FINE Das Weinmagazin, 71. Ausgabe - 04/2025
Hauptthema: NAPA VALLEY Vorbild für ein anderes Napa: Grace Family Vineyards Weitere Themen dieser Ausgabe EDITORIAL Winterzeit, Rotweinzeit CHAMPAGNE Billecart-Salmon: »Wir wollen Glücksbringer sein« LOIRE Die fabelhafte Welt der Familie Monmousseau BURGUND Monsieur Hermitage und seine Kinder: M. Chapoutier SÜDAFRIKA Teil 2: Die neue Welt am Kap SÜDTIROL Elisabeth Gottardi – der Himmel so blau DAS GROSSE DUTZEND Spitzenwein mit Bodenhaftung: Cantina Kurtatsch SÜDTIROL Alois Lageder’s Summa TASTING Wein aus der Kälte: EPOKALE von Tramin GRITZMANN & SCHECK Hedwig und Helmut Dolde: frisch, kantig, sonderbar … DIE PIGOTT-KOLUMNE Der Urknall des neuen deutschen Weins PORTRÄT Im Weinhimmel überm Bodensee: Gasthaus zum Gupf WEIN & POLITIK Genuss ist keine Schwäche TOSKANA Rastlosigkeit ist die treibende Kraft: Ornellaia DAS GROSSE DUTZEND Cavalli Tenuta degli Dei WEIN & SPEISEN Jürgen Dollase isst im Cheval Blanc in Basel GENIESSEN Vacherin Fribourgeois: Fondue isch guet WEIN & ZEIT Konrad Adenauer – Weindiplomatie DIE LAMBECK-KOLUMNE Plädoyer für einen deutschen Staatswein BURGENLAND Tiefe Wurzeln: Gonzáles & Lichtenberger BURGENLAND Ein wahrhaft großer Winzer: Weingut Wachter-Wiesler BURGENLAND Sanfte Investitionen im Weingut Groszer NACHRUF Für einen Freund
Hauptthema: NAPA VALLEY Vorbild für ein anderes Napa: Grace Family Vineyards
Weitere Themen dieser Ausgabe
EDITORIAL Winterzeit, Rotweinzeit
CHAMPAGNE Billecart-Salmon: »Wir wollen Glücksbringer sein«
LOIRE Die fabelhafte Welt der Familie Monmousseau
BURGUND Monsieur Hermitage und seine Kinder: M. Chapoutier
SÜDAFRIKA Teil 2: Die neue Welt am Kap
SÜDTIROL Elisabeth Gottardi – der Himmel so blau
DAS GROSSE DUTZEND Spitzenwein mit Bodenhaftung: Cantina Kurtatsch
SÜDTIROL Alois Lageder’s Summa
TASTING Wein aus der Kälte: EPOKALE von Tramin
GRITZMANN & SCHECK Hedwig und Helmut Dolde: frisch, kantig, sonderbar …
DIE PIGOTT-KOLUMNE Der Urknall des neuen deutschen Weins
PORTRÄT Im Weinhimmel überm Bodensee: Gasthaus zum Gupf
WEIN & POLITIK Genuss ist keine Schwäche
TOSKANA Rastlosigkeit ist die treibende Kraft: Ornellaia
DAS GROSSE DUTZEND Cavalli Tenuta degli Dei
WEIN & SPEISEN Jürgen Dollase isst im Cheval Blanc in Basel
GENIESSEN Vacherin Fribourgeois: Fondue isch guet
WEIN & ZEIT Konrad Adenauer – Weindiplomatie
DIE LAMBECK-KOLUMNE Plädoyer für einen deutschen Staatswein
BURGENLAND Tiefe Wurzeln: Gonzáles & Lichtenberger
BURGENLAND Ein wahrhaft großer Winzer: Weingut Wachter-Wiesler
BURGENLAND Sanfte Investitionen im Weingut Groszer
NACHRUF Für einen Freund
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GRACE FAMILY VINEYARDS
WIE DAS KULTWEINGUT DAS NEUE NAPA VERÄNDERT
Billecart Salmon Ornellaia Bernkasteler Doctor Gottardi Österreich
Champagner Die ehrgeizigen Pläne des Adenauers Diplomatenstoff Blauburgunder-Paradies Reise in die Welt
als Glücksbringer Kellermeisters Balsimelli als deutscher Staatswein? hinter der Bergkuppe der Blaufränkischen
FINE
DAS WEINMAGAZIN 4|2025
BILLECART-SALMON 24 BOUVET-LADUBAY 32 MICHEL CHAPOUTIER 40
ORNELLAIA 100
GRACE FAMILY VINEYARDS 14
SÜDAFRIKA – TEIL 2 48 ELISABETH GOTTARDI 66
TRAMIN EPOKALE 82
GONZÁLES &
LICHTENBERGER 126
ALOIS LAGEDER’S SUMMA 76
WEINGUT
WACHTER-WIESLER 132 WEINGUT GROSZER 138
DAS GROSSE DUTZEND
CANTINA KURTATSCH 72
DAS GROSSE DUTZEND
TENUTA DEGLI DEI 106
11 FINE EDITORIAL _________________ Winterzeit, Rotweinzeit
14 FINE NAPA VALLEY ______________ Vorbild für ein anderes Napa: Grace Family Vineyards
24 FINE CHAMPAGNE _______________ Billecart-Salmon: »Wir wollen Glücksbringer sein«
32 FINE LOIRE _______________________ Die fabelhafte Welt der Familie Monmousseau
40 FINE BURGUND __________________ Monsieur Hermitage und seine Kinder: M. Chapoutier
48 FINE SÜDAFRIKA ________________ Teil 2: Die neue Welt am Kap
66 FINE SÜDTIROL __________________ Elisabeth Gottardi – der Himmel so blau
72 FINE DAS GROSSE DUTZEND ___ Spitzenwein mit Bodenhaftung: Cantina Kurtatsch
76 FINE SÜDTIROL __________________ Alois Lageder’s Summa
82 FINE TASTING ____________________ Wein aus der Kälte: EPOKALE von Tramin
84 FINE GRITZMANN & SCHECK ____ Hedwig und Helmut Dolde: frisch, kantig, sonderbar …
88 FINE DIE PIGOTT-KOLUMNE _____ Der Urknall des neuen deutschen Weins
92 FINE PORTRÄT ___________________ Im Weinhimmel überm Bodensee: Gasthaus zum Gupf
98 FINE WEIN & POLITIK ____________ Genuss ist keine Schwäche
100 FINE TOSKANA __________________ Rastlosigkeit ist die treibende Kraft: Ornellaia
106 FINE DAS GROSSE DUTZEND ___ Cavalli Tenuta degli Dei
110 FINE WEIN & SPEISEN ___________ Jürgen Dollase isst im Cheval Blanc in Basel
116 FINE GENIESSEN ________________ Vacherin Fribourgeois: Fondue isch guet
118 FINE WEIN & ZEIT ________________ Konrad Adenauer – Weindiplomatie
124 FINE DIE LAMBECK-KOLUMNE __ Plädoyer für einen deutschen Staatswein
126 FINE BURGENLAND _____________ Tiefe Wurzeln: Gonzáles & Lichtenberger
132 FINE BURGENLAND _____________ Ein wahrhaft großer Winzer: Weingut Wachter-Wiesler
138 FINE BURGENLAND _____________ Sanfte Investitionen im Weingut Groszer
146 FINE NACHRUF __________________ Für einen Freund
8 FINE 4 | 2025 INHALT
INHALT
FINE 4 | 2025 9
BRONZE WIRD KUNST – DIE EWIGKEIT BEGINNT
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LIEBE LESERINNEN,
LIEBE LESER,
Sie halten die letzte, wie immer prallvolle und interessante Ausgabe des Kalenderjahres
2025 in Händen, in der wir, passend zur Jahreszeit, die Arbeit großer Rotweinproduzenten
begutachten. Denn sicherlich gehören auch Sie zu den Menschen, denen
Rotwein jetzt im Winter besser schmeckt als im Sommer, weil er geschmacklich
und aromatisch besonders gut zu den emotionalen Stimmungen und kulinarischen
Genüssen der kühleren Jahreszeit passt.
Kraftvoll und komplex sind die meistbenutzten Adjektive, um Ornellaia-Weine
zu beschreiben. Unsere Autorin Paula Redes Sidore hat das legendäre Weingut in
Bolgheri an der toskanischen Mittelmeerküste besucht und dabei Marco Balsimelli,
den neuen Produktionsdirektor getroffen, der seinen zweiten Frühling im Weinberg
erlebte. Nicht menschlich, sondern jahreszeitlich. Auch mit Lamberto Frescobaldi,
der in der 30. Generation das Weingut repräsentiert, hat sie zusammengesessen. Von
den beiden Granden der internationalen Weinwirtschaft erfuhr Sidore die Pläne für
die Zukunft Ornellaias. Sie notierte »Rastlosigkeit und den Willen zur unermüdlichen
Neuerfindung«.
Unsere Autorin besuchte aber auch das Napa Valley. Für unsere Titelgeschichte
traf sie Kathryn Green von Grace Family Vineyards, die von ihrer Beziehung zu den
Vorbesitzern der Weinberge erzählt und ihrer ganz speziellen Angst deswegen.
Zwei weitere Geschichten möchten wir Ihnen an dieser Stelle besonders ans
Herz legen. Dr. Daniel Deckers hat in den wichtigsten Archiven des Landes über
die Weindiplomatie des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland
recherchiert und einen sehr detailreichen und unterhaltsamen Essay über »den Alten«
Konrad Adenauer und dessen Weinkennerschaft geschrieben, die er strategisch zum
Wohle der Nation gegenüber seinen sowjetischen, amerikanischen und französischen
Gesprächspartnern bei Reisen und Empfängen einsetzte. Und in diesem Zusammenhang
wirft Martin S. Lambeck die Frage auf, ob es nicht auch in Deutschland eine
Art Staatswein geben sollte, um dem deutschen Kulturgut Wein international eine
größere Reputation zu verleihen.
Wir sind immer wieder angenehm angetan, was Ursula Heinzelmann so alles in
Erfahrung bringt und an Wissen teilt, wenn sie – wie diesmal – über vermeintlich
schlichten »Fondue-Käse« schreibt. Der Vacherin Fribourgeois ist viel mehr als dies.
Er ist perfekt fürs (Dahin)-Schmelzen, findet sie.
Frau Heinzelmann kann aber nicht nur Käse. Für dieses Ausgabe reiste sie nach
Südafrika in die wunderschöne Kapregion: Hermanus, Bot River, Hemel-en-Aarde
sind inhaltliche Schwerpunkte in Teil 2 ihrer Serie über eine der spannendsten Weinregionen
der Welt. Eine Generation von jungen Winzern denkt und gestaltet auch
dort die Weinwelt mit innovativen Ideen und Konzepten neu.
So, und nun: Genießen Sie dieses Heft und dazu ein Glas oder eine Flasche Rotwein.
Voll und kräftig, perfekt zur kalten Jahreszeit. Auch wir sitzen gern bei einem
guten Glas in unserer bequemen Sofalandschaft – und im Hintergrund knistert das
Feuer im Kamin.
Ihre Chefredaktion
Weitere Werke:
Daimlerstraße 4 · 89275 Elchingen
Telefon 073 08 / 91 92 23 · info@kollinger-guss.de
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EDITORIAL
FINE 4 | 2025 11
FINEAUTOREN
KRISTINE BÄDER Als Winzertochter aus Rheinhessen
freut sie sich über die positive Entwicklung
ihrer Heimatregion, wo sie ein eigenes kleines Weinprojekt
pflegt. Eine besondere Beziehung hat die studierte
Germa nistin und ehemalige Chefredakteurin des
FINE Weinmagazins zu den Weinen aus Portugal.
DANIEL DECKERS Die Lage des deutschen Weins
ist sein Thema – wenn er nicht gerade als Politikredakteur
der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« über
Gott und die Welt zur Feder greift. An der Hochschule
Geisenheim lehrt Deckers Geschichte des Weinbaus
und handels. In seinem Buch »Wein. Geschichte und
Genuss« beleuchtet er durch mehr als 3000 Jahre die
Rolle dieses unschätzbaren Kulturguts als Spiegel der
Zeitläufte.
JÜRGEN DOLLASE hat sich schon als Rock musiker
und Maler verdingt; als Kritiker der kulinarischen Landschaft
ist er heute eine feste Instanz. Viel beachtet
sind seine Bücher über die Kunst des Speisens: Bei
Tre Torri erschien zuletzt seine »Geschmacksschule«;
das visionäre Kochbuch »Pur, präzise, sinnlich« widmet
sich der Zukunft des Essens.
DR. MED EVA GRITZMANN studierte nach einer
Banklehre Betriebswirtschaft und Medizin. Heute
arbeitet sie als Ärztin in Stuttgart. Gemeinsam mit Denis
Scheck hat sie drei Bücher über Geschmacksunterschiede
zwischen Männern und Frauen (»Sie & Er«),
über Reife (»Solons Vermächtnis«) sowie über
vegetarische Küche (»Kafkas Kochbuch«, erscheint
im August) veröffentlicht.
URSULA HEINZELMANN Die Gastronomin
und gelernte Sommelière schreibt für die »Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung«, die beiden Magazine
»Efflee« und »Slow Food« sowie Bücher übers Essen
und Trinken. Ihr Buch »China – Die Küche des Herrn
Wu« (erschienen bei Tre Torri) liefert tiefe Einblicke
in die vielfältige Kochkunst der Chinesen.
UWE KAUSS In Weinkellern kennt er sich aus: Der
Autor und Journalist schreibt seit 20 Jahren über Wein,
etwa für die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«,
die Weinmagazine »Enos« und »wein.pur«, das
»GenussMagazin« sowie das Internetportal wein.plus.
Daneben hat er 16 Sach und Kindersachbücher, einen
Roman und zwei Theaterstücke publiziert.
PETER KELLER Bist zu seinem 25. Lebensjahr
ging der ge bürtige Schwei zer dem Alkohol aus dem
Weg – heute schätzt er ihn als Geschmacksträger. Der
pensionierte Weinredakteur der »NZZ am Sonntag«
betreut auf der Website »NZZ Bellevue« weiterhin
die Rubrik »Weinkeller«. Keller leitet Weinreisen und
seminare. Als Weinakademiker besitzt er das Diplom
des Wine & Spirit Education Trust (WSET).
Die FINECharta mit den Regeln,
nach denen wir verkosten und
bewerten, finden Sie im Internet
unter finemagazines.de/
diefineweinbewertung/
Titelfoto: Grace Family Vineyards von GUIDO BITTNER
12 FINE 4 | 2025 IMPRESSUM
PAUL KERN Im Campingurlaub mit dem Sohn ei
nes Weinjournalisten probierte Paul Kern Große Gewächse
aus dem Emaillebecher. Es folgten ein Weingutspraktikum
in Südafrika, eine Kochausbildung in
ei nem Zweisternerestaurant und ein Studium der Weinwirtschaft
in Geisenheim. Heute schreibt er über Wein
und Gastronomie für diverse Magazine und Führer.
MARTIN S. LAMBECK war von 1983 an
Korrespondent in Bonn. Für das »Hamburger Abendblatt«
und die »Welt« arbeitete er bis 1998 als Bürochef,
später in Berlin als Chefkorrespondent für »Welt
am Sonntag«, dann als Chefkolumnist für »Bild« und
»Bild am Sonntag« sowie bis heute als Weinkolumnist.
RAINER KNAUBER ist langjähriger Energiemanager
und Autor des kulinarischen Blogs knauberkocht.de.
MICHAEL WEDELL ist Gründer und
geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung
The Partners. Beide verbindet die Überzeugung,
dass exzellente Beratung und exzellente
Gastronomie vieles gemein haben. Auch deshalb haben
sie bereits mehrere Kochbücher veröffentlicht. Für sie
beginnt gute Kom mu nikation da, wo der Smalltalk aufhört.
Und sie wissen: Qua lität entsteht durch Zeit, Nähe
und Hingabe. Genau das prägt ihre Arbeit – und die
neue FINEKolumne über Wein und Politik.
STUART PIGOTT Seit der 1960 in London geborene
stu dierte Kunsthistoriker und Maler im Wein – dem
deut schen zumal – sein Lebensthema fand, hat er sich
mit seiner unkonventionellen Betrachtungsweise in den
Rang der weltweit geachteten Autoren und Kritiker
geschrieben. Sein Buch »Planet Riesling« erschien
bei Tre Torri.
PAULA REDES SIDORE suchte erst nur Stoff für
ihren Mas terabschluss in Creative Writing, doch aus
dem Sommerjob bei einem Weingut in Virginia wurde
unerwartet ein Beruf. Heute arbeitet die amerikanische
Autorin, Überset zerin und gelernte Sommelière für die
Webseite jancisrobinson.com, ist Mitgrün derin des
»TRINK Magazine« und schreibt für Zeitschriften
auf beiden Seiten des Atlantiks über Wein und Essen.
RAINER SCHÄFER wuchs in Oberschwaben auf
und lebt seit drei Jahrzehnten in Hamburg, wo er über
die Dinge schreibt, die er am meisten liebt: Wein, gutes
Essen und Fußball – stets neugierig auf schillernde
Per sön lichkeiten, überraschende Erlebnisse und unbekannte
Genüsse.
DENIS SCHECK ist einer der bekanntesten
Literaturkriti ker Deutschlands und Moderator des
ARDFernsehmagazins »Druckfrisch«. Zuletzt erschienen
von ihm »Schecks Bestsellerbibel« und
»Schecks kulinarischer Kompass« (beide Piper).
VERLEGER UND HERAUSGEBER
Ralf Frenzel
r.frenzel@finemagazines.de
CHEFREDAKTION
info@finemagazines.de
ART DIRECTOR
Guido Bittner
TEXTREDAKTION
Andreas Eckhoff (AEMEDIA)
AUTOREN DIESER AUSGABE
Kristine Bäder, Daniel Deckers,
Jürgen Dollase, Eva Gritzmann,
Ursula Heinzelmann, Uwe Kauss,
Peter Keller, Paul Kern, Rainer Knauber,
Martin S. Lambeck, Stuart Pigott,
Paula Redes Sidore, Rainer Schäfer,
Denis Scheck, Michael Wedell
FOTOGRAFEN
Guido Bittner, Rui Camillo, Leif Carlsson,
Daniel Grebe, Alex Habermehl, Arne
Landwehr, Thilo Weimar
GRÜNDUNGSCHEFREDAKTEUR
Thomas Schröder (2008–2020)
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Bora Erdem | Telefon: +49 61157 99 0
b.erdem@finemagazines.de
ABONNEMENT
FINE Das Weinmagazin erscheint
vierteljährlich zum EinzelheftPreis
von € 20,– (D), € 21,– (A), € 24,50 (I)
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GESCHÄTZTEN ORTES BILDET EINE BESONDERE ENTWICKLUNG
NAPAS AB: VON EINEM TAL, DAS EINST VON GLÜCK UND
GROSSZÜGIGKEIT REGIERT WURDE, HIN ZU EINEM TAL, DAS REBE
FÜR REBE LERNT, ERINNERUNG, ZURÜCKHALTUNG UND DEN
LANGEN BLICK ZU SCHÄTZEN
Von PAULA REDES SIDORE
Fotos ARNE LANDWEHR
Es gibt eine ganz bestimmte Angst, mit der Kathryn Green jeden Morgen aufwacht. Keine diffuse, freischwebende
Unruhe, sondern eine präzise, greifbare Sorge: Es ist jene Art von Angst, die mit der Verwaltung von Weinbergen
einhergeht, deren frühere Hüter noch immer inmitten dieser leben und daher die Jahreszeiten und die
Entscheidungen der neuen Eigentümer hautnah miterleben.
Als Kathryn Green und ihr Ehemann Jeremy 2016 die
zwölf Hektar große Heath Canyon Ranch erwarben –
einschließlich jener Parzelle, die 2,8 Hektar dessen, was
sie später Cornelius Grove nannten, und drei Jahre darauf die
winzige 0,8 Hektar große Grace-Parzelle oberhalb von St. Helena,
blieben beide Vorbesitzer nämlich einfach an Ort und Stelle
wohnen. »Sie waren unglaublich großzügig damit, sich nicht
einzumischen und darauf zu vertrauen, dass wir dem Gut und
den Weinen eine neue Energie verleihen«, sagt Kathryn Green.
Aber das bloße Wissen, dass die alten Eigentümer nun von
ihrem Schlafzimmerfenster aus zuschauen, »lässt einen wirklich
über das eigene Handeln nachdenken«, sagt sie, begleitet von
einem vorsichtigen, trockenen Lachen. »Das hält einen auf Trab.«
»Sie«, das sind in diesem Fall die kalifornischen Legenden
Dick und Ann Grace sowie Cornelius »Connie« Corbett, früherer
Besitzer und Namensgeber für Cornelius Grove. Sie gehen noch
immer durch die Reihen mit den Reben, weisen auf nasse Stellen
hin, merken die Orte, wo die Wurzeln flach verlaufen und die Winde
am härtesten scheren. Das schenkt Kathryn Green weit mehr als
nur ein funktionales Kataster einiger der ältesten Cabernet-Reben
Kaliforniens; es bewahrt ein lebendiges Archiv, das sie sich eher
verpflichtet fühlt fortzuführen, als es zu überschreiben.
»Ich glaube, dass etwas verloren geht, wenn jemand einfach
verkauft, die Schlüssel übergibt und dann verschwindet«, sagt
sie. »Präsenz ist ein Geschenk. Sie verkörpert eine lebendige
Geschichte.«
14 FINE 4 | 2025 NAPA VALLEY
NAPA VALLEY FINE 4 | 2025 15
Das Arrangement zwischen Neu- und Alteigentümer
ist ungewöhnlich und andernorts wohl undenkbar. In
Napa jedoch, wo Boden und Geschichten dazu neigen,
verwurzelt zu bleiben, selbst wenn die Eigentümer wechseln,
scheint eine derartige Kontinuität beinahe notwendig.
Ein Tal, aufgebaut auf Zufall und Appetit
Was diese lebendige Geschichte so wesentlich macht, wird deutlicher,
sobald man die Schichten des Tals wahrnimmt. Napa
strukturiert seine Geschichten wie seine Böden: Vulkanisches
gegen Meeresboden, Erinnerung gegen Mythos.
Auf dem Papier ist Napa ein 48 Kilometer langer Korridor
aus gepflegten Weinbergen und Luxushotels, verantwortlich
für nur etwa vier Prozent der kalifornischen Weinmenge, aber
für fast ein Viertel des wirtschaftlichen Einflusses auf eine
84,5-Milliarden-Dollar-Industrie. Seine Kraft speist sich aus
Premiumflaschen – und aus der Anziehungskraft der eigenen
Story. Napa ist ein enges Becken, eingerahmt von den Mayacamas
Mountains und der Vaca Range, gewärmt von der mediterranen
Sonne und gekühlt durch Nebel, der sich morgens ansammelt
und am Nachmittag abfließt. Die Böden sind ein geologisches
Geflecht aus vulkanischen Ablagerungen und uraltem Meeresgrund,
die Hälfte der weltweit bekannten Bodenarten in gerade
einmal acht Kilometer Breite komprimiert. Land ist knapp;
die Möglichkeit, neue Weinberge zu pflanzen, noch knapper.
Kombiniert man dies mit Qualität, erhält man jenes Napa,
von dem die Welt zu wissen meint: eine natürliche Triebfeder
für große Frucht, größere Bewertungen und jene Art von ernsthaftem
Geld, die, wie der Weinkritiker Hugh Johnson einst
schrieb, eine »verschlafene Landwirtschaftsgemeinde mit Walnuss-
und Pflaumenhainen zur glamourösesten, umsorgtesten
und am stärksten kapitalisierten« Weinadresse der Welt machte.
Daneben existiert das andere Napa, schlichter, weniger
fotogen: ein kleines Tal, in das Menschen einst wegen der
Landwirtschaft kamen. »Das ist das Napa, in das wir uns verliebt
haben«, sagt Green. »Es gibt verborgene Schätze überall
in diesem Tal.«
Es ist leicht, das Tal in zwei polarisierende Teile aufzuteilen –
das Postkartenmotiv und das Praktische, das Glänzende und
das Raue. Greens Bemerkung deutet auf etwas Differenzierteres
hin: Es gab nie nur zwei Napas. Es gibt so viele, wie es Bodenschalen
und Schlafzimmerfenster gibt, die auf Weinreben blicken.
»Es gibt ein Napa für beinahe jeden.«
Grace’s Place: Das zufällige Kultobjekt
Grace Family Vineyards entstand nicht aus einem Geschäftsplan,
sondern aus einer Party. 1976, als die Graces auf ihrem Landgut
am Hang in St. Helena noch Neulinge waren, rissen sie die
alten Olivenbäume heraus, pflanzten auf Anraten eines Freundes
einen einzigen Acre (etwa 0,4 Hektar) Cabernet und behandelten
die Früchte als Nebengedanken zum viktorianischen Haus
auf dem Hügel. Von Anfang an behauptete Dick Grace lautstark:
»Ich habe nie landwirtschaftliche Erfahrung gehabt, und
ich habe nicht vor, das zu ändern.« 1978 luden sie Freunde
ein, um ihre »Hobby-Früchte« zu ernten, und als die Party
in die Länge ging, kamen sie – und die Früchte auf der Rückbank
eines Oldsmobile – viele Stunden zu spät zu ihrer Verabredung
bei Caymus. Chuck Wagner, der Mitbegründer von
Caymus Vineyards, bewässerte gerade sein Gemüse. Er kostete
die Trauben, war beeindruckt und gab dem Weinberg seinen
eigenen Namen auf dem Etikett – ein ungeplanter Akt, der
Grace in die kalifornische Weingeschichte katapultierte.
Zufälle häuften sich. Aus einem beiläufigen Abendessen
und ein paar bewundernden Bemerkungen entstand
der Entschluss, eine eigene Marke zu gründen und die
alte Scheune in ein 232-Quadratmeter-Weingut umzubauen.
Einige Flaschen, die per Hand in Umlauf gingen, wurden zu
einer Mailingliste; ein steiler Hektar Reben wurde Teil jener
aufsteigenden Flut, die das Zeitalter der Kult-Cabernets im
Napa Valley definieren sollte.
Die Prinzipien der Serendipität erstrecken sich sogar auf
die Menschen. Jahre später, als Helen Keplinger, damals eine
angehende Medizinstudentin, die durch Nepal wanderte, Dick
und Ann Grace an einem Picknicktisch eines Base Camps mit
einer Flasche ihres Weins entdeckte, stellte sie sich vor. Jahre
später, als sie sich für die Winzerposition bei Grace bewarb,
erinnerte sie Dick an die Begegnung. Seine Antwort kam
umgehend: »Sie sind eingestellt.« Aus einer Flasche, die im
Schatten des Himalaya Massivs geöffnet wurde, entstand die
Winzerin, die das Gut Jahre später konsequent in Richtung
Terroir lenken – und schließlich die Graces mit den Greens
verbinden – sollte.
Durch die 1990er Jahre wurden diese Weine zu einem Genre
für sich. Mailinglisten, Auktionstheater und ein stilistischer
Schöner Wohnen im Napa Valley: der viktorianische
Landsitz der Familie Grace am Hang in St. Helena
Konsens. Dichte, konzentrierte, üppig mit Eichenholz ausgebaute
Weine, die Schlagzeilen machten und beherrschten und
den Ruf des Tals neu setzten. Selbst als Reife und Bewertungen
gleichermaßen anschwollen, blieb Grace beständig anders.
Die Kritiker nannten ihren Stil schlank, zurückhaltend, eher
daran interessiert, seine Kanten straff und fokussiert zu halten,
als Kraft zu jagen. Manche nannten es unmodisch. Die Graces
nannten es einfach: Herkunft.
Einige fingen aber auch an, die Tragfähigkeit des allgemeinen
Ansatzes in Frage zu stellen. Hugh Johnson erfasste die
wachsende Besorgnis in der letzten Zeile eines Napa-Eintrags, als
16 FINE 4 | 2025 NAPA VALLEY
NAPA VALLEY FINE 4 | 2025 17
MONSIEUR
HERMITAGE
UND SEINE KINDER
MENSCH ODER WEIN? IM FALL VON MICHEL CHAPOUTIER FÄLLT
DIE ENTSCHEIDUNG, WER UND WAS DEN KULTIGEREN CHARAKTER
HAT, SEHR SCHWER. UND WAS BLEIBT VON DIESEM RUF, WENN
DIE VERANTWORTUNG FÜR DAS WEINGUT GÄNZLICH AUF SEINE
KINDER MAXIME UND MATHILDE ÜBERGEHT? EINE PROGNOSE:
DAS WEINGUT WIRD SICH VERÄNDERN, OHNE DAS GESICHT ZU
VERLIEREN, DAS MIT DEM KULTSTATUS VERKNÜPFT IST
Von PAUL KERN
Fotos LEIF CARLSSON
Der Colline dʼHermitage an der nördlichen Rhône gehört zu den ikonischsten Weinbergen
Frankreichs. Die Familie Chapoutier entlockt dem Berg Syrah, so vielsagend, martialisch
und fein, wie kaum ein anderer Winzer es bei dieser Rebsorte in seinen Weinen schaff.
Derzeit sind die Chapoutiers mit der Frage konfrontiert, wie viel man verändern darf, wenn
man zeitlose Kultweine keltern will. Oder anders gefragt: wie viel man verändern muss.
Über Michel Chapoutier wurde schon
viel geschrieben. So viel, dass sich die
Erzählungen über ihn und sein Kult-Weingut
am Fuß des Colline de l’Hermitage mitunter verselbstständigen.
»Ich habe mal über mich gelesen,
dass meine Tochter blind sei und ich deswegen die
Blindenschrift auf die Etiketten drucken würde«,
sagt Michel Chapoutier und muss selbst ein wenig
lachen. Dabei sind Mathilde Chapoutiers Augen kerngesund
und die designierte Geschäftsführerin steht
in den Startlöchern, sukzessive in die Fußstapfen
ihres Vaters zu treten – als neunte Generation des
Hermitage-Giganten.
Die Geschichte mit der Blindenschrift rührt
stattdessen von der Familie Monier de la Sizeranne,
die einen Großteil ihrer Lagen an die Chapoutiers
verkaufte, als ihr Sohn Maurice erblindet war und
man sich gegen eine Betriebsnachfolge entschieden
hatte. Ohne die Sizerannes hätten Chapoutiers im
umkämpften Colline de l’Hermitage nie so rasant
wachsen können. 31 von 136 Hektar der AOP sind
heute in Besitz des Kultbetriebes in Tain an der Rhône.
Die Blindenschrift ist ein ewiger, symbolischer Dank,
dazu hat man den Basis-Hermitage aus verschiedenen
ehemaligen Sizeranne-Lagen nach dieser Familie
benannt. Anlässlich des 200-jährigen Bestehens
dieser Braille-Schrift vermarktet Chapoutier einen
limitierten Benefiz-Hermitage – gemeinsam mit
der Hilfsorganisation, die Maurice Monier de la
Sizeranne heute leitet.
Zumindest einen wahren Kern hat wiederum
die Geschichte, Michel Chapoutier habe nach seiner
ersten 100-Punkte-Bewertung von Robert Parker,
den Flaschen seines Vaters in den Lagern der Händler
nachgejagt und sie vernichten lassen. Laut Michel
Chapoutier verlief sie so: nachdem er das Weingut
Ende der 1980er und Anfang der 1990er massiv
auf sich zugeschnitten hatte, änderte sich auch der
Wein-Stil. Und weil ein unüberschaubares Nebeneinander
verschiedenartiger Chapoutier-Hermitages
nach Ansicht des jungen Michel die Profilierung
hemmte, bot er einem US-Importeur mit großem
Lagerbestand folgenden Deal an: Die alten Jahrgänge
sollten ausgelistet und mit aktuellen Jahrgängen
kompensiert werden. Ein nachvollziehbares, wenn
auch ohne Frage selbstbewusstes Manöver eines
40 FINE 4 | 2025 CÔTES DU RHÔNE
CÔTES DU RHÔNE FINE 4 | 2025 41
Fur die
leisen Tone
Fur die
lauten Tone
Einatmen. Ausatmen.
Einatmen. Ausatmen.
DIE NEUE
AM
ELT
AP
HERMANUS, BOT RIVER, HEMEL-EN-AARDE: TEIL 2 UNSERER
SERIE ÜBER SÜDAFRIKA, EINE DER SPANNENDSTEN
WEINREGIONEN DER WELT. GERADE TUT SICH HIER WIEDER
EINE MENGE. EINE GENERATION VON JUNGEN WINZERN
DENKT UND GESTALTET DIE WEINWELT MIT INNOVATIVEN
IDEEN UND KONZEPTEN NEU. EINE REISE IN DIE ZUKUNFT
Von URSULA HEINZELMANN
Fotos DANIEL GREBE
48 FINE 4 | 2025 SÜDAFRIKA
SÜDAFRIKA
FINE 4 | 2025 49
DAS GROSSE DUTZEND
CANTINA KURTATSCH
Von UWE KAUSS
Fotos GUIDO BITTNER
72 FINE 4 | 2025 DAS GROSSE DUTZEND
DAS GROSSE DUTZEND FINE 4 | 2025 73
FAMILIEN-
TREFFEN
EINMAL IM JAHR VERANSTALTET DAS WEINGUT ALOIS LAGEDER
MIT DER SUMMA EIN WEINFESTIVAL, DAS MEHR IST ALS EINE
MESSE. IN DEM BEZAUBERNDEN CASÒN HIRSCHPRUNN TREFFEN
SICH DANN WINZER, HÄNDLER, GASTRONOMEN UND ANDERE
WEINLIEBHABER ZUM FAMILIÄREN GET-TOGETHER
Von KRISTINE BÄDER
Fotos THILO WEIMAR
76 FINE 4 | 2025 SÜDTIROL
SÜDTIROL
FINE 4 | 2025 77
AN DER
BLAUEN MAUER
DIE POETISCHE BEZEICHNUNG DES SCHWÄBISCHEN LYRIKERS EDUARD
MÖRIKE FÜR DEN LANDSCHAFTLICH SO ABWECHSLUNGSREICHEN
ALBTRAUF FÄLLT UNSEREN KOLUMNISTEN ZUERST EIN, WENN SIE DIE
SCHWÄBISCHSTEN ALLER WEINE GENIESSEN – DIE VON HEDWIG UND
HELMUT DOLDE: FRISCH, KANTIG, SONDERBAR UND EIGENWILLIG BIS
ZUR QUERKÖPFIGKEIT. EINE SCHWÄBISCHE BEGEGNUNG
Von EVA GRITZMANN und DENIS SCHECK
Gelegentlich, wir müssen es bekennen, überfällt uns ein gewisser Überdruss an der Welt
des Weins. Diesen Überdruss löst nie der Wein selbst aus, immer nur die Sprache des Weins.
Genauer gesagt, wie vom Wein gesprochen und wie über den Wein geschrieben wird.
Zum Beispiel, wenn ein Mouton Rothschild 1er
Cru 2019 als »alles ganz fein, ganz verspielt,
mit einer schicken Süße. Ein sehr schicker
Mouton.« beschrieben wird. Solche stilistischen
Locken auf der Glatze lösen Krämpfe in uns aus.
Doch woran liegt es eigentlich, dass wir uns innerlich
winden, wenn wir so was lesen? Daran, dass wir
uns sonst mit Medizin und Literatur beschäftigen,
zwei Arbeitsfeldern, auf denen Präzision alles ist?
Oder nicht doch einfach an unserer schwäbischen
Herkunft, die gegen solche Schaumschlägereien
immunisiert?
Den schwäbischsten Wein, den wir kennen,
machen Hedwig und Helmut Dolde. Es sind trockene,
manche sagen furztrockene Sylvaner, Rieslinge,
Weissburgunder und Spätburgunder, die ihr einzigartiges
Terroir widerspiegeln und schmeckbar
machen. Die Weinberge der Doldes liegen in Beuren,
Neuffen und Frickenhausen-Linsenhofen am Rand
des sogenannten Schwäbischen Vulkans. Der ist
seit gut elf Millionen Jahre erloschen, hat aber für
den Weinbau segensreiche Hinterlassenschaften in
Gestalt extrem seltener Böden produziert. Hier am
Rand des Albtraufs, so der geologische Name der steil
abfallenden Hänge aus Braunem und Weißem Jura-
Gestein, erzeugt das Ehepaar Dolde seit 45 Jahren
seinen »Bergwein«, wie sie die Produkte ihrer Weinberge
nennen, die mit über 500 Metern zu den höchstgelegenen
Deutschlands zählen. Wenn wir vom nahen,
keine 30 Kilometer entfernten Stuttgart auf diese
landschaftlich reizvolle, weil enorm abwechslungsreiche
Gegend blicken, denken wir unwillkürlich
an Eduard Mörikes poetische Bezeichnung für den
Albtrauf: »Die Blaue Mauer«.
Schick sind ihre Weine nicht –
welch ein Glück!
Was immer man über die Weine von Hedwig und
Helmut Dolde sagen kann, schick sind sie ganz
sicher nicht. Und das wollen sie auch nicht sein.
Frisch und kantig beschreibt sie schon eher. Auch
sonderbar. Eigenwillig bis zur Querköpfigkeit. Das
liegt an ihrem Winzer und der Kombination von
Böden und Klima, die so einzigartig in Deutschland
ist und höchstens vergleichbar mit einigen Terroirs
im Burgund. Weinberge wie die in Linsenhofen mit
schwerem, tonig-lehmigen Mittleren-Jura-Böden
findet man in der Côte d´Or. Die von vielen weißen
Jurabrocken durchzogenen Böden der Neuffener
und Beurener Weinberge gleichen denen im Chablis.
Aber einen Winzer wie Helmut Dolde findet man in
ganz Deutschland nicht.
Der 72-Jährige hat wie seine Frau Hedwig Biologie
und Chemie studiert und arbeitete bis zu seiner
Pensionierung als Lehrer. Aber vor 45 Jahren entwickelte
er ein Interesse für den Weinberg, den seine
Familie seit Generationen bewirtschaftete. »Wir
hatten immer schon Wein in der Familie, aber –
typisch für Württemberg! – immer im Nebenerwerb.
Das hier ist Realteilungsgebiet. Hier konnten nur
wenige von der Landwirtschaft leben, weil die
Flächen einfach zu klein waren. Mein Vater war
Schreiner und lieferte unsere Trauben immer an
die Genossenschaft ab. Für den Hausgebrauch kaufte
er billigen Traubenmost aus der Pfalz und kelterte
daraus unseren Hauswein. Der wurde sehr jung
getrunken – und das war auch gut so!«
So ging das bis Ende der 70er Jahre, als das
Lehrerehepaar nach dem Studium in Konstanz und
Hohenheim und einigen Umwegen zurück nach
Linsenhofen kam und sich für den Familien-Weinberg
zu interessieren begann. »Das waren ja nur zwei
Ar, aber es war klar, wenn wir den übernehmen, dann
wollen wir auch unseren eigenen Wein keltern.«
Das Ortswappen von Linsenhofen zeigt zwei
rotgewandete Männer, die an einer Stange
eine riesige grüne Weintraube tragen. Es
bezieht sich auf eine Geschichte aus dem Alten Testament,
die von zwei ins gelobte Land ausgesandten
Kundschaftern namens Josua und Kaleb erzählt. Als
frühe Food Hunter kehrten Josua und Kaleb aus dem
Land Kanaan mit einer gigantischen Traube zurück.
Von solchen Trauben konnte man im kalten und
kargen Linsenhofen lange nur träumen. Denn das so
günstige Terroir ist eben nur ein Faktor in der multifaktoriellen
Gleichung Wein. Und überhaupt – die
meisten tippten sich nur an die Stirn, als der Lehrer
und Hobbywinzer Helmut Dolde von den geologischen
Parallelen zwischen dem Albtrauf und der
Bourgogne erzählte. »Aber wir waren immer große
Burgund-Fans, sind da oft gewandert und haben in
den Weinbergen in den weißen Steinen Fossilien entdeckt,
die wir auch von zu Hause kannten«, erzählt
er. »Dass es hier Jura gibt, das wussten wir natürlich.
Aber auch die Begleitbiotope, also Pflanzen
Liebe kennt keine Eifersucht. Im Herbst
verbringt Helmut Dolde »mehr Zeit mit dem Wein
als mit meiner Frau Hedwig«
wie Wacholder, Schwarzdorn, Ragwurz oder Buchsbaum,
kannten wir ohne Bestimmungsbuch von
der Schwäbischen Alb.« Das nahmen die Doldes
als Fingerzeig.
Die beste Weinschule der Welt
ist die des Lehrerehepaars Dolde
»Unsere erste Lese fand 1980 im Schneetreiben
statt, ich war hochschwanger. Die Trauben wurden
und wurden einfach nicht reif. Deshalb mussten
wir im November ernten. Das kann man sich heute
gar nicht mehr vorstellen«, erinnert sich Hedwig
Dolde. »Und der Ertrag war miserabel«, ergänzt
ihr Mann. »Wir mussten bei einem anderen Winzer
noch Traubensaft dazukaufen, damit wir überhaupt
unseren ersten Wein machen konnten. 1982 war
dann aber ein Massenjahr, da hatten wir plötzlich
Wein ohne Ende.«
Eine kompetentere Weinschule, als zwei Stunden
am Küchentisch mit den Doldes in Linsenhofen zu
sitzen, kann man sich nicht erträumen. Die Autodidakten
geizen nicht mit ihrem Wissen und brennen
darauf, den angesammelten Erfahrungsschatz
84 FINE 4 | 2025 DIE GRITZMANN & SCHECK-KOLUMNE
DIE GRITZMANN & SCHECK-KOLUMNE FINE 4 | 2025 85
DANIEL DECKERS
WEIN & ZEIT LVII
DER ALTE, DER GROSSMEISTER
DER WEINDIPLOMATIE
KONRAD ADENAUER, VON 1949 BIS 1963 ERSTER BUNDESKANZLER DER BUNDES-
REPUBLIK DEUTSCHLAND, NUTZTE STAATSBESUCHE UND MAHLZEITEN
IN KLEINEM KREIS GEZIELT, UM SEINE VERHANDLUNGSPARTNER AUS DER
SOWJETUNION, DEN USA UND DEN EUROPÄISCHEN NACHBARLÄNDERN MIT DEN
BESTEN DEUTSCHEN RIESLINGEN ZU BEEINDRUCKEN
Foto: Ullstein Bild
Der 11. September 1955 fiel auf ein Sonntag – und wie an jedem Sonntagvormittag wollte
Bundeskanzler Konrad Adenauer auch an diesem eine Heilige Messe besuchen. Doch der
Gottesdienst, der ihn diesmal erwartete, sollte einer der ungewöhnlichsten werden, an
denen der 1876 in Köln geborene Katholik in seinem nicht gerade kurzen Leben jemals
teilgenommen hatte. Der Weg führte ihn von einem imposanten Hotel in der Moskauer
Innenstadt zu einer kleinen Kirche, die dem Vernehmen nach vorwiegend von Polen
besucht wurde. St. Louis, so ihr Name, war die einzige in der Hauptstadt der Sowjetunion,
in der mit Erlaubnis der militant atheistischen Kommunistischen Partei noch Gottesdienst
im römisch-katholischen Ritus gefeiert werden durfte.
Drei Tage zuvor war Adenauer an der Spitze
einer Delegation aus Bundesministern,
Abgeordneten des Deutschen Bundestages
und ranghohen Ministerialbeamten in Moskau eingetroffen.
Gut zehn Jahre nach der Kapitulation Nazi-
Deutschlands in einem Krieg, zu dem die Sowjets den
Deutschen anfangs die Hand gereicht hatten, erklang
in der Hauptstadt der östlichen Siegermacht zum
ersten Mal wieder die Melodie des Deutschlandlieds.
Von dem Einverständnis der beiden Diktatoren,
das es Hitler ermöglicht hatte, Polen zu überfallen,
und Stalin, die baltischen Staaten und Teile
Ostpolens zu besetzen, sollte von sowjetischer
Seite nicht mehr die Rede sein. Der neue Vorsitzende
des Ministerrates der UdSSR, Marschall
Nikolai Alexsandrowitsch Bulganin, und Nikita
Chruschtschow, der aufstrebende Erste Sekretär
des Zentralkomitees der KPdSU, wollten endlich
auch mit der Bundesrepublik diplomatische,
wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen aufnehmen
und damit indirekt die deutsche Teilung
in zwei unabhängige Staaten zementieren.
Adenauer hegte keine Illusionen über die
Absichten der Kommunisten, die von der Zwangsläufigkeit
der Weltrevolution überzeugt waren. Doch
nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO und
dank der mittlerweile unwiderruflichen Bindung des
jungen Staates an seine Nachbarn in Westeuropa
sowie an die Vereinigten Staaten sah auch der eingefleischte
Antikommunist Adenauer die Zeit für
gekommen, die Avancen der Sowjetunion nicht
länger zu ignorieren und das erste Kapitel dessen
zu schreiben, was bald darauf als Ostpolitik in die
Annalen des Kalten Krieges eingehen sollte.
Geschickter
Annäherungsversuch
Ein Scheitern des ersten Annäherungsversuchs, der
erst durch den Tod Stalins im Jahr 1953 und das
Ende des Kampfes um seine Nachfolge ermöglicht
worden war, wollte Adenauer aber zu keinem Zeitpunkt
ausschließen. Denn der Wunsch Moskaus
nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen war
das eine. Das andere war das Schicksal der etwa
10 000 Kriegsgefangenen, die unter unmenschlichen
Bedingungen noch immer in den Lagern des Sowjetreiches
festgehalten wurden. Gar nicht zu reden von
dem Schicksal der mindestens zehnmal so großen
Zahl deutscher Zivilinternierter, die gegen und
nach dem Ende des Krieges von der sowjetischen
Besatzungsmacht deportiert, zu Zwangsarbeit verurteilt
und noch immer nicht entlassen worden waren.
Was in den insgesamt fünf Tagen während
mehrerer großer Verhandlungsrunden, sorgfältig
choreographierten Begegnungen im halböffentlichen
Raum und in persönlichen Gesprächen
geschah, zählt achtzig Jahre später zu den am
detailliertesten rekonstruierten Kapiteln der
deutschen Außenpolitik der Nachkriegszeit. Bis
heute können sich Historiker nicht nur auf eine ausführliche
Beschreibung in den Memoiren Adenauers
stützen, sondern auch auf die Erinnerungen vieler
Zeitzeugen sowie auf immer mehr Akten. Trotzdem
ist der Weindiplomatie Adenauers die Anerkennung
bislang versagt geblieben – denn sie ist eine Sprache,
die einer Grammatik folgt, die nicht leicht zu entschlüsseln
ist.
Der sonntägliche Messbesuch Adenauers war
jedenfalls eine im doppelten Sinn ernüchternde
Erfahrung. Denn trotz der versöhnlichen Schlussszene
des Balletts Romeo und Julia zum Trotz, an
dessen Ende Adenauer am Abend zuvor unter
großem Beifall der handverlesenen Gäste im
Bolschoi-Theater Hand in Hand mit Marschall
Bulganin zu sehen war, hatten sich die Sowjets in den
ersten beiden Tagen nicht zu Zugeständnissen in der
Frage der Repatriierung der Kriegsgefangenen bereitgefunden.
Daran konnte auch die enthemmende
Wirkung nichts ändern, die die schweren georgischen
Südweine, der nicht minder süße Krimsekt und der
mitunter aus Wassergläsern getrunkene Wodka bei
dem von Bulganin ausgerichteten dreistündigen
Frühstück am Mittag des ersten Beratungstages
wie auch bei dem von Teilnehmern als »Gelage«
beschriebenen Zusammenkunft entfalteten, die sich
an »Romeo und Julia« angeschlossen hatte.
Doch schon am ersten Tag hatte Adenauer
mit einer Art Nebenaußenpolitik auf einem
Feld begonnen, das nicht nur materiell eine
reiche Ernte versprach, sondern den Gesprächen
zwischen den Repräsentanten zweier Völker eine
versöhnliche Richtung zu geben versprach, deren
Geschichte oft genug mit Blut geschrieben worden
war: Der alte Rheinländer, dessen Weinkennerschaft
nachgerade legendär gewesen ist, hatte sich auf das
Feld der Weindiplomatie verlegt. Jedenfalls zeigte
er sich während des ersten gemeinsamen Frühstücks
am Mittag des 9. November von dem aus
dem Kaukasus stammenden Wein so angetan, dass
die Gastgeber diese Geste der Anerkennung nicht
übersehen konnten. Die Reaktion folgte auf dem Fuß.
»Sehr geehrter Herr Ministerpräsident«, so schrieb
Adenauer am 10. September an Ministerpräsident
Bulganin, »Bei meiner gestrigen Rückkehr in das
Hotel fand ich zu meiner großen und angenehmen
Überraschung die Flaschen des ausgezeichneten
Weines vor, den wir gestern gekostet haben. Ich bin
Ihnen sehr herzlich dankbar nicht nur für den Wein,
sondern auch für die Aufmerksamkeit. Würden Sie
Sonntagsfrühstück mit fines wines
vom Rhein und von der Mosel
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WEIN & ZEIT FINE 4 | 2025 119
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FINENACHRUF
FÜR EINEN FREUND
Die Nachricht vom Tod von Werner Meyer-Näkel erfüllt mich mit großer Trauer. Ein Freund
und Wegbegleiter über Jahrzehnte, ein Vordenker und Vorbild für Generationen, Ahrweinlegende
und Genießer im besten Sinne ist am 13. September im Alter von 72 Jahren viel zu
früh gestorben. Er hinterlässt eine Lücke in der Weinwelt, die unendlich groß ist.
Ich durfte seine Entwicklung aus nächster Nähe begleiten und miterleben, wie er zu einer
prägenden Persönlichkeit seiner Heimatregion wurde. Eine meiner liebsten Erinnerungen stammt
fast 40 Jahre zurück, als wir gemeinsam mit unserem Freund Hans Stefan Steinheuer einige Burgunder
verkosteten. Werner hatte eigene Flaschen mitgebracht. Sie waren gut, doch im Vergleich zu den
großen Gewächsen aus Frankreich fehlte noch ein letzter Funke. Das ließ Werner nachdenken und
inspirierte ihn.
Kurz darauf führte mich mein Weg nach Frankreich. Eigentlich wollte ich mein Französisch
verbessern. In Wahrheit aber faszinierte mich weit mehr die Welt der Restaurants und Weingüter
im Burgund. Werner kam mich dort mit Hans Stefan Steinheuer besuchen und gemeinsam standen
wir im Keller des legendären Henri Jayer. Zum Abschied überreichte Jayer Werner eine seiner
berühmten Flaschen. Hans Stefan und ich gingen leer aus. Denn weder ich als Händler noch Hans
Stefan Steinheuer als Spitzenkoch galten als würdig genug für solch ein Geschenk. Werner aber
bekam diese Flasche, weil er ein Winzer war und weil Henri Jayer etwas in ihm sah.
Auf diese Weise fand Werner Schritt für Schritt seinen Weg an die Spitze der Rotweinwelt. Am
Ende seines Lebens kann ich mit Überzeugung sagen, dass Werner zu einem der bedeutendsten
Rotweinwinzer Deutschlands und darüber hinaus geworden ist. Seine Leistung ist einzigartig.
Ursprünglich wollte Werner Lehrer werden und studierte Sport und Mathematik. Doch 1982
übernahm er das elterliche Weingut in Dernau, das gerade einmal zwei Hektar umfasste. Unter seiner
Leitung wuchs und blühte es. 1994 folgte die Aufnahme in den Verband Deutscher Prädikatsweingüter.
Werner gehörte zu den ersten Winzern in Deutschland, die Rotwein im Barrique reifen ließen.
Anfangs erntete er dafür Kritik von traditionellen Stimmen, doch die Auszeichnungen wurden
immer zahlreicher und immer mehr Winzer der Ahr folgten seinem Beispiel.
1996 wagte Werner den Schritt in die internationale Weinwelt. Zusammen mit Neil Ellis gründete
er in Südafrika das Weingut Zwalu. Im Jahr 2000 kam die Quinta da Carvalhosa im Dourotal hinzu.
Seit 2010 führten seine Töchter Dörte und Meike Schritt für Schritt das Weingut an der Ahr weiter,
heute mit 21 Hektar Rebfläche. Beide tun dies mit Hingabe, Sorgfalt und Herz.
Selbst in der Zeit, als es ihm gesundheitlich schlechter ging, blieb Werner ein Leitbild und
liebevoller Mentor für seine Familie und für die gesamte Region. Und das wird sich nicht ändern.
Mach es gut, mein Freund.
Dein Ralf Frenzel
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