Hörbuch Magazin Mado
Das Magazin zum Hörbuch "Mado" von Wolfgang Franßen. Essay, Interview, Leseprobe. (c) Wolfgang Franßen 2025
Das Magazin zum Hörbuch "Mado" von Wolfgang Franßen. Essay, Interview, Leseprobe.
(c) Wolfgang Franßen 2025
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Mai 2025
Mado
No. 1
Das Magazin
zum Hörbuch
Essay
Interview
Leseprobe
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
INHALT
1 Buch
2
Wie werde ich bloß diese Familie los?
3
4
3
4
5
6
Es ist eine Sucht, frei sein zu wollen.
Besuch
Bio
Impressum
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Buch
2021 im Europa Verlag
erschienen
ISBN: 978-3958903654
Erscheint am 5. Mai 2025
Gelesen vom Autor
ISBN: 978-3-9826888-1-7
Inhalt
Mado Kaaris rebelliert gegen ihre Familie, die Männer, gegen ein
Leben, das sie in vorgepresste Bahnen lenkt. Nur, welche
Chancen bieten sich ihr? Reicht es aus, nach Paris zu gehen,
nachts durch die Clubs zu tanzen, Pillen zu werfen und sich mit
Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten? Nach fünf Jahren Paris
fühlt sie sich um ihre Freiheit betrogen, von den Männern
ausgenutzt und erniedrigt. Sie schlägt einen Boxer nieder, der sie
aus Eifersucht in seinem Apartment einsperrt, und flüchtet nach
Hause zu ihrer Großmutter, um ein paar Tage unterzutauchen.
Aus Tagen werden Wochen. Wieder begegnet sie dem Leben, das
sie so sehr hasst: einer Großmutter, die im Gefängnis gesessen
hat und in der Vergangenheit lebt, einer Mutter, die das Maison
Blanche, eine bessere Bauernkneipe, übernommen und zwei
Töchter großgezogen hat, einer Schwester, die naiv an die große
Liebe glaubt, ohne darauf zu achten, wem sie sich da an den
Hals wirft. Doch die Gewalt, die ihr Leben bestimmt hat, lässt
sich nicht abschütteln.
Hörprobe auf der Website: www.wolfgangfranssen.de
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Wie werde ich bloß diese Familie los?
Ein Essay von
Wolfgang Franßen
Erinnern wir uns ruhig daran, dass egal wohin wir auch gehen, wir uns
mitnehmen. Damit auch die Familie. Vor allem, wenn wir uns aus ihr nicht zu
lösen vermochten. Blass mögen wir uns entsinnen, wie wir einmal ausbrechen
wollten, wie wir rebelliert haben. Natürlich gibt es auch glückliche Familien.
Kennen Sie eine? So rundum glücklich, bis in den Kreis der Tanten hinein, der
Angeheirateten, dem cholerischen Onkel, der jedes Familienfest sprengt, den
giftigen Pfeilspitzen hinter einem falschen Lächeln? Was würden wir ohne sie
tun? Wie arm wäre unser Leben ohne sie? Wem sollten wir die Schuld an dieser
verkorksten Jugend geben?
Mado flieht vor ihrer Kindheit nach Paris. Feiert, arbeitet, hält sich über Wasser
und begibt sich in neue Abhängigkeiten. Bevor ich sie jedoch in ein
Wartezimmer eines Therapeuten schicke, lautet die Frage eher: Hält sie das
durch? Wieso glauben wir, wenn wir zu Hause ausziehen, steht uns die Welt
offen? Weil die familiäre Brandung widerrufen können. Mal ganz abgesehen
davon, dass wir glauben, ganz anders zu sein, als andere uns sehen. Nicht so
verbohrt, nicht so besserwisserisch, klüger. Dabei warten wir ein Leben lang.
Dass die Mutter was einsieht. Der Vater endlich mal da ist. Der Bruder ein
Bruder. Die Schwester … ja, hätten wir nur eine Schwester gehabt … oder auch:
Meine kannst du geschenkt haben. Mitunter die ganze Familie. Nur, wer würde
sie nehmen?
4
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Mado kehrt zurück, weiß, was sie in der Bretagne erwartet. Hier ist ihr einziger
Zufluchtsort. Denn Blut ist dicker als Wasser. Die Großmutter hat immer auf sie
aufgepasst. In schlechten Zeiten hält man zusammen. Genauso viele Sprüche als
Grund, um eine Familie zu verlassen, gibt es solche, die uns vorgaukeln, ein Nest
zu besitzen. Auch wenn Mado nach der Rückkehr sich erneut Kämpfe mit ihrer
Mutter liefert. Zu ähnlich sind sie sich. Schrecklich der Gedanke, dass wir
Eigenschaften mit in die Wiege gelegt bekommen, die wir nicht loswerden.
Ein unbekannter Vater, eine eisern ausharrende Mutter, eine nervige
Schwester, die Großmutter als Legende in einer kleinen Wohnung. Mados
Welt. Da ist die Empörung groß, wenn einer oder eine es wagen, zu
behaupten: Du bist wie deine Mutter, dein Vater. Wobei dies ausnahmsweise
geschlechterneutral ist. Ein Sohn kann wie seine Mutter sein, eine Tochter
wie ihr Vater. Niemals beides zugleich. Wer keine Verbindung herstellt,
fremdelt, der besitzt keinen Stallgeruch.
Mado ist auf der Durchreise. Sie versteckt sich.
Sie sucht Schutz. In ihr kommt eine der in sich
verborgenen Kräfte in Familien zum Tragen:
Wird es ernst, stehen wir zusammen. Egal,
was komme. Schon mancher ist da enttäuscht
worden. Unter zerstörten Brücken kann man
nicht mehr herlaufen. Höchstens auf den
Trümmern tanzen. Erst muss einer oder eine
etwas verbrochen haben, damit sie oder er in
den Schoß der Familie zurückkehren darf.
5
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Hast du das begriffen, schaffst du dir am besten eigene Kinder an und verseuchst
sie mit dir, dann darfst du am Kreislauf des Lebens teilnehmen. Und wehe, du
widersetzt dich, glaubst, alles anders, alles besser machen zu können. Du
mussteinsehen, dass in einer Familie keiner Schuld trägt. Der einzige Ablass, den
die Kirche einem nicht gewährt. Man kann nichts dafür. Das wärmt das Herz.
Was sucht Mado in ihrem zerrütteten Zuhause? Sie weiß es selbst nicht. Woher
auch? Da gibt es so viel zu erleben, um herauszufinden, wer sie ist. Ihre
Zukunft liegt im Abenteuer angesichts einer Gegenwart, die abschreckt. Da ist
zu viel Wut über ihren gescheiterten Ausbruch. Paris, das klang verlockend. Wer
von zu Hause weggezogen ist, der hunderte Kilometer zwischen sich und
dieFamilie gebracht hat, dem trügerischen Gefühl unterliegt, endlich frei zu
sein, wird in die Knie gezwungen. Endlich bin ich mein eigener Herr, meine
eigene Frau. Kein Gemecker mehr bei den Mahlzeiten. Keine Ermahnungen, zu
viel zu trinken, zu rauchen, zu essen. Vor allem muss man sich nicht mehr
dauernd entschuldigen. Aber da ist man ja auch noch selbst.
Mado ist gebrandmarkt von Erwartungen,
die sie nie erfüllen konnte.
Selbst die übergroße Großmutter,
die als Schmugglerin in der Vergangenheit lebt,
erleidet einen Absturz und
wartet in ihrer Wohnung auf den Tod.
Eine Frau, die ein selbstbestimmtes Leben
gelebt hat. Mados Vorbild? Natürlich.
6
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Deswegen verfallen wir bei der Partnerwahl einem dominanten Mann oder einer
untreuen Frau, mit denen wir durchs Leben wanken wollen. Natürlich gibt es auch
glückliche Familien, in denen die Kinder jenen Beruf ergreifen, den die Eltern sich
für sie wünschen. In denen sie den Mann oder die Frau finden, die gleich in die
Familie aufgenommen werden. Sie müssen das leben, was wir nicht geschafft haben.
Es gibt diesen abgeblätterten Satz von Tolstoi, der stets zitiert wird, wenn es um die
Familie an sich geht: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede
unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Na dann. Tolstoi war ein
erfahrener Schriftsteller. Ein Weltliterat. Er muss es wissen. Also, was ist mit den
glücklichen Familien, den Schimären, den Oasen, lässt das Schicksal sie in Ruhe?
Kein plötzlicher Tod, keine unheilbare Krankheit, kein Missbrauch, kein gehütetes
Geheimnis? Kein Schein, der aufrechterhalten werden muss? Wie langweilig. Wie
selbstsüchtig. Alle Cliffhanger versinken im Meer. Wollen wir wirklich mit einer
glücklichen Familie befreundet sein, die uns täglich vor Augen führt, was für
Versager wir sind? Oder nicht lieber mit einer, die noch hilfloser als die eigene ist.
Als Mado 2021 im Europa Verlag erschien, machte ich die Erfahrung, die
Generationen von Schriftstellern und Schriftstellerinnen vor mir gemacht haben.
Leser lesen ihr eigenes Buch. So wie jeder sein eigenes Gemälde betrachtet, jeder
sein eigenes Konzert besucht, suchen wir in den Geschichten etwas, was wir
nachempfinden, eine Figur, deren Überzeugung wir teilen, deren Leidenschaft
unserer eigenen nahekommt. Bei einer Lesung trat mir eine Frau gegenüber, die der
Meinung war, dass Mado eine ganz fürchterliche Person sei, die ihre Familie
kaputtmacht. Was? Meine Mado? Was hatte ich da geschrieben? Mado will nur frei
sein. Mado rebelliert, um überleben zu können. Mado zerstört nicht ihre Familie, die
ist schon kaputt. So ist das mit Geschichten. Man darf ihnen nicht trauen.
Sie sind wie wir. Sie wissen nicht, wie sie sind. Sie hängen davon ab, wie wir sie
sehen.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Interview
Es ist eine Sucht, frei sein zu wollen.
Oda Wüst im Gespräch mit Wolfgang Franßen
Ihr Roman „Mado“ erschien bereits 2021
im Europa Verlag. Warum jetzt das Hörbuch?
Obwohl ich die Geschichte vor Jahren geschrieben
habe, hat sie mich nie losgelassen. Sie jetzt als
Hörbuch von mir gesprochen herauszubringen,
verschafft mir die Gelegenheit, an Mados Aufbegehren zu erinnern und ihr gleichzeitig
meine Stimme zu leihen.
Wieso spielt die Geschichte in Frankreich?
Ich wollte immer in Frankreich leben. Das ist lange her und leider nie in die Tat
umgesetzt worden. Mal waren es ein paar Monate im Süden, dann eine Woche in Paris
oder der Bretagne. Mal saß ich im Kino, um mir französische Filme anzusehen. Michel
Piccoli, Jeanne Moreau, Daniel Auteuil, Jean Reno. Nennen wir es frankophon. Was ich
sicher einer belgischen Tante zu verdanken habe, die immer Französisch sprach, wenn
sie nicht verstanden werden wollte. Das macht neugierig.
Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit. Teilen Sie die?
Jeden Tag. Sie beinhaltet die Veränderung, den Fluss, die Hoffnung, sich nicht
abzufinden. Natürlich ist Mado in sich gebrochen, hält sich mit Gelegenheitsjobs über
Wasser und berauscht sich an einem nächtlichen Leben. Man darf ruhig wie Mado
wütend auf sich, die Welt, die Familie sein. Im Verlauf des Romans begreift sie, dass es
auf sie ankommt. Insoweit besteht ihre Freiheit in der Hoffnung, der Kraft, aus der
Ohnmacht auszubrechen.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Interview
Sind Familien wirklich so schlimm?
Schreiben und lesen wir nicht deswegen?
Der berühmte Satz: Der Realität entfliehen,
besagt doch alles. Dafür sind Geschichten da.
Deswegen erzählen wir sie uns. Um Mut
zu schöpfen, um alleingelassen mit uns vielleicht
die eine oder andere Frage zu stellen, die nur wir
uns beantworten können.
Eine Rebellin? Sind wir nicht alle rebellisch veranlagt?
Die Krux bei der Rebellion ist, herauszufinden, wofür man rebelliert. Am Anfang des
Romans ist Mado eine Rebellin. Hauptsache nicht so sein wie die eigene Mutter, die
Schwester. Am Ende hat sie sich, sich selber angenähert. Es ist so unendlich angstbehaftet,
einzusehen, dass man sich selbst im Weg steht.
Werden noch mehr Hörbücher von Ihnen erscheinen?
Geplant ist eine Reihe. Vor allem mit Texten, die bislang keinen Verlag gefunden haben.
Beim Wiederlesen habe ich festgestellt, dass ich ihnen eine Stimme geben muss. Heute
gibt es viele Möglichkeiten, auf einen Roman aufmerksam zu machen. Es reicht nicht mehr
aus, in einer Buchhandlung auszuliegen. Neben den Hörbüchern wird es zu jeder
Neuerscheinung ein kostenloses, digitales Magazin geben, in dem ein Essay zum jeweiligen
Hörbuch, ein Interview und eine Leseprobe erscheinen.
Befinden wir uns in einem Wandel?
Unsere Branche verändert sich rasant schnell. Was früher wie in Stein gemeißelt erschien,
allein in Händen von Verlagen, Buchhandlungen lag, wird durch das Social Media zu
frischem Leben erweckt. Was die Möglichkeiten von Autorinnen und Autoren verändert.
Die Verlage haben begriffen, dass vor allem eine junge Leserschaft nicht mehr über die
klassischen Medien zu erreichen ist. Auch der Buchhandel profitiert zum Beispiel am Hype
der New Adults. Wir befinden uns mitten in einer Renaissance der Geschichten. Wenn
auch die Vertriebswege andere sind.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Interview
Warum schreiben Autoren angesichts der KI
überhaupt noch?
Eines Tages wird sie uns glauben lassen wollen,
dass sie so perfekt ist, dass sie Geschichten generiert.
Gerade ist sie dabei, die Filmbranche zu
revolutionieren. Auch in unserer Branche im Bereich
von Korrektur und Recherche umtriebig.
Um es ehrlich zu sagen, sie wird die Autorinnen und Autoren nie ersetzen können,
weil deren Geschichten keinem Algorithmus folgen, der uns mit dem Immergleichen
versorgt. Du hast das vorher gelesen, du sollst das auch in alle Zukunft lesen.
Geschichten müssen sich entwickeln. Sie stehen manchmal still, benötigen Zeit,
Verzweiflung, Entdeckung und führen oftmals auf Umwegen zum Ziel. Die KI ist in
erster Linie für die Beschleunigung da. Faktenchecks, Kontrolle. Sie ist ein
Wirtschaftsfaktor. Das langweilt mich nicht nur, es macht mich wütend, weil viele
Jobs verlorengehen. Wie schnell wollen wir noch werden?
Kann Literatur die Sicht auf die Welt verändern?
Sie sieht zu. Im besten Fall bringt sie uns ins Straucheln.
Und die Hoffnung, was ist mit der?
Die lebt. Für immer.
Wann erscheint das nächste Hörbuch?
Im Juni. Es trägt den Titel „Himmel über der Grenze“. Die Geschichte einer jungen
Frau, die aus dem Krieg heimkehrt, zur Schmugglerin wird, ein Vermögen macht und
in Zeiten des Wirtschaftswunders ihrem Vorsatz „sich nie wieder beim Überleben
erwischen zu lassen“ durchzuhalten versucht.
Herr Franßen, ich danke Ihnen für das Gespräch.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Besuch
Wenn Rosa Kaaris an ihren Mann Matthieu dachte, befiel sie eine gewisse
Schwermut. Er war der Sohn eines alteingesessenen Taxiunternehmers in Bordeaux
gewesen, bevor er zur Bahn ging und mehr Fahrgäste von einem Ort zum anderen
brachte, als sein Vater in seinem ganzen Leben. Er war verrückt nach ihr gewesen,
hatte alles hinter sich gelassen, um vor ihrer Tür aufzutauchen und stotternd zu
gestehen, dass er nicht mehr ohne sie sein wolle. Das hatte so gar nicht zu ihr
gepasst. Wie sie ausgerechnet an so einen Kerl gelangt sei, hatten die Schmuggler, mit
denen sie Geschäfte machte, sie aufgezogen.
Von Grund auf ehrlich und rechtschaffen.
Matthieu besaß eine hohe Stirn, eine Nickelbrille und verdammt gute Manieren.
Ein Sohn, der regelmäßig in die Kirche ging, aber das hatte sie niemandem erzählt,
um es ihm in ihren Kreisen nicht noch schwerer zu machen. Er kontrollierte die
Fahrkarten auf der Strecke Le Havre-Marseille. Sie sahen sich an seinen freien Tagen.
Sie waren verheiratet und auch nicht verheiratet gewesen, je nachdem, wie ihr
danach war. Aber sie wurde geliebt. Unendlich.
Matthieu stellte nur zwei Bedingungen für die Hochzeit: Er wollte nichts von ihren
Geschäften wissen und sie würden zusammen in die Rue Lomenech ziehen. Ihre Ehe
hielt fünfunddreißig Jahre.
11
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Rosa schüttelte den Kopf. Fünfunddreißig Jahre.
Warum ausgerechnet dieser Mann so elendig an Krebs verreckt war, wollte ihr
nicht in den Kopf. Sie ja, Serge auch, aber Matthieu? Dieser stille Mann, der kein
Laster kannte, der sonntags Cadre spielte und sich nicht wie andere Männer
beschwerte, wenn kein Essen auf dem Tisch stand.
Sie musste ihn alleine sterben lassen, weil sie im Gefängnis saß. Verurteilt für
etwas, an dem sie keine Schuld trug. Serge war bei ihm gewesen. Sie hätte den
Namen des Verräters, der sie ans Messer geliefert hatte, nur auszusprechen brauchen,
doch das hätte bedeutet, dass auch Serge ins Gefängnis gekommen wäre. Einen
einzigen Namen, um wenigstens am Begräbnis teilnehmen zu dürfen. Doch Rosa
Kaaris hatte geschwiegen.
Egal, wie alt und verschrumpelt sie war, es gab nichts zu bereuen, sie würde alles
wieder so machen. Im nächsten Leben, im übernächsten, selbst, wenn sie auf der
Stelle noch mal jung wäre. Es hatte ihr gefallen, den Staat um seine Steuern zu
betrügen. Die neun Jahre im Gefängnis war sie klargekommen. Als sie freikam und
alles sich verändert hatte, war sie auch klargekommen. Dass sie die Wohnung nicht
mehr verlassen konnte, weil ihre Beine sie nicht mehr weit genug trugen, damit kam
sie klar. Dass ihre Tage gezählt waren, sowieso. Nur, dass die Sommersprossen aus
ihrem Gesicht verschwunden, in Altersflecken übergegangen waren, das ärgerte sie
maßlos.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Rosa war groß und schlank und breitschultrig gewesen. Eine herbe Schönheit,
der sie nicht nachtrauerte. Die Männer waren ihr mit Respekt begegnet. Sie hatte
schon als Kind auf dem Hof ihrer Eltern gearbeitet und bemerkt, dass sie ein
Geschick im Verhandeln besaß. Sie war nicht einmal vierzehn gewesen, als ihr Vater
sie vorschickte, um ein Schwein zu verkaufen. Von dem Geld, das sie zusätzlich
herausschlug, hatte sie allerdings nichts gesehen. Sie begriff früh, dass sie ihr
eigenes Geschäft aufziehen musste, wenn für sie etwas übrig bleiben sollte. Mit
siebzehn war sie schon nicht mehr auf dem Hof gewesen. Für einen Fischer stand
sie auf dem Markt und sorgte dafür, dass sein ganzer Fang an einem Vormittag unter
die Leute kam. Mit knapp zwanzig lernte sie einen Flamen kennen, der sein Geld mit
bezahlten Leerfahrten verdiente, weil ihn die eigentliche Fracht nicht ernährte. Ein
kleiner Betrug, den Rosa sofort einsah. Ihr konnte niemand weismachen, dass alle
ihr Geld auf redliche Weise verdienten.
Der alte Leveque nahm sie schließlich unter seine Fittiche und brachte ihr alles
bei. Er bezog schottischen und irischen Whisky ohne Steuermarke direkt von den
Destillerien, versah sie in einem Schuppen auf einer Landstraße nach Concarneau
mit den entsprechenden Siegeln und verschob sie nach Paris. Zu seinem Imperium
gehörten Schnaps, Zigarren und Kaffee. In den Siebzigern hatte Rosa sich
selbstständig gemacht und auf Medikamente spezialisiert, die auf Frachtern aus
Nordirland über Bord gingen. Auch Ärzte wollten schließlich Geld verdienen.
Allein in ihrer Zelle, hatte sie sich oft den Kopf darüber zerbrochen, warum sie so
blind gewesen war, warum sie es nicht hatte kommen sehen.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Der Kerl, der sie ersetzt hatte, war jünger, gieriger und brutaler gewesen. Nicht
daran interessiert, sein eigenes Geschäft aufzuziehen, da sie ja über alle Kontakte
verfügte. Mit gepanschten Medikamenten ließ sich mehr Geld verdienen. Ein
unschlagbares Argument. Und er war ein Kerl. Als die ersten Patienten Ende der
Siebzigerjahre im Koma lagen, war der Skandal vertuscht worden, Rosa war
ausgestiegen und hatte das Maison Blanche eröffnet. Sie musste an Matthieu und
ihre Kleine denken. Sie war nie ein großes Risiko eingegangen. Nur so weit, dass es
für ein gutes Leben reichte, aber halt nicht für eine Villa in Biarritz.
Nach der Jahrtausendwende kam das ganze Ausmaß zutage. Mehrere Patienten
waren gestorben. Der Kerl, der sie aus dem Geschäft gedrängt hatte, verfügte
inzwischen über so viel Einfluss, dass er dem Gericht eine Schuldige präsentieren
konnte: Rosa. Er ließ einen Kronzeugen aussagen, der sie mit Dreck bewarf. Sie
stellten es so dar, als trage sie Schuld am Tod Dutzender Patienten. Madame la Mort,
wie die Presse sie nannte. Als seien die Toten nicht bereits krank gewesen, sondern
hätten alle gerettet werden können. Neun Jahre Schweigen, erst danach hatten sie
den wahren Drahtzieher überführt.
Rosa hielt sich vorm Spiegel im Flur eine Hand über den Kopf. Dass sie langsam
zu schrumpfen begann, sich nicht mehr richtig aufrecht hielt, auch damit kam sie
klar. Die grauen Strähnen hatte sie mit jeder Farbe bekämpft, die ihr Friseur hatte
auftreiben können. Nur rothaarig hatte sie nie sein wollen.
Du altes, eitles Biest, dachte sie, als es an der Tür klingelte. Um die Zeit öffnete sie
normalerweise niemandem. Egal, wie hartnäckig er auch auf die Klingel drückte.
14
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Sie setzte Wasser auf. Auf jenem Gasherd, den ihre Tochter jedes Jahr zu
entsorgen versuchte, weil sie davon überzeugt war, dass ihre Mutter eines
Tages vergessen würde, den Hahn abzusperren, und sich in die Luft sprengte.
Das Klingeln nervte sie. Vielleicht ein neuer Postbote, der nicht wusste, dass er ihre
Pakete bei der Nachbarin im Erdgeschoss abgeben sollte. Sie hörte ihren Namen.
Ein Klopfen. Mit dem vollen Kaffeefilter in der Hand näherte sie sich der Tür und
hörte die Stimme ihrer Enkelin.
„Nun mach schon auf. Ich weiß, dass du da bist. Wo sollst du sonst sein?“
Fünf Jahre war es her, seitdem Mado verschwunden war. Fünf Jahre ohne einen
Anruf, ohne eine Karte. Was bildete das Kind sich ein? Dass es einfach auftauchte
und alles war beim Alten? Rosa kehrte in die Küche zurück, setzte den Filter auf die
Kanne, nahm den Kessel vom Herd und goss Wasser hinein.
Das Klopfen ging in ein Hämmern über.
„Was soll das? Mach die Tür auf“, rief Mado.
Es gab drei Phasen bei Rosa Kaaris. In der ersten regte sie sich auf. In der
zweiten wurde sie wütend. In der dritten ganz ruhig. Etwas, was niemand wirklich
erleben wollte.
Die Hand auf dem dicken Bund liegend, an dem zu viele Schlüssel hingen, von
denen sie nicht wusste, zu welchem Schloss sie passten, sagte Rosa: „Nein.“
„Ich bitte dich.“ Das klang nicht nach Mado. Ihr kleines Mädchen bat nie um
etwas.
Rosa drehte den Schlüssel um. Die Tür sprang einen Spalt weit auf. Als müsse sie
all ihren Mut aufbringen, dauerte es einen Moment, bevor Mado ihr in die Küche
folgte, wo ihre Großmutter eine Brioche mit Marmelade bestrich.
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Mados Hände umklammerten sie von hinten. Sie lehnte den Kopf an ihren
Rücken. Sie sollte sich nichts vormachen, dachte Rosa. Sie würde ihre Enkelin nicht
wegschicken, obwohl sie das verdient hatte. Sie freute sich, sie zu sehen, aber sie
kam auch nicht gegen ihre Natur an. Sie drehte sich um und ohrfeigte Mado, die
zurückschrak und auf die Küchenbank fiel, wo sie gesessen hatte, seitdem sie über
die Tischkante blicken konnte. Sie war dürr gewesen, mit viel zu langen Fingern.
Immer voller Zorn auf ihre Mutter. Auch jetzt sah sie abgemagert aus. Vor allem
erschreckte Rosa der leere Blick in ihren Augen.
„Ist das jetzt deine Entschuldigung?“, schnauzte Rosa sie an.
Mados Grinsen explodierte auf ihren Lippen. Sie und sich entschuldigen, was für
ein idiotischer Gedanke. Als Kind hatte sie jegliche Bestrafung wortlos
hingenommen.
Eine Stunde, nachdem Mado ihr alles gestanden hatte, nahm ihre Großmutter
sie in den Arm. Am liebsten hätte sie ihr gesagt, dass alles nichts nutzte, egal, was
eine Frau anzog, für welche Frisur sie sich auch entschied, Kerle blieben Kerle.
Das hatte ihre Enkelin inzwischen selbst herausgefunden.
Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, beruhigte sie Mado. Sie würde sich um
alles kümmern. Sie würde Serge nach Paris schicken, damit er hinter ihr aufräume.
Sie ließ sich die Schlüssel zum Appartement geben und fragte sie, ob sie schon
gegessen habe. Irgendwo gab es immer einen Rest Suppe in diesem Haushalt.
Mado sah zu ihr auf. In der Untertasse vor ihr lagen bereits sechs Kippen.
16
Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Offenbar erinnerte sie sich nicht mehr daran, dass in der Wohnung ihrer
Großmutter nicht geraucht werden durfte.
„Haben sie was im Fernsehen gebracht?“, fragte Rosa sie.
„Im Radio jedenfalls nicht“, sagte Mado.
„Das ist gut.“
Das letzte Mal, dass Rosa Kaaris ihre Wohnung verlassen hatte, war bei ihrer
Verhaftung gewesen.
Nicht ganz freiwillig. Und das gleich für neun Jahre.
Sie würde niemandem erlauben, ihre Enkelin abzuholen.
Hörprobe auf der Website: https://wolfgangfranssen.de/332-2/
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Bio
Wolfgang Franßen, gebürtiger Aachener, Studium der Germanistik, Soziologie und
Geschichte, inszenierte 22 Jahre am Theater. Neben
Shakespeare und Büchner zeitgenössische Autoren wie Heiner Müller und Thomas
Brasch. Sein Stück "Hasenclever" wurde 1993 im Ludwig
Forum für internationale Kunst uraufgeführt. 2013 gründete er in Hamburg den
Polar Verlag. "Mado", sein erster Roman, erschien 2021 im Europa Verlag. Seit 2021
veröffentlicht er wöchentlich den "Literaturpodcast der vergessenen Bücher.
www.wolfgangfranssen.de
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Mado
Das Magazin zum Hörbuch
Impressum
Alle Rechte am Hörbuch liegen beim Autor
Deutsche Erstausgabe des Hörbuchs 2025
© 2025 Wolfgang Franßen, Ovelgönne
mail: kontaktf@posteo.de
Die Nutzung des Hörbuchs und Magazins für Text- und Data-Mining im
Sinne von § 44 UrhG behalten ich mir explizit vor.
Magazinlayout: © Enna Franßen
Coverfoto Hörbuch: © KAl'VAN/Adobe Stock
Coverfoto: Magazin © Volker Loche/Adobe Stock
Autorenfoto: © Kerstin Petermann
Satz: Adobe Express
ISBN: 978-3-9826888-1-7
als Stream auf allen Hörbuch-Plattformen erhältlich
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