"Klassenfeinden" wurden Kollegen - Kienbaum

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"Klassenfeinden" wurden Kollegen - Kienbaum

Ein besonderer Tag

Ehrung “Gelebte Einheit”

Handballer-Wiedersehen

Zwei, die sich verstehen

Juwel Kienbaum

Ausgelastete Anlage

Erinnerungen

Nadine wirft immer weiter

Bauplatz Kienbaum

Mulmige Gefühle

Spielerinnen gesucht

Interview mit Kießler

JOURNAL

25. AUSGABE – JULI 2010

25.

Erfolgreichster EM-Turner

krönte sich zum neuen Turnkönig von Europa: Matthias Fahrig, der in Birmingham

mit der deutschen Riege den Mannschaftstitel gewann und sich dann

außerdem noch die Goldmedaille am Boden holte. Dazu kam dann noch eine

Silbermedaille beim Sprung. Mit Lobeshymnen wurde der junge Hallenser

überhäuft. Das einstige Sorgenkind ist zu einem wichtigen Teammitglied geworden

und sicherlich noch nicht am Ende seiner Entwicklung. (Mehr Seite 17)


Seite 2 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Editorial

Ein besonderer Tag steht bevor

Von Dr. Hans-Georg Moldenhauer,

Vorsitzender des Trägervereins

Bundesleistungszentrum Kienbaum

Dass Kienbaum eine Top-Adresse

im deutschen Sport darstellt, wird

uns von Außenstehenden immer

wieder bestätigt. Dass nun aber

unser Bundesleistungszentrum zu

jenen zwölf Orten gehört, die in diesem

Jahr im Rahmen der bundesweiten

Kampagne "Deutschland -

Land der Ideen" mit dem Titel

"Gelebte Einheit" ausgezeichnet

werden, freut uns nicht nur, sondern

macht uns irgendwie auch ein wenig

stolz. Und dass sogar die Bundeskanzlerin

Angela Merkel höchstpersönlich

zu diesem Anlass am Liebenberger

See erscheinen will,

bedeutet natürlich eine ganz besondere

Ehre.

Wenn die Rede von gelebter Einheit

ist, dann wird sie bei uns praktiziert.

Ich möchte sogar sagen, dass

wir geradezu ein Musterbeispiel

dafür liefern, dass sich Sportler und

Sportlerinnen aus der gesamten

Bundesrepublik bei uns wohlfühlen,

gemeinsam trainieren, gemeinsam

miteinander Gedanken austauschen,

gemeinsam sich auf große

Wettkämpfe vorbereiten und gemeinsam

siegen oder verlieren.

Inzwischen nutzen 18 Fachverbände

die Vorteile der Anlage, die in

den letzten Jahren dank der Unterstützung

durch das Bundesinnenministerium

und den DOSB zu einer

zentralen Anlaufstelle des deutschen

Sports geworden ist. Erst

kürzlich bei der Mitgliederversammlung

wurden die Handballer in den

Trägerverein aufgenommen, weil sie

sich von den hervorragenden Bedingungen

überzeugt hatten.

Die anfängliche Skepsis, die hier

und da herrschte, ist längst verflogen.

Heutzutage brauche ich niemandem

mehr zu erklären, dass

Kienbaum nicht irgendwo im Wald

und auch schon gar nicht halb in

Polen liegt, sondern dicht bei Berlin,

zudem wunderbar von den Flughäfen

Tegel oder Schönefeld zu erreichen

ist. Auch mit der Bahn lässt es

sich bequem anreisen und mit dem

Auto, wenngleich die eine Zufahrt

aus Richtung Hangelsberg wegen

des Neubaus einer Brücke für ein

paar Wochen gesperrt ist.

Was mich, der ich als ehemaliger

Fußballer vom 1. FC Magdeburg und

Torwart der DDR-Auswahl schon in

den 60iger Jahren nach Kienbaum

durfte, besonders beeindruckt, ist

die Tatsache, dass Athleten verschiedener

Disziplinen bestens in

unserem Leistungszentrum mitein-

Dr. Hans-Georg Moldenhauer

ander auskommen, ob das nun im

Kraftraum oder in einer anderen Trainingsstätte

der Fall ist. Wer hätte das

gedacht, dass auch Wintersportler

die Anlage "entdeckt" haben. So

kommen die Bobfahrer und die Eisschnellläufer

des öfteren im Sommer

zu uns, verstehen sich glänzend mit

den Leichtathleten, Turnern, Kanuten

und Volleyballern, die sozusagen zu

den Stammgästen des weitläufigen

Areals gehören.

Wir tun aber auch etwas dafür, um

alle nach Möglichkeit zufrieden zu

stellen und ihnen die geäußerten

Wünsche zu erfüllen, sei es nun,

eine neue Matte für die Turner anzuschaffen,

den Volleyballern zwei

Beachfelder zu bauen oder für die

Kanuten eine verbesserte Startanlage

zu installieren. Und wir sorgen

schließlich dafür, dass die Sportler

vernünftige, moderne und zweckmäßige

Unterkünfte haben. Aus diesem

Grunde wurden die alten Pavillons

abgerissen und durch zwei

neue ersetzt, die jetzt ihrer Bestimmung

übergeben werden können.

Wer aufmerksam hinsieht, der

wird feststellen, dass sich noch so

manch anderes verändert. Gerade

erst hat das Richtfest für eine weitere

Dreifelderhalle stattgefunden und

wo das alte, längst in die Jahre

gekommene Hauptgebäude stand,

wird demnächst ein dreigeschossiger

Verwaltungs- und Wohntrakt

hochgezogen, der den heutigen

Anforderungen gerecht wird. Anhand

der Bodenplatte erhält man schon

einen kleinen Eindruck von dem,

was eines Tages hier das Bild von

Kienbaum prägt.

In unserem Kienbaum-Journal,

das mit seiner 25. Ausgabe ein kleines

Jubiläum feiert, konnte all das

dokumentiert und der Öffentlichkeit

mitgeteilt werden, was im Laufe der

Jahre in Kienbaum geschah. Und

das war unglaublich viel, wovon sich

nicht nur hochrangige Politiker, sondern

auch Persönlichkeiten von

internationalen Fachverbänden ein

Bild gemacht haben. Delegationen

aus China, Uganda und Norwegen

kamen ebenso hierher wie Funktionäre

der Internationalen Leichtathletik-Federation,

die nach der WM in

Berlin eine Tagung abhielten.

Das alles wäre aber wahrscheinlich

nicht zum Tragen gekommen,

hätten nicht gleich nach der Wende

beherzte Männer um meinen Vorgänger

Manfred von Richthofen für

den Erhalt dieser schönen Anlage

gekämpft. Mein ausdrücklicher Dank

gilt aber auch allen Weitsichtigen im

BMI, die die Zeichen der Zeit erkannten,

indem sie Kienbaum hervorragend

in der Vergangenheit unterstützten

und es immer noch tun.

Neuer Mann an

der DKV-Spitze

Deutschlands erfolgreichste

Sommer-Olympioniken haben einen

neuen Präsidenten. Der 46jährige

Unternehmer Thomas Konietzko

aus Wolfen wurde in Wernigerode

einstimmig als Nachfolger

des nicht mehr kandidierenden

Kanu-Chefs Olaf Heukrodt gewählt,

der nach fünfjähriger Tätigkeit aus

privaten Gründen das Amt aufgab.

"Eine interessante und aufregende

Zeit liegt vor mir. Jetzt heißt

es Gas zu geben und unseren

Sport weiter voranzubringen", formulierte

nach erfolgter Wahl

Konietzko, der eine Werbeagentur

betreibt und außerdem Geschäftsführer

eines Gebäudedienstleisters

ist. Sicherlich kommt ihm seine

große Erfahrung zugute, denn

schon mit 13 Jahren saß er erstmals

in einem Canadier und kam

dann vom Kanu nicht mehr los. Bis

zur Wende arbeitete er als hauptamtlicher

Nachwuchstrainer beim

KC Jeßnitz, entdeckte dabei unter

anderem den Olympiasieger

Christian Gille.

Bundesverdienstkreuz

für Boxtrainer Wegner

Box-Trainer Ulli Wegner hat das

Bundesverdienstkreuz am Bande

erhalten. Der 68 Jahre alte gebürtige

Stettiner wurde in Berlin für seine

Verdienste um den gesamtdeutschen

Sport und für sein

soziales Engagement geehrt.

"Ich bin stolz auf die Auszeichnung.

Sie ist mir Ansporn für meine

weitere Tätigkeit", sagte Wegner,

der einst mit der BSG Wismut

Gera DDR-Mannschaftsmeister

war und der seit einiger Zeit regelmäßig

mit seinen Boxern nach

Kienbaum kommt. Beim Festakt in

der Berliner Senatsverwaltung

waren auch ehemalige und aktive

Schützlinge des Trainers, darunter

die Ex-Weltmeister Sven Ottke und

Arthur Abraham sowie Cruisergewichts-Champion

Marco Huck,

anwesend.


Seite 3 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Gelebte Einheit - der Sport als Vorreiter

Wie aus der einstigen DDR-Kaderschmiede längst ein modernes Trainingszentrum geworden ist

In riesigen Lettern titelte die Zeitung

"Welt am Sonntag" in einer

ihrer Mai-Ausgaben "Ein großer

Wurf für den deutschen Sport" und

beschäftigte sich ausführlich auf

zwei Extraseiten mit dem Bundesleistungszentrum

Kienbaum. Jener einzigartigen

Anlage, die im Rahmen

der bundesweiten Kampagne

"Deutschland - Land der Ideen" am

19. Juli mit einem der zwölf zu vergebenen

Sonderpreise "Gelebte

Einheit" durch die Bundeskanzlerin

Angela Merkel ausgezeichnet wird.

Die Zeremonie soll innerhalb eines

Sommerfestes stattfinden, das

bereits zur Tradition geworden ist.

Viele Jahre lang, von 1952/53 bis

zur Wende, galt das umzäunte und

streng abgeschottete Areal als

Kaderschmiede des DDR-Sports,

wo sich die Athleten auf wichtige

Wettkämpfe vorbereiteten. Nach der

Wiedervereinigung kursierten zunächst

die abenteuerlichsten Überlegungen,

was sich hieraus machen

ließe, etwa ein Aussiedlerheim, ein

Ferienobjekt oder ein Warenlager.

Beherzte Männer um den damaligen

DSB-Vizepräsidenten Manfred

von Richthofen wollten das allerdings

nicht zulassen und sorgten in

zähen Verhandlungen dafür, dass

der kleine Ort 40 Kilometer östlich

von Berlin gelegen zu einer optimalen

Trainingsstätte wurde, in der sich

heute Sportler und Sportlerinnen

von Rügen bis Oberbayern begegnen

- und im wahrsten Sinne des

Wortes gelebte Einheit praktizieren.

Binnen knapp zwei Jahrzehnten,

seit der Gründungsversammlung

des Trägervereins am 14. Juni 1991,

wurde hier am Liebenberger See,

dank der Unterstützung des BMI,

ein Trainingszentrum errichtet, das

seines gleichen sucht. Wo es sich

noch lohnte, wurden alte Bauten

modernisiert. Oder sie wurden

abgerissen. In der Mehrzahl entstanden

neue, auf Top-Niveau

gebrachte Hallen, dazu Unterkünfte

sowie die Mensa. Und wie jedermann

bei seinem jetzigen Besuch

augenscheinlich feststellen kann, ist

diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen.

Eine weitere Dreifelderhalle,

zwei Pavillons und ein Verwaltungstrakt

sind im Werden.

Am Anfang war es schon etwas

schwierig, Athleten zweier verschie-

dener Systeme, die sich einst diametral

gegenüberstanden, zu einer

Einheit zusammenzuführen, obwohl

der Sport es letztendlich wesentlich

besser und unkomplizierter schaffte

als das auf so manch einem anderen

Gebiet der Fall war und teilweise

noch immer ist. "Ost und West ist

bei uns überhaupt kein Thema",

stellte Kienbaums Geschäftsführer

Klaus-Peter Nowack fest. Längst ist

zusammen gewachsen, was

zusammen gehört, um den Ausspruch

von Willy Brandt zu zitieren.

Waren es zunächst nur die Leichtathleten,

Turner und Kanuten, die

nach Kienbaum kamen, so haben

inzwischen viele andere Sportarten

dieses Bundesleistungszentrum

"entdeckt" und nutzen die hervorragenden

Bedingungen bis hin zu der

neuen Kältekammer. Ob nun Volleyoder

Handballer, Bogenschützen

oder Gewichtheber (mit Matthias

Steiner), selbst die erfolgreichen

Bobfahrer, die Eisschnell- und alpinen

Skiläufer haben die Vorteile dieser

Anlage erkannt. Sie alle können

hier in herrlicher, waldreicher

Gegend sowie totaler Abgeschiedenheit

ein gezieltes Training durchführen,

sich auf der anderen Seite

aber auch eine aktive Erholung vom

Groß geworden auf Rügen, jetzt in Leverkusen lebend, Steffi Nerius,

die mit dem WM-Titel 2009 ihre langjährige Karriere beendete

psychischen Stress gönnen.

Wer war nicht schon alles hier, um

sich den letzten Schliff vor einer

Weltmeisterschaft oder Olympi-

»Bei jedem Cent, der hier ausgegeben wurde,

handelt es sich um gut angelegtes Geld«. (Otto Schily)

schen Spielen zu holen, um dann

anschließend mit einer Goldmedaille

um den Hals zurückzukehren.

Stellvertretend für so viele seien nur

einige Namen erwähnt, die in Kienbaum

praktisch zu Stammgästen

avancierten, so die Kugelstoß-Asse

Astrid Kumbernuss, Nadine Kleinert

oder Ralf Bartels, im Diskuswerfen

Franka Dietzsch und Robert Harting,

die Speerwerferin Steffi Nerius,

aus dem Kanu-Bereich Birgit

Fischer, Andreas Dittmer oder

Ronald Rauhe, im Turnen ein Fabian

Hambüchen und Matthias Fahrig

oder auch André Lange, der sich in

Vancouver zum weltbesten Bobpiloten

aller Zeiten kürte. Selbst so

erfolgreiche Profiboxer wie Sven

Ottke, Arthur Abraham oder Nikolai

Valujew zog es hierher.

Wie sagte doch einst Innenminister

Otto Schily: "Bei jedem Cent, der

hier ausgegeben wurde, handelt es

sich um gut angelegtes Geld." Das

längst Zinsen in Form großartiger

sportlicher Leistungen bringt, wobei

die bestens bestückten Anlagen

auch die erforderlichen Voraussetzungen

bieten. Neben einer Lauf-,

Turn- und Schwimmhalle existieren

insgesamt drei weitere Sporthallen,

dazu mehrere Rasenplätze, wovon

zwei mit einer 400-m-Rundbahn

versehen sind, Krafträume, neuerdings

eine Kältekammer und eine

Kanustrecke, ferner Bogenschieß-

Stände und eine gesonderte

Asphaltpiste für Triathleten, Geher

und Radsportler.

Geschätzt werden ebenfalls die

Unterkünfte, die gute, abwechslungsreiche

Kost und nicht zuletzt

das stets freundliche Personal, das

einem jeden Wunsch von den Lippen

abliest. Kienbaum ist Dienstleister

und Service-Unternehmen in

einem, was die Anlage inzwischen

zu Deutschlands Trainingsstätte

Nummer eins gemacht hat.


Seite 4 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Begegnungen in Kienbaum, die einst nicht möglich waren und heute Realität sind

Besser lässt sich das Thema

"Gelebte Einheit" gar nicht dokumentieren

als durch die gedeihliche

Zusammenarbeit zwischen Jürgen

Schult und Rolf Danneberg, dem Diskuswerfer

Ost und dem Diskuswerfer

West, die einst Gegner auf sportlicher

Bühne waren, einem anderen Gesellschaftssystem

angehörten und jetzt

an einem Strang ziehen, um den

Nachwuchs voran zu bringen.

Bei den Olympischen Spielen

1988 in Seoul kämpften der Schweriner

und der Hamburger um die

Medaillen, jeder für seinen Verband,

für sein Land, der eine für die DDR,

der andere für die Bundesrepublik.

Wenn sich die beiden heute in Kienbaum

anlässlich eines Werfer-Lehrgangs

treffen, dann erinnern sie sich

schon einmal daran, wie es einst

zuging und wie sie sich heimlich tref-

Auch zwei Handballer von hüben

und drüben praktizierten anlässlich

des Festes "50 Jahre Sportzentrum

Kienbaum", was unter gelebter Einheit

zu verstehen ist. Der Magdeburger

Hartmut Krüger und Thomas

Sinsel aus Großwallstadt, beides

Nationalspieler, begegneten sich

nach unendlich langer Zeit wieder

einmal und tauschten Erinnerungen

aus, die darin gipfelten, dass beide

nicht nur Nationalspieler in Ost und

West waren, sondern sich auch einmal

vor 25 Jahren im Viertelfinale

des Europapokals gegenüberstanden

- mit dem besseren Ende für

den TV Großwallstadt.

Noch zwei andere sehr bemerkenswerte

und emotional prägende

Ereignisse sind bei Krüger, der von

1974 bis 1986 in der DDR-Auswahl

Jürgen Schult und Rolf Danneberg:

Aus "Klassenfeinden"

wurden Kollegen

Kommen gut miteinander aus, zumal das Diskuswerfen ihr Metier ist:

Rolf Danneberg und Jürgen Schult, die Olympiasieger von 1984 und 1988

fen mussten, um unbemerkt von

den Ost-Funktionären gemeinsam

ein Bier zu trinken. Übrigens:

Schult gewann damals mit 68,62

m Gold, Danneberg mit 67,38 m

Bronze. "Verstanden haben wir

Hartmut Krüger und Thomas Sinsel

Ein Wiedersehen

der ganz besonderen Art

Sie spielten für Magdeburg und Großwallstadt - und waren

Nationalspieler in Ost und West: Thomas Sinsel und Hartmut Krüger

stand und als torgefährlicher Linksaußen

galt, haften geblieben. "Das

war einmal das 16:16-Unentschieden

bei der WM 1978 in Dänemark,

als ich kurz vor Schluss einem Mitspieler

den Ball zum Freiwurf hinrollen

wollte, Heiner Brand sich das

Leder schnappte und den Aus-

uns immer schon", sagt der gebürtige

Schweriner, der inzwischen in

Potsdam lebt und Bundestrainer

ist. Nur war es damals eben

schwieriger, miteinander zu kommunizieren,

denn die Verhältnisse

waren nicht so, wie man sich das

gern gewünscht hätte."

Danneberg traf die Niederlage

von Seoul nicht so hart, denn er

hatte vier Jahre zuvor in Los Angeles

(wo die DDR 1984 wegen des

Boykotts nicht teilnahm) bereits seine

Goldmedaille errungen, als er

den großen amerikanischen Favoriten

Mac Wilkins bezwang.

Inzwischen sind die beiden

Olympiasieger ins Trainergeschäft

eingestiegen. Während Schult mit

dem jungen Gordon Wolf einen

ungeschliffenen Edelstein in seinen

Händen hat, kann Danneberg mit

Marcus Münch bereits einen

gestandenen Diskuswerfer vorweisen,

der sogar die Winterwurf-Challenge

gewonnen hat.

gleich erzielte. Die BRD war damit

im Finale, wir spielten nur noch um

Platz drei."

Noch schlimmer traf Krüger

jedoch die Absage der DDR, nicht zu

den Olympischen Spielen nach Los

Angeles zu fahren. "Ich kann mich

noch ganz genau an den Tag erinnern,

es war der 8. Mai 1984, genau

an dem Tag, als ich meinen 31.

Geburtstag feierte. Für mich brach

eine Welt zusammen und ich habe

wie ein Schlosshund geheult, denn

die Spiele sollten der Abschluss

meiner Karriere sein." Weil er sich

kritisch zu dem Thema äußerte, wurde

der quirlige Magdeburger sogar

zur SED-Kreisleitung beordert.

Sinsel dachte bei diesen Worten

von Krüger aber auch daran, dass

es vier Jahre zuvor den Sportlern

aus der Bundesrepublik nicht

anders erging, sie nicht nach

Moskau fahren durften und so

manch einem die mögliche Goldmedaille

verwehrt wurde.


Seite 5 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Sympathie + hartes Training = Erfolg

Fanny aus Potsdam und Nicole aus Lampertheim starkes Duo im Kajak

Beide sind jung, hübsch und ehrgeizig.

Beide haben gleiche Interessen,

beide sitzen seit nunmehr

drei Jahren gemeinsam in einem

Boot. Sie wurden 2007 Weltmeister

innen im Zweierkajak, gewannen ein

Jahr später bei den Sommerspielen

in Peking olympisches Gold, allerdings

im Vierer. Und beide sorgten,

jede auf ihre Art, schon für reichlich

Schlagzeilen, die allerdings unterschiedlicher

Art waren. Nicole Reinhardt

posierte nackt für das "Playboy-Magazin",

während Fanny

Fischer besonders streng deshalb

beäugt wurde, weil ihre Tante Birgit

Fischer mit Abstand als erfolgreichste

Paddlerin der Welt gilt.

Die eine kommt aus dem

Westen, die andere aus dem Osten

- und beide praktizieren nicht nur

auf dem Wasser, sondern auch

außerhalb "Gelebte Einheit". Fanny

Fischer ist in Potsdam groß geworden,

studiert an der dortigen Universität

im vierten Semester Sporttherapie

und Prävention, während Nicole

Reinhardt aus Lampertheim bei

Mannheim stammt und Angestellte

im öffentlichen Dienst ist. Im

Moment ist sie allerdings freigestellt,

weil sie sich beruflich weiterbildet.

Und zwar in Potsdam, so dass es

keinerlei Probleme eines gemeinsamen

Trainings gibt. Was wiederum

wichtig ist, um auch künftig international

bestehen zu können.

Schon als beide noch der

Jugendklasse angehörten, sind sie

sich begegnet und fanden einander

sympathisch. Doch erst die Bundestrainer,

vornehmlich Eckehardt Sahr,

der für den Frauenbereich im Deutschen

Kanu-Verband zuständig ist,

brachten die zwei Ausnahmekönnerinnen

so richtig zusammen und

steckten sie in ein Boot. Das förderte

dann noch die Harmonie, die sich

auch darin äußert, dass die beiden

inzwischen vieles gemeinsam

machen, gern einen Stadtbummel

unternehmen, hier und da mal einen

Kaffee trinken und vor allem liebend

gern shoppen gehen, was sich

dann auch in ihrer geschmackvollen

Kleidung widerspiegelt.

Das sagt Nicole über Fanny: "Sie

ist zwar ruhig und besonnen, aber

sie äußert mitunter schon lautstark

ihre Meinung, wenn ihr etwas nicht

passt. Mit ihr ist auf jeden Fall gut

auszukommen. Man kann sich auf

sie verlassen und sie steckt immer

voller Einsatzbereitschaft."

Und so äußert sich Fanny über

Nicole: "In vielen Dingen sind wir

uns ziemlich ähnlich. Auch meine

Partnerin ist eher ruhig, weiß aber

Verstehen sich prächtig miteinander und haben gemeinsam schon so

manch schöne Erfolge gefeiert, Nicole Reinhardt und Fanny Fischer

auch, was sie will, sie ist ehrlich, aufgeschlossen

und fair. Mit ihr muss

man sich eigentlich gut verstehen,

denn sie besitzt keinerlei Allüren

und ist immer bereit, das Beste herauszuholen.

"Beide Baujahr 1986,

In vielen Dingen sind wir uns ziemlich ähnlich,

aber meine Partnerin weiß, was sie will.

wie sie ungeniert in Kienbaum beim

Vorbereitungslehrgang auf die

anstehenden Weltcups erklärten,

haben einen ausgefüllten Tagesab-

Wenn es die Zeit erlaubt, treffen sich die beiden Frauen während des

Trainingslagers in Kienbaum auch zu einem Plausch in der Cafteria

lauf. "Der lässt dann auch nicht

viel Spielraum für irgendwelche

Hobbys", meinte Fanny, denn vormittags

stehen um 8 und 10 Uhr

zwei Trainingseinheiten auf dem Programm,

am Nachmittag um 15 und

17 Uhr gibt es noch einmal das gleiche

Pensum. Dazwischen geht die

eine zu Vorlesungen an die Uni, die

andere besucht eine Fachhochschule,

um in kommunalem Wirtschaftsrecht

ihr Wissen zu vervollständigen.

Kurioser Weise müssen auch

beide im Sommer Klausuren

schreiben, wenn sie nicht gerade

irgendwo auf einer internationalen

Regatta starten.

Bis London wollen die beiden

das Programm noch voll durchziehen,

um 2012 das zu erreichen,

was ihnen 2008 misslang, als sie,

die als große Favoritinnen gehandelt

wurden, im Zweierkajak bei

den Olympischen Spielen in

Peking nur den vierten Platz belegten.

Trainer Eckehardt Sahr ließ

allerdings noch offen, ob die beiden

immer und ewig im Zweier

starten werden, denn schließlich ist

auch noch die Einer-Position zu

bestücken. Doch im Vierer ist für

Nicole und Fanny, so sie gesund

bleiben und ihr Leistungsniveau

nicht absackt, immer ein Plätzchen

vorhanden. Man kann auch sagen,

die beiden sind gesetzt.

Dass Nicole vorübergehend

nach Potsdam zog, hat sowohl private

als auch sportliche Gründe,

denn die Trainingsbedingungen in

Lampertheim sind nicht mehr so,

wie sie einst waren. Andererseits

sieht sie aber auch einen Vorteil

darin, sich stets mit Fanny zu messen,

und das unter den Augen des

Bundestrainers. Allerdings fehlt ihr

manchmal schon die Familie, so

dass ab und an auch etwas Heimweh

aufkommt. Doch wer Erfolg

haben will, der muss mitunter auf

einiges verzichten können.


Seite 6 Kienbaum-Journal

Juli 2010

DOSB-Präsident Thomas Bach

Gutes Beispiel für das

Zusammenwachsen

Auf den 19. Juli in Kienbaum freut

sich der Deutsche Olympische

Sportbund gleich aus mehreren

Gründen: Die Anwesenheit von

Bundeskanzlerin Angela Merkel

und die Verleihung des Sonderpreises

“Gelebte Einheit” an das Bundesleistungszentrum

Kienbaum

ehren im Rahmen des dortigen

Sommerfestes ein vorbildliches Beispiel

für die Zusammenarbeit des

Leistungssports in Ost und West.

Die Veranstaltung ist traditionell

ein Schaufenster für Spitzenathleten,

die hier trainieren und einmal

im Jahr zeigen, wo sie sich vor

wichtigen Wettkämpfen den letzten

Schliff holen, entsprechend gelöst

ist die Atmosphäre.

Dank des Engagements des Trägervereins

und der Förderung

durch das Bundesministerium des

Innern entwickelte sich die in der

DDR als abgeschottete Kaderschmiede

gegründete und nach

der Wende von der Schließung

bedrohte Einrichtung zum größten

und modernsten Bundesleistungszentrum

Deutschlands.

Heute trainieren in Kienbaum

Athleten aus der gesamten Republik

in einem Team und inspirieren

sich gegenseitig vor großen internationalen

Wettkämpfen.

Hier bereiten sich Leichtathleten,

Kanuten, Turner, Basketballer,

Volleyballer und Judoka, aber auch

zunehmend Wintersportler wie

Bobfahrer und Eisschnellläufer vor

und spüren dabei den gesamtdeutschen

Teamgeist.

Wenn deutsche Mannschaften

bei Olympia als Einheit auftreten,

hat diese brandenburgische Idylle

auch ihren Anteil daran.

Die große Umfrage: Was Sportlerinnen und Sportler, ihre Trainer und Teamchefs,

Das Bundesleistungszentrum - ein

Olympiasieger Matthias Steiner

Matthias Steiner, Olympiasieger

im Gewichtheben: "Ich bin

überrascht, was wir hier vorgefunden

haben. Vor allem die kurzen

Wege sind es, die uns gefallen

haben. Aber auch ansonsten

stimmt alles, angefangen von dem

reichlichen Essen, den Unterkünften

bis hin zum Kraftraum, der für

uns natürlich ganz wichtig ist, und

der Kältekammer, die wir zweimal

am Tag nutzen."

Oliver Bierhoff, Manager der

deutschen Fußball-Nationalmannschaft:

"Eine tolle Anlage, die mich

echt begeistert hat. Für Schweinsteiger,

Lahm und Co. eignet sie

sich über einen längeren Aufenthaltszeitraum

vielleicht nicht, aber

durchaus für Fitness-Tests, Lehrgänge

unserer Nachwuchsspieler

sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen

für Trainer und

Übungsleiter bietet sich Kienbaum

durchaus an."

Frank Hensel, DLV-Sportdirektor:

"Für unseren Verband spielt

dieses Bundesleistungszentrum

DLV-Sportdirektor Frank Hensel

eine ganz große Rolle. Ich kann mit

Fug und Recht behaupten, dass wir

der Hauptnutzer sind. Vor allem für

unsere Werfer ist das der wichtig-

ste Standort. Als sehr günstig hat

sich erwiesen, dass wir uns hierher

auch vor der Weltmeisterschaft in

Berlin zurückziehen und uns konzentriert

vorbereiten konnten."

André Lange, erfolgreichster

Bobpilot der Welt: "Immer wenn wir

uns nach Kienbaum zurückgezogen

haben, konnten wir bei internationalen

Großereignissen glänzend

abschneiden, so wie zuletzt in

Vancouver. Die idealen Bedingungen,

ob es nun die Laufhalle ist, wo

wir bei schlechtem Wetter unsere

Sprints durchführen, oder der perfekt

ausgestatte Kraftraum, sind für

uns Gold wert, im wahrsten Sinne

des Wortes."

Ulli Wegner, Boxtrainer von

Arthur Abraham und früher Sven

Ottke: "Ich habe Kienbaum echt in

mein Herz geschlossen. Als ich

mich vor ein paar Jahren nach

Ulli Wegner und Arthur Abraham

einer Alternative für ein Trainingscamp

umsah, habe ich mich daran

erinnert, dass hier am Liebenberger

See einst große DDR-Erfolge

geschmiedet wurden. Inzwischen

haben sich ja die Bedingungen

noch wesentlich verbessert. Und

wer darüber klagt, dass es ihm hier

zu langweilig ist, dem sage ich,

dass er tagsüber nicht genug

getan hat."

Erich Drechsler, ehemaliger

Startrainer in der DDR, der jetzt

ehrenamtlich Athleten für die Paralympischen

Spiele betreut: "Was

hat sich nicht alles hier verändert.

Kein Vergleich mehr zu dem, was

ich 1957 bei meinem ersten Mal

hier vorfand. Hervorragende Unterkünfte,

neue, moderne Hallen, alles

vom Feinsten, dazu gut durchdacht

und praktisch."

Birgit Fischer, die erfolgreichste

Kanutin der Welt: "Wenn ich hier

gewesen bin, dann konnte ich richtig

abschalten und mich nur auf

meinen Sport konzentrieren. Ich

Kanu-Königin Birgit Fischer

brauchte nicht die Hausarbeit zu

machen, brauchte nicht Essen zu

kochen und auch der sonstige

Kram daheim störte mich nicht. Und

außerdem war es für mich immer

gut, wenn ich nicht allein, sondern

mit anderen trainieren konnte und

genau wusste, wie es um meinen

Leistungsstand bestellt ist."

Werner von Moltke, Volleyball-

Präsident: "Wenn sich ein Sportler

auf ein großes Ziel vorbereiten will,

dann braucht er die absolute Abgeschiedenheit,

um sich zu konzentrieren.

Gelobt werden auch Unterkunft

und Verpflegung. Und wer

Werner von Moltke

will, der kann auch schnell einmal

nach Berlin fahren. Ich war als

adidas-Vertreter schon einmal zu

DDR-Zeiten hier. Im Prinzip erkenne

ich Kienbaum kaum wieder,

soviel hat sich verändert."


Seite 7 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Politiker und Verbandsfunktionäre über die Anlage am Liebenberger See sagen

Kronjuwel des deutschen Sports

Steffi Nerius, die zum Abschluss

ihrer Karriere Speerwurf-Gold bei der

WM in Berlin holte: "Kienbaum, das

sage ich ohne Übertreibung, ist

längst zu meiner zweiten Heimat

geworden. Ich, die in Saßnitz groß

geworden bin und jetzt in Leverkusen

lebe, kann mir keinen besseren

Trainingsort vorstellen. Mitunter war

ich viermal im Jahr für mehrere

Wochen hier und habe mich immer

wohl gefühlt, weil ich alles vorfand,

was ich für meinen Sport brauchte."

Manfred Stolpe, Ex-Ministerpräsident

von Brandenburg, bei der

Wiedereröffnung des Küchen-,

Ex-Ministerpräsident

Manfred Stolpe

Mensa- und Tagungstraktes: "Als

ehemaliger Bundesminister für den

Aufbau Ost kann ich sagen, dass ich

sehr froh darüber bin, dass die Anlage

erhalten bleiben konnte. Als ich

gleich nach der Wende hier war, hätte

ich mir nicht träumen lassen, was

einmal aus dieser doch relativ

bescheidenen Sportstätte einmal

wird. Die getätigten Investitionen

sind auf jeden Fall gut angelegt."

Armin Baumert, ehemaliger

Leistungssport-Direktor des DSB

und jetzt NADA-Vorsitzender: "Kienbaum

ist kein Relikt des DDR-

Sports, sondern eine hervorragende

Trainingsstätte für unsere jetzigen

Athleten. Hier verschwinden keine

Steuergelder im Bermuda-Dreieck,

sondern sind bestens angelegt in

Richtung internationale Erfolge."

Dr. Michael Vesper, Generaldirektor

des DOSB, beim Sommerfest

2008: "Ich bin begeistert und total

beeindruckt von dem, was ich bei

meinem ersten Besuch in Kienbaum

gesehen habe. Der deutsche Sport

kann sehr froh sein, solch ein fantastisches

Bundesleistungszentrum zu

besitzen, wo den Sportlern und

Sportlerinnen alle Möglichkeiten für

ein Hochleistungstraining offen stehen.

Neben der Abgeschiedenheit

gefällt mir die wunderschöne Natur."

Dr. Christoph Bergner, Parlamentarischer

Staatsekretär im BMI:

"Kienbaum ist für mich zu einem

festen Begriff geworden, seit ich

2006 zum ersten Mal hier war. Es

handelt sich um eine hochqualifizierte,

vielseitig zu nutzende Sportstätte,

die für beste Bedingungen sorgt,

nicht nur was die Trainingsanlagen

betrifft, sondern auch die Unterkünfte,

Seminarräume, die Physiotherapie

sowie den Tagungs- und

Küchentrakt.”

Lutz Heßlich, zweifacher Radsprint-Olympiasieger

aus Cottbus,

bei der Feier "50 Jahre Spitzensport

in Kienbaum": "Heutzutage ist das

eine offene Sportstätte, die jedermann

besuchen kann. Damals

mussten wir uns noch von unseren

Frauen vor dem Schlagbaum verabschieden,

weil an der Schranke rigoros

Schluss war und niemand außer

den privilegierten Sportlern das Gelände

betreten durfte. Zum Glück ist

heute vieles großzügiger."

Nadine Kleinert, Olympia- und

WM-Zweite im Kugelstoßen: "Ohne

Kienbaum hätte ich meine Silbermedaillen

nicht gewonnen. Besonders

wir Werferinnen und Werfer profitieren

von den glänzenden Bedingun-

Nadine Kleinert

gen, die wir hier vorfinden. Wenn ich

einmal nachrechne, bin ich etwa an

150 Tagen pro Jahr hier."

Andreas Dittmer, oftmaliger

Canadier-Weltmeister und -Olympiasieger:

"Für mich sind Kanu und

Kienbaum eine ideale Kombination.

Ich kenne kein besseres Revier, wo

man sich so ungestört und konzentriert

auf große Wettkämpfe vorbereiten

kann, zumal alle Voraussetzungen

für ein Krafttraining gegeben

sind. Ebenfalls stimmt das Drumherum,

wobei das freundliche Personal

einen wichtigen Faktor darstellt.”

Marianne Buggenhagen, die

erfolgreichste deutsche Teilnehmerin

bei Paralympischen Sommerspielen:

"Kienbaum ist für uns Rollstuhlfahrer

ideal, weil die Anlagen, die Unterkünfte

und der Speisesaal behindertengerecht

ausgebaut wurden,

weil die kurzen Wege ein ent-

Marianne Buggenhagen

scheidender Vorteil sind und auch

die so wichtige Physiotherapie abgedeckt

ist. Zudem bildet die herrliche

Gegend die Möglichkeit, mal nach

anstrengendem Training die Seele

baumeln zu lassen."

Sven Ottke, Ex-Boxweltmeister:

"Ich wurde hier umsorgt wie bei Muttern.

Für mich gab es kein besseres

Trainingsquartier. Mag sein, dass es

mit den Abwechslungsmöglichkeiten

nicht weit her war, aber das störte

mich überhaupt nicht. Besonders

gefiel mir die Ruhe und herrliche

Umgebung mit den vielen Waldwegen

für mein Laufpensum. Und das

Essen war immer klasse, reichlich

und schmackhaft."

Manfred von Richthofen

und Andreas Dittmer

Kampf gegen

viele Widerstände

Manfred von Richthofen, jetzt

Ehrenpräsident des DOSB sowie

des Trägervereins BLZ Kienbaum,

hat sich Anfang der neunziger

Jahre als damaliger DSB-Vize

vehement für den Erhalt der Anlage

eingesetzt: "Wir mussten

gegen viele Widerstände ankämpfen

und zwar auf mehreren

Ebenen. Da waren zum einen der

Landesportbund Brandenburg

und die Landesregierung in Potsdam

total ablehnend und präferierten

die Sportschule Lindow,

andere Stimmen besagten, dass

man sich nicht dorthin begeben

sollte, wo zu DDR-Zeiten viel gedopt

wurde und dass überhaupt

die Sanierungs- und Unterhaltskosten

viel zu hoch wären. Zum

Glück hielten wir Kurs und erhielten

vom Bundesinnenministerium

die entsprechende Unterstützung,

was letztendlich dazu führte, dass

Kienbaum 1995 endgültig für den

Sport gerettet werden konnte,

wenngleich die Eigentumsverhältnisse

noch immer nicht geklärt

sind. Übrigens war eine der ersten

Segnungen, dass die alte, auf

Kohlebasis beruhende Heizanlage

durch eine neue, umweltfreundliche

ersetzt wurde."


Seite 8 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Fakten, Erkenntnisse und Zukunftsvorstellungen,

festgehalten im

Tätigkeitsbericht des Trägervereins

Bundesleistungszentrum Kienbaum,

dem am 19. Juli im Rahmen der

deutschlandweiten Kampagne “Gelebte

Einheit” eine besondere Auszeichnung

zuteil wird.

Die Anlage hat sich seit 1991 zum

leistungsstärksten und funktional

umfangreichsten Sportzentrum für

den Spitzensport in Deutschland

entwickelt. Die Hauptaufgabe

besteht darin, die gemeinsame Vorbereitung

und Durchführung von

Trainingslehrgängen zu gewährleisten,

ferner die langfristige Erarbeitung

von Nutzungskonzepten mit

den Fachverbänden zu intensivieren,

ferner die Pflege und Wartung der

vorhandenen Einrichtungen zu

garantieren und für entsprechende

Baumaßnahmen zu sorgen, die

zuletzt sehr umfangreich waren.

Sport- und Trainingsbetrieb

Der Trägerverein kann mit der

Auslastung im zurückliegenden Jahr

außerordentlich zufrieden sein. Insgesamt

72529 Personen nutzten

die Anlage, was ein Plus von 1179

gegenüber 2008 bedeutete und das

beste Ergebnis in der Geschichte

des BLZ Kienbaum darstellt. Und

auch die Zahl der Übernachtungen

mit 52009 kann sich durchaus

sehen lassen, wobei berücksichtigt

werden muss, dass ab September

vier Pavillons wegen der Abrissarbeiten

und des damit verbundenen

Neubaus nicht mehr benutzbar waren.

Dass Kienbaum mit seiner komplexen

Ausstattung für deutsche

Verhältnisse eine einmalige Stellung

in Bezug auf den Spitzensport einnimmt,

wird von allen Nutzern

bestätigt. Doch inzwischen interessieren

sich immer mehr internationale

Mannschaften und Funktionäre für

Eine gut ausgelastete Anlage

Leichtathleten, Judoka, Turner und Kanuten nutzten am meisten das Bundesleistungszentrum

uns, meinte Klaus-Peter Nowack.

Unter anderem kamen der Sportminister

von Uganda, eine Delegation

des finnischen Sportverbandes,

des chinesisches Leichtathletik- und

norwegischen Volleyballverbandes,

Kanuten aus Australien und Sportgymnastinnen

aus Russland. Auch

der DFB-Manager Oliver Bierhoff

kam zu uns, der von dem Trägervereinsvorsitzenden

Dr. Hans-Georg

Moldenhauer und Geschäftsführer

Klaus Peter Nowack durch das

Areal geführt wurde.

Leistungssport

Die Maßnahmen konzentrierten

sich in erster Linie auf die Lehrgänge

der Spitzenverbände, wobei der

Anteil der Kaderathleten (A bis C)

stabil bei der Gesamtauslastung

blieb und 62,78 % (Vorjahr 61,23 %)

betrug. Bei den Übernachtungen in

Kienbaum I für die Bundeskader-

Athleten liegt der Jahresdurchschnitt

sogar bei 99 %. Es gab sogar saisonal

bedingt Engpässe, so dass nicht

alle Anfragen zur Übernachtung

erfüllt werden konnten.

Nach wie vor sind die Leichtathleten

die Nummer eins bei der Nutzung.

Ihr Anteil betrug 6841 Personeneinheiten,

der Deutsche Judo-

verband folgte mit 5533 an zweiter

Stelle vor dem Deutschen Turnerbund

(2980) und dem Deutschen

Kanuverband (2688). Verstärkt

nahm auch der Deutsche Handballbund

(2384) und der Bundesverband

Deutscher Gewichtheber (810)

die Möglichkeiten in Kienbaum wahr.

Im Vorfeld der Leichtathletik-WM

in Berlin wurde das Bundesleistungszentrum

Kienbaum als zentrale

Trainingsstätte genutzt, wobei teamfördernde

Maßnahmen im Vordergrund

standen. Es wurden Wurfund

Stoßringe, Sprungbalken und

Hürden erneuert. Die Erfolge konn-

Hält alle Fäden in der Hand und ist erfreut über die gute Auslastung

der Anlage, der BLZ-Geschäftsführer Klaus-Peter Nowack

ten sich auch sehen lassen, denn es

gab zwei Gold-, drei Silber- und vier

Bronzemedaillen.

Auch andere Verbände führten in

Kienbaum ihre Vorbereitungen auf

die Saisonhöhepunkte durch, so die

Nationalmannschaft der Gewichtheber

mit dem Olympiasieger Matthias

Steiner, Deutschlands Alpine Skiläufer,

das Top-Team im Synchronschwimmen

und die Nationalmannschaft

der Taucher.

Höhepunkt des Jahres war zweifelsohne

der Besuch des damaligen

Verteidigungsministers Franz Joseph

Jung, der mit einem Hubschrauber

einschwebte und sich mit den im

Trainingslehrgang befindlichen

Leichtathleten, natürlich vornehmlich

mit den Sportsoldaten, ausgiebig

unterhielt.

Bildung und Breitensport

Nicht durch den Leistungssport

genutzte Kapazitäten wurden von

Breiten- und Freizeitsportlern

genutzt, wobei die Ausbildung von

Übungsleitern, Trainern und Schiedsrichtern

im Vordergrund stand. Aber

es fanden auch Tagungen der Ärzte

und Physiotherapeuten, Weiterbildungen

der Turner, Leichtathleten,

Kanuten, Triathleten und Basketballer

statt, ebenfalls Talentsichtungen

im Badminton und Tischtennis.

Außerdem gab es ein Turnier des

Nordostdeutschen Fußballverbandes,

einen 100-km-Lauf sowie den

Sport- und Fitnesskongress des Berliner

Turnerbundes.

Wichtig ist für die Anlage in Kienbaum

auch die gute Zusammenarbeit

mit den angrenzenden Landkreisen

und den dort beheimateten

Vereinen, denen nach Möglichkeiten

auch Trainingszeiten zur Verfügung

gestellt werden.

Baumaßnahmen

Zur Freude aller wurde die Kältekammer

eingeweiht, die gleich von

vielen Athleten genutzt wurde.

Abriss und Neubau von zwei Pavillons

standen ebenso im Mittelpunkt

wie die Errichtung einer weiteren

Dreifelderhalle sowie der

Ersatzbau des alten Hauptgebäudes.

Auch in Zukunft wird es weitere

Baumaßnahmen geben. Die alte

Halle in Kienbaum II wird schon in

den nächsten Tagen durch ein neues

Objekt ersetzt. Die Investitionssumme

für die Jahre 2009 bis

2011 beträgt 14 Millionen Euro,

garantiert durch das Bundesministerium

des Innern.


Seite 9 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Baumeister der deutschen

Leichtathletik-Einheit

Herzliches Wiedersehen

der Männer und Frauen

der ersten Stunde

Entspannt saßen sie auf weißen

Gartenstühlen am Ufer des Liebenberger

Sees, blickten an diesem glutheißen

Sommertag von der Terrasse

der finnischen Sauna in die untergehende

Sonne, holten sich ab und an

ein kühles Getränk oder vom Büfett

etwas Leckeres zu essen. Vor allem

redeten sie aber miteinander, so wie

sie es fast auf den Tag genau vor

zwanzig Jahren getan hatten, sie, die

Männer und Frauen der ersten Stunde

aus Ost und West, die im

schmucken Harz-Städtchen Bad

Lauterberg die Vereinigung der deutschen

Leichtathletik vorantrieben.

"Es war der 30. Juni 1990, als wir

uns in einem Hotel mit den Präsidenten

der westdeutschen Landesverbände

zu einem ersten gemeinsamen

Gespräch trafen", erinnerte sich

Gudrun Löffler, die damals als Sprecherin

der 16 neu gegründetren

Bezirksfachausschüsse (BfA) der

noch existierenden DDR fungierte.

Schließlich galt bei diesem Anlass

auszuloten, wie man zueinander

kommen könne, zu einer Zeit, die

von ungeahnter Aufbruchstimmung,

ja Euphorie begleitet wurde, obwohl

ein halbes Jahr nach Öffnung der

Grenze niemand so recht wusste,

wohin der Zug fahren würde.

Fest steht, wie aus all den Erzählungen

herauszuhören war, dass

sich die damaligen BfAs schon

wenig später zu den fünf ostdeutschen

Landsverbänden (Mecklenburg-Vorpommern,Sachsen-Anhalt,

Sachsen, Thüringen und Brandenburg)

zusammenschlossen

und am 6. Oktober ihre Vertreter

mit der Maßgabe zur DLV-Zentrale

nach Darmstadt schickten, um in

den Deutschen Leichtathletik-Verband

aufgenommen zu werden.

Auch das weitere Procedere wurde

Trafen sich im Bundesleistungszentrum Kienbaum nach zwanzig Jahren

und hatten viel zu erzählen, von dem was war und was jetzt ist

dann im Eiltempo erledigt.

Zunächst fand am 20. November

in Magdeburg eine Tagung statt, auf

der sich der DVfL (Ost) auflöste. Tags

darauf fuhren die Vertreter aus den

neuen Bundesländern ins nahe gelegene

Salzgitter, wo mit den westdeutschen

Kollegen der offizielle Vereinigungs-Verbandstag

begangen

wurde. Theo Rous, damals Vorsitzender

des Landesverbandes Nordrhein,

inzwischen DLV-Ehrenpräsident, sagt

heute: "Wir waren damals völlig

unvorbereitet gewesen und wussten

nicht, was im Detail auf uns

zukommt. Nur eines war uns klar, wir

mussten die Chance, die dieses

Jahrhundertereignis mit sich brachte,

zu unser aller Vorteil nutzen."

Der Westfale Dr. Peter Busse,

damals Referatsleiter für den Leistungssport

im BMI, später ein wichtiger

Mann in der Gauck-Behörde

und bekennender Freund der Leichtathletik,

plauderte bei der zweitägigen

Wiedersehens-Feier in Kienbaum

aus dem Nähkästchen und

berichtete, wie er auf politischer Ebene

die Situation verfolgte: "Eines

Tages kam der Innenminister

Schäuble zu mir und sagte, sehen

Sie mal zu, wie die Einigung im Sport

hinzukriegen ist." Wobei für drei wichtige

Projekte vom Westen aus eine

Waren gemeinsam vier Jahre lang Vizepräsidenten des Deutschen

Leichtathletik-Verbandes, Gudrun Löffler und Theo Rous

Bestandsgarantie gegeben werden

sollte, für die Forschungs- und Entwicklungsstelle

in Ostberlin, das IAT

in Leipzig und das Dopinglabor in

Kreischa.

Doch damit waren längst nicht alle

Probleme gelöst, vor allem nicht

struktureller Art, die heute zu spüren

sind, so Rous. "Der Organisationsgrad

der Mitgliedschaften ist im

Osten niedriger als im Westen, die

Zahl der Wettkampf Treibenden, vor

allem der Kader-Athleten, in den

Vereinen des Ostens prozentual

höher als im Westen, gleichfalls wird

die Zielsetzung der Eliteschulen im

Osten konsequenter realisiert als

im Westen, das Sportangebot an

Kinder und Jugendliche im Osten ist

deutlich besser, dagegen bleibt der

Westen führend bei den Senioren

über 60 Jahre.

"Vielen dämmerte übrigens schon

sehr frühzeitig, dass A und B, also

Ost und West, zusammengerechnet

nicht gleichbedeutend mit einem

Medaillen-Boom einhergehen würde,"

erklärte Rous, " sondern dass

die Gleichung A + B minus X für den

Leistungssport hätte lauten müssen,

für den Breitensport jedoch A + B

plus Y. Ich bin mir sicher, dass auch

eine DDR heutzutage nicht mehr die

gleichen Erfolge wie einst erringen

könnte, weil vor allem die Athleten

aus afrikanischen Staaten aufgeholt

haben und die ehemaligen, inzwischen

selbständig gewordenen

Sowjetrepubliken über viel eigenes

Potenzial verfügten."

Trotz allem war die Vereinigung

ein unschätzbarer Gewinn, meinte

Rous, der von 1993 bis 2005 als

DLV-Vizepräsident amtierte und

mehrere Jahre eng mit Gudrun Löffler

zusammen arbeitete, die 1990

als kooptiertes Mitglied in das von

Helmut Meyer geführte DLV-Präsidium

trat und dann 1993 offiziell für

vier weitere Jahre von den Delegierten

gewählt wurde. Dass sich jetzt

beide und auch die vielen anderen

der damaligen Zeit auf Anregung

des BLZ Geschäftsführers Klaus-

Peter Nowack in Kienbaum wieder

trafen, empfanden alle als ausgesprochen

schön, wohlwissend, dass

sie die Baumeister der wiedervereinigten

deutschen Leichtathletik

gewesen sind.


Seite 10 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Eine Paradedisziplin in der deutschen

Leichtathletik ist über Jahre

hinweg das Diskuswerfen, sowohl

bei den Männern als auch den Frauen.

Wer nach dem Rücktritt der dreimaligen

Weltmeisterin Franka

Dietzsch befürchtete, dass sich nun

eine kaum zu schließende Lücke

auftun würde, der hat sich wahrscheinlich

getäuscht. Nadine Müller,

eine groß gewachsene Blondine mit

Model-Figur, schleuderte die Ein-

Kilo-Scheibe beim Werfer-Cup in

Wiesbaden auf sagenhafte 67,78 m,

eine Weite, die bislang noch nicht

allzu viele erreicht haben. Im letzten

Jahrzehnt genau vier!

Neben Dietzsch (68,51) waren

das nur noch die weißrussische Ex-

Weltmeisterin Irina Jatschenko

(69,14), die Olympiasiegerin von

Athen, die Russin Natalia Sadowa

(68,63), sowie die ehemalige rumänische

Vizeweltmeisterin Nicoleta

Grasu (68,31). Allein diese Aufzählung

unterstreicht die Klasseleistung

der 24-jährigen Polizistin aus

Halle/Saale, die ja schon bei der

Wandelt auf Franka Dietzschs Spuren

Was Nadine Müller im Winter in Kienbaum andeutete, das konnte sie in Wiesbaden umsetzen

Es ist kaum zu glauben, aber es

ist so: Jürgen Schult, auch Mister

Diskuswurf genannt, feierte vor

wenigen Wochen seinen 50.

Geburtstag. Sportlich hat er alles

erreicht, was es zu erreichen gibt, er

wurde Olympiasieger 1988, Weltsowie

Europameister. Und Weltrekordler.

Und das ist er, der damals

für den SC Traktor Schwerin startete,

immer noch, denn seine phantastische

Weite von 74,08 m, erreicht am

6. Juni 1986 in Neubrandenburg,

konnte bislang von niemandem

übertroffen werden und ist die

älteste Bestleistung in der Männer-

Leichtathletik, die Bestand hat.

Sie bildet sozusagen den Methusalem-Weltrekord,

der ihm im Nachhinein

nicht allzu viel Glück brachte.

Zunächst sprach man von einem

WM in Berlin mit einem sechsten

Platz aufhorchen ließ.

Körperlich ist Nadine Müller wie

durch starken Gegenwind begünstigten

Wurf, wenig später folgte bei

der EM in Stuttgart nur ein siebenter

Platz und schließlich machte das

böse Wort vom Doping die Runde,

was den Mecklenburger auf die Palme

bringt. Und der das strikt zurückweist.

Seine damalige Steigerung führt

er auf die Umstellung seiner Technik

zurück sowie auf die zugegebenermaßen

unterstützende Wirkung "einer

Windböe, die von rechts kam."

Übrigens übertraf er noch ein weiteres

Mal die 70-m-Marke und zwar

beim Istaf in Berlin, wo nun keine

keine zweite Diskuswerferin für

Superweiten prädestiniert. Bei einem

Gardemaß von 1,90 Meter verteilen

sich die 90 Kilo so gut, dass die junge

Frau durchaus

schlank wirkt.

Wenn neben ihren

glänzenden Hebelverhältnissen

nun

noch die entsprechende

Technik dazu

kommt, dürften

die Erfolge nicht

ausbleiben. "Wir

haben nicht nur daran

gearbeitet, sondern

auch versucht,

ihre Kraftwerte zu

verbessern", erklärte

ihr neuer Trainer

Läßt sich am

Computer zeigen,

wie ihr Wurf

gewesen ist,

Nadine Müller,

während eines

Winterlehrgangs

in Kienbaum

Mister Diskuswurf

feierte 50. Geburtstag

besonders günstigen Bedingungen

herrschten. 70,46 wurden für ihn

gemessen, der inzwischen seit 2001

als Bundestrainer und darüber hinaus

als Wurf-Teammanager tätig ist.

Auch sein privates Umfeld hat er

geändert, lebt jetzt in Potsdam, wo

er sich ausgesprochen wohl fühlt

und mit Gordon Wolf ein großes

Talent unter seinen Fittichen hat.

Dass er stolz auf seine Erfolge sein

kann, lässt sich nicht von der Hand

weisen, außer Gold und Silber bei

Olympia kamen noch weitere sieben

Medaillen hinzu und zwar bei

einer WM (Gold, Silber, zweimal

René Sack, der den in den Ruhestand

gegangenen Gerd Böttcher

abgelöst hat.

"Natürlich will ich nun auch eine

Medaille bei der EM in Barcelona",

blickte Nadine Müller schon mal ein

paar Wochen voraus. "Dazu ist es

aber wichtig, dass ich meine Leistungen

stabilisiere und mich konstant

bei 66 Metern einpendele. Ich

weiß, dass im Kraftbereich noch einige

Reserven liegen." Für Franka

Dietzsch ist die Hallenserin bereits

jetzt ihre potenzielle Nachfolgerin:

"Sie kann einmal eine ganz Große

werden."

Noch ein Zahlenspielchen: Bei

der WM in Berlin warf Nadine Müller

63,46 m. Diese Marke übertraf sie in

Wiesbaden gleich mehrfach - nach

66,50 folgten im fünften und letzten

Durchgang noch 67,48 und 67,78 m.

Eine Serie, die selbst ihren Trainer

überraschte. Allerdings deutete die

Athletin schon beim diesjährigen

Winterwurf-Meeting in Kienbaum

ihre großen Möglichkeiten an.

Bronze) sowie EM (Gold, Silber,

Bronze), wobei er stets mit Lars Riedel

seinen größten Konkurrenten im

eigenen Land hatte. Übrigens sein

letzter Erfolg datiert aus dem Jahr

1999, als er, den alle Welt nur Schulle

nennt, mit nunmehr 39 Jahren

WM-Bronze gewann.

Was ihn besonders froh macht, ist

der Tatsache geschuldet, dass die

Jugend in Deutschland auf dem

Vormarsch ist. "Als ich damals aufhörte,

betrug das Durchschnittsalter

30,3 Jahre im A- und B-Kader. Jetzt

sind wir bei 22,5 angekommen."

Robert Harting, 2009 in Berlin Weltmeister

geworden, Markus Münch,

Martin Wierig und Gordon Wolf, der

aus seiner Potsdamer Trainingsgruppe

kommt, heißt die neue, hoffnungsvolle

Generation.


Seite 11 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Ein kleines Jubiläum feierten

Orthopäden, Internisten und Physiotherapeuten.

Zum zehnten Mal insgesamt

und zum fünften Mal im

Bundesleistungszentrum Kienbaum

fand ein Weiterbildungskurs unter

dem Titel "Tricks & Tipps in der

Sportmedizin" statt, der eine Fülle

von interessanten Themen und vielen

Beispielen aus der Praxis beinhaltete,

wenngleich der Regen dem

einen oder anderen Vorhaben im

Freien einen Strich durch die Rechnung

machte, wie etwa dem vorgesehenen

Drachenbootfahren. Aber

zum Glück gibt es ja genug Hallen,

wo Alternativprogramme angeboten

werden konnten.

Als nach fünf Tagen die rund 90

Teilnehmer wieder nach Hause fuhren,

konnte der Chef-Organisator des

Treffens Dr. Oliver Miltner eine positive

Bilanz ziehen. Einmal mehr

bestätigte sich, dass ständig neue

Methoden und Erkenntnisse die

Sportmedizin bereichern. "Jeden Tag

hatten wir einen Schwerpunkt gewählt

und den unter ein bestimmtes

Motto gestellt", so der Mediziner für

Ganzheitliche Orthopädie und Unfallchirurgie

aus Berlin, der auf reichlich

Erfahrung zurückgreifen kann.

Als Mannschaftsarzt der Bundesliga-Volleyballer

des SC Charlottenburg

und der Volleyballerinnen des

Köpenicker SC weiß er ganz genau,

wovon er spricht, wenn es um Probleme

geht, die im Leistungssport

eine Rolle spielen und Behandlungen

notwendig machen. Außerdem

kümmert er sich in seiner Freizeit um

die Alba-Jugendbasketballer und

Fußballer des Berliner Regionalligisten

Türkiyemspor.

"Das Erfreuliche war", so Miltner,

"dass bei diesem Kongress von den

eingeladenen Referenten mit offenem

Visier gekämpft wurde. Es ging

uns nicht um Lehrbuchwissen, das

vermittelt werden sollte, sondern um

Beispiele aus der täglichen Arbeit."

Und das war dann auch reichlich der

Fall.

Schließlich wurden ganz pragmatisch

Sportverletzungen beim American

Football, Golf und Snowboard-

Neben der Theorie stand auch die Praxis auf dem Programm, wobei

die vielfältigen Anlagen reichliche Betätigungsmöglichkeiten boten

Gut besuchter Mediziner-Kongress in Kienbaum

Kein Lehrbuchwissen,

sondern praxisnahe

Hilfen waren gefragt

fahren sowie die "Betreuung von

Ringern vor, im und nach dem Wettkampf"

angesprochen, aber es ging

auch um Themen wie "Der richtige

Schuh - Sinn und Zweck von Einlagen",

"Physiologische Untersuchungstechnik

des Kniegelenks"

beziehungsweise "Gesetze des

Krafttrainings." Auch der Einsatz

einer Kältekammer spielte eine Rolle,

wobei Kienbaum in dieser Beziehung

das beste Beispiel abgibt.

Etwas lernen und selbst Sport treiben,

aus diesem Mix bestand der

Workshop, an dessen Ende wie

immer die Ausstellung eines Zertifikats

stand, die eine Handhabe

dafür spielt, um eines Tages, bei

genügend Teilnahmen vorgegebenerWeiterbildungsveranstaltungen,

als reiner Sportmediziner

anerkannt zu werden, weil es diese

spezielle Ausrichtung an den Universitäten

(noch) nicht gibt.

Aufmerksame Zuhörer waren Ärzte und Physiotherapeuten, um sich

von den eingeladenen Referenten informieren zu lassen

NADA: Nur 41

Verstöße gegen

die Doping-Regeln

Eine positive Bilanz zog die

Nationale Anti-Doping-Agentur

(NADA) bei ihrer Pressekonferenz.

Die Zahl der Vergehen sank

gegenüber dem letzten Jahr,

wenngleich niemand von den

Verantwortlichen zu sagen wusste,

wie hoch die Dunkelziffer sei.

Aktenkundig wurden 2009 bei

insgesamt 9040 vorgenommenen

Trainings- und 4768 Wettkampfkontrollen

lediglich 41 Verstöße

gegen die Richtlinien (2008

handelte es sich noch um 60), die

zu einem Verfahren und in 21 Fällen

zu einer Sperre führten.

Der spektakulärste, wenn auch

ohne positiven Befund, war natürlich

jener der Berliner Eisschnellläuferin

Claudia Pechstein.

Hierzu erklärte der NADA-

Geschäftsführer Göttrik Wewer,

dass "man bei dem augenblicklichen

Stand gut beraten sei, erst

einmal den Ausgang des Verfahrens

abzuwarten."

Was dem NADA-Vorsitzenden

Armin Baumert nach wie vor

große Sorge bereitet, ist die Tatsache,

dass derzeit nur in 125

der 205 vom IOC akkreditierten

Ländern nationale Anti-Doping-

Agenturen existieren, wovon 63

nach deutschem Muster arbeiten.

Als weiße Flecken gelten die Karibik

und größere Teile Afrikas, wo

die Welt-Organisation WADA

unbedingt eingreifen müsse.”

Der Kuratoriums-Vorsitzende

Prof. Hanns-Michael Hölz wies

darauf hin, dass der NADA in

diesem Jahr 4,5 Millionen Euro

zur Verfügung ständen. Ziel sei

es vor allem, die Blutprofile von

Athleten, derzeit handelt es sich

um 700, zu erhöhen, um noch

besser kontrollieren zu können.

Wobei die inzwischen verschärften

Melde-Vorschriften sicherlich

so manch einen Sportler vor

Probleme stellen.


Seite 12 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Kienbaum erhält

ein neues Gesicht

Das in die Jahre gekommene

Hauptgebäude aus Vorkriegszeit

(oberes Bild) wird ersetzt

durch einen modernen, dreigeschossigenVerwaltungsund

Wohntrakt. Inzwischen

sind die Arbeiten bereits gut

vorangekommen.

Es musste auch eine

Fischtreppe (Bild unten) verlegt

werden, die die Verbindung

zwischen dem Liebenberger

See und dem kleinen

Flüßchen Löcknitz herstellt -

eine Forderung der Umweltschützer.

Es wurde und es wird viel in Kienbaum

gebaut. Davon kann sich jeder überzeugen,

der in diesen Wochen das moderne

Bundesleistungszentrum am Liebenberger

See besucht. Wo immer es sich noch

lohnte, fanden Sanierungen statt. Doch in

den meisten Fällen entstanden neue, zeitgerechte

Einrichtungen, die teilweise die

bisherigen, in die Jahre gekommenen und

unansehnlich gewordenen ersetzten, die

aber auch in einigen Fällen zwingend notwendig

schienen, um die vermehrten

Bedürfnisse der Sportlerinnen und Sportler

abzudecken.

Dabei sei nur an die Kältekammer oder

an die beiden Dreifelder-Hallen gedacht,

wobei die eine noch im Werden begriffen

ist, doch in ihren Ausmaßen erkennen

lässt, was hier alles möglich sei. In jüngster

Zeit haben immer mehr Verbände ihre

Bereitschaft gezeigt, sich dem BLZ-Trägerverein

anzuschließen und, was legitim ist,

auch ihre entsprechenden Wünsche

geäußert, damit sie ihren Trainingsbetrieb

nach internationalen Maßstäben durchführen

können.

Nur die allerwenigsten werden sich an

das alte Heizhaus mit den riesigen Braunkohlebergen

davor erinnern oder wie etwa

der ehemalige Speisesaal aussah. Oder in

welchem Zustand sich die uralten Unterkünfte

befanden. Ganz zu schweigen von

dem inzwischen ebenfalls der Spitzhacke

zum Opfer gefallenen Verwaltungstrakt,

der zwar viel Nostalgie ausstrahlte, aber

längst nicht mehr den heutigen

Ansprüchen genügte. Dank des BMI wurden

im Laufe des letzten Jahrzehnts viele

Millionen investiert, was den DOSB-Präsidenten

Dr. Thomas Bach zu der Feststellung

veranlasste, dass jeder Cent hier sinnvoll

und richtig eingesetzt ist.

Zwei neue, unterkellerte Pavillons, in

unmittelbarer Nähe der Mensa gelegen,

konnten pünktlich zum großen Sommerfest

fertig gestellt werden. Sie passen sich

dem Gesamtbild der Anlage hervorragend

an und enthalten 14 zweckmäßig eingerichtete

Zimmer, ein Apartment, Seminarund

Trockenräume, dazu genügend

Bauplat

Das Bundesleistungszentrum am Liebenberg

Zwei neue Pavillons sind bezugsfe

neuen, modernen Unt

Ein Blick, der nun der Vergange

alten Bungalows aus, die jahrelan

Abstellflächen. Selbst eine Waschmaschine

fehlt nicht. Des Weiteren sind behinderten-gerechte

WC’s vorhanden. Außerdem

bemerkenswert: Alle 28 Betten verfügen

über eine Überlänge (2,20 m), damit auch

die groß gewachsenen Basket- und Volleyballer

genügend Platz zum Ausstrecken

ihrer Beine haben.

Dringend benötigt wurde für Trainingszwecke

eine zweite Dreifelder-Halle, die

vornehmlich für die Ballspielsportarten vorgesehen

ist und die durch einen Gang mit

den bereits existierenden Hallenkomplexen

sowie dem Kraftraum verbunden ist.

Vor wenigen Tagen fand im Rahmen der

Mitgliederversammlung des Trägervereins


Seite 13 Kienbaum-Journal

Juli 2010

z Kienbaum

er See entwickelt sich von Jahr zu Jahr zu einer Top-Anlage

rtig und warten auf die Gäste. Am Tag der Gelebten Einheit sollen die

rkünfte wie geplant ihrer Bestimmung übergeben werden

nheit angehört. So sahen die

g jedoch ihren Zweck erfüllten

das Richtfest statt, so dass in absehbarer

Zeit mit der Fertigstellung zu

rechnen ist. Das Besondere an dieser

Indoor-Anlage ist, dass sie bei

Maßen von 45 mal 28 Meter eine

lichte Höhe von 12,50 m aufweist

und damit internationalem Standard

entspricht.

Natürlich gibt es einen Schwingboden

mit Taraflex-Belag und besondere

Lichtverhältnisse von tausend Lux.

Schallschluckende Wandverkleidungen

sorgen darüber hinaus, dass ein

bestimmter Lärmpegel nicht überschritten

wird. Neben Umkleidekabinen,

Duschen und Toiletten ist auch

ein Raum vorgesehen, wo die Anti-

Doping-Kommission tätig werden

kann. Außer den Volleyballern steht

die Halle der Rhythmischen Sportgymnastik,

aber auch den Judoka

und anderen zur Verfügung.

Bei dem am meisten beachteten

Neubau handelt es sich um einen

modernen Verwaltungs- und Wohntrakt,

der am östlichen Ende des Liebenberger

Sees entseht und der das

bisherige, die Anlage prägende

Hauptgebäude ersetzen soll, das

übrigens in grauer Vorzeit mal als

Mühle diente, wovon auch ein entsprechender

Wasserablauf zeugt.

"Berechnungen hatten ergeben, dass

die dringend notwendige Sanierung

teurer geworden wäre als der jetzt

erfolgte Abriss plus der anschließende

dreigeschossige Ersatz-Neubau",

erklärte Kienbaums Geschäftsführer

Klaus-Peter Nowack.

Allerdings gab es dabei vielfältige

Auflagen bei den Genehmigungsverfahren

zu berücksichtigen, was den

Baumschutz, das Vorhandensein von

Fledermäusen, Schwalben und Bachstelzen

betraf. Und es musste, wie

inzwischen für jedermann sichtbar,

eine Fischtreppe gebaut werden, die

den bisherigen, unter dem alten

Gebäude verlaufenen Graben vom

See in das Flüsschen Löcknitz

ersetzt.

In dem modernen Neubau befinden

sich im Erdgeschoss der Empfangsbereich,

alle Verwaltungsbüros,

Besprechungsräume sowie die gesamte

Technik, im 1. OG sind vornehmlich

Zimmer für Seminare, wissenschaftliche

Betreuung, Video-Analysen

vorgesehen, dazu Aktenräume,

während das Dachgeschoss ausschließlich

als Wohnmöglichkeit mit

acht Doppelzimmern und zwei Apartments

genutzt werden soll. Geplante

Übergabe des 40 Meter langen Baus

ist der März kommenden Jahres. Im

übrigen wird dieser 3,5-Millionen-Bau

aus dem Konjunktur-Programm II

finanziert, wobei ganz bestimmte

Richtlinien eingehalten werden müssen,

auch was die neue Energie-Verordnung

anbelangt.

Wer aufmerksam hinsieht, der hat

sicherlich auch bemerkt, dass das alte

Waschhaus an der Mensa dem Erdboden

gleichgemacht wurde. Hier

sollen Parkplätze entstehen.

Und was tut sich sonst auf dem

weitläufigen Areal? Als nächste Maßnahme

ist gleich nach dem Sommerfest

der Abriss der maroden Halle in

Kienbaum II vorgesehen. Auch hier

wird ein Ersatzbau dafür sorgen, dass

künftig, wie bisher, die erforderlichen

Trainingsmaßnahmen stattfinden können.

Die an gleicher Stelle entstehende

Zweifelder-Halle soll vor allem den

C-Kader-Athleten dienen, aber auch

jenen Sportlern, die ihre Unterkünfte

in dem äußersten Teil der Anlage

haben. Eine Investitionssumme von

13 Millionen Euro soll die gesamten

Bauvorhaben zwischen 2009 und

2011 abdecken.

Dabei gilt die Devise, dass der normale

Trainingsbetrieb ungestört weiter

gehen muss. Wo notwendig, wird

eben vorübergehend improvisiert.

Die neue Dreifelderhalle

wächst und wächst

Ausschachtungsarbeiten im Herbst

dann Aufstellung der Wände und ...

... und vor Kurzem war das Richtfest

Neue Perspektive nach

Abriss des Waschhauses

Nach Kienbaum II wurde die alte

Wäscherei verlagert, so dass sich

jetzt ein völlig anderer Blick auf

die Mensa ergibt

Straßenbau in Kienbaum

Die Ortsdurchfahrt ist derzeit

gesperrt, weil über die Löcknitz

eine neue Brücke gebaut wird


Seite 14 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Interessantes Erlebnis eines Studenten aus Berlin:

Das mulmige Gefühl in der Unterdruckkammer

Studenten der Medienakademie

Berlin besuchten Anfang März das

Leistungssportzentrum Kienbaum.

Christian Thieme, einer der Teilnehmer,

berichtet in seinem längeren

Bericht auch über das, was für viele

noch immer etwas Sagenumwobenes

hat, die einstige Unterdruckkammer.

Hier ein Auszug.

"Herr Nowack beginnt seinen

Rundgang mit einer kleinen Einführung

in die Geschichte. Kienbaum

war früher mal eine Mühle und

wurde während des Zweiten Weltkriegs

als Munitionsfabrik genutzt,

1949 zu einem Sport- und Erholungszentrum

umfunktioniert, um

1952 an den Leistungssport weitergereicht

zu werden, wo DDR-Profisportler

trainiert und auf die ideologisch

wichtigen Wettkämpfe vorbereitet

wurden. . .

Dort steht eine große alte Ostbaracke.

Es sieht nicht so aus, als wäre

sie noch in Benutzung. Vergilbte

Immer wieder gab es in der Vergangenheit

Diskussionen, ob die

geheimnisumwitterte Unterdruckkammer

in Kienbaum wieder reaktiviert

werden sollte, wo einst die

DDR-Athleten unter Höhenbedingungen

trainierten und auf Wettkämpfe

vorbereitet wurden. Nach

der Wende wurde die Anlage jedoch

still gelegt, weil nur noch ein bedingtes

Interesse bestand. Auch Abgeordnete

des Deutschen Bundesta-

Gardinen hängen vor den Fenstern

und lassen uns 30 Jahre in die Vergangenheit

reisen. Doch in Herrn

Nowack´s Augen ist ein Leuchten zu

erkennen. "Das war einmalig in der

Welt. Selbst die Russen fragten sich,

was machen die denn hier?" Er

erklärt uns, dass hier vor der Wende

das Höhentraining der Sportler

durchgeführt wurde. Mit Hilfe der

Druckkammer wurden hier Höhen

simuliert, wodurch die Kondition der

Athleten verbessert werden sollte.

Wir betreten die leerstehende

Baracke. Es riecht nach Schimmel

und alter Tapete.

Über eine Treppe mit rostigen

Metallgeländern kommen wir direkt

in einen größeren Vorraum. Von hier

aus können wir die Druckkammer

bereits sehen. Man bekommt ein

mulmiges Gefühl beim Anblick der

schweren Metallschleusen. Vieles

erinnert eher an einen Luftschutzbunker

als an einen Trainingsraum.

"Hier konnte Hypoxie erzeugt wer-

ges kamen und ließen sich ausführlich

über die Möglichkeiten informieren.

Ursprünglich äußerten sich Ruderer,

Leichtathleten, Triathleten und

sogar Skiläufer positiv, ohne allerdings

den schlüssigen Beweis zu

liefern, dass sie von der Anlage

den", klärt uns Herr Nowack auf,"

um damit Höhen von bis zu 4000

Meter nachzustellen."

Das bedeutete immense Belastungen

für den menschlichen Körper.

Wir treten durch die Schleuse in

die Druckkammer. Sie ist größer als

erwartet. Auch hier ist alles in braun

und gelb gehalten. Die grüne Auslegeware

auf dem Boden wirkt nicht

besonders einladend. Die Sportler

sollten sich hier nicht wohl fühlen.

Hier wurde trainiert, sich gequält und

der menschliche Körper an seine

Leistungsgrenzen und teilweise darüber

hinaus geführt. Die Geräte in

diesen Hallen wirken eher wie Folterinstrumente,

als Trainingshilfen.

Alles ist hier Marke Eigenbau. Auch

Herr Nowack redet von der Experimentierfreude

der Sportwissenschaftler

in der damaligen DDR. "Es

war nicht alles Doping." Direkt unter

der Druckkammer sind weitere Trainingsräume

für Kanuten. Die Gänge

zwischen den Kammern sind eng

Gebrauch machen würden. Und so

verwarf man dann auch alle Überlegungen,

die Kammer wieder mit

Leben zu füllen. Es sei denn, Wissenschaftler

gelangen zu vollkommen

neuen Erkenntnissen.

Nach dem derzeitigen Stand der

Dinge ist jedoch der Bedarf nur

und verzweigt wie ein unterirdisches

Labyrinth. Ein Ort, an dem man nicht

in Panik geraten möchte. Auf unserem

Weg nach oben betreten wir

den Überwachungsraum.

Er ist in der Nähe der Druckkammern

untergebracht. Hier wurden die

Leistungsdaten der Athleten registriert

und ausgewertet.

Der Raum erinnert an eine alte

Stasi-Abhörzentrale und ist klamm

und kühl. In den alten Schränken

stehen Dutzende Monitore, eingestaubt

und unbrauchbar. Auf den

Schreibtischen stapeln sich alte

Tageszeitungen. Ein furchtbares

Durcheinander breitet sich vor uns

aus. Während Herr Nowack über die

heutigen Hypoxiekammern referiert,

verlassen wir die Druckkammer

über die Treppe Richtung Freiheit.

Draußen blendet uns die strahlende

Sonne. Wir schütteln die Kühle der

Kammern aus unseren Gliedern und

atmen tief durch.

Für Besuchergruppen immer wieder interessant, die unterirdisch gelegene und geheimnisumwitterte Unterdruckkammer

Kein Interesse der Verbände

gering und zudem der Unterhalt

auch recht teuer. Das ist ein Argument,

was gegen die Wiederinstandsetzung

spricht.

Noch ist nicht entschieden, was

einmal mit diesem Bau geschieht,

der nach wie vor ein großes Interesse

bei Besuchern hervorruft, die sich

gern darüber informieren wollen,

was hier zu DDR-Zeiten im Verborgenen

geschah.


Seite 15 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Der Zufall spült die schönsten

Geschichten ans Tageslicht. Beispielsweise,

dass die neue, große

Hoffnungsträgerin des deutschen

Eisschnelllaufs Stephanie Beckert,

bei den Olympischen Spielen vor

ein paar Monaten mit einmal Gold

und zweimal Silber dekoriert, mehrmals

als Juniorin in Kienbaum

gewesen sei. "Ich kann mich noch

gut daran erinnern", berichtete der

Erfurter Bundesstützpunkt-Trainer

Peter Wild, der Mitte Juni erneut mit

einem Nachwuchskader das Bundesleistungszentrum

am Liebenberger

See für einen einwöchigen

Lehrgang aufsuchte.

Und kurioserweise war wieder

eine Beckert dabei, nämlich Jessica,

die sechs Jahre jüngere Schwester,

die scheinbar die gleichen Gene

geerbt hat, denn auch ihre Möglichkeiten

liegen eindeutig auf den langen

Strecken. Auf jeden Fall ist die

Schülerin aus der 9. Klasse des

Erfurter Pierre de Coubertin-Gymnasiums

sehr ehrgeizig und trainingsfleißig.

Wie übrigens auch ihr Bruder

Patrick (20), der ebenfalls auf den

schmalen Schlittschuhkufen zu

Hause ist, ebenfalls als Junior nach

Kienbaum kam und der ebenfalls

einiges für die Zukunft verspricht.

Silbernes Lorbeerblatt

vom Bundespräsidenten

Zur Erinnerung: Stephanie

Beckert gewann als "Zugpferd" mit

Daniela Anschütz-Thoms und Katrin

Matscherodt sensationell die Teamverfolgung

in Vancouver und sorgte

für Happyend im deutschen Eisschnelllauf-Lager.

Wenige Wochen

später erhielt die 22-jährige Sportsoldatin

aus der Hand des noch in

Amt und Würden befindlichen Bundespräsidenten

Horst Köhler im

Berliner Schloss Bellevue das Silberne

Lorbeerblatt.

Ob es auch das Nesthäkchen der

Familie eines Tages so weit bringt,

steht noch in den Sternen. Auf

jeden Fall war Jessica (16) mit

Feuereifer wie auch die übrigen

Thüringer Mädchen und Jungen

dabei, als Peter Wild dreimal täglich

zum Training bat. Die erste Einheit

Radfahren gehört zum ständigen Sommer-Trainingsprogramm der

Eisschnellläufer, so auch der aus Erfurt

Jetzt kam Jessica zum

Training nach Kienbaum

Ihre große Schwester Stephanie Beckert wurde in

Vancouver Eisschnelllauf-Olympiasiegerin

fand bereits jeweils um 6.30 Uhr mit

dem Warmlaufen und einer Gymnastik

statt. Dann erst folgten das

Frühstück und danach ein Radfahren

über hundert Kilometer, meist

bis Fürstenwalde und Bad Saarow.

Am Nachmittag wurde dann noch

auf einem Extra-Rundkurs geskatet.

"Vor 15 Jahren war ich das erste

Mal hier, denn früher durften ja nur

absolute Spitzensportler mit ihren

Trainern nach Kienbaum, und da

gehörte ich nicht dazu. Kaum zu

glauben, was sich in letzter Zeit alles

zum Positiven verändert hat. Für

uns bietet die Anlage alles, was wir

brauchen", so Wild, der übrigens

aus dem Handball-Lager stammt,

sich aber während seines Studiums

an der DHfK Leipzig für den Eisschnelllauf

entschied ("weil dort

Leute gesucht wurden") und seit

Mitte 1970 mit viel Freude in diesem

Metier tätig ist, meist im Nachwuchsbereich,

wo er später dann

auch mit der inzwischen zur Team-

Olympiasiegerin avancierten Erfurterin

zusammenarbeitete.

Inzwischen hat er mit Michele

Metz, Franz Weickert und Felix

Rockstroh wieder einige vielversprechende

Talente unter seinen Fittichen.

Und ebenfalls wieder eine

Beckert, Jessica mit Vornamen, die

nach einigen gesundheitlichen Problemen

in der letzten Saison jetzt

voll angreifen will, um ihren beiden

Geschwistern nachzueifern. Eine

erste Gelegenheit bieten die Junioren-Weltmeisterschaften,

die im

Februar 2011 im finnischen

Seinäjonäki stattfinden.

"Die Bedingungen in Kienbaum

verbessern sich von Jahr zu Jahr,

deshalb kommen wir auch immer

wieder mit unseren Nachwuchsleuten

hier her. Die Freundlichkeit

des gesamten Personals, die

Unterkünfte und das gute Essen

sind weitere Pluspunkte, das Bundesleistungszentrum

zu empfehlen",

meinte Wild, der gleichzeitig

auch Bundestrainer-Assistent für

den Junioren-Bereich der DeutschenEisschnelllauf-Gemeinschaft

ist. Langeweile kam beim

Erfurter Juni-Lehrgang ohnehin

nicht auf, denn neben Beachvolleyballspielen

wurde in der Freizeit

vor allem fleißig Fußball geguckt -

es war ja schließlich WM-Time.

Bobfahren:

Christoph Langen

jetzt neuer

Bundestrainer

Frischer Wind im deutschen Bob-

Lager. Christoph Langen übernahm

vom 1. Juli an die bisherige Aufgabe

des in den Ruhestand getretenen

Bundestrainers Raimund Bethge.

Der siebenfache Weltmeister und

Doppel-Olympiasieger erhält einen

Vertrag bis 2014. Er könnte sich

jedoch vorstellen, bis zu den

übernächsten Spielen im Amt zu

bleiben, zumal München als Ausrichter

für das Jahr 2018 im

Gespräch ist.

Ehe der einstige Weltklassepilot

dem Verband seine Zustimmung

gab, musste er noch mit der Bundeswehr

eine grundsätzliche Einigung

über eine Freistellung als Leiter

der Sportförderkompanie Berchtesgaden

erzielen, was inzwischen

auch geschehen ist. "Ich freue mich

riesig auf meinen neuen Job, denn

Bobsport ist mein Leben, davon

kommt man so schnell nicht los", so

der 48-Jährige, der im Oktober

2005 aus gesundheitlichen Gründen

seine aktive Karriere beendete.

Da André Lange (Oberhof) aufgehört

hat, heißt es ohnehin, eine neue

Mannschaft aufzubauen und sie so

weit zu bringen, dass sie international

mithalten kann. "Doch ich bin

sicher, dass Christoph das schaffen

wird. Ihn zeichnet eine hohe Fachkompetenz

aus. Zudem hat er ein

Jahr erfolgreich als Nachwuchstrainer

gearbeitet", so Thomas Schwab,

Generaldirektor des Bob- und Schlittenverbandes.

Neben seinen fahrerischen

Qualitäten überzeugte Langen

schon zu seiner aktiven Zeit mit

seinem technischen Verständnis.

"Raimund hinterlässt eine große

Lücke. Es wird nicht einfach, ihn zu

ersetzen", sagte der neue Bundestrainer,

denn unter der Federführung

von Bethge innerhalb von 20 Jahren

gewannen die deutschen Bob- und

Skeletonpiloten bei Olympischen

Spielen, Welt- und Europameisterschaften

rund 150 Medaillen.


Seite 17 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Bei den Europameisterschaften in Birmingham wurde er zum besten Turner gekürt

Die

erfreuliche

Wandlung

des

Matthias

Fahrig

Für Deutschlands Kunstturner ist

das Jahr 2010 mit viel Stress verbunden.

Zunächst Birmingham, wo die

Mannschaft erstmals in der 55-jährigen

Geschichte von Europameisterschaften

den Titel gewann und

außerdem Matthias Fahrig am

Boden siegte, dann Anfang Juli der

Japan-Cup in Tokio und schließlich

die WM Mitte Oktober in Rotterdam

- dazwischen reichlich Training auch

in Kienbaum.

Nach Fernost flog jenes Quintett,

das bei der EM so imponierte,

neben Fabian Hambüchen, der allerdings

schon vorgereist war, auch

Marcel Nguyen, Philipp Boy, Eugen

Spiridonow und eben jener Matthias

Fahrig, der für Schlagzeilen sorgte

und zum Sportler des Monats April

von der Deutschen Sporthilfe und

dem Aktiven-Beirat des DOSB gewählt

wurde. Er erhielt 56,1 % Stimmen

vor der Trampolin-Europameisterin

Anna Dogonadze (23,1 %) und

dem Deutschen Eishockeymeister

Hannover Scorpions (20,8 %).

Hier ein Auszug aus den vielen

Kommentaren, die nach den Erfolgen

des 24-jährigen Hallensers in

Birmingham in den verschiedenen

Medien erschienen.

"Der Tagesspiegel": "Wegen Disziplinlosigkeit

war Matthias Fahrig

aus dem Team geflogen, jetzt ist er

sein bester Turner. Zu seinem Talent

ist in den vergangenen Jahren noch

einiges hinzugekommen, Trainings-

eifer etwa und die Fähigkeit, sich auf

den Punkt zu konzentrieren. Der

Teamgeist hat den Deutschen

geholfen, den Mannschaftstitel und

fünf Medaillen in den Einzeldisziplinen

zu gewinnen - die beiden wertvollsten

davon holte Fahrig: Gold am

Boden und Silber im Sprung."

"Die Welt": "Matthias Fahrig hat

den Deutschen den einzigen Einzeltitel

beschert und krönte sich zum

neuen Turnkönig in Europa. Nur 18

Monate, nachdem er aus disziplinarischen

Gründen nicht für Olympia in

Peking berücksichtigt worden war,

genoss der Halb-Kubaner seine

erste internationale Einzel-Goldmedaille

in vollen Zügen. Der freute

sich riesig und stellte fest, in den

letzten Jahren immer besser geworden

zu sein und eine gewisse Konstanz

bewiesen zu haben, auch persönlich.”

"Der Kicker": "Erfolgreiche deutsche

Kunstturner. Zu dem Mannschaftssieg

kamen noch fünf Einzelmedaillen,

zwei durch Matthias Fahrig

(Gold am Boden und Silber beim

Sprung), dazu Bronze durch Marcel

Nguyen am Boden sowie Bronze am

Reck durch Weltmeister Fabian

Hambüchen und Philipp Boy - so

erfolgreich war man seit 21 Jahren

nicht, als die Turner beider deutscher

Staaten in Stockholm auf insgesamt

siebenmal Edelmetall (2/2/3)

gekommen waren."

"Berliner Zeitung": "Der Turner

Matthias Fahrig und der Bundestrainer

Andreas Hirsch sind denkbar

unterschiedliche Charaktere und

haben doch einiges gemeinsam. Bei

der EM in Birmingham haben sie

ihren größten Erfolg gefeiert. Gold für

eine deutsche Riege hatte es zuletzt

bei den Olympischen Spielen 1936

in Berlin gegeben. Hirsch ist besonnen

und zurückhaltend, Fahrig

explodierend und verspielt. Die WM

im eigenen Land und die Spiele in

Peking erlebte er aus disziplinari-

Aus dem einstigen Sorgenkind ist ein

wichtiges Teammitglied geworden

schen Gründen zu Hause. Daran,

dass er ein enormes Potenzial hat,

wurde nie im DTB gezweifelt."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Fahrig hat gelernt aus der

Zwangspause, die zwei Jahre dauerte.

Er trainierte weiter bei Uwe

Ronneburg in Halle, er nahm seine

Ausbildung als Fitnesskaufmann

ernst und er arbeitete an sich.

Er zog eine Psychologin zu Rate

und sprach sich mit Hirsch aus.

Das Turn-Team nahm das einstige

Enfant terrible ohne Vorbehalte wieder

auf - schließlich kommt mit Fah-

Zur Person

Auszug aus Fahrigs Homepage

Geboren: 15.12.1985 in Wittenberg/Elbe

Familienstand: ledig

Turner seit: 8. Lebensjahr

Beruf: Ausbildung zum Fitnesskaufmann

Geschwister: Jennifer (mein

kleiner Liebling)

Mutter: wohnhaft in Wittenberg

Vater: wohnhaft in Kuba

Lieblingsessen: Nudeln, Pizza,

Chips

Lieblingsgetränk: Bananensaft

Lieblingsfarbe: Schwarz und

Weiß

Hobbys: Kino, Disko, Fahrrad

fahren, Musik mixen, Modellbahn

Lieblingsfilm: Matrix

Trainer: Uwe Ronneburg

Was solltet Ihr noch über mich

wissen?

Ich lache für mein Leben gern,

trainiere in der Woche 22 Std.

Ich bin ein offener Mensch

Ziele: Olympiasieger Sprung

oder Boden

rig auch immer die gute Stimmung."

"Bild": "Unser neuer Turn-Star

heißt Matthias Fahrig. Dieser Mann

hat in Birmingham sogar Fabian

Hambüchen die Show gestohlen.

Aus dem einstigen Sorgenkind ist

ein wichtiges Teammitglied geworden,

der früher Hambüchen hasste,

inzwischen sein bester Freund

geworden ist.”

"Sportal.de": "Fabian Hambüchen

prallte prustend beide Fäuste, Matthias

Fahrig verneigte sich tief vor

dem Publikum, im Chor sangen sie

lautstark die Nationalhymne. Das

deutsche Turnen erlebte in Birmingham

Sternstunden. Glanzstück war

dabei die Bodenkür von Fahrig, der

seinem Kumpel den Titel entriss

und es mit der schwierigsten

Übung für die Konkurrenz richtig

krachen ließ. Der Titel ist im Lande

geblieben."


Seite 18 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Nachwuchs-Judokas

denken schon an Rio

Das erste Mal waren sie schon im

Januar in Kienbaum, danach im

April, zuletzt im Juni - und im Laufe

des Jahres folgen noch Lehrgänge

im August, Oktober und Dezember.

Die deutschen Judoka, vor allem die

aus dem Nachwuchs-Bereich, treffen

sich häufig in Kienbaum, weil sie

hier, so die zwei Juniorentrainer

Jana Degenhardt und Sven Hesse,

die besten Voraussetzungen finden.

"Bei uns handelt es sich nicht nur

um eine kleine, überschaubare

Gruppe, die sich gerade auf ein Topereignis

wie die U17-EM in Teplice

Nachwuchstrainer im Judo

Sven Hesse und Jana Degenhardt

vorbereitet, sondern stets um 70 bis

80 Teilnehmer, denn wir brauchen in

jeder der acht Gewichtsklassen

mindestens vier Partner beziehungsweise

Partnerinnen zum

Üben", erklärte die beiden Coaches,

die eine Woche lang hart mit ihren

Schützlingen arbeiteten und anschließend

feststellten, dass nicht

nur alle verletzungsfrei geblieben

sind, sondern sich auch in guter

Form im Hinblick auf die kommenden

Ereignisse präsentierten.

Belastungseinheiten, Situationstraining

und richtige Wettkämpfe

standen auf dem Programm, wobei

Turnierbedingungen simuliert wurden.

Einbezogen in den Lehrgang

waren wissenschaftliche Mitarbeiter

des OSP Leipzig, die Videoanalysen

und Laktatmessungen vornahmen,

selbstverständlich auch Physiotherapeuten

und nicht zuletzt auch Psychologen.

Mehr geht eigentlich

nicht, zeigt wiederum aber auch,

dass professionell an die Sache

herangegangen wurde.

"Wir müssen zusehen, dass aus

einer breiten Masse der Eine oder

Andere den Weg in die internationale

Spitzenklasse findet, wohl wissend,

dass der Übergang vom Junioren-

in den Seniorenbereich oft

nicht leicht ist", meinte die seit 2009

als Bundestrainerin tätige Jana

Degenhardt aus Erfurt. "Solange

unsere Talente eine Eliteschule des

Sports besuchen, ist alles vorbildlich

organisiert, doch mit Beginn des Studiums

oder auch des Berufs beginnen

die eigentlichen Probleme, die

nicht zuletzt struktureller Art sind."

Dennoch hofft sie, wie auch ihr

Kollege Sven Hesse aus Frankfurt/Oder,

dass zwei oder drei Talente

aus dem jetzigen Kader in sechs

Jahren so weit sind, dass die Olympischen

Spiele in Rio de Janeiro ein

durchaus anzustrebendes Ziel sind.

"London kommt für die 17- bis 19-

Jährigen in jedem Fall noch zu früh,

denn da muss das Trainingspensum

von augenblicklich 15 Stunden pro

Woche um mehr als die Hälfte

gesteigert werden."

Der Deutsche Judo-Bund ist

mit seinen Bundesleistungszentren

beziehungsweise Olympiastützpunkten

in Berlin, Frankfurt/Oder,

Leipzig, Hannover, Köln, Sindelfingen

und München sicherlich gut aufgestellt.

An den entsprechenden Trainern

mangelt es auch nicht, so dass

die Erfolge in der Vergangenheit

auch nicht ausblieben. Und wahrscheinlich

auch nicht ausbleiben

werden, denn mit der Hessin Natalia

Kubin und dem Niedersachsen Marius

Piepke haben sich zwei Nachwuchskräfte

für die olympischen

Jugendspiele in Singapur qualifiziert.

Bayern-Heber scheuen

nicht die lange Anfahrt

Schon lange machen die

Gewichtheber keinen Bogen mehr

um Kienbaum. Olympiasieger Matthias

Steiner mit seinen Nationalmannschaftskollegen

war da, ebenfalls

die Trainer aus Brandenburg,

Berlin und Sachsen mit ihren

Schützlingen. Und Ende Mai tummelten

sich frisch und munter auch

die Bajuwaren im Kraftraum. Christian

Koherr aus München nutzte mit

15 Athleten die sich ihm bietenden

Möglichkeiten zur Vorbereitung auf

die anstehenden Ereignisse.

"Wir haben schon einmal 2009

reingeschnuppert und waren so

begeistert von der schönen Anlage,

dass wir in diesem Jahr gleich wieder

hergekommen sind", berichtete

der bayerische Landestrainer, der

früher für Cottbus startend schon

einmal DDR-Meister war. Weiter

erklärte er, dass "fünf unserer veranlagten

Talente ohnehin die Elitesportschule

in Frankfurt/Oder besuchen,

weil es bei uns keine vergleichbaren

Möglichkeiten in dieser

Beziehung gibt."

In erster Linie galt es bei dem einwöchigen

Aufenthalt in Kienbaum,

die Technik zu verbessern, aber

auch an der Athletik zu arbeiten,

schließlich stehen in diesem Jahr

noch einige Höhepunkte an, wie die

Deutschen Meisterschaften und der

Alpencup. "Aber unsere Blicke sind

auch schon weiter nach vorn gerichtet,

auf die Olympischen Spiele. London

kommt sicherlich für alle noch

zu früh, unser Ziel ist Rio de Janeiro

2016", so Koherr, der den beiden 19jährigen

Perspektivkader-Mitgliedern

Simon Brandhuber (bis 77 kg) und

Yassin Yüksel (bis 105 kg) viel

Potenzial bescheinigt.

"Wir können die Anlage nur weiter

empfehlen", meinte der Bayern-

Trainer, "denn Kienbaum bietet für

uns beste Voraussetzungen, nicht

nur was den Kraftraum, sondern

Starke Männer an der Hantel. Bayerns Gewichtheber-Talente kommen

gern zum Training nach Kienbaum

auch die übrigen Sportstätten betrifft.

Zudem ist die Verpflegung gut und

abwechslungsreich und die Unterkünfte

lassen auch keine Wünsche

offen. Wenn wir einmal etwas

Abwechslung brauchen, dann setzen

wir uns, wie getan, ins Auto und

fahren nach Berlin.”

Die Jüngeren besuchten den Zoo,

die Älteren das Brandenburger Tor,

den Reichstag und auch den Potsdamer

Platz. Hartes Training auf der

einen, aber auch Entspannung auf

der anderen Seite, die Mischung

muss stimmen. ”Gewichtheben verlangt

eine Menge von körperlicher

Anstrengung und Konzentration",

meinte Koherr zum Abschluss und

versprach, dass er nicht das letzte

Mal in Kienbaum gewesen sei.


Seite 19 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Was Raul Lozano, der neue Trainer

der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft,

auch anpackt, ist

von Erfolg gekrönt. Der 53-jährige

Argentinier gilt als akribischer Arbeiter

und hat eine klare Philosophie,

wie er in einem "DVV-Interview der

Woche" gern zugab.

Haben Sie erwartet, dass ihre

Mannschaft die EM-Qualifikation so

leicht übersteht und in den sechs

Spielen gegen Estland, Kroatien

und Montenegro nur einen Satz

abgibt?

Lozano: "Nein, das habe ich nicht

erwartet. Davon träumt man viel-

leicht. Aber ich sehe auch, wie die

Mannschaft jeden Tag arbeitet und

mit einer gewissen Selbstsicherheit

auf das Feld geht. Man muss aber

auch sagen, dass die Gegner nicht

zur Weltspitze zählen."

In der World League ist die Konkurrenz

natürlich bedeutend stärker

gewesen. Was bedeutete das für ihr

Team?

Lozano: "Wir hatten im vergangenen

Jahr viele Spiele, rund 30.

Davon waren aber nur drei, vier

gegen Russland, Finnland, Polen

und Frankreich auf höchstem

Niveau. Wir brauchen unbedingt

Spiele gegen die allerbesten Mannschaften,

um Erfahrung zu sammeln

und uns auf die WM vorzubereiten.

Natürlich wollen wir auch Spiele

gewinnen, was uns ja auch gleich

zum Auftakt mit zwei nicht unbedingt

einkalkulierten Siegen über

den WM-Zweiten und Europameister

Polen gelungen ist."

Irgendwann sollte es auch einmal

mit einer Medaille bei einem hochkarätigen

Ereignis klappen.

Lozano: "Dafür müssten wir

zunächst zwei Stufen nehmen, bei

der WM unter die ersten acht

Teams kommen oder bei der EM

2011 unter die Top vier. Danach

könnte man über eine Medaille bei

Olympia in London nachdenken.

Grundsätzlich bin ich aber ein

Anhänger davon, sich hohe Ziele zu

stecken."

Wie unterscheidet sich die Arbeit

von 2009 mit 2010?

Lozano: "Letztes Jahr hatten wir

viele Veränderungen im Team:

sowohl im Betreuerstab als auch bei

den Spielern. Jetzt arbeiten wir an

den Feinheiten, letztes Jahr an den

Stellschrauben. Inzwischen bewegen

wir uns auf einer anderen Stufe

und hoffen, den nächsten Schritt

machen können."

Wie verständigen Sie sich, denn

Eine Medaille bleibt das große Ziel

Deutschlands Volleyball-Männer dank Trainer Raul Lozano auf dem Weg zur Weltspitze

Sie sprechen kein deutsch, sondern

italienisch oder spanisch?

Lozano: "Im Training reden wir viel

über taktische Sachen, im Spiel gibt

es dann nur spezielle Codes, dann

ist sofort alles klar. Nur ganz wichtige

Dinge werden ins Englische oder

Deutsche übersetzt."

Wie lautet Ihre Forderung an die

Mannschaft?

Trainer Raul Lozano

Lozano: "Disziplin ist ein wichtiger

Aspekt, aber bei dieser Gruppe

muss ich nicht so viel Wert darauf

legen, das war bei anderen Teams

anders. Wir haben einmal Regeln

aufgestellt, und die muss ich nicht

dauernd wiederholen. Die Spieler

sind sehr diszipliniert, das liegt vielleicht

auch daran, dass viele Spieler

arbeiten oder studieren."

Auch Sie haben mal studiert, war-

Grund zum Jubeln hatten die deutschen Volleyballer in letzter Zeit des

öfteren. Es geht voran auf dem Weg zur internationalen Spitze.

um sind Sie Volleyballtrainer geworden?

Lozano: "Ich habe für acht Jahre

Ingenieurwesen/Maschinenbau studiert.

Ich versuche stets, dieses

technische Wissen auch auf meine

Leidenschaft, den Volleyball, zu

übertragen. Meine Mutter fand es

nicht so gut, dass ich Volleyballtrainer

wurde und nicht Ingenieur - mir

fehlten noch acht Scheine zum

Abschluss. Aber dennoch habe ich

meine Leidenschaft zum Beruf

gemacht."

Wie kamen Sie überhaupt zum

Volleyball?

Lozano: "Ich habe zehn Jahre

gespielt, unter anderem in der höchsten

argentinischen Klasse als zweiter

Zuspieler - den Libero gab es

noch nicht. Ich glaube, man kann

kein Trainer sein, ohne vorher selbst

gespielt zu haben. Man muss

gefühlt haben wie die Techniken

sind. Wenn man Schwimmen lernen

will, muss man auch ins Wasser

springen."

Sie sind seit knapp 30 Jahren

Volleyball-Trainer und gelten als

einer der weltbesten ihres Fachs.

Wie sieht es mit der Popularität aus?

Lozano: "Das muss man dreigeteilt

sehen: In Argentinien nimmt

mich keiner als Volleyballtrainer

wahr, da ich in den vergangenen 20

Jahren dort nicht tätig war. In Italien

erkennen mich die Zuschauer, wenn

ich in einer Halle bin, in Polen werde

ich auf der Straße angesprochen.

Volleyballer in Polen bewegen sich

auf einem Niveau wie Steffi Graf

oder Michael Ballack in Deutschland."

Sie haben eine Maxime: maximal

vier Jahre Trainer bei einer Mannschaft.

Was machen Sie 2013?

Lozano: "Ich weiß es nicht. Ich

bin mir aber sicher, was ich 2012

mache: Dann will ich mit Deutschland

meine dritten Olympischen

Spiele bestreiten. Danach werden

wir sehen, wie es weiter geht.

Momentan fühle ich mich sehr

wohl und bin mit meiner Arbeit

zufrieden."

Impressum

Herausgeber: Trägerverein

"Bundesleistungszentrum

Kienbaum" e.V.,

Puschkinstraße 2, 15537

Grünheide, OT Kienbaum.

Tel.: 03 34 34 - 76-0,

Fax: 03 34 34 - 70 204,

E-Mail:

office@kienbaum-sport.de

Verantwortlich: Jan Kern,

Klaus-Peter Nowack,

Hansjürgen Wille

Druck:

PieReg Druckcenter Berlin,

Benzstr. 12, 12277 Berlin


Seite 21 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Trainer der deutschen U 20-Basketball-Nationalmannschaft fordert:

Wir brauchen größere Spielerinnen

Dass Frauen-Basketball in Deutschland nur ein

Schattendasein führt, wird niemand bestreiten.

"Aber das soll sich in Zukunft ändern", erklärte im

Brustton der Überzeugung Katharina Ditschke, die

Team-Betreuerin der U-20-Auswahl, die sich fünf

Tage lang in Kienbaum auf die beiden Länderspiele

gegen Rumänien in Königs Wusterhausen

und Berlin einstimmte. Dies geschah gleichzeitig

auch unter dem Aspekt einer gezielten

Vorbereitung auf ein gutes Abschneiden bei der

Europameisterschaft Mitte Juli in Lettland.

Dort soll es nach Möglichkeit eine Wiederholung

des achten Platzes bei den letzten Titelkämpfen

2009 in Polen geben, was allerdings

schwer genug wird, da aus Altersgründen mehrere

Spielerinnen nicht mehr zur Verfügung stehen.

"Dennoch müsste es uns gelingen, wenigstens

den Abstieg zu vermeiden, was ja sonst

einen Rückschritt gegenüber dem letzten Jahr

bedeuten würde, den wir nun wahrlich nicht

gebrauchen können", so der neue Trainer Bastian

Wernthaler, von Beruf selbständiger Rechtsanwalt

in München, der sich nur in seiner Freizeit

um die Mannschaft kümmern kann.

Zum Glück fangen ihn, wie er sagt, seine Kollegen

zu Hause auf. Sonst hätte er diesen

Nebenjob gar nicht angenommen. Wenn

jedoch der Deutsche Basketball-Bund sein

selbst gestecktes Ziel erreichen will, dass sämtliche

weiblichen Vertretungen, von den Jugendlichen

bis hin zu den Erwachsenen, künftig bei

einer A-Europameisterschaft mitspielen und

nicht an einem zweitklassigen B-Turnier teilnehmen

sollen, dann ist in jedem Fall mehr Professionalität

gefragt als es bisher der Fall war. "Ein erster

Schritt auf dem Weg dorthin wurde bereits

gemacht", meint Katharina Ditschke, die übrigens

Bereiteten sich in Kienbaum auf die Höhepunkte der

Saison vor, Deutschlands Basketball-Juniorinnen

Lagebesprechung:

Trainer

Imre Szittya hat

die Spielerinnen

der deutschenBasketball-Nationalmannschaft

um

sich versammelt,

um sie

beim Lehrgang

auf die EM-

Qualifikationsspiele

Mitte

August vorzubereiten.

Zuvor

waren schon

die JuniorinnenzumTraining

in Kienbaum.

ihren Jahresurlaub nimmt, um dabei sein zu können.

"Es wurde nämlich beschlossen, dass ab der

nächsten Saison in der Bundesliga mindestens

zwei deutsche Spielerinnen auf dem Parkett stehen

müssen, was in jedem Fall bessere Chancen

für den Nachwuchs bedeutet, der dadurch die

notwendige Praxis und Routine erhält."

Wernthaler, der übrigens zum ersten Mal

mit der U 20-Auswahl bei dem Lehrgang in

Kienbaum zusammenarbeitete, weiß, welch

schwierige Aufgabe ihm bevorsteht, denn

schon in den Gruppenspielen trifft man mit

Serbien, Spanien und Italien auf sehr starke

Gegner. "Mein Problem ist es, dass wir zwar

einige sehr talentierte Spielerinnen haben,

aber dass die meisten nicht groß genug sind,

was im Basketball ein nicht zu unterschätzender

Vorteil ist. Wir befinden uns leider in

harter Konkurrenz zu so attraktiveren Sportarten

wie Handball, Volleyball und zum Teil

auch Fußball, die international gesehen ein

ganz anderes Niveau erreicht haben und

deshalb bei den jungen Mädchen gern

bevorzugt werden."

Trotz des notwendig gewordenen Neuaufbaus

gegenüber der letztjährigen Mannschaft

wäre es dieser U 20-Vertretung zu

wünschen, dass sie in Lettland gut abschneidet

und weiter im Kreis der Großen

verbleibt, damit wenigstens eine deutsche

Vertretung aus dem weiblichen Basketball-

Bereich künftig bei einer A-EM mitspielt.


Seite 22 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Bundestrainer Reiner Kießler über neue Tendenzen im Kanusport:

Die Spezialisierung schreitet voran

Während eines Vorbereitungslehrgangs

in Kienbaum sprach Chef-

Bundestrainer Reiner Kießler ganz

offen Probleme an, die mit der Einführung

der olympischen 200-m-

Strecke verbunden sind und bereits

2012 in London zum Tragen kommen.

Auf Beschluss des Internationalen

Kanu-Verbandes gehört die 200m-Strecke

künftig zum Standardprogramm.

Dafür fallen die

500-m-Wettbewerbe weg. "Wir müssen

deshalb völlig neue Konzepte

entwerfen, denn die Teilnehmerfelder

werden künftig noch ausgeglichener,

die Entscheidungen noch enger."

Die ersten Wochen der Saison liegen

hinter den Kanuten, wie fällt Ihr

Urteil aus?

Reiner Kießler: "Wir können durchaus

mit dem Zustand unserer Fahrer

und Fahrerinnen zufrieden sein, denn

die bisherigen Weltcups zeigten,

dass wir gut gearbeitet haben und

die nach den Olympischen Spielen

2008 zwangsläufig entstandenen

Lücken nahtlos schließen konnten."

Europa- und Weltmeisterschaften

stehen in diesem Jahr auf dem Programm.

Welchen Stellenwert haben

beide Ereignisse?

Kießler: "Die EM im spanischen

Trasona Anfang Juli hat sicherlich

nicht den gleichen hohen Stellenwert

für uns wie die WM Mitte August in

Poznan. Deshalb traten wir beim

ersten Termin auch nicht unbedingt

mit unserem allerbesten Aufgebot

an, sondern gaben verstärkt Aktiven

aus der zweiten Reihe eine Chance.

Dennoch gab es fünf Siege und zwar

durch Max Hoff (Kajak-Einer) und

Sebastian Brendel (Canadier-Einer),

ferner Andreas Ihle/Martin Hollstein

(Kajak-Zweier) sowie die beiden

Kajak-Vierer der Männer und Frauen.

Hinzu kamen noch drei zweite und

fünf dritte Plätze.“

In dieser Saison gibt es, bedingt

durch die nicht von allen gutzuheißende

Entscheidung des Internationalen

Verbandes, einige Neuerungen.

Wie sehen diese aus?

Kießler: "Die gravierendsten Veränderungen

beziehen sich dabei auf

das olympische Programm. Künftig

fallen sämtliche 500-m-Wettbewerbe

Schwarz-Rot-Gold - so sind die Farben des Einer-Canadiers Sebastian Brendel,

der sich zwischen der 200- oder 1000-m-Strecke entscheiden musste

bei den Männern weg. Das betrifft

den Kajak-Einer und -Zweier sowie

den Canadier-Einer und -Zweier. Sie

werden durch die Disziplinen auf der

200-m-Strecke ersetzt. Das gilt für

den K1 und K 2, den C 1 der Männer

sowie den K1 der Frauen. Was nichts

anderes heißt, als dass fortan eine

noch größere Spezialisierung erforderlich

wird, denn niemand dürfte in

der Lage sein, sowohl über die kurze

Strecke als auch über die traditionel-

len 1000 Meter zur Weltspitze zu

zählen. Einmal wird absolute Sprintfähigkeit

verlangt, andererseits totale

Ausdauer gefordert."

Und was bedeutet das schließlich

für Trainer und Aktive?

Kießler: "Eine völlig neue Herausforderung,

der sich alle stellen müssen.

In jedem Fall sind andere Konzepte

notwendig, aber es gibt auch

schmerzliche Trennungen. Besonders

schade ist das für unseren so

erfolgreichen 500-m-Kajakzweier.

Ronald Rauhe und Tim Wieskötter

müssen künftig wohl oder übel

getrennte Wege gehen. Grundsätzlich

ist es so, dass auf den kurzen

Distanzen in der Regel Tausendstelsekunden

oder ein einziger Paddelschlag

über Sieg oder Niederlage

entscheiden. Die Konkurrenz rückt in

jedem Fall enger zusammen, doch

ich hoffe, wir haben das entsprechende

Potenzial. Schließlich

wurde Rauhe im letzten Jahr

Weltmeister über die 200m-Strecke,

die ihm gut liegt."

Einige Kanuten haben ja

nach Olympia aufgehört,

andere stellten ihre beruflichen

Ambitionen in den Vordergrund.

Wie sind Sie

damit zurecht gekommen?

Kießler: "Uns allen war

bewusst, dass nach Peking

ein gewisser Umbruch einsetzen

würde, doch er fiel

nicht ganz so dramatisch

aus wie befürchtet, wenngleich

er im Canadier-

Bereich schon etwas stärker zu

spüren ist. Andreas Dittmer, unser

vielfacher Weltmeister und Olympiasieger

von 2004, steht ebenso nicht

mehr zur Verfügung wie Andreas Gille,

der vor zwei Jahren in Peking mit

Tomas Wylenzek im Zweier Gold holte.

Zum Glück sind die meisten

Kadersportler jedoch dabei geblieben

und greifen, nach einer gewissen

Pause, jetzt wieder voll an, schon

im Hinblick auf die kommenden

Bundestrainer Reiner Kießler

Olympischen Spiele, die 2012 in

London stattfinden."

Wie sieht denn Ihre Planung für

die kommenden zwei Jahre aus?

Kießler: "Bereits 2011 müssen wir

danach trachten, bei den entsprechenden

Regatten auch die erforderlichen

Quotenplätze für London zu

sichern, damit wir im Olympiajahr

nicht unter unnötigen Druck und in

Zeitnot geraten. Natürlich haben wir

bereits eine Zielvereinbarung mit

dem Deutschen Olympischen Sportbund

getroffen, die unter anderem

besagt, dass wir genauso viele

Medaillen erringen wollen wie zuletzt

in Peking, nämlich sieben an der

Zahl, wenngleich die Farben noch

etwas besser sein könnten."

Und was folgt danach. Wird der

DKV auch weiter zu Deutschlands

erfolgreichstem olympischen Sommerverband

zählen?

Kießler: "Eines steht fest, wir dürfen

auf keinen Fall unseren Nachwuchs

vernachlässigen. Wir wissen,

dass wir es in Deutschland demnächst

mit einem Geburtenknick zu

tun haben und dass andere Sportarten,

die ohne so ein wackliges Sportgerät

wie das unserige auskommen,

längst dabei sind, frühzeitig Talente

zu sichten und sie an sich zu binden,

die uns dann letzten Endes fehlen.

Um jedoch weiter international erfolgreich

zu sein, brauchen wir vor allem

eine finanzielle Unterstützung, die wir

für unsere Jugendförderung einsetzen

müssen. Und weil durch die Einführung

der olympischen 200-m-

Strecke auch eine Spezialisierung

unabänderlich ist, benötigen wir

unbedingt einen Sprinttrainer."


Seite 23 Kienbaum-Journal

Juli 2010

Kleines Jubiläum:

Zum 25. Mal

das Kienbaum-Journal

25

Eng verbunden mit der Entwicklung des

Bundesleistungszentrums am Liebenberger

See ist auch das “Kienbaum-Journal”,

das seine Premiere im April 2002 feierte.

In der ersten Ausgabe würdigten der damalige DSB-Vizepräsident

und Verantwortliche für den Leistungssport in der

Bundesrepublik Ulrich Feldhoff sowie der damalige Staatsminister

Rolf Schwanitz die Bedeutung der Anlage, die sich

seitdem enorm zum Positiven verändert hat.

Der Vorsitzende des Trägervereins Dr. Hans-Georg Moldenhauer

sieht dieses Medium als eine gute Gelegenheit,

Sportler, Verbände und andere Institutionen mit den neuesten

Nachrichten aus Kienbaum zu versorgen und auf

interessante Begebenheiten aufmerksam zu machen.

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