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Transformationen der Antike bei Raffael und seinem Umkreis

ISBN 978-3-422-80105-9

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Michail Chatzidakis

Transformationen

der Antike bei Raffael

und seinem Umkreis

»Concetti anticamente moderni

e modernamente antichi«

in der Sala di Costantino


Gefördert von der Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kunst- und Bildgeschichte,

PSP S.00001.00.551501

ISBN 978-3-422-80105-9

e-ISBN (PDF) 978-3-422-80352-7

Library of Congress Control Number: 2025943651

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de

abrufbar.

© 2025 Deutscher Kunstverlag

Ein Verlag der Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston, Genthiner Straße 13, 10785 Berlin

Einbandabbildung: Giulio Romano, Schlacht an der Milvischen Brücke (Detail), 1519–1521, Rom,

Vatikan, Sala di Costantino (wie Abb. 18)

Einbandgestaltung: Katja Peters

Layout und Satz: Jan Hawemann · Berlin

Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe, Bad Langensalza

www.deutscherkunstverlag.de

www.degruyterbrill.com

Fragen zur allgemeinen Produktsicherheit:

productsafety@degruyterbrill.com


Inhalt

Danksagung 7

Einleitung 9

1 Die »buona maniera antica« als Leitbild 15

(H)istoria, Schlachtenbild, »buona maniera antica« und Imitatio-Lehre

im 16. Jahrhundert 15

Die Sala di Costantino und ihre Historienbilder im Urteil der Epigonen 30

Warburgs »Antikisierender Idealstil«, Gombrichs »Style all’antica«

und Panofskys »Disjunktionsprinzip« 30

»Klassischer (Ideal)Stil« und »Archäologischer Historismus« 32

»Römischer klassizistischer Manierismus«, »Archäologischer

Manierismus« und »Reliefhafter Stil« 34

2 Die »bella maniera moderna« als neues Ideal 49

Aretinos »Concetti anticamente moderni e modernamente antichi«,

der Stil »all’antica« und Vasaris »bella maniera moderna« 49

»Belle e capricciose fantasie«, »copia et varietà«. Bizarre Bilderfindungen,

Fülle, Mannigfaltigkeit und »bella maniera moderna« 61

Transformation, Allelopoiese und Alteritätskonstruktion als

analytische Werkzeuge 67

3 Antikentransformation(en) in der Sala di Costantino 83

Antiquarisch-poetische und narrativ-poetische Alterität

in der Konstantinischen Kreuzesvision und in der Schlacht an der

Milvischen Brücke 83



5


Das Ignorieren historischer Distanz zwischen Trajan und Konstantin.

Der Konstantinsbogen als Konglomerat der Stildebatte und Raffaels

Kunstkritik 87

Lizenz zur schöpferisch-dichterischen Imagination bei der

topografischen Verortung und der Architekturszenerie 112

Die Disjunktion antiker Figurenformulare und originaler Einkleidung 140

Die prominente Darstellung halbnackter Körper 148

Das Ignorieren der institutionellen Konventionen militärischer

Ausrüstung und Bewaffnung 150

Montage und Hybridisierung antiker Realien 175

Die Protagonisten 183

Stilistisch-mediale Alterität in der Sala di Costantino: Fiktive Teppiche,

Giulios »reliefhafter Stil« und Polidoros Monochrom-Malerei 213

Concetti anticamente moderni e modernamente antichi. Ein Ausblick 253

Bibliografie 257

I Bibliografie zur Sala di Costantino (1695–2024) 257

II Allgemeine Bibliografie 266

Bildnachweis 308

Personenindex 309


Danksagung

Die vorliegende Publikation ist die leicht überarbeitete Fassung meiner am 22.11.2023

unter dem Titel »Concetti anticamente moderni e modernamente antichi. Antikentransformationen

bei Raffael und seinem Umkreis in der ersten Projektphase der Sala di

Costantino (1519-1521)« eingereichten und vom erweiterten Fakultätsrat der Kultur-,

Sozial-und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt Universität angenommenen

Habilitationsschrift. Anregungen zur Beschäftigung mit dem Thema erhielt

ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Projekt B03

»Wissen und Imagination – Bildliche Transformationen Römischer Historie(n) in der

italienischen Renaissance« (2013–2016) im Rahmen des SFB 644 »Transformationen

der Antike« (Humboldt-Universität zu Berlin (2005–2016)). Meinen beiden Mitgefährten

im Projekt Apl. Prof. Peter Seiler und Dr. Ursula Rombach, mit Hilfe deren Unterstützung

und Ermutigung das vorliegende Ergebnis ermöglicht wurde, gilt mein tief

empfundener Dank. Viele der später voll entwickelten und ausgebauten Ideen und

Gedanken erlebten ihre Geburtsstunde in jener interdisziplinär geprägten, überaus

kollegialen und geistig unruhigen Atmosphäre des Forschungskollektivs. Ein besonderer

herzlicher Dank sei an dieser Stelle dem SFB-Sprecher Prof. Dr. Johannes Helmrath

ausgesprochen.

Hatte der Pandemieausbruch durch die erfolgte Klausuranordnung der ersten

Phase den unerwartet positiven Nebeneffekt der konzentrierten Gedankenverschriftlichung

zur Folge, so konnte nichtsdestotrotz der ursprünglich vorgenommene

Wunsch die Studie zum Raffael-Jubiläumsjahr 2020 in Druck gehen zu lassen nicht

eingehalten werden. Ein großes Dankeschön gilt auch einer Reihe von Kolleg:innen

und Freunden, darunter Prof. Dr. Kathleen Christian, Prof. Dr. Anna Schreurs, Prof. Dr.

Philipp Zizlsperger, Prof. Dr. Kathrin Müller, Prof. Dr. Kai Kappel, Prof. Dr. Eva Ehninger,

Prof. Dr. Claudia Blümle, Prof. Dr. Horst Bredekamp, Prof. Dr. Pavlina Karanastasi,

Dr. des. Katharina Bedenbender, Dr. des. Franz Engel, Dr. Anna Seidel, Dr. Timo Strauch,

Dr. Georg Schelbert, Dr. Stefano de Bosio, Dr. Valeria Paruzzo, Dr. Damiano Aciarino,

Dr. Stefan Abl, Dr. Anna Frasca-Rath, Dr. Dimitrios Roussos, Dipl. Restauratorin Ludmila

Henseler, M.A. Nadine Stuhlmann, deren Hilfsbereitschaft, Ratschläge, Denkanstöße

und konstruktives Feedback von unschätzbarem Wert waren und mich auf

dem Weg stets begleitet haben.

7


Der Deutsche Kunstverlag und insbesondere Dr. Katja Richter haben von Anfang

an das Buchprojekt enthusiastisch unter ihre Fittiche genommen und über die ganze

Distanz mit Energie, Einsatzbereitschaft und großer Professionalität gefördert. Ihnen

sowie Dr. Imke Wartenberg und Lucy Jarman, welche die freundliche und kompetente

Autorenbetreuung übernommen hatten, und Jakob Held, welcher mit dem Korrektorat

betraut wurde, bin ich zu großem Dank verpflichtet. Finanzmittel der Kultur-, Sozialund

Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt Universität, die Apl. Prof.

Peter Seiler in einem uneigennützigen Akt der liberalitas für die vorliegende Publikation

bereitstellte, deckten die Druckkosten ab. Das Korrektorat des Manuskripts wurde

durch Finanzmittel des Mittelbaufonds des KSBF 2024 der Humboldt Universität zu

Berlin gefördert. Das SFB »Transformationen der Antike« stellte großzügig Gelder für

die Anschaffung von Bildvorlagen der nach der jüngst abgeschlossenen Restaurierung

in neuem Glanz strahlenden Wandgemälden der Sala di Costantino, sowie deren

Publikationsrechten, zur Verfügung. Dem Kurator der Abteilung des 15. bis 16. Jahrhunderts

der Vatikanischen Museen Dr. Fabrizio Biferali und Dr. Rosanna Di Pinto

von der Abteilung Bild- und Publikationsrechte sei auch von dieser Stelle ein herzliches

Dankeschön ausgesprochen. Für die Genehmigung Bildvorlagen von Münzprägungen

im Besitz des Münzkabinetts der Berliner Staatlichen Museen in der Publikation

verwenden zu dürfen, möchte ich mich beim Direktor Prof. Dr. Bernhard Weisser

und dem stellvertretenden Direktor Dr. Karsten Dahmen ganz herzlich bedanken.

Zu guter Letzt gilt mein Dank meiner lieben Lebensgefährtin Roxani für ihre

bedingungslose Unterstützung. Nicht nur hatte sie geduldig meine endlosen Ideen

und Gedankengänge anhören müssen, sondern ermutigte mich auch in den schwierigsten

Phasen des Projekts alle Kräfte zu mobilisieren, um an die Zielgerade zu gelangen.

Ihr sei das vorliegende Produkt meiner wissenschaftlichen Bemühungen gewidmet.

Berlin den 1.4.2025

PD Dr. Michail Chatzidakis

8 Danksagung


Einleitung

»Denn über die Spannkraft der Kämpfenden hinaus, die das Schlachtfeld mit

lebhaften Ausdrücken zu Lande und zu Wasser füllen, können die Waffen und

Friese, die antiken Ornamente und die schönen Formen der Pferde, arrangiert

für Gefechte und Angriffe, nicht genug gelobt werden. Welches Lob, nicht nur

für ihre perfekten Formen gilt, sondern auch dafür, dass sie vor allen anderen

seit der antiken Kunst in diese große Schule eingeführt wurden. Und obwohl

der Meister Raffael und Giulio und seine anderen Schüler große Studien darin

betrieben, die Marmorwerke der Bögen und Säulen nachzuahmen, enthält

dieses Schlachtenbild mehr Aktion und ein breiteres (Schlacht)Feld verglichen

mit der Mark-Aurel- und der Trajanssäule, wo die Kriege und Siege von

Trajan und Antoninus gemeißelt sind. Daher ist das vorliegende Schlachtenbild

nur mit dem Nachruhm des Polygnotos, des Apelles und der berühmtesten

Griechen zu vergleichen, von denen nur der Ruf übrigbleibt.«

Auf solch enthusiastische Worte fühlte sich Giovanni Pietro Bellori im Jahre 1695 bei

seiner detaillierten Beschreibung der Vatikanischen Stanzen geneigt zurückzugreifen,

um seiner ästhetischen Genugtuung vor dem Anblick der Schlacht an der Milvischen

Brücke in der Sala di Costantino Ausdruck zu verleihen. 1

Die Sala di Costantino im Vatikanischen Palast (Abb. 1–5) und die zu ihrer malerischen

Ausstattung gehörenden monumentalen Historienmalereien, allen voran die

berühmte Schlacht an der Milvischen Brücke (Abb. 4) und das, der Kampfszene in zeitlicher

Abfolge vorausgehende, ergänzende Präludium-Bild der Kreuzesvision Konstantins

(alternativ Adlocutio Konstantins genannt) (Abb. 5), zählen zu den Schlüsselwerken

der italienischen Kunst der Frühen Neuzeit. 2

Die, nach Entwürfen Raffaels von Malern seiner Werkstatt (Giulio Romano, Giovanni

Francesco Penni, Polidoro da Caravaggio, Raffaellino dal Colle, Giovanni da Lione)

realisierten, Fresken der Sala di Costantino sind über einen längeren Zeitraum

hinweg entstanden (1519–1524), innerhalb dessen es zu einer doppelten Ablösung auf

dem Stuhl Petri kam (Leo X. (1513–1521), Hadrian VI. (1522–1523), Clemens VII. (1523–

1534)). Diese turbulente Umbruchszeit von großer kultur-, religions- und welthistori-

9


10 Einleitung

1 Raffael und Werkstatt, Ansicht der Süd- und Westwand mit der Schlacht an der Milvischen Brücke und der Taufe Konstantins, 1519–1524, Rom, Vatikan, Sala di Costantino


2 Giulio Romano, Ansicht der Westwand mit der Taufe Konstantins, 1523–1524, Rom, Vatikan, Sala di Costantino

scher Signifikanz war geprägt durch die publizierten, die katholische Welt bis in die

Fundamente zutiefst erschütternden siebenundneunzig Thesen Martin Luthers (1517),

den während des Projekts eingetretenen, unerwarteten Tod Raffaels (1520), den Sacco

di Roma (1527) und die Belagerung von Florenz (1529). Entwurf und Ausführung der

Fresken sind an genau jener Zeitmarke angesetzt, an der viele Kunsthistoriker, sich

an Giovanni Battista Agucchi und den oben zitierten Giovanni Pietro Bellori anlehnend,

den Übergang von der Kunst der »Renaissance« zu jener des »Manierismus« zu erkennen

glaub(t)en. 3 Von vielen Forschern als herausragende exempla der römischen maniera

proklamiert, 4 präsentieren sich die, innerhalb der Hierarchie der Bildgattungen

hochangesehenen, römischen Historien der Sala di Costantino als gelehrte Balanceakte

zwischen dem Ideal einer nachahmenswerten Antike auf der einen und der im

noch unterschwelligen Streit zwischen Alten und Modernen gründenden Intention

ihrer Überbietung durch die künstlerische Einbildungskraft auf der anderen Seite.

Einleitung

11


3 Giulio Romano, Ansicht der Nordwand mit der Konstantinischen Schenkung, 1523–1524, Rom, Vatikan, Sala di

Costantino

Der Fokus wird ganz bewusst auf die frühe Ausführungsphase des ambitionierten

Projekts gelegt (1519–1521), d. h. auf die noch zu Lebzeiten Raffaels und des ursprünglichen

Initiators, Papst Leo X. Medici, in Angriff genommenen Hauptepisoden

der Schlacht an der Milvischen Brücke (Abb. 4) und der Kreuzesvision (Abb. 5) an der

Süd- und Ostwand der »Sala grande«, des größten Raums des päpstlichen Appartements.

5 Neben der Gesamtplanung der Stanza ist die Konzeption dieser Fresken, nach

den überlieferten Entwurfsskizzen zu urteilen, auf Raffael selbst zurückzuführen.

Auch darf nicht vergessen werden, dass das ursprüngliche ikonografische Programm

neben diesen wichtigen Begebenheiten aus dem Leben Konstantins zwei

weitere Episoden vorsah, die Vorführung der Gefangenen und die Vorbereitung zum

Blutbad, welche in der späteren »Clementinischen« Phase des Projekts (1523–1524)

gegen jene an der West- und Nordwand noch heute zu sehenden der Taufe Konstantins

(Abb. 2) und der Konstantinischen Schenkung (Abb. 3) ausgetauscht wurden. 6

Die stilistische, thematische und tagespolitische Homogenität der beiden hier zu

analysierenden Wandbilder, welche aus »einem Guss« hergestellt sind, legitimiert

diese Entscheidung und verspricht für die Ziele der vorliegenden Arbeit am ergiebigsten

zu werden. Die folgenden Ausführungen setzen sich zum Ziel, mit Hilfe hinreichend

differenzierender Analysen deutlich zu machen, dass es beim Gebrauch historisch

anmutender, antiquarisch fundierter Bildelemente in der Sala di Costantino

12 Einleitung


nicht primär um archäologische Präzision ging, sondern um den Versuch, die Alterität

der als hoch- oder höherwertig aufgefassten Antike mit Hilfe der formalen und ikonografischen

Modalitäten ihrer Vermittlung, sprich der Modi antiquarischer, dichterischer

und stilistischer Alterität, überzeugend darzustellen und für zeitge nössische

Interessen fruchtbar zu machen.

Dabei ist eine präzise Trennung jener Bildelemente, die sich auf historische, von

denjenigen die sich auf poetische Verfahren zurückführen lassen, zu unternehmen. In

der kreativen Verschränkung dieser ineinandergreifenden Darstellungsprinzipien

liegt die Innovation dieser Historienbilder. Dabei bildeten antikenorientierte und moder

ne Darstellungsverfahren zwei Seiten der selben Medaille und die Lizenz zu poetischer

Imagination war keineswegs historischem und archäologi schem Wissen un tergeordnet:

Sie dominierte in allen Bereichen.

Bezeichnenderweise bringt Pietro Aretino in einem Brief von 1542 mit der Formel

»concetti anticamente moderni e modernamente antichi«, die innovative Leistung

einer modernen Transformation antiker Kunst durch Giulio Romano in der Sala di

Costantino auf den Punkt. 7 Bis ins antiquarische Detail entsprechen die Konstantinsschlacht

und die Konstantinsvision solchen »concetti anticamente moderni e modernamente

antichi«. Denn trotz aller antikeinspirierten Tendenzen und Re fle xionen wurde

die Moderni tät der zeit genössischen Kunst nicht als »maniera all’antica« bezeichnet,

sondern im Sinne eines von Vasari propagierten normativen Verfahrens als »bella

maniera moderna« selbstbewusst her vorgehoben. 8 Man verstand sie nicht als einseitig

retros pektiv, sondern als innovative reziproke Verschränkung mit Eigenständigkeitsanspruch.

1 Giovanni Pietro Bellori, Descrizione delle Stanze di

Raffaello e altri scritti (1695). Siehe Cervelli 2019,

S. 83-84: »[…] poiché oltre la forza de combattenti,

che in terra ed in acqua empiono il campo con vivissime

espressioni, non possono lodarsi a bastanza

l’armi e i fregi, gli antichi ornamenti e le bellissime

forme de cavalli, disposti agl’incontri ed agli

assalti. La qual lode s’avanza non solo per le forme

loro perfette, ma per vedersi introdotte in questa

grande scuola prima di ogni altro dopo gli antichi.

E se bene il maestro Rafaelle e Giulio e gli altri suoi

discepoli posero grandissimo studio nell’imitare i

marmi degli archi e delle colonne, contuttociò più

azzione e più ampio campo si contiene in questa

battaglia che nell’Antonina e nella Traiana, ove

sono scolpite le guerre e vittorie di Traiano e di Antonino.

Onde la presente battaglia resta da paragonarsi

solo alla fama di Polignoto, di Apelle e degli

altri Greci più celebri di cui solo rimane il grido«.

Wenn nicht anders angegeben, stammen die Übersetzungen

vom Autor.

2 Das grundlegende Referenzwerk zur Sala di Costantino

bleibt immer noch die Studie von Rolf

Quednau. Siehe Quednau 1979. Vgl. die Rezensionen

dazu von Schröter 1981; Kliemann 1982; Partridge

1983 und Wollesen-Wisch 1984. Zur Sala di

Costantino siehe ferner die aufgelisteten Titel in

Bibliografie (I). Vgl. Kap. 3, Anm. 246–248, 255, 258.

3 Zum Todesdatum Raffaels (1520) als favorisiertes

– aber nicht undebattiertes, etwa Burckhardt

1855 (1933), S. 995 (1530); Würtenberg 1962, S. 6

(1530) – Entstehungsdatum des »Manierismus« bzw.

der »antiklassischen/nichtklassischen« Kunstbestrebungen

von der überwiegenden Mehrheit der

Forschung siehe Wöllflin 1888 (1988), S. 3; Berenson

1903, Bd. 1, Teil 2, S. 300–304 (vgl. Smyth 1992, S. 110,

Anm. 17); Friedländer 1925; Friedländer 1965, S. 3–43;

Pevsner 1925, S. 244; Pevsner 1928, S. 13–14; Weise

1950, S. 337; Hauser 1951 (1984), S. 88; Battisti 1962

(1989), S. 49; Weise 1962a, S. 27; Hauser 1964, S. 20;

Bousquet 1963 (1985); Freedberg 1965, S. 194–195

(auch in De Girolami Cheney 2012a, S. 130); Shearman

1963, S. 215 (auch in De Girolami Cheney 2012a,

S. 46); Shearman 1967 (1988), S. 71; Chastel 1968;

Battisti 1970, S. 197; Weise 1971; Klaniczay 1977, S. 93,

101; Freedberg 1971 (1986), S. 175; Murray 1967 (1991),

S. 125; Arasse/Tönnesmann 1997, S. 294; Link-Heer

1998, S. 157; Hall 1999; Patz 2001, Sp. 907; Link-Heer

 Einleitung

13


2001, S. 793, 804, 826; Hall 2005a, S. 224; Kanz 2008,

Sp. 1172; Philipp 2008, S. 12; Thimann 2008, S. 27;

Grassi 2011, S. 89; Schneider 2012, S. 9; Brassat/Von

Rosen 2017, S. 324; Bigi Iotti 2022, S. 105.

Die zeitliche Markierung geht auf die Manierismus-

Kritiker des 17. Jahrhunderts, Giovanni Battista

Agucchi (Trattato, um 1610) und Giovanni Pietro

Bellori (Le vite de pittori scultori ed architetti moderni,

1672), zurück. Siehe Irle 1997, S. 53–56, 128–129;

Kanz 2008, Sp. 1172; Aurenhammer 2016, S. 15, 22:

»Bellori sah die gesamte Periode vom Tode Raffaels

im Jahr 1520 bis zum Ende des 16. Jahrhunderts

unter der verhängnisvollen Herrschaft der Maniera«

[…] »Trägt Marcia B. Halls Buch über die mittelitalienische

Cinquecento-Malerei nur lapidar den

Titel After Raphael, schreibt damit allerdings noch

immer Belloris Datierung des beginnenden Kunstverfalls

in das Jahr 1520 fort«.

Als Schlüsselwerke des »Manierismus« in den

Hauptzentren Rom und Florenz um 1520 gelten traditionell

Raffaels/Giulio Romanos Transfiguration

(1520), Raffaels/Giulio Romanos Sala di Costantino

(1519–1524), Rosso Fiorentinos Kreuzabnahme (1521)

und Jacopo Pontormos Christi Passion-Freskenzyklus

in der Certosa San Lorenzo di Galuzzo (1522–1525).

Bereits Walter Friedländer und später entschiedener

noch Craig Hugh Smyth und John Shearman

haben die Anfänge der maniera mit Frühwerken

Michelangelos in Verbindung gebracht; mit der

Doni Madonna (1507) und dem Karton zur Schlacht

von Cascina (1504–1505) (vgl. Abb. 66), mit der Ehernen

Schlange und den ignudi der Sixtinischen Decke

(1508–1512) und einer Geißelung-Zeichnung (1516)

im British Museum. Siehe Friedländer 1925, S. 57;

Friedländer 1965, S. 16; Smyth 1963, S. 189 (auch in

De Girolami Cheney 2012a, S. 86); Smyth 1992, S. 68,

125 und Anm. 125 (Vgl. hierzu auch unten, Kap. 1,

S. 35–37); Shearman 1963, S. 213 (auch in De Giro lami

Cheney 2012a, S. 44); Shearman 1967 (1988), S. 62–65.

Vgl. Battisti 1970, S. 5; Pinelli 1981, S. 109.

Shearman hatte darüber hinaus für die früheste

Transferierung der maniera-Ideale von Rom nach

Florenz auf die Bedeutung der zwischen 1522 und

1523 zu datierenden Vorstudie des Raffael-Schülers

Perino del Vaga für den Karton zum nie ausgeführten

Fresko der Marter der Zehntausend hingewiesen.

Siehe Shearman 1963, S. 216 (auch in De Girolami

Cheney 2012a, S. 46–47); Shearman 1967 (1988),

S. 73 und Abb. 28. Vgl. Bialostocki 1966, S. 92; Miedema

1979, S. 40; Smyth 1992, S. 76–77 und Abb. 54;

Cordellier/Py 1997, Kat. Nr. 44, S. 134–135; Eclercy

2016, S. 33-34.

Arnold Hauser sprach mit Nachdruck von »Latenz

des Manierismus in der Hochrenaissance« und zog

zur Verifizierung seiner Thesen Werke von Raffael,

Michelangelo und Correggio heran. Siehe Hauser

1951 (1984), S. 89; Hauser 1964, S. 5, 145–146, 152–177.

Manieristische Stiltendenzen in Rom werden von

manchen Forschern bereits im frühen 16. Jahrhundert

angesetzt und nicht nur bei Raffael (Vertreibung

Heliodors aus dem Tempel (1511–1513), Borgo brand

(1514–1517)), sondern auch bei Künstlern seines engen

Kreises diagnostiziert, z. B. bei Giulio Romano,

Baldassare Peruzzi (Darbringung Mariens im Tempel

in der Ponzetti-Kapelle in Santa Maria della Pace

(1517–1520), Andrea Sansovino (Temperanzia in der

Grabkapelle Bassos della Rovere in Santa Maria del

Popolo (1507)) und Lorenzo Lotto. Siehe Friedländer

1925, S. 59; Pevsner 1928, S. 14–15; Antal 1948, S. 85

und Anm. 25; Brizio 1955; Du Mont 1966, S. 446–447;

Freedberg 1971 (1986), S. 108–109 (zu Peruzzi); Pinelli

1981, S. 151–152; Philipp 2008. S. 13, 18; Brassat/Von

Rosen 2017, S. 325–327. Vgl. Smyth 1992, S. 73–75 und

Abb. 49, S. 108–109 und Anm. 8, S. 111 und Anm. 18,

S. 126 und Anm. 141.

4 Murray 1967 (1991), S. 126–127 fängt das Manierismus-Kapitel

mit einer Besprechung der Sala di Costantino

an. Freedberg 1971 (1986), S. 205 spricht am

Beispiel der Sala di Costantino von »römischem

klassizistischen Manierismus«. Siehe dazu ausführlich

unten, Kap. 1, S. 34–35. Auch in Halls umfassender

Überblicksstudie, nimmt die Sala di Costantino

innerhalb des Werkanalysemodells die zentrale

Ausgangsposition ein. Siehe Hall 1999, S. 42–48.

5 Quednau 1979, S. 90–92.

6 Siehe dazu ausführlich Quednau 1979, S. 80–93.

Einen informativen, zusammenfassenden Überblick

zu den einzelnen Etappen der Projektplanung

bietet jüngst Guido Cornini in seinem Restaurierungsbericht.

Siehe Cornini 2020; Cornini/Piacentini/Santamaria/Morresi

2023. Vgl. Quednau 2023,

S. 485–486; Quondam 2024. Die von der jüngst abgeschlossenen

Restaurierung ausgelöste bzw. neu

entflammte Debatte um die Raffael-Autorschaft

der beiden in Ölmalerei ausgeführten Personifikationen

der Iustitia und der Comitas, liegt außerhalb

der gesetzten Ziele der vorliegenden Untersuchung.

7 Camesasca 1957, Bd. 1, Nr. CXLII, S. 214–215; Flora

1960, Nr. 372, S. 884–885; Procaccioli 2002, Bd. 2, Nr.

380, S. 386. Zur Formel vgl. ausführlicher unten,

Kap. 2, S. 49 und Anm. 2.

8 Zur »bella maniera moderna« bei Vasari siehe

unten, Kap. 2, S. 56–61.

14 Einleitung


1 Die »buona maniera antica«

als Leitbild

(H)istoria, Schlachtenbild, »buona maniera antica«

und Imitatio-Lehre im 16. Jahrhundert

Die Schlacht an der Milvischen Brücke (Abb. 4) und die Kreuzesvision Konstantins (Abb. 5)

in der Sala di Costantino erfüllen eine Reihe von Voraussetzungen, welche sie bezüglich

der im Fokus der vorliegenden Analysen stehenden Phänomene der Antikentransformation

zu vielversprechenden Untersuchungsgegenständen avancieren lassen:

Gattungsspezifisch gehören sie zu der seit Albertis theoretischen Reflexionen

höher eingestuften, wenngleich im 15. und 16. Jahrhundert weitgehend definitorisch

diffusen, Bildkatego rie der (h)istoria; hinzu kommt, dass die zentrale Kampfdarstellung

der Königsdisziplin der Historien, jener des Schlachtenbildes, zuzuordnen ist.

Zudem greifen sowohl die Schlacht an der Milvischen Brücke, als auch die Kreuzesvision

Konstantins angesichts der vorgegebenen geschichtlichen Thematik bewusst und in

großem Umfang auf zahl reiche Vorbilder der, von den Kunsttheoretikern als nachahmenswert

propagierten, »buona maniera antica« zurück. Schließlich – und dies ist in

dem hier zu behandelnden Kontext am bedeutendsten – demonstrieren sie durch die

reichhaltigen eigenen ingeniösen Bilderfindungen und vielfältigen Transformationen

antiker Formen aufs Anschaulichste den selbstbewusst vorgeführten Vergleich der

modernen Künstler mit dem antiken Erbe. Dieser Wetteifer erfolgte seinerseits im

Rahmen einer in den kunsttheoretischen Kreisen Italiens im 16. Jahrhundert entflammten

Debatte darum, wie eine schöpferische Nachahmung, ja sogar ein Übertreffen

der antiken Vorbilder – in Anlehnung wiederum an wohlbekannte rhetorische

Konzepte (imitatio, aemulatio, superatio) – anzustreben sei.

Die Auffassungen der Bildkategorie Historienmalerei in der Frühen Neuzeit lassen

sich lediglich aus dem Umgang der Kunsttheoretiker mit dem Begriff (h)istoria erschließen.

1 Jener scheint in materiell-formaler wie in thematisch-inhaltlicher Hinsicht

auf ein weit gefasstes Spektrum von Fällen anwendbar gewesen zu sein. Die (h)istoria

wurde in den Malereitraktaten der Renaissance als homogene Gattung aufgefasst,

deren Regeln unabhängig von den medialen Bedingungen der jeweiligen Bildträger

galten. Die Vielfalt der Bildträger generierte in der Praxis jedoch eine erhebliche

15


16 1 Die »buona maniera antica« als Leitbild

4 Giulio Romano, Ansicht der Südwand mit der Schlacht an der Milvischen Brücke, 1519–1521, Rom, Vatikan, Sala di Costantino


5 Giulio Romano, Ansicht der Ostwand mit der Kreuzesvision Konstantins, 1519–1521, Rom, Vatikan, Sala di Costantino

(H)istoria, Schlachtenbild, »buona maniera antica« und Imitatio-Lehre im 16. Jahrhundert

17


Diversifikation der produktions- und rezeptionsästhetischen Modalitäten. Der Terminus

ist für unterschiedliche künstlerische Techniken belegt, z. B. sowohl für gemalte

und in Stein gemeißelte Arbeiten, als auch für Mosaiken, Intarsien und Buchillustrationen.

2 In der Besprechung der Triumph- bzw. Ehrenbögen in seinem Architekturtraktat

De Re Aedificatoria, hebt Leon Battista Alberti deren Memorialfunktion hervor,

weil sie in den eingelassenen Reliefs historiae zeigen und somit das Gedenken an die

res gestae berühmter Männer kommemorieren. 3 Nachzeichnungen von Ehrenbögen

in Giuliano da Sangallos sogenanntem Taccuino Senese, wo in den für die Einfügung

von Reliefs vorgesehenen runden und rechteckigen Feldern das Wort storie als Indikator

eingeschrieben wird, bringen diesen medienübergreifenden Aspekt visuell zum

Ausdruck. 4

Ähnlich verhält es sich mit der thematischen Bandbreite; eine (h)istoria war nicht

auf geschichtliche Ereignisse narrativen Charakters beschränkt, sondern konnte

ebenso aus den Bereichen der Allegorie, der Literatur und der biblischen Geschichte,

oder aus dem Sagenkreis der Mythologie ihr Darstellungsthema schöpfen. 5 Die res

gestae, die großen Taten berühmter Männer der Antike (und der Moderne), als unübertroffene

exempla moralischer Vorbildhaftigkeit, gehörten seit Petrarcas in den 1360er

Jahren im Paduaner Umfeld entstandene Sammelbiografie De viris illustribus zu den

für eine (h)istoria relevanten Themenkreisen. 6 Zwar hat Hans Baron in seinen Pionier-

Arbeiten das Erwachen des historischen Denkens im Humanismus des Quattrocento

herausgearbeitet und hervorgehoben, 7 aber die Ideen von Geschichte im kollektiven

Singular bzw. Geschichtsbewusstsein als unerlässliche Komponenten eines langwierigen

synthetischen Prozesses zur Prägung der politischen Identität und des sozialen

und kulturellen Gedächtnisses einer Gemeinde, 8 sind in der Frühen Neuzeit noch

nicht ausgeformt. 9 Die frühneuzeitliche, weit gefasste Definition und vielschichtige

Semantik von (h)istoria macht es bis heute schwer entscheidbar, wie der Begriff von

Kunsttheoretikern, Künstlern und humanistischem Publikum der damaligen Zeit genau

verstanden wurde.

Zwar spricht Leon Battista Alberti, der italienische Künstler und Theoretiker, der

sich in seinen Schriften als Erster ausführlich darüber geäußert hatte, wiederholt von

(h)istoria als der höchsten, vollendetsten und umfassendsten Aufgabe der Malkunst

(»amplissimum [...], ultimum [...] et absolutum pictoris opus bzw. summum pictoris

opus«), 10 doch er bleibt in seinen Reflexionen unscharf und seine Begriffsdeutung

zeigt sich polyvalent. Die Schwierigkeiten liegen darin, worauf Oskar Bätschmann

und Hubert Locher mit Nachdruck und in Opposition zueinander wiederholt hingewiesen

haben, dass der Schlüsselbegriff (h)istoria bei Alberti sowohl als ein aus der

Zusammensetzung der einzelnen Körperteilen (compositio corporum) hervorgegangenes

Bild erzählenden Charakters mit mehreren interagierenden Figuren in einem

Raum, wie auch als ein aus der künstlerischen Erfindung bzw. der angeborenen Begabung

(inventio/ingenium) hervorgebrachtes Kunstwerk bzw. Gemälde (opus) ausgelegt

werden kann. 11 Künstlerische Handtätigkeit und Intellekt haben dementsprechend

laut Alberti beide einen wesentlichen Anteil an der Genese der gelungenen

18 1 Die »buona maniera antica« als Leitbild


(h)istoria. 12 Hinter dieser dualistischen Begriffserläuterung birgt sich allem Anschein

nach Albertis Anliegen zusätzlich zu den maltechnisch-manuellen bzw. praxisbezogenen

Ausführungen zur Gestaltung der (h)istoria, welche den größten Anteil seiner

Kunsttheorie ausmachen, auch den geistig-intellektuellen Aspekten des künstlerischen

Schöpfungsaktes Rechnung zu tragen – ein zu seiner Zeit tagesaktuelles Thema

im Rahmen der eifrig unternommenen Versuche zur Nobilitierung bzw. Heraushebung

der künstlerischen Tätigkeit aus dem niederen Status des handwerklichen Metiers.

13 Dazu gehörte bekanntlich die (Selbst)Stilisierung des modernen Künstlers als

Träger jener gottesgleichen Schöpfungskraft, als »alter deus«. 14 Wenngleich Alberti an

diesem Punkt kryptisch bleibt und seine Erörterungen über die inventio bzw. das ingenium

außerordentlich dürftig sind, 15 hat er nichtsdestotrotz den Weg in diese Richtung

geebnet. Das Thema des Anteils der künstlerischen Phantasie und Einbildungskraft

beim Entstehungsprozess des Kunstwerkes sollte in der Folgezeit stets im Mittelpunkt

des kunsttheoretischen Diskurses stehen. 16

Albertis (h)istoria-Konzept ist wohlbekannt und mehrfach intensiv analysiert

worden. Unter Berufung auf die klassischen Teile der antiken Rhetorik, wie sie bei

Cicero und Quintilian überliefert sind, bestimmte Alberti die unerlässlichen Bedingungen

der Darstellung einer zusammenhängenden Handlung. 17 Zudem hießen die

Renaissance-Theoretiker das in Horazens De arte Poetica dargelegte ut pictura poesis-

Konzept willkommen, weil es ihnen ermöglichte, den in der antiken Literatur angelegten

theoretischen Rahmen auf die bildenden Künste zu übertragen. 18 Albertis (h)istoria

sollte im Sinne der von Horaz für die Poesie, sowie im Sinne Ciceros für die Rhetorik

geforderten Kriterien, durch die körperliche und seelische Bewegung der teilhabenden

Personen, die von Alberti zahlenmäßig genau vorgeschrieben wurden, den Betrachter

durch die gegebene Thematik belehren (docere), durch die Affekte rühren (delectare)

und durch die Schönheit ihre Sinne ansprechen (movere). 19 Dabei führt Alberti eine

Reihe von ästhetisch-gestalterischen Leitkategorien und Konzepten ein, deren gelungenes

Applizieren seitens des Künstlers eine würdevolle (h)istoria voraussetzt: Disziplinierte

Reichhaltigkeit (copia rerum) und Mannigfaltigkeit bei der Gestaltung der

dargestellten Objekte und Figuren (varietas statuum atque motuum) und das mit der

künstlerischen Erfindung (inventio) verbundene Prinzip eines Auswahlverfahrens im

Dienst der schicklichen, würdevollen Wiedergabe – gemeint ist das von Alberti nicht

explizit genannte decorum-Konzept – 20 werden von ihm ganz besonders thematisiert.

21

Das Prinzip der Angemessenheit stellt in mehrfacher Hinsicht ein zentrales

Merkmal der Kunsttheorie Albertis dar. In seinem Architekturtraktat wird dessen Anwendung

nach sozialen Kriterien propagiert. Nach diesem an Vitruv angelehnten

Schema bestimmte die Funktion des jeweiligen Baus die passende Themenauswahl. 22

In seinem Malereitraktat wird die Abgestimmtheit mit dem dargestellten Gegenstand

bzw. das schickliche Maß vom Künstler gefordert und mit den Begriffen des Liebreizes

(venustas), der Anmut (gratia) und der Würde (dignitas) beim Abschnitt über die anständigen

Bewegungen und Ausdrücke der Glieder in Verbindung gesetzt. Alberti

(H)istoria, Schlachtenbild, »buona maniera antica« und Imitatio-Lehre im 16. Jahrhundert

19


führt eine Reihe von Beispielen an, um diesen Punkt zu verdeutlichen, wobei soziale

Parameter erneut den Ausschlag für seine Beobachtungen geben. 23

Was bei Alberti jedoch ganz fehlt, ist die Integration des Konzepts der erwünschten

schicklichen Darstellungsweise in einen historischen Horizont. Die Streitfrage

nach der historischen Authentizität oder zeitgenössischen Anpassung der dargestellten

historischen Materie stellt sich Alberti nicht; anders formuliert, interessiert er

sich nicht für das historische decorum. 24 Der Aspekt der historischen Relativität sollte

hingegen in der Folgezeit Literaten und Künstler gleichermaßen beschäftigen und

wirft die Frage nach der Suche nach alternativen Wahrheitsfindungskonzepten entgegen

einer geschichtsgetreuen, aber im Endeffekt trockenen und sterilen antiquarisch-historischen

Wiedergabe auf.

Der decorum-Frage in Bezug auf den Aspekt der Historizität wird konsequenterweise

erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts von Ludovico Dolce in seinem Traktat

Dialogo della pittura intitolato l’Aretino (1557) kunsttheoretisch nachgegangen. Dolce

stellt den Begriff der Angemessenheit (convenevolezza) in den Mittelpunkt seiner theoretischen

Reflexionen und empfiehlt den Künstlern mit Nachdruck auf eine zeitgemäße

Darstellungsweise Rücksicht zu nehmen. 25 Protagonisten, Kostümierungen, sonstige

Ausstaffierungs- bzw. Ausstattungselemente und Architekturkulissen müssen

laut Dolce möglichst historisch getreu repräsentiert sein. Doch die italienischen

Künstler und Theoretiker hatten sehr früh das unerschöpfliche wirkungsästhetische

und bildpropagandistische Potenzial der Indienstnahme von Anachronismen, vor

allem im Bereich der Aktualisierung der Architekturszenerie und des Vertauschens

bzw. Ausblendens der zeitlichen Struktur durch das Hinzufügen zeitgenössischer Bekleidung

bzw. zeitgenössischer Porträts, erkannt, so dass Dolces Postulat auch im

fortgeschrittenen Cinquecento in der Kunstpraxis weiterhin nicht den Status einer universell

akzeptierten, unantastbaren Norm erringen konnte. 26 Eine antike Legitimation

dieses vermeintlich despektierlichen Verhaltens gegenüber dem darzustellenden

Thema durften die Künstler in Aristoteles’ Poetik-Theorie erhoffen. Alberti selbst wusste

den offenkundigen Verstoß gegen eine wahrheitsgemäße, historisch übereinstimmende

Wiedergabe durch das Argument der Vertrautheit der Rezipienten mit dem

»bekann te(n) Gesicht«, welches »die Augen aller Betrachter an sich reiße«, zu umgehen.

27

Im Bereich der materiellen Kultur und konkret der militärischen Kostümkunde,

die im Kontext der vorliegenden Untersuchung eine zentrale Rolle einnehmen wird, ist

es ratsam, zwischen der seit dem 14. Jahrhundert immer bewusster und im 15. Jahrhundert

stärker gewordenen Entscheidung, das Militärpersonal von Historienbildern

gelegentlich in antikeinspirierte, von antiken Monumenten adaptierte, authentisch

wirkende Gewandung zu kleiden – wie Kunstwerke Lorenzo Ghibertis und Andrea

Mantegnas deutlich machen – und dem gleichzeitigen Bedürfnis, die antike Kernform

schöpferisch abwandeln zu wollen, zu unterscheiden; und zwar selbst wenn man im

letzteren Fall Gefahr lief, den Vorwurf einer anachronistischen, unangemessenen

Bildinterpretation in Kauf nehmen zu müssen. 28

20 1 Die »buona maniera antica« als Leitbild

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