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G+L 11/2025

Stadtbäume

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20|11

25

MAGAZIN FÜR LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

UND STADTPLANUNG

STADTBÄUME


EDITORIAL

Die Bäume in unseren Städten sind zunehmend im Überlebensmodus.

Die Sommer werden heißer und trockener, Niederschlagsmengen

verändern und verschieben sich und viele Bäume leiden in

Deutschland unter Trockenstress. Das spüren nicht nur die Bäume

selbst, sondern auch wir alle. Die schattenspendenden Kronen, die

kühlende Verdunstung und die erfrischende Luft sind gefährdet –

und damit das Stadtklima insgesamt.

Haben Sie sich auch gefragt, ob das

Coverbild eine Montage ist? Tatsächlich

hat eine Fotografin die im Alltäglichen

versteckte Geometrie eingefangen und

mit der Wahl des Ausschnitts sichtbar

gemacht. Die grünen Blätter stehen im

Kontrast zur kahlen Mauer – für uns

ein Sinnbild dafür, wie Bäume in der

Stadt überall auf von Menschenhand

gebaute Infrastruktur treffen. Welche

Heraus forderungen diese Standorte

für Bäume mit sich bringen, beleuchten

wir in dieser Ausgabe.

Diese Entwicklungen nehmen wir in der Novemberausgabe der

G+L unter die Lupe. Angesichts von Rekordhitze und Dürreperioden

steht die Frage im Raum: Wie kann die Zukunft der Stadtbäume

aussehen? Genügen unsere bisherigen Anstrengungen zur Pflege

und Bewässerung? Wir zeigen auf, warum der Stadtbaum viel

mehr ist als eine ästhetische Ergänzung und wie wichtig ein langfristig

nachhaltiger, klimagerechter Umgang mit der städtischen

Vegetation ist.

Ein Aspekt, den wir dabei beleuchten: die Suche nach widerstandsfähigen

Baumarten. Während heimische Bäume an ihre Grenzen

stoßen, rücken Arten aus südlicheren Regionen in den Fokus. Doch

wie viel „Exotik“ ist stadtverträglich? Gibt es bereits Erfahrungen,

die uns zeigen, wie diese Bäume sich in unserem Ökosystem etablieren

können – ohne das fragile Gleichgewicht zu gefährden?

Die Auswahl geeigneter Arten ist ein Balanceakt zwischen Innovationsdrang

und ökologischer Verantwortung.

In Gesprächen mit Expert*innen aus Forschung und Praxis fragen

wir nach Strategien für die Baumartenwahl und den Umgang mit

Trockenstress, nach konkreten Beispielen aus Kassel und Stockholm

sowie nach dem Beitrag, den Bürger*innen ehrenamtlich leisten

können beziehungswiese bereits leisten. Dabei ist unbestritten, dass

wir heute umdenken müssen, um morgen unsere grünen Stadt-

Ikonen noch erleben zu können.

Es braucht nicht nur innovative Lösungen, sondern auch politische

und gesellschaftliche Unterstützung, um das Stadtgrün krisenfest zu

machen. In dieser Ausgabe zeigen wir, wie Städte die Herausforderung

bereits meistern und wo wir in der Anpassung an die

Klimabedürfnisse der Zukunft noch Neuland betreten müssen. Denn

die Zukunft unserer Städte hängt buchstäblich an diesen Wurzeln.

Coverfoto: Thuy Ta auf Unsplash; Illustration: Georg Media

THERESA RAMISCH

CHEFREDAKTION

t.ramisch@georg-media.de

ANNA MARTIN

REDAKTION

a.martin@georg-media.de

G+L 3


INHALT

AKTUELLES

06 SNAPSHOTS

09 MOMENTAUFNAHME

Stein für Stein

STADTBÄUME

10 NEUE WURZELN BRAUCHT DIE STADT

Stadtbäume im (Klima-)Wandel

14 „BEI JÜNGEREN BÄUMEN KANN EINE BEACHTLICHE ANPASSUNG

STATTFINDEN“

Interview mit Andreas Roloff, Seniorprofessor für Forschung in Baumbiologie

18 ZWISCHEN WURZEL UND CLOUD

Chancen, Grenzen und Ausblicke auf den „Baum der Zukunft“

22 FÜNF BAUMARTEN IM PORTRÄT

Urs Lüscher, Gärtner und Autor von „Plantae“, stellt fünf Baumarten vor

28 „EINE APP ALLEIN GIESST KEINEN BAUM“

Quentin Kügler, Leiter des Projekts LEIPZIG GIESST, im Interview

32 IN DIE HÖHE GEDACHT

Parklandschaft über acht Stockwerke hinweg am Berliner Bürogebäude AERA

36 „WIR NEHMEN EIN SEHR GROSSES INTERESSE AM STOCKHOLMER

SYSTEM WAHR“

Interview mit Britt-Marie Alvem, Stadt Stockholm

40 STADT TRIFFT AUF ESSBAREN WALD

Wie im Urbanen Waldgarten in Berlin-Britz gemeinschaftlich gegärtnert wird

44 „DAS STADTBILD WIRD SICH ÄNDERN“

Interview mit Volker Lange, Stadt Kassel

48 DIE BAUMFASSADE

In Bamberg trifft sozialer Wohnungsbau auf innovative Stadtbegrünung

PRODUKTE

Herausgeber:

Deutsche Gesellschaft

für Gartenkunst und

Landschaftskultur e.V.

(DGGL)

Pariser Platz 6

Allianz Forum

10117 Berlin-Mitte

www.dggl.org

52 BRANCHENFEATURE

Baumstandorte der Zukunft

56 LÖSUNGEN

Bodenbeläge und Entwässerung

RUBRIKEN

62 Impressum

62 Lieferquellen

63 Stellenmarkt

64 DGGL

66 Sichtachse

66 Vorschau

G+L 5


NEUE

WURZELN

BRAUCHT

DIE

STADT

Früher wuchsen und gediehen Bäume in Städten über viele

Jahrzehnte hinweg. Das hat sich geändert. Die zunehmende

Verdichtung und Versiegelung, aber auch extreme Hitze

und Trockenheit setzen Stadtbäumen vermehrt zu. Da sie

für lebenswerte Städte wichtig sind, wird an vielen Stellen

geforscht: zu zukunftsfähigen Baumarten, zu guten Standortbedingungen

und zu Gesamtkonzepten, die urbanem Grün

höhere Priorität einräumen.

JULIANE VON HAGEN

10 G+L


STADTBÄUME

NEUE WURZELN BRAUCHT DIE STADT

AUTORIN

Dr. Juliane von

Hagen setzt sich

mit Veränderungen

in Stadt und

Landschaft auseinander,

als Dozentin,

Journalistin und im

eigenen Büro

stadtforschen.de.

Bäume gelten als Gradmesser an Lebensqualität.

Weist ein Ort viele alte, prächtige

Bäume auf, assoziieren wir damit

günstige Lebensbedingungen. Mangelt es

hingegen an gesundem Grün, schließen

wir beinahe reflexartig auf ungute Bedingungen

für Menschen und Tiere. Welche

Rolle Bäume in Städten und im Leben von

deren Bewohner*innen spielen, zeigte

die Naturbewusstseinsstudie des Bundesministeriums

für Umwelt, Naturschutz, Bau

und Reaktorsicherheit. Sie fand 2015

heraus, dass Menschen häufig Bäume in

den Sinn kommen, wenn sie an Natur in

der Stadt denken. „Bäume und Pflanzen

am Straßenrand“ sehen sie sogar als

„zweit wichtigsten Bestandteil von Natur in

der Stadt“, so die Studie.

Welche Freude uns vor allem alte Bäume

bereiten, machen viele Alleen deutlich.

Um diese Baumreihen wertzuschätzen,

kürt der BUND jährliche eine Allee des

Jahres. 2024 bekam eine Platanen-Allee

im Archäologischen Park in Xanten den

Titel verliehen. Sie steht dafür, dass

Menschen die Schönheit und den Nutzen

von Alleen seit der Antike schätzen. Früh

waren sie wichtige Komponenten des

Wegebaus. Ihre Wurzeln stabilisierten

nasse Böden, und ihre zusammenstehenden

Kronen boten Schutz vor Wind und

Regen. Zudem bescherte das Laubwerk

der Bäume im Sommer Schatten, was die

Ausdauer der Pferde erhöhte. Im Winter

hingegen wurden Stämme zu wichtigen

Orientierungshilfen. Neben ihrem funktionalen

Wert galten prächtige Alleen als

Zeichen von Reichtum. Sie säumten Zufahrten

zu großen Anwesen und standen

für Macht – und nicht zuletzt auch für die

Macht der Menschen über die Natur.

BÄUME FÜR EIN GUTES STADTKLIMA

Im 19. Jahrhundert wanderten Bäume

vermehrt in die Städte. Schon damals

wurde dort ihre klimatische Funktion

geschätzt. Denn in einer Zeit ohne Klimaanlagen

konnte das schattenspendende

Laub von Bäumen das Wohlbefinden in

der Stadt steigern. Durch systematische

Baumpflanzungen stieg Berlin zwischen

1870 und dem Zweiten Weltkrieg zu einer

der grünsten Städte in Deutschland auf,

schreibt Sonja Dümpelmann, Professorin

für Umweltgeisteswissenschaften an der

Ludwig-Maximlians-Universität München.

Bis 1898 waren bereits 46 000 Bäume

gepflanzt worden und 1903 waren

70 Kilometer Straßen von Bäumen

gesäumt. Mit diesen Leistungen wurde

Berlin zur Modellstadt, sogar für New

York City, schreibt sie in einem Artikel

im Magazin "Stadt und Grün". Schon

damals galten Bäume nicht nur als Mittel

zur Verschönerung der Stadt, sondern

sollten hitzebedingte Todesfälle reduzieren

helfen.

Dass Klimaschutz schon Anfang des

19. Jahrhunderts auf der Agenda stand,

ist heute wenig präsent. Derzeit ist es

dasselbe Thema, das unsere Aufmerksamkeit

verstärkt auf Bäume in der Stadt lenkt.

Denn immer neue Hitzerekorde hinterlassen

„deutliche Zeichen und leere

Baumgruben: So lichten sich die Straßenbaumreihen

und für Ahorn, Linde und

Esche, die über Jahrhunderte das Stadtbild

prägten, wird die Luft immer dünner.

So gibt es zunehmend nicht nur kahle

Bäume im Winter, sondern bereits in den

Sommermonaten“, beschreibt die Bayerische

Landesanstalt für Weinbau und

Gartenbau die Lage. Leider stürben viele

Bäume in den Städten heute schon im

Säuglingsalter. An Straßen hätten sie nur

noch eine Lebenserwartung von 15 bis

20 Jahren, heißt es im Forschungsprojekt

Stadtgrün 2021+ der Bayerischen Landesanstalt

für Weinbau und Gartenbau, das

seit 2009 nach zukunftsfähigen Baumarten

sucht. „Um das Grün von heute auch

morgen in den Städten zu halten, braucht

es neue Pflanzkonzepte, indem die

Position der Stadtbäume auch mit neuen

Akteuren besetzt wird“, erklärt Projektleiterin

Susanne Böll.

WELCHE FUNKTIONEN STADTBÄUME

ÜBERNEHMEN

Obwohl Bäume im Stadtraum manchen

Interessenkonflikt provozieren, einigen

nutzungsbedingten Erfordernissen im Weg

stehen, wissen wir um ihre wichtigen

Funktionen. Sie haben raumbildenden

Charakter, gliedern städtische Strukturen

und werten sie optisch auf. So nennen

viele Wohnungssuchende die Präsenz von

„Grün und Naturnähe“ als einen wichtigen

Faktor bei der Standortwahl. Sie

haben aber auch sozio-kulturelle Funktionen,

wie zum Beispiel alte Dorf- oder

Gerichtslinden. Bäume fördern zudem die

Gesundheit, denn schon das Betrachten

kann beruhigend wirken. Quantifizieren

lassen sich die kulturellen, ästhetischen

und psychologischen Werte kaum. Aber

ihre identitätsstiftende Wirkung, ihre

jahreszeitlichen Veränderungen, ihr

Rascheln im Wind berührt die Menschen

und animiert sie zum Schutz und zum

G+L 11


„BEI JÜNGEREN

BÄUMEN KANN

EINE BEACHTLICHE

ANPASSUNG

STATTFINDEN“

Stadtbäume begegnen – neben den grundsätzlich schon schwierigen

Bedingungen ihrer Standorte – aktuell vor allem zwei Herausforderungen:

Trockenheit und Hitze. Das erklärt Andreas Roloff, Seniorprofessor für

Forschung in Baumbiologie an der TU Dresden. Im Interview berichtet er,

wie Bäume auf Trockenstress reagieren, warum vor allem junge Bäume

gegossen werden sollten und welche an Jungbäumen gemachten Untersuchungen

ihn vorsichtig optimistisch stimmen.

FRAGEN: ANNA MARTIN

INTERVIEWEE

Andreas Roloff ist

Seniorprofessor für

Forschung in

Baumbiologie an der

TU Dresden. Zuvor

hatte er dort von

1994 bis 2022 die

Professur für

Forstbotanik inne und

war zugleich Direktor

des Instituts für

Forstbotanik und

Forstzoologie sowie

des Forstbotanischen

Gartens Tharandt.

Herr Roloff, was macht den Stadtbäumen

das Leben aktuell besonders schwer?

In allererster Linie sind das Trockenheit

und Hitze – in größerer Häufung und in

längerer Dauer – und damit verbundene

Extremsituationen. Auf die kommt es

mehr an, als man denken mag. Steigt die

Durchschnittstemperatur in 30 Jahren um

1,5 Grad, hat damit kein Baum Probleme.

Herausfordernder sind die Extremwerte,

und da herrscht eine große Unsicherheit,

diese vorherzusehen und umgekehrt abzuleiten,

welche Baumarten diese besser

verkraften werden.

Das Institut für Forstbotanik und Forstzoologie

an der TU Dresden beschäftigt

sich bereits seit drei Jahrzehnten mit

Trockenstress, in Vorbereitung für das

2021 erschienene Buch „Trockenstress

bei Bäumen“ dann noch einmal intensiver.

In diesem Buch habe ich alle Erkenntnisse

zusammengeführt. Dabei wurde deutlich,

dass Trockenstress nicht gleich Trockenstress

ist. Es kommt darauf an, was sich

zuvor abgespielt hat – ob die Pflanzen

schon durch andere Faktoren, wie Krankheiten

oder sonstige Mangelsituationen,

vorgestresst waren. Zudem spielt die

Jahreszeit eine Rolle und ob es vorher

schon eine längere Trockenperiode gab.

Die Situation ist sehr komplex.

Speziell bei Stadtbäumen kommen weitere

Faktoren hinzu: der engere Wurzelraum,

Versiegelung, die Überfahrung des

Wurzelraums oder Bodenverdichtung. Im

Innenstadtbereich haben Bäume in der

Regel zu wenig Wurzelraum, um sich frei

entwickeln zu können. Es ist wärmer,

14 G+L


STADTBÄUME

INTERVIEW MIT ANDREAS ROLOFF

Mit dem Begriff

Klimabaum sollen

solche Arten gekennzeichnet

werden,

die voraussichtlich mit

dem Klimawandel

besser zurechtkommen

werden

als andere, erklärt

Andreas Roloff im

Interview. Darunter

sind zwar auch einheimische

Baum arten,

jedoch nur wenige.

teilweise gibt es Rückspiegelung von

Glasfassaden. Auch die vielen Baumaßnahmen

spielen eine Rolle, zum Beispiel

Leitungsverlegungen, bei denen Baumwurzeln

im Weg sind. Da lernt man in einigen

Stadtbereichen gerade, das schon früh

mitzudenken: Teils haben sich Energieversorger

und Baumverantwortliche zusammengetan,

um Bäume möglichst wenig zu

schädigen. Das finde ich bemerkenswert,

aber es gibt da auch einfach Grenzen im

beengten Raum der Stadt.

Foto: Dt. Baum-Institut

Wie äußert sich Trockenstress bei Stadtbäumen?

Welche Schäden können sie

durch Trockenheit davontragen?

Das häufigste Symptom ist ein verfrühter

Blattabwurf. In den Jahren 2018 und 2019

war das sehr extrem. 2018 hatten die

Bäume noch einen Puffer vom Vorjahr,

2019 dann jedoch nicht mehr. In dem Jahr

haben Hainbuchen teilweise bereits im Juli

begonnen, ihre Blätter abzuwerfen.

Wirft ein Baum einzelne Zweige oder

einen großen Teil seiner Blätter ab, heißt

das noch nicht, dass er auf sein Ende zugeht.

Haben sich an den Zweigen bereits

die Knospen fürs nächste Frühjahr entwickelt,

kann der Blattabwurf eine Schutzmaßnahme

sein, und man kann eigentlich

davon ausgehen, dass der Baum im Frühjahr

wieder austreibt. Geht es tatsächlich

auf das Ende der Zweige oder im Extremfall

des ganzen Baumes zu, sind keine

Knospen mehr vorhanden und die Zweige

schrumpeln, da sie vertrocknen.

Wird es krasser – wie es 2019 und 2020

der Fall war –, kommt es zu einem Zweigsterben,

ohne dass schon der ganze

Baum stirbt. Das spielt sich oft als Erstes in

der Oberkrone ab, wo die Sonne immer

hinkommt und wohin es bei Trockenstress

am schwierigsten ist, das Wasser hochzuziehen.

Dass ein Teil der Krone abstirbt,

kann ebenfalls eine Schutzmaßnahme

sein, um den Rest des Baumes noch versorgen

zu können. Es kann aber auch

ein Zeichen sein, dass der Baum in eine

Abwärtsspirale eintritt.

Hat die Wissenschaft oder haben Akteure

in der Praxis bereits einen praktikablen

und effizienten Weg gefunden, dem

Trockenstress zu begegnen? Was können

Kommunen konkret unternehmen?

Einerseits kann das Thema bereits bei der

Wahl der Baumarten mitgedacht werden.

Damit würde man das Problem von Anbeginn

des Baumlebens anpacken. Das ist

aber bei Bestandsbäumen, die Trockenstress

erfahren, nicht mehr möglich.

Als grobe Regel gilt, dass ein Baum bis zu

fünf Jahre nach der Pflanzung benötigt,

um sich an einen neuen Standort anzupassen.

In den ersten drei oder fünf Jahren

– je nach Vereinbarung – gewährleistet

die Firma, die den Baum gepflanzt

hat, dass dieser durchkommt. Im Anschluss

an diese Phase wird es interessant. Diese

vergleichsweise frisch gepflanzten Bäume

sind noch gut zu wässern, da sie und ihr

Wurzelsystem noch nicht so groß sind.

Man kann davon ausgehen, dass sich die

Wurzeln überwiegend im Umfeld des

Stammes befinden und man daher dort

gießen kann. Hier sprechen wir von

Wassermengen, die auch bei einer

größeren Anzahl an Bäumen für ein

Grünflächenamt mit einem Tankwagen

machbar sind.

Bei älteren Bäumen, ab 30 Jahren und

aufwärts, weiß man – zumindest bei städtischen

Standorten – nicht, wo sich die

Wurzeln befinden. Diese haben sich

dorthin entwickelt, wo sie am einfachsten

Wasser und Nährstoffe herbekommen, wo

der Boden nicht verdichtet ist und Ähnliches.

Daher ist schwer einzuschätzen, wo

man gießen müsste. Zudem bräuchte man

auch eine größere Wassermenge, um so

einem Baum wirklich spürbar aus dem

Trockenstress herauszuhelfen. Dementsprechend

ist Gießen in diesen Fällen meist

nicht mehr sinnvoll. Andererseits kann

man mit zunehmendem Alter eines Baums

davon ausgehen, dass er sich die Bereiche

des Bodens erschlossen hat, aus denen er

Wasser bekommt. Bei älteren Bäumen

kann man dementsprechend bei Trockenstress

nur hoffen, dass sie es schaffen.

G+L 15


FÜNF BAUMARTEN

IM PORTRÄT

AUTOR

Urs Lüscher, ausgebildeter

Gärtner

mit Schwerpunkt

Baumschule, leitet

zusammen mit seinem

Bruder Hanspeter

Lüscher in dritter

Generation das

Zürcher Familienunternehmen

Lüscher

Gartenbau­Baumschulen

AG. Er ist

Autor des Nachschlagewerks

„Plantae“, das 2025

im Verlag Scheidegger

& Spiess erschien.

Darin stellt er 4 000

Pflanzen, von

Gehölzen über

Stauden bis hin zu

Gräsern, praxisnah

vor.

Mächtige Baumkronen, buntes Farbenspiel der Blätter,

knorrige Stämme und Äste: Bäume haben ihre

eigenen Charaktere, und die gehen über das Erscheinungsbild

hinaus. Für diese G+L-Ausgabe haben wir

Urs Lüscher von Lüscher Gartenbau-Baumschulen,

Autor des Nachschlagewerks „Plantae“, gebeten,

fünf Baumarten auszuwählen und uns vorzustellen.

URS LÜSCHER

22 G+L


STADTBÄUME

FÜNF BAUMARTEN BAUMPORTRÄTS

IM 1/5

ACER CAMPESTRE –

FELD-AHORN

In Mischwäldern, am Feld- und Waldrand

in Europa, Nordafrika, Kleinasien und

im Kaukasus, bevorzugt auf kalkhaltigen

Böden anzutreffen. Häufig von Meereshöhe

bis in den Voralpenraum, kann in

den Südalpen bis auf 1 400 Meter über

dem Meer aufsteigen. Ein mittelhoher

Baum von sparriger Gestalt aus der Familie

der Seifenbaumgewächse, der in der

Natur oft mehrstämmig und dicht verzweigt

anzutreffen ist. In der Regel werden

bis 15 Meter in der Höhe und gegen

10 Meter in der Breite erreicht, seltener

sind über 20 Meter hohe Exemplare

anzutreffen. Die Krone entwickelt sich im

freien Stand rundlich bis eiförmig und

bleibt auch im Alter dicht verzweigt. Der

Feldahorn kann gegen 250 Jahre alt

werden. Eine äußerst genügsame, robuste

Fotos: Lüscher Gartenbau-Baumschulen

und vielseitig zu verwendende heimische

Gehölzart; ob als Alleebaum, mehrstämmiger

Solitär, Heckenpflanze oder Formgehölz

kultiviert, der Feldahorn macht

überall eine gute Figur und wird auch von

der heimischen Fauna geschätzt. Mit der

hohen Regenerationsfähigkeit und der weiten

Standortamplitude ein wichtiger, weit

verbreiteter und in Baumschulen oft auch

mit der Sorte 'Elsrijk' kultivierter Baum.

Die Selektion ähnelt der Art und bildet

eine geschlossene, kegelförmige bis ovale

Krone aus. Sie bleibt insgesamt etwas

kleiner und stellt ebenfalls einen bewährten

Baum – auch für schmale Straßen, in

Städten, Industriegebieten, Siedlungen und

im Hausgarten – dar. Übrigens: Das harte

und zähe Holz ist zum Drechseln beliebt.

G+L 23


„EINE APP ALLEIN

GIESST

KEINEN BAUM“

Seit rund fünf Jahren gießen in Leipzig Freiwillige die Bäume der Stadt. Was

als kleine Gruppe und mit einer Tabelle startete, ist inzwischen zur Initiative

mit über 1 000 Engagierten und eigener App angewachsen. Quentin Kügler,

der das Projekt „LEIPZIG GIESST“ der Stiftung Ecken wecken leitet, berichtet

im Interview, was den Anstoß für die Initiative gab, wie die Gieß-App die

Menschen motiviert und weshalb nicht immer nur die Stadtverwaltung gefragt

ist zu handeln.

FRAGEN: ANNA MARTIN

INTERVIEWEE

Quentin Kügler ist

Mitbegründer und

Leiter des Projekts

„LEIPZIG GIESST“ der

Stiftung Ecken

wecken in Leipzig. Er

arbeitet im

Wahlkreisbüro der

Bundestagsabgeordneten

Paula Piechotta

und ist Mitglied des

Stadtbezirksbeirates

Südwest von Leipzig.

Wie steht es im September 2025 um

die Stadtbäume in Leipzig: Gießen Sie

noch, oder sind die Gießkannen für

dieses Jahr schon zur Ruhe gestellt?

Unser Projekt „LEIPZIG GIESST“ gibt es

ja seit über fünf Jahren. Auch dieses

Jahr war Trockenheit wieder ein Thema

– in Leipzig, aber auch deutschlandweit.

Insbesondere das Frühjahr war sehr

trocken. Es folgten einige regenreiche

Wochen im frühen Sommer, dann wieder

eine gewisse Trockenheit. Das heißt, es

war wechselhaft, aber insgesamt erneut

zu trocken.

Die Stadtbäume haben noch immer mit

den Folgen der Trockenheit der vergangenen

Jahre zu kämpfen. Auch zwei bis

drei Jahre nach einem extremen Trockenereignis

können Stadtbäume absterben

beziehungsweise sind anfälliger für

Krankheiten. Folgt auf ein trockenes Jahr

ein etwas regenreicheres, ist also nicht

einfach wieder alles gut. Daher haben

wir auch in diesem Jahr gegossen: Fast

1 500 Menschen sind bei „LEIPZIG

GIESST“ aktiv. Dieses Jahr wurden, Stand

September, 145 000 Liter Wasser in

die Gieß-App eingetragen. Die Gieß-

Community ist weiter aktiv. Die Menschen

wissen, dass unsere Bäume Hilfe brauchen

und handeln. Mit dem Oktober ist die

Gieß- Saison dann offiziell beendet. Mit

einem gemeinsamen Abschluss-Gießen

lassen wir die Saison langsam ausklingen.

„LEIPZIG GIESST“ ist ein Projekt der

Stiftung Ecken wecken. Was gab den

Anstoß für die Initiative?

Im Juli 2020 hat sich im Leipziger Westen

eine kleine Gießgruppe gegründet, der

Ausgangspunkt für „LEIPZIG GIESST“. Da

wurde ganz profan mit der Gießkanne

losgezogen und Aushänge im Stadtteil an

den Hauseingängen aufgehängt. Der Vorläufer

der Gieß-App war eine Google-

Docs-Tabelle, in die Bäume in bestimmten

Quartieren eingetragen wurden. Über

diese Tabelle konnte man eine Gießpatenschaft

für einen Baum übernehmen. Im

Vergleich zu jetzt war das deutlich rudimentärer,

die ersten Ansätze waren aber

gegeben. Wichtiger war, die Menschen

dazu zu bewegen, die Kanne in die

Hand zu nehmen. Eine App allein gießt

auch keinen Baum, aber sie ist eine

Motivationsquelle.

28 G+L


STADTBÄUME

INTERVIEW MIT QUENTIN KÜGLER

Gemeinsam kommt

man voran, sagt

Quentin Kügler von

„LEIPZIG GIESST“ im

Interview. Gemeint ist

das Zusammenspiel

von Verwaltung und

bürgerschaftlichem

Engagement, um den

Baumbestand in

Leipzig zu sichern.

Foto: Raphaela Krumhard

2020 startete also unsere kleine Gießgruppe.

Dann haben wir, mit großartiger

Unterstützung vom CityLAB Berlin, die

Gieß-App entwickelt – pünktlich zum Tag

des Baumes im April 2021. Die App

haben wir aus dem Berliner Projekt „Gieß

den Kiez“ für Leipzig adaptiert. Damit

konnte das Projekt schnell Fuß fassen.

Weitere Unterstützung kam vom BUND

Leipzig und dem Amt für Stadtgrün und

Gewässer sowie IT-Expertise vom OK Lab

Leipzig. Das Projekt läuft unter dem Dach

der Stiftung Ecken wecken.

Ausschlaggebend waren tatsächlich die

extrem trockenen Jahre 2018, ‘19 und

’20. In Leipzig ist mit dem Dürremonitor

am Umweltforschungszentrum ein wichtiges

Forschungsprojekt ansässig. Dieser

Dürremonitor hat für Mitteldeutschland

beziehungsweise eigentlich für ganz

Deutschland den Sommer über ausschließlich

dunkelrote Farben angezeigt,

die auf die Dringlichkeit des Problems

hingewiesen haben. Man konnte aber

auch einfach durch das Stadtgebiet gehen

und im Stadtbild sehen, wie schlecht es

den Bäumen ging. Insbesondere einige

Jahre nach 2018 wurden die Trockenschäden

an den Bäumen sehr deutlich sichtbar.

Das hat dazu geführt, dass das Interesse

in der Bevölkerung gegeben war und

unsere Aktivierung auf frucht baren Boden

gefallen ist. Die Menschen haben dann

mithilfe der Gieß-App in vielen Fällen zur

Gießkanne oder zum Eimer gegriffen.

Wie sieht die erwähnte Gieß-App genau

aus, und wie werden die Freiwilligen

damit koordiniert?

Der Blick in die App lohnt sich. Wir entwickeln

sie noch immer weiter – wir ruhen

uns nicht darauf aus, was wir 2021 an den

Start gebracht haben. Die App zeigt alle

Leipziger Stadtbäume, zu denen uns das

Amt für Geoinformation und Bodenordnung

der Stadt Leipzig Daten zur Verfügung

stellt. Wir haben insbesondere Jungbäume

im Blick, also Bäume bis zum

15. Standjahr. Das wurde in Absprache mit

der Stadtverwaltung so priorisiert, da sich

die zusätzlichen Gießgaben durch die

Bevölkerung bei diesen Bäumen lohnen –

es soll nicht die 100-jährige Eiche gegossen

werden. Die Stadt Leipzig gießt seit der

Trockenheit selbst mehr. Das ergänzen wir

mit dem bürgerschaftlichen Engagement.

Man erhält über die App zusätzliche

Informationen zu den Bäumen – zum Teil

ganze Baumsteckbriefe –, darunter das

Standjahr und die lateinische Bezeichnung.

Der Stadtverwaltung war wichtig,

dass die Nutzendenden einen Baum näher

kennenlernen können. Zudem liefert

die App Informationen zum Wasserbedarf:

Dort wird nicht nur eingetragen, wie

viel es geregnet hat, sondern auch wie

viel sowohl die Stadt als auch Bürgerinnen

und Bürger gegossen haben.

Eine Karte verdeutlicht mit entsprechender

Farbgebung, welcher Baum welche

Wassermenge erhalten hat – und welcher

Baum besonders dringend Wasser

benötigt. Grün eingefärbten Bäumen geht

es beispielsweise gut. Bei einem orangenen

oder roten Signal muss ich mit meiner

Gießkanne ran.

Über die App kann eine Gieß-Patenschaft

übernommen werden. Für alle ist sichtbar,

dass der Baum regelmäßig gegossen

wird. Man kann sich also um einen

anderen Baum kümmern. Darüber hinaus

sind öffentliche und halböffentliche

Wasserquellen eingetragen – Handschwengelpumpen

oder IBC-Container im

G+L 29


IN DIE HÖHE

GEDACHT

Baumstandorte der etwas anderen Art sind auf dem Dach des Berliner Bürogebäudes

AERA zu finden. Über acht Stockwerke hinweg entwickelt sich eine

Parklandschaft in die Höhe, bepflanzt mit zahlreichen Stauden, Gräsern – und

27 Bäumen. Das Berliner Landschaftsarchitekturbüro capattistaubach, das für

die Planung verantwortlich ist, stellt das Projekt vor und erläutert, welche gestalterischen

und technischen Herausforderungen für die Baumpflanzungen an

diesem besonderen Standort zu bewältigen waren.

MILENA KOPPER

AUTORIN

Milena Kopper

studierte Rechtswissenschaften

in

Marburg und Köln.

Sie ist zudem

ausgebildete PR­ und

Kommunikationsmanagerin.

Seit 2025

ist sie im Team von

capattistaubach in

Berlin für Akquise, PR

und Office Management

zuständig.

Grüne Infrastrukturen gewinnen angesichts

zunehmender Überhitzung von Städten

infolge des Klimawandels und fortschreitender

Flächenversiegelung an zentraler

Bedeutung. Besonders die Pflanzung von

Bäumen in Städten mit dichter Besiedelung

– als Schattenspender, Luftreiniger

und zur Förderung von Biodiver sität – stehen

im Fokus nachhaltiger Stadtentwicklung.

Doch ihr Schutz und ihre langfristige

Erhaltung und Etablierung erfordern

neue, integrative Pflanzstrategien, die

weit über herkömmliche Begrünungskonzepte

hinausgehen.

Ein herausragendes Beispiel dafür ist das

Bürogebäude AERA auf der grünen

Mierendorff-Insel in der Darwinstraße,

Berlin, gelegen zwischen Spree und Westhafenkanal.

Was auf den ersten Blick ein

visionäres Architekturprojekt darstellt, ist

ein hochkomplexes Zusammenspiel aus

Stadtökologie, technischer Planung und

ästhetischer Gestaltung – und beispielhaft

dafür, wie Architektur und Ökologie vereint

werden können.

BAUMWACHSTUM IN 30 METERN

HÖHE

Herzstück des Projekts ist ein Park, der

sich über acht Etagen schlängelt – vom

Erdgeschoss bis in 30 Meter Höhe.

Besu cher*innen können sich über

begrünte Treppenlandschaften bis zum

2 200 Quadratmeter großen Dachpark

hinaufbewegen. Barrierefreie Zugänge

auf jeder Etage machen die grüne

Oase für alle erlebbar. Wildstauden-,

Stauden- und Gräserflächen begleiten

die Wege und Aufenthaltsflächen. Sie

begrünen die Geschosssprünge und

integrieren technische Anlagen sowie

funktionale Bauteile harmonisch in die

Pflanzlandschaft.

Wer über das Dach des Gebäudes

streift, dem fallen unweigerlich die

stattlichen Bäume ins Auge. Manche

ragen bereits bis zu neun Meter in den

Himmel und können noch bis zu zwölf

Meter hoch werden. 27 Bäume wurden

hier verpflanzt, 22 davon direkt auf

dem Dach. Darunter finden sich die Arten

Acer opalus (Schneeball-Ahorn), Pinus

sylvestris (Waldkiefer), Prunus yedoensis

(Yoshino-Kirschbaum), Quercus petraea

(Trauben-Eiche) oder Elaeagnus angustifolia

(Schmalblättrige Ölweide). Die

Pflanzen des Dachgartens sind an das

Berliner Klima angepasst und bedienen

unterschiedliche ökologische Nischen.

Um die Bepflanzung überhaupt möglich

zu machen, war tiefgreifende Planung

gefragt. Die Bepflanzung wurde von

Beginn an in den Entwurf und die Planung

des Gebäudes integriert. Das erforderte

eine intensive Kommunikation unter den

Planer*innen sowie ihre Expertise. Eine

speziell entwickelte Substratschicht mit

32 G+L


STADTBÄUME

AERA BERLIN

in enger Abstimmung mit einem Baumsachverständigen;

zudem wurden die

Bäume auf ihren Standort auf dem Dach

vorbereitet. Damit wurden optimale

Bedingungen für das Anwachsen und die

langfristige Entwicklung und Vitalität der

Gehölze geschaffen.

TECHNISCHES KNOW-HOW FÜR

RESILIENZ

Auf dem Dach des neu

entstandenen

Bürogebäudes AERA in

Berlin­Charlottenburg

gestaltete das Büro

capattistaubach einen

über 2 000 Quadratmeter

großen Park.

Fotos: Dan Zoubek

Bänke und Tische bieten

zwischen Stauden

Raum zum Arbeiten

sowie für Pausen.

Tiefen zwischen 1,20 und 1,30 Metern

schafft die nötige Grundlage für gesundes

Wurzelwachstum. Die Auswahl und

Zusammensetzung des Substrats erfolgte

Stabilität und Sicherheit standen ebenfalls

im Zentrum der Planung: Jeder einzelne

Baum wurde statisch gegen Windlasten

bemessen, um Sturmschäden zu vermeiden.

Hierfür wurden individuelle Pflanzstühle

aus Stahl entwickelt, die direkt mit

dem Gebäudetragwerk verbunden sind.

Der Wurzelballen wird von einem Netz

aus Edelstahl umschlossen und am

eigenen Pflanzstuhl befestigt. Sechs der

Bäume sind zusätzlich durch Stahlpfähle

gegen die berüchtigten Winde Berlins

gesichert. Der Aufwand lohnt für eine

klimatisch wirksame Bepflanzung: Die

Baumlandschaft auf dem Dach beeindruckt

nicht nur optisch, sondern trägt

auch aktiv zum Klimaschutz bei. Bäume

filtern Feinstaub und andere Luftschadstoffe,

sie binden Kohlendioxid und senken

durch Verdunstung die Umgebungstemperatur

– wichtig in Zeiten zunehmender

Hitzewellen. Sie bieten Nahrung und

Schutz für Vögel, Insekten und andere

G+L 33


DIE

BAUMFASSADE

In Bamberg ging ein Projekt an den Start, das die Entwicklung einer neuen Form

grüner Architektur mit großen klimatischen und gestalterischen Potenzialen

verspricht. Bei dem sozialen Wohnungsbau wurden große Bäume so nah an die

Fassade gepflanzt, dass sie zur Verschattung und Kühlung des Gebäudes beitragen,

den Prozess des stetigen Wandels in die Architektur verankern und neue

architektonische und räumliche Qualitäten erzeugen. Ein interdisziplinäres Team

hat sich mit möglichen Herangehensweisen, Schnittstellen und der Realisierung

auseinandergesetzt.

LISA HÖPFL, FLORIAN KÖHL, CHRISTIAN BURKHARD, JULIAN LIENHARD, DIVYA PILLA UND FERDINAND LUDWIG

In allen bekannten Klimawandel-Anpassungsstrategien,

die in den vergangenen

Jahren von und für Städte erarbeitet

wurden, wird mehr Vegetation, insbesondere

von Bäumen gefordert 1 . Begründet

ist diese Forderung durch die bekannten

positiven Klimaeffekte aufgrund der hohen

Verschattungsleistung als auch hohen

Transpirationsleistung. Ein interdisziplinäres

Team hat sich im Rahmen eines von

der Deutschen Bundesstiftung Umwelt

geförderten, praxisbasierten Forschungsvorhabens

mit der Frage beschäftigt, ob

Bäume so nah an eine Fassade gepflanzt

werden können, dass sie als eine neue

Kategorie der Bauwerksbegrünung, als

„Baumfassaden“ etabliert werden können.

In der aktuellen Stadtplanung werden

Bäume derzeit nur mit einem gewissen

Abstand zum Gebäude gepflanzt, damit

sich Krone und Wurzeln adäquat entwickeln

können, aber auch, um möglichen

Sturmschäden an der Fassade vorzubeugen.

Bedenken hinsichtlich Beschädigungen

des Gebäudefundaments oder der

unterirdischen Infrastruktur durch Wurzeln

sind weit verbreitet 2 , weshalb es ungewöhnlich

erscheint, Bäume und Gebäude

bewusst zusammen zu planen. Dokumentationen

aus verschiedenen Städten

zeigen jedoch, dass es bereits zahlreiche

Beispiele für fassadennahe Bäume gibt.

Wenn ein Baum derart nah an einer

Fassade wächst, ist seine normale Reaktion,

die Ast- und Kronenentwicklung zur

Fassade hin zu minimieren und sich zu

mehr Raum und Licht hinzuentwickeln.

Wird der Baum direkt am Gebäude gepflanzt

und gleichzeitig das natürliche

Wachstumsverhalten beschleunigt, indem

die zur Fassade gerichteten Äste beschnitten

werden, führt dies zu folgender

Definition: Eine Baumfassade besteht aus

ausladenden, großkronigen Bäumen, die

so nah an ein Gebäude gepflanzt

werden, dass die Baumkrone von außen

visuell Teil des Hauses wird. Demnach

führt das Pflanzen des Baums nah an der

Fassade, begleitet durch pflegerische

Schnittmaßnahmen, zur Ausbildung einer

„halben Krone“. Die Bewohner*innen der

Gebäude können den Baum unmittelbar

vor dem Fenster oder vom Balkon aus

erleben, und es entsteht der Eindruck, sich

direkt in der Baumkrone zu befinden, im

Baum zu leben.

AUSGANGSPUNKT DES PROJEKTS

In einem europaweiten Wettbewerb

wurde für eine Konversionsfläche (etwa

drei Hektar) der US-Streitkräfte in

Bamberg ein Konzept für ein nachhaltiges

und gemeinwohlorientiertes Stadtquartier,

die zukünftigen „Lagarde-Höfe“,

gesucht. Den Zuschlag erhielt der Vorschlag

der Volksbau Bamberg: Neben

Wohnungen und Gewerbe wird ein nach

der DGNB zertifizierter Stadtteil entstehen.

Unterschiedliche Architekturbüros,

darunter fatkoehl architekten, planen die

einzelnen Gebäude, so auch das Kopfgebäude

aus Nummer 11, das sich im

Inneren des neuen Viertels befindet und

dessen Fassaden nach Süden, Westen

und Osten orientiert sind. Bereits in der

Entwurfsphase entstand der Wunsch, das

Gebäude auf eine innovative Art zu

begrünen, um eine vielfältige und lebendige

Wohnumgebung mit angenehmem

Mikroklima zu schaffen.

Inspiriert von den Arbeiten des Forschungsgebiets

Baubotanik (TU München)

und baubotanischen Entwürfen des Office

for Living Architecture (OLA), war der

Wunsch der Architekt*innen, in Bamberg

ein grünes Pilotprojekt mit Baumfassaden

zu initiieren, das innerhalb der ökonomischen

Rahmenbedingungen des sozialen

Wohnungsbaus realisierbar ist. Für

dieses Vorhaben fand sich ein interdisziplinäres

Forschungsteam aus Architekt*innen,

Landschaftsarchitekt*innen,

48 G+L


STADTBÄUME

DIE BAUMFASSADE

1. Der Baum kann sich aufgrund zu

geringer Wurzelverankerung (bei der

Pflanzung oder bei schlechter Entwicklung)

vom Haus weg- oder zum

Haus hinneigen oder gar entwurzelt

werden und kippen.

2. Zweige und Äste können an die

Fassade schlagen, diese beschädigen

oder selbst abbrechen.

Von diesem Risiko ausgehend, wurden

für das Projekt zwei Prinzipien im Umgang

mit dem sich ändernden Verhalten

des Baums entwickelt: die zusätzliche

Sicherung oder Abstützung des Baums

(dauerhaft oder temporär) oder die

Integration der Bewegung des Baums in

die Planung.

ARCHITEKTONISCHE

VORAUSSETZUNGEN

Foto: Quest

Vor dem Bamberger

Sozialwohnungsbau

sind die Bäume

inzwischen gepflanzt.

Nach Konsultationen

mit der Baumschule

entschieden sich die

Planer*innen für

Gleditschien – hier zu

sehen – sowie

amerikanische Eschen.

Ökonom*innen und Tragwerksplaner*innen

zusammen, um konzeptionelle

Ansätze zu entwickeln, die kritischen

Punkte zu identifizieren und konstruktivtechnische

und gestalterische Grundlagen

für eine Umsetzung zu entwickeln.

ERSTE ÜBERLEGUNGEN

Ausgewählt wurden die ostseitige Hoffassade

und die stark besonnte Südseite

für eine potenzielle Baumfassade. Bereits

in ersten Planungsgesprächen stellte sich

heraus, dass das Verständnis von Baumwachstum

und Baumstatik, insbesondere

bei Wind, ein Schlüsselfaktor bei der

Gestaltung von Baumfassaden ist. Untersucht

wurde dafür der Baum in seiner

Entwicklung vom Jungbaum zum ausgewachsenen

Baum und sein jeweiliges

Verhalten im Wind. Je nach Stadium

liegen im Stamm und den Ästen unterschiedliche

Flexibilitäts- beziehungsweise

Steifigkeitsgradienten vor, die je nach

Windstärke zu unterschiedlich starken

Bewegungen führen 3 . Das macht den

Baum und das Gebäude zu unterschiedlichen

Zeitpunkten und an unterschiedlichen

Punkten anfällig für Schäden:

Die Kubatur und die Gestaltung der

Fassade war zum Planungszeitpunkt der

Baumfassade bereits weitestgehend

festgelegt. Das drei- beziehungsweise in

manchen Bereichen viergeschossige

Gebäude verfügt über regelmäßig angeordnete

Fensteröffnungen sowie über

Balkone am zurückspringenden Teil der

Südfassade. Basierend auf den zwei identifizierten

Prinzipien, wurden drei Konstruktionsvarianten

entwickelt.

Zwei Varianten wurden wieder verworfen:

Bei Variante 1 werden die Bäume mit

einem Abstand zwischen Fassade und

Stammmitte von nur etwa 70 Zentimeter

sehr nah vor das Gebäude gepflanzt.

Dies machte aber eine dauerhaft an der

Fassade verbleibende, elastisch angebundene

Wachstumsstütze notwendig (siehe

Forschungen zu baubotanischen Strukturen

4, 5 ). Das konzipierte Feder-Dämpfer-

System hat man aufgrund des hohen

technischen Aufwands und der damit

verbundenen, im sozialen Wohnungsbau

nicht darstellbaren Kosten verworfen. Die

Variante 2 entwickelte sich aus den

Balkonen an der Südfassade. Der Ansatz

ist technisch deutlich einfacher, da aber

beim Bamberger Wohnbau Balkone nur

parziell vorhanden sind und der ökonomische

Druck im Kontext des sozialen

Wohnungsbaus eine noch kostengünstigere

Lösung erforderte, kam Variante 3

ins Spiel: Statt der Wachstumsstütze oder

der Anbindung am Balkon wird die

eigene Tragfähigkeit des Baums genutzt

und der Abstand zum Gebäude auf etwa

120 Zentimeter erhöht. Das Schadensrisiko

zwischen dem dynamischen System

G+L 49

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