SUMO #45
- Keine Tags gefunden...
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten Oktober 2025
45. Ausgabe
©MARTIN JANSCHA
IMPRESSUM
DAS GESAMTE SUMO-TEAM DER 45. AUSGABE
© 2025 SUMO Medienfachmagazin
Alle Rechte vorbehalten.
www.instagram.com/sumo.mag
https://www.fhstp.ac.at/de/sumo
Medieninhaberin Fachhochschule St. Pölten
GmbH
c/o SUMO
Campus-Platz 1
A–3100 St. Pölten
Telefon: +43/2742/313 228 – 200
www.fhstp.ac.at
© Titelbild: Marlene Selenz
© SUMO-Team Fotos: Tamina Lautenbach,
Leonie Türk, Sara Leutgeb, Vanesa Iepan
Druck in Auftrag gegeben bei gugler*
Leitstern für Kommunikation und Wandel
Auf der Schön 2
A–3390 Melk/Donau
www.gugler.at
Fachliche Leitung:
FH-Prof. Mag. (FH) Dr. Johanna Grüblbauer
(Verlag),
Mag. Dr. Gabriele Falböck (Redaktion),
Mag. art. Angelika Kratzig (Layout) und
Martin Dörsch, BSc (Fotografie)
Mag. (FH) Nikolaus Kubiczek (Sales)
2
Impressum
3
INHALT
Gut zu wissen?
01
Wissensvermittlung
für Kinder
Wissen ist Macht,
Macht ist Wissen
03
Wenn Wissen
trügt
05
10 | Zwischen Katastrophe und
Hoffnung: Wie Climate-Ficiton das
Bewusstsein über den Klimawandel
stärkt | Marlene Selenz
13 | Mental Health auf Social Media:
Revolution oder Risiko?
| Tamina Lautenbach
16 | Hören statt Lesen: Warum
Podcasts immer wichtiger für die
Wissensvermittlung werden
| Lisa Mayringer
19 | Von YouTube lernen, oder doch
lieber den Profi rufen? | Sara Leutgeb
22 | True Crime: Zwischen Gänsehaut
und Faktenwissen | Leonie Türk
02
26 | Kinderbücher: Der Erstkontakt zu
Medien | Eva Wintersberger
29 | Next Level Lernen: Wie Game
Based Learning neue Wege zum
Wissenserwerb öffenen
| Anja Schweiger
32 | Von der Leinwand in die
Kinderköpfe: Wie Filme und Serien
Werte vermitteln und Horizonte
erweitern | Anna Schabasser
35 | Musikjournalismus im Spiegel der
Netzkultur: Demokratisierung oder
Degradierung der Musikkritik?
| Nikolaus Sitar
38 | Die Renaissance des
Fachjournalismus: Wie Nischen-
Newsletter den Medienwandel
prägen | Anna Weissenbach
41 | Fake News: Wie Wahrheit nicht
zur Nebensache wird
| Philipp Wadsak
44 | Kann Qualität trotz Algorithmus
funktionieren? | Julius Nagel
Nichts wissen
macht auch nichts
04
48 | Gefangen in der Bubble: Wie
Algorithmen unsere Sicht auf die Welt
formen | Magdalena Lueger
51 | Wer entscheidet, was wir wissen
müssen? | Louisa Marchhart
56 | Hinter den Kulissen: Wie die
österreichische Polizei Deep Fakes
bekämpft | Benjamin Schmidt
59 | „Du sprichst. Es antwortet. Aber
niemand ist da.“: fonio.ai und die neue
Stille am anderen Ende der Leitung
| Katrin Wallner
62 | Gestohlene Identität: Deepfakes
und die Gefahr der digitalen
Manipulation | Alina Peinthor
4 Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
5
Die Bereitstellung von Informationen und damit
Wissen war – neben Unterhaltung und Orientierung
– immer schon ein Kerngeschäft der Medien.
Wie die kommunikationshistorische Forschung
herausfand, waren es Drucker*innen – allen voran Johann
Carolus in Straßburg - , die Informationen gesammelt und
diese qua Herstellung von Zeitungen
gehandelt haben. Geboren wurde
diese Idee anno 1605, interessanterweise
erst 150 Jahre nach Erfindung
des Buchdrucks. Professionell
aufbereitet, d.h. geprüft und orientiert
an den bekannten W-Fragen des
Journalismus, waren die Inhalte der
ersten Zeitungen freilich nicht. Erst
im 19. Jahrhundert erwuchs aus der
bloßen Nachrichtensammlung zunächst
die politische Meinungspresse,
die in der zweiten Hälfte auch
journalistische Darstellungsformen
entwickelte.
Feststellbar ist, dass sich diese Leistung
der Medien – die Übermittlung
von Wissen – seitdem in schwer
fassbarem Ausmaß erweitert und in
seinen Ansprüchen enorm verändert
hat. Die bloße Anzahl der Kanäle ist
gestiegen. Die bereitgestellten Inhalte
und damit das verfügbare Wissen
werden nicht mehr täglich respektive
stündlich geliefert, sondern können
jeden Augenblick aktualisiert werden.
Die akustischen und visuellen Signale
unseres Smartphones erinnern
uns permanent daran. Während der
greifbare Content also explodiert ist,
bleibt die Speicherkapazität unseres
Gehirns unverändert. Die neurowissenschaftlichen
Forscher*innen
am Max-Planck-Institut berechneten,
dass unser kognitiver Apparat effektiv
und langfristig 1-10 Terrabyte
Informationen speichern kann: Erinnerungen,
Erlebnisse, Alltagsheuristiken
inklusive. Die Überforderung
durch die dauernden Appelle um Aufmerksamkeit,
zeigt Folgen: Digitaler
Stress und Fear of Missing Out, kurz
FoMO einerseits, bewusster Digital
Detox oder auch Nachrichtenvermeidung andererseits.
Nicht zuletzt offenbarte die Digitalisierung die Chance, dass
Informationen nicht nur von professionellen Journalist*innen
publiziert werden. Das Resultat ist uns bekannt: Fake News
und Desinformation kursieren neben gut recherchierten
Inhalten und neuen Perspektiven in der digitalisierten Öffentlichkeit.
Diese vielfältigen Problematiken lassen sich in der Leitfrage
der 45. SUMO Ausgabe bündeln: „Was sollen wir wissen?“. 21
Studierende des Bachelorstudiengangs Medienmanagement
der FH St. Pölten gingen also daran, Antworten auf diese
zweifelsohne große Frage zu finden und diesbezüglich mit
Praktiker*innen und Wissenschafter*innen zu sprechen.
Doch damit nicht genug, diese 21 angehenden Medienmanager*innen
kümmerten sich auch um die Fotos, das Layout,
die Finanzierung sowie Marketing, Vertrieb und Online-Auftritt
des vorliegenden Medienfachmagazins.
„The more I learn, the more I realize how much I don’t know“.
Keinem geringeren als Albert Einstein wird dieses Zitat
zugeschrieben, das den ersten Teil dieser Ausgabe eröffnet.
Marlene Selenz stellt sich dabei die Frage wie und
ob man komplexes und unerfreuliches Wissen, wie jenes
zum Klimawandel über andere Formen als die der journalistischen
Darstellung übermitteln kann. Im Gespräch mit
Bestseller-Autorin Ursula Poznanski und Wissenschafterin
Helga Kromp-Kolb befand sie, dass Climate Fiction ein
gangbarer Weg ist. Ebenso schwierig und mit negativen
Vorzeichen versehen, ist der Wissenskomplex, den Tamina
Lautenbach auswählte: Sie diskutiert die Frage, ob die breite
Verhandlung des Themas der psychischen Gesundheit in
Sozialen Medien ein Fluch oder ein Segen ist. Dass wir uns
Wissen immer häufiger beim Bügeln, Kochen oder Autofahren
aneignen, zeigt das boomende Phänomen Podcast.
Lisa Mayringer sprach mit Podcast-Host Edith Michaeler
sowie Poolartist-Produzentin Maria Lorenz-Bokelberg über
die Tricks zur auditiven Vermittlung komplexer Inhalte. Wissen
muss nicht zwingend abstrakt sein. Sara Leutgeb lotete
im Gespräch mit dem gelernten Elektriker Martin Rapolt
und Content Creator Mark Molter aus, wo die Grenzen der
Anleitung von „Do it yourself“ via Kurzvideo liegen. Leonie
Türk sprach mit dem Produzenten des True Crime Austria
Podcasts Hubertus Schwarz und Rechtsanwältin Lena Vogl
über die journalistische Verantwortung wie die juristischen
Herausforderungen beim Grenzgang zwischen Aufklärung
und Sensationsberichterstattung.
„Children must be taught how to think, not what to think.”
Diese Losung der Kulturanthropologin Margaret Mead
leitet den zweiten Abschnitt ein und widmet sich der
medial unterstützten Wissensvermittlung für Kinder.
Eva Wintersberger eröffnet die Rundschau mit einem Blick
auf Kinderbücher. Im Gespräch mit Kinderbuchbloggerin
Carla Heher und Lektorin und Produktmanagerin Anna
©FABIAN LAHNINGER
Wiesner vom G&G Kinderbuch Verlag fand sie heraus, dass
das Kinderbuch vor allem dann hilft, wenn den Eltern bei
schwierigen Themen die richtigen Worte fehlen. Dass Lernen
auch spielend erfolgen kann und Game-Based Learning
gerade bei jungen Menschen mit ADHS-Erkrankung
als Lernmedium eingesetzt werden kann, beobachtete
Anja Schweiger zunächst in ihrer Familie und besprach es
schließlich mit dem dazu forschenden Alexander Pfeiffer.
Anna Schabasser schließt diesen Teil mit den Initiativen zur
frühen Heranbildung eines Interesses an Kultur im Kinderfilm
ab.
Fortgesetzt wird diese Ausgabe mit Analysen, resultierend
aus dem bekannten Zitat des britischen Philosophen
Francis Bacon: „Wissen ist Macht“. Musikjournalist*innen
waren einst machtvolle Instanzen in der Bewertung und Bekanntmachung
von neuen Musik-Produktionen. Dass und
wie sich die Kritik im Musikbusiness geändert hat, erfuhr
Nikolaus Sitar von erfahrenen Protagonist*innen. Newsletter
als neue Form von Fachjournalismus erleben aktuell
eine Renaissance. Wie und warum diese Verticals so vielversprechend
sind, besprach Anna Weissenbach mit Andy
Kaltenbrunner und Bernhard Odehnal. Dass verfügbares
Wissen nicht immer der Wahrheit entspricht und inwiefern
diese Falschmeldungen den Beruf des Faktencheckers
zur Folge haben, erklärt schließlich Philipp Wadsak. Einen
Feuilletonbeitrag in 2 Halbsätzen zusammenfassen? Das
geht, denn der Journalismus erfindet sich aktuell neu. Dies
konstatiert zumindest Julius Nagel nach seinen Gesprächen
mit Der Standard Social Media Managerin Antonia Tize und
der freien Kulturjournalistin Livia Lergenmüller.
„We are drowning in information, but starved for knowledge”
– dieses Zitat des US Trendforschers John Naisbitt leitet
schließlich über zum vierten Abschnitt. Magdalena Lueger
lotete darin aus, wie Algorithmen unser Weltbild formen.
Was wir wissen müssen, wird freilich auch von Menschen
entschieden und vorselektiert. Louisa Marchhart erfragte
die Entscheidungsstrategien in der Nachrichtenagentur APA
ebenso wie in einer Nachrichtenredaktion des ORF Niederösterreich.
Den Abschluss machen schließlich drei Beiträge, denen das
mittlerweile berühmte Zitat Steve Bannons, des einstigen
Wahlkampfstrategen von Donald Trump vorangestellt wird:
„Flood the zone with shit“. Was die forensischen Experten
der österreichischen Polizei unternehmen, um mit der
Schwemme an Deep Fakes zu Rande zu kommen, erfragte
deshalb Benjamin Schmidt. Inwiefern eine KI gesteuerte
Stimme für den Kund*innendialog erfolgreich sein kann und
ob das ethisch vertretbar ist, reflektierte Katrin Wallner
in ihrem Beitrag. Kann man Deep Fakes überhaupt noch
erkennen und welche Folgen haben diese Technologien
auf unsere Kommunikation im Alltag? Diese Frage lotete
Alina Peinthor abschließend aus.
“Whoever controls the media, controls the mind.” Dieses
Wissen sollte man zumindest nach Lektüre dieser SUMO
Ausgabe mitnehmen. Wir wünschen deshalb bereichernde
Leseerlebnisse.
Johanna Grüblbauer & Gabriele Falböck
6 Editorial
Editorial
7
Hol dir das modernste
Studierendenkonto
Österreichs
Gratis bis zum 27. Geburtstag, inklusive Debitkarte
StudentID und Internetbanking George.
Kontoeröffnungsbonus
sichern
01
„The more I learn, the more I
realize how much I don‘t know.“
Albert Einstein
spknoe.at/studierende
8 Gut zu wissen? 9
©TAMINA LAUTENBACH
Zwischen Katastrophe
und Hoffnung:
Wie Climate-Fiction das
Bewusstsein über den
Klimawandel stärkt
Der Klimawandel ist real, das dazugehörige Wissen oft ungewollt.
Fiktive Zukunftsszenarien in Folge des Klimawandels sollen nun
das Bewusstsein zum Klimaschutz stärken. Um zu beantworten,
was Climate-Fiction Bücher diesbezüglich leisten, durfte SUMO
mit Autorin Ursula Poznanski und Meteorologin
Helga Kromp-Kolb sprechen.
FOTOS: MARLENE SELENZ
Klimagase, wie Kohlenstoffdioxid, Methan und Ozon
erhöhen die Temperatur der Erdoberfläche. Sollte
die Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad steigen,
habe dies laut Greenpeace katastrophale Folgen.
sprechen, weil das Wissen in der Öffentlichkeit fehlte. „Wir
sind sehr geschickt darin, etwas, was unangenehm ist, zu verdrängen.
Das ist manchmal auch überlebensnotwendig,“ schildert
sie. So verbannen Bewohner*innen in Umgebung eines
Klimagesetzen und künstlichen Intelligenzen, die die Welt
beherrschen – die Fantasien der Schriftsteller*innen offenbaren
teils sehr dystopische Perspektiven.
Während die Wissenschaft zwar in der Lage ist, Wissen zum
Klimawandel zu schaffen, fällt die Übermittlung schwer.
Dieses teils abstrakte Wissen muss auf eine Weise verpackt
werden, die es greifbar macht. An diesem Punkt
Einige dieser Effekte sind bereits Teil der heutigen Bericht-
Kernkraftwerks unbewusst auch die Konsequenzen eines
setzten Climate-Fiction Bücher an. Diesen Stand-
erstattung. „Globale Meereisfläche schrumpfte auf historisches
Rekordminimum.“ „Feuer in Kalifornien breiten sich auf
die Hollywood Hills aus.“ „Erster Monat 2025 war der wärmste
je gemessene Jänner.“ Die Schlagzeilen von der Standard,
Tagesschau und Salzburger Nachrichten zeigen die Dringlich-
möglichen Unfalls.
Die dahintersteckende Emotion nennt sich Klimaangst. Im
Gegensatz zu krankhaften Ängsten, ist die Klimaangst real
und eine natürliche Reaktion, die vor allem junge Menschen
betrifft. Wenn diese Angst die Überhand gewinnt,
„Jana ist Weltendesignerin. An ihrer Designstation
entstehen alternative Realitäten, die sich so echt
anfühlen, wie das reale Leben: Fantasyländer,
Urzeitkontinente, längst zerstörte Städte.“
– Ursula Poznanski. Cryptos (2020)
punkt vertritt auch Autorin Ursula Poznanski.
Wissen über Geschichten zu erzählen, biete den
Vorteil, dass Lesende auf einer emotionalen Ebene
erreicht werden. Wenige bezeichnende Fakten,
die in die Geschichte eingeflochten werden, blie-
keit der Lage. Wieso wird das dazugehörige Wissen trotz-
verringern betroffene Personen ihr klimabewusstes Ver-
ben mehr in Erinnerung als seitenweise Daten,
dem vermieden?
halten, führt die mittels Online-Befragung durchgeführte
begründet sie. Auch Helga Kromp-Kolb bestätigt
Wissensverdrängung inmitten
des Klimawandels
Studie „Klimaangst – angebracht oder dysfunktional?“ (Lukas
Wagner und Michael Witthöft 2024) aus. Als Gründe zur
Wissensverdrängung nennt Helga Kromp-Kolb unter an-
In ihrem SPIEGEL-Bestseller
Thriller Cryptos erzählt die
die Wirkung von Climate-Fiction Büchern. Es könne darin
nicht alles vermittelt werden, was für den Klimawandel
relevant sei, aber genug, um das Bewusstsein zu stärken.
„Der Klimawandel ist ein ernstzunehmendes Problem.“ Dieser
derem die medial vermittelten negativen Informationen
österreichische Autorin
Untersuchungen zu Climate-Fiction Büchern zeigen jedoch,
Aussage stimmen nach einer Befragung des österreichi-
und die fehlenden positiven Bilder. In erster Linie ginge es
Ursula Poznanski von
dass dieses Bewusstsein nach dem Lesen rasch nachlässt.
schen Umweltbundesamts von 2020 85% der Befragten
daher um das Zeichnen positiver, auch für den Einzelnen at-
einer Welt, in der Men-
„Zwischen Erkennen oder auch Verstehen und Handeln ist ein-
zu. Die Dringlichkeit wird also anerkannt. Das Hindernis
traktiver Zukünfte. Wichtig seien auch Vorbilder – seien es
schen in virtuelle Wel-
fach ein großer Schritt,“ begründet Wissenschaftlerin Helga
Ursula Poznanski | ©Gaby Gerster - Loewe-Verlag
stelle viel mehr dar, Menschen zum Handeln zu bewegen.
Regierungsmitglieder, Schauspieler*innen, oder auch Wis-
ten flüchten, um den
Kromp-Kolb. Ob dieser Schritt gelingt, sei außerdem ab-
Dies zeigt die Metaanalyse „Was motiviert Menschen sich
senschaftler*innen, die ihren klimaschonenden Lebensstil
Folgen des Klimawan-
hängig von den Rahmenbedingungen. Es geht darum Struk-
auf Klimakrisen einzustellen?“ des
öffentlich sichtbar genießen.
dels zu entkommen. Mit
turen zu schaffen, die klimafreundliches Handeln bequemer,
Umweltbundesamts
(Anne
van Valkengoed und Lin-
Climate-Fiction: Dystopien mit Lerneffekten
ihrem Debütroman Erebos
erhielt sie zahlreiche Aus-
billiger und attraktiver machen als bisheriges Handeln, und
damit Zukunftsfähigkeit zur Selbstverständlichkeit machen.
da Steg 2020). Diesen
Schritt zu scheuen,
Wissensvermittlung kann aber auch abseits klassischer
Bildungseinrichtungen durch Literatur erfolgen. Bereits seit
zeichnungen, unter anderem auch
den Deutschen Jugendliteraturpreis. Die Überlegung ein Buch
Impulse, die zur Vertiefung anregen
liege in der Natur der
den 1960er Jahren schaffen Autor*innen in ihren Climate-
mit dem Klimawandel zu verbinden, war für sie keine aktive
Climate-Fiction schafft eine Verbindung zwischen Unter-
Helga Kromp-Kolb | ©Michael Goldgruber
Menschen, bestätigt
Fiction Büchern fiktive Welten, die vom Klimawandel in der
Entscheidung. Vielmehr war der Klimawandel derart prä-
haltung und der Übermittlung von Wissen. Diese Unterhal-
auch Meteorologin und
Zukunft erzählen. Deutschsprachige Romane wie Vega von
sent, dass es logisch erschien, diesen in Cryptos einzubinden.
tung steht auch in Cryptos im Vordergrund. Obwohl Ursula
Klimaforscherin Helga
Marion Perko, oder Godland von Martin Schäuble verbin-
„Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt, ich schreibe das
Poznanski ihr Buch nicht als Informationstransportmittel
Kromp-Kolb. Sie begann
den in diesem Genre persönliche Schicksale der Charaktere
jetzt, damit alle ein ganz anderes Bewusstsein zum Klimawandel
nutzt – dafür sei es zu wenig wissenschaftlich – basieren
vor 40 Jahren über das we-
mit den Folgen des Klimawandels. Von Wasserknappheit,
bekommen, sondern vielleicht einfach, um Gedanken anzusto-
die Handlungen auf tiefgehenden Recherchen. „Welche Ge-
nig bekannte Thema Klimawandel zu
die durch Chemikalien und Drohnen bekämpft wird, bis zu
ßen,“ erklärt sie im Interview.
biete wären die ersten, die in Folge des Klimawandels versinken
10 Zwischen Katastrophe und Hoffnung Zwischen Katastrophe und Hoffnung
11
würden?“, war eine der Fragen, die sie zunächst recherchierte.
Ein Buch, in dem sie besonders viel Recherche, wissenschaftliche
Fakten und Daten sieht, ist °C – Celsius von
Marc Elsberg.
Die Gefahr, dass Wissen und Unterhaltung vermischt und
Fakten verzerrt werden, sieht Wissenschaftlerin Helga
Kromp-Kolb nicht. Im Gegenteil. Fiktive Geschichten zum
Klimawandel motivieren zur Auseinandersetzung und Diskussion.
Was entspricht der Realität? Was ist der Geschichte
geschuldet? Die Verantwortung liege also bei den Lesenden,
sich zu informieren, aber auch bei den Autor*innen, keine
Mythen zu verbreiten. Helga Kromo-Kolb sieht vielmehr ein
Problem in der Art und Weise, wie die Geschichte Klimawandel
von der Wissenschaft erzählt wird. Diese bliebe häufig
bei den Negativszenarien stehen. Bei fiktiven Geschichten
werde oftmals zunächst eine negative Richtung eingeschlagen,
die Spannung aufbaut, dann aber zu einem positiven,
versöhnlichen Ende führt.
Mental Health auf Social Media:
Revolution oder Risiko?
Psychische Gesundheit ist online so sichtbar wie nie – doch nicht alles, was
sichtbar ist, ist auch hilfreich. Für SUMO sprechen eine hier anonym bleibende
Betroffene und Laura-Maria Altendorfer, Journalismusprofessorin der in
Deutschland ansässigen IU Internationale Hochschule über die Chancen und Grenzen
mentaler Gesundheit auf Social Media.
FOTO: TAMINA LAUTENBACH
Die richtige Melange aus
Katastrophe und Hoffnung
Dennoch: Das Setting zu Beginn von Climate-Fiction Geschichten
ist hoffnungslos, die Lebensbedingungen der
Hauptcharaktere miserabel. Diese Dystopien würden die
Gefahr bergen, dass Menschen resignieren, kritisiert Helga
Kromp-Kolb. Autorin Ursula Poznanski vertritt eine gegenteilige
Meinung. Lesende wären sich darüber bewusst, dass
diese Geschichten Großteils erfunden seien und Angstvermittlung
keine Absicht der Autor*innen sei.
Hoffnung in der Übermittlung des Klimawandels sei unabdingbar
– darin sind sich beide einig. Für Helga Kromp-Kolb
geht es natürlich um eine globale Lösung, man müsse aber
auch im Kleinen anfangen. Wie könnten einzelne Menschen,
kleine Ortschaften, oder auch Städte zu einer klimafreundlichen
Lösung kommen? Sowohl Autorin als auch Meteorologin
sehen die Verantwortung jedoch keineswegs nur
bei der einzelnen Person, sondern auch bei der Politik, der
Wirtschaft und den Medien. „Das wäre mein Lösungsansatz,
dass sehr verantwortungsbewusste Politik die Dinge in die Hand
nimmt, und das sehe ich im Moment leider gar nicht“, schildert
Ursula Poznanski. Sie selbst wählt ein hoffnungsvolles
Ende, das den Klimawandel jedoch nicht schlicht auflöst. Am
Ende ihres Buches Cryptos finden Wissenschaftler*innen
zusammen und entwickeln technologische Methoden, die
dem Klimawandel entgegensteuern sollen. Die weitere Entwicklung
lässt sie für die Lesenden offen.
MARLENE SELENZ
Wie über psychische Gesundheit gesprochen
wird, hat sich verändert – nicht im Behandlungszimmer,
sondern auf Instagram, TikTok
oder YouTube. Was einst ein Tabuthema war,
ist heute Trend: Mentale Gesundheit ist in sozialen Medien
allgegenwärtig – zwischen Aufklärung, Storytime und
Selbstdiagnose. Besonders junge Nutzer*innen begegnen
online einer Vielzahl an Begriffen, Symptomen und persönlichen
Erfahrungsberichten. Was einerseits Entlastung
und Offenheit fördert, birgt andererseits Risiken wie Fehlinformation,
Kommerzialisierung oder eine überzeichnete
Selbstwahrnehmung. Der digitale Umgang mit Mental
Health bewegt sich zwischen Empowerment, Selbstinszenierung
und fehlender Einordnung.
Zwischen Enttabuisierung und Vereinfachung
Soziale Medien haben laut Laura-Maria Altendorfer,
Professorin für Journalismus
mit einem Studium der
Kommunikationswissenschaft
und
Psychologie, dazu
beigetragen, dass
ein
Laura-Maria Altendorfer | ©Privat
entstigmatisierter
Umgang
mit psychischen
Krankheiten stattfindet.
Besonders bei jungen
Menschen beobachtet sie
eine wachsende Offenheit und „dass dieses Thema mentale
Gesundheit einfach immer mehr Bedeutung bekommt.“
Dass psychische Erkrankungen nicht mehr nur hinter
verschlossenen Türen thematisiert werden, sondern
öffentlich und niedrigschwellig, sei ein Fortschritt.
12 Zwischen Katastrophe und Hoffnung Mental Health auf Social Media
13
Auch für die anonyme Interviewpartnerin war Social Media
wenn man über die For-You-Page drüber scroll.“ Auch unsere
ressen zu ziehen. Gerade in einem so sensiblen Bereich
sen auf ein offenes Community-System zu setzen. Auch X
der erste Berührungspunkt mit ADHS im Erwachsenenalter.
Interviewpartnerin beschreibt, wie allgemeine Aussagen
verlaufen Grenzen oft fließend.
lockerte bereits zuvor unter Elon Musk zahlreiche Modera-
„Es hat mir geholfen, auf das Thema aufmerksam zu werden und
eigene Handlungen zu hinterfragen.“ Zuvor dachte sie oft, sie
sei einfach unproduktiv, da sie regelmäßig prokrastinierte.
(„Tust du dir schwer beim Aufstehen?“) sie zunehmend verunsichert
hätten: „Oft sind die Aussagen so allgemein, dass
sich fast jeder darin wiederfindet“, sagt sie. Laura Wiesböck,
Plattformen, Verantwortung
und Lösungsansätze
tionsregeln. In beiden Fällen warnen Expert*innen vor einer
Zunahme von Desinformation – auch im Bereich psychischer
Gesundheit.
Das war frustrierend, da sie ihre Aufgaben erledigen wollte,
sich jedoch nicht motivieren konnte. Über Social Media
Soziologin an der Universität Wien, warnt in ihrer aktuellen
Studie, ebenfalls vor der zunehmenden Verwendung von
Was kann dem entgegenwirken? Laura-Maria Altendorfer
betont die Bedeutung von Medienkompetenz – auf Seiten
Sichtbarkeit braucht Verantwortung
erfuhr sie mehr über ADHS und begann, vorgeschlagene
Begriffen wie „Trauma“ und „ADHS“ auf Social Media. In
der Nutzer*innen wie der Creator*innen. Sie ist der Mei-
Der Diskurs über mentale Gesundheit auf Social Media
Strategien anzuwenden.
einer qualitativen Analyse untersuchte sie, wie psycholo-
nung, dass sich jeder überlegen müsse, was er postet, wer
ist laut Laura-Maria Altendorfer „eine kleine Revolution, die
gische Konzepte in Alltagssprache überführt und auf Platt-
die Zielgruppe ist und was das auslösen kann. Ein Einfaches
vielleicht gerade startet“ – doch sie bringt auch Risiken mit
Altendorfer verweist zudem auf das Potenzial von Content-
formen wie TikTok oder Instagram vereinfacht und aus dem
„Ich bin heute so depressiv“ könne bei Betroffenen negativ
sich. Sichtbarkeit allein reiche nicht: Zwischen Posts und
Creator*innen, vor allem, wenn eigene Erfahrungen geteilt
Zusammenhang gerissen werden. Diese Entwicklung könne
ankommen – oder Krankheitsbilder verharmlosen.
professioneller Diagnose liegen Unsicherheiten, die Orien-
oder Therapieverläufe öffentlich gemacht werden: „Durch
dazu führen, dass Nutzer*innen fälschlicherweise glauben
tierung verlangen würden. Damit der digitale Raum mehr als
das Teilen dieser positiven Erfahrungen können Follower*in-
an einer psychischen Störung zu leiden, obwohl keine diag-
Zudem fehle es an klaren Richtlinien. Während Journalist*in-
nur Bühne ist, brauche es Verantwortung von Plattformen,
nen oder andere Betroffene ermutigt werden, vielleicht auch
nostizierte Erkrankung vorliegt.
nen etwa dem Pressekodex folgen oder Selbstregulierung
Medien und Fachpersonen. Es geht nicht um mehr Likes –
eine Therapie in Anspruch zu nehmen.“ Auch professionelle
durch berufliche Standards im Medienunternehmen bzw.
sondern um mehr Verantwortung.
Akteur*innen – etwa Psychotherapeut*innen, die auf Instagram
Einblicke in ihre Arbeit geben – könnten Hemmschwel-
Altendorfer ergänzt: „Wir wissen es sogar aus Studien, dass
Menschen die eigene nicht-pathologische Angst als Störung
durch Organisationen wie dem Presserat entwickelt haben,
seien solche Standards für Content Creator*innen kaum
TAMINA LAUTENBACH
len abbauen.
einstufen, weil sie sich mit Betroffenen identifizieren.“ Daraus
etabliert. „Im Prinzip machen beide Gruppen das Gleiche, aber
Selbstdiagnose und Kommerzialisierung
könne eine selbsterfüllende Prophezeiung entstehen – bis
hin zur tatsächlichen Symptomzunahme.
für die einen gibt es halt viel mehr Standards und Richtlinien als
für die anderen.“
Doch der digitale Mental-Health-Diskurs birgt Risiken.
Laura-Maria Altendorfer warnt davor, dass auf Plattformen
Hinzu kommt ein kommerzieller Aspekt. Die Wissenschaf-
Auch Plattformen selbst könnten laut Altendorfer Verant-
wie YouTube oder Reddit Behandlungsmethoden wie Ernährung
oder Achtsamkeit häufig stärker befürwortet werden
als Psychotherapie oder Medikamente. Das könne problematische
Folgen haben – etwa, wenn Betroffene aufgrund
verzerrter Darstellungen professionelle Hilfe ablehnen.
terin spricht von einer Gratwanderung zwischen Aufmerksamkeit
schaffen und dem Wunsch, Geld zu verdienen.
Besonders problematisch sei es, wenn professionelle
Akteur*innen Werbung für eigene Produkte machen – etwa
Merchandise mit Mental-Health-Slogans. „Aus ethischer
wortung übernehmen – etwa durch Faktenchecks oder
eine stärkere Sichtbarkeit seriöser Inhalte. Hilfreich wären
auch Angebote wie DIGAs – also digitale Gesundheitsanwendungen
mit wissenschaftlicher Basis. Doch noch dominieren
andere, semiprofessionelle Inhalte. Ein Blick in die
Mentale Gesundheit auf Social Media:
„Eine kleine Revolution, die vielleicht
gerade startet.“
– Laura-Maria Altendorfer.
Sicht sind es gewissermaßen Grenzen.“ Damit verweist Frau
USA zeigt zudem, was passiert, wenn Plattformen solche
Besonders kritisch sieht sie vereinfachte Darstellungen
Altendorfer auf die Schwierigkeit, eine klare Linie zwischen
Maßnahmen zurückfahren: Meta kündigte Anfang 2025 an,
psychischer Erkrankungen: „Plötzlich hat gefühlt jeder ADHS,
authentischer Aufklärungsarbeit und kommerziellen Inte-
sein Fact-Checking-Programm zu beenden und stattdes-
14
15
Hören statt Lesen:
Warum Podcasts immer wichtiger für
die Wissensvermittlung werden
Die Nutzung von Wissenspodcasts steigt und immer häufiger ersetzen sie den traditionellen Weg der
Wissensbeschaffung. Im SUMO-Gespräch mit Podcast-Host Edith Michaeler vom Podcast Erzähl mir
von Wien und Podcast Produzentin Maria Lorenz-Bokelberg von Pool Artists wird deutlich, dass
Hören statt Lesen die Angst vor komplexen Inhalten abbauen kann.
FOTOS: LISA MAYRINGER
Ob Medienhäuser wie der Der Standard, Influencerin
Dagi Bee oder das Österreichische Bundesministerium
für Finanzen: Sie alle setzen auf das gemeinsame
Format des Podcasts. Seit 2018 wächst deren
oder Audible, ist der Zugang ein Leichtes. Neben bekannten
Apps haben auch Medienhäuser diese Chance erkannt und
vermarkten auf ihren eigenen Plattformen wie ORF Sounds
oder Zeit Online ihre Eigenproduktionen. Der digitale Weg
Anzahl rasant: Allein im Jahr 2023 erschienen laut der Pod-
ist kurz, der Aufwand gering. Die leichte Zugänglichkeit
cast-Studie von Seven.One AdFactory in Deutschland unge-
spricht für den steigenden Erfolg. Des einen Freud, des
fähr 12.000 neue Podcasts auf dem Markt. Die Auswahl ist
anderen Leid: Laut Podcast Host von Erzähl mir von Wien
riesig: Von Politik, Wirtschaft bis hin zu True Crime, Gesund-
Edith Michaeler ist der günsti-
heit, Unterhaltung oder persönlicher Weiterentwicklung, ist
ge Preis einer der Vorteile
für jeden etwas dabei. Hinzu kommen Wissenspodcasts, die
für die Rezipient*innen.
Bereiche wie Naturwissenschaften, Psychologie, aber auch
Für die Produzent*in-
geschichtliches oder technisches Wissen abdecken.
nen ist dieser Um-
Will man sich zu einem Thema informieren, wird also nicht
stand freilich we-
mehr nur nach einem Buch oder einem Fachmagazin ge-
niger positiv. Die
griffen. Laut Podcast Produzentin und Geschäftsführerin
von Pool Artists Maria Lorenz-Bokelberg liegt das daran,
dass das Gehirn Podcasts
anders aufnimmt und
meisten Podcasts
sind nämlich bis auf
kleine Einschränkungen,
wie beispielsweise
Edith Michaeler | © Miriam Mehlmann
nicht mehr nur von Wissenschaftler*innen produziert, sondern
auch von Medienredaktionen, PR-Abteilungen, aber
Eine weitere Schwierigkeit für Wissenspodcasts ist die Finanzierung.
Michaeler merkt an, dass dies bei ihrem Pod-
durch die gesprochene
Werbung, kostenlos nutzbar.
auch Personen, die keine unmittelbar erkennbare Anknüp-
cast am besten mit Kooperationen funktioniert. In der Pra-
Sprache oft komple-
Michaeler sieht auch die schnelle Meinungsfindung positiv:
fung an die Universitäten haben. Glaubwürdigkeit und Qua-
xis bedeutet diese Form der Monetarisierung freilich einen
xe Themen einfacher
„Man weiß ziemlich schnell, ob das was man hört einem passt
lität sieht auch Michaeler als eine Problematik der stetig
Maria Lorenz-Bokelberg | © Patricia Haas
zu verstehen sind.
oder nicht.“
steigenden Zahl an Wissenspodcasts. Denn: „Nur weil es
Ihrer Meinung nach
wirken Wissenspodcast
als Ergänzung zu
Printmedien. Des Weite-
Was hinter dem Mikrofon passiert
Edith Michaeler gewährte uns einen Blick hinter die Kulissen
ihres Wissenspodcasts, den sie gemeinsam mit ihrer
Wissenspodcast heißt, heißt es nicht, dass das Gesagte wirklich
wissenschaftlich belegt ist.“ Auch Lorenz-Bokelberg stimmt
dieser Einschätzung zu: „Das Gute am Podcast ist, dass jeder
einen machen kann. Das Schlechte am Podcast ist aber auch,
„Das Gute am Podcast ist, dass jeder einen
machen kann. Das Schlechte am Podcast ist
aber auch, dass jeder einen machen kann.“
– Maria Lorenz-Bokelberg.
ren herrscht zwischen Podcast
Kollegin Fritzi Kraus betreibt. Die größte Herausforderung
dass jeder einen machen kann.“
Host und Hörer*in eine geringere Distanz und oftmals be-
bestünde im Vertrieb und der Aufbereitung. Denn: „Ein noch
Doch wie können Podcast Hosts in diesem Genre Glaubwür-
reits eine gewisse Verbundenheit.
so toller Podcast kann nicht überleben, wenn er keine Hörer*in-
digkeit und Vertrauen bei ihrer Hörerschaft aufbauen? Laut
Grenzgang: Für Michaeler und ihre Podcast Partnerin ist es
Wissensvermittlung als Erfolgsrezept
nen hat“, so Michaeler. Nicht zu vergessen ist das richtige
Storytelling: Einerseits hört sich keine*r gerne langweilige
Michaeler muss man sich mit Authentizität das Vertrauen
der Zuhörer*innen Schritt für Schritt erarbeiten. Tiefgehen-
wichtig stets redaktionell unabhängig zu bleiben und den
Inhalt frei gestalten zu können. Finanzierungsmöglichkeiten
Podcasts sind nicht nur orts-, sondern auch zeitunabhängig
Geschichten an, andererseits liegt die Kunst darin komplexe
de Recherche, echtes Interesse und Ehrlichkeit, wenn man
eröffnen sich auch durch Publikum Events wie Live-Pod-
konsumierbar und bieten dabei einige Vorteile im Gegensatz
Dinge einfach zu verpacken und für das breite Publikum ver-
eine Antwort einmal nicht weiß, machen den Host nahbar
casting. Hier bedarf es einer gewissen Regelmäßigkeit,
zu traditionellen Medien. Lorenz-Bokelberg sieht auch
ständlich zu machen.
und stärken das Vertrauen. Laut Lorenz-Bokelberg sind
um auch wirklich einträglich zu sein. Zusätzlich erwähnt
darin den großen Erfolg: „Bei einem Wissenspodcast ist es so,
Dieses Know How der richtigen Vermittlung ist bei
aber Podcasts auch eine ideale Möglichkeit, um Menschen
Lorenz-Bokelberg Fördergelder und Partnerschaften mit
dass ich Wissen aufnehmen kann, während ich andere Sachen
Wissenschaftler*innen nicht zwingend gegeben: Wie Lewis
mit Expertisen einzuladen und mit ihnen über ihre Fachge-
Institutionen, da immer mehr erkennen, dass der Podcast
mache. Während ich Auto fahre, während ich putze, während ich
E. MacKenzie 2019 in seiner Studie „Science podcasts“ an
biete zu reden. „Leute werden einfach lockerer in einem Audio-
ein immer relevanter werdendes Medium ist. Aber auch die
jogge oder so. Das kann ich mit einem Buch nicht.“
der Durham Universität im Vereinigten Königreich erforscht
gespräch, als in einem Interview, wo sie wissen, das wird dann
Nutzung von Plattformen wie Steady oder Patreon können
Durch die Vielzahl an Plattformen wie Spotify, Apple Podcast
hat, werden wissenschaftliche Befunde im Hörformat dort
gekürzt und redigiert“, so die Produzentin.
bei kleineren, aber starken Communitys unterstützend sein.
16 Hören statt Lesen Hören statt Lesen
17
Zwischen Chancen und Vertrauenskrise
Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das immer mehr an
Relevanz gewinnt, so auch im Bereich Podcast. Immer mehr
KI erstellte Podcasts erscheinen und stellen damit eine
neue Herausforderung dar. Lorenz-Bokelberg betont, dass
es besonders bei Wissenschaftsthemen problematisch
sein kann, wenn Inhalte nicht mehrmals überprüft werden.
Außerdem ist sie der Meinung, dass Ethik-Workshops und
die Verantwortung von Informationsweitergabe mehr Beachtung
benötigen, da nicht alle Hörer*innen immer kritisch
gegenüber ihren Quellen sind. Podcasts stehen trotz des
Booms der letzten Jahre noch unter dem Schatten von
Radio, TV und Büchern und kämpfen immer noch darum,
genauso ernst genommen zu werden. „Eine Herausforderung,
die zum Glück kleiner wird, aber durchaus noch da ist, ist, dass
Podcasts immer noch hier und da ein bisschen unter dem Ruf
leiden, etwas sehr Hobbymäßiges zu sein“, erklärt Lorenz-Bokelberg.
Der Podcast Produzentin zufolge kämpfen – trotz
des Aufschwunges – die wissenschaftlichen Themen noch
gegen das Gefühl: „Das müsste doch eigentlich eher ein Buch
oder vielleicht eine Doku sein.“ Wissenspodcasts haben es
in der Branche oftmals nicht leicht. Werde mit Freude und
mit begeisterten Stimmen erzählt, herrsche schnell Kritik,
dass es an Seriosität fehle, „weil alles Wissenschaftliche muss
möglichst monoton und unemotional sein.“ Lorenz-Bokelberg,
steht diesem Denken kritisch gegenüber und wünscht sich
für die Zukunft mehr von dieser anderen Art der Wissensvermittlung.
Aber auch die unterstützende Wissensvermittlung mit Podcasts
in Bildungseinrichtungen sieht Lorenz-Bokelberg in
der Zukunft als eine abwechslungsreiche und spannende
Möglichkeit. Damit können Thematiken für Schüler*innen
anders aufbereitet und unterstützend angeboten werden.
„Ich glaube wirklich, dass man damit auflockern, aber auch
helfen kann, sich Sachen zu merken“ , so die Produzentin. Bekanntermaßen:
Manches gehört eben gehört.
Von YouTube lernen oder
doch lieber den Profi rufen?
Immer mehr Menschen lernen handwerkliche Fähigkeiten durch DIY-Tutorials auf YouTube und TikTok.
Doch wie zuverlässig sind diese Anleitungen? Können sie eine professionelle Ausbildung ersetzen
oder bleiben sie nur eine Ergänzung? Mark Molter (M1Molter) ist Influencer und einer der
bekanntesten Heimwerker auf YouTube. Gemeinsam mit dem gelernten Elektriker Martin Rapolt
erklärt er, wo die Grenzen des Selbermachens liegen.
FOTOS: SARA LEUTGEB
LISA MAYRINGER
Mark Molter | ©Privat
Die Beliebtheit von DIY-Tutorials ist nicht überraschend:
Sie sind kostenlos, jederzeit abrufbar und
vermitteln das Gefühl, Dinge selbst in die Hand
nehmen zu können. Gerade in Zeiten steigender
Handwerkerkosten sehen viele darin eine günstige Alternative.
Influencer*innen wie Mark Molter (M1Molter) haben
sich auf YouTube eine große Fangemeinde aufgebaut, indem
sie ihr Wissen leicht verständlich
weitergeben. Doch
wie steht es um die
Qualität dieser Anleitungen?
Was unterscheidet
gute DIY-Tutorials
von solchen,
die möglicherweise
gefährlich sind?
„Wenn es richtig werden soll,
dann mach es selbst“
Mark Molter, bekannt unter dem Namen M1Molter – Der
Heimwerker, zählt zu den bekanntesten Heimwerker-Influencern
im deutschsprachigen Raum. Sein YouTube-Kanal
verzeichnet rund 299.000 Abonnent*innen und bietet über
1.200 Videos zu Themen wie Elektroinstallationen, Photovoltaik,
Sanitär, Werkzeugtests und Reparaturen. Mit seinem
Motto „Wenn es richtig werden soll, dann mach es selbst“
motiviert er seine Community zum Selbermachen. In einem
Gespräch mit SUMO erklärt er, wie er dazu kam, sein Wissen
zu teilen: „Ich war schon immer handwerklich aktiv und habe
früher selbst Anleitungen im Netz gesucht, meist waren es nur
lange Textbeiträge. Also habe ich selbst Videos gemacht und
hochgeladen.“
18 Hören statt Lesen Von YouTube lernen oder doch lieber den Profi rufen?
19
Molter, der den Beruf des Metallbauers und Kunstschmieds
gelernt hat, spricht mit Leidenschaft über das Handwerk und
betont, wie wichtig es ihm ist, dieses Wissen weiterzugeben:
„Ich wollte den Leuten etwas Praktisches beibringen. Gerade in
einer Zeit, in der alles digitalisiert wird, war mir klar, dass ein
Video mehr bringen kann als ein trockener Text.“ Molter hat
jedoch auch klare Grenzen für DIY-Videos: „Wenn ich etwas
selbst mache, dann weiß ich, dass ich es für mich mache, mit
Sorgfalt. Viele Handwerksfirmen stehen unter Zeitdruck und
arbeiten nicht mehr sauber. Wer sich für sein eigenes Projekt Zeit
nimmt, macht es oft gründlicher.“ Doch trotz dieser positiven
Perspektive warnt er davor, dass DIY-Tutorials in manchen
Fällen zu einer falschen Sicherheit führen können: „Wenn du
etwas machen willst, bei dem du mit Elektrik oder Gasanschlüssen
arbeitest, dann lass es lieber vom Profi machen.“
Für Molter sind seine Tutorials keine Konkurrenz zum Handwerk,
sondern eine Ergänzung: „Wenn Laien einfache Arbeiten
selbst übernehmen, entlastet das die Handwerker*innen – die
könnten sich dann wieder auf komplexere Aufträge konzentrieren.“
Tatsächlich gibt es bereits Kooperationen zwischen
Molter und Handwerksbetrieben: „Einige Firmen verwenden
meine Videos sogar in Schulungen.“ Molter betont jedoch, dass
das Hauptziel seiner Videos immer die Ermutigung zum
Selbermachen ist: „Es geht darum, das Vertrauen zu schaffen,
dass auch jemand ohne handwerkliche Ausbildung etwas selbst
erledigen kann.“
Die Schattenseiten des Selbstversuchs –
Perspektive eines Elektrikers
Während einfache Arbeiten wie das Streichen einer Wand
oder das Zusammenbauen von Möbeln problemlos nach Anleitung
machbar sind, sieht es bei Elektroinstallationen oder
Sanitärarbeiten anders aus. Fehlerhafte Verkabelungen
Martin Rapold | ©Gerhard Leutgeb
oder unsachgemäße Montagen können gefährlich und teuer
werden. Der gelernte Elektriker
Martin Rapolt sieht diesen
Trend kritisch: „Wenn man
sich ein bisschen etwas
anschaut, ist das grundsätzlich
positiv – doch
Elektrotechnik ist gefährlich.
Die Risiken lernt man
nicht auf YouTube.“ Rapolt
arbeitet seit 37 Jahren im
Beruf, davon 25 Jahre selbstständig.
In seiner Laufbahn hat er
viele Beispiele gesehen, in denen DIY-Versuche schiefgelaufen
sind: „Gerade bei Photovoltaikanlagen oder Wallboxen
braucht es viel Fachwissen – von Vorschriften bis Sicherheitsvorkehrungen.
Wer das nicht gelernt hat, macht Fehler. Und dann
ahmen es tausende andere nach.“ Rapolt berichtet von Fällen,
bei denen unsachgemäße Verkabelung zu brennenden
20 Von YouTube lernen oder doch lieber den Profi rufen?
Häusern oder schweren Stromschlägen geführt hat. „Das ist
keine Kleinigkeit“, erklärt er mit Nachdruck.
Er sieht in DIY-Tutorials ein großes Risiko, vor allem wenn
diese ohne kritische Reflexion oder Hinweisschilder zum Sicherheitsaspekt
veröffentlicht werden: „Ich habe auch schon
Videos gesehen, in denen Leute ihre Projekte unter extrem gefährlichen
Bedingungen filmen und sagen: ‚Das ist ganz einfach!‘
Aber viele unterschätzen, wie schnell man sich selbst und andere
in Gefahr bringt.“
Rapolt ist der Meinung, dass solche Tutorials bestenfalls
als Einstieg dienen, jedoch niemals den Besuch einer Fachschule
oder die Ausbildung zum*r Handwerker*in ersetzen
können. „Vielleicht helfen sie, das Interesse zu wecken. Aber
sie sind keine Alternative zur fachgerechten Umsetzung nach
Norm.“ Für ihn ist es wichtig, dass Fachleute wie er weiterhin
die Kontrolle über sicherheitskritische Bereiche behalten.
Der Trend zum „Do It Yourself“ –
Eine neue Form der Ausbildung?
Ein Blick auf die Entstehung und Entwicklung von DIY-
Tutorials zeigt, dass diese mehr sind als nur eine Modeerscheinung.
Vor allem durch Plattformen wie YouTube und
TikTok hat sich eine DIY-Kultur entwickelt, die vielen Menschen
einen niedrigschwelligen Zugang zu handwerklichem
Wissen bietet.
Laut einer Statista-Erhebung aus dem Jahr 2018 folgen 30 %
der Nutzer*innen in Deutschland Influencer*innen aus dem
Bereich „Hobby & DIY“. Damit liegt dieses Genre hinter Bereichen
wie „Essen & Trinken“ (43 %) oder „Sport & Gesundheit“
(33 %) – aber deutlich vor z. B. „Kunst & Kultur“ (19 %).
Auch die allgemeine Begeisterung für Heimwerken bleibt
stabil: 2024 zeigen rund 35,5 Millionen Menschen in
Deutschland zumindest mäßiges Interesse an DIY-Themen,
etwa 11,4 Millionen davon gelten als besonders interessiert.
Der Umsatz im klassischen DIY-Markt hat sich parallel dazu
auf über 50 Milliarden Euro erhöht und verzeichnete 2023
mit 53,2 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch.
Trotz dieses wachsenden Interesses an handwerklichem
Tun bleibt die Zahl junger Menschen, die tatsächlich eine
handwerkliche Ausbildung beginnen, rückläufig. DIY-Tutorials
auf Social Media können also berufliche Orientierung
bieten oder praktische Lücken füllen – sie ersetzen aber
keine fundierte Ausbildung und vermitteln meist nur Teilaspekte
handwerklicher Praxis.
„Ich bin der Meinung, dass DIY-Tutorials eine wichtige Ergänzung
zur klassischen Ausbildung darstellen“, erklärt Molter. „Es ist
ein zusätzliches Wissen, das man erwerben kann, ohne sofort
in eine lange Ausbildung zu gehen.“ Gerade für jüngere Generationen,
die nach flexiblen Lösungen suchen, könnten
DIY-Tutorials eine wertvolle Möglichkeit sein, um praktische
Fähigkeiten zu erlernen, die sie im Alltag und in ihrer
Freizeit anwenden können. „Aber“, fügt Molter hinzu, „es
muss jedem klar sein, dass komplexe Aufgaben wie Elektroinstallation
oder Gasleitungen den Fachleuten überlassen
werden müssen.“
Zwischen Tutorial und Tradition
DIY-Tutorials sind mehr als bloße Reparaturhilfen. Sie
sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels hin zu
mehr Eigenverantwortung und digitalem Lernen. Doch
ihre Grenzen liegen dort, wo es auf Präzision, Sicherheit
und jahrelange Erfahrung ankommt.
Die Zukunft liegt womöglich nicht in der Frage „Profi
oder DIY?“, sondern im Zusammenspiel beider Welten.
Wenn Fachkräfte und digitale Akteur*innen sich nicht als
Konkurrent*innen, sondern als komplementäre Kräfte
begreifen, kann daraus ein neues Verständnis von handwerklicher
Bildung entstehen – praxisnah, flexibel und
zeitgemäß.
SARA LEUTGEB
Wer nur
das liest,
liest zu
wenig.
Welt, bleib wach.
Ihr Nahversorger
fürs Gehirn.
Thalia St. Pölten
Kremser Gasse 12
3100 St. Pölten
Mo–Fr: 9–18 Uhr
Sa: 9–17 Uhr
21
True Crime: Zwischen
Gänsehaut und
Faktenwissen
Ob fesselnde Erzählungen oder echte Wissensvermittlung – True-
Crime-Formate boomen. Doch bieten sie wirklich fundierte Einblicke in
Kriminalität und Justiz oder bedienen sie vor allem Sensationslust?
SUMO spricht mit der Juristin Lena Vogl und dem True-Crime-
Podcaster Hubertus Schwarz von True Crime Austria über die
Verantwortung hinter solchen Produktionen.
FOTO: MAGDALENA LUEGER
True Crime ist nicht nur ein aktueller Medien-Hype,
sondern ein bewährtes Genre mit langjähriger
Geschichte in den Medien: Gerichtsdarstellungen,
Verbrechensreportagen oder Formate wie der Ak-
Diese Platzierungen zeigen, wie stark das Genre in der Podcastlandschaft
verankert ist.
Viele True-Crime-Formate nutzen dabei dramaturgische
Mittel, um Spannung zu erzeugen. Das kann dazu führen,
tyrannen-Morde“, bei denen Frauen über Jahre hinweg in
der Ehe misshandelt wurden und sich schließlich durch
Tötung des Partners befreien.
Was den Zugang zu Informationen betrifft, kritisiert
Dennoch zeigt sich: Viele Formate setzen auf Spannung und
Dramaturgie, die tatsächliche Ermittlungsarbeit jedoch oft
verzerrt.
tenzeichen XY zeigen, dass Verbrechen schon immer mediale
Faszination ausgelöst haben. Medienpsycholog*innen erklären
diese Anziehungskraft mit dem Konzept des emotio-
dass komplexe Ermittlungsprozesse vereinfacht oder verfälscht
dargestellt werden. Juristische und gesellschaftliche
Hintergründe bleiben dabei oft unberücksichtigt.
Schwarz die rechtlichen Hürden in Österreich: „In Deutschland
gibt es die Auskunftspflicht der Behörde, die gibt es so
in Österreich nicht. Das macht den Zugang zu Informationen
Fehlwahrnehmungen durch populäre True-
Crime-Formate
nalen „Arousals“ – der Erregung durch dramatische Inhalte.
extrem schwierig.“
Diese Gefahr ortet auch Juristin Lena Vogl und betont im
Reiz und Rührung gehen dabei oft Hand in Hand.
Auch die Erzählweise spielt eine große Rolle: Die aktuell
so beliebten Podcasts beginnen mit einem dramatischen
Journalistische Verantwortung zwischen
Aufklärung und Sensation
Beim Aufbau einer Folge arbeiten Schwarz und seine Partnerin
Katharina Börries mit umfangreichen Recherchedokumenten,
geskriptetem Text und einem dreiteiligen Auf-
Gespräch deshalb die Bedeutung der Persönlichkeitsrechte:
„Man kann nicht immer mit Klarnamen arbeiten. Es kommt auf
die Tat an und wie weit sie schon medial vertreten ist.“ Be-
Einstieg, folgen Rückblenden, Interviews mit Beteiligten,
Die Grenze zwischen journalisti-
bau: Fallbeschreibung, gesellschaftliche Einordnung und ein
sonders bei laufenden Verfahren sei Vorsicht geboten. Laut
Perspektivenwechsel und persönliche Einschätzungen.
scher Berichterstattung und
Meinungsteil am Ende. „Wir sprechen selten frei – damit nichts
Vogel könnten durch detaillierte öffentliche Darstellungen
True Crime ist kein neues Phänomen – das zeigt nicht zu-
reiner Unterhaltung ist
falsch wiedergegeben oder unbeabsichtigt preisgegeben wird.“
Aussagen von Zeug*innen beeinflusst werden: „Wenn ein
letzt der anhaltende Erfolg des Dauerbrenners Tatort. Die
oft fließend. Hubertus
Die Wahl der Fälle erfolgt nach journalistischer Relevanz,
Verfahren über mehrere Tage geht, besteht die Gefahr, dass
Gemeinschaftsproduktion von ARD, ORF und SRG wurde
Schwarz vom Podcast
verfügbarer Quellenlage und ethischer Einschätzung: „Wir
Zeug*innen über Podcasts oder Live-Ticker Aussagen anderer
bereits 1970 gestartet und ist heute nicht nur eine der langlebigsten
Krimiformate Europas, sondern auch ein Stück
deutschsprachiger Fernseh- und Gesellschaftsgeschichte.
Auch Gerichtsreportagen in Print- und Onlineformaten haben
ihre Wurzeln in medial inszenierten Reality-TV-Formaten
der 1990er Jahre. Die Kombination aus realen Fällen und
True Crime Austria betont
im Gespräch mit
SUMO die Bedeutung
von fundierter Recherche
und juristischen
Quellen: „Gerichtsunterlagen
Hubertus Schwarz | © True Crime Austria
machen nichts, wo wir nicht genug Quellmaterial finden – oder
wo wir nichts an Mehrwert bieten können.“
Stilistisch legt True Crime Austria großen Wert auf Seriosität:
„Uns ist wichtig, dass wir diese journalistische Distanz auch
haben.“ Dennoch bleibe Storytelling ein wichtiges Mittel, um
das Publikum zu binden. „Es muss eine gute Mischung ergeben
mitbekommen und ihre eigene Erinnerung unbewusst anpassen.“
Auch die ethische Komponente sieht sie kritisch: „Die Frage
ist, ob das Leid von anderen zur Unterhaltung dienen sollte –
was es offensichtlich tut.“ Die Grenze zwischen Aufklärung
und Sensation sei dabei oft schwer zu ziehen. Podcasts
inszenierter Dramaturgie trug wesentlich dazu bei, das The-
sind für uns - wenn wir sie bekommen
– zwischen Information und Unterhaltung.“
könnten leicht eine einseitige Sichtweise fördern: „Man bil-
ma Kriminalität in den Mainstream zu bringen – zuerst im
und einsehen dürfen - die wertvollste Quelle.“ Zusätzlich wür-
Schwarz sieht ihren Podcast als journalistische Ergänzung
det sich sehr schnell eine Meinung über Fälle, über die man
Fernsehen, später in Podcasts und Streaming-Dokus. Laut
den auch Interviews mit Anwält*innen oder Betroffenen
zur bestehenden Medienlandschaft: „Wir versuchen, ergän-
eigentlich kaum etwas weiß – außer dem, was ein Podcast
Statista gab es allein im deutschsprachigen Raum 2023 über
geführt – je nach Falllage und öffentlicher Präsenz der Be-
zend zu sein – für Menschen, die tiefer eintauchen wollen als
erzählt.“ Das Publikum neige dazu, die dargestellten Infor-
200 aktive True-Crime-Podcasts. Zu den erfolgreichsten
teiligten. Besonders bei historischen Fällen sei eine kritische
in die oberflächliche Schlagzeile.“ Besonders wichtig sei dabei
mationen für Tatsachen zu halten. Auch wenn Unterhaltung
zählen Zeit Verbrechen, Mordlust, Darf’s ein bisserl Mord sein?,
Einordnung wichtig: „Man muss aufpassen, wie man diese Sa-
auch der Umgang mit der Verantwortung: „Wir verhandeln
legitim sei, müsse man kritisch hinterfragen, ob damit nicht
Verbrechen von nebenan und Weird Crimes, die regelmäßig in
chen auslegt – etwa im Umgang mit früheren gesellschaftlichen
das in jeder Folge neu. Nicht jeder Fall ist gleich – und man muss
unbeabsichtigt öffentliche Meinung beeinflusst wird – auch
den Top 10 auf Spotify und Apple Podcasts vertreten sind.
Normen.“ Als Beispiel nennt Schwarz sogenannte „Haus-
aufpassen, keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen.“
bei Richter*innen.
22 True Crime: Zwischen Gänsehaut und Faktenwissen
True Crime: Zwischen Gänsehaut und Faktenwissen
23
Sie verweist auch auf den Unterschied zwischen amerikanischen
Produktionen und österreichischem Medienrecht:
„In amerikanischen Dokus werden Täter*innen oft mit vollständigem
Namen und persönlichen Details genannt. Bei
uns wäre das aus rechtlichen Gründen nicht möglich.“ Gerade
bei jungen Täter*innen oder Opfern fordert sie mehr
Zurückhaltung: „Man muss sich fragen, ob es nötig ist, jede Tat
bis ins intime Detail auszuschlachten – besonders wenn es sich
um Minderjährige handelt.“
„Wer solche Inhalte erstellt, trägt die
Gesamtverantwortung - auch rechtlich.“
– Lena Vogl.
Auch medienrechtlich gebe es klare Grenzen: „Podcaster*innen
müssen sich bewusst sein, dass sie unter das österreichische
Medienrecht fallen. Bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen
drohen Unterlassungsklagen oder sogar strafrechtliche Folgen.“
Selbst wenn Inhalte formal korrekt seien, sei ein sensibler
Umgang gefragt: „Nicht alles, was man sagen darf, sollte man
auch sagen.“
Was die Verantwortung der Produzent*innen betrifft,
antwortung – auch rechtlich. Die Frage ist, wie objektiv berichtet
wird und ob man grausame Details wirklich braucht.“
Besonders problematisch sei die Romantisierung von Verbrechern
oder die Mystifizierung von Gewalt.
Zwischen Wissensvermittlung und
Voyeurismus
True Crime kann informieren, aufklären und sensibilisieren –
doch es kommt auf die Umsetzung an. Formate, die seriöse
Recherche betreiben und multiple Perspektiven berücksichtigen,
leisten einen wertvollen Beitrag zur Kriminalitätsaufklärung.
Reine Sensationsformate hingegen verstärken
Klischees und tragen zur Fehlwahrnehmung von Verbrechen
bei. Dabei ist die Faszination für das Thema nichts Neues:
Schon in den Anfängen des Journalismus, als Drucker in
Flugblättern über Skandale, Gewalt und Schicksalsschläge
berichteten, war das Verbrechen zentraler Inhalt. Diese
Geschichten sorgten damals wie heute für Aufmerksamkeit.
Medienmacher*innen sollten sich deshalb bewusst sein: Die
Grenze zwischen Information und Inszenierung ist schmal –
und Verantwortung kein Nebenaspekt.
LEONIE TÜRK
02
„Children must be taught how
macht sie klar: „Wer solche Inhalte erstellt, trägt die Gesamtverto
think, not what to think.“
Margaret Mead
30.9.2025
22.2.2026
www.khm.at
Michaelina
Wautier Malerin
Einfach.
Mehr. Sehen.
Mit Ihrer KHM-
Jahreskarte
©TAMINA LAUTENBACH
24 Children must be taught how to think, not what to think.
Kooperationspartner
kunst
historisches
museum
Wissensvermittlung für Kinder
25
Kinderbücher:
Der Erstkontakt zu Medien
Das Kinderbuch. Es ist eine nie enden wollende Erfolgsgeschichte und stellt auf erzählerisch-kreative
Weise oft den Erstkontakt zu Medien her. Doch welche Bedeutung hat die Literatur für die Kleinsten
in Hinsicht auf Wissens- und Wertegewinn? SUMO hat mit Kinderbuchbloggerin Carla Heher und
Anna Wiesner, Lektorin beim G&G Verlag, darüber gesprochen.
FOTOS: EVA WINTERSBERGER
Anna Wiesner | ©G&G Kinderbuch Verlag
fiehlt regelmäßig Kinderbücher aller Art. Zudem entscheidet
sie als Jurymitglied der ORF Kids Bestenliste die monatlichen
Führer der Branche. Für sie bedeutet Kinderliteratur vor
allem ein Werkzeug, mit dem Kinder sich kritisch mit ihrer
Welt und Lebensrealität auseinandersetzen können – sie
solle subversiv sein und zum kreativen Denken sowie zum
Nachfragen anregen.
Auch Anna Wiesner sieht das ähnlich. Sie ist im Lektorat
und Produktmanagement für Österreichs größten Kinderbuchverlag
G&G Kinderbuch Verlag tätig. Zur Bedeutung von
Kinderbüchern sagt sie: „Lesen ist die Grundlage für gesellschaftliche
und kulturelle Teilhabe. Wenn ich lesen kann, dann
habe ich die Möglichkeit, mir diese Texte zu erschließen und die
Welt auch selbst mitzugestalten.“
Carla Heher | ©Sophie Nawratil
Was Kinder wissen sollten
Wirft man einen Blick auf die aktuellen Spiegel-Bestsellerliste
2024, so findet sich dort neben den zeitlos beliebten
Klassikern eine vielfältige Palette an aktuellen Themen. Die
kleine Raupe Nimmersatt trifft hier auf Titel wie Mein Knopf,
ein Universum, Der Löwe in dir und Das Neinhorn.
Doch welches Wissen sollte durch diese Geschichten vermittelt
werden? Konkret lasse sich das schwer sagen, so
Wiesner. „Im Verlag achten wir darauf, Kinder und ihre begleitenden
Erwachsenen dort abzuholen, wo sie gerade stehen.
Abgestimmt auf das Lebensalter, den Entwicklungsstand und
auf Interessenslagen können Bücher nämlich ganz wunderbare
Begleiter in der Wissensaneignung sein.“
Carla Heher beobachtet im Moment beispielsweise einen
Trend in Richtung der Thematik Armut und soziale Gerechtigkeit.
Auch sie betont: Besonders gefragt seien Themen,
die selbst für Eltern oft eine Herausforderung darstellen.
Vor allem beim Aufarbeiten komplexer Situationen werde in
erster Reaktion häufig zu einem Kinderbuch gegriffen, nicht
etwa zu Erwachsenenliteratur: „Es sind oft Themen, mit denen
Erwachsene sich gar nicht so gerne auseinandersetzen wollen.
Die werden dann im Kinderbuchsegment nachgefragt.“
Auf ins Abenteuer – Wissen richtig aufbereiten
Selbstverständlich geht es auch um Fragen von: Wie muss
Wissen aufbereitet werden, damit es verstanden wird? Wie
muss erzählt werden, damit Kinder zuhören?
Millionen. Soviele Kinderbücher wurden laut
58,3 der Studie Bock auf Buch (durchgeführt vom
Deutschen Börsenblatt) im Jahr 2024 verkauft. Auch der
Hauptverband des österreichischen Buchhandels meldet positive
Verkaufszahlen: Im Jahr 2023 konnte die Warengruppe
Kinder- und Jugendbuch 2% Umsatzwachstum im Vergleich
zum Vorjahr vermerken, 2024 waren es bereits 7,7%. Die
Zahlen sprechen für sich, Bücher sind trotz des digitalen
Vormarschs weiterhin nicht aus den Kinderzimmern wegzudenken
und genießen den Ruf des „guten“ Mediums.
Das Interesse am Kinderbuch spiegelt sich auch in der modernen
Blogger-Kultur wider: Carla Heher erreicht mit ihrem
Instagram-Account 24,9 Tausend Follower*innen und emp-
Zu den zentralen Werten des G&G Kinderbuch Verlags zählt
unter anderem die Förderung von Lesekompetenz. Um
dieses Ziel effektiv zu erreichen, gibt es unterschiedliche
Herangehensweisen. Wiesner erläutert, dass es für die Leseförderung
besonders fruchtbringend sei, mit Autor*innen
zusammenzuarbeiten, die das Schreiben von anregenden
Geschichten von Grund auf verstünden. Denn die Lust am
Lesen entstehe in dem Moment, in dem eine Geschichte
26 Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien
Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien
27
fessle und nicht mehr aus der Hand gelegt werden könne.
„Ein Kinderbuch zu schreiben ist eine unfassbar hohe Kunst“,
findet auch Carla Heher. „Im Kinderbuch sollen die Fakten
passen und es soll gleichzeitig so geschrieben sein, dass Kinder
es verstehen.“ Kinder sollen sich in den Geschichten wiederfinden,
jedoch nicht ausschließlich ihre Lebensrealität als
Norm vorgezeigt bekommen. Carla Heher zitiert hier die
afroamerikanische Kinderliteraturforscherin Rudine Sims
Bishop. Diese beschreibt Kinderbücher als Spiegel, in denen
Kinder sich selbst erkennen, als Fenster, durch die sie in andere
Lebenswelten blicken können und als Glastüren, durch
die sie diese betreten können.
Viele der Autor*innen des G&G Kinderbuch Verlags halten
zudem Lesungen an Schulen und Kindergärten, um den
Kindern einen direkten Austausch zu ermöglichen. „Das
wäre auch ein Faktor, dass Kinder merken: Es gibt nicht nur das
Buch, sondern es gibt auch Personen, mit denen man darüber
sprechen kann.“
„Leg doch mal das Handy weg“
Kinder brauchen also vielfältige Darstellungen von Realitäten,
so bunt und vielfältig, wie diese eben sind. Doch trotz
der zunehmenden Relevanz der digitalen Medien, gibt es
Kinderbücher, die die tatsächliche digitale Lebensrealität
der Kinder spiegeln laut Carla Heher nur vereinzelt. „Smartphones
sind mittlerweile immer mehr Bestandteil von Geschichten,
aber nicht so wie ich es in der Realität kenne. Ich bin selber
Volksschullehrerin, ich weiß, wie Kinder Medien konsumieren
und das wird nicht repräsentiert.“
Und auch Bücher in denen künstliche Intelligenz eine Rolle
spielt, gibt es bisher wenige. Für Wiesner wäre eine pauschale
Standardisierung, dass Handys nie, beziehungsweise
immer vorkommen sollten, kein sinnvoller Ansatz. „Ich glaube,
eine Geschichte muss in sich stimmig sein und Autor*innen
müssen diese Frage für sich selbst entscheiden.“ Aber dass
Kinder in einer digitalen Welt aufwachsen, ist natürlich nicht
abzustreiten.
Im Moment macht sich auch das Phänomen KI am Kinderbuchmarkt
bemerkbar: Online-Anleitungen zum eigenen
Kinderbuch anhand von KI, erste Fälle der KI-illustrierten
Verlagsbücher. Die Kampagne #buchbrauchtmensch wehrt
sich nun. Künstliche Intelligenz heranzuziehen, um beispielsweise
unterrepräsentierte Lebensrealitäten abzubilden,
das sieht Heher kritisch. „Ich glaube es braucht da schon
diese Menschlichkeit, diesen Witz, dieses Gefühl … einfach ein
Gespür für Kinder.“ Aber auch Technologien wie Augmented
Reality versuchen sich schon seit geraumer Zeit durchzusetzen.
Eine Kombination aus Handy und Buch. Ist das eine
Möglichkeit? Wiesner kann sich das vorstellen. „Es geht
nicht so sehr darum, die verschiedenen Formate – auch nicht
die verschiedenen Buchformate – gegeneinander auszuspielen,
sondern eine möglichst große Bandbreite anzubieten und damit
möglichst alle Kinder zu erreichen.“ Es stelle zwar eine Herausforderung
dar, dass Kinder heutzutage auf deutlich mehr
Medien zurückgreifen können als noch vor einigen Jahren.
Doch dies biete zugleich viele Möglichkeiten.
"Ein Kinderbuch zu schreiben ist eine
unfassbar hohe Kunst“
- Carla Heher.
Inhaltliche Trends, die Carla Heher in der Zukunft sieht, sind
vor allem jene, die im Moment noch zu kurz kommen: KI &
digitale Kompetenz. Vor allem ist ihr – ebenso wie Wiesner
– aber eine möglichst große Diversität und Perspektivenvielfalt
wichtig, um Kindern die reale Welt näherzubringen.
Außerdem betont sie, dass die Leselust der Kinder weiterhin
gefördert werden solle, denn trotz all der digitalen Entwicklungen
bleibe das Buch der Erstkontakt zu den Medien – und
trage somit ausschlaggebend dazu bei, wie Kinder die Welt
und sich selbst wahrnähmen.
Fazit
Alles in allem tragen Kinderbücher eine große Verantwortung
– gerade jetzt: „Ich glaube, dass das Kinderbuch immer
wichtiger wird in einer digitalen Welt. Wenn ich mir Social Media
anschaue, dann ist das ein Medium, das von einer ziemlichen
Schnelllebigkeit geprägt ist. Das analoge Buch ist das Gegenprogramm
dazu. Das Buch bleibt so wie es ist, auch wenn ich es
weglege, ich kann es jederzeit wieder aufgreifen. Und Bücher zu
produzieren, die diese Möglichkeit schaffen, das ist schon mal
eine große Verantwortung an sich“, so Wiesner. Für Heher
gebe es jedenfalls für jedes Kind das passende Buch, es
müsse nur gefunden werden. Wiesner stimmt zu. „Ich glaube,
jedes Buch hat seine Berechtigung, weil ich mir sicher bin,
dass es für irgendjemanden immer das richtige Buch sein wird.“
EVA WINTERSBERGER
Next Level Lernen
In der Schule lernen viele nach einem starren Prinzip – obwohl sie unterschiedlich ticken. SUMO
sprach mit Alexander Pfeiffer, Forscher im Bereich Game-Based Learning, und Lehrerin
Kerstin Doubek über das Potenzial spielerischer Zugänge für Motivation, Leistung und Unterricht.
FOTOS: ANJA SCHWEIGER
Viele Bildungseinrichtungen versuchen, auf individuelle
Unterschiede einzugehen – doch im durchgetakteten
Schulalltag fehlt dafür oft der Raum.
Dabei lernen Menschen sehr unterschiedlich:
Manche kommen mit Frontalunterricht gut zurecht, andere
brauchen Bewegung, Zwischenfragen oder lebensnahe
Beispiele. Mir wurde das während eines Schulprojekts erstmals
bewusst, bei dem wir unsere eigenen Lernstrategien
erkunden sollten. Ich dachte dabei an meinen Bruder – für
ihn war das klassische Schulsystem nämlich eine besondere
Herausforderung.
In der Volksschule lief alles gut. Doch in der Hauptschule
änderte sich etwas. Er erzählte mir später, dass er sich oft
verloren fühlte. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich einfach
nicht mehr mitkomme.“ Während Mitschüler*innen scheinbar
mühelos aufpassen konnten, kämpfte er gegen Ablenkung,
Selbstzweifel und Frust. Nach außen hin wirkte er ruhig
und still – aber in ihm sah das ganz anders aus. Zuhause
flüchtete er sich in die Welt der Spiele. „Dort war alles gut. Ich
konnte mich verlieren – und hatte dort Erfolg.“ Die Spielwelt
wurde zum sicheren Rückzugsort. Und vielleicht auch zu
einem der ersten Orte, an dem er unbewusst lernte – nur
eben auf seine Weise. Er geriet regelmäßig in einen Hyperfokus,
manchmal so intensiv, dass er selbst aufs Essen
vergaß. Erst später wurde ihm klar: Vieles an ihm passt
zum ADHS-Profil. „Ich habe nicht verstanden, warum ich nicht
so lernen kann wie die anderen – und niemand hat mir erklärt,
dass ich nicht dumm bin.“ Was mein Bruder gebraucht hätte,
wäre eine andere Art von Zugang gewesen.
Was genau ist ein Educational Game?
Educational Games, oder auch Purposeful Games bzw. Serious
Games als Unterarten, sind Spiele, die gezielt entwickelt
wurden, um Lerninhalte zu vermitteln – aber nicht auf
langweilige Weise. Anders als frühere„Edutainment“-Pro-
28 Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien Next Level Lernen 29
gramme, die oft einfach ein Quiz ins Spiel klebten, stehen
ist. Dass sie dabei Arbeitsblätter gelöst haben, haben sie gar
Wie richte ich Accounts ein? Welche Daten werden erhoben?
Was braucht es – und was wäre möglich?
hier Spielerlebnis und Immersion im Vordergrund. Man lernt,
nicht bemerkt.“ Für sie war besonders überraschend, wie gut
Wie sichere ich Zugänge? Dazu kommt der Faktor Zeit. Ein
„Seit 20 Jahren fordern wir, dass Spiele als Lernmedium ernst
weil man mitmacht – nicht, weil ein Pop-up mit Fragen er-
die Gruppenarbeit funktionierte – „weil alle ein gemeinsa-
sinnvoller Einsatz von Lernspielen braucht Vorbereitung,
genommen werden“, sagt Pfeiffer. Ab dem kommenden
scheint.
mes Ziel hatten.“
Begleitung und Nachbereitung. Er sieht hier besonders in
Schuljahr sind Serious Games und Gamification in Öster-
Alexander Pfeiffer arbeitet seit über 20 Jahren an dieser
Auch mein Bruder kennt dieses Gefühl. In Spielen kam er
der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte Nachholbedarf
reichs Schulen zumindest formal anerkannt. Jetzt braucht
Schnittstelle. Er erinnert sich: „Damals gab es das Wort
regelmäßig in diesen Zustand. Während des Unterricht war
– ebenso bei strukturierten Materialien wie Lernzielkatalo-
es Umsetzungsmodelle. Pfeiffer plädiert für einen digitalen
Gamification noch gar nicht.“ Heu-
das aber anders: „Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren.
gen, oder digitalen Spielesammlungen.
Lehrmittelkatalog, der Spiele mit Lehrplänen verknüpft. So
te versteht man darunter
Jede Stunde war für mich eigentlich verlorene Zeit.“
Auch Kerstin Doubek beobachtet Lücken – sie setzt im All-
könnten Lehrkräfte gezielter auswählen, statt alles selbst
die gezielte Anwendung
von Spielmechaniken
in einem nicht-spie-
Für wen können Lernspiele besonders
hilfreich sein?
tag auf einfache, aber wirkungsvolle
Tools. „Kahoot ist bei uns immer
wieder mal die Beloh-
entwickeln zu müssen. „Wir hatten schon einmal so ein Toolkit
– aber ohne Förderung war es nicht haltbar.“
Sein Wunsch: mehr Mut im System – und bei der Genera-
lerischen
Kontext
Educational Games sind nicht für alle Schüler*innen ge-
nung am Ende der Stun-
tion, die bereits mit Spielen aufgewachsen ist. „Wenn so viele
Alexander Pfeiffer | © Privat
– etwa Punkte, Fort-
eignet, vermutlich jedoch für eine größere Gruppe als bis-
de – das empfinden sie
gerne Games zocken, dann sollen sie auch den Mut haben, diese
schrittsanzeigen oder
her angenommen. Für Lernende, die sich im klassischen
als echtes Highlight.
Leidenschaft in die Schule zu bringen.“
Belohnungen, die das
Verhalten der Nutzer*innen
motivierender gestalten
Unterricht verloren fühlen. Für Quereinsteiger*innen. Für
Menschen, die besser durch Tun, durch Fragen oder durch
spielerische Strukturen lernen.
Auch Lern-Apps wie
Anton motivieren, weil
sie glauben, sie spielen –
Was sollen wir über Educational
Games wissen?
Kerstin Doubek | © Privat
sollen und das Anwendererlebnis im
Auch mein Bruder wäre vielleicht anders durch die Schulzeit
und gar nicht merken, dass
Mein Bruder hat heute seinen Masterabschluss. Was ihm
Allgemeinen verbessern.
gegangen, hätte er diese Möglichkeit gehabt. „Ich konnte mit
sie dabei lernen.“
geholfen hat, war nicht nur ein guter Lehrer, sondern auch
Gamification und Educational Games gehören beide zum
Noten nie viel anfangen“, sagt er. „Das Beste, was ich erreichen
Doubek meint, dass die pädago-
Struktur: Fragenkataloge, kleine Schritte, kleine Erfolge.
Gebiet des Game-Based Learning, verfolgen aber unter-
konnte, war gefühlt nur, dass ich nicht geschimpft wurde.“ Erst
gische Ausbildung in dieser Hinsicht nicht zielführend ge-
„Wenn ich 45 von 100 Fragen kann, weiß ich: Ich bin auf dem
schiedliche Ansätze: Gamification ergänzt Situationen, die
bei der Berufsreifeprüfung traf er auf einen Lehrer, der ihn
wesen sei. Wer spielerische Methoden nutzen wolle, müsse
Weg“, sagt er.
per se kein Spiel sind, mit spielerischen Elementen (z. B.
anders sah. Der ihn forderte, ohne zu überfordern. „Ich habe
sich das selbst aneignen – oder in den Austausch mit Kol-
Spiele sind kein Wundermittel. Aber sie können ein Zugang
Ranglisten in Mathe-Apps), während Educational Games
das erste Mal gemerkt: Ich kann das. Ich bin nicht blöd – ich
leg*innen gehen.
sein – besonders für jene, die im klassischen System unter-
eigenständige Lernspiele sind. Der Unterschied ist ent-
brauch nur eine andere Art zu lernen.“
Pfeiffer betont außerdem: Nicht alle stehen dem Medium
gehen. Sie schaffen Räume, in denen Fehler erlaubt sind,
scheidend – denn oft fehlen im Schulalltag Ressourcen,
Doubek kennt solche Muster aus dem Unterricht: „Es gibt
Spiel offen gegenüber. In vielen Köpfen gelten Games noch
Neugier belohnt wird und Leistung mehr ist als ein Zahlen-
um komplexe Spiele einzubinden. Gamification kann dann
viele Schüler*innen, denen es oft schwerfällt, sich lange zu kon-
immer als Ablenkung, oder Mittel für potenziell exzessives
wert. Spiele, so Pfeiffer, sollten als ernstzunehmende di-
ein niederschwelliger Einstieg sein: ein Bonuspunktesys-
zentrieren. Aber wenn es um ein Spiel oder einen Wettbewerb
Verhalten. Auch technische Barrieren – etwa eine unge-
daktische Werkzeuge verstanden werden – nicht nur wegen
tem, ein Fortschrittsbalken, ein Quiz mit Highscore – kleine
geht, sind sie plötzlich voll dabei.“ Gerade bei Konzentrations-
wohnte Steuerung – können sich im Unterricht als Problem
des Spaßfaktors, sondern weil sie Menschen ermöglichen,
Elemente, die Motivation fördern, ohne ein eigenes Spiel
problemen kann genau dort angesetzt werden, wo andere
erweisen. Lernspiele funktionieren nur, wenn sie freiwillig
auf ihre eigene Art zu lernen.
zu benötigen. Eine Abgrenzung, die Pfeiffer für besonders
wichtig hält.
Was macht ein gutes Lernspiel aus?
Methoden versagen.
Game-Based Assessment – was Prüfungen in
Spielen möglich machen könnten
bleiben – sonst verlieren sie ihren didaktischen Wert. Wer
nicht mitspielen will, sollte alternative Rollen einnehmen
dürfen – etwa als Spielbeobachter*in oder Assistent*in.
ANJA SCHWEIGER
Alexander Pfeiffer beobachtet in der Praxis, dass viele
Game-Based Learning eröffnet nicht nur neue Zugänge zu
Lernspiele kurzfristig motivieren – aber nicht nachhaltig.
Inhalten, sondern auch zu Bewertungsformen. Alexander
Warum? Weil sie oft nur alte Lernstrukturen in ein Spiel
Pfeiffer unterscheidet mehrere Formen von Game-Based
verpacken, statt das Spiel so zu gestalten, dass das Lernen
Assessment – also spielbasierten Prüfungsansätzen, bei
Teil des Spiels wird. Pfeiffer weist darauf hin, dass Spiele
denen Leistungen direkt im Spielverlauf sichtbar werden.
zwar Lernprozesse anstoßen, diese aber nicht immer mit
Etwa durch Problemlösungen, strategische Entscheidungen
den schulischen Lernzielen übereinstimmen. Deshalb sei
oder Zusammenarbeit in komplexen Spielsituationen. Die
gutes Spieldesign entscheidend: Ein Lernspiel müsse nicht
Idee: Was jemand kann, zeigt sich im Handeln – nicht erst
nur Wissen vermitteln, sondern auch motivieren – durch die
im Test.
richtige Balance von Herausforderung und Belohnung. Er
verweist hier auf die Flow-Theorie des Psychologen Mihály
Laut Pfeiffer sind solche Konzepte längst realisierbar –
Csíkszentmihályi. Der Flow beschreibt den Moment, in dem
über Spielanalysen oder gezielte Aufgabenformate. Auch
man sich völlig in eine Aufgabe vertieft – weil sie fordernd,
die sichere Speicherung solcher Daten wäre möglich, etwa
aber nicht überfordernd ist. Wenn diese Dynamik stimmt,
mit Blockchain-Technologie. Sie könnte Bewertungen nach-
bleibt man dran – und lernt ganz von selbst. Nicht wegen
vollziehbar und vergleichbar machen.
Punkten oder Abzeichen, sondern weil man es will. Kerstin
Doubek hat diesen Effekt selbst erlebt: „Wir haben im Unter-
Und wie sieht das im Unterricht konkret aus?
richt einen Escape Room gemacht – die Schüler*innen waren
Lehrpersonen, so Pfeiffer, müssen keine Gaming-Expert*in-
Feuer und Flamme. Sie wollten einfach wissen, was in der Kiste
nen sein – aber verstehen, wie sie mit den Tools arbeiten.
30 Next Level Lernen Next Level Lernen 31
Von der Leinwand in die Kinderköpfe:
Wie Filme und Serien Werte vermitteln
und Horizonte erweitern
Kinderfilme und -serien bieten weit mehr als bunte Bilder und lustige Geschichten. SUMO geht der
Frage nach, warum Kindermedien als Vermittler von Kultur und menschlichen Werten oft
unterschätzt werden. Wir sprachen dazu mit Anna Hofmann, Co-Leiterin der Internationalen
Kinderfilmfestivals, und Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Leiterin des Internationalen
Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk.
FOTOS: ANNA SCHABASSER
Film und Fernsehen bleiben nach wie vor beliebte Medien
bei Kindern und Jugendlichen. Dies belegt auch
die Oberösterreichische Kinder-Medien-Studie 2024.
Hier wird festgehalten, dass Kinder zwischen 3 und
10 Jahren hierzulande rund 87 Minuten pro Tag mit Fernsehen
und Streamen verbringen. Doch so auf einen Bildschirm
zu schauen, verblödet die Jugend doch nur, oder? Natürlich
werden Filme und Serien in erster Linie für Unterhaltung
und den Spaßfaktor konsumiert. Oft wird aber das Faktum
übersehen, dass diese Medienform besonders für das junge
Publikum einen gewissen Mehrwert mit sich bringen kann.
Denn Kindermedienmacher*innen legen großen Wert darauf,
was sie mit ihren Werken vermitteln. Dies bestätigt
auch die Co-Leiterin der Internationalen Kinderfilmfestivals
Wien Anna Hofmann. Filme
eröffnen nicht nur Allgemeinwissen
und Fakten,
sondern auch kulturelle
und humanistische
Bildung. Kinder können
durch internationale
Kino- und Spielfilme
in neue Welten
eintauchen und eine Vielfalt
an Kulturen kennenlernen.
Auch persönlichkeitsbildende Werte und
Verhalten wie Toleranz und
Empathie können gelehrt
werden. Maya Götz
beschreibt es als eine
Art „Rollenspiel“, in-
Anna Hofmann | ©Pepo Schuster
dem sich die Kinder
wiederfinden. Kinder
lernen mit den Charakteren,
hinterfragen
deren Handlungen und dadurch
werden neue Werte mitgegeben.
Maya Götz | ©Christian Rudnik
Perspektive der Medienschaffenden
Wie gelingt es nun Kindermedienmacher*innen, Inhalte
so aufzubereiten, dass sie nicht nur informativ, sondern
auch emotional und altersgerecht sind? Eine der wichtigsten
Grundlagen beginnt schon bei der Erzählstruktur selbst.
Maya Götz spricht davon, dass es vor allem bei Kindern im
Vorschulalter wichtig sei, nur einen Handlungsstrang in der
Sendung zu haben. Auch der passende Ton zum Bild spiele
dabei eine interessante Rolle. „Wenn der Ton das Bild unterstützt
oder ihnen eine Mitteilung gibt, nehmen sie den gerne mit,
aber wenn Ton und Bild auseinandergehen, nehmen sie den Ton
oft gar nicht wahr“, erklärt Götz.
Geschichten mit klarem Aufbau, emotionalen Bögen und
identifikationsstarken Figuren helfen Kindern, sich zu orientieren
und mitzufühlen. Egal ob ein mutiges Tier, ein neugieriges
Kind oder der*die Sendungsmoderator*in, wenn man sich
in der Hauptfigur wiederfindet, bleibt man dran und lernt mit
ihr. „Es braucht eben diese*n Vermittler*in, die Anknüpfungsfigur,
mit der man durch das Erlebnis geht. Ein*e Vertreter*in, der sie
gerade teilhaben lässt, bei dem was er erlebt“, sagt Maya Götz.
Gleichzeitig ist aber nicht nur das „Wie“ entscheidend, sondern
auch das „Was“. Kinderfilmfestivals wie das Internationale
Kinderfilmfestival Wien legen großen Wert auf die Auswahl
von Filmen, die neben Unterhaltung auch gesellschaftlich relevante
Themen behandeln. Anna Hofmann spricht im Interview
auch darüber, dass die Filme bei den Festivals bewusst
in Originalsprache mit live eingesprochener Übersetzung
laufen, um jungen Zuschauer*innen nicht nur neue Perspektiven,
sondern auch sprachliche Vielfalt zu eröffnen.
Gerade dadurch entsteht ein vielseitiger Bildungswert. Kinder
tauchen in andere Lebensrealitäten ein und entwickeln
Empathie. Ein von Freud geprägter Begriff „Probehandeln“
beschreibt, dass Kinder durch das Erleben von Geschichten
mögliche Handlungsmuster für das eigene Leben entwickeln
können. Wenn etwa in einem Film ein Kind Mobbing erlebt,
lernen die jungen Zuschauer*innen nicht nur, dass das falsch
ist, sondern auch, wie sie sich in ähnlichen Situationen verhalten
könnten.
Komplexe Themen kindergerecht verpacken
Besonders im Bereich der humanistischen Bildung haben
Kinderfilme und -serien das Potenzial, sensible oder ernste
Themen aufzugreifen, ohne die Kinder damit zu überfordern.
Anna Hofmann nennt als Beispiel einen Film, in dem der
große Bruder der Hauptfigur stirbt. Der Umgang mit dem
Tod sei eine Herausforderung, auch für Erwachsene. Doch
gerade Kindern würden solche Geschichten ermöglichen, sich
in einem geschützten Rahmen mit Verlust und Trauer auseinanderzusetzen.
„Ich glaube, dass Kinder auf jeden Fall damit umgehen
können, wenn der Film gut gemacht ist“, sagt Hofmann.
Auch Maya Götz ist der Meinung: „Es gibt kein Thema, das nicht
für Kinder aufbereitbar ist.“
Die Auseinandersetzung mit ernsten Themen bietet Kindern
die Möglichkeit, über eigene Gefühle zu sprechen, neue
Perspektiven zu entwickeln und ihre Meinungen selbst zu
formulieren.
Genauso wichtig ist die Darstellung von Inklusion. Im Film
Grüße vom Mars steht ein autistischer Junge im Mittelpunkt.
Die Familie im Film geht liebevoll mit dem Jungen um und respektiert
seine Grenzen. „Die Kinder lernen dann, es gibt Kinder,
die sind halt so. Dadurch, dass etwas in einem Film dargestellt
wird, wird es zur Normalität“, so Hofmann. Filme wie diese tragen
dazu bei, gesellschaftliche Vielfalt sichtbar und greifbar
zu machen. Auch in Produktionen wie Lars ist LOL, in dem ein
Mädchen einen Jungen mit Downsyndrom unterstützt, wird
Inklusion kindgerecht erzählt. Der Film thematisiert darüber
hinaus Online-Mobbing und vermittelt, dass es wichtig ist, für
andere einzustehen.
Kinderfilmpreise und Kulturvermittlung
Festivals und Kinderfilmpreise spielen eine besondere Rolle
bei der Förderung von kindgerechter Kulturvermittlung. Auszeichnungen
der Internationalen Kinderfilmfestivals, beispielsweise
der Preis der Kinderjury oder der UNICEF-Preis, bieten
nicht nur eine Plattform für qualitativ hochwertige Produktionen,
sondern auch ein Mittel, um das junge Publikum direkt
einzubeziehen. Die Kinderjury setzt sich intensiv mit den Filmen
auseinander und formuliert eigene Bewertungen. Damit
wird auch die Medienkompetenz gefördert, was in einer Welt
voller Reize und Informationen nicht zu unterschätzen ist.
Außerdem machen solche Preise innerhalb der Branche auf
besonders gute Produktionen aufmerksam, auch wenn sie
außerhalb der Festival-Bubble leider oft zu wenig wahrgenommen
werden. „Grundsätzlich ist es sehr schwierig, Öffentlichkeit
für gute Kinderfilme zu schaffen. Wir sind wirklich eine
Nische“, sagt Hofmann. Förderungen, gezielte Öffentlichkeitsarbeit
und Bildungskooperationen mit Schulen – wie
Schulvorstellungen oder das Projekt Kinderkinowelten – können
helfen, den Zugang zu diesen Filmen zu erleichtern.
Dem Werk ein Publikum schenken
Das Kinoerlebnis bleibt trotz mehr Streamingdiensten und
sozialen Medien ein zentrales Mittel der kindlichen Filmbildung.
„Wenn man ins Kino geht und es ist ein guter Film,
dann bleiben die Kinder auch 1,5 Stunden aufmerksam“, sagt
Hofmann. Zwar sei zu beobachten, dass die Aufmerksamkeitsspanne
bei Kindern tendenziell kürzer werde, doch gute
Geschichten, die speziell für sie gemacht sind, können sie
immer noch fesseln.
Für die Zukunft wünscht sich Hofmann vor allem mehr Wertschätzung
für den Kinderfilm als Kunstform. Auch die finanzielle
Unterstützung durch Fördergeber*innen sei essenziell,
um qualitativ hochwertige Produktionen weiterhin sichtbar
zu machen. „Uns ist es wichtig, dass die Filme ihr Publikum
finden.“ Kinder von heute brauchen Geschichten, die nicht nur
Spaß machen, sondern ihnen auch etwas lernen und zeigen,
wie vielfältig die Welt ist.
ANNA SCHABASSER
32 Von der Leinwand in die Kinderköpfe
Von der Leinwand in die Kinderköpfe
33
Musikjournalismus im Spiegel der
Netzkultur: Demokratisierung oder
Degradierung der Musikkritik?
„Knowledge is power“
Francis Bacon
Zwischen Social-Media-Clips, Spotify-Algorithmen und dem Echo aus der
Vergangenheit, die Musikkritik hat sich verändert – so viel ist sicher. Aber wie radikal
ist dieser Wandel wirklich? Und was bedeutet er für jene, die noch immer glauben, dass
ein Song mehr sein kann als der Soundtrack zum Scrollen? In Gesprächen mit drei
unterschiedlichen Köpfen der Musikbranche – der Musikjournalistin Johanna
Kropfitsch, unter anderem für DIFFUS und The Circle Mag tätig, Gerhard Stöger, Leiter
der Kultur- und Programmbeilage FALTER: Woche und Heinrich Deisl, Leiter des
Bereichs Kunst und Kultur bei CR 94,4 und Redakteur für Ö1 – entsteht ein
facettenreiches Bild einer Branche, die sich im Umbruch befindet.
FOTOS: NIKOLAUS SITAR
©TAMINA LAUTENBACH
Musikjournalismus war einst ein Gatekeeper: Zugang,
Deutung und Bewertung musikalischer
Werke lagen in den Händen weniger Brancheninsider.
Namen wie Marcus Greil oder Jon Landau
galten als Instanzen, Zeitschriften wie Rolling Stone, das
deutsche Spex oder selbstgemachte Fanzines als Fenster
zur Welt der Musik. Sebastian Zabel, der Chefredakteur des
deutschen Rolling Stone-Magazins, spricht beispielsweise in
einem Podcast darüber, dass Künstler*innen sich früher kein
eigenes Forum schaffen konnten. Das Gegenmittel? Der
Musikjournalismus!
Kampf um die Deutungshoheit im digitalen
Zeitalter
Heute ist die Kritik vielerorts selbst zur kommentierten
Ware geworden – zerlegt, gefiltert und algorithmisch ausgewählt.
„Früher musste man der Pop-Musik entgegengehen
– heute muss man von ihr davonlaufen, um nicht von ihr erschlagen
zu werden. Musikjournalismus war das Bindeglied zwischen
Künstler und Fan – heute ist diese Vermittlungsrolle obsolet“, so
Heinrich Deisl.
Die Ballfeuerwerke der Streaming-Dienste und sozialer
Plattformen haben in vielerlei Formen zu Brüchen in unse-
Musikjournalismus im Spiegel der Netzkultur
35
Meinungen, die auf unfundierten Informationen basieren
nicht durch Bücher über Feminismus gelernt, sondern durch Riot-
– ganz besonders, wenn es um komplexe politische oder
Girl-Platten“, so Stöger. Auch heute noch kann Kritik Identi-
Johanna Kropfitsch | ©Privat
kulturelle Themen geht. Der deutsche Comedian Dominik
Kuhn vertritt zu dieser Problematik eine klare Meinung:
„Der Mensch hat auf einmal ein Gerät, mit dem er jeden Hirnfurz
ungefragt loswerden kann.“ Diese Entwicklung mag auf den
ersten Blick demokratisch wirken – und ist es in gewisser
Weise auch. Doch Demokratie ohne Diskursqualität ist nur
die halbe Miete. Wenn alle alles sagen können, ohne dass
es einer kritischen Einordnung bedarf, verliert das Wort
an Wert. Genau an diesem Punkt wird deutlich, warum
tätspolitik fruchtbar machen. Johanna Kropfitsch etwa verweist
zum Beispiel auf TikTok-Formate, die gesellschaftliche
Kontexte in Songtexten analysieren. Doch es bleibt die Frage:
Wie viel gesellschaftspolitisches Gewicht kann ein 30-Sekunden-Clip
wirklich tragen? Zwischen Emotion, Haltung und
Reichweite wird deutlich: Die Plattform verändert zwar die
Form, aber nicht zwangsläufig das Anliegen.
Der Feed als Bühne
„Früher musste man der Pop-Musik
entgegengehen – heute muss man von ihr
davonlaufen, um nicht von ihr erschlagen zu
werden. Musikjournalismus war das Bindeglied
zwischen Künstler und Fan – heute ist diese
Vermittlungsrolle obsolet“
– Heinrich Deisl.
fundierter Musikjournalismus mehr ist als bloße Meinungs-
Apropos TikTok: Die sozialen Medien sind für Künstler*in-
äußerung: Er vermittelt, kontextualisiert, analysiert – und
nen als Vermarktungstool nicht mehr wegzudenken. „Der
stellt die richtigen Fragen, bevor er sich zu einer Antwort
Komponist von morgen ist ein Medienmanager“, sagt Deisl.
Kritik sich nicht zwischen Clickbait und Kulturanalyse ent-
Gerhard Stöger | ©Privat
hinreißen lässt. Gerhard Stöger bringt es auf den Punkt:
Content-Creation wird zur Eintrittskarte in die Sichtbar-
scheiden, sondern beide Ebenen bespielen. Vielleicht liegt
„Musikkritik ist mehr als nur zu sagen: ‚Das rockt‘. Sie sollte ein-
keit, Kunst zur Währung im Aufmerksamkeitskapitalismus.
ihre Zukunft in der Vielfalt der Formate: Kurzclips mit Hal-
ordnen – im besten Fall sogar die Welt erklären.“
„Es ist fast ein Full-Time-Job“, sagt Johanna Kropfitsch und
tung, Podcasts mit Kontext, Essays mit Substanz. Gerhard
Trotz all der Kritik bietet diese Form der „Demokratisierung“
verweist damit auf den crossmedialen Spagat, den Künst-
Stöger bleibt optimistisch: „The Kids Are Alright – das hat in
aber auch eines: Die Möglichkeit zum Diskurs. Plattformen
ler*innen heute zwischen Plattformen, Formaten und Ziel-
der Popkultur lange gegolten. Vielleicht stimmt’s ja immer noch.“
wie TikTok sind nicht nur Promotionskanäle, sondern auch
gruppen leisten müssen. Ein Phänomen, das an die Worte
Denn letztlich bleibt eben diese Popkultur ein Raum der
Rechercheinstrumente, wie Johanna Kropfitsch betont: „Was
von Daniel Ek, CEO von Spotify erinnert, der einmal meinte,
Möglichkeit – ein Spiegel gesellschaftlicher Kämpfe, Sehn-
wird diskutiert? Was regt die Leute auf? Algorithmen fördern kont-
Musiker*innen müssten heute eben „mehr Output liefern“ –
süchte und Utopien. Ob auf 500 Zeichen oder 30.000, als
roverse Themen – der Journalismus muss darauf reagieren!“ Wer
ein Satz, der nicht nur kulturpessimistisch stimmt, sondern
TikTok-Content oder Essay: Die Frage ist nicht, ob Musik-
Heinrich Deisl | ©Manuel Zauner
in wenigen Sekunden Aufmerksamkeit erregen will, muss
auch entlarvend ökonomisch ist. Deisl fasst das Dilemma
kritik überlebt, sondern in welcher Form sie relevant bleibt.
den Kern treffen – pointiert, verständlich, emotional. Oder
mit den Worten „Musik ist zum Begleitmedium geworden“
Entscheidend ist, dass Kritik wieder mehr wagt. Denn das
wie Kropfitsch es ausdrückt: „TikTok ist nicht nur Musik – es ist
zusammen.
größte Risiko ist nicht das Fehlurteil, sondern das Schwei-
Meinung, Diskurs und Emotion. Und das in 30 Sekunden.“
Kritik als Ware im Klicktakt
Ein zentrales Problem in Verbindung mit dieser digitalen
Kritik als Echo der Gegenwart
Vielleicht muss die Zukunft der Musikkritik weder nostalgisch-heroisch
noch apokalyptisch sein. Vielleicht muss
gen. Oder wie Johanna Kropfitsch abschließend festhält:
„Man darf nicht aufhören, Haltung zu zeigen.“
NIKOLAUS SITAR
rem Konsumverhalten geführt. Gerade für unbekanntere
Dynamik, das sich durch alle Gespräche zieht, ist der mitein-
Künstler*innen bieten Instagram, TikTok & Co jedoch Chan-
hergehende ökonomische Druck. Wer über Musik schreibt,
cen, um ihre Musik an potenzielle Rezipient*innen zu ver-
tut das heute meist unter Zeitdruck, mit prekären Hono-
mitteln. Gleichzeitig besteht auch Gefahr, in der mit der Digi-
raren und das im ständigen Wettlauf mit der Echtzeitkom-
talisierung einhergehenden Informationsflut unterzugehen.
munikation sozialer Medien. Musikkritik wird beschleunigt,
Deisl beschreibt diesen Umstand wie folgt: „Spätestens seit
verdichtet, algorithmisiert. Gerhard Stöger nimmt ein Taylor
der Einführung von MP3 ist jeder Versuch, den Markt zu überbli-
Swift-Album als prägnantes Beispiel: „Wenn ein neues Album
cken, zum Scheitern verurteilt.“ Das Gegenmittel? Musikjour-
um 9 Uhr morgens erscheint, kann man sich sicher sein, dass um
nalist*innen? Musikkritiker*innen? Influencer*innen? Oder
10 nach 9 das Internet bereits mit Rezensionen überschwemmt
doch die Stimmen aus der Kommentarspalte?
wird.“ Was früher ein wochen- oder monatelanger Prozess
Wenn alle alles sagen können
war, wird heute zum „Speedwriting“ im Dienst der kollektiven
Erwartungshaltung. Substanz bleibt dabei oft auf der
Anders formuliert – wer darf und soll über Musik spre-
Strecke. Diese Eile hat Folgen: „Man muss so tun, als könnte
chen? Wenn wir beispielsweise den Musikjournalismus mit
man es [das Album] nach halbem Hören beurteilen“, so Stöger
Politberichterstattung vergleichen, wünschen wir uns doch
– und verweist damit auf ein Tempo, das mittlerweile vieler-
auch einen Artikel mit qualitativer Substanz … oder? Wir
orts zum Maßstab geworden ist. Klassische Musikkritik sei,
wünschen uns doch auch, dass der Leitartikel über die aktu-
so seine Diagnose, ein Opfer der digitalen Dringlichkeits-
ellen Geschehnisse im Gazastreifen von jemandem mit der
logik geworden – und werde zunehmend ersetzt durch das
entsprechenden Expertise geschrieben wurde … oder? Die
schnelle Urteil des Publikums.
Antithese dazu findet man allerdings recht schnell in Form
Und dennoch: Musikjournalismus war und ist ein Ort für
eines kurzen Blicks auf die Kommentarspalten der hiesigen
politische Intervention. Ob durch Rage against the Machine,
Zeitungen oder dem eigenen Social-Media-Feed. Hier ver-
Ton Steine Scherben oder Pussy Riot – Popkultur fungiert als
schenken wir nur allzu gerne unsere Aufmerksamkeit an
Möglichkeitsraum für alternative Lebensentwürfe. „Ich habe
36 Musikjournalismus im Spiegel der Netzkultur
Musikjournalismus im Spiegel der Netzkultur
37
Die Renaissance des
Fachjournalismus:
Wie Nischen-Newsletter
den Medienwandel prägen
Spezialisierte Newsletter erfreuen sich wachsender Beliebtheit
inmitten der täglichen Informationsflut. Woher dieser Trend
kommt, was sogenannte „Verticals“ so erfolgreich macht und
welche Zukunft sie in Österreich haben, erläutern Andy
Kaltenbrunner, Geschäftsführer des Medienhaus Wien, und
Bernhard Odehnal, Gründer des Online-Mediums Zwischenbrücken
im Gespräch mit SUMO.
FOTOS: EVA WINTERSBERGER & MARLENE SELENZ
In einer digitalen Medienwelt, die von Fake News überschwemmt
wird, in der KI-generierte Texte echte Recherche
imitieren und „Fast Journalism“ Tiefe opfert, sprießt
der Trend von Newslettern. Denn sie liefern das, wonach
sich viele Leser*innen sehnen: verlässliche Expertise statt
oberflächliche Klickköder.
Warum Verticals funktionieren
Doch was macht diese neue Form der Wissensvermittlung
so besonders und erfolgreich?
Bernhard Odehnal, Gründer des jungen Online-Magazins
Zwischenbrücken, erklärt im Interview, dass gerade der Nischenjournalismus,
wie die lokale
deutung der Zielgruppengenauigkeit, die Beziehung und
Vertrautheit von Verticals mit
ihren Leser*innen. Es käme
vor allem darauf an, die
richtige Lücke zu finden
und diese dann zu be-
„Ein Newsletter ist dann erfolgreich, wenn die
Leute diese Inhalte einfach sehen möchten.“
– Andy Kaltenbrunner.
Berichterstattung aus dem
spielen. „Ein Newslet-
Während große Medienunternehmen mit den Heraus-
2. und 20. Bezirk in Wien
ter ist dann erfolgreich,
forderungen des digitalen Wandels kämpfen, haben die
an hohem Interesse
wenn die Leute diese In-
„Um die Zielgruppe erstmals zu erreichen, helfen klassische
sogenannten „Verticals“ eine Nische gefunden. Als solche
gewinnt. „Man sieht
Andy Kaltenbrunner | © CMC-ÖAW
halte einfach sehen möch-
Mittel wie Mundpropaganda aber auch Werbung und Flyer“,
werden eine Art E-Mail-Newsletter bezeichnet, die sich
aus den großen Medien
ten“, erklärt Kaltenbrunner.
erklärt Bernhard Odehnal, der mit seinem Online-Medium
durch investigative und umfangreiche Recherche zu einem
spezifischen Fachthema auszeichnen und durch meist kostenpflichtige
Abonnements an eine interessierte Zielgruppe
versendet werden. Sie sind damit der Gegensatz zu klassischen
kommerziellen Newslettern, die laut einer Österreichischen
Werbemarkt-Studie der Österreichischen Post
Bernhard Odehnal | © Christopher Mavrič
ziemlich wenig Spezifisches
aus den Bezirken
Leopoldstadt und Brigittenau.
Mit Zwischenbrücken
möchte ich meine persönliche Leidenschaft
und Stärke der aufwändigen Recherche im Lokal-
Vor allem, da sie selbst ausgesucht
werden würden, sie somit stärker personalisiert werden
können und die Leserschaft richtig angesprochen wird
– das mache kostenpflichtige Nischen-Newsletter attraktiv.
Geheimrezept für eine interessierte Leserschaft
seit Mitte März bereits mehrere hunderte Newsletter-
Abonnent*innen für sich gewinnen konnte. Der Newsletter
ist dabei kostenlos und dient vor allem als Türöffner zur
Website. „Danach gilt es, gute und spannende Themen interessant
aufzubereiten und die Leserschaft vor allem in den ersten
Zeilen des Newsletters oder des Artikels abzuholen.“ Für ihn
im Juni 2024 von 43% der Österreicher*innen als störend
journalismus für die Bewohner*innen dieser Bezirke, wie junge
Ausschlaggebend für die Gründung des Lokal-Onlinema-
sei der Newsletter vor allem deswegen interessant, da Ab-
empfunden werden. Verticals wecken Interesse und setzen
Familien mit Kindern oder auch Zugezogene, einsetzen.“
gazins und Newsletter Zwischenbrücken sei laut Odehnal die
meldungen, Interaktionen und Öffnungen nachvollziehbar
sich durch.
wirtschaftliche und journalistische Situation gewesen. Er
gemacht, und dementsprechend optimiert werden kann.
Als Grund für den Erfolg ortet Odehnal auch die Möglich-
habe schon immer gerne an aufwändigen Recherchen ge-
Doch es sei nicht immer einfach. „Vor allem auf technischer
Was einst als amerikanischer Trend in den USA mit Politico
keit der Medienunternehmen selbst besser zu verstehen,
arbeitet, und wolle in einer Welt voller schnell verbreiteter
und wirtschaftlicher Ebene ist es zu Beginn eine Herausforde-
begann, erobert nun seit 2015 auch den europäischen Markt.
wie die Community agiert. Andy Kaltenbrunner, öster-
Falschinformationen auf sozialen Medien einen Journalis-
rung. Aber wenn man ein Thema findet, in dem man Expertise
Der deutsche Tagesspiegel zum Beispiel etablierte seine Back-
reichischer Journalist, Politikwissenschaftler, Medienfor-
mus schaffen, der Seriosität, Vertrauen und gesellschaft-
hat, und das nicht bedient wird, kann man etwas aufbauen und
ground-Briefings, die Süddeutsche Zeitung das SZ Dossier, die
scher und -entwickler und Geschäftsführer des Medienhaus
lichen Zusammenhalt stärken soll.
genau das habe ich gemacht“, erzählt Odehnal.
FAZ ihr F.AZ. PRO und in den Niederlanden wuchs ZETLAND.
Wien, betont in diesem Zusammenhang vor allem die Be-
38 Die Renaissance des Fachjournalismus
Die Renaissance des Fachjournalismus
39
Ein Erlösmodell, das greift
Abonnent*innen seien laut Kaltenbrunner besonders wegen
der hohen Personalisierung und Spezifikation der Themen
bereit dazu, hohe Mengen an Geld auszugeben. Aber auch
die Qualität der Geschichte und Aufbereitung der Themen
spiele eine große Rolle. Finanziert werde diese Form des
Journalismus laut dem Medienwissenschaftler hauptsächlich
durch den Verkauf des Stammproduktes, einem Marketinginteresse
oder auch durch Förderungen und Stiftungen.
Von 140 Euro für die Tagesspiegel-Verticals, gibt es im oberen
Bereich keine angesetzten Grenzen.
Bernhard Odehnal setzt mit Zwischenbrücken jetzt zu Beginn
auf eine Kombination aus Crowdfunding, Abonnements und
Fördermitteln. In Zukunft sollen auch vermehrt Werbepartner
zum Erlösmodell beitragen. Das Abomodell ist dabei
flexibel: abonniert werden kann monatlich oder jährlich – je
nach gewünschtem Umfang der Inhalte.
Nischenhafte Ergänzung, starke Konkurrenz
oder gar Tageszeitungen-Ersatz?
Ob weltanschauliche Newsletter, unternehmenspolitische
Fachbriefings oder auch religiös fokussierte Verticals: Die
Umsetzung des Journalismus ändere sich in der Ansprache,
im Umfang der Berichterstattung und der Informationen
über das Publikum und in der Vermarktung. Die Recherche
bleibe jedoch dieselbe, sind sich Kaltenbrunner und Odehnal
einig. Dem Journalismus und den Journalist*innen selbst
kann diese Art von Wissensvermittlung ebenfalls zugutekommen.
Kaltenbrunner meint dazu: „Wenn es die Chance
für Interaktion und Feedback gibt, können Newsletter durch
Transparenz das Vertrauen in Journalismus stärken.“ Dennoch
glaubt er nicht daran, dass Verticals eines Tages klassische
Medien wie Tageszeitungen oder auch General Interest
Onlinemedien vollständig ersetzen werden, da sie nicht dieselbe
Funktion hätten.
Was sich jedoch verändert: „Hochspezialisierte Produkte können
durchaus große Konkurrenz sein und beispielsweise kleine
Nischenzeitungen ersetzen.“ Jedoch wird diese Art von Journalismus
eher ein Zusatzinstrument darstellen, bei welchem
es gilt, die richtige Nische zu finden und das richtige Publikum
für sich zu gewinnen. Auch der Zwischenbrücken-Gründer
Odehnal meint: „Herkömmliche gedruckte Tageszeitungen
werden wohl in den nächsten Jahren verschwinden, jedoch gibt
es noch kein Modell, wie Online-Medien ihre Redaktionen dann
finanzieren.“ Denn obwohl das Interesse da ist, sei die Zahlungsbereitschaft
im Netz nach wie vor begrenzt und die
Umsätze schwer zu generieren.
Spezialisierte Newsletter sind weit mehr als nur ein digitaler
Trend. Sie stehen für eine Rückbesinnung auf Qualität,
Relevanz und Nähe im Journalismus. In einer Medienwelt,
die oft von Geschwindigkeit und Massenkommunikation
geprägt ist, schaffen sie Raum für Tiefe und persönliche
Ansprache. Sie sind keine Konkurrenz zu sozialen Medien
oder traditionellen klassischen Medien, sondern vielmehr
ein ergänzendes Format, das besonders für kleinere Zielgruppen
enormes Potenzial birgt. In einer schnelllebigen
Welt werden Personalisierung und Individualisierung immer
beliebter und Verticals zeigen, dass journalistischer Mehrwert
dort entstehen kann, wo Expertise auf Vertrauen trifft.
ANNA WEISSENBACH
Magdi Magdi Artikel Artikel
Wie Wahrheit nicht zur
Nebensache wird
Fake News verbreiten sich im Schnitt im Internet sechsmal schneller als
die Wahrheit. Manipulierte Bilder, erfundene Geschichten oder
Deepfakes – Desinformationen haben die Macht, Menschen zu
beeinflussen und das Vertrauen in Medienhäuser zu verletzen. Wie
erkennt man solche Fake News und wie wird gegen sie vorgegangen? Ist
das noch möglich? SUMO sprach mit Florian Danner, Reporter bei
ProSiebenSat1 Puls4 und Florian Schmidt, Faktenchecker bei der APA,
über die Herausforderungen der heutigen Journalist*innen.
FOTOS: PHILIPP WADSAK
Als Journalist bei ProSiebenSat.1 Puls4 begegnet
Florian Danner täglich verschiedensten Formen
von Desinformation. Er kennt die Dynamiken aus
dem redaktionellen Alltag und erlebt, wie schwierig
es ist, mit der Geschwindigkeit von Fake News Schritt
zu halten. Florian Schmidt ist Faktenchecker bei der APA.
Täglich prüft er, ob Meldungen, Bilder, Videos oder Tonaufnahmen
der Wahrheit entsprechen. Dabei ist es besonders
wichtig, journalistische Fehler von gezielter Desinforma-
tion zu differenzieren: „Der Unterschied liegt ganz klar in der
Absicht: Falschinformationen, die bewusst verbreitet werden,
verfolgen kein Ziel der Korrektur – sie sind gezielt irreführend.“
Ob politische Kampagnen, skurrile Satire oder raffinierter
Betrug – Fake News gibt es in vielen Formen. Laut Definition
spricht man jedoch nur dann von Fake News, wenn
eine bewusste Täuschungsabsicht vorliegt. Im normalen
Sprachgebrauch heute wird das Label aber wesentlich
40 Die Renaissance des Fachjournalismus
Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird
41
Florian Danner | © PULS4
Florian Schmidt | © APA
umfassender verwendet. Bekanntheit erreichte der Begriff
„Fake News“ durch den nunmehrigen US Präsidenten
Donald Trump. Dieser führte schon in seiner letzten
Amtsperiode die sogenannten ‚Fake News Awards ein. Diese
„Auszeichnung“ vergab er einerseits für Beiträge mit
journalistischen Fehlern (die zeitnah berichtigt wurden),
andererseits aber auch für journalistische Beiträge, deren
Inhalte ihm unliebsam waren. Ziel: Die Glaubwürdigkeit
kritischer Medien infrage zu stellen, um so die Darstellungen
durch parteiische Medienhäuser zu stärken.
Präzision und Faktencheck sind nicht eben die Zuschreibungen,
die Florian Danner einfallen, wenn man ihn nach Donald
Trump fragt: „Wir berichten durch Trump sehr häufig über
Fake News, weil da natürlich, vor allem im Wahlkampf, viel gekommen
ist und es die aktuelle Administration in Amerika auch
nicht so genau nimmt mit der Wahrheit. Seit Trump Präsident
ist, vergeht eigentlich kein Tag, an dem wir nicht auch darüber
berichten, was von dort daherkommt.“
Das Gefährliche daran ist, dass sich Fake News im digitalen
Raum viel schneller verbreiten. Besonders über soziale
Netzwerke erreichen sie Massen noch bevor seriöse Medien
reagieren können. Wie eine Studie der Süddeutschen
Zeitung aus dem Jahr 2018 zeigt, erreicht die Richtigstellung
eines Beitrags gerade mal 1/6 der ursprünglichen
Empfänger*innen. Dabei wurden 126.000 Nachrichten
von X (damals Twitter) ausgewertet und analysiert. Fake
News lassen ein verzerrtes Abbild der Realität entstehen,
das auch das Vertrauen in Medien langfristig untergräbt.
Vertrauen in Medien –
eine Frage der Haltung
Florian Danner berichtet aus seinem Redaktionsalltag, dass
besonders während der Corona-Pandemie deutlich wurde,
wie polarisiert das Meinungsklima geworden ist: „Corona
war, finde ich, eine sehr schwierige Zeit für alle Medienhäuser.
Sobald wir einen Virologen im Frühstücksfernsehen als Experten
eingeladen hatten, gab es Kritik. Im Nachhinein hat natürlich
manches von deren Einschätzung nicht gestimmt, aber sie
haben uns damals den aktuellen Wissensstand mitgegeben.
Damals hat es aber viele Menschen gegeben, die einfach schon
bewusst gesagt haben: ‚Nein der ist Virologe, der sagt sicher
einen Blödsinn‘. Das war ihre Grundeinstellung.“
Die Konsequenz: Seriöse Berichterstattung wird zunehmend
hinterfragt, während fragwürdige Quellen unreflektiert
geteilt werden. Dieser Trend wird durch Influencer*innen
auf Plattformen wie TikTok, YouTube oder X verstärkt
und beschleunigt. Klassische Medienhäuser kämpfen dagegen
mit begrenzter Reichweite und geringer werdenden
Ressourcen. Danner: „Gerade auf TikTok verbreiten sich
Falschinformationen so rasant, dass wir gar nicht hinterherkommen.“
Auch Schmidt sieht das ähnlich: „Gegen die
Ausbreitung können wir [APA] recht wenig machen. Die APA
ist derzeit noch in einer Kooperation mit Meta. Auf anderen
Plattformen gibt es Community Notes und dann gibt es Plattformen,
wo gar nichts bezüglich der Faktenchecks passiert.“
Faktencheck unter Zeitdruck
In der Praxis unterscheiden sich redaktioneller Alltag und
gezielter Faktencheck oft kaum – vor allem, was das Ziel betrifft:
Informationen verifizieren und bei Gegebenheit richtigstellen.
Doch das ist leichter gesagt als getan. Wie auch
WordStream 2024 feststellt, werden allein auf Instagram fast
100 Millionen Beiträge pro Tag veröffentlicht – Tendenz
steigend. Danner bringt es auf den Punkt: „Der Faktencheck
ist in den meisten Fällen nicht die beste Variante, um Fake News
zu enttarnen. Oder sagen wir so: Eine zu langsame Variante für
viele Fälle. Wenn einmal was im Umlauf ist, verbreitet sich das so
rasch, da kommt man mit dem Faktencheck nicht nach.“
Auch Schmidt stimmt dieser Ansicht zu: „Ein schneller Faktencheck
dauert 30 Minuten. Bei aufwendigeren Themen kann
es aber auch mehrere Tage dauern, bis wir alle Fakten überprüft
haben.“ Es müsste in der Gesellschaft ein Bewusstsein geschaffen
werden, um gemeinsam gegen dieses so relevante
Thema vorzugehen. Man könnte sich das wie bei einer Herdenimmunität
vorstellen: Sind genug Personen, also ein gewisser
Prozentsatz, geimpft oder infiziert, sind indirekt alle
weiteren geschützt und die Krankheit oder in diesem Fall die
Falschmeldung, breitet sich nicht mehr aus. Aktuell fehlt es
nicht nur an Zeit und Geld, um dieses Mindset zu vermitteln,
sondern auch am Interesse der Bevölkerung. Dazu Schmidt:
„Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, wie man mit Informationen
im Netz umgeht und wie man Quellen überprüft.“
Wie Journalist*innen prüfen –
und wo ihre Grenzen liegen
Große Medienhäuser setzen zunehmend auf strukturierte
Verifizierungsprozesse – etwa durch eigene Faktencheck-
Teams oder externe Quellen wie Correctiv, Mimikama oder
Zahlen der Statistik Austria. Diese liefern objektive Daten
und helfen dabei, Narrative einzuordnen. Auf die Frage, ob
es möglich sei, Faktenchecks mithilfe einer KI zu Automatisieren,
sagt Schmidt: „Eigentlich nicht, weil Fact Checking wirklich
so individuell und herausfordernd ist. Es braucht sehr viel
menschliches Denken und das wird immer zeitintensiv bleiben.“
Wahrheit als Arbeit – nicht als Zustand
Der Kampf gegen Fake News ist kein Sprint, sondern ein Marathon.
Und manchmal fühlt er sich eher wie ein Staffellauf
an – zwischen Redaktion, Faktencheck, Expert*innen und
Rezipient*innen. In einer Medienwelt, die sich im Sekundentakt
verändert, bleibt nur eines konstant: die Notwendigkeit,
genauer hinzuschauen – und nicht nur für Redaktionen
der großen Medienhäuser, sondern auch für jeden Einzelnen
von uns. Denn wer Informationen kritisch hinterfragt, trägt
dazu bei, dass Wahrheit nicht zur Nebensache wird.
Oder wie Florian Danner es ausdrückt: „Low-Information-
Leute, die die Politik ja mittlerweile schon als sehr einfach zu
beeinflussende Zielgruppe entdeckt hat, sind wahrscheinlich die,
auf die man sich am meisten konzentrieren muss. Und da, glaube
ich, spielt das Thema noch eine viel zu geringe Rolle.“
PHILIPP WADSAK
42 Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird
Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird
43
Kann Qualität trotz Algorithmus
funktionieren?
SUMO sprach mit Antonia Tize, Social Media Managerin bei der Verlagsgesellschaft Der
Standard, und der freien Kulturjournalistin Livia Lergenmüller. Zwei Stimmen – ein
gemeinsamer Gegenstand: Wie wollen wir informiert werden – und zu welchem Preis?
FOTO: JULIUS NAGEL
Ein Blick auf meine For You Page – und ich kenne mich
aus? Dachte ich jedenfalls. Denn was ich dort sehe –
ZIB, ARD, Standard, die kenne ich doch alle, aus dem
Fernsehen oder von zuhause – also alles gut, oder?
Nachrichten erreichen mich nicht mehr per Zeitung oder Radiostimme,
sondern im Vorbeiscrollen, zwischen Lip Syncs
und Rezeptvideos. Analysen, Kommentare, Mini-Reportagen
– serviert in mundgerechten 30 Sekunden Häppchen.
Und das sogar in einer Sprache, die jeder versteht und
mühelos wirkt. Fast zu mühelos. Doch was ist das eigent-
gebrochen. Ihre Mission:
Kulturjournalismus
jene, die sonst keinen
Zugang hätten.
Denn zur Wahrheit
gehört auch: nicht jeder
wächst mit dem
Standard oder der FAZ
für
auf dem Frühstückstisch
auf.
Livia Lergenmüller | © David-Pierce Brill
lich? Journalismus – oder bereits seine Simulation? Und viel
Dabei bleibt es nicht bei Persona-
drängender: Kann ich das alles ernst nehmen?
lien und Glanzmomenten der Hochkultur. Auch verästelte
Vom Newsdesk zum Feed:
Wie sich der Journalismus neu erfindet
Debatten, wie jene um den Verleger Siegfried Unseld, finden
hier ihren Platz – freilich in radikaler Verdichtung. Doch
reicht das aus?
„Unsere Abteilung ist mehr Teil des Verlags als Teil der Redaktion“,
sagt Antonia Tize. Es ist ein Satz, der mehr über
die strukturellen Brüche unserer Medienlandschaft verrät
Zwischen Zuspitzung und Verlust:
Die Ambivalenz der Plattform
als manch lange Analyse. Social Media bei Der Standard
Wird Social Media zur Hauptbühne des Journalismus? Viel-
war einst ein Nachbau klassischer Inhalte. Onlinebeiträge
leicht ist es das längst, zumindest für mittlerweile mehr als
wurden einst einfach doppel-
nur eine Generation.
verwertet. Heute ist es ein
eigenständiger publizisti-
Beide Gesprächspartnerinnen deuten es an – vorsichtig,
scher Kosmos. Tize und
aber bestimmt.
aufgeschlagen hätten. „Wir sprechen dort auch jene an, die nie
Antonia Tize entscheidet oft nach Gefühl. Dann entsteht ein
ihr kleines Team recher-
„Die Plattformlogik verlangt Zuspitzung – das widerspricht
mit dem Standard oder überhaupt mit Journalismus in Kontakt
kurzer News Clip, manchmal auch eine längere Reportage
Antonia Tize | © Lukas Friesenbichler
chieren, texten, filmen,
eigentlich dem, was Journalismus leisten soll“, sagt Livia Ler-
kamen“, sagt Antonia Tize – und meint damit nicht nur die
– etwa über den Schlachthof oder den Opernball. In Aus-
vertonen. In Summe
genmüller. Denn wenn aus einer Print-Doppelseite nur noch
Jüngsten, sondern auch die Stilleren, Ungehörten, mit gerin-
nahmefällen landen diese Beiträge auch auf der Webseite.
zählt das Social Media
zwei Sätze bleiben, weil sie sich viral eignen – was bleibt
geren Zugängen zum klassischen Print- & Onlinejournalis-
Aber vieles bleibt dort, wo es begonnen hat: im Strom der
Team von Der Standard drei
dann vom Inhalt? Reicht das aus?
mus. Ein Publikum, das früher kaum erreicht wurde – und
Plattform.
Personen, wobei Antonia Tize
Der Preis der Sichtbarkeit ist hoch. Denn Sichtbarkeit be-
heute scrollt.
die einzige Vollzeit-Angestellte ist.
deutet nicht automatisch Wahrheit. Und Relevanz wird
Livia Lergenmüller beschreibt ihren Arbeitsprozess als Ver-
Vollzeit Social Media Journalistin sozusagen. Die gesamte
ersetzt durch Reichweite.
Beide eint die Überzeugung: Ohne Social-Media-Plattfor-
suchsanordnung: Was funktioniert, ohne banal zu sein?
Redaktion der Tageszeitung umfasst hingegen 180 Perso-
men verliert Journalismus an Publikum – mit ihnen aber
Was ist zugespitzt, ohne entstellend zu wirken? „Ich lese
nen – die Reichweite der einzelnen Videos auf Instagram &
Antonia Tize kennt dieses Spannungsfeld. Sie weiß, dass
droht er – gegebenenfalls – sich selbst zu verlieren.
acht, neun Feuilletontexte – und wähle dann zwei Sätze. Kürzer
Co zählen nicht selten sechs bis sieben Nullen!
Und sie publizieren – oft, bevor der eigentliche redaktionelle
Artikel für Online und Print überhaupt geschrieben ist oder
voll und ganz unabhängig vom Rest des Blattes.
Auch Livia Lergenmüller agiert jenseits traditioneller Re-
TikTok kein Monetarisierungswunder ist. Aber sie glaubt an
den strategischen Wert: „Vielleicht schließt jemand in zehn
Jahren ein Abo ab, weil er uns heute auf TikTok sieht.“ Social
Media ist für sie kein Nebenkanal – sondern ein Weg, junge
Menschen überhaupt wieder in Berührung mit Journalismus
Zwischen TikTok und Ticker:
Die Praxis eines fragilen Spagats
In der Social-Media-Redaktion von Der Standard beginnt der
Tag mit einem Blick auf die Chronik. Was ist passiert, was
geht’s kaum.“ Das Ziel ist klar formuliert: mehr Menschen für
journalistisch-kulturelle Inhalte zu gewinnen.
Kritik an der Plattformlogik:
Wenn Sichtbarkeit wichtiger wird als Substanz
daktionsstuben. Mit ihrem Kanal dasfoejetong bringt sie das
zu bringen. Für beide Journalistinnen liegt in Social Me-
passt zur Community, was lässt sich erzählen – und zwar
Spätestens hier beginnt die eigentliche Debatte – eine, die
Feuilleton auf TikTok und Instagram. Ihre Form: die Presse-
dia eine stille Demokratisierung: Inhalte erreichen plötzlich
so, dass man nicht überblättert – Entschuldigung – über-
tiefer reicht als jede Formatfrage. Livia Lergenmüller spricht
schau. Ihr Stil: pointiert, zugespitzt, nicht selten ironisch
Menschen, die nie eine Zeitung abonniert, geschweige denn
scrollt wird?
das aus, was viele nur leise ahnen: „Es ist gefährlich, wenn
44 Kann Qualität im Algorithmus funktionieren?
Kann Qualität im Algorithmus funktionieren?
45
journalistische Inhalte nicht mehr nach Qualität, sondern nach
Klickwahrscheinlichkeit ausgespielt werden.“ In einer Welt, in
der Algorithmen regieren, wird nicht das Relevante gesehen,
sondern das, was provoziert. Und manchmal reicht ein einziges
Wort – Trump, Gaza, Klimakrise – um einen Beitrag in
der Versenkung verschwinden zu lassen.
Oder wie Antonia Tize sagt
„- Algorithmus halt, nh?
- Algorithmus halt ja.!
- Algorithmus halt.
- Schönes Zitat!“
Der Algorithmus, das Playbook wonach wir alle derzeit unser
„Wenn Plattformen entscheiden, was gesehen
wird, geht es nicht mehr um Relevanz, sondern
nur noch um Sichtbarkeit.“
– Livia Lergenmüller.
digitales Leben ausrichten. Der Faktor X bei jedem Schritt
online und nur ein paar wenige Männer – hier ist, blickt man
auf die CEOs der großen Plattformen, kein Gendern notwendig
– haben ihn in der Hand.
Logisch haben wir Meinungsfreiheit!
Was uns nicht passt, streichen wir aber trotzdem. Kann
qualitativer, unabhängiger Journalismus auf solchem Boden
funktionieren?
Antonia Tize kennt die Dynamik. Sie weiß, dass Reibung
Reichweite bringt. „Wenn sich Menschen in den Kommentaren
reiben, wird der Content sichtbar“, sagt sie – und es klingt fast
wie ein Gesetz. Doch was heißt das für Inhalte, die nicht laut
und provokativ sind? Für Differenzierungen, für Zwischentöne?
Lergenmüller bringt es auf den Punkt: „Wenn Plattformen
entscheiden, was gesehen wird, geht es nicht mehr um Relevanz,
sondern nur noch um Sichtbarkeit.“ Ein Satz wie ein Alarmzeichen
– und zugleich ein Hinweis auf das Dilemma eines
Berufsstands, der sich zunehmend zwischen Aufmerksamkeitsökonomie
und Informationsauftrag aufreibt.
Fest steht: Ohne Social Media verlieren Redaktionen den
Anschluss an eine ganze Generation und die nächsten folgen.
Aber mit ihnen – und ihren Regeln – droht ihnen, ausgerechnet
das zu verlieren, was Journalismus einst ausgezeichnet
hat: Haltung, Unabhängigkeit, und ja – auch eine gewisse Stille.
Zum Abschluss
Vielleicht ist es naiv, zu glauben, Journalismus könne inmitten
algorithmischer Interessen neutral bleiben. Vielleicht
muss er sich – wie so vieles – neu erfinden. Aber vielleicht,
und das ist die Hoffnung, gelingt genau dort, auf Instagram
und TikTok, etwas Erstaunliches: Dass sich neue Öffentlichkeiten
bilden. Dass Journalismus eine andere Sprache findet.
Und doch dieselbe Aufgabe erfüllt.
JULIUS NAGEL
04
„We are drowning in information,
but starved for knowledge.“
John Naisbitt
©SARA LEUTGEB
46 Kann Qualität im Algorithmus funktionieren? Nichts wissen macht auch nichts 47
Gefangen in der Bubble:
Wie Algorithmen unsere
Sicht auf die Welt formen
Personalisierte Inhalte prägen unseren digitalen Alltag – und das oft unbemerkt. Aber wie entstehen
diese Filterblasen auf Social Media – und welche Folgen haben sie? SUMO sprach mit Julia Neidhardt
von der TU Wien und Charlotte Spencer-Smith von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
(ÖAW)/Universität Klagenfurt. Beide Expertinnen teilten ihre Einschätzungen über die Wirkung von
Algorithmen und welche Wege aus diesen digitalen Strukturen führen könnten.
FOTOS: MAGDALENA LUEGER UND SARA LEUTGEB
Der Begriff „Filterblase“ wurde 2011 vom US-Autor
Eli Pariser geprägt. Er beschreibt damit das
Phänomen, dass Nutzer*innen online zunehmend
Inhalte sehen, die zu ihren bisherigen Ansichten
passen. Dahinter stehen Algorithmen, die auf Verhalten,
Vorlieben und Interaktionen reagieren. Plattformen wie Tik-
Tok und Instagram analysieren, was geliked, kommentiert
oder geteilt wird, und treffen daraus Vorhersagen. Inhalte,
die nicht zum Profil passen, verschwinden zunehmend aus
dem Feed. So entstehen digitale Komfortzonen, in denen
Vielfalt und Widerspruch kaum noch eine Rolle spielen.
Doch nicht nur Algorithmen formen diese Blasen. Auch das
eigene Verhalten – etwa das bewusste Ausblenden unbequemer
Themen – trägt zur Bildung einseitiger Informationswelten
bei. „Wenn man dem Algorithmus immer wieder
zeigt, dass einen etwas interessiert, wird genau dieses Thema
häufiger angezeigt – während andere Inhalte zunehmend in
den Hintergrund treten“, sagt Julia Neidhardt, die am Christian-Doppler-Lab
for Recommender Systems an der TU Wien zu
algorithmischer Personalisierung und digitalem Nutzerverhalten
forscht.
Hinzu kommt der soziale Faktor: Während Filterblasen algorithmisch
erzeugt werden, beruhen Echokammern auf
gruppendynamischen Prozessen. „Filterblasen meinen eher
eine algorithmische Vorselektion von Themen, während Echokammern
soziale Räume sind, in denen sich Gleichgesinnte
gegenseitig bestärken“, erklärt Charlotte Spencer-Smith, die
am Institute for Comparative Media and Communication Studies
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der
Universität Klagenfurt zu digitaler Öffentlichkeit und politischer
Kommunikation, forscht.
Langfristig verändert diese digitale Selbstbestätigung nicht
nur, was wir sehen – sondern auch, wie wir denken. Charlotte
Spencer-Smith warnt: „Wenn ich gar nicht mehr damit
konfrontiert bin, dass auch jemand anderer Meinung sein kann
– dann habe ich das Gefühl, dass alle so denken wie ich.“
Das könne sich verfestigen, sagt sie – mit Folgen für gesellschaftliche
Debatten und gegenseitiges Verständnis.
Algorithmus auf Autopilot
Besonders dynamisch zeigen sich Filterblasen auf Plattformen
wie TikTok und Instagram. Der genaue Aufbau des
Empfehlungssystems ist ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis.
„TikTok ist vermutlich eine der Plattformen, auf der
algorithmische Systeme den größten Einfluss haben – und
gleichzeitig eine der undurchsichtigsten, was ihre Algorithmen
betrifft“, erklärt Julia Neidhardt.
Auch bei Instagram zeigt sich ein ähnliches Muster: Reels,
Beiträge und Storys aus fremden Quellen mischen sich zunehmend
unter die Inhalte von abonnierten Accounts. Entscheidend
ist, was gefällt – nicht, was zum demokratischen
Diskurs beiträgt. Das macht beide Plattformen besonders
anfällig für einseitige Informationswelten. Zusätzlich bleibt
Julia Neidhardt | ©Amélie Chapalain / TU Wien Informatics
Charlotte Spencer-Smith | © Daniel Hinterramskogler
durch die Kürze vieler Beiträge wenig Raum für Kontext
oder Einordnung. Das Ergebnis sind Schlagworte, keine
differenzierte Auseinandersetzung. Projekte wie das EUgeförderte
Twin of Online Social Networks (TWON) versuchen
deshalb, die Funktionsweise von Empfehlungsalgorithmen
systematisch sichtbar zu machen. TWON ist ein interdisziplinäres
Forschungsprojekt, das vom Forschungszentrum
Informatik (FZI) in Karlsruhe koordiniert wird und unter anderem
von Wissenschaftler*innen aus der Informatik und Medienforschung
getragen wird. Mithilfe sogenannter digitaler
Zwillinge – künstlich erzeugter Nutzerprofile – analysiert
das Team, wie sich verschiedene Verhaltensweisen auf die
Auswahl und Sichtbarkeit von Inhalten auf Plattformen wie
TikTok oder YouTube auswirken. Ziel ist es, algorithmische
Logiken besser zu verstehen – und langfristig fairer und
transparenter zu gestalten.
Was die Forschung (nicht) beweisen kann
Die Vorstellung, in einer Filterblase gefangen zu sein, klingt
alarmierend – wissenschaftlich belegt ist sie aber nur bedingt.
Studien wie jene des Kommunikationswissenschaftlers
Axel Bruns (2019) zeigen, dass Filterblasen und Echokammern
zwar real sind, ihre Wirkung auf gesellschaftliche
Polarisierung jedoch oft überschätzt wird. Bruns zufolge
spielen soziale, politische und psychologische Faktoren eine
deutlich größere Rolle als algorithmische Logiken allein.
Auch Charlotte Spencer-Smith warnt davor, die Verantwortung
einseitig den Plattformen zuzuschreiben: „Diese Idee,
48 Gefangen in der Bubble
Gefangen in der Bubble
49
dass Polarisierung allein von Algorithmen kommt, halte ich für sehr
verkürzt.“ Vielmehr entstehe sie aus dem Zusammenspiel technischer
Strukturen und gesellschaftlicher Dynamiken.
Zudem gibt Neidhardt zu bedenken: „Die Nutzung ist meist nicht
auf eine Plattform wie TikTok oder YouTube beschränkt. In der Regel
ist der Medienkonsum stark durchmischt.“ Digitale Informationswelten
seien daher oft komplexer, als es in öffentlichen Debatten
erscheint.
Verantwortung und Handlungsspielräume
Dennoch stellt sich bei diesem komplexen Thema die Frage:
Braucht es nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche
Antworten?
„Vielfalt ist ein Qualitätskriterium, das in Recommender-Systemen
bisher zu wenig berücksichtigt wird“, betont Julia Neidhardt. Sie
plädiert dafür, Empfehlungssysteme künftig nicht allein an
Klickzahlen und Verweildauer auszurichten, sondern auch inhaltliche
Diversität aktiv einzubauen. Technisch wäre das möglich
– entscheidend sei der Wille der Plattformen.
Auch auf politischer Ebene gibt es erste Ansätze: Seit Februar
2024 ist der Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union in
Kraft. Er verpflichtet große Plattformen zu mehr Transparenz
über ihre Algorithmen und ermöglicht es Nutzer*innen, sich
Inhalte auch nicht-personalisiert anzeigen zu lassen. Für Charlotte
Spencer-Smith ist dies ein wichtiger Schritt – allerdings
reicht Transparenz allein nicht aus. Sie erklärt, dass Plattformen
zwar weiterhin nicht unmittelbar für illegale Inhalte haften, solange
ihnen diese nicht bekannt sind. Doch der DSA verpflichtet
sie mittlerweile dazu, systematische Risiken – etwa für die
öffentliche Sicherheit oder demokratische Prozesse – zu identifizieren
und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. „Plattformen
dürfen nach wie vor moderieren und sortieren, wie sie wollen – aber
mit dem DSA gibt es zumindest eine rechtliche Grundlage, um gegen
Risiken wie Polarisierung vorzugehen“, so Spencer-Smith. Offen
bleibe jedoch, wie effektiv diese Vorgaben in der Praxis durchgesetzt
werden – insbesondere unter politischem Druck.
Wer entscheidet,
was wir wissen müssen?
Nachrichtenagenturen ebenso wie Nachrichtenredaktionen entscheiden täglich, welche Informationen
als „wichtig“ gelten. Doch wer genau trifft diese Entscheidungen? Und nach welchen Kriterien? Im
Interview mit SUMO erzählt Manuel Kerzner, Data Scientist und Content Creator bei der APA, über die
Tätigkeiten einer Nachrichtenagentur, während Chefredakteurin Claudia Schubert einen Einblick in die
Auswahlstrategien der Nachrichtenredaktion des ORF Niederösterreich gewährt.
Digitale Muster sichtbar machen
Langfristig, so sind sich beide Expertinnen einig, wird es auf
eine Kombination ankommen: Auf technische Anpassungen
der Plattformen ebenso wie auf regulatorische Vorgaben – und
auf eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Rolle als mündige
Informationsnutzer*innen bewusst ist. Denn digitale Informationsräume
formen nicht nur unser Wissen – sie beeinflussen
auch, wie wir die Welt sehen und wie wir gesellschaftliche Zukunft
gestalten.
MAGDALENA LUEGER
FOTOS: LOUISA MARCHHART
Ereignisse, Informationen und Nachrichten im Überfluss
– via Internet und sozialer Medien ist das
rund um die Uhr möglich. Diese Massen an Output
können traditionelle Medien wie Zeitungen und
Zeitschriften, Radiostationen und Fernsehanstalten nicht
liefern. Ihr gesendetes bzw. gedrucktes Angebot ist begrenzt,
was dafür sorgt, dass das Wichtigste und somit
nur ein Bruchteil aus dieser Flut an Inhalten herausgefiltert
werden muss. Aus den einst als Flaschenhals agierenden
Gatekeepern für Information ist schon längst die Rolle
der Orientierung bietenden Wegweiser geworden. Damit
stellt sich die Frage: Was ist „das Wichtigste“? Und wer
entscheidet, was wir wissen müssen? Denn: Berichten
Medien nicht über ein Ereignis, existiert es für viele Menschen
nicht. Was objektiv betrachtet wissens- und erzählenswert
ist, darüber lässt sich streiten, jedoch gibt es dazu
wissenschaftliche Theorien.
Der Wert einer Nachricht
Nachrichtenfaktoren verleihen den Nachrichten ihren Wert
und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Journalist*innen
darüber berichten. Den Begriff „news value“ warf der USamerikanische
Journalist und Publizist Walter Lippmann
erstmals 1922 auf. Seine Arbeit stellt den Wegbereiter
der weiter auch von Galtung und Ruge sowie Schulz
maßgeblich geprägten Nachrichtenwertforschung dar.
Demnach werden die Nachrichtenwerte in sechs Dimensionen
unterteilt:
50 Gefangen in der Bubble
Wer entscheidet, was wir wissen müssen?
51
1. Zeit: Die Dauer eines Ereignisses sowie die Thematisie-
list*innen: Face-To-Face-Gespräche, Pressekonferenzen
Weiters stellen anstehende Termine und große Ereignisse,
Wer entscheidet nun, was wir wissen müssen? Der ORF?
rung beeinflussen seinen Nachrichtenwert.
oder -aussendungen stellen Quellen dar, auch mediale In-
etwa aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport und Chronik, eine
„Nein der ORF Niederösterreich entscheidet nicht, was wir wis-
2. Nähe: Je näher eine Begebenheit geografisch, politisch
halte können die Basis für eine APA-Meldung sein.
essenzielle Rolle in der Berichterstattung dar.
sen müssen in Niederösterreich“, erklärt Claudia Schubert.
oder kulturell empfunden wird und dadurch relevanter für
Was die APA ausmacht, ist ihre Vertrauenswürdigkeit. In-
Da es sich um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk handelt,
Vielmehr versuche der ORF, ein möglichst breites Bild des
das Publikum ist, desto eher wird darüber berichtet.
formationen werden als geprüft und faktenbasiert gekenn-
beeinflusst der ORF-Auftrag die Selektionsprozesse in der
Geschehens in diesem Land abzubilden. Womit sich die
3. Status: Regionale sowie nationale Zentralität, promi-
zeichnet. Als Vorteil dieser Prüfung nennt Manuel Kerzner,
Redaktion. Große Bedeutung komme dabei einem ausgewo-
Rezipient*innen näher beschäftigen, bleibt ihnen letztend-
nente Personen sowie persönlicher Einfluss der Beteiligten
dass es sich bei den Journalist*innen um ausgebildete Ex-
genen Überblick über das Geschehen im Land sowie dem Er-
lich selbst überlassen. Ist es also die APA, die unser Wis-
erhöhen die mediale Gewichtung.
pert*innen im jeweiligen Fachbereich handle, deren Instru-
klären komplexer Themen zu. Die reißerischste Schlagzeile
sen verantwortet? Als Antwort auf diese Frage bezeichnet
4. Dynamik: Der Überraschungsfaktor sowie die Struktur
mente es ihnen ermöglichen, Nachrichten zu validieren. „Da
sei hier weniger ausschlaggebend, erklärt Claudia Schubert.
Manuel Kerzner die APA als „so etwas wie einen Demo-
(einfach oder komplex) eines Geschehnisses, wirken sich auf
fließt ganz viel Erfahrung, jahrelange, jahrzehntelange Erfahrung
Rückmeldungen aus dem Publikum eröffnen einen wesent-
kratie-Dienstleister“. Sie liefere eine Basis für informierte
dessen Nachrichtenwert aus.
mit ein, die einen ganz eigenen Wert für sich darstellt.“ Wie
lichen Blickwinkel, weshalb Feedback der Rezipient*innen
Bürger*innen, die aus ihrem konsumierten Wissen heraus
5. Valenz: Konflikte, Kriminalität, Schäden, aber auch Erfolge
die Informationen für die Medien aufbereitet werden, ist
gerne in den Redaktionssitzungen thematisiert wird: „Weil
eine demokratische Entscheidung treffen können – für sich
erzeugen starke Emotionen und erhöhen damit das Interes-
ressortabhängig. Eine Sportberichterstattung sei anders
ich es für wichtig halte, dass wir als Nachrichtenmacherinnen
selbst sowie für die Gesellschaft. „Und das ist, finde ich, eine
se der Medien.
aufgebaut als eine Politikberichterstattung. Außerdem zu
und -macher auch wissen, wie es da draußen auch ankommt“,
der schönsten Aufgaben, die man in der APA haben kann, dass
6. Identifikation: Wenn Ereignisse durch persönliche oder
beachten sei die Bedürfniskategorie: Dient die Meldung
begründet die Redakteurin.
man sich daran beteiligt.“
kulturelle Bezüge nachvollziehbar werden, erleichtert das
als klassisches News-Update oder handelt es sich um eine
den Zugang für das Publikum.
Hintergrundgeschichte?
LOUISA MARCHHART
Soweit die Theorie; doch wie sehr spiegelt sich diese im All-
Die Auswahl der Nachrichten passiert bei der APA immer
tag der Medienunternehmen wider? Eine Zwischeninstanz
im Austausch, Manuel Kerzner erläutert: „Wir arbeiten sehr
im Prozess zwischen Ereignis und Veröffentlichung stellen
oft auch ressortübergreifend.“ Nachrichtenfaktoren finden
jedenfalls die Nachrichtenagenturen dar.
laut dem Data Scientist definitiv in der Praxis Anwendung.
Am Anfang steht die APA
Die standardisierte Relevanzbewertung sei ein elementarer
Bestandteil beim Filtern des Stroms an Nachrichten. Doch
Nachrichtenagenturen sammeln, verarbeiten und verbrei-
auf dem Weg von einer Meldung zu den Rezipierenden liegt
ten faktenbasierte Nachrichten an andere Medienunter-
noch der Zwischenschritt der Redaktion eines Medien-
nehmen. Sie bereiten die Informationen für fortführende
unternehmens.
Berichterstattungen redaktionell auf. Und das schnell, zuverlässig
und unabhängig.
Von der Redaktion in die Öffentlichkeit
Die Austria Presse Agentur (APA) ist die nationale Nachrich-
Eigene Themenrecherche habe beim ORF Niederösterreich
tenagentur in Österreich. Zu den Eigentümern des 1946
einen hohen Stellenwert, weiters würden Nachrichten
gegründeten, genossenschaftlich organisierten Unterneh-
unter anderem von der APA oder von Pressekonferenzen
mens zählen neben dem ORF zehn österreichische Tages-
bezogen. Doch bevor diese In-
zeitungen: Der Standard, die Oberösterreichischen Nachrichten,
formationen weitergege-
Die Presse, Österreich, die Salzburger Nachrichten, die Kleine
ben werden, durchlau-
Zeitung, der Kurier, die Tiroler Tageszeitung, die Vorarlberger
fen sie innerhalb der
Nachrichten und die Neue Vorarlberger Tageszeitung.
Redaktion
weitere
Österreichische Medien können Nachrichtenmeldungen vom
Selektions- und Be-
APA-NewsDesk beziehen. In
arbeitungsprozesse.
dieser Datenbank werden
täglich etwa 400 Meldungen
veröffentlicht
und nach Relevanz
Claudia Schubert betont
hierbei die Nachrecherche.
Die Auswahl der gesendeten
Claudia Schubert | ©ORF/Hans Leitner
geordnet.
Manuel
Informationen entsteht im Diskussi-
Manuel Kerzner | © Krisztian Juhasz
Kerzner erklärt, dass
onsprozess. Die Entscheidungen werden immer von mehre-
die APA Informatio-
ren Redakteur*innen getroffen – auch medienübergreifend
nen über das weltwei-
innerhalb des ORF. „Wenn über ein Thema relativ schnell eine
te Geschehen aus einem
Diskussion innerhalb der Redaktionssitzung entbrennt, dann
internationalen Netzwerk an
kann man sagen, das ist tendenziell ein Thema, wo vielleicht
Nachrichtenagenturen beziehe. Ereig-
nicht nur wir darüber diskutieren, sondern auch die Leute zuhau-
nisse aus Österreich recherchiere die in Ressorts unterteilte
se.“ Besonders bedeutend sind für die Chefredakteurin Be-
APA-Redaktion, welche mit über 130 Redakteur*innen eine
richterstattungen in schwierigen Situationen, beispielswei-
der größten Redaktionen des Landes ist, eigenständig. Die
se die Weitergabe von Sicherheitsinformationen während
Informationen stammen aus dem Netzwerk der Journa-
eines Hochwassers, aber auch die „Talk Abouts“ der Region.
52 Wer entscheidet, was wir wissen müssen?
Wer entscheidet, was wir wissen müssen?
53
05
Mehr als
irgendwas
mit Medien.
Goldbach Austria ist jetzt Azerion Austria!
Als Medienvermarkterin mit langjähriger Erfahrung sorgen
wir dafür, dass Werbebotschaften zur richtigen Zeit auf
den richtigen Devices bei der richtigen Zielgruppe ankommen.
„Flood the zone
with shit.“
Steve Bannon
Neugierig geworden? Erkundige dich jetzt!
marketing-austria@azerion.com
54 We are drowning in information, but starved for knowledge. Wenn Wissen trügt 55
©SARA LEUTGEB
Wer die Polizeiarbeit rund um Deepfakes verstehen
will, muss zunächst wissen, wo diese
überhaupt stattfindet. Daniel Widerna
ist Experte für Multimedia-Forensik im Cybercrime
Competence Center
(C4) des österreichischen
Bundeskriminalamts
– einem hochspezialisierten
Bereich mit
fünf technischen Abteilungen.
Er selbst
arbeitet in der Abteilung
2, der IT-Forensik,
wo neben klassischer
Computeranalyse auch Mobile-
und KFZ-Forensik sowie ein Elektroniklabor angesiedelt
sind. Widernas Fokus liegt dabei auf der Multimedia-Forensik:
einem Bereich, der sich mit der Sicherung und Analyse
digitaler Spuren auf Bild-, Audio- und Videodateien befasst
– und damit genau dort ansetzt, wo Deepfakes entstehen.
Täuschend echt und doch konstruiert
Digitale Manipulationen sind nichts Neues. Doch was einst
mit Photoshop begann, erreicht mit der Deepfake-Technologie
eine neue Dimension. Deepfakes sind mittels Künstlicher
Intelligenz (KI) generierte Medieninhalte, bei denen
Gesichter oder Stimmen realer Personen täuschend echt in
neue Kontexte gesetzt werden. Dabei unterscheidet man
grob zwischen Audio-, Video- und Bildmanipulationen. Besonders
gefährlich: synthetische Medien, die täuschend
echte Videos mit manipuliertem Inhalt erzeugen, etwa durch
sogenanntes "Face-Swapping" oder "Lip-Syncing", also das
Ersetzen eines Gesichts oder das Synchronisieren von Lippenbewegungen
mit fremdem Audio.
Daniel Widerna | ©Benjamin Schmidt
breites Publikum erreichte. Als das Magazin Vice im
Dezember 2017 erstmals ausführlich über den Trend
berichtete, folgte ein regelrechter Dammbruch in der
Berichterstattung. Heute reichen ein handelsüblicher
Laptop, frei verfügbare Trainingsdaten und etwas Geduld
– ein disruptiver Wandel, der nicht nur neue kreative
Möglichkeiten eröffnet, sondern auch erhebliche Risiken
birgt – etwa im Hinblick auf Desinformation,
Persönlichkeitsrechte und digitale Sicherheit.
Ein nationaler Aktionsplan gegen
synthetische Medien
Um der wachsenden Bedrohung durch Deepfakes wirksam
zu begegnen, hat Österreich im Mai 2023 einen nationalen
Aktionsplan vorgelegt, der ressortübergreifend unter
Federführung des Innenministeriums entstand. Dieser
fokussiert auf vier zentrale Handlungsfelder: den Ausbau
technischer und organisatorischer Strukturen, Governance-
Fragen, Forschung und Entwicklung sowie internationale
Kooperation. Im polizeilichen Umgang mit Deepfakes zeigt
sich dieser Aktionsplan in der Praxis vor allem durch die
Integration eines entsprechenden Stichworts in das
elektronische Anzeigenprotokollierungssystem. Damit
sollen relevante Fälle frühzeitig identifiziert und gezielt
bearbeitet werden. „Seit dem 1. Januar 2024 wird Deepfake in
unserem Anzeigenprotokollierungssystem der Polizei mit einem
Stichwort erfasst. Im Jahr 2024 gab es etwa 100 Fälle von
Deepfakes in Kombination mit Straftaten. Wir als Multimedia-
Forensik sind keine Zentralstelle, die Deepfakes statistisch
erfasst, sondern bearbeiten forensisch Audio, Bilder und Videos,
wodurch allfällige Deepfake-Analysen zu uns kommen“, erklärt
Daniel Widerna. Ziel dieser Maßnahme ist es, ein präziseres
Lagebild zu entwickeln und polizeiliche Ermittlungen gezielt
zu unterstützen.
Hinter den Kulissen:
Wie die österreichische
Polizei Deepfakes bekämpft
In einer Welt, in der selbst unsere eigenen Augen und Ohren uns täuschen
können, führt die österreichische Polizei einen stillen Kampf
gegen die perfekte digitale Illusion. SUMO sprach mit Daniel Widerna,
IT-Forensiker im Bundesministerium für Inneres, und näherte sich dem
Phänomen Deepfake journalistisch an. Wie die Polizei mit den neuen
digitalen Herausforderungen umgeht, was wirklich dahinter steckt und
warum Prävention dabei mehr als nur ein Schlagwort ist.
FOTOS: BENJAMIN SCHMIDT
Von Reddit in die Realität –
der technologische Dammbruch
Obwohl erste Forschungsarbeiten zu Deepfakes bereits auf
das Jahr 2014 zurückgehen, erlangten sie erst ab 2017
breite mediale Aufmerksamkeit – ausgelöst durch einen
technologischen Durchbruch und die neue Zugänglichkeit
der Technologie. Im Herbst 2017 veröffentlichte ein
anonymer Reddit-Nutzer unter dem Pseudonym
„deepfakes“ erstmals pornografische Deepfake-Videos
prominenter Schauspielerinnen und stellte den zugrunde
liegenden Deep-Learning-Algorithmus als Open-Source-
Code zur Verfügung. Die Kombination aus frei verfügbarer
Software und ersten benutzerfreundlichen Anwendungen
wie FakeApp ermöglichte es plötzlich auch Laien, täuschend
echte Deepfakes zu erstellen. Vor allem die virale
Verbreitung über soziale Plattformen wie Reddit, wo sich
innerhalb kürzester Zeit eine aktive Community im Subreddit
„Deepfakes“ bildete, trug dazu bei, dass das Phänomen ein
Ethische Grauzonen und strafrechtliche
Herausforderungen
Deepfakes sind ein zweischneidiges Schwert. Während sie
im künstlerischen oder satirischen Kontext durchaus legitim
sein können, werden sie immer häufiger für manipulative
oder gar kriminelle Zwecke eingesetzt. Besonders heikel:
nicht-konsensuelle Deepfake-Pornografie und politisch
motivierte Desinformation. Die EU-Kommission warnt vor
Deepfakes als Instrument der digitalen Kriegsführung. Auch
Instagram, TikTok und YouTube sind bereits mit problematischen
Inhalten konfrontiert. Die Verbreitung solcher Inhalte
geschieht rasch und oft unkontrolliert – eine enorme Herausforderung
für Plattformen und Ermittlungsbehörden.
„Die Erstellung eines Deepfake an sich ist nicht strafbar, da es
sich lediglich um ein Werkzeug handelt. Entscheidend ist, wie
dieses Werkzeug eingesetzt wird“, erklärt Daniel Widerna im
Gespräch mit SUMO. Die österreichische Polizei steht damit
vor einem Dilemma: Während das Tool selbst legal bleibt, ist
56 Hinter den Kulissen: Wie die österreichische Polizei Deepfakes bekämpft
Hinter den Kulissen: Wie die österreichische Polizei Deepfakes bekämpft
57
sein Einsatz in bestimmten Kontexten – etwa zur Rufschädigung
oder Täuschung – sehr wohl strafbar. Die Herausforderung
liegt also weniger in der Existenz der Technologie,
sondern vielmehr im Nachweis des Missbrauchs.
Ein zentrales Problem bei der Arbeit mit Deepfakes liegt in
der Beweisführung: Auch wenn eine Datei aus forensischer
Sicht klare Hinweise auf Manipulationen liefert – etwa fehlende
oder veränderte Metadaten, unplausible Bilddetails
oder widersprüchliche Tonspuren – bedeutet das noch lange
keinen gerichtsfesten Beweis. „Man kann sagen, dass eine
Veränderung stattgefunden hat. Aber eindeutig heißt nicht zu
hundert Prozent gerichtsfest beweisbar“, sagt Widerna. Die
IT-Forensik liefert deshalb keine direkten Beweise für ein
Deepfake, sondern agiert als Assistenzdienst.
Ein digitaler Balanceakt zwischen
Chancen und Risiken
Deepfakes sind gekommen, um zu bleiben. Ihre Anwendung
reicht von gefährlicher Desinformation bis zu innovativen
Filmtechnologien. Der österreichischen Polizei bleibt derzeit
oft nur die reaktive Rolle – doch genau darin liegt auch
„Ich kann ja auch ein Fenster mit einem
Leatherman aufbrechen – trotzdem wird das
Werkzeug nicht verboten. Entscheidend ist nicht
das Tool, sondern wie man es verwendet.“
– Daniel Widerna.
Prävention als wichtigste Maßnahme
„Die Deepfake-Analyse ist immer so: Wenn eine solche benötigt
wird, ist in der Regel schon etwas passiert. Deepfake ist eigentlich
ein Bereich, eine Thematik, die ganz groß in der Prävention
verankert gehört“, so Widerna weiter. „Man bedient sich technischer
oder visueller Methoden. Die visuellen kommen zum
Einsatz, wenn zum Beispiel ein Standbild künstlich modifiziert
wurde, sodass es eigentlich ein Foto von einer Person ist – und
die Person sagt dann etwas. Oder ein Gesicht wird in ein Video
eingesetzt.“ Auffälligkeiten fänden sich oft in Details: „Was KIs
immer noch schlecht können, ist Details wie Hände oder Zähne
darzustellen.“
High-
speed
Mehr surfen, streamen und gamen
mit Gigabit-Internet.
+ mit Highspeed bis zu 1 Gigabit/s
+ unlimitiert surfen, streamen und gamen
+ rund 130 digitale TV- und Radioprogramme
+ mit kabelplus MAGIC TV Lieblingsfilme und
-serien streamen inkl. zeitversetztem TV-Vergnügen
+ Top-Mobilfunktarife und unlimitiertes
Datenvolumen mit LTE-Power
der Appell: Medienkompetenz muss zur Schlüsselressource
einer informierten Gesellschaft werden. Denn was wir sehen,
hören oder lesen, ist längst nicht mehr, was es scheint.
Ein gesetzliches Verbot von Deepfakes hält Widerna für
wenig zielführend:
Die Polizei kann reagieren – doch die erste Verteidigungslinie
sind wir selbst: ein kritischer Blick, ein wacher Verstand,
eine aufgeklärte Gesellschaft.
BENJAMIN SCHMIDT
Im #JetztNetz
Handytarife
schon ab
€ 8 99
/Monat
QR-Code scannen
und aktuelle
Angebote entdecken!
Die Stimme klingt freundlich, souverän, professionell.
Man könnte meinen, am anderen Ende der
Leitung sitzt eine Callcenter-Mitarbeiterin, vielleicht
Anfang dreißig, gut geschult und aufmerksam.
Doch sie ist nicht echt. Sie ist ein Produkt. Entwickelt
wurde sie vom Wiener Start-up fonio.ai. Ihr Kopf: Daniel
Keinrath & Matthias Gruber. Ihr Ziel: sprechende KI für
den Kundendialog. Doch was bedeutet das – für Kommunikation,
Vertrauen, Verantwortung? Und was müssen wir
darüber wissen?
Hallo! Hier ist Sophie von fonio,
mit wem sprech‘ ich?
„Du sprichst. Es antwortet.
Aber niemand ist da.“
Das
Magdi
Wiener Start-up fonio.ai
Artikel
bringt Künstliche Intelligenz am Telefon zum Sprechen –
etwa im Kundenservice, bei Hotlines oder in der Terminvereinbarung. SUMO hat mit
einem der Gründer, Daniel Keinrath, gesprochen. Medienethiker und Forscher an der FH
St. Pölten Michael Litschka fragt sich dabei: Nur weil es funktioniert – ist es auch richtig?
So klingt sie. Sophie, die künstliche Stimme am Telefon,
klingt nicht nur wie ein Mensch – sie spricht auch wie einer.
Reagiert. Fragt nach. Legt Pausen ein. Keine blecherne
FOTOS: KATRIN WALLNER
Stimme, kein „Bitte drücken Sie die 1“. Stattdessen: Dialog
auf Augenhöhe. Oder zumindest so, als wäre er es. Was
dahintersteckt, ist ein komplexes Zusammenspiel aus KI,
Sprachmodellen, Text-to-Speech-Systemen und einem feinen
Ohr für Intonation. Die Zielgruppe: Unternehmen, die
Kundenservice automatisieren wollen, ohne dass es sich
wie Automation anfühlt.
Sophie ist ein Beispiel für das, was fonio.ai kann: Gespräche
führen, Anliegen klären, Termine buchen – alles automatisch,
alles sprachbasiert.
Daniel Keinrath, CEO von fonio.ai, sieht in der Stimme eine
neue Schnittstelle: „Die Stimme ist der direkteste Zugang zum
Menschen. Wenn man sie richtig einsetzt, kann man Vertrauen
aufbauen – auch ohne echten Menschen.“
0800 800 514 / kabelplus.at
58 Hinter den Kulissen: Wie die österreichische Polizei Deepfakes bekämpft
„Du sprichst. Es antwortet. Aber niemand ist da.”
59
Daniel Keinrath | ©Kurt Keintrath
FH-Prof. Priv.-Doz. Dr. Michael Litschka | ©Privat
Sie soll entlasten. Doch sie wirft auch
Fragen auf.
Merken wir, dass wir mit einer Maschine sprechen? Wer entscheidet,
ob wir es merken sollen? Und was passiert mit den
Daten, die dabei entstehen?
Neugier und Unternehmergeist
Daniel Keinrath startete schon in der Schule erste Projekte,
gründete ein Start-up im Influencer-Marketing, verkaufte
es und verbrachte später einige Zeit in San Francisco, wo er
den Aufstieg von Voice-AI hautnah miterlebte. Dort wurde
ihm klar: „Da entsteht gerade etwas Großes, was man in Europa
noch nicht auf dem Schirm hat“, so Keinrath.
Was ihn antreibt, ist mehr als technische Neugier: „Ich will
Produkte bauen, die die Welt verändern.“ Und das meint er
nicht esoterisch – sondern wirtschaftlich.
fonio.ai ist eines dieser Produkte. Das Unternehmen wurde
Mitte 2024 gemeinsam mit Matthias Gruber gegründet
und hat sich rasch in der österreichischen Start-up-Szene
etabliert. Der Fokus liegt auf deutschsprachigen Märkten,
doch die Vision ist global: vollautomatisierte, gesprochene
Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. In Kundencentern.
In Banken. Im Gesundheitswesen.
„In vielen Bereichen ist uns das
relativ wurscht.“
Unternehmen können bei fonio.ai nicht nur entscheiden, was
die KI sagt – sondern auch, wie. Persönlichkeit, Tonfall, sogar
Humor: alles ist konfigurierbar. Wie stellt man sicher,
dass das nicht schiefläuft? „Ganz ehrlich: In vielen Bereichen
ist uns das relativ wurscht“, sagt Keinrath. „Unsere
Kund*innen wissen selbst am besten, wie sie unsere Technologie
nutzen wollen.“ Aber es gibt Grenzen. Politische
Aussagen, Beleidigungen, diskriminierende Inhalte: alles
ausgeschlossen – technisch über das Sprachmodell geregelt.
„Wir setzen auf eine Mischung aus Vertrauen, Verantwortung
und Technik.“ Kontrolle? „Üben wir nicht aus.“
„Die Leute wollen eine schnelle Lösung. Ob die von einem
Menschen kommt oder von einer KI, ist ihnen meistens egal.“
Technik, Verantwortung – und eine offene Frage
Michael Litschka, Medienethiker an der FH St. Pölten, sieht
darin ein bekanntes Muster: „Früher waren es die großen
Plattformen, heute sind es KI-Anbieter – alle sagen, sie liefern
nur die Technik, die Verantwortung liege bei den Nutzer*innen.“
Doch mit dem Vormarsch von Künstlicher Intelligenz greift
diese Haltung zu kurz, meint er.
Der AI Act, der mit 2. August 2024 in Kraft trat, sei ein Schritt
in die richtige Richtung, aber auch jenseits gesetzlicher Vorgaben
müssten Unternehmen Verantwortung übernehmen.
„Nur weil kein Gesetz verletzt wird, heißt das nicht, dass alles in
Ordnung ist.“
Gerade weil die Technologie immer besser werde, sei ein bewusster
Umgang damit entscheidend. Der AI Act ist ein erster
Schritt – doch auch jenseits der Gesetzeslage brauche
es klare Regeln. Denn, so Litschka: „Vertrauen entsteht nicht
durch Täuschung, sondern durch Transparenz.“ Was er fordert,
nennt er „doppelte Transparenz“: Erstens muss klar sein,
dass es sich um KI handelt. Zweitens: Wie sie funktioniert.
Moral – made by Machine?
fonio.ai bietet mittlerweile auch österreichische Stimmen
an – mit Dialekt, Nuancen, Vertrautheit. Ist das schon eine
Täuschung?
„Ich finde: ja“, betont Litschka. „Wenn eine Stimme so klingt,
dass man denkt, da sitzt jemand aus der Region – aber es ist
KI und es wird nicht gesagt – dann ist das Täuschung. Punkt.“
Technisch faszinierend? Ja. Aber ethisch problematisch.
Denn: „Wenn Menschen im Nachhinein erfahren, dass sie mit
einer Maschine gesprochen haben, entsteht ein ungutes Gefühl.“
Kann KI jemals ethisch handeln? Litschka winkt ab. „Nein.
Weil sie nicht abwägen kann. Nicht reflektieren. Nicht Verantwortung
übernehmen.“
Eine KI kann erklären, wie sie zu einem Ergebnis kam – aber
sie kann sich nicht rechtfertigen. Kein Unrechtsbewusstsein,
kein Mitgefühl, keine Autonomie. „Ethische Entscheidungen
bleiben menschlich – mit all ihren Fehlern.“
Was sollen wir wissen?
Die Frage dieser SUMO-Ausgabe bekommt an dieser Stelle
Gewicht. Denn bei sprechender KI geht es nicht nur um
„Wenn Menschen im Nachhinein erfahren, dass sie
mit einer Maschine gesprochen haben, entsteht ein
ungutes Gefühl.“
– Michael Litschka.
Technik. Es geht um Kommunikation – und damit um eines
der menschlichsten Dinge überhaupt. Wenn Stimmen maschinell
erzeugt werden, aber bewusst menschlich klingen,
stellt sich nicht nur die Frage nach Effizienz. Sondern auch
nach Ethik.
Was sollen wir also wissen?
Wir sollten wissen, dass es KI-Anwendungen wie fonio.ai
gibt – und dass sie täuschend echt klingen können.
Wir sollten wissen, wann wir mit einer KI sprechen – und
warum.
Wir sollten wissen, wie solche Systeme funktionieren –
auch wenn wir keine Expert*innen sind.
Und wir sollten diskutieren, ob wir das überhaupt wollen –
und unter welchen Bedingungen.
Denn Wissen ist Macht. Und Macht braucht Verantwortung.
Wenn niemand mehr zuhört
Vielleicht ist es tatsächlich egal, ob am anderen Ende der
Leitung ein Mensch sitzt oder eine Maschine. Solange das
Anliegen gelöst wird, die Stimme nett klingt und das Gespräch
gut verläuft. Vielleicht ist es egal. Vielleicht beginnt
hier eine neue Art von Kommunikation – mit unklaren Rollen.
Vielleicht verändert sich an diesem Punkt, was wir unter
Gespräch verstehen. Denn wenn wir nicht mehr wissen,
mit wem wir sprechen, dann sprechen wir irgendwann nur
noch mit uns selbst. Und wenn niemand mehr zuhört – wer
antwortet dann?
fonio.ai zeigt, was technisch möglich ist. Doch die Gespräche
mit Daniel Keinrath und Michael Litschka machen klar:
Kommunikation ist mehr als Verständigung. Sie braucht Bewusstsein.
Und Verantwortung. Nur wenn wir wissen, mit
wem wir sprechen – und warum – kann KI ein Gesprächspartner
sein. Und nicht bloß: eine gut geölte Tonspur.
KATRIN WALLNER
60 „Du sprichst. Es antwortet. Aber niemand ist da.”
„Du sprichst. Es antwortet. Aber niemand ist da.”
61
Gestohlene Identität:
Deepfakes und die Gefahr der
digitalen Manipulation
Täuschend echte Deepfakes werden immer überzeugender. SUMO sprach mit Netzjournalistin
Barbara Wimmer und Senior Video-Editor Tobias Sautner über die Chancen und Risiken dieser
Technologie – und warum Medienkompetenz entscheidend dafür ist, Wahrheit und Lüge
künftig noch unterscheiden zu können.
FOTOS: ALINA PEINTHOR
Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz ist es möglich,
täuschend echte Videos, Bilder und Tonaufnahmen
zu erzeugen – sogenannte Deepfakes. Für
Laien sind diese kaum noch als Fälschung erkennbar.
SUMO sprach dazu mit Netzjournalistin und Buchautorin
Barbara Wimmer: „Deepfakes werden
benutzt, um Menschen
zu verleumden, politische
Desinformation zu
streuen, für Cybermobbing
oder auch für Betrug“,
erklärt Wimmer
das Phänomen. Damit
seien sie ein zentrales
Thema im Bereich Da-
Barbara Wimmer | ©The Van Held
tenschutz und IT-Security.
Ein aktuelles Beispiel: 2024 kursierte auf TikTok ein Deepfake-Audio,
in dem die US-Vizepräsidentin Kamala Harris
angeblich abwertende Aussagen über Elon Musk machte.
Das manipulierte Audio verbreitete sich millionenfach, bevor
es als Fälschung enttarnt wurde. Dieser Fall zeigt, wie schnell
und effektiv Deepfakes politische Stimmungen beeinflussen
können. Zwar stehen Journalist*innen und Faktenchecker*innen
Tools zur Verfügung, um Deepfakes zu entlarven
– etwa spezialisierte KI-Erkennungssoftware – doch diese
Programme sind nicht für jede*n zugänglich. „Es ist bereits
jetzt so, dass man Deepfakes als Laie oft nicht mehr erkennen
kann“, so Wimmer. Besonders problematisch sei die Geschwindigkeit,
mit der sich die Technologie weiterentwickelt.
Tobias Sautner, Absolvent der Fachhochschule
St. Pölten im Bereich
Medientechnik und Digitale
Medientechnologien,
erstellte im Zuge seiner
Diplomarbeit selbst
Deepfake-Videos. „Teilweise
habe ich zwei bis
drei Tage gebraucht, um nur
ein Modell zu trainieren“, erin-
Tobias Sautner | ©Laura Fischer
nert sich Sautner. Heute könnten
ähnliche Ergebnisse mit deutlich weniger Aufwand erreicht
werden: „Mittlerweile dauert die Erstellung oft nur noch wenige
Stunden – und dank zahlreicher Online-Tools und Anleitungen
ist der Einstieg für Anfänger*innen viel leichter geworden.“
Sautner arbeitet heute als Senior Video-Editor in der Filmproduktionsbranche,
wo er regelmäßig mit VFX- und KI-
Tools zu tun hat. Die rasant gestiegene Zugänglichkeit der
Technologie sieht er deshalb als ernstzunehmende Gefahr.
Bedrohung für Privatpersonen
Neben politischer Manipulation hält Wimmer noch einen
anderen Bereich für ebenso gravierend: „Der menschlich
allerschlimmste Aspekt von Deepfakes ist für mich der pornografische
Kontext.“ Während früher vor allem prominente
Frauen betroffen waren, könne heute jede Frau potenziell
Opfer werden. „Selbst wenn die Bilder offensichtlich falsch
sind, empfinden Betroffene große Scham. Der Imageschaden
entsteht trotzdem.“
Laut einer Analyse des Cybersecurity-Portals Home Security
Heroes aus dem Jahr 2023, die auf eigenen Auswertungen
beruht, machen pornografische Deepfakes 98 % aller Deepfake-Inhalte
aus, wobei 99 % der Betroffenen Frauen sind.
Wimmer spricht von einem strukturellen Problem: „Frauen
werden sexualisiert dargestellt und das verschärft sich durch
KI weiter.“ Schutzmaßnahmen seien kaum möglich: „Man
müsste auf jegliche digitale Sichtbarkeit verzichten.“
Auch Sautner sieht in pornografischen Deepfakes eine große
Gefahr: „Gerade weil das Internet nichts vergisst, können solche
Inhalte lebenslange Schäden anrichten.“ Gleichzeitig warnt er
auch vor politischen und betrügerischen Anwendungen: „Ob
Fake-Videos im Wahlkampf oder Enkeltrick-Betrug per Video –
Deepfakes eröffnen unzählige Möglichkeiten für Missbrauch.“
Zwischen Missbrauch und
kreativem Potenzial
Trotz aller Risiken sieht Sautner auch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten
von Deepfakes. In der Filmbranche werden
die Technologien zur Deepfake-Erstellung gezielt genutzt,
etwa um Schauspieler*innen für Rückblenden digital zu verjüngen
oder verstorbene Darsteller*innen wieder zum Leben
zu erwecken. „In einem Star-Wars-Film wurde ein verstorbener
Schauspieler glaubwürdig eingefügt, was natürlich ethisch
diskussionswürdig ist. Auch aktuelle Produktionen setzen Deepfakes
ein, um Rückblenden authentischer wirken zu lassen“,
berichtet Sautner. Besonders dort, wo klassische Spezialeffekte
an ihre Grenzen stoßen, könne Deepfake-Technologie
effizient und qualitativ hochwertig eingesetzt werden.
Rechtlicher Umgang mit Deepfakes
Auch rechtlich ist der Umgang mit Deepfakes herausfordernd.
Mittlerweile gibt es jedoch erste Urteile, die den
Betroffenen helfen: Eckart von Hirschhausen, ein deutscher
Arzt und Wissenschaftsjournalist, der für seine gut erklärten
und humorvollen Empfehlungen zu gesundem Lebensstil
und zum Klimaschutz bekannt ist, klagte erfolgreich gegen
die Plattform Meta, auf der gefälschte Deepfake-Videos
von ihm verbreitet wurden. Die Clips zeigten ihn angeblich
als Unterstützer von betrügerischen Finanzprodukten – in
Wirklichkeit hatte er diese Aussagen nie getroffen. Durch
das Urteil wurde erreicht, dass Meta sämtliche Varianten
62 Gestohlene Identität
Gestohlene Identität
63
dieser Deepfakes – auch leicht veränderte Versionen –
löschen und deren Wiederverbreitung verhindern muss.
Wimmer betont, dass technische Lösungen zur Löschung
und Erkennung existieren, jedoch klare rechtliche Rahmenbedingungen
fehlen. Sautner sieht ein komplettes Verbot
kritisch: „Die Erkennung von Deepfakes ist extrem schwierig.
Selbst aufwendige Prüfmechanismen sind oft nicht zuverlässig
bzw. mit hohen Kosten verbunden.“ Stattdessen setzt er auf
technische Hilfsmittel wie digitale Wasserzeichen und die
verpflichtende Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten
– eine Praxis, die erste Plattformen wie Instagram bereits
eingeführt haben, indem sie Posts mit Hinweisen wie „erstellt
mit KI“ kennzeichnen.
Unsichere Zukunft – Bildung als Schlüssel
Für die Zukunft zeigt sich Barbara Wimmer besorgt:
„Es wird immer schwieriger, zwischen Wahrheit und Lüge
zu unterscheiden. Deepfakes bedrohen unsere Demokratie,
fördern Betrug und schaden besonders Frauenrechten.“ Ein
komplettes Verbot hält sie für unrealistisch: „KI wird man
nicht mehr verbannen können.“
Tobias Sautner sieht Bildung als den einzigen nachhaltigen
Weg, um Deepfakes wirkungsvoll zu begegnen: „Langfristig
gilt es, Medienkompetenz zu schaffen.“ Menschen müssten
lernen, nicht alles zu glauben, was sie in einem Video sehen.
Es gehe darum, Inhalte zu hinterfragen, verschiedene
Quellen zu prüfen und Beweise zu suchen: „Gibt es dieses
Interview aus mehreren Kamerawinkeln? Gibt es andere Möglichkeiten
zu verifizieren, ob es echt ist?“ Sautner fordert, dass
solche Fähigkeiten künftig stärker in den Schulunterricht
integriert werden. Gerade weil manipulierte Inhalte immer
selbstverständlicher werden könnten, werde Medienkritik
zu einer unverzichtbaren Kompetenz für die Gesellschaft.
Medienkompetenz sollte vielmehr zu einer Grundvoraussetzung
für alle Generationen werden – nicht nur für junge
Menschen. Gleichzeitig bleibt offen, wohin die rasante
Entwicklung der Technologie führen wird. Deepfakes eröffnen
faszinierende neue Möglichkeiten, aber auch neue
Risiken. Fest steht: Die Fähigkeit, zwischen Wahrheit und
Täuschung zu unterscheiden, wird in Zukunft wichtiger sein
als je zuvor.
ALINA PEINTHOR
STARKE THEMEN.
WAHRE WERTE.
GROSSE WIRKUNG.
Kronen Zeitung | | krone.at
DAS TÄGLICHE LESEN
stärkt die Aufmerksamkeit
und Konzentration,
fördert unsere Kreativität,
verbessert das Gedächtnis,
das Allgemeinwissen
und den Wortschatz,
inspiriert, gibt Impulse,
und macht einfach Spaß.
WISSEN
HEISST WISSEN, WO ES GESCHRIEBEN STEHT.
ALBERT EINSTEIN
64 Gestohlene Identität
65
E v a
W
i n t e r s b e r g e r
DAS TEAM
A n j a
S c h w e i g e r
L i s a
M a y r i n g e r
A n n a
S c h a b a s s e r
Marketing
Te u f n e r
S i m o n
Distribution
Sales
L o u i s a
M a r c h h a r t
N a g e l
N
i k o
S
i t a r
K a t r
i n
W a
l
l n e r
B e n
j a m
i n
S c h m
i d t
P h i l i p p
W a d s a k
B e n
j a m
i n
S t
i x
J u
l i u s
Online
A n n a W e i s s e n b a c h
Layout
Ta m
i n a
V a n e s a
L a u t e n b a c h
I e p a n
S a r a
M a g d a
L e u t g e b
Bild
L e o n
i e T ü r k
M a r l e n e S e
l e n z
l e n a
L u e g e r
A l i n a P e i n t h o r
B e r n h a r d
S o n n
66
Das Team
Das Team
67
© Rauchecker Photography
Hier lernst
du, die
Zukunft der
Medien zu
gestalten.
Medienmanagement
• Bachelor, 6 Semester, Vollzeit
• Schwerpunkte
• Management &
Leadership Skills
• Kommunikation und
journalistische Grundlagen
• Medienproduktion und
Digitale Technologien
Jetzt informieren:
fhstp.ac.at/bmm