21.11.2025 Aufrufe

Baumeister 12/2025

Postwachstums-Architektur

Postwachstums-Architektur

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN
  • Keine Tags gefunden...

Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!

Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.

B12

BAU

Dezember 2025

122. JAHRGANG

Das Architektur-

Magazin

MEISTER

Danach

4 194673 018502

12

D 18,50 €

A,L 20,95 €

CH 2 4 , 9 0 S F R


Die Kraft des

Weglassens

COVERFOTO: ZEYNEP ASLAN AUF PEXELS

TITELBILD Morgenröte in der

Bauwirtschaft? Postwachstumsarchitektur

bedeutet nicht

Baustopp, sondern Bauen mit

Augenmaß.

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

Wachstum galt lange als

Naturgesetz – in der Wirtschaft,

in der Stadtentwicklung,

im Denken. Immer mehr, immer schneller, immer

größer. Der Turm als Symbol. Die Kurve als Versprechen.

Und der Fortschritt? Schritt bitte schön exponentiell steigend

voran.

Doch inzwischen bröckelt der Mythos. Nicht zuletzt der

Klimawandel hat uns gelehrt, dass jedes Wachstum einen

Preis hat. Und dass dieser Preis nicht immer sichtbar, aber

oft irreversibel ist. Ressourcen sind endlich, Lebensräume

begrenzt, die sprichwörtliche Geduld des Planeten ist

erschöpft. Die Frage ist also nicht mehr, ob wir anders

bauen müssen – sondern wie radikal wir bereit sind, unser

Verständnis von Architektur zu überdenken.

Postwachstumsarchitektur – das klingt zunächst wie ein

sperriger Fachbegriff. Dabei steckt darin eine erstaunlich

einfache Idee: Nicht jedes Problem lässt sich mit mehr Fläche

lösen. Nicht jede Stadt muss wachsen, um lebendig zu

bleiben. Und nicht jedes Gebäude braucht eine Erweiterung,

wenn es auch durch Rückbau oder Umnutzung transformiert

werden kann. Es geht um eine neue Metrik des Erfolgs:

nicht höher, sondern klüger. Nicht mehr, sondern sinnvoller.

Nicht spektakulärer, sondern verantwortungsvoller.

Aber genau hier beginnt das Dilemma: Wie lassen sich wirtschaftliche

Interessen mit einer Kultur der Reduktion versöhnen?

Wie spricht man mit Investoren über Nicht-Bauen

als Entwurfsleistung? Wie rechtfertigt man Rückbau vor

einem Businessplan? Und wie entzieht man sich einem System,

das auf Dauerproduktion ausgelegt ist, ohne in romantische

Weltflucht zu verfallen?

Diese Ausgabe kann keine endgültigen Antworten liefern –

sie will ein Feld aufmachen. Zwischen Haltung und Handlung.

Zwischen Theorie und baulicher Realität. Sie zeigt

Projekte, die sich der Verweigerung verschrieben haben,

ohne dogmatisch zu werden. Und sie fragt, zum Jahresende,

nach den Chancen, die im Weniger liegen: an architektonischer

Klarheit, an kultureller Tiefe, an ästhetischer Konzentration.

Vielleicht geht es bei Postwachstumsarchitektur am Ende

gar nicht um Verzicht – sondern um Rückgewinn. Von Maß,

von Sorgfalt, von Sinn. Um den Mut, Dinge nicht zu bauen,

wenn sie nichts beitragen. Und darum, in einer Welt des

Zuviels die Kraft des Weglassens wiederzuentdecken – als

Gestaltungsprinzip, aber auch als Haltung.

Ich wünsche Ihnen Inspiration, Klarheit und natürlich auch

Freude beim Lesen dieser Ausgabe. Genauso freue ich mich

auf Ihr Feedback und Leserzuschriften aller Art. Auch

wenn ich es nicht immer schaffe, schnell oder persönlich zu

antworten, darf ich Ihnen versichern, dass ich jede Zeile

sehr schätze und dankbar für Ihre Gedanken bin.

Herzlichst,

Tobias Hager

Chefredakteur

t.hager@georg-media.de

03


II Ideen

Postwachstum in der Architektur – dabei geht es vor

allem um Bestandserhaltung mit minimalen Eingriffen

sowie um Ressourcenschonung. Das sind auch die Ziele

der Projekte, die wir in dieser Ausgabe vorstellen: mit-

hilfe der Umnutzung von Vorhandenem über modulare

Bauweisen bis zu flexiblen, demontierbaren Systemen.

12 Erweiterung der

ZK/U in Berlin

22 Transformation eines

Zollgebäudes in Bremen

28 Umnutzung eines

Rechenzentrums in Hamburg

38 Telefonzentrale wird

Campus-Kita in Merseburg

48 Holzhybrid-Wohnturm

in Mainz

Positionen

Seite 34

Umbauturbo

mit Holzkern

56 Betonskelettbausystem für

Wohnungsbau in Berlin

Seite 46

Rote Linien. Müssen wir

geregelte Wettbewerbsverfahren

verteidigen?

10 B12 / 25 – DANACH


S TANDORT

Siemensstraße 27,

Berlin

ARCHITEKTUR

Peter Grundmann

Architekten, Berlin

TRAGWERKSPLANER

Quittenbaum Bauingenieure,

Niesky

BAUHERR

KUNSTrePUBLIK e.V., Berlin

MITARBEITER

Peter Grundmann, Uwe Zinkahn,

Julie Guiomar, Alisa Buslaeva

FERTIGSTELLUNG

2025

Erfahrungsmaschine

an der Ringbahn

A R C H I T E K T U R

Peter Grundmann Architekten

FOTOS

Yizhi Wang

TEXT

Florian Heilmeyer

Peter Grundmann Architekten erweitern einen alten

Güterbahnhof in Berlin für das „Zentrum für Kunst und

Urbanistik“ (ZK/U). Das Büro ist zwar schon bekannt

für seine Low-Budget-Projekte und die intensive Einbeziehung

von Nutzerinnen und Nutzern, doch diese

Ergänzung erweist sich dennoch als außergewöhnlich,

denn hier wird nichts kaschiert oder versteckt.

13


14 B12 / 25 – DANACH IMPULS IDEEN INSPIRATION


OBEN Seit 2012 nutzt das ZK/U zwei

aneinandergrenzende Backsteinhallen

eines ehemaligen Güterbahnhofs

im sanft verwilderten

„Stadtgarten Moabit“ zwischen

einem gründerzeitlichen Kiez und

der breiten Schienentrasse der

Berliner Ringbahn für Stadtbahn

und Fernzüge.

LINKS Die Erweiterung der beiden

Hallen für die unabhängige Kulturinstitution

wurde vor allem mit

europäischen Steuergeldern

finanziert, und darin sehen die

Architekten ihre Verantwortung

gegenüber Bauherren und

Gesellschaft, besonders sparsam

mit den Mitteln umzugehen.

FOTO RECHTS: ZK/U BERLIN

WEITER

15


Für die Architekten müssen

Kulturbauten nicht teuer sein.

Die Südseite mit neuem Aufbau

und Zugang zur Dachterrasse

als „Urbane Bühne“ mit

weitem Blick über Stadtbahn,

Gewerbegebiet bis zum

Westhafen im Norden

Seit 2012 nutzt das Zentrum für Kunst und Urbanistik

(ZK/U) zwei aneinandergrenzende Backsteinhallen eines

ehemaligen Güterbahnhofs auf einer sanft verwilderten

Brache in Berlin-Moabit. Allzu idyllisch sollte man sich das

nicht vorstellen, auch wenn die Brache mittlerweile „Stadtgarten

Moabit“ heißt. Das Gelände liegt an der Nahtstelle

von Wohn- und Industriegebiet; im Süden endet der gründerzeitliche

Berliner Kiez um die Birkenstraße, nach Norden

liegt hinter einer breiten Straße die noch viel breitere

Schienentrasse der Berliner Ringbahn, wo Stadtbahn- und

Fernzüge im Minutentakt hin- und herrattern. Zur Linken

steht hinter einer Mauer ein gewaltiger Baumarkt, dessen

Schriftzug nachts die Brache beleuchtet, zur Rechten einige

Kfz-Werkstätten und ein Gaststättenbedarf. Es ist eine

raue, urbane Mischung, und das spiegeln auch die beiden

alten Backsteinhallen mit ihrer Vielzahl von Gebrauchsspuren

wider, in denen sich der Verein als unabhängige Kulturinstitution

eingerichtet hat. Mit der Deutschen Bahn hat

das Kunstkollektiv einen Pachtvertrag über 40 Jahre abgeschlossen,

ansonsten wird man vom Kultursenat unterstützt.

Von Anfang an wollte das ZK/U eine Mischung aus Kulturund

Nachbarschaftszentrum sein und für die Berliner

Kunstszene ebenso eine Rolle spielen wie für den angrenzenden

Kiez. Das Programm reicht von Kunstausstellungen,

Performances, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen

bis zu Selbsthilfewerkstätten, Urban Gardening, Public

Viewing bei großen Sportereignissen, dem „Speisekino“,

bei dem passend zum Film gekocht wird, und einem beliebten

Nachbarschaftsmarkt namens „Gütermarkt“. Die

Veranstaltungen fanden in der alten Lagerhalle oder im

Gewölbekeller statt, die Brache wurde partizipativ in einen

Bürgergarten verwandelt mit Obst- und Gemüsebeeten,

Sitzmöglichkeiten und einem Spielplatz. Das zweite

Gebäude war zweigeschossig und wurde für die Büros und

Seminarräume genutzt; zudem richtete das ZK/U 13 Wohnateliers

ein, die bis heute von über 800 Künstlerinnen und

Künstlern aus der ganzen Welt genutzt werden. Es ist

immer einiges los auf dem Gelände, und so hat das ZK/U

den Anspruch, Kiez und Kunst zwischen globalen Diskursen

und lokaler Praxis zusammenzubringen, seit seiner

Gründung vor 13 Jahren erfolgreich eingelöst.

16 B12 / 25 – DANACH IMPULS IDEEN INSPIRATION


Umbauturbo

mit

Holzkern

POSITION

Fiona Mosburger

Der Bauturbo hat unter anderem auch den Effekt,

dass er neue Ideen hervorbringt. So kauft etwa das

Start-up „navou“ Bestandsimmobilien und wandelt sie

mit Hilfe eines digitalisierten, standardisierten Sanierungsprozesses

in langfristig bezahlbaren Wohnraum

um, den sie als Bestandshalter anschließend selber

vermieten. Wie das gehen soll, beantwortet uns hier

das navou-Team.

34 B12 / 25 – DANACH IMPULS IDEEN INSPIRATION


BAUMEISTER Aus welchem Grund entstand das

Sanierungskonzept, und wie würden Sie es

beschreiben?

NAVOU-TEAM In Deutschland fehlt es an

bezahlbarem, ökologischem Wohnraum,

aber nicht an leerstehenden Bestandsgebäuden.

Auf die Frage, warum das Potenzial

des Bestands nicht stärker genutzt wird,

wenn es um die Realisierung von Wohnraum

geht, erntet man überwiegend Bedenken:

„Zu umständlich und teuer, weil unvorhersehbar.

Einfach und günstig geht nur im

Neubau.“ Wir möchten den Gegenbeweis

antreten. Denn Deutschland ist gebaut, und

Bestand, in dem eine Menge grauer Energie

steckt, will und muss genutzt werden.

Mit unserem Umbausystem stellen wir

unter Beweis, dass Bestandsimmobilien auf

sehr effiziente und nachhaltige Weise zu

bezahlbarem Wohnraum modernisiert werden

können. Das Konzept basiert auf einer

voll digitalisierten Ankaufs- und Planungsmethodik,

einem standardisierten, kreislauffähigen

Holzrastertragwerk zur seriellen

Anwendung und einem einfachen, aber

sehr robusten voll elektrifizierten Ansatz in

der Gebäudetechnik. So senken wir die

Kosten um 30 Prozent gegenüber Abriss

und Neubau, sparen rund 170 Prozent CO2

im Vergleich zu einem konventionellen

Rohbau ein und verringern Projektlaufzeiten

auf unter 18 Monate.

BAUMEISTER Wer steckt hinter dem Konzept?

NAVOU-TEAM Dahinter stecken Sebastian

Rademacher, Mario Schmoltzi und Lisa

Weise-Hoff. Während Sebastian als Spezialist

für Bauen im Bestand für die Themen

nachhaltige Architektur, Bauplanung und

-management sowie die Projektentwicklung

verantwortlich zeichnet, übernimmt

Mario mit seiner Expertise in den Bereichen

Energie (er war zuletzt Mitgründer von

enspired) und Finance die Geschäftsführung

und den Unternehmensauf bau, ist für

die Finanzierung und die digitalen Prozesse

zuständig. Lisa kümmert sich als ehemalige

Management-Beraterin im DAX/MDAX-

Bereich um die Organisationsentwicklung,

das Business Development sowie den

Bereich People & Culture. Außerdem arbeiten

wir mit zahlreichen Kooperationspartnern

zusammen, darunter etablierte Firmen

Das Gründungsteam: Mario

Schmoltzi (Geschäftsführung,

Unternehmensaufbau, Finanzierung,

digitale Prozesse),

Lisa Weise-Hoff (Organisationsentwicklung,

Business

Development, People & Culture)

und Sebastian Rademacher

(nachhaltige Architektur,

Bauplanung & -management,

Projektentwicklung)

F OTO: NAVO U

WEITER

35


S TANDORT

Campus-Kindergarten,

Studentenwerk Halle,

Friedrich-Zollinger-Straße 1,

Merseburg

BAUHERR

Studentenwerk Halle AÖR

ARCHITEKTUR

Aline Hielscher Architektur,

Leipzig

TEAM ARCHITEKTUR

Tom Döhler, Aline Hielscher,

Wiebke Kessler, Johanna Knigge,

Florian Tobschall

TRAGWERKSPLANUNG

DSH GmbH

WÄRMESCHUTZ UND HLS

Wohlrab, Landeck & Cie.

BRANDSCHUTZ

Joachim Maske

KÜCHENPLANUNG

Triebe und Triebe GbR

FREIANLAGENPLANUNG

Sascha Kleine

PLANUNG UND BAUZEIT

2020 bis 2023

BAUÜBERWACHUNG

Dr. Manfred Arlt

(Architektur und Denkmalpflege

Thomas Zaglmaier)

ELT

Schimmel + Schönemann

Vom Schaltraum

zum Spielraum

A R C H I T E K T U R

Aline Hielscher Architektur

FOTOS

Célia Uhalde

TEXT

Julia Koschewski

Aline Hielscher aktiviert in Merseburg einen halb

eingegrabenen Sockel, schärft die Hülle und schafft

aus einem unscheinbaren Anbau eine klare Adresse

auf dem Campus. Mit großer architektonischer

Sensibilität wird aus einer Telefonzentrale ein Campus-

Kindergarten.

39


OBEN Die zweigeschossige Südseite.

Die Kindertagesstätte für

das Studentenwerk Halle hat nun

sichtbar eine neue Adresse

bekommen. Das Farbkonzept mit

der Grundfarbe Englisch-Rot zieht

sich bis ins Innere.

UNTEN Vor der Sanierung. Das

bestehende Drei-Meter-Raster

des Gebäudes erwies sich als

überraschend flexibel, um Gruppenräume,

Küche und Sanitärräume

unterzubringen.

FOTO LINKS: ARCHIV ARCHITEKTEN

40 B12 / 25 – DANACH IMPULS IDEEN INSPIRATION


S TANDORT

Wiesbadener Straße 80 a+b,

Mainz-Kastel

BAUHERR

SEG Stadtentwicklungsgesellschaft

Wiesbaden mbH

ARCHITEKTUR

Arbeitsgemeinschaft

Klaus Leber Architekten BDA,

Darmstadt

LOA|Lars Otte Architektur BDA,

Köln

TEAM

Klaus Leber, Lars Otte, Anne

Blankenburg, Mathias Meyer

AUSFÜHRUNGSPLANUNG (LPH 5–8)

LMG Architekten GmbH,

Kronberg im Taunus

HOLZBAU

Ochs GmbH, Kirchberg

PROJEKTZEITRAUM

2019 bis 2023

TRAGWERKSPLANUNG/

BRANDSCHUTZ/BAUPHYSIK

Wagner Zeitter Bauingenieure

GmbH, Wiesbaden

Klassik in Holz

A R C H I T E K T U R

Arbeitsgemeinschaft Klaus Leber Architekten,

LOA Lars Otte Architektur

FOTOS

Lars Otte Architektur

TEXT

Christoph Gunßer

Der Holzbau zwingt zur Disziplin. Raster prägen sein

Erscheinungsbild. Gut gelöst, kann das sehr effizient,

aber auch anmutig, würdevoll aussehen.

„Das Haus hat durchaus etwas Herrschaftliches“,

sagt Lars Otte denn auch über das gemeinsam mit

Klaus Leber entworfene Turmhaus in Mainz-Kastel,

dessen Gliederung sich auf Klassiker wie Sullivan,

Perret und die Fünfzigerjahre bezieht. Ein markantes,

ungewöhnliches Haus, das indes auf positive Weise

anonym bleiben will

49


Sie waren das einzige Team, das im Auswahlverfahren

einen Achtgeschosser vorschlug, wo eigentlich sechs gefordert

waren. Die Konversion des zwölf Hektar großen Areals

der US Army unweit des Rheins in Mainz-Kastel brauchte

aber einen „Leuchtturm“, das hatten Lars Otte und Klaus

Leber erkannt. Und auch die Auftraggeber der Stadtentwicklungsgesellschaft

SEG hätten angesichts des Entwurfs

leuchtende Augen bekommen, berichtet Otte.

So entstand in der Achse des Quartiers ein Punkthaus in der

geforderten Hybridbauweise als derzeit höchstes Holzwohnhaus

in Hessen, mit einer im Erdgeschoss angefügten

dreigruppigen Kita. Beide sind Teil eines Ensembles aus

einem sanierten Bestandsgebäude sowie einem Fünfgeschosser

desselben Teams um einen schattigen Grünraum,

dessen alter Baumbestand durch den kompakten Fußabdruck

des Turmhauses geschont wird.

Prägend für die Ausstrahlung des Gebäudes ist die klassische

vertikale Dreigliederung mit Sockel und „Kranzgesims“,

wie es Otte nennt. Doch auch horizontal herrscht

eine fast klassische Symmetrie vor, die nur durch aus der

Achse gerückte Loggien als „Ausreißer“ (Otte) eine Spannung

erhält. Kräftige geschlossene Eckrisalite halten die

Form zusammen. Nur im Mittelfeld liegen die bodentiefen

Öffnungen zusammengefasst. Vorspringende Lisenen

zeichnen die Geschosse und Felder des rationell in

3x3-Quadrate geteilten Hauses nach, tragen aber nur sich

selbst. Das durch aus Brandschutzgründen eingekapselte

Massivholzstützen gebildete horizontale Raster misst

5,75 Meter. Immerhin blieb das Holz an den Decken sichtbar.

Eine nachvollziehbare Fügung der Bauteile ist den Architekten

wichtig.

KLASSISCHE GLIEDERUNG IN HOLZ

Erst selten wurde diese etwa aus den 1950ern geläufige Gliederung

wie hier in die Holzbauweise übertragen. Die Lisenen

sind eben nicht aus Beton, sondern aus von Blechen

geschütztem Konstruktionsvollholz und beugen zugleich

dem Brandüberschlag vor. Der Brandschutz war bei einer

Planung dieser Höhe kritisch. Da sich das Gebäude von drei

Seiten anleitern lässt, konnte auf einen zweiten Fluchtweg

verzichtet werden.

Pro Geschoss gibt es jeweils drei Wohnungen zwischen

56 und 102 Quadratmetern, also insgesamt 21 in den sieben

Obergeschossen, davon neun gefördert. Der Standard ist

aber überall gleich. Konstruktiv besteht das Haus aus dem

zentralen, aussteifenden Betontreppenhaus, einem Stützenskelett

aus Baubuche, Decken in Holz-Beton-Verbundbauweise

sowie den hell- und dunkelgrau lasierten Fassaden in

Holzrahmenbau, in den das Stützenskelett integriert ist und

der geschossweise vorgefertigt auf die Baustelle kam.

50 B12 / 25 – DANACH IMPULS IDEEN INSPIRATION


S TANDORT

Lion-Feuchtwanger-Straße 61,

Berlin

BAUHERR

Euroboden

ARCHITEKTUR

FAR frohn&rojas, Berlin/Santiago

de Chile/Los Angeles

PROJEKTTEAM

Marc Frohn,

Mario Rojas Toledo,

Max Koch, Stefan Glüder,

Maxim Lefebvre,

Agnes Helming,

Nezabravka Bogdanova

TRAGWERKSPLANUNG

IB Paasche, Leipzig

HAUSTECHNIK

Kando Ingenieure GmbH, Berlin

ENERGIEBERATUNG

AHW Ingenieure, Münster

LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

Topotek 1, Berlin

BAUBEGINN

2019

FERTIGSTELLUNG

Januar 2025

Kuschelig muss es

noch werden

A R C H I T E K T U R

FAR frohn&rojas Architekten

FOTOS

David Hiepler

TEXT

Falk Jaeger

Ist Holzbau inzwischen alternativlos? FAR frohn&rojas

Architekten hatten vor einigen Jahren bereits mit

einem bemerkenswerten „Wohnregal“ aus einem Betonfertigteilsystem

auf sich aufmerksam gemacht. Nun

verwendeten sie ein Betonskelettbausystem aus dem

Industriebau für ihr Berliner Wohnprojekt „Lion“ –

als Fortschreibung der Plattenbauweise in direkter

Nachbarschaft.

57


Das bekannte „Wohnregal“ in Berlin-Moabit, mit dem

FAR frohn&rojas Architekten 2019 Aufsehen erregten,

besteht nicht etwa aus einem eigens entwickelten Bausystem,

auch nicht aus einem gängigen Plattenbaukasten für den

Wohnungsbau, sondern – wie bei Otto Steidle damals 1972

in der Münchner Genter Straße – unter Verwendung kräftiger

Betonstützen, Unterzüge und π-Platten aus dem Industriebau

(siehe auch Baumeister 2/2020). Die Vorteile: Rückgriff

auf vorhandene Montageweisen und Berechnungsgrundlagen,

kurze Bauzeit sowie üppige Spannweiten, die

individuelle und flexible Wohnungszuschnitte erlauben.

Die Nachteile: hier und da überdimensionierte Bauteile und

ein „Industriebaulook“, der nicht jedermanns Sache ist.

Dennoch und vielleicht auch deshalb sind sie damit ins

Blickfeld des Münchner Immobilienentwicklers Stefan

Höglmaier geraten, der in den vergangenen Jahren immer

nach ambitionierten Architekten Ausschau gehalten hatte

und mit seiner Firma Euroboden eine ganze Reihe unkonventioneller

Projekte mit namhaften Baukünstlern realisiert

hatte. Zwar erwiesen sich im Verlauf der Baukrise

einige der Bauvorhaben als zu ambitioniert und brachten

die Firma im August 2013 in die Insolvenz. Das Projekt

„Lion“ in Berlin-Kaulsdorf, benannt nach seiner Adresse in

der Lion-Feuchtwanger-Straße, konnte jedoch nach der

ursprünglichen Planung und qualitativ ungeschmälert fertiggestellt

werden.

PLATTENBAU-NACHBARSCHAFT

Viel zu schmälern gab es bei dem Projekt ohnehin nicht, war

es doch konzeptionell von seiner Konstruktionsweise und

vom Ausbau her schon auf Kostenreduzierung getrimmt

gewesen. Das Umfeld des Bauplatzes im Berliner Bezirk

Hellersdorf ist geprägt von DDR-Plattenbauten der 1980er-

Jahre. Das Grundstück liegt im Zuge einer Grünachse, die

durch ein Wohngebiet führt und den Wuhlgarten mit dem

Unterzentrum am U-Bahnhof Kaulsdorf Nord verbindet.

Um diese Verbindung nicht zu unterbrechen, teilten die

Architekten das Bauprogramm in zwei sechsgeschossige

58 B12 / 25 – DANACH IMPULS IDEEN INSPIRATION

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!