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SUMO #45

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Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten Oktober 2025

45. Ausgabe


©MARTIN JANSCHA

IMPRESSUM

DAS GESAMTE SUMO-TEAM DER 45. AUSGABE

© 2025 SUMO Medienfachmagazin

Alle Rechte vorbehalten.

www.instagram.com/sumo.mag

https://www.fhstp.ac.at/de/sumo

Medieninhaberin Fachhochschule St. Pölten

GmbH

c/o SUMO

Campus-Platz 1

A–3100 St. Pölten

Telefon: +43/2742/313 228 – 200

www.fhstp.ac.at

© Titelbild: Marlene Selenz

© SUMO-Team Fotos: Tamina Lautenbach,

Leonie Türk, Sara Leutgeb, Vanesa Iepan

Druck in Auftrag gegeben bei gugler*

Leitstern für Kommunikation und Wandel

Auf der Schön 2

A–3390 Melk/Donau

www.gugler.at

Fachliche Leitung:

FH-Prof. Mag. (FH) Dr. Johanna Grüblbauer

(Verlag),

Mag. Dr. Gabriele Falböck (Redaktion),

Mag. art. Angelika Kratzig (Layout) und

Martin Dörsch, BSc (Fotografie)

Mag. (FH) Nikolaus Kubiczek (Sales)

2

Impressum

3



INHALT

Gut zu wissen?

01

Wissensvermittlung

für Kinder

Wissen ist Macht,

Macht ist Wissen

03

Wenn Wissen

trügt

05

10 | Zwischen Katastrophe und

Hoffnung: Wie Climate-Ficiton das

Bewusstsein über den Klimawandel

stärkt | Marlene Selenz

13 | Mental Health auf Social Media:

Revolution oder Risiko?

| Tamina Lautenbach

16 | Hören statt Lesen: Warum

Podcasts immer wichtiger für die

Wissensvermittlung werden

| Lisa Mayringer

19 | Von YouTube lernen, oder doch

lieber den Profi rufen? | Sara Leutgeb

22 | True Crime: Zwischen Gänsehaut

und Faktenwissen | Leonie Türk

02

26 | Kinderbücher: Der Erstkontakt zu

Medien | Eva Wintersberger

29 | Next Level Lernen: Wie Game

Based Learning neue Wege zum

Wissenserwerb öffenen

| Anja Schweiger

32 | Von der Leinwand in die

Kinderköpfe: Wie Filme und Serien

Werte vermitteln und Horizonte

erweitern | Anna Schabasser

35 | Musikjournalismus im Spiegel der

Netzkultur: Demokratisierung oder

Degradierung der Musikkritik?

| Nikolaus Sitar

38 | Die Renaissance des

Fachjournalismus: Wie Nischen-

Newsletter den Medienwandel

prägen | Anna Weissenbach

41 | Fake News: Wie Wahrheit nicht

zur Nebensache wird

| Philipp Wadsak

44 | Kann Qualität trotz Algorithmus

funktionieren? | Julius Nagel

Nichts wissen

macht auch nichts

04

48 | Gefangen in der Bubble: Wie

Algorithmen unsere Sicht auf die Welt

formen | Magdalena Lueger

51 | Wer entscheidet, was wir wissen

müssen? | Louisa Marchhart

56 | Hinter den Kulissen: Wie die

österreichische Polizei Deep Fakes

bekämpft | Benjamin Schmidt

59 | „Du sprichst. Es antwortet. Aber

niemand ist da.“: fonio.ai und die neue

Stille am anderen Ende der Leitung

| Katrin Wallner

62 | Gestohlene Identität: Deepfakes

und die Gefahr der digitalen

Manipulation | Alina Peinthor

4 Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

5



Die Bereitstellung von Informationen und damit

Wissen war – neben Unterhaltung und Orientierung

– immer schon ein Kerngeschäft der Medien.

Wie die kommunikationshistorische Forschung

herausfand, waren es Drucker*innen – allen voran Johann

Carolus in Straßburg - , die Informationen gesammelt und

diese qua Herstellung von Zeitungen

gehandelt haben. Geboren wurde

diese Idee anno 1605, interessanterweise

erst 150 Jahre nach Erfindung

des Buchdrucks. Professionell

aufbereitet, d.h. geprüft und orientiert

an den bekannten W-Fragen des

Journalismus, waren die Inhalte der

ersten Zeitungen freilich nicht. Erst

im 19. Jahrhundert erwuchs aus der

bloßen Nachrichtensammlung zunächst

die politische Meinungspresse,

die in der zweiten Hälfte auch

journalistische Darstellungsformen

entwickelte.

Feststellbar ist, dass sich diese Leistung

der Medien – die Übermittlung

von Wissen – seitdem in schwer

fassbarem Ausmaß erweitert und in

seinen Ansprüchen enorm verändert

hat. Die bloße Anzahl der Kanäle ist

gestiegen. Die bereitgestellten Inhalte

und damit das verfügbare Wissen

werden nicht mehr täglich respektive

stündlich geliefert, sondern können

jeden Augenblick aktualisiert werden.

Die akustischen und visuellen Signale

unseres Smartphones erinnern

uns permanent daran. Während der

greifbare Content also explodiert ist,

bleibt die Speicherkapazität unseres

Gehirns unverändert. Die neurowissenschaftlichen

Forscher*innen

am Max-Planck-Institut berechneten,

dass unser kognitiver Apparat effektiv

und langfristig 1-10 Terrabyte

Informationen speichern kann: Erinnerungen,

Erlebnisse, Alltagsheuristiken

inklusive. Die Überforderung

durch die dauernden Appelle um Aufmerksamkeit,

zeigt Folgen: Digitaler

Stress und Fear of Missing Out, kurz

FoMO einerseits, bewusster Digital

Detox oder auch Nachrichtenvermeidung andererseits.

Nicht zuletzt offenbarte die Digitalisierung die Chance, dass

Informationen nicht nur von professionellen Journalist*innen

publiziert werden. Das Resultat ist uns bekannt: Fake News

und Desinformation kursieren neben gut recherchierten

Inhalten und neuen Perspektiven in der digitalisierten Öffentlichkeit.

Diese vielfältigen Problematiken lassen sich in der Leitfrage

der 45. SUMO Ausgabe bündeln: „Was sollen wir wissen?“. 21

Studierende des Bachelorstudiengangs Medienmanagement

der FH St. Pölten gingen also daran, Antworten auf diese

zweifelsohne große Frage zu finden und diesbezüglich mit

Praktiker*innen und Wissenschafter*innen zu sprechen.

Doch damit nicht genug, diese 21 angehenden Medienmanager*innen

kümmerten sich auch um die Fotos, das Layout,

die Finanzierung sowie Marketing, Vertrieb und Online-Auftritt

des vorliegenden Medienfachmagazins.

„The more I learn, the more I realize how much I don’t know“.

Keinem geringeren als Albert Einstein wird dieses Zitat

zugeschrieben, das den ersten Teil dieser Ausgabe eröffnet.

Marlene Selenz stellt sich dabei die Frage wie und

ob man komplexes und unerfreuliches Wissen, wie jenes

zum Klimawandel über andere Formen als die der journalistischen

Darstellung übermitteln kann. Im Gespräch mit

Bestseller-Autorin Ursula Poznanski und Wissenschafterin

Helga Kromp-Kolb befand sie, dass Climate Fiction ein

gangbarer Weg ist. Ebenso schwierig und mit negativen

Vorzeichen versehen, ist der Wissenskomplex, den Tamina

Lautenbach auswählte: Sie diskutiert die Frage, ob die breite

Verhandlung des Themas der psychischen Gesundheit in

Sozialen Medien ein Fluch oder ein Segen ist. Dass wir uns

Wissen immer häufiger beim Bügeln, Kochen oder Autofahren

aneignen, zeigt das boomende Phänomen Podcast.

Lisa Mayringer sprach mit Podcast-Host Edith Michaeler

sowie Poolartist-Produzentin Maria Lorenz-Bokelberg über

die Tricks zur auditiven Vermittlung komplexer Inhalte. Wissen

muss nicht zwingend abstrakt sein. Sara Leutgeb lotete

im Gespräch mit dem gelernten Elektriker Martin Rapolt

und Content Creator Mark Molter aus, wo die Grenzen der

Anleitung von „Do it yourself“ via Kurzvideo liegen. Leonie

Türk sprach mit dem Produzenten des True Crime Austria

Podcasts Hubertus Schwarz und Rechtsanwältin Lena Vogl

über die journalistische Verantwortung wie die juristischen

Herausforderungen beim Grenzgang zwischen Aufklärung

und Sensationsberichterstattung.

„Children must be taught how to think, not what to think.”

Diese Losung der Kulturanthropologin Margaret Mead

leitet den zweiten Abschnitt ein und widmet sich der

medial unterstützten Wissensvermittlung für Kinder.

Eva Wintersberger eröffnet die Rundschau mit einem Blick

auf Kinderbücher. Im Gespräch mit Kinderbuchbloggerin

Carla Heher und Lektorin und Produktmanagerin Anna

©FABIAN LAHNINGER

Wiesner vom G&G Kinderbuch Verlag fand sie heraus, dass

das Kinderbuch vor allem dann hilft, wenn den Eltern bei

schwierigen Themen die richtigen Worte fehlen. Dass Lernen

auch spielend erfolgen kann und Game-Based Learning

gerade bei jungen Menschen mit ADHS-Erkrankung

als Lernmedium eingesetzt werden kann, beobachtete

Anja Schweiger zunächst in ihrer Familie und besprach es

schließlich mit dem dazu forschenden Alexander Pfeiffer.

Anna Schabasser schließt diesen Teil mit den Initiativen zur

frühen Heranbildung eines Interesses an Kultur im Kinderfilm

ab.

Fortgesetzt wird diese Ausgabe mit Analysen, resultierend

aus dem bekannten Zitat des britischen Philosophen

Francis Bacon: „Wissen ist Macht“. Musikjournalist*innen

waren einst machtvolle Instanzen in der Bewertung und Bekanntmachung

von neuen Musik-Produktionen. Dass und

wie sich die Kritik im Musikbusiness geändert hat, erfuhr

Nikolaus Sitar von erfahrenen Protagonist*innen. Newsletter

als neue Form von Fachjournalismus erleben aktuell

eine Renaissance. Wie und warum diese Verticals so vielversprechend

sind, besprach Anna Weissenbach mit Andy

Kaltenbrunner und Bernhard Odehnal. Dass verfügbares

Wissen nicht immer der Wahrheit entspricht und inwiefern

diese Falschmeldungen den Beruf des Faktencheckers

zur Folge haben, erklärt schließlich Philipp Wadsak. Einen

Feuilletonbeitrag in 2 Halbsätzen zusammenfassen? Das

geht, denn der Journalismus erfindet sich aktuell neu. Dies

konstatiert zumindest Julius Nagel nach seinen Gesprächen

mit Der Standard Social Media Managerin Antonia Tize und

der freien Kulturjournalistin Livia Lergenmüller.

„We are drowning in information, but starved for knowledge”

– dieses Zitat des US Trendforschers John Naisbitt leitet

schließlich über zum vierten Abschnitt. Magdalena Lueger

lotete darin aus, wie Algorithmen unser Weltbild formen.

Was wir wissen müssen, wird freilich auch von Menschen

entschieden und vorselektiert. Louisa Marchhart erfragte

die Entscheidungsstrategien in der Nachrichtenagentur APA

ebenso wie in einer Nachrichtenredaktion des ORF Niederösterreich.

Den Abschluss machen schließlich drei Beiträge, denen das

mittlerweile berühmte Zitat Steve Bannons, des einstigen

Wahlkampfstrategen von Donald Trump vorangestellt wird:

„Flood the zone with shit“. Was die forensischen Experten

der österreichischen Polizei unternehmen, um mit der

Schwemme an Deep Fakes zu Rande zu kommen, erfragte

deshalb Benjamin Schmidt. Inwiefern eine KI gesteuerte

Stimme für den Kund*innendialog erfolgreich sein kann und

ob das ethisch vertretbar ist, reflektierte Katrin Wallner

in ihrem Beitrag. Kann man Deep Fakes überhaupt noch

erkennen und welche Folgen haben diese Technologien

auf unsere Kommunikation im Alltag? Diese Frage lotete

Alina Peinthor abschließend aus.

“Whoever controls the media, controls the mind.” Dieses

Wissen sollte man zumindest nach Lektüre dieser SUMO

Ausgabe mitnehmen. Wir wünschen deshalb bereichernde

Leseerlebnisse.

Johanna Grüblbauer & Gabriele Falböck

6 Editorial

Editorial

7



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01

„The more I learn, the more I

realize how much I don‘t know.“

Albert Einstein

spknoe.at/studierende

8 Gut zu wissen? 9

©TAMINA LAUTENBACH



Zwischen Katastrophe

und Hoffnung:

Wie Climate-Fiction das

Bewusstsein über den

Klimawandel stärkt

Der Klimawandel ist real, das dazugehörige Wissen oft ungewollt.

Fiktive Zukunftsszenarien in Folge des Klimawandels sollen nun

das Bewusstsein zum Klimaschutz stärken. Um zu beantworten,

was Climate-Fiction Bücher diesbezüglich leisten, durfte SUMO

mit Autorin Ursula Poznanski und Meteorologin

Helga Kromp-Kolb sprechen.

FOTOS: MARLENE SELENZ

Klimagase, wie Kohlenstoffdioxid, Methan und Ozon

erhöhen die Temperatur der Erdoberfläche. Sollte

die Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad steigen,

habe dies laut Greenpeace katastrophale Folgen.

sprechen, weil das Wissen in der Öffentlichkeit fehlte. „Wir

sind sehr geschickt darin, etwas, was unangenehm ist, zu verdrängen.

Das ist manchmal auch überlebensnotwendig,“ schildert

sie. So verbannen Bewohner*innen in Umgebung eines

Klimagesetzen und künstlichen Intelligenzen, die die Welt

beherrschen – die Fantasien der Schriftsteller*innen offenbaren

teils sehr dystopische Perspektiven.

Während die Wissenschaft zwar in der Lage ist, Wissen zum

Klimawandel zu schaffen, fällt die Übermittlung schwer.

Dieses teils abstrakte Wissen muss auf eine Weise verpackt

werden, die es greifbar macht. An diesem Punkt

Einige dieser Effekte sind bereits Teil der heutigen Bericht-

Kernkraftwerks unbewusst auch die Konsequenzen eines

setzten Climate-Fiction Bücher an. Diesen Stand-

erstattung. „Globale Meereisfläche schrumpfte auf historisches

Rekordminimum.“ „Feuer in Kalifornien breiten sich auf

die Hollywood Hills aus.“ „Erster Monat 2025 war der wärmste

je gemessene Jänner.“ Die Schlagzeilen von der Standard,

Tagesschau und Salzburger Nachrichten zeigen die Dringlich-

möglichen Unfalls.

Die dahintersteckende Emotion nennt sich Klimaangst. Im

Gegensatz zu krankhaften Ängsten, ist die Klimaangst real

und eine natürliche Reaktion, die vor allem junge Menschen

betrifft. Wenn diese Angst die Überhand gewinnt,

„Jana ist Weltendesignerin. An ihrer Designstation

entstehen alternative Realitäten, die sich so echt

anfühlen, wie das reale Leben: Fantasyländer,

Urzeitkontinente, längst zerstörte Städte.“

– Ursula Poznanski. Cryptos (2020)

punkt vertritt auch Autorin Ursula Poznanski.

Wissen über Geschichten zu erzählen, biete den

Vorteil, dass Lesende auf einer emotionalen Ebene

erreicht werden. Wenige bezeichnende Fakten,

die in die Geschichte eingeflochten werden, blie-

keit der Lage. Wieso wird das dazugehörige Wissen trotz-

verringern betroffene Personen ihr klimabewusstes Ver-

ben mehr in Erinnerung als seitenweise Daten,

dem vermieden?

halten, führt die mittels Online-Befragung durchgeführte

begründet sie. Auch Helga Kromp-Kolb bestätigt

Wissensverdrängung inmitten

des Klimawandels

Studie „Klimaangst – angebracht oder dysfunktional?“ (Lukas

Wagner und Michael Witthöft 2024) aus. Als Gründe zur

Wissensverdrängung nennt Helga Kromp-Kolb unter an-

In ihrem SPIEGEL-Bestseller

Thriller Cryptos erzählt die

die Wirkung von Climate-Fiction Büchern. Es könne darin

nicht alles vermittelt werden, was für den Klimawandel

relevant sei, aber genug, um das Bewusstsein zu stärken.

„Der Klimawandel ist ein ernstzunehmendes Problem.“ Dieser

derem die medial vermittelten negativen Informationen

österreichische Autorin

Untersuchungen zu Climate-Fiction Büchern zeigen jedoch,

Aussage stimmen nach einer Befragung des österreichi-

und die fehlenden positiven Bilder. In erster Linie ginge es

Ursula Poznanski von

dass dieses Bewusstsein nach dem Lesen rasch nachlässt.

schen Umweltbundesamts von 2020 85% der Befragten

daher um das Zeichnen positiver, auch für den Einzelnen at-

einer Welt, in der Men-

„Zwischen Erkennen oder auch Verstehen und Handeln ist ein-

zu. Die Dringlichkeit wird also anerkannt. Das Hindernis

traktiver Zukünfte. Wichtig seien auch Vorbilder – seien es

schen in virtuelle Wel-

fach ein großer Schritt,“ begründet Wissenschaftlerin Helga

Ursula Poznanski | ©Gaby Gerster - Loewe-Verlag

stelle viel mehr dar, Menschen zum Handeln zu bewegen.

Regierungsmitglieder, Schauspieler*innen, oder auch Wis-

ten flüchten, um den

Kromp-Kolb. Ob dieser Schritt gelingt, sei außerdem ab-

Dies zeigt die Metaanalyse „Was motiviert Menschen sich

senschaftler*innen, die ihren klimaschonenden Lebensstil

Folgen des Klimawan-

hängig von den Rahmenbedingungen. Es geht darum Struk-

auf Klimakrisen einzustellen?“ des

öffentlich sichtbar genießen.

dels zu entkommen. Mit

turen zu schaffen, die klimafreundliches Handeln bequemer,

Umweltbundesamts

(Anne

van Valkengoed und Lin-

Climate-Fiction: Dystopien mit Lerneffekten

ihrem Debütroman Erebos

erhielt sie zahlreiche Aus-

billiger und attraktiver machen als bisheriges Handeln, und

damit Zukunftsfähigkeit zur Selbstverständlichkeit machen.

da Steg 2020). Diesen

Schritt zu scheuen,

Wissensvermittlung kann aber auch abseits klassischer

Bildungseinrichtungen durch Literatur erfolgen. Bereits seit

zeichnungen, unter anderem auch

den Deutschen Jugendliteraturpreis. Die Überlegung ein Buch

Impulse, die zur Vertiefung anregen

liege in der Natur der

den 1960er Jahren schaffen Autor*innen in ihren Climate-

mit dem Klimawandel zu verbinden, war für sie keine aktive

Climate-Fiction schafft eine Verbindung zwischen Unter-

Helga Kromp-Kolb | ©Michael Goldgruber

Menschen, bestätigt

Fiction Büchern fiktive Welten, die vom Klimawandel in der

Entscheidung. Vielmehr war der Klimawandel derart prä-

haltung und der Übermittlung von Wissen. Diese Unterhal-

auch Meteorologin und

Zukunft erzählen. Deutschsprachige Romane wie Vega von

sent, dass es logisch erschien, diesen in Cryptos einzubinden.

tung steht auch in Cryptos im Vordergrund. Obwohl Ursula

Klimaforscherin Helga

Marion Perko, oder Godland von Martin Schäuble verbin-

„Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt, ich schreibe das

Poznanski ihr Buch nicht als Informationstransportmittel

Kromp-Kolb. Sie begann

den in diesem Genre persönliche Schicksale der Charaktere

jetzt, damit alle ein ganz anderes Bewusstsein zum Klimawandel

nutzt – dafür sei es zu wenig wissenschaftlich – basieren

vor 40 Jahren über das we-

mit den Folgen des Klimawandels. Von Wasserknappheit,

bekommen, sondern vielleicht einfach, um Gedanken anzusto-

die Handlungen auf tiefgehenden Recherchen. „Welche Ge-

nig bekannte Thema Klimawandel zu

die durch Chemikalien und Drohnen bekämpft wird, bis zu

ßen,“ erklärt sie im Interview.

biete wären die ersten, die in Folge des Klimawandels versinken

10 Zwischen Katastrophe und Hoffnung Zwischen Katastrophe und Hoffnung

11



würden?“, war eine der Fragen, die sie zunächst recherchierte.

Ein Buch, in dem sie besonders viel Recherche, wissenschaftliche

Fakten und Daten sieht, ist °C – Celsius von

Marc Elsberg.

Die Gefahr, dass Wissen und Unterhaltung vermischt und

Fakten verzerrt werden, sieht Wissenschaftlerin Helga

Kromp-Kolb nicht. Im Gegenteil. Fiktive Geschichten zum

Klimawandel motivieren zur Auseinandersetzung und Diskussion.

Was entspricht der Realität? Was ist der Geschichte

geschuldet? Die Verantwortung liege also bei den Lesenden,

sich zu informieren, aber auch bei den Autor*innen, keine

Mythen zu verbreiten. Helga Kromo-Kolb sieht vielmehr ein

Problem in der Art und Weise, wie die Geschichte Klimawandel

von der Wissenschaft erzählt wird. Diese bliebe häufig

bei den Negativszenarien stehen. Bei fiktiven Geschichten

werde oftmals zunächst eine negative Richtung eingeschlagen,

die Spannung aufbaut, dann aber zu einem positiven,

versöhnlichen Ende führt.

Mental Health auf Social Media:

Revolution oder Risiko?

Psychische Gesundheit ist online so sichtbar wie nie – doch nicht alles, was

sichtbar ist, ist auch hilfreich. Für SUMO sprechen eine hier anonym bleibende

Betroffene und Laura-Maria Altendorfer, Journalismusprofessorin der in

Deutschland ansässigen IU Internationale Hochschule über die Chancen und Grenzen

mentaler Gesundheit auf Social Media.

FOTO: TAMINA LAUTENBACH

Die richtige Melange aus

Katastrophe und Hoffnung

Dennoch: Das Setting zu Beginn von Climate-Fiction Geschichten

ist hoffnungslos, die Lebensbedingungen der

Hauptcharaktere miserabel. Diese Dystopien würden die

Gefahr bergen, dass Menschen resignieren, kritisiert Helga

Kromp-Kolb. Autorin Ursula Poznanski vertritt eine gegenteilige

Meinung. Lesende wären sich darüber bewusst, dass

diese Geschichten Großteils erfunden seien und Angstvermittlung

keine Absicht der Autor*innen sei.

Hoffnung in der Übermittlung des Klimawandels sei unabdingbar

– darin sind sich beide einig. Für Helga Kromp-Kolb

geht es natürlich um eine globale Lösung, man müsse aber

auch im Kleinen anfangen. Wie könnten einzelne Menschen,

kleine Ortschaften, oder auch Städte zu einer klimafreundlichen

Lösung kommen? Sowohl Autorin als auch Meteorologin

sehen die Verantwortung jedoch keineswegs nur

bei der einzelnen Person, sondern auch bei der Politik, der

Wirtschaft und den Medien. „Das wäre mein Lösungsansatz,

dass sehr verantwortungsbewusste Politik die Dinge in die Hand

nimmt, und das sehe ich im Moment leider gar nicht“, schildert

Ursula Poznanski. Sie selbst wählt ein hoffnungsvolles

Ende, das den Klimawandel jedoch nicht schlicht auflöst. Am

Ende ihres Buches Cryptos finden Wissenschaftler*innen

zusammen und entwickeln technologische Methoden, die

dem Klimawandel entgegensteuern sollen. Die weitere Entwicklung

lässt sie für die Lesenden offen.

MARLENE SELENZ

Wie über psychische Gesundheit gesprochen

wird, hat sich verändert – nicht im Behandlungszimmer,

sondern auf Instagram, TikTok

oder YouTube. Was einst ein Tabuthema war,

ist heute Trend: Mentale Gesundheit ist in sozialen Medien

allgegenwärtig – zwischen Aufklärung, Storytime und

Selbstdiagnose. Besonders junge Nutzer*innen begegnen

online einer Vielzahl an Begriffen, Symptomen und persönlichen

Erfahrungsberichten. Was einerseits Entlastung

und Offenheit fördert, birgt andererseits Risiken wie Fehlinformation,

Kommerzialisierung oder eine überzeichnete

Selbstwahrnehmung. Der digitale Umgang mit Mental

Health bewegt sich zwischen Empowerment, Selbstinszenierung

und fehlender Einordnung.

Zwischen Enttabuisierung und Vereinfachung

Soziale Medien haben laut Laura-Maria Altendorfer,

Professorin für Journalismus

mit einem Studium der

Kommunikationswissenschaft

und

Psychologie, dazu

beigetragen, dass

ein

Laura-Maria Altendorfer | ©Privat

entstigmatisierter

Umgang

mit psychischen

Krankheiten stattfindet.

Besonders bei jungen

Menschen beobachtet sie

eine wachsende Offenheit und „dass dieses Thema mentale

Gesundheit einfach immer mehr Bedeutung bekommt.“

Dass psychische Erkrankungen nicht mehr nur hinter

verschlossenen Türen thematisiert werden, sondern

öffentlich und niedrigschwellig, sei ein Fortschritt.

12 Zwischen Katastrophe und Hoffnung Mental Health auf Social Media

13



Auch für die anonyme Interviewpartnerin war Social Media

wenn man über die For-You-Page drüber scroll.“ Auch unsere

ressen zu ziehen. Gerade in einem so sensiblen Bereich

sen auf ein offenes Community-System zu setzen. Auch X

der erste Berührungspunkt mit ADHS im Erwachsenenalter.

Interviewpartnerin beschreibt, wie allgemeine Aussagen

verlaufen Grenzen oft fließend.

lockerte bereits zuvor unter Elon Musk zahlreiche Modera-

„Es hat mir geholfen, auf das Thema aufmerksam zu werden und

eigene Handlungen zu hinterfragen.“ Zuvor dachte sie oft, sie

sei einfach unproduktiv, da sie regelmäßig prokrastinierte.

(„Tust du dir schwer beim Aufstehen?“) sie zunehmend verunsichert

hätten: „Oft sind die Aussagen so allgemein, dass

sich fast jeder darin wiederfindet“, sagt sie. Laura Wiesböck,

Plattformen, Verantwortung

und Lösungsansätze

tionsregeln. In beiden Fällen warnen Expert*innen vor einer

Zunahme von Desinformation – auch im Bereich psychischer

Gesundheit.

Das war frustrierend, da sie ihre Aufgaben erledigen wollte,

sich jedoch nicht motivieren konnte. Über Social Media

Soziologin an der Universität Wien, warnt in ihrer aktuellen

Studie, ebenfalls vor der zunehmenden Verwendung von

Was kann dem entgegenwirken? Laura-Maria Altendorfer

betont die Bedeutung von Medienkompetenz – auf Seiten

Sichtbarkeit braucht Verantwortung

erfuhr sie mehr über ADHS und begann, vorgeschlagene

Begriffen wie „Trauma“ und „ADHS“ auf Social Media. In

der Nutzer*innen wie der Creator*innen. Sie ist der Mei-

Der Diskurs über mentale Gesundheit auf Social Media

Strategien anzuwenden.

einer qualitativen Analyse untersuchte sie, wie psycholo-

nung, dass sich jeder überlegen müsse, was er postet, wer

ist laut Laura-Maria Altendorfer „eine kleine Revolution, die

gische Konzepte in Alltagssprache überführt und auf Platt-

die Zielgruppe ist und was das auslösen kann. Ein Einfaches

vielleicht gerade startet“ – doch sie bringt auch Risiken mit

Altendorfer verweist zudem auf das Potenzial von Content-

formen wie TikTok oder Instagram vereinfacht und aus dem

„Ich bin heute so depressiv“ könne bei Betroffenen negativ

sich. Sichtbarkeit allein reiche nicht: Zwischen Posts und

Creator*innen, vor allem, wenn eigene Erfahrungen geteilt

Zusammenhang gerissen werden. Diese Entwicklung könne

ankommen – oder Krankheitsbilder verharmlosen.

professioneller Diagnose liegen Unsicherheiten, die Orien-

oder Therapieverläufe öffentlich gemacht werden: „Durch

dazu führen, dass Nutzer*innen fälschlicherweise glauben

tierung verlangen würden. Damit der digitale Raum mehr als

das Teilen dieser positiven Erfahrungen können Follower*in-

an einer psychischen Störung zu leiden, obwohl keine diag-

Zudem fehle es an klaren Richtlinien. Während Journalist*in-

nur Bühne ist, brauche es Verantwortung von Plattformen,

nen oder andere Betroffene ermutigt werden, vielleicht auch

nostizierte Erkrankung vorliegt.

nen etwa dem Pressekodex folgen oder Selbstregulierung

Medien und Fachpersonen. Es geht nicht um mehr Likes –

eine Therapie in Anspruch zu nehmen.“ Auch professionelle

durch berufliche Standards im Medienunternehmen bzw.

sondern um mehr Verantwortung.

Akteur*innen – etwa Psychotherapeut*innen, die auf Instagram

Einblicke in ihre Arbeit geben – könnten Hemmschwel-

Altendorfer ergänzt: „Wir wissen es sogar aus Studien, dass

Menschen die eigene nicht-pathologische Angst als Störung

durch Organisationen wie dem Presserat entwickelt haben,

seien solche Standards für Content Creator*innen kaum

TAMINA LAUTENBACH

len abbauen.

einstufen, weil sie sich mit Betroffenen identifizieren.“ Daraus

etabliert. „Im Prinzip machen beide Gruppen das Gleiche, aber

Selbstdiagnose und Kommerzialisierung

könne eine selbsterfüllende Prophezeiung entstehen – bis

hin zur tatsächlichen Symptomzunahme.

für die einen gibt es halt viel mehr Standards und Richtlinien als

für die anderen.“

Doch der digitale Mental-Health-Diskurs birgt Risiken.

Laura-Maria Altendorfer warnt davor, dass auf Plattformen

Hinzu kommt ein kommerzieller Aspekt. Die Wissenschaf-

Auch Plattformen selbst könnten laut Altendorfer Verant-

wie YouTube oder Reddit Behandlungsmethoden wie Ernährung

oder Achtsamkeit häufig stärker befürwortet werden

als Psychotherapie oder Medikamente. Das könne problematische

Folgen haben – etwa, wenn Betroffene aufgrund

verzerrter Darstellungen professionelle Hilfe ablehnen.

terin spricht von einer Gratwanderung zwischen Aufmerksamkeit

schaffen und dem Wunsch, Geld zu verdienen.

Besonders problematisch sei es, wenn professionelle

Akteur*innen Werbung für eigene Produkte machen – etwa

Merchandise mit Mental-Health-Slogans. „Aus ethischer

wortung übernehmen – etwa durch Faktenchecks oder

eine stärkere Sichtbarkeit seriöser Inhalte. Hilfreich wären

auch Angebote wie DIGAs – also digitale Gesundheitsanwendungen

mit wissenschaftlicher Basis. Doch noch dominieren

andere, semiprofessionelle Inhalte. Ein Blick in die

Mentale Gesundheit auf Social Media:

„Eine kleine Revolution, die vielleicht

gerade startet.“

– Laura-Maria Altendorfer.

Sicht sind es gewissermaßen Grenzen.“ Damit verweist Frau

USA zeigt zudem, was passiert, wenn Plattformen solche

Besonders kritisch sieht sie vereinfachte Darstellungen

Altendorfer auf die Schwierigkeit, eine klare Linie zwischen

Maßnahmen zurückfahren: Meta kündigte Anfang 2025 an,

psychischer Erkrankungen: „Plötzlich hat gefühlt jeder ADHS,

authentischer Aufklärungsarbeit und kommerziellen Inte-

sein Fact-Checking-Programm zu beenden und stattdes-

14

15



Hören statt Lesen:

Warum Podcasts immer wichtiger für

die Wissensvermittlung werden

Die Nutzung von Wissenspodcasts steigt und immer häufiger ersetzen sie den traditionellen Weg der

Wissensbeschaffung. Im SUMO-Gespräch mit Podcast-Host Edith Michaeler vom Podcast Erzähl mir

von Wien und Podcast Produzentin Maria Lorenz-Bokelberg von Pool Artists wird deutlich, dass

Hören statt Lesen die Angst vor komplexen Inhalten abbauen kann.

FOTOS: LISA MAYRINGER

Ob Medienhäuser wie der Der Standard, Influencerin

Dagi Bee oder das Österreichische Bundesministerium

für Finanzen: Sie alle setzen auf das gemeinsame

Format des Podcasts. Seit 2018 wächst deren

oder Audible, ist der Zugang ein Leichtes. Neben bekannten

Apps haben auch Medienhäuser diese Chance erkannt und

vermarkten auf ihren eigenen Plattformen wie ORF Sounds

oder Zeit Online ihre Eigenproduktionen. Der digitale Weg

Anzahl rasant: Allein im Jahr 2023 erschienen laut der Pod-

ist kurz, der Aufwand gering. Die leichte Zugänglichkeit

cast-Studie von Seven.One AdFactory in Deutschland unge-

spricht für den steigenden Erfolg. Des einen Freud, des

fähr 12.000 neue Podcasts auf dem Markt. Die Auswahl ist

anderen Leid: Laut Podcast Host von Erzähl mir von Wien

riesig: Von Politik, Wirtschaft bis hin zu True Crime, Gesund-

Edith Michaeler ist der günsti-

heit, Unterhaltung oder persönlicher Weiterentwicklung, ist

ge Preis einer der Vorteile

für jeden etwas dabei. Hinzu kommen Wissenspodcasts, die

für die Rezipient*innen.

Bereiche wie Naturwissenschaften, Psychologie, aber auch

Für die Produzent*in-

geschichtliches oder technisches Wissen abdecken.

nen ist dieser Um-

Will man sich zu einem Thema informieren, wird also nicht

stand freilich we-

mehr nur nach einem Buch oder einem Fachmagazin ge-

niger positiv. Die

griffen. Laut Podcast Produzentin und Geschäftsführerin

von Pool Artists Maria Lorenz-Bokelberg liegt das daran,

dass das Gehirn Podcasts

anders aufnimmt und

meisten Podcasts

sind nämlich bis auf

kleine Einschränkungen,

wie beispielsweise

Edith Michaeler | © Miriam Mehlmann

nicht mehr nur von Wissenschaftler*innen produziert, sondern

auch von Medienredaktionen, PR-Abteilungen, aber

Eine weitere Schwierigkeit für Wissenspodcasts ist die Finanzierung.

Michaeler merkt an, dass dies bei ihrem Pod-

durch die gesprochene

Werbung, kostenlos nutzbar.

auch Personen, die keine unmittelbar erkennbare Anknüp-

cast am besten mit Kooperationen funktioniert. In der Pra-

Sprache oft komple-

Michaeler sieht auch die schnelle Meinungsfindung positiv:

fung an die Universitäten haben. Glaubwürdigkeit und Qua-

xis bedeutet diese Form der Monetarisierung freilich einen

xe Themen einfacher

„Man weiß ziemlich schnell, ob das was man hört einem passt

lität sieht auch Michaeler als eine Problematik der stetig

Maria Lorenz-Bokelberg | © Patricia Haas

zu verstehen sind.

oder nicht.“

steigenden Zahl an Wissenspodcasts. Denn: „Nur weil es

Ihrer Meinung nach

wirken Wissenspodcast

als Ergänzung zu

Printmedien. Des Weite-

Was hinter dem Mikrofon passiert

Edith Michaeler gewährte uns einen Blick hinter die Kulissen

ihres Wissenspodcasts, den sie gemeinsam mit ihrer

Wissenspodcast heißt, heißt es nicht, dass das Gesagte wirklich

wissenschaftlich belegt ist.“ Auch Lorenz-Bokelberg stimmt

dieser Einschätzung zu: „Das Gute am Podcast ist, dass jeder

einen machen kann. Das Schlechte am Podcast ist aber auch,

„Das Gute am Podcast ist, dass jeder einen

machen kann. Das Schlechte am Podcast ist

aber auch, dass jeder einen machen kann.“

– Maria Lorenz-Bokelberg.

ren herrscht zwischen Podcast

Kollegin Fritzi Kraus betreibt. Die größte Herausforderung

dass jeder einen machen kann.“

Host und Hörer*in eine geringere Distanz und oftmals be-

bestünde im Vertrieb und der Aufbereitung. Denn: „Ein noch

Doch wie können Podcast Hosts in diesem Genre Glaubwür-

reits eine gewisse Verbundenheit.

so toller Podcast kann nicht überleben, wenn er keine Hörer*in-

digkeit und Vertrauen bei ihrer Hörerschaft aufbauen? Laut

Grenzgang: Für Michaeler und ihre Podcast Partnerin ist es

Wissensvermittlung als Erfolgsrezept

nen hat“, so Michaeler. Nicht zu vergessen ist das richtige

Storytelling: Einerseits hört sich keine*r gerne langweilige

Michaeler muss man sich mit Authentizität das Vertrauen

der Zuhörer*innen Schritt für Schritt erarbeiten. Tiefgehen-

wichtig stets redaktionell unabhängig zu bleiben und den

Inhalt frei gestalten zu können. Finanzierungsmöglichkeiten

Podcasts sind nicht nur orts-, sondern auch zeitunabhängig

Geschichten an, andererseits liegt die Kunst darin komplexe

de Recherche, echtes Interesse und Ehrlichkeit, wenn man

eröffnen sich auch durch Publikum Events wie Live-Pod-

konsumierbar und bieten dabei einige Vorteile im Gegensatz

Dinge einfach zu verpacken und für das breite Publikum ver-

eine Antwort einmal nicht weiß, machen den Host nahbar

casting. Hier bedarf es einer gewissen Regelmäßigkeit,

zu traditionellen Medien. Lorenz-Bokelberg sieht auch

ständlich zu machen.

und stärken das Vertrauen. Laut Lorenz-Bokelberg sind

um auch wirklich einträglich zu sein. Zusätzlich erwähnt

darin den großen Erfolg: „Bei einem Wissenspodcast ist es so,

Dieses Know How der richtigen Vermittlung ist bei

aber Podcasts auch eine ideale Möglichkeit, um Menschen

Lorenz-Bokelberg Fördergelder und Partnerschaften mit

dass ich Wissen aufnehmen kann, während ich andere Sachen

Wissenschaftler*innen nicht zwingend gegeben: Wie Lewis

mit Expertisen einzuladen und mit ihnen über ihre Fachge-

Institutionen, da immer mehr erkennen, dass der Podcast

mache. Während ich Auto fahre, während ich putze, während ich

E. MacKenzie 2019 in seiner Studie „Science podcasts“ an

biete zu reden. „Leute werden einfach lockerer in einem Audio-

ein immer relevanter werdendes Medium ist. Aber auch die

jogge oder so. Das kann ich mit einem Buch nicht.“

der Durham Universität im Vereinigten Königreich erforscht

gespräch, als in einem Interview, wo sie wissen, das wird dann

Nutzung von Plattformen wie Steady oder Patreon können

Durch die Vielzahl an Plattformen wie Spotify, Apple Podcast

hat, werden wissenschaftliche Befunde im Hörformat dort

gekürzt und redigiert“, so die Produzentin.

bei kleineren, aber starken Communitys unterstützend sein.

16 Hören statt Lesen Hören statt Lesen

17



Zwischen Chancen und Vertrauenskrise

Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das immer mehr an

Relevanz gewinnt, so auch im Bereich Podcast. Immer mehr

KI erstellte Podcasts erscheinen und stellen damit eine

neue Herausforderung dar. Lorenz-Bokelberg betont, dass

es besonders bei Wissenschaftsthemen problematisch

sein kann, wenn Inhalte nicht mehrmals überprüft werden.

Außerdem ist sie der Meinung, dass Ethik-Workshops und

die Verantwortung von Informationsweitergabe mehr Beachtung

benötigen, da nicht alle Hörer*innen immer kritisch

gegenüber ihren Quellen sind. Podcasts stehen trotz des

Booms der letzten Jahre noch unter dem Schatten von

Radio, TV und Büchern und kämpfen immer noch darum,

genauso ernst genommen zu werden. „Eine Herausforderung,

die zum Glück kleiner wird, aber durchaus noch da ist, ist, dass

Podcasts immer noch hier und da ein bisschen unter dem Ruf

leiden, etwas sehr Hobbymäßiges zu sein“, erklärt Lorenz-Bokelberg.

Der Podcast Produzentin zufolge kämpfen – trotz

des Aufschwunges – die wissenschaftlichen Themen noch

gegen das Gefühl: „Das müsste doch eigentlich eher ein Buch

oder vielleicht eine Doku sein.“ Wissenspodcasts haben es

in der Branche oftmals nicht leicht. Werde mit Freude und

mit begeisterten Stimmen erzählt, herrsche schnell Kritik,

dass es an Seriosität fehle, „weil alles Wissenschaftliche muss

möglichst monoton und unemotional sein.“ Lorenz-Bokelberg,

steht diesem Denken kritisch gegenüber und wünscht sich

für die Zukunft mehr von dieser anderen Art der Wissensvermittlung.

Aber auch die unterstützende Wissensvermittlung mit Podcasts

in Bildungseinrichtungen sieht Lorenz-Bokelberg in

der Zukunft als eine abwechslungsreiche und spannende

Möglichkeit. Damit können Thematiken für Schüler*innen

anders aufbereitet und unterstützend angeboten werden.

„Ich glaube wirklich, dass man damit auflockern, aber auch

helfen kann, sich Sachen zu merken“ , so die Produzentin. Bekanntermaßen:

Manches gehört eben gehört.

Von YouTube lernen oder

doch lieber den Profi rufen?

Immer mehr Menschen lernen handwerkliche Fähigkeiten durch DIY-Tutorials auf YouTube und TikTok.

Doch wie zuverlässig sind diese Anleitungen? Können sie eine professionelle Ausbildung ersetzen

oder bleiben sie nur eine Ergänzung? Mark Molter (M1Molter) ist Influencer und einer der

bekanntesten Heimwerker auf YouTube. Gemeinsam mit dem gelernten Elektriker Martin Rapolt

erklärt er, wo die Grenzen des Selbermachens liegen.

FOTOS: SARA LEUTGEB

LISA MAYRINGER

Mark Molter | ©Privat

Die Beliebtheit von DIY-Tutorials ist nicht überraschend:

Sie sind kostenlos, jederzeit abrufbar und

vermitteln das Gefühl, Dinge selbst in die Hand

nehmen zu können. Gerade in Zeiten steigender

Handwerkerkosten sehen viele darin eine günstige Alternative.

Influencer*innen wie Mark Molter (M1Molter) haben

sich auf YouTube eine große Fangemeinde aufgebaut, indem

sie ihr Wissen leicht verständlich

weitergeben. Doch

wie steht es um die

Qualität dieser Anleitungen?

Was unterscheidet

gute DIY-Tutorials

von solchen,

die möglicherweise

gefährlich sind?

„Wenn es richtig werden soll,

dann mach es selbst“

Mark Molter, bekannt unter dem Namen M1Molter – Der

Heimwerker, zählt zu den bekanntesten Heimwerker-Influencern

im deutschsprachigen Raum. Sein YouTube-Kanal

verzeichnet rund 299.000 Abonnent*innen und bietet über

1.200 Videos zu Themen wie Elektroinstallationen, Photovoltaik,

Sanitär, Werkzeugtests und Reparaturen. Mit seinem

Motto „Wenn es richtig werden soll, dann mach es selbst“

motiviert er seine Community zum Selbermachen. In einem

Gespräch mit SUMO erklärt er, wie er dazu kam, sein Wissen

zu teilen: „Ich war schon immer handwerklich aktiv und habe

früher selbst Anleitungen im Netz gesucht, meist waren es nur

lange Textbeiträge. Also habe ich selbst Videos gemacht und

hochgeladen.“

18 Hören statt Lesen Von YouTube lernen oder doch lieber den Profi rufen?

19



Molter, der den Beruf des Metallbauers und Kunstschmieds

gelernt hat, spricht mit Leidenschaft über das Handwerk und

betont, wie wichtig es ihm ist, dieses Wissen weiterzugeben:

„Ich wollte den Leuten etwas Praktisches beibringen. Gerade in

einer Zeit, in der alles digitalisiert wird, war mir klar, dass ein

Video mehr bringen kann als ein trockener Text.“ Molter hat

jedoch auch klare Grenzen für DIY-Videos: „Wenn ich etwas

selbst mache, dann weiß ich, dass ich es für mich mache, mit

Sorgfalt. Viele Handwerksfirmen stehen unter Zeitdruck und

arbeiten nicht mehr sauber. Wer sich für sein eigenes Projekt Zeit

nimmt, macht es oft gründlicher.“ Doch trotz dieser positiven

Perspektive warnt er davor, dass DIY-Tutorials in manchen

Fällen zu einer falschen Sicherheit führen können: „Wenn du

etwas machen willst, bei dem du mit Elektrik oder Gasanschlüssen

arbeitest, dann lass es lieber vom Profi machen.“

Für Molter sind seine Tutorials keine Konkurrenz zum Handwerk,

sondern eine Ergänzung: „Wenn Laien einfache Arbeiten

selbst übernehmen, entlastet das die Handwerker*innen – die

könnten sich dann wieder auf komplexere Aufträge konzentrieren.“

Tatsächlich gibt es bereits Kooperationen zwischen

Molter und Handwerksbetrieben: „Einige Firmen verwenden

meine Videos sogar in Schulungen.“ Molter betont jedoch, dass

das Hauptziel seiner Videos immer die Ermutigung zum

Selbermachen ist: „Es geht darum, das Vertrauen zu schaffen,

dass auch jemand ohne handwerkliche Ausbildung etwas selbst

erledigen kann.“

Die Schattenseiten des Selbstversuchs –

Perspektive eines Elektrikers

Während einfache Arbeiten wie das Streichen einer Wand

oder das Zusammenbauen von Möbeln problemlos nach Anleitung

machbar sind, sieht es bei Elektroinstallationen oder

Sanitärarbeiten anders aus. Fehlerhafte Verkabelungen

Martin Rapold | ©Gerhard Leutgeb

oder unsachgemäße Montagen können gefährlich und teuer

werden. Der gelernte Elektriker

Martin Rapolt sieht diesen

Trend kritisch: „Wenn man

sich ein bisschen etwas

anschaut, ist das grundsätzlich

positiv – doch

Elektrotechnik ist gefährlich.

Die Risiken lernt man

nicht auf YouTube.“ Rapolt

arbeitet seit 37 Jahren im

Beruf, davon 25 Jahre selbstständig.

In seiner Laufbahn hat er

viele Beispiele gesehen, in denen DIY-Versuche schiefgelaufen

sind: „Gerade bei Photovoltaikanlagen oder Wallboxen

braucht es viel Fachwissen – von Vorschriften bis Sicherheitsvorkehrungen.

Wer das nicht gelernt hat, macht Fehler. Und dann

ahmen es tausende andere nach.“ Rapolt berichtet von Fällen,

bei denen unsachgemäße Verkabelung zu brennenden

20 Von YouTube lernen oder doch lieber den Profi rufen?

Häusern oder schweren Stromschlägen geführt hat. „Das ist

keine Kleinigkeit“, erklärt er mit Nachdruck.

Er sieht in DIY-Tutorials ein großes Risiko, vor allem wenn

diese ohne kritische Reflexion oder Hinweisschilder zum Sicherheitsaspekt

veröffentlicht werden: „Ich habe auch schon

Videos gesehen, in denen Leute ihre Projekte unter extrem gefährlichen

Bedingungen filmen und sagen: ‚Das ist ganz einfach!‘

Aber viele unterschätzen, wie schnell man sich selbst und andere

in Gefahr bringt.“

Rapolt ist der Meinung, dass solche Tutorials bestenfalls

als Einstieg dienen, jedoch niemals den Besuch einer Fachschule

oder die Ausbildung zum*r Handwerker*in ersetzen

können. „Vielleicht helfen sie, das Interesse zu wecken. Aber

sie sind keine Alternative zur fachgerechten Umsetzung nach

Norm.“ Für ihn ist es wichtig, dass Fachleute wie er weiterhin

die Kontrolle über sicherheitskritische Bereiche behalten.

Der Trend zum „Do It Yourself“ –

Eine neue Form der Ausbildung?

Ein Blick auf die Entstehung und Entwicklung von DIY-

Tutorials zeigt, dass diese mehr sind als nur eine Modeerscheinung.

Vor allem durch Plattformen wie YouTube und

TikTok hat sich eine DIY-Kultur entwickelt, die vielen Menschen

einen niedrigschwelligen Zugang zu handwerklichem

Wissen bietet.

Laut einer Statista-Erhebung aus dem Jahr 2018 folgen 30 %

der Nutzer*innen in Deutschland Influencer*innen aus dem

Bereich „Hobby & DIY“. Damit liegt dieses Genre hinter Bereichen

wie „Essen & Trinken“ (43 %) oder „Sport & Gesundheit“

(33 %) – aber deutlich vor z. B. „Kunst & Kultur“ (19 %).

Auch die allgemeine Begeisterung für Heimwerken bleibt

stabil: 2024 zeigen rund 35,5 Millionen Menschen in

Deutschland zumindest mäßiges Interesse an DIY-Themen,

etwa 11,4 Millionen davon gelten als besonders interessiert.

Der Umsatz im klassischen DIY-Markt hat sich parallel dazu

auf über 50 Milliarden Euro erhöht und verzeichnete 2023

mit 53,2 Milliarden Euro ein neues Allzeithoch.

Trotz dieses wachsenden Interesses an handwerklichem

Tun bleibt die Zahl junger Menschen, die tatsächlich eine

handwerkliche Ausbildung beginnen, rückläufig. DIY-Tutorials

auf Social Media können also berufliche Orientierung

bieten oder praktische Lücken füllen – sie ersetzen aber

keine fundierte Ausbildung und vermitteln meist nur Teilaspekte

handwerklicher Praxis.

„Ich bin der Meinung, dass DIY-Tutorials eine wichtige Ergänzung

zur klassischen Ausbildung darstellen“, erklärt Molter. „Es ist

ein zusätzliches Wissen, das man erwerben kann, ohne sofort

in eine lange Ausbildung zu gehen.“ Gerade für jüngere Generationen,

die nach flexiblen Lösungen suchen, könnten

DIY-Tutorials eine wertvolle Möglichkeit sein, um praktische

Fähigkeiten zu erlernen, die sie im Alltag und in ihrer

Freizeit anwenden können. „Aber“, fügt Molter hinzu, „es

muss jedem klar sein, dass komplexe Aufgaben wie Elektroinstallation

oder Gasleitungen den Fachleuten überlassen

werden müssen.“

Zwischen Tutorial und Tradition

DIY-Tutorials sind mehr als bloße Reparaturhilfen. Sie

sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels hin zu

mehr Eigenverantwortung und digitalem Lernen. Doch

ihre Grenzen liegen dort, wo es auf Präzision, Sicherheit

und jahrelange Erfahrung ankommt.

Die Zukunft liegt womöglich nicht in der Frage „Profi

oder DIY?“, sondern im Zusammenspiel beider Welten.

Wenn Fachkräfte und digitale Akteur*innen sich nicht als

Konkurrent*innen, sondern als komplementäre Kräfte

begreifen, kann daraus ein neues Verständnis von handwerklicher

Bildung entstehen – praxisnah, flexibel und

zeitgemäß.

SARA LEUTGEB

Wer nur

das liest,

liest zu

wenig.

Welt, bleib wach.

Ihr Nahversorger

fürs Gehirn.

Thalia St. Pölten

Kremser Gasse 12

3100 St. Pölten

Mo–Fr: 9–18 Uhr

Sa: 9–17 Uhr

21



True Crime: Zwischen

Gänsehaut und

Faktenwissen

Ob fesselnde Erzählungen oder echte Wissensvermittlung – True-

Crime-Formate boomen. Doch bieten sie wirklich fundierte Einblicke in

Kriminalität und Justiz oder bedienen sie vor allem Sensationslust?

SUMO spricht mit der Juristin Lena Vogl und dem True-Crime-

Podcaster Hubertus Schwarz von True Crime Austria über die

Verantwortung hinter solchen Produktionen.

FOTO: MAGDALENA LUEGER

True Crime ist nicht nur ein aktueller Medien-Hype,

sondern ein bewährtes Genre mit langjähriger

Geschichte in den Medien: Gerichtsdarstellungen,

Verbrechensreportagen oder Formate wie der Ak-

Diese Platzierungen zeigen, wie stark das Genre in der Podcastlandschaft

verankert ist.

Viele True-Crime-Formate nutzen dabei dramaturgische

Mittel, um Spannung zu erzeugen. Das kann dazu führen,

tyrannen-Morde“, bei denen Frauen über Jahre hinweg in

der Ehe misshandelt wurden und sich schließlich durch

Tötung des Partners befreien.

Was den Zugang zu Informationen betrifft, kritisiert

Dennoch zeigt sich: Viele Formate setzen auf Spannung und

Dramaturgie, die tatsächliche Ermittlungsarbeit jedoch oft

verzerrt.

tenzeichen XY zeigen, dass Verbrechen schon immer mediale

Faszination ausgelöst haben. Medienpsycholog*innen erklären

diese Anziehungskraft mit dem Konzept des emotio-

dass komplexe Ermittlungsprozesse vereinfacht oder verfälscht

dargestellt werden. Juristische und gesellschaftliche

Hintergründe bleiben dabei oft unberücksichtigt.

Schwarz die rechtlichen Hürden in Österreich: „In Deutschland

gibt es die Auskunftspflicht der Behörde, die gibt es so

in Österreich nicht. Das macht den Zugang zu Informationen

Fehlwahrnehmungen durch populäre True-

Crime-Formate

nalen „Arousals“ – der Erregung durch dramatische Inhalte.

extrem schwierig.“

Diese Gefahr ortet auch Juristin Lena Vogl und betont im

Reiz und Rührung gehen dabei oft Hand in Hand.

Auch die Erzählweise spielt eine große Rolle: Die aktuell

so beliebten Podcasts beginnen mit einem dramatischen

Journalistische Verantwortung zwischen

Aufklärung und Sensation

Beim Aufbau einer Folge arbeiten Schwarz und seine Partnerin

Katharina Börries mit umfangreichen Recherchedokumenten,

geskriptetem Text und einem dreiteiligen Auf-

Gespräch deshalb die Bedeutung der Persönlichkeitsrechte:

„Man kann nicht immer mit Klarnamen arbeiten. Es kommt auf

die Tat an und wie weit sie schon medial vertreten ist.“ Be-

Einstieg, folgen Rückblenden, Interviews mit Beteiligten,

Die Grenze zwischen journalisti-

bau: Fallbeschreibung, gesellschaftliche Einordnung und ein

sonders bei laufenden Verfahren sei Vorsicht geboten. Laut

Perspektivenwechsel und persönliche Einschätzungen.

scher Berichterstattung und

Meinungsteil am Ende. „Wir sprechen selten frei – damit nichts

Vogel könnten durch detaillierte öffentliche Darstellungen

True Crime ist kein neues Phänomen – das zeigt nicht zu-

reiner Unterhaltung ist

falsch wiedergegeben oder unbeabsichtigt preisgegeben wird.“

Aussagen von Zeug*innen beeinflusst werden: „Wenn ein

letzt der anhaltende Erfolg des Dauerbrenners Tatort. Die

oft fließend. Hubertus

Die Wahl der Fälle erfolgt nach journalistischer Relevanz,

Verfahren über mehrere Tage geht, besteht die Gefahr, dass

Gemeinschaftsproduktion von ARD, ORF und SRG wurde

Schwarz vom Podcast

verfügbarer Quellenlage und ethischer Einschätzung: „Wir

Zeug*innen über Podcasts oder Live-Ticker Aussagen anderer

bereits 1970 gestartet und ist heute nicht nur eine der langlebigsten

Krimiformate Europas, sondern auch ein Stück

deutschsprachiger Fernseh- und Gesellschaftsgeschichte.

Auch Gerichtsreportagen in Print- und Onlineformaten haben

ihre Wurzeln in medial inszenierten Reality-TV-Formaten

der 1990er Jahre. Die Kombination aus realen Fällen und

True Crime Austria betont

im Gespräch mit

SUMO die Bedeutung

von fundierter Recherche

und juristischen

Quellen: „Gerichtsunterlagen

Hubertus Schwarz | © True Crime Austria

machen nichts, wo wir nicht genug Quellmaterial finden – oder

wo wir nichts an Mehrwert bieten können.“

Stilistisch legt True Crime Austria großen Wert auf Seriosität:

„Uns ist wichtig, dass wir diese journalistische Distanz auch

haben.“ Dennoch bleibe Storytelling ein wichtiges Mittel, um

das Publikum zu binden. „Es muss eine gute Mischung ergeben

mitbekommen und ihre eigene Erinnerung unbewusst anpassen.“

Auch die ethische Komponente sieht sie kritisch: „Die Frage

ist, ob das Leid von anderen zur Unterhaltung dienen sollte –

was es offensichtlich tut.“ Die Grenze zwischen Aufklärung

und Sensation sei dabei oft schwer zu ziehen. Podcasts

inszenierter Dramaturgie trug wesentlich dazu bei, das The-

sind für uns - wenn wir sie bekommen

– zwischen Information und Unterhaltung.“

könnten leicht eine einseitige Sichtweise fördern: „Man bil-

ma Kriminalität in den Mainstream zu bringen – zuerst im

und einsehen dürfen - die wertvollste Quelle.“ Zusätzlich wür-

Schwarz sieht ihren Podcast als journalistische Ergänzung

det sich sehr schnell eine Meinung über Fälle, über die man

Fernsehen, später in Podcasts und Streaming-Dokus. Laut

den auch Interviews mit Anwält*innen oder Betroffenen

zur bestehenden Medienlandschaft: „Wir versuchen, ergän-

eigentlich kaum etwas weiß – außer dem, was ein Podcast

Statista gab es allein im deutschsprachigen Raum 2023 über

geführt – je nach Falllage und öffentlicher Präsenz der Be-

zend zu sein – für Menschen, die tiefer eintauchen wollen als

erzählt.“ Das Publikum neige dazu, die dargestellten Infor-

200 aktive True-Crime-Podcasts. Zu den erfolgreichsten

teiligten. Besonders bei historischen Fällen sei eine kritische

in die oberflächliche Schlagzeile.“ Besonders wichtig sei dabei

mationen für Tatsachen zu halten. Auch wenn Unterhaltung

zählen Zeit Verbrechen, Mordlust, Darf’s ein bisserl Mord sein?,

Einordnung wichtig: „Man muss aufpassen, wie man diese Sa-

auch der Umgang mit der Verantwortung: „Wir verhandeln

legitim sei, müsse man kritisch hinterfragen, ob damit nicht

Verbrechen von nebenan und Weird Crimes, die regelmäßig in

chen auslegt – etwa im Umgang mit früheren gesellschaftlichen

das in jeder Folge neu. Nicht jeder Fall ist gleich – und man muss

unbeabsichtigt öffentliche Meinung beeinflusst wird – auch

den Top 10 auf Spotify und Apple Podcasts vertreten sind.

Normen.“ Als Beispiel nennt Schwarz sogenannte „Haus-

aufpassen, keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen.“

bei Richter*innen.

22 True Crime: Zwischen Gänsehaut und Faktenwissen

True Crime: Zwischen Gänsehaut und Faktenwissen

23



Sie verweist auch auf den Unterschied zwischen amerikanischen

Produktionen und österreichischem Medienrecht:

„In amerikanischen Dokus werden Täter*innen oft mit vollständigem

Namen und persönlichen Details genannt. Bei

uns wäre das aus rechtlichen Gründen nicht möglich.“ Gerade

bei jungen Täter*innen oder Opfern fordert sie mehr

Zurückhaltung: „Man muss sich fragen, ob es nötig ist, jede Tat

bis ins intime Detail auszuschlachten – besonders wenn es sich

um Minderjährige handelt.“

„Wer solche Inhalte erstellt, trägt die

Gesamtverantwortung - auch rechtlich.“

– Lena Vogl.

Auch medienrechtlich gebe es klare Grenzen: „Podcaster*innen

müssen sich bewusst sein, dass sie unter das österreichische

Medienrecht fallen. Bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen

drohen Unterlassungsklagen oder sogar strafrechtliche Folgen.“

Selbst wenn Inhalte formal korrekt seien, sei ein sensibler

Umgang gefragt: „Nicht alles, was man sagen darf, sollte man

auch sagen.“

Was die Verantwortung der Produzent*innen betrifft,

antwortung – auch rechtlich. Die Frage ist, wie objektiv berichtet

wird und ob man grausame Details wirklich braucht.“

Besonders problematisch sei die Romantisierung von Verbrechern

oder die Mystifizierung von Gewalt.

Zwischen Wissensvermittlung und

Voyeurismus

True Crime kann informieren, aufklären und sensibilisieren –

doch es kommt auf die Umsetzung an. Formate, die seriöse

Recherche betreiben und multiple Perspektiven berücksichtigen,

leisten einen wertvollen Beitrag zur Kriminalitätsaufklärung.

Reine Sensationsformate hingegen verstärken

Klischees und tragen zur Fehlwahrnehmung von Verbrechen

bei. Dabei ist die Faszination für das Thema nichts Neues:

Schon in den Anfängen des Journalismus, als Drucker in

Flugblättern über Skandale, Gewalt und Schicksalsschläge

berichteten, war das Verbrechen zentraler Inhalt. Diese

Geschichten sorgten damals wie heute für Aufmerksamkeit.

Medienmacher*innen sollten sich deshalb bewusst sein: Die

Grenze zwischen Information und Inszenierung ist schmal –

und Verantwortung kein Nebenaspekt.

LEONIE TÜRK

02

„Children must be taught how

macht sie klar: „Wer solche Inhalte erstellt, trägt die Gesamtverto

think, not what to think.“

Margaret Mead

30.9.2025

22.2.2026

www.khm.at

Michaelina

Wautier Malerin

Einfach.

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Jahreskarte

©TAMINA LAUTENBACH

24 Children must be taught how to think, not what to think.

Kooperationspartner

kunst

historisches

museum

Wissensvermittlung für Kinder

25



Kinderbücher:

Der Erstkontakt zu Medien

Das Kinderbuch. Es ist eine nie enden wollende Erfolgsgeschichte und stellt auf erzählerisch-kreative

Weise oft den Erstkontakt zu Medien her. Doch welche Bedeutung hat die Literatur für die Kleinsten

in Hinsicht auf Wissens- und Wertegewinn? SUMO hat mit Kinderbuchbloggerin Carla Heher und

Anna Wiesner, Lektorin beim G&G Verlag, darüber gesprochen.

FOTOS: EVA WINTERSBERGER

Anna Wiesner | ©G&G Kinderbuch Verlag

fiehlt regelmäßig Kinderbücher aller Art. Zudem entscheidet

sie als Jurymitglied der ORF Kids Bestenliste die monatlichen

Führer der Branche. Für sie bedeutet Kinderliteratur vor

allem ein Werkzeug, mit dem Kinder sich kritisch mit ihrer

Welt und Lebensrealität auseinandersetzen können – sie

solle subversiv sein und zum kreativen Denken sowie zum

Nachfragen anregen.

Auch Anna Wiesner sieht das ähnlich. Sie ist im Lektorat

und Produktmanagement für Österreichs größten Kinderbuchverlag

G&G Kinderbuch Verlag tätig. Zur Bedeutung von

Kinderbüchern sagt sie: „Lesen ist die Grundlage für gesellschaftliche

und kulturelle Teilhabe. Wenn ich lesen kann, dann

habe ich die Möglichkeit, mir diese Texte zu erschließen und die

Welt auch selbst mitzugestalten.“

Carla Heher | ©Sophie Nawratil

Was Kinder wissen sollten

Wirft man einen Blick auf die aktuellen Spiegel-Bestsellerliste

2024, so findet sich dort neben den zeitlos beliebten

Klassikern eine vielfältige Palette an aktuellen Themen. Die

kleine Raupe Nimmersatt trifft hier auf Titel wie Mein Knopf,

ein Universum, Der Löwe in dir und Das Neinhorn.

Doch welches Wissen sollte durch diese Geschichten vermittelt

werden? Konkret lasse sich das schwer sagen, so

Wiesner. „Im Verlag achten wir darauf, Kinder und ihre begleitenden

Erwachsenen dort abzuholen, wo sie gerade stehen.

Abgestimmt auf das Lebensalter, den Entwicklungsstand und

auf Interessenslagen können Bücher nämlich ganz wunderbare

Begleiter in der Wissensaneignung sein.“

Carla Heher beobachtet im Moment beispielsweise einen

Trend in Richtung der Thematik Armut und soziale Gerechtigkeit.

Auch sie betont: Besonders gefragt seien Themen,

die selbst für Eltern oft eine Herausforderung darstellen.

Vor allem beim Aufarbeiten komplexer Situationen werde in

erster Reaktion häufig zu einem Kinderbuch gegriffen, nicht

etwa zu Erwachsenenliteratur: „Es sind oft Themen, mit denen

Erwachsene sich gar nicht so gerne auseinandersetzen wollen.

Die werden dann im Kinderbuchsegment nachgefragt.“

Auf ins Abenteuer – Wissen richtig aufbereiten

Selbstverständlich geht es auch um Fragen von: Wie muss

Wissen aufbereitet werden, damit es verstanden wird? Wie

muss erzählt werden, damit Kinder zuhören?

Millionen. Soviele Kinderbücher wurden laut

58,3 der Studie Bock auf Buch (durchgeführt vom

Deutschen Börsenblatt) im Jahr 2024 verkauft. Auch der

Hauptverband des österreichischen Buchhandels meldet positive

Verkaufszahlen: Im Jahr 2023 konnte die Warengruppe

Kinder- und Jugendbuch 2% Umsatzwachstum im Vergleich

zum Vorjahr vermerken, 2024 waren es bereits 7,7%. Die

Zahlen sprechen für sich, Bücher sind trotz des digitalen

Vormarschs weiterhin nicht aus den Kinderzimmern wegzudenken

und genießen den Ruf des „guten“ Mediums.

Das Interesse am Kinderbuch spiegelt sich auch in der modernen

Blogger-Kultur wider: Carla Heher erreicht mit ihrem

Instagram-Account 24,9 Tausend Follower*innen und emp-

Zu den zentralen Werten des G&G Kinderbuch Verlags zählt

unter anderem die Förderung von Lesekompetenz. Um

dieses Ziel effektiv zu erreichen, gibt es unterschiedliche

Herangehensweisen. Wiesner erläutert, dass es für die Leseförderung

besonders fruchtbringend sei, mit Autor*innen

zusammenzuarbeiten, die das Schreiben von anregenden

Geschichten von Grund auf verstünden. Denn die Lust am

Lesen entstehe in dem Moment, in dem eine Geschichte

26 Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien

Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien

27



fessle und nicht mehr aus der Hand gelegt werden könne.

„Ein Kinderbuch zu schreiben ist eine unfassbar hohe Kunst“,

findet auch Carla Heher. „Im Kinderbuch sollen die Fakten

passen und es soll gleichzeitig so geschrieben sein, dass Kinder

es verstehen.“ Kinder sollen sich in den Geschichten wiederfinden,

jedoch nicht ausschließlich ihre Lebensrealität als

Norm vorgezeigt bekommen. Carla Heher zitiert hier die

afroamerikanische Kinderliteraturforscherin Rudine Sims

Bishop. Diese beschreibt Kinderbücher als Spiegel, in denen

Kinder sich selbst erkennen, als Fenster, durch die sie in andere

Lebenswelten blicken können und als Glastüren, durch

die sie diese betreten können.

Viele der Autor*innen des G&G Kinderbuch Verlags halten

zudem Lesungen an Schulen und Kindergärten, um den

Kindern einen direkten Austausch zu ermöglichen. „Das

wäre auch ein Faktor, dass Kinder merken: Es gibt nicht nur das

Buch, sondern es gibt auch Personen, mit denen man darüber

sprechen kann.“

„Leg doch mal das Handy weg“

Kinder brauchen also vielfältige Darstellungen von Realitäten,

so bunt und vielfältig, wie diese eben sind. Doch trotz

der zunehmenden Relevanz der digitalen Medien, gibt es

Kinderbücher, die die tatsächliche digitale Lebensrealität

der Kinder spiegeln laut Carla Heher nur vereinzelt. „Smartphones

sind mittlerweile immer mehr Bestandteil von Geschichten,

aber nicht so wie ich es in der Realität kenne. Ich bin selber

Volksschullehrerin, ich weiß, wie Kinder Medien konsumieren

und das wird nicht repräsentiert.“

Und auch Bücher in denen künstliche Intelligenz eine Rolle

spielt, gibt es bisher wenige. Für Wiesner wäre eine pauschale

Standardisierung, dass Handys nie, beziehungsweise

immer vorkommen sollten, kein sinnvoller Ansatz. „Ich glaube,

eine Geschichte muss in sich stimmig sein und Autor*innen

müssen diese Frage für sich selbst entscheiden.“ Aber dass

Kinder in einer digitalen Welt aufwachsen, ist natürlich nicht

abzustreiten.

Im Moment macht sich auch das Phänomen KI am Kinderbuchmarkt

bemerkbar: Online-Anleitungen zum eigenen

Kinderbuch anhand von KI, erste Fälle der KI-illustrierten

Verlagsbücher. Die Kampagne #buchbrauchtmensch wehrt

sich nun. Künstliche Intelligenz heranzuziehen, um beispielsweise

unterrepräsentierte Lebensrealitäten abzubilden,

das sieht Heher kritisch. „Ich glaube es braucht da schon

diese Menschlichkeit, diesen Witz, dieses Gefühl … einfach ein

Gespür für Kinder.“ Aber auch Technologien wie Augmented

Reality versuchen sich schon seit geraumer Zeit durchzusetzen.

Eine Kombination aus Handy und Buch. Ist das eine

Möglichkeit? Wiesner kann sich das vorstellen. „Es geht

nicht so sehr darum, die verschiedenen Formate – auch nicht

die verschiedenen Buchformate – gegeneinander auszuspielen,

sondern eine möglichst große Bandbreite anzubieten und damit

möglichst alle Kinder zu erreichen.“ Es stelle zwar eine Herausforderung

dar, dass Kinder heutzutage auf deutlich mehr

Medien zurückgreifen können als noch vor einigen Jahren.

Doch dies biete zugleich viele Möglichkeiten.

"Ein Kinderbuch zu schreiben ist eine

unfassbar hohe Kunst“

- Carla Heher.

Inhaltliche Trends, die Carla Heher in der Zukunft sieht, sind

vor allem jene, die im Moment noch zu kurz kommen: KI &

digitale Kompetenz. Vor allem ist ihr – ebenso wie Wiesner

– aber eine möglichst große Diversität und Perspektivenvielfalt

wichtig, um Kindern die reale Welt näherzubringen.

Außerdem betont sie, dass die Leselust der Kinder weiterhin

gefördert werden solle, denn trotz all der digitalen Entwicklungen

bleibe das Buch der Erstkontakt zu den Medien – und

trage somit ausschlaggebend dazu bei, wie Kinder die Welt

und sich selbst wahrnähmen.

Fazit

Alles in allem tragen Kinderbücher eine große Verantwortung

– gerade jetzt: „Ich glaube, dass das Kinderbuch immer

wichtiger wird in einer digitalen Welt. Wenn ich mir Social Media

anschaue, dann ist das ein Medium, das von einer ziemlichen

Schnelllebigkeit geprägt ist. Das analoge Buch ist das Gegenprogramm

dazu. Das Buch bleibt so wie es ist, auch wenn ich es

weglege, ich kann es jederzeit wieder aufgreifen. Und Bücher zu

produzieren, die diese Möglichkeit schaffen, das ist schon mal

eine große Verantwortung an sich“, so Wiesner. Für Heher

gebe es jedenfalls für jedes Kind das passende Buch, es

müsse nur gefunden werden. Wiesner stimmt zu. „Ich glaube,

jedes Buch hat seine Berechtigung, weil ich mir sicher bin,

dass es für irgendjemanden immer das richtige Buch sein wird.“

EVA WINTERSBERGER

Next Level Lernen

In der Schule lernen viele nach einem starren Prinzip – obwohl sie unterschiedlich ticken. SUMO

sprach mit Alexander Pfeiffer, Forscher im Bereich Game-Based Learning, und Lehrerin

Kerstin Doubek über das Potenzial spielerischer Zugänge für Motivation, Leistung und Unterricht.

FOTOS: ANJA SCHWEIGER

Viele Bildungseinrichtungen versuchen, auf individuelle

Unterschiede einzugehen – doch im durchgetakteten

Schulalltag fehlt dafür oft der Raum.

Dabei lernen Menschen sehr unterschiedlich:

Manche kommen mit Frontalunterricht gut zurecht, andere

brauchen Bewegung, Zwischenfragen oder lebensnahe

Beispiele. Mir wurde das während eines Schulprojekts erstmals

bewusst, bei dem wir unsere eigenen Lernstrategien

erkunden sollten. Ich dachte dabei an meinen Bruder – für

ihn war das klassische Schulsystem nämlich eine besondere

Herausforderung.

In der Volksschule lief alles gut. Doch in der Hauptschule

änderte sich etwas. Er erzählte mir später, dass er sich oft

verloren fühlte. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich einfach

nicht mehr mitkomme.“ Während Mitschüler*innen scheinbar

mühelos aufpassen konnten, kämpfte er gegen Ablenkung,

Selbstzweifel und Frust. Nach außen hin wirkte er ruhig

und still – aber in ihm sah das ganz anders aus. Zuhause

flüchtete er sich in die Welt der Spiele. „Dort war alles gut. Ich

konnte mich verlieren – und hatte dort Erfolg.“ Die Spielwelt

wurde zum sicheren Rückzugsort. Und vielleicht auch zu

einem der ersten Orte, an dem er unbewusst lernte – nur

eben auf seine Weise. Er geriet regelmäßig in einen Hyperfokus,

manchmal so intensiv, dass er selbst aufs Essen

vergaß. Erst später wurde ihm klar: Vieles an ihm passt

zum ADHS-Profil. „Ich habe nicht verstanden, warum ich nicht

so lernen kann wie die anderen – und niemand hat mir erklärt,

dass ich nicht dumm bin.“ Was mein Bruder gebraucht hätte,

wäre eine andere Art von Zugang gewesen.

Was genau ist ein Educational Game?

Educational Games, oder auch Purposeful Games bzw. Serious

Games als Unterarten, sind Spiele, die gezielt entwickelt

wurden, um Lerninhalte zu vermitteln – aber nicht auf

langweilige Weise. Anders als frühere„Edutainment“-Pro-

28 Kinderbücher: Der Erstkontakt zu Medien Next Level Lernen 29



gramme, die oft einfach ein Quiz ins Spiel klebten, stehen

ist. Dass sie dabei Arbeitsblätter gelöst haben, haben sie gar

Wie richte ich Accounts ein? Welche Daten werden erhoben?

Was braucht es – und was wäre möglich?

hier Spielerlebnis und Immersion im Vordergrund. Man lernt,

nicht bemerkt.“ Für sie war besonders überraschend, wie gut

Wie sichere ich Zugänge? Dazu kommt der Faktor Zeit. Ein

„Seit 20 Jahren fordern wir, dass Spiele als Lernmedium ernst

weil man mitmacht – nicht, weil ein Pop-up mit Fragen er-

die Gruppenarbeit funktionierte – „weil alle ein gemeinsa-

sinnvoller Einsatz von Lernspielen braucht Vorbereitung,

genommen werden“, sagt Pfeiffer. Ab dem kommenden

scheint.

mes Ziel hatten.“

Begleitung und Nachbereitung. Er sieht hier besonders in

Schuljahr sind Serious Games und Gamification in Öster-

Alexander Pfeiffer arbeitet seit über 20 Jahren an dieser

Auch mein Bruder kennt dieses Gefühl. In Spielen kam er

der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte Nachholbedarf

reichs Schulen zumindest formal anerkannt. Jetzt braucht

Schnittstelle. Er erinnert sich: „Damals gab es das Wort

regelmäßig in diesen Zustand. Während des Unterricht war

– ebenso bei strukturierten Materialien wie Lernzielkatalo-

es Umsetzungsmodelle. Pfeiffer plädiert für einen digitalen

Gamification noch gar nicht.“ Heu-

das aber anders: „Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren.

gen, oder digitalen Spielesammlungen.

Lehrmittelkatalog, der Spiele mit Lehrplänen verknüpft. So

te versteht man darunter

Jede Stunde war für mich eigentlich verlorene Zeit.“

Auch Kerstin Doubek beobachtet Lücken – sie setzt im All-

könnten Lehrkräfte gezielter auswählen, statt alles selbst

die gezielte Anwendung

von Spielmechaniken

in einem nicht-spie-

Für wen können Lernspiele besonders

hilfreich sein?

tag auf einfache, aber wirkungsvolle

Tools. „Kahoot ist bei uns immer

wieder mal die Beloh-

entwickeln zu müssen. „Wir hatten schon einmal so ein Toolkit

– aber ohne Förderung war es nicht haltbar.“

Sein Wunsch: mehr Mut im System – und bei der Genera-

lerischen

Kontext

Educational Games sind nicht für alle Schüler*innen ge-

nung am Ende der Stun-

tion, die bereits mit Spielen aufgewachsen ist. „Wenn so viele

Alexander Pfeiffer | © Privat

– etwa Punkte, Fort-

eignet, vermutlich jedoch für eine größere Gruppe als bis-

de – das empfinden sie

gerne Games zocken, dann sollen sie auch den Mut haben, diese

schrittsanzeigen oder

her angenommen. Für Lernende, die sich im klassischen

als echtes Highlight.

Leidenschaft in die Schule zu bringen.“

Belohnungen, die das

Verhalten der Nutzer*innen

motivierender gestalten

Unterricht verloren fühlen. Für Quereinsteiger*innen. Für

Menschen, die besser durch Tun, durch Fragen oder durch

spielerische Strukturen lernen.

Auch Lern-Apps wie

Anton motivieren, weil

sie glauben, sie spielen –

Was sollen wir über Educational

Games wissen?

Kerstin Doubek | © Privat

sollen und das Anwendererlebnis im

Auch mein Bruder wäre vielleicht anders durch die Schulzeit

und gar nicht merken, dass

Mein Bruder hat heute seinen Masterabschluss. Was ihm

Allgemeinen verbessern.

gegangen, hätte er diese Möglichkeit gehabt. „Ich konnte mit

sie dabei lernen.“

geholfen hat, war nicht nur ein guter Lehrer, sondern auch

Gamification und Educational Games gehören beide zum

Noten nie viel anfangen“, sagt er. „Das Beste, was ich erreichen

Doubek meint, dass die pädago-

Struktur: Fragenkataloge, kleine Schritte, kleine Erfolge.

Gebiet des Game-Based Learning, verfolgen aber unter-

konnte, war gefühlt nur, dass ich nicht geschimpft wurde.“ Erst

gische Ausbildung in dieser Hinsicht nicht zielführend ge-

„Wenn ich 45 von 100 Fragen kann, weiß ich: Ich bin auf dem

schiedliche Ansätze: Gamification ergänzt Situationen, die

bei der Berufsreifeprüfung traf er auf einen Lehrer, der ihn

wesen sei. Wer spielerische Methoden nutzen wolle, müsse

Weg“, sagt er.

per se kein Spiel sind, mit spielerischen Elementen (z. B.

anders sah. Der ihn forderte, ohne zu überfordern. „Ich habe

sich das selbst aneignen – oder in den Austausch mit Kol-

Spiele sind kein Wundermittel. Aber sie können ein Zugang

Ranglisten in Mathe-Apps), während Educational Games

das erste Mal gemerkt: Ich kann das. Ich bin nicht blöd – ich

leg*innen gehen.

sein – besonders für jene, die im klassischen System unter-

eigenständige Lernspiele sind. Der Unterschied ist ent-

brauch nur eine andere Art zu lernen.“

Pfeiffer betont außerdem: Nicht alle stehen dem Medium

gehen. Sie schaffen Räume, in denen Fehler erlaubt sind,

scheidend – denn oft fehlen im Schulalltag Ressourcen,

Doubek kennt solche Muster aus dem Unterricht: „Es gibt

Spiel offen gegenüber. In vielen Köpfen gelten Games noch

Neugier belohnt wird und Leistung mehr ist als ein Zahlen-

um komplexe Spiele einzubinden. Gamification kann dann

viele Schüler*innen, denen es oft schwerfällt, sich lange zu kon-

immer als Ablenkung, oder Mittel für potenziell exzessives

wert. Spiele, so Pfeiffer, sollten als ernstzunehmende di-

ein niederschwelliger Einstieg sein: ein Bonuspunktesys-

zentrieren. Aber wenn es um ein Spiel oder einen Wettbewerb

Verhalten. Auch technische Barrieren – etwa eine unge-

daktische Werkzeuge verstanden werden – nicht nur wegen

tem, ein Fortschrittsbalken, ein Quiz mit Highscore – kleine

geht, sind sie plötzlich voll dabei.“ Gerade bei Konzentrations-

wohnte Steuerung – können sich im Unterricht als Problem

des Spaßfaktors, sondern weil sie Menschen ermöglichen,

Elemente, die Motivation fördern, ohne ein eigenes Spiel

problemen kann genau dort angesetzt werden, wo andere

erweisen. Lernspiele funktionieren nur, wenn sie freiwillig

auf ihre eigene Art zu lernen.

zu benötigen. Eine Abgrenzung, die Pfeiffer für besonders

wichtig hält.

Was macht ein gutes Lernspiel aus?

Methoden versagen.

Game-Based Assessment – was Prüfungen in

Spielen möglich machen könnten

bleiben – sonst verlieren sie ihren didaktischen Wert. Wer

nicht mitspielen will, sollte alternative Rollen einnehmen

dürfen – etwa als Spielbeobachter*in oder Assistent*in.

ANJA SCHWEIGER

Alexander Pfeiffer beobachtet in der Praxis, dass viele

Game-Based Learning eröffnet nicht nur neue Zugänge zu

Lernspiele kurzfristig motivieren – aber nicht nachhaltig.

Inhalten, sondern auch zu Bewertungsformen. Alexander

Warum? Weil sie oft nur alte Lernstrukturen in ein Spiel

Pfeiffer unterscheidet mehrere Formen von Game-Based

verpacken, statt das Spiel so zu gestalten, dass das Lernen

Assessment – also spielbasierten Prüfungsansätzen, bei

Teil des Spiels wird. Pfeiffer weist darauf hin, dass Spiele

denen Leistungen direkt im Spielverlauf sichtbar werden.

zwar Lernprozesse anstoßen, diese aber nicht immer mit

Etwa durch Problemlösungen, strategische Entscheidungen

den schulischen Lernzielen übereinstimmen. Deshalb sei

oder Zusammenarbeit in komplexen Spielsituationen. Die

gutes Spieldesign entscheidend: Ein Lernspiel müsse nicht

Idee: Was jemand kann, zeigt sich im Handeln – nicht erst

nur Wissen vermitteln, sondern auch motivieren – durch die

im Test.

richtige Balance von Herausforderung und Belohnung. Er

verweist hier auf die Flow-Theorie des Psychologen Mihály

Laut Pfeiffer sind solche Konzepte längst realisierbar –

Csíkszentmihályi. Der Flow beschreibt den Moment, in dem

über Spielanalysen oder gezielte Aufgabenformate. Auch

man sich völlig in eine Aufgabe vertieft – weil sie fordernd,

die sichere Speicherung solcher Daten wäre möglich, etwa

aber nicht überfordernd ist. Wenn diese Dynamik stimmt,

mit Blockchain-Technologie. Sie könnte Bewertungen nach-

bleibt man dran – und lernt ganz von selbst. Nicht wegen

vollziehbar und vergleichbar machen.

Punkten oder Abzeichen, sondern weil man es will. Kerstin

Doubek hat diesen Effekt selbst erlebt: „Wir haben im Unter-

Und wie sieht das im Unterricht konkret aus?

richt einen Escape Room gemacht – die Schüler*innen waren

Lehrpersonen, so Pfeiffer, müssen keine Gaming-Expert*in-

Feuer und Flamme. Sie wollten einfach wissen, was in der Kiste

nen sein – aber verstehen, wie sie mit den Tools arbeiten.

30 Next Level Lernen Next Level Lernen 31



Von der Leinwand in die Kinderköpfe:

Wie Filme und Serien Werte vermitteln

und Horizonte erweitern

Kinderfilme und -serien bieten weit mehr als bunte Bilder und lustige Geschichten. SUMO geht der

Frage nach, warum Kindermedien als Vermittler von Kultur und menschlichen Werten oft

unterschätzt werden. Wir sprachen dazu mit Anna Hofmann, Co-Leiterin der Internationalen

Kinderfilmfestivals, und Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Leiterin des Internationalen

Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk.

FOTOS: ANNA SCHABASSER

Film und Fernsehen bleiben nach wie vor beliebte Medien

bei Kindern und Jugendlichen. Dies belegt auch

die Oberösterreichische Kinder-Medien-Studie 2024.

Hier wird festgehalten, dass Kinder zwischen 3 und

10 Jahren hierzulande rund 87 Minuten pro Tag mit Fernsehen

und Streamen verbringen. Doch so auf einen Bildschirm

zu schauen, verblödet die Jugend doch nur, oder? Natürlich

werden Filme und Serien in erster Linie für Unterhaltung

und den Spaßfaktor konsumiert. Oft wird aber das Faktum

übersehen, dass diese Medienform besonders für das junge

Publikum einen gewissen Mehrwert mit sich bringen kann.

Denn Kindermedienmacher*innen legen großen Wert darauf,

was sie mit ihren Werken vermitteln. Dies bestätigt

auch die Co-Leiterin der Internationalen Kinderfilmfestivals

Wien Anna Hofmann. Filme

eröffnen nicht nur Allgemeinwissen

und Fakten,

sondern auch kulturelle

und humanistische

Bildung. Kinder können

durch internationale

Kino- und Spielfilme

in neue Welten

eintauchen und eine Vielfalt

an Kulturen kennenlernen.

Auch persönlichkeitsbildende Werte und

Verhalten wie Toleranz und

Empathie können gelehrt

werden. Maya Götz

beschreibt es als eine

Art „Rollenspiel“, in-

Anna Hofmann | ©Pepo Schuster

dem sich die Kinder

wiederfinden. Kinder

lernen mit den Charakteren,

hinterfragen

deren Handlungen und dadurch

werden neue Werte mitgegeben.

Maya Götz | ©Christian Rudnik

Perspektive der Medienschaffenden

Wie gelingt es nun Kindermedienmacher*innen, Inhalte

so aufzubereiten, dass sie nicht nur informativ, sondern

auch emotional und altersgerecht sind? Eine der wichtigsten

Grundlagen beginnt schon bei der Erzählstruktur selbst.

Maya Götz spricht davon, dass es vor allem bei Kindern im

Vorschulalter wichtig sei, nur einen Handlungsstrang in der

Sendung zu haben. Auch der passende Ton zum Bild spiele

dabei eine interessante Rolle. „Wenn der Ton das Bild unterstützt

oder ihnen eine Mitteilung gibt, nehmen sie den gerne mit,

aber wenn Ton und Bild auseinandergehen, nehmen sie den Ton

oft gar nicht wahr“, erklärt Götz.

Geschichten mit klarem Aufbau, emotionalen Bögen und

identifikationsstarken Figuren helfen Kindern, sich zu orientieren

und mitzufühlen. Egal ob ein mutiges Tier, ein neugieriges

Kind oder der*die Sendungsmoderator*in, wenn man sich

in der Hauptfigur wiederfindet, bleibt man dran und lernt mit

ihr. „Es braucht eben diese*n Vermittler*in, die Anknüpfungsfigur,

mit der man durch das Erlebnis geht. Ein*e Vertreter*in, der sie

gerade teilhaben lässt, bei dem was er erlebt“, sagt Maya Götz.

Gleichzeitig ist aber nicht nur das „Wie“ entscheidend, sondern

auch das „Was“. Kinderfilmfestivals wie das Internationale

Kinderfilmfestival Wien legen großen Wert auf die Auswahl

von Filmen, die neben Unterhaltung auch gesellschaftlich relevante

Themen behandeln. Anna Hofmann spricht im Interview

auch darüber, dass die Filme bei den Festivals bewusst

in Originalsprache mit live eingesprochener Übersetzung

laufen, um jungen Zuschauer*innen nicht nur neue Perspektiven,

sondern auch sprachliche Vielfalt zu eröffnen.

Gerade dadurch entsteht ein vielseitiger Bildungswert. Kinder

tauchen in andere Lebensrealitäten ein und entwickeln

Empathie. Ein von Freud geprägter Begriff „Probehandeln“

beschreibt, dass Kinder durch das Erleben von Geschichten

mögliche Handlungsmuster für das eigene Leben entwickeln

können. Wenn etwa in einem Film ein Kind Mobbing erlebt,

lernen die jungen Zuschauer*innen nicht nur, dass das falsch

ist, sondern auch, wie sie sich in ähnlichen Situationen verhalten

könnten.

Komplexe Themen kindergerecht verpacken

Besonders im Bereich der humanistischen Bildung haben

Kinderfilme und -serien das Potenzial, sensible oder ernste

Themen aufzugreifen, ohne die Kinder damit zu überfordern.

Anna Hofmann nennt als Beispiel einen Film, in dem der

große Bruder der Hauptfigur stirbt. Der Umgang mit dem

Tod sei eine Herausforderung, auch für Erwachsene. Doch

gerade Kindern würden solche Geschichten ermöglichen, sich

in einem geschützten Rahmen mit Verlust und Trauer auseinanderzusetzen.

„Ich glaube, dass Kinder auf jeden Fall damit umgehen

können, wenn der Film gut gemacht ist“, sagt Hofmann.

Auch Maya Götz ist der Meinung: „Es gibt kein Thema, das nicht

für Kinder aufbereitbar ist.“

Die Auseinandersetzung mit ernsten Themen bietet Kindern

die Möglichkeit, über eigene Gefühle zu sprechen, neue

Perspektiven zu entwickeln und ihre Meinungen selbst zu

formulieren.

Genauso wichtig ist die Darstellung von Inklusion. Im Film

Grüße vom Mars steht ein autistischer Junge im Mittelpunkt.

Die Familie im Film geht liebevoll mit dem Jungen um und respektiert

seine Grenzen. „Die Kinder lernen dann, es gibt Kinder,

die sind halt so. Dadurch, dass etwas in einem Film dargestellt

wird, wird es zur Normalität“, so Hofmann. Filme wie diese tragen

dazu bei, gesellschaftliche Vielfalt sichtbar und greifbar

zu machen. Auch in Produktionen wie Lars ist LOL, in dem ein

Mädchen einen Jungen mit Downsyndrom unterstützt, wird

Inklusion kindgerecht erzählt. Der Film thematisiert darüber

hinaus Online-Mobbing und vermittelt, dass es wichtig ist, für

andere einzustehen.

Kinderfilmpreise und Kulturvermittlung

Festivals und Kinderfilmpreise spielen eine besondere Rolle

bei der Förderung von kindgerechter Kulturvermittlung. Auszeichnungen

der Internationalen Kinderfilmfestivals, beispielsweise

der Preis der Kinderjury oder der UNICEF-Preis, bieten

nicht nur eine Plattform für qualitativ hochwertige Produktionen,

sondern auch ein Mittel, um das junge Publikum direkt

einzubeziehen. Die Kinderjury setzt sich intensiv mit den Filmen

auseinander und formuliert eigene Bewertungen. Damit

wird auch die Medienkompetenz gefördert, was in einer Welt

voller Reize und Informationen nicht zu unterschätzen ist.

Außerdem machen solche Preise innerhalb der Branche auf

besonders gute Produktionen aufmerksam, auch wenn sie

außerhalb der Festival-Bubble leider oft zu wenig wahrgenommen

werden. „Grundsätzlich ist es sehr schwierig, Öffentlichkeit

für gute Kinderfilme zu schaffen. Wir sind wirklich eine

Nische“, sagt Hofmann. Förderungen, gezielte Öffentlichkeitsarbeit

und Bildungskooperationen mit Schulen – wie

Schulvorstellungen oder das Projekt Kinderkinowelten – können

helfen, den Zugang zu diesen Filmen zu erleichtern.

Dem Werk ein Publikum schenken

Das Kinoerlebnis bleibt trotz mehr Streamingdiensten und

sozialen Medien ein zentrales Mittel der kindlichen Filmbildung.

„Wenn man ins Kino geht und es ist ein guter Film,

dann bleiben die Kinder auch 1,5 Stunden aufmerksam“, sagt

Hofmann. Zwar sei zu beobachten, dass die Aufmerksamkeitsspanne

bei Kindern tendenziell kürzer werde, doch gute

Geschichten, die speziell für sie gemacht sind, können sie

immer noch fesseln.

Für die Zukunft wünscht sich Hofmann vor allem mehr Wertschätzung

für den Kinderfilm als Kunstform. Auch die finanzielle

Unterstützung durch Fördergeber*innen sei essenziell,

um qualitativ hochwertige Produktionen weiterhin sichtbar

zu machen. „Uns ist es wichtig, dass die Filme ihr Publikum

finden.“ Kinder von heute brauchen Geschichten, die nicht nur

Spaß machen, sondern ihnen auch etwas lernen und zeigen,

wie vielfältig die Welt ist.

ANNA SCHABASSER

32 Von der Leinwand in die Kinderköpfe

Von der Leinwand in die Kinderköpfe

33



Musikjournalismus im Spiegel der

Netzkultur: Demokratisierung oder

Degradierung der Musikkritik?

„Knowledge is power“

Francis Bacon

Zwischen Social-Media-Clips, Spotify-Algorithmen und dem Echo aus der

Vergangenheit, die Musikkritik hat sich verändert – so viel ist sicher. Aber wie radikal

ist dieser Wandel wirklich? Und was bedeutet er für jene, die noch immer glauben, dass

ein Song mehr sein kann als der Soundtrack zum Scrollen? In Gesprächen mit drei

unterschiedlichen Köpfen der Musikbranche – der Musikjournalistin Johanna

Kropfitsch, unter anderem für DIFFUS und The Circle Mag tätig, Gerhard Stöger, Leiter

der Kultur- und Programmbeilage FALTER: Woche und Heinrich Deisl, Leiter des

Bereichs Kunst und Kultur bei CR 94,4 und Redakteur für Ö1 – entsteht ein

facettenreiches Bild einer Branche, die sich im Umbruch befindet.

FOTOS: NIKOLAUS SITAR

©TAMINA LAUTENBACH

Musikjournalismus war einst ein Gatekeeper: Zugang,

Deutung und Bewertung musikalischer

Werke lagen in den Händen weniger Brancheninsider.

Namen wie Marcus Greil oder Jon Landau

galten als Instanzen, Zeitschriften wie Rolling Stone, das

deutsche Spex oder selbstgemachte Fanzines als Fenster

zur Welt der Musik. Sebastian Zabel, der Chefredakteur des

deutschen Rolling Stone-Magazins, spricht beispielsweise in

einem Podcast darüber, dass Künstler*innen sich früher kein

eigenes Forum schaffen konnten. Das Gegenmittel? Der

Musikjournalismus!

Kampf um die Deutungshoheit im digitalen

Zeitalter

Heute ist die Kritik vielerorts selbst zur kommentierten

Ware geworden – zerlegt, gefiltert und algorithmisch ausgewählt.

„Früher musste man der Pop-Musik entgegengehen

– heute muss man von ihr davonlaufen, um nicht von ihr erschlagen

zu werden. Musikjournalismus war das Bindeglied zwischen

Künstler und Fan – heute ist diese Vermittlungsrolle obsolet“, so

Heinrich Deisl.

Die Ballfeuerwerke der Streaming-Dienste und sozialer

Plattformen haben in vielerlei Formen zu Brüchen in unse-

Musikjournalismus im Spiegel der Netzkultur

35



Meinungen, die auf unfundierten Informationen basieren

nicht durch Bücher über Feminismus gelernt, sondern durch Riot-

– ganz besonders, wenn es um komplexe politische oder

Girl-Platten“, so Stöger. Auch heute noch kann Kritik Identi-

Johanna Kropfitsch | ©Privat

kulturelle Themen geht. Der deutsche Comedian Dominik

Kuhn vertritt zu dieser Problematik eine klare Meinung:

„Der Mensch hat auf einmal ein Gerät, mit dem er jeden Hirnfurz

ungefragt loswerden kann.“ Diese Entwicklung mag auf den

ersten Blick demokratisch wirken – und ist es in gewisser

Weise auch. Doch Demokratie ohne Diskursqualität ist nur

die halbe Miete. Wenn alle alles sagen können, ohne dass

es einer kritischen Einordnung bedarf, verliert das Wort

an Wert. Genau an diesem Punkt wird deutlich, warum

tätspolitik fruchtbar machen. Johanna Kropfitsch etwa verweist

zum Beispiel auf TikTok-Formate, die gesellschaftliche

Kontexte in Songtexten analysieren. Doch es bleibt die Frage:

Wie viel gesellschaftspolitisches Gewicht kann ein 30-Sekunden-Clip

wirklich tragen? Zwischen Emotion, Haltung und

Reichweite wird deutlich: Die Plattform verändert zwar die

Form, aber nicht zwangsläufig das Anliegen.

Der Feed als Bühne

„Früher musste man der Pop-Musik

entgegengehen – heute muss man von ihr

davonlaufen, um nicht von ihr erschlagen zu

werden. Musikjournalismus war das Bindeglied

zwischen Künstler und Fan – heute ist diese

Vermittlungsrolle obsolet“

– Heinrich Deisl.

fundierter Musikjournalismus mehr ist als bloße Meinungs-

Apropos TikTok: Die sozialen Medien sind für Künstler*in-

äußerung: Er vermittelt, kontextualisiert, analysiert – und

nen als Vermarktungstool nicht mehr wegzudenken. „Der

stellt die richtigen Fragen, bevor er sich zu einer Antwort

Komponist von morgen ist ein Medienmanager“, sagt Deisl.

Kritik sich nicht zwischen Clickbait und Kulturanalyse ent-

Gerhard Stöger | ©Privat

hinreißen lässt. Gerhard Stöger bringt es auf den Punkt:

Content-Creation wird zur Eintrittskarte in die Sichtbar-

scheiden, sondern beide Ebenen bespielen. Vielleicht liegt

„Musikkritik ist mehr als nur zu sagen: ‚Das rockt‘. Sie sollte ein-

keit, Kunst zur Währung im Aufmerksamkeitskapitalismus.

ihre Zukunft in der Vielfalt der Formate: Kurzclips mit Hal-

ordnen – im besten Fall sogar die Welt erklären.“

„Es ist fast ein Full-Time-Job“, sagt Johanna Kropfitsch und

tung, Podcasts mit Kontext, Essays mit Substanz. Gerhard

Trotz all der Kritik bietet diese Form der „Demokratisierung“

verweist damit auf den crossmedialen Spagat, den Künst-

Stöger bleibt optimistisch: „The Kids Are Alright – das hat in

aber auch eines: Die Möglichkeit zum Diskurs. Plattformen

ler*innen heute zwischen Plattformen, Formaten und Ziel-

der Popkultur lange gegolten. Vielleicht stimmt’s ja immer noch.“

wie TikTok sind nicht nur Promotionskanäle, sondern auch

gruppen leisten müssen. Ein Phänomen, das an die Worte

Denn letztlich bleibt eben diese Popkultur ein Raum der

Rechercheinstrumente, wie Johanna Kropfitsch betont: „Was

von Daniel Ek, CEO von Spotify erinnert, der einmal meinte,

Möglichkeit – ein Spiegel gesellschaftlicher Kämpfe, Sehn-

wird diskutiert? Was regt die Leute auf? Algorithmen fördern kont-

Musiker*innen müssten heute eben „mehr Output liefern“ –

süchte und Utopien. Ob auf 500 Zeichen oder 30.000, als

roverse Themen – der Journalismus muss darauf reagieren!“ Wer

ein Satz, der nicht nur kulturpessimistisch stimmt, sondern

TikTok-Content oder Essay: Die Frage ist nicht, ob Musik-

Heinrich Deisl | ©Manuel Zauner

in wenigen Sekunden Aufmerksamkeit erregen will, muss

auch entlarvend ökonomisch ist. Deisl fasst das Dilemma

kritik überlebt, sondern in welcher Form sie relevant bleibt.

den Kern treffen – pointiert, verständlich, emotional. Oder

mit den Worten „Musik ist zum Begleitmedium geworden“

Entscheidend ist, dass Kritik wieder mehr wagt. Denn das

wie Kropfitsch es ausdrückt: „TikTok ist nicht nur Musik – es ist

zusammen.

größte Risiko ist nicht das Fehlurteil, sondern das Schwei-

Meinung, Diskurs und Emotion. Und das in 30 Sekunden.“

Kritik als Ware im Klicktakt

Ein zentrales Problem in Verbindung mit dieser digitalen

Kritik als Echo der Gegenwart

Vielleicht muss die Zukunft der Musikkritik weder nostalgisch-heroisch

noch apokalyptisch sein. Vielleicht muss

gen. Oder wie Johanna Kropfitsch abschließend festhält:

„Man darf nicht aufhören, Haltung zu zeigen.“

NIKOLAUS SITAR

rem Konsumverhalten geführt. Gerade für unbekanntere

Dynamik, das sich durch alle Gespräche zieht, ist der mitein-

Künstler*innen bieten Instagram, TikTok & Co jedoch Chan-

hergehende ökonomische Druck. Wer über Musik schreibt,

cen, um ihre Musik an potenzielle Rezipient*innen zu ver-

tut das heute meist unter Zeitdruck, mit prekären Hono-

mitteln. Gleichzeitig besteht auch Gefahr, in der mit der Digi-

raren und das im ständigen Wettlauf mit der Echtzeitkom-

talisierung einhergehenden Informationsflut unterzugehen.

munikation sozialer Medien. Musikkritik wird beschleunigt,

Deisl beschreibt diesen Umstand wie folgt: „Spätestens seit

verdichtet, algorithmisiert. Gerhard Stöger nimmt ein Taylor

der Einführung von MP3 ist jeder Versuch, den Markt zu überbli-

Swift-Album als prägnantes Beispiel: „Wenn ein neues Album

cken, zum Scheitern verurteilt.“ Das Gegenmittel? Musikjour-

um 9 Uhr morgens erscheint, kann man sich sicher sein, dass um

nalist*innen? Musikkritiker*innen? Influencer*innen? Oder

10 nach 9 das Internet bereits mit Rezensionen überschwemmt

doch die Stimmen aus der Kommentarspalte?

wird.“ Was früher ein wochen- oder monatelanger Prozess

Wenn alle alles sagen können

war, wird heute zum „Speedwriting“ im Dienst der kollektiven

Erwartungshaltung. Substanz bleibt dabei oft auf der

Anders formuliert – wer darf und soll über Musik spre-

Strecke. Diese Eile hat Folgen: „Man muss so tun, als könnte

chen? Wenn wir beispielsweise den Musikjournalismus mit

man es [das Album] nach halbem Hören beurteilen“, so Stöger

Politberichterstattung vergleichen, wünschen wir uns doch

– und verweist damit auf ein Tempo, das mittlerweile vieler-

auch einen Artikel mit qualitativer Substanz … oder? Wir

orts zum Maßstab geworden ist. Klassische Musikkritik sei,

wünschen uns doch auch, dass der Leitartikel über die aktu-

so seine Diagnose, ein Opfer der digitalen Dringlichkeits-

ellen Geschehnisse im Gazastreifen von jemandem mit der

logik geworden – und werde zunehmend ersetzt durch das

entsprechenden Expertise geschrieben wurde … oder? Die

schnelle Urteil des Publikums.

Antithese dazu findet man allerdings recht schnell in Form

Und dennoch: Musikjournalismus war und ist ein Ort für

eines kurzen Blicks auf die Kommentarspalten der hiesigen

politische Intervention. Ob durch Rage against the Machine,

Zeitungen oder dem eigenen Social-Media-Feed. Hier ver-

Ton Steine Scherben oder Pussy Riot – Popkultur fungiert als

schenken wir nur allzu gerne unsere Aufmerksamkeit an

Möglichkeitsraum für alternative Lebensentwürfe. „Ich habe

36 Musikjournalismus im Spiegel der Netzkultur

Musikjournalismus im Spiegel der Netzkultur

37



Die Renaissance des

Fachjournalismus:

Wie Nischen-Newsletter

den Medienwandel prägen

Spezialisierte Newsletter erfreuen sich wachsender Beliebtheit

inmitten der täglichen Informationsflut. Woher dieser Trend

kommt, was sogenannte „Verticals“ so erfolgreich macht und

welche Zukunft sie in Österreich haben, erläutern Andy

Kaltenbrunner, Geschäftsführer des Medienhaus Wien, und

Bernhard Odehnal, Gründer des Online-Mediums Zwischenbrücken

im Gespräch mit SUMO.

FOTOS: EVA WINTERSBERGER & MARLENE SELENZ

In einer digitalen Medienwelt, die von Fake News überschwemmt

wird, in der KI-generierte Texte echte Recherche

imitieren und „Fast Journalism“ Tiefe opfert, sprießt

der Trend von Newslettern. Denn sie liefern das, wonach

sich viele Leser*innen sehnen: verlässliche Expertise statt

oberflächliche Klickköder.

Warum Verticals funktionieren

Doch was macht diese neue Form der Wissensvermittlung

so besonders und erfolgreich?

Bernhard Odehnal, Gründer des jungen Online-Magazins

Zwischenbrücken, erklärt im Interview, dass gerade der Nischenjournalismus,

wie die lokale

deutung der Zielgruppengenauigkeit, die Beziehung und

Vertrautheit von Verticals mit

ihren Leser*innen. Es käme

vor allem darauf an, die

richtige Lücke zu finden

und diese dann zu be-

„Ein Newsletter ist dann erfolgreich, wenn die

Leute diese Inhalte einfach sehen möchten.“

– Andy Kaltenbrunner.

Berichterstattung aus dem

spielen. „Ein Newslet-

Während große Medienunternehmen mit den Heraus-

2. und 20. Bezirk in Wien

ter ist dann erfolgreich,

forderungen des digitalen Wandels kämpfen, haben die

an hohem Interesse

wenn die Leute diese In-

„Um die Zielgruppe erstmals zu erreichen, helfen klassische

sogenannten „Verticals“ eine Nische gefunden. Als solche

gewinnt. „Man sieht

Andy Kaltenbrunner | © CMC-ÖAW

halte einfach sehen möch-

Mittel wie Mundpropaganda aber auch Werbung und Flyer“,

werden eine Art E-Mail-Newsletter bezeichnet, die sich

aus den großen Medien

ten“, erklärt Kaltenbrunner.

erklärt Bernhard Odehnal, der mit seinem Online-Medium

durch investigative und umfangreiche Recherche zu einem

spezifischen Fachthema auszeichnen und durch meist kostenpflichtige

Abonnements an eine interessierte Zielgruppe

versendet werden. Sie sind damit der Gegensatz zu klassischen

kommerziellen Newslettern, die laut einer Österreichischen

Werbemarkt-Studie der Österreichischen Post

Bernhard Odehnal | © Christopher Mavrič

ziemlich wenig Spezifisches

aus den Bezirken

Leopoldstadt und Brigittenau.

Mit Zwischenbrücken

möchte ich meine persönliche Leidenschaft

und Stärke der aufwändigen Recherche im Lokal-

Vor allem, da sie selbst ausgesucht

werden würden, sie somit stärker personalisiert werden

können und die Leserschaft richtig angesprochen wird

– das mache kostenpflichtige Nischen-Newsletter attraktiv.

Geheimrezept für eine interessierte Leserschaft

seit Mitte März bereits mehrere hunderte Newsletter-

Abonnent*innen für sich gewinnen konnte. Der Newsletter

ist dabei kostenlos und dient vor allem als Türöffner zur

Website. „Danach gilt es, gute und spannende Themen interessant

aufzubereiten und die Leserschaft vor allem in den ersten

Zeilen des Newsletters oder des Artikels abzuholen.“ Für ihn

im Juni 2024 von 43% der Österreicher*innen als störend

journalismus für die Bewohner*innen dieser Bezirke, wie junge

Ausschlaggebend für die Gründung des Lokal-Onlinema-

sei der Newsletter vor allem deswegen interessant, da Ab-

empfunden werden. Verticals wecken Interesse und setzen

Familien mit Kindern oder auch Zugezogene, einsetzen.“

gazins und Newsletter Zwischenbrücken sei laut Odehnal die

meldungen, Interaktionen und Öffnungen nachvollziehbar

sich durch.

wirtschaftliche und journalistische Situation gewesen. Er

gemacht, und dementsprechend optimiert werden kann.

Als Grund für den Erfolg ortet Odehnal auch die Möglich-

habe schon immer gerne an aufwändigen Recherchen ge-

Doch es sei nicht immer einfach. „Vor allem auf technischer

Was einst als amerikanischer Trend in den USA mit Politico

keit der Medienunternehmen selbst besser zu verstehen,

arbeitet, und wolle in einer Welt voller schnell verbreiteter

und wirtschaftlicher Ebene ist es zu Beginn eine Herausforde-

begann, erobert nun seit 2015 auch den europäischen Markt.

wie die Community agiert. Andy Kaltenbrunner, öster-

Falschinformationen auf sozialen Medien einen Journalis-

rung. Aber wenn man ein Thema findet, in dem man Expertise

Der deutsche Tagesspiegel zum Beispiel etablierte seine Back-

reichischer Journalist, Politikwissenschaftler, Medienfor-

mus schaffen, der Seriosität, Vertrauen und gesellschaft-

hat, und das nicht bedient wird, kann man etwas aufbauen und

ground-Briefings, die Süddeutsche Zeitung das SZ Dossier, die

scher und -entwickler und Geschäftsführer des Medienhaus

lichen Zusammenhalt stärken soll.

genau das habe ich gemacht“, erzählt Odehnal.

FAZ ihr F.AZ. PRO und in den Niederlanden wuchs ZETLAND.

Wien, betont in diesem Zusammenhang vor allem die Be-

38 Die Renaissance des Fachjournalismus

Die Renaissance des Fachjournalismus

39



Ein Erlösmodell, das greift

Abonnent*innen seien laut Kaltenbrunner besonders wegen

der hohen Personalisierung und Spezifikation der Themen

bereit dazu, hohe Mengen an Geld auszugeben. Aber auch

die Qualität der Geschichte und Aufbereitung der Themen

spiele eine große Rolle. Finanziert werde diese Form des

Journalismus laut dem Medienwissenschaftler hauptsächlich

durch den Verkauf des Stammproduktes, einem Marketinginteresse

oder auch durch Förderungen und Stiftungen.

Von 140 Euro für die Tagesspiegel-Verticals, gibt es im oberen

Bereich keine angesetzten Grenzen.

Bernhard Odehnal setzt mit Zwischenbrücken jetzt zu Beginn

auf eine Kombination aus Crowdfunding, Abonnements und

Fördermitteln. In Zukunft sollen auch vermehrt Werbepartner

zum Erlösmodell beitragen. Das Abomodell ist dabei

flexibel: abonniert werden kann monatlich oder jährlich – je

nach gewünschtem Umfang der Inhalte.

Nischenhafte Ergänzung, starke Konkurrenz

oder gar Tageszeitungen-Ersatz?

Ob weltanschauliche Newsletter, unternehmenspolitische

Fachbriefings oder auch religiös fokussierte Verticals: Die

Umsetzung des Journalismus ändere sich in der Ansprache,

im Umfang der Berichterstattung und der Informationen

über das Publikum und in der Vermarktung. Die Recherche

bleibe jedoch dieselbe, sind sich Kaltenbrunner und Odehnal

einig. Dem Journalismus und den Journalist*innen selbst

kann diese Art von Wissensvermittlung ebenfalls zugutekommen.

Kaltenbrunner meint dazu: „Wenn es die Chance

für Interaktion und Feedback gibt, können Newsletter durch

Transparenz das Vertrauen in Journalismus stärken.“ Dennoch

glaubt er nicht daran, dass Verticals eines Tages klassische

Medien wie Tageszeitungen oder auch General Interest

Onlinemedien vollständig ersetzen werden, da sie nicht dieselbe

Funktion hätten.

Was sich jedoch verändert: „Hochspezialisierte Produkte können

durchaus große Konkurrenz sein und beispielsweise kleine

Nischenzeitungen ersetzen.“ Jedoch wird diese Art von Journalismus

eher ein Zusatzinstrument darstellen, bei welchem

es gilt, die richtige Nische zu finden und das richtige Publikum

für sich zu gewinnen. Auch der Zwischenbrücken-Gründer

Odehnal meint: „Herkömmliche gedruckte Tageszeitungen

werden wohl in den nächsten Jahren verschwinden, jedoch gibt

es noch kein Modell, wie Online-Medien ihre Redaktionen dann

finanzieren.“ Denn obwohl das Interesse da ist, sei die Zahlungsbereitschaft

im Netz nach wie vor begrenzt und die

Umsätze schwer zu generieren.

Spezialisierte Newsletter sind weit mehr als nur ein digitaler

Trend. Sie stehen für eine Rückbesinnung auf Qualität,

Relevanz und Nähe im Journalismus. In einer Medienwelt,

die oft von Geschwindigkeit und Massenkommunikation

geprägt ist, schaffen sie Raum für Tiefe und persönliche

Ansprache. Sie sind keine Konkurrenz zu sozialen Medien

oder traditionellen klassischen Medien, sondern vielmehr

ein ergänzendes Format, das besonders für kleinere Zielgruppen

enormes Potenzial birgt. In einer schnelllebigen

Welt werden Personalisierung und Individualisierung immer

beliebter und Verticals zeigen, dass journalistischer Mehrwert

dort entstehen kann, wo Expertise auf Vertrauen trifft.

ANNA WEISSENBACH

Magdi Magdi Artikel Artikel

Wie Wahrheit nicht zur

Nebensache wird

Fake News verbreiten sich im Schnitt im Internet sechsmal schneller als

die Wahrheit. Manipulierte Bilder, erfundene Geschichten oder

Deepfakes – Desinformationen haben die Macht, Menschen zu

beeinflussen und das Vertrauen in Medienhäuser zu verletzen. Wie

erkennt man solche Fake News und wie wird gegen sie vorgegangen? Ist

das noch möglich? SUMO sprach mit Florian Danner, Reporter bei

ProSiebenSat1 Puls4 und Florian Schmidt, Faktenchecker bei der APA,

über die Herausforderungen der heutigen Journalist*innen.

FOTOS: PHILIPP WADSAK

Als Journalist bei ProSiebenSat.1 Puls4 begegnet

Florian Danner täglich verschiedensten Formen

von Desinformation. Er kennt die Dynamiken aus

dem redaktionellen Alltag und erlebt, wie schwierig

es ist, mit der Geschwindigkeit von Fake News Schritt

zu halten. Florian Schmidt ist Faktenchecker bei der APA.

Täglich prüft er, ob Meldungen, Bilder, Videos oder Tonaufnahmen

der Wahrheit entsprechen. Dabei ist es besonders

wichtig, journalistische Fehler von gezielter Desinforma-

tion zu differenzieren: „Der Unterschied liegt ganz klar in der

Absicht: Falschinformationen, die bewusst verbreitet werden,

verfolgen kein Ziel der Korrektur – sie sind gezielt irreführend.“

Ob politische Kampagnen, skurrile Satire oder raffinierter

Betrug – Fake News gibt es in vielen Formen. Laut Definition

spricht man jedoch nur dann von Fake News, wenn

eine bewusste Täuschungsabsicht vorliegt. Im normalen

Sprachgebrauch heute wird das Label aber wesentlich

40 Die Renaissance des Fachjournalismus

Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird

41



Florian Danner | © PULS4

Florian Schmidt | © APA

umfassender verwendet. Bekanntheit erreichte der Begriff

„Fake News“ durch den nunmehrigen US Präsidenten

Donald Trump. Dieser führte schon in seiner letzten

Amtsperiode die sogenannten ‚Fake News Awards ein. Diese

„Auszeichnung“ vergab er einerseits für Beiträge mit

journalistischen Fehlern (die zeitnah berichtigt wurden),

andererseits aber auch für journalistische Beiträge, deren

Inhalte ihm unliebsam waren. Ziel: Die Glaubwürdigkeit

kritischer Medien infrage zu stellen, um so die Darstellungen

durch parteiische Medienhäuser zu stärken.

Präzision und Faktencheck sind nicht eben die Zuschreibungen,

die Florian Danner einfallen, wenn man ihn nach Donald

Trump fragt: „Wir berichten durch Trump sehr häufig über

Fake News, weil da natürlich, vor allem im Wahlkampf, viel gekommen

ist und es die aktuelle Administration in Amerika auch

nicht so genau nimmt mit der Wahrheit. Seit Trump Präsident

ist, vergeht eigentlich kein Tag, an dem wir nicht auch darüber

berichten, was von dort daherkommt.“

Das Gefährliche daran ist, dass sich Fake News im digitalen

Raum viel schneller verbreiten. Besonders über soziale

Netzwerke erreichen sie Massen noch bevor seriöse Medien

reagieren können. Wie eine Studie der Süddeutschen

Zeitung aus dem Jahr 2018 zeigt, erreicht die Richtigstellung

eines Beitrags gerade mal 1/6 der ursprünglichen

Empfänger*innen. Dabei wurden 126.000 Nachrichten

von X (damals Twitter) ausgewertet und analysiert. Fake

News lassen ein verzerrtes Abbild der Realität entstehen,

das auch das Vertrauen in Medien langfristig untergräbt.

Vertrauen in Medien –

eine Frage der Haltung

Florian Danner berichtet aus seinem Redaktionsalltag, dass

besonders während der Corona-Pandemie deutlich wurde,

wie polarisiert das Meinungsklima geworden ist: „Corona

war, finde ich, eine sehr schwierige Zeit für alle Medienhäuser.

Sobald wir einen Virologen im Frühstücksfernsehen als Experten

eingeladen hatten, gab es Kritik. Im Nachhinein hat natürlich

manches von deren Einschätzung nicht gestimmt, aber sie

haben uns damals den aktuellen Wissensstand mitgegeben.

Damals hat es aber viele Menschen gegeben, die einfach schon

bewusst gesagt haben: ‚Nein der ist Virologe, der sagt sicher

einen Blödsinn‘. Das war ihre Grundeinstellung.“

Die Konsequenz: Seriöse Berichterstattung wird zunehmend

hinterfragt, während fragwürdige Quellen unreflektiert

geteilt werden. Dieser Trend wird durch Influencer*innen

auf Plattformen wie TikTok, YouTube oder X verstärkt

und beschleunigt. Klassische Medienhäuser kämpfen dagegen

mit begrenzter Reichweite und geringer werdenden

Ressourcen. Danner: „Gerade auf TikTok verbreiten sich

Falschinformationen so rasant, dass wir gar nicht hinterherkommen.“

Auch Schmidt sieht das ähnlich: „Gegen die

Ausbreitung können wir [APA] recht wenig machen. Die APA

ist derzeit noch in einer Kooperation mit Meta. Auf anderen

Plattformen gibt es Community Notes und dann gibt es Plattformen,

wo gar nichts bezüglich der Faktenchecks passiert.“

Faktencheck unter Zeitdruck

In der Praxis unterscheiden sich redaktioneller Alltag und

gezielter Faktencheck oft kaum – vor allem, was das Ziel betrifft:

Informationen verifizieren und bei Gegebenheit richtigstellen.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Wie auch

WordStream 2024 feststellt, werden allein auf Instagram fast

100 Millionen Beiträge pro Tag veröffentlicht – Tendenz

steigend. Danner bringt es auf den Punkt: „Der Faktencheck

ist in den meisten Fällen nicht die beste Variante, um Fake News

zu enttarnen. Oder sagen wir so: Eine zu langsame Variante für

viele Fälle. Wenn einmal was im Umlauf ist, verbreitet sich das so

rasch, da kommt man mit dem Faktencheck nicht nach.“

Auch Schmidt stimmt dieser Ansicht zu: „Ein schneller Faktencheck

dauert 30 Minuten. Bei aufwendigeren Themen kann

es aber auch mehrere Tage dauern, bis wir alle Fakten überprüft

haben.“ Es müsste in der Gesellschaft ein Bewusstsein geschaffen

werden, um gemeinsam gegen dieses so relevante

Thema vorzugehen. Man könnte sich das wie bei einer Herdenimmunität

vorstellen: Sind genug Personen, also ein gewisser

Prozentsatz, geimpft oder infiziert, sind indirekt alle

weiteren geschützt und die Krankheit oder in diesem Fall die

Falschmeldung, breitet sich nicht mehr aus. Aktuell fehlt es

nicht nur an Zeit und Geld, um dieses Mindset zu vermitteln,

sondern auch am Interesse der Bevölkerung. Dazu Schmidt:

„Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, wie man mit Informationen

im Netz umgeht und wie man Quellen überprüft.“

Wie Journalist*innen prüfen –

und wo ihre Grenzen liegen

Große Medienhäuser setzen zunehmend auf strukturierte

Verifizierungsprozesse – etwa durch eigene Faktencheck-

Teams oder externe Quellen wie Correctiv, Mimikama oder

Zahlen der Statistik Austria. Diese liefern objektive Daten

und helfen dabei, Narrative einzuordnen. Auf die Frage, ob

es möglich sei, Faktenchecks mithilfe einer KI zu Automatisieren,

sagt Schmidt: „Eigentlich nicht, weil Fact Checking wirklich

so individuell und herausfordernd ist. Es braucht sehr viel

menschliches Denken und das wird immer zeitintensiv bleiben.“

Wahrheit als Arbeit – nicht als Zustand

Der Kampf gegen Fake News ist kein Sprint, sondern ein Marathon.

Und manchmal fühlt er sich eher wie ein Staffellauf

an – zwischen Redaktion, Faktencheck, Expert*innen und

Rezipient*innen. In einer Medienwelt, die sich im Sekundentakt

verändert, bleibt nur eines konstant: die Notwendigkeit,

genauer hinzuschauen – und nicht nur für Redaktionen

der großen Medienhäuser, sondern auch für jeden Einzelnen

von uns. Denn wer Informationen kritisch hinterfragt, trägt

dazu bei, dass Wahrheit nicht zur Nebensache wird.

Oder wie Florian Danner es ausdrückt: „Low-Information-

Leute, die die Politik ja mittlerweile schon als sehr einfach zu

beeinflussende Zielgruppe entdeckt hat, sind wahrscheinlich die,

auf die man sich am meisten konzentrieren muss. Und da, glaube

ich, spielt das Thema noch eine viel zu geringe Rolle.“

PHILIPP WADSAK

42 Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird

Wie Wahrheit nicht zur Nebensache wird

43



Kann Qualität trotz Algorithmus

funktionieren?

SUMO sprach mit Antonia Tize, Social Media Managerin bei der Verlagsgesellschaft Der

Standard, und der freien Kulturjournalistin Livia Lergenmüller. Zwei Stimmen – ein

gemeinsamer Gegenstand: Wie wollen wir informiert werden – und zu welchem Preis?

FOTO: JULIUS NAGEL

Ein Blick auf meine For You Page – und ich kenne mich

aus? Dachte ich jedenfalls. Denn was ich dort sehe –

ZIB, ARD, Standard, die kenne ich doch alle, aus dem

Fernsehen oder von zuhause – also alles gut, oder?

Nachrichten erreichen mich nicht mehr per Zeitung oder Radiostimme,

sondern im Vorbeiscrollen, zwischen Lip Syncs

und Rezeptvideos. Analysen, Kommentare, Mini-Reportagen

– serviert in mundgerechten 30 Sekunden Häppchen.

Und das sogar in einer Sprache, die jeder versteht und

mühelos wirkt. Fast zu mühelos. Doch was ist das eigent-

gebrochen. Ihre Mission:

Kulturjournalismus

jene, die sonst keinen

Zugang hätten.

Denn zur Wahrheit

gehört auch: nicht jeder

wächst mit dem

Standard oder der FAZ

für

auf dem Frühstückstisch

auf.

Livia Lergenmüller | © David-Pierce Brill

lich? Journalismus – oder bereits seine Simulation? Und viel

Dabei bleibt es nicht bei Persona-

drängender: Kann ich das alles ernst nehmen?

lien und Glanzmomenten der Hochkultur. Auch verästelte

Vom Newsdesk zum Feed:

Wie sich der Journalismus neu erfindet

Debatten, wie jene um den Verleger Siegfried Unseld, finden

hier ihren Platz – freilich in radikaler Verdichtung. Doch

reicht das aus?

„Unsere Abteilung ist mehr Teil des Verlags als Teil der Redaktion“,

sagt Antonia Tize. Es ist ein Satz, der mehr über

die strukturellen Brüche unserer Medienlandschaft verrät

Zwischen Zuspitzung und Verlust:

Die Ambivalenz der Plattform

als manch lange Analyse. Social Media bei Der Standard

Wird Social Media zur Hauptbühne des Journalismus? Viel-

war einst ein Nachbau klassischer Inhalte. Onlinebeiträge

leicht ist es das längst, zumindest für mittlerweile mehr als

wurden einst einfach doppel-

nur eine Generation.

verwertet. Heute ist es ein

eigenständiger publizisti-

Beide Gesprächspartnerinnen deuten es an – vorsichtig,

scher Kosmos. Tize und

aber bestimmt.

aufgeschlagen hätten. „Wir sprechen dort auch jene an, die nie

Antonia Tize entscheidet oft nach Gefühl. Dann entsteht ein

ihr kleines Team recher-

„Die Plattformlogik verlangt Zuspitzung – das widerspricht

mit dem Standard oder überhaupt mit Journalismus in Kontakt

kurzer News Clip, manchmal auch eine längere Reportage

Antonia Tize | © Lukas Friesenbichler

chieren, texten, filmen,

eigentlich dem, was Journalismus leisten soll“, sagt Livia Ler-

kamen“, sagt Antonia Tize – und meint damit nicht nur die

– etwa über den Schlachthof oder den Opernball. In Aus-

vertonen. In Summe

genmüller. Denn wenn aus einer Print-Doppelseite nur noch

Jüngsten, sondern auch die Stilleren, Ungehörten, mit gerin-

nahmefällen landen diese Beiträge auch auf der Webseite.

zählt das Social Media

zwei Sätze bleiben, weil sie sich viral eignen – was bleibt

geren Zugängen zum klassischen Print- & Onlinejournalis-

Aber vieles bleibt dort, wo es begonnen hat: im Strom der

Team von Der Standard drei

dann vom Inhalt? Reicht das aus?

mus. Ein Publikum, das früher kaum erreicht wurde – und

Plattform.

Personen, wobei Antonia Tize

Der Preis der Sichtbarkeit ist hoch. Denn Sichtbarkeit be-

heute scrollt.

die einzige Vollzeit-Angestellte ist.

deutet nicht automatisch Wahrheit. Und Relevanz wird

Livia Lergenmüller beschreibt ihren Arbeitsprozess als Ver-

Vollzeit Social Media Journalistin sozusagen. Die gesamte

ersetzt durch Reichweite.

Beide eint die Überzeugung: Ohne Social-Media-Plattfor-

suchsanordnung: Was funktioniert, ohne banal zu sein?

Redaktion der Tageszeitung umfasst hingegen 180 Perso-

men verliert Journalismus an Publikum – mit ihnen aber

Was ist zugespitzt, ohne entstellend zu wirken? „Ich lese

nen – die Reichweite der einzelnen Videos auf Instagram &

Antonia Tize kennt dieses Spannungsfeld. Sie weiß, dass

droht er – gegebenenfalls – sich selbst zu verlieren.

acht, neun Feuilletontexte – und wähle dann zwei Sätze. Kürzer

Co zählen nicht selten sechs bis sieben Nullen!

Und sie publizieren – oft, bevor der eigentliche redaktionelle

Artikel für Online und Print überhaupt geschrieben ist oder

voll und ganz unabhängig vom Rest des Blattes.

Auch Livia Lergenmüller agiert jenseits traditioneller Re-

TikTok kein Monetarisierungswunder ist. Aber sie glaubt an

den strategischen Wert: „Vielleicht schließt jemand in zehn

Jahren ein Abo ab, weil er uns heute auf TikTok sieht.“ Social

Media ist für sie kein Nebenkanal – sondern ein Weg, junge

Menschen überhaupt wieder in Berührung mit Journalismus

Zwischen TikTok und Ticker:

Die Praxis eines fragilen Spagats

In der Social-Media-Redaktion von Der Standard beginnt der

Tag mit einem Blick auf die Chronik. Was ist passiert, was

geht’s kaum.“ Das Ziel ist klar formuliert: mehr Menschen für

journalistisch-kulturelle Inhalte zu gewinnen.

Kritik an der Plattformlogik:

Wenn Sichtbarkeit wichtiger wird als Substanz

daktionsstuben. Mit ihrem Kanal dasfoejetong bringt sie das

zu bringen. Für beide Journalistinnen liegt in Social Me-

passt zur Community, was lässt sich erzählen – und zwar

Spätestens hier beginnt die eigentliche Debatte – eine, die

Feuilleton auf TikTok und Instagram. Ihre Form: die Presse-

dia eine stille Demokratisierung: Inhalte erreichen plötzlich

so, dass man nicht überblättert – Entschuldigung – über-

tiefer reicht als jede Formatfrage. Livia Lergenmüller spricht

schau. Ihr Stil: pointiert, zugespitzt, nicht selten ironisch

Menschen, die nie eine Zeitung abonniert, geschweige denn

scrollt wird?

das aus, was viele nur leise ahnen: „Es ist gefährlich, wenn

44 Kann Qualität im Algorithmus funktionieren?

Kann Qualität im Algorithmus funktionieren?

45



journalistische Inhalte nicht mehr nach Qualität, sondern nach

Klickwahrscheinlichkeit ausgespielt werden.“ In einer Welt, in

der Algorithmen regieren, wird nicht das Relevante gesehen,

sondern das, was provoziert. Und manchmal reicht ein einziges

Wort – Trump, Gaza, Klimakrise – um einen Beitrag in

der Versenkung verschwinden zu lassen.

Oder wie Antonia Tize sagt

„- Algorithmus halt, nh?

- Algorithmus halt ja.!

- Algorithmus halt.

- Schönes Zitat!“

Der Algorithmus, das Playbook wonach wir alle derzeit unser

„Wenn Plattformen entscheiden, was gesehen

wird, geht es nicht mehr um Relevanz, sondern

nur noch um Sichtbarkeit.“

– Livia Lergenmüller.

digitales Leben ausrichten. Der Faktor X bei jedem Schritt

online und nur ein paar wenige Männer – hier ist, blickt man

auf die CEOs der großen Plattformen, kein Gendern notwendig

– haben ihn in der Hand.

Logisch haben wir Meinungsfreiheit!

Was uns nicht passt, streichen wir aber trotzdem. Kann

qualitativer, unabhängiger Journalismus auf solchem Boden

funktionieren?

Antonia Tize kennt die Dynamik. Sie weiß, dass Reibung

Reichweite bringt. „Wenn sich Menschen in den Kommentaren

reiben, wird der Content sichtbar“, sagt sie – und es klingt fast

wie ein Gesetz. Doch was heißt das für Inhalte, die nicht laut

und provokativ sind? Für Differenzierungen, für Zwischentöne?

Lergenmüller bringt es auf den Punkt: „Wenn Plattformen

entscheiden, was gesehen wird, geht es nicht mehr um Relevanz,

sondern nur noch um Sichtbarkeit.“ Ein Satz wie ein Alarmzeichen

– und zugleich ein Hinweis auf das Dilemma eines

Berufsstands, der sich zunehmend zwischen Aufmerksamkeitsökonomie

und Informationsauftrag aufreibt.

Fest steht: Ohne Social Media verlieren Redaktionen den

Anschluss an eine ganze Generation und die nächsten folgen.

Aber mit ihnen – und ihren Regeln – droht ihnen, ausgerechnet

das zu verlieren, was Journalismus einst ausgezeichnet

hat: Haltung, Unabhängigkeit, und ja – auch eine gewisse Stille.

Zum Abschluss

Vielleicht ist es naiv, zu glauben, Journalismus könne inmitten

algorithmischer Interessen neutral bleiben. Vielleicht

muss er sich – wie so vieles – neu erfinden. Aber vielleicht,

und das ist die Hoffnung, gelingt genau dort, auf Instagram

und TikTok, etwas Erstaunliches: Dass sich neue Öffentlichkeiten

bilden. Dass Journalismus eine andere Sprache findet.

Und doch dieselbe Aufgabe erfüllt.

JULIUS NAGEL

04

„We are drowning in information,

but starved for knowledge.“

John Naisbitt

©SARA LEUTGEB

46 Kann Qualität im Algorithmus funktionieren? Nichts wissen macht auch nichts 47



Gefangen in der Bubble:

Wie Algorithmen unsere

Sicht auf die Welt formen

Personalisierte Inhalte prägen unseren digitalen Alltag – und das oft unbemerkt. Aber wie entstehen

diese Filterblasen auf Social Media – und welche Folgen haben sie? SUMO sprach mit Julia Neidhardt

von der TU Wien und Charlotte Spencer-Smith von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

(ÖAW)/Universität Klagenfurt. Beide Expertinnen teilten ihre Einschätzungen über die Wirkung von

Algorithmen und welche Wege aus diesen digitalen Strukturen führen könnten.

FOTOS: MAGDALENA LUEGER UND SARA LEUTGEB

Der Begriff „Filterblase“ wurde 2011 vom US-Autor

Eli Pariser geprägt. Er beschreibt damit das

Phänomen, dass Nutzer*innen online zunehmend

Inhalte sehen, die zu ihren bisherigen Ansichten

passen. Dahinter stehen Algorithmen, die auf Verhalten,

Vorlieben und Interaktionen reagieren. Plattformen wie Tik-

Tok und Instagram analysieren, was geliked, kommentiert

oder geteilt wird, und treffen daraus Vorhersagen. Inhalte,

die nicht zum Profil passen, verschwinden zunehmend aus

dem Feed. So entstehen digitale Komfortzonen, in denen

Vielfalt und Widerspruch kaum noch eine Rolle spielen.

Doch nicht nur Algorithmen formen diese Blasen. Auch das

eigene Verhalten – etwa das bewusste Ausblenden unbequemer

Themen – trägt zur Bildung einseitiger Informationswelten

bei. „Wenn man dem Algorithmus immer wieder

zeigt, dass einen etwas interessiert, wird genau dieses Thema

häufiger angezeigt – während andere Inhalte zunehmend in

den Hintergrund treten“, sagt Julia Neidhardt, die am Christian-Doppler-Lab

for Recommender Systems an der TU Wien zu

algorithmischer Personalisierung und digitalem Nutzerverhalten

forscht.

Hinzu kommt der soziale Faktor: Während Filterblasen algorithmisch

erzeugt werden, beruhen Echokammern auf

gruppendynamischen Prozessen. „Filterblasen meinen eher

eine algorithmische Vorselektion von Themen, während Echokammern

soziale Räume sind, in denen sich Gleichgesinnte

gegenseitig bestärken“, erklärt Charlotte Spencer-Smith, die

am Institute for Comparative Media and Communication Studies

der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der

Universität Klagenfurt zu digitaler Öffentlichkeit und politischer

Kommunikation, forscht.

Langfristig verändert diese digitale Selbstbestätigung nicht

nur, was wir sehen – sondern auch, wie wir denken. Charlotte

Spencer-Smith warnt: „Wenn ich gar nicht mehr damit

konfrontiert bin, dass auch jemand anderer Meinung sein kann

– dann habe ich das Gefühl, dass alle so denken wie ich.“

Das könne sich verfestigen, sagt sie – mit Folgen für gesellschaftliche

Debatten und gegenseitiges Verständnis.

Algorithmus auf Autopilot

Besonders dynamisch zeigen sich Filterblasen auf Plattformen

wie TikTok und Instagram. Der genaue Aufbau des

Empfehlungssystems ist ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis.

„TikTok ist vermutlich eine der Plattformen, auf der

algorithmische Systeme den größten Einfluss haben – und

gleichzeitig eine der undurchsichtigsten, was ihre Algorithmen

betrifft“, erklärt Julia Neidhardt.

Auch bei Instagram zeigt sich ein ähnliches Muster: Reels,

Beiträge und Storys aus fremden Quellen mischen sich zunehmend

unter die Inhalte von abonnierten Accounts. Entscheidend

ist, was gefällt – nicht, was zum demokratischen

Diskurs beiträgt. Das macht beide Plattformen besonders

anfällig für einseitige Informationswelten. Zusätzlich bleibt

Julia Neidhardt | ©Amélie Chapalain / TU Wien Informatics

Charlotte Spencer-Smith | © Daniel Hinterramskogler

durch die Kürze vieler Beiträge wenig Raum für Kontext

oder Einordnung. Das Ergebnis sind Schlagworte, keine

differenzierte Auseinandersetzung. Projekte wie das EUgeförderte

Twin of Online Social Networks (TWON) versuchen

deshalb, die Funktionsweise von Empfehlungsalgorithmen

systematisch sichtbar zu machen. TWON ist ein interdisziplinäres

Forschungsprojekt, das vom Forschungszentrum

Informatik (FZI) in Karlsruhe koordiniert wird und unter anderem

von Wissenschaftler*innen aus der Informatik und Medienforschung

getragen wird. Mithilfe sogenannter digitaler

Zwillinge – künstlich erzeugter Nutzerprofile – analysiert

das Team, wie sich verschiedene Verhaltensweisen auf die

Auswahl und Sichtbarkeit von Inhalten auf Plattformen wie

TikTok oder YouTube auswirken. Ziel ist es, algorithmische

Logiken besser zu verstehen – und langfristig fairer und

transparenter zu gestalten.

Was die Forschung (nicht) beweisen kann

Die Vorstellung, in einer Filterblase gefangen zu sein, klingt

alarmierend – wissenschaftlich belegt ist sie aber nur bedingt.

Studien wie jene des Kommunikationswissenschaftlers

Axel Bruns (2019) zeigen, dass Filterblasen und Echokammern

zwar real sind, ihre Wirkung auf gesellschaftliche

Polarisierung jedoch oft überschätzt wird. Bruns zufolge

spielen soziale, politische und psychologische Faktoren eine

deutlich größere Rolle als algorithmische Logiken allein.

Auch Charlotte Spencer-Smith warnt davor, die Verantwortung

einseitig den Plattformen zuzuschreiben: „Diese Idee,

48 Gefangen in der Bubble

Gefangen in der Bubble

49



dass Polarisierung allein von Algorithmen kommt, halte ich für sehr

verkürzt.“ Vielmehr entstehe sie aus dem Zusammenspiel technischer

Strukturen und gesellschaftlicher Dynamiken.

Zudem gibt Neidhardt zu bedenken: „Die Nutzung ist meist nicht

auf eine Plattform wie TikTok oder YouTube beschränkt. In der Regel

ist der Medienkonsum stark durchmischt.“ Digitale Informationswelten

seien daher oft komplexer, als es in öffentlichen Debatten

erscheint.

Verantwortung und Handlungsspielräume

Dennoch stellt sich bei diesem komplexen Thema die Frage:

Braucht es nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche

Antworten?

„Vielfalt ist ein Qualitätskriterium, das in Recommender-Systemen

bisher zu wenig berücksichtigt wird“, betont Julia Neidhardt. Sie

plädiert dafür, Empfehlungssysteme künftig nicht allein an

Klickzahlen und Verweildauer auszurichten, sondern auch inhaltliche

Diversität aktiv einzubauen. Technisch wäre das möglich

– entscheidend sei der Wille der Plattformen.

Auch auf politischer Ebene gibt es erste Ansätze: Seit Februar

2024 ist der Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union in

Kraft. Er verpflichtet große Plattformen zu mehr Transparenz

über ihre Algorithmen und ermöglicht es Nutzer*innen, sich

Inhalte auch nicht-personalisiert anzeigen zu lassen. Für Charlotte

Spencer-Smith ist dies ein wichtiger Schritt – allerdings

reicht Transparenz allein nicht aus. Sie erklärt, dass Plattformen

zwar weiterhin nicht unmittelbar für illegale Inhalte haften, solange

ihnen diese nicht bekannt sind. Doch der DSA verpflichtet

sie mittlerweile dazu, systematische Risiken – etwa für die

öffentliche Sicherheit oder demokratische Prozesse – zu identifizieren

und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. „Plattformen

dürfen nach wie vor moderieren und sortieren, wie sie wollen – aber

mit dem DSA gibt es zumindest eine rechtliche Grundlage, um gegen

Risiken wie Polarisierung vorzugehen“, so Spencer-Smith. Offen

bleibe jedoch, wie effektiv diese Vorgaben in der Praxis durchgesetzt

werden – insbesondere unter politischem Druck.

Wer entscheidet,

was wir wissen müssen?

Nachrichtenagenturen ebenso wie Nachrichtenredaktionen entscheiden täglich, welche Informationen

als „wichtig“ gelten. Doch wer genau trifft diese Entscheidungen? Und nach welchen Kriterien? Im

Interview mit SUMO erzählt Manuel Kerzner, Data Scientist und Content Creator bei der APA, über die

Tätigkeiten einer Nachrichtenagentur, während Chefredakteurin Claudia Schubert einen Einblick in die

Auswahlstrategien der Nachrichtenredaktion des ORF Niederösterreich gewährt.

Digitale Muster sichtbar machen

Langfristig, so sind sich beide Expertinnen einig, wird es auf

eine Kombination ankommen: Auf technische Anpassungen

der Plattformen ebenso wie auf regulatorische Vorgaben – und

auf eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Rolle als mündige

Informationsnutzer*innen bewusst ist. Denn digitale Informationsräume

formen nicht nur unser Wissen – sie beeinflussen

auch, wie wir die Welt sehen und wie wir gesellschaftliche Zukunft

gestalten.

MAGDALENA LUEGER

FOTOS: LOUISA MARCHHART

Ereignisse, Informationen und Nachrichten im Überfluss

– via Internet und sozialer Medien ist das

rund um die Uhr möglich. Diese Massen an Output

können traditionelle Medien wie Zeitungen und

Zeitschriften, Radiostationen und Fernsehanstalten nicht

liefern. Ihr gesendetes bzw. gedrucktes Angebot ist begrenzt,

was dafür sorgt, dass das Wichtigste und somit

nur ein Bruchteil aus dieser Flut an Inhalten herausgefiltert

werden muss. Aus den einst als Flaschenhals agierenden

Gatekeepern für Information ist schon längst die Rolle

der Orientierung bietenden Wegweiser geworden. Damit

stellt sich die Frage: Was ist „das Wichtigste“? Und wer

entscheidet, was wir wissen müssen? Denn: Berichten

Medien nicht über ein Ereignis, existiert es für viele Menschen

nicht. Was objektiv betrachtet wissens- und erzählenswert

ist, darüber lässt sich streiten, jedoch gibt es dazu

wissenschaftliche Theorien.

Der Wert einer Nachricht

Nachrichtenfaktoren verleihen den Nachrichten ihren Wert

und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Journalist*innen

darüber berichten. Den Begriff „news value“ warf der USamerikanische

Journalist und Publizist Walter Lippmann

erstmals 1922 auf. Seine Arbeit stellt den Wegbereiter

der weiter auch von Galtung und Ruge sowie Schulz

maßgeblich geprägten Nachrichtenwertforschung dar.

Demnach werden die Nachrichtenwerte in sechs Dimensionen

unterteilt:

50 Gefangen in der Bubble

Wer entscheidet, was wir wissen müssen?

51



1. Zeit: Die Dauer eines Ereignisses sowie die Thematisie-

list*innen: Face-To-Face-Gespräche, Pressekonferenzen

Weiters stellen anstehende Termine und große Ereignisse,

Wer entscheidet nun, was wir wissen müssen? Der ORF?

rung beeinflussen seinen Nachrichtenwert.

oder -aussendungen stellen Quellen dar, auch mediale In-

etwa aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport und Chronik, eine

„Nein der ORF Niederösterreich entscheidet nicht, was wir wis-

2. Nähe: Je näher eine Begebenheit geografisch, politisch

halte können die Basis für eine APA-Meldung sein.

essenzielle Rolle in der Berichterstattung dar.

sen müssen in Niederösterreich“, erklärt Claudia Schubert.

oder kulturell empfunden wird und dadurch relevanter für

Was die APA ausmacht, ist ihre Vertrauenswürdigkeit. In-

Da es sich um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk handelt,

Vielmehr versuche der ORF, ein möglichst breites Bild des

das Publikum ist, desto eher wird darüber berichtet.

formationen werden als geprüft und faktenbasiert gekenn-

beeinflusst der ORF-Auftrag die Selektionsprozesse in der

Geschehens in diesem Land abzubilden. Womit sich die

3. Status: Regionale sowie nationale Zentralität, promi-

zeichnet. Als Vorteil dieser Prüfung nennt Manuel Kerzner,

Redaktion. Große Bedeutung komme dabei einem ausgewo-

Rezipient*innen näher beschäftigen, bleibt ihnen letztend-

nente Personen sowie persönlicher Einfluss der Beteiligten

dass es sich bei den Journalist*innen um ausgebildete Ex-

genen Überblick über das Geschehen im Land sowie dem Er-

lich selbst überlassen. Ist es also die APA, die unser Wis-

erhöhen die mediale Gewichtung.

pert*innen im jeweiligen Fachbereich handle, deren Instru-

klären komplexer Themen zu. Die reißerischste Schlagzeile

sen verantwortet? Als Antwort auf diese Frage bezeichnet

4. Dynamik: Der Überraschungsfaktor sowie die Struktur

mente es ihnen ermöglichen, Nachrichten zu validieren. „Da

sei hier weniger ausschlaggebend, erklärt Claudia Schubert.

Manuel Kerzner die APA als „so etwas wie einen Demo-

(einfach oder komplex) eines Geschehnisses, wirken sich auf

fließt ganz viel Erfahrung, jahrelange, jahrzehntelange Erfahrung

Rückmeldungen aus dem Publikum eröffnen einen wesent-

kratie-Dienstleister“. Sie liefere eine Basis für informierte

dessen Nachrichtenwert aus.

mit ein, die einen ganz eigenen Wert für sich darstellt.“ Wie

lichen Blickwinkel, weshalb Feedback der Rezipient*innen

Bürger*innen, die aus ihrem konsumierten Wissen heraus

5. Valenz: Konflikte, Kriminalität, Schäden, aber auch Erfolge

die Informationen für die Medien aufbereitet werden, ist

gerne in den Redaktionssitzungen thematisiert wird: „Weil

eine demokratische Entscheidung treffen können – für sich

erzeugen starke Emotionen und erhöhen damit das Interes-

ressortabhängig. Eine Sportberichterstattung sei anders

ich es für wichtig halte, dass wir als Nachrichtenmacherinnen

selbst sowie für die Gesellschaft. „Und das ist, finde ich, eine

se der Medien.

aufgebaut als eine Politikberichterstattung. Außerdem zu

und -macher auch wissen, wie es da draußen auch ankommt“,

der schönsten Aufgaben, die man in der APA haben kann, dass

6. Identifikation: Wenn Ereignisse durch persönliche oder

beachten sei die Bedürfniskategorie: Dient die Meldung

begründet die Redakteurin.

man sich daran beteiligt.“

kulturelle Bezüge nachvollziehbar werden, erleichtert das

als klassisches News-Update oder handelt es sich um eine

den Zugang für das Publikum.

Hintergrundgeschichte?

LOUISA MARCHHART

Soweit die Theorie; doch wie sehr spiegelt sich diese im All-

Die Auswahl der Nachrichten passiert bei der APA immer

tag der Medienunternehmen wider? Eine Zwischeninstanz

im Austausch, Manuel Kerzner erläutert: „Wir arbeiten sehr

im Prozess zwischen Ereignis und Veröffentlichung stellen

oft auch ressortübergreifend.“ Nachrichtenfaktoren finden

jedenfalls die Nachrichtenagenturen dar.

laut dem Data Scientist definitiv in der Praxis Anwendung.

Am Anfang steht die APA

Die standardisierte Relevanzbewertung sei ein elementarer

Bestandteil beim Filtern des Stroms an Nachrichten. Doch

Nachrichtenagenturen sammeln, verarbeiten und verbrei-

auf dem Weg von einer Meldung zu den Rezipierenden liegt

ten faktenbasierte Nachrichten an andere Medienunter-

noch der Zwischenschritt der Redaktion eines Medien-

nehmen. Sie bereiten die Informationen für fortführende

unternehmens.

Berichterstattungen redaktionell auf. Und das schnell, zuverlässig

und unabhängig.

Von der Redaktion in die Öffentlichkeit

Die Austria Presse Agentur (APA) ist die nationale Nachrich-

Eigene Themenrecherche habe beim ORF Niederösterreich

tenagentur in Österreich. Zu den Eigentümern des 1946

einen hohen Stellenwert, weiters würden Nachrichten

gegründeten, genossenschaftlich organisierten Unterneh-

unter anderem von der APA oder von Pressekonferenzen

mens zählen neben dem ORF zehn österreichische Tages-

bezogen. Doch bevor diese In-

zeitungen: Der Standard, die Oberösterreichischen Nachrichten,

formationen weitergege-

Die Presse, Österreich, die Salzburger Nachrichten, die Kleine

ben werden, durchlau-

Zeitung, der Kurier, die Tiroler Tageszeitung, die Vorarlberger

fen sie innerhalb der

Nachrichten und die Neue Vorarlberger Tageszeitung.

Redaktion

weitere

Österreichische Medien können Nachrichtenmeldungen vom

Selektions- und Be-

APA-NewsDesk beziehen. In

arbeitungsprozesse.

dieser Datenbank werden

täglich etwa 400 Meldungen

veröffentlicht

und nach Relevanz

Claudia Schubert betont

hierbei die Nachrecherche.

Die Auswahl der gesendeten

Claudia Schubert | ©ORF/Hans Leitner

geordnet.

Manuel

Informationen entsteht im Diskussi-

Manuel Kerzner | © Krisztian Juhasz

Kerzner erklärt, dass

onsprozess. Die Entscheidungen werden immer von mehre-

die APA Informatio-

ren Redakteur*innen getroffen – auch medienübergreifend

nen über das weltwei-

innerhalb des ORF. „Wenn über ein Thema relativ schnell eine

te Geschehen aus einem

Diskussion innerhalb der Redaktionssitzung entbrennt, dann

internationalen Netzwerk an

kann man sagen, das ist tendenziell ein Thema, wo vielleicht

Nachrichtenagenturen beziehe. Ereig-

nicht nur wir darüber diskutieren, sondern auch die Leute zuhau-

nisse aus Österreich recherchiere die in Ressorts unterteilte

se.“ Besonders bedeutend sind für die Chefredakteurin Be-

APA-Redaktion, welche mit über 130 Redakteur*innen eine

richterstattungen in schwierigen Situationen, beispielswei-

der größten Redaktionen des Landes ist, eigenständig. Die

se die Weitergabe von Sicherheitsinformationen während

Informationen stammen aus dem Netzwerk der Journa-

eines Hochwassers, aber auch die „Talk Abouts“ der Region.

52 Wer entscheidet, was wir wissen müssen?

Wer entscheidet, was wir wissen müssen?

53



05

Mehr als

irgendwas

mit Medien.

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54 We are drowning in information, but starved for knowledge. Wenn Wissen trügt 55

©SARA LEUTGEB



Wer die Polizeiarbeit rund um Deepfakes verstehen

will, muss zunächst wissen, wo diese

überhaupt stattfindet. Daniel Widerna

ist Experte für Multimedia-Forensik im Cybercrime

Competence Center

(C4) des österreichischen

Bundeskriminalamts

– einem hochspezialisierten

Bereich mit

fünf technischen Abteilungen.

Er selbst

arbeitet in der Abteilung

2, der IT-Forensik,

wo neben klassischer

Computeranalyse auch Mobile-

und KFZ-Forensik sowie ein Elektroniklabor angesiedelt

sind. Widernas Fokus liegt dabei auf der Multimedia-Forensik:

einem Bereich, der sich mit der Sicherung und Analyse

digitaler Spuren auf Bild-, Audio- und Videodateien befasst

– und damit genau dort ansetzt, wo Deepfakes entstehen.

Täuschend echt und doch konstruiert

Digitale Manipulationen sind nichts Neues. Doch was einst

mit Photoshop begann, erreicht mit der Deepfake-Technologie

eine neue Dimension. Deepfakes sind mittels Künstlicher

Intelligenz (KI) generierte Medieninhalte, bei denen

Gesichter oder Stimmen realer Personen täuschend echt in

neue Kontexte gesetzt werden. Dabei unterscheidet man

grob zwischen Audio-, Video- und Bildmanipulationen. Besonders

gefährlich: synthetische Medien, die täuschend

echte Videos mit manipuliertem Inhalt erzeugen, etwa durch

sogenanntes "Face-Swapping" oder "Lip-Syncing", also das

Ersetzen eines Gesichts oder das Synchronisieren von Lippenbewegungen

mit fremdem Audio.

Daniel Widerna | ©Benjamin Schmidt

breites Publikum erreichte. Als das Magazin Vice im

Dezember 2017 erstmals ausführlich über den Trend

berichtete, folgte ein regelrechter Dammbruch in der

Berichterstattung. Heute reichen ein handelsüblicher

Laptop, frei verfügbare Trainingsdaten und etwas Geduld

– ein disruptiver Wandel, der nicht nur neue kreative

Möglichkeiten eröffnet, sondern auch erhebliche Risiken

birgt – etwa im Hinblick auf Desinformation,

Persönlichkeitsrechte und digitale Sicherheit.

Ein nationaler Aktionsplan gegen

synthetische Medien

Um der wachsenden Bedrohung durch Deepfakes wirksam

zu begegnen, hat Österreich im Mai 2023 einen nationalen

Aktionsplan vorgelegt, der ressortübergreifend unter

Federführung des Innenministeriums entstand. Dieser

fokussiert auf vier zentrale Handlungsfelder: den Ausbau

technischer und organisatorischer Strukturen, Governance-

Fragen, Forschung und Entwicklung sowie internationale

Kooperation. Im polizeilichen Umgang mit Deepfakes zeigt

sich dieser Aktionsplan in der Praxis vor allem durch die

Integration eines entsprechenden Stichworts in das

elektronische Anzeigenprotokollierungssystem. Damit

sollen relevante Fälle frühzeitig identifiziert und gezielt

bearbeitet werden. „Seit dem 1. Januar 2024 wird Deepfake in

unserem Anzeigenprotokollierungssystem der Polizei mit einem

Stichwort erfasst. Im Jahr 2024 gab es etwa 100 Fälle von

Deepfakes in Kombination mit Straftaten. Wir als Multimedia-

Forensik sind keine Zentralstelle, die Deepfakes statistisch

erfasst, sondern bearbeiten forensisch Audio, Bilder und Videos,

wodurch allfällige Deepfake-Analysen zu uns kommen“, erklärt

Daniel Widerna. Ziel dieser Maßnahme ist es, ein präziseres

Lagebild zu entwickeln und polizeiliche Ermittlungen gezielt

zu unterstützen.

Hinter den Kulissen:

Wie die österreichische

Polizei Deepfakes bekämpft

In einer Welt, in der selbst unsere eigenen Augen und Ohren uns täuschen

können, führt die österreichische Polizei einen stillen Kampf

gegen die perfekte digitale Illusion. SUMO sprach mit Daniel Widerna,

IT-Forensiker im Bundesministerium für Inneres, und näherte sich dem

Phänomen Deepfake journalistisch an. Wie die Polizei mit den neuen

digitalen Herausforderungen umgeht, was wirklich dahinter steckt und

warum Prävention dabei mehr als nur ein Schlagwort ist.

FOTOS: BENJAMIN SCHMIDT

Von Reddit in die Realität –

der technologische Dammbruch

Obwohl erste Forschungsarbeiten zu Deepfakes bereits auf

das Jahr 2014 zurückgehen, erlangten sie erst ab 2017

breite mediale Aufmerksamkeit – ausgelöst durch einen

technologischen Durchbruch und die neue Zugänglichkeit

der Technologie. Im Herbst 2017 veröffentlichte ein

anonymer Reddit-Nutzer unter dem Pseudonym

„deepfakes“ erstmals pornografische Deepfake-Videos

prominenter Schauspielerinnen und stellte den zugrunde

liegenden Deep-Learning-Algorithmus als Open-Source-

Code zur Verfügung. Die Kombination aus frei verfügbarer

Software und ersten benutzerfreundlichen Anwendungen

wie FakeApp ermöglichte es plötzlich auch Laien, täuschend

echte Deepfakes zu erstellen. Vor allem die virale

Verbreitung über soziale Plattformen wie Reddit, wo sich

innerhalb kürzester Zeit eine aktive Community im Subreddit

„Deepfakes“ bildete, trug dazu bei, dass das Phänomen ein

Ethische Grauzonen und strafrechtliche

Herausforderungen

Deepfakes sind ein zweischneidiges Schwert. Während sie

im künstlerischen oder satirischen Kontext durchaus legitim

sein können, werden sie immer häufiger für manipulative

oder gar kriminelle Zwecke eingesetzt. Besonders heikel:

nicht-konsensuelle Deepfake-Pornografie und politisch

motivierte Desinformation. Die EU-Kommission warnt vor

Deepfakes als Instrument der digitalen Kriegsführung. Auch

Instagram, TikTok und YouTube sind bereits mit problematischen

Inhalten konfrontiert. Die Verbreitung solcher Inhalte

geschieht rasch und oft unkontrolliert – eine enorme Herausforderung

für Plattformen und Ermittlungsbehörden.

„Die Erstellung eines Deepfake an sich ist nicht strafbar, da es

sich lediglich um ein Werkzeug handelt. Entscheidend ist, wie

dieses Werkzeug eingesetzt wird“, erklärt Daniel Widerna im

Gespräch mit SUMO. Die österreichische Polizei steht damit

vor einem Dilemma: Während das Tool selbst legal bleibt, ist

56 Hinter den Kulissen: Wie die österreichische Polizei Deepfakes bekämpft

Hinter den Kulissen: Wie die österreichische Polizei Deepfakes bekämpft

57



sein Einsatz in bestimmten Kontexten – etwa zur Rufschädigung

oder Täuschung – sehr wohl strafbar. Die Herausforderung

liegt also weniger in der Existenz der Technologie,

sondern vielmehr im Nachweis des Missbrauchs.

Ein zentrales Problem bei der Arbeit mit Deepfakes liegt in

der Beweisführung: Auch wenn eine Datei aus forensischer

Sicht klare Hinweise auf Manipulationen liefert – etwa fehlende

oder veränderte Metadaten, unplausible Bilddetails

oder widersprüchliche Tonspuren – bedeutet das noch lange

keinen gerichtsfesten Beweis. „Man kann sagen, dass eine

Veränderung stattgefunden hat. Aber eindeutig heißt nicht zu

hundert Prozent gerichtsfest beweisbar“, sagt Widerna. Die

IT-Forensik liefert deshalb keine direkten Beweise für ein

Deepfake, sondern agiert als Assistenzdienst.

Ein digitaler Balanceakt zwischen

Chancen und Risiken

Deepfakes sind gekommen, um zu bleiben. Ihre Anwendung

reicht von gefährlicher Desinformation bis zu innovativen

Filmtechnologien. Der österreichischen Polizei bleibt derzeit

oft nur die reaktive Rolle – doch genau darin liegt auch

„Ich kann ja auch ein Fenster mit einem

Leatherman aufbrechen – trotzdem wird das

Werkzeug nicht verboten. Entscheidend ist nicht

das Tool, sondern wie man es verwendet.“

– Daniel Widerna.

Prävention als wichtigste Maßnahme

„Die Deepfake-Analyse ist immer so: Wenn eine solche benötigt

wird, ist in der Regel schon etwas passiert. Deepfake ist eigentlich

ein Bereich, eine Thematik, die ganz groß in der Prävention

verankert gehört“, so Widerna weiter. „Man bedient sich technischer

oder visueller Methoden. Die visuellen kommen zum

Einsatz, wenn zum Beispiel ein Standbild künstlich modifiziert

wurde, sodass es eigentlich ein Foto von einer Person ist – und

die Person sagt dann etwas. Oder ein Gesicht wird in ein Video

eingesetzt.“ Auffälligkeiten fänden sich oft in Details: „Was KIs

immer noch schlecht können, ist Details wie Hände oder Zähne

darzustellen.“

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der Appell: Medienkompetenz muss zur Schlüsselressource

einer informierten Gesellschaft werden. Denn was wir sehen,

hören oder lesen, ist längst nicht mehr, was es scheint.

Ein gesetzliches Verbot von Deepfakes hält Widerna für

wenig zielführend:

Die Polizei kann reagieren – doch die erste Verteidigungslinie

sind wir selbst: ein kritischer Blick, ein wacher Verstand,

eine aufgeklärte Gesellschaft.

BENJAMIN SCHMIDT

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Die Stimme klingt freundlich, souverän, professionell.

Man könnte meinen, am anderen Ende der

Leitung sitzt eine Callcenter-Mitarbeiterin, vielleicht

Anfang dreißig, gut geschult und aufmerksam.

Doch sie ist nicht echt. Sie ist ein Produkt. Entwickelt

wurde sie vom Wiener Start-up fonio.ai. Ihr Kopf: Daniel

Keinrath & Matthias Gruber. Ihr Ziel: sprechende KI für

den Kundendialog. Doch was bedeutet das – für Kommunikation,

Vertrauen, Verantwortung? Und was müssen wir

darüber wissen?

Hallo! Hier ist Sophie von fonio,

mit wem sprech‘ ich?

„Du sprichst. Es antwortet.

Aber niemand ist da.“

Das

Magdi

Wiener Start-up fonio.ai

Artikel

bringt Künstliche Intelligenz am Telefon zum Sprechen –

etwa im Kundenservice, bei Hotlines oder in der Terminvereinbarung. SUMO hat mit

einem der Gründer, Daniel Keinrath, gesprochen. Medienethiker und Forscher an der FH

St. Pölten Michael Litschka fragt sich dabei: Nur weil es funktioniert – ist es auch richtig?

So klingt sie. Sophie, die künstliche Stimme am Telefon,

klingt nicht nur wie ein Mensch – sie spricht auch wie einer.

Reagiert. Fragt nach. Legt Pausen ein. Keine blecherne

FOTOS: KATRIN WALLNER

Stimme, kein „Bitte drücken Sie die 1“. Stattdessen: Dialog

auf Augenhöhe. Oder zumindest so, als wäre er es. Was

dahintersteckt, ist ein komplexes Zusammenspiel aus KI,

Sprachmodellen, Text-to-Speech-Systemen und einem feinen

Ohr für Intonation. Die Zielgruppe: Unternehmen, die

Kundenservice automatisieren wollen, ohne dass es sich

wie Automation anfühlt.

Sophie ist ein Beispiel für das, was fonio.ai kann: Gespräche

führen, Anliegen klären, Termine buchen – alles automatisch,

alles sprachbasiert.

Daniel Keinrath, CEO von fonio.ai, sieht in der Stimme eine

neue Schnittstelle: „Die Stimme ist der direkteste Zugang zum

Menschen. Wenn man sie richtig einsetzt, kann man Vertrauen

aufbauen – auch ohne echten Menschen.“

0800 800 514 / kabelplus.at

58 Hinter den Kulissen: Wie die österreichische Polizei Deepfakes bekämpft

„Du sprichst. Es antwortet. Aber niemand ist da.”

59



Daniel Keinrath | ©Kurt Keintrath

FH-Prof. Priv.-Doz. Dr. Michael Litschka | ©Privat

Sie soll entlasten. Doch sie wirft auch

Fragen auf.

Merken wir, dass wir mit einer Maschine sprechen? Wer entscheidet,

ob wir es merken sollen? Und was passiert mit den

Daten, die dabei entstehen?

Neugier und Unternehmergeist

Daniel Keinrath startete schon in der Schule erste Projekte,

gründete ein Start-up im Influencer-Marketing, verkaufte

es und verbrachte später einige Zeit in San Francisco, wo er

den Aufstieg von Voice-AI hautnah miterlebte. Dort wurde

ihm klar: „Da entsteht gerade etwas Großes, was man in Europa

noch nicht auf dem Schirm hat“, so Keinrath.

Was ihn antreibt, ist mehr als technische Neugier: „Ich will

Produkte bauen, die die Welt verändern.“ Und das meint er

nicht esoterisch – sondern wirtschaftlich.

fonio.ai ist eines dieser Produkte. Das Unternehmen wurde

Mitte 2024 gemeinsam mit Matthias Gruber gegründet

und hat sich rasch in der österreichischen Start-up-Szene

etabliert. Der Fokus liegt auf deutschsprachigen Märkten,

doch die Vision ist global: vollautomatisierte, gesprochene

Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. In Kundencentern.

In Banken. Im Gesundheitswesen.

„In vielen Bereichen ist uns das

relativ wurscht.“

Unternehmen können bei fonio.ai nicht nur entscheiden, was

die KI sagt – sondern auch, wie. Persönlichkeit, Tonfall, sogar

Humor: alles ist konfigurierbar. Wie stellt man sicher,

dass das nicht schiefläuft? „Ganz ehrlich: In vielen Bereichen

ist uns das relativ wurscht“, sagt Keinrath. „Unsere

Kund*innen wissen selbst am besten, wie sie unsere Technologie

nutzen wollen.“ Aber es gibt Grenzen. Politische

Aussagen, Beleidigungen, diskriminierende Inhalte: alles

ausgeschlossen – technisch über das Sprachmodell geregelt.

„Wir setzen auf eine Mischung aus Vertrauen, Verantwortung

und Technik.“ Kontrolle? „Üben wir nicht aus.“

„Die Leute wollen eine schnelle Lösung. Ob die von einem

Menschen kommt oder von einer KI, ist ihnen meistens egal.“

Technik, Verantwortung – und eine offene Frage

Michael Litschka, Medienethiker an der FH St. Pölten, sieht

darin ein bekanntes Muster: „Früher waren es die großen

Plattformen, heute sind es KI-Anbieter – alle sagen, sie liefern

nur die Technik, die Verantwortung liege bei den Nutzer*innen.“

Doch mit dem Vormarsch von Künstlicher Intelligenz greift

diese Haltung zu kurz, meint er.

Der AI Act, der mit 2. August 2024 in Kraft trat, sei ein Schritt

in die richtige Richtung, aber auch jenseits gesetzlicher Vorgaben

müssten Unternehmen Verantwortung übernehmen.

„Nur weil kein Gesetz verletzt wird, heißt das nicht, dass alles in

Ordnung ist.“

Gerade weil die Technologie immer besser werde, sei ein bewusster

Umgang damit entscheidend. Der AI Act ist ein erster

Schritt – doch auch jenseits der Gesetzeslage brauche

es klare Regeln. Denn, so Litschka: „Vertrauen entsteht nicht

durch Täuschung, sondern durch Transparenz.“ Was er fordert,

nennt er „doppelte Transparenz“: Erstens muss klar sein,

dass es sich um KI handelt. Zweitens: Wie sie funktioniert.

Moral – made by Machine?

fonio.ai bietet mittlerweile auch österreichische Stimmen

an – mit Dialekt, Nuancen, Vertrautheit. Ist das schon eine

Täuschung?

„Ich finde: ja“, betont Litschka. „Wenn eine Stimme so klingt,

dass man denkt, da sitzt jemand aus der Region – aber es ist

KI und es wird nicht gesagt – dann ist das Täuschung. Punkt.“

Technisch faszinierend? Ja. Aber ethisch problematisch.

Denn: „Wenn Menschen im Nachhinein erfahren, dass sie mit

einer Maschine gesprochen haben, entsteht ein ungutes Gefühl.“

Kann KI jemals ethisch handeln? Litschka winkt ab. „Nein.

Weil sie nicht abwägen kann. Nicht reflektieren. Nicht Verantwortung

übernehmen.“

Eine KI kann erklären, wie sie zu einem Ergebnis kam – aber

sie kann sich nicht rechtfertigen. Kein Unrechtsbewusstsein,

kein Mitgefühl, keine Autonomie. „Ethische Entscheidungen

bleiben menschlich – mit all ihren Fehlern.“

Was sollen wir wissen?

Die Frage dieser SUMO-Ausgabe bekommt an dieser Stelle

Gewicht. Denn bei sprechender KI geht es nicht nur um

„Wenn Menschen im Nachhinein erfahren, dass sie

mit einer Maschine gesprochen haben, entsteht ein

ungutes Gefühl.“

– Michael Litschka.

Technik. Es geht um Kommunikation – und damit um eines

der menschlichsten Dinge überhaupt. Wenn Stimmen maschinell

erzeugt werden, aber bewusst menschlich klingen,

stellt sich nicht nur die Frage nach Effizienz. Sondern auch

nach Ethik.

Was sollen wir also wissen?

Wir sollten wissen, dass es KI-Anwendungen wie fonio.ai

gibt – und dass sie täuschend echt klingen können.

Wir sollten wissen, wann wir mit einer KI sprechen – und

warum.

Wir sollten wissen, wie solche Systeme funktionieren –

auch wenn wir keine Expert*innen sind.

Und wir sollten diskutieren, ob wir das überhaupt wollen –

und unter welchen Bedingungen.

Denn Wissen ist Macht. Und Macht braucht Verantwortung.

Wenn niemand mehr zuhört

Vielleicht ist es tatsächlich egal, ob am anderen Ende der

Leitung ein Mensch sitzt oder eine Maschine. Solange das

Anliegen gelöst wird, die Stimme nett klingt und das Gespräch

gut verläuft. Vielleicht ist es egal. Vielleicht beginnt

hier eine neue Art von Kommunikation – mit unklaren Rollen.

Vielleicht verändert sich an diesem Punkt, was wir unter

Gespräch verstehen. Denn wenn wir nicht mehr wissen,

mit wem wir sprechen, dann sprechen wir irgendwann nur

noch mit uns selbst. Und wenn niemand mehr zuhört – wer

antwortet dann?

fonio.ai zeigt, was technisch möglich ist. Doch die Gespräche

mit Daniel Keinrath und Michael Litschka machen klar:

Kommunikation ist mehr als Verständigung. Sie braucht Bewusstsein.

Und Verantwortung. Nur wenn wir wissen, mit

wem wir sprechen – und warum – kann KI ein Gesprächspartner

sein. Und nicht bloß: eine gut geölte Tonspur.

KATRIN WALLNER

60 „Du sprichst. Es antwortet. Aber niemand ist da.”

„Du sprichst. Es antwortet. Aber niemand ist da.”

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Gestohlene Identität:

Deepfakes und die Gefahr der

digitalen Manipulation

Täuschend echte Deepfakes werden immer überzeugender. SUMO sprach mit Netzjournalistin

Barbara Wimmer und Senior Video-Editor Tobias Sautner über die Chancen und Risiken dieser

Technologie – und warum Medienkompetenz entscheidend dafür ist, Wahrheit und Lüge

künftig noch unterscheiden zu können.

FOTOS: ALINA PEINTHOR

Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz ist es möglich,

täuschend echte Videos, Bilder und Tonaufnahmen

zu erzeugen – sogenannte Deepfakes. Für

Laien sind diese kaum noch als Fälschung erkennbar.

SUMO sprach dazu mit Netzjournalistin und Buchautorin

Barbara Wimmer: „Deepfakes werden

benutzt, um Menschen

zu verleumden, politische

Desinformation zu

streuen, für Cybermobbing

oder auch für Betrug“,

erklärt Wimmer

das Phänomen. Damit

seien sie ein zentrales

Thema im Bereich Da-

Barbara Wimmer | ©The Van Held

tenschutz und IT-Security.

Ein aktuelles Beispiel: 2024 kursierte auf TikTok ein Deepfake-Audio,

in dem die US-Vizepräsidentin Kamala Harris

angeblich abwertende Aussagen über Elon Musk machte.

Das manipulierte Audio verbreitete sich millionenfach, bevor

es als Fälschung enttarnt wurde. Dieser Fall zeigt, wie schnell

und effektiv Deepfakes politische Stimmungen beeinflussen

können. Zwar stehen Journalist*innen und Faktenchecker*innen

Tools zur Verfügung, um Deepfakes zu entlarven

– etwa spezialisierte KI-Erkennungssoftware – doch diese

Programme sind nicht für jede*n zugänglich. „Es ist bereits

jetzt so, dass man Deepfakes als Laie oft nicht mehr erkennen

kann“, so Wimmer. Besonders problematisch sei die Geschwindigkeit,

mit der sich die Technologie weiterentwickelt.

Tobias Sautner, Absolvent der Fachhochschule

St. Pölten im Bereich

Medientechnik und Digitale

Medientechnologien,

erstellte im Zuge seiner

Diplomarbeit selbst

Deepfake-Videos. „Teilweise

habe ich zwei bis

drei Tage gebraucht, um nur

ein Modell zu trainieren“, erin-

Tobias Sautner | ©Laura Fischer

nert sich Sautner. Heute könnten

ähnliche Ergebnisse mit deutlich weniger Aufwand erreicht

werden: „Mittlerweile dauert die Erstellung oft nur noch wenige

Stunden – und dank zahlreicher Online-Tools und Anleitungen

ist der Einstieg für Anfänger*innen viel leichter geworden.“

Sautner arbeitet heute als Senior Video-Editor in der Filmproduktionsbranche,

wo er regelmäßig mit VFX- und KI-

Tools zu tun hat. Die rasant gestiegene Zugänglichkeit der

Technologie sieht er deshalb als ernstzunehmende Gefahr.

Bedrohung für Privatpersonen

Neben politischer Manipulation hält Wimmer noch einen

anderen Bereich für ebenso gravierend: „Der menschlich

allerschlimmste Aspekt von Deepfakes ist für mich der pornografische

Kontext.“ Während früher vor allem prominente

Frauen betroffen waren, könne heute jede Frau potenziell

Opfer werden. „Selbst wenn die Bilder offensichtlich falsch

sind, empfinden Betroffene große Scham. Der Imageschaden

entsteht trotzdem.“

Laut einer Analyse des Cybersecurity-Portals Home Security

Heroes aus dem Jahr 2023, die auf eigenen Auswertungen

beruht, machen pornografische Deepfakes 98 % aller Deepfake-Inhalte

aus, wobei 99 % der Betroffenen Frauen sind.

Wimmer spricht von einem strukturellen Problem: „Frauen

werden sexualisiert dargestellt und das verschärft sich durch

KI weiter.“ Schutzmaßnahmen seien kaum möglich: „Man

müsste auf jegliche digitale Sichtbarkeit verzichten.“

Auch Sautner sieht in pornografischen Deepfakes eine große

Gefahr: „Gerade weil das Internet nichts vergisst, können solche

Inhalte lebenslange Schäden anrichten.“ Gleichzeitig warnt er

auch vor politischen und betrügerischen Anwendungen: „Ob

Fake-Videos im Wahlkampf oder Enkeltrick-Betrug per Video –

Deepfakes eröffnen unzählige Möglichkeiten für Missbrauch.“

Zwischen Missbrauch und

kreativem Potenzial

Trotz aller Risiken sieht Sautner auch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten

von Deepfakes. In der Filmbranche werden

die Technologien zur Deepfake-Erstellung gezielt genutzt,

etwa um Schauspieler*innen für Rückblenden digital zu verjüngen

oder verstorbene Darsteller*innen wieder zum Leben

zu erwecken. „In einem Star-Wars-Film wurde ein verstorbener

Schauspieler glaubwürdig eingefügt, was natürlich ethisch

diskussionswürdig ist. Auch aktuelle Produktionen setzen Deepfakes

ein, um Rückblenden authentischer wirken zu lassen“,

berichtet Sautner. Besonders dort, wo klassische Spezialeffekte

an ihre Grenzen stoßen, könne Deepfake-Technologie

effizient und qualitativ hochwertig eingesetzt werden.

Rechtlicher Umgang mit Deepfakes

Auch rechtlich ist der Umgang mit Deepfakes herausfordernd.

Mittlerweile gibt es jedoch erste Urteile, die den

Betroffenen helfen: Eckart von Hirschhausen, ein deutscher

Arzt und Wissenschaftsjournalist, der für seine gut erklärten

und humorvollen Empfehlungen zu gesundem Lebensstil

und zum Klimaschutz bekannt ist, klagte erfolgreich gegen

die Plattform Meta, auf der gefälschte Deepfake-Videos

von ihm verbreitet wurden. Die Clips zeigten ihn angeblich

als Unterstützer von betrügerischen Finanzprodukten – in

Wirklichkeit hatte er diese Aussagen nie getroffen. Durch

das Urteil wurde erreicht, dass Meta sämtliche Varianten

62 Gestohlene Identität

Gestohlene Identität

63



dieser Deepfakes – auch leicht veränderte Versionen –

löschen und deren Wiederverbreitung verhindern muss.

Wimmer betont, dass technische Lösungen zur Löschung

und Erkennung existieren, jedoch klare rechtliche Rahmenbedingungen

fehlen. Sautner sieht ein komplettes Verbot

kritisch: „Die Erkennung von Deepfakes ist extrem schwierig.

Selbst aufwendige Prüfmechanismen sind oft nicht zuverlässig

bzw. mit hohen Kosten verbunden.“ Stattdessen setzt er auf

technische Hilfsmittel wie digitale Wasserzeichen und die

verpflichtende Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten

– eine Praxis, die erste Plattformen wie Instagram bereits

eingeführt haben, indem sie Posts mit Hinweisen wie „erstellt

mit KI“ kennzeichnen.

Unsichere Zukunft – Bildung als Schlüssel

Für die Zukunft zeigt sich Barbara Wimmer besorgt:

„Es wird immer schwieriger, zwischen Wahrheit und Lüge

zu unterscheiden. Deepfakes bedrohen unsere Demokratie,

fördern Betrug und schaden besonders Frauenrechten.“ Ein

komplettes Verbot hält sie für unrealistisch: „KI wird man

nicht mehr verbannen können.“

Tobias Sautner sieht Bildung als den einzigen nachhaltigen

Weg, um Deepfakes wirkungsvoll zu begegnen: „Langfristig

gilt es, Medienkompetenz zu schaffen.“ Menschen müssten

lernen, nicht alles zu glauben, was sie in einem Video sehen.

Es gehe darum, Inhalte zu hinterfragen, verschiedene

Quellen zu prüfen und Beweise zu suchen: „Gibt es dieses

Interview aus mehreren Kamerawinkeln? Gibt es andere Möglichkeiten

zu verifizieren, ob es echt ist?“ Sautner fordert, dass

solche Fähigkeiten künftig stärker in den Schulunterricht

integriert werden. Gerade weil manipulierte Inhalte immer

selbstverständlicher werden könnten, werde Medienkritik

zu einer unverzichtbaren Kompetenz für die Gesellschaft.

Medienkompetenz sollte vielmehr zu einer Grundvoraussetzung

für alle Generationen werden – nicht nur für junge

Menschen. Gleichzeitig bleibt offen, wohin die rasante

Entwicklung der Technologie führen wird. Deepfakes eröffnen

faszinierende neue Möglichkeiten, aber auch neue

Risiken. Fest steht: Die Fähigkeit, zwischen Wahrheit und

Täuschung zu unterscheiden, wird in Zukunft wichtiger sein

als je zuvor.

ALINA PEINTHOR

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Kronen Zeitung | | krone.at

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64 Gestohlene Identität

65



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Das Team

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