Heimatblätter des Kreises Aachen 1985
Heimatblätter des Kreises Aachen 1985
Heimatblätter des Kreises Aachen 1985
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Impressum
Heimatblätter des Kreises Aachen
Bezugspreis im Abonnement: 3,20 DM je Heft
Einzelpreis: 6,- DM zuzüglich Porto
Auflage : 4 000
Herausgeber und Vertrieb : Kreis Aachen
5100 Aachen , Zollernstr. 10 (Kreishaus)
Telefon 02 41 / 51 98 - 1
Redaktion:
Rudolf Dieregsweiler, Karl-Heinz Herren
5100 Aachen, Kreishaus
Herstellung :
Weiss-Druck, 5108 Monschau-lmgenbroich
Layout: Adalbert Rudnick, Birger Strobel
Aus Gründen der vollständigen Jahresfolgen
erscheint dieses Heft unter
41 . Jahrgang, 1985
© Oktober 1986 by
Adalbert Rudnick, Herzogenrath
S.I.P. SLEINADA
Die gottlose Bande
Die BOCKREITER zwischen Maas und Rur in einem
zeitgenössischen niederländischen Bericht von 1779
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Kommentierte Übersetzung von Bert Rudnick
EIN BEITRAG ZUR GEMEINSAMEN GESCHICHTE DES
DEUTSCH-BELGISCH-NIEDERLÄNDISCHEN GRENZRAUMES
,,
Diese Veröffentlichung erwuchs weitgehend
aus meiner mehrjährigen Mitarbeit im
Arbeitskreis Geschichte von BURG RODE
HERZOGENRATH e. V. , wo man sich die
Geschichte des Grenzraumes zum besonderen
Anliegen macht.
Ich bedanke mich darum bei den hier tätigen
Damen und Herren von ~iesseits und jenseits
der heutigen Grenzen für wohlmeinende Tips
und freundliche Ratschläge.
Besonderer Dank gilt Herrn E. Schiffler, der mir
freundlicherweise die im Original eingestreuten
lateinischen Zitate übersetzt hat.
Titelbild: Bockreiterhinrichtung in Herbach bei Merkstein, Holzschnitt von Heribert Reul
(mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers).
Karte im Titel: »Maastricht und Aachen, 1776«. Kolorierter Kupferstich von L. Captain.
Privatbesitz.
In der Mitte der Vorseite: Titelblatt der Originalausgabe von SLEINADAS Werk.
INHALT
VORWORT
des Übersetzers
Widmung und
Vorbemerkung
Einfüh rung
Warum eine Räuberbande die
allerschlimmste aller Plagen ist,
die ein Land heimsuchen kann
1. Kapitel
Ausländer stifteten die braven
Leute der lande von Overmaas
zu Raubzügen an
2. Kapitel
Die Einbrüche der Jahre
1736 bis 17 45
3. Kapitel
Verhaftungen, Verhöre und
Todesurteile im Land
von 's Hertogenrode und
in anderen Gebieten
4. Kapitel
Hinrichtungen in Geleen und Schinnen ;
zu laxe Richter in Jülich
5. Kapitel
Seuchen und Hungersnöte
treiben der Bande
neue Mitglieder zu
6. Kapitel
1756 beginnt eine neue
Serie von Einbrüchen
7. Kapitel
Die neue Bande war groß,
sie setzte sich aus
Ausländern und
Einheimischen zusammen
8. Kapitel
Wie die Festnahme eines
jungen Pferdediebes die große
Verhaftungswelle auslöste
9. Kapitel
In der Herzogenrather Burg
werden die Räuber gefangengehalten;
Befreiungsaktionen schlagen fehl
10. Kapitel
Der Herzogenrather Chirurgus Kirchhoffs:
Seine Verhaftung , die Verhöre,
sein Tod am Galgen
11 . Kapitel
Selbst wenn es anders scheint,
Kirchhoffs war schuldig!
12. Kapitel
Auch in den ehrenwertesten Familien
gab es schwarze Schafe
(Mit Liste der aus dem Land
von 's Hertogenrode Hingerichteten)
13. Kapitel
Erste Verhaftungen im Land
von Valkenburg
14. Kapitel
Wie die gerechte Strafe
die Diebe aus dem Land
von Valkenburg ereilte
(Mit Liste der im Land von
Valkenburg Hingerichteten)
15. Kapitel
Waren alle Einwohner der lande
von Overmaas Schurken
und Bockreiter?
16. Kapitel
Auch wenn es unsere modischen
Philosophen bezweifeln mögen,
der Teufel kann
Bockreiten durch die
Lüfte möglich machen!
17. Kapitel
Der Teufelseid, den die Bockreiter
beim Eintritt in die
Bande ablegen mußten
Ein Kapitel 18 gibt es bei SLEINADA nicht.
Die Kapitel 19 und 20 sind fast wortgleich
mit den Kapiteln 13 und 14 und konnten
deshalb überschlagen werden.
21. Kapitel
Der Weg in die Bande
war für manches Kind
schon vorgezeichnet
22. Kapitel
Die schlechte Erziehung und das
üble Beispiel von Eltern und
Geistlichkeit machten viele schon
in jungen Jahren zum Dieb
23. Kapitel
Nirgendwo herrscht des Nachts
ein so ausgelassenes Treiben
wie in den landen von Overmaas,
und diese ungezügelte Nachtschwärmerei
begünstigte die Nachtdiebe
24. Kapitel
Nichts gegen einen Besuch im
Wirtshaus ; aber die Saufgelage
und Krawalle hierzulande
fördern das Verbrechen
25. Kapitel
Triebhafte Fleischeslust und
schamlose Frauenspersonen verführten
so manch einen zur Bande
26. Kapitel
Nachlässigkeit der Richter führte
zu der starken Verbreitung der Bande.
Nicht nur die Todesstrafe,
auch Zuchthaus könnte
abschreckend wirken.
SCHLUSSBETRACHTUNG
Warum hat eine so große Bande
so wenig gestohlen?
ANMERKUNGEN
.. \\
UBERSICHT Kasten-Texte
3
Vorwort des Ubersetzers
Das Thema »Bockreiter«
Zwischen 1736 und etwa 1776 gab es im
Gebiet um Herzogenrath und im heutigen
belgisch und niederländisch Limburg die
sogenannten Bockreiter. Das waren mehr
oder weniger gut organisierte Diebesbanden,
die in großer Zahl ausrückten, aber
vergleichsweise wenig stahlen. Dennoch
wurden sie von der damaligen Justiz mit
beispielloser Härte verfolgt. Die überlieferten
Prozeßakten enthalten rund 700 Namen
von Verurteilten , die zum größten Teil
grausam gefoltert und hingerichtet wurden.
Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis
zur damals geringen Bevölkerungsdichte,
so waren z. T. etwa 3 Prozent der damaligen
Einwohner als Bockreiter verdächtigt
worden 1 , was angesichts des in den Gerichtsakten
erwähnten geringfügigen Diebesgutes
ganz erhebliche Fragen aufwirft.
Dies alles ist nun rund zweihundert Jahre
her, dennoch reißt die Flut der Veröffentlichungen
zu diesem Thema nicht ab. Vor
allem in den benachbarten Niederlanden
werden Jahr für Jahr wissenschaftliche Arbeiten
vorgelegt und immer wieder Bücher
zum Thema publiziert. Im deutschsprachigen
Raum waren es insbesondere Michel
(1905) , Gierlichs (1940) und Hermanns
(1944), die sorgsam beiegte Arbeiten über
die Bockreiter vorlegten 2 .
Ansonsten haben sich beiderseits der
Grenze zahlreiche wohlmeinende Amateure
an das Thema herangemacht und
viel Einseitiges und Unrichtiges verbreitet.
Verdienstvo ller waren da die vielen Gedichte-,
Stücke- und Romanschreiber, die
sich gleichfalls mit der Bockreiterbande
beschäftigten und - für jeden so erkennbar
- die Legende um die durch die Luft
brausenden Bockreiter phantasievoll weite
rspannen 3 .
Wi e kommt es, daß uns dieses Thema
noch nach meh r als zweihundert Jahren
so umtreibt? Das liegt sicher an den vielen
offenen Fragen und an den überaus mageren
und teils we nig aufschlußreichen
Quellen , die viele Fragen wohl für im mer
offen und andererseits der Spekulation
weite n Raum lassen.
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(17S-l--'-1756 und 1762- 177<-J.
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Abb. 1: Titelblätter der beiden wichtigsten Bücher über die »Bockreiter«, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen können:
Johann Jakob Michel, Die Bockreiter von Herzogenrath, Valkenburg und Umgebung (1734-1756 und 1762-1776). Nach den Quellen und Gerichtsakten
geschildert, Aachen 1905. (Das Werk erschien kontinuierlich in einzelnen Heften zu je 20 Pfennig. Nach Erscheinen aller Hefte konnte es zu 1,80 M
in Buchform erworben werden.)
Wilhelm Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders in '! voormalig land van 's hertogenrode, Roermond 1940. Unveränderter Nachdruck Maastricht,
1972. Dr. Wilhelm Gierlichs (1883-1942), wir~te von 1914 bis 1938 am Herzogenrather Progymnasium. Bereits 1930 begründete er den Kreisheimatverein
und wurde 1938 zum Leiter des Kreisheimatmuseums in Kornelimünster berufen. In dieser Eigenschaft wirk1e er auch sehr wesentlich an den
seit 1931 erscheinenden »Heimatblättern des Landkreises Aachen « mit. Eine ganz besondere Liebe verband ihn mit dem ehemaligen Land von
's Hertogenrode und hier wiederum mit dem Kloster Rolduc (Klosterrath), in dessen Jahrbüchern (Jaarboeken van Rolduc) er viele historische Beiträge
zur Geschichte der Region veröffentlichte. So erklärt es sich auch, daß Geistliche dieser Abtei sein deutsch verfaßtes Manuskript des Bockreiterbuches
ins Niederländische übersetzten und dieses Buch 1940 in Roermond erschien. Herzogenrather Heimatfreunden ist es trotz größter Mühen nicht
gelungen, das ursprüngliche deutsche Manuskript aufzufinden. Es muß beim Bombenangriff auf die Wohnung von Dr. Gierlichs in der Aachener
Vik1oriaallee verloren gegangen sein. Nur wenige Seiten fanden sich noch im Archiv der Abtei Rolduc, wovon ein Auszug als Abb. 11 gebracht wird
(vgl. S. 15).
4
SLEINADAS Buch als
Geschichtsquelle
In dieser Situation muß es wichtig erscheinen,
auf eine Geschichtsquelle zurückzugreifen,
die anerkanntermaßen als die
wichtigste für die Bockreiterzeit gilt, für
den deutschen Leser bislang aber nicht
erschlossen war : Es ist das einhundert
Seiten umfassende Buch des Pfarrers Arnold
Daniels aus Schaesberg, das zwischen
Herzogenrath und Heerlen im heutigen
Südlimburg liegt.
Offenbar aus Angst vor Vergeltungssch lägen
schrieb Pfarrer Daniels aber nicht unter
seinem eigenen Namen und gab auch
keinen Erscheinungsort an. Er nannte sich
als Verfasser S.I. P. Sleinada, was A. Daniels
rückwärts gelesen ist. Das S. I. P. wiederum
bedeutet (gleichfalls rückwärts gelesen):
Pfarrer in Schaesberg. Das kleine
Werk wurde 1779 im Niederländisch dieser
Zeit verfaßt und ist heute nur in einem
wenig verbreiteten Faksimile-Nachdruck
(Antiquariat Schrijen NV, Maastricht)
greifbar.
Was macht dieses Buch als Geschichtsquelle
so bedeutsam? Die Bedeutung liegt
zum einen in der Person des Zeitgenossen
Daniels selbst und zum anderen in der
Tatsache, daß dieses Werk der einzige
zeitgenössische Bericht zu den Vorgängen
in der Bockreiterzeit ist.
J. Russel, der 1877 das Buch »De Roverbenden
in de landen van Overmaas« in
Maastricht herausbrachte, macht zur Biographie
von Daniels folgende Angaben:
Johann Arnold Daniels wurde 1738 in
Hoensbroek (bei Heerlen) geboren, wo
der Vate r Steuereinnehmer war. Nach seiner
Priesterweih e war er zunächst in sei
nem Geburtsort Kaplan und wurde um
1772 Pfarrer im unweit davon gelegenen
Schaesberg, wo er 1799 verstarb. Zeit und
Wirkungsfeld dieses Mannes umfassen
Abb. 2: Gedenktafel an der Pfarrkirche von
Schaesberg mit den Namen der Pfarrer dieser
Gemeinde. Auch Pfarrer J. A. Daniels ist hier
verzeichnet.
Foto: Rudnick
exakt die Bockreiterperioden und die
wichtigen Zentren ihrer Aktivitäten , was
den Pfarrer Daniels zu einem überaus
ko mpetenten Berichterstatter in dieser Sache
macht! Hinzu kommen seine - im
Buch mehrfach deutlich werdende - profunde
klassische Bildung und der Tatbestand,
daß er leitende Personen aus der
Bande (beispielsweise den Herzogenrather
Arzt Kirchhoffs, der Anführer gewesen
sein soll) persönlich kannte und mit ihnen
Gespräche geführt hat. Seine ins Buch
aufgenommenen Namenslisten der Hingerichteten
belegen zudem , daß er auch
Einblick in die Gerichtsakten genommen
hat, also auch persönliche Kontakte zu
den Amtsträgern bei den Gerichten unterhielt.
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Abb. 3: Titelblatt einer Flugschrift von 1744
Es gab hiervon eine Aachener (die vorliegende)
und eine Kölner Ausgabe. Die Kölner Ausgabe
hat im Titel den Zusatz: »Cöllen, gedruckt bei
Nicolao Nagel vor den P. P. Augustinern. Das
Exemplar kost zwey albus«. Man vermutet, daß
ein Augustiner Chorherr der Abtei Klosterrath
(Rolduc) der Verfasser gewesen ist.
Das kli ngt alles ganz gut und scheint das
Buch als Geschichtsquelle sehr zu qualifizieren.
Doch die Schwierigkeiten und Probleme
von derartigen Primärquellen werden
hier besonders schmerzlich deutlich.
Daniels schreibt als moralisierender Prediger
für seine Zeitgenossen. Er hatte gar
nicht vor, die Geschehnisse um die Bande
der Bockreiter dokumentarisch festzustellen.
An die Nachwelt hat er an keiner Stelle
gedacht. Seine Leser wußten ja, was vorgefallen
war. Die Greuelmärchen über die
Raubzüge der Bockreiter waren - so berichtet
Daniels - bis in entfernte Länder
verbreitet. Um so besser wußten die Leute
hierzulande darüber Bescheid, Daniels
brauchte also keine Einzelheiten zu bringen.
Er griff exemplarisch einige Fakten
heraus und läßt uns Heutige bei nur allzuvielen
Gelegenheiten im Ungewissen.
Was hätte er - der Sachkenner - uns
doch alles erzählen können!
Immer wieder schimmert durch, daß er
weit mehr weiß, als er berichtet. Doch er
hält seine Informationen nicht nur aus dem
oben genannten Grund zurück. Mehrfach
wird bei ihm eine, uns untertänig erscheinende,
Angst sichtbar, doch ja keinem von
der weltlichen Obrigkeit zu nahe zu treten.
Er lobt diese über den grünen Klee, obgleich
er - wenn auch sorgsam verpackt
- mehrfach andeutet, daß er vieles über
staatliche Mißwirtschaft, über Nachlässigkeit
im Amt und Bestechlichkeit weiß. Al
lein die Tatsache, daß er ängstlich unter
einem Decknamen schreibt, beweist seine
Furcht, schon die vorsichtige Kritik könnte
für ihn Nachteile haben . Inwieweit die damalige
Obrigkeit über die wahre Identität
des Sch reibers informiert war, läßt sich
allerdings nicht sagen .
Die Sprache des Buches
Pfarrer Daniels hat das Buch im Niederländisch
der Zeit verfaßt. Es ist kein Alt-Niederländisch
und auch kein Alt-Flämisch,
es weicht aber in Wortwahl, Schreibweise
und Satzbau erheblich vom modernen
Niederländisch ab. Es war die Sprache der
damaligen Obrigkeit in Brüssel und Brabant.
Schaesbe~ gehörte 1779 zu den
habsburgischen Niederlanden, und die
oberste Herrin war Kaiserin Maria Theresia
in Wien, deren Statthalter in Brüssel saß
(interessanterweise kommt Schaesberg
aber noch zu Amtszeiten von Pfarrer Daniels
1786 an die »Sieben vereinigten Provinzen
der Niederlande« (Generalstaaten) ,
was Daniels gewissenhaft am 13. Juni
1786 im Pfarr-Register vermerkt 4 )!
Die Sprache des Volkes in der Bockreiterzeit
war aber die Mundart, wie sie dort
heute noch gesprochen wird . Zu beachten
ist dabei jedoch die Sprachgrenze der
»Benrather Linie«, welche von Übach über
Eygelshoven nach Bocholtz und Simpelveld
5 quer durch das »Kernland « der
Bockreiter verlief. Neben Niederländisch
und Mundart war auch das Deutsche verbreitet.
Auf dem Kirchhof der Schaesberger
Peter-und-Paul-Kirche von Pfarrer Daniels
sind noch heute deutsche Grabinschriften
zu lesen, die aus seiner Amtszeit
stammen. In Kerkrade ist bis weit in unser
Jahrhundert hinein in den Kirchen deutsch
gesungen und gepredigt worden . Und es
ist bezeichnend , daß die einzigen deutschen
Worte in dem Buch von Daniels
»Jesu dir lebe ich, Jesu dir sterbe ich«
sind. Es waren die letzten Worte, die der
todgeweihte Herzogenrather Arzt Josef
Kirchhoffs unter dem Galgen gesprochen
hat (vgl. S. 32!).
Das Operationsgebiet
der Bockreiter
Pfarrer Daniels nennt schon im Buchtitel
das (von ihm gemeinte) Operationsgebiet
der Diebesbanden: Die lande von Overmaas
und angrenzende Geb~te. Die lande
von Overmaas bildeten gemeinsam mit
5
dem Stammland um die alte Festung Limburg
an der Vesdre (Weser) das Herzogtum
Limburg . Zwischen 1396 (als Philipp
der Kühne von Burgund durch Erbschaft
das Herzogtum erworben hatte) und 1794
(als die französischen Revolutionstruppen
ins Gebiet vordrangen und es daraufhin
völlig neu gegliedert wurde) bestand das
Herzogtum Limburg. Es setzte sich aus
dem Stammland und den landen von
Overmaas zusammen, die sich ih rerseits
in die Grafschaft Dalhem (heute Belgien),
die Herrschaft Valkenburg (heute Niederlande)
und die Herrschaft Herzogenrath
aufteilten. Weil die Herren des Landes
links der Maas in Brabant und Brüssel
saßen, lagen diese Gebiete für sie auf der
anderen Seite der Maas. Darum die Bezeichnung
»lande von Overmaas«.
Die Lage von Overmaas an der Westgrenze
des Deutschen Reiches hatte in dem
Gebiet um die Kaiserstadt Aachen seit
dem 12. Jahrhundert zu zahlreichen hart
ausgetragenen Machtkämpfen geführt.
Immer wieder wurde die Bevölkerung von
Kriegen heimgesucht, und zur Bockreiterzeit
beispielsweise hatte man fast einhundert
Jahre ununterbrochen Krieg hinter
sich. Die Soldaten zerstörten und plünderten
das Land aus. Eine tiefgreifende Verelendung
war die Folge . Das Volk verarmte,
und zahllose vom Krieg entwurzelte
Menschen durchstreiften das Land und
machten es unsicher.
Zum anderen führten die Machtkämpfe so
vieler Interessengruppen zu einer heillosen
territorialen Zersplitterung, da in immer
neuen Friedensverträgen ein für alle
tragbarer Komprom iß der Gebietsansprüche
gefunden werden mußte. Die lande
von Overmaas erlebten z. B. im Partage
Vertrag (Teilungsvertrag) von 1661 einen
höchst unbefriedigenden Komprom iß im
Machtgerangel zwischen den katholischen
spanischen Niederlanden und den protestantischen
niederländischen Generalstaaten,
als man nämlich die Teilgebiete
innerhalb der lande von Overmaas (Dalhem,
Valkenburg und Herzogenrath), so
klein sie auch waren, nochmals in spanische
(ab 1714 österreichisch-habsburgische)
und niederländische Teilgebiete aufgliederte.
Hierbei gab es noch etliche Exklaven
(z. B. das Kloster St. Gerlach bei
Valkenburg, das - obwohl auf niederländischem
Gebiet liegend - zu Österreich
gehörte), was das Verwirrspiel weiter komplizierte.
Die Kartenzeichner der Zeit hatten
fürwahr keine leichte Aufgabe 7 .
Die Nachbargebiete der lande von Overmaas
waren zur Bockreiterzeit gleichfalls
recht vielfältig: (Vgl. Karte 2!)
Im Norden lagen die Grafschaft Loon
(heute überwiegend Belgisch-Limburg)
und das sogenannte »Overkwartier« des
Herzogtums Geldern, im Westen das Herzogtum
Jülich und die Reichsstadt Aachen
mit Umland, im Süden das Stammland des
Herzogtums Limburg und im Westen das
weitgestreckte Fürstbistum Lüttich, von
limburgische Stammlande
1
(Hochbänke :
Baelen, Montzen,
Walhorn, Herve,
Sprimont, Lontzen)
(Merkstein wurde erst 1630 eigenständige
Ban k. Gulpen, Margraten
und Holseth kamen 1661
zu den Niederlanden.)
Herzogtum Limburg
(wie es zwischen 1396 und 1794 bestand)
L_ande von Overmaas
~
Grafschaft Herrschaft Herrschaft
Dalhem Valkenburg Herzogenrath
(auch: alt:
alt:
Daelhem) Falkenburg) 's Hertogenrode)
unterteilt in 9 Verwaltungsbezirke,
die sogenannten Banken :
Herzogenrath, Merkstein, Übach, Kirchrath,
Simpelveld, Gulpen, Margraten,
Holseth (mit Vaals und Vij len) , Weiz mit Rurdorf
(an der Rur bei Jülich).
Abb. 4: Verwaltungseinheiten im Herzogtum Limburg.
Zeichnung : Rudnick
(Vgl. Hierzu nebenstehende Karte 1, vor allem aber auch Karte 4 S. 30/31 !)
dem das geistliche Bistum Lüttich streng
zu unterscheiden ist, denn dieses war anders
zusammengesetzt und deckte nahezu
das gesamte Bockreitergebiet ab. Es
reichte im Westen bis zur Wurm, so daß
Herzogenrath und Aachen beispielsweise
zum Bistum Lüttich gehörten.
Gewisse Teile dieser Nachbargebiete und
die lande von Overmaas waren das Operationsfeld
der Bockreiter3, und sie werden
im Buch von Pfarrer Daniels angesprochen.
Immer wieder hebt er hervor, daß
die kriegsbedingte Armut und die Zerrissenheit
des Gebietes die Bandenbildung
begünstigte. Vor allem die wechselnde
staatlich-hoheitliche Zuständigkeit war der
ideale Boden für die recht mobilen Bockreiterbanden
, weil sie sich leicht dem Zugriff
der Staatsgewalt entziehen konnten,
zumal es ja auch keinerlei gemeinsame
Gesetze oder Verordnungen, geschweige
denn eine überregionale polizeiliche Zusammenarbeit
gab.
Das Gerichtswesen in der
Zeit der Bockreiter
Zunächst einmal ist wichtig festzuhalten,
daß es im Gegensatz zu unserem heutigen
demokratischen Staat keinerlei Trennung
von Regierungsgewalt (Exekutive)
und rechtsprechender Gewalt (Judikative)
in Overmaas gab. Die Regierenden waren
also zugleich auch die Richter, so daß eine
Interessenkollision oder gar Verfilzung unvermeidbar
war.
Die Gerichtsbarkeit lag bei den Schöffen
der Schöffenbanken, denen der Schultheiß
(etwa Bürgermeister) vorsaß. Das
waren alles Laienrichter, und sie wurden
vom Landesherrn ernannt. Das Amt war in
aller Regel auf Lebenszeit verliehen und
auch erblich. Die von den Gerichten verhängten
Geldstrafen gingen im Regelfall
direkt in die Taschen der Richter, und beim
Verkauf der von den Verurteilten
beschlagnahmten Vermögenswerte hielten
sich Schöffen und Gerichtsschreiber
oft gleichfalls schadlos. So gelangte der
Herzogenrather Gerichtsschreiber (»Griffier«
genannt) F. A. Cox recht preiswert an
das Haus des 1772 hingerichteten Arztes
Kirchhoffs, was die Bevölkerung sehr erboste
9 . Diese Form der Bereicherung war
leicht möglich , denn wenn laut Gerichtsbeschluß
das Vermögen an den Staat fallen
sollte, so war dieser Staat personengleich
mit den Richtern, da die beiden
Gewalten ja in einer Hand lagen!
In Herzogenrath war das Hauptgericht des
Landes von 's Hertogenrode. Hier auf der
Burg, wo auch das Gefängnis war, fanden
die spektakulärsten Prozesse statt.
Vorsitzender dieses Hauptgerichts war
z. B. während der ersten Bockreiterperiode
(etwa 1734 bis 1745) als zuständiger
Hochdrossard der Statthalter des Herzogs,
Baron Berghe von Trips. In Kerkrade
war zu der Zeit der Schultheiß Johann
Leonhard Poyck Vorsitzender der Schöffenbank.
Eine interessante Verquickung
der Ämter bestand in diesem Fall darin ,
daß der Gerichtsschreiber (Griffier) - er
hatte zu protokollieren und das Urteil zu
verlesen - Peter Caspar Poyck war 10 .
Dieser war seinerseits Schultheiß von
Merkstein, ernannt von dem hierfür zuständigen
Landesherrn, Abt Goswin Fabritius
von Klosterrath (Rolduc), der sein Vetter
war. Zugleicn war dieser P.C. Poyck
Vorsitzender der Merksteiner Schöffenbank,
bei der wiederum sein Onkel, der
erwähnte J. L. Poyck, Gerichtsschreiber
war.
Die Gerichte schlugen unbarmherzig zu
und wendeten scharfe Foltermethoden an .
Auf Kosten der Opfer hatte dies für Herzogenrath
und Valkenburg der Henker Nikolaus
Dillenburg aus Aachen zu tun. Mit
seinen Gesellen war er zwischen 1736
und 1776, also in beiden Bockreiterperioden,
als Folterer und Henker tätig und
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AACHEN
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JÜLICH
Die lande von Overmaas
zur Zeit der BOCKREITER
unterteilt in die lande von
Dalhem, Valkenburg und
1 s Hertogenrode
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österreichische (habsburgische) Niederlande
hiervon zum LAND VON
gehörend
Niederländische Generalstaaten
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Karte 2: Staatliche Zersplitterung der lande von Overmaas und der umliegenden Gebiete,
(Karte in w _ Jappe Alberts, Oorsprong __ . a. a. 0 ., S. 86.) Mit freundlicher Erlaubnis von Elsevier
Nederland BV, Amsterdam.
machte ein gutes Geschäft. In Aachen und
Jülich näm lich war das Foltern bereits verboten,
doch in Overmaas erhielt er pro
Folter eine Goldpistole 11 . Und das auch
dann , wenn es nur zur sogenannten »Territie
« (Abschreckung) kam, bei der man
dem Angeklagten die schauerlichen Folterwerkzeuge
der Reihe nach demonstrierte
und dieser vo ller Panik das erwünschte
Geständnis ablegte. Man kann
darum die Ve rmu tung nicht von der Hand
weisen , daß die Einnahmen von Dillenburg
wahrscheinlich höher lagen als der Wert
aller durch die Bockreiter gestohlenen
Güter.
Es gab viel Arbeit für den Henker in diesen
Jahren, die Gefängnisse - in Herzogenrath
der Burgturm und ein Verlies im Bekkenberger
Stadttor - waren übervoll und
die Delinquenten legten nach der Folter
haarsträubende Bekenntnisse ab. Kein
Wu nder, daß die Kunde vo n diesen angeblichen
Massenverbrechen in Overmaas
bis zur Obrigkeit der habsburgisch
en Niederlande nach Brüssel drangen.
Grundlage der damaligen Rechtsprechung
waren die »Crimi nelen Ordonnantien «, die
Philipp II. von Spanien 1570 erlassen hatte,
wonach aber nur gefoltert werden durfte
, we nn ein Teilbeweis vorlag . Gab es
nämlich gar keinen Beweis oder eben einen
vollständigen Beweis, sollte nicht gefoltert
werden 12 . In den landen von Overmaas
aber tat man dies in jedem Fall, und
die von den niederländischen Generalstaaten
verwalteten Gebiete in Overmaas
verfuhren da nicht anders.
Wie ungewöhnlich dieses Vorgehen selbst
der Obrigkeit in Brüssel erschien, zeigt
sich an deren Reaktion. 1743 erging die
Weisung , sämtliche Gerichtsakten nach
Brüssel zu schicken, was zur vorläufigen
Einstellung der Prozesse führte. Die Gerichtsherren
in Overmaas waren empört,
denn die Strafjustiz war von altersher ihre
eigene und unumstößliche Angelegenheit.
Es gab für den Verurteilten keine Berufungsmöglichkeit
. . . Man schickte den
Schultheiß von Übach, A. l. Fabritius, zu
einem längeren Aufenthalt nach Brüssel,
um diese unzulässige Einmischung abzustellen.
Fabritius hatte Erfolg, und die Prozesse
konnten weitergehen. Es gab nur
die Auflage, daß ab 1744 zwei Rechtsgelehrte
vom Hohen Gerichtshof Limburg
Einblick in die Gerichtsakten nehmen sollten
und den Urteilen zuzustimmen hatten,
was sich jedoch als keine größere Beeinträchtigung
erwies 13 .
Es liegt auf der Hand, daß bei dieser Justiz
auch der unschuldig Verhaftete Geständnisse
ablegte, um die Qualen der Folter zu
beenden. Doch ist es schwer zu sagen,
wieviele Unschuldige so den Tod am Galgen
erlitten haben und ihre Nachkommen
ohne Vermögen (das ans Gericht bzw. den
Staat fiel) hinterlassen mußten. Als dann
1787 unter Kaiser Josef II. von Österreich
auch für die lande von Overmaas die Folter
verboten wurde, war die Bockreiterei
8
Abb. 5: Bockreiter-Zentrum in Herzogenrath. Im Frühjahr 1986 eröffnete man dieses moderne Einkaufszentrum. Und wie von selbst ergab sich hierfür
sogleich die Bezeichnung »Bockreiter-Zentrum «, wozu die Bürger der Stadt keinerlei Begründung erwarteten und es als völlig selbstverständlich
akzeptierten.
Foto: Rudnick
Abb. 6: Bockreiter jagt durch die Lüfte. Holzschnitt von Heribert Reul (veröffentlicht -
unser Titelbild - mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers.}
wie auch
interessanterweise beendet. Es klingt hart,
aber die folgende Feststellung scheint historisch
gesichert: Das Bockreiter-Gebiet
deckte sich weitgehend mit dem Anwendungsgebiet
der Folter (im Gebiet von Aachen
und Jülich wurde nicht gefoltert, und
es gab dort letztlich auch keine Bockreiter!)
; und die Bockreiterperioden decken
sich mit der Zeitspanne, innerhalb deren
Folter erlaubt war. Dies kann natürlich
nicht heißen, daß es zur Zeit der Bockreiter
überhaupt keine Verbrechen gegeben
habe. Bei den zweifelsfrei belegten Einbrüchen
sind die Täter keineswegs zimperlich
vorgegangen. Es heißt aber wohl,
daß das Ausmaß der Untaten weit geringer
war, als es die Zahl der Verurteilten erscheinen
läßt. Die Justiz der Overmaaslande
schien eine mit dem mittelalterlichen
Hexenwahn vergleichbare Hysterie (vgl.
S. 44!) ergriffen zu haben . Durch Folter
ließen sie den Kreis der Täter immer größer
werden, und weder die Bedenken der
Landesherrschaft in Brüssel noch die aktenkundig
gemachten großen Zweifel der
Aachener Franziskanerpatres, die den Unglücklichen
als Beichtväter in der letzten
Stunde zur Seite standen und von deren
Unschuld überzeugt waren, 14 konnten diese
rasende Justiz stoppen. Aber was waren
die Gründe für dieses Wüten, für diese
Überreaktion der Behörden in den landen
von Overmaas? Gab es da schon vorrevolutionäre,
politische Gründe? Der Vermutungen
und Spekulationen öffne\\ sich hier
ein weites Feld!
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1
Übersetzung der Niederschrift
Heute, den 19. Oktober 1771, erschien vor
uns - den unterzeichnenden Gerichtspersonen
- der ehrwürdige Pater Willibrordus vom
Orden des Heiligen Franziskus und erklärte,
daß er dem Joseph Ploum, in der Bevölkerung
auch »der Herr von Sanckel« genannt,
vor dessen Hinrichtung als Beichtvater beistand
und ihn auch als Seelsorger zum Ort
der Hinrichtung begleitete. Dieser Joseph
Ploum habe ihm bei Ehre und Gewissen beschworen
und inständig gebeten, dem Hohen
Gericht mitzuteilen und kundzutun, daß er im
Angesicht des Todes bekenne, nicht das Geringste
angeben und aussagen zu können zu
Lasten von Leonhard Louppen, Peter Mayers,
Baltus Holthuisen, Peter Joseph van Holthuisen,
zum Chirurgen Kirchhoffs und allen anderen,
die bislang noch nicht verhaftet sind
oder sich bereits in Haft befinden, bzw. mit
ihm gemeinsam hingerichtet würden. Er bittet
deshalb, seinen geäußerten Anschuldigungen
keinerlei Bedeutung mehr beizumessen
- es sei denn, er habe hinzugefügt, dies
anzunehmen, zu vermuten oder es so gehört
zu haben.
Alle seine Aussagen habe er aus Furcht vor
der Folter gemacht.
Festgestellt und so beurkundet als Seelsorger:
Pater Willibrordus, Ord. S. Franciscii
Für die Richtigkeit: Nicolas Vaessen, Schöffe,
L. Reinartz, Schöffe
Zur Beurkundung: J. Fr. Daelen (unleserlich),
Griffier
(Übersetzung : Rudnick)
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Abb. 8: Zeitgenössischer Bericht (Flugschrift) über den Schinderhannes, der im Taunus sein
Unwesen trieb. Original: Stadt-Archiv Mainz.
Die Räuberbanden des
18. Jahrhunderts in
der großen Literatur
Räuberbanden waren im 18. Jahrhundert
weit verbreitet. Und die Eindrücke ,
die sie auf die zutiefst erschrockene
und erschauernde Öffenlichkeit machten
, waren so tief, daß nicht nur grausige
Moritaten von den Untaten dieser
Unmenschen landauf und landab gesungen
wurden, sondern daß sich auch
die große Literatur des Themas annahm').
Bereits zwei Jahre nach dem kleinen
Werk unseres Pfarrer Daniels erschienen
1781 »Die Räuber« als das erste
Schauspiel von Friedrich Schiller, und
es wurde in Mannheim uraufgeführt.
Das Legendenhafte, was sich hierzulande
sehr schnell um die BOCKREI
TER rankte, zeigt sich auch recht deutlich
im Lied der Räuber in Schillers
Schauspiel:
VIERTER AKT
FÜNFTE SZENE
Nahgelegener Wald - Nacht
Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte
Die Räuberbande gelagert auf der Erde
Die Räuber singen.
Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun,
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig sein.
Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne.
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Merkurius ist unser Mann,
Der's Praktizieren trefflich kann.
Heut laden wir bei Pfaffen uns ein,
Bei masten Pächtern morgen,
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.
11
Und haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Mut und Kraft.
Und mit dem Schwarzen Brüderschaft,
Der in der Hölle bratet.
Das Wehgeheul geschlagener Väter,
Der bangen Mütter Klaggezeter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus für unsre Trommelhaut!
Ha! wenn sie euch unter dem Beile so
zucken,
Ausbrüllen wie Kälber umfallen wie
Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.
Und wenn mein Stündlein kommen
nun,
Der Henker soll es holen.
So haben wir halt unsern Lohn,
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg vorn
heißen Traubensohn
Und hurra rax, dax! geht's, als flögen
wir davon.
') Hierzu zwei Beispiele:
Goethes Schwager Christian August Vulpius gab
1799 in drei Bänden die romantischen Geschichten
um den Räuberhauptmann Rinaldo R1nald1rn
heraus. die - so wird gesagt - verbreiteter waren
als die Werke des Klassikers Goethe.
Und als dann 1802 in Mainz der Schinderhannes
hingerichtet wurde. knüpften sich hieran Moritaten
und Erzählungen, und schließlich setzte 1927 Carl
Zuckmayer dem Schinderhannes sein literarisches
Denkmal. (Vgl. auch Abb. 8).
Den von Armut getriebenen BOCKREITERN unserer
Region aber hat noch kein Dichter von Rang
ein solches Denkmal gesetzt. Es gibt kein nennenswertes
Schauspiel und keinen Film über sie.
und auch die überregionale Geschichtsschreibung
nahm keine Notiz von ihnen.
Die Aussage muß nach meiner Kenntnis auch für
den niederländischen Sprachraum gelten. Allerdings
mit der Einschrankung. daß die Geschichtsschreibung
dort auf sie eingeht.
Schiller über die
Empfindungen
gegenüber Räubern
Vorbemerkung zu Schillers Text:
Fragt man, ob die BOCKREITER zwischen
Maas und Rur Verbrecher oder
Volkshelden waren, so hat sich die hiesige
Bevölkerung längst entschieden.
Ganz im Gegensatz zu der damaligen
übergestrengen Obrigkeit sahen die
Leute in den Overmaas-Ländern die
BOCKREITER bald in milderem Licht
und sprachen sie im nachhinein weilgehend
von Schuld fre i. Würde sich
Herzogenrath beispielsweise sonst
.Bockreiterstadt' nennen und den
Nachtdieben Denkmäler setzen? Gäbe
es denn sonst die Erste Große Karnevals-Gesellschaft
,De Bockrijer' in Herzogenrath
und ein modernes 'Bockreiter-Zentrum'?
In Niederländisch-Limburg
füllen Vorträge über die Bockreiter
immer wieder die Säle, ständig neue
Aufsätze und Bücher zum Thema werden
lebhaft diskutiert. Nicht anders in
Belgisch-Limburg, wo sich Wellen bei
Hasse lt nach wie vor , Bockreiterdorf'
nennt. Und überall in den ehemaligen
landen von Overmaas erinnern sich
alte Leute, daß man ihnen als Kinder
die schauerlichen Geschichten von
den BOCKREITERN erzählte.
Diese, in sich irgendwie widerspüchliche
Einstellung gegenüber Räubern
umschreibt Friedrich Schiller in den folgenden
Auszügen aus einer Selbstrezension
des Dichters zu seinem
Schauspiel »Die Räuber« :
"· .. Räuber aber sind die Helden des
Stücks. Räuber, und einer ... ein
schleichender Teufel. Ich weiß nicht,
wie ich es erklären soll, daß wir um so
wärmer sympathisieren, je weniger wir
Gehilfen darin haben; daß wir dem. den
die Welt ausstößt, unsere Tränen in die
Wüste nachtragen; daß wir lieber mit
Crusoe auf der menschenverlassenen
Insel uns einnisten, als im drängenden
Gewühle der Welt mitschwimmen. Dies
wen igstens ist es, was uns in vorliegendem
Stück an die äußerst unmoralischen
Gaunerhorden festbindet. Eben
dieses eigentümliche Korpus, das sie
der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber
formieren; seine Beschränkungen,
sein e Gebrechen, seine Gefahren
. alles lockt uns näher zu ihnen, aus
einer unmerkbaren Grundneigung der
Seele zum Gleichgewicht meinen wir
durch unseren Beitritt. welches zugleich
auch unserem Stolze schmeichelt,
ihre leichte unmoralische Schale
so lang beschweren zu müssen , bis sie
waagrecht mit der Gerechtigkeit steht.
Je entferntem Zusammenhang sie mit
der Welt haben, desto nähern hat unser
Herz mit ihnen . - Ein Mensch an den
sich die ganze Welt knü pft, der sich
wiederum an die ganze Welt klammert,
ist ein Fremder für unser Herz ...
Wir sind geneigter den Stempel der
Gottheit aus den Grimassen des Lasters
herauszulesen, als eben denselben
in einem regelmäßigen Gemälde
zu bewundern; eine Rose in der sandigen
Wü ste entzückt uns mehr, als deren
ein ganzer Hain ... Bei Verbrechern,
denen das Gesetz als !dealen
moralischer Häßlichkeit, die Menscheit
abgerissen hat, erheben wir auch
schon einen geri ngeren Grad von Bosheit
zur Tugend. sowie wir im Gegenteil
all unseren Witz aufbieten, im Glanz
eines Heiligen Flecken zu entdecken.
Kraft eines ewigen Hangs, alles in dem
Kreis unserer Sympathie zu versammeln,
ziehen wir Teufel zu uns empor
und Engel herunter . . .«
(Das Rauberli ed und diese Auszüge aus
Schillers Selbstrezension aus : Schiller,
Werke in drei Banden, Erster Band ,Der
Junge Schiller'. Leipzig 1955, S. 269 und S.
723 1.)
Einige offene Fragen
in Pfarrer Daniels Buch
(Die folgenden Anmerkungen wollen das
Buch erschließen helfen. Bei der Vielfältigkeit
des Werkes sollen hier nur einige
Akzente gesetzt werden.)
Das Buch zeigt uns immer wieder einen
Autor, der hin- und hergerissen zu sein
scheint. Ein Schwanken in zentralen Fragen
zieht sich wie ein roter Faden durch
das Werk. Daniels stellt uns Widersprüche
vor, löst sie aber nicht auf. Seine Meinung
läßt er oft als ein uns ·unbefriedigendes
Einerseits/ Andererseits einfach stehen. Er
ist ein Theologe mit klassischer Bildung,
der sich in den Schriften der klassischen
Antike gut auskennt. Er schreibt 1779, als
in Frankreich gerade die Philosophie der
Aufklärung ihren Höhepunkt erlebt hatte
(Voltaire und Rousseau waren ein Jahr
zuvor gestorben) und in Deutschland
Goethe und Schiller ihre Werke zu veröffentlichen
begannen . Seine lande von
Overmaas aber sind - wegen der Not aus
den vielen Kriegen - in einem geschichtlichen
Regreß ; der allgemein verbreitete
Glaube an die durch die Lüfte brausenden
Bockreiter ist hierfür ein beredtes Zeugnis.
Und doch zeichnet sich auch hier ein größerer
Umbruch ab, der schon zehn Jahre
nach dem Buch von Daniels im nahen
Frankreich in der Revolution von 1789
Wirk lichkeit wird . Und Pfarrer Daniels spürt
woh l dieses kommende Neue und Andere
. Leidenschaftlich greift er die Philosophen
der Aufklärung an (16. Kapitel), nicht
minder vehement attackiert er seine Amts-
brüder, die keine Priesterkleidung mehr
tragen, sondern in modischen Perücken
daherkommen (22 . Kapitel).
Dieses harte Angehen des Neuen zeigt,
daß Daniels es durchaus als Gefahr für das
Alte erkennt, dem er noch weitgehend
verhaftet ist. Andererseits beweisen viele
seiner Andeutungen , daß er es auch wieder
nicht ist. Doch so entstehen Widersprüche,
so erklärt sich sein dauerndes
Schwanken. Pfarrer Daniels sieht, daß sich
die alte Ordnung aufzulösen droht, ein
Chaos scheint ihm heraufzuziehen. Und
die Bockreiter sind bereits ein Teil davon.
Sie treiben ihr Unwesen, und eine unfähige,
zersplitterte Obrigkeit erscheint ihm
nur allzu hilflos dagegen anzugehen. Da
lobt er sich das rigide Vorgehen, wie es die
Justiz seiner Tage in den Overmaaslän-
12
dern praktiziert. Doch hier zeigt sich einer
der ganz großen Widersprüche, und dies
ist zugleich das eigentliche Fragezeichen,
das für uns hinter der gesamten Bockrei
terproblematik steht:
Pfarrer Daniels ringt geradezu nach Worten,
um seine Empörung über die abgrundtief
schlechten Nachtdiebe auszudrücken.
Die Richter und Folterknechte
können ihm gar nicht scharf genug vorgehen.
Und voller Ve rachtung spricht er über
die Richter in Aachen und im Herzogtum
Jülich, die nicht folterten, sondern gar
Freisprüche verkündeten. Fragt man aber
nach dem Diebesgut, das diese Bestien
von Räubern erbeutet haben, so kann Daniels
nur berichten, daß bei Herzogenrath
Wäsche von der Bl eiche gestoh len wurde ,
in Übach ein Pferd, in Heerlen ein paar
Sack Getreide und so fort. Viel kommt
jedenfalls nicht zusammen , und im 26.
Kapitel gelangt der Autor selbst zu der
Erkenntnis, daß bei einem nächtlichen
Beutezug der Bockreiter wohl nicht mehr
als ein Schilling oder ein Päckchen Tabak
pro Mann herausgekommen ist. Da fragt
man sich als Leser, wieso Daniels eigentlich
nicht selbst auf den großen Widerspruch
dabei kommt? Sicher, er verspürt
ihn , allerdings erst in den letzten Zeilen
seines Buches. Da heißt es, das Stehlen
wäre ja gar nicht die eigentliche Triebfede r
der Bande gewesen. Was war aber dann
der Grund? Nur die Bandenführer - so
Daniels - hätten es gewußt, sonst keiner.
Und die hätten das Geheimnis mit ins
Grab genommen . Pfarrer Daniels weiß den
Grund also auch nicht, stellt aber auch
keine Vermutung an. Er sagt uns nichts.
Was dann die Justizmorde angeht, so
sieht er diese sehr wohl (er macht auch
deutlich, daß die Bevölkerung diese mit
Empörung als solche gesehen hat). Doch
auch dies rechtfertigte Daniels auf seine
Weise, wobei man hier aber deutlich
merkt, wie hilflos er sich selbst bei dieser
»Ausrede« vorkommt. Er sagt, wenn von
30 Verhafteten eben 10 unschuldig an den
Galgen kämen , dann müsse man das halt
hinnehmen (vgl. seine Schlußbetrachtung).
Zum bekannten Herzogenrather Arzt und
angeblichen Bandenführer, Joseph Kirch
hoffs, ist das Buch von Daniels die wichtigste
Geschichtsquelle. Fast leidenschaftlich
setzt sich Daniels mit Schuld oder Unschuld
des ihm wohlbekannten Arztes
auseinander, und auch hier spürt man, wie
er die eigenen Bedenken unterdrückt (vgl.
10. und 11 . Kapitel) . Kirchhoffs hatte nach
monatelangem Foltern nichts gestanden
und war als Christ am Galgen gestorben.
Trotzig vermerkt Daniels dazu : »Selbst
wenn einer dem äußeren Schein nach heiligmäßig
gestorben ist, muß man ihn nicht
gleich heiligsprechen.« Die Volksmeinung
stand also gegen den Gerichtsentscheid
und hielt Kirchhoffs für unschuldig. Warum
schlägt sich da Daniels auf die Seite der
Justiz? Beweise für die Schuld von Kirch-
Abb. 9: Haus des Chirurgs Kirchhoffs in der Herzogenrather Kleikstraße von 1657 (in dieser Form
heute nicht mehr erhalten).
Foto: Stadtarchiv Herzogenrath
hoffs hat er nicht, und die potentielle Möglichkeit,
daß diese Justiz auch Unschuldige
hinrichtete, hat er in der Schlußbetrachtung
zugegeben. Aber gerade dieser
Kirchhoffs ist es ja - wenn er denn der
Anführer gewesen sein soll - , der den
Gerüchten (und den zahlreichen bis heute
geschriebenen Romanen) bis in unsere
Zeit Nahrung gab, daß nicht das Stehlen,
sondern etwas anderes Anlaß für die Bandenbildung
gewesen sein mußte 15 . Und
lagen die Dinge bei Kirchhoffs so, dann
war er für Daniels auf alle Fälle ein Feind
der Ordnung und mußte hingerichtet werden.
Höchst zwiespältig argumentiert unser
Autor auch in der heiklen Frage, ob die
Bockreiter, wie es die Bezeichnung ja ausdrücken
will , tatsächlich durch die Lüfte
geritten sind. Bezeichnenderweise gebraucht
Daniels die Bezeichnung »Bockreiter«
nicht im Titel seines Buches. Erst
auf Seite 61 erwähnt er diesen Begriff.
Sein Schwanken wird hier ganz besonders
deutlich. Einerseits ist er so aufgeklärt, daß
er nicht glauben will, Menschen könnten
auf Böcken durch die Lüfte reiten . Andererseits
gibt er aber im 16. Kapitel zu bedenken,
daß im Matthäus-Evangelium vom
Teufel berichtet würde, der den Herrn
durch die Lüfte entführt habe ; um wieviel
mehr müsse dies der Teufel bei sündigen
Menschen tun können . Auch der heilige
Thomas von Aquin und weitere Zeugen
werden herangezogen, um die Möglichkeit
des Bockreitens zu belegen. Aber an zwei
Stellen bricht es dann in kurzen Sätzen
aus Pfarrer Daniels heraus: Die Bockreiter
sind doch brav zu Fuß gegangen ! Da zeigt
sich eben der gebildete Mann der Aufklärungszeit.
Einen ganz anderen erleben wir
dann wiederum in den Kapiteln 21 bis 25,
in denen Pfarrer Daniels in einer Weise mit
den vielen Lastern seiner Schäfchen ins
Gericht zieht, wie man es von den Predigern
der Barockzeit kennt 16 , und es fällt
dem Übersetzer schwer, hier im modernen
Deutsch die Parodie zu vermeiden. Es
wurde dennoch versucht, in Satzbau und
Wortwahl möglichst werkgetreu zu
bleiben.
Gliederung der Übersetzung
Um in dieser Übersetzung den Überblick
zu erleichtern, wurden die einzelnen Kapi
tel mit vom Übersetzer formulierten Überschriften
versehen. Diese Überschriften
wollen in etwa den Inhalt angeben. Daniels
hat seine Kapitel nur mit römischen Zahlen
bezeichnet. Der letzte Abschnitt des Buches
wird in der Übersetzung als Schlußbetrachtung
ausgewiesen. Auch dies ist
bei Daniels so nicht der Fall. Seine abschließende
Betrachtung hebt sich nicht
vom letzten Kapitel ab. Diese geringfügigen
Erweiterungen in der Übersetzung
schienen vertretbar, da sie den Text ersch
ließen helfen.
Der guten Übersicht sollen die vier abgedruckten
(überwiegend zeitgenössischen)
Karten dienen, insbesondere die große
Karte von 17 48 in der Mitte des Heftes
(S. 30/31 ).
1\
Herzogenrath, im Herbst 1986
Bert Rudnick
13
Ursprung, Ursachen, Überführen und Aufdecken einer gottlosen verschworenen Bande von Nachtdieben
und Verbrechern innerhalb der lande von Overmaas und in angrenzenden Gebieten mit ei ner
genauen Aufstellung der Hingerichteten und der Geflohenen von S.I.P. SLEINADA 1779
Widmung und
Vorbemerkung
an die hochedlen, gestrengen und ehrenwerten
Herren Amtsträger, Drosten,
Schulth eissen, Schöffen und sonstigen
Amtspersonen , die Richter und Angestellte
n der Gerichte in den Hauptbänken,
Herrlichkeiten und Dörfern in den landen
von Overmaas und Umgebung.
Hochverehrte Edle Herren !
Als der weise und hochgelehrte PLATO
vo n der Verpflichtung sprach, die jeder
Mensch gegenüber seinem Geburtsort
und Vaterland hat, sagte er, daß man nicht
nur für sich selbst geboren sei. Wir alle
müßten - wie schon unsere Vorfahren -
dem Vaterland dienen, jeder auf seine
Weise.
Doch vor allem Ihr seid es, Edle Herren,
die Ihr nicht nur für Euch allein , sondern
auch für das Vaterland geboren seid. Gott
und die Herrschenden haben Euch die
Macht und das Schwert in die Hände gelegt,
um - neben dem eigenen Wohl -
damit vor allem dem Mitmenschen und
Untertanen zu dienen.
OPDllAGT cn VOORBER.IGT
AEN D E
Wel EJele, geflrt11gt, Eertnfefie H,ere,,
de He ere11.
HOOFDÖFFICIEREN 1
Drojle11, S,h0Mte11, S,htpn,n,
En 3lle -andere Ondero'fficJeren, Rechten e11
Gerechtsperzoonen in de Hoofdbanken 1
Heerlykheeden CD Oorpen.
Bi1111e11 J, uitul,n flan OY.ERM.AESE1•
diur omtre111.
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Abb. 10: Auszug aus dem Original, nebenstehend die Übersetzung hierzu .
Ihr habt ein derart eifriges Wirken gezeigt,
als Ihr unlängst in gerechtem Zorn wie ein
Blitz zugeschlagen habt. Daraufhin erscholl
Euer Ruhm bis in ferne Länder und
man pries die Gerechtigkeit, mit der Ihr
soviele Verbrecher ausgerottet habt 17 . Ja,
und da habe ich mir gedacht: Kannst Du
da weiter untätig am warmen Ofen sitzen,
wo sich doch unsere Obrigkeit im Dienst
am Vaterland verzehrt? Mit Sicherheit
nicht.
Obschon ich durch Gottes Fügung und die
Liebe meiner Eltern vor mehr als vierzig
Jahren in Mailand 18 geboren wurde, habe
ich doch immer eine ganz besondere Zuneigung
für die Niederlande empfunden.
Aber vor allen Landesteilen liebe ich die
lande von Overmaas. Das ist eigentlich
kein Wunder, denn meine Vorfahren waren
alle Niederländer. Mein Großvater war
seinerzeit ein Bürger von Tangern (einer
in früherer Zeit hochberühmten niederländischen
Stadt). Seine Herkunft war keineswegs
gering zu nennen, sie war recht
ansehnlich. Seine Taufurkunde, die am 15.
des Weinmonats 1618 durch den Pfarrer
Daniel Peters ausgestellt wurde, beweist
das.
Meine Eltern haben diese Taufurkunde immer
wie ein Heiligtum bewahrt. Meine
Großmutter war die Tochter des Bürgermeisters
der alten und berühmten Stadt
Valkenburg, nach der das entsprechende
Land seinen Namen trägt. Sie wurde 1648
dort geboren und vom Schicksal später in
andere Orte verschlagen. Durch ihren ehrsamen
Lebenswandel haben meine im
Herrn entschlafenen Eltern dem Vaterland
ebenso gedient wie auch die übrigen Kinder
meiner Großeltern.
Es ist darum meine Pflicht, die mich als
überzeugten Sohn des Landes tief bewegt,
die lande von Overmaas - die
andernorts als ein wahres Sodom und Gomorra
beschrieben 19 werden - durch diese
Schrift wenigstens ein klein wenig in
Schutz zu nehmen. Andererseits will ich
den Einheimischen ein Bild ins Gedächtnis
förmlich einbrennen, das sie für alle Zeiten
davor zurückschrecken läßt, daß durch ihr
Verhalten wieder Galgen errichtet werden
müssen, an denen ihre Vorfahren wegen
ihrer Verbrechen die Todesstrafe erleiden
mußten.
Dabei will ich aber weder wie ein Ezechiel
20 die Gebeine der Toten aus ihren
Ruhestätten rufen noch die unter den Galgen
Begrabenen wiedererwecken. Ich
möchte auch an keinen erinnern, der
längst vergessen sein sollte, Gott bewahre
14
.,:. ,,,_.,, 4,..., .-,U, _J;,,,,/4:,t,,.,.,__ t'J,.;...14.:c. ,.,_.. """Z::.~ Aa,.., . ,V".,._ H aÄ ~4_
mich davor! Ich will auch nicht wie ein
Prophet etwas vorhersagen oder beweisen,
daß alles noch schlimmer kommen
würde. Meine Absicht ist einzig und allein,
den Einheimischen, Euren schutzbefohlenen
Untertanen, eine tiefe Abscheu vor all
den Verbrechen einzupflanzen, die Euch
so große Mühen und Unbehagen bereitet
haben; was dem Vaterland so sehr schadete,
so vielen das Leben kostete und
viele Familien mit Schande bedeckte. Es
ist auch gar nicht mein Ziel, Eure Gerichtsprotokolle
zu verraten oder jemandes Ehre
zu kränken. Ich will die Ehre wieder herstellen
und den Verbrechen für alle Zukunft
zuvorkommen .
Was die Richter betrifft, denen ich allen
Respekt und Hochachtung zu schulden
glaube, so versichere ich, daß ich keinen
davon tadeln oder gar beleidigen will. Mit
einem Schreibstil, der nicht sehr gelehrt
und schwer ist, hoffe ich, dem einfachen
Mann entgegenzukommen. Eine hochgestochene
Ausdrucksweise würde er nicht
verstehen, ich wende mich schließlich ja
insbesondere an diejenigen ohne eine höhere
Bildung.
Es ist mein Wunsch, daß Ihr, hochedle
Herren, mein kleines Werk huldvoll aufnehmt
und es unter Euren Schutz stellt.
Nochmals in der allergrößten Hochachtung
und mit dem schuldigen Respekt vor
Euch hochedle, gestrenge und hochverehrte
Herren. Euer immer zu Diensten bereiter,
treuester Diener
S.I.P. SLEINADA
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Abb. 11 : Manuskript der ersten Seiten des Bockreiterbuches (Auszüge) von Dr. Wilhelm Gierlichs. (Vgl. hierzu die Anmerkung bei Abb. 1 !) Original:
Archiv der Abtei Rolduc, Kerkrade
15
EINFUHRUNG
Warum eine Räuberbande die allerschlimmste
aller Plagen ist, die ein Land heimsuchen kann
Ein Land kann aus vielerlei Gründen ins
Unglück geraten: durch ein en inneren
Aufruhr zum Beispiel, durch den Mangel
an Nahrung, durch die Pest oder durch
so nstige Nöte. Aber immer, wenn derartige
Strafen über ein Land hereinbrechen,
so spürt man sehr wohl, daß dies nur der
Ausdruck von Gottes Zorn ist. Man muß
dann erkennen, daß begangene Schandtaten
Gott zur Geißelrute greifen lassen
und die Strafe geradezu herausfordern.
Ein unberechtigter innerer Aufruhr soll sofort
im Keim erstickt werden. Bricht er
dennoch aus, so ist er nie von langer
Dauer und kostet die Urheber in den meisten
Fällen das Leben. Auf diese Weise
kommt die Obrigkeit durch weise Voraussicht
dem Schaden, dem Verderben und
möglichen Untergang, die durch einen
Aufruhr bewirkt werden können, zuvor.
Dies geschieht zum Wohle der Untertanen.
Ein schlechtes Erntejahr kann nicht
den Untergang eines ganzen Staates verursachen,
weil in aller Regel ein gutes
Erntejahr folgt. Die Untertanen werden
auch durch ein einziges sch lechtes Erntejahr
nicht allzu sehr beeinträchtigt, sie werden
dadurch vielmehr durch Gottes Vorsehung
auf den rechten Weg gebracht. Es ist
hierbei einerseits so, daß der Untertan
lernt, seiner Obrigkeit gehorsam zu sein,
und andererseits erhält die Obrigkeit die
Gelegenheit, gerade in widrigen Zeiten die
Herzen der Untertanen zu gewinnen, indem
sie ihre große Sorge um das allgemeine
Wohl sichtbar werden läßt.
Pest und andere ansteckende Krankheiten
führen zwar dazu, daß so manch einer ins
Gras beißen muß, und sie schaden auch
dem Volk, dem Staat, der Landwirtschaft,
beeinträchtigen den Handel und schaffen
zahlreiche untröstliche Witwen und Waisen.
Doch das alles währt nur eine kurze
Zeit, und viele Familien werden überhaupt
nicht davon betroffen, sei es aufgrund natürlicher
Umstände oder durch Gottes Vorsehung
.
Vergleichen wir jetzt aber die lande von
Overmaas und die angrenzenden Gebiete
mit denjenigen Ländern, die von den eben
aufgeführten Heimsuchungen b·etroffen
wurden , so stellen wir fest, daß der unglückselige
Zustand in unseren landen
von Overmaas, hervorge! ufen und bewirkt
durch diese Bande von Nachtdieben und
Verbrechern, weit schlimmer ist, als die
Pest oder die Hungersnöte anderswo je
sein konnten.
Diese zusammengerottete Bande kommt
mir nicht anders vor als eine um sich grei-
/ende, sich weiter und weiter fressende
Krankheit; so gefährlich und ansteckend,
ja, so leicht übertragbar, daß selbst die
ehrsamsten Leute erfaßt wurden . Dies um
so mehr, als sie schon nahezu ein Jahrhundert
wütet. Ist es denn nicht wie bei
Kinderpocken, die in der Luft liegen und
einen um den anderen mit ihrer Pein erfassen?
Ich will hier nicht behaupten, daß alle Familien,
eine wie die andere, von dieser
Krankheit - wie ich sie hier nenne -
infiziert waren ; obschon unsere Bevölkerung
hier mehr als anderswo zum Diebstahl
neigt. Meiner Meinung nach wurde
eine Vielzah l von Leuten zu den Untaten
verleitet, die zuvor in Tugend und Rechtschaffenheit
vor ihren Nachbarn bestehen
konnten .
Denn bezeugte nicht schon CAESAR, daß
die Maasländer zu den frömmsten und
tapfersten Völkern gezählt werden kö nnten?
Und TACITUS hielt sie für das rechtschaffenste
Menschengeschlecht im weiten
Umkreis; er zählte uns zu den Batavern,
die der ältere Plinius Ubier nannte
und die am Rhein in der Höhe von Köln
ansässig waren. Die anderen, etwas weiter
vom Rhein entfernt, welche an der Maas
um Lüttich seßhaft wurden, nannte PLI
NIUS Gugerni oder Guylikers. Er rech nete
hierzu die lngevones, die sich in die Sugambrer
von Kempen, Geldern und Kleve
aufteilten. Und wurden diese nicht später
die Vorfahren der besten Helden? Waren
sie es nicht, die ein übergroßes Lob von
CAESAR und den anderen römischen
Feldherren erhielten? Und obschon auch
damals Rauben und Plündern nicht unbekannt
waren, so hatten die Menschen
doch Abscheu vor Diebstahl und Gewalttätigkeiten.
Vor Untaten, die heutzutage so
allgemein und weit verbreitet sind , daß die
Gewalttäter damit ihr eigenes Land bis in
den Grund vernichten.
Nach meiner Überzeugung ruin ieren Räuber
und Diebe ein Land, und wenn sie
nicht ausgerottet werden , wächst das Unheil
immer mehr an , die Gewalttäter werden
dreister, die Banden rücksichtsloser,
das Verbrechen wird allgemein, bis dann
ein nicht mehr zu löschender Brand ausgebrochen
sein wird. Denn obschon
manch einer aus der Overmaasbande unschädlich
gemacht worden ist, so wird uns
- leider - die Zeit alsbald noch lehren
müssen, ob die Flamme dieses alles verschlingenden
Feuers schon ausgelöscht
wurde oder ob noch Glut in der Asche
schwelt und ein neuer Brand auszubrechen
droht. •
Abb. 12: Das sogenannte
»Panhaus«
(Brauhaus) in Herzogenrath-Pannesheide
»aan de Steghel «, wo
die Bockreiter 1741
bei Mathias Kockelkorn
einbrachen. (Die
heutigen Eigentümer
zierten den Schornstein
mit einer Bockreiter-Windfahne.)
Foto: Rudnick
16
Abb. 13: Tagebuchnotizen zu den Bockreitern um 1743. Chronik des Johann Wilhelm Dohmen (1725-1787), Bürgermeister von Würm bei
Geilenkirchen zwischen 1769 und 177 4. (Auszug)
Zeilengleiche Übertragung des Originals:
Anno 1743 ist im Landl Von Hartzogenrath Banck Kirchrath
Bank Märkstein Übach Hunsbruck Heehler und dero
Dörfer noch mehr, hat sich vor dem genannten Dato ungefähr 25 Jahr
Zu diesen genannten Örter eine große Zahl Schelmen versammelt
eine Companie über Zwei Hundert Man - ohne die Weibs Bilder
davon ist gewesen einen General sich genannt Vinck aus Märkstein
1743.ist der erste worden gefangen gleich darauf noch viele
mehr (.. .) gepackt nicht wenige. Der general wardt verraten
also ward! genohmen gleich gefangen und geschlossen in Ketten
undt Bänden !äst im Turm eingesperrt, sich doch oftmals Loß (-)
gemacht durch seine Teufels Kunst- Von dieser Schelmen Rott
sijnt die Meisten fast gepackt, theils sijn verbrant theils sijndt
gerättert theils sijnd gevierteilt - theils sijnt gefangen, also
haben sie ihr Leben schmerzlich müßen lassen durch ihre bösen
Thaten Kirchen stehlen Morden Brennen Unzucht üben Noth züchtigen
Ehebruch Bludtschand, es wahr der Zeit im Spani. und geulicher
Landl solche große angst Unther die Leuthen wegen rauben
und stehlen daß ein Ehrlicher nicht mehr Ruig auf seinem
Bett durfte schlafen. Diese Justiz ist geschehen 17 43 in 17 44-
1771 den 15ten 8bris ist noch bei Übach und Boschelen
9 Übeltäter gefangen nämlich Adolph Steins und dessen
Sohn Henricus Steins Jacob Ollen Gabriel Reinarts Joseph
Plum Peter Paulus Cornelius DoltzenBerg Wilhelm Plum
Joseph Kayser adolescens.
Kopien und teilweise Abdrucke dieser Chronik bewahrt das Heimatmuseum
Geilenkirchen. Erwähnt wird diese Chronik in: Kockerols,
Die Familien des Lindenhauses in Würm. Eine Familien- und Wirtschaftsgeschichte,
Verlag für Sippenforschung und Wappenkunde C.
A. Starke, Görlitz 1927, S. 187 f.
(Nach Kockerols soll sich das Original in Privathand befinden. Inzwischen
muß jedoch befürchtet werden, daß es verloren gin91
Transskription: Rudnick
17
1. Kapitel
Ausländer stifteten die braven Leute der lande von
Overmaas zu Raubzügen an
Will man die Anfänge und das Entstehen
der Bande, den genauen Zeitpunkt ihrer
Geburt also, bestimmen, so gibt es da
einige Schwierigkeiten.
Der zuverlässigste Hinweis hierzu scheint
mir der folgende (ich habe ihn nicht nur
überlieferten Schriften entnommen, sondern
erhielt ihn auch von alten Leuten),
daß nämlich diese Pest von Raub und
Diebstahl aus fernen Ländern hier eingeführt
worden ist. Es ist allseits bekannt,
daß in der Regierungszeit des Römischen
Kaisers Leopold durch den Kaiser Mahomet
IV. 21 , von manchen auch Ulmet ge-
Auszug aus der
geschichtlichen Zeitschrift
Bd. 3, S. 489, Lieferung vom 15. November
1790.
Es darf zur Entschuldigung der Österreicher
angeführt werden. daß dasjenirien
. Sie trugen auch die Bezeichnung
,Ägypter' oder Heiden und ,Sarazenen'.
Diese Durchreisenden oder - um es einmal
genau zu sagen - Vagabunden lebten
unter dem Deckmäntelchen von Bettlern
durchweg vom Stehlen und Rauben.
Sie übten außerdem die Kun st aus, den
einfachen Leuten durch Lügerei wahrzusagen
. Sie haben hierdurch überall im
Land einen guten Kontakt zur Bevölkerung
bekommen, so daß es kaum ein Dorf oder
einen Weiler gab, wo diese Landstreicher
nicht schon einmal mit ihren Frauen und
Kindern das Lager aufgeschlagen hätten ,
Der Luxemburger Reiseschriftsteller
Abbe Feiler schrieb zwischen 1778 und
1791 über die Bockreiter:
Feller, Reisebeschreibung
etc.
T. H. Seite 499
(im Jahre 1778, Monat Juli).
Dieses Städtchen, Rolduc (Herzogenrath)
genannt, ist heute leider berüchtigt
geworden durch eine Verschwörung
von Dieben und Heiligtums
Schändern, welche bereits seit mehreren
Jahren diese Provinzen heimsuchten
und worüber ich in der geschichtlichen
und literarischen Zeitschrift vom
15. Sept. 1774, S. 369 des Weiteren
gesprochen habe.
Seit dem Jahre 1740 hatten die Untaten
bedeutend an Umfang gewonnen,
denn die Maßnahmen, die man dagegen
ergriff, waren zu gelinde und so
mangelhaft durchgeführt, um dadurch
das Übel vollends auszurotten. Diese
Drangsalen traten während der letzten
Jahre durch das Dazwischentreten eines
Wundarztes, mit Namen Kerkhove,
welcher nachher gehenkt wurde, heftiger
auf, indem dieser Arzt seine Anhänger
bedeutend zu vermehren wußte
und sie in ihren Schändlichkeiten,
Gotteslästerungen und Freveltaten
durch die abscheulichsten und unglaublichsten
Gottlosigkeiten bestärkte.
Man sieht auf der Höhe des Berges die
Trümmer der Kapelle, wo dies Entsetzliche
sich abspielte, und wurde dieselbe
auf Befehl der österreichischen Regierung
zerstört. (Man findet dies des
Weitern und genauer ausgeführt in der
historischen und literarischen Zeitnannt,
sowohl in Tartarien, als auch in Polen,
Griechenland und Ungarn über
43 000 Christen auf die grauenhafteste
Weise ums Leben gebracht worden sind.
Um sich davor zu retten , war daraufhin
eine größere Anzah l Menschen, jedoch
überwiegend der minderwertigere Teil der
Bevölkerung, in andere Länder geflüchtet.
Nicht wenige davon gelangten in die lande
von Overmaas und benachbarte Gebiete.
Man nannte diese Leute, es waren
Männer, Frauen, Kinder, durchweg ,Tartaren
' 22 . Das sollte heißen , es waren eben
Tartaren oder halt Flüchtlinge aus Tartaschritt
vom 15. November 1790, S. 489
und 15. Januar 1791, S. 159.) Was
überhaupt in der ganzen Geschichte
dieser Bösewichter und Schänder geheimnisvoll
geblieben ist und wie ein
roter Faden sich durchzieht, war die
Kaltblütigkeit, mit welcher sie in den
Tod gingen und mit welcher Hartnäkkigkeit
sie die Missetaten leugneten,
obgleich sie ganz bestimmt wußten,
dieselben begangen zu haben ; überhaupt
erwarteten sie den Augenblick
ihrer Gefangennahme mit der größten
Ruhe und Kaltblütigkeit. Man muß nun
aber auch mit der Schwäche rechnen,
welche stets größere Verbrecher beschleicht,
auch mit der Blindheit, womit
Gott die Geschöpfe schlägt, deren Heiligschändung
und Bosheit einen solchen
Grad erreicht hat, daß der Teufel
die Macht über solche Kreaturen gewinnt,
welche Jesum Christum abgeschworen
haben, um nachher dem
Würgengel oder dem Engel der Finsternis
in die Hände zu fallen.
Die Lehre von der Religion und die heil.
Schriften bringen oft dann sehr befriedigende
Aufklärungen, wenn die anderen
Wissenschaften es noch unbestimmt
lassen, unbestreitbare Dinge zu
leugnen.
Das Städtchen Valkenburg, welches
ich am 14. d. M. besuchte und welches
keine geringe, sondern eine große Rolle
in der Geschichte dieser Übeltäter
spielt, hat unzählige Hinrichtungen aufzuweisen.
ge, was sie so berüchtigt in Limburg
gemacht hat, auf Rechnung der freiwilligen
Horden zu setzen ist, womit sie
ihre Armee ausfüllten. Diese Leute,
hauptsächlich Landstreicher und
Wegelagerer, hatten sich den Greueln
und Schandtaten der Bockreiter angeschlossen
und waren durch nichts davon
abzubringen.
Wenn diese Horden nicht durch die
Deutschen in etwa eingedämmt worden
wären, so hätte es nicht lange gedauert,
daß die ganze Provinz in Feuer,
Flammen und in ein allgemeines Blutbad
aufgegangen wäre.
Aus derselben
15. Januar 1791 , Bemerkung auf S. 159.
Ich habe das brüderlich angehauchte
und liebe Briefehen des braven und
treuen Mitbürgers aus hall. Valkenburg
erhalten und daraus gerne ersehen,
daß die berüchtigte Bockreiterbande
weniger zugenommen und minder
beunruhigend geworden ist, als ich in
meiner Zeitschrift vom 15. November
1790, S. 489, vermutete.
Es würde mich freuen zu vernehmen,
daß die Greuel und Verbrechen, wodurch
die Menschheit untröstlich gemacht
und entehrt wird, bald aufhören
werden, sodaß meine Meinung darüber
zu Schanden werden wird. Im Übrigen
konnte diese Gesellschaft der Ehre des
guten Limburger Völkchens ebenso
wenig Abbruch tun, als ein Cartouche
und Mandrin, welche in der Umgegend
von Paris in gleicher Weise gehaust
haben, dies bei der französischen Nation
vermocht haben.
(Dies ist der von Pfarrer Joh. Jak. Michel aus
dem Französischen übersetzte Text in: Joh.
Ja. Michel. Die Bockreiter von Herzogenrath,
Valkenburg und Umgebung, 2. Auflage,
Aachen 1905, S. 153 ff.)
18
wo sie dann die gestohlenen Eßwaren, die
Hühner, Enten, Gänse usw . mit der ganzen
Sippe verzehrten. Der aufmerksame
Leser wird nun selbst erkannt haben, daß
es nur allzu natürlich ist und sich ganz
zwangsläufig ergeben muß, daß alle diejenigen,
die sich mit diesem Völkchen ein
lassen, auch deren Tricks und deren Vorgehensweisen
gelernt haben müssen.
Aber erst als dieses Teufelsvolk die böse
Saat von Laster und Verbrechen genügsam
über die leichtfertigen Gemüter unserer
Einheimischen ausgestreut hatte und
der Unkrautsamen überall ausgesät war,
erst dann haben die Richter des Landes
einige von diesem üblen Gesindel zum
Tode verurteilt, ausgepeitscht oder gebrandmarkt.
Durch Aushang wurde endlich
bekanntgemacht, daß dieses Völkchen
, Ägypter oder Tartaren genannt, unter
Androhung der Todesstrafe für immer
aus den Niederlanden verbannt sei.
Es wurden an allen Grenzübergängen
Schilder oder Hinweise angebracht, die
man seinerzeit auch Tartarenschilder
nannte. Doch so sorgsam und vorsichtig
die Obrigkeit auch überall vorging, man hat
dieses Volk letztlich nicht wegjagen können;
insgeheim blieben hier und da einige
zurück. Sie legten andere Kleidung an,
nun in landesüblicher Art, und lebten hier
wie zuvor, allerdings unter Namen, wie sie
beim durchziehenden Volk üblich waren.
Das fahrende Volk mischte sich schon immer
mit Einheimischen: mit Leuten aus
Overmaas selbst, aus der Gegend um Lüttich
, aus dem Jülicher Land und anderen
umliegenden Ländern , ja selbst aus Brabant
und aus Flandern .
Dieses fahrende Volk hatte fast immer junge,
schöne Frauenspersonen bei sich. Die
einen sagten, es seien ihre Frauen, die
anderen meinten, es seien ihre Dienstmägde.
2. Kapitel
Die Einbrüche der Jahre 1736 bis 1745
Es ist nur allzu verständlich, daß sich ein
ehrlicher Untertan wie ich - obwohl er
auch Mitleid mit seinem unglücklichen Mitmenschen
hat - sehr freut, wenn er sieht,
wie die Richter die Untaten und Gaunereien,
die zum Untergang der Gesellschaft
führen kö nnen, streng nach dem Gesetz,
so wie es sein muß, gnadenlos und ohne
Pardon bestrafen. Dies um so mehr, als
ich absehen kann, daß nach dem Vollzug
von Recht und Gerechtigkeit die üblen
Taten mit den Bösewichtern zugleich ausgetilgt
werden und daß mit dem Tod der
Räuber auch die Raubzüge ein Ende
nehmen.
Hier und in den uns benachbarten Gebieten
wurden vor 1740 verschiedene Einbrüche
begangen. Die meisten davon waren
Kircheneinbrüche . So drang man zwischen
1736 und 1745 in die Kirchen von
Kl immen, Hoensbroek, Eygelshoven,
Schaesberg, Marienberg, Brunssum und
Meeuwen, jenseits der Maas, ein .
Unterdessen wurden aber auch einige
Hauseinbrüche bekannt; 1740 in Klimmen
beispielsweise, zuvor noch an anderen
Orten . Doch den Hausbewohnern wurde
dabei nie etwas angetan .
Man war hier durchwegs im Glauben, daß
die Einbrüche von fahrendem Volk, besser:
Vagabunden, begangen wurden. Und
dieser Eindruck verstärkte sich noch, als
im Januar 1740 ein solcher in Hoensbroek
ergriffen wurde, bei dem man gestohlenes
Gut fand . Nachdem dieser hingerichtet
war und seine Herumtreiber-Kumpane
heimlich das Weite gesucht hatten, war
jedermann davon überzeugt, daß jetzt die
Einbrüche aufhören würden, weil man ja
die Täter nicht mehr im lande glaubte.
Doch die Bevölkerung wurde alsbald eines
Besseren belehrt. Das Gegenteil trat ein ,
zum Leidwesen vor allem der Beklagenswerten,
die es am eigenen Leibe traf. So
sei nur als Beispiel der Pächter auf dem
Hof ,Ter Waerden', der zwischen Eygelshoven
und Marienberg im Land von 's
Hertogenrode liegt, erwähnt, dem man am
Fastnachtsabend 1741 alle Habe raubte.
Auch der Hochwürdige Herr Pfarrer Werden
aus Marienberg sammelte eigene
leidvolle Erfahrungen, als ihm die Räuber
am 20. Juni 1742 auf eine so barbarische
Weise mitspielten, daß einem schon beim
Zuhören graust und selbst die Abgebrühtesten
dabei erschauern würden. Ähnliches
ereilte im August 17 42 die ehrbare
Witwe des Wilhelm Plum aus Zweibrüggen
(bei Übach) , die man ohne Kleider, nackt,
im offenen Kamin aufgehängt hat. Johannes
Essers aus Magerau, in der Nähe von
Herzogenrath, und den Seinigen erging es
am 18. Juni 1742 nicht viel besser. Wenn
Johannes Keularts aus locht (bei Heer-
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1
1f.l
len), an der Straße von Sittard nach Aachen,
noch lebte, könnte er von der
Schandtat berichten, die ihm am 4. Juli
des gleichen Jahres in der Nacht widerfahren
ist; desgleichen auch Mathias Kuckelkorn
aus Pannesheide im Land zur Heyden;
Arnold Lütgens aus Bank (bei Kohlscheid);
Leute aus Wintrak, vom Beukenboom
(beides bei Sittard) und noch viele
andere mehr könnten uns von unmenschlichen
Qualen, Schmerzen und Ehrabschneidungen
berichten, die ihnen .diese
gottlosen Strolche zugefügt haben. Und
wenn auch die meisten der genannten Opfer
inzwischen verstorben sind, so ist die
schreckliche Erinnerung an die Untaten
bei den Nachkommen doch sehr lebendig
geblieben.
Abb. 14: Alte Kirche von Hünshoven (Geilenkirchen). Die Mitte des 15. Jahrhunderts erbaute
Kirche wurde im zweiten Weltkrieg vernichtet. Die Bockreiter brachen 1770 hier und ins benachbarte
Pastorat ein. (Vgl. Todesurteil Kirchhoffs, Punkt 6, S. 29!)
Dieses Bild der, Johannes dem Täufer geweihten, Kirche entstand um 1863, der Künstler ist
unbekannt.
Foto: Heimatmuseum Geilenkirchen
19
3. Kapitel
Verhaftungen, Verhöre und Todesurteile im
Land von 's Hertogenrode und anderen Gebieten
Es könnte den Leser ermüden, wenn ich
hier allzu ausführlich von früheren Zeiten
sprechen würde, obgleich die Fülle der
Greueltaten uns erschrecken kann, welche
seinerzeit von den eigenen Landsleuten
begangen worden sind. Doch ich muß
woh l noch davon berichten, wie lange diese
finsteren Geschäfte betrieben wurden,
wer die Erben dieser Geschäftemacher
sind und was heute von ihnen zu halten
ist.
Als nämlich so viele und schreckliche Einbrüche
begangen worden waren, hätte
man annehmen können, daß Gott sich
langsam über das, was ihm doch schon so
lange mißfiel, erzürnen würde .
In der Nähe von Herzogenrath in der Bank
Kerkrade war Leinen von der Bleiche gestohlen
worden, und man hörte, die Angelegenheit
würde sehr sorgfältig untersucht,
um die Täter zu ergreifen. Man hat
dann tatsächlich zwei verhaftet. Die Verhafteten
hätten höchstens mit Auspeitschen
und Brandmarken ihre Tat büßen
müssen , wenn es nicht dem erzürnten
Gott gefallen hätte, daß jene zwei beim
strengen Verhör auch noch Komplizen von
anderen Diebstählen und Einbrüchen verrieten.
Der Richter erkannte sehr schnell, daß es
seine Pflicht war, dieser Spur mit allem
Nachdruck nachzugehen, und er leitete
eine umfassende Fahndung ein, denn er
wollte Gewißheit über die Größe der Räuberbande
gewinnen. Man fand dann auch
rasch heraus, daß die Dinge tatsächlich so
lagen, wie es die Verhafteten gestanden
hatten. Merkstein, das zur Bank von
Übach gehört, war der erste Ort, an dem
man zuschlug . Und so wurde die Bande
nach und nach im ganzen Land von 's
Hertogenrode aufgedeckt.
Im holländischen und im österreichischen
Valkenburg und bis hinein ins Herzogtum
Jülich und das Amt Montfort hörte man
von nichts anderem als von Henken, Rädern,
Vierteilen, Foltern usw. In Hoensbroek
vierteilte man Mathys P., sein Sohn
Johannes wurde gerädert, die Tochter verbrannt.
ein einziges Gemeinwesen, weder im
Land von 's Hertogenrode noch von Valkenburg,
welches keine Hingerichteten
oder zumindest Geflüchtete oder Beschuldigte
aufzuweisen hatte. Selbst in Nieuwstad
(bei Sittard) und in Echt sowie im
dortigen Gebiet längs der Maas kamen
diese Nachtdiebe vor.
Schon bei einem kurzen Blick in die Gerichtsakten
dieser Zeit schaudert man, und
die Haare stehen einem zu Berge. Ich
habe eigentlich vorgehabt, hier die Eidesformel,
die die meisten in der St. Justus
Kapelle bei Echt beim Schwur hersagten,
wortwörtlich anzuführen. Aber ich gelangte
dann zu der Auffassung, daß dem Leser
dieses Fürchterliche nicht zuzumuten sei
und es auch dem Ansehen dieses Landes
schaden würde.
Doch wenn man denn diese Eidesformel
trotzdem gerne wissen möchte, so folgt
hier deren Inhalt sinngemäß : Es wird Gott
und allen Heiligen abgeschworen; der
Schwörende überantwortet sich dem Teufel
und gelobt, alle ihm mö9lichen Schandtaten
zu begehen.
Ist eine derartige Gottlosigkeit noch zu
fassen? Und das bei einer Bevölkerung,
von der man doch weiß, daß sie im christlichen
Glauben unterwiesen wurde und
auch den religiösen Pflichten immer getreulich
nachkam! Die grauenhaften Hinrichtungen
der letzten beiden Jahre mußten
doch einen jeden zu der Ansicht bringen,
daß das Banditentum hierzulande bis
auf die Wurzel ausgerottet sei. Doch andererseits
hat das pharisäerhafte Verhalten
der zum Tod Verurteilten in deren Todesstunde
auf dem Rad oder am Galgen nicht
wenige unter dem gemeinen Volk glauben
lassen, daß viele der Hingerichteten unschuldig
seien . Dies ging so weit, daß
sogar die Geistlichkeit, die den Verurteilten
in der letzten Stunde beistand, verleitet
wurde, in der Öffentlichkeit zu verbreiten,
jeder zweite sei unschuldig. (Vgl. auch
hier Abb. 7)
Diese List der Taugenichtse verfing auch
bei den Richtern , die einige Formfehler
begingen, als sie die Zusammenhänge
noch nicht durchschauten. Etliche Richter
begannen, die Verhafteten in Schutz zu
nehmen, und versuchten, eine Strafaussetzung
durchzusetzen. Das Aufhängen
wurde auf diese Weise zum Teil aufgeschoben,
dies ist selbst von der höheren
Obrigkeit praktiziert worden . Für das allgemeine
Wohl war es überaus gut, daß
schon so viele abgeurteilt waren. Denn
das Böse wäre wer weiß wie weit vorgedrungen,
hätte man dieses üble Gesindel
nicht aufgerieben. Jene aber, die ein
schlechtes Gewissen hatten, wurden von
Furcht ergriffen. Sie trauten sich nicht, in
ihren Häusern zu nächtigen, und viele hatten
sich schon dazu entschlossen, Frau
und Kinder, Land und Heimat zu verlassen.
Doch kaum war ruchbar geworden, daß
die Verhaftungen aufhörten und daß sogar
hin und wieder Gefangene freigelassen
wurden. da lachten sich die Geflüchteten
In Heerlen errichtete man gleich zwei Galgen
und henkte dort eine große Anzahl. In
der Herrlichkeit Schaesberg wurde der allbekannte
Mathys A. mit Ehefrau und
Schwiegersohn Johannes gemeinsam mit
zahlreichen weiteren Verurteilten aufgehängt.
Schinnen, Spaubeek, Geleen,
Nuth, Doenrade, Merkelbeek, Brunssum
und Schinveld wurden gleichfalls nicht
verschont. Mit einem Wort, es gab nicht
Abb. 15: Hinrichtung von Bockreitern. Kupferstich von Friedrich August Scheureck als Abbildung im
Bockreiter-Buch von 1781 (vgl. Anmerkung 3 und die folgende Abb. 20!) Original: Stadtbibliothek
Aachen
20
ins Fäustchen, kamen nach und nach wieder
heim und trieben es noch ärger als
zuvor.
Kurz darauf hörte man wieder von kleineren
Diebstählen. Und ohne Zweifel wäre
die klei ne Flamme, die eigentlich nur noch
als Glut in der Asche schwelte, wieder voll
entfacht worden, wäre nicht 1747 und
17 48 der brabantische Krieg ausgebrochen,
der in unmittelbarer Nähe der lande
von Overmaas tobte. Die Diebesbande
verhielt sich ruhig, weil die Dorfbewohner
allerorts durch die Einquartierung von Soldaten
vollauf in Anspruch genommen
waren.
Nach diesen Jahren, als Gott uns den
ersehnten Frieden schenkte, waren Bürger
und Bauersmann hinreichend mit Geld
versehen , was ihnen die Arbeit angenehmer
erscheinen ließ und den Schad en
reichl ich ausglich, den die lande von
Overmaas erlitten hatten. Gott segnete
wieder sein Volk, das Handwerk blühte, es
gab eine Vielfalt von Lebensmitteln, und
jeder hatte sein tägliches Brot. Und man
konnte sich wirklich fragen, ob da wohl
noch einer ans Stehlen dächte? Man sollte
wohl annehmen : nein. Es war ja nicht
mehr zu fürchten, daß sich wieder eine
Bande zusammenfand . Mit dem Verrotten
der Gebeine all der Hingerichteten schien
jede Räuberei wie unter einem ewigen
Grabstein eingeschlossen zu sein.
4. Kapitel
Hinrichtungen in Geleen und Schinnen;
zu laxe Richter in Jülich
Der Wolf, der schon einmal seine Jungen,
niemals aber seine Natur vergißt, ist das
Abbild von außergewöhnlicher Bosheit.
Denn wenn es auch gelingt, einen Fuchs
oder einen Wolf zu zähmen, so behalten
diese doch die Wesensmerkmale ihrer Art.
Und wenn manch einer die Räuberei vergessen
hatte, so ko nnte sie doch wieder
ihr Haupt erheben. Und dies um so mehr,
als noch etliche der alten Bandenmitglieder
lebten.
Diese begannen darum auch wieder zu
werben. Man rottete sich zusammen und
versuchte, die alte verschworene Gemeinschaft
wiederzuerwecken.
Es wurden einige Diebstähle begangen,
so in Geleen bei den Jungfern Gardens, in
Puth bei den Walravens, dann beim Herrn
Pfarrer von Beigt und an anderen Orten.
Doch man glaubte noch nicht, daß man es
wieder mit einer landesweiten Bande zu
tun habe. Man vermutete, daß lediglich die
Grafschaft Geleen, die Herrlichkeit Schinnen
und ein paar weitere Dörfer in diesen
Unterbanken betroffen waren.
Als Anführer oder Kapitäne dieser Bande
wurden der Herr H. de G. und der Herr
D. P. genannt. Ein ige der Bande, die durch
Zufall verhaftet wurden, hat man 1751 und
1752 hingerichtet. Das waren ausnahmslos
Einwohner von Geleen, Spaubeek,
Schinnen und zwei aus Merkelbeek. Der
Freiherr G. starb im Gefängnis, und der
Herr D.P. 23 brachte sich durch Flucht in
Sicherheit. Das Trauerspiel war damit für
kurze Zeit abgeschlossen. Dieser Umstand
gab manch einem Grund zur Freude,
der hinter den Kulissen die Fäden zog.
Ich meine damit, daß jene Leute für
rechtschaffen angesehen wurden, obgleich
ihre Namen ganz offen in den Gerichtsakten
erwähnt wurden.
Außer den oben genannten Dörfern hatten
auch die Jülicher einige Gefangene, und
zwar aus dem Amte Sittard, zu vermelden
und diese dann nach Jülich verbracht. Diejenigen,
die davon nicht im Gefängnisstarben,
hatten großes Glück. Sie hatten zu
der Zeit einen guten Befürworter und außerdem
Richter, die nicht sehr blutgierig
waren (eine Tugend , die den betreffenden
Herren angeboren zu sein schien). Demzufolge
gewann dieser Befürworter nach
einem Verhör zur Sache den Prozeß, und
man ließ die Gefangenen unversehrt nach
Hause ziehen.
5. Kapitel
Seuchen und Hungersnöte treiben
der Bande neue Mitglieder zu
Wenn wir uns an die Strafen erinnern, die
Israel wegen Achan dem Dieb trafen, erkennen
wir, wie sehr Gott dem Allmächtigen
der Diebstahl mißhagt. Und so kann
man auch verstehen, daß der Allerhöchste
in den Jahren 1769 und 1770 seine strafende
Hand über unserem lande erhoben
hat. Wir wurden mit einer Viehseuche gestraft.
Diese Seuche befiel Anfang 1769
das Hornvieh in Heerlen; im Mai dann das
von Schinveld, Spaubeek, Schimmert und
Meerssen. Im November griff die Seuche
dann auf Hoensbroek und Schinnen über.
Wohin man auch kam, fand man die Landwirte
in tausend Nöten; die einen voller
Sorge um ihr gesundes Vieh, die anderen
voll Kummer wegen des erlittenen Schadens
und des großen Verlustes. Als alle
Gegenmaßnahmen nichts nutzten, ordnete
der Hohe Souveräne Rat von Brabant in
Brüssel durch entsprechende Aushänge
an, daß das gesamte Hornvieh aus verseuchten
Ställen zu töten und in ausreichender
Tiefe zu vergraben sei . In anderen
Regionen, wie in Holland, Jülich und
Berg, überließ man die Sorge um die Seuche
allein dem lieben Gott und den betroffenen
Landwirten.
Schon eine bekannte Redensart sagt, daß
ein Unglück selten allein kommt. Und so
war auch diese Viehseuche von anderen
Plagen begleitet. Eine enorme Verteuerung
des Getreides brachte den armen
Landmann in eine erbarmungswürdige Lage
: In den landen von Overmaas mußten
sieben Schillinge für ein Malter Roggen
bezahlt werden , und schon im Juni des
gleichen Jahres 1771 kostete es acht
Sch illinge und das Malter Weizen gar zehn
Schillinge.
Da litten die Familien große Not, wenn der
Vater nur einen Schilling am Tag verdiente
. Doch dies genau war die Situation, die
den ruchlosen Anführern der Bande in ihrer
Sucht zum Stehlen entgegenkam. Sie
hatten jetzt die Gelegenheit, die Zahl ihrer
Raubgesellen mit Leichtigkeit zu vermehren
. Aber auch dies erfolgte nach der Vorsehung
Gottes, der in seinem Zorn über all
die begangenen Schandtaten n~h nicht
die Wege eröffnete, die zur Ergreifung der
Bande geführt hätten.
21
6. Kapitel
1756 beginnt eine neue Serie von Einbrüchen
Ich habe soeben vom Dieb Achan gesprochen
, und mir scheint, es ist angebracht,
diese Geschichte hier etwas auszubreiten,
um daran aufzuzeigen, wie dessen Diebstahl
entdeckt worden ist. Als Josua, der
Anführer Israels, die strafende Hand Gottes
über seinem Volk fühlte, fiel er mit
ganz Israel bittend und flehend vor dem
Altar des Herrn nieder, um zu erfahren,
weshalb sie vom Feind geschlagen wurden
. Und der Herr sagte Josua, es sei
wegen eines Diebstahls, den einer aus
seinem Volk begangen habe, und Gott
befahl Josua, das ganze Volk zu versammeln
und für jedes Geschlecht das Los zu
werfen, um herauszufinden, aus welchem
der zwölf Geschlechter der Dieb stamme.
Das Los fiel auf das Geschlecht Juda. Bei
diesem Geschlecht nun ging man jede
Familie durch, warf das Los erneut für
jedes Haus, und es fiel auf das Haus
Achans. Achan bekannte sogleich seine
Schuld und sprach : »Fürwahr, ich habe
gegenüber dem Herrn gesündigt. Ich habe
die Tat begangen.«
Die Richter, die den Prozeß fü hrten und
das Gestohlene auffanden, haben den
Dieb und seine ganze Familie zum Tode
verurteilt.
Man sieht, auf we lch wundersame Weise
Gott in jener Zeit die verborgensten
Schandtaten aufdeckte und vor aller Augen
bloßstellte. Denn wenn sich auch der
Übeltäter in Sicherheit wiegte und es ihm
gelang, die Schandtaten zu verbergen -
wei l er sie schon mehrmals, ohne daß eine
Strafe folgte, begehen konnte-, so irrt er
dennoch. Hier kann man sich nämlich das
Sprichwort in Erinnerung rufen : »Der Krug
geht so lange zum Brunnen , bis er
bricht !« , und genauso kam es 1770 in den
landen von Overmaas.
Nach den letzten Hinrichtungen von 1752
war jederm ann beruhigt und dachte, das
Übel sei ausgerottet und man könne den
Frieden genießen. Doch man war nicht
lange sicher. 1756, in der Nacht vom 22.
auf den 23. des Erntemonats, mußte der
Herr Walraeven (der nahe der Maas bei
Stein, nicht weit von Stokhem und Masseik
an der Maas, wohnte) erl eben , daß
sich die Räube rei wieder boshaft »die Hörner
aufsetzte «.
Jenseits der Maas in der Nähe von
Berg, nicht weit vom Fluß - waren kurz
zuvor auch etliche Einbrüche begangen
worden . Bei Herrn Kosters, dem Bürgermeister
von Stokhem, hatten die Diebe in
einer Nacht das Geschäft leergeraubt. Und
so kam das alte Spielchen wieder in Gang.
Erneut gingen die Diebe ihren finsteren
Geschäften nach, bis sie dann endlich gefaßt
werden konnten. Doch das soll im
folgenden ausführlich dargestellt werden.
7. Kapitel
Die neue Bande war groß, sie setzte sich aus
Ausländern und Einheimischen zusammen
Wir haben schon hervorgehoben, daß diese
Bande zu Beginn ausschließlich aus
Fremden und ausländischen Nichtsnutzen
bestand. Auch später umfaßte sie immer
einige Ausländer, womit sich die einheimischen
Bandenmitglieder decken wollten.
Zudem scheint es mir auch eine Besonderheit
dieses Landes zu sein, daß sich
hier alle möglichen Hergelaufenen sicherer
und wohler als irgendwo sonst fühlen .
So loderte denn 1754 das bislang nu r
schwelende Feuer wieder hell auf. Aufs
neue bildete sich eine Bande, die aus
recht ansehnlichen jungen und robusten
Männern, ja sogar Frauen , bestand . Und
wenn ihre Schlupfwinkel auch über das
ganze Land verteilt lagen, so hielt sich
doch der größte Te il in der Herrlichkeit
Schinnen, in Beek, in ,de Heek' und am
Lommeleberg (in der Herrlich keit Schaesberg)
auf. Sie waren gut gekleidet, hatten
anscheinend Geld und waren mit Gewehren
ausgerüstet. Ihre Nachtquartiere hatten
sie auf den Pachthöfen, und bei Tage
verbargen sie sich hinter Hecken und
Sträuchern. Sie waren grobschlächtig und
ohne Manieren - so wie eben Strauchdiebe
sind . Sie unterhielten auch mit Juden
Kontakte (außer denen zu Ch risten in
allen Städten der Niederlande).
Abb. 16: Bockreiter über Herzogenrath.
Zeichnung: Oswald Willems (veröffentlicht mit dessen freundlicher Erlaubnis)
22
So beschrieb der Herzogenrather Heimatforscher
Dr. Wilhelm Gierlichs 1937
Unruhe und Aufsässigkeit in den landen
von Overmaas während der letzten
Jahre der österreichischen Herrschaft:
Aus den letzten Tagen
der österreichischen
Herrschaft
In den letzten Jahrzehnten vor dem
Einmarsch der Franzosen in unser Gebiet
hatte sich in den Niederlanden eine
starke Strömung gegen die österreichische
Regierung herausgebildet. Am
stärksten war die Partei der Unzufriedenen
in Brabant, weshalb man sie
auch »Brabanter Patrioten« nannte. Ihr
Ziel ging dahin, die südlichen, unter
Österreichs Herrschaft vereinten Provinzen
selbständig zu machen , wie es
die nördlichen Provinzen ja schon lange
waren.
Im Anschluß an die Fertigstellung der
neuen Matrikel für Limburg unterschrieb
dann Maria Theresia in Übereinstimmung
mit den Vereinheitlichungsbestrebungen
des Hauses
Österreich am 29. Januar 1778 einen
Erlaß, durch den die sogenannte »Union
von Limburg « proklamiert wurde.
Die 3 Länder Overmaas wurden nunmehr
mit dem Herzogtum Limburg zu
einer Provinz vereinigt ; die Provinzialstände,
aus den Abgeordneten des
Adels, der Geistlichkeit und der Banken
bestehend, bildeten von jetzt an
nur einen einzigen Verwaltungsrat für
die ganze Provinz, während die Stände
vorher in jedem lande für sich ihre
Versammlungen abhielten. Gleichzeitig
wurden auch die freien Herrschaften
Herzogenrath, Rimburg und Alsdorf,
welche bisher mit der allgemeinen Verwaltung
des Landes 's Hertogenrode
nichts gemein hatten, der Provinz Limburg
einverleibt. So hob also Maria
Theresia mit einem Federstrich die uralten
Vorrechte jener drei Ortschaften
auf. Von nun an, genauer gesagt von
der Bestätigung des Edikts durch den
Erlaß vom 7. Sept. 1782, waren die
ehemaligen drei Herrschaften dem übrigen
Gebiete der Provinz Limburg völlig
gleichgestellt, und es hörten nunmehr
alle Privilegien auf.
Noch weiter ging Joseph II. Er nahm
den Ständen ihre großen Vorrechte,
schaffte auch die des Adels ab, milderte
die Leibeigenschaft, gewährte beiden
Konfessionen Gleichberechtigung
und führte auch auf kirchlichem Gebiete
Aufsehen erregende Reformen ein.
Diese im allgemeinen fortschrittlichen
Bestrebungen fanden aber nicht die
Billigung weiter Kreise der Bevölkerung.
infolgedessen erhoben sich die
österreichischen Niederlande, vertrieben
die kaiserlichen Besatzungen und
riefen einen unabhängigen Bundesstaat
aus. Hierzulande stand der Merksteiner
Sekretär und Schultheiß von ·
Rimburg, Alsdorf, Weiz und Roerdorf J.
J. Corneli an der Spitze der Bewegung.
Er erließ unter anderem einen von Frei-
heitsliebe getragenen Aufruf an die Bevölkerung,
in dem er zu bewaffnetem
Widerstand und geldlichen Opfern für
die gemeinsame Sache aufforderte.
Doch wollte in unserer Heimat der Unabhängigkeitsgedanke
keinen rechten
Fuß fassen . Die Vernichtung der zweiten
Bockreiterbande, vor allem aber die
Hinrichtung Joseph Kirchhoffs, mag
hieran schuld gewesen sein . Der Chirurg
war nämlich während der langen
Jahre seines Brüsseler Garnisondienstes
mit den brabantischen Patrioten
bekannt geworden und hatte sich ihre
Ideen zu eigen gemacht. Seine Aufgabe
bestand darin, den kommenden
Aufstand in Limburg vorzubereiten,
und zu diesem Zwecke hatte er die
zweite Bande organisiert, in der es allerdings
nur ganz wenige »Wissende«
gab. Sein Tod vereitelte alle Pläne der
Patrioten in Limburg.
Die Österreicher wurden bald wieder
Herren der Lage und eroberten die
Niederlande zurück, allerdings nur für
ganz kurze Zeit, denn unheilverkündend
stand bereits die große französische
Revolution im Hintergrund.
(Aus: Wilhelm Gierlichs, Geschichte Merksteins
bis zum Wiener Kongreß, in: Heimatblätter
des Landkreises Aachen , Heft 1 - 7.
Jahrgang vom 1. Januar 1937, S. 34.)
Die hier von Dr. Gierlichs geäußerte
Ansicht, Kirchhoffs habe die Aufgabe
gehabt, den kommenden Aufstand in
Limburg zu organisieren, ist als historisch
nicht gesichert zu bezeichnen.
Diese Herumtreiber haben an verschiedenen
Orten zahlreiche Einbrüche begangen
, und ich versichere dem Leser, daß es
Bandenm itglieder waren, die bei dem
Herrn Tiesschen in Aretzenhout zwischen
dem 22. und 23. Juni 1760 eingebrochen
sind. Im selben Jahr noch, im Oktober,
brach man in die Kirche von Alt-Valkenburg
ein; in der Nacht vom 15. auf den 16.
März 1761 beim Eremiten auf dem
Schaesberg bei Valkenburg 2 4, wobei eine
so große Zahl von Dieben versammelt
war, daß man sich fragt, weshalb sich gerade
hier eine so große Menge versammelte.
(Im entsprechenden Zusammenhang
werde ich noch darauf einzugehen
haben und eine Begründung hierfür zu
geben versuchen .)
Ein Teil dieser Vagabunden, mindestens
30 an der Zahl - ohne dazugehörende
Frauen und Kinder - , wurde schließlich
von den flandrischen Behörden verfolgt.
Sie mußten die lande von Overmaas verlassen
und hatten bei Androhung der Todesstrafe
in ein anderes Land weiterzuziehen.
Doch hatten schon drei der Strolche einen
schnellen Tod erfahren. Der eine durch die
Hand des Scharfrichters von Maastricht,
zwei andere durch den von Tilburg. Joost
van S, wurde in Meerssen aufgehängt,
Susken N. in Schinnen und der ,Pannenduyvel
' (,Pfannenteufel') genannte Dieb in
Kerkrade .
Sie alle waren ihrer Bandenehre treu geblieben
und verrieten keinen . Und wenn
sie auch den einen oder anderen Namen
angaben , so ließen sie die Einheimischen
dabei doch aus. Einige der Diebe wurden
auch in 's Hertogenbosch hingerichtet;
doch ausgerechnet von denen weiß ich
weder die Namen noch den genauen Tag
der Hinrichtung. Die anderen Einbrecher
zerstreuten sich; eine Anzahl Juden wurde
in Lüttich aufgeknüpft. Ein Jude aus ,de
Heeke' namens Nathan wurde in Beringen,
im Lütticher Kempenland, gehenkt.
1773 wurde in Amsterdam ein gewisser
Goesman G. zusammen mit seinen beiden
Brüdern Jakob und Simon aufgehängt;
desgleichen Franz S., ein Medikus,
und Bastian W. Gilis, sowie Barend und
Levi Moses, alias ,lipje topje' - drei Juden
; und mit diesen zusammen Johann
Heinrich N. , der aus Osnabrück stammte.
Ich glaube, daß es an der Zeit ist, hier
etwas über die Vagabunden selbst zu sagen,
um so einige Eigensinnige zu informieren,
die nicht begreifen können, daß
diese Bande wirklich so groß war und sich
auch in anderen Regionen und Provinzen
ausbreitete. Warum sollte es denn eigentlich
so undenkbar sein, daß diese Bande
so wie hierzulande auch anderswo ihre
Anhänger fand? Kann man mir das Gegenteil
beweisen? Sollten sie andernorts
nicht auch das gleiche wie hier betreiben
können? Warum sollten sie sich nicht mit
den Taugenichtsen anderer Länder verbünden
, so wie sie sich mit denen aus den
landen von Overmaas zusammengetan
haben? Dies alles zu leugnen, wäre gegen
den gesunden Menschenverstand, und es
zu bestreiten, ist Eigensinn. Ich bin davon
überzeugt und kann dem Leser versichern,
daß K., 25 der Anführer dieser Bande,
in der Zeit vor seiner Verhaftung vielfältige
Verbindungen hatte und zahlreiche
Briefe über die Poststellen von Sittard,
Maastricht und Aachen verschickte. Doch
kaum war er im Gefängnis, hörten diese
Briefkontakte auf. Obschon ich nicht weiß,
wer die Angeschriebenen waren , so bin
ich doch sicher, daß die Sache überaus
verdächtig ist.
(Vgl. hierzu obigen Kastentext!)
23
8. Kapitel
Wie die Festnahme eines jungen Pferdediebes
die große Verhaftungswelle auslöste
Ich wollte ursprüng lich schon früh er auf
die Bande unserer Tage eingehen. Ich
stellte dies etwas zurück, um das Schauermärchen
von einem angeb lichen Hexenprozeß,
das einige Unbelehrbare verbreiten,
zu widerlegen, und um dem einfältigen
Volk darüber hinaus klarzumachen
, daß die Richter gerecht geurteilt haben
und ihrer Verpflichtung, die Gerechtig
keit zu wahren , verantwortungsbewußt
nachgekommen sind .
Um dies fortzuführen, möchte ich nochmals
auf den Dieb Achan zu sprechen
kommen. So wie Achans Diebstahl auf
eine wundersame Weise ans Licht kam -
wir haben es dargestellt-, so ist es auch
fast ein Wunder zu nennen, wie über einen
jungen Mann die Bande entdeckt werden
konnte. Dies gesch ah auf die folg ende
Weise :
Ein junger Mann von 18 Jahren namens
Josef Keyser aus Übach im l ande von 's
Hertogenrode (meiner Ansicht nach war er
in Aachen geboren) wurde von einem gewissen
Peter M., Ku mmet- und Sattelmacher2
6 aus Übach, der sein Kum pan war,
verraten. Josef Keyser stahl hier im Land
ein schönes junges Pfe rd und brachte es
in die Gegend von Jülich, um es dort zu
ve rkaufen . Man verfolgte aber Pferd und
Dieb und stellte sie beide bei Jülich . Es
gab nämlich Zeugen, die Josef gemeinsam
mit dem Sattel macher und dem Pferd
gesehen hatten. Der Richter von Übach
nahm diesen Sachverhalt auf, und danach
wurde unser guter Josef verhaftet. Man
hatte dabei nicht im entferntesten daran
gedacht, daß Josef Mitglied der Bande
sein könnte, und darum wurde er auch
bloß zum Pferdediebstahl vernommen.
Doch siehe, wie wunderbar Gott doch in
seiner Fügung sein kann und wie Er
schließlich aufdeckte, was so lange verborgen
gewesen war. Denn dieser Josef
gab nicht nur seinen Pferdediebstahl zu ,
sondern er fing auch an, eine größere Zahl
von Dieben aufzuzählen; er berichtete,
wer die Anführer waren, welche Zusammenkünfte
man hatte und welche Einbrüche
verübt worden waren. Dies alles erzählte
er in einer Ausführlichkeit, daß der
vorsichtige Richter zunächst einmal Zögerte,
es für die volle Wahrheit zu halten.
Zur gleichen Zeit wurde der Sattler festge
nommen, der genau wie der Junge aussagte.
Doch das Erstaunlichste von allem
- was hier nicht unterschlagen werden
soll - war, daß auch weitere Mitschuldige,
die später dann aufgehängt wu rden, die
Aussagen Josefs und des Sattelmachers
bestätigt haben. Da gab es u. a. einen
gewissen Leonhard L. aus Übach , der sich
so äußerte: »Seien Sie vorsichtig, meine
Herren, denn dieser Junge weiß mehr, als
Sie sich vorstellen können !« Wilhelm R.
aus Übach, der kurz nach seiner Ve rhaftung
aus dem Gefängnis fliehen konnte,
sagte dasselbe und war auch ein Belastungszeuge
gegen Josef. Wie der darauf
reag ierte, kann ich nicht sagen .
Doch ich weiß wohl, daß seinerzeit in einem
bestimmten Haus in Merkstein eine
Versammlung der Anführer abgehalten
wurde mit einer Diskussion über das Verhör
und die Haft des Jungen (so nannten
sie Josef K.). Dabei meinte einer, wi e man
denn solche Leute, die den Mund nicht
halten können, in die Bande aufn ehmen
konnte.
Dies sei ein gewaltiger Mißgriff gewesen,
ein strohdummer Leichtsinn, durch den
jetzt die ganze Sache auffliegen könne.
Baltus K. und Marie N, neigten damals
dazu, den Schurken Josef, den Jungen,
mit Gewalt herauszuholen, um ihn dann
ins Jenseits zu befördern . Und viele andere
dachten auch so. Einige in dieser schönen
Versammlung sagten , daß man jetzt
die beste Gelegenheit hätte, diesen Taugenichts
von Jungen mit Gift zu beseitigen,
weil der Wache erlaubt sei, Besuche
bei Josef zuzulassen . Man könnte ihm dabei
ein Glas Branntwein mit Rattengift reichen
- oder mit einem noch stärkeren
Gift. Der Chirurgus K. 27 werde dies woh l
besorgen. Leonhard L. und andere waren
da anderer Ansicht und meinten, man solle
die Sache auf sich beruhen lassen ; denn
je mehr man den Dreck aufrühre , um so
mehr stinke der. Der Junge würde wohl
weiter sein Mau l halten , und der Richter
habe keine Veran lassung, ihn über mehr
als das Pferd zu vernehmen. Er, Leonhard
L. , solle dabei zusammen mit anderen angeben,
daß Josef an einem Sonntag, als in
Übach gerade Kirmes war, in ein Haus
eingebrochen sei und dort einige Brotlaibe
und Fladen gestohlen habe. Damit würde
der Richter dann zufrieden sein und den
Jungen verurteilen, sei es zum Tode durch
Erhängen , sei es zum Auspeitschen mit
Brandmarkung und Verbannung. Weite r
wurde bei der Versammlung beschlossen,
daß Meister Peter M., der Sattler, fl üchten
solle. Und weil er ein Jülicher war, dachte
man, daß er in seiner Heimat am sichersten
sein werde. Und so wurde beschlossen
; der Rat galt als gut und prakti kabel
und wurde bei nur geringem Widerspruch
einiger Teilnehmer angenommen . Hiermit
war die Zusammen ku nft beendet.
Unterdessen war der Richter fortgefahren ,
die Angelegenheit zu untersuchen und
man hielt es für dringlich, auch den Meister
Peter festzunehmen. Er wurde
schließlich auf Jülicher Gebiet verhaftet
und dem Gericht in Übach zugefü hrt. Jetzt
endlich bekamen die Herre n Nachtdiebe
,kalte Füße' und rauften sich die Haare.
Sie bekamen Angst, daß das ganze Spiel
bald aus sei. Sie nahmen sich darum vor
zu versuchen, Josef, der zuviel ausgeplaudert
hatte, dazu zu bringen , alles wieder
zu widerrufen. Aber Josef blieb standhaft.
Doch er bat darauf den Sch ultheiß
von Übach, weil er Angst hatte, daß man
ihn vergiften würde, dafür Sorge zu tragen,
daß ihm keine vergifteten Speisen und
Getränke gereicht werden. So wie beim
Dieb Achan, so will mir die Aufdeckung
dieser Bande wie ein Wunder Gottes erscheinen.
24
9. Kapitel
In der Herzogenrather Burg werden die Räuber
gefangengehalten, Befreiungsaktionen schlagen fehl
Als der Sattl er aus Übach verhaftet war,
wurde er dem Jungen gegenübergestellt.
Doch der verneinte alle an ihn gerichteten
Fragen, was das Pferd anging und auch
was etwaige andere Diebstähle betraf. Ja,
er war so hartnäckig, daß man erst alle
Stufen der Folter anwenden mußte - ohne
Erfolg. Doch dann endlich war er auf
einmal tief angerührt und gestand alles.
Da kann man sich leicht vorstellen, wie
betreten seine Mitstreiter daraufhi n sein
mußten ! Erst recht, als noch mehr Verhaftungen
vorgenommen werden ko nnte n.
Da wird sich manch einer gewünscht haben,
er hätte den auf der Versam mlung
damals gegebenen Rat, zu flüchten, befolgt!
Aber jetzt war es zu spät.
Der Richter hatte in der Zwischenzeit angeordnet,
daß Leute, die in der Gegend
selbst wohnhaft waren, keinen Wachdienst
mehr bei den Inhaftierten verrichten durften.
Man hatte daru m beschlossen, den
Hof in Brüssel zu bitten, hierfür einige
kaiserliche Kriegsveteranen abzuordnen.
Daraufhin wurden tatsächlich acht oder
zehn Mann herbefohlen, die den Wachdienst
auf der Herzogenrather Burg übernahmen.
Dieser Vorgang, der mit allgemeiner
Genugtuung aufgenommen wurde,
löste bei den Schuldigen natürlich große
Beunruhigung und Verstörung aus, und
viele ergriffen jetzt das Hasenpanier und
gaben so vor aller Welt ihre Sch uld zu.
Anderen wiederum konnte man geradezu
ansehen , daß sie räudige Schafe waren.
Ihr schlechtes Gewissen ließ es nicht
mehr zu, sich so zu verstellen, daß man
ihnen nicht doch am Gesicht hätte ablesen
können, daß sie etwas auf dem Kerbholz
hatten. Ich bin ganz sicher, daß keiner von
denen nachts ruhig in seinem Bett schlafen
konnte.
Es war für sie unter diesen Umständen
sicherlich recht bitter, Frau und Kinder,
Land und Leute zu veilassen. Und es war
auch wohl schmerzlich, ab jetzt als ein
Dieb zu gelten, da doch einige der Betroffenen
- wenn auch .nicht viele - bislang
als ehrliche und rechtschaffene Leute galten
. Sie hatten eben viel riskiert, und es
gab etliche, die in der Vergangenheit nie
verdächtigt wurden. Und sie dachten deshalb,
sie könnten ihr Glück nochmal versu
chen. Es könnte ihnen ja weiterhin gelingen,
unerkannt zu bleiben und vor allem
nicht verhaftet zu werden.
Wieder andere sagten sich : So viele behalten
auch die Nerven, warum soll ich
dann flüchten? Wir haben uns doch immer
gelobt, standhaft zu bleiben und keinen zu
verraten . So haben offenbar sehr viele ge-
Abb. 17: Au fnahme der Herzogenrather Burg um 1880 vor dem ersten Umbau
Foto: Burgarchiv Herzogenrath
dacht. Und als es dann ans Sterben ging,
bereuten sie es bitterlich, daß sie nicht
geflüchtet waren. Es ging ihnen dabei aber
nicht auf, daß es Gott der Herr war, der
ihnen damals den Gedanken zu flüchten
. . . , nahm. Sie konnten nicht einsehen,
daß Gott alles Übel bestraft, er
schiebt die Strafen schon einmal auf, doch
in seiner großen Gerechtigkeit erläßt er die
Strafen nicht, wenn der Sünder ohne jede
Buße in seinem Laster fortfährt.
Und so starben die Unglückseligen einer
nach dem anderen; und das vor den Augen
ihrer Anführer, die nun nicht einmal
mehr den Versuch unternahmen, sich
durch die Flucht zu retten . So kamen sie
denn selbst an die Reihe, wurden gefangengenommen
und aufgehängt.
Doch zurück zum schon angerissenen
Problemkreis: Es kam damals teils so weit,
daß die Schelmenbande den Versuch unternahm,
ihre Kumpane, die auf der Herzogenrather
Burg gefangen saßen, zu befreien.
Obgleich sie das später vertuschen
wollten , ist diese Aktion doch keineswegs
verborgen geblieben. Eines Nachts im
Spätsommer 1770 hörte man großen
Tumult im Städtchen, und man konnte sogar
Schüsse vernehmen , die offenbar der
Wache auf der Bu rg galten. Doch unsere
braven kaiserlichen Kriegshelden, die
schon so oft feindliches Pulver gerochen
hatten, schossen derart zielsicher zurück,
daß die Banditen zurückschreckten und
sich eilends aus dem Staub machten. Die
Bürger der Stadt, die alle gute Schützen
sind, kamen überall an die Fenster, bereit,
um der Burgwache Hilfe zu leisten, falls
dies nötig werden sollte.
Als den Banditen der geplante Anschlag
mißglückt war, sannen einige nach anderen
Wegen , ihre Kameraden aus dem Gefängnis
zu befreien. Peter P. und Leonhard
L. sowie noch andere aus Übach schlugen
dem Chirurgus Kirchhoffs vor, das Städtchen
nachts in Brand zu stecken. Doch
dem Kirchhoffs, der selbst in dem Städtchen
wohnte, gefiel dieser Vorschlag
überhaupt nicht, und er schien darüber
sehr ungehalten gewesen zu sein . Er
meinte schließlich, man solle sich in einer
Nacht am altbekannten Treffpunkt auf dem
St. Leonhardsberg versammeln, um weiter
zu beraten. Im Augenblick habe er hierzu
noch keine Zeit, er würde im Lauf des
September darauf zurückkommen, danach
gab er seinem Pferd die Sporen und
wünschte allen eine gute Nacht. Kurz danach
- der genaue Tag ist mir nicht mehr
erinnerlich - es muß so in der letzten
Novemberwoche gewesen sein, kam der
Chirurgus, ihr oberster Anführer mit den
führenden Köpfen der Bande zusammen,
und man überlegte angestrengt, wie man
die Gefangenen befreien könnte, damit die
ganze leidige Angelegenheit endlich erledigt
wäre. »Ja«, so sagte der Vorsitzende
dabei, »was sollen wir bloß machen?«
»Wir hätten da eine Möglichkeit«, sagten
einige aus der Runde, die sich zu Worführern
machten, »wir versammeln so viele
wie möglich aus der ganzen Mannschaft.
Diese halten sich voll bewaffnet, aber gut
getarnt, in Wiesen und Gärten im Umkreis
der Bu rg verborgen.
Und wenn wir erst alle Bürger aus der
Stadt haben, so ist die Burg sc~nell von
uns erobert. Mit den wachhabenden
25
Kriegsinvaliden kommen wir schon klar,
und was die Schlüssel angeht, so wissen
wir wohl, von wem wir die bekommen und
der uns nichts verweigert. Die Bürger kriegen
wir mit einer List aus der Stadt.
Wir werden Brandalarm schlagen. Einer
von uns steckt in Afden oder in Haanrade
(diese Dörfchen liegen beide unweit von
Herzogenrath) ein Haus oder eine Scheune
in Brand. Wir haben ja auch dort Kumpane,
die wir rechtzeitig benachrichtigen
werden . Diese geben dann sofort Alarm,
und alles Volk von Rode rennt los. Wir aber
stürmen die Burg, nehmen sie, schließen
die Invaliden ein und befreien die Gefangenen.«
Verehrter Leser, was halten Sie
von solch einem Plan, von solch einem
Vorhaben? Das scheint doch den Erzäh-
lungen über die ältesten Helden der
Menschheit entnommen zu sein! Es ist die
Kriegslist, die der Heerführer der Israeliten
anwandte. Sie haben sie der Heiligen
Schrift entnommen. Wären diese Burschen
noch lange in Freiheit gewesen, sie
hätten wohl noch kühnere Pläne geschmiedet!
Es war sicherlich alles klug
überlegt. Und wenn sie den Plan hätten
verwirklichen können, so zweifle ich nicht,
daß er ihnen geglückt wäre.
Doch der Herr über uns alle ist da weitaus
weiser und bedachtsamer, denn er vereitelt
das Verwirklichen solcher menschlichen
Ränke; er verurteilt und straft die
Bosheiten seiner Geschöpfe.
Josef Kirchhoffs, der Chirurgus, lehnte
das Vorhaben mit der Begründung ab, daß
man hierbei leicht hätte erkennen können ,
wie groß die Bande sei, und auch deshalb,
weil es Verwundete geben könnte, was
alles nur noch verschlimmern würde. Er
führte dabei den Spruch des Anklägers
von Jülich an, wonach ein ehrlicher Mann
auch nicht von hundert Strolchen überführt
werden könne. Sie aber gälten immer
noch als rechtschaffene Leute , denen kein
Richter etwas anhaben könne. »I hr aber«,
so fuhr Kirchhoffs mit großem Nachd ruck
fort, »habt doch immer wieder geschworen
, jede Folter auszuhalten und kein einziges
Wort zu gestehen.« Das war allen
Beteiligten ein großer Trost, ein jeder zog
hiermit wieder nach Hause. Aber manch
einer spülte wohl noch seine Angst mit ein
paar Schnäpsen runter.
10. Kapitel
Der Herzogenrather Chirurgus Kirchhoffs:
Seine Verhaftung, die Verhöre, sein Tod am Galgen
Ein schlechtes Gewissen ist wie ein blaffender
Hund, der uns weder am Tag noch
in der Nacht in Ruhe läßt und einem den
letzten Schlaf raubt. Es verfolgt uns auch
bei den schönen Dingen des Lebens, vermengt
jede Freude mit Bitterkeit, flößt
ständig Furcht ein, und man sieht es dem
Betreffenden an, daß er ein schlechtes
Gewissen hat.
So war es auch im Land von 's Hertogenrode,
wo man im Jahre 1771 - vor allem
in Übach und Merkstein - von nichts anderem
mehr als von Verhaftungen hörte.
Unter den Verhafteten war auch Balles
Kirchhoffs, Schuster in Merkstein und Bruder
des Chirurgus Josef Kirchhoffs, der in
Herzogenrath wohnte. Damals war noch
kein Verdacht auf den hier schon mehrfach
erwähnten Chirurgus gefallen. Woh ingegen
man gemein hin sehr wohl wußte, daß
sein Bruder Balles nie viel getaugt hatte.
Baltes Kirchhoffs starb während der Folterung
, ohne etwas bekannt zu haben. Seine
Ehefrau, Marie Notermanns, war nicht viel
besser als ihr Mann . Sie hatte in der Karwoche
das große Glück, ausbrechen zu
können. Oder besser gesagt, man ließ sie
heimlich laufen . Denn die Fensteröffnung
im Turm , durch die sie angeblich entkommen
sein soll, war so klein, daß kein normaler
Mensch da hindurchkrie_chen konnte
; erst recht nicht die Marie, welche eine
schwere und dicke Frau war. Wo Marie
danach geblieben ist, hat man nie erfahren
. Sie war eine Frau wie ein Kerl, und
wenn sie zum Stehlen mitging, zog sie
sich Männerkleider an.
Der Chirurgus, mit dem ich bekannt war,
hat sich einmal weinend bei mir über seinen
Bruder Balles beklagt. Die Tränen liefen
ihm nur so über beide Wangen, als er
in die folgenden Worte ausbrach: »Oh, ich
hatte es schon immer geahnt, daß der
Schurke nichts taugt. Darum hat er sich
auch zwei Jahre lang nicht getraut, sich bei
mir blicken zu lassen . Doch ich bin jemand,
der mit niemandem bricht, auch
wenn dieser andere aufgehängt wird . Ich
beklage aber meine arme Frau und die
Kinder. Es ist alles so bitter für einen
rechtschaffenen Mann wie mich, der wegen
seines Berufs überall hinkommt, zu
groß und klein. « Doch er verstellte sich,
dieser Mensch. Sein schlechtes Gewissen
preßte ihm die Tränen ab! (Forts. S. 32!)
Abb. 18: Aufnahme der Herzogenrather Pfarrkirche St. Mariae Himmelfahrt, wie sie zwischen 1780
und 1913/14 bestand.
Vor dem Portal der Vorgänger-Kirche wurde der Arzt Kirchhoffs 1 TTl verhaftet. Von diesem
Bauwerk gibt es keine Abbildung mehr.
Foto: Stadtarchiv Herzogenrath
26
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•_:/H OPCl-
~
(Herzogenrath)
AF-FDE.N
Karte 3: Topographische Karte der Herrschaft von Kloster Rode. (»Garte topographique de la Seigneurie de Clooster Rode «.) Kopie einer Karte von
Lambert De Rurigny (1776) . Original: Rijksarchiev Maastricht. 1\
Auf dieser Karte sind in Herzogenrath zwei Hinrichtungsstätten eingetragen: Der Galgen an der St. Leonhardskapelle (Juslice de Rolduc) und die
Galgen am Beckenberg, wo 1772 der Arzt Kirchhoffs erhängt wurde.
27
Todesurteil
des Joseph Kirchhoffs
vom 4. Mai 1772
(Originaltext)
Extraordi narie den vierden May 1772
Vonnis in Saecke
den Heere Hooghdrossard deser Stadt
en lande nomine officii Claeger
tegens
den Chirugien Joseph Kerkhoff gedetineerden.
Gesien by ons die van d' Hooftjustitie
der Stadt en lande van·s Hertogenrade
ende alles wel ende rypelijck geconsIdereert
!'Hoff ter maenisse van den
Heere Hooghschout met adv1es van
twee Schepenen van het hooftgencht
van l imburgh doende rechten definiti-
. ven. verclaren den gedetineerden
plichtigh ende overwonnen. van dat hy
ist medegesell van eene merkelijke
bende van inbreckers ende d1efven by
nachte ende dat hy met deselve geass,steert
hell aen de naervolgende inbreckingen.
knevelereyen ende diefdens:
Eerstlyck aen de huysbroecke. knevelereye
ende diefde geschiedt by Martinus
Schroeders »aen de handt«. lande
va n der Heyden. s'nachts tuschen den
19en ende den 20en January 1762.
Tweedens aen d'infractie. grouwelycke
knevelereye ende roevereye geperpetreet
by Henrich Ritzen in het panhuys
tot Wynantsraede. lande von Valkenborgh
in de nach! tuschen den 19en en
20en aprill van ·1 selve jaer.
Deerdens aen de inbraeckereye. knevelereye
ende diefde geschiedt in den
Iaere 1763 ·s nachts tuschen den tweeden
·saederdagh voor Paeschen ende
den sondagh Judica by wylen Joannes
Reynarts »aen het velt «. banke Ubach.
in desem lande.
Vierdens aen d'infract1e tuschen den
tweeden saederdagh naer Paeschen
ende den daerop volghende sondagh
van het jaar 1763 met diefde gearriveert
op d'Abdeye van Cloosterrode.
Vyffdens aen het complot In het beginsel
van het jaer 1 770 tuschen de gesellen
gesloeten ende vruchteloos getendeert
van in te brecken ende te steelen
op den hoff Drinhuysen in de voorscreven
bancke van Ubach.
Sesdens aen de Huysbreuke ende roevereye
op het pastorael huys van
Hunshoven. lande van Gu lick. uytgewerkt
in de nach! tuschen den 28den
ende 29en May van het selve 1aer.
Sevendens aen d'infractie ende diefde
aen den pastoraelen huys van Hoingen
geschiedt tuschen den 20en und 21 en
luny daernaer.
Achtens aen de violente ende merkeliJcke
dievereye uitgew,rkt ten huyse
van de weduwe Johann Willem lansen
tot Immendorf! in de nach! van den
19en tollen 20en septembris van het
selve jaer 1770.
Negendens aen de violente infractie,
grouwelycke knevelereye 't eenemal
geperpetreert tot Wurm by Steven Rintgers
ende by Hans Willem Goerz tuschen
den 12en ende 13en decembris
van het voorscreven jaer 1763.
Tot reparatie van alsoelcke schroemelycke
m1sdaeden condemneeren denselven
gedetineerden Joseph Kerkhoff
van door den Scherprechter aen eene
galge gehangen ende totten doodt toe
geworgt te worden, dien wegens met
eene kete daeran gehecht te blijven tot
exempel van andere. verclaert desselff's
goederen ende effecten te con
fisqueren voor aff daeruyt getrocken
synde de costen ende misen va n lustitie.
ten ende dat hy gedetineerde eerst
ende voorall sal worden geappliceert
ter pyn-banck tot revelat,e van syne
medegesellen ende complicen.
Aldus geconcludeert in judic10 extraordinario
van haere MaJesteyt's Hooftjustilie
der Stadt ende lande van·s Hertogenrade
op dagh dato en ten overstaen
als boven
Pro extratu.
Franz. Alexander Cox. griffier.
Abb. 19: Peinliches Verhör des Joseph Kirchhoffs auf der Herzogenrather Burg.
Kupferstich von Friedrich August Scheureck als Abbildung im Bockreiter-Buch von 1781 (vgl. Anmerkung 3 und die folgende Abb. 20!)
Original: Stadtbibliothek Aachen
28
Übersetzung
Bekanntmachung vom vierten Mai
1772
Urteil in der Rechtssache:
der Herr Hochdrossard, für die Stadt
und dieses Land als öffentlicher Ankläger
gegen den Chirurgus Joseph Kerkhotf
1 als Angeklagten.
Nachdem das Hauptgericht der Stadt
und des Landes von 's Hertogenrade
als Gericht mit dem Herrn Hauptschultheiß
und unter zu Rate ziehen von zwei
Schöffen des Obergerichts von Limbu
rg alles hinreichend und reiflich beraten
hat, wird der Angeklagte für
schuldig und für überführt erklärt. Er ist
Mitg lied einer bemerkenswerten Bande
von Einbrechern und Nachtdieben und
er beteiligte sich mit dieser an den folgenden
Einbrüchen, Knebelungen und
Diebstählen :
Erstens an dem Einbruch , der Knebelung
und dem Diebstahl bei Martinus
Schröders »aen de handt« im Land
Heyden, in der Nacht vom 19. auf den
20. Januar 1762.
Zweitens an dem Einbruch , der grausamen
Knebelung und Räuberei begangen
bei Henrich Ritzen im Brauhaus
von Winandsrade, Land von Valkenbu
rg, begangen in der Nacht vom 19.
auf den 20. April des gleichen Jahres.
Drittens an dem Einbruch, der Knebelung
und dem Diebstahl im Jahre 1763
in der Nacht vom zweiten Sonnabend
vo r Ostern auf den Sonntag Judica bei
Joannes Reynarts »aen het velt«, Bank
Übach in diesem Land .
Viertens am Einbruch in der Nacht zwischen
dem zweiten Sonnabend nach
Ostern und dem darauf folgenden
Sonntag im Jahre 1763 in die Abtei
Klosterrath.
Fünftens am Komplott Anfang 1770 mit
Komplizen - welches dann scheiterte
- mit dem Ziel, in den Hof Drinhuisen
in oben genannter Bank Übach einzu
dringen und zu stehlen.
Sechstens am Hauseinbruch und der
Räuberei im Pfarrhaus von Hünshoven,
Land von Jü lich, ausgeführt in der
Nacht vom 28. auf den 29. Mai des
gleichen Jahres.
Siebentens an dem Einbruch und dem
Diebstahl im Pfarrhaus von Hängen,
was vom 20. zum 21. Juni danach geschah
.
Achtens an dem gewalttätigen und beträchtlichen
Diebeszug zum Haus der
Witwe Johann Wi llem Jansen in Immendorf
in der Nacht vom 19. auf den
20. September des gleichen Jahres
1770.
Neuntens an dem gewaltsamen Einbruch,
der grausamen Knebelung begangen
in Würm bei Steven Rintgers
und außerdem bei Hans Willem Goerz
zwischen dem 12. und 13. Dezember
im bereits oben erwähnten Jahre 1763.
Zur Vergeltung dieser abscheulichen
Untaten verurtei len wir den angeklagten
Joseph Kerkhoff dazu, daß ihn der
Scharfrichter an den Galgen hängt und
dabei so lange würgt, bis der Tod eintritt.
Als Lehrbeispiel für andere soll er
danach mit einer Kette befestigt werden
und hängen bleiben .
Es wird bestimmt, daß sein Grundbesitz
und seine Wertgegenstände beschlagnahmt
werden , um hieraus die
Prozeßkosten und die Aufwendungen
des Gerichts zu bestreiten. Schließlich
aber soll der Angeklagte noch auf der
Folterbank einem verschärften Verhör
unterzogen werden , damit er seine Mitstreiter
und Komp lizen benennt.
So in außerordentlicher Gerichtssitzung
beschlossen von Ihrer Majestät
Hauptgericht von Stadt und Land 's
Hertogenrade.
Verkündet an Tag und Datum wie oben
angegeben.
Für die Niederschrift
Frans Alexander Cox, Griffier 2
Historische Anmerkung :
Das Urteil wurde Ki rchhoffs vom Gerichtsschreiber
Franz Alexander Cox (später Bürgermeister
von Herzogenrath) verlesen. Wie darin festgehalten.
wurde Kirchhoffs dann am 6. und 7. Mai
barbarisch gefoltert. Man mußte nach der damaligen
Rechtsordnung unbedingt ein Geständnis von
ihm haben. er aber gestand nichts.
(Das R1Iksarchief Maastricht bewahrt das Original
dieses Urteils. Die Transskriplion des Textes findet
sich bei Gierlichs, Geschiedenis der BokkeriJders.
Roermond 1940, S. 193 f. Übersetzung aus dem
Niederländischen: Rudrnck.)
1 Im Text des Todesurteils wird nicht »Kirchhoffs«.
sondern »Kerkhoff« gesagt. Der Chirurgus
selbst nannte sich aber »Kirchhoffs« , wie
wir aus seinem Bewerbungsschreiben um die
Herzogenrather Chirurgen-Stelle an Abt Fabritius
von Kloslerralh aus dem Jahre 1752
wissen.
2 Der Gnffier (auch: Grefflers) hatte nach dem
Schultheiß das wichtigste Aml inne. Als Sekreta
r fuhrte er die Gerichtsakten und hatte das
Schöffensiegel in Verwahr. Bei Gericht oblag
ihm die gesamte Organisation des Prozesses.
1\
Abb. 20: Dieses zeitgenössische deutsche Flugblatt zeigt und beschreibt die grausigen Foltermethoden der Zeit. »Tortur und Hinrichtung des
französischen Königsmörders Damien 1757«. Der Anschlag auf König Ludwig XV. mißlang allerdings. Original: Germanisches Museum Nürnberg
29
.H.ueelrad
• h11uv l, u~:_9
1
.z
0
Karte 4:
„Karte des Herzogtums Limburg und der lande
von Valkenburg, von Dalhem, von Herzogenrath
sowie von Aachen und so fort. - Von Herrn
Robert, Ordentlicher Geograph des Königs, mit
Erlaubnis 1748."
(Der Kartenzeichner Gilles Robert de Vaugondy
( 1688 - 1766) war ein Enkel des berühmten
französischen Kartographen Nicolas Sanson
(1600 - 1667). Als Robert den kleinen Atlas
herausbrachte, aus dem diese Karte stammt,
t griff er auf kartographische Unterlagen von
li Sanson und dessen drei Söhnen zurück.) Das
Original hat die Maße 205 x 160 mm und ist ein
• Dreifarbendruck (Privatbesitz).
Diese Karte, die zur Zeit der ersten Bockreiter-
• überfälle entstand, enthält sämtliche von Pfar-
1
r.. rer Daniels (SLEINADA) erwähnte Orte. Da es
sich um eine in Frankreich entstandene Karte
f handelt sei eigens angemerkt, daß AIX LA
1 CHAPELLE Aachen, ROLDUC Herzogenrath
und FAUQUEMONT Valkenburg ist.
Die gepunkteten Linien sind jeweils die Gebiets-
bzw. Landesgrenzen.
,,L~ .
'0
1\
30
31
In den Monaten Juni und Juli kam allgemein
das Gerücht auf, daß der Chirurgus
Kirchhoffs der oberste Anführer der Bande
sei. Kirchhoffs wurde unruhig, er hastete
mit seinem Pferd mal zu diesem, mal zu
jenem Advokaten, um sich Rat und Auskunft
zu holen. Die meisten rieten ihm,
sein Leben durch die Flucht zu retten . Das
aber wollte er auf gar keinen Fall tun, bis er
dann schließlich im August 1771 verhaftet
wurde. Er kam gerade im Morgengewand
aus der Kirche, wirkte gelassen und sagte
bei der Verhaftung weder ein gutes noch
ein böses Wort. So wurde er auf der Burg
in Fesseln gelegt.
Beim Verhör konnte man seine Antworten
immer schon ahnen, noch bevor sie gegeben
waren. Immer wieder gab er nämlich
an, von all dem, was man ihn fragte, nichts
zu wissen. Als er mit anderen Verhafteten
konfrontiert wurde, sprach er diese stets
überaus freundlich an und beantwortete
die gestellten Fragen ohne jedes Zögern
und ohne erkennbare Erregung. Das erstaunte
alle Beteiligten.
Man führte das Verfahren gegen ihn fort
und verfügte das sogenannte ,peinliche
Verhör', die Folterung. Diese Tortur wurde
an ihm dreimal wiederholt. Doch so überaus
hart sie auch war, man brachte ihn
dadurch zu keinerlei Geständnis. Schließlich
wurde am 22. April 1772 28 das Todesurteil
verkündet.
Im Urteil wurde vermerkt, daß vor der Vollstreckung
erneut die Tortur angewendet
werden soll. Man verlas ihm diese Bestimmung,
und der Scharfrichter begann unverzüglich
mit der Folterung . (Vgl. Text
des Todesurteils S. 29!)
Für sein Seelenheil und zur Erleichterung
seines Gewissens hatte man einen Jesuiten,
den Pater Zünder, zu ihm geschickt.
Dieser hatte am Morgen , am Tag der Tortur,
alle Kinder von Herzogenrath in einem
Nebenraum der Burg versammelt, um dort
für die Bekehrung und Umkehr des Sünders
zu beten. Doch vergebens.
Kirchhoffs wollte auch nicht ein einziges
Wort bekennen. Nachdem er einige Stu n
den mit schweren Gewichten an den Füßen
auf dem Wippgalgen (auch Pferdchen
genannt) verbracht hatte und der Richter
erkennen mußte, daß alles nichts nutzte,
wurde er losgebunden und dem Beichtvater
übergeben. Nachdem ihn nun der
Scharfrichter befreit hatte, brach der De linquent,
unser Chirurgus, in die folgenden
Worte aus: »Meine Herren ! Habt Ihr nun
endlich Eure Genugtuung? Und wenn immer
noch nicht, so packt mich , reißt mich
in lauter Stücke und werft sie hier in das
Feuer - aber auch dann werdet Ihr genauso
wen ig von mir zu hören bekommen
wie bis jetzt! « Damit ging er aus der Folterkammer
hinaus in den Nebenraum, wo die
braven Kinder mit Pater Zünder beteten.
Beim Herei nkommen sagte Kirchhoffs:
»Pater, dü rfte ich Sie vielleicht um Ihren
Namen bitten?« Der Pater antwortete:
»Ich bin der Pater Zünder.« Darauf Kirchhoffs:
»Oh, mein Gott, dann sind Sie gerade
recht gekommen. Ich bin ein großer
Sünder 29 !« Daraufhin ließ ihm der Pater
sogleich geistlichen Beistand zukommen,
wobei er an das vorangegangene Wortspiel
an knüpfte.
Als er in dem erwähnten Nebenraum war,
fiel der große Sünder - als den er sich ja
selbst bezeichnet hatte - auf die Knie,
faltete seine Hände und betete zusammen
mit den Kindern . Hierauf führte man ihn
wied er in seine Zelle, wo er bis zum Tag
der Hinrichtung blieb - im mer im geistlichen
Gespräch mit Pater Zü nder al s Vorbereitung
auf die große Reise in die Ewigkeit.
Der Pater, der ein gelehrter und weiser
Mann war, drang in ihn, wan n immer sich
dazu eine Gelegenheit bot, aber der Meister
Kirchhoffs ließ sich lieber schweigend
aufhängen , als daß er bekannte, schuldig
oder unschuldig zu sein. Nur als er dann
die Leiter zum Galgen erklomm , bebte und
zitterte er. Er befahl dem Herrn seine Seele
und rief: »Jesu, Dir lebe ich; Jesu, Dir
sterbe ich! « Dann stieß ihn der Scharfrichter
von der Leiter.
11. Kapitel
Selbst wenn es anders scheint, Kirchhoffs war schuldig!
Wenn man in einer Sache richtig urteilen
will, so darf man sich nicht durch falschen
Schein den Blick trüben lassen. Denn
selbst wenn einer dem äußeren Schein
nach heiligmäßig gestorben ist, muß man
ihn nicht gleich heiligsprechen. Wenn jemand
aufgehängt wird, ohne daß er zuvor
seine Schuld gestanden hat, ist der Betreffende
dann in jedem Fall unschuldig? Um
gerecht zu urteilen, muß man näm lich alle
aufgeworfenen Fragen lösen, wie sie sich
für einen gewissenhaften und gerechten
Richter stellen. Erst dann läßt sich ein gerechtes
Urteil fällen . Über unseren aufgeknüpften
Chirurgus gingen die Meinungen
weit auseinander, vor allem bei den kleinen
Leuten. Die aus der Bande waren
hocherfreut, daß ihr Anführer so gut geschwiegen
hatte, und sie begannen, ihn
zum Märtyrer ihrer Gemeinschaft auszurufen
. Nachdenkliche Leute aber vertraten
die Meinung, man hätte das Urteil nicht so
schnell vollstrecken sollen ; vielleicht wäre
er doch noch zur Umkehr gekommen, und
die ganze Sache wäre aufgeklärt worden.
Man hätte ihn also - auch wenn sich dies
über Jahre erstreckt hätte - besser noch
im Gewahrsam gelassen.
Um jetzt bei allen leichtgläubigen die vollkommen
falsche Einschätzung zu korrigieren
, muß ich noch etwas verdeutlichen.
Und dies wird überdies die Einsichtigen in
ihrer Beurteilung der Sache bestätigen
und stützen .
Am Morgen der Hinrichtung von Kirchhoffs
kam der übervorsichtige Herr Schultheiß
von Herzogenrath zu den Gefangenen,
durch deren Aussagen der Chirurgus
überführt worden war, und er stellte jeden
einzelnen noch einmal zur Rede: »Seht,
ihr wißt, daß ihr angegeben habt, der Chirurgus
Kirch hoffs sei schuldig. Er sei der
Anführer der Bande. Er aber beteuert, völlig
unschuldig zu sein. Bedenkt darum
noch einmal gut, was ihr sagt. Noch ist es
Zeit. Heute muß er aber sterben, und Ihr
habt dann seinen schändlichen Tod bewirkt.
Denn wenn Kirchhoffs unschuldig
stirbt, werdet Ihr niemals in die ewige Seligkeit
eingehen .«
Der erste der so befragten Gefangenen
sagte : »Mein Herr, und wenn ich noch
heute gemeinsam mit ihm sterben müßte,
ich würde doch nichts anderes aussagen,
als daß er schuldig ist. Er ist schuldiger als
ich, drauf will ich leben und sterben. « Der
zweite gab an : »Jetzt hört einmal zu! Dieser
Schuft wird sich eher hängen lassen,
als daß er auch nur ein Wort verrät. Er wird
sich felsenfest an seinen Eid halten, wie er
es auch uns immer eingehämmert hat. « Im
gleichen Sinn sprachen auch alle anderen
Häftlinge, und einige klagten sich an, daß
sie sich zum Mittun in dieser Bande hatten
verführen lassen.
Nun, wie soll man denn jetzt die Unschuld
des ach so harmlosen Meister Kirchhoffs
beurteilen? Doch ich will ihn nicht nach
seinem Tod noch zusätzlich beladen. Er
wurde schon vor dem Angesicht des ewigen
Richters gerichtet.
32
12. Kapitel
Auch in den ehrenwertesten Familien gab es
schwarze Schafe
Eigentlich bin ich nie dafür gewesen, alte
Geschichten immer wieder aufzurühren.
Das würde den Familien, aus denen ei ner
hi ngerichtet wurde, neues Leid und neuen
Kummer be reiten. Es hat auch ke iner Veranlassung,
seine Mitmenschen zu verachten,
denn so schön und ehrlich ein Gesicht
auch sein mag, es kann dennoch kle ine
Flecken und Fehler haben. So war es seinerze
it auch bei manch ei ner Familie, die
ehrsam und rechtschaffen zu sein schien .
Es gab darin dennoch Mitglieder, die Sorge
bereiteten . Wenn man es sich klar vor
Augen führt, ist es eigentlich eine große
Du mmheit, wenn eine Fami lie derartige
Gauner und Taugenichtse deckt. Gab es
nicht Könige und Fürsten, die ih re eig enen
Familienangehörigen auf dem öffentlichen
Schafott hi nrichten ließen? Ja, man kann
doch geradezu von Glück reden, wen n so
die Spreu vom Weizen getrennt wird und
die Familien sauber we rden. We r weiß
schon, was noch alles auf uns zukommt!
Auch wenn jetzt das grüne Gras auf unseren
Feldern steht, so kön nen wi r nie sicher
sein, ob es nicht alsbald verdorrt. Auch
ehre nhafte Familien sind dieser Gefahr
ausgesetzt. Und wer mir jetzt immer noch
keinen Glauben schenken will, der sollte
einmal den kurzen Vers lesen, der über
e•inem Kamin in Nürnberg geschrieben
steht:
»Findet sich in Deinem Stamm
weder Hur' noch Bösewicht,
so tritt her und wische dann
vom Kamin hier dies Gedicht! «
(Originaltext bei Sleinada:
»Vind men in Uw stam geen 'Hoer nag
dief, nog guyt.
Veeg dan , als gy kunt dit Schoorsteenveersken
uyt. «)
Ich betone darum nochmals, daß ich kein
anderes Ziel habe als die Bekehrung derer,
die uns noch verblieben sind. Es geht
mir auch um die Abschreckung .
Di e Leute sollen sehen, wie gefährlich es
für alle Zeiten ist, wenn man sich nicht vor
übler Gesellschaft hütet. Wie geruhsam
. .
~i-- ~ ---
. . - ....
. ---..
.
lebt es sich dahingegen, wenn man bescheiden
ist und sich mit dem begnügt,
was man hat, so wenig dies auch sein
mag.
Die Namen der Hingerichteten - sie folgen
hier gleich - sollen nicht aufgeführt
werden, um ihre erlittene Strafe noch zu
vergrößern , sondern um den Menschen in
späterer Zeit einen nachhaltigen Eindruck
zu vermitteln, auf daß es ihnen so recht
graust vor dieser Bande. Ich tue das alles
mit großer Betrübnis; wenn ich an jene
denke, so wünsche ich ihnen die ewige
Ruhe. Um keine Ehrabschneidung zu begehen,
habe ich lediglich die Vornamen
und die Anfangsbuchstaben des Familiennamens
aufgeführt.
Das Trauerspiel wurde 1771 durch zwei
Einbrecher in Merkstein eröffnet. Es war
der 7. des Weinmonats. Den beiden folg
ten am 15. des gleichen Monats neun au s
Übach. Aber dann ging es richtig los, und
die ganze Bande im Land von 's Hertogenrode
wurde aufgedeckt.
Abb. 21: Öffentliche Hinrichtung durch Schwert, Rad und Galgen. Zeitgenössischer Kupferstich von Daniel Chodowiecki 1774.
Foto: Ullstein Bilderdienst
\
33
Namen der im Land von
's Hertogenrode Hingerichteten
(ab 7. Oktober 1771 )
Arnold Z., genannt ,den knobb'
Johannes Peter K.
Niklas R. (Junior)
Ruth S.
Peter P.
Christian T.
Philip Ez. (Dieser Philipp Ez. war fremd
und kam aus einer angesehenen
Familie in Deutschland.
In Merkstein geriet er ins Unglück.)
Peter P.
Wilhelm P.
Gabriel R.
Peter M.
Leonhard M.
Hans Heinrich H.
Leonhard P.
Josef K. (der Anführer aus Herzogenrath)
Cornelius D.
Leonhard D.
Zander R.
Hans Simon N.
Hans Heinrich V.
(wurde an einem Bein aufgehängt,
weil er sich selbst ums Leben brachte.)
Albert S.
Johann Mathias S.,Wilhelm und Theo S.
Vettern, bzw. Brüder
Johannes B.
(genannt das Klarinetten-Männeken)
Wilhelm Heinrich H.
Nikolas N.
Dirk S.
Josef K. (der Junge aus Übach)
Der letztgenannte wurde am 12. August
1776 aufgehängt. Dieser Christian F. war
noch ein ganz junger Mensch, und er war
zum Schluß ganz von Sinnen, er schrie
und brüllte wie ein Rasender.
Wienand M.
Peter M.
Adolf S.
Brüder
Heinrich S.
Peter M. , der Sattelmacher
Anton S.
Ge rd P.
Josef B.
Reiner C.
Peter B.
Conrad Cro.
Heinrich Josef Cro.
Wilhelm, ein wallonischer Bettler
Wilhelm und Mathias M. (Brüder)
Johannes Pa.
Gerhard A. aus Herzogenrath
Wilhelm A.
Mathias M.
Martin P. (Bürgermeister von Merkstein)
Hubert C.
Hans Leonhard G.
Arnold Es.
Hans Wilhelm Es.
Nys, Th.
Peter Kr.
Reiner E.
Hans Wilhelm W.
Johannes P. , Johannes Cu.
Johann Baptist So.
(aus der Picardie gebürtig)
Hans Peter K.
Nis R.
Caspar 1.
Christian F.
f~
. , ',
. -
t
- .{ - -
In der Herrlichkeit Rimburg,
im Land von
's Hertogenrode,
wurden erhängt:
Mathias H. und Anton J. (genannt Rades-Toontje).
Martin N., ein Altschöffe
von dort, hatte sich im Gefängnis mit
Heu stranguliert, er wurde darum hinausgeschleift
und an einem Bein aufgehängt.
Im Gefängnis in Herzogenrath
sind gestorben:
Baltes K., der Bruder des Anführers
(durch innere Verletzungen auf der Folter
verstorben)
Peter H.
Johann und Rochus D. (Brüder)
Arnold L.
Johannes J .
Niklas K., der Ältere
Mathias D. (Schöffe von Merkstein)
34
Peter W.
Mathias Ern.
Franz Wilhelm W.
Mathias E.
Johann Anton W.
Nis Do.
Abb. 22: Turm von Burg Rode Herzogenrath, der als Gefängnis
diente. Erbaut zwischen 1389 und 1393. Foto: Rudnick
Aus dem Herzogenrather Gefängnis flüchteten:
Maria N.
(gebürtig aus Schinnen im Land von Valkenburg,
Ehefrau von Baltes K.)
Jakob N.
Pete r Ja., Dirk Ja.
Wilhelm R.
Johann Leonhard F.
Dirk S.
(wurde gegen Kaution freigelassen)
Leonhard H.
Aus dem Land von 's Hertogenrode flüchteten :
Anton G.
Peter Josef P.
Wil hel m P.
Conrad K.
Josef D.
Baltes H.
Nis K.
Jakob Sm .
Hans Peter Sp.
Leonhard Sp.
Hans Peter Ku .
Niklas Josef Of.
Di e Hinrichtungen erfolgten im Land von 's
Hertogenrode unter den edlen und gestre
ngen Herren, dem Oberschu ltheiß der
Stadt und Freiheit von Herzogenrath und
Simpelveld , Herrn W. J. de Limpens; dem
Schultheiß der Bank Merkstein, Herrn P.
Poyck, wohnhaft zu Ehrenstein ; dem Drosten
der Herrl ichkeit und Bank Kerkrade ,
Herrn N. Greefkens ; dem Schultheiß der
Herrlichkeit Rimbu rg, Herrn N. Corneli und
dem Schultheiß der Bank Übach, Herrn
J.T.A. de Limpens.
Hans Heinrich Tr.
Wilhelm E.
Martin Ja.
Wi lhelm B.
Christian M.
Johann C.
Nis M.
Niklas van d'H.
Niklas E.
Josef V.
Dirk Go.
Johann Ke.
Durch Gerichtsurteil der Herrlichkeit Alsdorf wurden gehenkt:
Ludwi g L.
Egidius J.
Jakob J.
Lam bert K.
Mathias M.
Josef D.
Niklaus 1.
Heinrich P.
Johann K.
Mathias L.
Leonhard K.
Holger P.
Geflüchtet sind:
Johann Heinrich 1. , Niklas H. , Heinrich K.
Schultheiß war dort (in Alsdorf) Herr N.
Corneli.
Da seht Ihr nun, verehrte Leser, welch
verheerende Auswirkungen die Sünde
hat. Und noch besser werdet Ihr dies aus
der Geschichte des Zeuxes ersehen können.
Jener, so erzählt es ein gewisser
Bizinelli P., beherrschte die Kunst, alles
malen zu können. Doch einmal mußte er
über die Kunstfertigkeit eines seiner Gemälde
so sehr lachen, daß er einen Herzschlag
bekam und wenige Tage darauf
verstarb. Ist nicht auch die Sünde das
häßliche Abbild unserer eigenen Bösartigkeit?
Haben wir nicht zunächst auch Wohlgefallen
an unserer Schlechtigkeit? Doch
wie verhängnisvoll ist diese falsche Freude,
da wir ja wissen, daß der Sünde stets
die Strafe auf dem Fuße folgt! Dann erkennen
wir, daß da ein ewiger und gerechter
Richter thront, und wir wünschen uns dann
zu spät, wir wären allezeit den Weisungen
des Schöpfers allen Seins gefolgt.
Abb. 23: Schloß Ehrenstein (Kasteel Erenstein)
im Ansteltal bei Kerkrade. (Dieses KaSfell wird
erstmals 1342 urkundlich als Sitz des Adam
van Eyderenstein erwähnt und gelangte 1707
an die Familie Poyck.)
Foto: Rudnick
35
13. Kapitel
Erste Verhaftungen im Land von Valkenburg
Als nun diese gottlose Bande im Land von
's Hertogenrode aufgedeckt war, herrschte
im Land von Valkenburg noch eine gewisse
Zeit der Ruhe. Doch der junge Josef
K. aus Übach hatte seinen Wachen im
Gefängnis schon gesagt, daß es in Heerlen
und Heerlerheide nur so von Schelmen
wimmele. Man wußte aber bislang
noch nichts Näheres. Dies lag vor allem
daran, daß es in Herzogenrath wenig Gauner
gab, die ihre Spießgesellen aus Valkenburg
kannten . Und diejenigen, die
wohl welche kannten , schwiegen sich wegen
dieses teuflischen Eides darüber aus,
weil sie dieser - wie sie fest glaubten -
zur Verschwiegenheit verpflichtete. Aber
auf der Folter wurde dann endlich doch
etwas über Valkenburg bekannt. Der Fall
Valkenburg ist danach völlig aufgerollt
worden . 1772, des Nachts zwischen dem
7. und 8. Dezember, hatten sich einige,
ohne Wissen der Bandenführung, versammelt
und ausgemacht, in der Caumermole
bei Heerlen einzubrechen. Jakob Ju. , der
seinerzeit dort als Knecht arbeitete, kannte
das Anwesen recht gut und wußte, wie in
die Mühle einzubrechen war. Es glückte
ihnen auch , und sie stahlen einige Sack
Getreide, das dort stand , um gemahlen zu
werden .
Als der Müller des Morgens aufwachte,
kam sein Knecht zu ihm , um den Diebstah l
zu melden . Der Meister war sehr verärgert
und ermittelte gründlich, wo seine Säcke
wohl geblieben sein könnten. Und als er
einige Verdachtsmomente gesammelt hatte,
gab er diese an den Richter weiter und
beantragte zugleich eine Hausdurchsuchung.
Noch am selben Tag , es war das
Fest Mariä Empfängnis, wurde - weil inan
kein Aufsehen erregen wollte - die Hausdurchsuchung
während des Hochamtes
durchgeführt. Man brauchte gar nicht lange
zu suchen, weil man schon ahnte, wo
die Säcke waren. Mit kleiner Bewachung
kam man in das Haus der Marie Katrin D.,
genannt ,de Bus', und fand da die Getreidesäcke.
Der Hausherr Ger oder 'Gerhard'
D. versuchte sein Heil in der Flucht.
Mit etwas Glück faßte man ihn aber sehr
bald, und der Verblüffte gestand sofort das
Vergehen und sagte sogar noch aus, daß
Jakob Ju., Johannes S., Peter J. und noch
andere beim Einbruch mitgemacht hätten.
Der Richter stellte einen Juden, mit Namen
Moses, als Wachtposten neben den
festgenommenen Gerhard D. Doch der
Verhaftete überrumpelte· seinen harmlosen
Wächter ohne jede Mühe und ergriff
die Flucht. Der Richter hatte in der Zwischenzeit
weitere Verhaftungen vorgenommen.
Dies gelang ihm, als das Hochamt
zu Ende war und alle Leute aus der
Kirche kamen. Keiner wußte bis zu diesem
Zeitpunkt, daß die Festgenommenen Mitglieder
der Bande waren.
Jakob Ju., ein gutaussehender junger
Mann, schien dabei sogleich den drohenden
Galgen vor sich zu sehen. Er war
sichtbar bestürzt und von Angst erfüllt,
was er nicht mehr verbergen konnte. Als
er dann hörte, daß sie alle nach Valkenburg
ins Gefängnis gebracht würden, bat
dieser junge Mensch, daß man seinen
Pfarrer zu ihm kommen lassen möge;
wahrscheinlich wollte er beichten, wei l er
das bohrende schlechte Gewissen fühlte.
Abb. 24: Bockreiterbrunnen auf dem Herzogenrather Ferdinand-Sehmetz-Platz, der 1962 aufgestellt
wurde.
Foto: Stadtarchiv Herzogenrath
36
14. Kapitel
Wie die gerechte Strafe die Diebe aus
dem Land von Valkenburg ereilt
Wie wunderlich es doch mit einem
sch lechten Gewissen zugehen kann, kön
nen wir der folgenden Geschichte entneh
men:
Kai ser Karl V. war ein großer Liebhaber
von Uhren. Darum hatte er stets eine größere
Anzahl von Taschenuhren vor sich
auf dem Arbeitstisch liegen. Unter seinen
Gefolgsleuten befand sich nun ein Edelmann,
der sich, als der Kaiser einmal nicht
im Raum war, eine dieser Uhren nahm. Er
dachte sich, bei so vielen Uhren würde es
gar nicht auffallen, wenn eine davon fehlte.
Der Kaiser jedoch, der sehr schnell merkte,
daß da ein Wolf unter den Schafen war,
verhörte sofort alle seine Höflinge, die
aber ihre Unschuld beteuerten. Als nun
schließlich auch der Täter zur Sache gehört
wurde, versuchte dieser mit aller Gewalt,
den Verdacht von sich zu weisen .
Aber im gleichen Augenblick begann das
Ührchen abzulaufen. Die kleinen Räder
drehten sich, das Hämmerchen begann zu
schlagen, das Glöckchen fing an zu klingen
. Kurz und gut: Der Kerl stand mit
hochrotem Gesicht da und war des Diebstahls
überführt!
So ist auch das Gewissen wie ein Uhrwerk.
Auf einmal beginnt es zu schlagen,
und das dann so geräuschvoll, daß alles
offenbar wird, was lange verborgen war.
Der eigene Mund ist dann wie eine Schelle
mit der Zunge als Klöppel, die alles verrät
und die Geheimnisse ans Tageslicht
bringt. So erging es den Bösewichten, die
in Valkenburg gefangen waren. Sie wur-
matritt
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fenniret,· ble bt" ;.f)oOdnbern gr~imn ; i" bem
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Iltis f~nbtl!!, fimb_ur9" ftlbft. t>iefc Sial'tt li~9ct
on eintan 0ergt, on btffen Ju~i fleulit bie \IGc=
ftr, unb an bitfc.r lieget Ne ~l)f~aN 'I),1l~e111.
~al!! 9an1e ~triogtf)um btfte~~t ,1u11 ~ergcn uub
t~Jlern, unb ~ot gurtn 'l(cferb,111, nod) mr~r aber
Crtftlid)e ~tibe unb ~ir~1ud1i. 'Der bon \lerfer=
tiQU st'aft n,irb, l\)fgtn feines ~mlid)m Q>efd111i.t•
<fif, nirit unb brtlt wrfi1~rrt; eis 9irbet ,111d) an,
ft~nlid)t Q:iftn~rgn,ntt barinnt. l)ic @:illl\ll)~IICC
iibtr~aupt ~nb gute fat~ollf<bt 1.!~1riften, unb fllnfl
btm 31,i, unb ~m ~anbtl 1ugtt~an, ':i:>at:1 1im•
fmrgtr fanb ent~drt auffer All>ll ~rafid1.iirm bie
~errfdJnft '11 .l)rrtogtnrabe, b.t\lon ein 6,i1.:f, bas
~ie bm) @ericblllbltlrlctt, ober roit 1111m bort
fprid)t, ~dntt von ~i1lprn, IDlergenrabe unb
_1'it lion ~.1alt1, ~olftt unb \Ucl)lm begreift; bie
J>oUdnbcr bc!l~en; ·bat! ,mbm IStucf ill otlmei•
d}lfd,, unb barinllt ljl a11d.1 ~~r J)auptllr( be&
Unbc6tn~; J>rrtegtnrabt ·obtl' .l)u&ogcnrob, roie
bit J)ocbbrmfdJtn ttS
nusf pwbrn, eine füine
ecGbt, om l)luffc ll8or111 9cle9en.
'.Jn bitfer etabt ~trJogtmob tircluglldt flc6
&tt'titd 1i0r brtl)jig ~abren iit'I ·\llljtfcdf, bir' Mit
geringed 1'uftfjtn nl4ctt,~ , ber o~ tl11 illetf
ti,, 6ot~n•. III ~911 fefJitn," ht&clll '~ ~I! $Clf-;
Mnt n11rurli~t llrf11d)t11 angt~fl ·11,ttn, • :•ia·
rin bod) btr Eloge nad) bie v•m•~tltn 3-n!Uiw·
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G,srnbtn. • • •
Abb. 25: Titelseite und Textauszug in Faksimile aus dem Bockreiter-Buch von 1781 (ein Exemplar der Original-Ausgabe ist in der Aachener
Stadtbiliothek greifbar). \
Der Erscheinungsort dieses kleinen Buches ist unbekannt, der Inhalt lehnt sich zwar an die Geschehnisse um die Bockreiter zwischen Maas und Rur
an, es wimmelt darin aber von historischen Fehlern. Das Büchlein beweist jedoch das Interesse der damaligen Leser an »Histörchen«, die sich
legendenhaft um Menschen mit Teufelskünsten rankten.
37
den verhört und über die Einzelheiten des
Diebstahls befragt. Sie überführten sich
dabei selbst.
Der Richter ordnete die Folter für alle Angeklagten
an . Der Fall schien danach abgeschlossen,
denn alles schien - Gott sei
Dank - völlig aufgedeckt und die ganze
Bande bekannt, nicht allein im Land von
Valkenburg, sondern auch in den angrenzenden
Gebieten.
Die Fahndung erstreckte sich nämlich weiter
nach Heerlen, von da in die Bank Beek.
Die in Beek Verhafteten verrieten die von
Elsloo und Geul und so fort. Mit einem
Wort, die Fahndung ging von Dorf zu Dorf,
und man kam sogar bis Munsterbilsen und
noch weiter auf die andere Seite der Maas.
überall wurde festgenommen, und überall
konnten viele flüchten. Andere wiederum
mußten bei Freunden oder Verwandten
aufgespürt werden, denn es ist unbegreiflich,
wie verblendet die Leute doch waren!
Seinerzeit fragte ich selbst einen , kurz bevor
er aufgehängt wurde, weshalb er denn
nicht außer Landes geflüchtet wäre, und er
antwortete: »Ach , hätte ich das doch bloß
getan! Aber es waren noch soviel von der
Bande hier, daß ich mir dachte, wenn die
sich noch alle unentdeckt hier aufhalten ,
dann brauche ich auch nicht wegzulaufen.
Meinen Namen wird wohl niemand nennen.
Aber jetzt ist alles zu spät. Ich bin
scheinbar doch für den Galgen geboren
worden . In wenigen Augenblicken werde
ich sterben müssen! « Das waren die tröstlichen
Worte, die sich dieser Unglückliche
selbst gab . Es kann darum niemand meinen,
die Verurteilten wären alle völlig unbeteiligt
und ungerührt unter den Galgen
getreten.
Von denen, die zwischen dem 8. Oktober
1772 und dem 22. April 1773 in Valkenburg
gefangen saßen - und durch welche
die Bande so weitgehend aufgedeckt wurde
- sind am 3. April 1773 drei zum Tode
verurteilt worden . Am 20. April 1773 wurden
sie dann in Heerlen aufgehängt. Gemäß
dem in Holländisch-Valkenburg geltenden
Recht hat man den Verbrechern 24
Stunden vor der Hinrichtung ihr Todesurteil
mitgeteilt. Die Delinquenten hatten
sich allerdings schon auf ihren nahen Tod
eingestellt. Sie sind mit dem Eingeständnis
gestorben, nur die Wahrheit gesagt zu
haben, und so werden sie auch vor dem
ewigen Richterstuhl Rechenschaft ablegen.
Aber wir wollen bei alledem nicht die Huld
der Obrigkeit in den landen von Overmaas
{holländische Seite) vergessen, welche
erlaubt hatte, daß alle Verurteiiten bei
ihrem letzten Gang einen Geistlichen ihrer
Konfession zur Seite haben durften. So
konnten die Missetäter tr.ostreich im Frieden
mit ihrer eigenen Rel igion sterben.
Diese Gunst war zweifellos ein Zeichen
wahrer Menschlichkeit und verdient das
Lob aller Welt. Die lande von Overmaas
schulden ihrer huldvollen Obrigkeit hierfür
den ewigen Dank.
Wir kommen dann jetzt wieder zu unserem
eigentlichen Anliegen, und deshalb folgen
nun die Namen der Hingerichteten aus der
Hauptbank Heerlen im Land von Valkenburg.
Am 20. April 1773
Jakob Ju., Peter Ja. und Johannes S.
Am 12. Mai
Johannes Gor. Andreas Go.
Wi lhelm Gor. Heinrich K.
Gerhard van den R. Jan G.
Am 25. im gleichen Monat wurde Jakob
Sch . gerädert und mit dem Beil enthauptet.
Er war Glaser von Beruf und hatte
bereits im November 1754 bei Hamond im
Lütticher Kempenland einen Juden ermordet.
Am 15. Juni 1773 wurden aufgehängt
Bernhard K. Dirk R.
Hermann J. Jakob Ri.
Mathias van den 8. Niklas Re.
Niklas C.
Am 20. Juli
Peter 8.
Wilhelm V.
Hanspeter Vr.
Mathias Se.
Wilhelm G.
Am 17. August
Hermann H.
Leonhard Gu .
Johann Wilhelm Vr.
Am 10. November
Peter R.
Johannes H.
Franz B.
Philipp Her.,
Sohn des Schinders
von Heerlerheide
Peter G.
Lens Or.
Leonhard Sp.
Thomas Bo.
Johannes, auch genannt Hompershans.
Desgleichen Niklas He. , der Schinder von
Heerlerheide, der lebend gerädert wurde.
Maria Katharina D., genannt 'de Bus'
Katharina R., genannt ,de Leus ', beide gebannt.
Am 7. Oktober wurden aufgehängt
Mathias C. und Mathias W.
Am 24. Oktober 1773 wurden in Beek im
Land von Valkenburg hingerichtet und in
Beek auf der Graetheide aufgehängt
Abraham Nathan, Anton R.
ein Jude
Dirk H., Schinder aus
Gehard S. Beek, Bruder von
vom ,Wolfend ' Niklas, dem Schin-
Johannes V. der aus Heerlerhei-
Martin L.
de, der lebend gerä-
Wilhelm GI. dert wurde.
Am 14. Oktober wurde die Leiche von
Mathias Sc. aufgehängt.
Daem Go. Gerhard S.
Friedrich P. Andreas J.
Am 8. Februar 1774 wurden aufgehängt
Franziskus H. Michael L.
Mathias S., genannt ,krummer This'
Erken M., genannt Brote-Erken
Daem G. , genannt , Mordavid'
Am 26. Mai wurden aufgehängt
Johannes Th. Johannes Sm ,.
Peter C.
genannt Erlen-Jan.
Johannes P.
Weil die Amtsträger und Richter erkannten,
daß dieses Strafverfahren derartige
Ausmaße angenommen hatte, daß auch
nicht ein Dorf von Dieben oder deren
Komplizen frei war, haben sie einen besonderen
Beschluß gefaßt. Es war ihnen
zu mü hsam und zu kostspielig, alle zum
Tode Verurteilten noch weit zu transportieren
, und sie kamen deshalb überein, alle
Bösewichte aus der Bande in Valkenburg
hinzu richten. Das galt für die aus Beek (im
Valkenburger Land), Houthem, Kli mmen
Hulsberg , Meerssen usw. (ausgenommen
die aus der Hauptbank Heerlen).
Am 3. Dezember 1773 wurden demnach
auf dem Lommersberg bei Valkenburg
aufgehängt
Peter Ju . Mathias C.
Peter M.
Jan S.
Holger G.
Jan Ee.
(versto rben und unte
r dem Galgen begraben)
Am 21. Dezember 1773 wurde Gerhard M.
nach seinem Tod aufgehängt.
Am 7. Juli 1774 wu rden dort aufgehängt
Janneke S. Niklas Sp.
Peter P. Gerd 8.
Am gleichen Tage wurden die Todesurteile
von Christian II. und Peter M. an den
Galgen genagelt. Beide waren ausgebrochen
.
Am 21. Juli 1774 wu rden glei chfalls dort
aufgehängt
Wilhelm Er. Peter Cl.
Mathias Ca. Dirk D.
Mathias B.
Am 14. November 1774 wurden in Valkenburg
aufgehängt
Nyst Pa. Wilhelm Ad .
Lens Sch. Heinrich Ak., erst
Heinrich Th. schwarz gemacht,
Gerhard Pa. die Mittelfinger der
Niklas Re. rechten Hand abge-
Daniel Ho. hackt und dann gerä-
Johannes L., vorher dert.
schwarz gemacht. Gerhard Sy.
Am 30. Dezember 1774 wurde die Leiche
von Anton Ern. aufgehängt
Am 12. Januar 1775 wurden bei Valkenburg
aufgehängt
Peter Spa. Stas Pa.
Johannes H. Wilhelm Ra.
Coen S.
Am 14. März 1775 wurden aufgehängt
Peter Sm . Coen Ja.
Meys T.
Heyn Pa.
Lambert Ru . Christian Ra.
Bei Neyst N. wurde das vom Richter ergangene
Urteil am Galgen angeschlagen
und er selbst nach seinem Tod aufgehängt.
Am 4. April 1775 wurden bei Valkenburg
aufgehängt
Niklas D.
Lambert Ak.
Franz Wilhelm H.
Nyst A., genannt
,Sintes'
Nyst Johannes Ra.
van 't Retersbek
Mathias Ern.
38
Die BOCKREITER von Meerssen in einem historischen Fachbuch von 1804
Aus Meerssen bei Maastricht im Land
von Valkenburg stammten zahlreiche
aktenkundige Bockreiter, die auch Pfarrer
Daniels teilweise erwähnt. Später,
um die Jahrhundertwende, nistete sich
in dem Ort eine völlig andere, gut
durchorganisierte kriminelle Bande ein.
Über diese schreibt der zeitgenössische
Fachmann Keil aus Köln. In unserem
Zusammenhang ist aber interesnicht
wie die Jüngern die Thüren der
Beraubten mit Gewalt, sie griffen diese
nicht persönlich an, sie mißhandelten
sie nicht. Ihr System war just das Entgegengesetzte,
sie schlichen, so leise
sie nur konnten, bei schweigender
Nacht vor die Läden und Stuben reicher
isolirt wohnender Landbewohner,
brachen unvermerkt ein, und entsprangen
mit dem Gestohlnen oft ohne die
geringste Spur von sich zurücke zu
lassen. Diebstähle dieser Art geschahen
in damahliger Zeit so häufig, mehrten
sich mit jedem Tage, und blieben
dabei in so einem geheimnißvollen
Schleyer verhüllt, daß allendlich der
gemeine Mann, der in der dortigen Gegend
ohnehin in der tiefsten Finsterniß
lebt, und wie überall seinen Geist so
gerne mit Wundern nährt, auf den Gedanken
kam, sie könnten nicht anderst
als mit unrechten Dingen verübt worden
seyn, der Böse müßte mit den
Spitzbuben gemeinsame Sache gemacht
und ihnen in Ausführung des
Raubes geholfen haben. - Zur unumstößlichsten
Gewißheit wurde ihm diese
Idee, als man ihm erzählte; daß
gleich nach dem verübten Raube,
schon am anderen Morgen, die gestohlenen
Effekten in einer großen Entfernung
- nämlich in dem Dorfe Mersen
- bey Hanns oder Kunz erblickt worden.
- Unbegreiflich war ihm die Geschwindigkeit,
und er glaubte nun rr:iehr
fest und steif an Satans Mitwirkung.
Traf nun der Fall ein, daß irgendwo ein
Raub verübt worden, so machten sich
die Bestohlenen auf der Stelle auf, und
reisten, ohne sich weiters umzusehen
oder sich die Mühe zu geben, weiters
nachzuforschen, so schnell sie nur
konnten, nach dem verrufenen Mersen,
wohin die Hexenmeister, wie es
hieße, ihren Zug zu nehmen pflegten.
Waren sie so glücklich; ihr Eigenthum
wieder zu finden - was denn auf die
natürlichste Art der Welt zuging - so
diente die Geschichte davon nur zum
ein,em neuen Beweis über das Spiel
des Teufels. Da war niemand, der nicht
um dem bei ihm geschehenen Diebstahl
ein gewisses Ansehen, etwas außerordentliches,
zu geben, das eine
und andere hinzugedichtet, und so das
seinige beigetragen hätte, das Mährsant,
daß Keil im Rückblick auch die
Bockreiter erwähnt, was meines Wissens
in keinem anderen zeitgenössischen
deutschsprachigen fachlichen
Werk der Fall ist.
Actenmäßige
Geschichte
der
Räuberbanden
an den beyden Ufern des
Rheins
Zweyter Theil
Enthaltend die Geschichte der Brabantischen,
Holländischen, Mersener, Krevelder,
Neußer, Neuwieder und Westphälischen
Räuberbande; aus Kriminal
Protocollen und geheimen Notizen des
Dr. Keil, ehemahligen öffentlichen Ankläger
im Rur-Departemente, zusammengetragen
von einem Mitglied des
Bezirks-Gerichts in Cöln. Cöln, bey
Keil XII. J. (1804)
Mersische Bande
Auf dem rechten Ufer der Maas, anderthalb
Stunden von Mastricht, nordostwerts
am Fuße eines Berges, der
mit dichtem wilden Gesträuche überwachsen
hoch über das romantische
Maasthal empor ragt, liegt, vom Geuls
Flüßchen durchströmt, ein eben nicht
großes aber volkreiches Dorf, von dem
ein Canton den Nahmen führt - Mersen.
Seit hundert Jahren und noch länger
hatte mitten unter friedlichen frommen
Landbewohnern ein heilloses verworfenes
Räubergesindel hier seinen
Wohnplatz aufgeschlagen. Was dazu
beitrug, daß es just diesen Ort und
keinen anderen sich erkohr, war eines
Theiles die Nähe des holländischen,
brabantischen, des Lütticher, des Jülichschen
und Aachner Gebiethes, die
Leichtigkeit, womit es von einem Districte
in den anderen wandern und so
sich dem nachschleichenden Auge der
Justiz entziehen konnte, andern Theils
aber der Zusammenfluß einer Menge
das Land herumstreichender Handelsjuden,
die den Verkauf des Gestohlenen
beförderten. -
Die Räuber, die in den ersten Zeiten
sich dort niederließen, waren nicht nur
ein ganz anderer Schlag Leute als die
Räuber in neuem Zeiten, sondern hatten
auch eine eigene Raub-Methode,
die von jener der Räuber unserer Epoche
ganz unterschieden war. Die alte
Mersener stürmten so zum .Beispiele
chen vollständiger zu machen. Bald
hatte die erhitzte Phantasie ein ausführliches
Gemählde der Teufeleyen
entworfen. Über einem blutigen ermordeten
Körper, so hieß es, verbänden
sich die Räuber mit gräßlichem Eide.
Belial selbst führe dabey das Präsidium,
mustere die Glieder, gebe die
Diebstähle an und helfe sie ausführen.
Einern jeden der Räuberbande, so fabelte
man weiter, stehe ein schwarzer
zottiger Ziegenbock zu Gebothe, mit
dem er durch die Luft zu reiten pflege,
um seinen Raub weit weit herzuhohlen.
Von dieser sonderbaren Reuterey bekamen
denn allgemach die Räuber den
Nahmen der Bocksreuter. In langen
Winterabenden wurden von nun an tausend
und tausend Geschichten von
dem Leben, den Thaten, und dem
schauerlichen Ende der Bocksreuter
erzählt, und weit umher verbreitet.
Begünstigt durch den Aberglauben und
die Furcht des Volkes, die sie weit entfernt
waren, zu verscheuchen, hörten
die Räuber viele Jahrzehende nicht auf,
ihr Schandgewerbe zu treiben, vielmehr
vermehrte sich ihre Kühnheit mit
jedem Tage. Endlich erwachte die Justiz
und suchte durch vermehrte Strenge
- wie das fast jedesmal nach Epochen
zugroßer Gelindigkeit und Milde
der Fall ist - wieder gut zu machen,
was sie, oder vielmehr ihre schläfrigen
Beamten, verdorben hatten. Nun ging
es ans Einziehen und Verhaften, ans
Foltern und Hinrichten, mit Strang und
Rad. Schrecklich wurde unter den armen
Bocksreutern gehaust, und das
Blutvergießen nahm kein Ende, bis der
rächende Arm des Themis erlahmt, der
zauberische Räuberverein völlig zerschmolzen
schien, bis eine ganze Reihe
von Häusern in Beek durchs Schaffott
verödet wurde, und ein großer Teil
der Einwohner von Mersen den entsetzlichen
Tod der Missetäter gestorben
war. - Somit schließt sich die
ältere Mersische Räuber-Geschichte.
Zitiert nach: Becker B. (Hrsg.), Actenmässige
Geschichte der Räuberbanden an den
beyden Ufern des Rheins (in zwei Teilen),
Köln 1804. Nachdruck der Originalausgat,e
durch das Zentralantiquariat der DDR, Leipzig
1972
39
Mit den armen Frauenspersonen schien
man Mitleid gehabt zu haben. Als ein nicht
näher zu definierendes Mannweib wurde
Katrin Tr. ausgepeitscht und verbannt.
C.B. wurde gegen eine Kaution entlassen.
Am 22. Juni 1775 wurden bei Valkenburg
aufgehängt
Wilhelm Ha.
Jan C.
Leonhard Hu .
Jakob Bo.
Peter Bo.
Johannes Pi.
Hand Da.
Die Leiche des Stefan
Me. wurde unter
dem Galgen begraben
Am 17. August 1775 wurden dort aufgehängt
Leonhard Bu.
Mathias R. Jakob Ro.
Martin Du. Anton B. , genannt
Mathias Sil. der ,Mox', er wurde
Heinrich Ha. gerädert
Am 20. September 1775 ist Johannes Sc.
auf der Folter verstorben, und sein Leichnam
wurde vom Schinder aufgehängt. Am
29. des gleichen Monats wurde die Leiche
von Jakob He. am Galgen aufgehängt.
Im Gefängnis verstarben Peter Cl. , Leonhard
Py. und Dirk Sp. Sie wurden unter
dem Galgen begraben .
Beispiel für eine
Bockreitersage
Die Feuer-Gespenster von der Teverner
Heide
Eines Tages machte sich ein braver
Bauer aus dem Jülicher Land auf den
Weg durch die Heide nach Brunssum,
um dort Verwandte zu besuchen. Man
hatte sich sehr viel zu erzählen, und es
war recht spät geworden, als sich der
Bauer endlich auf den Heimweg
machte.
Wie er auf die weit ausgestreckte Heide
kam, die zwischen Brunssum und Teveren
liegt, war es bereits dunkel geworden,
und nur der Mond leuchtete
dem einsamen Wanderer auf dem Weg
durch die Sanddünen der Heide, wo in
grauer Vorzeit einmal die Wasser der
Maas zum Meer hin strömten. Der
Mann beschleunigte seine Schritte, um
so rasch wie möglich in eine von Menschen
bewohnte Gegend zu kommen,
denn es war ihm nicht so recht geheuer
hier in der Heide. Er hatte schon viele
Schauergeschichten davon gehört.
Auf einmal sah er in der Ferne eine
Feuersglut, die schnell auf ihn zukam.
Erschrocken sprang er auf die Seite,
aber da war die schauerliche Spukerscheinung
auch schon herangebraust.
Voll Entsetzen sah er einen feurigen
Wagen, der in rasender Fahrt über die
ausgedehnte Heide dahinsauste. Ganz
deutlich erkannte unser Bauer zehn
feurige Gestalten auf dem Wagen , die
Am 5. Oktober wurden gleichfalls dort aufgehängt
Niklas Hol. Jan Wi.
Heinrich Ru . Wolfgang Co.
Goswin Me. Gerke W.
Peter Wo.
Am 21 . Januar 1776 wurden dort aufgehängt
Stefan Ek.
Peter Arnold Pa. Paulus M. , genannt
Jan Mo.
,Pau lus aus dem
Thomas Pa. Bock'
Flüchtige und teilweise vom Gericht der
Bank Heerlen Gebannte
Peter Na.
Lambert K.
Peter SI.
Kaspar He.
Leonhard 1.
Emund S.
Johannes F.
Leonhard Ho.
Wilhelm De.
Andreas S.
Jakob H.
Gerhard D.
Franz S.
Mathias R.
In Heerlen ausgebrochen
Leonhard M. Peter He ., genannt
Hans Peter M. ,Swert'
Peterchen Jan Di.
Flüchtige und vom Gericht in Valkenburg
Gebannte
Anton B., Glaser
aus de Heeck
Heinrich L.
Walter P.
zum Teil keinen Kopf mehr hatten. In
seiner Angst lief der Bauer los, so
schnell ihn seine Beine nur tragen
konnten. Erst nach einiger Zeit getraute
er sich , wieder nach der schaurigen
Erscheinung auszuschauen. Und da
sah er dann die Feuersglut am Horizont
verschwinden.
Nach einer Weile erblickte er endlich
die Lichter von Grotenrath. Aus dem
Wirtshaus des Dorfes drangen Stimmen
zu ihm, und der erschöpfte Bauer
ging gleich hinein und berichtete, was
ihm draußen in der Heide begegnet
war. Da schlugen der Wirt und alle Anwesenden
vor Schreck ein Kreuzzeichen
und erzählten dem späten Wanderer,
daß er die verfluchten Seelenn
der zehn Bockreiter aus Übach gesehen
habe, die am 10. September 1743
in der Heide hingerichtet worden seien.
Diese ließen sich von Zeit zu Zeit hier
des Nachts blicken, weil sie im Jenseits
keine Ruhe finden könnten.
Der Bauer ging später noch öfter nach
Brunssum, aber immer kehrte er noch
vor Einbruch der Dunkelheit zurück.
Dem feurigen Wagen und den Feuer-
. Gespenstern wollte er nämlich unter
gar keinen Umständen mehr begegnen.
(Der niederländische Text dieser Sage
in: W. Gierlichs, De geschiedenis der
bokkerijders in't voormalig land van 's
hertogenrode, Roermond 1940, herdruk
Maastricht 1972, S. 149 f., Übersetzung:
Rudnick.)
Wilhelm Wi .,
genannt
,Stiefel-Willem'
Wilhelm H.
Jan Py.
Bastian B.
Peter L.
Lentje C.
Christian V.
Mathias Sm.
Heinrich Co .
Paulus D.
Walter M.
Mathias S.
Heinrich W.
Andreas Sm.
Niklas Sa.
Peter K.
Leonhard V.
Friedrich Ro.
Christian P.
Peter G. aus de
Heeck
Mathias Sw.
Michael De .
Hänschen D. aus de
Heeck
Johannes Ge.
Leonhard 0., genannt
,swert Lintje'
Wienand Sm., genannt
,die Klaue'
Mathias St. aus Beek
Es gab noch weitere Ve rurteilte in Valke n
bu rg, doch denen widerfuhr eine seltene
Gnade: Sie wurd en freigelassen! Warum,
das ist mir nicht bekannt. In Gewahrsam
waren unter anderen Gertrud B., die Toch
ter des geflohenen Glasers aus de Heeck.
Desgleichen ein gewisser Thisken D., weiterh
in Johannes S. , Peter B. und noch vie r
aus Meerssen. Von denen aus Meerssen
hat man einem, den sie allgemein ,den
Narren' nannten, die größte Eh re angetan:
Mit der Schlinge um den Hals hat man ihn
unter dem Galgen ausgepeitscht. Die übrigen
sind mit einem Landverweis für dieses
Mal davongekommen. Gertrud B. und
Thisken D. aus Retersbeek waren beim
Verhör durch den Richter sehr gesprächig
gewesen, und gebe Gott, daß sie bei dem
vielen Geplapper nicht allzu viel gelogen
haben. Eigentlich gehört es hier nicht hin ,
und mir steht in dieser Sache auch kei n
Urteil zu, doch eines weiß ich sicher, wer
viel redet, lügt auch viel. Dennoch wünsche
ich Thisken und Gertrud viel Glück,
auf daß sie sich bessern, beim einen wie
beim anderen. Der für die beschriebenen
Hinrichtungen zuständige Gerichtsherr
war der Herr und Meister Vignon, Staatsanwalt
war Herr C. L. de Limpens.
In der Herrlichkeit Geul an der Maas wurden
am 8. Oktober 1773 aufgehängt
Peter K.
Peter P.,
genannt ,das
Lehmkühlehen'
Servatius L.
Arnold R.
Martin van A.
Am 15. März 1774 wurde aufgehängt
Leonhard H., genannt ,Scheerman'
Am 15. November 1774
Heinrich Gy., genannt ,das Herrchen'
Am 3. Mai 1775
Peter V. von Waterval
Aus Geul geflüchtet und dann verbannt
Martin N., Johannes G. und Leonhard B.
Schultheiß in Geul war Herr L.W. van den
Heuvel
In Elsloo, einer Herrlichkeit an der Maas,
wurden am 2. November 1773 aufgehängt
Niklas SI. Michael M.
Peter P. Paulus J. ,
Jan Sm .
genannt ,Hatten aes'
Paulus J., Gerichtsbote
40
Am 6. Dezember
Wil helm P.
Andreas Le.
Lambert W.
Heinrich Gr.
Am 9. Februar 1774
Corneli us B.,
genannt Boere Jan
Johannes D.
Aret van L.
Peter G. P.
Am 16. Mai 1774
Peter B.,
Bürgermeister
Jan J.
Martin Mu .,
genannt Pandure
Peter Sc.
Egidius Sm.
wurd en die Leichen von Arnold van L. und
Michael de J. unter dem Galgen begraben.
Am 4. Mai 1774 wurde die Leiche von
Hermann F. mit einem Bein an den Galgen
gehangen, weil er im Gefängnis Selbstmord
begangen hatte.
Flüchtige und vom Gericht in Elsloo Gebannte
Jan Dr.
Dirk M.
Franz B.
Öirk Bo.
Peter J.
Bastian Bo.
Leonhard Gr.
Jan M.,
genannt ,Vater Jan'
Peter H.
Jakob Sm .
Gerd H.
Martin Va.
Und noch einer aus Elsloo mit Namen
Gerd Ja., er wurde in Kessel aufgehängt.
In Mechelen, einer Herrlichkeit des Kapite
ls der Kirche St. Servatius in Maastricht,
auf dem linken Ufer der Maas gelegen ,
wurde am 22. August 177 4 der Amtmann
(Drossard) des Ortes, Herr J. C. S. Limpens,
aufgehängt.
Holger Ra. und Jan Ra. , Vater und Sohn ,
sowie ein aus Mechelen Geflüchteter, namens
Jan op den · C., wurden im Jahre
1775 in Thern aufgehängt. Kaspar C., ein
Schuhmacher aus ,Reeckheim' , erhielt eine
Gefäng nisstrafe von 40 Jahren.
Am 20. März 1774 wurde Wilhelm H. aus
Berg bei Maastricht aufgeknüpft.
Am 12. Januar 1775 wurde in Stein an der
Maas Leonhard der Spielmann aufgehängt.
Am 11. Dezember 1773 wurde Leonhard
Dae., gebürtig aus dem Reich Aachen , in
der Stadt Maastricht aufgehängt. Er hatte
in Aachen viele Jahre die Figur von Kaiser
Karl dem Großen in der Prozession getragen.
Ein weiterer wurde in Maastricht vom
Kriegsgericht zum Galgen verurteilt, es
war der Soldat Wilhelm He. aus Heerlen.
Am 6. November 1776 wurden in Margraten
aufgehängt:
Anton Ov. und Leonhard Ey., genannt
,Lein von Nuth '. Aus Gulpen wurden drei
aufgeknüpft, und zwar: Niklas de L. N.,
Ambrosius V., gebürtig aus Schinnen, und
Johannes Ald ., genannt ,Poolhans'.
Ausgepeitscht und verbannt wurde Balles
F., genannt ,den Schul' (der Schütze?).
Amstenrade war eine kleine Grafschaft,
die zu österreichisch-Valkenburg gehörte,
und gliederte sich in sogenannte Unterbanken
. Zuständiger Amtmann war dort
Herr N. Strens. Im Jahre 1773 wurde dort
Auszug aus der »Constitutio
criminalis Carolina« (C.C.C.),
der Peinlichen Gerichtsordnung
Karls V. von 1532
~ee aUerburd)leud)tig,
ften groämed)tigften tm•
übermtnbtltd)ften iel)f er
.Warf~ be0 fünfften: tmnb
bea l)el)tigen fflömif d)en
metd)e ~einlid) gertct,t0
orbnung, auff ben mehi)g,
t,1gen AU mugf~urgt tmb
megenf~urgf, tnn jaren
brei fftg, tmb Atuel)
nnb breiffftg gel)aften,
auffgerid)t tmb
bef ctloff en.
Diebstall heyliger oder
geweichter ding an geweichten
und ungeweichten
stetten
171. ltem stelen von geweichten dingen
oder stetten ist schwerer dann ander
diebstall, vnd geschieht inn dreyerley
weiß, Zum ersten, wann eyner etwas
heyligs oder geweichts stielt an
geweichten stetten, Zum andern, wann
eyner etwas geweichtes an vngeweichten
stetten stielt, Zum dritten, wann
eyner vngeweichte ding an geweichten
stetten stielt.
Von straff obgemelts
diebstalls
172. ltem so eyner eyn Monstranzen
stielt, da das heylig Sacrament des altars
inn ist, soll mit dem fewer vom
leben zum todt gestrafft werden. Stel
aber eyner sunst gülden oder silbern
geweichte gefeß, mit oder on heilthumb,
oder aber kelch oder patenen,
vmb solch diebstall alle, sie sein geschehen
an geweichten oder vngeweichten
orten, auch so eyner vmb stelens
willen inn eyn geweichte kirchen,
Sacrament hauß oder sacristei bricht,
oder mit geuerlichen zeugen auffsperret,
diese dieb sein zum todt nach gelegenheyt
der sach vnd radt der rechtuerstendigen,
zu straffen.
173. ltem so eyner eyn stock, darinn
man das heylig almusen samlet auffbricht,
sperret, oder wie er argklistig'
darauß still, oder solchs mit etlichen
wercken zuthun vndersteht, der ist
auch an leib oder leben zu straffen,
nach radt der rechtuerstendingen.
Diese Gerichtso,..:lnung enthält vor allem
Strafprozeßrecht und galt teilweise
bis ins 19. Jahrhundert hinein.
Aufgrund der Rechtsentwicklung im
Deutschen Reich (Zusammenfließen
von germanischem und römischem
Recht) durfte niemand nur aufgrund
vom Indizien verurteilt werden. Man
brauchte das Geständnis des Angeklagten.
Die Folter war somit die
zwangsläufige Folge dieser Rechtsauffassung.
Nur der Staat verfolgte und bestrafte,
eine Berufung war undenkbar. Dies bedeutete,
daß der Beschuldigte der
Staatsgewalt hilflos ausgeliefert war.
Der Fall Kirchhoffs in Herzogenrath
zeigt überdies, daß man die Willkür bei
Gericht so weit trieb und selbst ohne
Geständnis des Beschuldigten die Todesstrafe
aussprach und vollstreckte.
Bekanntlich hatte Kirchhoffs zwischen
August 1771 und seiner Hinrichtung im
Mai 1772 ständig wiederholte, furchtbare
Folterungen durchgestanden und
keinerlei Geständnis abgelegt. Dies
beweist einerseits, wie sehr man auf
sein Gestehen erpicht war, und andererseits,
daß sich das Gericht auch
über die herrschenden Rechtsregeln
hinwegsetzen konnte, ohne Revisionen
oder Berufungen befürchten zu
müssen.
Der zitierte Abschnitt 172 weist aus,
daß bei Heiligtumsschändung das Verbrennen
bei lebendigem Leibe vorgesehen
war.
41
Jan D., genannt ,Kalver Janneken' aus
Brunssum aufgehängt. In Nuth, aus österreichisch-Valkenburg,
wurde am 16. Februar
1775 Johann Bo. aufgeknüpft.
Weil man erkannte, daß die Untaten in so
weitem Umkreis begangen wurden, faßte
der hochehrbare Staat des Landes von
Österreichisch-Valkenburg den Beschluß,
für das gesamte Gebiet nur ein Gefängnis
einzurichten, und zwar auf Schloß Am
stenrade. Gleichfalls wurde ein einheitlicher
Hinrichtungsort ausgewählt, der in
der Brunssumer Heide lag.
Dort wurden aufgehängt:
Am 28. September 1776
Kaspar van M., Simon V. L.
Zöllner Johannes L.
in Schin op Geul aus ,Strugt'
Jakob Oss, dortiger Anton B.
Gerichtsbote
Am 6. März 1776 wurden dort aufgehängt
Johannes En. aus Schin op Geul , Johannes
M. aus Hoensbroek, genannt ,krum-
. mer Hans' und Johannes M., zwei Vettern ,
sogenannte ,Montenaken' .
Amtmann (Drossard) von Hoensbroek war
zu der Zeit Herr J. W. Franssen, und der
öffentliche Ankläger in Schin op Geul war
Herr C. L. de Limpens.
In Munsterbilsen im lande von Lüttich,
zwei Stunden Weges von Maastricht entfernt,
wurde im März 1774 ein gewisser
Jan van M. ins Gefängnis eingeliefert. Er
stammte aus dem Dorf Wellen , was wiederum
zwei Stunden von dort entfernt lag.
Durch das Gericht von Munsterbilsen wurde
er zum Tod verurteilt, er sollte enthauptet
werden und sein Leichnam danach verbrannt.
Amtmann war dort N. Hollanders,
doch dieser Amtmann wurde am 16. Juni
1774 mit den drei folgenden in Wellen
hingerichtet. Sie waren allesamt aus Wellen
selbst oder aus der unmittelbaren
Nähe.
Zuerst gewürgt und dann verbrannt
wurden
Tilmann van der M. Arnold Vo.
Hermann Ly.
15. Kapitel
Am 1. August 1774 wurden in Wellen erst
gewürgt und dann verbrannt
Gijsen G., genannt Laum Go.
,Spijen Gijen' Johann Ly.
Heinrich Ro. Peter Wilhelm S.,
Johannes C. der lebend
Hoppe C.
gerädert wurde
Der Letztgenannte war aus dem Land von
Valkenburg gebürtig. Schon Mitglied der
Bande, wurde er holländischer Soldat. Er
kam eines Tages von der Kirmes in Nuth,
als er, in Gesellschaft eines Kameraden,
auf der Straße nach Maastricht eine junge
Frau ermordet und ihr das bißchen, was
sie bei sich hatte, raubte. Hieran erkennt
man , wozu doch die Bosheit eines gottverlassenen
Menschen fähig ist!
Der 7. September 1774 war für Wellen bei
Munsterbilsen ein Tag, an den noch die
Nachwelt zurückdenken wird, und die
Erinnerung an die eigenen Landsleute
wird ihnen, angesichts der Gottlosigkeit
dieser Verbrecher, einen Schauder über
den Rücken jagen . Die Erinnerung an jenen
Tag wird so lebhaft sein, daß die
Nachkömmlinge noch in Ohnmacht fallen
werden , wenn etwa Kinder ihre Eltern hiervon
berichten hören .
An diesem Tag wurden in We llen elf Männer
verbrannt, sechs davon zuvor erwürgt.
Die übrigen fün f wurden lebenden Leibes
verbrannt. Um das Geschrei und das Brül
len der fünf zu übertönen, ließ der Richter
während der Prozedur eine große Zahl von
Trommeln schlagen.
Erst gewürgt und dann verbrannt wurden
die folgenden sechs:
Niklas H. Jan de P.
Egidius V. Jan Wilhelm H.
Heinrich F. Hubert Me.
Lebendigen Leibes verbrannt wurden die
fünf folgenden:
Franz Sr. Peter V.
Arnold G.
Mathias Go.
Heinrich C., genannt ,Sam Sebilken '
Außerdem wurde noch gewürgt und dann
verbrannt Tilman Sw. Dieser hatte zwar
gestanden und den Richter damit auch
weitergebracht, er mußte dennoch
sterben.
Nach alledem kann es sein, daß es den
Leser verwundern wird, weshalb man im
Land von Lüttich, im Vergl eich zu den
übrigen Ländern , derart schaurige Strafen
verhängte. Schließlich ware n die Angeklagten
doch überall Mitglieder ein und
derselben Bande.
Die Verb recher von Wellen und Umgebung
hatten jedoch zusätzlich ganz üble
Kirch en- und Heiligtumsschändungen begangen.
Ja, sie haben sogar mit geweihten
Hostien gefrevelt und diese geschändet.
Darum wurden sie nach Landesgesetz
und auch nach allgemeinem Gesetz bestraft.
Hiernach steht auf gemeine Heiligtumsschändung
die Todesstrafe und in
besonders schweren Fällen das Verbrennen
bei lebendigem Leib. (Nach: Cod. L.I.
tit. 2 LL. 5.10.54.) 30
Was nun die Gauner und Diebe im Land
von Valkenburg angeht, dem Herrschaftsgebiet
Ih re r Majestät, der Kaiserin, so
gab der Hof zu Brüssel 31 den Richtern des
Landes eine geheime Anordnung. Hierin
wurde unter anderem ve rfügt, daß die als
Bandenmitg lieder überfü hrten so
schwer ih re Vergehen au ch immer gewesen
sein mögen - mit keiner anderen
Todesstrafe als Tod durch Erhängen am
Galgen bel egt werden durften . Diese hatte
man angeordnet, damit die Verhafteten
nicht durch schaurige Strafandrohungen
davon abgehalten wü rden , zuvor alles gut
und aufrichtig zu gestehen.
Am 23. August 1779 wurde in Aachen das
Urteil gegen Christian M. verkündet. Er
hatte dort bereits sechs Jahre im Gefängnis
verbracht und wurde lebenslang aus
Stadt und Reich von Aachen verbannt.
Das Gericht dieser Re ichsstadt besteht
aus dem großen Rat der Zünfte (Stadtrat) ,
mit dem Bürgermeister an der Spitze.
Waren alle Einwohner der lande von
Overmaas Schurken und Bockreiter?
Was denken Sie sich , verehrter Leser, bei
einer derart großen Zahl gottloser Menschen?
Das muß doch ein zutiefst· unchristliches
Land sein, wenn dort so viele
Schurken anzutreffen sind! Ob denn da
überhaupt noch anständige Leute
wohnen?
Ja, seht nur an, Einwohner von Overmaas
und Umgebung, so urteilt man über Euch!
Es wird herumerzählt, daß in Eurem Land
nur Verbrecher, Nachtdiebe, Bockreiter3 2
und dem Teufel Verfallene leben. Markt-
schreier und fahrende Sänger singen und
verkaufen sogar Li eder, in denen Pfarrer,
Kapläne und andere Respe ktspersonen
mit zu der Diebesbande gezählt werden.
Ja, und in weiter entfernt gelegenen Gegenden
hat man dem auch Glauben geschenkt!
Doch nein, so ist es nicht! Man
trifft viele ehrliche Menschen in unserem
lande an, die auch nicht das mindeste mit
den Schu rken zu tun haben und auch nicht
mit ihnen verwandt sind . Es verhält sich
hierbei in den landen von Overmaas ge-
nauso wie auch in anderen Ländern : Gute.
sind mit Bösen gemischt. Es ist zwar richtig,
daß die Diebe hier von vielen Einwohnern
gedeckt und unterstützt werden.
Doch, sagen Sie selbst, was sind schon
500 oder 600 Mann unter 60 000 bis
70 000 Einwohnern? Sagen Sie mir, ob
dies in so großen Banken wie Heerlen,
Beek, Klimmen und Meerssen ins Gewicht
fällt? Dort wu rden 100 oder 150 aufgehängt,
aber es leben über 1 O 000 Menschen
in diesen Banken. Aus Heerlen
42
wurden 37 hingerichtet, und das bei 3 000
Ei nwohnern. Finden Sie nicht auch , daß
man da nicht länger behaupten kann, alle
Einwohner seien angesteckt gewesen und
hätten mit der Bande unter einer Decke
gesteckt? In der Tat, das Ganze hätte noch
weit schlimmer werden können , wenn es
nicht der Allerhöchste so gefügt hätte, daß
alles zur Zeit ans Licht kam.
Die Verbrechen sind nun durchgehend in
der schlechtesten Schicht des Volkes geblieben,
und es traf nur sehr vereinzelt
eine angesehene Familie. Doch wenn die
Bande noch einige Jahre unentdeckt geblieben
wäre, so hätte man fürchten müssen,
daß auch manch ein rechtschaffener
und ehrl icher Mann hineingeraten wäre,
was ihn selbst ins Unglück und seine Familie
in Schande gebracht haben würde.
Im Jahre 1775 erschien ein kleines Bu ch
mit dem Titel ,Eine Überlegung zur Politik
und zu den Sitten' von J. A. Hencena. Es
geht darin um den Makel unter Blutsverwan
dten [Jnd ähnliches. Dieser Autor versucht
den Leuten auszureden , daß kriminelle
Taten einer Familie Schande zu
fügen .
Um den Menschen diese Einstel lung auszutrei
ben, hätte jener Herr allerdings anders
vorgehen müssen als mit diesem erwähnten
Büchlein . Die gemeinte Auffassu
ng hat sich zu Recht ganz stark in den
Köpfen der Leute festgesetzt. Den landen
von Overmaas konnte kein größeres
Glück widerfahren als das Aufdecken dieses
schlimmsten Übels, das doch so viele
ehrliche Bewohner bedroht hatte . Wie viele
Verbrechen hätten diese gottlosen
Schurken andernfalls nicht noch begangen?
Sie achteten ja weder Gott noch
ihren Mitmenschen, weder den göttlichen
noch den irdischen Richter. Selbst der
drohende schändliche Tod am Galgen
oder auf dem Rad ließ sie nicht vor weiteren
Untaten zurückschrecken. Eine bekannte
Redensart heißt: ,Der Dieb am Galgen
konnt' ihn nicht schrecken! ' So war es
auch mit einigen der Bande, die zu dieser
Zeit noch übriggeblieben waren. Die Herren
Richter waren jetzt überall am Fangen
und Hangen, und allüberall waren Räder
und Galgen aufgestellt. Wer wird da wohl
noch ans Stehlen und Rauben gedacht
haben? _Der ehrsame Einwohner konnte
jetzt sich'erlich bei offenen Türen und Fenstern
schlafen . Doch ach ! Er wäre der
Betrogene gewesen.
Am 24. November 1774 versammelte sich
am Abend eine größere Schar der Bande.
Sie wollten in das Pfarrhaus des Hochwürdigen
Herrn Pfarrers von Margraten einbrechen.
Der Ort liegt nicht weit von Gulpen
und gut zwei Stunden Weges von
Maastricht entfernt. Das Kommando über
diese_ Schar hatte Sr. Hermann S. übernommen.
Als Unterführer stand ihm Anton
8., genannt ,den Mox' zur Seite. Die Versammlung
wurde unweit von Margraten in
einem alten verfallenen Haus im Feld abgehalten,
welches dem Vater von Anton B.
gehörte. Dort beratschlagte man, wie man
am besten bei dem genannten Herrn Pfarrer
einbrechen sollte. Als das nun alles gut
überlegt war, stellte man einige Wachtposten
auf, und die anderen näherten sich
dem Pastorat und brachen ein. Sie hatten
Glück und konnten eindringen. Sie fesselten
die Magd und griffen sich etliches an
Hausrat. Der Herr Pfarrer aber, der den
Lärm vernommen hatte, sprang aus seinem
Bett und konnte in den Kirchturm
gelangen, wo er kräftig an der Glocke zog .
Doch da hättet ihr mal die Puppen tanzen
sehen können! Wie die nur konnten, rannten
sie , Hals over Kop', soviel Mann, soviel
Wege, auf und davon; ohne auch nur
das Geringste mitnehmen zu können .
Über diesen Vorfall habe ich nur deshalb
berichtet, damit der verehrte Leser hieraus
selbst erkennen kann , daß diese Schurken
keineswegs von Angst und Schrecken vor
dem drohenden Galgen erfüllt waren. Als
sie nämlich aufgeknüpft wurden , schienen
viele von ihnen davon so unberührt zu
sein wie das liebe Vieh. Ganz so, als wäre
nach diesem Leben schon alles zu Ende.
Räubereien
in der Reichsstadt Aachen
zur Zeit der BOCKREITER
In den umfangreichen Notizen des Aachener
Bürgermeisterei-Dieners Johannes
Janssen aus dem Jahre 17 48
heißt es über die immer größere Dreistigkeit
der Diebe und Räuber in Aachen:
Den 30ten 9bris ist auch wider einer
aufm aacher Busch vermordet worden,
nemlich Roderburg ein Kappesbaur
aus St. Jacobstrass, welcher nach Eupen
mit Kappus war gewesen und wegen
das geloste Geld mussen sein Leben
einbüssen. Der erste war ein Kaufmann
von Bortscheidt N. Müller, dieser
ist auch alldorten jämmerlich ermordet
worden und alle seine Leybsbedekkung
beraubt und also todt allda liegen
lassen . Es ist erschrecklich wie es jetzund
in und ausser der Stadt ein solches
unfreyes Gehen und Fahren ist,
nicht anders als wans ein Mordgrub
und diebisch Nest gleich wär. Die Bür-
ger seind bjj jetziger Zeit nicht frey in
ihre eigen Häuser. Es gehet bald keine
Nacht vorbey, dass nicht einer und
mehr bestohlen und beraubt werden.
Ja so gar in klaren Tag unterstehen sich
diese Dieb die Leut auf abgelegen
Gassen anzugreifen und ihnen ihr Geld
und andere silberne Snallen und Tabakxtossen
zu berauben , und dis von
Kerl, welche mans nicht sollte glauben
dergleichen im Sinn zu haben. Der liebe
Gott will uns alle besseren und ein
anderes Leben führen lassen, sonst ist
es hier zu Aachen nicht mehr zu bleiben
noch zu dauren das es ist zu furchten,
der liebe Gott soll einmal die ganze
Stadt darumb strafen dass der gute mit
dem Bösen bezahlen musste. Der
grosse Gott wolle uns alle gnadig sein
und uns vor ein solches bewahren.
Durch die all zu grosse Gelindigkeit der
Magistrat wirds allhier niemal besser
werden, sondern immer arger. Dan
kein Ort in Deutschland! zu linden wo
die Jugend so verwegen und gottloser
seind als wie hier zu aach, was macht
dass kein Verbrechen wird nach Geführ
abgestraft und was folgt dan forthin der
Muthwill und Bossheit wird grosser und
grosser, und Gott wirdts mit Gewalt
abgezwung selbst die Strafruth zu ergreifen
und uns Menschen einmal zu
züchtigen. Wan aber ein Zuchthauss
am Platz Comedie-Haus wurd gestiftet
und aufgericht, damit man dis gottloses
Gesindel abstrafte nach ihr Verdienst
und wohl liesse zuchtigen, so solls
besser allhier sein und Gott ein Gefallen
geschehen aber wass will man sagen
die Reiche und Arme, Herrn und
Unterthanen fragen nirgend mehr nach,
ob es wohl oder übel stehet mit dem
gemeinen Wesen ; Geistlich und Weltlich
nehmt sich nichts darumb an. Gott
will uns besseren. Amen .
(Dieser Auszug ist aus: H. A. Freiherr von
Fürth (Hrsg.), Beiträge und Material zur Geschichte
der Aachener Patrizier-Familien, 3.
Band, Aachen 1890, S. 165.)
Der Text zeigt in Grundtenor und Aussage
erstaunliche Parallelen zu dem
Buch von unserem Pfarrer Daniels auf.
Und wie Janssen, so läßt auch Daniels \
durchblicken, daß er vom Aachener
Gerichtswesen nicht viel hält.
43
16. Kapitel
Auch wenn es unsere modischen Philosophen
bezweifeln mögen, der Teufel kann
Bockreiten durch die Lüfte möglich machen!
Auf dem ganzen, allumfassenden weiten
Erdboden, will qc!gen : auf der ganzen We lt,
gibt es kein Wort, das mehr mißbraucht
wird als das Wort ,Philosoph'. Da gibt es
Leute, die haben ein Wörtchen Latein und
ein halbes Wort Französisch gelernt, und
die lateinisieren und französisieren dann
unsere deutschen Worte - bzw. die holländischen,
brabantischen oder flämischen
- derartig, daß selbst der Teufel
nicht mehr schlau draus werden kann . Das
Wort ,ambrasseeren' 33 hat bei ihnen anscheinend
die Bedeutung einer zweifachen
Aufregung, das wäre dann aber doppelt
,geambrasseerd', man müßte also der
ersten Aufregung gleich eine zweite folgen
lassen .
Daß man derartige Worte ständig mißbraucht,
mag noch angehen. Doch wenn
man das Wort ,Philosoph ' so schändlich
mißbraucht und jeder hergelaufene Heini,
jeder Jeck, der weder Religion noch Glaube
hat, sich ,Philosoph ' nennen darf, protestiere
ich mit dem allergrößten Nachdruck.
Ich wage die Feststellung, daß ein
wahrhaftiger und weiser Philosoph den
edelsten und glücklichsten Charakter auf
der Welt besitzt. Doch wird die Zahl solcher
Philosophen , solange es die Erde
gibt, überaus gering sein. Man wird kaum
jemanden finden, von dem zu sagen wäre,
daß dies ein großer und weiser Philosoph
ist.
Doch was sind die Philosophen unserer
eigenen, ach so verdorbenen Zeit? Das
si nd nichts anderes als ehrlose Leute, welche
die Bindungen christlicher Tugenden
und der göttlichen und irdischen Gesetze
gebrochen haben . Das sind die, welche
einen Gottesdienst lediglich für eine öffentliche
Veranstaltung ohne jede Verbindlichkeit
halten . Ja, es sind die, welche
weder an Gott und Teufel noch an Himmel
und Hölle glauben. Die Heilige Schrift ist
für sie ein Buch vom Fabelhans, Moses ist
ein Betrüger, David so ein Kerl wie Cartouche
3 4, Christus ein Marktschreier, die Apostel
alle Lügner und der christliche Gottesdienst,
genau wie der in der jüdischen und
islamischen Religion, ein und dasselbe
Phantasieprodukt. Ja, das sind .die feinen
Herren Philosophen unserer Tage!
Da wünschte ich mir, daß der älteste Bock
der Bande mit seiner ganzen Herde daherkäme
und alle diese feinen Philosophen
abschleppte, weit über das Teufelsmeer,
wo sie weder Mond noch Sonne sähen!
Verehrte Herren dieser modischen Phi- .
44
losophie, ich bitte Sie, mir zu verzeihen
wenn mich jetzt die Erregung übermannt
hat. Ich will mit Ihnen keinen Streit beginnen.
Aber philosophieren Sie ruhig weiter,
während ich mich wieder der Gaunerbande
zuwende und Ihnen einmal die Frage
vorlege : Wie sehen Sie das mit den
BOCKREITERN? Sind sie tatsächlich auf
Böcken geritten, oder mußt~n sie zu Fuß
gehen? Wenn ich selbst diese Frage beantworten
soll, so bitte ich nun alle diejenigen,
die weder die Heilige Schrift, noch
die Weisungen unseres Heiligen Vaters
ernst nehmen, einmal damit aufzuhören,
sich die Zeit mit den Geschichten von
Eulenspiegel und vom verrückten Gisbert
(Male Gijs) 35 oder den Sprüchen des Monsieur
Voltaire 36 zu vertreiben.
Was die BOCKREITER betrifft, so muß ich
dem verehrten Leser noch einige Informationen
hierzu geben, weil nicht jeder darüber
unterrichtet sein wird . An vielen Orten
hat man der Bande den Namen BOCK
REITER gegeben, weil man glaubte, daß
sie des Nachts auf Böcken zum Stehlen
ritten. Diese Böcke, so glaubte man , seien
aber keine natü rlichen Böcke , so nd ern der
Teufel in der Gestalt eines oder mehrerer
Böcke. Und der Teufel brachte sie auf
kürzestem Wege hoch durch die Lüfte,
wohin sie wol lten. So konnten sie in nur
einer Nacht zehn , sechzehn, zwanzig und
mehr Wegestunden zurücklegen , um zu
stehlen oder um Versam mlungen abzuhalten.
Und der Bock brachte sie auch im mer
wieder zurück. Einige aus der Bande ha-
Abb. 26: Plastik BOCKREITER, geschaffen 1964 von W. von Bories. Dieses Kunstwerk hat einen
Ehrenplatz im großen Vortragssaal von Burg Rode in Herzogenrath.
Als Bockreiter-Denkmal steht die große Ausführung hiervon seit dem 19. Juli 1986 am Stadteingang
von Herzogenrath Ecke Bardenberger/Schütz-von-Rode-Straße.
Foto: Rudnick
ben das beim Verhör so ausgesagt, aber
viel wirres Zeug dazu erzählt. Der weise
Richter hatte dem keine größere Aufmerksamkeit
geschenkt. Und auch ich selbst
vermute, daß sie wohl zu Fuß gegangen
sind. Abe r ich betone dennoch, daß es in
der Macht des Teufels gestanden hätte,
diese Halun ken durch die Lüfte reiten zu
lassen.
Und um dies den uneinsichtigen ,Philosophen
' zu beweisen (weil man ja annehmen
darf, daß sie hierfür wenig Verständnis haben
werden ), aber um auch andererseits
den einsichtigen Leser nicht durch weitschweifige
Darlegungen zu langweilen,
verweise ich kurz auf die Lehren des heili-
gen Thomas von Aquin, wo man nachlesen
kann, wie der Teufel auch in natürlichen
Dingen wirksam ist. Damit ist zu beweisen,
daß der Teufel die Macht hat, einen
Menschen an einen anderen Ort zu
bringen. Recht überzeugend läßt sich dies
auch mit dem Matthäus-Evangelium belegen,
wo wir lesen, wie unser Erlöser vom
Teufel erst auf die Zinne des Tempels von
Jerusalem und dann auf einen hohen Berg
gebracht wurde.
Und wenn der Teufel dies mit dem
Mensch gewordenen Gott konnte, um
wieviel mehr vermochte er es dann mit
Menschen, die »des Teufels« geworden
waren, mit Leuten, so sage ich, die sich
bereits mit Leib und Seele dem Teufel
überantwortet hatten.
Ich finde es darum überaus kurzsichtig,
sich dieser Einsicht zu widersetzen und
dem Teufel diese Macht über den Menschen
abzusprechen; über Menschen, die
sich ihm doch schon vollkommen ausgeliefert
hatten. Ich selbst bin aber trotz allem
der Auffassung, daß sie brav zu Fuß gegangen
sind. 37
Wer noch mehr über Teufel und böse Geister
lesen will, sei auf das Buch ,Lodo' von
Lavater, dem reformierten Prediger aus
Zürich 38 , verwiesen.
17. Kapitel
Der Teufelseid, den die Bockreiter beim
Eintritt in die Bande ablegen mußten
In welchem Jahrhundert war die Welt eigentlich
noch verdorbener als in dem unsrigen?
Paulus Venutus schreibt in seinem
dritten Buch im vierten Kapitel von einem
Vogel auf der Insel Madagaskar, der der
größte auf der Welt sein soll und ,Ruch '
hieß. Dieser Vogel konnte einen ganzen
Elefanten in die Lüfte entführen und dann
fallen lassen, so daß er tot auf die Erde fiel.
Eine Feder dieses Vogels soll 90 Ellen 39
lang gewesen sei n, und man konnte damit
lange Lügengeschichten aufschreiben.
Es kann schon sein , daß dieser Vogel sehr
groß gewesen ist, aber die Galgenvögel in
den landen von Overmaas waren noch
größer! Wo gibt es heutzutage denn ein
Land, eine Stadt, einen Ort, wo solche
großen Vögel angetroffen werden, die ·ohne
Gottesfurcht jede, aber auch jede Gottlosigkeit
begehen? Wo ist der Ort, an dem
es auch solche Untiere gäbe, die nach
außen ehrbar erscheinen, aber dennoch
ihre Mitmenschen auf schändliche Weise
verfolgen und verschlingen? In derart verdorbenen
Zeiten ist nichts rarer geworden
als die althergebrachte Gottesfurcht. Diese
ist bei allen Gruppen und in allen Volksschichten
nahezu in Vergessenheit geraten.
Daß die Nachtdiebe auf dem Teufel in der
Gestalt eines schwarzen Bockes durch die
Lüfte geritten sind, darüber habe ich mich
im letzten Kapitel, wenn auch in aller Kürze,
ausgelassen . Der verehrte Leser wird
jetzt zu Recht neugierig sein, etwas über
den Teufelsbund zu erfahren, den die Mitglieder
der Bande eingegangen sind .
Was die Verpflichtungen und die Art und
Weise angeht, in der sich die Mitglieder
dem Teufel verschrieben, so gab es von
den verschworenen Nachtdieben recht
unterschiedliche Versionen. Das wird Sie,
verehrter Leser, nicht weiter verwundern,
weil sich die Burschen bei diesem Anlaß
oft wie die Tiere betranken, so daß sie
später keine näheren Einzelheiten mehr
zu erzählen wußten.
Es ist auch anzumerken, daß nicht alle
diesen gottlosen Eid ablegten, sondern
nur das einfache Treueversprechen, nie
auch nur das mindeste über die Bande zu
verraten. Zum anderen ist zu sagen, daß
viele noch in der vorigen Bande ihren Eid
abgelegt hatten. Ich betone ,vorige Bande',
um einen Unterschied zu machen,
obgleich beide Banden gleich sind und
sich nur in der Zeit und geringfügigen Einzelheiten
unterschieden.
Bei der Ortswahl für die Vereidigung
schien ihre alte Gottgläubigkeit noch einmal
stärker als die Bosheit gewesen zu
sein. Sie wählten hierzu nämlich keinen
profanen oder gar üblen Ort aus, sondern
suchten sich Kapellen. So die St. Leonards-Kapelle
in Herzogenrath, die St. Rosa-Kapelle
in Sittard, eine bei Urmond an
der Maas gelegene Kapelle und eine in
einem Wald in der Herrlichkeit Schaesberg
gelegene Kapelle. Sie legten dort den Eid
auf die folgende Weise ab : Am Altar der
Kapelle stand einer von ihnen in einem
langen Talar oder einer Toga. Neben diesem
stand ein zweiter mit einem Buch •in
den Händen . Auf dem Altar brannten zwei
Kerzen, vor dem Altar auf dem Fußboden
lag ein Kreuz und manchmal auch eine
Marienfigur, das Bild unserer allerheiligsten
Magd und Gottesmutter. Derjenige
nun, der seinen Eid ablegen sollte, kam
rückwärts gehend in die Kapelle, und der
vor dem Altar fragte nach seinem Namen ,
seinem Fach, seinem Alter und so fort.
Dann mußte er zwei Finger seiner linken
Hand zum Schwur erheben und seinen
rechten Fuß auf das am Boden liegende
Kreuz - oder die Figur der allerheiligsten
Magd Maria - setzen und folgendes
schwören (ich führe hier nur die wichtigsten
Punkte an) :
Erstens mußte er Gott und allen Heiligen
abschwören.
Zweitens mußte er der Bande in allem
Treue schwören; auf daß er nie das Mindeste
verrate - weder freiwillig noch auf
der Folter erzwungen. Und falls er wegen
nicht mehr zu ertragender Pein doch etwas
verraten mußte, so sollte er doch so-
Abb. 27: Bockreiter leisten den Teufelseid vor
der Herzogenrather St.-Leonhards-Kapelle.
Kupferstich von F. A. Scheureck als Abbildung
im Bockreiterbuch von 1781
(vgl. Anmerkung 3)
45
viel wie möglich verschweigen und auf
keinen Fall einen Kameraden verraten.
Wenn es zum Tod am Galgen käme, sollte
er alles widerrufen.
Drittens mußte er schwören , nach außen
hin wie ein aufrechter Christenmensch getreu
den Geboten der Kirche zu leben. Er
sollte beichten gehen und auch die Sakramente
empfangen . Dem Beichtvater solle
er aber kein Sterbenswörtchen über die
Bande sagen .
Viertens durfte er unter gar keinen Umständen,
was auch immer geschah, den
Versammlungen der Bande fernbleiben,
wenn ihm hierzu Ort und Zeit mitgeteilt
würden . Nur schwere eigene Krankheit
oder ähnlich schwere Hinderungsgründe
konnten ihn entschuldigen, was er aber
umgehend dem Anführer oder seinem Informanten
mitteilen mußte.
Fünftens mußte er schwören, keine eigenen
Einbrüche oder Diebereien zu begehen
oder sich auf öffentlichen Straßen als
Räuber oder Strauchdieb zu betätigen .
Ja, und schließlich mußte er auch noch
schwören, dies bei Leben und Tod treulich
zu befolgen .
Darauf wurde ihm ein warmes Getränk
oder auch Branntwein gereicht, und er
mußte auf das Kreuz unseres Herrn spukken
. Als sein Name dann in ein Buch
eingetragen war und er unterzeichnet hatte,
war die gottlose Handlung beendet.
Der Johannes P., der dabei war, hat mir
erzählt, der Schweiß sei ihm nur so heruntergelaufen,
als er diesen Eid ablegte, obgleich
es tiefer Winter war. Fürwahr, eine
saubere Gesellschaft, bei der der Teufel
das Zepter schwingt! Höchst bedenkenswert
ist, was P. Bignelli über den Kunstmaler
Zeuxes 40 schreibt. Dieser Zeuxes
nahm sich eines Tages vor, eine alte Frau
nach allen Regeln seiner Kun.st zu malen.
Doch als er das Gemälde vollendet hatte,
mußte der Meister über sein fertiges Werk
derartig lachen, daß er darüber einen
Herzanfall bekam und wenige Tage danach
an innerer Blutung verstarb. Was ist
die Sünde denn anderes als ein häßliches
mißratenes Abbild, angefertigt nach unserem
eigenen bösartigen und fehlgeleiteten
Willen? An diesem mißratenen Entwurf hat
der Meister, will sagen der Sünder, zwar
vorübergehend sein Wohlgefallen und er
kann auch herzhaft darüber lachen . Aber,
o Mensch, auf dieses Lachen fo lgt bald der
Aufschrei, auf die Freude folgt der
Schmerz! Die Strafe folgt der Sünde allüberall.
Denn Sünde und dazugehörende
Strafe sind aneinandergekettet. Ja, denn
wenn keinerlei Strafe auf die begangene
Sünde folgen würde, wozu hätte uns dann
der ewige und immerwährende Gott Gebote
erlassen?
Daß da ein ewiger Gesetzgeber sein muß,
einer, der alles lenkt und auch die Ordnung
in der gesamten Natur setzt, das
lehrt uns schon die Vernunft und die alltägliche
Erfahrung. 41
- • ..:. ~· '-!.·-i:. .... • _;;•• ~
.:}i:~~~/ -·'.;,.;
•
Abb. 28: Gesamtkomplex der Abtei Klosterrath (Rolduc) nach einer Lithographie von G. Slits von 1865.
Original: Abtei Rolduc. (Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis der Abtei Rolduc.) 1763 wurde auch die Abtei von Bockreitern überfallen.
In diesem geistigen und geistlichen Zentrum der lande von Overmaas führte man zwischen 17 40 und 17 48, in den ersten Monaten von 1752 sowie
zwischen 1770 und 1772 ein Tagebuch zu den Ereignissen um die Bockreiter. Der lateinische und niederländische Text dieser wichtigen
Geschichtsquelle findet sich in: Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders .. . , a. a. 0 ., S. 152 ff.
46
21. Kapitel
Der Weg in die Bande war für
manches Kind schon vorgezeichnet
Fürwahr, diese Welt ist wie eine großartige
Bühne, auf der - um im Bild zu bleiben -
der allmächtige Gott den König aller Könige
spielt. Doch sei n Kennzeichen ist, daß
er niemals irdische Not leidet und für immer
der eine und ewige Gott, der Herrscher
über Him mel und Erde bleibt.
Den Verlauf dieses Schauspiels auf der
Weltbühne haben wir tagtäglich vor Augen.
Sieht man erst ein weites fruchtbares
Feld, so ziehen alsbald ganze Heerscharen
auf, dort, wo zuvor noch die wogenden
Ähren standen . Und wieder wandelt sich
das Bild, und man erblickt nur noch einen
Steinhaufen, wo sich zuvor eine blühende
Stadt erhob. Adam und Eva waren die
ersten Höflinge, die der allerhöchste Fürst
zu hohem Ansehen erhob. Aber ach, wie
undankbar sind diese doch gewesen! Wie
schnell vergaßen sie ihren glücklichen Beginn.
Ja, sie verfielen sogar auf die aberwitzige
Idee, es Gott gleichtun zu wollen , dessen
Gnade sie doch ihr ganzes Sein verdankten.
Nun , die Strafe blieb nicht lange aus.
Unsere Voreltern wurden in Unglück und
Elend versto ßen, in dem wir uns immer
noch befinden . Sie mußten noch zu Lebzeiten
erken nen, daß sie nichts als Sklaven
waren .
Aber schon tritt Kain auf unserer Bühne
auf und stellt sogleich unter Beweis, daß
er die Verderbtheit geerbt hat, welche er
dann seinerseits als besondere Hinterlassenschaft
wiederum seinen Nachfahren
weitergab. Noch bevor sein dritter Bruder
Seth geboren wurde, hatte Kain Nachkömmlinge,
und es dürfte niemanden verwundern,
daß die bei einem solchen Vater
ebensowenig taugten . Der tugendsame
und fromme Bruder Abel hatte keine leiblichen
Erben , weil ja der bösartige Kain dies
vorzeitig durch den Brudermord vereitelt
hatte.
Als ich mich letztens mit diesen denkwürdigen
Ereignissen aus dem Alten Testament
befaßte, da ging mir so durch den
Kopf, daß es eigentlich heute ähnlich zugeht.
Die Astrologen, oder besser: Die
Sternegucker, haben uns früher immer
weismachen wollen , daß das Beliebtsein
unter den Leuten und das Glück oder Unglück
eines Menschen ganz oder zum al
lergrößten Teil vom Zeitpunkt der Geburt
abhänge. Gott sei Dank sind diese Ansich
ten inzwischen so unglaubwürdig geworden,
daß man sie für Märchen hält. Es
ginge deshalb auch zu weit, wenn man wie
früher die Auffassung vertreten würde,
daß derjenige, der für den Galgen bestimmt
ist, keinesfalls durch Ertrinken ums
Leben kommen kann. Auf der anderen
Seite ist es aber zweifelsfrei so, daß Kinder
die Wesensart und die Eigenschaften
ihrer Eltern übernehmen, insbesondere
von der Mutter oder der sie säugenden
Amme. Avicena, ein gelehrter Mediziner,
hat versucht, dies mit zahlreichen Beispielen
zu beweisen. Tiberius Nero, der dritte
heidnische Kaiser, ist ein großer Weintrinker
gewesen, weshalb ihn einige seiner
Zeitgenossen abfällig Biberius Nero 42
nannten. Die Ursache für die Trunksucht
lag aber einzig und allein bei seiner Amme,
die überaus unmäßig im Weintrinken
gewesen war. Es ist bekannt, daß Romulus
und Remus eine unbeschreiblich wilde,
rohe und ungezähmte Natur hatten,
die hatten sie sich bei ihrer vierbeinigen
Amme, einer Wölfin, aufgesogen 43 . Plutarch
schrieb, daß König Agis derartig geformte
Füße hatte, daß er schneller als ein
Pferd laufen konnte. Die Erklärung hiervon
war, daß er mit der Milch einer Hirschkuh
aufgezogen worden war. 44
Hieraus ergibt sich eindeutig, daß ein Kind
mit der Muttermilch oder der einer Amme
zugleich auch Wesensart und Eigenschaften
einsaugt. Was Wunder, wenn nichtsnutzige
Eltern auch nichtsnutzige Kinder
haben. Doch bestimmt nicht die Geburt
allein einen Menschen, sondern auch die
Erziehung der Eltern sowie deren böses
und übles Vorbild oder gar deren Anleitung
und Verführung zum Schlechten. Es
heißt ja schon in der bekannten Redensart
: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm .
Wie soll das denn auch gehen, so meine
ich , .daß jemand , der anderer Leute Eigentum
nicht achtet und vom Stehlen und
Rauben lebt, daß so einer seine Ki nder
davon abhält und sie nur Gutes lehrt?
Nichts kann man einem anderen besser
beibringen als Untugenden, und nichts
vererbt sich einfacher als ein schlechter
Charakter und die üblen Angewohnheiten
von Menschen, mit denen man täglich
Umgang hat. Darum sagt auch der Dichter
Horaz 45 (Lib.3, oed.6):
Aetas parentum , peior avis, tul it
nos nequiores, mox daturos
progen iem nequiorem .
Das könnte man in etwa wie folgt übersetzen
:
Und taugten schon die Eltern nicht,
die Kinder dann noch minder.
Ganz gottlos und verdorben sind
am Schluß die Enkelkinder!
Die Ehe ist noch weit schwerer zu tragen,
als man gemeinhin annimmt. Der heilige
Paulus, der die Ehe als eine ehrenwerte,
aber schwere und notwendige Last ansieht
(vg l. erster Brief an die Korinther, 7,
1-16.), versichert uns, daß die, welche sie
eingehen, viele Mühen durchzustehen haben.
Ich will hierbei nur an die Mütter
erinnern , wie sie unter großen Schmerzen
ihre Kinder zur Welt bringen. Ich erinnere
an die ständigen Sorgen um die Kinder:
Wie sie betten? Wie sie kleiden? Diese
Sorgen begleiten alle Mütter, wenn ihre
Kinder einmal geboren sind . Und sobald
die Kinder größer geworden sind, fangen
die Pflichten von Mutter und Vater erst
richtig an . Welche Sorge bereitet den
rechtschaffenen und verantwortungsbewußten
Eltern doch die Kindererziehung!
Liebe Eltern , ich will hier keine lange Predigt
halten. Doch ich möchte ganz kurz
umreißen, was ihr tun müßt, wenn ihr die
Kinder richtig erziehen wollt: Achtet immer
darauf, daß eure Kinder gute Christen
werden!
47
22. Kapitel
Die schlechte Erziehung und das
üble Beispiel von Eltern und Geistlichkeit
machten viele schon in jungen Jahren zum Dieb
Die Menschen mit der höchsten Intelligenz
sind mitunter die schlimmsten Bestien.
Doch auch der rechtschaffene Mann
kann schon einmal unehrenhaft sein und
seine Talente gebrauchen, aber auch mißbrauchen.
Selbst bei einem Herrn, der ein
öffentliches Amt bekleidet, kann es vorkommen,
daß ihn plötzlich sein Verstand
und sein besonnenes Urteilsvermögen im
Stich lassen. Absalon 46 war kein Dummkopf,
und dennoch blieb er so ungeschickt
mit seiner goldenen Haarlacke an einem
Eichenbaum hängen, daß er dabei seinen
Geist aufgab. Weder öffentliche Amtsträger
und noch viel weniger Königssöhne
waren Mitglieder unserer Bande gewesen.
Und doch gab es einige wenige davon , die
ihr Leben am Galgen lassen mußten, obgleich
sie von ihrem Stand her Leute mit
Geist waren. Offenbar hatten sie zwar den
Verstand, konnten ihn aber nicht anwenden
.
Einer aus der unglückseligen Bande, der
auch sein Leben am Galgen beendete,
war recht intelligent und hatte einen auffallend
klaren Verstand . Als man ihn nämlich
nach den möglichen Gründen fragte, weshalb
denn so viele Mitglied der Bande
geworden seien und wodurch man ehrliche
Leute zu so etwas verführen könne,
da hat er seine Ansicht hierzu sehr durchdacht
in sechs unterschiedlichen Beweggründen
dargelegt.
Erster Grund: Eine schlechte Erziehung
oder Verführung durch schlechtes Bei
spiel.
Zweiter Grund: Nächtliches Herumtreiben
und Herumlungern auf den Straßen.
Dritter Grund: Betrinken und Karten- sowie
Glücksspiele.
Vierter Grund: Schamlosigkeit und den
Weibe rn nachstellen.
Fünfter Grund: Gier nach anderer Leute
Eigentum .
Sechster Grund: Nachlässigkeit von Behörden
und zuständigen Gerichten.
Verehrter Leser, es geht mir hier wirklich
nicht nur daum, diese Schurken und ihre
Untaten zu beschreiben, mein eigentliches
Anliegen ist es, alle Kinder von ehrlichen
und rechtschaffenen Eltern dringend
zu warnen. Ich möchte ihnen sagen, daß
sie sich vor dieser verwerflichen Gesellschaft
hüten müssen, damit sie nicht verführt
werden. Darum will ich den Ablauf
nochmals kurz und Punkt für Punkt skizzieren.
Um mich nicht wiederholen zu
müssen , kann ich, was die Eltern angeht,
auf das vorige Kapitel verweisen . Welch
ein Beispiel, welch eine Erziehung geben
doch stehlende Eltern ihren Kindern! Sobald
die Kinder einigermaßen zu Verstand
gekommen sind, leiten sie sie schon zu
kleinen Diebereien an. Die Kinder sollen in
Gärten und Höfe eindringen und Früchte
oder Gemüse stehlen; sie soll en in Waldungen
und Gehölze schleichen und
Brennholz mitgehen lassen: Zur Erntezeit
werden sie angehalten, vom Acker die
Kartoffeln zu stehlen und gemeinsam mit
ihren räuberischen Eltern Getreide, Roggen,
Weizen usw. von den Feldern zu
entwenden. So werden die Kinder von den
eigenen Eltern zum Bösen verführt. Das
führt dann von frühester Kind heit an zu
einer Verdorbenheit, für die sie am Ende
mit einem schandbaren Tod am Galgen
bezahlen müssen.
Die verehrungswürdige Obrigkeit, die den
Staat weise und umsichtig regiert, hat diese
Zusammenhänge sehr wohl erkannt
und am 2. Mai 1777 eine Verordnung erlassen
, in der es heißt, daß alle Missetäter,
die aus Obst- und Gemüsegärten stehlen ,
mit körperlicher Zü chtigung oder - je
nach Schwere der Tat - mit der Todesstrafe
bestraft werden sollen 47 . Es wäre zu
wünschen, daß diese Anordnung viel strikter
eingehalten und befolgt würde.
Niemand muß sich darüber verwundern,
wenn die Bande in einigen Jahren wieder
auflebt in den landen von Overmaas und
aktiv wird, wenn doch die eigenen Eltern
ihre Kinder zu Diebstahl und Einbruch verführen
. In welchem Lebensabsch nitt hat
denn der Mensch Beistand und Hilfe am
nötigsten? Zu welcher Zeit muß er dringend
in den christlichen Tug enden unterwiesen
werden? Doch wohl in der Jugend
und in seiner Kindheit! Was kann schon
aus einer hemmungs- und bindungslosen
Jugend werden? Welchen Weg würde sie
denn einschlagen? Die Antwort hierauf ist
nicht einfach. Auch ein Weiser würde hier
keine klare Antwort geben wollen . Ein klu
ger Mann sagte einmal , daß es drei nicht
faßbare Dinge gäbe: Unerfindlich sei der
Flug des Adlers in den Lüften , der Weg
einer Schlange auf dem Erdboden und der
Weg eines Schiffes in der Weite der See.
Am unergründlichsten scheint mir ein
Viertes: Nämlich der Weg , den ein junger
Mensch einschlagen wird. Ein Jugendlicher,
der sich von seinen Trieben lenken
läßt, hat zwar die Schnel ligkeit und Stoßkraft
eines Adlers, aber auch die Unbeständigkeit
und Wechselhaftig keit der Begierden
und Wünsche wie eine Sch lange.
Schließlich zeigt er in dem, was ihn bedrängt
und wozu er sich drängen läßt, die
Bewegungen eines schwankenden Schiffes,
das von Wetter und Wind hin- und
hergeworfen wird. Wie soll er da allein
Abb. 29: Das Pfarrhaus von Merkstein, was sich der Pfarrer Wilhelm Fabritius etwas außerhalb des
eigentlichen Ortskerns in einem parkähnlichen Garten 1713 erbauen ließ. Größe und Lage dieses
Bauwerks können die Stellung belegen, die der Pfarrer in dieser Zeit hatte. Für Merkstein kommt
hinzu, daß diese Gemeinde 1630 durch Verpfändung an die Abtei von Klosterrath (Rolduc)
überging und der Abt Landesherr war. Der Abt ernannte demnach auch die Merksteiner Pfarrer und
bezahlte sie.
Foto: Linn
48
durch dieses Gewirr hindurchsteuern, al
lein ohne Leh rer und Lenker, der Flugrichtung
und Geschwindigkeit des Adlers regelt,
der der Schlange den geraden Weg
weist und der sch ließlich das Schiff durch
Klippen und Unwetter in den sicheren Hafen
leitet? Hierzu seid Ihr, Väter und Mütter,
berufen ! Ihr mü ßt diese Aufgabe erfüllen,
denn Ihr kennt ja die Schwächen und
bösen Neigungen der Kinder. Erzieht sie
mit viel Einfü hlungsvermögen, und wenn
es dabei nicht im Guten geht, nehmt die
Rute und verhängt Strafen!
Andererseits haben auch die Geistlichen
hier ihr Aufgabenfeld zu sehen. Es gibt die
Erziehung zur Lebenstüchtigkeit und die
religiöse Erziehu ng. Die Eltern sind zu beidem
verpflichtet. Der Geistlichkeit ist nur
die religiöse Erziehung anvertraut. Mit welcher
Liebe und Sorge hat sich doch unser
Erlöser den kleinen Kindern zugewandt!
Hat er nicht in den drei Jahren seines
Wirkens vor allem die Kinder unterwiesen?
Das sagt uns die Hei lige Schrift beim
Evangelisten Markus und beim Evangelisten
Lu kas. Wer die Würde eines Seelenhirten
auf sich nim mt, ist ohne Zweifel ein
Bürge für die ihm anvertrauten Seelen. Die
Pflicht eines Bürge n ist letztlich im Naturrecht
veran kert und wurde selbst von den
unwissenden Heiden zu allen Zeiten in
gleicher Weise gesehen.
Geistliche Herren, tut Eure Pflicht! Je größer
und umfassender diese wird , desto
mehr ist von Euch gefordert. Erfüllt Eure
Pflicht für die Christenheit und zu Ehren
von dem , in dessen Auftrag Ihr die Bürgen
seid!
Wie kam es denn zu unseren verdorbenen
Zeiten? Wie kam es, daß so viele Christen
ohne Gottergebenheit, ohne Gottesfurcht
und ohne Gottesdienste in der Sünde leben?
Wie kon nte es kommen , daß sie so
tief in Sünde und Laster gesunken sind?
Oder kurz gefragt: Wie konnte es dahin
kommen , daß es in den landen von Overmaas
und dem Umland so viele gottvergessene
Nachtd iebe und Einbrecher gibt?
Man sollte dafür keine andere Ursache
suchen als einen ve rdorbenen Charakter,
verstärkt durch die Unwissenheit in unserem
heiligen Glauben und die schlechte
Erziehung durch Eltern und Geistlichkeit.
Ein Geistlicher sollte wie eine brennende
Kerze auf hohem Sockel über dem Volk
Tag und Nacht leuchten. Und das nicht
bloß durch geistliche Ermahnungen und
religiöse Unterweisung, sondern zugleich
durch einen vorbildlichen und geistlichen
Lebenswandel (Trid . Sess. 23D.). 48
Was würde der heilige Bernhard sagen ,
wenn er wieder auf die Welt käme und mit
ansehen müßte, wie wenig sich heute die
Geistlichen um seine heilbringenden und
seligmachenden Lehren kümmern? Seine
theologischen Werke läßt man heute unter
Staub und Dreck verrotten und verkommen.
Ein frommer Abt, namens Gilbertus, verurteilte
seinerzeit mit großem und heiligem
Abb. 30: Petrus Joseph Chaineux, der letzte Abt von Klosterrath (1782-1794, er verstarb 1800 in
Münster). Chaineux, der wohl eher Unternehmer als Seelsorger war, förderte den Kohlebergbau
der Abtei ganz ungemein und erlangte als resoluter Planer und Erbauer wichtiger Verbindungsstraßen
im Land von 's Hertogenrode herausragende Bedeutung. Dieses Porträt befindet sich in der
Abtei Rolduc (Klosterrath) und wird hier mit deren freundlicher Erlaubnis wiedergegeben.
Chaineux, der vor seiner Ernennung zum Abt als Provisor Vermögen und Finanzen der Abtei
verwaltete, konnte sehr wohl mit SLEINADAS Kritik gemeint gewesen sein.
Zorn das üble Beispiel, welches die Geistlichen
mit ihren verluderten Sitten geben :
Hodie pestilentia morum faeda satis et lenta
nimis exalat: corrumpunt enim mores
bonos, exempla mala 49 .
Was der Apostel im ersten Brief an Timotheus
schreibt, muß für alle Geistlichen
gelten: Ein Geistlicher darf nicht gewinnsüchtig
sein, er darf keine Geschäfte betreiben
50 . Wie sieht das denn aus, wenn
hochwürdige Äbte, Pastores, Priores und
Procuratores entweder höchstselbst oder
über andere Geistliche und Bedienstete
den Kaufmann spielen und allerlei Waren
wie Lebensmittel und dergleichen vertreiben?
Das Finanzwesen kann man zur Zeit
am besten bei den Geistlichen oder in den
Klöstern erlernen! Da finden sich dann bei
einem Geistlichen mehr Geschäftspapiere
als Unterlagen für Predigten oder geistliche
Schriften.
Es ist doch schlimm , wenn Seelsorger
sich schämen , sich durch die Kleidung als
Geistliche zu bekennen und statt dessen
rote oder weiße Kleider tragen , möglichst
mit einem Halstuch, das sie wie ein Bettlaken
um den Hals geschlungen haben. Auf
dem Kopf tragen die Herren hohe Toupets
mit gelockten und gepuderten Haaren ,
aber keine Priesterkragen. Wenn man sie
so durch die Straßen gehen sieht, hält man
sie eher für Perückenmacher oder Komödianten,
aber nicht für Priester.
Schuld an alledem haben die Herren Kanoniker
vom Domkapitel, die ihnen offenbar
eine verdrehte kanonische Bestimmung
irgendeines Spaßvogels beigebracht
haben . Hierzu muß ich jetzt etwas
in Latein aus dem Werk des heiligen Bernhard
zitieren : Num de vestibus cura est
Deo et non magis de moribus? At forma
haec vestium: deformitatis mentium et
morum judicium est. Ouid sibi vult qui
Clerici aliud esse aliud videri volunt? ld
quidem castum , munusque sincerum ,
nempe habitu milites, quaestu Clericos,
actu neutrum exhibent: nam neque ut milites
pugnat neque ut Clerici Evangelisant. 51
Hochwürdige Herren, ich verweise Euch
weiter auf den heiligen Bernhard! Lest
dort, wie verhängnisvoll sich Euer
sch lechter Lebenswandel auf die öffentliche
Moral auswirkt. Wie wird denn ein
braver Landmann zum Einbrecher? Das
sind Eure Versäumnisse in der religiösen
Unterweisung und Eure unersättliche,
maßlose und ungebührliche Geldgier und
die Habgier nach irdischen Gütern. Weshalb
strauchelt denn der kleine Mann , und
warum wird er immer wieder rückfällig? Es
ist Euer mieses Vorbild und all die Ärgernisse
und Skandale, die Ihr vorführt (wobei
Ihr Euch allerdings in allerletzter Zeit etwas
zu bessern scheint).
Ich bitte Euch, mir das alles nicht übel zu
nehmen. Es war nicht bös gemeint. Aber
denkt einmal darüber nach , ob es nicht
doch die Wahrheit war, um die ich mich
nämlich sehr bemüht habe: veritas odium
parit 52 .
49
23. Kapitel
Nirgendwo herrscht des Nachts ein so ausgelassenes
Treiben wie in den landen von Overmaas,
und diese ungezügelte Nachtschwärmerei
begünstigte die Nachtdiebe
Die finstere Nacht ist der Feind des Menschen
. Nichts erschreckt, nichts fürchtet
er mehr als Düsternis und Dunkelheit.
Auch wer sonst stark und unerschrocken
ist, wird in einer finsteren Nacht zuweilen
von Furcht und Angst ergriffen. Und doch
verändert jedermann gerne den Tag in die
Nacht und die Nacht in den Tag . Wann
kommt beispielsweise der Hausherr zurück?
Die tugendsame Hausfrau sitzt da in
tiefer Nacht allein zu Haus und ist in mütterlicher
Sorge vollauf mit ihren lieben
Kleinen beschäftigt, während sich der Herr
des Hauses tanzend und springend auf
einem Ball amüsiert. Oder er sitzt im Wirtshaus
und verbringt die ganze Nacht mit
Kartenspielen . Da könnte der Frau die Galle
überlaufen, und sie wünschte sich, daß
ihr feiner Mann im Düsteren mit dem Kopf
gegen die Hauswand rennt - sich dabei
aber nicht das Genick bricht. Aber wo der
Herr ist, da ist es nicht Nacht. Hell wie der
Tag ist es dort durch all die Wandlampen
und Leuchter, die angezündet sind. Das
Vergnügen ist durchaus ehrenhaft, die An
wesenden sind honorig, und es gibt nichts
zu beanstanden oder zu befürchten. Leider
geht es da aber auf den Dörfern in den
landen von Overmaas auch anders zu ,
und dies halte ich dann für eine weitere
Ursache, weshalb dieses Land so viele
Nachträuber aufzuweisen hat.
Weder im Sommer noch im Winter gibt es
hier eine einzige Nacht, wo sich nicht in
den Dörfern Nachtschwärmer und Landstreicher
herumtreiben. Die krakeelen,
kreischen, grölen, fluchen oder treiben anderen
üblen Unfug. Da könnte man Europa
von oben bis unten abfahren, und man
würde nirgends bei Tag eine derartige
Ausgelassenheit antreffen wie in den landen
von Overmaas bei finsterer Nacht!
Die Jugend rottet sich schon zusammen .
Natürlich vor allem, um unter den Fenstern
der jungen Mädchen zu schwadronieren
und zu schäkern. Sie schwärmen von Gehöft
zu Gehöft, von dem einen Dorf zum
anderen. Mit großen Knüppeln bewaffnet,
machen sie ein derartiges Geschrei, wie
sie es anscheinend von den Wilden gelernt
haben . Aber was sage ich da von
Wilden? Sie machen es den Tieren nach!
Achten Sie doch einmal an einem Winterabend
darauf, ob Sie nicht Schreie wie die
eines Menschen hören können . Jaug!
Jaug! Was meinen Sie, wer die ausstößt?
Es sind die Laute des arglistigen und räu-
berischen Fuchses oder die der hinterhältigen
, nachträuberischen Eule. Zwei Tiere,
die auf Stehlen und Rauben aus sind und
die ihr Aas und ihr Futter in düsterer Nacht
suchen müssen . Und ausgerechnet von
diesen beiden Tieren haben unsere Maasländer
ih r Geschrei übernommen ; und
auch das Stehlen und Rauben haben sie
von ihnen gelernt.
Man kann keinen leichter verführen als bei
der Nacht. Über Tag sind die Handwerker
und der Bauer bei ihrer Arbeit, sie haben
keine Zeit darüber nachzuden ken , wie sie
ihre Mitmenschen hereinlegen können.
Niemand wird dann über Rauben oder
Stehlen sprechen . Doch während der
Nacht werden sie leichtsinnig, und der
Verführer probiert es erst mit kleinen Diebereien,
wie das Stehlen von Birnen und
Pflaumen usw. Dann aber schlägt er einen
schweren Einbruch in ein Haus vor. Ach ,
wie viele sind nicht auf diese Weise zur
Bande verführt worden ! Johannes E. beispielsweise
hat mir persönlich berichtet, er
sei eines Nachts mit Kameraden einzig
losgezogen, um hübsche Mädchen zu
treffen und mit denen zu fl irten . Aber diese
Kameraden stellten ihn einfach als Wachtposten
auf und gingen steh len . Erst anderntags
erzählten sie es ihm, und so wurde
auch er in die Sache hineingezogen.
Genauso ist es vielen anderen auch ergangen
.
War es da nicht überfällig, daß die Behörden
diese gefährliche Nachtschwärmerei
und das Herumlungern auf den Straßen
aufs strengste verbieten? Ja, ich wette
meinen guten Ruf dagegen und ve rsi chere,
wenn diese Herumtreiberei bei Nacht
aufhört, wird auch kein Gru nd zu r Angst
vor Diebesbanden meh r sein . Es müßte
darum als eine Ordnungswid rigkeit verfolgt,
vielleicht sogar mit einer körperlichen
Strafe geahndet werden, wenn jemand
im Sommer nach 1 O Uhr und im
Winter nach 9 Uhr ohne einen triftigen
Grund auf der Straße herumläuft. Das Krakeelen
und Grölen müßte bei schärfster
Strafe verboten werden. Und ein jung es
Mädchen, das sich nachts an ihr Fen ster
stellt, sollte beim ersten Mal öffentl iche
Abbitte leisten oder eine Geldstrafe zahlen
- wofür dann Eltern oder Vormund einzustehen
hätten . Beim zweiten oder dritten
Mal müßte man ein derartiges Mädch en für
ehrlos erklären . Ich bin überzeugt, daß so
nicht nur die Ve rfüh rung zur Bande aufhören
würde, sondern man würde hierzulande
auch nichts meh r von Totschlag, vo n
Sch läge reien und Mordtaten hören , die
:,J ,.· ·J. ,;:·•:.
Abb. 31 : Hof Crombach (in der Nähe des Grenzübergangs Kerkrade-Locht). Dieser Hof gehörte der
Abtei Rolduc. 1754 kam es hier im Nachbarhof zu einem spektakulären Bockreiterüberfall, der vom
betroffenen Bauern und den herbeigeeilten Abtei-Knechten abgewehrt werden konnte. Einer der
hierbei beteiligten Bockreiter, Andreas Noolbach, wurde ergriffen und 1755 in Kerkrade aufgehängt.
Foto: Rudnick
. ,.,
50
zur Zeit noch so zahlreich und in so niederträchtiger
Weise in diesem Land verübt
werden .
Die Landesherren haben gegen die Nachtschwärmerei
überaus gerechte, strenge
und zielgerichtete Anordnungen getroffen .
Sie haben versu cht, diesem Übel in geeigneter
Form zu begegnen. Auf holländischem
Gebiet hat man darum Gemeindebedienstete
eingesetzt, die gegen nächtliche
Ausschreitungen vorgehen sollen und
nächtliche öffentliche Ruhestörer unter
Polizeigewalt in Haft nehmen. Aber was
soll's? Wer ein en eigenen Hausstand hat,
bleibt nachts lieber daheim und schläft bei
seiner Frau , statt Wache zu schieben . Und
eigentlich gebe ich ihm da recht.
Es ist nicht meine Aufgabe, Gesetze zu
erlassen . Ich möchte aber wohl, ohne jemandem
nahezutreten, offen meine Meinung
sagen. Um dieser ersten und vordringlichen
Ursache des großen Übels unseres
Landes zu begegnen, müssen die
Nachtschwärmer entweder durch Soldaten
oder durch die Landwacht beim Kragen
gepackt werden. Und alle Aufgegriffenen,
die wehrtauglich sind, sollten vier
oder sechs Jahre ihrem Landesherrn zu
Pferd oder zu Fuß bei den Landtruppen als
Soldat dienen. Wer dazu nicht imstande
ist, sollte für acht Tage bei Wasser und
Brot ins Gefängnis.
Nur diese Methode kann unser Land vor
dem Verderben bewahren . Wenn hier
nicht bald gehandelt wird, dann liebe Einwohner
dieser lande und andernorts, hütet
Euch beim nächtlichen Aufenthalt auf
den Straßen , sei es in Städten oder Dörfern
.
Landbewohner: Seid Euch der großen Gefahr
bewußt, in der Ihr Euch befindet, Ihr
könnt ständig zu Taten verführt werden,
die zu begehen Ihr nie geahnt hättet. Eltern,
haltet immer Eure Kinder im Auge,
erfüllt Eure Pflicht und unternehmt alles,
damit sie keine Nachtschwärmer und Herumtreiber
werden . Wer Böses tun will, der
haßt das Licht und sucht die Dunkelheit!
24. Kapitel
Nichts gegen einen Besuch im Wirtshaus;
aber die Saufgelage und Krawalle
hierzulande fördern das Verbrechen
Das Handeln der Weisen und das Verhalten
der Tugendhaften ist wie ein lebendes
Buch, das uns nahezu mühelos unterweist
; mitunter sogar, ohne daß es uns
bewußt wird . Wir erkennen im Verhalten
der Vorbi lder die Regeln,' denen wir nur
folgen müssen. Durch das, was wir dabei
sehen und hören, werden wir unbewußt
dazu angespornt, es ihnen gleichzutun
und unser bisheriges Leben entsprechend
zu ändern. Und wenn es denn wahr ist,
daß derjenige weise wird, der mit einem
Weisen umgeht, und daß der tugendhaft
wird, der mit dem Tugendhaften verkehrt,
dann ist es weit mehr wahr, daß derjenige,
der einen schlechten Freund hat, auch
schlecht werden wi rd, und wer einen verdorbenen
Kameraden hat, der wird gleichfalls
verdorben und nichtsnutzig werden .
Es ist leider so, daß wir offenbar keinen
Lehrmeister nötig haben, um das Schlechte
zu erlernen und zu praktizieren. Unsere
eigene schwache menschliche Natur treibt
uns mit ihren schlechten Neigungen und
Begierden von selbst darauf zu. Aber
wenn wir Freundschaft und Gemeinschaft
mit denen suchen, die durch und durch
verdorben sind, die weder Gott noch ihre
Pflicht kennen und nur ihren Launen und
Trieben folgen , dann wird sich deren
Schlechtigkeit unmerklich auf uns übertragen.
Wir werden bald wie sie leben, zumindest
aber nicht mehr das Gute tun,
wozu wir als Menschen, vor allem aber als
Christen, verpflichtet sind.
Es gibt nur zwei Gruppen von Menschen
auf der Welt: eine, die den Staat stützt und
die Gewinn bringt und eine andere, die
ihm zum Schaden ist. Es sind dies die
Guten und die Bösen . Der heilige Augustinus
sagt in seinem Werk ,Vom Gottesstaat'
: » Der Gute trachtet, den Bösen zu
bekehren ; doch der Böse versucht, den
Guten zu verführen und zu verderben. «
Es ist schon so, wir führen ein auf Gemeinschaft
und Mitbürger bezogenes und
kein ichbezogenes, isoliertes Leben. Darum
müssen wir Menschen hin und wieder
das Gespräch mit den anderen suchen
und uns versammeln. Aber es ist tief zu
beklagen , daß derartige Zusammenkünfte
- sowohl in der Stadt als auf dem platten
Land - durchweg von den Bürgern bzw.
Landbewohnern mißbraucht werden.
Durch maßloses Trinken richten da auch
ansonsten biedere Leute jeden Versammlungsplatz
wie die Tiere zu. Auf dem Land
versammelt man sich (ich rede hier nur
von den Dörfern, um die es mir geht. Ich
schreibe dies vor allem im Hinblick auf die
Bande der Nachtdiebe und nicht etwa wegen
anderer möglicher Schandtaten) in
der Regel in Häusern, die man ,Herbergen'
53 nennt. Man würde es ja durchaus in
der Ordnung finden , wenn diese Herbergen
Gasthäuser wären , die einzig zu dem
Zweck aufgesucht werden, um sich dort
zu treffen, sich gemütlich zusammenzusetzen,
um einem maßvollen Trunk zu sich
zu nehmen und sich zu entspannen. Leute,
die über Tag körperlich schwer arbeiteten
oder sonstigen Pflichten nachgingen,
sollten hier einen rechtschaffenen und angemessenen
Zeitvertreib finden können.
Doch , bei Gott! Das sind keineswegs die
Absichten , die einen hier im Land ins
Wirtshaus und zum Bier treiben. Sich sinnlos
betrinken , ganze Nächte hindurch Kartenspielen
und ehrliche Leute anpöbeln :
Das sind so die Gründe, weshalb man hier
ins Wirtshaus geht. Man verspielt und vertrinkt
den letzten Pfennig, obschon die
arme Ehefrau daheim mit den Kindern ohne
Brot dasitzt.
Um Ihnen, werter Leser, diese schandbare
Unsitte ganz deutlich zu machen, ersuche
ich Sie, einmal in Gedanken mit mir in ein
solches Wirtshaus zu gehen, in dieses
öffentliche Haus voll der Maßlosigkeit.
Was spielt sich dort so ab? Nicht sehr viel
Gutes. Und was hört man dort? Fluchen,
Gotteslästerung sowie anstößige und gottlose
Redensarten. Was sieht man dort?
Krawalle, Schlägereien, Anpöbeleien und
noch sündhafteres Treiben, das man hier
gar nicht aufzuschreiben wagt.
Wo liegt denn die Ursache für die Verdorbenheit
des gemeinen Volkes und für die
Verführbarkeit unserer Jugend? Doch darin,
daß diese schreienden Mißstände nicht
gebührend beachtet werden.
Glücks- und Kartenspiele bringen einen
leichtsinnigen Menschen zum Diebstahl
und zu anderem Unrecht. Trunksucht und
schlechte Gesellschaft sind dann erst gar
51
nicht mehr nötig; denn wenn einer all sein
Geld verspielt hat, wird er alles Erdenkliche
tun, um wieder an neues Geld zu
kommen. Jugendliche werden die eigenen
Eltern bestehlen, wenn sie nicht auf andere
Weise an Geld kommen können. Wenn
jemand sein ganzes Geld verspielt hat,
was tut er dann wohl? Vor allem , wenn er
'ein dem Trunk verfallener Mensch ist? Er
wird sich daraufhin wie ein Tier betrinken,
und einen volltrunkenen Menschen kann
man zu jeder Schandtat verführen. Es ist
darum kein Zufall, daß in den landen von
Overmaas zur Nachtzeit soviel vorfällt.
Kein Wunder auch , daß die Diebesbande
so viele Mitglieder hatte, da doch die
Wirtshäuser hierzulande bis in die tiefste
Nacht, ja bis zum hellichten Tag , nicht leer
werden. Man spielt, man trinkt, man randa-
25. Kapitel
liert, man hurt - alles ohne Maß und ohne
Zeitgefühl. Und so konnte es geschehen,
daß viele verführt und später aufgehängt
wurden , die doch selig im eigenen Bett
hätten sterben können!
Es ist wohl wahr, daß auch die Zerrissenheit
unserer Territorien viel zu diesem
Übel beigetragen hat. Da gehört jenes Gebiet
zur Brabant, dieses zu Jülich, das da
ist holländisch, und das gehört zum deutschen
Reich . Da kann ja kein Richter oder
Staatsanwalt sein Amt richtig ausüben.
Man müßte eben gemeinsam die Gesetze
der verschiedenen Hoheitsgebiete befolgen
und respektieren . Was haben die Landesherren
doch für nützliche Gesetze erlassen,
um die Unmäßigkeit und die Zwischenfälle
in den Wirtshäusern in den Griff
zu bekommen (wie etwa das Gebot, kein
Abb. 32: Orden 1983, Karnevalsgesellschaft
»De Bockrijjer« Herzogenrath und Orden »Goldener
Bockrijjer von Roda«, der von der KG
»De Bockrijjer« an Bürger verliehen wird die
sich in ganz besonderer Weise um Herzogenrath
verdient gemacht haben .
Entwurf beider Orden : Siegfried Döbler (Wiedergabe
mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers.)
Die KG »De Bockrijjer« macht sich in vorbildlicher
Weise verdient um Heimatbrauchtum und
Geschichte des Landes von 's Hertogenrode.
Alljährlich entwirft Siegfried Döbler sorg sam belegte
und geschickt arrangierte Orden mit Motiven
aus der Heimatgeschichte, was in Verbindung
mit dem Karneval einen überaus wichtigen
Beitrag zur Pflege des Brauchtums und zur
Verbreitung geschichtlicher Kenntnisse darstellt.
Der Karnevalsorden von 1983 zeigt das
Haus des Chirurgus Kirchhoffs in der Herzogenrather
Kleikstraße.
Bier während der Sonntagsgottesdienste
zu zapfen oder Einheim ischen nach 9 Uhr
abends nichts mehr einzuschenken usw.).
Sehr lobenswert ist der in vielen Gemeinden
praktizierte Brauch , abends um 9 Uhr
die Glocken zu läuten, um jeden an seine
Pflicht zu gemahnen und die Zeit anzukündigen,
das Spiel zu beenden und das
Wirtshaus zu verlassen . Die Gemeindediener
müssen dies kontrollieren .
Beim Kartenspiel unnötig Geld zu verschwenden
und sich sinnlos vo llaufen lassen,
ist denn auch eine wichtige Ursache
für den großen Zulauf zur Bande gewesen .
Und dies wird es wohl bleiben. Prae ebrietate
erraverunt: Die Trunksucht hat sie
verführt (lsaias, Kap . 28).
Triebhafte Fleischeslust und schamlose Frauenspersonen
verführten so manch einen zur Bande
Mäßigung ist die Mutter von Anstand und
Sittsamkeit. Sie bewahrt den Menschen
und zügelt seine fleischlichen Gelüste und
Neigungen. Sie macht den_ Menschen vor
Gott und vor der Welt gefällig. Die Maßlosigkeit
dagegen entfacht das Feuer der
Geilheit und der Begehrlichkeit. Aber trotz
allem gibt es Leute, die meinen, daß ihr
ganzes Vergnügen , ihre Ehre und ihr Ansehen
allein im Herumschäkern und in
Liebesabenteuern liegen. Sie legen sich
dabei derart ins Zeug , als ob ihr Name
hierdurch für immer und für alle Welt un-
• sterblich würde. Fürwahr, das ist eine unglaubliche
und grobe Fehleinschätzung!
Solange die Betreffenden nämlich das
Geld haben , werden sie von denen, die sie
aushalten und mit denen sie ihr Geld
durchbringen, als sehr angenehm empfunden.
So war es schließlich auch beim
,Verlorenen Sohn', der in seinen guten
Zeiten das ganze Erbe bei Wirten und
Wirtinnen , mit hübschen Mädchen und
Animierdamen verjubelte. Aber wie ist es
ihm danach gegangen? Dieser verlorene
Mensch wurde zutiefst erniedrigt. Er mußte
Schweine hüten und war gezwungen,
seinen hungrigen Magen mit Schweinefraß
zu füllen.
Die Sünde der Unkeuschheit reißt mit ihrer
triebhaften Begierde eine breite Kluft zwischen
Gott und dem Menschen auf. Wenn
sich zum Bei spiel der hochmütige Mensch
gegen die Herrschaft und die Glorie seines
Gottes stellt, so wendet sich der Geizkragen
gegen die Vorsehung und die
Barmherzigkeit Gottes. Der Rachsüchtige
stellt sich gegen Gottes Langmut. Der gehässige
Mensch richtet sich gegen Gottes
Liebe, der Schmeichler gegen seine Gerechtigkeit,
der Lügner gegen seine Wahrheit,
der Gotteslästerer gegen seine Allmacht,
der Gottlose gegen die Gottgläubig
keit. Aber der geile und unkeusche
Mensch steht gegen Gott in all seiner Vollkommenheit.
Wie ein Tier folgt er seinen
Trieben und läßt sich weder von der Verheißung
himmlischer Freuden zum Guten
bekehren noch durch das Höllenfeuer
schrecken. Er verachtet das Wort Gottes
und glaubt nicht daran . Die Lehren von der
Gerechtigkeit unseres Gottes und dem
Leben nach dem Tode hält er für nichtssagende
und erfundene Drohungen. Sagen
Sie selbst, wäre es bei einem derartigen
Menschen nicht allzu leicht, ihn zu den
allergrößten Schandtaten zu verführen?
Denn : »qui verba meretricis libenter audit,
et oscula eius delectabiliter suscipit, quasi
ianuam pulsat inferni « sagt SALONIUS 54 .
52
Ich möchte jetzt nicht eigens die Heilige
Schrift aufschlagen, um Einfluß, Wirkung
und Macht deutlich zu machen, welche die
Frauen auf solche Männer haben, die verdorben
sind und ihren Begierden und Lüsten
nur allzu leicht nachgeben. Ich verweise
Sie hier nur auf die Alltagserfahrung,
die jedem sonnenklar beweist, daß
uns die Teu fel, die verstoßenen Enge l,
immer wieder im Zusammenwirken mit
unseren wilden Gelüsten zum Bösen verführen
. Obgleich das so der Wahrheit voll
entspricht, betone ich , daß wir die eben
gemeinte Macht immer als die des anderen
Geschlechts empfinden. »Neben den
Frauen, neben dem Teufel «, sagte Abraham
a S. Clara 55 . Sobald der Mann von
einer Frauensperson in einen lachhaften
und albernen Liebestaumel hineingezaubert
worden ist (einer Zauberei, die er
seinem eigenen vorangegangenen unzüchtigen
Lebenswandel zuzuschreiben
hat!), wird ihn diese Zauberin derart unterwerfen
, daß sie ihn dann für alles gebrauchen
kann . Das haben viele aus der Bande
erfahren mü ssen. Durch niemand anders
als durch Frauenspersonen, die ihre
schlechten Begierden ausnutzten , sind sie
zu den verschi edensten nächtlichen Einbrüchen
getrieben worden .
Ursprünglich hatte man angenommen, daß
sich alle aus der Bande der schlimmen
Sünde der Unkeuschheit, des Ehebruchs
und der Eheschändung schuldig gemacht
hätten. Doch nein, dem ist nicht so! Es gab
da viele, die mit ihren Frauen rechtschaffen
im Stan d der Ehe gelebt haben . Andererseits
gab es aber in der Bande auch
solche, die es mit den eigenen oder anderen
Frauen, miteinander und durcheinander
trieben ; und das alles weit ärger als
das Vieh . Es kam darum auch nicht aus
heiterem Hi mmel, und es lag auch nicht
etwa am Wetter, daß es hier in einigen
Dörfern, vor allem im Land von 's Hertogenrode,
bei Männern und Frauen, verheirateten
und unverheirateten, vereinzelt die
französische oder spanische Krankheit 56
gab. Der Französische oder der Spanische
Krieg haben sie jedenfalls nicht mitgebracht.
Leonhard L. , einer aus der Bande , der
auch aufgehängt wurde, spielte unter ihnen
schon mal den Schriftgelehrten und
Feldprediger, und da wird er wohl bei dem
einen oder anderen seiner Spießgesellen
das von Natur gegebene und angeborene
Gewissen berührt haben, als er die Hurerei
und die Eheschändung zu rechtfertigen
versucht hat. Leonhard bestärkte sie im
Besitz vieler Frauen und bewies dies aus
der Heiligen Schrift und aus dem Naturrecht
(man sollte es nicht sagen , wozu
doch die Bosheit imstande ist; einen Menschen
derart mit Blindheit zu schlagen und
ihn so zum Verleumder zu machen!). Er
führte in diesen Versammlungen Abraham,
Jakob und andere Vorväter als Beispiel
an, daß man mehr als eine Frau haben
könne, was somit ein Beweis aus der
Heiligen Schrift sei .
Bei dem Versuch einer logischen Begründung
argumentierte er wie folgt : Wir Männer
sind die Herren der Frauen, und wenn
man von etwas der Herr sei, dann könne
man damit tun, was man wolle. Man könne
sie verkaufen, verleihen und so fort. Nun,
wenn das so wäre , würden sich bald alle
Männer die Frauen untereinander ausleihen,
weil sie ja Herr und Meister darüber
sein sollen.
Fürwahr, eine saubere Einstellung! Der
hier gezogene Schluß ist so grobschlächtig
und dumm, daß ich jeden, der auch nur
ein stützendes Argument für diese Behauptung
hätte, nur allzu leicht widerlegen
könnte. Diese Schlußfolgerung läuft jeglichem
angeborenen Naturrecht zuwider
und scheint mir - unter gebildeten Menschen
gesagt - ein etwas wirrer Syllogismus57
zu sein .
Schon viele brave junge Männer, ja selbst
Ehemänner, wurden von haltlosen und
schamlos geilen Frauenspersonen über
die ekelhafte Sünde, sich wilder Fleischeslust
hinzugeben, zur Mitgliedschaft
in der Bande verführt. Und damit wurden
sie zu einem schandbaren Tod am Galgen
oder zum Verlassen des Vaterlandes verleitet.
Der widerliche und anstößige Brauch, der
sich zur Zeit in den Städten breitmacht,
seine Frau auch anderen zu überlassen,
zeigt mir sonnenklar, in welch beklagenswertem
Zustand sich die ehelichen Pflichten
und die althergebrachte Ehrbarkeit befinden
. Die Haltlosigkeit der Frauen, ihre
Verschwendungssucht und ihr Kleiderluxus
haben sich wie eine Seuche ausgebreitet
und so in den Vordergrund gespielt,
daß man für die nahe Zukunft schon befürchten
muß, daß bald die Frauen den
ersten Platz einnehmen werden . Es heißt
nämlich : »a cornu exaltabitur homo« 58 .
Abb. 33: St.-Gertrud-Kirche in Herzogenrath-Afden (vor den Umbauten in diesem Jahrhundert).
Diese Barockkirche entstand 1686.
Von 1731 bis 1760 war Heinrich Thimister Pfarrer von St. Gertrud. Er wurde 1737 und 1738 dreimal
das Opfer von Bockreiterüberfällen in sein Pfarrhaus. Zwischen 1735 und 1759 führte er ein in
Latein verfaßtes Tagebuch. Hier vermerkte er die Einzelheiten zu den Überfällen der Bockreiter
aber auch zu den Bockreiterprozessen der ersten Periode auf der Herzogenrather Burg.
Dieses Tagebuch ist eine der bedeutsamen Primärquellen zur Geschichte der Bockreiter.
(Der lateinische und niederländische Text hierzu gleichfalls in: Gierlichs, a. a. 0 ., S. 152 ff.)
Foto: Stadtarchiv Herzogenrath
53
26. Kapitel
Nachlässigkeit der Richter führte zu der starken Verbreitung
der Bande. Nicht nur die Todesstrafe, auch Zuchthaus
könnte abschreckend wirken
Was nun die Vorliebe für irdische vergängliche
Güter als Grund zur starken Vermehrung
der Diebesbande angeht; so finde ich
es nicht nötig, hierauf bis in alle Einzelheiten
einzugehen. Diese Vorliebe scheint
mir nämlich ein so allgemeiner und verbreiteter
Beweggrund zu sein , daß er nicht
bloß für die armen Burschen aus der Bande
gilt, sondern auch für geistliche und
weltliche Herren! Nur mit dem kleinen Unterschied
, daß sich die von der Bande in
einer allzu plumpen und für den Staat gar
nicht zu übersehenden Weise bereichert
haben. Die anderen Herren gehen feinfühliger
vor, um an anderer Leute Geld zu
kommen! Die wissen ganz genau , wie
man schnell zu großen Reichtümern gelangen
kann, wozu uns auch die vielen
Bankrotte, von denen man jetzt fast täglich
hört, den klaren Beweis liefern können.
Wenn ich eben die Gelegenheit nahm, um
Ihnen, verehrter Leser, die unterschiedlichen
Irrwege aufzuzeigen, welche von denen
beschritten werden, die durch Geldgier
und Begehrlichkeit nach den irdischen
Gütern Sklaven davon wurden (ihr Verstand
verdüstert sich dabei, ihre Herzen
werden verdorben, sie vergessen Gott
und ihre Christenpflicht und werden in
Elend und Verwirrung gestürzt) , so erzählte
ich Ihnen hier die wahre Geschichte
über die traurigen Folgen davon, um damit
gleichzeitig zu dokumentieren , wie wahr
doch das Wort Gottes in der Heiligen
Schrift ist: Multos enim perdidit aurum et
argentum 59 .
Nach meiner Einschätzung waren Geld
und Gut der geringste Anreiz für die Bande,
denn sie hat nie viel holen können .
Wenn es nämlich nach einem nächtlichen
Beutezug nur einen Schilling oder ein
Päckchen Tabak pro Mann gab, dann sah
jeder aus der Bande schnell ein, daß man
hier nicht steinreich werden konnte. (Ich
kann natürlich nicht ausschließen, daß der
eine oder andere mit eben dieser Illusion
zur Bande kam.)
Doch ich möchte jetzt zur wichtigsten Ursache
kommen, weshalb wir schon so lange
diese Bande von Nachtdieben haben
und wohl noch lange in diesem unseren
verschrienen Land haben werden. Es liegt
an der Unachtsamkeit unserer Richter und
öffentlichen Ankläger! Ich wi ll hier niemanden
tadeln, niemanden zur Rechenschaft
ziehen und noch viel weniger irgendwelche
Regeln oder Gesetze vorschreiben ,
denn ich bin - obgleich mir die betreffen-
den hohen Herren unbekannt sind - von
ihrer umsichtigen Amtsführung und ihrer
verantwortungsbewußten Wachsam keit im
Amte nur allzu überzeugt. Oh, wären doch
auch in früheren Zeiten die Ämter mit so
qualifizierten Männern besetzt gewesen
wie heutzutage! Die lande von Overmaas
wären jetzt besser dran. Hätte man doch
schon vor Jahren die Polizei so verbessert,
wie es heute der Fall ist - ja, dann
würde man an den vielen Galgen entlang
der Landstraßen nicht so viele Gebeine
verdorren sehen !
Das Amt des Richters ist eines der hochrangigsten
Ämter. So notwendig es ist, so
würdevoll und herausgehoben ist es auch .
Die Heilige Schrift rückt die Richter gar in
die Nähe Gottes. Und weshalb tut sie das?
Weil die Richter die göttlichen Gesetze
anwenden; nicht nur die der weltl ichen
Herrscher. So sind sie auch die Diener
des ewigen Gottes und seine Statthalter
hier auf Erden . Ohne sie kann es kein
allgemeines Wohl geben, durch sie wi rd
Gutes belohnt und Böses bestraft; durch
sie wird das Christentum bewahrt und ein
Volk glücklich gemacht. Und so trägt der
Richter nicht ohne Grund das Schwert. Ein
Volk, eine Gemeinde oder eine Republik,
die keine guten Richter hat, ist in noch
schlimmerer Lage als ein steuerloses
Schiff, das in tosender See inmitten aufschäumender
wilder Wogen in stürmischen
Winden dahintreibt und in tausenderlei
Gefahren unterzugehen droht.
Als der allmächtige Gott den israelitischen
Staat begründete und diesem zahlreiche
Gesetze auferlegte, hat er auch die Richter
eindringlich an ihre Aufgaben und Pflichten
erinnert. So ermahnte er sie: »Ihr sollt
in der Rechtsprechung kein Unrecht tun.
Du sollst weder für einen Geringen noch
für einen Großen Partei nehmen ; gerecht
sollst du deinen Stammesgenossen richten
.« (Buch Levitikus, 19,13*) 60 .
Entsprechendes wiederholte Gott mehrere
Male seinem Diener Moses und stellte
ihm zur Untersützung weitere Richter zu r
Seite (Buch Deuteronomium, 1 ). Bei den
alten Ägyptern mußten die Richter den
heiligen Eid schwören , auch bei größten
Androhungen niemals vom Recht abzuweichen
. Darum sollten alle Richter dies
aus den göttlichen Lehren lernen : Streitet
für die Gerechtigkeit bis in den Tod!
Was kann es eigentlich einer Republ ik,
einer Provinz oder einem ganzen Land
nutzen, wenn die Obrigkeit oder die Herrscher
die besten und heilsam sten Gesetze
erlassen, die einen jeglichen Mi ßstand
und alle Eventualitäten erfassen, was kann
es alles nutzen - so frage ich mi ch - ,
wenn man Verordnungen an den Ki rchentü
ren ansch lägt und all es mögliche bekanntg
ibt, wenn dies nicht von den Untertanen
beherzigt und befolgt wi rd? Und wer
hat die Pflicht, wessen Amt ist es, dafür zu
sorgen, daß Gesetz und Recht befolgt
werden?
Niemand anderes als Ih r, verehrte Richter
und Amtspersonen! Ihr habt Euch von
Amts wegen hierzu verpflichtet. » Noli
quaerere fieri iudex nisi val eas virtute irrumpere
iniquitates.« 61 0 tempora, 0 mores!
0 , welche Zeiten , o, welche Sitten!
Dort, wo Missetaten und Unrecht eigentlich
gestraft werden müßten , dort werden
sie am allermeisten betrieben. »Fu res privatorum
furtorum , in nervo et compedibus
aetatem transigunt, fu res publi ci in auro et
purpura. « 62
In früheren Zeiten war es durchaus üblich,
öffentlicher Ämter gegen Geld zu kaufen
und zu verkaufen . Doch die Herrscher haben
diesen Mißbrauch durch strenge Gesetze
beseitigt, wom it man in sehr weiser
Form dagegen eingesch ritten ist. Noch am
Freitag , den 2. Mai 1777 hat uns Ihre Majestät
ein entsprechendes Gesetz erlassen
. 63
Wenn nicht die Richter in Stadt und Land
strengstens auf die Einhaltung der vom
Staat erlassenen Gesetze achten, dann
werden das Fundament unseres Gemeinwesens,
die Lebensgrundlage unseres
Volkes und das allgemeine Wohl zerstört.
Ja, das gesamte Gebäude eines zuvor
blühenden Staatswesens kann dann zusammenbrechen
.
Der Schaden , den Unachtsamkeit, Nachlässigkeit,
Bestechlichkeit und Ungerechtigkeit
unter den Richtern oder der Obrigkeit
in einer Provinz oder in einem Reich
anrichten können, ist kaum zu beschreiben
. Die Heiden, die nur mit dem Naturrecht
ausgestattet wurden, haben das
schon immer klar erkannt und unternahmen
alles, damit ihnen kein derartiger
Schaden entstand. Als Cambyles, der persische
König, eines Tages dahinterkam,
-daß es einer seiner Richter versäumt hatte,
ein Unrecht zu strafen und auch ein
falsches Urteil fällte , da ließ er diesem
Richter bei lebendigem Leib die Haut abziehen
und damit den Richterstuhl bekleiden.
Der Sohn des Richters, dem er das
54
Amt des Vaters übertrug, und auch alle
anderen, die diesem noch im Richteramt
folgen würden , sollten hieran erkennen,
worauf sie sitzen, und sich bewußt werden,
welches verantwortungsvolle Amt sie
bekleiden; ein Amt nämlich, das zum
Wohle des Königs und des Volkes gereichen
soll.
Was nutzt es denn dem Vaterland, daß so
viele aufgeknü pft werden , wenn nicht
Richter und Amtsträger in Zukunft besser
auf die Einhaltung der Gesetze achten?
Nur durch hohe Wachsamkeit ist zu erreichen,
daß die alte Bande nicht aufs neue
entsteht. Wie sch nell könnte sonst das alte
Feuer, das ja bis heute nicht voll erloschen
ist, wieder aus der erhaltenen Glut auflodern!
Man muß wachsam sein und auch
den kleinsten aufflackernden Funken löschen.
Die Beamten und Richter müssen
darum sehr umsichtig vorgehen und alle
fremden Bettler, Vagabunden und Durchreisenden
durch Erlaß sofort ausweisen
oder streng bestrafen. Denn die könnten
es in der Zu ku nft wieder sein, die sich mit
den verdorbenen Einwohnern des Landes
zusammentu n, um wieder mit den Raubzügen
zu beginnen .
Ach , wären die lande von Overmaas doch
so gut dran wie viele andere Provinzen
und hätten auch sie die Möglichkeiten und
die finanziellen Mitte l, ein Zuchthaus oder
eine Besserungsanstalt einzurichten.
Dann könnte man alle Übeltäter - auch
die, die ihr Leben eigentlich schon verwirkt
haben - für eine gewisse Anzahl von
Jahren oder auch lebenslang einsperren.
Diese Häftlinge oder Gefange·nen wären
für gemeinnützige Arbeiten oder ganz
spezielle Tätigkeiten einsetzbar, und die
Allgemeinheit könnte einen großen Gewinn
daraus ziehen. Die betroffenen Familien
eines solchen Gefangenen würden so
nicht in Schande geraten, Blutvergießen
bliebe uns erspart, und bei den schlechten
und verbrecherischen Elementen in der
Bevölkerung würde diese Form der Strafe
ihre Wirkung nicht verfehlen.
Jetzt werden Sie sicherlich einwenden,
daß keine Strafe eine so heilsame und
nachhaltige Wirkung hat wie die Todesstrafe.
Doch dann sagen Sie mir doch bitte
einmal, welcher Dieb sich je vom Galgen
hat abhalten lassen! Ich verlange ja gar
nicht, daß man die besonders abscheulichen
Verbrechen nicht mehr durch öffentliche
Hinrichtung ahnden soll, sicher nicht.
Bei schwerwiegenden Straftaten muß die
Todesstrafe zur Abschreckung beibehalten
werden. Auch die Rädelsführer der
Bande mußten sehr wohl mit dem Tode
bestraft werden. Was ich fordere, ist eine
Strafe, um den Anfängen zu wehren. Was
hilft schon eine Auspeitschung, eine
Brandmarkung oder der Landesverweis?
Sobald der Übeltäter diese Strafe hinter
sich hat, dann . . (was folgt, kann sich ja
wohl jeder Einsichtige selber denken!)
Abb. 34: Alte Kirche von Eygelshoven. Der
Turm, zugleich als Wehrturm errichtet, geht
teils bis ins 12. Jahrhundert zurück und ist einer
der ältesten Kirchtürme der Region.
1736 haben Bockreiter die Kirche überfallen,
die Opferstöcke geplündert, sowie Meßgewänder
und einen silbernen Meßkelch gestohlen.
Foto: Rudnick
SCHLUSSBETRACHTUNG
Warum hat eine so große Bande so wenig gestohlen?
Als es mit dem Fangen und Hangen in den
landen von Overmaas so weit gekommen
war, daß die Zahl der hingerichteten und
geflüchteten Verbrecher so um die fünfhundert
lag, vertraten einige Einheimische
und auch Auswärtige aus einem Vorurteil
heraus, aus Rechthaberei oder sonstigen
Gründen eine eigenartige Meinung. Sie
unterstellten nämlich, es sei unmöglich,
daß eine derartige Bande bestanden hätte.
Die Richter hätten sich einer groben Ungerechtigkeit
schuldig gemacht und die
Bande zu Unrecht als blut- und geldgierig
angeklagt. Wenn ich es recht sehe, war ihr
Hauptargument, daß sie sagten, es sei
doch unmöglich, so viele Menschen für
schuldig zu erklären, wo doch so wenig
gestohlen worden sei. Im Verhältnis zu der
großen Zahl der Angeklagten seien nur
wenige Diebereien und Einbrüche vorgefallen.
Dazu meine ich, wenn dreißig Mann
verhaftet und angeklagt wurden, dann waren
doch sicher, wie Sie mir einräumen
werden, bestimmt zwanzig dabei, die sehr
wohl Einbrüche verübt hatten , die von der
Bande organisiert waren. Also sind zehn
Mann unschuldig, das ist die Folgerung
aus der obigen Überlegung. Doch da finde
ich wiederum, man sollte einem Ganoven
nicht immer alles gleich glauben. Denn
wenn zehn oder zwölf unter dem Galgen
aussagen, sie seien unschuldig und harmlos,
ist noch lange nicht gesagt, daß dann
das gegen sie gefällte Urteil falsch und
ungerechtfertigt ist und der Richter ein
ungerechter Richter sein soll. 0 nein, als
einsichtiger Mann muß ich so lange auf der
Seite des Richters und für das gefällte
Urteil sein, bis das Gegenteil sonnenklar
bewiesen ist.
Einer der Anführer der Bande, Casper van
M. , 64 sagte einmal etwas sehr Bezeichnendes.
In einer Versammlung fragte ihn
ein Mitglied aus der Bande: »Mein Herr,
sagt mir doch einmal, was der Grund dafür
ist, daß unsere Bande so groß ist und
trotzdem so wenig gestohlen wird?« Darauf
antwortete ihm dieser: »Lieber H. L. . . ,
das weiß auch kein Richter, das wissen
auch die Geistlichen nicht, die den Verurteilten
beistehen, und das weißt du nicht.
Aber diejenigen, die es wohl wissen, werden
es niemals sagen! «
Hieraus folgt doch nichts anderes, als daß
die Gründe, weshalb die Bande so stark
und groß gewesen ist, das große und tiefe
Geheimnis der Anführer geblieben ist.
Möge Gott der Herr es fügen, daß die
verhängten Strafen einen solchen Eindruck
auf die leichtfertigen machen, daß
sie für alle Zukunft davor zurückschrekken
, derart schändliche und ungeheuerliche
Verbrechen zu begehen, wie sie diese
Horde von Nachtdieben verübt hat.
Es kann nur die Wachsamkeit der Obrigkeit
und die Strenge der Richter sein, welche
die lande von Overmaas zukünftig vor
einer solchen Bande werden bewahren
können, um so dieses Land und seine
Bewohner glücklich zu machen!
Nihil est ex omnibus rebus humanis praeclarius,
aut praestantius, quam de republica
bene mereri.
(Cicero ad Plane. Farn. 10.) 65
- ENDE-
55
Anmerkungen
Bezogen auf Kerkrade vgl. L. Augustus, Hebben
de bokkerijdersbenden wel bestaan?, in: Hel Land
van Herle, XXXV - 1985, S. 14 (Vgl. S. 42 unten!)
2 Johann Jakob Michel, Die Bockreiter, Aachen
1905.
Wilhelm Gierlichs, Die Bockreiter, in: Heimatblätter
des Landkreises Aachen, Heft 2 und 3, 1940, S.
32.
Derselbe, De geschiedenis der bokkerijders in'!
voormalig land van 's hertogenrode, Roermond
1940, Herdruk 1972.
Will Hermanns, Die Bockreiter, in: Beiträge zur
Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Aachens und
seiner Umgebung, Band 2 (1944), Neuauflage Aachen
197 4, S. 149 ff.
3 Schriftenauswahl zur Bockreiter-Legende:
NN., Umbständliche Nach richt dessen waß sich in
dem Land von Herzogenrath und in den beyliegenden
Oerthern mit den Schelmen hat zugetragen,
Aachen und Köln 17 44 (Abgedruckt bei Gierlichs,
De geschiedenis, a.a.O., S. 185 ff. Gierlichs vermutet,
daß ein Klosterrather Chorherr der Verfasser
ist.)
NN. , Nachricht von den sogenannten oder sich so
genennet habenden Bockreitern, einer für unsere
Zeiten unförmlichen Bande verschworener Räuber,
welche zu Herzogenrath .. , Leipzig 1781.
(Greifbar in der Aachener Stadtbibliothek.)
Josef Ponten, Die Bockreiter. Novelle, Stuttgart
1919.
L. Niessen, Die Bockreiter. Ein e kleine Spieloper,
Eupen, ohne Jahr.
4 Vgl. J. Jamar, 1785: Schaesberg van Oostenrijks
tot Stats, in: Hel Land van Herle, XXXV - 1985, S.
12 f.
5 H.M.H. Goossens, Ubach over Worms, 1981, S.
573 ff.
6 Vgl. F. Büttgenbach, Kirchrath, eine uralte Gemeinde
des ehemaligen Herzogthums Limburg, Geilenkirchen
1893.
7 Vgl. »De landen van Overmaas«, Chorografische
Kaart van J. Keyser (1739), uitgegeven door Isaak
Thirion, Nieuwe Hand -Atlas. Amsterdam 1744, in:
Limburg in Kaart en Prent, Tielt 1985, S. 44.
8 Zur Geschichte des Gebiets vgl.: W. Jappe Alberts
, Geschiedenis van de beide Limburgen, Deel
1 en Deel II, Assen 1974.
9 Vgl. Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders,
a.a.O., S. 121 .
10 P. C. Poyck (1725 - 1781), Schultheiß, Rentmeister
und Vorsitzender der Schöffenbank Merkstein, war
durch Kohleabbau reich geworden und wohnte auf
Schloß Ehrenstein im Ansteltal bei Kerkrade. (Vgl.
Abb. 23 sowie Text S. 35 Mitte!)
11 Im Reich umfaßte eine Goldpistole etwa 5 Reichstaler.
Nach Angaben in: F. Verdenhalven, Alte Maße,
Münzen und Gewichte, Neustadt a. d.Aich
1968, kostete zu der Zeit eine Kuh zwischen 20
und 30 Reichstaler. Trifft das zu, dann hätte Dillenburg
über die Maßen gut verdient.
12 M. van de Vrugt, »Aengaende criminele Saken «.
Drie hoofdstukken uit de geschiedenis van het
strafrecht, Deventer 1982, S. 21 ff. (Zitiert nach: L.
Augustus, Hebben de bokkerijders wel bestaan?
in: a.a.O., S. 37.) Vgl. auch Kastentext S. 41 !
13 Vgl. hierzu Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders,
a.a.O ., S. 38 f.
Der Vorwurf aus Brüssel hatte jedoch hart getroffen.
Der Herzogenrather Hauptschultheiß de Lim
pens schrieb noch 1750 in einem Brief an Abt
Fabritius: »Die Leute haben mich und die Gerichte
dieses Landes in Brüssel derart schlechtgemacht,
daß es jeder Beschreibung spottet. So, als wären
wir die größten Schurken im Land, über die jetzt
jeder in Brüssel redet.« (Gierlichs, a.a.O., S. 39,
Fußnote 56; dort steht der französische Originaltext.)
14 Gierlichs berichtet über derartige Aufzeichnungen
im Aachener Franziskanerkloster (Gierlichs, a.a.O.,
S. 49, Fußnote 74). Das Reichsarchiv Maastricht
bewahrt Gerichtsprotokolle, die entsprechende beglaubigte
Zeugenaussagen der Patres enthalten.
Vgl. Abb. 7!
15 Kirchhoffs war angesehener Chirurgus (Arzt) in
Herzogenrath mit gesichertem Einkommen (für die
Krankenpflege der Armen hatte ihm der Abt von
Klosterrath (Rolduc) außerdem einen festen , zusätzlichen,
regelmäßigen Betrag ausgesetzt), er
hatte somit keinerlei Anlaß, Einbrüche zu begehen.
Andeutungen im Hinblick auf politische Motive
macht Daniels Ende des 7. Kapitels. Gierlichs tut
es gleichfalls (Vgl. a.a.O., S. 82). Ausführlicher
findet man es bei: B. Lindekens, Ze reden bij
Nacht. De mysterieuze gruwelhistorie van de bokkerijders,
Amsterdam 1975, S. 188 ff. Doch eindeutige
Beweise finden sich nirgends.
16 Es verwundert deshalb nicht, daß Daniels im 25.
Kapitel den bekanntesten Prediger dieses Stiles
zitiert: Abraham a Santa Clara (1644 - 1709)!
17 Hiermit ist die Welle der Verhaftungen, Folterungen
und Hinrichtungen der angeblichen Diebe und Einbrecher
einer verschworenen Bande in den Jahren
1771 bis 1778 gemeint, die das Volk inzwischen
»Bockreiter« nennen sollte.
18 Wie bereits dargelegt, wurde SLEINADA (Pfarrer
Daniels) 1738 in Hoensbroek (bei Heerlen) geboren.
Wenn er hier Mailand als Geburtsort nennt, so
dient das - wie der Deckname - gleichfalls der
Tarnung. Er wollte wegen seiner harten Angriffe im
Buch als Pfarrer unerkannt bleiben.
19 Pfarrer Daniels könnte sich hier auf uns unbekannte
Berichte über die Diebesbanden in den landen
von Overmaas beziehen. Vielleicht meint er aber
damit auch die im Vorwort des Übersetzers angeführte
Schrift von 1744, die in Aachen und Köln
herausgekommen war.
20 Ezechiel (auch : Hesekiel) ist ein Prophet des Allen
Testamentes, der um 600 v. Chr. lebte und der von
Schuld, Verantwortung und Gericht kü ndete.
21 Es handelt sich um den Kaiser des Heiligen Römischen
Reiches Deutscher Nation, Leopold 1. (1658
- 1705), zugleich König von Ungarn. Zwischen
1683 und 1699 führte dieser erfolgreich den sogenannten
Großen Türkenkrieg. Sein Gegner war
hierbei·zunächst der im Text angesprochene türkische
Sultan Mohammed IV. (1648 - 1687), den
später die Janitscharen, seine Elitetruppe, absetzten
, als er Ungarn an Leopold verlor. Ob es zutrifft,
daß die Türken in den von ihnen eroberten Gebieten
43 000 Christen ermordeten, ist nicht nachprüfbar.
Es wird in der Höhe aber übertrieben sein.
22 Das Volk benutzte damals recht unscharfe Begriffe.
Alle Angehörigen östlicher Völker belegte man mit
dem Sammelbegriff »Tartaren«. Sinti und Roma
wurden teils als »Ägypter«, teils später als »Zigeuner«
bezeichnet.
23 Mit Freiherr G. ist Willem de Gavarelle gemeint,
den man im Volk »Jonker het Gavelke« nannte.
Beim zweiten Namen ist SLEINADA ungenau, er
meint den Vetter des Freiherrn, Johannes Winandus
Duprez, der auch Anführer gewesen sein soll
und dem auch tatsächlich die Flucht gelang .
24 Auf der Anhöhe oberhalb Schin op Geul (bei Valkenburg)
ist die erhaltene Klause dieses Einsiedlers
noch heute zu besichtigen.
25 Gemeint ist Joseph Kirchhoffs aus Herzogenrath
26 Im Original lautet die Berufsbezeichnung »Haemmaeker«
, wobei »Haem« mit Kummet oder Zaumzeug
zu übersetzen ist.
27 Gemeint ist auch hier Joseph Kirchhoffs aus Herzogenrath,
der Arzt war.
28 Das Datum, das Daniels hier anführt, ist falsch. Es
war der 4. Mai 1772 (Vgl. den Wortlaut des Todesurteils,
S. 29!)
29 Kirchhoffs spielte hier auf die Ähnlichkeit der Worte
»Zündercc und »Sünder« an.
30 Es konnte nicht geklärt werden, für welches Gesetzeswerk
SLEINADA diese Abkürzungen gebraucht.
Es sind nicht die in Fußnote 12 erwähnten
Ordonnantien und die üblicherweise mit C.C.C.
abgekürzte Constitutio criminalis Carolina Karls V.
von 1532, zumindest nicht direkt. Diese war aber
die Basis für das gesamte folgende Strafrecht gewesen,
und sie sah für Heiligtumsschändung den
Feuertod vor. (Vgl. S. 41 !)
31 Gemeint ist Kaiserin Maria Theresia (1717 - 1780),
die zugleich Herzogin von Limburg war und in
Brüssel einen Generalstatthalter hatte.
32 Erstmals taucht hier bei SLEINADA die Bezeichnung
»Bockreiter« auf. Bekanntlich hat sich die
Bande selbst nie so genannt. Das Volk belegte sie
mit dieser legendenhaften Bezeichnung. Diese
Stelle bei SLEINADA ist der erste schriftliche
56
Nachweis hiervon (sie ht man von den auch gedruckten
Liedern fah render Sänger ab).
33 SLEINADA meint hier die »Französisierung « des
auch im heutigen Niederländisch-Limburg noch
gebräuchlichen Wortes »ambras« für Aufregung.
34 Hier wird auf den damals weitbekannten französischen
Dieb Cartouche verwiesen (1693 in Paris
geboren). Wegen seiner verwegenen Einbrüche
beim Adel und den lange vergeblichen Versuchen,
ihn zu verhaften, wurde er sehr populär.
35 Dieser »Male Giys« (oder »Malegijs«) kommt als
Zauberer in dem Ritterroman des 14. Jahrhunderts
des Reinald von Montalban vor. Er lebte in vielen
Volkssagen fort und konnte interessanterweise auf
einem Pferd durch die Lüfte reiten!
36 Voltaire (1694 - 1778), war der maßgebliche Denker
und Schrittmacher der europäischen Aufklärung,
der seine Philosophie auf den erfahrbaren
Naturwissenschaften aufbaute. Den Gottesglauben
sah er nur in der Notwendigkeit, einen Ursprung für
die moralische Ordnung zu finden . Diese Einsichten
machten ihn zu einem unerbittlichen Gegner
aller Kirchen. Kein Wunder, daß ihn Pfarrer Daniels
(SLEINADA) ebenso unerbittlich ablehnte und ihn
in seinem Eifer mit Eulenspiegel u. ä. in eine Reihe
setzt. In den gebildeten Kreisen der lande von
Overmaas kannte man Voltaire und Rousseau
recht gut. Ab 1766 wurden die Werke durch die
Verleger Philippe Roux und J.-E. Dufour in Maastricht
herau sgebracht. Zudem war der Oberhirte
von Daniels, der Lütticher Fürstbischof von Velbrück
(1772 - 1784). ein bekannter Förderer der
philosophischen Zeitströmungen, was den braven
Pfarrer Daniels wohl sehr verunsichert haben wird.
37 Bezeichnend ist das Schwanken von Daniels. Einerseits
verharrt er in der abergläubischen Annahme
vom Bockritt, andererseits betont er zweimal,
daß die Gauner wohl zu Fuß gingen.
38 Gemeint ist Johann Kaspar Lavater (1741 bis
1801 }, ein aufgeklärter reformierter Theologe,
Denker und Freund Goethes. Welches seiner Werke
Sleinada meint, bleibt fraglich.
39 Eine Elle entspricht etwa 50 cm. Eine exakte Festlegung
gab es nicht. Diese Geschichte, berichtet
bei Paulus Venutus, stammt aus »Tausend und
eine Nacht«.
40 Sleinada (Pfarrer Daniels) erzählte diese Begebenheit
mit dem Maler Zeuxes bereits am Ende des
12. Kapitels.
41 Ein Kapitel 18 gibt es bei Sleinada nicht. Die nun
folgenden Kapitel 19 und 20 sind fast wortgleich
mit den Kapiteln 13 und 14. Wir können sie darum
in dieser Übersetzung überschlagen. Über die Ursache
dieser Doppelung (und auch der oben gemeinten
mit dem Maler Zeuxes) kann man spekulieren.
Manches spricht dafür, daß Pfarrer Daniels
die Kapitel dieses Buches zunächst als Predigten
verfaßte. Er schrieb diese auf, sammelte sie in
Kapiteln und gab sie schließlich als Buch heraus.
Die häufig verwandte direkte Anrede des »verehrten
Lesers« würde hierfür sprechen. Die Doppelung
der genannten Kapitel ist jedoch in jedem Fall
ein wohl unbeabsichtigtes Versehen.
42 Gemeint ist der nach Caesar und Augustus dritte
römische Kaiser Tiberius, der zwischen 14 und 37
n. Chr. Imperator war. Der angeführte Beiname
bedeutet etwa »Vieltrinker« .
43 Sleinada bezieht sich hier auf die Gründungssage
Roms (um das Jahr 750 v. Chr.). wonach die
Zwillinge Romulus und Remus, die von einer Wölfin
aufgezogen sein sollen, die Stadt Rom begründeten.
44 Der griechische Denker und Historiker Plutarch (50
bis 125 nach Chr.) verfaßte zahlreiche Lebensbeschreibungen
bekannter Persönlichkeiten, so auch
die des spartanischen Königs Agis.
45 Der römische Dichter Horaz (Horatius) lebte 65 bis
6 vor Christus. Seine umfassenden Dichtungen
sind alle erhalten . Horaz ist der eigentliche Klassiker
der lateinischen Dichtung. Sleinada beweist mit
dem zitierten Horaz-Vers erneut seine gute klassische
und breite Bildung.
46 Absalon (oder Abschalom) wird im Alten Testament
als ein Sohn König Davids erwähnt. Er lehnte
sich gegen den Vater auf und kam um .
47 Hier zeigt sich das schon mehrfach deutlich gewordene
Mißverhältnis von Tat und Strafe besonders
drastisch. Sleinada (Pfarrer Daniels) ist für ein gnadenloses
Vorgehen auch bei geringfügigem Diebstahl
- bis hin zu r Todesstrafe! Und wieder beklagt
er das ihm zu lax erscheinende Vorgehen der
Obrigkeit. Über die Gründe für Slei nadas erbarmungslose
Einstellung kann man nur spekulieren.
Sah er vielleicht in den geringfügigen Diebstählen
Ansätze eines sich anbahnenden Umsturzes, so
wie er sich allmählich im benachbarten Frankreich
im Vorfeld der Revolu tion von 1789 abzuzeichnen
beginnt? Wir wissen es nicht.
48 Sleinada (Pfarrer Daniels) bezieht sich hier auf das
Konzil von Trient, das Tridentinum (1545 bis 63).
das als Antwort auf Luthers Reformation vor allem
auch verschärfte Disziplinarbestimmungen für die
katholische Geistlichkeit erließ.
49 »Nur allzu schnell verbreitet sich heute eine ganz
entsetzliche und unmerklich sich ausbreitende
Verderbnis der Sitten. Denn üble Beispiele verderben
die Sitten« .
50 Im gemeinten ersten Brief des Apostels Paulus an
Timotheus nennt der Apostel die Anforderungen
an geistliche Würdenträger.
51 »Sorgt sich Gott nicht weit mehr um die guten
Sitten als um die Kleidung? Aber die Art der Kleidung
ist so beschaffen, daß sie Ausdruck für einen
labilen Charakter und die Zerrüttung der Sitten ist.
Was soll man von denen halten, die Priester sind,
aber als etwas anderes scheinen wollen? Das ist
zwar in gewisser Weise vertretbar, doch wenig
ehrlich. Vom Aussehen her sollten sie doch wohl
als Streiter (Christi) gelten , von ihrem Auftrag her
sind sie Priester. In Wirklichkeit jedoch sind sie
keines von beidem: Sie kämpfen weder wie Soldaten
noch verkünden sie wie Priester das Evangelium.
<c
52 »Die Wahrheit kann Haß auslösen.«
53 S\einada gebraucht original dieses deutsch klingende
Wort »Herberge«.
54 »Wer die Worte einer Dirne gerne hört und ihre
Küsse freudig empfängt, der klopft gleichsam an
das Tor der Hölle.« (Salonius war ein gebildeter
Kirchenschriftsteller aus Südfrankreich im 5. Jh.
nach Chr.).
55 Abraham a Sancta Clara (1644 bis 1709) gehörte
dem Orden der Augustiner-Barfüßer an und war
ein volkstüml icher, drastisch predigender Kanzelredner
und Volksschriftsteller. Er wirkte in Augsburg,
Graz und Wien.
56 Mit französischer oder spanischer Krankheit ist die
damals weit verbreitete, unheilbare Geschlechtskrankheit
Syphilis gemeint.
57 Syllogismus: logische Schlußfolgerung
58 Diese Aussage ist wegen der Vieldeutigkeit von
»cornu « kaum treffend zu übersetzen. Im Hinblick
auf den Zusammenhang, in den Daniels diesen
lateinischen Ausspruch stellt, wurde die folgende
Übersetzung gewählt: »Durch Stolz wird der
Mensch überheblich. «
59 »Schon viele sind durch Gold und Silber verdorben
worden«.
60 Sleinada hat die Bibelstelle exakt bezeichnet. Die
Übersetzung ist aus: Einheitsübersetzung der Heiligen
Schrift, Aschaffenburg 1980, S. 114.
61 »Versuche nicht Richter zu werden, wenn Du es
nicht vermagst, die Ungerechtigkeiten mit Tapferkeit
zu überwinden.«
62 »Die Diebe, welche privates Eigentu m stehlen,
verbringen ihr Leben in Fesseln und im Gefängnis;
die aber, die öffentliches Eigentum stehlen, leben
in Gold und Purpur. « (Cato, apud aul. gell. L. 11 C.
18.).
(Marcus Cato (234 bis 149 v. Ch r. }, römischer
Staatsmann und Schriftsteller, der hier von Pfarrer
Daniels - wie angegeben - exakt zitiert wird .)
63 Mit dieser Majestät müßte Kaiserin Maria Theresia
gemeint sein, die zugleich Herzogin von Limburg
war (bis 1780).
64 Dieser Casper van M. war Zolleinnehmer in Schin
op Geul (bei Valkenburg). Am 28. September 1776
wurde er in der Brunssumer Heide aufgehängt.
(Vgl. S. 42!)
65 »Von allen Taten des Menschen ist keine herausragender
oder vorzüglicher als die, sich um das
Allgemeinwesen verdient zu machen. «
(Cicero, Marcus Tullius (106 bis 43 v. Chr.}, römischer
Politiker, Redner und Schriftsteller.)
57
ÜBERSICHT Kasten-Texte
Die im Heft verstreuten sogenannten Kasten-Texte (grau unterlegt) wollen das kultur- und rechtsgeschichtliche
Umfeld der Bockreiterzeit beleuchten, sowie Einblicke in wichtige zeitgenössische
Quellentexte über die Bockreiter geben.
Erster Kasten-Text
Zu Schillers Schauspiel »Die Räuber« von 1781
Die vermeintliche Romantik der vielen Räuberbanden dieser Zeit spiegelt das Lied der Räuber in Schillers Schauspiel, das nur zwei Jahre nach
Pfarrer Daniels Buch erschien. Schillers Selbstrezension könnte die Legendenbildung um die Bockreiter hierzulande erklären.
11
Zweiter Kasten-Text
Die Reisebeschreibung des Abbe Feller von 1778 bzw. 1791
Diese Reisenotizen des Geistlichen Feiler sind noch ein Jahr vor Pfarrer Daniels Buch verfaßt. Die Anmerkungen zu den Bockreitern darin sind
darum eine bedeutende Geschichtsquelle.
18
Dritter Kasten-Text
Dr. W. Gierlichs (1937) zu den Unruhen in den landen von Overmaas um 1780
Gierlichs beschreibt die Unruhen in den österreichischen Niederlanden. Er verweist auf die Verbindungen von Kirchhoffs mit brabantischen
Patrioten und stellt die Behauptung auf, der Herzogenrather Arzt Kirchhoffs hätte den Aufstand in Limburg vorbereiten sollen.
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Vierter Kasten-Text
Das Todesurteil von Kirchhoffs im Wortlaut
Es war althergebrachter Rechtsgrundsatz, daß nur aufgrund des 'Geständnisses verurteilt werden konnte. So erklärt sich auch die Folter
letztlich damit, daß der Richter das Geständnis des Angeklagten dringend zur Verurteilung brauchte. Kirchhoffs aber gestand nichts. Sein
Todesurteil stellt somit einen krassen Rechtsbruch dar und war auch im Rechtsverständnis der Zeit ein Justizmord.
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Fünfter Kasten-Text
Dr. Keil (1804), Actenmäßige Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins 39
Dies ist die zeitnaheste deutschsprachige Geschichtsquelle zu den Bockreitern zwischen Maas und Rur. Obwohl es Keil um die Banden nach
1800 geht, greift er doch auf die Bockreiter von Meerssen um 1780 zurück.
Sechster Kasten-Text
Beispiel für eine Bockreiter-Sage
Im Bewußtsein der Bevölkerung leben die Bockreiter vor allem in den Sagen weiter, welche in früheren Zeiten den Kindern als
»Schauergeschichten« erzählt wurden. Die Sage von den kopflosen Bockreitern aus Übach, die in der Brunssumer Heide herumgeistern, ist
hierzu ein treffendes Beispiel.
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Siebter Kasten-Text
Auszug aus der »Constitutio criminalis Carolina« (C.C.C.)
Die C.C.C., die Gerichtsordnung Kaiser Karl V. von 1532, enthält vor allem Strafprozeßrecht. Sie wollte Richtschnur sein und den
Territorialfürsten deren Rechtshoheit nicht benehmen. Dennoch erlangte sie große Bedeutung, teils galt sie bis ins 19. Jahrhundert. Nach der
kurz »Carolina« genannten Gerichtsordnung wurden Diebe gehängt, Mörder gerädert, Hexen verbrannt. Der Einfluß der Kirche zeigt sich im
zitierten Artikel 172, wonach der Kirchenschänder bei lebendem Leib zu verbrennen ist. Pfarrer Daniels verweist auf diese Bestimmung, wenn
er am Ende des 14. Kapitels von den Bockreitern aus Wellen bei Munsterbilsen berichtet.
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Achter Kasten-Text
Räubereien in Aachen zur Zeit der Bockreiter
Nicht nur in den landen von Overmaas wurde zu jener Zeit geräubert. Der Aachener Bürgermeisterei-Diener J. Janssen weiß da schlimme
Räubergeschichten aus Aachen zu berichten. Dies zeigt, daß die »Bockreiterei« im Land von 's Hertogenrode und in den Nachbargebieten
keinesfalls eine Besonderheit war. In Aachen gab es lediglich nicht die Überreaktion der Justiz.
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