Sonderausgabe Digitalisierung der Verwaltung
Die Top-Themen dieser Ausgabe sind. Künstliche Intelligenz im Verwaltungseinsatz, digitale Souveränität, E-Procurement, Open Source, Nachhaltigkeit in Rechenzentren sowie der Rechtsrahmen zur Digitalisierung - und Unterstützungsangebote für Behörden. Unsere Fachautorinnen und Fachautoren aus Wissenschaft, Verwaltung und IT geben tiefe Einblicke, zeigen Best Practices und formulieren konkrete Empfehlungen für die Praxis – über Bundes-, Landes- und kommunale Ebenen hinweg.
Die Top-Themen dieser Ausgabe sind.
Künstliche Intelligenz im Verwaltungseinsatz, digitale Souveränität, E-Procurement, Open Source, Nachhaltigkeit in Rechenzentren sowie der Rechtsrahmen zur Digitalisierung - und Unterstützungsangebote für Behörden.
Unsere Fachautorinnen und Fachautoren aus Wissenschaft, Verwaltung und IT geben tiefe Einblicke, zeigen Best Practices und formulieren konkrete Empfehlungen für die Praxis – über Bundes-, Landes- und kommunale Ebenen hinweg.
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Sonderausgabe
Zukunftsorientierte Digitalisierung
6,80 EURO
Ausgabe November 2025
Künstliche Intelligenz
in der Verwaltung
Interview mit Christina Lang,
CEO Digitalservice
Top-Themen:
Digitale Souveränität, E-Procurement
Nachhaltigkeit in Rechenzentren
Kleine Kniffe
1
2 Kleine Kniffe
Editorial
Die Digitalisierung der Verwaltung ist kein Zukunftsprojekt mehr, sondern tägliche Realität.
In vielen Behörden treffen hoher Anspruch, knappe Ressourcen und wachsende Erwartungen der
Bürger aufeinander. Genau hier setzt diese Sonderausgabe an. Wir wollen Orientierung geben,
ohne zu vereinfachen, und Mut machen, ohne Risiken zu verschweigen. Denn die Frage, wie der
öffentliche Sektor digitale Werkzeuge gestaltet und einsetzt, entscheidet über Leistungsfähigkeit,
Vertrauen und Transparenz staatlichen Handelns.
Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten für Entscheidungen, Abläufe und Servicequalität.
Gleichzeitig wächst der Anspruch, digitale Souveränität zu sichern, Abhängigkeiten
zu reduzieren und technologische Verantwortung zu übernehmen. E-Procurement verändert die
Beschaffungspraxis, automatisiert Prozesse und schafft Raum für strategisches Arbeiten. Open
Source wird mehr und mehr zum Schlüssel einer modernen IT-Architektur, die von Kooperation,
Offenheit und Innovation lebt. Und Nachhaltigkeit in Rechenzentren ist nicht länger ein Randaspekt,
sondern Teil verantwortungsvoller Digitalisierung.
Rechtsrahmen, Standards und Förderprogramme bilden dafür die Grundlage. In diesem Heft
zeigen Fachautorinnen und Fachautoren, welche Regelungen gelten, wo Unterstützung zu finden
ist und welche Lösungen in Deutschland bereits funktionieren. Digitalisierung der Verwaltung ist
machbar, wenn Wissen geteilt, Chancen genutzt und Herausforderungen gemeinsam angegangen
werden. Wir wünschen eine anregende Lektüre und viele Impulse für die eigene Praxis.
Die Magazine erreichen Sie unter dieser Adresse (https://t1p.de/sg8q7), den Podcast unter
dieser Adresse (https://t1p.de/aw09o) und die LinkedIn-Gruppe zum Magazin unter dieser
Adresse (https://t1p.de/pt9nw). Die App „Kleine Kniffe“ bringt Ihnen diese Informationen ab
sopfort auch auf Ihr Smartphone.
Chefredakteur
Kleine Kniffe
3
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Impressum
Redaktion
SDG media GmbH
Wagenfeldstraße 7a
44141 Dortmund
Kontakt:
redaktion@kleine-kniffe.de
Chefredaktion und V.i.S.d.P:
Thomas Heine
22
Textbeiträge von:
Wilco Burggraaf, Martin Eichenseder, Babak
Falsafi, Dr. Moritz Gomm, Thomas Heine,
Hannah Herbst, Jutta Horstmann, Dr. Larissa
Hütter, Harald Joos, Dr. Athanasios Karafillidis
Prof. Dr. Henning Klaffke, Leonhard Kugler,
Christina Lang, Finnigan Lutz, Patrick Reiß,
Ann Cathrin Riedel, Reiner Petzold, Monika
Schmidt, Dirk Schrödter, André Schwarz, Ivan
Stanisavljevic, Florian Steinmetz, Esther Steverding,
Professor Harald Wehnes, Michael
Wilczynska
Fotos/Grafiken:
Deutsche Bahn AG, DigitalService, Heinlein
Gruppe, Ann Cathrin Riedel, Staatskanzlei.SH,
Esther Steverding, Swiss Datacenter Efficiency
Association, UNITE, zdov GmbH, ZENDIS
15
Internet:
www.nachhaltige-beschaffung.com
Social media:
LinkedIn: https://t1p.de/7xkcw
Twitter: https://t1p.de/z16xt
Facebook: https://t1p.de/fd2fu
Digitale Ausgabe veröffentlicht unter:
https://t1p.de/sg8q7
Herausgeber
SDG media GmbH
Wagenfeldstraße 7a
44141 Dortmund
www.sdg-media.de
kleine kniffe® ist eingetragene Marke
der IMAGO GmbH, Dortmund
06. BÜROKRATIEENTLASTUNG
08. INTERVIEW MIT CHRISTINA LAND
10. RECHTSRAHMEN DER DIGITALISIERUNG
12. WAS DEUTSCHLAND LERNEN KANN
14. DIGITALE SOUVERÄNITÄT SCHLESWIG-HOLSTEINS
18. REDEN IST GOLD - NEXT E.V.
20. DEUTSCHLANDS DIGITALPROJEKTE
22. OPEN SOURCE ALS DIGITALES FUNDAMENT
24. DER GROSSE WINDOWS-SCHWINDEL
28. KRITISCHE INFRASTRUKTUREN UND OPEN SOURCE
30. GREEN IT ALS PFLICHTPROGRAMM
32. INTERVIEW MIT FINNIGAN LUTZ. ZDOV
34. OPEN SOURCE IN DEN NIEDERLANDEN
36. DIGITALER EINKAUF
38. DEKARBONISIERUNG IM IT-EINKAUF
40. MODERNE ÖFFENTLICHE BESCHAFFUNG
4 Kleine Kniffe
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42. NACHHALTIGE IT-BESCHAFFUNG IM KRANKENHAUS
46. NACHHALTIGE IT-BESCHAFFUNG MIT TCO CERTIFIED
48. KI IN DER ÖFFENTLICHEN VERWALTUNG
50. AUF DEM WEG ZU EINER KI-GOVERNANCE
52. KI-KOMPASS FÜR DIE VERWALTUNG
54. ERFOLGSFAKTOR NACHHALTIGE IT-KOMPETENZ
56. NACHHALTIGE KI IST MEHR ALS CO²-BILANZIERUNG
59. KI TRANSFORMIERT DIE BESCHAFFUNG!
60. MULTI-AGENTEN-INFRASTRUKTUR
64. WIE KI DIE VERWALTUNG DIGITALISIERT
66. RECHENZENTREN IN FRANKFURT
69. APP-NUTZUNG IM BERUFSALLTAG
70. CLOUD-NUTZUNG NIMMT IMMER WEITER ZU
72. NACHHALTIGKEIT BEI DER DATACENTER-AUSWAHL
74. WIE CIO`S DIE TRANSFORMATION ZUM ERFOLG FÜHREN
77.UNTERSTÜTZUNG FÜR EINE DIGITALE VERWALTUNG
Kleine Kniffe
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Digitalisierung der Verwaltung
Bürokratieentlastung –
Wie sie auch ohne das Anlegen einer Kettensäge gelingt
Bürokratie ist für einen funktionierenden Staat unverzichtbar. Sie schafft Rechtssicherheit,
Transparenz und klare Abläufe, daher lautet die Frage nicht, „brauchen wir Bürokratie“, sondern
„wie viel Bürokratie brauchen wir - und wie setzen wir diese effizient um?“ Denn ein Zuviel an
Bürokratie führt zu unnötigem Mehraufwand – sowohl für Bürgerinnen und Bürger als auch für
Unternehmen und nicht zuletzt auch für die Verwaltung selbst.
Ein Beitrag von Esther Steverding
Der Nationale Normenkontrollrat schätzt die jährlichen Kosten
allein für die Wirtschaft auf rund 65 Milliarden Euro, das ifo-
Institut kommt auf 146 Milliarden Euro, die aufgrund von Bürokratie
volkswirtschaftlich nicht realisiert werden – eine Summe, die dem
Bruttoinlandsprodukt eines mittelgroßen Bundeslandes entspricht.
Doch auch in den Ämtern, Rathäusern und staatlichen Einrichtungen
vor Ort zeigt sich täglich: Formulare, Medienbrüche und
doppelte Berichtspflichten binden Zeit und Personal, das an anderer
Stelle dringend benötigt wird.
Doch wie kann Bürokratieentlastung in einem demokratischen
Mehrebenensystem gelingen?
Ein Dreiklang an Entlastungen
Wir schlagen drei Hebel für eine strukturelle und nachhaltige
Bürokratieentlastung vor:
• Bürokratie zurückbauen, wo sie zu weit geht
• Bürokratie gar nicht erst entstehen lassen
• Eine serviceorientierte Verwaltung, die das sinnvolle Maß an
Bürokratie effizient umsetzt
Klingt simpel, ist aber ein Kraftakt, denn bürokratische Prozesse
verschwinden nicht einfach. Es bedarf zum einen vieler kleiner, hartnäckiger
Schritte, die gegangen werden müssen, und zum anderen
Veränderungen in alltäglichen Arbeitsabläufen und dem Alltagshandeln.
Bestehende Bürokratie zurückbauen
Für die Verwaltung bedeutet Bürokratieabbau vor allem, eigene
Verfahren kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört die Reduzierung
nationaler Sonderwege, die oft über europäische Vorgaben hinausgehen,
das sogenannte Gold-Plating. Aber auch Vergabe- und
Beschaffungsprozesse sind vielfach zu komplex und uneinheitlich.
Eine stärkere Zentralisierung, standardisierte Verfahren und digitale
Plattformen könnten hier spürbare Erleichterungen bringen
– nicht nur für Bietende, sondern auch für die Mitarbeitenden in den
Beschaffungsstellen.
Zudem sollten Berichtspflichten und Datenübermittlungen
konsequent harmonisiert werden. Zu oft werden von unterschiedlichen
Stellen ähnliche Daten und Informationen angefordert.
Durch regelmäßige Praxischecks können weitere vermeidbare bürokratische
Hürden identifiziert und im Rahmen des nun jährlich zu
verabschiedenden Bürokratieentlastungsgesetzes abgebaut werden.
Bürokratie gar nicht erst entstehen lassen
Ein entscheidender Ansatzpunkt ist der Gesetzgebungsprozess.
Künftig sollte jedes Vorhaben einem Digitalcheck unterzogen
werden: Ist es digital ausführbar? Sind die Begriffe technisch und
semantisch klar definiert? Solche Prüfungen helfen, spätere Umsetzungsprobleme
zu vermeiden.
Darüber hinaus sollten Genehmigungsfiktionen eingeführt
werden. Sie sehen vor, dass nach Ablauf bestimmter Fristen – sofern
alle Unterlagen vorliegen – eine Genehmigung automatisch erteilt
6 Kleine Kniffe
Foto: Esther Steverding
wird bzw. die Genehmigung als gegeben hingenommen wird. Für
die Verwaltung schafft dies klare zeitliche Leitplanken, für Antragstellende
Planungssicherheit.
Auch die Schaffung und aktive Nutzung eines digitalen
Gesetzgebungsportals kann Bürokratie vermeiden: Bereits im Entstehungsprozess
von Gesetzen können Betroffene, ob Bürgerinnen
und Bürger oder Verwaltungsmitarbeitende auf praxisuntaugliche
Reglungen hinweisen, sodass diese im weiteren Gesetzgebungsprozess
beseitigt werden können.
Eine serviceorientierte
Verwaltung Realität werden lassen
Von zentraler Bedeutung für eine Modernisierung ist der
Übergang zu durchgehend digitalen Prozessen. Es braucht u.a. ein
einheitliches Unternehmenskonto als Zugangstor zu allen wirtschaftsbezogenen
Verwaltungsleistungen. Ergänzend sollten digitale
Signaturen und Identitäten breit eingesetzt werden, damit Nachweise
und Urkunden rechtssicher und papierlos (automatisch) bearbeitet
werden können. Übertragen auf den Alltag der Verwaltung bedeutet
das: weniger Medienbrüche, einheitliche Kommunikationswege mit
den Antragstellenden und besser strukturierte Daten.
Ein zentraler Schritt ist zudem die Registermodernisierung.
Wenn staatliche Stellen ihre Daten austauschen können, entfallen
Mehrfacheingaben, Nachfragen und Korrekturen. Das führt auf
beiden Seiten zu mehr Effizienz.
Schließlich sollte die Verwaltung auch proaktiver werden: Statt
auf eingehende Anträge zu reagieren, können Leistungen automatisch
gewährt werden, sobald die Voraussetzungen erfüllt sind oder
Prozesse automatisch auf Verwaltungsseite angestoßen werden. Ein
einfaches Beispiel: Die Verwaltung weiß, wann der Personalausweis
abläuft, warum muss man ihn dennoch selbst beantragen?
Bürokratie soll dem Menschen dienen –
nicht umgekehrt
Bürokratieabbau ist kein Selbstzweck, sondern Standortpolitik
und hilft, die Handlungsfähigkeit zu wahren. Länder, die ihre Verwaltung
modernisieren, ziehen Innovationen und Investitionen an
und stärken das Vertrauen in den Staat.
Denn am Ende geht es nicht darum, das bürokratische Grundprinzip
abzuschaffen. Sondern darum, die Bürokratie so zu gestalten,
dass sie dem Staat, der Gesellschaft und der Wirtschaft dient – und
nicht umgekehrt.
Autorin
Esther Steverding
Bereichsleiterin Public Sector beim Bitkom e.V.
Kleine Kniffe
7
Digitalisierung der Verwaltung
Der Servicestandard -
Ein Erfolgsrezept für die digitale Verwaltung
Im Interview spricht Christina Lang, Gründerin und CEO des DigitalService, über fünf Jahre
digitale Verwaltungsmodernisierung. Sie zeigt, wie ihr Team mit Start-up-Spirit, Open-Source-
Prinzipien und partnerschaftlicher Zusammenarbeit nutzerfreundliche Lösungen entwickelt, und
erklärt, warum der Servicestandard für Bund, Länder und Kommunen das Rezept für erfolgreiche
Digitalisierung ist.
Das Interview führte Thomas Heine
Der DigitalService des Bundes feiert seinen fünften
Geburtstag. Was machen Sie und Ihr Team konkret?
Wir entwickeln im Auftrag der Bundesverwaltung nutzerfreundliche
digitale Lösungen und unterstützen die Verwaltung, moderne
agile Arbeitsweisen zu etablieren. Dabei verbinden wir das
Beste aus beiden Welten: Wir bringen das Know-how für die Digitalisierung
mit und kennen gleichzeitig die Besonderheiten der
Verwaltung.
Viele unserer über 200 Mitarbeitenden stammen aus der Digitalbranche
und aus führenden Tech-Unternehmen. Unsere Kultur
gleicht eher einem Start-up: Wir arbeiten in interdisziplinären Projektteams,
nutzen moderne Produktentwicklungsprinzipien und
stellen die Nutzenden in den Mittelpunkt. Was uns dabei besonders
wichtig ist: Wir arbeiten eng und auf Augenhöhe mit unseren Projektpartnerinnen
und Projektpartnern zusammen.
Als Bundes-GmbH wirken wir dabei stets im Interesse des
Gemeinwohls und orientieren uns nicht an Gewinnmaximierung.
Auch deshalb sind wir ein vertrauenswürdiger interner Digitalisierungspartner
für die Verwaltung. So entwickeln wir beispielsweise
alle unsere Software-Projekte mit Open-Source-Lizenzen.
Weil sie mit öffentlichen Geldern erarbeitet wurden, sollen auch die
Ergebnisse öffentlich zur Verfügung stehen. Wir ermöglichen Nachnutzung
und bauen, wo immer möglich, auf Vorarbeiten anderer
auf. Außerdem teilen wir Wissen, Konzepte und Erfahrungen offen.
Wie sehen die Projekte aus, die Sie umsetzen?
Ein Beispiel: Gemeinsam mit dem Bundesministerium der Justiz
und für Verbraucherschutz entwickeln und betreiben wir digitale
Angebote, die den Zugang zum Recht für Bürgerinnen und Bürger
verbessert. Wir ermöglichen es, Anträge wie Beratungshilfe oder
Prozesskostenhilfe digital bei Amtsgerichten einzureichen. Diese
Projekte sind eine föderale Kooperation zwischen dem Bund, zehn
Partnerländern und 24 Pilotgerichten. Unser Anspruch ist die bundeseinheitliche
Entwicklung dieser Dienste. Dazu müssen wir von
Anfang an die Breite der Gerichtslandschaft in die Entwicklung einbeziehen.
Ein ganz anderes Beispiel ist der Digitalcheck für digitaltaugliche
Gesetzgebung. Hier arbeiten wir mit dem Bundesministerium für
Digitales und Staatsmodernisierung daran, dass unsere Gesetzgebung
fit für das digitale Zeitalter wird. Dafür geben wir Mitarbeitenden
der Verwaltung neue Werkzeuge an die Hand, zum Beispiel, um
umsetzende Behörden besser einzubinden. Auch hier arbeiten wir
eng mit den Bundesländern, tauschen Erfahrungen aus und bieten
Unterstützung an.
In Kommunen sind finanzielle und personelle
Ressourcen ein großes Thema. Welche Rolle kann die
Digitalisierung hier spielen?
Mit Blick auf die personellen Ressourcen bietet Digitalisierung
perspektivisch die große Chance, dass Mitarbeitende von repetitiven,
automatisierbaren Aufgaben entlastet werden und ihre Zeit für die
wirklich wichtigen Aufgaben nutzen können oder dass Bürgerinnen
und Bürger von deutlich besseren und schnelleren digitalen
Services profitieren. Gleichzeitig darf man nicht die Augen davor
8 Kleine Kniffe
Foto: DigitalService
verschließen, dass die Umsetzung von Digitalisierungsprojekten
und die Implementierung vor Ort erst einmal kundiges Personal
erfordern.
Die Herausforderungen bei den finanziellen Ressourcen in den
Kommunen sind und dabei sehr bewusst. Ein wichtiger Effizienzhebel
wäre eine Bündelung der Bereitstellung von digitalen Lösungen
für Kommunen auf gemeinsam nutzbaren Infrastrukturen. Aber es
gilt auch, stärker auf standardisierte, offene Schnittstellen bei der
Entwicklung von IT-Lösungen und Fachverfahren unterschiedlicher
Software-Anbieter hinzuwirken. Das macht die IT-Systeme kompatibler
und ermöglicht günstige Nachnutzung.
Welche konkreten Vorteile bringen Standardisierungen
in diesem Kontext?
Gut gemachte technische und fachliche Standards setzen den
Rahmen für die Interoperabilität von IT-Lösungen. Gleichzeitig
reduzieren sie den individuellen Aufwand in Digitalisierungsvorhaben
und sichern eine einheitlich hohe Qualität. Wichtig ist uns, dass
Standards so entwickelt werden, dass sie gut für die Praxis funktionieren.
Das heißt widerspruchsfrei, verständlich und verbindlich.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Servicestandard, der Maßstäbe für
die Qualität digitaler Angebote der Verwaltung setzt.
Was genau ist der Servicestandard und
an wen richtet er sich?
Der Servicestandard bietet klare, überprüfbare Qualitätsanforderungen
und praxisnahe Unterstützung für digitale
Verwaltungsdienste. Damit ist der Servicestandard ein wirksames
und hilfreiches Werkzeug, um schnell und effizient gute Verwaltungsdienste
zu entwickeln und zu betreiben. Er ist wie ein gutes
Kochrezept für alle, die in Bund, Ländern und Kommunen an digitalen
Services arbeiten.
Sie entwickeln den Servicestandard gemeinsam mit
dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung
weiter. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Wir sind im Sommer 2024 gestartet, damals noch mit dem
Bundesministerium des Innern (BMI). Wir haben zunächst rund 60
Interviews mit Expertinnen und Experten aus Bund, Ländern, Kommunen,
Wirtschaft und und Zivilgesellschaft geführt. Ein Wunsch,
der sich dabei herausstellte: Orientierung ist gut, Vorgaben sind
besser!
Daher haben wir gemeinsam mit dem BMI, dem Deutschen
Institut für Normung (DIN) und einem breiten Konsortium aus
Weitere Informationen
Sie möchten mehr über den DigitalService des Bundes
erfahren? Die Webseite bieten einen Einlbick.
Die Expertinnen und Experten aus Software-Entwicklung,
Produktmanagement, Transformation sowie Design
& User Research arbeiten Hand in Hand mit ihren
Projektpartner:innen daran, Verwaltungsangebote gut zu
digitalisieren.
Kleine Kniffe
9
Foto: DigitalService
Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die DIN SPEC 66336
(Servicestandard) entwickelt. Nach nur drei Monaten konzentrierter
Arbeit wurde sie im März 2025 veröffentlicht. Sie konkretisiert in
13 Kapiteln die Qualitätskriterien des Servicestandards mit Muss-,
Sollte- und Kann-Vorgaben. Im Juni haben wir die Webseite servicestandard.gov.de
gelauncht, um die Anforderungen der DIN
SPEC 66336 verständlich und praxisnah aufzubereiten. Die Webseite
wird kontinuierlich erweitert und dient für alle, die mit dem
Servicestandard arbeiten, als erste und wichtigste Anlaufstelle.
Aktuell sind wir mit Ländern und Kommunen in Gesprächen, um
den Servicestandard in konkreten Pilotprojekten zu verproben. Die
Erfahrungen, die wir dort sammeln, fließen dann wieder in die
Weiterentwicklung der Angebote.
Welche Vorteile bietet der Servicestandard Verwaltungsmitarbeitenden,
die sich mit Beschaffung und
Vergabe befassen?
Insbesondere die DIN SPEC 66336 vereinfacht die Zusammenarbeit
mit externen Dienstleistern, da sie einheitliche und
überprüfbare Anforderungen für Online-Services und -Portale der
Verwaltung definiert und bereits eine Vielzahl an rechtlich relevanten
Vorgaben und EU-Richtlinien beinhaltet. Da die Anforderungen
feststehen, entfallen langwierige Verhandlungen. Einheitliche
Qualitätsstandards, wie der Servicestandard, fördern zudem die
Wiederverwendung bestehender Lösungen und verbessern die
Interoperabilität. Und mit der klareren Orientierung sinkt das Risiko
von Fehlinvestitionen.
Wichtig ist aber auch: Der Servicestandard ist mehr als nur diese
Norm. Seine 13 Kriterien fordern und fördern eine ganzheitliche
Sicht auf digitale Services – von der Nutzendenforschung über
Barrierefreiheit oder Datensicherheit bis hin zur Verbesserung
von rechtlichen Regelungen. Damit die Verantwortlichen diese
Kriterien in ihrer Arbeit wirklich anwenden können, braucht es
konkrete Anleitungen, Praxisbeispiele und weitere Handreichungen.
Daran arbeiten wir derzeit.
Und wo stehen Sie aktuell beim Servicestandard?
Am 1. Oktober 2025 ist die Standardverordnung Onlinezugang
(OZ-SV) in Kraft getreten. Das ist eine gute Nachricht, denn damit
gelten für digitale Verwaltungsservices verbindliche Qualitätsanforderungen
nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik
mit Verweis auf die DIN SPEC 66336 zum Servicestandard. Damit
der Servicestandard in der Breite angewendet wird und seine
volle Wirksamkeit entfalten kann, braucht es aber vor allem eins:
Effektive und praxisorientierte Unterstützung – und genau das
bietet servicestandard.gov.de. Seit Projektstart haben wir mit weit
über 100 Expertinnen und Experten zusammengearbeitet – aus allen
Bereichen und Hierarchieebenen der Verwaltung, aber auch aus der
Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Das betrifft
die Erarbeitung der DIN SPEC 66336, genauso wie die Konzeption
von servicestandard.gov.de. Die gemeinsame Arbeit All dies sind
wunderbare Beispiele dafür, wie sinnstiftend die Arbeit in der Verwaltung
ist. Wir spüren in diesen Formaten: Wir gestalten die
Zukunft unseres Staates – durch ein gemeinsames Ziel und durch
Kollaboration auf Augenhöhe. Das schafft mutige Ergebnisse, mit
denen wir richtig zufrieden sein können.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
10 Kleine Kniffe
Digitalisierung der Verwaltung
Rechtsrahmen mit Zugkraft:
Wie OZG, Register und Sicherheit die digitale Verwaltung neu vermessen
Regelwerke ziehen in eine Richtung. OZG‐Änderungsgesetz und BundID setzen auf
Ende‐zu‐Ende‐Digitalisierung und Standards. Das RegMoG liefert die Identitäts‐ und Registerlogik
für Once Only. NIS‐2 verschiebt Sicherheit in den Systemkern. IT‐Staatsvertrag, Lieferkettengesetz,
SDG‐Verordnung und DSGVO spannen das organisatorische und ethische Netz. Damit entsteht ein
klares Zielbild: Standard‐Services, verbindliche Schnittstellen und wiederverwendbare Bausteine
lösen die Insellösung ab.
Ein Beitrag von Thomas Heine
OZG 2.0:
Vom Portal zur Ende-zu-Ende-Verwaltung
Seit 2017 verpflichtet das Onlinezugangsgesetz Bund und
Länder, Verwaltungsleistungen elektronisch über Portale anzubieten.
Mit dem OZG-Änderungsgesetz vom 24. Juli 2024 steigt der
Anspruch deutlich. Bis Mitte 2029 stehen die wesentlichen Leistungen
des Bundes online bereit und laufen verwaltungsintern digital
durch. Ende-zu-Ende statt Schaufenster. Der Fokus verschiebt sich
vom Formular zur Prozesskette. Ein Frontend allein reicht nicht
mehr, wenn interne Bearbeitung weiterhin analog stockt.
BundID und Standardisierung:
Ein Konto, viele Türen
Die BundID setzt den Rahmen für ein zentrales Nutzerkonto.
Sie bündelt Zugang und Identifikation und reduziert Eintrittshürden
in Portalen. Der Grundsatz „digital first“ markiert den Paradigmenwechsel:
Digitale Anträge ersetzen die Papierform. Die Abschaffung
der Schriftformerfordernis in vielen Verfahren nimmt einem der
größten Bremsklötze die Wucht. Zugleich gilt eine klare Linie:
Standardisierung wird verbindlich. Ein Flickenteppich aus Sonderlösungen
passt nicht mehr in diesen Rahmen. Einheitliche
Basiskomponenten und Schnittstellen rücken ins Zentrum, weil nur
sie Nachnutzung und Skalierung ermöglichen.
Registermodernisierung:
Once Only braucht eine Nummer
Das Registermodernisierungsgesetz von 2021 liefert die
Infrastruktur-Idee hinter nutzerfreundlichen Prozessen. Register auf
Bundes-, Landes- und Kommunalebene vernetzen sich. Ziel ist die
deutschland- und EU‐weite Nachweisübermittlung aus bestehenden
Registern und die Umsetzung des Once‐Only‐Prinzips. Die
Steuer‐ID dient dabei als einheitliche Identifikationsnummer über
verschiedene Behördenregister hinweg. Statt Kopien und Mehrfacheingaben
zählt künftig die einmal erfasste, verlässlich referenzierte
Information. Interoperabilität rückt damit vom Projektwunsch zur
gesetzlichen Notwendigkeit.
NIS‐2: Cybersicherheit als Pflichtprogramm
Mit der Umsetzung der NIS‐2‐Richtlinie wächst der Ordnungsrahmen
für Cybersicherheit stark an. Statt bisher rund 4.500
Unternehmen fallen künftig mehr als 30.000 unter die Regulierung.
Behörden der Bundesverwaltung stehen ebenfalls im Geltungsbereich.
Verbindliche IT‐Sicherheitsstandards, Risikomanagement
und die Meldung von Sicherheitsvorfällen werden zum Regelbetrieb.
Sicherheit wandert damit aus der Randspalte in die Architekturgrundlage.
Wer digitale End‐to‐End‐Prozesse denkt, denkt NIS‐2
mit – von der Schnittstelle bis zum Betrieb.
Der Rahmen dahinter: IT‐Staatsvertrag,
Lieferketten, EU‐Zugang und DSGVO
Der IT‐Staatsvertrag bildet die rechtliche Grundlage für den
IT‐Planungsrat und die FITKO. Hier entstehen Leitplanken,
Prioritäten und Koordination für die föderale IT. Das Lieferkettengesetz
erweitert den Blick: Verantwortung für Menschenrechte
und Umweltschutz greift entlang der gesamten Lieferkette – auch
bei digitalen Beschaffungen und Dienstleistungen. Die Single
Digital Gateway‐Verordnung setzt ein europäisches Dach für ein
einheitliches digitales Zugangstor. Grenzübergreifende Verfahren
orientieren sich an gemeinsamen Erwartungshorizonten. Und die
DSGVO bleibt der Fixpunkt für Datenschutz, der bei allen Digitalisierungsmaßnahmen
mitläuft, von Identitäten bis Registerzugriffen.
Kleine Kniffe
11
Digitalisierung der Verwaltung
Was Deutschland
von Estland, Dänemark & Co. wirklich lernen kann
Die Digitalisierung der Verwaltung ist keine rein technologische Aufgabe, sondern eine strategische und
rechtliche Weichenstellung und eine kritische Auseinandersetzung mit den Erfolgsmodellen führender
Digital-Nationen. Es ist entscheidend, von den Erfahrungen dieser Länder zu lernen, um den eigenen
Transformationsprozess zu beschleunigen und nachhaltig zu gestalten.
Ein Bericht von Reiner Petzold
Digitalisierung als strategische Aufgabe
Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist in Deutschland
ein viel diskutiertes, aber oft zögerlich umgesetztes Thema.
Während technologische Möglichkeiten rasant voranschreiten,
scheinen strategische und rechtliche Rahmenbedingungen oft hinterherzuhinken.
Die bloße Einführung neuer Software reicht nicht
aus, um eine effiziente und bürgerfreundliche Verwaltung zu schaffen.
Vielmehr bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes, der von der
Politik gewollt, rechtlich abgesichert und konsequent umgesetzt
wird. In diesem Kontext lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen
hinaus, um zu verstehen, welche Lessons Learned führende
Digital-Nationen wie Estland, Dänemark und weitere Länder des
Nordens bereits gemacht haben. Die Frage, was Deutschland von
diesen Vorreitern wirklich lernen kann, ist zentral, um den eigenen
Digitalisierungsprozess zu beschleunigen und nachhaltig zu gestalten.
Fokusthemen und internationale Lehren
1. Die Rolle des politischen Willens und der Strategie
Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen Deutschland und
den Digitalisierungs-Spitzenreitern liegt im politischen Willen und
einer klaren, langfristigen Strategie. In Estland beispielsweise wurde
die Digitalisierung nach der Unabhängigkeit als oberste Priorität
zur Etablierung eines modernen Staates definiert. Die Vision eines
“e-Estonia” war keine parteipolitische Frage, sondern ein nationales
Projekt. Dänemark setzte auf eine zentrale, staatlich geführte Digitalisierungsagentur,
die ressortübergreifend agiert und Entscheidungen
bündelt.
Top-Down-Ansatz: Digitalisierung muss von der höchsten
politischen Ebene als strategische Notwendigkeit verstanden und
vorangetrieben werden. Ein bloßes “Ja, wir machen das auch” reicht
nicht aus.
Zentralisierung und Koordination: Die fragmentierte Verwaltungslandschaft
in Deutschland mit unzähligen Zuständigkeiten
auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene erschwert eine
einheitliche Umsetzung. Eine zentrale Koordinationsstelle mit
weitreichenden Befugnissen könnte diesen Flickenteppich überwinden
helfen.
Klare Vision: Es fehlt eine überzeugende, öffentlich kommunizierte
Vision, wie die digitale Verwaltung in 5, 10 oder 15 Jahren
aussehen soll. Die Bürger müssen den Mehrwert verstehen und die
Politik muss ein klares Zielbild formulieren.
12 Kleine Kniffe
2. Technische und rechtliche Grundlagen:
Der Grundsatz “Digital by Default”
In vielen fortschrittlichen Nationen gilt der Grundsatz “Digital
by Default”. Das bedeutet, dass digitale Verwaltungsdienste die
primäre und bevorzugte Option sind, nicht nur eine von vielen. Das
E-Government-Gesetz in Estland und Dänemark hat die rechtlichen
Grundlagen für diese Vorgehensweise geschaffen.
Identitätsmanagement:
Estland hat mit der e-ID-Karte ein universelles, digitales Identitätsmanagement
etabliert, das den Zugang zu allen staatlichen und
vielen privaten Diensten ermöglicht. Die deutsche Online-Ausweisfunktion
ist im Vergleich dazu wenig verbreitet und komplex. Eine
nutzerfreundliche und flächendeckende digitale Identität ist die Basis
für jeden digitalen Verwaltungsakt.
Datenaustausch:
Das estnische X-Road-System ist ein dezentrales, sicheres Netzwerk,
das Behörden ermöglicht, Daten untereinander auszutauschen.
Dabei gilt das “Once-Only”-Prinzip: Bürger müssen Daten nur einmalig
an eine Behörde übermitteln. Die Bürokratie übernimmt den
Rest. Das deutsche Registermodernisierungsgesetz ist ein Schritt in
die richtige Richtung, aber die Umsetzung ist schleppend und das
Vertrauen in den Datenaustausch noch gering.
Standardisierung:
Dänemark hat es geschafft, durch die konsequente Standardisierung
von Schnittstellen und Datenformaten eine interoperable
Systemlandschaft zu schaffen. In Deutschland herrscht hier weiterhin
ein Wildwuchs an Insellösungen.
Fokus auf den Bürger:
Nutzerzentrierte Services
Während in Deutschland oft von “Verwaltungsservices” gesprochen
wird, die eine “Digitalisierung von Prozessen” vorsehen, denken
Estland und Dänemark von den Bedürfnissen der Bürger her.
Lebenslagen-Ansatz:
Services werden nicht nach Behörden, sondern nach Lebenslagen
gebündelt. Ein gutes Beispiel ist die dänische Plattform “borger.
dk”, auf der Bürger alle relevanten Informationen und Services rund
um Themen wie “Geburt eines Kindes” oder “Umzug” finden. In
Deutschland müssen Bürger oft mühsam herausfinden, welche von
Dutzenden Behörden für ihr Anliegen zuständig ist.
Umfassende Verfügbarkeit:
Dänemark setzt auf eine einzige digitale Poststelle für alle Bürger,
“Digital Post”. Ob Steuerbescheide, Krankenhausrechnungen oder
Renteninformationen – alles kommt in einem zentralen, sicheren
digitalen Postfach an. Das spart immense Kosten und vereinfacht
die Kommunikation. In Deutschland gibt es zwar ähnliche Projekte,
jedoch ohne die gleiche konsequente Durchsetzung.
Open Government und Partizipation:
Länder wie Südkorea nutzen ihre digitale Infrastruktur auch
für bürgerliche Partizipation. Plattformen wie “gwanghwamun 1st
Street” ermöglichen es Bürgern, Ideen einzubringen und Feedback
zu politischen Entscheidungen zu geben. Solche Ansätze stärken das
Vertrauen in die Verwaltung und schaffen eine neue Form der bürgerschaftlichen
Teilhabe.
Fazit: Was Deutschland wirklich lernen muss
Die internationale Erfahrung zeigt, dass die Digitalisierung der
Verwaltung kein reines IT-Projekt ist, sondern eine fundamentale
politische und gesellschaftliche Transformation. Deutschland
muss den Blick von der reinen Technologie auf die strategischen
Rahmenbedingungen und die Bedürfnisse der Nutzer (Bürger:innen,
Angestellte im öffentlichen Bereich, Unternehmen und Organisationen)
lenken.
Die wichtigsten Lektionen aus Estland, Dänemark & Co. sind:
1. Politischer Mut und eine klare Vision:
Eine zentrale Steuerung und der Wille zur umfassenden
Umsetzung mit Fortschrittmessung sind unerlässlich.
2. Rechtliche und technische Grundlagen schaffen:
Ein universelles digitales Identitätssystem und das konsequente
“Once-Only”-Prinzip sind die Basis.
3. Den Bürger:innen in den Mittelpunkt stellen:
Services müssen nach Lebenslagen und nicht nach Zuständigkeiten
organisiert werden, um den Zugang zu vereinfachen.
Es geht nicht darum, die Systeme anderer Länder eins zu eins
zu kopieren. Es geht darum, aus ihren Erfolgen und Misserfolgen
zu lernen und diese Erkenntnisse auf die spezifischen deutschen
Gegebenheiten zu übertragen. Die Digitalisierung ist eine Chance,
die Verwaltung effizienter, transparenter und bürgerfreundlicher zu
machen. Ja es braucht einen neuen, mutigen Ansatz zur Umsetzung,
die auf Leistung und Wirkung fokussiert ist.
Autor
Reiner Petzold
Advisory Board Swiss CxO Forum
Council Harvard Business Review
Dozent UniBasel, FHNW, HWZ
CDO, swissICT Fachgruppe DTI
Kleine Kniffe
13
Digitale Souveränität
Warum die digitale Souveränität
Schleswig-Holsteins auch für Europa zählt
Verwaltungen, Unternehmen, Institutionen stehen vor einer gemeinsamen Herausforderung – und
zugleich einer großen Chance: die Souveränität Europas zu gestalten. Die digitalen Systeme,
die wir nutzen, sind kritische Infrastrukturen – sowohl für die öffentliche Verwaltung als auch
für die Wirtschaft. Öffentliche IT ist tief eingebettet in die täglichen Abläufe von Verwaltung,
Unternehmen und Gesellschaft.
Ein Beitrag von Dirk Schrödter,
Chef der Staatskanzlei und Digitalisierungsminister des Landes Schleswig-Holstein
Wenn wir die Kontrolle über unsere IT-Systeme verlieren,
riskieren wir, politische und administrative Handlungsfähigkeit
einzubüßen. Digitale Souveränität ist daher kein rein technisches
Thema – sie ist eine Frage der nationalen Sicherheit, der betrieblichen
Integrität und der demokratischen Legitimität.
Noch immer sind viele Regierungen und Unternehmen stark
von sogenannter proprietärer Software abhängig, die oft von nur
wenigen globalen Technologiekonzernen bereitgestellt wird. Diese
Abhängigkeit hat weitreichende Folgen. Ohne Zugang zum Quellcode
oder zu technischen Spezifikationen sind wir gezwungen, uns
den Produkten anzupassen – statt Produkte an unsere Bedürfnisse
anzupassen. Diese Intransparenz wirkt sich auch auf die Sicherheit
aus: Wir können mögliche Schwachstellen nicht prüfen, Risiken
nicht erkennen und Standards nicht verlässlich umsetzen. In vielen
Fällen lassen sich Datenabflüsse nicht verhindern, weil wir keine
Kontrolle über das Funktionsprinzip der Systeme haben.
Um unsere Souveränität zu sichern,
müssen wir diese Abhängigkeiten verringern.
Das bedeutet: eine vielfältige IT-Anbieterlandschaft fördern,
sodass kein einzelner Anbieter den Markt dominiert. Es bedeutet:
offene Standards einzusetzen, die Interoperabilität und fairen
Wettbewerb sicherstellen. Und vor allem bedeutet es, Open-Source-Technologien
als Fundament für Innovation, Sicherheit und
Unabhängigkeit zu nutzen.
Offene Software ermöglicht uns Einblick in deren Funktionsweise,
die Anpassung an unsere Bedürfnisse und die gemeinsame
Weiterentwicklung in einer vielfältigen Anbieterlandschaft. Durch
Transparenz erhöhen wir die IT-Sicherheit, durch Offenheit stärken
wir Innovationskraft und ökonomische Resilienz. Die Motivation ist
daher klar: Nur durch den konsequenten Einsatz von Open Source
können wir unsere digitale Zukunft souverän, sicher und wirtschaftlich
nachhaltig gestalten.
Etappen der Umsetzung
Wir dürfen jedoch nicht nur über digitale Souveränität in der
Theorie sprechen, wir müssen sie konkret angehen und umsetzen.
Das tun wir in Schleswig-Holstein mit der schrittweisen und ganzheitlichen
Einführung eines digital souveränen IT-Arbeitsplatzes für
sämtliche rund 30.000 Beschäftigte in der Landesverwaltung.
Die Mail-Umstellung von Microsoft-Exchange und Outlook zu
Open-Xchange und Thunderbird ist dabei ein absoluter Meilenstein
auf dem Weg. Dass ein ganzes Land diesen Schritt geht, ist revolutionär.
Mehr als 40.000 Postfächer mit insgesamt deutlich mehr als
110 Millionen Mails und Kalendereinträgen haben wir vollständig
migriert. Microsoft Office wird jetzt schrittweise von den Rechnern
deinstalliert. Bereits im vergangenen Jahr wurde Libre Office ausgerollt
und ist inzwischen die Standardbürosoftware. Mehr noch: Die
Open-Source-Lösung Nextcloud ersetzt Schritt für Schritt Microsoft
SharePoint als zentrale Plattform für Zusammenarbeit und wird
bereits in zahlreichen Verwaltungen aktiv genutzt. Auch im Bereich
der Videokonferenzen vertrauen wir von Anfang an auf Open
Source. Hier setzen wir auf die Lösung OpenTalk. Auch erproben
wir den Einsatz von Linux als Alternative zu Windows. Ich selbst
nehme an der Pilotphase mit einem eigenen Linux-Rechner teil.
14 Kleine Kniffe
Foto: Staatskanzlei.SH
Schließlich wollen wir unsere Telefonsysteme umstellen und
mit einer Open-Source-Lösung betreiben. All das sind die Bausteine
auf dem Weg in die digitale Souveränität unseres Landes mit mehr
Transparenz und Sicherheit für unsere Verwaltung.
Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt: Eine
solche Umstellung ist keine Kleinigkeit. Wir sind echte Pioniere.
Wir können nicht auf die Erfahrung anderer zurückgreifen – weltweit
gibt es kaum ein vergleichbares Projekt dieser Größenordnung.
Der große Dank gilt allen Mitarbeitenden. Ohne ihre Unterstützung
wäre diese Umstellung nicht möglich. Künftig können wir mit unseren
Erfahrungswerten von der Datenanalyse bis zum Monitoring im
Rechenzentrum anderen helfen und sie unterstützen, wenn sie sich
auf den Weg machen, den wir gerade als erste beschreiten.
Digitale Souveränität und Industriepolitik -
ein strategischer Ansatz
Der strategische Ansatz Schleswig-Holstein ist umfassend. Wir
bauen gezielt ein Open-Source-Ökosystem in Schleswig-Holstein
auf und vernetzen Start-ups, Mittelstand und Hochschulen sowie
Verwaltungen und gemeinnützige Einrichtungen wie Verbände und
Vereine. Damit tragen wir dazu bei, dass digitale Wertschöpfung
bei uns im Land und Schleswig-Holstein digitale Vorzeigeregion
bleibt. Wir setzen unser öffentliches Budget strategisch ein, indem
wir Programmieraufträge bei unserer heimischen Digitalwirtschaft
finanzieren, anstatt über immer teurer werdende Lizenzen den
weiteren Ausbau des Technologievorsprungs außereuropäischer
Anbieter zu bezahlen. Mit diesen Investitionen stärken wir zugleich
den Digitalstandort Deutschland.
Digitale Souveränität und Industriepolitik für unsere Digitalwirtschaft
sind zwei Seiten einer Medaille. All das haben wir in
unserer Open Innovation und Open Source Strategie verankert.
Open Source ist ein wirtschaftlich sinnvoller Ansatz und zugleich
ein Katalysator für Wachstum. Laut einer Studie der Europäischen
Kommission könnte ein jährlicher Anstieg der Open-Source-Beiträge
um nur 10 % mehr als 600 zusätzliche IKT-Startups schaffen
und das EU-BIP um bis zu 0,6 % erhöhen. Eine Harvard-Studie zeigt,
dass die Beschäftigung mit Open Source die Wettbewerbsfähigkeit
steigert.
Das beweist: Digitale Souveränität durch Open Source eröffnet
enormes wirtschaftliches Potenzial für Europa.
OSPO SH - klare Strategie, organisatorische
Struktur und starke Governance
Doch um das volle Potenzial von Open Source zu entfalten,
braucht es mehr als nur Technologie: Es braucht eine klare Strategie,
eine organisatorische Struktur und starke Governance. Hier
kommen die Open Source Program Offices (OSPOs) ins Spiel.
Ein OSPO ist das strategische Zentrum der Open-Source-Aktivitäten
einer Organisation. Es macht Open Source von einer
Hintergrundtechnologie zu einem Treiber von Innovation.
In Schleswig-Holstein haben wir mit OSPO SH ein eigenes Open
Source Program Office gestartet. Das OSPO SH als wichtige Koordinierungsstelle
in der Landesverwaltung steuert den strategischen
Kleine Kniffe
15
Foto: Staatskanzlei.SH
Einsatz, die Entwicklung und die Verwaltung von Open-Source-Software.
Der Blick über den Tellerrand SHs hinaus
In ganz Europa gründen immer mehr öffentliche Institutionen
und private Unternehmen OSPOs. Sie verwandeln Organisationen
von passiven Konsumenten in aktive Mitgestalter und Innovatoren.
Ein erfolgreiches OSPO vereint technisches, organisatorisches und
strategisches Wissen. Damit OSPOs ihre Rolle ausfüllen können,
müssen sie gut ausgestattet und fest in der Unternehmensführung
verankert sein.
Wenn wir die digitale Souveränität Europas stärken wollen,
müssen wir diese Initiativen miteinander vernetzen und in ein kohärentes,
kooperatives Ökosystem überführen.
Genau deshalb hatten wir zum Beispiel im September europäische
Akteure nach Brüssel in unser Hanse Office eingeladen, um
Ideen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und die Zukunft von
Open Source auf europäischer Ebene zu diskutieren. Gemeinsam
wollen wir die Rolle von OSPOs weiterentwickeln, nationale und
EU-weite Strategien aufeinander abstimmen sowie Best Practices und
fehlende Bausteine identifizieren.
Unser Ziel ist es, zu einem nachhaltigen europäischen OSPO-Ökosystem
beizutragen – einem, das Zusammenarbeit, Innovation und
Souveränität fördert.
Fazit
Europa hat das Talent, die Ideen und die Gemeinschaft, um bei der
digitalen Souveränität eine Führungsrolle einzunehmen – aber nur,
wenn wir Offenheit konsequent leben.
Autor
Dirk Schrödter,
Chef der Staatskanzlei und Digitalisierungsminister des
Landes Schleswig-Holstein
16 Kleine Kniffe
Procurement Plattform
Procurement-Pioneer.com
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Kleine Kniffe
17
Digitalisierung der Verwaltung
Reden ist Gold
Miteinander zu reden klingt banal – und ist doch eines der wirkungsvollsten Instrumente, welche
wir in der Verwaltung haben. Reden bedeutet, Informationen zu teilen, Perspektiven zu öffnen,
Vertrauen zu schaffen und Erfahrungen weiterzugeben. Es bedeutet, schneller zu werden, weil
wir nicht alle Fehler doppelt machen müssen. Und es bedeutet, Menschen sichtbar zu machen in
einer Arbeitsrealität, in der zu oft nur dann über Verwaltung gesprochen wird, wenn etwas nicht
funktioniert.
Ein Beitrag von Ann Cathrin Riedel
Trotzdem erleben wir in vielen Häusern noch immer das
Gegenteil: Austausch findet, wenn überhaupt, informell statt – im
Flur, am Rand von Veranstaltungen, per Zufall. Dass es bewusst
gestaltete Räume gibt, in denen Kolleginnen und Kollegen über
Ebenen, Abteilungen oder föderale Grenzen hinweg voneinander
lernen können, ist noch längst keine Selbstverständlichkeit. Wo
diese Räume entstehen, passiert jedoch Erstaunliches: Es entsteht
Momentum, Verbundenheit und ganz konkret bessere Entscheidungen
im Alltag.
Häufig hören wir aus Verwaltungen, dass es eigentlich absurd
ist, wie wenig miteinander gesprochen wird – angesichts von
Digitalisierung, Fachkräftesicherung, Haushaltsdruck und neuen
Erwartungshaltungen der Bürgerinnen und Bürger. Manche Kommunen
berichten sogar, dass einzelne Fachbereiche innerhalb
derselben Verwaltung kaum miteinander reden. Dahinter steckt
selten böser Wille, sondern eine Kultur der Vorsicht: der respektvolle
Umgang mit sensiblen Informationen. Doch Vorsicht darf
nicht mit Schweigen verwechselt werden. Die meisten Verwaltungsmitarbeitenden
wissen sehr genau, was geteilt werden darf – und
was nicht. Zwischen professionellem Austausch und unbedachter
Preisgabe liegt ein großer, sicher gestaltbarer Raum.
Austausch ist kein „Nice to have“, sondern ein Effizienztreiber.
Wer fragt, wie andere ein Vergabeverfahren strukturiert haben,
welchen Dienstleister sie empfehlen können oder wie sie intern mit
Widerständen umgegangen sind, reduziert Risiken und spart Ressourcen.
Wissen zirkuliert. Software wird empfohlen, die bereits
funktioniert. Projekte starten nicht zum zehnten Mal bei null. Und
wenn Erfolge geteilt werden, entsteht eine wohltuende Korrektur
gängiger Klischees: Verwaltung als Ort des Gelingens wird sichtbar.
Es ist nicht nur legitim, über Fortschritte zu sprechen – es ist
notwendig. Stolz motiviert. Sichtbarkeit ermutigt. Austausch schafft
Orientierung in einer Zeit, in der Veränderungsdruck hoch, aber
verlässliche Signale selten sind.
Unsere aktuelle NExT-Studie zu den Mehrwerten von Netzwerken
und Communities of Practice bestätigt, was wir im Alltag sehen:
Mitarbeitende, die sich regelmäßig austauschen, lernen schneller,
sind besser vernetzt und erleben mehr Sinn und Sicherheit in ihrem
Handeln. Und dieser Austausch bleibt nicht an der Person hängen.
Neue Kontakte werden mit Kolleginnen und Kollegen verknüpft,
Erkenntnisse im Team geteilt, informelle Brücken zwischen Verwaltungen
entstehen. Führungskräfte sollten daher Austausch nicht nur
erlauben, sondern aktiv ermöglichen: Zeitfenster schaffen, Formate
fördern, Ergebnisse sichtbar machen und gute Beispiele würdigen.
Führung kann dafür einfache Rahmen setzen: regelmäßige Austauschzeiten
ohne Rechtfertigungsdruck, klare Ansprechpartnerinnen
und Ansprechpartner für Querschnittsthemen, eine Haltung, die
Lernen vor Perfektion stellt, und die Ermutigung, gute Lösungen
sichtbar zu machen – intern wie verwaltungsübergreifend. Wo diese
Signale ankommen, wächst Vertrauen, und mit Vertrauen wächst
Tempo.
18 Kleine Kniffe
Foto: Ann Cathrin Riedel
Wir bei NExT schaffen seit Jahren Räume, in denen Verwaltung
mit Verwaltung spricht – vertraulich, offen und pragmatisch.
In unseren themenspezifischen Communities of Practice teilen Kolleginnen
und Kollegen aus Kommunen, Ländern und Bund konkrete
Erfahrungen und Best Practices, ebenso ehrlich über Stolpersteine
wie über Durchbrüche. Ohne externe Beobachterinnen und Beobachter,
in einem bewusst gesetzten Vertrauensraum, entstehen
Netzwerke, die später zu kurzen Dienstwegen werden. Oft reicht
danach ein Anruf, um eine Frage zu klären, eine Idee zu diskutieren
oder eine Entscheidung abzusichern. Das spart Zeit, Nerven
und Geld – und stärkt das Wir-Gefühl innerhalb der Verwaltung
bundesweit.
Wenn wir beginnen, Austausch nicht als Nebenprodukt, sondern
als Teil der Infrastruktur zu begreifen – wie gute Netze, klare
Prozesse und verlässliche IT –, dann wird Transformation nicht
nur strategisch, sondern spürbar. Reden ist kein Selbstzweck, sondern
Arbeit am System. Es verbindet Wissen mit Verantwortung,
übersetzt Erfahrungen in Handeln und zeigt, dass Verwaltung
voneinander lernen will. Wir bei NExT werden dafür weiterhin
sichere, wirksame Räume bereitstellen. Denn Verwaltung lernt am
schnellsten von Verwaltung. Und Reden ist der Anfang von allem,
was sich bewegen soll – banal in der Form, aber grundlegend in der
Wirkung.
NExT e.V. i
Der NExT e.V. ist ein unabhängiger und gemeinnütziger
Verein, der Mitarbeitende aller föderaler Ebenen der
öffentlichen Hand zusammenbringt und sich für ihre
Interessen einsetzt. Der NExT e.V. steht für Vernetzung
und Austausch in der öffentlichen Hand über föderale
Ebenen und Hierarchien hinweg. Als Plattform bieten
wir die nötigen Tools und Rahmenbedingen an, um
Mitarbeitende der öffentlichen Hand niedrigschwellig
zu vernetzen.
Autorin
Ann Cathrin Riedel
Geschäftsführerin NExT e. V.
https://next-netz.de/
Kleine Kniffe
19
Digitalisierung der Verwaltung
Jetzt skalieren: Deutschlands
Digitalprojekte als One-for-all‐Bausteine
Vom BIM‐gestützten Gebäudemanagement der Bundeswehr über die E‐Akte und die KI‐Plattform NRW.
Genius bis hin zu kommunalen Best Practices zeigt Deutschland bereits heute praxiserprobte Lösungen
mit messbarem Nutzen. Wenn diese Lösungen als standardisierte Services mit klaren Schnittstellen,
Governance und Schulung übernommen werden, sparen Verwaltungen Entwicklungsaufwand, Zeit und
Geld. Der Artikel macht sichtbar, welche Projekte sich sofort nachnutzen lassen und wie das One-forall‐Prinzip
die Digitalisierung über alle Ebenen hinweg nachhaltig beschleunigt.
Ein Beitrag von Thomas Heine
Bundesweite Vorbilder:
Vom Bau bis zur Gesetzgebung
Bei der Bundeswehr läuft Gebäudemanagement heute cloudbasiert.
33.000 Gebäude, eine Fläche größer als das Saarland. Die
Lösung: Eine digitale Kollaborationsplattform mit Building Information
Modelling, 3D‐Modellen und Zusammenarbeit in Echtzeit.
Ergebnis: Papierlastige, teure Abläufe schrumpfen. Interne und
externe Partner arbeiten endlich synchron. Das Konzept ist auf
andere öffentliche Immobilienprojekte übertragbar. Warum warten
wir?
Nordrhein-Westfalen zeigt mit der E‐Akte, wie Verwaltung
greifbar effizienter wird. Mehr als 10.000 Beschäftigte arbeiten bereits
damit, inklusive E‐Laufmappen und Ersetzendem Scannen. Das
spart Papier, Archive, Wege – und macht Kosten transparent. Auch
hier gilt: Einmal solide gebaut, vielfach nutzbar.
NRW setzt noch eins drauf: NRW.Genius öffnet Generative KI
für die gesamte Landesverwaltung. Ein zentrales Angebot, geführt
von Arne Schömann (IT.NRW), schnell genutzt, ausgezeichnet,
begleitet von Schulung und Governance. Die Erfolgsformel liegt
offen da: zentral bereitstellen, sicher regeln, Kompetenzen aufbauen.
Und im BMWK wurde ein klassisches Nadelöhr entschärft:
Konsultationsverfahren in Gesetzgebungsprozessen sind digitalisiert.
Stakeholder‐Expertise fließt besser ein, Daten werden als Open
Data veröffentlicht. Das ist übertragbar – auf jedes Haus, das Beteiligung
ernst meint.
Länder machen Tempo:
Roadmap, Plattform, Austausch
Niedersachsen zeigt Führung mit einem Masterplan
Digitalisierung. Neues Verwaltungsportal, mehr Online‐Dienste,
Nutzerkonto für Unternehmen und Privatpersonen, ePayment,
E‐Akte – seit 2022 in kontinuierlicher Umsetzung. Klarer Kurs.
Klare Prioritäten. Genau so schafft man Investitionssicherheit für
alle Beteiligten.
Dazu passt die pragmatische Schiene: OZG‐Roadshows und
eine zentrale Kommunity‐Plattform für Kommunen. Ganztägige
Online‐Formate, Good‐Practice‐Austausch, schnellerer Wissenstransfer.
Das Modell ist skalierbar – warum nicht bundesweit?
Kommunen liefern: Wirkung aus der Mitte
Heilbronn digitalisiert sein Stadtarchiv mit KI. Die Technologie
erkennt automatisch Personen, Gebäude und Objekte auf
historischen Fotos und verschlagwortet sie. Bis zu 1.500 Persönlichkeiten
und 200 prägnante Gebäude werden erkannt. Der manuelle
Aufwand sinkt um 80 bis 90 Prozent. Das ist ein klarer Return on
Investment – und die Technologie ist übertragbar.
Karlsruhe denkt E‐Government als Gesamterlebnis: eine
Stadt‐App, die Verwaltungsleistungen und private Angebote in eine
Anwendung zieht – inklusive Single‐Sign‐On. Der Start ist erfolgt,
die Vision steht. Die Herausforderung Integration verschiedener
20 Kleine Kniffe
Backend‐Systeme ist real – und genau deshalb brauchen wir Interoperabilität
als Prinzip, nicht als Nachbesserung.
Konstanz investiert in Menschen: 25 Mitarbeitende aus 23
Abteilungen wurden als digitale Lotsen ausgebildet. Diese Change
Agents tragen Kompetenzen in die Fläche und beschleunigen die
Umsetzung. Das Konzept ist simpel, wirksam und übertragbar.
Südwestfalen vernetzt sich als Smart Region HUB: Fünf
Kommunen arbeiten sektorübergreifend zusammen, von E‐Mobilität
über Bildung bis Bürgerdialoge und Dorf‐Apps. Ein zentrales
Koordinationsbüro bündelt Kräfte und spart Ressourcen. So sieht
interkommunale Skalierung aus.
Lernräume statt Risikoangst
Das Kompetenzzentrum Digitale Verwaltung an der Hochschule
Hof bietet einen digitalen Zwilling einer deutschen Behörde.
Ein Showroom und eine Spielwiese. Verwaltungen können dort mit
anonymisierten Daten experimentieren, strukturelle Veränderungen
testen – ohne den Realbetrieb zu gefährden. Das ist das Labor,
das Verantwortliche brauchen.
Hamburg zeigt, wie Netzwerke Wirkung entfalten:
Gemeinsam mit Hannover, Witten, Achim, Fehmarn, Lüneburg,
Buxtehude und anderen werden Best Practices geteilt. Lernen im
Verbund – schneller, günstiger, besser.
Diese Bausteine existieren – in Varianten. Machen wir sie
kompatibel. Definieren wir Schnittstellen, Datenmodelle und Sicherheitsprofile,
die überall gelten. Wer anschafft, beschafft ab morgen
gegen diese Standards. Wer entwickelt, liefert anschlussfähig. Wer
betreibt, dokumentiert nach einem Muster, das andere sofort nachnutzen
können.
Governance, Schulung, Koordination:
Die unterschätzten Hebel
Die Beispiele zeigen, was wirkt: zentrale Bereitstellung, klare
Governance, konsequente Schulung. NRW.Genius skaliert genau
deshalb. Konstanz beweist, wie interne Multiplikatoren Tempo
erzeugen. Der Smart Region HUB setzt auf Koordination statt
Insellösungen. Hamburgs Netzwerk senkt Anlaufhürden. Und der
digitale Zwilling in Hof reduziert Veränderungsangst. Übersehen
wir diese Hebel, versanden Projekte – trotz guter Technik.
Beschaffung als Produktmanagement
Frage an Sie in der Vergabe: Fordern Sie Nachnutzbarkeit ein?
Schreiben Sie Interoperabilität vor? Verzahnen Sie Projekte mit dem
entstehenden Standard‐Service‐Katalog? Vergabe entscheidet über
Skalierung. Beschaffen Sie nicht die nächste Einzellösung, sondern
Bausteine, die sich in Karlsruhe, Heilbronn, Konstanz oder Südwestfalen
sofort wiederverwenden lassen. Das ist wirtschaftlich – und
politisch klug.
Standard-Services jetzt:
Ein Katalog für alle Ebenen
Was heißt das für Sie konkret? Wir brauchen einen verbindlichen
Katalog an Standard‐Services, die überall gleich funktionieren
und sich leicht andocken lassen:
• E‐Akte mit ersetzen des Scannen.
Jetzt entscheiden – und kopieren
Sie haben die Beispiele. Sie haben die Mandate. Jetzt braucht es
den Mut, zu kopieren statt neu zu erfinden. Machen Sie aus Piloten
Blaupausen. Machen Sie aus Blaupausen Standard‐Services. Machen
Sie Interoperabilität zur Bedingung. So beschleunigen wir die Digitalisierung
– sichtbar, messbar, nachnutzbar. Wollen Sie anfangen?
Sie wissen, wo.
• Nutzerkonto für Bürger und Unternehmen.
• ePayment als Basiskomponente.
• Single‐Sign‐On als Zugangsschlüssel.
• BIM‐basierte Kollaboration für öffentliche Bau‐ und Immobilienprojekte.
• Open‐Data‐Pipelines für Beteiligung und Transparenz.
• Zentrale KI‐Plattformen mit klarer Governance, wie
NRW.Genius.
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
21
Digitale Souveränität
Warum Open Source
der Schlüssel zu Europas digitalem Fundament ist
Die Frage, wer unsere Technologie kontrolliert, ist für Europa zur Existenzfrage geworden. Digitale
Souveränität bestimmt heute, wie wir unsere demokratischen Werte, unsere Wirtschaft und
unsere Handlungsfähigkeit in einer vernetzten Welt schützen. Im Kern geht es dabei um etwas
Fundamentales: Code. Wer schreibt ihn, wer besitzt ihn, wer kontrolliert ihn und wer hat Zugriff
auf die dahinterliegenden Daten?
Ein Beitrag von Jutta Horstmann
Das unsichtbare
Risiko amerikanischer Gesetzgebung
Die digitale Infrastruktur Europas basiert größtenteils auf Technologien,
die amerikanischem Recht unterliegen. Selbst wenn Daten
physisch in einem hochsicheren, DSGVO-konformen Rechenzentrum
im Herzen Europas gespeichert werden, können sie durch
US-Gesetze wie den CLOUD Act, den Patriot Act oder den Foreign
Intelligence Surveillance Act für amerikanische Behörden zugänglich
sein. Diese Regelungen gelten nicht nur für US-Unternehmen, sondern
auch für deren europäische Tochtergesellschaften und Partner.
Eine einzige Unternehmensverbindung über den Atlantik genügt,
um rechtliche Verpflichtungen auszulösen – oft ohne Wissen oder
Zustimmung der betroffenen Organisation.
Das Ergebnis ist eine schleichende Einschränkung der Souveränität.
Microsoft bestätigte vor dem französischen Senat, dass das
Unternehmen nicht garantieren kann, dass Daten des europäischen
öffentlichen Sektors außerhalb der Reichweite amerikanischer
Behörden bleiben. Ähnliche Bedenken wurden in den Niederlanden
und Dänemark geäußert, wo Regierungsprüfungen ergaben, dass
vertragliche Sicherheiten allein keinen ausreichenden Schutz bieten.
Für Behörden, kritische Infrastrukturen und regulierte Branchen
sind Vertraulichkeit, Compliance und Rechtssicherheit
unverzichtbar. Wenn der Zugriff auf sensible Daten unter fremdem
Recht erzwungen werden kann, steht nicht nur die digitale Souveränität,
sondern auch die demokratische Autonomie auf dem Spiel.
Diese Abhängigkeit ist nicht nur ein juristisches Problem, sondern
eine strategische Verwundbarkeit.
Die europäische Alternative existiert bereits
Seit Jahrzehnten baut Europas Open-Source-Community genau
das auf, was jetzt gebraucht wird: transparente, interoperable und
überprüfbare Alternativen zu proprietären Technologien. Von
Betriebssystemen und Cloud-Infrastrukturen bis hin zu Kollaborations-
und
Kommunikationswerkzeugen bietet Open Source die technische
Grundlage für echte Unabhängigkeit. Ebenso wichtig ist, dass es ein
Governance-Modell repräsentiert, das mit europäischen Prinzipien
übereinstimmt: Offenheit, Verantwortlichkeit, grenzüberschreitende
Zusammenarbeit und Respekt für Privatsphäre.
Open Source ermöglicht es Institutionen, die volle Kontrolle
über ihre Architektur, ihre Daten und ihre strategische Ausrichtung
zu behalten – ohne versteckte Abhängigkeiten oder Vendor
Lock-ins. Quer durch Europa tragen Open-Source-Stiftungen,
Forschungsprojekte und Unternehmen täglich zu sicherer, interoperabler
digitaler Infrastruktur bei. Sie zeigen, dass technologische
Souveränität durch Kooperation erreichbar ist, nicht durch Isolation.
Von der Strategie zur Umsetzung
Der Übergang von politischen Ambitionen zu konkreten
Ergebnissen ist in einigen europäischen Regionen bereits sichtbar.
In Schleswig-Holstein hat die Landesregierung die Open-Source-
Videokonferenzplattform OpenTalk eingeführt, die vollständig
lokal in einem BSI-zertifizierten Rechenzentrum betrieben wird und
von allen Ministerien und Behörden gemeinsam genutzt wird. Nach
22 Kleine Kniffe
Foto: Heinlein Gruppe
einer sechsmonatigen Pilotphase nutzen mehr als 2.000 Beschäftigte
des öffentlichen Dienstes diese datenschutzkonforme und souveräne
Alternative für ihre tägliche Kommunikation.
In Thüringen verfolgte die Verwaltung einen ähnlichen Ansatz.
Durch die frühzeitige Einbindung der Landesministerien in die Entwicklung
neuer Funktionen und die Anwendung des Prinzips
„Public Money, Public Code“ entstanden wiederverwendbare
Ergebnisse, die andere Verwaltungen übernehmen können. Diese
Beispiele zeigen, dass Souveränität nicht durch Theorie allein
erreicht wird, sondern durch Zusammenarbeit, gemeinsame Standards
und langfristiges Engagement.
Was sich jetzt ändern muss
Echte Souveränität entsteht nur durch Transparenz, Überprüfbarkeit
und gemeinsames Eigentum – Prinzipien, die Open Source
definieren. Europa braucht jetzt politische Abstimmung und klare
Beschaffungskriterien, die das Open-Source-Modell zum Standard
für öffentliche Infrastrukturen machen.
Deutschlands „Deutschland-Stack“-Initiative spiegelt einen
wichtigen Ehrgeiz wider: das digitale Fundament des Staates auf
offenen Standards, Interoperabilität und Transparenz neu aufzubauen.
Die Richtung stimmt, doch die Umsetzung fehlt noch an Fokus
und Konsequenz. Europa braucht jetzt klare Prioritäten und den Mut
zum Handeln: bestehende Open-Source-Lösungen nutzen statt sie
neu zu erfinden, Big-Tech-Lobbyisten aus der öffentlichen Infrastruktur
heraushalten und die Implementierung beschleunigen. Die
geopolitische Lage wartet nicht auf perfekte Konzepte, sie verlangt
Handlungsbereitschaft.
Die Vision verwirklichen
Digitale Souveränität beginnt mit bewussten Entscheidungen:
zu identifizieren, welche Systeme geschäftskritisch sind, Abhängigkeiten
zu bewerten und Partnerschaften mit Anbietern aufzubauen,
die europäische Werte teilen. Sie wird nicht durch Isolation erreicht,
sondern durch Zusammenarbeit über Grenzen, Sektoren und Communities
hinweg.
Open Source ermöglicht genau das: Transparenz, wo Vertrauen
essenziell ist, Kooperation, wo
Ressourcen begrenzt sind, und Resilienz, wo sonst Abhängigkeit
herrschen würde. Europas Open- Source-Ökosystem bietet bereits
eine starke Grundlage – reife Technologien, fähige Anbieter und
eine kollaborative Community. Was jetzt fehlt, ist das Vertrauen
und die Koordination, darauf aufzubauen – gemeinsam, für eine
wirklich souveräne digitale Zukunft.
Autorin
Jutta Horstmann
Co-CEO Heinlein Gruppe
https://www.heinlein-support.de/
Kleine Kniffe
23
Digitale Souveränität
Der große Windows-Schwindel: Warum Ihr alter Computer
jetzt Elektroschrott ist und Ihre Daten in den USA landen
Der erzwungene Umstieg von Windows 10 auf Windows 11 markiert eine historische Zäsur,
die über einen simplen Technologiewechsel weit hinausgeht. Während Medien über Hardware-
Voraussetzungen und Update-Fristen berichten, vollzieht sich im Verborgenen die Vollendung der
digitalen Kolonialisierung Europas und die Provokation einer beispiellosen Kapitalvernichtung.
Ein Beitrag von Professor Harald Wehnes
Dies ist der finale Booster für ein System totaler technologischer
Abhängigkeit, das europäische Datenschutzgrundrechte systematisch
aushebelt und die Hoheit über unsere digitale Infrastruktur
an US-Konzerne, einen unberechenbaren US-Präsidenten und seine
Geheimdienste übergibt – begleitet durch die systematische Verschrottung
von hunderten Millionen funktionierender Computer.
Prof. Shoshana Zuboff, Harvard Business School: “Es ist möglich,
einen Überwachungskapitalismus zu haben und es ist möglich, eine
Demokratie zu haben. Es ist nicht möglich, beides zu haben.“ [1]
Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts
Wer die Daten – genauer unsere Daten – besitzt, hat Geld und
Macht. Auch die Bundesregierung hat das erkannt und sich in klaren
Worten im Koalitionsvertrag bekannt: „Digitalpolitik ist Machtpolitik.
Wir wollen ein digital souveränes Deutschland.“ Unsere Daten
sind die Grundlage für den Reichtum der digitalen US-Monopole
(Abb. 1). Das heißt im Umkehrschluss, wenn wir diese Daten nicht
mehr liefern würden, würden diese Konzerne wie Kartenhäuser
zusammenbrechen. Wir – Datenlieferanten – haben also die
Chance, diese Situation nachhaltig zu verändern. Lediglich persönliche
Bequemlichkeit und die in die Irre führenden Narrative von Big
Tech, wie z.B. „Souveränitätswashing“ [2], stehen im Weg.
Abbildung 1: Großer wirtschaftlicher Gewinn für die „Aneigner“
unserer Daten
Die Handelsbilanz zwischen der EU und den USA weist einen
gefährlichen Trend bei Dienstleistungen (Lizenzen, IT-Services
u.ä.) auf. Defizit der EU gegenüber den USA in 2024 belief sich auf
148.000.000.000,00 EUR. Die Steigerungsrate betrug 36 % (Abb. 2).
Abbildung 2: Entwicklung des Dienstleistungsbilanz-Defizits
der EU gegenüber USA
24 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Was bedeuten diese Zahlen?
Das Dienstleistungsbilanzdefizit von 148 Milliarden EUR
entspricht
· dem Bau von 740.000 neuen Sozialwohnungen à 200.000
EUR pro Jahr
· dem Jahresgehalt von ca. 1,5 Millionen IT-Experten mit
je 100.000 EUR.
Ein großer Teil dieser Mittel fehlt für Bildung, Forschung, Infrastrukturprojekte,
Sozialleistungen u.v.m. in den Haushalten von
Bund, Ländern und Gemeinden. Allein Larry Ellison, vor kurzem
reichster Mann der Welt, erhält 21 EUR pro Sekunde von unserem
Steuergeld. Grundlage ist ein Auftrag in Höhe von 4,6 Mrd EUR der
alten Bundesregierung an die Firma Oracle. Dieser Auftrag wurde
laut Bericht im Tagesspiegel „im Hinterzimmer“ vergeben. Eine
Ausschreibung fand nicht statt. [3]
Die Bundesverwaltung hat nach eigenen Angaben 771 Millionen
EUR für Lizenzen und IT-Dienstleistungen in 2022 ausgegeben. Im
Jahr 2023 betrugen die Ausgaben über 1,2 Mrd. EUR. Das ist eine
Steigerung von rund 57%. Das Finanzministerium wollte diese
Zahlen zunächst geheim halten, musste nach öffentlichem Protest
aber einlenken. [4]
Der CLOUD Act
als Waffe der digitalen Eroberung
Die wahre Bedrohung liegt nicht in veralteter Hardware, sondern
in einem US-Gesetz, das globale Gültigkeit beansprucht: Der
CLOUD Act [5] verwandelt jeden Windows-11-Rechner in ein Einfallstor
für US-Behörden.
Die entscheidende Frage wurde Microsoft France-Direktor
Anton Carniaux im französischen Senat gestellt: „Können Sie garantieren,
dass Daten französischer Bürger nicht ohne Zustimmung der
französischen Regierung an US-Behörden übermittelt werden?“.
Seine Antwort war eindeutig: “Nein, das kann ich nicht garantieren.”
Diese Aussage unter Eid entlarvt alle Microsoft-Beteuerungen zum
EU-Datenschutz als reine Theaterinszenierung. In Wahrheit schafft
Windows 11 eine Infrastruktur, in der:
· US-Gesetze Vorrang vor EU-Recht haben
· DSGVO-Grundsätze systematisch umgangen werden
· Europäische Gerichte bewusst ausgeschaltet werden
· Weitere Erpressungspotentiale und Killswitche für den
US-Präsidenten und die US-Administration geschaffen
werden.
Aufgrund von Lock-ins, haben wir es mit unlimitierte
Ewigkeitslasten zu tun. Diese könnten unser „Sondervermögen“
schnell dezimieren.
Kleine Kniffe
25
Der Weg zur totalen Überwachung
Während Microsoft von der Verwendung
der Nutzerdaten zur „Entwicklung und
Verbesserung von Produkten ... “ spricht, handelt es sich de facto
um ein umfassendes Überwachungs- und Ausbeutungssystem.
Tabelle 1: Mit Windows 11 in die digitale Kolonie
Der ökologische Super-GAU:
700.000.000 kg Elektroschrott
Windows 11 bringt spezifische Hardware-Anforderungen wie
TPM 2.0 und unterstützte CPUs mit, die mehrere hundert Millionen
voll funktionstüchtiger Computer über Nacht obsolet machen. Diese
strategische Obsoleszenz ist ein Umweltverbrechen ungeahnten
Ausmaßes:
· Elektroschott-Boom: Eine Forschungsstudie [6] zeigt, dass
durch die Zwangsausmusterung rund 240 Millionen
funktionierende PCs möglicherweise zu Elektroschrott
werden. Die Dimensionen sind gewaltig:
Würde man die 240 Millionen betroffenen
Geräte stapeln, so ergäbe sich bei einer durchschnittlichen
Laptopdicke von 2,5 cm ein 6.000 Kilometer hoher Turm
aus Laptops, der bis weit ins All reichen würde.
· Die Zwangsausmusterung dieser Geräte setzt zudem
giftige Stoffe in die Umwelt frei und vergeudet wertvolle
Ressourcen. Die Deutsche Umwelthilfe warnt: „Weltweit
können etwa 40 Prozent der Computer nicht auf
Windows 11 aktualisiert werden, wodurch auf einen
Schlag bis zu 700 Millionen Kilo Elektroschrott anfallen
könnten“. [7]
· Enormer CO₂-Fußabdruck: Die energieintensive
Produktion der Ersatzgeräte treibt den Klimawandel
weiter an und konterkariert jede Nachhaltigkeitsagenda.
· Ökonomische Entmündigung: Privatnutzer und kleine
Unternehmen werden gezwungen, in neue Hardware zu
investieren, während die Extended Security Updates
(ESU) nur eine mit Daten und/oder Geld zu bezahlende
Übergangslösung ohne Zukunft darstellen.
Die Psychologie des Zwangs: Wie “Sicherheit”
zur Abhängigkeit führt
Microsofts gesamte Kommunikation basiert auf einem zynischen
Täuschungsmanöver. Während das Unternehmen behauptet, Windows
11 biete “erweiterte Sicherheit”, schafft es gleichzeitig eine
Architektur, die:
· Zwangskonten erfordert (Microsoft Account)
· Regelmäßige Authentifizierung mit Microsoft-Servern
erzwingt
· Dezentralen Betrieb unmöglich macht.
Die angebliche “Sicherheit” dient in Wahrheit der Kontrolle. Jedes
Sicherheitsupdate ist nicht nur ein Patch, sondern auch ein Werkzeug
zur Verstärkung der Abhängigkeit.
Der “Kostenlose” Köder mit Datenschutz-Falle
Microsoft bietet im Europäischen Wirtschaftsraum zwar kostenlose
Extended Security Updates (ESU) an – aber nur unter einer Bedingung:
Der Nutzer muss sich mit einem Microsoft-Konto authentifizieren. Die
vermeintlich großzügige Geste ist in Wahrheit ein perfider Mechanismus
zur Erzwingung des Account-Zwangs und zur Verknüpfung des
Nutzerverhaltens mit einer Microsoft-Identität.
Microsoft bricht das
„Letzte Windows“-Versprechen
Microsoft verkündete 2015, Windows 10 werde „die letzte Version
von Windows“ sein und künftig nur noch durch Updates weiterentwickelt.
[8] Dieses Versprechen hat sich nun als sich als Täuschung erwiesen.
Windows 11 ist ein strategisch forcierter Bruch, der die gewonnene Nutzerbasis
nutzt, um Hardware-Obsoleszenz zu erzwingen und alle in ein
noch geschlosseneres Ökosystem zu treiben.
Digitale Kolonialisierung: Das System Microsoft
Die Parallelen zum historischen Kolonialismus sind unübersehbar:
1. Ressourcen-Extraktion: Wie früher Kolonialmächte Rohstoffe
abtransportierten, extrahiert Microsoft heute Daten als
wertvollste Ressource des 21. Jahrhunderts. Jeder
Windows-11-Nutzer wird zur “Datenquelle” für US-
Interessen.
2. Infrastruktur-Kontrolle: Die Kontrolle über Betriebssysteme
ist die Kontrolle über die digitale Infrastruktur - vergleichbar
mit Häfen und Handelsrouten im Imperialismus des
19. Jahrhunderts.
3. Rechtliche Vorherrschaft: Der CLOUD Act etabliert
US-Recht als de-facto-Weltrecht und macht europäische
Datenschutzgesetze praktisch wirkungslos.
4. Wirtschaftliche Abhängigkeit: Durch Lizenzgebühren,
Zwangsupgrades und Cloud-Abonnements fließen jährlich
Milliarden aus Europa in US-Kassen.
Der Weg in die digitale Knechtschaft
Windows 11 ist die perfekte Kolonialisierungssoftware: Sie schafft
Abhängigkeit, verhindert Souveränität und ermöglicht totale Kontrolle.
Die vermeintliche “Modernisierung” ist in Wahrheit eine Rückentwicklung
in die digitale Vasallenschaft.
Die Illusion der Wahl
Microsoft bietet scheinbare Alternativen - Windows 11, ESU-Programm,
Cloud-Lösungen. Doch alle Wege führen in die gleiche
Abhängigkeit. Wie in jeder Kolonie gibt es nur die Wahl zwischen verschiedenen
Formen der Unterwerfung.
Die Zeit für halbherzige Reformen ist vorbei. Europa braucht einen
radikalen Kurswechsel. Die Kolonialherren des 21. Jahrhunderts tragen
26 Kleine Kniffe
keine Uniformen, sie betreiben Rechenzentren in deren Ländern.
Und ihre wirkungsvollste Waffe ist nicht das Gewehr, sondern das
Betriebssystem.
Ausblick und Lösungsansätze:
Wege aus der digitalen Windows 11-Falle
Die Analyse zeigt ein System der Abhängigkeit, des Datenexports
und der ökologischen Verschwendung. Doch es gibt Auswege:
• Digitale Souveränität durch Open Source: Der konsequenteste
Schritt ist der Wechsel zu unabhängigen, quelloffenen
Betriebssystemen wie Linux. Distributionen wie
Ubuntu, Linux Mint oder spezielle öffentliche Versionen
(z.B. auf Debian basierend) sind benutzerfreundlich, sicher
und laufen performant auch auf älterer Hardware. Sie
befreien von Lizenzzwängen, Account-Zwang und dem
CLOUD Act.
• Stärkung europäischer Alternativen: Politik und
öffentliche Verwaltung müssen mit gutem Beispiel vorangehen.
Statt Milliarden in US-Lizenzen zu investieren,
müssen Mittel in die Entwicklung und den Einsatz
europäischer Open-Source-Software fließen.
• Hardware-Nutzungsdauer maximieren: Der ökologische
Irrsinn der Zwangsausmusterung muss gestoppt werden.
Durch die Nutzung von Linux oder den Einsatz von
Windows 10 mit erweitertem Support in isolierten
Netzwerken kann die Lebensdauer von Hardware massiv
verlängert werden.
• Regulatorischer Mut: Die EU muss den Hebel bei der
Beschaffung ansetzen: Öffentliche Einrichtungen sollten
verpflichtet werden, bevorzugt Open-Source-Software
und langlebige, reparierbare Hardware einzusetzen.
Zudem muss der CLOUD Act mit klaren rechtlichen
Barrieren und Sanktionen beantwortet werden.
Der Abschied von Windows 10 ist keine technische Notwendigkeit,
sondern eine strategische Weichenstellung. Europa steht
vor der Wahl: blinde Folgeleistung in die digitale Kolonie oder
die mutige Entscheidung für technologische Selbstbestimmung,
Umweltschutz und die Bewahrung der Grundrechte. Die Werkzeuge
für den Ausstieg sind vorhanden – es fehlt nur der politische
und gesellschaftliche Wille, sie auch zu nutzen.
Autor
Professor Harald Wehnes
Lehrstuhl für Informatik III
Universität Würzburg
Links und Quellen:
Anmerkung:
Dieser Diskussionsbeitrag gibt die analytische Perspektive
des Autors wieder. Zur besseren Verständlichkeit eines breiten
Publikums wurde auf eine allzu technische Darstellung verzichtet.
[1] Joanna Zuboff: Surveillance Capitalism or
Democracy? The Death Match of Institutional Orders and
the Politics of Knowledge in Our Information Civilization.
21.11.2022. https://journals.sagepub.com/doi/
full/10.1177/26317877221129290
[2] Harald Wehnes, Julian Kunkel, Martin Weigele:
Schein-Lösungen stoppen: Souveränitäts-Washing von Big
Tech gefährdet Sondervermögen. 08.04.2025. https://gi.de/
themen/beitrag/kritik-zu-souveraenitaets-washing-von-bigtech
[3] Oliver Voss, Tagesspiegel: Umstrittener 4-Milliarden-Deal:
Macht sich das Innenministerium von Oracle
abhängig? 06.09.2023. https://www.tagesspiegel.de/politik/
umstrittener-4-milliarden-deal-macht-sich-das-innenministerium-von-oracle-abhangig-10421440.html
[4] Stefan Krempl: Bund: Lizenzkosten für Microsoft
auf hohem Niveau, insgesamt neuer Rekord. 01.06.2024.
https://www.heise.de/news/Bund-Lizenzkosten-fuer-Microsoft-auf-hohem-Niveau-insgesamt-neuer-Rekord-9744319.
html
[5] CLOUD Act. 02/06/2018. https://www.congress.gov/
bill/115th-congress/house-bill/4943/text
[6] Ben Caddy und Kieren Jessop, Canalys: The end of
Windows 10 support could turn 240 million PCs into e-waste.
https://www.canalys.com/insights/end-of-windows-10-support-could-turn-240-million-pcs-into-e-waste
[7] Deutsche Umwelthilfe: Windows 10
Updates verlängert: Deutsche Umwelthilfe kritisiert
fehlenden langfristigen Support und wirft Software-Giganten
Täuschungsmanöver vor. 26.09.2025. https://
www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/
windows-10-updates-verlaengert-deutsche-umwelthilfe-kritisiert-fehlenden-langfristigen-support-und-w/
[8] Microsoft Ignite 2015: „Windows 10 - The Last
Version of Windows“ (Zitat von Jerry Nixon, Microsoft
Developer). Berichtet von The Verge: https://www.theverge.
com/2015/5/7/8568473/windows-10-last-version-ofwindows
Kleine Kniffe
27
Open Source
Open Source
als Rückgrat eines souveränen Staates
Im Angesicht fortschreitender Digitalisierung und wachsender geopolitischer Spannungen werden
die „Kritischen Infrastrukturen“ des Staates neu gedacht. Was lange Zeit Stromnetze, Wasserwerke
und Verkehrswege meinte, umfasst heute weit mehr – auch den digitalen Raum. Die zunehmende
Digitalisierung aller Lebens- und Verwaltungsbereiche hat gezeigt: Kritische Infrastruktur ist längst
auch Code, Software und Server. Eine funktionierende digitale Infrastruktur ist zur Grundlage
staatlichen Handelns geworden.
Ein Beitrag von Leonhard Kugler
Damit verschiebt sich die sicherheitspolitische Perspektive.
Wenn zentrale Verwaltungsprozesse, öffentliche Kommunikation
oder Gesundheitsdaten auf Cloud-Plattformen proprietärer Anbieter
liegen, entstehen neue Abhängigkeiten – und damit erhebliche Sicherheitsrisiken.
Genau in einer solchen Abhängigkeit befindet sich die
deutsche Verwaltung: Nahezu alle Verwaltungseinrichtungen arbeiten
mit Technologien großer US-Hyperscaler. Viele Daten liegen
in Clouds, die US-Recht unterstehen. Damit kann die US-Regierung
im Ernstfall per Dekret auf Daten und Informationen zugreifen, die
bei diesen Anbietern gespeichert sind. Software kann so zum Druckmittel
werden – etwa in Handelskonflikten oder Krisensituationen.
Bleiben sicherheitsrelevante Updates aus, ist die Handlungsfähigkeit
des Staates unmittelbar gefährdet.
Zeit, das zu ändern. „Digitale Souveränität“ wurde vom Bundesministerium
für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) zum
Leitmotiv der aktuellen Digitalpolitik erklärt. Digitale Souveränität
bedeutet dabei keine Abschottung, sondern die Fähigkeit zur selbstbestimmten
Gestaltung, Kontrolle und Wechselfähigkeit zwischen
Anbietern. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Staat seine digitalen
Grundlagen eigenständig sichern und weiterentwickeln kann.
Genau hier kommt Open Source ins Spiel – als Werkzeug, um
diese Souveränität praktisch umzusetzen. Open Source schafft
Transparenz: Quellcode ist überprüfbar, nachvollziehbar und auditierbar.
Wissen und Weiterentwicklung liegen nicht in den Händen
weniger Konzerne. Vielmehr können sie in Kooperation und unter
gleichartigen Rahmenbedingungen vorangetrieben werden. Damit
wird technologische Entwicklung dezentralisiert und demokratisiert.
Open Source ist somit ein wirksames Mittel, damit Behörden, Forschung
und Wirtschaft gemeinsam an digitalen Basistechnologien
arbeiten können; Kooperation ist quasi im Lizenzmodell verankert.
Offene Schnittstellen sichern die Migrationsfähigkeit und
Interoperabilität, offene Daten dienen dazu, Wechselfähigkeit und
Datensouveränität zu steigern.
Mit dem Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) hat sich
der Bund bereits 2022 eine zentrale Anlaufstelle geschaffen, um
Open-Source-Entwicklung innerhalb der Verwaltung systematisch
zu fördern. Das ZenDiS unterstützt die öffentliche Hand dabei, digitale
Lösungen gemeinsam, offen und nachhaltig zu entwickeln
– und sich so aus kritischen Abhängigkeiten von einzelnen Technologieanbietern
zu lösen. Als Kompetenz- und Servicezentrum berät,
befähigt und begleitet das ZenDiS Verwaltungen und stellt zugleich
Zugang zu modernen, leistungsfähigen und skalierbaren souveränen
Lösungen bereit.
Um Open-Source-Software (OSS) für die Verwaltung zugänglich
zu machen, verantwortet das ZenDiS seit 2024 die Plattform open-
Code (www.opencode.de). Dort ist ein zentraler Anlaufpunkt für
OSS in der Verwaltung entstanden: Eine Plattform, auf der verwaltungsrelevante
Open-Source-Software gefunden, geteilt und
gemeinsam weiterentwickelt werden kann. Aktuell sind dort rund
9.000 Nutzende registriert, die an etwa 4.500 Projekten arbeiten. Für
die Nutzenden ist auf openCode eine rechtlich gesicherte, föderationsübergreifende
Zusammenarbeit möglich: Bund, Länder und
Kommunen können dort gemeinsam entwickeln.
28 Kleine Kniffe
Foto: ZENDIS
Das ZenDiS entwickelt openCode kontinuierlich weiter. Damit
Sicherheit und Nachnutzbarkeit der dort gelisteten Projekte für
Interessierte anderer Verwaltungen ersichtlich sind, wurde ein
Badge-System etabliert: Bestehende Projekte werden automatisiert
auf Aspekte wie Wartung, Nachnutzbarkeit und Sicherheit überprüft.
Jedes Projekt erhält pro Aspekt ein Badge mit einer Bewertung.
So wird auf einen Blick erkennbar, ob ein Projekt die gewünschten
Anforderungen erfüllt und etwa in einer Kommune eingesetzt
werden kann.
Im Softwareverzeichnis von openCode finden sich inzwischen
über 200 Projekte. Die Spannweite ist groß: Mit F13 steht
beispielsweise ein KI-Assistenzsystem aus Baden-Württemberg
zur Nachnutzung bereit. F13 wurde speziell für den Einsatz in
der öffentlichen Verwaltung entwickelt. Auch Projekte wie der
BundesMessenger, eine sichere Kommunikationslösung auf Basis
des Matrix-Protokolls, oder die Smart City App, die städtische
Services und Informationen wie Abfallkalender, Mängelmelder,
Behördenleistungen, Veranstaltungen und News bündelt, sind auf
openCode zu finden.
Neben Anwendungen für den Verwaltungseinsatz arbeitet das
ZenDiS mit openCode auch daran, die gesamte Softwarelieferkette
der öffentlichen Verwaltung sicherer zu gestalten. In einem gemeinsamen
Projekt mit der Auslands-IT des Auswärtigen Amts findet
derzeit eine Härtung von Softwarecontainern statt. Das bedeutet,
dass einzelne Softwarekomponenten, die die Grundlage für viele
Projekte bilden, sicher und überprüfbar bereitgestellt werden. So
können Entwickler:innen, die Projekte für die Verwaltung umsetzen,
auf technische Bausteine zugreifen, die den Sicherheitsanforderungen
der Deutschen Verwaltungscloud-Strategie entsprechen. Denn
langfristig muss ein digital souveräner Staat seine gesamte Softwarelieferkette
resilient und sicher aufstellen – nicht nur Teilaspekte wie
Serverstandorte oder Datenspeicher.
Insgesamt betrachtet kann Open Source zum Rückgrat staatlicher
Handlungsfähigkeit werden – und zur Voraussetzung dafür,
dass kritische digitale Infrastrukturen wirklich souverän und resilient
betrieben werden können. Der OSS-Ansatz bringt Beschleunigung
und sichert Innovation. Dabei kann die Öffentlichen Verwaltung auf
einen starken Mittelstand aus Deutschland und Europa zugreifen
und bestehende Lösungen unter den richtigen Rahmenbedingungen
für sich nutzen. Dafür braucht es mutige Schritte, um öffentliche
Investitionen in digitale Infrastruktur so zu bündeln, dass nachhaltiges
digitales Wirtschaftswachstum und Innovation entstehen
kann. Mit openCode gibt es die Grundlage dafür, das Konzept der
Digitalen Souveränität durch Open Source auf allen Ebenen weiterzuentwickeln.
Autor
Leonhard Kugler
Leiter Plattform & Entwicklung
ZenDiS.
https://www.zendis.de/
Kleine Kniffe
29
Nachhaltige Digitalisierung
Weniger Watt, mehr Wirkung:
Green IT als Pflichtprogramm
Ihre Verwaltung verbraucht rund 25 Prozent ihres Stroms für IT. Die Kurve zeigt nach oben. Ignorieren
wir das – oder drehen wir sie um? Die Green-IT-Strategie des IT-Planungsrats (beschlossen im März
2022) verlangt bis 2030 eine klimaneutrale, nachhaltige IT. Das ist kein Wohlfühlziel. Das ist eine
Führungsaufgabe.
Ein Beitrag von Thomas Heine
Beweis der Machbarkeit: Halbierter Verbrauch
Die Green-IT-Initiative des Bundes liefert den Beleg. Seit 2008
san der Energieverbrauch der Bundes-IT von 680 GWh auf 328 GWh
(2020). Rund 50 Prozent weniger – durch über 70 Maßnahmen.
Darunter: energieeffiziente Rechenzentren, optimierte Serverauslastung,
Nutzung von Abwärme zur Gebäudeheizung. Die Botschaft an
alle Ebenen: Es geht. Und es skaliert, wenn wir konsequent kopieren.
Vom Pilot zur Blaupause: Drei Hebel jetzt
Starten Sie Piloten, die sofort übertragbar sind: Optimieren Sie
im Rechenzentrumsbetrieb zunächst Serverauslastung und
Effizienz, messen Sie die Effekte transparent und dokumentieren
Sie Betriebsmuster sowie Kennzahlen – so entsteht eine belastbare
Vorlage für andere Häuser. Nutzen Sie außerdem Abwärme,
indem Sie Rechenzentrums-Abwärme in die Gebäudeheizung
einbinden und die technischen wie organisatorischen
Schritte offenlegen; daraus entwickelt sich ein Standardvorgehen
für Ihre Liegenschaften. Richten Sie schließlich den Fokus auf
Kreislaufwirtschaft über den gesamten Lebenszyklus: Beschaffen
Sie ressourcenschonende Hard- und Software, organisieren
Sie die Kreislaufführung der IT-Hardware in Ihren Liegenschaften
und ergänzen Sie dies um digitale Produktpässe sowie geeignete
Product‐as‐a‐Service‐Modelle.
Messverfahren, gleiche Begriffe, gleiche Berichte. Nur so vergleichen
Sie Erfolge, nur so multiplizieren Sie Wirkung.
Beschaffung als Klimapolitik
Das Maßnahmenprogramm „Nachhaltigkeit für das
eigene Verwaltungshandeln“ verpflichtet Sie zu nachhaltiger
IT-Beschaffung. Nutzen Sie das. Schreiben Sie energieeffiziente
Rechenzentren, optimierte Serverauslastung, klimaneutralen Betrieb
und Kreislaufführung als Pflichtkriterien fest. Fordern Sie digitale
Produktpässe und Product‐as‐a‐Service dort, wo es passt. Die öffentliche
Hand hat eine Vorbildfunktion. Ihre Nachfrage schafft Markt
– und Tempo.
Jetzt multiplizieren
Sie haben klare Ziele (bis 2030). Sie haben belegte Maßnahmen
(über 70). Sie wissen, was wirkt: energieeffiziente Rechenzentren,
optimierte Serverauslastung, Abwärme, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige
Beschaffung. Machen Sie daraus Standard‐Services mit
interoperablen Schnittstellen. Bauen Sie Piloten so, dass andere sie
sofort übernehmen. So senken Sie den 25‐Prozent‐Anteil. So wird
Green IT vom Projekt zur Praxis. Fangen wir an – heute, mit dem
ersten Pilot, der morgen Blaupause ist.
Standards und Interoperabilität entscheiden
Ohne Standard-Services bleibt Green IT Stückwerk.
Definieren Sie verbindliche Schnittstellen für Energie‐Monitoring, Auslastungsdaten
und Abwärme‐Kennzahlen. Legen Sie Datenmodelle
für digitale Produktpässe fest. Sorgen Sie dafür, dass diese Bausteine
in Bund, Ländern und Kommunen identisch andocken. Gleiches
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
30 Kleine Kniffe
Kleine Kniffe
31
Open Source
Open-Source ERP in der öffentlichen Verwaltung:
Trends, Chancen und praktische Wege
Die prinzipielle Offenheit für Open-Source-Lösungen wächst in den deutschen Amtsstuben. Im
Interview spricht Finnigan Lutz als Geschäftsführer der Zukunft digitale und offene Verwaltung
GmbH. Als früherer Softwareentwickler und Strategieberater arbeitet er an der Einführung von
Open-Source-ERP-Systemen in der öffentlichen Verwaltung. Denn in vielen Behörden kommt
Open-Source-Software bereits zum Einsatz. Überzeugungsarbeit ist jedoch immer noch zu leisten.
Das Interview führte Thomas Heine
Sie sprechen von aktuellen, globalen Trends für eine
ganz spezifische Klasse an Software-Systemen - sogenannte
“ERP-Systeme”. Welche Relevanz hat das für
deutsche Verwaltungen?
Eine wachsende. Wir sehen zahlreiche Insellösungen, Excel-Tabellen,
Microsoft Access - einen echten Flickenteppich, der schwer zu
konsolidieren ist. Diese Strukturen sind historisch gewachsen - mit
getrieben durch Einzelbeschaffungen, die zwar lokale Probleme sehr
gut lösen, aber selten ein Gesamtbild ergeben. ERP-Systeme sind die
Gegenbewegung dazu: umfassender als einzelne Fachanwendungen
und in der Lage, Verfahren, Online-Dienste und Finanzdaten in
einem System zu vereinen.
Trotz ihrer langen Geschichte - man denke an
SAP - sehen wir nun erstmals eine neue Generation dieser Systeme,
die 100% Open Source sind. Sie haben nun eine Marktreife erreicht,
die sie - gerade unter den Schlaglichtern Digitaler Souveränität und
Nachhaltiger Beschaffung - für Verwaltungen sehr interessant macht.
Ihre technologische Offenheit ermöglicht Flexibilität, Souveränität
und Kostenvorteile in einer Form, die es so vorher nicht gab.
Macht hier Open-Source wirklich den Unterschied?
Naja, denken Sie mal so: In Open-Source-Ökosystemen, die teilweise
hunderttausend Mitwirkende umfassen, kommen einfach viel
mehr Innovationen zustande als in einer einzelnen Produktabteilung
eines üblichen Anbieters. Gute Innovationen verbreiten sich
automatisch im Netzwerk, statt isoliert zu bleiben. Das funktioniert
nur, weil der Quellcode der Software frei zugänglich ist und alle mitwirken
dürfen. Die Kosten sinken und das System verbessert sich
fortlaufend, da Adoption, Innovation und Produktqualität ineinander
greifen und sich gegenseitig verstärken.
Und wie ist das mit der Einhaltung der Gesetze?
Machen die Systeme das automatisch?
Moderne Open-Source-ERP-Systeme bilden viele gesetzliche
Vorgaben zuverlässig ab, wie Haushaltslogiken, Genehmigungswege
oder Dokumentationspflichten, und reduzieren auch insbesondere
die Fehlerquellen. Sie schaffen einen rechtskonformen Rahmen -
aber ersetzen natürlich nicht die Auslegung von Vorschriften oder
Ermessensentscheidungen. Dafür braucht es weiterhin klare Prozesse
und fachliche Kontrolle. Kurz gesagt: Das System reduziert das
Risiko und hilft bei der strukturierten Ausführung, aber die Verantwortung
bleibt bei der Behörde.
Was bedeutet das nun für Entscheidungsträger?
Als erstes gibt es hier einen Informationsmangel auszugleichen.
Die ERP-Welt ist noch eine Nische, und es müssen mehr Akteure die
Brücke schlagen zwischen integrierten ERP-Systemen, Effizienzsteigerung
und dem Potenzial für die deutsche Verwaltung.
Führungskräfte brauchen allgemein mehr Informationen über
diese Klasse an Systemen, als auch ein Verständnis der Vorteile,
die ein ERP-System für jede betriebliche Ebene individuell mitbringt.
Für die Leitungsebene kommt eine Echtzeit-Übersicht der
Organisation zustande, mit belastbaren Kennzahlen und flexibler
32 Kleine Kniffe
Foto: ChatGPT 5.1 Pro
Berichterstattung - und vor allem für Sachbearbeiter bedeutet es
weniger Doppeleingaben und weniger manuelle Handgriffe.
Als besondere Chance ist auch die Einführungsphase eines solchen
Systems zu sehen, da hier die Organisation zusammenkommen
kann, um ein gemeinsam getragenes Leitbild umzusetzen. Altsysteme
können nachhaltig und verantwortlich abgelöst, Daten migriert
und Prozessverbesserungen gemeinsam realisiert werden. Das kann
auch richtig Spaß machen, wenn man sieht, wie es vorangeht.
Klingt vielversprechend - aber wie steht es um Kosten
und Wirtschaftlichkeit?
Wichtige Frage. Tatsächlich teurer als das ERP ist oft der aktuelle
Zustand. Der größte Kostenblock entsteht bereits heute durch
manuelle Doppeleingaben, verstreute Daten, Medienbrüche und
wiederkehrende Abstimmungsschleifen. Diese versteckten Prozesskosten
summieren sich erheblich - finanziell wie organisatorisch.
Eine strukturierte Bestandsaufnahme - eine Art „IT-Autopsie“ - kann
sichtbar machen, wo die größten Lizenz- und Zeitkosten entstehen
und wo die Potenziale liegen. Ein modernes ERP setzt genau dort
an. Wie schnell sich die Investition rechnet, hängt vom Ausgangszustand
ab, lässt sich aber nach einer Prozessaufnahme gut beurteilen.
Das kann durchaus mal überraschen, wenn man die Zeitersparnisse
je Vorgang auf ein Jahr hochrechnet.
Was gilt es bei der Beschaffung zu beachten?
Eine frühe Markterkundung ist entscheidend, um Funktionen,
Lizenzmodelle und Integrationsumfang einschätzen zu können.
Eine Übersicht der „Estimated Cost of Ownership“ (ECO) über
zehn Jahre schafft hier Vergleichbarkeit, gerade weil manche Systeme
lizenzpflichtig sind und andere nicht. Wichtig ist außerdem,
Software-Lizenzen und Einführung klar zu trennen: Die Implementierung
eines ERP-Systems umfasst Workshops, Prozessdesign,
Datenmigration und Schulungen und wird üblicherweise mit einem
spezialisierten Implementierungspartner umgesetzt. Das sorgt für
Struktur, reduziert Risiken und erleichtert die Einführung.
Zum Schluss: Was wäre Ihre wichtigste Empfehlung?
Zusammenarbeit. In der öffentlichen Verwaltung arbeiten
wir an denselben Herausforderungen, doch viel zu oft agieren
Akteure isoliert. Wenn wir Wissen teilen, Erfolge kommunizieren,
Erfahrungen austauschen und einander helfen, profitieren alle.
Technisch, organisatorisch und finanziell. ERP-Einführungen sind
komplex, und gerade deshalb braucht es Vernetzung, gegenseitige
Unterstützung und eine Kultur, in der Lernen und Weitergeben
selbstverständlich sind.
Das Unternehmen
Zukunft digitale und offene Verwaltung GmbH (zdov)
bringt öffentliche Verwaltungen, Gemeinnützige
Institutionen und Vereine auf eine integrierte, offene
Plattform, optimieren Abläufe und sparen damit Zeit,
Geld und Nerven
Webseite: https://zdov.de/
Kleine Kniffe
33
Open Source
Open Source – Das Rückgrat
einer souveränen und nachhaltigen Verwaltung
Als Interim Solution Architect und Product Owner der National Databank Flora & Fauna in den
Niederlanden arbeite ich mit einem Team, dessen Aufgabe es ist, alle Biodiversitätsdaten des Landes
für Bürger:innen, Forscher:innen und politische Entscheidungsträger:innen zugänglich zu machen. Jeden
Tag stehen wir vor der Herausforderung, enorme Datenmengen zu verwalten, verfügbar zu machen
und ihren langfristigen Wert zu sichern. Diese Arbeit hat mich auch dazu gebracht, über unser eigenes
Projekt hinauszublicken und zu untersuchen, wie der niederländische öffentliche Sektor insgesamt mit
Open Source, Open Data und der digitalen Transformation der Verwaltung umgeht.
Ein Bericht von Wilco Burggraaf
Und weil ich aus der eigenen Forschung heraus lernen wollte,
wie man es besser machen kann, habe ich mir den niederländischen
Open-Source- und Daten-Landschaft intensiv angesehen – mit
klar erkennbaren Chancen, aber auch mit Lücken, die geschlossen
werden müssen.
Ein zentrales Problem, das ich immer wieder sehe, betrifft die
Art und Weise, wie Nachhaltigkeit in der IT gemessen und deklariert
wird. Aktuelle gesetzliche Anreize, ob aus EU-Vorgaben oder nationalem
Recht, machen es oft möglich, Strom aus einem grauen Netz
als „grün“ zu deklarieren, indem man Zertifikate einkauft. Auf dem
Papier erfüllt man damit Klimaziele, in der Realität aber verschleiert
man den tatsächlichen Energieverbrauch der digitalen Prozesse.
Wenn wir wirklich zukunftsfähig sein wollen, dürfen Verwaltungen
nicht bei CO₂-Äquivalenten auf Basis von nationalen Durchschnittswerten
stehen bleiben. Wir müssen Kilowattstunden erfassen, und
wir müssen die Zahl der Virtual Machines und Container zählen,
die in Produktion laufen. Jedes ERP-System, jedes Bürgerportal,
jede API und jede Website läuft virtuell irgendwo. Die Schätzung
des Energie- und CO₂-Fußabdrucks dieser Workloads auf Grundlage
der Netzintensität gibt uns das reale operative Bild. Und wenn
sich Governance-Vorgaben eines Tages ändern, stehen wir ohnehin
vor der harten Pflicht, den gesamten Energieverbrauch zu senken.
Besser, wir sind jetzt vorbereitet.
Genau hier macht Open Source den entscheidenden Unterschied.
Wer offene Lösungen einsetzt, zwingt sich dazu, die Kontrolle zu
übernehmen. Souveränität bedeutet, Verantwortung für den eigenen
digitalen Wert zu tragen und die Expertise aufzubauen, ihn zu
pflegen. Für Regierungen ist das nicht nur eine technische Entscheidung,
sondern auch eine kulturelle. Es erfordert die Ausbildung
eigener Fachkräfte und den Aufbau von Wissen, um Technologie
im großen Maßstab selbst betreiben zu können. Im Gegenzug schafft
Open Source Transparenz über die tatsächliche Leistung und den
realen Impact von Systemen und verschafft Verwaltungen Verhandlungsmacht
im Gespräch mit Hyperscalern und Cloud-Anbietern.
Statt sich grüne Versprechen und komplexe Rechnungen vorlegen
zu lassen, können Regierungen mit eigenen Messwerten argumentieren,
untermauert von offenen Tools, die den tatsächlichen
Fußabdruck von Workloads sichtbar machen. Das ist eine Form von
Souveränität, die Nachhaltigkeit unmittelbar möglich macht.
Im niederländischen öffentlichen Sektor gibt es bereits Beispiele,
die zeigen, wie dies in der Praxis funktioniert. DasMinisterie van
BZK hat mit seiner „Open, Unless“-Politik den Ton gesetzt, indem es
Offenheit zum Standard für staatliche Software macht, und mit der
Einrichtung eines behördenweiten Open Source Programme Office
die Governance-Struktur geschaffen, um dies umzusetzen. Initiativen
wie OpenGemeenten zeigen, dass geteilte Open-Source-Komponenten
landesweit barrierefreie digitale Dienste ermöglichen und
gleichzeitig Doppelarbeit vermeiden. VNG Common Ground geht
noch weiter, indem es kollaborative Infrastruktur aufbaut, die
Gemeinden wiederverwenden können, anstatt jeweils eigene Lösungen
zu entwickeln. Logius hat mit der Veröffentlichung des Source
34 Kleine Kniffe
Codes der DigiD-App, einem kritischen nationalen Identitätsdienst,
einen mutigen Schritt gemacht, um Transparenz und Vertrauen zu
schaffen. Und das Portal Developer Overheid führt diese Stränge
zusammen, indem es Tausende von Repositories hostet, die sowohl
von staatlichen Stellen als auch von Bürger:innen genutzt werden
können. All diese Initiativen beweisen, dass Offenheit systemisch
werden kann – und dass, wenn öffentliches Geld digitale Infrastruktur
finanziert, der Code auch der Öffentlichkeit zugutekommen
sollte.
Doch über Strategie und Governance hinaus bietet Open
Source auch die praktischen Instrumente, um Verwaltung und
Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Im Bereich Cloud und
Infrastruktur liefern Tools wie Kepler von der Cloud Native Computing
Foundation Echtzeit-Messungen des Energieverbrauchs
einzelner Kubernetes-Container. Kubecost verknüpft Ressourcennutzung
direkt mit finanziellen und ökologischen Kosten, während
Kube-Green dafür sorgt, dass nicht benötigte Workloads außerhalb
der Bürozeiten nicht unnötig weiterlaufen. OpenStack-basierte
souveräne Clouds ermöglichen es Regierungen, Dienste in eigenen,
energieoptimierten Umgebungen zu hosten – mit voller Transparenz
über deren Impact. Auf Anwendungsebene zeigt das
Unternehmen Green Coding Solutions aus Berlin, wie Open Source
Nachhaltigkeit messbar statt rhetorisch macht. Mit dem Green Metrics
Tool stellen sie ein Framework bereit, das den Energie- und
CO₂-Verbrauch von Anwendungen in Echtzeit messen kann. Ihr
Cloud Energy-Modell schätzt den Wattverbrauch in Cloud-Umgebungen,
während Werkzeuge wie Eco CI Energy Estimation in
Continuous-Integration-Pipelines integriert werden können und
so die Energiekosten von Software-Builds direkt sichtbar machen.
Indem sie den unsichtbaren Fußabdruck von Code und Diensten
offenlegen, ermöglichen Green Coding Solutions es Verwaltungen
und Entwickler:innen, von Marketing-Behauptungen zu Fakten
überzugehen – und Software-Entscheidungen nach realem Energie-
und CO₂-Impact zu steuern. Parallel dazu verfolgt KEIT von
Aknostic das Ziel, die Umweltbilanz von Workloads zu messen und
zu berichten, damit Architekt:innen und Entwickler:innen bessere
Designentscheidungen treffen können.
Und über klassische Anwendungen hinaus muss diese Logik
auch auf Artificial Intelligence ausgeweitet werden. Viele öffentliche
Einrichtungen experimentieren heute mit AI-Modellen, und hier ist
das Beispiel Mistral aus Europa besonders relevant. Mistral verfolgt
den Ansatz, leistungsfähige Modelle mit einem Open-Source-Ethos
zu entwickeln, und zeigt damit, dass AI-Souveränität möglich ist.
Aber wer ausschließlich externe APIs nutzt, selbst von innovativen
Anbietern, lagert Souveränität und Nachhaltigkeit dennoch aus.
Die Energiekosten für das Training und den Betrieb dieser Modelle
sind enorm, gleichzeitig aber völlig intransparent, wenn man
sie nur als Service konsumiert. Um zukunftsfähig zu sein, müssen
Verwaltungen die Fähigkeit aufbauen, Modelle selbst zu hosten
und zu betreiben – auf eigenen Kubernetes-Clustern oder über entstehende
Open Source AI- und agentic Frameworks. Nur so lässt
sich sicherstellen, dass das MCP – Model Control and Processing
vollständig inhouse bleibt, mit Transparenz über Energieverbrauch,
Lifecycle-Kosten und langfristiger Kontrolle über die Technologie.
Das Hosten von AI bedeutet nicht, massive Foundation Models von
Grund auf neu zu trainieren, wohl aber, Fine-Tuning, Inferenz und
Deployment lokal zu kontrollieren – sodass digitale Souveränität
auch für die mächtigsten neuen Technologien gilt, auf die Regierungen
künftig angewiesen sein werden.
Die Lektionen aus diesen Initiativen decken sich mit dem, was
ich die „Laws of Green IT and Sustainable Software“ nenne. Erstens,
minimaler negativer Impact: Systeme müssen so gestaltet werden,
dass sie über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg den geringsten
Energieverbrauch verursachen. Zweitens, Langlebigkeit: Wir
müssen Systeme bauen, die über Jahrzehnte bestehen, statt disposable
Software, die ständige Erneuerung erzwingt. Drittens, volle
Ressourcennutzung: Wir sollten das, was bereits existiert, weiterverwenden
und erst dann Neues schaffen. Und viertens, ganzheitliches
Impact-Bewusstsein: Wir dürfen nicht einen Teil des Systems optimieren,
während wir die Folgekosten an anderer Stelle ignorieren.
Diese Gesetze sind keine abstrakten Prinzipien, sondern praktische
Leitlinien dafür, wie Open Source Verwaltungen gleichzeitig souverän
und nachhaltig halten kann.
Als jemand, der täglich mit Biodiversitätsdaten arbeitet, weiß
ich: Umwelt-Insights sind nur dann wertvoll, wenn sie präzise und
umsetzbar sind. Für die IT gilt dasselbe. Nachhaltigkeitsziele können
nicht an Anbieter ausgelagert werden, deren Hauptanreiz kurzfristiger
Umsatz ist. Mehr Compute unter dem Label Innovation zu
verkaufen, löst nicht das Grundproblem, dass öffentliche Verwaltungen
mehr Energie verbrauchen, als sie sich langfristig leisten
können. Souveränität bedeutet, die Fähigkeit zu haben, den eigenen
digitalen Fußabdruck selbst zu messen, zu steuern und zu reduzieren.
Nachhaltigkeit bedeutet, dies nicht für den nächsten Quartalsbericht
zu tun, sondern für die kommenden Jahrzehnte.
Open Source ist das Rückgrat, das beides ermöglicht. Es erlaubt
Regierungen, die Realität ihrer digitalen Operationen zu sehen, die
Kontrolle über ihre Zukunft zu übernehmen und Technologie mit
Klimazielen in Einklang zu bringen – auf eine Weise, die politischen
und regulatorischen Veränderungen standhält. Am Ende gilt: Souveränität
macht Nachhaltigkeit möglich, und Open Source macht
beides erreichbar.
Autor
Wilco Burggraaf
Hightech Innovators
https://www.yoursoftwarebetter.nl/
Kleine Kniffe
35
E-Procurement
Digitaler Einkauf:
Verwaltungen und Organisationen machen´s EINFACH
Smarte Verwaltungen und Organisationen entscheiden sich auf Grund knapper Ressourcen für
den digitalen Einkauf. Damit lassen sich Zielstellungen, wie Transparenz, Steuerung und höhere
Wirtschaftlichkeit erreichen. Die Entscheidung führt darüber hinaus zu Arbeitsentlastung und
Nachhaltigkeit im Einkauf. In Krisenzeiten hat sich der eEinkauf rückblickend als wendig und robust
erwiesen.
Ein Bericht von Monika Schmidt
Wie so oft; die Realität zeigt ein anderes Bild. Denn auf Grund
gewachsener Strukturen, herrschen analoge, papiergestützte
Beschaffungsabläufe und dezentrale Ressourcenverwaltung im
Tagesgeschäft der Verwaltung vor. Die tatsächlichen Kosten, die
mit jedem Beschaffungsvorgang einhergehen, sind unbekannt.
Niemand weiß „auf Knopfdruck“, wer, was, wieviel, zu welchem Preis,
bei welchem Lieferanten bestellt hat. Intransparenz und unzureichende
Steuerungsfähigkeit machen die Beschaffung zur „Blackbox“.
Strategische Überlegungen, wie mehr Nachhaltigkeitsaspekte im
Einkauf zu etablieren, oder Einkaufsgemeinschaften auf den Weg
zu bringen, ersticken im Keim. In Zeiten knapper Finanz- und Personalressourcen
vermittelt diese Gemengelage den Eindruck einer
ausweglosen Situation. Studien prognostizieren zudem Millionen
fehlende Verwaltungsfachkräfte.
Und gerade deshalb treten smarte Verwaltungen und Organisationen
zunehmend die Flucht nach vorne an. So berichtet Achim
Florin von der Polizei Berlin rückblickend:“ die Verfahrensweise, vor
Einführung des eEinkaufes, führte zu Medienbrüchen im Beschaffungsprozess.
Gesucht wurde ein volldigitaler, effizienter Prozess,
der zu Mehrwerten und Synergien bei den nutzenden Dienststellen
und Lieferanten führte.“ Simon Layher vom GSTB RP geht noch
einen Schritt weiter: Die aktuell 10994 Gemeinden verfügen über
kein “Einkaufspersonal”. Die vollständige Beschaffung läuft nebenbei
und bindet unglaubliche Ressourcen.“ Seit 2016 steht Mitgliedern
des GSTB RP, im Rahmen einer Digitalstrategie das „Kommunale
Kaufhaus RP“ als landesweite Einkaufsplattform zur Verfügung.
E Procurement, also der elektronische Einkauf, liefert
Antworten auf konkrete Herausforderungen. Bestellungen, Genehmigungsprozesse,
Katalogmanagement, Lieferantenkommunikation,
Rechnungen: alles läuft digital über ein Portal. Prozesse werden
standardisiert und automatisiert abgewickelt. Daten stehen in Echtzeit
bereit. So entsteht Transparenz. So entstehen Kontroll- bzw.
Steuerungsmöglichkeiten. Und so sinken Prozesskosten, sowie
Durchlaufzeiten. Die digitale Bedarfserfassung ersetzt Zettel und
Freitext. Genehmigungen laufen in geregelten Workflows. Lieferanten
werden über ein Portal gesteuert. Verträge und Dokumente
sind zentral abgelegt. Im Idealfall ist das System mit der Finanzbuchhaltung
und dem ERP verknüpft. Stadt Reutlingen rechnet
auf diese Weise digital ab. Bestellungen erzeugen automatisch
Gutschriftsdateien im ZUGFeRD-Format. Diese laufen parallel und
medienbruchfrei in den Rechnungseingangsprozess von Lieferanten
und in den verwaltungseigenen Zahllauf. Ergebnis: Der gesamte
Weg von der Bestellung bis zur Bezahlung ist digital. Doppelarbeiten
verschwinden. Fehler auch. Das klingt technisch. In der Praxis ist es
vor allem eins: spürbare Entlastung.
Eine zentrale, besondere Rolle spielt in erfolgreichen Projekten
die TEK SERVICE AG. Die Lösung: ein webbasiertes Einkaufsportal,
dass das operative Tagesgeschäft automatisiert, transparent und für
alle Beteiligten steuerbar macht. Dazu gehören Katalogmanagement,
Berichte, Budgetsteuerung, ein Admin Portal für Berechtigungen,
ein Lieferantenportal für Datenpflege und, wenn gewünscht,
ein Kontor für die elektronische Abrechnung. Wichtig ist der
36 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
„Brückenschlag“: Einkauf, Ausschreibung/Vergabe und Abrechnung
werden verbunden. Jede Bestellung erzeugt Daten, die zu standardisierte
Leistungsverzeichnisse aufbereitet werden. Alleine das spart
Wochen des Erhebungsaufwandes. Die Leistungsverzeichnisse
gehen nach Prüfung in die eVergabe. Nach der Vergabeentscheid
durch die Verwaltung sorgt der Dienstleister für den Import der
Katalogdaten und das Onboarding des Lieferanten. So schließt sich
der Kreis. Schnell und medienbruchfrei.
Die Umsetzung kann erstaunlich schnell gehen. In mehreren
Projekten lagen zwischen Start und Roll out nur wenige Wochen.
Schulungen sind schlank, der Helpdesk des Dienstleisters unterstützt.
Und die Lösung bleibt flexibel: Der Wechsel von Lieferanten
ist jederzeit möglich, weil die Steuerung über eine neutrale Plattform
läuft. Durch die Integration des ESG Scores in das Einkaufsportal
wird Nachhaltigkeit vom Schlagwort zur praktischen Steuerungsgröße.
Warum sich gerade der eEinkauf darüberhinaus bei der Bewältigung
von Lagen als wendig und robust erwiesen hat, wird am
Beispiel der KoPart eG, der landesweiten, digitalen Einkaufsgenossenschaft
des STGB NRW deutlich. KoPart eG bietet ihren
Mitgliedern den Mehrwert, ihren Bedarf aus landesweit gebündelten,
ausgeschriebenen Rahmenverträgen abzurufen. Das hat
wirtschaftliche und vergaberechtliche Vorteile. Dr. Ralf Togler,
GF der Kommunalberatung NRW:“ ...Gerade in Krisenzeiten ist
es wichtig, schnell auf kommunale Anforderungen reagieren zu
können. Waren es 2014/2015 zunächst Betten, Matratzen, oder
anderer Hausrat; so waren während der Pandemie Masken, Raumluftgeräte,
oder Tablets für das Homeschooling von Schülern in
NRW gefragt. Wasserpumpen und schweres Gerät waren dagegen
bei der Hochwasserkatastrophe erforderlich. Durch die gebündelte
Vorgehensweise der KoPart eG konnten die erforderlichen Produkte
schnell abgerufen werden.“
Der digitale Einkauf als Webservice ist für Verwaltungen
vorteilhaft: keine technologischen Anforderungen, kurze Projektzeiten,
schneller Start, zügiger Ausbau der eigenen Einkaufsstrategie
im laufenden Tagesgeschäft. Das spart Zeit und Geld. Mit anderen
Worten: eEinkauf – einfach machen.
Autorin
Monika Schmidt
TEK-SERVICE AG
www.tek-service.de
Kleine Kniffe
37
Nachhaltige Digitalisierung
Wenn die Digitalisierung klimafreundlich werden soll:
Dekarbonisierung im IT-Einkauf
Die Verwaltung digitalisiert — und gleichzeitig wächst die Verantwortung: Jede neu angeschaffte
Dienst-Laptop-Flotte, jeder Server und jede Bildschirm-Bestellung hinterlässt ein Klima-Fingerprint.
Entscheidend ist nicht allein das Gerät, sondern seine Herstellung, seine Lebensdauer und wie wir es
einsetzen. In diesem Artikel zeige ich, warum Beschaffungsverantwortliche die Dekarbonisierung im
IT-Einkauf jetzt zur Chefsache machen müssen — und welche Hebel heute schon wirken.
Ein Bericht von Martin Eichenseder
Warum IT-Einkauf klimapolitisch relevant ist
Viele denken beim CO₂-Sparen an Verkehr, Gebäude oder Energie.
Dabei entstehen bei IT-Produkten ein Großteil der Emissionen
in der Produktion. Bei einem Notebook entfallen rund acht von zehn
Tonnen CO₂äq. auf die Herstellungsphase — lange bevor das Gerät
im Büro angeschaltet wird. Das heißt: Entscheidungen in der Beschaffung
haben direkten Einfluss auf die Scope-3-Emissionen Ihrer
Organisation.
Gleichzeitig öffnet das neue Sondervermögen der Bundesregierung
mit einem Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro die
finanziellen Möglichkeiten, die digitale Infrastruktur und die Verwaltungsdigitalisierung
massiv auszubauen. Für die Digitalisierung
sind aus diesem Paket zunächst jährlich mindestens vier Milliarden
Euro vorgesehen — eine Chance, öffentliche Investitionen an strenge
Klima- und Beschaffungsstandards zu koppeln.
Was Eindeutig wirkt:
Produktlebensdauer vor Effizienz-Mythos
Viele Beschaffer fokussieren auf Energieeffizienz — das ist
wichtig, aber nicht ausreichend. Studien und Leitfäden zeigen: Die
Verlängerung der Nutzungsdauer reduziert den jährlichen Klimaeinfluss
eines Geräts deutlich. Verdoppeln Sie die Nutzungsdauer eines
Notebooks, halbieren Sie ungefähr dessen annualisierte CO₂-Last.
Das ist eine einfache Rechnung mit großer Wirkung.
TCO Certified hat in seiner jüngsten Roadmap das Konzept der
«annualized product carbon footprint» eingeführt: statt Emissionen
allein in das erste Lebensjahr zu packen, werden sie auf die erwartete
Lebensdauer verteilt. Damit werden langlebige, reparierbare
und updatefähige Geräte belohnt — genau die Eigenschaften, die
Beschaffungsstellen in Ausschreibungen fordern sollten.
Konkrete Hebel
für Beschaffungsverantwortliche
Sie fragen sich: Was können Sie konkret tun? Drei strategische
Linien verdienen sofort Ihre Aufmerksamkeit — und sind in der
Praxis umsetzbar.
Erstens: Lebensdauer und Unterstützung vertraglich einfordern.
Fordern Sie fünf Jahre Mindest-Support, regelmäßige Sicherheitsund
Funktionsupdates sowie Reparaturfähigkeit. Hersteller, die das
leisten, reduzieren das annualisierte Emissionsprofil ihrer Produkte
deutlich.
Zweitens: Scope-3-Reduktion in die Anforderungen aufnehmen.
Bitten Sie Lieferanten, nachweislich erneuerbare Energie in
der Fertigung zu nutzen oder konkrete Maßnahmen zur Emissionsreduktion
im Produktionsprozess vorzulegen. Initiativen wie TCO
Certified verknüpfen Best-Practices mit Anreizen: wer 100 Prozent
erneuerbare Energie in der Endmontage nachweist, wird positiv
bewertet.
Drittens: Nutzungsmodelle neu denken. Setzen Sie auf Refurbished-Optionen,
Retrofitting und interne Wiederverwendung.
Planen Sie Beschaffungszyklen bewusst länger — eine fünfjährige
Planungs- und Haushaltslogik senkt den Materialverbrauch, verringert
E-Waste und spart langfristig Kosten.
38 Kleine Kniffe
Vertragsgestaltung: Wie Ausschreibungen den
Wandel beschleunigen
Formulieren Sie Ihre Beschaffungstexte so, dass sie
nicht nur technische Spezifikationen, sondern Klima-Performance,
Reparierbarkeit, Update-Verpflichtungen und
Reporting-pflichten abdecken. Verlangen Sie transparente Angaben
zur annualisierten Produkt-CO₂-Bilanz (oder vergleichbaren, harmonisierten
Kennzahlen) und konkrete Nachweise zu eingesetzten
erneuerbaren Energien in der Lieferkette. Die öffentliche Hand, die
aus dem Sondervermögen investiert, kann so Hebel setzen: Investitionsmittel
an klimafreundliche Beschaffungsstandards knüpfen und
damit Marktanreize schaffen.
Investitionen. Solche Vorgaben schaffen Nachfrage für langlebige,
ressourcenschonende IT-Produkte.
Was Sie intern organisieren sollten
Dekarbonisierung im IT-Einkauf ist kein One-Off. Es ist ein
Prozess, der Governance, Daten und Kultur braucht. Richten Sie
eine verbindliche Beschaffungsstrategie ein, die Klima-KPIs enthält.
Schulen Sie Einkaufsteams zu Lebenszyklusdenken. Verankern Sie
KPIs für Reduktion von Scope-3-Emissionen im Reporting. Und
nutzen Sie Zertifizierungs- und Report-Tools, die standardisierte
Informationen liefern. TCO-Zertifikate und annualisierte PCF-
Berichte können hier praxisnahe Orientierung geben.
Praxisbeispiele für schnell wirksame
Maßnahmen
Fazit: Dekarbonisierung ist möglich —
und bezahlbar
Es geht nicht um Verzicht, sondern um kluge Gestaltung. Verlängern
Sie Lebensdauer, fordern Sie Transparenz in der Lieferkette
Beginnen Sie mit Maßnahmen, die kurzfristig großen Effekt
haben: Verlängern Sie Support-Verträge, verschieben Sie Ersatzzyklen,
führen Sie ein internes Redeployment-Programm für
ausgemusterte Geräte ein und prüfen Sie die Möglichkeit eines
«Device-Right-Sizing» — heißt: weniger Geräte pro Arbeitsplatz,
bessere Nutzung vorhandener Kapazitäten. Diese Maßnahmen
reduzieren sofort den Bedarf an Neuproduktion und damit Scope-
3-Emissionen.
Staatliche Investitionen nutzen —
aber klimabewusst
Das Infrastruktur- und Klimasondervermögen der Bundesregierung
bietet eine historische Chance. Wenn ein Großteil dieser
Mittel in Digitalisierung der Verwaltung fließt, müssen diese
Ausgaben klimafit sein. Das heißt: Förderrichtlinien, die Projekte
mit strengen Nachhaltigkeitskriterien belohnen, verbindliche
Beschaffungsleitfäden für klimafreundliche IT-Lösungen und
Monitoring-Instrumente für die Emissionswirkung digitaler
und koppeln Sie öffentliche Investitionen an Nachhaltigkeitskriterien.
Mit wenigen, gut platzierten Änderungen reduzieren Sie nicht
nur Emissionen, sondern senken langfristig Kosten und Abhängigkeiten.
Die Digitalisierung der Verwaltung darf nicht zu einer
zusätzlichen Klima-Last werden. Im Gegenteil: Sie kann ein Hebel
sein, der den digitalen Modernisierungsschub klimaneutral und
zirkulär gestaltet. Jetzt ist die Zeit, in Ausschreibungen, Verträgen
und Förderanträgen klare klimafeste Entscheidungen zu treffen.
Autor
Martin Eichenseder
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
39
E-Procurement
Der Weg zu
einer modernen öffentlichen Beschaffung
Um die öffentliche Beschaffung zukunftsfähig aufzustellen, braucht es nicht nur politischen Willen,
sondern auch innovative Modelle zur praktischen Umsetzung. In diesem Interview spreche ich mit André
Schwarz, Vice President Government Affairs & Public-Private Partnerships bei Unite, welches Potenzial
Procurement-as-a-Service für die öffentliche Beschaffung bietet.
Das Interview führte Thomas Heine
Die neue Bundesregierung ist mit großen Plänen
im Bereich Vergaberecht gestartet. Welche konkreten
Maßnahmen wurden bisher umgesetzt?
Tatsächlich hat die Bundesregierung in kurzer Zeit zwei zentrale
Maßnahmen angestoßen. Zum einen das Gesetz zur Beschleunigung
der Vergabe öffentlicher Aufträge mit dem Kernpunkt, die
Direktauftragswertgrenze für Bundesbehörden auf 50.000 Euro
anzuheben. Außerdem wird zukünftig bei der Anbieterprüfung
zunächst eine Eigenerklärung als Nachweisstandard ausreichen,
was die Nachweispflichten deutlich reduziert. Für die Bundeswehr
wurde die Direktauftragswertgrenze sogar auf 100.000 Euro für verschiedene
Verteidigungsbehörden erhöht.
Was bedeuten diese Gesetzesvorhaben konkret für
die öffentliche Beschaffung?
Die beiden Vorhaben sorgen vor allem für mehr Flexibilität und
einen größeren Spielraum bei ausschreibungsfreien Bestellungen.
Dieses neu geschaffene Potenzial gilt es nun konsequent zu nutzen.
Die öffentliche Hand setzt noch zu wenig auf skalierbare, effiziente
Lösungen. Dabei gibt es bereits praxiserprobte Modelle am Markt,
die die Effizienz deutlich steigern können – diese müssen jetzt auch
endlich in der öffentlichen Beschaffung stärker genutzt werden.
Mit den höheren Wertgrenzen wird es noch wichtiger, auf innovative
Modelle wie Procurement-as-a-Service (PraaS) zu setzen, um
bedarfsgerecht, wirtschaftlich und regelkonform einzukaufen.
Was ist unter Procurement-as-a-Service (PraaS) zu
verstehen und welche Vorteile bietet dieses Modell?
PraaS verbindet erstmals die Leichtigkeit des Einkaufs, die die
Bedarfs-Anforderer sonst nur privat von Marktplätzen kennen,
mit der notwendigen Beschaffungsexzellenz, die der öffentliche
Einkäufer braucht. Unites Plattform vereint die Stärke und Effizienz
eines konformen Marktplatzes mit Beschaffungsdienstleistungen,
die messbare Ergebnisse liefern. Der zentrale Vorteil für Behörden
ist, dass interne Ressourcen entlastet werden durch Unterstützung
bei administrativen Tätigkeiten, wie bspw. Lieferanten-Prüfungen..
Die Mitarbeitenden in Behörden und Verwaltungen können sich
so auf strategische Aufgaben konzentrieren, wofür die Plattform
die notwendigen Daten liefert. Gerade vor dem Hintergrund einer
schwindenden Personaldecke im öffentlichen Sektor ist dies ein
wichtiges Argument.
Mit der Nutzung des PraaS-Modells reduzieren sich Risiken für
den öffentlichen Einkauf erheblich. Zudem laufen Einkaufsprozesse
automatisiert, reibungslos und wesentlich schneller ab. Für viele
Institutionen, die noch mit manuellen Prozessen und Papierbestellungen
zu tun haben, ist das ein riesiger Effizienzgewinn.
Welche Voraussetzungen müssen öffentliche Einrichtungen
erfüllen, um dieses Modell nutzen zu können?
Keine. Kleine Kommunen können PraaS genauso einsetzen wie
Bundesbehörden. Das Modell ist da flexibel und vor allem skalierbar,
sodass sich unterschiedliche Einkaufsvolumina und Anforderungen
abdecken und anpassen lassen. Öffentliche Einrichtungen greifen
hier auf eine sofort einsatzbereite Lösung zurück, für die keine
40 Kleine Kniffe
Foto: UNITE
eigene IT-Entwicklung nötig ist und die problemlos in die bestehende
Prozesslandschaft eingefügt werden kann. Das ist ganz im
Sinne des Vergabegrundsatzes der Innnovationsförderung. Mithilfe
des PraaS-Modells kann die öffentliche Hand neue Markttrends,
Lösungen und Modelle ohne lange Vorlaufzeiten und eigenen Aufwand
einfach übernehmen.
Was öffentliche Einrichtungen mit diesem Modell hinzugewinnen,
ist eine völlige Preistransparenz, Planbarkeit und
Kostenkontrolle, da offengelegt wird, was der originäre Anbieterpreis
ist und die Plattformkosten nicht in intransparenten
Margen versteckt sind. Nachvollziehbare Kostenstrukturen helfen,
Budgetgrenzen einzuhalten. Insgesamt erhöht sich mit PraaS die
Transparenz, da Einkaufsprozesse übersichtlich einsehbar sind, die
Preis- und Wettbewerbssituation nachvollzogen werden kann sowie
Interessenskonflikte und damit Wettbewerbsverzerrungen vermieden
werden.
Unite positioniert sich neu als PraaS-Anbieter. Was
genau kann Unite in dieser Rolle leisten?
Mit Unite können sich Verwaltungsmitarbeitende sicher sein,
dass alle Lieferanten nach speziell für den öffentlichen Sektor
definierten Kriterien geprüft sind. Dies umfasst die Prüfung gegen
Embargos und Sanktionslisten, das Nichtvorliegen von Ausschlussgründen
und Nichteintragung im Wettbewerbsregister sowie
eine automatisierte Prüfung im Rahmen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes.
Öffentliche Einrichtungen können somit
das Lieferantenmanagement komplett auslagern. Unite übernimmt
außerdem die lückenlose und automatische Dokumentation der
auf dem Marktplatz gekauften Produkte. Dokumentiert werden
für jeden Bedarf bis zu drei verfügbare Angebote. Außerdem wird
erfasst, welche Artikel aus dem Katalog welches Anbieters konkret
ausgewählt wurden, unter Nennung des Unternehmensnamen des
Anbieters. Dieses Einkaufsprotokoll kann unkompliziert heruntergeladen
und revisionssicher abgelegt werden.
Was müssen nächste Schritte sein, damit der öffentliche
Einkauf von PraaS profitiert?
Es gilt in den Einrichtungen ein Bewusstsein dafür zu schaffen,
dass die Digitalisierung der Prozesse eine echte Erleichterung ist. Es
gibt bereits praxiserprobte Lösungen am Markt, die die Ressourcen
im öffentlichen Einkauf enorm entlasten. Im nächsten Schritt ist es
wichtig, mit dem Markt zu reden und im Rahmen einer Markterkundung
zu erfahren, wie viel Innovation möglich ist. Schlussendlich
braucht es den Willen der verantwortlichen Entscheidungsträger in
Vergabestellen, Rechts- und Rechnungsabteilungen, etwas zu bewegen
und Prozesse zu modernisieren.
Erfahren Sie in dieser Webinar-Aufzeichnung mehr dazu, wie
Unite Ihre Institution entlasten kann.
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
41
Nachhaltige Digitalisierung
Nachhaltige IT-Beschaffung im Krankenhaus
Die Digitalisierung hat seit einigen Jahren unser Gesundheitswesen und damit auch unsere
Krankenhäuser und Kliniken erfasst und verändert diese fortlaufend. Digitale Patientenakten,
Telemedizin, automatisierte Prozesse und weniger Papierverbrauch stellen dabei nur einen Teil
des Wandels dar. Dadurch verbessert sich in vielen Fällen die Versorgungsqualität wie auch
Effizienz im Klinikbetrieb. Damit tragen diese Lösungen bereits wesentlich zur Nachhaltigkeit in
Krankenhäusern bei. Im Vergleich zur Industrie, die bereits früher mit der Digitalisierung begonnen
hat und in den Prozessen entsprechend fortgeschrittener ist, können Krankenhäuser aus den
Erfahrungen dieser Organisationen lernen.
Ein Beitrag von Hannah Herbst und Dr. Larissa Hütter
Die oft thematisierte „verspätete“ Digitalisierung ist daher viel
mehr als Chance und nicht als Last zu sehen. Denn Digitalisierung
bewirkt nicht automatisch auch eine nachhaltige Entwicklung. Auch
digitale Lösungen und besonders die dahinterstehende Hardware
haben einen CO 2
-Fußabdruck. Die zunehmende Nutzung digitaler
Technologien bringt neben strukturellen auch ökologischen Herausforderungen
mit sich: Serverräume, Endgeräte und Netzwerke
verbrauchen ein hohes Maß an Energie und Ressourcen. Während
Unternehmen versuchen, ihre bisherigen Digitalisierungsaktivitäten
nun rückwirkend nachhaltig zu gestalten, können Krankenhäuser
diesen Faktor im Sinne der Twin Transformation – der Symbiose
von Digitalisierung und Nachhaltigkeit – von Beginn an mitdenken.
Zudem verbergen sich hinter vielen Produkten lange Lieferketten,
seltene Rohstoffe und energieintensive Produktionsprozesse.
Der Ressourcenverbrauch beginnt nicht erst im Serverraum, sondern
bereits beim Rohstoffabbau. Daher ist ein Umdenken weg von
der klassischen linearen Nutzung hin zur zirkulären IT gefragt, bei
der Wiederverwendung, Refurbishment und Recycling der Hardware
von Anfang an mitgedacht werden. In der Wirtschaft und der
Industrie werden diese Konzepte auch aus Effizienzgründen und
wegen Kosteneinsparungen vielfach praktiziert. Auf gleiche Weise
wird IT-Beschaffung zu einem Hebel für mehr Nachhaltigkeit im
Klinikbetrieb.
Gerade Krankenhäuser, die als energieintensive Einrichtungen
ohnehin stark gefordert sind, können beispielsweise durch nachhaltige
IT-Beschaffung aktiv zur Reduktion ihres ökologischen
Fußabdrucks beitragen. In diesem Artikel werden konkrete Strategien,
praktische Umsetzungshilfen und Best Practices für eine
nachhaltige IT-Beschaffung im Krankenhaus vorgestellt.
Warum nachhaltige IT-Beschaffung im
Gesundheitswesen wichtig ist
Krankenhäuser sind nicht nur Orte der Heilung, sondern
auch große Verbraucher von Energie, Materialien und Technik.
Die IT-Infrastruktur spielt dabei eine zunehmend zentrale Rolle:
von Patientenmonitoren über mobile Arbeitsstationen bis hin zu
hochverfügbaren Serverlandschaften. Die IT-Branche verursacht
verschiedenen Studien zufolge weltweit aktuell rund vier Prozent
der CO 2
-Emissionen, was jetzt schon mehr ist als der globale
Flugverkehr.
Strategien für nachhaltige IT-Beschaffung
Nachhaltigkeit in der IT beginnt bereits vor der Anschaffung.
Eine Lebenszyklusbetrachtung hilft dabei, die ökologischen Auswirkungen
eines Produkts von der Herstellung über die Nutzung
bis hin zur Entsorgung zu erfassen. Die Energieeffizienz ist dabei ein
zentrales Kriterium: IT-Geräte mit hoher Effizienzklasse und optimierten
Stromsparmodi reduzieren nicht nur Emissionen, sondern
auch Betriebskosten. Ebenso wichtig ist die Modularität und Reparierbarkeit
der Geräte. Produkte, die leicht aufgerüstet oder repariert
werden können, haben eine längere Nutzungsdauer und verursachen
weniger Elektroschrott.
42 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Ein entscheidender Aspekt zirkulärer IT-Beschaffung ist das
Denken in Produktkreisläufen. Gebrauchte IT kann aufgearbeitet
(refurbished) und erneut eingesetzt werden. Diese Strategie spart
nicht nur CO 2
, sondern senkt auch deutlich die Beschaffungskosten,
was ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Pluspunkt für nachhaltige
IT-Beschaffungskonzepte darstellt. Dabei lassen sich bis zu
40 Prozent der Kosten im Einkauf einsparen und ebenso signifikante
Restwerte für ausgemusterte IT erzielen, die sonst gehortet oder
ineffizient und klimaschädlich entsorgt würde. Dies wird oft durch
Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes verstärkt, sodass viele
IT-Produkte in Schubladen und Kellern gelagert werden, anstatt für
die Wiederverwendung zur Verfügung zu stehen. Darüber hinaus
entstehen neue lokale Wertschöpfungsketten, wenn IT-Reparatur
und Wiederaufbereitung vor Ort stattfinden.
Bei der Auswahl sollten anerkannte Umweltzertifikate wie der
Blaue Engel, TCO Certified oder Energy Star berücksichtigt werden.
Sie bieten eine verifizierbare Orientierungshilfe und unterstützen
Beschafferinnen und Beschaffer bei der Entscheidungsfindung.
Nachhaltige IT-Beschaffung bedeutet außerdem, auf Hersteller und
Lieferanten zu setzen, die faire Arbeitsbedingungen, transparente
Lieferketten und umweltfreundliche Produktionsprozesse nachweisen
können.
Integration des „Blue Hospital“-Konzepts in die
IT-Beschaffung
Ein weiterer Ansatz zur Förderung der Nachhaltigkeit im
Krankenhaus ist das Konzept „Blue Hospital“ im Rahmen des
Facility Managements 4.0, das ökologische, ökonomische und
soziale Aspekte miteinander verbindet. Dieses Konzept betont die
Bedeutung von umweltfreundlicher Planung, effizientem Facility
Management und der Integration moderner Technologien, um
den Ressourcenverbrauch im Krankenhaus zu minimieren und die
Umweltbelastung zu reduzieren. Dabei spielt die IT-Beschaffung
ebenfalls eine zentrale Rolle, denn durch die Auswahl von Hardware
mit geringem Energieverbrauch und die Implementierung
von Virtualisierungstechnologien kann der Strombedarf erheblich
gesenkt werden. Auch die Berücksichtigung von Umweltzertifikaten
und die Zusammenarbeit mit Lieferanten, die transparente und faire
Produktionsbedingungen gewährleisten, tragen zur ökologischen
und sozialen Verantwortung bei. Zu guter Letzt geht es darum, die
IT-Infrastruktur nahtlos in das intelligente Gebäudemanagement
einzubinden, um Synergien zu nutzen und den Gesamtenergieverbrauch
zu optimieren. In dem Konzept „Blue Hospital“ sind demnach
schon wesentliche Aspekte einer nachhaltigen IT-Beschaffung
enthalten. Es bildet einen guten Orientierungsrahmen, sodass Krankenhäusern
nicht nur ihre Umweltbilanz verbessern, sondern auch
langfristig Kosten sparen und die Zufriedenheit von Patienten und
Mitarbeitenden steigern können.
Umsetzung im Krankenhausalltag
Der erste Schritt zur nachhaltigen IT-Beschaffung ist eine fundierte
Bedarfsanalyse. Häufig können bestehende Systeme aufgerüstet
oder weiterverwendet werden, anstatt neue Geräte zu beschaffen.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen IT-Abteilung, Einkauf und
Nachhaltigkeitsmanagement ist hierbei essenziell.
In Ausschreibungen sollten Nachhaltigkeitskriterien verbindlich
verankert werden. Dazu zählen unter anderem Mindestanforderungen
an die Energieeffizienz, die Verpflichtung zur Rücknahme
und Wiederverwertung von Altgeräten sowie der Nachweis über
Umweltzertifikate. Schulungen und Informationsangebote für
Kleine Kniffe
43
Foto: depositphotos
Beschaffungsverantwortliche helfen, Wissen aufzubauen und
die Umsetzung langfristig zu sichern.
erhöhen, der Energieverbrauch senken und gleichzeitig Platz sparen.
Auf diese Weise frei gewordene Server können entsprechend refurbisht
oder für Ausfallszenarien vorgehalten werden.
Förderung digitaler Arbeits- und Versorgungsmodelle: Elektronische
Patientenakten, Telemedizin und digitale Zusammenarbeit
reduzieren Materialaufwand, Wegezeiten und Emissionen.
Weiteres Potenzial und Innovation in der IT-
Beschaffung
Neben konkreten Maßnahmen in der Hardware-Beschaffung
können Krankenhäuser und ihre IT-Partner durch gezielte Technologieentscheidungen
und strategische Kooperationen zusätzliche
Nachhaltigkeitspotenziale erschließen. Dabei spielen besonders folgende
Ansätze eine Rolle:
Energieeffiziente Rechenzentren und Cloud-Lösungen: Anbieter
wie Google und AWS setzen bereits heute auf den Betrieb
mit erneuerbaren Energien. Krankenhäuser können dies durch die
Wahl entsprechender Cloud-Dienstleister gezielt mitgestalten. Auch
im Betrieb eines eigenen Rechenzentrums oder kleinerer IT-Infrastrukturen
lassen sich Effizienzsteigerungen und damit Kosten- und
Emissionseinsparungen erzielen, welche allerdings zum Teil
zunächst höhere Investitionen notwendig machen.
Virtualisierung und Serverkonsolidierung: Durch Technologien
wie die von VMware lässt sich die Auslastung physischer Server
Soziale und ethische Nachhaltigkeit: IT-Beschaffung kann nicht
nur ökologisch, sondern auch sozial verantwortlich erfolgen. Dies
geschieht etwa durch Berücksichtigung fairer Arbeitsbedingungen
und Inklusion in der Lieferkette.
Innovationsförderung durch Beschaffung: Krankenhäuser
können über ihre Einkaufsentscheidungen Innovationen vorantreiben,
etwa durch die bevorzugte Auswahl besonders nachhaltiger
Hersteller, Pilotprojekte oder Kooperationen mit Forschungseinrichtungen.
Diese über die reinen CO 2
-Ziele hinausgehenden Aspekte zeigen
auf, dass eine nachhaltige IT-Beschaffung ist ein strategisches Instrument
für Krankenhäuser ist, um Umwelt, Wirtschaftlichkeit und
gesellschaftliche Verantwortung in Einklang zu bringen.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Nachhaltige IT-Beschaffung ist kein Selbstläufer. Oft stehen
Krankenhäuser vor Herausforderungen wie höheren Anschaffungskosten,
mangelnder Marktübersicht oder internen Zielkonflikten.
44 Kleine Kniffe
Eine ganzheitliche Betrachtung der Gesamtkosten (Total Cost of
Ownership, TCO) zeigt jedoch, dass nachhaltige Lösungen langfristig
oft günstiger sind.
Einen weiteren wichtigen Aspekt stellen Besorgnisse hinsichtlich
des Datenschutzes dar. Jedoch gibt es eine Reihe an professionellen
Refurbishment-Unternehmen, die die sensiblen Patienten- und
Klinik-Daten DIN-normgerecht und nach der DSGVO revisionssicher
löschen. Die Anbieter sind entsprechend ISO-zertifiziert
und stellen Nachweise in Form von Löschzertifikaten bereit. Eine
umweltschädliche, physische Zerstörung der Datenträger ist dadurch
nur in Ausnahmefällen nötig.
und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden. Mit den richtigen
Strategien können Krankenhäuser und Kliniken die Ausgaben für
Hardware deutlich reduzieren und gleichzeitig einen positiven Beitrag
zur Nachhaltigkeit leisten. Denn nachhaltige IT ist keine Last,
sondern ein Gewinn für Umwelt, Gesellschaft und das Krankenhaus
selbst.
„Wer nur auf den Einkaufspreis schaut, spart kurzfristig und zahlt
langfristig drauf.“
Unterstützung bei der Einführung und Umsetzung nachhaltiger
IT-Beschaffungskonzepte bieten externe Beratungen, fachspezifische
Plattformen und Netzwerke wie das “Kompetenzzentrum
nachhaltige Beschaffung” (KNB), die praxisnahe Hilfestellung und
aktuelle Informationen zur Verfügung stellen. Auch der Austausch
mit anderen Kliniken oder branchenspezifische Leitfäden bieten
wertvolle Orientierung.
Fazit
Eine nachhaltige IT-Beschaffung ist ein wichtiger Baustein
auf dem Weg zu einem ressourcenschonenden und zukunftsfähigen
Krankenhaus. Mit klaren Strategien, einem geschärften
Bewusstsein und gezielten Kooperationen können Krankenhäuser
ihrer Verantwortung gerecht werden und gleichzeitig Innovation
Autorinnen
Hannah Herbst
Dr. Larissa Hütter
REWION GmbH
https://www.rewion.com/
Kleine Kniffe
45
Nachhaltige Digitalisierung
Wie TCO Certified
die nachhaltige IT-Beschaffung praxistauglich macht
Die Beschaffung von IT-Hardware steht im Spannungsfeld zwischen Budget, Leistung und der immer
dringlicher werdenden Nachhaltigkeitsagenda. Doch wie findet man als Einkäufer/in verlässliche
Produkte, die soziale und ökologische Kriterien entlang der gesamten Lieferkette erfüllen? Eine
etablierte Antwort ist TCO Certified, die globale Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte. Wir
haben mit Martin Eichenseder, DACH-Vertreter von TCO Certified, gesprochen, um zu erfahren, wie
Einkaufsabteilungen dieses Werkzeug optimal für sich nutzen können.
Das Interview führte Thomas Heine
TCO Certified ist für viele Einkäufer ein bekannter
Begriff. Was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Irrglaube,
den es darüber gibt?
Der größte Irrglaube ist, dass es sich um eine reine Produktzertifizierung
mit Schwerpunkt auf Energieeffizienz handelt.
In Wirklichkeit ist TCO Certified ein umfassendes System, das die
gesamte Lieferkette in den Blick nimmt. Jedes zertifizierte Produkt
muss ausnahmslos alle Kriterien in den vier Schlüsselbereichen
Klima, Stoffe, Kreislaufwirtschaft und Lieferkette erfüllen. Es gibt
keine Wahlmöglichkeiten für die Marken. Und entscheidend ist: Die
Einhaltung wird nicht nur einmalig, sondern während der gesamten
Gültigkeitsdauer des Zertifikats von unabhängigen, akkreditierten
Prüforganisationen überwacht. Das ist kein reines Selbstauskunftssystem
der Hersteller.
Das klingt nach einem sehr hohen Aufwand. Warum
sollten sich Einkäufer/innen dieser Komplexität überhaupt
stellen? Was ist der konkrete Nutzen für mein Unternehmen
oder meine Behörde?
Ganz einfach: Risikominimierung und Effizienz. Stellen Sie sich
vor, Sie müssten selbst die Fabriken in Asien auditen, die Chemikalien
in den Produkten bewerten oder die Reparierbarkeit prüfen. Das
ist weder praktikabel noch wirtschaftlich. Wir erledigen diese Arbeit
für Sie. Indem Sie TCO Certified in Ihre Ausschreibungen aufnehmen,
lagern Sie diese komplexen Due-Diligence-Prüfungen an uns
aus. Sie erhalten eine unabhängige Verifizierung, dass Sie Produkte
beschaffen, die strenge soziale und ökologische Mindeststandards
erfüllen. Das schützt Sie vor Reputationsrisiken, erleichtert die
Einhaltung von Compliance-Vorgaben, z.B. des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes,
und spart Ihnen immense eigene Ressourcen.
Wie kann ich TCO Certified konkret in meinen Beschaffungsprozess
integrieren? Ist das nicht sehr kompliziert?
Im Gegenteil, der erste Schritt ist extrem einfach. Sie müssen
kein Nachhaltigkeitsexperte werden. In den allermeisten Fällen
reicht es aus, in Ihre technischen Spezifikationen einen klaren Satz
aufzunehmen: ‘Die Produkte sind nach TCO Certified zertifiziert.’
Als Nachweis fordern Sie, dass die Produkte zum Zeitpunkt der
Lieferung und während des gesamten Vertrags im ‘Product Finder’
auf tcocertified.com als aktiv zertifiziert gelistet sind. Dieses Tool
ist Ihr zentraler Kontrollmechanismus. So stellen Sie sicher, dass Sie
auch tatsächlich zertifizierte Ware erhalten und nicht nur ein Modell,
das einmal zertifiziert war.
Und was ist mit Produkten, die noch nicht zertifiziert
sind, oder in Szenarien, in denen ich etwas flexibler sein
muss?
Hier bieten wir maßgeschneiderte Lösungen. Sie können TCO
Certified als freiwilliges Kriterium mit Zusatzpunkten in der Wertung
verankern. Oder Sie formulieren: ‘Die Produkte müssen nach
46 Kleine Kniffe
Foto: Martin Eichenseder,
TCO Certified oder gleichwertig zertifiziert sein.’ Wobei ‘gleichwertig’
einen anspruchsvollen, unabhängigen Nachweis erfordert.
Wenn Sie Produkte beschaffen wollen, die es noch nicht zertifiziert
gibt, empfehlen wir, Ihre Lieferanten mindestens sechs Monate vor
der Ausschreibung über Ihre Absicht zu informieren. So haben die
Marken Zeit, ihre Produkte zertifizieren zu lassen. Sie nutzen so
Ihre Marktmacht, um aktiv nachhaltigere Produkte auf den Markt
zu bringen.
Die Kriterien sind sehr vielfältig. Können Sie ein oder
zwei Beispiele nennen, die besonders praxisrelevant für
Einkäufer sind?
Sehr gerne. Zwei Beispiele, die unmittelbar den Total Cost of
Ownership (TCO) positiv beeinflussen, sind die unterstützte Produktlebensdauer
von mindestens fünf Jahren und die Reparierbarkeit.
Die Marke muss Garantie und kostenlose Sicherheitsupdates für fünf
Jahre bieten. In Kombination mit Kriterien zur Haltbarkeit und zur
austauschbaren Batterie bedeutet das: Sie können die Geräte länger
nutzen, senken die jährlichen Gesamtkosten und reduzieren Elektroschrott.
Das ist ein direkter finanzieller und ökologischer Hebel. Ein
weiteres starkes Kriterium ist die Transparenz der Lieferkette, die
die Einhaltung von Arbeitsrechten in den Fabriken sicherstellt – ein
zentrales Thema in der heutigen Zeit.
Zum Abschluss: Welche konkreten nächsten Schritte
empfehlen Sie einem Einkaufsteam, das starten möchte?
Drei einfache Schritte:
1. Machen Sie eine Bestandsaufnahme: Nutzen Sie den kostenlosen
Product Finder auf unserer Website. Geben Sie ein, welche
IT-Marken und Modelle Sie aktuell nutzen. Sie werden überrascht
sein, wie viele bereits zertifiziert sind. Das stärkt Ihre
Argumentation intern.
2. Starten Sie den Dialog: Sprechen Sie mit Ihren wichtigsten
IT-Lieferanten über TCO Certified. Fragen Sie nach ihrem
zertifizierten Portfolio und teilen Sie Ihre zukünftigen Pläne mit.
3. Passen Sie Ihre Vorlagen an: Integrieren Sie die empfohlene
Standard-Formulierung in Ihre Ausschreibungsvorlagen für
IT-Hardware.
Auf unserer Website finden Sie dazu den ‘Leitfaden für Einkäufer’
mit einer praktischen Checkliste, die Sie Schritt für Schritt begleitet.
Der Wechsel zu einer nachhaltigeren IT-Beschaffung ist ein Prozess,
aber mit TCO Certified müssen Sie das Rad nicht neu erfinden.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
47
Künstliche Intelligenz
KI in der öffentlichen Verwaltung
Die öffentliche Verwaltung in Deutschland steht unter wachsendem Druck: steigende Anforderungen,
Fachkräftemangel und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele erfordern neue Lösungen. Mit einem
heutigen Beschaffungsvolumen besitzt der Staat eine enorme Marktmacht – und damit Verantwortung.
Künstliche Intelligenz (KI) bietet hier transformative Potenziale, insbesondere in der Beschaffung
und Nachhaltigkeitssteuerung. Die aktuelle Trends, Herausforderungen und heutige Lösungsansätze
bringen interessante Perspektiven für die Zukunft.
Ein Beitrag von Reiner Petzold
Aktuelle Trends
Generative KI für Text- und
Datenverarbeitung
Laut einer McKinsey-Studie können durch den Einsatz von generativer
KI bis zu 70 % der Verwaltungszeit bei Routineaufgaben
eingespart werden. Dazu zählen etwa die Erstellung von Berichten,
die Analyse von Angeboten oder die Beantwortung von Bürgeranfragen.
Akzeptanz und Kompetenzmangel
Nur wenige Mitarbeitende sind mit KI vertraut. Schulungen
und Change-Management fehlen vielerorts, was die Einführung
erschwert.
Ethik und Kontrolle
KI darf keine diskriminierenden oder intransparente Entscheidungen
treffen. Die öffentliche Verwaltung muss sicherstellen, dass
Algorithmen nachvollziehbar und fair agieren.
Nachhaltigkeitsbewertung durch KI
KI-Systeme ermöglichen die automatisierte Bewertung von
Umweltlabels, CO₂-Bilanzen und Lebenszykluskosten. So können
Angebote nicht nur nach Preis, sondern auch nach ökologischer und
sozialer Wirkung verglichen werden.
Herausforderungen
Datenqualität und Schnittstellen
Viele Verwaltungen arbeiten mit veralteten IT-Systemen. KI
benötigt strukturierte, aktuelle Daten – doch diese sind oft nicht
vorhanden oder nicht kompatibel.
Rechtliche Unsicherheiten
Die Integration von KI in Vergabeverfahren wirft Fragen zur
Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Rechtskonformität auf. Die
Vergaberechtsreform 2024 bietet erste Ansätze, bleibt aber in der
Praxis oft unklar.
Lösungsansätze heute
Pilotprojekte und Leuchttürme
Viele Kommunen starten Proof-of-Concepts (PoCs), um KI in
begrenzten Bereichen zu testen. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass
bereits einfache Anwendungen wie die automatische Erstellung von
Leistungsbeschreibungen spürbare Entlastung bringen.
Zentrale Plattformen und Standards
Bund und Länder arbeiten an interoperablen E-Vergabeplattformen
mit KI-Modulen. Ziel ist eine einheitliche Datenbasis und
transparente Prozesse über Verwaltungsebenen hinweg.
Schulungen und Kompetenzzentren
Initiativen wie das Kompetenzzentrum Öffentliche IT oder
KOINNO bieten Fortbildungen und Leitfäden für den KI-Einsatz.
Dies fördert Akzeptanz und befähigt Mitarbeitende zur aktiven Mitgestaltung.
48 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Nachhaltigkeitsintegration durch KI
KI kann Umweltwirkungen von Produkten analysieren, Lieferketten
bewerten und CO₂-Fußabdrücke berechnen. So wird
Nachhaltigkeit messbar und steuerbar – auch bei komplexen Vergaben.
Perspektiven für die Zukunft
Vorausschauende Bedarfsplanung
KI kann historische Daten analysieren und zukünftige Bedarfe
prognostizieren. Dies ermöglicht strategische Beschaffung mit
Fokus auf Ressourcenschonung und Effizienz.
Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts 2021 und dem Koalitionsvertrag
„Mehr Fortschritt wagen“ wird Nachhaltigkeit verstärkt
als strategisches Ziel in der öffentlichen Beschaffung verankert.
Fazit:
Lösungen und Zukunftsperspektiven – KI als
Treiber nachhaltiger Beschaffung
Die Potenziale von KI sind enorm – doch ihre Wirkung entfaltet
sich nur bei gezielter und verantwortungsvoller Anwendung.
Die Zukunft der öffentlichen Beschaffung liegt in der intelligenten
Verbindung von Technologie, Nachhaltigkeit und Governance.
KI als Nachhaltigkeitsmonitor
Zukünftig könnten KI-Systeme kontinuierlich die Nachhaltigkeitsleistung
von Lieferanten überwachen – etwa durch
Echtzeitdaten zu Energieverbrauch, Recyclingquoten oder
Sozialstandards.
Ethik-by-Design und Governance
Die Entwicklung von KI in der Verwaltung muss ethischen
Prinzipien folgen. Transparenz, Fairness und Kontrolle müssen von
Anfang an mitgedacht und gesetzlich verankert werden.
Skalierung und europäische Kooperation
Deutschland kann von Vorreitern wie Dänemark oder
Großbritannien lernen, die bereits Exzellenzcluster für KI in der
Verwaltung aufgebaut haben. Eine europäische Harmonisierung
könnte Standards setzen und Innovationen beschleunigen.Seit dem
Autor
Reiner Petzold
Advisory Board Swiss CxO Forum
Council Harvard Business Review
Dozent UniBasel, FHNW, HWZ
CDO, swissICT Fachgruppe DTI
Kleine Kniffe
49
Künstliche Intelligenz
Auf dem Weg zu einer KI-Governance:
Perspektiven und Möglichkeiten der Umsetzung
Regulierung hat keinen guten Ruf. Sie wird flugs mit überbordender Bürokratie in Zusammenhang
gebracht und wie selbstverständlich als Hemmnis für Innovation betrachtet. Die aktuellen
internationalen Diskussionen zur Regulierung des Einsatzes und der Entwicklung entsprechender
KI-Systeme demonstrieren das eindrücklich. Dennoch sollte sich jede Kommune darauf einlassen, eigene
Überlegungen darüber anzustellen, wie sie den Einsatz von KI bei sich verantwortlich regulieren und
gestalten möchte.
Ein Beitrag von Dr. Athanasios Karafillidis
Wie lässt sich eine kommunale Regulierung von Systemen
Künstlicher Intelligenz (KI) flexibel und praxisnah gestalten? Der
einfachste Weg ist eine Verwendung einer Standardvorlage für
eine Dienst- oder Geschäftsanweisung zu KI. Das ist legitim, denn
nicht jede Kommune hat die Ressourcen, sich ausführlicher mit dem
Thema zu befassen. Aber eine darüber hinausgehende Reflexion der
eigenen KI-Regelung ist dennoch ratsam. Ein Verzicht darauf wäre
mindestens eine verpasste Chance, wichtige Kompetenzen zum
Thema aufzubauen. Entscheidend ist der Prozess der Auseinandersetzung
mit dieser Technologie und ihren organisationalen und
ethischen Konsequenzen. Selbst wenn man am Ende des Prozesses
dann doch einfach bei der Standardvorlage bleibt.
Im Folgenden möchte ich kurz auf Grundlage unserer Erfahrungen
bei der Stadt Dortmund darüber berichten, wie ein solcher
Prozess aussehen kann. Welche Perspektiven sind sinnvoll und sollten
Teil des Vorgehens sein? Wie kann eine stadtweite Regelung
für KI entwickelt werden, um mit Blick auf KI in der Verwaltung
die Handlungsfähigkeit zu sichern, die Entscheidungsfähigkeit zu
fördern und die Anpassungsfähigkeit zu erhöhen?
1. Die Einführung von KI ist kein technisches
Problem! Wissen sammeln und Netzwerke
aufbauen
Der erste Schritt besteht darin, in irgendeiner Form den aktuellen
Stand der KI-Nutzung in der Verwaltung zu erfassen. Dafür sind
zahlreiche Gespräche mit Beschäftigten aus verschiedenen Fachbereichen
ein einfaches, aber hilfreiches Mittel. Um die Erfahrungen und
das Wissen der Verwaltung zu bündeln, haben wir beispielsweise
eine fachbereichsübergreifende Arbeitsgruppe etabliert. Auf Interdisziplinarität
zu achten ist hierfür ein wichtiger Schlüssel. Es reicht
also nicht, bloß die IT-Abteilung drauf anzusetzen. Mit so einer
Gruppe, die nicht groß sein muss, wird es möglich, unterschiedliche
Perspektiven und Anforderungen angemessen zu berücksichtigen.
Im besten Fall bringt die Leitung dieser Gruppe ein technisches Verständnis,
aber vor allem auch ein organisationales Gespür für die
nachhaltige Umsetzung und Nutzung von KI mit.
Zur fundierten Entscheidungsfindung braucht es auch eine
angemessene Recherche und interkommunalen Austausch. Dazu
zählen wissenschaftliche Untersuchungen zum KI-Einsatz in
Organisationen (nicht zu verwechseln mit den „Studien“ von
großen Beratungsunternehmen, die dennoch hilfreich sein können),
möglicherweise entsprechende Umfragen, aber auch die mittlerweile
zahlreichen und sehr hilfreichen Handlungsempfehlungen
von Institutionen und Verbänden (z.B. KGSt, Vitako oder dem
Deutschen Städtetag). Ein regelmäßiger interkommunaler Austausch
ist darüber hinaus essenziell, um von den Erfahrungen anderer
Städte zu lernen und bereits existierende Leitlinien oder Dienst- und
Geschäftsanweisungen zu kennen und bei Bedarf zu adaptieren. Das
Teilen von Wissen und Dokumenten unter Kommunen funktioniert
erfahrungsgemäß sehr gut und kann die Entwicklung gemeinsamer
Standards fördern.
50 Kleine Kniffe
2. Sinnvolle Struktur der Regelungen:
Verwaltungsebenen und Schnittstellen
Eine wirksame KI-Regelung sollte auf folgende drei Ebenen der
Verwaltung Rücksicht nehmen und den damit verbundenen, unterschiedlichen
Adressaten entsprechende Antworten liefern:
• Institutionelle Ebene: Es müssen Antworten gefunden
werden für die Bürger*innen, die Politik und Unternehmen. Es
braucht eine Orientierung und Verlässlichkeit nach Außen. Das
können beispielsweise Grundsätze oder Prinzipien des KI-Einsatzes
sein. Es geht hier darum, die Schnittstelle zwischen Verwaltung und
ihren relevanten Umwelten zu adressieren.
• Organisationale Ebene: Für die konkrete Umsetzung braucht
es eine formale Vorgabe, beispielsweise in Form einer Geschäftsanweisung
(GA). Kommunen setzten in dieser Hinsicht manchmal
auch auf kurze und einfache Empfehlungen zur Sensibilisierung im
Umgang mit KI. Hier gibt es keinen besten Weg. Es hängt auch von
der Organisationskultur ab, was jeweils sinnvoll ist. Es braucht aber
verbindliche Vorgaben für den Einsatz und die Nutzung von KI. Es
müssen Verantwortlichkeiten geklärt sein. Hier geht es also eher um
die Bearbeitung verwaltungsinterner Schnittstellen und die Schaffung
verbindlicher Strukturen.
• Operative Ebene: Ein Handlungsleitfaden kann den Mitarbeitenden
bei praktischen Fragen und Problemen im Umgang mit KI
helfen sowie Erläuterungen oder Vertiefungen zu einer GA bieten.
Darin werden praxisnahe Hilfestellungen gesammelt, um eine
sichere Anwendung im Arbeitsalltag zu fördern. Außerdem ist es
ein Instrument, das es im Zusammenspiel mit einer GA ermöglicht,
auf die rasanten technologischen und rechtlichen Veränderungen
flexibel reagieren zu können. Auf diese Weise muss nicht alles in
der GA geregelt werden, sondern es reichen zu bestimmten Fragen
Verweise in der GA auf das Handbuch, was den Vorteil hat, dass
man es verfahrensrechtlich leichter anpassen kann. Hier geht es im
Wesentlichen um die Arbeit und praktische Nutzung von KI, also die
Schnittstelle zwischen Menschen und Technik.
Je nach Größe der Kommune und Verwaltungskultur kann die
Ausgestaltung dieser Regelungen variieren. Beispielsweise müssen
es nicht drei verschiedenen Dokumente sein, auch wenn sich das
wegen des Umfangs und des unterschiedlichen Grads an Formalität
bei uns bewährt und durchaus zu empfehlen ist. Wichtig ist, dass
auf allen drei Ebenen passende Antworten gefunden werden, um die
unterschiedlichen Anforderungen zu adressieren.
3. Bedingungen für die Formulierung
nachhaltiger Regelungen: Handlungs-,
Entscheidungs- und Anpassungsfähigkeit
stärken
Eine gute KI-Regulierung bereitet die vielschichtigen und
umfangreichen rechtliche Vorgaben (insbesondere EU AI Act) und
ethisches Wissen so auf, dass alle Mitarbeitenden KI sicher und
verantwortungsvoll nutzen können. Das ermöglicht die Handlungsfähigkeit
der Verwaltung, weil dadurch Unsicherheiten aufgefangen
werden, die andernfalls nur für unnötige Vorbehalte sorgen.
Sowohl Führungskräfte als auch Sachbearbeitende erhalten
durch angemessene Regulierung zudem eine klare Vorstellung
davon, wo und wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann und welche
Unterstützung sie bietet. Das macht uns entscheidungsfähig in Bezug
darauf, welche KI in welcher Hinsicht nützlich ist und auch wo KI
womöglich keinen Mehrwert erwarten lässt.
Schließlich schaffen Regelungen Freiräume für Innovation und
Veränderung, indem sie Potenziale identifizieren und eine nachhaltige
Umsetzung von KI-Systemen ermöglichen. Sie machen die
Verwaltung deshalb anpassungsfähig, weil sie es ermöglichen genauer
zu bestimmen, was in welcher Form geändert werden muss.
Das langfristige Ziel von KI-Regelungen:
Aufbau einer KI-Governance
Mit einer stadtweiten Regelung für KI kann die Verwaltung
flexibel auf technologische und gesellschaftliche Veränderungen
reagieren. Gleichzeitig wird die Grundlage für eine nachhaltige
KI-Governance geschaffen, die Innovation fördert, die Stadt zukunftsfähig
macht und sie vor Missbrauch, falschen Produktversprechen
und überzogenen Hoffnungen schützt. Die Orientierung an dem
vorhandenen Verwaltungswissen, ein Gespür für informale Organisation
und der Austausch mit anderen Kommunen sind
zusammengefasst zentrale Aspekte, um tragfähige und nachhaltige
KI-Regelungen zu schaffen.
Autor
Dr. Athanasios Karafillidis
Soziologe und KI-Manager der
Stadt Dortmund, Privatdozent an
der RWTH Aachen
Kleine Kniffe
51
Digitalisierung der Verwaltung
Zwischen Aufbruch und Aufsicht:
Warum KI in der Verwaltung nur mit klarem Kompass gelingt
Die Verwaltung will KI. Die Realität bremst. Wo Algorithmen Entscheidungen stützen, berühren sie
Grundrechte, Alltag und Vertrauen. Genau hier entscheidet sich, ob digitale Modernisierung zum Gewinn
für alle wird – oder zum nächsten Vertrauensverlust.
Ein Beitrag von Thomas Heine
Ein Rechtsrahmen mit Ansage –
und mit Zähnen
Seit Februar 2025 gilt in Europa der EU AI Act. Er macht den
Einsatz von KI in Behörden nicht nur möglich, sondern verbindlich
regelbar. Der Rechtsrahmen sortiert Systeme nach Risiko: von
„inakzeptabel“ über „hochriskant“ bis „geringes Risiko“. Anwendungen,
die über Sozialleistungen, Kreditbewertungen oder andere
grundrechtsrelevante Bereiche mitentscheiden, gehören zur
Hochrisiko-Klasse. Für sie sind Risikobewertungen, eine detaillierte
Dokumentation, klare Transparenzpflichten und vor allem wirksame
menschliche Aufsicht vorgeschrieben.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Verbotene Praktiken
wie Social Scoring, manipulative Systeme oder biometrische
Echtzeit-Fernidentifizierung sind tabu. Verstöße können bis zu
35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes
kosten. Praktikerinnen und Praktiker nennen die Umsetzung der
Regulierung als größte Hürde. Was fehlt, sind praxistaugliche
Best-Practice-Anleitungen, die Rechts- und Umsetzungssicherheit
schaffen. Ohne diese Leitplanken droht Stillstand – oder ein
riskanter Schnellschuss.
Verzerrungen erkennen,
Diskriminierung verhindern
KI kann systematisch verzerren. Bias entsteht durch fehlerhafte
oder unausgewogene Trainingsdaten, aber auch durch ungeeignetes
Design. Das zeigt ein vielzitiertes Beispiel aus der Praxis: Ein automatisiertes
System stufte massenhaft Menschen fälschlich als Betrüger
bei Sozialleistungen ein und richtete erheblichen finanziellen und
psychischen Schaden an. In der vorliegenden Recherche wird dieser
Fall als „niederländisches Robodebt“ benannt; unabhängig von der
Bezeichnung bleibt der Befund zentral: Unkontrollierte Automatisierung
kann Leben beschädigen.
In Deutschland verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz
Diskriminierung – das gilt ausdrücklich auch für KI-gestützte
Entscheidungen. Der AI Act verpflichtet zudem, Bias gezielt zu
minimieren: mit hochwertigen, möglichst vollständigen und fehlerarmen
Trainingsdaten. Besonders gefährlich ist, wenn staatliche
Diskriminierung ungewollt verstetigt wird. Wenn Algorithmen
darüber mitentscheiden, wer Unterstützung erhält oder welche
Stadtteile stärker überwacht werden, können ganze Gruppen strukturell
benachteiligt werden. Wer KI in der Verwaltung verantwortet,
muss diese Gefahr nicht nur kennen, sondern aktiv bannen.
Datenlücken als Bremsklotz der Digitalisierung
Viele Verwaltungen leiden nicht an zu wenig KI, sondern an zu
wenig Datenqualität. Trainings- und Einsatzdaten liegen auseinandergezogen,
analog, uneinheitlich oder schlicht unvollständig vor.
Registermodernisierung und elektronische Aktenführung kommen
zu langsam voran, Schnittstellen zwischen Fachverfahren fehlen.
Ohne durchgängig digitalisierte Ende-zu-Ende-Prozesse lässt sich
keine KI auf die Feinheiten deutscher Verfahren trainieren.
Das ist das bekannte Henne-Ei-Problem: Ohne Digitalisierung
keine KI-Reife, ohne KI weniger Antrieb für Digitalisierung. Der
Ausweg ist klar – und anspruchsvoll: Erst die Prozesse verlässlich
digitalisieren, dann KI gezielt einsetzen. So entsteht ein tragfähiger
Datenunterbau statt technologischer Kosmetik. Nachhaltige IT
52 Kleine Kniffe
denkt genau so: Schritt für Schritt, robust, nachvollziehbar – und
damit dauerhaft tragfähig.
Kompetenz aufbauen –
nicht nur Tools beschaffen
Artikel 4 des EU AI Acts fordert den systematischen Aufbau
von KI-Kompetenz in allen Organisationen, die KI einsetzen. Seit
Februar 2025 gilt zudem eine Schulungspflicht für alle, die mit
KI-Systemen arbeiten. Die Realität: Fachkräfte sind knapp, der
demografische Wandel drückt, die Aufgaben werden mehr. Gerade
kleinere Kommunen ohne eigenes Rechenzentrum oder spezialisierte
IT-Abteilungen stehen vor einer Herkulesaufgabe.
Was hilft? Grundlagen zu Funktionsweise, rechtlichen Vorgaben,
Ethik und Anwendungen – und zwar aufgabennah und
praxisfest. Ohne diese Kompetenz drohen Fehlentscheidungen,
Compliance-Lücken und Eingriffe in Grundrechte. Wer hier
Im Zentrum steht das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger.
Skandale aus unbedachtem KI-Einsatz beschädigen das Verhältnis
zum Staat langfristig. Realistische Kommunikation über Möglichkeiten
und Grenzen hilft, Erwartungen zu ordnen – und schützt vor
Überversprechen. Nachhaltige IT nimmt diese Prinzipien ernst, weil
sie Systeme baut, die auch morgen noch vertretbar sind.
Pro und Contra: Tempo machen – aber richtig
Ja, KI kann Prozesse beschleunigen und Entscheidungen stützen.
Sie kann Mitarbeitende entlasten, wenn Aufgaben zunehmen.
Aber das „Wie“ entscheidet. Contra ist angebracht, wenn Systeme
ohne Datenbasis, ohne Aufsicht und ohne Kompetenzen eingeführt
werden. Pro ist überzeugend, wenn Risiken ehrlich bewertet, Transparenz
umgesetzt und Personal qualifiziert wird.
Sie kennen Ihre Behörde am besten. Wo liegen die Daten heute?
Welche Entscheidungen sind grundrechtsrelevant? Wer trägt die
investiert, vermeidet teure Korrekturen später. Das ist nicht nur
rechtssicher, es ist auch im Sinne einer nachhaltigen IT: Fähigkeiten
bleiben, wenn Tools wechseln.
Transparenz statt Black Box –
und echte menschliche Aufsicht
KI wird oft als Black Box erlebt. In der Verwaltung ist das Gift.
Entscheidungen müssen nachvollziehbar und rechtlich überprüfbar
sein. Der AI Act fordert daher Transparenz, Verständlichkeit und
Nachvollziehbarkeit. Für die Praxis heißt das: Ermessensentscheidungen
bleiben in der Verantwortung von Mitarbeitenden.
Vollautomatische Entscheidungen sind nach DSGVO nur in engen
Grenzen erlaubt.
Das ist kein Formalismus. Es ist die Brücke zwischen technischer
Machbarkeit und demokratischer Legitimation. Transparenz schafft
Vertrauen – und sie zwingt dazu, Systeme so zu gestalten, dass
Gründe sichtbar und korrigierbar bleiben. Wer heute mit Erklärbarkeit
plant, spart morgen Krisenkommunikation.
Ethik als Betriebssystem des
Verwaltungshandelns
Österreich hat für die öffentliche Verwaltung neun KI-Ethikprinzipien
formuliert: Recht, Transparenz, Unvoreingenommenheit
und Fairness, Effektivität und Effizienz, Sicherheit, digitale Souveränität,
Rechenschaftspflicht, menschliche Aufsicht sowie
Zugänglichkeit und Inklusion. Diese Liste ist kein Zitatenschmuck,
sondern eine Handlungsagenda. Sie verbindet Werte mit operabler
Praxis.
Verantwortung im Zweifel? Wenn diese Fragen klar beantwortet
sind, wird aus Technik ein Werkzeug – und nicht ein Risiko.
Was jetzt zählt
Aus den Befunden folgt ein klarer Pfad. Verwaltungen brauchen
praktikable Best-Practice-Leitfäden, um die Vorgaben des AI Acts
rechtssicher umzusetzen. Sie müssen Datenqualität und Schnittstellen
ernst nehmen, bevor sie Modelle produktiv einsetzen. Sie
sollten Bias aktiv minimieren und Diskriminierung verhindern –
und dort, wo Beispiele irritieren, präzise klären, wovon die Rede ist.
Sie müssen die gesetzlich geforderte Schulung umsetzen und Kompetenzen
aufbauen, gerade in kleinen Kommunen. Und sie haben
Transparenz, Erklärbarkeit und wirksame menschliche Aufsicht
nicht nur zu dokumentieren, sondern zu leben.
So entsteht eine Verwaltung, die KI verantwortungsvoll nutzt:
rechtssicher, nachvollziehbar, bürgernah. Genau das ist nachhaltige
IT in der Praxis. Nicht der schnelle Effekt zählt, sondern die stabile
Wirkung. Wenn wir diesen Kompass anlegen, wird KI nicht zur
Black Box, sondern zum klaren Werkzeug – im Dienst der Menschen,
für die die Verwaltung arbeitet.
Autor
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
Kleine Kniffe
53
Nachhaltige Digitalisierung
Die Twin Transformation gestalten:
Wie nachhaltige IT-Kompetenz zum Erfolgsfaktor wird
Die digitale Transformation ist für Kommunen und Unternehmen unverzichtbar, doch ihr ökologischer
Fußabdruck wächst stetig. Gleichzeitig fordern neue gesetzliche Vorgaben wie die Corporate
Sustainability Reporting Directive (CSRD) ein Umdenken. Das Projekt „Nachhaltige Bildung in der
IT-Aus- und Weiterbildung“ (NABIT) schließt die entscheidende Lücke und entwickelt praxisnahe
Bildungs- und Beratungskonzepte, um Digitalisierung und Nachhaltigkeit erfolgreich zu verbinden.
Ein Beitrag von Prof. Dr. Henning Klaffke
Die Digitalisierung ist ein mächtiger Hebel für Effizienz und
Innovation, doch sie birgt auch einen Zielkonflikt: Ein steigender
Energie- und Ressourcenverbrauch in der IT steht dem Ziel einer
nachhaltigen Entwicklung entgegen. Dieser als “Twin Transformation”
bekannte Spagat stellt insbesondere kleine und mittlere
Unternehmen (KMU), aber auch öffentliche Verwaltungen, vor
enorme Herausforderungen. Oft fehlen die strategischen Ressourcen
und vor allem die notwendigen Kompetenzen, um IT-Systeme und
-Prozesse ressourcenschonend zu gestalten.
Hier setzt das Verbundprojekt NABIT an. Es versteht Digitalisierung
und Nachhaltigkeit nicht als Gegensätze, sondern als zwei
Seiten derselben Medaille. Ziel ist es, die notwendigen Kompetenzen
für eine zukunftsfähige IT direkt in der beruflichen Aus- und Weiterbildung
zu verankern.
Green IT und Green IS: Die zwei Säulen der
nachhaltigen Digitalisierung
Im Fokus des Projekts stehen zwei strategische Kernbereiche,
die auch für den öffentlichen Einkauf von hoher Relevanz sind:
1. Green IT: Hier geht es um die ressourcenschonende und
energieeffiziente Gestaltung der IT selbst. Das umfasst
Themen wie energieeffiziente Hardware, nachhaltige
Softwareentwicklung (“Green Coding”), die Verlängerung
von Lebenszyklen durch Wiederaufbereitung (Refurbishment)
und CO₂-reduzierte Cloud-Strategien.
2. Green IS (Informationssysteme): Dieser Ansatz nutzt die
Digitalisierung gezielt als Werkzeug, um nachhaltige
Geschäftsprozesse zu unterstützen. Beispiele sind
IT-gestützte Analysen für ESG-Reportings, die Steuerung
nachhaltiger Lieferketten oder die digitale Organisation
der Kreislaufwirtschaft.
Beide Bereiche sind entscheidend, um den ökologischen Fußabdruck
der Digitalisierung zu minimieren und gleichzeitig ihre
Potenziale für eine nachhaltige Transformation zu nutzen.
Projektziele von NABIT im Überblick
• Analyse von Kompetenzbedarfen: Systematische
Untersuchung, welche Nachhaltigkeitskompetenzen in
IT-Berufen heute und in Zukunft benötigt werden.
• Entwicklung modularer Lehr-Lernformate: Erstellung
praxisnaher und modularer Bildungsbausteine für die
Aus- und Weiterbildung, die als Open Educational
Resources (OER) frei verfügbar gemacht werden.
• Praxisnahe Erprobung: Testläufe der entwickelten
Materialien in Berufsschulen und Partnerunternehmen,
um die betriebliche Anschlussfähigkeit sicherzustellen.
• Aufbau eines Beratungskonzepts: Entwicklung einer
skalierbaren Beratungsstruktur, um KMU bei der
Umsetzung nachhaltiger IT-Praktiken zu unterstützen
und sie auf Anforderungen wie die CSRD vorzubereiten.
Von der Theorie zur Praxis:
Ein starkes Netzwerk
Das Projekt NABIT ist ein zukünftiges Verbundvorhaben, das
aus drei zentralen Partnern besteht. Zusätzlich wird es von einer
Vielzahl weiterer Unternehmen, Institutionen und Sozialpartnern
unterstützt, die ihr Interesse bekundet haben.
54 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
Kernpartner des Verbundvorhabens
Dies sind die Antragsteller und direkten Verbundpartner, die
das Projekt durchführen:
1. Berufliche Hochschule Hamburg (BHH)
Die BHH ist verantwortlich für die akademische Validierung
der Bildungsansätze. Sie wurde 2020 gegründet und
verbindet eine anerkannte Berufsausbildung mit Bachelor-
Studiengängen. Prof. Dr. Henning Klaffke, Professor für
Angewandte Informatik, leitet das Projekt.
2. Heartprint GmbH
begleitet Unternehmen jeder Größe auf ihrem Weg zu Zukunftsfähigkeit
und Resilienz. Als Beratung für Twin Transformation
verbindet Heartprint Digitalisierung und Nachhaltigkeit
zu einem integrierten Erfolgsmodell. Das Team um Gründer
Rainer Karcher und Anthea Wagner entwickelt praxisnahe
Strategien, die technologische Innovation mit gesellschaftlicher
Verantwortung vereinen – und so Transformation mit Wirkung
ermöglichen.
3. Europa-Universität Flensburg (EUF)
Die EUF wird durch das Berufsbildungsinstitut Arbeit und
Technik (biat) vertreten, geleitet von Prof. Dr. Axel Grimm. Der
Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Lehrkräften für
berufsbildende Schulen im Bereich Informationstechnik/
Informatik. Die EUF bringt ihre Expertise in der Berufs(bildungs)wissenschaft
und Didaktik in das Projekt ein.
Um eine hohe Praxisrelevanz zu gewährleisten, arbeitet
NABIT eng mit einem breiten Netzwerk aus Wirtschaft, Bildung
und Zivilgesellschaft zusammen. Partner wie z.B. die Siemens
AG, Microsoft oder die AfB gemeinnützige GmbH – Europas
größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft
und Inklusion – bringen ihre Expertise ein. Industrie- und
Handelskammern, Sozialpartner sowie Berufsschulen sorgen dafür,
dass die entwickelten Konzepte direkt in die bestehenden Bildungsstrukturen
einfließen können.
Dieser Verbund stellt sicher, dass die entwickelten Bildungsangebote
nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch unmittelbar
in der betrieblichen Praxis anwendbar sind.
Ausblick: Nachhaltige IT als neuer Standard in
der betrieblichen Bildung
NABIT wird einen entscheidenden Beitrag zur sozial-ökologischen
Transformation leisten. Indem das Projekt die “Twin
Transformation” als zentrales Bildungs- und Kompetenzparadigma
etabliert, befähigt es zukünftige IT-Fachkräfte, die digitale Zukunft
verantwortungsvoll zu gestalten. Die frei zugänglichen Materialien
und das skalierbare Beratungskonzept werden eine solide Grundlage,
um nachhaltige IT flächendeckend zu verankern – ein wichtiger
Schritt für eine zukunftsfähige Wirtschaft und Verwaltung. Das Projekt
wird ab 01.01.2026 mit einer Laufzeit von drei Jahren starten.
Autor
Prof. Dr. Henning Klaffke
Professor für Angewandte
Informatik
Berufliche Hochschule Hamburg
Projektkoordination NABIT
Kleine Kniffe
55
Künstliche Intelligenz
Nachhaltige KI ist mehr als CO ²
-Bilanzierung
Künstliche Intelligenz ist das Wort der Stunde. Ob ChatGPT, KI-basierte Diagnosetools oder autonome
Fahrzeuge – das Thema ist medial omnipräsent und hat längst Eingang in politische Debatten,
wirtschaftliche Strategien und alltägliche Anwendungen gefunden. Was in dieser Debatte jedoch
auffällig unterbelichtet bleibt, sind nachhaltige Perspektiven. Während das gesellschaftliche Gespräch
über Digitalisierung zunehmend von ethischen Leitplanken und regulatorischer Gestaltung geprägt
ist, wird der Diskurs über KI noch stark von technischer Machbarkeit und wirtschaftlichem Potenzial
dominiert. Nachhaltigkeit, so scheint es, ist bislang ein Randaspekt – wenn überhaupt. Dabei bietet
gerade dieser technologische Wendepunkt eine Chance: die Möglichkeit, eine digitale Transformation
von Anfang an mit einem Nachhaltigkeitsverständnis zu verbinden, das über Emissionswerte hinausgeht.
Ein Beitrag von Thomas Heine
Warum CO 2
-Bilanzen so präsent sind
Wenn Nachhaltigkeit in Zusammenhang mit KI genannt wird,
dann fast ausschließlich in Bezug auf den Energieverbrauch großer
KI-Modelle. Die CO 2
-Bilanz von Rechenzentren, die Emissionen bei
Training und Inferenz von Sprachmodellen oder der Strombedarf
von Serverfarmen werden intensiv diskutiert. Das hat gute Gründe:
Die Zahlen sind greifbar, vergleichbar und bieten eine scheinbar
objektive Grundlage für Bewertung und Regulation. Studien wie
die von Strubell et al. (2019) oder Patterson et al. (2021) haben den
enormen Ressourcenverbrauch von Modellen wie GPT-3 und BERT
öffentlich gemacht. Die Debatte ist auch politisch anschlussfähig,
denn sie lässt sich in bestehende Emissionsziele und Klimastrategien
integrieren. Zudem passen CO 2
-Zahlen hervorragend in das Raster
regulatorischer Berichterstattung: Was gemessen werden kann, lässt
sich politisch steuern. Doch diese Fokussierung auf die CO 2
-Bilanzierung
greift zu kurz. Nachhaltigkeit ist mehrdimensional – und
eine zukunftsfähige KI muss sich auch daran messen lassen.
Erweiterte Dimensionen nachhaltiger KI
Ein ganzheitlicher Nachhaltigkeitsbegriff umfasst
ökologische, soziale, ökonomische und technologische Aspekte. Die Diskussion
muss sich daher auf breitere Grundlagen stellen. Etwa auf
die Frage, wie durch KI soziale Ungleichheiten verschärft oder abgebaut
werden können – Stichwort digitale Kluft oder automatisierte
Diskriminierung. Trainingsdaten, die gesellschaftliche Vorurteile
enthalten, führen zu verzerrten Ergebnissen und können bestehen-
de Machtstrukturen zementieren. Die ethischen Implikationen sind
erheblich, vor allem, wenn KI in der Verwaltung, im Finanzsektor
oder in der Gesundheitsversorgung eingesetzt wird.
Auch auf der ökologischen Ebene reichen einfache Emissionswerte
nicht aus. Der gesamte Lebenszyklus der Hardware, auf der
KI läuft – von der Förderung seltener Erden bis zur Entsorgung
elektronischer Bauteile – muss berücksichtigt werden. Der immense
Wasserverbrauch von Rechenzentren, etwa bei der Kühlung, bleibt
in den meisten Nachhaltigkeitsberichten unsichtbar.
In der Theorie liefern Konzepte wie die „Doughnut Economics“
(Raworth, 2017), die planetare Grenzen mit sozialen Mindeststandards
verbindet, eine zentrale Denkfigur. Auch systemische
Nachhaltigkeitsmodelle wie das „Triple Bottom Line“-Prinzip zeigen
auf, dass wirtschaftlicher Erfolg, Umweltverträglichkeit und soziale
Verantwortung in Balance stehen müssen. Feministische und
dekoloniale Ansätze wie die des Afro-Asian AI Research Collective
erweitern diesen Blick um Fragen der globalen Gerechtigkeit:
Wer profitiert von KI und wer trägt ihre ökologischen und sozialen
Lasten?
Beispiele, die zum Umdenken zwingen
Die theoretischen Forderungen nach einer erweiterten Sicht
auf nachhaltige KI lassen sich durch zahlreiche Praxisbeispiele
untermauern. In Bangladesch etwa wird KI zur Frühwarnung bei
56 Kleine Kniffe
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Überschwemmungen eingesetzt – ein wertvoller Beitrag zur Klimaanpassung
im Globalen Süden (UN ESCAP, 2021). Gleichzeitig
exportieren große Tech-Konzerne ihre energieintensiven KI-Rechenlasten
in Regionen mit instabiler Stromversorgung, was Fragen
nach „Data Colonialism“ aufwirft (Couldry & Mejias, 2019). Auch bei
der Hardware zeigen sich Brüche: KI-Chips benötigen seltene Erden,
deren Abbau häufig unter prekären Bedingungen erfolgt. Initiativen
wie Fairphone AI versuchen, hier transparente Lieferketten zu etablieren,
stoßen aber an Grenzen globaler Marktstrukturen.
Ebenfalls relevant ist der Bereich der Open-Source-KI. Modelle
wie LLaMA von Meta stehen im Gegensatz zu proprietären Systemen
und fördern Transparenz sowie kollaborative Innovation. Sie
ermöglichen es auch Akteuren aus Ländern des Globalen Südens,
eigene KI-Systeme aufzubauen, ohne in Abhängigkeit großer Plattformkonzerne
zu geraten.
Wo KI strategisch zur Transformation beiträgt
KI kann mehr sein als ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung.
Wenn Unternehmen den Nachhaltigkeitsbegriff ernst nehmen und
nicht auf reine Berichtspflicht reduzieren, eröffnet sich ein neues
Potenzial. KI kann helfen, Geschäftsmodelle zu analysieren, Szenarien
für klimaneutrale Produktionsweisen zu entwickeln oder
soziale Risiken in Lieferketten sichtbar zu machen. In der öffentlichen
Verwaltung kann sie dabei unterstützen, Ressourcen effizienter
zu verteilen, Mobilität klimafreundlich zu planen oder partizipative
Prozesse zu stärken. Voraussetzung ist jedoch, dass die Implementierung
strategisch angelegt ist – mit klaren Zieldefinitionen, ethischen
Leitplanken und langfristiger Ausrichtung.
Nachhaltige Transformation bedeutet hier nicht, bestehende
Prozesse digital effizienter zu machen, sondern neue Wege zu
denken. KI kann etwa in der Produktentwicklung dazu beitragen,
Lebenszyklen von Produkten zu verlängern oder Kreislaufwirtschaftsmodelle
zu entwickeln. In der Landwirtschaft ermöglichen
KI-gestützte Systeme eine präzisere Bewässerung und Düngung, was
ökologische Auswirkungen minimiert. Im Gesundheitswesen kann
KI präventiv arbeiten, statt nur Symptome zu analysieren.
Der Gap zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Derzeit zeigt sich jedoch ein deutlicher Widerspruch zwischen
dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich geschieht. KI wird
vielfach als Mittel zur Kostensenkung oder Prozessoptimierung
eingesetzt, nicht aber als Transformationswerkzeug. Die Daten,
auf denen KI basiert, sind oft proprietär, intransparent und westlich
dominiert. Selbstlernende Systeme werden nicht systematisch
auf Biases geprüft, und ihre Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt
bleibt häufig unbeachtet. Der Nachhaltigkeitsanspruch wird dadurch
zur kosmetischen Maßnahme – eine CO 2
-Bilanz hier, ein Greenwashing-Versprechen
dort.
Kleine Kniffe
57
Foto: depositphotos
Ein weiteres Problem ist die fehlende Einbindung von
Nachhaltigkeitsverantwortlichen in die KI-Strategien vieler Organisationen.
KI-Entwicklung erfolgt oft im Silo: technisch exzellent,
aber strategisch blind für langfristige Nachhaltigkeitsziele. Und auch
regulatorisch ist noch vieles unklar. Der AI Act der EU setzt zwar
neue Standards für Transparenz und Risikobewertung, doch Nachhaltigkeit
ist bislang kein zentraler Prüfpunkt.
zukunftsfähig zu machen – nicht nur im Sinne des Shareholder Value,
sondern im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung. Nachhaltige KI
ist keine technische Disziplin, sie ist eine kulturelle Herausforderung.
Und es ist an der Zeit, ihr mit derselben Ernsthaftigkeit zu begegnen
wie dem Klimawandel selbst.
Stakeholder in der Verantwortung
Eine nachhaltige KI kann nur entstehen, wenn alle relevanten
Akteure ihren Beitrag leisten. Unternehmen müssen ihre
Entwicklungsteams diversifizieren, Offenlegungspflichten für
KI-Algorithmen schaffen und Verantwortung für die gesamte Wertschöpfungskette
übernehmen. Regierungen sind gefordert, nicht
nur Regularien wie den AI Act der EU zu erlassen, sondern auch
Förderprogramme für nachhaltige KI-Projekte aufzulegen. NGOs
und Zivilgesellschaft sollten als Kontrollinstanzen und Impulsgeber
gestärkt werden. Und die Wissenschaft hat die Aufgabe, interdisziplinär
zu forschen, Wissen offen zugänglich zu machen und Standards
zu entwickeln, die über Effizienz hinausgehen.
Auch die Finanzierung nachhaltiger KI-Projekte spielt eine Rolle.
Venture Capital orientiert sich bislang stark an Skalierbarkeit und
Profitabilität. Ein Wandel hin zu Impact Investing in digitale Infrastrukturen
könnte helfen, alternative Geschäftsmodelle zu stärken.
Öffentliche Institutionen und Stiftungen können hier Vorreiterrollen
einnehmen.
Fazit
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen, Ihrer Behörde oder Organisation
über den Einsatz von KI nachdenken, dann stellen Sie sich bitte
nicht nur die Frage nach den Einsparpotenzialen. Fragen Sie, ob Ihre
KI fair ist. Ob sie transparent ist. Ob sie hilft, Ihr Geschäftsmodell
Quellen:
1. • Strubell, E., Ganesh, A., & McCallum, A. (2019). Energy and Policy Considerations
for Deep Learning in NLP. arXiv.
2. • Patterson, D. et al. (2021). Carbon Emissions and Large Neural Network
Training. Google.
3. • Raworth, K. (2017). Doughnut Economics. Chelsea Green Publishing.
4. • Couldry, N., & Mejias, U. (2019). The Costs of Connection. Stanford
University Press.
5. • UN ESCAP (2021). AI for Flood Forecasting in Bangladesh.
6. • AI Now Institute Reports (2022–2024). https://ainowinstitute.org/
7. • European Commission. AI Act Proposal. https://digital-strategy.ec.europa.eu/
8. • Afro-Asian AI Research Collective. (2023). Ethical AI from the Global
South.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
58 Kleine Kniffe
Künstliche Intelligenz
KI transformiert die Beschaffung!
Nur ein Hype oder eine echte Revolution?
Gibt es einen Fahrplan für Künstliche Intelligenz? Ein Fahrplan steht für Planbarkeit und
Verlässlichkeit. Kann es das bei KI überhaupt geben? Das hängt davon ab, ob es sich bei KI nur um
einen kurzfristigen Hype handelt. Für mich steht fest: Künstliche Intelligenz (KI) ist weit mehr als
das – sie steht im Mittelpunkt eines nachhaltigen Wandels. Ich vertrete drei Hypothesen, die die
Zukunft der Arbeitswelt und bei der Deutschen Bahn maßgeblich prägen werden.
Ein Bericht von Patrick Reiß
Erstens ist KI inzwischen bereit für den professionellen Einsatz.
Trotz verbreiteter Skepsis hinsichtlich Zuverlässigkeit und
Datenschutz beweisen zahlreiche spezialisierte Anwendungen bereits
heute ihre Praxistauglichkeit. Je reibungsloser KI funktioniert,
desto weniger wird sie als solche wahrgenommen. Der Aufbau von
Vertrauen ist entscheidend. Nur durch Übung, Erfahrung und viele
Interaktionen kann das Vertrauen in die Technologie wachsen. Wir
üben dies z.B. in Pilotprojekten wie einer intelligenten Beschaffungsplattform,
die den Einstieg in unsere Beschaffungskanäle effizienter
gestaltet.
Drittens entscheidet der Mensch, wo und wie KI zum Einsatz
kommt. In einer zunehmend digitalen Arbeitswelt ist die bewusste
Steuerung entscheidend: KI soll vor allem administrative und
repetitive Tätigkeiten übernehmen, damit der Fokus auf zwischenmenschliche
Zusammenarbeit und strategisch-relevante Aufgaben
gerichtet werden kann. In unserem „Use Case 0“ analysiert die KI
gezielt interne Daten und identifiziert daraus neue Einsatzmöglichkeiten
und mögliche Prozessbeschleunigungen. Zugleich wird klar,
dass die zukünftigen Herausforderungen nicht nur technischer,
sondern auch kultureller Natur sind. Die Gestaltung des KI-Einsatzes
erfordert Transparenz und Einbindung aller Beteiligten
– von der Belegschaft bis zum Betriebsrat. Aufgrund der tiefgreifenden
Veränderung, die uns KI bringen wird, werden wir auch die
gesellschaftliche Bedeutung dessen intensiv diskutieren müssen.
Zweitens gilt: Die Organisation muss sich fit machen für
den Umgang mit KI. Technik allein genügt nicht, vielmehr ist
eine aktive Auseinandersetzung gefragt. Erfahrungen mit unserer
bahneigenen KI und dem unterstützenden „Prompt Buddy“ zeigen,
dass Qualifizierung und Anwendungskompetenz Schlüsselfaktoren
werden. Mitarbeitende müssen sich auf neue Rollen einstellen:
Routineaufgaben können automatisiert werden, gleichzeitig bleiben
Expertenwissen und die Fähigkeit, KI sinnvoll einzusetzen, unerlässlich.
Sich aktiv vom System helfen zu lassen, um den künftigen
Ansprüchen an Tempo und Effizienz gerecht zu werden, setzt die
Bereitschaft voraus, sich auf ein anderes Denken, veränderte Prozesse
und neue Zusammenarbeitsformen einzulassen.
Ich bin davon überzeugt, dass KI einsatzbereit ist, aktive Weiterentwicklung
der eigenen Kompetenzen verlangt und bewusst
gesteuert werden sollte. Unternehmen, die jetzt handeln, können
den Wandel mitgestalten – wer abwartet, läuft Gefahr, auf das
Abstellgleis zu geraten.
Autor
Patrick Reiß
Leiter Strategie, Grundsätze &
Services Beschaffung bei der
Deutsche Bahn AG
Kleine Kniffe
59
Lösungen von Start-ups
Multi-Agenten-Infrastruktur
Eine strategische Antwort des öffentlichen Beschaffungswesens in Europa
Die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung in Europa ist ein komplexes Unterfangen,
das durch eine starke Kombination aus regulatorischen Entwicklungen und erheblichen
demografischen Herausforderungen vorangetrieben wird. Tenderos neue Multiple Agent
Infrastructure (MAI) zur Angebotsbewertung für öffentliche Auftraggeber ist kein
isoliertes Produkt, sondern eine zeitgerechte und strategische Antwort auf diese beiden
Herausforderungen.
Ein Bericht von Ivan Stanisavljevic
Das öffentliche Beschaffungswesen, das rund 19 % des Bruttoinlandsprodukts
der Europäischen Union ausmacht, befindet sich
in einem grundlegenden Paradigmenwechsel: weg vom alleinigen
Fokus auf den niedrigsten Preis hin zum umfassenderen Modell des
wirtschaftlich günstigsten Angebots (MEAT – Most Economically
Advantageous Tender). Diese gesetzliche Neuausrichtung soll Innovation
und gesellschaftlichen Mehrwert fördern, führt jedoch zu
einer neuen Komplexität, die manuelle Bewertungsverfahren kaum
noch bewältigen können.
Gleichzeitig steht der öffentliche Dienst vor einem akuten
Fachkräftemangel, insbesondere in Deutschland, wo ein erheblicher
Teil der Beschäftigten kurz vor dem Ruhestand steht. Diese demografische
Entwicklung bedroht die Handlungsfähigkeit staatlicher
Institutionen und macht die Automatisierung zeitaufwändiger Aufgaben
zu einer strategischen Notwendigkeit.
Tenderos MAI-Lösung adressiert genau diesen Schnittpunkt.
Durch den Einsatz eines hochentwickelten Multi-Agenten-KI-Systems
automatisiert sie die anspruchsvolle und vielschichtige
Analyse, die das MEAT-Verfahren erfordert, und wirkt damit wie
ein „Kraftverstärker“ für unterbesetzte Behörden. Dank flexibler
Hosting-Optionen, einschließlich lokaler On-Premise-Installation,
trägt die Plattform den zentralen Anliegen des öffentlichen Sektors
in Bezug auf Datensouveränität und regulatorische Compliance
Rechnung.
Der Wandel im öffentlichen Beschaffungswesen:
Vom niedrigsten Preis zum MEAT-Prinzip
Das Fundament der öffentlichen Auftragsvergabe in Europa hat
einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. Historisch stützten sich Vergabestellen
häufig auf ein einziges, scheinbar objektives Kriterium: den
niedrigsten Preis. Diese Praxis führte jedoch oft zu mangelnder Qualität,
geringerer Innovationskraft und fehlendem langfristigen Mehrwert, da
Bieter gezwungen waren, ihre Angebote auf Kosten der Nachhaltigkeit
zu verschlanken.
Mit der EU-Richtlinie 2014/24/EU sowie den Richtlinien 2014/25/
EU und 2014/23/EU wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet: Seit
April 2016 sollen Aufträge auf Grundlage des wirtschaftlich günstigsten
Angebots (MEAT) vergeben werden. Dieses Modell geht über eine reine
Kostenbewertung hinaus und berücksichtigt den gesamten Lebenszyklus
eines Projekts – mit dem Ziel, den besten Gegenwert für öffentliche
Mittel zu erzielen.
Das MEAT-Prinzip erlaubt eine mehrdimensionale Bewertung,
die neben dem Preis auch Qualität, technische Leistung, ökologische
Aspekte, soziale Kriterien und Innovationsfaktoren einbezieht. So kann
beispielsweise ein Infrastrukturprojekt nicht an den billigsten Anbieter
gehen, sondern an ein Unternehmen, das nachhaltigere Materialien
nutzt oder ein designtechnisch wartungsärmeres Konzept vorlegt.
60 Kleine Kniffe
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Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben bleibt ein Gap zwischen Theorie
und Praxis. Daten zeigen, dass einige Mitgliedstaaten wie die
Slowakei, Litauen und Rumänien noch immer in über 90 % der Fälle
den niedrigsten Preis als Kriterium heranziehen, während Länder
wie Kroatien, Frankreich oder die Niederlande das MEAT-Prinzip
stärker umsetzen. Ursache ist die hohe Komplexität: Die manuelle
Abwägung zahlreicher qualitativer und quantitativer Kriterien ist für
Vergabestellen extrem ressourcenintensiv. Hier entsteht ein klarer
Bedarf nach technologischen Lösungen, die den Prozess vereinfachen
und auditierbar machen.
Eine Kapazitätskrise: Der Fachkräftemangel in
der deutschen Verwaltung
Die Umsetzung des MEAT-Prinzips wird zusätzlich durch die
demografische Entwicklung erschwert. In Deutschland steht der
öffentliche Dienst vor einem massiven Fachkräfteengpass, ausgelöst
durch eine Welle anstehender Pensionierungen.
Laut einer McKinsey-Studie droht dem deutschen öffentlichen
Sektor bis 2030 ein Defizit von 730.000 Beschäftigten. Rund 1,8
Millionen der heute 4,7 Millionen Angestellten – also mehr als ein
Drittel – werden in den kommenden zwölf Jahren in den Ruhestand
gehen. Gleichzeitig sind zu wenige Nachwuchskräfte in Sicht, um
diese Lücke zu schließen.
Dieses Wissens- und Personaldelta bedroht die Funktionsfähigkeit
der Behörden und erschwert insbesondere zeitintensive
Prozesse wie die aufwendige Angebotsbewertung nach MEAT. Digitale
Lösungen und Automatisierung gelten daher als unverzichtbare
Bestandteile der Antwort auf diese Herausforderung.
Tenderos Lösungsökosystem: Von der
Bieterseite zur Vergabestelle
Tendero hat zunächst seine Marktstellung durch eine KI-gestützte
Plattform für Unternehmen aufgebaut, die an öffentlichen
Ausschreibungen teilnehmen. Die wichtigsten Module umfassen:
• Compliance Report: Automatische Prüfung der Eignungskriterien.
• Intelligente Zusammenfassung: KI-basierte Übersicht der
Ausschreibungsdokumente.
• Magellan AI Chatbot: Interaktive Unterstützung zu Vergabedokumenten
und Rechtsgrundlagen.
• Market Intelligence: Analysen zu Auftraggebern, Wettbewerbern
und Markttrends.
Aufbauend auf diesem Fundament richtet Tendero seinen
Fokus nun auf die Vergabestellen selbst. Die neue Lösung – ein
Multi-Agenten-Ökosystem (MAI) – ist speziell für die Angebotsbewertung
entwickelt. Statt einer monolithischen KI setzt das System
Kleine Kniffe
61
Foto: Screenshot Webseite
auf spezialisierte Agenten, die unterschiedliche Aufgaben wie
Kontextanalyse, Strukturierung, Begründung oder Querverweise
übernehmen.
Strategischer Mehrwert: MEAT, MAI und
Marktbedürfnisse
Der strategische Nutzen von Tenderos MAI-Lösung zeigt sich
in drei Dimensionen:
Überbrückung der Policy-Practice-Lücke: Durch Automatisierung
der komplexen Kriterienbewertung ermöglicht MAI eine
transparente, prüfbare und datenbasierte Entscheidungsfindung –
jenseits des niedrigsten Preises.
Deutschland – entsteht eine Situation, die Digitalisierung und Automatisierung
zu einer strategischen Pflicht macht.
Tenderos MAI-Software ist eine direkte Antwort auf diese Herausforderungen.
Sie vereinfacht die MEAT-Bewertung, stärkt die
Handlungsfähigkeit unterbesetzter Verwaltungen und gewährleistet
gleichzeitig höchste Standards in Bezug auf Datensicherheit und
Souveränität.
Die Zukunft der öffentlichen Verwaltung wird maßgeblich
davon abhängen, in welchem Umfang Behörden bereit sind, KI-gestützte
Lösungen wie Tenderos MAI zu integrieren – nicht nur zur
Effizienzsteigerung, sondern als Fundament für eine moderne, nachhaltige
Verwaltung.
Antwort auf den Fachkräftemangel: Automatisierung entlastet
die Verwaltung und verschafft den verbleibenden Teams Zeit
für wertschöpfende Aufgaben.
Datensouveränität und Sicherheit: Mit On-Premise-Optionen
und strikter DSGVO-Konformität erfüllt Tendero die zentralen
Anforderungen öffentlicher Institutionen.
Fazit: Die Zukunft
der öffentlichen Auftragsvergabe
Das öffentliche Beschaffungswesen in Europa steht an einem
Wendepunkt. Die Umstellung auf das MEAT-Prinzip ist notwendig,
aber komplex. Zusammen mit dem Fachkräftemangel – besonders in
Autor
Ivan Stanisavljevic
Tendero,
Co-Founder & CEO
https://tendero.eu/
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63
Lösungen von Start-ups
Wie KI die Verwaltung
nicht nur digitalisiert, sondern revolutioniert
Verwaltungen stehen zunehmend unter Druck: Einerseits fehlen qualifizierte Fachkräfte,
andererseits steigen die Anforderungen an Servicequalität, Geschwindigkeit und Kosteneffizienz.
Mitarbeitende sind häufig mit Routinetätigkeiten ausgelastet, während
gleichzeitig die Erwartung nach moderner, digitaler Bürgernähe wächst. Hier setzen
Automatisierungslösungen mit Künstlicher Intelligenz an, die Verwaltungsprozesse nicht nur
digitalisieren, sondern spürbar entlasten lassen können – ohne lange Projektlaufzeiten oder
komplexe IT-Anpassungen.
Ein Bericht von Dr. Moritz Gomm & Michael Wilczynska
Eine solche KI ist zum Beispiel EMMA, die Prozesse wie ein
Mensch versteht, analysiert und ausführt. Mitarbeitende können sie
in wenigen Tagen anlernen, um Routineaufgaben zu automatisieren
und so wertvolle Zeit für anspruchsvollere Tätigkeiten zu gewinnen.
Erste Praxiseinsätze zeigen deutliche Effekte: Mehrere Stunden
Arbeitszeit und zehntausende Klicks pro Tag lassen sich einsparen.
Best Practice:
EMMA in der öffentlichen Verwaltung
EMMA wird bereits erfolgreich in zahlreichen Behörden eingesetzt
– etwa im Jugendamt Lüchow-Dannenberg zur Bearbeitung
von Unterhaltsvorschüssen oder bei Wohngeldanträgen. Die KI
übernimmt dabei Routineaufgaben wie das Ausfüllen von Formularen,
die Prüfung von Dokumenten oder die Übergabe von Daten
an Fachverfahren – und das revisionssicher und rund um die Uhr.
EMMA wird seit 2023 z.B. auch in der Verwaltung des Hochtaunuskreises
für digitale Rechnungsprozesse, den digitale Posteingang
im Jobcenter, im Personal- und Ausländerwesen sowie in der Unteren
Wasserbehörde eingesetzt.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
• Keine Schnittstellen notwendig: EMMA bedient die Software
wie ein Mensch.
• Datensicherheit: Die KI läuft lokal („on premise“) und erfüllt
höchste Datenschutzstandards.
• Mitarbeiterzentriert: Fachbereiche automatisieren ihre Prozesse
selbst – ohne IT-Abhängigkeit.
Dass die Mitarbeiter:innen die Digitalisierung selbst in die Hand
nehmen, ist für den Erfinder von EMMA, Michael Wilczynska, besonders
wichtig: „Wenn möglichst viele Menschen an der Digitalisierung
ihrer Prozesse mitwirken, statt nur als Zuschauer am Rande zu stehen,
schafft das Akzeptanz sowie unternehmerische und gesellschaftliche
Mehrwerte.“
Faktoren, die für eine Automatisierung mit Emma sprechen, sind:
• Hoher manueller Aufwand: Wiederkehrende Tätigkeiten mit
vielen Klicks und Dateneingaben
• Fehlende Schnittstellen: Prozesse, die nicht direkt digital integriert
sind und manuell bedient werden müssen
• Standardisierte Abläufe: Prozesse mit klaren Regeln (z. B. Formularbearbeitung,
Datenübertragung)
• Systemvielfalt: Nutzung verschiedener Fachverfahren und Softwarelösungen,
die EMMA applikationsübergreifend bedienen
kann
• Fachkräftemangel: Prozesse, die aktuell personell nicht effizient
abgedeckt werden können
Fallbeispiel:
Digitalisierung in der Abfallwirtschaft
Ein spannendes Einsatzfeld für EMMA ist z.B. die Abfallentsorgung
und das Recycling – ein Bereich, der trotz hoher regulatorischer
Anforderungen noch stark papierbasiert arbeitet. Zwischen Entsorgungsunternehmen,
Behörden und Recyclingbetrieben werden
täglich tausende Formulare, Nachweise und Dokumente manuell erstellt,
64 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
geprüft und übermittelt. Gleichzeitig steht die Branche aktuell unter
enormen Kostendruck.
Die Herausforderung
Die Gewerbeabfallverordnung (GewAbfV) schreibt eine lückenlose
Dokumentation und elektronische Nachweisführung vor.
Dennoch werden viele Prozesse noch per Hand erledigt: Excel-Tabellen,
PDF-Formulare, E-Mail-Anhänge und Faxe bilden einen
digitalen Flickenteppich, der Zeit kostet und Fehlerquellen birgt.
Die Lösung mit EMMA
Entsorger und Recycler könnten EMMA für die Automatisierung
des gesamten Nachweisprozesses nutzen:
Fazit: Vom „Ob“ zum „Wie“ der Digitalisierung
EMMA zeigt eindrucksvoll, wie Digitalisierung in der Verwaltung
sofort umsetzbar ist. Statt auf externe IT-Teams zu warten,
können Fachbereiche selbst aktiv werden. Die KI ist dabei nicht
Ersatz, sondern Ermöglicher – sie schafft Freiräume für menschliche
Stärken wie Empathie, Kreativität und strategische Entscheidungen.
Gerade in komplexen, stark regulierten Bereichen wie der
Abfallwirtschaft wird deutlich: Digitalisierung ist kein Selbstzweck,
sondern ein Werkzeug für Effizienz, Nachhaltigkeit und Souveränität.
Und EMMA ist ein Beweis, dass die Zukunft der Verwaltung
bereits begonnen hat.
• Eingehende Auftragsdaten aus E-Mails oder Formularen
einlesen,
• die gesetzlich vorgeschriebenen Nachweise automatisch
ausfüllen,
• die Daten in das Fachverfahren übertragen, ohne dass Schnittstellen
programmiert werden müssen, und
• alle Schritte revisionssicher archivieren und Entscheidung
dokumentieren.
Das Ergebnis: Papierlose Workflows, minimierter Aufwand,
maximale Transparenz und mehr Zeit für das Wesentliche – und
das alles bei voller Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben.
Autoren
Michael Wilczynska
Gründer & CEO Wianco OTT Robotics, www.wianco.com
Dr. Moritz Gomm
Entsorger Circle. www.enstorger-circle.org
Kleine Kniffe
65
Cloud Nutzung
Das Epizentrum der Daten:
Zwischen Goldrausch und Kollaps in Frankfurt
Frankfurt am Main, das unbestrittene digitale Herz Kontinentaleuropas, steht an einem kritischen
Wendepunkt. Angetrieben durch den DE-CIX, einen der weltweit größten Internetknotenpunkte, hat
die Region einen beispiellosen Rechenzentrumsboom erlebt, der Deutschland zu einem führenden
Digitalstandort macht. Doch dieser Erfolg hat eine Kehrseite: Die massive Konzentration von
Infrastruktur droht, die ökologischen, sozialen und infrastrukturellen Kapazitäten der Stadt zu
sprengen. Ich habe mich gefragt, welche Folgen das für die Arbeit eines Chief Technology, Procurement
oder Sustainability Officer hat. Meine Erkenntnis: das bloße Beobachten dieser Entwicklung ist keine
Option mehr; es ist eine dringende Aufforderung, die IT-Beschaffungs- und Infrastrukturstrategien neu
zu bewerten und zukunftssicher zu machen.
Ein Bericht von Thomas Heine
Die Konzentration des Internetverkehrs in Frankfurt hat einen
beispiellosen Boom in der Entwicklung von Rechenzentren ausgelöst,
der erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, aber
auch bedeutende soziale und ökologische Herausforderungen.
Wirtschaftlich trägt die Rechenzentrumsbranche Milliarden
zum nationalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, zieht beträchtliche
Investitionen an und schafft eine große Anzahl von Arbeitsplätzen,
wodurch Deutschlands digitale Souveränität gestärkt wird.
Diese rasante Expansion übt jedoch enormen Druck auf die
Stadtentwicklung aus, was zu Flächenknappheit, steigenden
Grundstückspreisen und einer Belastung kritischer Infrastrukturen
wie dem Stromnetz und der Wasserversorgung führt. Frankfurts
strategische Antwort umfasst Clusterpläne und neue Leitlinien zur
nachhaltigen Steuerung des Wachstums.
Der unaufhaltsame Aufstieg
und seine wirtschaftliche Macht
Die schiere Dichte der digitalen Infrastruktur in Frankfurt ist
beeindruckend. Mit über 65 Rechenzentren auf einer Fläche von
rund 60 Hektar und einer operativen IT-Last von 745 MW ist
die Stadt der zweitgrößte Rechenzentrumsmarkt Europas. Dieses
Ökosystem ist ein enormer Wirtschaftsmotor. Der deutsche
Rechenzentrumsmarkt trägt mit rund 10,4 Milliarden Euro jährlich
zum Bruttoinlandsprodukt bei – eine Zahl, die sich bis 2029 auf 23
Milliarden Euro mehr als verdoppeln soll.
Diese Investitionen sichern nicht nur Zehntausende Arbeitsplätze,
sondern sind auch ein Fundament für Deutschlands digitale
Souveränität, indem sie kritische Daten im Geltungsbereich strenger
Datenschutzgesetze wie der DSGVO halten. Angetrieben wird dieses
Wachstum durch die unaufhaltsame Nachfrage nach Cloud Computing,
Colocation-Diensten und zunehmend durch energieintensive
Anwendungen wie Künstliche Intelligenz (KI) und High-Performance
Computing (HPC).
Die Schattenseiten des Booms:
An den Belastungsgrenzen
Der Erfolg hat jedoch einen hohen Preis und stößt an physische
Grenzen. Die größte Herausforderung ist die Energieversorgung.
Frankfurts Rechenzentren verbrauchen bereits heute einen
signifikanten Teil des Stroms der Stadt, und das lokale Stromnetz
ist bis mindestens 2030 an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. Neue
oder erweiterte Kapazitäten sind daher mit langen Wartezeiten verbunden.
Diese Engpässe stellen ein strategisches Risiko dar, nicht
66 Kleine Kniffe
Foto: depositphotos
nur für einzelne Unternehmen, sondern für die gesamte digitale
Infrastruktur.
Gleichzeitig tobt ein intensiver Wettbewerb um geeignete
Flächen. Rechenzentren sind “stark bodenpreiswirksam” und verdrängen
traditionelle Handwerks- und Industriebetriebe, die mit den
aufgerufenen Preisen nicht mithalten können. Dies führt zu einer
Versiegelung von über 70 fußballfeldgroßen Flächen und heizt
durch den “Urban Heat Island”-Effekt das städtische Mikroklima
zusätzlich auf.
Auch der Wasserverbrauch ist alarmierend. Ein einziges Rechenzentrum
kann während einer Dürreperiode bis zu 20.000 Liter
Grundwasser pro Stunde verbrauchen, was den Grundwasserspiegel
absinken lässt und zu Nutzungskonflikten mit der Trinkwasserversorgung
führt.
Diese ökologischen Belastungen schüren soziale Spannungen.
Bürgerinitiativen wie “Wir wohnen hier” in Seckbach protestieren
gegen Lärmemissionen durch Kühlanlagen, umweltschädliche
Immissionen und die massive Bebauung, die das Stadtbild beeinträchtigt.
Hinzu kommt, dass Rechenzentren im Verhältnis zu ihrem
enormen Flächen- und Ressourcenverbrauch nur wenige lokale
Arbeitsplätze schaffen und aufgrund ihrer Struktur kaum Gewerbesteuer
zahlen.
Regulatorischer Druck:
Die neuen Spielregeln für Ihre Beschaffung
Als Reaktion auf diese Missstände haben Politik und Verwaltung
begonnen, die Zügel anzuziehen. Für Unternehmen sind vor allem
zwei Entwicklungen von strategischer Bedeutung.
Erstens zwingt das bundesweit geltende Energieeffizienzgesetz
(EnEfG) die Betreiber zu mehr Nachhaltigkeit. Es schreibt verbindliche
Effizienzziele, den Übergang zu erneuerbaren Energien und
vor allem einen Mindestanteil an wiederverwendeter Energie vor.
Die Nutzung von Abwärme, die früher als Abfallprodukt galt, wird
damit zur gesetzlichen Pflicht und zu einem entscheidenden Kriterium
für die Standort- und Anbieterauswahl.
Zweitens hat die Stadt Frankfurt selbst mit einem “Clusterplan”
reagiert, der die Ansiedlung neuer Rechenzentren auf bestimmte
Eignungsgebiete wie Sossenheim oder Fechenheim beschränkt.
Während dies eine unkontrollierte Ausbreitung verhindern soll,
kritisieren Branchenverbände, dass dies die Flächen künstlich
verknappt und die globale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Für
Unternehmen bedeutet dies, dass die Standortwahl in Frankfurt
immer restriktiver und komplexer wird.
Kleine Kniffe
67
Foto: depositphotos
Strategische
Handlungsoptionen für das Management
Diese neue Realität erfordert ein proaktives Umdenken in der
IT-Strategie.
Als CTO müssen Sie die geografische Konzentration Ihrer
IT-Ressourcen kritisch hinterfragen. Die hohe Dichte in Frankfurt
birgt ein erhebliches Ausfallrisiko.
Eine Strategie der Dezentralisierung und geografischen Redundanz
ist daher ratsam. Die Branche weicht bereits in Sekundärmärkte
wie Berlin oder das Rheinland aus, die in die Standortstrategie einbezogen
werden sollten, um Verfügbarkeit und Skalierbarkeit zu
sichern. Gleichzeitig müssen Sie die technologischen Anforderungen
der Zukunft antizipieren. Der Siegeszug von KI und HPC erfordert
eine Infrastruktur mit extrem hoher Leistungsdichte, bei der traditionelle
Luftkühlung an ihre Grenzen stößt. Die Implementierung
von Flüssigkeitskühlung wird daher zu einem entscheidenden technologischen
Paradigmenwechsel, den Sie bei der Hardware- und
Dienstanbieterauswahl berücksichtigen müssen.
Als CPO müssen Sie Ihre Beschaffungskriterien fundamental
anpassen. Die Einhaltung des EnEfG ist nicht mehr nur ein Bonus,
sondern eine harte Anforderung. Verlangen Sie von potenziellen
Colocation-Anbietern transparente und belastbare Konzepte
zur Abwärmenutzung. Bevorzugen Sie Partner, die langfristige
Stromabnahmeverträge (PPAs) für erneuerbare Energien nachweisen
können, um nicht nur Compliance, sondern auch Ihre
ESG-Ziele zu erfüllen.
Ihre Analyse der Total Cost of Ownership (TCO) muss die
steigenden und volatilen Energiekosten in Deutschland sowie
potenzielle Risiken durch verschärfte Umweltauflagen explizit
einkalkulieren.
Für Sie als CSO wird die Auswahl des Rechenzentrumspartners
zu einem zentralen Hebel zur
Erreichung Ihrer Nachhaltigkeitsziele. Die Zusammenarbeit mit
Anbietern, die Abwärme in lokale Wärmenetze einspeisen, verwandelt
einen ökologischen Fußabdruck in einen positiven Beitrag für
die Gemeinschaft und stärkt die “soziale Akzeptanz” Ihrer digitalen
Infrastruktur.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Rechenzentrumsmarkt
in Frankfurt erwachsen wird. Die Ära des ungebremsten
Wachstums weicht einer Phase, die von physischen Grenzen und
regulatorischer Vernunft geprägt ist. Für weitsichtige Unternehmen
ist dies kein Hindernis, sondern eine Chance, durch kluge strategische
Entscheidungen eine widerstandsfähigere, kosteneffizientere
und vor allem nachhaltigere digitale Grundlage für die Zukunft zu
schaffen.
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
68 Kleine Kniffe
Digitalisierung der Verwaltung
App-Nutzung im Berufsalltag -
wie sicher sind die Daten?
Laut einer aktuellen Umfrage, greifen 70% der Angestellten auf frei verfügbare Tools aus dem
Internet, wenn es In House keine Lösungen gibt. Viele Mitarbeiter nutzen dabei OneNote, Apple
Notizen, Evernote oder Goodnotes, obwohl diese in vielen Unternehmen gar nicht freigegeben sind.
Ein Bericht von Florian Steinmetz, Brewcode
Notiz-Apps gehören zu den stillen Helfern des digitalen Alltags.
Sie speichern Gedankenblitze, berufliche Aufgaben, private
Erinnerungen oder vertrauliche Projektdaten. Was viele jedoch
übersehen: Diese digitalen Notizbücher sind häufig ein Datenschutzrisiko.
Kaum eine App kommt ohne Cloud-Anbindung aus – und
genau dort beginnt das Problem.
Viele Anbieter versprechen Synchronisierung über mehrere
Geräte hinweg, schnellen Zugriff und bequeme Backups. Doch in
der Praxis bedeutet das oft: persönliche Daten landen auf Servern,
deren Standort und Sicherheitsniveau Nutzerinnen und Nutzer nicht
kennen. Besonders kritisch wird es, wenn diese Server außerhalb der
EU stehen. Dort gelten weder die DSGVO noch europäische Standards
für Datensicherheit. Im schlimmsten Fall können Dritte auf
gespeicherte Inhalte zugreifen – sei es durch technische Schwachstellen,
undurchsichtige Datenschutzrichtlinien oder sogar staatliche
Zugriffe in anderen Ländern.
Ein weiteres Problem ist die Datensammlung vieler Apps.
Neben den eigentlichen Notizen werden häufig Metadaten gespeichert:
wann, wo und wie oft die App genutzt wird, auf welchen
Geräten, mit welchen Kontakten verknüpft. Diese Daten sind für
Werbenetzwerke Gold wert – für die Nutzer jedoch ein Verlust an
Privatsphäre. Hinzu kommt, dass manche Apps Inhalte zur „Verbesserung
der Dienste“ automatisch analysieren. Wer beispielsweise
berufliche Notizen, Kundendaten oder interne Strategiepunkte speichert,
gibt unbewusst vertrauliche Informationen preis.
Für Unternehmen, Verwaltungen oder Freiberufler kann das
schnell zu einem Compliance-Risiko werden. Denn sobald personenbezogene
oder geschäftskritische Daten unverschlüsselt oder
außerhalb des europäischen Rechtsraums verarbeitet werden,
drohen Datenschutzverstöße – mit möglichen Bußgeldern und Reputationsschäden.
Nutzerinnen und Nutzer können sich schützen, indem sie
bewusst auf die Herkunft und Transparenz einer App achten.
Entscheidend ist, wo die Server stehen und ob die App Daten an
Dritte weitergibt. Doch genau diese Informationen sind oft schwer
zu finden oder in komplizierten Datenschutztexten versteckt.
Während andere Plattformen Nutzerdaten analysieren, gibt es
auch Anbieter, wie zB BrewMemo aus Kempten im Allgäu, das konsequent
einen anderen Weg gehen: Alle Daten gehören dem Nutzer.
Ohne Ausnahme.
Alle Notizen werden in eigener Hoheit gespeichert – nur der
Nutzer hat Zugriff, niemand sonst. Auf Wunsch, wird vollständig
auf Tracking, Analytics-Tools oder Cloud-Dienste von Drittanbietern
(Deaktivierbares Monitoring) verzichtet.
Alle Daten liegen entweder auf dem eigenen Gerät (offline), auf
der eigenen Nextcloud oder – wenn man möchte – auf einer bereitgestellten
Nextcloud.
Dank der nahtlosen Nextcloud-Synchronisation wird die Kontrolle
über die eigenen Daten behalten und man kann die Notizen
bequem auf allen Geräten verwalten – sicher, transparent und
DSGVO-konform.
Das Thema Datensicherheit bei Apps verdeutlicht, dass digitale
Bequemlichkeit ihren Preis hat – und dass dieser Preis oft die eigene
Privatsphäre ist. Wer Notizen speichert, sollte sich bewusst machen,
dass Daten das wertvollste Gut der digitalen Wirtschaft sind. Es gilt:
Vertrauen ist gut, Überprüfung des Anbieters ist besser.
Autor
Florian Steinmetz, Brewcode
Senior Project Manager
Nachhaltige Soziale
Marktwirtschaft
Bertelsmann Stiftung
Kleine Kniffe
69
Cloud Nutzung
Cloud – während wir diskutieren,
nimmt die Cloud-Nutzung immer weiter zu
Noch immer ist der Wissensstand über „Cloud“ stark heterogen und von einigen Vorbehalten
geprägt. Risiken stehen im Vordergrund, Chancen werden noch zu wenig betrachtet. Dabei ist
„Cloud“ mehr als eine Technologie oder ein anderes, großes leistungsfähiges Rechenzentrum.
Ein Beitrag von Harald Joos
Die Nutzung der „Cloud“ geht mit Veränderungen einher:
Änderungen im Rechenzentrumsbetrieb, beim Betriebsmodell,
bei der Softwareentwicklung, der Abrechnung, den Fachabteilungen,
bei den klassischen Geschäftsmodellen und vielem mehr. Die
Cloud-Nutzung wird zu Veränderungen führen, damit steigt die
„gefühlte“ Unsicherheit.
Gleichzeitig wissen wir, dass wir uns verändern müssen, denn
Anforderungen und Herausforderungen nehmen stetig zu und
können mit den Lösungen der Vergangenheit nicht mehr bewältigt
werden. Rund ein Drittel der Beschäftigten wird bis Ende
dieses Jahrzehnts altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden,
Anforderungen an Informationssicherheit und Compliance steigen,
Cyberangriffe nehmen zu, Schwachstellen müssen immer
schneller gepatcht werden, der technologische Wandel gewinnt
weiter an Geschwindigkeit, Fachpersonal fehlt. Wichtig ist es
weniger Schwarz-Weiß-Diskussionen zu führen, sondern sich mit
den Vor- und Nachteilen der Cloudnutzung aus unterschiedlichen
Blickwinkeln auseinanderzusetzen, um dann unter Berücksichtigung
der jeweiligen Rahmenbedingung die Entscheidung zu treffen, die
am besten passt und diese gut zu erklären und zu kommunizieren.
Die „Cloud“ als Fundament und Plattform ist Enabler und einer der
wesentlichen Treiber bei der Digitalisierung.
Einfache Bezugswege für Cloud-Angebote bilden bei der
Cloud-Nutzung eine wichtige Voraussetzung. Im Jahr 2024 wurden
mehrere große „Cloud-Broker-Ausschreibungen“ in der Öffentlichen
Verwaltung durchgeführt. Ziel dieser Ausschreibungen war es
nicht einzelne Cloud-Anbieter und deren Lösungen auszuschreiben,
sondern mehrere Anbieter nutzen zu können. Insbesondere sollten
neben den US-Angeboten auch deutsche und europäische Angebote
vertreten sein. Mit der gemeinsamen Cloud-Broker-Ausschreibung
der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung
und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung können nun
in der Sozialversicherung die Angebote der deutschen Cloud-Anbieter
STACKIT und IONOS, des französischen Cloud-Anbieters
OVH und des polnischen Cloud-Anbieters CloudFerro neben den
US-Angeboten genutzt werden.
Dies ist wichtig, um eine zu starke Abhängigkeit von
US-Anbietern zu reduzieren, denn der Marktanteil der drei US-Hyperscaler
beträgt rund zwei Drittel des Weltmarkts. Eine Vielzahl
von SaaS-Lösungen (Software as a Service) laufen zurzeit vorrangig
auf den Plattformen der US-Hyperscaler. Dank der hohen Umsätze
und Erlöse können diese immer mehr in neue Lösungen investieren
als auch milliardenschwere Akquisitionen tätigen. Durch die Vielzahl
der innovativen Lösungen kommen die Kunden auf der einen
Seite schneller voran, auf der anderen Seite binden die Kunden sich
gleichzeitig stark an ein Ökosystem, einen Hersteller. Abhängigkeiten
und Risiken eines Vendor-Lock-ins nehmen zu.
Hinzu kommen (geo-)politische Rahmenbedingungen, die
zunehmend an Bedeutung gewinnen. Können unsere Daten bei
einem US-Anbieter ausreichend vor einem fremden Zugriff, z.B.
durch die US-Regierung, geschützt werden? Digitale Souveränität,
DSGVO, EU-Angemessenheitsbeschluss, CLOUD-Act, FISA 702,
Konzernstrukturen, Executive Order sind dabei einige der Begriffe,
denen man in diesem Kontext häufig begegnet. Es würde den
Rahmen sprengen, an dieser Stelle ausführlich darauf einzugehen.
70 Kleine Kniffe
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Festzuhalten bleibt: Die Nutzung der Public-Cloud Angebote der
US-Hyperscaler ist mit Risiken verbunden, die es zu bewerten gilt.
Die US-Firmen haben dies erkannt und reagieren darauf mit „souveränen“
Angeboten, wie der „AWS European Sovereign Cloud“, der
„Google Distributed Cloud“ und der „Delos Cloud - für die Lösungen
der Firma Microsoft“. Damit sollen einige der Risiken der Public
Cloud mitigiert werden.
Der starke Fokus auf die US-Angebote verstellt mitunter etwas
den Blick darauf, dass es bereits heute eine Vielzahl leistungsfähiger
Cloud-Angebote aus Deutschland und Europa gibt. KI-Angebote
kommen hinzu. Cloud in Verbindung mit KI, vorrangig die KI-Modelle,
die als open source Lösung zur Verfügung stehen, bietet
Chancen für die europäischen Anbieter im Wettbewerb mit den
großen US-Anbietern. Obligatorisch sollte im Rahmen einer
Cloud-Nutzungstrategie auch mindestens ein deutsches,europäisches
Angebot vertreten sein.
Der Markt ist groß genug für mehrere Angebote. Es liegt an uns,
die deutschen und europäischen Alternativen bereits heute mehr zu
nutzen. Wichtig für Europa ist es, dass wir über marktstarke Alternativen
verfügen. Dazu bedarf es eines sichtbaren Marktanteils. Auch
die US-amerikanischen Angebote werden weiter genutzt werden.
Wir sollten sie nutzen können, aber nicht in eine Situation kommen,
in der wir sie nutzen müssen. Um für den jeweiligen Use Case die
beste Lösung anzuwenden, sollten mehrere „Clouds“ genutzt werden
können, in und außerhalb des eigenen Rechenzentrums, es bedarf
einer Multi-Cloud-Strategie. Deutsche und Europäische Angebote
sollten dabei fester Bestandteil einer Multi-Cloud-Strategie sein.
Der Autor
Harald Joos ist seit April 2023 „Cloud Beauftragter der Deutschen
Rentenversicherung Bund“. Er kümmert er sich um die
Nutzbarmachung von Public-Cloud-Angeboten für die öffentliche
Verwaltung und leitet das Projekt „Cloud-Reallabor – sichere Verarbeitung
in der Cloud“ auf dem GovTech Campus. Von Februar
2021 bis Januar 2023 war er IT-Beauftragter der Bundesfinanzverwaltung
und Leiter der Abteilung VI „Informationstechnik“ im
Bundesministerium der Finanzen und zuvor Chief Information
Officer (CIO) der Deutschen Rentenversicherung Bund.
Autor
Harald Joos
Cloudbeauftragter der Deutschen
Rentenversicherung Bund
Kleine Kniffe
71
Cloud Nutzung
Echte Nachhaltigkeit
bei der Datacenter-Auswahl
Der Markt für Rechenzentren ist in Bewegung – genauso wie der entsprechende Stromverbrauch.
Herkömmliche Kennzahlen für Energieeffizienz werden der Realität aber immer weniger gerecht, weil sie
den grössten Stromfresser in Rechenzentren nicht berücksichtigen: die IT.
Ein Bericht von Babak Falsafi,
Präsident, Swiss Datacenter Efficiency Association (SDEA)
Als Rückgrat unserer digitalen Welt stehen Rechenzentren
an vorderster Front der Diskussion über Energieverbrauch und
ökologische Nachhaltigkeit. Die zunehmende Kontrolle durch
Regierungen weltweit unterstreicht die dringende Notwendigkeit,
sich mit den Auswirkungen dieser Anlagen auf die Umwelt zu
befassen: In Irland, Deutschland, den Niederlanden (Amsterdam)
und Singapur wurden aufgrund von Befürchtungen hinsichtlich des
Energieverbrauchs Vorschriften oder zeitweise Moratorien für den
Bau neuer Rechenzentren erlassen.
Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert in ihrem
aktuellen Bericht “Energy and AI”, dass sich der weltweite Stromverbrauch
von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird – von
415 TWh im Jahr 2024 auf rund 945 TWh. Künstliche Intelligenz ist
dabei der wichtigste Treiber dieser Entwicklung.
Warum herkömmliche Effizienz-Kennzahlen
versagen
Eine jährliche Umfrage des Uptime Institut zeigt, dass die
Energieeffizienz von Rechenzentren weltweit in den letzten Jahren
konstant geblieben ist – gemessen an der konventionellen Kennzahl
Power Usage Effectiveness (PUE), die das Verhältnis der insgesamt
in einem Rechenzentrum verbrauchten Energie zur von der IT
genutzten Energie angibt.
Doch der PUE-Wert hat seine Grenzen: Er vernachlässigt
verschiedene Möglichkeiten, wie der gesamte Energiefluss im
Rechenzentrum die Emissionen reduzieren kann, z.B. Abwärmerückgewinnung
und erneuerbare Energien. Doch die wichtigste
Einschränkung des PUE-Wertes ist, dass er bei der Messung der
IT-Effizienz nicht aussagekräftig ist.
Ironischerweise können ineffiziente Server den PUE-Wert
erstaunlich niedrig erscheinen lassen. Dies liegt daran, dass sich
der PUE-Wert verbessert, je mehr Energie von den IT-Geräten
verbraucht wird. Dies schafft einen Anreiz, überschüssige IT-
Ressourcen bereitzustellen, um die PUE-Werte künstlich zu verbessern.
Der PUE-Wert gibt keine Auskunft darüber, ob die Server zu 5 Prozent
oder 50 Prozent ausgelastet sind.
Wohin entwickelt sich die IT?
Die technologischen Vorhersagen für den Stromverbrauch in
der IT deuten aus drei Gründen auf ein starkes Wachstum hin.
• Erstens profitierten Silizium-Fertigungstechnologien vier
Jahrzehnte lang von einer Verdoppelung der Chipdichte
alle zwei Jahre (das sogenannte Mooresche Gesetz) – doch die
Fortschritte bei der Siliziumdichte kommen an physikalische
Grenzen.
• Zweitens ist die Nachfrage nach Rechenleistung aufgrund des
rasanten Wachstums der künstlichen Intelligenz (KI) dramatisch
angestiegen.
• Und drittens steigt die Thermal Design Power (TDP) rasant
an, also die maximale Wärmeabgabe in Watt von Server-CPUs
. Die TDP von CPUs ist seit den 2000er-Jahren von einem einstelligen
Wert auf etwa 100 W angestiegen und stabilisierte
sich dann dank energieeffizienter Designs für etwa zehn
Jahre. Da die Effizienz- und Dichtegewinne immer kleiner
werden, steigen die TDPs bei den neuesten CPUs jedoch rapide
an. Grafikprozessoren (GPUs), die die Grundlage für KI bilden,
weisen dramatisch höhere TDP-Werte auf: Der Nvidia A100
braucht 300 W, das H100 und H200 bereits 700 W, und die
neuesten B200-Modelle sollen sogar bis zu 1000 W erreichen.
Die richtigen Messgrössen für die IT
Angesichts dieser Wachstumsprognosen sind neue Kennzahlen
und Methoden zur Bewertung der Energieeffizienz und der Emissionen
in Rechenzentren erforderlich. Diese Kennzahlen müssen
72 Kleine Kniffe
Grafik: SDEA
nicht nur die Wiederverwertung von Wärme und den Einsatz
erneuerbarer Energien in der Gebäudeinfrastruktur berücksichtigen,
sondern auch die Effizienz verschiedener Komponenten der
IT-Ausrüstung.
Die Auslastung der Workloads bietet beispielsweise einen
differenzierteren Einblick in die Effizienz der Nutzung von Computerressourcen.
Ein Server, der die meiste Zeit nur zu 10 Prozent
ausgelastet ist, stellt nicht nur eine ungenutzte Ressource dar,
sondern auch eine eklatante Ineffizienz, die direkt zu Energieverschwendung
und höheren Betriebskosten führt.
Zentral ist auch die technologische Qualität. Betreiber sollten
sich bei der Auswahl von Technologien auf die modernsten und
effizientesten Optionen konzentrieren. Zum Beispiel kann die
Entscheidung für Flash-Speicher anstelle von Festplattenlaufwerken
den Stromverbrauch und den Kühlungsbedarf drastisch reduzieren.
Ebenso steigert die Wahl von Glasfaserkabeln anstelle von
Kupferkabeln für Netzwerke nicht nur die Geschwindigkeit, sondern
minimiert auch den Stromverbrauch.
Checkliste für die Datacenter-Auswahl
Nachhaltige Infrastruktur
• PUE-Wert: Als Grundorientierung verlangen, aber nie
isoliert betrachten
• Abwärmerückgewinnung: Wird Abwärme genutzt oder
ins Fernwärmenetz eingespeist?
• Wasserverbrauch: Besonders kritisch in Regionen mit
Wasserstress – hoher Wasserverbrauch in wasserarmen
Gebieten ist nicht nachhaltig
Nachhaltige IT
• Auslastung: Durchschnittliche Auslastung von Servern,
Speicher und Netzwerk erfragen
• Technologie-Standards: Flash-Speicher, Glasfaser-
Verkabelung, moderne PDUs
• Monitoring: Regelmässige IT-Effizienz-Reports und
kontinuierliche Überwachung verfügbar?
Transparenz und Zertifizierung
• Messbarkeit: Welche Kennzahlen werden wie gemessen
und verifiziert?
• CO 2
-Bilanzierung: Berechnung der betrieblichen
Emissionen basierend auf den Energiequellen
• Zertifizierungen: Labels wie SDEA, die sowohl DCals
auch IT-Effizienz quantitativ bewerten
Nachhaltigkeit in Rechenzentren hat branchenweit Priorität.
Die Angabe von Effizienzkennzahlen ist jedoch nach wie vor weitgehend
freiwillig, wobei die meisten Kennzahlen auf Selbstdeklaration
basieren – und nicht auf verifizierten Daten.
Verlangen Sie messbare IT-Effizienz, ganzheitliche Energiebetrachtung
und verifizierte Zertifizierungen wie das SDEA-Label
– nur so unterstützen Sie wirklich nachhaltige Digitalisierung.
Autor
Babak Falsafi,
Präsident, Swiss Datacenter
Efficiency Association (SDEA)
Kleine Kniffe
73
Digitalisierung der Verwaltung
Digitaler Aufbruch: Wie CIOs die Transformation
der Verwaltung zum Erfolg führen können
Deutschland steht an einer Schwelle: Zwischen digitalem Anspruch und analoger Wirklichkeit.
Jahrzehntelang hat sich die öffentliche Verwaltung mit Pilotprojekten, Modellregionen und
Leuchttürmen beholfen. Doch das Licht dieser Projekte reicht nicht mehr aus, um die Dunkelzonen
einer föderal zersplitterten IT-Landschaft zu erhellen. Wer heute als Chief Information Officer
(CIO) in einer Behörde Verantwortung trägt, muss den Wandel nicht nur technisch, sondern auch
kulturell führen – und das mit Blick auf Nachhaltigkeit, Sicherheit und Souveränität.
Ein Beitrag von Thomas Heine
Die Bilanz: Halb digital, halb analog
575 digitale Verwaltungsleistungen sollten laut Onlinezugangsgesetz
(OZG) bis Ende 2022 bundesweit online sein. Anfang 2025
waren es 196 – ein ernüchterndes Ergebnis. Zwar hat der Bund seine
priorisierten Aufgaben erfüllt, doch auf Länder- und Kommunalebene
herrscht Stillstand. Medienbrüche, PDF-Formulare und manuelle
Übertragungen prägen vielerorts den Alltag.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland beim E-Government
im unteren Drittel. Malta führt mit 97 Punkten das Ranking an,
Deutschland kommt auf 66 – weit unter EU-Durchschnitt. Hamburg,
der digitale Spitzenreiter unter den Ländern, bräuchte noch über
vier Jahre bis zur vollständigen Umsetzung, Hessen oder Sachsen
gar fünfzehn.
Die Bürgerinnen und Bürger spüren das: Über die Hälfte hat
digitale Verwaltungsleistungen schon einmal genutzt, viele waren
jedoch enttäuscht. Die Erfahrung ist nicht reibungslos, oft fragmentiert,
selten benutzerfreundlich.
Technisches Erbe
und organisatorische Trägheit
Die eigentliche Hypothek liegt in den Altlasten. Rund 72 Prozent
der öffentlichen Organisationen arbeiten noch mit sogenannten
Legacy-Systemen – in vielen Fällen sind sie geschäftskritisch. Wartung,
Sicherheit und Anpassung werden teuer. Fachkräfte, die alte
Programmiersprachen wie COBOL beherrschen, gehen in den
Ruhestand, ohne dass Nachfolger in Sicht sind.
Doch das Problem ist nicht allein technischer Natur. Auch die
föderale IT-Landschaft wirkt wie ein Puzzle aus inkompatiblen
Teilen. Unterschiedliche Fachverfahren, Insellösungen und fehlende
Schnittstellen verhindern eine durchgängige Digitalisierung. Das
OZG-Änderungsgesetz von 2024 will hier gegensteuern: Es definiert
verbindliche Standards und gemeinsame Basiskomponenten. Was
lange fehlte, ist ein verbindlicher Rahmen. Der IT-Planungsrat hat
im November 2024 eine OZG-Rahmenarchitektur beschlossen – sie
bietet erstmals eine technische Landkarte für die föderale Verwaltung.
Ob daraus ein gemeinsamer Kurs wird, hängt nun vom Willen
der Akteure ab.
Föderalismus:
Stärke oder Schwäche?
Der Föderalismus ist Fundament und Fessel zugleich. Lokale
Anpassung ist ein hohes Gut, aber sie hat ihren Preis: Wenn jedes
Land eigene Lösungen entwickelt, bleibt der Fortschritt Stückwerk.
Die FITKO (Föderale IT-Kooperation) versucht, diese Vielfalt zu
koordinieren – doch Abstimmung ersetzt kein gemeinsames Zielbild.
Für CIOs bedeutet das: zwischen föderalen Zuständigkeiten navigieren,
Förderlogiken verstehen, Projekte priorisieren. Geld ist da,
aber oft schwer abrufbar. Das Jährlichkeitsprinzip im Haushaltsrecht
erschwert langfristige Digitalisierungsprogramme. Der politische
Wille allein reicht nicht. Ohne administrative Reformen bleibt die
Digitalstrategie Theorie.
Menschen machen die Transformation –
oder verhindern sie
Die digitale Verwaltung wird nicht am Code scheitern, sondern
am Menschen. Schon heute fehlen rund 39.000 IT-Fachkräfte in
Bund, Ländern und Kommunen. Bis 2030 könnten es 140.000 sein.
74 Kleine Kniffe
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Hinzu kommt: Die öffentlichen Arbeitgeber verlieren im Wettbewerb
mit der Privatwirtschaft. Lange Bewerbungsverfahren,
starre Vergütungsstrukturen und wenig Flexibilität schrecken ab.
Wer sich als CIO im öffentlichen Sektor behaupten will, muss neue
Wege gehen – etwa mit agilen Teams, Homeoffice-Regelungen und
gezielten Weiterbildungsprogrammen.
Doch auch jenseits des Fachkräftemangels ist Kompetenz
gefragt. Viele Verwaltungsmitarbeitende fühlen sich im digitalen
Alltag überfordert. IT-Ausfälle, Systemabbrüche und komplizierte
Softwarelösungen untergraben die Motivation. Digitalisierung darf
nicht nur für Bürgerinnen und Bürger, sondern auch für Mitarbeitende
funktionieren.
Sicherheit
als Fundament der digitalen Souveränität
Mit zunehmender Vernetzung steigt das Risiko. Cyberangriffe
auf Verwaltungen gehören längst zum Alltag. Die Attacke auf die
Kreisverwaltung Anhalt-Bitterfeld 2021 war ein Wendepunkt: Erstmals
wurde der Katastrophenfall ausgerufen, weil Server lahmgelegt
waren.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)
registriert seither einen klaren Trend – mehr Angriffe, professioneller
ausgeführt, mit wachsender Schadenshöhe. Nur 43 Prozent
der Behörden bezeichnen ihre IT-Systeme als modern, viele arbeiten
auf veralteter Infrastruktur.
Die EU-weite NIS-2-Richtlinie verschärft die Anforderungen.
Ab 2025 sind Behörden verpflichtet, Vorfälle zu melden, Sicherheitsmanagementsysteme
einzurichten und Risiken systematisch zu
bewerten. Das ist kein bürokratisches Übel, sondern eine überfällige
Selbstverpflichtung. Cybersicherheit ist kein Zusatzmodul der
Digitalisierung. Sie ist ihre Voraussetzung.
Digitale Souveränität:
Der Weg aus der Abhängigkeit
Ein weiteres Risiko ist weniger sichtbar, aber strategisch brisant:
Abhängigkeit von großen Technologieanbietern. Viele Verwaltungen
sind faktisch an einzelne Plattformen gebunden – eine digitale
Monokultur, die kaum Kontrolle über Datenschutz oder Interoperabilität
lässt.
Deutschland reagiert darauf mit der Strategie zur Stärkung
der digitalen Souveränität. Ihr Kern: mehr Open Source, weniger
Lock-in. Seit 2024 gilt der Grundsatz, dass Open Source Software
bevorzugt eingesetzt werden soll. Plattformen wie „Open CoDE“
schaffen Transparenz über verfügbare Lösungen und fördern
gemeinschaftliche Entwicklung.
Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) unterstützt
Behörden dabei, OSS rechtssicher und wirtschaftlich einzusetzen.
Wer digitale Unabhängigkeit will, muss Alternativen fördern – und
sie nutzen.
Green IT:
Digitalisierung darf nicht klimaschädlich sein
Die nachhaltige Verwaltung ist digital – und umgekehrt. Der
IT-Betrieb verursacht rund ein Viertel des Stromverbrauchs öffentlicher
Einrichtungen. Deshalb hat der IT-Planungsrat bereits 2022 eine
Green-IT-Strategie beschlossen: Ziel ist Klimaneutralität bis 2030.
Kleine Kniffe
75
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Das ist ambitioniert, aber machbar. Der Bund hat seinen Energieverbrauch
in der IT seit 2008 halbiert – durch effizientere Rechenzentren,
bessere Serverauslastung und Wärmerückgewinnung. Entscheidend
ist, dass Nachhaltigkeit im gesamten Lebenszyklus gedacht wird: von
der Beschaffung über den Betrieb bis zur Entsorgung.
Digitale Geräte dürfen nicht nach drei Jahren Elektroschrott
werden. Eine kreislauffähige IT, gekoppelt an nachhaltige Beschaffung,
ist kein Nebenschauplatz. Sie entscheidet darüber, ob
Digitalisierung einen ökologischen Fortschritt oder Rückschritt
bedeutet.
Europäische Vorbilder:
Warum Deutschland lernen muss
Estland, Dänemark, Malta – Länder, die zeigen, dass Verwaltung
auch anders kann. Estland etwa hat 99 Prozent seiner Verwaltungsleistungen
digitalisiert. Bürgerinnen und Bürger nutzen eine
einheitliche ID, Behörden kommunizieren über sichere Schnittstellen,
das Once-Only-Prinzip ist gelebte Praxis.
Dänemark wiederum hat früh die Digitalpflicht eingeführt –
nicht als Zwang, sondern als Effizienzversprechen. Und Malta
beweist, dass auch kleine Staaten Großes leisten können, wenn
politischer Wille und technisches Können zusammenkommen.
Deutschland hat andere Voraussetzungen, aber keine Ausreden.
Die Verwaltung braucht Entschlossenheit, Mut zur Standardisierung
und die Bereitschaft, Bestehendes loszulassen.
OZG-Änderungsgesetz, Registermodernisierung, FITKO, GovTech
Campus, Green-IT-Strategie. Doch sie entfalten ihre Wirkung nur,
wenn sie konsequent genutzt werden.
Ein CIO, der Digitalisierung als gesellschaftliche Aufgabe versteht,
wird die Verwaltung von innen heraus verändern. Er oder sie
muss Brücken schlagen – zwischen IT und Fachbereichen, zwischen
Technik und Menschen, zwischen heute und morgen.
Fazit: Die Zeit des Zauderns ist vorbei
Deutschland kann digitale Verwaltung. Es fehlt nicht an Gesetzen,
Programmen oder Strategien – es fehlt an Konsequenz. Die
öffentliche Verwaltung muss sich bewegen, bevor sie von den
Erwartungen der Gesellschaft überrollt wird.
Nachhaltigkeit, Sicherheit und Souveränität sind keine Zusatzmodule,
sondern Leitplanken. Wer sie beachtet, gestaltet nicht nur
effiziente, sondern auch verantwortungsvolle Digitalisierung.
Die Aufgabe ist groß, aber lösbar. Wenn CIOs heute handeln,
gestalten sie mehr als IT-Strukturen – sie gestalten das Rückgrat
eines modernen Staates.
CIOs als Architekten des Wandels
Was folgt daraus für die strategische Führungsebene? CIOs
müssen die Digitalisierung als ganzheitlichen Prozess begreifen.
Es reicht nicht, Software einzuführen oder Prozesse zu automatisieren.
Es geht um Kulturwandel, Kompetenzausbau, Sicherheit,
Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit. Die Werkzeuge liegen bereit:
Das Interview führte
Thomas Heine
Chefredakteur
www.nachhaltige-beschaffung.com
76 Kleine Kniffe
Digitalisierung der Verwaltung
Der unterschätzte Hebel:
Unterstützungsangebote für eine digitale Verwaltung
Digitale Verwaltung entsteht nicht allein durch Projekte, sondern durch ein tragfähiges Netz aus
Koordination, Beratung, Ökosystemen, Sicherheit und Finanzierung. FITKO und IT‐Planungsrat setzen
Richtung und Verbindlichkeit, GovTech‐Initiativen und kommunale IT‐Dienstleister verbinden Innovation
mit Betrieb, BSI und Förderprogramme markieren den Rahmen für sichere Skalierung. Der Überblick ordnet
diese Unterstützungsangebote ein und zeigt, wie sie Interoperabilität stärken, Nachnutzung ermöglichen
und föderale Fragmentierung verringern.
Ein Beitrag von Thomas Heine
FITKO und IT-Planungsrat: Koordination mit
Mandat
Föderale Digitalisierung braucht Takt und Übersicht. Die
Föderale IT-Kooperation bündelt genau das. Sie unterstützt den
IT-Planungsrat bei Entscheidungen und sorgt für deren verbindliche
Ausführung. Chancen und Risiken werden neutral eingeordnet,
Lösungswege klar präsentiert, Zuständigkeiten koordiniert. So
entsteht eine handlungsfähige Mitte zwischen Bund, Ländern und
Kommunen, die Fragmentierung reduziert und Orientierung stiftet.
UPO: OZG-Umsetzung mit Rückenwind
Mit „UPO“ erhält die OZG-Umsetzung ein passgenaues Unterstützungsangebot
für Bundesbehörden. Individuelle Beratung trifft
auf Wissenstransfer, der Praxisfragen adressiert und Erfahrungen
verfügbar macht. Der Fokus liegt auf dem konkreten Fortschritt
von Projekten, nicht auf abstrakten Konzepten. Das entlastet
Linienorganisationen und erhöht die Verlässlichkeit von Zeit- und
Qualitätszielen.
GovTech Campus: Ideen, Projekte, Lernen
Innovationen brauchen Orte, an denen sie entstehen, reifen und
skalieren. Der GovTech Campus Deutschland bündelt die Expertise
für ein funktionsfähiges GovTech-Ökosystem. Digitale Technologien
werden für Staat, Verwaltung und Demokratie zugänglich,
skalierbar und anwendbar gemacht. Drei programmatische Ansätze
strukturieren die Arbeit: Co‐Ideation als Wissensplattform, Co‐Creation
in Innovationsprojekten und Co‐Learning mit Austausch‐ und
Lernformaten. So rücken Wissen, Umsetzung und Kompetenzaufbau
zusammen.
Beratung und kommunale Dienstleister: Nähe
zum Betrieb
Spezialisierte Beratungsunternehmen decken die Strecke von
Strategie bis Umsetzung ab. Genannt werden etwa USU Digital
Consulting, CPC, PD und Sopra Steria. Sie bringen Methoden,
Markteinblick und Umsetzungskraft zusammen. Auf der kommunalen
Ebene stützen IT‐Dienstleister wie IT.NRW, der KDN oder
kommunale Rechenzentren den Alltag. Hier sitzen die Kenntnisse
über örtliche Fachverfahren, Schnittstellen und Betriebsszenarien.
Diese Nähe zum Betrieb macht Vorhaben realistischer und verringert
Reibungsverluste.
BSI und Cybersicherheit:
Schutz als Daueraufgabe
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
ergänzt das Bild mit technischer Tiefe. Sicherheitsprüfungen wie
Pen‐Tests und Web‐Checks, Beratung beim Aufbau von IT‐Infrastrukturen
und die Definition von Mindeststandards etablieren ein
gemeinsames Sicherheitsniveau. Mit der Allianz für Cyber‐Sicherheit
und UP KRITIS entstehen Räume für Austausch und Kooperation.
Wissen über Vorfälle, Abwehrmuster und Prävention zirkuliert
schneller und zielgerichteter.
Finanzierung: Programme als Brücke
Förderprogramme von Bund, Ländern und EU bilden die
finanzielle Brücke zwischen Plan und Umsetzung. Sie schaffen Investitionssicherheit,
wenn neue Lösungen erprobt und skaliert werden
sollen. Projekte erhalten damit Planbarkeit über Haushaltszyklen
hinweg. Das erleichtert es, komplexe Vorhaben strukturiert
aufzusetzen und verlässlich weiterzuführen.
Fazit: Ein Ökosystem, das Skalierung
ermöglicht
Zwischen Koordination, Beratung, Ökosystemen, Sicherheit
und Förderung entsteht ein zusammenhängendes Angebot. Aus
einzelnen Bausteinen wird so eine Infrastruktur, die Digitalisierung
im föderalen Alltag tragfähig macht und Wiederverwendung
wahrscheinlicher werden lässt.
Kleine Kniffe
77
78 Kleine Kniffe