my life_Ausgabe 17.11.2025_Vorableseprobe für WAVE Kunden
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Ein Geschenk Ihrer Apotheke
22 | 15. November 2025 B
MEDIZIN
12 SEITEN DOSSIER
Zu neuer Kraft
dank Reha
Lunge, Psyche, Herz,
Gelenke: Individuelle
Therapien erhalten
die Selbstständigkeit
Warum sich
für Menschen mit
Adipositas mehr
verändern kann als
nur das Gewicht
REISE
Lichterglanz &
Budenzauber
Erleben Sie die
romantische
Weihnachtszeit
im Elsass
Hilft Lithium
gegen Alzheimer?
Eine aktuelle Studie
weckt Hoffnungen
GENUSS
Multitalent
Suppengemüse
Aus Möhre, Sellerie,
Lauch & Co. lässt
sich nicht nur eine
feine Brühe zaubern
SANFTE HELFER FÜR MAGEN & DARM
Gesund
durch den Advent
Die Festtage verlangen unserer Verdauung so einiges ab.
Die My Life-Expertin weiß, wie Sie für eine entspannte Mitte sorgen –
und trotzdem unbeschwert schlemmen können
INHALT
12
Genussmomente ohne Reue
16
Hoffnung Lithium
60
Weihnachten im Elsass
Schlemmen auf die gesunde Art?
Das geht! Eine Gastroenterologin erklärt,
wie Magen und Darm auch
über die Feiertage entspannt bleiben
Erste Studienergebnisse zeigen, dass
Psychopharmaka mit dem Leichtmetall
gegen Alzheimer wirken könnten.
Steht ein großer Durchbruch bevor?
Zwischen liebevoll geschmückten
Fachwerkhäusern schwebt der Geruch
von Gewürzen und heißer Schokolade –
ein Fest für alle Sinne!
GESUNDHEIT
6 Magazin
Aktuelles aus Medizin,
Wellness und Ernährung
12 Genussmomente ohne Reue
16 Hoffnung Lithium
20 DOSSIER
Rehabilitation
Individuelle Therapien geben
Patienten die Selbstständigkeit
zurück und unterstützen das
Abnehmen bei Adipositas
32 Saison für die Rosskastanie
Nicht nur die Durchblutung
profitiert von der Heilpflanze
34 Seismograf des Herzens
Gehör und Gefäßgesundheit
beeinflussen sich gegenseitig
36 Sinusitis stoppen
Diese Lebensmittel verhindern,
dass eine Entzündung der
Nebenhöhlen chronisch wird
50 Check-up in der Drogerie?
Mit Tests zur Früherkennung
macht ein Handelskonzern Ärzten
und Apotheken Konkurrenz
52 „Nach außen war ich perfekt“
Eine hochfunktionale Depression
ist für Außenstehende nicht zu
erkennen – so auch bei Pia Achilles
54 Wenn Er Migräne hat …
Bei Männern führen die Attacken
oft zu ungewöhnlichen Verläufen
66 Wichtige Impfungen für Hunde
Sie schützen zuverlässig vor teils
tödlichen Erkrankungen
68 „Gesundheit ist, vor Ort zu sein“
In dritter Generation steht
Apotheker Dr. Benedikt Bühler
seinen Kunden zur Seite
LIFESTYLE
40 Mehr als nur Suppengemüse
Sogar auf dem Fischbrötchen oder
als Püree zur Frikadelle entpuppen
sich Möhren & Co. als feine Beilage
46 Welch ein Aroma!
Datteln und Rosinen sorgen für
fruchtig-süße Abwechslung in der
Adventsbäckerei
56 Festschmuck rund ums Haus
Tannengrün und rotglänzende
Kugeln sorgen im Garten und auf
dem Balkon für Vorfreude
60 Weihnachten im Elsass
WOHLFÜHLEN
64 Achtsam lauschen
Entspannungsübungen machen
Klassik-Konzerte von Nicolas
Namoradze zum intensiven Erlebnis
RUBRIKEN
3 Editorial, Stiftungsbeirat
38 Kommentar
68 My Life-Sprechstunde
70 Glücks-Kalender
72 Kreuzworträtsel, Sudoku
74 Vorschau, Impressum
FOTOS TITEL: GETTY IMAGES/ISTOCK INHALT: ADOBE STOCK ; GETTY IMAGES/ISTOCK; SCIENCE PHOTO LIBRARY
4 my life 22/2025
Weil Ihre
Meinung
zählt
Liebe Leserinnen und Leser,
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My Life zu erstellen, die randvoll mit wichtigen und
spannenden Informationen aus der Medizin ist. Doch
wer weiß besser als Sie selbst, was Sie interessiert?
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GESUNDHEIT
Aufgetischt In der Weihnachtszeit wird oft mehr gegessen, als es sonst im Alltag der Fall ist – da gerät die Verdauung schnell durcheinander
SCHLEMMEN, ABER AUF GESUNDE ART!
Genussmomente
ohne Reue
Zu süß, zu fett, zu viel: Sowohl die Vorweihnachtszeit als auch die Festtage
verlangen dem Magen-Darm-Trakt einiges ab. Wie Sie ihn zuverlässig entlasten,
erklärt die Gastroenterologin Dr. Miriam Stengel im My Life-Interview
12 my life 22/2025
Prost! Nicht nur üppiges Essen, auch Alkohol setzt dem Darmmikrobiom zu
? Fangen wir mit dem Essen an:
Warum liegt uns das Essen manchmal
wie ein Stein im Magen?
Das passiert, wenn man mehr isst, als in den
Magen passt. Unser Magen ist ungefähr faustgroß.
Beim Essen dehnt er sich aus. Sobald er
eine bestimmte Dehnung erreicht hat, signalisiert
er dem Gehirn: „Du hast genug gegessen,
jetzt ist Schluss“. Ignoriert man diese Signale,
transportiert der Magen nichts mehr weiter,
die Verdauung kommt zum Erliegen, und das
Essen liegt schwer im Magen. Gerade bei sehr
fett- und eiweißreichen Speisen in Kombination
mit Alkohol passiert das schnell.
Ein großes Problem
ist, dass man oft
einfach zu viel isst
– und dann auch
noch das Falsche
? Frau Dr. Stengel, zu keiner Zeit im Jahr
werden mehr Magen-Darm-Mittel verkauft
als im Advent. Warum hat es die Verdauung
gerade dann so schwer?
Ein großes Problem ist, dass man oft einfach
zu viel isst – und dann auch noch das Falsche.
Zudem ist diese Zeit besonders stressig, mit
unzähligen Verabredungen und Terminen, die
einem schnell auf den Magen schlagen. Wenn
man dann noch vor dem Fest viel unterwegs
ist, gar im Ausland, um die Verwandtschaft zu
besuchen, kann die Verdauung ganz durcheinander
kommen. Wir wissen heute, dass sich
die Zusammensetzung der Darmbakterien,
also unseres Mikrobioms, auch durch Ortswechsel
verändern kann.
? Dann ist ein Schnäpschen keine gute Idee?
Davon kann ich nur abraten. Alkohol betäubt
zwar die Muskeln im Magen und entspannt
sie. Das fühlt sich aber nur im ersten Moment
gut an, tatsächlich führt Alkohol dazu, dass
sich der Magen noch langsamer entleert. Auch
Kaffee hilft nur bedingt: Er regt zwar bei manchen
die Darmtätigkeit an, fördert aber nicht
die Magenentleerung.
? Was hilft wirklich?
Das Beste ist Bewegung. Sie aktiviert und
massiert die inneren Organe und beschleunigt
die Verdauung. So kann zum Beispiel die Luft
aus einem aufgeblähten Bauch besser entweichen.
Durch regelmäßige Bewegung verweilen
auch potenziell krebserregende Stoffe, die mit
dem Stuhl ausgeschieden werden, kürzer im
Körper; das Krebsrisiko sinkt. Studien zeigen
auch, dass sich durch Bewegung Darmbakterien
vermehren, die kurzkettige Fettsäuren
produzieren. Diese kann der Körper nicht
selbst herstellen, obwohl sie für ihn lebensnotwendig
sind.
➡
Dr. med. Miriam Stengel
ist seit 2024 Chefärztin
der Medizinischen Klinik
der SRH Kliniken
Landkreis Sigmaringen
und auch für den
geriatrischen Bereich
und das konservative
Department zuständig;
kliniken-sigmaringen.de
22/2025 my life
13
GESUNDHEIT
16 my life 22/2025
Fatale Veränderung
Im fort geschrittenen
Stadium der Alzheimer-
Krankheit kommt es zur
deutlichen Schrumpfung
des Gehirns – zuerst leidet
das Kurzzeitgedächtnis
IM KAMPF GEGEN DIE DEMENZ
Hoffnung Lithium
Ein altgedientes Psychopharmakon lässt im Laborversuch
Alzheimer-Symptome zurückgehen. Steckt in diesem Medikament
vielleicht der Schlüssel zum Durchbruch?
→
Noch mit keinem anderen zugelassenen
Mittel ist ein solcher Erfolg gelungen.
Die Antikörper-Medikamente Lecanemab und
Donanemab, die seit diesem Jahr auch in
Deutschland zugelassen sind, können lediglich
das Fortschreiten des geistigen Verfalls
verzögern. Jetzt aber überrascht Lithium. Es
ist nicht nur ein begehrtes Leichtmetall unter
anderem für E-Autos, sondern auch ein altgedientes
Medikament. Einige seiner Salze
sind in Arzneien enthalten, mit denen Ärzte
seit den 1950er-Jahren Depressionen und andere
schwere psychische Leiden wie bipolare
Störungen behandeln. Letztere sind auch als
manisch-depressive Erkrankungen bekannt.
Offenbar wirkt Lithium, indem es die Signalwege
zwischen Nervenzellen sowie einige der
Botenstoffe im Gehirn beeinflusst. Mit einer
im August 2025 im führenden Wissenschaftsjournal
„Nature“ erschienenen Studie verdichten
sich die Hinweise, dass es auch neuroprotektive
Effekte hat. Es hilft gegen Alzheimer.
In Deutschland leiden mindestens 1,2 Millionen
Menschen an dieser Form der Demenz.
In Wechselwirkung mit den Plaques
Der Zusammenhang geht aus Experimenten
mit Mäusen, aber auch aus Analysen von
Hirngewebe und Blutproben sowohl gesunder
als auch an Alzheimer erkrankter Menschen
hervor. Das zentrale Ergebnis lautet, dass im
Gehirn natürlicherweise Lithium vorkommt.
Es wird aber dort durch genau jene Protein-
Ablagerungen vermindert, die typisch für Alzheimer
sind. Lithium wird durch die giftigen
Amyloid-Plaques gebunden.
Die Serie an Experimenten wird an der Harvard
Medical School in den USA durchgeführt.
In Proben von kognitiv gesunden Spendern
fand das Team vergleichsweise viel Lithium,
bei Menschen mit leichten bis starken Beeinträchtigungen
war die Lithiummenge im Gehirn
hingegen stark gesunken. Das gibt Anlass
zur Hoffnung, dass Lithium etwas Grundlegenderes
zu leisten vermag als Medikamente
wie Lecanemab und Donanemab, dass es nämlich
die kognitiven Verluste rückgängig macht.
Zusammenhang. Bei den Versuchsmäusen
gelang das. Die US-Wissenschaftler beobachteten,
dass kleine Mengen eines Lithiumsalzes
namens Lithiumorotat die Lithiumaufnahme
im Gehirn der Mäuse verbesserte. Ihre Gedächtnisleistung
erhöhte sich. Ließ man es
weg, bauten sich Plaques auf – das Denkvermögen
nahm ab. Je nachdem fanden sich die
Nager mal besser, mal schlechter im Testlabyrinth
zurecht, erkannten bereits gesehene
Objekte wieder – oder eben nicht. Die Forscher
arbeiteten mit alternden Mäusen und, wie üblich,
mit genveränderten, gezüchteten Modellorganismen.
Diese Versuchstier-Reihen lassen
zwar keine vollständig übertragbaren Schlüsse
zu, werden aber stetig aussagekräftiger.
Bevor Lithium als Alzheimermedikament
zur Zulassung gelangen könnte, wären noch
klinische Versuchsreihen mit freiwillig ➡
1,8 Mio
Menschen in
Deutschland leiden
an einer Form von
Demenz
1,2 Mio
von ihnen haben
eine Diagnose auf
Alzheimer-Demenz
22/2025 my life
17
DOSSIER
REHABILITATION
20 Konzept mit Tiefgang
Individualisierte Programme
stärken die Gesundheit nachhaltig
28 Adipositas besiegen
Damit Abnehmen gelingt, muss
man seinen Körper verstehen
20 my life 22/2025
Zu neuer Kraft dank
Reha
Egal, ob Körper oder Psyche betroffen sind: Die
einzigartigen multimodalen Angebote in Deutschland helfen
Patienten, die eigene Genesung positiv zu beeinflussen
Harte Arbeit für
Therapeut und Patientin
Die Anstrengungen
während der Reha
erhöhen unter anderem
bei Rückenschmerzen
die Beweglichkeit
→
Seit etwa zehn Jahren ist Bad Bellingen in
Baden-Württemberg das zweite Zuhause
von Stefan Perschke. Der 61-Jährige reist jedes
Jahr aus Niedersachsen zur Reha in den kleinen
Ort an der Grenze zu Frankreich. Der Aufenthalt
hilft ihm, mit den Folgen einer neuromuskulären
Erkrankung umzugehen, die ihn seit seiner Kindheit
begleitet. In der Markgräflerland-Klinik kann
er neue Kraft schöpfen und sich von seinem
Arbeitsalltag als Vorsitzender Richter beim
Landgericht Osnabrück erholen.
Ziele. Was nach Urlaub klingt, ist harte Arbeit.
Denn wer drei bis vier Wochen auf Kosten der
Krankenkasse in die Reha darf, hat ein volles
Programm und gute Gründe dafür. Eine Rehabilitation
wird bei chronischen Erkrankungen, nach
einer Operation oder bei anhaltenden Verletzungen
bewilligt. In der Rehaklinik stehen die Förderung
der Genesung und das Verlangsamen des
Krankheitsverlaufs im Vordergrund. Gleichzeitig
wird darauf hingearbeitet, soziale Teilhabe zu ermöglichen
und im besten Fall die Arbeitsfähigkeit
wiederherzustellen. „Reha vor Rente“ lautet die
Devise. Oder „Reha vor Pflege“.
So gut aufgestellt wie kein Zweiter
1 067 Reha-Einrichtungen zählt das Statistische
Bundesamt hierzulande, Bayern führt die Liste
der Bundesländer mit den meisten Kliniken an.
Viele Häuser haben sich auf Orthopädie, Sucht
oder Psychosomatik spezialisiert. Andere Einrichtungen
bieten onkologische, neurologische,
pulmologische oder kardiologische Reha an.
Deutschland leistet sich eine Reha-Landschaft,
die es in anderen Ländern nicht gibt. „Im ➡
1 067
Reha-
Einrichtungen
gibt es in
Deutschland,
die meisten
in Bayern
Quelle: Statistisches
Bundesamt 2025
22/2025 my life
21
DOSSIER REHABILITATION
Der Bedarf an
Prävention und
Rehabilitation
wird weiter
steigen, da die
Krankheitslast
zunimmt
Katja Braubach,
Sprecherin der
Deutschen Rentenversicherung
Bund
(DRV)
➡ internationalen Vergleich ist das deutsche
Reha-System sehr gut ausgebaut“, bestätigt
Katja Braubach, eine Sprecherin der Deutschen
Rentenversicherung Bund (DRV). „Seine
Stärken liegen in der multimodalen Rehabilitation
chronischer Erkrankungen.“
Abgestimmt. Multimodal – das bedeutet,
dass viele verschiedene Therapieformen zum
Einsatz kommen. „Physiotherapie, Psychotherapie,
Ergotherapie, Sozialarbeit, aber auch
pflegerische Interventionen wirken zusammen
und werden so miteinander kombiniert,
dass die Betroffenen ganzheitliche Unterstützung
erfahren“, erklärt Katja Braubach. Wer
mit Rückenschmerzen kommt, wird also nicht
nur massiert, sondern lernt Kräftigungsübungen
und macht Sport. Er oder sie erfährt etwas
über Entspannung, gesunde Ernährung sowie
den Zusammenhang zwischen Rückenproblemen
und psychischen Belastungen.
Dass dieses multimodale Konzept besser
funktioniere als etwa reine Physiotherapie, sei
wissenschaftlich belegt, so Katja Braubach.
Eine Reha berücksichtigt die indi viduelle Situation
des Patienten oder der Patientin. Im
Aufnahmegespräch werden die Bedürfnisse
genau erfragt und daraufhin ein maßgeschneidertes
Programm aus verschiedenen Fachbereichen
zusammengestellt.
Nah am Patienten
Aktuell erfolgt eine Reha meist stationär. Ambulante
Angebote, die derzeit vor allem in der
Orthopädie üblich sind, sollen aber ausgebaut
werden. „Sie gewinnen an Bedeutung, da sie
eine wohnortnahe Versorgung der Versicherten
ermöglichen“, erklärt die DRV-Sprecherin.
In einer alternden Gesellschaft gewinne die
Reha an Bedeutung: „Der Bedarf an Prävention
und Rehabilitation wird weiter steigen,
da die Krankheitslast zunimmt.“ Reha sei eine
wichtige Maßnahme, damit möglichst viele
Menschen trotz nachlassender Gesundheit bis
ins Alter arbeiten und selbst als Hochbetagte
noch selbstständig leben können. „Es lohnt
sich also, in ein gut ausgebautes Reha-System
zu investieren“, so Katja Braubach. Insgesamt
7,64 Milliarden Euro gab die gesamte Deutsche
Rentenversicherung im Jahr 2023 für
Reha-Leistungen aus.
Anpassbar. Je nach Indikation dauert eine
Reha-Einheit drei bis fünf Wochen. Drei Wochen
sind für eine orthopädische Reha geplant,
vier für neurologische Erkrankungen
und fünf für psychosomatische. Nur bei Suchterkrankungen
wird mehr Zeit veranschlagt.
Egal, welcher Anlass in die Reha führt: Es geht
häufig nicht darum, komplett gesund zu
werden – was bei chronischen Beschwerden ja
ohnehin kaum möglich ist. Ziel ist vielmehr, in
den Wochen in der Klinik zu lernen, besser
mit einer Erkrankung umzugehen, die eigene
Genesung aktiv zu fördern oder das Leben zu
Hause so zu verändern, dass man gar nicht
erst wieder krank wird. Reha soll die Menschen
Selbstwirksamkeit lehren, sie im besten
Fall aufrütteln und ihnen zeigen, dass sie
selbst eine Menge zu ihrer Gesundheit und
ihrem Wohlergehen beitragen können.
Zentraler Programmpunkt: Bewegung
So lernen etwa Herzpatienten, sich gesünder
zu ernähren, und Menschen mit Diabetes, ihr
Blutzuckermanagement zu verbessern. Nach
Hüft- oder Knie-OPs gewinnen andere Beweglichkeit
zurück und bauen Muskeln auf, während
Patienten mit psychischen Erkrankungen
in Therapiesitzungen den Ursachen auf
den Grund gehen.
Zentral. Auf alle wartet in der Klinik ein
straffes Programm: Die Wochentage sind
gefüllt mit Therapien, Anwendungen, Sport
und Gruppensitzungen. Ein bisschen Zeit für
Erholung bleibt auch. Aber gern aktiv – in
jeder Rehaklinik spielt regelmäßige Bewegung
eine entscheidende Rolle. Die Gegend um die
Einrichtungen, die oftmals in schönen Teilen
Deutschlands liegen, lädt häufig dazu ein.
Dass das Konzept Reha aufgeht, belegen viele
Zahlen. „Führende Wissenschaftler konnten
zeigen, dass spezielle multimodale Rehabilitationsprogramme
die erfolgreiche berufliche
Wiedereingliederung fördern“, berichtet DRV-
Sprecherin Braubach. Auch aus volkswirtschaftlicher
Perspektive rechnet sich die Rehabilitation,
weil sie Arbeitsausfälle vermeidet,
kurzfristig wie langfristig. „Versicherte können
durch eine Reha länger im Arbeitsleben
verbleiben“, bekräftigt die Expertin. Noch
zwei Jahre nach einem Aufenthalt, das belegt
der Reha-Bericht 2024 der DRV Bund, seien
83 Prozent der Rehabilitanden erwerbsfähig.
Ein bleibender Einfluss
Reha nützt also der ganzen Gesellschaft. Am
meisten jedoch jenen, die in den Wochen in
der Klinik wieder auf die Beine gekommen
sind. Der Effekt einer Reha reicht weit über
ihr Ende hinaus: Die Teilnehmenden wissen,
was sie brauchen, damit es ihnen besser geht.
Sie haben gelernt, sich selbst zu helfen, und
reisen mit mehr Selbstbewusstsein, Gesundheitswissen
und Lebensfreude im Gepäck
nach Hause. Und sie kommen vielleicht wieder,
um körperlich und psychisch aufzutanken,
wenn es nötig ist.
❰
22 my life 22/2025
ORTHOPÄDIE
In den 608 Einrichtungen für orthopädische Reha erholen sich Menschen
mit Bewegungseinschränkungen. Sie kommen nach Gelenk-Operationen und Sportverletzungen
oder bekämpfen ihre Rückenschmerzen
→ Ohne Beanspruchung schwinden Beweglichkeit
und Stabilität rasant. Das wissen
alle, die schon einmal nach einem Knochenbruch
zum Ruhighalten verdonnert waren.
In der orthopädischen Reha werden jene
wieder fit gemacht, die Beschwerden des
Bewegungsapparats haben – von Profisportlern
mit Kreuzbandriss bis zu Rentnern mit
neuem Hüftgelenk.
Belastung. „Wenn eine körperliche Beeinträchtigung
länger besteht, beginnt ein
Mensch mit seinem Schicksal zu hadern“,
sagt Ali Dabidian, Orthopäde und Chefarzt
in der Markgräflerland-Klinik in Bad Bellingen.
„Deshalb kümmern wir uns auch um
psychische, soziale und existenzielle Folgen.“
Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und
der Sozialdienst arbeiten eng zusammen.
„Ein gutes Ergebnis erzielt man nicht, indem
man den ganzen Tag Gewichte stemmt“,
sagt der Mediziner. Neben Muskelaufbau
spielen Stretching und Entspannungsübungen
eine wichtige Rolle. „Viele müssen lernen
loszulassen, damit ihre Muskeln ins Gleichgewicht
finden.“ Physikalische Therapie, Ergotherapie
und Ernährungsberatung vervollständigen
die multimodale Behandlung.
Selbsthilfe. Was zu tun ist, damit es einem
besser geht – dieses Wissen sei das wichtigste
Ziel der Reha, so der Orthopäde: „Wer mit
einer Schulterarthrose kommt, wird mit
einer Schulterarthrose gehen. Aber wir können
die Funktionseinschränkungen verbessern
und zeigen, wie man sich selbst helfen
kann.“ Reha bedeute, etwas für sich zu tun
und das Leben zu verändern: „Erst wenn die
Menschen das verstanden haben, hat sich
der Aufenthalt gelohnt“, so Ali Dabidian.
Zahlen der Median Unternehmensgruppe
belegen, dass die orthopädische Reha wirklich
wirkt. Noch ein Jahr später sind Rehabilitanden
seltener krank und arbeitsunfähig.
Bei Rückenschmerz verzögert eine Reha-
Maßnahme den Eintritt in die Erwerbsminderungsrente
um durchschnittlich 7,1 Monate,
so eine Studie der Universität Ulm.
Stefan Perschke, 61:
„Die Reha
ist mein
Trainingslager“
„Ich habe seit meiner Kindheit
eine neuromuskuläre
Erkrankung, die meine
Muskeln schwinden lässt
und diverse orthopädische
Beeinträchtigungen mit
sich bringt: eine starke
Skoliose, eingeschränkte
Gelenkfunktion und fortschreitende
Kraftminderung.
Seit 2015 komme
ich jedes Jahr in die Markgräflerland-Klinik.
Weil ich
mich kaum noch selbst
bewegen kann, benötige
ich eine sehr gute Physiotherapie,
ein Thermalbad
und Einzeltherapien. Dazu
zwei- bis dreimal pro Woche
Massagen, Elektrotherapie
und Entspannungstechniken
– damit bin ich
gut beschäftigt. In der
Klinik fühle ich mich wie zu
Hause, und Bad Bellingen
kenne ich seit meiner
Jugend. Ich nenne die Reha
immer mein Trainingslager,
denn sie ist extrem hilfreich
für mich. Wenn ich
danach in meinen Alltag
zurückkehre und wieder
arbeite – als Vorsitzender
Richter am Landgericht
Osnabrück –, sagen alle:
‚Du bist ja viel fitter
geworden.‘“
22/2025 my life
23
DOSSIER REHABILITATION
Ganzheitlich Beim Abnehmen ist es mit Kalorienzählen nicht getan. Die Reha vermittelt nachhaltige Strategien
Adipositas ist mehr als
ein Zuviel an Kilos
Wer die komplexe chronische Erkrankung verstehen will, muss auch Gene, Gehirn & Psyche
in den Blick nehmen. Die moderne Reha berücksichtig das – und hilft gezielt
→
Seit 20 Jahren sammelt Prof. Matthias
Blüher Fett. Von mehr als 10 000 Menschen
hat der Leiter der Adipositasforschung
an der Universität Leipzig mittlerweile Proben
beisammen. Kleinste Stücke Bauch- und Unterhautfett
lagern bei minus 80 Grad Celsius
in riesigen brummenden Kühlschränken. Sie
stammen von Patienten, die sich einer Magenverkleinerung
unterzogen haben und dabei
Fettzellen für die Wissenschaft spendeten.
Für das geschulte Auge ist jede Gewebeprobe
einzigartig: „Es gibt große und kleine Fettzellen,
in manchen Proben tummeln sich viele Immunzellen
– ein Zeichen für stark entzündetes
Gewebe“, schildert Prof. Blüher. In seiner Fett-
Bibliothek sucht er nach Hinweisen, warum
einige Menschen mit Adipositas schneller
Folge erkrankungen wie Typ-2-Diabetes entwickeln
als andere – und warum krankhaftes
Übergewicht weltweit stark zunimmt.
Fettgewebe beeinflusst die Hormone
Adipositas beginnt ab einem Body-Mass-Index
von 30. Ein Mann mit 1,80 Meter Körpergröße
erreicht diesen Wert bei 97 Kilogramm, eine
Frau mit 1,65 Metern bei 82 Kilo. Prof. Blüher
erinnert sich an seine ersten Jahre als Arzt
Ende der Neunziger: Viele seiner Patienten versicherten
ihm, alles zu tun, um abzunehmen –
ohne Erfolg. Kurz zuvor war Leptin entdeckt
28 my life 22/2025
worden, ein vom Fettgewebe produziertes
Hormon, das dem Gehirn Sättigung signalisiert.
Fehlt es aufgrund einer Mutation oder
reagiert das Gehirn nicht darauf, bleibt das
Sättigungsgefühl aus. Die Entdeckung war
damals ein erster Hinweis darauf, dass die
Gene das Gewicht mitbestimmen. Prof. Blüher
wollte der „Fettsucht“ auf den Grund gehen
und entschied sich für eine Laufbahn in der
Adipositasforschung. Bald stellte sich heraus:
Fettgewebe ist mehr als ein passiver Energiespeicher.
Es ist hormonell aktiv. Seine Hormone
beeinflussen die Leber und die Bauchspeicheldrüse,
die Blutgerinnung, das Herz
und das Hirn.
Riskante Gene. Heute ist klar, dass Adipositas
eine fortschreitende, chronische Erkrankung
mit komplexen Ursachen ist. Betroffenen
vorzuwerfen, sie müssten sich nur mehr
bewegen und weniger essen, wird dem nicht
gerecht. Mittlerweile sind mehr als 1 000 Varianten
von über 100 Genen bekannt, die das
Risiko erhöhen. Die meisten veranlassen allein
kaum, dass die Krankheit entsteht; in
Kombination entfalten sie eine Wirkung. Auffällig
ist, dass viele dieser Gene nicht den Fettstoffwechsel
betreffen, sondern unser Denkorgan.
„Eigentlich essen wir mit dem Gehirn“,
sagt Prof. Blüher.
Ohne Hilfe abnehmen ist kaum möglich
Das Belohnungssystem im Gehirn ist bei Adipositas
genetisch bedingt und wahrscheinlich
auch durch das Essverhalten verändert. Es
reagiert besonders stark auf hochkalorische
Reize – vergleichbar mit Suchtprozessen. Abnehmen
hilft kaum, wenn es denn überhaupt
klappt: Die neuronalen Veränderungen bleiben
oft bestehen, wenn Betroffene kurzfristig
Gewicht verlieren. Zudem erleben sie durch
Essen ein besonders intensives Wohlgefühl,
weil ihr Belohnungssystem stark auf Kalorienbomben
anspricht. Ihre Willenskraft muss
also überdurchschnittlich sein, um Versuchungen
zu widerstehen. Dauerhaft standhaft
zu bleiben, ist schwer.
Wer Adipositas verstehen will, muss sich
mit der Lust auf Essen beschäftigen. Das Hirn
empfängt ständig Signale aus dem Körper:
Das Hormon Ghrelin meldet Hunger aus
einem leeren Magen, GLP-1 Sättigung aus dem
Darm, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse
zügelt den Appetit. Sind die Speicher gefüllt,
sendet das Fettgewebe das erwähnte Leptin
aus, um dem Gehirn zu vermitteln, dass keine
Nahrungsaufnahme mehr nötig ist. Hinzu
kommen Reize, die Augen und Nase wahrnehmen.
Der Geruchssinn ist mit dem limbischen
System im Hirn verknüpft, das für Emotionen
und Erinnerungen zuständig ist. Düfte wie die
von frischen Croissants können emotionale
Essgelüste wecken und rationale Vorsätze wie
„weniger essen“ aushebeln. Ständig wertet das
Gehirn all die Signale aus. Das Ergebnis entscheidet
über Appetit und Sättigungsgefühl.
Wo sind die Schalter im Gehirn?
Die Steuerung ist hochkomplex – und leicht
zu manipulieren, wie Prof. Stephanie Kullmann
zeigen konnte. Die stellvertretende Leiterin
der Abteilung „Metabolic Neuroimaging“
am Institut für Diabetesforschung und Metabolische
Erkrankungen am Helmholtz Center
München der Universität Tübingen wollte herausfinden,
wie empfindlich die Messfühler
im Gehirn auf ungesunde Snacks reagieren.
Mit ihrem Team untersuchte sie 29 normalgewichtige
Männer. 18 bekamen Chips und Schokoriegel,
welche die tägliche Energiezufuhr
um 1 500 Kilokalorien erhöhten, fünf Tage
lang. Direkt danach und eine Woche später
analysierten die Forschenden die Insulinempfindlichkeit
der Probanden. Ihre Gehirnzellen
reagierten messbar unempfindlicher, sodass
das Hormon seine appetitzügelnde Wirkung
schlecht entfalten konnte. Ein Effekt, der von
Menschen mit Adipositas bekannt war und
auch bei Normalgewichtigen anhält: „Noch
eine Woche nach der Rückkehr zu einer ausgewogenen
Ernährung konnten wir die Veränderungen
sehen“, berichtet Prof. Kullmann.
Wenn hochverarbeitete Snacks den Appetit
nachhaltig steigern, könnte das eine Erklärung
dafür sein, warum immer mehr Menschen
weltweit Adipositas entwickeln. Snacks
treffen auf eine evolutionäre Schwachstelle:
Jahrtausendelang war Nahrung knapp, und
energiereiche Lebensmittel sicherten das
Überleben. So lernte unser Gehirn, Fett und
Zucker zu lieben. Ein Mechanismus des Körpers,
sich gegen eine Gewichtszunahme zu
wehren, war lange nicht nötig und wurde deshalb
gar nicht erst entwickelt.
Große Verlockung. Heute sind ungesunde
Lebensmittel allgegenwärtig – im Supermarkt,
in der Werbung, an jeder Ecke. Die ständige
Verführung verlangt permanente Selbstkontrolle,
die erschwert wird durch Stress, Schlafmangel
oder seelische Belastungen. Selbst die
Willensstärksten sind im hektischen Alltag
schnell überfordert, zumal Essen beruhigend
wirkt: Seelenfutter eben. Dass Adipositas und
psychische Erkrankungen oft gemeinsam auftreten,
ist kein Zufall. Studien zufolge hat ein
Drittel bis die Hälfte der krankhaft Übergewichtigen
eine psychische Erkrankung. ➡
Eigentlich
essen wir mit
dem Gehirn
Prof. Dr. med.
Matthias Blüher,
Leiter der Adipositasforschung
an der
Universität Leipzig
und Oberarzt am
Universitäts klinikum
Leipzig;
uni-leipzig.de
22/2025 my life
29
NATURAPOTHEKE
Venenschwäche & Hämorrhoiden
Hochsaison
für die Rosskastanie
Die herbstliche Heilpflanze ist besonders für ihre Wirkung auf
die Durchblutung bekannt, kann aber noch einiges mehr
→
Die Samen der Rosskastanie
(Hippocastani semen) sind bewährt
bei der Behandlung chronischer
Venenschwäche mit Schmerzen und
Krampfadern. Besonders bei Symptomen
wie schweren, müden Beinen oder
Spannungsgefühlen kann die regelmäßige
Anwendung von Fertigpräparaten
wie Cremes oder Gelen mit Rosskastanienextrakt
Linderung verschaffen.
Aber auch selbst hergestellte Tinkturen
und Salben (Rezepte rechts) können
unterstützen. Idealerweise werden sie
morgens und abends sanft einmassiert.
Kreislauf. Hauptwirkstoff der Rosskastanie
ist das ß-Aescin, darüber hinaus
sind zum Beispiel Flavonoide,
fettes Öl sowie Stärke enthalten. Die
Rosskastanie wirkt in vielerlei Hinsicht
positiv auf Blutgefäße: Sie dichtet die
Gefäßwände ab und erhöht die Spannkraft
der Venen, die für den Rückfluss
★ SER
Vielfalt In allen
Pflanzenteilen
stecken Wirkstoffe
IE ★
Grüne
Gesundheit
des Blutes etwa aus den Beinen zum
Herz notwendig sind. Die durchblutungsfördernde
Wirkung von ß-Aescin
sorgt dafür, dass das Gewebe besser
mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt
wird – ideal bei Muskelverspannungen
oder Gelenkschmerzen.
Entspannend & antibakteriell
Die entzündungshemmenden und abschwellenden
Eigenschaften der Rosskastanie
machen sie auch zu einem
Helfer bei Hämorrhoiden: Für ein Sitzbad
etwa 50 Gramm getrocknete Rinde
vom Stamm in einem Liter Wasser
zehn Minuten kochen, abseihen und
ins 37 Grad warme Badewasser
geben. Zehn bis
15 Minuten nutzen. Alternativ
eine Salbe mit
Rosskastanienextrakt
auftragen. ❰
Kastanientinktur
Für ca. 200 ml
ca. 6 Kastanien 250 ml Wodka
oder Korn Messer Schneidebrett
1 Schraubglas dunkles Gefäß
▶ Zubereitung
1. Die Kastanien mit einem scharfen
Messer in Stücke schneiden. Dann die
Kastanienstücke in das Schraubglas
geben und mit dem Alkohol aufgießen.
2. Das Glas 2–3 Wochen in der Sonne
stehen lassen – dabei täglich schütteln.
3. Ein Sieb mit einem Tuch auslegen
und dann den Sud durch dieses in das
dunkle Gefäß abseihen.
▶ Anwendung
Innerlich: Bei Durchblutungsstörungen,
Krampfadern oder Hämorrhoiden.
3-mal täglich 10 Tropfen Tinktur mit
1 EL Wasser einnehmen. Über 14 Tage
hinweg anwenden.
Äußerlich: Bei Venenproblemen und
Krampfadern, schmerzenden Gelenken
sowie Hexenschuss die Tinktur unverdünnt
auftragen und einmassieren.
Kastaniensalbe
Für ca. 110 ml
100 ml Kastanienöl 20 g Bienenwachs
10 Tropfen Kastanientinktur
▶ Zubereitung
1. Öl in einen Topf geben, das Wachs
hinzufügen. Beides im Wasserbad
erhitzen. Nach dem Schmelzen von der
Hitze nehmen und kalt rühren.
2. Vor dem Festwerden die Tinktur hin
zugeben und unterrühren. Die Salbe in
Gläser abfüllen und dunkel lagern.
▶ Anwendung
Die Salbe bei müden Beinen, Hexenschuss,
Gelenkschmerzen, Rheumaund
Gichtbeschwerden lokal einreiben
und einmassieren.
FOTOS: GETTY IMAGES/ISTOCK; STOCKFOOD/PETER RAIDER
32 my life 22/2025
Keine
Insekten,
keine
Lebensmittel!
Weltweit sind über 85% der Wild- und
Kulturpflanzen auf die Bestäubungsleistung
von Bienen und anderer Insekten angewiesen.
2018 veranschaulichte das Umweltministerium
gemeinsam mit dem NABU und einer
Lebensmittelkette, welche Auswirkungen
das Insektensterben auf das Produktangebot
hätte: 60 Prozent der Artikel würden ohne
bestäubende Insekten entfallen.
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GESUNDHEIT
Wie bitte? Werden Schallwellen nicht mehr richtig verarbeitet, kann das auf Gefäßprobleme hinweisen
Das Ohr –
Seismograf des Herzens
→
Sie erhöht nicht nur das Risiko für Demenz und Stürze – eine abnehmende Hörfähigkeit
kann auch mit unserer kardiovaskulären Gesundheit zusammenhängen
„Nuschle doch nicht so!“ Wer
das von älteren Menschen hört,
sollte sie nicht als sonderlich abtun,
sondern ernst nehmen. Oft ist diese
Bitte ein Hinweis auf schleichenden
Hörverlust. „Wer in Deutschland Probleme
beim Hören entwickelt, wird
meist fünf bis zehn Jahre zu spät versorgt“,
so Dr. Bernhard Junge-Hülsing,
Sprecher des Deutschen Berufsverbands
der Hals-Nasen-Ohrenärzte e. V.
Folge. Die erschwerte Teilhabe kann
jedoch nicht nur das Risiko für Stürze,
Depressionen und Demenz erhöhen.
Eine Studie der Southern Medical University
in Guangzhou, China, zeigt,
dass nachlassendes Hörvermögen auch
der Herzgesundheit schaden kann. Das
Risiko für Herzinsuffizienz sei dadurch
fast um ein Drittel höher als bei normal
Hörenden. Ärzten könnten Gehörschäden
als Frühwarnzeichen für sich anbahnende
Gefäßerkrankungen dienen,
so das chinesische Autorenteam im
Fachjournal „Heart“.
Belastung für den Lebensmotor
Für die Studie wurden die Daten von
über 164000 Männern und Frauen aus
der Langzeitstudie „UK Biobank“ genutzt.
Keine der Personen hatte zu
Beginn eine Herzschwäche. Knapp
4400 trugen eine Hilfe am Ohr, bei den
Meist ist Hörverlust ein
schleichender Prozess,
den viele nicht bemerken
Dr. med. Bernhard Junge-Hülsing,
Sprecher des Deutschen Berufsverbands
der Hals-Nasen-Ohrenärzte e. V.
Übrigen wurde das Hörvermögen getestet.
Rund zehn Prozent hörten unzureichend,
weitere 1,5 Prozent hörten
schlecht. Über elfeinhalb Jahre wurde
die mögliche Entwicklung von Herzinsuffizienz
anhand von medizinischen
Daten und Sterbeurkunden überwacht.
Im Vergleich zu normal Hörenden entwickelten
die Menschen mit unzureichendem
Hörvermögen mit 15 Prozent,
die mit schlechtem Hörvermögen sogar
mit 28 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit
eine Herzinsuffizienz.
Bei dieser Erkrankung lässt die
Pumpleistung des Herzens nach, weshalb
der Körper nicht mehr ausreichend
mit Blut und Sauerstoff versorgt
wird. Die auch Herzschwäche genannte
Krankheit ist die häufigste Einzeldiagnose
für Krankenhausaufenthalte in
Deutschland und zählt zu den zehn
häufigsten Todesursachen.
Isolation ist vermeidbar
Bei Probanden der Studie, die keine
Hörgeräte trugen und eine Herzschwäche
entwickelten, spielten psychische
Faktoren eine große Rolle. Viele
Schwerhörige ziehen sich zurück und
vermeiden Kontakte, wenn sie merken,
dass sie Unterhaltungen nicht mehr
richtig folgen können. Einige verlassen
sogar nicht mehr das Haus, weil sie
sich im Straßenverkehr nicht mehr gut
orientieren können.
Umdenken. Die Forschenden prüften
die soziale Isolation anhand der
Angaben, wie viele Menschen im Haushalt
der Betreffenden lebten, wie oft
sie Freunde und Familie trafen, ob und
welchen Hobbys sie nachgingen. Zudem
bewerteten sie das Level an psychischem
Stress und ob die Befragten
zu Neurotizismus neigten – einem mit
Depressionen verwandten Hang, häufig
über Ärger, Ängste oder Schmerzen
zu klagen und generell unzufrieden zu
sein. Hohe Werte in diesen Bereichen
beeinflussten das Risiko für eine Herz
FOTOS: ADOBE STOCK; PR
34 my life 22/2025
schwäche bei Schwerhörigen ohne
Hörgerät maßgeblich. Der psychische
Stress von Hörgeschädigten müsse in
der Versorgung eine größere Rolle spielen,
so die Forderung des Teams.
Wechselspiel. Grundsätzlich sei das
ein sinnvoller Vorschlag, sagt Prof.
Christoph Maack, Sprecher des Deutschen
Zentrums für Herzinsuffizienz
am Uniklinikum Würzburg. „Wir sehen
häufig, dass isolierte Menschen an
einer Depression leiden und diese eine
Verschlechterung von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen wie Herzschwäche begünstigt.
Eine Hörschwäche würde das
verschlimmern. Gleichzeitig kann eine
Herzinsuffizienz die Depression auch
mitverursachen oder verstärken, weil
sie die Menschen stark einschränkt.“
Die Betroffenen seien häufiger müde,
erschöpft, kurzatmig und könnten dadurch
auch weniger am sozialen Leben
teilnehmen.
„Wenn die Hörschädigung früh erkannt
und mit einem Hörgerät versorgt
wird, geraten Betroffene gar nicht
erst in eine Isolation“, sagt auch HNO-
Arzt Dr. Junge-Hülsing. „Wichtig wären
daher regelmäßige Hörscreenings ab
spätestens 50 Jahren. Denn meistens
ist der Hörverlust ein schleichender
Prozess, den viele selbst gar nicht bemerken.“
Laut dem Deutschen Berufsverband
der Hals-Nasen-Ohrenärzte
bezeichnen sich nur etwa 20 Prozent
aller Menschen ab 65 Jahren mit einer
mittleren bis hochgradigen Hörstörung
selbst als höreingeschränkt.
Kleine Gefäße leiden zuerst
Doch psychischer Stress allein könne
das erhöhte Risiko für Herzschwäche
nicht erklären, so die Autoren der neuen
Studie. Denn auch Probanden mit
Hörgeräten hatten ein um 26 Prozent
höheres Risiko. Das spreche dafür, dass
Hörverlust und Herzschwäche auch
auf biologischer Ebene eng zusammenhingen
und eine Hörbehinderung als
eine Art Frühwarnsystem für Herz-
Kreislauf-Erkrankungen dienen könne.
Für HNO-Arzt Dr. Junge-Hülsing ist
das nachvollziehbar. „In der Gehörschnecke
verlaufen viele ganz feine
Blutge fäße, welche die Sauerstoffversorgung
sicherstellen“, sagt der Mediziner.
„Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen,
Übergewicht und ähnliche
Erkrankungen können zu einer Verkalkung
oder Verstopfung der Gefäße führen,
die sich in den feinen Strukturen
des Innenohrs besonders früh bemerkbar
machen – und eben auch zu Herzinsuffizienz
führen können.“
Auch Prof. Maack hält die Annahme
für schlüssig. „Die Gehörschnecke ist
ein früher Sensor für Herz-Kreislauf-
Erkrankungen.“ Alles, was die Gefäße
schädige, könne sich hier zuerst bemerkbar
machen, etwa schlechte Cholesterinwerte,
Rauchen oder Diabetes.
„Es wäre daher absolut sinnvoll, Hörtests
in die Herzvorsorge miteinzubinden
– so wie die Autoren der Studie es
auch empfehlen“, sagt Prof. Maack.
Ratschlag. Eine Hürde für Patienten
wäre, dass sie dafür zwei verschiedene
Praxen aufsuchen müssten. Trotzdem
rät auch Dr. Junge-Hülsing zu den Besuchen:
„Wer Bluthochdruck hat oder
herzkrank ist, sollte immer auch einen
Hörtest durchführen lassen, umgekehrt
sollten Schwerhörige auf Gefäßerkrankungen
untersucht werden.“ ❰
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22/2025 my life
35
GESUNDHEIT
★ MY L
→
In der Erkältungssaison entwickelt
sich aus einem Infekt
schnell eine Sinusitis – eine Entzündung
der Schleimhaut in den Nasennebenhöhlen.
Typische Symp tome sind
ein Druckgefühl im Gesicht, Kopfschmerzen,
eine verstopfte Nase und zähflüssiger Nasenschleim.
In manchen Fällen kommen Fieber
und Abgeschlagenheit hinzu. Allergien, aber
auch ein geschwächtes Immunsystem können
dazu beitragen, dass es nicht bei einer akuten
Entzündung bleibt: Etwa jeder zehnte Deutsche
leidet an einer chronischen
Sinusitis. Die Symp tome halten
besser
essen
gesund
FO L G E
IFE-SER
bleiben
4 1 : S
IE ★
NACHHALTIG GEGENSTEUERN
Sinusitis stoppen
Die Entzündung der Nasennebenhöhlen kann schnell chronisch werden.
Die richtige Ernährung kann das verhindern, weiß die My Life-Expertin
IS
IT
INUS
dann länger als zwölf Wochen
an und klingen zudem nicht
vollständig ab.
Das A und O für den Heilungsprozess
ist es, den
Körper mit genug Flüssigkeit
zu versorgen. „Wasser,
ungesüßte Kräutertees
und klare Brühen helfen,
den Schleim in den Nebenhöhlen zu verflüssigen
und die Atemwege freizuhalten“,
sagt Internistin Prof. Julia Seiderer-Nack.
Dazu sollte man auf Lebensmittel setzen,
die dazu beitragen, die Beschwerden zu
lindern und das Immunsystem zu stärken.
„Ingwer und Kurkuma beispielsweise sind
wahre Wunderwaffen der Natur. Sie enthalten
entzündungshemmende Wirkstoffe, welche
die Heilung unterstützen“, so Prof. Seiderer-
Nack. Beide Gewürze lassen sich leicht in Tees,
Suppen oder Currys integrieren. Knoblauch
und Zwiebeln sind mit ihren natürlichen antibakteriellen
Stoffen ebenfalls empfehlenswert.
Süßes und Fettiges ist jetzt tabu
Ein weiterer Baustein ist eine an Vitamin C reiche
Ernährung. „Vitamin C stärkt das Immunsystem
und hilft dem Körper, schneller mit
Infektionen fertig zu werden“, erläutert
die Expertin. Sehr gute Quellen
sind Paprika, Zitrusfrüchte, Beeren
wie Sanddorn, aber auch
Brokkoli. Zink ist ebenso ein
wichtiger Nährstoff fürs Immunsystem.
Es findet sich in Lebensmitteln
wie Kürbiskernen, Haferflocken
und Hülsenfrüchten, etwa
Linsen und Erbsen. „Milchprodukte
sollten während einer akuten
Sinusitis nur in Maßen konsumiert
werden, da sie bei manchen Menschen die
Schleimbildung verstärken können“, sagt Prof.
Seiderer-Nack. Auch sollte man den Verzehr
stark verarbeiteter Lebensmittel mit hohem
Zucker- oder Fettgehalt reduzieren, da sie entzündliche
Prozesse im Körper fördern. „Das gilt
insbesondere für Süßes, Weißmehlprodukte,
Fertiggerichte und Wurstwaren sowie für Alkohol“,
zählt die Ernährungsmedizinerin auf.
Der Darm unterstützt die Abwehr
Ballast- und Bitterstoffe dagegen sorgen für
eine vielfältige Darmflora. „Das ist wichtig,
weil das Mikrobiom und die Abwehr eng miteinander
verbunden sind: Gut 80 Prozent
unserer Immunzellen sind im Darm angesiedelt“,
erläutert die Internistin. Eine perfekte
Kombination liefern beispielsweise Chicorée,
Grün- und Rosenkohl, Radicchio,
Fenchel und grünes Blattgemüse.
Auch die vor allem in Hafer enthaltenen
ß-Glucane stärken die Immunabwehr
der Schleimhäute.
Für die Eiweißversorgung empfiehlt
die Expertin pflanzliche Quellen wie Hülsenfrüchte,
Nüsse und Samen. „Diese enthalten
nicht nur hochwertiges Eiweiß, das der Körper
etwa für die Produktion von Immunzellen und
Antikörpern braucht, sondern auch viele sekundäre
Pflanzenstoffe, die entzündungshemmend
wirken können“, so Prof. Seiderer-Nack.
Omega-3-Fettsäuren aus Leinöl, Walnüssen
oder fettem Fisch wie Lachs können ebenfalls
dazu beitragen, Entzündungen zu reduzieren.
„Eine ausgewogene Ernährung mit frischen,
unverarbeiteten Lebensmitteln ist der Schlüssel“,
fasst Prof. Seiderer-Nack
zusammen und empfiehlt
bunte Vielfalt: „Je mehr
Farben auf dem Teller,
desto mehr unterschiedliche
Nährstoffe und Antioxidantien
nehmen wir auf –
optimal für den Körper!“ ❰
5
gegen
Sinusitis
➊ Wasser marsch: Eine
Flüssigkeitsversorgung mit
1,5 bis 2 Litern pro Tag hilft,
die Atemwege freizuhalten
➋ Immunsystem unterstützen:
Vitamin C und
wichtige Spurenelemente
wie Zink helfen den
Abwehrzellen
➌ Ballaststoffe für das
Darm-Mikrobiom: 30 Gramm
Vollkornprodukte, Gemüse
und Obst pro Tag unterstützen
die Artenvielfalt im
Darm, die wiederum unser
Immunsystem stärkt
➍ Entzündung reduzieren:
Dabei hilft der Verzicht auf
Fertignahrung, ungesunde
Fette und zu viel Zucker
➎ Raus aus trockenen
Räumen an die frische
Luft: Überheizte und
trockene Räume können
eine Sinusitis verstärken
Prof. Dr. med. Julia
Seiderer-Nack, Fachärztin
für Innere Medizin mit den
Schwerpunkten Ernährungsmedizin
und ganzheitliche
Therapie in München;
praxis-seiderer.de
FOTOS: ADOBE STOCK; GRÄFE UND UNZER VERLAG/ INA ZABEL; SHUTTERSTOCK (5)
36 my life 22/2025
Danke!
Vielen Dank an alle Bewerber und herzlichen Glückwunsch den #beebetter-Award-Gewinnern 2025!
Auf beebetter.de stellen wir die Siegerprojekte detaillierter vor. Schauen Sie rein! Jeder Beitrag ist wertvoll und
verbessert die Biodiversität, machen Sie mit! Werden auch Sie Teil des Schwarms und bleiben Sie mit unserem
Newsletter auf dem Laufenden: beebetter.de/newsletter
„Unser kleines Paradies“
von Angela Zerfaß
Im Privatgarten von Angela Zerfaß dreht sich alles um den Schutz und die Förderung von Insekten. Auf
einer liebevoll gestalteten Fläche setzt sie auf insektenfreundliche Pflanzen, die eng bepflanzt sind, um
Unkraut zu minimieren und Lebensräume für Wildbienen und andere Insekten zu schaffen. Nisthilfen
wie Insektenhotels, Totholz und bewuchsfreie Sandflächen bieten boden- und hohlraumnistenden
Wildbienen ideale Bedingungen. Ergänzt wird das Paradies durch Wasserstellen, die Insekten eine
wichtige Trinkquelle bieten. Mit ihrem Engagement zeigt Angela, wie ein Privatgarten zu einem
wertvollen Rückzugsort für die Natur werden kann – das findet auch unser Partner Biorebe besonders
unterstützenswert!
„Blühfeld-Initiative Hirzbach e.V.“
von Dr. Hans-Joachim Wörn
Die Blühfeld-Initiative Hirzbach e.V. verwandelt seit 2019 rund 55.000 qm insektenfreundliche Flächen in
blühende Lebensräume für Wild- und Honigbienen, Schmetterlinge und viele weitere Arten. Finanziert
über Patenschaften entstehen artenreiche Felder mit Nisthilfen, Wasserstellen und Streuobstwiesen.
Umweltbildung ist ein weiterer Schwerpunkt: Lehrpfad, Führungen und Aktionen wie eine historische
Kartoffelernte begeistern Kinder und Erwachsene. Höhepunkt ist die feierliche Übergabe der Blühfelder
an die Paten bei einem Open-Air-Gottesdienst. So verbindet die Initiative Artenschutz, Bildung und
Gemeinschaft – getreu dem Motto: „Gemeinsam machen wir unsere Heimat ein klein wenig besser!“
„Wildbienenlernort im Nachbarschaftshaus am Körnerpark“
von Christian Hörr
Mit viel Engagement haben die „Coolen Kids“ im Nachbarschaftshaus am Körnerpark in
Berlin einen einzigartigen Wildbienenlernort geschaffen. Auf 100 qm pflanzten sie
bienenfreundliche Stauden, Wildkräuter und Beerensträucher, bauten Nisthilfen, ein
Sandarium sowie einen upgecycelten Samenautomaten. Selbst gestaltete Infotafeln
erklären den Lebenszyklus der Wildbiene. Ergänzt wird das Projekt durch Filme, Tutorials
und einen eigenen Umweltrap „Mach Mit“, die Kinder und Erwachsene zum Mitmachen
anregen. Rund um das Haus pflegen die Kids zudem Baumscheiben, um noch mehr
Menschen für den Schutz von Wildbienen zu begeistern.
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GESUNDHEIT
Zum Gesundheits-Check
in den Drogeriemarkt?
Die Telemedizin ermöglicht Sprechstunden ganz ohne Besuch der Arztpraxis. Eine Drogeriehandelskette
wittert hier ein neues Geschäftsfeld – und sorgt mit einem Pilotprojekt für Aufsehen und Kritik
Augenkontrolle:
Der Früherkennungs-
Check im Drogeriemarkt
ist billiger als beim Arzt
➡ dm bewirbt Tests
unter anderem für
das Glaukom und
die altersbedingte
Makuladegeneration
(AMD)
Blutentnahme:
24 Werte für 24,95 Euro
→
Ralph von Kiedrowski machte die Probe
aufs Exempel. Der Betreiber einer Hautarztpraxis
im Westerwaldkreis reichte Fotos
von sich für eine Online-Hautanalyse ein. Die
„Diagnose“ – trockene Haut – sei mit vier Empfehlungen
für spezielle Hautpflegeprodukte
auf sein Smartphone gekommen. Dass sie alle
bei den dm-Drogeriemärkten zu bestellen
waren, ist kein Zufall. Der Weg zu der Untersuchung
führt über die dm-Website. Ralph von
Kiedrowski, Präsident des Berufsverbandes der
Deutschen Dermatologen e. V., ist aufgebracht.
Er spricht von einer „Werbe-Verkaufsmasche“,
die „mit Dermatologie nichts zu tun“ habe. Zudem
sei seine Haut gar nicht zu trocken.
Konkurrenz. Mit dem Haut- und einigen
weiteren Bluttests sowie Früherkennungs-
Checks auf Augenkrankheiten macht Europas
größter Drogeriekonzern niedergelassenen
Ärzten, Apotheken und medizinischen Laboratorien
Konkurrenz. Er ist damit nicht allein
und auch nicht der Erste. Doch die Richtung
wird klar, wenn dm-Chef Christoph Werner im
„Manager Magazin“ Ende August sagt, er erlebe
selbst in seinem privaten Umfeld, „wie schwer
es ist, Arzttermine zu bekommen. Damit steigt
die Bereitschaft, für Untersuchungen woanders
hinzugehen“. Aber dürfen und können das medizinische
Laien wie Handelsunternehmen
überhaupt, und wie sinnvoll sind die Angebote?
1
Welche Tests hat dm im Angebot?
Das Angebot der „Gesundheitsdienstleistungen“
umfasst Augen- und Hautuntersuchungen
– diese vorerst nur in jeweils fünf Filialen
oder online – sowie eine wachsende Zahl
von Bluttests, die größtenteils zu der Produktlinie
Mivolis gehören, die bisher hauptsächlich
Nahrungsergänzungsmittel umfasste.
2
Wie verlaufen die Augenuntersuchungen?
dm bewirbt Tests für das Glaukom, diabetische
Retinopathie und altersbedingte Makuladegeneration
(AMD). Jeder kann ohne Termin
eine Filiale besuchen, die diese Untersuchungen
anbietet, und lässt von „speziell geschulten
Mitarbeitenden“ einen Sehtest und eine Netzhautfotografie
anfertigen. So stellt es dm dar
und verlangt für das Augenscreening mit Sehtest
und Netzhautfotografie 14,95 Euro. Die
Daten würden „KI-basiert ausgewertet“ und
„fachärztlich validiert“. Binnen 24 Stunden
komme das Ergebnis per Mail.
Die Tests sollen vor allem drei ernste Leiden
erkennen können: das Glaukom – den grünen
Star – bei dem Zellen des Sehnervs absterben.
Dadurch entstehen blinde Flecken im Gesichtsfeld.
Während diese beim Glaukom eher
vom Rand her kommen, beeinträchtigt die
altersbedingte Makuladegeneration (AMD)
die zentrale Sehschärfe. Ihr soll die Netzhautaufnahme
auf die Spur kommen. Drittens soll
es laut dm um die diabetische Retinopathie
gehen, die ähnlich verläuft wie die AMD, aber
durch den bei diabeteskranken Menschen oft
erhöhten Blutzuckerspiegel eine eindeutigere
Ursache hat. Rund ein Drittel der geschätzt
elf Millionen Menschen mit Typ-1- und Typ-
2-Diabetes in Deutschland sind davon betroffen,
an einer AMD leiden laut der Gutenberg-
Gesundheitsstudie der Universität Mainz rund
7,5 Millionen Deutsche. Alle drei Erkrankungen
können im Extremfall zur Erblindung führen.
3
Für wen ist der Augen-Check notwendig?
Folgt man den Medizinexperten des krankenkassennahen
„Monitors“ für individuelle
Gesundheitsleistungen (IGeL), benötigt ihn
niemand, der keine Symptome hat. Und wenn,
kann der Augenarzt die Untersuchung mit der
Krankenkasse abrechnen. Im Einzelnen: Menschen
mit Diabetes sollen und können ohnehin
regelmäßig ihre Augen untersuchen lassen.
Treten bei anderen etwa die Gesichtsfeldausfälle
auf oder sehen sie gerade Linien verschwommen,
besteht der Verdacht auf ein Glaukom
oder auf AMD. Dann muss, so der „IGeL-Monitor“,
ebenfalls die Krankenkasse einspringen.
Die Monitor-Experten beschäftigen sich mit
dem Thema, weil viele Augenärzte selbst eine
„Glaukom-Früherkennung“ als privat zu bezahlende
IGeL anbieten. Bei ihnen beginnt der
Preis bei 20 Euro und kann, wenn ein Verfahren
namens OCT zum Einsatz kommt, auch
über 100 Euro liegen. Es gilt aber als unklar, ob
ein sehr früh erkanntes Glaukom wirksamer
50 my life 22/2025
FOTOS: ADOBE STOCK, ISTOCK (2)
zu bekämpfen ist, als wenn die Therapie erst
mit dem Auftreten erster Symptome beginnt.
4
Was beinhaltet der Haut-Check?
Es gibt zwei Angebote, bei denen dm mit
dem Online-Hautcheck-Anbieter Dermanostic
kooperiert: 1. eine kostenlose „KI-Hautanalyse“,
die in derzeit fünf dm-Filialen möglich ist. Sie
klärt u. a. über Hautzustand und Hauttyp auf.
2. die Möglichkeit, auffällige Muttermale, Ausschläge
und andere Veränderungen abklären zu
lassen. Dafür schickt der dm-Kunde drei Handy-Fotos
über eine App an einen Online-Arzt,
füllt einen Fragebogen aus und erhält binnen
24 Stunden eine „fachärztliche Diagnose“ sowie
– falls nötig – „passende Therapie-Empfehlungen
samt Privatrezept“. Kosten je nach gebuchtem
Paket: 28 bis 68 Euro.
5
Kann die dm-Hautuntersuchung die
Kontrolle durch den Arzt ersetzen?
Gesetzlich Krankenversicherte haben ab dem
Alter von 35 alle zwei Jahre Anspruch auf einen
Haut-Check. Der Arzt oder die Ärztin überprüft
die gesamte Körperoberfläche. Das kann der
Online-Hautarzt nicht. Kommt man in die
Praxis, verwenden manche Ärzte Spezialgeräte,
die angeblich die Genauigkeit verbessern. Das
kostet dann extra, beginnend bei 25 Euro.
6
Was bezweckt der dm-Konzern damit?
Er will an Trends wie „Self Tracking“ per
Smartwatch teilhaben und die Messfreudigkeit
in die eigenen Filialen umlenken. In einem älteren
Interview sagte dm-Chef Christoph Werner,
„der Gesetzgeber“ werde darauf „reagieren
müssen“, dass Diagnosen im Drogeriemarkt
nicht zulässig seien. Und: „In den USA machen
Drugstores, also Drogerien mit integrierten
Apotheken, zwei Drittel ihres Umsatzes mit
Produkten oder Dienstleistungen, die wir in
Deutschland nicht anbieten dürfen.“
7
Haben andere Handelsketten ähnliche
Vorsorge-Initiativen gestartet?
„Wir beobachten aktuell eine Vielzahl von
Unternehmen, die in den Markt drängen und
damit werben, Augenkrankheiten telemedizinisch
feststellen zu können“, wird Daniel Pleger,
Vorsitzender des Berufsverbandes der Augenärzte
Deutschlands e. V. in einer Pressemeldung
zitiert. Der Kooperationspartner von dm, Skleo
Health, bietet seine Früherkennungsuntersuchungen
auch Optikern an. In zahlreichen Filialen
des Marktführers Fielmann kann man
seine Augen für 49 Euro auf Krankheiten untersuchen
lassen. Das Ergebnis liefert dann der
Schweizer Telemedizinanbieter Ocumeda.
8
Was kritisieren die Ärzteverbände?
Ihr zentrales Argument lautet: Ergeben die
– unzureichenden – Tests Beunruhigendes,
kommen die Patienten wieder zum Arzt. Tatsächlich
erfordert die korrekte Diagnose von
Glaukom, AMD, Retinopathie, Hautkrebs und
vielem, was zurzeit „telemedizinisch“ überprüft
wird, weitere Untersuchungen. Die Verbände
der Augen- und der Hautärzte säen Zweifel an
der Technik, mit der dm Netzhaut oder Muttermal
überprüfen lässt. Sie sei nicht validiert
oder unterschreite „den fachärzt lichen Standard“.
Es bestehe die Gefahr, dass manch einer
nach Erhalt des Ergebnisses trügerisch beruhigt
sei, andere grundlos besorgt. Letztere würden
die Termine beanspruchen, die andere
dringend brauchen. Christoph Werner bleibt
jedoch optimistisch: Es gebe eine neue Gesundheitsministerin
und die Haushaltslage sei angespannt,
so der dm-Chef im FAZ-Interview Mitte
Oktober. Er gehe davon aus, dass der Bund den
Gesundheitssektor bald stärker deregulieren
und neue Angebote möglich machen werde.
9
Welche Rolle haben die Apotheken?
Sie bieten selbst Früherkennungstests
wie etwa die Messung von Blutdruck, Blutzucker
oder Cholesterinwert per Kapillarblut an.
Das Ergebnis bleibt aber auf biochemische
oder physikalische Werte beschränkt, die Diagnosestellung
dem Arzt vorbehalten. Neue
Präventionsangebote, etwa zur Früherkennung
von Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes
sind in Planung. Nun macht dm den Apotheken
auch noch Konkurrenz im lukrativen
Sektor der rezeptfreien Medikamente. In
einem komplizierten Konstrukt mit einer Versandapotheke
in Tschechien will dm rezeptfreie
OTC-Produkte (engl.: „over the counter“
= über den Ladentisch) liefern. Der Kunde bestellt
und holt die Ware in der dm-Filiale ab.
Die tschechische Arzneimittelbehörde hat dafür
Ende Oktober ihre Genehmigung erteilt.
10
Was ist mit der Blutabnahme bei dm?
Abgesehen von zahlreichen Selbsttests,
die schon länger in Drogerien erhältlich sind,
will dm eine klassische ärztliche Aufgabe übernehmen:
venöses Blut abnehmen und analysieren.
Ein Probebetrieb läuft bereits in Karlsruhe.
Das Ergebnis liegt nach zwei Werk tagen vor.
Ein Test auf 24 Risikofaktoren für Herz und
Kreislauf kostet 24,95 Euro ein großes Blutbild
9,95 Euro. Wohl, um rechtlichen Problemen zu
entgehen, erhalten Kunden nur „Tipps zur besseren
Einordnung“. Sie seien „kein Ersatz für
eine ärzt liche Diagnose“. Eine „telemedizinische
Nachbesprechung“ ist extra buchbar. ❰
➡ Gesetzlich
Krankenversicherte
haben ab dem
Alter von 35 alle zwei
Jahre Anspruch
auf einen Haut-Check
Dubioser Fleck:
Fotografieren und
per App hochladen?
24
Stunden
So lange dauert es
laut dm bis die „fachärztliche
Diagnose“
auffälliger Hautveränderungen,
die
per Handy-Foto an
den Online-Arzt
geschickt wurden,
vorliegt
22/2025 my life
51
GESUNDHEIT
WENN DIE SEELE UM HILFE RUFT
„Nach außen war ich perfekt
– doch im Inneren leer“
Menschen mit einer hochfunktionalen Depression wirken besonders stark.
Im Stillen jedoch kämpfen sie mit Erschöpfung, Schlafstörungen und Anspannung.
Eine Patientin berichtet von ihrem Weg aus der Erkrankung
→
Kontrolliert, strukturiert, belastbar. Pia
Achilles schien alles im Griff zu haben –
Studium, Job, Familie. Doch innerlich fühlte
sich die Coachin für Frauen in Umbruchphasen
und HR-Teamleiterin immer leerer. „Einen klaren
‚Aufwachmoment‘ gab es für mich nicht.
Rückblickend sehe ich aber: Schon als Jugendliche
war ich seelisch belastet und litt an Angstzuständen.
Mit Anfang 20 lebte ich ein Doppelleben
zwischen Studium, Nebenjob und der
Rolle als Tochter, die das Leben ihrer schwer
depressiven Mutter managte.“
Diagnose. Der Wendepunkt kam erst viel
später durch eine erfahrene Therapeutin in
einer psychosomatischen Klinik. „Ich verstand,
dass mein jahrelanger Funktionsmodus
tiefe Spuren hinterlassen hatte. Dort erhielt
ich die Diagnose: schwere Depression mit
hochfunktionaler Ausprägung.“ Was nach
einem Widerspruch klingt, beschreibt ein
Phänomen, das Psychiaterin und Chefärztin
Prof. Stephanie Krüger immer häufiger beobachtet:
„Aus medizinisch-psychologischer Sicht
ist es so, dass eine hochfunktionale Depression
bei Menschen auftritt, die sich trotz
depressiver Symptomatik sehr unter Druck
setzen, im Alltag zu funktionieren. Das kann
beruflich sein, dass man eben auf der Arbeit
erscheint, obwohl man die ganze Nacht wach
gelegen hat, den ganzen Tag grübelt oder noch
schlimmere negative Gedanken hat. Man versucht,
allen gerecht zu werden und dass ja
keiner merkt, dass es einem nicht gut geht.“
Wenn Stärke zur Maske wird – und
Erschöpfung unsichtbar bleibt
Pia Achilles (heute 35) kennt dieses Versteckspiel
nur zu gut. „Ich missachtete körperliche
Warnsignale wie Kopfschmerzen, Libidoverlust,
Schlafstörungen oder Verdauungsprobleme.
Erholung blieb selbst in entspannten
Momenten aus. Aber meine Durchhalteparolen
ignorierten gekonnt die Alarmsignale meines
Körpers. Wenn Funktionieren zum Über-
Im Gleichgewicht Heute hilft die Expertin für Psychosomatik und zertifizierte
Coachin (mysoulcare.de) anderen Frauen in Umbruchphasen: individuell und sensibel
52 my life 22/2025
FOTOS: PICTUREPEOPLE GMBH; PR
lebensmodus wird, mobilisiert man Kräfte, die
man selbst nicht für möglich gehalten hätte.“
Gerade das mache die Diagnose so schwierig,
erklärt Prof. Stephanie Krüger. „Man kann ja
jetzt auch nicht jedem, der hochfunktional ist,
unterstellen, er sei depressiv.“ Nach außen
stark, innerlich erschöpft – ein gefährlicher
Kontrast, der in eine Abwärtsspirale führen
kann. „Sie sind im Grunde genommen depressiv,
wirken aber leistungsfähig und jeder
denkt, ach, mit ihm oder ihr ist alles in Ordnung.
Und so geraten sie immer weiter in den
Strudel aus ‚ich will unbedingt was leisten‘ und
‚keiner darf merken, dass es mir nicht gut
geht‘ “, sagt Prof. Stephanie Krüger.
Überlastung. Auch Pia Achilles hielt die Fassade
lange aufrecht. „Es war schwer, mir selbst
die Wahrheit einzugestehen: dass ich erschöpft
war, dass ich Angst vor Kontrollverlust hatte
und dass ich vermeintlich ‚gescheitert‘ bin. Ich
habe mein Schauspiel so perfektioniert, dass
die meisten Menschen um mich herum nichts
bemerkten. Manchmal wurde ich auf mein
enormes Pensum angesprochen, aber meine
Antwort war immer gleich: ‚Geht schon.‘ Meine
Mutter spürte, dass ich gereizter und ungeduldiger
wurde, was ich jedoch als Kritik empfand.
Schließlich war ich doch diejenige, die den
Laden am Laufen hielt …“
Warum Heilung mit
Selbsterkenntnis beginnt
Körperliche Warnzeichen sollten ernst genommen
werden, betont Prof. Stephanie Krüger:
„Allen voran die Schlafstörungen. Ich bin der
Meinung, dass dies der sensibelste Parameter
ist. Wenn über Schlafstörungen gesprochen
wird, sollte der Arzt oder die Ärztin hellhörig
werden.“ Aber erst die eigene Einsicht, dass
etwas nicht stimmt, kann den Weg zur Heilung
eröffnen. „Ehe man hier behandelt, muss
man die Betroffenen dazu bekommen, dass sie
das einräumen. Man muss zunächst die nötige
Sensibilität wecken“, so die Expertin.
Rückschau. Für Pia Achilles war dieser
Schritt eine Befreiung. In der Klinik begann sie,
ihre Dynamiken zu verstehen: „Durch die Therapie
und mein Interesse an psychologischen
Zusammenhängen hatte ich schon vor dem Klinikaufenthalt
verstanden, dass vieles in meiner
Kindheit seinen Ursprung hat. Jetzt konnte ich
das noch klarer sehen. Bis heute entdecke ich
Muster, Gefühle oder Glaubenssätze, die plötzlich
Sinn ergeben, wenn ich sie auf meine
Vergangenheit zurückführe.“ Die Behandlung
verläuft bei hochfunktionalen Patienten oft
mehrdimensional. „Bei dieser besonderen Form
der Depression muss natürlich die Lifestyle-
Änderung an vorderster Stelle stehen. Also
dass man eben nicht dauernd etwas leisten will,
nicht dauernd so tun muss, als ob alles in Ordnung
wäre. Das ist natürlich sehr, sehr schwer.
Und man kann auch mit Medikamenten nur
bedingt etwas verändern. Deshalb sollten dann
die psychologischen oder psychotherapeutischen
Veränderungen im Vordergrund stehen“,
erklärt Prof. Stephanie Krüger.
Die Summe kleiner Gewohnheiten
hilft der Balance im Leben
Neue Gewohnheiten und ein bewussteres Leben
können ebenso etwas bewirken. Pia Achilles
sagt: „Ich achte auf Schlaf, Ernährung und
regelmäßige Blutuntersuchungen für die optimale
Nährstoffversorgung. Tanzen, Pilates,
Atemübungen, Barfußlaufen, Massagen, Mi kropausen.
All das hilft mir, meine Belastungsgrenzen
wahrzunehmen. Aber: Es gibt keine
Patentlösung. Was heute passt, kann morgen
anders sein.“
Was Pia hilft, ist auch das, was Prof. Stephanie
Krüger ihren Patienten empfiehlt: behutsame
Veränderung statt Selbstoptimierung,
Vertrauen statt Verdrängung. „Wenn die Erschöpfung
Ausmaße annimmt, die Krankheitswert
haben, Stichwort Depression, dann
sollte man sich jemandem anvertrauen, den
man gut kennt, und dann gemeinsam überlegen,
ob nicht mal ein Arztbesuch angesagt
wäre.“ Oder eine Psychotherapie.
Achtsamkeit. Pia Achilles sieht es ähnlich,
weiß jedoch auch: „Vertraute Menschen sind
wichtig, aber sie ersetzen keine professionelle
Hilfe. Gut gemeinte Sätze wie ‚Das merkt man
dir gar nicht an‘ oder ‚Vielleicht brauchst du
einfach mal Urlaub‘ können sogar verhindern,
dass man sich wirklich öffnet. Der erste Schritt
ist also: sich selbst ernst zu nehmen. Es ist
kein Egoismus, das eigene Leben und Wohlbefinden
in den Mittelpunkt zu stellen. Meiner
Erfahrung nach ist das gelebte Selbstfürsorge,
von der am Ende alle profitieren.“
Heute hat die 35-jährige Wormserin gelernt,
dass Stärke viele Gesichter haben darf. „Lange
hatte ich Angst, mich zu verlieren, wenn ich
nicht mehr die Powerfrau bin, die immer alles
allein schafft. Heute weiß ich: Es geht nicht
darum, diese Seite aufzugeben. Es geht darum,
ihr ein ‚und‘ zu schenken: Funktionieren und
Fühlen dürfen nebeneinanderstehen. Das ist
für mich kein Widerspruch mehr, das ist
Menschsein.“
❰
Wenn die
Erschöpfung
Ausmaße
annimmt,
sollte man sich
jemandem
anvertrauen
Prof. Dr. med.
Stephanie Krüger,
Chefärztin in der Klinik
für Psychiatrie, Psychotherapie
und Psychosomatik
und dem
Zentrum für Seelische
Frauengesundheit an
den Vivantes Kliniken
Spandau und
Humboldt;
vivantes.de
22/2025 my life
53
GESUNDHEIT
Symptome, Ursachen und moderne Therapien
Wenn Er Migräne hat …
Prof. Christian Maihöfner erklärt, warum die männliche Form der neurologischen Erkrankung
oft untypisch verläuft – und wie Ärzte ihr dennoch auf die Spur kommen können
Stechende,
pulsierende
Kopfschmerzen
sind ein
Warnzeichen –
vor allem, wenn
sie regelmäßig
auftreten
Prof. Dr. med.
Christian Maihöfner
ist Chefarzt der
Klinik für Neurologie
am Klinikum Fürth;
klinikum-fuerth.de
? Haben Sie beim Thema Männer-Migräne
einen konkreten Fall aus Ihrer Praxis vor Augen?
Ja, tatsächlich. Neulich sah ich einen etwa
45-jährigen Mann, der seit Jahren unter massiven
Kopfschmerzen litt. Er war bereits bei vielen
Ärzten, keiner konnte ihm helfen. Letztlich
stellte sich heraus: Er leidet an chronischer Migräne.
Wir haben ihn auf eine neue Therapie
gegen einen bestimmten Botenstoff eingestellt,
das Calcitonin Gene-Related Peptid CGRP. Statt
an jedem zweiten Tag hat er nur noch ein bis
zwei Migräneattacken im Monat. Er kann wieder
ein fast normales Leben führen. Bei diesem
Patienten dachte ich mal wieder: Wow, dem
hätte man auch schon früher helfen können.
? Migräne gilt oft als Frauenkrankheit …
Migräne betrifft tatsächlich zwei- bis dreimal
häufiger Frauen als Männer. Jede fünfte Frau,
aber nur etwa jeder fünfzehnte bis zwanzigste
Mann leidet daran. Selbst Fachleute vermuten
bei Männern oft erst mal einen Spannungskopfschmerz.
Klar, dass sie dann auch nicht
richtig behandelt werden.
? Macht sich eine Migräne bei Männern
denn anders bemerkbar als bei Frauen?
Ja. Frauen klagen häufiger über halbseitige
Kopfschmerzen – klassisch für Migräne. Männer
berichten öfter über einen beidseitigen
Schmerz. Außerdem haben sie häufiger neurologische
Begleitsymptome wie Sehstörungen
oder Taubheitsgefühle – eine sogenannte Aura,
welche die Migräne ankündigt. Und es gibt bei
Männern sogar Auren ohne Kopfschmerz, was
die Diagnose zusätzlich erschwert.
? Welche Fehldiagnosen begegnen Ihnen?
Bei Männern denkt man eher, der ist jetzt abgearbeitet,
der hat viel Stress, das sind sicher
Spannungskopfschmerzen. Wenn zusätzlich
neurologische Symptome auftreten, werden sogar
Epilepsien oder andere neurologische Erkrankungen
vermutet. Ein MRT und ein EEG
helfen dabei, solche Ursachen auszuschließen.
? Was sind typische Alarmsignale?
Stechende, pulsierende Kopfschmerzen sind
ein Warnzeichen – vor allem, wenn sie regel-
mäßig auftreten. Kommen Sehstörungen, Gefühlsstörungen
oder Sprachprobleme hinzu,
sollte man dringend eine Fachpraxis oder eine
Kopfschmerz-Sprechstunde aufsuchen.
? Gibt es bei Männern typische Auslöser?
Schlafmangel und Alkoholkonsum spielen
eine große Rolle. Auch Stress, insbesondere
negativer Dauerstress. Was viele verwechseln:
Vermeintliche Auslöser wie Schokolade sind
eher Folge eines Migräne-Prodroms – einer
Vorbotenphase mit Heißhunger, Stimmungsschwankungen
oder Schlafproblemen.
? Wie genau entsteht diese erste Phase?
Man vermutet eine veränderte Kommunikation
zwischen dem Hypothalamus – unserem
Schaltzentrum für Appetit, Schlaf und Stress
– und Hirnstammstrukturen. Diese Störung
aktiviert einen sogenannten Migräne-Generator.
In der Folge kommt es zu Entzündungsprozessen
an der harten Hirnhaut, die Gefäße
weiten sich. Zusammen mit verschiedenen
Entzündungsbotenstoffen verursacht das die
typischen pochenden Schmerzen. Eine zentrale
Rolle spielt der Botenstoff CGRP.
? Wie sieht eine moderne Behandlung aus?
Es gibt zwei Säulen: In der Akuttherapie einer
Attacke gelten Triptane in Kombination mit
Mitteln gegen Übelkeit als Goldstandard. Zur
Prophylaxe, einer vorbeugenden Therapie,
wenn Migräne häufig oder besonders heftig
auftritt, gehören Entspannungstechniken,
Ausdauersport oder Methoden zur Stressbewältigung
wie Meditation, Qigong oder Yoga.
Als Medikamente setzen wir hier Betablocker
oder neuerdings auch die CGRP-Antikörper ein
– für viele Betroffene ein echter Gamechanger.
? Viele Männer neigen dazu, Symptome
zu bagatellisieren. Was sagen Sie ihnen?
Wenn Kopfschmerzen immer wiederkehren,
mit neurologischen Symptomen einhergehen
oder den Alltag beeinträchtigen, sollte man
das ernst nehmen und sich ärztliche Hilfe suchen.
Denn: Migräne lässt sich heute sehr gut
behandeln. Man muss sich nur trauen, den
ersten Schritt zu machen.
❰
FOTOS: ADOBE STOCK; KLINIKUM FÜRTH
54 my life 22/2025
TIERE
Hundegesundheit
Wichtige Impfungen
für Ihren Liebling
Sie verhindern teils tödliche Erkrankungen der Vierbeiner oder schützen vor der
Verbreitung infektiöser Krankheiten: Immunisierungen. Ein Überblick
mit dieser Virusinfektion infiziert, kommt es
zunächst zu Veränderungen der Leber wie
Leberfibrose oder Leberzirrhose mit einer anschließenden
chronischen Hepatitis.
Symptome: Verbreitet sich das Virus im Körper
und befällt Leber, Nieren und Augen,
leidet der Hund häufig an Fieber, Apathie,
Erbrechen, Leibschmerzen, Durchfall, Durst,
Appetitlosigkeit, Gelbsucht, Blutungen und
Ödemen. Therapie: Behandlung der Symptome,
Gabe von Infusionen.
Herzwürmer
Sie kommen im Mittelmeerraum vor und
werden durch Mückenstiche übertragen. Die
Erkrankung betrifft die Lunge.
Symptome: Atemnot, Husten und Konditionsschwäche.
Kurz vor einer Auslandsreisen die
Prophylaxe mit Tabletten starten! Therapie:
viel Ruhe, Medikamente, eventuell Operation.
FOTOS: ADOBE STOCK; SHUTTERSTOCK; MONTAGE
Pudelwohl Damit die
süßen Fellnasen gesund
und munter bleiben,
sollte man immer auch
den Impfschutz denken.
Ihr Tierarzt kann Ihnen
sagen, welche Immunisierung
für Ihren Hund
infrage kommt
→
Impfungen sind nicht nur im normalen
Alltag mit Hund von Bedeutung. Wer
etwa mit seinem Vierbeiner verreisen möchte,
tut gut daran, sich vorab zu informieren, welche
Vakzinationen nachzuweisen sind.
Borreliose
Die Infektionskrankheit kann nach Bissen von
mit Borrelien (Bakterien) infizierten Zecken
auftreten. Anders als Menschen kann man
Hunde dagegen impfen, dafür aber nicht gegen
FSME, was umgekehrt möglich ist.
Symptome: Fieber, Mattigkeit, Schwellung der
Lymphknoten und Gelenke, Entzündung der
Gelenke und Nieren. Therapie: Antibiotikum.
Hepatitis contagiosa canis
Hat sich ein Hund vor allem durch die Aufnahme
von Urin oder urinhaltigem Futter
oder Wasser über den Nasen-Rachen-Raum
Leishmaniose
Sandmücken übertragen diese Infektion.
Symptome: Appetitmangel, Gewichtsverlust,
Schwäche, vergrößerte Lymphknoten, Haarausfall,
(schuppige) Hautveränderungen und
-geschwüre, Krallenveränderungen, Lahmheit,
Fieber, Durchfall, zentralnervöse Störungen.
Bei Auslandsreisen daher den Hund rechtzeitig
impfen! Therapie: Medikamente, lebenslange
regelmäßige Kontrolle.
Leptospirose
Diese Infektionskrankheit wird durch Bakterien
übertragen, die sich in Körperflüssigkeiten
– meist von Nagetieren – wie Blut, Urin
oder Speichel befinden und ins Erdreich oder
Wasser gelangen (etwa Pfützen oder nicht
freigegebene Badeseen).
Symptome: Mattigkeit, Fieber, Appetitlosigkeit,
Erbrechen, Gelbsucht, beschwerliche Atmung,
Husten, Entzündung, Absterben und
Versagen von Leber und Nieren, Lungen-,
Die neue My Life gibt’s ab 1. Dezember gratis in Ihrer Apotheke
DOSSIER
Endlich wieder
befreit durchatmen
Х Hoffnung: Neue Therapien bei nicht
allergischem und allergischem Asthma
geben Betroffenen Lebensqualität zurück
Х Wirkung: Rückenschmerzen, Alzheimer,
Stress: Wer seine Lunge trainiert, kann
damit verschiedensten Leiden vorbeugen
Х Selbsthilfe: Ein Pneumologe erklärt,
was „gesundes Atmen“ ausmacht, und
warum auf er die 6-3-6-3-Technik setzt
Alle Jahre wieder An Weihnachten
steht Singen hoch im Kurs. Warum
wir es für Lunge, Gehirn und Seele
aber viel öfter tun sollten – vor allem
im Chor – wissen unsere Experten
Das wird ein Fest! Ob klassisch
mit feinem Rinderschmorbraten (o.)
oder vegetarisch mit Kürbis-Trüffel-
Strudel – unsere feinen Genuss-
Menüs lassen keine Wünsche offen
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(FOCUS), Annette Schmiede, Barbara Sonnentag,
Antje Sommerkamp
Experten dieser Ausgabe: Prof. Dr. med. Matthias
Blüher; Katja Braubach; Prof. Dr. med. Tom Bschor;
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Dr. med. Tobias Gampert; Prof. Dr. med. Timo Grimmer;
Dr. med. Bernhard Junge-Hülsing; Tatyana Korotkow;
Prof. Dr. med. Stephanie Krüger; Apl. Prof. Dr. rer.
nat. Stephanie Kullmann; Prof. Dr. med. Ute Lewitzka;
Univ.-Prof. Dr. med. Christoph Maack; Prof. Dr. med.
Christian Maihöfner, MHBA; Nicolas Namoradze;
Dr. med. Jürgen Ropers, MHBA; Prof. Dr. med. Julia
Seiderer-Nack; PD Dr. med. Miriam Stengel, MHBA;
Prof. Dr. med. Stephan Zipfel; Dr. med. Sylvia Zipse
Apotheker-Serie: Dr. pharm. Benedikt Bühler
Stiftungs-Beirat: Felix Burda Stiftung, Dr. Christa
Maar †; Dt. Alzheimer Stiftung, Heike von Lützau-
Hohlbein; Dt. Diabetes Stiftung, Prof. Dr. med. Rüdiger
Landgraf, Adrian Polok; Dt. Herzstiftung, Prof. Dr. med.
Thomas Voigtländer, Martin Vestweber; Prof. Dr. med.
Heinrich Hess Stiftung, Prof. Dr. med. Heinrich Hess,
Jürgen Vogelgesang; Dt. Krebshilfe, Gerd Nettekoven;
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