Hörbuch Magazin Du hast den Tod nicht verdient
Das Hörbuchmagazin zu "Du hast den Tod nicht verdient" von Wolfgang Franßen. Essay, Interview, Leseprobe. (c) Wolfgang Franßen 2025
Das Hörbuchmagazin zu "Du hast den Tod nicht verdient" von Wolfgang Franßen. Essay, Interview, Leseprobe.
(c) Wolfgang Franßen 2025
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November
No. 3
Du hast den Tod nicht verdient
Das Magazin
zum Hörbuch
Essay
Interview
Leseprobe
Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
INHALT
1 Hörbuch
2
Die große Täuschung
3
4
3
4
5
6
Ich bin ein Opfer, aber ich will keins sein
Eins
Bio
1
Impressum
8
11
18
19
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4
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Hörbuch
Erscheint am 24. November 2025
Gelesen vom Autor
ISBN: 9783982688824
Inhalt
Als die Ich-Erzählerin Luna Wieck schwerverletzt in einer Klinik
aufwacht, spricht sie nicht mehr und verweigert jede Aussage über den
Attentäter in einem Hamburger Restaurant, der ihren Mann getötet hat
und dem die Flucht gelang. Wochen später in einer Rehaklinik für
posttraumatische Störungen begegnet ihr Aylin Mansoor, die glaubt, sie
sei schuld am Tod ihres Fahrers in Burundi. Wohin mit dem wachsenden
Zorn? Dem Gefühl der Ohnmacht? Inzwischen werden erste Details
über den geflohenen Attentäter bekannt. Er stammt aus dem syrischen
Homs. Als die Presse von Lunas Aufenthalt in der Klinik erfährt, flüchtet
sie zurück nach Hamburg, lebt unter falschem Namen als Untermieterin
und stellt sich mit Medikamenten ruhig. Ihre Kreativität als
Möbeldesignerin ist seit dem Anschlag verloren gegangen. Ein Video
vom Attentat, mit Rap-Musik unterlegt, taucht im Netz auf und endgültig
ist klar, dass Luna nicht zurück in ihr altes Leben kann. Sie besucht Aylin,
die inzwischen einen Bungalowpark am Edersee leitet und erhofift sich
von dem Besuch, wieder auf die Beine zu kommen. Aus ein paar Tagen
werden Wochen. Was sie nicht weiß, ist, dass in der Nähe ein Mord an
einem deutschen Politiker geschehen ist, und Aylin im Verdacht steht,
ihm in Burundi begegnet zu sein.
Hörprobe auf der Website: www.wolfgangfranssen.de
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Die große Täuschung
von
Wolfgang Franßen
Es lässt sich famos über die Gerechtigkeit streiten. Ist es nun gerecht, dass jeder
Fall in einer Serienproduktion, ob als Buch oder TV-Ereignis, sei dahingestellt,
nach einer Aufklärung verlangt und die Gerechtigkeit dazu verdammt wird, eine
Bestrafung nach sich zu ziehen? Was fordert sie eigentlich ein? Dass wir unser
Gewissen zum Stand der Dinge machen? Wir brauchen lediglich über den
Nachbarzaun zu schauen, und da wohnt ein anderes Gewissen. Womöglich
rechtsradikal. Dass dort die Gerechtigkeit ganz anders aussieht, dafür brauchen
wir keine Talkshow. Dem „gesunden“ Volksempfinden begegnen wir Woche für
Woche, wenn wir die Mülltonne rausstellen.
Selbst zwei nahestehende Menschen wie Aylin oder Luna im Roman empfinden
die Welt unterschiedlich. Dabei müssen sie auf Gerechtigkeit nicht verzichten.
Sie ziehen unterschiedliche Schlüsse daraus. Schließlich ist jeder Mensch
davon überzeugt, dass das, was ihm an Schrecklichem passiert ist, nicht zu
überbieten ist. Was wiederum den Schrei nach Rache freisetzt. Sperrt sie auf
ewig weg, beseitigt sie, radiert sie aus, lautet der Aufschrei, je nachdem, welchen
Grad das nicht wiedergutzumachende Unheil angenommen hat.
Im Noir, der sich letztlich aus dem Existenzialismus speist, existiert die
Hoffnung auf eine Gerechtigkeit kaum. Die Täter gehen häufig straffrei aus. Sie
kommen davon. Entspricht das eher unserer Wirklichkeit? Ich neige dazu, zu
nicken. Nur schiebt sich gleich der fatale Satz dazwischen, dass die Sieger die
Geschichte schreiben, ein offenes wie geschlossenes Ende somit allein dem
Leser überlassen wird.
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Autoren und Autorinnen werden entmündigt, wenn es um die Gerechtigkeit
geht, je klarer das Volksempfinden ist. Einen Sexualstraftäter lässt man nicht
davonkommen. Einen Terroristen macht man den Prozess. Bei Korruption wird
es da schon schwierig, die Beweislage zu erstellen. Wenn auch nicht so vertrackt
wie bei den Familientragödien, die sich aus sich selbst heraus ernähren. Die
verkorkste Kindheit, den Missbrauch, eine saufende Mutter oder einen
seelenlosen Vater zur Grundlage der Gerechtigkeit machen.
Aylin ist in Burundi zum Zusehen verurteilt. Ihre Ohnmacht wird zum
Aufschrei. Ihr Plan der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen. Wobei wir
wieder bei den Gartenzäunen sind. Er grenzt nicht nur den Rasen vom
Nachbargrundstück ab, rechts und links schmecken die Bratwürste
unterschiedlich. Die Moral liegt so lange auf dem Grill, bis sie Farbe
annimmt
Und Luna Wieck? Die Tochter aus vermögendem Haus, die auf der
Selbstsuche ist. Sie wird mitten aus ihrer Idylle gerissen. In ihr muss sich die
Frage nach der Gerechtigkeit erst bilden.
An ihr zeigt sich, wie die Gerechtigkeit sich
allmählich verformt, die es für sie zu Anfang
gar nicht geben kann, weil sie ihr aus der
Hand genommen wird. Strafverfolgung heißt
das Zauberwort.
Wer von den beiden Frauen hat sie also
gefunden? Die, die die Gerechtigkeit für sich
in Anspruch nimmt und handelt, oder die,
die einsieht, dass sie ihr beim Weiterleben
nicht helfen wird?
(c) phoelixDE/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Essay
Darüber hinaus sieht die männliche Gerechtigkeit anders aus als die weibliche.
Sie existiert, werden beide Seiten schreien. Die an der Philosophie Geschulten
behaupten, dass unsere Wirklichkeit nicht existiert, dass wir in mehreren
Dimensionen leben, es also mehrere Gerechtigkeiten gibt. Sagen Sie das mal
einem Opfer.
Also brauchen wir sie überhaupt? Leben die Überlebenden oder Angehörigen
eines Gewaltverbrechens anschließend zufriedener, beruhigter, um das Wort
vom Glücklichsein nicht zu strapazieren?
Ja. Eindeutig ja. Weil wir für die Tragödien dieser Welt einen Schuldigen
brauchen. Sonst wäre alles eine Farce. Ein komischer Mehrakter. Dann würden
wir über die Gerechtigkeit lachen.
Das geht so nicht.
Sonst fällt der Gartenzaun um. Und was dann?
(c)Dietrich Leppert/shutterstock
(c)
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Interview
Ich bin ein Opfer, aber ich will keins sein.
Lucie Brockmann im Gespräch mit Wolfgang Franßen
Wieso veröffentlichen Sie Ihre Romane als Hörbücher?
Nicht nur die Romane, ab nächstem Jahr auch meine Theaterstücke. Bei Stücken ist es
ja leider so: Sind sie erst einmal abgespielt, überleben sie nur in den Erinnerungen
derer, die sie auf der Bühne gesehen haben.
Sie waren über zwanzig Jahre Theaterregisseur und haben selbst Stücke
geschrieben?
Von denen veröffentliche ich als erstes „Hasenclever“, das 1993 im Ludwig Forum für
Internationale Kunst in Aachen uraufgeführt wurde. Mit ihm erinnere ich an Walter
Hasenclever, einen jener expressionistischen deutschen Schriftsteller, der zur Zeit der
Nazis aus demLeben geschieden ist.
Kommen wir zu Ihrem neuen Roman. Sie schreiben in Ihrem Essay „Die große
Täuschung“, dass es die Gerechtigkeit eigentlich nicht gibt, eher persönlich
empfunden wird. Ist das nicht traurig?
Wie oft streiten sich Menschen, ob etwas gerecht ist oder nicht? Wie viele Angeklagte
kommen nach Jahrzehnten frei? Wie viele sitzen in Staaten hinter Gittern, weil sie sich
angeblich strafbar gemacht haben und als Oppositionelle aus dem Verkehr gezogen
werden? Mit den Gesetzen versuchen wir, Ordnung zu schaffen, die Gerechtigkeit zu
definieren. Schauen wir über die Grenzen, kann ein Gesetz im Nachbarland anders
aussehen als in unserem eigenen. Ist ein Tatbestand also in einem Land gerecht und in
dem andern nicht? Die Gerechtigkeit ist ein schwimmender Begriff, letztlich
Auslegungssache. Das macht es oft nicht gerade gerecht.
8
Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Interview
Ist ein solcher Standpunkt angesichts des
Terrorismus und der Gefahr von Anschlägen
nicht verwerflich?
Aus Sicht der Opfer sicher. Ich habe nie verstanden,
wenn es in einem Film oder einem Buch nach einem
Mord hieß: Bringen Sie ihn zur Strecke, verhaften Sie ihn, suchen Sie den Mörder
meines Mannes, meiner Frau, meiner Schwester, wen auch immer. Und wie von
Zauberhand gelingt es. Es muss ein überzeugendes Motiv her und schon lässt sich
alles erklären. Als könne eine lebenslange Haft oder ein Todesurteil irgendwas
ausgleichen.Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht der Überzeugung, dass
wir die Täter laufen lassen sollten. In „Du hast den Tod nicht verdient“ gehe ich der
Frage nach: Wie weiterleben, wenn der Verlust eines Menschen uns schutzlos der
Trauer überlässt?
Luna und Aylin können unterschiedlicher nicht sein. Hier die Künstlerin, da die
Hedgefonds-Managerin. Bewusst so gewählt?
Die beiden sind es ja schon nicht mehr, wenn sie aufeinandertreffen. Sie durchleben
eine Art Vakuum. Luna entwirft längst keine Möbel mehr. Ihre Kreativität hat sie
verloren. Aylin hasst das Kapital, das im Umlauf bleiben muss, um Rendite
abzuwerfen, und vor nichts zurückschreckt. Sie sind beide aus ihrer Welt gerissen
und nicht therapierbar.
Da ist Aylins Bruder, krank, verbittert, rebellisch. Da ist Lunas Vater, unfähig,
seiner Tochter die Liebe zu geben, die sie zum Leben braucht. Was fasziniert Sie
an solchen Figuren?
Ich höre immer wieder den Spruch: Mit einem Beruf kommt man heutzutage nicht
mehr durchs Leben. Also kann ich nur antworten: Mit einem Leben kommt man
heutzutage nicht mehr durchs Leben. Nach Scheidungen wollen wir neu anfangen.
Auch sonst bestehen wir darauf, dass es an der nächsten Ecke ein glücklicheres
Leben für uns gibt.
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Interview
Medikamentenmissbrauch, Alkohol – nicht gerade
die besten Voraussetzungen, um ein glückliches
Leben zu führen.
Und doch verbindet die beiden Frauen eine
unausgesprochene Freundschaft, die auf Respekt
voreinander beruht. Luna die Zauderin, Aylin die Fordernde. Sie treffen im Verlauf
der Geschichte auf Menschen, deren Leben ihnen einen Weg weisen könnten. Luna
auf eine alte Frau, die mit kostbaren Parkettböden in einer Villa lebt. Aylin vor langer
Zeit auf einen Mentor, der sie zu erden versuchte.
Aber sie treffen auch auf Menschen, die sich so gerade über Wasser halten. Wie
Bram in seinem Diner. Mit einem Bein im Schuldturm, mit dem anderen hinter
der Theke.
Ich behaupte ja nicht, dass es nicht auch Überlebenskünstler gibt.
Und die Gerechtigkeit? Was ist mit der?
Sie meinen für Bram? Für uns? Die Antwort kennen Sie.
Allesamt sind wir also Existenzialisten?
Lassen Sie das mal nicht die hören, die sagen, der Existenzialismus ist tot. Er kehrt
gerade zurück.
Herr Franßen, ich danke Ihnen für das Gespräch.
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Eins
Ich marschierte Seite an Seite untergehakt durch die Straßen. Mit mir in der ersten
Reihe: Gandhi, Mitterrand, Simone mit ihrer hochgesteckten Frisur. Keine
Schlagstöcke, kein Tränengas, keine geifernden Rechten am Straßenrand, keine
Journalisten in Schusswesten. Ich und Gandhi und Mitterand und Simone zogen
zum Brandenburger Tor, wo wir den Kanzler erwarteten. Hinter uns die ganze Welt.
Minutenlang schwappte das hin und her. Selbst mir wurde bewusst, dass das nicht
sein konnte. Ich mit aufgeknöpfter Bluse mitten im Winter. Umgeben von Applaus,
von Zuspruch, von Glückwünschen, von Beileidsbekundungen, und dann kroch da
ein Salamander über Gandhis Brust.
„Hier läuft was völlig aus dem Ruder, Kleines“, hörte ich die Stimme meines
Vaters.
„Schlaf, Prinzessin“, flüsterte Gandhi mir ins Ohr.
Eine Welle erfasste mich. Eine weitere. Ich lag mitten in einer Brandung. Wasser
lief mir übers Gesicht. Was nicht sein konnte. Da war das Restaurant. Ich lag unter
einem Tisch in Scherben. Seltsame Stimmen waren zu hören.
Sie riefen: „Hier. Die lebt.“
Sie versuchten, den Tisch wegzuschieben, doch Chastain und mein Körper waren
so ineinander verkeilt, dass meine Beine und sein linker Oberarm ihn blockierten.
@Greens and Blues/shutterstock
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(C)DOERS/SHUTTERSTOCK
Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
„Wir brauchen einen Arzt“, rief jemand.
„Sie sind in die Seitengasse rein“, schrie einer anderer.
Mein Gott. Plötzlich besaßen sie alle einen Gott.
„Die ist tot“, beschloss einer, dessen Stiefel nicht weit von mir auftauchten.
„Nein, ist sie nicht“, schrie ein anderer. „Der verdammte Tisch muss weg. Sie
verblutet uns.“
„Weg da.“ Die Stimme einer Frau.
Es war nicht mein Blut, das übers Gesicht den Hals hinunterlief, während mich
eine Welle aus Schmerz und Nebel wegschwemmte.
„Ich sag' doch, sie lebt“, entschied einer, der neben mir kniete und dessen Atem
ich spürte.
Doch Chastain gab mich nicht frei. Er war nach hinten gekippt und auf mir
gelandet. Ihm verdankte ich mein Leben. Wenn das alles vorüber wäre, würde er mir
jedes Detail schildern und ich darüber lachen. Als die Männer den Tisch
entzweischnitten und ihn von mir zogen, breitete sich blankes Entsetzen aus. Ich
ertrank, bekam keine Luft, der Schmerz schoss durch meine Brust.
„Wir sind da“, flüsterte eine Frau und beugte sich über mich. „Keine Angst.“
Wieder trafen Chastain die Schüsse und er kippte zurück und zog mich mit sich.
Wieder regneten die Scherben auf uns herab.
„Alles gut“, flüsterte er, „alles gut.“ Ausgerechnet er, der kein Blut sehen konnte.
„Wir sehen uns morgen. Jetzt musst du schlafen.“
(c)tolobalaguer/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Das war immer meine große Stärke gewesen: mir Dinge schönzureden. Mich
überraschen zu lassen. In den meisten Fällen trat dann alles so zu sein, wie ich es mir
wünschte.
Ich schwebte an Schläuchen und Kabeln in einem weißen Zimmer. Die Lippen
klebten aufeinander. Schwestern kontrollierten die Ausschläge auf den Monitoren
und drehten am Tropf. Sie tupften mir mit einem feuchten Schwamm über den
Mund. Wasser sickerte hinein. Jede Berührung empfand ich überdeutlich. Mein Vater
stand mit einem hellblauen Jackett über dem Arm in der Tür. Hilflos, verzweifelt,
wütend.
Frauen und Männer in einem Krankenhaus zu trennen, war eine Schande, sagte
ich mir. Weißes Licht hüllte mich ein. Ich würde darauf bestehen, in Chastains
Zimmer verlegt zu werden. Mein Retter. Mein Held. Der Schmerz riss mich von innen
auf. Ich schrie lautlos, hechelte. Jemand nahm meinen Kopf zwischen seine Hände,
hielt ihn und schon zersplitterte der Blick und alles fror ein. Bis auf das Brüllen in
mir.
Da war Chastain und er kippte nach hinten. Und da war ich, die ihn nicht
aufzufangen vermochte.
Sein Körper auf meinem. Dann nichts mehr.
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(c) Ionov Vitaly/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Es gab bessere Zeiten. Wir waren bei Freunden beliebt, brachten Verwandte
selten gegen uns auf und fuhren wie alle zweimal im Jahr in Urlaub. Im Frühjahr, um
uns Städte anzusehen und den verschrobenen Reiseführern zu vertrauen, die uns in
die abgelegensten Ecken lotsten, die außer uns kein Tourist zu sehen beabsichtigte.
Der Herbst war wegen Chastain der Ruhe vorbehalten. Dem Herumliegen, dem
Faulenzen, dem Lesen, dem Pool und allem, was wir bis zur Erschöpfung im Bett
lustvoll trieben.
Bei den großen Themen stritten wir selten miteinander. Früh entwickelten wir ein
Gespür dafür, was der andere für sein Leben brauchte, und respektierten es. Wir
überzeugten uns, statt auf Biegen und Brechen recht zu behalten. Was nicht hieß,
dass es nicht manchmal krachte. Höchstens für eine Nacht. Am nächsten Morgen
fühlte sich jedes falsche Wort überflüssig an. Wer die Oberhand behielt, war kein
Thema zwischen uns. Heiraten etwas, was andere taten. Die Frage, ob wir glücklich
miteinander waren, stellte sich nicht. Glück als was? Als Paar? Als Frau? Nach außen
erschienen wir so. Innen drin gab es Tage, an denen wir dem merkwürdigen Begriff
nahekamen, den wir belächelten.
Wir erhoben keinen Anspruch auf den anderen. Nicht so wie die Nachbarn, die
in ihrem Leben beschlossen hatten, unbedingt den Fehler zu begehen, sich selbst im
anderen zu suchen.
@Rawpixel.com/shutterstock
(c)optimarc/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Chastain war Realist, nüchtern, analytisch, verließ sich auf das, was feststand. Auf
Fakten. War gerne unter Leuten. Ich hingegen brauchte Auszeiten. Außerdem war
ich etwas aufbrausend, wenn es im Atelier nicht so lief, wie ich es mir vorstellte. Ich
war für das Optische zuständig, manchmal für das zwischen den Zeilen. Ich wies ihn
auf verspielte Details, auf falsche Farben hin und hasste den Überfluss.
Wann es sich eingebürgert hatte, ihn beim Nachnamen zu nennen? Womöglich
von Anfang an. Er war Chastain. Das Richard brauchten wir nicht. Wer seinen
Vornamen herauszufinden versuchte, sah am besten heimlich seine Post durch.
Er war mein Mann aus der Normandie und stammte aus einer
Schrotthändlerfamilie, die seit Generationen ihr Geld anzulegen verstand. Seiner
anfänglichen Neigung, Notar zu werden, hatte sein Vater skeptisch
gegenübergestanden. Nach der ersten Umweltklage gegen den Lagerplatz reifte im
Kreis der Verwandtschaft die Überzeugung, dass sie durchaus einen Anwalt in ihrer
Reihen brauchten. Mein Mann aus der Normandie liebte seine Familie. Sie
vergötterten ihn und ich verfiel ihm.
Wir seien ein schönes Paar, hatte eine an Melancholie leidende Tante mit
rauchgeschwängerter Stimme bei einem Besuch festgestellt. Dass Chastain in
Deutschland bleibe, gehe gar nicht, sei unverzeihlich. Ein Franzose gehöre nicht ins
Ausland. Er solle eine Französin aus mir machen und nicht den Deutschen spielen.
Warum Zollrecht, Seerecht, all die Rechte, die nichts mit der Familie zu tun hatten?
Sie lebten nicht am Meer. Sie besaßen keine Schiffe. Beruflich ging es in ihren
Augen mit ihm bergab, nachdem er als Anwalt in einer Rechtshilfekanzlei anfing.
Was hatte ein Chastain in Hamburg zu suchen?
Genau, diese Frau. Ich, hatte ihm den Kopf verdreht
(c)leungchopan/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
Selbst studierte ich zwei Jahre zu lange Design, spekulierte auf einen Dozentenjob
und hätte ohne die Verlängerung des Studiums meinen Franzosen niemals
kennengelernt.
Es geschah an einem Donnerstag. Einem jener Tage, die ich gerne schnell hinter
mich brachte, weil ich abends mit Freundinnen ins Kino ging.Vor dem Institut
blockierte Chastain dreist meinen Wagen, weil er nur kurz hineinspringen wollte, um
etwas abzugeben. Aus dem Kurz wurden zehn Minuten, dann eine Viertelstunde. Ich
kochte innerlich, hielt bereits mein Handy in der Hand, um ihn abschleppen zu
lassen. Eine Frau, die keinen dringenden Termin hatte, ... trotzdem. Eine Frau, die
selbst gerne in zweiter Reihe parkte, ... trotzdem. Der erste Eindruck, als er auf der
Treppe auftauchte: Eine Eule mit hängenden Schultern, die meinen gerechten Zorn
mit Charme auf die Probe stellte. Genau wie sein Vater es mit seiner Mutter tat, sein
älterer Bruder mit seiner Zukünftigen, sein Onkel mit der schwermütigen Tante.
Er ging fraglos davon aus, dass ich träumte, in Paris zu leben. Ich zeigte ihm einen
Vogel. Er war ein Idiot. Einer, der mit durchdrehenden Reifen losfuhr und
hoffentlich meinen Finger im Rückspiegel sah.
An dem Tag kannte er meine Familie noch nicht. Eine Mutter, die die Sonne
mied, sich vor ansteckenden Krankheiten fürchtete und sich lieber die Hände
wusch, statt sie anderen zu schütteln. Wir waren nicht charmant, wir standen mit
beiden Beinen im Leben, wie mein Vater gerne betonte. Er hatte seiner Frau längst
verziehen, dass sie mich nicht auf die Welt hatte bringen wollen. Zu viele
Medikamente gegen Allergien, ein Reizdarm und die grausame Vorstellung, wegen
(c)Quality Stock Arts/shutterstock
@Digital Pen/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Leseprobe
der allgemeinen Luftverschmutzung eine Missbildung im Mutterleib zu tragen. Die
Ultraschallbilder stachelten sie geradezu auf. Ich war von Anfang das Kind meines
Vaters.
„Excusez-moi“, war das Plumpeste überhaupt, was er zu mir hatte sagen können.
Warum war er kein Italiener? Ich fuhr zu der Zeit oft nach Rimini.
Im Übrigen spielte das Geld in meiner Familie dieselbe große Rolle wie in seiner.
Wir besaßen mehr davon. Was wir den Containern im Hafen verdankten. Mein Vater
hatte in seinem Leben eine richtige Entscheidung getroffen: Als er sich vom
Containerhandel trennte und sein Vermögen in Immobilien anlegte.
So durfte ich die Künstlerin geben, die verkrachte Existenz, die in einem
gemachten Bett lag. Meine Eltern hatte den Fehler begangen, kein zweites Kind in
die Welt zu setzen. Gleichermaßen als Reserve, wenn der erste Versuch misslang. Ein
Ersatzkind. Was sie angesichts meiner Sturheit sicher bereuten. In keiner
Generation zuvor hatte es ein Anzeichen für eine künstlerische Ader gegeben. Jede
hatte sich etwas aufbauen wollen. Und dann ich.
Du hast den Tod nicht verdient (c) Wolfgang Franßen
(c)SibRapid/shutterstock
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Bio
Wolfgang Franßen, gebürtiger Aachener, Studium der Germanistik,
Soziologie und Geschichte, Regisseur, inszenierte 22 Jahre am Theater.
Neben Shakespeare und Büchner zeitgenössische Autoren. Sein Stück
„Hasenclever“ wurde 1993 im Ludwig Forum für internationale Kunst
uraufgeführt. 2013 gründete er in Hamburg den Polar Verlag. Seit 2021
veröffentlicht er wöchentlich den „Literaturpodcast der vergessenen
Bücher“. „Mado“ sein erster Roman erschien 2021 im Europa Verlag.
Seine Hörbuchreihe startete 2025.
www.wolfgangfranssen.de
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Himmel über der Grenze
Das Magazin zum Hörbuch
Impressum
Alle Rechte liegen beim Autor
Deutsche Erstausgabe des Hörbuchs 2025
© 2025 Wolfgang Franßen, Ovelgönne
mail: hoerbuchmagazin-franssen@posteo.de
Die Nutzung des Hörbuchs und Magazins für Text- und Data-Mining im
Sinne von § 44 UrhG behalten ich mir explizit vor.
Magazinlayout: © Enna Franßen
Coverfoto Hörbuch: © Alina D. Magauova/Adobe Stock
Coverfoto: Magazin © PeopleImages/shutterstock
Autorenfoto: © Kerstin Petermann
Satz: Adobe Express
ISBN: 9783982688824
als Stream auf allen Hörbuch-Plattformen erhältlich
kostenlose, digitale Ausgabe der digitalen Magazine unter:
kontakt-magazin@posteo.de
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