Rüstkammer Dresden. Gewehrgalerie im Langen Gang
ISBN 978-3-422-80312-1
ISBN 978-3-422-80312-1
- Keine Tags gefunden...
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
Rüstkammer Dresden
Gewehrgalerie im Langen Gang
Herausgegeben von den
Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Marius Winzeler
Stefano Rinaldi, Gernot Klatte
Inhalt
6 Die Gewehrgalerie im Residenzschloss Dresden
MARIUS WINZELER
10 Die Baugeschichte des Langen Ganges
GERNOT KLATTE
17 Ahnengalerie und Turnierbilder:
Die Gemäldeausstattung des Langen Ganges
STEFANO RINALDI
24 Zur Geschichte der Gewehrgalerie
STEFANO RINALDI
32 Hauptwerke
34 Dresden
48 Suhl
56 Höfisches Scheibenschießen
58 Kursachsen und ernestinische Herzogtümer
64 Deutschland
70 Ein Dreimalumschläger- Radschloss als Meisterstück
72 Böhmen und Ungarn
80 Schlesien und Österreich
88 Müllerbüchsen
90 Frankreich
105 Spanien und Portugal
112 Schneller schießen!
114 Italien
124 Schottland, England, Lüttich
130 Schießen mit Luft
132 Die Niederlande und ihre Kolonien
140 Polen, Ostseeraum, Russland
148 Glossar
150 Literaturauswahl
152 Impressum / Bildnachweis
Umschlagklappe vorn: Verzeichnis der historischen Personen
Umschlagklappe hinten: Künstler- und Herstellerverzeichnis
Die Gewehrgalerie im
Residenzschloss Dresden
MARIUS WINZELER
6
Die Gewehrgalerie im Langen Gang des Dresdner Residenzschlosses
bietet eine einzigartige Zusammenschau von über 500 kunsthandwerklich
herausragenden Feuerwaffen des 16. bis 18. Jahrhunderts in
einem gleichfalls singulären Raumbild der Spätrenaissance. Hier kann
ein Museumskonzept des 18. Jahrhundert an seinem authentischen
Ort in zeitgenössischer Inszenierung erlebt werden.
Ab 1709 hatte der sächsische Kurfürst und polnische König
August der Starke begonnen, seine Sammlungen neu zu organisieren
und aufzustellen. So gründete er Kupferstich-Kabinett und Grünes
Gewölbe, ließ die Rüstkammer aus dem Neuen Stall in die alte
Kriegskanzlei umsiedeln und bestimmte den Zwinger zum Palais Royal
des Sciences. Ab 1722 verfügte der Herrscher zudem, dass die bislang
verstreut aufbewahrten Feuerwaffen zusammengeführt werden
sollen. Es war allerdings seinem Sohn Friedrich August, dem späteren
polnischen König August III. vorbehalten, 1733 für dieses »Leibgewehr«
eine eigene Schausammlung im Langen Gang einzurichten,
die er in der Folgezeit weiter ergänzte. Die Gewehrgalerie blieb bis
zum Zweiten Weltkrieg erhalten und besteht seit 2021 erneut.
Zunächst allerdings hatte der 1588 – 1590 errichtete Lange Gang
eine andere Funktion: Er verband den Georgenbau des Residenzschlosses
mit dem Neuen Stall und diente als Ahnen galerie. Der junge
und ambitionierte Bauherr Christian I. setzte damit ein Zeichen seines
Traditionsverständnisses, das gleichzeitig Machtbewusstsein und
politischen Gestaltungswillen zeigte. Das von Paul Buchner entworfene
Stallgebäude für die kostbarsten Leibpferde und die Bestände
der ins frühe 16. Jahrhundert zurückgehenden Rüstkammer verschaffte
dem Residenzkomplex eine neue Schaufassade zur Stadt.
Das Schlossareal erhielt damit eine repräsentative Erweiterung.
Zudem wurde der Stadtraum neu definiert. Die mittelalterliche Stadt -
mauer zur Elbe hatte durch die vor gelagerten Kasematten der Renaissancebefestigung
(heutige Brühlsche Terrasse) ihre fortifikatorische
Bedeutung verloren. Der Kurfürst erwarb 24 daran angrenzende
Grundstücke und ließ zwischen Schloss und Stall einen geräumigen
Turnierplatz, den Stallhof, anlegen. Vor die alte Stadtmauer wurde
ein eleganter Arkadengang und darauf der Lange Gang gesetzt. Der
Impuls dazu stammte zweifellos von Giovanni Maria Nosseni, der 1575
als Bildhauer, Architekt und Festregisseur aus Florenz nach Dresden
gekommen war.
Blick in die Gewehrgalerie
in Richtung
Westen zum Eingang
16
Ahnengalerie und Turnierbilder:
Die Gemäldeausstattung des Langen
Ganges
STEFANO RINALDI
Heinrich Göding d. Ä.
(Kopie nach),
Harderich, König der
Sachsen, wohl
Dresden, vor 1728,
Rüstkammer,
Staatliche Kunstsammlungen
Dresden
Der Lange Gang erfüllte primär die Funktion eines Verbindungsbaus
zwischen Residenzschloss und Neuem Stall. Zudem diente er als
architektonischer Abschluss des für Feste und Turniere ausgestatteten
Stallhofs. Von Anfang an war aber auch eine Verwendung als
Präsentationsort von Bildern vorgesehen. Dieses Nutzungskonzept,
das offensichtlich von italienischen Vorbildern beeinflusst war, wurde
wohl von dem in Florenz ausgebildeten Hofkünstler Giovanni Maria
Nosseni eingegeben. Ursprünglich strebte Kurfürst Christian I. an, für
diesen Zweck eine Reihe von Bildnissen berühmter Persönlichkeiten
zusammenzustellen. Solche Sammlungen von sogenannten uomini
illustri waren in humanistischen Kreisen nicht nur in Italien besonders
beliebt. 1588 hatte sich der Kurfürst aber zugunsten eines dynastischen
Bildprogramms umorientiert: einer Ahnengalerie, die anhand
von 47 Herrscherporträts die Abstammung des regierenden Kurfürsten
vom spätantiken Sachsenstamm belegen sollte. Die zum Teil
fiktive dynastische Abfolge basierte auf den genealogischen Forschungen
des sächsischen Hausgelehrten Petrus Albinus. Die Ahnenserie
setzte mit König Harderich (1. Jh. v. Chr.) als legendärem Begründer
des Hauses Sachsen an und führte in direkter Linie zu den
Kurfürsten der albertinischen Linie der Wettiner – unter Auslassung
des älteren ernestinischen Familienzweigs.
Die überlebensgroßen Bildnisse in Ganzfigur wurden ab 1589 vom
Hofmaler Heinrich Göding d. Ä. und seiner Werkstatt geliefert. Im
Hintergrund war jeweils eine Episode aus dem Leben des dargestellten
Fürsten abgebildet. Präsentiert wurden die monumentalen Leinwandgemälde
in großen Schmuckrahmen, die mit geschnitzten und farbig
gefassten Applikationen verziert waren. Unter jedem Bild befanden sich,
von manieristischen Schnitzkartuschen gerahmt, ein kleines ovales
Ereignisbild mit einer Heldentat des dargestellten Ahnen, sein Wappen
sowie eine kalligraphische Schrifttafel mit einer Kurzbiographie auf
Deutsch und einem lateinischen Distichon. Die Kombination aus
Porträt und Textunterschrift (in diesem Fall erweitert um zwei Historienbilder)
folgte dem Grundprinzip humanistischer Bildnis-Sammlungen.
Nach dem Tod Christians I. wurde die Serie mit den Porträts
seiner Erbfolger bis zu Kurfürst Friedrich Christian erweitert (es fehlte
nur August III.). Ein Porträt (dasjenige von Herzog Georg dem Bärtigen)
wurde zu einem unbestimmten Zeitpunkt vor 1873 entfernt.
Einleitung
17
18
Wandabschnitt
im Langen Gang
mit Ahnenbild des
Kurfürsten Friedrich
des Sanftmütigen,
Aufnahme 1943
Gödings originale Ahnengalerie zählt leider zu den Dresdner
Kriegsverlusten; erhalten haben sich lediglich ein Teil der Schmuckrahmen
sowie eine einzige Schrifttafel samt Kartusche. In der Dauerausstellung
werden hingegen 20 Bildnisse aus einer Kopien- Reihe im
annähernd gleichen Format präsentiert. August der Starke ließ sie um
1728 für einen Saal der Festung Königstein anfertigen. Die Kopien
reproduzieren Gödings Originale zuverlässig; allerdings waren für die
Reihe auf Königstein keine Texttafeln vor gesehen, sodass hier eine
Kurzfassung der jeweiligen Biografie in der Bildfläche integriert wurde.
Die große Lebendigkeit der verlorenen Gödingschen Ahnenporträts
ist in diesen qualitätsvollen Abbildern gut erkennbar – insbesondere
in den früheren, fiktiven Vorfahren. Mit ihren kuriosen Waffen und
exotischen Trachten verkörpern sie einen antiklassischen germanischen
Abstammungsmythos, der sich dem italienisch geprägten
Architekturrahmen und dem humanistischen Sammlungskonzept fast
programmatisch gegenüberstellt. Die barocken Repliken der Ahnenbilder
konnten 2001 – 2005 mit großzügiger Unterstützung der Getty
Foundation restauriert werden.
Das von Göding für den Langen Gang realisierte Bildprogramm
umfasste noch eine zweite Gemäldeserie. Hierbei handelte es sich
um Darstellungen der Turniere von Kurfürst August, dem Vater
Christians I. August hatte diese höfische Sportart in all ihren Varianten
leidenschaftlich praktiziert und seine insgesamt 55 Teilnahmen an
Rennen und Stechen in einem illustrierten Turnierbuch dokumentieren
lassen (ehemals Sächsische Landesbibliothek Dresden, Kriegsverlust).
Diese Handschrift nutzte Göding als Bildquelle. Die Ölgemälde
Einleitung
Schrifttafel zu Kurfürst Friedrich dem Streitbaren, Heinrich Göding d. Ä. und Werkstatt,
um 1589 – 1592, Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
19
20
Einleitung
21
Vitrinen 1, 3 und 5
Dresden
Nachweise für Dresdner Büchsenmacher existieren schon seit dem
späten 15. Jahrhundert. Die frühesten Exemplare von Handfeuerwaffen
Dresdner Hersteller datieren 1567, es handelt sich um ein Paar Radschlosspistolen
mit den Initialen SS des Büchsenmachers Stefan
Schickradt für Kurfürst August, das noch heute in der Rüstkammer
verwahrt wird.
Die Geschichte der Dresdner Büchsenmacher der frühen Neuzeit
ist auch eine Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Hof und
Stadt, zwischen kurfürstlichen Büchsenmachern und der bürgerlichen
Zunft. Oft arbeiteten Büchsenmacher jahre- und jahrzehntelang für
den Hof ohne Meisterprüfung, die manchmal später nachgeholt werden
musste.
Meister wie Zacharias Herold, Anton, Abraham und Christoph
Dreßler fertigten Handfeuerwaffen – Pistolen und Gewehre – für den
Hof; für die Kurfürsten August, Christian I. und Christian II. schufen sie
Waffen in verschieden ausgestatteten und dekorierten Versionen. An
Radschlossgewehren Dresdner Büchsenmacher ist in der Rüstkammer
allerdings nur noch wenig vorhanden, denn größere Bestände wurden
besonders im 18. und zum Teil auch später veräußert oder entsorgt, da
sie nicht mehr den hohen Ansprüchen entsprachen oder technisch so
veraltet waren, dass eine Umarbeitung nicht mehr lohnenswert erschien.
Frühe besonders reich ausgestattete Dresdner Radschlosspistolen
sind dagegen noch immer in der Rüstkammer vorhanden und
werden im Residenzschloss präsentiert. Auch die standardisierten
Pistolen des späten 16. und des
frühen 17. Jahrhunderts für die
Leibtrabanten sind ausgestellt.
Einige davon entstammen der
Werkstatt des Dresdner Büchsenmachers
Hans Stockmann
sowie weiterer Hofbüchsenmacher
wie Georg Geßler. Neben
den namentlich bekannten
Büchsenmachern, welche die
Waffen zusammensetzten und
34
das Schloss anfertigten,
waren weitere Gewerke am
Gesamtwerk beteiligt:
Laufschmiede, Büchsenschäfter,
Gelbgießer und
Graveure. Diese sind
namentlich meist nicht
bekannt, zwei Ausnahmen
sind die Schäfter Hans
Fleischer und Hans Frost,
die mit HF signierten.
In der Zeit des Dreißigjährigen
Krieges entstanden
nur wenige höfische Feuerwaffen
in Dresden. Während
Büchsenmacher wie Martin
Süssebecker und Nikolaus
Fichtner aus der Mitte des
17. Jahrhunderts in Dresden
eher solide als prunkvolle Werke hinterließen, stammten die führenden
Dresdner Büchsenmacher in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts aus der
Familie Herold. Vater Balthasar und die Söhne Johann Georg und
Christian sind in der Sammlung mit Radschlosswaffen vertreten. Seit
den 1690er Jahren wurden auch in Dresden Steinschlossflinten und
-pistolen hergestellt. Bei den Büchsen blieb zunächst das Radschloss
vorherrschend. Zu den Büchsenmachern, die sowohl Feuerwaffen mit
Radschlössern als auch solche mit den modernen Steinschlössern
(»französische Schlösser«) anfertigten, gehörten u. a. Valentin Rewer
und Andreas Erttel, die für den Hof Augusts des Starken arbeiteten.
Unter den Kurfürst-Königen August dem Starken und August III.
erlebten die Gewerke der Büchsenmacher bis zum Siebenjährigen Krieg
eine letzte, große Blüte. Dies betrifft Büchsenmacher und Laufschmiede,
aber auch Schäfter, Graveure und Dekorateure. Ihr Zusammenspiel
zeigt ihren Höhe- und Endpunkt in den außergewöhnlich subtil und
feingliedrig verzierten Radschlossbüchsen zum Scheibenschießen.
Aber auch die Neuschäftung und -montierung qualitätsvoller osmanischer
Läufe spielte in den 1730er bis 1740er Jahren für Dresdner
Meister eine bedeutende Rolle. GK
35
Vier Radschlossbüchsen
Hans Stockmann, Dresden, 1605
117,5 / 116,4 / 117,4 / 117,5 cm, Ø 15 / 16 mm, 4768 / 4404 / 4328 / 4786 g
Inv.-Nr. G 233, G 234, G 235, G 236
Der führende und produktivste Dresdner Büchsenmacher der ersten beiden Jahrzehnte
des 17. Jahrhunderts war Hans Stockmann. Seine Lebensdaten sind unbekannt,
für 1590 ist die Lieferung einer Schrotbüchse für ihn bezeugt, zuletzt wird er
1639 erwähnt. Sicher sind seine Tätigkeit seit 1600 am Zeughaus, seine Ernennung
1603 – auf Geheiß des Kurfürsten und ohne Meisterstück – zum Innungsmeister
sowie der Erwerb des Bürgerrechts 1605. Stockmann arbeitete vor allem für den
kurfürstlichen Hof, wobei sich in seinem Werk reich verzierte Handfeuerwaffen für
den Kurfürsten und sein Umfeld und einfacher gearbeitete Radschlosspistolen für
die Garde, die Leib trabanten, abwechselten. Gut 120 Feuerwaffen Stockmanns
haben sich allein in der Dresdner Rüstkammer erhalten.
Einen Höhepunkt der Dresdner Büchsenmacherkunst vor dem Dreißigjährigen
Krieg bilden die vier Prunkgewehre des Hans Stockmann für Christian II. Die
vier Büchsen zeigen auf dem Anschlag die in der Renaissance beliebte antike Sage
von Pyramus und Thisbe, die zuerst in Ovids Metamorphosen erzählt wird. Thisbe
stürzt sich nach dem gerade tot aufgefundenen Geliebten Pyramus ins Schwert –
ein Motiv, das genau zu dieser Zeit auch von Shakespeare verarbeitet wurde: Die
Tragödie von »Romeo und Julia« (1597) ist eine Paraphrase der antiken Geschichte.
Das Thema der Liebe – nun in ehelicher Verbindung – zeigt die Darstellung eines
jungen Paares auf der Schlossgegenseite: vielleicht der junge Kurfürst Christian II.
und seine ihm frisch (1604) angetraute Gemahlin Hedwig, geborene Prinzessin von
Dänemark. Die Initialen und Wappen des Paares tauchen an mehreren Stellen der
36
Prunkgewehre auf: in Messing graviert und vergoldet auf der Schlossplatte (Wappen)
und auf den Kolbenplatten (Wappen von Kursachsen und Dänemark, die drei
dänischen Löwen) mit Initialen sowie auf der Schlossgegenseite in Perlmutt graviert
die Initialen C und H. Neben diesen heraldischen Motiven und dem Pyramus und
Thisbe-Motiv finden sich Darstellungen von Tieren, von Leda und dem Schwan,
außerdem Grotesken, Rollwerk sowie auf den Kolbenladedeckeln jeweils eine Justitia
(mit unverbundenen Augen).
Der junge Kurfürst ließ die Vierergruppe 1605 anfertigen, ein Jahr nachdem sein
jüngerer Bruder Herzog Johann Georg (späterer Kurfürst Johann Georg I.) anlässlich
seiner Hochzeit (1604) mit der Herzogin
Sibylla Elisabeth von Württemberg-
Mömpelgard (Montbéliard) eine erste
Prunkgarnitur an Radschlossbüchsen
bei Stockmann bestellt hatte. Jene
Vierergarnitur befindet sich ebenfalls im
Bestand der Rüstkammer (ausgestellt
auf Schloss Hartenfels in Torgau). GK
Dresden
37
Radschlossbüchse mit indirekter Spannachse
(sog. Dreimalumschläger)
Georg Geßler, Dresden, 1611
112,8 cm, Ø 10 mm, 3352 g
Inv.-Nr. G 237
Neben Stockmanns Arbeiten verdienen die Werke Georg Geßlers aus den ersten
beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts besondere Beachtung. Der gebürtige
Straßburger kam um 1605 nach Dresden und wurde in diesem Jahr Mitglied der
Innung. Unter Kurfürst Christian II. und Johann Georg I. war er Rüstknecht »auf dem
Stall«, also in der Rüstkammer im kurfürstlichen Stallgebäude. Er fertigte vor allem
prunkvolle und reich verzierte Feuerwaffen für den Dresdner Hof.
Qualitativ herausragend ist die Radschlossbüchse,
die als sogenannter Dreimalumschläger
(→ vgl. S. 70 – 1) ausgebildet ist. Laufmündung
und Visier sind als Drachen gestaltet: Bei
letzterem können die Flügel hoch- und heruntergeklappt
werden, um auf unterschiedliche
Entfernungen zu zielen (→ vgl. Abb. S. 34). Die
prunkvolle Büchse zeigt in ihren Dekorationen
unterschiedliche Motive aus der christlichen
Ikonographie – wie den Pelikan mit seinen Jungen
auf der Radabdeckung –, zeit genössische
Jagddarstellungen – der Jäger mit Jagdhund –,
exotische und einheimische Tiere wie Elefant
und Hirsch sowie die Darstellung einer vornehmen
reitenden Dame auf der Kolbenplatte,
die man vielleicht als Kurfürstin-Mutter Sophia
38
deuten kann. Ausgeführt sind diese als vergoldete
Messingapplikationen und als gravierte Beineinlagen.
Bemerkenswert ist die Darstellung des Jägers im
Medaillon auf dem Anschlag: An der Leine führt er
einen Hund, der außerhalb des Medaillons platziert ist.
Die Drachen-Motivik des Laufes als Schuppenpanzer,
der Laufmündung und des Visiers geht auf ältere
Traditionen zurück: Sowohl Handfeuerwaffen als auch
repräsentative Bronze-Geschütze des 16. Jahrhunderts
führen den feuerspeienden Drachen als furchteinflößendes
Symbol.
Eine erhaltene Rechnung im Sächsischen Staatsarchiv
beschreibt »eine schöne vorgülte Pirschbüchse«,
die Kurfürstin (-Witwe) Sophia bei Georg
Geßler bestellt und »zum heyligen Christ« verschenkt
habe. Sie kostete 62 Gulden und 18 Groschen. Der
Name des Empfängers ist nicht ganz gesichert, wahrscheinlich
Christian II. oder Johann Georg I.: Die
Büchse taucht zuerst im Büchsenkammer- Inventar
von 1667 auf. Dort, ziemlich sicher auch durch die
Bemerkung »dreimal umzuschlagen« sowie als Meisterwerk
des Büchsenmachers Georg Geßler identifizierbar,
wird sie als Geschenk der Kurfürstin-Mutter an
Kurfürst Christian II. bezeichnet. Die Datierung »1611« auf dem Lauf ist allerdings
problematisch: Christian II. war bereits im Juni 1611 gestorben. Vielleicht erhielt sie
dann sein ihm nachfolgender Bruder Johann Georg I. zu Weihnachten. GK
Dresden
39
Paar Radschlosspistolen
Christian Herold, Dresden, vor 1663
64,8 / 64,6 cm, Ø 13 mm, 1255 / 1235 g
Inv.-Nr. J 491, J 492
Der bedeutendste Büchsenmacher der Familie Herold war der jüngere Sohn Christian
Herold, der exklusive Prunkwaffen für die Kurfürsten Johann Georg II. und III.
anfer tigte. Zu sehen ist seine Dekorationskunst an den vergoldeten Schlössern und
Beschlägen dieses Paares Radschlosspistolen. Das Motiv der Korn- und Sonnenblumen
taucht wiederholt in diesen frühbarocken Ornamenten auf. Die Vorlagen für
diese Blütenmotive könnten in Stichwerken wie dem des französischen Büchsenmachers
François Marcou liegen, das 1657 in Paris erschienen war. Auf den Kolbenkappen
wirkt das sächsische Kurwappen in Gold vor dem dunkelgebläuten Hintergrund
besonders dekorativ. Die Pistolen zeichnen sich vor allem durch die elegante
Gesamtform und die sparsam gesetzten Dekorationen aus.
Ein fast identisches Pistolenpaar – ebenfalls im Bestand der Rüstkammer –
schuf Herold für den Landvogt der Oberlausitz und kursächsischen Oberhofmarschall
Curt Reinicke I., Reichsgraf von Callenberg (den Ururgroßvater des Fürsten
Hermann von Pückler-Muskau). Weitere Radschlosspistolen des Meisters, die
ebenfalls die kräftig vergoldeten Schloss- und Laufdekorationen zeigen, sind in
ihren Grundformen an zierliche Teschener Büchsen bzw. an damals ganz moderne
französische Pistolen angelehnt. GK
40
Radschlossbüchse (von einem Paar)
Christian Herold, Dresden, 1672
111,8 cm, Ø 16 mm, 4492 g
Inv.-Nr. G 362
Das Paar Radschlossgewehre, welches 1672 Landjägermeister Georg Carl von
Carlowitz dem Kurfürsten Johann Georg II. verehrt hatte, zeigt Christian Herold auf
der Höhe seiner Dekorationskunst. Die Schlossplatten und Läufe sind ganzflächig
mit geätztem und graviertem Blumen- und Pflanzendekor überzogen, das üppig
vergoldet ist. Eine der Büchsen ist zudem mit Edelsteinen, teils in Form von Rosetten,
besetzt: Amethyst, Bergkristall, Topas und Opal, die zum Teil aus dem Erzgebirge
stammen. Georg Carl von Carlowitz hatte seinen Stammsitz in Wolkenstein im Erzgebirge,
wodurch die Ausstattung des Gewehres mit (zum Teil) einheimischen Steinen
zu erklären ist. Ob die Topase (gesicherte Funde im Erzgebirge erst Anfang des
18. Jahrhunderts) wirklich sächsisch sind, ist noch ungeklärt. Die Opale stammen
wahrscheinlich aus Indien, die Granate wohl aus Böhmen. Hervorragende Email-
Malereien, die wahrscheinlich in Augsburg speziell für die Büchsen angefertigt
wurden, ergänzen die Dekoration. Auf dem Anschlag ist die Darstellung des heiligen
Georgs als Drachentöter zu sehen. Weitere Motive der Email-Arbeiten sind zeitgenössische
Jagdszenen und eine Darstellung der Diana.
Ein anderes Paar Radschlossgewehre desselben Hofkünstlers aus der gleichen
Zeit – und in der Grundform fast identisch mit dem Prunk-Paar – ist aus Anlass der
Aufnahme des Kurfürsten Johann Georgs II. in den englischen Hosenbandorden
(1669) entstanden. Christian Herold war auch als Ätzmaler für Harnische für die
Kurfürsten Johann Georg II. und III. tätig, u. a. dekorierte er zeremonielle Harnischkragen
mit den Insignien
des englischen Hosenbandordens
und des
dänischen Elefantenordens.
GK
Dresden
41
Steinschlossflinte
Valentin Rewer, Dresden, um 1700
160 cm, Ø 17 mm, 3644 g
Inv.-Nr. G 1562
Valentin Rewer, seit 1695 als Büchsenmacher am Dresdner Zeughaus bestallt, schuf
mit dieser langen Steinschlossflinte seine vielleicht bemerkenswerteste Arbeit. Sie
dürfte um 1700 entstanden sein, wofür auch das bombierte Schloss spricht. Neben
der Eisenschnittarbeit auf der Laufkammer, die den Kriegsgott Mars und Waffentrophäen
zeigt, sticht am Kolben die dekorative Schäftung aus geflammtem und gebeiztem
Birkenholz heraus. Silberdrahteinlagen münden in gravierten Silberplatten,
die einen antiken Reiter, einen Kentauren und einen feuerspeienden Drachen zeigen.
Offensichtlich spielten französische Luxusflinten eine Rolle als mögliche
Vor bilder für die Dekoration der Flinte, sowohl in der technischen Ausführung als
auch in der Motivik. Mit seinen pittoresk-naiven gravierten Silbereinlagen parodiert
Rewers Werk die streng formalistischen französischen Vorbilder Piraubes und
Languedocs (→ vgl. Abb. S. 98). GK
Radschlossbüchse
Andreas Erttel, Dresden, vor 1707
117,6 cm, Ø 15 mm, 4705 g
Inv.-Nr. G 583
Neben Valentin Rewer war Andreas Erttel der führende Büchsenmacher der 1690er
Jahre und des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts in Dresden. Das sehr heterogene
Œuvre Andreas Erttels wird deutlich an den verschiedenen Schlosstypen: Er konstruierte
Radschlösser für Scheiben- und Jagdbüchsen, Steinschlösser für Flinten
und Pistolen, aber auch Schnappschlösser. Die Grundformen seiner Werke sowie
die unterschiedlichen Dekorationen zeigt die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«,
den Übergang von rustikal-deutscher zu einer verfeinerten »französischen«
Formensprache. Während Erttel typisch mitteleuropäische Radschlossbüchsen
fertigte, schuf er ebenfalls höchst moderne »französische« Steinschlossflinten.
42
Eine Mischung beider
Gestaltungweisen bietet
diese Radschlossbüchse.
Sie weist einen modernen
französischen Kolben mit
filigranen Silberdrahteinlagen
und gleichzeitig eine
sehr graphisch aufgefasste
Schlossplatte mit der
gravierten Darstellung einer
zeitgenössischen Hirschjagd
auf. Das Gewehr »hat
der Hertzog zu Hollstein
im Junio 1707« dem gerade elfjährigen Kurprinzen Friedrich August (II.) »offeriret«.
Wahrscheinlich handelte es sich um Herzog Philipp Ernst von Schleswig-Holstein-
Sonderburg-Glücksburg, der in dänischen Diensten stand und eine Verbindung zum
sächsischen Hof hatte. Die Büchse bildete neben weiteren Waffengeschenken den
Grundstock der kurprinzlichen Gewehrkammer. Die vielfältigen Gebrauchsspuren,
u. a. kleine Kerben und Dellen in der Schäftung, zeigen die Nutzung der Büchse durch
den kleinen und später auch größeren Kurprinzen. Der lederne Tragegurt ist original
erhalten. GK
Steinschlosspistole
(»Pepperbox«)
Dresden
Christian Salomon Rewer, Dresden, um 1740
31,6 cm, Ø 8 mm, 2179 g
Inv.-Nr. J 1327
Valentin Rewers Sohn Christian Salomon Rewer, der als Büchsenmachergeselle und
Maschinenmeister am Zeughaus erwähnt wird, schuf die kuriose Pistole mit einem
6-schüssigen Lauf aus Messingguss (Gelbguss): Mit einmaligem Auslösen wurden
sechs Ladungen aus ebenso vielen Bohrungen gleichzeitig abgefeuert. Deshalb wird
eine solche Bündel- Pistole oft auch »Pepperbox« genannt. Die Ladungen werden –
durch den Zündkanal bedingt – kurz nacheinander ausgelöst. Die mittlere Bohrung
ist kein Lauf, sondern dient als »Bränder« zum Verteilen der Zündkanäle und zur
Rauchabfuhr. Friedrich August
Graf Rutowski, Sohn Augusts des
Starken mit der Türkin Fatima
(verheiratete Maria Aurora von
Spiegel) schenkte diese außergewöhnliche
Waffe seinem
Halbruder König August III. im
Jahr 1741. GK
43