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Francesco di Giorgio Martini

ISBN 978-3-422-80266-7

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Phantastische Antike

Arnold Nesselrath


ISBN 978-3-422-80266-7

Library of Congress Control Number:

2025941600

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 Deutscher Kunstverlag

Ein Verlag der Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Einbandabbildung: fol. 33 r D (gespiegelt), fol. 41 r.1 B (gespiegelt),

fol. 48 r.1 B, fol. 41 r.2 B und fol. 3 r (Detail oben links)

Einbandgestaltung: Kai Raffael Nesselrath

Layout und Satz: Rüdiger Kern, Berlin

Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

www.deutscherkunstverlag.de

www.degruyterbrill.com

Fragen zur allgemeinen Produktsicherheit:

productsafety@degruyterbrill.com

4




Inhalt

DER HISTORISCHE KONTEXT 7

Prolog 9

Die Architekturzeichnungen

von Francesco di Giorgio Martini 11

Zum Medium der Pausen 53

Das Album mit den Pausen nach

Zeichnungen von Francesco

di Giorgio Martini 79

Die Pausen als Résumé

von Francesco di Giorgios Schaffen 101

Epilog 131

TACCUINO DEI VIAGGI 133

KATALOG 175

ALBUM 341

ANHANG 399

Bibliographie 401

Verzeichnisse 421

Dank 426

Bildnachweis 427


Dieses Buch ist das Monument einer

alten Freundschaft, und es ist denen

gewidmet, die sein Erscheinen begleitet,

unterstützt und daran geglaubt haben:

Für Henri, Christiane, Johannes und Kai.


DER

HISTORISCHE

KONTEXT



Prolog

Während wir vor mehr als vierzig Jahren

gemeinsam an unserer Sektion Raffaello

e l’antico in der Ausstellung Raffaello Architetto

arbeiteten, mit der das Raffael-Jubiläum von

1983 schloss, zeigte mir Howard Burns in seinem kleinen

Büro ganz hinten in einem der oberen Stockwerke

im Courtauld Institute in London, damals noch in

seinem angestammten Sitz, dem feinen, von Robert

Adam entworfenen Home House an 20 Portman

Square 1 , ein bis dahin unbekanntes Album mit Nachzeichnungen

nach antiker Architektur. Der damalige

Besitzer Simon Houfe hatte es ihm kurz zuvor zur

Ansicht überlassen; offensichtlich suchte dieser einen

Käufer für den Band.

Solche Konsultationen zwischen Freunden, Kollegen

und genauso mit Studenten gehörten damals zu

den wissenschaftlichen Gepflogenheiten in England.

Objekte wie das Album zirkulierten relativ frei und

ungezwungen zwischen Sammlern, Händlern oder

Akademikern. Auf ähnliche Weise hatte ich fast zehn

Jahre zuvor ebenfalls bei Howard Burns den Codex

Mellon kennengelernt, bevor ihn Paul Mellon in seiner

Westentasche wieder mit nach Amerika nahm

und alsbald der Pierpont Morgan Library in New

York schenkte.

Damals lag in dem Album noch ein loses signiertes

Blatt von Pietro Testa (Abb. 82) nach einer antiken

Porträtbüste eines Philosophen, dessen späteres Schicksal

unbekannt ist. Howard Burns und ich waren beide

von den ungewöhnlichen, neu aufgetauchten Darstellungen

beeindruckt, hatten aber spontan keine zündende

Idee, in welchem Kontext die Zeichnungen entstanden

sein könnten, und so ließ Burns – wie damals

ebenfalls üblich – einen kompletten Satz von Photographien

durch Constance Hill für die Conway Library

anfertigen. Unter diesen Aufnahmen befindet sich die

einzige Dokumentation der Testa-Zeichnung. Die Photos,

die ich dann gleich für die Abteilung des Census

of Antique Works of Art and Architecture Known to

the Renaissance an der Bibliotheca Hertziana in Rom

duplizieren ließ, bildeten sodann die Grundlage für

alle weiteren wissenschaftlichen Beschäftigungen mit

dem Album. Der Band hatte sich mir tief ins Gedächtnis

einprägt, weil sich auf Folio 33 Kopien von Gebälken

befanden, die im uns alle damals faszinierenden,

aber singulären, fast mysteriösen Holkham Hall Album

(Abb. 128) parallel gezeichnet waren und einen

ersten vagen Zugang zu einem der damals frühesten

bekannten Zeichnungsbücher nach antiker Architektur

und Architekturelementen versprachen.

1986 im Rahmen der Vorbereitung zur ersten Publikation

einiger Seiten aus dem Album kam mir dann

der Gedanke, dass eine Verbindung zwischen dem Album

und Francesco di Giorgio Martini besteht. 2 Howard

Burns konnten meine Argumentation und meine

daran anschließende Überlegung nicht überzeugen. 3

Nachdem sich Manfredo Tafuri, ein gemeinsamer

Freund, im Katalog der monographischen Ausstellung

zu Francesco di Giorgio 1993 der Zuschreibung an

Francesco di Giorgio angeschlossen hatte, 4 formulierte

Burns in der Buchausgabe des Kataloges ein

bzw. zwei Jahre später seine alte Gegenposition.

Mit Hilfe des Albums hat Gustina Scaglia 1992–

1993 zwei zum Album parallele Blätter identifizieren

können. Sie hat den Band noch bei seinem ehemaligen

Besitzer in Ampthill in der englischen Grafschaft Bedfordshire

konsultiert. 5

Wolfgang Lotz hatte 1956 einen bahnbrechenden

Aufsatz zur Geschichte der Architekturzeichnung in

der italienischen Renaissance publiziert. Ihm ist es

zu verdanken, dass dem Thema eine dauerhafte Aktualität

zuteilgeworden ist. Seine These zur Unterscheidung

der Darstellungsmethoden von Malern und

Architekten zur Entwicklung der Orthogonalzeichnung

und deren chronologischer Ansetzung hat sich

zu einem Dogma in der Wissenschaft verhärtet, dem

sich nur wenige Forscher frühzeitig entgegengestellt

haben. 6 Bis heute liegt diese irrtümliche These dem

Diskurs über Architekturzeichnungen weitgehend zu-

1 Whinney 1969.

2 Nesselrath 1986, S. 102–104, Abb. 57.

3 Burns 1995.3, S. 180.

4 Tafuri 1995, S. 11–12 und 55, Abb. auf S. 32 unten.

5 Scaglia 1992–1993.

6 Z. B.: Toker 1985, S. 80–89; Nesselrath 1986.1, S. 108–111,

Abb. 65–68; Nesselrath 1986.2, S. 360; Schofield 1991, S. 127–

128.

PROLOG

9


grunde. Nach den bei der Raffael-Tagung 1983 formulierten

Zweifeln, für die der Taccuino dei viaggi

von Francesco di Giorgio und der Codice Strozzi aus

dem Umkreis von Bernardo della Volpaia und Cronaca

entscheidende Evidenz geliefert haben, 7 wurden

die Pausen im Album für mich zum Leitstern, weil sie

zeitlich eingegrenzt und individuell einem Künstler

zugeordnet werden konnten.

Kurz vor 1994 hat Simon Houfe das Album gemäß

seinen früheren Plänen spontan einem Besucher

seiner Sammlung verkauft. Dem heutigen Besitzer bin

ich für seine uneingeschränkte Unterstützung meiner

Untersuchungen über viele Jahre hinweg, in den unterschiedlichsten

Formen, zu zahlreichem Dank verpflichtet.

Er hat ideale Forschungsbedingungen geschaffen,

die es mir ermöglicht haben, meine Studien

an den Pausen von Francesco di Giorgio zu verifizieren.

Als kompetenter, kenntnisreicher und sensibler

Sammler und Freund hat er einen unschätzbaren Forschungsbeitrag

geleistet. 1994 habe ich das Album

dann in der Bibliothèque nationale de France wiedergesehen

und eine Woche lang die technischen Daten

erheben können. Der Besitzer hat, dem technischen

Wandel in den letzten 30 Jahren folgend, die neuen

digitalen Aufnahmen, die Nicole Neenan mit der bereitwilligen

Unterstützung durch Mary Ann und Roland

Folter angefertigt hat, für diese Publikation dankenswerterweise

zur Verfügung gestellt. Für mich sind

die Pausen von Francesco di Giorgio zum Maßstab

meiner Überlegungen zu den Architekturzeichnungen

des 15. und 16. Jahrhunderts geworden.

2001 habe ich meine Gedanken erstmals auf

dem Symposion zum 500. Todestag von Francesco di

Giorgio Martini in Urbino vorgetragen, in der daraus

resultierenden Publikation veröffentlicht 8 und 2014

in erweiterter Form erneut zur Diskussion gestellt. 9

Auf dieser Grundlage hat Michael Waters im gleichen

Jahr das Spektrum erweitern können, indem er unbekannte,

zugehörige Pausen sowie zusätzlich unbekannte

Zeichnungskopien nach den Vorlagen für die

Pausen und eine damit ausgestattete Kopie des zweiten

Traktates von Francesco di Giorgio vorgestellt und in

der Zeitschrift Pegasus, einem der beiden damaligen

Publikationsorgane des Census, veröffentlicht hat. 10

Die Überlegungen zu den Architekturzeichnungen des

15. Jahrhunderts in der Florentiner Ausstellung von

2022 11 haben geholfen, die im Folgenden vertretenen

Gedanken zu Francesco di Giorgio Martini und zu

den Architekturzeichnungen des 15. und 16. Jahrhunderts

vorzubereiten.

Das Album mit den Pausen nach den Zeichnungen

von Francesco di Giorgio Martini steht in engem

Zusammenhang mit dem Cholmondeley Codex, der

zum ausgedehnten Nachleben des Sienesen gehört und

den ich 1998 und 2008 in konzentrierter Form kurz

vorgestellt habe. 12 Er stellt einerseits die reinste und

geschlossenste Form der Rezeption von Zeichnungen

von Francesco di Giorgio dar, andererseits demonstriert

er die Zusammenführung mit einem ebenfalls

recht geschlossenen Block von Antikenstudien des

Raffaelkreises und mit Entwürfen von Giulio Romano.

Er illustriert anschaulich die nachhaltige Wirkung

von Francesco di Giorgio und die Auseinandersetzung

mit ihm, die im Umfeld der ähnlich vielfältig

gefächerten Persönlichkeit Raffaels stattgefunden hat.

Eine in Vorbereitung befindliche Edition des Codex

Cholmondeley wird über die im folgenden Katalog

der Pausen aufgelisteten Beziehungen zum Album

hinaus weitere Aspekte zu Francesco di Giorgio und

seinem Nachleben eröffnen und die hier begonnenen

Überlegungen weiterführen.

7 Nesselrath 1986.2, S. 360–361, Abb. 9 und 11. (Die darin

übernommene, ältere, aber nicht unumstrittene Zuschreibung an

Antonio da Sangallo d. Ä. ist heute weitgehend überholt, nicht

hingegen die mit der alten Zuschreibung verbundene chronologische

Einordnung.)

8 Nesselrath 2003.

9 Nesselrath 2014, S. 72–109.

10 Waters 2014.

11 Nesselrath 2022.

12 Nesselrath 1998.3; Nesselrath 2008.1.

10

Prolog




Zum Medium der Pause

Die Pause ist keine autonome Form der Zeichnung,

sondern wird als Hilfszeichnung charakterisiert.

Der Terminus ist nicht eindeutig

definiert 1 und wird im vorliegenden Zusammenhang

für zwei fast entgegengesetzte Verfahren verwendet

bzw. übernommen. 2 Einmal dient die Pause dazu, eine

Zeichnung möglichst präzise auf einen neuen Träger

zu übertragen, indem die Rückseite des Blattes präpariert

wird, meist schwarz oder rot, und diese Farbe

wie bei Kohlepapier durch kräftiges Nachfahren der

Konturen auf einer Unterlage abgedruckt wird. Dieses

Verfahren deckt sich bisweilen in seiner Funktion mit

einem Karton, wenn er durch indirekte Ritzung übertragen

wird. Zum anderen lässt sich mittels der Pause

eine möglichst exakte Replik nach einer vorhandenen

Vorlage gewinnen. In beiden Fällen wird eine Zeichnung

reproduziert, nur in zwei entgegengesetzte Richtungen;

einmal wird nach unten durchgezeichnet und

einmal nach oben. Trotz der gleichen Bezeichnung ist

der Zweck beider Techniken der umgekehrte, einmal

wird eine Zeichnung weitergegeben und einmal wird

sie erworben. Beides erfordert eine andere technische

Voraussetzung. Das erste Verfahren kann im gegenwärtigen

Kontext weitgehend unberücksichtigt bleiben.

Die Pausen von Francesco di Giorgio gehören zu

der Gruppe, die die zweite Bedeutung des Terminus

beschreibt, sie sind also nach dem zuletzt genannten

Verfahren erstellt worden. Um solche Art von Pausen

anzufertigen, bedarf es eines Transparentpapiers,

einer sogenannten carta lucida, die auf die Vorlage

gelegt wird, welche durchscheint und dann mit einem

Stift oder einer Feder auf dem Transparentpapier

nachgezeichnet, i. e. gepaust werden kann, ein vorwiegend

mechanischer Vorgang.

In den frühen Quellen werden insgesamt drei

verschiedene Techniken bzw. Materialien für die Herstellung

einer Pause beschrieben. Einmal geht es um

mit Leinöl eingeriebenes, dünnes Pergament, 3 zum

Zweiten wird die nur in ganz wenigen Exemplaren

erhaltene sogenannte Tier- bzw. Fischleimpause nicht

aus Papier, sondern – wie der Name bereits sagt – eben

aus Schichten von Tier- oder Fischleim erstellt, 4 und

schließlich wird Leinöl in Papier eingerieben. Letzteres

beschreibt die viel zitierte Stelle aus Cennino Cenninis

Libro dell’Arte vom Ende des 14. oder Anfang

des 15. Jahrhunderts: „Questa medesima carta lucida,

di che abbiam detto, si può fare di carta bambagina.

Prima, la carta fatta sottilissima, piana, e ben bianca:

poi tingi la detta carta con olio di lin sente, detto di

sopra. Vien lucida, ed è buona“. 5 Alle drei Techniken

werden auch von Jehan Le Bègue in seinem Traktat

von 1431 beschrieben. 6 Tier- und Fischleimpausen

sind bisher nur in zwei Sammlungen aufgetaucht. Sie

wurden offenbar auch zum Pausen von Gemälden benutzt,

wie die Serie von elf Fragmenten in London

nach dem Turiner Passionsaltar von Hans Memling

von ca. 1470 zeigt; die Farben sind darauf schriftlich

vermerkt. 7

1 Einen durchaus nützlichen Definitionsvorschlag hat Thomas

Klinke (2017) unternommen, der allerdings weiter diskutiert

werden müsste; das würde in unserem Zusammenhang jedoch zu

weit führen und sollte anderweitig geschehen. S. a. Meder 1923,

S. 534–538.

2 Auch Cecilia Frosinini 2016, S. 24–27 beschreibt beide Verfahren

und bringt die Praxis des „Cartone a ricalco“ ins Spiel. Weitgehend

Maria Clelia Galassi folgend, liefert sie einen Überblick

über die Quellen vom 14. bis ins 16. Jahrhundert. Beide Autorinnen

besprechen ferner Leonardos Verwendung der Pause, bevorzugt

auf Glas, als Kontrollinstrument (Galassi 2013, S. 130;

Frosinini 2016, S. 20–21). Sie erörtern den Einsatz der Transparentzeichnung

innerhalb des Entwurfsprozesses der Maler. Melissa

Gianferrari (2003) betrachtet das Medium der Pause vom

14. bis nunmehr ins 19. Jahrhundert. Da alle Autorinnen kaum

erhaltene Blätter diskutieren und Gianferrari vornehmlich Blätter

von Francesco Hayez behandelt, bleiben Fragen, welche Rolle

Pausen bei Zeichnungen, bei Druckgraphik und Buchproduktion

oder bei Architekturzeichnungen spielen, und mögliche andere

Bereiche unberücksichtigt. Materialien wie im vorliegenden Album

von Francesco di Giorgio Martini kommen gar nicht zur

Sprache,

3 Cennini 1975, S. 42, Kap. XXIV.

4 Cennini 1975, S. 43, Kap. XXV; Wintermann 2017.

5 Cennini 1975, S. 43, Kap. XXVI.

6 Merrifield 1999, S. 292–295. S. a. Scheller 1995, S. 72; Brahms

2017, S. 6.

7 Eine Fischleimpause bewahrt das Kupferstichkabinett der

Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, inv. C 3664 (Wintermann

2017), und elf zusammengehörige Fragmente einer Tierleimpause

befinden sich im British Museum in London, inv.

ZUM MEDIUM der PAUSE

53


Seit wann Pausen, d. h. in unserem Zusammenhang

carta lucida, im künstlerischen Schaffensprozess

verwendet werden, wird im Wesentlichen aus

Indizien geschlossen. Wie überzeugend die Argumentation

für eine bereits mittelalterliche Verwendung

ist, muss an dieser Stelle nicht diskutiert werden. 8

Erhaltenes Material aus dieser frühen Zeit ist jedenfalls

bisher nicht bekannt geworden. Die genannten

Rezepte Cenninis legen nahe, dass carta lucida spätestens

um 1400 geläufig war und damals bereits in

ihrer dreifachen Form zumindest auf einer gewissen

Tradition gründet.

Eine offenbar seltene, aus dem 15. Jahrhundert

stammende detaillierte Beschreibung hat sich im Katharinenkloster

von Nürnberg erhalten, in der nicht

nur wie bei Cennini die Herstellung von Transparentpapier,

sondern auch die Übertragung einer Abbildung

auf einen Holzblock kurz, aber genau beschrieben

wird: „Wiltu abentwerfen, so nimm ein dünnes

papier das lauter sei und bestreich es mit leinöl an beiden

seiten und reib es gar wol darein; und nimm denn

dasselb papier und legs auf, so scheint es dir herdurch

und nimm denn ein tinten und ein schreibfeder und

streich es auf das papier und leim es auf ein hobelt

brett und schneit es darnach, wie dus haben wilt“. 9

Auch wenn Pausen nicht nur der Arbeitsersparnis

dienten, sondern ein essentieller Arbeitsschritt etwa in

der Ausführung von Holzschnitten waren, 10 haben

sich selbst aus den folgenden Jahrhunderten nur sporadisch

Exemplare erhalten, da die Pausen im Arbeitsprozess

verbraucht wurden, weil sowohl das Öl als

auch der Fischleim eine spröde und fragile Materie

erzeugten, woraus sich konservatorische Schwierigkeiten

für ihre Aufbewahrung ergaben; derartige Blätter

waren als Kunstwerke nicht attraktiv. Sie üben eine

Faszination aus, da sie einen ungewöhnlich unmittelbaren

und spezifischen Einblick in unterschiedliche

Werkprozesse geben. Sehr detaillierte Analysen legen

eine ähnliche Nutzung ebenfalls bei der Anfertigung

von Kupferstichen nahe und haben für jegliche Art

von Druckgraphik gezeigt, wie Pausen die Seitenverkehrung

vermeiden bzw. die Beibehaltung der Richtung

von Kompositionen erleichtern können. Auch

auf der Basis spärlich erhaltener Beispiele aus dem

Umkreis von Maso Finiguerra in Florenz, Mantegna

in Mantua oder Raffael in Rom lassen sich grundsätzliche

Überlegungen ableiten. 11 Diese liegen alle zeitlich

recht nahe an den Pausen von Francesco di Giorgio

und stehen in einem druckgraphischen Arbeitsprozess,

auch wenn Francesco di Giorgios Pausen offenbar

für Holzschnitte gedacht waren. Aus der zweiten

Hälfte des 16. Jahrhunderts können zahlreiche erhaltene

Ölpausen oder Zeichnungen, die durch Öl

transparent gemacht worden sind, ergänzt werden.

Sie dienen dazu, die Seitenverkehrung, die durch die

einfache Übertragung auf die Kupferplatte und den

Druck zwangsläufig entsteht, dadurch zu umgehen,

dass man die Zeichnung auf der Rückseite sichtbar

macht und diese gleichsam vorab erzeugte Verkehrung

auf die Kupferplatte überträgt, um dadurch am Ende

wieder ein „richtiges“ Bild zu erhalten. Für einzelne

Stiche in Étienne Dupéracs Vestigi dell’antichità di

Roma von 1575 sind insgesamt 21 Pausen erhalten. 12

Ferner sind vom gesamten Fries der Trajansäule als

Rotulus, z. T. gefaltet und zu Codices gebunden, zehn

gezeichnete Kopien bekannt. Nach einer von ihnen –

oder auch nach einer derzeit nicht bekannten 13 – sind

für Alfonso Ciacconio nur ein Jahr später als die Vestigi,

1576, in einzelne Tafeln unterteilt, Pausen angefertigt

worden, die er für seine Kupferstichpublikation

des trajanischen Frieses verwendet hat. 14

SL,5218.208–210, SL,5218.211–215, SL,5218.217–218 und

SL,5218.223 (nach dem Passionsaltar von Hans Memling in

Turin). Zu Pausen im Kontext der Malerei s. Galassi 2013. Eine

weitere Pause im British Museum (SL,5218.216) bedarf noch

weiterer Untersuchungen. Für großzügige ausführliche Auskünfte

zu den Pausen im British Museum danke ich Olenka Horbatsch

und für Hinweise und Hilfestellungen Georg Diez und Antony

Griffiths.

8 Scheller 1995, S. 73; Brahms 2017, S. 6.

9 Schreiber 1969, Bd. VII, S. 19; Landau & Parshall 1994, S. 22;

Nesselrath 2004, S. 354.

10 Scheller 1995, S. 70–77.

11 Landau & Parshall 1994, S. 108–112 und 128–130.

12 19 befinden sich im Libro d’Arabeschi des Padre Resta,

heute in der Biblioteca Comunale zu Palermo, fols. 120–158

(Fiorani 2007; Fiorani & Pace 2008) und zwei in den Uffizien

in Florenz, inv. 1750 A und 1751 A (Bartoli 1914–1922, Bd. V,

Taf. CCCCVII, Abb. 738 und 739, Bd. VI, S. 128; Fiorani 2007,

S. 214).

13 Eine recht leichte Abgleichung der bekannten Materialien ist

bisher nicht erfolgt.

14 Die Pausen befinden sich in einer Privatsammlung. Dazu und

zu neun Kopien s. Nesselrath 2010.1. Eine weitere unpublizierte

Kopie in Rötel wird in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrt

(freundlicher Hinweis von Barbara Jatta).

54

ZUM MEDIUM der PAUSE


39. Pause nach Francesco di Giorgio Martini: Nachzeichnung eines Bacchus-

Sarkophags, heute in Woburn Abbey; Paris, Louvre, inv. 459

ZUM MEDIUM der PAUSE

55


40. Pause nach Francesco di Giorgio Martini: Statue der Tifernia Sabina auf einem Piedestal mit Inschrift

aus Città di Castello und Grabstele für den Gladiator Marcus Antonius Exochus;

Oxford, Ashmolean Museum, inv. WA2003.Douce.4840

56

ZUM MEDIUM der PAUSE


41. Pause nach Francesco di Giorgio Martini: Statue der Lutatia Frugifora auf einem reich dekorierten

Piedestal mit einer Inschrift aus Città di Castello und Statue der Rubria Daphne mit Profilen und

einer Inschrift aus Ostia; Oxford, Ashmolean Museum, inv. WA2003.Douce.4841

ZUM MEDIUM der PAUSE

57


42. Pause nach Francesco di Giorgio Martini:

Columna Caelata, Privatbesitz (ex-Stirling-Maxwell

Sculpture Album, f. 110)

David Landau und Peter Parshall haben zu den

Pausen auf carta lucida grundlegende Vorarbeiten in

ihrer großen Publikation zur Druckgraphik in der

Renaissance geleistet. 15 Viele erhaltene Pausen sind

aber häufig gar nicht als solche erkannt und werden

als Zeichengrund auf braun koloriertem Papier angesprochen.

Vor allem unter den besser erhaltenen

Blättern, die der sogenannte Tintenfraß, der in dieser

chemischen Konstellation normalerweise besonders

aggressiv ist, kaum oder gar nicht angegriffen hat,

befinden sich zahlreiche Pausen auf carta lucida.

Eine flüchtige Zusammenstellung erhaltener Beispiele

kann neben einer Reihe von anderen Erkenntnissen

zunächst einmal einen ersten geschichtlichen

Überblick skizzieren. Die Pausen von Francesco di

Giorgio Martini gehören zu den frühesten heute

bekannten Exemplaren. Vier Blätter, die nie Teil des

heutigen Albums waren, gehören nach Technik und

Stil ursprünglich zu diesen Materialien: Ein Blatt im

Louvre, das keine Architekturdarstellung, sondern

ein bacchisches Sarkophagrelief in Woburn Abbey

zeigt, 16 trägt die entsprechende spätere Nummerierung

und weist das gleiche Wasserzeichen wie die

Fragmente im Album auf (Abb. 39), ebenso wie zwei

Blätter in Oxford, die auch Statuen oder skulpturale

Monumente präsentieren, die anscheinend nie wirklich

existiert haben, sondern fiktive Werke vorstellen

(Abb. 40 und 41). 17 Schließlich ist die Aufnahme einer

der beiden Columnae Caelatae in Pozzuoli, die sich

in einer Privatsammlung befindet, offenbar früher

aus dem ursprünglichen Komplex Francesco di Giorgios

herausgelöst worden; denn obwohl es sich um

eine Architekturdarstellung handelt, ist sie nicht nur

nicht mit den Fragmenten in das Album eingeklebt

worden, sondern weist auch nicht die genannte fast

durchgängige spätere Zählung auf, wenn nicht ihre

Nummer verloren gegangen ist, als die Pause auf das

schmale Format beschnitten worden ist (Abb. 42). 18

Hinzu kommen drei Pausen, die nach denselben

Vorlagen, aber parallel zu den Fragmenten im Album

angefertigt worden sind. In einem Falle kann es sich

dabei um einen Test des Verfahrens oder eine Art

Probe handeln, da die beiden antiken Bogenmonumente,

der Janusquadrifrons (fol. 19) und der Triumphbogen

für Septimius Severus (fol. 28), merkwürdig

unaufmerksam in- bzw. übereinander geschoben

sind (Abb. 43). 19 Welchem Zweck die anderen beiden,

nochmals nach dem Triumphbogen des Septimius

58

ZUM MEDIUM der PAUSE


44. Pause nach Francesco di Giorgio Martini:

Triumphbogen des Septimius Severus; New York,

Metropolitan Museum, inv. 80.03.632

43. Pause nach Francesco di Giorgio Martini:

Janusquadrifrons und Triumphbogen des Septimius

Severus; Florenz, Uffizien, inv. 6711 A

Severus (Abb. 44) und nach dem Konstantinsbogen

(Abb. 45), dienten, ist offen. 20

Bei drei Blättern in der Biblioteca Ambrosiana in

Mailand, von denen zumindest zwei aus dem späten

15 Landau & Parshall 1994.

16 Paris, Louvre, inv. 459. Nesselrath 2014, S. 93, Abb. 130. Für

die freundliche Übersendung des Wasserzeichens danke ich Dominique

Cordellier.

17 Oxford, Ashmolean Museum, inv. WA2003.Douce.4840 und

4841 (alte Inventarnummer N.9 [4I3 und 4I4]). Waters 2014,

S. 46–47.

18 Nesselrath 2014, Frontispiz.

19 Florenz, Uffizien, inv. 6711 A. Ortolani 2005.3; Nesselrath

2014, S. 90–91, Abb. 127.

20 New York, Metropolitan Museum, inv. 80.03.585 und

80.03.632. Scaglia 1992–1993; Ortolani 2005.1; Ortolani

2005.2.

45. Pause nach Francesco di Giorgio Martini: Konstantinsbogen;

New York, Metropolitan Museum, inv. 80.03.585

ZUM MEDIUM der PAUSE

59


46. Umkreis von Giuliano und Antonio d. Ä. da Sangallo: Innenaufriss des Florentiner

Baptisteriums mit dem Grab Papst Johannes’ XXIII. und einem Entwurf für das Grabmal

eines Ritters; Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale, Libro Capponi, fol. 1 r

15. Jahrhundert zu stammen scheinen, 21 könnte es

sich um Ölpausen handeln. Eine erinnert stilistisch

an Zeichnungen im Codex Zichy, 22 die andere weist

eine Beschriftung auf, deren Kalligraphie mit der des

unbekannten Zeichners aus Norditalien oder aus dem

Veneto, der Hand 1 im Holkham Hall Album, übereinstimmt

(Abb. 125 a). 23

Eine ebenfalls frühe Pause aus der Zeit um 1500

oder kurz danach enthält fünf Grotesken, 24 die alle

auf vier verschiedenen Seiten des Codex Escurialensis

auftauchen, der ein großes Konvolut der unterschiedlichsten

Antikennachzeichnungen aus dem Kreis des

Baccio d’Agnolo kopiert. 25 Zu den gepausten Motiven

tritt eine fünfte Skizze hinzu, die nicht im Codex vorkommt,

aber auf eine Skizze von Filippino Lippi zurückgeht,

die er bei einem Besuch in der Domus Aurea

zwischen 1488 und 1493 angefertigt hatte. 26 Das

Detail reproduziert also weder den Codex, noch ist

60

ZUM MEDIUM der PAUSE


47. Umkreis von Giuliano und Antonio d. Ä. da

Sangallo: Aufriss des Grabmals für Papst Johannes’

XXIII. im Florentiner Baptisterium, Pause

nach Abb. 46; Florenz, Uffizien, inv. 660 orn

48. Umkreis von Giuliano und Antonio d. Ä. da Sangallo:

Aufriss eines Grabmals für einen Ritter im Florentiner Baptisterium,

Pause nach Abb. 46; Florenz, Uffizien, inv. 661 orn

21 Für das dritte Blatt (Mailand, Biblioteca Ambrosiana,

Cod. F. 252, inf., no. 689, Feder auf leicht geöltem Papier,

262 mm 216 mm) fehlen Datierungsanhalte.

22 Mailand, Biblioteca Ambrosiana, Cod. F. 252, inf., no. 696.

Feder auf leicht geöltem Papier, 285 mm 212 mm.

23 Mailand, Biblioteca Ambrosiana, Cod. F. 252, inf., no. 695.

Feder auf leicht geöltem Papier, 277 mm 204 mm. Beschriftet:

„asato costma et damiano“ und „i[n] tra stereuere“. Vgl. besonders

Parallelen auf Holkham Hall, Ms. 701, fol. 6.

24 Florenz, Uffizien, inv. 989 orn. Nesselrath 1996, S. 192–193,

Abb. 52

25 El Escorial, Klosterbibliothek, Codex Escurialensis 28–II–12.

Egger 1905–1906; Nesselrath 1986.1, S. 129–134; Gomez 2000.

26 Von der Reihenfolge der Pause ausgehend treten die Motive

im Codex Escurialensis auf den fols. 41 r, 13 r, 46 r und 14 v auf.

Die Zeichnung Filippinos wird in den Uffizien unter der inv. 1637

E v aufbewahrt (Nesselrath 1996, S. 179–180, Abb. 15).

ZUM MEDIUM der PAUSE

61


es nach dem Blatt Filippos angefertigt, dokumentiert

aber, wie eng die Materialien miteinander verknüpft

sind, wobei Hinweise darauf fehlen, wozu diese Pause

gedient haben könnte. Ob alle Vorlagen von Filippino

oder aus seiner Werkstatt stammen, lässt sich bis auf

weiteres aufgrund mangelnder Anhaltspunkte ebenfalls

nicht erkennen.

Bei zwei Aufrissen jeweils eines Joches der unteren

Ordnung im Florentiner Baptisterium, einmal

mit dem Grabmal von Papst Johannes XXIII. Cossa

(Abb. 47) und einmal mit einem dazu symmetrischen,

unbekannten und nicht ausgeführten Grabmal

(Abb. 48), 27 handelt es sich offensichtlich um zwei

Fragmente, die zu einer ursprünglich größeren Pause

gehörten, die nicht vollständig erhalten ist und von der

lediglich diese zwei nun separaten Blätter übrig geblieben

sind. Die gesamte Vorlage war ein vollständiger

Aufriss einer der drei dreijochigen Eingangswände des

Innenraumes; allerdings war nicht der tatsächliche

Befund vor Ort wiedergegeben, sondern das Papstgrab

war zeichnerisch links neben das Portal versetzt,

und rechts davon war symmetrisch ein Pendant für

einen unbekannten Ritter eingesetzt. Die vollständige

Vorlage hat sich im sogenannten Libro Capponi aus

dem Umkreis der beiden älteren Sangallo-Brüder erhalten;

sie ist auf Pergament gezeichnet (Abb. 46). 28

Bis in kleinste Details, wie die Schraffierung oder

Nicht-Schraffierung an der Unterseite der Konsolen,

auf denen jeweils der Sarkophag ruht, ist die Übereinstimmung

zu verfolgen. Zugleich treten die üblichen

Pausenfehler auf, wie bei den Konsolen unter

dem Papstgrabmal oder in dem Tondorelief über dem

nicht realisierten Gegenstück. Die braune Färbung

beider Blätter hatte bereits nahegelegt, dass es sich um

Pausen handelt. 29 Die großen Ölflecken auf der linken

Hälfte des kürzlich aufgetauchten Pergamentblattes

im Libro Capponi bestätigen dies ebenso wie die

Überlegung, dass der gesamte Aufriss gepaust war.

Wahrscheinlich ist die Pause nicht wesentlich später

als die Vorlage selbst angefertigt worden. Dabei war

es von Vorteil, dass die großformatigen Folios des Libro

Capponi nicht gebunden waren. Wenn im Codex

Barberini und im Libro Capponi parallel auf Materialien

zurückgegriffen worden ist, nach denen ihre

Autoren kopiert haben, weisen die Pausenfragmente

auf eine zusätzliche Reproduktionsform hin, die diesen

ganzen Komplex der Codices von Giuliano und

Antonio d. Ä. da Sangallo in einen bisher ungeahnten

Zusammenhang stellt. Sie eröffnet eine Perspektive

nicht unbedingt für das individuelle Zeichnungsbuch,

aber für das Ambiente, in dem sie entstanden und in

dem sie benutzt worden sind.

In dem Album aus Kloster Strahov, in dem zahlreiche

Entwürfe für Gold- und Silberschmiedearbeiten

aus dem Atelier Giulio Romanos in Mantua eingeklebt

sind, folgt auf die bisweilen eigenhändigen

Zeichnungen im vorderen Teil eine Gruppe von recht

kleinen Blättern, wohl Fragmenten, die als „Nachzeichnungen“

bezeichnet werden und die vordergründig

alle Anzeichen von Pausen nach Entwürfen von

Giulio Romano und seiner Mantuaner Mitarbeiter

tragen. 30 Auch zwei Zeichnungen aus dem Umkreis

von Girolamo da Carpi scheinen im Pausverfahren

repliziert worden zu sein. 31

Während Pausen in der Herstellung von Holzschnitten

zum gängigen Arbeitsprozess gehören, lässt

sich über den Grund, warum Pausen nach Holzschnitten

angefertigt wurden, bisher nur spekulieren. Jedenfalls

sind solche nach dem Traktat Le antichità di

Verona von Giovanni Francesco Caroto, der 1560 in

Verona erschienen ist, erhalten. Die Funktion angeblicher

Rötelvorzeichnungen auf dem geölten Papier,

über denen dann die Darstellungen in einem zweiten

Arbeitsgang mit Feder und Tinte ausgezogen worden

seien, ist unklar. 32

Die Pausen des Raffaello da Montelupo

Es haben sich zwei spektakuläre Materialgruppen erhalten,

die einen seltenen Einblick in den Umgang mit

und die Funktion von Pausen liefern. Sie sind jeweils

in sich vielschichtig, und für die Rolle des Autors ist

jeweils seine Eigenhändigkeit nicht das entscheidende

Kriterium. Es handelt sich zum einen um die Skizzen

und Pausen von Francesco di Giorgio Martini, sozusagen

Ausgangspunkt und Vorstufe des unbekannten

62

ZUM MEDIUM der PAUSE


oder nicht erhaltenen Endproduktes, zum andern um

die Vorlagen und die nach diesen angefertigten Pausen

von Raffaello da Montelupo, also zwei unmittelbar

aufeinander folgende Arbeitsschritte. Die beiden Materialgruppen

ergänzen sich und gestatten, eine kohärente

Vorstellung von einem praktischen Produktionsablauf

für Illustrationen zu liefern.

Dass Francesco di Giorgios originale, vor Ort

entstandene Skizzen erhalten sind, die als Ausgangspunkt

gedient haben, nach denen dann Reinzeichnungen

angefertigt worden sind, ermöglicht eine Reihe

seltener Beobachtungen und ist vor allem in diesem

Umfang außergewöhnlich. Leider haben sich diese

Reinzeichnungen als Zwischenglieder des Arbeitsganges,

die dann als Vorlagen benutzt und gepaust worden

sind, nicht erhalten und können nur erschlossen

werden.

Die Materialien aus der Montelupo-Werkstatt

sind ebenso bemerkenswert, weil sie bisher – abgesehen

von den erwähnten Fragmenten nach dem Libro

Capponi (Abb. 47 und 48) – das einzige und daher

gleichsam schulmäßige Beispiel für die Anfertigung

von Pausen aus dem mittleren 16. Jahrhundert liefern.

Hier sind zwar nicht die Aufnahmen vor Ort erhalten,

aber es existieren sowohl die Reinzeichnung als auch

die danach unmittelbar angefertigte Pause, und diese

direkte Beziehung kann an und mit den Originalen

nachvollzogen werden.

Das Zeichnungsbuch des Raffaello da Montelupo,

das zwischen 1535 und 1551 entstanden ist,

enthielt ursprünglich 128 Folios, wie sich u. a. aus

der eigenhändigen Folierung des Autors ergibt. Diese

sowie das Verhältnis einiger Darstellungen zueinander

ermöglichen, die Reihenfolge der Blätter zu rekonstruieren.

Die Zeichnungen sind nicht vor den Monumenten

entstanden, sondern nach Aufnahmen von

meist antiker sowie einiger zeitgenössischer Architekturen,

die selten von Montelupo selbst angefertigt

worden sind und die er häufig von anderen Künstlern

unterschiedlicher vorheriger Generationen kopiert

hat; manchmal sind Entwürfe von Zeitgenossen reproduziert,

wie etwa von Michelangelo, von dem er

u. a. Pläne für dessen Biblioteca Laurenziana überliefert

hat. Bisweilen gilt die Aufmerksamkeit des Kopisten

anderen Aspekten der Architekturen als jenen,

die die Autoren dieser Vorlagen herausgearbeitet hatten,

ohne dass er die spezifischen Informationen der

Vorlagen jedoch dabei abändert; bisweilen gewichtet

er die graphischen Mittel in seinen Kopien anders. 33

Auf einigen leeren Seiten Montelupos hat Aristotile

da Sangallo einige wenige Aufnahmen hinzugefügt,

die zum Teil dieselben Zeichnungen wie Montelupo

kopieren. Das ehemals gebundene Zeichnungsbuch ist

heute aufgelöst, und die einzelnen Folios im Format

von ca. 211 mm 143 mm werden als Einzelblätter

aufbewahrt. Nicht alle haben sich erhalten; einige

waren bereits verloren gegangen, bevor sie der französische

Maler Jean-Baptist Wicar, ein Schüler von

Jacques Louis David, in Italien erworben hat, der sie

schließlich mit seiner Zeichnungssammlung 1834 dem

Museum in seiner Heimatstadt Lille hinterlassen hat,

27 Florenz, Uffizien, inv. 660 orn (176 mm 96 mm) und 661

orn (175 mm 97 mm), beide in Tinte mit Feder auf sehr dünnem

geöltem Papier ausgeführt. Die minimalen Abweichungen von

1 mm beim Grabmal Johannes’ XXIII. erklären sich vielleicht daraus,

dass das Pergament der Vorlage im Laufe der Jahrhunderte

leicht geschrumpft ist. Beim Grabmal des Ritters stimmen die

Maße überein. Dem Zeichner, der die Pause ausgeführt hat, war

der Zweck der Inschriftentafel klar, denn er hat dort durch viele

Punkte die Buchstaben angedeutet. Bei dem Grabmal des Papstes,

das fiktiv oder ein Projekt ist, fehlen solche Hinzufügungen.

Eine Unterzeichnung in Kohle, die in der Vorlage erkennbar ist,

legt nahe, dass eventuell an einen alternativen Vorschlag gedacht

war, wenn auch der ganze Aufriss ohnehin nicht der Situation im

Baptisterium entspricht.

28 Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale, inv. Gino Capponi

386, fol. 1 r. Ceriana 2022; Sartore 2022, S. 56–59.

29 Degenhardt & Schmidt 1968, Bd. I.2, S. 349–350 und 364 n.

25 und 26, Abb. 468 und 469. Die Autoren haben den technischen

Befund der Pause „Ölpapier, das zu Pausen verwendet

wird“, richtig beschrieben, die Blätter aber gemäß dem von ihnen

verfolgten methodischen Ansatz stilistisch falsch eingeordnet.

30 Prag, Prämonstratenserkloster Strahov, inv.DL III 3. Bukovinská,

Fučiková & Konečniý 1986, S. 159–181. Die Autoren

bestreiten, dass es sich um Pausen handelt, liefern aber keine

Argumente für diese Interpretation, vor allem geben sie weder

die Beschaffenheit des Papiers noch seine Farbe an. Die Erklärung

für das Aussehen der Blätter bedarf in jedem Falle weiterer

Untersuchungen. S. a. Concin 2022. Auch hier finden sich keine

Angaben zur Technik der Zeichnungen.

31 Dresden, Kupferstichkabinett, inv. 166a und 166b. Timo

Strauch wird diese Blätter veröffentlichen (Strauch im Druck), allerdings

fehlen noch Analysen ihrer genauen technische Beschaffenheit.

Die Kenntnis dieser Blätter verdanke ich Timo Strauch.

32 Unbekannter Aufbewahrungsort. Phillips 1990, S. 128, lot

313 und S. 134, lot 322; Campbell 2004, S. 874–876, Kats. 347

und 348 sowie S. 909–911, Kat. 363 ohne Rötelvorzeichnung.

33 Nesselrath 1986.2, S. 368, Abb. 30–31.

DIE PAUSEN des RAFFAELLO da MONTELUPO 63


49. Raffaello da Montelupo:

Architekturdetails des Sergierbogens in Pola;

Privatsammlung, ehemals Rugby II

50. Raffaello da Montelupo: Basis vom Tempel

für Apollo Sosianus in Rom und ein Fußprofil;

Privatsammlung, ehemals Rugby XII

wo sie sich bis heute befinden. 90 Folios sind noch

vorhanden. 34

In Rugby School in England wurden bis zu ihrer

Versteigerung im Dezember 2018 zwölf Blätter aufbewahrt,

die sich in jüngerer Zeit als Pausen nach

einigen Seiten im Liller Zeichnungsbuch herausgestellt

hatten. Sie waren erstmals in der Sammlung des

Malers Sir Thomas Lawrence aufgetaucht und nach

verschiedenen Zwischenstationen von dessen Neffen

Matthew Bloxam erworben worden. Dieser stiftete

sie als Teil seiner Sammlung 1884 seiner ehemaligen

Schule, und nur vier Jahre später hat August Schmarsow

sieben davon, die gemeinsam auf einem Karton

aufgeklebt waren, publiziert; fünf weitere aus derselben

Gruppe waren ihm offenbar entgangen. 35 Ohne

die Verbindung oder die Parallelität zum Zeichnungsbuch

der Sammlung Wicar zu erwähnen oder überhaupt

zu kennen – denn Plucharts Bestandskatalog

der Liller Zeichnungen erschien erst ein Jahr später

–, geht er wie der französische Maler von einer Autorschaft

Michelangelos ebenfalls für die Blätter aus

Rugby aus. Wicars Zuschreibung wurde damals allgemein

nicht mehr akzeptiert. 36

Die Blätter aus Rugby, die alle unterschiedlich

zwischen 205 mm 137 mm und 134 mm 53 mm

groß sind, zeigen einen Entwurf für die Fassade von

San Lorenzo in Florenz (Rugby I) (Abb. 51), Architekturdetails

des Sergierbogens in Pola (Rugby II)

64

ZUM MEDIUM der PAUSE


51. Raffaello da Montelupo: Fassade von San Lorenzo

in Florenz; Privatsammlung, ehemals Rugby I

52. Raffaello da Montelupo: Fassade von San

Lorenzo in Florenz, Überlagerung der Zeichnung

in Lille Pl. 790 und der Pause Rugby I

(Abb. 49), einen Grundriss eines nicht identifizierten

Zentralbaus (Rugby III) (Abb. 74), Architekturdetails

des Triumphbogens für Septimius Severus in Rom

(Rugby IV) (Abb. 53), Architekturdetails des Titusbogens

in Rom (Rugby V) (Abb. 72), zwei Wandaufrisse

mit römischen Stuckdekorationen (Rugby VI)

(Abb. 69), einen Aufriss des Marcellustheaters in Rom

(Rugby VII) (Abb. 55), einen Aufriss des Konstantinbogens

in Rom (Rugby VIII) (Abb. 62), einen Grundriss

von Brunelleschis Kirche Santa Maria degli Angeli

in Florenz (Rugby IX) (Abb. 58), Architekturdetails

vom Konstantinsbogen in Rom (Rugby X) (Abb. 60),

einen Marmorsockel aus Filippino Lippis Drachenbeschwörung

in der Strozzi-Kapelle in S. Maria Novella

in Florenz, der einem römischen Dreifuss nachempfunden

ist, 37 zusammen mit zwei wahrscheinlich antiken

Mäanderornamenten (Rugby XI) (Abb. 67) sowie

eine Basis vom Tempel für Apollo Sosianus in Rom

und ein Fußprofil (Rugby XII) (Abb. 50). Neun dieser

Blätter stimmen mit Seiten des Zeichnungsbuches

von Raffaello da Montelupo bis in die Anordnung der

Zeichnungen überein; sie sind von den Rändern her

zum Teil allerdings stark beschädigt. Das Format ist

durchgängig reduziert, und manchmal fehlen einzelne

Aufnahmen, da die entsprechende Partie des Blattes

nicht erhalten ist. Vom letzten ist lediglich noch

ein kleines Fragment übriggeblieben. 38 Zwei Blätter

34 Lille, Palais des Beaux-Arts, inv. Pl 721 – Pl 904. Pluchart

1889, S. 161–197; Nesselrath 1983; Nesselrath 1994 (mit einer

Rekonstruktion der ursprünglichen Abfolge der Folios und Seiten

auf S. 52); Lemerle 1997 (mit z. T. abweichender Rekonstruktion

der Folioabfolge).

35 Privatsammlung. Schmarsow 1888, S. 135–136, Abb. auf

S. 134; Nesselrath 2014, S. 33 und 159, Abb. 33; Old Master/

New Scholars: Works of Art Sold to Benefit Rugby School,

Christie’s Sale, London, December 4th, 2018, lot 26. Zur Identifizierung

der Blätter wird die Nummerierung in Rugby School

und im Auktionskatalog beibehalten.

36 Nesselrath 1994, S. 36.

37 Zambrano & Nelson 2004, S. 549, Abb. 483.

38 Zur Fassade von San Lorenzo, Rugby I, cf. Lille, Pl. 790, für

die Architekturdetails des Triumphbogens für Septimius Severus,

Rugby IV, vgl. Lille, Pl. 849, für die Architekturdetails des Titusbogens,

Rugby V, vgl. Lille, Pl. 842, für die Stuckdekoration,

DIE PAUSEN des RAFFAELLO da MONTELUPO 65


53. Raffaello da Montelupo: Architekturdetails

des Triumphbogens für Septimius Severus in

Rom; Privatsammlung, ehemals Rugby IV

54. Raffaello da Montelupo: Abschlussgesims des

Piedestals vom Triumphbogen des Septimius Severus,

Überlagerung der Zeichnung in Lille, Pl. 849 und der

Pause Rugby IV. Unter der Pause lugt am linken

Rand die Zeichnung hervor und setzt die alle Linien

und Striche homogen und ungebrochen fort.

(Rugby II und III) dürften auf Seiten zurückgehen,

die angefertigt worden sind, als die Pausen, lange

bevor Wicar sie erworben hat, noch im Zeichnungsbuch

existiert haben, heute unter den erhaltenen Folios

in Lille aber fehlen. Da die Architekturdetails des

Sergierbogens auf dem ersten der beiden (Rugby II)

in einem Codex des Oreste Vanocci Biringucci auf

fol. 18 v identisch mit Beschriftungen und Maßangaben

vorkommen, da Biringucci bekanntlich Raffaello

da Montelupos Zeichnungsbuch zugänglich war und

er danach kopiert hat, 39 gestattet das Blatt aus Rugby,

eine verlorene Seite in Lille zu rekonstruieren, auch

wenn die Position der Seite im Buch derweil nicht bestimmt

werden kann. Für den unbekannten Zentralbaugrundriss

(Rugby III) fehlt eine vergleichbare Beziehung

zu einer parallelen Darstellung, jedoch liegen

ähnliche Umstände nahe. Schließlich finden sich die

beiden Mäanderbänder neben Filippino Lippis Marmorsockel

(Rugby XI) bei Biringucci auf demselben

fol. 18 v und auf der gegenüberliegenden Seite fol. 19 r

und dürften daher ehemals im Liller Codex enthalten

gewesen sein, auch wenn die Pause diesmal nicht die

Komposition der ganzen Seite reproduziert, sondern

Motive neu gruppiert.

Durch den Verlust originaler Substanz der Blätter,

die durch das Einreiben mit Leinöl stark beeinträchtigt

ist, sind ganze Zeichnungen verloren gegangen,

erhaltene angeschnitten worden und Fehlstellen

vor allem durch den Tintenfraß im Papier entstanden.

Wenn die Pausen aus Rugby über entsprechende

Zeichnungen in Lille gelegt werden, wird nicht nur

die exakte Übereinstimmung deutlich, sondern abge-

66

ZUM MEDIUM der PAUSE


55. Raffaello da Montelupo: Aufriss des Marcellustheaters

in Rom; Privatsammlung, ehemals Rugby VII

56. Raffaello da Montelupo: Aufriss des Marcellustheaters

in Rom, Überlagerung der Zeichnung

in Lille Pl. 771 und der Pause Rugby VII

schnittene und fehlende Linien der Pause werden

gleichsam durch die Zeichnung darunter fortgesetzt

oder ergänzt. 40 Dies ist etwa beim Fassadenentwurf

für San Lorenzo in Florenz (Lille, Pl. 790 – Rugby

I) (Abb. 52) an mehreren Fehlstellen zu beobachten,

ebenso wie in ausgesprochen subtiler Form beim Abschlussgesims

des Piedestals vom Triumphbogen des

Septimius Severus am linken Rand (Lille, Pl. 849 –

Rugby IV) (Abb. 54). Bei den Aufrissen der Stuckdekorationen

füllt die unterlegte Zeichnung die durch Tintenfraß

entstandenen Fehlstellen in der Pause (Lille,

Pl. 766 – Rugby VI). Die Piedestale des Marcellustheaters,

die in Lille irrtümlich angenommen werden, fehlen

zwar in Rugby; legt man die Pause jedoch auf die

Zeichnung, schließen die in der Zeichnung vorhandenen

Piedestale unten an die Pause nahtlos an, d. h.,

sie waren ursprünglich dort ebenfalls vorhanden und

gehören zu den verlorenen Rändern, wovon in diesem

Rugby VI, vgl. Lille 766, für das Marcellustheater, Rugby VII,

vgl. Lille Pl 771, für den Aufriss, Rugby VIII, bzw. die Architekturdetails

des Konstantinbogens, Rugby X, vgl. Lille 780 bzw.

851, für den Grundriss von Santa Maria degli Angeli, Rugby IX,

vgl. Lille Pl. 773, für den Altarsockel von Filippino Lippi, Rugby

XI, vgl. Lille Pl 787 oben links, für die Basis des Apollo Sosianus-

Temples und das Fußprofil, Rugby XII, vgl. Lille Pl. 863. S. zu

den Gegenüberstellungen Nesselrath 1986, Abb. 101–102 und

117–118, Nesselrath 1994, Abb. 25–26 und 29–32, Nesselrath

2014, Abb. 32–33. Zu den Blättern in Lille s. a. Lemerle 1997.

39 Siena, Biblioteca Comunale, inv. S IV 1, fol. 18 v.A und B.

Nesselrath 1994, S. 50; Gudelj 2014, S. 199–203, Abb. auf S. 201

und 203.

40 Für die Erlaubnis, dieses ersehnte Experiment durchzuführen,

danke ich in erster Linie dem jetzigen Besitzer der Pausen

und Cordélia Hattori in Lille. Stijn Alsteens hat die technischen

Hilfsmittel mit großer Präzision erstellt und hat dadurch sowie

seine Teilnahme wesentlich dazu beigetragen, das 1994 formulierte

Desideratum (Nesselrath 1994, S. 50, n. 64) nachzuholen.

DIE PAUSEN des RAFFAELLO da MONTELUPO 67


57. Raffaello da Montelupo: Grundriss

von Brunelleschis Santa Maria

degli Angeli in Florenz; Lille, Palais

des Beaux-Arts, inv. Pl. 773

58. Raffaello da Montelupo:

Grundriss von Brunelleschis Kirche

Santa Maria degli Angeli in Florenz;

Privatsammlung, ehemals Rugby IX

59. Raffaello da Montelupo: Grundriss von

Brunelleschis Santa Maria degli Angeli

in Florenz, Teilansicht der Überlagerung

der Zeichnung in Lille, Pl. 773 und der

Pause Rugby IX. Versetzte Beischrift auf

beiden Blättern in derselben Kalligraphie.

Falle ein recht breiter Streifen fehlt (Lille, Pl. 771 –

Rugby VII) (Abb. 56). Der lavierte Grundriss von

Brunelleschis Santa Maria degli Angeli ist zwar nicht

vollständig gepaust, aber gerade deshalb ist die Kontinuität

der Linien und die unmittelbare Verbindung

von Vorlage und Pause auf der rechten Seite besonders

auffällig (Lille, Pl. 773 – Rugby IX) (Abb. 57). Beim

Abschlussgesims des Piedestals sowie beim Architrav

vom Konstantinsbogen setzt die unterlegte Zeichnung

die überlagernde Pause ebenfalls unten fort, wo

Letztere plötzlich abgebrochen ist; unten links in der

Pause ist nur die obere Hälfte der Beischrift zum Abschlussgesims

des Monumentes, das ansonsten verloren

ist, horizontal durchtrennt erhalten und weist

die gleiche Kontinuität in dem halbierten Schriftzug

„lultima“ unten links wie in der Zeichnung auf (Lille,

Pl. 851 – Rugby X) (Abb. 61). Beim Pausen des Aufrisses

des Konstantinsbogens hat der Zeichner, vielleicht

sogar Raffaello da Montelupo selbst, die Kapitelle der

Pilaster, die hinter der freistehenden Säule unter dem

verkröpften Gebälk leicht versetzt angedeutet waren,

wahrscheinlich nicht erkannt und ausgelassen; die

Schäfte sind gepaust. Daran wird deutlich, wie mechanisch

der Reproduktionsvorgang ausgeführt worden

ist (Lille, Pl. 780 – Rugby VIII) (Abb. 63). Ferner

machen bei dieser Überlagerung die nicht gepausten

Schattierungsschraffen anschaulich, wie viel lebhafter

die Zeichnungen, obwohl es sich um Kopien handelt,

gegenüber den mechanischen Pausen sind (Abb. 64).

Schließlich füllt beim Marmorsockel Filippino Lippis

die Zeichnung erneut in der Übereinanderlegung die

Fehlstellen in der Pause (Lille, Pl. 787 – Rugby XI)

(Abb. 68).

Ähnlich verhält es sich mit dem Verhältnis der

Beischriften zwischen dem Liller Zeichnungsbuch und

den Blättern aus Rugby. Diese stimmen so weitgehend

in ihrer Kalligraphie und Position auf der Seite, in der

Diktion sowie im Zeilenumbruch überein, dass auch

sie im Zuge des Pausvorganges entstanden sind. Die

gelegentlichen Freiheiten gegenüber der Vorlage bezeugen

nur die Leichtigkeit, mit der der Kopist mit diesen

Kommentaren umgehen konnte, da er offensichtlich

68

ZUM MEDIUM der PAUSE


60. Raffaello da Montelupo: Architekturdetails

vom Konstantinsbogen in Rom; Privatsammlung,

ehemals Rugby X

61. Raffaello da Montelupo: Architekturdetails

des Konstantinsbogens in Rom, Überlagerung der

Zeichnung in Lille Pl. 851 und der Pause Rugby X

mit ihnen vollkommen vertraut war. Durch gewisse

Eigenheiten wirkt alles umso genuiner: So findet sich

die weit nach unten links versetzte, fast senkrechte

Cauda der Majuskel „Q“ – eine Eigenheit des Linkshänders

Raffaello da Montelupo – z. B. beim Aufriss

des Konstantinsbogens in beiden Zeichnungsgruppen,

obwohl der Schriftzug nicht exakt in der Pause nachgezogen

ist (Lille, Pl. 780 – Rugby VIII) (Abb. 65). Die

etwas schnörkeligen Majuskeln und Ligaturen in der

Zeile zwischen den Aufrissen der Stuckdekorationen

sind kohärent, aber nicht sklavisch übernommen und

treten mit den gleichen Ligaturen auf (Lille, Pl. 766 –

Rugby VI) (Abb. 70). Wenn die Diktion „Cornice core

sotto larcho di tito“ in „Cornice corre sotto larcho di

tito“ ausgerechnet in einer der sorgfältigsten Pausen

auftritt (Lille, Pl. 842 – Rugby V) (Abb. 71 und 72),

spricht das in diesem Zusammenhang für eine bewusste

Korrektur der Orthographie und dafür, dass

die Beischriften mit den Zeichnungen gepaust worden

sind, wenn auch nicht so akkurat wie die Architekturdarstellungen.

Im seitlichen Durchgang des Konstantinsbogens

ist vor allem das Maß für die Breite

nicht deckungsgleich mit der Vorlage, sondern leicht

höher in der Pause eingetragen, also eher kopiert als

gepaust (Lille, Pl. 780 – Rugby VIII) (Abb. 64). Da die

Kalligraphie auf beiden Blättern übereinstimmt, ist

dies ein gewichtiges Argument dafür, dass Raffaello

da Montelupo die Pausen selber angefertigt hat. Lediglich

im Grundriss von Brunelleschis Santa Maria

degli Angeli weicht der Text der Beischrift stärker ab

und ist inhaltlich marginal reduziert (Lille, Pl. 773 –

Rugby IX); da die Kalligraphie jedoch erneut identisch

ist, untermauert diese leichte Variation die Eigenhändigkeit

Montelupos insofern, als der Zeichner

mit dem Text nicht nur vertraut ist, sondern sich erlaubt,

ihn zu verändern (Abb. 59).

Besonders die Ölflecken auf einigen Zeichnungen

machen das Verhältnis zu den Pausen anschaulich:

Während das mit Leinöl getränkte und dadurch transparente

Blatt auf die respektive Vorlage aufgelegt worden

ist, um die Pause anzufertigen, hat das trockene

Papier stellenweise die feuchte Substanz an den Stel-

DIE PAUSEN des RAFFAELLO da MONTELUPO 69


62. Raffaello da Montelupo: Aufriss des Konstantinbogens

in Rom; Privatsammlung, ehemals Rugby VIII

63. Raffaello da Montelupo: Aufriss des Konstantinsbogens

in Rom, Überlagerung der Zeichnung

in Lille, Pl. 780 und der Pause Rugby VIII

len, wo sie vielleicht etwas intensiver eingerieben oder

nicht ausreichend abgetupft worden war, aufgesogen

und im Laufe der Zeit braune Flecken ausgebildet. 41

Es ist ein faszinierender Gedanke, dass vor fast 500

Jahren getrennte Ölsubstanz sich bei der erneuten

Überlagerung der Blätter in Lille und aus Rugby wieder

begegnet ist (Abb. 66). Eine unmittelbare Gegenüberstellung

der Pause mit einer Zeichnung aus dem

Zeichnungsbuch macht den unterschiedlichen Charakter

der beiden Zeichnungsgattungen anschaulich,

vermittelt die Wirkung der jeweiligen Farbigkeit,

weckt ein Empfinden für die mechanische Umsetzung,

obwohl bereits die Zeichnung eine, allerdings

eigenständige Kopie ist, und unterstreicht die Folgen

des Leinöls auf der Vorlage (Abb. 73).

In ihrer Einzigartigkeit werfen die beiden parallelen

Zeichnungsgruppen in Lille und aus Rugby

vorläufig noch viele Fragen auf. Wie viele von den

mindestens 256 Seiten Raffaello da Montelupo aus

seinem Zeichnungsbuch gepaust hat, lässt sich über

die zwölf mehr oder weniger fragmentarisch erhaltenen

Blätter hinaus gegenwärtig nicht feststellen. Auch

was den Zeichner zur Reproduktion seiner Materialsammlung

veranlasst hat und welchen Zweck er damit

verfolgt haben könnte, bleibt bis auf Weiteres

Spekulation. Vier Pausen, die Fassade von San Lorenzo

in Florenz (Abb. 51), die Aufrisse mit den Stuckdekorationen

(Abb. 69 und 73), die Architekturdetails

vom Konstantinsbogen (Abb. 60) sowie die Basis des

Apollo-Sosianus-Tempels mit dem Fußprofil darunter

70

ZUM MEDIUM der PAUSE


64. Raffaello da Montelupo: Aufriss des Konstantinsbogens

in Rom, Detail des linken Durchgangs, Teilansicht

der Überlagerung der Zeichnung in Lille,

Pl. 780 und der Pause Rugby VIII. Die nicht gepausten

Schraffen für die Schattierungen und die versetzten Beischriften

und Maßangaben sind sichtbar.

65. Raffaello da Montelupo: Aufriss des Konstantinsbogens

in Rom, Teilansicht der Überlagerung der Zeichnung in

Lille, Pl. 780 und der Pause Rugby VIII. Versetzte Beischrift

auf beiden Blättern in derselben Kalligraphie.

(Abb. 50), tragen vier Verweise auf die klassischen

Säulenordnungen: „dorÿca“, „yonÿce“, „corynza“ und

„chorynza“. Die Wörter sind in anderer Tinte als die

Pausen und von einer anderen Hand als die Zeichnungen

geschrieben, der Kalligraphie zufolge aber nicht

wesentlich später hinzugefügt worden. Es ist denkbar,

dass sich mit den darin zum Ausdruck gebrachten

theoretischen Überlegungen auch eine Intention Montelupos

hinter den Pausen verbirgt. Die unmittelbare

Verbindung von Vorlage und Pause, die beide erhalten

sind, eröffnet Möglichkeiten, die physischen Implikationen

des seltenen Mediums materiell weiter zu analysieren.

41 Vielleicht lässt sich durch eine Laboranalyse eine chemisch

identische Zusammensetzung des Öls nachweisen.

DIE PAUSEN des RAFFAELLO da MONTELUPO 71


66. Raffaello da Montelupo: Marmorsockel aus Filippino

Lippis Drachenbeschwörung in der Strozzi-Kapelle in

S. Maria Novella in Florenz und weitere Ornamente;

Lille, Palais du Palais des Beaux-Arts, inv. Pl. 787.

Die braunen Flecken, wo das Öl von der getränkten

Pause auf das Papier der Zeichnung durchgedrungen

ist und dieses gefärbt hat, sind gut sichtbar.

67. Raffaello da Montelupo: Marmorsockel aus Filippino

Lippis Drachenbeschwörung in der Strozzi-Kapelle in S.

Maria Novella in Florenz und zwei wahrscheinlich antike

Mäanderornamente; Privatsammlung, ehemals Rugby XI

72

ZUM MEDIUM der PAUSE


68. Raffaello da Montelupo: Pause Rugby XI mit dem Marmorsockel aus Filippino

Lippis Drachenbeschwörung in der Strozzi-Kapelle in S. Maria Novella in Florenz

und zwei wahrscheinlich antiken Mäanderornamenten in der Überlagerung der

Zeichnung in Lille Pl. 787 mit demselben Marmorsockel und anderen Ornamenten.

DIE PAUSEN des RAFFAELLO da MONTELUPO 73

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