GSV Jahrbuch Mobilität 2025
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ZUKUNFT DER MOBILITÄT
Grafik: Heid & Partner Rechtsanwälte
Fachbeitrag von Heid & Partner Rechtsanwälte
Allianzverträge als Erfolgsmodell für Infrastrukturprojekte
Kostenüberschreitungen, Terminverzögerungen, Standard für komplexe Infrastrukturprojekte etabliert.
umfangreiches Claim-Management und Konflikte
Die Ergebnisse sind eindeutig: Bessere Pro-
bis hin zu langwierigen Gerichtsverfahren gehören
jektperformance, termingerechte Fertigstellungen
seit Jahrzehnten zum Alltag vieler Infrastruk-
und eine deutliche Verringerung von Streitigkeiten.
turprojekte. Gerade im Straßen-, Brücken- und Seit einigen Jahren setzt sich dieses Modell auch
Tunnelbau sowie bei Großprojekten des Schienenverkehrs
im deutschsprachigen Raum zunehmend durch.
führen diese Probleme regelmäßig zu
Konflikten, erheblichen Mehrkosten und verspäteten
Anwendung im Infrastrukturbau
Fertigstellungen.
Auch in Österreich setzen immer mehr große Auftraggeber
Das sogenannte Allianzmodell bietet dafür einen
auf Allianzverträge, um komplexe Inf-
Lösungsweg. Es richtet die Zusammenarbeit aller rastrukturprojekte effizienter und mit nachhaltig
Projektbeteiligten von Beginn an auf gemeinsame besseren Ergebnissen zu realisieren. Besonders
Ziele und partnerschaftliches Handeln aus. Diese hervorzuheben sind Projekte der TIWAG, ASFI-
Form der kollaborativen Zusammenarbeit ermöglicht
NAG und der ÖBB, die Allianzverträge im Kraft-
es, die besten Lösungen für das Projekt zu werks-, Straßen-, Brücken-, Eisenbahn- und Tun-
entwickeln, und trägt erheblich zur Vermeidung nelbau bereits erfolgreich umsetzen. Ebenso wird
von Konflikten bei – ein entscheidender Vorteil gerade
das Modell in Deutschland und der Schweiz von
bei komplexen Verkehrsinfrastrukturprojek-
Auftraggebern wie der DB, Amprion und SBB ein-
ten mit zahlreichen Schnittstellen.
gesetzt.
Internationale Erfahrung
Grundsätze des Allianzvertrages
International wird das Allianzmodell seit fast vier Beim Allianzvertrag handelt es sich um einen
Jahrzehnten erfolgreich angewendet. Länder wie Werkvertrag gemäß § 1151 ABGB zur „Herstellung
Australien (Project Alliancing), Neuseeland, die eines Werkes gegen Entgelt“. Von einem klassischen
USA (Integrated Project Delivery – IPD), Kanada,
ÖNORM-Vertrag unterscheiden den Allianz-
Finnland oder Großbritannien (Project Partnering, vertrag insbesondere das Vergütungsmodell, das
FAC-1) haben dieses Vertragsmodell längst als gemeinsame Tragen von Risiken, eine gemeinsame
Organisationsstruktur, die Konfliktbehandlung
sowie der Auswahlprozess.
• Vergütungsmodell: Allianzverträge bauen
auf einem dreiteiligen Vergütungsmodell
auf. Teil 1 enthält die tatsächlichen Kosten
(z.B. Lohn, Gehalt, Material, Betriebsstoffe
und Betriebsmittel, Gerät, Subunternehmer
und Versicherungen) ohne Zuschlag (eins zu
eins), die nach open books vergütet werden.
Teil 2 besteht aus den indirekten Kosten (Geschäftsgemeinkosten,
Bauzinsen, Kosten
für Versicherungen usw.), welche als Pauschale
oder Prozentsatz vergütet werden.
Allianzverträge bauen auf einem dreiteiligen Vergütungsmodell auf
Teil 3 ist die Bonus-Malus-Systematik, durch die
der Auftragnehmer in vom Auftraggeber festgelegten
Bereichen (wie z.B. Kosten, Termin, Qualität,
Arbeitssicherheit, Kooperation) auf Basis
von im Vorfeld errechneten Zielkosten an der
Projektperformance partizipiert. Aus der Differenz
von Zielkosten und den tatsächlichen Endkosten
ergibt sich bei Kostenunterschreitung ein
Bonus und bei Kostenüberschreitung ein Malus.
• Gemeinsame Risikoübernahme (Risk-sharing):
Bei Allianzverträgen wird von der Sphärentrennung
der ÖNORM B 2110 abgegangen
und zusätzlich zu den Risikobereichen von Auftragnehmern
und Auftraggebern eine gemeinsame
Risikosphäre (z.B. für „geologische Risiken")
eingeführt. Durch die gemeinsame Risikoübernahme
steigt das Bestreben, auch gemeinsame
Lösungen zu finden.
• Organisationsstruktur: Auftraggeber und
Auftragnehmer besetzen gemeinsam eine hierarchische
Organisationsstruktur die ähnlich wie
ein Unternehmen aufgebaut ist. Sie setzt sich
in der Regel aus einem Allianzvorstand (oberste
Instanz, welche für die Aufsicht, Führung und
Steuerung der Allianz zuständig ist), dem Allianz
Managementteam (operative Leitung und
Management des Projekts) und dem erweiterten
Projektteam (z.B. Projektingenieure, Sekretärinnen)
zusammen.
• Konfliktlösung: Ein zentraler Gedanke von Allianzverträgen
ist die Konfliktvermeidung, welche
durch eine „no-blame-Kultur“ und Anreizmechanismen
gewährleistet wird. Für den Fall
von Unstimmigkeiten zwischen den Beteiligten
ist in Allianzverträgen ein mehrstufiger, standardisierter
Konfliktlösungsprozess vorgesehen.
Ergebnisse in Österreich
Bislang wurden – unter Begleitung von Heid &
Partner – 13 Allianzverträge mit einem Projektvolumen
von rund 1,74 Milliarden Euro abgeschlossen.
Sieben Bauvorhaben sind bereits fertiggestellt.
Die Bilanz ist eindeutig:
• überdurchschnittliche Projektergebnisse
• deutlich weniger Konflikte
• hohe Zufriedenheit auf Baustelle und Führungsebene
• keine Auseinandersetzungen über Mehrkosten
• keine Gerichtsverfahren
Für das Straßen- und Verkehrswesen bietet das
Allianzmodell eine attraktive Alternative zu klassischen
Vertragsmodellen. Es fördert die Kostensicherheit,
die Einhaltung von Terminen, die
bestmögliche Einbindung des Know-hows des Auftragnehmers
und das bei gleichzeitigem Rückgang
von Konflikten. Angesichts der bevorstehenden
Infrastrukturprojekte in Österreich, Deutschland
und der Schweiz sowie der bisher gesammelten
Erfahrungen ist zu erwarten, dass Allianzverträge
künftig eine noch größere Rolle für komplexe Infrastrukturvorhaben
spielen werden.
Autoren: Bmstr. Dipl. Ing. Dr. Daniel Deutschmann
ist Rechtsanwalt und Partner bei der Heid
und Partner Rechtsanwälte GmbH. Seine Spezialgebiete
sind die öffentliche Auftragsvergabe sowie
die Vertragsgestaltung von Planungs- und Bauleistungen
für komplexe Hoch- und Tiefbauprojekte,
alternative Vertragsmodelle (z.B. Allianzverträge,
ECI-Modelle), Anti Claim-Management und Building
Information Modeling (BIM).
Mag. Maximilian Cortolezis ist geprüfter Rechtsanwaltsanwärter
bei der Heid und Partner Rechtsanwälte
GmbH. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten
zählen alternative Vertrags- und Vergabemodelle,
Vergaberecht sowie Wirtschaftsrecht. Er war an
der Umsetzung mehrerer Allianzprojekte beteiligt
und bringt seine Expertise in fachspezifischen
Arbeitskreisen ein – unter anderem
als Mitwirkender am ÖBV-Merkblatt
„Alternative Vergabe- und Vertragsmodelle“.
Heid & Partner Rechtsanwälte ist
eine der führenden österreichischen
Anwaltskanzleien im öffentlichen Wirtschaftsrecht
und im privaten Baurecht
mit Standorten in Wien, Tirol, Oberösterreich,
Salzburg und Kärnten.
Kontakt:
deutschmann@heid-partner.at
cortolezis@heid-partner.at
Allianzverträge sind ideal für
komplexe Infrastrukturprojekte
Foto: Heid & Partner Rechtsanwälte
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