G+L 12/2025
Hinterhöfe
Hinterhöfe
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20|12
25
MAGAZIN FÜR LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
UND STADTPLANUNG
HINTERHÖFE
EDITORIAL
In den dicht bebauten Städten von heute scheint es kaum noch Orte zu geben,
die zum Durchatmen und Innehalten einladen – Orte, die Raum für das Kleine,
das Zufällige und das Verborgene bieten. Während Parks und Plätze längst zu
den prominentesten Elementen urbaner Freiräume zählen, bleiben die Hinterhöfe
noch oft im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dabei sind sie wahre
Schätze in einer Stadtlandschaft, die von Dichte und Hektik geprägt ist. Die
stillen Hinterhöfe können mehr sein als ungenutzte Zwischenräume – sie bieten
die Möglichkeit, das Leben in der Stadt zu erneuern, zu begrünen und eine intime
Form der Gemeinschaft zu fördern.
Für das Cover dieses Monats wandert
unser Blick zur Abwechslung einmal nach
oben. Wir stehen in einem Hinterhof und
fragen uns, was planungstechnisch getan
werden kann, damit wir uns nicht eingeengt,
sondern geborgen fühlen. In dieser
G+L-Ausgabe untersuchen wir Projekte,
die sich auf unterschiedliche Art und Weise
der Hinterhofthematik annehmen und das
Potenzial dieser Stadträume sichtbar
machen.
Unsere Dezemberausgabe widmet sich diesen stillen Ecken, die zunehmend als
Orte des Rückzugs und des sozialen Miteinanders an Bedeutung gewinnen. Wir
präsentieren Hinterhofprojekte, die innovative Antworten auf drängende Fra gen
des städtischen Lebens bieten. Von neu geschaffenen Gemeinschaftsgärten über
kinderfreundliche Spielecken bis hin zu ökologisch wertvollen Räumen: Diese
Beispiele zeigen, wie man Flächen, die oft brachliegen, in kostbare urbane Freiräume
verwandeln kann. Hier können Nachbarn ins Gespräch kommen, Kinder
spielen, Pflanzen wachsen – kurz: Es entstehen Räume, die das soziale Gefüge
und die Umwelt gleichermaßen bereichern.
Doch die Umsetzung solcher Projekte ist nicht immer leicht. Investor*innen
und Immo bilienentwickler*innen betrachten Hinterhöfe aufgrund des größer
werdenden Wohnraummangels immer öfter als Raum für potenzielle und
notwendige Nachverdichtung. So würde man zwar dem Wohnraummangel
Schritt für Schritt Herr werden, allerdings werden Städte auf die Weise auch
immer stärker versiegelt. Ein Konflikt also zwischen sozialen und ökologischen
Themen, der in den ver bor genen Räumen der Stadt ausgetragen wird. Die
Herausforderung für uns als Planer*innen ist es, Hinterhöfe als wertvolle
Ressourcen zu verstehen, die eben so Schutz und Vielfalt bieten können – und
die ihrerseits an manchen Stellen geschützt werden sollten.
Die Heftthemen spannen den Bogen von gestalterischen Konzepten bis hin zu
Partizipationsmodellen, die es Anwohner*innen ermöglichen, aktiv an der Gestaltung
„ihrer“ Hinterhöfe mitzuwirken. Zudem beleuchten wir, wie die Thema tik
aus architekturpsychologischer Sicht angegangen werden sollte – worauf ist zu
achten, wenn man Hinterhöfe gestaltet? Was bietet den meisten Mehrwert für
die Bewohner*innen?
Mit Blick auf 2026 stellt sich die Frage, wie wir den zunehmend knappen Raum
in Städten bewusster und gerechter verteilen können. Hinterhöfe bieten die
Chance, dabei nicht nur an großen Entwürfen festzuhalten, sondern auch die
kleinen, nahbaren Freiräume ins Zentrum unserer Überlegungen zu rücken.
Denn am Ende sind es oft die stillen Orte, die das Stadtleben wirklich lebenswert
machen.
Coverfoto: Pexels, Fotograf: Mart LMJ
THERESA RAMISCH
CHEFREDAKTION
t.ramisch@georg-media.de
KATHARINA KOHRING
REDAKTION
k.kohring@georg-media.de
G+L 3
INHALT
AKTUELLES
06 SNAPSHOTS
09 MOMENTAUFNAHME
Rentier unter Strom
HINTERHÖFE
10 EIN FENSTER ZUM HOF
Zwischen Pumuckl und Hitchcock: Orte des Alltäglichen und des Wundersamen
14 BAUEN UNTER DENKMALSCHUTZ
Der Brüggemannhof in Hannover kann beides: Denkmal- und Klimaschutz
18 INNENHÖFE DER ZUKUNFT
Beim Courtyard of the Future in Kopenhagen spielt Regenwasser die Hauptrolle
22 HINTERHÖFE – ZWISCHENRÄUME, FREIRÄUME, RESONANZRÄUME
Kommentar von Dr. Jonathan Roth, Leiter des Projekts „Hinterhof Westend“
24 HINTERHÖFE NEU GEDACHT
Die Fischbeker Höfe in Hamburg lösen ein ehemaliges Kasernengelände ab
28 VON DER BRACHE ZUR ÖFFENTLICHEN QUARTIERSADRESSE
„Wohnen am Palaisplatz“ in Dresden – grünes Bindeglied zwischen Alt und Neu
32 „SO EINE HAUSGEMEINSCHAFT IST GELEBTE DEMOKRATIE“
Interview mit Monika Feldmer-Metzger, Expertin für Architekturpsychologie
36 EIN STÜCK PARADIES
Der Missionsgarten in Basel zeigt den Wandel von privat zu öffentlich
40 LEBENDIGER GRÜNRAUM
Der „Grüne Weiler“ in Münster setzt auf partizipative Freiraumgestaltung
44 WO DIE STADT DURCHATMEN KANN
Kommentar von Stephanie Haury, Projektleiterin im BBSR zum Thema Stadtgrün
46 GRÜNE OASE INMITTEN URBANER DICHTE
Der Frauengarten in Berlin zeigt im Versteckten ökologische Nachverdichtung
50 EIN GARTENZIMMER FÜR DIE GEMEINSAMKEIT
Lyse-Lotte in Basel zeigt, dass der Hinterhof das Herz des Quartiers sein kann
54 DAS BESSERE NEUBAUGEBIET
Kommentar von Vincent Schmitt, Architekt M.A. und Entwurfsassistent an der TUM
PRODUKTE
Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft
für Gartenkunst und
Landschaftskultur e.V.
(DGGL)
Pariser Platz 6
Allianz Forum
10117 Berlin-Mitte
www.dggl.org
56 LÖSUNGEN
Stadtmobiliar
RUBRIKEN
62 Impressum
62 Lieferquellen
63 Stellenmarkt
64 DGGL
66 Sichtachse
66 Vorschau
G+L 5
BAUEN
UNTER DENKMAL-
SCHUTZ
Bauen im Bestand gilt häufig als Balanceakt zwischen Bewahren und Erneuern.
Gerade unter Denkmalschutz scheint die Gestaltungsfreiheit oft begrenzt. Für
nsp landschaftsarchitekten stadtplaner ist der Umgang mit historischer Subs tanz
jedoch keine Hemmnis, sondern ein Impuls für neue Ideen im Freiraum. Wir werfen
einen Blick darauf, wie die Planer*innen den denkmalgeschützten Brüggemannhof
in Hannover sensibel weiterentwickelten und dabei Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft stimmig in einem grünen Innenhof vereinen.
ANNE HEINKELMANN
AUTORIN
Anne Heinkelmann
studierte Landschaftsarchitektur
an der TU
München und der
Sveriges lantbruksuniversitet
in
Alnarp, Schweden.
Sie arbeitete mitunter
für Skorka Stadtplanung
und ist seit
2020 bei adlerolesch
München GmbH
angestellt.
Der Brüggemannhof ist ein Stück denkmalgeschützte
Baukultur in Hannovers
Nordstadt. Im vergangenen Jahr feierte
er sein 100-jähriges Jubiläum. Einst als
„Schlosswender Garten“ bekannt, ist er
eine geschlossene Wohnsiedlung mit
Freianlagen im Innenhof. Der Brüggemannhof
entstand zwischen 1912 und
1924 für Arbeiterfamilien – errichtet von
der Spar- und Bauverein eG in Zeiten
großer Wohnungsnot. Doch die Ansprüche
an das Wohnen veränderten sich:
Urbane Gemeinschaft, Klimawandelanpassung
und Barrierefreiheit prägen die
heutige Freiraumplanung. Also veranlasste
die Spar- und Bauverein eG zwischen
2016 und 2022 die Sanierung
der Gebäude und die Neugestaltung
der Freianlagen.
Das Büro nsp landschaftsarchitekten stadtplaner
ist für die Umplanung des Hinterhofes
verantwortlich. Ihr Entwurf interpretiert
das historische Ensemble neu – mit
klarer Haltung zur Historie bei zeitgemäßer
Gestaltung. Der rund 4 225 Quadratmeter
große Innenhof wurde so zu einer
grünen Oase für die Anwohner*innen.
KLARE GESTALTUNG FÜR MENSCH UND
ARCHITEKTUR
Wenn historische Bausubstanz auf zeitgenössische
Anforderungen trifft, ist
Fingerspitzengefühl gefragt. Die Planer*innen
von nsp landschaftsarchitekten
stadtplaner griffen die ursprüngliche
Idee des „Schlosswender Gartens“ auf
– eine gemeinschaftlich und vegetativ
14 G+L
HINTERHÖFE
BRÜGGEMANNHOF HANNOVER
Fotos: Franziska Depenbrock/nsp landschaftsarchitekten stadtplaner PartGmbB
oben: Der rund 4 225
Quadratmeter große
Innenhof wurde zu
einer grünen Oase für
die Anwohner*innen.
unten: Ein eingelassenes
„Laufband“ aus
Betonplatten durchzieht
das Pflaster und
setzt eine klare Linie
durch den Hof.
G+L 15
INNENHÖFE
DER ZUKUNFT
Wie können wir urbane Freiräume gestalten, die nicht nur widerstandsfähig
gegenüber dem Klimawandel sind, sondern auch Lebensqualität, Gemeinschaft
und Natur verbinden? Eine aktuelle Frage, mit der sich unter anderem die Stadt
Kopenhagen in ihren Demonstrationsprojekten für Regenwassermanagement unter
dem Titel „The Courtyards of the Future“ – also den Innenhöfen der Zukunft
– beschäftigt. Der modernisierte Hinterhof am Straussvej ist eines jener Pilotprojekte.
Wir haben uns genauer angesehen, was ihn besonders macht.
ANNE HEINKELMANN
AUTORIN
Anne Heinkelmann
studierte Landschaftsarchitektur
an der TU
München und der
Sveriges lantbruksuniversitet
in
Alnarp, Schweden.
Sie arbeitete mitunter
für Skorka Stadtplanung
und ist seit
2020 bei adlerolesch
München GmbH
angestellt.
Im Straussvej in Kopenhagen realisierten
die Architekt*innen von Lendager mit dem
Büro BOGL Landschaftsarchitekt*innen
2021 eines von drei Demonstrationsprojekten
im Rahmen des städtischen Klimaanpassungsplans.
Diese sollen Kopenhagen
sowie den Rest der Welt dazu inspi rieren,
lokale Regenwasserbewirtschaftung mit
innovativen Gestaltungsansätzen zu vereinen.
Die Konzeptidee hinter der Sanierung
des privaten Hinterhofs im Straussvej ist
dabei simpel: Man sieht Regenwasser
nicht als Problem, sondern als Ressource.
WASSER SCHAFFT GEMEINSCHAFT
Bei diesem Projekt ist Regenwassermanagement
also nicht nur eine technische
Maßnahme, sondern ein integraler Bestandteil
der Architektur, Ästhetik und Atmosphäre.
Dieses Konzept ermöglicht eine
Gestaltung, die effektiv, transparent und
sensorisch ansprechend ist.
Die Hofmitte umfasst eine Grünfläche mit
Teich sowie Spiel- und Aufenthaltszonen.
Das Herz des Hofes bildet ein Gewächshaus.
Hier ist Platz für Alltagsaktivitäten,
wie Pflanzen-Anzucht oder gemeinsame
Veranstaltungen. Der gläserne Bau verlängert
durch das einfallende Sonnenlicht die
Freiluftsaison im Hof um bis zu 100 Tage
im Jahr. Eine offene Rinne – die sogenannte
„Klimamauer“ – umfasst die zentrale
Grünfläche. Jenseits der Rinne befinden
sich die Zugänge zu den Treppen häusern,
Flächen für den täglichen Gebrauch und
Feuerwehr-Funktionsbereiche.
Das Projekt wurde partizipativ mit den
Anwohnenden, den betroffenen Wohnungsbaugesellschaften
und der Stadtverwaltung
Kopenhagen entwickelt. Die aktive
Einbindung der Bewohner*innen in die
Gestaltung des Innenhofs förderte das
Gefühl von Gemeinschaft und Eigenverantwortung.
Hieraus entwickelten sich
neue Initiativen und Kooperationen, die
fortan das gemeinsame Leben im Hinterhof
prägen.
REGEN NEU GEDACHT
Das Regenwasser wird von den Dächern
und Wegen in die grüne Hofmitte geleitet,
die als Rückhaltebecken fungiert. Dort
speichert ein System aus Feuchtgebieten,
Grünflächen, Gerinnen und Schwimmteich
die Wassermenge und macht sie darüber
hinaus zu einem visuellen und greifbaren
Teil des Alltags: Kinder und Anwohnende
interagieren mit dem Wasser, etwa indem
sie Gegenstände auf der Strömung treiben
lassen oder sich bei einem heißen Tag
abkühlen. Tatsächlich ist das Regenwassermanagement
im Straussvej das erste seiner
Art in Dänemark, das Niederschlag biologisch
so aufbereitet, dass die ser gesundheitlich
unbedenklich ist. Denn naturnahe
Bodenpassagen reinigen das Wasser vor,
18 G+L
HINTERHÖFE
COURTYARDS OF THE FUTURE KOPENHAGEN
oben: Die Hofmitte
umfasst eine
Grünfläche mit Teich
sowie Spiel- und
Aufenthaltszonen.
unten: Nach der Reinigung
mithilfe eines
Bodenfilters wird das
Regenwasser in den
Teich geleitet, während
ein Überlaufskimmer
für eine stetige Reinigung
und Verdünnung
Fotos: Mikkel Eye
der Wasserfläche sorgt.
Damit hält man anfallenden
Niederschlag
lokal zurück und entlastet
die Kanalisation.
G+L 19
„SO EINE HAUS-
GEMEINSCHAFT IST
GELEBTE
DEMOKRATIE“
Was macht einen Hinterhof lebenswert – Licht, Bepflanzung, Begegnung?
Darüber spricht Monika Feldmer-Metzger, Biologin und Expertin für Architekturpsychologie,
im Interview. Sie erklärt, warum Begrünung und soziale Begegnung
untrennbar miteinander verbunden sind, weshalb Einsamkeit krank
machen kann und wie sorgfältig gestaltete Höfe oft mit wenig Aufwand zu
Orten des Miteinanders werden.
FRAGEN: KATHARINA KOHRING
INTERVIEWEE
Monika Feldmer-
Metzger ist Biologin
sowie Expertin für
Wohn- und Architekturpsychologie.
Die
Wohn- und Architekturpsychologie
stellt
für sie die ideale
Verknüpfung von
Mensch, Raum und
Natur dar. Ihr Wissen
vermittelt sie in
(Online-)Vorträgen,
Workshops &
Podcasts. Außerdem
ist sie Co-Herausgeberin
und Autorin des
Buches „Wohnen im
Wandel – Lebensqualität
im Alter“.
Was löst das Wort Hinterhof bei Ihnen
aus? Ist das für Sie eher ein Ort der Geborgenheit
oder der Enge?
Für mich ist es beides. Wirklich wichtig für
die unterschiedliche Wahrnehmung sind
die Lichtverhältnisse, die Lichteinstrah lung,
also ob der Hof eher düster oder hell
wirkt. Entscheidend ist neben dem Licht
auch das Vorhandensein von Pflanzen –
die Art der Bepflanzung hängt natürlich
wiederum von den Lichtverhältnissen ab.
Historisch waren Hinterhöfe Orte der Begegnung,
des Arbeitens, auch des Rückzugs.
Welche dieser Funktionen sind aus
psychologischer Sicht heute besonders
relevant – auch in Anbetracht der Tatsache,
dass heute viele Beziehungen online
ausgelebt werden?
An erster Stelle stehen für mich die Gemeinschaft,
also Orte der Begegnung, wo
auch nachbarschaftliche Beziehungen
entstehen können. Man weiß auch, dass
Einsamkeit krank macht, dass in sozialer
Isolierung Depressionen entstehen oder
sich verschlimmern können. Neben den
psychischen Auswirkungen sind auch die
physischen Auswirkungen tatsächlich
mess bar – Einsamkeit verursacht Stressreaktionen
im Körper, und es werden vermehrt
Stresshormone ausgeschüttet.
Aus biologischer Sicht sind wir soziale
Wesen und brauchen die zwischenmenschliche
Kommunikation sowie die
Gemeinschaft.
Das macht sich auch daran bemerkbar,
dass bei älteren Menschen eine gut ausgebildete
Nachbarschaft präventiv gegen
Demenz wirken kann und dass sie bei
einer guten sozialen Einbettung weniger
auf Pflegeheime angewiesen sind. Unser
Gehirn braucht soziale Interaktionen, Bewegung
und eine gesunde Ernährung.
Kein Kreuzworträtsel kann die Gemeinschaft
ersetzen.
Bekannt ist ebenfalls, dass gemeinschaftliche
Wohnformen demokratische Strukturen
fördern beziehungsweise unterstützen.
Digitale Medien ersetzen keine realen
zwischenmenschlichen Beziehungen.
32 G+L
HINTERHÖFE
INTERVIEW MIT MONIKA FELDMER-METZGER
„Wichtig ist es, Gemeinschaft
im positiven
Sinne zu fördern“, sagt
Monika Feldmer-Metzger.
Deshalb solle bei
der Planung stets auf
die Zonierung geachtet
werden, sodass es
neben öffentlichen
Orten auch klar
definierte private
Rückzugsorte gibt.
Foto: Monika Feldmer-Metzger
Gelebte Konflikte positiver wie auch negativer
Natur zwischen Menschen fördern
Toleranz.
An zweiter Stelle steht für mich das Naturerleben.
Nicht nur aus Gründen der
Nachhaltigkeit sollten wir uns ökologisch
wertvollen Räumen zuwenden, es ist auch
ein Bedürfnis von uns Menschen. Von der
Wissenschaft wird dies auf die tief in uns
verwurzelte, evolutionäre Verbindung zur
Natur zurückgeführt. Die Natur hat immer
für unser Überleben ge sorgt beziehungsweise
uns mit all dem versorgt, was zum
Überleben nötig war. Unsere Wohnumwelten
sollten daher möglichst viel Naturbezug
enthalten. Deshalb sind Begrünungen
und private Freiflächen wie Balkone, die
zumindest einen kleinen Austritt in die Natur
ermöglichen, elementar.
Welche räumlichen oder atmosphärischen
Faktoren tragen dazu bei, dass sich Menschen
in gemeinschaftlichen Außenräumen
tatsächlich aufhalten und nicht nur
hindurchgehen?
Aus biologischer Sicht sind
wir soziale Wesen und
brauchen die zwischenmenschliche
Kommunikation
sowie die Gemeinschaft.
Überaus wichtig ist die Zonierung. Eine
klar abgegrenzte Begegnungsfläche ist
aus wohnpsychologischen Gründen ideal,
das heißt, private Wohneinheiten, ergänzt
mit einer attraktiven Gemeinschaftsfläche.
Private Räume müssen sich optisch abgrenzen
von denen, die der Gemeinschaft
zustehen, ansonsten ziehen sich Menschen
automatisch immer stärker zurück
und isolieren sich. Die Gestaltung der
Aufenthaltsflächen sollte attraktiv und einladend
sein – Tische und Bänke sollten so
platziert werden, dass man sich dort tatsächlich
aufhalten möchte. Die Attraktivität
wird durch die Gestaltung mit geschwun-
G+L 33
EIN STÜCK
PARADIES
Der idyllische Missionsgarten ist nur einen Katzensprung von der geschäftigen
Altstadt Großbasel entfernt. August und Margrith Künzel Landschaftsarchitekten
haben hier ein kleines Paradies erhalten, das kürzlich um ein Restaurant und einen
Wohnungsbau ergänzt wurde. Die lange Geschichte des Ortes spiegelt sich
nicht nur in der Vielfalt der Pflanzen wider.
RAMONA KRAXNER
AUTORIN
Ramona Kraxner ist
freie Redakteurin. Sie
lehrt als Universitätsassistentin
an der
TU Graz und
dissertiert zur
Verantwortung in der
zeitgenössischen
Architektur.
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich
das Baumeister Architekturmagazin in
seinem Juni-Heft 2024 der Stadt Basel als
„Innenhofmetropole” widmete. Die Stadt
am Dreiländereck Schweiz, Deutschland
und Frankreich hat das Thema Nachverdichtung
im Blick. Ein Kontrastprogramm
dazu liefert der Missionsgarten in Basel,
der zwar ebenfalls als „Hinterhof” gelten
kann, aber einen anderen Weg einschlägt.
Hier findet man nämlich keine
Matrjoschka-artig eingepassten Gebäude
beim Blick hinter die Randbebauung,
sondern einen großen Grünbereich. Sieht
man allerdings noch genauer hin, entdeckt
man doch zwei Neubauten, die
sich wie selbstverständlich ins Bestandsensemble
einfügen. Aber dazu später
mehr. Denn hier geht es nicht nur um gestaltete
Freifläche, sondern ebenso um
lebende Geschichte.
WIEGE DER MISSIONSARBEIT
In der ostschweizerischen Stadt Basel
existiert die „Evangelische Missionsgesellschaft
Basel” seit 1815. Der ursprüngliche
Gedanke war, durch die Verkündung des
Evangeliums die Menschen zur Selbsthilfe
zu ermächtigen. 1816 wurde begonnen,
zuerst Männer und später auch Frauen für
englische und holländische Missionsgesellschaften
auszubilden. Die Mission war
in Afrika, Asien und Südamerika in globaler
Entwicklungszusammenarbeit tätig und
ist heute einer von drei Trägervereinen der
Mission 21, dem evangelischen Missionswerk,
das derzeit in 15 Ländern aktiv ist.
Basel als Wiege der Missionsarbeit beherbergt
einen reichen Schatz an Dokumenten
und ethnologischer Forschung,
die es teilweise kein zweites Mal auf der
Welt gibt. In den Zielländern überlebte
nur wenig Archivmaterial, häufig aufgrund
der dort vorherrschenden klimatischen
Bedingungen.
Historische Gebäude säumen den Missionsgarten,
der auch einen alten Baumbestand
vorzuweisen hat. Er wurde 1860
als Lehr- und Experimentiergarten angelegt.
Kein Zufall, so war der Landbau
schließlich ein wichtiger Faktor zur
Sicherung der Lebensgrundlage in den
Zielländern der Mission. Im Eingangsbereich
befinden sich 150 Jahre alte Platanen,
die stille Zeuginnen des langen
Bestehens des Ensembles sind und zur
besonderen Atmosphäre des Gartens
beitragen. Dieser ist als kleiner Paradiesgarten
angelegt und kann auch heute
noch als eine wahre Ruheoase in der
Stadt gesehen werden.
PRIVAT WIRD ZU ÖFFENTLICH
Ein Restaurant und ein Wohnhaus wurden
in das Ensemble der Basler Mission
eingepflegt, entworfen vom lokalen
Büro Burckhardt & Partner Architekten.
Der ehemalige Parkplatz ist nun ein umgestalteter
Hof, dem angrenzenden
Wohngebäude vorgelagert, und fungiert
als eine kleine Pufferzone zur Nachbarbebauung
im Nordwesten. Im Sinne des
Respekts vor Vorhandenem haben Au-
36 G+L
HINTERHÖFE
MISSIONSGARTEN BASEL
Fotos: © August + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten AG
oben: Der Garten ist
als kleiner Paradiesgarten
angelegt und
kann auch heute noch
als eine wahre
Ruheoase in der Stadt
gesehen werden.
unten: Im Sinne des
Respekts vor
Vorhandenem haben
Margrith und August
Künzel den Leitgedanken
„Erhalten” in den
Vordergrund der
Umgestaltung des
Missionsgartens
gestellt, deshalb wurde
auch der historische
Metallpavillon
belassen.
gust + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten
den Leitgedanken „Erhalten” in
den Vordergrund der Umgestaltung des
Missionsgartens gestellt. Der historische
Metallpavillon wurde ebenso belassen,
steht am Rande des Nutzgartens und
verbindet diesen mit dem Wohnbau.
Nördlich des Pavillons und des Restaurantgebäudes
befindet sich das denkmalgeschützte
Missionshaus. Zu seiner
Einweihung 1860 lag dieses noch außerhalb
der Basler Stadtmauern. Mittlerweile
befinden sich dort ein Hotel sowie
das Tagungszentrum ODELYA.
Gäst*innen steht der Missionsgarten
ebenso frei zur Verfügung wie der Basler
Öffentlichkeit. Hier treffen sich Mitarbeiter*innen
und Menschen aus dem umliegenden
Quartier. Und das, obwohl der
Garten eigentlich ein Privatgarten ist. Der
offene Umgang spiegelt den christlichen
Charakter der Mission wider, die sich in
den Dienst der Menschen stellt.
Am südlichen Ende des Gartens befindet
sich ein Kindergarten. Ursprünglich war
dies das Kinderhaus, in dem Kinder der
Missionar*innen eine europäische Schulbildung
erhielten, fernab der Länder, in
denen ihre Eltern tätig waren.
HARMONISCHE SYMBIOSE
Für die Bepflanzung griffen die Landschaftsarchitekt*innen
auf vorwiegend
einheimische Arten von Bäumen und
Sträuchern zurück. Die angelegten Beete
gliedern den Freiraum und ergeben acht
unregelmäßige Flächen, die den Nutzgarten
einer zarten Gliederung unterwerfen
und gleichzeitig mit ihren Stauden und
Gehölzen als Sichtschutz dienen. Insgesamt
befinden sich auch heute noch rund
300 Pflanzenarten im Missionsgarten.
Damit fängt das Projekt aber auch die
G+L 37
LEBENDIGER
GRÜNRAUM
Mit dem „Grünen Weiler“ ist in Münster ein genossenschaftliches Wohnprojekt
entstanden, das gemeinschaftliches Leben, ökologische Bauweise und partizipative
Freiraumgestaltung verbindet. Drei unterschiedlich geformte Gebäude umschließen
einen großen Innenhof, der als grünes Zentrum und sozialer Treffpunkt
dient. Die Landschaftsarchitekt*innen von Sowatorini schufen hier eine vielfältige,
wassersensible Topografie, in der robuste Pflanzungen, Retentionsflächen
und gemeinschaftlich hergestellte Betonelemente – das sogenannte „Treibgut“ –
zu einem lebendigen Freiraum verschmelzen.
JULIANE VON HAGEN
AUTORIN
Dr. Juliane von
Hagen ist Stadtplanerin
und -forscherin.
Sie setzt sich seit
Jahren mit öffentlichen
Räumen
auseinander;
zunächst an
verschiedenen
Hochschulen und
mittlerweile im
eigenen Büro
stadtforschen.de.
Am westlichen Rand von Münster wohnen
seit 2025 über 250 Menschen in einem
genossenschaftlichen Wohnprojekt zusammen.
Dafür gruppieren sich drei Häuser
– ein Punktgebäude, ein Riegel und ein
winkelförmiger Baukörper – um einen Innenhof.
„Grüner Weiler“ ist der Name des
Projekts, das auf einem ehemaligen Kasernengelände
entstand und an das lateinische
„villare“ (Gehöft) erinnert. Wie in
einer dörflichen Gemeinschaft leben hier
die Mitglieder einer Genossenschaft zusammen.
Die gemeinschaftlichen Räu me
und ein grüner Innenhof ergänzen die
verschiedenen Wohneinheiten.
GRÜNES WOHNZIMMER
Im Zentrum vom „Grünen Weiler“ liegt
der circa 2 000 Quadratmeter große,
grüne Innenhof. Wie ein Anger fungiert
er als Bindeglied, um das sich drei unterschiedliche
Baukörper mit jeweils eigenem
Charakter gruppieren. Für die Gemeinschaft
ist der Hof wie ein grünes
Wohnzimmer, in dem sie verschiedenen
Aktivitäten nachgehen. Dazu gehört das
Gärtnern genauso wie das Spielen.
Offene, einsehbare Bereiche sind durch
ruhigere Rückzugsmöglichkeiten ergänzt.
Bei der Auswahl der Pflanzen kam eine
diverse Mischung zur Anwendung, zu
denen robuste und trockenheitsverträgliche
Gehölze genauso gehören wie
Stauden und Ansaaten. Dabei war allen
Beteiligten wichtig, die Bewässerung auf
ein Minimum zu reduzieren. Auch die
Geländemodellierung ist so angelegt,
dass möglichst viel Regenwasser vor Ort
bleibt. Dabei helfen Rückhaltebereiche
und Rigolen, aber auch Retentionsdächer
und begrünte Fassaden.
Im Kontrast zu den klar strukturierten Fassaden
der Wohngebäude lebt die Freiraumgestaltung
von freien Formen. Die
Landschaftsarchitekt*innen vom Büro
Sowatorini gestalteten einen Hain aus
verschiedenen Gehölzen, der sich über
die leicht hügelige Topografie legt. Dass
die se das anfallende Regenwasser auf-
40 G+L
HINTERHÖFE
GRÜNER WEILER MÜNSTER
oben: Treibgut ist
multifunktional nutzbar,
ob als Sitzbank
Foto oben: SOWATORINI Landschaft; Foto unten: @jan.kampshoff
oder Picknicktisch, ob
zum Klettern oder
Balancieren, zum Flankieren
von Pflanz oder
Wassersammelflächen.
unten: Für die Gemeinschaft
ist der Hof wie
ein grünes Wohnzimmer,
in dem sie verschiedenen
Aktivitäten
nachgehen.
G+L 41
GRÜNE OASE
INMITTEN
URBANER DICHTE
Mitten im städtischen Dschungel Berlins zeigt der „Frauengarten“ von studiofutura
und Michèle Robin Jankowski, wie sensibel gestaltete Freiräume architektonische
Ensembles verbinden und urbane Nachverdichtung mit Leichtigkeit
begleiten können. Der Entwurf verwandelt die Zwischenräume eines historischen
Villengrundstücks in eine räumlich verzahnte, intime Landschaft – ein Beispiel
dafür, wie Landschaftsarchitektur in der Stadt emotionale Qualität, ökologische
Wirkung und gestalterische Präzision in einem Hinterhof vereinen kann.
JULIANE VON HAGEN
AUTORIN
Dr. Juliane von
Hagen ist Stadtplanerin
und -forscherin.
Sie setzt sich seit
Jahren mit öffentlichen
Räumen
auseinander;
zunächst an
verschiedenen
Hochschulen und
mittlerweile im
eigenen Büro
stadtforschen.de.
Inmitten urbaner Dichte von Berlin-Kreuzberg
versteckt sich eine grüne Oase. Sie
windet sich von der Straße in den hinte ren
Bereich eines Grundstücks und überrascht
inmitten heterogener, dichter Baustrukturen
mit weicher, fast romantischer Anmutung.
Die Eigentümer*innen der renovierten
Gebäude auf dem Grund stück baten die
Landschaftsarchitekt*innen vom Berliner
Büro studiofutura, „den unpersönlichen
Raum ihres renovierten Hauses in einen organisch
geformten Garten mit magischer
und idyllischer Atmosphäre zu verwandeln“,
wie es auf der Webseite des Landezine
International Landscape Awards heißt.
VERBINDUNG VORHANDENER BAU-
STRUKTUR
Heute empfängt ein grüner Vorgarten die
Besucher*innen der historischen Stadt villa,
führt sie an schlichten Flachdachgebäuden
vorbei, in denen Gäste Raum finden, und
leitet zum Eingang der Villa. Wer dort nicht
in die privaten Bereiche eintritt, entweder
die Villa oder deren begrünte Terrasse,
kann weiter in den hinteren Bereich des
Gartens gelangen. Ein begrünter Torbogen
signalisiert, dass es hier privater wird.
Schließlich wartet am hinteren Ende des
Grundstücks eine zweite Terrasse, aber
auch der Eingang in ein Studio. Der grüne,
von weichen Formen geprägte Garten
begleitet den Weg an den verschiedenen
Gebäudeteilen des Ensembles vorbei. Er
bindet die Baustrukturen zusammen und
schafft eine familiäre, fast historisch anmutende
At mosphäre. Bei der Gestaltung
des Frauengartens arbeiteten die Landschafts
archi tekt*innen von studio futura mit
Michèle Robin Jankowski zusammen.
Der Bestand vor Ort war zunächst von
einer mit Wein und Efeu begrünten Brandmauer
geprägt, die das Grundstück flan-
46 G+L
HINTERHÖFE
FRAUENGARTEN BERLIN
oben: Der Hinterhof
bindet die Baustrukturen
zusammen und
schafft eine familiäre
Atmosphäre.
rechts: Die Steine, bei
denen es sich zum Teil
um Klinkersteine aus
Bauvorhaben der
Umgebung handelt,
wurden so verlegt,
dass die Anordnung an
kleinteilige Stickereien
denken lässt.
links: Der Hinterhof als
Fotos: studiofutura
Kunstwerk, in dem
Natur und Handwerkskunst
eine Symbiose
eingehen.
G+L 47