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Rudolf Trefzer – Klassiker der Kochkunst

Klassiker der Kochkunst. Die fünfzehn wichtigsten Rezeptbücher aus acht Jahrhunderten Chronos Verlag, 2009. Ein vertiefter Blick in fünfzehn bedeutende historische Kochbücher und eine Geschichte der Koch-, Ess- und Tafelkultur vom Mittelalter bis heute.

Klassiker der Kochkunst.
Die fünfzehn wichtigsten Rezeptbücher aus acht Jahrhunderten
Chronos Verlag, 2009.

Ein vertiefter Blick in fünfzehn bedeutende historische Kochbücher und eine Geschichte der Koch-, Ess- und Tafelkultur vom Mittelalter bis heute.

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58 Kuchemaistrey

Titelseite der 1570 veröffentlichten

Erstausgabe von Bartolomeo

Scappis Opera.



4. Raffinierte Gerichte

für die päpstliche Tafel

«Opera» von Bartolomeo Scappi

M IT ÜBER TAUSEND R EZEPTEN, DETAILLIERTEN A USFÜHRUNGEN

ÜBER K ÜCHENBAU UND K OCHUTENSILIEN SOWIE ZAHLREICHEN

A BBILDUNGEN GEHÖRT SCAPPIS ERSTMALS 1570 ERSCHIENENES

W ERK ZU DEN MEISTERWERKEN DER ITALIENISCHEN KOCH-

LITERATUR.

Titelseite der 1570 in Venedig

veröffentlichten Erstausgabe von

Bartolomeo Scappis Opera. Als

Mundkoch (cuoco secreto) von

Papst Pius V. gehörte Scappi zu den

Spitzenköchen der damaligen Zeit.


Bartolomeo Scappi

Obwohl Bartolomeo Scappi zu den berühmtesten

Köchen seiner Epoche zählt, wissen

wir nur wenig über sein Leben. Weder Geburtsjahr

noch -ort sind bekannt. Man nimmt

an, dass er zu Beginn des 16. Jahrhunderts

geboren wurde und entweder aus Bologna,

der Lombardei oder dem Veneto stammte.

Dank einiger Hinweise, die er in sein Buch

Opera eingeflochten hat, sind immerhin

die wichtigsten Stationen seiner Laufbahn

bekannt. Als Koch im Dienste des Kardinals

Campeggio organisierte er im April 1536 ein

festliches Bankett zu Ehren Kaiser Karls V. Es

bestand aus nicht weniger als zwölf Gängen,

die sich ihrerseits wieder aus einer Vielzahl

unterschiedlicher Speisen zusammensetzten.

Später arbeitete er für verschiedene Päpste.

Das Amt des Mundkochs (cuoco secreto) bekleidete

er möglicherweise seit der Amtszeit Pauls III. (1534–1549), mit Sicherheit

aber unter Pius V. (1566–1572). Um den ersten Jahrestag des Pontifikats von Pius

V. zu feiern, bereitete er am 17. Januar 1566 ein grosses Gastmahl zu. Scappis

Todesjahr ist unbekannt, doch darf man annehmen, dass er die Veröffentlichung

seines voluminösen Werks im Jahre 1570 noch erlebt hat.

Bildnis von Bartolomeo Scappi aus

seinem Buch Opera. Als erstes

in einem Kochbuch enthaltenes

Konterfei eines Koches kann es

als Indiz für die gehobene soziale

Stellung des cuoco secreto von

Papst Pius V. gedeutet werden.

60 Biographie


Müsste man einen handfesten Beweis dafür suchen, dass zur

Zeit der Renaissance die italienische Küche in der «gehobenen

Gastronomie» die Nase vorne hatte, so genügte es

wohl, Scappis umfangreiches Buch Opera zur Hand zu nehmen und aufmerksam

durchzublättern. Sowohl seine kulturgeschichtlich wertvollen

Illustrationen von Kücheneinrichtungen und -geräten wie auch seine

reichhaltigen und detaillierten Informationen bezüglich Kochtechnik,

Speisenzubereitung, Menükomposition und Hofzeremoniell suchen ihresgleichen.

Und die über tausend Rezepte machen unmissverständlich

klar, dass Bartolomeo Scappi zu den grossen Kochkünstlern der italienischen

Renaissance zählt. Sein breit gefächertes kulinarisches Repertoire

erweist den meisten Regionen der Halbinsel die Reverenz, wobei

sich im Wesentlichen drei Einflusszonen feststellen lassen: das Italien

der Lombardei (mit Mailand als Zentrum) und der Poebene (bis Venedig),

Mittelitalien (mit den verschiedenen Stadtrepubliken, dem Kirchenstaat

und Rom) sowie das unter aragonischer Herrschaft stehende Süditalien

(mit Neapel als Zentrum und Sizilien). 1

Im ersten des in sechs Bücher unterteilten prachtvollen Werks

befasst sich Scappi ausführlich mit dem anspruchsvollen Anforderungsprofil,

dem ein Koch, der im Dienste eines hohen Herrn stand, zu genügen hatte,

und mit der Anlage und Ausstattung einer Idealküche. In den restlichen

fünf Büchern behandelt er die verschiedenen Bereiche der Kochkunst: Im

zweiten Buch stellt er Fleischgerichte von Haus- und Wildtieren vor und

äussert sich über das Würzen und die Saucenherstellung. Das dritte Buch ist

den verschiedenen Zubereitungs- und Konservierungsarten von Fischen,

Gemüse, Eierspeisen und Suppen gewidmet. Das vierte Buch enthält – dem

Lauf der Jahreszeiten folgend – detaillierte Menüzusammenstellungen,

und im fünften wird auf die Zubereitung von Pasteten, Kuchen, salzigen

Torten, Pfannkuchen und diversen Süssspeisen eingegangen. Im sechsten

Buch schliesslich finden sich Rezepte für Kranke und Rekonvaleszente.

Da Scappis Ausführungen über den Kochberuf, Küchenbau und

-einrichtung in ihrer Ausführlichkeit und Genauigkeit ein Novum darstellen,

wollen wir uns im Folgenden näher mit ihnen befassen. Wie bereits

61 Scappi


erwähnt, skizziert Scappi zu Beginn des ersten Buches das Berufs- und Charakterbild

eines guten Koches. Es beinhaltet eine Reihe von Grundsätzen,

die man auch heute noch jedem Koch ins Stammbuch schreiben könnte:

Ein Koch soll geduldig, bescheiden und so mässig wie möglich sein. Von

überragender Wichtigkeit ist die Reinlichkeit seiner Person, die genauso

beeindrucken muss wie seine Kochkünste. Selbstverständlich muss er die

verschiedenen Zubereitungsarten der Speisen beherrschen, so dass er, falls

er aus Mangel an Zutaten ein bestimmtes Gericht nicht zubereiten kann,

nicht in Verlegenheit gerät und sogleich ein anderes herzustellen weiss,

das dem Ort und der Jahreszeit entspricht. Sodann muss er alle Fleischund

Fischarten kennen und darüber im Bilde sein, welche man am besten

brät, kocht oder auf eine andere Art verwendet. Auch die gründliche Kenntnis

der vielen Spezereien, Obst- und Gemüsesorten ist unabdingbar. Kurz,

von einem Koch wird erwartet, dass er fähig ist, Produkte und Zutaten gut

auszuwählen, delikat zuzubereiten und festlich zu präsentieren.

Doch damit nicht genug: Zur Aufgabe eines Küchenmeisters

gehörte es ferner, nach Massgabe von Jahreszeit, Anlass und Gästezahl

Menüs zusammenzustellen, die Ansehen und Würde des Herrn widerzuspiegeln

vermochten. Im vierten Buch präsentiert Scappi auf nicht weniger

als 160 Seiten eine Serie von Menüvarianten für alle Monate eines

Jahres. Neu ist, dass sich alle Menüs, die aus einer Abfolge von drei bis acht

Gängen (servizi) bestehen, meist je zur Hälfte aus kalten, von der Kredenz

aus servierten Gerichten (servizi di credenza) und aus warmen, direkt aus

der Küche stammenden Speisen (servizi di cucina) zusammensetzen. Den

Auftakt eines Mahls macht dabei immer ein servizio di credenza, bei dem

eine Reihe salziger und süsser Gerichte aufgetragen werden wie Blatt-,

Gemüse- und Fleischsalate, Früchte, Torten, Fleischsülzen, Käse, Schinken,

Würste und Gebäck. Danach folgen – meist alternierend – mehrere Gänge

mit jeweils einer variierenden, aber nie weniger als acht verschiedene

Speisen umfassenden Zahl von warmen oder kalten Gerichten. Dies gilt

auch für die Menüfolgen für Fastentage, die sich durch die gleiche Vielfalt

und gastronomische Raffinesse auszeichnen. Nach dem letzten servizio di

credenza wird das Tischtuch gewechselt, die Gäste waschen sich die Hän-

62


de und erhalten frische weisse Servietten. Zum Abschluss werden süsse

Erfrischungen (kandierte Früchte und anderes) und parfümierte Zahnstocher

gereicht. Zu den zahlreichen Menüfolgen zählen auch zwei datierte

Festessen, die Scappi mit seinen Köchen und Gehilfen für seine jeweiligen

Dienstherren organisiert und zubereitet hatte: das Mittagessen in Rom-

Trastevere, das Kardinal Lorenzo Campeggio für Kaiser Karl V. während

der Fastenzeit im April 1536 gab, und das Mittagessen zur Feier des zweiten

Jahrestags des Pontifikats von Papst Pius V. am 17. Januar 1566.

Für das erste der beiden Festmähler hatte Scappi fünf servizi di

credenza und sieben servizi di cucina vorbereitet. 2 Die insgesamt 148 Gerichte

des zwölfgängigen Menüs wurden auf je drei Platten von drei Truchsessen

(scalchi) und drei Tranchiermeistern (trincianti) serviert. Der Tisch

war mit vier reich bestickten und parfümierten Tischtüchern gedeckt, die

im Laufe des Essens, eins nach dem anderen, entfernt wurden. Dabei erhielten

die Tafelnden die Gelegenheit, sich die Hände mit Wasser zu waschen.

Zudem bekamen sie frische Servietten gereicht. Selbstverständlich

wurde der Anlass auch musikalisch begleitet. Es würde zu weit führen,

die verschiedenen Speisen aufzuzählen, zumal nicht der Essensgenuss

bei dieser ostentativ zur Schau gestellten Abundanz von exquisiten Gerichten

im Vordergrund stand. Bei Renaissancebanketten ging es in erster

Linie darum, mittels eines ausgeklügelten und keine Kosten scheuenden

Zeremoniells den gesellschaftlichen Status und die politische Macht des

Gastgebers zu unterstreichen und dabei zugleich den geladenen Gästen

ihrem Rang entsprechend die Reverenz zu erweisen. 3

Die zelebrierte gastronomische Raffinesse konnte groteske Formen

annehmen. So berichtet Montaigne in seinem in den 1570er Jahren

verfassten Essay Über die Eitelkeit der Worte von der Begegnung mit einem

Italiener, der als Haushofmeister bei einem Kardinal namens Caraffa gedient

hat. 4 Montaigne bat den Italiener, von seinen Obliegenheiten zu

erzählen. Dieser hielt ihm daraufhin einen langen Vortrag über die Gaumenwissenschaft,

und zwar, wie Montaigne belustigt anfügt, «mit derart

wichtiger und ehrfurchtgebietender Miene, als ob er […] einen Kernpunkt

der Theologie darlegen wollte». Montaigne fasst den Vortrag des Italieners

63 Scappi


folgendermassen zusammen: «So weihte er mich in die Rangordnung der

Appetite ein: Jener, den man bei nüchternem Magen hat, ist anders als der

nach dem ersten, der nach dem zweiten, der nach dem dritten Gang; dann

in die Mittel, sie bald einfach zu befriedigen, bald erst zu erwecken und

anzustacheln; dann in die Einteilung und Zubereitung seiner Saucen, erstens

allgemein, zweitens einzeln gemäss den Eigenschaften der Zutaten

und ihrer Wirkungen; dann in die Unterschiede zwischen den Salaten je

nach Saison: welche man wärmen muss und welche kalt aufgetragen werden

wollen, und wie sie zu garnieren und schön herzurichten sind, damit

sie auch einen gefälligen Anblick bieten.» Auch wenn Montaigne die Rede

des Italieners weniger wegen des Inhalts als der eitlen und geschwätzigen

Art, wie diese vorgetragen wurde, wiedergibt, so zeigt sie gleichwohl, wie

sehr die weltlichen und klerikalen Eliten im Italien der Renaissancezeit

bemüht waren, ihre gesellschaftliche Stellung nicht mehr in erster Linie

mit beeindruckenden, ostentativ zur Schau gestellten Speisemengen symbolisch

zu untermauern, sondern vermehrt auch mit dem aufwendigen

Zelebrieren von kulinarischer Raffinesse.

War das Verhältnis zwischen Nahrung und sozialem Status im

Europa des Früh- und Hochmittelalters noch vorwiegend durch quantitative

Aspekte geprägt gewesen (das Idealbild des Adligen war das eines berittenen

Kriegers, dem heldenhafter Mut und Stärke eigen waren und der

einen herzhaften Appetit hatte), so gewann seit dem 14. Jahrhundert die

qualitative Dimension zunehmend an Bedeutung. Zwar gelangten immer

noch grosse Mengen von Speisen auf die Tische der Reichen und Mächtigen,

doch erwartete nun niemand mehr, dass diese auch tatsächlich verzehrt

wurden. Die Rolle und das Selbstverständnis des Adels war im Wandel

begriffen: Ein Adliger war nicht mehr ein kriegerischer Haudegen mit

unstillbarem Appetit, der seine gesellschaftliche Vorrangstellung dadurch

legitimierte, dass er auf dem Kampfplatz seine Kühnheit und Kraft unter

Beweis stellte, sondern er war nunmehr Träger von ererbten, unbestrittenen

Rechten, die seine gesellschaftliche Vormachtstellung garantierten.

Die sukzessive Transformation des Kriegeradels in den Hofadel und die

damit einhergehenden Erschütterungen im gesellschaftlichen Gefüge des

64


Cucina principale. Hauptküche der

aus mehreren Räumen bestehenden

Idealküche. Den Mittelpunkt

bildet die grosse Feuerstelle, wo

ein hinter einem Paravent sitzender

Küchenjunge einen Spiess dreht.

Auf einem der Tische liegen ein

ausgerollter Teig sowie ein Teigholz

und ein Teigrad. Auf der linken

Seite sind ein grosser Steintrog

mit fliessendem Wasser und der

unentbehrliche Mörser mit Stössel

zu erkennen.

65 Scappi


Spätmittelalters führten zu einer verstärkten Aristokratisierung der Gesellschaft

und einer Verfeinerung der Sitten und Bräuche in allen Lebensbereichen,

5 nicht zuletzt auch bei den Ess- und Ernährungsgewohnheiten.

Zur ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Determiniertheit des sozialen

Status kam nun auch eine biologische Komponente hinzu. In medizinischen,

botanischen und agronomischen Traktaten verbreiteten Gelehrte

die «wissenschaftliche» Erkenntnis, dass die Mägen der Edelleute empfindlicher

als jene der Bauern seien, weshalb sie derbe und grobe Speisen

meiden und vielmehr erlesene, gekonnt zubereitete und verfeinerte Speisen

zu sich nehmen sollten. 6

Damit ein Küchenmeister seine anspruchsvolle Aufgabe zur vollkommenen

Zufriedenheit seines Dienstherrn erfüllen konnte, bedurfte

es adäquater und gut eingerichteter Küchenräumlichkeiten, die mit allen

nötigen Kochgeräten und -utensilien ausgestattet waren. 7 Wie eine zur

damaligen Zeit optimal ausgestattete Herrschaftsküche ausgesehen haben

könnte, zeigt detailgenau eine Serie von Abbildungen, die Scappi im ersten

Buch erläutert. Auch wenn es sich dabei um Idealvorstellungen handelt, so

können wir uns dennoch ein Bild von den Arbeitstechniken und den Arbeitsbedingungen

in einer herrschaftlichen Grossküche machen. Gemäss

Scappi sollte eine solche Küche aus mehreren Räumen bestehen. Das Aktivitätszentrum

ist die cucina principale, die Hauptküche. Hier befinden

sich die grosse Feuerstelle sowie ein Backofen, in dem Pasteten und andere

Backwaren zubereitet werden. Über dem Feuer befinden sich ein grosser

Rauchfang sowie zwei drehbare Eisengalgen, an welchen Kochkessel in die

gewünschte Position über dem Feuer gebracht werden können. Ferner gehören

verschiedene Haken zum Räuchern von Fischen und Fleischstücken zur

Ausstattung der Feuerstelle. Eisenplanken, die an der Rückwand der Feuerstelle

befestigt sind, sollen diese schützen und zugleich die Wärme zurückstrahlen.

Neben den Kochkesseln gehören Drehspiesse zu den wichtigsten

Kochinstrumenten der damaligen Zeit. Vielfach wurden sie von Hand gedreht

– eine monotone Arbeit, die man gerne Küchenjungen überliess.

Neben den manuell betriebenen Spiessen kannte man auch mechanische

Bratenwender. In Gebrauch waren etwa Konstruktionen, bei

66


denen die warme Abluft des Kamins ein Flügelrad in Bewegung versetzte,

dessen Drehbewegung auf den Spiess umgeleitet wurde. Scappi stellt zudem

eine Konstruktion vor, die von einem Federwerk angetrieben wird

und drei Spiesse gleichzeitig zu drehen vermag. In die cucina principale

gehören nach Scappis Ansicht ferner eine Hackbank, ein grosser Mörser

sowie verschiedene Arbeitstische, wovon einer zum Anrichten der Speisen

dienen soll. Eine grosse Arbeitserleichterung, aber damals gewiss keine

Selbstverständlichkeit bedeutet die direkte Versorgung der Küche mit

frischem Wasser, das durch Hahnen in grosse Steintroge geleitet werden

kann. Für die Herstellung von Teigwaren oder bianco mangiare (blanc-manger)

sowie für die Ausführung von anderen viel Platz beanspruchenden

Arbeiten ist ein an die Hauptküche angrenzender Raum vorgesehen. Neben

den nötigen Arbeitstischen befinden sich hier ein weiterer Backofen

sowie – in unmittelbarer Nähe – eine aus Backsteinen gemauerte Herdkonstruktion

für die Warmwasserzubereitung. Der Rauch dieses Herds

solle – so Scappi – zusammen mit jenem des Ofens abgeleitet werden. In

einer Ecke dieses Raumes sieht Scappi auch Schränke für die Aufbewahrung

von Vorräten und anderen in der Küche benötigten Gegenständen

vor. Er empfiehlt, in einem von ihnen zahlreiche, mit einem Schlüssel verschliessbare

Abteile einzubauen, in welche Zucker, Gewürze und «andere

dem Mund des Fürsten vorbehaltene Sachen» untergebracht werden. Für

die Beleuchtung der Küchenräumlickeiten während der Nacht sind Kerzen

und Öllampen vorgesehen.

Doch damit nicht genug. Scappi weist darauf hin, dass zu einer

Küche idealerweise auch ein Hof gehöre, wo man bei jedem Wetter Fische

und Geflügel ausnehmen, Schlachttiere häuten und – vor allem im

Sommer, wenn es in den Küchenräumen zu heiss sei – eine Reihe anderer

Vorbereitungsarbeiten verrichten könne. Hierher gehört auch ein grosser

überdachter Wassertrog zum Waschen der Küchenutensilien. Empfehlenswert

ist es ferner, hier einen Schleifstein stehen zu haben, wo jederzeit

die Messer nachgeschliffen werden können. Selbstverständlich muss

auch der Hof, wie Scappi betont, immer sauber gehalten werden. Angrenzend

an diesen Hof sollte sich schliesslich noch eine gut belüftbare Kam-

67 Scappi


mer befinden, wo man Öl, Schmalz, Butter, Speck und Kräuter lagern und

im Sommer Eis und bianco mangiare kühl halten kann.

Natürlich musste eine Hofküche auch mit allen nötigen Küchenutensilien

ausgestattet sein. Scappi führt detailliert auf, was er für

unentbehrlich hält. Die Ausstattung reicht von verschiedensten aus Eisen,

Kupfer oder Keramik gefertigten Töpfen und Stielpfannen über Kellen,

Waffeleisen, Siebe, Messer, Roste, Raffeln, Spiesse bis hin zum Teigrad.

Der Ausrüstungsstandard ist beeindruckend, denn vieles, was damals

schon in Gebrauch war, findet man in praktisch unveränderter Form auch

noch in heutigen Küchen. Freilich muss man sich darüber im Klaren sein,

dass es im Europa des 16. Jahrhunderts bestimmt nur wenige Küchen gab,

die an Scappis Idealvorstellungen heranreichten. Schlecht belüftete, rauchige

Küchenräumlichkeiten waren auch in herrschaftlichen Haushalten

eher die Regel als die Ausnahme, da das offene Herdfeuer noch bis ins

19. Jahrhundert hinein als zentrale Wärmequelle diente. Auch wenn die

Bemühungen zur Verbesserung der Küchenausstattung dahin gingen, die

erzeugte Wärme effizienter und bequemer zu nutzen, so setzten sich die

technologischen Neuerungen nur langsam durch. Auf das offene Herdfeuer

folgte der gemauerte Herd, dieser wiederum wurde – im Zeitraum

von 1830 bis 1880 – vom mit Holz oder Kohlen befeuerten Gusseisenherd

abgelöst. Von 1880 bis 1930 kamen die Gasherde auf, die schliesslich nach

und nach den Elektroherden weichen mussten. Natürlich handelte es sich

dabei um fliessende Übergänge. Die verschiedenen Phasen überlappen

sich, und ehe eine bestimmte Heizquelle sich durchsetzen kann, muss sie

eine lange Inkubationszeit durchlaufen. 8

Scappis Opera markiert den Höhepunkt der italienischen Renaissanceküche.

Bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde dieses

prachtvolle Werk verschiedentlich nachgedruckt. Danach verlor sich –

parallel zur schwindenden wirtschaftlichen Bedeutung der italienischen

Staaten und dem Ende ihrer Unabhängigkeit – zunehmend das Interesse

an der «italienischen Kultur». Im Laufe des 17. Jahrhunderts sollte das

höfisch-absolutistische Frankreich auch im Bereich der Kochkunst zum

stilprägenden Zentrum Europas werden.

68


Nebenraum der Hauptküche für

Vorbereitungsarbeiten. Neben

einem grossen Backofen, der sich

in der Wand auf der rechten Seite

befindet, verfügt der Raum über

einen Ziehbrunnen und – wie die

cucina principale – über fliessendes

Wasser.

69 Scappi


Im Laufe des 15. Jahrhunderts begann man in der Poebene im grösseren

Massstab Reis anzubauen, und schon bald wurde er im Piemont, der Lombardei

und dem Veneto zu einem unentbehrlichen Nahrungsmittel. Scappi

stellt ein Reisgericht vor, das zwar nicht wie ein Risotto zubereitet wird,

das sich aber durch die typisch italienische Praxis auszeichnet, Reis mit

anderen Zutaten zu vermischen. Das als lombardisch bezeichnete Gericht

käme nahe an unsere heutigen Geschmacksvorstellungen heran, würde

Scappi nicht in mittelalterlicher Manier Käse mit Zucker und Zimt kombinieren.

PER FARE UNA VIVAND A DI RISO ALLA LOMBARDA SOTTE-

STATA CO N POLPE DI POLLI, CERVELLA TE E ROSSI D’UOVA

Piglisi il riso nettato nel modo soprascritto e cuocasi in brodo nelqual

siano cotti capponi, oche e cervellate; e cotto che sarà di modo che sia

sodo, piglisi una parte d’esso riso, e pongasi in un piatto grande di terra,

o d’argento, over di stagno, e spolverizzisi di cascio, zuccaro e cannella,

e pongasi sopra esso riso alcun bocconcino di butiro fresco, e polpa del

petto di cappone, e ocche con cervellati tagliati in pezzuoli, e rispolverizzisi

di cascio, zuccaro e cannella. In questo modo faccianosi tre suoli,

e l’ultimo sia bagnato di butiro fresco liquefatto, e spolverizzato della

medesima compositione, e pongasi al forno, che non sia troppo caldo, e

lascisi stare per meza ora fin’a tanto che pigli un poco di colore, e sbruffisi

d’aqua di rose, e servasi così caldo. […] 9

L OMBARDISCHES REISGERICHT MIT HÜHNERFLEISCH,

C ERVELATWURST [EINE ART BLUTWURST, DIE MEIST

AUCH HIRN ENTHIELT] UND EIGELB

Man nehme den nach oben beschriebener Art gereinigten Reis [das heisst von

Verunreinigungen befreit und mit lauwarmem Wasser gewaschen] und koche

70


ihn, bis er gar ist, in einer Brühe, in der Kapaune, Gänse und Cervelatwürste

gekocht wurden. Dann nehme man einen Teil des Reises und gebe ihn in einen

grossen Topf aus Steingut und bestreue ihn mit Käse, Zucker und Zimt. Auf

diesen Reis lege man einige Stücke frischer Butter und Brustfleisch von Kapaun

und Gans sowie Scheiben der Cervelatwurst und bestreue dies wiederum

mit Käse, Zucker und Zimt. Auf diese Art mache man drei Lagen und übergiesse

die letzte mit flüssiger Butter und bestreue sie nochmals mit den gleichen

Zutaten. Dann gebe man das Gericht für eine halbe Stunde in den nicht zu

heissen Ofen, bis es ein wenig Farbe annimmt, besprenge es mit Rosenwasser

und serviere es heiss. [Anmerkung: das im Titel erwähnte Eigelb bezieht sich

auf eine Variante dieses Gerichts, die hier nicht wiedergegeben wird.]

Bei Scappi findet sich eines der ersten Trüffelrezepte. Aufgrund der Zubereitungsart

muss man annehmen, dass es sich dabei um schwarze Trüffeln

(tuber melanosporum) handelt. Anzumerken ist freilich, dass in Italien die

heute so begehrten weissen Trüffeln (tuber magnatum) bis noch ins letzte

Jahrhundert hinein auch gekocht genossen wurden. Der Begriff suppa bedeutet

nicht etwa Suppe, sondern trockene oder geröstete Brotschnitten,

die in einer Sauce getränkt worden sind.

PER FARE SUPPA DI TARTUFALI

Piglinosi i tartufali netti dell’arena e faccianosi stare sotto le ceneri calde

per mezo quarto d’ora, o si facciano trarre quattro bolli nel vino e pepe,

mondinosi della scorza, taglinosi in pezzuoli, e ponganosi in un vaso

di terra invetriato, o di rame stagnato con tanto oglio dolce, che stiano

coperti, e con un poco di sale e pepe, e faccianosi soffriggere pian piano,

e aggiungavisi un poco di sugo di melangole, overo un poco di agresto, et

mosto cotto, e faccianosi finir di cuocere, et dapoi abbianosi apparecchiate

fettoline di pane brustolite, et soffritte in oglio, bagnate d’una compositione

di vin bianco, sugo di melangole, zuccaro, cannella, et garofani: la

qual compositione habbia bollito, et dapoi si ponga sopra i tartufali con il

brodo dove son cotti, et servanosi caldi, avvertend, che siano troppo salati,

ne troppo insipidi. 10

71 Scappi


T RÜFFELGERICHT

Man nehme die von Sand befreiten Trüffeln und lege sie für die Hälfte einer

Viertelstunde in heisse Asche oder lasse sie in Wein und Pfeffer viermal

aufkochen. Man schäle sie, schneide sie in Stücke und lege sie in ein Gefäss

aus Steingut oder verzinktem Kupfer. Man begiesse sie mit so viel gutem

Öl, bis sie bedeckt sind, gebe wenig Salz und Pfeffer dazu, lasse sie auf

kleinem Feuer köcheln, gebe wenig Zitronensaft oder Essig und gekochten

Traubensaft dazu und lasse es zu Ende kochen. Nachdem man Brotschnitten

in Öl geröstet und in einer Mischung aus Weisswein, Zitronensaft, Zucker,

Zimt und Gewürznelken getränkt und gekocht hat, gebe man dies alles

über die Trüffeln, zusammen mit der Brühe, in der sie gekocht wurden.

Man serviere sie heiss und achte darauf, dass sie weder zu stark gesalzen

noch zu fade sind.

Gleich in mehreren Varianten präsentiert Scappi die Zubereitung von zuerst

geklopften und dann marinierten Kalbfleischscheiben. Die Marinade

bestehend aus Essig, Süsswein und verschiedenen Gewürzen soll dem

Kalbfleisch Geschmack verleihen. Serviert werden die gebratenen Kalbfleischscheiben

mit Zucker, Zimt und Bitterorangensaft und mit einer

süsssauren Gewürzsauce.

PER FAR BRISAUOLI DI CARNE MAGRA DI VITELLA, FRITTI,

E COTTI SU L A GRA TIC OLA

Tagliati che saranno i brisauoli nel mode che si tagliano le polpette, e

battuti con la costa del coltello da una banda e l’altra, sbruffandoli con

un poco di aceto, e vino greco, dove sia stato aglio ammaccato, e con fior

di finocchio, o pitartamo [Koriander] pesto, pepe, e sale spolverizzandoli,

e facendoli star in soppresso l’un sopra l’altro per un’ora, e volendoli friggere

in strutto, over lardo colato, prima s’infarineranno in fior di farina,

e fritti che saranno in modo che habbiano un poco di colore, e rimangano

piuttosto morbidi, che altrimenti si serviranno così caldi con zucchero,

cannella, e sugo di melangole sopra, overo con un sapore fatto d’aceto,

zucchero, cannella, garofani e noci moscate; Ma volendoli su la gratico-

72


Diverse Küchenuntensilien wie

Teigwarenzange, Teigrad, Spiesse

und Spiesshalter, Kerzenständer

sowie ein verschliessbares Kästchen

für die Aufbewahrung der

teuren Gewürze.

73 Scappi


la, dapoi che saranno stati spolverizzati, e in soppresso, si metteranno su

la graticola con una fettolina di lardo per ciascuno, acciocché li brisauoli

rimangano più morbidi facendoli cuocere a lento fuoco e rivolgendoli

spesso; Il fumo che esce di sotto la graticola per causa del grasso darà

loro perfettisimo odore, e ottimo sapore. Cotti che saranno vogliono essere

serviti con uno delli sopradetti sapori con li quali si servono i fritti. Li

detti brisauoli in loco di ponerli su la graticola, si potrebbero cuocere in

una tortiera unta di strutto con le medesime fettoline di lardo sopra, e si

serviranno con il suo sapore, e sugo di melangole sopra. 11

S CHEIBEN VON MAGEREM KALBFLEISCH, AUF DEM

E ISENROST GEBRATEN UND GEKOCHT

Die nach Art der polpette geschnittenen und beidseitig mit der flachen Seite

des Messers geklopften Fleischscheiben mit wenig Essig und griechischem

Wein [das heisst weissem Süsswein], der zuvor mit zerquetschtem Knoblauch,

Fenchelblüten, zerstossenen Koriandersamen, Pfeffer und Salz gewürzt

worden ist, beträufeln und während einer Stunde eine auf der anderen

stehen lassen. Will man sie in Schmalz oder ausgelassenem Speck

braten, wendet man sie zuerst in Mehl und brät sie dann so, dass sie wenig

Farbe annehmen und eher weich bleiben. Sie können so warm serviert

werden mit Zucker, Zimt, Bitterorangensaft oder mit einer Sauce aus Essig,

Zucker, Zimt, Gewürznelken und Muskatnuss. Will man sie aber auf dem

Rost braten, nachdem man sie beträufelt und eine auf der anderen stehen

gelassen hat, dann legt man sie, jede zusammen mit einer Scheibe Speck,

auf den Rost, brät sie auf bei kleinem Feuer und wendet sie öfters, damit die

Fleischscheiben weich bleiben. Der Rauch, der wegen des herabtropfenden

Fetts aufsteigt, gibt ihnen einen perfekten Geruch und einen ausgezeichneten

Geschmack. Wenn sie gekocht werden, serviert man sie mit einer der

oben erwähnten Saucen, mit denen auch die gebratenen Fleischscheiben

serviert werden. Anstatt die Fleischstücke auf den Rost zu legen, kann man

sie auch mit Speckscheiben belegt in einer mit Schmalz eingefetteten Form

garen und mit dem eigenen Saft oder mit Bitterorangensaft servieren.

74


75 Scappi

Von einem Federwerk angetriebener

dreiteiliger Drehspiess.

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