G+L 1/2026
Klimaneutralität
Klimaneutralität
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20|1
26
MAGAZIN FÜR LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
UND STADTPLANUNG
KLIMANEUTRALITÄT
EDITORIAL
Klimaneutral bis 2035. Die Ziele, die einst ehrgeizig klangen, wirken angesichts
globaler Hitzerekorde und unzureichender Fortschritte mittlerweile
wie dringende Notwendigkeiten. Doch der Weg zur Klimaneutralität bleibt
stei nig und komplex. Unser Jahresauftakt-Heft widmet sich daher den entscheidenden
Fragen: Wie können Städte diesen Wandel schaffen? Welche
Technologien und Strategien führen tatsächlich zu den nötigen Einsparungen?
Und ganz grundsätzlich – ist das Ziel der Klimaneutralität an sich ausreichend,
oder bedarf es ambitionierterer Visionen?
Dass der Klimawandel längst keine
abstrakte Bedrohung mehr ist, zeigen
Bilder wie dieses: ein Sinnbild für die
zunehmenden Extremwetterereignisse, die
unsere Städte vor enorme Herausforderungen
stellen. Während solche Naturereignisse
ihre eigene, unkontrollierbare
Elektrizität entfesseln, ringen Städte
zugleich um eine sichere, erneuerbare und
klimaneutrale Energieversorgung. In
dieser Ausgabe fragen wir uns, welche
Technologien, Strategien und planerischen
Konzepte nötig sind, um diesen Wandel zu
bewältigen – und wie eine zukunftsfähige
Infrastruktur aussehen kann. Mehr dazu
ab Seite 10.
Wir sprechen in dieser Ausgabe mit Expert*innen und werfen einen Blick auf
Städte wie Feldheim und Wuppertal sowie Institutionen wie die Universität
Göttingen, die bereits beeindruckende Erfolge vorweisen. Ihr Wissen bringt
wertvolle Erkenntnisse darüber, wie Klimaneutralität erreicht und vor allem erhalten
werden kann. Von innovativen Energiesystemen und kreislauforientierten
Bauansätzen bis hin zu neuen Formen der grünen Infrastruktur, die städtische
Räume nicht nur klimafreundlicher, sondern auch lebenswerter machen
– es zeigt sich, dass die Mittel für den Wandel existieren, wenn der Wille da
ist. Dass dieser Wille an manchen Stellen existiert, beweist die Stadt Hamburg:
In einem Volksentscheid haben die Hamburger*innen dafür gestimmt,
das Ziel der Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorzuziehen und verbindliche
jährliche CO 2
-Ober grenzen sowie Transparenz und soziale Verträglichkeit
im Klimaschutzgesetz festzuschreiben.
Gleichzeitig aber machen politische Entwicklungen wie die Debatte um ein
mögliches Kippen des „Verbrenneraus“ deutlich, dass technischer Fortschritt
allein nicht genügt – gesellschaftliche und politische Rückschläge können
schnell wieder gewonnene Jahre im Klimaschutz kosten. Und wie steht es um
die gesellschaftliche Bereitschaft, so radikale Verän derungen mitzutragen?
Wie steht es um unseren Willen? Was wird von uns allen gefordert, damit der
Wandel gelingt?
Die Klimaneutralität geht weit über technische Fragen hinaus; sie stellt auch
grundsätzliche Anforderun gen an unser Verhalten, unsere Prioritäten und unsere
Bereitschaft, Komfortzonen zu verlassen. Die Rückwärtsdebatte um den
Verbrennungsmotor zeigt, wie fragil die Akzeptanz umfassender Maßnahmen
sein kann. Diese Ausgabe hinterfragt daher kritisch, ob und wie die deutschen
Städte dieses Ziel in den kommenden Jahren tatsächlich umsetzen können
– und welche Rolle Stadtplaner*innen, Landschaftsarchitekt*innen und
die Zivilgesellschaft dabei spielen müssen.
2026 könnte das Jahr sein, in dem wir den entscheidenden Schritt Richtung
Klimaneutralität gehen könnten – oder endgültig feststellen, dass ambitionierte
Versprechen allein nicht ausreichen. Mögen die nächsten Jahre zeigen,
dass Wandel möglich ist, wenn wir ihn nicht nur aus Einsicht, sondern auch
aus Überzeugung gestalten.
Coverfoto: Lachlan Ross via Pexels
THERESA RAMISCH
CHEFREDAKTION
t.ramisch@georg-media.de
KATHARINA KOHRING
REDAKTION
k.kohring@georg-media.de
G+L 3
INHALT
AKTUELLES
06 SNAPSHOTS
09 MOMENTAUFNAHME
Spielraum für Wandel
KLIMANEUTRALITÄT
10 STÄDTE ZWISCHEN HITZE, WANDEL UND VERANTWORTUNG
Städte als Treiber der Krise und zugleich als Schlüssel zu ihrer Lösung
14 WUPPERTAL IM (KLIMA-)WANDEL
Wuppertal will mithilfe eines Stufenplans bis 2045 klimaneutral werden
18 GÖRLITZ DREHT AM GROSSEN RAD
Eine Stadt voller Geschichte auf dem Weg in die Zukunft
24 EUROPA AUF DER SCHIENE: KLIMARESILIENZ SCHWEISST
ZUSAMMEN
Vom ausgebauten Bahnverkehr zur Klimaneutralität der Städte
30 „WIR MÜSSEN VOM ZIEL HER DENKEN“
Interview mit Rieke Hansen,
Professorin für Freiraumplanung an der Universität Kassel
34 URBANER PROTOTYP
Die Neue Weststadt Esslingen zeigt, wie ein Quartier klimaneutral sein kann
40 VÖLLIG LOSGELÖST
Feldheim bei Treuenbrietzen hat sich energetisch emanzipiert
44 KLIMANEUTRALE UNIVERSITÄT GÖTTINGEN
Die Georg-August-Universität zeigt: Klimaschutz betrifft uns alle
48 „HOLZBAUWEISE IST SINNVOLL, ABER SIE LÖST NICHT UNSER
KLIMAPROBLEM“
Interview mit Felix Creutzig,
Forscher am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung
PRODUKTE
Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft
für Gartenkunst und
Landschaftskultur e.V.
(DGGL)
Pariser Platz 6
Allianz Forum
10117 Berlin-Mitte
www.dggl.org
52 LÖSUNGEN
Infrastruktur
60 REFERENZ
Entsiegelung im Stadtkern
RUBRIKEN
62 Impressum
62 Lieferquellen
64 DGGL
66 Sichtachse
67 Vorschau
G+L 5
STÄDTE
ZWISCHEN
HITZE,
WANDEL
UND
VERANT-
WORTUNG
Der Klimawandel ist längst Realität und besonders in unseren
Städten spürbar. Diese sind wiederum Treiber der Krise
und könnten zugleich Schlüssel zu ihrer Lösung sein. Ein kleiner Exkurs,
wo deutsche Städte derzeit stehen und was es braucht, um sich für
eine immer heißere Zukunft zu wappnen.
JULIA TREICHEL
10 G+L
KLIMANEUTRALITÄT
STÄDTE ZWISCHEN HITZE, WANDEL UND VERANTWORTUNG
AUTORIN
Julia Treichel
absolvierte an der
TU München den
Bachelor und Master
in Landschaftsarchitektur
und arbeitete
danach in diversen
Büros im Raum
München und in
Mailand. Derzeit ist
sie bei michellerundschalk
in München
sowie am Lehrstuhl
für Landschaftsarchitektur
und
öffentlichen Raum
der TU München
tätig. Daneben
engagiert sie sich
auch freiberuflich in
Theorie und Praxis
zu sozialen und
gestalterischen
Fragen der Umwelt.
Im Jahre 2021 konkretisierte Deutschland
die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens
von 2015 und des European
Green Deals von 2019 im Deutschen Klimaschutzgesetz.
Damit soll die Bundesrepublik
bereits bis 2045 – und damit fünf
Jahre vor EU-Vorgabe – Klimaneutralität
erreichen. Seitdem veröffentlicht die
Bundesregierung jährlich einen Klimaschutzbericht,
der sowohl die Fortschritte
bei der Emissionsminderung als auch
den Stand der Programmumsetzung dokumentiert.
Im Bericht vom August 2025
heißt es, dass Deutschland seine Jahresemissionsmengen
bis 2030 „bei vollständiger
Umsetzung der beschlossenen
Klimaschutz maßnahmen“ voraussichtlich
einhalten könne. Dennoch werden
die Vorgaben der EU-Klimaschutzverordnung
verfehlt. Besonders im Gebäude-
und Verkehrs sektor stockt die Entwicklung.
Statt zu sinken, stiegen die
Emis sionen im Gebäudebereich im Jahr
2025 gar auf rund 110 Millionen Tonnen
CO 2
-Äquivalente an.
STÄDTE ALS SCHLÜSSEL ZUR
KLIMAWENDE
Der Handlungsdruck wächst, und reine
Absichtserklärungen genügen längst
nicht mehr. Besonders in Städten liegt
dabei großes Potenzial für wirksamen
Klimaschutz. Laut EU entfallen auf urbane
Gebiete über 65 Prozent des weltweiten
Energieverbrauchs und mehr als
70 Prozent der CO 2
-Emissionen. Gleichzeitig
könnten sie einen positiven Wandel
maßgeblich vorantreiben. Der Weltklimarat
(IPCC) betont, dass gerade
Städte entscheidend zur Steigerung der
Ressourceneffizienz und zur Reduktion
von Treibhausgasen beitragen können.
Eine Studie des Umweltbundesamtes aus
dem Jahr 2022 bestätigt dieses Potenzial:
Kommunen in Deutschland könnten
demnach bis zu 15 Prozent der nationalen
Emissionen einsparen.
„Es ist daher wichtig, dass Städte als
Versuchs- und Innovationsökosysteme
fungieren, um so alle anderen beim
Übergang zur Klimaneutralität bis 2050
zu unterstützen“, betonte die Europäische
Kommission im Jahr 2021. Im sel ben
Jahr startete sie die Mission „100 klimaneutrale
und intelligente Städte bis
2030“, welche die teilnehmenden Städte
dabei unterstützt, Klimaneutralität in
Bereichen wie Energie, Gebäude, Abfallwirtschaft
und Verkehr zu erreichen.
Zentrales Instrument dieser Initiative
sind die sogenannten Climate City
Contracts (CCC). Diese Vereinbarungen
definieren zentrale Ziele sowie Aktions-
und Investitionspläne, die gemeinsam
mit Bürger*innen und lokalen
Interessengruppen entwickelt werden.
DEUTSCHE STÄDTE UNTER
HANDLUNGSDRUCK
In Deutschland beteiligen sich Aachen,
Dortmund, Dresden, Heidelberg, Leipzig,
Mannheim, München und Münster an der
europäischen Klimamission. Viele dieser
Städte stehen bereits heute spürbar unter
dem Einfluss der Klimakrise. So identifizierte
der „Hitze-Check 2025“ der Deutschen
Umwelthilfe (DUH) Mannheim als
heißeste Großstadt Deutschlands. Auf
Basis von Versiegelung, Grünvolumen,
sommerlicher Oberflächentemperatur und
Bevölkerungsdichte wurden 24 weitere
Städte in der Untersuchung als überdurchschnittlich
stark hitzebelastet eingestuft.
In einer ARD-Dokumentation betont
Dr. Susanne Benz vom Karlsruher Institut
für Technologie (KIT), das zu den Folgen
von Hitzeperioden im urbanen Raum
forscht, dass die Stadtplanung auf diese
Situation reagieren müsse: „Sonst können
wir es bald in unseren Städten im Sommer
nicht mehr aushalten.“
Die Lage ist tatsächlich alarmierend: Eine
im Jahr 2025 veröffentlichte Studie des
Umweltbundesamts (UBA) und des Robert
Koch-Instituts (RKI) zur hitzebedingten
Sterblichkeit in Deutschland zeigt,
dass in den Sommern 2023 und 2024
jeweils rund 3 000 Menschen infolge extremer
Hitze gestorben sind. Besonders
betroffen sind städtische Gebiete – dort ist
die Sterblichkeit deutlich höher als auf
dem Land. Ursache hierfür ist der städtische
Wärmeinseleffekt, der Temperatu ren
in dicht bebauten Gebieten zusätzlich ansteigen
lässt.
KLIMANEUTRALITÄT UND
KLIMARESILIENZ IM EINKLANG
Die Ergebnisse der Studie decken sich mit
den Beobachtungen des Weltklimarats.
Bestimmte klimabedingte Veränderungen
– etwa Hitzewellen, Stürme oder Überschwemmungen
– gelten inzwischen als
unumkehrbar und sind im Alltag immer
stärker spürbar. Deshalb braucht es nicht
nur entschlossene Maßnahmen zur Reduktion
von Treibhausgasen, sondern
ebenso Strategien zur Anpassung an die
unvermeidbaren Folgen des Klimawan-
G+L 11
GÖRLITZ DREHT
AM GROSSEN
RAD
Es gibt Städte, die wirken selbstverständlich zukunftsgewandt – Start-up-Hubs,
Metropolen voller Lastenräder. Und es gibt Görlitz: historisch, architektonisch
einzigartig und geprägt von Energie- und Industriegeschichte. Genau hier entsteht
ein Projekt, das zeigt, wie kraftvoll mittelgroße Städte werden können,
wenn sie Klimaneutralität ernst nehmen. Bis 2030 will Görlitz klimaneutral sein –
ein ehrgeiziges Ziel, das tiefes Umdenken verlangt. Gerade deshalb lohnt
der Blick auf diese Vision und ihr Potenzial als Modell für andere Städte.
TOBIAS HAGER
AUTOR
Tobias Hager ist
Journalist und
Digitalisierungsexperte.
Seit 2020 leitet er
als Chief Content
Officer die Medienmarken
von Georg
Media und ist in dem
Medienhaus ebenfalls
für alle digitalen
Themen zuständig.
Zusätzlich ist er
Chefredakteur des
Architekturmagazins
Baumeister.
Bevor man Klimaneutralität verspricht,
muss man ehrlich Bilanz ziehen. Die
Analyse zeigt: Görlitz verfügt über teils
veraltete Energie- und Wärme versorgungsstrukturen,
die noch immer stark
auf fossilen Quellen beruhen. Gleichzeitig
weist die CO 2
-Bilanz da rauf hin,
dass deutliche Einsparpoten ziale vorhanden
sind – und zwar quer durch
alle Sekto ren: Haushalte, öffentliche Infra
struk tur, Industrie und Verkehr. So
betont die Stadt selbst, dass Klimaschutz
längst kein isoliertes Handlungsfeld
mehr ist, son dern ein zentraler Bestandteil
aller kommunalen Planungen:
Stadtentwicklung, Mobilität, Gebäudestrategien
und Versorgungssysteme –
alles hängt zusammen.
Aus dieser umfassenden Bestandsaufnahme
ergibt sich ein klares Bild: Ohne
strukturellen Wandel in Verbrauch, Erzeugung
und Organisation wird das Ziel
2030 nicht erreichbar sein. Dass Görlitz
diese Realität nicht scheut, sondern
offen als Ausgangspunkt nimmt, spricht
für die Ernsthaftigkeit des Vorhabens.
VON DER IDEE ZUM STADTUMBAU
Die Grundlogik der Görlitzer Strategie ist
erstaunlich klar und zugleich beeindruckend
konsequent:
ERSTENS: DEN ENERGIEVERBRAUCH
SENKEN. Gebäude müssen effizienter
werden, Haushalte Strom sparen, kommunale
Liegenschaften modernisiert werden.
Der Leitfaden sieht dafür jährliche Verbrauchs
reduzierungen vor, die nur durch
konsequente Sanierung und Umrüstung
erreichbar sind. Das ist nicht nur eine
technische Maßnahme – es verändert
auch den Rhythmus städtischer Investitionen
und den Umgang mit Beständen.
ZWEITENS: ENERGIE KLIMAFREUND-
LICH ERZEUGEN. Dazu zählt der Ausbau
von Photovoltaik auf geeigneten
Dachflächen ebenso wie der Umbau der
Fernwärme. Die Fernwärme ist ein Schlüsselthema:
Viele Gebiete können schrittweise
an effizientere, klimafreundliche Systeme
angeschlossen werden. Wo heute
18 G+L
KIMANEUTRALITÄT
GÖRLITZ
Görlitz – eine Stadt
voller Geschichte und
Potenzial für eine
klimaneutrale Zukunft.
Görlitz denkt 2030
oben: Foto: Max Nüstedt via Unsplash; unten: Fotos: Niklas Jeromin via Pexels
nicht als "Fertigstellung",
sondern als
Etappe einer
längerfristigen
Entwicklung. Die Stadt
möchte ihre Fortschritte
sichtbar kontrollieren
– über Monitoring,
über Meilensteine, über
klare Zuständigkeiten.
Das bedeutet: lernen,
anpassen, beschleunigen,
nachjustieren.
Klimaneutralität wird
so zu einer Art
Dauerauftrag.
G+L 19
EUROPA AUF DER
SCHIENE:
KLIMARESILIENZ
SCHWEISST
ZUSAMMEN
Europa träumt wieder – und diesmal ausnahmsweise nicht vom billigen Flug
nach Barcelona. Die Vision, bis 2040 die Zugfahrzeiten zwischen europäischen
Städten drastisch zu verkürzen, klingt fast wie ein Infrastrukturmärchen:
Paris–Berlin in vier Stunden, Mailand–München in weniger als drei, Amsterdam–Frankfurt
noch schneller, dichter, verlässlicher. Doch hinter diesem vermeintlichen
Komfortversprechen verbirgt sich ein Thema, das weit über Mobilität
hinausreicht.
TOBIAS HAGER
AUTOR
Tobias Hager ist
Journalist und
Digitalisierungsexperte.
Seit 2020 leitet er
als Chief Content
Officer die Medienmarken
von Georg
Media und ist in dem
Medienhaus ebenfalls
für alle digitalen
Themen zuständig.
Zusätzlich ist er
Chefredakteur des
Architekturmagazins
Baumeister.
Der Neuaufbau eines europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes
könnte nicht nur
Verkehrsströme, sondern das Ge füge des
Kontinents selbst verändern. Und vor allem
beeinflusst er einen Bereich, den viele
in der Debatte erstaunlicherweise übersehen:
die Klimaresilienz unserer Städte und
Landschaften. Denn eine belastbare Zukunft
hängt nicht nur davon ab, wie wir
Energie produzieren oder Wasser ma nagen,
sondern auch davon, wie robust, flexibel
und krisenfest unsere Mobilitätsinfrastruktur
ist.
Wer Europa im Jahr 2040 versteht, wird
es deshalb weniger über CO 2
-Bilanzen
tun als über den Rhythmus seiner Wege.
Auch wenn 2040 noch ewig hin ist und
es natürlich typisch europäisch ist, dass
alles (außer Regulierungen) eine Ewigkeit
braucht, um umgesetzt zu werden,
verspricht dieses Riesenprojekt Erstaunliches.
Das Bewegen zwischen Städten,
Regionen und Landschaften bestimmt
schließlich, wie gut eine Gesellschaft auf
Schocks reagieren kann, wie schnell sie
Krisen abfedert, wie souverän sie bleibt,
wenn Klimafolgen intensiver werden.
Schnelle Verbindungen wären plötzlich
kein „fliegender Luxus“ mehr, sondern
eine Art Rückgrat, das dem Kontinent
Stabilität verleiht. Und je genauer man
hinsieht, desto klarer wird: Was politisch
als Modernisierung der Bahn verkauft
wird, ist in Wirklichkeit ein kontinentales
Resilienzprojekt. Auch wenn zugegebe-
24 G+L
KLIMANEUTRALITÄT
EUROPA AUF DER SCHIENE
Die europäische Bahn
der Zukunft soll nicht
nur Menschen befördern,
sondern Unsicherheiten
absorbieren.
Sie ist eine Art Mobili-
nermaßen mindestens die Deutsche
Bahn schnelle Modernisierung vertragen
könnte.
ZEIT ALS KLIMAFAKTOR – WARUM
GESCHWINDIGKEIT PLÖTZLICH ZÄHLT
oder dort wirken, wo sie gebraucht werden.
Mobilität wird damit zu einem immateriellen
Schutzfaktor – ein Netzwerk aus
Bewegungsmöglichkeiten, das im Ernstfall
genauso entscheidend sein kann wie
Sand säcke oder Alarmpläne.
Foto: Preston Foster via Unsplash
tätsversicherung gegen
ein instabiler werdendes
Klima.
Die Beschleunigung der europäischen
Bahnlinien verändert die Logik des Raums.
Wenn Entfernungen faktisch schrumpfen,
verschieben sich Wohn- und Arbeitsgeografien,
Pendelräume dehnen sich aus,
und die Erreichbar keit zwischen Städten
verändert sich grundlegend. Diese neue
Zeitlogik hat direkte Auswirkungen auf die
Klimare silienz. Denn je besser Orte miteinan
der verbunden sind, desto leichter
kön nen sie auf klimatische Extremereignisse
reagieren. Wird eine Region von
Hitze oder Starkregen getroffen, können
Menschen, Güter und Dienstleistungen
schneller ausweichen, sich umverteilen
Zugleich reduziert die Verlagerung vom
Flug- auf den Bahnverkehr die Gesamtbelastung
der Atmosphäre. Schnellere
Züge ermöglichen attraktive Alternativen
zu Kurz- und Mittelstreckenflügen, die
klimaseitig zu den ineffizientesten Reiseformen
gehören. Doch es greift zu kurz,
den Bahnumbau allein an Emissionszahlen
zu messen. Die entscheidende Frage
ist vielmehr, wie gut ein Kontinent aufgestellt
ist, wenn Energiepreise schwanken,
Flugverkehr ausfällt oder Straßeninfrastruktur
einen Kollaps erlebt. In solchen
Momenten entscheidet die Geschwindigkeit,
mit der Menschen Europa durchque-
G+L 25
URBANER
PROTOTYP
Ein Stadtquartier, das zeigt, wie Klimaneutralität heute schon funktionieren
kann: In der Neuen Weststadt Esslingen entstehen seit 2017 fast 500 Wohnungen,
Gewerbe, Mobilität und ein innovatives Energiekonzept auf Basis von
grünem Wasserstoff – und das mit weniger als einer Tonne CO 2
-Ausstoß pro
Kopf im Jahr. Das ehemalige Güterbahnhofareal wird so zum bundesweiten
Leuchtturmprojekt für zukunftsfähige Stadtentwicklung.
LAURA LOEWEL
AUTORIN
Laura Loewel
arbeitete vor dem
Studium der
Landschaftsarchitektur
(TUM) als (Bild-)
Redakteurin für
Tageszeitungen und
Magazine. Nach
Mitarbeit an der TU
München sowie in
Planungsbüros für
Landschaftsarchitektur
und Stadtentwicklung
arbeitet sie
heute als Fachjournalistin
und Fotografin.
Ein nahezu klimaneutrales Stadtquartier
mit fast 500 Wohnungen: Die Entwick
ler*innen des Wasserstoffquartiers
Neue West stadt Esslingen machen Ernst
und erproben mit ihrem Leuchtturmprojekt
zukunftsfähige Energiekonzepte.
Das neue Stadtviertel entsteht seit 2017
in der Nä he des Bahnhofs Esslingens,
auf dem ehemaligen Güterbahnhofgelände.
Auf mehr als zehn Hektar ist
eine Verbindung von Wohnen, Gewerbe,
Mobilität und Energieversorgung
entwickelt worden. Das Projekt zeigt,
dass man sehr nahe an die Kli maneutralität
herankommen kann: mit unter
einer Tonne CO 2
-Emissionen pro Kopf
im Jahr.
CO 2
-BILANZ IM QUARTIER:
UNTER EINER TONNE PRO KOPF
Die Neue Weststadt liegt im Westen
Esslingens. Auf dem Gelände des ehemaligen
Güterbahnhofs wurde die
Chance für zukunftsfähige Stadtentwicklung
erkannt: Nachverdichtung und
Energiewende in Einklang zu bringen.
Der städtebauliche Entwurf stammt vom
Büro Grunwald & Grunwald Architektur
und Städtebau in Zusammenarbeit
mit GFSL Clausen + Scheil Landschaftsarchitekten,
beides Büros aus Leipzig.
Das Planungs team gewann 2011 den
zweistufigen Realisierungswettbe werb.
Das Quartier in der Neuen Weststadt
wurde im Juni 2021 eröffnet – mit dem
Start von Wasserstoffproduktion und
Inbetriebnahme der Energiezentrale.
Neben fast 500 Wohnungen und etlichen
Gewerbe- und Büroflächen sowie
Nahversorgung und Quartiersplatz
soll dort auch der neue Standort
der Hochschule Esslingen entstehen.
Der Einzug war für das Sommersemester
2026 vorgesehen, wird sich aber
noch verzögern.
Die Projektentwickler*innen, unter Federführung
der Stadt Esslingen, sagen
ei nen Pro-Kopf-„Verbrauch“ von unter
einer Tonne CO 2
pro Jahr für Wohnen
und Mobilität voraus. Zum Hintergrund:
Der konsumbezo ge ne, durchschnittliche
CO 2
-Fußabdruck der Deutschen liegt
bei sechs bis sieben Tonnen CO 2
pro
Jahr. Eine Tonne CO 2
entspricht rund
400 Litern Heizöl. Eine Buche müsste
rund 80 Jahre wachsen, um diese Menge
aufzunehmen. Der CO 2
-Verbrauch
der Bürger*innen ist also drastisch gesenkt
worden.
34 G+L
KLIMANEUTRALITÄT
NEUE WESTSTADT ESSLINGEN
Luftbild der Neuen
Weststadt Esslingen.
Auf mehr als zehn
Hektar ist eine
Verbindung von
Fotos: Maximilian Kamps, Agentur Blumberg GmbH
Wohnen, Gewerbe,
Mobilität und
Energieversorgung
entwickelt worden.
G+L 35
VÖLLIG
LOSGELÖST
Feldheim bei Treuenbrietzen hat sich von globalen Unsicherheitsfaktoren in der
Energieversorgung emanzipiert und ein unabhängiges Energie- und Wärmenetz
aufgebaut. Damit ist es Deutschlands erstes energieautarkes Dorf und internationales
Vorbild für Gemeinden, die ebenfalls eine stabile Versorgungslage und
Krisensicherheit anstreben.
RAMONA KRAXNER
AUTORIN
Ramona Kraxner ist
freie Redakteurin. Sie
lehrt als Universitätsassistentin
an der
TU Graz und
dissertiert zur
Verantwortung in der
zeitgenössischen
Architektur.
Feldheim, davon haben Sie sicher schon
gehört, oder? Nein? Das ändert sich
hiermit, denn Feldheim, Teil der brandenburgischen
Stadt Treuenbrietzen, ist
das erste energieautarke Dorf Deutschlands.
Das gelang vor allem durch eine
Kooperation aus verschiedenen privaten
und öffentlichen Akteur*innen. Dem
Projekt übergeordnet steht der Verein
Neue Energien Forum Feldheim (NEF),
der sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit
kümmert.
Doch wieso ist Energieautarkie, also
die Unabhängigkeit der Energieversorgung,
überhaupt ein Thema in Deutschland?
Da wären zum einen die schwanken
den Preise fossiler Brennstoffe, die
unter geopolitischen und marktwirtschaft
lichen Einflüssen stehen. Den Bewoh
ner*innen eine Preissicherheit zu
geben ist ein großes Anliegen des Projekts.
Aber auch der Fokus auf erneuerbare
Energieformen ist ein wichtiger
Faktor für eine nachhaltige Lebens- und
Ar beitsweise, um so einer klimaneu -
tralen Stadt ein Stück näher zu kommen.
Hinzukommend wird durch lokale
Wind- und Photovoltaikanlagen auch
der re gio nale Wertschöpfungskreislauf
gestärkt.
WIN-WIN FÜR DIE BEVÖLKERUNG
Feldheim hat viele positive Schlüsse aus
dem Schritt gezogen, sich energetisch
unabhängig aufzustellen. Vor allen Dingen
bemerkbar macht sich das in der
öffentlichen Wahrnehmung: Positive Berichterstattung,
mediale Aufmerksam keit,
Auszeichnungen, Preise und ein fortschrittliches
Image des Ortes als Marke
sind in der Gegenwart wichtige Währungen.
Denn Personen überlegen sich
mitunter sehr genau, wo sie ihren privaten
Lebensmittelpunkt hin verschieben
möchten, und kleine wie große Gemeinden
buhlen um Zuzug. Damit einher
gehen positive Auswir kungen auf die
Wirtschaft Feldheims, denn das gute
Image ist für Firmen in teressant, die ihren
Standort hier ansiedeln möchten.
Und auch andere Gemeinden oder
Kom mu nen, sogar von anderen Kon tinen
ten, sind neugierig darauf, wie globale
Energieprobleme in kleinem Maßstab
gelöst werden können. Feldheim
ist in dieser Hinsicht ein internationales
Vorbild.
Derzeit werden erneuerbare Energien
gesetzlich gefördert, was einen grundsätzlichen
Anreiz darstellt, fossilen
40 G+L
KLIMANEUTRALITÄT
FELDHEIM
oben: Eine Komponente
der Energiegewinnung
Feldheims ist die
Windkraft, die mittels
50 Windenergieanlagen
in Strom für circa
35 000 Haushalte
umgewandelt wird.
unten: Auch in Spitzenzeiten
muss die Bedarfsabdeckung
gewährleistet
werden.
Dafür sorgt in Sachen
Wärmeversorgung das
Holzhackschnitzel-
Heizwerk (hier abgebildet)
und in der
Stromversorgung ein
Regelkraftwerk.
Fotos: NEF-Feldheim
G+L 41