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AUSGABE 52/1 19. Dezember 2025 € 5,50
EUROPEAN MAGAZINE AWARD WINNER 2025 /// ADC GRAND PRIX 2024
Yuval Noah
Harari
Wie der Historiker den
Konflikt zwischen Israel und
Palästina lösen will
Friedrich
Merz
Kann der deutsche
Kanzler zum starken
Mann Europas werden?
GUT ESSEN,
GESUND LEBEN
Die sieben Weisheiten
für Ihre perfekte
Ernährung
ieser Text
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Lassen Sie sich hier beraten:
Editorial
FOTOS: MAXLOUIS KOEBELE FÜR FOCUS-MAGAZIN, JOE ST.PIERRE/SHUTTERSTOCK
In eigener
Sache
Die nächste Ausgabe
erscheint am
Freitag, dem
2. Januar 2026
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Inhalten der
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Welt sowie das
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Finanzen,
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FOCUS+App
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Trump, Merz und die Dummheit der KI –
die fünf Lehren eines wilden Jahres
Bevor wir Sie in die Besinnlichkeit
der Feiertage
entlassen, wollen
wir noch die Lehren
ziehen aus diesem wilden,
bisweilen auch
strapaziösen Jahr 2025.
• Lektion eins: Stehen wir auf
gegen Hass und Antisemitismus!
Es ist eine Schande, wie Juden
weltweit angefeindet und mit Gewalt
überzogen werden. „From
the River to the Sea“ und „Globalize
the Intifada“, schreit es auch
auf Palästinenser-Demos in unseren
Straßen. Ein Skandal. Nicht
länger hinnehmbar.
• Lektion zwei: Wir müssen
wehrhaft sein! Auf die Schutzmacht
Amerika ist unter Donald
Trump nur bedingt Verlass, und
sein Vize J. D. Vance macht die
Sache nicht besser. Europa muss
sich auf seine Werte und seine
Stärken besinnen. Und massiv ins
Militär investieren. Ein Aggressor
wie Putin wartet nicht, der hybride
Angriff ist längst im Gange.
• Lektion drei: Leistung muss
sich lohnen! Eine florierende Wirtschaft
ist die Grundlage für alles.
Dementsprechend sind die Prioritäten
der Politik neu zu justieren.
Drei Jahre Rezession sind genug.
„Noch nie war die Stimmung so
verzweifelt, ja aggressiv“, berichten
Vertreter der Industrie. Noch
nie auch hat sich die Laune so
schnell gedreht. Als wir im Frühsommer,
kurz nach Start der Regierung,
den Puls der Konzerne
Liebe Leserin, lieber Leser!
erspürten, fanden wir schnell
50 CEOs, die auf dem FOCUS-
Cover frohen Mutes für einen
Aufbruch warben. Ein halbes
Jahr später ist die Euphorie verflogen.
Dabei mangelt es nicht
an Erkenntnis, was fehlt, sind
die Taten. Daran wird Friedrich
Merz gemessen werden im neuen
Jahr. Wenn der „Herbst der
Reformen“ schon ausgefallen
ist, wie wäre es dann mit einem
„Frühling der Vernunft“?
• Lektion vier: Nutzen wir die
Chancen der künstlichen Intelligenz!
Die KI-Revolution marschiert
unverdrossen – und noch
schneller als gedacht. KI hilft
der Medizin, KI revolutioniert
die Wertschöpfung, KI verändert
unseren Alltag. Überzogen ist
dagegen die Furcht, sie könnte
die Weltherrschaft an sich reißen.
So verschlagen-schlau sei sie gar
nicht, beruhigte der Philosophieprofessor
Vincent C. Müller, KI-
Vordenker und Mitglied der EU-
Ethikkommission, jüngst auf dem
Korbinians-Kolleg am Tegernsee.
Bedrohlicher als die künstliche
Intelligenz ist immer noch die
menschliche Dummheit.
• Lektion fünf: Wir schaffen das!
Wir hätten den technologischen
Anschluss verloren, so die wohlfeile
Klage, Deutschland sei abgehängt
in jeglicher Hinsicht.
Ein Irrtum, widerspricht der Vorstand
eines Techkonzerns: „Beim
Quantencomputing sind wir an
der Weltspitze, da macht uns niemand
etwas vor.“ Und da geht
noch mehr. Schlaue Köpfe und
stabile Institutionen – darauf lässt
sich bauen. „Es müsste mit dem
Teufel zugehen, wenn wir das
in Deutschland nicht schaffen“,
sagt der Star des deutschen Mittelstands,
Nicola Leibinger-Kammüller,
und zitiert den Satz von
Karl Popper, der in jeder Lebenslage
gilt: „Optimismus ist Pflicht.“
In diesem Sinne wünschen
wir Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest
und einen guten Start
ins neue Jahr!
Herzlich
Georg Meck, Chefredakteur
Ein frohes Fest! „Optimismus ist Pflicht.“ Der Satz von Karl Popper gilt auch 2026
FOCUS 52/2025_01/2026 3
Inhalt
Politik
Wirtschaft
Wissen
Titelthemen
sind rot markiert
26
32
36
Europas Kanzler
Deutschland nimmt
die europäische
Führungsrolle an. Doch gelingt
Merz die Waffenruhe in
der Ukraine?
Alarmstufe Rot
Überall in Europa sind die
nationalen Regierungen
unter Druck. Was bedeutet
das für die Zukunft der EU?
Zwischen Front und Frieden
Jan Hecht überlebte Afghanistan,
nun will der Soldat Litauen
vor Russland schützen
46
54
58
„Wir müssen mehr arbeiten“
Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller
ist der Star
des deutschen Mittelstands.
Ein Gespräch über Glaube,
Erfolg und Kanzler Merz
Die Schlacht um die Brause
Paulaner greift Pepsi und
Coca-Cola mit einem eigenen
Getränk an. Lässt sich der
Spezi-Erfolg wieder holen?
Finanziell absichern
Gerade Frauen beschäftigen
sich oft zu spät mit Vermögensaufbau.
Eine Anleitung
68
80
Noch besser essen
Die Feiertage können Spuren
hinterlassen. Für den Start
ins neue Jahr raten Ernährungsmediziner
zu Qualität
und Vielfalt auf dem Teller –
und Fett
Fantasie in Dosen
Musik und Hörspiel kommen
im Kinderzimmer aus
der Plastikbox. FOCUS hat
sechs Modelle getestet
40
„Die BBC steckt in der Krise“
Müssen Journalisten jetzt
zittern? Die „Economist“-
Chefin spricht über den Umgang
mit Donald Trump
Die Story
Die Toniebox aus
Düsseldorf ist weltweit
erfolgreich
42
Glaube, Liebe,
Algorithmen
KI im Beichtstuhl,
Tech-Gurus als Propheten:
Während US-Konzerne an
der digitalen Unsterblichkeit
basteln, ringt der Vatikan
um eine ethische Antwort
46
26 68
Selenskyj und Merz am Montag im Kanzleramt Nicola Leibinger-Kammüller Gesunde Festtagsschlemmerei
4 FOCUS 52/2025_01/2026 VOM 19. DEZEMBER 2025
Kultur
82
88
92
94
98
100
102
Frieden wagen!
Der israelische
Historiker Yuval
Noah Harari sieht nur eine
Möglichkeit, den Konflikt
im Nahen Osten zu lösen
Wunder geschehen
Warum es zwölf Jahre gedauert
hat, die Fortsetzung
des „Medicus“ zu drehen.
Ein Film, der die Produktion
fast in den Wahnsinn trieb
Pandora brennt
In „Avatar 3“ sind die Rollen
von Gut und Böse nicht mehr
so klar verteilt
Reise ins Klischee
Der Hype um die Serie „Emily
in Paris“ hat Europa zum
Sehnsuchtsort für junge
Amerikanerinnen gemacht
Die Schneekönigin
Nach ihrem Comeback gelang
Skistar Lindsey Vonn
jetzt der erste Weltcup-Sieg
Für Körper und Seele
Ottolenghi serviert Hähnchenpastete
als Seelenfutter
Ein Herz für Bayern
Mit dem iX3 startet BMW
seine Neue Klasse
Rubriken
3 Editorial
6 Kolumne von
Jan Fleischhauer
8 Starke Stimme:
Anne Applebaum
10 Fotos des Jahres
17 Nachrichten
52 Grafik der Woche:
Lieferdienste
92 Kulturtipps
103 Impressum/
Servicenummern
104 Nachrufe
105 Leserbriefe
106 Tagebuch
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Die Amerikanerin
siegte in St. Moritz
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Die
Fakten
am
Morgen
82
TITEL: IGOR MADJINCA/ADOBE STOCK, ISTOCK, SHUTTERSTOCK (4),
MONTAGE: FOCUS-MAGAZIN
FOTOS: HALIL SAGIRKAYA/DDP IMAGES, NICOLE GROSS FÜR FOCUS-
MAGAZIN, LANDON NORDEMAN/TRUNK ARCHIVE, EYAD BABA/AFP VIA
GETTY IMAGES, FABRICE COFFRINI/AFP VIA GETTY IMAGES
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FOCUS 52/2025_01/2026 VOM 19. DEZEMBER 2025
focusbriefing.de
Kolumne
DER SCHWARZE KANAL
Leinen los!
Die Bundesregierung gibt das Geld
aus, als gäbe es kein Morgen.
Nur bei einer Behörde wird jetzt
kräftig der Rotstift angesetzt:
beim Bundesrechnungshof.
Verständlich, ohne Prüfer lebt
sich’s leichter
Jan Fleischhauer
ist Kolumnist und Buchautor. Er sieht sich als
Stimme der Vernunft – was links der Mitte naturgemäß
Protest hervorruft
Neulich im Haushaltsausschuss, ein Mitarbeiter des
Bundesrechnungshofs trägt vor. Es geht um ein geplantes
„Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und
Europäische Transformation“ in Halle. Der Mann gibt
Einschätzungen zur Kostenentwicklung. Baukosten
200 Millionen, 110 Stellen, 15 Millionen Personalkosten
allein zum Start.
„Gestatten Sie mir eine persönliche Bemerkung“,
sagt der Controller, nachdem er seine Papiere eingesammelt hat.
Er habe sich gefragt, ob ein Projekt in dieser Größenordnung
35 Jahre nach Vollendung der Einheit nicht etwas aus der Zeit
gefallen sei. Die Menschen in Ostdeutschland seien möglicherweise
mehr interessiert an tragfähigen Lebensbedingungen und
einer funktionierenden Infrastruktur.
Kurzer Moment der Verblüffung. Ob er die Anstrengungen
zur Stärkung der Demokratie infrage stellen wolle, blafft ihn
eine Vertreterin der Grünen an. Mit solchen Einlassungen sei
Beifall der AfD garantiert, erklärt der Mann von der SPD scharf.
Die Vertreter der CDU schweigen, wie so oft, wenn es ums Geld
geht und sich die andere Seite einig ist.
So geht es zu, wenn jemand im parlamentarischen Betrieb
Ausgaben hinterfragt. Immer geht es um höhere Dinge – die
soziale Gerechtigkeit, den Zusammenhalt der Gesellschaft, den
Kampf gegen rechts. Wer da widerspricht, gilt als Störenfried
oder, schlimmer noch, als Demokratiefeind.
Die Liste der Verfehlungen des Rechnungshofs sind lang. Bei
den Grünen hat man nicht vergessen, dass es die Aufseher aus
Berlin waren, die die Weisheit der Klimapolitik in Zweifel zogen.
Was gab das für eine Aufregung, als die Behörde vor drei Jahren
feststellte, dass die Regierung zwar Milliarden in den Klimaschutz
investiere, aber nicht sagen könne, ob diese Investitionen
das Erwünschte bewirkten. Auch die Sozialdemokraten, die von
jeher ein lockeres Verhältnis zum Geldausgeben haben, sehen
mit Argwohn auf die Prüfer, die jede Ausgabe unter Begründungspflicht
stellen.
Nun gibt es die Quittung. Keine Bundesbehörde hat in den vergangenen
Jahren so vorbildlich gewirtschaftet wie der Rechnungshof.
In zehn Jahren von 1300 Stellen freiwillig runter auf 1000: Das
ist in Berlin einzigartig. Der Rechnungshof-Präsident, Kay Scheller,
hatte gedacht, das würde ihm angerechnet. Aber nichts da! Jetzt
ist Payback-Time. Eine ganze Prüfebene soll weg, so sieht es der
Plan aus dem Hause Klingbeil vor. Und das ist erst der Anfang.
Es ist ein Treppenwitz: Für alles ist Geld da – die Mütter, die
Gastronomen, die Pendler, die Gewerkschafter. Nur für die Leute,
die aufs Geld achten, leider nicht. Normalerweise hat man in Berlin
nicht viel für Bürokratieabbau übrig. Hier kommt er gelegen.
Ich bin kein Freund der Buchhaltung. Wenn das Controlling
anrückt, gehe ich in Deckung. Aber der Rechnungshof ist die
einzige Institution, die zwischen uns Steuerzahlern und dem
finanziellen „Leinen los“ steht.
Es gibt beim Geldausgeben ja auch keine wirkliche Opposition.
Die Grünen und die Linkspartei sind im Zweifel für noch mehr
Sozialprogramme. Und die AfD hat anderes zu tun, als sich dem
Laissez-faire entgegenzustellen. Außerdem will man ja selbst ran,
da nimmt man es mit der Haushaltsdisziplin lieber nicht so genau.
Ich dachte, mit einer Billion Euro im Rücken könnte jeder Depp
regieren. Im Rückblick auf die vergangenen Monate muss ich
sagen: Ich lag daneben. Ich habe mir nicht vorstellen können,
dass man trotz des größten Schuldenaufnahmeprogramms der
Nachkriegsgeschichte mit dem Geld nicht auskommen würde.
Aber so ist es. Im Haushalt für 2026 fehlen 182 Milliarden Euro –
FOTO: JESSICA KASSNER / JMK-PHOTOGRAPHY; ILLUSTRATION: SILKE WERZINGER
6 FOCUS 52/2025_01/2026
Jan Fleischhauer
trotz Steuereinnahmen auf Spitzenniveau
und Rekordverschuldung.
Ein Blick nach Berlin reicht, und
man weiß, wo die wundersame Geldvermehrung
bleibt. Fünf Milliarden
Euro erhält die Hauptstadt aus dem großen Schuldentopf. Eigentlich
soll das Geld in die Ertüchtigung der Wirtschaft gehen. Jeder
Euro, den man aufnehme, diene der Investition in die Zukunft,
das waren die Worte unseres Finanzministers.
In der Hauptstadt pflanzen sie mit dem Geld jetzt Bäume.
Dass Berlin ergrünt, ist auch schön. Wer freut sich nicht an einer
prächtig ausschlagenden Erle oder Esche? Mehr als 5000 Euro
pro Baum lässt man sich den Spaß kosten. Aber das war nicht
das, was Lars Klingbeil versprochen hatte, als er erklärte, dass
man Deutschland wieder nach vorne bringen wolle.
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat neulich darauf hingewiesen,
dass spätestens 2030 nahezu 100 Prozent des Bundeshaushalts
durch Verpflichtungen für Verteidigung, Soziales
und Zinsen aufgezehrt sein werden. Ich glaube, vielen ist
nicht klar, was das bedeutet. Das heißt: kein Geld mehr für Bildung
und Forschung, nicht ein müder Euro für die Sicherung
der Zukunft. Das ist die Lage, auf die wir zusteuern.
Warum man mit dem Geld nicht auskommt? Weil man immer
neue Gruppen findet, die bei jedem Sparpaket von vornhe rein
ausgenommen sind. Rentner sind schon mal tabu. Auch die
Beamten dürfen mit umfassender Für- und Nachsorge rechnen.
Und natürlich alle, die beschlossen haben, dass man auch ohne
geregelte Arbeit durchs Leben kommt.
Dass man mit den Sätzen runtergeht, ist von vornherein ausgeschlossen.
Selbst die Pläne der CDU, bei arbeitsunwilligen
Bürgergeldempfängern etwas genauer hinzuschauen, stoßen auf
erbitterten Widerstand. Sozialabbau ist in Deutschland schon,
wenn man den Leuten, die von der Allgemeinheit leben, zumutet,
hin und wieder auf dem Amt zu erscheinen, um zu zeigen,
dass es sie noch gibt.
Genau genommen ist es eine Gruppe, die es am Ende immer
trifft, weil sie als einzige ohne mächtige Fürsprecher ist:
In der Hauptstadt pflanzen sie
mit dem Geld jetzt Bäume
Menschen, die nicht vom Staat abhängig
sind, sondern auf eigenen
Beinen stehen.
Ich will nicht in das Lamento über
Beamte einstimmen. Welche Wohltat
eine funktionierende Verwaltung ist, weiß man spätestens
dann, wenn nichts mehr funktioniert. Aber ich denke, wir können
uns darauf einigen, das eine entwickelte Volkswirtschaft
an ihre Grenzen stößt, wenn alle sich nur noch gegenseitig verwalten,
weil niemand mehr produktiv tätig ist. Das wäre dann
der SPD-Staat.
Anfang des Monats erreichte uns die Nachricht, dass die Ausgaben
des Bundestages weiter steigen – und das bei deutlich
weniger Abgeordneten. Einer der größten Posten dabei: die
Reisekosten. Allein in den anderthalb Jahren zwischen Oktober
2023 und Februar 2025 genehmigten sich die Abgeordneten
546 Dienstreisen ins Ausland, wie aus einer Aufstellung der
damaligen Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hervorgeht. Und
seit Dezember ist für Reisen von mehr als zwei Stunden endlich
wieder Businessclass drin, das hatte die Regierung Scholz aus
Spargründen gestrichen.
Auch die Ausgaben für die Bundestagsverwaltung steigen
munter weiter, weil bisher vakante Planstellen nachbesetzt werden.
„Warum die Bundestagsverwaltung diese Stellen trotz niedrigerer
Abgeordnetenzahl besetzen will, führte sie nicht aus“,
heißt es im Bericht des Bundesrechnungshofs zum Haushalt 2026.
Kein Wunder, dass die Regierung die Prüfbehörde zusammenstutzen
will. Solche Mäkelei von der Seite kann nun wirklich
niemand brauchen! 7
»Der schwarze Kanal«
jetzt auch als Podcast. Immer freitags mit den größten
Aufregern der Woche, den Auf- und Absteigern
und allem, was auf keinen Fall untergehen
sollte. Wie immer garantiert unbestechlich
und gnadenlos gerecht. Der QR-Code
führt direkt zum Podcast.
FOCUS 52/2025_01/2026 7
Meinung
STARKE STIMME
Korrupt und korrupter
In Russland und den USA bereichern sich
die Eliten immer schamloser, in der Ukraine
funktioniert immerhin die Kontrolle
Ersten, die geheime Offshore-Konten und Briefkastenfirmen nutzen,
um staatliches Vermögen in eigene Taschen umzuleiten.
Seit Jahren versucht er, seinen wahren Reichtum vor den einfachen
Russen zu verschleiern.
2021 veröffentlichte der russische Regimekritiker Alexej
Nawalny seine akribische Recherche mit dem Titel „Ein Palast
für Putin“. Die Dokumentation enthüllte ein Netzwerk aus
Schmiergeldern und Direktzahlungen an den russischen Präsidenten
– wesentlich weitreichender und dekadenter als der
Skandal, der nun in der Ukraine ans Licht kam.
Doch das Ergebnis war, das Nawalny verhaftet und in ein sibirisches
Lager geschickt wurde, wo er wenig später starb. Putin
behielt seine Gelder und seinen Palast, der über ein eigenes Eishockeyfeld
verfügt. Er unterband alle weiteren Nachforschungen
zu seinem Vermögen, ließ Demonstranten einsperren und
trieb kritische Journalisten aus dem Land.
US-Publizistin Anne Vor einigen Tagen telefonierte
ich mit Oleksandr
Applebaum wurde
mit dem Pulitzerpreis
Abakumow, einem leitenden
Ermittler des ukrai-
und dem Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels
ausgezeichnet
nischen Nationalen Antikorruptionsbüros
NABU,
über seine Nachforschungen
zum jüngsten Bestechungsskandal
in der Ukraine. Dabei wurde ich immer neugieriger,
mehr über Abakumow selbst zu erfahren.
Denn während er mir seine Beweggründe schilderte, wurde
mir der Kontrast bewusst zwischen Menschen wie ihm – Beamten
und Aktivisten, die in der Ukraine seit zwei Jahrzehnten
Transparenz von ihren Politikern einfordern – und den amerikanischen
und russischen Unterhändlern, die sich kürzlich in Moskau
trafen, um über das Schicksal der Ukraine zu entscheiden.
Die Ukraine kämpft ums Überleben. Jede Nacht attackieren
russische Raketen ukrainische Städte. Aber selbst in diesen Zeiten
wollen die Menschen dort eine Regierung, die dem Volk
gegenüber rechenschaftspflichtig ist. Unterdessen suchen amerikanische
und russische Kleptokraten nach Möglichkeiten, sich
zu bereichern.
Abakumow war bis 2014 Kriminalbeamter in Luhansk. Damals
führten Massenproteste in Kiew dazu, dass der korrupte, russlandfreundliche
Präsident Viktor Janukowitsch aus dem Land
floh. Die Ukraine bekam einen frei gewählten Präsidenten und
gründete neue Institutionen wie NABU.
Abakumow trat 2016 in Kiew die Stelle beim NABU an: Die Aufgabe
sei für ihn eine große Ehre, denn sie trage dazu bei, die Souveränität
der Ukraine zu bewahren. „Russland steht für Korruption
– aber wir sind nicht Russland“, sagte er mir.
Obwohl sie selbst Teil des Staatsapparats sind,
haben Abakumow und seine Kollegen dafür gesorgt,
dass nun Ermittlungen gegen Regierungsmitglieder
aufgenommen wurden, die Schmiergelder
in Millionenhöhe kassiert haben sollen.
Das beweist, dass das politische System in der
Ukraine gesetzestreu arbeitet.
Ihre Haltung unterscheidet sich diametral von
den Gegebenheiten in Russland. Von Anfang an
hat der russische Herrscher Wladimir Putin seine
Macht genutzt, um sich selbst und sein engstes
Umfeld zu bereichern. Putin gehörte zu den
»In den USA
wäre es derzeit
undenkbar,
dass das FBI
gegen Trumps
Umfeld
ermittelt«
Die US-Gesandten, die nun in Moskau am Verhandlungstisch
sitzen, sind natürlich keine brutalen Autokraten. Doch ebenso
wenig sind sie treue Staatsbeamte, die ausschließlich im
Sinne von Transparenz, Verantwortung und im Staatsinteresse
handeln. Die amerikanischen Gespräche mit Russland leiten
Steve Witkoff, ein Immobilienunternehmer, und Jared Kushner,
der Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump und Inhaber
einer Investmentfirma, die zwei Milliarden Dollar aus Saudi-
Arabien erhalten hat. Auf russischer Seite sitzt Kirill Dmitrijew,
Chef des staatlichen russischen Investmentfonds mit engen Verbindungen
zu seinem saudischen Pendant. Es heißt, er habe
Kushner bei Geschäften am Persischen Golf kennengelernt.
Kürzlich enthüllte das „Wall Street Journal“, dass die drei
Männer bereits im Oktober heimlich in Miami zusammentrafen.
Dabei sprachen sie nicht nur über das Schicksal der Ukraine,
sondern auch über mögliche künftige russisch-amerikanische
Handelsabkommen. Laut Informationen der Zeitung haben russische
Unternehmer aus Putins innerstem Kreis US-Firmen „Milliardendeals“
bei der Ausbeutung von seltenen Erden und im
Energiebereich in Aussicht gestellt, mit dem Ziel, „die wirtschaftliche
Landkarte Europas neu zu gestalten“ – und gleichzeitig
einen Keil zwischen die USA und ihre langjährigen Partner zu
treiben. Mehrere beteiligte Unternehmen sollen direkte Verbindungen
zur Familie von Donald Trump haben.
Witkoff und Kushner nehmen keine Schmiergelder aus Staatsaufträgen
an, wie es einigen ukrainischen Beamten derzeit vorgeworfen
wird. Die Art der Korruption, für die sie stehen, ist viel
tiefgreifender: Sie nutzen die Machtinstrumente der USA auf
eine Weise, die ihren Freunden und Geschäftspartnern zugutekommt,
während sie zugleich den eigenen Verbündeten und
dem Ansehen der USA schweren Schaden zufügen. Ein Interessenkonflikt
dieses Ausmaßes ist in der jüngeren
US-Außenpolitik beispiellos.
In der Ukraine hingegen ist es der Staat selbst,
der die Regierung, das Kabinett, sogar den engsten
Berater des Präsidenten durchleuchtet. In
den USA wäre es derzeit undenkbar, dass das
FBI unter Kash Patel gegen Trumps Umfeld
ermittelt. In Russland landet ohnehin jeder hinter
Gittern, der versucht, Putins Machenschaften
aufzudecken.
Korruption hat viele Gesichter – und nicht nur
das eine, das wir gerade in der Ukraine gesehen
haben. 7
© THE ATLANTIC
FOTO: CARL TIMPONE/BFA.COM/SHUTTERSTOCK
8 FOCUS 52/2025_01/2026
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
Text an
Fotos des Jahres
MÄRZ
JANUAR
Im Feuer: In Los
Angeles brennt es
ab Anfang Januar
an mehreren Orten.
In Altadena fährt
ein Schaulustiger
trotz Verbots durch
die Straßen
Das neue Jahr beginnt wenig ermutigend. Menschen sterben, Präsidenten
In Trümmern:
Muslime im Gaza-
Streifen begehen
ihr Fastenbrechen.
Es ist ihr zweites
Iftar-Fest nach dem
Anschlag auf Israel
am 7. Oktober 2023
10 FOCUS 52/2025_01/2026
streiten, Muslime versuchen zu feiern, und eine Terroristin lächelt
FOTOS: JOSH EDELSON / AFP VIA GETTY IMAGES,
REUTERS/BRIAN SNYDER, OMAR AL-QATTAA/
AFP VIA GETTY IMAGES, RONNY HARTMANN/AFP
In Bedrängnis: US-
Präsident Donald
Trump und sein Vize
J. D. Vance beschämen
Wolodymyr
Selenskyj und verweisen
ihn dann
des Weißen Hauses
Hinter Panzerglas:
Am Landgericht
Verden beginnt der
Prozess gegen die
RAF-Terroristin Daniela
Klette. Über
dreißig Jahre war
sie untergetaucht
FEBRUAR APRIL
FOCUS 52/2025_01/2026 11
Fotos des Jahres
JULI
MAI
Im Vatikan: Papst
Leo XIV., der US-
Amerikaner Robert
Prevost, begrüßt
nach dem Konklave
vom Balkon des
Petersdoms die
Gläubigen
Im Frühling und Sommer wird viel miteinander gesprochen. Die großen
Am Start:
61 Unternehmen
gründen in Berlin
„Made for Germany“.
Die Initiative
will hierzulande
631 Milliarden Euro
investieren
12 FOCUS 52/2025_01/2026
innen- und außenpolitischen Fragen bleiben jedoch ungelöst
FOTOS: ALESSANDRA TARANTINO/DPA, REUTERS/
DAVID RYDER, JOHN MACDOUGALL/AFP, ANDREW
CABALLERO-REYNOLDS/AFP VIA GETTY IMAGES
In Wut: Beim
No Kings Day protestieren,
hier
in Los Angeles,
fünf Millionen
US-Amerikaner
gegen ihren
Präsidenten
Unter sich: Das
Treffen von US-
Präsident Trump
und Russlands
Machthaber Wladimir
Putin in Alaska
endet ohne konkrete
Ergebnisse
JUNI AUGUST
FOCUS 52/2025_01/2026 13
Fotos des Jahres
NOVEMBER
SEPTEMBER
Im Taumel:
Deutschland wird
Basketball-Europameister.
Nach
schwierigem Start
gewinnt das Team
im Finale mit 88:83
gegen die Türkei
Das Jahr endet mit sportlichen Siegen, menschengemachten
In Not: Durch Überschwemmungen
und Hochwasser
werden in Südostasien,
hier in Thailand,
Zehntausende
Menschen obdachlos,
etliche sterben
14 FOCUS 52/2025_01/2026
Tragödien und der Hoffnung auf ein friedlicheres 2026
FOTOS: TILO WIEDENSOHLER/DPA, REUTERS/HANNAH MCKAY,
ROYLEE SURIYAWORAKUL/REUTERS, OLEG PETRASIUK/
UKRAINIAN ARMED FORCES/HANDOUT VIA REUTERS
In Freiheit: Die israelischen
Zwillingsbrüder
Gali und
Ziv Berman sehen
einander nach
zwei Jahren als
Geiseln der Hamas
endlich wieder
Im Flug: Tauben
schwirren über der
von russischen
Truppen zerstörten
ukrainischen Stadt
Kostjantyniwka im
Donbass. Wann
kommt Frieden?
OKTOBER DEZEMBER
FOCUS 52/2025_01/2026 15
ieser Text
eigt evtl. Proleme
beim
ext an
Jetzt scannen
und reinhören!
Jeden Freitag überall, wo es Podcasts gibt.
FOTO: FELIX HÖRHAGER/DPA
Nachrichten
AUF EINEN BLICK: FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN AUS ALLER WELT
PODCAST
ON TOUR
„Machtmenschen“
wird
Live-Event
Im Jahr 2026
wählen Baden-
Württemberg,
Rheinland-Pfalz,
Sachsen-Anhalt,
Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
FOCUS
wird das Studio
verlassen und
den „Machtmenschen“-
Podcast in den
Bundesländern
aufzeichnen, in
denen die Wahlkämpfe
laufen.
Melden Sie sich
an und seien Sie
dabei. Überall, wo
es Podcasts gibt.
Kardinal Reinhard Marx feiert die heilige Messe im Münchner Dom
Hubertus Heil: »Eine stumme
Kirche ist eine dumme Kirche!«
POLITIK UND GLAUBE
tisch äußern sollten. Klöckner
hatte gewarnt, die Kirche werde
„austauschbar“, wenn sie sich
wie eine NGO zu tagesaktuellen
Themen positioniere. Als Beispiel
nannte die CDU-Politikerin das
Tempolimit: „Dafür zahle ich jetzt
Verteilung neu zugelassener
Pkw in
der EU nach Antriebsart
in Prozent
Alternative
Kraftstoffe
Batterieelektrisch
Plug-in-Hybrid
Hybrid
Diesel
Benzin
STATISTIK DER WOCHE
Der religions- und glaubenspolitische
Sprecher der
SPD-Bundestagsfraktion,
Hubertus Heil, hat die Kirchen
in Deutschland dazu
aufgerufen, sich stärker zu politischen
Fragen zu äußern. „Eine
politisch stumme Kirche ist eine
dumme Kirche“, sagte Heil im
Gespräch mit FOCUS.
Der frühere Arbeitsminister
betonte, es sei „wichtig und richtig“,
dass sich Kirchen in gesellschaftliche
und politische Debatten
einbrächten. „Ich würde mir
in dieser Zeit manchmal sogar
eine lautere Stimme der Kirchen
wünschen“, so Heil weiter.
Mit seinen Äußerungen widerspricht
der SPD-Politiker der Haltung
von Bundestagspräsidentin
Julia Klöckner, die eine Diskussion
darüber angestoßen hatte, in
welchem Maß sich Kirchen polinicht
unbedingt Kirchensteuer“,
sagte sie.
Die Evangelische Kirche hatte
2022 beschlossen, dass Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter bei
Dienstfahrten maximal 100 km/h
fahren dürfen. Zudem unterstützt
sie ein generelles Tempolimit von
120 km/h. Solche Stellungnahmen
zu gesellschaftlichen Fragen
sind in Deutschland längst üblich
– so hatten etwa vor der Fußball-
Weltmeisterschaft in Katar mehrere
Kirchenvertreter zu einem
Fernsehboykott aufgerufen.
Heil hält die Kritik an politischen
Äußerungen der Kirchen
grundsätzlich für verfehlt. „Als
Politiker sollte ich mir nie eine
bequeme Kirche wünschen“, sagte
der Sozialdemokrat mit Blick
auf Klöckners Aussagen. „Man
muss die Positionierung der Kirchen
ja nicht immer teilen – aber
kein Politiker sollte Kirchen vorschreiben
wollen, wozu sie sich
äußern und wozu nicht.“
Derzeit ist das Interesse an
kirchlichen Angeboten offenbar
wieder leicht gestiegen. Laut
einer aktuellen, repräsentativen
Umfrage der Bundeswehruniversität
München planen in diesem
Jahr 18 Prozent der Befragten, an
Weihnachten einen Gottesdienst
zu besuchen – zwei Prozentpunkte
mehr als im Vorjahr. Insgesamt
gehören in Deutschland
47,3 Millionen Menschen einer
Glaubensgemeinschaft an, darunter
19,8 Millionen Katholiken und
18 Millionen Protestanten. JCW
Verbrenner dominieren weiter den Pkw-Markt in der EU
2,8 3,0 3,0 3,1
9,1
8,9
19,8
19,6
39,9
12,1
9,4
22,7
16,4
36,4
14,6
7,7
25,8
13,6
35,3
13,6
7,1
30,9
11,9
33,3
2021 2022 2023 2024
Trotz Umweltaspekten und staatlicher Förderung für
E-Autos sind Verbrenner immer noch am beliebtesten
Quelle: statista / ACEA
FOCUS 52/2025_01/2026 17
Nachrichten
ZITAT DER
WOCHE
»Die Stimmung
ist extrem
negativ, teils
regelrecht
aggressiv«
So drastisch
schildert Peter
Leibinger, Präsident
des Bundesverbands
der
Deutschen Industrie
(BDI), die
Enttäuschung der
Wirtschaft über
das fehlende
Reformtempo der
Regierung von
Friedrich Merz
Allein in Berlin wurden vergangenes Silvester 363 Menschen verletzt
SILVESTER
Polizei warnt vor Gaspistolen
Die Gewerkschaft der Polizei
(GdP) warnt vor dem
Abfeuern von Schreckschusswaffen
in der Silvesternacht.
Viele dieser
Gaswaffen seien von scharfen
Pistolen oder Revolvern kaum
zu unterscheiden. „Dadurch
besteht die Gefahr einer Fehleinschätzung
durch Bevölkerung
und Polizei“, sagt Jochen Kopelke,
Bundesvorsitzender der GdP,
Die Aufsteigerin
Eigentlich überfällig. Wirtschaftsstaatssekretärin
und Chefin des Wirtschaftsflügels
der Union Gitta Connemann, 61,
soll beim nächsten Parteitag in das Präsidium
der CDU aufrücken – dem höchsten
Gremium der Christdemokraten.
zu FOCUS. Polizisten könnten
Schreckschusswaffen für echt
halten und Schützen verhaften –
im schlimmsten Fall auch unter
Einsatz der Dienstwaffe.
Schreckschusswaffen verschießen
im Unterschied zu scharfen
Waffen keine Projektile, sondern
Platzpatronen, Reizstoff- oder Signalmunition.
In Deutschland sind
Waffen und Munition ab 18 frei
verkäuflich. Abfeuern darf man
Der Absteiger
Welche Schande für einen Parlamentarier.
Im Garderobenbereich des Bundestages
soll der AfD-Abgeordnete Matthias
Moosdorf im Juni den Hitlergruß gezeigt
haben. Die Staatsanwaltschaft hat nun
Anklage gegen 60-Jährigen erhoben.
sie aber nur auf dem eigenen
Grundstück. Als Ordnungswidrigkeit
werden Verstöße mit Geldbußen
bis zu 10 000 Euro geahndet.
Auch zu Silvester ist das Schießen
mit Schreckschusswaffen
in der Öffentlichkeit verboten.
Allerdings gibt es jährlich etliche
Verstöße. Aus diesem Grund
fordert Kopelke, einen sogenannten
Kleinen Waffenschein als Voraussetzung
für den Erwerb einzuführen.
Dieser ist bislang nur
notwendig, um die Waffen in der
Öffentlichkeit führen zu dürfen.
Ohne Beschränkungen, so Kopelke,
sei die Polizei „Böllern, Raketen,
Kugelbomben und Schreckschusswaffen
in der Nacht im
Einsatz ausgeliefert“.
Unterstützung bekommt er
aus der Politik. Millionen Schreckschusswaffen
im Umlauf zu belassen,
sei „sicherheitspolitisch
nicht tragbar“, sagt Marcel Emmerich,
innenpolitischer Sprecher
der Grünenfraktion im Bundestag.
„Dass hier nichts geschieht,
liegt an der Untätigkeit des Bundesinnenministers,
das Sprengstoffgesetz
und das Waffengesetz
nachzuschärfen.“
Nach Schätzungen des Waffenhändlerverbands
wurden in den
letzten 50 Jahren über 40 Millionen
Schreckschusswaffen in
Deutschland verkauft. Da sie
nicht registrierungspflichtig sind,
lässt sich nicht bestimmen, wie
viele funktionsfähige Schreckschusswaffen
in Umlauf sind. LUK
Der Einsteiger
Er ist der Mann für schwierige Fälle:
Ex-Chef der Arbeitsagentur, Hertie-
Stiftung, Bundeswehrstrukturreform,
Tarifverhandler. Jetzt soll Frank-Jürgen
Weise, 74, für die Union den Co-Vorsitz
der Rentenkommission übernehmen.
FOTOS: ULLSTEIN BILD/SNAPSHOT-PHOTOGRAPHY,
DPA, IMAGO IMAGES
18 FOCUS 52/2025_01/2026
Politik
MACHTMENSCHEN
»Mein Vater wollte,
dass ich was
Vernünftiges lerne«
Bischöfin Kirsten Fehrs,
EKD-Ratsvorsitzende
FOTOS: HENDRIK SCHMIDT/DPA, AUSTRALIAN
PRIME MINISTER OFFICE/AP/DPA
Sie ist seit über einem Jahr die
Ratsvorsitzende der Evangelischen
Kirche in Deutschland und damit
höchste Repräsentantin der
rund 18 Millionen Protestanten in
Deutschland. Im „Machtmenschen“-Podcast
spricht die
64-Jährige mit FOCUS-Chefredakteurin
Franziska Reich über
ihre Kindheit und Jugend in
Schleswig-Holstein, den Entschluss,
Pfarrerin zu werden, und
schließlich über die Herausforderungen
in ihrem derzeitigen Amt:
Die Aufarbeitung der zahlreichen
Missbrauchsfälle in der
Vergangenheit, die Positionierung
der Kirche in kriegerischen Auseinandersetzungen
oder auch
die wachsende Zahl derer, die
der Kirche als Institution den
Rücken kehrt. Kirsten Fehrs
erklärt, wann sich Kirche einmischen
muss auch in quasi weltliche
Belange. Hier vertritt die
Ratsvorsitzende eine gänzlich
andere Haltung als Bundestagspräsidentin
Julia Klöckner, die
kritisiert hatte, dass Kirchen
mitunter wie NGOs auftreten.
»Machtmenschen« Was bewegt diejenigen,
die unser Land prägen?
Jede Woche lädt Chefredakteurin Franziska
Reich Frauen und Männer zum
Gespräch, um dieser Frage nachzugehen.
Überall, wo es Podcasts gibt
AUSTRALIEN
Sein Leben für andere eingesetzt
Im Krankenzimmer eines Sydneyer Krankenhauses beugt
sich Australiens Premierminister Anthony Albanese über
das Bett von Ahmed al-Ahmed, jenem Mann, den viele inzwischen
den „Helden von Bondi Beach“ nennen. Der Regierungschef
hält die Hand des 43-Jährigen, der einen der Attentäter
des Anschlags auf die Chanukka-Feier entwaffnet
hatte und dabei schwer verletzt wurde. Zwischen Infusionsständer,
Monitoren und einem Strauß weißer Blumen bedankt
sich Albanese sichtbar bewegt für den Mut des zweifachen
Vaters, dessen Eingreifen nach Behördenangaben
wohl zahlreiche Menschenleben gerettet hat. Australiens
Premierminister bedankt sich bei einem verletzten Migranten
aus Syrien, der dem Hass gegen Juden entgegengetreten
ist und dafür selbstlos sein Leben riskiert hat.
Premier Anthony
Albanese am
Bett von Ahmed
al-Ahmed
FOCUS 52/2025_01/2026 19
Nachrichten
DAS KAUFE ICH JETZT
Süss MicroTec
kommt aus dem Tal
Der Finanztipp von Andreas Körner,
Chefstratege Alpha Cap Report und Ex-
Wertpapierhändler
ZAHL DER
WOCHE
4,2 Mrd.
Euro erbeuteten
Betrüger 2024
mit Bankkarten
und Überweisungen
in der
Euro-Zone. 2023
waren es noch
3,5 Milliarden. Die
meisten Betrugsfälle
entfielen auf
Überweisungen,
oft als Folge
sogenannter
Phishing-Angriffe.
Schluss mit dem Doppeljob: Oliver Blume ist im neuen Jahr nur
noch VW-Chef, den CEO-Posten bei Porsche gibt er ab
OLIVER BLUME, BALD NUR NOCH VW-CEO
»Porsche wird für immer in
meinem Herzen bleiben«
Herr Blume, wie lautet Ihre Bilanz
nach zehn Jahren als Porsche-Chef?
Es war vor allem eine großartige
Teamleistung. Die zehn Jahre waren
spannend, herausfordernd und
haben sehr viel Freude bereitet. Für
Porsche war es das mit Abstand erfolgreichste
Jahrzehnt der Unternehmensgeschichte:
bei den Produkten,
im Motorsport und auch aus
wirtschaftlicher Sicht. Im Durchschnitt
lag die jährliche Rendite
über 16 Prozent, das operative
Ergebnis bei rund fünf Milliarden
Euro pro Jahr. Acht der vergangenen
zehn Jahre waren finanzielle
Rekordjahre.
Zuletzt hat Porsche eher negative
Schlagzeilen gemacht.
Ich würde sagen: positive und negative.
Unsere neuen Produkte erfahren
eine hervorragende Resonanz.
In den letzten Monaten der neue
911 Turbo S und der neue elektrische
Cayenne. Porsche setzt den
Maßstab bei Verbrennern und in
der Elektromobilität.
Die Zahlen sind weniger erfreulich.
Natürlich ist die finanzielle Lage
aktuell extrem angespannt. Das gilt
für die gesamte Industrie und ganz
besonders für Porsche. Wir haben
seit jeher ein klares Bekenntnis zum
Standort Deutschland. Hierzulande
haben wir über die Jahre Tausende
neuer Arbeitsplätze geschaffen.
Die globalen Handelskonflikte
bringen Porsche in eine schwierige
Sandwich-Position. Wir exportieren
den Großteil unserer Fahrzeuge
aus Europa nach China und
in die USA. Der chinesische Luxusmarkt
ist in kurzer Zeit um über
80 Prozent eingebrochen. In den
USA haben wir zeitweise 27,5 Prozent
Zölle gezahlt, aktuell sind es
15 Prozent. Die beiden größten
Einzelmärkte machen weit über
50 Prozent des Porsche-Absatzes
aus. Das setzt uns massiv unter
Druck. Wir haben gehandelt und
Porsche zukunftsfest ausgerichtet.
Wie wird Ihre Rolle künftig
aussehen?
Ich fokussiere mich auf meine
CEO-Aufgabe im VW-Konzern –
und wirke noch stärker markenübergreifend.
Wir haben dort bereits
wichtige Weichen gestellt
und gute operative Fortschritte
gemacht. Sichtbar und messbar.
Porsche bleibe ich in der Konzernrolle
eng verbunden, die Sportwagenmarke
hat mich geprägt und
wird für immer in meinem Herzen
bleiben.
GM
„In den USA ist es ausschließlich der
Bereich KI, der die Konjunktur treibt
und bisher eine Rezession verhindert
hat“, erklärt der Chef von DJE
Kapital, Jens Ehrhardt. Er erwartet in
den nächsten Jahren in diesem Segment
Investitionen von bis zu fünf
Billionen Dollar. Das könnte auch
dem Zulieferer für die Chipindustrie
Süss MicroTec, der auch an Schwergewichte
wie Nvidia verkauft, wieder
auf die Sprünge helfen. Konkret
stellt die Firma aus Garching bei
München unter anderem Anlagen
für die Lithografie oder für das Zusammenfügen
von Platinen her.
Nach zwei sehr guten Geschäftsjahren
2023 und 2024 war die Aktie
kräftig gestiegen und korrigierte
heftig, als im ersten Halbjahr 2025
die Auftragseingänge schwächelten.
Jetzt sehen Experten Besserung.
Die Zeiten sinkender Gewinnerwartungen
seien vorüber, heißt es etwa
bei Oddo BHF. Die Privatbank hob
ihre Gewinnerwartungen für 2026
um 15 Prozent an. Ein bis 2030 laufendes
Effizienzprogramm sei aussichtsreich.
Auch ist der Titel nun
mit einem 2026er-KGV von 15 sehr
günstig (ISIN: DE000A1K0235).
Süss MicroTec
Aktienkurs in Euro
2021 22 23 24 25
Quelle: Finanzen 100
60
40
20
20 FOCUS 52/2025_01/2026
Wirtschaft
KRANKE ZUM RAPPORT
Jagd auf Blaumacher
RÜSTUNG
Massenfertigung von
Drohnen in Deutschland
FOTOS: DPA (3), GETTY IMAGES
Die historisch hohen Krankenstände
in deutschen
Unternehmen zwingen die
Arbeitgeber zu Gegenmaßnahmen.
Blaumachern
geht es demnach an den Kragen,
wie eine FOCUS-Umfrage ergeben
hat. Wer auffällig oft am Montag
oder Freitag fehlt, muss vielerorts
zum Rapport. Die Auto- wie
die Chemieindustrie greift verstärkt
zu diesem Mittel, Großkonzerne
wie BMW oder BASF vorneweg.
Auch Familienunternehmen
wie der Maschinenbauer
Trumpf bitten zum „fürsorglichen
Gespräch“, wenn Krankmeldungen
häufig montags oder freitags
eintreffen. „In mehreren Runden
wird dann mit dem Mitarbeiter da-
Die Fehlzeiten in Deutschland sind historisch hoch
KREUZFAHRTINDUSTRIE
rüber gesprochen“, sagt Trumpf-
Chefin Nicola Leibinger-Kammüller.
Die IG Metall-Vorsitzende
Christiane Benner, ehemals im
Aufsichtsrat von BMW, lobt die
dort praktizierte „Kultur des Hinschauens“
bei häufigen Absenzen
rund ums Wochenende. Um
die Krankheitskosten zu dämpfen,
fordert Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer
der Vereinigung
der Bayerischen Wirtschaft, die
Abschaffung der elektronischen
Krankschreibung und die Einführung
eines Karenztages: „Die
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
sollte erst ab dem zweiten Krankheitstag
gelten. Das würde die
Kosten für die Firmen erheblich
dämpfen.“
GM/UTZ
Milliardendeal für Meyer Werft
Die Papenburger Meyer Werft erhält von der Schweizer Kreuzfahrtreederei
MSC Cruises einen Auftrag im Wert von bis zu zehn Milliarden Euro.
Der Großauftrag umfasst vier bis sechs Schiffe. Damit dürfte das niedersächsische
Unternehmen bis 2035 ausgelastet sein. 2024 war das ehemalige
Familienunternehmen unter anderem wegen Missmanagement in finanzielle
Schwierigkeiten geraten. Der Bund und das Land Niedersachsen übernahmen
für 400 Millionen Euro jeweils 40 Prozent der Anteile und bürgten für
Kredite über 2,6 Milliarden Euro. Für die Realisierung des Milliarden-Auftrages
wird der designierte Chef der Werft verantwortlich sein, der jetzige Airbus-
Manager André Walter.
SUN
Frontline-Landdrohne Buria: Quantum
Systems und der ukrainische Hersteller
wollen eng zusammenarbeiten und
Kow-How austauschen
Der deutsche Hersteller
Quantum Systems und das
ukrainische Unternehmen
Frontline Robotics haben ein
Joint Venture gegründet
und starten die Produktion
von mehreren 10 000 Drohnen
pro Jahr in Deutschland.
Insgesamt geht es um ein
Volumen im dreistelligen Millionenbereich.
Bei den ferngesteuerten
Flug- und Landgeräten
handelt es sich um
die auf dem Schlachtfeld erprobte
Logistikdrohne Linsa,
die Aufklärungsdrohne
Zoom und den mobilen Geschützturm
Buria. Das Vorhaben
fügt sich in die neue
Rüstungskooperation zwischen
Deutschland der Ukraine
ein. Unter anderem soll in
Berlin ein Büro der ukrainischen
Verteidigungsindustrie
eröffnet werden.
KOPF DER
WOCHE
Elon Musk,
SpaceX-Gründer
Anfang der
Woche überstieg
das Vermögen
des exzentrischen
Tech-
Pioniers laut
„Forbes“ erstmals
die Marke von
600 Milliarden
Dollar. Der Grund
waren neue Berechnungen
des
Werts von Musks
Raumfahrt-Unternehmen
SpaceX.
Musk führt damit
die Liste der
reichsten Menschen
auf dem
Globus an.
FOCUS 52/2025_01/2026 21
Nachrichten Wissen
ARCHÄOLOGIE
Partyboot aus
der Antike
ZAHL DER
WOCHE
4,6
Jahre Leben
kostet Ruhm als
Musikgröße.
Stars haben laut
einer neuen Studie
ein 33 Prozent
höheres Sterberisiko
als unbekannte
Sängerinnen
und Sänger
Quelle: Universität
Witten/Herdecke
Laute Musik, viel Essen und
Alkohol gehören auf Partybooten
zum Ambiente.
Eine Erfindung der Neuzeit
sind sie nicht. Schon Kleopatra
schipperte wohl einst mit
einem Vergnügungsschiff, um
Julius Cäsar ihr Reich zu präsentieren.
Zum ersten Mal sind Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler
nun auf Überreste einer
solchen Barke gestoßen.
Auf dem Grund des Hafens der
ägyptischen Stadt Alexandria,
wo einst die heute überflutete
Königsinsel Antirhodos lag, barg
ein Team um Franck Goddio vom
Europäischen Institut für Unterwasserarchäologie
ein gut erhaltenes
Wrack. Das Schiff sei etwa
35 Meter lang und rund sieben
Meter breit gewesen. „Es dürfte
eine luxuriös ausgestattete Kabine
gehabt haben und wurde
offenbar nur mit Rudern angetrieben“,
heißt es auf Goddios Homepage.
Eine griechische Inschrift
auf dem Mittelteil datiere es auf
die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts.
Der Fundort des Schiffes
könne auf eine Verbindung zum
Tempel der ägyptischen Göttin
Isis hindeuten, der vor 2000 Jahren
auf der Insel Antirhodos stand,
so Goddios Theorie. Das besonders
prächtige Boot könnte demnach
auch zu rituellen Zwecken
genutzt worden sein, um die Herrin
der Meere zu feiern. ALIR
Taucher entdeckten bei Alexandria ein
„Thalamegos“, ein prunkvolles Nilschiff
BUNTER HÜPFER
Weniger als 14 Millimeter misst der frisch entdeckte Minifrosch
„Brachycephalus lulai“. Zu seiner leuchtend bunten
Familie zählen weitere 42 Arten, die auf Berggipfeln im Süden
Brasiliens leben. Das schwer zugängliche Gebiet ist nahezu
menschenleer und auch daher besonders artenreich.
Das Sterben der Gletscher
Weltweit könnten bis Ende
des Jahrhunderts nur
noch 18 000 von heute
über 200000 Gletschern
übrig sein. Das prognostiziert
eine neue Studie
für den Fall, dass sich
Klima um vier Grad
erwärmt. Selbst bei
den unwahrscheinlichen,
von der Weltgemeinschaft
anvisierten
1,5 Grad
würden wohl nur
100000 Gletscher
überleben. Errechnet
hat die Werte ein internationales
Team unter der
Leitung der Eidgenössische Technische
Hochschule Zürich. Als
Grundlage dienten klimatische
Entwicklungen sowie derzeitige
Maßnahmen.
Bei der aktuellen Klimaschutzpolitik
geht die Forschung davon
KLIMA
aus, dass sich die Erde um 2,7 Grad
erwärmt. In 75 Jahren gäbe es
in Mitteleuropa dann nur noch
110 Gletscher, drei Prozent der
heutigen Anzahl. Bei einem Anstieg
von vier Grad wären es
nur noch 20 Gletscher. In
diesem Extremfall würden
die amerikanischen
Rocky Mountains
bis 2100 rund
99 Prozent, die südamerikanischen
Anden 94 und Zentralasien
96 Prozent
des Eises verlieren.
Bei einem Temperaturanstieg
von 1,5 Grad blieben
in Amerika 25 Prozent, in den
anderen beiden Regionen etwa
43 Prozent der Eismassen. Gletscher
haben je nach Größe und
Lage Einfluss auf Meeresspiegel,
Trinkwasserversorgung sowie
den Tourismus.
ALIR
FOTOS: LUIZ FERNANDO RIBEIRO/UNESP/DPA, CHRISTOPH GERIGK /
FRANCK GODDIO /HILTI FOUNDATION, ISTOCKPHOT
22 FOCUS 52/2025_01/2026
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
ANZEIGE
Text an
Für eine rauchfreie Welt
Wenn es eine
Lösung gibt –
warum nicht
handeln?
„Es gehört oft mehr Mut dazu, seine
Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.“
Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und Lyriker
Mutig zu denken und zu handeln, erfordert Offenheit.
Es bedeutet, umzudenken sowie den Wandel zu wagen
und zu gestalten – für eine bessere Zukunft.
BAT verfolgt ein klares Ziel: A Better Tomorrow.
Wir wollen die gesundheitlichen Folgen unseres Geschäfts
minimieren – durch risikoreduzierte Alternativen für
erwachsene Konsumentinnen und Konsumenten. Dafür
braucht es ein Umfeld, das die Risiken des Rauchens klar
benennt und gleichzeitig bessere Optionen bietet.
Wir glauben: Deutschland kann rauchfrei werden.
Aber dafür müssen wir gemeinsam handeln – mit dem Mut,
die Industrie als Teil der Lösung zu sehen. Fakt ist, dass
Schweden, wo überzeugende Alternativen wie tabakfreie
Nikotinbeutel zur Verfügung stehen, kurz davor ist, rauchfrei
zu werden. Wir haben jetzt eine gesundheitspolitische Chance.
Nutzen wir sie. Auch in Deutschland.
British American Tobacco (Germany) GmbH, Alsterufer 4, 20354 Hamburg
Politische Werbung
Der Auftraggeber ist die British American Tobacco (Germany) GmbH, Teil der British American Tobacco (Industrie) GmbH.
Die Anzeige bezieht sich auf eine mögliche Regulierung von tabakfreien nikotinhaltigen Produkten in Deutschland.
Vollständige Transparenzinformationen sind über den QR-Code erhältlich.
ieser Text
eigt evtl. Proleme
beim
ext an
Wo ist die Mitte?
Hier sind die Fakten.
Politik
Richtungsweisend:
Bundeskanzler
Friedrich Merz
empfängt die US-
Gesandten Steve
Witkoff (Mitte) und
Jared Kushner
26
FOCUS 52/2025_01/2026
Europas Kanzler
FOTO: MICHAEL KAPPELER/DPA
Endlich nimmt Deutschland die europäische
Führungsrolle an. Doch wie kann Friedrich Merz
eine Waffenruhe im Ukraine-Krieg erreichen?
Text von Marc Brost, Julian Hans, Jan-Philipp Hein und Alisha Mendgen
FOCUS 52/2025_01/2026 27
Politik
Nonsecep udigniendi dollenet ommodit quid quam
rese coribearum eum quatecaesero eum facipis cus nihiliat
W
Wie aus dem Krieg in der Ukraine
ein dauerhafter Frieden wird, darüber
haben wenige Sicherheitsexperten
so früh nachgedacht wie
Claudia Major. Vor anderthalb Jahren
formulierte sie in einem Essay
im FOCUS die Schlüsselmomente
auf dem Weg zu einer Waffenruhe.
Sie gelten bis heute. Ganz wichtig
sei „eine verlässliche Absicherung
der Ukraine für den Fall, dass
Russland sich nicht an Abmachungen
hält“, schrieb Major. Vor allem
aber müsse sich das Aufhören für
alle Kriegsparteien lohnen: „Diesen
Moment zu erkennen, ist schwierig,
nicht immer lässt sich der aufrichtige
Wunsch nach Verhandlungen
von rein taktischen Angeboten
unterscheiden.“
Anruf bei Claudia Major am
Dienstagmorgen dieser Woche:
Wie blickt sie auf die vergangenen
48 Stunden im Berliner Kanzleramt,
auf die Gespräche zwischen der
Ukraine, den europäischen Staatsund
Regierungschefs und den Sondergesandten
der USA? Wie viel
Aufrichtigkeit steckte in den Verhandlungen,
wie viel Taktik?
„Es ist schon ein Fortschritt, dass
sich Europa, die Ukraine und die
USA weitgehend auf eine Position
verständigt haben“, sagt die Vizechefin
des German Marshall Fund.
„Doch wenn Russland sich nicht bewegt,
wird nichts passieren.“
So ist das also am Ende einer
diplomatisch beeindruckenden Woche,
nach den schlau inszenierten
Gesprächen von Berlin: Es ist jetzt
völlig klar, dass die Europäer nicht
tatenlos zusehen werden, wie die
USA und Russland über die Zukunft
der Ukraine verhandeln. Und es ist
auch für jedermann klar, dass der
deutsche Bundeskanzler eine Führungsrolle
unter den europäischen
Spitzenpolitikern beansprucht; dass
Friedrich Merz diese Rolle annehmen
und ausfüllen will. Insofern hat
sich tatsächlich etwas getan. Doch
was könnte Wladimir Putin jetzt
dazu bringen, die Waffen endlich
schweigen zu lassen?
Verzicht auf Folklore
Wer dem Kanzler dieser Tage genau
zuhört, der erkennt, wie ernst er
die Lage einschätzt. Die Europäer
müssten sich auf eine „fundamentale
Veränderung des transatlantischen
Verhältnisses“ einstellen,
hatte Merz ausgerechnet auf dem
CSU-Parteitag, kurz vor den Ukraine-Gesprächen
in Berlin, gesagt.
In München verzichtete er auf Parteitagsfolklore
– es war seine letzte
Gelegenheit für eine Grundsatz-
2
3
Im Kanzleramt:
Der ukrainische
Staatschef Wolodymyr
Selenskyj
mit Spitzenpolitikern
Europas
Belarus
4
Um diese ukrainischen Gebiete
wird gekämpft
von Russland annektiert
und besetzt
von Russland annektiert, aber
von der Ukraine gehalten
Kiew
Saporischschja
Odessa
Sumy
Charkiw
UKRAINE
16. Dezember 2025
300 km
Cherson
RUSSLAND
Donezk
Luhansk
Krim
2014 von Russland
annektiert
Quelle: ISW – Institute for the Study of War
5
28 FOCUS 52/2025_01/2026
Ukraine
FOTO: JESCO DENZEL/BUNDESREGIERUNG
rede vor den Verhandlungen. „Die
Jahrzehnte der Pax Americana sind
für uns in Europa und auch für uns
in Deutschland weitestgehend vorbei“,
sagte er.
Es gab nicht den einen Moment,
in dem Merz spürte, dass er handeln
müsse. Vielmehr waren es mehrere
Entwicklungen – die neue amerikanische
Sicherheitsstrategie, der massiv
gestiegene Druck von Donald
Trump auf die Ukraine, die gefährliche
Lage auf dem Schlachtfeld
und die innenpolitische Stimmung
in Deutschland, wo sich immer mehr
Menschen eine rasche Waffenruhe
wünschen –, die alle nur einen
Schluss zuließen: Wenn Deutschland
die Verhandlungen über einen
Frieden nicht an sich ziehe, würden
Putin und Trump die Dinge unter
sich ausmachen. Und die Ukraine
6
Ein Treffen,
mehrere
Interessen
Der finnische
Präsident
Alexander Stubb
muss die längste
Grenze eines
Nato-Landes zu
Russland beschützen:
rund
1300 Kilometer
2 Polens Regierungschef
Donald
Tusk hat als Nachbar
größtes Interesse
daran, dass
die Ukraine gegen
Russland besteht
3 Frankreichs
Präsident Emmanuel
Macron steht
innenpolitisch
unter Druck – für
die Ukraine übernimmt
er die Rolle
des diplomatischen
Antreibers
4 Im September
überflogen Drohnen
dänische
Flughäfen und
Militäranlagen.
Ministerpräsidentin
Mette Frederiksen
fordert
ein härteres Vorgehen
gegen
Russland
5 Steve Witkoff
und Jared
Kushner, die beiden
US-Repräsentanten,
sind
als Einzige keine
Politiker – die
Geschäftsleute
dürften allerdings
die reichsten
Teilnehmer der
Gespräche sein
6 Die Italienerin
Giorgia Meloni
muss sich als
Ministerpräsidentin
gegen ihren
Vize Matteo Salvini
durchsetzen,
der Hilfen für die
Ukraine ablehnt
und Europa? Dürften bloß noch die
Scherben aufsammeln.
In offiziellen Stellungnahmen
hatte die Bundesregierung die neue
US-Sicherheitsstrategie zunächst
heruntergespielt. Außenminister
Johann Wadephul (CDU) sagte,
manche Sätze würden Fragen aufwerfen,
die Vereinigten Staaten
stünden aber klar zur Nato. Der
Kanzler jedoch denkt längst über
die Zeit nach Donald Trump nach:
Wer folgt auf ihn? Merz glaubt
wohl: nichts Gutes. US-Vizepräsident
J. D. Vance steht Europa noch
feindlicher gegenüber als der Präsident.
Im Kanzleramt erinnert man
sich gut an dessen Rede Anfang des
Jahres auf der Münchner Sicherheitskonferenz
– sie lieferte Merz
einen zusätzlichen Grund, die deutschen
Verteidigungsausgaben von
der Schuldenbremse auszunehmen.
Und so wird der Kanzler derzeit
von drei zentralen Zielen geleitet:
die europäische Perspektive der
Ukraine zu sichern, die Nato nach
einem Waffenstillstand zu stärken –
und gleichzeitig Europa zusammenzuhalten.
Wie sehr die Europäische Union
unter Druck ist und wie brutal die
Fliehkräfte innerhalb der Staatengemeinschaft
bereits sind, zeigt das
zweite große Ereignis dieser Woche
– der Europäische Rat in Brüssel.
Denn neben den stetig wachsenden
Kosten der Unterstützung für die
Ukraine machen den Regierungen
überall in der EU die stark wachsenden
und meist prorussischen Rechtsaußen-Parteien
große Probleme.
Am Donnerstag (nach Redaktionsschluss
dieser Ausgabe) sollte die
Entscheidung über die Nutzung des
in der EU eingefrorenen russischen
Staatsvermögens fallen. Doch solche
gemeinsamen Entscheidungen werden
immer schwieriger, nationale
Interessen dominieren (siehe auch
„Alarmstufe Rot“, Seite 32).
Europa realisiert gerade, dass die
eigene Russland-Strategie sich mittlerweile
gegen die EU selbst richtet.
Mit fast 20 Sanktionspaketen, finanzieller
Unterstützung der Ukraine in
Milliardenhöhe und moderaten Waffenlieferungen
sollte Wladimir Putin
zur Einsicht gebracht werden, dass
eine Fortsetzung des Krieges sich für
ihn nicht lohne – aber nun sind es die
Europäer, die von Monat zu Monat
stärkeren Druck verspüren. Das ist
der Grund, warum man (ebenso wie
die Ukraine) inzwischen zu immer
größeren Konzessionen an Russland
bereit ist. Waren territoriale Zugeständnisse
der Ukraine anfangs ausgeschlossen,
liegen diese nun auf
dem Tisch. Die Nato-Mitgliedschaft
des angegriffenen Landes Ukraine?
Hat sich faktisch erledigt.
Witkoff und Kushner hörten zu
Die Berliner Verhandlungen dienten
in erster Linie dazu, die Vereinigten
Staaten an der Seite der
Ukraine und Europäer zu halten.
So gilt es im Kanzleramt schon als
Erfolg, dass die amerikanischen
Unterhändler Steve Witkoff und
Jared Kushner den Ukrainern und
Europäern überhaupt zugehört
haben – und dass die USA offenbar
weitreichende Sicherheitsgarantien
unterstützen wollen. In
der Bundesregierung glaubt man
aber nicht daran, dass Putin aktuell
einem Deal zustimmt, der mit echten
Zugeständnissen für ihn verbunden
wäre. Oder vielleicht doch?
Weltpolitik, wie Wladimir Putin
sie sich vorstellt, läuft so: Die Führer
der Großmächte besprechen
die Ordnung der Welt untereinander
wie einst Roosevelt, Churchill
und Stalin auf der Konferenz von
Jalta 1945 – bevor die internationalen
Beziehungen durch Abkommen
und Institutionen immer stärker
geregelt wurden. Das Gefühl, dass
diese Regeln ein Korsett seien, das
den Handlungsspielraum mächtiger
Nationen unangenehm einschränke,
teilen Putin und Trump.
Insofern ist es logisch, dass sie in
der Ukraine-Frage ihre diplomatischen
Apparate, die Spezialisten
für all diese Regeln und Abkommen
sind, aufs Nebengleis gestellt
haben. Für Trump sondieren der
Immobilieninvestor Steve Witkoff
und sein Schwiegersohn Jared
Kushner. Auf russischer Seite verhandelt
statt Sergej Lawrow, dem
dienstältesten Außenminister der
Welt, ein russischer Investmentbanker:
Kirill Dmitrijew. In dieser Logik
bietet sich eine Einigung an, bei der
die Ukrainer und die Europäer zahlen
und Amerikaner und Russen sich
die Profite teilen.
FOCUS 52/2025_01/2026
29
Politik Ukraine
Warum also sollte Putin überhaupt
von seinen Maximalforderungen
abweichen?
Seit Monaten beteuert der russische
Staatspräsident seine grundsätzliche
Bereitschaft für einen Frieden,
um Donald Trump gewogen zu
halten – immer mit dem Nachsatz, es
gebe „Nuancen“ oder „Details“, die
zu klären seien. Zu diesen „Nuancen“
gehört all das, was Moskau
die „Grundursachen des Konflikts“
nennt. Sie dürften der eigentliche
Knackpunkt für beide Seiten sein.
Russland will mitreden
Denn zu den „Grundursachen“
zählt laut Moskau, dass in Kiew
angeblich eine illegitime Regierung
aus korrupten Faschisten herrsche,
unter dem Schutz des Westens. Man
möchte also mitreden dabei, wer
die Ukraine regiert, und jederzeit
Einfluss darauf nehmen – so wie
es Moskau bis 2014 in der Ukraine
ganz selbstverständlich tat und bis
heute in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken
ebenso selbstverständlich
tut. Hier allerdings verläuft für
die Ukrainer die rote Linie: Während
Gebietsabtretungen aktuellen
Umfragen zufolge für eine Mehrheit
der Ukrainer akzeptabel wären,
solange im Gegenzug garantiert
sei, dass Moskau nicht wieder neu
angreifen werde, würde die ukrainische
Gesellschaft keiner Lösung
zustimmen, die sie erneut dem russischen
Einfluss aussetzt.
Als gelernter KGB-Agent versteht
sich Putin darauf, seine Absichten
im Ungefähren zu lassen
und je nach Kontext und Adressat
unterschiedliche Ziele zu formulieren.
Da ist zunächst das Ziel, das er
für das heimische Publikum formuliert
hat: Demnach wurde der Feldzug
notwendig, um einem Angriff
von Ukrainern und Nato zuvorzukommen.
In dieser Lesart der staatlichen
Propagandamedien führt
Russland keinen Angriffskrieg, sondern
eine „Spezialoperation“ mit
dem Ziel, einen Krieg zu beenden,
den die Führung in Kiew angeblich
2014 gegen die eigene Bevölkerung
im Donbass angezettelt hat.
Dass die Tötung Hunderttausender,
die Austilgung ganzer Städte
und die tägliche Bombardierung
von Wohngebieten dem Frieden
dienen, glauben höchstens diejenigen,
die sich komplett der
russischen Propaganda ergeben
haben. Dennoch muss man feststellen:
Dieses vorgebliche Ziel hat
Putin nicht erreicht. Im Gegenteil:
Die Zerstörung und das Leid sind
unendlich größer als während der
ersten acht Jahre der verdeckten
Invasion durch Russland. Natürlich
machen die Kreml-Medien dafür
die westlichen Verbündeten der
Ukraine verantwortlich. Tatsächlich
kämpfe man längst gegen die
Nato, heißt es.
Auf einer zweiten Ebene steht der
Anschluss von Donezk, Luhansk,
Cherson und Saporischja, verbunden
mit einer Anerkennung der
Krim als russisch. Das ist das Ziel,
das Putin ins Gesetz schreiben ließ
und das er nicht ohne Weiteres aufgeben
kann. Eine Einigung, die
Russland die Krim sowie die vier
formal annektierten Gebiete überließe
– in welcher rechtlichen Form
auch immer –, könnte von Putin als
Sieg in der „Spezialoperation“ verkauft
werden.
Wer aber glaubt, dass Putin mit
Gebietsgewinnen zufrieden wäre
und von weiteren militärischen
Abenteuern absehen würde, der hat
vergessen, was der russische Präsident
im Dezember 2021 in zwei
Forderungskatalogen an die Adresse
der USA und der Nato verlangte:
die Rückabwicklung der Nato-
FOCUS-
LESER-
DEBAT TE
Soll die Ukraine
auf Gebiete
verzichten?
Schreiben Sie
uns an leserbriefe@
focusmagazin.de
Putins Show:
Öffentlich bespricht
der
Kreml-Herrscher
mit Militärs die
angeblichen
Kriegserfolge
Selenskyjs
Faktencheck:
Der ukrainische
Präsident reist
an die Front –
und entlarvt
Putins Lügen
Osterweiterung auf den Stand von
1997. 16 Staaten wurden seitdem
in das Bündnis aufgenommen. Insbesondere
Polen und die baltischen
Staaten, die sich besonders bedroht
fühlen, wären ohne Schutz. Mitteleuropa
würde wieder zur Einflusszone
Moskaus.
Ersten Regionen geht das Geld aus
Weitermachen wie bisher ist für
Putin kein bedrohliches Szenario.
Zwar ist der Boom, den die Aufrüstung
der russischen Volkswirtschaft
2023 und 2024 beschert hat, vorbei.
Die zivile Wirtschaft befindet sich in
der Rezession, die von Washington
im Oktober eingeführten Sekundärsanktionen
gegen Käufer russischen
Öls haben zu einem weiteren
Rückgang der Einnahmen
im Staatshaushalt geführt. Ersten
Regionen geht das Geld aus,
um Anwerbeprämien für Soldaten
und das sogenannte „Sarggeld“ für
Hinterbliebene zu zahlen.
Das Volk mag über steigende
Preise stöhnen, vermeidet es aber,
die negativen Auswirkungen auf
das eigene Leben als direkte Auswirkung
der Kriegspolitik des Präsidenten
zu deuten. In mehr als
25 Jahren mit Wladimir Putin haben
die Menschen geübt, sich aus der
Politik herauszuhalten. Insbesondere
nach der Ausreisewelle der
aktivsten Vertreter der Zivilgesellschaft
im Herbst 2022 ist von Proteststimmung
weit und breit nichts
zu spüren. Putin kann also vorerst
weiter Krieg führen, ohne auf Wirtschaft
und Gesellschaft Rücksicht
nehmen zu müssen.
Am Dienstag dieser Woche, nach
48 Stunden voller Gespräche und
Verhandlungen in Berlin, wirkt
Claudia Major am Telefon sehr
skeptisch, was eine rasche Waffenruhe
betrifft. Erst wenn Russland
ein schnelles Kriegsende lohnenswerter
finde als die Fortsetzung,
werde es die Angriffe stoppen, sagt
sie. So gilt nach wie vor der Satz,
den Major schon 2024 in ihrem
großen Essay schrieb: Der Westen
müsse „nicht nur die Verantwortung
für die Folgen seines Handelns
übernehmen – sondern auch für die
Folgen seines Nicht-Handelns“.
Es sind die Worte, die Friedrich
Merz jetzt als Auftrag nimmt. 7
FOTOS: SPUTNIK/GAVRIIL GRIGOROV/REUTERS, UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE/REUTERS
30 FOCUS 52/2025_01/2026
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
Text an
Journalismus
mit Faktengarantie
In Politik, Wirtschaft,
Wissenschaft
und Finanzen.
focusplus.de
Politik
Brüssel gilt als Ort der Behäbigkeit.
Der EU-Apparat setzt
auf Verwaltung, da haben Gefühle
nichts verloren. Doch
das ändert sich gerade. Wer
in diesen Tagen mit Beamten
und Politikern aus dem
Machtzentrum der Europäischen
Union spricht, hört von Zukunftsängsten,
von einer „existenzbedrohenden
Krise“, von einem „Endspiel um
Europa“. Ein ranghoher Diplomat warnt:
„Uns steht das Wasser bis zum Hals.
Wenn wir nicht aufpassen, gibt es die
EU in ein paar Jahren nicht mehr.“
An diesem Donnerstag und Freitag
tagen die 27 Staats- und Regierungschefs
beim Europäischen Rat in Brüssel.
Der Gipfel soll ein Signal der Geschlossenheit
senden – aber selbst wenn es
gelingt, den Streit um das russische Zentralbankvermögen
zu lösen (worum bei
Redaktionsschluss noch gerungen wurde):
Europa steckt in einer Art „Superkrise“.
Wirtschaftliche Stagnation, steigende Verschuldung
und ein zäher Reformstau lähmen
die einstigen Kraftzentren des Kontinents
– Deutschland, Frankreich und auch
Großbritannien. Die ungelöste Migrationsfrage
setzt die nationalen Regierungen
unter Druck, überall sind Populisten
im Aufwind.
US-Präsident Donald Trump sieht in
Europa den größten Loser der Weltpoli tik
und schlägt sich auf die Seite der Feinde
eines vereinigten Europas. Amerikas Abkehr
verbunden mit Russlands Krieg in
der Ukraine gilt als wohl größte Zäsur in
Europas Geschichte seit Ende des Zweiten
Weltkriegs. Das Friedensprojekt steht
an einem historischen Wendepunkt. Bekommt
Europa die Kurve? Oder steuert
es weiter in Richtung Abgrund?
Mark Leonard gilt als einer der scharfsinnigsten
Beobachter des Kontinents.
Der Mitbegründer der Denkfabrik European
Council on Foreign Relations wuchs
in Brüssel als Sohn eines Briten und einer
Deutschen auf, Tony Blair war sein Förderer,
sein Netzwerk reicht heute tief in
die Machtzirkel in Washington, Brüssel
und Peking.
Leonard spricht von einer tektonischen
Verschiebung, ausgelöst von drei gleichzeitigen
Krisen: dem Krieg in der Ukraine,
den globalen Handelskonflikten sowie
dem politischen Rechtsruck in Europa.
Jahrhundertelang hätten die Europäer
der Welt im Grunde den eigenen Willen
aufgezwungen. Jetzt aber beginne
die Welt, den Europäern ihren Willen
120
80
40
Portugal
Asylanträge* in Tsd.
3
2
1
Alarmstufe Rot
Hohe Schulden und knappe Mehrheiten im Parlament:
Überall in Europa sind nationale Regierungen unter
Druck. Was bedeutet das für die Zukunft der EU?
Stimmanteile der stärksten extrem rechten Parteien
bei den letzten Parlamentswahlen
ab 40% 30–39% 20–29% 10–19% 1–9%
BIP Reale Veränderung von 2024 im Vergleich zu 2023
in Prozent
Anstieg Rückgang
Staatsschulden
2024 (konsolidiert)
pro Kopf in Tsd. Euro
Quellen: Eurostat, Statista,
Statistisches Bundesamt
Großbritannien
Asylanträge* in Tsd.
2014 2024
Seit dem Brexit steigt
die Zahl der Bootsflüchtlinge.
Die rechte
Partei Reform UK bestimmt
die Asyldebatte
Chega, 23 %
2014 2024
Text von Marlene Brey und Reinhard Keck
Frankreich
Asylanträge* in Tsd.
150
90
30
25,5 26,7
+2,1%
BIP 2024
pro Kopf
in Tsd. Euro
2014 2024
Vox, 12 %
33,3 32,6
+3,5%
*Erstanträge
Spanien
Asylanträge* in Tsd.
200
150
100
50
Reform UK,
14%
45,6 44,8
+1,1%
48,3 42,6
2014 2024
+1,2%
RN, 33 %
Statt in die USA strömen
Lateinamerikaner nach
Spanien, das eine halbe
Million Migranten pro Jahr
legal integrieren will
32 FOCUS 52/2025_01/2026
Europa
Niederlande
Asylanträge* in Tsd.
Dänemark
Asylanträge* in Tsd.
Schweden
Asylanträge* in Tsd.
Finnland
Asylanträge* in Tsd.
50
25 200
35
40
30
20
10
20
15
10
5
150
100
50
PS, 20 %
40,6 49,2
25
15
5
2014 2024 2014 2024 2014 2024
+0,4%
2014 2024
+1,1%
+3,5%
SD, 21 %
18,0 53,0
+0,8%
Polen
Asylanträge* in Tsd.
15
12
9
27,4 63,0
20,1 66,4
DD, 8 %
6
3
2014 2024
Brüssel
PVV, 17 %
32,3 50,8
Berlin
AfD, 21 %
PiS, 35 %
12,9 22,6
+3,0%
Ungarn
Asylanträge* in Tsd.
200
–0,5%
43,1 52,5
–0,7%
FPÖ,
29 %
Fidesz-KDNP,
54 %
15,2
21,6
+0,5%
150
100
50
2014 2024
50,3 37,2
21,2 31,5
SDS,
24 %
+0,7%
+1,7%
FdI, 26 %
Deutschland
Asylanträge* in Tsd.
800
600
400
Italien
Asylanträge* in Tsd.
200
Slowenien
Asylanträge* in Tsd.
8
Österreich
Asylanträge* in Tsd.
120
200
150
6
80
2014 2024
Die Zahl der Asylanträge
sank zuletzt um 60 Prozent.
Die Bundespolizei weist
Einwanderer zurück, die
Asyl beantragen wollen
100
4
50
2
2014 2024 2014 2024
40
2014 2024
FOCUS 52/2025_01/2026
33
Politik
zu diktieren. Die Europäische Union entwickle
sich von einem Friedensprojekt
zu einem Sicherheitsprojekt. Die Ära des
Freihandels gehe zu Ende, und Europas
Wirtschaftsbasis löse sich auf.
Heute seien globale Lieferketten und
Handelsbeziehungen ein Faktor der
Sicherheitspolitik. Die USA, China und
Russland teilten den Globus in Einflusssphären
auf. In diesem geopolitischen
Darwinismus könnte ein wirtschaftlich
kraftloses und politisch zerstrittenes Europa
in Häppchen filetiert und den Stärkeren
zum Lunch serviert werden.
Ein weiterer Schock für das System Europa
kommt von innen: der Aufstieg der
nationalistischen Rechten in den europäischen
Kernländern Großbritannien,
Frankreich und Deutschland. Mark Leonard
sieht die AfD als Musterbeispiel dieses
Wandels. Die Partei der Eurokritiker
verwandelte sich 2015 in eine Anti-Migrations-Partei,
wurde während der Pandemie
zur Partei der Impfgegner, präsentiert
sich heute klimaskeptisch und treibt
die politische Mitte mit Ressentiments vor
sich her.
Dabei sieht sich die Europäische Union
eigentlich als Wertegemeinschaft, als
Verfechterin von Freiheit, Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit. Dass US-Präsident
Donald Trump die Staatengemeinschaft,
eher als Belastung denn als Gewinn betrachtet,
hatte sich länger angebahnt. Mit
Trumps Papier zur nationalen Sicherheitsstrategie
der USA haben die Europäer nun
schwarz auf weiß, dass Amerika unter diesem
Präsidenten auf der Seite der Europafeinde
im Inneren (AfD, Rassemblement
National, Reform UK) und Äußeren (Russland)
steht.
Trump hat das EU-Bashing auch unter
eher gemäßigten Republikanern in den
USA salonfähig gemacht. Der ehemalige
britische Botschafter Kim Darroch warnt:
Selbst wenn 2029 wieder die Demokraten
an die Macht kämen, dürften sich Elemente
des Trumpismus langfristig festsetzen,
neben hohen Tarifen auch der „America
First“-Gedanke in der Außenpolitik.
Ein Zurück zur alten Ordnung werde es
nicht geben.
Kein europäisches Land war eingeladen
Dass die Vereinigten Staaten unter Donald
Trump zukünftig ohne die von ihm verachtete
EU planen, zeigte sich vergangene
Woche. Da verhandelten die USA mit
Japan und Australien über die Erschließung
von Mineralien und seltenen Erden
für den Aufbau einer von China unabhän-
Sie entscheiden über die Zukunft Europas:
Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs beim Europäischen Rat in Brüssel
gigen KI-Infrastruktur. Und kein europäisches
Industrieland war zu diesem Treffen
eingeladen.
Zum Erfolg von Populisten gehört, dass
sie ein messerscharfes Gespür für den
wunden Punkt einer Sache haben und
ihre Kritik oft einen kleinen Kern Wahrheit
beinhaltet. Dass ausgerechnet Trump, der
in den USA den Rechtsstaat untergräbt,
Europa nun in Sachen Meinungsfreiheit
belehrt, empfinden leidenschaftliche
»Die EU wandelt
sich zu einem
Sicherheitsprojekt.
Die Ära des
Freihandels endet«
Mark Leonard ist Mitbegründer
der Denkfabrik ECFR
Europäer als Affront. Doch Trumps Einschätzung,
dass die meisten Regierungen
in Europa „keinen guten Job machen“,
hört man auch aus der politischen Mitte
vieler EU-Staaten.
Martin Schulz, Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung
und ehemaliger Präsident
des EU-Parlamentes, sagt: „Die EU
erscheint zurzeit nicht nur wehrlos, sie ist
es objektiv.“ Die Mitgliedsstaaten der EU
hätten es „fahrlässig“ und über Jahrzehnte
versäumt, ihre ökonomische Macht politisch
und militärisch abzusichern. Schulz
sagt: Jedes EU-Mitglied habe immer ein
Stück vom Kuchen gewollt, wenn es um
ökonomische Macht ging. Doch die politischen
Kosten dafür wollte niemand tragen.
Die Folge: Wirtschaftlich war die EU
ein Riese, geopolitisch blieb sie ein Zwerg.
„Das rächt sich jetzt.“
Dabei sollten der EU-Verfassungsvertrag
von 2005 und später der Lissabon-Vertrag
von 2009 die Union viel handlungsfähiger
machen – auch in der Außen- und
Sicherheitspolitik. Doch es blieb beim Einstimmigkeitsprinzip
und damit auch beim
Vetorecht für einzelne Länder wie Ungarn.
Mario Draghi, der frühere Präsident der
EZB, warnte in seinem Bericht zur Zukunft
der europäischen Wettbewerbsfähigkeit
im vergangenen Herbst vor einem „langsamen,
aber qualvollen Niedergang“ der
FOTOS: IMAGO/EUROPEAN COUNCIL, IMAGO IMAGES
34 FOCUS 52/2025_01/2026
Europa
Eine Wende in der Migrationsfrage
„Europa wird in Krisen geschmiedet“,
sagte einst der Franzose Jean Monnet,
einer der Vordenker der europäischen
Integration. Tatsächlich meisterte die EU
in den vergangenen Jahren die Finanzund
Eurokrise und bewies Zusammenhalt
und kollektive Finanzkraft auch während
der Corona-Pandemie. Frühere Krisenländer
wie Griechenland, Spanien und Portugal
setzten harte Spar- und Reformen
auch als sicherheitspolitischen Verbündeten
wieder enger an den Kontinent
gebunden.
Europapolitiker wie Schulz oder der
frühere belgische Ministerpräsident Guy
Verhofstadt wittern in der aktuellen Krise
sogar die Chance auf eine Wiederbelebung
einer alten Utopie: die Vereinigten
Staaten von Europa. Unterstützer verweisen
auf Umfragen, wonach 81 Prozent der
Europäer sich eine gemeinsame Verteidigungs-
und Sicherheitspolitik wünschen
und eine Mehrzahl der Europäer der EU
mehr als den eigenen nationalen Regierungen
vertraue.
FOTOS: REUTERS/KAI PFAFFENBACH, MARTIN BERTRAND/DPA
Sie ziehen viel Kritik auf sich:
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EZB-Chefin Christine Lagarde
EU, bedingt durch viel zu viel Bürokratie,
viel zu geringe Produktivität und einen
viel zu großen Rückstand in der Digitalisierung.
Ein Jahr später hat eine Taskforce von
Draghis damaligen 400 Empfehlungen
gerade mal elf Prozent umgesetzt. Draghi
selbst wirkt zunehmend frustriert: „Ihr
sagt Nein zu Schulden, ihr sagt Nein zum
Binnenmarkt, ihr sagt Nein zur Kapitalmarktunion.
Man kann nicht zu allem
Nein sagen.“ Er spricht von einer Selbsttäuschung:
Die EU habe lange geglaubt,
ihre 450 Millionen Einwohner würden ihr
auch geopolitische Macht verleihen. Doch
in diesem Jahr sei diese Illusion endgültig
geplatzt.
War’s das also mit dem Traum eines
pros perierenden Europa? Arrivederci, EU?
Goodbye, Europe?
auflagen um und werden dafür heute
mit überdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum
belohnt.
Auch in der Migrationskrise zeichnet
sich eine Wende ab. Nach langem Ringen
um eine Reform des Asylrechts sank die
irreguläre Migration in diesem Jahr um
35 Prozent. Und der russische Angriffskrieg
auf die Ukraine hat Investitionen
in europäische Rüstungsprojekte gefördert
und die Atommacht Großbritanni-
»Ihr sagt Nein zu
Schulden, Nein
zum Binnenmarkt,
Nein zur Kapitalmarktunion«
Mario Draghi war Chef der EZB und
Ministerpräsident von Italien
„Ein starkes Signal an Washington“
Der ehemalige deutsche Botschafter in
den USA, Wolfgang Ischinger, und Frankreichs
frühere Verteidigungsministerin Sylvie
Goulard fordern bereits die Umsetzung
einer pragmatischer wirkenden Idee: die
Schaffung eines „Kerneuropa“. Das Modell
geht auf die Christdemokraten Wolfgang
Schäuble und Karl Lamers zurück. Eine
Gruppe mit Deutschland und Frankreich
im Zentrum, so die Vision, solle einen politischen
Block bilden, der bei Verteidigung,
Außenpolitik und Währung – heute auch
in der Technologie – eng zusammenarbeite
und mit einer Stimme spreche. Blockierer
wären ausgebremst. Ischinger und Goulard
meinen: Das Modell wäre „ein starkes
Signal an Washington“.
Bei der Verteidigung könnte man diese
Idee rasch umsetzen – gemeinsam mit
Großbritannien etwa. Doch dafür müsste
aus der „Koalition der Willigen“, der
europäischen Kontaktgruppe zur Unterstützung
der Ukraine, eine „Koalition der
Macher“ werden – etwa mit mehr gemeinsamen
Investitionen im europäischen Verteidigungsmarkt.
Wie zersplittert Europa hier agiert, zeigt
in diesen Tagen etwa die Farce um das
Kampfjet-Projekt Future Combat Air System
(FCAS). Das 100 Milliarden Euro teure
Investment sollte den Eurofighter ablösen,
steht wegen Streitereien zwischen der
konkurrierenden deutschen und französischen
Industrie aber vor dem Aus. Italien
bietet den Einstieg in das mit Großbritannien
und Japan entwickelte System
GCAP an und würde auch Australien gern
dazuholen.
Ob Berlin und Paris tatsächlich gegen
die Interessen ihrer nationalen Rüstungsindustrien
diese Kooperation eingehen?
Wieder einmal könnten Kleinstaaterei und
Konkurrenzdenken Europas Interessen im
Weg stehen. 7
FOCUS 52/2025_01/2026
35
Oberstabsfeldwebel
Jan Hecht, 51,
dient seit 1994 in
der Bundeswehr
Politik
FOTO: MATTHIAS RIETSCHEL/DPA
Zwischen Front
und Frieden
Er überlebte in Afghanistan einen Hinterhalt. Jetzt
baut Jan Hecht in Litauen eine Brigade zum Schutz
vor Russland mit auf. Ein Soldat erzählt
E
Es ist wahrscheinlich der letzte
große Auftrag für Oberstabsfeldwebel
Jan Hecht, 51: In Litauen
hilft er, das wichtigste Projekte der
Truppe voranzutreiben, den Aufbau
einer deutschen Brigade mit 5000
Soldaten bis Ende 2027. Er weiß als
Afghanistan-Veteran, was es heißt,
zu kämpfen. Jetzt muss die Bundeswehr
an der Nato-Ostflanke Stärke
zeigen. Hecht sagt, er und seine
Leute seien bereit für jeden Auftrag.
Herr Hecht, was bedeutet für Sie,
zu dienen?
Dienen heißt, Verantwortung zu
übernehmen. Dienen heißt, im
Ernstfall für dieses Land in gefährliche
Einsätze zu gehen. Und wer
Truppe führt, spürt auch Verantwortung
seinen Soldaten gegenüber.
Mir gibt Dienen das Gefühl,
dass die Strapazen, die mit dem
Soldatenberuf verbunden, einen
Sinn haben.
Dienen ist Strapaze?
Ja. Das Soldatenleben ist glücklicherweise
nicht immer hoch intensiv.
Aber wenn es hoch intensiv
wird, dann ist das ein Leben jenseits
dessen, was Menschen normalerweise
tun würden.
Interview von Mike Szymanski,
Foto von Tobias Kruse
Sie meinen, zu kämpfen?
Ja, der Kampf ist aber nur ein Beispiel.
Es ist aber auch eine Strapaze,
lange von zu Hause weg und
von der Familie getrennt zu sein.
Wir können im Einsatz auch nicht
immer unsere Handys benutzen.
Dann gibt es manchmal lange gar
keinen Kontakt.
Sie sagen, Sie tun das fürs Land.
Lieben Sie Deutschland?
Ich liebe an Deutschland die Art und
Weise, wie wir unser Leben führen
können: frei, unbesorgt und uns Soldaten
gegenüber auch manchmal
gleichgültig. Es bedarf aber unseres
Einsatzes, damit das so bleiben kann.
Sie helfen, die Brigade in Litauen
aufzubauen. Was ist genau Ihr Job?
Ich bin im Brigadestab in der Abteilung
tätig, die verantwortlich für
alles ist, was Ausbildung und Übung
betrifft, die Operationen plant und
durchführt. Wir arbeiten dem Kommandeur
zu.
Um am Ende die Nato-Ostflanke
verteidigen zu können?
Es geht um Landes- und Bündnisverteidigung.
Für mich schließt sich
ein Kreis. Ich bin Anfang der 90er
Jahre mit einem ähnlichen Auf-trag
in die Bundeswehr gekommen. Der
Kalte Krieg war gerade zu Ende, die
Bundeswehr noch auf Landesverteidigung
ausgerichtet. Aber es gibt
einen Unterschied zu damals. Die
Bedrohung Mitte der 90er Jahre war
eher abstrakt. Heute ist sie sehr real.
Erleben Sie die Lage als so ernst?
Ja. Das Gefühl, in einem sicheren,
beschützten Land zu leben, das
haben wir in Deutschland noch sehr
exklusiv. Wenn ich in den Flieger
nach Litauen steige, dauert es eine
Stunde und 15 Minuten, und die
Welt ist eine andere. Zur russischen
Grenze ist es nicht weit. Die Litauer
fühlen sich von Russland bedroht.
Sind Ihre Soldaten auf den Ernstfall
vorbereitet?
Sie sind so weit darauf vorbereitet,
wie man das eben sein kann. Sie
sind körperlich leistungsfähig und
beherrschen ihre Waffensysteme.
Trotzdem bleibt ein Gefühl von
Ungewissheit, ob man in der Situation
gut bestehen kann. Mir ging
es vor meinem Einsatz in Afghanistan
auch so. Dort habe ich dann erlebt,
wie schnell wir Soldaten uns in
einer neuen Situation zurechtfinden
können. Das geht nur deshalb, weil
wir wissen, welche Handgriffe, welche
Schritte wir zu tun haben. Ich
bin mir sicher: Wir wären bereit für
jede Art von Auftrag.
Fühlen Sie sich als deutscher Soldat
in Litauen willkommen?
Wir spüren Dankbarkeit, und das
jeden Tag. Ich gehe in Uniform zum
Dienst. Ich erlebe es ganz oft, dass
Leute mich ansprechen und sagen,
wie froh sie sind, dass wir da sind.
Das kennen Sie aus Deutschland
so nicht, oder?
Nicht so offensiv, so würde ich das
sagen. Ich blicke jetzt auf 30 Jahre
im Soldatenberuf zurück. Heute
spüre ich aber das höchste Maß an
Akzeptanz in meiner Dienstzeit. Es
hat sich etwas verändert. Es kommt
inzwischen auch hier vor, dass mir
Menschen für meinen Dienst danken.
Das wäre vor ein paar Jahren
eher nicht denkbar gewesen.
Sie sind zur Bundeswehr gekommen,
als der Westen sich nicht
mehr bedroht sah. Haben Sie sich
zwischenzeitlich überhaupt gebraucht
gefühlt?
Ja, das haben wir. Wir haben in der
Truppe nicht hinterfragt, wie realistisch
ein möglicher Einsatz der
Bundeswehr ist. Wir haben all die
Jahre mit der gleichen Ernsthaftigkeit
ausgebildet und geübt. Es fehlte
aber zeitweise die Ernsthaftigkeit
dabei, uns gut auszurüsten.
Als Sie in den 90er Jahren in der
Panzergrenadiertruppe anfingen,
hatten Sie da alles, was Sie
brauchten?
»Heute
spüre ich
das höchste
Maß an
Akzeptanz
in meiner
Dienstzeit«
Stationen
eines
Soldatenlebens
1974
geboren in Suhl,
Thüringen
1994
Panzergrenadierbataillon
391 in
Bad Salzungen
1998-1999
SFOR-Einsatz
Bosnien und
Herzegowina
2009
Einsatz in
Afghanistan
2010
Tapferkeitsmedaille,
überreicht
durch Minister
zu Guttenberg
seit März 2025
Aufbau Brigade
Litauen
FOCUS 52/2025_01/2026
37
Politik
»Angriffe
auf deutsche
Kräfte
gehörten
zum Alltag,
als wir
ankamen«
Einsatz in Afghanistan:
Bundeswehrsoldaten
auf
Patrouillenfahrt
nahe Kundus
Ich hatte in meinem Grenadierzug
alles, was benötigt wurde, um den
Auftrag zu erfüllen: mein Personal
und meine Schützenpanzer „Marder“.
Und es waren auch meine Marder.
Die Fahrzeuge gehörten fest zu
uns. Dann aber kam die Zeit, dass
Großgerät gepoolt wurde und man
anfing, es durch die Verbände rotieren
zu lassen, weil es immer weniger
Material gab.
Wie groß war der Frust?
Der Frust war groß, wenn etwa
Munition für das Schießen nur
eingeschränkt vorhanden war. Irgendwann
wurden auch die Kettenkilometer
für den Marder beschränkt,
also konnten wir die
Fahrzeuge nicht mehr so viel bewegen.
Wir haben das Beste aus der
Situation gemacht. Man kann einen
Ausbildungseffekt drin sehen, mit
knappen Ressourcen auszukommen.
Wir hatten aber immer noch
das Gefühl, wir wären in der Lage,
den Auftrag zu erfüllen.
Als Sie sich zur Bundeswehr meldeten,
hatten sie wahrscheinlich
nicht gedacht, dass Sie einmal
in Afghanistan kämpfen würden.
Ich selbst hatte noch Ausbilder, die
sagten, ein deutscher Soldat werde
niemals außerhalb der Grenze von
Deutschland eingesetzt. Das war
ganz schnell nicht mehr wahr. Afghanistan
war nicht nur ein anderes
Land, sondern eine ganz
andere Welt: Die ungewohnten
Gerüche, der Staub, die Hitze und
die Sonne, die so unfassbar auf der
Haut brennt. Und trotzdem waren
wir froh, als es endlich losging, weil
dieser Einsatz dann nichts Abstraktes
mehr war.
Als Sie 2009 in den Einsatz gingen,
verschärfte sich die Sicherheitslage.
Es wurde ein blutiges Jahr für
die Bundeswehr.
Das stimmt. Angriffe auf deutsche
Kräfte gehörten zum Alltag, als wir
ankamen. Wir waren als schnelle
Eingreiftruppe für Nordafghanistan
im Einsatz und die meiste Zeit
mit unserem Schützenpanzerzug
in Kundus eingesetzt. Wir sind fast
jeden Tag rausgefahren, weil so viel
los war. Es gab eine Straße, da lag
die Wahrscheinlichkeit, angegriffen
zu werden, bei 100 Prozent.
Sie gerieten mit Ihren Leuten in ein
schweres Gefecht. Erzählen Sie bitte
von diesem Tag.
Es war der 4. Juni 2009. Wir hatten
den Auftrag, eine Verbindungsstraße
nach Sprengmitteln abzusuchen.
Kein schöner Auftrag, das muss
man so sagen. Am frühen Nachmittag
hatte ich einen Funkspruch
erhalten, dass ein Spähtrupp acht
Kilometer nordwestlich von uns in
einen Hinterhalt geraten war. Wir
haben entschieden, den Kameraden
zur Hilfe zu kommen, und sind dann
selbst in einen Hinterhalt geraten.
Wie befreit man sich aus einer
solchen Situation?
Man muss Feuerüberlegenheit herstellen.
Das heißt, den Gegner dazu
bringen, dass er reagieren muss.
Der Spähtrupp hatte die Fahrzeuge
verlassen und kam auf uns zu.
Aufständische waren hinter ihnen
her und meine Leute erwiderten das
Feuer. Meinem Stellvertreter ist es
dann gelungen, die Angreifer abzuwehren
und auszuschalten. Wir
hatten in vielen Situationen auch
unfassbar Glück.
Niemand wurde verwundet?
Einem Soldaten wurde ein Trageriemen
abgeschossen. Einer hatte
einen Schuss in die Sohle vom
Kampfstiefel abbekommen. Aber
es gab nicht einen Treffer auf den
Körper. In einem unserer Fahrzeuge
schlug später eine Panzerfaust ein,
50 Zentimeter rechts vom Kopf meines
Stellvertreters. Sie blieb beim
Munitionskasten stecken. Aber sie
hat nicht umgesetzt. Ich sag mal so:
Wenn diese Panzerfaust explodiert
wäre, hätte ich sieben Tote gehabt.
Wie lange dauerte das Gefecht?
Fünf Stunden. Wir sind immer wieder
aus verschiedenen Richtungen
angegriffen worden. Ich hatte das
Kommando. Mir tat am nächsten
Tag der ganze Körper weh, weil ich
so voller Adrenalin war und die
Muskeln permanent angespannt
waren. Ich hatte mich hinterher gefragt:
Wie reagiert der Einzelne auf
so einen Tag? Es ist nicht selbstverständlich,
dass man dann am nächsten
Tag seine Waffe wieder packt
und nach draußen fährt.
Und wie sind Ihre Leute damit
umgegangen?
Wir hatten einen Platz, wo wir uns
in der Früh immer zum Kaffee getroffen
haben. Da saßen am nächsten
Morgen alle beisammen. Für
mich war es erst mal schön, zu
sehen, dass alle da sind. Aber einigen
hat man angesehen, wie ihnen
das Gefecht zugesetzt hatte. Trotzdem
haben alle gesagt: Wir halten
zusammen und machen weiter.
Sind auch alle gut durch die
nächsten Jahre gekommen?
Nein, leider hat das Erlebte Folgen
für das Leben einiger gehabt. Einer
meiner Männer war zwei Wochen
später an dem Punkt angelangt, wo
es nicht mehr weiterging. Da hieß
FOTO: MICHAEL KAPPELER/DDP
38 FOCUS 52/2025_01/2026
Bundeswehr
FOTO: YAUHEN YERCHAK/IMAGES/DPA
es, kurz bevor wir wieder rausfahren
mussten, vom Truppenpsychologen:
Der fährt nirgendwo mehr
hin. Ich kannte diesen Soldaten als
Frohnatur und sah ihn unter Tränen
sagen, das Schlimmste für ihn sei
das Gefühl, uns jetzt im Stich zu lassen.
Bei anderen dauerte es Jahre,
bis etwas aufbrach.
Wie viele Soldaten haben Probleme
bekommen, mehr als die Hälfte?
Nein, nicht mehr als die Hälfte, um
Gottes Willen. Aber jeder hat sich
verändert. Von den 36 Männern ist
keiner so wiedergekommen, wie er
in den Einsatz hineingegangen ist.
Hat Ihre Seele Wunden davongetragen?
Meine Frau würde wohl anders antworten
als ich, aber ich sage: Nein,
hat sie nicht. Ich schlafe. Ich lebe
mein Leben. Alles ist gut und schön.
Aber ich habe mich schon auch verändert:
Es ist mehr Ernsthaftigkeit
in mein Leben eingekehrt, aber das
finde ich eher positiv.
Würden Sie sagen, Sie standen in
Afghanistan im Krieg?
Was wir erlebt haben, hat viele
Züge von Krieg gehabt. Ich weiß,
was es bedeutet, in einem hochintensiven
Gefecht zu stehen. Aber
wenn wir heute über Krieg reden,
und das zeigt uns ja die Erfahrung
aus der Ukraine, dann reden wir
immer auch davon, dass mal an
einem Tag 1000 Leute fallen können
und dass man tage- oder wochenlang
unter Artilleriefeuer steht.
Das ist eine Erfahrung, die haben
auch wir noch nicht gemacht.
Ihre Einheit stand im Gefecht, Gegner
wurden ausgeschaltet. Wie gehen Sie
damit um, auch töten zu müssen?
Für mich war das ein Kampf ums
Überleben der Gruppe. Ich glaube,
so reflektieren das auch meine Soldaten:
Wir haben den Auftrag erfüllt.
Wir haben in dem Moment das
getan, was getan werden musste, um
als Gruppe zu bestehen. Dabei sind
die Leistung und die Tat des Einzelnen
nur kleine Rädchen in einem
großen Mechanismus, der greift.
Menschen wachsen in solchen Situationen
über sich hinaus, weil sie
ihr eigenes Wohl hintanstellen.
Allein wäre man verloren?
Allein wäre man verloren. Auch
die Verarbeitung ist eine Gemeinschaftsleistung.
Das ist genau der
Punkt, weswegen Soldaten sich untereinander
oftmals am wohlsten
fühlen und am offensten mit dem
Erlebten umgehen.
Sie wurden für Ihren Einsatz in
Afghanistan mit der Tapferkeitsmedaille
ausgezeichnet. Was heißt es
für Sie, tapfer zu sein?
Es heißt, meinem Beruf nachzukommen.
Wir Soldaten geloben
Tapferkeit. Aber ich gebe zu, als
junger Rekrut habe ich mir da keinen
großen Kopf darüber gemacht,
was das heißt. In der konkreten Situation
bedeutet Tapferkeit, unabhängig
von der Gefahr zu funktionieren.
Das verlangt dieser Beruf
von uns.
Sie hätten nach Afghanistan auch
sagen können: Es reicht. Ich habe
meinen Beitrag geleistet. Sie sind
Soldat geblieben. Warum?
Ich habe Afghanistan nicht als negatives
Erlebnis wahrgenommen.
Aber dazu möchte ich zwei Punkte
anmerken: Mich hat er Einsatz
psychisch nicht zu stark belastet.
Mein Leben ging ganz normal
weiter. Und ich habe, Gott sei Dank,
niemanden verloren. Deshalb kann
ich sagen: Mein Dienen ist beendet,
wenn ich pensioniert bin.
Als Sie zur Bundeswehr gingen,
waren Sie wahrscheinlich auch
unbeschwert, oder?
Ich bin es auch heute noch. Wenn
wir abends daheim essen, wenn ich
mit meinen Kindern spiele, bin ich
ein unbeschwerter Mensch. Dieses
Gefühl wünsche ich mir auch für
meine Kinder. Es muss Leute geben,
die dafür sorgen, und da zähle ich
mich dazu und ich mache das gerne.
Was muss ein junger Wehrdienstleistender
über diesen Beruf wissen?
Dieser Beruf kann bedeuten, dass
man sein Leben lässt. Das ist es, was
man wissen muss. Aber zum vollständigen
Bild gehört auch: Es gibt
Generationen von Soldaten vor mir,
aber auch Soldaten, mit denen ich
heute diene, die haben nie Einsatz
oder Krieg erlebt und haben eine
erfüllte Dienstzeit, ohne dass sie
kämpfen mussten.
Wie erleben Sie es als Soldat, wenn
eine Gesellschaft kriegstüchtig
werden muss?
Sie muss sich noch viel bewusster
machen, dass da eine reale Gefahr
ist. Zur Kriegstüchtigkeit gehört
für mich der enge Schulterschluss
zwischen Gesellschaft und
Soldaten. Ich meine damit nicht,
dass jetzt alle kämpfen sollen.
Aber die Gesellschaft muss moralische
Unterstützung leisten, damit
der Soldatenberuf ausgeübt werden
kann.
Wünschen Sie sich mehr Anerkennung?
Ich empfinde Anerkennung für uns
Soldaten. Wir sind auf einem guten
Weg. 7
»Ich bin
mir sicher:
Wir wären
bereit
für jede
Art von
Auftrag«
Zur Aufstellung
der Brigade Litauen
reiste auch
Kanzler Merz
(3. v. r.) nach Vilnius
FOCUS 52/2025_01/2026
39
Politik
Kritische Berichterstatter stehen
in den USA enorm unter
Druck. Donald Trump überzieht
Medien mit Schadensersatzklagen,
droht Sendern
mit dem Entzug der Lizenz
und beleidigt unliebsame
Reporter. Auch der britische
„Economist“ berichtet kritisch über
Trump und dessen Attacken auf die Pressefreiheit.
Das Magazin erreicht rund
1,3 Millionen Leser, die Hälfte davon lebt
in den USA. Chefredakteurin Zanny
Minton Beddoes gilt als eine der einflussreichsten
Journalistinnen weltweit.
Frau Minton Beddoes, wenn Sie in die USA
reisen, löschen Sie vorher einige Daten
und Chats von Ihrem Smartphone. Warum?
Ich kommuniziere mit meinen Korrespondenten
und Mitarbeitern sehr viel
über WhatsApp, wir diskutieren Ideen
und tauschen vertrauliche Informationen
aus. Und bei manchen Inhalten frage ich
mich schon: Will ich, dass die US-Regierung
das sieht? Wahrscheinlich ist das unnötig
und übervorsichtig, dennoch halte
ich es für klug und richtig. Wenn ich in
andere Länder, etwa nach China reise,
mache ich das genauso.
Sie vergleichen die Vereinigten Staaten
mit einem Überwachungsstaat wie China?
Natürlich stelle ich sie nicht gleich, aber
heute reist man nun mal mit einem anderen
Gefühl in die USA. Ich möchte nicht,
dass Inhalte auf meinem Telefon versehentlich
falsch interpretiert werden. Ich
hatte nie Probleme an der Grenze. Aber
auch EU-Beamte, die in die USA reisen,
sind inzwischen angewiesen, Wegwerfhandys
zu benutzen.
Was sagen all diese Vorsichtsmaßnahmen
über die USA aus?
Ganz allgemein herrscht unter Donald
Trump eine andere Haltung gegenüber
der Presse als früher. Man muss sich nur
anschauen, wie der Präsident in Pressekonferenzen
einzelne Publikationen
angreift. Ich selbst war nie Ziel solcher
Attacken, aber es ist offensichtlich: Die
aktuelle US-Regierung ist bereit, Journalisten
zu bestrafen, die ihr nicht passen.
In einem anderen Gespräch erwähnten Sie,
dass Sie Ihren Mitarbeitern in den USA
psychologische Unterstützung anbieten.
Wie muss man sich das vorstellen?
Das bezog sich auf die ersten Monate
der neuen Trump-Regierung, als eine
ganze Welle an Maßnahmen auf uns zurollte:
Neue Dekrete im Stundentakt, die
Schließung von Institutionen, die aggres-
US-Präsident Donald Trump beschimpft eine Journalistin an Bord der Air Force One
»Dieses Verhalten
ist schändlich«
Müssen Journalisten jetzt Angst vor Amerika haben?
Ein Interview mit der Chefin des »Economist«
über mögliche Schadenersatzklagen von Donald Trump
sive Durchsetzung der Einwanderungsgesetze
– die Arbeitsbelastung für unsere Reporter
war enorm.
Seitdem ist der Wahnsinn aber nicht
weniger geworden.
Umso entscheidender ist es für uns Journalisten,
das Wesentliche vom Unwesentlichen
zu trennen. Der „Economist“ setzt
sich für freie Märkte und liberale Werte
ein. Und meine Kollegen sollen in ihrem
Urteil sorgfältig sein. Ich will einen Journalismus,
der – selbst wenn man unsere
Ansichten und unsere Weltanschauung
nicht teilt – wertvolle Erkenntnisse bietet.
Interview von Reinhard Keck
Darum geht es immer darum, eine Balance
zu finden: Was ist Hysterie, was ist wirklich
relevant? Es ist wichtig, dass wir als unabhängige
Journalisten die Dinge beim Namen
nennen. Und dass wir uns nicht dazu
verleiten lassen, Dinge zu akzeptieren
oder zu normalisieren, die in einer liberalen
Demokratie absolut inakzeptabel sind.
Auf der Website des Weißen Hauses gibt
es neuerdings eine Art digitalen Pranger für
Journalisten, die angeblich unsauber gearbeitet
haben. Und als eine Fernsehjournalistin
bei einer Pressebegegnung im Oval
Office den Präsidenten auf den Epstein-
FOTO: ROBERTO SCHMIDT/GETTY IMAGES VIA AFP
40 FOCUS 52/2025_01/2026
Pressefreiheit
Skandal ansprach, drohte Trump mit einem
Entzug der Sendelizenz ihres Arbeitgebers
ABC. Wie beurteilen Sie das?
Die amerikanische Regierung will unliebsame
Berichterstattung unterdrücken.
Das beunruhigt mich sehr.
Umgekehrt könnte man fragen, warum so
viele Journalisten sich die öffentlichen
Attacken des US-Präsidenten gefallen
lassen? Sie könnten bei einem Vorfall doch
geschlossen den Raum verlassen und
somit ein Zeichen setzen.
Ich finde die Vorstellung, dass Mobbing
gegen einzelne Journalisten akzeptabel
sein könnte, befremdlich. Dieses Verhalten
ist schändlich. Wir leben allerdings auch in
einer Welt, in der sich sehr viele Menschen
extrem schlecht benehmen. Wir erleben
eine bedauerliche Verrohung.
Das Weiße Haus argumentiert: Journalisten
teilen gerne aus, also müssen sie
auch einstecken können.
Entscheidend ist, dass Journalisten ihre
Aufgabe ordnungsgemäß erfüllen können:
Die Mächtigen kontrollieren, Missstände
aufdecken, die Öffentlichkeit informieren.
Was mir noch mehr Sorgen bereitet als die
Verrohung der Umgangsformen, ist der
Versuch, die Medien genau daran zu hindern.
Die Regierung baut kommerziellen
Druck auf Medienunternehmen auf – etwa
durch Verleumdungsklagen in Milliardenhöhe
–, um die redaktionelle Arbeit beeinflussen
zu können. Die USA begeben sich
auf einen sehr gefährlichen Weg.
In einer Ihrer jüngsten Ausgaben haben
Sie die Korruption unter Trump zum
Titelthema gemacht. Hatten Sie Angst,
daraufhin verklagt zu werden, ähnlich
wie das „Wall Street Journal“ oder die
„New York Times“?
Nein. Ich mache mir darüber keine Gedanken.
Aber natürlich kenne ich mich
mit der rechtlichen Lage rund um Verleumdungsklagen
in Großbritannien und
den USA inzwischen recht gut aus.
Für viele Leser stellt sich wohl dennoch die
Frage: Gehen Ihre Journalisten aufgrund
dieses feindseligen Klimas, das Sie beschrieben
haben, anders an Geschichten
über Donald Trump heran? Gibt es eine
Schere im Kopf?
Nein, wirklich nicht.
Ehrlich?
Ich denke nur daran, was unsere Leser in
den USA und weltweit über dieses Land
wissen müssen. Wie können wir Zusammenhänge
verständlich machen und aufzeigen,
wohin die Reise geht? Wie können
wir die liberalen Werte, für die der
„Economist“ gegründet wurde, verteidi-
Zanny Minton Beddoes ist
die erste Frau an der Spitze
des britischen Nachrichtenmagazins
„Economist“. Sie
leitet die Redaktion seit 2015
Titelstory des
„Economist“
aus dem
Oktober 2025
gen und ihnen weiterhin gerecht werden?
Das treibt mich an.
Donald Trump will auch die BBC auf 10 Milliarden
Dollar Schadenersatz verklagen,
weil der Sender seine damalige Rede vor
dem Sturm auf das Kapitol 2021 so zusammengeschnitten
hatte, dass es wirkte, als
rufe der Präsident zu Gewalt auf. Wie beurteilen
Sie diesen Vorgang?
Die BBC steckt in der Krise, das ist offensichtlich.
Ich finde diesen Zusammenschnitt
unverzeihlich, ein wirklich schwerwiegender
Fehler. Offenbar wusste man
bei der BBC von diesem Zusammenschnitt
in der Trump-Dokumentation
schon seit einiger Zeit, aber niemand
hielt es für nötig, etwas zu unternehmen.
Ich will das keinesfalls entschuldigen,
jeder patzt mal. Leider kam es bei der
BBC zuletzt häufiger zu Fehlern. Etwa
bei der Kontroverse um einen Beitrag aus
Gaza, in dem der Protagonist der Sohn
eines Hamas-Offiziellen war. Trotzdem
bin ich eine große Befürworterin der
BBC, weil ich sie für ein sehr wichtiges
Instrument von Großbritanniens Softpower
halte.
Was heißt das genau?
Die BBC ist eine der größten Anbieterinnen
englischsprachiger Nachrichten, mehr
Reichweite haben ansonsten vor allem
News-Angebote aus China oder Russia
Today. Die „BBC“ ist eine globale Marke
und ein wichtiger Ankerpunkt unserer innenpolitischen
Debatte. Einer der Gründe
für die starke Polarisierung der USA ist,
dass es dort keinen zentralen Sender gibt,
wie die BBC. Wer in den USA morgens
Fox News schaut und abends MSNBC,
hat nicht das Gefühl, dass die Sender über
dasselbe Land berichten.
Kritiker werfen der BBC eine linksliberale
Schlagseite vor. Stimmt das?
Die BBC verkörpert eine eher linksgerichtete
und großstädtische Politik-Kultur
– das stimmt schon. Ich denke, das ist
beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in
Deutschland oder Frankreich sogar noch
ausgeprägter, wie auch eine Studie des
Reuters Institute festgestellt hat. Aber im
Großen und Ganzen führt das nicht zu
einer Verzerrung der Berichterstattung,
insgesamt ist man recht nahe an der politischen
Mitte dran. Die BBC ist eine zu
große und zu unübersichtliche Organisation,
sie lässt sich nicht effektiv managen –
das ist ein Problem. Denn dadurch wird
sie zum politischen Spielball. Aber gäbe
es die BBC nicht, würden alle sie vermissen.
Ich denke, das gilt für alle politischen
Lager.
Gilt das auch für das Trump-Lager?
Die BBC braucht eine Reform. Aber ich
gehöre nicht zu jenen, die die BBC für
hoffnungslos fehlerbehaftet halten. Im
Gegenteil: Sie leistet wirklich fantastische
Arbeit. Und sie ist eine wichtige Institution.
Für Donald Trump ist der jüngste
Fehler eine willkommene Gelegenheit,
eine Institution anzugreifen und sein Narrativ
zu bestätigen, wonach Großbritannien
ein Land ohne Meinungsfreiheit sei,
in dem der Wokeness-Wahnsinn herrsche.
Sie sagen selbst: Die alte Ordnung kommt
nicht wieder. Glauben Sie, die Pressefreiheit
hat in dieser neuen Ära noch eine
Zukunft?
Die Pressefreiheit ist gefährdet. Das ist
sehr gefährlich, und wir müssen darauf
hinweisen. Doch es gibt so viele Kollegen,
die außerhalb von Europa oder den USA
arbeiten und dabei jeden Tag ihr Leben
riskieren – und diese Journalisten bewundere
ich sehr. Da geht es uns im Westen
doch viel besser. Wir sollten nicht jammern
und uns bemitleiden. 7
FOCUS 52/2025_01/2026
41
Politik
Glaube, Liebe,
Algorithmen
Ob auf Social Media oder in der Popkultur:
Die Sehnsucht nach Transzendenz ist zurück. Doch wer
füllt dieses Vakuum? Während Tech-Milliardäre
die KI heiligsprechen und sich selbst zu neuen Erlösern
stilisieren, warnte schon Papst Franziskus vor der
»technologischen Diktatur«. Ein Report über die Neuvermessung
der Seele und eine spirituelle Zeitenwende
Text von Corinna Baier
Während des Kirchentages 2023 im bayerischen Fürth fand ein KI-Gottesdienst statt.
Die von ChatGPT geschriebene Predigt hielt ein digitaler Avatar
42 FOCUS 52/2025_01/2026
DieStory
FOTO: DANIEL VOGL/DPA
Es ist dieser Moment, kurz bevor es losgeht, in
dem die St.-Paul-Kirche in Fürth noch so wirkt
wie seit Jahrhunderten: der Geruch von altem
Holz und kaltem Stein, das gedämpfte Husten
in den voll besetzten Bänken. Doch auf der
Kanzel steht kein Pfarrer. Auf einer Leinwand,
die im Altarraum aufgebaut wurde, erscheint
ein Avatar.
Das Gesicht von irritierender Durchschnittlichkeit,
irgendwo zwischen Nachrichtensprecher
und Videospielcharakter. Die Augen starren leblos
ins Kirchenschiff, die Lippen bewegen sich
einen Millisekunden-Takt versetzt zum Ton.
„Um unsere Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und in
unserem Glauben zu verharren“, leiert die synthetische Stimme
aus den Lautsprechern, „müssen wir regelmäßig beten.“
Es klingt nach einem Motivationsspruch aus dem mittleren
Management. So fehlerfrei, dass man menschliches Verhaspeln
‘vermisst und trocken wie Zwieback. Die KI hat diesen Text generiert,
basierend auf Millionen theologischer Datensätze.
Als der Bildschirm später schwarz wird, bleibt Leere. War das
ein Gottesdienst? Oder Performance-Kunst über die Einsamkeit
des modernen Menschen? Die Besucher wirken an diesem Vormittag
2023 weniger beseelt als verwirrt.
Ein paar Hundert Kilometer weiter südlich, in der Peterskapelle
in Luzern, ging das Experiment „Deus in Machina“ ein
Jahr später noch einen Schritt weiter. Hier predigte die KI nicht
aus dem Altarraum, der sogenannte KI-Jesus saß im Beichtstuhl
und flüsterte den über 1000 Besuchern Ratschläge und
Vergebung zu. Das Erstaunliche: Viele von ihnen beschrieben
die Erfahrung als „spirituell echt“, fühlten sich verstanden.
Versuche wie in Fürth und Luzern sind natürlich keine Alltagspraxis.
Sie machen aber sichtbar, in welche Richtung sich
unser Umgang mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Nicht nur
im Bereich des Glaubens. Millionen von Menschen vertrauen
ihre intimsten Gedanken nicht mehr einem Priester oder Therapeuten
an, sondern einem Algorithmus, entwickelt von großen
Tech-Konzernen in den USA oder in China.
Bei Umfragen ist mittlerweile eine der häufigsten Antworten
auf die Frage, wofür Menschen Chatbots wie ChatGPT oder
Gemini verwenden: Lebensberatung. Plattformen wie Replika,
wo man Beziehungen zu KI-Avataren führen kann, haben Millionen
von Nutzern, die ihre digitalen Gefährten teils als Seelenverwandte
bezeichnen. In einigen Extremfällen nahmen
sich psychisch labile Menschen, die sich einem Chatbot regelmäßig
anvertraut hatten, sogar das Leben.
Die KI erscheint immer lebendiger, schmeichelt uns, will uns
helfen, will uns gleichen und wirft dabei uralte Fragen auf:
Was ist der Mensch? Was sollen wir tun?
Kein Wunder, dass viele Antworten in der Spiritualität suchen.
Auf TikTok und Instagram sind plötzlich Influencer erfolgreich,
die beten, deren Profilbeschreibungen mit Kreuzen,
Lotus-Blumen oder Mondsicheln versehen sind. Popstars wie
Rosalía inszenieren sich mit sakraler Ästhetik, in Podcasts wird
über Stoizismus und Sinn debattiert. Der Markt für spirituelle
Wellness-Apps war 2024 zwei Milliarden Euro wert – darunter
ein KI-Rabbi, dem sich gläubige Juden anvertrauen.
Die Menschen suchen nach dem Echten, nach Transzendenz.
Und genau in dieses Vakuum stoßen zwei Mächte: das
Silicon Valley mit durch Biohacking und Ozempic jungoptimierten
Körpern und dem Ziel, den Tod zu überwinden durch
Paolo Benanti berät Papst Leo XIV. in KI-Fragen.
Der Franziskaner ist Technik-Experte
und Theologe. In Italien wird der 52-Jährige
„Padre Algoritmo“ genannt
ein Upload des Seins. Und auf der anderen Seite der Humanismus
und die Kirche, die vor allem die Würde und das Mysterium
der Menschlichkeit bewahren will.
Dabei geht es nicht um die Frage, ob KI religiös genutzt werden
darf – das darf sie natürlich –, sondern darum, wer künftig
das ethische Koordinatensystem einer Gesellschaft bestimmt.
Googles moderne Bergpredigt und der Mensch als Produkt
Dabei hatte das Silicon Valley schon immer etwas Quasi-
Religiöses. Es war eine mit Pingpong-Tischen und hauseigenen
Fitnessstudios ausgestattete Kathedrale des Fortschritts.
Die Tech-Gründer inszenierten sich als Messias-Figuren, die
gekommen waren, um die Welt zu „verbinden“ und zu „verbessern“.
Google gab sich mit „Don’t be evil“ sein eigenes,
performatives Gebot – eine Art moderne Bergpredigt, die
suggerierte, man wisse mit der Machtposition, die man sich
durch Datensammeln erarbeitet hatte, schon umzugehen.
Jahr für Jahr grub sich die Technologie tiefer in die menschliche
Existenz. Erst eroberte sie den Schreibtisch, dann die
Hosentasche, das neuronale Belohnungszentrum. Der Mensch
wurde vom Nutzer zum Produkt, sein Verhalten zum Rohstoff.
Spätestens als durch die Whistleblowerin Frances Haugen
bekannt wurde, dass Facebook intern längst wusste, wie toxisch
Instagram für die Psyche von Teenagern ist, und diese
Studien dennoch unter Verschluss hielt, wurde deutlich, dass
all die hauseigenen Ethik-Räte nichts nutzten.
Sarah Spiekermann beobachtet das seit 25 Jahren. Die
Wirtschaftsinformatikerin an der WU Wien analysiert, warum
selbst die europäische DSGVO oder die neue KI-Verordnung
ins Leere laufen – mal abgesehen davon, dass es noch relativ
junge Gesetze sind: „Wir haben uns als Gesellschaft auf ein
Geschäftsmodell eingelassen, das strukturell im Widerspruch
zu Datenschutz und ethischem Design steht: die Aufmerksamkeitsökonomie.“
Es ist schlicht profitabel, das Gesetz zu
ignorieren. Selbst wenn mal eine Millionenstrafe fällig wird.
KI-Systeme potenzieren dieses Problem. Sie benötigen noch
mehr Daten, beeinflussen uns noch stärker.
„Wir haben eine lange kulturelle Tradition des Glaubens,
dass Maschinen perfekt sind und keine Fehler machen“, ordnet
Spiekermann ein. „Wir fetischisieren Effizienz – und opfern
dafür Würde und Wahrheit.“
FOCUS 52/2025_01/2026 43
Politik
Und das, obwohl gerade Chatbots, die auf Large Language
Models beruhen, ständig Fehler machen. Spiekermanns
Antwort ist pragmatisch: Wir brauchen neue Normen. In der
Future Foundation hat sie, gemeinsam mit 16 Kollegen von
13 Universitäten, deshalb zehn Regeln für die digitale Welt
entworfen. Bewusst einfach, inspiriert von den zehn Geboten.
Regel eins: Erhebt digitale Technik nicht zum Selbstzweck.
Es soll Nutzern ein Stück Orientierung zurückgeben.
Spiekermann warnt explizit vor der Vermischung von KI, Profitgier
und Spiritualität. „Das erzeugt Abhängigkeit und enorme
Manipulierbarkeit“, sagt sie. Das gilt für allgemeine Chatbots
wie ChatGPT, aber auch für spezialisierte Anwendungen.
Ein Beispiel für diese Gefahr ist die App Hallow. Eine Meditations-App
für Katholiken, schick gestaltet, beworben von
Hollywood-Stars. Doch die App nutzt aggressive Gamification:
Challenges für tägliches Beten. Der Glaube wird zum Sucht-
Spiel, optimiert nach denselben psychologischen Strategien
wie Instagram oder TikTok. Eine eingebaute KI beantwortet
Fragen zu Bibel und Moral.
„Gerade KI schafft immersive Erfahrungen, die wir mit Gefühlen
der Transzendenz verbinden. Man muss sich aber fra-
Die Propheten des Silicon Valley
Im Tech-Mekka war Religion lange verpönt. Das
hat sich gedreht – auch wegen dieser Akteure
Der Vordenker
Peter Thiel hat das
Christentum im
Valley zum Statussymbol
gemacht.
Für den Investor ist
der Glaube ein
Bollwerk gegen
den liberalen Zeitgeist
und Rechtfertigung
für radikalen
Fortschritt
Die Missionare
Trae Stephens ist
Mitgründer des
Rüstungs-Startups
Anduril. Seine
Frau Michelle rief
die religiöse Organisation
Acts 17 ins
Leben. Neue Mitglieder
werden bei
elitären Dinner-
Partys rekrutiert
gen: Ist das authentisch?“, erklärt die Religionswissenschaftlerin
Inken Prohl von der Universität Heidelberg und antwortet:
Nicht unbedingt. „Es lenkt uns von der Entwicklung ab, dass
die KI selbst zur Religion wird.“ Auch darin liege eine Gefahr,
dass Glaube für Profitinteressen genutzt wird.
Zu den Investoren von Hallow gehört Peter Thiel, der als
Mitgründer von PayPal und Unterstützer von Donald Trump
bekannt wurde. Kritiker weisen auf die Datenschutzprobleme
der App hin und darauf, wie sie spirituelle Praxis mit politischer
Agenda vermischt. Wer hier betet, liefert über voreingestellte
Tracking-Cookies Daten, die das Unternehmen zu nutzen
weiß. Das zeigte sich auch während des US-Wahlkampfs
2024: Das Gebet auf Hallow wurde subtil politisiert.
Peter Thiel ist der spirituelle Guru einer ganzen Generation
von Tech-Gründern. Seit Kurzem trägt er seinen christlichen
Glauben bewusst nach außen. Erst vor einigen Wochen leitete
er einen Workshop zum Thema „Antichrist“.
Der Antichrist, vor dem er warnt, ist derweil keine künstliche
Superintelligenz, die uns unterjocht. Im Gegenteil. In
Thiels Weltbild sind es Figuren wie Greta Thunberg, die
Natur bewahren wollen. Ihm geht es um ungebremstes technologisches
Fortkommen – angeblich als göttlichen Auftrag.
Religiöse Sprache wird instrumentalisiert, um Macht zu erlangen
Diese Botschaft wirkt im Silicon Valley wie eine Droge. Denn
sie liefert den Tech-Milliardären nicht nur einen spirituellen
Rahmen im Angesicht einer Technologie, die sie selbst nicht
mehr verstehen, die sich auch über sie erhebt, sondern auch
eine moralische Rechtfertigung für Disruption.
Die Gottesdienste finden nicht in Kirchen statt, sondern in
beigefarbenen Wohnzimmern. Organisationen wie Acts 17
haben sich darauf spezialisiert, die Elite zu missionieren. Die
Gründerin Michelle Stephens nennt ihre Zielgruppe ganz
unbescheiden die „Könige und Königinnen der Kultur“.
Für Paolo Benanti, den KI-Ethiker des Vatikans, ist dieses
Schauspiel leicht zu durchschauen. „Man muss sehr genau
unterscheiden: Geht es hier um Religion – oder um politische
und ökonomische Narrative?“, sagt er am Telefon. „Religiöse
Sprache wurde oft instrumentalisiert, um Macht zu erlangen.“
Niemand verkörpert diese Hybris mehr als Anthony Levandowski.
Der einstige Google-Ingenieur gründete vor einigen
Jahren offiziell die KI-Religion „Way of the Future“. Sein Dogma?
Wir bauen eine Superintelligenz, die faktisch ein Gott
sein wird. Also sei es nur rational, sie jetzt schon anzubeten.
Diese „Kirche“ wurde zwar aufgelöst, aber der Geist weht
weiter durchs Valley. Viele glauben daran, dass der Mensch
in seiner biologischen Form ein Auslaufmodell ist. Die Erlösung
kommt nicht vom Kreuz, sondern aus dem Serverraum.
Im Vatikan betrachtet man diese Entwicklung mit der
kühlen Erfahrung einer Weltmacht, die seit Jahrhunderten
weiß, wie schnell Imperien aufsteigen und wieder zerfallen.
Doch die immer schneller voranschreitende Entwicklung von
KI nimmt man sehr ernst: Der Nachfolger des verstorbenen
Papstes Franziskus wählte den Namen Leo XIV.
Nicht aus bloßer Nostalgie, sondern als programmatisches
Signal. Denn Leo XIII. war jener Papst, der im 19. Jahrhundert
auf das Elend der Arbeiter durch die industrielle Revolution mit
der berühmten Enzyklika „Rerum Novarum“ antwortete, der
katholischen Soziallehre. Damals zerrissen Dampfmaschinen
und ungebremster Kapitalismus das soziale Gefüge. Heute, so
die Botschaft des neuen Pontifex, stehen wir wieder an einem
FOTOS: REBECCA BLACKWELL/DPA, AARON WOJACK/NYT/REDUX/LAIF
44 FOCUS 52/2025_01/2026
DieStory
2019 vollzogen
Mönche im japanischen
Kodaiji-
Tempel die
„Augenöffnung“
für den Roboter
Mindar. Er predigt
dort seither als
Inkarnation der
buddhistischen
Barmherzigkeitsgöttin
Kannon
FOTO: THE YOMIURI SHIMBUN VIA AP IMAGES
solchen Wendepunkt. Der Algorithmus ist die Dampfmaschine
des 21. Jahrhunderts. Und die Kirche arbeitet an einer digitalen
„Rerum Novarum“.
Einer der Architekten des Vorhabens trägt Kutte und kennt
sich bestens mit Code aus: Paolo Benanti. Der Franziskaner
studierte Ingenieurwesen und berät die italienische Regierung
und den Papst in KI-Fragen. Er beschäftigt sich schon seit 2007
mit künstlicher Intelligenz. Benantis Analyse ist nüchtern:
„Jede Technologie wirkt, sobald sie in der Gesellschaft eingesetzt
wird, wie eine formale Ordnung – und verschiebt Macht.“
Er bemüht gern historische Beispiele: Wer im 19. Jahrhundert
entschied, wo Eisenbahnschienen verlegt wurden, der entschied
über die Zukunft von Regionen. Die Technologie schuf
eine neue Ordnung. Heute ist die Verschiebung noch radikaler.
Es werden keine Schienen verlegt, sondern Gedanken sortiert.
Benanti nennt generative KI einen „Super-Überzeuger“.
Die KI schreibt Texte, generiert Bilder, kuratiert Wissen.
„Sprache ist Kultur“, sagt Benanti. „Wenn wenige Akteure
Maschinen kontrollieren, die Sprache, Deutung und Sinnproduktion
beeinflussen, dann entsteht eine gefährliche Machtkonzentration.
Europa kennt aus seiner Geschichte, wohin
Monokulturen führen können.“
Das ist die „technologische Diktatur“, vor der schon Papst
Franziskus warnte. Um das zu verhindern, setzt Benanti auf
Diplomatie und Vereinbarungen. Ein wichtiges Werkzeug
ist dabei der „Rome Call for AI Ethics“. Den kann man sich
wie das Klimaschutzabkommen von Paris vorstellen. Eine Art
Selbstverpflichtung. Alle geloben Besserung und im Idealfall
halten sich auch alle daran. Es ist der Versuch, globale Standards
für eine Algor-Ethik zu etablieren. Tech-Giganten wie
Microsoft, IBM und Cisco haben unterzeichnet, waren aber,
so warnen Kritiker, auch daran beteiligt, die Formulierungen
möglichst vage zu gestalten.
Der Kern des Abkommens von 2020 besteht aus sechs Prinzipien:
Transparenz, Inklusion, Verantwortung, Unabhängigkeit,
Zuverlässigkeit und Sicherheit. KI-Systeme müssen erklärbar
sein, sie dürfen nicht diskriminieren, müssen für alle da sein,
und die Verantwortung müssen Menschen tragen. Der „Call“
fordert, dass Ethik im Design verankert ist. Das Dokument ist
interreligiös gestaltet. Auch jüdische und muslimische Führer,
insgesamt 21 Weltreligionen, haben unterschrieben.
Und darüber hinaus? In einer Welt, in der KI Wissen fragmentiert
oder Fake News produziert, kann die Kirche ein Ort
sein, wo man lernt, Wahrheit von Simulation zu unterscheiden.
„Wir sind noch nicht trainiert, mit dieser Form von Wissensvermittlung
umzugehen“, sagt Benanti. Sein Credo ist
der Gegenentwurf zur Erlösungsfantasie der Tech-Bros. Wo
sie den Menschen überwinden wollen, will er ihn mündig
machen: „Innovation macht Dinge effizienter. Entwicklung
fragt, ob sie dem Menschen nützt.“
Am Ende führen die Drähte aus der fränkischen Provinz,
aus der Luzerner Kapelle und kalifornischen Luxus-Villen zu
einer Frage: Es geht nicht darum, ob die KI ein Bewusstsein
entwickelt. Das ist Science-Fiction. Es geht darum, was passiert,
wenn wir uns an die Maschinen gewöhnen. Wir werden
gezwungen, neu zu definieren, was einen Menschen ausmacht.
Paolo Benanti zitiert dazu gerne den Gedankengang „Etsi
deus non daretur“ – als ob es Gott nicht gäbe. „Wenn es
keinen Unterschied mehr macht, ob ein Mensch oder eine
Maschine urteilt“, so der Mönch, „dann haben wir ein kulturelles
Problem, kein technisches.“
Klar, die Maschine kann trösten, predigen, missionieren –
schneller und billiger als jeder Pfarrer, Priester oder Imam.
Aber sie kann nicht glauben. Sie kann nicht zweifeln. Das
Problem ist nur: Wenn wir uns lange genug von Avataren
berieseln lassen, wenn wir Trost aus der Dose akzeptieren,
merken wir den Unterschied vielleicht gar nicht mehr. Dann
hätte die Maschine nicht Gott ersetzt. Sie hätte uns ersetzt. 7
Noch mehr Analyse: Sarah Spiekermann und Paolo Benanti
werden bei der wichtigsten Innovationskonferenz Europas
sprechen. Vom 15. bis 17. Januar findet in München die DLD
statt. Ein globales Netzwerk, das Entscheider aus den Bereichen Technologie,
Kunst, Business und Wissenschaft zusammenbringt
FOCUS 52/2025_01/2026 45
Wirtschaft
»Es müsste mit dem Teufel
zugehen, wenn wir das in
Deutschland nicht schaffen«
Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Laserspezialisten Trumpf, ist der Star
des deutschen Mittelstands. Ein Gespräch über die Schwäche der
Wirtschaft, die Kraft ihres Glaubens und ihre Erwartungen an den Kanzler
Interview von Georg Meck und Thomas Tuma, Fotos von Nicole Groß
46 FOCUS 52/2025_01/2026
Zwischen Reinst-
Räumen und ehernen
Familienwerten:
Trumpf-Chefin
Nicola Leibinger-
Kammüller
FOCUS 52/2025_01/2026
47
Wirtschaft
F
Frau Leibinger-Kammüller, Deutschlands Wirtschaft
ist im freien Fall, hilft jetzt nur noch beten? Was sagt die
gläubige Protestantin?
Man sollte nicht erst dann anfangen zu beten, wenn
alles über einem hereinbricht. Regelmäßige innere Einkehr
übers Jahr halte ich als Konzept für tragfähiger.
Die Lage zu analysieren und dann die Probleme anzugehen
– das müssen wir schon selbst erledigen. Aber
über dem Tagesgeschehen kann der Gedanke durchaus
helfen, dass wir in allem, was wir tun, getragen
und geführt werden.
Ihr schwäbischer Pietismus sagt: Wenn du dich hier
anstrengst, hilft das auch in einer anderen Welt, oder?
Dass Anstrengung belohnt wird, ist nicht der Kern dessen,
worum es geht. Sondern dass man geradezu die
Verpflichtung hat, aus seinen Talenten das Bestmögliche
zu machen, mit seinen Pfunden sprichwörtlich zu
wuchern. Ebenso die Erkenntnis: Man ist nie allein.
Mir geht es zum Beispiel so, dass ich immer wieder auf
tolle Menschen treffe, die mich weiterbringen. In der
eigenen Firma, aber auch im Rest der Welt. Vielleicht
sind das ja Engel. Jedenfalls geben sie mir Hoffnung.
Sie wurden streng protestantisch erzogen. Wie sah das
konkret aus? Durften Sie sich in Ihrer Jugend in keinen
Katholiken verlieben?
Selbstverständlich durfte ich. Mein Elternhaus war
trotzdem immer sehr liberal. Nur der Rahmen war klar
gesetzt: Kirchgang, Gebete, Gespräche über Religion –
das alles. Eine stark an christlichen Werten orientierte
Erziehung. Bei mir ging’s ja auch gut: Ich habe sogar
einen Pfarrerssohn geheiratet.
Die evangelische Kirche gibt sich gern antikapitalistisch,
links und woke. Wie oft hadern Sie mit Ihrer Amtskirche?
Die Kirche ist groß. Und – das darf man nicht vergessen –
sie ist immer und zuallererst für die Schwachen da.
Die Starken können sich im Zweifel selbst helfen. Das
bringt das Denken, auch meines, immer in eine gewisse
Richtung. Nicht nur, wer in diakonischen Einrichtungen
arbeitet, wird davon geleitet. Auch wenn ich nicht alles
verteidigen will, was aus der Spitze der evangelischen
Kirche so an „Innovationen“ kommt. Leider stoße ich
bei Kirchenvertretern oft auf ein gewisses Unwissen
über die soziale Seite des Unternehmertums.
Von den Kanzeln wird oft gegen die bösen Kapitalisten
gepredigt: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,
als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, sagte
schon Jesus in der Bibel.
Nicola
Leibinger-
Kammüller
1959
wurde sie in
Wilmington/Ohio
geboren, wo ihre
Eltern aus beruflichen
Gründen
gerade lebten
1984
begann sie nach
einem Philologiestudium
ihre Arbeit
im Familienunternehmen
2005
übergab Vater
Berthold Leibinger
ihr die
Geschäftsführung,
die sie nunmehr
20 Jahre innehat
Auch Jesus brauchte Bilder, um seine Wahrheiten einprägsamer
zu gestalten. Dieses Gleichnis ist zudem
viel breiter angelegt. Es geht um große Fragen wie:
Was bin ich bereit aufzugeben? Nicht nur Geld, auch
Gewohnheiten.
Dabei ist Geld nun mal ein Indiz für Erfolg.
Aber nur eines. Wenn ich denke, was wir als Firma alles
an sozialen Projekten unterstützen! Übrigens bieten wir
angehenden Geistlichen bei uns regelmäßig Betriebspraktika
an. Das hilft beiden Seiten im Verständnis füreinander.
Jedenfalls bleibe ich meiner Kirche treu und
lasse mich ganz gewiss nicht aus ihr vertreiben.
Stand Ihnen Ihr Glaube schon mal bei einer Geschäftsentscheidung
im Weg?
Nein, aber er schwebt über einem und bildet unsichtbare
Leitlinien. Man darf sich auch als CEO gelegentlich
ganz naiv fragen: Wie würde Jesus entscheiden?
Machen Sie das oft?
Wenn es nötig scheint. Und nicht nur bei der Frage,
ob Entlassungen unumgehbar sind. Man will ja nicht
schlecht mit Menschen umgehen. Das bedeutet aber
nicht, dass wir Entscheidungen aufschieben, die für
das Überleben der Firma und damit zum Wohl des
Ganzen existenziell zu werden drohen.
Darf man als Christ mit Rüstung Geld verdienen?
Sie investieren mit dem Elektronikkonzern Rohde &
Schwarz künftig in Militärprojekte. Was würde Jesus
dazu sagen?
Es geht um Drohnen, für die wir nun mal die ideale
Laser-Technologie liefern können. Diese Entscheidung
haben wir uns nicht leicht gemacht. Ich kann es anerkennen,
wenn jemand eine pazifistische Grundhaltung
hat. Aber ich selbst bin keine Pazifistin. Ich sehe,
dass die Ukraine seit über drei Jahren von Putin zerstört
wird. Und wenn ich oder mein Land in einer ähnlichen
Lage wäre, würde ich einschreiten. Mit allem,
was mir zur Verfügung steht.
Sie würden sich wehren?
Wenn ich angegriffen werde, klar. Und so handhaben
wir auch unser Projekt mit Rohde & Schwarz. Das sind
Laser zur Drohnenabwehr, die uns hoffentlich in wenigen
Jahren auf unserem eigenen Boden potenzielle
Angriffe ersparen, wie die Ukraine sie leider jede Nacht
erlebt.
Sie handeln nicht dem Profit zuliebe, sondern aus
Vaterlandsliebe?
Geschäftlich spielt das Drohnenprojekt wirklich nur
eine Nebenrolle. Wenn Sie so wollen, stecken wir in
einem Dilemma, das wir aus innerer Überzeugung annehmen:
Wir haben den passenden Laser. Und es ist
ein deutscher Laser. Das ist angesichts der geopolitischen
Verwerfungen heutzutage auch nicht ganz unwichtig.
Zu dieser – verzeihen Sie die Großspurigkeit –
patriotischen Tat fühlten wir uns verpflichtet.
Selbst der grüne Ministerpräsident in Stuttgart,
Winfried Kretschmann, ist für Rüstung.
Herr Kretschmann hat eben auch erkannt, dass wir
mittlerweile Waffen brauchen. Nicht um andere anzugreifen,
sondern um im Ernstfall das verteidigen zu
können, was wir uns hier aufgebaut haben an Freiheiten,
Werten und Wohlstand.
48 FOCUS 52/2025_01/2026
Familienunternehmen
Laser-Hightech aus Ditzingen: In dem schwäbischen Städtchen in der Nähe von
Stuttgart hat das Familienunternehmen Trumpf von je her seinen Sitz
Die schwächelnde Autoindustrie im Südwesten sucht ihr
Heil ebenfalls in der Rüstung.
Die hiesige Autoindustrie samt all ihrer Zulieferer beschäftigt
sich in erster Linie damit, die eigene Transformation
zu stemmen, in Richtung E-Mobilität, Digitalisierung
und Produktivitätssteigerung. Das ist schon
hart genug, auch wenn sie meiner Ansicht nach auf dem
richtigen Weg ist. Den muss sie mit Verve weitergehen.
Haben Sie es jemals erlebt, dass es dem ökonomischen
Kraftzentrum Baden-Württemberg derart schlecht ging
wie aktuell?
Ich arbeite jetzt seit 41 Jahren bei und für Trumpf.
Die momentane Situation ist beispiellos. Alle Probleme
kommen gleichzeitig. Wir leben ja auch von vielen
kleinen Mittelständlern, die zugleich unsere Kunden
sind. Und deren Problem ist nicht unbedingt Donald
Trump, sondern dass sie hier in ihrer Heimat stranguliert
werden von ausufernden Berichtspflichten, hohen
Energiepreisen und politischer Unentschlossenheit.
Reihenweise gehen die Firmen kaputt.
Hat die Politik das verstanden?
Ich denke schon. Allen ist mittlerweile klar: Der Mittelstand
samt Maschinen- und Fahrzeugbau ist das Herz
unseres Wohlstands in der Region. Wenn dieses Herz
schwächelt, können wir uns alles andere nicht mehr
leisten: Kultur, Vereinsförderung, Soziales, Bildung.
Das sieht auch Berlin …
… wo sie mit der Politik von Friedrich Merz trotzdem
nicht zufrieden sein können.
Unser Wohlstand ist bislang immer gewachsen, es gab
nur eine Richtung, jedenfalls für viele: nach oben. Die
Menschen haben sich an viele Annehmlichkeiten gewöhnt.
Die anstehenden Schmerzen und Veränderungen
müssen aber auch ehrlich erklärt werden.
Manuel Hagel, der CDU-Spitzenkandidat im Südwesten,
hat mit Gerhard Schröder neulich über Reformen wie die
Trumpf in
Zahlen
4,33
Milliarden Euro
Umsatz machte
der Laser-Spezialist
im Geschäftsjahr
24/25
18 300
Beschäftigte
zählte das Familienunternehmen
Mitte des Jahres
14
Standorte unterhält
Trumpf in
Deutschland,
29 im Rest Europas
und weitere
28 weltweit,
darunter auch
in China und
den USA
Agenda 2010 gesprochen. So was könne jetzt nicht
gelingen, sagte Schröder, weil es den Deutschen noch
immer zu gut gehe.
Ich mag diese Deutung nicht, denn wir wollen ja, dass
es uns gut geht, oder? Aber ich verstehe die Aussage.
Zu Schröders Regierungszeit war die Arbeitslosigkeit
viel höher als heute. Deshalb fand er mehr Mitstreiter
für dringend nötige Reformen.
Heute fehlt der nach links gerückten SPD die Einsicht
ins ökonomisch Notwendige?
Wir müssen endlich anfangen, uns mit anderen zu vergleichen,
etwa bei den Arbeitszeiten, wo fast alle anderen
Länder, selbst die Schweiz, weit mehr Einsatz
zeigen. Wir haben als Firma auch Dependancen in
China und sehen dort, mit welchem unfassbaren Ehrgeiz
die Chinesen an ihre Arbeit gehen. Zumindest ein
bisschen was könnten wir uns davon schon abschauen.
Stattdessen gibt es bei uns schon ein Riesengeschrei,
wenn mal jemand einen Feiertag weniger fordert.
Sie haben die Abschaffung des Ostermontags gefordert
und damit einen Sturm der Entrüstung provoziert.
Ja, und das als bibelfeste Christin. Dabei war das nur
ein markantes Beispiel, das wachrütteln sollte. Wir müssen
mehr arbeiten, lautete der entscheidende Subtext.
Mal ehrlich: Gehen Sie am Ostermontag noch in die
Kirche, wenn Sie es Freitag und Sonntag getan haben?
Hm.
Sehen Sie! Es könnte statt des Ostermontags auch Himmelfahrt
sein. Welchen Mehrwert bringt es, wenn sich
an diesem Tag junge Männer gemeinsam betrinken,
um jetzt noch ein weiteres Mal ironisch zu überspitzen?
Vergessen Sie von mir aus auch diesen „Vorschlag“! Es
geht um die Symbolik und das Verständnis: Wir müssen
als Volkswirtschaft wieder mehr tun, weil der Wettbewerb
angezogen hat, idealerweise außerhalb der Feiertage.
Wir absolvieren im Ländervergleich in puncto
Arbeitsstunden zu wenig und fallen zu oft aus. Deutschland
hat mit die höchsten krankheitsbedingten Fehlzeiten
in ganz Europa.
Sind wir ein Volk von Blaumachern? Müssen bei Trumpf
auch Leute vorsprechen, wenn sie auffällig oft am Montag
fehlen, wie bei manchen Arbeitgebern inzwischen üblich.
Um solche Fälle kümmern wir uns schon länger. Ganz
fürsorglich. In mehreren Runden wird mit dem Mitarbeiter
darüber gesprochen. Natürlich vor allem, um
herauszufinden, ob wir was für ihn tun können, weshalb
es ihm oder ihr nicht ausreichend bei uns gefällt.
Das gebietet das pietistische Arbeitsethos?
Es ist doch so: Wenn ich fehle, obwohl ich vielleicht
nicht mal wirklich krank bin, muss meine Arbeit von
anderen erledigt werden. Ist das in Ordnung? Natürlich
gilt zunächst immer: In dubio pro reo. Aber wenn
sich Muster des Sich-raus-Mogelns zeigen, müssen
wir einschreiten. Solche Auszeiten können wir uns –
als Firma und Land – einfach nicht mehr leisten. Wir
sind nicht mehr ausreichend wettbewerbsfähig, weil
viele Produkte der Industrie kein Selbstläufer auf dem
Weltmarkt mehr sind wie früher.
Sie sehen das Manko in der Einstellung?
Eigentlich haben es die Leute verstanden. Aber es ist
unbequem. Dann müssen wir uns zur Leistung eben
FOCUS 52/2025_01/2026
49
Wirtschaft Familienunternehmen
Seit 20 Jahren Firmenchefin: Nicola Leibinger-Kammüller
gegenseitig zwingen. Unser System muss von Grund
auf erneuert werden. Ich hoffe nur, dass etwa die Rentenkommission
mit echten Fachleuten besetzt ist.
Sagen Sie das auch dem Kanzler, wenn Sie ihn treffen?
Natürlich. Ich sag’s ihm, weil ich gern ehrlich bin. Aber
er weiß es auch selbst.
Warum duckt er sich dann weg, und lässt den Herbst
der Reformen ausfallen?
Ich finde nicht, dass der Kanzler sich wegduckt. Aber
er muss neben einer außenpolitischen Herkulesaufgabe
eine schwierige Koalition zusammenhalten.
Nach der Wahl herrschte Aufbruchsstimmung.
Kein halbes Jahr später scheint alle Euphorie verflogen.
Inzwischen ist fraglos eine gewisse Ernüchterung eingetreten.
Aber man kann die Krise auch zusätzlich verstärken,
das geht auch an Sie, die Medien ...
… es sind Manager, die am lautesten über die Versäumnisse
in Berlin klagen. Oder sogar mit der AfD flirten.
Ich glaube zum Beispiel nicht, dass wir alle drei Tage
eine neue Umfrage brauchen, die das Genörgel abbildet
und dadurch weiter aufbaut. Als Schwäbin sage
ich: „Jetzt lasst sie doch mal schaffen!“ Leider verhindert
die SPD vieles an Umbau. Und leider gelingt es
den Koalitionspartnern nicht, ihre Diskussionen hinter
verschlossenen Türen auszutragen. Dann ist immer
gleich die Rede von „Streit“ und „Krach“ und „Krise“.
Alle sind Getriebene. Alle haben Angst, irgendwas
Falsches zu machen.
Angst ist ein gutes Stichwort. Was ist für Sie aktuell das
größere Problem: die SPD oder die AfD?
Der Vergleich ist schief. Die SPD hat die viel größere
Verantwortung, der sie sich leider zu wenig stellt. Die
AfD kann rumstänkern, wie sie will. Völlig egal. Sie
muss nicht zeigen, ob sie’s besser könnte. Das macht
es ihr einfach. Die einzige Möglichkeit, die AfD wieder
kleinzukriegen, wäre es, eine Politik zu liefern,
in der sich die Wähler wiedererkennen und sichtbare
Verbesserungen spüren.
»Es
ist völlig
sinnlos,
mit AfD-
Leuten zu
sprechen«
Ist die AfD mit dem Christentum vereinbar?
Schwierige Frage. Anfeindungen gegen einzelne Bevölkerungsgruppen,
die es seitens der AfD systematisch
gibt, sind es zumindest nicht.
Oder anders: Ist mit ihr Staat zu machen? Oder hilft
nur ein Verbot?
Die Verbote gab’s auch schon mal gegen links. Beim
damaligen Radikalenerlass dachte ich: Na ja, wer
schon den Staat ablehnt, sollte vielleicht nicht unsere
Kinder unterrichten. Aber gilt das auch für den Hausmeister
in der Kita? Es sind streitbare Fragen, die andere
Länder übrigens ganz anders sehen. Die Briten zum
Beispiel verstehen das Brandmauer-Thema nicht, das
ja so weit reicht, dass AfD-Abgeordnete nicht in der
Bundestags-Fußballmannschaft mitspielen dürfen. Da
fassen sich viele Leute im Ausland an den Kopf. Aber
wir haben auch eine andere Verantwortung unserer
Geschichte gegenüber.
Der Präsidentin des Familienunternehmer-Verbandes
Ostermann ist es schlecht bekommen, einen AfD-Mann
zu einem Parlamentarischen Abend einzuladen.
Deshalb bin ich ihr als Mitmensch beigesprungen in
diesem Shitstorm, den sie wirklich nicht verdient hatte.
Obwohl ich persönlich es für völlig sinnlos halte, mit
AfD-Leuten über ihren Standpunkt zu sprechen.
Warum?
Die kriegt man aus ihrem Tunnel nicht mehr raus. Sie
haben oft jede Kompromissfähigkeit verloren.
Frau Ostermann drehte dann bei und baute alle Brandmauern
zwischen Unternehmerlager und AfD wieder auf.
Ich weiß, aber das kann auch nicht die Lösung sein.
Wir sind da in einer Diskurs-Falle, denn der Unmut der
Menschen löst sich nicht von selbst oder durch Mauern
in Luft auf. Dieser Falle können wir nur mit dem besseren
politischen Angebot an die Wähler begegnen. Auf
allen Ebenen, auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Ihr Bruder Peter Leibinger klingt als Präsident des mächtigen
Industrieverbandes BDI jeden Tag alarmierter. Bespricht
er das mit Ihnen?
Dafür braucht er mich nicht, aber natürlich tauschen
wir uns aus. Seine wachsende Sorge kann ich verstehen.
Darüber müssen wir alle gesellschaftlich deutlich
mehr reden. Dafür setze ich mich gern ein, auch mit
Ihnen hier, wenn es etwas in Gang setzt.
Wie zuversichtlich schaut Trumpf ins nächste Jahr?
Verhalten optimistisch. Es ist noch kein echter Aufschwung
zu erkennen, wie wir ihn nach früheren Krisen
erlebt haben. Aber auch kein weiterer Rückgang,
eher vorsichtige Anzeichen der Besserung.
Um noch mal zum Glauben zurückzukehren: Woran
glauben Sie, wenn Sie an Deutschland denken?
Dass wir gute Chancen haben, wenn wir uns zusammenreißen.
Wenn wir gemeinsame Ziele definieren.
Die Erfolgszutaten sind alle da: hervorragende Forschungseinrichtungen
und Universitäten, der Mittelstand,
hervorragende Technologien, eine duale Ausbildung,
um die uns viele Länder beneiden und – nicht
zuletzt – im Kern immer noch viele ideenstarke, fleißige
Leute. Um bei unserem Glaubens-Thema zu bleiben:
Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir
das nicht schaffen. 7
50 FOCUS 52/2025_01/2026
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
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Text an
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www.focus-abo.de/agb abrufen. * Zum Ortstarif, Mobilfunknetze können abweichen. Verantwortlicher und Kontakt: BurdaVerlag Consumer Sales & Services GmbH, Hauptstr. 130, 77652 Offenburg für die BurdaVerlag Publishing GmbH,
in gemeinsamer Verantwortlichkeit mit mehreren Verlagen von Hubert Burda Media (siehe www.burda.com/de/gvv). Informationen zum Datenschutz können Sie unserer Impressum-Seite entnehmen.
Ressort Wirtschaft
Geschenkt und geschickt: Liefer- und
Paketdienste in Deutschland
Leben und
liefern lassen
Nicht nur zur Weihnachtszeit:
Ein Rausch der Pakete
hat das Land erfasst
Erwarten Sie ein Paket? Oder
zwei? Oder zehn? Weihnachtszeit
ist Lieferzeit. Die Deutschen
bestellen online und lassen liefern.
So ziemlich alles. Oder sie packen
und verschicken selbst. So ziemlich
alles. Der Geschenkerausch löst einen
Lieferwahn aus. Vor den angeblich
„stillen Tagen“ fluten Pakete die
Depots, Lastwagen und Annahmestellen.
Im Vergleich zum Jahresdurchschnitt
ist das tägliche Paketaufkommen
in der Weihnachtszeit
doppelt so hoch. DHL, der Marktführer
unter den Paketdiensten, verzeichnete
bereits Anfang Dezember
einen Tages rekord von 12,4 Millionen
Paketen. Warum der nationale
Paketkollaps auch in diesem Jahr
ausbleibt? Weil Tausende zusätzliche
Kuriere arbeiten – und weil auch
Nachbarn Pakete annehmen. Klingeln
Sie doch mal nebenan! Dort
wartet ein Paket auf Sie. 7
NOAH RAFFENBERG
Mit 13,83 Lieferdiensten
pro
100 000 Einwohnern
ist Hamburg
die Metropole
mit der höchsten
Dichte
1292
Lieferdienste
gibt es in Nordrhein-
Westfalen –
die meisten
bundes weit
Anzahl Lieferdienste
nach Bundesland, 2025
Umsatz von Kurier-, Expressund
Paketdiensten
in Millionen Euro, in Deutschland
30 000
20 000
10 000
0
229
52
1292
2000
70
428
670
266
256
427
100
Stand: 10. Dezember 2025
91
843
64
96
Corona-Pandemie
298
240
20
24
5422
Lieferdienste sind
derzeit in Deutschland
aktiv
298
Lieferdienste
gibt es in Berlin –
mehr als in jeder
anderen Stadt
Marktanteile der größten
Paketdienste
nach Volumen, in Prozent,
in Deutschland, 2022
49
13
12
11
8
6
1
DHL
Hermes
UPS
DPD
GLS
FedEx/TNT
andere
Sendungsmenge von Kurier-, Express- und Paketdiensten
in Millionen, in Deutschland
6000
4000
Corona-Pandemie
4290
Prognose
5190
2000
2014 2020 2024
2030
Die Statistik umfasst nur tragbare Pakete unter 31,5 kg, die einzeln getrackt und im regulären
Transportnetz befördert werden. Briefsendungen und nicht als Paket geführte
Kleinsendungen sind ausgeschlossen
Quellen: Bitkom, Destatis, Getir,
Lieferando, Listflix, Statista, Znaki
52 FOCUS 52/2025_01/2026
Grafik der Woche
Essen, Kleider, Bücher: was sich die
Deutschen liefern lassen
Käufe, Bestellungen und Abonnements
über das Internet
in Prozent, Mehrfachnennungen möglich, 2024
Modeartikel 48
Filme/Serien, Musik
40
davon
Film- u. Sportstreaming
31
Musikstreaming
26
Medienprodukte
12
Verbrauchsgüter
Medieninhalte
davon
Printmedien
E-Books u. Audiobooks
digitale Abos
Eintrittskarten
Essenslieferung
Beherbergung
Einrichtung und Haushalt
9
7
19
29
27
26
24
23
23
64 % der
Bevölkerung
sprechen sich
für Drohnenlieferungen
aus.
51 Prozent sind
jedoch über
Kollisionen
und Abstürze
besorgt
Diese Lebensmittel bestellten die
Deutschen 2023 am liebsten
über Gorillas
Hafermilch
Bananen
Wasser
Bereitschaft, für klimafreundliche
Paketlieferungen mehr zu zahlen
in Prozent, 2023
Österreich
Deutschland
Spanien
Frankreich
Schweden
Eur. Durchs.
Italien
Großbrit.
Niederlande
Tschechien
Polen
28
26
24
23
22
20
19
16
16
16
13
Mit einem
Marktanteil von
75 Prozent im
Jahr 2024 steht
Lieferando
auf Platz eins
bei Essensbestellungen
in
Deutschland
HelloFresh
liefert Zutatenboxen
mit
Rezept und
Anleitung statt
fertiger
Mahlzeiten
Uber Eats nutzt
Ubers Logistiknetzwerk,
das
Kurieren hilft,
Bestellungen
schnell und
zuverlässig zu
liefern
Die Wolt-App
erlaubt geplante
Bestellungen,
bei denen Datum
und Uhrzeit
gewählt
werden können,
sodass das
Essen pünktlich
geliefert wird
50 %
Retourenquote
hat Zalando,
Deutschlands
größtes Online
Modehaus
Diese Essensrichtungen bestellen
die Deutschen am liebsten
Amerikanisch
Japanisch
Italienisch
Deutsche Haushalte
erhielten
2024 im Schnitt
63 Pakete
FOCUS 52/2025_01/2026 53
Jörg Biebernick, CEO der
Paulaner Gruppe, verfügt
über 30 Jahre Erfahrung
in den Bereichen Konsumgüter,
Getränke und Tabak
54 FOCUS 52/2025_01/2026
Handel
Die Schlacht um die Brause
Coca-Cola, Pepsi und danach lange nichts. Das will Paulaner jetzt ändern.
Der bayerische Braukonzern greift mit einer eigenen Cola die Giganten aus
Amerika an. Lässt sich ein Erfolg wie mit Spezi wiederholen?
Text von Zoë Brunner und Georg Meck
FOTOS: SIMON KOY FÜR FOCUS-MAGAZIN, API
T
»Wir haben über 40 Prozent Marktanteil im Cola-Mix-
Segment. Wir haben so Selbstbewusstsein gewonnen.
Deshalb wagen wir uns an das größte Segment: Cola«
„Typisch Bayerisch“– das ist, woran die
meisten denken, wenn von Paulaner die
Rede ist. Als eine der sechs Münchner
Brauereien, die auf der Wiesn ausschenken
dürfen, betreibt Paulaner gleich auch
eines der größten Festzelte auf dem Oktoberfest.
Die Marke steht aber nicht nur für
Weißbier, Helles und Radler. Denn: Paulaner,
der Braukonzern, der zur Schörghuber
Gruppe und Heineken gehört, wagt
im März 2026 den Schritt in den Cola-
Markt.
Das Design? Pink, magenta, lila und
schwarze Wellen, die man doch schon
mal gesehen hat. In Dosen und 0,33-Liter-
Flaschen kommt die Paulaner-Cola in
den Einzelhandel und in die Gastronomie.
Cola steht für Popkultur, Fast Food,
jugendliches Lebensgefühl und gilt als typisch
amerikanisch. Der geplante Launch
wirkt wie ein Bruch mit Paulaners Identität.
Kann das gut gehen mit der bayerischen
Cola? Oder hat die Brauer der
Übermut gepackt?
Urban, leise, erfolgreich
Die farbige Welle hat man schon gesehen,
ein Sortiment alkoholfreier Getränke ist
bei Paulaner auch nichts Neues, und ein
Hauch Cola steckt schon in einem Produkt
drin. Gemeint ist das Getränk Paulaner
Spezi, offiziell ein Cola-Mix, aus Cola und
Orangenlimonade, der in Deutschland
den Markt dominiert. In diesem Segment
besitzen die Münchner einen Marktanteil
von rund 40 Prozent, der Absatz stieg
alleine im Jahr 2024 um knapp 25 Prozent.
Bei den Cola-Mix-Getränken ist Paulaner
damit Marktführer. „In Deutschland
erwirtschaften wir inzwischen mit alkoholfreien
Getränken mehr Umsatz als
mit alkoholhaltigen“, erklärt Jörg Biebernick,
seit September 2023 Chef der
Paulaner Brauerei Gruppe, im Gespräch
mit FOCUS. Das liegt vor allem an der
Beliebtheit der Süßgetränke, alkoholfreie
Biere können längst nicht mithalten. Und
das traditionelle Bier hat es, angesichts
von Fitness- und Gesundheitsbewusstsein,
schon länger schwer. Der Biermarkt
steht unter Druck. Fast krampfhaft suchen
Brauer, Alternativen zu entwickeln, präbiotische
oder probiotische Milchgetränke
und was die Fantasie sonst noch so hergibt.
Das Schrumpfen der Branche, die
Konzentration auf große Spieler bremst
Premiere im
März 2026:
So soll die
Paulaner-Cola
aussehen.
Die Ähnlichkeit
mit Spezi ist
erwünscht
das nur bedingt. Einst große Marken,
die sogenannten Fernsehbiere, verlieren
an Glanz, mit jeder Rabattaktion im
Getränkemarkt noch ein bisschen mehr.
Paulaner, der stabile Familienkonzern
der Schörghubers, ist mit breitem Rücken
unterwegs. „Es läuft hervorragend“, sagt
der Chef. Im Ausland etwa wird mit Bier
das große Geld gemacht. Sein Spezi darf
Paulaner allerdings erst nach einer Einigung
mit der Augsburger Brauerei Riegele
unter diesem Namen im kommenden
Jahr exportieren. Ab 2026 soll die Brause
in der Schweiz, Spanien, Italien, Frankreich
und Polen erhältlich sein.
Zum Erfolg des Paulaner Spezi-Getränks
in Deutschland trägt eine Marketingstrategie
bei, die sich bewusst von klassischen
Softdrinks wie Mezzo Mix aus
FOCUS 52/2025_01/2026
55
Wirtschaft
dem Hause Coca-Cola abhebt. Denn
während Coca-Cola, seit 1929 auf dem
deutschen Markt, zu jeder Saison, jeden
Feiertag und jedem Sportereignis massiv
in Werbekampagnen investiert, setzt
man bei Paulaner auf: Weniger ist mehr.
„Bloß keine Werbung, die nach Werbung
aussieht“, heißt es in der Werbestrategie
für Paulaner Spezi. Die Marke taucht in
urbanen Teilen der Stadt auf. In angesagten
Vierteln und Lifestyle-Läden hängen
die Retro aussehenden Logo-Plakate. Sie
hängen einfach da, wirken wie Teil des
Straßenbilds, ohne aufdringliche Handlungsaufrufe.
„Wir hatten bei Spezi das
Problem, dass die Leute die Plakate aus
den Gaststätten abreißen und über das
Bett hängen“, erklärt Biebernick mit
einem Lächeln. Ob das tatsächlich so
häufig passiert, lässt sich nicht belegen.
Klar ist: Für junge, urbane Konsumenten
ist die Braunglasflasche mit Kronkorken
und warmen Erdtönen „in“; man
trinkt sie an der Spree oder der Isar und
teilt sie gerne in den sozialen Netzwerken.
Für eine Marke gibt es kaum etwas
Besseres: Kein teures Marketing ist nötig,
die Konsumenten übernehmen die Arbeit
von selbst.
An den Erfolg mit Spezi will Biebernick
jetzt anknüpfen – und sich im kommenden
Jahr mit dem größten Getränkekonzern
der Welt anlegen. „Keine Cola schmeckt
besser“, tönt der Paulaner-Chef. Das hätten
alle Tests bestätigt.
Der geschmackliche Unterschied sei
klar erkennbar. Also ist mehr Koffein
enthalten? Weniger Zucker? Ein anderer
Kohlensäuregehalt? Das bleibt so ungewiss
wie das geheime Coca-Cola-Rezept.
Aber wird das wirklich klappen mit dem
Kampf gegen die Giganten – oder übernehmen
sich die Münchner Brauer?
Ein Markt mit kaum Platz für Neue?
Vor allem ihre optische Marken-DNA
ist ein Alleinstellungsmerkmal, das sie
um jeden Preis schützen. Das zeigte sich
im Rechtsstreit mit der Konkurrenzmarke
Berentzen. Paulaner klagte gegen
das Design des Mio-Mio-Cola-Mischgetränks,
weil dessen Etikettengestaltung
den Eindruck erwecken könnte, das
Produkt stehe in Verbindung zu Paulaner.
Einen weiteren markenrechtlichen
Streit gab es bereits Anfang des Jahres
mit der Brauerlimo von Karlsberg, den
Paulaner ebenfalls gewann. Bei einem
Cola-Produkt dürften so manche juristische
Bedenken aufkommen, könnte
man meinen. Schließlich ist das Feld aufgrund
von Rezeptur und Design stark
durch Patente geschützt. Der Paulaner-
Chef gibt sich allerdings gelassen: „Wir
haben keine rechtlichen Risiken zurückgespielt
bekommen“, sagt er.
Das größte Risiko ist der harte Wettbewerb
im Cola-Markt. Paulaner tritt als
Underdog an. Das ist dem Chef bewusst:
„Wir sind in der Rolle des David, aber wir
sind es gewohnt, von Goliaths umzingelt
zu sein.“ Sein Selbstbewusstsein, sich
kämpferisch durchzusetzen, schöpft er
nicht nur aus der Spezi, sondern auch
aus Erfolgen im Limo-Markt. Die Paulaner
Zitronen-Limo rangiert auf Platz
zwei im deutschen Markt. Rückenwind
kommt zudem vom Konsumverhalten: Der
Pro-Kopf-Verbrauch von Cola und Cola-
Mischgetränken ist in Deutschland zwischen
2021 und 2024 gestiegen. 2024 lag
dieser bei 36,2 Litern.
Wer wirklich Goliath in der Cola-Branche
ist, zeigt eine Auswertung des Marktforschungsinstituts
Global Data. Die Marketingmaschine
Coca-Cola führt gleich
mit drei Produkten im Marktanteilranking
in Deutschland: der klassischen Cola
(53 Prozent), Cola Zero (15 Prozent) und
Cola Light (8,5 Prozent). Zusammengerechnet
liegt der Marktanteil von Coca-
Cola bei fast 80 Prozent. Direkt dahinter
folgt der nächste US-Konzern, ebenfalls
mit drei Varianten. Zuerst die klassische
Pepsi, anschließend Pepsi Light und die
zuckerfreie Sorte Pepsi Max. Erst danach
Das Paulaner
Oktoberfestzelt,
früher Winzerer
Fähndl, zählt zu
den bekanntesten
und größten
auf der Wiesn
»Im Limonadenbereich haben wir in Deutschland bereits
einen höheren Absatz als mit Bier. Allein dieses Jahr
haben wir damit um 20 Prozent zugelegt. Der Biermarkt
dagegen steht unter Druck«
schaffen es deutsche Marken im eigenen
Land ins Spielfeld. Dazu gehört laut der
Auswertung die ostdeutsche Vita Cola,
die vor allem regional, etwa in Thüringen,
stark ist. Weitere Marken sind Sinalco,
Glorietta und Fritz-Kola.
Auf die Kampagne kommt es an
Warum also überhaupt den Versuch wagen,
in diesem stark umkämpften Markt
Fuß zu fassen? „Markteintrittsbarrieren
sind höher als in Segmenten wie dem
Cola-Mix-Markt“, erklärt Michael Pusler,
Dozent für Wirtschaftspsychologie an der
Hochschule Fresenius in München. Pepsi
beispielsweise schaffe es trotz Marketinganstrengungen
nicht, Coca-Cola nennenswerte
Marktanteile abzujagen. „Auf
Anhieb werden es keine zweistelligen
Marktanteile“, gesteht auch der Paulaner-Chef.
Coca-Cola versteht, dass Markenmacht
nur funktioniert, wenn sie mit
lokaler Feinjustierung kombiniert wird.
Paulaner hat das nicht erfunden. Die
„Share a Coke“-Kampagne ist dafür ein
Paradebeispiel. Seit Mai tragen Flaschen
und Dosen typische Vornamen der jeweiligen
Länder. In Deutschland ist es zum
Beispiel „Felix“, in Spanien „Maria“. So
wird selbst ein amerikanischer Großkonzern
für lokale Kunden nahbarer – und
schafft gleichzeitig einen Kaufanreiz, nämlich
eine Flasche mit dem eigenen Namen
zu suchen. Genau das gleiche Ziel verfolgt
Coca-Cola mit ihrer „Made in Germany“-
56 FOCUS 52/2025_01/2026
Handel
FOTOS: MARYAM MAJD/REUTERS, STEFAN FINGER/LAIF
Kampagne, die auf ihre regionale Präsenz
aufmerksam machen soll.
Zugleich sei die Marke ohnehin „mental
in den Köpfen der Verbraucher“ fest
verankert, so Pusler. Das heißt: Selbst,
wenn deutsche Kunden aufgrund der politischen
Lage in den Vereinigten Staaten
Produkte von dort meiden wollen, wird das
Coca-Cola vermutlich kaum betreffen. Das
Getränk bleibt generationsübergreifend
der Lieblingssoftdrink. Auch zwischen den
Geschlechtern und Generationen herrscht
in dieser Frage Einigkeit. Das zeigt eine
Umfrage des Instituts YouGov: Gen Z, Millennials,
Gen X und Babyboomer nannten
Coca Cola als Favoriten unter den zuckerhaltigen
Getränken.
Im deutschen Cola-Markt hat man in
der Vergangenheit durchaus gesehen,
dass heimische Marken einen Hype erleben
können. Zum Beispiel Afri-Cola. Ende
der 60er Jahre sprach die Marke mit provokanten
Werbungen den Zeitgeist an
und bot eine Cola mit höherem Koffeingehalt.
Eltern hielten das Getränk deshalb
von ihren Kindern fern – die wollten Afri-
Cola deshalb umso mehr. Ende der 80er
Jahre flaute das Interesse jedoch wieder
ab, heute ist der Marktanteil der Marke
sehr überschaubar.
Wie Paulaner abschneiden wird, zeigt
sich im März, wenn das Volk zum ersten
Mal die neue Brause probieren kann.
Schon im Sommer gab es vorab mehrere
Produkttests, bei dem jede Testperson eine
Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben
musste, damit alles streng geheim
bleibt.
Paulaners Erfolg im Spezi-Markt kann
entweder die Paulaner-Cola beflügeln
oder sich dort als Nachteil erweisen. Der
Grund: Paulaner könne mit einem weiteren
Cola-Produkt die eigenen Süßgetränke
wie Spezi und Limo kannibalisieren,
ohne im Markt nennenswert dazuzugewinnen,
sagt Pusler. Doch das Unternehmen
könnte auch von seiner treuen, jungen
Kundschaft profitieren. Ganz nach
dem Prinzip: Wer schon ein Paulaner-
Spezi-Fan ist, greift bestimmt auch zu
einer Cola aus dem Haus. „Die Marke ist
bekannt und kann durch zielgruppengerechte
Social-Media-Kampagnen sowie
Sponsoring publikumsstarker Kulturund
Sportevents effektiv Aufmerksamkeit
gewinnen“, nennt Pusler als positive
Eigenschaft. Tatsächlich setzt der CEO
auf genau diese Zielgruppe. TV-Spots,
wie man sie etwa von Coca-Cola kennt,
soll es eher nicht geben. Vorbild ist die
Spezi-Kampagne, mit Vermarktung über
Paulaner setzt
beim Branding
bewusst nicht
auf die Optik der
Konkurrenz
Der Sprung nach Amerika ins Cola-Mutterland
ist nicht geplant, sagt der Paulaner-Chef: »In den
USA gibt es zwei große Wettbewerber. Wir sind
nicht so vermessen, dieses Oligopol anzugreifen«
Die Erlöse der
Schörghuber Gruppe 2023
914 Mio.
Mit Getränken erzielt der Konzern den
größten Umsatz. In diesem Bereich
vereint die Gruppe ihre Beteiligungen an
Brauereien — zentral unter dem Dach
der Paulaner Brauerei Gruppe, einem
Joint Venture mit Heineken
297 Mio.
Die zweitstärkste Sparte ist Bauen und
Immobilien. Das Portfolio umfasst Wohnungen,
Büro- und Einzelhandelsimmobilien –
z. B. Objekte in besten Lagen Münchens
256 Mio.
Zu dem Bereich Seafood gehört die Firma
Productos del Mar Ventisqueros
in Chile. Ventisqueros fokussiert
sich auf die Aufzucht und Vermarktung
von Atlantiklachs
237 Mio.
Auch mit Hotels erzielt die Gruppe einen
Teil ihres Umsatzes. Dieser Bereich wird
von Arabella Hospitality geführt, die Hotels
und Resorts in Deutschland, Österreich,
der Schweiz und auf Mallorca betreibt
klassische Outdoor-Werbung und Social-
Media-Einsatz. „Wir kündigen die Marke
kaum groß an. Wir machen keine Massenwerbung,
weil wir den Kultstatus und
unsere Verwender sehr schätzen und respektieren.“
Eine Brause ohne politische Botschaft
Scharf grenzt Biebernick sich ab von
Cola-Wettbewerbern, die auf politische
Botschaften setzen, sich so ihre Nische
in einem speziellen Milieu suchen. „Wir
laden die Marke nicht politisch auf. Wir
machen keine ‚für Diversity‘ oder ‚gegen
Diversity‘ oder für links oder rechts – wir
bleiben sachlich bei dem, worum es hier
geht.“ Seine Zielgruppe sei die breite
Masse – so wie im Kerngeschäft: „Wir
machen Bier für alle. Wir bringen auf
dem Oktoberfest Menschen aus aller Welt
aus allen Schichten mit allen Ansichten
zusammen.“
Paulaner steht bei der Einführung seiner
Cola unter Druck. Schließlich sinkt
der Konsum von alkoholhaltigem Bier seit
den 90er Jahren kontinuierlich. Im ersten
Halbjahr 2025 erreichte der Bierabsatz
den niedrigsten Stand seit Beginn der
Messungen. Gleichzeitig stieg die Nachfrage
nach Cola- und Mischgetränken
zwischen 2012 und 2024 um 15 Prozent,
vor allem bei kalorien- und zuckerarmen
Varianten. Dem Trend zu einer gesünderen
Ernährung zum Trotz: Süßgetränke
bleiben weiter gefragt. 7
FOCUS 52/2025_01/2026
57
Wirtschaft Altersvorsorge
Zinseszins oder das
achte Weltwunder
Wie vorsorgen fürs Alter? Gerade Frauen verdrängen diese Frage oft.
Dabei ist der Aufbau von Vermögen gar nicht so schwer
40 Jahren bereits auf (brutto) 148 885 Euro
anwachsen. Eine doppelt so lange Anspardauer
führt also zu einem mehr als dreieinhalbmal
so hohen Vermögen. Das
heißt: Wer zu Beginn des Arbeitslebens
startet und bis zur Rente durchhält, nutzt
den Zinseszinseffekt optimal.
An der Börse gibt es jedoch noch einen
weiteren Vorteil. Wer beispielsweise per
Sparplan in einen Investmentfonds oder
einen ETF investiert, kann zusätzlich vom
sogenannten Durchschnittskosteneffekt
(Cost-Average-Effekt) profitieren. Dieser
funktioniert so: Anleger kaufen mit dem
Sparbetrag bei fallenden Kursen automatisch
mehr Fonds-Anteile und bei
steigenden Kursen entsprechend weniger.
Dadurch kann der durchschnittliche
Einstiegskurs im Laufe der Zeit niedriger
sein, als bei einer vollständigen Anlage
des Kapitals zu Beginn – was unterm
Strich zu einer höheren Rendite führt.
Strategischer Vermögensaufbau: Ein frühzeitiger Einstieg ist bei Sparplänen besonders sinnvoll
Das Rentenpaket der Bundesregierung
ist verabschiedet, was aus
noch an Reformen kommt, bleibt
fraglich. Sicher ist nur eines: Wollen
die Menschen in Deutschland
im Ruhestand nicht auf ihren gewohnten
Lebensstandard verzichten, müssen
sie ihre finanzielle Vorsorge mehr denn je
selbst in die Hand nehmen. Gerade Frauen
unterschätzen dies oft, wenn sie sich auf
ihre Partner vertrauen. Klüger ist es, aktiv
zu werden. Wertpapiersparpläne sind dafür
das perfekte Werkzeug. Mit ihnen kann
jeder einfach und effektiv ein Vermögen
aufbauen.
„Wer nicht durch Erbschaften mit größeren
Vermögenswerten startet, muss
frühzeitig mit dem Aufbau eines eigenen
Vermögens beginnen“, sagt
Andreas Schyra, Vorstandsmitglied
der unabhängigen
Vermögensverwaltung PVV
aus Essen. Ein häufiger Irrglaube
sei dabei, dass dafür
große Summen benötigt würden,
so der Portfoliomanager.
Tatsächlich lässt sich aber
bereits mit überschaubaren
Beträgen ein solider Grundstein
für ein sorgenfreies Alter
»Vermögensaufbau
ist
keine Frage
des Einkommens,
sondern
der Regelmäßigkeit«
Andreas Schyra, PVV
legen – allein durch Disziplin, Zeit und den
Zinseszinseffekt.
Albert Einstein bezeichnete die Zinseszinsen
einmal als das „achte Weltwunder“,
da sie die enorme Kraft der Zinsen verdeutlicht.
Denn werden die Erträge stets
neu angelegt und mitverzinst, entstehen
Zinseszinsen. So werden aus 10 000 Euro
und zwei Prozent Zinsen nach 30 Jahren
18 114 Euro, bei einer Verzinsung von fünf
Prozent sind es bereits 43 219 Euro.
Auch Sparplaninhaber profitieren vom
Zinseszinseffekt: Wer beispielsweise monatlich
100 Euro breit am Kapitalmarkt
investiert und damit eine durchschnittliche
jährliche Rendite von fünf Prozent
erzielt, hat nach 20 Jahren aus den Einzahlungen
von 24 000 Euro vor Steuern
40 754 Euro gemacht. „Vermögensaufbau
ist somit keine
Frage des Einkommens,
sondern der Regelmäßigkeit“,
erklärt Schyra.
Dabei ist Zeit der wichtigste
Verbündete aller Anleger.
Denn je länger gespart
wird, desto stärker wirkt der
Zinseszinseffekt. So würde
das Kapital im obigen Beispiel
bei einer Laufzeit von
Keine Angst vor der Börse
Hohe Kursschwankungen, die gerade für
Aktien typisch sind, können bei einem
Wertpapiersparplan sogar ein Vorteil
gegenüber der Einmalanlage sein. Zum
einen erlaubt dies langfristig eine höhere
Aktienquote. Zum anderen entfällt der
oft erfolglose Versuch, den „richtigen“
Einstiegszeitpunkt zu treffen. Dadurch
sinkt nicht zuletzt die (psychologische)
Einstiegshürde. „Vielen Menschen fällt
es emotional leichter, monatlich einen
kleinen Betrag anzulegen, als sich von
einer größeren Summe auf dem Konto zu
trennen“, bestätigt Michael Koschatzki,
Investmentprofi der Postbank.
Wie bei einer Einmalanlage ist allerdings
auch bei Wertpapiersparplänen die Wahl
des richtigen Anlagevehikels entscheidend.
Dieses muss vor allem zum eigenen
Risikoappetit passen. Denn was nützt der
beste Plan, wenn der besparte Fonds oder
ETF permanent an Wert verliert oder viel
zu stark im Wert schwankt? Glücklicherweise
stehen Anleger hier jedoch nicht
vor einem echten Problem. Seit Jahren
nimmt sowohl das Angebot an Sparplänen
als auch die Anzahl der Anlageprodukte
und -klassen, die bespart werden
können, in Deutschland kontinuierlich zu.
Am häufigsten investieren Anleger mithilfe
von Investmentfonds und vor allem ETFs
weltweit in Aktien und Anleihen. So wird
das Anlagekapital schon von Haus aus
besonders breit gestreut. In Kombination
mit einem langfristig angelegten Sparplan
erhöht sich so die Chance auf eine ordentliche
Rendite deutlich. 7 SASCHA ROSE
FOTO: FRANCESCO CARTA/GETTY IMAGES
58 FOCUS 52/2025_01/2026
»Aktien ohne
Ahnung: zocken.
Aktien mit
Ahnung: rocken.«
So checkst du Aktien und Co.
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des Investierens starten.
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Wie lässt sich der Alltag
jeden Tag ein bisschen
besser machen?
Um das herauszufinden, schauen die Forschenden
am German Innovation Center
(GIC) in Schwalbach ganz genau hin.
In einem Laborraum etwa werden die rund
200 Einzelteile, aus denen ein Rasierer der
Marke Braun besteht, im 4D-Computertomographen
und mit höchster Präzision vermessen:
Selbst Abweichungen von 0,004 Millimetern
werden detektiert. In einem anderen
Labor kämmt ein Roboter im Dauerbetrieb
Haare. Und in einem weiteren Raum sausen
Kleinkinder auf Dreirädern umher unter den
prüfenden Blicken der Mütter und Experten:
Sitzt die Pampers selbst unter Vollast einwandfrei?
Seit Gründung vor 20 Jahren hat sich das
GIC zum größten Forschungs- und Entwicklungszentrum
außerhalb den USA von
Procter & Gamble ausgebildet. Ob Babywindeln
oder Damenhygiene, Haushaltsgeräte,
Gesundheits- und Kosmetikprodukte:
Viele Innovationen aus den Laboren
von Procter & Gamble in Deutschland
haben die Welt erobert. Als globaler Takt-
Qualität made in Germany
Trends anstoßen, Technologien vorantreiben:
Procter & Gamble setzt auf
Forschung und Fertigung in Deutschland
Im German Innovation Center (GIC) am
Firmensitz im Taunus bei Frankfurt
werden Produkte von Procter &Gamble
kontinuierlich optimiert.
Die zentralen Einheiten in Schwalbach
und Kronberg werden derzeit in Form
eines „ONE Campus“-Modells mit Sitz
in Schwalbach zusammengeführt. Baubeginn
war Ende 2024.
Ab 2030 werden am neugestalteten
Firmensitz rund 2500 Beschäftigte in
modernstem Umfeld arbeiten.
Euskirchen
Super-Absorber und Luftkanal-Technologie:
Die Pampers-Windel wird stetig optimiert
Kronberg
Schwalbach
Groß-Gerau
Worms
Marktheidenfeld
Altfeld
geber nutzen die Forschungsteams am GIC
auch KI-gestützte Datenanalyse sowie
Industrie 4.0-Technologien. Dabei arbeitet
Procter & Gamble zusammen mit Start-ups,
Universitäten sowie Forschungsorganisationen
wie der Fraunhofer-Gesellschaft:
Qualität entsteht nicht im Alleingang.
Im Fokus steht dabei längst auch das Thema
Nachhaltigkeit. Am GIC erarbeiten interdisziplinäre
Forschungsteams Lösungen für
den effizienten und kreislauffähigen Rohstoffeinsatz,
für die weitere Reduktion von
Treibhausgas-Emissionen sowie für wasserund
energieoptimierte Prozesse – mit dem
Ziel, den Alltag der Menschen nicht nur besser,
sondern auch nachhaltiger zu machen.
Das Werk im rheinlandpfälzischen
Worms
versorgt Standorte von
Procter &Gamble
weltweit mit Parfums
und Aromen.
Das Verteilungszentrum
im mainfränkischen
Altfeld ist Teil des großen
Distributionsnetzwerks
von Procter &Gamble
in Europa.
Walldürn
Crailsheim
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Berlin
Für das Beste (nicht nur) im Mann: Seit mehr
als 80 Jahren ist Gillette in Berlin zu Hause.
Im Zentrum der deutschen Hauptstadt werden
Premium-Klingen für Rasierer von
Gillette sowie Gillette Venus hergestellt.
1975 nahm das erste deutsche Pampers-Werk
den Betrieb auf. In Euskirchen, einer Kreisstadt am
Nordrand der Eifel, dreht sich seither
alles ums Baby: Hier werden Pampers-Windeln
sowie Feuchttücher produziert.
Innovationen für die Mundhygiene und
Gesundheit: Das P&G-Werk nahe
Frankfurt am Main stellt WICK Erkältungsprodukte
sowie Zahnpasten der
Marken Oral-B und blend-a-med her.
Hochtechnisches Umfeld: Im unterfränkischen
Marktheidenfeld entstehen elektrische Zahnbürsten
und Aufsteckbürsten der Marke Oral-B.
Das Werk im baden-württembergischen Walldürn
produziert Damen- und Herren-Rasierer
der 1921 in Deutschland gegründeten Marke Braun.
Die Traditionsmarke ist seit 2005 ein
Teil der großen Markenfamilie von Procter &Gamble.
In Crailsheim im Südwesten Deutschlands
stellt Procter &Gamble seit inzwischen
mehr als vier Jahrzehnten Markenprodukte
für Damenhygiene (Always) sowie diverse Haushaltsprodukte
(Swiffer) her.
Aus Deutschland in die Welt
Start 1960: Procter & Gamble hat starke
Wurzeln in Deutschland
FOTOS: PETER GINTER PHOTOGRAPHY, INA STROHBRÜCKER PICTUREPARTNERS
Nah dran an
den Menschen
Dr. Heiko Tischler über
Forschung am GIC
Herr Dr. Tischler, Sie leiten das
Geman Innovation Center
in Schwalbach. Was zeichnet
den Forschungsstandort
Deutschland für Sie aus?
Deutschland verfügt über ein leistungsstarkes
Innovations-Ökosystem
kombiniert mit exzellenter Bildung, herausragender
Forschung und industrieller
Kompetenz. Die enge Zusammenarbeit
zwischen Universitäten,
Forschungseinrichtungen und Unternehmen
speziell in der Rhein-Main-
Region befördert die Entwicklung
neuer Technologien und deren Einsatz
auf breiter Ebene.
Und was macht das German Innovation
Center so besonders?
Im GIC arbeiten rund 1400 Forscherinnen
und Forscher nah am Alltag der
Menschen. Das Zusammenspiel von
30 Fachdisziplinen ermöglicht technologische
Spitzenleistungen, die „made
in Germany“ sind, aber weltweit zum
Einsatz kommen. Besonders stolz
sind wir auf Produkte, die exzellente
Leistung liefern und zugleich für mehr
Nachhaltigkeit sorgen – etwa die umweltfreundliche
Papierverpackung der
Always Binden oder unsere Windeln
mit Extra-Auslauf-Schutz am Rücken.
Über welche Innovation können
Verbraucher demnächst staunen?
Das ist natürlich noch geheim. Nur
so viel: Unser Fokus liegt stets auf
den Menschen sowie auf Innovationen,
die ihnen im Alltag echten Nutzen
bringen. Zudem befassen wir uns mit
neuen Ansätzen etwa zu Verpackungsreduktion
und Recyclingfähigkeit.
Mit zunehmend datengetriebener
Forschung und KI-gestützter Entwicklung
erfüllen wir das hohe Qualitätsversprechen
der Marken von
Procter & Gamble mit Leben. Unsere
Innovations-Pipeline ist gut gefüllt.
VERLAGSSONDERVERÖFFENTLICHUNG
Breite Analyse
Basis der Auswertung sind
vier verschiedene Studien
mit mehreren Millionen
Quellen
Studie
Beste Perspektiven
Ausbildung, Karrierechancen, Sicherheit – bei welchen Arbeitgebern
dürfen die Mitarbeiter das beste Gesamtpaket erwarten?
Junge Talente stellen zunehmend
die Frage nach dem Sinn ihrer
Arbeit. Studien zeigen, dass viele
Hochschulabsolventen bereit sind,
auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten,
wenn sie dafür eine Tätigkeit mit
höherem gesellschaftlichem oder persönlichem
Nutzen ausüben können. Für
die High Potentials – die Führungskräfte
der Zukunft – zählen vor allem Sinnhaftigkeit,
gesellschaftlicher Impact, Nach-
haltigkeit und die Übereinstimmung mit
den eigenen Werten. Gleichzeitig rücken
Themen wie mentale Gesundheit, Work-
Life-Balance und die Möglichkeit, Arbeit
flexibel ins Leben zu integrieren, in den
Vordergrund. Beim Wettbewerb um
die Talente der Zukunft können Unternehmen
deshalb nicht allein mit einem
guten Zweck punkten. Sie müssen den
Bewerbern vielmehr ein stimmiges
Gesamtpaket anbieten.
An diesem Punkt setzt die vorliegende
Studie an: Gemeinsam mit dem
Kölner Analysehaus ServiceValue hat
DEUTSCHLAND TEST diejenigen
Arbeitgeber gesucht, die die Bedürfnisse
der Arbeitnehmer am besten erfüllen.
Welche Unternehmen buchstäblich
ausgezeichnet sind, zeigen die Ergebnisse
auf den folgenden Seiten.
SANDRA LEINFELDER
Illustration: Adobe Stock
DEUTSCHLAND TEST
Methodik
Datengrundlage
Für die Studie „Arbeitgeber des Jahres 2026“
wurden circa 16 000 Unternehmen untersucht.
Basis dieser Auswertung, die die Themengebiete
Ausbildung, Jobs mit Zukunft, Top-Karrierechancen
und Fairness im Job umfasst, ist ein
Social-Media-Monitoring. Die in den Themengebieten
erzielten Punktwerte wurden als Grundlage
für die Studie herangezogen. Durchgeführt
wurden die einzelnen Erhebungen vom Kölner
Marktforschungsinstitut ServiceValue im Auftrag
von DEUTSCHLAND TEST.
ARBEITGEBER
DES JAHRES
2026
ARBEITGEBERREPUTATION
FOCUS 52-1/26 | DEUTSCHLANDTEST.DE
Datenerhebung
Die Datenerhebung des Social-Media-Monitorings
erfolgte jeweils in zwei Schritten. Zunächst
wurden sämtliche Texte, die die zuvor definierten
Suchbegriffe enthielten, aus dem Internet geladen
und in einer Datenbank erfasst. Das Quellenset
umfasste unter anderem Zehntausende
Online-Nachrichten sowie mehrere Millionen
Social-Media-Quellen. Berücksichtigt wurden
dabei sämtliche Seiten beziehungsweise Inhalte
von Seiten, die folgende zwei Bedingungen erfüllt
haben: Es sollte eine deutschsprachige Domain
sein (.at- und .ch-Seiten wurden ausgeschlossen)
und es sollte einen uneingeschränkten
Zugang zum Inhalt der Seite geben. Anschließend
wurden die Daten in drei Stufen analysiert:
Welches Unternehmen/welche Marke wurde
erwähnt? Welches Thema wurde besprochen?
Welche Tonalität wies das Textfragment auf?
Auswertung und Auszeichnung
Zur Berechnung der einzelnen Punktwerte wurden
für jedes Unternehmen zwei Werte ermittelt:
die Differenz aus positiven und negativen Nennungen
geteilt durch die Gesamtzahl der Nennungen
(Tonalitätssaldo je Eventtyp) und die
Anzahl der Gesamtnennungen im Verhältnis zum
Mittelwert der Branche (Reichweite je Eventtyp).
Dabei wurden die folgenden Eventtypen in den
zugrunde liegenden Themengebieten verwendet:
ökonomische Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit,
Arbeitgeber, Arbeitsklima, Unternehmenskultur,
Ausbildung, Karriere sowie die Fairness.
Die Berechnung des Punktwerts erfolgte branchenspezifisch
auf einer Skala von null bis 100
Punkten. Der jeweilige Branchensieger erhielt 100
Punkte und setzte damit die Benchmark für alle
anderen untersuchten Unternehmen der Branche.
Der durchschnittliche Punktwert aller Teilnehmer
in einer Branche bildete die Untergrenze
für die Vergabe der Auszeichnungen. Eine Auszeichnung
bekamen diejenigen Unternehmen,
die überdurchschnittlich gut in der Gesamtwertung
abgeschlossen haben. Sie sind in der nachstehenden
Tabelle aufgeführt.
Gut, besser, ausgezeichnet.
DEUTSCHLAND TEST untersucht Produkte und Dienstleistungen
aus allen Lebenswelten nach wissenschaftlichen
Methoden. Ausführliche
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Die Bestenliste
Branche/Unternehmen
Score
Autohändler
Glinicke 100,0
STERNPARTNER Gruppe 99,6
widmann 98,1
Borgmann 96,4
Fischer Automobile 92,6
Autohaus Weeber 91,4
May & Olde 89,1
KOHL automobile 87,3
Hülpert Automobile 83,2
Autohaus Jürgens 79,6
Autohaus Peter Gruppe 77,4
Auto Bierschneider 73,5
Automatisierungs- &
Systemtechnikanbieter
HEITEC 100,0
Weidmüller 98,4
Schneider Electric 95,2
ABB 93,2
VAHLE 87,3
Automobilhersteller
BMW 100,0
Porsche 98,3
Hyundai 95,3
Branche/Unternehmen
Score
Renault 92,9
Honda 89,8
Toyota 88,4
Mazda 88,3
Škoda 87,4
Opel 85,7
Citroën 84,3
Kia 84,2
Volvo 82,6
Automobilzulieferer
KSM Castings 100,0
TMD Friction 98,6
GEDIA 96,2
ISRINGHAUSEN 93,9
FORVIA 93,2
HÖRMANN Automotive 91,8
BPW 88,1
Röchling Automotive 86,2
Winkelmann Group 83,3
Mubea 81,3
BOS 80,5
Brose 80,3
Kiekert 78,5
Tenneco 76,8
Branche/Unternehmen
Score
Continental 76,3
Bäckereien
Junge Die Bäckerei 100,0
SCHÄFERS BACKSTUBEN 92,7
pappert 84,4
Backstube Wünsche 80,1
Kamps 79,6
Baumärkte
GLOBUS Baumarkt 100,0
hagebau 95,3
toom Baumarkt 94,7
HORNBACH 90,6
Bausparkassen
LBS NordWest 100,0
Wüstenrot Bausparkasse 98,8
LBS Süd 93,1
ALTE LEIPZIGER Bauspar 89,0
Baustoff- & Bauchemieanbieter
MUNK 100,0
Wienerberger 96,9
PERI 93,2
ACO 88,6
PCI Augsburg 86,1
BAUDER 83,0
Branche/Unternehmen
Score
Layher 80,8
Schöck 77,7
remmers 74,7
Bauunternehmen
KLEBL 100,0
Peter Gross Bau 98,5
Matthäi 97,9
Swietelsky 94,7
ALHO 90,6
Hentschke Bau 87,2
DEPENBROCK 87,0
PORR 86,9
GOLDBECK 82,9
HOCHTIEF 81,8
Beleuchtungsanbieter
TRILUX 100,0
SITECO 99,5
LEDVANCE 91,3
Branchen- &
Spezialsoftwareanbieter
Vimcar 100,0
LIS Logistische Informationssysteme
98,0
Enreach 96,2
VERLAGSSONDERVERÖFFENTLICHUNG
Branche/Unternehmen
Score
PCS Systemtechnik 96,0
MVTec 94,2
Eplan Software & Service 91,2
Maxon Computer 90,2
GUBSE 89,8
MeVis Medical Solutions 89,6
AUCOTEC 88,5
Workday 88,3
Brauereien
Fürstenberg Brauerei 100,0
Weihenstephaner 99,0
Heidelberger 97,7
Flensburger 96,9
VELTINS 96,1
Anheuser-Busch InBev
(AB InBev)
92,9
Krombacher 92,8
Radeberger 89,9
Caterer &
Lebensmittellieferanten
apetito catering 100,0
Compass Group 94,0
SANDER Gourmet 92,8
Aramark 85,6
Chemieunternehmen
BASF 100,0
TUNAP 99,7
BÜFA 96,5
Covestro 89,4
Alzchem 86,1
LyondellBasell 83,1
Computer- & Zubehöranbieter
medion 100,0
NVIDIA 97,4
Epson 92,0
ASUS 91,8
HP 91,3
BenQ 89,0
EIZO 88,3
Digital-Marketing-Agenturen
dotSource 100,0
Digistore24 97,0
Ray Sono 84,6
Direktbanken
norisbank 100,0
Consorsbank 98,5
CRONBANK 95,3
ING 90,0
UmweltBank 88,8
Direktversicherer
Sparkassen DirektVersicherung 100,0
CosmosDirekt 97,4
HUK24 93,8
DFV Deutsche
Familienversicherung
92,1
Hannoversche 90,5
Drogeriemärkte
dm-drogerie markt 100,0
Drogeriemarkt Müller 97,1
ROSSMANN 88,4
Branche/Unternehmen
Score
E-Learning-Anbieter
Lecturio 100,0
WEKA E-Learning 93,5
Udemy 88,4
Elektroindustrieunternehmen
Friedhelm Loh Group 100,0
Legrand 99,7
NKT 88,0
Glen Dimplex 83,9
LEONI 76,7
Elektronik-Großhändler
UNI ELEKTRO 100,0
Rutronik 98,5
Avnet Silica 95,7
FEGA & Schmitt 94,6
GRANZOW 90,3
KOSATEC 88,4
Alexander Bürkle 81,6
Elektronische-Bauteile-
Hersteller
Rittal 100,0
Texas Instruments (TI) 97,6
Siltronic 97,3
AEG Power Solutions 94,4
Würth Elektronik 93,9
METZ CONNECT 92,8
TTI 86,8
Infineon Technologies 83,1
KOSTAL 81,4
Schmersal 81,2
Elektrotechnikanbieter
HELDELE 100,0
NAT Neuberger Anlagen-Technik 98,0
LEIBINGER
Coding & Marking Systeme
96,4
Hitachi 87,0
Theben 81,9
Energieversorger (regional)
EAM 100,0
HanseWerk 98,0
enviaM 96,5
Avacon 94,9
GGEW 92,1
EWE 89,2
Süwag 86,2
TEAG Thüringer Energie 84,7
Lechwerke (LEW) 83,0
AVU 82,9
Energie SaarLorLux 82,8
Technische Werke Ludwigshafen 78,9
SachsenEnergie
(DREWAG/ENSO)
76,7
Pfalzwerke 76,2
WEMAG 74,7
Energieversorger (überregional)
EnBW 100,0
eprimo 99,2
MAINGAU Energie 98,6
RWE 93,7
E WIE EINFACH 90,1
Branche/Unternehmen
Score
Facility Manager
ray facility management 100,0
Klüh Service Management 98,6
Geiger Facility Management 95,9
Piepenbrock 90,0
Götz-Gebäudemanagement 81,7
Fahrrad-/E-Bike-Hersteller
HP Velotechnik 100,0
Specialized 99,5
ROSE Bikes 92,4
Farben- & Lackhersteller
Brillux 100,0
Caparol 93,0
AkzoNobel 88,2
Fashion-Discounter
NKD 100,0
KiK 97,4
Takko Fashion 90,8
Fertighausanbieter
DFH Haus 100,0
SchwörerHaus 99,2
WeberHaus 96,4
FingerHaus 92,8
RENSCH-HAUS 91,7
HAAS FERTIGBAU 88,9
BIEN-ZENKER 87,4
Regnauer 85,1
Finanz- & Anlageberater
tecis 100,0
OVB 99,1
FORMAXX 97,6
MLP 95,3
TauRes 91,8
LAUREUS PRIVAT FINANZ 89,0
Deutsche Vermögensberatung
(DVAG)
86,4
Bonnfinanz 84,9
Fitnessstudiobetreiber
INJOY 100,0
clever fit 93,5
EASYFITNESS 93,2
Forschungs- &
Entwicklungszentren
Helmholtz-Gemeinschaft
Deutscher Forschungszentren
100,0
Deutsches Zentrum für
Luft- und Raumfahrt (DLR)
98,6
Deutsches Forschungszentrum
für Künstliche Intelligenz 92,0
(DFKI)
Max-Planck-Gesellschaft 87,0
European Space Agency (ESA) 83,7
Gemeinnützige Krankenhäuser
Robert Bosch Krankenhaus 100,0
BG Klinikum Duisburg 98,2
Diakonissen-Stiftungs-
Kranken haus Speyer
97,4
Krankenhaus St. Joseph-Stift
Bremen
95,3
Klinikum Hochsauerland 92,1
Branche/Unternehmen
Score
Klinikum Westmünsterland
(KWML)
90,6
BG Klinik Tübingen 88,3
DRK Kliniken Berlin 87,1
Gesichtspflege- &
Kosmetikhersteller
BABOR 100,0
AVON 99,3
Beiersdorf 98,9
cosnova 98,1
Weleda 92,7
Glasverarbeitende
Unternehmen
SCHOTT 100,0
Pilkington 91,1
SEMCO 86,0
Gummi- & Kunststoffindustrieunternehmen
Pöppelmann 100,0
OKE Group 96,3
igus 95,8
LAMILUX 87,3
POLIFILM 83,4
Kautex Textron 81,6
RENOLIT 79,6
Haushaltselektrogerätehersteller
ELECTROSTAR 100,0
BSH Hausgeräte 99,8
AEG 98,0
KÄRCHER 95,3
Miele 92,3
Gaggenau 90,0
Midea 89,8
Hörgeräteakustiker
HörPartner 100,0
audibene 98,5
NEUROTH 91,2
GEERS 87,8
Hotels
Maritim Hotels 100,0
Accor Gruppe 99,2
Classik Hotel Collection 98,9
Best Western Hotels & Resorts 93,9
Seminaris 89,1
Kempinski 85,8
Leonardo Hotels 85,4
Marriott Hotels 82,5
a&o hostels 82,3
WELCOME HOTELS 81,5
Atlantic Hotels 80,1
HR-Software-Anbieter
Haufe Group 100,0
HANSALOG 94,8
ATOSS 86,7
Atoria 79,9
Immobilienmakler
Laufenberg Immobilien 100,0
GARANT Immobilien 97,5
VON POLL IMMOBILIEN 96,0
DEUTSCHLAND TEST
Branche/Unternehmen
Score
RE/MAX 95,0
Engel & Völkers 90,1
CBRE 76,1
Ingenieurbüros &
-dienstleister
Bilfinger 100,0
Arcadis 97,2
engineering people 94,7
EDAG 85,2
Ramboll 80,7
IT-Berater
ORBIS 100,0
FIS Informationssysteme und
Consulting
99,5
audius 94,1
apsolut 92,0
Devoteam 90,8
Cideon 90,5
codecentric 89,1
Allgeier 88,0
DIGITALL 86,4
viadee 85,8
cbs Corporate Business
Solutions
85,1
Claranet 83,5
EITCO 83,4
COSMO CONSULT 83,2
IT-Dienstleister
Würth IT 100,0
Hessische Zentrale für
Datenverarbeitung (HZD)
99,3
infinit.cx 97,0
Atruvia 94,4
Prodware 91,9
TechniData IT-Service 89,6
SV Informatik 89,4
SYNAXON 89,1
Unisys 88,3
COMRAMO 84,4
telent 84,3
NTT DATA 83,7
Ansys 83,0
IT-Systemhäuser
CVS Ingenieurgesellschaft 100,0
interface systems 95,4
Controlware 94,3
Westcon-Comstor 93,3
WBS IT-Service 87,6
Axians 83,0
BWI 77,2
Krankenkassen
BKK firmus 100,0
IKK classic 99,1
BKK24 96,6
AOK NordWest 95,8
HEK Hanseatische
Krankenkasse
95,4
Pronova BKK 94,9
AOK Baden-Württemberg 92,2
AOK Niedersachsen 90,4
Branche/Unternehmen
Score
AOK Bayern 88,7
AOK Rheinland-Pfalz/Saarland 85,6
TK Die Techniker 85,2
BARMER 85,1
VIACTIV Krankenkasse 84,4
BERGISCHE KRANKENKASSE 82,5
AOK Hessen 77,6
IKK Südwest 77,4
Audi BKK 76,4
BIG direkt gesund 72,6
Kreditbanken
TeamBank 100,0
Creditplus Bank 99,7
akf bank 92,6
TEBA Kreditbank 91,2
Kreditkartenanbieter
Mastercard 100,0
American Express 95,7
VISA 87,8
Küchenmöbelhersteller
nobilia 100,0
SieMatic 98,5
Bauformat Küchen 95,1
nolte 91,0
Rotpunkt 90,4
LEICHT Küchen 88,7
Laborunternehmen
Bioscientia 100,0
SYNLAB 96,1
SGS Institut Fresenius 92,5
amedes 90,7
Landes- & Förderbanken
NRW.BANK 100,0
IFB Hamburg 92,8
Norddeutsche Landesbank
(Nord/LB)
90,8
Landesbank
Baden-Württemberg (LBBW)
85,3
Investitionsbank des Landes
Brandenburg (ILB)
83,9
Leasinggesellschaften
MLF Mercator-Leasing 100,0
Arval 98,8
Deutsche Leasing 98,2
ATHLON 90,4
Lebensmittel & Getränke
(Großhändler)
dennree 100,0
Transgourmet 99,5
WESTFLEISCH 88,1
Landgard Service 78,0
OMEGA SORG 76,7
Lebensmittel-Discounter
Netto Marken-Discount 100,0
NORMA 94,7
LIDL 86,0
PENNY 85,7
Lebensmitteleinzelhändler
WASGAU 100,0
EDEKA 99,9
Branche/Unternehmen
Score
REWE 87,6
MARKTKAUF 80,6
Lebensmittelproduzenten
Dr. Oetker 100,0
Barilla 92,9
Nestlé 92,8
Mondelez 82,5
Kraft Heinz 82,3
RAPS 81,5
Lkw- &
Nutzfahrzeugproduzenten
Renault Trucks 100,0
MAN Truck & Bus 95,6
Kögel Trailer 92,5
FAUN Umwelttechnik 90,9
Daimler Truck 85,7
HORSCH 84,9
STEYR 83,4
STILL 82,2
MECALAC 80,4
Komatsu 74,8
Maschinen- &
Anlagenbauunternehmen
KSB 100,0
Rommelag 99,9
Kiesel 98,4
Erwin Junker Maschinenfabrik 97,2
ProMinent 96,1
OPTIMA packaging group 95,6
ARBURG 94,4
Leistritz 93,3
WIRTGEN GROUP 92,0
TRACTO-TECHNIK 91,6
BUSCH 90,9
Kurtz Ersa 89,2
Sturm-Gruppe 88,0
SCHMID Group 87,0
Caterpillar 86,8
WAFIOS 85,8
thyssenkrupp 84,2
Knorr-Bremse 84,0
MOSCA 83,8
TRUMPF 82,1
MEIKO 81,5
Medizintechnikunternehmen
Medica Medizintechnik 100,0
B. Braun 97,6
Stryker 92,8
Drägerwerk 87,7
Henke Sass Wolf 85,1
Erbe Elektromedizin 83,9
Ziehm Imaging 83,1
Messestandorte
Koelnmesse 100,0
Messe München 98,3
Messe Düsseldorf 89,0
Hannover Messe 85,4
Messtechnikanbieter
VEGA 100,0
PFISTERER 98,9
Branche/Unternehmen
Score
Endress+Hauser 93,0
WIKA 90,9
SONOTEC 86,8
Rohde & Schwarz 82,7
Wöhler Technik 77,3
Metallindustrieunternehmen
VDM Metals 100,0
Heraeus 99,4
RUD 99,3
SCHÄFER WERKE 95,0
CERATIZIT 89,9
Uponor 82,4
TRIMET 81,7
G.RAU 75,1
ARI-Armaturen 74,0
Möbelhändler
Höffner 100,0
XXXLutz 99,6
BRAUN Möbel-Center 92,5
porta 91,2
SEGMÜLLER 89,4
Möbel RIEGER 88,2
Möbel Inhofer 86,5
MÖBEL MARTIN 85,1
Möbelhändler – Discount
SB-MÖBEL BOSS 100,0
POCO Einrichtungsmärkte 96,4
mömax 91,0
Mode- & Textilhäuser
Leffers 100,0
Lodenfrey 99,1
engbers 98,5
ADLER 83,4
LUDWIG BECK 81,9
Ernsting’s family 80,9
HIRMER 79,9
C&A 79,6
Molkereien
Berchtesgadener Land 100,0
DANONE 98,9
Münsterland 86,8
Netzbetreiber
EWE NETZ 100,0
Schleswig-Holstein Netz 99,2
WEMAG Netz 98,2
e-netz Südhessen 96,9
ONTRAS 94,9
TenneT TSO 94,3
VNG Verbundnetz Gas 90,2
Netze BW 88,1
Westfalen Weser Netz 87,0
Netzwerk-Technologie-Anbieter
LANCOM Systems 100,0
Schubert System Elektronik 91,0
TP-Link 83,9
Media Broadcast Satellite 83,3
Cisco 82,7
Extreme Networks 82,0
Öffentliche Krankenhäuser
Universitätsklinikum Erlangen 100,0
VERLAGSSONDERVERÖFFENTLICHUNG
Branche/Unternehmen
Score
Universitätsklinikum
Regensburg
99,4
Städtische Kliniken
Mönchengladbach
98,3
Wertachkliniken 97,0
Ortenau Klinikum 96,5
Klinikum Darmstadt 91,9
RoMed Klinikum Rosenheim 91,7
Klinikum Gütersloh 90,3
Städtisches Klinikum Karlsruhe 88,8
Klinikum Osnabrück 87,7
Oberschwabenklinik 86,4
Klinikum am Weissenhof (ZfP) 84,2
Klinikum Ingolstadt 83,8
Knappschaft Kliniken
Westfalen
81,1
Waldkliniken Eisenberg 80,9
Klinikum Fürth 80,5
Universitätsklinikum Jena 78,3
Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein (UKSH)
78,1
Klinikum Region Hannover
(KRH)
76,2
Öffentlicher Dienst
Gebäudemanagement
Schleswig-Holstein (GMSH)
100,0
ITZBund (Informationstechnikzentrum
Bund)
99,0
Bayerische Staatsforsten 96,5
Bundesagentur für Arbeit 94,6
DFS Deutsche Flugsicherung 81,8
Deutsche Rentenversicherung
Bund
79,8
Ökostrom- & Gasanbieter
Naturwerke 100,0
Grünwelt Energie 98,2
Statkraft 95,4
naturstrom 92,3
goldgas 91,0
naturenergie 88,5
Octopus Energy 87,1
Optiker
Binder Optik 100,0
neusehland 98,5
Brillen ROTTLER 93,1
fielmann 89,0
Papierhersteller & -verarbeiter
Steinbeis 100,0
Koehler Paper 97,0
Progroup 89,7
Fripa 80,3
Personaldienstleister
office people 100,0
MYPEGASUS 99,5
SOLCOM 98,3
zeitconcept 95,0
division one 91,2
Randstad 88,4
Amadeus Fire 85,8
InStaff & Jobs 84,2
Branche/Unternehmen
Score
Manpower 77,2
Trenkwalder 75,8
Adecco 73,0
Etengo 68,5
top itservices 65,4
Pflege- & Gesundheitsproduktanbieter
Kneipp 100,0
Klosterfrau 97,2
DERMASENCE 89,6
Pflege- & Hilfsdienste
Pflegehelden 100,0
HUMANITAS Pflegeservice 90,1
AWO 86,8
Pflege- &
Seniorenheimbetreiber
Alloheim Senioren-Residenzen 100,0
Krefelder Caritasheime 97,7
Rosenium 96,3
Johanniter Seniorenhäuser 91,0
ALPENLAND
Pflege- und Altenheim
89,9
DSG Deutsche Seniorenstift 89,8
Vitalis Senioren-Zentren 89,2
KWA Kuratorium Wohnen im Alter 87,5
Kursana Care 85,2
Gesellschaft für Dienste im
Alter GDA
84,2
Haus Edelberg 83,2
Pharmaunternehmen
medac 100,0
Vetter Pharma 97,9
Salus 94,5
Aenova 94,4
AstraZeneca 93,3
Ratiopharm 92,2
Takeda 92,1
Roche 91,6
LTS Lohmann
Therapie-Systeme
90,7
Daiichi Sankyo 82,8
Lilly 79,8
MEDICE 77,3
Privatbanken
MERKUR PRIVATBANK 100,0
ODDO BHF 94,7
DONNER & REUSCHEL 86,4
Bankhaus Metzler 82,9
Julius Bär 75,9
Hauck Aufhäuser Lampe 72,2
Private Krankenhäuser
Artemed Kliniken 100,0
Asklepios Kliniken 98,3
AMEOS 92,9
Schön Klinik 90,5
MEDICLIN 87,6
Sana Kliniken 85,9
Prüfgesellschaften &
Sachverständige
TÜV Hessen 100,0
Branche/Unternehmen
Score
TÜV SÜD 92,7
TÜV NORD 88,1
PSD Banken
PSD Bank Braunschweig 100,0
PSD Bank Nürnberg 95,5
PSD Bank Hannover 91,2
Putz-, Pflege- &
Waschmittelhersteller
Henkel 100,0
ECOLAB 98,5
Procter & Gamble (P&G) 93,9
MELLERUD 90,9
Werner & Mertz 88,5
JEMAKO 87,0
Raffination &
Rohstoffgewinnung
Südwestdeutsche Salzwerke 100,0
Lhoist | Rheinkalk 97,8
ExxonMobil 82,7
Verbio 78,6
Rechtsdienstleister & -anwälte
LUTHER
Rechtsanwaltsgesellschaft
100,0
Taylor Wessing 97,4
Peters, Schönberger & Partner 95,0
Kanzlei Voigt 89,6
Weil Gotshal & Manges 88,1
Rohrbauer
FRÄNKISCHE Rohrwerke 100,0
BUTTING 96,5
Weber Unternehmensgruppe 92,1
Softwareunternehmen
iSYS Software 100,0
Ergosign 96,7
Comsysto Reply 96,6
Loy & Hutz Solutions 93,9
attempto 92,3
tecRacer 87,3
Travian Games 80,9
Sozial- &
Gesundheitsunternehmen
AGAPLESION 100,0
Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) 98,9
Rummelsberger Diakonie 93,8
Malteser 90,9
Bergische Diakonie 87,3
Gesundheitsholding Werra
Meißner
87,1
Johannes-Diakonie Mosbach 86,4
Diakonie Hessen 80,3
Graf Recke Stiftung 78,6
Diakonie in Südwestfalen 74,5
Diakonie Stiftung Salem 71,8
Alexianer 70,9
Augustinum Gruppe 70,6
Sparda-Banken
Sparda-Bank
Baden-Württemberg
100,0
Sparda-Bank Hessen 99,8
Sparda-Bank West 91,0
Branche/Unternehmen
Score
Sparda-Bank München 85,6
Sparkassen
Sparkasse Schwarzwald-Baar 100,0
Kreissparkasse Heidenheim 99,5
Förde Sparkasse 98,6
Sparkasse Oberhessen 97,8
Sparkasse Mainfranken
Würzburg
96,1
Sparkasse Mülheim an der Ruhr 95,0
Sparkasse am Niederrhein 94,2
Rhön-Rennsteig-Sparkasse 93,5
Sparkasse Westerwald-Sieg 92,1
Sparkasse
Bad Hersfeld-Rotenburg
91,6
Sparkasse Regensburg 89,7
Sparkasse zu Lübeck 88,2
Kreissparkasse Biberach 87,3
Sparkasse Harburg-Buxtehude 86,9
Sparkasse Südholstein 85,7
Spezialbanken
apoBank Deutsche
Apotheker- und Ärztebank
100,0
GEFA BANK 99,0
MMV Bank 97,0
Baader Bank 96,2
FNZ Bank 92,1
FIL Fondsbank (FFB) 90,5
Spezialversicherer
Uelzener 100,0
Coface 97,6
Hannover Rück (Hannover Re) 95,0
SOKA-BAU 91,2
mdt travel 88,5
Stadtwerke
SWN Stadtwerke Neumünster 100,0
Stadtwerke Oranienburg 99,5
enercity 98,4
Stadtwerke Kiel 97,0
Stadtwerke Göttingen 96,9
Stadtwerke Halle 95,9
Stadtwerke Düsseldorf 94,6
Mainzer Stadtwerke 93,3
Stadtwerke Rosenheim 92,4
Stadtwerke Bochum 91,7
Stadtwerke Duisburg 90,9
Stadtwerke Osnabrück 89,2
Stadtwerke Konstanz 88,4
Erlanger Stadtwerke 87,8
Stahlunternehmen
Salzgitter 100,0
BENTELER 98,6
Peiner Träger 92,1
Lech-Stahlwerke (LSW) 89,7
Süßgebäckproduzenten
Lebkuchen-Schmidt 100,0
Griesson – de Beukelaer 92,8
Loacker 83,9
Systemgastronomiebetreiber
ALEX Gaststätten 100,0
L’Osteria 84,0
DEUTSCHLAND TEST
Branche/Unternehmen
Score
Kentucky Fried Chicken (KFC) 75,8
NORDSEE 73,1
Subway 69,6
Technische Dienstleister
SPIE 100,0
BIRCO 92,0
GNS Gesellschaft für
Nuklear-Service
87,6
Technische-Komponenten-
Hersteller
brennenstuhl 100,0
BÖLLHOFF 98,0
Vossloh 97,6
HAWE Hydraulik 96,8
KESSEL 84,3
MBDA 77,4
Witzenmann 74,7
Broadcom 74,0
Optibelt 73,8
Premium AEROTEC 70,2
Telekommunikationsanbieter
Deutsche Telekom 100,0
M-net 96,2
freenet 95,5
1&1 82,8
Vodafone 77,9
Telefónica 77,5
Themen- &
Freizeitparkbetreiber
HANSA-PARK 100,0
Europa-Park 98,5
Plopsaland Deutschland 91,2
Transport- &
Logistikunternehmen
Geis 100,0
Seifert Logistics Group (SLG) 95,1
L.I.T. 90,3
NOSTA 87,5
Hellmann 87,1
MOSOLF 86,1
DACHSER 82,4
trans-o-flex 78,6
Logwin 77,4
Schnellecke Logistics 72,4
Schäflein 71,8
Duvenbeck 71,0
DB Cargo 70,6
Sasse Traffic Logistic 69,6
Nagel-Group 66,8
Tür- & Fenstertechnikanbieter
BKS 100,0
Roto 98,8
SCHÜCO 98,3
Dr. Hahn 88,3
heroal 83,9
profine 79,3
Universalbanken
TARGOBANK 100,0
BW-Bank 95,9
BBBank 92,0
Branche/Unternehmen
Score
Santander 90,7
Commerzbank 87,7
Unternehmensberater
Seibert Group 100,0
THOST Projektmanagement 96,4
PROMOS consult 95,3
Mercer 92,9
UNITY 90,0
Information Services Group
(ISG)
88,9
Cofinpro 87,8
SALT AND PEPPER 87,1
Roland Berger 83,0
CAMELOT Management
Consultants
80,3
CIMPA 75,1
Unternehmenssoftwareanbieter
ConSol 100,0
xSuite 96,1
Ceyoniq Technology 95,2
Unit4 93,0
Infor 91,0
SelectLine Software 88,2
OMNINET 87,9
Exasol 87,5
Proalpha 87,1
SEEBURGER 84,9
Microsoft 84,3
Comarch 83,2
JAGGAER 81,6
SAP Concur 80,9
Serviceware 78,5
Diamant Software 78,3
Vergleichsportalbetreiber
Verivox 100,0
CHECK24 98,4
FFG FINANZCHECK
Finanzportale
86,3
idealo 78,0
Vermieter von Nutzfahrzeugen,
Maschinen & Geräten
HKL 100,0
BEUTLHAUSER 93,6
Boels 90,7
Verpackungshersteller
SÜDPACK 100,0
TUBEX 94,2
DS Smith Packaging 90,6
BUNZL 89,3
Gerresheimer 86,9
Versicherer
Debeka 100,0
PROVINZIAL 99,8
ERGO 98,1
WWK 97,3
HanseMerkur 96,6
die Bayerische 95,2
Canada Life 94,2
BarmeniaGothaer 93,5
Versicherungskammer Bayern 92,8
Branche/Unternehmen
Score
LVM Versicherung 91,6
VGH Versicherungen 90,6
Allianz 89,5
VOLKSWOHL BUND 88,5
Swiss Life 87,2
SV SparkassenVersicherung 86,4
AXA 85,7
Helvetia 84,7
Versicherungsmakler
MRH Trowe 100,0
DOMCURA 98,6
Aon 95,2
FidesSecur 86,6
Willis Towers Watson (WTW) 82,3
Ecclesia Versicherungsdienst 81,2
Versicherungsvertreter
Lampe & Schwartze 100,0
DUAL Deutschland 96,2
BDAE 91,7
Volks- & Raiffeisenbanken
VR Bank HessenLand 100,0
Volksbank Raiffeisenbank
Niederschlesien
99,4
Frankfurter Volksbank
Rhein/Main
98,0
Raiffeisenbank
Holzkirchen-Otterfing
97,8
Volksbank Plochingen 96,6
VR VerbundBank 95,3
Berliner Volksbank 94,8
VR Bank
Schleswig-Mittelholstein
93,7
Raiffeisenbank Westkreis
Fürstenfeldbruck
92,2
Volksbank Jever 91,9
Raiffeisenbank Straubing 90,5
VR-Bank Bonn Rhein-Sieg 89,7
Volksbank Darmstadt Mainz 88,3
Volksbank Gronau-Ahaus 87,3
Raiffeisen-Volksbank Aurich 86,7
VR Bank Nord 85,2
Dortmunder Volksbank 84,4
VR Bank RheinAhrEifel 83,9
Wärme- &
Kältetechnikanbieter
TROX 100,0
STIEBEL ELTRON 90,6
STULZ 86,8
CLAGE 81,6
Weiterbildungsanbieter
Rhein-Erft Akademie 100,0
bbw Akademie für Betriebswirtschaftliche
Weiterbildung
95,5
qSkills 91,9
Haufe Akademie 85,9
IBB Institut für Berufliche
Bildung
84,7
ExperTeach 82,1
Die Kolping Akademie 81,2
alfatraining 74,7
Branche/Unternehmen
Score
Eckert Schulen 71,9
Werbe- & PR-Agenturen
UNBOUND MEDIA 100,0
Edelman 90,4
marbet 89,8
fischerAppelt 69,2
Werkzeug- & Gerätehersteller
LUKAS-ERZETT 100,0
Festool 92,7
Einhell 92,3
RÖHM 89,4
HASCO 81,3
Karl Marbach 78,6
Walter Werkzeuge 76,6
Hoffmann Group 75,9
Windkraftanlagen produzenten
Nordex 100,0
ENERCON 98,6
wpd 90,5
Wirtschaftsprüfer &
Steuerberater
PKF Fasselt 100,0
Deloitte 94,6
RSM Ebner Stolz 93,5
KPMG 92,9
LBH Steuerberatung 85,3
BDO 83,8
Wohnungsunternehmen
GWH Immobilien 100,0
GCP Grand City Property 98,8
Covivio 97,1
Nassauische Heimstätte/
Wohnstadt
92,2
SWSG 90,5
ABG Frankfurt Holding 88,1
Gewobag 87,4
degewo 86,8
GAG Immobilien 84,3
Wohnwagen- &
Reisemobilproduzenten
HYMER 100,0
Bürstner 95,0
Carthago 92,6
Niesmann+Bischoff 83,9
Quelle: ServiceValue (2025/2026);
die Tabelle enthält nur Unternehmen/Marken,
die überdurchschnittlich viele Punkte erreicht
haben; Gelb = Branchensieger (100 Punkte)
Anmerkung:
Unsere Tests und Studien werden journalistisch
unabhängig durchgeführt und redaktionell
veröffentlicht. Die positiv bewerteten Anbieter
können nach Abschluss der Untersuchung
ggf. eine Lizenz zur werblichen Nutzung von
Testsiegeln erwerben. Die Lizenzierung hat
aber weder Einfluss auf die Methodik noch
auf die Ergebnisse.
Wissen
Die grüne Olive steckt voller
gesunder Fettsäuren und
Antioxidantien und enthält
weniger Kalorien als die
schwarze Olive. Tipp: Sie
schmeckt auch mit alkoholfreiem
Martini
68
FOCUS 52/2025_01/2026
Prost Mahlzeit
Diäten sind so unnütz wie Blattgold auf dem Steak:
Wozu Experten tatsächlich raten, ist die langfristige Entscheidung,
gesünder zu leben. Dann darf man an den
Feiertagen auch mal ohne schlechtes Gewissen genießen
Text von Kurt-Martin Mayer, Fotos von Landon Nordeman
FOCUS 52/2025_01/2026
69
Titel
1,4 140
Gramm Salz
gelten als
tägliche Mindestmenge,
sechs Gramm
als Höchstmenge.
Mehr
greift die
Gefäße an
Milligramm
Vitamin C
stecken in
100 Gramm
roter Paprika.
Zum Vergleich:
In
100 Gramm
Orange sind
es nur 50 Milligramm
E
Er könne allem widerstehen, „nur
nicht der Versuchung“, sagte Oscar
Wilde. Es ist einer der berühmten
Sätze des dichtenden Dandys aus
dem London des späten 19. Jahrhunderts.
In den kommenden Feiertagen
mag er das unterschwellige
Motto von Millionen sein. Dort
eine Handvoll Spekulatius, da ein
Glas Punsch und abends Gänsebraten
mit Rotkraut und Knödeln
und zwei Gläsern Rotwein –
schnell kommt der weihnachtlich
gestimmte Mensch auf 3000 Kalorien
pro Tag. Das ist bei Männern
in den meisten Altersklassen und
bei Frauen gleich welchen Alters
mehr als empfohlen.
Studien und Schätzungen zufolge
legt der Durchschnittsbürger im
Dezember und Januar zwischen
370 Gramm und einem knappen
Kilo an Gewicht zu. Das kann ein
deutlicher Teil jenes Kilogramms
sein, das sich Frauen und Männer
zwischen 30 und 60 im Mittel Jahr
um Jahr anfuttern. Ernährungsmediziner
raten gleichwohl dringend
von Turbo-Diäten ab, die den
Braten und die Knödel beinahe so
schnell wieder abbauen sollen, wie
sie auf den Tisch gekommen sind.
Gesundes Essen soll keine Qual
und auch keine sportliche Höchstleistung
sein, sondern ein langfristiges
und im Idealfall lustbetontes
Lernprojekt.
Zwar trifft es weiterhin zu, dass
Menschen runder werden, wenn
sie auf Dauer mehr Kalorien zu sich
nehmen, als sie verbrauchen. Auch
haben Körper-Masse-Index BMI
und Taillenumfang noch immer
eine starke Aussagekraft. (Der
BMI sollte unbedingt unter 30, besser
noch unter 25 liegen, und der
Bauchumfang sollte bei Männern
allerhöchstens 102 und bei Frauen
maximal 88 Zentimeter betragen.)
Aber die Höhe des Blutzuckers, der
Blutdruck und das Verhältnis der
Fette im Blut zueinander informieren
über den Gesundheitsstatus
exakter als Waage oder Maßband.
Gemeinsam ist diesen Werten,
dass die Ernährungsweise einen
großen Einfluss auf sie ausübt. Sind
sie zu hoch, sprechen Mediziner
vom metabolischen Syndrom, einer
Vorstufe des Diabetes Typ 2. Darum
empfiehlt es sich, beim Essen
Regeln zu befolgen. „Eine Kost,
die reich an Omega-3-Fettsäuren,
an sekundären Pflanzenstoffen
aus verschiedenen Gemüsesorten
und natürlichen Antioxidantien
wie Vitaminen und Mineralstoffen
ist, kann das Immunsystem stärken,
entzündlich-rheumatische
Beschwerden lindern sowie dem
metabolischen Syndrom entgegenwirken“,
sagt Daniel Dürschmied,
Direktor der Medizinischen Universitätsklinik
in Mannheim und Berater
der Deutschen Herzstiftung.
Dem zeitgemäßen Verständnis
zufolge soll der gesunde Speiseplan
Genuss nicht untersagen.
„Wir haben jahrzehntelang versucht,
Menschen durch Verbote
zum gesunden Essen zu bewegen“,
sagt die Endokrinologin (Hormonspezialistin)
Pia Roser, Oberärztin
am Universitätsklinikum Hamburg-
Eppendorf. „Dabei haben wir aber
ignoriert, dass Essverhalten über
Belohnung und Motivation gesteuert
wird und dass der Botenstoff
Dopamin langfristig stärker ist als
reine Willenskraft.“
1. Achten Sie auf die Vielfalt
unserer Lebensmittel
Zum Leben benötigt der Mensch
Makronährstoffe und Mikronährstoffe.
Letztere ernähren nicht,
sondern schützen Zellen, unterstützen
das Immunsystem, werden von
FOTOS: ISTOCK
70 FOCUS 52/2025_01/2026
Wissen
Knochen ebenso wie von Organen
benötigt. Es handelt sich bei ihnen
um die vielen verschiedenen Vitamine
und Mineralstoffe.
Energie hingegen geben die
Makronährstoffe. Das sind die Proteine,
die Kohlenhydrate und die
Fette. Die empfohlene Mengenverteilung,
bezogen auf die gesamte
Kalorienzahl, schwankt enorm. Im
Detail heißt das: Proteine dürfen
zehn bis 35 Prozent Anteil haben,
Kohlenhydrate 45 bis 65 Prozent,
Lipide 15 bis 35 Prozent.
Letztere sind die mit Abstand effizientesten
Energielieferanten. Ein
Gramm Fett bringt neun Kalorien,
doppelt so viele wie ein Gramm der
beiden anderen Makronährstoffe.
Jeder von ihnen hat noch weiteren
Nutzen. Eiweiße (Proteine) treten
auch als Bausteine hervor, etwa für
Nägel und Haare. Gemeinsam mit
Ja, Burger klingt nach Völlerei
– aber kleine Burger sind
auch nur kleine Sünden.
Und Gurken bestehen zu
90 Prozent aus Wasser
den Kohlenhydraten versorgen sie
außerdem die Muskeln. Herrscht
ein Überfluss an Kohlenhydraten,
wandelt der Körper diese Zuckermolekül-Konstrukte
in Fett um. Das
Fett lagert er ein.
Schon die Rollenverteilung des
Makronährstoff-Trios verdeutlicht,
dass man vielfältig essen sollte. Wer
etwas Wesentliches weglässt, schadet
sich. Innerhalb der drei Stoffgruppen
gibt es freilich Unterschiede.
Manche Lebensmittel, in denen
der jeweilige Nährstoff steckt, sind
gesund, andere eher nicht. Kohlenhydrate
aus Möhren gelten als gut,
jene aus dem Kuchen als böse. Fette
aus Nüssen – gut; aus gewissen
Wurstsorten – böse. Proteine aus
Linsen – gut; aus gesüßten Shakes
– böse. Wie streng muss man sich
daran halten, und wie solide ist die
wissenschaftliche Evidenz?
2. Lernen Sie Ihren
Esstyp kennen
Einen starken Einfluss auf die Essgewohnheiten
und Vorlieben hat
das Geschlecht. Männer machen
sich deutlich öfter über Fleisch
her als Frauen. Dafür bezeichnen
sich mehr Frauen als Männer
als Vegetarier oder Flexitarier.
Das Wort bezeichnet Menschen,
die hauptsächlich pflanzenbasiert
essen und eher selten Fisch, Fleisch
und Wurst.
Die Gründe für die kulinarischen
Geschlechtsunterschiede suchen
Forscher in einer althergebrachten
Rollenverteilung im Körperbau
und der Physiologie. Männer haben
mehr Muskelmasse, und die lässt
sich eben mal schnell mit Fleisch
versorgen. Nehmen Männer dann
zu, sammelt sich das Fett eher in
der Mitte des Körpers. Das beeinträchtigt
relativ rasch Herz und
Kreislauf. Frauen gehen zuerst in
der Hüftgegend in die Breite, was
als harmloser gilt. Außerdem hat
sie die Evolution bis zur Menopause
mit einem hormonellen Schutz
vor Stoffwechselstörungen ausgestattet.
Das ergibt Sinn. Ihr höherer
Anteil an Fett im Körper hilft beim
Kinderkriegen.
Um die Faktoren zu erkennen,
die das eigene, alltägliche Essverhalten
bestimmen, sollte man
sich einige Zeit selbst beobachten.
Neigt man zum Beispiel dazu,
aus Langeweile zu naschen, oder
bestellt man immer dann eine Pizza,
wenn der Stress überhandzunehmen
droht?
Psychologen raten in derartigen
Fällen, Alternativstrategien zu entwickeln.
Tritt der Impuls auf, könne
man auch eine Runde spazieren
gehen oder eine Plauderei im
Büro oder am Gartenzaun beginnen.
Oder man hört sich endlich
wieder einmal eines seiner liebsten
Musikstücke an. „Wer entspannt
ist, isst bewusster“, merkt Endokrinologin
Roser dazu in ihrem Buch
„Die neue Wissenschaft vom Sattsein“
(GU Verlag) an.
100 13
Gramm Lachs
enthalten
etwa
20 Gramm
hochwertiges
Eiweiß, zehn
Mikrogramm
Vitamin D
und reichlich
Omega-3-
Fettsäuren
bis 33 Prozent
weniger Risiko
für Herzerkrankungen,
Diabetes und
Darmkrebs
für alle, die
Weißmehl
durch Vollkorn
ersetzen
FOCUS 52/2025_01/2026
71
Titel
30
verschiedene
Pflanzen pro
Woche zu
verzehren, rät
Naturmediziner
Andreas
Michalsen.
Das ist ideales
Futter für die
Darmflora
550
Milligramm
Kalium
stecken in
100 Gramm
Avocado – das
sind bereits
14 Prozent der
Tagesdosis
dieses wichtigen
Minerals.
Kalium hilft,
den Blutdruck
zu regulieren
3. Hüten Sie sich vor dem,
was wirklich schadet
Gänzlich schlecht sind wenige Le
bensmittel – und das meist auch
nur, wenn man sie öfter konsumiert.
Alles, was den Blutzuckerspiegel
rasant emporschnellen lässt, zählt
zu den wenig empfehlenswerten
Produkten. Diese Eigenschaft
besitzen viele der Schokoriegel,
wie man sie aus SnackAutomaten
ziehen kann. Der Blutzuckerspiegel
fällt nach ihrem Genuss
rasch wieder ab, das Verlangen
nach mehr kehrt bald zurück. Auf
Dauer überlastet der schnelle Süß
Schock durch das Auf und Ab den
Stoffwechsel. Insulin kommt kaum
mit seiner Arbeit nach, die darin
besteht, die Zuckermoleküle in die
Zellen zu transportieren. Diabetesforscher
des Universitätsklinikums
Tübingen folgern aus einer aktuellen
Studie, dass weniger Blutzucker
besser vor Herzkrankheit schützt
als bloß weniger Gewicht.
Sehr kohlenhydratreiche Essgewohnheiten,
womöglich noch
bei wenig Bewegung, können im
Körper anhaltende Entzündungen
Das sieht doch gut aus: eine
kleine Portion Fleisch und
dazu buntes Gemüse.
Selbst das Abendkleid ist
farblich abgestimmt
hervorrufen. Sie schädigen dann oft
nicht nur die Blutgefäße des Herzens,
sondern fördern auch Krebs.
Vor allem das typisch männliche
Bauchfett kann Botenstoffe herstellen,
die derartige Prozesse anstoßen.
„Es gibt keinen stärkeren
Faktor für Entzündungen als die
Ernährung“, sagt die Kieler Allgemeinärztin
Silja Schäfer, die als
einer von vier „ErnährungsDocs“
im NDR auftritt.
Das Quartett hat soeben seine
„AntiEntzündungsFormel“ als
Buch herausgegeben. Zu den entzündungshemmenden
Lebensmitteln
zählt Schäfer zwei, die eigentlich
viel Energie liefern und mancherorts
als Dickmacher gelten,
Nüsse und pflanzliche Fette. Aber
sie machten eher satt als etwa eine
Scheibe Toastbrot, die vielleicht in
einer Kalorientabelle weiter unten
stehe und doch nur bald den Hunger
zurückkehren lasse.
Betrachtet man andere Organe,
erhält selbst eher fetter Käse Pluspunkte.
Brie, Gouda und Cheddar,
die mehr als 20 Prozent aufweisen,
schützen einer soeben veröffentlichten
Studie zufolge vor AlzheimerDemenz.
Die Forscher der
Universität Lund stützten sich auf
Gesundheitsdaten von 28 000 Menschen
in Schweden, die 25 Jahre
lang beobachtet wurden und über
ihr Essen Auskunft gaben.
Wie üblich bei derartigen Erhebungen,
liefert die Studie keinen
wasserdichten Beweis. Schließlich
beruhten die Angaben auf Selbstauskünften
der Probanden, und
diese sind fehleranfällig. Sie gibt
aber einen starken Hinweis, dass
fetter Käse dem Gehirn nützen
kann, möglicherweise durch eine
antientzündliche Wirkung.
4. Essen Sie angstfrei
Häufig durchzieht Streit die Ernährungswissenschaft.
Eine aktuelle
Auseinandersetzung dreht sich um
hoch verarbeitete Lebensmittel,
nach ihrem englischen Namen
kurz UPFs genannt. Darunter fallen
stark gesüßte Limonaden,
72 FOCUS 52/2025_01/2026
Lachspäckchen
mit Granatapfel-Minz-Joghurt
Rezept für 2 Portionen
ZUTATEN
LACHSPÄCKCHEN
2 küchenfertige frische Lachsfilets
ohne Haut (à 130 g)
1 TL frisch gehackter Estragon
4 Scheiben Räucherlachs
1 EL Butter
DIP
150 g griechischer Naturjoghurt (10 % Fett)
Saft von ½ Zitrone
2 EL Granatapfelkerne
5 Minzeblätter
1 kleine Prise Zucker
Salz
schwarzer Pfeffer aus der Mühle
Wissen
2
Gut fürs Herz,
schlecht
für den Lachs:
eines der
80 mediterranen
Rezepte
aus dem Buch
„Kochen fürs
Herz“, das
Küchenchef
Christian
Henze gemeinsam
mit
Experten der
Deutschen
Herzstiftung
gestaltete
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
Text an
Schlaf
Den Backofen auf 160 °C Ober-/Unterhitze vorheizen.
Für die Lachspäckchen die Lachsfilets
mit gehacktem Estragon bestreuen, mit je
zwei Räucherlachsscheiben umwickeln und in
eine kleinere Auflaufform setzen. Butter in einem
kleinen Topf aufschäumen und bei mittlerer
Temperatur so lange erhitzen, bis sie goldbraun
ist und nussig duftet (Vorsicht, sie kann schnell
verbrennen!). Die goldbraune Nussbutter über
die Lachspäckchen träufeln und im vorgeheizten
Backofen 10 Minuten garen. Inzwischen für den
Dip Joghurt und Zitronensaft glatt rühren und
die Granatapfelkerne unterrühren. Die Minze
waschen, trocken tupfen, hacken und mit dem
Zucker untermischen. Den Dip mit Salz und
Pfeffer abschmecken. Die Lachspäckchen aus
dem Ofen nehmen, je eine Portion auf zwei Teller
setzen und mit dem Dip servieren.
Guter Schlaf braucht
3 Eigenschaften:
Schneller einschlafen 1
MIT 1,9 mg
MELATONIN
Durchschlafen 2
13
Erholsam schlafen 3
FOTOS: ISTOCK, HUBERTUS SCHÜLER
FOCUS 52/2025_01/2026
Lebensjahre
gewinnen
Männer, die
sich ab dem
Alter von
20 Jahren an
eine optimale
Ernährungsweise
halten
Mit der besonderen 3-Phasen-Technologie
Zeitlich versetzte Freisetzung der Inhaltsstoffe,
schnell und bis zu 8 Stunden.
1. Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen. Der positive Effekt von Melatonin stellt sich ein, wenn
kurz vor dem Schlafengehen 1 mg Melatonin eingenommen wird. Ashwagandha unterstützt das Einschlafen.
2. Baldrian unterstützt das Durchschlafen. 3. Baldrian trägt zur Aufrechterhaltung des Schlafs und zur Entspannung
bei. Lavendel unterstützt die Erholung und trägt zu einem besseren Schlaf bei.
Divapharma GmbH | Motzener Str. 41 | 12277 Berlin
Titel
2600
Kalorien beträgt
der tägliche
Energiebedarf
eines
männlichen
Teenagers, ab
65 sinkt der
Bedarf auf
2100 Kalorien
(bei Frauen
von 2000 auf
1700 Kalorien)
60
Milligramm
Kalzium und
20 Milligramm
Magnesium
stecken in
100 Gramm
Brokkoli, was
das grüne Gemüse
zur Top-
Mineralstoffquelle
macht
Wurst und andere Produkte aus
rotem Fleisch, Knabbereien und
alles, was viel Zucker, Salz, Fett
und chemische Zusatzstoffe wie
etwa Geschmacksverstärker enthält.
Die Lebensmittelindustrie
verwendet die Zusätze oft, um ihre
Produkte zu normieren und Kosten
zu sparen.
Möglicherweise verfolgen die
Hersteller dabei eine Art Kundenbindungsstrategie.
Mathias Fasshauer,
Professor für Ernährungsmedizin
an der Universität Gießen:
„Lebensmittel mit zusätzlichen
Aromen schmecken intensiver und
fördern so das hedonische Essen,
also das Essen aus Lust, was zu
Über essen führt, selbst wenn der
Energiebedarf längst gedeckt ist.“
Gegen derartige Zumutungen für
den menschlichen Stoffwechsel fordern
Verbraucherorganisationen wie
„Foodwatch“ Maßnahmen, etwa
eine deutlichere Deklaration von Inhaltsstoffen,
Werbeverbote und eine
Extrasteuer auf Zucker.
Kritiker der Warnungen vor UPFs
stehen im Verdacht, industrienah
zu sein. Sie geben zum Beispiel zu
bedenken, dass keine einheitliche
Süße Ausnahmen sollten
ausschließlich süßen Anlässen
vorbehalten bleiben. Zimt
immerhin ist gesund, aber nur
in Maßen, eh klar
Definition für „hoch verarbeitet“
existiere. Das verwendete Klassifikationssystem
„Nova“, das die UN-
Organisation für Ernährung unterstützt,
weise Lücken und Ungereimtheiten
auf. So kann Brot offenbar
bereits dann als stark verarbeitet
gelten, wenn es verpackt ist. Außerdem
muss der Zweck der Verarbeitung
nicht in jedem Fall verwerflich
sein. Ein Zusatzstoff kann auch der
mikrobiologischen Sicherheit dienen,
also dem Schutz vor Lebensmittelinfektionen.
Einer Studie zufolge soll ein gutes
Viertel, exakt 27,2 Prozent, der
täglichen Energieaufnahme eines
Durchschnittseuropäers von UPFs
stammen. Der Anteil sinkt bei Menschen,
die häufiger selbst kochen.
Schließlich gibt es zahlreiche Möglichkeiten,
frische Produkte zu
kaufen, auf Märkten, aber auch in
Supermärkten und selbst bei den
Discountern. Wer sie nutzt, entgeht
der Gefahr, zu oft Hochverarbeitetes
zu essen.
Eine geschmackvolle und weitgehend
naturbelassene Kochschule
ist die mediterrane Küche, früher
als Mittelmeerdiät bezeichnet.
Sie genießt unter Medizinern
einen guten Ruf. So glaubt die
Deutsche Herzstiftung, ein Verein
mit rund 100 000 Mitgliedern,
fest an ihre segensreiche Wirkung.
Mit Experten wie dem Kardiologen
Dürschmied hat die Stiftung soeben
den Ernährungs- und Kochführer
„Kochen fürs Herz“ herausgegeben
(28 Euro plus Versandkosten).
Enthalten sind 80 Rezepte des
Kemptener Fernseh- und Sternekochs
Christian Henze. (Eines seiner
liebsten Gerichte finden sie auf
Seite 73.)
Selbstverständlich zählen Gemüse
und Obst zur mediterranen Kost,
aber auch frischer, eher fetter Fisch.
„Makrele und Lachs haben eine
wahnsinnig gute Zusammensetzung
an Fettsäuren“, sagt Henze.
Auch Fleisch lassen er und die
ärztlichen Berater zu, wenn auch in
kleineren Portionen. In einem sehr
engen Rahmen verwendet Henze
FOTOS: ISTOCK
D
z
b
T
74 FOCUS 52/2025_01/2026
Wissen
den „Herzkiller“ Salz. Ihn, so empfiehlt
er, könne man in vielen Fällen
durch Aroma-Kreationen aus Zitrone,
Knoblauch, Olivenöl, Kräutern
und passenden Gewürzen ersetzen.
Apropos Olivenöl: Für Henze ist
das „extra native“ die bevorzugte
Quelle. „Tierische Fette und Butter
werden nur in Ausnahmefällen
verwendet.“ Der Küchenchef setzt
das Olivenöl sparsam ein – weil es
viele Kalorien hat und teuer ist. Er
hat stets zwei Flaschen zu Hause,
jene mit der exakten Herkunftsbezeichnung
zum Drübergießen und
die billigere zum Kochen.
Den UPF-Konflikt löst Henze mit
einer eigenen Formel: „Stehen in
der Zutatenliste Dinge, die in einer
Haushaltsküche nicht zu finden
sind, handelt es sich um ein hoch
verarbeitetes Lebensmittel.“
5. Wählen Sie das Echte
„Wer normgewichtig ist, muss sich
um seine Ernährung im Grunde
nicht besonders kümmern“, sagt
Stephan Martin, Direktor des Westdeutschen
Diabetes- und Gesundheitszentrums
in Düsseldorf. Martin
arbeitet mit Menschen, die oft
nur durch falsche Ernährung und
zu wenig Bewegung an der Stoffwechselstörung
erkrankt sind. Im
Idealfall verhilft er ihnen dazu,
dass sie nach einer Ernährungsumstellung
ohne Medikamente
ihr Gewicht und ihre Blutwerte so
weit verbessern, dass alles wieder
in den Normbereich rutscht.
Martins Strategie besteht hauptsächlich
darin, den Konsum von
kohlenhydratreichen Speisen auf
ein gerade noch verträgliches Minimum
zu reduzieren. Fisch, Fleisch,
Eier und viele Sorten Gemüse sind
gestattet. Genussfeindlich ist das
nicht.
Zwar warnt Martin seine Patienten
wegen der Glukose vor frischem
Obst, aber gesunde Menschen dürfen
und sollen ruhig zugreifen. Säfte
hingegen enthalten zwar Vitamine,
aber auch jede Menge Zucker.
Sie lösen auch kein Sättigungsgefühl
aus.
Wer einmal erlebt hat, wie
schnell eine Chipstüte leer gefuttert
war, hat eine Ahnung davon:
Vieles, was man sich für den kleinen
Hunger zwischendurch aus
dem Regal schnappt, ist durch
geschickte Zugabe von Salz und
Zucker und mehr darauf ausgerichtet,
den Appetit aufrechtzuerhalten.
Man sollte den – oft kleinen
– Aufwand nicht scheuen und
besser zum Original greifen, anstelle
der Chips zu ein paar Kartoffeln
und anstelle des Saftes zum Apfel.
Die Originale liefern eher die
wichtigen Ballaststoffe. Ballaststoffe
sind unverdauliche Bestandteile
meist pflanzlicher Lebensmittel.
Sie verlängern die Aufenthaltsdauer
des Nahrungsbreis im Magen,
saugen Wasser an, lassen den Stuhl
quellen, machen ihn weich und
regen die Darmbewegung an. Man
fühlt sich schneller satt. Außerdem
sind Ballaststoffe in der Lage,
1
Ei pro Tag
stellt kein (!)
Risiko für
Herz und Gefäße
dar. Stattdessen
liefert
es wertvolle
Proteine
ieser Text
eigt evtl. Proleme
beim
ext an
Direkt auf den Schmerz.
Besser Ibu. Aus der Tube.
doc ® Ibuprofen
Schmerzgel
So wirksam wie
Tabletten, * aber
besser verträglich.
sehr gut
ÖKO-TEST-Magazin 08/2025
Bei entzündungsbedingten
Rücken- und Gelenkschmerzen.
* 3 x täglich Ibuprofen Schmerzgel (5 %) im Vergleich zu 3 x täglich 400 mg Ibuprofen-Tabletten bei akuten Weichteilverletzungen.
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bei Schwellungen bzw. Entzündung der gelenknahen Weichteile (z. B. Schleimbeutel, Sehnen, Sehnenscheiden, Bänder und Gelenkkapsel), Sportund
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Farnesol, Geraniol, D-Limonen und Linalool. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.
Stand 12/2023
Titel
2
bis drei
Tassen Kaffee
sind eine
ideale Dosis.
Er schützt
vor Lebererkrankung
und Diabetes
Typ 2
2,3
Milligramm
bioaktiver
Scharfstoffe
wie Gingerole
und Shogaole
pro Gramm
machen Ingwer
zum echten
Entzündungshemmer
Gifte und Krankheitserreger zu binden
und abzutransportieren.
6. Vegan, vegetarisch oder
doch viel Fleisch? Am besten
lebt es sich flexitarisch
Die EU hegt Pläne, Bezeichnungen
wie „Vleisch“ und „Veggie-Schnitzel
“ zu verbieten. Eigenartigerweise
opponieren unter anderem jene
Kräfte dagegen, die sonst für eine
ehrliche Lebensmitteldeklaration
eintreten und jeden verklagen, der
etwa Erdbeeren auf die Verpackung
druckt, obwohl nur Erdbeeraroma
im Produkt ist.
Aber nicht nur die Benennung der
veganen Supermarktware ist umstritten,
sondern auch ihr Inhalt.
Manch ein Hersteller verfremdet
Erbsen und Bohnen mithilfe von
maschinellen Prozessen und Zusatzstoffen
sehr stark. Er will damit
Textur und Geschmack so hinbekommen,
dass sie möglichst fleischähnlich
wirken. Derartige vegane
Produkte mögen in ihrer Umweltbilanz
klimafreundlicher sein, die
Anzahl der verwendeten Zusatzstoffe
aber erinnert manchmal an hoch
verarbeitete Lebensmittel.
Okay, Transfette und Wurst
sind der Endgegner.
Aber einmal im Jahr, um
genau 00.12 Uhr, muss auch
das erlaubt sein
Dass „vegan“ nicht automatisch
gesund bedeutet, zeigt sich nebenbei
darin, dass kräftig gesalzene
Pommes frites in diese Kategorie
fallen.
Man kann sich jedenfalls ohne
Fleischimitate vegan, aber möglicherweise
gesünder ernähren. Tofu
zum Beispiel wird seltener verfremdet,
sondern eher mit Gewürzen
aufgepeppt. Darüber hinaus bieten
heimische und mediterrane
Gemüsesorten von der Paprika bis
zur Aubergine viele Möglichkeiten,
ein schmackhaftes veganes Essen
zuzubereiten.
Allerdings fehlt in Pflanzen ein
wichtiger Mikronährstoff fast völlig,
das Vitamin Cobalamin (B12).
Er unterstützt die Nerven. So wird
Veganern häufig empfohlen, B12
zu supplementieren, also entsprechende
Nahrungsergänzungsmittel
einzunehmen. Fleisch hingegen ist
eine hervorragende Quelle für Vitamin
B12. Nicht-Veganer erhalten
auch anderweitig wichtige Nährstoffe,
etwa Omega-3-Fettsäuren
aus Fischen und Eiern.
In den USA läuft derzeit eine politische
Initiative mit dem Ziel, die
bislang verfemten gesättigten Fettsäuren
zu rehabilitieren. Sie sind
etwa in Butter oder fettem Fleisch
enthalten. Das Vorhaben dürfte
medizinisch eher nicht gerechtfertigt
sein. Dennoch unterstützt es
Donald Trumps Gesundheitsminister
Robert F. Kennedy Jr. offenbar.
Seine Verfechter argumentieren im
Wesentlichen, der Mensch nehme
seit Jahrtausenden gesättigte Fettsäuren
zu sich. Er habe sich dabei
– oder sogar dadurch – gut entwickelt,
heißt es aus dem Trump-
Lager. Darüber hinaus spricht für
Fleisch, dass es sehr nährstoffreich
ist. Eisen nimmt der Körper aus karnivoren
Quellen leichter auf als aus
pflanzlichen.
Dem Rehabilitierungsversuch
für gesättigte Fettsäuren stehen
allerdings Studien gegenüber, die
zu dem Schluss kamen, ein hoher
Konsum dieser tierischen Fette
erhöhe die Wahrscheinlichkeit, an
D
z
b
T
76 FOCUS 52/2025_01/2026
Wissen
FOTOS: ISTOCK
Herz und Kreislauf zu erkranken.
Manche sprechen gar von einem
zusätzlichen Darmkrebsrisiko. Bei
rotem Fleisch, also etwa Rind,
Wild und Lamm, zeigte sich dieser
Zusammenhang. Bei vegetarischen
Quellen gesättigter Fettsäuren wie
Joghurt und Käse scheint ein anderer
Mechanismus zu wirken, denn
für sie ist keine Risikoerhöhung
nachweisbar.
So dürfte der Rat der Deutschen
Gesellschaft für Ernährung (DGE)
zum Fleischkonsum ein guter Kompromiss
zu sein. Die DGE empfiehlt,
nicht mehr als 300 Gramm Fleisch
und Wurst pro Woche zu essen, also
zwei bis drei Portionen. Der Rest
des Bedarfs lässt sich aus Fisch,
Gemüse und so weiter bestreiten,
„flexitarisch“ eben.
Ernährungsberatung/-therapie
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Stoffwechsel-Experte Andreas
Pfeiffer klärt über Zucker im Essen
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7.Undwieistdasjetztmit
demAlkohol?
Gab es früher Stimmen, die dem
täglichen Glas Rotwein einen herzschützenden
Effekt zustanden,
herrscht seit einigen Monaten Prohibitionsstimmung.
Die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) will,
dass Menschen überhaupt keinen
Alkohol mehr trinken. In einem
vor knapp einem Jahr erschienenen
Bericht fordert sie eine Kennzeichnung
auf den Flaschen. Diese
solle „eine konkrete Krebswarnung
enthalten“, so der Schwede Hans
Kluge, Regionaldirektor für Europa
der WHO.
Dass Alkohol ein Zellgift ist, weiß
die Wissenschaft schon lange. Nun
kommen Belege hinzu, wonach bereits
geringe Mengen Krebs – darunter
Brustkrebs – auslösen können.
Die meisten Mediziner bestreiten
mittlerweile die Existenz einer
„erlaubten“ Dosis, wie sie die Promillegrenzen
fürs Autofahren suggerieren.
Welche Rolle spielt es angesichts
dessen noch, dass Alkohol in maßvollen
Mengen die Stimmung
15
Gramm Eiweiß
stecken in
100 Gramm
Walnüssen.
Zudem sieben
Gramm
Ballaststoffe
und besonders
viel
Alpha-Linolensäure
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Titel Wissen
Geheimnis des guten Geschmacks
Ab dem fünften Monat im Mutterleib können Ungeborene schmecken.
Zuerst mögen wir »süß«, der Rest entwickelt sich
Augen und Tastsinn sind beteiligt, aber
hauptsächlich läuft das Geschmacksempfinden
via Zunge und Nase. Im Gehirn
kommen Geschmacksinformationen in
Riechkolben: Er
gehört zum Gehirn
und trägt die Geruchssignale
weiter
Olfaktorisches System:
Der Mensch besitzt rund
zehn Millionen Riechzellen.
Damit ist er etwa dem
Hund weit unterlegen
Geschmacksknospen:
Der Mensch verfügt über
etwa 9000 von ihnen. Sie
enthalten jeweils mehrere
Dutzend Sinneszellen
Quelle: MSD, Stuenzi, Openstax
2
1
gustatorischen CortexArealen an. Einbezogen
sind der Hypothalamus – Produktionsort
des Botenstoffs Dopamin – und das für
Emotionen zuständige limbische System.
Verzweigende Riechnerven
verbinden sich mit
dem Riechkolben
1
2
Chorda tympani: Sie ist
ein Ast des Gesichtsnervs
und übermittelt die
Geschmackssignale
von den vorderen zwei
Dritteln der Zunge
Die Zungenoberfläche
ist mit Papillen bedeckt,
die Geschmacksknospen
tragen
sauer
salzig
bitter
umami
süß
salzig
Karte der Geschmäcker:
Sie sind nicht scharf
voneinander abgegrenzt.
Die Karte zeigt die jeweils
dominierende Richtung.
Neuerdings sprechen
Forscher auch von einem
Rezeptor für Fett
sauer
hebt und Ängste verjagt? Von langer
Dauer ist die Freude am Alkoholgenuss
bei vielen Menschen
ohnedies nicht. Jenseits ihres 50.
oder 60. Geburtstags machen sie
die Erfahrung, dass sie Alkohol
schlechter vertragen. Wie alles im
Körper arbeitet auch die Entgiftungszentrale
Leber mit den Jahren
nicht mehr so flink. Ein weiterer
Grund für die späte Neigung zum
frühen Kater ist, dass Muskeln zu
bis zu 80 Prozent aus Wasser bestehen,
Fett zu nicht einmal einem
Drittel. Weil im Alter die Muskelmasse
zugunsten des Fetts schwindet,
Alkohol aber wasserlöslich ist,
verbleibt mehr davon im Blut.
Andererseits weiß die Menschheit
im Großen und Ganzen mit
Alkohol umzugehen. Schließlich
kultiviert sie ihn und seine verbindende
Funktion seit mindestens
8000 Jahren. Prost und Prosit, Santé
und Zum Wohl gehören in diesen
Tagen einfach dazu.
Der eingangs erwähnte Dichter
Oscar Wilde mochte Absinth, eine
wegen ihrer angeblichen halluzinogenen
Wirkung in vielen Ländern
zeitweise verbotene Spirituose mit
bis zu 90 Prozent Alkoholgehalt. Er
nannte den Absinth „grüne Fee“.
Wilde wurde nur 46 Jahre alt. Er soll
allerdings an der Syphilis gestorben
sein. Laut WHO verlieren in Europa
jährlich 800 000 Menschen wegen
Alkoholkonsums ihr Leben.
Vor Alkohol muss man also warnen.
Wer dennoch in diesen Tagen
nicht davon lassen will: Hinweise
zum risikoarmen Trinken beinhalten,
das Glas nicht zu schnell
zu leeren und nach jedem geistigen
Getränk zu Mineralwasser zu
greifen.
Im neuen Jahr kann man dann
endlich den Rat beherzigen, mindestens
drei Tage in der Woche
alkoholfrei zu bleiben und es an
den anderen Tagen bei einem,
höchstens zwei Drinks bewenden
zu lassen. Oder man legt einen Dry
January ein und, wer weiß, verlängert
ihn für eine ungewisse Zeit. 7
Kurt-Martin Mayer
nimmt sich jetzt fest vor,
im kommenden Jahr einen
Kochkurs in mediterraner
Küche zu belegen.
FOTOS: LANDON NORDEMAN/TRUNK ARCHIVE (5)
78 FOCUS 52/2025_01/2026
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Fantasie in
Dosen
Die Kinder-Kassette
hat ausgedient – Musik und
Hörbücher für Kids liefern
heute bunte Plastikboxen.
FOCUS hat die sechs
wichtigsten Modelle getestet
Zum zehnten Mal Benjamin Blümchen?
Als Hörspiele und Musik für
Kinder noch vor allem auf Kassetten
oder CDs verkauft wurden, litt mitunter
die ganze Familie mit. Dank
Kopfhörer und Bluetooth muss das heute
nicht mehr sein. Welches System eignet
sich für wen, und welche Folgekosten sind
zu erwarten?
Marktführer aus
Deutschland: Die
Toniebox ist weltweit
erfolgreich
Der Galakto-Player
Mit sogenannten Token, die an die Module
von Gameboy-Spielen erinnern, arbeitet
der Galakto-Player (70 Euro). Man steckt
sie in den farbig umrandeten Schlitz, wo
sie magnetisch Halt finden. Es ist keinerlei
Installation notwendig, ebenso wenig
irgendwelche Downloads. Die Plus- und
Minus-Tasten regeln die Lautstärke, zwei
andere Tasten springen zwischen Kapiteln.
„Pause“ oder ein Ausschalter fehlen –
den Token herauszuziehen
genügt. Es gibt
zwei Kopfhörerbuchsen.
Geschwister können
sich eine Box teilen.
Ein Token kostet
etwa 10 Euro. Selbst bespielbare
Token bietet
das System nicht.
Die Tigerbox
Die Tigerbox Touch Plus (130 Euro) erfordert
ein bisschen mehr Arbeit. Die Eltern
müssen eine App herunterladen und dort
einen Account einrichten, auch um das
System mit den „Tigercards“ zu füttern
(etwa 10 Euro). Diese enthalten einen
Code, den die Box erkennt, woraufhin sie
die Inhalte aus dem Netz lädt. Alternativ
gibt es eine Flatrate (12,99 € monatlich), bei
der etwa 30 000 kindgerechte Hörinhalte
im Abo zur Verfügung
stehen. Eigene Inhalte
der Nutzer nimmt
die Tigerbox über
„Wildcards“ entgegen.
Pluspunkt: Kopfhörer
lassen sich auch
per Bluetooth-Funk
koppeln.
Die Wobie-Box
Auf eine Handfläche passt die Wobie-Box
(ca. 130 Euro). Eine App dient als Fernbedienung
für Spotify. Wer seine Kinder
werbefrei hören lassen will, muss ein Abo
bezahlen. Auf sieben farbigen Feldern
können die Eltern Playlists mit Musik,
Hörbüchern oder Podcasts belegen. Das
Kind kann sie auf einfache Art abrufen,
ohne sich im Spotify-Dschungel zu verirren.
Über die App lässt sich der Wobie
auch aus der Ferne leise schalten, etwa
wenn das Kind eingeschlafen ist.
Hörbert
Ein stabiles Holzgehäuse, die Ecken abgerundet:
Hörbert (260 Euro) sieht aus wie
ein klassisches Kofferradio. Die Bedienung
für das Kind ist einfach – eine der
farbigen Tasten drücken, und eine Playlist
startet. Was es zu hören gibt, bestimmen
die Eltern über einen Webbrowser
auf Computer oder Handy. Anders als bei
der Konkurrenz ist keine Registrierung
nötig. Alle Daten und Inhalte verbleiben
auf dem Gerät. Die Eltern können auch
alte CDs oder Kassetten digitalisieren oder
über ein Mikrofon selbst Bücher einlesen.
Der Hersteller bietet aber auch vorbespielte
Speicherkarten an. Die niedrigen
Folgekosten können den hohen Kaufpreis
wettmachen.
Die Toniebox
Etwa zehn Millionen Exemplare hat der
Hersteller bereits abgesetzt. Derzeit ist die
Toniebox 2 (110 Euro) auf dem Markt. Das
rundum wattierte Gerät ist so widerstandsfähig,
dass es für Kinder ab einem Jahr
zertifiziert wurde. Für die Einrichtung ist
ein Account beim Hersteller nötig. Der
Nachwuchs kann dann eine der Tonie-
Figuren (ab 14 Euro pro Stück) in den
Leuchtkreis stellen, und schon spielt die
Box die mit der Figur verknüpften Inhalte
ab. Eigene Dateien lassen sich über
„Kreativ-Tonies“ abspielen, die 13 Euro
kosten und je 90 Minuten speichern.
Yoto-Player
Aus Großbritannien kommt der Yoto-Player
(100 Euro). Das schicke Gerät ist schnell
und bequem eingerichtet. Die Inhalte sind
über „Karten“ kodiert und kommen ebenfalls
aus der Cloud. Eine Anmeldung wird
also vorausgesetzt. Zu kaufen gibt es nur
fremdsprachige Inhalte, aber auch „Make
your own“-Karten, zehn Stück für 25 Euro,
auf die sich je bis
zu hundert Musikstücke
bzw. 500 Megabyte
spielen lassen,
etwa auch von
Großeltern vorgelesene
Märchen.
Fazit: Die Konzepte der sechs ausgewählten
Kindermusikboxen sind so verschieden,
dass ein Testsieger nicht zu
küren ist. Die meisten Inhalte bieten die
Toniebox mit ihren Figuren und die Tigerbox
im Stream. Hörbert ermöglicht, alle
Zusatzkosten zu vermeiden. 7
MATTHIAS MATTING
FOTO: PETER BRODBECK
80 FOCUS 52/2025_01/2026
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Kultur
Frieden wagen!
Der israelische Historiker Yuval Noah Harari sieht
nur eine Möglichkeit, den Konflikt im Nahen Osten zu
lösen. Hier erklärt er, warum die Zeit dafür drängt
Text von Yuval Noah Harari
82 FOCUS 52/2025_01/2026
Wenn die Waffen
schweigen: Palästinenser
zwischen zerstörten
Häusern im Gazastreifen
2021. Das Foto wurde
beim World Press Photo
Contest prämiert
FOTO: FATIMA SHBAIR/WORLD PRESS
PHOTO ASIA/GETTY IMAGES
FOCUS 52/2025_01/2026
83
Kultur
Es gibt keinen objektiven Grund, warum Israelis
und Palästinenser einander bekämpfen müssen.
Das Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer,
auf das beide Anspruch erheben, ist groß und
reich genug, um allen seinen derzeitigen Bewohnern
ein Leben in Sicherheit, Wohlstand und Würde zu
ermöglichen. Wenn wir einmal alle moralischen und
ideologischen Vorurteile beiseitelassen und einfach
zählen, wie viele Quadratkilometer es umfasst, wie
viele Kilowatt Strom hier produziert werden, wie viele
Kilogramm Weizen das Land importieren und wie
viel Wasser es entsalzen kann, würden wir feststellen,
dass es alle Israelis und alle Palästinenser problemlos
ernähren könnte.
Was den israelisch-palästinensischen Konflikt schürt, ist nicht
ein Mangel an Territorium oder Ressourcen, sondern falsche
moralische Gewissheiten, die durch vereinfachte historische
Darstellungen hervorgerufen werden. Tief im Inneren sind zu
viele Israelis und Palästinenser davon überzeugt, dass sie vollkommen
im Recht sind und die jeweils andere Seite vollkommen
im Unrecht, und dass die Gegenpartei daher kein Existenzrecht
besitzt. Selbst wenn sie durch die Umstände gezwungen sind,
irgendein Abkommen zu unterzeichnen, neigen beide Seiten
dazu, dies höchstens als vorübergehenden Zustand zu betrachten
und hoffen, dass sich auf lange Sicht die wahre Gerechtigkeit
durchsetzen wird und sie das gesamte Land in ihren
Besitz bringen können. Darüber hinaus sind sich beide Seiten
der moralischen Überzeugung ihres Gegenübers bewusst und
haben Angst davor. Beide Seiten befürchten, dass die andere
Partei sie vernichten will, und beide Seiten haben durchaus
Anlass, dies zu befürchten.
Der Kreislauf von Gewalt und Leid kann nur durchbrochen
werden, wenn die Menschen ihre moralischen Gewissheiten
aufgeben und stattdessen praktische und großzügige Lösungen
suchen. Um zu verstehen, woher die falschen und destruktiven
Überzeugungen rühren, müssen wir einen Blick auf die
lange Geschichte des Landes zwischen dem Jordan und dem
Mittelmeer werfen und auf die verzerrten historischen Narrative,
die Israelis, Palästinenser und viele andere Menschen auf
der ganzen Welt viel zu lange gepflegt haben.
Die Erzählung, die die Überzeugung der Palästinenser hervorbringt,
lautet in etwa so: Die Palästinenser sind die ursprünglichen
Ureinwohner des Landes zwischen dem Jordan und dem
Mittelmeer. Dieses Land gehörte immer ihnen, bis
die Juden es ihnen stahlen. Diese Juden sind laut
dem palästinensischen Narrativ europäische Kolonialisten.
Sie kamen im späten 19. Jahrhundert im
Rahmen des umfassenderen kolonialistischen Projekts
Europas in den Nahen Osten. So wie christliche
Europäer Südafrika erobert und besiedelt haben,
so haben jüdische Europäer Palästina erobert und
besiedelt. Politische Schwäche mag die Palästinenser
zwingen, vorübergehend Kompromisse mit den
jüdischen Siedlern einzugehen, aber tief im Inneren
wissen sie, dass die Juden keine Verbindung zu
diesem Land haben und kein Recht, dort zu leben.
Die Erzählung, die die moralische Überzeugung
der Israelis hervorbringt, lautet dagegen in etwa
so: Die Juden sind die ursprünglichen Ureinwohner
des Landes zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer.
Sie wurden von den Römern aus diesem
E
Yuval Noah Harari
Der israelische
Historiker ist
Autor der Weltbestseller
„Eine
kurze Geschichte
der Menschheit“
oder „Nexus“
Land vertrieben. Während ihres Exils wollten die
Juden immer in ihr angestammtes Land zurückkehren,
wurden jedoch durch feindliche imperialistische
Mächte daran gehindert. Schließlich brachte
die zionistische Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts
die Juden dazu, enorme Hürden zu überwinden,
um endlich heimzukehren.
Was die Palästinenser betrifft, so glauben viele Israelis,
dass es so etwas wie ein palästinensisches Volk
gar nicht gibt. Als die zionistischen Juden Ende des
19. Jahrhunderts begannen, in ihre Heimat zurückzukehren,
war diese angeblich weitgehend menschenleer.
Zwar gab es dort einige Nomadenstämme und
in Armut dahinvegetierende Dörfer, aber ihre Zahl war gering
und sie bildeten keine erkennbare palästinensische Nation.
Beide Darstellungen stehen im Widerspruch zu zahlreichen
historischen Fakten. Lassen Sie uns einige der wichtigsten dieser
Fakten betrachten und dann überlegen, wie die beiden Darstellungen
dennoch miteinander in Einklang gebracht werden
können.
Die Fehler im Narrativ der Israelis
Die Behauptung, dass Juden die ursprünglichen Bewohner des
Landes zwischen Jordan und Mittelmeer seien, ist eindeutig
falsch, denn dieses Land hat keine erkennbaren „Ureinwohner“.
Wie die meisten anderen Länder auf der Erde wurde auch
diese Region Tausende von Jahren vor der Ankunft der ersten
Juden (oder Palästinenser) von zahlreichen verschiedenen
Völkern besiedelt und wiederbesiedelt. Zwar gab es im ersten
Jahrtausend v. Chr. eine jahrhundertelange Phase, in denen
Juden die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Aber selbst da
waren sie nicht die einzigen Bewohner; vor ihnen lebten dort
Kanaaniter, Natufier und Neandertaler; und es gibt keinen
zwingenden Grund, die Geschichte des Landes im ersten Jahrtausend
v. Chr. beginnen zu lassen.
Es ist auch nicht wahr, dass die Juden von den Römern oder
einem anderen nachfolgenden Reich aus der Region vertrieben
wurden. Nach dem großen Jüdischen Krieg (66–70 n. Chr.) und
dem Bar-Kochba-Aufstand (132–136 n. Chr.) wurden viele Juden
von den Römern versklavt, und es wurde ihnen verboten, an
bestimmten Orten in Judäa zu leben, insbesondere in der Stadt
Jerusalem. Allerdings erließ kein römischer Kaiser jemals ein
Dekret, das Juden dauerhaft aus dem Land zwischen Jordan
und Mittelmeer verbannte, wie die Tatsache belegt,
dass einige Juden, wie die Verfasser der Mischna
und des Jerusalemer Talmuds, während der gesamten
Römerzeit dort weiterlebten. Dennoch übersiedelten
die meisten Juden an andere Orte, aber sie
wanderten freiwillig aus, auf der Suche nach besseren
Lebensbedingungen.
Bereits vor dem Jüdischen Krieg gegen die Römer
lebten etwa 50 Prozent der Juden außerhalb des
Landes, beispielsweise in Ägypten und Mesopotamien.
Nachdem die meisten das Land verlassen hatten,
hinderte sie niemand daran, zurückzukehren.
Die römischen, arabischen und osmanischen Reiche,
die die Region während der vergangenen zwei
Jahrtausende beherrschten, verboten die jüdische
Einwanderung nicht, und im Falle der Osmanen
wurde sie zeitweise sogar begrüßt. Vor dem Aufkommen
des modernen Zionismus wollten jedoch
FOTO: FILIP POWIDZKI CASSERBLAD/IMAGO/TT
84 FOCUS 52/2025_01/2026
Zeitgeschichte
Ewige Trauer:
Gedenken an
die Opfer des
Massakers auf
dem Nova-
Festival zwei
Jahre nach dem
Angriff der
Hamas vom
7. Oktober 2023
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nur wenige Juden in dem Land zwischen dem Jordan und dem
Mittelmeer leben, sodass sie nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung
ausmachten.
Die Israelis betonen, dass zwar nur wenige Juden eingewandert
seien, aber alle Juden weltweit dafür gebetet hätten,
eines Tages zurückkehren zu können. Aber Gebete rechtfertigen
keinen Anspruch auf Immobilienbesitz. Wenn mein Nachbar
ein schönes Haus hat und ich jeden Tag darum bete, dass
dieses Haus irgendwann mir gehöre, nach wie vielen Gebeten
darf ich zum Grundbuchamt gehen und bekomme die entsprechende
Urkunde?
Entgegen der israelischen Darstellung war das Land, das die
ersten Zionisten Ende des 19. Jahrhunderts vorfanden, keineswegs
unbewohnt. Es umfasste nicht nur Hunderte von Dörfern
und die Stadt Jerusalem, sondern auch mehrere andere bedeutende
Zentren wie Akko, Jaffa, Gaza, Nablus und Hebron. Man
könnte darüber diskutieren, inwieweit sich die Bewohner im
19. Jahrhundert – Muslime, Christen und Juden – als eigenständige
palästinensische Nation verstanden. Aber selbst, wenn
die israelischen Hardliner recht haben und es im 19. Jahrhundert
keine starke und ausgeprägte palästinensische nationale
Identität gab, untergräbt dies nicht die Ansprüche auf eine
palästinensische Nation im 21. Jahrhundert. Es braucht Zeit,
bis eine Nation entsteht, und zwei Jahrhunderte reichen sicher
für solch einen Identitätsfindungsprozess aus.
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen: Im
19. Jahrhundert fehlte auch den Juden eine starke und ausgeprägte
nationale Identität. Die überwiegende Mehrheit lehnte
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die zionistische
Idee ab und hatte kein Interesse daran, ihre Heimatländer zu
verlassen und einen jüdischen Nationalstaat zu gründen.
Juden, die sich aufgrund von Antisemitismus und Krieg dazu
entschlossen hatten, ihre Heimat, etwa Polen, zu verlassen,
bevorzugten, in die USA, nach Kanada oder Argentinien auszuwandern,
anstatt in das Land zwischen Jordan und Mittelmeer.
Von 1880 bis 1924 zogen nur etwa dreieinhalb Prozent
der jüdischen Migranten dorthin.
Die Fehler im Narrativ der Palästinenser
Die eklatanten Schwächen in der israelischen Darstellung moralischer
Überzeugungen bedeuten jedoch nicht, dass die palästinensische
Darstellung frei von Fehlern ist. Die Behauptung
vieler Palästinenser, das ursprüngliche indigene Volk des Landes
zwischen Jordan und Mittelmeer zu sein, leidet unter dem
gleichen Problem wie die jüdische Behauptung. Wie gesagt,
gibt es in diesem Land kein „ursprüngliches indigenes Volk“,
es sei denn, man möchte sich für die Rechte der Neandertaler
einsetzen, die dort bereits vor der Ankunft der ersten Homosapiens-Siedler
aus Afrika seit Hunderttausenden von Jahren
lebten. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Land wiederholt
erobert und neu besiedelt. Niemals in seiner langen Geschichte
war die Region mit einem unabhängigen Staat namens „Palästina“
identisch.
Der Name „Palästina“ ist uralt und geht zurück auf die biblischen
Philister und auf die Entscheidung des römischen Kaisers
Hadrian, die römische Provinz Judäa als Strafe für den
Bar-Kochba-Aufstand in „Syria Palaestina“ umzubenennen.
Aber das Gebiet, das dieser Name bezeichnet, war in der Regel
entweder ein Flickenteppich aus viel kleineren Einheiten oder
eine Provinz eines viel größeren Reiches. Vom Untergang des
Königreichs Juda über das Neubabylonische Reich im Jahr
586 v. Chr. bis zur Gründung des Staates Israel im Jahr 1948
beherrschten nur zweimal unabhängige Königreiche über einen
längeren Zeitraum hinweg den größten Teil des Landes, nämlich
das jüdische Hasmonäerreich (ca. 140–37 v. Chr.) und das
Kreuzfahrerreich Jerusalem (1099–1291).
Im 7. Jahrhundert n. Chr. eroberte das arabische Reich das
Land, aber dieser neue Imperialismus war nicht wirklich besser
oder lobenswerter als der frühere römische oder der spätere
britische Imperialismus. Diejenigen, die glauben, dass die
Briten kein Recht hatten, Südafrika im 19. Jahrhundert und
Palästina zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu erobern, sollten
anerkennen, dass auch das arabische Reich kein Recht hatte,
das Land zwischen Jordan und Mittelmeer im 7. Jahrhundert
zu annektieren.
FOCUS 52/2025_01/2026
85
Kultur Zeitgeschichte
Tatsächlich war es eher das britische Reich als eines der früheren
muslimischen Reiche, das maßgeblich darüber entschied,
wer heute als Palästinenser gilt und wer nicht. In der späten
osmanischen Zeit war das Land zwischen Jordan und Mittelmeer
in mehrere Verwaltungseinheiten aufgeteilt, wobei beispielsweise
Akko und Gaza zu unterschiedlichen Provinzen
gehörten. Nach dem Ersten Weltkrieg zeichneten die Briten und
Franzosen die Karte des Nahen Ostens neu, und es waren vor
allem die Briten, die entschieden, dass die Menschen in Akko
und Gaza fortan derselben neuen politischen Einheit angehören
sollten, dem britischen Mandatsgebiet Palästina.
Die palästinensische Behauptung, Israelis seien Nachkommen
europäischer Kolonialisten, ignoriert die Tatsache, dass die
Region seit 3000 Jahren einen bedeutenden jüdischen Bevölkerungsanteil
besitzt und dass die Verbindung der Juden zu
diesem Land keine moderne Erfindung ist. Als britische Siedler
in Südafrika aus irgendwelchen Gründen in der Erde gruben,
fanden sie niemals englische Inschriften aus der Zeit vor
2000 Jahren. Wenn Israelis jedoch ein Haus bauen und dafür
Fundamente legen, finden sie gelegentlich hebräische Inschriften
aus der Zeit vor 2000 Jahren.
Dies gewährt den Juden jedoch kein absolutes Eigentumsrecht
an dem Land, in dem auch zahlreiche alte Inschriften
in Arabisch, Latein, Griechisch, Aramäisch, Kanaanitisch und
anderen Sprachen zu finden sind. Es bedeutet jedoch, dass es
höchst irreführend ist, die Geschichte des modernen europäischen
Kolonialismus als Modell für das Verständnis des jüdischen
Lebens im Nahen Osten heranzuziehen. Es ist besonders
ärgerlich, israelische Juden als europäische Kolonialisten
zu bezeichnen, da etwa die Hälfte der heutigen israelischen
Juden Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten
sind, die nach 1948 aus ihren angestammten Heimatländern
wie Ägypten, Irak und Jemen vertrieben wurden, als Rache für
die wiederholten Niederlagen der Araber gegen Israel.
Ein großzügiger Frieden
Als die Briten Anfang der 1920er Jahre die Grenzen der neuen
Provinz Palästina zogen, hatten die Menschen, die in diesem
politischen Gebilde lebten, einen viel stärkeren Anspruch auf
das Land als alle Einwanderer. Damals waren nur etwa zehn
Prozent der Bevölkerung des britischen Palästina Juden. Die
Tatsache, dass vor 2000 Jahren ein jüdisches Königreich einen
Großteil des Landes beherrschte, gab dem jüdischen Volk kaum
das Recht, es im 20. Jahrhundert zu beanspruchen. Ebenso war
die Tatsache, dass Juden im 20. Jahrhundert in vielen
Ländern verfolgt wurden, ein großes Problem,
aber es war kein Problem, das von den Palästinensern
verursacht wurde, und kein Problem, für dessen
Lösung die Palästinenser verantwortlich gemacht
werden konnten.
Seit 1920 ist jedoch mehr als ein Jahrhundert vergangen.
Heutzutage können sowohl Israelis als auch
Palästinenser Anspruch auf das Land geltend machen,
aus dem einfachen Grund, dass beide darauf
leben und keiner von ihnen woanders hingehen
kann. Das Land zwischen Jordan und dem Mittelmeer
ist derzeit die Heimat von über sieben Millionen
Juden, von denen die meisten dort geboren
wurden. Gleichzeitig ist das Land die Heimat von
mehr als sieben Millionen Palästinensern, die ebenfalls
dort geboren wurden und ebenfalls nirgendwo
anders hinkönnen.
»Beide
Parteien
berufen
sich letztlich
auf
dasselbe.
Und beide
Parteien
irren«
Yuval Noah
Harari
All dies bedeutet, dass weder Israelis noch Palästinenser zu
100 Prozent Recht oder Unrecht haben und dass keine Seite ausreichende
Gründe hat, sich die vollständige Vernichtung der anderen
zu wünschen. Gewalt in der Gegenwart kann keine Toten
zum Leben erwecken oder Schmerzen rückwirkend lindern. Es
ist jedoch möglich, Kriege und Gräueltaten in der Zukunft zu
verhindern.
Dazu reicht es nicht aus, dass die Kriegsparteien eine vorübergehende
Einigung erzielen. Kein Kompromiss kann Bestand haben,
solange jede Seite davon überzeugt ist, dass sie vollkommen im
Recht ist und dass Gerechtigkeit das endgültige Verschwinden
der anderen Seite erfordert. Der Kreislauf von Krieg und Leid kann
nur beendet werden, wenn beide Seiten ihre moralischen Gewissheiten
aufgeben, das Existenzrecht der anderen anerkennen und
einen großzügigen Frieden statt eines kleinmütigen Waffenstillstands
anbieten. Beide Seiten müssen sich fragen: „Wenn ich auf
der anderen Seite stünde, was würde ich benötigen, um in Sicherheit,
Wohlstand und Würde leben zu können?“ Vor allem müssen
beide Seiten Großzügigkeit walten lassen. Die Israelis sollten aufhören,
um jeden Hügel und jede Quelle zu feilschen. Ein guter
Frieden für Israel ist kein Frieden, der den Israelis einen weiteren
Quadratkilometer Wüste oder eine weitere Oase beschert. Es ist
ein Frieden, der ihnen gute Nachbarn beschert. Es liegt im besten
Interesse Israels, dass Palästina ein sicheres, prosperierendes
und würdevolles Land ist, und das kann nur geschehen, wenn
es sich dabei wirklich um ein Land handelt und nicht um eine
Ansammlung eingezäunter Siedlungen.
Die Bedrohung ist viel gravierender – für uns alle
Auch die Palästinenser sollten großzügig sein. Was sie Israel
anbieten könnten, ist nicht ein weiteres Tal oder weitere Palmen,
sondern etwas viel Wertvolleres: Legitimität. Die Israelis
leben in ständiger Angst vor der Vernichtung, und ihre Ängste
sind berechtigt. Das derzeitige Kräfteverhältnis spricht eindeutig
für Israel, aber die arabische Welt und die muslimische Welt
sind Israel überlegen, und die Zukunft wird das Kräfteverhältnis
zwangsläufig verändern, vielleicht zum Nachteil Israels. Wenn
die Palästinenser das Existenzrecht Israels wirklich anerkennen,
wird dies den Weg für die gesamte arabische und muslimische
Welt ebnen, dasselbe zu tun. Nur dann können die Israelis frei
atmen, was es auch den Palästinensern ermöglichen würde, endlich
in Ruhe zu leben.
Beide Seiten sollten Großzügigkeit zeigen, denn nur so kann
endlich Frieden einziehen in der um-kämpften Region,
bevor es zu spät ist. Fanatiker sprechen gerne von
Ewigkeit und glauben, sie hätten alle Zeit der Welt.
Aber die Ewigkeit ist eine Illusion, und die Zeit läuft
für alle ab. Vor Millionen von Jahren gab es weder
Israelis noch Palästinenser. Es gab überhaupt keine
Menschen, nicht in dieser Region, nicht auf unserem
Planeten. Jetzt ist die Zukunft der gesamten
Menschheit in Gefahr, aufgrund mächtiger neuer
Technologien, die wir entwickeln, von Atomwaffen
der nächsten Generation bis zu KI-gesteuerten Drohnenschwärmen
und vollständig autonomen Armeen.
Jahrzehntelang lautete das Mantra zur Lösung des
israelisch-palästinensischen Konflikts: „Zwei Staaten
für zwei Völker“. Wenn die beiden Völker nicht
etwas mehr Großmut wagen, könnte die letztendliche
Lösung ihres Konflikts lauten: „Null Staaten für
null Menschen.“ 7
COPYRIGHT: THE FINANCIAL TIMES 2025 / ÜBERSETZUNG: JOBST-ULRICH BRAND
86 FOCUS 52/2025_01/2026
Für
alle,
die auf Erfolg nicht warten –
sondern starten.
wiwo.de/fueralle
Kultur
Auf Tuchfühlung: Tom Payne, Aidan Gillen, Anne Ratte-Polle, Owen Teale und Malick Bauer in „Der Medicus 2“
Sie sind der Heimat schon ganz
nah, der frühere Bader-Bengel
Rob, der nach mehr als zwei
Jahrzehnten Wanderschaft und
Lehre im persischen Isfahan
nun als ausgebildeter Medicus
nach England zurückkehren
will – sowie seine Frau, das
Baby, die Gefährten und Heiler-Kollegen.
Die Felsen von Dover zeichnen sich bereits
ab am Horizont, da verfinstert sich der
Himmel, ein gewaltiges Unwetter durchtost
den Ärmelkanal und zerschmettert den
alten Schoner an den Klippen.
Ein Schiffbruch, mit dem die Fortsetzung
der Kinohits „Der Medicus“ von 2013
imposant beginnt, drohte dieser Produktion
indes zwölf Jahre lang selbst. „Dass
der Film realisiert wurde, ist ein Wunder“,
resümiert Regisseur und Mit-Produzent
Philipp Stölzl.
Mehr als 3,6 Millionen Zuschauer begeisterte
Teil eins in Deutschland, die Ver-
Wunder
geschehen
Zwölf Jahre dauerte es,
die Fortsetzung des
Hits »Der Medicus« zu
drehen. Die Produktion
führte die Macher –
der Geschichte durchaus
angemessen – an den
Rand des Wahnsinns
filmung des Bestsellers von Noah Gordon
verkaufte sich zudem in über 60 Länder.
Schnell war klar, dass der Erfolg eine Fortsetzung
nach sich ziehen sollte. Treibende
Kraft dabei: der Produzent Wolf Bauer, damals
noch Chef der UFA.
Aber man kam mit „Der Medicus 2“
nicht recht voran. Plotideen, etwa den Helden
auf einer Italienreise mit einem verrückten
Papst zu konfrontieren oder ihn
nach Amerika zu schicken, trugen nicht.
Oder es platzte die Finanzierung. Oder
„Medicus“-Star Tom Payne, der in Hollywood
in diverse TV-Serien eingebunden
war, fand keine Zeit. Stölzl, auch als Theater-
und Opernregisseur gefragt, zeigte
sich ohnehin reserviert, was die Inszenierung
betraf. Er wollte Teil zwei nur als
Produzent begleiten. Schließlich schien
einmal alles zu passen, Katja von Garnier
sollte Regie führen, Tom Payne stand zur
Verfügung und das Geld war auch beisammen
– doch dann kam Corona ...
FOTO: WOLFGANG ENNENBACH/CONSTANTIN FILM
DISTRIBUTION GMBH/ZEITSPRUNG PICTURES GMBH
88 FOCUS 52/2025_01/2026
Kein Opfer der Pandemie, sondern eines
Stopps von Eigenproduktionen beim Pay-
TV-Sender Sky wurde kurz darauf Stölzls
ambitioniertes Serienprojekt „Frankenstein“,
in das er fünf Jahre lang Herzblut
gespendet hatte. „Ein Verlust, als wäre
ein nahestehender Mensch gestorben“,
sagt er. Wolf Bauer tröstete ihn alsbald
mit einer besonderen Motivationsidee: Er
könne doch jetzt „Der Medicus 2“ übernehmen.
Es galt allerdings, noch Klippen zu umschiffen,
um eine finale Havarie zu vermeiden.
Bauer tat etwas, was deutsche
Produzenten so gut wie nie tun: Er ging
ins persönliche Risiko, um die Buchrechte
nicht zu verlieren. Und es mussten neue
Partner aufgetrieben werden: die Constantin
(statt Universal) als Verleih, ZDF statt
ARD und das in Kombination mit Amazon
Prime, eine so innovative wie schwierige
Finanzierungsvariante.
Die Macht der Seele
Trotzdem ließ sich damit nur ein eher bescheidenes
Budget von 20 Millionen Euro
erreichen – sechs Millionen weniger als
beim ersten „Medicus“ (bei massiv gestiegenen
Kosten). Gedreht wurde deshalb in
Budapest, „das hätte man in Deutschland
nie so hinbekommen“, sagt Stölzl. Vorbehalte
gegen die Orbán-Regierung musste
er ausblenden. „Ungarn ist einfach als
Drehland sehr attraktiv, zum einem wegen
der großen Erfahrung mit internationalen
Historien-Filmen, zum anderen wegen
der Steueranreize, die fast alle europäische
Länder anbieten.“ Weshalb er über
die aktuelle Kulturpolitik in Deutschland
nur den Kopf schütteln kann: „Hier schafft
man das wieder nicht und lässt die großen
Studios leer stehen, ein Irrsinn.“
Den Schiffbruch zu Beginn überlebt
der Held natürlich, auch sein Baby kann
gerettet werden. Nur seine geliebte Frau
ist verschwunden, Rob bleibt schwer traumatisiert
zurück. Erst eine keltische Schamanin
kann ihm per Trance-Ritual wieder
etwas Lebenssinn einhauchen. Die Medizinertruppe
macht sich also auf gen London,
um dem Land ihre persischen Heilkünste
zugutekommen zu lassen. Aber
Rob und seine Gefährten stoßen auf den
Widerstand des korrupten Berufsstandes
und Ablehnung als jüdische und muslimische
Immigranten. Bald geraten sie auch
noch in ein mörderisches Intrigenspiel à la
Shakespeare am Königshof.
„Erst mal ist es eine Einwanderungsgeschichte
– die Fremden, die kommen und die
englische Kultur bereichern könnten,
26
Film
Erfolgsgeschichte:
Plakat zum ersten
Teil „Der Medicus“
von 2013
Millionen Euro
betrug das
Budget beim
ersten Teil,
jetzt musste es
auf 20 Millionen
reduziert
werden
57,3
Millionen Dollar
spielte der
erste Teil in den
Kinos ein,
er lief in mehr
als 60 Ländern
42,3
Millionen Dollar
betrug das
Einspielergebnis
allein in
Deutschland
3,6
Millionen Zuschauer
sahen
Teil eins
in Deutschland
im Kino
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
Text an
FOCUS 52/2025_01/2026
Kultur Film
»Einfach nicht mehr verkraftet«
Schauspieler Tom Payne über die Herausforderung, den traumatisierten »Medicus«
zu spielen. Eine Rolle, in die er seinen persönlichen Schmerz einfließen ließ
Haben Sie all die Jahre lang an eine
Fortsetzung des „Medicus“ überhaupt
geglaubt?
Wir versuchten, das ja sehr früh nach
dem ersten Film anzugehen. Aber da
kam Verschiedenes dazwischen, etwa
meine Karriere in Hollywood. Wenn
man dort einen Job annimmt, ist man
erst mal gebunden – und zwar rigide.
Vor allem wenn es um langlaufende
Fernsehserien geht wie „The Walking
Dead“ und „Prodigal Son“, in denen
ich mitwirken durfte. Das hat man in
Deutschland erst nicht richtig verstanden
(lacht).
Aber man wollte Sie ja haben.
Ich habe zumindest immer betont, dass
man Teil zwei doch nicht mit jemand anderem
machen könne: „Wartet auf mich,
ich komme zurück!“ (lacht). Tja, irgendwann
haben wir alle wieder zusammengefunden.
Ich war nun sogar etwas in
die Entwicklung der Geschichte involviert,
vor allem in die meiner Figur Rob.
War Ihnen Rob zu einer Art inneren
Begleiter geworden?
Natürlich, diese Figur hat mir immer
etwas bedeutet und gerade heutzutage
ist es toll, jemanden mit einem wirklich
guten Herz zu verkörpern. Vielleicht
ist er mir sogar etwas ähnlich, weil ich
auch mit einer gewissen Naivität Leuten
begegne.
Roman und Verfilmung waren vor allem
in Europa erfolgreich, besonders in
Deutschland und Spanien. Haben Sie
eine Erklärung dafür?
Nicht wirklich – dabei war der Autor
Noah Gordon Amerikaner, aber dort hat
der Stoff nicht verfangen. Man weiß es
einfach nicht, warum manche Dinge in
einem Land einen Nerv treffen und woanders
nicht.
Aber Ihre „Medicus“-Verfilmung ist in
der US-Branche bekannt?
Nein. Ich war damals auch ziemlich
enttäuscht: Meine erste Hauptrolle, ein
Cast mit Ben Kingsley, Stellan Skarsgård
und Olivier Martinez – und dann
interessiert es keinen in Hollywood.
Aber rückblickend sehe ich das auch
als Vorteil.
Wieso?
Ich hatte meinen Durchbruch ja später
mit meiner „Jesus“-Rolle in „The Walking
Dead“. Da wirst du permanent erkannt
und angesprochen. Als ich jünger
war, wäre das wohl ungesund gewesen.
Beim Schiffbruch zu Filmbeginn verliert
Rob seine Frau und ist schwer traumatisiert.
Sie sind inzwischen dreifacher
Vater – führt das dazu, dass man so
einer Rolle mehr Tiefe verleihen kann?
Es öffnet einfach eine ganz neue Dimension
der Gefühlswelt, man setzt
sich mit seiner eigenen Kindheit auseinander
in einer unerwarteten Art.
Und das passiert oft und überraschend
auch beim Dreh. Die Szene, in der ich
bei der Sitzung mit der Schamanin zusammenbreche,
spiegelt wirklich mein
Ich wieder, meinen Schmerz in meiner
Beziehung zu meinen Eltern.
Sie erlitten beim ersten Film auch eine
Art Zusammenbruch.
Der war anders geartet. Ich hatte zuvor
nie eine Hauptrolle und so intensiv und
lange gedreht. Das habe ich irgendwann
einfach nicht mehr verkraftet,
dazu kamen noch Beziehungsprobleme.
Heute bin ich älter und persönlich
gefestigt. 7
Heilungsprozess – im Film wie bei
den Dreharbeiten: Tom Payne, 42
aber anfangs Gewalt und Misstrauen
gegenüberstehen und sich ihren Platz
erkämpfen müssen“, erläutert Stölzl.
„Das ist ja durchaus aktuell“. Eine Gewalt
gegenüber anderen Kulturkreisen, der
auch die heimischen Kelten ausgesetzt
sind. „Und es geht um Populismus, um
‚Fake News‘, darum wie die Mächtigen
das Volk belügen und aufhetzen“, so der
Filmemacher.
Die Thematik um Toleranz und Respekt
hatte ja bereits der erste Teil der Saga
gesetzt. Neu ist nun, dass jenseits der körperlichen
Gesundheit auch die psychische
hinzukommt. Oder wie es Stölzl formuliert:
„Der Weg in die Seele – also die Frage,
wie wir eigentlich mit unseren Traumata
umgehen. Dass da jenseits der Schulmedizin
Türen in eine Innenwelt aufgehen,
dafür interessieren wir uns heute immer
mehr, es ist aber zugleich absolut historisch“.
Das hätten bereits die alten Ägypter,
Griechen und archaische Naturreligionen
praktiziert.
Held Rob lernt also, dass anatomische
Kenntnisse nicht alles bedeuten bei der
Heilung. Rote Linien in Sachen Esoterik
hatte Stölzl dabei keine, der 58-Jährige
erkennt ohnehin bei sich „mit dem
Älterwerden immer mehr Interesse am
Metaphysischen“. Was vielleicht auch mit
„intensiver werdenden Begegnungen mit
dem Tod“ zu tun habe.
Die Auseinandersetzung mit dem Jenseits
dominierte bereits seine jüngsten
Theaterarbeiten „Liliom“, „Gschichtn vom
Brandner Kaspar“ und „Grand Finale“.
„Jetzt genügt es erst mal“, sagt Stölzl. Und
so markiert das spektakuläre Abenteuer-
Epos „Der Medicus 2“ das Ende einer langen
Reise in zweierlei Hinsicht: ein Ringen
um eine über Jahre unmöglich scheinende
Großproduktion und eine künstlerische
Trauerarbeit durch den Verlust des Vaters,
der Anfang 2023 überraschend starb. 7
Seelennöte: Finty Williams,
Owen Teale, Áine Rose Daly
HARALDPAULI
FOTOS:GORDONMÜHLE/CONSTANTINFILMDISTRIBUTIONGMBH/ZEITSPRUNGPICTURESGMBH
90 FOCUS 52/2025_01/2026
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
Text an
SCHENK
KEIN SCHEISS
Schenk die Testsieger:
BILD.de/Kaufberater
Kultur
SEHEN
»Sorry, Baby« Schwarze Komödie
von Eva Victor, die in ihrem
Regiedebüt auch die Hauptrolle
spielt. Als Literaturprofessorin
Agnes versucht sie, nach
einem sexuellen Übergriff wieder
Fuß zu fassen, während ihr
Umfeld den Vorfall wahlweise
ignoriert oder in den Vordergrund
stellt. (Kino) ••••◦
»Herz aus Eis« Wie eine junge
Frau in den Bann einer Diva
gerät, die gerade die Schneekönigin
spielt und dabei so
eisig ist, dass bald die Grenze
zwischen Realität und Film zufriert.
Märchenfilm mit Marion
Cotillard, der auch als Dokudrama
über den Job als Personal
Assistant taugt. (Kino) ••••◦
»Lurker« Wie ein junger Mann
in den Bann eines aufstrebenden
Popstars gerät und bald
nicht mehr unterscheiden
kann, was Freundschaft, Co-
Abhängigkeit oder Geschäftsbeziehung
ist. Regiedebüt von
Alex Russell, dem Produzenten
der Serienhits „The Bear“ und
„Beef“. (Kino)
•••◦◦
Kiri (Sigourney Weaver) entdeckt ihre magischen Fähigkeiten
»AVATAR: FIRE AND ASH«
Das Licht kehrt immer zurück
Im dritten Teil von James Camerons Saga über den Mond Pandora sind
die Rollen von Gut und Böse nicht mehr so klar verteilt
»Miss Sophie« Endlich wird
die Wahrheit hinter dem Sketch
erläutert, der den Deutschen
wichtiger als die Neujahrsansprache
des Kanzlers ist. Was
hat es also mit Sir Toby, Admiral
von Schneider, Mr. Pommeroy
und Mr. Winterbottom auf sich?
Sie wollten alle Miss Sophie
heiraten. (Prime) •••◦◦
»Westernhagen Live« Das Konzert,
das 1989 kurz nach dem
Mauerfall aufgenommen wurde,
sollte vor allem wegen des
eigentlich unpolitischen Songs
„Freiheit“ zum Soundtrack der
Wendezeit werden. Jetzt rundum
restauriert auf Blu-ray und
an Silvester auch im Free-TV.
(3sat)
•••◦◦
Eines vorweg: Mit dem „Avatar“-Imperium
verhält es sich wie mit Koriander.
Man liebt es oder eben nicht.
Jene, die mit dieser mythischen Welt
irgendwo zwischen Kolonialismuskritik,
Esoterik und knallbunten Kampfszenen
so gar nichts anfangen können,
werden mit dem dritten Teil auch nicht zu
„Avatar“-Fans. Die Millionen aber, die es
schon sind, bekommen in „Fire
»Die letzten
Teile werden
die besten.
Die anderen
waren eine
Einführung,
bevor der
Hauptgang
serviert wird«
Regisseur James
Cameron
and Ash“ alles serviert, was
sie an diesem großen und eindrucksvollen
Projekt der Filmgeschichte
schätzen – und noch
mehr. Wundersame Tierwesen
wie die riesigen Meeresbewohner
Tulkun und den Kampf-
Flugdinosaurier (oder so) Leonopteryx,
leuchtende Pflanzen,
mit denen sich die Bewohner
Pandoras verbinden können,
denn, so haben wir in den ersten
beiden Teilen gelernt: Alles
gehört zusammen, Flora, Fauna,
die Ureinwohner Na’vi und die mächtige
Gottheit Eywa. Und irgendwie auch
der Mensch, wie sich herausstellt, einer auf
eine besondere Art und Weise, aber hier
soll nicht gespoilert werden. Jake Sully
(Sam Worthington) jedenfalls, der im ersten
Teil vom Marine zum Na’vi des Clans
der Omatikaya wurde, muss seine Familie
und seine Wahlheimat wieder einmal
verteidigen vor fiesen Ka-
pitalisten in menschlicher Gestalt,
die in all der Schönheit
nur Rohstoffe und Bodenschätze
sehen.
Diesmal allerdings sind
nicht alle Na’vi gut und nicht
alle Menschen böse: Der
neue Clan der Mangkwan
um die fauchende Kriegerin
Varang (Oona Chaplin)
steht den anderen Pandoranern
durchaus feindlich und
Waffen aller Art sehr wohlwollend
gegenüber. Als „Ash
FOTOS: 20TH CENTURY STUDIOS, GRANDFILM, MUB, PRIME VIDEO
92 FOCUS 52/2025_01/2026
Tipps
People“ ist ihr Element das Feuer –
und damit die Zuschauer die Hitze geradezu
spüren können, wurde ganz oldschool
mit echten Flammen gedreht. Und
natürlich spielt auch Bösewicht Miles
Quaritch (Stephen Lang) wieder sein falsches
Spiel, bis auch er am Ende Erfüllung
findet.
Es wird wirklich wahnsinnig viel verhandelt
in diesem Film: Geburt und Tod,
Familienzusammenhalt, die Trauer um
einen verstorbenen Sohn, Teenie-Flirts,
Vater-Sohn-Konflikte, Ehestreitereien, die
Frage, ob man ein Adoptivkind so sehr
lieben kann wie sein eigenes (ja), ob es
ein Leben nach dem Tod gibt (natürlich!)
und ob man dort, wo dieses stattfindet,
die leibhaftige Dr. Grace Augustine alias
Sigourney Weaver wiedersehen kann (das
weiß nur Eywa).
Der erfolgreichste Film aller Zeiten
Der erste Teil „Aufbruch nach Pandora“
(2009) ist mit über 2,9 Milliarden Dollar
Einnahmen weltweit der erfolgreichste
Film überhaupt, der zweite „The Way
of Water“ (2022) liegt auf Platz drei. Die
Produktionskosten waren allerdings auch
gigantisch. Laut einem Bericht des Branchenmagazins
„Variety“ beläuft sich das
geschätzte Budget auf über 400 Millionen
US-Dollar, noch mal 50 Millionen mehr
als „Avatar 2“. Die Werke setzen allerdings
auch cineastische Maßstäbe, schon
allein durch die aufwendigen Technologien,
mit denen Gestik und Mimik der
Schauspieler auf ein Computermodell
übertragen werden, sodass Hollywoodstar
Sigourney Weaver ihrem jugendlichen
Alter-Ego Kiri ihre Gesichtszüge
verleihen kann. Der Na’vi-Begrüßungssatz
„Ich sehe dich“ bekommt hier gleich
eine ganz neue Bedeutung.
Der dritte Teil wurde zeitgleich mit dem
zweiten gedreht, er sollte schon vor einem
Jahr anlaufen. Regisseur Cameron gilt als
Meister der Postproduktion – angeblich
hat der 71-Jährige bis kurz vor Kinostart
an den Effekten gebastelt. Und er hat noch
einiges vor mit seinem Avatar-Universum:
Kapitel vier und fünf sind schon lange in
Planung. „Die letzten Teile werden die
besten. Die anderen waren eine Einführung,
eine Art, den Tisch zu decken,
bevor der Hauptgang serviert wird“, so
der Regisseur recht unbescheiden.
In jedem Fall sind seine Pandora-Vorspeisen
wunderbar geeignet, den realen
Krisen unseres ja auch ganz schönen Planeten
Erde für ein paar Stunden zu entfliehen.
7
BARBARA JUNG-ARNTZ
LESEN
László Krasznahorkai »Zsömle
ist weg« Der neue Roman
des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers:
Er handelt –
in der typisch mäandernden
Sprache – vom alten Józsi, der
(vielleicht) ungarischer Thronfolger
ist. Jedenfalls soll er
an die Macht, finden seine Getreuen.
(S. Fischer) ••••◦
Marianne Ludes »Trio mit
Tiger« Zum 75. Todestag des
Künstlers Max Beckmann erscheint
dieser Roman: Marianne
Ludes erzählt von der Flucht,
vom Exil, von Max’ Sorge und
der Zuversicht seiner Frau Mathilde
– und von einem Kunstverehrer,
dem Nazi Erhard Göpel.
(C. Bertelsmann) •••◦◦
Christopher Clark »Skandal in
Königsberg« Der australische
Historiker hat sich einer delikaten
Affäre angenommen: Es
geht um Geistliche, erotische
Geheimnisse und handfeste Intrigen.
Alles historisch verbürgt
und ein klarer Beleg dafür, dass
es wüst zuging in Preußen um
1835. (DVA) ••••◦
Bora Chung »Dein Utopia«
Spuk-Geschichten über unsere
durchtechnologisierte nähere
Zukunft. Sie handeln von KIgesteuerten
Autos und empfindsame
Aufzüge – und letztlich
von der Frage, wie sich der
Mensch in all dem Wahnsinn
seine Menschlichkeit bewahren
kann. (Culturbooks) ••••◦
Thomas Harding / Britta
Teckentrup: »Das Haus am
Park« 1935 emigrierte Judith
Kerr. nach London. Sie zog ins
„Haus am Park“ und schrieb „Als
Hitler das rosa Kaninchen stahl“.
Dieses Bilderbuch stellt den
verwunschenen Palast und seine
wunderbare Bewohnerin vor.
(Jacoby und Stuart ) •••◦◦
HÖREN
Peter Criss »Peter Criss«
Zum 80. Geburtstag am 20. Dezember
schenkt sich der Catman
und ehemalige Schlagzeuger
von Kiss sein sechstes
Soloalbum. Die Single „Creepy
Crawlers“ gibt hoffentlich die
Richtung vor: Es ist mit wunderbar
schaurigem Hard-Rock-
Bombast zu rechnen. •••◦◦
21 Savage »What Happened To
The Streets?« Der Rap-Superstar
aus Atlanta hat sich einen
Namen damit gemacht, so kühl
über Gewalt und Verbrechen zu
berichten, dass man sich eine
dicke Jacke anziehen möchte.
Das Ganze kulminiert dann in
einer Version von R. Kellys Hit
„I Wish“ – kontrovers! ••••◦
Shallipopi »Auracle« Der Musiker,
der 2023 mit dem Loblied
„Elon Musk“ zu Ruhm kam,
ist in seiner Heimat Nigeria
mittlerweile ein Star. Das dritte
Album zielt nun auf den internationalen
Markt, was sich
vor allem in der Wahl der Gäste
niederschlägt: Gunna, Swae
Lee und Wizkid. ••••◦
Summer Walker »Finally Over
It« So ein schönes Paar! Nach
„Over it“ und „Still Over It“ hat
die Musikerin aus Georgia den
Herzschmerz endlich bewältigt
und feiert die neue Liebe mit
dem beeindruckend geschliffenem
R&B-Sound der späten
90er. Hoffentlich ist das junge
Glück von Dauer. ••••◦
Fat White Family »Konk If
You‘re Lonely« Sie sind weder
eine Familie noch sind sie fett.
Dafür haben die Londoner ein
Händchen für moralisch zweifelhafte
Gassenhauer wie „Wet
Hot Beef“ oder „Polygamy Is
Only For The Chief“. Jetzt erneut
live in den Konk Studios
aufgenommen. •••◦◦
FOCUS 52/2025_01/2026 93
Kultur
So herrlich
blaugrün war
die Lagune
Venedigs schon
lange nicht mehr:
Emily Cooper
(Lily Collins),
diesmal nicht
in Paris
94 FOCUS 52/2025_01/2026
Serie
Bella Ciao,
Ciao Bella
Die Serie »Emily in Paris« gehört zu den größten Erfolgen
des Netflix-Zeitalters – und mit gnadenloser Zuckrigkeit
auch zu den umstrittensten. Jetzt startet die fünfte Staffel
Text von Joachim Hentschel
E
FOTOS: GIULIA PARMIGIANI/NETFLIX
Es hätte ein herrlicher Tag werden können
in Solitano, dem sonnigen, hinter den
sieben Hügeln von Rom versteckten Kaff.
Stattdessen ist dort heute das Chaos ausgebrochen.
Eine Horde junger Touristinnen
und Touristen hat den Ort in Beschlag
genommen, die Einheimischen sind verstört.
Weil es nicht mal eine öffentliche
Toilette bei ihnen gibt, haben die Gäste
schon begonnen, sich in den antiken Ruinen
zu erleichtern.
Solitano war davor nur Eingeweihten
bekannt, als Sitz der Modemanufaktur
Muratori. Jetzt hat eine Marketingkampagne
den Ort Social-Media-bekannt
gemacht. „Sie haben Solitano zerstört!“,
schimpft die Firmenchefin auf die Frau
von der Werbeagentur. Der Damm sei
gebrochen, nun würden immer mehr Störenfriede
kommen. „Wie Zombies!“
Was als Nächstes passiert, muss vorerst
geheim bleiben. Es wäre ein Spoiler. Denn
die Szene stammt aus Folge vier der fünften,
gerade auf Netflix gestarteten Staffel
der Serie „Emily in Paris“. Die Marke
Muratori ist erfunden, nicht einmal der Ort
Solitano existiert. Und trotzdem steckt in
In der fünften Staffel erobert Emily Venedig ...
... und feiert die Liebe in der Ewigen Stadt
der Episode eine Wahrheit über die extrem
erfolgreiche, heiß geliebte, von anderen
umso wilder verspottete Serie „Emily
in Paris“. Ein kapitaler Meta-Gag.
Denn die Serie hat tatsächlich für solche
Großkampfszenen gesorgt. Nicht dass
Paris davor ein Geheimtipp gewesen wäre –
aber im Quartier Latin und an anderen
Während die USA sich immer weiter von ihren Nato-
Verbündeten distanzieren, feiert hier eine US-Hochglanzproduktion
die europäisch-amerikanische Achse
FOCUS 52/2025_01/2026
95
Kultur
Fotospots hat der Rummel noch weiter
zugenommen, seit vor fünf Jahren die erste
Staffel lief. Von den zehn Prozent der
Paris-Reisenden, die 2024 laut einer Studie
der Filmförderungsbehörde CNC von
einem Film in die Stadt gelockt worden
waren, kam mehr als jeder Dritte wegen
„Emily in Paris“. Und jetzt nimmt sich die
Serie die nächsten Übertourismus-Orte vor:
Rom und Venedig.
Der zeitlose Glamour Europas
Warum? Aus den zwei Gründen, die in
der Serie gefühlte 95 Prozent aller Ereignisse
motivieren: Business und Verliebtheit.
Emily Cooper, die von Lily Collins
gespielte Social-Media-Strategin aus Chicago,
hatte in der vierten Staffel mit dem
Muratori-Erben Marcello angebandelt.
Was dazu führte, dass ihre Pariser Agentur
eine Filiale in Rom eröffnen musste. Warum
die so immens arbeits- und liebeslustige
Emily dann auch noch in Venedig auftaucht,
darf hier ebenfalls nicht verraten
werden. Die dortigen Brackwasserkanäle
haben allerdings lange nicht mehr in so
kristalltürkisen Netflix-Farben gestrahlt.
Die Location-Entscheidung von Showrunner
Darren Star – der schon Wohlfühlserien
wie „Beverly Hills, 90210“ und
„Sex and the City“ erfand – sorgte sogar
für politischen Tumult. Man werde „hart
darum kämpfen“, dass die Produktion in
Frankreich bleibe, sagte Präsident Emmanuel
Macron 2024 in einem Interview mit
dem Magazin „Variety“: „,Emily in Paris‘
in Rom, das ergibt keinen Sinn.“ Die lästigen
Set-Jetter, wie man zeitgenössische
Film- und Serientouristen nennt,
sind offenbar leichter zu ertragen als der
Verlust an Image und Produktionsaufträgen.
Endgültig zur Staatsaffäre wurde die
Geschichte, als sich auch noch Roms Bürgermeister
Roberto Gualtieri einschaltete.
„Seien Sie unbesorgt“, antwortete er
Macron über den Nachrichtendienst X.
„Emily geht es in Rom sehr gut.“
„Seit ich als 19-Jähriger zum ersten Mal
durch Europa reiste, fasziniert mich euer
Kontinent“, sagt Darren Star, der inzwischen
64 ist, aus Maryland stammt und
zum Interview stilecht aus Paris zugeschaltet
wird. „Bei Emily geht es allerdings
eher um den abstrakten, zeitlosen
Glamour von Paris, wie er schon im alten
Hollywood geliebt wurde. Weniger um
die Gegenwart.“ Dabei haben die jüngsten
Entwicklungen der Serie durchaus
einen weltpolitischen Hauch verliehen.
Während die USA sich immer weiter von
ihren Nato-Verbündeten distanzieren,
Fast wie im echten Leben: Emily und Camille am Place Dalida mit Blick auf Sacré-Coeur, Staffel zwei
»Emily in Paris« gilt als Paradebeispiel für das sogenannte
Hate Watching. Aber auch Hassgucker bringen Quote
Brigitte Macron trat in der vierten Staffel auf
feiert hier eine US-Hochglanzproduktion
die europäisch-amerikanische Achse.
Das Ende der neuen Staffel deutet sogar
an, dass Emily demnächst nach Griechenland
expandieren könnte. (Bevor jemand
fragt: wegen eines Mannes.)
Mit so viel kokettem Kosmopolitismus
haben nicht nur MAGA-Falken Probleme.
„Emily in Paris“ gehört einerseits zu
den größten Erfolgen des Netflix-Zeitalters,
mit 58 Millionen Haushalten, die
2020 schon in den ersten vier Wochen
die Debütstaffel streamten – aber auch
zu den umstrittensten. Sie gilt als Paradebeispiel
für ein Phänomen, das man Hate
Watching nennt. Demnach konsumiert ein
gewisser Teil des Publikums die Serie vor
allem, um sich später in Kommentarspalten
oder Bewertungsportalen öffentlich
über sie zu ärgern. „Vermutlich wissen
ihre Macher und Vermarkter das sogar“,
sagt Kritikerin Alissa Wilkinson in der
„New York Times“. Auch Hassgucker treiben
die Quote hoch.
Es sind nicht nur die simplen Figuren
und Handlungsbögen, der oft kaum zu
ertragende Fröhliche-Welt-Glanz und die
schamlosen Product Placements, die viele
Zuschauer auf die Palme treiben. Auch
die groben Stereotypisierungen werden
regelmäßig kritisiert – die Kehrseite des
gelobten europäischen Flairs.
Emilys Pariser Kollegen sind durchweg
arbeitsfaul und vergnügungssüchtig, die
französischen und italienischen Männer
treten als allzeit bereite Womanizer auf,
die sich durch blitzblank gewienerte Städte
bewegen und sorglos lächelnd Sternerestaurants
managen.
FOTOS: CAROLE BETHUEL/NETFLIX/ THE HOLLYWOOD ARCHIVE/PICTURE ALLIANCE,
STEPHANIE BRANCHU/NETFLIX
D
z
b
T
96 FOCUS 52/2025_01/2026
Serie
FOTOS: ALEXANDRE DELAITRE/PICTURE ALLIANCE/DPA,
SOFIA MAZHAR/PICTURE ALLIANCE/DPA
Entsprechend groß müsste die Enttäuschung
bei den Set-Jettern sein, die
sich am Place de l’Estrapade anstellen,
um Selfies vor der Serien-Haustür ihrer
Heldin zu machen – und dabei zwangsläufig
das gestresste Nicht-Hollywood-
Frankreich erleben. An manchen Orten
werden sie von Graffitis begrüßt: „Emily
Not Welcome“ haben Anwohner auf die
Wand gesprüht. Solange sich die jungen
Fans ein Beispiel an der schmiedeeisernen
Resilienz der Emily-Figur nehmen, wird
ihnen aber auch das wenig ausmachen.
Die fünfte Staffel dürfte an der Wahrnehmung
nichts ändern. Die Liebe bleibt
bei Emily ein komödiantisches Karussell,
und die Werbespots für Sponsoren sind
so tief in die Handlung eingewoben, dass
kein Adblocker sie löschen kann. Ab und
zu werden zeitpolitische Tiefen angedeutet,
ein MeToo-Fall oder das Problem eines
Wasserabfüllers, der queerfeindliche Organisationen
unterstützt hat und nun bei
Emilys Agentur eine Imagekorrektur
anfordert. Doch auch solche Konflikte werden
schneller abgearbeitet als ein TikTok-
Selfie-Touristinnen vor Emilys Haustür ...
... und vor ihrer berühmten Lieblingsbäckerei
Video zum Hochladen braucht. Dabei
steckt gerade in der gestörten Work-Life-
Balance, die „Emily in Paris“ durchzieht,
ein hochinteressanter Punkt. „In ,Sex
and the City‘ ging es vor allem ums echte
Leben, das Carrie Bradshaw später in
die Kolumnen hineinkanalisierte, die sie
schrieb“, sagt Darren Star über die Serie,
die ihn vor rund 25 Jahren weltbekannt
machte. „Emily hat da einen völlig anderen
Zugang. Ihr Leben wird von der Arbeit
angetrieben. Nicht umgekehrt.“
Man könnte „Emily in Paris“ also auch
als große Post-Millenniums-Dystopie verstehen:
als Geschichte einer Welt, in der
digitale Perfektion und der ständige Wettbewerb
um Liebe, Luxus und gutes Aussehen
zur einzigen, bitteren Realität geworden
sind. Während die Figuren mit Würde
und Restmoral versuchen, trotz allem als
bestmögliche Menschen zu leben.
„Es kann doch nichts Falsches daran
sein, das Richtige zu tun“, sagt Emily an
einer denkwürdigen Stelle der vierten
Staffel. Nicht einmal Sokrates hätte es
besser formulieren können. 7
Dieser Text
zeigt evtl. Probleme
beim
Text an
Kultur
Wo sonst als in St.
Moritz, dem wohl
mondänsten aller
Ski-Orte, sollte
das letzte Kapitel
in der Geschichte
der Rennläuferin
Lindsey Caroline
Vonn geborene Kildow beginnen?
Ein passenderes Ambiente ist für
die „Schneekönigin“, wie ein französisches
Magazin unlängst titelte,
weltweit kaum zu finden. Wie
bestellt funkeln die Sterne über dem
St. Moritzersee, wo, wenn es richtig
kalt ist, Polo gespielt wird. Darüber
thront das legendäre Kulm Hotel,
am Start der genauso legendären
Natureisbahn runter nach Celerina;
nicht weit davon beeindruckt der
mindestens majestätische Badrutt‘s
Palace an der Via Serlas, wo nicht
nur zur Weihnachtszeit die Schaufenster
von Dior, Cartier, Gucci
und Louis Vuitton um die Wette
glitzern. Und dann ist da im Ortsteil
Bad noch das Grand Hotel Des
Bains Kempinski, gegenüber der
Signal-Bahn, neben dem Billionaire,
einem, wie der Name schon
sagt, maximal luxuriösen Show-
Fine-Dining-Club – insgesamt die
perfekte Bühne für die mittlerweile
41-jährige Grande Dame des alpinen
Skisports.
Sie sei bereit für ein letztes Hurra,
für den Griff nach der nächsten
olympischen Goldmedaille, sagt sie
zwei Tage vor der ersten Weltcup-
Abfahrt des Winters bei einer Pressekonferenz
in einem für die Verhältnisse
hier erstaunlich schmucklosen
Raum des Fünf-Sterne-Hotels. Wie
fast immer bei winterlichen Auftritten
trägt sie diese Mütze mit den
Mickey-Mouse-Ohren, diesmal in
Schwarz. Ihre Laune ist dagegen
kunterbunt. „Ich bin womöglich in
der besten Form meines Lebens“,
sagt die Frau, die auf Skiern so viele
Rekorde hält, dass man bei Wikipedia
ein paar Mal scrollen muss,
um alle zu sehen. Und was soll man
sagen? Als zwei Tage später oben
auf der Corviglia, dieser herrlichen
Piste mit einem der spektakulärsten
Ausblicke im Ski-Weltcup, die erste
Speed-Siegerin des Winters gekürt
wird, ist es natürlich Lindsey Vonn,
die – so abgebrüht sie sonst erscheinen
mag – Glückstränen vergießt.
Offenes Visier:
Lindsey Vonn, 41,
peilt ihren nächsten
Olympiasieg an
»Du bist eine Göttin!«
Sie habe einen »Vollschuss«, sagten Kritiker. Für Skistar Lindsey
Vonn sind solche Schmähungen Extramotivation. Nach ihrem
Comeback gelang ihr jetzt der erste Weltcup-Sieg. Mit 41 Jahren
Text von Thomas Becker
FOTO: JOERG MITTER/RED BULL CONTENT POOL
98 FOCUS 52/2025_01/2026
Sport
FOTO: FABRICE COFFRINI/AFP VIA GETTY IMAGES
Dieser 83. Weltcupsieg, der erste
seit März 2018, ist ein Triumph jenseits
aller Erwartungen. Damit ist
sie nun die älteste Skiläuferin, die
je ein Weltcuprennen gewonnen
hat. Felix Neureuther, der als ARD-
Experte ihren Fabellauf kommentierte,
war die tief empfundene
Bewunderung sehr deutlich anzumerken:
„Boah, ist das gut! Wer soll
diese Kurve schneller fahren? Das
ist wie früher – oder sogar noch besser.
Eine der besten Fahrten, die ich
je in meinem Leben gesehen habe.
Lindsey, du bist eine Göttin!“
Letzte Abfahrt: Olympia
Später, als er mit der göttlichen Vonn
vor der Kamera steht, scheint auch
Neureuther Tränen der Rührung in
den Augen zu haben. Unfassbar cool
dagegen: Vonns Coach Aksel Lund
Svindal, Olympiasieger, Weltmeister,
Gesamtweltcupsieger und seit
ein paar Monaten der Mann, der
der US-Amerikanerin hilft, ihren
Olympiatraum zu verwirklichen.
Als sein Schützling mit einer Sekunde
Vorsprung die gesamte Weltelite
düpiert, lächelt er nur still. Keine
Überraschung für ihn, ebenso wenig
wie die Ränge zwei und vier an den
folgenden Tagen.
Denn schon bei der Pressekonferenz
im Kempinski hatte der Norweger
die Stärke Vonns dargelegt:
„Sie ist so ungeheuer gut in den
Kurven!“ Er sollte recht behalten,
denn das Rennen auf der Corviglia
gewann Vonn nicht in den Gleitpassagen,
sondern da, wo es dreht.
Dort ist sie um Klassen besser als in
der vergangenen Saison. Diese hatte
sie mit zu wenig Vorbereitung nach
der ausgiebig diskutierten Knie-OP
in Angriff genommen, unter einem
vielstimmigen Kritiker-Chor, der
rasant übers Ziel hinaus schoss.
Abfahrt-Legende Franz Klammer
bescheinigte Vonn gar einen „Vollschuss“.
Ein Jahr später hat sie die
Häme nicht vergessen: „Ich weiß
genau, wer was über mich gesagt
hat. Du kannst dich runterziehen
lassen oder es als Motivation nutzen,
so wie ich. Ich liebe, was ich
tue. Ich liebe es, schnell zu sein.
Und das wird sich nie ändern.“
Nach der Genugtuung auf der Corviglia
dankte sie den Kritikern für
den zusätzlichen Schub.
Wobei man ja schon Zweifel an
Vonns Comeback-Plänen haben
konnte. Zig Knie-OPs hatte sie in
ihrer Karriere überstehen müssen.
Und dann nach fast sechs Jahren
Wettkampfpause im reifen Sportleralter
von 40 Jahren und mit einem
in Teilen künstlichen Kniegelenk
noch mal zurückkommen, in diesem
Harakiri-Wettbewerb namens
Ski-Abfahrtslauf?
Einige hatten noch das Drama um
Bill Johnson, den Abfahrt-Olympiasieger
von 1984, im Kopf. Der hatte
auch mit 40 ein Comeback gegeben,
nach elf Jahren Wettkampfpause,
stürzte vor Olympia 2002 im
Training schwer, erlitt ein Schädel-
Hirn-Trauma, wurde zum Pflegefall,
jahrelang betreut von der Mutter.
Mit 55 Jahren starb er an den
Spätfolgen eines Schlaganfalls.
Wer Vonn nun fragt, ob sie nicht
auch Zweifel gehabt habe, erntet
Stirnrunzeln, einen Unverständnis
ausdrückenden Blick und die
Worte: „Nein. Wieso?“ Schon vor
Jahren hat sie sich in der Olympia-
Sprache Griechisch „Glauben“ auf
die Innenseite eines Fingers tätowieren
lassen.
2,6 Millionen Menschen folgen
Vonn auf Instagram – fast fünf
Mal so viele wie Marco Odermatt,
Dominator bei den Männern. In
ihrer Selbstbeschreibung ist sie
nicht nur „Olympic Champion“,
Bestseller-Autorin, Gründerin der
Lindsey Vonn Foundation, Unternehmerin
und Investorin, sondern
auch „Dog Mom“. Klickt man sich
durch all die Abendkleid-Bilder,
»Ich glaube
nicht, dass
ich ohne
Olympia-
Medaille
nach Hause
komme«
Ge-Vonnen:
Sieg in St. Moritz
– mit unerschütterlichem
Selbstvertrauen
Wiederkehrschwung:
„Time” feiert
Vonns Neustart
scheint sie zuletzt nur wenige Galas
und rote Teppiche ausgelassen zu
haben – doch genauso konsequent
kann sie den Schalter umlegen und
im Gym Vollgas geben.
Fünfeinhalb Kilo Muskelmasse
habe sie im Vergleich zum Vorjahr
zugelegt, sagt sie. „Mein Körper ist
etwas anders jetzt, ich habe mehr
Selbstvertrauen als im vergangenen
Jahr, da war ich unsicher,
wie schnell ich sein würde. Nun
hoffe ich, dass ich auch so schnell
Ski fahren kann, wie ich mir das
im Kopf vorstelle.“ Coach Svindal
meint: „Von der Balance her habe
ich sie lange nicht so sicher gesehen.“
Schön auch die Schote von
ihrer WhatsApp-Kommunikation:
„Ich hab’ irgendwo gesehen, dass
Lindsey ein paar Tore fährt, und
ihr geschrieben: ‚Comeback?‘ Keine
Antwort. Da wusste ich: ‚Comeback!‘.
Sie muss da ja nicht machen.
Sie macht es, weil sie es liebt.“
Und weil Olympia nun auf ihrer
hochgeschätzten Tofana-Piste stattfindet,
wo sie sechs Mal im Super G
gewann, im Vorjahr jedoch gestürzt
ist. „Cortina ist der Grund“, sagt
Vonn, keiner dieser „Random Places“,
wo die letzten Male Olympiamedaillen
verteilt wurden –
schöne Grüße nach Peking und
Pyeongchang. Abfahrt, Super-G
und Team-Kombination will sie
bei ihren fünften Winterspielen
bestreiten – und natürlich gewinnen:
„Ich weiß nicht, wie zufrieden
ich wäre, wenn ich ohne Medaille
nach Hause käme“, hat sie dem
Magazin „Time“ gesagt, „aber ich
glaube nicht, dass das passieren
wird. Egal, was geschieht: Ich habe
schon gewonnen, weil ich meinem
Herzen gefolgt bin, meiner Leidenschaft,
meiner Bestimmung.“
Mehr Pathos geht kaum. „Ich
hoffe, dass nicht nur die Siege und
Misserfolge gesehen werden, sondern
wie ich mich wieder aufgerappelt
habe“, fügt sie dann noch hinzu.
„Nur weil du 41 bist, heißt das
ja nicht, dass du dich nach einer
gewissen Norm verhalten musst.
Wenn du einen Traum hast, und
meinst, dass es geht, dann solltest
du es versuchen: Folge deinem
Traum, und gib niemals auf.“ Na
also, ein bisschen mehr Pathos geht
dann doch noch. 7
FOCUS 52/2025_01/2026
99
Genuss
Er ist Chefkoch der Ottolenghi-
Delis sowie der Restaurants
„Nopi“ und „Rovi“ in London.
Seine elf Kochbücher sind
Bestseller – sein neuestes
heißt „Comfort: Rezepte, die du
lieben wirst“ (DK Verlag)
Hähnchenpastete
mit Backpflaumen und
Spalterbsen
Für 6 Personen
Vorbereitung 20 Minuten
Garzeit 1 Stunde
15 Minuten
Für Körper und Seele
Folge 326: Bis die Tage länger werden, dauert es noch eine
Weile. Da hilft Seelenfutter – wie diese Pastete
Ein weiteres Jahr ist geschafft – Respekt! Es gibt viele
Möglichkeiten, es ausklingen zu lassen, doch egal, ob
man sich für eine Party in Schale schmeißt oder es sich
mit Pantoffeln zu Hause gemütlich macht, die kommenden
Wochen verlangen von der Küche nur eines:
Seelenfutter. Das ist für jeden etwas anderes, aber oft
ist es die Konsistenz, die es dazu macht – buttriger, knuspriger
Blätterteig, fluffig-flauschige Polenta, saftig-schmelzige
Backpflaumen, cremig geschmolzener Käse … Das sind nur
einige der Dinge, mit denen ich mich im neuen Jahr bei Laune
halten werde. Tun Sie es auch! Auf ein gutes 2026!
Dieses Gericht ist vom Khoresh inspiriert, einem persischen
Eintopf, der ebenso festlich wie wohltuend ist. Ein ideales
Hauptgericht, dazu reicht als Beilage ein grüner Salat. 7
Für die Füllung:
•
100 g gelbe Spalterbsen, in
heißem Wasser 10 Minuten
eingeweicht und abgetropft
30 g rote Linsen
•
3 schwarze Limetten, mit der
Spitze eines scharfen Messer
je dreimal eingestochen
Für den Teig:
•
1 vorgerollter Blätterteigboden
(325 g)
1 Ei, verschlagen
•
1 TL Schwarzkümmelsamen
Für das Hähnchen:
•
2 Zwiebeln, geschält und
in feine Streifen geschnitten
(365 g)
3 EL Olivenöl
feines Meersalz
•
1 kg ausgelöste Hähnchenoberschenkel
ohne Haut,
in 4 cm große Stücke geschnitten
•
½ TL frisch zerstoßener
schwarzer Pfeffer
½ TL gemahlene Kurkuma
½ TL gemahlener Zimt
½ TL gemahlener Kardamom
•
¼ TL gemahlener Kreuzkümmel
3 EL Mehl
55 ml Apfelessig
•
20 g Koriandergrün,
fein gehackt
•
200 g Backpflaumen,
entsteint und in je 6 Stücke
geschnitten
Die ersten drei Zutaten in
850 ml Wasser 35 Minuten köcheln
lassen. Die Limetten am
Topfrand gut ausdrücken
und anschließend wegwerfen.
Blätterteig entrollen und auf
23 x 36 cm ausrollen. Mit der
Hälfte des verschlagenen Eis bestreichen
und quer in neun Streifen
von 5 cm Breite schneiden.
Mit Schwarzkümmel bestreuen,
auf ein mit Backpapier bedecktes
Blech legen und kaltstellen.
In einer großen Pfanne die Zwiebeln
in dem Olivenöl mit 1 TL Salz
15–20 Minuten rösten, ab und zu
umrühren. Hähnchenfleisch und
1 weiteren TL Salz zugeben und
kurz anbraten. Gewürze und
Mehl unterrühren und 2 Minuten
anschwitzen, bis die Mischung
aromatisch duftet.
Backofen auf 200 °C (180 °C Umluft)
erhitzen. Linsen und Erbsen
samt Flüssigkeit zum Hähnchen
in die Pfanne geben, Essig,
Koriandergrün und Backpflaumen
unterrühren. Mischung in
eine 30 x 20 cm große Auflaufform
füllen und 10 Minuten abkühlen
lassen.
Den Rand der Form mit dem
restlichen Ei bestreichen und
5 Teigstreifen diagonal darüberlegen.
Zwischen den Streifen
1 cm Abstand lassen, die Enden
am Formrand fest andrücken.
Die restlichen 4 Teigstreifen
diagonal in entgegengesetzter
Richtung auflegen. Pastete im
Ofen 35 Minuten goldbraun
backen.
Die Pastete aus dem Ofen
nehmen, 10 Minuten abkühlen
lassen und warm servieren.
ÜBERSETZUNG: HELMUT ERTL
FOTOS: EROL GURIAN/LAIF; LOUISE HAGGER/PHOTOGRAPHY, EMILY KYDD/FOOD STYLING, JENNIFER KAY/PROP STYLING, KRISTINE JAKOBSSON/FOOD STYLING ASSISTANT; SUNBIRD IMAGES/IMAGO
100 FOCUS 52/2025_01/2026
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xDrive
Motor
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Gewicht
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Reichweite
679–805 km
Preis
68 900 Euro
Nicht zu viel Veränderung auf einmal: Die lange Motorhaube des iX3 soll an die Verbrenner-Ära erinnern
Marcus Efler
fuhr einst einen
1980er BMW 323i
– und fand das
typische Fahrgefühl
im iX3
wieder. Der Autor
reiste auf
Einladung des
Herstellers
Ein Herz für Bayern
Mit dem iX3 startet BMW seine Neue Klasse. Das SUV soll
Maßstäbe für Deutschlands Autobranche setzen
Auch wenn Deutschlands Automanager,
inklusive Noch-
BMW-Chef Oliver Zipse, hart
am Aufweichen des Verbots
klimaschädlicher Verbrenner gearbeitet
haben: Hinter den Kulissen
haben sie sich längst mit der elektrischen
Zukunft arrangiert. Bei BMW
trägt diese den Namen Neue Klasse.
Zwar umfasst sie auch überarbeitete
Benziner und Hybride, ihr technologisches
Prunkstück ist aber
fraglos die komplett neu entworfene
Elektroplattform – auf der nun
zuerst der iX3 aus dem Werk in
Ungarn rollt.
Gemessen an dessen Hightech-
Anspruch wirkt das Exterieurdesign
eher konventionell – nicht
nur dank der schmalen Niere, die
auf den schlanken Hochkantlook
der 70er-Jahre-Modelle zurückschrumpft.
Aufgrund der langen
Motorhaube ist der Knieraum vor
der Rückbank ganz okay, aber
nicht revolutionär groß.
Die größte Neuerung findet sich
im vorderen Innenraum: Statt des
derzeit üblichen, riesigen Digitaldisplays
unterlegt eine schmale
Anzeige die gesamte Frontscheibe.
Dieses „Panoramic iDrive“ blendet
die wichtigsten Fahrdaten ein.
Zum Ablesen muss der Fahrer seinen
Blick also nicht auf nah fokussieren
– fast wie bei einem Headup-Display,
dessen Aufpreis man
sich nun im Grunde sparen kann.
Die noch größere Revolution für
einen deutschen Autohersteller
nennen die Bayern „Heart of Joy“:
Ein Bordcomputer, der Antrieb,
Bremsen, Laden und Rekuperation
in einem Gerät vereint. Gegen-
über den bisher üblichen, untereinander
vernetzten Einzelcomputern
spare das, so erklären die Entwickler
stolz, wertvolle Millisekunden
bei der Signalverarbeitung.
Im iX3 kann das Herz der Freude
zwei Motoren in Echtzeit ansteuern,
mit einer Systemleistung von
469 PS. Dementsprechend krass
beschleunigt das SUV im Sportmodus.
Dank aufwendiger Detailarbeit
an Package und Fahrwerk
lässt sich der BMW mit einer Agilität
durch enge und weite Kurven
steuern, die nicht nur angesichts
seines Leergewichts von fast
2,3 Tonnen verblüfft.
Die versprochene Reichweite von
800 Kilometern schrumpft im Real-
Verkehr auf immer noch beachtliche
600. Dank 800-Volt-Technik
lädt der Neue mit bis zu 400 Kilowatt
– entsprechende Supersäulen
vorausgesetzt.
Mit knapp 69 000 Euro lässt sich
BMW seine hochmoderne Technologie
gut bezahlen, liefert dafür aber
auch ab. Eine günstigere, heckgetriebene
Version wird folgen. 7
102 FOCUS 52/2025_01/2026
Impressum
Redaktion
Chefredaktion Franziska Reich, Georg Meck
(V. i. S. d. P.: Anschrift siehe Redaktionsadresse)
Stellvertretende Chefredakteure Jörg Harlan Rohleder, Markus Krischer
Mitglieder der Chefredaktion
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Kolumnist Jan Fleischhauer
Chefautor Thomas Tuma
Creative Director Frances Uckermann
Stv. Artdirectorin Miriam Bloching
Visual Director Frank Seidlitz
Executive Editors Jobst-Ulrich Brand (Senior Executive Editor),
Bruno Gaigl, Barbara Jung-Arntz (Senior Executive Editor & Autorin)
Chefkorrespondent Mike Szymanski
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Geschäftsführende Redakteurin Katharina Hunold
Die Story Corinna Baier (Ltg)
Politik Franziska Reich (Ltg.), Markus C. Hurek (Ltg.);
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Ausland Marc Brost (Ltg.), Alexander Bartl (Autor), Margot Zeslawski
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Wirtschaft Georg Meck (Ltg); Johannes Bauer, Petra Hollweg
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Social Media Darline Bussäus; Alicia Winter
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Redaktionsassistenz Anke Hildebrandt, Victoria Mutz, Tom Tietze
Schlussredaktion Lektornet, Willy-Brandt-Straße 51, 20457 Hamburg
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FOCUS 52/2025_01/2026 103
Nachrufe
Das große Herz
Hollywoods
Geboren 1947
in New York. Sein
Vater war der
Regisseur Carl
Reiner, seine
Mutter die Schauspielerin
Estelle
Reiner
Als 12-Jähriger
trat Rob schon in
einer TV-Serie auf,
der Durchbruch
gelang ihm mit
„All in the Family“
in den 70ern
1984
erster großer Erfolg
als Regisseur
mit „This Is Spinal
Tap“. Es folgten
Klassiker wie
„Stand By Me“
(1986), „Harry und
Sally“ (1989) oder
„Eine Frage der
Ehre“ (1992)
Rolf Becker, 90,
Schauspieler
»Du warst und bleibst ein
großer Mensch, der jeden
mit Interesse und (wenn
nötig) Fürsorge bedachte.
Du hattest Humor,
Charme, Freundlichkeit für
zehn! Und du wirst eine
Lücke hinterlassen, die wir
nur versuchen können
zu füllen – mit den besten
Erinnerungen an dich«
Alexa Maria Surholt,
Schauspielerin
2025
Im September
kam „This Is Spinal
Tap II“ in die US-
Kinos, in dem Paul
McCartney eine
kleine Rolle spielt.
Am 14.12.25
wurden Reiner
und seine Frau
Michele in ihrem
Haus in L.A. tot
aufgefunden
Rob Reiner, 78
„Welch eine Tragödie der Tod von Rob Reiner und seiner Frau Michele
darstellt“, schreibt der Musiker Paul McCartney. „Es ist in vielerlei Hinsicht
schockierend, aber für mich ganz besonders, weil ich im vergangenen
Jahr mit ihm zusammengearbeitet habe. Er führte Regie bei ‚Spinal
Tap II: The End Continues‘. Er war ein so optimistischer, liebenswerter
Mensch.“Reiner, der Hollywood-Klassiker wie „Harry und Sally“ oder
„Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ drehte, und seine Frau
wurden in ihrem Haus in Los Angeles erstochen aufgefunden, der gemeinsame
Sohn Nick steht unter Mordverdacht. „Das Leben kann so ungerecht
sein“, schreibt McCartney weiter „und diese Tragödie beweist es.“ Der
frühere US-Präsident Barack Obama betont in einem Nachruf neben der
erfolgreichen Filmkarriere Reiners auch dessen Einsatz für Umweltschutz,
die Rechte von Kindern und LGBTQ-Menschen, der etwa US-Präsident
Donald Trump ein stetes Ärgernis war: „Hinter allen Geschichten, die Rob
produziert hat, stand ein tiefer Glaube an das Gute im Menschen – und ein
lebenslanges Engagement, diesen Glauben in die Tat umzusetzen“, schreibt
Obama. „Gemeinsam führten er und seine Frau ein Leben, das
von Sinnhaftigkeit geprägt war.
Sie werden für die Werte, für
die sie eintraten, und für die
unzähligen Menschen, die
sie inspirierten, in besonderer
Erinnerung bleiben.“
Eine Würdigung von Jobst-Ulrich Brand,
FOCUS-Redakteur
Malte Pittner, 48,
Musiker
Unser ehemaliger Bandkollege ist
nach langer Krankheit gestorben.
Das hat uns ziemlich geschockt.
Malte war eines der Gründungsmitglieder
von Deichkind im Jahre
1997 und blieb bis 2005 bei uns.
Unsere ersten beiden Alben wurden
sehr stark von ihm geprägt,
und wir haben unzählige Male zusammen
auf der Bühne gestanden
sowie im Studio viele inspirierende
Tage und Nächte verbracht. Er war
ein genialer Musiker, Entertainer
und unglaublich talentierter Songwriter
und Texter – nicht nur für
Deichkind.
Deichkind,
Hamburger HipHop-Formation
FOTOS: ANDY SCHWARTZ/FOTOS INTERNATIONAL/GETTY IMAGES,
IMAGO/BREUEL-BILD, BRAUER PHOTOS
104 FOCUS 52/2025_01/2026
Leserbriefe
FOCUS-Ausgabe
51/2025 mit
dem Titel zur
Medizin aus dem
Internet
Liebe Leserin,
lieber Leser,
schreiben Sie uns
Ihre Meinung zu
den Themen in
diesem Heft –
bitte unbedingt
mit Angabe Ihrer
vollständigen
Adresse und
Telefonnummer:
Redaktion
FOCUS
Heiligegeistkirchplatz
1,
10178 Berlin
oder E-Mail:
leserbriefe@
focus-magazin.de
Die Redaktion
behält sich
das Recht auf
Kürzungen vor.
Das Editorial der Chefredakteurin
zu Donald
Trump und seine Pläne
mit Europa war in Woche
51 das alles bestimmende
Thema. Dutzende Leser
reagierten mit Zuschriften
und diskutierten
die Lage höchst kontrovers
Was Europa tun muss
(51/2025) Editorial
Ihre Deutlichkeit zur Situation
Europa/USA tut weh. Ich habe
Bauchschmerzen das Geschehene
in den Medien weiter zu
verfolgen. Natürlich muss Europa
jetzt Klartext gegenüber den
USA sprechen und vielleicht den
USA gegebenenfalls anbieten,
aus der Nato auszutreten. Aber
wer in Gottes Namen soll diesen
Mut aufbringen und dabei sogar
Gefahr laufen von einigen Euro
Staaten sogar noch beschimpft
zu werden.
Reinhart Broy, 31303 Burgdorf
Ich teile Ihre Schlussfolgerungen
nicht. Hätten Deutschland und
die EU in den letzten 25 Jahren
ihre Hausaufgaben gemacht,
gäbe es den Ukraine-Krieg sehr
wahrscheinlich nicht und wir
würden heute auf Augenhöhe
mit Trump und Xi reden. Jetzt die
beleidigte Leberwurst zu spielen,
weil wir nicht am großen Tisch
sitzen dürfen, ist nicht besonders
professionell und erwachsen.
Dietmar Baier, 83278 Traunstein
Wozu die Aufregung? Donald
Trump möchte doch nur einen
neuen Deal machen. Ihr Europäer
gebt uns das in Belgien
ruhende russische Guthaben und
dafür schützen wir euch schwache
Europäer vor Russland. Und
demnächst machen wir einen
neuen Deal. Dann gebt ihr uns
Grönland, damit wir das auch
beschützen können.
Philipp Baltin, 58285 Gevelsberg
Sie liegen vollkommen falsch. Die
EU beutet uns aus, unterdrückt
die Bürger und will bevormunden,
zensieren und gängeln. Bevor man
permanent auf Donald Trump herumhackt,
sollte man erst einmal
den eigenen Laden auf Vordermann
bringen.
Gerd Sander, 22956 Grönwohld
Ihren Zeilen über Trump, Putin
und Europa stimme ich voll zu.
Viele Europäer sind sich wahrscheinlich
gar nicht bewusst, was
sich da über ihren Köpfen abspielt.
Europa darf sich nicht auseinanderdividieren
lassen. Die EU ist im
Prinzip eine gute Sache und sollte
weiter an einem starken Zusammenhalt
arbeiten.
Peter Kowalski, 90766 Fürth
Jahrzehntelang hat sich der
Westen, insbesondere die BRD
auf Amerika verlassen und sich
auf seine Kernkompetenz, die
Wirtschaft besonnen. Das Spiel
ist nicht aufgegangen. Ebenso
das der DDR mit den Russen. Dieses
Europa hat es mit den Großmächten
vergeigt. Jetzt kommen
die Folgen. So kann Europa nicht
»Wer glaubt denn im
Ernst, dass Bürokraten
Bürokratie abbauen?
Sie sägen doch niemals
an dem Ast, auf dem sie
selbst sitzen!«
Friedrich Handwerker
78073 Bad Dürrheim
weitermachen. Der Krieg ist nicht
unser Krieg. Also Finger weg!
Lars Hahn, per Mail
Sie haben recht, man könnte verzweifeln.
Die Armeen Europas
sind so stark, Russland würde es
nicht wagen, Krieg mit uns zu
führen, aber hier regieren nur
Feiglinge, kein vereintes Europa,
nur Nationalstaaten mit eigenem
Ego. Traurig, dabei fühle ich
mich als Europäer.
Klaus-Peter Beckamp,
55546 Pfaffen-Schwabenheim
Es ist leicht, am Schreibtisch moralisch
zu sein – wenn die Folgen
einer Handlung andere tragen
müssen. Und die würden eintreten,
soweit kann man Putin inzwischen
einschätzen. Ja, Putin ist
ein Verbrecher. Aber ich wäre
sehr vorsichtig, über dieses Geld
einfach zu verfügen. Letztlich werden
wir nicht moralischer, wenn
wir auch unmoralisch handeln.
Brigitte Helfmann, per Mail
Es braucht einen europäischen
Gipfel, bei dem man so lange
verhandelt, bis man eine gemeinsame
europäische Armee unter
einem Kommandorat hat und
bis man die Grundlagen geschaffen
hat für die United States of
Europe. Sonst überlebt Europa
die nächsten 10 Jahre nicht.
Remy Baillon,
F-83340 Flassans sur Issole
Post vom Leserbeirat
US-General a. D. Ben Hodges
bringt es auf den Punkt: Die
Töne, die von der US-amerikanischen
Administration kommen,
fühlen sich an wie „Verrat“ und
„Schläge in die Magengrube“.
Die Stimmen, die an jahrzehntelanger
Freundschaft und Bündnistreue
festhalten, sind zurzeit leiser,
werden aber wieder dominieren.
Wenn Europa berechtigte Kritik
annimmt und an sich arbeitet,
wird es erstarken und mit dem
Freiheitskampf der Ukraine wachsen.
Ein Vitali Klitschko weiß trotz
unfairer Tiefschläge zu siegen.
Friedhelm Maurer, 55490 Gemünden
FOCUS 52/2025_01/2026 105
Tagebuch
Mittwoch
FOCUS-Gründer
Helmut Markwort
leitete das Nachrichtenmagazin
von 1993 bis 2010
als erster
Chefredakteur
Mitten unter uns:
Waren die Attentäter als
Gefährder bekannt?
Montag
Menschen in Niederbayern haben
Glück gehabt. Ein Anschlag auf
einen Weihnachtsmarkt in der
Gegend um Dingolfing ist verhindert
worden. Bayerische Behörden
nahmen fünf Männer in Haft, die
offenbar gemeinsam ein Attentat
vorbereitet hatten. Mit einem Fahrzeug
wollten sie in die Besuchermenge
fahren, um möglichst viele
„Ungläubige“ zu töten.
Alle fünf sind Ausländer: ein
Ägypter, ein Syrer und drei Marokkaner.
Die Menschen in Niederbayern
und in ganz Deutschland haben ein
Recht auf ausführliche Informationen.
Sie wollen erfahren, wie es
möglich ist, dass solche Terroristen
mitten unter uns leben.
Es ist höchst unwahrscheinlich,
dass sie sich in ihren Heimatländern
kennengelernt haben. Viele
Indizien sprechen dafür, dass sie
Weihnachtlich geschmückter
Marktplatz: Fünf Ausländer planten
einen Anschlag im Raum Dingolfing
Von Helmut Markwort
sich in unserem Land zu einer kriminellen
Vereinigung verabredet
haben.
Sind sie dem Verfassungsschutz
aufgefallen? Standen sie auf der
Liste der Gefährder?
Die Frage zielt vor allem auf den
56-jährigen Ägypter Moustafa M.
Er lebt seit Jahrzehnten in Deutschland,
verdient sein Geld als Autohändler
und besitzt mehrere Lkw.
Nebenbei ist er als islamischer Vorbeter
aktiv. In einer Hinterhof-Moschee
soll er die drei jungen Marokkaner
zu dem Anschlag aufgehetzt
haben. Sie sind angeblich erst vor
wenigen Wochen als Fachkräfte
eingereist und arbeiteten für den
Ägypter als Lkw-Fahrer.
Anders der fünfte Mann, der Syrer.
Er soll einen Asylantrag gestellt
haben und seit zwei Jahren subsidiären
Schutz genießen.
Das Beispiel zeigt, dass es nicht
reicht, wenn Innenminister Dobrindt
seine aktuellen Abwehrzahlen
rühmt. Für die Sicherheit
ist es auch notwendig, sich um die
bereits hier lebenden Migranten zu
kümmern.
Dienstag
Jede Woche erstaunlich, wie ungehemmt
Cem Özdemir im öffentlichrechtlichen
Fernsehen Wahlkampf
betreiben darf. Er ist der Liebling.
Wenn die Kameras abgeschaltet
sind, wird geduzt. Dann ist er der
liebe Cem.
Seit das Lager von Donald Trump
seine Sympathie für die AfD offenbart
hat, ist der Streit um den
Umgang mit dieser Partei noch einmal
verschärft worden. Zwei Lehrmeinungen
stehen sich gegenüber.
Häufig zu hören: Man soll diesen
Leuten keine Bühne bieten, auf der
sie ihre Parolen verbreiten können.
Öffentliche Auftritte der AfD-Prominenz
könnten ihre Popularität
noch steigern. Die Gegenthese:
Wird die Partei verschwiegen oder
unterdrückt, könnte diese Haltung
ihre Opferrolle stärken. Auch die
25 Prozent, die aktuell AfD wählen
würden, zahlen TV-Gebühren.
Sie könnten ihre Position vermissen
und mangelnde Meinungsfreiheit
beklagen.
Der Streit ist hundert Jahre alt.
Damals, als es noch keine Talkshows
gab, plädierte der erfolgreiche
Linke Kurt Tucholsky für Streitsendungen
mit Teilnehmern aus
allen politischen Lagern. Er schrieb
über das Radio, dem er heuchlerische
Neutralität vorwarf. In der
„Weltbühne“ heißt es wörtlich:
„Selbstverständlich hat auch der
schärfste Hitler-Mann das Recht,
seine Bücher und seine Helden,
seine Gedenktage und Ideale im
Rundfunk zu propagieren – solange
er damit keine strafbare Handlung
begeht. Der Kommunist hat
das gleiche Recht. Der steuerfeindliche
Bauer hat es. Die Großindustrie.
Der Arbeiter. Die Frau, die für
den Gebärzwang ist. Die Frau, die
gegen den Gebärzwang ist.
Nur eines geht nicht: dass eine
Partei auf Kosten der anderen
bevorzugt wird.“ Tucholsky wäre
ein spannender Talkshow-Gast.
Plädierte vor 100 Jahren
für mehr Toleranz im Rundfunk:
Erfolgsautor Kurt Tucholsky
FOTOS: LARS HAUBNER/NEWS5/DPA, DPA
106 FOCUS 52/2025_01/2026
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