20.11.2025 Aufrufe

Sonderausgabe Digitalisierung der Verwaltung

Die Top-Themen dieser Ausgabe sind. Künstliche Intelligenz im Verwaltungseinsatz, digitale Souveränität, E-Procurement, Open Source, Nachhaltigkeit in Rechenzentren sowie der Rechtsrahmen zur Digitalisierung - und Unterstützungsangebote für Behörden. Unsere Fachautorinnen und Fachautoren aus Wissenschaft, Verwaltung und IT geben tiefe Einblicke, zeigen Best Practices und formulieren konkrete Empfehlungen für die Praxis – über Bundes-, Landes- und kommunale Ebenen hinweg.

Die Top-Themen dieser Ausgabe sind.
Künstliche Intelligenz im Verwaltungseinsatz, digitale Souveränität, E-Procurement, Open Source, Nachhaltigkeit in Rechenzentren sowie der Rechtsrahmen zur Digitalisierung - und Unterstützungsangebote für Behörden.

Unsere Fachautorinnen und Fachautoren aus Wissenschaft, Verwaltung und IT geben tiefe Einblicke, zeigen Best Practices und formulieren konkrete Empfehlungen für die Praxis – über Bundes-, Landes- und kommunale Ebenen hinweg.

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Sonderausgabe

Zukunftsorientierte Digitalisierung

6,80 EURO

Ausgabe November 2025

Künstliche Intelligenz

in der Verwaltung

Interview mit Christina Lang,

CEO Digitalservice

Top-Themen:

Digitale Souveränität, E-Procurement

Nachhaltigkeit in Rechenzentren

Kleine Kniffe

1


2 Kleine Kniffe


Editorial

Die Digitalisierung der Verwaltung ist kein Zukunftsprojekt mehr, sondern tägliche Realität.

In vielen Behörden treffen hoher Anspruch, knappe Ressourcen und wachsende Erwartungen der

Bürger aufeinander. Genau hier setzt diese Sonderausgabe an. Wir wollen Orientierung geben,

ohne zu vereinfachen, und Mut machen, ohne Risiken zu verschweigen. Denn die Frage, wie der

öffentliche Sektor digitale Werkzeuge gestaltet und einsetzt, entscheidet über Leistungsfähigkeit,

Vertrauen und Transparenz staatlichen Handelns.

Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten für Entscheidungen, Abläufe und Servicequalität.

Gleichzeitig wächst der Anspruch, digitale Souveränität zu sichern, Abhängigkeiten

zu reduzieren und technologische Verantwortung zu übernehmen. E-Procurement verändert die

Beschaffungspraxis, automatisiert Prozesse und schafft Raum für strategisches Arbeiten. Open

Source wird mehr und mehr zum Schlüssel einer modernen IT-Architektur, die von Kooperation,

Offenheit und Innovation lebt. Und Nachhaltigkeit in Rechenzentren ist nicht länger ein Randaspekt,

sondern Teil verantwortungsvoller Digitalisierung.

Rechtsrahmen, Standards und Förderprogramme bilden dafür die Grundlage. In diesem Heft

zeigen Fachautorinnen und Fachautoren, welche Regelungen gelten, wo Unterstützung zu finden

ist und welche Lösungen in Deutschland bereits funktionieren. Digitalisierung der Verwaltung ist

machbar, wenn Wissen geteilt, Chancen genutzt und Herausforderungen gemeinsam angegangen

werden. Wir wünschen eine anregende Lektüre und viele Impulse für die eigene Praxis.

Die Magazine erreichen Sie unter dieser Adresse (https://t1p.de/sg8q7), den Podcast unter

dieser Adresse (https://t1p.de/aw09o) und die LinkedIn-Gruppe zum Magazin unter dieser

Adresse (https://t1p.de/pt9nw). Die App „Kleine Kniffe“ bringt Ihnen diese Informationen ab

sopfort auch auf Ihr Smartphone.

Chefredakteur

Kleine Kniffe

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Impressum

Redaktion

SDG media GmbH

Wagenfeldstraße 7a

44141 Dortmund

Kontakt:

redaktion@kleine-kniffe.de

Chefredaktion und V.i.S.d.P:

Thomas Heine

22

Textbeiträge von:

Wilco Burggraaf, Martin Eichenseder, Babak

Falsafi, Dr. Moritz Gomm, Thomas Heine,

Hannah Herbst, Jutta Horstmann, Dr. Larissa

Hütter, Harald Joos, Dr. Athanasios Karafillidis

Prof. Dr. Henning Klaffke, Leonhard Kugler,

Christina Lang, Finnigan Lutz, Patrick Reiß,

Ann Cathrin Riedel, Reiner Petzold, Monika

Schmidt, Dirk Schrödter, André Schwarz, Ivan

Stanisavljevic, Florian Steinmetz, Esther Steverding,

Professor Harald Wehnes, Michael

Wilczynska

Fotos/Grafiken:

Deutsche Bahn AG, DigitalService, Heinlein

Gruppe, Ann Cathrin Riedel, Staatskanzlei.SH,

Esther Steverding, Swiss Datacenter Efficiency

Association, UNITE, zdov GmbH, ZENDIS

15

Internet:

www.nachhaltige-beschaffung.com

Social media:

LinkedIn: https://t1p.de/7xkcw

Twitter: https://t1p.de/z16xt

Facebook: https://t1p.de/fd2fu

Digitale Ausgabe veröffentlicht unter:

https://t1p.de/sg8q7

Herausgeber

SDG media GmbH

Wagenfeldstraße 7a

44141 Dortmund

www.sdg-media.de

kleine kniffe® ist eingetragene Marke

der IMAGO GmbH, Dortmund

06. BÜROKRATIEENTLASTUNG

08. INTERVIEW MIT CHRISTINA LAND

10. RECHTSRAHMEN DER DIGITALISIERUNG

12. WAS DEUTSCHLAND LERNEN KANN

14. DIGITALE SOUVERÄNITÄT SCHLESWIG-HOLSTEINS

18. REDEN IST GOLD - NEXT E.V.

20. DEUTSCHLANDS DIGITALPROJEKTE

22. OPEN SOURCE ALS DIGITALES FUNDAMENT

24. DER GROSSE WINDOWS-SCHWINDEL

28. KRITISCHE INFRASTRUKTUREN UND OPEN SOURCE

30. GREEN IT ALS PFLICHTPROGRAMM

32. INTERVIEW MIT FINNIGAN LUTZ. ZDOV

34. OPEN SOURCE IN DEN NIEDERLANDEN

36. DIGITALER EINKAUF

38. DEKARBONISIERUNG IM IT-EINKAUF

40. MODERNE ÖFFENTLICHE BESCHAFFUNG

4 Kleine Kniffe


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38

29 06

42. NACHHALTIGE IT-BESCHAFFUNG IM KRANKENHAUS

46. NACHHALTIGE IT-BESCHAFFUNG MIT TCO CERTIFIED

48. KI IN DER ÖFFENTLICHEN VERWALTUNG

50. AUF DEM WEG ZU EINER KI-GOVERNANCE

52. KI-KOMPASS FÜR DIE VERWALTUNG

54. ERFOLGSFAKTOR NACHHALTIGE IT-KOMPETENZ

56. NACHHALTIGE KI IST MEHR ALS CO²-BILANZIERUNG

59. KI TRANSFORMIERT DIE BESCHAFFUNG!

60. MULTI-AGENTEN-INFRASTRUKTUR

64. WIE KI DIE VERWALTUNG DIGITALISIERT

66. RECHENZENTREN IN FRANKFURT

69. APP-NUTZUNG IM BERUFSALLTAG

70. CLOUD-NUTZUNG NIMMT IMMER WEITER ZU

72. NACHHALTIGKEIT BEI DER DATACENTER-AUSWAHL

74. WIE CIO`S DIE TRANSFORMATION ZUM ERFOLG FÜHREN

77.UNTERSTÜTZUNG FÜR EINE DIGITALE VERWALTUNG

Kleine Kniffe

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Digitalisierung der Verwaltung

Bürokratieentlastung –

Wie sie auch ohne das Anlegen einer Kettensäge gelingt

Bürokratie ist für einen funktionierenden Staat unverzichtbar. Sie schafft Rechtssicherheit,

Transparenz und klare Abläufe, daher lautet die Frage nicht, „brauchen wir Bürokratie“, sondern

„wie viel Bürokratie brauchen wir - und wie setzen wir diese effizient um?“ Denn ein Zuviel an

Bürokratie führt zu unnötigem Mehraufwand – sowohl für Bürgerinnen und Bürger als auch für

Unternehmen und nicht zuletzt auch für die Verwaltung selbst.

Ein Beitrag von Esther Steverding

Der Nationale Normenkontrollrat schätzt die jährlichen Kosten

allein für die Wirtschaft auf rund 65 Milliarden Euro, das ifo-

Institut kommt auf 146 Milliarden Euro, die aufgrund von Bürokratie

volkswirtschaftlich nicht realisiert werden – eine Summe, die dem

Bruttoinlandsprodukt eines mittelgroßen Bundeslandes entspricht.

Doch auch in den Ämtern, Rathäusern und staatlichen Einrichtungen

vor Ort zeigt sich täglich: Formulare, Medienbrüche und

doppelte Berichtspflichten binden Zeit und Personal, das an anderer

Stelle dringend benötigt wird.

Doch wie kann Bürokratieentlastung in einem demokratischen

Mehrebenensystem gelingen?

Ein Dreiklang an Entlastungen

Wir schlagen drei Hebel für eine strukturelle und nachhaltige

Bürokratieentlastung vor:

• Bürokratie zurückbauen, wo sie zu weit geht

• Bürokratie gar nicht erst entstehen lassen

• Eine serviceorientierte Verwaltung, die das sinnvolle Maß an

Bürokratie effizient umsetzt

Klingt simpel, ist aber ein Kraftakt, denn bürokratische Prozesse

verschwinden nicht einfach. Es bedarf zum einen vieler kleiner, hartnäckiger

Schritte, die gegangen werden müssen, und zum anderen

Veränderungen in alltäglichen Arbeitsabläufen und dem Alltagshandeln.

Bestehende Bürokratie zurückbauen

Für die Verwaltung bedeutet Bürokratieabbau vor allem, eigene

Verfahren kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört die Reduzierung

nationaler Sonderwege, die oft über europäische Vorgaben hinausgehen,

das sogenannte Gold-Plating. Aber auch Vergabe- und

Beschaffungsprozesse sind vielfach zu komplex und uneinheitlich.

Eine stärkere Zentralisierung, standardisierte Verfahren und digitale

Plattformen könnten hier spürbare Erleichterungen bringen

– nicht nur für Bietende, sondern auch für die Mitarbeitenden in den

Beschaffungsstellen.

Zudem sollten Berichtspflichten und Datenübermittlungen

konsequent harmonisiert werden. Zu oft werden von unterschiedlichen

Stellen ähnliche Daten und Informationen angefordert.

Durch regelmäßige Praxischecks können weitere vermeidbare bürokratische

Hürden identifiziert und im Rahmen des nun jährlich zu

verabschiedenden Bürokratieentlastungsgesetzes abgebaut werden.

Bürokratie gar nicht erst entstehen lassen

Ein entscheidender Ansatzpunkt ist der Gesetzgebungsprozess.

Künftig sollte jedes Vorhaben einem Digitalcheck unterzogen

werden: Ist es digital ausführbar? Sind die Begriffe technisch und

semantisch klar definiert? Solche Prüfungen helfen, spätere Umsetzungsprobleme

zu vermeiden.

Darüber hinaus sollten Genehmigungsfiktionen eingeführt

werden. Sie sehen vor, dass nach Ablauf bestimmter Fristen – sofern

alle Unterlagen vorliegen – eine Genehmigung automatisch erteilt

6 Kleine Kniffe


Foto: Esther Steverding

wird bzw. die Genehmigung als gegeben hingenommen wird. Für

die Verwaltung schafft dies klare zeitliche Leitplanken, für Antragstellende

Planungssicherheit.

Auch die Schaffung und aktive Nutzung eines digitalen

Gesetzgebungsportals kann Bürokratie vermeiden: Bereits im Entstehungsprozess

von Gesetzen können Betroffene, ob Bürgerinnen

und Bürger oder Verwaltungsmitarbeitende auf praxisuntaugliche

Reglungen hinweisen, sodass diese im weiteren Gesetzgebungsprozess

beseitigt werden können.

Eine serviceorientierte

Verwaltung Realität werden lassen

Von zentraler Bedeutung für eine Modernisierung ist der

Übergang zu durchgehend digitalen Prozessen. Es braucht u.a. ein

einheitliches Unternehmenskonto als Zugangstor zu allen wirtschaftsbezogenen

Verwaltungsleistungen. Ergänzend sollten digitale

Signaturen und Identitäten breit eingesetzt werden, damit Nachweise

und Urkunden rechtssicher und papierlos (automatisch) bearbeitet

werden können. Übertragen auf den Alltag der Verwaltung bedeutet

das: weniger Medienbrüche, einheitliche Kommunikationswege mit

den Antragstellenden und besser strukturierte Daten.

Ein zentraler Schritt ist zudem die Registermodernisierung.

Wenn staatliche Stellen ihre Daten austauschen können, entfallen

Mehrfacheingaben, Nachfragen und Korrekturen. Das führt auf

beiden Seiten zu mehr Effizienz.

Schließlich sollte die Verwaltung auch proaktiver werden: Statt

auf eingehende Anträge zu reagieren, können Leistungen automatisch

gewährt werden, sobald die Voraussetzungen erfüllt sind oder

Prozesse automatisch auf Verwaltungsseite angestoßen werden. Ein

einfaches Beispiel: Die Verwaltung weiß, wann der Personalausweis

abläuft, warum muss man ihn dennoch selbst beantragen?

Bürokratie soll dem Menschen dienen –

nicht umgekehrt

Bürokratieabbau ist kein Selbstzweck, sondern Standortpolitik

und hilft, die Handlungsfähigkeit zu wahren. Länder, die ihre Verwaltung

modernisieren, ziehen Innovationen und Investitionen an

und stärken das Vertrauen in den Staat.

Denn am Ende geht es nicht darum, das bürokratische Grundprinzip

abzuschaffen. Sondern darum, die Bürokratie so zu gestalten,

dass sie dem Staat, der Gesellschaft und der Wirtschaft dient – und

nicht umgekehrt.

Autorin

Esther Steverding

Bereichsleiterin Public Sector beim Bitkom e.V.

Kleine Kniffe

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Digitalisierung der Verwaltung

Der Servicestandard -

Ein Erfolgsrezept für die digitale Verwaltung

Im Interview spricht Christina Lang, Gründerin und CEO des DigitalService, über fünf Jahre

digitale Verwaltungsmodernisierung. Sie zeigt, wie ihr Team mit Start-up-Spirit, Open-Source-

Prinzipien und partnerschaftlicher Zusammenarbeit nutzerfreundliche Lösungen entwickelt, und

erklärt, warum der Servicestandard für Bund, Länder und Kommunen das Rezept für erfolgreiche

Digitalisierung ist.

Das Interview führte Thomas Heine

Der DigitalService des Bundes feiert seinen fünften

Geburtstag. Was machen Sie und Ihr Team konkret?

Wir entwickeln im Auftrag der Bundesverwaltung nutzerfreundliche

digitale Lösungen und unterstützen die Verwaltung, moderne

agile Arbeitsweisen zu etablieren. Dabei verbinden wir das

Beste aus beiden Welten: Wir bringen das Know-how für die Digitalisierung

mit und kennen gleichzeitig die Besonderheiten der

Verwaltung.

Viele unserer über 200 Mitarbeitenden stammen aus der Digitalbranche

und aus führenden Tech-Unternehmen. Unsere Kultur

gleicht eher einem Start-up: Wir arbeiten in interdisziplinären Projektteams,

nutzen moderne Produktentwicklungsprinzipien und

stellen die Nutzenden in den Mittelpunkt. Was uns dabei besonders

wichtig ist: Wir arbeiten eng und auf Augenhöhe mit unseren Projektpartnerinnen

und Projektpartnern zusammen.

Als Bundes-GmbH wirken wir dabei stets im Interesse des

Gemeinwohls und orientieren uns nicht an Gewinnmaximierung.

Auch deshalb sind wir ein vertrauenswürdiger interner Digitalisierungspartner

für die Verwaltung. So entwickeln wir beispielsweise

alle unsere Software-Projekte mit Open-Source-Lizenzen.

Weil sie mit öffentlichen Geldern erarbeitet wurden, sollen auch die

Ergebnisse öffentlich zur Verfügung stehen. Wir ermöglichen Nachnutzung

und bauen, wo immer möglich, auf Vorarbeiten anderer

auf. Außerdem teilen wir Wissen, Konzepte und Erfahrungen offen.

Wie sehen die Projekte aus, die Sie umsetzen?

Ein Beispiel: Gemeinsam mit dem Bundesministerium der Justiz

und für Verbraucherschutz entwickeln und betreiben wir digitale

Angebote, die den Zugang zum Recht für Bürgerinnen und Bürger

verbessert. Wir ermöglichen es, Anträge wie Beratungshilfe oder

Prozesskostenhilfe digital bei Amtsgerichten einzureichen. Diese

Projekte sind eine föderale Kooperation zwischen dem Bund, zehn

Partnerländern und 24 Pilotgerichten. Unser Anspruch ist die bundeseinheitliche

Entwicklung dieser Dienste. Dazu müssen wir von

Anfang an die Breite der Gerichtslandschaft in die Entwicklung einbeziehen.

Ein ganz anderes Beispiel ist der Digitalcheck für digitaltaugliche

Gesetzgebung. Hier arbeiten wir mit dem Bundesministerium für

Digitales und Staatsmodernisierung daran, dass unsere Gesetzgebung

fit für das digitale Zeitalter wird. Dafür geben wir Mitarbeitenden

der Verwaltung neue Werkzeuge an die Hand, zum Beispiel, um

umsetzende Behörden besser einzubinden. Auch hier arbeiten wir

eng mit den Bundesländern, tauschen Erfahrungen aus und bieten

Unterstützung an.

In Kommunen sind finanzielle und personelle

Ressourcen ein großes Thema. Welche Rolle kann die

Digitalisierung hier spielen?

Mit Blick auf die personellen Ressourcen bietet Digitalisierung

perspektivisch die große Chance, dass Mitarbeitende von repetitiven,

automatisierbaren Aufgaben entlastet werden und ihre Zeit für die

wirklich wichtigen Aufgaben nutzen können oder dass Bürgerinnen

und Bürger von deutlich besseren und schnelleren digitalen

Services profitieren. Gleichzeitig darf man nicht die Augen davor

8 Kleine Kniffe


Foto: DigitalService

verschließen, dass die Umsetzung von Digitalisierungsprojekten

und die Implementierung vor Ort erst einmal kundiges Personal

erfordern.

Die Herausforderungen bei den finanziellen Ressourcen in den

Kommunen sind und dabei sehr bewusst. Ein wichtiger Effizienzhebel

wäre eine Bündelung der Bereitstellung von digitalen Lösungen

für Kommunen auf gemeinsam nutzbaren Infrastrukturen. Aber es

gilt auch, stärker auf standardisierte, offene Schnittstellen bei der

Entwicklung von IT-Lösungen und Fachverfahren unterschiedlicher

Software-Anbieter hinzuwirken. Das macht die IT-Systeme kompatibler

und ermöglicht günstige Nachnutzung.

Welche konkreten Vorteile bringen Standardisierungen

in diesem Kontext?

Gut gemachte technische und fachliche Standards setzen den

Rahmen für die Interoperabilität von IT-Lösungen. Gleichzeitig

reduzieren sie den individuellen Aufwand in Digitalisierungsvorhaben

und sichern eine einheitlich hohe Qualität. Wichtig ist uns, dass

Standards so entwickelt werden, dass sie gut für die Praxis funktionieren.

Das heißt widerspruchsfrei, verständlich und verbindlich.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Servicestandard, der Maßstäbe für

die Qualität digitaler Angebote der Verwaltung setzt.

Was genau ist der Servicestandard und

an wen richtet er sich?

Der Servicestandard bietet klare, überprüfbare Qualitätsanforderungen

und praxisnahe Unterstützung für digitale

Verwaltungsdienste. Damit ist der Servicestandard ein wirksames

und hilfreiches Werkzeug, um schnell und effizient gute Verwaltungsdienste

zu entwickeln und zu betreiben. Er ist wie ein gutes

Kochrezept für alle, die in Bund, Ländern und Kommunen an digitalen

Services arbeiten.

Sie entwickeln den Servicestandard gemeinsam mit

dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung

weiter. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Wir sind im Sommer 2024 gestartet, damals noch mit dem

Bundesministerium des Innern (BMI). Wir haben zunächst rund 60

Interviews mit Expertinnen und Experten aus Bund, Ländern, Kommunen,

Wirtschaft und und Zivilgesellschaft geführt. Ein Wunsch,

der sich dabei herausstellte: Orientierung ist gut, Vorgaben sind

besser!

Daher haben wir gemeinsam mit dem BMI, dem Deutschen

Institut für Normung (DIN) und einem breiten Konsortium aus

Weitere Informationen

Sie möchten mehr über den DigitalService des Bundes

erfahren? Die Webseite bieten einen Einlbick.

Die Expertinnen und Experten aus Software-Entwicklung,

Produktmanagement, Transformation sowie Design

& User Research arbeiten Hand in Hand mit ihren

Projektpartner:innen daran, Verwaltungsangebote gut zu

digitalisieren.

Kleine Kniffe

9


Foto: DigitalService

Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die DIN SPEC 66336

(Servicestandard) entwickelt. Nach nur drei Monaten konzentrierter

Arbeit wurde sie im März 2025 veröffentlicht. Sie konkretisiert in

13 Kapiteln die Qualitätskriterien des Servicestandards mit Muss-,

Sollte- und Kann-Vorgaben. Im Juni haben wir die Webseite servicestandard.gov.de

gelauncht, um die Anforderungen der DIN

SPEC 66336 verständlich und praxisnah aufzubereiten. Die Webseite

wird kontinuierlich erweitert und dient für alle, die mit dem

Servicestandard arbeiten, als erste und wichtigste Anlaufstelle.

Aktuell sind wir mit Ländern und Kommunen in Gesprächen, um

den Servicestandard in konkreten Pilotprojekten zu verproben. Die

Erfahrungen, die wir dort sammeln, fließen dann wieder in die

Weiterentwicklung der Angebote.

Welche Vorteile bietet der Servicestandard Verwaltungsmitarbeitenden,

die sich mit Beschaffung und

Vergabe befassen?

Insbesondere die DIN SPEC 66336 vereinfacht die Zusammenarbeit

mit externen Dienstleistern, da sie einheitliche und

überprüfbare Anforderungen für Online-Services und -Portale der

Verwaltung definiert und bereits eine Vielzahl an rechtlich relevanten

Vorgaben und EU-Richtlinien beinhaltet. Da die Anforderungen

feststehen, entfallen langwierige Verhandlungen. Einheitliche

Qualitätsstandards, wie der Servicestandard, fördern zudem die

Wiederverwendung bestehender Lösungen und verbessern die

Interoperabilität. Und mit der klareren Orientierung sinkt das Risiko

von Fehlinvestitionen.

Wichtig ist aber auch: Der Servicestandard ist mehr als nur diese

Norm. Seine 13 Kriterien fordern und fördern eine ganzheitliche

Sicht auf digitale Services – von der Nutzendenforschung über

Barrierefreiheit oder Datensicherheit bis hin zur Verbesserung

von rechtlichen Regelungen. Damit die Verantwortlichen diese

Kriterien in ihrer Arbeit wirklich anwenden können, braucht es

konkrete Anleitungen, Praxisbeispiele und weitere Handreichungen.

Daran arbeiten wir derzeit.

Und wo stehen Sie aktuell beim Servicestandard?

Am 1. Oktober 2025 ist die Standardverordnung Onlinezugang

(OZ-SV) in Kraft getreten. Das ist eine gute Nachricht, denn damit

gelten für digitale Verwaltungsservices verbindliche Qualitätsanforderungen

nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik

mit Verweis auf die DIN SPEC 66336 zum Servicestandard. Damit

der Servicestandard in der Breite angewendet wird und seine

volle Wirksamkeit entfalten kann, braucht es aber vor allem eins:

Effektive und praxisorientierte Unterstützung – und genau das

bietet servicestandard.gov.de. Seit Projektstart haben wir mit weit

über 100 Expertinnen und Experten zusammengearbeitet – aus allen

Bereichen und Hierarchieebenen der Verwaltung, aber auch aus der

Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Das betrifft

die Erarbeitung der DIN SPEC 66336, genauso wie die Konzeption

von servicestandard.gov.de. Die gemeinsame Arbeit All dies sind

wunderbare Beispiele dafür, wie sinnstiftend die Arbeit in der Verwaltung

ist. Wir spüren in diesen Formaten: Wir gestalten die

Zukunft unseres Staates – durch ein gemeinsames Ziel und durch

Kollaboration auf Augenhöhe. Das schafft mutige Ergebnisse, mit

denen wir richtig zufrieden sein können.

Das Interview führte

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

10 Kleine Kniffe


Digitalisierung der Verwaltung

Rechtsrahmen mit Zugkraft:

Wie OZG, Register und Sicherheit die digitale Verwaltung neu vermessen

Regelwerke ziehen in eine Richtung. OZG‐Änderungsgesetz und BundID setzen auf

Ende‐zu‐Ende‐Digitalisierung und Standards. Das RegMoG liefert die Identitäts‐ und Registerlogik

für Once Only. NIS‐2 verschiebt Sicherheit in den Systemkern. IT‐Staatsvertrag, Lieferkettengesetz,

SDG‐Verordnung und DSGVO spannen das organisatorische und ethische Netz. Damit entsteht ein

klares Zielbild: Standard‐Services, verbindliche Schnittstellen und wiederverwendbare Bausteine

lösen die Insellösung ab.

Ein Beitrag von Thomas Heine

OZG 2.0:

Vom Portal zur Ende-zu-Ende-Verwaltung

Seit 2017 verpflichtet das Onlinezugangsgesetz Bund und

Länder, Verwaltungsleistungen elektronisch über Portale anzubieten.

Mit dem OZG-Änderungsgesetz vom 24. Juli 2024 steigt der

Anspruch deutlich. Bis Mitte 2029 stehen die wesentlichen Leistungen

des Bundes online bereit und laufen verwaltungsintern digital

durch. Ende-zu-Ende statt Schaufenster. Der Fokus verschiebt sich

vom Formular zur Prozesskette. Ein Frontend allein reicht nicht

mehr, wenn interne Bearbeitung weiterhin analog stockt.

BundID und Standardisierung:

Ein Konto, viele Türen

Die BundID setzt den Rahmen für ein zentrales Nutzerkonto.

Sie bündelt Zugang und Identifikation und reduziert Eintrittshürden

in Portalen. Der Grundsatz „digital first“ markiert den Paradigmenwechsel:

Digitale Anträge ersetzen die Papierform. Die Abschaffung

der Schriftformerfordernis in vielen Verfahren nimmt einem der

größten Bremsklötze die Wucht. Zugleich gilt eine klare Linie:

Standardisierung wird verbindlich. Ein Flickenteppich aus Sonderlösungen

passt nicht mehr in diesen Rahmen. Einheitliche

Basiskomponenten und Schnittstellen rücken ins Zentrum, weil nur

sie Nachnutzung und Skalierung ermöglichen.

Registermodernisierung:

Once Only braucht eine Nummer

Das Registermodernisierungsgesetz von 2021 liefert die

Infrastruktur-Idee hinter nutzerfreundlichen Prozessen. Register auf

Bundes-, Landes- und Kommunalebene vernetzen sich. Ziel ist die

deutschland- und EU‐weite Nachweisübermittlung aus bestehenden

Registern und die Umsetzung des Once‐Only‐Prinzips. Die

Steuer‐ID dient dabei als einheitliche Identifikationsnummer über

verschiedene Behördenregister hinweg. Statt Kopien und Mehrfacheingaben

zählt künftig die einmal erfasste, verlässlich referenzierte

Information. Interoperabilität rückt damit vom Projektwunsch zur

gesetzlichen Notwendigkeit.

NIS‐2: Cybersicherheit als Pflichtprogramm

Mit der Umsetzung der NIS‐2‐Richtlinie wächst der Ordnungsrahmen

für Cybersicherheit stark an. Statt bisher rund 4.500

Unternehmen fallen künftig mehr als 30.000 unter die Regulierung.

Behörden der Bundesverwaltung stehen ebenfalls im Geltungsbereich.

Verbindliche IT‐Sicherheitsstandards, Risikomanagement

und die Meldung von Sicherheitsvorfällen werden zum Regelbetrieb.

Sicherheit wandert damit aus der Randspalte in die Architekturgrundlage.

Wer digitale End‐to‐End‐Prozesse denkt, denkt NIS‐2

mit – von der Schnittstelle bis zum Betrieb.

Der Rahmen dahinter: IT‐Staatsvertrag,

Lieferketten, EU‐Zugang und DSGVO

Der IT‐Staatsvertrag bildet die rechtliche Grundlage für den

IT‐Planungsrat und die FITKO. Hier entstehen Leitplanken,

Prioritäten und Koordination für die föderale IT. Das Lieferkettengesetz

erweitert den Blick: Verantwortung für Menschenrechte

und Umweltschutz greift entlang der gesamten Lieferkette – auch

bei digitalen Beschaffungen und Dienstleistungen. Die Single

Digital Gateway‐Verordnung setzt ein europäisches Dach für ein

einheitliches digitales Zugangstor. Grenzübergreifende Verfahren

orientieren sich an gemeinsamen Erwartungshorizonten. Und die

DSGVO bleibt der Fixpunkt für Datenschutz, der bei allen Digitalisierungsmaßnahmen

mitläuft, von Identitäten bis Registerzugriffen.

Kleine Kniffe

11


Digitalisierung der Verwaltung

Was Deutschland

von Estland, Dänemark & Co. wirklich lernen kann

Die Digitalisierung der Verwaltung ist keine rein technologische Aufgabe, sondern eine strategische und

rechtliche Weichenstellung und eine kritische Auseinandersetzung mit den Erfolgsmodellen führender

Digital-Nationen. Es ist entscheidend, von den Erfahrungen dieser Länder zu lernen, um den eigenen

Transformationsprozess zu beschleunigen und nachhaltig zu gestalten.

Ein Bericht von Reiner Petzold

Digitalisierung als strategische Aufgabe

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist in Deutschland

ein viel diskutiertes, aber oft zögerlich umgesetztes Thema.

Während technologische Möglichkeiten rasant voranschreiten,

scheinen strategische und rechtliche Rahmenbedingungen oft hinterherzuhinken.

Die bloße Einführung neuer Software reicht nicht

aus, um eine effiziente und bürgerfreundliche Verwaltung zu schaffen.

Vielmehr bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes, der von der

Politik gewollt, rechtlich abgesichert und konsequent umgesetzt

wird. In diesem Kontext lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen

hinaus, um zu verstehen, welche Lessons Learned führende

Digital-Nationen wie Estland, Dänemark und weitere Länder des

Nordens bereits gemacht haben. Die Frage, was Deutschland von

diesen Vorreitern wirklich lernen kann, ist zentral, um den eigenen

Digitalisierungsprozess zu beschleunigen und nachhaltig zu gestalten.

Fokusthemen und internationale Lehren

1. Die Rolle des politischen Willens und der Strategie

Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen Deutschland und

den Digitalisierungs-Spitzenreitern liegt im politischen Willen und

einer klaren, langfristigen Strategie. In Estland beispielsweise wurde

die Digitalisierung nach der Unabhängigkeit als oberste Priorität

zur Etablierung eines modernen Staates definiert. Die Vision eines

“e-Estonia” war keine parteipolitische Frage, sondern ein nationales

Projekt. Dänemark setzte auf eine zentrale, staatlich geführte Digitalisierungsagentur,

die ressortübergreifend agiert und Entscheidungen

bündelt.

Top-Down-Ansatz: Digitalisierung muss von der höchsten

politischen Ebene als strategische Notwendigkeit verstanden und

vorangetrieben werden. Ein bloßes “Ja, wir machen das auch” reicht

nicht aus.

Zentralisierung und Koordination: Die fragmentierte Verwaltungslandschaft

in Deutschland mit unzähligen Zuständigkeiten

auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene erschwert eine

einheitliche Umsetzung. Eine zentrale Koordinationsstelle mit

weitreichenden Befugnissen könnte diesen Flickenteppich überwinden

helfen.

Klare Vision: Es fehlt eine überzeugende, öffentlich kommunizierte

Vision, wie die digitale Verwaltung in 5, 10 oder 15 Jahren

aussehen soll. Die Bürger müssen den Mehrwert verstehen und die

Politik muss ein klares Zielbild formulieren.

12 Kleine Kniffe


2. Technische und rechtliche Grundlagen:

Der Grundsatz “Digital by Default”

In vielen fortschrittlichen Nationen gilt der Grundsatz “Digital

by Default”. Das bedeutet, dass digitale Verwaltungsdienste die

primäre und bevorzugte Option sind, nicht nur eine von vielen. Das

E-Government-Gesetz in Estland und Dänemark hat die rechtlichen

Grundlagen für diese Vorgehensweise geschaffen.

Identitätsmanagement:

Estland hat mit der e-ID-Karte ein universelles, digitales Identitätsmanagement

etabliert, das den Zugang zu allen staatlichen und

vielen privaten Diensten ermöglicht. Die deutsche Online-Ausweisfunktion

ist im Vergleich dazu wenig verbreitet und komplex. Eine

nutzerfreundliche und flächendeckende digitale Identität ist die Basis

für jeden digitalen Verwaltungsakt.

Datenaustausch:

Das estnische X-Road-System ist ein dezentrales, sicheres Netzwerk,

das Behörden ermöglicht, Daten untereinander auszutauschen.

Dabei gilt das “Once-Only”-Prinzip: Bürger müssen Daten nur einmalig

an eine Behörde übermitteln. Die Bürokratie übernimmt den

Rest. Das deutsche Registermodernisierungsgesetz ist ein Schritt in

die richtige Richtung, aber die Umsetzung ist schleppend und das

Vertrauen in den Datenaustausch noch gering.

Standardisierung:

Dänemark hat es geschafft, durch die konsequente Standardisierung

von Schnittstellen und Datenformaten eine interoperable

Systemlandschaft zu schaffen. In Deutschland herrscht hier weiterhin

ein Wildwuchs an Insellösungen.

Fokus auf den Bürger:

Nutzerzentrierte Services

Während in Deutschland oft von “Verwaltungsservices” gesprochen

wird, die eine “Digitalisierung von Prozessen” vorsehen, denken

Estland und Dänemark von den Bedürfnissen der Bürger her.

Lebenslagen-Ansatz:

Services werden nicht nach Behörden, sondern nach Lebenslagen

gebündelt. Ein gutes Beispiel ist die dänische Plattform “borger.

dk”, auf der Bürger alle relevanten Informationen und Services rund

um Themen wie “Geburt eines Kindes” oder “Umzug” finden. In

Deutschland müssen Bürger oft mühsam herausfinden, welche von

Dutzenden Behörden für ihr Anliegen zuständig ist.

Umfassende Verfügbarkeit:

Dänemark setzt auf eine einzige digitale Poststelle für alle Bürger,

“Digital Post”. Ob Steuerbescheide, Krankenhausrechnungen oder

Renteninformationen – alles kommt in einem zentralen, sicheren

digitalen Postfach an. Das spart immense Kosten und vereinfacht

die Kommunikation. In Deutschland gibt es zwar ähnliche Projekte,

jedoch ohne die gleiche konsequente Durchsetzung.

Open Government und Partizipation:

Länder wie Südkorea nutzen ihre digitale Infrastruktur auch

für bürgerliche Partizipation. Plattformen wie “gwanghwamun 1st

Street” ermöglichen es Bürgern, Ideen einzubringen und Feedback

zu politischen Entscheidungen zu geben. Solche Ansätze stärken das

Vertrauen in die Verwaltung und schaffen eine neue Form der bürgerschaftlichen

Teilhabe.

Fazit: Was Deutschland wirklich lernen muss

Die internationale Erfahrung zeigt, dass die Digitalisierung der

Verwaltung kein reines IT-Projekt ist, sondern eine fundamentale

politische und gesellschaftliche Transformation. Deutschland

muss den Blick von der reinen Technologie auf die strategischen

Rahmenbedingungen und die Bedürfnisse der Nutzer (Bürger:innen,

Angestellte im öffentlichen Bereich, Unternehmen und Organisationen)

lenken.

Die wichtigsten Lektionen aus Estland, Dänemark & Co. sind:

1. Politischer Mut und eine klare Vision:

Eine zentrale Steuerung und der Wille zur umfassenden

Umsetzung mit Fortschrittmessung sind unerlässlich.

2. Rechtliche und technische Grundlagen schaffen:

Ein universelles digitales Identitätssystem und das konsequente

“Once-Only”-Prinzip sind die Basis.

3. Den Bürger:innen in den Mittelpunkt stellen:

Services müssen nach Lebenslagen und nicht nach Zuständigkeiten

organisiert werden, um den Zugang zu vereinfachen.

Es geht nicht darum, die Systeme anderer Länder eins zu eins

zu kopieren. Es geht darum, aus ihren Erfolgen und Misserfolgen

zu lernen und diese Erkenntnisse auf die spezifischen deutschen

Gegebenheiten zu übertragen. Die Digitalisierung ist eine Chance,

die Verwaltung effizienter, transparenter und bürgerfreundlicher zu

machen. Ja es braucht einen neuen, mutigen Ansatz zur Umsetzung,

die auf Leistung und Wirkung fokussiert ist.

Autor

Reiner Petzold

Advisory Board Swiss CxO Forum

Council Harvard Business Review

Dozent UniBasel, FHNW, HWZ

CDO, swissICT Fachgruppe DTI

Kleine Kniffe

13


Digitale Souveränität

Warum die digitale Souveränität

Schleswig-Holsteins auch für Europa zählt

Verwaltungen, Unternehmen, Institutionen stehen vor einer gemeinsamen Herausforderung – und

zugleich einer großen Chance: die Souveränität Europas zu gestalten. Die digitalen Systeme,

die wir nutzen, sind kritische Infrastrukturen – sowohl für die öffentliche Verwaltung als auch

für die Wirtschaft. Öffentliche IT ist tief eingebettet in die täglichen Abläufe von Verwaltung,

Unternehmen und Gesellschaft.

Ein Beitrag von Dirk Schrödter,

Chef der Staatskanzlei und Digitalisierungsminister des Landes Schleswig-Holstein

Wenn wir die Kontrolle über unsere IT-Systeme verlieren,

riskieren wir, politische und administrative Handlungsfähigkeit

einzubüßen. Digitale Souveränität ist daher kein rein technisches

Thema – sie ist eine Frage der nationalen Sicherheit, der betrieblichen

Integrität und der demokratischen Legitimität.

Noch immer sind viele Regierungen und Unternehmen stark

von sogenannter proprietärer Software abhängig, die oft von nur

wenigen globalen Technologiekonzernen bereitgestellt wird. Diese

Abhängigkeit hat weitreichende Folgen. Ohne Zugang zum Quellcode

oder zu technischen Spezifikationen sind wir gezwungen, uns

den Produkten anzupassen – statt Produkte an unsere Bedürfnisse

anzupassen. Diese Intransparenz wirkt sich auch auf die Sicherheit

aus: Wir können mögliche Schwachstellen nicht prüfen, Risiken

nicht erkennen und Standards nicht verlässlich umsetzen. In vielen

Fällen lassen sich Datenabflüsse nicht verhindern, weil wir keine

Kontrolle über das Funktionsprinzip der Systeme haben.

Um unsere Souveränität zu sichern,

müssen wir diese Abhängigkeiten verringern.

Das bedeutet: eine vielfältige IT-Anbieterlandschaft fördern,

sodass kein einzelner Anbieter den Markt dominiert. Es bedeutet:

offene Standards einzusetzen, die Interoperabilität und fairen

Wettbewerb sicherstellen. Und vor allem bedeutet es, Open-Source-Technologien

als Fundament für Innovation, Sicherheit und

Unabhängigkeit zu nutzen.

Offene Software ermöglicht uns Einblick in deren Funktionsweise,

die Anpassung an unsere Bedürfnisse und die gemeinsame

Weiterentwicklung in einer vielfältigen Anbieterlandschaft. Durch

Transparenz erhöhen wir die IT-Sicherheit, durch Offenheit stärken

wir Innovationskraft und ökonomische Resilienz. Die Motivation ist

daher klar: Nur durch den konsequenten Einsatz von Open Source

können wir unsere digitale Zukunft souverän, sicher und wirtschaftlich

nachhaltig gestalten.

Etappen der Umsetzung

Wir dürfen jedoch nicht nur über digitale Souveränität in der

Theorie sprechen, wir müssen sie konkret angehen und umsetzen.

Das tun wir in Schleswig-Holstein mit der schrittweisen und ganzheitlichen

Einführung eines digital souveränen IT-Arbeitsplatzes für

sämtliche rund 30.000 Beschäftigte in der Landesverwaltung.

Die Mail-Umstellung von Microsoft-Exchange und Outlook zu

Open-Xchange und Thunderbird ist dabei ein absoluter Meilenstein

auf dem Weg. Dass ein ganzes Land diesen Schritt geht, ist revolutionär.

Mehr als 40.000 Postfächer mit insgesamt deutlich mehr als

110 Millionen Mails und Kalendereinträgen haben wir vollständig

migriert. Microsoft Office wird jetzt schrittweise von den Rechnern

deinstalliert. Bereits im vergangenen Jahr wurde Libre Office ausgerollt

und ist inzwischen die Standardbürosoftware. Mehr noch: Die

Open-Source-Lösung Nextcloud ersetzt Schritt für Schritt Microsoft

SharePoint als zentrale Plattform für Zusammenarbeit und wird

bereits in zahlreichen Verwaltungen aktiv genutzt. Auch im Bereich

der Videokonferenzen vertrauen wir von Anfang an auf Open

Source. Hier setzen wir auf die Lösung OpenTalk. Auch erproben

wir den Einsatz von Linux als Alternative zu Windows. Ich selbst

nehme an der Pilotphase mit einem eigenen Linux-Rechner teil.

14 Kleine Kniffe


Foto: Staatskanzlei.SH

Schließlich wollen wir unsere Telefonsysteme umstellen und

mit einer Open-Source-Lösung betreiben. All das sind die Bausteine

auf dem Weg in die digitale Souveränität unseres Landes mit mehr

Transparenz und Sicherheit für unsere Verwaltung.

Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt: Eine

solche Umstellung ist keine Kleinigkeit. Wir sind echte Pioniere.

Wir können nicht auf die Erfahrung anderer zurückgreifen – weltweit

gibt es kaum ein vergleichbares Projekt dieser Größenordnung.

Der große Dank gilt allen Mitarbeitenden. Ohne ihre Unterstützung

wäre diese Umstellung nicht möglich. Künftig können wir mit unseren

Erfahrungswerten von der Datenanalyse bis zum Monitoring im

Rechenzentrum anderen helfen und sie unterstützen, wenn sie sich

auf den Weg machen, den wir gerade als erste beschreiten.

Digitale Souveränität und Industriepolitik -

ein strategischer Ansatz

Der strategische Ansatz Schleswig-Holstein ist umfassend. Wir

bauen gezielt ein Open-Source-Ökosystem in Schleswig-Holstein

auf und vernetzen Start-ups, Mittelstand und Hochschulen sowie

Verwaltungen und gemeinnützige Einrichtungen wie Verbände und

Vereine. Damit tragen wir dazu bei, dass digitale Wertschöpfung

bei uns im Land und Schleswig-Holstein digitale Vorzeigeregion

bleibt. Wir setzen unser öffentliches Budget strategisch ein, indem

wir Programmieraufträge bei unserer heimischen Digitalwirtschaft

finanzieren, anstatt über immer teurer werdende Lizenzen den

weiteren Ausbau des Technologievorsprungs außereuropäischer

Anbieter zu bezahlen. Mit diesen Investitionen stärken wir zugleich

den Digitalstandort Deutschland.

Digitale Souveränität und Industriepolitik für unsere Digitalwirtschaft

sind zwei Seiten einer Medaille. All das haben wir in

unserer Open Innovation und Open Source Strategie verankert.

Open Source ist ein wirtschaftlich sinnvoller Ansatz und zugleich

ein Katalysator für Wachstum. Laut einer Studie der Europäischen

Kommission könnte ein jährlicher Anstieg der Open-Source-Beiträge

um nur 10 % mehr als 600 zusätzliche IKT-Startups schaffen

und das EU-BIP um bis zu 0,6 % erhöhen. Eine Harvard-Studie zeigt,

dass die Beschäftigung mit Open Source die Wettbewerbsfähigkeit

steigert.

Das beweist: Digitale Souveränität durch Open Source eröffnet

enormes wirtschaftliches Potenzial für Europa.

OSPO SH - klare Strategie, organisatorische

Struktur und starke Governance

Doch um das volle Potenzial von Open Source zu entfalten,

braucht es mehr als nur Technologie: Es braucht eine klare Strategie,

eine organisatorische Struktur und starke Governance. Hier

kommen die Open Source Program Offices (OSPOs) ins Spiel.

Ein OSPO ist das strategische Zentrum der Open-Source-Aktivitäten

einer Organisation. Es macht Open Source von einer

Hintergrundtechnologie zu einem Treiber von Innovation.

In Schleswig-Holstein haben wir mit OSPO SH ein eigenes Open

Source Program Office gestartet. Das OSPO SH als wichtige Koordinierungsstelle

in der Landesverwaltung steuert den strategischen

Kleine Kniffe

15


Foto: Staatskanzlei.SH

Einsatz, die Entwicklung und die Verwaltung von Open-Source-Software.

Der Blick über den Tellerrand SHs hinaus

In ganz Europa gründen immer mehr öffentliche Institutionen

und private Unternehmen OSPOs. Sie verwandeln Organisationen

von passiven Konsumenten in aktive Mitgestalter und Innovatoren.

Ein erfolgreiches OSPO vereint technisches, organisatorisches und

strategisches Wissen. Damit OSPOs ihre Rolle ausfüllen können,

müssen sie gut ausgestattet und fest in der Unternehmensführung

verankert sein.

Wenn wir die digitale Souveränität Europas stärken wollen,

müssen wir diese Initiativen miteinander vernetzen und in ein kohärentes,

kooperatives Ökosystem überführen.

Genau deshalb hatten wir zum Beispiel im September europäische

Akteure nach Brüssel in unser Hanse Office eingeladen, um

Ideen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und die Zukunft von

Open Source auf europäischer Ebene zu diskutieren. Gemeinsam

wollen wir die Rolle von OSPOs weiterentwickeln, nationale und

EU-weite Strategien aufeinander abstimmen sowie Best Practices und

fehlende Bausteine identifizieren.

Unser Ziel ist es, zu einem nachhaltigen europäischen OSPO-Ökosystem

beizutragen – einem, das Zusammenarbeit, Innovation und

Souveränität fördert.

Fazit

Europa hat das Talent, die Ideen und die Gemeinschaft, um bei der

digitalen Souveränität eine Führungsrolle einzunehmen – aber nur,

wenn wir Offenheit konsequent leben.

Autor

Dirk Schrödter,

Chef der Staatskanzlei und Digitalisierungsminister des

Landes Schleswig-Holstein

16 Kleine Kniffe


Procurement Plattform

Procurement-Pioneer.com

Eine neue auf den Einkauf spezialiserte Plattform

Procurement-Pioneer.com ist eine neue Procurement-Plattform, die sich auf die Kommunikation

von Inhalten rund um das Beschaffungswesen spezialisiert hat. In einer Zeit, in der sich die

Beschaffungslandschaft rasant verändert, bietet Procurement-Pioneer einen zentralen Anlaufpunkt für

alle Themen rund um modernes und zukunftsorientiertes Procurement. Das Portal ist die Antwort auf die

wachsenden Herausforderungen und Chancen im Einkauf und der Beschaffung. Sie bietet Einkaufsexperten

und Beschaffungsprofis einen zentralen Anlaufpunkt für aktuelle Informationen und Expertenwissen.

Täglich werden Artikel zu Themen wie Procurement-Strategie, Best Practices, Digitalisierung im Einkauf,

Nachhaltigkeit und HR-Management im Procurement veröffentlicht.

Was erwartet Sie auf

https://Procurement-Pioneer.com?

Egal ob Sie ein erfahrener CPO, ein aufstrebender Einkäufer

oder einfach nur neugierig auf die Welt des Procurements sind – bei

uns finden Sie wertvolle Ressourcen und Inspirationen für Ihre berufliche

Entwicklung. Tauchen Sie ein in eine Welt voller Expertise,

Innovation und Vernetzung. Unser engagiertes Team aus Fachexperten,

erfahrenen Einkäufern und Branchenkennern liefert Ihnen

regelmäßig hochwertige Inhalte zu den Kernthemen:

• Procurement Strategie: Erfahren Sie, wie Sie Ihre

Einkaufsstrategie optimieren und an zukünftige Herausforderungen

anpassen können.

• Best Practices: Lernen Sie von den Besten der Branche und

entdecken Sie praxiserprobte Lösungen für Ihre täglichen

Herausforderungen.

• Digitalisierung im Procurement: Bleiben Sie auf dem

Laufenden über die neuesten technologischen Entwicklungen

und deren Anwendung im Einkauf.

• HR-Management im Procurement: Erhalten Sie wertvolle

Einblicke in die Personalentwicklung und -führung im

modernen Einkauf.

Bleiben Sie immer up-to-date über die neuesten Entwicklungen

in der Beschaffungswelt, gewinnen Sie Einblicke von führenden

Köpfen der Branche. nutzen Sie konkrete Tipps und Anleitungen

für Ihren Arbeitsalltag und verpassen Sie keine wichtigen Procurement-Veranstaltungen

mehr.

Um immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, laden wir Sie

herzlich ein, sich für unseren Newsletter anzumelden. So erhalten

Sie regelmäßig die wichtigsten Updates, exklusive Einblicke und

Sonderangebote direkt in Ihr Postfach.

Aber das ist noch nicht alles! Wir freuen uns, Sie auch in unserer

lebendigen LinkedIn-Gruppe begrüßen zu dürfen: https://www.

linkedin.com/company/procurement-pioneer/. Hier können Sie

sich mit anderen Procurement-Profis austauschen, an Diskussionen

teilnehmen und Ihr berufliches Netzwerk erweitern.

Procurement Pioneer ist Ihre Plattform – gestalten Sie sie mit!

Wir laden Sie ein, aktiv teilzunehmen, Ihre Ideen einzubringen und

gemeinsam mit uns die Zukunft des Einkaufs zu gestalten.

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Gemeinsam treiben wir Innovation voran,

meistern Herausforderungen und gestalten die Zukunft des Einkaufs.

Kleine Kniffe

17


Digitalisierung der Verwaltung

Reden ist Gold

Miteinander zu reden klingt banal – und ist doch eines der wirkungsvollsten Instrumente, welche

wir in der Verwaltung haben. Reden bedeutet, Informationen zu teilen, Perspektiven zu öffnen,

Vertrauen zu schaffen und Erfahrungen weiterzugeben. Es bedeutet, schneller zu werden, weil

wir nicht alle Fehler doppelt machen müssen. Und es bedeutet, Menschen sichtbar zu machen in

einer Arbeitsrealität, in der zu oft nur dann über Verwaltung gesprochen wird, wenn etwas nicht

funktioniert.

Ein Beitrag von Ann Cathrin Riedel

Trotzdem erleben wir in vielen Häusern noch immer das

Gegenteil: Austausch findet, wenn überhaupt, informell statt – im

Flur, am Rand von Veranstaltungen, per Zufall. Dass es bewusst

gestaltete Räume gibt, in denen Kolleginnen und Kollegen über

Ebenen, Abteilungen oder föderale Grenzen hinweg voneinander

lernen können, ist noch längst keine Selbstverständlichkeit. Wo

diese Räume entstehen, passiert jedoch Erstaunliches: Es entsteht

Momentum, Verbundenheit und ganz konkret bessere Entscheidungen

im Alltag.

Häufig hören wir aus Verwaltungen, dass es eigentlich absurd

ist, wie wenig miteinander gesprochen wird – angesichts von

Digitalisierung, Fachkräftesicherung, Haushaltsdruck und neuen

Erwartungshaltungen der Bürgerinnen und Bürger. Manche Kommunen

berichten sogar, dass einzelne Fachbereiche innerhalb

derselben Verwaltung kaum miteinander reden. Dahinter steckt

selten böser Wille, sondern eine Kultur der Vorsicht: der respektvolle

Umgang mit sensiblen Informationen. Doch Vorsicht darf

nicht mit Schweigen verwechselt werden. Die meisten Verwaltungsmitarbeitenden

wissen sehr genau, was geteilt werden darf – und

was nicht. Zwischen professionellem Austausch und unbedachter

Preisgabe liegt ein großer, sicher gestaltbarer Raum.

Austausch ist kein „Nice to have“, sondern ein Effizienztreiber.

Wer fragt, wie andere ein Vergabeverfahren strukturiert haben,

welchen Dienstleister sie empfehlen können oder wie sie intern mit

Widerständen umgegangen sind, reduziert Risiken und spart Ressourcen.

Wissen zirkuliert. Software wird empfohlen, die bereits

funktioniert. Projekte starten nicht zum zehnten Mal bei null. Und

wenn Erfolge geteilt werden, entsteht eine wohltuende Korrektur

gängiger Klischees: Verwaltung als Ort des Gelingens wird sichtbar.

Es ist nicht nur legitim, über Fortschritte zu sprechen – es ist

notwendig. Stolz motiviert. Sichtbarkeit ermutigt. Austausch schafft

Orientierung in einer Zeit, in der Veränderungsdruck hoch, aber

verlässliche Signale selten sind.

Unsere aktuelle NExT-Studie zu den Mehrwerten von Netzwerken

und Communities of Practice bestätigt, was wir im Alltag sehen:

Mitarbeitende, die sich regelmäßig austauschen, lernen schneller,

sind besser vernetzt und erleben mehr Sinn und Sicherheit in ihrem

Handeln. Und dieser Austausch bleibt nicht an der Person hängen.

Neue Kontakte werden mit Kolleginnen und Kollegen verknüpft,

Erkenntnisse im Team geteilt, informelle Brücken zwischen Verwaltungen

entstehen. Führungskräfte sollten daher Austausch nicht nur

erlauben, sondern aktiv ermöglichen: Zeitfenster schaffen, Formate

fördern, Ergebnisse sichtbar machen und gute Beispiele würdigen.

Führung kann dafür einfache Rahmen setzen: regelmäßige Austauschzeiten

ohne Rechtfertigungsdruck, klare Ansprechpartnerinnen

und Ansprechpartner für Querschnittsthemen, eine Haltung, die

Lernen vor Perfektion stellt, und die Ermutigung, gute Lösungen

sichtbar zu machen – intern wie verwaltungsübergreifend. Wo diese

Signale ankommen, wächst Vertrauen, und mit Vertrauen wächst

Tempo.

18 Kleine Kniffe


Foto: Ann Cathrin Riedel

Wir bei NExT schaffen seit Jahren Räume, in denen Verwaltung

mit Verwaltung spricht – vertraulich, offen und pragmatisch.

In unseren themenspezifischen Communities of Practice teilen Kolleginnen

und Kollegen aus Kommunen, Ländern und Bund konkrete

Erfahrungen und Best Practices, ebenso ehrlich über Stolpersteine

wie über Durchbrüche. Ohne externe Beobachterinnen und Beobachter,

in einem bewusst gesetzten Vertrauensraum, entstehen

Netzwerke, die später zu kurzen Dienstwegen werden. Oft reicht

danach ein Anruf, um eine Frage zu klären, eine Idee zu diskutieren

oder eine Entscheidung abzusichern. Das spart Zeit, Nerven

und Geld – und stärkt das Wir-Gefühl innerhalb der Verwaltung

bundesweit.

Wenn wir beginnen, Austausch nicht als Nebenprodukt, sondern

als Teil der Infrastruktur zu begreifen – wie gute Netze, klare

Prozesse und verlässliche IT –, dann wird Transformation nicht

nur strategisch, sondern spürbar. Reden ist kein Selbstzweck, sondern

Arbeit am System. Es verbindet Wissen mit Verantwortung,

übersetzt Erfahrungen in Handeln und zeigt, dass Verwaltung

voneinander lernen will. Wir bei NExT werden dafür weiterhin

sichere, wirksame Räume bereitstellen. Denn Verwaltung lernt am

schnellsten von Verwaltung. Und Reden ist der Anfang von allem,

was sich bewegen soll – banal in der Form, aber grundlegend in der

Wirkung.

NExT e.V. i

Der NExT e.V. ist ein unabhängiger und gemeinnütziger

Verein, der Mitarbeitende aller föderaler Ebenen der

öffentlichen Hand zusammenbringt und sich für ihre

Interessen einsetzt. Der NExT e.V. steht für Vernetzung

und Austausch in der öffentlichen Hand über föderale

Ebenen und Hierarchien hinweg. Als Plattform bieten

wir die nötigen Tools und Rahmenbedingen an, um

Mitarbeitende der öffentlichen Hand niedrigschwellig

zu vernetzen.

Autorin

Ann Cathrin Riedel

Geschäftsführerin NExT e. V.

https://next-netz.de/

Kleine Kniffe

19


Digitalisierung der Verwaltung

Jetzt skalieren: Deutschlands

Digitalprojekte als One-for-all‐Bausteine

Vom BIM‐gestützten Gebäudemanagement der Bundeswehr über die E‐Akte und die KI‐Plattform NRW.

Genius bis hin zu kommunalen Best Practices zeigt Deutschland bereits heute praxiserprobte Lösungen

mit messbarem Nutzen. Wenn diese Lösungen als standardisierte Services mit klaren Schnittstellen,

Governance und Schulung übernommen werden, sparen Verwaltungen Entwicklungsaufwand, Zeit und

Geld. Der Artikel macht sichtbar, welche Projekte sich sofort nachnutzen lassen und wie das One-forall‐Prinzip

die Digitalisierung über alle Ebenen hinweg nachhaltig beschleunigt.

Ein Beitrag von Thomas Heine

Bundesweite Vorbilder:

Vom Bau bis zur Gesetzgebung

Bei der Bundeswehr läuft Gebäudemanagement heute cloudbasiert.

33.000 Gebäude, eine Fläche größer als das Saarland. Die

Lösung: Eine digitale Kollaborationsplattform mit Building Information

Modelling, 3D‐Modellen und Zusammenarbeit in Echtzeit.

Ergebnis: Papierlastige, teure Abläufe schrumpfen. Interne und

externe Partner arbeiten endlich synchron. Das Konzept ist auf

andere öffentliche Immobilienprojekte übertragbar. Warum warten

wir?

Nordrhein-Westfalen zeigt mit der E‐Akte, wie Verwaltung

greifbar effizienter wird. Mehr als 10.000 Beschäftigte arbeiten bereits

damit, inklusive E‐Laufmappen und Ersetzendem Scannen. Das

spart Papier, Archive, Wege – und macht Kosten transparent. Auch

hier gilt: Einmal solide gebaut, vielfach nutzbar.

NRW setzt noch eins drauf: NRW.Genius öffnet Generative KI

für die gesamte Landesverwaltung. Ein zentrales Angebot, geführt

von Arne Schömann (IT.NRW), schnell genutzt, ausgezeichnet,

begleitet von Schulung und Governance. Die Erfolgsformel liegt

offen da: zentral bereitstellen, sicher regeln, Kompetenzen aufbauen.

Und im BMWK wurde ein klassisches Nadelöhr entschärft:

Konsultationsverfahren in Gesetzgebungsprozessen sind digitalisiert.

Stakeholder‐Expertise fließt besser ein, Daten werden als Open

Data veröffentlicht. Das ist übertragbar – auf jedes Haus, das Beteiligung

ernst meint.

Länder machen Tempo:

Roadmap, Plattform, Austausch

Niedersachsen zeigt Führung mit einem Masterplan

Digitalisierung. Neues Verwaltungsportal, mehr Online‐Dienste,

Nutzerkonto für Unternehmen und Privatpersonen, ePayment,

E‐Akte – seit 2022 in kontinuierlicher Umsetzung. Klarer Kurs.

Klare Prioritäten. Genau so schafft man Investitionssicherheit für

alle Beteiligten.

Dazu passt die pragmatische Schiene: OZG‐Roadshows und

eine zentrale Kommunity‐Plattform für Kommunen. Ganztägige

Online‐Formate, Good‐Practice‐Austausch, schnellerer Wissenstransfer.

Das Modell ist skalierbar – warum nicht bundesweit?

Kommunen liefern: Wirkung aus der Mitte

Heilbronn digitalisiert sein Stadtarchiv mit KI. Die Technologie

erkennt automatisch Personen, Gebäude und Objekte auf

historischen Fotos und verschlagwortet sie. Bis zu 1.500 Persönlichkeiten

und 200 prägnante Gebäude werden erkannt. Der manuelle

Aufwand sinkt um 80 bis 90 Prozent. Das ist ein klarer Return on

Investment – und die Technologie ist übertragbar.

Karlsruhe denkt E‐Government als Gesamterlebnis: eine

Stadt‐App, die Verwaltungsleistungen und private Angebote in eine

Anwendung zieht – inklusive Single‐Sign‐On. Der Start ist erfolgt,

die Vision steht. Die Herausforderung Integration verschiedener

20 Kleine Kniffe


Backend‐Systeme ist real – und genau deshalb brauchen wir Interoperabilität

als Prinzip, nicht als Nachbesserung.

Konstanz investiert in Menschen: 25 Mitarbeitende aus 23

Abteilungen wurden als digitale Lotsen ausgebildet. Diese Change

Agents tragen Kompetenzen in die Fläche und beschleunigen die

Umsetzung. Das Konzept ist simpel, wirksam und übertragbar.

Südwestfalen vernetzt sich als Smart Region HUB: Fünf

Kommunen arbeiten sektorübergreifend zusammen, von E‐Mobilität

über Bildung bis Bürgerdialoge und Dorf‐Apps. Ein zentrales

Koordinationsbüro bündelt Kräfte und spart Ressourcen. So sieht

interkommunale Skalierung aus.

Lernräume statt Risikoangst

Das Kompetenzzentrum Digitale Verwaltung an der Hochschule

Hof bietet einen digitalen Zwilling einer deutschen Behörde.

Ein Showroom und eine Spielwiese. Verwaltungen können dort mit

anonymisierten Daten experimentieren, strukturelle Veränderungen

testen – ohne den Realbetrieb zu gefährden. Das ist das Labor,

das Verantwortliche brauchen.

Hamburg zeigt, wie Netzwerke Wirkung entfalten:

Gemeinsam mit Hannover, Witten, Achim, Fehmarn, Lüneburg,

Buxtehude und anderen werden Best Practices geteilt. Lernen im

Verbund – schneller, günstiger, besser.

Diese Bausteine existieren – in Varianten. Machen wir sie

kompatibel. Definieren wir Schnittstellen, Datenmodelle und Sicherheitsprofile,

die überall gelten. Wer anschafft, beschafft ab morgen

gegen diese Standards. Wer entwickelt, liefert anschlussfähig. Wer

betreibt, dokumentiert nach einem Muster, das andere sofort nachnutzen

können.

Governance, Schulung, Koordination:

Die unterschätzten Hebel

Die Beispiele zeigen, was wirkt: zentrale Bereitstellung, klare

Governance, konsequente Schulung. NRW.Genius skaliert genau

deshalb. Konstanz beweist, wie interne Multiplikatoren Tempo

erzeugen. Der Smart Region HUB setzt auf Koordination statt

Insellösungen. Hamburgs Netzwerk senkt Anlaufhürden. Und der

digitale Zwilling in Hof reduziert Veränderungsangst. Übersehen

wir diese Hebel, versanden Projekte – trotz guter Technik.

Beschaffung als Produktmanagement

Frage an Sie in der Vergabe: Fordern Sie Nachnutzbarkeit ein?

Schreiben Sie Interoperabilität vor? Verzahnen Sie Projekte mit dem

entstehenden Standard‐Service‐Katalog? Vergabe entscheidet über

Skalierung. Beschaffen Sie nicht die nächste Einzellösung, sondern

Bausteine, die sich in Karlsruhe, Heilbronn, Konstanz oder Südwestfalen

sofort wiederverwenden lassen. Das ist wirtschaftlich – und

politisch klug.

Standard-Services jetzt:

Ein Katalog für alle Ebenen

Was heißt das für Sie konkret? Wir brauchen einen verbindlichen

Katalog an Standard‐Services, die überall gleich funktionieren

und sich leicht andocken lassen:

• E‐Akte mit ersetzen des Scannen.

Jetzt entscheiden – und kopieren

Sie haben die Beispiele. Sie haben die Mandate. Jetzt braucht es

den Mut, zu kopieren statt neu zu erfinden. Machen Sie aus Piloten

Blaupausen. Machen Sie aus Blaupausen Standard‐Services. Machen

Sie Interoperabilität zur Bedingung. So beschleunigen wir die Digitalisierung

– sichtbar, messbar, nachnutzbar. Wollen Sie anfangen?

Sie wissen, wo.

• Nutzerkonto für Bürger und Unternehmen.

• ePayment als Basiskomponente.

• Single‐Sign‐On als Zugangsschlüssel.

• BIM‐basierte Kollaboration für öffentliche Bau‐ und Immobilienprojekte.

• Open‐Data‐Pipelines für Beteiligung und Transparenz.

• Zentrale KI‐Plattformen mit klarer Governance, wie

NRW.Genius.

Autor

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

Kleine Kniffe

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Digitale Souveränität

Warum Open Source

der Schlüssel zu Europas digitalem Fundament ist

Die Frage, wer unsere Technologie kontrolliert, ist für Europa zur Existenzfrage geworden. Digitale

Souveränität bestimmt heute, wie wir unsere demokratischen Werte, unsere Wirtschaft und

unsere Handlungsfähigkeit in einer vernetzten Welt schützen. Im Kern geht es dabei um etwas

Fundamentales: Code. Wer schreibt ihn, wer besitzt ihn, wer kontrolliert ihn und wer hat Zugriff

auf die dahinterliegenden Daten?

Ein Beitrag von Jutta Horstmann

Das unsichtbare

Risiko amerikanischer Gesetzgebung

Die digitale Infrastruktur Europas basiert größtenteils auf Technologien,

die amerikanischem Recht unterliegen. Selbst wenn Daten

physisch in einem hochsicheren, DSGVO-konformen Rechenzentrum

im Herzen Europas gespeichert werden, können sie durch

US-Gesetze wie den CLOUD Act, den Patriot Act oder den Foreign

Intelligence Surveillance Act für amerikanische Behörden zugänglich

sein. Diese Regelungen gelten nicht nur für US-Unternehmen, sondern

auch für deren europäische Tochtergesellschaften und Partner.

Eine einzige Unternehmensverbindung über den Atlantik genügt,

um rechtliche Verpflichtungen auszulösen – oft ohne Wissen oder

Zustimmung der betroffenen Organisation.

Das Ergebnis ist eine schleichende Einschränkung der Souveränität.

Microsoft bestätigte vor dem französischen Senat, dass das

Unternehmen nicht garantieren kann, dass Daten des europäischen

öffentlichen Sektors außerhalb der Reichweite amerikanischer

Behörden bleiben. Ähnliche Bedenken wurden in den Niederlanden

und Dänemark geäußert, wo Regierungsprüfungen ergaben, dass

vertragliche Sicherheiten allein keinen ausreichenden Schutz bieten.

Für Behörden, kritische Infrastrukturen und regulierte Branchen

sind Vertraulichkeit, Compliance und Rechtssicherheit

unverzichtbar. Wenn der Zugriff auf sensible Daten unter fremdem

Recht erzwungen werden kann, steht nicht nur die digitale Souveränität,

sondern auch die demokratische Autonomie auf dem Spiel.

Diese Abhängigkeit ist nicht nur ein juristisches Problem, sondern

eine strategische Verwundbarkeit.

Die europäische Alternative existiert bereits

Seit Jahrzehnten baut Europas Open-Source-Community genau

das auf, was jetzt gebraucht wird: transparente, interoperable und

überprüfbare Alternativen zu proprietären Technologien. Von

Betriebssystemen und Cloud-Infrastrukturen bis hin zu Kollaborations-

und

Kommunikationswerkzeugen bietet Open Source die technische

Grundlage für echte Unabhängigkeit. Ebenso wichtig ist, dass es ein

Governance-Modell repräsentiert, das mit europäischen Prinzipien

übereinstimmt: Offenheit, Verantwortlichkeit, grenzüberschreitende

Zusammenarbeit und Respekt für Privatsphäre.

Open Source ermöglicht es Institutionen, die volle Kontrolle

über ihre Architektur, ihre Daten und ihre strategische Ausrichtung

zu behalten – ohne versteckte Abhängigkeiten oder Vendor

Lock-ins. Quer durch Europa tragen Open-Source-Stiftungen,

Forschungsprojekte und Unternehmen täglich zu sicherer, interoperabler

digitaler Infrastruktur bei. Sie zeigen, dass technologische

Souveränität durch Kooperation erreichbar ist, nicht durch Isolation.

Von der Strategie zur Umsetzung

Der Übergang von politischen Ambitionen zu konkreten

Ergebnissen ist in einigen europäischen Regionen bereits sichtbar.

In Schleswig-Holstein hat die Landesregierung die Open-Source-

Videokonferenzplattform OpenTalk eingeführt, die vollständig

lokal in einem BSI-zertifizierten Rechenzentrum betrieben wird und

von allen Ministerien und Behörden gemeinsam genutzt wird. Nach

22 Kleine Kniffe


Foto: Heinlein Gruppe

einer sechsmonatigen Pilotphase nutzen mehr als 2.000 Beschäftigte

des öffentlichen Dienstes diese datenschutzkonforme und souveräne

Alternative für ihre tägliche Kommunikation.

In Thüringen verfolgte die Verwaltung einen ähnlichen Ansatz.

Durch die frühzeitige Einbindung der Landesministerien in die Entwicklung

neuer Funktionen und die Anwendung des Prinzips

„Public Money, Public Code“ entstanden wiederverwendbare

Ergebnisse, die andere Verwaltungen übernehmen können. Diese

Beispiele zeigen, dass Souveränität nicht durch Theorie allein

erreicht wird, sondern durch Zusammenarbeit, gemeinsame Standards

und langfristiges Engagement.

Was sich jetzt ändern muss

Echte Souveränität entsteht nur durch Transparenz, Überprüfbarkeit

und gemeinsames Eigentum – Prinzipien, die Open Source

definieren. Europa braucht jetzt politische Abstimmung und klare

Beschaffungskriterien, die das Open-Source-Modell zum Standard

für öffentliche Infrastrukturen machen.

Deutschlands „Deutschland-Stack“-Initiative spiegelt einen

wichtigen Ehrgeiz wider: das digitale Fundament des Staates auf

offenen Standards, Interoperabilität und Transparenz neu aufzubauen.

Die Richtung stimmt, doch die Umsetzung fehlt noch an Fokus

und Konsequenz. Europa braucht jetzt klare Prioritäten und den Mut

zum Handeln: bestehende Open-Source-Lösungen nutzen statt sie

neu zu erfinden, Big-Tech-Lobbyisten aus der öffentlichen Infrastruktur

heraushalten und die Implementierung beschleunigen. Die

geopolitische Lage wartet nicht auf perfekte Konzepte, sie verlangt

Handlungsbereitschaft.

Die Vision verwirklichen

Digitale Souveränität beginnt mit bewussten Entscheidungen:

zu identifizieren, welche Systeme geschäftskritisch sind, Abhängigkeiten

zu bewerten und Partnerschaften mit Anbietern aufzubauen,

die europäische Werte teilen. Sie wird nicht durch Isolation erreicht,

sondern durch Zusammenarbeit über Grenzen, Sektoren und Communities

hinweg.

Open Source ermöglicht genau das: Transparenz, wo Vertrauen

essenziell ist, Kooperation, wo

Ressourcen begrenzt sind, und Resilienz, wo sonst Abhängigkeit

herrschen würde. Europas Open- Source-Ökosystem bietet bereits

eine starke Grundlage – reife Technologien, fähige Anbieter und

eine kollaborative Community. Was jetzt fehlt, ist das Vertrauen

und die Koordination, darauf aufzubauen – gemeinsam, für eine

wirklich souveräne digitale Zukunft.

Autorin

Jutta Horstmann

Co-CEO Heinlein Gruppe

https://www.heinlein-support.de/

Kleine Kniffe

23


Digitale Souveränität

Der große Windows-Schwindel: Warum Ihr alter Computer

jetzt Elektroschrott ist und Ihre Daten in den USA landen

Der erzwungene Umstieg von Windows 10 auf Windows 11 markiert eine historische Zäsur,

die über einen simplen Technologiewechsel weit hinausgeht. Während Medien über Hardware-

Voraussetzungen und Update-Fristen berichten, vollzieht sich im Verborgenen die Vollendung der

digitalen Kolonialisierung Europas und die Provokation einer beispiellosen Kapitalvernichtung.

Ein Beitrag von Professor Harald Wehnes

Dies ist der finale Booster für ein System totaler technologischer

Abhängigkeit, das europäische Datenschutzgrundrechte systematisch

aushebelt und die Hoheit über unsere digitale Infrastruktur

an US-Konzerne, einen unberechenbaren US-Präsidenten und seine

Geheimdienste übergibt – begleitet durch die systematische Verschrottung

von hunderten Millionen funktionierender Computer.

Prof. Shoshana Zuboff, Harvard Business School: “Es ist möglich,

einen Überwachungskapitalismus zu haben und es ist möglich, eine

Demokratie zu haben. Es ist nicht möglich, beides zu haben.“ [1]

Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts

Wer die Daten – genauer unsere Daten – besitzt, hat Geld und

Macht. Auch die Bundesregierung hat das erkannt und sich in klaren

Worten im Koalitionsvertrag bekannt: „Digitalpolitik ist Machtpolitik.

Wir wollen ein digital souveränes Deutschland.“ Unsere Daten

sind die Grundlage für den Reichtum der digitalen US-Monopole

(Abb. 1). Das heißt im Umkehrschluss, wenn wir diese Daten nicht

mehr liefern würden, würden diese Konzerne wie Kartenhäuser

zusammenbrechen. Wir – Datenlieferanten – haben also die

Chance, diese Situation nachhaltig zu verändern. Lediglich persönliche

Bequemlichkeit und die in die Irre führenden Narrative von Big

Tech, wie z.B. „Souveränitätswashing“ [2], stehen im Weg.

Abbildung 1: Großer wirtschaftlicher Gewinn für die „Aneigner“

unserer Daten

Die Handelsbilanz zwischen der EU und den USA weist einen

gefährlichen Trend bei Dienstleistungen (Lizenzen, IT-Services

u.ä.) auf. Defizit der EU gegenüber den USA in 2024 belief sich auf

148.000.000.000,00 EUR. Die Steigerungsrate betrug 36 % (Abb. 2).

Abbildung 2: Entwicklung des Dienstleistungsbilanz-Defizits

der EU gegenüber USA

24 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Was bedeuten diese Zahlen?

Das Dienstleistungsbilanzdefizit von 148 Milliarden EUR

entspricht

· dem Bau von 740.000 neuen Sozialwohnungen à 200.000

EUR pro Jahr

· dem Jahresgehalt von ca. 1,5 Millionen IT-Experten mit

je 100.000 EUR.

Ein großer Teil dieser Mittel fehlt für Bildung, Forschung, Infrastrukturprojekte,

Sozialleistungen u.v.m. in den Haushalten von

Bund, Ländern und Gemeinden. Allein Larry Ellison, vor kurzem

reichster Mann der Welt, erhält 21 EUR pro Sekunde von unserem

Steuergeld. Grundlage ist ein Auftrag in Höhe von 4,6 Mrd EUR der

alten Bundesregierung an die Firma Oracle. Dieser Auftrag wurde

laut Bericht im Tagesspiegel „im Hinterzimmer“ vergeben. Eine

Ausschreibung fand nicht statt. [3]

Die Bundesverwaltung hat nach eigenen Angaben 771 Millionen

EUR für Lizenzen und IT-Dienstleistungen in 2022 ausgegeben. Im

Jahr 2023 betrugen die Ausgaben über 1,2 Mrd. EUR. Das ist eine

Steigerung von rund 57%. Das Finanzministerium wollte diese

Zahlen zunächst geheim halten, musste nach öffentlichem Protest

aber einlenken. [4]

Der CLOUD Act

als Waffe der digitalen Eroberung

Die wahre Bedrohung liegt nicht in veralteter Hardware, sondern

in einem US-Gesetz, das globale Gültigkeit beansprucht: Der

CLOUD Act [5] verwandelt jeden Windows-11-Rechner in ein Einfallstor

für US-Behörden.

Die entscheidende Frage wurde Microsoft France-Direktor

Anton Carniaux im französischen Senat gestellt: „Können Sie garantieren,

dass Daten französischer Bürger nicht ohne Zustimmung der

französischen Regierung an US-Behörden übermittelt werden?“.

Seine Antwort war eindeutig: “Nein, das kann ich nicht garantieren.”

Diese Aussage unter Eid entlarvt alle Microsoft-Beteuerungen zum

EU-Datenschutz als reine Theaterinszenierung. In Wahrheit schafft

Windows 11 eine Infrastruktur, in der:

· US-Gesetze Vorrang vor EU-Recht haben

· DSGVO-Grundsätze systematisch umgangen werden

· Europäische Gerichte bewusst ausgeschaltet werden

· Weitere Erpressungspotentiale und Killswitche für den

US-Präsidenten und die US-Administration geschaffen

werden.

Aufgrund von Lock-ins, haben wir es mit unlimitierte

Ewigkeitslasten zu tun. Diese könnten unser „Sondervermögen“

schnell dezimieren.

Kleine Kniffe

25


Der Weg zur totalen Überwachung

Während Microsoft von der Verwendung

der Nutzerdaten zur „Entwicklung und

Verbesserung von Produkten ... “ spricht, handelt es sich de facto

um ein umfassendes Überwachungs- und Ausbeutungssystem.

Tabelle 1: Mit Windows 11 in die digitale Kolonie

Der ökologische Super-GAU:

700.000.000 kg Elektroschrott

Windows 11 bringt spezifische Hardware-Anforderungen wie

TPM 2.0 und unterstützte CPUs mit, die mehrere hundert Millionen

voll funktionstüchtiger Computer über Nacht obsolet machen. Diese

strategische Obsoleszenz ist ein Umweltverbrechen ungeahnten

Ausmaßes:

· Elektroschott-Boom: Eine Forschungsstudie [6] zeigt, dass

durch die Zwangsausmusterung rund 240 Millionen

funktionierende PCs möglicherweise zu Elektroschrott

werden. Die Dimensionen sind gewaltig:

Würde man die 240 Millionen betroffenen

Geräte stapeln, so ergäbe sich bei einer durchschnittlichen

Laptopdicke von 2,5 cm ein 6.000 Kilometer hoher Turm

aus Laptops, der bis weit ins All reichen würde.

· Die Zwangsausmusterung dieser Geräte setzt zudem

giftige Stoffe in die Umwelt frei und vergeudet wertvolle

Ressourcen. Die Deutsche Umwelthilfe warnt: „Weltweit

können etwa 40 Prozent der Computer nicht auf

Windows 11 aktualisiert werden, wodurch auf einen

Schlag bis zu 700 Millionen Kilo Elektroschrott anfallen

könnten“. [7]

· Enormer CO₂-Fußabdruck: Die energieintensive

Produktion der Ersatzgeräte treibt den Klimawandel

weiter an und konterkariert jede Nachhaltigkeitsagenda.

· Ökonomische Entmündigung: Privatnutzer und kleine

Unternehmen werden gezwungen, in neue Hardware zu

investieren, während die Extended Security Updates

(ESU) nur eine mit Daten und/oder Geld zu bezahlende

Übergangslösung ohne Zukunft darstellen.

Die Psychologie des Zwangs: Wie “Sicherheit”

zur Abhängigkeit führt

Microsofts gesamte Kommunikation basiert auf einem zynischen

Täuschungsmanöver. Während das Unternehmen behauptet, Windows

11 biete “erweiterte Sicherheit”, schafft es gleichzeitig eine

Architektur, die:

· Zwangskonten erfordert (Microsoft Account)

· Regelmäßige Authentifizierung mit Microsoft-Servern

erzwingt

· Dezentralen Betrieb unmöglich macht.

Die angebliche “Sicherheit” dient in Wahrheit der Kontrolle. Jedes

Sicherheitsupdate ist nicht nur ein Patch, sondern auch ein Werkzeug

zur Verstärkung der Abhängigkeit.

Der “Kostenlose” Köder mit Datenschutz-Falle

Microsoft bietet im Europäischen Wirtschaftsraum zwar kostenlose

Extended Security Updates (ESU) an – aber nur unter einer Bedingung:

Der Nutzer muss sich mit einem Microsoft-Konto authentifizieren. Die

vermeintlich großzügige Geste ist in Wahrheit ein perfider Mechanismus

zur Erzwingung des Account-Zwangs und zur Verknüpfung des

Nutzerverhaltens mit einer Microsoft-Identität.

Microsoft bricht das

„Letzte Windows“-Versprechen

Microsoft verkündete 2015, Windows 10 werde „die letzte Version

von Windows“ sein und künftig nur noch durch Updates weiterentwickelt.

[8] Dieses Versprechen hat sich nun als sich als Täuschung erwiesen.

Windows 11 ist ein strategisch forcierter Bruch, der die gewonnene Nutzerbasis

nutzt, um Hardware-Obsoleszenz zu erzwingen und alle in ein

noch geschlosseneres Ökosystem zu treiben.

Digitale Kolonialisierung: Das System Microsoft

Die Parallelen zum historischen Kolonialismus sind unübersehbar:

1. Ressourcen-Extraktion: Wie früher Kolonialmächte Rohstoffe

abtransportierten, extrahiert Microsoft heute Daten als

wertvollste Ressource des 21. Jahrhunderts. Jeder

Windows-11-Nutzer wird zur “Datenquelle” für US-

Interessen.

2. Infrastruktur-Kontrolle: Die Kontrolle über Betriebssysteme

ist die Kontrolle über die digitale Infrastruktur - vergleichbar

mit Häfen und Handelsrouten im Imperialismus des

19. Jahrhunderts.

3. Rechtliche Vorherrschaft: Der CLOUD Act etabliert

US-Recht als de-facto-Weltrecht und macht europäische

Datenschutzgesetze praktisch wirkungslos.

4. Wirtschaftliche Abhängigkeit: Durch Lizenzgebühren,

Zwangsupgrades und Cloud-Abonnements fließen jährlich

Milliarden aus Europa in US-Kassen.

Der Weg in die digitale Knechtschaft

Windows 11 ist die perfekte Kolonialisierungssoftware: Sie schafft

Abhängigkeit, verhindert Souveränität und ermöglicht totale Kontrolle.

Die vermeintliche “Modernisierung” ist in Wahrheit eine Rückentwicklung

in die digitale Vasallenschaft.

Die Illusion der Wahl

Microsoft bietet scheinbare Alternativen - Windows 11, ESU-Programm,

Cloud-Lösungen. Doch alle Wege führen in die gleiche

Abhängigkeit. Wie in jeder Kolonie gibt es nur die Wahl zwischen verschiedenen

Formen der Unterwerfung.

Die Zeit für halbherzige Reformen ist vorbei. Europa braucht einen

radikalen Kurswechsel. Die Kolonialherren des 21. Jahrhunderts tragen

26 Kleine Kniffe


keine Uniformen, sie betreiben Rechenzentren in deren Ländern.

Und ihre wirkungsvollste Waffe ist nicht das Gewehr, sondern das

Betriebssystem.

Ausblick und Lösungsansätze:

Wege aus der digitalen Windows 11-Falle

Die Analyse zeigt ein System der Abhängigkeit, des Datenexports

und der ökologischen Verschwendung. Doch es gibt Auswege:

• Digitale Souveränität durch Open Source: Der konsequenteste

Schritt ist der Wechsel zu unabhängigen, quelloffenen

Betriebssystemen wie Linux. Distributionen wie

Ubuntu, Linux Mint oder spezielle öffentliche Versionen

(z.B. auf Debian basierend) sind benutzerfreundlich, sicher

und laufen performant auch auf älterer Hardware. Sie

befreien von Lizenzzwängen, Account-Zwang und dem

CLOUD Act.

• Stärkung europäischer Alternativen: Politik und

öffentliche Verwaltung müssen mit gutem Beispiel vorangehen.

Statt Milliarden in US-Lizenzen zu investieren,

müssen Mittel in die Entwicklung und den Einsatz

europäischer Open-Source-Software fließen.

• Hardware-Nutzungsdauer maximieren: Der ökologische

Irrsinn der Zwangsausmusterung muss gestoppt werden.

Durch die Nutzung von Linux oder den Einsatz von

Windows 10 mit erweitertem Support in isolierten

Netzwerken kann die Lebensdauer von Hardware massiv

verlängert werden.

• Regulatorischer Mut: Die EU muss den Hebel bei der

Beschaffung ansetzen: Öffentliche Einrichtungen sollten

verpflichtet werden, bevorzugt Open-Source-Software

und langlebige, reparierbare Hardware einzusetzen.

Zudem muss der CLOUD Act mit klaren rechtlichen

Barrieren und Sanktionen beantwortet werden.

Der Abschied von Windows 10 ist keine technische Notwendigkeit,

sondern eine strategische Weichenstellung. Europa steht

vor der Wahl: blinde Folgeleistung in die digitale Kolonie oder

die mutige Entscheidung für technologische Selbstbestimmung,

Umweltschutz und die Bewahrung der Grundrechte. Die Werkzeuge

für den Ausstieg sind vorhanden – es fehlt nur der politische

und gesellschaftliche Wille, sie auch zu nutzen.

Autor

Professor Harald Wehnes

Lehrstuhl für Informatik III

Universität Würzburg

Links und Quellen:

Anmerkung:

Dieser Diskussionsbeitrag gibt die analytische Perspektive

des Autors wieder. Zur besseren Verständlichkeit eines breiten

Publikums wurde auf eine allzu technische Darstellung verzichtet.

[1] Joanna Zuboff: Surveillance Capitalism or

Democracy? The Death Match of Institutional Orders and

the Politics of Knowledge in Our Information Civilization.

21.11.2022. https://journals.sagepub.com/doi/

full/10.1177/26317877221129290

[2] Harald Wehnes, Julian Kunkel, Martin Weigele:

Schein-Lösungen stoppen: Souveränitäts-Washing von Big

Tech gefährdet Sondervermögen. 08.04.2025. https://gi.de/

themen/beitrag/kritik-zu-souveraenitaets-washing-von-bigtech

[3] Oliver Voss, Tagesspiegel: Umstrittener 4-Milliarden-Deal:

Macht sich das Innenministerium von Oracle

abhängig? 06.09.2023. https://www.tagesspiegel.de/politik/

umstrittener-4-milliarden-deal-macht-sich-das-innenministerium-von-oracle-abhangig-10421440.html

[4] Stefan Krempl: Bund: Lizenzkosten für Microsoft

auf hohem Niveau, insgesamt neuer Rekord. 01.06.2024.

https://www.heise.de/news/Bund-Lizenzkosten-fuer-Microsoft-auf-hohem-Niveau-insgesamt-neuer-Rekord-9744319.

html

[5] CLOUD Act. 02/06/2018. https://www.congress.gov/

bill/115th-congress/house-bill/4943/text

[6] Ben Caddy und Kieren Jessop, Canalys: The end of

Windows 10 support could turn 240 million PCs into e-waste.

https://www.canalys.com/insights/end-of-windows-10-support-could-turn-240-million-pcs-into-e-waste

[7] Deutsche Umwelthilfe: Windows 10

Updates verlängert: Deutsche Umwelthilfe kritisiert

fehlenden langfristigen Support und wirft Software-Giganten

Täuschungsmanöver vor. 26.09.2025. https://

www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/

windows-10-updates-verlaengert-deutsche-umwelthilfe-kritisiert-fehlenden-langfristigen-support-und-w/

[8] Microsoft Ignite 2015: „Windows 10 - The Last

Version of Windows“ (Zitat von Jerry Nixon, Microsoft

Developer). Berichtet von The Verge: https://www.theverge.

com/2015/5/7/8568473/windows-10-last-version-ofwindows

Kleine Kniffe

27


Open Source

Open Source

als Rückgrat eines souveränen Staates

Im Angesicht fortschreitender Digitalisierung und wachsender geopolitischer Spannungen werden

die „Kritischen Infrastrukturen“ des Staates neu gedacht. Was lange Zeit Stromnetze, Wasserwerke

und Verkehrswege meinte, umfasst heute weit mehr – auch den digitalen Raum. Die zunehmende

Digitalisierung aller Lebens- und Verwaltungsbereiche hat gezeigt: Kritische Infrastruktur ist längst

auch Code, Software und Server. Eine funktionierende digitale Infrastruktur ist zur Grundlage

staatlichen Handelns geworden.

Ein Beitrag von Leonhard Kugler

Damit verschiebt sich die sicherheitspolitische Perspektive.

Wenn zentrale Verwaltungsprozesse, öffentliche Kommunikation

oder Gesundheitsdaten auf Cloud-Plattformen proprietärer Anbieter

liegen, entstehen neue Abhängigkeiten – und damit erhebliche Sicherheitsrisiken.

Genau in einer solchen Abhängigkeit befindet sich die

deutsche Verwaltung: Nahezu alle Verwaltungseinrichtungen arbeiten

mit Technologien großer US-Hyperscaler. Viele Daten liegen

in Clouds, die US-Recht unterstehen. Damit kann die US-Regierung

im Ernstfall per Dekret auf Daten und Informationen zugreifen, die

bei diesen Anbietern gespeichert sind. Software kann so zum Druckmittel

werden – etwa in Handelskonflikten oder Krisensituationen.

Bleiben sicherheitsrelevante Updates aus, ist die Handlungsfähigkeit

des Staates unmittelbar gefährdet.

Zeit, das zu ändern. „Digitale Souveränität“ wurde vom Bundesministerium

für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) zum

Leitmotiv der aktuellen Digitalpolitik erklärt. Digitale Souveränität

bedeutet dabei keine Abschottung, sondern die Fähigkeit zur selbstbestimmten

Gestaltung, Kontrolle und Wechselfähigkeit zwischen

Anbietern. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Staat seine digitalen

Grundlagen eigenständig sichern und weiterentwickeln kann.

Genau hier kommt Open Source ins Spiel – als Werkzeug, um

diese Souveränität praktisch umzusetzen. Open Source schafft

Transparenz: Quellcode ist überprüfbar, nachvollziehbar und auditierbar.

Wissen und Weiterentwicklung liegen nicht in den Händen

weniger Konzerne. Vielmehr können sie in Kooperation und unter

gleichartigen Rahmenbedingungen vorangetrieben werden. Damit

wird technologische Entwicklung dezentralisiert und demokratisiert.

Open Source ist somit ein wirksames Mittel, damit Behörden, Forschung

und Wirtschaft gemeinsam an digitalen Basistechnologien

arbeiten können; Kooperation ist quasi im Lizenzmodell verankert.

Offene Schnittstellen sichern die Migrationsfähigkeit und

Interoperabilität, offene Daten dienen dazu, Wechselfähigkeit und

Datensouveränität zu steigern.

Mit dem Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) hat sich

der Bund bereits 2022 eine zentrale Anlaufstelle geschaffen, um

Open-Source-Entwicklung innerhalb der Verwaltung systematisch

zu fördern. Das ZenDiS unterstützt die öffentliche Hand dabei, digitale

Lösungen gemeinsam, offen und nachhaltig zu entwickeln

– und sich so aus kritischen Abhängigkeiten von einzelnen Technologieanbietern

zu lösen. Als Kompetenz- und Servicezentrum berät,

befähigt und begleitet das ZenDiS Verwaltungen und stellt zugleich

Zugang zu modernen, leistungsfähigen und skalierbaren souveränen

Lösungen bereit.

Um Open-Source-Software (OSS) für die Verwaltung zugänglich

zu machen, verantwortet das ZenDiS seit 2024 die Plattform open-

Code (www.opencode.de). Dort ist ein zentraler Anlaufpunkt für

OSS in der Verwaltung entstanden: Eine Plattform, auf der verwaltungsrelevante

Open-Source-Software gefunden, geteilt und

gemeinsam weiterentwickelt werden kann. Aktuell sind dort rund

9.000 Nutzende registriert, die an etwa 4.500 Projekten arbeiten. Für

die Nutzenden ist auf openCode eine rechtlich gesicherte, föderationsübergreifende

Zusammenarbeit möglich: Bund, Länder und

Kommunen können dort gemeinsam entwickeln.

28 Kleine Kniffe


Foto: ZENDIS

Das ZenDiS entwickelt openCode kontinuierlich weiter. Damit

Sicherheit und Nachnutzbarkeit der dort gelisteten Projekte für

Interessierte anderer Verwaltungen ersichtlich sind, wurde ein

Badge-System etabliert: Bestehende Projekte werden automatisiert

auf Aspekte wie Wartung, Nachnutzbarkeit und Sicherheit überprüft.

Jedes Projekt erhält pro Aspekt ein Badge mit einer Bewertung.

So wird auf einen Blick erkennbar, ob ein Projekt die gewünschten

Anforderungen erfüllt und etwa in einer Kommune eingesetzt

werden kann.

Im Softwareverzeichnis von openCode finden sich inzwischen

über 200 Projekte. Die Spannweite ist groß: Mit F13 steht

beispielsweise ein KI-Assistenzsystem aus Baden-Württemberg

zur Nachnutzung bereit. F13 wurde speziell für den Einsatz in

der öffentlichen Verwaltung entwickelt. Auch Projekte wie der

BundesMessenger, eine sichere Kommunikationslösung auf Basis

des Matrix-Protokolls, oder die Smart City App, die städtische

Services und Informationen wie Abfallkalender, Mängelmelder,

Behördenleistungen, Veranstaltungen und News bündelt, sind auf

openCode zu finden.

Neben Anwendungen für den Verwaltungseinsatz arbeitet das

ZenDiS mit openCode auch daran, die gesamte Softwarelieferkette

der öffentlichen Verwaltung sicherer zu gestalten. In einem gemeinsamen

Projekt mit der Auslands-IT des Auswärtigen Amts findet

derzeit eine Härtung von Softwarecontainern statt. Das bedeutet,

dass einzelne Softwarekomponenten, die die Grundlage für viele

Projekte bilden, sicher und überprüfbar bereitgestellt werden. So

können Entwickler:innen, die Projekte für die Verwaltung umsetzen,

auf technische Bausteine zugreifen, die den Sicherheitsanforderungen

der Deutschen Verwaltungscloud-Strategie entsprechen. Denn

langfristig muss ein digital souveräner Staat seine gesamte Softwarelieferkette

resilient und sicher aufstellen – nicht nur Teilaspekte wie

Serverstandorte oder Datenspeicher.

Insgesamt betrachtet kann Open Source zum Rückgrat staatlicher

Handlungsfähigkeit werden – und zur Voraussetzung dafür,

dass kritische digitale Infrastrukturen wirklich souverän und resilient

betrieben werden können. Der OSS-Ansatz bringt Beschleunigung

und sichert Innovation. Dabei kann die Öffentlichen Verwaltung auf

einen starken Mittelstand aus Deutschland und Europa zugreifen

und bestehende Lösungen unter den richtigen Rahmenbedingungen

für sich nutzen. Dafür braucht es mutige Schritte, um öffentliche

Investitionen in digitale Infrastruktur so zu bündeln, dass nachhaltiges

digitales Wirtschaftswachstum und Innovation entstehen

kann. Mit openCode gibt es die Grundlage dafür, das Konzept der

Digitalen Souveränität durch Open Source auf allen Ebenen weiterzuentwickeln.

Autor

Leonhard Kugler

Leiter Plattform & Entwicklung

ZenDiS.

https://www.zendis.de/

Kleine Kniffe

29


Nachhaltige Digitalisierung

Weniger Watt, mehr Wirkung:

Green IT als Pflichtprogramm

Ihre Verwaltung verbraucht rund 25 Prozent ihres Stroms für IT. Die Kurve zeigt nach oben. Ignorieren

wir das – oder drehen wir sie um? Die Green-IT-Strategie des IT-Planungsrats (beschlossen im März

2022) verlangt bis 2030 eine klimaneutrale, nachhaltige IT. Das ist kein Wohlfühlziel. Das ist eine

Führungsaufgabe.

Ein Beitrag von Thomas Heine

Beweis der Machbarkeit: Halbierter Verbrauch

Die Green-IT-Initiative des Bundes liefert den Beleg. Seit 2008

san der Energieverbrauch der Bundes-IT von 680 GWh auf 328 GWh

(2020). Rund 50 Prozent weniger – durch über 70 Maßnahmen.

Darunter: energieeffiziente Rechenzentren, optimierte Serverauslastung,

Nutzung von Abwärme zur Gebäudeheizung. Die Botschaft an

alle Ebenen: Es geht. Und es skaliert, wenn wir konsequent kopieren.

Vom Pilot zur Blaupause: Drei Hebel jetzt

Starten Sie Piloten, die sofort übertragbar sind: Optimieren Sie

im Rechenzentrumsbetrieb zunächst Serverauslastung und

Effizienz, messen Sie die Effekte transparent und dokumentieren

Sie Betriebsmuster sowie Kennzahlen – so entsteht eine belastbare

Vorlage für andere Häuser. Nutzen Sie außerdem Abwärme,

indem Sie Rechenzentrums-Abwärme in die Gebäudeheizung

einbinden und die technischen wie organisatorischen

Schritte offenlegen; daraus entwickelt sich ein Standardvorgehen

für Ihre Liegenschaften. Richten Sie schließlich den Fokus auf

Kreislaufwirtschaft über den gesamten Lebenszyklus: Beschaffen

Sie ressourcenschonende Hard- und Software, organisieren

Sie die Kreislaufführung der IT-Hardware in Ihren Liegenschaften

und ergänzen Sie dies um digitale Produktpässe sowie geeignete

Product‐as‐a‐Service‐Modelle.

Messverfahren, gleiche Begriffe, gleiche Berichte. Nur so vergleichen

Sie Erfolge, nur so multiplizieren Sie Wirkung.

Beschaffung als Klimapolitik

Das Maßnahmenprogramm „Nachhaltigkeit für das

eigene Verwaltungshandeln“ verpflichtet Sie zu nachhaltiger

IT-Beschaffung. Nutzen Sie das. Schreiben Sie energieeffiziente

Rechenzentren, optimierte Serverauslastung, klimaneutralen Betrieb

und Kreislaufführung als Pflichtkriterien fest. Fordern Sie digitale

Produktpässe und Product‐as‐a‐Service dort, wo es passt. Die öffentliche

Hand hat eine Vorbildfunktion. Ihre Nachfrage schafft Markt

– und Tempo.

Jetzt multiplizieren

Sie haben klare Ziele (bis 2030). Sie haben belegte Maßnahmen

(über 70). Sie wissen, was wirkt: energieeffiziente Rechenzentren,

optimierte Serverauslastung, Abwärme, Kreislaufwirtschaft, nachhaltige

Beschaffung. Machen Sie daraus Standard‐Services mit

interoperablen Schnittstellen. Bauen Sie Piloten so, dass andere sie

sofort übernehmen. So senken Sie den 25‐Prozent‐Anteil. So wird

Green IT vom Projekt zur Praxis. Fangen wir an – heute, mit dem

ersten Pilot, der morgen Blaupause ist.

Standards und Interoperabilität entscheiden

Ohne Standard-Services bleibt Green IT Stückwerk.

Definieren Sie verbindliche Schnittstellen für Energie‐Monitoring, Auslastungsdaten

und Abwärme‐Kennzahlen. Legen Sie Datenmodelle

für digitale Produktpässe fest. Sorgen Sie dafür, dass diese Bausteine

in Bund, Ländern und Kommunen identisch andocken. Gleiches

Autor

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

30 Kleine Kniffe


Kleine Kniffe

31


Open Source

Open-Source ERP in der öffentlichen Verwaltung:

Trends, Chancen und praktische Wege

Die prinzipielle Offenheit für Open-Source-Lösungen wächst in den deutschen Amtsstuben. Im

Interview spricht Finnigan Lutz als Geschäftsführer der Zukunft digitale und offene Verwaltung

GmbH. Als früherer Softwareentwickler und Strategieberater arbeitet er an der Einführung von

Open-Source-ERP-Systemen in der öffentlichen Verwaltung. Denn in vielen Behörden kommt

Open-Source-Software bereits zum Einsatz. Überzeugungsarbeit ist jedoch immer noch zu leisten.

Das Interview führte Thomas Heine

Sie sprechen von aktuellen, globalen Trends für eine

ganz spezifische Klasse an Software-Systemen - sogenannte

“ERP-Systeme”. Welche Relevanz hat das für

deutsche Verwaltungen?

Eine wachsende. Wir sehen zahlreiche Insellösungen, Excel-Tabellen,

Microsoft Access - einen echten Flickenteppich, der schwer zu

konsolidieren ist. Diese Strukturen sind historisch gewachsen - mit

getrieben durch Einzelbeschaffungen, die zwar lokale Probleme sehr

gut lösen, aber selten ein Gesamtbild ergeben. ERP-Systeme sind die

Gegenbewegung dazu: umfassender als einzelne Fachanwendungen

und in der Lage, Verfahren, Online-Dienste und Finanzdaten in

einem System zu vereinen.

Trotz ihrer langen Geschichte - man denke an

SAP - sehen wir nun erstmals eine neue Generation dieser Systeme,

die 100% Open Source sind. Sie haben nun eine Marktreife erreicht,

die sie - gerade unter den Schlaglichtern Digitaler Souveränität und

Nachhaltiger Beschaffung - für Verwaltungen sehr interessant macht.

Ihre technologische Offenheit ermöglicht Flexibilität, Souveränität

und Kostenvorteile in einer Form, die es so vorher nicht gab.

Macht hier Open-Source wirklich den Unterschied?

Naja, denken Sie mal so: In Open-Source-Ökosystemen, die teilweise

hunderttausend Mitwirkende umfassen, kommen einfach viel

mehr Innovationen zustande als in einer einzelnen Produktabteilung

eines üblichen Anbieters. Gute Innovationen verbreiten sich

automatisch im Netzwerk, statt isoliert zu bleiben. Das funktioniert

nur, weil der Quellcode der Software frei zugänglich ist und alle mitwirken

dürfen. Die Kosten sinken und das System verbessert sich

fortlaufend, da Adoption, Innovation und Produktqualität ineinander

greifen und sich gegenseitig verstärken.

Und wie ist das mit der Einhaltung der Gesetze?

Machen die Systeme das automatisch?

Moderne Open-Source-ERP-Systeme bilden viele gesetzliche

Vorgaben zuverlässig ab, wie Haushaltslogiken, Genehmigungswege

oder Dokumentationspflichten, und reduzieren auch insbesondere

die Fehlerquellen. Sie schaffen einen rechtskonformen Rahmen -

aber ersetzen natürlich nicht die Auslegung von Vorschriften oder

Ermessensentscheidungen. Dafür braucht es weiterhin klare Prozesse

und fachliche Kontrolle. Kurz gesagt: Das System reduziert das

Risiko und hilft bei der strukturierten Ausführung, aber die Verantwortung

bleibt bei der Behörde.

Was bedeutet das nun für Entscheidungsträger?

Als erstes gibt es hier einen Informationsmangel auszugleichen.

Die ERP-Welt ist noch eine Nische, und es müssen mehr Akteure die

Brücke schlagen zwischen integrierten ERP-Systemen, Effizienzsteigerung

und dem Potenzial für die deutsche Verwaltung.

Führungskräfte brauchen allgemein mehr Informationen über

diese Klasse an Systemen, als auch ein Verständnis der Vorteile,

die ein ERP-System für jede betriebliche Ebene individuell mitbringt.

Für die Leitungsebene kommt eine Echtzeit-Übersicht der

Organisation zustande, mit belastbaren Kennzahlen und flexibler

32 Kleine Kniffe


Foto: ChatGPT 5.1 Pro

Berichterstattung - und vor allem für Sachbearbeiter bedeutet es

weniger Doppeleingaben und weniger manuelle Handgriffe.

Als besondere Chance ist auch die Einführungsphase eines solchen

Systems zu sehen, da hier die Organisation zusammenkommen

kann, um ein gemeinsam getragenes Leitbild umzusetzen. Altsysteme

können nachhaltig und verantwortlich abgelöst, Daten migriert

und Prozessverbesserungen gemeinsam realisiert werden. Das kann

auch richtig Spaß machen, wenn man sieht, wie es vorangeht.

Klingt vielversprechend - aber wie steht es um Kosten

und Wirtschaftlichkeit?

Wichtige Frage. Tatsächlich teurer als das ERP ist oft der aktuelle

Zustand. Der größte Kostenblock entsteht bereits heute durch

manuelle Doppeleingaben, verstreute Daten, Medienbrüche und

wiederkehrende Abstimmungsschleifen. Diese versteckten Prozesskosten

summieren sich erheblich - finanziell wie organisatorisch.

Eine strukturierte Bestandsaufnahme - eine Art „IT-Autopsie“ - kann

sichtbar machen, wo die größten Lizenz- und Zeitkosten entstehen

und wo die Potenziale liegen. Ein modernes ERP setzt genau dort

an. Wie schnell sich die Investition rechnet, hängt vom Ausgangszustand

ab, lässt sich aber nach einer Prozessaufnahme gut beurteilen.

Das kann durchaus mal überraschen, wenn man die Zeitersparnisse

je Vorgang auf ein Jahr hochrechnet.

Was gilt es bei der Beschaffung zu beachten?

Eine frühe Markterkundung ist entscheidend, um Funktionen,

Lizenzmodelle und Integrationsumfang einschätzen zu können.

Eine Übersicht der „Estimated Cost of Ownership“ (ECO) über

zehn Jahre schafft hier Vergleichbarkeit, gerade weil manche Systeme

lizenzpflichtig sind und andere nicht. Wichtig ist außerdem,

Software-Lizenzen und Einführung klar zu trennen: Die Implementierung

eines ERP-Systems umfasst Workshops, Prozessdesign,

Datenmigration und Schulungen und wird üblicherweise mit einem

spezialisierten Implementierungspartner umgesetzt. Das sorgt für

Struktur, reduziert Risiken und erleichtert die Einführung.

Zum Schluss: Was wäre Ihre wichtigste Empfehlung?

Zusammenarbeit. In der öffentlichen Verwaltung arbeiten

wir an denselben Herausforderungen, doch viel zu oft agieren

Akteure isoliert. Wenn wir Wissen teilen, Erfolge kommunizieren,

Erfahrungen austauschen und einander helfen, profitieren alle.

Technisch, organisatorisch und finanziell. ERP-Einführungen sind

komplex, und gerade deshalb braucht es Vernetzung, gegenseitige

Unterstützung und eine Kultur, in der Lernen und Weitergeben

selbstverständlich sind.

Das Unternehmen

Zukunft digitale und offene Verwaltung GmbH (zdov)

bringt öffentliche Verwaltungen, Gemeinnützige

Institutionen und Vereine auf eine integrierte, offene

Plattform, optimieren Abläufe und sparen damit Zeit,

Geld und Nerven

Webseite: https://zdov.de/

Kleine Kniffe

33


Open Source

Open Source – Das Rückgrat

einer souveränen und nachhaltigen Verwaltung

Als Interim Solution Architect und Product Owner der National Databank Flora & Fauna in den

Niederlanden arbeite ich mit einem Team, dessen Aufgabe es ist, alle Biodiversitätsdaten des Landes

für Bürger:innen, Forscher:innen und politische Entscheidungsträger:innen zugänglich zu machen. Jeden

Tag stehen wir vor der Herausforderung, enorme Datenmengen zu verwalten, verfügbar zu machen

und ihren langfristigen Wert zu sichern. Diese Arbeit hat mich auch dazu gebracht, über unser eigenes

Projekt hinauszublicken und zu untersuchen, wie der niederländische öffentliche Sektor insgesamt mit

Open Source, Open Data und der digitalen Transformation der Verwaltung umgeht.

Ein Bericht von Wilco Burggraaf

Und weil ich aus der eigenen Forschung heraus lernen wollte,

wie man es besser machen kann, habe ich mir den niederländischen

Open-Source- und Daten-Landschaft intensiv angesehen – mit

klar erkennbaren Chancen, aber auch mit Lücken, die geschlossen

werden müssen.

Ein zentrales Problem, das ich immer wieder sehe, betrifft die

Art und Weise, wie Nachhaltigkeit in der IT gemessen und deklariert

wird. Aktuelle gesetzliche Anreize, ob aus EU-Vorgaben oder nationalem

Recht, machen es oft möglich, Strom aus einem grauen Netz

als „grün“ zu deklarieren, indem man Zertifikate einkauft. Auf dem

Papier erfüllt man damit Klimaziele, in der Realität aber verschleiert

man den tatsächlichen Energieverbrauch der digitalen Prozesse.

Wenn wir wirklich zukunftsfähig sein wollen, dürfen Verwaltungen

nicht bei CO₂-Äquivalenten auf Basis von nationalen Durchschnittswerten

stehen bleiben. Wir müssen Kilowattstunden erfassen, und

wir müssen die Zahl der Virtual Machines und Container zählen,

die in Produktion laufen. Jedes ERP-System, jedes Bürgerportal,

jede API und jede Website läuft virtuell irgendwo. Die Schätzung

des Energie- und CO₂-Fußabdrucks dieser Workloads auf Grundlage

der Netzintensität gibt uns das reale operative Bild. Und wenn

sich Governance-Vorgaben eines Tages ändern, stehen wir ohnehin

vor der harten Pflicht, den gesamten Energieverbrauch zu senken.

Besser, wir sind jetzt vorbereitet.

Genau hier macht Open Source den entscheidenden Unterschied.

Wer offene Lösungen einsetzt, zwingt sich dazu, die Kontrolle zu

übernehmen. Souveränität bedeutet, Verantwortung für den eigenen

digitalen Wert zu tragen und die Expertise aufzubauen, ihn zu

pflegen. Für Regierungen ist das nicht nur eine technische Entscheidung,

sondern auch eine kulturelle. Es erfordert die Ausbildung

eigener Fachkräfte und den Aufbau von Wissen, um Technologie

im großen Maßstab selbst betreiben zu können. Im Gegenzug schafft

Open Source Transparenz über die tatsächliche Leistung und den

realen Impact von Systemen und verschafft Verwaltungen Verhandlungsmacht

im Gespräch mit Hyperscalern und Cloud-Anbietern.

Statt sich grüne Versprechen und komplexe Rechnungen vorlegen

zu lassen, können Regierungen mit eigenen Messwerten argumentieren,

untermauert von offenen Tools, die den tatsächlichen

Fußabdruck von Workloads sichtbar machen. Das ist eine Form von

Souveränität, die Nachhaltigkeit unmittelbar möglich macht.

Im niederländischen öffentlichen Sektor gibt es bereits Beispiele,

die zeigen, wie dies in der Praxis funktioniert. DasMinisterie van

BZK hat mit seiner „Open, Unless“-Politik den Ton gesetzt, indem es

Offenheit zum Standard für staatliche Software macht, und mit der

Einrichtung eines behördenweiten Open Source Programme Office

die Governance-Struktur geschaffen, um dies umzusetzen. Initiativen

wie OpenGemeenten zeigen, dass geteilte Open-Source-Komponenten

landesweit barrierefreie digitale Dienste ermöglichen und

gleichzeitig Doppelarbeit vermeiden. VNG Common Ground geht

noch weiter, indem es kollaborative Infrastruktur aufbaut, die

Gemeinden wiederverwenden können, anstatt jeweils eigene Lösungen

zu entwickeln. Logius hat mit der Veröffentlichung des Source

34 Kleine Kniffe


Codes der DigiD-App, einem kritischen nationalen Identitätsdienst,

einen mutigen Schritt gemacht, um Transparenz und Vertrauen zu

schaffen. Und das Portal Developer Overheid führt diese Stränge

zusammen, indem es Tausende von Repositories hostet, die sowohl

von staatlichen Stellen als auch von Bürger:innen genutzt werden

können. All diese Initiativen beweisen, dass Offenheit systemisch

werden kann – und dass, wenn öffentliches Geld digitale Infrastruktur

finanziert, der Code auch der Öffentlichkeit zugutekommen

sollte.

Doch über Strategie und Governance hinaus bietet Open

Source auch die praktischen Instrumente, um Verwaltung und

Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Im Bereich Cloud und

Infrastruktur liefern Tools wie Kepler von der Cloud Native Computing

Foundation Echtzeit-Messungen des Energieverbrauchs

einzelner Kubernetes-Container. Kubecost verknüpft Ressourcennutzung

direkt mit finanziellen und ökologischen Kosten, während

Kube-Green dafür sorgt, dass nicht benötigte Workloads außerhalb

der Bürozeiten nicht unnötig weiterlaufen. OpenStack-basierte

souveräne Clouds ermöglichen es Regierungen, Dienste in eigenen,

energieoptimierten Umgebungen zu hosten – mit voller Transparenz

über deren Impact. Auf Anwendungsebene zeigt das

Unternehmen Green Coding Solutions aus Berlin, wie Open Source

Nachhaltigkeit messbar statt rhetorisch macht. Mit dem Green Metrics

Tool stellen sie ein Framework bereit, das den Energie- und

CO₂-Verbrauch von Anwendungen in Echtzeit messen kann. Ihr

Cloud Energy-Modell schätzt den Wattverbrauch in Cloud-Umgebungen,

während Werkzeuge wie Eco CI Energy Estimation in

Continuous-Integration-Pipelines integriert werden können und

so die Energiekosten von Software-Builds direkt sichtbar machen.

Indem sie den unsichtbaren Fußabdruck von Code und Diensten

offenlegen, ermöglichen Green Coding Solutions es Verwaltungen

und Entwickler:innen, von Marketing-Behauptungen zu Fakten

überzugehen – und Software-Entscheidungen nach realem Energie-

und CO₂-Impact zu steuern. Parallel dazu verfolgt KEIT von

Aknostic das Ziel, die Umweltbilanz von Workloads zu messen und

zu berichten, damit Architekt:innen und Entwickler:innen bessere

Designentscheidungen treffen können.

Und über klassische Anwendungen hinaus muss diese Logik

auch auf Artificial Intelligence ausgeweitet werden. Viele öffentliche

Einrichtungen experimentieren heute mit AI-Modellen, und hier ist

das Beispiel Mistral aus Europa besonders relevant. Mistral verfolgt

den Ansatz, leistungsfähige Modelle mit einem Open-Source-Ethos

zu entwickeln, und zeigt damit, dass AI-Souveränität möglich ist.

Aber wer ausschließlich externe APIs nutzt, selbst von innovativen

Anbietern, lagert Souveränität und Nachhaltigkeit dennoch aus.

Die Energiekosten für das Training und den Betrieb dieser Modelle

sind enorm, gleichzeitig aber völlig intransparent, wenn man

sie nur als Service konsumiert. Um zukunftsfähig zu sein, müssen

Verwaltungen die Fähigkeit aufbauen, Modelle selbst zu hosten

und zu betreiben – auf eigenen Kubernetes-Clustern oder über entstehende

Open Source AI- und agentic Frameworks. Nur so lässt

sich sicherstellen, dass das MCP – Model Control and Processing

vollständig inhouse bleibt, mit Transparenz über Energieverbrauch,

Lifecycle-Kosten und langfristiger Kontrolle über die Technologie.

Das Hosten von AI bedeutet nicht, massive Foundation Models von

Grund auf neu zu trainieren, wohl aber, Fine-Tuning, Inferenz und

Deployment lokal zu kontrollieren – sodass digitale Souveränität

auch für die mächtigsten neuen Technologien gilt, auf die Regierungen

künftig angewiesen sein werden.

Die Lektionen aus diesen Initiativen decken sich mit dem, was

ich die „Laws of Green IT and Sustainable Software“ nenne. Erstens,

minimaler negativer Impact: Systeme müssen so gestaltet werden,

dass sie über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg den geringsten

Energieverbrauch verursachen. Zweitens, Langlebigkeit: Wir

müssen Systeme bauen, die über Jahrzehnte bestehen, statt disposable

Software, die ständige Erneuerung erzwingt. Drittens, volle

Ressourcennutzung: Wir sollten das, was bereits existiert, weiterverwenden

und erst dann Neues schaffen. Und viertens, ganzheitliches

Impact-Bewusstsein: Wir dürfen nicht einen Teil des Systems optimieren,

während wir die Folgekosten an anderer Stelle ignorieren.

Diese Gesetze sind keine abstrakten Prinzipien, sondern praktische

Leitlinien dafür, wie Open Source Verwaltungen gleichzeitig souverän

und nachhaltig halten kann.

Als jemand, der täglich mit Biodiversitätsdaten arbeitet, weiß

ich: Umwelt-Insights sind nur dann wertvoll, wenn sie präzise und

umsetzbar sind. Für die IT gilt dasselbe. Nachhaltigkeitsziele können

nicht an Anbieter ausgelagert werden, deren Hauptanreiz kurzfristiger

Umsatz ist. Mehr Compute unter dem Label Innovation zu

verkaufen, löst nicht das Grundproblem, dass öffentliche Verwaltungen

mehr Energie verbrauchen, als sie sich langfristig leisten

können. Souveränität bedeutet, die Fähigkeit zu haben, den eigenen

digitalen Fußabdruck selbst zu messen, zu steuern und zu reduzieren.

Nachhaltigkeit bedeutet, dies nicht für den nächsten Quartalsbericht

zu tun, sondern für die kommenden Jahrzehnte.

Open Source ist das Rückgrat, das beides ermöglicht. Es erlaubt

Regierungen, die Realität ihrer digitalen Operationen zu sehen, die

Kontrolle über ihre Zukunft zu übernehmen und Technologie mit

Klimazielen in Einklang zu bringen – auf eine Weise, die politischen

und regulatorischen Veränderungen standhält. Am Ende gilt: Souveränität

macht Nachhaltigkeit möglich, und Open Source macht

beides erreichbar.

Autor

Wilco Burggraaf

Hightech Innovators

https://www.yoursoftwarebetter.nl/

Kleine Kniffe

35


E-Procurement

Digitaler Einkauf:

Verwaltungen und Organisationen machen´s EINFACH

Smarte Verwaltungen und Organisationen entscheiden sich auf Grund knapper Ressourcen für

den digitalen Einkauf. Damit lassen sich Zielstellungen, wie Transparenz, Steuerung und höhere

Wirtschaftlichkeit erreichen. Die Entscheidung führt darüber hinaus zu Arbeitsentlastung und

Nachhaltigkeit im Einkauf. In Krisenzeiten hat sich der eEinkauf rückblickend als wendig und robust

erwiesen.

Ein Bericht von Monika Schmidt

Wie so oft; die Realität zeigt ein anderes Bild. Denn auf Grund

gewachsener Strukturen, herrschen analoge, papiergestützte

Beschaffungsabläufe und dezentrale Ressourcenverwaltung im

Tagesgeschäft der Verwaltung vor. Die tatsächlichen Kosten, die

mit jedem Beschaffungsvorgang einhergehen, sind unbekannt.

Niemand weiß „auf Knopfdruck“, wer, was, wieviel, zu welchem Preis,

bei welchem Lieferanten bestellt hat. Intransparenz und unzureichende

Steuerungsfähigkeit machen die Beschaffung zur „Blackbox“.

Strategische Überlegungen, wie mehr Nachhaltigkeitsaspekte im

Einkauf zu etablieren, oder Einkaufsgemeinschaften auf den Weg

zu bringen, ersticken im Keim. In Zeiten knapper Finanz- und Personalressourcen

vermittelt diese Gemengelage den Eindruck einer

ausweglosen Situation. Studien prognostizieren zudem Millionen

fehlende Verwaltungsfachkräfte.

Und gerade deshalb treten smarte Verwaltungen und Organisationen

zunehmend die Flucht nach vorne an. So berichtet Achim

Florin von der Polizei Berlin rückblickend:“ die Verfahrensweise, vor

Einführung des eEinkaufes, führte zu Medienbrüchen im Beschaffungsprozess.

Gesucht wurde ein volldigitaler, effizienter Prozess,

der zu Mehrwerten und Synergien bei den nutzenden Dienststellen

und Lieferanten führte.“ Simon Layher vom GSTB RP geht noch

einen Schritt weiter: Die aktuell 10994 Gemeinden verfügen über

kein “Einkaufspersonal”. Die vollständige Beschaffung läuft nebenbei

und bindet unglaubliche Ressourcen.“ Seit 2016 steht Mitgliedern

des GSTB RP, im Rahmen einer Digitalstrategie das „Kommunale

Kaufhaus RP“ als landesweite Einkaufsplattform zur Verfügung.

E Procurement, also der elektronische Einkauf, liefert

Antworten auf konkrete Herausforderungen. Bestellungen, Genehmigungsprozesse,

Katalogmanagement, Lieferantenkommunikation,

Rechnungen: alles läuft digital über ein Portal. Prozesse werden

standardisiert und automatisiert abgewickelt. Daten stehen in Echtzeit

bereit. So entsteht Transparenz. So entstehen Kontroll- bzw.

Steuerungsmöglichkeiten. Und so sinken Prozesskosten, sowie

Durchlaufzeiten. Die digitale Bedarfserfassung ersetzt Zettel und

Freitext. Genehmigungen laufen in geregelten Workflows. Lieferanten

werden über ein Portal gesteuert. Verträge und Dokumente

sind zentral abgelegt. Im Idealfall ist das System mit der Finanzbuchhaltung

und dem ERP verknüpft. Stadt Reutlingen rechnet

auf diese Weise digital ab. Bestellungen erzeugen automatisch

Gutschriftsdateien im ZUGFeRD-Format. Diese laufen parallel und

medienbruchfrei in den Rechnungseingangsprozess von Lieferanten

und in den verwaltungseigenen Zahllauf. Ergebnis: Der gesamte

Weg von der Bestellung bis zur Bezahlung ist digital. Doppelarbeiten

verschwinden. Fehler auch. Das klingt technisch. In der Praxis ist es

vor allem eins: spürbare Entlastung.

Eine zentrale, besondere Rolle spielt in erfolgreichen Projekten

die TEK SERVICE AG. Die Lösung: ein webbasiertes Einkaufsportal,

dass das operative Tagesgeschäft automatisiert, transparent und für

alle Beteiligten steuerbar macht. Dazu gehören Katalogmanagement,

Berichte, Budgetsteuerung, ein Admin Portal für Berechtigungen,

ein Lieferantenportal für Datenpflege und, wenn gewünscht,

ein Kontor für die elektronische Abrechnung. Wichtig ist der

36 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

„Brückenschlag“: Einkauf, Ausschreibung/Vergabe und Abrechnung

werden verbunden. Jede Bestellung erzeugt Daten, die zu standardisierte

Leistungsverzeichnisse aufbereitet werden. Alleine das spart

Wochen des Erhebungsaufwandes. Die Leistungsverzeichnisse

gehen nach Prüfung in die eVergabe. Nach der Vergabeentscheid

durch die Verwaltung sorgt der Dienstleister für den Import der

Katalogdaten und das Onboarding des Lieferanten. So schließt sich

der Kreis. Schnell und medienbruchfrei.

Die Umsetzung kann erstaunlich schnell gehen. In mehreren

Projekten lagen zwischen Start und Roll out nur wenige Wochen.

Schulungen sind schlank, der Helpdesk des Dienstleisters unterstützt.

Und die Lösung bleibt flexibel: Der Wechsel von Lieferanten

ist jederzeit möglich, weil die Steuerung über eine neutrale Plattform

läuft. Durch die Integration des ESG Scores in das Einkaufsportal

wird Nachhaltigkeit vom Schlagwort zur praktischen Steuerungsgröße.

Warum sich gerade der eEinkauf darüberhinaus bei der Bewältigung

von Lagen als wendig und robust erwiesen hat, wird am

Beispiel der KoPart eG, der landesweiten, digitalen Einkaufsgenossenschaft

des STGB NRW deutlich. KoPart eG bietet ihren

Mitgliedern den Mehrwert, ihren Bedarf aus landesweit gebündelten,

ausgeschriebenen Rahmenverträgen abzurufen. Das hat

wirtschaftliche und vergaberechtliche Vorteile. Dr. Ralf Togler,

GF der Kommunalberatung NRW:“ ...Gerade in Krisenzeiten ist

es wichtig, schnell auf kommunale Anforderungen reagieren zu

können. Waren es 2014/2015 zunächst Betten, Matratzen, oder

anderer Hausrat; so waren während der Pandemie Masken, Raumluftgeräte,

oder Tablets für das Homeschooling von Schülern in

NRW gefragt. Wasserpumpen und schweres Gerät waren dagegen

bei der Hochwasserkatastrophe erforderlich. Durch die gebündelte

Vorgehensweise der KoPart eG konnten die erforderlichen Produkte

schnell abgerufen werden.“

Der digitale Einkauf als Webservice ist für Verwaltungen

vorteilhaft: keine technologischen Anforderungen, kurze Projektzeiten,

schneller Start, zügiger Ausbau der eigenen Einkaufsstrategie

im laufenden Tagesgeschäft. Das spart Zeit und Geld. Mit anderen

Worten: eEinkauf – einfach machen.

Autorin

Monika Schmidt

TEK-SERVICE AG

www.tek-service.de

Kleine Kniffe

37


Nachhaltige Digitalisierung

Wenn die Digitalisierung klimafreundlich werden soll:

Dekarbonisierung im IT-Einkauf

Die Verwaltung digitalisiert — und gleichzeitig wächst die Verantwortung: Jede neu angeschaffte

Dienst-Laptop-Flotte, jeder Server und jede Bildschirm-Bestellung hinterlässt ein Klima-Fingerprint.

Entscheidend ist nicht allein das Gerät, sondern seine Herstellung, seine Lebensdauer und wie wir es

einsetzen. In diesem Artikel zeige ich, warum Beschaffungsverantwortliche die Dekarbonisierung im

IT-Einkauf jetzt zur Chefsache machen müssen — und welche Hebel heute schon wirken.

Ein Bericht von Martin Eichenseder

Warum IT-Einkauf klimapolitisch relevant ist

Viele denken beim CO₂-Sparen an Verkehr, Gebäude oder Energie.

Dabei entstehen bei IT-Produkten ein Großteil der Emissionen

in der Produktion. Bei einem Notebook entfallen rund acht von zehn

Tonnen CO₂äq. auf die Herstellungsphase — lange bevor das Gerät

im Büro angeschaltet wird. Das heißt: Entscheidungen in der Beschaffung

haben direkten Einfluss auf die Scope-3-Emissionen Ihrer

Organisation.

Gleichzeitig öffnet das neue Sondervermögen der Bundesregierung

mit einem Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro die

finanziellen Möglichkeiten, die digitale Infrastruktur und die Verwaltungsdigitalisierung

massiv auszubauen. Für die Digitalisierung

sind aus diesem Paket zunächst jährlich mindestens vier Milliarden

Euro vorgesehen — eine Chance, öffentliche Investitionen an strenge

Klima- und Beschaffungsstandards zu koppeln.

Was Eindeutig wirkt:

Produktlebensdauer vor Effizienz-Mythos

Viele Beschaffer fokussieren auf Energieeffizienz — das ist

wichtig, aber nicht ausreichend. Studien und Leitfäden zeigen: Die

Verlängerung der Nutzungsdauer reduziert den jährlichen Klimaeinfluss

eines Geräts deutlich. Verdoppeln Sie die Nutzungsdauer eines

Notebooks, halbieren Sie ungefähr dessen annualisierte CO₂-Last.

Das ist eine einfache Rechnung mit großer Wirkung.

TCO Certified hat in seiner jüngsten Roadmap das Konzept der

«annualized product carbon footprint» eingeführt: statt Emissionen

allein in das erste Lebensjahr zu packen, werden sie auf die erwartete

Lebensdauer verteilt. Damit werden langlebige, reparierbare

und updatefähige Geräte belohnt — genau die Eigenschaften, die

Beschaffungsstellen in Ausschreibungen fordern sollten.

Konkrete Hebel

für Beschaffungsverantwortliche

Sie fragen sich: Was können Sie konkret tun? Drei strategische

Linien verdienen sofort Ihre Aufmerksamkeit — und sind in der

Praxis umsetzbar.

Erstens: Lebensdauer und Unterstützung vertraglich einfordern.

Fordern Sie fünf Jahre Mindest-Support, regelmäßige Sicherheitsund

Funktionsupdates sowie Reparaturfähigkeit. Hersteller, die das

leisten, reduzieren das annualisierte Emissionsprofil ihrer Produkte

deutlich.

Zweitens: Scope-3-Reduktion in die Anforderungen aufnehmen.

Bitten Sie Lieferanten, nachweislich erneuerbare Energie in

der Fertigung zu nutzen oder konkrete Maßnahmen zur Emissionsreduktion

im Produktionsprozess vorzulegen. Initiativen wie TCO

Certified verknüpfen Best-Practices mit Anreizen: wer 100 Prozent

erneuerbare Energie in der Endmontage nachweist, wird positiv

bewertet.

Drittens: Nutzungsmodelle neu denken. Setzen Sie auf Refurbished-Optionen,

Retrofitting und interne Wiederverwendung.

Planen Sie Beschaffungszyklen bewusst länger — eine fünfjährige

Planungs- und Haushaltslogik senkt den Materialverbrauch, verringert

E-Waste und spart langfristig Kosten.

38 Kleine Kniffe


Vertragsgestaltung: Wie Ausschreibungen den

Wandel beschleunigen

Formulieren Sie Ihre Beschaffungstexte so, dass sie

nicht nur technische Spezifikationen, sondern Klima-Performance,

Reparierbarkeit, Update-Verpflichtungen und

Reporting-pflichten abdecken. Verlangen Sie transparente Angaben

zur annualisierten Produkt-CO₂-Bilanz (oder vergleichbaren, harmonisierten

Kennzahlen) und konkrete Nachweise zu eingesetzten

erneuerbaren Energien in der Lieferkette. Die öffentliche Hand, die

aus dem Sondervermögen investiert, kann so Hebel setzen: Investitionsmittel

an klimafreundliche Beschaffungsstandards knüpfen und

damit Marktanreize schaffen.

Investitionen. Solche Vorgaben schaffen Nachfrage für langlebige,

ressourcenschonende IT-Produkte.

Was Sie intern organisieren sollten

Dekarbonisierung im IT-Einkauf ist kein One-Off. Es ist ein

Prozess, der Governance, Daten und Kultur braucht. Richten Sie

eine verbindliche Beschaffungsstrategie ein, die Klima-KPIs enthält.

Schulen Sie Einkaufsteams zu Lebenszyklusdenken. Verankern Sie

KPIs für Reduktion von Scope-3-Emissionen im Reporting. Und

nutzen Sie Zertifizierungs- und Report-Tools, die standardisierte

Informationen liefern. TCO-Zertifikate und annualisierte PCF-

Berichte können hier praxisnahe Orientierung geben.

Praxisbeispiele für schnell wirksame

Maßnahmen

Fazit: Dekarbonisierung ist möglich —

und bezahlbar

Es geht nicht um Verzicht, sondern um kluge Gestaltung. Verlängern

Sie Lebensdauer, fordern Sie Transparenz in der Lieferkette

Beginnen Sie mit Maßnahmen, die kurzfristig großen Effekt

haben: Verlängern Sie Support-Verträge, verschieben Sie Ersatzzyklen,

führen Sie ein internes Redeployment-Programm für

ausgemusterte Geräte ein und prüfen Sie die Möglichkeit eines

«Device-Right-Sizing» — heißt: weniger Geräte pro Arbeitsplatz,

bessere Nutzung vorhandener Kapazitäten. Diese Maßnahmen

reduzieren sofort den Bedarf an Neuproduktion und damit Scope-

3-Emissionen.

Staatliche Investitionen nutzen —

aber klimabewusst

Das Infrastruktur- und Klimasondervermögen der Bundesregierung

bietet eine historische Chance. Wenn ein Großteil dieser

Mittel in Digitalisierung der Verwaltung fließt, müssen diese

Ausgaben klimafit sein. Das heißt: Förderrichtlinien, die Projekte

mit strengen Nachhaltigkeitskriterien belohnen, verbindliche

Beschaffungsleitfäden für klimafreundliche IT-Lösungen und

Monitoring-Instrumente für die Emissionswirkung digitaler

und koppeln Sie öffentliche Investitionen an Nachhaltigkeitskriterien.

Mit wenigen, gut platzierten Änderungen reduzieren Sie nicht

nur Emissionen, sondern senken langfristig Kosten und Abhängigkeiten.

Die Digitalisierung der Verwaltung darf nicht zu einer

zusätzlichen Klima-Last werden. Im Gegenteil: Sie kann ein Hebel

sein, der den digitalen Modernisierungsschub klimaneutral und

zirkulär gestaltet. Jetzt ist die Zeit, in Ausschreibungen, Verträgen

und Förderanträgen klare klimafeste Entscheidungen zu treffen.

Autor

Martin Eichenseder

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

Kleine Kniffe

39


E-Procurement

Der Weg zu

einer modernen öffentlichen Beschaffung

Um die öffentliche Beschaffung zukunftsfähig aufzustellen, braucht es nicht nur politischen Willen,

sondern auch innovative Modelle zur praktischen Umsetzung. In diesem Interview spreche ich mit André

Schwarz, Vice President Government Affairs & Public-Private Partnerships bei Unite, welches Potenzial

Procurement-as-a-Service für die öffentliche Beschaffung bietet.

Das Interview führte Thomas Heine

Die neue Bundesregierung ist mit großen Plänen

im Bereich Vergaberecht gestartet. Welche konkreten

Maßnahmen wurden bisher umgesetzt?

Tatsächlich hat die Bundesregierung in kurzer Zeit zwei zentrale

Maßnahmen angestoßen. Zum einen das Gesetz zur Beschleunigung

der Vergabe öffentlicher Aufträge mit dem Kernpunkt, die

Direktauftragswertgrenze für Bundesbehörden auf 50.000 Euro

anzuheben. Außerdem wird zukünftig bei der Anbieterprüfung

zunächst eine Eigenerklärung als Nachweisstandard ausreichen,

was die Nachweispflichten deutlich reduziert. Für die Bundeswehr

wurde die Direktauftragswertgrenze sogar auf 100.000 Euro für verschiedene

Verteidigungsbehörden erhöht.

Was bedeuten diese Gesetzesvorhaben konkret für

die öffentliche Beschaffung?

Die beiden Vorhaben sorgen vor allem für mehr Flexibilität und

einen größeren Spielraum bei ausschreibungsfreien Bestellungen.

Dieses neu geschaffene Potenzial gilt es nun konsequent zu nutzen.

Die öffentliche Hand setzt noch zu wenig auf skalierbare, effiziente

Lösungen. Dabei gibt es bereits praxiserprobte Modelle am Markt,

die die Effizienz deutlich steigern können – diese müssen jetzt auch

endlich in der öffentlichen Beschaffung stärker genutzt werden.

Mit den höheren Wertgrenzen wird es noch wichtiger, auf innovative

Modelle wie Procurement-as-a-Service (PraaS) zu setzen, um

bedarfsgerecht, wirtschaftlich und regelkonform einzukaufen.

Was ist unter Procurement-as-a-Service (PraaS) zu

verstehen und welche Vorteile bietet dieses Modell?

PraaS verbindet erstmals die Leichtigkeit des Einkaufs, die die

Bedarfs-Anforderer sonst nur privat von Marktplätzen kennen,

mit der notwendigen Beschaffungsexzellenz, die der öffentliche

Einkäufer braucht. Unites Plattform vereint die Stärke und Effizienz

eines konformen Marktplatzes mit Beschaffungsdienstleistungen,

die messbare Ergebnisse liefern. Der zentrale Vorteil für Behörden

ist, dass interne Ressourcen entlastet werden durch Unterstützung

bei administrativen Tätigkeiten, wie bspw. Lieferanten-Prüfungen..

Die Mitarbeitenden in Behörden und Verwaltungen können sich

so auf strategische Aufgaben konzentrieren, wofür die Plattform

die notwendigen Daten liefert. Gerade vor dem Hintergrund einer

schwindenden Personaldecke im öffentlichen Sektor ist dies ein

wichtiges Argument.

Mit der Nutzung des PraaS-Modells reduzieren sich Risiken für

den öffentlichen Einkauf erheblich. Zudem laufen Einkaufsprozesse

automatisiert, reibungslos und wesentlich schneller ab. Für viele

Institutionen, die noch mit manuellen Prozessen und Papierbestellungen

zu tun haben, ist das ein riesiger Effizienzgewinn.

Welche Voraussetzungen müssen öffentliche Einrichtungen

erfüllen, um dieses Modell nutzen zu können?

Keine. Kleine Kommunen können PraaS genauso einsetzen wie

Bundesbehörden. Das Modell ist da flexibel und vor allem skalierbar,

sodass sich unterschiedliche Einkaufsvolumina und Anforderungen

abdecken und anpassen lassen. Öffentliche Einrichtungen greifen

hier auf eine sofort einsatzbereite Lösung zurück, für die keine

40 Kleine Kniffe


Foto: UNITE

eigene IT-Entwicklung nötig ist und die problemlos in die bestehende

Prozesslandschaft eingefügt werden kann. Das ist ganz im

Sinne des Vergabegrundsatzes der Innnovationsförderung. Mithilfe

des PraaS-Modells kann die öffentliche Hand neue Markttrends,

Lösungen und Modelle ohne lange Vorlaufzeiten und eigenen Aufwand

einfach übernehmen.

Was öffentliche Einrichtungen mit diesem Modell hinzugewinnen,

ist eine völlige Preistransparenz, Planbarkeit und

Kostenkontrolle, da offengelegt wird, was der originäre Anbieterpreis

ist und die Plattformkosten nicht in intransparenten

Margen versteckt sind. Nachvollziehbare Kostenstrukturen helfen,

Budgetgrenzen einzuhalten. Insgesamt erhöht sich mit PraaS die

Transparenz, da Einkaufsprozesse übersichtlich einsehbar sind, die

Preis- und Wettbewerbssituation nachvollzogen werden kann sowie

Interessenskonflikte und damit Wettbewerbsverzerrungen vermieden

werden.

Unite positioniert sich neu als PraaS-Anbieter. Was

genau kann Unite in dieser Rolle leisten?

Mit Unite können sich Verwaltungsmitarbeitende sicher sein,

dass alle Lieferanten nach speziell für den öffentlichen Sektor

definierten Kriterien geprüft sind. Dies umfasst die Prüfung gegen

Embargos und Sanktionslisten, das Nichtvorliegen von Ausschlussgründen

und Nichteintragung im Wettbewerbsregister sowie

eine automatisierte Prüfung im Rahmen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes.

Öffentliche Einrichtungen können somit

das Lieferantenmanagement komplett auslagern. Unite übernimmt

außerdem die lückenlose und automatische Dokumentation der

auf dem Marktplatz gekauften Produkte. Dokumentiert werden

für jeden Bedarf bis zu drei verfügbare Angebote. Außerdem wird

erfasst, welche Artikel aus dem Katalog welches Anbieters konkret

ausgewählt wurden, unter Nennung des Unternehmensnamen des

Anbieters. Dieses Einkaufsprotokoll kann unkompliziert heruntergeladen

und revisionssicher abgelegt werden.

Was müssen nächste Schritte sein, damit der öffentliche

Einkauf von PraaS profitiert?

Es gilt in den Einrichtungen ein Bewusstsein dafür zu schaffen,

dass die Digitalisierung der Prozesse eine echte Erleichterung ist. Es

gibt bereits praxiserprobte Lösungen am Markt, die die Ressourcen

im öffentlichen Einkauf enorm entlasten. Im nächsten Schritt ist es

wichtig, mit dem Markt zu reden und im Rahmen einer Markterkundung

zu erfahren, wie viel Innovation möglich ist. Schlussendlich

braucht es den Willen der verantwortlichen Entscheidungsträger in

Vergabestellen, Rechts- und Rechnungsabteilungen, etwas zu bewegen

und Prozesse zu modernisieren.

Erfahren Sie in dieser Webinar-Aufzeichnung mehr dazu, wie

Unite Ihre Institution entlasten kann.

Autor

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

Kleine Kniffe

41


Nachhaltige Digitalisierung

Nachhaltige IT-Beschaffung im Krankenhaus

Die Digitalisierung hat seit einigen Jahren unser Gesundheitswesen und damit auch unsere

Krankenhäuser und Kliniken erfasst und verändert diese fortlaufend. Digitale Patientenakten,

Telemedizin, automatisierte Prozesse und weniger Papierverbrauch stellen dabei nur einen Teil

des Wandels dar. Dadurch verbessert sich in vielen Fällen die Versorgungsqualität wie auch

Effizienz im Klinikbetrieb. Damit tragen diese Lösungen bereits wesentlich zur Nachhaltigkeit in

Krankenhäusern bei. Im Vergleich zur Industrie, die bereits früher mit der Digitalisierung begonnen

hat und in den Prozessen entsprechend fortgeschrittener ist, können Krankenhäuser aus den

Erfahrungen dieser Organisationen lernen.

Ein Beitrag von Hannah Herbst und Dr. Larissa Hütter

Die oft thematisierte „verspätete“ Digitalisierung ist daher viel

mehr als Chance und nicht als Last zu sehen. Denn Digitalisierung

bewirkt nicht automatisch auch eine nachhaltige Entwicklung. Auch

digitale Lösungen und besonders die dahinterstehende Hardware

haben einen CO 2

-Fußabdruck. Die zunehmende Nutzung digitaler

Technologien bringt neben strukturellen auch ökologischen Herausforderungen

mit sich: Serverräume, Endgeräte und Netzwerke

verbrauchen ein hohes Maß an Energie und Ressourcen. Während

Unternehmen versuchen, ihre bisherigen Digitalisierungsaktivitäten

nun rückwirkend nachhaltig zu gestalten, können Krankenhäuser

diesen Faktor im Sinne der Twin Transformation – der Symbiose

von Digitalisierung und Nachhaltigkeit – von Beginn an mitdenken.

Zudem verbergen sich hinter vielen Produkten lange Lieferketten,

seltene Rohstoffe und energieintensive Produktionsprozesse.

Der Ressourcenverbrauch beginnt nicht erst im Serverraum, sondern

bereits beim Rohstoffabbau. Daher ist ein Umdenken weg von

der klassischen linearen Nutzung hin zur zirkulären IT gefragt, bei

der Wiederverwendung, Refurbishment und Recycling der Hardware

von Anfang an mitgedacht werden. In der Wirtschaft und der

Industrie werden diese Konzepte auch aus Effizienzgründen und

wegen Kosteneinsparungen vielfach praktiziert. Auf gleiche Weise

wird IT-Beschaffung zu einem Hebel für mehr Nachhaltigkeit im

Klinikbetrieb.

Gerade Krankenhäuser, die als energieintensive Einrichtungen

ohnehin stark gefordert sind, können beispielsweise durch nachhaltige

IT-Beschaffung aktiv zur Reduktion ihres ökologischen

Fußabdrucks beitragen. In diesem Artikel werden konkrete Strategien,

praktische Umsetzungshilfen und Best Practices für eine

nachhaltige IT-Beschaffung im Krankenhaus vorgestellt.

Warum nachhaltige IT-Beschaffung im

Gesundheitswesen wichtig ist

Krankenhäuser sind nicht nur Orte der Heilung, sondern

auch große Verbraucher von Energie, Materialien und Technik.

Die IT-Infrastruktur spielt dabei eine zunehmend zentrale Rolle:

von Patientenmonitoren über mobile Arbeitsstationen bis hin zu

hochverfügbaren Serverlandschaften. Die IT-Branche verursacht

verschiedenen Studien zufolge weltweit aktuell rund vier Prozent

der CO 2

-Emissionen, was jetzt schon mehr ist als der globale

Flugverkehr.

Strategien für nachhaltige IT-Beschaffung

Nachhaltigkeit in der IT beginnt bereits vor der Anschaffung.

Eine Lebenszyklusbetrachtung hilft dabei, die ökologischen Auswirkungen

eines Produkts von der Herstellung über die Nutzung

bis hin zur Entsorgung zu erfassen. Die Energieeffizienz ist dabei ein

zentrales Kriterium: IT-Geräte mit hoher Effizienzklasse und optimierten

Stromsparmodi reduzieren nicht nur Emissionen, sondern

auch Betriebskosten. Ebenso wichtig ist die Modularität und Reparierbarkeit

der Geräte. Produkte, die leicht aufgerüstet oder repariert

werden können, haben eine längere Nutzungsdauer und verursachen

weniger Elektroschrott.

42 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Ein entscheidender Aspekt zirkulärer IT-Beschaffung ist das

Denken in Produktkreisläufen. Gebrauchte IT kann aufgearbeitet

(refurbished) und erneut eingesetzt werden. Diese Strategie spart

nicht nur CO 2

, sondern senkt auch deutlich die Beschaffungskosten,

was ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Pluspunkt für nachhaltige

IT-Beschaffungskonzepte darstellt. Dabei lassen sich bis zu

40 Prozent der Kosten im Einkauf einsparen und ebenso signifikante

Restwerte für ausgemusterte IT erzielen, die sonst gehortet oder

ineffizient und klimaschädlich entsorgt würde. Dies wird oft durch

Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes verstärkt, sodass viele

IT-Produkte in Schubladen und Kellern gelagert werden, anstatt für

die Wiederverwendung zur Verfügung zu stehen. Darüber hinaus

entstehen neue lokale Wertschöpfungsketten, wenn IT-Reparatur

und Wiederaufbereitung vor Ort stattfinden.

Bei der Auswahl sollten anerkannte Umweltzertifikate wie der

Blaue Engel, TCO Certified oder Energy Star berücksichtigt werden.

Sie bieten eine verifizierbare Orientierungshilfe und unterstützen

Beschafferinnen und Beschaffer bei der Entscheidungsfindung.

Nachhaltige IT-Beschaffung bedeutet außerdem, auf Hersteller und

Lieferanten zu setzen, die faire Arbeitsbedingungen, transparente

Lieferketten und umweltfreundliche Produktionsprozesse nachweisen

können.

Integration des „Blue Hospital“-Konzepts in die

IT-Beschaffung

Ein weiterer Ansatz zur Förderung der Nachhaltigkeit im

Krankenhaus ist das Konzept „Blue Hospital“ im Rahmen des

Facility Managements 4.0, das ökologische, ökonomische und

soziale Aspekte miteinander verbindet. Dieses Konzept betont die

Bedeutung von umweltfreundlicher Planung, effizientem Facility

Management und der Integration moderner Technologien, um

den Ressourcenverbrauch im Krankenhaus zu minimieren und die

Umweltbelastung zu reduzieren. Dabei spielt die IT-Beschaffung

ebenfalls eine zentrale Rolle, denn durch die Auswahl von Hardware

mit geringem Energieverbrauch und die Implementierung

von Virtualisierungstechnologien kann der Strombedarf erheblich

gesenkt werden. Auch die Berücksichtigung von Umweltzertifikaten

und die Zusammenarbeit mit Lieferanten, die transparente und faire

Produktionsbedingungen gewährleisten, tragen zur ökologischen

und sozialen Verantwortung bei. Zu guter Letzt geht es darum, die

IT-Infrastruktur nahtlos in das intelligente Gebäudemanagement

einzubinden, um Synergien zu nutzen und den Gesamtenergieverbrauch

zu optimieren. In dem Konzept „Blue Hospital“ sind demnach

schon wesentliche Aspekte einer nachhaltigen IT-Beschaffung

enthalten. Es bildet einen guten Orientierungsrahmen, sodass Krankenhäusern

nicht nur ihre Umweltbilanz verbessern, sondern auch

langfristig Kosten sparen und die Zufriedenheit von Patienten und

Mitarbeitenden steigern können.

Umsetzung im Krankenhausalltag

Der erste Schritt zur nachhaltigen IT-Beschaffung ist eine fundierte

Bedarfsanalyse. Häufig können bestehende Systeme aufgerüstet

oder weiterverwendet werden, anstatt neue Geräte zu beschaffen.

Eine enge Zusammenarbeit zwischen IT-Abteilung, Einkauf und

Nachhaltigkeitsmanagement ist hierbei essenziell.

In Ausschreibungen sollten Nachhaltigkeitskriterien verbindlich

verankert werden. Dazu zählen unter anderem Mindestanforderungen

an die Energieeffizienz, die Verpflichtung zur Rücknahme

und Wiederverwertung von Altgeräten sowie der Nachweis über

Umweltzertifikate. Schulungen und Informationsangebote für

Kleine Kniffe

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Foto: depositphotos

Beschaffungsverantwortliche helfen, Wissen aufzubauen und

die Umsetzung langfristig zu sichern.

erhöhen, der Energieverbrauch senken und gleichzeitig Platz sparen.

Auf diese Weise frei gewordene Server können entsprechend refurbisht

oder für Ausfallszenarien vorgehalten werden.

Förderung digitaler Arbeits- und Versorgungsmodelle: Elektronische

Patientenakten, Telemedizin und digitale Zusammenarbeit

reduzieren Materialaufwand, Wegezeiten und Emissionen.

Weiteres Potenzial und Innovation in der IT-

Beschaffung

Neben konkreten Maßnahmen in der Hardware-Beschaffung

können Krankenhäuser und ihre IT-Partner durch gezielte Technologieentscheidungen

und strategische Kooperationen zusätzliche

Nachhaltigkeitspotenziale erschließen. Dabei spielen besonders folgende

Ansätze eine Rolle:

Energieeffiziente Rechenzentren und Cloud-Lösungen: Anbieter

wie Google und AWS setzen bereits heute auf den Betrieb

mit erneuerbaren Energien. Krankenhäuser können dies durch die

Wahl entsprechender Cloud-Dienstleister gezielt mitgestalten. Auch

im Betrieb eines eigenen Rechenzentrums oder kleinerer IT-Infrastrukturen

lassen sich Effizienzsteigerungen und damit Kosten- und

Emissionseinsparungen erzielen, welche allerdings zum Teil

zunächst höhere Investitionen notwendig machen.

Virtualisierung und Serverkonsolidierung: Durch Technologien

wie die von VMware lässt sich die Auslastung physischer Server

Soziale und ethische Nachhaltigkeit: IT-Beschaffung kann nicht

nur ökologisch, sondern auch sozial verantwortlich erfolgen. Dies

geschieht etwa durch Berücksichtigung fairer Arbeitsbedingungen

und Inklusion in der Lieferkette.

Innovationsförderung durch Beschaffung: Krankenhäuser

können über ihre Einkaufsentscheidungen Innovationen vorantreiben,

etwa durch die bevorzugte Auswahl besonders nachhaltiger

Hersteller, Pilotprojekte oder Kooperationen mit Forschungseinrichtungen.

Diese über die reinen CO 2

-Ziele hinausgehenden Aspekte zeigen

auf, dass eine nachhaltige IT-Beschaffung ist ein strategisches Instrument

für Krankenhäuser ist, um Umwelt, Wirtschaftlichkeit und

gesellschaftliche Verantwortung in Einklang zu bringen.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Nachhaltige IT-Beschaffung ist kein Selbstläufer. Oft stehen

Krankenhäuser vor Herausforderungen wie höheren Anschaffungskosten,

mangelnder Marktübersicht oder internen Zielkonflikten.

44 Kleine Kniffe


Eine ganzheitliche Betrachtung der Gesamtkosten (Total Cost of

Ownership, TCO) zeigt jedoch, dass nachhaltige Lösungen langfristig

oft günstiger sind.

Einen weiteren wichtigen Aspekt stellen Besorgnisse hinsichtlich

des Datenschutzes dar. Jedoch gibt es eine Reihe an professionellen

Refurbishment-Unternehmen, die die sensiblen Patienten- und

Klinik-Daten DIN-normgerecht und nach der DSGVO revisionssicher

löschen. Die Anbieter sind entsprechend ISO-zertifiziert

und stellen Nachweise in Form von Löschzertifikaten bereit. Eine

umweltschädliche, physische Zerstörung der Datenträger ist dadurch

nur in Ausnahmefällen nötig.

und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden. Mit den richtigen

Strategien können Krankenhäuser und Kliniken die Ausgaben für

Hardware deutlich reduzieren und gleichzeitig einen positiven Beitrag

zur Nachhaltigkeit leisten. Denn nachhaltige IT ist keine Last,

sondern ein Gewinn für Umwelt, Gesellschaft und das Krankenhaus

selbst.

„Wer nur auf den Einkaufspreis schaut, spart kurzfristig und zahlt

langfristig drauf.“

Unterstützung bei der Einführung und Umsetzung nachhaltiger

IT-Beschaffungskonzepte bieten externe Beratungen, fachspezifische

Plattformen und Netzwerke wie das “Kompetenzzentrum

nachhaltige Beschaffung” (KNB), die praxisnahe Hilfestellung und

aktuelle Informationen zur Verfügung stellen. Auch der Austausch

mit anderen Kliniken oder branchenspezifische Leitfäden bieten

wertvolle Orientierung.

Fazit

Eine nachhaltige IT-Beschaffung ist ein wichtiger Baustein

auf dem Weg zu einem ressourcenschonenden und zukunftsfähigen

Krankenhaus. Mit klaren Strategien, einem geschärften

Bewusstsein und gezielten Kooperationen können Krankenhäuser

ihrer Verantwortung gerecht werden und gleichzeitig Innovation

Autorinnen

Hannah Herbst

Dr. Larissa Hütter

REWION GmbH

https://www.rewion.com/

Kleine Kniffe

45


Nachhaltige Digitalisierung

Wie TCO Certified

die nachhaltige IT-Beschaffung praxistauglich macht

Die Beschaffung von IT-Hardware steht im Spannungsfeld zwischen Budget, Leistung und der immer

dringlicher werdenden Nachhaltigkeitsagenda. Doch wie findet man als Einkäufer/in verlässliche

Produkte, die soziale und ökologische Kriterien entlang der gesamten Lieferkette erfüllen? Eine

etablierte Antwort ist TCO Certified, die globale Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte. Wir

haben mit Martin Eichenseder, DACH-Vertreter von TCO Certified, gesprochen, um zu erfahren, wie

Einkaufsabteilungen dieses Werkzeug optimal für sich nutzen können.

Das Interview führte Thomas Heine

TCO Certified ist für viele Einkäufer ein bekannter

Begriff. Was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Irrglaube,

den es darüber gibt?

Der größte Irrglaube ist, dass es sich um eine reine Produktzertifizierung

mit Schwerpunkt auf Energieeffizienz handelt.

In Wirklichkeit ist TCO Certified ein umfassendes System, das die

gesamte Lieferkette in den Blick nimmt. Jedes zertifizierte Produkt

muss ausnahmslos alle Kriterien in den vier Schlüsselbereichen

Klima, Stoffe, Kreislaufwirtschaft und Lieferkette erfüllen. Es gibt

keine Wahlmöglichkeiten für die Marken. Und entscheidend ist: Die

Einhaltung wird nicht nur einmalig, sondern während der gesamten

Gültigkeitsdauer des Zertifikats von unabhängigen, akkreditierten

Prüforganisationen überwacht. Das ist kein reines Selbstauskunftssystem

der Hersteller.

Das klingt nach einem sehr hohen Aufwand. Warum

sollten sich Einkäufer/innen dieser Komplexität überhaupt

stellen? Was ist der konkrete Nutzen für mein Unternehmen

oder meine Behörde?

Ganz einfach: Risikominimierung und Effizienz. Stellen Sie sich

vor, Sie müssten selbst die Fabriken in Asien auditen, die Chemikalien

in den Produkten bewerten oder die Reparierbarkeit prüfen. Das

ist weder praktikabel noch wirtschaftlich. Wir erledigen diese Arbeit

für Sie. Indem Sie TCO Certified in Ihre Ausschreibungen aufnehmen,

lagern Sie diese komplexen Due-Diligence-Prüfungen an uns

aus. Sie erhalten eine unabhängige Verifizierung, dass Sie Produkte

beschaffen, die strenge soziale und ökologische Mindeststandards

erfüllen. Das schützt Sie vor Reputationsrisiken, erleichtert die

Einhaltung von Compliance-Vorgaben, z.B. des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes,

und spart Ihnen immense eigene Ressourcen.

Wie kann ich TCO Certified konkret in meinen Beschaffungsprozess

integrieren? Ist das nicht sehr kompliziert?

Im Gegenteil, der erste Schritt ist extrem einfach. Sie müssen

kein Nachhaltigkeitsexperte werden. In den allermeisten Fällen

reicht es aus, in Ihre technischen Spezifikationen einen klaren Satz

aufzunehmen: ‘Die Produkte sind nach TCO Certified zertifiziert.’

Als Nachweis fordern Sie, dass die Produkte zum Zeitpunkt der

Lieferung und während des gesamten Vertrags im ‘Product Finder’

auf tcocertified.com als aktiv zertifiziert gelistet sind. Dieses Tool

ist Ihr zentraler Kontrollmechanismus. So stellen Sie sicher, dass Sie

auch tatsächlich zertifizierte Ware erhalten und nicht nur ein Modell,

das einmal zertifiziert war.

Und was ist mit Produkten, die noch nicht zertifiziert

sind, oder in Szenarien, in denen ich etwas flexibler sein

muss?

Hier bieten wir maßgeschneiderte Lösungen. Sie können TCO

Certified als freiwilliges Kriterium mit Zusatzpunkten in der Wertung

verankern. Oder Sie formulieren: ‘Die Produkte müssen nach

46 Kleine Kniffe


Foto: Martin Eichenseder,

TCO Certified oder gleichwertig zertifiziert sein.’ Wobei ‘gleichwertig’

einen anspruchsvollen, unabhängigen Nachweis erfordert.

Wenn Sie Produkte beschaffen wollen, die es noch nicht zertifiziert

gibt, empfehlen wir, Ihre Lieferanten mindestens sechs Monate vor

der Ausschreibung über Ihre Absicht zu informieren. So haben die

Marken Zeit, ihre Produkte zertifizieren zu lassen. Sie nutzen so

Ihre Marktmacht, um aktiv nachhaltigere Produkte auf den Markt

zu bringen.

Die Kriterien sind sehr vielfältig. Können Sie ein oder

zwei Beispiele nennen, die besonders praxisrelevant für

Einkäufer sind?

Sehr gerne. Zwei Beispiele, die unmittelbar den Total Cost of

Ownership (TCO) positiv beeinflussen, sind die unterstützte Produktlebensdauer

von mindestens fünf Jahren und die Reparierbarkeit.

Die Marke muss Garantie und kostenlose Sicherheitsupdates für fünf

Jahre bieten. In Kombination mit Kriterien zur Haltbarkeit und zur

austauschbaren Batterie bedeutet das: Sie können die Geräte länger

nutzen, senken die jährlichen Gesamtkosten und reduzieren Elektroschrott.

Das ist ein direkter finanzieller und ökologischer Hebel. Ein

weiteres starkes Kriterium ist die Transparenz der Lieferkette, die

die Einhaltung von Arbeitsrechten in den Fabriken sicherstellt – ein

zentrales Thema in der heutigen Zeit.

Zum Abschluss: Welche konkreten nächsten Schritte

empfehlen Sie einem Einkaufsteam, das starten möchte?

Drei einfache Schritte:

1. Machen Sie eine Bestandsaufnahme: Nutzen Sie den kostenlosen

Product Finder auf unserer Website. Geben Sie ein, welche

IT-Marken und Modelle Sie aktuell nutzen. Sie werden überrascht

sein, wie viele bereits zertifiziert sind. Das stärkt Ihre

Argumentation intern.

2. Starten Sie den Dialog: Sprechen Sie mit Ihren wichtigsten

IT-Lieferanten über TCO Certified. Fragen Sie nach ihrem

zertifizierten Portfolio und teilen Sie Ihre zukünftigen Pläne mit.

3. Passen Sie Ihre Vorlagen an: Integrieren Sie die empfohlene

Standard-Formulierung in Ihre Ausschreibungsvorlagen für

IT-Hardware.

Auf unserer Website finden Sie dazu den ‘Leitfaden für Einkäufer’

mit einer praktischen Checkliste, die Sie Schritt für Schritt begleitet.

Der Wechsel zu einer nachhaltigeren IT-Beschaffung ist ein Prozess,

aber mit TCO Certified müssen Sie das Rad nicht neu erfinden.

Das Interview führte

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

Kleine Kniffe

47


Künstliche Intelligenz

KI in der öffentlichen Verwaltung

Die öffentliche Verwaltung in Deutschland steht unter wachsendem Druck: steigende Anforderungen,

Fachkräftemangel und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele erfordern neue Lösungen. Mit einem

heutigen Beschaffungsvolumen besitzt der Staat eine enorme Marktmacht – und damit Verantwortung.

Künstliche Intelligenz (KI) bietet hier transformative Potenziale, insbesondere in der Beschaffung

und Nachhaltigkeitssteuerung. Die aktuelle Trends, Herausforderungen und heutige Lösungsansätze

bringen interessante Perspektiven für die Zukunft.

Ein Beitrag von Reiner Petzold

Aktuelle Trends

Generative KI für Text- und

Datenverarbeitung

Laut einer McKinsey-Studie können durch den Einsatz von generativer

KI bis zu 70 % der Verwaltungszeit bei Routineaufgaben

eingespart werden. Dazu zählen etwa die Erstellung von Berichten,

die Analyse von Angeboten oder die Beantwortung von Bürgeranfragen.

Akzeptanz und Kompetenzmangel

Nur wenige Mitarbeitende sind mit KI vertraut. Schulungen

und Change-Management fehlen vielerorts, was die Einführung

erschwert.

Ethik und Kontrolle

KI darf keine diskriminierenden oder intransparente Entscheidungen

treffen. Die öffentliche Verwaltung muss sicherstellen, dass

Algorithmen nachvollziehbar und fair agieren.

Nachhaltigkeitsbewertung durch KI

KI-Systeme ermöglichen die automatisierte Bewertung von

Umweltlabels, CO₂-Bilanzen und Lebenszykluskosten. So können

Angebote nicht nur nach Preis, sondern auch nach ökologischer und

sozialer Wirkung verglichen werden.

Herausforderungen

Datenqualität und Schnittstellen

Viele Verwaltungen arbeiten mit veralteten IT-Systemen. KI

benötigt strukturierte, aktuelle Daten – doch diese sind oft nicht

vorhanden oder nicht kompatibel.

Rechtliche Unsicherheiten

Die Integration von KI in Vergabeverfahren wirft Fragen zur

Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Rechtskonformität auf. Die

Vergaberechtsreform 2024 bietet erste Ansätze, bleibt aber in der

Praxis oft unklar.

Lösungsansätze heute

Pilotprojekte und Leuchttürme

Viele Kommunen starten Proof-of-Concepts (PoCs), um KI in

begrenzten Bereichen zu testen. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass

bereits einfache Anwendungen wie die automatische Erstellung von

Leistungsbeschreibungen spürbare Entlastung bringen.

Zentrale Plattformen und Standards

Bund und Länder arbeiten an interoperablen E-Vergabeplattformen

mit KI-Modulen. Ziel ist eine einheitliche Datenbasis und

transparente Prozesse über Verwaltungsebenen hinweg.

Schulungen und Kompetenzzentren

Initiativen wie das Kompetenzzentrum Öffentliche IT oder

KOINNO bieten Fortbildungen und Leitfäden für den KI-Einsatz.

Dies fördert Akzeptanz und befähigt Mitarbeitende zur aktiven Mitgestaltung.

48 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Nachhaltigkeitsintegration durch KI

KI kann Umweltwirkungen von Produkten analysieren, Lieferketten

bewerten und CO₂-Fußabdrücke berechnen. So wird

Nachhaltigkeit messbar und steuerbar – auch bei komplexen Vergaben.

Perspektiven für die Zukunft

Vorausschauende Bedarfsplanung

KI kann historische Daten analysieren und zukünftige Bedarfe

prognostizieren. Dies ermöglicht strategische Beschaffung mit

Fokus auf Ressourcenschonung und Effizienz.

Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts 2021 und dem Koalitionsvertrag

„Mehr Fortschritt wagen“ wird Nachhaltigkeit verstärkt

als strategisches Ziel in der öffentlichen Beschaffung verankert.

Fazit:

Lösungen und Zukunftsperspektiven – KI als

Treiber nachhaltiger Beschaffung

Die Potenziale von KI sind enorm – doch ihre Wirkung entfaltet

sich nur bei gezielter und verantwortungsvoller Anwendung.

Die Zukunft der öffentlichen Beschaffung liegt in der intelligenten

Verbindung von Technologie, Nachhaltigkeit und Governance.

KI als Nachhaltigkeitsmonitor

Zukünftig könnten KI-Systeme kontinuierlich die Nachhaltigkeitsleistung

von Lieferanten überwachen – etwa durch

Echtzeitdaten zu Energieverbrauch, Recyclingquoten oder

Sozialstandards.

Ethik-by-Design und Governance

Die Entwicklung von KI in der Verwaltung muss ethischen

Prinzipien folgen. Transparenz, Fairness und Kontrolle müssen von

Anfang an mitgedacht und gesetzlich verankert werden.

Skalierung und europäische Kooperation

Deutschland kann von Vorreitern wie Dänemark oder

Großbritannien lernen, die bereits Exzellenzcluster für KI in der

Verwaltung aufgebaut haben. Eine europäische Harmonisierung

könnte Standards setzen und Innovationen beschleunigen.Seit dem

Autor

Reiner Petzold

Advisory Board Swiss CxO Forum

Council Harvard Business Review

Dozent UniBasel, FHNW, HWZ

CDO, swissICT Fachgruppe DTI

Kleine Kniffe

49


Künstliche Intelligenz

Auf dem Weg zu einer KI-Governance:

Perspektiven und Möglichkeiten der Umsetzung

Regulierung hat keinen guten Ruf. Sie wird flugs mit überbordender Bürokratie in Zusammenhang

gebracht und wie selbstverständlich als Hemmnis für Innovation betrachtet. Die aktuellen

internationalen Diskussionen zur Regulierung des Einsatzes und der Entwicklung entsprechender

KI-Systeme demonstrieren das eindrücklich. Dennoch sollte sich jede Kommune darauf einlassen, eigene

Überlegungen darüber anzustellen, wie sie den Einsatz von KI bei sich verantwortlich regulieren und

gestalten möchte.

Ein Beitrag von Dr. Athanasios Karafillidis

Wie lässt sich eine kommunale Regulierung von Systemen

Künstlicher Intelligenz (KI) flexibel und praxisnah gestalten? Der

einfachste Weg ist eine Verwendung einer Standardvorlage für

eine Dienst- oder Geschäftsanweisung zu KI. Das ist legitim, denn

nicht jede Kommune hat die Ressourcen, sich ausführlicher mit dem

Thema zu befassen. Aber eine darüber hinausgehende Reflexion der

eigenen KI-Regelung ist dennoch ratsam. Ein Verzicht darauf wäre

mindestens eine verpasste Chance, wichtige Kompetenzen zum

Thema aufzubauen. Entscheidend ist der Prozess der Auseinandersetzung

mit dieser Technologie und ihren organisationalen und

ethischen Konsequenzen. Selbst wenn man am Ende des Prozesses

dann doch einfach bei der Standardvorlage bleibt.

Im Folgenden möchte ich kurz auf Grundlage unserer Erfahrungen

bei der Stadt Dortmund darüber berichten, wie ein solcher

Prozess aussehen kann. Welche Perspektiven sind sinnvoll und sollten

Teil des Vorgehens sein? Wie kann eine stadtweite Regelung

für KI entwickelt werden, um mit Blick auf KI in der Verwaltung

die Handlungsfähigkeit zu sichern, die Entscheidungsfähigkeit zu

fördern und die Anpassungsfähigkeit zu erhöhen?

1. Die Einführung von KI ist kein technisches

Problem! Wissen sammeln und Netzwerke

aufbauen

Der erste Schritt besteht darin, in irgendeiner Form den aktuellen

Stand der KI-Nutzung in der Verwaltung zu erfassen. Dafür sind

zahlreiche Gespräche mit Beschäftigten aus verschiedenen Fachbereichen

ein einfaches, aber hilfreiches Mittel. Um die Erfahrungen und

das Wissen der Verwaltung zu bündeln, haben wir beispielsweise

eine fachbereichsübergreifende Arbeitsgruppe etabliert. Auf Interdisziplinarität

zu achten ist hierfür ein wichtiger Schlüssel. Es reicht

also nicht, bloß die IT-Abteilung drauf anzusetzen. Mit so einer

Gruppe, die nicht groß sein muss, wird es möglich, unterschiedliche

Perspektiven und Anforderungen angemessen zu berücksichtigen.

Im besten Fall bringt die Leitung dieser Gruppe ein technisches Verständnis,

aber vor allem auch ein organisationales Gespür für die

nachhaltige Umsetzung und Nutzung von KI mit.

Zur fundierten Entscheidungsfindung braucht es auch eine

angemessene Recherche und interkommunalen Austausch. Dazu

zählen wissenschaftliche Untersuchungen zum KI-Einsatz in

Organisationen (nicht zu verwechseln mit den „Studien“ von

großen Beratungsunternehmen, die dennoch hilfreich sein können),

möglicherweise entsprechende Umfragen, aber auch die mittlerweile

zahlreichen und sehr hilfreichen Handlungsempfehlungen

von Institutionen und Verbänden (z.B. KGSt, Vitako oder dem

Deutschen Städtetag). Ein regelmäßiger interkommunaler Austausch

ist darüber hinaus essenziell, um von den Erfahrungen anderer

Städte zu lernen und bereits existierende Leitlinien oder Dienst- und

Geschäftsanweisungen zu kennen und bei Bedarf zu adaptieren. Das

Teilen von Wissen und Dokumenten unter Kommunen funktioniert

erfahrungsgemäß sehr gut und kann die Entwicklung gemeinsamer

Standards fördern.

50 Kleine Kniffe


2. Sinnvolle Struktur der Regelungen:

Verwaltungsebenen und Schnittstellen

Eine wirksame KI-Regelung sollte auf folgende drei Ebenen der

Verwaltung Rücksicht nehmen und den damit verbundenen, unterschiedlichen

Adressaten entsprechende Antworten liefern:

• Institutionelle Ebene: Es müssen Antworten gefunden

werden für die Bürger*innen, die Politik und Unternehmen. Es

braucht eine Orientierung und Verlässlichkeit nach Außen. Das

können beispielsweise Grundsätze oder Prinzipien des KI-Einsatzes

sein. Es geht hier darum, die Schnittstelle zwischen Verwaltung und

ihren relevanten Umwelten zu adressieren.

• Organisationale Ebene: Für die konkrete Umsetzung braucht

es eine formale Vorgabe, beispielsweise in Form einer Geschäftsanweisung

(GA). Kommunen setzten in dieser Hinsicht manchmal

auch auf kurze und einfache Empfehlungen zur Sensibilisierung im

Umgang mit KI. Hier gibt es keinen besten Weg. Es hängt auch von

der Organisationskultur ab, was jeweils sinnvoll ist. Es braucht aber

verbindliche Vorgaben für den Einsatz und die Nutzung von KI. Es

müssen Verantwortlichkeiten geklärt sein. Hier geht es also eher um

die Bearbeitung verwaltungsinterner Schnittstellen und die Schaffung

verbindlicher Strukturen.

• Operative Ebene: Ein Handlungsleitfaden kann den Mitarbeitenden

bei praktischen Fragen und Problemen im Umgang mit KI

helfen sowie Erläuterungen oder Vertiefungen zu einer GA bieten.

Darin werden praxisnahe Hilfestellungen gesammelt, um eine

sichere Anwendung im Arbeitsalltag zu fördern. Außerdem ist es

ein Instrument, das es im Zusammenspiel mit einer GA ermöglicht,

auf die rasanten technologischen und rechtlichen Veränderungen

flexibel reagieren zu können. Auf diese Weise muss nicht alles in

der GA geregelt werden, sondern es reichen zu bestimmten Fragen

Verweise in der GA auf das Handbuch, was den Vorteil hat, dass

man es verfahrensrechtlich leichter anpassen kann. Hier geht es im

Wesentlichen um die Arbeit und praktische Nutzung von KI, also die

Schnittstelle zwischen Menschen und Technik.

Je nach Größe der Kommune und Verwaltungskultur kann die

Ausgestaltung dieser Regelungen variieren. Beispielsweise müssen

es nicht drei verschiedenen Dokumente sein, auch wenn sich das

wegen des Umfangs und des unterschiedlichen Grads an Formalität

bei uns bewährt und durchaus zu empfehlen ist. Wichtig ist, dass

auf allen drei Ebenen passende Antworten gefunden werden, um die

unterschiedlichen Anforderungen zu adressieren.

3. Bedingungen für die Formulierung

nachhaltiger Regelungen: Handlungs-,

Entscheidungs- und Anpassungsfähigkeit

stärken

Eine gute KI-Regulierung bereitet die vielschichtigen und

umfangreichen rechtliche Vorgaben (insbesondere EU AI Act) und

ethisches Wissen so auf, dass alle Mitarbeitenden KI sicher und

verantwortungsvoll nutzen können. Das ermöglicht die Handlungsfähigkeit

der Verwaltung, weil dadurch Unsicherheiten aufgefangen

werden, die andernfalls nur für unnötige Vorbehalte sorgen.

Sowohl Führungskräfte als auch Sachbearbeitende erhalten

durch angemessene Regulierung zudem eine klare Vorstellung

davon, wo und wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann und welche

Unterstützung sie bietet. Das macht uns entscheidungsfähig in Bezug

darauf, welche KI in welcher Hinsicht nützlich ist und auch wo KI

womöglich keinen Mehrwert erwarten lässt.

Schließlich schaffen Regelungen Freiräume für Innovation und

Veränderung, indem sie Potenziale identifizieren und eine nachhaltige

Umsetzung von KI-Systemen ermöglichen. Sie machen die

Verwaltung deshalb anpassungsfähig, weil sie es ermöglichen genauer

zu bestimmen, was in welcher Form geändert werden muss.

Das langfristige Ziel von KI-Regelungen:

Aufbau einer KI-Governance

Mit einer stadtweiten Regelung für KI kann die Verwaltung

flexibel auf technologische und gesellschaftliche Veränderungen

reagieren. Gleichzeitig wird die Grundlage für eine nachhaltige

KI-Governance geschaffen, die Innovation fördert, die Stadt zukunftsfähig

macht und sie vor Missbrauch, falschen Produktversprechen

und überzogenen Hoffnungen schützt. Die Orientierung an dem

vorhandenen Verwaltungswissen, ein Gespür für informale Organisation

und der Austausch mit anderen Kommunen sind

zusammengefasst zentrale Aspekte, um tragfähige und nachhaltige

KI-Regelungen zu schaffen.

Autor

Dr. Athanasios Karafillidis

Soziologe und KI-Manager der

Stadt Dortmund, Privatdozent an

der RWTH Aachen

Kleine Kniffe

51


Digitalisierung der Verwaltung

Zwischen Aufbruch und Aufsicht:

Warum KI in der Verwaltung nur mit klarem Kompass gelingt

Die Verwaltung will KI. Die Realität bremst. Wo Algorithmen Entscheidungen stützen, berühren sie

Grundrechte, Alltag und Vertrauen. Genau hier entscheidet sich, ob digitale Modernisierung zum Gewinn

für alle wird – oder zum nächsten Vertrauensverlust.

Ein Beitrag von Thomas Heine

Ein Rechtsrahmen mit Ansage –

und mit Zähnen

Seit Februar 2025 gilt in Europa der EU AI Act. Er macht den

Einsatz von KI in Behörden nicht nur möglich, sondern verbindlich

regelbar. Der Rechtsrahmen sortiert Systeme nach Risiko: von

„inakzeptabel“ über „hochriskant“ bis „geringes Risiko“. Anwendungen,

die über Sozialleistungen, Kreditbewertungen oder andere

grundrechtsrelevante Bereiche mitentscheiden, gehören zur

Hochrisiko-Klasse. Für sie sind Risikobewertungen, eine detaillierte

Dokumentation, klare Transparenzpflichten und vor allem wirksame

menschliche Aufsicht vorgeschrieben.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Verbotene Praktiken

wie Social Scoring, manipulative Systeme oder biometrische

Echtzeit-Fernidentifizierung sind tabu. Verstöße können bis zu

35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes

kosten. Praktikerinnen und Praktiker nennen die Umsetzung der

Regulierung als größte Hürde. Was fehlt, sind praxistaugliche

Best-Practice-Anleitungen, die Rechts- und Umsetzungssicherheit

schaffen. Ohne diese Leitplanken droht Stillstand – oder ein

riskanter Schnellschuss.

Verzerrungen erkennen,

Diskriminierung verhindern

KI kann systematisch verzerren. Bias entsteht durch fehlerhafte

oder unausgewogene Trainingsdaten, aber auch durch ungeeignetes

Design. Das zeigt ein vielzitiertes Beispiel aus der Praxis: Ein automatisiertes

System stufte massenhaft Menschen fälschlich als Betrüger

bei Sozialleistungen ein und richtete erheblichen finanziellen und

psychischen Schaden an. In der vorliegenden Recherche wird dieser

Fall als „niederländisches Robodebt“ benannt; unabhängig von der

Bezeichnung bleibt der Befund zentral: Unkontrollierte Automatisierung

kann Leben beschädigen.

In Deutschland verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz

Diskriminierung – das gilt ausdrücklich auch für KI-gestützte

Entscheidungen. Der AI Act verpflichtet zudem, Bias gezielt zu

minimieren: mit hochwertigen, möglichst vollständigen und fehlerarmen

Trainingsdaten. Besonders gefährlich ist, wenn staatliche

Diskriminierung ungewollt verstetigt wird. Wenn Algorithmen

darüber mitentscheiden, wer Unterstützung erhält oder welche

Stadtteile stärker überwacht werden, können ganze Gruppen strukturell

benachteiligt werden. Wer KI in der Verwaltung verantwortet,

muss diese Gefahr nicht nur kennen, sondern aktiv bannen.

Datenlücken als Bremsklotz der Digitalisierung

Viele Verwaltungen leiden nicht an zu wenig KI, sondern an zu

wenig Datenqualität. Trainings- und Einsatzdaten liegen auseinandergezogen,

analog, uneinheitlich oder schlicht unvollständig vor.

Registermodernisierung und elektronische Aktenführung kommen

zu langsam voran, Schnittstellen zwischen Fachverfahren fehlen.

Ohne durchgängig digitalisierte Ende-zu-Ende-Prozesse lässt sich

keine KI auf die Feinheiten deutscher Verfahren trainieren.

Das ist das bekannte Henne-Ei-Problem: Ohne Digitalisierung

keine KI-Reife, ohne KI weniger Antrieb für Digitalisierung. Der

Ausweg ist klar – und anspruchsvoll: Erst die Prozesse verlässlich

digitalisieren, dann KI gezielt einsetzen. So entsteht ein tragfähiger

Datenunterbau statt technologischer Kosmetik. Nachhaltige IT

52 Kleine Kniffe


denkt genau so: Schritt für Schritt, robust, nachvollziehbar – und

damit dauerhaft tragfähig.

Kompetenz aufbauen –

nicht nur Tools beschaffen

Artikel 4 des EU AI Acts fordert den systematischen Aufbau

von KI-Kompetenz in allen Organisationen, die KI einsetzen. Seit

Februar 2025 gilt zudem eine Schulungspflicht für alle, die mit

KI-Systemen arbeiten. Die Realität: Fachkräfte sind knapp, der

demografische Wandel drückt, die Aufgaben werden mehr. Gerade

kleinere Kommunen ohne eigenes Rechenzentrum oder spezialisierte

IT-Abteilungen stehen vor einer Herkulesaufgabe.

Was hilft? Grundlagen zu Funktionsweise, rechtlichen Vorgaben,

Ethik und Anwendungen – und zwar aufgabennah und

praxisfest. Ohne diese Kompetenz drohen Fehlentscheidungen,

Compliance-Lücken und Eingriffe in Grundrechte. Wer hier

Im Zentrum steht das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger.

Skandale aus unbedachtem KI-Einsatz beschädigen das Verhältnis

zum Staat langfristig. Realistische Kommunikation über Möglichkeiten

und Grenzen hilft, Erwartungen zu ordnen – und schützt vor

Überversprechen. Nachhaltige IT nimmt diese Prinzipien ernst, weil

sie Systeme baut, die auch morgen noch vertretbar sind.

Pro und Contra: Tempo machen – aber richtig

Ja, KI kann Prozesse beschleunigen und Entscheidungen stützen.

Sie kann Mitarbeitende entlasten, wenn Aufgaben zunehmen.

Aber das „Wie“ entscheidet. Contra ist angebracht, wenn Systeme

ohne Datenbasis, ohne Aufsicht und ohne Kompetenzen eingeführt

werden. Pro ist überzeugend, wenn Risiken ehrlich bewertet, Transparenz

umgesetzt und Personal qualifiziert wird.

Sie kennen Ihre Behörde am besten. Wo liegen die Daten heute?

Welche Entscheidungen sind grundrechtsrelevant? Wer trägt die

investiert, vermeidet teure Korrekturen später. Das ist nicht nur

rechtssicher, es ist auch im Sinne einer nachhaltigen IT: Fähigkeiten

bleiben, wenn Tools wechseln.

Transparenz statt Black Box –

und echte menschliche Aufsicht

KI wird oft als Black Box erlebt. In der Verwaltung ist das Gift.

Entscheidungen müssen nachvollziehbar und rechtlich überprüfbar

sein. Der AI Act fordert daher Transparenz, Verständlichkeit und

Nachvollziehbarkeit. Für die Praxis heißt das: Ermessensentscheidungen

bleiben in der Verantwortung von Mitarbeitenden.

Vollautomatische Entscheidungen sind nach DSGVO nur in engen

Grenzen erlaubt.

Das ist kein Formalismus. Es ist die Brücke zwischen technischer

Machbarkeit und demokratischer Legitimation. Transparenz schafft

Vertrauen – und sie zwingt dazu, Systeme so zu gestalten, dass

Gründe sichtbar und korrigierbar bleiben. Wer heute mit Erklärbarkeit

plant, spart morgen Krisenkommunikation.

Ethik als Betriebssystem des

Verwaltungshandelns

Österreich hat für die öffentliche Verwaltung neun KI-Ethikprinzipien

formuliert: Recht, Transparenz, Unvoreingenommenheit

und Fairness, Effektivität und Effizienz, Sicherheit, digitale Souveränität,

Rechenschaftspflicht, menschliche Aufsicht sowie

Zugänglichkeit und Inklusion. Diese Liste ist kein Zitatenschmuck,

sondern eine Handlungsagenda. Sie verbindet Werte mit operabler

Praxis.

Verantwortung im Zweifel? Wenn diese Fragen klar beantwortet

sind, wird aus Technik ein Werkzeug – und nicht ein Risiko.

Was jetzt zählt

Aus den Befunden folgt ein klarer Pfad. Verwaltungen brauchen

praktikable Best-Practice-Leitfäden, um die Vorgaben des AI Acts

rechtssicher umzusetzen. Sie müssen Datenqualität und Schnittstellen

ernst nehmen, bevor sie Modelle produktiv einsetzen. Sie

sollten Bias aktiv minimieren und Diskriminierung verhindern –

und dort, wo Beispiele irritieren, präzise klären, wovon die Rede ist.

Sie müssen die gesetzlich geforderte Schulung umsetzen und Kompetenzen

aufbauen, gerade in kleinen Kommunen. Und sie haben

Transparenz, Erklärbarkeit und wirksame menschliche Aufsicht

nicht nur zu dokumentieren, sondern zu leben.

So entsteht eine Verwaltung, die KI verantwortungsvoll nutzt:

rechtssicher, nachvollziehbar, bürgernah. Genau das ist nachhaltige

IT in der Praxis. Nicht der schnelle Effekt zählt, sondern die stabile

Wirkung. Wenn wir diesen Kompass anlegen, wird KI nicht zur

Black Box, sondern zum klaren Werkzeug – im Dienst der Menschen,

für die die Verwaltung arbeitet.

Autor

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

Kleine Kniffe

53


Nachhaltige Digitalisierung

Die Twin Transformation gestalten:

Wie nachhaltige IT-Kompetenz zum Erfolgsfaktor wird

Die digitale Transformation ist für Kommunen und Unternehmen unverzichtbar, doch ihr ökologischer

Fußabdruck wächst stetig. Gleichzeitig fordern neue gesetzliche Vorgaben wie die Corporate

Sustainability Reporting Directive (CSRD) ein Umdenken. Das Projekt „Nachhaltige Bildung in der

IT-Aus- und Weiterbildung“ (NABIT) schließt die entscheidende Lücke und entwickelt praxisnahe

Bildungs- und Beratungskonzepte, um Digitalisierung und Nachhaltigkeit erfolgreich zu verbinden.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Henning Klaffke

Die Digitalisierung ist ein mächtiger Hebel für Effizienz und

Innovation, doch sie birgt auch einen Zielkonflikt: Ein steigender

Energie- und Ressourcenverbrauch in der IT steht dem Ziel einer

nachhaltigen Entwicklung entgegen. Dieser als “Twin Transformation”

bekannte Spagat stellt insbesondere kleine und mittlere

Unternehmen (KMU), aber auch öffentliche Verwaltungen, vor

enorme Herausforderungen. Oft fehlen die strategischen Ressourcen

und vor allem die notwendigen Kompetenzen, um IT-Systeme und

-Prozesse ressourcenschonend zu gestalten.

Hier setzt das Verbundprojekt NABIT an. Es versteht Digitalisierung

und Nachhaltigkeit nicht als Gegensätze, sondern als zwei

Seiten derselben Medaille. Ziel ist es, die notwendigen Kompetenzen

für eine zukunftsfähige IT direkt in der beruflichen Aus- und Weiterbildung

zu verankern.

Green IT und Green IS: Die zwei Säulen der

nachhaltigen Digitalisierung

Im Fokus des Projekts stehen zwei strategische Kernbereiche,

die auch für den öffentlichen Einkauf von hoher Relevanz sind:

1. Green IT: Hier geht es um die ressourcenschonende und

energieeffiziente Gestaltung der IT selbst. Das umfasst

Themen wie energieeffiziente Hardware, nachhaltige

Softwareentwicklung (“Green Coding”), die Verlängerung

von Lebenszyklen durch Wiederaufbereitung (Refurbishment)

und CO₂-reduzierte Cloud-Strategien.

2. Green IS (Informationssysteme): Dieser Ansatz nutzt die

Digitalisierung gezielt als Werkzeug, um nachhaltige

Geschäftsprozesse zu unterstützen. Beispiele sind

IT-gestützte Analysen für ESG-Reportings, die Steuerung

nachhaltiger Lieferketten oder die digitale Organisation

der Kreislaufwirtschaft.

Beide Bereiche sind entscheidend, um den ökologischen Fußabdruck

der Digitalisierung zu minimieren und gleichzeitig ihre

Potenziale für eine nachhaltige Transformation zu nutzen.

Projektziele von NABIT im Überblick

• Analyse von Kompetenzbedarfen: Systematische

Untersuchung, welche Nachhaltigkeitskompetenzen in

IT-Berufen heute und in Zukunft benötigt werden.

• Entwicklung modularer Lehr-Lernformate: Erstellung

praxisnaher und modularer Bildungsbausteine für die

Aus- und Weiterbildung, die als Open Educational

Resources (OER) frei verfügbar gemacht werden.

• Praxisnahe Erprobung: Testläufe der entwickelten

Materialien in Berufsschulen und Partnerunternehmen,

um die betriebliche Anschlussfähigkeit sicherzustellen.

• Aufbau eines Beratungskonzepts: Entwicklung einer

skalierbaren Beratungsstruktur, um KMU bei der

Umsetzung nachhaltiger IT-Praktiken zu unterstützen

und sie auf Anforderungen wie die CSRD vorzubereiten.

Von der Theorie zur Praxis:

Ein starkes Netzwerk

Das Projekt NABIT ist ein zukünftiges Verbundvorhaben, das

aus drei zentralen Partnern besteht. Zusätzlich wird es von einer

Vielzahl weiterer Unternehmen, Institutionen und Sozialpartnern

unterstützt, die ihr Interesse bekundet haben.

54 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Kernpartner des Verbundvorhabens

Dies sind die Antragsteller und direkten Verbundpartner, die

das Projekt durchführen:

1. Berufliche Hochschule Hamburg (BHH)

Die BHH ist verantwortlich für die akademische Validierung

der Bildungsansätze. Sie wurde 2020 gegründet und

verbindet eine anerkannte Berufsausbildung mit Bachelor-

Studiengängen. Prof. Dr. Henning Klaffke, Professor für

Angewandte Informatik, leitet das Projekt.

2. Heartprint GmbH

begleitet Unternehmen jeder Größe auf ihrem Weg zu Zukunftsfähigkeit

und Resilienz. Als Beratung für Twin Transformation

verbindet Heartprint Digitalisierung und Nachhaltigkeit

zu einem integrierten Erfolgsmodell. Das Team um Gründer

Rainer Karcher und Anthea Wagner entwickelt praxisnahe

Strategien, die technologische Innovation mit gesellschaftlicher

Verantwortung vereinen – und so Transformation mit Wirkung

ermöglichen.

3. Europa-Universität Flensburg (EUF)

Die EUF wird durch das Berufsbildungsinstitut Arbeit und

Technik (biat) vertreten, geleitet von Prof. Dr. Axel Grimm. Der

Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Lehrkräften für

berufsbildende Schulen im Bereich Informationstechnik/

Informatik. Die EUF bringt ihre Expertise in der Berufs(bildungs)wissenschaft

und Didaktik in das Projekt ein.

Um eine hohe Praxisrelevanz zu gewährleisten, arbeitet

NABIT eng mit einem breiten Netzwerk aus Wirtschaft, Bildung

und Zivilgesellschaft zusammen. Partner wie z.B. die Siemens

AG, Microsoft oder die AfB gemeinnützige GmbH – Europas

größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft

und Inklusion – bringen ihre Expertise ein. Industrie- und

Handelskammern, Sozialpartner sowie Berufsschulen sorgen dafür,

dass die entwickelten Konzepte direkt in die bestehenden Bildungsstrukturen

einfließen können.

Dieser Verbund stellt sicher, dass die entwickelten Bildungsangebote

nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch unmittelbar

in der betrieblichen Praxis anwendbar sind.

Ausblick: Nachhaltige IT als neuer Standard in

der betrieblichen Bildung

NABIT wird einen entscheidenden Beitrag zur sozial-ökologischen

Transformation leisten. Indem das Projekt die “Twin

Transformation” als zentrales Bildungs- und Kompetenzparadigma

etabliert, befähigt es zukünftige IT-Fachkräfte, die digitale Zukunft

verantwortungsvoll zu gestalten. Die frei zugänglichen Materialien

und das skalierbare Beratungskonzept werden eine solide Grundlage,

um nachhaltige IT flächendeckend zu verankern – ein wichtiger

Schritt für eine zukunftsfähige Wirtschaft und Verwaltung. Das Projekt

wird ab 01.01.2026 mit einer Laufzeit von drei Jahren starten.

Autor

Prof. Dr. Henning Klaffke

Professor für Angewandte

Informatik

Berufliche Hochschule Hamburg

Projektkoordination NABIT

Kleine Kniffe

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Künstliche Intelligenz

Nachhaltige KI ist mehr als CO ²

-Bilanzierung

Künstliche Intelligenz ist das Wort der Stunde. Ob ChatGPT, KI-basierte Diagnosetools oder autonome

Fahrzeuge – das Thema ist medial omnipräsent und hat längst Eingang in politische Debatten,

wirtschaftliche Strategien und alltägliche Anwendungen gefunden. Was in dieser Debatte jedoch

auffällig unterbelichtet bleibt, sind nachhaltige Perspektiven. Während das gesellschaftliche Gespräch

über Digitalisierung zunehmend von ethischen Leitplanken und regulatorischer Gestaltung geprägt

ist, wird der Diskurs über KI noch stark von technischer Machbarkeit und wirtschaftlichem Potenzial

dominiert. Nachhaltigkeit, so scheint es, ist bislang ein Randaspekt – wenn überhaupt. Dabei bietet

gerade dieser technologische Wendepunkt eine Chance: die Möglichkeit, eine digitale Transformation

von Anfang an mit einem Nachhaltigkeitsverständnis zu verbinden, das über Emissionswerte hinausgeht.

Ein Beitrag von Thomas Heine

Warum CO 2

-Bilanzen so präsent sind

Wenn Nachhaltigkeit in Zusammenhang mit KI genannt wird,

dann fast ausschließlich in Bezug auf den Energieverbrauch großer

KI-Modelle. Die CO 2

-Bilanz von Rechenzentren, die Emissionen bei

Training und Inferenz von Sprachmodellen oder der Strombedarf

von Serverfarmen werden intensiv diskutiert. Das hat gute Gründe:

Die Zahlen sind greifbar, vergleichbar und bieten eine scheinbar

objektive Grundlage für Bewertung und Regulation. Studien wie

die von Strubell et al. (2019) oder Patterson et al. (2021) haben den

enormen Ressourcenverbrauch von Modellen wie GPT-3 und BERT

öffentlich gemacht. Die Debatte ist auch politisch anschlussfähig,

denn sie lässt sich in bestehende Emissionsziele und Klimastrategien

integrieren. Zudem passen CO 2

-Zahlen hervorragend in das Raster

regulatorischer Berichterstattung: Was gemessen werden kann, lässt

sich politisch steuern. Doch diese Fokussierung auf die CO 2

-Bilanzierung

greift zu kurz. Nachhaltigkeit ist mehrdimensional – und

eine zukunftsfähige KI muss sich auch daran messen lassen.

Erweiterte Dimensionen nachhaltiger KI

Ein ganzheitlicher Nachhaltigkeitsbegriff umfasst

ökologische, soziale, ökonomische und technologische Aspekte. Die Diskussion

muss sich daher auf breitere Grundlagen stellen. Etwa auf

die Frage, wie durch KI soziale Ungleichheiten verschärft oder abgebaut

werden können – Stichwort digitale Kluft oder automatisierte

Diskriminierung. Trainingsdaten, die gesellschaftliche Vorurteile

enthalten, führen zu verzerrten Ergebnissen und können bestehen-

de Machtstrukturen zementieren. Die ethischen Implikationen sind

erheblich, vor allem, wenn KI in der Verwaltung, im Finanzsektor

oder in der Gesundheitsversorgung eingesetzt wird.

Auch auf der ökologischen Ebene reichen einfache Emissionswerte

nicht aus. Der gesamte Lebenszyklus der Hardware, auf der

KI läuft – von der Förderung seltener Erden bis zur Entsorgung

elektronischer Bauteile – muss berücksichtigt werden. Der immense

Wasserverbrauch von Rechenzentren, etwa bei der Kühlung, bleibt

in den meisten Nachhaltigkeitsberichten unsichtbar.

In der Theorie liefern Konzepte wie die „Doughnut Economics“

(Raworth, 2017), die planetare Grenzen mit sozialen Mindeststandards

verbindet, eine zentrale Denkfigur. Auch systemische

Nachhaltigkeitsmodelle wie das „Triple Bottom Line“-Prinzip zeigen

auf, dass wirtschaftlicher Erfolg, Umweltverträglichkeit und soziale

Verantwortung in Balance stehen müssen. Feministische und

dekoloniale Ansätze wie die des Afro-Asian AI Research Collective

erweitern diesen Blick um Fragen der globalen Gerechtigkeit:

Wer profitiert von KI und wer trägt ihre ökologischen und sozialen

Lasten?

Beispiele, die zum Umdenken zwingen

Die theoretischen Forderungen nach einer erweiterten Sicht

auf nachhaltige KI lassen sich durch zahlreiche Praxisbeispiele

untermauern. In Bangladesch etwa wird KI zur Frühwarnung bei

56 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Überschwemmungen eingesetzt – ein wertvoller Beitrag zur Klimaanpassung

im Globalen Süden (UN ESCAP, 2021). Gleichzeitig

exportieren große Tech-Konzerne ihre energieintensiven KI-Rechenlasten

in Regionen mit instabiler Stromversorgung, was Fragen

nach „Data Colonialism“ aufwirft (Couldry & Mejias, 2019). Auch bei

der Hardware zeigen sich Brüche: KI-Chips benötigen seltene Erden,

deren Abbau häufig unter prekären Bedingungen erfolgt. Initiativen

wie Fairphone AI versuchen, hier transparente Lieferketten zu etablieren,

stoßen aber an Grenzen globaler Marktstrukturen.

Ebenfalls relevant ist der Bereich der Open-Source-KI. Modelle

wie LLaMA von Meta stehen im Gegensatz zu proprietären Systemen

und fördern Transparenz sowie kollaborative Innovation. Sie

ermöglichen es auch Akteuren aus Ländern des Globalen Südens,

eigene KI-Systeme aufzubauen, ohne in Abhängigkeit großer Plattformkonzerne

zu geraten.

Wo KI strategisch zur Transformation beiträgt

KI kann mehr sein als ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung.

Wenn Unternehmen den Nachhaltigkeitsbegriff ernst nehmen und

nicht auf reine Berichtspflicht reduzieren, eröffnet sich ein neues

Potenzial. KI kann helfen, Geschäftsmodelle zu analysieren, Szenarien

für klimaneutrale Produktionsweisen zu entwickeln oder

soziale Risiken in Lieferketten sichtbar zu machen. In der öffentlichen

Verwaltung kann sie dabei unterstützen, Ressourcen effizienter

zu verteilen, Mobilität klimafreundlich zu planen oder partizipative

Prozesse zu stärken. Voraussetzung ist jedoch, dass die Implementierung

strategisch angelegt ist – mit klaren Zieldefinitionen, ethischen

Leitplanken und langfristiger Ausrichtung.

Nachhaltige Transformation bedeutet hier nicht, bestehende

Prozesse digital effizienter zu machen, sondern neue Wege zu

denken. KI kann etwa in der Produktentwicklung dazu beitragen,

Lebenszyklen von Produkten zu verlängern oder Kreislaufwirtschaftsmodelle

zu entwickeln. In der Landwirtschaft ermöglichen

KI-gestützte Systeme eine präzisere Bewässerung und Düngung, was

ökologische Auswirkungen minimiert. Im Gesundheitswesen kann

KI präventiv arbeiten, statt nur Symptome zu analysieren.

Der Gap zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Derzeit zeigt sich jedoch ein deutlicher Widerspruch zwischen

dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich geschieht. KI wird

vielfach als Mittel zur Kostensenkung oder Prozessoptimierung

eingesetzt, nicht aber als Transformationswerkzeug. Die Daten,

auf denen KI basiert, sind oft proprietär, intransparent und westlich

dominiert. Selbstlernende Systeme werden nicht systematisch

auf Biases geprüft, und ihre Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt

bleibt häufig unbeachtet. Der Nachhaltigkeitsanspruch wird dadurch

zur kosmetischen Maßnahme – eine CO 2

-Bilanz hier, ein Greenwashing-Versprechen

dort.

Kleine Kniffe

57


Foto: depositphotos

Ein weiteres Problem ist die fehlende Einbindung von

Nachhaltigkeitsverantwortlichen in die KI-Strategien vieler Organisationen.

KI-Entwicklung erfolgt oft im Silo: technisch exzellent,

aber strategisch blind für langfristige Nachhaltigkeitsziele. Und auch

regulatorisch ist noch vieles unklar. Der AI Act der EU setzt zwar

neue Standards für Transparenz und Risikobewertung, doch Nachhaltigkeit

ist bislang kein zentraler Prüfpunkt.

zukunftsfähig zu machen – nicht nur im Sinne des Shareholder Value,

sondern im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung. Nachhaltige KI

ist keine technische Disziplin, sie ist eine kulturelle Herausforderung.

Und es ist an der Zeit, ihr mit derselben Ernsthaftigkeit zu begegnen

wie dem Klimawandel selbst.

Stakeholder in der Verantwortung

Eine nachhaltige KI kann nur entstehen, wenn alle relevanten

Akteure ihren Beitrag leisten. Unternehmen müssen ihre

Entwicklungsteams diversifizieren, Offenlegungspflichten für

KI-Algorithmen schaffen und Verantwortung für die gesamte Wertschöpfungskette

übernehmen. Regierungen sind gefordert, nicht

nur Regularien wie den AI Act der EU zu erlassen, sondern auch

Förderprogramme für nachhaltige KI-Projekte aufzulegen. NGOs

und Zivilgesellschaft sollten als Kontrollinstanzen und Impulsgeber

gestärkt werden. Und die Wissenschaft hat die Aufgabe, interdisziplinär

zu forschen, Wissen offen zugänglich zu machen und Standards

zu entwickeln, die über Effizienz hinausgehen.

Auch die Finanzierung nachhaltiger KI-Projekte spielt eine Rolle.

Venture Capital orientiert sich bislang stark an Skalierbarkeit und

Profitabilität. Ein Wandel hin zu Impact Investing in digitale Infrastrukturen

könnte helfen, alternative Geschäftsmodelle zu stärken.

Öffentliche Institutionen und Stiftungen können hier Vorreiterrollen

einnehmen.

Fazit

Wenn Sie in Ihrem Unternehmen, Ihrer Behörde oder Organisation

über den Einsatz von KI nachdenken, dann stellen Sie sich bitte

nicht nur die Frage nach den Einsparpotenzialen. Fragen Sie, ob Ihre

KI fair ist. Ob sie transparent ist. Ob sie hilft, Ihr Geschäftsmodell

Quellen:

1. • Strubell, E., Ganesh, A., & McCallum, A. (2019). Energy and Policy Considerations

for Deep Learning in NLP. arXiv.

2. • Patterson, D. et al. (2021). Carbon Emissions and Large Neural Network

Training. Google.

3. • Raworth, K. (2017). Doughnut Economics. Chelsea Green Publishing.

4. • Couldry, N., & Mejias, U. (2019). The Costs of Connection. Stanford

University Press.

5. • UN ESCAP (2021). AI for Flood Forecasting in Bangladesh.

6. • AI Now Institute Reports (2022–2024). https://ainowinstitute.org/

7. • European Commission. AI Act Proposal. https://digital-strategy.ec.europa.eu/

8. • Afro-Asian AI Research Collective. (2023). Ethical AI from the Global

South.

Das Interview führte

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

58 Kleine Kniffe


Künstliche Intelligenz

KI transformiert die Beschaffung!

Nur ein Hype oder eine echte Revolution?

Gibt es einen Fahrplan für Künstliche Intelligenz? Ein Fahrplan steht für Planbarkeit und

Verlässlichkeit. Kann es das bei KI überhaupt geben? Das hängt davon ab, ob es sich bei KI nur um

einen kurzfristigen Hype handelt. Für mich steht fest: Künstliche Intelligenz (KI) ist weit mehr als

das – sie steht im Mittelpunkt eines nachhaltigen Wandels. Ich vertrete drei Hypothesen, die die

Zukunft der Arbeitswelt und bei der Deutschen Bahn maßgeblich prägen werden.

Ein Bericht von Patrick Reiß

Erstens ist KI inzwischen bereit für den professionellen Einsatz.

Trotz verbreiteter Skepsis hinsichtlich Zuverlässigkeit und

Datenschutz beweisen zahlreiche spezialisierte Anwendungen bereits

heute ihre Praxistauglichkeit. Je reibungsloser KI funktioniert,

desto weniger wird sie als solche wahrgenommen. Der Aufbau von

Vertrauen ist entscheidend. Nur durch Übung, Erfahrung und viele

Interaktionen kann das Vertrauen in die Technologie wachsen. Wir

üben dies z.B. in Pilotprojekten wie einer intelligenten Beschaffungsplattform,

die den Einstieg in unsere Beschaffungskanäle effizienter

gestaltet.

Drittens entscheidet der Mensch, wo und wie KI zum Einsatz

kommt. In einer zunehmend digitalen Arbeitswelt ist die bewusste

Steuerung entscheidend: KI soll vor allem administrative und

repetitive Tätigkeiten übernehmen, damit der Fokus auf zwischenmenschliche

Zusammenarbeit und strategisch-relevante Aufgaben

gerichtet werden kann. In unserem „Use Case 0“ analysiert die KI

gezielt interne Daten und identifiziert daraus neue Einsatzmöglichkeiten

und mögliche Prozessbeschleunigungen. Zugleich wird klar,

dass die zukünftigen Herausforderungen nicht nur technischer,

sondern auch kultureller Natur sind. Die Gestaltung des KI-Einsatzes

erfordert Transparenz und Einbindung aller Beteiligten

– von der Belegschaft bis zum Betriebsrat. Aufgrund der tiefgreifenden

Veränderung, die uns KI bringen wird, werden wir auch die

gesellschaftliche Bedeutung dessen intensiv diskutieren müssen.

Zweitens gilt: Die Organisation muss sich fit machen für

den Umgang mit KI. Technik allein genügt nicht, vielmehr ist

eine aktive Auseinandersetzung gefragt. Erfahrungen mit unserer

bahneigenen KI und dem unterstützenden „Prompt Buddy“ zeigen,

dass Qualifizierung und Anwendungskompetenz Schlüsselfaktoren

werden. Mitarbeitende müssen sich auf neue Rollen einstellen:

Routineaufgaben können automatisiert werden, gleichzeitig bleiben

Expertenwissen und die Fähigkeit, KI sinnvoll einzusetzen, unerlässlich.

Sich aktiv vom System helfen zu lassen, um den künftigen

Ansprüchen an Tempo und Effizienz gerecht zu werden, setzt die

Bereitschaft voraus, sich auf ein anderes Denken, veränderte Prozesse

und neue Zusammenarbeitsformen einzulassen.

Ich bin davon überzeugt, dass KI einsatzbereit ist, aktive Weiterentwicklung

der eigenen Kompetenzen verlangt und bewusst

gesteuert werden sollte. Unternehmen, die jetzt handeln, können

den Wandel mitgestalten – wer abwartet, läuft Gefahr, auf das

Abstellgleis zu geraten.

Autor

Patrick Reiß

Leiter Strategie, Grundsätze &

Services Beschaffung bei der

Deutsche Bahn AG

Kleine Kniffe

59


Lösungen von Start-ups

Multi-Agenten-Infrastruktur

Eine strategische Antwort des öffentlichen Beschaffungswesens in Europa

Die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung in Europa ist ein komplexes Unterfangen,

das durch eine starke Kombination aus regulatorischen Entwicklungen und erheblichen

demografischen Herausforderungen vorangetrieben wird. Tenderos neue Multiple Agent

Infrastructure (MAI) zur Angebotsbewertung für öffentliche Auftraggeber ist kein

isoliertes Produkt, sondern eine zeitgerechte und strategische Antwort auf diese beiden

Herausforderungen.

Ein Bericht von Ivan Stanisavljevic

Das öffentliche Beschaffungswesen, das rund 19 % des Bruttoinlandsprodukts

der Europäischen Union ausmacht, befindet sich

in einem grundlegenden Paradigmenwechsel: weg vom alleinigen

Fokus auf den niedrigsten Preis hin zum umfassenderen Modell des

wirtschaftlich günstigsten Angebots (MEAT – Most Economically

Advantageous Tender). Diese gesetzliche Neuausrichtung soll Innovation

und gesellschaftlichen Mehrwert fördern, führt jedoch zu

einer neuen Komplexität, die manuelle Bewertungsverfahren kaum

noch bewältigen können.

Gleichzeitig steht der öffentliche Dienst vor einem akuten

Fachkräftemangel, insbesondere in Deutschland, wo ein erheblicher

Teil der Beschäftigten kurz vor dem Ruhestand steht. Diese demografische

Entwicklung bedroht die Handlungsfähigkeit staatlicher

Institutionen und macht die Automatisierung zeitaufwändiger Aufgaben

zu einer strategischen Notwendigkeit.

Tenderos MAI-Lösung adressiert genau diesen Schnittpunkt.

Durch den Einsatz eines hochentwickelten Multi-Agenten-KI-Systems

automatisiert sie die anspruchsvolle und vielschichtige

Analyse, die das MEAT-Verfahren erfordert, und wirkt damit wie

ein „Kraftverstärker“ für unterbesetzte Behörden. Dank flexibler

Hosting-Optionen, einschließlich lokaler On-Premise-Installation,

trägt die Plattform den zentralen Anliegen des öffentlichen Sektors

in Bezug auf Datensouveränität und regulatorische Compliance

Rechnung.

Der Wandel im öffentlichen Beschaffungswesen:

Vom niedrigsten Preis zum MEAT-Prinzip

Das Fundament der öffentlichen Auftragsvergabe in Europa hat

einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. Historisch stützten sich Vergabestellen

häufig auf ein einziges, scheinbar objektives Kriterium: den

niedrigsten Preis. Diese Praxis führte jedoch oft zu mangelnder Qualität,

geringerer Innovationskraft und fehlendem langfristigen Mehrwert, da

Bieter gezwungen waren, ihre Angebote auf Kosten der Nachhaltigkeit

zu verschlanken.

Mit der EU-Richtlinie 2014/24/EU sowie den Richtlinien 2014/25/

EU und 2014/23/EU wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet: Seit

April 2016 sollen Aufträge auf Grundlage des wirtschaftlich günstigsten

Angebots (MEAT) vergeben werden. Dieses Modell geht über eine reine

Kostenbewertung hinaus und berücksichtigt den gesamten Lebenszyklus

eines Projekts – mit dem Ziel, den besten Gegenwert für öffentliche

Mittel zu erzielen.

Das MEAT-Prinzip erlaubt eine mehrdimensionale Bewertung,

die neben dem Preis auch Qualität, technische Leistung, ökologische

Aspekte, soziale Kriterien und Innovationsfaktoren einbezieht. So kann

beispielsweise ein Infrastrukturprojekt nicht an den billigsten Anbieter

gehen, sondern an ein Unternehmen, das nachhaltigere Materialien

nutzt oder ein designtechnisch wartungsärmeres Konzept vorlegt.

60 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben bleibt ein Gap zwischen Theorie

und Praxis. Daten zeigen, dass einige Mitgliedstaaten wie die

Slowakei, Litauen und Rumänien noch immer in über 90 % der Fälle

den niedrigsten Preis als Kriterium heranziehen, während Länder

wie Kroatien, Frankreich oder die Niederlande das MEAT-Prinzip

stärker umsetzen. Ursache ist die hohe Komplexität: Die manuelle

Abwägung zahlreicher qualitativer und quantitativer Kriterien ist für

Vergabestellen extrem ressourcenintensiv. Hier entsteht ein klarer

Bedarf nach technologischen Lösungen, die den Prozess vereinfachen

und auditierbar machen.

Eine Kapazitätskrise: Der Fachkräftemangel in

der deutschen Verwaltung

Die Umsetzung des MEAT-Prinzips wird zusätzlich durch die

demografische Entwicklung erschwert. In Deutschland steht der

öffentliche Dienst vor einem massiven Fachkräfteengpass, ausgelöst

durch eine Welle anstehender Pensionierungen.

Laut einer McKinsey-Studie droht dem deutschen öffentlichen

Sektor bis 2030 ein Defizit von 730.000 Beschäftigten. Rund 1,8

Millionen der heute 4,7 Millionen Angestellten – also mehr als ein

Drittel – werden in den kommenden zwölf Jahren in den Ruhestand

gehen. Gleichzeitig sind zu wenige Nachwuchskräfte in Sicht, um

diese Lücke zu schließen.

Dieses Wissens- und Personaldelta bedroht die Funktionsfähigkeit

der Behörden und erschwert insbesondere zeitintensive

Prozesse wie die aufwendige Angebotsbewertung nach MEAT. Digitale

Lösungen und Automatisierung gelten daher als unverzichtbare

Bestandteile der Antwort auf diese Herausforderung.

Tenderos Lösungsökosystem: Von der

Bieterseite zur Vergabestelle

Tendero hat zunächst seine Marktstellung durch eine KI-gestützte

Plattform für Unternehmen aufgebaut, die an öffentlichen

Ausschreibungen teilnehmen. Die wichtigsten Module umfassen:

• Compliance Report: Automatische Prüfung der Eignungskriterien.

• Intelligente Zusammenfassung: KI-basierte Übersicht der

Ausschreibungsdokumente.

• Magellan AI Chatbot: Interaktive Unterstützung zu Vergabedokumenten

und Rechtsgrundlagen.

• Market Intelligence: Analysen zu Auftraggebern, Wettbewerbern

und Markttrends.

Aufbauend auf diesem Fundament richtet Tendero seinen

Fokus nun auf die Vergabestellen selbst. Die neue Lösung – ein

Multi-Agenten-Ökosystem (MAI) – ist speziell für die Angebotsbewertung

entwickelt. Statt einer monolithischen KI setzt das System

Kleine Kniffe

61


Foto: Screenshot Webseite

auf spezialisierte Agenten, die unterschiedliche Aufgaben wie

Kontextanalyse, Strukturierung, Begründung oder Querverweise

übernehmen.

Strategischer Mehrwert: MEAT, MAI und

Marktbedürfnisse

Der strategische Nutzen von Tenderos MAI-Lösung zeigt sich

in drei Dimensionen:

Überbrückung der Policy-Practice-Lücke: Durch Automatisierung

der komplexen Kriterienbewertung ermöglicht MAI eine

transparente, prüfbare und datenbasierte Entscheidungsfindung –

jenseits des niedrigsten Preises.

Deutschland – entsteht eine Situation, die Digitalisierung und Automatisierung

zu einer strategischen Pflicht macht.

Tenderos MAI-Software ist eine direkte Antwort auf diese Herausforderungen.

Sie vereinfacht die MEAT-Bewertung, stärkt die

Handlungsfähigkeit unterbesetzter Verwaltungen und gewährleistet

gleichzeitig höchste Standards in Bezug auf Datensicherheit und

Souveränität.

Die Zukunft der öffentlichen Verwaltung wird maßgeblich

davon abhängen, in welchem Umfang Behörden bereit sind, KI-gestützte

Lösungen wie Tenderos MAI zu integrieren – nicht nur zur

Effizienzsteigerung, sondern als Fundament für eine moderne, nachhaltige

Verwaltung.

Antwort auf den Fachkräftemangel: Automatisierung entlastet

die Verwaltung und verschafft den verbleibenden Teams Zeit

für wertschöpfende Aufgaben.

Datensouveränität und Sicherheit: Mit On-Premise-Optionen

und strikter DSGVO-Konformität erfüllt Tendero die zentralen

Anforderungen öffentlicher Institutionen.

Fazit: Die Zukunft

der öffentlichen Auftragsvergabe

Das öffentliche Beschaffungswesen in Europa steht an einem

Wendepunkt. Die Umstellung auf das MEAT-Prinzip ist notwendig,

aber komplex. Zusammen mit dem Fachkräftemangel – besonders in

Autor

Ivan Stanisavljevic

Tendero,

Co-Founder & CEO

https://tendero.eu/

62 Kleine Kniffe


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Kleine Kniffe

63


Lösungen von Start-ups

Wie KI die Verwaltung

nicht nur digitalisiert, sondern revolutioniert

Verwaltungen stehen zunehmend unter Druck: Einerseits fehlen qualifizierte Fachkräfte,

andererseits steigen die Anforderungen an Servicequalität, Geschwindigkeit und Kosteneffizienz.

Mitarbeitende sind häufig mit Routinetätigkeiten ausgelastet, während

gleichzeitig die Erwartung nach moderner, digitaler Bürgernähe wächst. Hier setzen

Automatisierungslösungen mit Künstlicher Intelligenz an, die Verwaltungsprozesse nicht nur

digitalisieren, sondern spürbar entlasten lassen können – ohne lange Projektlaufzeiten oder

komplexe IT-Anpassungen.

Ein Bericht von Dr. Moritz Gomm & Michael Wilczynska

Eine solche KI ist zum Beispiel EMMA, die Prozesse wie ein

Mensch versteht, analysiert und ausführt. Mitarbeitende können sie

in wenigen Tagen anlernen, um Routineaufgaben zu automatisieren

und so wertvolle Zeit für anspruchsvollere Tätigkeiten zu gewinnen.

Erste Praxiseinsätze zeigen deutliche Effekte: Mehrere Stunden

Arbeitszeit und zehntausende Klicks pro Tag lassen sich einsparen.

Best Practice:

EMMA in der öffentlichen Verwaltung

EMMA wird bereits erfolgreich in zahlreichen Behörden eingesetzt

– etwa im Jugendamt Lüchow-Dannenberg zur Bearbeitung

von Unterhaltsvorschüssen oder bei Wohngeldanträgen. Die KI

übernimmt dabei Routineaufgaben wie das Ausfüllen von Formularen,

die Prüfung von Dokumenten oder die Übergabe von Daten

an Fachverfahren – und das revisionssicher und rund um die Uhr.

EMMA wird seit 2023 z.B. auch in der Verwaltung des Hochtaunuskreises

für digitale Rechnungsprozesse, den digitale Posteingang

im Jobcenter, im Personal- und Ausländerwesen sowie in der Unteren

Wasserbehörde eingesetzt.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

• Keine Schnittstellen notwendig: EMMA bedient die Software

wie ein Mensch.

• Datensicherheit: Die KI läuft lokal („on premise“) und erfüllt

höchste Datenschutzstandards.

• Mitarbeiterzentriert: Fachbereiche automatisieren ihre Prozesse

selbst – ohne IT-Abhängigkeit.

Dass die Mitarbeiter:innen die Digitalisierung selbst in die Hand

nehmen, ist für den Erfinder von EMMA, Michael Wilczynska, besonders

wichtig: „Wenn möglichst viele Menschen an der Digitalisierung

ihrer Prozesse mitwirken, statt nur als Zuschauer am Rande zu stehen,

schafft das Akzeptanz sowie unternehmerische und gesellschaftliche

Mehrwerte.“

Faktoren, die für eine Automatisierung mit Emma sprechen, sind:

• Hoher manueller Aufwand: Wiederkehrende Tätigkeiten mit

vielen Klicks und Dateneingaben

• Fehlende Schnittstellen: Prozesse, die nicht direkt digital integriert

sind und manuell bedient werden müssen

• Standardisierte Abläufe: Prozesse mit klaren Regeln (z. B. Formularbearbeitung,

Datenübertragung)

• Systemvielfalt: Nutzung verschiedener Fachverfahren und Softwarelösungen,

die EMMA applikationsübergreifend bedienen

kann

• Fachkräftemangel: Prozesse, die aktuell personell nicht effizient

abgedeckt werden können

Fallbeispiel:

Digitalisierung in der Abfallwirtschaft

Ein spannendes Einsatzfeld für EMMA ist z.B. die Abfallentsorgung

und das Recycling – ein Bereich, der trotz hoher regulatorischer

Anforderungen noch stark papierbasiert arbeitet. Zwischen Entsorgungsunternehmen,

Behörden und Recyclingbetrieben werden

täglich tausende Formulare, Nachweise und Dokumente manuell erstellt,

64 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

geprüft und übermittelt. Gleichzeitig steht die Branche aktuell unter

enormen Kostendruck.

Die Herausforderung

Die Gewerbeabfallverordnung (GewAbfV) schreibt eine lückenlose

Dokumentation und elektronische Nachweisführung vor.

Dennoch werden viele Prozesse noch per Hand erledigt: Excel-Tabellen,

PDF-Formulare, E-Mail-Anhänge und Faxe bilden einen

digitalen Flickenteppich, der Zeit kostet und Fehlerquellen birgt.

Die Lösung mit EMMA

Entsorger und Recycler könnten EMMA für die Automatisierung

des gesamten Nachweisprozesses nutzen:

Fazit: Vom „Ob“ zum „Wie“ der Digitalisierung

EMMA zeigt eindrucksvoll, wie Digitalisierung in der Verwaltung

sofort umsetzbar ist. Statt auf externe IT-Teams zu warten,

können Fachbereiche selbst aktiv werden. Die KI ist dabei nicht

Ersatz, sondern Ermöglicher – sie schafft Freiräume für menschliche

Stärken wie Empathie, Kreativität und strategische Entscheidungen.

Gerade in komplexen, stark regulierten Bereichen wie der

Abfallwirtschaft wird deutlich: Digitalisierung ist kein Selbstzweck,

sondern ein Werkzeug für Effizienz, Nachhaltigkeit und Souveränität.

Und EMMA ist ein Beweis, dass die Zukunft der Verwaltung

bereits begonnen hat.

• Eingehende Auftragsdaten aus E-Mails oder Formularen

einlesen,

• die gesetzlich vorgeschriebenen Nachweise automatisch

ausfüllen,

• die Daten in das Fachverfahren übertragen, ohne dass Schnittstellen

programmiert werden müssen, und

• alle Schritte revisionssicher archivieren und Entscheidung

dokumentieren.

Das Ergebnis: Papierlose Workflows, minimierter Aufwand,

maximale Transparenz und mehr Zeit für das Wesentliche – und

das alles bei voller Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben.

Autoren

Michael Wilczynska

Gründer & CEO Wianco OTT Robotics, www.wianco.com

Dr. Moritz Gomm

Entsorger Circle. www.enstorger-circle.org

Kleine Kniffe

65


Cloud Nutzung

Das Epizentrum der Daten:

Zwischen Goldrausch und Kollaps in Frankfurt

Frankfurt am Main, das unbestrittene digitale Herz Kontinentaleuropas, steht an einem kritischen

Wendepunkt. Angetrieben durch den DE-CIX, einen der weltweit größten Internetknotenpunkte, hat

die Region einen beispiellosen Rechenzentrumsboom erlebt, der Deutschland zu einem führenden

Digitalstandort macht. Doch dieser Erfolg hat eine Kehrseite: Die massive Konzentration von

Infrastruktur droht, die ökologischen, sozialen und infrastrukturellen Kapazitäten der Stadt zu

sprengen. Ich habe mich gefragt, welche Folgen das für die Arbeit eines Chief Technology, Procurement

oder Sustainability Officer hat. Meine Erkenntnis: das bloße Beobachten dieser Entwicklung ist keine

Option mehr; es ist eine dringende Aufforderung, die IT-Beschaffungs- und Infrastrukturstrategien neu

zu bewerten und zukunftssicher zu machen.

Ein Bericht von Thomas Heine

Die Konzentration des Internetverkehrs in Frankfurt hat einen

beispiellosen Boom in der Entwicklung von Rechenzentren ausgelöst,

der erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, aber

auch bedeutende soziale und ökologische Herausforderungen.

Wirtschaftlich trägt die Rechenzentrumsbranche Milliarden

zum nationalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, zieht beträchtliche

Investitionen an und schafft eine große Anzahl von Arbeitsplätzen,

wodurch Deutschlands digitale Souveränität gestärkt wird.

Diese rasante Expansion übt jedoch enormen Druck auf die

Stadtentwicklung aus, was zu Flächenknappheit, steigenden

Grundstückspreisen und einer Belastung kritischer Infrastrukturen

wie dem Stromnetz und der Wasserversorgung führt. Frankfurts

strategische Antwort umfasst Clusterpläne und neue Leitlinien zur

nachhaltigen Steuerung des Wachstums.

Der unaufhaltsame Aufstieg

und seine wirtschaftliche Macht

Die schiere Dichte der digitalen Infrastruktur in Frankfurt ist

beeindruckend. Mit über 65 Rechenzentren auf einer Fläche von

rund 60 Hektar und einer operativen IT-Last von 745 MW ist

die Stadt der zweitgrößte Rechenzentrumsmarkt Europas. Dieses

Ökosystem ist ein enormer Wirtschaftsmotor. Der deutsche

Rechenzentrumsmarkt trägt mit rund 10,4 Milliarden Euro jährlich

zum Bruttoinlandsprodukt bei – eine Zahl, die sich bis 2029 auf 23

Milliarden Euro mehr als verdoppeln soll.

Diese Investitionen sichern nicht nur Zehntausende Arbeitsplätze,

sondern sind auch ein Fundament für Deutschlands digitale

Souveränität, indem sie kritische Daten im Geltungsbereich strenger

Datenschutzgesetze wie der DSGVO halten. Angetrieben wird dieses

Wachstum durch die unaufhaltsame Nachfrage nach Cloud Computing,

Colocation-Diensten und zunehmend durch energieintensive

Anwendungen wie Künstliche Intelligenz (KI) und High-Performance

Computing (HPC).

Die Schattenseiten des Booms:

An den Belastungsgrenzen

Der Erfolg hat jedoch einen hohen Preis und stößt an physische

Grenzen. Die größte Herausforderung ist die Energieversorgung.

Frankfurts Rechenzentren verbrauchen bereits heute einen

signifikanten Teil des Stroms der Stadt, und das lokale Stromnetz

ist bis mindestens 2030 an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. Neue

oder erweiterte Kapazitäten sind daher mit langen Wartezeiten verbunden.

Diese Engpässe stellen ein strategisches Risiko dar, nicht

66 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

nur für einzelne Unternehmen, sondern für die gesamte digitale

Infrastruktur.

Gleichzeitig tobt ein intensiver Wettbewerb um geeignete

Flächen. Rechenzentren sind “stark bodenpreiswirksam” und verdrängen

traditionelle Handwerks- und Industriebetriebe, die mit den

aufgerufenen Preisen nicht mithalten können. Dies führt zu einer

Versiegelung von über 70 fußballfeldgroßen Flächen und heizt

durch den “Urban Heat Island”-Effekt das städtische Mikroklima

zusätzlich auf.

Auch der Wasserverbrauch ist alarmierend. Ein einziges Rechenzentrum

kann während einer Dürreperiode bis zu 20.000 Liter

Grundwasser pro Stunde verbrauchen, was den Grundwasserspiegel

absinken lässt und zu Nutzungskonflikten mit der Trinkwasserversorgung

führt.

Diese ökologischen Belastungen schüren soziale Spannungen.

Bürgerinitiativen wie “Wir wohnen hier” in Seckbach protestieren

gegen Lärmemissionen durch Kühlanlagen, umweltschädliche

Immissionen und die massive Bebauung, die das Stadtbild beeinträchtigt.

Hinzu kommt, dass Rechenzentren im Verhältnis zu ihrem

enormen Flächen- und Ressourcenverbrauch nur wenige lokale

Arbeitsplätze schaffen und aufgrund ihrer Struktur kaum Gewerbesteuer

zahlen.

Regulatorischer Druck:

Die neuen Spielregeln für Ihre Beschaffung

Als Reaktion auf diese Missstände haben Politik und Verwaltung

begonnen, die Zügel anzuziehen. Für Unternehmen sind vor allem

zwei Entwicklungen von strategischer Bedeutung.

Erstens zwingt das bundesweit geltende Energieeffizienzgesetz

(EnEfG) die Betreiber zu mehr Nachhaltigkeit. Es schreibt verbindliche

Effizienzziele, den Übergang zu erneuerbaren Energien und

vor allem einen Mindestanteil an wiederverwendeter Energie vor.

Die Nutzung von Abwärme, die früher als Abfallprodukt galt, wird

damit zur gesetzlichen Pflicht und zu einem entscheidenden Kriterium

für die Standort- und Anbieterauswahl.

Zweitens hat die Stadt Frankfurt selbst mit einem “Clusterplan”

reagiert, der die Ansiedlung neuer Rechenzentren auf bestimmte

Eignungsgebiete wie Sossenheim oder Fechenheim beschränkt.

Während dies eine unkontrollierte Ausbreitung verhindern soll,

kritisieren Branchenverbände, dass dies die Flächen künstlich

verknappt und die globale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Für

Unternehmen bedeutet dies, dass die Standortwahl in Frankfurt

immer restriktiver und komplexer wird.

Kleine Kniffe

67


Foto: depositphotos

Strategische

Handlungsoptionen für das Management

Diese neue Realität erfordert ein proaktives Umdenken in der

IT-Strategie.

Als CTO müssen Sie die geografische Konzentration Ihrer

IT-Ressourcen kritisch hinterfragen. Die hohe Dichte in Frankfurt

birgt ein erhebliches Ausfallrisiko.

Eine Strategie der Dezentralisierung und geografischen Redundanz

ist daher ratsam. Die Branche weicht bereits in Sekundärmärkte

wie Berlin oder das Rheinland aus, die in die Standortstrategie einbezogen

werden sollten, um Verfügbarkeit und Skalierbarkeit zu

sichern. Gleichzeitig müssen Sie die technologischen Anforderungen

der Zukunft antizipieren. Der Siegeszug von KI und HPC erfordert

eine Infrastruktur mit extrem hoher Leistungsdichte, bei der traditionelle

Luftkühlung an ihre Grenzen stößt. Die Implementierung

von Flüssigkeitskühlung wird daher zu einem entscheidenden technologischen

Paradigmenwechsel, den Sie bei der Hardware- und

Dienstanbieterauswahl berücksichtigen müssen.

Als CPO müssen Sie Ihre Beschaffungskriterien fundamental

anpassen. Die Einhaltung des EnEfG ist nicht mehr nur ein Bonus,

sondern eine harte Anforderung. Verlangen Sie von potenziellen

Colocation-Anbietern transparente und belastbare Konzepte

zur Abwärmenutzung. Bevorzugen Sie Partner, die langfristige

Stromabnahmeverträge (PPAs) für erneuerbare Energien nachweisen

können, um nicht nur Compliance, sondern auch Ihre

ESG-Ziele zu erfüllen.

Ihre Analyse der Total Cost of Ownership (TCO) muss die

steigenden und volatilen Energiekosten in Deutschland sowie

potenzielle Risiken durch verschärfte Umweltauflagen explizit

einkalkulieren.

Für Sie als CSO wird die Auswahl des Rechenzentrumspartners

zu einem zentralen Hebel zur

Erreichung Ihrer Nachhaltigkeitsziele. Die Zusammenarbeit mit

Anbietern, die Abwärme in lokale Wärmenetze einspeisen, verwandelt

einen ökologischen Fußabdruck in einen positiven Beitrag für

die Gemeinschaft und stärkt die “soziale Akzeptanz” Ihrer digitalen

Infrastruktur.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Rechenzentrumsmarkt

in Frankfurt erwachsen wird. Die Ära des ungebremsten

Wachstums weicht einer Phase, die von physischen Grenzen und

regulatorischer Vernunft geprägt ist. Für weitsichtige Unternehmen

ist dies kein Hindernis, sondern eine Chance, durch kluge strategische

Entscheidungen eine widerstandsfähigere, kosteneffizientere

und vor allem nachhaltigere digitale Grundlage für die Zukunft zu

schaffen.

Das Interview führte

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

68 Kleine Kniffe


Digitalisierung der Verwaltung

App-Nutzung im Berufsalltag -

wie sicher sind die Daten?

Laut einer aktuellen Umfrage, greifen 70% der Angestellten auf frei verfügbare Tools aus dem

Internet, wenn es In House keine Lösungen gibt. Viele Mitarbeiter nutzen dabei OneNote, Apple

Notizen, Evernote oder Goodnotes, obwohl diese in vielen Unternehmen gar nicht freigegeben sind.

Ein Bericht von Florian Steinmetz, Brewcode

Notiz-Apps gehören zu den stillen Helfern des digitalen Alltags.

Sie speichern Gedankenblitze, berufliche Aufgaben, private

Erinnerungen oder vertrauliche Projektdaten. Was viele jedoch

übersehen: Diese digitalen Notizbücher sind häufig ein Datenschutzrisiko.

Kaum eine App kommt ohne Cloud-Anbindung aus – und

genau dort beginnt das Problem.

Viele Anbieter versprechen Synchronisierung über mehrere

Geräte hinweg, schnellen Zugriff und bequeme Backups. Doch in

der Praxis bedeutet das oft: persönliche Daten landen auf Servern,

deren Standort und Sicherheitsniveau Nutzerinnen und Nutzer nicht

kennen. Besonders kritisch wird es, wenn diese Server außerhalb der

EU stehen. Dort gelten weder die DSGVO noch europäische Standards

für Datensicherheit. Im schlimmsten Fall können Dritte auf

gespeicherte Inhalte zugreifen – sei es durch technische Schwachstellen,

undurchsichtige Datenschutzrichtlinien oder sogar staatliche

Zugriffe in anderen Ländern.

Ein weiteres Problem ist die Datensammlung vieler Apps.

Neben den eigentlichen Notizen werden häufig Metadaten gespeichert:

wann, wo und wie oft die App genutzt wird, auf welchen

Geräten, mit welchen Kontakten verknüpft. Diese Daten sind für

Werbenetzwerke Gold wert – für die Nutzer jedoch ein Verlust an

Privatsphäre. Hinzu kommt, dass manche Apps Inhalte zur „Verbesserung

der Dienste“ automatisch analysieren. Wer beispielsweise

berufliche Notizen, Kundendaten oder interne Strategiepunkte speichert,

gibt unbewusst vertrauliche Informationen preis.

Für Unternehmen, Verwaltungen oder Freiberufler kann das

schnell zu einem Compliance-Risiko werden. Denn sobald personenbezogene

oder geschäftskritische Daten unverschlüsselt oder

außerhalb des europäischen Rechtsraums verarbeitet werden,

drohen Datenschutzverstöße – mit möglichen Bußgeldern und Reputationsschäden.

Nutzerinnen und Nutzer können sich schützen, indem sie

bewusst auf die Herkunft und Transparenz einer App achten.

Entscheidend ist, wo die Server stehen und ob die App Daten an

Dritte weitergibt. Doch genau diese Informationen sind oft schwer

zu finden oder in komplizierten Datenschutztexten versteckt.

Während andere Plattformen Nutzerdaten analysieren, gibt es

auch Anbieter, wie zB BrewMemo aus Kempten im Allgäu, das konsequent

einen anderen Weg gehen: Alle Daten gehören dem Nutzer.

Ohne Ausnahme.

Alle Notizen werden in eigener Hoheit gespeichert – nur der

Nutzer hat Zugriff, niemand sonst. Auf Wunsch, wird vollständig

auf Tracking, Analytics-Tools oder Cloud-Dienste von Drittanbietern

(Deaktivierbares Monitoring) verzichtet.

Alle Daten liegen entweder auf dem eigenen Gerät (offline), auf

der eigenen Nextcloud oder – wenn man möchte – auf einer bereitgestellten

Nextcloud.

Dank der nahtlosen Nextcloud-Synchronisation wird die Kontrolle

über die eigenen Daten behalten und man kann die Notizen

bequem auf allen Geräten verwalten – sicher, transparent und

DSGVO-konform.

Das Thema Datensicherheit bei Apps verdeutlicht, dass digitale

Bequemlichkeit ihren Preis hat – und dass dieser Preis oft die eigene

Privatsphäre ist. Wer Notizen speichert, sollte sich bewusst machen,

dass Daten das wertvollste Gut der digitalen Wirtschaft sind. Es gilt:

Vertrauen ist gut, Überprüfung des Anbieters ist besser.

Autor

Florian Steinmetz, Brewcode

Senior Project Manager

Nachhaltige Soziale

Marktwirtschaft

Bertelsmann Stiftung

Kleine Kniffe

69


Cloud Nutzung

Cloud – während wir diskutieren,

nimmt die Cloud-Nutzung immer weiter zu

Noch immer ist der Wissensstand über „Cloud“ stark heterogen und von einigen Vorbehalten

geprägt. Risiken stehen im Vordergrund, Chancen werden noch zu wenig betrachtet. Dabei ist

„Cloud“ mehr als eine Technologie oder ein anderes, großes leistungsfähiges Rechenzentrum.

Ein Beitrag von Harald Joos

Die Nutzung der „Cloud“ geht mit Veränderungen einher:

Änderungen im Rechenzentrumsbetrieb, beim Betriebsmodell,

bei der Softwareentwicklung, der Abrechnung, den Fachabteilungen,

bei den klassischen Geschäftsmodellen und vielem mehr. Die

Cloud-Nutzung wird zu Veränderungen führen, damit steigt die

„gefühlte“ Unsicherheit.

Gleichzeitig wissen wir, dass wir uns verändern müssen, denn

Anforderungen und Herausforderungen nehmen stetig zu und

können mit den Lösungen der Vergangenheit nicht mehr bewältigt

werden. Rund ein Drittel der Beschäftigten wird bis Ende

dieses Jahrzehnts altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden,

Anforderungen an Informationssicherheit und Compliance steigen,

Cyberangriffe nehmen zu, Schwachstellen müssen immer

schneller gepatcht werden, der technologische Wandel gewinnt

weiter an Geschwindigkeit, Fachpersonal fehlt. Wichtig ist es

weniger Schwarz-Weiß-Diskussionen zu führen, sondern sich mit

den Vor- und Nachteilen der Cloudnutzung aus unterschiedlichen

Blickwinkeln auseinanderzusetzen, um dann unter Berücksichtigung

der jeweiligen Rahmenbedingung die Entscheidung zu treffen, die

am besten passt und diese gut zu erklären und zu kommunizieren.

Die „Cloud“ als Fundament und Plattform ist Enabler und einer der

wesentlichen Treiber bei der Digitalisierung.

Einfache Bezugswege für Cloud-Angebote bilden bei der

Cloud-Nutzung eine wichtige Voraussetzung. Im Jahr 2024 wurden

mehrere große „Cloud-Broker-Ausschreibungen“ in der Öffentlichen

Verwaltung durchgeführt. Ziel dieser Ausschreibungen war es

nicht einzelne Cloud-Anbieter und deren Lösungen auszuschreiben,

sondern mehrere Anbieter nutzen zu können. Insbesondere sollten

neben den US-Angeboten auch deutsche und europäische Angebote

vertreten sein. Mit der gemeinsamen Cloud-Broker-Ausschreibung

der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung

und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung können nun

in der Sozialversicherung die Angebote der deutschen Cloud-Anbieter

STACKIT und IONOS, des französischen Cloud-Anbieters

OVH und des polnischen Cloud-Anbieters CloudFerro neben den

US-Angeboten genutzt werden.

Dies ist wichtig, um eine zu starke Abhängigkeit von

US-Anbietern zu reduzieren, denn der Marktanteil der drei US-Hyperscaler

beträgt rund zwei Drittel des Weltmarkts. Eine Vielzahl

von SaaS-Lösungen (Software as a Service) laufen zurzeit vorrangig

auf den Plattformen der US-Hyperscaler. Dank der hohen Umsätze

und Erlöse können diese immer mehr in neue Lösungen investieren

als auch milliardenschwere Akquisitionen tätigen. Durch die Vielzahl

der innovativen Lösungen kommen die Kunden auf der einen

Seite schneller voran, auf der anderen Seite binden die Kunden sich

gleichzeitig stark an ein Ökosystem, einen Hersteller. Abhängigkeiten

und Risiken eines Vendor-Lock-ins nehmen zu.

Hinzu kommen (geo-)politische Rahmenbedingungen, die

zunehmend an Bedeutung gewinnen. Können unsere Daten bei

einem US-Anbieter ausreichend vor einem fremden Zugriff, z.B.

durch die US-Regierung, geschützt werden? Digitale Souveränität,

DSGVO, EU-Angemessenheitsbeschluss, CLOUD-Act, FISA 702,

Konzernstrukturen, Executive Order sind dabei einige der Begriffe,

denen man in diesem Kontext häufig begegnet. Es würde den

Rahmen sprengen, an dieser Stelle ausführlich darauf einzugehen.

70 Kleine Kniffe


Foto: depositphotos

Festzuhalten bleibt: Die Nutzung der Public-Cloud Angebote der

US-Hyperscaler ist mit Risiken verbunden, die es zu bewerten gilt.

Die US-Firmen haben dies erkannt und reagieren darauf mit „souveränen“

Angeboten, wie der „AWS European Sovereign Cloud“, der

„Google Distributed Cloud“ und der „Delos Cloud - für die Lösungen

der Firma Microsoft“. Damit sollen einige der Risiken der Public

Cloud mitigiert werden.

Der starke Fokus auf die US-Angebote verstellt mitunter etwas

den Blick darauf, dass es bereits heute eine Vielzahl leistungsfähiger

Cloud-Angebote aus Deutschland und Europa gibt. KI-Angebote

kommen hinzu. Cloud in Verbindung mit KI, vorrangig die KI-Modelle,

die als open source Lösung zur Verfügung stehen, bietet

Chancen für die europäischen Anbieter im Wettbewerb mit den

großen US-Anbietern. Obligatorisch sollte im Rahmen einer

Cloud-Nutzungstrategie auch mindestens ein deutsches,europäisches

Angebot vertreten sein.

Der Markt ist groß genug für mehrere Angebote. Es liegt an uns,

die deutschen und europäischen Alternativen bereits heute mehr zu

nutzen. Wichtig für Europa ist es, dass wir über marktstarke Alternativen

verfügen. Dazu bedarf es eines sichtbaren Marktanteils. Auch

die US-amerikanischen Angebote werden weiter genutzt werden.

Wir sollten sie nutzen können, aber nicht in eine Situation kommen,

in der wir sie nutzen müssen. Um für den jeweiligen Use Case die

beste Lösung anzuwenden, sollten mehrere „Clouds“ genutzt werden

können, in und außerhalb des eigenen Rechenzentrums, es bedarf

einer Multi-Cloud-Strategie. Deutsche und Europäische Angebote

sollten dabei fester Bestandteil einer Multi-Cloud-Strategie sein.

Der Autor

Harald Joos ist seit April 2023 „Cloud Beauftragter der Deutschen

Rentenversicherung Bund“. Er kümmert er sich um die

Nutzbarmachung von Public-Cloud-Angeboten für die öffentliche

Verwaltung und leitet das Projekt „Cloud-Reallabor – sichere Verarbeitung

in der Cloud“ auf dem GovTech Campus. Von Februar

2021 bis Januar 2023 war er IT-Beauftragter der Bundesfinanzverwaltung

und Leiter der Abteilung VI „Informationstechnik“ im

Bundesministerium der Finanzen und zuvor Chief Information

Officer (CIO) der Deutschen Rentenversicherung Bund.

Autor

Harald Joos

Cloudbeauftragter der Deutschen

Rentenversicherung Bund

Kleine Kniffe

71


Cloud Nutzung

Echte Nachhaltigkeit

bei der Datacenter-Auswahl

Der Markt für Rechenzentren ist in Bewegung – genauso wie der entsprechende Stromverbrauch.

Herkömmliche Kennzahlen für Energieeffizienz werden der Realität aber immer weniger gerecht, weil sie

den grössten Stromfresser in Rechenzentren nicht berücksichtigen: die IT.

Ein Bericht von Babak Falsafi,

Präsident, Swiss Datacenter Efficiency Association (SDEA)

Als Rückgrat unserer digitalen Welt stehen Rechenzentren

an vorderster Front der Diskussion über Energieverbrauch und

ökologische Nachhaltigkeit. Die zunehmende Kontrolle durch

Regierungen weltweit unterstreicht die dringende Notwendigkeit,

sich mit den Auswirkungen dieser Anlagen auf die Umwelt zu

befassen: In Irland, Deutschland, den Niederlanden (Amsterdam)

und Singapur wurden aufgrund von Befürchtungen hinsichtlich des

Energieverbrauchs Vorschriften oder zeitweise Moratorien für den

Bau neuer Rechenzentren erlassen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert in ihrem

aktuellen Bericht “Energy and AI”, dass sich der weltweite Stromverbrauch

von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird – von

415 TWh im Jahr 2024 auf rund 945 TWh. Künstliche Intelligenz ist

dabei der wichtigste Treiber dieser Entwicklung.

Warum herkömmliche Effizienz-Kennzahlen

versagen

Eine jährliche Umfrage des Uptime Institut zeigt, dass die

Energieeffizienz von Rechenzentren weltweit in den letzten Jahren

konstant geblieben ist – gemessen an der konventionellen Kennzahl

Power Usage Effectiveness (PUE), die das Verhältnis der insgesamt

in einem Rechenzentrum verbrauchten Energie zur von der IT

genutzten Energie angibt.

Doch der PUE-Wert hat seine Grenzen: Er vernachlässigt

verschiedene Möglichkeiten, wie der gesamte Energiefluss im

Rechenzentrum die Emissionen reduzieren kann, z.B. Abwärmerückgewinnung

und erneuerbare Energien. Doch die wichtigste

Einschränkung des PUE-Wertes ist, dass er bei der Messung der

IT-Effizienz nicht aussagekräftig ist.

Ironischerweise können ineffiziente Server den PUE-Wert

erstaunlich niedrig erscheinen lassen. Dies liegt daran, dass sich

der PUE-Wert verbessert, je mehr Energie von den IT-Geräten

verbraucht wird. Dies schafft einen Anreiz, überschüssige IT-

Ressourcen bereitzustellen, um die PUE-Werte künstlich zu verbessern.

Der PUE-Wert gibt keine Auskunft darüber, ob die Server zu 5 Prozent

oder 50 Prozent ausgelastet sind.

Wohin entwickelt sich die IT?

Die technologischen Vorhersagen für den Stromverbrauch in

der IT deuten aus drei Gründen auf ein starkes Wachstum hin.

• Erstens profitierten Silizium-Fertigungstechnologien vier

Jahrzehnte lang von einer Verdoppelung der Chipdichte

alle zwei Jahre (das sogenannte Mooresche Gesetz) – doch die

Fortschritte bei der Siliziumdichte kommen an physikalische

Grenzen.

• Zweitens ist die Nachfrage nach Rechenleistung aufgrund des

rasanten Wachstums der künstlichen Intelligenz (KI) dramatisch

angestiegen.

• Und drittens steigt die Thermal Design Power (TDP) rasant

an, also die maximale Wärmeabgabe in Watt von Server-CPUs

. Die TDP von CPUs ist seit den 2000er-Jahren von einem einstelligen

Wert auf etwa 100 W angestiegen und stabilisierte

sich dann dank energieeffizienter Designs für etwa zehn

Jahre. Da die Effizienz- und Dichtegewinne immer kleiner

werden, steigen die TDPs bei den neuesten CPUs jedoch rapide

an. Grafikprozessoren (GPUs), die die Grundlage für KI bilden,

weisen dramatisch höhere TDP-Werte auf: Der Nvidia A100

braucht 300 W, das H100 und H200 bereits 700 W, und die

neuesten B200-Modelle sollen sogar bis zu 1000 W erreichen.

Die richtigen Messgrössen für die IT

Angesichts dieser Wachstumsprognosen sind neue Kennzahlen

und Methoden zur Bewertung der Energieeffizienz und der Emissionen

in Rechenzentren erforderlich. Diese Kennzahlen müssen

72 Kleine Kniffe


Grafik: SDEA

nicht nur die Wiederverwertung von Wärme und den Einsatz

erneuerbarer Energien in der Gebäudeinfrastruktur berücksichtigen,

sondern auch die Effizienz verschiedener Komponenten der

IT-Ausrüstung.

Die Auslastung der Workloads bietet beispielsweise einen

differenzierteren Einblick in die Effizienz der Nutzung von Computerressourcen.

Ein Server, der die meiste Zeit nur zu 10 Prozent

ausgelastet ist, stellt nicht nur eine ungenutzte Ressource dar,

sondern auch eine eklatante Ineffizienz, die direkt zu Energieverschwendung

und höheren Betriebskosten führt.

Zentral ist auch die technologische Qualität. Betreiber sollten

sich bei der Auswahl von Technologien auf die modernsten und

effizientesten Optionen konzentrieren. Zum Beispiel kann die

Entscheidung für Flash-Speicher anstelle von Festplattenlaufwerken

den Stromverbrauch und den Kühlungsbedarf drastisch reduzieren.

Ebenso steigert die Wahl von Glasfaserkabeln anstelle von

Kupferkabeln für Netzwerke nicht nur die Geschwindigkeit, sondern

minimiert auch den Stromverbrauch.

Checkliste für die Datacenter-Auswahl

Nachhaltige Infrastruktur

• PUE-Wert: Als Grundorientierung verlangen, aber nie

isoliert betrachten

• Abwärmerückgewinnung: Wird Abwärme genutzt oder

ins Fernwärmenetz eingespeist?

• Wasserverbrauch: Besonders kritisch in Regionen mit

Wasserstress – hoher Wasserverbrauch in wasserarmen

Gebieten ist nicht nachhaltig

Nachhaltige IT

• Auslastung: Durchschnittliche Auslastung von Servern,

Speicher und Netzwerk erfragen

• Technologie-Standards: Flash-Speicher, Glasfaser-

Verkabelung, moderne PDUs

• Monitoring: Regelmässige IT-Effizienz-Reports und

kontinuierliche Überwachung verfügbar?

Transparenz und Zertifizierung

• Messbarkeit: Welche Kennzahlen werden wie gemessen

und verifiziert?

• CO 2

-Bilanzierung: Berechnung der betrieblichen

Emissionen basierend auf den Energiequellen

• Zertifizierungen: Labels wie SDEA, die sowohl DCals

auch IT-Effizienz quantitativ bewerten

Nachhaltigkeit in Rechenzentren hat branchenweit Priorität.

Die Angabe von Effizienzkennzahlen ist jedoch nach wie vor weitgehend

freiwillig, wobei die meisten Kennzahlen auf Selbstdeklaration

basieren – und nicht auf verifizierten Daten.

Verlangen Sie messbare IT-Effizienz, ganzheitliche Energiebetrachtung

und verifizierte Zertifizierungen wie das SDEA-Label

– nur so unterstützen Sie wirklich nachhaltige Digitalisierung.

Autor

Babak Falsafi,

Präsident, Swiss Datacenter

Efficiency Association (SDEA)

Kleine Kniffe

73


Digitalisierung der Verwaltung

Digitaler Aufbruch: Wie CIOs die Transformation

der Verwaltung zum Erfolg führen können

Deutschland steht an einer Schwelle: Zwischen digitalem Anspruch und analoger Wirklichkeit.

Jahrzehntelang hat sich die öffentliche Verwaltung mit Pilotprojekten, Modellregionen und

Leuchttürmen beholfen. Doch das Licht dieser Projekte reicht nicht mehr aus, um die Dunkelzonen

einer föderal zersplitterten IT-Landschaft zu erhellen. Wer heute als Chief Information Officer

(CIO) in einer Behörde Verantwortung trägt, muss den Wandel nicht nur technisch, sondern auch

kulturell führen – und das mit Blick auf Nachhaltigkeit, Sicherheit und Souveränität.

Ein Beitrag von Thomas Heine

Die Bilanz: Halb digital, halb analog

575 digitale Verwaltungsleistungen sollten laut Onlinezugangsgesetz

(OZG) bis Ende 2022 bundesweit online sein. Anfang 2025

waren es 196 – ein ernüchterndes Ergebnis. Zwar hat der Bund seine

priorisierten Aufgaben erfüllt, doch auf Länder- und Kommunalebene

herrscht Stillstand. Medienbrüche, PDF-Formulare und manuelle

Übertragungen prägen vielerorts den Alltag.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland beim E-Government

im unteren Drittel. Malta führt mit 97 Punkten das Ranking an,

Deutschland kommt auf 66 – weit unter EU-Durchschnitt. Hamburg,

der digitale Spitzenreiter unter den Ländern, bräuchte noch über

vier Jahre bis zur vollständigen Umsetzung, Hessen oder Sachsen

gar fünfzehn.

Die Bürgerinnen und Bürger spüren das: Über die Hälfte hat

digitale Verwaltungsleistungen schon einmal genutzt, viele waren

jedoch enttäuscht. Die Erfahrung ist nicht reibungslos, oft fragmentiert,

selten benutzerfreundlich.

Technisches Erbe

und organisatorische Trägheit

Die eigentliche Hypothek liegt in den Altlasten. Rund 72 Prozent

der öffentlichen Organisationen arbeiten noch mit sogenannten

Legacy-Systemen – in vielen Fällen sind sie geschäftskritisch. Wartung,

Sicherheit und Anpassung werden teuer. Fachkräfte, die alte

Programmiersprachen wie COBOL beherrschen, gehen in den

Ruhestand, ohne dass Nachfolger in Sicht sind.

Doch das Problem ist nicht allein technischer Natur. Auch die

föderale IT-Landschaft wirkt wie ein Puzzle aus inkompatiblen

Teilen. Unterschiedliche Fachverfahren, Insellösungen und fehlende

Schnittstellen verhindern eine durchgängige Digitalisierung. Das

OZG-Änderungsgesetz von 2024 will hier gegensteuern: Es definiert

verbindliche Standards und gemeinsame Basiskomponenten. Was

lange fehlte, ist ein verbindlicher Rahmen. Der IT-Planungsrat hat

im November 2024 eine OZG-Rahmenarchitektur beschlossen – sie

bietet erstmals eine technische Landkarte für die föderale Verwaltung.

Ob daraus ein gemeinsamer Kurs wird, hängt nun vom Willen

der Akteure ab.

Föderalismus:

Stärke oder Schwäche?

Der Föderalismus ist Fundament und Fessel zugleich. Lokale

Anpassung ist ein hohes Gut, aber sie hat ihren Preis: Wenn jedes

Land eigene Lösungen entwickelt, bleibt der Fortschritt Stückwerk.

Die FITKO (Föderale IT-Kooperation) versucht, diese Vielfalt zu

koordinieren – doch Abstimmung ersetzt kein gemeinsames Zielbild.

Für CIOs bedeutet das: zwischen föderalen Zuständigkeiten navigieren,

Förderlogiken verstehen, Projekte priorisieren. Geld ist da,

aber oft schwer abrufbar. Das Jährlichkeitsprinzip im Haushaltsrecht

erschwert langfristige Digitalisierungsprogramme. Der politische

Wille allein reicht nicht. Ohne administrative Reformen bleibt die

Digitalstrategie Theorie.

Menschen machen die Transformation –

oder verhindern sie

Die digitale Verwaltung wird nicht am Code scheitern, sondern

am Menschen. Schon heute fehlen rund 39.000 IT-Fachkräfte in

Bund, Ländern und Kommunen. Bis 2030 könnten es 140.000 sein.

74 Kleine Kniffe


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Hinzu kommt: Die öffentlichen Arbeitgeber verlieren im Wettbewerb

mit der Privatwirtschaft. Lange Bewerbungsverfahren,

starre Vergütungsstrukturen und wenig Flexibilität schrecken ab.

Wer sich als CIO im öffentlichen Sektor behaupten will, muss neue

Wege gehen – etwa mit agilen Teams, Homeoffice-Regelungen und

gezielten Weiterbildungsprogrammen.

Doch auch jenseits des Fachkräftemangels ist Kompetenz

gefragt. Viele Verwaltungsmitarbeitende fühlen sich im digitalen

Alltag überfordert. IT-Ausfälle, Systemabbrüche und komplizierte

Softwarelösungen untergraben die Motivation. Digitalisierung darf

nicht nur für Bürgerinnen und Bürger, sondern auch für Mitarbeitende

funktionieren.

Sicherheit

als Fundament der digitalen Souveränität

Mit zunehmender Vernetzung steigt das Risiko. Cyberangriffe

auf Verwaltungen gehören längst zum Alltag. Die Attacke auf die

Kreisverwaltung Anhalt-Bitterfeld 2021 war ein Wendepunkt: Erstmals

wurde der Katastrophenfall ausgerufen, weil Server lahmgelegt

waren.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)

registriert seither einen klaren Trend – mehr Angriffe, professioneller

ausgeführt, mit wachsender Schadenshöhe. Nur 43 Prozent

der Behörden bezeichnen ihre IT-Systeme als modern, viele arbeiten

auf veralteter Infrastruktur.

Die EU-weite NIS-2-Richtlinie verschärft die Anforderungen.

Ab 2025 sind Behörden verpflichtet, Vorfälle zu melden, Sicherheitsmanagementsysteme

einzurichten und Risiken systematisch zu

bewerten. Das ist kein bürokratisches Übel, sondern eine überfällige

Selbstverpflichtung. Cybersicherheit ist kein Zusatzmodul der

Digitalisierung. Sie ist ihre Voraussetzung.

Digitale Souveränität:

Der Weg aus der Abhängigkeit

Ein weiteres Risiko ist weniger sichtbar, aber strategisch brisant:

Abhängigkeit von großen Technologieanbietern. Viele Verwaltungen

sind faktisch an einzelne Plattformen gebunden – eine digitale

Monokultur, die kaum Kontrolle über Datenschutz oder Interoperabilität

lässt.

Deutschland reagiert darauf mit der Strategie zur Stärkung

der digitalen Souveränität. Ihr Kern: mehr Open Source, weniger

Lock-in. Seit 2024 gilt der Grundsatz, dass Open Source Software

bevorzugt eingesetzt werden soll. Plattformen wie „Open CoDE“

schaffen Transparenz über verfügbare Lösungen und fördern

gemeinschaftliche Entwicklung.

Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) unterstützt

Behörden dabei, OSS rechtssicher und wirtschaftlich einzusetzen.

Wer digitale Unabhängigkeit will, muss Alternativen fördern – und

sie nutzen.

Green IT:

Digitalisierung darf nicht klimaschädlich sein

Die nachhaltige Verwaltung ist digital – und umgekehrt. Der

IT-Betrieb verursacht rund ein Viertel des Stromverbrauchs öffentlicher

Einrichtungen. Deshalb hat der IT-Planungsrat bereits 2022 eine

Green-IT-Strategie beschlossen: Ziel ist Klimaneutralität bis 2030.

Kleine Kniffe

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Das ist ambitioniert, aber machbar. Der Bund hat seinen Energieverbrauch

in der IT seit 2008 halbiert – durch effizientere Rechenzentren,

bessere Serverauslastung und Wärmerückgewinnung. Entscheidend

ist, dass Nachhaltigkeit im gesamten Lebenszyklus gedacht wird: von

der Beschaffung über den Betrieb bis zur Entsorgung.

Digitale Geräte dürfen nicht nach drei Jahren Elektroschrott

werden. Eine kreislauffähige IT, gekoppelt an nachhaltige Beschaffung,

ist kein Nebenschauplatz. Sie entscheidet darüber, ob

Digitalisierung einen ökologischen Fortschritt oder Rückschritt

bedeutet.

Europäische Vorbilder:

Warum Deutschland lernen muss

Estland, Dänemark, Malta – Länder, die zeigen, dass Verwaltung

auch anders kann. Estland etwa hat 99 Prozent seiner Verwaltungsleistungen

digitalisiert. Bürgerinnen und Bürger nutzen eine

einheitliche ID, Behörden kommunizieren über sichere Schnittstellen,

das Once-Only-Prinzip ist gelebte Praxis.

Dänemark wiederum hat früh die Digitalpflicht eingeführt –

nicht als Zwang, sondern als Effizienzversprechen. Und Malta

beweist, dass auch kleine Staaten Großes leisten können, wenn

politischer Wille und technisches Können zusammenkommen.

Deutschland hat andere Voraussetzungen, aber keine Ausreden.

Die Verwaltung braucht Entschlossenheit, Mut zur Standardisierung

und die Bereitschaft, Bestehendes loszulassen.

OZG-Änderungsgesetz, Registermodernisierung, FITKO, GovTech

Campus, Green-IT-Strategie. Doch sie entfalten ihre Wirkung nur,

wenn sie konsequent genutzt werden.

Ein CIO, der Digitalisierung als gesellschaftliche Aufgabe versteht,

wird die Verwaltung von innen heraus verändern. Er oder sie

muss Brücken schlagen – zwischen IT und Fachbereichen, zwischen

Technik und Menschen, zwischen heute und morgen.

Fazit: Die Zeit des Zauderns ist vorbei

Deutschland kann digitale Verwaltung. Es fehlt nicht an Gesetzen,

Programmen oder Strategien – es fehlt an Konsequenz. Die

öffentliche Verwaltung muss sich bewegen, bevor sie von den

Erwartungen der Gesellschaft überrollt wird.

Nachhaltigkeit, Sicherheit und Souveränität sind keine Zusatzmodule,

sondern Leitplanken. Wer sie beachtet, gestaltet nicht nur

effiziente, sondern auch verantwortungsvolle Digitalisierung.

Die Aufgabe ist groß, aber lösbar. Wenn CIOs heute handeln,

gestalten sie mehr als IT-Strukturen – sie gestalten das Rückgrat

eines modernen Staates.

CIOs als Architekten des Wandels

Was folgt daraus für die strategische Führungsebene? CIOs

müssen die Digitalisierung als ganzheitlichen Prozess begreifen.

Es reicht nicht, Software einzuführen oder Prozesse zu automatisieren.

Es geht um Kulturwandel, Kompetenzausbau, Sicherheit,

Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit. Die Werkzeuge liegen bereit:

Das Interview führte

Thomas Heine

Chefredakteur

www.nachhaltige-beschaffung.com

76 Kleine Kniffe


Digitalisierung der Verwaltung

Der unterschätzte Hebel:

Unterstützungsangebote für eine digitale Verwaltung

Digitale Verwaltung entsteht nicht allein durch Projekte, sondern durch ein tragfähiges Netz aus

Koordination, Beratung, Ökosystemen, Sicherheit und Finanzierung. FITKO und IT‐Planungsrat setzen

Richtung und Verbindlichkeit, GovTech‐Initiativen und kommunale IT‐Dienstleister verbinden Innovation

mit Betrieb, BSI und Förderprogramme markieren den Rahmen für sichere Skalierung. Der Überblick ordnet

diese Unterstützungsangebote ein und zeigt, wie sie Interoperabilität stärken, Nachnutzung ermöglichen

und föderale Fragmentierung verringern.

Ein Beitrag von Thomas Heine

FITKO und IT-Planungsrat: Koordination mit

Mandat

Föderale Digitalisierung braucht Takt und Übersicht. Die

Föderale IT-Kooperation bündelt genau das. Sie unterstützt den

IT-Planungsrat bei Entscheidungen und sorgt für deren verbindliche

Ausführung. Chancen und Risiken werden neutral eingeordnet,

Lösungswege klar präsentiert, Zuständigkeiten koordiniert. So

entsteht eine handlungsfähige Mitte zwischen Bund, Ländern und

Kommunen, die Fragmentierung reduziert und Orientierung stiftet.

UPO: OZG-Umsetzung mit Rückenwind

Mit „UPO“ erhält die OZG-Umsetzung ein passgenaues Unterstützungsangebot

für Bundesbehörden. Individuelle Beratung trifft

auf Wissenstransfer, der Praxisfragen adressiert und Erfahrungen

verfügbar macht. Der Fokus liegt auf dem konkreten Fortschritt

von Projekten, nicht auf abstrakten Konzepten. Das entlastet

Linienorganisationen und erhöht die Verlässlichkeit von Zeit- und

Qualitätszielen.

GovTech Campus: Ideen, Projekte, Lernen

Innovationen brauchen Orte, an denen sie entstehen, reifen und

skalieren. Der GovTech Campus Deutschland bündelt die Expertise

für ein funktionsfähiges GovTech-Ökosystem. Digitale Technologien

werden für Staat, Verwaltung und Demokratie zugänglich,

skalierbar und anwendbar gemacht. Drei programmatische Ansätze

strukturieren die Arbeit: Co‐Ideation als Wissensplattform, Co‐Creation

in Innovationsprojekten und Co‐Learning mit Austausch‐ und

Lernformaten. So rücken Wissen, Umsetzung und Kompetenzaufbau

zusammen.

Beratung und kommunale Dienstleister: Nähe

zum Betrieb

Spezialisierte Beratungsunternehmen decken die Strecke von

Strategie bis Umsetzung ab. Genannt werden etwa USU Digital

Consulting, CPC, PD und Sopra Steria. Sie bringen Methoden,

Markteinblick und Umsetzungskraft zusammen. Auf der kommunalen

Ebene stützen IT‐Dienstleister wie IT.NRW, der KDN oder

kommunale Rechenzentren den Alltag. Hier sitzen die Kenntnisse

über örtliche Fachverfahren, Schnittstellen und Betriebsszenarien.

Diese Nähe zum Betrieb macht Vorhaben realistischer und verringert

Reibungsverluste.

BSI und Cybersicherheit:

Schutz als Daueraufgabe

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik

ergänzt das Bild mit technischer Tiefe. Sicherheitsprüfungen wie

Pen‐Tests und Web‐Checks, Beratung beim Aufbau von IT‐Infrastrukturen

und die Definition von Mindeststandards etablieren ein

gemeinsames Sicherheitsniveau. Mit der Allianz für Cyber‐Sicherheit

und UP KRITIS entstehen Räume für Austausch und Kooperation.

Wissen über Vorfälle, Abwehrmuster und Prävention zirkuliert

schneller und zielgerichteter.

Finanzierung: Programme als Brücke

Förderprogramme von Bund, Ländern und EU bilden die

finanzielle Brücke zwischen Plan und Umsetzung. Sie schaffen Investitionssicherheit,

wenn neue Lösungen erprobt und skaliert werden

sollen. Projekte erhalten damit Planbarkeit über Haushaltszyklen

hinweg. Das erleichtert es, komplexe Vorhaben strukturiert

aufzusetzen und verlässlich weiterzuführen.

Fazit: Ein Ökosystem, das Skalierung

ermöglicht

Zwischen Koordination, Beratung, Ökosystemen, Sicherheit

und Förderung entsteht ein zusammenhängendes Angebot. Aus

einzelnen Bausteinen wird so eine Infrastruktur, die Digitalisierung

im föderalen Alltag tragfähig macht und Wiederverwendung

wahrscheinlicher werden lässt.

Kleine Kniffe

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78 Kleine Kniffe

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