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Den Spuren auf der Spur

Die A8 zwischen Alpnach und Sarnen ist seit jeher eine zweispurige Autostrasse. Doch der ursprüngliche Plan war es, eine vierspurige Autobahn zu bauen. Umgesetzt wurde er allerdings nie. Weshalb?

Die A8 zwischen Alpnach und Sarnen ist seit jeher eine zweispurige Autostrasse. Doch der ursprüngliche Plan war es, eine vierspurige Autobahn zu bauen. Umgesetzt wurde er allerdings nie. Weshalb?

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Den Spuren auf der Spur

Die A8 zwischen Alpnach und Sarnen ist seit jeher eine zweispurige

Autostrasse. Doch der ursprüngliche Plan war es, eine vierspurige

Autobahn zu bauen. Umgesetzt wurde er allerdings nie. Weshalb?

Touristen und ortsunkundige Autofahrer

freuen sich, wenn sie aus

dem Flaschenhals Loppertunnel in

Alp nachstad ankommen: Die vierspurige

A8 verspricht eine flüssige Fahrt Richtung

Brünig. Doch die Freude währt kurz: Nach

knapp einem Kilometer verengt sich die

Strasse wieder. Dasselbe in der Gegenrichtung

in Sarnen: Nach dem Sachsler Tunnel

kommt man entlang des Hauptorts in den

Genuss einer zweispurigen Bahn Richtung

Norden, bevor die A8 im Bereich Kernmatt

wieder nur eine Spur pro Richtung aufweist.

Doch warum ist das so? Warum wurde die

A8 als wichtige Verbindung zwischen der

Zentralschweiz und Bern nicht als «echte»

Autobahn mit vier Spuren gebaut?

Bund kümmert sich um Nationalstrassen

Um diese Frage zu beantworten, muss man

bis in die 1950er-Jahre zurückgehen. Der

massiv zunehmende Verkehr zwang damals

den Bund, das Heft in die Hand zu nehmen

und die Planung und den Bau von Strassen

nicht allein den Kantonen zu überlassen. Die

NZZ schrieb 1956 zum Thema Autobahnen:

«Erst die unerhörte Steigerung des Verkehrs

seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Einsicht

zum Durchbruch verholfen, dass es im Interesse

der Ordnung des Verkehrs und der

Verschonung der Städte und Dörfer vor Verkehrsgefahren,

Lärm und Gestank Strassen

geben sollte, die für die Motorfahrzeuge reserviert

werden müssen.» Und so reifte ein

Plan für ein Nationalstrassennetz mit Autobahnen

und Autostrassen heran. Volk und

Kantone sagten im Jahr 1958 Ja zu einer

Ergänzung in der Verfassung. In Artikel 83

ist heute zu lesen: «Der Bund stellt die Errichtung

eines Netzes von Nationalstrassen und

dessen Benutzbarkeit sicher. Er baut, betreibt

und unterhält die Nationalstrassen.»

Welche Strassen gehören dazu?

Über dieses Ziel herrschte Einigkeit. Umstrittener

war später die Frage, welche Strassen

künftig als Nationalstrassen gelten und folglich

vom Bund (aus)gebaut und betrieben

werden. Bei Verbindungen zwischen grösseren

Städten – etwa Zürich, Basel, Bern und

Genf – gab es keine grossen Diskussionen.

Bei vielen anderen Verkehrswegen dagegen

lag die Antwort nicht klar auf der Hand. Und

dazu gehörte auch die Brünigstrecke durch

Obwalden. Bei einer ersten Festlegung des

Nationalstrassenprogramms im Jahr 1958

war sie nicht dabei (siehe Abbildung).

Die Obwaldner Regierung wandte sich

1959 deshalb an den Bundesrat mit dem Anliegen,

die Brünigstrecke ins Nationalstrassenprogramm

aufzunehmen. Aus gutem

Grund: Gehört eine Strasse zum nationalen

Netz, übernimmt der Bund einen Grossteil der

Kosten für deren Bau oder Ausbau. Der monatelange

Einsatz in Bern lohnte sich. Nach

langwierigen Diskussionen empfahl der Bun-

Bei der ersten Planung 1958 war die Brünigstrecke noch nicht im Nationalstrassenprogramm. (Die Karte

ist etwas verwirrend, weil die auffälligen roten Strecken nicht zum Nationalstrassennetz gehören). Erst

1960 folgte die Aufnahme ins Programm (schwarze Strecken). (Bundesarchiv)

desrat Anfang 1960 dem Parlament, die Brünigstrecke

als N8 ebenfalls ins Nationalstrassenprogramm

aufzunehmen. National- und

Ständerat segneten die Pläne ab. Der Volksfreund

schrieb: «Wir Obwaldner dürfen über

diese Einreihung ins Nationalstrassennetz

froh sein, denn dadurch geht der Ausbau der

Brünigstrasse, der wegen des Durchgangsverkehrs

notwendig geworden ist, mehr als

bisher zulasten des Bundes.»

Frage der Linienführung

Besiegelt war die Sache damit nicht. Im

Gegenteil. Die Diskussionen und Verhandlungen

nahmen ab diesem Zeitpunkt richtig

Fahrt auf. Es galt nämlich die Frage zu klären,

wie die Nationalstrasse Richtung Brünig

ausgebaut werden soll. (Nebenbei bemerkt:

Mit dem Bau des Tunnels Kaiserstuhl ist das

Grossprojekt A8 bis heute im Ausbau begriffen.)

Vorerst lag das Augenmerk auf dem

nördlichen Sarneraatal, konkret auf der Strecke

zwischen Alp nachstad und Sarnen. Ein

erster Knackpunkt war die Linienführung: In

den ersten Plänen lag die A8 sehr nahe am

Wichelsee. Naturschützer wehrten sich erfolgreich

dagegen, sodass die Strasse heute

in einiger Entfernung zum Naturschutzgebiet

liegt und parallel zu den Bahngleisen verläuft.

Zwei oder vier Spuren?

Eine zweite wichtige Frage war die Gestaltung.

Tatsächlich sollte der erste Teilabschnitt

der A8 von Alpnachstad nach

Sarnen vierspurig werden, und zwar auf

der ganzen Länge. Der vorerst zweispurige

Bau sollte nur ein Zwischenschritt sein zu

einer richtigen Autobahn (siehe Amtsblatteintrag).

Aus den Verhandlungen zwischen

Bund und Kanton ergab sich 1963, dass

«ein vierspuriger Ausbau der Nationalstrasse

N8 in Berücksichtigung der Verkehrs-


dichte im heutigen Zeitpunkt nicht in Frage

kommen kann», wie der «Volksfreund» berichtete.

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Die Presse berichtete im selben

Jahr über den Kompromiss: Die A8 werde

«vorläufig nur zweispurig, aber überbreit

(9 Meter breit plus Bankette), und in einer

späteren Ausbauetappe vierspurig, wobei

Landerwerb und Kunstbauten soweit nötig

jetzt schon auf den vierspurigen Endausbau

ausgerichtet werden». Die Obwaldner konnten

sich damit anfreunden. Nicht vergessen

darf man, dass die Strecke durch Obwalden

damals – noch viel mehr als heute – den

Charakter einer Touristenstrasse hatte. Grosse

Pendlerströme zwischen Luzern und Obwalden

gab es noch nicht. (Beispiel aus dem

Jahr 1966: An einem tristen Januartag zählte

man an der Messstelle in Alpnachstad nur

etwa 1500 Fahrzeuge pro Tag. An schönen

Sommertagen waren es weit über 15 000.)

Die Bauarbeiten begannen nicht sofort. Der

Bund, der inzwischen in der ganzen Schweiz

mit grossen Autobahnprojekten beschäftigt

Vorbereitungen zum Bau der A8 im November 1968 in Alpnach mit Brücke über die Grosse Schliere.

(ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_F68-14085)

Bei der Planauflage war noch vorgesehen, dass die A8 zwischen Alpnachstad und Sarnen in einer späteren

Bauetappe zu einer vierspurigen Autobahn ausgebaut wird. (Amtsblatt vom 18. Februar 1965)

Bau der A8 im Bereich Alpnach Süd/Hofmättelistrasse 1970. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_F70-17112)

Als Autobahn gilt die A8 nur im Berner Oberland

Ist die A8 eine Nationalstrasse, eine Autobahn,

eine Autostrasse oder eine Hauptstrasse? Die

kurze Antwort: Sie ist alles davon. Dazu einige

Begriffsklärungen: Als Nationalstrassen gelten

alle Strassen, die vom Bund betrieben werden

– nicht mehr und nicht weniger. Der Begriff

Nationalstrasse sagt aber nichts darüber aus,

wie eine Strasse gestaltet ist. Auch eine Hauptstrasse

kann eine Nationalstrasse sein.

Bei der Frage, wie eine Strasse gebaut ist und

welchem Zweck sie dient, kommen die Begriffe

Autobahn, Autostrasse und Hauptstrasse ins

Spiel. Eine Autobahn hat mind. zwei Spuren pro

Richtung, weist keine Kreuzungen auf und ist

richtungsgetrennt (z.B. Mittelleitplanke). Eine

Autostrasse ist sozusagen die kleine Schwester

einer Autobahn. Sie muss nicht richtungsgetrennt

sein und hat oft nur eine Spur pro Richtung.

Aber auch sie weist keine Kreuzungen auf

und darf nur mit Fahrzeugen benutzt werden,

die mind. 80 km/h fahren können.

Als Autobahn ausgestaltet ist die A8 nur

streckenweise im Kanton Bern. Zwischen

Brünig und Alpnachstad ist sie entweder eine

Autostrasse (z.B. zwischen Sarnen und Alpnach)

oder eine Hauptstrasse (z.B. zwischen

Brünigpass und Lungern). Eine Nationalstrasse

ist sie aber auf der ganzen Strecke von

Spiez bis Hergiswil. Tatsächlich gibt es auch

Autostrassen und Autobahnen, die nicht zum

Nationalstrassenetz gehören. Allerdings ist das

selten der Fall. Ein Beispiel für eine kantonale

Autostrasse ist die K10 von Luzern Richtung

Wolhusen. Ein Beispiel für eine kantonale Autobahn

ist die A51 in Zürich zwischen Bülach

Nord und Kloten Süd.


Das Gebiet Foribach vor und während dem Bau der Nationalstrasse mit Anschluss Sarnen Nord in den

Jahren 1968 und 1969. (Karten swisstopo)

war, setzte die A8 nicht zuoberst auf die Prioritätenliste.

Erst 1965 erfolgte die Planauflage

in den betroffenen Gemeinden Sarnen,

Alpnach und Kerns. 54 Einsprachen verzögerten

den Baubeginn. 1966 begannen die

ersten Bauausschreibungen und Vorarbeiten

im Gelände. Eine Herausforderung waren die

vielen Kunstbauten (Brücken, Überführungen,

Unterführungen und Durchlässe). Unter

anderem mussten die Grosse Schliere und

die Sarneraa überquert werden. Insgesamt

wurden zwischen Alpnachstad und Sarnen

43 Kunstbauten erstellt. Am 28. August

1971 war es schliesslich so weit: Die A8 von

Alpnach Nord bis Sarnen Süd wurde dem

Verkehr übergeben. Das 7,8 Kilometer lange

Teilstück kostete 38 Millionen Franken.

Vier Spuren wurden nie «begraben»

Wie man heute unschwer erkennen kann,

wurde der ursprünglich geplante vierspurige

Ausbau nie ausgeführt, obwohl sich die Behörden

in den Jahren nach der Eröffnung immer

wieder dafür ausgesprochen haben, zum

Beispiel der Sarner Dorfschaftsgemeinderat

im Jahr 1979. Opposition kam erst auf, als es

um die Planung des nächsten Teilstücks der

A8 ging: die Umfahrung von Sachseln. Der

Grundtenor der bekannten Bürgerbewegung

«Pro Obwalden» lautete, dass Obwalden keine

vierspurigen Autobahnen brauche.

Interessant ist es trotzdem: Der vierspurige

Ausbau der A8 zwischen Alpnach

und Sarnen wurde nie offiziell «begraben».

Das Thema wurde vor zwölf Jahren sogar

erneut angesprochen, als es nach schweren

Unfällen um die Sicherheit auf diesem

Teilstück ging. Entschärft wurde die Gefahr

schliesslich mit einer Mitteilleitplanke.

Tatsächlich bleibt ein Ausbau der A8 zwischen

Alpnach und Sarnen noch immer eine

Option, dies im Rahmen von sogenannten

Engpassbeseitigungen, die das Bundesamt

für Strassen (Astra) koordiniert und ausführt.

In der Prioritätenliste steht die A8 hier

aber weit hinten, sodass ein vierspuriger

Ausbau wohl erst für kommende Generationen

wieder ein Thema werden könnte. (ve)

Belagsarbeiten beim Anschluss Sarnen Nord im Mai 1971, rund drei Monate vor der Eröffnung des Teilstücks

zwischen Sarnen und Alpnach. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_F71-20529)

Meldung am 27. August 1971 in der «Neue Zürcher Nachrichten» im Vorfeld der Eröffnung.

Das heutige Nationalstrassennetz. (Quelle BAV / Karte swisstopo)

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