Sprachenvielfalt in der Grundschule
Grundschule aktuell 172
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www.grundschulverband.de · November 2025 · D9607F
Grundschule aktuell
Zeitschrift des Grundschulverbandes · Heft 172
Sprachenvielfalt in der Grundschule:
Potenziale von Kinderliteratur
Zum Thema
• Vielfalt der Kinder – Vielfalt
der Bücher
• Viele Sprachen in der
Zuckertüte – eine auf Papier
Forschung
• Eine Befragung zur
Einschätzung und
Bewertung der Grundschrift
Rundschau
• Ganztagsschule ist mehr
als ein ganzer Tag Schule
• „Was wäre, wenn …“ wir
mehr nach draußen gingen?
Inhalt
Tagebuch
S. 2 Ich bin im GSV, weil … (Th. Mayerhofer)
Thema: Sprachenvielfalt in der Grundschule –
Potenziale von Kinderliteratur
S. 3 Mehrsprachige und interkulturelle Kinderliteratur
für die Grundschule (N. Naugk)
S. 6 Vielfalt der Kinder – Vielfalt der Bücher
(M. Gutzmann)
S. 8 Viele Sprachen in der Zuckertüte – eine auf Papier
(A. Lorenz)
Praxis: Sprachenvielfalt in der Grundschule –
Potenziale von Kinderliteratur
S. 10 Sprachenvielfalt durch Lyrik entdecken
(J. Duckstein, M. Teuscher)
S. 13 Sich einhören in eine andere Sprache (R. Karst)
S. 15 „Bei dem afghanischen Wort sind das
zwei Wörter“ (M. Timptner)
S. 17 „Jakob-Schule denkt bunt“: Projektwoche
Mehrsprachigkeit (K. Weichold)
S. 20 Wenn der rote Faden bunt klingt (M. C. Marinelli)
S. 22 Mehrsprachigkeit gestalten: Vom Seminarraum
ins Klassenzimmer (N. Conzen)
S. 24 Kinderbücher zum Thema Sprachenvielfalt
(N. Naugk, M. Gutzmann)
Aus der Forschung
S. 28 Eine Befragung zur Einschätzung und Bewertung
der Grundschrift (H. Laufs)
Rundschau
S. 32 Aus dem Grundschulverband (M. Gutzmann)
S. 33 Aus dem Vorstand: Jahrestagung des
Grundschulverbandes e. V.
S. 34 Projekt Eine Welt in der Schule: Sprachenvielfalt in
und durch Kinderbuchlektüren (E. Hollerweger)
S. 36 Kooperationspartner: Die Aktion Humane Schule
– heute notwendiger denn je (B. Schmid)
S. 38 Ganztagsschule ist mehr als ein ganzer Tag Schule
(A. Karlsberg, S. Weißbecker, M. Cunis)
S. 40 „Was wäre, wenn …“ wir mehr nach draußen
gingen? (A. Kunze, E.-K. Franz)
S. 42 Ein Impuls, der mich geprägt hat (H. Brügelmann)
S. 43 Schulpreisverleihung 2025
Viele Sprachen in der Zuckertüte – eine auf Papier
Anne Lorenz stellt dar, wie die Mehrsprachigkeit im Anfangsunterricht
neben einer Herausforderung auch eine
Ressource darstellt. Hierbei werden konkrete Ideen für
den Unterricht aufgezeigt, von denen alle Kinder profitieren
können, auch diejenigen, die einsprachig aufwachsen.
Sie gibt Antworten auf die Frage „Was müssen Lehrkräfte über
die Erstsprache der Kinder wissen?“ und zeigt die Bedeutung
auf, mit der Methode „Leeres Blatt“ zunächst die Lernausgangslage
zu erfassen. Auch die Arbeit mit (An-)Laut-Tabellen
benötigt für mehrsprachige Kinder einen besonderen Fokus.
Da Kinder mit Deutsch als Erstsprache im Anfangsunterricht
ebenfalls noch aktiv beim Wortschatzerwerb sind, bietet es
sich an, hierbei interessante Parallelen oder Unterschiede in
verschiedenen Familiensprachen zu entdecken und zu kommunizieren.
So stellt sie anschaulich den Weg dar von der
Sprache „in der Zuckertüte“ hin zur Sprache „auf dem Papier“.
Seite 8–9
Der Blaue Engel – das Umweltzeichen
Durch die Verwendung eines mit dem „Blauen Engel“
umweltzertifizierten Papiers für unsere Fachzeitschrift
„Grundschule aktuell“ ist der Grundschulverband hier
von nun an berechtigt, das Umweltzeichen „Blauer Engel“
zu führen. Da uns Umwelt- und Gesundheitsschutz am Herzen
liegen, wir verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen möchten,
freuen wir uns, auf diesem Weg einen Beitrag leisten zu können.
Mit besten Grüßen, Ihr Grundschulverband e. V.
Impressum
GRUNDSCHULE AKTUELL, die Zeitschrift des Grundschulverbandes,
erscheint vierteljährlich und wird allen Mitgliedern zugestellt
(ausgenommen Unterstützer:innen).
Das einzelne Heft kostet 12,00 € (zzgl. Versand),
ab zehn Exemplaren 9,50 € (zzgl. Versand).
Das Heft in digitaler Form kostet 8,00 Euro.
Verlag: Grundschulverband e. V., Frankfurt am Main
Frankfurter Straße 74–76, 63263 Neu-Isenburg
Tel. 06102 8821660, Fax: 06102 8821664
www.grundschulverband.de, info@grundschulverband.de
Herausgeber: der Vorstand des Grundschulverbandes
Redaktion: marion.gutzmann@grundschulverband.de,
gabriele.klenk@grundschuleaktuell.de
Fotos und Grafiken: Titelfoto / Nadine Naugk; S. 21: Abb. 1 / Jana Mila
Lippitz, Abb. 2 und 3 / privat; S. 34: E. Hollerweger / Hilka Baumann;
S. 43: Deutscher Schulpreis / Max Lautenschlaeger;
Autor:innen (soweit nicht anders vermerkt)
Herstellung: novuprint Agentur GmbH, 30175 Hannover
Anzeigen: Grundschulverband e. V., Tel. 06102 8821660,
info@grundschulverband.de
Druck: Strube Druck & Medien GmbH, 34587 Felsberg
ISSN 1860–8604 / Bestellnummer: 6116
Beilage: TOUSSINI-circus mobile
Landesgruppen aktuell – unter anderem:
S. 44 Hessen: Klein, aber fein – Grundschultag
S. 47 Brandenburg: Schuljahresstart mit Unsicherheit
und Sorgen – Landeselternrat startet Volksinitiative
S. 48 Berlin: Schulpolitische Skandale 1, 2, 3
In manchen Beiträgen dieser Zeitschrift bringen Autor:innen ihr Bemühen
um eine gendersensible Sprache durch be son dere schriftsprachliche Zeichen
zum Ausdruck. Da es zurzeit keine allgemein anerkannte Lösung für das
Problem „gendersen sibler“ (Schrift-)Sprache gibt, verwendet jede:r Autor:in
ihre:seine bevorzugte Form.
UII
GS aktuell 172 • November 2025
Diesmal
„Bei dem afghanischen Wort sind es zwei Wörter“
Anhand des Bilderbuches „Die Schildkröte hat Geburtstag“
schildert Maren Timptner ein Literaturprojekt, das sie in
ihrer sehr heterogenen Grundschulklasse durchgeführt hat.
Nach dem Vorlesen der Geschichte zu einem Thema, das
in allen Kulturkreisen gleichermaßen Bedeutung hat, zeigt
sie auf, wie ein Sprachenvergleich zunächst auf Wortebene
stattfinden kann. Daran schließt sich ein Vergleich auf Satzebene
an, indem Geburtstagswünsche in unterschiedlichen
Familiensprachen in den Mittelpunkt gestellt werden. Hier
werden Kinder zu Expert:innen ihrer Familiensprache. Den
Abschluss bildet ein gemeinsames Theaterstück, bei dem
alle Kinder beteiligt sind und auch Eltern Schule als einen Ort
echter Anerkennung von Vielfalt der Sprachen erleben dürfen.
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und das Archiv der Zeitschrift.
Seiten 15–17
Wenn der rote Faden bunt klingt
Maria Carmela Marinelli ist mehrsprachige professionelle
Erzählerin und Theaterpädagogin, die deutschlandweit als
Erzählkünstlerin auftritt. In einem Interview mit ihr gibt sie
Antworten auf viele Fragen, die für Lehrkräfte, die in mehrsprachigen
Klassen unterrichten, von Bedeutung sind: „Was
macht das mündliche Erzählen gerade für mehrsprachige
Kinder so besonders?“ oder auch „Können Kinder beim Nacherzählen
ihre erste Sprache sofort abrufen?“. Im Beitrag schildert
Marinelli an einem konkreten Beispiel, wie eine solche
Erzählstunde ablaufen kann und wie sie „Kettenmärchen“
nutzt, um alle Kinder einzubeziehen. Sie endet mit einem Impuls
an Lehrkräfte, was zu tun ist, um alle Kinder spüren zu
lassen, dass ihre Sprache einen Platz im Klassenzimmer hat.
Seiten 20–21
Liebe Leser:innen,
sicherlich haben Sie noch die letzte Ausgabe von Grundschule
aktue ll, „Politische Bildung in der Grundschul e“, vor
Augen, in der sich der Beitrag der beiden Autoren Dr. Konstantin
Broese und Botho Priebe dem Thema „Gemeinsam für
demokratische Schulen – für Vielfalt, Respekt und Toleranz“
gewidmet hat. Erstmals wurde im Rahmen der diesjährigen
Schulpreisverleihung am 30. September 2025 in Berlin der
Themenpreis Demokratiebildung an Schulen verliehen, die
demokratisches Handeln konkret vorleben. Wir gratulieren
den drei Preisträgerschulen zu diesem Preis, insbesondere
der Schule An der Burgweide in Hamburg. In dieser Grundschule
wurde u. a. ein neues Fach „Lernen durch Engagement“
eingeführt als sichtbares Zeichen, dass Demokratie
auch als Lerninhalt erns t genommen wird. Hier geht es um
Herzensbildung – auch dies hat viel mit dem Leben in einer
demokratischen Schule zu tun.
Auch der Themenschwerpunkt der Novemberausgabe der
Zeitschrift rückt wesentliche demokratische Werte ins Zentrum.
Viele Grundschulklassen sind durch eine große Sprachenvielfalt
geprägt. So wie im Beitrag von Kevin Weichold „Die
Jakobschule denkt bunt“ lernen an der Jakob-Schule in Eisenach
370 Schüler:innen aus 18 Herkunftsländern wie an vielen anderen
Schulen gemeinsam. Die im Beitrag vorgestellte Projektwoche
war ein starker Impuls, um Mehrsprachigkeit an dieser
Schule sichtbar zu machen und Wertschätzung für die Familiensprachen
der Kinder zu fördern.
Neben allen Herausforderungen, die das Unterrichten
mehrsprachiger Klassen mit sich bringt, gilt es, die Potenziale
von Mehrsprachigkeit zu nutzen, Bezüge zwischen den Sprachen
herzustellen und dadurch den Blick auf die vielsprachige
Welt zu weiten und mehr Sprachbewusstheit zu entwickeln.
Der thematische Schwerpunkt „Sprachenvielfalt in der Grundschule
– Potenziale von Kinderliteratur“ wurde von Dr. Nadine
Naugk, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-
Universität in Halle (Saale), zusammengestellt und moderiert.
In dieser Zeitschrift finden Sie eine Vielzahl von Praxisbeiträgen,
die den Fokus auf solche Möglichkeiten richten. Dabei
werden auch die Potenziale von Kinderliteratur (Bilderbücher,
Comics, Erstlesebücher, Kinderromane, Sachbücher, Gedichte,
Märchen u. a.) in den Blick genommen. Anhand ein- und
mehrsprachiger Bücher werden Möglichkeiten zur impliziten
oder expliziten Thematisierung von Mehrsprachigkeit sowie
konkrete Projekte, Unterrichtsideen und -umsetzungen thematisiert
und Potenziale aufgezeigt.
In der Rubrik „Kinderbücher rund ums Thema …“ veröffentlichen
wir seit Mai 2022 in jeder Grundschule aktuell einen
reichen Schatz an Buchtipps zum jeweiligen Themenschwerpunkt
der Zeitschrift. Wir haben der Rubrik dieses Mal zwei
Doppelseiten gewidmet und geben viele Einblicke in empfehlenswerte
Bilder- und Kinderbücher, die Mehrsprachigkeit
thematisieren.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leser:innen, eine inspirierende
(mehrsprachige) Lesezeit und bleiben Sie auch weiterhin mit
uns im Gespräch.
Herzlichst
Marion Gutzmann, Gabriele Klenk, Eva Franz
sowie Maresi Lassek, Hans Brügelmann und Michael Töpler
GS aktuell 172 • November 2025
1
Tagebuch
Ich bin im GSV, weil …
Thekla Mayerhofer
ist seit 2012 Grundschullehrerin
in Sachsen-Anhalt, wobei ihr
Schwerpunkt auf der Schuleingangsphase
liegt. Sie ist im Bereich der
Fortbildung und als wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Martin-Luther-
Universität Halle-Wittenberg tätig.
Aktuell begleitet und gestaltet sie am
Landesinstitut für Schulqualität und
Lehrerbildung den Implementationsprozess der neuen Lehrpläne
im Land Sachsen-Anhalt. Im Verband ist sie Vorsitzende
der Landesgruppe Sachsen-Anhalt.
… ich Heimat suchte und hier fand.
Im Studium und später im Vorbereitungsdienst bekam
ich wunderbare Ideen zur Unterrichtsgestaltung,
zur Schulorganisation und vor allem zur Schulentwicklung
hin zu einer Schule, die als Lern- und Lebensort jedes
Kind auffangen kann. Im Grundsatzband des Landes
Sachsen-Anhalt, welcher verbindlicher Bestandteil des
Lehrplans ist, waren wertvolle Maximen zur schulischen
sowie unterrichtlichen Gestaltung festgehalten. Ich fühlte
mich bestätigt in meinen Vorstellungen, meiner Haltung
und meinen Visionen. Leider sah die Wirklichkeit im
Kosmos Schule oft ganz anders aus. Die Diskrepanz zwischen
Schulalltag und wissenschaftlichen Erkenntnissen,
didaktisch-methodischen Empfehlungen und vor allem
dem eigenen Anspruch an professionelles Lehrerinnenhandeln
war kaum auszuhalten. Die Zweifel waren mancher
Tage so groß, dass ich mich in meiner Arbeit – im
schönsten Beruf der Welt – sehr häufig grundsätzlich infrage
gestellt habe.
Ich war unglaublich dankbar für die Begleitung von ambitionierten
Fachseminarleiter:innen und auch dem fortbestehenden
Kontakt zur Universität. Immer wieder sind
meine Fragen und Bedenken aufgefangen worden und
auch mein Unverständnis darüber, dass sich so viele mit
diesem schulischen System zufrieden zeigen (können). Im
Tun begriff ich, dass, wenn ich etwas verändern möchte,
ich im Kleinen anfangen muss. Da war die Schulausgangsschrift.
Vielfach hinterfragt und doch in den östlichen
Bundesländern scheinbar DAS Indiz für schulischen
Erfolg. Für viele meiner Schüler*innen eine Qual, aber unumstößlich
im Lehrplan verankert und in allen Lehrwerken
genutzt. Ich wollte das nicht so hinnehmen und hoffte
vage, dass ich damit nicht allein war. Auf der Suche nach
anderen Wegen zu einer eigenen Handschrift bin ich auf
den Grundschulverband gestoßen. Es gibt sie: die Alternative!
Über die Grundschrift habe ich mich mit dem Fachverband
beschäftigt und war von Beginn an begeistert von
den großen Bemühungen um eine gerechte Schule für alle
Kinder. Wow!
Es dauerte nicht lange und ich wurde zur ersten offenen
Vorstandssitzung der Landesgruppe Sachsen-Anhalt eingeladen.
Spannenderweise tagten hier viele der oben beschriebenen
Menschen, die Impulsgeber:innen für so vieles
auf meinem Weg waren. Perfekt! Hier wollte ich nicht
mehr weg, das war mir schnell klar! Hier hatte ich gefunden,
was ich suchte: engagierte Wegbegleiter*innen, die
von großen Visionen und dem festen Glauben daran getragen
werden, dass schulische Bildung anders funktionieren
kann. Gemeinsam auf dem Weg zu sein, gemeinsam
einen Weg zu suchen und sich den großen und kleinen
Fragen und Anforderungen zeitgemäßer Bildung zu
stellen, gemeinsam den beschrittenen Weg zu hinterfragen
und auch über steinige Strecken hinweg nicht aufzugeben,
das war es, was ich im Grundschulverband fand.
Recht schnell fand ich heraus, dass ich gemeinsam mit diesen
und vielen weiteren Menschen tatsächlich eine Chance
hatte, Dinge infrage zu stellen und Veränderungsprozesse
anzustoßen. Wo gemeinschaftliches Engagement, auch
über kleinere Differenzen in der Sache, zu tragen vermag,
da lassen sich Transformationsprozesse anregen und vielleicht
sogar Erfolge sehen.
Auch wenn der Weg hin zu einem schulischen System,
in welchem alle Kinder sich selbstbestimmt entfalten und
tatsächlich wachsen und groß werden dürfen, ein langer
ist, so darf ich im Grundschulverband erleben, dass viele,
viele gut vernetzte, inspirierende und begeisternde Menschen
gemeinsam unterwegs sind. Ich darf mitgehen und
mich einbringen, werde aber auch getragen, wenn die
Zweifel mal wieder übermächtig werden und ein Vorankommen
schwerfällt.
Könnte es etwas Besseres geben? Ich glaube nicht, und darum
bleibe ich aktives Mitglied dieses einmaligen Verbandes.
2
GS aktuell 172 • November 2025
Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Nadine Naugk
Mehrsprachige und interkulturelle
Kinderliteratur für die Grundschule
Wertschätzung, Anerkennung und Sprachbildung für alle Kinder
Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache (DaZ) bereichern den Unterricht,
weil Kinder wertvolle sprachliche und kulturelle Ressourcen mitbringen. Diese
Potenziale bleiben jedoch häufig unsichtbar und werden nur selten als Chance für
gemeinsames Lernen verstanden. Gleichzeitig ist es nachvollziehbar, dass Lehrkräfte
angesichts sprachlich sehr heterogener Klassen vor Herausforderungen stehen
– besonders wenn Unterstützung, Materialien oder Zeit fehlen. Doch Kinder,
die meist mehr können als ihre einsprachigen Mitschüler:innen – nämlich ihre
Erstsprache(n) und zusätzlich Deutsch –, verdienen Wertschätzung statt Reduktion
auf vermeintliche Defizite. Dieser Beitrag nimmt in den Blick, wie Mehrsprachigkeit
und kulturelle Vielfalt in Kinderliteratur sichtbar werden und systematisiert
diese Perspektiven, um Impulse für die pädagogische Praxis zu geben.
Schaut man sich den aktuellen Buchmarkt
an, so finden sich viele Neuerscheinungen,
die ein sehr diverses
Figurenensemble abbilden, die über
unterschiedliche kulturelle Praktiken
informieren und / oder mehrsprachig sind
(Kriterien zur Buchauswahl siehe Kasten).
Im Folgenden möchte ich einen Einblick
in dieses vielfältige Medium geben und
Potenziale für ALLE Kinder aufzeigen.
Flucht und Migration im Kinderbuch
sent, auch wenn weiße, gesunde, bildungsbürgerliche
und durch andere gesellschaftlich
wirksame Privilegien ausgestattete
Figuren noch immer überwiegen. Eine
Aufkündigung dessen steckt in der Forderung
nach einer Diversität, in der Mehrfachzugehörigkeiten
und Mehrsprachigkeit
der Regelfall und nicht das zu integrierende
andere sind (Stichwort: Postmigration,
siehe u. a. Hodaie 2024). Einige
Autor:innen, Illustrator:innen und Verlage
achten in besonderem Maße darauf, Vielfalt
abzubilden, die auch in der Illustration
vielfältigen Körperdarstellungen Normschönheit
vorzieht (z. B. der Zuckersüß-
Verlag u. a. mit Tyler Feders Bilderbuch
Körper sind toll, 2021, Abb. 1). Sprachlich
vermittelt die moderne realistische
Kinderliteratur u. a. durch Ich-Perspektiven,
innere Monologe und Gedankengänge
Inneneinsichten und zeigt ein differenziertes
Bild zwischen (kulturellen)
Gemeinsamkeiten und Unterschied en. In
dem Zuge reflektieren die Protagonst:innen
auch ihren von rassistischen und diskriminierenden
Äußerungen geprägten
Alltag und es wird z. B. sichtbar, warum die
sicher oft gut gemeinte Frage „Wo kommst
du denn (eigentlich) her?“ verletzend und
verandernd (Stichwort: Othering) ist. So
„Othering ist ein Prozess, bei dem Personen oder Gruppen andere als fremd oder anders kennzeichnen,
oft im Kontext eines Machtgefälles. Die als anders geltenden werden diskriminiert
und haben wenig Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Die Merkmale der fremden Gruppe
werden als abweichend betont, wodurch Ausgrenzung und Abwertung entstehen, während die
Eigengruppe ein positives Selbstbild erhält und als normal gilt.“ (Stockmann 2023, 17)
Dr. Nadine Naugk
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an
der Martin-Luther-Universität in Halle-
Wittenberg. Sie lehrt und forscht zu DaZ
und Mehrsprachigkeit, Kinderliteratur/-
didaktik und zum mündlichen Erzählen.
Insgesamt findet man diese Themen insbesondere
in der erzählenden Kinderliteratur,
in biografischen Büchern und
im Sachbuch. Während einige Kinderbücher
explizit über Krieg und Flucht
informieren und oftmals zu starker emotionaler
Involviertheit herausfordern 1 ,
thematisieren andere stärker Integration
und das Zusammenleben sprachlich
und kulturell diverser Figure n(gruppen).
Lange Zeit wurden diese Themen in der
sogenannten problemorientierten Kinder-
und Jugendliteratur verhandelt, doch
bereits 2013 spricht Gina Weinkauff von
einer „Problemmüdigkeit“ (Weinkauff
2013, 38). Seitdem ist das Thema Migration
in der erzählten Welt fast überall prästeckt
darin doch ein „Du bist aber für
mich nicht wie die Menschen von hier.
Du kannst nicht von hier sein “ (Zamolo
2022, o. S.), wie Lucia Zamolo in ihrem
für den Deutschen Jugendliteraturpreis
nominierten autobiografischen Comic
Jeden Tag Spaghetti (Abb. 2) schreibt, in
der sie diese und andere alltagsrassistische
Zuschreibungen und ihre Gefühle dazu
aufzeigt.
Multi-, inter- und transkulturelle
Kinderliteratur
Auch wenn der Begriff Multikulturalität –
weiter oben sprach ich von Postmigration
– heute veraltet wirkt, da er ein Nebeneinander
von Vielfalt ohne wechselseitige
Bezugnahme beschreibt, halte ich ihn für
eine bestimmte Form von Kinderbüchern
für passend. Gemeint sind meist Sachbilderbücher,
die über verschiedene Kulturen
informieren – häufig bezogen auf eine
kulturelle Praxis wie Feste, Schule, Alltag
oder Essen. Oft sind diese Bücher nach
Ländern geordnet und zeigen beispielsweise
traditionelle Gerichte mitsamt ihren
regionalen Zutaten und Zubereitungsweisen;
nicht selten tragen sie „in aller
Welt“ oder „rund um die Welt“ im Titel.
Andere konzentrieren sich auf eine
GS aktuell 172 • November 2025
3
Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Abb. 1: Tyler Feders Bilderbuch
Körper sind toll, 2021
Abb. 2: Lucia
Zamolo, Jeden
Tag Spaghetti,
2022
Abb. 4: Eymard Toledo: Kayabu, 2024
Abb. 3: Ein Beispiel von
Lehramtsstudierenden
bestimmte Nationalität und einen spezifischen
Aspekt, etwa indigene Kulturen
(Nat Cardozo: Origins, 2024) oder
außergewöhnliche Frauenberufe in Japan
(Eva Offredo: Japan yahho, 2023). Letzteres
porträtiert acht Frauen, wobei jede
Doppelseite grafisch reduzierte, ausdrucksstarke
Illustrationen mit einem
knappen Erzähltext und Fußnoten zu
einzelnen japanischen Wörtern kombiniert.
Inspiriert von dieser besonderen
Ästhetik und Erzählweise können
eigene (Fantasie-)Berufe entworfen,
Beschreibungstexte verfasst, Wortneuschöpfungen
ausprobiert und so eine eigene
Buchseite im Stil von Japan yahho collagiert
werden (Abb. 3 – hier ein Beispiel
von Lehramtsstudierenden).
Interkulturelle Literatur betont – entsprechend
der Vorsilbe inter- – das Dazwischen,
die Differenz und die dialogische
Beziehung zweier Einheiten, die
sich wesentlich über die Konstruktion
von „fremd“ und „eigen“ definieren. Weniger
explizit, aber dennoch erkennbar,
findet sich dieses Prinzip in Büchern,
deren Geschichten in einem nicht deutschen
Kulturraum angesiedelt sind. Hierzu
zählen zahlreiche Bilder- und Kinderbücher,
die häufig in Übersetzung erscheinen
(z. B. Eymard Toledo: Kayabu,
2024, Abb. 4). Diese Bücher vermeiden
es jedoch, eine Wir-Die-Dichotomie zu
verstärken, indem die Protagonist:innen
ihr Befremden selbst zum Ausdruck bringen.
So erzählt Naná von Kayabu, einem
Jungen aus einer indigenen Gemeinschaft
im Regenwald, der nach Brandrodungen
in Nanás Dorf am Amazonas
zieht. Mit Verwunderung beobachtet sie,
wie er im Dorfladen mit Fisch bezahlen
möchte, da ihm Geld fremd ist, oder wie
er mit einem vor den Flammen geretteten
Faultier zur Schule kommt. Sie möchte
mehr über ihn erfahren und bewundert
seine naturnahen Fähigkeiten – bis
Kayabus Familie eines Tages weiterzieht.
Fremdheit wird hier nicht durch die Zuweisung
zu einer anderen Nation verdeutlicht,
sondern durch die unmittelbaren
Erfahrungen der Protagonistin. Authentizität
entsteht zudem durch die collagierten
Illustrationen, die oft zusätzliche
Einblicke in das Leben in Nanás Dorf geben:
in auf Pfählen gebaute, durch Planken
verbundene Hütten, in denen die
Menschen wohnen; in den Fluss, der sie
mit Fisch versorgt; und in das Schulhaus
mit Wellblechdach und Luftschlitzen
statt Fenstern, um der Hitze zu trotzen.
Das Buch ist im Baobab-Verlag erschienen,
der sich für kulturelle Vielfalt engagiert
und jährlich die umfangreiche Empfehlungsbroschüre
Kolibri herausgibt. 2
Transkulturalität unterscheidet sich
vom interkulturellen Konzept insbesondere
durch seine Fluidität und die im
Vordergrund stehende Neuformierung
statt Durchmischung. Es geht um das
Überschreiten von Grenzen als wechselseitige
Durchdringung und Rückbindung
zugleich (vgl. Bischoff/Komfort-Hein
2019, 8). Durch Migrations- und Glo-
balisierungsprozesse sind Rückbindungen
an einzelne, klar voneinander abgrenzbare
Kulturen nicht mehr möglich
– und im Hinblick auf Inklusion auch
nicht wünschenswert. Dieses veränderte
Verständnis von kultureller Zugehörigkeit
spiegelt sich auch in der Kinder- und Jugendliteratur
wider, etwa in Form vielfältiger,
in vielerlei Hinsicht unterschiedlicher
Figuren, wie sie beispielsweise in den
Büchern von Frauke Angel, Andrea Karimé
oder Anna Dimitrova zu finden sind.
Daher sollte der Fokus stärker auf dem
Individuum liegen: auf jedem einzelnen
Kind mit seinen spezifischen Besonderheiten
und Bedürfnissen, anstatt (künstlich)
Gruppen zu bilden, die wiederum
Zugehörigkeit und Ausschluss erzeugen.
Dies entspricht der Prämisse der Postmigration,
die (migrationsbedingte) Vielfalt
als grundlegende gesellschaftliche Realität
versteht, und verdeutlicht die Wichtigkeit,
diese Vielfalt im schulischen Alltag
als bereichernde Ressource zu nutzen.
Das mehrsprachige Kinderbuch
Auf dem aktuellen Buchmarkt finden
sich eine Vielzahl mehrsprachiger
Bücher. Diese können unterschiedlich
gestaltet sein. Eine häufige Form bilden
parallel zweisprachige Bücher, in denen
der deutschsprachige Text einer fremdsprachigen
Version gegenübersteht oder
oft auch beide Sprachen übereinanderstehen.
Je nach Textlänge handelt es
sich dabei um einzelne Wörter, Wortgruppen
oder Sätze (z. B. Matías Acosta
Die Sommergäste 3 – Las visitas del verano,
2022) oder auch längere Textpassagen,
sodass sich die Lektüre für anschließende
Sprachvergleiche auf Wort- oder Satzebene
mehr oder weniger gut eigne t (siehe
auch den Beitrag von Raila Karst in diesem
Heft).
4 GS aktuell 172 • November 2025
Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Kriterien für empfehlenswerte Bücher
zum Thema
• Darstellung verschiedener kultureller
Praktiken, ohne diese zu verandern
(Othering), zu befremden und zu bewerten/abzuwerten
• Vielfalt und Diversität zeigen mit Blick
auf Inklusion statt Integration
• Menschen unterschiedlicher Herkunft
als Individuen mit vielfältigen Gefühlen,
Bedürfnissen und Fähigkeiten erfahrbar
werden lassen
• Wir-Die-Dichotomien vermeiden, ggf.
durch authentische Bücher, die eigene
kulturelle Praktiken ins Buch bringen
statt einen Blick von außen
• Erfahrungen von Rassismus differenziert
thematisieren, statt Rassismus zu
reproduzieren
• Zum Dialog, zu gegenseitigem Verständnis
und zu Respekt beitragen
Interessant erscheint mir auch ein Blick
auf die Entstehung der mehrsprachigen
Fassungen: Handelt es sich um den Originaltext,
der der deutschen Übersetzung
gegenübersteht, so finden sich insbesondere
auch auf Ebene der Illustrationen
kulturelle Codes, die es zu entdecken gilt,
und eine stärkere Authentizität. Diese
Bücher behalten beispielsweise die Leserichtung
bei, sodass etwa Bücher aus dem
arabischen Sprachraum von rechts nach
links geblättert werden und entsprechend
die Text- und Bildleserichtungen ebenfalls
von rechts nach links verlaufen. Andere
Bücher, z. B. aus dem Verlag Edition
bi:libri schaffen nachträglich eine Übersetzung
in verschiedene Sprachen. Hier
liegen dann oftmals mehrere Versionen
vor, je nachdem, welche Sprache neben
dem Deutschen abgedruckt sein soll, mit
dem Ziel, den Text möglichst vielen Kindern
auch anderer Erstsprache zugänglich
zu machen.
Neben den parallel zweisprachigen Büchern
gibt es auch interlinguale Bücher,
die ganz selbstverständlich hier und da
fremdsprachige Wörter einbinden – teils
ohne explizite Übersetzung. So sprechen
die Schüler:innen in Tanya Lieskes für den
Deutschen Jugendliteraturpreis nominiertem
Kinderroman Wir sind die Weltklasse
(2024) fast alle unterschiedliche Sprachen,
die Lieske organisch in die Erzählung einfließen
lässt. Mehrsprachigkeit wird dabei
nicht nur wertgeschätzt, sondern als
selbstverständlicher und unverzichtbarer
Teil des Zusammenlebens erfahrbar
gemacht. Andere Bücher liegen in vielsprachigen
Fassungen vor, so nutzt Andrea
Karimé in ihrem Gedicht-band Planetenspatzen
(2023) insbesondere den Klang
fremdsprachiger Wörter, um Sprachspiele
und Lautgedichte zu kreieren, die gleichzeitig
mit der ebenfalls abgedruckten
Wortbedeutung inhaltlich zusammenwirken
(siehe auch den Beitrag von Johanna
Duckstein und Mareike Teuscher in diesem
Heft).
Potenziale mehrsprachiger und
interkultureller Kinderliteratur
Grundsätzlich ist interkulturelle Bildung
und Erziehung eine „Querschnittsaufgabe
in der Schule“ (KMK 1996, 5) und nicht
an mehrsprachige Kinder gebunden. Insbesondere
Kinderliteratur kann unterschiedliche
Lebenswelten und Perspektiven
repräsentieren und ins Klassenzimmer
holen. Eine konstruk-tive Nutzung
der Mehrsprachigkeit hat dabei
mehrere Vorteile:
● Sprachbewusstheit fördern
Durch ein metasprachliches Nachdenken,
den Vergleich von Sprachstrukturen und
das Erkennen von Gemeinsamkeiten und
Unterschieden wird die Sprachbewusstheit
(Language Awareness) gefördert –
auch für die deutsche Sprache. Gerade in
einem kontrastiven Vergleich können die
Schüler:innen die eigene und andere Sprachen
entdecken. Arbeitet man mit Acostas
Die Sommergäste, so könnten folgende
Fragen im Vergleich zwischen deutscher
und spanischer Sprache erkenntnisreich
sein: An welcher Stelle steht das Verb?
Welche Wörter werden großgeschrieben?
Gibt es in beiden Sprachen Komposita?
Was hat es mit den umgedrehten Frageund
Ausrufezeichen auf sich? Welche
Sonderzeichen oder Akzente findest du?
Was bewirken sie für die Aussprache?
Die Schüler:innen selbst oder auch Eltern
können in diese Arbeit einbezogen werden
und als Expert:innen von ihren Erstsprachen
berichten. In einsprachigen
Klassen können digitale Übersetzer eingesetzt
werden, auch wenn diese nicht alle
Sprachen anbieten. In dem Sinne kann
auch einsprachige Literatur im Unterricht
mehrsprachig werden (siehe den Beitrag
von Maren Timptner in diesem Heft).
● Identität stärken
Sprache ist ein wesentlicher Teil der
Identität. Wird das Sprechen der Erstsprache
– in der Schule oder sogar zu
Hause – abgewertet oder gar verboten,
erhalten Kinder die Botschaft, dass ein
Teil von ihnen schlecht sei und besser verborgen
werden sollte (dies zeigt sich insbesondere
bei Sprachen mit wenig Prestige).
Wird Mehrsprachigkeit zugelassen,
fördert dies die Repräsentation und die
Wertschätzung der Familiensprachen und
eine positive Selbstwahrnehmung mehrsprachiger
Kinder.
● Interkulturelles Lernen ermöglichen
Die Auseinandersetzung mit Sprache,
Zugehörigkeit und kulturellen Perspektiven
ist eine Querschnittsaufgabe
für alle Kinder – sie sollte nicht nur
gelegentlich im Rahmen einzelner Projekte
angestoßen werden, sondern das
gesamte Schulklima nachhaltig prägen
(siehe Beitrag von Kevin Weichold in
diesem Heft). Vor allem authentische
Kinderbücher können hier wertvolle
Reflexionen anstoßen.
● Literarisches Lernen und
ästhetische Bildung
Kinderliteratur eröffnet als ästhetisches
Medium die Möglichkeit, sprachliche
und visuelle Diversität sinnlich erfahrbar
zu machen. Durch den Einsatz
von Code-Switching, mehrsprachigen
Dialogen und hybriden Erzählformen
werden Kinder spielerisch mit unterschiedlichen
Ausdrucksweisen vertraut
gemacht. Solche literarischen
Begegnungen erweitern den Blick für
kulturelle Vielfalt und kreative Erzählweisen
und regen zu Empathie und
Perspektivenübernahme an.
Anmerkungen
(1) Als Lehrkraft sollte man daher gut
abwägen, was man seinen Schüler:innen – vor
allen denen mit eigenen Fluchterfahrungen –
zumuten kann/sollte.
(2) Mittlerweile gibt es auch eine Datenbank
mit allen Buchempfehlungen aus Kolibri:
www.baobabbooks.ch/de/kolibri/datenbank
Siehe auch die aktuelle Empfehlungsliste der
AJuM: https://kurzlinks.de/nyug
(3) Auf der Verlagshomepage findet man viele
Audios zu den Büchern. Diese ermöglichen
auch einen Vergleich auf Ebene der Aussprache
(www.baobabbooks.ch/de/audio).
Literaturangaben zum Artikel
können Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172Lit
GS aktuell 172 • November 2025
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Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Marion Gutzmann
Vielfalt der Kinder – Vielfalt der Bücher
In der Rubrik „Kinderbücher rund ums Thema …“ veröffentlichen wir seit Mai
2022 in jeder Grundschule aktuell einen reichen Schatz an Buchtipps zum jeweiligen
Themenschwerpunkt der Zeitschrift. Darunter finden sich Bilderbücher
mit und ohne Text, Kinderbücher für Leseanfänger:innen und für fortgeschrittene
Leser:innen sowie Sach(bilder)bücher. Diese und ergänzende Leseempfehlungen
bieten eine große Chance, zu einem Thema konkrete Zugänge auch mit
Kinderbüchern anzubieten sowie anhand eines gemeinsam gelesenen Textes
oder auch selbst gewählter Texte miteinander ins Gespräch zu kommen und sich
über das Thema auszutauschen.
Auch in diesem Heft werden viele
Einblicke in empfehlenswerte
Bilder- und Kinderbücher und
entsprechende Unterrichtsanregungen
gegeben, die Mehrsprachigkeit thematisieren.
Bücher in den Erstsprachen der
Kinder sowie Bücher, die den Aspekt
Mehrsprachigkeit aufgreifen, spiegeln
insbesondere die mehrsprachige Lebenswelt
der Kinder, bieten aber auch allen
Kindern Erfahrungen mit den Sprachen
anderer Kinder sowie Anregungen zum
gemeinsamen Nachdenken über
Sprachen und Schriften.
Individuelle Leseerfahrungen
ermöglichen – unterschiedliche
Bücher und Texte lesen
Eine anregende Leseumwelt mit einer
Vielzahl von Büchern bietet neben
Inszenierungen des gemeinsamen Lesens
eines Textes auch die Chance, dass Kinder
ihrem Können, dem sprachlichen
Entwicklungsstand und ihren Interessen
entsprechend Bücher auswählen und im
Rahmen von Lesezeiten unterschiedliche
Texte oder Bücher lesen können.
Dabei
begleiten Methoden und Aufgabenstellungen,
die zum produktiven Handeln
herausfordern, den individuellen
Leseprozess über einen längeren Zeitraum.
Zur intensiven Auseinandersetzung
mit einem Buch als Ganzem
regen z. B. Aufgaben wie Drei Rätsel,
Figuren im Buchhaus, Guckloch,
Lesekiste oder Leserolle an (vgl. Lesecurriculum
Berlin-Brandenburg 1 ). Solche
Aufgabenstellungen und Methoden
bieten sich gleichfalls an, um die Sprachen
der Kinder sichtbar zu machen.
Teilweise sind in diese von den Kindern
nach und nach gefüllten Lesebegleitdokumente
Anregungen zur Selbsteinschätzung
integriert. So können sich die
Kinder als Leser:innen mit ihren Lesevorlieben,
Stärken und Entwicklungsschritten
beim Lesen präsentieren.
Werden Vorlesesituationen bzw.
Buchpräsentationen gewählt, welche die
Lebenssituation der Kinder, ihre Kultur
und ihre Sprachen abbilden, kann das
gegenseitige Vorlesen der Kinderbücher
gleichfalls das Interesse für die Sprachen
der anderen, aber auch für die gemeinsam
betrachteten Inhalte wecken.
Bilderbücher erzählen mit Bildern
Der Einsatz textfreier Bilderbücher
schafft einen besonderen Raum für literarisch-ästhetische
Erfahrungen und
vor allem eine Situation, in der sich
alle Kinder in mehrsprachigen Lerngruppen
auf Augenhöhe
begegnen können, mit ihren
eigenen Sprachen und auf
ihrem Sprachniveau. So kann
jedes Kind Geräusche, Wörter
und Sätze oder auch Bilder, die
ihm zu den Bilderbuchseiten einfallen,
auf einem Haftzettel notieren,
diktieren oder zeichnen und
an der jeweiligen Stelle im Bilderbuch
befestigen. Damit können alle
Sprachen der Kinder und ihre Freude
am Sehen, Sprechen und Erzählen
in die Bilderbuchgeschichte eingehen
(vgl. Eder/Seewald/Wildeisen 2019,
19). Wimmelbilderbücher, die aufgrund
ihrer Vielfältigkeit und Offenheit in der
6 GS aktuell 172 • November 2025
Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Marion Gutzmann
ist Vorsitzende des Grundschulverbandes,
Vorstandsmitglied der Landesgruppe
Brandenburg, Rektorin i. R.,
und Mitglied des Redaktionsteams
Grundschule aktuell
Darstellung passend zu allen Themen
des Grundschulunterrichts genutzt werden
können und die in keiner Klassenbibliothek
fehlen sollten, bieten ebenfalls
eine große Chance, die Sprachen
der Kinder sichtbar zu machen, Wortschätze
aufzubauen und miteinander zu
vergleichen.
Poesie der Sprache in
Gedichtsammlungen
Die Erfahrung, Sprache und Kultur als
etwas Wertvolles und Verbindendes
zu erleben, wird vor allem über das
gemeinsame Singen, Reimen, Sprechen
und Nachsprechen wahrgenommen.
Über Lieder, Verse, Gedichte und
Zungenbrecher können sprachliche
Brücken zu den verschiedenen Sprachen
der Kinder, aber auch zu ihren Familien
und Elternhäusern geschaffen werden
(siehe auch den Beitrag von Raila Karst
in diesem Heft).
Gedichtsammlungen ermöglichen die
Auswahl von Gedichten zu einem Thema
oder auch bezogen auf eine Autorin
bzw. einen Autor, z. B. Sammlungen von
Arne Rautenberg, Heinz Janisch, Lena
Raubaum oder Nils Mohl. Bei der Auswahl
entscheiden die Kinder nach ihren
Lesevorlieben, lesen und sprechen ihren
Gedichttext, schreiben das Gedicht ab
oder um und gestalten den Text mit
Schrift und Illustration(en). Viele Gedichte
bieten einen sprachlichen Input,
der das sprachliche Lernen sowohl auf
das Textsortenwissen als auch in Bezug
auf den Erwerb bzw. den Vergleich
grammatischer Formen und Strukturen
unterstützt und vor allem auch die
Sprechfreude weckt.
Wie im nachfolgenden Beispiel können
die Kinder in einem Parallelgedicht
zu Arne Rautenbergs wortgeschenke
(2019) zehn Lieblingswörter zum
Weihnachtsfest verschenken. So wurde
in einer Klasse das Gedicht mehrmals
gelesen, die Kinder sammelten eigene
Wörter, schrieben den Gedichttext mit
zehn eigenen Lieblingswörtern auf, lasen
einander die Texte mehrmals vor,
erstellten eine Audioaufnahme und gestalteten
aus einem Streichholzschächtelchen
eine hübsche Verpackung für
ihr Leporello-Wortgeschenkegedicht
zum Weihnachtsfest. Auch wenn rosenseife,
schneegestöber oder zimtstern wohlklingende
Wörter sind, die der Autor
gewählt hatte, fanden die Kinder eigene
Lieblingswörter wie z. B. Kuschelbär,
Çiçek tarlası (übersetzt: Blumenwiese),
Lieblingstraum, Schatztruhe, Vtáčia
búda (übersetzt: Vogelhäuschen). Schon
an diesen wenigen Wörtern wird deutlich,
dass es in manchen Sprachen keine
Komposita gibt und Wörter über andere
Buchstaben verfügen. Groß war
die Freude, als in den Familien am
Weihnachtsabend das hübsch verpackte
Wortgeschenkegedicht des Kindes
über einen QR-Code vorgespielt werden
konnte.
Wie für alle Leselernenden sind die
folgenden Aspekte auch bei der Gestaltung
anregender Lesewelten in mehrsprachigen
Lerngruppen hilfreich:
● Interessen der Kinder einbeziehen
Die Bücher knüpfen an die Erfahrungen
und Interessen der Kinder an, sie
können sich mit einer bzw. mehreren
Figuren identifizieren.
● Geschichten und Bücher auch
auditiv bereitstellen
Über das Hören werden manche Kinder
motiviert und finden den Zugang zum
Lesen eines Textes. Das Hören bzw. Mitlesen
beim Hören trägt u. a. zur Förderung
der Leseflüssigkeit bei.
● Kinderliteratur im Medienverbund
anbieten
Die Arbeit mit Medienverbünden
(Buch, Hörspiel, Hörbuch, Film, Comic,
App) bietet allen Leselernenden breitere,
differenzierte und attraktive Zugangsmöglichkeiten
zu literarischen Textinhalten.
Die Kinder können Texte und
Medien entsprechend dem Leseanlass
und der Informationsabsicht gezielt auswählen
und ihre persönlichen Vorlieben
reflektieren. Ebenso regt solch eine
intermediale Lektüre zum Vergleich
zwischen den Fassungen an und trägt
zur Erweiterung des Textverstehens bei.
● Bücher und Texte, die einem unterschiedlichen
Entwicklungsstand auf
dem Weg zur Leserin / zum Leser entsprechen,
bereitstellen
Berücksichtigung bei der Auswahl und
Bereitstellung eines breiten Textangebotes
finden neben den Erstsprachen
vor allem die Leseinteressen der Kinder,
die Vielfalt der Genres, verschiedenste
Autor:innen sowie unterschiedliche
Arten und Stile von Illustrationen.
Formale Kriterien wie die Art und die
Anzahl von Illustrationen, die Zeilenlänge,
zeilenübergreifende Sätze, Länge
und Komplexität der Sätze, Gliederung
des Textes in Abschnitte bzw. mit
Zwischenüberschriften, Schriftart und
Schriftgröße, Textumfang und Seitenzahl
können zudem die Textschwierigkeit
und das Verstehen des Textes beeinflussen.
Letztendlich sollte sich die Diskussion
über das Thema Mehrsprachigkeit nicht
darauf beschränken, sie als Bereicherung
oder Herausforderung, als Chance oder
Stolperstein zu betrachten, sondern als
Grundverständnis einer gemeinsamen
Haltung, die Vielfalt der Sprachen zu
fördern und dabei mehrsprachige Lernkontexte
auch bei der Auswahl und der
Bereitstellung von Texten zu schaffen.
Anmerkung
(1) Verschiedene Methoden, die eine Auseinandersetzung
mit einem Buch, einer Zeitschrift
oder allgemein einem Text – auch
medial vermittelten Texten – über einen
längeren Zeitraum begleiten.
https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/
leseprozesse (Aufruf am 15.09.2025)
Literatur
Eder, K./Seewald, K./Wildeisen, S. (2017):
Neunauge – von der Lust am Bild zur
Bildung der Sprache. Ludwigsfelde: Landesinstitut
für Schule und Medien Berlin-Brandenburg.
https://bildungsserver.berlinbrandenburg.de/neunauge-publikation
(Aufruf am 15.09.2025)
Rautenberg, A.(2019): wortgeschenke. In:
Rautenberg, A.: vier kerzen, drei könige, zwei
augen, ein stern. 24 Weihnachtsgedichte.
Wuppertal: Peter Hammer.
GS aktuell 172 • November 2025
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Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Anne Lorenz
Viele Sprachen in der Zuckertüte –
eine auf Papier
Mehrsprachigkeit im Anfangsunterricht Deutsch
Im Anfangsunterricht der Grundschule in Deutschland bringen Kinder unterschiedlichste
sprachliche Hintergründe mit. Für viele ist Mehrsprachigkeit gelebter
Alltag. Für den Deutschunterricht, und insbesondere den Anfangsunterricht,
stellt dies gleichermaßen Herausforderung wie Ressource dar. Doch wie
können Lehrkräfte im Schriftspracherwerb mit dieser sprachlichen Vielfalt so
umgehen, dass alle Kinder profitieren – auch einsprachig aufwachsende Kinder?
Wenn Lehrkräfte die Sprachen,
die ihre Schüler:innen in
ihrer Vielfalt mitbringen,
wertschätzen und gezielt einbeziehen,
fördern sie nicht nur Motivation und
Identitätsentwicklung, sondern auch die
Sprachbewusstheit aller Kinder, eine
essenzielle Grundlage des Schriftspracherwerbs.
Sprachbewusstheit versteht sich
als Fähigkeit, Sprache und Sprachgebrauch
zum Gegenstand des Denkens zu
machen und explizit darüber sprechen zu
können. Mehrsprachigkeitssensibel
gestalteter Anfangsunterricht kann Raum
schaffen für Sprachbegegnung, gegenseitigen
Respekt und das Wecken der
Neugier auf Sprache(n) und Schrift.
Dafür braucht es keine großen Programme
– sondern kleine, bewusste Schritte
im Schulalltag. Im Folgenden möchte ich
einige konkrete Umsetzungsideen vorstellen
und reflektieren.
Mit der „Leeres Blatt“-Methode
die Lernausgangslage erfassen
Der Blick auf die Ausgangslage der
Sprachen bzw. Schriftsprachen, die die
Kinder bereits mitbringen, ist bedeutsam
für den Unterricht. Die Methode
„Leere s Blatt“ (Deh n/Hüttis-Graff 2006)
ermöglicht es Lehrkräften, einen Überblick
über die Ausgangslage zu erhalten.
Die Kinder bekommen ein leeres Blatt
mit dem Auftrag, darauf zu schreiben,
zu malen und auch zu diktieren,
was sie an Schrift und Schriftsprache
in all ihren Sprachen mitbringen, denn
Schriftspracherwerb in der Schule fängt
keineswegs bei null an. Für die Lehrkraft
ergibt sich ein erster Blick auf
ggf. vorhandene Alphabetisierungserfahrungen.
Die Kinder können so
ihre (positiven) Vorerfahrungen mit
Schrift sichtbar machen – ega l, in welcher
Sprache. Anschließend bietet sich
ein Austausch über ihre Ergebnisse an.
Für die Lehrkraft kann dies hilfreiche
Hinweise liefern: Wird von links nach
rechts geschrieben und gelesen? Handelt
es sich um eine Alphabetschrift,
also eine Schrift, die die gesprochene
Sprache als Grundlage hat? Und auch
für einsprachige Kinder wird dabei die
explizite Sprachbewusstheit, also die
Fähigkei t, über Sprache und Sprachgebrauch
zu sprechen, gefördert.
„Ich weiß, was das auf
dem Bild ist, aber das
Wort kenn’ ich nicht
auf Deutsch.“
Die Arbeit mit (An-)Laut-Tabellen
(An-)Laut-Tabellen stellen eines der
wichtigsten Hilfsmittel für den Anfangsunterricht
Deutsch in Grundschulen
dar. Sie verdeutlichen den Kindern
durch die Zuordnung von Lauten und
Buchstaben das alphabetische Prinzip
der Schriftsprache des Deutschen und
ermöglichen ein Schreiben von Anfang
an.
Bei der Arbeit mit (An-)Laut-Tabellen
können für mehrsprachige Kinder
besondere Schwierigkeiten bestehen.
● Zum einen kann es herausfordernd
sein, die Laute des Deutschen zu er-
Dr. Anne Lorenz
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an
der Martin-Luther-Universität Halle-
Wittenberg und forscht zu mehrsprachigem
Schrifterwerb und Sprachvergleichen
im Grundschulunterricht Deutsch.
kennen, wenn es diese in ihren Erstsprachen
nicht gibt (bspw. /e/ und /o/,
die im Arabischen nicht vorkommen).
Hier bietet es sich an, mit Lautgebärden
zu arbeiten, die den Kindern dabei helfen,
die Lautdifferenzierung als explizite
Lautunterscheidung auszubauen.
Übungen zur Schulung der phonologischen
Bewusstheit sollten im Fokus des
Anfangsunterrichts stehen, ganz besonders
in mehrsprachigen Lerngruppen.
Hierfür bieten sich Reime, Zungenbrecher,
Verse und Kinderlieder an,
die immer wieder Teil des Unterrichts
sein können, auch unter Einbezug der
vielfältigen Erstsprachen. Anregungen
für die praktische Umsetzung von Reimen,
Versen und Kinderliedern gibt es
beispielsweise bei Benati und Sánchez
Oroquieta (2023).
● Außerdem besteht möglicherweise
die Schwierigkeit, dass den Kindern
die deutschen Bezeichnungen für die
Bilder der Tabelle unbekannt sind und
der mentale Abruf nur in einer anderen
Sprache gelingt. Dem kann begegnet
werden, indem mit individualisierten,
mehrsprachigen oder vertonten (An-)
Laut-Tabellen gearbeitet wird.
Erika Brinkmann weist darauf hin,
dass diese Schwierigkeiten z. T. auch
8 GS aktuell 172 • November 2025
Thema: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
bei Kindern mit deutscher Erstsprache
bestehen: Beispielsweise sind Abbildungen
auch für sie nicht eindeutig
und die Lautwahrnehmung wird durch
umgangssprachliche Mündlichkeit und
Dialekte erschwert. Es gibt zwar graduelle
Unterschiede im Ausmaß zwischen
Kindern mit und ohne Deutsch als Erstsprache.
Da sich die Schwierigkeiten
aber in jedem Anfangsunterricht stellen,
sind die genannten Unterstützungsmaßnahmen
für alle Kinder bedeutsam (vgl.
Brinkmann 2017, 10).
Wortschatz gemeinsam erweitern
Was müssen Lehrkräfte über die Erstsprachen der Kinder wissen?
Keinesfalls muss die Lehrkraft alle Sprachen der Kinder sprechen können. Sie sollte aber die
strukturellen Besonderheiten der Erstsprachen kennen, die möglicherweise zu Stolperstellen
beim Erwerb der deutschen (Schrift-)Sprache führen. Somit können nicht normgerechte
Schreibungen der Kinder besser analysiert und Lernangebote passend(er) für die Kinder
gestaltet werden. Zudem fördert ein sprachkontrastiver Ansatz, beispielsweise mit Sprachvergleichen
im Unterricht, die metasprachliche Bewusstheit aller Kinder, da der Fokus auf
schriftsprachliche Erscheinungen an sich gelegt und für Strukturen von Sprache(n) sensibilisiert
wird – ein zentraler Schritt beim Schriftspracherwerb. Konkret kann das bedeuten:
Auf Lautebene: Welche Laute kommen in der Erstsprache des Kindes nicht vor? Werden
Kurz- und Langvokale unterschieden? Welche Laute klingen ähnlich wie andere Laute im
Deutschen?
Auf Wortebene: In welchen Formen wird der Plural in der Erstsprache des Kindes gebildet?
Welche Formen der Genusdifferenzierung gibt es? Wie funktioniert die Adjektivdeklination?
Gibt es trennbare Verbformen? Wie verhält es sich mit Tempusformen?
Auf Satzebene: Welche Verbstellungen gibt es in unterschiedlichen Satzarten der Erstsprache
des Kindes? Werden Artikel verwendet? Folgt die Satzstruktur dem Subjekt-
Prädikat-Objekt-Prinzip?
Krifka et al. (2014) oder die Sprachbeschreibungen des IfSM der Universität Duisburg Essen
(o. J.) geben Übersichten für sprachstrukturelle Unterschiede verschiedener Erstsprachen.
Ein möglichst kommunikativer, handlungsorientierter
Wortschatzerwerb sollte
die Grundlage eines sprachsensiblen
Anfangsunterrichts sein, da auch Kinder
mit Deutsch als Erstsprache in dieser Zeit
noch aktiv im Wortschatzerwerb sind.
Fragt man explizit nach Übersetzungen
in die Familiensprachen, zeigen sich
oft interessante Parallelen oder Unterschiede,
z. B. durch Lehnwörter. Bei
einem Lehnwort handelt es sich um ein
aus einer anderen Sprache übernommenes
Wort, welches angepasst wurde und
oft Einblicke in Sprachgeschichte bietet,
beispielsweise Joghurt im Deutschen,
aus dem Türkischen: yoğurt. Denkbar
sind auch persönliche mehrsprachige
Wortschatzkisten,
-listen, oder -hefte, die stetig
weitergeführt werden, und auch Beschriftungen
im Klassenzimmer, möglichst
immer mit Artikel und Pluralformen
(die Tür – die Türen) sind hilfreich
beim Lernen.
Unterstützend für die Wortschatzarbeit,
aber auch für den Sprachvergleich
geeignet, kann das Material Einfach alles.
Die Wort-Schatz-Kiste (Berner 2009;
siehe Abb. 1) genutzt werden. Hierbei
handelt es sich um eine
Sammlung aus
150 stabilen Bildkarten mit ästhetisch
illustrierten Alltagsszenen der renommierten
Illustratorin Rotraut Susanne
Berner. Auf der Rückseite jeder Karte
stehen die Begriffe in sieben Sprachen
(u. a. Deutsch, Englisch und Türkisch)
sowie eine passende Redewendung. Das
Begleitheft liefert kreative Ideen für den
Einsatz als Sprachförderung, Schreibanlass
oder Gestaltung eigener Wortkarten.
Fazit
Es gibt vielfältige Möglichkeiten, den
Anfangsunterricht Deutsch mehrsprachigkeitssensibel
zu gestalten, wie
z. B. mittels der gezeigten Methoden
und Materialien. Lehrkräfte müssen
dabei nicht alle Sprachen der Kinder
sprechen können – es reicht die Bereitschaft,
sich mit der Sprachenvielfalt auseinanderzusetzen.
Gemeinsam mit den
Kindern können die Sprachen entdeckt
und verglichen werden, die sie mit der
Zuckertüte in die Schule bringen, sodass
beim Aufs-Papier-Bringen, dem Schriftspracherwerb,
Mehrsprachigkeit als Ressource
für alle Kinder wahrgenommen
werden kann.
Abb. 1:
Einfach alles.
Die Wort-Schatz-Kiste
(Berner 2009)
Literaturangaben zum Artikel
können Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172Lit
GS aktuell 172 • November 2025
9
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Johanna Duckstein, Mareike Teuscher
Sprachenvielfalt durch Lyrik entdecken
Kinder schreiben zur Gedichtsammlung Planetenspatzen (2022)
Das lolorote Boot ist froh und erdbeerfrisch, der Vogel kusch trinkt Wolkentee am
Wolkensee und der krähende kokoras verspeist Kokoseis – der Klang eines Wortes
in einer uns unbekannten Sprache kann Fragen aufwerfen, aber auch Assoziationen
zu anderen Sprachen hervorrufen: Welchem Wort ähnelt es? Wie klingt es und
was reimt sich darauf? Welche Bedeutung steckt möglicherweise dahinter?
Genau solch einen intuitiven und
spielerischen Zugriff nutzt Andrea
Karimé in ihren lyrischen
Texten im Buch Planetenspatzen. Durch
die Verknüpfung verschiedener Sprachen
im Sinne eines Code-Mixings können
Kinder zum Schreiben eigener
mehrsprachiger Gedichte angeregt werden.
In diesem Beitrag soll daher ein
Blick auf die didaktische Erschließung
der literarischen Vorlage gerichtet und
anhand ausgewählter Kindertexte das
Potenzial einer mehrsprachigen,
produktionsorientierten Lektüre reflektiert
werden.
Sprachenvielfalt mit
lyrischen Texten erleben
Wenn Kinder den Klang fremder Sprachen
hören, entwickeln sie eine Sensibilität
für Strukturen, Eigenschaften und
Ausdrucksmöglichkeiten von Sprache.
Eine solche Aufmerksamkeit bildet den
Grundstein für den reflektierten Umgang
mit Sprachen und unterstützt gleichzeitig
das Verständnis für andere Kulturen (vgl.
Luchtenberg 2002, 30 f.). Rösch plädiert
für den Umgang mit mehrsprachiger
Kinderliteratur:
Letztendlich geht es darum anhand
der integriert zweisprachigen Werke
mit unterschiedlichen Sprachen und
Schriften zu spielen, vorhandene Übersetzungen
heranzuholen, Fassungen
zu vergleichen, gegebenenfalls (Rück-)
Übersetzungen anzufertigen und (Minderheiten-)Mehrsprachigkeit
in der Einwanderungsgesellschaft
als gesellschaftliches
Faktum erfahrbar zu machen
(Rösch 2013, 64).
Mehrsprachige lyrische Texte bieten
das Potenzial, kulturelle Vielfalt erfahrbar
zu machen (vgl. Mayr-Hueber 2016).
Gedichte kennzeichnen sich durch ihren
Klang, ihren Rhythmus und durch
Sprachbilder aus – sie laden zum Hören,
Nachfühlen und Mitgestalten ein. So
kann neben dem literarisch-ästhetischen
Gehalt des Textes auch Sprache bewusst
wahrgenommen werden. Dennoch finden
sie in der Mehrsprachigkeitsdidaktik
bisher kaum Beachtung.
Vorstellung des Buches
Planetenspatzen
Das Buch umfasst 27 mehrsprachige
Gedichte, die jeweils links auf jeder
Doppelseite bereits durch eine typografisch
gestaltete Überschrift eingeleitet
werden. Insgesamt werden 13
verschiedene Sprachen in der Sammlung
aufgegriffen. Unter dem Text werden
die Lautschrift eines konkreten
Wortes, dessen Übersetzung ins Deutsche
sowie die originale Schreibweise im
jeweiligen Schriftsystem bereitgestellt.
Das fremdsprachige Schlüsselwort ist
dabei farblich hervorgehoben – sowohl
in der Darstellung unter dem Gedicht
als auch in diesem selbst. Durch eine
spielerische Verbindung verschiedener
Sprachen, deren Klang, Assoziationen
und Bedeutungen entfalten die lyrischen
Texte ihre Wirkung.
Am Beispiel des Gedichtes BÜCH-
LEIN KNISCHKA werden so Wörter wie
knistern oder knirschen eingebunden,
die auf den Klang des Wortes knischka
und Ähnlichkeiten im Deutschen referieren.
Mit der Übersetzung büchlein
kommen weitere Wörter wie geschichten
oder papier hinzu, die semantisch
daran anschließen. So wird auf poetische
und sprachspielerische Weise von einem
kleinen Mäuschen berichtet, das in der
Welt der Bücher versinkt. Die Illustration
veranschaulicht diese fantastische
Begebenheit parallel zum Text.
BÜCHLEIN KNISCHKA
knischka büchlein komm ins haus
reisen möchte meine maus
in das knirschen der geschichten
mäuschen schnuppert alle schichten
lauscht ins knistern des papiers
und versinkt in knischkaweiten
knischkalange büchleinzeiten
*knischka = büchlein
(tschechisch knížka)
(Karimé/Schöbitz 2022, o. S.)
Für die Rezeption solcher Gedichte
ebenso wie für das eigene Schreiben
ergibt sich daraus die Chance, verschiedene
Sprachen bewusst wahrzunehmen,
indem die Aufmerksamkeit
auf die Lautstruktur gelenkt, der Vergleich
mit anderen Sprachen angeregt
und kreativ-schöpferischer Umgang mit
Sprache ermöglicht wird.
Didaktische Umsetzung
Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft
Schreibspielwiese an der Martin-Luther-
Universität in Halle (Saale) wurde die
Erschließung dieser Gedichte durch
ein intensives Hören und das Schreiben
eigener Texte erprobt. Diese außerschulische
Schreibwerkstatt wird von
Schüler:innen der zweiten bis sechsten
Klasse besucht, im Mittelpunkt stehen
der spielerisc he und entdeckende
Umgang mit Schriftsprache und das
kreative Schreib en. Umgesetzt wurde
der Impuls in vier didaktischen Schritten,
die im Folgenden skizziert werden:
Textbegegnung
Die Erstbegegnung mit den Gedichten
wurde über einen Galerierundgang
organisiert. An Türen, Wänden oder
Fenstern im Raum wurden dazu ausgewählte
Buchseiten ausgehängt, die
die Schüler:innen zu zweit oder zu dritt
erkunden konnten. Sie lasen sich die
Gedichte gegenseitig vor und kamen
in einen Austausch. Ziel war es, eine
10
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
selbstständige Auseinandersetzung mit
den sprachlichen Strukturen zu ermöglichen
und gleichzeitig das kreative Spiel
mit den mehrsprachigen Wörtern und
ihren Klang in den Gedichten wahrzunehmen.
Der Rundgang wurde im Plenum
mit einer Blitzlichtrunde zu folgenden
Impulsfragen abgeschlossen:
Was war dein Lieblingsgedicht? Was
ist besonders an den Gedichten? Was
ist bei allen Gedichten gleich? Hierbei
wurde beispielsweise erkannt, dass
es immer einen Begriff gibt, der in den
Gedichten wiederho lt aufgegriffen wird,
aber auch, dass alles in Kleinbuchstaben
geschrieben ist.
Gemeinsamer Sprachvergleich
An der Tafel wurde anschließend das
tschechische Wort knischka präsentiert,
um die Aufmerksamkeit auf die
lautliche Struktur und mögliche (Bedeutungs-)Assoziationen
zu lenken. Die
Lernenden wurden angeregt, ausgehend
vom Klang eigene Fantasiewörter oder
Assoziationen zu bekannten Wörtern
zu finden. Insbesondere die Verbindung
zu lautmalerischen Wörtern wie knirschen,
knacken oder knistern wurden
hergestellt. Aber auch bildhafte Verbindungen,
wie das Kramen in einer
Kiste, wurden genannt. Daniel, ein
Schüler mit ukrainischer Erstsprache
und Kenntnissen im Russischen, brachte
zudem eine mehrsprachige Perspektive
ein, indem er auf das russische
Wort мышка (gesprochen: myshka,
Mäuschen) verwies. Die lautliche
Nähe der Wörter führte bei ihm zu
einer besonderen Begeisterung in der
Auseinandersetzung, da er über seine
Sprachkenntnisse Bezüge zwischen diesen
Sprachen herstellen konnte.
Im nächsten Schritt wurde die Übersetzung
aufgedeckt: knischka = büchlein.
Hierbei verschob sich der Fokus
beim Assoziieren hin zu inhaltlich dazu
passenden Begriffen wie Buchstaben,
Papier, Tagebuch oder Lesezeichen, die
von den Kindern eingebracht wurden.
Baumuster im Gedicht entdecken
Nach dieser Vorarbeit erhielten die
Lernenden den Auftrag, das Gedicht
BÜCHLEIN KNISCHKA genauer zu
erkunden. Es ging darum, die zuvor an
der Tafel gesammelten Begriffe wiederzufinden
und zu markieren sowie sie
um weitere aus dem Text zu ergänzen.
Außerdem sollte das sprachliche Baumuster
des Gedichtes sichtbar und der
Inhalt des Textes wahrgenommen werden.
So fanden sie darin das Mäuschen
wieder, das im Buch auf Reisen
geht – eine Reise zwischen dem knirschenden
und knisternden Papier. Auf
eine eher spielerische Weise konnten
sich die Lernenden somit der Machart
des Gedichtes näher n, die sprachliche
Wahrnehmung vertiefen und
Gemeinsamkeiten zu ihren eigenen
Gedanken entdecken.
Dr. Johanna Duckstein (links)
und Dr. Mareike Teuscher
arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen
im Arbeitsbereich Deutsch an
der Martin-Luther-Universität Halle-
Wittenberg.
Seit vielen Jahren leiten sie gemeinsam
mit anderen Kolleg:innen die Kreisarbeitsgemeinschaft
schreibender
Grundschulkinder „Schreibspielwiese“
an der MLU.
Impuls zum eigenen Schreiben
In kleinen Gruppen erhielten die
Schüler:innen daraufhin ein neues
Wort, wie etwa kokoras (griechisch,
geschrieben: κόκορας – Hahn), kusch
(türkisch, geschrieben: kuş – Vogel)
oder lolo (romanes, geschrieben: lolo
– rot), zu welchen die Schüler:innen
nun wie im Vorgehen an der Tafel wieder
Assoziationen zu ähnlich klingenden
Wörtern und Wortbedeutungen
sammeln sollten (vgl. Abb. 1). Der
anschließende Schreibimpuls lautete:
Abb. 1: Wortsammlung
GS aktuell 172 • November 2025
11
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Schreibe nun ein eigenes Gedicht zu
deinen beiden Begriffen. Nutze dafür
eure Wortsammlung.
Ein Blick auf die Kindertexte
Im Folgenden werden drei Kindertexte
vorgestellt, zu denen je eine Lesart entwickelt
wurde. Dabei wird insbesondere
reflektiert, welche Potenziale sich im
Hinblick auf den Umgang mit Mehrsprachigkeit
eröffnen.
Krasser Kokoras
Der Kokoras
ist super krass.
Er kräht im Fass.
Die Hennen und Krähen werden
nass,
isst gern Schokolade mit Kokosgeschmack.
Die Kokosnüsse – die sind frisch,
werden geliefert – leider mit Fisch.
Im Dschungel leben – welch eine
Freude.
Krokodil und Kobra – das Kokoras’
Freunde.
Als Nachtisch gibt es
Chili Con Carne, aber mit Sahne.
Felix, 5. Klasse
Felix nutzte für sein Gedicht eine Vielzahl
der gesammelten Wörter (vgl.
Abb. 1), die er mit seiner Gruppe zum
griechischen Begriff kokoras assoziierte
(wie krass, Fass, Schokolade,
Kokos(nuss), frisch, Dschungel, Kobra,
Krokodil) oder die sie von der deutschen
Übersetzung abgeleitet hatten
(wie Henne, krähen, Sahne, Chili
con Carne). Diese Wortsammlung bot
bereits erste Reime an und gab eine
inhaltliche Richtung vor, die Feli x’ lyrischen
Text prägen.
So berichtet das Gedicht vom Kokoras,
seinen sonderbaren Eigenschaften –
insbesondere seinen kulinarischen Vorlieben
–, aber auch von dessen Freunden
und Leben im Dschungel.
Neu hinzu kommen vor allem Begriffe,
die dem Reimschema dienen, das er
relativ konsequent im Paarreim umsetzt.
So ergänzt Felix zu „Er kräht im Fass“
wie als Schlussfolgerung „Die Hennen
und Krähen werden nass“. Er führt somit
durch die in eine Form gebundene
Sprache das lautmalerische Spiel fort.
Besonders auffällig an seinem Text ist
damit die Verknüpfung zwischen Inhalt
und Form, wobei er immer wieder eine
Kontextualisierung der sprachspielerisch
relevanten Wörter anstrebt.
Kusch-Vogel
Kusch posch skibidi pusch
Ala pusch hula pusch kusch
Busch pusch hola krusch
Alla pusch Jakob schusch
Schuhe killer muhuhuhe
Alle Zuhe
Schüz schüz killer muhe
Unnnnnnnd Ende.
Daniel, 3. Klasse
Daniel, der während der Erarbeitung
der Gedichte im Plenum eine Expertenrolle
einnahm und dadurch Selbstwirksamkeit
erfuhr, gibt sich ganz dem
Spiel mit dem Klang der Sprachen
hin. In einer lautmalerischen Komposition,
welche an konkrete Poesie
und vorgetragen fast schon an Beatboxen
erinnert, führt er bestehende und
erdachte Wörter frei zusammen. Vereinzelt
tauchen Begriffe mit semantischer
Funktion auf – wie Busch, Jakob oder
Schuhe. Eine umfängliche Kontextualisierung
findet aber nicht statt – das
Sprachspiel steht hier im Vordergrund
und erlaubt ein sinnliches Erleben von
Sprache, Rhythmus und Klang.
LOLOROT
Lolorot steht auf der Leiter und malt
die Blätter an. Ein lustiger Malersmann,
er steht, lacht: „Lohola, los!
Wir malen die Blätter lolo an. Diese
Farbe ist sehr schön.“ Der Malersmann
sagte: „Ich liebe lolo. Ich, ich,
ich, ich liebe rot!“
Immanuela, 3. Klasse
In diesem Gedicht von Immanuela tritt
der Code-Mix zwischen den Sprachen
besonders hervor. Einerseits durch die
Dopplung von Begriffen, etwa in der
Wortneuschöpfung lolorot, andererseits
durch den fließenden Wechsel
zwischen den Sprachen: „Ich liebe lolo.
Ich, ich, ich, ich liebe rot.“ Gleichzeitig
lässt sich auch hier ein Spiel mit Sprache
erkennen, z. B. im erfundenen Ausdruck
„lohola“. Inhaltlich steht zunächst
lolorot im Mittelpunkt, das die Blätter
anmalt. Ein lustiger Malersmann ruft
ebenfalls dazu auf, die Blätter rot anzumalen,
da Rot einfach eine schöne Farbe
sei. Dabei weckt Immanuelas Gedicht
durchaus Assoziationen zu Peter Hacks
bekannten Herbstlied „Der Herbst steht
auf der Leiter“. An diesem Beispiel zeigt
sich, wie Mehrsprachigkeit, Intertextualität
und ein spielerischer Umgang mit
Sprache zusammenwirken, um etwas
Neues entstehen zu lassen.
Resümee
In den Texten wird deutlich, wie sich
die Grenze zwischen den Sprachen und
Bedeutungen verwischt. Dabei werden
Begriffe nicht zwingend erklärt, sondern
vielmehr ihr klangliches Potenzial
ausgeschöpft. Die Gedichte der
Schüler:innen weisen ganz unterschiedliche
Zugänge zur Mehrsprachigkeit
auf: So wird der Hahn kokoras bei Felix
zu einer schillernden Hauptfigur, die
im Text weiter ausgestaltet wird. Das
Gedicht von Daniel bricht mit inhaltlichen
Erwartungen, denn hier tragen
die Wörter keine offensichtliche
Bedeutung – sie klingen. Immanuela hingegen
nutzt das Wort lolo entsprechend
seiner Bedeutung, nicht ohne mit Wortneuschöpfungen
zu spielen. Mehrsprachige
Gedichte eignen sich daher
in besonderer Weise, festgeschriebene
sprachliche Regeln und Strukturen außer
Kraft zu setz en, Sprache sinnlich erfahrbar
zu machen, Mehrsprachigkeit wertzuschätzen
und sie als Selbstverständlichkeit
zu begreifen.
Literaturangaben zum Artikel
können Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172Lit
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Raila Karst
Sich einhören in eine andere Sprache
Sprachenvielfalt durch fremdsprachige Kinderlyrik
in der Grundschule erfahren
Sprachenvielfalt gehört längst zum Alltag von Kindern – auf dem Schulhof, im
Klassenzimmer, im Netz. Doch wie kann diese Vielfalt im Unterricht erfahrbar
werden, sodass sie nicht nur benannt, sondern gehört, gesehen, gespürt und mitgestaltet
wird? Der Beitrag zeigt, wie Kinder in der Grundschule durch fremdsprachige
Kinderlyrik eine ästhetisch-kreative Begegnung mit anderen Sprachen
erleben können. Mehrsprachige Gedichte bieten Anlässe zum Einhören, Mitlesen
und Schreiben. Dabei begegnen Kinder der Sprache nicht als etwas Fremdem,
sondern als etwas Vertrautem im Unbekannten, denn sie erfahren dabei: Auch in
mir klingt Sprache, auch ich finde Worte, auch ich kann etwas sagen.
Der mehrsprachige lyrische
Wochenkalender der Internationalen
Jugendbibliothek
München (Abb. 1) stellt für jede Woche
ein Gedicht in einer anderen Sprache mit
zugehöriger Originalillustration und
deutscher Übersetzung vor. Diese Kombination
aus parallel zweisprachigem Text
und Bild bildet eine künstlerische Einheit
und wurde in der hier beschriebenen
Unterrichtseinheit bewusst genutzt. Für
den Schreibanlass wurde die deutsche
Übersetzung entfernt; das Originalgedicht
samt Illustration blieb erhalten und wurde
durch eine Tonaufnahme ergänzt. Die für
den Beitrag ausgewählten Gedichte waren
auf Irisch und Niederländisch verfasst –
Abb. 1: Cover des Kinderkalenders (Moritz-Verlag 2025)
für die Kinder klanglich ungewohnt, aber
in lateinischer Schrift abgedruckt, sodass
ein visuelles Mitlesen möglich war. Die
fremdsprachige Audiofassung wurde mithilfe
des Sprachtools DeepL erstellt – also
digital eingesprochen und als Audiodatei
exportiert. Im Idealfall kann die Aufnahme
auch von einer mehrsprachigen
Person erstellt werden, um einen möglichst
authentischen Klang zu vermitteln.
Die Tondatei wurde schließlich mit einem
QR-Code-Generator in einen QR-Code
umgewandelt, der direkt auf das
Kalenderblatt geklebt wurde. So entstand
eine reduzierte, aber wirkungsvolle Vorlage
– eine Einladung zum Hören, Sehen,
Assoziieren und Weiterdenken.
Fragen zur
Intensivierung
der Lektüre
• Betrachtet das Bild und
haltet eure Gedanken
dazu in Stichpunkten
fest!
• Schaut euch den Text an.
Könnt ihr ihn lesen?
Versucht es!
Welche Wörter fallen
euch auf? Schreibt sie
auf. Was könnten sie
bedeuten?
• Scannt den QR-Code,
um euch den Text
anzuhören. Wie klingt er?
Klingt er so, wie ihr ihn
lesen würdet? Haltet eure
Gedanken fest!
Dr. Raila Karst
studierte Grundschulpädagogik, war
als Lehrerin tätig, promovierte zur
Lyrikdidaktik und arbeitet derzeit als
Referentin für Fortbildung am LISA
Sachsen-Anhalt.
Annäherung über Klang,
Bild und Schrift
Im Mittelpunkt standen drei Wahrnehmungskanäle:
das Hören des Sprachklangs,
das Betrachten der Originalillustration
und das (Mit-)Lesen des
fremdsprachigen Gedichttextes. Es ging
darum, sich auf eine unbekannte Sprache
einzulassen – nicht, um sie zu verstehen,
sondern um sie zu erleben. Die
Schüler:innen wählten zwischen dem
irischen und dem niederländischen
Gedicht, spürten dem Rhythmus der
anderen Sprache nach, entdeckten
Wörter, die „springen“, „tanzen“ oder
„leise singe n“, und fanden darin eigene
Gefühle wieder.
Zuvor hatten sie sich in kleinen Gruppen
dem Kalenderblatt auf mehreren
Ebenen genähert: durch Bildbetrachtung
und erste Assoziationen, durch gemeinsames
Lautlesen des Textes, das Sammeln
auffälliger Wörter und das Sprechen
über deren mögliche Bedeutungen.
Nach dem Hören der Sprache über den
QR-Code verglichen sie ihre eigene Art
zu lesen mit der Originalaussprache und
näherten sich dieser über assoziative Impulsfragen
wie „Was hörst du?“, „Woran
erinnert dich das Bild?“ oder „Welche
GS aktuell 172 • November 2025
13
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Stimmung spürst du beim Zuhören?“.
So entstanden auch erste Ideen, wovon
der Text handeln könnte, worüber ausgiebig
diskutiert wurde.
Schreiben aus dem Klang heraus
Diese mehrkanalige Annäherung bereitete
den Boden für das eigentliche Ziel der
Einheit: das eigene Schreiben. Die Kinder
verfassten Texte, inspiriert vom Klang,
vom Bild oder von einzelnen Wörtern.
Dabei übernahmen sie auch Wörter
aus dem fremdsprachigen Gedicht oder
erfanden eigene. Entstanden sind poetische
Miniaturen, Sprachspiele und fragmentarische
Sprachbilder, die zeigen,
wie Sprache, Klang und Bild in kreative
Bewegung geraten können.
Poesje Wrauw
Katje klauw
ik lust je rauw
straks maak ik
gehakt van jou
ik en jij
razernij
grauwen snauwen
knokpartij
Abb. 2: niederländisches Gedicht Poesje Wrauw
Am Meer
Tabhair rennt hier entlang, ist hier zu Hause.
Tabhair rennt hier und ist hier bei mir.
Ist für immer mein Hund, ist hier endlich mit
am Meer.
Wir sind glücklich, wir sind traurig.
Wir sind ängstlich oder wir sind mutig.
Für immer mein Hund ist hier endlich mit
am Meer.
Er kann mir helfen, hier mit
Am Strand zu sein, es zu genießen.
Er kann bellen, wie ein Hund – so laut,
er tut es gern!
Abb. 3: Gedicht aus Irland
Hörfassung auf
niederländisch
het wordt al vroeg weer licht
in een kwaaie kattenacht
Doet geen mens een oogje dicht
Hans und Monique Hagen
Carla, 4. Klasse
Resonanz statt Übersetzung
Am Meer
Katze klau
Katze klau
ist lustig je laun.
Schreckt meist nicht.
Gehorcht von mich.
Ist sie ranzig,
kraueln sie kaum.
Hier wohnen alle Katzen
nicht in einem Kasten,
dort green mit Licht.
Es ist windig,
denke ich.
Wellen toben,
doch ich bin oben.
Die Boote stehen.
Ich will wieder gehen.
Mein Hund, er rannte.
Das Leuchtturmlicht brannte.
Zum Hund ruf ich: „Aus,
wir müssen nach Haus!“
Wellen toben,
doch ich bin oben.
Jette, 3. Klasse
Felix, 5. Klasse
Der erste Text entstand nach intensiver
Auseinandersetzung mit dem niederländischen
Gedicht Poesje Wrauw
(Abb. 2) von Hans und Monique Hagen,
illustriert von Wolf Erlbruch:
Die junge Autorin orientiert sich hörbar
an Klang und Rhythmus des Originals.
Wiederholungen wie „Katze klau“
und lautnahe Reimverbindungen wie
„laun – kaum“ erzeugen eine sprachlich
dichte Struktur. Der Text entfaltet eine
poetische Bildwelt zwischen Absurdität
und Atmosphäre – Katzen, die „nicht in
einem Kasten“ wohnen, ein Ort, „dort
green mit Licht“. Gerade durch diese Offenheit
zeigt sich das Potenzial der ästhetischen
Annäherung an eine unbekannte
Sprache: eine Einladung zum Spielen,
Umdeuten und Neugestalten.
Vom Klang zur eigenen Stimme
Das folgende Gedicht aus Irland (Abb . 3)
– ein poetischer Spaziergang durch
Kälte, Wind und Wetter – inspirierte
zum Schreiben. Der Klang des Irischen
war für die Kinder neu, doch die
Szene – unterwegs mit einem Hund, bei
jedem Wetter – war sofort nachvollziehbar.
Zwei zufällig titelgleiche, aber sehr
unterschiedliche Texte zeigen, welche
Resonanzräume sich aus demselben
Impuls heraus öffnen können.
Carla verbindet das Motiv des Hundes
mit Emotionen wie Angst, Mut und
Zugehörigkeit. Die Wiederholung von
„mein Hund“ und „am Meer“ verleiht
ihrem Text eine rhythmische Tiefe. Felix
hingegen findet eine balladenhafte Form
mit Refrain, Naturbild und dramatischem
Aufbruch. Beide Texte machen deutlich:
Die Kinder schreiben nicht über das Gedicht
– sie schreiben mit ihm.
Rückbindung und Resonanz
Erst nachdem die Kinder ihre eigenen
Texte geschrieben und vorgetragen
hatten, wurde gemeinsam die deutsche
Übersetzung des Originalgedichts
gelesen. Dabei entstanden oft überraschende
Aha-Momente: Manche Deutungen
lagen nah am Original, andere
eröffneten neue Bedeutungsräume. In
jedem Fall zeigte sich: Die Begegnung
mit der fremden Sprache hatte etwas in
Bewegung gesetzt – sowohl als kognitive
Leistung als auch und vor allem als
ästhetischen Prozess.
Lyrik als Türöffner für
Sprachenvielfalt
Das Projekt zeigt, wie Sprachenvielfalt
im Unterricht lebendig werden
kann – jenseits von Grammatik oder
Erstsprache. Es geht nicht nur darum,
eine Sprache zu beherrschen, sondern
darum, sich ihr anzunähern, sie zu
hören, zu fühlen und zum Klingen zu
bringen. Kinderlyrik bietet dafür ideale
Bedingungen: durch Verdichtung,
Musikalität und Offenheit. In der
Begegnung mit fremden Gedichten entdecken
Kinder die eigene Sprache neu –
als Spiel, als Ausdruck, als Stimme.
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Maren Timptner
„Bei dem afghanischen Wort
sind das zwei Wörter “
Sprachvergleiche auf Wort- und Satzebene
im Rahmen eines Literaturprojekts
In vielen Klassen gehört die Sprachenvielfalt der Schüler:innen mittlerweile zur
Normalität – vor allem in den Ballungsgebieten der Großstädte. Jedoch fehlt es
leider – abgesehen von Begrüßungen im Morgenkreis (z. B. mehrsprachige „Guten
Morgen“-Lieder) – häufig an gewinnbringenden Ansätzen, mit denen die
vorhandene Mehrsprachigkeit wirklich produktiv genutzt wird, um „die metasprachlichen
Fähigkeiten sowie die Sprachbewusstheit“ aller Kinder (auch der
einsprachig deutsch aufwachsenden) zu fördern (vgl. KMK 2022).
In dem bekannten Bilderbuch Die
Schildkröte hat Geburtstag von Elizabeth
Shaw wird in Form einer Kettengeschichte
der Geburtstag der Schildkröte
beschrieben, die von verschiedenen Tieren
ein Geschenk überreicht bekommt.
Die Thematik Geburtstag haben eignet
sich in besonderer Weise zur Bearbeitung
in einer Grundschulklasse mit heterogener
Schüler:innenschaft, ist es doch ein
Thema, das in jeglichen Kulturkreisen
und unabhängig vom sozialen Status in
der Lebenswelt aller Kinder eine gewisse
Bedeutsamkeit hat.
Kennenlernen des Bilderbuches
Der Textinhalt des Buches ist aufgrund
seiner Einfachheit leicht zu verstehen;
selbst Sprachanfänger:innen können der
Handlung durch die klare Bebilderung
gut folgen: Nacheinander kommen der
Löwe, der Elefant, der Pelikan und das
Nashorn zur Schildkröte, um ihr zum
Geburtstag zu gratulieren. Sie alle bringen
ein Geschenk mit, das zwar ihnen
selbst, nicht jedoch der Schildkröte so
richtig gefällt. Erst die Maus übergibt ihr
zum Schluss den erwünsc hten Salatkopf.
Die Schildkröte hat Geburtstag.
Sprachvergleich auf Wortebene
Nach dem (Vo r-)Lesen des Buches lege
ich als stummen Impuls Flaggen sowie
Wortkärtchen in die Kreismitte. Auf den
Wortkarten stehen die Übersetzungen
des Wortes Löwe in allen in der Klasse
vertretenen Familiensprachen (Abb. 1).
Sogleich meldet sich ein Schüler und
sagt, er könne die Schrift auf der einen
Karte erkennen, das sei Georgisch. Auf
die Frage, was das denn heißen könnte,
schaut er ein wenig unsicher und ich bitte
ihn daraufhin, die Wortkarte umzudrehen:
Bei den Wortkarten, auf denen
ein Wort in einer Herkunftssprache geschrieben
steht, die ein anderes Schriftsystem
als lateinische Buchstaben verwendet,
ist das Wort auf der Rückseite
zusätzlich in phonetischer Umschrift für
die Kinder lesbar abgedruckt 1 . Nun kann
der Junge benennen, dass lomi Löwe
heißt. Sofort meldet sich ein Mädchen
und sagt: „Das hier ist polnisch und
heißt auch Löwe: lew.“ Und weiter: „In
meiner Sprache heißt das auch lew!“ (Sie
zeigt auf die russische Flagge.)
Auf diese Weise ordnen wir nach und
nach alle Löwen-Wörter den passenden
Sprachen zu. Anschließend richte ich
noch einmal die Frage an die Kinder,
Am liebsten hätte sie einen Salatkopf. Groß. Grün. Saftig. Ob wohl
einer daran denkt? Der Löwe kommt und schenkt ihr ein Stück
Fleisch, der Elefant einen Eimer Wasser. Und so geht es bis zum
Abend. Da hört die Schildkröte eine kleine Stimme. Es ist die
Maus mit einem großen Paket. (Klappentext)
Maren Timptner
ist Grundschullehrerin an der Grundschule
Delfter Straße und Moderatorin
für Unterrichtsentwicklung Primarstufe
am Landesinstitut für Schule (LIS) in
Bremen.
was ihnen bei den Wörtern in den verschiedenen
Sprachen auffällt.
● „Viele Wörter fangen mit L an.“
● „Bei dem afghanischen Wort sind das
zwei Wörter.“ [Dari: (shir nar)]
● „Polnisch und Russisch und Serbisch
und Bosnisch sind fast gleich.“
● „Serbisch hat die gleiche Schrift wie
Russisch, aber das heißt bisschen anders
…“ [Der Junge meint damit die Schreibung
mit kyrillischen Buchstaben und
die ähnliche, jedoch nicht ganz identische
Aussprache von law und lew.]
In der darauffolgenden Deutschstunde
zeige ich die mehrsprachigen Löwen-
Wörter noch einmal richtig zugeordnet
mit den Sprachen an der digitalen Tafel.
Nun stehen in einer weiteren Reihe dazu
auch noch die jeweiligen Übersetzungen
für das Wort Elefant (Abb. 2). An diesen
überprüfen wir noch einmal unsere Erkenntnisse
über Sprachverwandtschaften
und Bedeutungen. Neben den zahlreichen
Einsichten, die die Schüler:innen
hier über die Struktur und die Verwandtschaften
von Sprache(n) gewinnen,
verwenden die Kinder implizit in einem
für sie bedeutsamen Kontext auch wichtige
fachsprachliche Begriffe wie Schrift,
Buchstaben, Wort/Wörter etc.
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Abb. 1: Auf den Wortkarten stehen die Übersetzungen des Wortes
Löwe in allen in der Klasse vertretenen Familiensprachen
Abb. 2: Übersetzungen für das Wort Elefant
Sprachvergleich auf Satzebene
In der nächsten Deutschstunde liegen
als Erinnerung an die Rahmenhandlung
Bilder mit den Tieren aus der Geschichte
sowie die Kärtchen mit den Sprachen
in der Kreismitte. Ich stelle die Frage:
„Wenn der Löwe, so wie einige von euch
ja auch, eine andere Sprache als Deutsch
sprechen könnte, wie würde er dann
der Schildkröte zum Geburtstag gratulieren?“
Eine Schülerin mit nigerianischem
Hintergrund meldet sich und
sagt: „Happy birthday.“
Ich lege einen vorbereiteten Satzstreifen
(englisch) in die Kreismitte und dazu auch
den deutschen Satzstreifen „Herzlichen
Glückwunsch zum Geburtstag“. Dabei
sind die Wörter birthday und Geburtstag
in der gleichen Schriftfarbe eingefärbt.
Auf die Frage hin, was genau man denn
auf Englisch zum Geburtstag wünscht,
wissen einige Kinder aus dem Englischunterricht,
dass happy glücklich heißt.
Einige Überlegungen zum Umgang
mit Flaggen
Immer wieder beobachte ich, dass Flaggen
bei den Kindern einen starken Wiedererkennungswert
haben und sie sich
gesehen und wertgeschätzt fühlen, wenn
ich mit Flaggen als Symbolen arbeite. Diese
erleichtern es ihnen auch, die Wörter
„ihren“ Sprachen zuzuordnen. Es ist aber
unbedingt darauf zu achten, Sprache
und Land nicht unisono gleichzusetzen,
da ansonsten ein monolingualer Habitus
(Gogolin 1994) befördert wird und das
Bild entsteht, jede Sprache gäbe es nur in
einem zugehörigen Land.
Nun lege ich weitere Satzstreifen mit den
Glückwunschformeln in den Erstsprachen
der Kinder in den Kreis. In einem von der
Lehrkraft gelenkten Unterrichtsgespräch
versuchen wir, uns die wörtlichen Bedeutungen
der Gratulationen so gut es geht
zu erschließen. Die Kenntnisse in und
über die Familiensprachen sind bei den
Schüler:innen unterschiedlich stark ausgeprägt:
Es kann z. T. nicht davon ausgegangen
werden, dass die Kinder die ausliegenden
Sätze wörtlich übersetzen können;
zudem sind nur wenige Schüler:innen in
ihren Erstsprachen alphabetisiert und
können die Sätze (vor)lesen. Trotzdem
ist es ihnen – bei einem vertrauten Inhalt
wie zum Geburtstag gratulieren – mithilfe
der farblichen Hervorhebungen möglich,
sich grundlegend über die Bedeutung
und einfache erstsprachliche Gepflogenheiten
zu äußern (im Sinne einer funktionalen,
lebensweltlichen Mehrsprachigkeit,
vgl. Morys et. al. 2014, 8).
In der aktiven Mitarbeit der Schüler:innen
zeigt sich ein gewisser Stolz, als Expert:innen
für „ihre“ Sprache(n) auftreten
zu können. Neben diesem zweifelsohne
positiven Effekt auf der sozial-emotionalen
Ebene für das einzelne Kind bietet
hier die Mehrsprachigkeit für alle Kinder
der Klasse einen Mehrwert: „Durch
die Gelegenheit, über Erfahrungen mit
anderen Sprachen zu sprechen und Gemeinsamkeiten
und Unterschiede zu
entdecken, entwickeln die Schülerinnen
und Schüler ihr Sprachverständnis und
ihre Sprachfähigkeiten weiter – auch als
Grundlage für das Erlernen von Fremdsprachen.“
(vgl. KMK 2022, 20)
Aufführung als Theaterstück
für die Eltern
Den Abschluss der Unterrichtseinheit
bildet die Umsetzung des Bilderbuches
in einem Theaterstück. Die meisten
Schüler:innen sind begeistert von der
Idee, die Glückwünsche der Tiere mehrsprachig
vorzutragen. So werden die fünf
Tierrollen an Kinder mit verschiedenen
Familiensprachen vergeben. Ein Mädchen
und ein Junge, die beide Kurdisch
sprechen, treten als Löwe und Löwin
gemeinsam auf. Auch die Rolle des Pelikans
wird als Tandem vergeben an einen
Jungen bosnischer Herkunftssprache und
ein Mädchen, die in ihrer Familie serbisch
spricht, da die Glückwunschformel
Srećan rođendan / Srecan rodjendan in
den beiden eng verwandten Sprachen dieselbe
ist. Eine Erzählerin führt zu Beginn
des Theaterstücks in der gemeinsamen
Unterrichtsprache Deutsch in die
Handlung ein. Um den mehrsprachigen
Fokus in den Vordergrund zu rücken
und um v. a. auch diejenigen Kinder zu
Wort kommen zu lassen, die sich nicht
unbedingt trauen, eine umfassende Spielund
Sprechrolle zu übernehmen, werden
am Anfang des Stücks die vorkommenden
Tiere in allen Sprachen der Klasse
benannt. Kinder, die einsprachig deutsch
aufwachsen, haben sich hier teilweise einer
Sprache zugeordnet: „Ich möchte mit meinem
Freund zusammen die Tiernamen
auf Albanisch sprechen, ich hab’ mir ein
paar Wörter gemerkt.“ Andere wiederum
nennen die Tierwörter auf Englisch.
Mit der abschließenden Präsentation
als Aufführung, in der sowohl die er-
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
arbeiteten mehrsprachigen Wörter als
auch die Sätze Verwendung finden, erleben
die Kinder (und Eltern) Schule
als einen Ort echter Anerkennung aller
Sprachen und gelebter Vielfalt.
Fazit
Sprachenvergleichende Unterrichtsprojekte
sind sinnvoll, weil sie das
Sprachbewusstsein aller Kinder fördern
und ein tieferes Verständnis für sprachliche
Strukturen ermöglichen. Durch
den Vergleich unterschiedlicher Sprachen
entwickeln die Schüler:innen metasprachliche
Kompetenzen, die ihnen
beim Erwerb weiterer Sprachen sowie
beim Deutschlernen dienlich sein können.
Gleichzeitig wird Mehrsprachigkeit
als Ressource sichtbar gemacht, was
das Selbstwertgefühl mehrsprachiger
Kinder stärkt und ein wertschätzendes,
inklusives Lernklima fördert. Solche
Projekte tragen somit sowohl zur
sprachlichen als auch zur sozialen Bildung
der gesamten Lerngruppe bei.
Anmerkung
(1) Die Übersetzungen sowie die Aussprache
der jeweiligen Wörter lassen sich heutzutage
mit wenig Aufwand über Übersetzungs-
Apps/-Seiten wie Google Translate oder auch
DeepL herausfinden.
Literaturangaben zum Artikel
können Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172Lit
Kevin Weichold
„Jakob-Schule denkt bunt“:
Projektwoche Mehrsprachigkeit
Eine Schule, viele Sprachen – und noch mehr Geschichten
Die Jakob-Schule Eisenach ist ein lebendiger Ort kultureller Vielfalt: 370 Schülerinnen
und Schüler aus 18 Herkunftsländern lernen hier gemeinsam, begleitet
von 17 Lehrkräften in 16 Klassen der Jahrgänge 1 bis 4. Seit 2020 ist die Grundschule
Teil des Primarverbunds von BiSS-Transfer – einem bundesweiten Projekt
zur Verbesserung sprachlicher Bildung, insbesondere durch die Integration
von Sprachförderung in alle Unterrichtsfächer.
Sprachliche Bildung ist an der Jakob-
Schule längst fester Bestandteil des
Schulalltags, vor allem im Deutschunterricht
und im fächerübergreifenden
Lernen. Doch das Kollegium wollte
mehr: Sprachbildung sollte nicht nur als
Aufgabe einzelner Fächer verstanden
werden, sondern als gemeinsames Schulziel.
Aus diesem Anspruch entstand die
Idee, eine Projektwoche zum Thema
Mehrsprachigkeit zu gestalten – als sichtbares
Ergebnis schulinterner Fortbildungen
und als Impuls für die gesamte
Schulgemeinschaft.
Workshops der Projektwoche
Im Schuljahr 2022 /2023 war es soweit:
Die Projektwoche „Jakob-Schule
denkt bunt“ setzte die Vielfalt der
Sprachen und Kulturen an der Schule
ganz bewusst in den Mittelpunkt. Zu
Beginn teilten die Klassenlehrerinnen
370 Schülerinnen und
Schüler, 18 Herkunftsländer,
ein gemeinsames Ziel:
Sprache als Brücke erleben.
und Klassenlehrer alle Schülerinnen
und Schüler in altersgemischte Gruppe
n ein (Klasse 1 / 2 und Klasse 3 / 4).
Diese Gruppen besuchten an vier Tagen
verschiedene Workshops – so konnten
die Kinder möglichst viele Facetten von
Sprache und Mehrsprachigkeit erleben.
Die folgenden Beispiele geben einen
Einblick in die Vielfalt der Themen und
Methoden.
Arbeit mit einer Übersetzungs-App:
In diesem Workshop erfuhren die Kinder
ganz praktisch, wie digitale Werkzeuge
helfen können, sich in einer frem-
Kevin Weichold
ist Vorsitzender und Schatzmeister
der Landesgruppe Thüringen sowie
stellvertretender Schulleiter an der
Jakob-Schule Eisenach.
den Sprache zu orientieren. Sie probierten
verschiedene Apps aus (Abb. 1),
übersetzten Wörter aus ihrem Alltag
und übten kleine Dialoge – zum Beispiel
Sätze, die man im Urlaub oder
auf Reisen brauchen könnte. Dabei diskutierten
sie auch darüber, dass maschinelle
Übersetzungen nicht immer
fehlerfrei sind, aber trotzdem eine wertvolle
Unterstützung sein können. Dieser
alltagspraktische Bezug machte deutlich,
dass Mehrsprachigkeit im modernen
Leben nicht nur nützlich, sondern
fast selbstverständlich ist.
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Abb. 1: Ausprobieren der Übersetzungs-Apps
Abb. 2: Bilderbücher
wurden auf
Arabisch, Französisch,
Vietnamesisch und
Englisch vorgelesen.
Im Anschluss wurden
deutsche und
vietnamesische
Wörter betrachtet.
„Mit der Übersetzungs-App konnte
ich sofort was auf Italienisch sagen. Das
hat Mut gemacht.“ (Sophie, 4. Klasse)
Mehrsprachige Bilderbücher:
Hier standen das Zuhören, das Staunen
und der Austausch im Vordergrund.
Mehrsprachige Eltern lasen in diesem
Workshop zwei Bilderbücher (Abb. 2) in
ihren Erstsprachen vor: bunt! von Lena
Hesse wurde auf Arabisch und Französisch,
Wie der Tiger seine Streifen bekam
und der Wasserbüffel seine Oberzähne
verlor von Thuy Le-Scherello auf Vietnamesisch
und Englisch vorgelesen. Für
die Kinder war es ein besonderes Erlebnis,
Geschichten einmal ganz neu zu
hören. Im Anschluss wurde gemeinsam
darüber gesprochen, wie Geschichten in
verschiedenen Sprachen klingen, welche
Wörter ähnlich oder ganz unterschiedlich
sind und wie Sprache mit Kultur
verbunden ist.
„Die Geschichte auf Vietnamesisch
habe ich nicht verstanden, aber ich habe
gespürt, dass sie wichtig ist. Danach
wussten wir alle, worum es ging.“ (Jonas,
3. Klasse)
Mein Sprachenporträt:
In diesem Workshop ging es um die
persönliche Sprachbiografie: Welche
Sprachen spreche ich? Welche höre ich
zu Hause oder bei Freunden? Was ist
eigentlich eine „Muttersprache“, was
eine „Fremdsprache“ oder ein „Dialekt“?
Die Kinder übertrugen dafür
den Umriss ihres Körpers auf große
Tapetenbahnen und füllten ihn farbig
aus: Jeder Sprachanteil bekam eine eigene
Farbe. So entstand ein ganz individueller
„Sprachkörper“ (Abb. 3), der
sichtbar machte, wie vielfältig Sprache
Abb. 3: „Sprachkörper“
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Abb. 4: Schülerinnen und Schüler haben gemeinsam Banner gestaltet
im Leben jedes einzelnen Kindes vorkommt
– selbst dann, wenn man glaubt,
nur „eine Sprache“ zu sprechen.
„Es war schön, dass ich meine Sprache
zeigen durfte. Alle haben interessiert
zugehört, das hat mich stolz gemacht.“
(Amira, 2. Klasse)
Willkommensbanner gestalten:
Ein weiterer Workshop widmete sich
der Vielfalt von Sprachen. Die Kinder
recherchierten, wie „Willkommen“ oder
„Hallo“ in den Sprachen verschiedener
Länder geschrieben wird, übten Schriftzeichen
und gestalteten gemeinsam ein
großes Banner (Abb. 4). Mithilfe des
Fördervereins konnte dieses Banner
anschließend professionell gedruckt und
vom Hausmeister im Schulgebäude aufgehängt
werden. Heute begrüßt es alle
Besucherinnen und Besucher der Schule
in vielen Sprachen und erinnert täglich
an diese besondere Projektwoche.
„Beim Banner haben wir zusammengearbeitet.
Da war jede Sprache wichtig,
damit es fertig wird.“ (Fatou, 1. Klasse)
Abschluss der Projektwoche –
Präsenta tion:
Am fünften Tag der Projektwoche stand
die Präsentation aller Ergebnisse im
Mittelpunkt. Der erste Stundenblock
wurde dafür genutzt, die Ausstellungen
und Räume vorzubereiten: Plakate wurden
aufgehängt, Stationen aufgebaut
und Materialien bereitgelegt. Nach dem
gemeinsamen Frühstück durften die
Kinder sich dann frei durch das Schulhaus
bewegen. Als Orientierungshilfe
erhielten sie einen selb st gestalteten
„Reisepass“. Für jede besuchte Station
konnten sie dort einen Stempel oder Sticker
sammeln – eine spielerische Idee,
die den Rundgang strukturierte und
zusätzlich motivierte.
Nach etwa einer Stunde wurde gewechselt:
Die Gruppen, die zunächst präsentiert
hatten, durften nun selbst auf Entdeckungsreise
gehen und die Ergebnisse
der anderen Workshops ansehen, ausprobieren
oder mitmachen. So konnten alle
Kinder sowohl ihre eigenen Beiträge vorstellen
als auch die Vielfalt der Projekte
an anderen Stationen kennenlernen. Der
Präsentationstag war sehr wichtig, da
aufgrund der altersgemischten Gruppen
(Klassen 1/2 und Klassen 3/4) alle Kinder
die Möglichkeit erhalten sollten, zu sehen,
was in den anderen Gruppen geschaffen
und herausgefunden worden war.
Ein besonderes Highlight war die Aufführung
einer musikalischen Weltreise:
Eine Musiklehrerin hatte mit einer Gruppe
von Kindern in nur vier Tagen ein
kleines Musical einstudiert. Darin wurden
Lieder und Texte in verschiedenen
Sprachen präsentiert – ein lebendiger
Abschluss, der die Vielfalt der Sprachen
noch einmal klangvoll sichtbar machte.
Zum Abschluss des Tages wurde die
gesamte Woche in den Klassen reflektiert.
Die Kinder tauschten sich darüber
aus, was sie Neues gelernt hatten, was ihnen
besonders gefallen hatte und wie sie
die Mehrsprachigkeit ihrer Schule künftig
noch bewusster wahrnehmen wollten.
So endete die Projektwoche „Jakob-
Schule denkt bunt“ nicht nur mit vielen
neuen Eindrücken, sondern auch mit
dem festen Vorsatz, die neu gewonnene
Wertschätzung für Sprachen und Kulturen
weiter im Schulalltag zu leben.
Erfahrungen und Wirkung
der Projektwoche
Die Projektwoche brachte für alle
Beteiligten wertvolle Erfahrungen.
Für viele Kinder war es ein besonderer
Moment, ihre Erstsprache zeigen und
erklären zu dürfen – und dabei von Mitschülerinnen
und Mitschülern echtes
Interesse zu erfahren. Dies stärkte das
Selbstbewusstsein, weckte Stolz auf die
eigene Sprache und trug zur Identitätsentwicklung
bei.
„Vorher dachte ich, meine Sprache ist
nur für zu Hause. Jetzt wissen alle, dass
sie etwas Besonderes ist.“ (Elif, 2. Klasse)
Auch im Kollegium wurde die Woche
als Bereicherung erlebt: Die Lehrkräfte
konnten erleben, wie sprachliche
Bildung in allen Fächern lebendig wird
und wie viel Motivation freigesetzt wird,
wenn Kinder ihre Mehrsprachigkeit einbringen
können. Die Projektwoche hat
nicht nur Wissen über Sprachen vermittelt,
sondern vor allem Gemeinschaft gestiftet.
Das mehrsprachige Willkommensbanner
bleibt als sichtbares Zeichen dieser
besonderen Woche erhalten. Die
Projektwoche war ein starker Impuls,
um Mehrsprachigkeit sichtbar zu machen
und Wertschätzung für die Familiensprachen
der Kinder zu fördern. Sie
kann jedoch nur ein Startpunkt sein:
Interkulturelles Lernen ist eine Querschnittsaufgabe,
die im Alltag der Schule
weitergeführt werden muss. Erst wenn
Mehrsprachigkeit dauerhaft präsent
bleibt, entfaltet sie ihre volle Wirkung –
für jedes Kind und für die ganze Schulgemeinschaft.
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Interview
Wenn der rote Faden bunt klingt
Ein Interview mit Maria Carmela Marinelli über
mehrsprachiges Erzählen in der Grundschule
Interviewerin: Frau Marinelli, viele
Kinder wachsen heute mehrsprachig
auf. Welche Chancen sehen Sie darin
für den schulischen Alltag?
Erzählerin: Ich sehe darin einen riesigen
Schatz – eine wachsende sprachliche
und kulturelle Vielfalt, die Kinder mit
in die Schule bringen. Die Frage ist: Wie
kann Schule diese Vielfalt nicht nur wertschätzen,
sondern aktiv nutzen? Als mehrsprachige
Erzählerin in Grundschulen
versuche ich, mir einen Spielraum zu
schaffen, in dem Sprachenvielfalt hör- und
erlebbar gemacht werden kann.
Was macht das mündliche Erzählen
gerade für mehrsprachige Kinder so
besonders?
Sprachen bestehen aus Klängen, Rhythmus,
Emotionen – und Geschichten bieten
dafür einen idealen Resonanzraum.
Wenn ich eine Geschichte mit Mimik,
Gestik und Stimme erzähle (Abb. 1),
hören Kinder lebendig zu. Sie antworten
mit Begeisterung, ergänzen Sätze oder
Reime, sprechen und machen Gesten
nach, begleiten die Geschichte rhythmisch
oder singen Lieder mit – sie sind aktiv
beteiligt. In diesem zwischenmenschlichen
Resonanzraum können Sprachen,
Kulturen und Emotionen auf ganz natürliche
Weise sichtbar und hörbar werden.
Wie bereiten Sie sich auf das Erzählen
in einer mehrsprachigen Klasse vor?
Ich beginne mit einer Art „Sprachenschatzkiste“.
In dieser Kiste sammle
ich die Sprachen, die in der Klasse
gesprochen werden. Jede Woche wird
eine Sprache ausgelost, die dann im
Zentrum der nächsten Erzählstunde
steht. Die Kinder, die diese Sprache
sprechen, werden zu Expertinnen und
Experten und übernehmen eine aktive
Rolle in der Erzählstunde: Sie bringen
ein Lied oder ein Objekt von zu Hause
mit, sie übersetzen ein Wort oder erzählen
sogar eine Passage in ihrer Sprache.
So wird ihre Kompetenz sichtbar und
Maria Carmela Marinelli
ist mehrsprachige professionelle
Erzählerin und Theaterpädagogin (M. A.).
Sie ist deutschlandweit in Erzählprojekten
an Grundschulen tätig und tritt
als Erzählkünstlerin auf zahlreichen
internationalen Festivals auf.
wertgeschätzt. Wie tief die Begegnung
mit der Kultur vorbereitet werden kann,
das steht letztendlich den Lehrenden
zu. Idealerweise könnte ein Treffen
mit dem Elternteil organisiert werden,
um die Begegnung zu einem Erlebnis
zu verwandeln. Wie begrüßt man sich
in der Sprache? Wo liegt dieses Land?
Wie klingt die Sprache überhaupt? Wie
klingt ein Wieg enlied in der Sprache?
Kann ich ein paar Wörter aussprechen
und lernen? In der Erzählstunde können
diese Schätze im Raum gezeigt und zum
Klingen gebracht werden. Anschließend
erzähle ich die neue Geschichte.
Können Sie ein konkretes Beispiel
geben, wie so eine mehrsprachige
Erzählstunde abläuft?
Sehr gern . Eines meiner liebsten Beispiele
ist das italienische Kinderlied Alla
fiera dell’est vom italienischen Liedermacher
Angelo Branduardi, welcher
sich wiederum an einem hebräischen
Passah-Lied inspirierte. Es geht also um
ein Lied auf Italienisch, das in sich Verweise
auf Rhythmus und Klänge einer
anderen Kultur trägt. Außerdem liegt
der gesungenen Geschichte ein Muster
zugrunde, das in vielen Kulturkreisen
vorkommt. In diesem Lied geht es um
eine Maus, die von einer Katze gegessen
wird, was eine Unglückskette in Gang
setzt, die in meiner Version aber ein
gutes Ende findet. Ein ähnlicher Stoff
ist auch in dem englischen Märchen The
Old Woman and Her Pig zu finden.
Inwieweit fördert dieses Muster
Mehrsprachigkeit?
Dieses gesungene Kettenmärchen hat eine
sogenannte Wind-and-rewind-Struktur.
Wird ein neues Glied der Kette hinzugefügt,
wird die ganze Kette rückgängig
immer wieder aufgespult. Diese ständigen
Wiederholungen sind für das mehrsprachige
Erzählen sehr hilfreich. Ich
beginne damit, den Kindern eine kleine
Schachtel zu zeigen – darin versteckt sich
die Hauptfigur, eine Maus. Gemeinsam
rufen wir „Topolino!“. Die Schachtel
wird immer kleiner, wie eine Matroschka,
bis die Maus Gina erscheint. Ich lasse
die Maus über meine Schulter laufen.
„Auf Italienisch heißt Mäuschen Topolino.
Wie heißt Topolino in deiner Sprache
?“, frage ich die Kinder. Ein Kind nach
dem anderen spricht das Wort in seiner
Sprache aus. Ich wiederhole die Wörter
und lasse sie auch von der ganzen Klasse
nachsprechen, damit alle die Klänge
der Sprachen „schmecken“ können. Bald
erkennen Kinder Ähnlichkeiten zwischen
den Sprachen: „Feuer fängt gleich an auf
Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisc
h.“ „Auf Türkisch heißt es aber ate ş“,
fügt ein anderes Kind hinzu. Die Kinder
zeigen mir immer wieder, wie gut sie
schon über Sprachen reflektieren können.
Das klingt sehr lebendig. Wie geht es
danach weiter?
Ich singe die erste Strophe auf Italienisch
und übersetze sie ins Deutsche.
Dann frage ich die Kinder, was mit der
Maus passieren könnte. Bei jeder neuen
Figur frage ich erneut: „Wie heißt das
auf Türkisch? Auf Vietnamesisch?“
Manche Kinder trauen sich sofort,
andere brauchen Zeit. Und das ist in
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Die Geschichte „Floh und Ameise“
kann auf der Soundcloud von
Maria Carmela Marinelli gehört werden:
https://t1p.de/614w4
Abb. 1: Erzählprojekt „Von und mit großen und kleinen Helden
erzählen“ in der Friedrich-Oeser Grundschule Leipzig
Abb. 3: Erzählprojekt „Erzählen bildet Sprache“ in der
Siegerland-Grundschule in Spandau
Ordnung – niemand muss. Aber durch
die Wiederholung der Kette wird es für
viele einfacher, sich zu beteiligen.
Haben Sie noch ein Beispiel aus Ihrer
Praxis für uns?
Ja, natürlich! Ich erzähle gern zum Beispiel
das georgische Kettenmärchen Floh
und Ameise. Das Kettenmärchen hat eine
ähnliche Struktur wie das Bilderbuch
Steinsuppe von Anaïs Vaugelade, wo
immer wieder ein neues Tier an der Tür
der Henne klopft und etwas Neues für
die Suppe holt. Die Kette ist so gebaut,
dass jedes neue Glied hinzugefügt wird,
ohne aber die Kette aufzuspulen, wie
es bei Alla fiera dell’est der Fall ist. Ich
beginne die Stunde, indem ich auf den
Boden einen roten Faden in Spiralenform
lege – ein Symbol für den kreisförmigen
Aufbau der Geschichte. Dann
zeige ich das erste Bild (siehe Abb. 2). Die
Illustration ist so abstrahiert, dass Floh
und Ameise im ersten Moment nicht
zu erkennen sind. „Was könnte es sein?
Eine Figur steht und eine bewegt sich
mit Sprüngen. Welches Tier kann springen?
Welches läuft oder kriecht?“ Werden
die zwei Figuren erkannt, kann die
Geschichte anfangen.
Bild für Bild erzähle ich die Geschichte
bilingual. Die Ameise fällt ins Wasser
und der Floh springt zum Schwein
und bittet um Hilfe. Er braucht Borsten,
um daraus ein Seil zu drehen, um seine
Freundin, die Ameise, aus dem Fluss zu
retten. Bild für Bild werden die Kinder
zum Raten und zum Mitdenken angeregt.
Ich erzähle auf Italienisch, ein anderes
Kind übernimmt den nächsten Teil
in einer anderen Sprache – so entsteht
ein gemeinsames Erzählen.
Können Kinder beim Nacherzählen
ihre erste Sprache sofort abrufen?
Aus meiner Erfahrung können die Kinder
flüssig Teile oder einfache Dialoge
nacherzählen wie Hilferufe („Bitte, hilf
mir – ich brauche deine Hilfe“) oder Bitten
(„Ich bin so hungrig. Gib mir etwas
zum Essen und dann helfe ich dir“).
Oft kommen in Märchen Wörter vor
wie Eiche, Zuber, Kesselflicker, Kammmacher,
die auch die poetische Kraft
der Märchen ausmachen. Diese können
Kinder in ihrer ersten Sprache nicht
abrufen, denn sie gehör en nicht zu ihrer
Alltagssprache. In diesem Fall suchen wir
zusammen nach einfachen Synonymen
wie Körner statt Hirse, Loch statt Grube,
Huhn statt Glucke, Früchte statt Eicheln,
Baum statt Eiche.
Abb. 2: Erzählen mit Bildern aus dem
Buch „Der König, der nicht lachen konnte:
Märchen aus Georgien, Illustrator Otar
Karalaschwili.
Gibt es diesbezüglich besondere
Momente, die Ihnen in Erinnerung
geblieben sind?
O ja! In einer Grundschule in Spandau
stand plötzlich Pauline neben mir – ein
eher stilles Mädchen, das erst vor Kurzem
aus der Ukraine gekommen war.
Sie hat Abschnitt für Abschnitt ein russisches
Märchen auf Ukrainisch miterzählt
und dabei auch meine Gesten
übernommen (siehe Abb. 3). Am Ende
klatschte die ganze Klasse. Ein anderes
Kind kam zu mir und sagte: „Frau Marinelli,
darf ich das nächste Mal auch bei
dir stehen und auf Rumänisch erzählen?“
Solche Momente bleiben lang
in Erinnerung und ermutigen mich,
immer wieder diesen Raum zu öffnen.
Was möchten Sie Lehrerinnen und
Lehrern mit auf den Weg geben?
Erzählen Sie Geschichten – von Anfang
an und am besten mehrsprachig. Wenn
Sie selbst keine weitere Sprachen sprechen,
dann holen Sie sich Erzieher:innen,
Eltern oder Bekannte in die Schule.
Wenn Kinder merken, dass ihre Sprache
einen Platz im Klassenzimmer hat,
fühlen sie sich gesehen. Sie spüren: Hier
ist es in Ordnung, anders zu klingen.
Sie entwickeln Empathie, entdecken
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zwischen Sprachen – und lernen, dass
Vielfalt etwas Wertvolles ist. Davon
profitieren alle Kinder – auch jene, die
Deutsch als Erstsprache sprechen.
Vielen Dank für das inspirierende
Gespräch, Frau Marinelli!
Ich danke Ihnen.
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Nina Conzen
Mehrsprachigkeit gestalten:
vom Seminarraum ins Klassenzimmer
Zur Entwicklung eines Mehrsprachigkeitsmaterials
„Wenn mich jemand auf der Straße auf Englisch anspricht – ist das für mich ein
leichter oder ein schwieriger Kommunikationskontext?“ Diese Frage stellte sich
in einer gespielten Szene während der Erprobung unseres eigens entwickelten
Spiels „Empathize Me“. Zwei Mitspieler:innen mussten laut darüber nachdenken,
wie wohl die Spielleitung diese Situation empfindet – ohne sie direkt zu fragen.
Die Herausforderung: sich einfühlen, einen Perspektivwechsel vollziehen,
Unsicherheit aushalten.
Diese kleine Szene steht exemplarisch
für unser Ziel im Seminar
„Mehrsprachigkeit in der einsprachigen
Schule – Herausforderung und
Chance“, das ich innerhalb meines Lehramtsstudiums
an der MLU in Halle belegt
habe. Es ging darum, Materialien zu entwickeln,
die nicht nur Wissen vermitteln,
sondern eine eigene Haltung fordern.
Die didaktische Anlage des Seminars
war dabei stark problemorientiert: Statt
vorgefertigte Lösungen zu übernehmen,
sollten wir eigene Wege finden – ausgehend
von echten Bedarfen, die wir zunächst
erkunden mussten.
Design Thinking als roter Faden
Im Zentrum stand der Design-Thinking-Prozess,
der uns eine strukturierte
und gleichzeitig kreative Herangehensweise
bot. Als besonders wichtig und
spannend habe ich dabei die Phase empfunden,
in der wir „ins Feld“ gegangen
sind: Durch Interviews mit Lehrkräften
oder pädagogischen Fachpersonen sollten
wir üben, genau hinzuhören, uns in
individuelle Perspektiven einzufühlen
und daraus am Ende des Gestaltungsprozesses
gezielt Materialien zu entwickeln.
Diese intensive Auseinander-
setzung mit einer Person aus der
(Schul-)Praxis hat uns dabei geholfen,
während des Gestaltungsprozesses nah
an der Realität und den tatsächlichen
Bedürfnissen einer von Mehrsprachigkeit
(direkt oder indirekt) „betroffenen“
Person zu bleiben.
Who am I?
Ich schreibe diesen Beitrag als Studierende
im Grundschullehramt und als
Modedesignerin – zwei Perspektiven,
die sich prima ergänzen. Für mich steht
fest: Lehrpersonen sollten gestalten können.
Damit meine ich Gestaltung im
engeren Sinne (Unterrichtsmaterialien),
aber auch im weiteren Sinne (Lernsettings,
didaktische Impulse etc.). Menschen,
die an Schulen arbeiten, müssen
selbstverständlich nicht alle zeichnen
können, aber ästhetische Erfahrungen
gemacht zu haben und qualitative
Gestaltung von Kitsch unterscheiden
zu können, halte ich für unverzichtbar.
Lehrpersonen sollten Kinder darin
unterstützen (können), echte Kreativität
auszubilden – meiner Meinung nach
eine der wichtigsten Kompetenzen
kommender Generationen. Der Design-
Thinking-Ansatz half uns Studierenden
„Design Thinking baut darauf auf, die Grundproblematik zu
verstehen und sich in die Welt der Betroffenen hineinzuversetzen.
Dieser Empathieprozess soll dazu führen, eine Lösung für eine
Fragestellung zu finden, die unter Umständen von den Betroffenen
selbst noch nicht gänzlich erfasst oder ausgedrückt werden konnte.“
(Hopp Foundation for Computer Literacy and Informatics 1 )
Nina Conzen
ist Modedesignerin (BA) und Lehramtsstudentin
an der MLU Halle-Wittenberg.
Elle aime parler français, ist
Antifaschistin by heart und wäre selbst
gern mehrsprachig aufgewachsen.
dabei, auch als Neu-Gestalter:innen
nicht in reine Dekoration zu verfallen,
sondern Materialien zu entwickeln, die
im weiteren Sinn nach dem Prinzip
„Form follows functio n“ gestaltet waren.
Eine Stimme aus der Praxis
Unsere Interviewpartnerin, die wir uns
in Phase 2 des Design-Thinking-Prozesses
(„Empathie aufbauen“) eigenständig
suchten, war eine Lehrerin
im Quereinstieg – selbst Designerin
–, deren Perspektive uns nicht nur
wegen ihres beruflichen Werdegangs
interessierte, sondern auch aufgrund
ihrer eigenen Sprachbiografie: Sie hat
Deutsch als Zweitsprache erlernt. Bei
unserem Treffen erzählte sie, dass Kinder
ihrer Klasse ihre Aussprache oft als
„komisch“ kommentierten und ihre
Kompetenz als Lehrerin von manchen
Eltern infrage gestellt werde. Auch bei
Gesprächen im Kollegium sei eine klare
Unterscheidung zwischen (den sehr
wenigen) mehrsprachig und (den sehr
vielen) einsprachig aufwachsenden
Kindern spürbar. Ihrer Ansicht nach
müsse ein Umdenken bereits im Studium
einsetzen: Es brauche eine Haltung
der Offenheit gegenüber ande-
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
ren Kulturen und Sprachen, verbunden
mit dem Bewusstsein, dass angehende
Lehrkräfte unweigerlich mit vielfältigen
Lebensrealitäten konfrontiert sein werden.
Trotz ihrer eigenen überwiegend
kritischen Erfahrungen im Schulalltag
schloss sie unser Gespräch mit der starken
Aussage: „Ausländische Kinder können
sich mit mir identifizieren.“ Dieser
Satz macht zwar eine Unterscheidung
auf, die auch stigmatisierend wirken
kann (Wir -sie-Dichotomie), verweist
aber zugleich auf eine wichtige Ressource:
Geteilte Erfahrungen können für neu
angekommene Schüler:innen ein Gefühl
von Verstandenwerden, Zugehörigkeit
und Identifikation ermöglichen.
Von „Perfect Match“ zu
„Empathize Me“
Mit ihren Worten im Kopf entwickelten
wir in den folgenden Seminarsitzungen
langsam die Idee eines Spiels, das „empathisieren“
sollte. Dabei richteten wir
unser Augenmerk besonders auf das
Kollegium: (Angehende) Lehrkräfte sollten
unser Material im Lehrer:innenzimmer,
bei einem kollegialen Spieleabend
oder auch im Studienseminar nutzen
können, um sich leichter in Situationen
hineinversetzen zu können, in denen
Sprachbewusstheit eine Rolle spielt.
Als Vorlage diente uns das Gesellschaftsspiel
„Perfect Match“ (Schmidt
Spiele, 2020), in dem Spieler:innen durch
offenes Aushandeln versuchen, gemeinsam
die Perspektive der Spielleitung einzunehmen
und damit die Position auf
Hier geht’s zum digitalen Fundus …
Unsere Homepage bündelt vielfältige
(Unterrichts-)Materialien aus mittlerweile drei Seminarkontexten –
zum Entdecken, Herunterladen und Ausprobieren.
https://blogs.urz.uni-halle.de/mehrsprachigeschule/
einer verdeckten Drehscheibe zu treffen.
Wir griffen das Spielprinzip auf und
konzipierten eine DIY-Edition mit Fokus
auf Sprache: Aus zwei Pappbechern
und einer Druckvorlage bauen die Spielenden
zunächst ihre eigene Drehscheibe.
Die runden Karten enthalten gegensätzliche
Aussagen und Schlagworte zum Thema
Sprache. Eine Bastelanleitung und ein
„Vorspiel“ in Videoform stehen auf unserer
Homepage bereit – zusammen mit
vielen weiteren im Seminar entwickelten
Materialien.
(Noch mehr) praktische Tools fürs
mehrsprachige Klassenzimmer
Neben dem Spiel „Empathize Me“ bietet
die Homepage eine Vielzahl digitaler
und analoger Materialien, die flexibel
eingesetzt werden können. Zu den
Seminar-Highlights zählt ein interaktives
Wimmelbild, das in mehreren Sprachen
zum Hören und zum Lesen einlädt,
somit Unterschiede und Gemeinsamkeiten
erlebbar macht und auch Raum
bietet, eigene Sprachen durch Aufnahmen
oder Texte einzubringen.
Weitere Materialien auf der Homepage
umfassen unter anderem die Ideenwand/
das Padlet „Feste feiern und gemeinsam
kochen“, das multimediale Lernmodul
„Instrumente der Welt“ oder auch den
analog spielbaren „Vokabelfußball“.
Auch die „Sprachenwand“ aus dem
Seminar lässt sich unkompliziert in den
Schulalltag integrieren: Sie bringt Begrüßungen
und Verabschiedungen in
19 Sprachen per QR-Code ins Klassenzimmer
– digital oder analog, mit Platz
für individuelle Ergänzungen und weitere
Lieblingssprachen.
Ein besonderer Vorteil: Alle Materialien
sind digital verfügbar und als OER (Open
Educational Resources) frei zugänglich –
sie können unkompliziert geteilt, weiterentwickelt
und im eigenen Unterricht eingesetzt
werden. Digitale Formate eröffnen
zudem neue Lernwege, da sie spielerisch
an vertraute Praktiken wie Hören, Wischen,
Tippen oder Lesen anknüpfen und
so zusätzliche Motivation schaffen.
Egal ob im Klassenzimmer, auf dem
Schulhof oder im Lehrer:innenzimmer:
Hands-on and have fun!
Anmerkung
(1) https://www.hopp-foundation.de/lehrer/
praesenz/design-thinking/#scroll-warumdesign-thinking
(Aufruf am 12.08.2025)
Tipps für die Erstellung
mehrsprachiger Materialien
• Zielgruppe klar definieren und idealerweise
einbeziehen
• Iteratives Testen: Material in kleinen
Schritten ausprobieren, Feedback
einholen, überarbeiten
• Partizipation fördern: Raum für
Sprachen von Schüler:innen schaffen
• Ästhetische Qualität sichern:
Expert:innen hinzuziehen oder auf
bewährte Materialien (z. B. Kinderliteratur)
zurückgreifen
• Keine Flaggenlogik: Sprachen nicht
mit Ländern gleichsetzen
• Mehrsprachigkeit ≠ DaZ: unterschiedliche
Konzepte berücksichtigen
Abb. 1:
Von „Perfect
Match“ zu
„Empathize
Me“ – Prototypen
entwickeln,
testen,
verbessern:
zentrale
Schritte im
Design Thinking.
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Nadine Naugk, Marion Gutzmann
Kinderbücher zum
Thema Sprachenvielfalt
Bonjour
Grundschule aktuell 172 hat Ihnen bereits viele Einblicke in empfehlenswerte mehrsprachige
Bilder- und Kinderbücher gegeben. Mit den unterschiedlichen Unterrichtsanregungen,
die zum Gespräch anregen sollten, zum Sprachenvergleich, zum Texteschreiben, zum
Hören und zum Lesen u. v. m., haben Sie bereits Vorstellungen sammeln können, wie begeistert
und interessiert Kinder solchen Büchern begegnen. Lassen Sie damit Mehrsprachigkeit
auf poetische, ästhetische und literarische Weise in den Klassenraum einkehren.
Hola
Olá
Linda Wolfsgruber (2024)
Wir – vielsprachige Ausgabe
Tyrolia
96 Seiten, 18,00 Euro
Verliebt, zerstreut, sanft oder wild? Wie fühlst du dich heute? Dieses mehrsprachige
Buch regt zum Nachdenken über Gefühle, zum Herumblättern und zur
Sprachreflexion an. Insgesamt werden 44 Menschen in jeweils einer ganzseitigen
Illustration porträtiert und auf der jeweils gegenüberliegenden Seite
mit einem von 44 Adjektiven bezeichnet. In dieser mehrsprachigen Fassung ist
dabei jedes Adjektiv noch einmal in eine von 44 Sprachen übersetzt – in welche
Sprache, steht auch dabei. Die Sprachen sind sehr vielfältig gewählt – bis hin
zur österreichischen Blindenschrift – und auch bei den Personen zeichnet sich
über alle Heterogenitätsdimensionen hinweg ein diverses Bild ab. Durch eine
Kombination in einem ganz einheitlichen Stil entsteht eine durchgängige und
schnell erfahrbare Struktur. Es handelt sich um ein minimalistisches, ästhetisches
Bilderbuch, das die Vielfalt der Menschen und Sprachen betont und absolut
beeindruckt.
P wie Flamingo? Da kann doch was nicht stimmen. Oder doch? Jedenfalls ist es
richtig, wenn man auf Tschechisch, Quechua oder Aymara spricht. Denn da heißt
Flamingo wahlweise Plamenak, Pariwana oder auch Parina. Stimmt, P wie Flamingo!
In ihrem außergewöhnlichen Alphabet-Bilderbuch lädt Ellen Heck Kinder wie
Erwachsene dazu ein, Sprache neu zu entdecken. Jeder Buchstabe steht für ein Tier –
allerdings oft nicht in der Sprache, die man erwartet. Insgesamt fließen 68 Sprachen
ein – von bekannten Weltsprachen bis hin zu selten gehörten, die neugierig machen
und zum Staunen einladen. Eine begleitende Website bietet die Aussprache aller
Tiernamen als Hörbeispiele – ein sinnliches Erlebnis, das die Sprachenvielfalt lebendig
macht. Die detailreichen Linoldrucke inszenieren jedes Tier mit stilistischer Tiefe
und atmosphärischer Zurückhaltung. Das Buch eröffnet einen niedrigschwelligen
Zugang zur Welt der Sprachen und Kulturen, feiert deren Vielfalt und regt zum
Weiterfragen an. Ein klug gestaltetes, sprachspielerisches Buch voller Entdeckungen.
Ellen Heck (2025)
A wie Biene
Übersetzt von Regina Jooß
Carlsen
40 Seiten, 15,00 Euro
Ciao
Maria Bakhareva /
Anna Desnitskaya (Ill.) (2023)
Märkte in aller Welt
Übersetzt von Thomas Weiler
Gerstenberg
80 Seiten, 26,00 Euro
In diesem großformatigen, fröhlich-bunten und detailreich illustrierten
Sachbilderbuch geht man auf eine gut recherchierte Weltreise zu 24 Märkten in
vielen Ländern. Auf jeweils drei Doppelseiten wird man zu zwei Märkten eines
Landes geführt, wird in die vielfältigen Angebote, Geld/Währung und Preise eingeführt
und erhält Informationen in Text und Bild über landestypische Produkte
und Rezepte sowie Tipps beim Besuchen des Marktes. Ein Mini-Sprachführer
bietet ein kleines Vokabular an, um Begrüßungen und kleine Einkäufe auf dem
Markt zu erledigen. Die dritte Doppelseite enthält eine großformatige, wimmelbildartige
Illustration, die Rätsel- und Suchaufgaben bereithält, die auch schon
für jüngere Kinder spannend sind und dieses Buch zu einem interkulturellen
Schatz für jede Kita und Schule machen.
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Janina Eck (2019)
Ich bin Yola. Wer bist du?
Meine Freunde aus der ganzen Welt
Duden
32 Seiten, 10,00 Euro
In Yolas Freundebuch von Janine Eck mit farbenfrohen, detailreichen Bildern und fröhlichen
Kinderzeichnungen sowie kleinen Texten in Deutsch und in der jeweiligen Sprache der
zwölf Freund:innen lässt sich auf jeder Doppelseite beim Lesen und Anschauen vieles zu
den Kindern entdecken: Welche Sprachen sprechen sie zu Hause? Wer gehört zu ihrer Familie?
Welches sind ihre Lieblingsorte? Was essen sie am liebsten? Welches ist ihr Lieblingsschimpfwort?
Was machen sie, bevor sie schlafen gehen? Was wollen sie einmal werden?
Was wünschen sie sich? Yola würde gern zaubern können, Valentin möchte einmal Umweltverschmutzungswegmacher
werden und das Lieblingslied von Liliana aus Kroatien ist
„Eci peci pec, ti si mali zec“. Die Seiten regen dazu an, anhand der Porträts der Kinder über
die Einzigartigkeit, aber auch über die Gemeinsamkeiten ins Gespräch zu kommen und
die Vielfalt als Bereicherung wahrzunehmen. Die zweisprachigen kleinen Texte und die
kleine „Sprachschule“ im Anhang laden gleichfalls dazu ein, Sprachen und Schriften zu
vergleichen. Hier finden sich in einer tabellarischen Übersicht kleine Sätze wie „Hallo!“, „Wie
geht’s?“ oder „Willst du spielen?“ beispielsweise auf Türkisch, Arabisch, Kroatisch, Tigrinisch
oder Hausa in der jeweiligen Schriftsprache und in Lautschrift. Die Antworten der Kinder
und ihre Ideen basieren auf Vorschlägen von Berliner Erzieher:innen.
Hello
Hi
Kamusta
Dieses Bilderbuch begleitet mit heiteren Reimen und lebendigen Bildern durch
den Alltag eines Kindes. Ein neugieriges Kind mit schwarzem, lockigem Haar
führt durch elf Doppelseiten, auf denen Gegensätze, Farben, Formen, Zahlen,
Zeit und Gefühle thematisiert werden. Die kurzen Verse und die abwechslungsreiche
Bildsprache vermitteln ein kindgerechtes Bild eines geschützten und
unbeschwerten Alltags, wie er für alle Kinder wünschenswert ist. Kleine Alltagsszenen
und Details – etwa Käfer oder Steine – fördern genaues Beobachten,
aktives Sprechen und den Austausch zwischen Kindern und Erwachsenen. Die
klare Sprache und die durchgehend harmonische Gestaltung unterstützen die
frühkindliche Entwicklung in mehreren Bereichen. In dieser mehrsprachigen
Ausgabe laden Reime auf Türkisch, Kroatisch/Serbisch, Englisch und Arabisch zu
gemeinsamen Vorlese- und Spielmomenten in Kita, Familie oder Vorschule
und im sprachlichen Anfangsunterricht ein – und fördern so sprachliche Vielfalt
und interkulturelles Lernen.
Cháo ban
Hallo
Salut
Elisabeth Steinkellner /
Michael Roher (Ill.) (2024)
Guten Morgen, schöner Tag –
mehrsprachige Ausgabe
Tyrolia
26 Seiten, 12,95 Euro (Pappbilderbuch),
16,00 Euro (Hardcover)
Manjula Padmanabhan (2022)
Ich bin einmalig!
Kannst du mich finden?
17 Sprachen – 11 Alphabete –
Multilingual
Talisa Kinderbuch Verlag
28 Seiten, 19,50 Euro
17 Sprachen in 11 Alphabeten werden anhand der Frage „Kannst du mich finden?“ in der
erweiterten Neuauflage dieses Such-Bilderbuches von der in Indien geborenen Bilderbuchkünstlerin
Manjula Padmanabhan vorgestellt. Bereits auf dem Cover begegnen den Kindern
viele bunte Hände und auf jeder Seite die gleiche Frage in einer anderen Sprache mit bekannten
oder ungewohnten Schriftzeichen, vertrauten oder fremd klingenden Lauten und vielfältigen
typografischen Besonderheiten. Mit dieser kleinen Frage können die Kinder entdecken, dass in
einigen Sprachen von links nach rechts, in anderen von rechts nach links oder auch von oben
nach unten geschrieben und gelesen wird. Es gibt Sprachen mit Groß- und Kleinschreibung, in
anderen gibt es keine Satzzeichen oder das Fragezeichen steht am Satzanfang auf dem Kopf
und am Ende andersherum, in manchen Sprachen enthält die Frage mehr Wörter, in anderen
Sprachen weniger. Die jeweils ergänzte Lautschrift und Aussprachetipps ermöglichen, den
Klang vieler Sprachen zu erspüren. Auf jeder Seite können die Kinder in kleinen Wimmelbildern
aus farbenfroh illustrierten Symbolen, Gegenständen, Tieren, Pflanzen oder Personen Einmaliges
entdecken und auch über die Frage „Was ist einmalig?“ miteinander ins Gespräch kommen.
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Andrea Karimé /
Raffaela Schöbitz (Ill.) (2022)
Planetenspatzen
Picus
64 Seiten, 15,00 Euro
In diesem Gedichtband von Andrea Karimé finden wir 27 vergnügliche Sprachspielereien,
die mit großer Selbstverständlichkeit deutsche Wörter und Wörter einer
anderen Sprache mischen und damit ihr Sprachrepertoire und ihren Klang erweitern.
Die meist gereimten, innovativen Gedichte spielen dabei einerseits mit dem
Klang der eingebrachten mehrsprachigen Wörter, andererseits aber auch mit deren
Bedeutung. So entstehen vielerlei oft lautmalerische Neologismen, die das Spiel
mit Sprache verdeutlichen, wie beispielsweise die matschkakatze („mačka“, sprich
„matschka“, aus dem Kroatischen bedeutet „Katze“, entsprechend die Katzekatze),
oder „üsüntülü“ aus dem Türkischen (üzüntülü), das mit „traurig/betrübt“ übersetzt
werden kann. Im Gedicht „Übers kleine Betrübtsein“ wird es neben „türülülü“ als
onomatopoetische Form (Lautmalerei) gesetzt und damit ebenfalls auf den Klang
reduziert. Jedem Gedicht wird eine ausdrucksstarke, farbintensive Illustration von
Raffaela Schöbitz gegenübergestellt, die dem Gedicht noch einmal eine weitere Bedeutungsebene
hinzugibt. So wird in diesem Band Mehrsprachigkeit eine einmalige
Wertschätzung gegeben, die zum Weiterdichten anregt.
Merhaba
Hello
Olá
Das vielfach ausgezeichnete Bilderbuch von Rebeccca Gugger und Simon Roethlisberger
lädt auf spielerische und humorvolle Weise mit einer Vielzahl von fantasievollen Wörtern und
fantastischen Illustrationen dazu ein, gemeinsam auf eine Wörterent deckungsreise zu gehen
und Wörter als Ausdruck sinnlicher Erfahrungen, Gefühle und Gedanken zu begreifen. Das bezaubernde
Bilderbuch, 2024 erschienen und u. a. mit dem Buchcover Award 2024 ausgezeichnet,
ist seit 2025 in acht zweisprachigen Ausgaben erhältlich.
In der poetisch-witzigen Geschichte lernen die Kinder Oscar kennen, der an einem milden
Herbstmorgen eine prächtige Holztruhe findet. Ganz anders als erwartet, liegen in der Truhe
jedoch nur Wörter. Bald bemerkt Oscar, was er mit den Wörtern machen kann. Wörter wie
pompös, monströs oder federleicht werden durch ihre Typografie auch Teil der bildlichen Darstellung
– so kann Oscar auf einem Arm sogar den federleichten Bagger stemmen!
So wie Oscar mit wachsender Freude die Wörter aus der Truhe herauszieht, macht es den
Kindern großen Spaß, diese Wörter den witzigen Bildern zuzuordnen. Als alle Wörter der
Truhe aufgebracht sind, steht Oscar wortlos da. Zum Glück zeigt ihm Louise, wie er selbst neue
Wörter machen kann, wie z. B. zauberhimmelschön, tagtraumverloren oder waldbodenweich,
und erklärt, weshalb er achtsam mit ihnen umgehen soll. Auch die Kinder können selbst zu
Worterfinder:innen werden, ihre eigenen Wortschatztruhen mit Wörtern füllen – zuhörend,
beobachtend, tastend, schmeckend, riechend und fühlend – und so die wunderbare Kraft von
Wörtern entdecken, dies auch im Vergleich der Sprachen der Kinder.
Rebecca Gugger /
Simon Roethlisberger (2025)
Der Wortschatz
erhältlich in 8 zweisprachigen
Ausgaben
NordSüd Verlag
48 Seiten, 19,90 Euro
Mbote
Salam
Cháo ban
Tanya Lieske (2024)
Wir sind die Weltklasse!
Hanser
174 Seiten, 15,00 Euro
Der Kinderroman erzählt von einer Grundschulklasse, in der diverse
Nationalitäten aufeinandertreffen. Dank ihrer engagierten Lehrerin,
die Vielfalt als Chance nutzt, wird den Kindern mit Rückhalt, Respekt
und Interesse begegnet. Dieser erste Teil der Kinderbuchreihe
erzählt dabei insbesondere von einem turbulenten Klassenausflug
in eine Dinosaurier-Ausstellung.
Die Leichtigkeit im Erzählton unterstreicht das Miteinander der
Kinderfiguren und entzieht sich allen Klischees einer sogenannten
Brennpunktklasse. Mithilfe einer zweiten Ebene, die kurze Tagebucheinträge
anderer Figuren einwirft, wird geschickt auch in die
Migrationsgeschichte verschiedener Figuren Einblick gewährt.
Mehrsprachige Wörter werden von den Figuren selbstverständlich
genutzt, was die Sprachenvielfalt förmlich erlebbar macht.
26
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Eva Offredo (2023)
Japan yahho!
Übersetzt von Tobias Scheffel
Moritz
88 Seiten, 22,00 Euro
Kamusta
Hej
Hallo
Mehrnousch Zaeri-Esfahani /
Frauke Angel (2025)
Ein Liekesch für Jascha
Gerstenberg
72 Seiten, 15,00 €
Das Sachbilderbuch stellt acht japanische Frauen vor,
deren Berufe in dieser Form nur in Japan vorkommen:
z. B. Buchweizenbäuerin, Mooskundlerin oder Sumoringerin.
Die detaillierte Vorstellung ihrer Lebenswege und
Tätigkeiten ermöglicht einen ganz besonderen Einblick
in die traditionelle japanische Kultur – beeindruckend
schlicht, monochrom illustriert. Jede letzte Doppelseite
führt in zwei japanische Begriffe und ihre Bedeutung und
Tradition ein (z. B. Sakura). Dazu finden wir auch in den
Beschreibungstexten einige japanische Wörter, für die es
keine direkte Übersetzung gibt. Diese werden durch Fußnoten
erklärt oder umschrieben. Damit erhält man nicht
nur einen Einblick in japanische Traditionen, sondern
auch in den Sprachklang. Ein absolut ästhetisch anmutendes
und ganz besonderes Sachbilderbuch.
Bonjour
Salut
Hola
Mehrnousch Zaeri-Esfahani und Frauke Angel erzählen in „Ein
Liekesch für Jascha“ in kurzen Kapiteln eine auf einem sprachlichen
Missverständnis aufbauende generationenübergreifende Freundschaftsgeschichte.
Weil seine Oberarme zu dünn sind, soll der neunjährige Jascha
auf Rat seiner Sportlehrerin hin Liegestütze machen. Jascha, der
aus Bosnien kommt und nun in Heidelberg lebt, kann bisher aber
nur wenig Deutsch und versucht, sich den Begriff zu merken. Aus
„Liegestütze“, was sicherlich etwas mit Sport zu tun hat, wird erst
„Lie-Kesch-Tut-Sen“ und schließlich „Liekesch“. Doch wo gibt es
Liekesch zu kaufen und was kostet so etwas? Auf der Suche danach,
was das für ein Sportgerät sein könnte und wie er es kaufen
kann, begegnet Jascha im Sportgeschäft dem Verkäufer Frank, der
jede Woche seiner Mutter handschriftlich einen Brief schreibt und
der Jascha helfen will, aber das Sportgerät Liekesch nicht kennt.
Nach und nach bahnt sich zwischen dem einsamen Sportladenverkäufer
und dem schüchternen Jascha eine besondere Freundschaft
an, die durch Ausschnitte aus Jaschas Alltag und aus den Briefen
von Frank an seine Mutter erzählt wird und Einblicke in die Schwierigkeiten
der beiden, in ihre Gedanken und das, was sie bewegt,
bietet. Es wird deutlich, wie schwer es am Anfang ist, Sprachbarrieren
zu durchbrechen, und wie sehr ein Freund helfen kann, diese zu
überwinden. Wunderschön farbig illustriert von Barbara Jung zu
empfohlen für Kinder ab acht Jahren.
Hi
Buna ziua
Salam
Ciao
Mohamed Wa Baile /
Ivie Oda Onaiwu (Ill.) (2023)
Wenn ich anders bin als du,
bist du anders als ich
Übersetzt von Karin Vogt
Edition assemblage
144 Seiten, 24,00 Euro
In diesem konsequent zweisprachigen Kinderbuch (deutsch-französisch) verwebt
Mohamed Wa Baile auf eindrucksvolle Weise persönliche Erfahrungen, historische
Bezüge und politische Bildung. Inspiriert von James Baldwin, dessen Aufenthalt in
Leukerbad als Ausgangspunkt dient, begleiten wir die Geschwister Nia und Noa mit
ihrem Vater Mamdou auf einer Reise, die weit über geografische Grenzen hinausgeht.
In kurzen, klar formulierten Kapiteln und unterstützt von farbenfrohen Illustrationen
von Ivie Oda Onaiwu erleben die Kinder rassistische Alltagsübergriffe, subtil wie offensichtlich
– etwa wenn Noa im Bus ungefragt in die Haare gefasst wird. Doch das Buch
bleibt nicht bei der Schilderung stehen: Es stärkt Empowerment, zeigt Handlungsmöglichkeiten
auf und vermittelt komplexe Begriffe wie „Racial Profiling“, „Othering“ oder
„Blackfacing“ kindgerecht. Mohamed Wa Baile – Aktivist, Wissenschaftler und Kämpfer
gegen institutionellen Rassismus – schafft ein wichtiges, lebendiges Werk, das zeigt:
Politische Bildung kann poetisch, zugänglich und empowernd sein – auch für Kinder.
GS aktuell 172 • November 2025
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Aus Praxis: der Sprachenvielfalt Forschung in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Hannah Laufs
„[…] da können die anderen
Schriften gar nicht mithalten“
Eine Befragung zur Einschätzung und Bewertung
der Grundschrift
In Deutschland ist der Schriftspracherwerb durch eine Vielzahl unterschiedlicher
Ausgangsschriften geprägt. Die Einführung der Grundschrift durch den
Grundschulverband im Jahr 2005 hat eine intensive Diskussion über deren Nutzen
und Wirksamkeit ausgelöst. Der vorliegende Beitrag präsentiert die Ergebnisse
einer qualitativen Untersuchung, in der 18 Lehrkräfte zur Grundschrift
befragt wurden. Ziel war es, zu analysieren, inwiefern die Grundschrift ihre angestrebten
Ziele aus Sicht der Lehrkräfte erfüllt.
Ein Blick in deutsche Klassenzimmer
zeigt, dass in der Grundschule
unterschiedliche Ausgangsschriften
vermittelt werden. Während
sich die Druckschrift als Erstschrift beim
Schriftspracherwerb durchgesetzt hat,
besteht hinsichtlich der (teil)verbundenen
Ausgangsschriften keine
Einigkeit. In Deutschland sind gegenwärtig
vier Ausgangsschriften zugelassen:
Die Lateinische Ausgangsschrift (LA),
die Schulausgangsschrift (SAS), die Vereinfachte
Ausgangsschrift (VA) und die
Grundschrift. Jedes Bundesland entscheidet
im Sinne des Föderalismus
eigenständig darüber, welche Ausgangsschrift(en)
zugelassen sind.
Abb. 1: Offizielle Schreibweise in
Lateinischer Ausgangsschrift
Abb. 3: Weiblich, 4. Klasse
Abb. 4: Männlich, 4. Klasse
Die Diskussion um die
Schulschriften
Abb. 2: Beispiel für Erwachsenenschrift
(Lateinische Ausgangsschrift)
Hannah Laufs
hat Grundschullehramt an der PH in
Ludwigsburg studiert und war bereits
in verschiedenen Grundschulen tätig.
Sie ist aktives Mitglied in der
Projektgruppe der Grundschrift des
Grundschulverbandes. Derzeit lebt
und arbeitet sie in Indien.
Neben der Frage, ob Kinder überhaupt
eine Druck- und Schreibschrift erlernen
sollen, wird darüber diskutiert, welche
der Ausgangsschriften für Kinder am
besten sei . In vielen Bundesländern
sind nach wie vor verbundene Ausgangsschriften
1 vorgeschrieben. Verbundenes
Schreiben bedeutet jedoch
nicht, dass es automatisch ein flüssiges
Schreiben ist (Odersky et al. 2021,
79). Denn insbesondere die Schreiberinnen
und Schreiber, die geübt sind,
setzen beim Schreiben häufiger ab.
Nach Hasert (1998, 149) werden Verbindungen
(Ligaturen) beim Schreiben
bewegungsökonomisch eingesetzt.
Abbildung 1 zeigt die offizielle Schreibweise
in Lateinischer Ausgangsschrift.
Anhand der Erwachsenenschrift in
Abbildung 2 lässt sich erkennen, dass
die Handschrift deutlich von der
erlernten Ausgangsschrift abweicht: Die
Bewegungen sind ökonomisch, aber
keine rein verbundene Schrift mehr.
Von der erlernten Lateinischen Ausgangsschrift
bleiben nur wenige Elemente
erhalten.
Die Grundschrift ermöglicht Individualität
in der Handschrift, während
andere Ausgangsschriften diese Flexibilität
nicht zulassen. Abbildung 3 zeigt die
Handschrift einer Schülerin (4. Klasse)
und Abbildung 4 die eines Schülers (4.
Klasse). Die Pfeile markieren die Stellen,
an denen die Kinder Verbindungen
zwischen den Buchstaben individuell gestalten.
Die Kinder setzen Verbindungen
dort, wo es ihnen ökonomisch erscheint.
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Aus Kinderliteratur
Forschung
Bisherige Erfahrungen
mit der Grundschrift
und ihre Diskussion
Inzwischen liegen wertvolle
empirische Daten zur
Grundschrift vor. Die von der
Landesregierung beauftragte
Erprobung der Grundschrift an
Grundschulen in Baden-Württemberg
kam zu dem Ergebnis,
dass Lehrkräfte die Grundschrift
grundsätzlich positiv bewerten.
Die Kinder entwickeln laut der
Erprobung bereits am Ende der
zweiten Klasse selbst unter einem
hohen Schreibtempo eine gut lesbare
Handschrift (Glück 2017, 3).
Zudem berichten Erprobungsschulen,
dass mehr Zeit für andere Inhalte des
Deutschunterrichts zur Verfügung steht,
da sie früher flüssiger und geläufiger
schreiben können (Dörr 2017, 37).
Mesch et al. (2019) kommen in ihrer
Hauptstudie (N=277) zu dem Ergebnis,
dass die Grundschrift leserlicher als die
VA ist. Die in Grundschrift verfassten
Texte wirken signifikant einheitlicher als
jene in LA oder VA (Mesch et al. 2019,
33 f.).
Trotz dieser positiven Befunde bleibt
die Grundschrift nicht unumstritten. In
der fachlichen und bildungspolitischen
Diskussion werden auch kritische Stimmen
laut, die auf mögliche Nachteile
der Grundschrift hinweisen. So würden
nicht alle Kinder die Buchstaben miteinander
verbinden (gemeint sind hier die
Wendebögen) und die Groß- und Kleinschreibung
im korrekten Größenverhältnis
schreiben (Glück 2017, 3). Das kann
möglicherweise Auswirkungen auf die
Leserlichkeit der Handschrift haben.
Die Grundschrift
Forschungsfrage und Methodik
Angesichts der kontroversen Einschätzungen
stellt sich die Frage, ob die
Kritik an der Grundschrift aus Sicht
der Lehrkräfte gerechtfertigt ist und für
welche Zielstellungen sie Erfolg versprechend
ist.
Auf Grundlage der Forschungsfrage
wurden vier Leitfragen entwickelt:
1. Wie wird die Handschrift der Kinder
eingeschätzt (Formklarheit, Schreibflüssigkeit,
Leserlichkeit)?
2. Fördert die Grundschrift die Selbstreflexion
und die Eigenaktivität der
Kinder?
3. Werden mithilfe der Grundschrift
motorische Prozesse erleichtert?
4. Entwickeln Kinder mit der Grundschrift
eine individuelle und persönliche
Handschrift?
Die Grundschrift ist eine handgeschriebene Druckschrift, die von Expertinnen und Experten
aus Schulpraxis, Wissenschaft und Fachdidaktik im Jahr 2005 konzipiert wurde.
Von Beginn der Schulzeit an lernen Kinder mit der Grundschrift aktiv das Schreiben
und Lesen. Das Erlernen einer der bisher verwendeten Ausgangsschriften (LA, SAS,
VA) ist somit überflüssig (Bartnitzky et al. 2016, 10). Ein Teil der Kleinbuchstaben endet
mit einem Wendebogen, der das flüssige Schreiben unterstützt und Buchstabenverbindungen
begünstigt. Als wichtige Kriterien für eine Handschrift gelten Formklarheit,
Leserlichkeit und Geläufigkeit (ebd.). In Schreibgesprächen lernen Kinder, ihre Schrift
zu reflektieren und andere Handschriften zu erkunden.
„[…] die Grundschrift ist eine sehr gut lesbare Handschrift.“
(befragte Lehrkraft)
Hier können Sie
das Faltblatt zur
Grundschrift direkt
herunterladen:
https://t1p.de/
grundschrift
Zur Beantwortung der
Forschungsfragen wurden
im Juni und Juli 2024
insgesamt 18 Lehrkräfte
mithilfe eines leitfragengestützten
Experteninterviews
befragt. Die Interviews wurden
anschließend mittels qualitativer
Inhaltsanalyse nach Mayring und
Fenzl (2019) ausgewertet. Altersmäßig
verteilte sich die Stichprobe auf Lehrkräfte
im Alter von 26 bis 73 Jahren. Der
Anteil weiblicher Lehrkräfte überwog
deutlich (88,89 Prozent). Die befragten
Lehrkräfte hatten zwischen einem und
40 Jahren Berufserfahrung.
Ergebnisse und Einordung
Die Interviews wurden deduktiv entlang
der Leitfragen den folgenden Oberkategorien
zugeordnet: „Einschätzung
der Handschri ft“, „Gelingenselemente
‚Selbstreflexio n‘ und ‚Eigenaktivitä t‘“,
„Erleichterung motorischer Prozess e“
und „Entwicklung der Handschri ft“.
Die Oberkategorien ergaben sich aus
den Leitfragen der Untersuchung. Im
Anschluss wurden induktiv Subkategorien
ergänzt und die Codes entsprechend
einsortiert. Anhand der
nachfolgenden Abbildungen kann die
Verteilung auf die Subkategorien entnommen
werden. Die Oberkategorie
„Auswirkung auf motorische Prozess
e“ wird hier nicht als Diagramm
abgebildet, da diese Kategorie über
keine Subkategorie verfügt. Ebenso sei
an dieser Stelle darauf verwiesen, dass
sich für die Darstellung der Ergebnisse
im vorliegenden Artikel auf die Subkategorien
„hohes Maß“ und „niedriges
Maß“ beschränkt wurde.
GS aktuell 172 • November 2025
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Aus Praxis: der Sprachenvielfalt Forschung in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Abb. 6: Gelingenselemente „Selbstreflexion“ und
„Eigenaktivität“ (∑n=37) hohes Maß niedriges Maß
100 %
100 %
Die Einschätzung der Handschrift
66,67 %
Abb. 5: Einschätzung der Handschrift (∑n=40)
hohes Maß niedriges Maß
100 %
85,70 % 14,29 %
87,50 %
88,89 % 11,11 %
33,33 %
Abb. 7: Entwicklung
der Handschrift
(∑n=30)
hohes Maß
niedriges Maß
12,50 %
„Ich finde, dass sie [die Grundschrift] eben das Kind dort
abholt, wo es ist, und nicht etwas fordert, was halt allgemein
bekannt ist, nicht mehr vorhanden ist.“
(befragte Lehrkraft)
Leserlichkeit
Abbildung 5 kann entnommen werden,
dass in der Kategorie „Einschätzung der
Handschri ft“ 60 Prozent der Codes dem
Bereich Leserlichkeit 2 zugeordnet werden
konnten. Eine Vielzahl der Lehrkräfte
sah die Leserlichkeit der Grundschrift
sogar als eine n der größten Vorteile
der Grundschrift an.
Mit Blick auf die Ergebnisse des
Schreibmotorik Instituts (2019) stellt
dieses Ergebnis eine wichtige Tatsache
dar. Das Institut fand in einer bundesweiten
Umfrage (N=2041) unter Lehrpersonen
heraus, dass unleserliches und
langsames Schreiben eines der größten
Probleme bei Schülerinnen und Schülern
ist (vgl. Schreibmotorik Institut
2019: 12). Insbesondere für Kinder mit
motorischen Schwierigkeiten sei die
Grundschrift eine Erleichterung. Lediglich
zwei von 18 Lehrkräften halten die
Grundschrift für nicht leserlich.
Schreibflüssigkeit
Die erhobenen Daten deuten darauf hin,
dass die Grundschrift die Schreibflüssigkeit
insgesamt positiv beeinflusst. Fast
70 Prozent der Aussagen der Lehrkräfte
in Bezug auf die Schreibflüssigkeit zeigen
eine positive Bewertung (hohes Maß
an Schreibflüssigkeit). Das bedeutet,
dass die Grundschrift von einem Großteil
der befragten Lehrkräfte als flüssig
wahrgenommen wird. Der Wendebogen
begünstigt das flüssige Schreiben
und trägt laut einer Lehrkraft zum deutlichen
Schreiben bei. Erlernen Kinder
die Grundschrift als Erstschrift (statt
der Druckschrift), sei der Wendebogen
eine Hilfe und könne den „Übergang
von der gelernten Grund- beziehungsweise
Druckschrift dann zur Schreibschrift
enorm erleichtern“ (befragte
Lehrkraft). Es wurde jedoch auch darauf
hingewiesen, dass der Schreibfluss
in Teilen nicht homogen sei, da nicht
alle Buchstaben miteinander verbunden
werden können.
Formklarheit
Die Formklarheit wurde von einem
Großteil der Lehrkräfte ebenfalls als
gegeben beschrieben. Rund 85 Prozent
der Aussagen im Bereich Formklarheit
beschreiben ein hohes Maß.
Abweichungen bei der Einhaltung der
Form wurden dabei nicht vorrangig
der Schrift selbst zugeschrieben, sondern
vielmehr als allgemeine Herausforderung
schulischer Schriftvermittlung
eingeordnet.
Gelingenselemente „Selbstreflexion“
und „Eigenaktivität“
Selbstreflexion
Abbildung 6 zeigt eine sehr positive
Beurteilung der Unterkategorien
„Selbstreflexio n“ und „Eigenaktivitä t“.
Die Selbstreflexion wird von den Lehrkräften
als eine Stärke des Grundschriftkonzepts
wahrgenommen. Die Schrift
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Aus Kinderliteratur
Forschung
„Jeder hat irgendwie so seine individuelle Handschrift und
das macht für mich Schrift einfach aus. […] das ist so was
Individuelles, was auch die Persönlichkeit widerspiegelt, und
das macht eigentlich […] nur die Grundschrift, da können die
anderen Schriften gar nicht mithalten.“
(befragte Lehrkraft)
ermögliche den Kindern, in den Austausch
über Handschriften zu gehen,
und wird von einigen Lehrkräften in
einem Schreibgespräch gefördert.
Eigenaktivität
Die Möglichkeit, Buchstabenverbindungen
selbst zu wählen und Entscheidungen
im individuellen Lernprozess zu treffen,
wurde von den Lehrkräften als stärkend
und förderlich wahrgenommen: „ Das
ist übrigens eine wunderbare Erfahrung,
wenn man das eben sieht, dass Kinder
eben auch sehr, sehr freundlich und
solidarisch miteinander über ihre, ja
auch Schwächen oder ihre Fehler, die sie
manchmal gemacht haben, reden können.
Und das tut dem ganzen Klima in
der Klasse auch gut“ (befragte Lehrkraft).
Diese Eigenständigkeit wird lediglich von
einem geringen Teil der Lehrkräfte als
kritisch wahrgenommen. Das Konzept
der Grundschrift sei für manche Kinder
eine Überforderung, da Buchstabenverbindungen
nicht klar vorgegeben sind.
Auswirkungen auf motorische Prozesse
Die Einschätzungen zu motorischen
Entlastungseffekten fielen dagegen
uneinheitlich aus. Drei Lehrkräfte fanden
die Grundschrift hilfreich für Kinder mit
feinmotorischen Schwierigkeiten. Andere
Ausgangsschriften wie zum Beispiel
die Lateinische Ausgangsschrift würden
diese Kinder überfordern. Da die Grundschrift
weniger überflüssige Bewegungen
und Drehrichtungswechsel habe, könne
mit der Grundschrift die Motorik der
Hand entlastet werden.
Zwei Lehrkräfte nehmen keine Auswirkungen
auf motorische Prozesse
wahr. Eine weitere Lehrkraft empfindet
den Wendebogen als herausfordernd.
Motorisch sei es anspruchsvoller, „das
kleine Anhängsel“ (gemeint ist hier der
Wendebogen) zu schreiben, als einen geraden
Strich nach unten zu ziehen (befragte
Lehrkraft).
Entwicklung der Handschrift
Die Individualität der Handschrift
Ein besonders konsistentes Bild zeigte
sich schließlich in der Einschätzung
zu Individualität und Persönlichkeit
der Handschrift, wie der Abbildung 7
entnommen werden kann. Es konnten
80 Prozent der Aussagen in der Kategorie
„Entwicklung der Handschri ft“
der Individualität der Handschrift
zugeordnet werden.
Die Persönlichkeit der Handschrift
Die befragten Lehrkräfte beobachteten
zudem, dass viele Kinder bereits frühzeitig
eine eigene, wiedererkennbare
Handschrift ausbildeten, die sie als
Ausdruck ihrer Persönlichkeit empfanden.
Auch Lineaturen oder Schreibgeräte
können die Schülerinnen und
Schüler nach ihrem Bedürfnis wählen:
„Alles ist für die Kinder da und
nicht das Kind ist für den Stift und den
Lehrer [da]“ (befragte Lehrkraft). Die
Grundschrift bietet damit einen Rahmen,
in dem eine individualisierte,
aber zugleich funktionale Schriftkultur
entstehen kann.
„Also das Grundkonzept, wenn man wirklich daran arbeitet,
dass die Kinder die ganzen vier Jahre an ihrer Schrift
arbeiten, und das mit Reflexion verbindet […]. Ich glaube,
dann haben die eine Schrift, aus der sie wirklich gut eine
Handschrift für ihre Leben entwickeln können.“
(befragte Lehrkraft)
Fazit und Ausblick
Die vorliegende Untersuchung hat die
Einschätzung von Lehrkräften in Bezug
auf die Grundschrift dargestellt. Es konnte
gezeigt werden, dass Formklarheit,
Leserlichkeit und Schreibflüssigkeit bei
der Grundschrift in der Wahrnehmung
der Lehrkräfte erhalten und gefördert
werden können. Ebenso werden die
Eigenaktivität und die Selbstreflexion von
den Lehrkräften als positiv empfunden.
Das Ziel der Grundschrift, einen eigenaktiven
und reflektierten Schriftspracherwerb
zu fördern, kann anhand der
Befragung demnach als erfüllt betrachtet
werden. Die Annahme, dass die Grundschrift
motorische Prozesse erleichtert,
kann nur in Teilen bestätigt werden. Der
Wendebogen wird von Kindern teilweise
als herausfordernd wahrgenommen.
Die Frage, ob Kinder mit der Grundschrift
eine individuelle und persönliche
Handschrift entwickeln, kann positiv
beantwortet werden. Insbesondere die
Individualität der Handschrift wird von
den Lehrkräften hervorgehoben.
Aufgrund der begrenzten Stichprobe
kann diese Untersuchung keinen Anspruch
auf Allgemeingültigkeit erheben.
Dennoch sprechen die Ergebnisse – insbesondere
die grundsätzlich positive Bewertung
durch Lehrkräfte, die sie implementiert
haben – für eine mögliche flächendeckende
Einführung.
Danksagung
Ich möchte mich an dieser Stelle noch
einmal herzlich bei allen Lehrkräften
für ihre Teilnahme an meiner Untersuchung
und die interessanten Einblicke
bedanken.
Anmerkungen
(1) Streng genommen kann die Vereinfachte
Ausgangsschrift aufgrund ihrer Luftsprünge
jedoch als teilverbundene Schrift angesehen
werden.
(2) Es sei an dieser Stelle darauf zu verweisen,
dass die Lehrkräfte in Teilen von einer
„Lesbarkeit“ statt einer „Leserlichkeit“
gesprochen haben. Es wird hier angenommen,
dass die Lehrkräfte den Begriff
„Leserlichkeit“ intendierten, wenn sie von
einer leserlichen Handschrift ihrer
Schülerinnen und Schüler sprachen.
Literaturangaben zum Artikel können
Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172-Lit
GS aktuell 172 • November 2025
31
Praxis: Rundschau Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Aus dem Grundschulverband
In eigener Sache: Geburtstage und Grundschule aktuell
Was haben wohl zwei Geburtstage
mit der Zeitschrift
Grundschule aktuell zu tun?
Im September begingen Horst Bartnitzky
(85) und Ulrich Hecker (75) ihre
Geburtstage. Auch an dieser Stelle gratulieren
wir recht herzlich, sicherlich
auch im Namen eines Großteils unserer
Leserschaft, nachträglich zu diesen
besonderen Ehrentagen! Beide Namen
sind eng mit der Entwicklung der
Zeitschrift Grundschule aktuell verbunden
– vom achtseitigen gelben Heft
Arbeitskreis aktuell über Grundschulverband
aktuell mit 24 bzw. 32 Seiten hin
zum heutigen Format Grundschule aktuell
mit 48 Seiten, jeweils mit Beiträgen
aus Wissenschaft, Praxis und Bildungspolitik.
Horst Bartnitzky und Ulrich
Hecker haben die Zeitschrift maßgeblich
als langjährige Herausgeber bzw.
Redakteure zu einem viel beachteten
und anspruchsvollen „Markenzeichen“
des Verbandes gemacht, mit wichtigen
Themen, aktuellen Positionen und vielen
Beiträgen, in denen die Grundschule
und die Kinder immer im Zentrum der
Diskussion um eine gute Schule standen.
Vielen Dank dafür!
Kooperation DIPF (Leibniz-Institut
für Bildungsforschung und
Bildungsinformation)
Wer an der Jahrestagung zu Beginn
des Jahres in Halle teilgenommen
hat, ist sicherlich auch auf unseren
neuen Kooperationspartner aufmerksam
geworden – das DIPF war mit
einem Informationsstand vertreten.
Im Kooperationsvertrag ist u. a. eine
wissenschaftliche Zusammenarbeit
im Rahmen des Projekts „KONTEXT
Grundschule – Kooperativ erstellte Info-
TEXTE für die Grundschule“ verabredet
worden. Der Grundschulverband unterstützt
das DIPF bei der Dissemination
der Projektergebnisse in praxisnahe
Kontexte. In KONTEXT Grundschule
erstellen Teams aus je zwei Lehrkräften,
zwei Bildungsforschenden und einem
Wissenschaftskommunikator „Info-
TEXTE“. Diese greifen Fragen, Themen
und Herausforderungen aus dem
Schulalltag auf und werden auf einer
Infoplattform für Grundschullehrkräfte
bereitgestellt (Startseite – Kontext
Grundschule). Ziel ist eine praxisrelevante
und gleichzeitig wissenschaftlich
zuverlässige Wissenssammlung, die
sich am Bedarf von Lehrkräften orientiert.
Auch Mitglieder aus den Vorständen
des Verbandes haben bereits
an dieser Teamarbeit teilgenommen,
u. a. Svenja Telle (NI, Bundesvorstand),
Aenne Thurau (SH), Johannes Wolz
(RP). Vielen Dank an euch für euer
Engagement auch an dieser Stelle!
Nicht mehr viel Zeit bis zur
Umsetzung des Rechtsanspruchs
auf ganztägige Förderung
Nur noch wenige Monate bleiben bis
zum Inkrafttreten des Rechtsanspruchs
auf ganztägige Förderung im Grundschulalter.
Der Rechtsanspruch ist als
Recht des einzelnen Kindes formuliert.
Individuelle Rechtsansprüche korrespondieren
jedoch nicht immer mit den
personellen, finanziellen, räumlichen
und zeitlichen Ressourcen und Strukturen.
Deshalb dürfen wir in der bildungspolitischen
Debatte nicht aufhören, die
Umsetzung der pädagogischen Möglichkeiten
und Chancen einzufordern.
Als Grundschulverband werden wir
zum Ende des Jahres einen Standpunkt
zur Ganztagsschule verabschieden sowie
den Band 161 in der Reihe der
Bände zur Reform in der Grundschule,
„Ganztagsbildung: Modell, Qualität,
Chancen“, mit vielen Anregungen
aus Wissenschaft und Praxis, aber auch
mit Statements aus bildungspolitischer
Sicht und kommunaler Perspektive herausgeben.
Mit dem Rechtsanspruch auf Bildung
über den ganzen Tag ist grundsätzlich
die Notwendigkeit der Weiterentwicklung
der Lehr- und Lernkultur, von multiprofessioneller
Teamarbeit und sozialräumlicher
Öffnung der Schule verbunden.
Dazu haben die Landesgruppen für
die nächsten Monate wieder viele Formate
und Themen im Angebot. Schauen
Sie immer wieder in den Newsletter, die
Landesberichte bzw. den Veranstaltungskalender,
es lohnt sich, die Landesformate
zu besuchen!
Marion Gutzmann
ist Vorsitzende des Grundschulverbandes,
Vorstandsmitglied der Landesgruppe
Brandenburg, Rektorin i. R.
und Mitglied des Redaktionsteams
Grundschule aktuell
Neues aus der Geschäftsstelle
Unser Vorhaben, die Umstrukturierung
der Geschäftsstelle aufgrund personeller
Änderungen (u. a. Renteneintritt)
mittel- und langfristig zu begleiten,
ist bereits von ersten personellen Veränderungen
getragen. Ab September hat
Ulrike Oltmanns, die das Projekt Eine
Welt in der Schule leitet, in Teilzeit ihre
Arbeit als Mitglied der Geschäftsstelle
aufgenommen. Ulrike Oltmanns wird
zukünftig die Bereiche Website und Veröffentlichungen
betreuen, insbesondere
die aktuelle Neugestaltung der Landeswebsites.
Viel Erfolg, liebe Ulrike! Danken
möchten wir an dieser Stelle auch
Jana Haag, Susanne Hirsch und Heike
Schumann für die verantwortungsvolle
Übernahme von Aufgaben, die mit dem
Ausscheiden von Abigail Montwé verbunden
waren. Ein großer Dank gebührt
Sylvia Reinisch, die die Umstrukturierung
der Arbeitsbereiche in der Geschäftsstelle
mit Weitsicht und wertvollen Impulsen
zur Umsetzung begleitet hat. Wir werden
dranbleiben, liebe Sylvia!
Vielleicht ist auch Ihr Arbeitsbereich
in nächster Zeit von Veränderungen
getragen – so verbleiben wir mit diesen
Informationen und guten Wünschen für
die kommende Zeit. Bleiben Sie weiterhin
dem Grundschulverband verbunden
und empfehlen Sie den Verband gern
weiter. Vielen Dank!
Für den Vorstand
Marion Gutzmann, Vorsitzende
Grundschulverband e. V.
32
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Rundschau
Rundschau
Aus dem Vorstand: Jahrestagung des Grundschulverbands e. V.
„Kinder lernen Zukunft – gemeinsam,
grundlegend, ganzheitlich“
Save the Date
Jahrestagung
2026
20. / 21. März
in Paderborn
Wir freuen uns sehr, dass wir
unsere bundesweite Jahrestagung
im nächsten Jahr am
21. März 2026 in Kooperation mit dem
PLAZ der Universität Paderborn im
Heinz-Nixdorf-Museumsforum durchführen
können. Wir laden Sie herzlich
zu dieser Veranstaltung an einem ganz
besonderen Ort ein: Sie werden sich
mitten im weltgrößten Computermuseum
wiederfinden.
Im Fokus der Jahrestagung steht das
gemeinsame, grundlegende und ganzheitliche
Lernen in der Grundschule.
Die Grundschule ist die Schule für das
gemeinsame Lernen aller Kinder. Sie ist
der Ort der fachlich grundlegenden und
digital ausgerichteten allseitigen Bildung
für alle.
Die Tagung bietet in drei Themensträngen
mit Vorträgen und vertiefenden
Workshops einen breiten Überblick sowie
individuelle Vertiefungen in praxisnahen
Workshops. Ein intensiver Austausch
über konkrete Ideen zur Unterrichts- und
Schulgestaltung wird hier ermöglicht.
Der Themenstrang „Grundschule als
Ort des gemeinsamen Lernens aller
Kinder“ startet mit einem Impulsvortrag
von Prof. Dr. Petra Büker. Die Fragen
der Schul- und Unterrichtsentwicklung
einer Schule für alle Kinder, die von
und für die Kinder gedacht wird, werden
in Workshops vertieft. Diese bieten
beispielsweise Einblicke in die räumliche
(Um-)Gestaltung von Schulen, beschreiben
jahrgangsübergreifende Konzepte
und deren Umsetzung oder machen die
Ideen der Kinder zum Ausgangspunkt
von Schulentwicklung.
Prof. Dr. Uta Häsel-Weide und Prof.
Dr. Marcus Nührenbörger zeigen in
ihrem Impulsvortrag auf, dass das
grundlegende Verstehen von Mathematik
mehr bedeutet, als Rechenaufgaben
auszurechnen, und führen in die aktuelle
Diskussion um grundlegende fachliche
Kompetenzen ein. Wie genau tragfähige
fachliche Grundlagen erworben
werden können, welche Lernumgebungen
sich dazu eignen und wie der kooperative
Austausch zwischen Kindern
angeregt werden kann, wird u. a. in den
Workshops diskutiert.
Der dritte Themenstrang widmet sich
der Frage der ganzheitlichen Bildung in
der digitalen Welt. Hier wird Prof. Dr.
Thomas Irion die Chancen, Herausforderungen
und Perspektiven von KI in
der Grundschule erörtern. In den Workshops
können konkrete Tools ausprobiert
und bei thematischen Führungen
zur Schrift und zum Rechnen im Museum
der Wandel der Zeit erlebt werden.
Am Freitag, 20. März 2026, besteht
das Angebot zur Hospitation an der Peter-Gläsel-Schule
in Detmold. Interessierte
Personen können sich im Rahmen
der Anmeldung zur Jahrestagung dazu
anmelden, der GSV ist gern bei der Bildung
von Fahrgemeinschaften behilflich.
Am Freitagabend, 20. März 2026,
stimmt das Kabarett Lehrgut mit Wortkabarett
und Livemusik im Deelenhaus
in der Paderborner Altstadt auf die drei
Themenstränge der Tagung ein. Im Anschluss
bietet ein gemeinsamer Imbiss
die Grundlage für Austausch und Geselligkeit.
Alle Informationen zum Programm
und die Möglichkeit zur Anmeldung
finden sich auf der Website des Grundschulverbands.
Vielen Dank! Wir freuen uns auf Sie!
Für das Vorbereitungsteam
Uta Häsel-Weide
Übersicht über die Workshops (Änderungen vorbehalten)
● Zukunft gemeinsam gestalten lernen – Nachhaltige
Bildung im (Sach-)Unterricht der Grundschule
(Dr. Vanessa Henke, NRW)
● Lernen neu denken – Was Kinder wirklich brauchen
(Dr. Jan Wessel, NRW)
● Grundschule ganztätig und inklusiv weiterentwickeln
(Jana Groß, NRW; Eva-Maria Osterhues-Bruns, NS)
● Das PRRITTI-Modell: Wie wird aus Bildung Zukunft
und wie beteiligen wir die Kinder?
(Reto Friedli, NRW)
● Kinder – Rechte – Schule
(Ulrike Oltmanns, Bremen)
● Basiskompetenzen in Raum und Form – kontinuierlich
und spielintegriert!
(Prof. Dr. Tobias Huhmann, BW)
● Multiplizieren mit Beziehungen
(Birgit Heß und Dr. Dorothea Tubach, NRW)
● Differenzierte Klassenarbeiten
(Stefanie Gärtner, BB)
● Individuelle Förderung durch Bewegung –
Den schulischen Ganztag aktiv gestalten!
(Dr. Nicole Satzinger, Prof. Dr. Miriam Kehne)
● Basiskompetenzen Startchancen – Fluch oder Segen?
(Austauschrunde)
● Thematische Führung
Heinz-Nixdorf-Museumsforum (HNF)
● KI in der Grundschule erproben und reflektieren
(Johannes Wolz, Rheinland-Pfalz)
● Schrift im digitalen Zeitalter
(Anna Fruhen-Witzke, NRW)
● Thematische Führung
Heinz-Nixdorf-Museumsforum (HNF)
● Angebote der Lernstatt Paderborn
GS aktuell 172 • November 2025
33
Praxis: Rundschau Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Projekt Eine Welt in der Schule
Sprachenvielfalt in und durch Bilderbuchlektüren
Die Thematisierung von verschiedenen
Sprachen spielt
auch für den globalen Lernkontext
eine wichtige Rolle. Doch der
Umgang mit Literatur in mehrsprachigen
Kontexten zielt oft auf eine
Thematisierung von Mehrsprachigkeit
ab, die sprachliche Kompetenzen in
einer gemeinsamen Sprache voraussetzt.
Bei der Umsetzung von MehrSprach-
Geschichten geht es hingegen um die
Erfahrung von Mehrsprachigkeit durch
ein gemeinsames Eintauchen in eine
literarische Welt.
Die „Aufmerksamkeit für die sprachliche
Gestaltung, die für die ästhetische
Wirkung literarischer Texte wichtig ist“
(Spinner 2006, 9), gehört zu den wesentlichen
Aspekten literarischen Lernens.
Sie manifestiert sich zuallererst in „Irritationsmomenten“
(Boelmann/König 2021,
117), die durch Abweichungen der literarischen
Sprache von der Alltagssprache
entstehen und idealerweise Neugier sowie
Entdeckungsfreude wecken können.
Literarische Bildung durch
Nicht-Verstehen
Dass solche Irritationsmomente nicht per
se aufzulösen, sondern als Kernelemente
literarischer Bildung anzuerkennen sind,
plausibilisiert Olsen in seinem Plädoyer
für das „Nicht-Verstehen literarischer
Texte als mögliche und erstrebenswerte
Zielsetzung des Literaturunterrichts“
(Olsen 2016, 65) und bietet
damit nicht zuletzt Anknüpfungspunkte
für Konzeption und Einsatz mehrsprachiger
Lektüren. Denn wenn sich
die (inklusive) Auseinandersetzung mit
Literatur dadurch auszeichnet, Rätselhaftigkeit
und Musikalität von Sprache
zu genießen, Desorientierung zuzulassen
und den Wunsch nach Verstehen
und Kohärenz hintanzustellen (vgl. ebd.,
77), scheint sich genau der „Raum für
eine sprachästhetische Sicht auf sprachliche
Vielfalt“ (Hochstadt 2019, 123) zu
öffnen, den Hochstadt als notwendig
für einen inklusiven Deutschunterricht
identifiziert. Und wenn es in der individuellen
und gemeinsamen Auseinandersetzung
mit Literatur „in erster Linie auf
den Erfahrungsprozess, nicht auf das
Verstehensresultat“ (Bräuer/Wiprächtiger-Geppert
2019, 213) ankommt, lassen
sich Identifikations- und Alteritätserfahrungen
über die Ebene von Handlung
und Figuren hinaus auch auf der Ebene
der Sprache(n) initiieren.
Ressourcenorientierung durch
MehrSprach-Geschichten
Möglich wird das durch eine mehrsprachige
Aufbereitung von Geschichten,
bei der die Erstsprach en der Schüler*innen
von Anfang an Berücksichtigung
finden und damit die Auffassung von
„Mehrsprachigkeit als Ressource“ (KMK
2019, 5) beim Wort genommen und in
didaktisches Handeln übersetzt wird.
Bilderbücher eignen sich für mehrsprachige
Lektüren besonders, weil sie
als multimodale Zeichenträger eine Brücke
sowohl zwischen den verschiedenen
Sprachen als auch zwischen Momenten
des textsprachlichen Verstehens
und Nicht-Verstehens schlagen können.
Obwohl Verlage wie bi:libri und
Baobab sich darauf spezialisiert haben,
zweisprachige Versionen von (Bilder-)
Büchern herauszugeben und zu vertonen,
fehlt es bislang an didaktischen
Konzepten für deren Einsatz im Unterricht.
Umgekehrt beziehen sich Initiativen
wie „Mehrsprachigkeit in der
Schule“ (Naugk 2023) kaum auf die
Arbeit mit literarischen Gegenständen.
Elisabeth Hollerweger
ist als Lektorin an der Universität
Bremen tätig und leitet dort das Bremer
Institut für Bilder buchforschung
( @bilderbuchbibliothek). Zu ihren
Arbeitsschwerpunkten gehören eine
nachhaltigkeits orientierte und diversitätssensible
Literaturdidaktik.
Wenn Literatur im Kontext von Mehrsprachigkeit
Beachtung findet, geht es
eher darum, Mehrsprachigkeit anhand
von Geschichten über Sprache „zu thematisieren
und zu reflektieren“ (Strozyk
2021, 51 ), als sie im Sinne von
Olsens Konzept des Nicht-Verstehens
zu erfahren. Solche Projekte setzen
zudem die für eine Thematisierung und
Reflexion nötigen sprachlichen Kompetenzen
in einer gemeinsamen Sprache
voraus, über die nicht jede Lerngruppe
verfügt, was Barrieren erzeugt.
Ebendiese Barrieren sollen durch
MehrSprach-Geschichten abgebaut oder
zumindest verringert werden.
Abb. 1: Verschiedensprachige
Ausgaben:
Ukrainisch, Deutsch,
Arabisch, Türkisch,
Englisch
34
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Rundschau
Rundschau
Der Grüffelo als
mehrsprachiges Leseerlebnis
Auf Basis dieser Annahmen sowie
studentischer Eindrücke aus
der Praxis 1 wurde im Rahmen
des Seminars „Geschichten für
alle!“ das Konzept für die mehrsprachige
Lektüre von Der Grüffelo
entwickelt und erprobt. Die Wahl
fiel auf diesen populären modernen
Bilderbuchklassiker, weil er in
diversen Sprachen vorliegt und die
für das Projekt ausgewählten Sprachen
durch jeweils einsprachige
und gleichwertig nebeneinanderstehende
Ausgaben repräsentiert
werden können (Abb. 1). Ausgehend
von Pfäfflins Kriterien
für die Auswahl von Gegenwartsliteratur
im Unterricht (vgl. Pfäfflin
2007) bieten sich formal-ästhetisch
zudem der episodische Aufbau und die
damit verbundenen wiederkehrenden
sprachlichen Elemente (Abb. 2) für eine
mehrsprachige Lektüre an. Thematischinhaltlich
werden menschliche Grundmuster
wie Mut und Angst, Stärke und
Schwäche, Überlegenheit und Unterlegenheit
aufgegriffen, die für Kinder
unabhängig von ihrem kulturellen Kontext
und ohne viele Worte Anknüpfungspunkte
bieten. Dass die Geschichte als
Hörspiel und Kurzfilm umgesetzt wurde,
bringt didaktisch die Möglichkeit mit
sich, die mehrsprachige Lektüre mit der
intermedialen Lektüre (vgl. Kruse 2021)
zu verbinden und somit zusätzlich zu
diversen sprachlichen Zugängen auch
über Sprache und Bild hinausgehende
mediale Zugänge zu eröffnen. Die Kernidee,
die Beschreibung der Grüffelo-
Eigenschaften mithilfe eines Audiostiftes
mehrsprachig vorzulesen, um der von der
Maus intendierten Wirkung der Bedrohlichkeit
in unterschiedlichen Sprachen
Sequenz der Geschichte
Maus im Wald
Begegnung Fuchs
Begegnung Eule
Begegnung Schlange
Begegnung Grüffelo
Spaziergang mit Grüffelo
Drehbuch für die szenische Lesung
Eingesetzte Medien
„Şu saf tilkiye de bakın! Bilmiyor herhalde zavallı
Dünyada yayazula diye bir yaratık olmadığını.“
(türkisch)
(arabisch)
„Ха, глупая лиса! Не знает ничего!
Нет никакого груффало, я вьідумал его.“
(ukrainisch)
“Silly old Fox! Doesn’t he know,
there’s no such thing as a gruffalo?”
(englisch)
„Wie dumm von dem Fuchs! Er fürchtet sich so.
Dabei gibt’s ihn doch gar nicht, den Grüffelo!“
(deutsch)
Abb. 2: Grüffelo-Sätze in verschiedenen Sprachen
nachzuspüren, kann somit gerahmt werden
durch ein auditives Eintauchen in
die erzählte Welt und ein audiovisuelles
Rezipieren des Höhe- und Wendepunkts.
Um die Kinder selbst in Interaktion treten
zu lassen und zum Experimentieren mit
den Sprachen einzuladen, wird der weitere
Verlauf der Geschichte im Rahmen
des szenischen Lesens in Dreiergruppen
erschlossen. Dabei ist den Kindern freigestellt,
in welcher Sprache sie gemeinsam
lesen möchten. Diese Phase kann ggf.
durch ein interlinguales Rollenspiel vor
der gesamten Lerngruppe abgeschlossen
werden. Für die Umsetzung ergibt sich
daraus also folgendes „Drehbuc h“ (siehe
Tabelle unten).
In der Umsetzung hat sich der literarische
Gegenstand insofern als gemeinsamer
Kommunikationskern (vgl. von
Brand 2019, 226) bewährt, als die Kinder
in der Auseinandersetzung mit Handlung
und Figuren ihre bereits erworbenen
Sprachkompetenzen einbringen, austauschen
und erweitern konnten. Das Ab-
Hörspiel Kapitel 1, Min. 0:27 – 1:37 in der Unterrichtssprache
(hier: Deutsch)
Bücher in verschiedenen sprachlichen Ausgaben und
präpariert durch die Punkte für den Audiostift, Audiostift
mit verschiedenen Sprachaufnahmen
Film, Min. 15:14 – 19:00 in der
Unterrichtssprache (hier: Deutsch)
Text in verschiedenen sprachlichen Ausgaben aufbereitet
für ein Rollenspiel
spielen der mehrsprachig durch
Muttersprachler*innen vertonten
Passagen wurde mit einer für alle
unbekannten Sprache begonnen,
um zunächst Irritation und Nicht-
Verstehen zum gemeinsamen Ausgangspunkt
zu machen. Beim Anhören
der innerhalb der Lerngruppe
vertretenen Sprachen war die
intendierte Identifikations- und
Alteritätserfahrung an verschiedenen
Reaktionen zu beobachten:
am überrascht-erfreuten Wiedererkennen
der eigenen Erstsprache,
am aufmerksamen Wahrnehmen
unbekannter Sprachklänge, am
wiederholten Wechsel zwischen
Expert*innen- und Lernendenrolle,
am gemeinsamen Zuordnen
von Begriffen in verschiedenen
Sprachen zu Bildelementen sowie am experimentellen
Erkunden von sprachlichen
Spezifika wie den Buchstaben in der ukrainischen
und der Leserichtung in der arabischen
Ausgabe. Während des szenischen
Lesens konnten die Kinder sich schließlich
in ihrer Erstsprache artikulieren und diese
als ebenso bedeutend erleben wie die
Unterrichtssprache.
Mehrsprachige Leseerlebnisse als
Erfahrungsraum
An diese Beobachtungen lässt sich bei
der Konzeption und der Umsetzung
weiterer MehrSprach-Geschichten
anknüpfen. Niedrigschwellig verfügbar
sind z. B. die in mehreren Sprachen
realisierten bilingualen Versionen
von Titeln etablierter Bilderbuchkünstler*innen
wie Tschiep (Baltscheit
2018) oder Essi war’s (Damm 2021) bei
Mulingula (www.mulingula-praxis.de).
Dass literarästhetisch anspruchsvolle
Erzählungen ausgewählt werden, die die
Erfahrungsräume der Kinder aufgreifen
und erweitern, gehört dabei zu den
Grundvoraussetzungen für ein identitätsstiftendes
und sprachverbindendes
Leseerlebnis.
Elisabeth Hollerweger
Anmerkung
(1) Entscheidende Impulse verdanke ich dabei
Mareike Neumann und Inga Horstmann.
Literaturangaben zum Artikel
können Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172Lit
GS aktuell 172 • November 2025
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Praxis: Rundschau Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Kooperationspartner
Die Aktion Humane Schule – heute notwendiger denn je
Die Aktion Humane Schule ist ein
Zusammenschluss von Menschen,
die sich als Fürsprecher
für alle an Schule Beteiligten versteht,
unter dem unumstößlichen Anspruch:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Gegründet wurde die AHS im
Jahre 1974 in Bietigheim von dem Theologieprofessor
Dr. Walter Leibrecht aus
Betroffenheit über eine Schülerselbsttötung.
Im Gründungsmanifest schreiben
die Initiatoren: „Wir stellen fest: Die
Bildungsreform – vor zehn Jahren
begonnen – hat das Leben in unseren
Schulen grundlegend verändert und
eine Schulmisere bewirkt, einen Mangel
an Menschlichkeit: Unsere Kinder nehmen
Schaden!“
Und je tiefer man sich in dieses Manifest
arbeitet, umso mehr stellt man seine
Aktualität fest: „Wir protestieren gegen
das sinnlose Überfüttern der Schüler mit
Lernstoff. Überfülle des Stoffes im Lehrplan
macht aus Pädagogen reine Wissensvermittler,
macht Schüler zu passiven
Informationsempfängern. Diese
Überfütterung mit Stoff erstickt schöpferische
Impulse, ist Ursache dauernder
Überforderung der Schüler von der
Grundschule bis zum Abitur, wachsender
Unlust am Lernen und des Verfalles
der Bildung.“
Weil jedes Kind einzigartig ist und
ein Recht auf seine Individualität hat,
setzen wir uns als Aktion Humane
Schule ein für eine Schule
der Vielfalt, der Geborgenheit,
eine inklusive Schule
für alle, ohne Noten,
in der wirklich angstfrei
gelernt werden darf. In
der Verwirklichung der
Prinzipien für eine humane
Schule (im Kasten
unten) sehen wir die
Grundlage für Chancengleichheit
und Bildungsgerechtigkeit.
Deswegen reichen keine kosmetischen
Korrekturen mehr, das Bildungssystem
muss gründlich reformiert werden,
weil die Krisen in unserer Welt,
die Herausforderungen jetzt und in Zukunft
Menschen braucht, Persönlichkeiten
erfordert, die „Humanitas“ in ihrer
Kernbedeutung verinnerlicht haben,
als Haltung nach außen tragen und unermüdlich
für ihre Umsetzung arbeiten.
Menschlichkeit und Menschenliebe
als Basis unseres Denkens und Handelns
ist die Grundlage einer humanen Schule.
Kinder, die „naiv“ ihre Fragen an
unser Erwachsenenhandeln stellen,
spüren und wissen das von innen heraus.
Wenn wir uns als Erwachsene unvoreingenommen
auf ihren Frage- und
Klärungsbedarf einlassen, müssten wir
erst erschrecken, dann nachdenken
und dem Kind zugestehen, es
hat Recht in seiner kindlichen
Unbedarftheit. Was
würde passieren, wenn
der einzige Lehrplansatz
unserer Schulen hieße:
Die Würde des Menschen
ist unantastbar!? – und
jede Schule auf dieser Basis
in Eigenverantwortung ihre
Umwelt gestaltet. Und aus diesem
gelebten Alltag strahlt „Schule“ in
die Gesellschaft.
In der Süddeutschen Zeitung vom
19. Januar 2023 entwerfen Kinder ihre
Superheldinnen und Superhelden für
die Lösung der aktuellen Herausforderungen:
Der „Idiotenbekämpfer kämpft
gegen bekloppte Leute wie …“
Der Erfinder des „Zeitstopper-Helden“
erklärt sehr einleuchtend: „Ich soll
immer alles schnell machen. Zieh dich
an, räum das Zimmer auf, mach dich
fürs Bett fertig … Ich will aber nicht so
schnell sein. Mein Held hält die Zeit an,
so lange ich will. Wenn ich mit meinen
Sachen fertig bin, läuft die Zeit weiter.“
Das alles kann man belächeln als
Unsinn, als Träumerei, als Kinder-
36
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Rundschau
Rundschau
Weitere
Informationen
Auf der Website
www.humaneschule.de finden Sie
alle Informationen über den Verband.
kram … Man kann aber auch innehalten,
erschrecken, nachdenken und sich
bewusst werden:
Kinder haben nicht nur die Vision,
wie ein menschliches Miteinander aussieht;
sie haben die Fähigkeit, in einfacher,
für uns alle verständlicher Sprache
auszudrücken, wie diese Vision umgesetzt
wird.
Und genau deswegen kämpfen wir
von der AHS weiter für eine humane
Schule,
● die niemanden ausschließt,
● die alle willkommen heißt,
● die jeden Menschen als Individuum
wahr- und ernst nimmt.
Bert Schmid
Bert Schmid
Mein Leben, mein Denken, mein Handeln wurde ganz sicher
entscheidend von meinem sehr, sehr einfachen Elternhaus
geprägt, auf das ich sehr stolz bin.
Und eine Szene aus meiner Kindheit kommt mir immer wieder
in den Sinn, wenn es um Bildung geht. Vielleicht wurde
genau damals mein Kämpferherz für ein anderes Schul- und
Bildungssystem geprägt.
Ein ganz besonderes Erlebnis mit meiner Mutter, die sich
ehrenamtlich unter vielem anderen mit Herzblut als Kirchenführerin in unserer
kleinen Dorfkapelle engagierte. Diese Dorfkapelle war zu meiner Kindheit
beinahe eine Pilgerstätte wegen bis heute immer noch nicht identifizierter seltsamer
Zeichen im Eingangsportal.
Ich musste/durfte bei diesen Führungen als kleiner Junge immer dabei sein, damit
der kleine Bert Bildung lernt, insbesondere dann, wenn sich wieder einmal eine
Delegation von Professoren oder sonstigen Hochgebildeten angesagt hatte.
Und als die einfache, geduldige Bauersfrau von einem Professor einmal permanent
und sehr penetrant, äußerst respektlos, wenig wertschätzend und äußerst herablassend
behandelt wurde, offensichtlich mit dem Ziel, dieser dummen Bauersfrau
ihre Grenzen aufzuzeigen, beendete meine Mutter irgendwann dieses böse Spiel
mit der Bemerkung: „Wissens’s wos, Sie mög’n ja a furchtbar gscheida Mo (Mann)
sa, aber a Bildung hab’n Sie koane.“
250.000€ Gesamtförderung –
Zeigen Sie, was Ihre Schule kann!
Schulwettbewerb für alle 1.-4. Klassen von Regel- und Förderschulen
-Preis
Hob-Preis 2025/2026
Wir sind gespannt auf Ihre Ansätze zum Thema:
Bildungsgerechtigkeit schaffen -
individualisierte Bildungsprozesse gestalten
JETZT BEWERBEN
Alle weiteren Informationen unter:
kinderstiftung-playmobil.de/hob-preis
Praxis: Rundschau Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Ganztagsschule: Wege und Chancen
Ganztagsschule ist mehr als ein ganzer Tag in der Schule
Von links nach rechts:
Andrea Karlsberg ist seit 2012 Leiterin
der Primarstufe der Winterhuder Reformschule.
Seit 2020 ist sie Vorstandsmitglied
des Grundschulverbandes und
in der Landesgruppe Hamburg tätig.
Sabine Weißbecker, Kindheitspädagogin,
seit 2014 bei den Wi°R Finken und
Die Winterhuder Reformschule
(Wi°R) in Hamburg wurde
bereits im Konzeptentwurf des
Vereins Reformschule für Hamburg e. V.
bewusst als Ganztagsschule gedacht. Bildung
„erfordert vor allem eines: Zeit und
Muße. […] Ohne ausreichende Zeit kann
keine ausreichende Auseinandersetzung
mit den Sachen und Menschen stattfinden.
Die Rhythmisierung des Schultages
und des Schullebens soll ebenso wie
die Organisation als Ganztagsschule den
Kindern und Jugendlichen ausreichende
Zeiträume ermöglichen.“ 1
Es geht also auch darum, den Schultag
der Kinder ganzheitlich zu betrachten.
Die künstliche Trennung vormittags
Schule und nachmittags Betreuung
ist kontraproduktiv. Letztendlich ist es
auch völlig unerheblich, wo und wann
die Kinder etwas gelernt haben und wo
und wann sie sich mit den Menschen
und den Dingen auseinandergesetzt haben.
Das lässt sich gar nicht trennen.
Folgerichtig sind Wi°R seit 2008 gebundene
Ganztagsschule. Der Schulbesuch
ist von 8:30 bis 16:00 Uhr an vier
Tagen verpflichtend. Freitags endet der
Schultag um 13:00 Uhr. Uns ist wichtig,
die Kinder für ein lebenslanges, eigenständiges,
individuelles und gemeinsames
Lernen zu motivieren, ihnen zu zeigen,
dass Lernen Spaß macht. Dafür gibt
es die zeitlichen Freiräume. Die Rhythmisierung
sorgt dafür, dass sich über
den Tag verschiedene Arbeitsphasen
und Entspannungszeiten abwechseln.
Die Zerstückelung des Schultages in
Unterrichtsstunden von 45 Minuten ist
längeren Blöcken von 60 oder 120 Minuten
gewichen. Sie dienen aber eher der
Regelung der Arbeitszeit der Kolleg*innen.
Die Struktur des Tages haben wir
den Bedürfnissen der Kinder angepasst.
Auch die Ateliers, die Wahlangebote
durch Honorarkräfte oder Erzieher*innen
im Ganztag, sind in den Schultag integriert
und nicht an einen Unterrichtstag
nachmittags „angehängt“.
Michael 2 hat heute Frühdienst. Als Erzieher
ist er beim Kooperationspartner,
der Stiftung Kindergärten Finkenau, angestellt.
Damit die Kinder mit möglichst
wenig Erwachsenen arbeiten, übernehmen
die Wi°R-Finken neben den Erzieher*innenstunden
des Ganztags auch einen Anteil
der Stunden für Inklusion. All diese
Stunden, egal ob Stunden für Ganztagsbetreuung
oder im Schulalltag, die von Erzieher*innen
geleistet werden können, sind
also in den Händen derselben Menschen.
seit 2023 Leiterin des Standorts an der
Winterhuder Reformschule.
Malte Cunis ist seit 2006 Lehrer bzw.
Lernbegleiter in der Primarstufe der
Winterhuder Reformschule in Hamburg
und hat die Umwandlung zur Reformschule
aktiv mitgestaltet.
Es ist 7:00 Uhr. Michael schließt die
Schule auf und begrüßt die ersten Kinder,
die hier schon die Frühbetreuung in
Anspruch nehmen. Die Kinder spielen,
frühstücken, dösen oder gehen ihren
ersten Ideen nach. Um 8:00 Uhr beginnt
der eigentliche Schultag. Inzwischen
sind die Lehrer*innen in der Schule und
haben alle Lerngruppenräume geöffnet.
Die allermeisten Kinder kommen jetzt
in der nächsten halben Stunde an. Die
Kinder können diese Zeit nutzen, um
Gespräche zu führen, Spiele zu spielen
oder ihren Arbeitsplatz vorzubereiten.
Michael schickt jetzt die Kinder, die in
der Frühbetreuung waren, in ihre Lerngruppen
und macht sich selbst auch auf
den Weg. Denn neben seinen Aufgaben
in der Frühbetreuung ist er auch Bezugserzieher
von einer oder zwei benachbarten
Lerngruppen. Er gehört hier genauso
Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
8:00 – 8:30 Ankommenszeit – Offene Eingangsphase
8:30 – 9:30 1. Block 1. Block / Schwimmen rot 1. Block 1. Block 1. Block Sport blau
9:30 – 10:30 2. Block 2. Block / Schwimmen gelb 2. Block 2. Block 2. Block Sport rot
10:30 – 11:00 Pause Pause Pause Pause Pause
Werkstatt
11.00 – 12.00 3. Block Atelier rot 3. Block Atelier gelb / grün alle 6 Wochen Monatsfeier 3. Block Atelier blau 3. Block Sport gelb
Teamsitzung Teamsitzung
Teamsitzung
12.00 – 12.30
Pause / Mittagessen
4. Block Sport grün
12.30 – 13.00
Pause / Mittagessen Pause / Mittagessen Pause / Mittagessen
13.00 – 14.00 LG-Rat / Schlusskreis Wi°R Finken nach Anmeldung
14.00 – 15.00 5. Block Atelier rot Wi°R Finken im Ganztag Atelier gelb
15.00 – 16.00 6. Block Atelier blau verbindlich
Atelier grün
Wi°R Finken
Rhythmisierung Primarstufe Schuljahr 2025/2026: Wir sind eine gebundene Ganztagsschule. Der Schulbesuch startet täglich in einer Ankommenszeit
von 8:00 Uhr bis 8:30 Uhr und ist am Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag bis 16:00 Uhr und Freitag bis 13:00 Uhr verpflichtend.
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GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Rundschau
Rundschau
zum Team der Gruppenleitung wie die
beiden Lehrer*innen.
Es ist 8:30 Uhr. Alle Kinder sind da
und treffen sich im Morgenkreis, in dem
sie von ihren Erlebnissen oder ihnen
wichtigen Themen berichten können.
Es wird die Anwesenheit festgestellt und
der Tagesablauf besprochen. Dies ist im
Ganztag besonders wichtig, weil die Kinder
Orientierung für den Tag benötigen.
Der Kreis wird immer von ihnen geleitet,
sie kennen diese Rituale. Danach beginnt
die erste Arbeitsphase: Die Kinder
arbeiten an ihren individuellen oder gemeinsamen
Aufgaben, die sie in ihrem
Arbeitsplan mit den Lehrer*innen vereinbart
haben.
Innerhalb des ersten Arbeitsblockes
frühstücken die Kinder gemeinsam.
Michael arbeitet heute mit Max. Max
braucht dringend Hilfe bei der Organisation
seiner Aufgaben im Arbeitsplan.
Woanders würde man das vielleicht
Förderung nennen. Michael unterstützt
Max bei seinen Aufgaben und beim Erreichen
seiner Ziele. Außerdem hilft er
ihm in sozialen und persönlichen Belangen
wie der Konfliktbewältigung.
Von 10:30 bis 11:00 Uhr gibt es die
erste Pause. Die Kinder können frei entscheiden,
ob sie diese im Lerngruppenraum,
auf dem Flur oder auf dem Schulhof
verbringen wollen. Dazu gibt es die
Vereinbarung: leise Pause drinnen – laute
Pause draußen. Was spricht denn dagegen,
dass Kinder noch Dinge aus der
ersten Arbeitsphase beenden wollen?
Der Schulhof bietet verschiedene
Möglichkeiten der Aktivität oder Entspannung:
im Baumhaus kann man sich
zurückziehen, auf dem Fußballplatz toben
und im Tiefseilgarten balancieren.
Michael nutzt diese Zeit heute für eine
eigene Pause, denn gleich um 11:00 Uhr
hat er mit seinem Team die wöchentliche
Teamsitzung. Zusammen mit den Lehrer*innen
und Sonderpädagog*innen
aus vier Lerngruppen, manchmal auch
mit Therapeut*innen oder Kolleg*innen
der Beratung, gehört er zum multiprofessionellen
Team. Die Sitzungen sind
fest in den Plänen aller Beteiligten verankert.
Die Zusammenarbeit wird nicht
„additiv“ verstanden, vielmehr geht es
um die gemeinsame Gestaltung und Reflexion
der gemeinsamen Aufgabe. Jede
Profession bringt ihre spezifische Expertise
ein, um jedes Kind bestmöglich individuell
zu fördern und zu fordern. Die
Tagesplan
einer Lerngruppe
Gemeinsames Essen
Teamarbeit hat an unserer Schule einen
hohen Stellenwert und ist weit mehr als
reiner Informationsaustausch.
Die Kinder besuchen in dieser Zeit
von 11:00 bis 12:30 Uhr ihr Atelier, also
ein Ganztagsangebot, das die Kinder
zweimal im Jahr wählen können. Angeboten
werden die Ateliers von den Erzieher*innen,
die nicht zu dem Team gehören,
das gerade gemeinsam tagt, und
von Honorarkräften. Maria, eine Kollegin
von Michael, hat die Pause der Kinder
genutzt, um ihr Atelier vorzubereiten:
Sie bietet gleich Entspannung und
Yoga an. Andere Atelierangebote wären
z. B. Werken mit Holz, Nadel und Faden,
Bewegungsspiele draußen oder Gesellschaftsspiele.
Von 12:30 bis 14:00 Uhr folgt dann
die Mittagspause, die eigentlich auch ein
Block des Tages ist. Die Kinder gehen im
Free Flow zum Mittagessen, sie entscheiden
also, wann und mit wem sie gemeinsam
in dieser Zeit zum Essen gehen wollen.
Auch Michael ist heute als Aufsicht
im „Restaurant“, wie die Kinder es inzwischen
liebevoll nennen. Seine Kollegin
Maria hat heute das Finkennest geöffnet.
Dieser Ganztagsbereich lädt zum
Kickern oder zum Höhlenbauen ein.
Innerhalb des Ganztages können die
Kinder auch ein Musikschulangebot
wahrnehmen und ein Instrument lernen.
Das kann auch zu Zeiten liegen, in
denen andere Kinder ihrer Lerngruppe
an ihren Aufgaben arbeiten. Die Kinder
verpassen hier keinen Unterricht,
weil sie selbst entscheiden, wann sie ihre
Aufgaben erledigen. So ist ihre Zeit zum
Gitarreüben einfach nur ihre persönlich
anders genutzte Arbeitszeit.
Von 14:00 bis 16:00 Uhr ist dann der
letzte Block, der sich hervorragend für
Projektarbeit anbietet, an anderen Tagen
kann hier auch mal Sport oder eine weitere
Arbeitszeit liegen. Michael ist heute
noch einmal in seiner Lerngruppe und
unterstützt eine Kleingruppe bei ihrem
Projekt. Um 16:00 Uhr ist Schulschluss.
Heute gilt das auch für Michael. Maria
hingegen öffnet die Anschlussbetreuung
und empfängt die Kinder, die noch bis
spätestens 18:00 Uhr bleiben. Dann hat
auch sie für heute Feierabend.
Diese enge Verzahnung zwischen
allen Erwachsenen, die mit den Kindern
arbeiten, ist die Basis für einen gelungenen
Schultag der Kinder. Die unterschiedlichen
Expertisen der Berufsgruppen
können durch den regelmäßigen
Austausch fruchtbar gemacht werden.
Eine Ganztagsschule muss dafür Raum
und Zeit zur Verfügung stellen.
Andrea Karlsberg, Sabine Weißbecker,
Malte Cunis
Anmerkungen
(1) Holger Butt et al., Reformschule
Hamburg – Konzept,.8
(2) Die Namen der Erzieher*innen und
Schüler*innen sind frei erfunden.
GS aktuell 172 • November 2025
39
Praxis: Rundschau Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Nachdenkenswert
„Was wäre, wenn …“ wir mehr nach draußen gingen?
Jeden Donnerstag geht Julia mit ihrer
Klasse in den Schulwald, statt im
Klassenzimmer zu unterrichten. Dort
angekommen setzen sich alle immer für
ein paar Minuten irgendwo zwischen die
Bäume und werden ganz ruhig. Sie hören,
spüren und schauen, wie der Wald um sie
herum heute so ist. Julia atmet tief durch,
sie genießt diesen Moment der Ruhe und
Achtsamkeit im sonst so lauten und stressigen
Schulalltag. Für die Kinder war es
anfangs teils gar nicht so leicht, sich auf
dieses Ritual einzulassen. Inzwischen
mögen sie es aber sehr und berichten
danach begeistert, was sie alles wahrgenommen
haben. Dann geht der eigentliche
Unterricht los. Heute geht es um
zusammengesetzte Nomen. Julia hat vorhin
Wortkarten versteckt, während die
Kinder Brotzeit gemacht haben. Die dürfen
die Kinder nun suchen und finden.
Alle sind in Aktion und rennen wild
durcheinander. Anschließend werden die
gefundenen Wörter zusammengesetzt.
Aus „bunt“ und „Specht“ wird zum Beispiel
„Buntspecht“, diesen Vogel hat die
Klasse letztens auch im Wald beobachtet.
Später sollen die Kinder in kleinen Gruppen
Waldgegenstände finden, die einen
zusammengesetzten Namen haben. Eine
Gruppe legt beispielsweise einen Fichtenzapfen,
eine Vogelfeder und ein
Schneckenhaus auf das ausgelegte bunte
Tuch. Die Kinder schreiben Wortkarten
mit den einzelnen Begriffen und legen sie
„One lesson outdoors
is worth seven
lessons inside.“
(Tim Brighouse zitiert nach Engl 2020)
hinzu. Danach bekommt jede Gruppe
ein Bestimmungsbuch. Darin suchen die
Kinder Tiere mit zusammengesetzten
Namen. Davon finden sie ganz viele und
entdecken dabei ganz nebenbei Arten,
die sie vorher nicht kannten. Neugierig
lesen sie sich gegenseitig vor, wie diese
Tiere leben, und überlegen gemeinsam,
woher der Name wohl kommt. Ganz
zum Schluss ist dann noch die Kreativität
der Kinder gefragt. Sie dürfen
unbekannte Pflanzen und Tiere im Wald
suchen und diesen zusammengesetzte
Fantasienamen geben, je nach dem Aussehen
der Lebewesen. Dabei kommen
die Kinder auf ganz kuriose Einfälle und
es wird viel gelacht.
Mal ganz ehrlich: Ist das nicht
Traumtänzerei? Nein, das ist:
Draußenunterricht
Aber was ist das überhaupt? Draußenunterricht
bezeichnet grundlegend
ein regelmäßiges Lernen außerhalb
des Klassenzimmers. Jordet ( et al.,
2009) betont die Bedeutung authentischer
Lernkontexte, in denen Lernende
Inhalte in ihrer jeweiligen Lebenswelt
erfahren, etwa „über die Natur in
der Natur“ oder „über die Gesellschaft
in der Gesellschaft“. Der Begriff „außerschulischer
Lernort“ dient hier als Synonym
und betont die Relevanz des Lernortes
für den Unterricht, allerdings ist
es im Sinne des Draußenunterrichts
bedeutsam, diesen curricular verankert
regelmäßig aufzusuchen.
Welche Potenziale und Wirkungen
hat denn Draußenunterricht?
In einer zunehmend digitalisierten Welt
verliert das Draußen an Bedeutung,
obwohl es Lerninhalte durch direkte
Erfahrungen lebendig macht und
gleichzeitig soziale, emotionale sowie
motorische Fähigkeiten stärkt. Dabei
wirkt Lernen außerhalb des Klassenzimmers
nicht nur motivierend und
anschaulich, sondern fördert auch nachhaltiges
und ganzheitliches Lernen (vgl.
von Au, 2016). Alles in allem gibt es
zahlreiche wissenschaftliche Nachweise
zu den positiven Effekten von Draußenlernen
auf Konzentration, Kreativität,
Wohlbefinden und Lernprozesse (vgl.
von Au/Jucker, 2022).
Kann Draußenunterricht an jeder
Schule Wirklichkeit werden?
Grundsätzlich ja, denn Draußenunterricht
ist in vielerlei Form und an vielerlei
Orten möglich. Besonders in der
Grundschule lässt sich Draußenlernen
Unterricht im Wald
Lernen auf dem Wochenmarkt
40
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Rundschau
Rundschau
Annika Kunze (links)
ist Sozialpädagogin und arbeitet als
Bildungsreferentin beim Landesverband
Bayern der Schutzgemeinschaft
Deutscher Wald (SDW). Sie engagiert
sich für die bundesweite Verbreitung
von Unterricht im Wald.
Eva-Kristina Franz (rechts)
ist Professorin für Grundschulforschung
und Pädagogik der Primarstufe
an der Universität Trier. Seit 2023 ist sie
im Vorstand des Grundschulverbandes.
relativ unkompliziert umsetzen, da hier
häufig mehrere Fächer von der gleichen
Lehrkraft unterrichtet werden. Dadurch
fällt es Lehrkräften organisatorisch
leichter, regelmäßig für mehrere Stunden
am Stück rauszugehen.
Was braucht es denn dann für den
Weg nach draußen?
Eigentlich nicht viel … Zuallererst
braucht es Schülerinnen und Schüler,
die interessiert daran sind, aktiv
am Draußenunterricht teilzunehmen.
Die Erfahrung in der Praxis zeigt, dass
die meisten Schülerinnen und Schüler
gern draußen lernen. Denn Draußenlernorte
bieten vielfältige Möglichkeiten
und Impulse, sodass häufig für
jede und jeden etwas Passendes dabei
ist. Zudem können sich die Schülerinnen
und Schüler bei der Auswahl und
der Gestaltung dieser Lernorte aktiv mit
ihren jeweiligen Bedürfnissen und Vorstellungen
einbringen – meist mehr, als
dies im Klassenzimmer möglich ist.
Draußenunterricht gelingt aber nur
mit Lehrerinnen und Lehrern, die bereit
dazu sind, rauszugehen. Und die
Motivation und Ideen mitbringen, wie
sich der Unterricht draußen umsetzen
lässt. Heutzutage müssen sich Lehrkräfte
dabei zum Glück nicht alles selbst erarbeiten
und ausdenken, denn es stehen
Bildungsmaterialien und in mehreren
Bundesländern auch Fortbildungsmöglichkeiten
zur Verfügung (Fortbildungen
und Bildungsmaterialien bietet z. B.
Unterricht im Wald diverse Onlineressourcen
auch die Schweizer Stiftung
Silviva, siehe Links).
Wichtig ist, dass von Anfang an eine
Bereitschaft besteht, regelmäßig draußen
zu unterrichten. Denn nur durch regelmäßigen
Draußenunterricht können
sich dessen Potenziale bestmöglich entfalten.
Darüber hinaus sind wiederkehrende
Abläufe und Rituale wichtig für
das Wohlbefinden der Schülerinnen
und Schüler und erleichtern den Lehrkräften
eine problemlose Umsetzung. Es
empfiehlt sich zudem, immer wieder an
einen ganz bestimmten oder an eine begrenzte
Anzahl verschiedener Orte zurückzukehren.
Dies hat den Vorteil, dass
die Schülerinnen und Schüler den betreffenden
Ort nach kurzer Zeit gut kennen.
Die vertraute Umgebung gibt ihnen
Stabilität und Sicherheit, und sie wissen,
wie weit sie laufen dürfen usw. Zum
Glück gibt es in der Umgebung eigentlich
aller Schulen tolle Wiesen, Wälder,
aber auch Bibliotheken und Orte des öffentlichen
Lebens.
Robert begleitet seine Klasse heute
auf den Wochenmarkt. Die Kinder
sind sehr aufgeregt und können sich
an all den Eindrücken anfangs kaum
satt sehen. Bald schon sind die Schülerinnen
und Schüler in Kleingruppen
unterwegs. In Viererteams sollen sie
herausfinden, woher die verschiedenen
Obstsorten kommen, wie sie angebaut
werden und wie viel sie kosten. Die
Kinder laufen quer über den Marktplatz,
lesen Schilder und vergleichen.
Um ihre Aufgabe zu lösen, müssen
sie aber auch Marktleute ansprechen.
Robert bemerkt, dass das gerade den
schüchternen Kindern anfangs schwerfällt.
Aber auch sie trauen sich und
werden von Mal zu Mal mutiger und
selb stständiger. Denn die Erwachsenen
auf dem Markt reagieren sehr freundlich
und offen auf die Kinder. Viele von
ihnen sind Landwirtinnen und Landwirte.
Sie erklären den Kindern, wie sie
das Obst und Gemüse selbst anbauen
und ernten. So können sich die Kinder
das viel besser vorstellen. Gleichzeitig
erfahren sie, welche Sorten aus
Deutschland kommen und welche aus
fernen Ländern. Robert hört, wie manche
Schülerinnen und Schüler von sich
aus zu diskutieren anfangen, was das
wohl für die Umwelt bedeutet …
Schreiben Sie uns!
Wie ist das bei Ihnen? Verlassen
Sie regelmäßig die Schule?
Hätten Sie dazu Lust? Oder halten Sie
das für unrealistisch oder wenig sinnvoll?
Ihre Meinung interessiert uns.
Mail: eva.franz@grundschulverband.de
Einige hilfreiche Links:
https://www.draussenlernen.net
https://unterrichtimwald.de
https://draussenunterrichten.ch
https://www.silviva.ch/ressourcen/
https://naturgarten.org/kinder/
https://kulturleben.saarland/angebote/
draussenpaedagogik
https://www.deutschewildtierstiftung.de/
naturbildung
Buchtipp: Wenn die Welt zum
Klassenzimmer wird …
Unter diesem Titel erscheint 2026 ein
Band zum Draußenunterricht in unserer
Reihe Reform der Grundschule.
Wir freuen uns schon darauf!
Was spricht eigentlich dagegen?
Warum ist Draußenunterricht nicht
so verbreitet …
Ein Grund dafür könnte sein, dass
viele Lehrkräfte während ihres Studiums
kaum oder gar nicht darauf vorbereitet
werden. Inhaltliche, didaktische
und organisatorische Kompetenzen für
Unterricht im Freien fehlen oft. Denn
Fortbildungen werden in der Regel nur
von NGOs wie der Schutzgemeinschaft
Deutscher Wald angeboten. Sie bieten
eine wichtige Unterstützung, doch
langfristig sollte Draußenunterricht fest
in der institutionellen Lehrkräfteausbildung
verankert sein.
Auch schulische Rahmenbedingungen
können den Einsatz von Unterricht
draußen erschweren. Viele Schulleitungen
zeigen sich zurückhaltend, und das
starre Stundenraster sowie curriculare
Vorgaben lassen wenig Flexibilität. Hinzu
kommen finanzielle Hürden, etwa
für Fahrkarten, Material oder Verpflegung
– besonders für Kinder aus sozial
benachteiligten Familien. Ebenso fehlen
oft Mittel, um dauerhafte Lernorte wie
Schulwälder zu entwickeln.
Um Draußenunterricht stärker im
Schulalltag zu verankern, sind deshalb
bessere Aus- und Fortbildungsmög-
GS aktuell 172 • November 2025
41
Praxis: Rundschau Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
TAGUNG de Weise. Gerade weil das
save DRAUSSEN the date MACHT SCHULE | WIRKUNGSVOLL Draußen so vielfältige Impulse
gibt, entstehen häu-
TAGUNG
durch Wissenschaft und Praxis
DRAUSSEN MACHT SCHULE | WIRKUNGSVOLL
Kloster Volkenroda in Thüringen fig fächerübergreifende
durch Wissenschaft und Praxis
Kloster Volkenroda in Thüringen
und ungeplante Lernsituationen,
die den Unter-
28. April 2026
29. - 30. April 2026
28. April 2026 Round Table 29. für- 30. April 2026Tagung zum Draußenlernen
Round Table für
Tagung zum Draußenlernen
Wissenschaftler:innen
mit Impulsen und Workshops
Wissenschaftler:innen
mit Impulsen und Workshops
richt lebendig und spannend
machen. Auch wenn
www.draussenlernen.net
es anfangs vielleicht zeitaufwendig
und organisatorisch heraus-
lichkeiten, mehr Unterstützung durch
Schulleitungen sowie finanzielle Ressourcen
nötig.
kurzer Zeit können ganz viele unterfordernd
wirkt, zeigt die Erfahrung: In
Draußenunterricht bietet unseres Erachtens
die Chance, Lernorte selbst zum werden – effizient und nachhaltig. Wer
schiedliche Kompetenzen vermittelt
Gegenstand des Lernens zu machen – sich auf den Draußenunterricht einlässt,
und das oft auf ganz neue, überraschen-
braucht Offenheit, Flexibilität und Enga-
www.draussenlernen.net
save the date
gement. Doch genau diese Haltung ermöglicht
einmalige Lernerlebnisse, die
allen Beteiligten lange im Gedächtnis
bleiben. Deshalb sollten wir viel häufiger
den Schritt nach draußen wagen – und
gleichzeitig die Politik auffordern, Schulentwicklungsprozesse
wie das Draußenlernen
deutlich qualitätsvoller zu unterstützen,
institutionell zu verankern und
finanziell abzusichern.
Annika Kunze,
Eva-Kristina Franz
Literaturangaben zum Artikel
können Sie von unserer Website herunterladen:
https://t1p.de/GSa172Lit
Ein Impuls, der mich geprägt hat
Fehler sind kein „Fehler“
Kinder denken nicht falsch – nur anders
Ich bin groß geworden in einer Schule
der Fehlerangst: Bloß nichts falsch
machen. Auch wenn du gute Gründe
zu haben meinst – was du selbst denkst,
ist irrelevant. Es geht darum, herauszukriegen,
was der Lehrer hören will. Nur
seine Vorstellungen und sein Urteil zählen.
Alles andere sind „Fehler“. Sie
bedeuten: Du hast versagt, du bist dumm.
Noch im Studium habe ich versucht,
es „richtig“ zu machen und den Erwartungen
anderer zu genügen. Bis ich das
heute schon fast 100 Jahre alte „Weltbild
des Kindes“ von Jean Piaget (1980) in die
Finger bekam. Mit seinem viel später erschienenen
Buch „Psychologie der Intelligenz“
war ich noch nicht klargekommen:
zu formal und starr erschienen mir
seine „Stufen“ der Intelligenzentwicklung,
zu abstrakt ihre Begründung.
Ganz anders „Das Weltbild des Kindes“:
Es lebt von anekdotisch berichteten
Ausschnitten aus Gesprächen mit Kindern.
Mit ihrer Hilfe illustriert Piaget,
wie Kinder Phänomene in ihrer Umwelt
erklären, z. B. über die Antworten eines
Achtjährigen auf die Frage nach der Entstehung
von Wolken: „Woher kommen
die Wolken? – Aus dem Rauch. Und woher
kommt der Rauch? – Aus dem Kamin.
Wenn es keine Häuser mehr hätte,
gäbe es dann noch Wolken? – Nein.“
(S. 240) Andere Kinder meinen, Menschen
hätten die Wolken gemacht, oder
sie unterstellen den Wolken eigene Absichten
(„um die Nacht zu machen“
(a. a. O., 239).
Wissenschaftlich gesehen ist das alles
falsch. Meine Schule hätte gesagt: Solche
Vorstellungen müssen wir den Kindern
umgehend austreiben. Sonst setzen
sie sich möglicherweise fest. Piaget aber
sagt: Vorsicht! Man kann nur verstehen,
was man mit den individuell verfügbaren
Denkmöglichkeiten begreifen kann. Und
diese entwickeln sich schrittweise. Die
Vorstellungen der Kinder sind nicht defizitär,
also nicht ein bloßes Minus gegenüber
unseren Erklärungen. Im Denkund
Handlungsraum der Kinder machen
sie durchaus Sinn. Es sind Vorformen
mit eigener Logik. Aufgrund ihrer kognitiven
Entwicklung und ihrer konkreten
Erfahrungen denken Kinder anders als
Erwachsene. Aber genau das macht sie
in ihrem Lebensraum handlungsfähig. In
ihrer Auseinandersetzung mit Piaget in
dem Buch „Wie Kinder denken“ hat Margret
Donaldson dies an vielen Beispielen
überzeugend herausgearbeitet.
Im Alltag arbeiten auch wir Erwachsenen
mit solchen Vereinfachungen.
Prof. em.
Dr. Hans
Brügelmann
Mitglied im
Vorstand der
GSV-Landesgruppe
Bremen
Wir sagen „Die Sonne geht auf “ (oder
„unter“), obwohl uns die Astronomen erklären,
dass es nicht die Sonne ist, die sich
um die Erde bewegt, sondern umgekehrt
die Erde, die um die Sonne wandert.
Dass solche Vereinfachungen nicht
schädlich, sondern als Vorformen kompetenten
Wissens bzw. Könnens sogar
sinnvoll sind, kann man besonders anschaulich
in der Sprachentwicklung der
Kinder, aber auch beim Zweitspracherwerb
von Erwachsenen beobachten.
Wir lernen Sprachen nicht Laut für Laut,
Wort für Wort und Satz für Satz. Sondern
wir abstrahieren aus dem, was wir
hören, intuitiv individuelle Regeln – zuerst
grobe, dann immer differenziertere,
z. B. wie man die Mehrzahl bildet („die
Nageln“ ➔ „Nägeln“ ➔ „Nägel“) oder die
Vergangenheit („ich gehte“ ➔ „gingte“
➔ „ging“).
Piaget ist oft biologistisch missverstanden
worden. Als ob sich das Denken
naturwüchsig entwickele – über die von
ihm beschriebenen Stufen hinweg. Dabei
betont er immer wieder die Bedeutung
der Erfahrung für die Entwicklung
42
GS aktuell 172 • November 2025
Praxis: Sprachenvielfalt in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Rundschau
Rundschau
des Denkens – im Umgang mit Gegenständen
(ein Würfel lässt sich nicht rollen
wie ein Ball), aber auch durch die
Begegnung mit anderen und mit ihren
Vorstellungen (besonders eindrucksvoll
in seiner Entwicklungsstudie „Das
moralische Urteil beim Kinde“). Aber
Vorstellungen können nie eins zu eins
übertragen werden, z. B. von wissenden
Erwachsenen auf unwissende Kinder.
Lernen erfordert eine aktive Auseinandersetzung
mit eigenen Erfahrungen
und mit den Erklärungen anderer.
Erkenntnis erwächst („genetisch“) aus
Vor-Erkenntnis. Fehler sind nicht Zeichen
von Denk- oder Lernschwäche,
sondern notwendige Vorformen.
Lernen sieht Piaget als Prozess aktiver
Konstruktion – immer im Austausch
mit anderen, aber nicht einseitig steuerbar
durch sie (z. B. Eltern oder Lehrpersonen).
Denn das machen die Protokollausschnitte
in „Weltbild des Kindes“
auch immer wieder deutlich: Mit Fragen
und mit Gegenbeispielen können
Erwachsene die Kinder zwar irritieren.
Ob diese „Perturbationen“ (so Piagets
Terminologie) ihre Sichtweise nachhaltig
verändern, lässt sich aber nicht vorhersagen
oder gar planen.
Wie stark mein eigenes Denken durch
Piagets Arbeiten beeinflusst worden
ist, als ich 1983 mein „Kinder auf dem
Weg zur Schrift“ schrieb, ist mir erst im
Rückblick wirklich bewusst geworden:
Er interessiert sich für die je persönliche
Sicht der einzelnen Kinder auf ihre
Umwelt, und er respektiert sie als eigenständige
Denker, wie der Stil der Gespräche
zeigt, die er und seine Mitarbeiterinnen
mit den Kindern führten. Was
für ein Unterschied zu den Falsch-richtig-Schemata
der standardisierten Tests,
die heutzutage für „Diagnosen“ genutzt
werden! Übrigens hat Piaget als Hilfskraft
selbst an der Erprobung der ersten
Intelligenztests von Binet mitgewirkt –
wurde aber angeblich bald gefeuert, weil
er von den Fehlern der Kinder so fasziniert
war, dass er für die Auswertung der
Tests viel zu lange brauchte …
Heute sind Piagets Gedanken zum
Glück vielen Pädagog*innen vertraut. Ich
wünsche aber auch allen Eltern, dass sie
sich an den Denkversuchen ihrer Kinder
erfreuen und sie über die Zwischenstufen
des Denkens interessiert begleiten können.
Und auch manchen Entwicklern aktueller
„Förderprogramme“ würde ich gern „Das
Weltbild des Kindes“ als Pflichtlektüre auf
ihren Nachttisch legen …
Hans Brügelmann
Schulpreisverleihung 2025
Der Hauptpreis ging in diesem
Jahr an die Maria-Leo-Grundschule,
eine der ersten Berliner
Schulen mit einem neuen Raumkonzept.
Hier hat das Team der Schule
die Chance genutzt, ein zukunftsweisendes
Schul- und Unterrichtskonzept
zu entwickeln, das den individuellen
Bedürfnissen der Schulgemeinschaft
Rechnung trägt. Aus den Händen
des Bundespräsidenten Frank-Walter
Steinmeier nahm die Schulleiterin Sandra
Scheffel die mit 100.000 Euro dotierte
Ehrung entgegen. Unter den fünf zweitplatzierten
Schulen sind zwei weitere
Grundschulen Preisträger: die Questenberg-Grundschule
in Meißen (SN)
sowie die Schule an der Burgweide
(HH). Der Grundschulverband gratuliert
recht herzlich allen prämierten und
allen nominierten Schulen, die am
30. September nach Berlin reisten und
wie die Grundschule Zum Striedt in
Wemmetsweiler (SL) ebenfalls einen
Anerkennungspreis mit nach Hause
nehmen durften. Schauen Sie einfach
auf dem Deutschen Schulportal unter
den Top-15-Schulen nach – es lohnt
sich, für mehr gute (Grund-)Schulen im
Land zu werben!
Der Hauptpreis ging in diesem Jahr an die Maria-Leo-Grundschule in Berlin
GS aktuell 172 • November 2025
43
Praxis: aktuell Sprachenvielfalt … aus den Landesgruppen
in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Hessen
Vorsitzender: Mario Michel
mario.michel@gsvhessen.de, www.gsvhessen.de
Klein aber fein!
Am Samstag, den 27.9.2025
fand der 2. Hessische Grundschultag
in der Kopernikusschule
Freigericht statt. Die
Kooperationspartner dieses
Tages waren der IHS (Interessensverband
Hessischer
Schulleitungen), der VDL
(Verband der Lehrkräfte) und
wir, die Landesgruppe Hessen
des Grundschulverbandes.
Klein, weil die Zahl der
Teilnehmenden nicht ganz
unseren Wünschen und Hoffnungen
entsprach … fein,
weil ein großartiges Workshopangebot
vorhanden
war, sich unzählige Verlage
präsentierten, es ein tolles
Gewinnspiel gab, Jimmy
Little uns nach der Mittagspause
bewegte und wir
eine begeisternde Keynote-
Sprecherin hatten – Margret
Rasfeld! Ihr Eingangsvortrag
zeigte Wege und Möglichkeiten
auf, wie wir unsere Kinder
für die Zukunft stärken, was
muss und was nicht mehr
Von links: Anette Zinser, Pia Hölzel, Rosa Heussner-Kant, Margret Rasfeld, Mario Michel,
Ellen Löher
sein darf (Noten zum Beispiel)
– für manche Ohren
provokant und unerhört, für
manche Herzen berührend
und erfüllend, Hoffnung und
Mut stiftend.
Einige Titel aus dem Workshopangebot
mögen zeigen,
was an Haltung in Schule
notwendig und durchaus an
vielen Stellen bereits angestoßen
ist: „Die Freiheit des
Lernens“, „Haltung verbindet
– Lernbegleitung systemisch
und alltagsnah gestalten“,
„Lob versus Ermutigung“,
„Erfolgreicher Umgang
mit sprachlicher Gewalt“,
„Motivationales Classroom
Management“, …
Den herzlichen Dank einer
Teilnehmerin am Ende „ … für
diesen wahnsinnig inspirierenden
Tag“ gebe ich hiermit
gerne an alle in der Vorbereitung
Beteiligten weiter!
Für die Landesgruppe Hessen
Pia Hölzel
Niedersachsen
Vorstand: Eva-Maria Osterhues-Bruns
gsv.nds@gmail.com, www.gsv-nds.de
Kooperation mit Schule im
Aufbruch angebahnt
Die Initivative Schule im
Aufbruch, initiert von der
Berliner Schulleiterin Margret
Raesfeld, steht für eine
Transformation von Schule
im Sinne einer potenzialfördernenden,
nachhaltigen
und partizipativen Bildung.
Formate wie „Frei Day“ oder
das Projekt „Herausforderung“
sind kennzeichnend
für die Schulen, die sich im
Netzwerk Schule im Aufbruch
organisieren. Die Landesgruppe
Niedersachsen hat
nun erste Kontakte zu Schule
im Aufbruch aufgenommen.
Mit Laura Blum, Vertreterin
von Schule im Aufbruch
Niedersachsen, wurden
erste Ideen für eine mögliche
Zusammenarbeit gesammelt,
die in einer weiteren Vorstandssitzung
möglicherweise
konkretisiert werden
können. An dieser Stelle
sowie im Newsletter werden
wir weiter berichten.
Neue Kerncurricula in
den Fächern Deutsch und
Mathematik
Seit dem 01.08.2025 sind in
Niedersachsen die neuen
Kerncurricula für die Fächer
Deutsch und Mathematik
in Kraft getreten. Beide
Curricula sind angelehnt an
die Bildungsstandards und
bilden entsprechend dort
genutzte Begrifflichkeiten
ab. So wird zum Beispiel im
Fach Mathematik analog zu
den Bildungsstandards im Bereich
der inhaltsbezogenen
Kompetenzen von Leitideen
gesprochen. Bei den Kerncurricula
gemeinsam ist, dass
sie versuchen, einer Kultur
der Digitaltiät Rechnung zu
tragen und Bezüge dazu in
ihren Kompetenzbereichen
farbig zu unterlegen. Auch
legen beide Kerncurricula
einen Schwerpunkt auf die
Förderung basaler Kompetenzen.
Sie sind im Internet
abzurufen unter
https://t1p.de/4397h
(abgerufen am 24.08.2025)
Für die Landesgruppe:
Eva-Maria Osterhues-Bruns
44
GS aktuell 172 • November 2025
aktuell … aus den Landesgruppen
Baden-Württemberg
Kontakt: Edgar Bohn
edgar.bohn@gsv-bw.de, https://gsv-bw.de
In zweifellos schwierigen
Zeit Mut und Zuversicht
vermitteln …
… das hat sich die Landesgruppe
in ihrer Arbeit mit
Lehrerinnen und Lehrern
und solchen, die es werden
wollen, zum Ziel gesetzt.
Gleichzeitig werden wir aber
den Verantwortlichen aus
Politik und Administration
deutlich machen, wie diese
die Arbeit in den Grundschulen
so gestalten können, dass
das Ziel – kein Kind verloren
geben – auch erreicht
werden kann. Im Herbst
werden wir beides in unseren
Veranstaltungen vertiefen:
Am 1. Oktober um 18:00 Uhr
setzten wir die Reihe TALK
IM SÜDWESTEN der Landesgruppen
BW, Hessen
und Rheinland-Pfalz fort.
Thema: Warum gibt es Krieg?
Herausfordernde Fragen im
Unterricht an Grundschulen.
Wir freuen uns, Frau Prof. Dr.
Damaris Knapp als Impulsgeberin
gewonnen zu haben.
Und schließlich haben wir
uns ab dem 20.10. in einer
dreiteiligen Online-Veranstaltung
mit Fragen der KI in
der Grundschule beschäftigt.
Unser Vorstandsmitglied Prof.
Dr. Taha Kuzu hat diese Reihe
geleitet.
Für die Landesgruppe:
Edgar Bohn
Bayern
Vorsitzende: Gabriele Klenk, Konstanze von Unold
gabriele.klenk@grundschulverband-bayern.de, https://grundschulverband-bayern.de
Gespräch der Landesgruppe
mit dem Ministerium
In den Sommerferien besuchten
unsere Landesgruppenvorsitzende
Konstanze von Unold und
Landesgruppendelegierter
Michael Bauernschuster das
Bayerische Staatsministerium
für Unterricht und Kultus zum
Gespräch mit Vertretern und
Vertreterinnen.
Startchancenschulen
und Pooling von
Schulbegleitungen
Nach einer Vorstellung der
geplanten Veranstaltungen
und Vernetzungspläne für
Startchancenschulen ging
es um die Möglichkeiten des
Poolings von Schulbegleitungen.
Dabei wurde deutlich,
dass eine enge Abstimmung
zwischen Jugendämtern,
Bezirken, Schulen und
Ministerien notwendig ist,
um aufwändige Diagnosen
zu vermeiden. In Bayern soll
das an Förderzentren mit
dem Schwerpunkt geistige
Entwicklung bewährte (oder
erprobte) Pooling auf weitere
Schulen ausgeweitet werden.
(vgl. https://t1p.de/jv26v)
Sprachstandserhebungen
Auch die neu eingeführten
Sprachstandserhebungen im
vorletzten Kindergartenjahr
waren Thema. Wir betonten
die Bedeutung von qualifiziertem
Personal für die
Förderung im Vorkurs, was
angesichts des Fachkräftemangels
eine große Herausforderung
darstellt. Zudem
sprachen wir uns für eine
bessere Kommunikation mit
Eltern aus. Das Ministerium
arbeitet dazu an einem
Ablaufplan, der die notwendigen
Schritte für Eltern
übersichtlich darstellt.
Einphasiger Schriftspracherwerb
mit FlowBy
Schließlich diskutierten wir
den einphasigen Schriftspracherwerb
der derzeit als
Schulversuch läuft. Hierbei
werden die Richtformen der
bayerischen Druckschrift
genutzt, wobei Verbindungen
und Schreibfluss mit der
Grundschrift des Grundschulverbands
vergleichbar sind.
Wir erlebten den Austausch
mit Frau Schwab und Frau
Wilhelm als sehr konstruktiv,
konnten die Positionen des
Verbandes darstellen und
Rückfragen stellen.
Für die Landesgruppe Bayern:
Michael Bauernschuster
Von links: Eva Schwab, Leiterin Abt. Grund-Mittel-u. Förderschulen, Michael Bauernschuster,
GSV,Konstanze v. Unold, GSV, Philipp Pacius, Steuerung Landesbildungsprogramm
Startchancen, Maria Wilhelm, Referat Grundschulen
GS aktuell 172 • November 2025
45
Praxis: aktuell Sprachenvielfalt … aus den Landesgruppen
in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Nordrhein-Westfalen
Vorsitzende: Christiane Mika, Auf dem Hilf 50, 58239 Schwerte;
grundschulverbandnrw@t-online.de, www.grundschulverband-nrw.de
Rückblick auf die
Veranstaltung
„Wer braucht was?“
Sonderpädagogische Unterstützung
im Spannungsfeld
zwischen AO-SF und Gemeinsamem
Lernen
Am 13. September 2025 fand
an der Libellen-Grundschule
in Dortmund die Fachtagung
„Wer braucht was?“ statt, die
die aktuellen Herausforderungen
und Spannungsfelder
sonderpädagogischer Unterstützung
und gemeinsamen
Lernens adressierte. Die
Veranstaltung zeichnete
sich durch eine lebendige,
wertschätzende Atmosphäre
aus, die einen intensiven
Austausch zwischen Teilnehmenden
und Referent:innen
ermöglichte.
Wir bedanken uns bei allen,
die teilgenommen haben,
und freuen uns auf ein Wiedersehen
im nächsten Jahr!
Fortsetzung des digitalen
Formats „pädagogisches
Frühstück“
Am 27. September 2025 fand
das digitale Fachforum „Die
Zukunft der Bildung: KI in der
Unterrichtsvorbereitung der
Grundschule zielgerichtet
nutzen“ via Zoom statt. Die
Veranstaltung war sehr gut
besucht und schuf eine anregende,
offene Atmosphäre,
die den fachlichen Austausch
förderte.
Im Impulsvortrag von Taha
Kuzu stand die Entwicklung
der sogenannten „Prompting-
Kompetenz“ für Lehrkräfte
im Mittelpunkt. Taha Kuzu
zeigte praxisnah auf, wie
gezielte und didaktisch sinnvolle
Prompts für KI-Systeme
formuliert und im Kontext
der Unterrichtsvorbereitung
sowie der Sprachförderung
eingesetzt werden können.
In der anschließenden
Arbeitsphase konnten die
Teilnehmenden eigene
Prompts entwickeln, verändern
und gemeinsam
reflektieren, wie sich diese
Modifikationen auf die
Resultate der KI auswirken.
Der Austausch mit dem
Referenten und unter den
Teilnehmenden war dabei
besonders inspirierend und
trug wesentlich zum Erkenntnisgewinn
bei.
Insgesamt lieferte die
Veranstaltung wertvolle
Impulse für den reflektierten
Einsatz von KI im Grundschulbereich
und unterstrich die
Bedeutung fortlaufender
Qualifizierung im Umgang
mit digitalen Werkzeugen.
Wir bedanken uns bei
unserem Referenten Juniorprof.
Dr. Taha Ertuğrul Kuzu
und bei allen Teilnehmenden
und freuen uns schon auf
das nächste pädagogische
Frühstück.
Für den Vorstand
der Landesgruppe NRW:
André Richter
Bremen
Vorstandssprecher: Chris Barnick, chris.barnick@grundschulverbandbremen.de
www.grundschulverband-bremen.de
Vor einem Jahr hat sich in
Bremen ein Bündnis von
18 Verbänden zusammengefunden
und einen „Runden
Tisch Bildung“ unter Vorsitz
des Bürgermeisters und
Beteiligung aller einschlägigen
Senatsresorts gefordert
(s. GSa 169). Diese Forderung
wurde nicht erfüllt, stattdessen
hat die „Senatorin für Kinder
und Bildung“ einen eigenen
Runden Tisch ins Leben
gerufen, dazu aber nur ausgewählte
Verbände eingeladen
(u. a. nicht den Grundschulverband).
Die 18 Verbände haben
daraufhin unabhängig von der
Senatorin getagt und sich auf
vier inhaltliche Kernforderungen
verständigt:
• Übergreifendes und tragendes
Ziel muss eine inklusive und
zukunftsfähige Bildung für alle
Kinder und Jugendlichen sein.
• Anstieg der pro Kopf Ausgaben
pro Schüler:in in Bremen
auf das Niveau der anderen
Stadtstaaten
• tragfähige Ressourcenplanung
und finanzielle Sicherung
für den unabdingbaren Ausbau
der Schulplatzkapazitäten der
kommenden Jahre
• Bildung eines Ressorts für
alle relevanten Belange von
Kindern und Jugendlichen,
um effizient und koordiniert
individuelle Unterstützung
bei Erziehung und Bildung zu
gewähren.
In einer zweiwöchentlichen
Kampagne ab September werden
die beteiligten Verbände
nacheinander ihre spezifischen
Anliegen mit Bezug auf diese
übergreifenden Forderungen
in Pressemitteilungen in die
Öffentlichkeit bringen.
Da aller Voraussicht nach der
ehemalige Berliner Staatssekretär
für Bildung Mark Rackles
(Mitinitiator des „Bildungsrats
von unten“) die Nachfolge der
zurückgetretenen Senatorin
Sascha Aulepp antreten wird,
könnte es bildungspolitisch
Bewegung geben.
Zum dritten Mal hat die
Landesgruppe unter dem Titel
„Spiel mit uns“ ein von Maresi
Lassek koordiniertes, zweiwöchiges
Ferienangebot für
Kinder organisiert, die nicht in
Urlaub fahren können. Bei der
Vorbereitung und Durchführung
der Auftaktveranstaltung
46
GS aktuell 172 • November 2025
aktuell … aus den Landesgruppen
Brandenburg
Vorsitzende: Denise Sommer
Kontakt: gsv-brandenburg@posteo.de, www.grundschulverband.de
Schuljahresstart mit
Unsicherheit und Sorgen
– Landeselternrat startet
Volksinitiative
Trotz zahlreicher Proteste und
verschiedener Gesprächsformate
mit Verbänden
und Gewerkschaften hält
die Brandenburger Landesregierung
an den Kürzungen
von Lehrerstellen und an der
Erhöhung der Lehrerwochenstunden
zum 1.2.2026 fest.
Obwohl der Bildungsetat des
Landes nicht gekürzt wurde,
stehen die 345 eingesparten
Stellen für Lehrkräfte einem
Anstieg der Schülerzahlen
um 2.600 gegenüber.
Sorgenvoll und verunsichert
blicken die Lehrkräfte auf ein
Schuljahr, in dem es an den
Schulen weniger Stunden
für sonderpädagogische
Förderung, Differenzierung,
individuelle Förderung für
alle Kinder und eine gekürzte
Vertretungsreserve gibt. Der
Brandenburger Landesgruppenvorstand
hat in verschiedenen
Gesprächsrunden und
Briefen auf die damit verbundenen
Probleme verwiesen
und konstruktive Vorschläge
unterbreitet. Die Gelder
für das Vertretungsbudget
müssen in feste Lehrerstellen
investiert werden,
um damit die den Schulen
gekürzte Vertretungsreserve
zu erhöhen. Dies ist eine seit
vielen Jahren immer wieder
benannte Forderung des
Grundschulverbandes. Die für
jede Schulen zugewiesene
Vertretungsreserve könnte
für die Zweitlehrerbesetzung
oder für den Förder- und
Teilungsunterricht sinnvoll
genutzt werden und müsste
erst im Vertretungsfall aufgehoben
werden. Die Lehrkräfte
würden den Schulen verlässlich
zur Verfügung stehen.
Das Modell der befristeten
Einstellung im Rahmen des
Vertretungsbudgets kann
kurzfristige und eher kürzerer
Ausfälle nicht kompensieren
und ist mit hohem bürokratischem
Aufwand verbunden.
Die Stimmung unter den
Lehrkräften, nicht nur an den
Grundschulen ist getrübt,
denn immer noch ist unklar
wie die Umsetzung von
Kolleginnen und Kollegen
innerhalb des Schuljahres
erfolgen soll. Das bringt
großen Motivationsverlust
und unnötige Unruhe. Der
Grundschulverband fordert
die Erhöhung der verpflichtenden
Lehrerwochenstunden
für alle Lehrkräfte an
allen Schulen vorzunehmen
und die somit entstehende
Personalüberhänge für zusätzliche
Förderangebote zu
nutzen, um den Schülerinnen
und Schüler an allen Schulen
und der Vielfalt der Aufgaben
besser gerecht werden zu
können. Der Landesgruppenvorstand
ist weiterhin aktiv
und hofft auf eine konstruktive
Gesprächsrunde mit
Herrn Staatssekretär Hendrik
Fischer im November 2025.
Mitte September 2025 startete
der Landeselternrat die
Volksinitiative „Unterricht
statt Ausfall – Verlässliche
Bildung für Brandenburg“.
Die Landesregierung soll
verpflichtet werden, den
Unterrichtsausfall auf maximal
0,5 Prozent zu begrenzen.
Im Schuljahr 2023/2024
fielen insgesamt 332.355
Unterrichtsstunden ersatzlos
aus, das entspricht 2,35 Prozent
der Stundentafel. Der
Grundschulverband begrüßt
die Initiative ausdrücklich
und ist zuversichtlich, dass
die 20.000 Unterschriften
gesammelt werden. Weitere
Infos: https://www.landesratder-eltern-brandenburg.de/
Termine:
OnlineTreff „Gemeinsam
für guten Unterricht“
4.12.2025 von
18 bis 19 Uhr mit Stefanie
Gärtner (Brandenburg) und
Ines Garlisch (Berlin)
Teilnahme über den
TaskCard Link: https://
www.taskcards.de/#/
board/7bdaf38e-f6fd-49f0-
8973-9522536f2f52/view
Für die Landesgruppe:
Denise Sommer
hat das Projekt Eine Welt in
der Schule unterstützt. (vgl.
den Bericht im Bremer Regionalfernsehen:
https://www.
butenunbinnen.de/videos/
urlaub-leisten-teuerungfamilien-finanzen-100.html
).
Finanziert wurde das Projekt
mit rund 19.000 € wieder von
der Bremer Bürgerstiftung
und aus Mitteln der NDR
Spendenaktion: „Hand in
Hand für Norddeutschland“.
Unter den dieses Mal zehn
Standorten waren auch drei
Erstaufnahmeeinrichtungen
für geflüchtete Familien.
Wegen des erneuten Erfolgs
des Angebots hat die Bürgerstiftung
für 2026 zur Vorbereitung
bereits jetzt 6.000 €
zugesagt.
Am 15.9. fand von
14.00 bis 16.00 h an der SEF0
(Abteilung für Schulentwicklung
und Fortbildung)
in Bremerhaven eine
Fortbildung zum Thema
„Kinderrechte: Thema im
Unterricht und Anspruch
an das Leben und Lernen
in der Schule“ statt, auf der
Ulrike Oltmanns und Hans
Brügelmann das Projekt
„KINDER*RECHTE*SCHULE“
der Landesgruppe
vorgestellt haben
(vgl. GSa 167 und https://
grundschulverband-bremen.
de/kinder_rechte_schule/).
Am 10. Nov. 2025
findet von
19.00 bis 20.30 h die jährliche
Mitgliederversammlung
der Landesgruppe im
Landesinstitut für Schule
statt. Vorher ist von
17.30 bis 19.00 h im Forum
des LIS eine öffentliche
Veranstaltung geplant, auf
der unter dem Titel
„Wie können wir die Grundschulen
vor dem Zusammenbruch
retten?“ Ideen für ein
Sofortprogramm „Nothilfe
Bremer Grundschulen 2026“
diskutiert werden sollen.
Für die Landesgruppe
Hans Brügelmann
GS aktuell 172 • November 2025
47
Praxis: aktuell Sprachenvielfalt … aus den Landesgruppen
in der GS – Potenziale von Kinderliteratur
Berlin
Kontakt: Ines Garlisch, Sabine Jennerjahn, Agnieszka von Prondzinski, gsv-berlin@mail.de
Schulpolitischer
Skandal Nr. 1.
Der Wechsel von der Grundschule
(nach Kl. 6) in die
weiterführenden Schulen: Wir
berichteten von der Neuregelung
unserer CDU-Schulsenatorin,
dass Schüler*innen
nur noch mit Durchschnittsnoten
bis 2,2 am Gymnasium
angemeldet werden dürfen;
zusätzlich findet auf Elternwunsch
ein eintägiger
Probeunterricht statt, (den in
Berlin nur 51 von rund 1900
Kindern bestanden!). Folgen
für 2025/26: Absinken der
Gymnasialanmeldungen,
gewaltiger Anstieg der Anmeldungen
bei den Integrierten
Sekundarschulen (ISS)
und Gemeinschaftsschulen
(GemS) – hier aber fehlten die
erforderlichen Schulplätze.
In den nichtgymnasialen
Schulen steigen deshalb
die Klassenfrequenzen, ISS
mussten mehr 7. Klassen einrichten;
eine GemS (Langform
1 – 13), durchgängig mit JÜL-
Konzept, wurde verpflichtet,
eine gesonderte homogene
7. Klasse (!) einzurichten. Über
800 Kinder erhielten in keiner
ihrer drei Wunschschulen
einen Schulplatz, wurden
zum Teil über Bezirksgrenzen
hinweg verschoben, auch bei
unzumutbar verlängerten
Schulwegen.
Bis in die Sommerferien
hinein kämpften alle Schulen
mit Planungs-Unsicherheiten
(Anzahl der einzurichtenden
Klassen, Klassenfrequenzen,
Lehrkräftemangel). Und
ebenso gingen etliche
Schüler*innen ohne die Gewissheit
ihres Schulplatzes in
der 7. Klasse in die Ferien.
Bereits erkennbare Langzeitfolgen:
Bildungsnahe
Eltern melden ihre Kinder
an unseren „grundständigen
Gymnasien“ ab Kl. 5 an, um
dem beschriebenen Chaos
zu entgehen. Das höhlt die
6jährige Grundschule und
das längere gemeinsame,
inklusive Lernen aus und
reduziert die Ressourcen
für die Grundschule. An
dieser Auslese und Bildungsungerechtigkeit
sind CDU,
Gymnasien und Philologen
(-Verband) offensichtlich
interessiert.
Schulpolitischer
Skandal Nr. 2
Radikale Mittelstreichungen:
Bereits im Doppelhaushalt
2024/25 wurden im Bildungsbereich
hunderte Mio. € im
Bildungs- und Jugendbereich
gestrichen; für 2026/27
waren weitere Kürzungen in
Millionenhöhe angekündigt.
Das betrifft insbesondere
Mittel für die Inklusion (die
immer mehr vernachlässigt
wird!) und Angebote Freier
Träger für den Ganztag-/
Hortbereich. Die GRÜNEN
werden dazu im Herbst einen
„Krisengipfel“ durchführen.
Schulpolitischer
Skandal Nr. 3
Lehrkräftemangel: Dieser
Skandal ist ja nicht neu und
erschüttert alle Schulformen,
vorrangig aber Grundschulen
und ISS /GemS. Zum Schuljahrsbeginn
September 2025
konnte ein Bedarf von über
4000 Lehrkräften nur mit
einigen Hundert ausgebildeten
Lehrkräften gedeckt
werden, davon knapp 300
Ruheständler*innen, die
weitermachen; die restlichen
Leerstellen – wenn überhaupt
besetzt – durch Seitenund
Quereinsteger*innen
sowie Studierende(!). Und
dann hören wir zum Schuljahrsbeginn
in Berlin, dass die
gerade geplante Erhöhung
der Studienplätze doch
wieder aus „Sparzwängen“
zusammengestrichen wird.
Tolle Zukunftsaussichten!
Ausblick
Wir haben in Gesprächen
mit den bildungspolitischen
Sprecher*innen von SPD,
GRÜNEN und LINKEN (die
CDU hat bisher auf unsere
wiederholte Gesprächsbitte
nicht reagiert) dafür geworben,
in Zusammenarbeit
mit Verbänden und Elterngremien
öffentliche bildungspolitische
Veranstaltungen
im kommenden Berliner
Wahljahr 2026 durchzuführen,
um die zunehmenden
Negativentwicklungen laut
zu diskutieren Wobei wir
leider bei den Gesprächen
feststellten, dass die Parteien
keine Konzepte und Durchsetzungsstrategien
für die
proklamierte „gerechte“
inklusive Schule haben!
Ines Garlisch
Ulla Widmer-Rockstroh
Schleswig-Holstein
Geschäftsführender Vorstand: Maren Barck, Sabine Jesumann, Aenne Thurau
Kontakt: Maren Barck, grundschulverbandSH@gmx.de
Mitgliederversammlung im
Online-Format
Die für das Frühjahr 2025
angedachte Mitgliederversammlung
haben wir aus
Termingründen in den Herbst
verschoben. Um allen Mitgliedern
lange Wege zu ersparen,
wollen wir die Veranstaltung
online durchführen. Wir
möchten mit einem Beitrag
eines Überraschungsgastes
beginnen, dem ein gemeinsamer
Austausch folgt.
Abschließend wird Zeit sein,
Wünsche und Anliegen der
Mitglieder aufzunehmen.
Zu Redaktionsschluss lag
der Termin noch nicht fest.
Die Mitglieder erhalten eine
Einladung per Email. Der
Vorstand freut sich auf einen
regen Austausch.
Neue Ministerin im Amt
Aufgrund der Neubesetzung
der Posten auf Bundesebene
nach der Wahl ist Karin Prien
nach Berlin gewechselt. Frau
Dr. Dorit Stenke hat die Arbeit
als Bildungsministerin für
Schleswig-Holstein aufgenommen.
Der Vorstand steht
mit der Expertise des Grundschulverbands
zur Verfügung.
Für die Landesgruppe
Schleswig-Holstein:
Sabine Jesumann
48
GS aktuell 172 • November 2025
aktuell … aus den Landesgruppen
Sachsen-Anhalt
Kontakt: Thekla Mayerhofer, Am Sopienhafen 6, 06108 Halle (Saale)
May_The@web.de, www.gsv-lsa.de
Die Rechnung ging nicht
auf – neuer Bildungsminister
im Amt
Den letzten Landesgruppenbericht
beendeten wir mit
der Mitteilung über die
Mathegenies im sachsenanhaltinischen
Bildungsministerium.
Wir beschrieben,
wie immense Kürzungen für
die Grundschulen „einfach
weggerechnet“ worden sind.
Nicht nur wir äußerten uns
dazu öffentlich, sondern auch
viele Kolleg*innen, Schulleitungen
und Eltern waren
aktiv. Der Druck – neben
einigen anderen Baustellen
– auf die Bildungsministerin,
Eva Feußner, wurde zu groß.
Sie hat sich verrechnet und
musste ihr Amt niederlegen.
Der nun neu ernannte Bildungsminister,
Jan Riedel, ist
uns kein Unbekannter. Bereits
in den vergangenen Jahren
begleitete er seine Frau zu
unserem „Sommergrillen“. Er
ist ein Pädagoge mit Haltung
und verlässt mit dem Ruf
nach Magdeburg als Schulleiter
ein Gymnasium in Halle,
das in diesen Tagen im Finale
der Verleihung des Deutschen
Schulpreises steht. Mit
Jan Riedel keimt in uns große
Hoffnung auf – nicht nur weil
er bereits als eine der ersten
Amtshandlungen die Stundenkürzungen
an den Grundschulen
zurückgenommen
hat. Der neue Minister setzt
auf Gespräche und Transparenz,
beantwortet Fragen
auf Social Media, bereiste
bereits in den letzten Wochen
der Ferien mehrere Schulen,
nahm an Dienstberatungen
teil und hat pünktlich zum
neuen Schuljahr eine Online
Plattform eröffnet, auf der
alle an Bildung Interessierten
ihre Ideen und Vorschläge
zur Gestaltung und Weiterentwicklung
der Schulen im
Land kommunizieren dürfen.
Ziel ist eine Beschäftigung
mit und Reaktion auf alle Beiträge.
Wir sind gespannt und
wünschen Minister Riedel
viel Kraft für besonnene,
große Entscheidungen.
Pausenbrause an der
Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Am 19. Juni 2025 haben wir
unser Format der Pausenbrause
an der Uni in Halle
neu belebt und zu einem
spontanen Süßgetränk
vor dem Institut für Schulpädagogik
und Grundschuldidaktik
eingeladen. Im
herrlichen Sonnenschein
fand sich eine kleine Gemeinschaft
an Dozent:innen sowie
Studierenden, die über die
Möglichkeiten und Grenzen
der Ganztagsschule zur Diskussion
fanden. Das offene
Format hat Spaß gemacht
und verschiedene Menschen
zusammengebracht. Wir
freuen uns auf Wiederholung.
Sommergrillen
In diesem Jahr fand unser
Sommergrillen im Garten der
Familie Grohmann unmittelbar
an die Klausurtagung des
Vorstandes statt. Eingeladen
waren unsere Mitglieder,
die gern in Familie oder mit
Freunden kommen durften.
In fröhlicher Runde wurde
sich ausgetauscht, Tischtennis
gespielt, gebadet, gelacht,
gegrillt und natürlich gegessen.
Mit dabei – als „Anhang“
seiner Frau – war auch in
diesem Jahr Jan Riedel, nun
der neue Bildungsminister
des Landes.
Weitere Informationen:
www.gsv-lsa.de
Für die Landesgruppe
Michael Ritter und
Thekla Mayerhofer
Von links: Michael Ritter, Thekla Mayerhofer, Minister Jan
Riegel, Nadine Naugk, Wolfgang Grohmann
Thüringen
Vorstand: Kevin Weichold
grundschulverband-thueringen@gmx.de
Grundschulverband im
Ministerium
Am 18. Juni 2025 sind die
Vorstandsvorsitzenden der
Landesgruppe Thüringen
Kevin Weichold und Antje
Klecha einer Einladung ins
Ministerium für Bildung,
Wissenschaft und Kultur gefolgt.
Es handelte sich hierbei
um das erste Treffen seit dem
Antritt des neuen Bildungsministers.
Herr Tischner selbst
war leider nicht anwesend.
Kevin Weichold und Antje
Klecha sprachen daher
mit der Abteilungsleiterin
Christina Köhler und der
Leiterin für die Aufsicht der
Grundschulen. In diesem
dreistündigen Gespräch ging
es unter anderem um die Einführung
der Betragensnoten,
die Sprachstandserhebung
in den Kindergärten, das
Startchancen-Programm, die
Situation in der Thüringer
Lehrkräfteausbildung, den
Hort im schulischen Ganztag
sowie die Grundschrift. Die
Vorstandsvorsitzenden haben
die Positionen der Landesgruppe
zu den genannten
Themen vertreten. Außerdem
wurden die Sichtweisen des
Ministeriums geschildert, was
zu mehr Verständnis seitens
des Vorstands geführt hat.
Kevin Weichold schilderte
es als ein konstruktives
Gespräch auf Augenhöhe,
welches im aktuellen Schuljahr
fortgesetzt werden soll.
Für die Landesgruppe:
Leah Kästner
GS aktuell 172 • November 2025
U III
Grundschule aktuell
Grundschulverband e. V.
Frankfurter Straße 74–76 · 63263 Neu-Isenburg
Tel. 06102 / 88 21 660 · Fax 06102 / 88 21 664
info@grundschulverband.de
www.grundschulverband.de
Ausblick Grundschule aktuell 173
Mathematisches Lernen in der Grundschule
Schwerpunkt Mathematische Basiskompetenzen fördern
Der Fokus der Februarzeitschrift liegt auf der Förderung von mathematischen Basiskompetenzen
in der Grundschule, in der Kita und im Alltag der Kinder. Mathematische Basiskompetenzen
stellen die tragfähigen Grundlagen dar, die für ein langfristig weiter zu entwickelndes Mathematiklernen
notwendig sind. Sie dürfen nicht auf automatisierte Rechenfertigkeiten reduziert
werden. Vielmehr müssen sie vom Kern der Mathematik aus für alle Kinder gedacht werden und
das mathematische Tätigsein der Kinder bei der Erkundung mathematischer Strukturen
ins Zentrum rücken.
Eine Vielzahl von Praxisbeiträgen macht deutlich, wie unterrichtsnah mathematische Basiskompetenzen
erhoben und Angebote zu grundlegenden mathematischen Tätigkeiten
gemacht werden können, wie das Lernen produktiv begleitet und wie dies anschaulich
anhand von aussagekräftigen Dokumenten der Kinder illustriert werden kann. Darunter sind
insbesondere auch Beiträge von Interesse, die verdeutlichen, wie in den Schulen eine allseitige
Förderung mathematischer Basiskompetenzen konzeptionell verankert und dabei mit und
von allen Kindern aus gedacht werden kann.
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Krisen im Schulalltag
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Kinder gut begleiten: Pädagogische
Leistungskultur/datengestützte
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