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ab in den Süden

Mit dem Zug von Obwalden nach Locarno in weniger als einer Stunde? Was heute unmöglich erscheint, war früher zumindest denkbar. Die Alpentransversale «Gotthard West» hätte es ermöglicht.

Mit dem Zug von Obwalden nach Locarno in weniger als einer Stunde? Was heute unmöglich erscheint, war früher zumindest denkbar. Die Alpentransversale «Gotthard West» hätte es ermöglicht.

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Ab in den Süden – durch Obwalden

Mit dem Zug von Obwalden nach Locarno in weniger als einer

Stunde? Was heute unmöglich erscheint, war früher zumindest

denkbar. Die Alpentransversale «Gotthard West» hätte es ermöglicht.

Der 2016 eröffnete Gotthard-Basistunnel

verbindet die Zentralschweiz

mit dem Tessin. Trotz dieser Errungenschaft

müssen Obwaldner eine Zugfahrt

von knapp drei Stunden in Kauf nehmen,

um in die Sonnenstube im Süden zu

gelangen. Gewiss: Das ist keine Weltreise.

Aber es ginge viel schneller. Es bräuchte

dazu «nur» einen Eisenbahntunnel von Giswil

nach Meiringen und von dort aus einen

zweiten Tunnel, der unter Grimsel und Furka

direkt Richtung Locarno führt. Mit den

heutigen modernen Personenzügen, die bis

zu 200 km/h fahren, wäre eine Reise von

Obwalden ins Tessin ein Katzensprung –

die Fahrt von Giswil nach Locarno würde

weniger als eine Stunde dauern.

Kommission präsentiert Bericht

Eine völlig abwegige Vorstellung? Keineswegs.

Als die Kommission «Eisenbahntunnel

durch die Alpen» im Frühjahr 1968 ihren

ausführlichen Bericht vorlegte, war dieses

Megaprojekt durch Obwalden durchaus

diskussionswürdig. «Gotthard West» hiess

diese Variante, die im Bericht mit dem Titel

«Projekte für den Aus- und Neubau von Alpenbahnen»

ausführlich vorgestellt wurde.

Zur zeitlichen Einordnung: Nord-Süd-

Tunnelverbindungen gab es natürlich schon

damals. Der alte Gotthard-Eisenbahntunnel

zwischen Göschenen und Airolo wurde

bereits 1880 eröffnet. Der Lötschberg-Eisenbahntunnel

folgte 1913. Der Gotthard-

Strassen tunnel war in den 1960er-Jahren

bereits in der Endplanung und wurde von

1970 bis 1980 gebaut.

Nicht alle wollten durch den Gotthard

Doch gerade im Schienenverkehr drängte

sich ein Ausbau auf. Die Kommission hielt

1968 einleitend in ihrem Bericht fest:

«Dank ihrer naturgegebenen verkehrsgeographischen

Lage spielt die Schweiz von jeher

eine bedeutende Rolle im internationalen

Transitverkehr. In letzter Zeit ist in vermehrtem

Umfang der Ausbau unserer Nord-Süd-

Eisenbahnverbindungen in das Zentrum der

verkehrspolitischen Diskussion des Landes

gerückt worden. Dies ist vor allem durch

das Ansteigen des Güterverkehrs bis an die

obere Grenze der Leistungskapazität des

schweizerischen Eisenbahnnetzes bedingt.»

Alles drehte sich also um die Frage:

Wie unterquert man das Alpenmassiv auf

Schienen, damit künftige Generationen

über eine schnelle Nord-Süd-Verbindung

verfügen? Eine Gotthardlinie war bereits

damals der Favorit, genauer ein 45 Kilometer

langer Eisenbahntunnel von Amsteg

nach Giornico. Doch als das eidgenössische

Departement des Inneren im Jahr

1963 diese Variante empfahl, formierte

sich Widerstand. Dieser führte dazu, dass

der Bund verschiedene andere Varianten

genauer unter die Lupe nehmen musste.


geschätzte Preis für die Variante «Gotthard

West» betrug knapp 2,5 Milliarden Franken.

Auch zu hohe Kosten

Im Jahr 1970 sprach sich die Kommission

«Eisenbahntunnel durch die Alpen» klar für

den Bau eines Gotthard-Basistunnels aus

(15 zu 3 Stimmen). Mit Vorstössen im Nationalrat

wurde zwar versucht, die Variante

«Gotthard West» noch zu retten. Die Unterstützer

dieser Variante stammten vor allem

aus Bern und der Westschweiz, denn ein

Basistunnel von Innertkirchen ins Tessin

hätte diesen Kantonen eine viel schnellere

Verbindung in den Süden erlaubt. Doch der

Bundesrat hielt am Gotthard-Basistunnel

fest und betonte, dass die Variante «Gotthard

West» die weitaus höchsten Investitionskosten

aufwies. Zusammenfassend

und rückblickend lässt sich sagen, dass

«Gotthard West» zwar eine mutige Idee war,

letztlich aber nie zum Favoritenkreis der

möglichen Varianten gehörte.

Was folgte, war die jahrzehntelange Diskussion

rund um die Neue Eisenbahn-Alpentransversale

(Neat). Am 27. September

1992 sagten die Schweizer Stimmbürger

mit 64 Prozent Ja zur Neat-Vorlage. Sie umfasste

die Basistunnels Gotthard, Ceneri

und Lötschberg sowie weitere Bauten. (ve)

Die Variante «Gotthard West» (gelb markiert) mit einem 9,7 km langen Tunnel zwischen Giswil und

Meiringen und einem 48,5 km langen Basistunnel zwischen Innertkirchen und Cavergno. (Bundesarchiv)

Wie hätte die Variante «Gotthard West»

konkret ausgesehen? Luzern wäre der Ausgangspunkt

dieser Alpentransversale gewesen.

Nötig dazu waren vier doppelspurige

Tunnels: ein 7 Kilometer langer Pilatus-Tunnel

zwischen Horw und Alpnach (zusätzlich

zum bestehenden Lopper-Eisenbahntunnel),

ein knapp 10 Kilometer langer Brünig-

Tunnel zwischen Giswil und Meiringen, ein

48,5 Kilometer langer Basistunnel ins Tessin

und ein 8,6 Kilometer langer Tunnel in Locarno.

Für ein solches Projekt hätten auch

die Gleisanlagen und Bahnhöfe in Obwalden

erweitert und erneuert werden müssen, zumal

es sich bei der bestehenden Brünigbahn-Strecke

um eine Schmalspur handelt.

Ein Mega-Projekt wie eine Alpentransversale

konnte natürlich nicht auf Schmalspur-

Gleisen realisiert werden.

Komplizierte Geologie am Brünig

Wie so oft bei Tunnelbauten entscheidet

nicht nur der Geldbeutel über die Machbarkeit,

sondern auch die Geologie. Bei der Variante

«Gotthard West» sorgte vor allem der

Brünigtunnel für Stirnrunzeln. Die Verfasser

der Studie hielten fest: «Von den Tunnelstrecken

der Alpenbahn Gotthard-West liegt der

Brünigtunnel eindeutig im Gebiet mit den

kompliziertesten geologischen Verhältnissen.»

Aufwändige Sondierbohrungen wären

unumgänglich gewesen, um einschätzen zu

können, ob ein Tunnelbau zwischen Giswil

und Meiringen überhaupt möglich ist. Der

Stimmung in Obwalden «etwas zwiespältig»

Unter dem Titel «Eisenbahnpolitische Zukunftsmusik

– ein SBB-Riesenbahnhof in

Obwalden?» berichtete auch der «Volksfreund»

am 16. März 1965 über die Variante

«Gotthard West». Nachfolgend eine gekürzte

Version dieses Artikels.

«Als im letzten Sommer das Projekt des

Walliser Ingenieurs Coudray bekannt wurde,

wonach der Ausbau der Gotthardbahn nicht

durch einen Basistunnel Amsteg–Giornico,

sondern durch den Bau einer neuen Nord-

Süd-Verbindung unter der Bezeichnung

«Gotthard-West» erfolgen solle, haben wir

im «Obwaldner Volksfreund» kurz darauf

hingewiesen und dazu bemerkt, dass vorläufig

das Ergebnis der Prüfung durch die zuständigen

Instanzen abzuwarten sei. Dieses

kühne Projekt ist für unsern Kanton insofern

von Bedeutung, als diese neue «Gotthard-

Linie» von Luzern her am Niederstad oder

in Alpnachstad aus dem Berg hinaus käme

und bis Giswil weitmöglichst das Trassee

der jetzigen Brüniglinie benützt würde, um

dort in einem Tunnel direkt nach Meiringen

zu führen. [...]

Als Einwohner Obwaldens steht man diesem

neuen Projekt etwas zwiespältig gegenüber.

Für die wirtschaftliche Entwicklung wäre der

direkte Anschluss an die leistungsfähigste

europäische Nord-Süd-Verbindung wohl

vorteilhaft, und die Aussicht, in wenigen

Stunden nach Mailand zu gelangen, wäre

verlockend. Aber was würde mit der übrigbleibenden

Schmalspurlinie Giswil–Brünig–

Meiringen geschehen? Wo würde sich die

neue Normalspurlinie zwischen Alpnachstad

und Giswil, die wohl doppelspurig gebaut

werden müsste, überall durchzwängen,

nachdem schon die jetzige einspurige

Schmalspurlinie der Brünigbahn manchenorts

nur knapp durchkommt? Es würden

wohl viele bauliche Veränderungen nötig

werden! Und vor allem die Standortfrage für

den notwendig werdenden neuen Riesenbahnhof

im Raume Luzern, von welchem

der Referent meinte, dass er nötigenfalls in

Obwalden «untergebracht» werden könnte.

Ein Gewirr von Rangiergeleisen im vordern

und hintern Städerried? [...]

Es sei mit diesen Zeilen weder dafür noch

dagegen Stimmung gemacht, denn die vielen

Fragen, die für den Entscheid einer so wichtigen

Sache von Bedeutung sind, können nicht

in wenigen Sätzen behandelt werden.»


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