Baumeister 1/2026
Resilient
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B1
BAU
Januar 2026
123. JAHRGANG
Das Architektur-
Magazin
MEISTER
Resilient
4 1 94673 0 19509
0 1
D 19,50 €
A,L 22,00 €
CH 2 6 , 0 0 S F R
Resilienz als
Strategie
COVERFOTO: VRINDA JELINEK/CONNECTED ARCHIVES
TITELBILD Nur auf den ersten Blick
hauchzart. Wie so manches Baumaterial
erweist sich auch dieser
Modellierballon als überraschend
robust, flexibel, widerstandsund
anpassungsfähig für weiteren
Gebrauch – behandelt man ihn
mit Umsicht.
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
herzlich willkommen im
neuen Jahr. Und willkommen
in einer Zeit, in der
die großen Fragen kleiner
geworden sind – nicht in ihrer Bedeutung, sondern in
ihrer Form. Wo früher das „Mehr“ als Motor galt, drängt
sich heute das „Weniger“ ins Zentrum. Keine Epoche
hat so viel gebaut wie unsere. Und vielleicht ist es genau
deshalb an der Zeit, über das Gegenteil nachzudenken:
über das „Genug“.
Suffizienz – ein sperriges Wort mit stiller Sprengkraft.
Es bedeutet nicht Verzicht, sondern Maß. Nicht Askese, sondern
Angemessenheit. Und es ist mehr als eine ökologische
Notwendigkeit. Es ist eine kulturelle Haltung. Sie fragt nicht:
Was können wir noch alles bauen? Sondern: Was braucht
es wirklich, damit Architektur trägt – ökologisch, sozial,
ästhetisch?
Resilienz wiederum beschreibt die Fähigkeit, mit Wandel
umzugehen. Nicht starr, sondern elastisch. Nicht naiv,
sondern robust. Eine resiliente Architektur rechnet nicht
mit dem Idealzustand, sondern mit der Abweichung. Sie
überlebt Stromausfälle, Materialknappheit, Nutzerwechsel.
Sie bleibt nicht perfekt – aber sie bleibt bestehen.
Zusammen ergeben Suffizienz und Resilienz ein starkes Paar.
Sie stehen für eine Architektur, die nicht dem Glanz des
Neuen verpflichtet ist, sondern dem Wert des Bestandenen.
Eine Architektur, die Ressourcen nicht nur verbraucht,
sondern respektiert. Die sich weniger für Image interessiert
und mehr für langfristige Wirkung. Nicht als Statement,
sondern als Struktur.
Diese Ausgabe ist eine Einladung, anders zu denken.
Kleiner. Klüger. Weiter. Es geht um Architektur, die nicht
glänzt, sondern hält. Nicht provoziert, sondern schützt.
Es geht um das „Einfach bauen“ – nicht als Reduktion auf das
Billige, sondern als Konzentration auf das Wesentliche.
Wer einfach baut, verzichtet nicht auf Qualität – er entscheidet
sich bewusst für Relevanz.
Vielleicht ist das der angemessene architektonische Auftakt
für das Jahr 2026: eine Rückbesinnung auf das,
was trägt. Eine neue Lust am Wesentlichen. Eine stille Revolution
der Maßstäbe. Denn Einfachheit ist nicht simpel.
Sie ist kein Mangel an Ideen, sondern ein gewisser Überfluss
an Klarheit. Wer einfach baut, reduziert nicht – er konzentriert.
Auf das, was zählt. Und genau darin zeigt sich
Haltung.
Ich wünsche Ihnen ein erkenntnisreiches, stabiles, widerstandsfähiges
neues Jahr. Und viel Freude bei der Lektüre
dieses Hefts, das zeigen möchte, wie Architektur mit
weniger mehr bewirken kann.
Herzlichst,
Tobias Hager
Chefredakteur
t.hager@georg-media.de
03
II Ideen
Mit weniger Mitteln mehr Wirkung erzeugen.
Resilienz und Suffizienz, Widerstandskraft und
Genügsamkeit, sind zwei Begriffe, die den Weg zu
einer zukunftsorientierten Architektur weisen.
Angemessene, respektvolle Entwürfe vor allem im
Hinblick auf den Bestand finden sich in den Um-
und Neubauten, die wir hier im Heft vorstellen.
10 Parkhaus wird
Wohnhaus in Paris
24 Mehrgenerationenhaus
„Görzer128“ in München
34 „Suffizienzhaus U10“
in Kassel
48 Ausstellungsgestaltung
in Barcelona
54 „Carl Orff Museum“
in Dießen am Ammersee
Position
Seite 46
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Material finden
09
In Paris ist in den letzten
Jahren eine bemerkenswerte
Zahl neuer Sozialwohnungen
entstanden – von sehr engagierten
Architekturbüros.
Jüngstes Beispiel: der Umbau
und die Aufstockung eines
Parkhauses im Osten der Stadt
STANDORT
58–60 avenue Parmentier,
11. Arrondissement, Paris
BAUHERR
Quadral promotion/
Batigère Habitat
ARCHITEKTUR
Atelier Téqui Architectes, Paris
Louis Téqui
WETTBEWERB
2018
TRAGWERKS-, ENERGIEPLANUNG
CET ingénierie
FERTIGSTELLUNG
2025
Wohnen
statt parken
ARCHITEKTUR
Atelier Téqui Architectes
FOTOS
11h45 Florant Michel; Schnepp Renou
TEXT
Leonardo Lella
In Paris entstanden beim Umbau und der Aufstockung
eines ehemaligen Parkhauses 63 Sozialwohnungen
und eine Ladenfläche. Die Architekten hatten
den Wettbewerb gewonnen, indem sie viel vom
Bestand des 1960er-Jahre-Gebäudes erhalten wollten.
Obwohl bautechnisch sehr anspruchsvoll, gelang
ihnen eine beispielhafte Lösung.
11
Auf der Rückseite staffelt und
verzweigt sich das Gebäude
gemäß den Höhenrichtlinien:
von den sieben Bestandsetagen
mit drei neuen Stockwerken
auf nur zwei Wohnebenen
mit mehreren Lichthöfen.
14 B1 / 26 – RESILIENT IMPULS IDEEN INSPIRATION
Rückblickend erscheint uns diese Zeit grotesk. Eine Zeit, in
der Autos direkt vor dem Louvre parkten. In der Präsident
Georges Pompidou stolz die Ufer der Seine in Schnellstraßen
verwandelte. Und in der auf dem Vorplatz der Kathedrale
Notre-Dame ein Schild mit der Aufschrift „Hupen während
der Gottesdienste verboten” aufgestellt wurde. Doch genau
wie seine europäischen Pendants räumte auch das Paris
der 1960er-Jahre den Pkws einen hohen Stellenwert ein –
Fahrzeuge, die, nachdem sie den Straßenraum überfüllt
hatten, mit dem schrittweisen Bau großer Parkhäuser auch
die Höhe der Stadt zu erobern begannen.
Diese Überreste einer vergangenen Ära prägen noch immer
die verschiedenen Stadtteile der Hauptstadt. Da sie völlig
anachronistisch sind – in Paris verfügt kaum jeder dritte Haushalt
über ein Auto –, werden sie zunehmend in Wohnraum
umgewandelt, wodurch die Stadt zwei Fliegen mit einer
Klappe schlägt: den Platzbedarf für Autos zu reduzieren und
auf die Wohnungskrise zu reagieren. Das kürzlich vom
Büro Atelier Téqui fertiggestellte Gebäude in der Avenue
Parmentier ist repräsentativ für diesen Ansatz. Es entstanden
aus dem Umbau und der Aufstockung eines siebenstöckigen
Parkhauses 63 Sozialwohnungen und ein Geschäft, wo
sich noch vor wenigen Monaten große leere Betondecks stapelten.
Die Architekten haben eben diese Decks größtenteils
erhalten – ihr Entwurf wurde im Wettbewerb genau aus
diesem Grund, wegen der großen Anzahl erhaltener Elemente
des ursprünglichen Gebäudes, ausgewählt.
BESTAND ERHALTEN UND ERGÄNZEN
Entsprechend einem typischen Entwurf für städtische
Parkhäuser der 1960er-Jahre war das Gebäude in zwei Hälften
unterteilt, deren Stockwerke um eine halbe Etage
versetzt und durch Rampen miteinander verbunden waren.
Lange Fensterbänder beleuchteten die Straßenseite,
während die drei anderen Fassaden blind waren, um so viele
Fahrzeuge wie möglich auf dem begrenzten Grundstück
unterzubringen. Obwohl an drei verschiedenen Stellen Durchbrüche
für Lichthöfe geschaffen wurden, um die neuen
Wohnungen mit Tageslicht zu versorgen, blieben die ursprünglichen
dünnen Platten, die von Betonträgern und -stützen
getragen werden, erhalten. Gleiches gilt für die Straßenfassade,
die nun durch verschiebbare Metallrahmen unterteilt
ist und kleine Wintergärten schützt. Vor allem diese
Lösung ermöglichte es, diesen schlanken spätmodernen „Vorhang“
nicht durch eine dicke Dämmschicht zu verunstalten,
denn die eigentliche gedämmte Fassade befindet sich
heute leicht zurückgesetzt, wodurch eine akustische und
thermische Pufferzone für die Wohnungen entstand.
nicht zusätzlich zu belasten. Außen ist diese Aufstockung,
durch die die Anzahl der verfügbaren Wohnungen maximiert
werden konnte, mit einer Holzverkleidung und vertikalen
Lamellen versehen. Diese steht im Kontrast zum glatten, einheitlichen
Charakter des weiß gestrichenen Betons der
ehemaligen Garage.
MEHR LICHT INS GEBÄUDE
Hinter dieser hohen Straßenfassade, die durch die Breite
der Avenue Parmentier ermöglicht wurde, staffelt sich das
Projekt zur Grundstücksrückseite nach unten – von neun
hinunter auf zwei Geschosse in der Hofbebauung. Diese räumliche
Anordnung sorgt nicht nur dafür, dass alle Wohnungen
– auch die zu den Innenhöfen orientierten – ausreichend
belichtet werden, sondern auch für große Terrassen und
Grünf lächen. So fällt nun auch reichlich Tageslicht in alle
Wohnungen, die um die zwei Erschließungskerne herum
angeordnet sind. Zusätzlich zu diesen vertikalen Erschließungen
ergeben Durchbrüche, die die Decken über die
gesamte Höhe des Gebäudes durchbrechen, vier neue Innenhöfe:
zwei an den Stellen der ehemaligen, abgerissenen
Rampen und zwei weitere an der Rückseite des Grundstücks.
Obwohl das Projekt aufgrund der damit verbundenen wirtschaftlichen
Unwägbarkeiten und der zusätzlichen technischen
Komplexität sehr anspruchsvoll war, zeigt es doch das
große Potenzial für die Umgestaltung europäischer Städte.
Es ist zudem symbolisch für die Umwelt- und Sozialpolitik
der sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die
seit ihrer Wahl im Jahr 2014 den Platz für Autos kontinuierlich
reduziert und die Zahl der Sozialwohnungen in der
Hauptstadt erhöht hat. Angesichts zur Neige gehender Grundstücksreserven
befasst sich der von ihr im letzten Jahr
verabschiedete Stadtentwicklungsplan mit zwei Hauptproblemen:
die Anpassung der Stadt an den Klimawandel
und die Bekämpfung der Gentrifizierung. Zu diesem Zweck
fördert der Plan die Anpassung bestehender Gebäude
und auch Aufstockungen – zwei Maßnahmen, die es insbesondere
ermöglichen sollen, jährlich mehr als 4.000 Sozialwohnungen
zu schaffen, ohne die wenigen noch verfügbaren
Flächen zu verbrauchen. Das ehrgeizige Ziel: In der Stadt
soll es insgesamt 40 Prozent Sozialwohnungen oder bezahlbaren
Wohnraum bis 2035 geben.
Ebenfalls zurückgesetzt von der Baufluchtlinie krönen nun
drei zusätzliche Stockwerke das Ensemble. Sie wurden
mit einem Stahlgerüst und Decken aus Brettsperrholz realisiert
und ruhen auf einem neuen Betonskelett, das durch
das Gebäude gezogen wurde, um das bestehende Fundament
WEITER
15
S TANDORT
Uhlandstraße 10,
Kassel
BAUTEILSUCHE UND -ERNTE
Mario Hoebel, Lisa-Marie
Schmidt, Matthias Foitzik,
Frieder Schmidt
STATIK
IB Haberstroh,
Kassel
BRANDSCHUTZ
Dr. Ing. René Stein,
Droyßig
BAUHERR
private Baugruppe U10
ARCHITEKTUR + FREIRAUM
foundation 5+ architekten,
Kassel
WISSENSCHAFTLICHE BEGLEITUNG LCA
Philipp Krebs,
Professur für
Entwerfen und Energieeffizientes
Bauen, FH Erfurt
TGA
IB Maestre,
Kassel
BAUPHYSIK
RBS, Kassel
BAUBEGINN
August 2023
FERTIGSTELLUNG
September 2024
„Form follows
findings“
A R C H I T E K T U R
foundation 5+
FOTOS
Constantin Meyer
INTERVIEW
Sabine Schneider
Einer der Partner des Büros foundation 5+,
Matthias Foitzik, war selbst Teil der Baugruppe für das
„Suffizienzhaus U10“ in Kassel, und so ergab sich die
Gelegenheit, auf experimentelle Weise nachhaltige
Architektur nach den Prinzipien „reduce – reuse –
recycle“ zu realisieren. Das Projekt kam beim
Deutschen Nachhaltigkeits-Preis Architektur 2025 unter
die vier Finalisten. Hier beantwortet Matthias Foitzik
unsere Fragen zum Projekt.
25
26 B1 / 26 – RESILIENT IMPULS IDEEN INSPIRATION
28 B1 / 26 – RESILIENT IMPULS IDEEN INSPIRATION
OBEN Die Mieterinnen und Mieter
können die Dachterrasse mit
Waschsalon, Abstellraum und
Pergola gemeinsam nutzen
und selbst weiter ausbauen. Auch
hier gibt es gebrauchtes Baumaterial:
Zum Beispiel wurden die
Naturschieferplatten „gefunden“,
um den CO2-Fußabdruck zu
reduzieren und die Investitionskosten
zu senken.
LINKS Der viergeschossige Massivholzbau
beginnt ab der Decke
über dem EG. Schon frühzeitig
kümmerte sich das Büro um Ausschussware
bei den Fassadenplatten:
Die Faserzementtafeln mit
kleinen Farbfehlern werden
üblicherweise geschreddert.
BAUMEISTER Herr Foitzik, wie
kam das Projekt zustande?
MATTHIAS FOITZIK Wir waren als
Büro an der Entwicklung,
städtebaulichen Planung und
architektonischen Gestaltung
des Martini-Quartiers
in Kassel beteiligt – ein
gemischt genutztes urbanes
Quartier, als Konversion
eines innerstädtischen Brauereigeländes.
So hatten wir
die Möglichkeit, das Grundstück
für den letzten Baustein
des Quartiers zu erwerben
und für eine bestehende
Baulücke das „Suffizienzhaus“ zu planen. Da ich selbst
auch Teil der Baugruppe war, haben wir die Gelegenheit
genutzt, ein experimentelles Konzept für eine nachhaltige
Architektur nach den Prinzipien „reduce – reuse – recycle“
zu entwickeln.
BAUMEISTER Waren Sie sich in der Baugruppe über solch
ambitionierte Nachhaltigkeitsziele einig?
MATTHIAS FOITZIK Die Baugruppe hat sich dann erst entwickelt,
nachdem das Konzept für das Gebäude klar war. Alle haben
sich daher sehr bewusst für genau dieses Projekt entschieden
und alle Nachhaltigkeitsziele aktiv mitgetragen.
Von den zehn Personen aus der Baugruppe wollte und ist
niemand selbst in das Haus eingezogen. Es war eine klare
Entscheidung, privates Geld in ein sinnvolles Projekt zu
investieren.
Die Menschen, die jetzt als Mieterinnen und Mieter das Haus
bewohnen, sind auch so ausgewählt, dass sie sich mit dem
Konzept der Nachhaltigkeit und vor allem dem Gemeinschaftsgedanken
des Hauses identifizieren und diesen aktiv
leben. Es ist ein gemeinschaftliches Wohnprojekt auf verbindlicher
Mietbasis entstanden. Die Mieterinnen und
Mieter agieren selbstorganisiert und übernehmen zum Teil
auch Aufgaben der Hausverwaltung. Bei Neuvermietung
haben die anderen Vorschlagsrecht.
BAUMEISTER Wie ist das Gebäude konstruiert?
MATTHIAS FOITZIK Es ist ein Holzbau mit Massivholzwänden und
-decken. Lediglich das Erdgeschoss ist massiv gebaut, weil
es erdberührt, zum Teil aufgeständert und im Durchgangsbereich
stark aufgelöst ist. Ab der Decke über dem Erdgeschoss
beginnt der viergeschossige Massivholzbau.
Die Konstruktion ist supereinfach und regelmäßig, hat
eine tragende Mittelwand und tragende Außenwände. Die
Balkone kragen als CLT-Decken aus. Die Treppe steht als
WEITER
29
STANDORT
Carl Orff Museum, Ziegelstadel 1,
Dießen am Ammersee
BAUHERR
Carl-Orff-Stiftung, Ziegelstadel 1,
Dießen am Ammersee
ARCHITEKTUR
meck architekten gmbh,
Axel Frühauf, München
MITARBEITER
Ferdinand Getz,
Ann Sophie Megerle,
Verena Reich, Nina Ritzert,
Sophie Tscherny,
Thomas Zaspel (Projektleitung)
BAU M ANAG E M E N T, KOS TE N - U N D
TE R M I N PL AN U N G
meck ingenieure gmbh,
München
FREIANLAGE
lohrer.hochrein
landschaftsarchitekten und
stadtplaner gmbh, München
AUSSTELLUNGSGESTALTUNG
von wolffersdorff studio
Tobias von Wolffersdorff-Ehlert
WETTBEWERB
ein 2. Preis, 2019
(Andreas Meck †, Axel Frühauf)
PLANUNGSZEITRAUM
2020 bis 2025
FERTIGSTELLUNG
Oktober 2025
O Fortuna
ARCHITEKTUR
Meck Architekten, Axel Frühauf
TEXT
Katharina Matzig
FOTOS
Florian Holzherr
Dießen am Ammersee war Carl Orffs letzter Wohn- und
Schaffensort. Jetzt entstand dort das Carl Orff Museum
als Erweiterungsbau aus hochwärmegedämmtem
Infraleichtbeton auf dem denkmalgeschützten Anwesen.
Es ist dem Leben und Werk des Komponisten und
Musikpädagogen gewidmet. Die Architektur beschränkt
sich – ganz wie seine Musik – auf das Elementare.
55
Öffentlichkeit zugänglich machen wollten. Den Entwurf
bestimmte der im August 2019 verstorbene Andreas Meck
noch mit. Im November 2025 wurde das „COMU“ nun
eröffnet und lädt ein zu Besuch, Studium und Praxis, als stimmige
Komposition aus sensibel saniertem und von späteren
Eingriffen befreitem Altbestand, ergänzt durch einen Erweiterungsbau,
der sich auf das Elementare der Architektur
beschränkt: auf Material, Proportion und Licht.
OBEN Ebenfalls Teil der Dauerausstellung
ist das ehemalige
Arbeitszimmer von Carl Orff
mit seinem Flügel, Schreibtisch
und der Bibliothek im ersten
Geschoss des Altbaus.
1 Das Zitat stammt aus dem autobiografischen
Roman „Saturn
auf der Sonne“ von Luise Rinser,
wiederum zitiert in dem Büchlein
„Carl Orff in Dießen“, Edition
A . B. Fischer.
„Es wäre, so wie es war,
mein Traumhaus gewesen:
einstöckig, mit hohem
Giebeldach, die Ecken geschrägt,
so daß alle Zimmer
wie Erkerzimmer wirkten,
ungemein gemütlich;
dazu 30 000 Quadratmeter
Land, leicht abfallend,
im Westen ein Wäldchen, vor
dem Haus zwei große alte
Bäume, ein Nußbaum und eine Blutbuche. Und vom Haus der
Blick bis hinüber nach Andechs und südlich über das
Murnauer Moor hin zum Gebirge. Zum Haupthaus gehörte
ein anderes, kleineres. Wir kauften das Grundstück am
29. November 1954.“ 1
Lange lebte die Schriftstellerin Luise Rinser, die das schrieb,
allerdings nicht am Ziegelstadel 1 in Dießen St. Georgen,
oberhalb des Ammersees – die Ehe mit Carl Orff hielt nur bis
1959. Was vermutlich nicht daran lag, dass der Komponist
dem Haus aus der Wende zum 20. Jahrhundert vor dem Einzug
alles Heimattümelnde abschlagen ließ. Mithilfe seines
Schwagers, des Architekten und Landschaftsgärtners Alwin
Seifert, verwandelten sich das ungemein gemütliche Haus
und Nebengebäude in ein über eine überdachte Pergola miteinander
verbundenes Anwesen, das sich Sep Rufs Nachkriegsmoderne
zum Vorbild nahm. Denn der 1895 geborene
Komponist, Schöpfer eines weltumspannenden musikpädagogischen
Schulwerks ebenso wie der „Carmina Burana“,
der weltweit meistaufgeführten Chor-Orchester-Kantate,
wollte – wie auch seine Musik – das Ensemble von allem, was
nicht elementar war, befreien.
DAS ELEMENTARE
Bis zu seinem Tod 1982 lebte und arbeitete Orff dort an
„seinem See“. 2019 gewann das Büro Meck Architekten den
Einladungswettbewerb der Carl-Orff-Stiftung, die das
Wohn- und Arbeitshaus erweitern und als Museum der
1.480 Quadratmeter ist das neue Carl Orff Museum groß.
Es ist der erste Museumsbau, den das Münchner Architekturbüro,
heute geführt von Axel Frühauf, entworfen hat, und
es ist der erste Bau aus Infraleichtbeton. Im Wettbewerb noch
als geschlemmter Ziegelbau gedacht, ließ sich die gewünschte
Massivität und Geometrie dieses Resonanzkörpers des
Orffschen Lebens und Werks besser mit einem Baustoff
umsetzen, der gleichzeitig trägt und dämmt, der klimastabil
und haustechnisch reduziert ist. Der Infraleichtbeton
passt sich zudem nicht nur farblich bestens ein in die rurale
Landschaft. Den 50 Zentimeter starken Wänden, für die
Blähton als Zuschlag verwendet wurde, sieht man vor allem
die Handwerklichkeit und die Prozesshaftigkeit an, mit
der der f lüssige Baustoff verarbeitet wird: Die mal groben,
mal feinen Oberflächenzeichnungen – kleine Sonnen mit
zittrigen Strahlenkränzen oder poröse Netzstrukturen –
lassen sich durchaus szenisch lesen.
WELLENDACH
Breite Stufen und eine Rampe – das Museum ist größtenteils
barrierefrei – geleiten Besucherinnen und Besucher vorbei
am Wohnhaus, das 2018 unter Denkmalschutz gestellt wurde,
in das niedrigere Foyer. Als Scharnier verbindet es den
Alt- mit dem Neubau nicht nur organisatorisch, sondern auch
visuell: Der Blick fällt über einen kleinen Innenhof, entlang
der Pergola, in die abgewinkelte Erweiterung. Gefasst
wird der einladende Vorplatz durch einen höheren, im
rechten Winkel angesetzten Multifunktionsraum. Mit seinen
markanten, rhythmisierten Tonnendächern gibt er dem
Ensemble von außen sein charakteristisch-charaktervolles
Gesicht und leistet auch innenräumlich vieles: Klug und
weitsichtig, so Axel Frühauf, plane die Carl-Orff-Stiftung
diverse Angebote, um das Museum langfristig lebendig zu
halten. So sind in dem hohen Saal unter den gereihten Betonschalen
Wechselausstellungen ebenso vorgesehen wie Konzerte,
Hochzeiten und Geburtstagsfeiern oder Tagungen.
Konzentriert öffnet sich das präzise gesetzte, eichenholzgerahmte
Fenster auf den See und den Klosterturm, weiß nehmen
sich die Wände zurück und überlassen dem Raum und
seinen Nutzungen die Bühne.
Der neue Museumstrakt streckt sich in die Tiefe des Grundstücks
und lehnt sich an die Rückwand der Pergola und
das Nebenhaus, das Carl Orff als Arbeitsdomizil diente. Hier
sind die Betonwände pur belassen, dunkel fließt der Boden
aus geschliffenem Gussasphalt, Betonrippen zitieren die
WEITER
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