um
die Performance-Klassen P1 bis P3. Zusammen
mit den bereits vorhandenen
Performance-Klassen P5 bis P7 steht somit
ein breites Spektrum an Servoplanetengetrieben
zur Verfügung. Die Varianten
sollen eine passgenaue Auswahl ermöglichen,
je nach benötigter Positioniergenauigkeit
und Dynamik. Typische
Einsatzbereiche sind Positionierachsen,
Palettierer und Verpackungsmaschinen
sowie Pick-and-Place-Anwendungen. Die
ersten Getriebevarianten der Economy-
Reihe sind ab Anfang 2026 verfügbar. (ys)
Bild: SEW-Eurodrive
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 53
» AUTOMATISIERUNG
Unternehmensweites Product Lifecycle Management (PLM)
Der Schlüssel zu stabilen,
resilienten Lieferketten
Auf geopolitische Spannungen, Zölle und Naturkatastrophen hat der Einkauf
keinen Einfluss. Doch mit einem durchgängigen Zugriff auf alle benötigten
Daten und agilen Prozessen kann er diesen Herausforderungen souverän
und proaktiv begegnen. Im Zentrum stehen dabei für alle produzierenden
Unternehmen die Produktdaten.
sondern eher erschwert. Das gilt auch für
die interne Kommunikation. Häufig startet
die Beschaffung erst nach Abschluss
des Entwurfsprozesses mit dem Einkauf
der benötigten Materialien und Komponenten.
Treten dann hohe Preise oder Lieferengpässe
auf, fehlen meist alternative
Designs mit anderen Bauteilen.
Kommt es später zu Störungen in der
Lieferkette, werden diese oft erst sichtbar,
wenn sie das Unternehmen bereits
treffen. Statt frühzeitig proaktiv gegenzusteuern,
beginnt die Suche nach Lösungen
erst im Krisenfall.
Verlässliche Quellen für Produktdaten bilden die Basis einer stabilen Lieferkette. Unterstützend hilft ein
unternehmensweites Product Lifecycle Management (PLM) und eine geeignete PLM-Software.
Produkte sind die zentrale Wertquelle
produzierender Unternehmen. In
ihnen bündeln sich technisches Knowhow,
Intellectual Property (IP) und die Differenzierungsmerkmale
zum Wettbewerb.
Ihre Qualität und Verfügbarkeit bestimmen
maßgeblich Kundenbindung, Markenreputation
und Umsatz. Entsprechend kommt
den Produktdaten eine Schlüsselrolle zu –
nicht nur in Entwicklung und Vertrieb,
sondern ebenso für ein effizientes und
resilientes Supply Chain Management.
In der Praxis sind Produktdaten häufig
über verschiedene Systeme verteilt –
Bild: PTC
etwa CAD, ERP, MES oder individuelle
Abteilungslösungen. Diese Fragmentierung
erschwert den Zugriff, mindert die
Datenqualität und wirft Zweifel an der
Datenaktualität auf. Änderungen bleiben
oft unbemerkt, wodurch Transparenz
fehlt. Für Einkäufer bedeutet das: Sie
müssen mehrere Stücklisten und Datenquellen
manuell durchsuchen, um die
richtigen Materialien und Teile zu identifizieren.
Die Kommunikation mit Lieferanten und
nachgelagerten Partnern wird durch eine
solche Infrastruktur nicht unterstützt,
Quelle für Produktdaten:
unternehmensweites PLM
Was stattdessen gebraucht wird, sind
aktuelle, korrekte Produktdaten über alle
Produkte, Disziplinen, Funktionen und
Länder hinweg. Genau das leistet ein
unternehmensweites PLM-System (Product
Lifecycle Management). Es synchronisiert
alle Produktdaten in einer Source
of Truth und gewährleistet so, dass alle
Beteiligten aus Entwicklung, Fertigung,
Beschaffung und Lieferkette gleichzeitig
mit konsistenten, exakten, zuverlässigen
und aktuellen Informationen arbeiten
können.
Das ermöglicht dem Einkauf, die Beschaffung
bereits während der Entwicklung zu
starten. Zulieferer können zum Design
beitragen und helfen, die Kosten und
Teileverfügbarkeit zu optimieren. Verschiedene
Beschaffungsteams und andere
Stakeholder im Unternehmen können
gleichzeitig untereinander und mit strategischen
Partnern zusammenarbeiten,
54 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
um die Beschaffung zu optimieren und
Unterbrechungen oder Verzögerungen in
der Lieferkette frühzeitig in den Griff zu
bekommen. Konstruktionsdaten lassen
sich sicher mit Zulieferern austauschen
und die Ergebnisse für Projekte rund um
den Globus stets aktuell verfolgen. Dabei
ist das geistige Eigentum durch Zugriffssteuerregelungen,
Sicherheitsüberwachungen
und Authentifizierungsmechanismen
stets geschützt. Ein solches
modernes PLM bildet damit auch die
Basis für den „Design Anywhere, Build
Anywhere“-Ansatz.
HP nutzt PLM-Lösung und
fördert Zusammenarbeit
Auch die Abteilung Large Format Printing
(LFP) von HP nutzt PLM, um die Komplexität
und Entwicklungskosten zu reduzieren.
Ursprünglich waren die Engineering-
Systeme von HP entwickelt worden, um
einfache Drucker mit wenigen Änderungen
direkt vor Ort zu produzieren. Die
LFP-Produkte bestehen jedoch aus mehreren
tausend Teilen, verglichen mit 200
bis 400 Teilen bei den Originaldruckern.
Die HP-Designer hatten mehr Zeichnungen
zu verwalten und nahmen häufiger
Änderungen vor, die anfangs täglich
manuell eingegeben wurden – mit viel
Spielraum für Fehler. Für den Prozess gab
es nur eine generische technische Stückliste
(EBOM).
Die Fertigungs- und Lieferkette, die HP
unterstützt, ist global. Die Daten waren
jedoch in den Entwicklungs-, Fertigungsund
Serviceteams isoliert, die die Prozesse
manuell abwickelten. Damit gab es keine
ausreichende Abstimmung zwischen der
Designfabrik in Barcelona, den Fertigungsstandorten
in Asien und der Lieferkette.
Die Geschäftsleitung entschied sich dafür,
eine PLM-Lösung zu implementieren, um
die Effizienz zu steigern und Produktinformationen
besser zu verwalten. Diese
sollten über einen produktbasierten digitalen
Faden in ein einziges Repository
integriert werden.
Gemeinsam mit dem Transformationspartner
Integral Innovation Experts, heute
9altitudes, beschloss HP, dass Windchill
von PTC die beste Lösung hierfür ist.
Über die PLM-Software PTC Windchill verwalten Lieferanten beispielsweise ihre eigenen Stücklisten und
erhalten Benachrichtigungen zu Produkt- oder Prozessänderungen softwarebasiert.
Dafür sprachen seine Data Governance
und Rückverfolgbarkeit sowie die Out-ofthe-Box-Funktionalitäten
für standardisierte
Prozesse, die schnellen Mehrwert
ermöglichen. Zudem bietet es die Kernfunktionen
für PDM, Konfigurations- und
Änderungsmanagement sowie Stücklistenmanagement
für einen effizienten
Austausch zuverlässiger Daten. Die offene
Architektur ermöglicht eine nahtlose
Integration, um Daten über die gesamte
Wertschöpfungskette hinweg zu managen,
zu verknüpfen, zu orchestrieren und
bereitzustellen.
Damit kann HP jetzt alle Änderungsmanagementanforderungen
in einem System
erstellen, sammeln und steuern. Die Konnektivität
zwischen Teilen in den Engineering
BOMs (EBOMs), Manufacturing
BOMs (MBOMs) und Service BOMs
(SBOMs) ermöglicht es Ingenieuren, die
direkten Auswirkungen auf nachgelagerte
Prozesse zu erkennen.
Lieferanten verwalten ihre eigenen
Stücklisten und erhalten Benachrichtigungen
zu Änderungen über Windchill.
Künftig werden Lieferketten Zugang zu
Designs haben, um die Kommunikation
zwischen HP, Zulieferern und Anbietern
weiter zu verbessern.
Diese Transformation zum Digital Engineering
hat HP dabei geholfen, die Komplexität
zu bewältigen, Entwicklungskosten
zu reduzieren und die Markteinfüh-
rung zu beschleunigen. HP hat klare
Workflows eingeführt und automatisiert,
um Produktionsinformationen zu verwalten
und die Kommunikation zu verbessern.
Die Zeit, die für die Verwaltung von
Stücklisten zwischen Konstruktion und
Fertigung nötig ist, hat sich erheblich
reduziert. Die Bearbeitungszeit für Stücklistenänderungen
sank erheblich von
einer Woche auf weniger als einen Tag,
während HP 95 % der Stücklistenfehler
eliminierte.
Das Beispiel von HP zeigt: Produktdaten
sind nicht nur der Schlüssel zu resilienteren
Lieferketten, sondern auch für mehr
Effizienz und kürzere Markteinführungszeiten,
mehr Transparenz und wertvolle
Echtzeit-Einblicke im ganzen Unternehmen.
(sc)
Bild: PTC
Dr. Tobias Fürtjes,
Head of CER Business
Development bei PTC
Bild: PTC
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 55
» AUTOMATISIERUNG
Messevorschau
Von KI bis Security: Die SPS als
Schaufenster der Automation
Die Automatisierungswelt steht nicht still: Vom 25. bis 27. November bietet die
SPS in Nürnberg einen Einblick, wohin die Reise geht. Auf 15 Hallen verteilt demonstrieren
internationalen Branchengrößen und junge Unternehmen, wie KI,
digitale Zwillinge und Security die industrielle Praxis verändern.
linge und Security in der Systemarchitektur
ermöglichen“, erklärt Dr. Ingo Herbst,
Pressesprecher der SmartFactory Kaiserslautern.
„Der Transfer von technologischer
Expertise in die industrielle Praxis
ist für uns ein zentrales Anliegen.“
Bild: Mesago Messe Frankfurt / Arturo Rivas Gonzalez
Rund 1150 Aussteller zeigen in Nürnberg ihre aktuellen Entwicklungen in der Automatisierung.
Ein zentrales Thema der diesjährigen
SPS ist der Einsatz von Künstlicher
Intelligenz in der Fertigungstechnik. Industrial
AI hält derzeit Einzug in unterschiedliche
industrielle Produkte und Prozesse:
sei es unterstützend im Engineering
von Prozessen, integriert in Steuerungsgeräte
oder als Bestandteil intelligenter
Tools für vorausschauende Wartung,
Qualitätskontrolle und adaptive
Produktionssteuerung. Richtig eingesetzt,
haben diese Technologien das Potenzial,
die Automatisierungstechnik grundlegend
zu verändern und neue Möglichkeiten für
Effizienz, Flexibilität und Ressourcenschonung
zu schaffen.
„Industrial AI ist längst kein Zukunftsthema
mehr – es ist bereits Realität in vielen
Produktionsumgebungen. Auf der SPS
2025 zeigen unsere Aussteller, wie KI
heute schon konkret eingesetzt wird und
welche Potenziale die Technologie in der
Automation erschließt“, erklärt Sylke
Schulz-Metzner, Vice President SPS.
Einen besonders praxisnahen Zugang zu
dieser Thematik bieten die zweimal täglich
angebotenen Guided Tours der
SmartFactory Kaiserslautern. Der von Expertinnen
und Experten geführte Rundgang
führt zu verschiedenen Unternehmen
der Hard- und Softwarebranche und
beleuchtet technische Herausforderungen
der Gegenwart.
„Mit unserem Angebot möchten wir gezielt
Einblicke in Schlüsseltechnologien
wie Künstliche Intelligenz, Digitale Zwil-
Sicherheit mit hohem
Stellenwert
Mit seiner „Myzel Lifecycle Platform“
zeigt das Automatisierungsunternehmen
Pilz in Nürnberg ein neues Softwareas-a-Service-Angebot,
das Maschinenhersteller
und -betreiber bei der Einhaltung
von Gesetzen und Sicherheitsanforderungen
unterstützen soll. Die Plattform
schafft dafür eine Verbindung zwischen
Mitarbeitenden, den Assets (Maschinen,
Komponenten) und dazugehörigen Artefakten
wie etwa Anleitungen, Arbeitsschutzrichtlinien
oder Schulungen. Mit
einem Blick auf das Myzel Dashboard soll
so ersichtlich werden, wo es Handlungsbedarf
in Bezug auf Safety, Security und
Konformität gibt. Daneben stellt Pilz seine
jüngsten Erweiterungen im IO-Link
Safety-System vor, den weltweit ersten
zertifizierten IO-Link Safety Master
„Master IOLS“ sowie die Bedieneinheit
„PITgatebox IOLS“.
Im Bereich der elektrischen Verbindungstechnik
zeigt die Helukabel-Gruppe auf der
SPS ihre Neuerungen. Mit dem neuen
„Helu chain System“ hat das Unternehmen
eine Systemlösung auf den Markt gebracht,
die speziell für lineare Bewegungsanwendungen
im Maschinen- und Anlagenbau
sowie in der industriellen Automation
entwickelt wurde. Der Baukasten, der
56 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Die Messe rückt in diesem Jahr besonders den Einsatz von KI in der Fertigungstechnik
in den Mittelpunkt.
Bild: Mesago Messe Frankfurt / Arturo Rivas Gonzalez
Ob Robotik, Safety oder smarte Sensorik – auf der Messe werden Trends der
industriellen Automation praxisnah demonstriert.
Bild: Mesago Messe Frankfurt / Arturo Rivas Gonzalez
in drei Ausbaustufen verfügbar ist, kombiniert
Energieführungsketten, flexible Leitungen,
individuelle Konfektionen und
passendes Zubehör zu abgestimmten Komplettsystemen.
Kunden sollen so von einer
hohen Betriebssicherheit, reduziertem Planungsaufwand
und verbesserten Beschaffungsprozessen
profitieren.
Wissenstransfer und Dialog
Ergänzend zum umfangreichen Ausstellungsbereich
bietet die Messe ein umfangreiches
Rahmenprogramm, das Fachbesucher,
Branchenexperten und Nachwuchstalente
gleichermaßen ansprechen
soll.
In den Hallen 1, 3, 3C und 6 laden insgesamt
vier Stages zu Diskussion, Wissensaustausch
und Inspiration ein. Besonders
hervorzuheben ist die Technology Stage
powered by VDMA/ZVEI in Halle 3, die
von den beiden Branchenverbänden gestaltet
wird. Hier stehen neben fast 20
Vorträgen zum Thema Industrial AI aktuelle
Entwicklungen, Trends und Herausforderungen
der Automatisierung im Mittelpunkt
– von digitaler Transformation
bis hin zu nachhaltiger Produktion. Ergänzend
dazu bieten die direkt angrenzenden
„Meet the Speaker“-Zonen die
Möglichkeit zum persönlichen Austausch
mit den Referenten.
In Halle 6 bündeln drei Gemeinschaftsstände
Know-how und kreative Impulse:
• „Automation meets IT“: Der Treffpunkt
für Themen rund um Digitalisierung,
Cybersecurity und Industrie 4.0.
• „Young Innovators“: Der vom Bundes -
ministerium für Wirtschaft und Energie
(BMWE) geförderte Gemeinschaftsstand
bietet jungen, innovativen Unternehmen
aus Deutschland eine Bühne, um
ihre Entwicklungen vorzustellen.
• Internationale Start-up Area: Junge
Unternehmen aus aller Welt präsentieren
ihre Ideen und Technologien.
Mit dem „SPS Makeathon“ und dem
„Young Talents Day“ setzt die Messe zudem
einen Fokus auf die Nachwuchsförderung.
Der Makeathon richtet sich an
Schülerinnen und Schüler, Studierende,
Auszubildende sowie Berufseinsteiger.
Dort können an allen drei Messetagen in
interdisziplinären Teams innerhalb von
2,5 Stunden eigene Prototypen entwickelt
werden. Den Abschluss bildet der Young
Talents Day am letzten Messetag.
Laut den Ergebnissen der Vorjahresveranstaltung
zählte die Messe insgesamt
51.291 Besucher, darunter 29 Prozent internationale
Fachbesucher. Diese sollen
auch in diesem Jahr von einem breiten
Angebot an Lösungen, Fachvorträgen und
Live-Demonstrationen profitieren. Auf
diese Weise möchte die SPS Orientierung
im technologischen Wandel bieten und
wertvolle Impulse liefern, um Innovationen
in den eigenen Unternehmen voranzubringen.
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 57
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58 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
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Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 59
» BME AKTUELL
Vorschau 60. Symposium Einkauf und Logistik
Zukunft gestalten in Zeiten des
Umbruchs
Vom 12. bis 13. November 2025 trifft sich die Beschaffungs-Community in Berlin zum 60.
Symposium Einkauf und Logistik. Zum Jubiläum erwartet die rund 1.300 Teilnehmenden
ein zukunftsgerichtetes Programm. Interaktive Formate, Top-Speaker und intensive Networking-Möglichkeiten
machen den Kongress wieder zum Jahreshighlight für Fach- und
Führungskräfte aus Einkauf, Supply Chain Management und Logistik.
Volles Haus beim BME-Symposium: Rund 1.300 Fach- und Führungskräfte aus Einkauf, Supply Chain Management
und Logistik treffen sich vom 12. bis 13. November 2025 in Berlin zum BME-Jahreshighlight.
Seit Jahrzehnten ist das BME-Symposium
die Leitveranstaltung für Einkauf
und Supply Chain Management in
Deutschland. In seiner 60. Auflage zeigt
sich das Event frischer denn je. Unter dem
Motto „#PRO:CONNECT25“ stehen nicht
Rückblicke, sondern die Gestaltung der
Zukunft im Fokus. Globale Machtverschiebungen,
technologische Umbrüche
und Nachhaltigkeitsanforderungen stellen
die Beschaffung vor nie dagewesene
Herausforderungen. Genau hier setzt das
Symposium an – mit Orientierung, Best
Practices und Raum für gemeinsames
Lernen.
Das Kongresszentrum STATION Berlin bietet
dafür die passende Bühne: Auf über
70 Fachbeiträge, Keynotes und Sessions
verteilt, erhalten die Teilnehmenden passgenaue
Einblicke in aktuelle Trends und
praxisnahe Lösungen.
Auftakt mit Pre-Event-
Workshops
Neu in diesem Jahr: Bereits am 11. November
2025 laden Pre-Event-Workshops
Bild: Hannibal/BME e.V.
zur konzentrierten Arbeit an beschaffungsspezifischen
Themen ein. Ob der
richtige Aufbau von Einkaufseinheiten im
Mittelstand, Verhandlungsstrategien,
Chinas globale Beschaffungsstrategien
oder die Transformation zum „Einkauf
4.0“ – die Workshops ermöglichen intensives
Arbeiten in Kleingruppen mit begrenzter
Teilnehmerzahl.
Dieses Format bietet Unternehmen die
Gelegenheit, sich fokussiert auf das 60.
Symposium Einkauf und Logistik vorzubereiten
und konkrete Fragestellungen mit
Experten und Kollegen zu diskutieren.
Eröffnungsplenum mit
prominenten Stimmen
Das Symposium startet offiziell am 12. November
2025 mit einem prominent besetzten
Eröffnungsplenum. Die Teilnehmenden
können sich auf hochinformative Beiträge
renommierter Keynote-Speaker freuen:
• Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, ehemaliger
Präsident des ifo Instituts: „Trump, Putin
und die Vereinigten Staaten von
Europa“
• Dr. Stephan Bredt, Chief Operating Officer,
Deutsche Bundesbank: „Währungsstabilität
und Inflation: Was Unternehmen
jetzt über Wechselkursrisiken
und Beschaffungskosten wissen
müssen“
Impressum: Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e. V. (BME)
Frankfurter Straße 27, 65760 Eschborn, Tel. 06196 5828-0, Fax –399,
E-Mail: info@bme.de, Internet: www.bme.de
60 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Fachausstellung beim BME-Symposium Einkauf und Logistik: Rund 130
Aussteller präsentieren in Berlin innovative Lösungen, Tools und Services.
Bild: Hannibal/BME e.V.
Fachkonferenzen als Herzstück des BME-Symposiums: In zahlreichen Sessions
diskutieren Experten aktuelle Trends, Best Practices und Zukunftsstrategien
im Einkauf und SCM.
Bild: Hannibal/BME e.V.
• Marianne Heiß, Aufsichtsrätin der
Volkswagen AG (2018–2025), Audi AG,
Porsche SE, Paysafe Limited, Palfinger
AG und Beirätin Ritter Sport: „Transformation
in der neuen Weltordnung:
Nur gemeinsam können die Wirtschaft,
Gesellschaft und Politik die Zukunft
gestalten“
• Marcus Gerlach, Chief Purchasing Officer,
Rheinmetall AG: „Der Beitrag des
Einkaufs zur Erhöhung der Lieferfähigkeit“
• Michael Pradel, CPO, Hapag-Lloyd AG:
„Einkauf@Hapag-Lloyd: Eine Transformationsreise
hin zu messbarem Erfolg“
Ein Höhepunkt des ersten Veranstaltungstages
ist zudem die Verleihung der
BME Business Awards, mit denen herausragende
Projekte und Persönlichkeiten
aus Einkauf und Supply Chain Management
ausgezeichnet werden. Moderiert
wird die Award-Zeremonie von BME-
Hauptgeschäftsführer Dr. Lars Kleeberg.
Fachkonferenzen: Von KI bis
Nachhaltigkeit
Insgesamt zwölf Fachkonferenzen – unterteilt
in sechs Themenfelder – strukturieren
das Programm und greifen topaktuelle
Themen aus Einkauf und SCM auf:
• Procurement4Future – Geopolitik, Zölle,
Resilienz
• Vordenker4Inspiration – KI, Automatisierung,
Innovation
• Sustainability4Impact – nachhaltige
und widerstandsfähige Lieferketten
• Basics4Procurement – Fundament: Daten,
Kosten- und Risikomanagement
• Supply Chain4Excellence – Integration
von Einkauf und Fertigung
• Mittelstand4Success – Transformationsstrategien
speziell für KMU
Besonders stark vertreten ist das Thema
„Künstliche Intelligenz“. In zahlreichen
Vorträgen wird diskutiert, wie KI Einkäufer
entlasten, Prozesse optimieren und
Kosten senken kann – von Text- und Vertragsautomatisierung
bis zu komplexen
Datenanalysen. Praxisbeispiele aus Unternehmen
wie Voith oder Allianz SE zeigen,
wie KI-Projekte erfolgreich umgesetzt
werden.
Formate für den Austausch
Das 60. Symposium Einkauf und Logistik
versteht sich nicht nur als Wissensplattform,
sondern insbesondere als Community-Event.
Neben klassischen Vorträgen
setzen Formate wie Deep Dives, Executive
Circles oder die Mixed Zone auf interaktive
Diskussionen und direkten Erfahrungsaustausch.
• Deep Dives erlauben Kleingruppenarbeit
zu Themen wie Energiebeschaffung,
KI-gestützte Preisvorhersagen
oder Nachhaltigkeitsmanagement.
• Im Executive Circle treffen sich CPOs
und CFOs, um strategische Fragen zu
diskutieren.
• Die Start-up Arena bietet jungen Unternehmen
eine Bühne, ihre Innovationen
für Einkauf und SCM vorzustellen.
Über 130 Partner und Aussteller ergänzen
das Programm und geben einen kompakten
Marktüberblick über Tools, Lösungen
und neue Technologien.
Networking im Fokus
Ein zentraler Mehrwert des Symposiums
bleibt das Networking. Neben dem Austausch
in Sessions und Foren laden verschiedene
Events zum intensiven Gespräch:
• Der Community-Aperitif sowie das
Abendbuffet im winterlichen Hüttenzauber
schaffen eine entspannte Atmosphäre
für Kontakte.
• In der Marlene Bar treffen sich Entscheider
zu Dialogrunden, etwa zu
„Mensch vs. Maschine“ in der Führung.
Abschluss mit klarer
Botschaft
Das Symposium endet am 13. November
2025 mit einem hochkarätigen Abschlussplenum
mit prominenten Rednern
aus Politik und Sport:
• Jürgen Trittin, Bundesminister a.D.:
„Zwischen Vision und Wirklichkeit: Wie
gehen wir mit Widersprüchen zwischen
eigenen Überzeugungen und politischer
Realität um?“
• Jan Frodeno, Triathlon-Olympiasieger
und dreifacher Ironman-Weltmeister:
„Besser werden im Besser werden“
Damit schlägt das Symposium den Bogen
von politisch-ökonomischen Herausforderungen
bis zu persönlichen Erfolgsstrategien.
Das 60. BME-Symposium Einkauf
und Logistik ist ein Pflichttermin für die
Beschaffungs-Community und zeigt, wie
Einkauf und SCM die Zukunft aktiv mitgestalten
können! Sind Sie dabei? Weitere
Infos, Programm und Anmeldung:
www.bme.de/symposium
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 61
» BME AKTUELL
Preisverleihung auf 60. Symposium „Einkauf und Logistik“ in Berlin
Das sind die Nominierten der
BME Business Awards 2025
Die Ehrung unterstreicht die herausragenden Leistungen von Unternehmen
in den Bereichen Einkauf, Logistik und SCM.
Für den „Procurement Excellence
Award“ (Großunternehmen bzw.
KMU) und dem „Sustainable Supply
Award“ haben Unternehmen aus Industrie,
Handel und Dienstleistung ihre innovativen
Beschaffungskonzepte beim BME
eingereicht. Nach eingehender Prüfung
hat die Jury die besten Konzepte für die
jeweilige Finalrunde nominiert. Die Preisverleihung
findet statt im Rahmen des 60.
Symposiums „Einkauf und Logistik“ des
BME (Termin: 12. November 2025, Berlin).
Die nominierten Teams für die „Procurement
Excellence Awards“ sind Best
Practices in ihrer Branche und Wegbereiter
für zukunftsfähige Lösungen im Einkauf.
Die Teams haben die Effizienz von
Einkauf, Logistik oder Supply Chain dauerhaft
gesteigert und das Unternehmensergebnis
deutlich verbessert. Außerdem
wurden inhaltlich weitreichende Veränderungen
zur Umsetzung neuer Strategie,
Strukturen, Systeme, Prozesse oder Verhaltensweisen
angestoßen – idealerweise
unter Einbeziehung der Mitarbeitenden.
Die für den „Sustainable Supply Award“
nominierten Teams zeichnen sich durch
ein besonderes Engagement im Bereich
nachhaltiger Lieferketten aus, z.B. durch
Aufstellung und Einhaltung nachhaltiger
Einkaufskriterien (CSR), Sustainability in
der Lieferkette, CO 2 -Reduktion oder Verbesserung
in den Bereichen Sicherheit,
Gesundheit, Arbeitsschutz.
BME Business Awards 2025
Mit den BME Business Awards zeichnet der BME die Leistung von Unternehmen auf dem Gebiet des
Einkaufs, der Logistik und des Supply Chain Managements aus.
Die nominierten Unternehmen (alphabetisch
gelistet):
Procurement Excellence Award (Großunternehmen)
• Deutsche Telekom Services Europe
SE: „Der MyStore – die globale Plattform
für die operative Beschaffung bei
der Telekom“
• Festo SE & Co. KG: „NOW! Procurement
Reimagined: Across all Boundaries
“
• Röhm GmbH: „Next Generation of
Guided Buying“
Procurement Excellence Award (KMU)
• Molkerei Rücker: „Strategische Energiebeschaffung
mit datenbasierter
Plattformunterstützung“
• VEMAG Maschinenbau GmbH: „Von
Daten zu Einsparungen: VEMAG hebt
Einkaufspotenziale mit KI“
• Weinmann Emergency Medical Technology
GmbH + Co. KG: „KI-basierte
Kostenmodelle aller Einkaufsartikel
schaffen volle Kostentransparenz, erklären
Kostentreiber und optimieren
Verhandlungsposition, -zeitpunkt und
Fairness“
Sustainable Supply Award
• DERTOUR Group GmbH: „Touristik
nachhaltiger steuern – digitale Verantwortung
entlang der Wertschöpfungskette“
• TROX SE: „Sustainability Procurement
Transformation: Die Erfolgreiche Umsetzung
von einem operativen zu einem
globalen und nachhaltigen Einkauf
der TROX Gruppe“
• TÜV NORD Service GmbH & Co. KG:
„Zukunftsgerichtete Bündelung der Katalogweiten
unter Wirtschaftlichkeitsund
Nachhaltigkeitsaspekten“
Business-Awards-Preisträger 2024 waren
REHAU (Procurement Excellence Award
„Großunternehmen“), OCULUS (Procurement
Excellence Award „KMU”) und TEE-
KANNE Holding (Sustainable Supply Award).
Weitere Infos: bianka.blankenberg@bme.de
Anmeldung: https://shop.bme.de/products/
60-symposium-einkauf-und-logistik
Bild: Peter-Paul Weiler, BME
62 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Beschaffungsrisiko Seltene Erden
Einkauf zwischen Abhängigkeit
und Resilienz
Die BME-Ausschüsse Außenhandel und Nachhaltigkeit haben in einer gemeinsamen
Sitzung die Herausforderungen bei der Beschaffung Seltener Erden diskutiert. Die
Ergebnisse fasst Alexander Grimm, Politischer Referent des BME, zusammen.
Warum sind Seltene Erden aus Sicht des
Einkaufs von so großer strategischer
Bedeutung?
Alexander Grimm: Seltene Erden sind
das Rückgrat vieler Zukunftstechnologien.
Verfügbarkeit, Preisvolatilität und
Qualität wirken sich direkt auf Produktionspläne,
Lieferfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit
aus. Zwar gibt es weltweit
viele Vorkommen, doch die eigentliche
Hürde liegt in der komplexen Raffination
und Herstellung von Zwischenprodukten
wie Dauermagneten. Europa ist hier stark
abhängig – und genau diese Abhängigkeit
müssen wir strategisch managen.
Wie ist die Marktstruktur bei Seltenen
Erden zu bewerten, und welche Risiken
ergeben sich für die Supply Chain?
Grimm: Die Marktstruktur ist extrem
konzentriert. China kontrolliert nicht nur
den Großteil der Förderung, sondern
praktisch die gesamte Raffination und
Weiterverarbeitung. Das stellt ein politisches
Risiko dar. Die Exportkontrollen im
Frühjahr 2025 haben gezeigt, wie schnell
Lieferketten unterbrochen werden kön-
Die BME-Ausschüsse
nen. Für den Einkauf bedeutet das: sehr
kurze Vorwarnzeiten, sprunghafte Preisanstiege
und fehlende Alternativen für
kritische Komponenten. Operativ führt
das zu höherem Planungsaufwand, steigenden
Kosten für Hedging und Insurance
und verschärften Compliance-Anforderungen.
Welche konkreten Maßnahmen kann
der Einkauf ergreifen, um mit diesen Risiken
umzugehen?
Grimm: Kurzfristig können größere Lagerbestände,
Diversifizierung auf zusätzliche
Lieferanten, Nutzung von Termingeschäften
und alternative Distributionswege
eine Lösung sein. Mittelfristig ist aber
die Lieferantenentwicklung entscheidend,
also Investitionen in Erzaufbereitung und
Magnetfertigung außerhalb Chinas. Auch
Einkaufskooperationen spielen eine Rolle.
Außerdem sind Digitalisierung und Transparenz
unerlässlich: Frühwarnsysteme,
einheitliche Datenstandards und Stress-
Tests helfen, schneller und besser zu entscheiden.
Langfristig wird die Kreislaufwirtschaft
ein Schlüsselfaktor.
Der BME bündelt die Kompetenzen von Einkauf, SCM und Logistik in
seinen Ausschüssen. Ziel ist es, relevante Themen für ein wettbewerbsfähiges
Europa zu identifizieren und zu priorisieren. Zugleich
sollen Beschaffungsverantwortliche bei unternehmerischen Entscheidungen
in Form von Whitepaper, Stellungnahmen und Handlungsempfehlungen
unterstützt werden. Die Ausschüsse des BME sind offen
für alle Interessierten. Weitere Infos: alexander.grimm@bme.de
Bild: BME
Alexander Grimm ist Politischer Referent des BME
und Leiter der Ausschüsse.
Welchen Einfluss haben politischen
Rahmenbedingungen auf eine resiliente
Beschaffung?
Grimm: Der Einkauf kann sich auf Herausforderungen
einstellen und entsprechend
vorbereiten aber ohne politische
Unterstützung bleiben viele Maßnahmen
zu teuer oder ineffizient. Wichtig sind z.B.
Investitionsanreize für europäische Raffinerien,
beschleunigte Genehmigungsverfahren
und Rohstoffpartnerschaften mit
stabilen Demokratien. Außerdem brauchen
wir verbindliche Recyclingquoten
und Förderinstrumente für den Aufbau
entsprechender Anlagen sowie Standards
für digitale Transparenz und Frühwarnsysteme.
Daraus ergibt sich eine klare Roadmap:
kurzfristig Resilienz stärken, mittelfristig
Partnerschaften und Kapazitäten
aufbauen, langfristig die Wertschöpfung
zurück nach Europa holen.
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 63
» BÜCHER
Der Kampf der Supermächte USA und China
Aufsteiger China, Absteiger USA
und der Westen?
Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Supermächten USA auf der einen Seite und
China auf der anderen Seite ist im vollen Gange. Der Ton wird schärfer. Leider ist nicht auszuschließen,
dass die verbalen Attacken und Drohgebärden in absehbarer Zeit in einen militärischen
Konflikt mit offenem Ausgang ausarten. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, besser zu
verstehen, wie die beiden um die Vorherrschaft in der Welt ringenden Kontrahenten ticken.
Der in Kanada lebende Forscher Dan
Wang, der als Kind mit seinen Eltern
aus China in die USA auswanderte, hat mit
„Breakneck: China’s Quest to Engineer the
Future“ ein bemerkenswertes Buch vorgelegt.
Dan Wang hat Chinas verblüffendes
Wachstum beobachtet und kritisch aus
der Distanz analysiert. Er zeigt, wie die
Volksrepublik in Rekordzeit die höchsten
Brücken, modernste Bahnnetze und große
Fabriken errichtet hat und so die Grundlage
für ihre Industrialisierung geschaffen
wurde. Die funktionierende Infrastruktur
ist für ihn ein deutliches Zeichen des
Fortschritts, von dem Europa und die USA
nur träumen. Anders als der Westen hat
China nicht deindustrialisiert, sondern
moderne Produktionsstätten aufgebaut.
Auch bei Hightech und Innovation hat
das Land aufgeholt. In vielen Bereichen
überholen chinesische Unternehmen
mittlerweile westliche und nicht zuletzt
auch deutsche Konkurrenten. Wangs Fazit
lautet, dass Chinas Innovationskraft lange
unterschätzt wurde.
Die Mauer wächst
Bild: Penguin
Breakneck: China’s Quest to Engineer
the World. Dan Wang, Penguin Books,
London 2025, 288 Seiten, 30,99 Euro
ISBN 978–0241729175
Wang konstatiert, dass Chinas Festhalten
an der industriellen Wertschöpfung ja sogar
deren weiterer Ausbau in der Absicht
der Kommunistischen Partei begründet
ist, sorgsam ausgewählte kritische Wertschöpfungsketten
im Lande und damit
unter Kontrolle zu behalten. Unter dem
Präsidenten Xi werde China in gewisser
Weise zur Festung mit immer höheren
Mauern gemacht. China präferiere Resilienz
gegenüber der im Westen im Vordergrund
stehenden Effizienz der Wirtschaftsprozesse.
Für Leser des Buches
lohnt es sich, darüber und über die Konsequenzen
auch für unsere Wirtschaft
nachzudenken.
Bei allem Respekt für Chinas wirtschaftliche
Erfolge stimmt Dan Wang aus der
Distanz kein Loblied auf den eingeschlagenen
Kurs des Landes an. Auf Basis zahlreicher
China-Reisen der vergangenen
Jahre schildert er eindrücklich und kritisch,
welche Zumutungen die Führung
der Bevölkerung im Namen der rasanten
Modernisierung abverlangt hat. Er beschreibt
die rigorosen Lockdowns während
der Pandemie ebenso wie Bauprojekte,
die nach politischem Beschluss ohne
öffentliche Debatte und ohne gerichtliche
Kontrolle in Rekordzeit umgesetzt werden.
Im Reich der Mitte bestimmt der
Staat, was wann und wo geschieht. Wer
widerspricht, wird hart sanktioniert. Der
schnelle Wandel, so Wang, ging mit
schmerzhaften Schockwellen durch die
chinesische Gesellschaft.
Nach der Lektüre des Buches versteht
man die Architektur des modernen Chinas
besser, und man erkennt die gravierenden
Unterschiede zur Architektur des Wirtschaftsmodells
der USA aber auch des
Westens generell. Wang arbeitet klar heraus,
dass China ein autokratischer Staat
von Ingenieuren ist und dementsprechend
nach der Devise „Engineer the Future!“
handelt. Die chinesische Regierung besteht
aus Ingenieuren. Demgegenüber
sieht Wang die USA als einen Staat von
Juristen, die wirtschaftliche Veränderungen
retardierten und oftmals sogar blockierten.
Eine scharfe Kritik und eine
ernst zu nehmende Kernbotschaft des
vorliegenden Buches! Nach Wangs Auffassung
würden wir in der Welt besser
dastehen, wenn die amerikanischen Bürger
stellvertretend für den Westen in einer
Gesellschaft leben würden, die nicht
nur von Juristen dominiert wird.
Wünsche für China
Der chinesischen Bevölkerung wünscht er
einen Staat, der mehr Vertrauen zu seinen
Bürgern hat und diesen mehr individuelle
Freiheiten einräumt. Die skizzierten neuen
Architekturen in China und in den USA
würden sich sehr positiv auf die wirtschaftliche
Entwicklung auswirken.
Prof. Dr. Robert Fieten,
wissenschaftlicher Berater der
Beschaffung aktuell
64 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
Bild: Springer Gabler
Bild: Murmann
Bild: Murmann
Forschung 2025
Der neue Band „Supply Management Research
– Aktuelle Forschungsergebnisse
2025“ ist mehr als ein akademisches Kompendium,
er liefert Einkaufs- und Supply-
Chain-Verantwortlichen konkrete Impulse,
wie sich aktuelle Herausforderungen meistern
lassen. Herausgegeben vom BME vereint
das Werk wissenschaftliche Analysen
und praxisnahe Lösungsansätze, die auf
dem 18. Wissenschaftlichen Symposium
„Supply Management“ in Mannheim vorgestellt
wurden. Besonders spannend sind
die Beiträge, die direkte Relevanz für die
Praxis haben: So wird ein Vorgehensmodell
zur Einführung von KI im Einkauf vorgestellt,
das Unternehmen hilft, Effizienzpotenziale
systematisch zu erschließen. Ein
weiterer Beitrag beleuchtet, wie hybride
intelligente Supply Chains – also die Kombination
menschlicher Expertise mit
künstlicher Intelligenz – die Widerstandsfähigkeit
in Krisenzeiten stärken können.
Das Buch überzeugt durch seine klare
Brücke zwischen Theorie und Praxis. Einkaufsleiterinnen
und Supply-Chain-Manager
erhalten damit nicht nur Einblicke
in aktuelle Forschung, sondern vor allem
handfeste Anregungen für die Weiterentwicklung
ihrer eigenen Strategien. (sas)
Supply Management Research –
Aktuelle Forschungsergebnisse
2025
Christoph Bode, Ronald Bogaschewsky,
Michael Eßig, Rainer Lasch
Springer-Gabler-Verlag, Wiesbaden, 2025
239 Seiten, 49,99 Euro
ISBN 978–3–658–48749–2
Gedankenblitze
Statt langer theoretischer Abhandlungen
präsentiert Hermann Simon in diesem
Buch die Essenz aus einem halben Jahrhundert
Forschung, Beratung und unternehmerischer
Erfahrung.
Simon, der als einziger Deutscher in der
„Thinkers50 Hall of Fame“ vertreten ist,
hat auf Reisen, in Gesprächen und durch
Beobachtungen weltweit zahllose Notizen
gesammelt. Daraus entstand diese Sammlung
von pointierten Gedanken, Beobachtungen
und Einsichten, die er nun in 23
Kapiteln zusammenführt. Der Stil ist bewusst
prägnant: Jeder Abschnitt liest sich
wie eine kleine Kolumne, liefert einen klaren
Impuls und regt zum Weiterdenken an.
Die Themen reichen von Führungsstärke
über Innovation bis hin zu ethischen Fragen.
Immer wieder verbindet Simon wirtschaftliches
Denken mit gesellschaftlicher
Verantwortung. Gerade diese Mischung
macht das Buch besonders: Es liefert
keine trockene Theorie, sondern praktische
Anregungen, die in Unternehmen
ebenso wie im persönlichen Umfeld Orientierung
geben.
Fazit: Wer eine konzentrierte Sammlung
von Ideen, Weisheiten und Denkanstößen
sucht – ob zur eigenen Reflexion oder als
Zitatenschatz für Reden und Vorträge –
wird hier reichlich fündig. (sas)
Hermann Simon: Simon sagt! Was
im Management wirklich zählt.
Hermann Simon,
Murmannn Verlag, Hamburg, 2025
352 Seiten, 32 Euro
ISBN 978–3–86774–845–2
Strategiefindung
Komplexität, Unsicherheit, Entscheidungsdruck
– in Beruf, Politik, Sport oder
im privaten Leben scheint strategisches
Handeln heute wichtiger denn je. Doch
wie gelingt Orientierung im „Strategiewirrwarr“?
Der Wirtschaftswissenschaftler
und Strategiecoach Thomas Hutzschenreuter
von der TU München liefert
eine praxisnahe Antwort.
Sein Ansatz: Nicht endlose Tools und
Konzepte, sondern sieben zeitlose Prinzipien,
die überall funktionieren. Vom Definieren
klarer Ziele über den Umgang mit
Unsicherheit bis hin zur Schaffung eines
kohärenten Ganzen – Hutzschenreuter
destilliert Strategie auf das Wesentliche.
Dabei bleibt er verständlich, ohne Fachjargon,
und arbeitet mit Fragenkatalogen,
Analogien und Checklisten, die direkt zur
Anwendung einladen.
Überzeugend ist der alltagsnahe Charakter
des Buchs: Die Prinzipien lassen sich
in kleinen Portionen erarbeiten, eignen
sich für Einzelpersonen ebenso wie für
Organisationen und geben sofort Orientierung.
Im Zentrum steht stets die entscheidende
erste Frage: Was will ich? –
ein Kompass, der sich in allen Wettbewerbssituationen
bewährt. (sas)
Scharfstellen. Mit wenigen
Strategieprinzipien den eigenen
Weg finden.
Thomas Hutzschenreuter
Murmann Verlag, Hamburg, 2025
216 Seiten, 29 Euro
ISBN 978–3–86774–847–6
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 65
» IN EIGENER SACHE
IMPRESSUM
PODCAST
In der November-
Episode von Einkaufssache
haben wir Prof.
Dr. Michael Eßig von
der Universität der Bundeswehr
in München zu
Gast. Mit ihm sprechen wir über
das neue Bundeswehrbeschaffungsgesetz und die
Unterschiede zwischen dem öffentlichem Einkauf
und seinem Pendant aus der Privatwirtschaft.
VORSCHAU
MANAGEMENT
Globale Lieferketten stehen unter Druck, europäische Regulierungen wachsen
ins Unübersichtliche, und deutsche Zulieferer verlieren an Wettbewerbsfähigkeit.
Inmitten dieser Herausforderungen zeigt sich: Der Einkauf muss strategischer,
resilienter und politisch sichtbarer agieren. Marc Moser, Einkaufschef
der Stihl-Gruppe, fordert mehr Praxisnähe in der Gesetzgebung, eine gezielte
Regionalisierung und Offenheit für technologische Kooperationen. Volatilität
wird zur Konstante – entscheidend ist, wie man damit umgeht.
Beschaffung aktuell 1-2/2026
erscheint am 29.01.2026.
Anzeigenschluss ist am 18.12.2025.
Konkrete Antworten auf
komplexe Fragestellungen
finden Sie in den
Whitepapern der
Beschaffung aktuell!
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Bild: privat
Das Magazin für Einkauf, Material wirtschaft und Logistik
ISSN 0341–4507
Herausgeberin: Katja Kohlhammer
Verlag: Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH
Ernst-Mey-Straße 8,
70771 Leinfelden-Echterdingen, Germany
Geschäftsführer: Peter Dilger
Verlagsleiter: Peter Dilger
Chefredakteur:
B. A. Alexander Gölz (ag), Phone +49 711 7594–438
Ernst-Mey-Straße 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen, Germany
Redaktion:
Dipl.-Ing. (FH) Sabine Schulz-Rohde (sas),
Phone +49 711 7594–252;
Yannick Schwab (ys), Phone +49 711 7594–537
Korrespondent:
M.A. Nico Schröder (sc), Phone +49 170 6401879
Freie Mitarbeit:
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Layout: Jennifer Martins, Phone +49 711 7594–262
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vier Wochen zum Quartalsende. Bei Nichterscheinen
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und Logistik e.V. ( BME ) und des ÖPWZ erhalten die Zeitschrift
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66 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025
MEINUNG «
Cyberresilienz entscheidet über
die Zukunft der Supply Chains
Die heutigen Möglichkeiten, digital mit einer Vielzahl von Partnern in
der Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten, sind faszinierend.
Doch die Zusammenarbeit im digitalen Raum ist leider nicht ohne Risiken.
Hacker suchen gezielt nach Schwachstellen in den Supply Chains
von wichtigen Unternehmen, die sie angreifen wollen. Dabei treibt die
KI eine neue Generation von Angriffen an, die schneller sowie automatisierter
vorgehen und die schwer zu erkennen sind.
Wie gefährlich Hackerangriffe sind, haben die gravierenden Störungen
an den Flughäfen London Heathrow, Brüssel und Berlin gezeigt. Mehr
als die Hälfte der europäischen Unternehmen halten KI-Cyberangriffe
inzwischen für das größte Geschäftsrisiko.
Durch die Digitalisierung der Supply Chains werden die Geschäftsprozesse
komplexer und internationaler. Für die Unternehmen ist es oftmals
schwierig, den Überblick zu behalten, mit welchen Third Parties wissenschaftlicher Berater der
Prof. Dr. Robert Fieten,
sie direkt oder auch indirekt vernetzt sind. Dies wissen und nutzen die Beschaffung aktuell, Köln
hochprofessionellen Cyberkriminellen. Die Infiltrierung über Third Parties
ermöglicht ihnen den Zugang zu Unternehmensdaten, die normalerweise gegen
Cyberattacken gut geschützt sind. Cyberattacken auf Supply Chains lösen Kettenreaktionen
aus.
Was sollten unsere Unternehmen tun, um sich besser zu schützen, aber auch um nach
einer Attacke schnell wieder den Betrieb aufnehmen zu können? Die Absicherung der
eigenen IT-Infrastruktur sollte an erster Stelle stehen. Im
Idealfall sollten die Third Parties in das eigene Risikomanagement
einbezogen werden. Fünf Maßnahmen, in die auch die
Einkäufer involviert werden, müssen ergriffen werden:
(1) Die Auswahl von Lieferanten und Dienstleistern sollte
sehr sorgfältig durchgeführt werden. Cybersicherheitsrisiken
können minimiert werden, wenn sichergestellt wird, dass die
Partner und Dienstleister in der Supply Chain über Zertifizierungen
verfügen sowie Regularien erfüllen.
(2) Noch wichtiger ist jedoch, dass die Partner kontinuierlich im Sinne eines Third Party
Risk Managements (TPRM) überprüft werden.
(3) Im eigenen Haus müssen Berechtigungskonzepte definiert werden, die festlegen,
wer auf welche sensiblen Daten Zugriff hat.
(4) Die Mitarbeitenden müssen im Hinblick auf Cyberattacken (insbesondere Phishing
Mails) und auch für die Umsetzung von Notfallplänen geschult werden.
(5) Die Unternehmen müssen sich organisatorisch darauf vorbereiten, nach einem
Hacker angriff den Betrieb schnell wieder hochzufahren. Hierzu bedarf es Backups, eines
etablierten Notfallmanagements und Schubladenpläne zur Weiterführung kritischer
Geschäfts prozesse bei Ausfällen.
Die Politik fordert ein kontinuierliches Third Party Risk Management (TPRM) ein. Die
NIS2-Richtlinie der EU verpflichtet Unternehmen dazu, Cybersicherheitsrisiken in der
Lieferkette systematisch zu identifizieren, zu bewerten und zu steuern. Noch in 2025
könnte in Deutschland ein entsprechendes Gesetz in Kraft treten.
Unverzichtbar sind hohe Investitionen der Unternehmen in ihre IT-Sicherheit. Heute
kommt es vor allem auf die KI-gestützte automatisierte Erkennung von Cyberattacken
an. Hier gilt es schneller und besser zu sein als die Angreifer. Die Chance ist jetzt da!
»Es gilt, schneller und
besser zu sein als die
Angreifer.«
Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025 67
Einkauf neu denken. Zukunft gestalten.
Next Level Kostensenkung
Neue Hebel für den Einkauf
in unsicheren Zeiten
Erfahren Sie, wie Advanced Analytics, Make or Buy Strategien,
Lieferantenbündelung sowie KI und Automatisierung den Einkauf
neu gestalten und nachhaltige Wertschöpfung ermöglichen.
Liming Chen
Senior Director,
Consulting
Oliver Oehmke
Manager Business
Development,
Software
Executive
Circle 8
13. November 2025,
ab 10:50 Uhr
Besuchen Sie uns am
Stand A4
und sprechen Sie mit unserem Team über
Innovationen im Einkauf und in der Supply Chain.
GEP – Beratung, Technologie und Innovation für Einkauf und Supply Chain.
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68 Beschaffung aktuell » 11-12 | 2025