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frings. Das Misereor-Magazin 2/2025: Was bleibt, wenn wir gehen?

Ein Heft über das Erben und Vererben www.misereor.de/magazin

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ZWEI2025

Was

bleibt, wenn

wir gehen?

Ein Heft

über das Erben

und Vererben

Madagaskar

Landrechte für

die Enkelkinder

Erbengesellschaft

Was tun gegen die

wachsende Ungleichheit?

Indien

Das Erbe der Armut

durchbrechen


EDITORIAL

INHALT

Foto: Klaus Mellenthin

LIEBE LESERINNEN

UND LESER!

Was bleibt, wenn wir gehen?

Weitergeben, vererben können

wir nur das, was uns gehört,

was wir uns zu eigen gemacht

haben. Über unser Erbe nachzudenken,

heißt, darüber nachzudenken,

wofür wir stehen:

Für Wissen, Kultur, Werte, Ideale vielleicht? Für Traditionen,

die wir von unseren Vätern und Müttern und diese

schon von ihren Vätern und Müttern geerbt haben? Oder

aber für das Land, das wir seit Generationen bewohnen?

Ein Erbe kann aber auch negative Folgen haben. In vielen

Ländern, in denen Misereor Unterstützung leistet,

wachsen die Staatsschulden, immer mehr Menschen

rutschen unter die Armutsgrenze. Armut überträgt sich

zu oft auf die nächste Generation, die Chancenlosigkeit

setzt sich in den Familien fort.

Das neue frings-Magazin erzählt vom Erbe einer Berliner

Professorin, die sich Zeit ihres Lebens für Frauenrechte

eingesetzt hat, vom Kampf um Landtitel in Madagaskar,

von der Befreiung aus der tradierten Armut im indischen

Rajasthan. Und es beantwortet Fragen: Wie vererben

sich eigentlich Nachnamen in verschiedenen Kulturen?

Machen Erbschaften Gesellschaften ungerechter? Und

was hat das alles mit Saatgutbanken zu tun?

Menschen in einem Testament zu bedenken, heißt, sie

ein Stück in die Zukunft zu begleiten und ihnen Wege

zu ebnen, die sie möglicherweise nicht gehabt hätten.

Auch Misereor bietet die Option, über den Tod hinaus

Werte weiterzugeben. Lassen Sie sich inspirieren!

Es grüßt Sie herzlich,

Ihr

Dr. Andreas Frick

GESICHTER DIESER AUSGABE

Seite 2

SCHWERPUNKT

ERBEN UND VERERBEN

PERSPEKTIVEN

Zum Vererben

Seite 4

RENATE ROTT

Vermächtnis für Gerechtigkeit

Seite 6

MADAGASKAR

Der Kampf um Landrechte

Seite 12

BRASILIEN

Im Schatten der

Großgrundbesitzer

Seite 16

HEILIGER BODEN

Das Land gehört nicht uns.

Wir gehören zum Land.

Seite 17

ERLASSJAHR

Superkraft Schuldenschnitt

Seite 19

ERBENGESELLSCHAFT

Was tun gegen die

wachsende Ungleichheit?

Seite 20

INFOGRAFIK

Chancen vererben sich.

Keine Chancen auch.

Seite 24

Foto Titel: Karin Schermbrucker

Will ihren Kindern eine

sichere Zukunft vererben:

Frau Rakotondravelo


INDIEN

Chancenlosigkeit durchbrechen

Seite 26

GUT ZU WISSEN

Wie werden Nachnamen in

anderen Ländern weitergegeben?

Seite 30

SAATGUTBANK GATERSLEBEN

Ein Wettlauf mit

der Zeit

Seite 32

Foto: Karin Schermbrucker/Misereor

12

Bauer Jean Marie Rakotondravelo

kämpft für

die Zukunft seiner Tochter

und Enkelkinder

HANDWERK

Kulturtechniken sind ein

lebendiger Schatz.

Seite 39

WEITERDENKEN

BILDBAND

Die Frau am Anfang

der Geschichte

Seite 42

Foto: Bettina Flitner/Misereor

20

Jens Beckert vom Max-

Planck-Institut hat

Ideen für mehr Gerechtigkeit

beim Erben

MISEREOR IN AKTION

Engagement und Leidenschaft

abzugeben

Seite 44

KOLUMNE

Ein Klavier, ein Klavier

Seite 46

RÄTSEL

Wer hat’s gesagt?

Seite 48

IMPRESSUM

Seite 49

Foto: Smita Sharma/Misereor

26

In Rajasthan/Indien hat

Narni Bhai das Erbe von

Armut und Abhängigkeit

durchbrochen

1


Welches Familienerbstück

besitzen wir –

alte Ringe, Teekannen,

Taufkleider, in Ehren gehaltenes

Geschirr – Andenken,

die von einer Generation zur

anderen weitergegeben

wurden?

Reportage auf Seite 32

Foto: Rolf Schulten

ANNETTE JENSEN

Autorin Annette Jensen besitzt den

Filzhut ihres Opas, den er immer trug,

wenn er dreimal wöchentlich zum Skat

spielen ging. Er alberte gern mit den

Kindern herum und lebte in Wewelsfleth,

wo Jensen fast alle Schulferien

verbrachte. Das Dorf in Schleswig-Holstein

bleibt für sie der glückliche Ort

ihrer Kindheit.

„Der Ledersessel

von meinem

Großvater erinnert

mich daran,

wie ich ihn als

Kind darin habe

sitzen gesehen.“

Porträt auf Seite 6

YVES SUCKSDORF

Yves Sucksdorff lebt in Berlin. Er besitzt

nicht so viele Erbstücke, aber eines ist

der Ledersessel seines Großvaters. Der

steht jetzt bei ihm im Büro. Der Fotograf

sitzt gerne darin und schaut sich Fotobücher

an.

Foto: Yves Sucksdorf

2


Foto: Christian Putsch

CHRISTIAN PUTSCH

Zu den Erbstücken, die Autor Christian Putsch bewahrt

hat, gehört ein Zinndeckelkrug seines bayerischen

Großvaters. Der Krug stand bei Besuchen stets bereit im

„saupreußischen“ Wuppertal, wohin dessen Tochter der

Liebe wegen gezogen war. Jeden Abend war der Krug im

Einsatz, am 6. Oktober, seinem Geburtstag, mehrfach

– schon allein, weil er ihn sich dann mit seinem Enkel

teilte. Im betagteren Alter wurde auch schon mal ein

Messingröhrchen in das Glas gehalten, der Bierwärmer.

Inzwischen steht der über 100 Jahre alte Krug in Kapstadt

und ist weiterhin im Gebrauch, wenn auch ohne

Bierwärmer.

Reportage auf Seite 12

Der über 100 Jahre

alte Krug steht in

Kapstadt und ist

weiterhin im Gebrauch.

Opa Hansi,

Gott habe ihn selig,

würde das gefallen.

Foto: Rolf Schulten

ROLF SCHULTEN

Fotograf Rolf Schulten erbte einen

hölzernen Hut von seinem Vater, den

dieser in seiner Heimwerker-Werkstatt

hergestellt hat. Früher hing der Hut

im Elternhaus in Achim an der Wand.

Das Erbstück erinnert Schulten an das

handwerkliche Geschick seines Vaters,

das er bewundert.

Reportage auf Seite 32

KARIN SCHERMBRUCKER

Fotografin Karin Schermbrucker lebt in Kapstadt/Südafrika:

„Als ich 13 Jahre alt war, schenkte mir mein Vater die Pentax

K1000 meiner Großtante. Sie war eine Reitfotografin, die bis

zu ihrem 85. Lebensjahr zwischen den Hindernissen lag und

Pferde fotografierte. In dem Moment, in dem ich meine Hände

auf diese Kamera legte, wusste ich, dass es das war, was

ich tun sollte. Und hier bin ich 33 Jahre später, mit der Kamera

in der Hand, reise um die Welt, male mit Licht und erzähle

Geschichten in der Hoffnung, dass visuelle Medien die Macht

haben, Perspektiven zu verändern und Augen zu öffnen. Die

Kamera meiner Großtante brachte mich zum Fotografieren und

ich entwickelte meine eigenen Bilder. Und obwohl ich jetzt

hauptsächlich digital fotografiere, träume ich davon, wieder

mit ihrer Kamera zu fotografieren und

meine eigene Dunkelkammer zu haben

... vielleicht, wenn ich 85 bin!“

Reportage auf Seite 12

Foto: Karin Schermbrucker

3


Titelthema:

Erben und

Vererben

DER KLANG DER ERDE

Foto: commons.wikimedia

Die Voyager Golden Records sind Datenplatten, die mit

Bild- und Audio-Informationen das Erbe der Menschheit

symbolisieren. Sie wurden 1977 an Bord der beiden interstellaren

Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 angebracht

und sind als Botschaften an außerirdische Lebensformen

und Zeugnis darüber gedacht, dass es Menschen

gegeben hat. Die Datenspur der 30 Zentimeter großen,

vergoldeten Scheibe aus Kupfer enthält 116 analog gespeicherte

Bilder. Die Audiodaten bestehen aus Grußbotschaften

in 55 Sprachen, Geräuschen aus der Natur und

90 Minuten ausgewählter Musik von Johann Sebastian

Bach bis Louis Armstrong. Auf der Schutzhülle befindet

sich eine Anleitung in symbolischer Sprache, wie die Datenplatte

dekodiert werden kann.

4


Titelthema:

Erben und

Vererben

DER STREIT UM DAS ERBE

Foto: gettyimages/Tolga Akmen

In der Sommerauktion 2021 von Sothebys kommt

ein Werk von Pablo Picasso unter den Hammer.

1973 ist der spanische Künstler an einem Herzinfarkt

gestorben. Sein Vermächtnis: ein riesiges

künstlerisches Werk – und ein familiäres Trümmerfeld.

Von seinen zahlreichen Lebensgefährtinnen

hat er nur zwei Frauen geheiratet. Offiziell

gibt es nur einen rechtmäßigen Erben. Da er sein

Vermächtnis – Kunst, Villen, Schlösser und Besitztümer

– nicht zu Lebzeiten geregelt hat, läuft nach

seinem Tod alles nur noch über Rechtsanwälte.

Auch der französische Staat verdient kräftig mit:

Die Erbschaftssteuer beläuft sich auf mehrere Millionen

Franc. Am Ende gehen 3.800 Kunstwerke

des berühmten Malers in staatlichen Besitz über,

Grundlage des größten Picasso-Museums der Welt.

5


PORTRÄT

WEITERGEBEN,

6


Renate Rott war Soziologin und Professorin

in Berlin. Ihr Lebensthema war Gerechtigkeit.

Sie steht für eine gebildete

und unabhängige Nachkriegsgeneration

von Frauen, die ihren Einfluss und ihr Erbe

nutzen, um Ideen von Fairness und Gerechtigkeit

weiterleben zu lassen. Sie hat

Misereor ein Vermächtnis hinterlassen.

Text von Michael Mondry

Fotos von Yves Sucksdorff

Den ersten Eindruck beim Betreten der Wohnung

prägt der Geruch von unzähligen Zigaretten, der in

der Luft, in den Möbeln und der leicht gelblichen Tapete

hängt. Der erste Blick erfasst eine wilde Ansammlung

antiker Möbel, fremdartiger Gegenstände, farbenfroher

Bilder und zahlloser Bücher. Doch bei genauerem Hinsehen

offenbart sich eine penibel geordnete und ästhetisch

arrangierte Sammlung von Holzfiguren, Masken, Messingleuchtern,

Blechspielzeug, Stoffpuppen und Gefäßen, die

auf antiken Nähtischen, Schränken, Kommoden, Regalen

und Tischchen gruppiert sind. Diese Wohnung erzählt die

Geschichte einer Person, die viel erlebt hat, auf Reisen war,

reich an Erfahrung und Ideen, belesen und gebildet, politisch

und kulturell interessiert, individuell und unkonventionell.

Es ist die Wohnung von Professorin Renate Rott.

„Das ist ein Standardwerk der lateinamerikanischen

Sozialwissenschaften“, sagt Marianne Braig, pustet den

Staub von dem dicken, vergilbten Buch und schlägt die

erste Seite auf. „Das könnte im Institut vielleicht noch

seinen Platz finden, auch wenn es etwas nach Zigaretten

riecht. Ein echter Nachlass von Renate.“ In der

Bibliothek der Altbauwohnung im gutbürgerlichen

Berliner Stadtteil Schöneberg reichen die Bücherregale

bis unter die hohen Decken, eine rote Kugelkopfschreibmaschine

steht neben dem schweren

Schreibtisch, der Computer stammt wohl noch

aus den 90er Jahren. „Renate war mit Leib und

Seele Professorin. Ihre Professur für Soziologie

mit Schwerpunkt Lateinamerika an der Freien

Universität in Berlin war ihr Leben. Aber

noch mehr war es ihr Engagement, Ungerechtigkeit

zu überwinden. Sie wollte Wissen

schaffen, das für die Gesellschaft relevant

ist. Nur Geschichten zu erzählen,

Bilder aus

dem Leben einer Frau

voll Mut und Reiselust,

reich an Erfahrung und

Ideen, belesen und gebildet,

politisch und kulturell

interessiert, individuell

und unkonventionell

das war nicht ihr Ding, obwohl sie das wirklich gut konnte“,

schmunzelt Marianne Braig, die bis 2024 den Lehrstuhl für

Politikwissenschaften am Lateinamerika-Institut der Freien

Universität Berlin innehatte, in der Erinnerung an ihre ehemalige

Kollegin, Förderin und Freundin.

Gerechtigkeit war das Lebensthema von Renate Rott,

Flüchtlingskind aus Karlsbad, aufgewachsen im ländlichen

hessischen Steinbrücken und nach einer Ausbildung in Köln

zur Bibliothekarin im Jahr 1960 aufgebrochen nach New

York. Dort arbeitete sie in der Public Library in Brooklyn,

lebte zwischen afroamerikanischen Jugendlichen aus Harlem

und jüdischen Holocaustüberlebenden. Eine prägende

Zeit, aber die junge Bibliothekarin hielt sich hier nicht lange

auf. Mit dem Ersparten reiste sie 1962 zum Chimborazo

in Ecuador. 160 Jahre zuvor, im Jahr 1802, hatte Alexander

von Humboldt den Vulkan, der damals als höchster Berg

der Welt galt, gemeinsam mit dem französischen Botaniker

und Arzt Aimé Bonpland bestiegen. Fasziniert von den Briefen

eines Onkels und den Berichten des Universalgelehrten

7


Rotts Nichte bewundert den

Mut ihrer Tante, in den 60er

Jahren als Frau allein nach

Südamerika zu reisen

erfüllte sich Renate Rott einen Kindheitstraum, folgte im Alter

von gerade 25 Jahren seinen Spuren und gewann Eindrücke,

die prägend für ihr weiteres Leben wurden. Sie erlebte

in Ecuador die Ungleichheit

„Renate war eine

großartige Gastgeberin

und hatte

eine große Fähigkeit

zur Freundschaft.

Begegnungen

waren ihr

wichtig.“

und Ausbeutung der indigenen,

in Schuldknechtschaft

lebenden Menschen und sah,

wie auf den Haciendas die

Peitsche angewendet wurde.

„Dass meine Tante in den

60er Jahren als Frau allein

nach Südamerika gereist ist,

hat mich immer sehr beeindruckt“,

erklärt Rotts Nichte

Konstanze. „Wir haben oft

drüber geredet, wenn Renate

Weihnachten bei uns

verbrachte. Man kann sich

Dem „Puxa Saco“ kann man

Plastiktüten entnehmen. Die

rote Schreibmaschine wurde benutzt,

der Computer wohl nicht.

heute kaum noch vorstellen, wie mutig das damals war.“

Konstanze steht in der engen Küche und blickt aus dem

Fenster in einen Berliner Hinterhof. „Hier hat Renate am

liebsten gesessen und hat Gäste empfangen, die sie noch

nicht so gut kannte. Erst wenn sie Vertrauen gefasst hatte,

führte sie sie in die Bibliothek.“ An den Wänden der Küche,

eher ein Seitenraum des Flures, hängen Regale vollgestellt

mit Krügen, Tassen und Schüsseln, alles Fundstücke

von Flohmarktbesuchen in und um Berlin. Ein bestickter

„Puxa Saco“ aus Fortaleza hängt an der Wand, auf einem

Regal stehen bunte Figuren aus dem

Sertão im Nordosten Brasiliens. „Diese

Wohnung war Renate sehr wichtig,

auch um Menschen zusammenzubringen.

Nach Tagungen am Lateinamerika-

Institut sind wir oft hierhergekommen,

haben unterwegs Brötchen und Wein

eingekauft und dann zusammengesessen

und diskutiert“, erinnert sich Marianne

Braig an die gemeinsame Zeit an

der Universität. „Renate war eine großartige

Gastgeberin und hatte eine große

Fähigkeit zur Freundschaft. Begegnungen

waren ihr wichtig. Sie liebte es, sich

auszutauschen, zu diskutieren und natürlich

auch als Soziologin zu beobachten.

Und sie mischte sich ein, ließ nie

etwas durchgehen, widersprach, wenn

es sein musste. Sie war eine extrem mutige

Frau, eine Kämpferin.“

1964 kehrte Renate Rott über Mexiko

und die USA nach Deutschland zurück.

Geprägt von ihren Erfahrungen in

den rassistisch geprägten USA und dem

8


Die Ausstellung

zur Frauenforschung

hat Renate Rott in den

90er Jahren entwickelt.

Sie wird am Lateinamerika-Institut

aufbewahrt.

sozial gespaltenen Ecuador begann sie in

München ein Soziologiestudium, das sie

in den turbulenten Zeiten der Studentenbewegung

an der Freien Universität Berlin

abschloss. Sie nahm an der Demonstration

gegen den Schah von Persien teil,

wurde Zeugin der Ermordung Benno Ohnesorgs

– und gab ihre Beobachtungen zu

Protokoll. Bei einem Studienaufenthalt in

Berkeley erlebte sie Proteste auch in den

Vereinigten Staaten. In den folgenden

Jahrzehnten führten sie zahlreiche Forschungsaufenthalte

ins Ausland. Keiner

wird aber so einschneidend für sie wie

ihre Gastprofessur von 1979 bis 1981 an der Universidade

Federal do Ceará in Fortaleza. Dort erlebte sie hautnah die

Repressionen der brasilianischen Militärdiktatur. Die Begegnungen

und Freundschaften im Nordosten Brasiliens

prägten sie. Lateinamerika wurde auch zu ihrem wissenschaftlichen

Schwerpunkt. Fragen der Ungleichheiten, der

Unterdrückung, der Ausbeutung und des Widerstands bestimmten

in der Folge ihre wissenschaftlichen Arbeiten.

1980 erhielt sie die Professur für Soziologie am Lateinamerika-Institut

der Freien Universität Berlin.

„Renate hat sich immer eingemischt in Hochschulpolitik,

in Entwicklungspolitik, in Geschlechterpolitik, egal ob innerhalb

oder außerhalb der Universität. Ihr Gerechtigkeitssinn

war unerschütterlich“, sagt Marianne Braig. „Sie hat

sich zur Wehr gesetzt gegen soziale Ungerechtigkeit und

Ausbeutung.“ In ihrer Doktorarbeit und Habilitation untersuchte

Renate Rott Arbeitsbeziehungen und Ausbeutung –

Themen, die sie seit ihrer ersten Lateinamerikareise nicht

mehr losließen. Auf einer Reise nach Kolumbien erlebte

sie, wie Bergarbeiter ihre drei

„Die soziale Ungleichheit

der indigenen

Menschen

und die Benachteiligung

von Frauen

beschäftigten

Renate besonders.“

Pesos, die sie verdient hatten,

noch in der Kneipe vertranken.

Die Frauen standen

davor und bettelten um den

einen Peso für die Familie.

„Die soziale Ungleichheit der

indigenen Menschen und die

Benachteiligung von Frauen

beschäftigten sie besonders“,

berichtet Marianne Braig. Renate

Rott setzte sich für die

Professorin Marianne Braig

erinnert Vieles in der Wohnung

an ihre ehemalige Kollegin,

Förderin und Freundin

9


„Renate konnte

zu allem Geschichten

erzählen, hat

nahezu ununterbrochen

geredet,

es war nie langweilig

mit ihr.“

Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien

Universität Berlin ein. Sie protestierte gegen

Ungerechtigkeiten, litt aber auch selbst darunter.

Sie wurde oft mit „Herr Professor“ angesprochen,

arbeitete überdurchschnittlich viel, hatte aber

die schlechteste Besoldungsgruppe. Das habe sie

oft sehr wütend gemacht, erinnert sich Marianne

Braig. Sie baute Frauen-Netzwerke auf, integrierte

erstmalig Frauenforschung in die Disziplinen

und unterstützte kirchliche Projekte zur Förderung

von Frauen, die sie auf ihren zahlreichen

Reisen kennenlernte, darunter auch Projekte

von Misereor. Und sie förderte Frauen bei ihrer

akademischen Karriere. Darunter auch Marianne

Braig. „Ohne Renate wäre ich wahrscheinlich nicht Professorin

geworden. Das ist ein Erbe von ihr, für das ich sehr

dankbar bin. Wir haben auch wissenschaftlich sehr eng

zusammengearbeitet, aber ihr eigentliches Vermächtnis,

wenn man so will, ist der Mut, für etwas einzustehen und

anderen Mut zu machen.“

Wie sie auch langfristig und über ihren Tod hinaus

weiter Mut machen könnte, damit beschäftigte sich Renate

Rott frühzeitig. Sie

wollte den Kampf gegen

Ungerechtigkeit fortführen,

der sie ihr ganze

Leben begleitet hat. „Es

war immer klar, dass sie

etwas Bleibendes hinterlassen

will. Ursprünglich

wollte sie eine eigene

Stiftung in Fortaleza

gründen und dazu noch

einmal nach Brasilien

reisen. Am Ende fehlt

Alles hat Bezüge: Votivbilder,

mit denen sich Menschen

in Mexiko für die Genesung

oder Rettung bedanken

ihr für diese letzte Reise

aber die Kraft“, berichtet

Nichte Konstanze. So

führt Renate Rott intensive

Gespräche, lässt sich

Renate Rott starb am 31. Januar

2025 im Alter von 87 Jahren

und ist auf dem Friedhof

Friedenau in Berlin beerdigt

beraten, fasst Vertrauen – und entscheidet sich, einen Teil

ihres finanziellen Erbes Misereor zu vermachen.

An den Wänden des Flures hängen Masken aus Michoacán,

ein brasilianischer Tierkopf, ein Bild von José Clemete

Orozco. Auf einem Schränkchen stehen Votivbilder, mit

denen sich Menschen in Mexiko für die Genesung oder Rettung

bei Heiligen und Jesus bedanken. Alles hat Bezüge zu

Renate Rott, hinter jedem Detail steckt eine Geschichte, die

sie erzählen könnte. „Meine Tante hat sich eine Zigarette

nach der anderen angesteckt“, erinnert sich ihre Nichte.

„Dabei hielt sie Vorträge. Nur über sich selbst hat sie wenig

erzählt.“ Und Marianne Braig ergänzt lächelnd: „Das

stimmt, sie war eine Intellektuelle, hatte ein unglaubliches

Allgemeinwissen. Sie konnte zu allem Geschichten erzählen,

hat nahezu ununterbrochen geredet, es war nie langweilig

mit ihr.“ Jetzt sind die Geschichten verstummt. Renate Rott

starb am 31. Januar 2025 im Alter von 87 Jahren. Marianne

Braig: „Was bleibt, ist natürlich ihre wissenschaftliche

Arbeit. Aber noch viel mehr das, was sie in den Menschen

hinterlassen hat, die sie ausgebildet und inspiriert hat. Und

das ist eine ganze Menge.“

Michael Mondry arbeitet als Redakteur bei Misereor in Aachen. Er sammelt

gerne Gegenstände von Floh- und Antikmärkten, die Geschichten erzählen.

Yves Sucksdorff arbeitet als Fotograf in Berlin und sitzt sehr gerne im Ledersessel

seines Großvaters und schaut Fotobücher an.

10


DAS

Weitergeben,

was uns

wichtig ist

„Wo Ungerechtigkeit,

Gewalt oder Armut herrschen,

stellen wir uns

mit Partnerorganisationen

ohne Wenn und

Aber an die Seite der

Menschen. In fast

85 Ländern weltweit.“

Katrin Heidbüchel

Fotos: iStock.com/eternalcreative/Deagreez (o.); Soteras Jalil/Misereor (u.)

mmer wieder sind es Frauen, die Veränderungen

anstoßen. Frauen im Globalen

Süden kämpfen für ihre Rechte,

Frauen bei Misereor bringen sich mit

ihrer Expertise ein, Frauen in Deutschland

engagieren sich als Spenderinnen

für den notwendigen Wandel.

Misereor hat den Frauen-Fonds als

Netzwerk und Plattform ins Leben

gerufen, um engagierte Frauen miteinander

ins Gespräch zu bringen: in

Workshops, mit Vorträgen von Frauen

in Schlüsselpositionen bei Misereor

oder Info-Veranstaltungen mit Erbrechtsspezialistinnen.

Die lebendige

Gemeinschaft und das Netzwerken

sind hier genauso wichtig wie die

Misereor bietet ein umfangreiches

Beratungsangebot speziell für

Frauen rund um das Thema

Testament:

www.frauen-testament.de sowie

einen Erbschaftsratgeber.

Ansprechpartnerin

Katrin Heidbüchel

Referentin Testament und Stiftung

Tel. 0241 442 – 503

katrin.heidbuechel@misereor.de

finanzielle Ausstattung des Fonds,

in den ausschließlich das Geld von

Frauen fließen wird, die mit ihrem Testament

die Welt verändern möchten.

Der intensive Austausch mit Renate

Rott hat Misereor zum Frauen-

Fonds inspiriert. Auch wenn sie sich

aus gesundheitlichen Gründen nicht

mehr aktiv in dessen Entwicklung einbringen

konnte: Das Vermächtnis von

Frau Rott fließt als erster Nachlass in

den Frauen-Fonds. Sie ist damit Gründerin

eines Netzwerks von Frauen, die

gemeinsam den Kreislauf

von Armut

FÜR MISEREOR

und Hunger in den Ländern des Globalen

Südens durchbrechen wollen.

Ein Netzwerk gleichgesinnter Frauen,

denen Solidarität und Menschlichkeit

wichtig ist und die mit ihrem Engagement

die Welt verändern möchten.

Renate Rott hat Zeit ihres Lebens vorgelebt,

sich einzumischen und für

Gerechtigkeit zu kämpfen. Mit ihrem

Frauentestament für Misereor schlug

sie die Brücke zwischen den Werten

ihres eigenen Lebens und einer Zukunft

mit weiblicherem Antlitz. Sie

wollte weitergeben, was ihr wichtig

war und inspirieren.

FRAUEN FONDS

11


MADAGASKAR

DER

UM DAS

12


Im Hochlanddorf Amboasary tobt ein Konflikt um Felder zwischen Kleinbauern und einem

Unternehmer aus der Hauptstadt. Eine Frau unterstützt die Bewohner – und stemmt sich

gegen Korruption, Machtmissbrauch und eine träge Verwaltung.

Text von Christian Putsch

Fotos von Karin Schermbrucker

„Der Staat hat

bisher keine

klare Linie

zum Schutz von

Kleinbauern

gefunden.“

T

siroanomandidy – Als Jean Marie Rakotondravelo

eines Morgens seine Reispflanzen kontrollieren will,

stehen zwei Polizisten vor seiner Tür. „Kommen Sie

mit“, sagen die Männer in Uniform. Er habe unerlaubt Land

genutzt, das ihm nicht gehöre. Es ist ein Grundstück im

winzigen Dörfchen Amboasary, das schon sein Vater bewirtschaftete.

Doch seit ein Unternehmer Besitzansprüche

erhebt, ist nichts mehr, wie es war.

Rakotondravelo kam nach einer Woche in Haft mit einer

Verwarnung davon. Der Vorfall ist Jahre her, doch die

Situation könnte sich jederzeit wiederholen. Der 68-Jährige

sitzt im Schlafzimmer seines karg eingerichteten Hauses,

im Nebenraum liegen einige Säcke der letzten Reisernte.

„Wenn ich pflanze“, sagt er, „weiß ich nie, ob ich die Ernte

behalten darf.“ Seit Jahrzehnten

lebt er im dünn besiedelten

Hochland Madagaskars

und bestellt den Acker, den er

nun verlieren könnte.

Ein Landkonflikt erschüttert

die Region im Distrikt Tsiroanomandidy.

Auf der einen

Seite: Jean Marie und Dutzende

ebenfalls betroffene Familien

aus Amboasary, die sich

auf das Gewohnheitsrecht berufen.

Wer ein Stück Land über Jahre hinweg bewirtschaftet,

erwirbt damit zumindest in der Theorie feste Nutzungsrechte

– auch ohne amtliche Papiere.

Auf der anderen Seite: Der Unternehmer Jose Andrianiaina

aus Madagaskars 200 Kilometer entfernter Hauptstadt

Antananarivo, der einen Teil ihrer Felder von einem pakistanischen

Vorbesitzer gekauft haben will. Er beansprucht

über 500 Hektar, eine Fläche so groß wie 700 Fußballfelder

– die Menschen in Amboasary sagen, maximal die Hälfte davon

stehe ihm zu. Der Rest gehöre ihnen.

Die Geschichte ist exemplarisch für ganz Afrika. Nur

14 Prozent des Landes in landwirtschaftlich geprägten

Gegenden sind registriert, berichtet die Weltbank, jeder

vierte in der Peripherie fürchte einer Umfrage zufolge den

Verlust seiner Landrechte in den kommenden fünf Jahren.

Ohne offizielle Dokumente sind sie anfällig für Landgrab-

Die Bürgermeisterin

von Tsiroanomandidy,

Patricia Raharimalala,

schaut mit einer Mitarbeiterin

durch die Unterlagen

über Landkonflikte

bing durch Konzerne oder Eliten aus den großen Städten,

die mit besseren Verbindungen und Ressourcen agieren.

Kaum ein Land ist für diese Problematik so bekannt wie

Madagaskar. Im Jahr 2008 verkündete der südkoreanische

Konzern „Daewoo Logistics“ ein 99 Jahres-Mietabkommen

über gigantische 1,3 Millionen Hektar – eine Fläche so groß

wie Schleswig-Holstein – zum Anbau von Mais und Palmöl

für den Export nach Südkorea. In Madagaskars Bevölkerung

wurde das als Neokolonialismus wahrgenommen. Der

damalige Präsident wurde gestürzt, sein Nachfolger cancelte

den Vertrag umgehend.

Laut der Direktorin der Anti-Korruptionsorganisation

„Transparency International“, Mialisoa Randriamampianina,

sind Agrarflächen eng mit den madagassischen Traditionen

verbunden, mit Bestattungsritualen, Reiszeremonien

und Gebeten um Regen. „Dieses kulturelle Erbe kollidiert

zunehmend mit den Interessen von Investoren aus Wirtschaft,

Tourismus und Bergbau, die Dorfgemeinschaften

verdrängen“, sagt sie.

13


Nur 14 Prozent

des Landes

in landwirtschaftlich

geprägten

Gegenden sind

registriert.

Mialisoa Randriamampianina

leitet das Büro

von Transparency International

in Madagaskar

Offiziell wird Ersatzland angeboten,

es ist allerdings oft unfruchtbar

und ohne Wasserquellen, Korruption

weit verbreitet. Der Zugang zur

Justiz ist schwierig, besonders für

Frauen, sagt Randriamampianina.

Obwohl alle Bürger gleiches Recht

auf Eigentum haben, werden verheiratete

Frauen nach dem Tod des

Mannes meist zuletzt bedacht, Unverheiratete

haben kaum

Chancen auf Landbesitz.

In patriarchal geprägten

Dorfgemeinschaften bleiben

sie von Entscheidungsprozessen

ausgeschlossen.

Für Bauer Rakotondravelo

geht es um mehr als

ein Stück Erde, der jahrelange

Kampf hat tiefe Furchen

im Gesicht hinterlassen.

„Das ist das Land

unserer Vorfahren – und

damit Teil der Familie“,

sagt er. Mit Unterstützung

der katholischen Organisation „Vahatra“ kämpft er um einen

Landtitel. Vahatra hilft bei den Anträgen, unterstützt

die Behörden mit der Bereitstellung von Computern für

die Erfassung von Landrechten – und finanziert einen Gerichtsprozess

des Dorfes Amboasary gegen den Investor.

„Der Staat hat bisher keine klare Linie zum Schutz von

Kleinbauern gefunden“, sagt Schwester Modestine Rasolofoarivola,

die Vahatra leitet.

„Und Menschen wie Jean Marie

haben keine Stimme in der

Hauptstadt – das versuchen wir

zu übernehmen. Die Bewohner

brauchen klare Besitzverhältnisse.“

43 Konflikte um Land

gab es allein in ihrer Diözese

im vergangenen Jahr, in ganz

Madagaskar sind es 800 jährlich.

„In einem anderen Landesteil

gab es wegen Landstreitigkeiten

schon Tote.“

Auch im Fall von Andrianiaina gibt es Zweifel daran,

Schwester Modestine

Rasolofoarivola spricht mit Bewohnern

des vom Landkonflikt

betroffenen Dorfes Betoko

dass er der rechtmäßige Besitzer des Landes ist. „Es stimmt,

dass Mr. Andrianiaina einen Teil des Landes rechtmäßig erworben

hat“, sagt Patricia Raharimalala, die Bürgermeisterin

der zuständigen Gemeinde Tsiroanomandidy, „aber es

ist rund die Hälfte weniger als er behauptet.“ Auf ihrem

Schreibtisch liegen Dutzende Mappen, Anträge der Familien

aus Amboasary für sogenannte Landzertifikate.

Sie werden seit einigen Jahren vom Gemeindelandbüro

ausgestellt, basierend auf lokalen Zeugenaussagen,

Vermessungen und anderen Dokumenten, die

Aufschluss über die Länge der Nutzung geben. Zwar

bieten Landzertifikate weniger Rechtssicherheit als

ein Grundbucheintrag, aber sie sind günstiger und

schneller zu bekommen.

Die Wut ist der jungen Beamtin anzumerken.

„Der Fall in Amboasary zeigt, wie das oft abläuft. Reiche

Leute aus Antananarivo kaufen Land, ohne die Umstände

vor Ort zu prüfen“, sagt sie, „wenn es dann Konflikte

gibt, spannen sie die Polizei ein, um Leute einzusperren.“

Sie erzählt von Korruption und dem endlosen Behördendschungel,

dem Kleinbauern ausgesetzt sind, die selten

mehr als vier Jahre zur Schule gegangen sind.

Eines der verwirrend vielen für Landfragen zuständigen

Ämter ist das regionale Landbüro von Tsiroanomandidy. Ein

Sachbearbeiter sagt, man habe den Fall gründlich geprüft:

„Weder Mr. Andrianiaina noch der angebliche pakistanische

Vorbesitzer sind im Register eingetragen, dieses Land hätte

nicht verkauft werden dürfen“, sagt er, „aus unserer Sicht

gehört das Land weiterhin dem Staat.“ In diesem Fall hätten

die Farmer, die das Land bislang bewirtschafteten, das

Recht auf weitere Nutzung.

Doch als der Mann die registrierten Abgrenzungen der

Gegend am Computer zeigen will, fällt mal wieder der Strom

aus, wie fast jeden Tag. In der Eingangshalle fehlt ein Stück

der Decke, das Büro ist völlig unterfinanziert, manchmal

hilft Vahatra mit Sachspenden aus. „Ohne die Finanzierung

durch internationale Geber wie die EU oder die Weltbank

gäbe es viele lokale Landbüros gar nicht“, sagt Leondaris

Razafindrakoto Yolande, Chefin der Entwicklungsinitiative

“AFAFI Centre” in Antananarivo.

Von 1.800 Gemeinden verfügen bislang nur rund 550

über solche Stellen, die günstige und schnellere Landzertifikate

ausstellen. Das System, das erst im Jahr 2005 einge-

14


„Das kulturelle

Erbe kollidiert

zunehmend mit

den Interessen

von Investoren.“

führt wurde, sollte Landrechte dezentralisieren – doch veraltete

Gesetze, fehlende Fachkräfte und geringe staatliche

Priorität bremsen den Fortschritt. Statt sich auf Investoren

zu konzentrieren, müsse die Regierung „den Kleinbauern

gesicherten Zugang zu Land ermöglichen – sie sind es, die

die Lebensmittelversorgung sichern“, sagt Yolande. Angesichts

des Klimawandels und wachsender Binnenmigration

sei dies auch eine Frage der Konfliktprävention.

Vahatra setzt sich für eine weitere Dezentralisierung ein,

versucht die Abläufe zu verbessern. Schwester Modestine

hat einen entsprechend fordernden Job, mal im Gerichtssaal,

in Politikerstuben, bei Gebern. Oder auf dem Motorrad

– während der Regenzeit ist das oft das einzige Fahrzeug,

mit dem sie die betroffenen Dörfer erreichen kann.

Manchmal geht es schlicht darum, die Gemüter der Beteiligten

zu beruhigen, Schlimmeres zu verhindern. Auf dem

Rückweg nach dem Besuch im Dorf Ambatolampy, zurück

in der Stadt Tsiroanomandidy, klopft plötzlich ein älterer

Mann an die Autoscheibe. Es ist Jose

Andrianiana, der Investor, begleitet von

einem jungen Polizisten. Wütend ist er,

seine Leute haben ihm am Telefon berichtet,

dass die Schwester Fremde in

das Dorf gebracht hat. „Was hatten Sie

auf meinem Land zu suchen?“, ruft der

68-Jährige.

Als er verstanden hat, dass es sich

um einen Journalistenbesuch handelt,

Auch Reisfarmerin Anne Marie

Nasandratriniaina aus dem Dorf

Betoko ist von den mangelhaften

Landrechten betroffen

beruhigt sich der Unternehmer – und

erklärt sich zu einem Gespräch am

nächsten Morgen bereit. In einem Fastfood-Restaurant

breitet er Gerichtsdokumente

aus, in denen angeblich die Räumung

der Felder durch die Bewohner von

Amboasary angeordnet wird. Jahrzehntelang

hat er für die Regierung Brücken im

ganzen Land gebaut, so sei er auch in die

Gegend gekommen. Ein Pakistani habe

ein Geschäft gehabt, in dem er Materialien

kaufte – und ihm dann die Agrarfläche angeboten.

Dieser sei der rechtmäßige Vorbesitzer

gewesen, behauptet Andrianiana, weil er

die Farmer entschädigt habe, der Vertrag

sei vom damaligen Bürgermeister beglaubigt

worden. Seinen Angaben zufolge gehe das auch aus den

Unterlagen des Landbüros hervor. „Ich bin im Recht – und

deshalb weiche ich nicht zurück, obwohl ich dafür fast mit

dem Leben bezahlt hätte“, sagt Andrianiaina und zeigt eine

lange Narbe am Hinterkopf.

Aufgeben kommt nicht in Frage, er wittert das große

Geschäft, auch jenseits der Landwirtschaft: „Die Regierung

hat eine geologische Studie gemacht, hier gibt es Gold und

andere Mineralien“, sagt er und fragt, ob die Besucher

nicht europäische Investoren im Bergbau kennen würden.

Der Bauunternehmer weiß ganz offenbar nicht, dass nach

madagassischem Recht der private Landbesitz einen Meter

unter der Erdoberfläche endet. Alle Rohstoffe darunter bleiben

Besitz des Staates.

Auch Rakotondravelo, der Farmer aus Amboasary, will

den Kampf um die Felder weiterführen. Zwar hat er auch

Felder, die nicht von Andrianiaina beansprucht werden.

Doch die reichen nicht für alle, er hat acht Kinder und

31 Enkel. „Ich schlafe schlecht, wache

immer um Mitternacht auf.“ Die Unsicherheit

raube ihm alle Energie. Doch

er müsse weitermachen, für die Zukunft

seiner Familie. „Ich bete jeden

Morgen und jeden Abend für Frieden“,

sagt der Farmer. Der Konflikt aber geht

weiter – und seine Kraft schwindet.

Jean Marie

Rakotondravelo kämpft

für die Zukunft seiner

Tochter und Enkelkinder

Christian Putsch lebt als freier Journalist in Kapstadt.

Er wuchs in Wuppertal auf und studierte Politikwissenschaft

in Marburg und Berlin.

Karin Schermbrucker lebt und arbeitet in Kapstadt.

Ihre Kamera ist für sie eine Brücke zwischen Menschen,

Kulturen oder Klassen.

15


IM

GROSSGRUNDBESITZER

DER

In Brasilien tobt ein ungleicher Kampf um

Land. Indigene und Kleinbauern verteidigen

ihr Territorium gegen Großgrundbesitzer

und Konzerne – unterstützt von Misereor.

Text von Christian Putsch

Landrechte sind in Brasilien mehr als nur eine rechtliche

Frage – sie sind eine Frage von Macht, Kultur und

Überleben. Seit der Kolonialzeit wehren sich indigene

und traditionelle Gemeinschaften gegen Großgrundbesitzer,

die das Land kontrollieren, auf dem sie leben.

Das Land gehört in vielen Gegenden überwiegend

Großgrundbesitzern, die nicht nur riesige Flächen bewirtschaften,

sondern auch die politischen und rechtlichen

Strukturen des Landes beeinflussen: „Es

ist ein System, das so tief in der brasilianischen

Gesellschaft verwurzelt ist, dass

selbst eine Verfassungsänderung nicht

ausreicht, um es zu verändern. Die Landrechte

von indigenen und traditionellen

Völkern werden immer noch ignoriert“,

so Almute Heider, Projektverantwortliche

für Brasilien bei Misereor.

Besonders problematisch ist das brasilianische

Erbrecht, das Land oft unter

zahlreichen Erben aufteilt, und das oft

ohne formale Vermessung oder Eintragung

ins Grundbuch. Mit der Zeit entstehen

dadurch immer kleinere Parzellen,

die wirtschaftlich kaum tragfähig sind.

Abholzung: Multinationale

Unternehmen haben

Brasilien als wichtige Rohstoffquelle

entdeckt

Fotos: Misereor/Kopp (o.); Misereor/Fallbusch (u.)

Almute Heider ist

Projektverantwortliche

für Brasilien

bei Misereor

Viele Familien bewirtschaften ihr Stück weiter ohne offizielle

Titel, was sie wiederum anfällig für Landraub macht.

Wenn einer der Erben seinen Anteil verkauft – oft aus finanzieller

Not – kann der Käufer versuchen, größere Teile

oder sogar die gesamte Fläche zu beanspruchen.

Eine der wichtigsten Partnerorganisationen von Misereor

ist die Fachstelle für Landfragen der katholischen Bischofskonferenz,

„Comissão Pastoral da Terra“ (CPT), die

seit Jahren die Landrechte von Kleinbauern und indigenen

Gruppen verteidigt. „Die CPT hilft nicht nur bei der juristischen

Begleitung von Landbesetzungen, sondern kämpft

auch politisch für eine Agrarreform, die den Landlosen zu

mehr Land verhilft“, so Heider. Dieser Kampf wird immer

härter. In vielen Regionen Brasiliens sind die betroffenen

Gemeinschaften mit multinationalen Unternehmen konfrontiert,

die in den Bergbau oder die Agrarindustrie investieren.

Diese Konzerne haben das Land als

Rohstoffquelle erkannt – und sie setzen

alle Hebel in Bewegung, um es maximal

auszubeuten, ohne Rücksicht auf die dort

lebenden Menschen.

Die CPT setzt sich auch für die Aufklärung

der betroffenen Gemeinschaften

ein. „Es ist entscheidend, dass diese Gemeinschaften

verstehen, welche Rechte

sie haben, und dass sie sich zusammenschließen,

um diese Rechte zu verteidigen.

Wenn die Gemeinschaften zusammenhalten,

können sie nicht nur für ihr

Land kämpfen, sondern auch für ihre

Kultur, ihre Identität und ihre Zukunft“,

erklärt Heider.

16


„Das Land

gehört nicht uns.

Wir gehören

zum Land.“

Eriberto Gualinga, mit Frau

Cindy und Sohn Unanchay, ist

Aktivist und setzt sich für die

Rechte von Indigenen ein

In unserer Gesellschaft gilt Boden als Besitz, der verkauft und übertragen

werden kann. Indigenen Völkern Südamerikas dagegen ist ihr

Territorium heilig. Vererbt wird hier etwas ganz anderes.

Text von Volker von Bremen, Fotos von Kathrin Harms

In einer Kolonie mennonitischer Siedler im Gran Chaco

Südamerikas hatte ich ein Haus gemietet, das einem Koloniebewohner

gehörte. Eines Tages überraschte uns ein

älterer Herr, der von der Rückseite kommend das Grundstück

durchquerte und es am Eingang zur Straße wieder

verließ. Er grüßte freundlich und entschuldigte sich für

sein Verhalten, das uns ungewöhnlich erschienen sein

mochte. Denn er hatte nicht, wie es in der Kolonie üblich

war, am vorgesehenen Eingang um Zutritt gebeten.

Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr, dass er zu dem

indigenen Volk gehörte, das die Gegend schon bewohnte,

bevor die mennonitischen Siedler ihre Kolonie gründeten.

Sein Pfad, der ihm Orientierung bot, folgte nicht den Straßen

der Siedlung, sondern führte auch durch das Grundstück,

auf dem ich lebte. Diese Begegnung zeigte mir, dass

es neben der Raumordnung der Siedlerinnen und Siedler

ein anderes Verständnis von Umwelt und Orientierung gibt:

Zäune, Gatter und Straßen der Neusiedler spielten für meinen

Besucher keine Rolle. Ähnliche Erfahrungen machte

ich immer wieder in Begegnungen mit Menschen indigener

Völker und Gemeinschaften in verschiedenen Ländern

Südamerikas. Ihre Orientierung und Beziehung zur Umwelt

basierten weniger auf den Bauten und Strukturen

der nicht-indigenen Siedlerinnen und Siedler, sondern auf

Naturmerkmalen wie Bäumen, Lichtungen, Wasserstellen

oder auf Ereignissen, die an bestimmten Orten geschahen

und in der Gemeinschaft bekannt waren.

Ihr Verhältnis zu ihrem Land gründet nicht primär auf

staatlich festgelegten Normen, auch wenn diese im Kampf

um den Schutz ihrer Gebiete eine wichtige Rolle spielen.

Doch ihre Beziehung zu ihrem Territorium beruht vor allem

auf eigenen Prinzipien, die sich aus ihrer Kosmovision,

Spiritualität und ethischen Werten ableiten und ihr tägliches

Leben prägen.

Angesichts des Klimawandels und der Umweltzerstörung

erheben indigene Völker zunehmend ihre Stimmen.

Sie verweisen dabei nachdrücklich auf ihre Prinzipien, die

ihr Verhältnis zur Umwelt bestimmen. Jedes Volk beruft

17


sich dabei auf eigene Erfahrungen und Erkenntnisse sowie

auf die von ihm gelebte Spiritualität. Ihre Grundsätze leiten

die indigenen Völker aus Mythen und Schöpfungsgeschichten

ab, die den Ursprung des Lebens erklären. Manche

Völker sehen in einem Schöpfer die Grundlage ihrer

Lebensregeln, die die ersten mythischen Ahnen entdeckten

und an ihre Nachfahren weitergaben. Andere berufen

sich auf eine Urgemeinschaft, in der alles Leben zusammenlebte.

In allen Fällen verstehen sich

die Menschen als Teil einer lebendigen,

oft beseelten Welt. So entsteht eine Art

verwandtschaftlicher Beziehung zwischen

Mensch und Tier, Mensch und

Wald, Mensch und Territorium – eine

Beziehung zur „Mitwelt“, die auf einem

gemeinsamen Ursprung beruht.

Der Begriff „natürliche Umwelt“

wird in diesem Denken überflüssig. Der

Mensch distanziert sich nicht von der

Wissen über das Land

als Erbe: Cousinen Yarapana

und Maya Gualinga (o.) und

Kerly Santi (u.) in Sarayaku

Natur, er beherrscht sie auch nicht. Das Territorium, der

Boden, der Wald, die Mitwelt sind mehr als sichtbare Natur

im naturwissenschaftlichen Sinn. Übernatürliche Wesen

verleihen der Welt eine zusätzliche Dimension: Ein Berg

wird zum Wohnort von Geistern, ein Regenbogen zur Manifestation

spiritueller Kräfte, ein Schlangenbiss zur Strafe

für Fehlverhalten. Einweihungsriten verbinden die Menschen

mit göttlichen Kräften und stärken soziale wie spirituelle

Beziehungen. Diese

Lebendigkeit reicht weit

über die bloße biologische

Existenz hinaus.

Das Territorium gilt

als heilig, geschaffen von

Urkräften, belebt von verwandten

Wesen und gestaltet

von allen, die es bewohnen.

Es ist kein Besitz, den

der Mensch nach Belieben

verändern, ausbeuten, verkaufen

oder vererben kann.

Es ist lebendig und beseelt.

Die Menschen bewohnen

es, sie sind Teil dieses Territoriums

und stehen in

einem ständigen Dialog

mit ihm und seinen Wesen.

Wird dieser Dialog durch Vertreibung oder Umsiedlung

unterbrochen, drohen sowohl das Leben der Menschen als

auch das des Territoriums zu verkümmern. Deshalb kehren

indigene Gemeinschaften oft in ihre Gebiete zurück, selbst

wenn diese offiziell nicht mehr als ihr Eigentum gelten und

an Dritte verkauft wurden. In solchen Fällen gelten sie als

Eindringlinge.

„Das Land gehört nicht uns. Wir gehören zum Land.“

Vererbt wird nicht das Land als Besitz, sondern das Wissen

um die Prinzipien und Zusammenhänge des Lebens und

der Kräfte auf diesem Land, die es ermöglichen, das Leben

zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Indigene Stimmen werden lauter – nicht nur im Kampf

um ihre Rechte und gegen Umweltzerstörung. Sie sprechen

nicht nur als Opfer von Unrecht und Zerstörung, sondern

auch als Botschafterinnen mit Visionen, die über ihre Gemeinschaften

hinausreichen. Sie zeigen Wege, wie wir das

Leben auf diesem Planeten so gestalten können, dass natürliche

Ressourcen genutzt werden, ohne die Umwelt zu

zerstören.

Volker von Bremen ist Ethnologe und interkultureller Berater für internationale

Entwicklungszusammenarbeit. Sein liebstes Familienerbstück sind

zwei kleine Salieren (Salzfässchen), die seinen Großeltern zur Hochzeit geschenkt

wurden und ihn von klein auf begleiten.

18


GLOBALES ERBE

SCHULDEN

Millionen Menschen leiden unter der globalen Schuldenkrise.

Mit der Kampagne „Erlassjahr 2025“ wollen Misereor

und Partnerorganisationen politische Reformen anstoßen

und den Druck auf Gläubigerstaaten erhöhen.

Text von Leon Kirschgens

Im März hat Misereor gemeinsam mit erlassjahr.de und

35 weiteren Organisationen die internationale Kampagne

„Erlassjahr 2025 – Turn Debt into Hope“ gestartet.

Ziel ist es, hochverschuldeten Staaten des Globalen Südens

durch faire Schuldenerlasse neue Handlungsspielräume

zu verschaffen. Noch bis zum 6. Januar 2026 werden dazu

weltweit Unterschriften gesammelt.

„Wir wollen das Jahr 2025 zu einem Jahr der Schuldenstreichung

machen“, sagen Kristina Rehbein von erlassjahr.

de und Klaus Schilder von Misereor. Denn die Schuldenlast

vieler Länder des Globalen Südens wächst unaufhörlich.

Laut dem aktuellen Schuldenreport 2025 sind mehr als

die Hälfte der öffentlichen Haushalte in Ländern mit niedrigem

und mittlerem Einkommen durch den Schuldendienst,

den sie an ausländische Gläubiger leisten müssen,

hoch oder sehr hoch belastet. Zu den betroffenen Ländern

zählen Staaten wie Pakistan und Kenia sowie Sri Lanka und

Suriname. Weitere 28 Länder sind hoch belastet; in 13 Ländern

besteht ein latentes Belastungsrisiko. In den kommen-

Bereits jetzt hat die Kampagne weltweit mehr als

140.000 Unterschriften gesammelt. Mit Aktionen,

Veranstaltungen und politischen Gesprächen

soll der Druck weiter erhöht werden. Möglichkeit

zum Unterschreiben und weitere Infos zu den Aktivitäten

in Deutschland gibt es im Internet unter:

https://erlassjahr2025.de/petition/

den drei Jahren müssen die 47 sehr hoch belasteten Länder

durchschnittlich mindestens 15 Prozent ihrer Staatseinnahmen

für Zins- und Tilgungszahlungen an ausländische

Gläubiger abführen – Geld, das etwa für Schulen oder Krankenhäuser

fehlt. Hinzu kommen die Folgen der Klimakrise:

Um etwa Naturkatastrophen, Überschwemmungen oder

Dürren zu bewältigen, müssen Staaten immer wieder neue

Kredite aufnehmen und damit ihre Schuldenlast erhöhen.

Die Kampagne knüpft an „Erlassjahr 2000“ an, das bereits

vor 25 Jahren Schuldenerlasse auf die Agenda brachte.

Nun geht es um einen nächsten Schritt: Die internationale

Schuldenarchitektur grundlegend zu reformieren. Misereor

und die anderen Organisationen fordern deshalb, dass

Entscheidungen über Schuldenstreichungen nicht mehr

nur von mächtigen Gläubigern wie den G20-Staaten oder

dem Internationalen Währungsfonds getroffen werden,

sondern von allen Mitgliedern der Vereinten Nationen.

„Die Länder des Globalen Südens brauchen endlich mehr

Mitspracherecht, wenn es um die Bewältigung ihrer Schuldenlast

geht“, sagt Rehbein. Nur so komme ein faires und

transparentes Staateninsolvenzverfahren zustande.

Leon Kirschgens ist freier Journalist. Sein Lieblingserbstück ist ein altes

Amulett der Großmutter. Ihre Cousine hatte es im französischen Lourdes gekauft

und der Großmutter nach dem Tod ihres Mannes geschenkt. Es ist von

großem Wert, weil er seine Großmutter nie kennengelernt hat.

Fotos: Harms/Misereor

19


INTERVIEW

„ Von den

Vorteilen einer

Erbschaft sollten

alle profitieren.“

Das Gespräch führte Birgit-Sara Fabianek

Fotos von Bettina Flitner

Jens Beckert, Direktor des Max-Planck-Instituts

für Gesellschaftsforschung in Köln, über wachsende

Ungleichheit, umstrittene Erbschaftssteuern

und seine Idee für mehr Chancengerechtigkeit.

20


Erbschaften werden

als legitimer Familienbesitz

betrachtet, der vor

dem Zugriff des Staates

geschützt werden muss.

Diese Einstellung erschwert

Reformen.

In Deutschland werden in den nächsten

Jahren bis zu 400 Milliarden Euro

jährlich vererbt. Vor einer Generation

waren es oft Schmuckstücke oder Briefmarkensammlungen,

die als wertvollster

Besitz weitergegeben wurden. Heute

sind es meist Immobilien – das Elternhaus

oder Omas Häuschen. Ist das eine

gute oder eine schlechte Entwicklung?

Jens Beckert: Beides. In der oberen

Mittelschicht ist das Haus heute tatsächlich

meist der wertvollste Besitz,

der vererbt wird. Oft spiegelt sich

darin das Ergebnis jahrzehntelangen

Sparens und eines erfolgreichen sozialen

Aufstiegs wider – ein Aufstieg, der

in der Bundesrepublik lange möglich

war und mit einer beachtlichen Zunahme

an Wohlstand verbunden war.

Das klingt positiv.

Für die Erben sicher. Ein Erbe ist nicht

nur ein Vermögenswert, sondern ist

auch zu einem Symbol für Sicherheit

und Zugehörigkeit geworden. In einer

Zeit multipler Krisen und globaler Herausforderungen,

in der Arbeitsverhältnisse

unsicherer werden, Aufstiegsmöglichkeiten

schwinden und viele

„Die wachsende

Ungleichheit ist

eines der drängendsten

Probleme

unserer Zeit.“

Menschen Angst vor sozialem Abstieg

haben, bieten ein geerbtes Haus oder

Erspartes einen wichtigen Schutz vor

Risiken.

Wie meinen Sie das?

Wer erbt, kann Rückschläge verkraften,

Risiken eingehen oder einfach ruhiger

schlafen, weil er weiß, dass im

Notfall noch etwas da ist. Gleichzeitig

steigen die Preise für Wohneigentum.

Wer keine familiäre Unterstützung

hat, kann sich oft keine eigene Wohnung

oder kein Haus mehr leisten,

besonders in den Städten. Dadurch

entscheidet die Herkunft wieder stärker

über die Lebenschancen – ein

Widerspruch zum Ideal der liberalen

Demokratie, in der Leistung zählen

soll, nicht die Abstammung. Wenn

die Startbedingungen so ungleich

sind, wird sozialer Aufstieg immer

schwieriger. Das führt zu Frustration,

Misstrauen gegenüber politischen Institutionen

und gefährdet den gesellschaftlichen

Zusammenhalt.

Wenn dieses „unverdiente Vermögen“,

wie Sie es bezeichnen, soziale

Spannungen verschärft – wie groß ist

das Problem?

Die wachsende Ungleichheit ist eines

der drängendsten Probleme unserer

Zeit. In Deutschland besitzen die oberen

zehn Prozent fast zwei Drittel des

privaten Vermögens, während die untere

Hälfte praktisch nichts hat. Diese

Schieflage hat sich in den letzten

50 Jahren verschärft. Das jährliche

Erbvolumen entspricht inzwischen

etwa zehn Prozent der deutschen

Wirtschaftsleistung.

Warum ist die Erbschaftssteuer dann

so unbeliebt? Sie könnte doch helfen,

die soziale Ungleichheit zu verringern

und das Vermögen umzuverteilen.

Das hat mehrere Gründe. Viele sehen

Erbschaften als etwas Persönliches,

als das Lebenswerk der Eltern oder

Großeltern. Dass der Staat davon etwas

nimmt, empfinden viele als ungerecht.

Hinzu kommt, dass sich viele

selbst als potenziell Betroffene sehen,

auch wenn die meisten Erbschaften

relativ klein sind. Es gibt eine große

Angst, das eigene Elternhaus zu verlieren

oder verkaufen zu müssen, um

Steuern zu zahlen. Das prägt die Debatte

und macht es schwer, hier für

Veränderungen zu werben. Erbschaften

werden als legitimer Familienbesitz

betrachtet, der nicht angetastet

werden soll. Diese Haltung ist tief im

kollektiven Bewusstsein verankert

und macht Reformen schwierig.

Der Staat hat im vergangenen Jahr

knapp 11 Milliarden Euro Erbschaftssteuer

eingenommen – das sind etwa

zwei Prozent des Erbschaftsvolumens.

Wäre da nicht mehr möglich?

Theoretisch ja. Politikwissenschaftlich

betrachtet müsste eine Steuer,

die allenfalls fünf Prozent der Bevölkerung

betrifft, breite Zustimmung

Illustrationen: istock/anon-tae

21


Je ungleicher

eine Gesellschaft,

desto geringer ist

die Unterstützung

für Umverteilungsmaßnahmen

wie

Steuern.

finden, weil 95 Prozent davon profitieren

könnten.

Doch das passiert nicht.

Im Gegenteil: Besonders große Vermögen,

etwa Betriebsvermögen, bleiben

oft weitgehend steuerfrei. Erben großer

Vermögen zahlen im Schnitt nur

zwei Prozent Steuern, während mittlere

Erbschaften, die über ein oder zwei

Millionen Euro liegen, mit über zehn

Prozent belastet werden.

Ist die Vererbung von Betriebsvermögen

besonders problematisch?

Ja, das ist ein ganz zentraler Punkt.

Ein großer Teil der größten Vermögen

in Deutschland besteht aus Betriebsvermögen,

das durch großzügige Ausnahmen

bei der Erbschaftssteuer begünstigt

wird.

Warum?

Man argumentiert, dass so Arbeitsplätze

erhalten bleiben würden. In der

Jens Beckert ist seit 2005 Direktor

am Max-Planck-Institut für

Gesellschaftsforschung in Köln.

Der Soziologe forscht im Bereich

der Wirtschaftssoziologie

mit besonderen Schwerpunkten

auf der Einbettung von Märkten

und der Rolle von Erwartungen in

der Wirtschaft. Seine Bücher „Erben

in der Leistungsgesellschaft“

und „Unverdientes Vermögen“

bieten Einblicke in seine Forschungen

zu diesem Thema. Beckert

lebt mit seiner Frau in Köln.

22


Praxis führt das aber dazu, dass sehr

große Vermögen nahezu steuerfrei

weitergegeben werden – oft über Generationen.

Das beschleunigt die Konzentration

von Reichtum an der Spitze.

Foto: istock/saiko3p

Entsteht so eine Art „Erb-Adel“?

Faktisch ja. Es gibt nicht nur eine Kluft

zwischen denen, die erben, und denen,

die nichts bekommen, sondern auch

innerhalb der oberen Vermögensschichten.

Wer Betriebsvermögen erbt,

profitiert besonders, weil diese Werte

schneller wachsen und höhere Renditen

erzielen als Sparguthaben oder Immobilien

und gleichzeitig quasi nicht

besteuert werden.

Wieso gibt es keinen Aufschrei?

Viele wissen gar nicht, wie ungleich

die Verteilung ist. Stattdessen fürchten

sie den Zugriff des Staates, verstärkt

durch ein diffuses Gefühl sozialer

Unsicherheit. Außerdem besteht

ein erheblicher Lobbyismus, der dazu

beiträgt, dass Reformbemühungen im

Keim ersticken.

Ist das nicht paradox? Gerade in

unsicheren Zeiten bräuchte man doch

mehr und gerechtere Steuereinnahmen,

um soziale Sicherungssysteme

zu stärken.

Diese Idee war bis in die 1970er Jahre

verbreitet. Es war die Vorstellung

eines starken Staates, der wirtschaftliche

Prozesse lenken und gesellschaftliche

Prozesse organisieren kann. In

dieser Zeit waren die Erbschaftssteuern

hoch, auch in Deutschland galten

in der unmittelbaren Nachkriegszeit

Von einer

höheren Erbschaftssteuer

könnten 95 Prozent

der Bevölkerung

profitieren.

bis zu 60 Prozent für unmittelbare Familienangehörige,

in den USA gingen

sie sogar hoch auf 80 Prozent, das ist

heute kaum noch zu glauben.

Was hat sich geändert?

Mit dem Aufstieg einer marktliberalen

Wirtschaftspolitik setzte sich die Vorstellung

durch, Märkte könnten gesellschaftliche

Prozesse besser regeln.

Seitdem stehen Erbschaftssteuern

weltweit unter Druck. Internationale

Studien zeigen, dass gerade in ungleichen

Gesellschaften die Unterstützung

für Umverteilungsmaßnahmen

wie Steuern besonders gering ist.

Weil das Vertrauen in den Staat

schwindet?

Genau. Populistische Bewegungen

nutzen das aus. Wenn das Vertrauen

in den Staat sinkt, glauben die Menschen

nicht mehr, dass Steuern sinnvoll

eingesetzt werden und allen zugutekommen.

Dieser Vertrauensverlust

verstärkt sich selbst.

Was tun? Sie schlagen ein Grunderbe

vor – einen staatlichen Startbetrag für

alle jungen Erwachsenen. Wie könnte

das helfen?

Ein Grunderbe von 60.000 Euro würde

die Startchancen unabhängig von der

Herkunft verbessern. Junge Menschen

könnten Projekte starten, sich weiterbilden,

ein Unternehmen gründen

oder Wohneigentum kaufen. Das würde

das Aufstiegsversprechen erneuern

und die gesellschaftliche Spaltung

verringern. Es wäre ein Schritt,

die Vorteile von Erbschaften zu demokratisieren.

Wie realistisch ist das?

Politisch ist das schwierig. Die Ablehnung

von Erbschaftssteuern ist tief

verwurzelt, und ein Grunderbe müsste

finanziert werden. Aber die wachsende

Ungleichheit und die Gefahr, dass

immer mehr Menschen das Gefühl haben,

nicht mehr mithalten zu können,

erhöhen den Druck auf die Politik,

neue Wege zu finden. Ein Grunderbe

könnte das Versprechen von Chancengleichheit

wiederbeleben.

Birgit-Sara Fabianek ist freie Journalistin in Aachen.

Ihr liebstes Familienerbstück ist ein Taufkleid,

in das mittlerweile die Taufnamen von drei

Generationen eingestickt sind.

Bettina Flitner ist freie Fotografin aus Köln. Sie

hält drei eng getippte Bücher ihres Großvaters

mit Erinnerungen über die Geschichte der Familie

in Niederschlesien vor und nach deren Ausweisung

in Ehren.

Eine eigene Wohnung

in der Stadt bleibt

ohne familiäre Hilfe

oft ein Traum

23


INFOGRAFIK

UNGLEICHE

CHANCEN

ERBSCHAFTEN IN

DEUTSCHLAND

400 Milliarden Euro vererben die

Deutschen pro Jahr, das entspricht

rund 10 Prozent der jährlichen

Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Das aktuell zu vererbende

Vermögen der über 70-Jährigen

liegt bei etwa 1,3 Billionen Euro.

10 Prozent der Begünstigten

erhalten die Hälfte

aller Erbschaften und

Schenkungen.

Die restlichen

90 Prozent

teilen sich die

andere Hälfte.

70 Prozent der Bevölkerung

erben nichts.

In Westdeutschland

sind Erbschaften im

Schnitt doppelt so hoch

wie in Ostdeutschland.

20 20 20

BILDUNG WIRD VERERBT

Erbschaften führen dazu, dass

Vermögen und damit verbundene

Chancen zunehmend „vererbt“

werden. Bildung bleibt der

wichtigste Hebel für sozialen

Aufstieg, doch die Chancen sind

ungleich verteilt.

Kinder von

Eltern ohne

Hochschulabschluss

Anteil der Grundschulkinder, die akademische Bildungsgrade

erreichen, nach Bildungshintergrund ihrer Eltern in Prozent

100

100

Grundschüler*innen

27

79

20

64

11

43

Kinder von

Eltern mit

Hochschulabschluss

Studienanfänger*innen

Bachelorabschluss

Masterabschluss

2

6

Promotion

24


SCHWERES ERBE VERSCHULDUNG

SCHWERES ERBE VERSCHULDUNG

55 Prozent der Länder im

55 Prozent der Länder im

Globalen Süden sind laut Schuldenreport

2024 in einer alarmierenden

Globalen Süden sind laut Schuldenreport

2024 in einer alarmierenden

Verschuldungslage. In diesen Ländern

Verschuldungslage. In diesen Ländern

leben 90 Prozent der Menschen.

leben 90 Prozent der Menschen.

Seit 2020 sind in Entwicklungsländern mit hoher

Seit 2020 sind in Entwicklungsländern mit hoher

Verschuldung 165 Millionen Menschen

Verschuldung 165 Millionen Menschen

zusätzlich unter die Armutsgrenze gerutscht, das

zusätzlich unter die Armutsgrenze gerutscht, das

heißt, sie verdienen weniger als 3,65 US-Dollar am Tag.

heißt, sie verdienen weniger als 3,65 US-Dollar am Tag.

In 45 Staaten fließen mehr als

In 45 Staaten fließen mehr als

15 Prozent der Staats-

15 Prozent der Staats-

einnahmen in Zins- und

einnahmen in Zins- und

Tilgungszahlungen.

Tilgungszahlungen.

Über eine Milliarde US-Dollar pro Tag

Über eine Milliarde US-Dollar pro Tag

fließen aus Ländern des Globalen Südens zur

fließen aus Ländern des Globalen Südens zur

Schuldendienst-Leistung an ausländische

Schuldendienst-Leistung an ausländische

Gläubiger.

Gläubiger.

In 47 sehr hoch verschuldeten Ländern leben

In 47 sehr hoch verschuldeten Ländern leben

231 Millionen Menschen in extremer

231 Millionen Menschen in extremer

Armut – das entspricht 18 Prozent der

Armut – das entspricht 18 Prozent der

jeweiligen Bevölkerung und ist doppelt so

jeweiligen Bevölkerung und ist doppelt so

hoch wie im globalen Durchschnitt

hoch wie im globalen Durchschnitt

(9 Prozent der Weltbevölkerung).

(9 Prozent der Weltbevölkerung).

Mehr als 3,3 Milliarden Menschen

Mehr als 3,3 Milliarden Menschen

leben in Ländern, die mehr für den Schuldendienst

ausgeben als für Bildung und

leben in Ländern, die mehr für den Schuldendienst

ausgeben als für Bildung und

Gesundheit zusammen.

Gesundheit zusammen.

Die Folgen:

Die Folgen:

Den Staaten fehlt das Geld für Bildung,

Den Staaten fehlt das Geld für Bildung,

Gesundheit, soziale Sicherung und Investitionen

in eine nachhaltige Zukunft.

Gesundheit, soziale Sicherung und Investitionen

in eine nachhaltige Zukunft.

Beispiele:

Beispiele:

Libanon: 88 Prozent der

Libanon: 88 Prozent der

Staatseinnahmen fließen

Staatseinnahmen fließen

in den Schuldendienst.

in den Schuldendienst.

88 %

88 %

Um die Schulden zu bedienen,

Um die Schulden zu bedienen,

werden Steuern erhöht und

werden Steuern erhöht und

staatliche Leistungen gekürzt.

staatliche Leistungen gekürzt.

Die Lebenshaltungskosten

Die Lebenshaltungskosten

steigen.

steigen.

77 %

77 %

Laos: 77 Prozent der

Laos: 77 Prozent der

Staatseinnahmen werden

für den Schulden-

Staatseinnahmen werden

für den Schuldendiensdienst

benötigt.

benötigt.

Die Schuldenlast trifft vor allem

Die Schuldenlast trifft vor allem

die arme Bevölkerung. Armut

die arme Bevölkerung. Armut

und Ungleichheit nehmen zu.

und Ungleichheit nehmen zu.

Kenia: Rund 25 Prozent der Staatseinnahmen

gehen in den Schulden-

Kenia: Rund 25 Prozent der Staatseinnahmen

gehen in den Schuldendienst

– fast fünfmal mehr als in

dienst – fast fünfmal mehr als in

das Gesundheitswesen.

das Gesundheitswesen.

25 %

25 %

25


REPORTAGE

AUS

DER

Im ländlichen Rajasthan in Indien wird Armut

und Abhängigkeit seit Generationen vererbt.

Aber mit beharrlichen Schritten – und manchmal

ein bisschen Unterstützung – wird sichtbar,

dass Veränderung möglich ist.

Text von Natalie Mayroth

Fotos von Smita Sharma

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„Wir wollen,

dass unsere

Kinder nicht die

Unsicherheit

erleben, die

wir kannten.“

Der Weg zu Narni Bhais Haus führt über

einen staubigen Pfad vorbei an Feldern,

auf denen Mais und Sojabohnen wachsen.

Im Schatten stehen zwei Kühe, daneben

ein Wasserbüffel. Sie eilt mit einem Metalleimer

über den Hof, schöpft Wasser aus einem

überdachten Brunnen und bringt es zu den

durstigen Tieren. Das Wohnhaus daneben,

ein solider Ziegelbau mit Metalltür, ist noch

nicht ganz fertiggestellt, wirkt aber wie ein

Symbol: Hier hat sich etwas verändert.

Die 38-jährige Mutter von drei Kindern lebt in Salumber,

im Süden Rajasthans, einem der ärmeren Bundesstaaten

Indiens. Die Region ist Heimat indigener Adivasi-Gemeinschaften,

zu denen sie als Bhil gehören, und ein Zentrum

für Wanderarbeiter. Vor allem

Männer ziehen saisonal

in Städte wie Udaipur oder in

andere Bundesstaaten – Ahmedabad,

Surat oder Mumbai

–, um in der informellen

Wirtschaft Arbeit zu finden.

Ihr Mann Shantilal arbeitet

in der Landwirtschaft und

bessert das Einkommen mit

Gelegenheitsjobs in Udaipur

auf, etwa bei Festen oder auf

Baustellen. Wenn er fort ist, bewirtschaftet sie den kleinen

Hof fast allein. Ihre erwachsenen Töchter sind nicht vollständig

eingespannt, sondern sie ermutigt sie, weiter zur

Schule zu gehen und zu lernen.

„Ich möchte, dass meine Kinder eine andere Zukunft haben

als ich.“ Die Landwirtschaft gehöre zu ihrem Leben,

„aber sie gibt nicht viel her – auch wenn ich sie nicht ablehne”,

sagt Narni Bhai, nachdem sie den Eimer abgestellt hat.

Der Wandel der Familie begann bei ihr. „Früher war ich

schüchtern, ich konnte mit niemand Fremdem sprechen.“

Den Ghoonghat, einen traditionellen Schleier, der Frauen

in der Region oft das Gesicht verhüllt, trägt sie heute nur

noch locker über dem Kopf, über ihrem Rock und einer

Blumenbluse.

Als ihre Töchter klein waren, schloss sie sich einer

Frauengruppe des Aajeevika Bureau an. Die Organisation

unterstützt mit Hilfe von Misereor seit 20 Jahren Wander-

Shantilal und Narni Bhai leben

im Dorf Kerpura in Salumber

und gehören zur Adivasi-

Gemeinschaft der Bhil

arbeiter in der Region – mit Solidargruppen, Rechtsberatung

und Qualifizierungsprogrammen. Anfangs nahm sie

aus Neugier teil, später mit wachsendem Mut und Führungsposition.

Narni Bhai, die nie richtig zur Schule gehen

konnte, begann mit ihren Töchtern zu lernen, als die Älteste

die siebte Klasse besuchte.

Abends saßen sie zusammen an den Hausaufgaben.

Später legte Narni Bhai mit ihr die Abschlussprüfung der

zehnten Klasse ab. Sie bestand zwar nicht alle Fächer, aber

das war nebensächlich. Sie hilft mittlerweile anderen, Formulare

für Anträge auszufüllen. „Unsere Mutter hat uns

gezeigt, dass sie es wollte – und dass sie es schaffen konnte“,

sagt die 21-jährige Mamta. Heute studiert sie Hindi und

Geschichte und möchte Lehrerin werden. Ihre Schwester

Chandu, 19, bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung zur

Krankenpflegeschule vor.

Dass beide nicht früh verheiratet wurden, ist vielleicht

das deutlichste Zeichen des Wandels. Chandu erzählt

von ehemaligen Schulkameradinnen, die die Schule abbrachen

und nun ohne Perspektive verheiratet im Dorf

leben. „Wir wollen nicht einfach zu Hause sitzen“, sagt

sie. Bildung bedeutet nicht nur bessere Chancen für die

Familie – sondern auch für sie selbst. Ihr Vater Shantilal

hat Verständnis. „Es war schwierig, mit meinem Mann

über all das zu sprechen“, sagt Narni Bhai. Doch sie hat

sich verändert – und mit ihr auch das Familienleben. Als

freiwillige Koordinatorin verdiente Narni Bhai zeitweise

eigenes Geld und konnte ihre Kinder direkt unterstützen.

Wie aus Daten der Weltbank hervorgeht, haben sich

zwischen 2011/12 und 2022/23 in Indien fast 270 Millionen

Menschen aus extremer Armut befreit (ihr Anteil an

der Bevölkerung sank von 27 Prozent auf 5,3 Prozent). Migration

eröffnete ihnen neue Einkommensmöglichkeiten.

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„In den 90er-Jahren

war für viele das

Wichtigste, eine oder

zwei Mahlzeiten am

Tag zu haben. Heute

geht es um Arbeit, Bildung

und Sicherheit“, sagt

Rajiv Khandelwal, Mitbegründer

von Aajeevika Bureau. Doch

trotz dieser Fortschritte bleiben

strukturelle Barrieren wie Religion,

Kaste, soziale Herkunft und

informelle Abhängigkeiten bestehen.

Etwa eine Autostunde von

Udaipur entfernt liegt Gogunda

Bherulal Meghwal

spielt mit seiner

Enkeltochter in der

niedrigen Lehmhütte im

Dorf Rana in Gogunda.

Er ist heute Vorarbeiter

auf Baustellen.

und das Dorf von Bherulal Meghwal. Der 50-Jährige sitzt

im Eingangsbereich seines neuen Hauses, deutet auf das

Dach: „Hier regnet es nicht hinein.“ Die Familie lebte in

einer niedrigen Lehmhütte, die gegenübersteht. Das Geld

war oft knapp.

Bherulal begann als Tagelöhner, heute ist er durch seine

Erfahrung Vorarbeiter auf Baustellen. Er lernte, Löhne

einzufordern und Arbeitsrechte zu verteidigen. Über die

Gewerkschaft, die von Aajeevika unterstützt wird, spricht

er mit Überzeugung: „Früher wussten wir nicht, dass wir

ein Recht auf geregelte Arbeitszeiten haben. Heute können

wir Nein sagen.“ Er geht in ein Zimmer und holt einen alten

Ausweis heraus, den er einmal als Aajeevika-Mitglied

bekommen hat. Sie werden nicht mehr ausgestellt, doch

für ihn ist er ein Schatz.

Seine Frau Pushpa arbeitet ebenso

hart. Sie kümmert sich um die

Felder, erledigt die üppige Hausarbeit

und nimmt, wenn es die Zeit

erlaubt, am staatlichen Beschäftigungsprogramm

Mahatma Gandhi

National Rural Employment Guarantee

Act (MGNREGA) teil, das für

100 Tage Arbeit im Jahr einen Mindestlohn

garantiert. Doch es ist kein

„Es geht

darum,

selbst zu entscheiden.“

leicht verdientes Geld. Pushpa hat eigentlich immer viel zu

tun: Ziegen hüten, kochen, waschen, den Alltag organisieren.

Auch die erwachsenen Kinder tragen zur Hausarbeit

und zum Unterhalt bei, so konnten sie das Haus neu bauen.

Unterdessen trainiert der jüngere Sohn Mukesh, 19,

für die Aufnahmeprüfung bei der Polizei. Wie viele junge

Menschen in Rajasthan ist sein Ziel eine sichere Anstellung

im öffentlichen Dienst. Sie verspricht nicht nur ein

regelmäßiges Einkommen, sondern auch gesellschaftliche

Anerkennung und Rentenansprüche. Die jüngste

Tochter Tulsi, 15, möchte Lehrerin werden. Die Kinder

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Pushpa Meghwal arbeitet von

5 Uhr morgens bis 22 Uhr in

der Nacht. Sie ist Mitglied in

der Frauen-Selbsthilfegruppe.


Chandu Meena hat ihre Zukunft

im Blick. Die 19-Jährige

besucht das College und will

Krankenschwester werden.

haben Ziele, die sie von der harten Arbeit

der Eltern abheben. „Wir wollen, dass unsere

Kinder nicht die Unsicherheit erleben,

die wir kannten“, sagt Bherulal. Der älteste

Sohn arbeitet als Helfer in einem Krankenhaus

in Udaipur und hat sich damit im Dorf

schon einen Namen gemacht.

Der wirtschaftliche Aufschwung macht

sich in Indiens Dörfern bemerkbar, doch

die sozialen Rollen bleiben oft starr. Das

möchte Sugna, 24, durchbrechen. Die zierliche

Frau verfolgt ihr Ziel entschlossen. Sie

lebt in einem gemieteten Zimmer in Udaipur

und arbeitet in einem Kino im Reinigungsdienst.

Ihr Vater starb früh bei einem

Unfall im Steinbruch, die Mutter zog die

Kinder allein groß.

Früher war Sugna oft traurig. Ihr Vater schickte sie

ins Internat, da es in ihrem Heimatdorf keine weiterführende

Schule gibt. „Erst Jahre später habe ich verstanden,

was meine Eltern für mich getan haben“, sagt sie. Sugna

schaffte es bis zum College, studierte Geografie und absolvierte

zusätzlich einen Kurs im Einzelhandel. Nach dem Abschluss

fand sie erst einmal einen Job in der Gastronomie

– trotz ihrer Ausbildung. Das war wichtig, um ihrer Mutter

Geld nach Hause ins abgelegene Dorf zu schicken. Von dort

wechselte sie die Anstellung, wo sie etwas mehr verdient.

Nun hat sie gespart, doch sie will mehr erreichen.

Derzeit bereitet sie sich auf die Lehrerprüfung vor. Erfahren

hat sie darüber im ‘E-Mitra-Center’, wo sie oft ihre

wenige freie Zeit verbringt. „Meine Mutter und mein

Grundschullehrer unterstützen mich”, sagt sie. Manche

Verwandte rieten ihr, sie solle lieber Nähen lernen.

Trotzdem gibt sie nicht auf. „Ich will den Mädchen in

meinem Dorf ein Vorbild sein“, sagt sie. „Damit sie sehen,

dass es anders geht.“ Bald will sie die Stelle im Kino verlassen,

um mehr Zeit fürs Lernen

zu haben. Neben einem

sinnvollen Beruf wünscht sie

sich einen eigenen Roller, um

mobiler zu sein. Später möchte

sie ihren Freund heiraten,

doch die Karriere hat Vorrang.

„Ich möchte,

dass meine

Kinder eine andere

Zukunft

haben als ich.“

Zurück in Salumber sitzt Narni Bhai auf der Schwelle

ihres Hauses, neben ihr Mamta und Chandu. Die Mädchen

sprechen über ihre Zukunftspläne. Lehrerin und Krankenschwester

– Berufe, die Respekt und Unabhängigkeit bedeuten.

„Es geht nicht nur darum, Geld zu verdienen“, sagt

Chandu. „Es geht darum, selbst zu entscheiden.“

Sugna hilft einer Verwandten

Wasser von der Quelle ins Dorf

Chilurwa zu bringen. Sie arbeitet

in einem Kino in Udaipur.

Aajeevika Bureau

Die Lebenswege im westindischen Rajasthan

sind noch immer geprägt von Kastenzugehörigkeit,

Stigmatisierung und fehlender Aufklärung

über Rechte. Besonders betroffen sind Menschen

aus indigenen Gemeinschaften. Hier setzt

Aajeevika Bureau an: Die Organisation stärkt

Bevölkerungsgruppen in migrationsabhängigen

Regionen – sowohl in den ländlichen Herkunftsgebieten

als auch in den städtischen Zielorten.

Natalie Mayroth arbeitet als Journalistin vor allem zu Südasien. Ein besonderes

Erbstück, das sie von ihrer Mutter erhalten hat, ist ein halbgeflochtener

Goldring ihrer Großmutter aus dem Iran.

Smita Sharma lebt als Fotojournalistin in Neu Delhi. Bei ihrer Arbeit beschäftigt

sie sich mit Menschenrechtsthemen.

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Wie vererben sich

eigentlich Nachnamen?

Die Namensgebung ist weltweit

sehr unterschiedlich geregelt.

Es gibt zahlreiche Länder und Kulturen,

in denen der Familienname nicht

im uns bekannten Sinn vererbt, sondern

auf andere Weise vergeben

wird – oder in denen es gar

keine festen Familiennamen

gibt.

Äthiopien und Eritrea

In Äthiopien und Eritrea gibt es

traditionell kein System der

Vererbung von Familiennamen.

Stattdessen wird meist der Vorname des

Vaters als Nachname des Kindes verwendet,

gegebenenfalls gefolgt vom

Namen des Großvaters, sodass sich

der Nachname von Generation

zu Generation ändert.

Island

In Island wird der Nachname

nicht als Familienname

vererbt, sondern jedes Kind

erhält einen Nachnamen, der sich

vom Vornamen des Vaters oder

der Mutter ableitet und um

„-son“ (Sohn) oder „-dóttir“

(Tochter) ergänzt wird.

Illustration: istock/Mariia Smirnova

Brasilien

und Portugal

In Brasilien und anderen

portugiesischsprachigen Ländern

erhalten Kinder die Nachnamen

beider Eltern, wobei der

Nachname der Mutter zuerst

und der des Vaters zuletzt

genannt wird.

Spanien und spanisch

sprachige Länder

In Spanien und spanischsprachigen

Ländern wie Argentinien,

Kolumbien oder Chile tragen Kinder

ebenfalls die Nachnamen beider

Eltern, wobei zuerst der Vatername

und anschließend der Name

der Mutter genannt wird.

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Indien

Im Norden wird meist

der Nachname des Vaters von

Frau und Kindern übernommen. In

Zentralindien wird oft der Vorname

des Vaters als Nachname des Sohnes

verwendet, sodass es keinen festen

Familiennamen gibt. In Südindien

steht häufig der Herkunfts- oder

Hausname vor dem persönlichen

Namen und wird oft

abgekürzt.

Deutschland

Bislang konnten Kinder in

Deutschland nur den Namen

eines Elternteils tragen, das hat sich

seit Mai 2025 geändert. Entscheiden

sich die Eltern für einen Doppelnamen,

erhalten ihre Kinder diesen ebenfalls.

Auch wenn die Eltern ihre Geburtsnamen

behalten, können die Kinder

einen Doppelnamen tragen. Letzteres

gilt übrigens auch für

unverheiratete Paare.

Friesland

Seit Mai 2025 haben in

Deutschland lebende Friesen

das Recht, ihren Nachnamen nach

friesischer Tradition zu bilden, also

optional nach dem Vornamen des Vaters

oder der Mutter. Beispielsweise Jan

Jansen, wenn der Vater Jan heißt, oder

Jan Gretasen, wenn die Mutter Greta

heißt. Eine Jana hieße

entsprechend Jana Jans

oder Jana Gretas.

Griechenland

In Griechenland behalten

Frauen und Männer bei der

Heirat ihren Nachnamen. Die

Nachnamen unterscheiden

sich je nach Geschlecht in

der Form (zum Beispiel

Kolidis/Kolidi).

Litauen

In Litauen haben Nachnamen

eine weibliche und eine

männliche Form. Verheiratete

Frauen tragen die Endung -ienė,

unverheiratete -aitė, -ytė, -utė oder

-iūtė. Neuerdings können Frauen

ihren Geburtsnamen behalten

oder eine neutrale Endung

wählen.

Indonesien

In Indonesien, insbesondere

auf Java, gibt es

oft gar keine Nachnamen.

Viele Menschen haben

nur einen Vornamen.

Quellen: wikipedia.org, littleyears.de, unsereahnen.de, genealogy.net, duolingo.com

31


REPORTAGE

EIN

WETTLAUF

MIT DER

ZEIT

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Viele Jahrtausende hat die Menschheit eine beeindruckende

Vielfalt an Saatgut und Nutztieren gezüchtet. Vieles davon ist

bereits weitgehend verschwunden. Saatgutbanken wie in Gatersleben

setzen alles daran, dieses lebendige Erbe zu bewahren.

Aber wie macht man das? Ein Besuch vor Ort.

Text von Annette Jensen

Fotos von Rolf Schulten

Rachel Schmohl und

Peter Schreiber erforschen

im Gewächshaus Kulturpflanzen

und ihre Genetik

33


„Wir bewahren

Ressourcen, weil

niemand weiß,

welche Eigenschaften

wir künftig

brauchen.“

Auf Versuchsfeldern

wachsen – jeweils auf knapp

drei Quadratmetern Fläche –

etwa 1.000 Weizensorten

Etwa tausend Weizensorten wiegen sich im Sommerwind

– jede wächst auf einem knapp drei Quadratmeter

großen Feld. Einige Pflanzen leuchten noch grün,

andere schimmern strohblond, honiggelb oder milchkaffeebraun.

Die Halme reichen bis zum Knie oder Kinn, die

Ähren wirken mal kompakt, mal filigran, teils nackt, teils

mit langen Grannen. Agraringenieur

Peter Schreiber

greift nach einer Ähre, die

sofort zerbricht. „Dieser

Weizen trägt noch die Eigenschaften

der ursprünglichen

Grassorte: Die Früchte reifen

zu unterschiedlichen Zeiten,

und die Körner fallen vom

Halm“, erklärt der 58-Jährige.

Er betreut die Versuchsfelder

und die gärtnerischen

Arbeiten am Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung

(IPK) in Gatersleben. Hier,

am westlichen Rand Sachsen-Anhalts,

liegt die größte Samenbank der Europäischen

Union.

Auf dem langen Ackerstreifen

wächst das Ergebnis von 12.000 Jahren

Zucht. Damals begannen Menschen im

Nahen Osten, Wildpflanzen zu Kulturarten

zu machen. Weizen breitete sich

allmählich über alle Kontinente aus. Natürliche

Bedingungen, die Vorlieben von

Bauern und Bäckerinnen schufen eine

enorme Vielfalt. Doch diese schwindet

rapide, seit die Landwirtschaft Ende des

19. Jahrhunderts immer stärker industrialisiert wurde und

Saatgut zur Handelsware avancierte.

„Wir bewahren die Ressourcen, weil niemand weiß, welche

Resistenzen oder Eigenschaften wir künftig brauchen“,

sagt Schreiber, während er über das Feld streift. Vielleicht

schlummern sie in den Pflanzen, die ein Plastikschild als

„Triticum vavilovii“ kennzeichnet? Diese Sorte mit den breiten

Ähren trägt den Namen des sowjetischen Botanikers Nikolai

Wawilow. Er erkannte früh: Je einheitlicher die Gene

von Nutzpflanzen, desto größer die Gefahr, dass Krankheiten

eine ganze Ernte vernichten. Tatsächlich breitet sich

die Pilzkrankheit „Wheat Blast“ derzeit in feuchtwarmen

Regionen rasant aus – und durch die Klimaerwärmung

entstehen immer mehr Gebiete, die dem Schädling ideale

Bedingungen bieten. Allein diese Krankheit könnte die globalen

Weizenerträge bis Mitte des Jahrhunderts um 13 Prozent

verringern, warnt ein internationales Forschungsteam.

Weil die Herausforderungen der Zukunft immer im

Dunkeln liegen, wollte der weitsichtige Wawilow möglichst

viel vom gemeinsamen Erbe der Menschheit retten. Deshalb

sammelte er in Dutzenden von Ländern Saatgut und errichtete

in den 1920er Jahren die erste Genbank in Petrograd,

dem heutigen St. Petersburg. Während des Zweiten Weltkriegs

entstand eine ähnliche Institution

in Wien, die bald danach in die fruchtbare

Gegend östlich vom Harz umzog.

„Wir liegen im Regenschatten der Berge,

das ist ideal für die Saatgutproduktion“,

erklärt Andreas Börner mit einem

Lächeln, das seine langjährige Leidenschaft

für die Arbeit widerspiegelt. Seit

vier Jahrzehnten widmet sich der Genbank-Manager

dem 100 Hektar großen

Kulturraum mit

Pflanzen, die keine

Samen ausbilden

Vor der Einlagerung in der

größten Samenbank der Europäischen

Union werden die

Samen sorgfältig gereinigt

Gelände, und seine Begeisterung ist ungebrochen.

In eine dicke Winterjacke

gehüllt und mit Handschuhen ausgestattet,

betritt er einen der Tresorräume,

34


Agrarwissenschaftler

Andreas Borner in der

Kühlzelle. Hier werden

Samenproben bei minus

18 Grad und 50 - 60 Prozent

Luftfeuchtigkeit

gelagert.

in denen die kostbaren Schätze bei eisigen 18 Grad minus

lagern. Mit geübten Handgriffen schiebt Börner zwei Archivregale

auseinander, die bis zur Decke mit Weckgläsern

gefüllt sind. Allein 28.000 verschiedene Weizensorten ruhen

hier, jede in Form von 1,5 Kilogramm Samen. Hinzu

kommen über 120.000 weitere Proben von Getreide- und

Gemüsearten sowie Gewürz- und Heilpflanzen, die in gemäßigten

Klimazonen gedeihen. Der Großteil dieser Pflanzen

wird heute nicht mehr angebaut, da auf den Feldern

nur noch wenige Hochertragssorten dominieren. Obwohl

es weltweit 6.000 essbare Pflanzenarten gibt, liefern Weizen,

Mais und Reis inzwischen die Hälfte aller Kalorien.

„Ohne unsere Arbeit würden all diese Kulturpflanzen verschwinden,

da sie auf unsere Pflege angewiesen sind – im

Gegensatz zu ihren wilden Verwandten“, erklärt der Professor

mit Nachdruck.

Das IPK verschickt jährlich rund 20.000 Proben an

Züchtungsfirmen, Gärtnereien, Forschungsinstitute und

interessierte Privatpersonen. „Wir verwalten das Saatgut

treuhänderisch, Eigentümer sind wir nicht“, erklärt Börner.

Wer später damit Gewinne erzielt, muss einen Teil

an das Ursprungsland abgeben. Zusätzlich schickt das IPK

jedes Jahr einige grüne Boxen mit je 500 vakuumverpack-

Mit Simulationen erforschen

Wissenschaftler in

der PhänoSphäre die

Folgen des Klimawandels

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Mini-Gewächshäuser: Pflanzen

wie Sellerie, Möhren und

Kohl müssen im Winter vor

Frost geschützt werden

ten Samen in den globalen Saatgut-Tresor nach Spitzbergen.

Sollte in Gatersleben eine Katastrophe eintreten, bliebe so

eine Reserve erhalten.

Stefanie Sehmisch hat eine besondere Aufgabe: Sie erweckt

die Saat aus dem Tiefschlaf. Mit behutsamen Händen

entnimmt sie jeweils 50 Samen aus den Gläsern und bettet

sie sorgsam auf feuchtem Papier. Diese Proben schiebt sie

dann in einen der imposanten Keim-Schränke, wo es warm

ist und 14 Stunden täglich hell leuchtet. Einige Samenarten

benötigen zwischendurch eine kühle Phase, während andere

Körner leicht angeraut

werden, damit das Wasser

Für die Ernährung

der Menschheit

bleibt es

entscheidend,

die genetische

Vielfalt zu

bewahren.

besser eindringen kann.

„Wir versuchen alles Mögliche,

damit sie keimen“, erzählt

sie fast liebevoll.

Die Biologielaborantin

gibt den Pflanzen maximal

sieben Wochen Zeit, um

zu sprießen. Dann zählt

sie die Ergebnisse. Haben

mehr als 70 Prozent der

Samen einen Spross gebildet,

gilt die Sorte als ausreichend

gesichert. Liegt der

Wert darunter, vermerkt

Sehmisch die Sorte in der Instituts-Datenbank für die Aussaat,

damit neue Samen produziert werden können. So

wird der Inhalt von etwa 6.000 Weckgläsern jedes Jahr aufs

Neue aufgefrischt.

Selbstbestäuber wie Tomaten, Erbsen, Hafer oder Weizen

lassen sich leicht anbauen und gedeihen auf kleinen

Freilandfeldern. Roggen hingegen bleibt gegenüber eigenen

Pollen steril, lässt sich aber von Nachbarpflanzen befruchten.

Um eine Vermischung der Sorten zu vermeiden,

Stefanie Sehmisch, Biologielaborantin

und Leiterin des

Samenkühllagers, arbeitet am

Keimschrank im Keimlabor

wächst er auf weit auseinanderliegenden Parzellen. Besonders

aufwendig sind Pflanzen wie Sellerie, Möhren und

Kohl, die erst im zweiten Jahr Samen tragen und im Winter

vor Frost geschützt werden müssen. Am IPK arbeiten rund

500 Menschen.

Bewahren – das ist die Kernaufgabe des IPK. Vieles geschieht

in mühsamer Handarbeit. Doch ein Hauch von

Hightech hilft, die Folgen des Klimawandels zu simulieren.

Peter Schreiber zieht ein Rollo im oberen Stock der „PhänoSphäre“

hoch. Dahinter liegt ein großer, verspiegelter

Raum, in dem sich Licht, Feuchtigkeit, Wind und CO 2 -Gehalt

präzise steuern lassen. Gerade testen Forscher, wie Sojabohnen

mit Staunässe umgehen. Dabei zeigt sich erneut:

Auf wenige Hochertragssorten zu setzen, ist in einer sich

rasant wandelnden Umwelt ein riskantes Spiel. Für die Ernährung

der Menschheit bleibt es entscheidend, die genetische

Vielfalt zu bewahren – auch wenn dies bislang nur in

Weckgläsern möglich ist.

Annette Jensen ist freie Autorin in Berlin und schreibt seit mehr als 25 Jahren

über nachhaltige Wirtschaft. In ihrer Freizeit fördert sie die genetische Vielfalt

im eigenen Garten.

Rolf Schulten ist freier Fotograf in Berlin. Um die Arbeit der Saatgutbank ins

Bild zu setzen, haben er und seine Kamera Temperatursprünge von -18˚ C

(Kühlzelle) auf +32˚ C (Versuchsfeld) überstanden.

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EINFALT

IN DEN

KUHSTÄLLEN

Fotos: istock/kaikups (u.), Clara Bastian (o.); shutterstock/Grips medien (o.r.)

Die meisten Kühe stammen von

Auerochsen ab, die Menschen

im Nahen Osten vor etwa

10.000 Jahren zähmten. Viele Rinder

tragen auch Gene von Zebu-Buckelrindern,

die einst in Indien domestiziert

wurden. Diese Tiere sind robust,

hitzetolerant und weitgehend

immun gegen die Schlafkrankheit,

die Tsetsefliegen übertragen. Ihre

Milch, gewonnen von Tieren mit langen

Hörnern, sichert seit Jahrhunderten

das Überleben der Hirtenvölker

in der südangolanischen Region

Tunda dos Gambos – der „Wiege des

Viehs“. Doch seit Beginn des Jahrtausends

hat Angolas Regierung große

Teile der fruchtbaren Weideflächen

an kommerzielle Farmen vergeben.

Seither leiden die traditionellen Bewohner

unter Mangelernährung und

müssen zeitweise hungern.

Die Milch von Kühen sichert

seit Jahrhunderten das Überleben

der Hirtenvölker im südangolanischen

Tunda dos Gambos

Schlechte Nachrichten:

Laut Welternährungsorganisation

FAO verschwindet

weltweit jeden

Monat eine von 8.000

Nutztierrassen

für immer

Viele Rinderrassen, die Bauern und

Hirten über Jahrtausende gezüchtet

haben, sind bereits ausgestorben oder

vom Aussterben bedroht – auch, weil

man sie mit Hochertragstieren kreuzt.

Mitte des 19. Jahrhunderts exportierten

amerikanische Unternehmer Tausende

Holstein-Kühe aus den Niederlanden

in die USA und züchteten sie zu Milch-

Hochleistungstieren. Seit den 1940er

Jahren verdrängten diese gefleckten

Kühe zunächst in Europa andere Rinderrassen.

Heute stammen 80 Prozent

der industriell erzeugten Milch weltweit

von Holsteinern. Das Sperma ihrer

Bullen ist ein global gehandeltes Gut.

Die Welternährungsorganisation

FAO schätzt, dass jeden Monat eine

von 8.000 Nutztierrassen für immer

verschwindet. Manche Arche-Höfe

bewahren einige alte Haustierrassen,

doch ein Großteil der Vielfalt geht verloren.

Anders als im Saatgutbereich

gibt es bei Tieren keine Organisation,

die dieses Erbe der Menschheit systematisch

zu retten versucht.

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verarmtes

mikrobiom

Nicht nur die genetische Vielfalt bei Nutzpflanzen

und -tieren hat rapide abgenommen.

Auch das Mikrobiom im menschlichen

Körper verarmt.

Vampirprojekte:

Indigene Biomarker

bringen viel Geld,

während die Gemeinschaften

weiter sterben,

kritisiert Genetikerin

Krystal Tsosie

Seit wenigen Jahren ist dank neuer Techniken klar,

welch milliardenfaches Leben sich in unserem Dickdarm

tummelt. Die vielfältige Wohngemeinschaft

aus Bakterien, Viren und Pilzen ist für unser Immunsystem

existenziell – und schwindet. Die Folge ist eine Zunahme

von Allergien, Darmentzündungen, Asthma und Übergewicht.

Hauptursache ist die „westliche Lebensweise“: viel

Fleisch, Zucker und hochverarbeitete Lebensmittel, wenig

Bewegung und kaum Kontakt zu Boden und Tieren.

Fotos: istock/fotolgahan (u.), Krystal Tsosie (m.), gettyimages (o.)

Forscherin mit Bakterienkultur:

Die Vielfalt von Bakterien, Viren

und Pilzen, die für das Immunsystem

existenziell ist, schwindet

Da naturnah lebende Völker über ein wesentlich vielfältigeres

Mikrobiom verfügen, ist es von größter Bedeutung,

dieses wertvolle Erbe zu bewahren. In einem ehemaligen

Militärbunker in Zürich lagern bereits tiefgekühlte Kotproben

von Menschen aus aller

Welt. Langfristig soll eine

Einrichtung wie die Saatgutbank

in Spitzbergen entstehen

– mit dem Ziel, Therapien gegen

Wohlstandskrankheiten

zu entwickeln. Dabei geht es

nicht um den Schutz indigener

Lebensweisen und -räume,

sondern um neue Medikamente

– ein Ansatz, der repariert

statt vorbeugt.

Indigene Gruppen haben

Die naturnah

lebenden Völker

verfügen über

ein wesentlich

vielfältigeres

Mikrobiom.

deshalb bei den UN gegen solche „Vampirprojekte“ protestiert,

berichtet die Genetikerin Krystal Tsosie in der

Zeitschrift „GID“. „Indigene Biomarker bringen viel Geld,

während unsere Gemeinschaften weiter sterben.“ Um dem

entgegenzuwirken, gründete Tsosie 2018 mit Kolleg*innen

das „Native BioData Consortium“. Das gemeinnützige Forschungsinstitut

liegt auf Sioux-Gebiet in den USA, wird ausschließlich

von Indigenen geleitet und betreibt eine eigene

Gen-Bank. Die Proben werden nur mit Zustimmung der

Spender*innen genutzt und sollen Diagnosen und Therapien

für indigene Gemeinschaften ermöglichen.

38


IMMATERIELLES KULTURERBE

Ob Alltagsgegenstand

oder rituelle Festkeramik –

die Kunst des Töpferns

ist ein fester Bestandteil

der Kultur der traditionell

lebenden Awajún-Frauen –

sie bewahren und beleben

diese Tradition

bis heute

Foto: V. Mendivil/ © Ministry of Culture of Peru, 2018

WENN WISSEN

UNS

DAS ERBE DER AWAJÚN-FRAUEN

Die Töpferei der Awajún liegt in den Händen der Frauen,

den sogenannten Dukúg – sie sind die weiblichen

Ältesten und hüten das Wissen um den jahrtausendealten

Brauch. Sie geben ihr Wissen um Tonarten,

Farben und Techniken an die anderen Frauen in ihrer

Familie weiter. Ihre Arbeit ist heute nicht nur kulturelles

Erbe, sondern stärkt auch die Rolle der Frauen

in ihrer Gemeinschaft. Vor allem junge Frauen

sichern sich mit der Töpferkunst ein Einkommen auf

lokalen Märkten.

PERU: KULTUR AUS TON

Für das indigene Volk der Awajún im Norden

Perus ist Töpferei mehr als Handwerk –

sie ist eine jahrtausendealte Praxis, die ihren

Entstehungsmythen entstammt und innerhalb ihrer Kultur

eine wichtige Rolle spielt. Die kunstvollen Gefäße – unter

dem Namen Pining bekannt – dienen zum Kochen, Trinken

und Essen. Doch die traditionelle Keramik ist mehr als

ein Alltagsgegenstand: sie prägt die Festkultur der Awajún,

wird für Rituale und Zeremonien genutzt und symbolisiert

ihre tiefe Beziehung zur Natur. Für die Herstellung der Töpfe,

Krüge und Teller nutzen sie in allen Prozessen Naturmaterialien.

Die Frauen formen die Keramik aus Ton, den

sie in feuchten Waldgebieten an Ufern und Bächen finden.

Sie verzieren die Gefäße mit Mustern, die Pflanzen, Tiere,

Sterne oder Berge symbolisieren. Selbst die Werkzeuge zum

Formen und Dekorieren sind aus dem Wald gefertigte Utensilien.

Das Kúishipip zum Beispiel – ein kleines Instrument

zum Glätten der Töpfe – besteht aus den getrockneten

Früchten des Tsakáska-Baums. Die Töpferei ist Ausdruck

ihrer harmonischen Bindung zur Natur.

39


WELTWEIT: FALKNEREI

Der älteste Jagdsport der Welt – und ein sensibles Zusammenspiel

von Mensch und Tier. Seit über 4.000 Jahren wird

die Falknerei, auch Beizjagd genannt, von Generation zu

Generation weitergegeben. Ursprünglich zur Nahrungsbeschaffung

gedacht, wurde sie mit der Zeit soziales Ritual,

Freizeitbeschäftigung und Ausdruck tiefer Naturverbundenheit.

Ob in der nomadischen Kultur der Mongolei, als

Statussymbol am Golf oder in deutschen Falknervereinen

– überall verlangt die Praxis Geduld und ein feines Gespür

für das Tier. Falkner*innen teilen weltweit kulturübergreifende

Traditionen: von der Ausbildung bis zur Pflege

ihrer Vögel. Die Kunst ist über Jahrtausende im Kern

gleich geblieben – doch heute steht auch der Arten- und

Naturschutz im Fokus. In Deutschland sorgen strenge

Prüfungen und Auflagen für tierschutzgerechte Haltung.

Falkner*innen engagieren sich in Zuchtstationen, Auswilderungsprojekten

und beim Schutz bedrohter Arten wie

dem Wanderfalken. Ein lebendiges Kulturerbe, das die

Vergangenheit bewahrt.

Besonders

in der Mongolei

und in Japan

ist die Falknerei

als Kulturgut

etabliert.

Foto: istock/Missing35mm

Foto: istock/ugurhan

Adler und

Falken reagieren nicht

auf konditionierte Befehle.

Ihr Vertrauen zu Menschen

wächst mit der Zeit.

In Deutschland sind sogar

nur zwei Greifvögel pro

Person erlaubt.

EINE LEBENDIGE TRADITION

Wer sich der Falknerei widmet, verschreibt sich ganz

den Tieren. Die Bindung zwischen Mensch und Falke

basiert auf Feingefühl – das Vertrauen der Falken

muss man sich behutsam verdienen. Durch tägliche

Nähe, Futterbelohnung und stille Gesten wächst die

Beziehung, dafür braucht es Geduld, Ruhe und Respekt.

Der Greifvogel gewöhnt sich ausschließlich

über positive Erfahrungen an den Menschen – Strafen

führen ins Nichts. Daraus entsteht eine einzigartige

Verbindung, die auf Einverständnis zweier unterschiedlicher

Wesen beruht.

40


Lavash, das Nationalbrot

Aserbaidschans, wird

mit Käse, Kräutern oder Tee

serviert. Überall präsent –

auf Märkten, zu Hause und

in Restaurants – steht

es für Gastfreundschaft

und Tradition mit

jedem Biss.

Foto: gettyimages/VisualCommunications

ASERBAIDSCHAN: BACKKUNST

In Aserbaidschan wird traditionelles Fladenbrot, bekannt

als Lavash, in aufrecht gebauten Lehmöfen – den Tandoors

– gebacken. Dieses Brot ist mehr als Nahrung: Es steht für

Langlebigkeit, Gemeinschaft und kulturelle Identität. Das

Backen im Tandoor ist

nicht nur Lebensgrundlage

für viele, sondern auch

Tradition. Eltern geben

das Wissen über Herstellung,

Rituale und Bedeutung

des Brotes an ihre

Kinder weiter.

So verbindet Lavash

Generationen und trägt

zur Weitergabe immateriellen

Kulturerbes bei.

In vielen Familien ist es

Brauch, Brot zuerst Kindern

und Gästen anzubieten

– ein Zeichen der

Gastfreundschaft und ein

Wunsch nach Wohlstand.

Foto: istock/only_fabrizio

KULINARISCHES ERBE

Mehl, Wasser, Salz und Hefe – mehr braucht es nicht

für dieses besondere Brot. Der Teig wird sorgfältig

geknetet und zu dünnen, flachen Fladen ausgerollt.

Mit Geschick wird jedes Teigstück nacheinander an

die Seiten des Tandoors geheftet. Bevor die Brotstücke

herausgenommen werden, werden sie kurz in

die Flammen gesenkt, um der Außenseite eine schöne

goldbraune Farbe zu verleihen und dem Brot mit

dem Röstaroma den letzten Schliff zu geben. Wenige

Minuten später ist das Brot fertig. Die Bäcker*innen

holen das Brot aus dem Ofen, oft mit

bloßen Händen – ein Handgriff, der

ihre Erfahrung bei dem traditionsreichen

Arbeitsschritt zeigt.

Das Brot hält sich mehrere Tage

und bleibt dabei aromatisch und

weich. Reisende nehmen es mit auf

lange Strecken, wie Hirt*innen auf

ihre Bergtouren. Ein einfaches Brot,

das viele Menschen in Aserbaidschan

begleitet.

Charleen Kovac, Pressereferentin bei Misereor, hat

bisher noch nichts geerbt und findet es gar nicht

schlimm, dass noch alle lebendig sind.

41


BILDBAND

Kooperation war in der Eiszeit die

wichtigste Überlebenstechnik, Frauen

spielten dabei eine gleichberechtigte

Rolle. Comiczeichnerin Ulli Lust

bringt dieses Erbe unserer

Vorfahren mit ihrem Sachbuchcomic

in eine neue Form,

Illustratorin Lena Hällmayer

hat ihn sich angeschaut.

DIE FRAU ALS

MENSCH: AM ANFANG

DER GESCHICHTE.

Reprodukt Verlag 2025

251 Seiten, 29 Euro

42


Die Autorin Ulli Lust nimmt uns

in ihrem groß angelegten Sachcomic

mit auf eine gezeichnete

Entdeckungsreise in die frühe

Menschheitsgeschichte. Die meisten

Menschenbilder, die uns die Eiszeitmenschen

hinterlassen haben, zeigen

Frauen: Stolze Hüften aus Knochen,

Stein, gebranntem Ton; Figuren mit

ausladenden Brüsten und gut sichtbarer

Vulva. Diese Figurinen entstanden

in der frühen Menschheitsgeschichte

weltweit in allen Kulturen, 30.000

Jahre lang: Männer hingegen spielten

in den Bildmotiven der Eiszeit lange

nur eine marginale Rolle.

Was waren das für Gesellschaften,

die im Gegensatz zur jüngeren

Geschichte weibliche Personen so

zentral und ihre Körper ohne Scham

darstellten? Ulli Lust zeichnet in ihrem

Comic eine Welt, die das egalitäre,

kooperative Zusammenleben der

frühen Menschen in den Mittelpunkt

rückt: Frauen und Männer jagen gemeinsam,

kümmern sich um Kinder;

Empathie, Teilen und Rücksichtnahme

sichern das Überleben. Was Ulli

Lust als Frühgeschichte der Menschheit

zeichnet, unterscheidet sich

stark vom Klischee der Urmenschen,

bei denen Männer dominieren und

nur die Stärksten überleben.

Für ihren Comic hat die Künstlerin

viele Jahre recherchiert, Grabungsberichte

und Fachpublikationen

studiert, Originalschauplätze und

Museen besucht. Sie verknüpft aktuelle

Perspektiven aus Archäologie, Anthropologie

und Gender Studies. Mit

ihrer essayistischen Comicerzählung

macht sie die Auseinandersetzung

um die Rolle der Frau und das soziale

Zusammenleben unserer Vorfahren

auch Menschen zugänglich, die sich –

wie ich – bisher nicht sonderlich für

Steinzeitfunde interessiert haben.

Ulli Lusts Werkzeug ist der Bleistift.

Ihre digital kolorierten Zeichnungen

beleuchten in zwölf Kapiteln

die Lebenswelten und das Kunstschaffen

der Steinzeitmenschen. Mal

erzählt sie in Sequenzen mit

Panels und Sprechblasen, mal

illustriert sie ganzseitige Bilderbögen,

auf denen Artefakte

lose über die Seiten

gestreut sind. Autobiografische

Passagen

verwebt sie dabei geschickt

mit wissenschaftlichen

Inhalten.

Dieses Comicbuch, das

in diesem Jahr den Deutschen Sachbuchpreis

gewann, besticht durch

Ulli Lusts virtuosen Umgang mit Bildern

und ihren forschenden Zeichenstil.

Sie skizziert keine bloßen Vermutungen,

sondern hält mit ihrem

Stift präzise die tatsächlich entdeckten

Grabstätten fest. In den nächsten

Bildern zeigt sie, wie die darin gefundenen

Elfenbein-Perlen in Reihen

angeordnet waren und das, längst verrottete,

schmuckvolle Kleidungsstück

mit Perlensaum ausgesehen haben

könnte. So entwickelt Ulli Lust von

Bild zu Bild ihre Argumentation, unterstützt

vom begleitenden Text.

Diese detektivische Suche

fesselt und inspiriert: Ich

möchte unbedingt bis

zum Ende miträtseln,

mitfühlen und Neues

entdecken.

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EHRENAMT

Willi Wölting hat sich schon

früh mit dem Thema seiner

Nachfolge auseinandergesetzt,

Heike Böse wird übernehmen

Mit sechs Wasserbüffeln hat 1976 alles angefangen. Aus einer Spendenaktion, für die

Wilhelm „Willi“ Wölting aus Essen seine Schülerinnen und Schüler begeistert hat, ist

eine Eine-Welt-Bewegung geworden, die weit über das Ruhrgebiet hinaus Kreise zieht.

Text von Suzanne Lemken

Fotos von Andreas Teichmann

Aber wie sorgt man dafür, dass jahrzehntelanges

Engagement weiterlebt, wenn man es selbst nicht

mehr aufrechterhalten kann? Darüber haben wir

mit Willi Wölting und seiner Nachfolgerin Heike Böse

gesprochen. Mit klarem Blick, großer Offenheit und viel

Ausdauer haben sie einen beispielhaften Weg gefunden.

Die gemütliche Kaffeetafel täuscht: Willi Wöltings

Wohnzimmer ist eine Kommandozentrale. Hier hat der

87-Jährige im letzten halben Jahrhundert Aktionen koordiniert

und Impulse formuliert. Der ehrenamtliche Einsatz

für eine gerechtere Welt hat sein Leben geprägt. „In Indien

habe ich mit Kindern gesprochen, die in Steinbrüchen arbeiten

mussten“, erinnert er sich. „Denen habe ich damals

Engagement vererben? So klappt es:

– früh an die Nachfolge denken, gezielt nach

geeigneten Personen umschauen

– Das Thema offen ansprechen, Erwartungen

und Abläufe klären

– Die Nachfolge aktiv einführen in Gremien

und Öffentlichkeit

– Der Nachfolge Freiraum lassen

– und irgendwann loslassen

44


Verdienst von

Willi Wölting: Seit

2013 ist seine Heimatstadt

Essen die

211. Fairtrade-Town

in Deutschland

versprochen, dass ich für sie kämpfen

werde, solange ich lebe. Aber eigentlich

reicht mir das nicht. Es soll

weitergehen!“ Den Wunsch teilen viele Engagierte. Heute

ist es jedoch schwerer denn je, eine passende Nachfolge

fürs Ehrenamt zu finden. Im immer schneller durchgetakteten

Alltag scheuen sich viele, langfristig Verantwortung

zu übernehmen, selbst wenn sie regelmäßig bei einzelnen

Aktionen mit anpacken.

Deshalb hat sich Willi Wölting schon früh mit dem Thema

auseinandergesetzt. Mit Heike Böse kam er in Kontakt,

als ihre Pfarreien 2008 zusammengelegt wurden: „Mir hat

gleich gefallen, was die Heike gemacht hat. Ihre kreativen

Ideen, ihre Beständigkeit. Aber erst nachdem wir schon

eine ganze Weile immer wieder zusammengearbeitet hatten,

habe ich sie direkt angesprochen und gefragt, ob sie

sich vorstellen könnte, meine Nachfolge zu übernehmen“,

erinnert sich Wölting. Den Übergang haben die beiden

von Anfang an aktiv gestaltet. Unter anderem dadurch,

dass er Heike Böse sukzessive in seine Arbeitsgruppen und

Gremien eingebunden und dabei auch auf Details geachtet

hat. „Wenn Heikes Name zum Beispiel nicht auf einer

Tagesordnung oder einem Protokoll stand, habe ich das

immer korrigiert“, berichtet er. „Klar: Wer mich seit Jahrzehnten

als Ansprechpartner kennt, muss sich umgewöhnen.

Aber es ist schon schwer genug, so ein Engagement

zu übernehmen, auch ohne dass man immer wieder auf

sich aufmerksam machen muss. Ich hoffe, das hat es Heike

etwas leichter gemacht.“

Heike Böse nickt zustimmend. Auf die Frage, wie sie

ihre Übereinkunft damals erlebt hat, lacht sie: „Ich glaube,

ich habe zu laut ‚hier‘ geschrieen. Oder ich bin nicht

schnell genug weggelaufen. Für fairen Handel und die

Eine Welt hatte ich mich ja schon lange engagiert. Ich

Das bringt die perfekte Ehrenamts-

Nachfolge mit:

– Zeit und Energie zur freien Verfügung

– Begeisterung und Neugier

– Kommunikationsstärke, Konflikt- und

Konsensfähigkeit

– Beharrlichkeit und Bewusstsein für

effektiven Ressourceneinsatz

Im Einsatz: Samstags

verkauft Willi Wölting

im Essener Weltladen fair

gehandelte Produkte

denke immer, uns geht es eigentlich verdammt gut. Mein

Antrieb ist also einerseits Dankbarkeit und andererseits

der Wunsch, meiner Zeit Bedeutung zu verleihen. Indem

ich anderen helfe, indem ich zum Nachdenken anrege. Warum

sollte ich nur vorm Fernseher sitzen?“ Dass sich mit

so einer Nachfolge von verschiedenen Seiten große Erwartungen

verbinden, ist für Heike Böse kein Problem. „Ich

sage mir, ich trete ja nicht in Willis Fußstapfen, sondern

ich gehe seinen Weg weiter. Was es dazu braucht, habe

ich: Ich organisiere gern, vernetze gern, bin hartnäckig,

wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe. Und: Trotz

meiner Größe sieht man mich!“ Beide lachen – sie blicken

zuversichtlich auf ihr künftiges Engagement für die Eine

Welt, nicht nur in Essen.

Suzanne Lemken informiert als Fundraiserin bei Misereor über die Lateinamerika-Spendenprojekte

und lädt zu kreativen Spendenaktionen ein.

Andreas Teichmann hat an der Essener Folkwangschule studiert und ist durch

Fotobeiträge in namhaften Magazinen bekannt geworden. Er lebt mit seiner

Familie in Essen.

45


KOLUMNE

Ein Klavier,

ein Klavier

Wenn Menschen sterben, lassen sie Dinge

zurück – Gartenzwerge und Goldbarren,

Biedermeiersofas und Bademäntel, Kunst

und Kitsch. Was machen die Angehörigen

bloß mit diesen Habseligkeiten?

Text von Anne Lemhöfer

Illustration von Kat Menschik

Die gelbe Schale aus Keramik gab uns Rätsel auf. Zwölf

ovale Mulden, im Kreis angeordnet, und in der Mitte

ein grob gezeichnetes Huhn mit Küken. Was war

das? Ein Murmelspiel? Das Huhn und eine kurze KI-Abfrage

brachten Klarheit: Die Mulden waren für gefüllte Eierhälften

gedacht, serviert auf Partys oder Familienfeiern.

Ein Relikt aus den 1970er-Jahren, aus dem Haushalt meiner

verstorbenen Schwiegermutter. Sie liebte Partys. Das

schrille, altmodische Design passte zwar nicht zu ihren edlen

Weingläsern, aus denen sie an Festtagen Cabernet Sauvignon

kredenzte, doch Menschen haben einen vielseitigen

Geschmack. Warum sollte in einem fast neunzigjährigen

Leben alles widerspruchsfrei zusammenpassen?

Wir haben die Schale als skurriles Stück in unseren Haushalt

aufgenommen. Bei Feiern liefert sie nicht nur halbe

Eier – etwa zur Frankfurter Grünen Soße –, sondern auch

wunderbaren Gesprächsstoff. Über die kleinen und großen

Dinge, die nach einem Tod von einem Haushalt in den nächsten

wandern, von einem Leben ins andere. Das tröstet mich.

Wir erben krumme oder gerade Nasen, glattes oder

lockiges Haar, liebenswerte Macken und beeindruckende

Talente. Wir erben Sparkonten und Schulden, Häuser im

Nirgendwo und Eigentumswohnungen in bester Lage. Noch

nie wurde in Deutschland so viel Besitz vererbt wie heute.

Die Nachkriegsgenerationen konnten über Jahrzehnte hinweg

nicht nur Vermögen aufbauen, sondern auch Konsumgüter

anhäufen und Keller mit Gegenständen füllen, die in

den kommenden Jahren auf die Nachkommen übergehen.

Ein Klavier, ein Klavier? Nein, Zehntausende! Was tun mit

all den Dingen – Eigentumswohnungen und Diamanten

einmal ausgenommen?

Fast eine Million Menschen starben letztes Jahr in

Deutschland. Jung, alt, arm, reich – eines hatten sie gemeinsam:

Sie hinterließen Dinge. Wertvolles wird unter

Erben aufgeteilt, Aktiendepots wechseln still die Besitzer.

46


Mein (einziges und)

liebstes Erbstück ist ein

Goldring meiner Omi. Er ist

nicht besonders wertvoll, ein

Glasstein ziert ihn. Aber wenn

ich ihn trage, sehe und fühle

ich die warmen Hände meiner

Omi. Ich liebte sie sehr.

Kat Menschik

Doch was geschieht mit Pullovern, Besteck, Werkzeug, Sofakissen,

Tortenplatten oder Werkzeugsammlungen?

Wer erbt, muss zuerst den Verlust verarbeiten. Ein

Mensch ist gestorben und hat zurückgelassen, was ihm

wichtig war. Wer je in der Wohnung eines Verstorbenen

stand, kennt das Gefühl, das sich kurz wie eine kalte Hand

über das eigene Herz legt: „Das ist es also, was bleibt.“ Ein

Leben voller Lachen, Weinen, Feiern, Erinnerungen – und

plötzlich wird aus den kleinen, bedeutungsvollen Dingen

Krempel, mit dem andere Menschen nichts anzufangen

wissen: Der chinesische Glücksfrosch, die abgenutzten

Holzbausteine, der ADAC-Atlas von 1995, die Postkarten

aus dem Nordseeurlaub, die die Freundin jedes Jahr schrieb.

Vieles davon landet im Müll.

Wie schön, wenn manches davon doch noch begeisterte

neue Eigentümerinnen findet. In meiner ersten Wohngemeinschaft,

kurz vor der Jahrtausendwende, besaßen wir

die beste Waschmaschine der Welt. Eine Mitbewohnerin

erbte sie von ihrer Großmutter, das Gerät war älter als die

Enkelin. Es rotierte, wusch und schleuderte, dass es eine

Freude war. Damals hielt ich das für normal. Heute weiß

ich: Waschmaschinen, die ihre Besitzerinnen überleben,

sind selten geworden, so wie Schildkröten oder handbestickte

Geschirrhandtücher. Sofas, Schränke und Haushaltsgeräte

sind inzwischen so konstruiert, dass sie meistens

kein zweites Lebensjahrzehnt überdauern, manche

halten nicht einmal eines. Schade.

Doch Unzerstörbarkeit kann auch ein Fluch sein. Die verschrammten

Biedermeierstühle von Großtante Bärbel, die

wir aus Nostalgie behalten und in unseren Stuhlkreis aufgenommen

haben, sind entsetzlich unbequem. Nur bei großen

Zusammenkünften am Familientisch sitzt jemand darauf –

unfreiwillig. Sollten wir sie zum Sperrmüll bringen? Auch

wenn wir die Wegwerfgesellschaft ganz gern kritisieren?

Die Hinterlassenschaften der üppigen Hausstände der

Nachkriegsgeneration kann die hippen, minimalistisch lebenden

Enkelinnen und Enkel schon mal überfordern. Wer

braucht schon einen braungefliesten Couchtisch oder ein

drittes und viertes Geschirrservice mit lauter kleinen Tässchen?

Großvaters Briefmarkensammlung war sein Schatz,

wie er zu Lebzeiten nicht müde wurde zu betonen. Gibt es

nicht da diesen Fachhändler mit dem urigen Laden in der

Innenstadt? Wird der nicht Freudensprünge machen? Ob

es wohl einen drei-, womöglich einen vierstelligen Betrag

für die akribisch gepflegten Alben mit den Marken aus dem

Deutschen Reich und der DDR geben wird? Der Händler

winkt freundlich ab. Es gibt zu viele alte Dinge auf der Welt.

Vielleicht sollten wir Erinnerungen als wahres Erbe betrachten.

Sie sind unbezahlbar und nehmen keinen Platz

weg. Doch wer weiß – vielleicht wird unsere gelbe Eierplatte

auch meine Kinder und Enkel noch begeistern.

Anne Lemhöfer liebstes Familienerbstück ist eine gold-rot-blaue Sammeltasse

aus dem Rheinland, die einst in der Vitrine ihrer Großmutter stand. Heute steht

sie auf dem Küchenbord neben dem Retro-Radio

Kat Menschik arbeitet seit 1999 als freiberufliche Illustratorin in Berlin und

Brandenburg. Sie zeichnet für Zeitungen, Magazine und Buchverlage.

47


RÄTSEL

WER HAT’S

GESAGT?

„Das kulturelle Erbe

kollidiert zunehmend

mit den Interessen

von Investoren aus

Wirtschaft, Tourismus

und Bergbau, die

Dorfgemeinschaften

verdrängen.“

Zu gewinnen

gibt es

1. Preis

Für Erinnerungen:

Aufbewahrungskorb mit Deckel

Der naturfarbene Korb mit weißer Bindung ist ein Blickfang

und universell einsetzbar. Hier ist Platz genug

für Gegenstände, die Erinnerungen wecken. Gefertigt

wird er in einem Projekt in Bangladesch. Er besteht aus

handgeflochtenem Kaisa-Gras und Baumwollschnüren.

2. Preis

Printen-Paket von Moss

Die Aachener Bäckerei Moss engagiert

sich seit 2013 für die Solibrot-Aktion von

Misereor. Moss bietet zwischen Aschermittwoch

und Ostern ein Brot mit Spendenanteil

an und unterstützt damit das

Straßenkinder-Projekt COMVIVA in Brasilien.

Die Printen-Kiste ist eine echte Aachener

Spezialität mit einer langen Tradition.

Dieses Zitat stammt von

a

b

Jens Beckert,

Soziologe und Direktor des

Max-Planck-Instituts für

Gesellschaftsforschung

in Köln

Almute Heider,

Projektverantwortliche

für Brasilien bei Misereor

c Mialisoa Randriamampianina,

Direktorin der Anti-Korruptionsorganisation

„Transparency

International“ in Madagaskar

*Sie finden es in dieser Ausgabe

3. Preis

Das neue Album von „Alte Bekannte“

Seit vielen Jahren schon macht sich die A-capella-Band

Alte Bekannte für die 2 Euro-Aktion von Misereor stark!

Bei ihren Konzerten werben sie dafür auf der Bühne

und motivieren ihre Fans, mit einer monatlichen Spende

dabei zu sein. Jetzt ist ihr neues Album „Mehr!“ erschienen.

Einsendeschluss ist der 15. Januar 2026

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Wir speichern Ihre

Daten nur zur Durchführung der Verlosung. Wenn Sie

weitere Informationen zu Misereor erhalten wollen, vermerken

Sie das unter dem Lösungswort mit „Ja“. Sie

können die Einwilligung jederzeit widerrufen.

Senden Sie die Lösung an:

frings@misereor.de oder

Bischöfliches Hilfswerk Misereor

Redaktion Magazin „frings“

Mozartstraße 9

52064 Aachen

Fotos: gepa (o.), Moss (m.), Anna Horn (u.)

48


Misereor unterstützt gemeinsam mit Partner*innen in

rund 83 Ländern Menschen, die in Armut leben.

Wir rufen Politik und Wirtschaft dazu auf, alle Menschen

fair zu behandeln. Damit alle in Würde und in einer gesunden

Umwelt leben können.

Wir fordern gerechte Handelsbedingungen, die Achtung

der Menschenrechte und nachhaltige Wege in eine lebenswerte

Zukunft.

Die katholische Kirche gründete Misereor 1958 als Antwort

auf Hunger und Krankheit.

Deshalb streiten wir für soziale und ökologische Gerechtigkeit

weltweit.

Unsere Arbeit finanzieren wir mit öffentlichen Mitteln

und Spenden.

Spendenkonto

DE75 3706 0193 0000 1010 10

Das Umweltmanagement

von Misereor ist nach EMAS

geprüft und zertifiziert.

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IMPRESSUM

Herausgeber: Bischöfliches Hilfswerk Misereor e. V.; Redaktion:

Michael Mondry und Birgit-Sara Fabianek (redaktionelle Koordination),

Ralph Allgaier, Charleen Kovac, Marina Langohr, Suzanne

Lemken; Korrektorat: Dr. Kerstin Burmeister; Grafische Gestaltung:

Ulrike Kleine (Grips medien); Repro: Roland Küpper, type & image,

Aachen; Druck und Herstellung: ROSE DRUCK GMBH, In den Waldstücken

2, 76829 Landau; Gedruckt auf Papier aus ökonomisch,

ökologisch und sozial nachhaltiger Waldbewirtschaftung

Zuschriften an

Misereor, Mozartstraße 9, 52064 Aachen,

magazin@misereor.de

Telefon

0241 442 920

Druckprodukt

CO₂ kompensiert

Mehr Informationen unter:

klima-druck.de/ID

ID-Nr. 25210042

49


Weitergeben,

was uns wichtig ist.

Echter Wandel braucht starke Frauen. Eine Solidarität, die über den Gartenzaun hinausreicht.

Den Willen, über das eigene Leben hinaus wirksam zu sein. Lassen Sie uns darüber reden.

Von Frau zu Frau. Über Ihr Leben, Ihre Werte, Ihren Willen. Ob erste Orientierung oder ausführliche

Beratung – ich bin für Sie da: Katrin Heidbüchel · 0241 442-503 · heidbuechel@misereor.de

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Fotos: iStock.com/eternalcreative/Deagreez

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