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Heimatblätter des Kreises Aachen 1985

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Impressum

Heimatblätter des Kreises Aachen

Bezugspreis im Abonnement: 3,20 DM je Heft

Einzelpreis: 6,- DM zuzüglich Porto

Auflage : 4 000

Herausgeber und Vertrieb : Kreis Aachen

5100 Aachen , Zollernstr. 10 (Kreishaus)

Telefon 02 41 / 51 98 - 1

Redaktion:

Rudolf Dieregsweiler, Karl-Heinz Herren

5100 Aachen, Kreishaus

Herstellung :

Weiss-Druck, 5108 Monschau-lmgenbroich

Layout: Adalbert Rudnick, Birger Strobel

Aus Gründen der vollständigen Jahresfolgen

erscheint dieses Heft unter

41 . Jahrgang, 1985

© Oktober 1986 by

Adalbert Rudnick, Herzogenrath


S.I.P. SLEINADA

Die gottlose Bande

Die BOCKREITER zwischen Maas und Rur in einem

zeitgenössischen niederländischen Bericht von 1779

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S. J. P. SLEINADA.

M, D. C. C. L. X. X. L X.

Kommentierte Übersetzung von Bert Rudnick

EIN BEITRAG ZUR GEMEINSAMEN GESCHICHTE DES

DEUTSCH-BELGISCH-NIEDERLÄNDISCHEN GRENZRAUMES

,,


Diese Veröffentlichung erwuchs weitgehend

aus meiner mehrjährigen Mitarbeit im

Arbeitskreis Geschichte von BURG RODE

HERZOGENRATH e. V. , wo man sich die

Geschichte des Grenzraumes zum besonderen

Anliegen macht.

Ich bedanke mich darum bei den hier tätigen

Damen und Herren von ~iesseits und jenseits

der heutigen Grenzen für wohlmeinende Tips

und freundliche Ratschläge.

Besonderer Dank gilt Herrn E. Schiffler, der mir

freundlicherweise die im Original eingestreuten

lateinischen Zitate übersetzt hat.

Titelbild: Bockreiterhinrichtung in Herbach bei Merkstein, Holzschnitt von Heribert Reul

(mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers).

Karte im Titel: »Maastricht und Aachen, 1776«. Kolorierter Kupferstich von L. Captain.

Privatbesitz.

In der Mitte der Vorseite: Titelblatt der Originalausgabe von SLEINADAS Werk.


INHALT

VORWORT

des Übersetzers

Widmung und

Vorbemerkung

Einfüh rung

Warum eine Räuberbande die

allerschlimmste aller Plagen ist,

die ein Land heimsuchen kann

1. Kapitel

Ausländer stifteten die braven

Leute der lande von Overmaas

zu Raubzügen an

2. Kapitel

Die Einbrüche der Jahre

1736 bis 17 45

3. Kapitel

Verhaftungen, Verhöre und

Todesurteile im Land

von 's Hertogenrode und

in anderen Gebieten

4. Kapitel

Hinrichtungen in Geleen und Schinnen ;

zu laxe Richter in Jülich

5. Kapitel

Seuchen und Hungersnöte

treiben der Bande

neue Mitglieder zu

6. Kapitel

1756 beginnt eine neue

Serie von Einbrüchen

7. Kapitel

Die neue Bande war groß,

sie setzte sich aus

Ausländern und

Einheimischen zusammen

8. Kapitel

Wie die Festnahme eines

jungen Pferdediebes die große

Verhaftungswelle auslöste

9. Kapitel

In der Herzogenrather Burg

werden die Räuber gefangengehalten;

Befreiungsaktionen schlagen fehl

10. Kapitel

Der Herzogenrather Chirurgus Kirchhoffs:

Seine Verhaftung , die Verhöre,

sein Tod am Galgen

11 . Kapitel

Selbst wenn es anders scheint,

Kirchhoffs war schuldig!

12. Kapitel

Auch in den ehrenwertesten Familien

gab es schwarze Schafe

(Mit Liste der aus dem Land

von 's Hertogenrode Hingerichteten)

13. Kapitel

Erste Verhaftungen im Land

von Valkenburg

14. Kapitel

Wie die gerechte Strafe

die Diebe aus dem Land

von Valkenburg ereilte

(Mit Liste der im Land von

Valkenburg Hingerichteten)

15. Kapitel

Waren alle Einwohner der lande

von Overmaas Schurken

und Bockreiter?

16. Kapitel

Auch wenn es unsere modischen

Philosophen bezweifeln mögen,

der Teufel kann

Bockreiten durch die

Lüfte möglich machen!

17. Kapitel

Der Teufelseid, den die Bockreiter

beim Eintritt in die

Bande ablegen mußten

Ein Kapitel 18 gibt es bei SLEINADA nicht.

Die Kapitel 19 und 20 sind fast wortgleich

mit den Kapiteln 13 und 14 und konnten

deshalb überschlagen werden.

21. Kapitel

Der Weg in die Bande

war für manches Kind

schon vorgezeichnet

22. Kapitel

Die schlechte Erziehung und das

üble Beispiel von Eltern und

Geistlichkeit machten viele schon

in jungen Jahren zum Dieb

23. Kapitel

Nirgendwo herrscht des Nachts

ein so ausgelassenes Treiben

wie in den landen von Overmaas,

und diese ungezügelte Nachtschwärmerei

begünstigte die Nachtdiebe

24. Kapitel

Nichts gegen einen Besuch im

Wirtshaus ; aber die Saufgelage

und Krawalle hierzulande

fördern das Verbrechen

25. Kapitel

Triebhafte Fleischeslust und

schamlose Frauenspersonen verführten

so manch einen zur Bande

26. Kapitel

Nachlässigkeit der Richter führte

zu der starken Verbreitung der Bande.

Nicht nur die Todesstrafe,

auch Zuchthaus könnte

abschreckend wirken.

SCHLUSSBETRACHTUNG

Warum hat eine so große Bande

so wenig gestohlen?

ANMERKUNGEN

.. \\

UBERSICHT Kasten-Texte

3


Vorwort des Ubersetzers

Das Thema »Bockreiter«

Zwischen 1736 und etwa 1776 gab es im

Gebiet um Herzogenrath und im heutigen

belgisch und niederländisch Limburg die

sogenannten Bockreiter. Das waren mehr

oder weniger gut organisierte Diebesbanden,

die in großer Zahl ausrückten, aber

vergleichsweise wenig stahlen. Dennoch

wurden sie von der damaligen Justiz mit

beispielloser Härte verfolgt. Die überlieferten

Prozeßakten enthalten rund 700 Namen

von Verurteilten , die zum größten Teil

grausam gefoltert und hingerichtet wurden.

Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis

zur damals geringen Bevölkerungsdichte,

so waren z. T. etwa 3 Prozent der damaligen

Einwohner als Bockreiter verdächtigt

worden 1 , was angesichts des in den Gerichtsakten

erwähnten geringfügigen Diebesgutes

ganz erhebliche Fragen aufwirft.

Dies alles ist nun rund zweihundert Jahre

her, dennoch reißt die Flut der Veröffentlichungen

zu diesem Thema nicht ab. Vor

allem in den benachbarten Niederlanden

werden Jahr für Jahr wissenschaftliche Arbeiten

vorgelegt und immer wieder Bücher

zum Thema publiziert. Im deutschsprachigen

Raum waren es insbesondere Michel

(1905) , Gierlichs (1940) und Hermanns

(1944), die sorgsam beiegte Arbeiten über

die Bockreiter vorlegten 2 .

Ansonsten haben sich beiderseits der

Grenze zahlreiche wohlmeinende Amateure

an das Thema herangemacht und

viel Einseitiges und Unrichtiges verbreitet.

Verdienstvo ller waren da die vielen Gedichte-,

Stücke- und Romanschreiber, die

sich gleichfalls mit der Bockreiterbande

beschäftigten und - für jeden so erkennbar

- die Legende um die durch die Luft

brausenden Bockreiter phantasievoll weite

rspannen 3 .

Wi e kommt es, daß uns dieses Thema

noch nach meh r als zweihundert Jahren

so umtreibt? Das liegt sicher an den vielen

offenen Fragen und an den überaus mageren

und teils we nig aufschlußreichen

Quellen , die viele Fragen wohl für im mer

offen und andererseits der Spekulation

weite n Raum lassen.

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(17S-l--'-1756 und 1762- 177<-J.

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Abb. 1: Titelblätter der beiden wichtigsten Bücher über die »Bockreiter«, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen können:

Johann Jakob Michel, Die Bockreiter von Herzogenrath, Valkenburg und Umgebung (1734-1756 und 1762-1776). Nach den Quellen und Gerichtsakten

geschildert, Aachen 1905. (Das Werk erschien kontinuierlich in einzelnen Heften zu je 20 Pfennig. Nach Erscheinen aller Hefte konnte es zu 1,80 M

in Buchform erworben werden.)

Wilhelm Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders in '! voormalig land van 's hertogenrode, Roermond 1940. Unveränderter Nachdruck Maastricht,

1972. Dr. Wilhelm Gierlichs (1883-1942), wir~te von 1914 bis 1938 am Herzogenrather Progymnasium. Bereits 1930 begründete er den Kreisheimatverein

und wurde 1938 zum Leiter des Kreisheimatmuseums in Kornelimünster berufen. In dieser Eigenschaft wirk1e er auch sehr wesentlich an den

seit 1931 erscheinenden »Heimatblättern des Landkreises Aachen « mit. Eine ganz besondere Liebe verband ihn mit dem ehemaligen Land von

's Hertogenrode und hier wiederum mit dem Kloster Rolduc (Klosterrath), in dessen Jahrbüchern (Jaarboeken van Rolduc) er viele historische Beiträge

zur Geschichte der Region veröffentlichte. So erklärt es sich auch, daß Geistliche dieser Abtei sein deutsch verfaßtes Manuskript des Bockreiterbuches

ins Niederländische übersetzten und dieses Buch 1940 in Roermond erschien. Herzogenrather Heimatfreunden ist es trotz größter Mühen nicht

gelungen, das ursprüngliche deutsche Manuskript aufzufinden. Es muß beim Bombenangriff auf die Wohnung von Dr. Gierlichs in der Aachener

Vik1oriaallee verloren gegangen sein. Nur wenige Seiten fanden sich noch im Archiv der Abtei Rolduc, wovon ein Auszug als Abb. 11 gebracht wird

(vgl. S. 15).

4


SLEINADAS Buch als

Geschichtsquelle

In dieser Situation muß es wichtig erscheinen,

auf eine Geschichtsquelle zurückzugreifen,

die anerkanntermaßen als die

wichtigste für die Bockreiterzeit gilt, für

den deutschen Leser bislang aber nicht

erschlossen war : Es ist das einhundert

Seiten umfassende Buch des Pfarrers Arnold

Daniels aus Schaesberg, das zwischen

Herzogenrath und Heerlen im heutigen

Südlimburg liegt.

Offenbar aus Angst vor Vergeltungssch lägen

schrieb Pfarrer Daniels aber nicht unter

seinem eigenen Namen und gab auch

keinen Erscheinungsort an. Er nannte sich

als Verfasser S.I. P. Sleinada, was A. Daniels

rückwärts gelesen ist. Das S. I. P. wiederum

bedeutet (gleichfalls rückwärts gelesen):

Pfarrer in Schaesberg. Das kleine

Werk wurde 1779 im Niederländisch dieser

Zeit verfaßt und ist heute nur in einem

wenig verbreiteten Faksimile-Nachdruck

(Antiquariat Schrijen NV, Maastricht)

greifbar.

Was macht dieses Buch als Geschichtsquelle

so bedeutsam? Die Bedeutung liegt

zum einen in der Person des Zeitgenossen

Daniels selbst und zum anderen in der

Tatsache, daß dieses Werk der einzige

zeitgenössische Bericht zu den Vorgängen

in der Bockreiterzeit ist.

J. Russel, der 1877 das Buch »De Roverbenden

in de landen van Overmaas« in

Maastricht herausbrachte, macht zur Biographie

von Daniels folgende Angaben:

Johann Arnold Daniels wurde 1738 in

Hoensbroek (bei Heerlen) geboren, wo

der Vate r Steuereinnehmer war. Nach seiner

Priesterweih e war er zunächst in sei ­

nem Geburtsort Kaplan und wurde um

1772 Pfarrer im unweit davon gelegenen

Schaesberg, wo er 1799 verstarb. Zeit und

Wirkungsfeld dieses Mannes umfassen

Abb. 2: Gedenktafel an der Pfarrkirche von

Schaesberg mit den Namen der Pfarrer dieser

Gemeinde. Auch Pfarrer J. A. Daniels ist hier

verzeichnet.

Foto: Rudnick

exakt die Bockreiterperioden und die

wichtigen Zentren ihrer Aktivitäten , was

den Pfarrer Daniels zu einem überaus

ko mpetenten Berichterstatter in dieser Sache

macht! Hinzu kommen seine - im

Buch mehrfach deutlich werdende - profunde

klassische Bildung und der Tatbestand,

daß er leitende Personen aus der

Bande (beispielsweise den Herzogenrather

Arzt Kirchhoffs, der Anführer gewesen

sein soll) persönlich kannte und mit ihnen

Gespräche geführt hat. Seine ins Buch

aufgenommenen Namenslisten der Hingerichteten

belegen zudem , daß er auch

Einblick in die Gerichtsakten genommen

hat, also auch persönliche Kontakte zu

den Amtsträgern bei den Gerichten unterhielt.

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Abb. 3: Titelblatt einer Flugschrift von 1744

Es gab hiervon eine Aachener (die vorliegende)

und eine Kölner Ausgabe. Die Kölner Ausgabe

hat im Titel den Zusatz: »Cöllen, gedruckt bei

Nicolao Nagel vor den P. P. Augustinern. Das

Exemplar kost zwey albus«. Man vermutet, daß

ein Augustiner Chorherr der Abtei Klosterrath

(Rolduc) der Verfasser gewesen ist.

Das kli ngt alles ganz gut und scheint das

Buch als Geschichtsquelle sehr zu qualifizieren.

Doch die Schwierigkeiten und Probleme

von derartigen Primärquellen werden

hier besonders schmerzlich deutlich.

Daniels schreibt als moralisierender Prediger

für seine Zeitgenossen. Er hatte gar

nicht vor, die Geschehnisse um die Bande

der Bockreiter dokumentarisch festzustellen.

An die Nachwelt hat er an keiner Stelle

gedacht. Seine Leser wußten ja, was vorgefallen

war. Die Greuelmärchen über die

Raubzüge der Bockreiter waren - so berichtet

Daniels - bis in entfernte Länder

verbreitet. Um so besser wußten die Leute

hierzulande darüber Bescheid, Daniels

brauchte also keine Einzelheiten zu bringen.

Er griff exemplarisch einige Fakten

heraus und läßt uns Heutige bei nur allzuvielen

Gelegenheiten im Ungewissen.

Was hätte er - der Sachkenner - uns

doch alles erzählen können!

Immer wieder schimmert durch, daß er

weit mehr weiß, als er berichtet. Doch er

hält seine Informationen nicht nur aus dem

oben genannten Grund zurück. Mehrfach

wird bei ihm eine, uns untertänig erscheinende,

Angst sichtbar, doch ja keinem von

der weltlichen Obrigkeit zu nahe zu treten.

Er lobt diese über den grünen Klee, obgleich

er - wenn auch sorgsam verpackt

- mehrfach andeutet, daß er vieles über

staatliche Mißwirtschaft, über Nachlässigkeit

im Amt und Bestechlichkeit weiß. Al ­

lein die Tatsache, daß er ängstlich unter

einem Decknamen schreibt, beweist seine

Furcht, schon die vorsichtige Kritik könnte

für ihn Nachteile haben . Inwieweit die damalige

Obrigkeit über die wahre Identität

des Sch reibers informiert war, läßt sich

allerdings nicht sagen .

Die Sprache des Buches

Pfarrer Daniels hat das Buch im Niederländisch

der Zeit verfaßt. Es ist kein Alt-Niederländisch

und auch kein Alt-Flämisch,

es weicht aber in Wortwahl, Schreibweise

und Satzbau erheblich vom modernen

Niederländisch ab. Es war die Sprache der

damaligen Obrigkeit in Brüssel und Brabant.

Schaesbe~ gehörte 1779 zu den

habsburgischen Niederlanden, und die

oberste Herrin war Kaiserin Maria Theresia

in Wien, deren Statthalter in Brüssel saß

(interessanterweise kommt Schaesberg

aber noch zu Amtszeiten von Pfarrer Daniels

1786 an die »Sieben vereinigten Provinzen

der Niederlande« (Generalstaaten) ,

was Daniels gewissenhaft am 13. Juni

1786 im Pfarr-Register vermerkt 4 )!

Die Sprache des Volkes in der Bockreiterzeit

war aber die Mundart, wie sie dort

heute noch gesprochen wird . Zu beachten

ist dabei jedoch die Sprachgrenze der

»Benrather Linie«, welche von Übach über

Eygelshoven nach Bocholtz und Simpelveld

5 quer durch das »Kernland « der

Bockreiter verlief. Neben Niederländisch

und Mundart war auch das Deutsche verbreitet.

Auf dem Kirchhof der Schaesberger

Peter-und-Paul-Kirche von Pfarrer Daniels

sind noch heute deutsche Grabinschriften

zu lesen, die aus seiner Amtszeit

stammen. In Kerkrade ist bis weit in unser

Jahrhundert hinein in den Kirchen deutsch

gesungen und gepredigt worden . Und es

ist bezeichnend , daß die einzigen deutschen

Worte in dem Buch von Daniels

»Jesu dir lebe ich, Jesu dir sterbe ich«

sind. Es waren die letzten Worte, die der

todgeweihte Herzogenrather Arzt Josef

Kirchhoffs unter dem Galgen gesprochen

hat (vgl. S. 32!).

Das Operationsgebiet

der Bockreiter

Pfarrer Daniels nennt schon im Buchtitel

das (von ihm gemeinte) Operationsgebiet

der Diebesbanden: Die lande von Overmaas

und angrenzende Geb~te. Die lande

von Overmaas bildeten gemeinsam mit

5


dem Stammland um die alte Festung Limburg

an der Vesdre (Weser) das Herzogtum

Limburg . Zwischen 1396 (als Philipp

der Kühne von Burgund durch Erbschaft

das Herzogtum erworben hatte) und 1794

(als die französischen Revolutionstruppen

ins Gebiet vordrangen und es daraufhin

völlig neu gegliedert wurde) bestand das

Herzogtum Limburg. Es setzte sich aus

dem Stammland und den landen von

Overmaas zusammen, die sich ih rerseits

in die Grafschaft Dalhem (heute Belgien),

die Herrschaft Valkenburg (heute Niederlande)

und die Herrschaft Herzogenrath

aufteilten. Weil die Herren des Landes

links der Maas in Brabant und Brüssel

saßen, lagen diese Gebiete für sie auf der

anderen Seite der Maas. Darum die Bezeichnung

»lande von Overmaas«.

Die Lage von Overmaas an der Westgrenze

des Deutschen Reiches hatte in dem

Gebiet um die Kaiserstadt Aachen seit

dem 12. Jahrhundert zu zahlreichen hart

ausgetragenen Machtkämpfen geführt.

Immer wieder wurde die Bevölkerung von

Kriegen heimgesucht, und zur Bockreiterzeit

beispielsweise hatte man fast einhundert

Jahre ununterbrochen Krieg hinter

sich. Die Soldaten zerstörten und plünderten

das Land aus. Eine tiefgreifende Verelendung

war die Folge . Das Volk verarmte,

und zahllose vom Krieg entwurzelte

Menschen durchstreiften das Land und

machten es unsicher.

Zum anderen führten die Machtkämpfe so

vieler Interessengruppen zu einer heillosen

territorialen Zersplitterung, da in immer

neuen Friedensverträgen ein für alle

tragbarer Komprom iß der Gebietsansprüche

gefunden werden mußte. Die lande

von Overmaas erlebten z. B. im Partage­

Vertrag (Teilungsvertrag) von 1661 einen

höchst unbefriedigenden Komprom iß im

Machtgerangel zwischen den katholischen

spanischen Niederlanden und den protestantischen

niederländischen Generalstaaten,

als man nämlich die Teilgebiete

innerhalb der lande von Overmaas (Dalhem,

Valkenburg und Herzogenrath), so

klein sie auch waren, nochmals in spanische

(ab 1714 österreichisch-habsburgische)

und niederländische Teilgebiete aufgliederte.

Hierbei gab es noch etliche Exklaven

(z. B. das Kloster St. Gerlach bei

Valkenburg, das - obwohl auf niederländischem

Gebiet liegend - zu Österreich

gehörte), was das Verwirrspiel weiter komplizierte.

Die Kartenzeichner der Zeit hatten

fürwahr keine leichte Aufgabe 7 .

Die Nachbargebiete der lande von Overmaas

waren zur Bockreiterzeit gleichfalls

recht vielfältig: (Vgl. Karte 2!)

Im Norden lagen die Grafschaft Loon

(heute überwiegend Belgisch-Limburg)

und das sogenannte »Overkwartier« des

Herzogtums Geldern, im Westen das Herzogtum

Jülich und die Reichsstadt Aachen

mit Umland, im Süden das Stammland des

Herzogtums Limburg und im Westen das

weitgestreckte Fürstbistum Lüttich, von

limburgische Stammlande

1

(Hochbänke :

Baelen, Montzen,

Walhorn, Herve,

Sprimont, Lontzen)

(Merkstein wurde erst 1630 eigenständige

Ban k. Gulpen, Margraten

und Holseth kamen 1661

zu den Niederlanden.)

Herzogtum Limburg

(wie es zwischen 1396 und 1794 bestand)

L_ande von Overmaas

~

Grafschaft Herrschaft Herrschaft

Dalhem Valkenburg Herzogenrath

(auch: alt:

alt:

Daelhem) Falkenburg) 's Hertogenrode)

unterteilt in 9 Verwaltungsbezirke,

die sogenannten Banken :

Herzogenrath, Merkstein, Übach, Kirchrath,

Simpelveld, Gulpen, Margraten,

Holseth (mit Vaals und Vij len) , Weiz mit Rurdorf

(an der Rur bei Jülich).

Abb. 4: Verwaltungseinheiten im Herzogtum Limburg.

Zeichnung : Rudnick

(Vgl. Hierzu nebenstehende Karte 1, vor allem aber auch Karte 4 S. 30/31 !)

dem das geistliche Bistum Lüttich streng

zu unterscheiden ist, denn dieses war anders

zusammengesetzt und deckte nahezu

das gesamte Bockreitergebiet ab. Es

reichte im Westen bis zur Wurm, so daß

Herzogenrath und Aachen beispielsweise

zum Bistum Lüttich gehörten.

Gewisse Teile dieser Nachbargebiete und

die lande von Overmaas waren das Operationsfeld

der Bockreiter3, und sie werden

im Buch von Pfarrer Daniels angesprochen.

Immer wieder hebt er hervor, daß

die kriegsbedingte Armut und die Zerrissenheit

des Gebietes die Bandenbildung

begünstigte. Vor allem die wechselnde

staatlich-hoheitliche Zuständigkeit war der

ideale Boden für die recht mobilen Bockreiterbanden

, weil sie sich leicht dem Zugriff

der Staatsgewalt entziehen konnten,

zumal es ja auch keinerlei gemeinsame

Gesetze oder Verordnungen, geschweige

denn eine überregionale polizeiliche Zusammenarbeit

gab.

Das Gerichtswesen in der

Zeit der Bockreiter

Zunächst einmal ist wichtig festzuhalten,

daß es im Gegensatz zu unserem heutigen

demokratischen Staat keinerlei Trennung

von Regierungsgewalt (Exekutive)

und rechtsprechender Gewalt (Judikative)

in Overmaas gab. Die Regierenden waren

also zugleich auch die Richter, so daß eine

Interessenkollision oder gar Verfilzung unvermeidbar

war.

Die Gerichtsbarkeit lag bei den Schöffen

der Schöffenbanken, denen der Schultheiß

(etwa Bürgermeister) vorsaß. Das

waren alles Laienrichter, und sie wurden

vom Landesherrn ernannt. Das Amt war in

aller Regel auf Lebenszeit verliehen und

auch erblich. Die von den Gerichten verhängten

Geldstrafen gingen im Regelfall

direkt in die Taschen der Richter, und beim

Verkauf der von den Verurteilten

beschlagnahmten Vermögenswerte hielten

sich Schöffen und Gerichtsschreiber

oft gleichfalls schadlos. So gelangte der

Herzogenrather Gerichtsschreiber (»Griffier«

genannt) F. A. Cox recht preiswert an

das Haus des 1772 hingerichteten Arztes

Kirchhoffs, was die Bevölkerung sehr erboste

9 . Diese Form der Bereicherung war

leicht möglich , denn wenn laut Gerichtsbeschluß

das Vermögen an den Staat fallen

sollte, so war dieser Staat personengleich

mit den Richtern, da die beiden

Gewalten ja in einer Hand lagen!

In Herzogenrath war das Hauptgericht des

Landes von 's Hertogenrode. Hier auf der

Burg, wo auch das Gefängnis war, fanden

die spektakulärsten Prozesse statt.

Vorsitzender dieses Hauptgerichts war

z. B. während der ersten Bockreiterperiode

(etwa 1734 bis 1745) als zuständiger

Hochdrossard der Statthalter des Herzogs,

Baron Berghe von Trips. In Kerkrade

war zu der Zeit der Schultheiß Johann

Leonhard Poyck Vorsitzender der Schöffenbank.

Eine interessante Verquickung

der Ämter bestand in diesem Fall darin ,

daß der Gerichtsschreiber (Griffier) - er

hatte zu protokollieren und das Urteil zu

verlesen - Peter Caspar Poyck war 10 .

Dieser war seinerseits Schultheiß von

Merkstein, ernannt von dem hierfür zuständigen

Landesherrn, Abt Goswin Fabritius

von Klosterrath (Rolduc), der sein Vetter

war. Zugleicn war dieser P.C. Poyck

Vorsitzender der Merksteiner Schöffenbank,

bei der wiederum sein Onkel, der

erwähnte J. L. Poyck, Gerichtsschreiber

war.

Die Gerichte schlugen unbarmherzig zu

und wendeten scharfe Foltermethoden an .

Auf Kosten der Opfer hatte dies für Herzogenrath

und Valkenburg der Henker Nikolaus

Dillenburg aus Aachen zu tun. Mit

seinen Gesellen war er zwischen 1736

und 1776, also in beiden Bockreiterperioden,

als Folterer und Henker tätig und

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AACHEN

JÜLICH

Die lande von Overmaas

zur Zeit der BOCKREITER

unterteilt in die lande von

Dalhem, Valkenburg und

1 s Hertogenrode

j I l 1 / •7/ / / ,:/1 übrige Gebiete

' (/1( 11/

1

österreichische (habsburgische) Niederlande

hiervon zum LAND VON

gehörend

Niederländische Generalstaaten

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Karte 2: Staatliche Zersplitterung der lande von Overmaas und der umliegenden Gebiete,

(Karte in w _ Jappe Alberts, Oorsprong __ . a. a. 0 ., S. 86.) Mit freundlicher Erlaubnis von Elsevier

Nederland BV, Amsterdam.

machte ein gutes Geschäft. In Aachen und

Jülich näm lich war das Foltern bereits verboten,

doch in Overmaas erhielt er pro

Folter eine Goldpistole 11 . Und das auch

dann , wenn es nur zur sogenannten »Territie

« (Abschreckung) kam, bei der man

dem Angeklagten die schauerlichen Folterwerkzeuge

der Reihe nach demonstrierte

und dieser vo ller Panik das erwünschte

Geständnis ablegte. Man kann

darum die Ve rmu tung nicht von der Hand

weisen , daß die Einnahmen von Dillenburg

wahrscheinlich höher lagen als der Wert

aller durch die Bockreiter gestohlenen

Güter.

Es gab viel Arbeit für den Henker in diesen

Jahren, die Gefängnisse - in Herzogenrath

der Burgturm und ein Verlies im Bekkenberger

Stadttor - waren übervoll und

die Delinquenten legten nach der Folter

haarsträubende Bekenntnisse ab. Kein

Wu nder, daß die Kunde vo n diesen angeblichen

Massenverbrechen in Overmaas

bis zur Obrigkeit der habsburgisch

en Niederlande nach Brüssel drangen.

Grundlage der damaligen Rechtsprechung

waren die »Crimi nelen Ordonnantien «, die

Philipp II. von Spanien 1570 erlassen hatte,

wonach aber nur gefoltert werden durfte

, we nn ein Teilbeweis vorlag . Gab es

nämlich gar keinen Beweis oder eben einen

vollständigen Beweis, sollte nicht gefoltert

werden 12 . In den landen von Overmaas

aber tat man dies in jedem Fall, und

die von den niederländischen Generalstaaten

verwalteten Gebiete in Overmaas

verfuhren da nicht anders.

Wie ungewöhnlich dieses Vorgehen selbst

der Obrigkeit in Brüssel erschien, zeigt

sich an deren Reaktion. 1743 erging die

Weisung , sämtliche Gerichtsakten nach

Brüssel zu schicken, was zur vorläufigen

Einstellung der Prozesse führte. Die Gerichtsherren

in Overmaas waren empört,

denn die Strafjustiz war von altersher ihre

eigene und unumstößliche Angelegenheit.

Es gab für den Verurteilten keine Berufungsmöglichkeit

. . . Man schickte den

Schultheiß von Übach, A. l. Fabritius, zu

einem längeren Aufenthalt nach Brüssel,

um diese unzulässige Einmischung abzustellen.

Fabritius hatte Erfolg, und die Prozesse

konnten weitergehen. Es gab nur

die Auflage, daß ab 1744 zwei Rechtsgelehrte

vom Hohen Gerichtshof Limburg

Einblick in die Gerichtsakten nehmen sollten

und den Urteilen zuzustimmen hatten,

was sich jedoch als keine größere Beeinträchtigung

erwies 13 .

Es liegt auf der Hand, daß bei dieser Justiz

auch der unschuldig Verhaftete Geständnisse

ablegte, um die Qualen der Folter zu

beenden. Doch ist es schwer zu sagen,

wieviele Unschuldige so den Tod am Galgen

erlitten haben und ihre Nachkommen

ohne Vermögen (das ans Gericht bzw. den

Staat fiel) hinterlassen mußten. Als dann

1787 unter Kaiser Josef II. von Österreich

auch für die lande von Overmaas die Folter

verboten wurde, war die Bockreiterei

8


Abb. 5: Bockreiter-Zentrum in Herzogenrath. Im Frühjahr 1986 eröffnete man dieses moderne Einkaufszentrum. Und wie von selbst ergab sich hierfür

sogleich die Bezeichnung »Bockreiter-Zentrum «, wozu die Bürger der Stadt keinerlei Begründung erwarteten und es als völlig selbstverständlich

akzeptierten.

Foto: Rudnick

Abb. 6: Bockreiter jagt durch die Lüfte. Holzschnitt von Heribert Reul (veröffentlicht -

unser Titelbild - mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers.}

wie auch

interessanterweise beendet. Es klingt hart,

aber die folgende Feststellung scheint historisch

gesichert: Das Bockreiter-Gebiet

deckte sich weitgehend mit dem Anwendungsgebiet

der Folter (im Gebiet von Aachen

und Jülich wurde nicht gefoltert, und

es gab dort letztlich auch keine Bockreiter!)

; und die Bockreiterperioden decken

sich mit der Zeitspanne, innerhalb deren

Folter erlaubt war. Dies kann natürlich

nicht heißen, daß es zur Zeit der Bockreiter

überhaupt keine Verbrechen gegeben

habe. Bei den zweifelsfrei belegten Einbrüchen

sind die Täter keineswegs zimperlich

vorgegangen. Es heißt aber wohl,

daß das Ausmaß der Untaten weit geringer

war, als es die Zahl der Verurteilten erscheinen

läßt. Die Justiz der Overmaaslande

schien eine mit dem mittelalterlichen

Hexenwahn vergleichbare Hysterie (vgl.

S. 44!) ergriffen zu haben . Durch Folter

ließen sie den Kreis der Täter immer größer

werden, und weder die Bedenken der

Landesherrschaft in Brüssel noch die aktenkundig

gemachten großen Zweifel der

Aachener Franziskanerpatres, die den Unglücklichen

als Beichtväter in der letzten

Stunde zur Seite standen und von deren

Unschuld überzeugt waren, 14 konnten diese

rasende Justiz stoppen. Aber was waren

die Gründe für dieses Wüten, für diese

Überreaktion der Behörden in den landen

von Overmaas? Gab es da schon vorrevolutionäre,

politische Gründe? Der Vermutungen

und Spekulationen öffne\\ sich hier

ein weites Feld!

9


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Übersetzung der Niederschrift

Heute, den 19. Oktober 1771, erschien vor

uns - den unterzeichnenden Gerichtspersonen

- der ehrwürdige Pater Willibrordus vom

Orden des Heiligen Franziskus und erklärte,

daß er dem Joseph Ploum, in der Bevölkerung

auch »der Herr von Sanckel« genannt,

vor dessen Hinrichtung als Beichtvater beistand

und ihn auch als Seelsorger zum Ort

der Hinrichtung begleitete. Dieser Joseph

Ploum habe ihm bei Ehre und Gewissen beschworen

und inständig gebeten, dem Hohen

Gericht mitzuteilen und kundzutun, daß er im

Angesicht des Todes bekenne, nicht das Geringste

angeben und aussagen zu können zu

Lasten von Leonhard Louppen, Peter Mayers,

Baltus Holthuisen, Peter Joseph van Holthuisen,

zum Chirurgen Kirchhoffs und allen anderen,

die bislang noch nicht verhaftet sind

oder sich bereits in Haft befinden, bzw. mit

ihm gemeinsam hingerichtet würden. Er bittet

deshalb, seinen geäußerten Anschuldigungen

keinerlei Bedeutung mehr beizumessen

- es sei denn, er habe hinzugefügt, dies

anzunehmen, zu vermuten oder es so gehört

zu haben.

Alle seine Aussagen habe er aus Furcht vor

der Folter gemacht.

Festgestellt und so beurkundet als Seelsorger:

Pater Willibrordus, Ord. S. Franciscii

Für die Richtigkeit: Nicolas Vaessen, Schöffe,

L. Reinartz, Schöffe

Zur Beurkundung: J. Fr. Daelen (unleserlich),

Griffier

(Übersetzung : Rudnick)

10


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Abb. 8: Zeitgenössischer Bericht (Flugschrift) über den Schinderhannes, der im Taunus sein

Unwesen trieb. Original: Stadt-Archiv Mainz.

Die Räuberbanden des

18. Jahrhunderts in

der großen Literatur

Räuberbanden waren im 18. Jahrhundert

weit verbreitet. Und die Eindrücke ,

die sie auf die zutiefst erschrockene

und erschauernde Öffenlichkeit machten

, waren so tief, daß nicht nur grausige

Moritaten von den Untaten dieser

Unmenschen landauf und landab gesungen

wurden, sondern daß sich auch

die große Literatur des Themas annahm').

Bereits zwei Jahre nach dem kleinen

Werk unseres Pfarrer Daniels erschienen

1781 »Die Räuber« als das erste

Schauspiel von Friedrich Schiller, und

es wurde in Mannheim uraufgeführt.

Das Legendenhafte, was sich hierzulande

sehr schnell um die BOCKREI ­

TER rankte, zeigt sich auch recht deutlich

im Lied der Räuber in Schillers

Schauspiel:

VIERTER AKT

FÜNFTE SZENE

Nahgelegener Wald - Nacht

Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte

Die Räuberbande gelagert auf der Erde

Die Räuber singen.

Stehlen, morden, huren, balgen

Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun,

Morgen hangen wir am Galgen,

Drum laßt uns heute lustig sein.

Ein freies Leben führen wir,

Ein Leben voller Wonne.

Der Wald ist unser Nachtquartier,

Bei Sturm und Wind hantieren wir,

Der Mond ist unsre Sonne,

Merkurius ist unser Mann,

Der's Praktizieren trefflich kann.

Heut laden wir bei Pfaffen uns ein,

Bei masten Pächtern morgen,

Was drüber ist, da lassen wir fein

Den lieben Herrgott sorgen.

11


Und haben wir im Traubensaft

Die Gurgel ausgebadet,

So machen wir uns Mut und Kraft.

Und mit dem Schwarzen Brüderschaft,

Der in der Hölle bratet.

Das Wehgeheul geschlagener Väter,

Der bangen Mütter Klaggezeter,

Das Winseln der verlaßnen Braut

Ist Schmaus für unsre Trommelhaut!

Ha! wenn sie euch unter dem Beile so

zucken,

Ausbrüllen wie Kälber umfallen wie

Mucken,

Das kitzelt unsern Augenstern,

Das schmeichelt unsern Ohren gern.

Und wenn mein Stündlein kommen

nun,

Der Henker soll es holen.

So haben wir halt unsern Lohn,

Und schmieren unsre Sohlen,

Ein Schlückchen auf den Weg vorn

heißen Traubensohn

Und hurra rax, dax! geht's, als flögen

wir davon.

') Hierzu zwei Beispiele:

Goethes Schwager Christian August Vulpius gab

1799 in drei Bänden die romantischen Geschichten

um den Räuberhauptmann Rinaldo R1nald1rn

heraus. die - so wird gesagt - verbreiteter waren

als die Werke des Klassikers Goethe.

Und als dann 1802 in Mainz der Schinderhannes

hingerichtet wurde. knüpften sich hieran Moritaten

und Erzählungen, und schließlich setzte 1927 Carl

Zuckmayer dem Schinderhannes sein literarisches

Denkmal. (Vgl. auch Abb. 8).

Den von Armut getriebenen BOCKREITERN unserer

Region aber hat noch kein Dichter von Rang

ein solches Denkmal gesetzt. Es gibt kein nennenswertes

Schauspiel und keinen Film über sie.

und auch die überregionale Geschichtsschreibung

nahm keine Notiz von ihnen.

Die Aussage muß nach meiner Kenntnis auch für

den niederländischen Sprachraum gelten. Allerdings

mit der Einschrankung. daß die Geschichtsschreibung

dort auf sie eingeht.

Schiller über die

Empfindungen

gegenüber Räubern

Vorbemerkung zu Schillers Text:

Fragt man, ob die BOCKREITER zwischen

Maas und Rur Verbrecher oder

Volkshelden waren, so hat sich die hiesige

Bevölkerung längst entschieden.

Ganz im Gegensatz zu der damaligen

übergestrengen Obrigkeit sahen die

Leute in den Overmaas-Ländern die

BOCKREITER bald in milderem Licht

und sprachen sie im nachhinein weilgehend

von Schuld fre i. Würde sich

Herzogenrath beispielsweise sonst

.Bockreiterstadt' nennen und den

Nachtdieben Denkmäler setzen? Gäbe

es denn sonst die Erste Große Karnevals-Gesellschaft

,De Bockrijer' in Herzogenrath

und ein modernes 'Bockreiter-Zentrum'?

In Niederländisch-Limburg

füllen Vorträge über die Bockreiter

immer wieder die Säle, ständig neue

Aufsätze und Bücher zum Thema werden

lebhaft diskutiert. Nicht anders in

Belgisch-Limburg, wo sich Wellen bei

Hasse lt nach wie vor , Bockreiterdorf'

nennt. Und überall in den ehemaligen

landen von Overmaas erinnern sich

alte Leute, daß man ihnen als Kinder

die schauerlichen Geschichten von

den BOCKREITERN erzählte.

Diese, in sich irgendwie widerspüchliche

Einstellung gegenüber Räubern

umschreibt Friedrich Schiller in den folgenden

Auszügen aus einer Selbstrezension

des Dichters zu seinem

Schauspiel »Die Räuber« :

"· .. Räuber aber sind die Helden des

Stücks. Räuber, und einer ... ein

schleichender Teufel. Ich weiß nicht,

wie ich es erklären soll, daß wir um so

wärmer sympathisieren, je weniger wir

Gehilfen darin haben; daß wir dem. den

die Welt ausstößt, unsere Tränen in die

Wüste nachtragen; daß wir lieber mit

Crusoe auf der menschenverlassenen

Insel uns einnisten, als im drängenden

Gewühle der Welt mitschwimmen. Dies

wen igstens ist es, was uns in vorliegendem

Stück an die äußerst unmoralischen

Gaunerhorden festbindet. Eben

dieses eigentümliche Korpus, das sie

der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber

formieren; seine Beschränkungen,

sein e Gebrechen, seine Gefahren

. alles lockt uns näher zu ihnen, aus

einer unmerkbaren Grundneigung der

Seele zum Gleichgewicht meinen wir

durch unseren Beitritt. welches zugleich

auch unserem Stolze schmeichelt,

ihre leichte unmoralische Schale

so lang beschweren zu müssen , bis sie

waagrecht mit der Gerechtigkeit steht.

Je entferntem Zusammenhang sie mit

der Welt haben, desto nähern hat unser

Herz mit ihnen . - Ein Mensch an den

sich die ganze Welt knü pft, der sich

wiederum an die ganze Welt klammert,

ist ein Fremder für unser Herz ...

Wir sind geneigter den Stempel der

Gottheit aus den Grimassen des Lasters

herauszulesen, als eben denselben

in einem regelmäßigen Gemälde

zu bewundern; eine Rose in der sandigen

Wü ste entzückt uns mehr, als deren

ein ganzer Hain ... Bei Verbrechern,

denen das Gesetz als !dealen

moralischer Häßlichkeit, die Menscheit

abgerissen hat, erheben wir auch

schon einen geri ngeren Grad von Bosheit

zur Tugend. sowie wir im Gegenteil

all unseren Witz aufbieten, im Glanz

eines Heiligen Flecken zu entdecken.

Kraft eines ewigen Hangs, alles in dem

Kreis unserer Sympathie zu versammeln,

ziehen wir Teufel zu uns empor

und Engel herunter . . .«

(Das Rauberli ed und diese Auszüge aus

Schillers Selbstrezension aus : Schiller,

Werke in drei Banden, Erster Band ,Der

Junge Schiller'. Leipzig 1955, S. 269 und S.

723 1.)

Einige offene Fragen

in Pfarrer Daniels Buch

(Die folgenden Anmerkungen wollen das

Buch erschließen helfen. Bei der Vielfältigkeit

des Werkes sollen hier nur einige

Akzente gesetzt werden.)

Das Buch zeigt uns immer wieder einen

Autor, der hin- und hergerissen zu sein

scheint. Ein Schwanken in zentralen Fragen

zieht sich wie ein roter Faden durch

das Werk. Daniels stellt uns Widersprüche

vor, löst sie aber nicht auf. Seine Meinung

läßt er oft als ein uns ·unbefriedigendes

Einerseits/ Andererseits einfach stehen. Er

ist ein Theologe mit klassischer Bildung,

der sich in den Schriften der klassischen

Antike gut auskennt. Er schreibt 1779, als

in Frankreich gerade die Philosophie der

Aufklärung ihren Höhepunkt erlebt hatte

(Voltaire und Rousseau waren ein Jahr

zuvor gestorben) und in Deutschland

Goethe und Schiller ihre Werke zu veröffentlichen

begannen . Seine lande von

Overmaas aber sind - wegen der Not aus

den vielen Kriegen - in einem geschichtlichen

Regreß ; der allgemein verbreitete

Glaube an die durch die Lüfte brausenden

Bockreiter ist hierfür ein beredtes Zeugnis.

Und doch zeichnet sich auch hier ein größerer

Umbruch ab, der schon zehn Jahre

nach dem Buch von Daniels im nahen

Frankreich in der Revolution von 1789

Wirk lichkeit wird . Und Pfarrer Daniels spürt

woh l dieses kommende Neue und Andere

. Leidenschaftlich greift er die Philosophen

der Aufklärung an (16. Kapitel), nicht

minder vehement attackiert er seine Amts-

brüder, die keine Priesterkleidung mehr

tragen, sondern in modischen Perücken

daherkommen (22 . Kapitel).

Dieses harte Angehen des Neuen zeigt,

daß Daniels es durchaus als Gefahr für das

Alte erkennt, dem er noch weitgehend

verhaftet ist. Andererseits beweisen viele

seiner Andeutungen , daß er es auch wieder

nicht ist. Doch so entstehen Widersprüche,

so erklärt sich sein dauerndes

Schwanken. Pfarrer Daniels sieht, daß sich

die alte Ordnung aufzulösen droht, ein

Chaos scheint ihm heraufzuziehen. Und

die Bockreiter sind bereits ein Teil davon.

Sie treiben ihr Unwesen, und eine unfähige,

zersplitterte Obrigkeit erscheint ihm

nur allzu hilflos dagegen anzugehen. Da

lobt er sich das rigide Vorgehen, wie es die

Justiz seiner Tage in den Overmaaslän-

12


dern praktiziert. Doch hier zeigt sich einer

der ganz großen Widersprüche, und dies

ist zugleich das eigentliche Fragezeichen,

das für uns hinter der gesamten Bockrei ­

terproblematik steht:

Pfarrer Daniels ringt geradezu nach Worten,

um seine Empörung über die abgrundtief

schlechten Nachtdiebe auszudrücken.

Die Richter und Folterknechte

können ihm gar nicht scharf genug vorgehen.

Und voller Ve rachtung spricht er über

die Richter in Aachen und im Herzogtum

Jülich, die nicht folterten, sondern gar

Freisprüche verkündeten. Fragt man aber

nach dem Diebesgut, das diese Bestien

von Räubern erbeutet haben, so kann Daniels

nur berichten, daß bei Herzogenrath

Wäsche von der Bl eiche gestoh len wurde ,

in Übach ein Pferd, in Heerlen ein paar

Sack Getreide und so fort. Viel kommt

jedenfalls nicht zusammen , und im 26.

Kapitel gelangt der Autor selbst zu der

Erkenntnis, daß bei einem nächtlichen

Beutezug der Bockreiter wohl nicht mehr

als ein Schilling oder ein Päckchen Tabak

pro Mann herausgekommen ist. Da fragt

man sich als Leser, wieso Daniels eigentlich

nicht selbst auf den großen Widerspruch

dabei kommt? Sicher, er verspürt

ihn , allerdings erst in den letzten Zeilen

seines Buches. Da heißt es, das Stehlen

wäre ja gar nicht die eigentliche Triebfede r

der Bande gewesen. Was war aber dann

der Grund? Nur die Bandenführer - so

Daniels - hätten es gewußt, sonst keiner.

Und die hätten das Geheimnis mit ins

Grab genommen . Pfarrer Daniels weiß den

Grund also auch nicht, stellt aber auch

keine Vermutung an. Er sagt uns nichts.

Was dann die Justizmorde angeht, so

sieht er diese sehr wohl (er macht auch

deutlich, daß die Bevölkerung diese mit

Empörung als solche gesehen hat). Doch

auch dies rechtfertigte Daniels auf seine

Weise, wobei man hier aber deutlich

merkt, wie hilflos er sich selbst bei dieser

»Ausrede« vorkommt. Er sagt, wenn von

30 Verhafteten eben 10 unschuldig an den

Galgen kämen , dann müsse man das halt

hinnehmen (vgl. seine Schlußbetrachtung).

Zum bekannten Herzogenrather Arzt und

angeblichen Bandenführer, Joseph Kirch ­

hoffs, ist das Buch von Daniels die wichtigste

Geschichtsquelle. Fast leidenschaftlich

setzt sich Daniels mit Schuld oder Unschuld

des ihm wohlbekannten Arztes

auseinander, und auch hier spürt man, wie

er die eigenen Bedenken unterdrückt (vgl.

10. und 11 . Kapitel) . Kirchhoffs hatte nach

monatelangem Foltern nichts gestanden

und war als Christ am Galgen gestorben.

Trotzig vermerkt Daniels dazu : »Selbst

wenn einer dem äußeren Schein nach heiligmäßig

gestorben ist, muß man ihn nicht

gleich heiligsprechen.« Die Volksmeinung

stand also gegen den Gerichtsentscheid

und hielt Kirchhoffs für unschuldig. Warum

schlägt sich da Daniels auf die Seite der

Justiz? Beweise für die Schuld von Kirch-

Abb. 9: Haus des Chirurgs Kirchhoffs in der Herzogenrather Kleikstraße von 1657 (in dieser Form

heute nicht mehr erhalten).

Foto: Stadtarchiv Herzogenrath

hoffs hat er nicht, und die potentielle Möglichkeit,

daß diese Justiz auch Unschuldige

hinrichtete, hat er in der Schlußbetrachtung

zugegeben. Aber gerade dieser

Kirchhoffs ist es ja - wenn er denn der

Anführer gewesen sein soll - , der den

Gerüchten (und den zahlreichen bis heute

geschriebenen Romanen) bis in unsere

Zeit Nahrung gab, daß nicht das Stehlen,

sondern etwas anderes Anlaß für die Bandenbildung

gewesen sein mußte 15 . Und

lagen die Dinge bei Kirchhoffs so, dann

war er für Daniels auf alle Fälle ein Feind

der Ordnung und mußte hingerichtet werden.

Höchst zwiespältig argumentiert unser

Autor auch in der heiklen Frage, ob die

Bockreiter, wie es die Bezeichnung ja ausdrücken

will , tatsächlich durch die Lüfte

geritten sind. Bezeichnenderweise gebraucht

Daniels die Bezeichnung »Bockreiter«

nicht im Titel seines Buches. Erst

auf Seite 61 erwähnt er diesen Begriff.

Sein Schwanken wird hier ganz besonders

deutlich. Einerseits ist er so aufgeklärt, daß

er nicht glauben will, Menschen könnten

auf Böcken durch die Lüfte reiten . Andererseits

gibt er aber im 16. Kapitel zu bedenken,

daß im Matthäus-Evangelium vom

Teufel berichtet würde, der den Herrn

durch die Lüfte entführt habe ; um wieviel

mehr müsse dies der Teufel bei sündigen

Menschen tun können . Auch der heilige

Thomas von Aquin und weitere Zeugen

werden herangezogen, um die Möglichkeit

des Bockreitens zu belegen. Aber an zwei

Stellen bricht es dann in kurzen Sätzen

aus Pfarrer Daniels heraus: Die Bockreiter

sind doch brav zu Fuß gegangen ! Da zeigt

sich eben der gebildete Mann der Aufklärungszeit.

Einen ganz anderen erleben wir

dann wiederum in den Kapiteln 21 bis 25,

in denen Pfarrer Daniels in einer Weise mit

den vielen Lastern seiner Schäfchen ins

Gericht zieht, wie man es von den Predigern

der Barockzeit kennt 16 , und es fällt

dem Übersetzer schwer, hier im modernen

Deutsch die Parodie zu vermeiden. Es

wurde dennoch versucht, in Satzbau und

Wortwahl möglichst werkgetreu zu

bleiben.

Gliederung der Übersetzung

Um in dieser Übersetzung den Überblick

zu erleichtern, wurden die einzelnen Kapi ­

tel mit vom Übersetzer formulierten Überschriften

versehen. Diese Überschriften

wollen in etwa den Inhalt angeben. Daniels

hat seine Kapitel nur mit römischen Zahlen

bezeichnet. Der letzte Abschnitt des Buches

wird in der Übersetzung als Schlußbetrachtung

ausgewiesen. Auch dies ist

bei Daniels so nicht der Fall. Seine abschließende

Betrachtung hebt sich nicht

vom letzten Kapitel ab. Diese geringfügigen

Erweiterungen in der Übersetzung

schienen vertretbar, da sie den Text ersch

ließen helfen.

Der guten Übersicht sollen die vier abgedruckten

(überwiegend zeitgenössischen)

Karten dienen, insbesondere die große

Karte von 17 48 in der Mitte des Heftes

(S. 30/31 ).

1\

Herzogenrath, im Herbst 1986

Bert Rudnick

13


Ursprung, Ursachen, Überführen und Aufdecken einer gottlosen verschworenen Bande von Nachtdieben

und Verbrechern innerhalb der lande von Overmaas und in angrenzenden Gebieten mit ei ner

genauen Aufstellung der Hingerichteten und der Geflohenen von S.I.P. SLEINADA 1779

Widmung und

Vorbemerkung

an die hochedlen, gestrengen und ehrenwerten

Herren Amtsträger, Drosten,

Schulth eissen, Schöffen und sonstigen

Amtspersonen , die Richter und Angestellte

n der Gerichte in den Hauptbänken,

Herrlichkeiten und Dörfern in den landen

von Overmaas und Umgebung.

Hochverehrte Edle Herren !

Als der weise und hochgelehrte PLATO

vo n der Verpflichtung sprach, die jeder

Mensch gegenüber seinem Geburtsort

und Vaterland hat, sagte er, daß man nicht

nur für sich selbst geboren sei. Wir alle

müßten - wie schon unsere Vorfahren -

dem Vaterland dienen, jeder auf seine

Weise.

Doch vor allem Ihr seid es, Edle Herren,

die Ihr nicht nur für Euch allein , sondern

auch für das Vaterland geboren seid. Gott

und die Herrschenden haben Euch die

Macht und das Schwert in die Hände gelegt,

um - neben dem eigenen Wohl -

damit vor allem dem Mitmenschen und

Untertanen zu dienen.

OPDllAGT cn VOORBER.IGT

AEN D E

Wel EJele, geflrt11gt, Eertnfefie H,ere,,

de He ere11.

HOOFDÖFFICIEREN 1

Drojle11, S,h0Mte11, S,htpn,n,

En 3lle -andere Ondero'fficJeren, Rechten e11

Gerechtsperzoonen in de Hoofdbanken 1

Heerlykheeden CD Oorpen.

Bi1111e11 J, uitul,n flan OY.ERM.AESE1•

diur omtre111.

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Abb. 10: Auszug aus dem Original, nebenstehend die Übersetzung hierzu .

Ihr habt ein derart eifriges Wirken gezeigt,

als Ihr unlängst in gerechtem Zorn wie ein

Blitz zugeschlagen habt. Daraufhin erscholl

Euer Ruhm bis in ferne Länder und

man pries die Gerechtigkeit, mit der Ihr

soviele Verbrecher ausgerottet habt 17 . Ja,

und da habe ich mir gedacht: Kannst Du

da weiter untätig am warmen Ofen sitzen,

wo sich doch unsere Obrigkeit im Dienst

am Vaterland verzehrt? Mit Sicherheit

nicht.

Obschon ich durch Gottes Fügung und die

Liebe meiner Eltern vor mehr als vierzig

Jahren in Mailand 18 geboren wurde, habe

ich doch immer eine ganz besondere Zuneigung

für die Niederlande empfunden.

Aber vor allen Landesteilen liebe ich die

lande von Overmaas. Das ist eigentlich

kein Wunder, denn meine Vorfahren waren

alle Niederländer. Mein Großvater war

seinerzeit ein Bürger von Tangern (einer

in früherer Zeit hochberühmten niederländischen

Stadt). Seine Herkunft war keineswegs

gering zu nennen, sie war recht

ansehnlich. Seine Taufurkunde, die am 15.

des Weinmonats 1618 durch den Pfarrer

Daniel Peters ausgestellt wurde, beweist

das.

Meine Eltern haben diese Taufurkunde immer

wie ein Heiligtum bewahrt. Meine

Großmutter war die Tochter des Bürgermeisters

der alten und berühmten Stadt

Valkenburg, nach der das entsprechende

Land seinen Namen trägt. Sie wurde 1648

dort geboren und vom Schicksal später in

andere Orte verschlagen. Durch ihren ehrsamen

Lebenswandel haben meine im

Herrn entschlafenen Eltern dem Vaterland

ebenso gedient wie auch die übrigen Kinder

meiner Großeltern.

Es ist darum meine Pflicht, die mich als

überzeugten Sohn des Landes tief bewegt,

die lande von Overmaas - die

andernorts als ein wahres Sodom und Gomorra

beschrieben 19 werden - durch diese

Schrift wenigstens ein klein wenig in

Schutz zu nehmen. Andererseits will ich

den Einheimischen ein Bild ins Gedächtnis

förmlich einbrennen, das sie für alle Zeiten

davor zurückschrecken läßt, daß durch ihr

Verhalten wieder Galgen errichtet werden

müssen, an denen ihre Vorfahren wegen

ihrer Verbrechen die Todesstrafe erleiden

mußten.

Dabei will ich aber weder wie ein Ezechiel

20 die Gebeine der Toten aus ihren

Ruhestätten rufen noch die unter den Galgen

Begrabenen wiedererwecken. Ich

möchte auch an keinen erinnern, der

längst vergessen sein sollte, Gott bewahre

14


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mich davor! Ich will auch nicht wie ein

Prophet etwas vorhersagen oder beweisen,

daß alles noch schlimmer kommen

würde. Meine Absicht ist einzig und allein,

den Einheimischen, Euren schutzbefohlenen

Untertanen, eine tiefe Abscheu vor all

den Verbrechen einzupflanzen, die Euch

so große Mühen und Unbehagen bereitet

haben; was dem Vaterland so sehr schadete,

so vielen das Leben kostete und

viele Familien mit Schande bedeckte. Es

ist auch gar nicht mein Ziel, Eure Gerichtsprotokolle

zu verraten oder jemandes Ehre

zu kränken. Ich will die Ehre wieder herstellen

und den Verbrechen für alle Zukunft

zuvorkommen .

Was die Richter betrifft, denen ich allen

Respekt und Hochachtung zu schulden

glaube, so versichere ich, daß ich keinen

davon tadeln oder gar beleidigen will. Mit

einem Schreibstil, der nicht sehr gelehrt

und schwer ist, hoffe ich, dem einfachen

Mann entgegenzukommen. Eine hochgestochene

Ausdrucksweise würde er nicht

verstehen, ich wende mich schließlich ja

insbesondere an diejenigen ohne eine höhere

Bildung.

Es ist mein Wunsch, daß Ihr, hochedle

Herren, mein kleines Werk huldvoll aufnehmt

und es unter Euren Schutz stellt.

Nochmals in der allergrößten Hochachtung

und mit dem schuldigen Respekt vor

Euch hochedle, gestrenge und hochverehrte

Herren. Euer immer zu Diensten bereiter,

treuester Diener

S.I.P. SLEINADA

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Abb. 11 : Manuskript der ersten Seiten des Bockreiterbuches (Auszüge) von Dr. Wilhelm Gierlichs. (Vgl. hierzu die Anmerkung bei Abb. 1 !) Original:

Archiv der Abtei Rolduc, Kerkrade

15


EINFUHRUNG

Warum eine Räuberbande die allerschlimmste

aller Plagen ist, die ein Land heimsuchen kann

Ein Land kann aus vielerlei Gründen ins

Unglück geraten: durch ein en inneren

Aufruhr zum Beispiel, durch den Mangel

an Nahrung, durch die Pest oder durch

so nstige Nöte. Aber immer, wenn derartige

Strafen über ein Land hereinbrechen,

so spürt man sehr wohl, daß dies nur der

Ausdruck von Gottes Zorn ist. Man muß

dann erkennen, daß begangene Schandtaten

Gott zur Geißelrute greifen lassen

und die Strafe geradezu herausfordern.

Ein unberechtigter innerer Aufruhr soll sofort

im Keim erstickt werden. Bricht er

dennoch aus, so ist er nie von langer

Dauer und kostet die Urheber in den meisten

Fällen das Leben. Auf diese Weise

kommt die Obrigkeit durch weise Voraussicht

dem Schaden, dem Verderben und

möglichen Untergang, die durch einen

Aufruhr bewirkt werden können, zuvor.

Dies geschieht zum Wohle der Untertanen.

Ein schlechtes Erntejahr kann nicht

den Untergang eines ganzen Staates verursachen,

weil in aller Regel ein gutes

Erntejahr folgt. Die Untertanen werden

auch durch ein einziges sch lechtes Erntejahr

nicht allzu sehr beeinträchtigt, sie werden

dadurch vielmehr durch Gottes Vorsehung

auf den rechten Weg gebracht. Es ist

hierbei einerseits so, daß der Untertan

lernt, seiner Obrigkeit gehorsam zu sein,

und andererseits erhält die Obrigkeit die

Gelegenheit, gerade in widrigen Zeiten die

Herzen der Untertanen zu gewinnen, indem

sie ihre große Sorge um das allgemeine

Wohl sichtbar werden läßt.

Pest und andere ansteckende Krankheiten

führen zwar dazu, daß so manch einer ins

Gras beißen muß, und sie schaden auch

dem Volk, dem Staat, der Landwirtschaft,

beeinträchtigen den Handel und schaffen

zahlreiche untröstliche Witwen und Waisen.

Doch das alles währt nur eine kurze

Zeit, und viele Familien werden überhaupt

nicht davon betroffen, sei es aufgrund natürlicher

Umstände oder durch Gottes Vorsehung

.

Vergleichen wir jetzt aber die lande von

Overmaas und die angrenzenden Gebiete

mit denjenigen Ländern, die von den eben

aufgeführten Heimsuchungen b·etroffen

wurden , so stellen wir fest, daß der unglückselige

Zustand in unseren landen

von Overmaas, hervorge! ufen und bewirkt

durch diese Bande von Nachtdieben und

Verbrechern, weit schlimmer ist, als die

Pest oder die Hungersnöte anderswo je

sein konnten.

Diese zusammengerottete Bande kommt

mir nicht anders vor als eine um sich grei-

/ende, sich weiter und weiter fressende

Krankheit; so gefährlich und ansteckend,

ja, so leicht übertragbar, daß selbst die

ehrsamsten Leute erfaßt wurden . Dies um

so mehr, als sie schon nahezu ein Jahrhundert

wütet. Ist es denn nicht wie bei

Kinderpocken, die in der Luft liegen und

einen um den anderen mit ihrer Pein erfassen?

Ich will hier nicht behaupten, daß alle Familien,

eine wie die andere, von dieser

Krankheit - wie ich sie hier nenne -

infiziert waren ; obschon unsere Bevölkerung

hier mehr als anderswo zum Diebstahl

neigt. Meiner Meinung nach wurde

eine Vielzah l von Leuten zu den Untaten

verleitet, die zuvor in Tugend und Rechtschaffenheit

vor ihren Nachbarn bestehen

konnten .

Denn bezeugte nicht schon CAESAR, daß

die Maasländer zu den frömmsten und

tapfersten Völkern gezählt werden kö nnten?

Und TACITUS hielt sie für das rechtschaffenste

Menschengeschlecht im weiten

Umkreis; er zählte uns zu den Batavern,

die der ältere Plinius Ubier nannte

und die am Rhein in der Höhe von Köln

ansässig waren. Die anderen, etwas weiter

vom Rhein entfernt, welche an der Maas

um Lüttich seßhaft wurden, nannte PLI­

NIUS Gugerni oder Guylikers. Er rech nete

hierzu die lngevones, die sich in die Sugambrer

von Kempen, Geldern und Kleve

aufteilten. Und wurden diese nicht später

die Vorfahren der besten Helden? Waren

sie es nicht, die ein übergroßes Lob von

CAESAR und den anderen römischen

Feldherren erhielten? Und obschon auch

damals Rauben und Plündern nicht unbekannt

waren, so hatten die Menschen

doch Abscheu vor Diebstahl und Gewalttätigkeiten.

Vor Untaten, die heutzutage so

allgemein und weit verbreitet sind , daß die

Gewalttäter damit ihr eigenes Land bis in

den Grund vernichten.

Nach meiner Überzeugung ruin ieren Räuber

und Diebe ein Land, und wenn sie

nicht ausgerottet werden , wächst das Unheil

immer mehr an , die Gewalttäter werden

dreister, die Banden rücksichtsloser,

das Verbrechen wird allgemein, bis dann

ein nicht mehr zu löschender Brand ausgebrochen

sein wird. Denn obschon

manch einer aus der Overmaasbande unschädlich

gemacht worden ist, so wird uns

- leider - die Zeit alsbald noch lehren

müssen, ob die Flamme dieses alles verschlingenden

Feuers schon ausgelöscht

wurde oder ob noch Glut in der Asche

schwelt und ein neuer Brand auszubrechen

droht. •

Abb. 12: Das sogenannte

»Panhaus«

(Brauhaus) in Herzogenrath-Pannesheide

»aan de Steghel «, wo

die Bockreiter 1741

bei Mathias Kockelkorn

einbrachen. (Die

heutigen Eigentümer

zierten den Schornstein

mit einer Bockreiter-Windfahne.)

Foto: Rudnick

16


Abb. 13: Tagebuchnotizen zu den Bockreitern um 1743. Chronik des Johann Wilhelm Dohmen (1725-1787), Bürgermeister von Würm bei

Geilenkirchen zwischen 1769 und 177 4. (Auszug)

Zeilengleiche Übertragung des Originals:

Anno 1743 ist im Landl Von Hartzogenrath Banck Kirchrath

Bank Märkstein Übach Hunsbruck Heehler und dero

Dörfer noch mehr, hat sich vor dem genannten Dato ungefähr 25 Jahr

Zu diesen genannten Örter eine große Zahl Schelmen versammelt

eine Companie über Zwei Hundert Man - ohne die Weibs Bilder

davon ist gewesen einen General sich genannt Vinck aus Märkstein

1743.ist der erste worden gefangen gleich darauf noch viele

mehr (.. .) gepackt nicht wenige. Der general wardt verraten

also ward! genohmen gleich gefangen und geschlossen in Ketten

undt Bänden !äst im Turm eingesperrt, sich doch oftmals Loß (-)

gemacht durch seine Teufels Kunst- Von dieser Schelmen Rott

sijnt die Meisten fast gepackt, theils sijn verbrant theils sijndt

gerättert theils sijnd gevierteilt - theils sijnt gefangen, also

haben sie ihr Leben schmerzlich müßen lassen durch ihre bösen

Thaten Kirchen stehlen Morden Brennen Unzucht üben Noth züchtigen

Ehebruch Bludtschand, es wahr der Zeit im Spani. und geulicher

Landl solche große angst Unther die Leuthen wegen rauben

und stehlen daß ein Ehrlicher nicht mehr Ruig auf seinem

Bett durfte schlafen. Diese Justiz ist geschehen 17 43 in 17 44-

1771 den 15ten 8bris ist noch bei Übach und Boschelen

9 Übeltäter gefangen nämlich Adolph Steins und dessen

Sohn Henricus Steins Jacob Ollen Gabriel Reinarts Joseph

Plum Peter Paulus Cornelius DoltzenBerg Wilhelm Plum

Joseph Kayser adolescens.

Kopien und teilweise Abdrucke dieser Chronik bewahrt das Heimatmuseum

Geilenkirchen. Erwähnt wird diese Chronik in: Kockerols,

Die Familien des Lindenhauses in Würm. Eine Familien- und Wirtschaftsgeschichte,

Verlag für Sippenforschung und Wappenkunde C.

A. Starke, Görlitz 1927, S. 187 f.

(Nach Kockerols soll sich das Original in Privathand befinden. Inzwischen

muß jedoch befürchtet werden, daß es verloren gin91

Transskription: Rudnick

17


1. Kapitel

Ausländer stifteten die braven Leute der lande von

Overmaas zu Raubzügen an

Will man die Anfänge und das Entstehen

der Bande, den genauen Zeitpunkt ihrer

Geburt also, bestimmen, so gibt es da

einige Schwierigkeiten.

Der zuverlässigste Hinweis hierzu scheint

mir der folgende (ich habe ihn nicht nur

überlieferten Schriften entnommen, sondern

erhielt ihn auch von alten Leuten),

daß nämlich diese Pest von Raub und

Diebstahl aus fernen Ländern hier eingeführt

worden ist. Es ist allseits bekannt,

daß in der Regierungszeit des Römischen

Kaisers Leopold durch den Kaiser Mahomet

IV. 21 , von manchen auch Ulmet ge-

Auszug aus der

geschichtlichen Zeitschrift

Bd. 3, S. 489, Lieferung vom 15. November

1790.

Es darf zur Entschuldigung der Österreicher

angeführt werden. daß dasjenirien

. Sie trugen auch die Bezeichnung

,Ägypter' oder Heiden und ,Sarazenen'.

Diese Durchreisenden oder - um es einmal

genau zu sagen - Vagabunden lebten

unter dem Deckmäntelchen von Bettlern

durchweg vom Stehlen und Rauben.

Sie übten außerdem die Kun st aus, den

einfachen Leuten durch Lügerei wahrzusagen

. Sie haben hierdurch überall im

Land einen guten Kontakt zur Bevölkerung

bekommen, so daß es kaum ein Dorf oder

einen Weiler gab, wo diese Landstreicher

nicht schon einmal mit ihren Frauen und

Kindern das Lager aufgeschlagen hätten ,

Der Luxemburger Reiseschriftsteller

Abbe Feiler schrieb zwischen 1778 und

1791 über die Bockreiter:

Feller, Reisebeschreibung

etc.

T. H. Seite 499

(im Jahre 1778, Monat Juli).

Dieses Städtchen, Rolduc (Herzogenrath)

genannt, ist heute leider berüchtigt

geworden durch eine Verschwörung

von Dieben und Heiligtums­

Schändern, welche bereits seit mehreren

Jahren diese Provinzen heimsuchten

und worüber ich in der geschichtlichen

und literarischen Zeitschrift vom

15. Sept. 1774, S. 369 des Weiteren

gesprochen habe.

Seit dem Jahre 1740 hatten die Untaten

bedeutend an Umfang gewonnen,

denn die Maßnahmen, die man dagegen

ergriff, waren zu gelinde und so

mangelhaft durchgeführt, um dadurch

das Übel vollends auszurotten. Diese

Drangsalen traten während der letzten

Jahre durch das Dazwischentreten eines

Wundarztes, mit Namen Kerkhove,

welcher nachher gehenkt wurde, heftiger

auf, indem dieser Arzt seine Anhänger

bedeutend zu vermehren wußte

und sie in ihren Schändlichkeiten,

Gotteslästerungen und Freveltaten

durch die abscheulichsten und unglaublichsten

Gottlosigkeiten bestärkte.

Man sieht auf der Höhe des Berges die

Trümmer der Kapelle, wo dies Entsetzliche

sich abspielte, und wurde dieselbe

auf Befehl der österreichischen Regierung

zerstört. (Man findet dies des

Weitern und genauer ausgeführt in der

historischen und literarischen Zeitnannt,

sowohl in Tartarien, als auch in Polen,

Griechenland und Ungarn über

43 000 Christen auf die grauenhafteste

Weise ums Leben gebracht worden sind.

Um sich davor zu retten , war daraufhin

eine größere Anzah l Menschen, jedoch

überwiegend der minderwertigere Teil der

Bevölkerung, in andere Länder geflüchtet.

Nicht wenige davon gelangten in die lande

von Overmaas und benachbarte Gebiete.

Man nannte diese Leute, es waren

Männer, Frauen, Kinder, durchweg ,Tartaren

' 22 . Das sollte heißen , es waren eben

Tartaren oder halt Flüchtlinge aus Tartaschritt

vom 15. November 1790, S. 489

und 15. Januar 1791, S. 159.) Was

überhaupt in der ganzen Geschichte

dieser Bösewichter und Schänder geheimnisvoll

geblieben ist und wie ein

roter Faden sich durchzieht, war die

Kaltblütigkeit, mit welcher sie in den

Tod gingen und mit welcher Hartnäkkigkeit

sie die Missetaten leugneten,

obgleich sie ganz bestimmt wußten,

dieselben begangen zu haben ; überhaupt

erwarteten sie den Augenblick

ihrer Gefangennahme mit der größten

Ruhe und Kaltblütigkeit. Man muß nun

aber auch mit der Schwäche rechnen,

welche stets größere Verbrecher beschleicht,

auch mit der Blindheit, womit

Gott die Geschöpfe schlägt, deren Heiligschändung

und Bosheit einen solchen

Grad erreicht hat, daß der Teufel

die Macht über solche Kreaturen gewinnt,

welche Jesum Christum abgeschworen

haben, um nachher dem

Würgengel oder dem Engel der Finsternis

in die Hände zu fallen.

Die Lehre von der Religion und die heil.

Schriften bringen oft dann sehr befriedigende

Aufklärungen, wenn die anderen

Wissenschaften es noch unbestimmt

lassen, unbestreitbare Dinge zu

leugnen.

Das Städtchen Valkenburg, welches

ich am 14. d. M. besuchte und welches

keine geringe, sondern eine große Rolle

in der Geschichte dieser Übeltäter

spielt, hat unzählige Hinrichtungen aufzuweisen.

ge, was sie so berüchtigt in Limburg

gemacht hat, auf Rechnung der freiwilligen

Horden zu setzen ist, womit sie

ihre Armee ausfüllten. Diese Leute,

hauptsächlich Landstreicher und

Wegelagerer, hatten sich den Greueln

und Schandtaten der Bockreiter angeschlossen

und waren durch nichts davon

abzubringen.

Wenn diese Horden nicht durch die

Deutschen in etwa eingedämmt worden

wären, so hätte es nicht lange gedauert,

daß die ganze Provinz in Feuer,

Flammen und in ein allgemeines Blutbad

aufgegangen wäre.

Aus derselben

15. Januar 1791 , Bemerkung auf S. 159.

Ich habe das brüderlich angehauchte

und liebe Briefehen des braven und

treuen Mitbürgers aus hall. Valkenburg

erhalten und daraus gerne ersehen,

daß die berüchtigte Bockreiterbande

weniger zugenommen und minder

beunruhigend geworden ist, als ich in

meiner Zeitschrift vom 15. November

1790, S. 489, vermutete.

Es würde mich freuen zu vernehmen,

daß die Greuel und Verbrechen, wodurch

die Menschheit untröstlich gemacht

und entehrt wird, bald aufhören

werden, sodaß meine Meinung darüber

zu Schanden werden wird. Im Übrigen

konnte diese Gesellschaft der Ehre des

guten Limburger Völkchens ebenso

wenig Abbruch tun, als ein Cartouche

und Mandrin, welche in der Umgegend

von Paris in gleicher Weise gehaust

haben, dies bei der französischen Nation

vermocht haben.

(Dies ist der von Pfarrer Joh. Jak. Michel aus

dem Französischen übersetzte Text in: Joh.

Ja. Michel. Die Bockreiter von Herzogenrath,

Valkenburg und Umgebung, 2. Auflage,

Aachen 1905, S. 153 ff.)

18


wo sie dann die gestohlenen Eßwaren, die

Hühner, Enten, Gänse usw . mit der ganzen

Sippe verzehrten. Der aufmerksame

Leser wird nun selbst erkannt haben, daß

es nur allzu natürlich ist und sich ganz

zwangsläufig ergeben muß, daß alle diejenigen,

die sich mit diesem Völkchen ein ­

lassen, auch deren Tricks und deren Vorgehensweisen

gelernt haben müssen.

Aber erst als dieses Teufelsvolk die böse

Saat von Laster und Verbrechen genügsam

über die leichtfertigen Gemüter unserer

Einheimischen ausgestreut hatte und

der Unkrautsamen überall ausgesät war,

erst dann haben die Richter des Landes

einige von diesem üblen Gesindel zum

Tode verurteilt, ausgepeitscht oder gebrandmarkt.

Durch Aushang wurde endlich

bekanntgemacht, daß dieses Völkchen

, Ägypter oder Tartaren genannt, unter

Androhung der Todesstrafe für immer

aus den Niederlanden verbannt sei.

Es wurden an allen Grenzübergängen

Schilder oder Hinweise angebracht, die

man seinerzeit auch Tartarenschilder

nannte. Doch so sorgsam und vorsichtig

die Obrigkeit auch überall vorging, man hat

dieses Volk letztlich nicht wegjagen können;

insgeheim blieben hier und da einige

zurück. Sie legten andere Kleidung an,

nun in landesüblicher Art, und lebten hier

wie zuvor, allerdings unter Namen, wie sie

beim durchziehenden Volk üblich waren.

Das fahrende Volk mischte sich schon immer

mit Einheimischen: mit Leuten aus

Overmaas selbst, aus der Gegend um Lüttich

, aus dem Jülicher Land und anderen

umliegenden Ländern , ja selbst aus Brabant

und aus Flandern .

Dieses fahrende Volk hatte fast immer junge,

schöne Frauenspersonen bei sich. Die

einen sagten, es seien ihre Frauen, die

anderen meinten, es seien ihre Dienstmägde.

2. Kapitel

Die Einbrüche der Jahre 1736 bis 1745

Es ist nur allzu verständlich, daß sich ein

ehrlicher Untertan wie ich - obwohl er

auch Mitleid mit seinem unglücklichen Mitmenschen

hat - sehr freut, wenn er sieht,

wie die Richter die Untaten und Gaunereien,

die zum Untergang der Gesellschaft

führen kö nnen, streng nach dem Gesetz,

so wie es sein muß, gnadenlos und ohne

Pardon bestrafen. Dies um so mehr, als

ich absehen kann, daß nach dem Vollzug

von Recht und Gerechtigkeit die üblen

Taten mit den Bösewichtern zugleich ausgetilgt

werden und daß mit dem Tod der

Räuber auch die Raubzüge ein Ende

nehmen.

Hier und in den uns benachbarten Gebieten

wurden vor 1740 verschiedene Einbrüche

begangen. Die meisten davon waren

Kircheneinbrüche . So drang man zwischen

1736 und 1745 in die Kirchen von

Kl immen, Hoensbroek, Eygelshoven,

Schaesberg, Marienberg, Brunssum und

Meeuwen, jenseits der Maas, ein .

Unterdessen wurden aber auch einige

Hauseinbrüche bekannt; 1740 in Klimmen

beispielsweise, zuvor noch an anderen

Orten . Doch den Hausbewohnern wurde

dabei nie etwas angetan .

Man war hier durchwegs im Glauben, daß

die Einbrüche von fahrendem Volk, besser:

Vagabunden, begangen wurden. Und

dieser Eindruck verstärkte sich noch, als

im Januar 1740 ein solcher in Hoensbroek

ergriffen wurde, bei dem man gestohlenes

Gut fand . Nachdem dieser hingerichtet

war und seine Herumtreiber-Kumpane

heimlich das Weite gesucht hatten, war

jedermann davon überzeugt, daß jetzt die

Einbrüche aufhören würden, weil man ja

die Täter nicht mehr im lande glaubte.

Doch die Bevölkerung wurde alsbald eines

Besseren belehrt. Das Gegenteil trat ein ,

zum Leidwesen vor allem der Beklagenswerten,

die es am eigenen Leibe traf. So

sei nur als Beispiel der Pächter auf dem

Hof ,Ter Waerden', der zwischen Eygelshoven

und Marienberg im Land von 's

Hertogenrode liegt, erwähnt, dem man am

Fastnachtsabend 1741 alle Habe raubte.

Auch der Hochwürdige Herr Pfarrer Werden

aus Marienberg sammelte eigene

leidvolle Erfahrungen, als ihm die Räuber

am 20. Juni 1742 auf eine so barbarische

Weise mitspielten, daß einem schon beim

Zuhören graust und selbst die Abgebrühtesten

dabei erschauern würden. Ähnliches

ereilte im August 17 42 die ehrbare

Witwe des Wilhelm Plum aus Zweibrüggen

(bei Übach) , die man ohne Kleider, nackt,

im offenen Kamin aufgehängt hat. Johannes

Essers aus Magerau, in der Nähe von

Herzogenrath, und den Seinigen erging es

am 18. Juni 1742 nicht viel besser. Wenn

Johannes Keularts aus locht (bei Heer-

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len), an der Straße von Sittard nach Aachen,

noch lebte, könnte er von der

Schandtat berichten, die ihm am 4. Juli

des gleichen Jahres in der Nacht widerfahren

ist; desgleichen auch Mathias Kuckelkorn

aus Pannesheide im Land zur Heyden;

Arnold Lütgens aus Bank (bei Kohlscheid);

Leute aus Wintrak, vom Beukenboom

(beides bei Sittard) und noch viele

andere mehr könnten uns von unmenschlichen

Qualen, Schmerzen und Ehrabschneidungen

berichten, die ihnen .diese

gottlosen Strolche zugefügt haben. Und

wenn auch die meisten der genannten Opfer

inzwischen verstorben sind, so ist die

schreckliche Erinnerung an die Untaten

bei den Nachkommen doch sehr lebendig

geblieben.

Abb. 14: Alte Kirche von Hünshoven (Geilenkirchen). Die Mitte des 15. Jahrhunderts erbaute

Kirche wurde im zweiten Weltkrieg vernichtet. Die Bockreiter brachen 1770 hier und ins benachbarte

Pastorat ein. (Vgl. Todesurteil Kirchhoffs, Punkt 6, S. 29!)

Dieses Bild der, Johannes dem Täufer geweihten, Kirche entstand um 1863, der Künstler ist

unbekannt.

Foto: Heimatmuseum Geilenkirchen

19


3. Kapitel

Verhaftungen, Verhöre und Todesurteile im

Land von 's Hertogenrode und anderen Gebieten

Es könnte den Leser ermüden, wenn ich

hier allzu ausführlich von früheren Zeiten

sprechen würde, obgleich die Fülle der

Greueltaten uns erschrecken kann, welche

seinerzeit von den eigenen Landsleuten

begangen worden sind. Doch ich muß

woh l noch davon berichten, wie lange diese

finsteren Geschäfte betrieben wurden,

wer die Erben dieser Geschäftemacher

sind und was heute von ihnen zu halten

ist.

Als nämlich so viele und schreckliche Einbrüche

begangen worden waren, hätte

man annehmen können, daß Gott sich

langsam über das, was ihm doch schon so

lange mißfiel, erzürnen würde .

In der Nähe von Herzogenrath in der Bank

Kerkrade war Leinen von der Bleiche gestohlen

worden, und man hörte, die Angelegenheit

würde sehr sorgfältig untersucht,

um die Täter zu ergreifen. Man hat

dann tatsächlich zwei verhaftet. Die Verhafteten

hätten höchstens mit Auspeitschen

und Brandmarken ihre Tat büßen

müssen , wenn es nicht dem erzürnten

Gott gefallen hätte, daß jene zwei beim

strengen Verhör auch noch Komplizen von

anderen Diebstählen und Einbrüchen verrieten.

Der Richter erkannte sehr schnell, daß es

seine Pflicht war, dieser Spur mit allem

Nachdruck nachzugehen, und er leitete

eine umfassende Fahndung ein, denn er

wollte Gewißheit über die Größe der Räuberbande

gewinnen. Man fand dann auch

rasch heraus, daß die Dinge tatsächlich so

lagen, wie es die Verhafteten gestanden

hatten. Merkstein, das zur Bank von

Übach gehört, war der erste Ort, an dem

man zuschlug . Und so wurde die Bande

nach und nach im ganzen Land von 's

Hertogenrode aufgedeckt.

Im holländischen und im österreichischen

Valkenburg und bis hinein ins Herzogtum

Jülich und das Amt Montfort hörte man

von nichts anderem als von Henken, Rädern,

Vierteilen, Foltern usw. In Hoensbroek

vierteilte man Mathys P., sein Sohn

Johannes wurde gerädert, die Tochter verbrannt.

ein einziges Gemeinwesen, weder im

Land von 's Hertogenrode noch von Valkenburg,

welches keine Hingerichteten

oder zumindest Geflüchtete oder Beschuldigte

aufzuweisen hatte. Selbst in Nieuwstad

(bei Sittard) und in Echt sowie im

dortigen Gebiet längs der Maas kamen

diese Nachtdiebe vor.

Schon bei einem kurzen Blick in die Gerichtsakten

dieser Zeit schaudert man, und

die Haare stehen einem zu Berge. Ich

habe eigentlich vorgehabt, hier die Eidesformel,

die die meisten in der St. Justus

Kapelle bei Echt beim Schwur hersagten,

wortwörtlich anzuführen. Aber ich gelangte

dann zu der Auffassung, daß dem Leser

dieses Fürchterliche nicht zuzumuten sei

und es auch dem Ansehen dieses Landes

schaden würde.

Doch wenn man denn diese Eidesformel

trotzdem gerne wissen möchte, so folgt

hier deren Inhalt sinngemäß : Es wird Gott

und allen Heiligen abgeschworen; der

Schwörende überantwortet sich dem Teufel

und gelobt, alle ihm mö9lichen Schandtaten

zu begehen.

Ist eine derartige Gottlosigkeit noch zu

fassen? Und das bei einer Bevölkerung,

von der man doch weiß, daß sie im christlichen

Glauben unterwiesen wurde und

auch den religiösen Pflichten immer getreulich

nachkam! Die grauenhaften Hinrichtungen

der letzten beiden Jahre mußten

doch einen jeden zu der Ansicht bringen,

daß das Banditentum hierzulande bis

auf die Wurzel ausgerottet sei. Doch andererseits

hat das pharisäerhafte Verhalten

der zum Tod Verurteilten in deren Todesstunde

auf dem Rad oder am Galgen nicht

wenige unter dem gemeinen Volk glauben

lassen, daß viele der Hingerichteten unschuldig

seien . Dies ging so weit, daß

sogar die Geistlichkeit, die den Verurteilten

in der letzten Stunde beistand, verleitet

wurde, in der Öffentlichkeit zu verbreiten,

jeder zweite sei unschuldig. (Vgl. auch

hier Abb. 7)

Diese List der Taugenichtse verfing auch

bei den Richtern , die einige Formfehler

begingen, als sie die Zusammenhänge

noch nicht durchschauten. Etliche Richter

begannen, die Verhafteten in Schutz zu

nehmen, und versuchten, eine Strafaussetzung

durchzusetzen. Das Aufhängen

wurde auf diese Weise zum Teil aufgeschoben,

dies ist selbst von der höheren

Obrigkeit praktiziert worden . Für das allgemeine

Wohl war es überaus gut, daß

schon so viele abgeurteilt waren. Denn

das Böse wäre wer weiß wie weit vorgedrungen,

hätte man dieses üble Gesindel

nicht aufgerieben. Jene aber, die ein

schlechtes Gewissen hatten, wurden von

Furcht ergriffen. Sie trauten sich nicht, in

ihren Häusern zu nächtigen, und viele hatten

sich schon dazu entschlossen, Frau

und Kinder, Land und Heimat zu verlassen.

Doch kaum war ruchbar geworden, daß

die Verhaftungen aufhörten und daß sogar

hin und wieder Gefangene freigelassen

wurden. da lachten sich die Geflüchteten

In Heerlen errichtete man gleich zwei Galgen

und henkte dort eine große Anzahl. In

der Herrlichkeit Schaesberg wurde der allbekannte

Mathys A. mit Ehefrau und

Schwiegersohn Johannes gemeinsam mit

zahlreichen weiteren Verurteilten aufgehängt.

Schinnen, Spaubeek, Geleen,

Nuth, Doenrade, Merkelbeek, Brunssum

und Schinveld wurden gleichfalls nicht

verschont. Mit einem Wort, es gab nicht

Abb. 15: Hinrichtung von Bockreitern. Kupferstich von Friedrich August Scheureck als Abbildung im

Bockreiter-Buch von 1781 (vgl. Anmerkung 3 und die folgende Abb. 20!) Original: Stadtbibliothek

Aachen

20


ins Fäustchen, kamen nach und nach wieder

heim und trieben es noch ärger als

zuvor.

Kurz darauf hörte man wieder von kleineren

Diebstählen. Und ohne Zweifel wäre

die klei ne Flamme, die eigentlich nur noch

als Glut in der Asche schwelte, wieder voll

entfacht worden, wäre nicht 1747 und

17 48 der brabantische Krieg ausgebrochen,

der in unmittelbarer Nähe der lande

von Overmaas tobte. Die Diebesbande

verhielt sich ruhig, weil die Dorfbewohner

allerorts durch die Einquartierung von Soldaten

vollauf in Anspruch genommen

waren.

Nach diesen Jahren, als Gott uns den

ersehnten Frieden schenkte, waren Bürger

und Bauersmann hinreichend mit Geld

versehen , was ihnen die Arbeit angenehmer

erscheinen ließ und den Schad en

reichl ich ausglich, den die lande von

Overmaas erlitten hatten. Gott segnete

wieder sein Volk, das Handwerk blühte, es

gab eine Vielfalt von Lebensmitteln, und

jeder hatte sein tägliches Brot. Und man

konnte sich wirklich fragen, ob da wohl

noch einer ans Stehlen dächte? Man sollte

wohl annehmen : nein. Es war ja nicht

mehr zu fürchten, daß sich wieder eine

Bande zusammenfand . Mit dem Verrotten

der Gebeine all der Hingerichteten schien

jede Räuberei wie unter einem ewigen

Grabstein eingeschlossen zu sein.

4. Kapitel

Hinrichtungen in Geleen und Schinnen;

zu laxe Richter in Jülich

Der Wolf, der schon einmal seine Jungen,

niemals aber seine Natur vergißt, ist das

Abbild von außergewöhnlicher Bosheit.

Denn wenn es auch gelingt, einen Fuchs

oder einen Wolf zu zähmen, so behalten

diese doch die Wesensmerkmale ihrer Art.

Und wenn manch einer die Räuberei vergessen

hatte, so ko nnte sie doch wieder

ihr Haupt erheben. Und dies um so mehr,

als noch etliche der alten Bandenmitglieder

lebten.

Diese begannen darum auch wieder zu

werben. Man rottete sich zusammen und

versuchte, die alte verschworene Gemeinschaft

wiederzuerwecken.

Es wurden einige Diebstähle begangen,

so in Geleen bei den Jungfern Gardens, in

Puth bei den Walravens, dann beim Herrn

Pfarrer von Beigt und an anderen Orten.

Doch man glaubte noch nicht, daß man es

wieder mit einer landesweiten Bande zu

tun habe. Man vermutete, daß lediglich die

Grafschaft Geleen, die Herrlichkeit Schinnen

und ein paar weitere Dörfer in diesen

Unterbanken betroffen waren.

Als Anführer oder Kapitäne dieser Bande

wurden der Herr H. de G. und der Herr

D. P. genannt. Ein ige der Bande, die durch

Zufall verhaftet wurden, hat man 1751 und

1752 hingerichtet. Das waren ausnahmslos

Einwohner von Geleen, Spaubeek,

Schinnen und zwei aus Merkelbeek. Der

Freiherr G. starb im Gefängnis, und der

Herr D.P. 23 brachte sich durch Flucht in

Sicherheit. Das Trauerspiel war damit für

kurze Zeit abgeschlossen. Dieser Umstand

gab manch einem Grund zur Freude,

der hinter den Kulissen die Fäden zog.

Ich meine damit, daß jene Leute für

rechtschaffen angesehen wurden, obgleich

ihre Namen ganz offen in den Gerichtsakten

erwähnt wurden.

Außer den oben genannten Dörfern hatten

auch die Jülicher einige Gefangene, und

zwar aus dem Amte Sittard, zu vermelden

und diese dann nach Jülich verbracht. Diejenigen,

die davon nicht im Gefängnisstarben,

hatten großes Glück. Sie hatten zu

der Zeit einen guten Befürworter und außerdem

Richter, die nicht sehr blutgierig

waren (eine Tugend , die den betreffenden

Herren angeboren zu sein schien). Demzufolge

gewann dieser Befürworter nach

einem Verhör zur Sache den Prozeß, und

man ließ die Gefangenen unversehrt nach

Hause ziehen.

5. Kapitel

Seuchen und Hungersnöte treiben

der Bande neue Mitglieder zu

Wenn wir uns an die Strafen erinnern, die

Israel wegen Achan dem Dieb trafen, erkennen

wir, wie sehr Gott dem Allmächtigen

der Diebstahl mißhagt. Und so kann

man auch verstehen, daß der Allerhöchste

in den Jahren 1769 und 1770 seine strafende

Hand über unserem lande erhoben

hat. Wir wurden mit einer Viehseuche gestraft.

Diese Seuche befiel Anfang 1769

das Hornvieh in Heerlen; im Mai dann das

von Schinveld, Spaubeek, Schimmert und

Meerssen. Im November griff die Seuche

dann auf Hoensbroek und Schinnen über.

Wohin man auch kam, fand man die Landwirte

in tausend Nöten; die einen voller

Sorge um ihr gesundes Vieh, die anderen

voll Kummer wegen des erlittenen Schadens

und des großen Verlustes. Als alle

Gegenmaßnahmen nichts nutzten, ordnete

der Hohe Souveräne Rat von Brabant in

Brüssel durch entsprechende Aushänge

an, daß das gesamte Hornvieh aus verseuchten

Ställen zu töten und in ausreichender

Tiefe zu vergraben sei . In anderen

Regionen, wie in Holland, Jülich und

Berg, überließ man die Sorge um die Seuche

allein dem lieben Gott und den betroffenen

Landwirten.

Schon eine bekannte Redensart sagt, daß

ein Unglück selten allein kommt. Und so

war auch diese Viehseuche von anderen

Plagen begleitet. Eine enorme Verteuerung

des Getreides brachte den armen

Landmann in eine erbarmungswürdige Lage

: In den landen von Overmaas mußten

sieben Schillinge für ein Malter Roggen

bezahlt werden , und schon im Juni des

gleichen Jahres 1771 kostete es acht

Sch illinge und das Malter Weizen gar zehn

Schillinge.

Da litten die Familien große Not, wenn der

Vater nur einen Schilling am Tag verdiente

. Doch dies genau war die Situation, die

den ruchlosen Anführern der Bande in ihrer

Sucht zum Stehlen entgegenkam. Sie

hatten jetzt die Gelegenheit, die Zahl ihrer

Raubgesellen mit Leichtigkeit zu vermehren

. Aber auch dies erfolgte nach der Vorsehung

Gottes, der in seinem Zorn über all

die begangenen Schandtaten n~h nicht

die Wege eröffnete, die zur Ergreifung der

Bande geführt hätten.

21


6. Kapitel

1756 beginnt eine neue Serie von Einbrüchen

Ich habe soeben vom Dieb Achan gesprochen

, und mir scheint, es ist angebracht,

diese Geschichte hier etwas auszubreiten,

um daran aufzuzeigen, wie dessen Diebstahl

entdeckt worden ist. Als Josua, der

Anführer Israels, die strafende Hand Gottes

über seinem Volk fühlte, fiel er mit

ganz Israel bittend und flehend vor dem

Altar des Herrn nieder, um zu erfahren,

weshalb sie vom Feind geschlagen wurden

. Und der Herr sagte Josua, es sei

wegen eines Diebstahls, den einer aus

seinem Volk begangen habe, und Gott

befahl Josua, das ganze Volk zu versammeln

und für jedes Geschlecht das Los zu

werfen, um herauszufinden, aus welchem

der zwölf Geschlechter der Dieb stamme.

Das Los fiel auf das Geschlecht Juda. Bei

diesem Geschlecht nun ging man jede

Familie durch, warf das Los erneut für

jedes Haus, und es fiel auf das Haus

Achans. Achan bekannte sogleich seine

Schuld und sprach : »Fürwahr, ich habe

gegenüber dem Herrn gesündigt. Ich habe

die Tat begangen.«

Die Richter, die den Prozeß fü hrten und

das Gestohlene auffanden, haben den

Dieb und seine ganze Familie zum Tode

verurteilt.

Man sieht, auf we lch wundersame Weise

Gott in jener Zeit die verborgensten

Schandtaten aufdeckte und vor aller Augen

bloßstellte. Denn wenn sich auch der

Übeltäter in Sicherheit wiegte und es ihm

gelang, die Schandtaten zu verbergen -

wei l er sie schon mehrmals, ohne daß eine

Strafe folgte, begehen konnte-, so irrt er

dennoch. Hier kann man sich nämlich das

Sprichwort in Erinnerung rufen : »Der Krug

geht so lange zum Brunnen , bis er

bricht !« , und genauso kam es 1770 in den

landen von Overmaas.

Nach den letzten Hinrichtungen von 1752

war jederm ann beruhigt und dachte, das

Übel sei ausgerottet und man könne den

Frieden genießen. Doch man war nicht

lange sicher. 1756, in der Nacht vom 22.

auf den 23. des Erntemonats, mußte der

Herr Walraeven (der nahe der Maas bei

Stein, nicht weit von Stokhem und Masseik

an der Maas, wohnte) erl eben , daß

sich die Räube rei wieder boshaft »die Hörner

aufsetzte «.

Jenseits der Maas in der Nähe von

Berg, nicht weit vom Fluß - waren kurz

zuvor auch etliche Einbrüche begangen

worden . Bei Herrn Kosters, dem Bürgermeister

von Stokhem, hatten die Diebe in

einer Nacht das Geschäft leergeraubt. Und

so kam das alte Spielchen wieder in Gang.

Erneut gingen die Diebe ihren finsteren

Geschäften nach, bis sie dann endlich gefaßt

werden konnten. Doch das soll im

folgenden ausführlich dargestellt werden.

7. Kapitel

Die neue Bande war groß, sie setzte sich aus

Ausländern und Einheimischen zusammen

Wir haben schon hervorgehoben, daß diese

Bande zu Beginn ausschließlich aus

Fremden und ausländischen Nichtsnutzen

bestand. Auch später umfaßte sie immer

einige Ausländer, womit sich die einheimischen

Bandenmitglieder decken wollten.

Zudem scheint es mir auch eine Besonderheit

dieses Landes zu sein, daß sich

hier alle möglichen Hergelaufenen sicherer

und wohler als irgendwo sonst fühlen .

So loderte denn 1754 das bislang nu r

schwelende Feuer wieder hell auf. Aufs

neue bildete sich eine Bande, die aus

recht ansehnlichen jungen und robusten

Männern, ja sogar Frauen , bestand . Und

wenn ihre Schlupfwinkel auch über das

ganze Land verteilt lagen, so hielt sich

doch der größte Te il in der Herrlichkeit

Schinnen, in Beek, in ,de Heek' und am

Lommeleberg (in der Herrlich keit Schaesberg)

auf. Sie waren gut gekleidet, hatten

anscheinend Geld und waren mit Gewehren

ausgerüstet. Ihre Nachtquartiere hatten

sie auf den Pachthöfen, und bei Tage

verbargen sie sich hinter Hecken und

Sträuchern. Sie waren grobschlächtig und

ohne Manieren - so wie eben Strauchdiebe

sind . Sie unterhielten auch mit Juden

Kontakte (außer denen zu Ch risten in

allen Städten der Niederlande).

Abb. 16: Bockreiter über Herzogenrath.

Zeichnung: Oswald Willems (veröffentlicht mit dessen freundlicher Erlaubnis)

22


So beschrieb der Herzogenrather Heimatforscher

Dr. Wilhelm Gierlichs 1937

Unruhe und Aufsässigkeit in den landen

von Overmaas während der letzten

Jahre der österreichischen Herrschaft:

Aus den letzten Tagen

der österreichischen

Herrschaft

In den letzten Jahrzehnten vor dem

Einmarsch der Franzosen in unser Gebiet

hatte sich in den Niederlanden eine

starke Strömung gegen die österreichische

Regierung herausgebildet. Am

stärksten war die Partei der Unzufriedenen

in Brabant, weshalb man sie

auch »Brabanter Patrioten« nannte. Ihr

Ziel ging dahin, die südlichen, unter

Österreichs Herrschaft vereinten Provinzen

selbständig zu machen , wie es

die nördlichen Provinzen ja schon lange

waren.

Im Anschluß an die Fertigstellung der

neuen Matrikel für Limburg unterschrieb

dann Maria Theresia in Übereinstimmung

mit den Vereinheitlichungsbestrebungen

des Hauses

Österreich am 29. Januar 1778 einen

Erlaß, durch den die sogenannte »Union

von Limburg « proklamiert wurde.

Die 3 Länder Overmaas wurden nunmehr

mit dem Herzogtum Limburg zu

einer Provinz vereinigt ; die Provinzialstände,

aus den Abgeordneten des

Adels, der Geistlichkeit und der Banken

bestehend, bildeten von jetzt an

nur einen einzigen Verwaltungsrat für

die ganze Provinz, während die Stände

vorher in jedem lande für sich ihre

Versammlungen abhielten. Gleichzeitig

wurden auch die freien Herrschaften

Herzogenrath, Rimburg und Alsdorf,

welche bisher mit der allgemeinen Verwaltung

des Landes 's Hertogenrode

nichts gemein hatten, der Provinz Limburg

einverleibt. So hob also Maria

Theresia mit einem Federstrich die uralten

Vorrechte jener drei Ortschaften

auf. Von nun an, genauer gesagt von

der Bestätigung des Edikts durch den

Erlaß vom 7. Sept. 1782, waren die

ehemaligen drei Herrschaften dem übrigen

Gebiete der Provinz Limburg völlig

gleichgestellt, und es hörten nunmehr

alle Privilegien auf.

Noch weiter ging Joseph II. Er nahm

den Ständen ihre großen Vorrechte,

schaffte auch die des Adels ab, milderte

die Leibeigenschaft, gewährte beiden

Konfessionen Gleichberechtigung

und führte auch auf kirchlichem Gebiete

Aufsehen erregende Reformen ein.

Diese im allgemeinen fortschrittlichen

Bestrebungen fanden aber nicht die

Billigung weiter Kreise der Bevölkerung.

infolgedessen erhoben sich die

österreichischen Niederlande, vertrieben

die kaiserlichen Besatzungen und

riefen einen unabhängigen Bundesstaat

aus. Hierzulande stand der Merksteiner

Sekretär und Schultheiß von ·

Rimburg, Alsdorf, Weiz und Roerdorf J.

J. Corneli an der Spitze der Bewegung.

Er erließ unter anderem einen von Frei-

heitsliebe getragenen Aufruf an die Bevölkerung,

in dem er zu bewaffnetem

Widerstand und geldlichen Opfern für

die gemeinsame Sache aufforderte.

Doch wollte in unserer Heimat der Unabhängigkeitsgedanke

keinen rechten

Fuß fassen . Die Vernichtung der zweiten

Bockreiterbande, vor allem aber die

Hinrichtung Joseph Kirchhoffs, mag

hieran schuld gewesen sein . Der Chirurg

war nämlich während der langen

Jahre seines Brüsseler Garnisondienstes

mit den brabantischen Patrioten

bekannt geworden und hatte sich ihre

Ideen zu eigen gemacht. Seine Aufgabe

bestand darin, den kommenden

Aufstand in Limburg vorzubereiten,

und zu diesem Zwecke hatte er die

zweite Bande organisiert, in der es allerdings

nur ganz wenige »Wissende«

gab. Sein Tod vereitelte alle Pläne der

Patrioten in Limburg.

Die Österreicher wurden bald wieder

Herren der Lage und eroberten die

Niederlande zurück, allerdings nur für

ganz kurze Zeit, denn unheilverkündend

stand bereits die große französische

Revolution im Hintergrund.

(Aus: Wilhelm Gierlichs, Geschichte Merksteins

bis zum Wiener Kongreß, in: Heimatblätter

des Landkreises Aachen , Heft 1 - 7.

Jahrgang vom 1. Januar 1937, S. 34.)

Die hier von Dr. Gierlichs geäußerte

Ansicht, Kirchhoffs habe die Aufgabe

gehabt, den kommenden Aufstand in

Limburg zu organisieren, ist als historisch

nicht gesichert zu bezeichnen.

Diese Herumtreiber haben an verschiedenen

Orten zahlreiche Einbrüche begangen

, und ich versichere dem Leser, daß es

Bandenm itglieder waren, die bei dem

Herrn Tiesschen in Aretzenhout zwischen

dem 22. und 23. Juni 1760 eingebrochen

sind. Im selben Jahr noch, im Oktober,

brach man in die Kirche von Alt-Valkenburg

ein; in der Nacht vom 15. auf den 16.

März 1761 beim Eremiten auf dem

Schaesberg bei Valkenburg 2 4, wobei eine

so große Zahl von Dieben versammelt

war, daß man sich fragt, weshalb sich gerade

hier eine so große Menge versammelte.

(Im entsprechenden Zusammenhang

werde ich noch darauf einzugehen

haben und eine Begründung hierfür zu

geben versuchen .)

Ein Teil dieser Vagabunden, mindestens

30 an der Zahl - ohne dazugehörende

Frauen und Kinder - , wurde schließlich

von den flandrischen Behörden verfolgt.

Sie mußten die lande von Overmaas verlassen

und hatten bei Androhung der Todesstrafe

in ein anderes Land weiterzuziehen.

Doch hatten schon drei der Strolche einen

schnellen Tod erfahren. Der eine durch die

Hand des Scharfrichters von Maastricht,

zwei andere durch den von Tilburg. Joost

van S, wurde in Meerssen aufgehängt,

Susken N. in Schinnen und der ,Pannenduyvel

' (,Pfannenteufel') genannte Dieb in

Kerkrade .

Sie alle waren ihrer Bandenehre treu geblieben

und verrieten keinen . Und wenn

sie auch den einen oder anderen Namen

angaben , so ließen sie die Einheimischen

dabei doch aus. Einige der Diebe wurden

auch in 's Hertogenbosch hingerichtet;

doch ausgerechnet von denen weiß ich

weder die Namen noch den genauen Tag

der Hinrichtung. Die anderen Einbrecher

zerstreuten sich; eine Anzahl Juden wurde

in Lüttich aufgeknüpft. Ein Jude aus ,de

Heeke' namens Nathan wurde in Beringen,

im Lütticher Kempenland, gehenkt.

1773 wurde in Amsterdam ein gewisser

Goesman G. zusammen mit seinen beiden

Brüdern Jakob und Simon aufgehängt;

desgleichen Franz S., ein Medikus,

und Bastian W. Gilis, sowie Barend und

Levi Moses, alias ,lipje topje' - drei Juden

; und mit diesen zusammen Johann

Heinrich N. , der aus Osnabrück stammte.

Ich glaube, daß es an der Zeit ist, hier

etwas über die Vagabunden selbst zu sagen,

um so einige Eigensinnige zu informieren,

die nicht begreifen können, daß

diese Bande wirklich so groß war und sich

auch in anderen Regionen und Provinzen

ausbreitete. Warum sollte es denn eigentlich

so undenkbar sein, daß diese Bande

so wie hierzulande auch anderswo ihre

Anhänger fand? Kann man mir das Gegenteil

beweisen? Sollten sie andernorts

nicht auch das gleiche wie hier betreiben

können? Warum sollten sie sich nicht mit

den Taugenichtsen anderer Länder verbünden

, so wie sie sich mit denen aus den

landen von Overmaas zusammengetan

haben? Dies alles zu leugnen, wäre gegen

den gesunden Menschenverstand, und es

zu bestreiten, ist Eigensinn. Ich bin davon

überzeugt und kann dem Leser versichern,

daß K., 25 der Anführer dieser Bande,

in der Zeit vor seiner Verhaftung vielfältige

Verbindungen hatte und zahlreiche

Briefe über die Poststellen von Sittard,

Maastricht und Aachen verschickte. Doch

kaum war er im Gefängnis, hörten diese

Briefkontakte auf. Obschon ich nicht weiß,

wer die Angeschriebenen waren , so bin

ich doch sicher, daß die Sache überaus

verdächtig ist.

(Vgl. hierzu obigen Kastentext!)

23


8. Kapitel

Wie die Festnahme eines jungen Pferdediebes

die große Verhaftungswelle auslöste

Ich wollte ursprüng lich schon früh er auf

die Bande unserer Tage eingehen. Ich

stellte dies etwas zurück, um das Schauermärchen

von einem angeb lichen Hexenprozeß,

das einige Unbelehrbare verbreiten,

zu widerlegen, und um dem einfältigen

Volk darüber hinaus klarzumachen

, daß die Richter gerecht geurteilt haben

und ihrer Verpflichtung, die Gerechtig

keit zu wahren , verantwortungsbewußt

nachgekommen sind .

Um dies fortzuführen, möchte ich nochmals

auf den Dieb Achan zu sprechen

kommen. So wie Achans Diebstahl auf

eine wundersame Weise ans Licht kam -

wir haben es dargestellt-, so ist es auch

fast ein Wunder zu nennen, wie über einen

jungen Mann die Bande entdeckt werden

konnte. Dies gesch ah auf die folg ende

Weise :

Ein junger Mann von 18 Jahren namens

Josef Keyser aus Übach im l ande von 's

Hertogenrode (meiner Ansicht nach war er

in Aachen geboren) wurde von einem gewissen

Peter M., Ku mmet- und Sattelmacher2

6 aus Übach, der sein Kum pan war,

verraten. Josef Keyser stahl hier im Land

ein schönes junges Pfe rd und brachte es

in die Gegend von Jülich, um es dort zu

ve rkaufen . Man verfolgte aber Pferd und

Dieb und stellte sie beide bei Jülich . Es

gab nämlich Zeugen, die Josef gemeinsam

mit dem Sattel macher und dem Pferd

gesehen hatten. Der Richter von Übach

nahm diesen Sachverhalt auf, und danach

wurde unser guter Josef verhaftet. Man

hatte dabei nicht im entferntesten daran

gedacht, daß Josef Mitglied der Bande

sein könnte, und darum wurde er auch

bloß zum Pferdediebstahl vernommen.

Doch siehe, wie wunderbar Gott doch in

seiner Fügung sein kann und wie Er

schließlich aufdeckte, was so lange verborgen

gewesen war. Denn dieser Josef

gab nicht nur seinen Pferdediebstahl zu ,

sondern er fing auch an, eine größere Zahl

von Dieben aufzuzählen; er berichtete,

wer die Anführer waren, welche Zusammenkünfte

man hatte und welche Einbrüche

verübt worden waren. Dies alles erzählte

er in einer Ausführlichkeit, daß der

vorsichtige Richter zunächst einmal Zögerte,

es für die volle Wahrheit zu halten.

Zur gleichen Zeit wurde der Sattler festge ­

nommen, der genau wie der Junge aussagte.

Doch das Erstaunlichste von allem

- was hier nicht unterschlagen werden

soll - war, daß auch weitere Mitschuldige,

die später dann aufgehängt wu rden, die

Aussagen Josefs und des Sattelmachers

bestätigt haben. Da gab es u. a. einen

gewissen Leonhard L. aus Übach , der sich

so äußerte: »Seien Sie vorsichtig, meine

Herren, denn dieser Junge weiß mehr, als

Sie sich vorstellen können !« Wilhelm R.

aus Übach, der kurz nach seiner Ve rhaftung

aus dem Gefängnis fliehen konnte,

sagte dasselbe und war auch ein Belastungszeuge

gegen Josef. Wie der darauf

reag ierte, kann ich nicht sagen .

Doch ich weiß wohl, daß seinerzeit in einem

bestimmten Haus in Merkstein eine

Versammlung der Anführer abgehalten

wurde mit einer Diskussion über das Verhör

und die Haft des Jungen (so nannten

sie Josef K.). Dabei meinte einer, wi e man

denn solche Leute, die den Mund nicht

halten können, in die Bande aufn ehmen

konnte.

Dies sei ein gewaltiger Mißgriff gewesen,

ein strohdummer Leichtsinn, durch den

jetzt die ganze Sache auffliegen könne.

Baltus K. und Marie N, neigten damals

dazu, den Schurken Josef, den Jungen,

mit Gewalt herauszuholen, um ihn dann

ins Jenseits zu befördern . Und viele andere

dachten auch so. Einige in dieser schönen

Versammlung sagten , daß man jetzt

die beste Gelegenheit hätte, diesen Taugenichts

von Jungen mit Gift zu beseitigen,

weil der Wache erlaubt sei, Besuche

bei Josef zuzulassen . Man könnte ihm dabei

ein Glas Branntwein mit Rattengift reichen

- oder mit einem noch stärkeren

Gift. Der Chirurgus K. 27 werde dies woh l

besorgen. Leonhard L. und andere waren

da anderer Ansicht und meinten, man solle

die Sache auf sich beruhen lassen ; denn

je mehr man den Dreck aufrühre , um so

mehr stinke der. Der Junge würde wohl

weiter sein Mau l halten , und der Richter

habe keine Veran lassung, ihn über mehr

als das Pferd zu vernehmen. Er, Leonhard

L. , solle dabei zusammen mit anderen angeben,

daß Josef an einem Sonntag, als in

Übach gerade Kirmes war, in ein Haus

eingebrochen sei und dort einige Brotlaibe

und Fladen gestohlen habe. Damit würde

der Richter dann zufrieden sein und den

Jungen verurteilen, sei es zum Tode durch

Erhängen , sei es zum Auspeitschen mit

Brandmarkung und Verbannung. Weite r

wurde bei der Versammlung beschlossen,

daß Meister Peter M., der Sattler, fl üchten

solle. Und weil er ein Jülicher war, dachte

man, daß er in seiner Heimat am sichersten

sein werde. Und so wurde beschlossen

; der Rat galt als gut und prakti kabel

und wurde bei nur geringem Widerspruch

einiger Teilnehmer angenommen . Hiermit

war die Zusammen ku nft beendet.

Unterdessen war der Richter fortgefahren ,

die Angelegenheit zu untersuchen und

man hielt es für dringlich, auch den Meister

Peter festzunehmen. Er wurde

schließlich auf Jülicher Gebiet verhaftet

und dem Gericht in Übach zugefü hrt. Jetzt

endlich bekamen die Herre n Nachtdiebe

,kalte Füße' und rauften sich die Haare.

Sie bekamen Angst, daß das ganze Spiel

bald aus sei. Sie nahmen sich darum vor

zu versuchen, Josef, der zuviel ausgeplaudert

hatte, dazu zu bringen , alles wieder

zu widerrufen. Aber Josef blieb standhaft.

Doch er bat darauf den Sch ultheiß

von Übach, weil er Angst hatte, daß man

ihn vergiften würde, dafür Sorge zu tragen,

daß ihm keine vergifteten Speisen und

Getränke gereicht werden. So wie beim

Dieb Achan, so will mir die Aufdeckung

dieser Bande wie ein Wunder Gottes erscheinen.

24


9. Kapitel

In der Herzogenrather Burg werden die Räuber

gefangengehalten, Befreiungsaktionen schlagen fehl

Als der Sattl er aus Übach verhaftet war,

wurde er dem Jungen gegenübergestellt.

Doch der verneinte alle an ihn gerichteten

Fragen, was das Pferd anging und auch

was etwaige andere Diebstähle betraf. Ja,

er war so hartnäckig, daß man erst alle

Stufen der Folter anwenden mußte - ohne

Erfolg. Doch dann endlich war er auf

einmal tief angerührt und gestand alles.

Da kann man sich leicht vorstellen, wie

betreten seine Mitstreiter daraufhi n sein

mußten ! Erst recht, als noch mehr Verhaftungen

vorgenommen werden ko nnte n.

Da wird sich manch einer gewünscht haben,

er hätte den auf der Versam mlung

damals gegebenen Rat, zu flüchten, befolgt!

Aber jetzt war es zu spät.

Der Richter hatte in der Zwischenzeit angeordnet,

daß Leute, die in der Gegend

selbst wohnhaft waren, keinen Wachdienst

mehr bei den Inhaftierten verrichten durften.

Man hatte daru m beschlossen, den

Hof in Brüssel zu bitten, hierfür einige

kaiserliche Kriegsveteranen abzuordnen.

Daraufhin wurden tatsächlich acht oder

zehn Mann herbefohlen, die den Wachdienst

auf der Herzogenrather Burg übernahmen.

Dieser Vorgang, der mit allgemeiner

Genugtuung aufgenommen wurde,

löste bei den Schuldigen natürlich große

Beunruhigung und Verstörung aus, und

viele ergriffen jetzt das Hasenpanier und

gaben so vor aller Welt ihre Sch uld zu.

Anderen wiederum konnte man geradezu

ansehen , daß sie räudige Schafe waren.

Ihr schlechtes Gewissen ließ es nicht

mehr zu, sich so zu verstellen, daß man

ihnen nicht doch am Gesicht hätte ablesen

können, daß sie etwas auf dem Kerbholz

hatten. Ich bin ganz sicher, daß keiner von

denen nachts ruhig in seinem Bett schlafen

konnte.

Es war für sie unter diesen Umständen

sicherlich recht bitter, Frau und Kinder,

Land und Leute zu veilassen. Und es war

auch wohl schmerzlich, ab jetzt als ein

Dieb zu gelten, da doch einige der Betroffenen

- wenn auch .nicht viele - bislang

als ehrliche und rechtschaffene Leute galten

. Sie hatten eben viel riskiert, und es

gab etliche, die in der Vergangenheit nie

verdächtigt wurden. Und sie dachten deshalb,

sie könnten ihr Glück nochmal versu ­

chen. Es könnte ihnen ja weiterhin gelingen,

unerkannt zu bleiben und vor allem

nicht verhaftet zu werden.

Wieder andere sagten sich : So viele behalten

auch die Nerven, warum soll ich

dann flüchten? Wir haben uns doch immer

gelobt, standhaft zu bleiben und keinen zu

verraten . So haben offenbar sehr viele ge-

Abb. 17: Au fnahme der Herzogenrather Burg um 1880 vor dem ersten Umbau

Foto: Burgarchiv Herzogenrath

dacht. Und als es dann ans Sterben ging,

bereuten sie es bitterlich, daß sie nicht

geflüchtet waren. Es ging ihnen dabei aber

nicht auf, daß es Gott der Herr war, der

ihnen damals den Gedanken zu flüchten

. . . , nahm. Sie konnten nicht einsehen,

daß Gott alles Übel bestraft, er

schiebt die Strafen schon einmal auf, doch

in seiner großen Gerechtigkeit erläßt er die

Strafen nicht, wenn der Sünder ohne jede

Buße in seinem Laster fortfährt.

Und so starben die Unglückseligen einer

nach dem anderen; und das vor den Augen

ihrer Anführer, die nun nicht einmal

mehr den Versuch unternahmen, sich

durch die Flucht zu retten . So kamen sie

denn selbst an die Reihe, wurden gefangengenommen

und aufgehängt.

Doch zurück zum schon angerissenen

Problemkreis: Es kam damals teils so weit,

daß die Schelmenbande den Versuch unternahm,

ihre Kumpane, die auf der Herzogenrather

Burg gefangen saßen, zu befreien.

Obgleich sie das später vertuschen

wollten , ist diese Aktion doch keineswegs

verborgen geblieben. Eines Nachts im

Spätsommer 1770 hörte man großen

Tumult im Städtchen, und man konnte sogar

Schüsse vernehmen , die offenbar der

Wache auf der Bu rg galten. Doch unsere

braven kaiserlichen Kriegshelden, die

schon so oft feindliches Pulver gerochen

hatten, schossen derart zielsicher zurück,

daß die Banditen zurückschreckten und

sich eilends aus dem Staub machten. Die

Bürger der Stadt, die alle gute Schützen

sind, kamen überall an die Fenster, bereit,

um der Burgwache Hilfe zu leisten, falls

dies nötig werden sollte.

Als den Banditen der geplante Anschlag

mißglückt war, sannen einige nach anderen

Wegen , ihre Kameraden aus dem Gefängnis

zu befreien. Peter P. und Leonhard

L. sowie noch andere aus Übach schlugen

dem Chirurgus Kirchhoffs vor, das Städtchen

nachts in Brand zu stecken. Doch

dem Kirchhoffs, der selbst in dem Städtchen

wohnte, gefiel dieser Vorschlag

überhaupt nicht, und er schien darüber

sehr ungehalten gewesen zu sein . Er

meinte schließlich, man solle sich in einer

Nacht am altbekannten Treffpunkt auf dem

St. Leonhardsberg versammeln, um weiter

zu beraten. Im Augenblick habe er hierzu

noch keine Zeit, er würde im Lauf des

September darauf zurückkommen, danach

gab er seinem Pferd die Sporen und

wünschte allen eine gute Nacht. Kurz danach

- der genaue Tag ist mir nicht mehr

erinnerlich - es muß so in der letzten

Novemberwoche gewesen sein, kam der

Chirurgus, ihr oberster Anführer mit den

führenden Köpfen der Bande zusammen,

und man überlegte angestrengt, wie man

die Gefangenen befreien könnte, damit die

ganze leidige Angelegenheit endlich erledigt

wäre. »Ja«, so sagte der Vorsitzende

dabei, »was sollen wir bloß machen?«

»Wir hätten da eine Möglichkeit«, sagten

einige aus der Runde, die sich zu Worführern

machten, »wir versammeln so viele

wie möglich aus der ganzen Mannschaft.

Diese halten sich voll bewaffnet, aber gut

getarnt, in Wiesen und Gärten im Umkreis

der Bu rg verborgen.

Und wenn wir erst alle Bürger aus der

Stadt haben, so ist die Burg sc~nell von

uns erobert. Mit den wachhabenden

25


Kriegsinvaliden kommen wir schon klar,

und was die Schlüssel angeht, so wissen

wir wohl, von wem wir die bekommen und

der uns nichts verweigert. Die Bürger kriegen

wir mit einer List aus der Stadt.

Wir werden Brandalarm schlagen. Einer

von uns steckt in Afden oder in Haanrade

(diese Dörfchen liegen beide unweit von

Herzogenrath) ein Haus oder eine Scheune

in Brand. Wir haben ja auch dort Kumpane,

die wir rechtzeitig benachrichtigen

werden . Diese geben dann sofort Alarm,

und alles Volk von Rode rennt los. Wir aber

stürmen die Burg, nehmen sie, schließen

die Invaliden ein und befreien die Gefangenen.«

Verehrter Leser, was halten Sie

von solch einem Plan, von solch einem

Vorhaben? Das scheint doch den Erzäh-

lungen über die ältesten Helden der

Menschheit entnommen zu sein! Es ist die

Kriegslist, die der Heerführer der Israeliten

anwandte. Sie haben sie der Heiligen

Schrift entnommen. Wären diese Burschen

noch lange in Freiheit gewesen, sie

hätten wohl noch kühnere Pläne geschmiedet!

Es war sicherlich alles klug

überlegt. Und wenn sie den Plan hätten

verwirklichen können, so zweifle ich nicht,

daß er ihnen geglückt wäre.

Doch der Herr über uns alle ist da weitaus

weiser und bedachtsamer, denn er vereitelt

das Verwirklichen solcher menschlichen

Ränke; er verurteilt und straft die

Bosheiten seiner Geschöpfe.

Josef Kirchhoffs, der Chirurgus, lehnte

das Vorhaben mit der Begründung ab, daß

man hierbei leicht hätte erkennen können ,

wie groß die Bande sei, und auch deshalb,

weil es Verwundete geben könnte, was

alles nur noch verschlimmern würde. Er

führte dabei den Spruch des Anklägers

von Jülich an, wonach ein ehrlicher Mann

auch nicht von hundert Strolchen überführt

werden könne. Sie aber gälten immer

noch als rechtschaffene Leute , denen kein

Richter etwas anhaben könne. »I hr aber«,

so fuhr Kirchhoffs mit großem Nachd ruck

fort, »habt doch immer wieder geschworen

, jede Folter auszuhalten und kein einziges

Wort zu gestehen.« Das war allen

Beteiligten ein großer Trost, ein jeder zog

hiermit wieder nach Hause. Aber manch

einer spülte wohl noch seine Angst mit ein

paar Schnäpsen runter.

10. Kapitel

Der Herzogenrather Chirurgus Kirchhoffs:

Seine Verhaftung, die Verhöre, sein Tod am Galgen

Ein schlechtes Gewissen ist wie ein blaffender

Hund, der uns weder am Tag noch

in der Nacht in Ruhe läßt und einem den

letzten Schlaf raubt. Es verfolgt uns auch

bei den schönen Dingen des Lebens, vermengt

jede Freude mit Bitterkeit, flößt

ständig Furcht ein, und man sieht es dem

Betreffenden an, daß er ein schlechtes

Gewissen hat.

So war es auch im Land von 's Hertogenrode,

wo man im Jahre 1771 - vor allem

in Übach und Merkstein - von nichts anderem

mehr als von Verhaftungen hörte.

Unter den Verhafteten war auch Balles

Kirchhoffs, Schuster in Merkstein und Bruder

des Chirurgus Josef Kirchhoffs, der in

Herzogenrath wohnte. Damals war noch

kein Verdacht auf den hier schon mehrfach

erwähnten Chirurgus gefallen. Woh ingegen

man gemein hin sehr wohl wußte, daß

sein Bruder Balles nie viel getaugt hatte.

Baltes Kirchhoffs starb während der Folterung

, ohne etwas bekannt zu haben. Seine

Ehefrau, Marie Notermanns, war nicht viel

besser als ihr Mann . Sie hatte in der Karwoche

das große Glück, ausbrechen zu

können. Oder besser gesagt, man ließ sie

heimlich laufen . Denn die Fensteröffnung

im Turm , durch die sie angeblich entkommen

sein soll, war so klein, daß kein normaler

Mensch da hindurchkrie_chen konnte

; erst recht nicht die Marie, welche eine

schwere und dicke Frau war. Wo Marie

danach geblieben ist, hat man nie erfahren

. Sie war eine Frau wie ein Kerl, und

wenn sie zum Stehlen mitging, zog sie

sich Männerkleider an.

Der Chirurgus, mit dem ich bekannt war,

hat sich einmal weinend bei mir über seinen

Bruder Balles beklagt. Die Tränen liefen

ihm nur so über beide Wangen, als er

in die folgenden Worte ausbrach: »Oh, ich

hatte es schon immer geahnt, daß der

Schurke nichts taugt. Darum hat er sich

auch zwei Jahre lang nicht getraut, sich bei

mir blicken zu lassen . Doch ich bin jemand,

der mit niemandem bricht, auch

wenn dieser andere aufgehängt wird . Ich

beklage aber meine arme Frau und die

Kinder. Es ist alles so bitter für einen

rechtschaffenen Mann wie mich, der wegen

seines Berufs überall hinkommt, zu

groß und klein. « Doch er verstellte sich,

dieser Mensch. Sein schlechtes Gewissen

preßte ihm die Tränen ab! (Forts. S. 32!)

Abb. 18: Aufnahme der Herzogenrather Pfarrkirche St. Mariae Himmelfahrt, wie sie zwischen 1780

und 1913/14 bestand.

Vor dem Portal der Vorgänger-Kirche wurde der Arzt Kirchhoffs 1 TTl verhaftet. Von diesem

Bauwerk gibt es keine Abbildung mehr.

Foto: Stadtarchiv Herzogenrath

26


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•_:/H OPCl-

~

(Herzogenrath)

AF-FDE.N

Karte 3: Topographische Karte der Herrschaft von Kloster Rode. (»Garte topographique de la Seigneurie de Clooster Rode «.) Kopie einer Karte von

Lambert De Rurigny (1776) . Original: Rijksarchiev Maastricht. 1\

Auf dieser Karte sind in Herzogenrath zwei Hinrichtungsstätten eingetragen: Der Galgen an der St. Leonhardskapelle (Juslice de Rolduc) und die

Galgen am Beckenberg, wo 1772 der Arzt Kirchhoffs erhängt wurde.

27


Todesurteil

des Joseph Kirchhoffs

vom 4. Mai 1772

(Originaltext)

Extraordi narie den vierden May 1772

Vonnis in Saecke

den Heere Hooghdrossard deser Stadt

en lande nomine officii Claeger

tegens

den Chirugien Joseph Kerkhoff gedetineerden.

Gesien by ons die van d' Hooftjustitie

der Stadt en lande van·s Hertogenrade

ende alles wel ende rypelijck geconsIdereert

!'Hoff ter maenisse van den

Heere Hooghschout met adv1es van

twee Schepenen van het hooftgencht

van l imburgh doende rechten definiti-

. ven. verclaren den gedetineerden

plichtigh ende overwonnen. van dat hy

ist medegesell van eene merkelijke

bende van inbreckers ende d1efven by

nachte ende dat hy met deselve geass,steert

hell aen de naervolgende inbreckingen.

knevelereyen ende diefdens:

Eerstlyck aen de huysbroecke. knevelereye

ende diefde geschiedt by Martinus

Schroeders »aen de handt«. lande

va n der Heyden. s'nachts tuschen den

19en ende den 20en January 1762.

Tweedens aen d'infractie. grouwelycke

knevelereye ende roevereye geperpetreet

by Henrich Ritzen in het panhuys

tot Wynantsraede. lande von Valkenborgh

in de nach! tuschen den 19en en

20en aprill van ·1 selve jaer.

Deerdens aen de inbraeckereye. knevelereye

ende diefde geschiedt in den

Iaere 1763 ·s nachts tuschen den tweeden

·saederdagh voor Paeschen ende

den sondagh Judica by wylen Joannes

Reynarts »aen het velt «. banke Ubach.

in desem lande.

Vierdens aen d'infract1e tuschen den

tweeden saederdagh naer Paeschen

ende den daerop volghende sondagh

van het jaar 1763 met diefde gearriveert

op d'Abdeye van Cloosterrode.

Vyffdens aen het complot In het beginsel

van het jaer 1 770 tuschen de gesellen

gesloeten ende vruchteloos getendeert

van in te brecken ende te steelen

op den hoff Drinhuysen in de voorscreven

bancke van Ubach.

Sesdens aen de Huysbreuke ende roevereye

op het pastorael huys van

Hunshoven. lande van Gu lick. uytgewerkt

in de nach! tuschen den 28den

ende 29en May van het selve 1aer.

Sevendens aen d'infractie ende diefde

aen den pastoraelen huys van Hoingen

geschiedt tuschen den 20en und 21 en

luny daernaer.

Achtens aen de violente ende merkeliJcke

dievereye uitgew,rkt ten huyse

van de weduwe Johann Willem lansen

tot Immendorf! in de nach! van den

19en tollen 20en septembris van het

selve jaer 1770.

Negendens aen de violente infractie,

grouwelycke knevelereye 't eenemal

geperpetreert tot Wurm by Steven Rintgers

ende by Hans Willem Goerz tuschen

den 12en ende 13en decembris

van het voorscreven jaer 1763.

Tot reparatie van alsoelcke schroemelycke

m1sdaeden condemneeren denselven

gedetineerden Joseph Kerkhoff

van door den Scherprechter aen eene

galge gehangen ende totten doodt toe

geworgt te worden, dien wegens met

eene kete daeran gehecht te blijven tot

exempel van andere. verclaert desselff's

goederen ende effecten te con ­

fisqueren voor aff daeruyt getrocken

synde de costen ende misen va n lustitie.

ten ende dat hy gedetineerde eerst

ende voorall sal worden geappliceert

ter pyn-banck tot revelat,e van syne

medegesellen ende complicen.

Aldus geconcludeert in judic10 extraordinario

van haere MaJesteyt's Hooftjustilie

der Stadt ende lande van·s Hertogenrade

op dagh dato en ten overstaen

als boven

Pro extratu.

Franz. Alexander Cox. griffier.

Abb. 19: Peinliches Verhör des Joseph Kirchhoffs auf der Herzogenrather Burg.

Kupferstich von Friedrich August Scheureck als Abbildung im Bockreiter-Buch von 1781 (vgl. Anmerkung 3 und die folgende Abb. 20!)

Original: Stadtbibliothek Aachen

28


Übersetzung

Bekanntmachung vom vierten Mai

1772

Urteil in der Rechtssache:

der Herr Hochdrossard, für die Stadt

und dieses Land als öffentlicher Ankläger

gegen den Chirurgus Joseph Kerkhotf

1 als Angeklagten.

Nachdem das Hauptgericht der Stadt

und des Landes von 's Hertogenrade

als Gericht mit dem Herrn Hauptschultheiß

und unter zu Rate ziehen von zwei

Schöffen des Obergerichts von Limbu

rg alles hinreichend und reiflich beraten

hat, wird der Angeklagte für

schuldig und für überführt erklärt. Er ist

Mitg lied einer bemerkenswerten Bande

von Einbrechern und Nachtdieben und

er beteiligte sich mit dieser an den folgenden

Einbrüchen, Knebelungen und

Diebstählen :

Erstens an dem Einbruch , der Knebelung

und dem Diebstahl bei Martinus

Schröders »aen de handt« im Land

Heyden, in der Nacht vom 19. auf den

20. Januar 1762.

Zweitens an dem Einbruch , der grausamen

Knebelung und Räuberei begangen

bei Henrich Ritzen im Brauhaus

von Winandsrade, Land von Valkenbu

rg, begangen in der Nacht vom 19.

auf den 20. April des gleichen Jahres.

Drittens an dem Einbruch, der Knebelung

und dem Diebstahl im Jahre 1763

in der Nacht vom zweiten Sonnabend

vo r Ostern auf den Sonntag Judica bei

Joannes Reynarts »aen het velt«, Bank

Übach in diesem Land .

Viertens am Einbruch in der Nacht zwischen

dem zweiten Sonnabend nach

Ostern und dem darauf folgenden

Sonntag im Jahre 1763 in die Abtei

Klosterrath.

Fünftens am Komplott Anfang 1770 mit

Komplizen - welches dann scheiterte

- mit dem Ziel, in den Hof Drinhuisen

in oben genannter Bank Übach einzu ­

dringen und zu stehlen.

Sechstens am Hauseinbruch und der

Räuberei im Pfarrhaus von Hünshoven,

Land von Jü lich, ausgeführt in der

Nacht vom 28. auf den 29. Mai des

gleichen Jahres.

Siebentens an dem Einbruch und dem

Diebstahl im Pfarrhaus von Hängen,

was vom 20. zum 21. Juni danach geschah

.

Achtens an dem gewalttätigen und beträchtlichen

Diebeszug zum Haus der

Witwe Johann Wi llem Jansen in Immendorf

in der Nacht vom 19. auf den

20. September des gleichen Jahres

1770.

Neuntens an dem gewaltsamen Einbruch,

der grausamen Knebelung begangen

in Würm bei Steven Rintgers

und außerdem bei Hans Willem Goerz

zwischen dem 12. und 13. Dezember

im bereits oben erwähnten Jahre 1763.

Zur Vergeltung dieser abscheulichen

Untaten verurtei len wir den angeklagten

Joseph Kerkhoff dazu, daß ihn der

Scharfrichter an den Galgen hängt und

dabei so lange würgt, bis der Tod eintritt.

Als Lehrbeispiel für andere soll er

danach mit einer Kette befestigt werden

und hängen bleiben .

Es wird bestimmt, daß sein Grundbesitz

und seine Wertgegenstände beschlagnahmt

werden , um hieraus die

Prozeßkosten und die Aufwendungen

des Gerichts zu bestreiten. Schließlich

aber soll der Angeklagte noch auf der

Folterbank einem verschärften Verhör

unterzogen werden , damit er seine Mitstreiter

und Komp lizen benennt.

So in außerordentlicher Gerichtssitzung

beschlossen von Ihrer Majestät

Hauptgericht von Stadt und Land 's

Hertogenrade.

Verkündet an Tag und Datum wie oben

angegeben.

Für die Niederschrift

Frans Alexander Cox, Griffier 2

Historische Anmerkung :

Das Urteil wurde Ki rchhoffs vom Gerichtsschreiber

Franz Alexander Cox (später Bürgermeister

von Herzogenrath) verlesen. Wie darin festgehalten.

wurde Kirchhoffs dann am 6. und 7. Mai

barbarisch gefoltert. Man mußte nach der damaligen

Rechtsordnung unbedingt ein Geständnis von

ihm haben. er aber gestand nichts.

(Das R1Iksarchief Maastricht bewahrt das Original

dieses Urteils. Die Transskriplion des Textes findet

sich bei Gierlichs, Geschiedenis der BokkeriJders.

Roermond 1940, S. 193 f. Übersetzung aus dem

Niederländischen: Rudrnck.)

1 Im Text des Todesurteils wird nicht »Kirchhoffs«.

sondern »Kerkhoff« gesagt. Der Chirurgus

selbst nannte sich aber »Kirchhoffs« , wie

wir aus seinem Bewerbungsschreiben um die

Herzogenrather Chirurgen-Stelle an Abt Fabritius

von Kloslerralh aus dem Jahre 1752

wissen.

2 Der Gnffier (auch: Grefflers) hatte nach dem

Schultheiß das wichtigste Aml inne. Als Sekreta

r fuhrte er die Gerichtsakten und hatte das

Schöffensiegel in Verwahr. Bei Gericht oblag

ihm die gesamte Organisation des Prozesses.

1\

Abb. 20: Dieses zeitgenössische deutsche Flugblatt zeigt und beschreibt die grausigen Foltermethoden der Zeit. »Tortur und Hinrichtung des

französischen Königsmörders Damien 1757«. Der Anschlag auf König Ludwig XV. mißlang allerdings. Original: Germanisches Museum Nürnberg

29


.H.ueelrad

• h11uv l, u~:_9

1

.z

0

Karte 4:

„Karte des Herzogtums Limburg und der lande

von Valkenburg, von Dalhem, von Herzogenrath

sowie von Aachen und so fort. - Von Herrn

Robert, Ordentlicher Geograph des Königs, mit

Erlaubnis 1748."

(Der Kartenzeichner Gilles Robert de Vaugondy

( 1688 - 1766) war ein Enkel des berühmten

französischen Kartographen Nicolas Sanson

(1600 - 1667). Als Robert den kleinen Atlas

herausbrachte, aus dem diese Karte stammt,

t griff er auf kartographische Unterlagen von

li Sanson und dessen drei Söhnen zurück.) Das

Original hat die Maße 205 x 160 mm und ist ein

• Dreifarbendruck (Privatbesitz).

Diese Karte, die zur Zeit der ersten Bockreiter-

• überfälle entstand, enthält sämtliche von Pfar-

1

r.. rer Daniels (SLEINADA) erwähnte Orte. Da es

sich um eine in Frankreich entstandene Karte

f handelt sei eigens angemerkt, daß AIX LA

1 CHAPELLE Aachen, ROLDUC Herzogenrath

und FAUQUEMONT Valkenburg ist.

Die gepunkteten Linien sind jeweils die Gebiets-

bzw. Landesgrenzen.

,,L~ .

'0

1\

30

31


In den Monaten Juni und Juli kam allgemein

das Gerücht auf, daß der Chirurgus

Kirchhoffs der oberste Anführer der Bande

sei. Kirchhoffs wurde unruhig, er hastete

mit seinem Pferd mal zu diesem, mal zu

jenem Advokaten, um sich Rat und Auskunft

zu holen. Die meisten rieten ihm,

sein Leben durch die Flucht zu retten . Das

aber wollte er auf gar keinen Fall tun, bis er

dann schließlich im August 1771 verhaftet

wurde. Er kam gerade im Morgengewand

aus der Kirche, wirkte gelassen und sagte

bei der Verhaftung weder ein gutes noch

ein böses Wort. So wurde er auf der Burg

in Fesseln gelegt.

Beim Verhör konnte man seine Antworten

immer schon ahnen, noch bevor sie gegeben

waren. Immer wieder gab er nämlich

an, von all dem, was man ihn fragte, nichts

zu wissen. Als er mit anderen Verhafteten

konfrontiert wurde, sprach er diese stets

überaus freundlich an und beantwortete

die gestellten Fragen ohne jedes Zögern

und ohne erkennbare Erregung. Das erstaunte

alle Beteiligten.

Man führte das Verfahren gegen ihn fort

und verfügte das sogenannte ,peinliche

Verhör', die Folterung. Diese Tortur wurde

an ihm dreimal wiederholt. Doch so überaus

hart sie auch war, man brachte ihn

dadurch zu keinerlei Geständnis. Schließlich

wurde am 22. April 1772 28 das Todesurteil

verkündet.

Im Urteil wurde vermerkt, daß vor der Vollstreckung

erneut die Tortur angewendet

werden soll. Man verlas ihm diese Bestimmung,

und der Scharfrichter begann unverzüglich

mit der Folterung . (Vgl. Text

des Todesurteils S. 29!)

Für sein Seelenheil und zur Erleichterung

seines Gewissens hatte man einen Jesuiten,

den Pater Zünder, zu ihm geschickt.

Dieser hatte am Morgen , am Tag der Tortur,

alle Kinder von Herzogenrath in einem

Nebenraum der Burg versammelt, um dort

für die Bekehrung und Umkehr des Sünders

zu beten. Doch vergebens.

Kirchhoffs wollte auch nicht ein einziges

Wort bekennen. Nachdem er einige Stu n­

den mit schweren Gewichten an den Füßen

auf dem Wippgalgen (auch Pferdchen

genannt) verbracht hatte und der Richter

erkennen mußte, daß alles nichts nutzte,

wurde er losgebunden und dem Beichtvater

übergeben. Nachdem ihn nun der

Scharfrichter befreit hatte, brach der De linquent,

unser Chirurgus, in die folgenden

Worte aus: »Meine Herren ! Habt Ihr nun

endlich Eure Genugtuung? Und wenn immer

noch nicht, so packt mich , reißt mich

in lauter Stücke und werft sie hier in das

Feuer - aber auch dann werdet Ihr genauso

wen ig von mir zu hören bekommen

wie bis jetzt! « Damit ging er aus der Folterkammer

hinaus in den Nebenraum, wo die

braven Kinder mit Pater Zünder beteten.

Beim Herei nkommen sagte Kirchhoffs:

»Pater, dü rfte ich Sie vielleicht um Ihren

Namen bitten?« Der Pater antwortete:

»Ich bin der Pater Zünder.« Darauf Kirchhoffs:

»Oh, mein Gott, dann sind Sie gerade

recht gekommen. Ich bin ein großer

Sünder 29 !« Daraufhin ließ ihm der Pater

sogleich geistlichen Beistand zukommen,

wobei er an das vorangegangene Wortspiel

an knüpfte.

Als er in dem erwähnten Nebenraum war,

fiel der große Sünder - als den er sich ja

selbst bezeichnet hatte - auf die Knie,

faltete seine Hände und betete zusammen

mit den Kindern . Hierauf führte man ihn

wied er in seine Zelle, wo er bis zum Tag

der Hinrichtung blieb - im mer im geistlichen

Gespräch mit Pater Zü nder al s Vorbereitung

auf die große Reise in die Ewigkeit.

Der Pater, der ein gelehrter und weiser

Mann war, drang in ihn, wan n immer sich

dazu eine Gelegenheit bot, aber der Meister

Kirchhoffs ließ sich lieber schweigend

aufhängen , als daß er bekannte, schuldig

oder unschuldig zu sein. Nur als er dann

die Leiter zum Galgen erklomm , bebte und

zitterte er. Er befahl dem Herrn seine Seele

und rief: »Jesu, Dir lebe ich; Jesu, Dir

sterbe ich! « Dann stieß ihn der Scharfrichter

von der Leiter.

11. Kapitel

Selbst wenn es anders scheint, Kirchhoffs war schuldig!

Wenn man in einer Sache richtig urteilen

will, so darf man sich nicht durch falschen

Schein den Blick trüben lassen. Denn

selbst wenn einer dem äußeren Schein

nach heiligmäßig gestorben ist, muß man

ihn nicht gleich heiligsprechen. Wenn jemand

aufgehängt wird, ohne daß er zuvor

seine Schuld gestanden hat, ist der Betreffende

dann in jedem Fall unschuldig? Um

gerecht zu urteilen, muß man näm lich alle

aufgeworfenen Fragen lösen, wie sie sich

für einen gewissenhaften und gerechten

Richter stellen. Erst dann läßt sich ein gerechtes

Urteil fällen . Über unseren aufgeknüpften

Chirurgus gingen die Meinungen

weit auseinander, vor allem bei den kleinen

Leuten. Die aus der Bande waren

hocherfreut, daß ihr Anführer so gut geschwiegen

hatte, und sie begannen, ihn

zum Märtyrer ihrer Gemeinschaft auszurufen

. Nachdenkliche Leute aber vertraten

die Meinung, man hätte das Urteil nicht so

schnell vollstrecken sollen ; vielleicht wäre

er doch noch zur Umkehr gekommen, und

die ganze Sache wäre aufgeklärt worden.

Man hätte ihn also - auch wenn sich dies

über Jahre erstreckt hätte - besser noch

im Gewahrsam gelassen.

Um jetzt bei allen leichtgläubigen die vollkommen

falsche Einschätzung zu korrigieren

, muß ich noch etwas verdeutlichen.

Und dies wird überdies die Einsichtigen in

ihrer Beurteilung der Sache bestätigen

und stützen .

Am Morgen der Hinrichtung von Kirchhoffs

kam der übervorsichtige Herr Schultheiß

von Herzogenrath zu den Gefangenen,

durch deren Aussagen der Chirurgus

überführt worden war, und er stellte jeden

einzelnen noch einmal zur Rede: »Seht,

ihr wißt, daß ihr angegeben habt, der Chirurgus

Kirch hoffs sei schuldig. Er sei der

Anführer der Bande. Er aber beteuert, völlig

unschuldig zu sein. Bedenkt darum

noch einmal gut, was ihr sagt. Noch ist es

Zeit. Heute muß er aber sterben, und Ihr

habt dann seinen schändlichen Tod bewirkt.

Denn wenn Kirchhoffs unschuldig

stirbt, werdet Ihr niemals in die ewige Seligkeit

eingehen .«

Der erste der so befragten Gefangenen

sagte : »Mein Herr, und wenn ich noch

heute gemeinsam mit ihm sterben müßte,

ich würde doch nichts anderes aussagen,

als daß er schuldig ist. Er ist schuldiger als

ich, drauf will ich leben und sterben. « Der

zweite gab an : »Jetzt hört einmal zu! Dieser

Schuft wird sich eher hängen lassen,

als daß er auch nur ein Wort verrät. Er wird

sich felsenfest an seinen Eid halten, wie er

es auch uns immer eingehämmert hat. « Im

gleichen Sinn sprachen auch alle anderen

Häftlinge, und einige klagten sich an, daß

sie sich zum Mittun in dieser Bande hatten

verführen lassen.

Nun, wie soll man denn jetzt die Unschuld

des ach so harmlosen Meister Kirchhoffs

beurteilen? Doch ich will ihn nicht nach

seinem Tod noch zusätzlich beladen. Er

wurde schon vor dem Angesicht des ewigen

Richters gerichtet.

32


12. Kapitel

Auch in den ehrenwertesten Familien gab es

schwarze Schafe

Eigentlich bin ich nie dafür gewesen, alte

Geschichten immer wieder aufzurühren.

Das würde den Familien, aus denen ei ner

hi ngerichtet wurde, neues Leid und neuen

Kummer be reiten. Es hat auch ke iner Veranlassung,

seine Mitmenschen zu verachten,

denn so schön und ehrlich ein Gesicht

auch sein mag, es kann dennoch kle ine

Flecken und Fehler haben. So war es seinerze

it auch bei manch ei ner Familie, die

ehrsam und rechtschaffen zu sein schien .

Es gab darin dennoch Mitglieder, die Sorge

bereiteten . Wenn man es sich klar vor

Augen führt, ist es eigentlich eine große

Du mmheit, wenn eine Fami lie derartige

Gauner und Taugenichtse deckt. Gab es

nicht Könige und Fürsten, die ih re eig enen

Familienangehörigen auf dem öffentlichen

Schafott hi nrichten ließen? Ja, man kann

doch geradezu von Glück reden, wen n so

die Spreu vom Weizen getrennt wird und

die Familien sauber we rden. We r weiß

schon, was noch alles auf uns zukommt!

Auch wenn jetzt das grüne Gras auf unseren

Feldern steht, so kön nen wi r nie sicher

sein, ob es nicht alsbald verdorrt. Auch

ehre nhafte Familien sind dieser Gefahr

ausgesetzt. Und wer mir jetzt immer noch

keinen Glauben schenken will, der sollte

einmal den kurzen Vers lesen, der über

e•inem Kamin in Nürnberg geschrieben

steht:

»Findet sich in Deinem Stamm

weder Hur' noch Bösewicht,

so tritt her und wische dann

vom Kamin hier dies Gedicht! «

(Originaltext bei Sleinada:

»Vind men in Uw stam geen 'Hoer nag

dief, nog guyt.

Veeg dan , als gy kunt dit Schoorsteenveersken

uyt. «)

Ich betone darum nochmals, daß ich kein

anderes Ziel habe als die Bekehrung derer,

die uns noch verblieben sind. Es geht

mir auch um die Abschreckung .

Di e Leute sollen sehen, wie gefährlich es

für alle Zeiten ist, wenn man sich nicht vor

übler Gesellschaft hütet. Wie geruhsam

. .

~i-- ~ ---

. . - ....

. ---..

.

lebt es sich dahingegen, wenn man bescheiden

ist und sich mit dem begnügt,

was man hat, so wenig dies auch sein

mag.

Die Namen der Hingerichteten - sie folgen

hier gleich - sollen nicht aufgeführt

werden, um ihre erlittene Strafe noch zu

vergrößern , sondern um den Menschen in

späterer Zeit einen nachhaltigen Eindruck

zu vermitteln, auf daß es ihnen so recht

graust vor dieser Bande. Ich tue das alles

mit großer Betrübnis; wenn ich an jene

denke, so wünsche ich ihnen die ewige

Ruhe. Um keine Ehrabschneidung zu begehen,

habe ich lediglich die Vornamen

und die Anfangsbuchstaben des Familiennamens

aufgeführt.

Das Trauerspiel wurde 1771 durch zwei

Einbrecher in Merkstein eröffnet. Es war

der 7. des Weinmonats. Den beiden folg ­

ten am 15. des gleichen Monats neun au s

Übach. Aber dann ging es richtig los, und

die ganze Bande im Land von 's Hertogenrode

wurde aufgedeckt.

Abb. 21: Öffentliche Hinrichtung durch Schwert, Rad und Galgen. Zeitgenössischer Kupferstich von Daniel Chodowiecki 1774.

Foto: Ullstein Bilderdienst

\

33


Namen der im Land von

's Hertogenrode Hingerichteten

(ab 7. Oktober 1771 )

Arnold Z., genannt ,den knobb'

Johannes Peter K.

Niklas R. (Junior)

Ruth S.

Peter P.

Christian T.

Philip Ez. (Dieser Philipp Ez. war fremd

und kam aus einer angesehenen

Familie in Deutschland.

In Merkstein geriet er ins Unglück.)

Peter P.

Wilhelm P.

Gabriel R.

Peter M.

Leonhard M.

Hans Heinrich H.

Leonhard P.

Josef K. (der Anführer aus Herzogenrath)

Cornelius D.

Leonhard D.

Zander R.

Hans Simon N.

Hans Heinrich V.

(wurde an einem Bein aufgehängt,

weil er sich selbst ums Leben brachte.)

Albert S.

Johann Mathias S.,Wilhelm und Theo S.

Vettern, bzw. Brüder

Johannes B.

(genannt das Klarinetten-Männeken)

Wilhelm Heinrich H.

Nikolas N.

Dirk S.

Josef K. (der Junge aus Übach)

Der letztgenannte wurde am 12. August

1776 aufgehängt. Dieser Christian F. war

noch ein ganz junger Mensch, und er war

zum Schluß ganz von Sinnen, er schrie

und brüllte wie ein Rasender.

Wienand M.

Peter M.

Adolf S.

Brüder

Heinrich S.

Peter M. , der Sattelmacher

Anton S.

Ge rd P.

Josef B.

Reiner C.

Peter B.

Conrad Cro.

Heinrich Josef Cro.

Wilhelm, ein wallonischer Bettler

Wilhelm und Mathias M. (Brüder)

Johannes Pa.

Gerhard A. aus Herzogenrath

Wilhelm A.

Mathias M.

Martin P. (Bürgermeister von Merkstein)

Hubert C.

Hans Leonhard G.

Arnold Es.

Hans Wilhelm Es.

Nys, Th.

Peter Kr.

Reiner E.

Hans Wilhelm W.

Johannes P. , Johannes Cu.

Johann Baptist So.

(aus der Picardie gebürtig)

Hans Peter K.

Nis R.

Caspar 1.

Christian F.

f~

. , ',

. -

t

- .{ - -

In der Herrlichkeit Rimburg,

im Land von

's Hertogenrode,

wurden erhängt:

Mathias H. und Anton J. (genannt Rades-Toontje).

Martin N., ein Altschöffe

von dort, hatte sich im Gefängnis mit

Heu stranguliert, er wurde darum hinausgeschleift

und an einem Bein aufgehängt.

Im Gefängnis in Herzogenrath

sind gestorben:

Baltes K., der Bruder des Anführers

(durch innere Verletzungen auf der Folter

verstorben)

Peter H.

Johann und Rochus D. (Brüder)

Arnold L.

Johannes J .

Niklas K., der Ältere

Mathias D. (Schöffe von Merkstein)

34

Peter W.

Mathias Ern.

Franz Wilhelm W.

Mathias E.

Johann Anton W.

Nis Do.

Abb. 22: Turm von Burg Rode Herzogenrath, der als Gefängnis

diente. Erbaut zwischen 1389 und 1393. Foto: Rudnick


Aus dem Herzogenrather Gefängnis flüchteten:

Maria N.

(gebürtig aus Schinnen im Land von Valkenburg,

Ehefrau von Baltes K.)

Jakob N.

Pete r Ja., Dirk Ja.

Wilhelm R.

Johann Leonhard F.

Dirk S.

(wurde gegen Kaution freigelassen)

Leonhard H.

Aus dem Land von 's Hertogenrode flüchteten :

Anton G.

Peter Josef P.

Wil hel m P.

Conrad K.

Josef D.

Baltes H.

Nis K.

Jakob Sm .

Hans Peter Sp.

Leonhard Sp.

Hans Peter Ku .

Niklas Josef Of.

Di e Hinrichtungen erfolgten im Land von 's

Hertogenrode unter den edlen und gestre

ngen Herren, dem Oberschu ltheiß der

Stadt und Freiheit von Herzogenrath und

Simpelveld , Herrn W. J. de Limpens; dem

Schultheiß der Bank Merkstein, Herrn P.

Poyck, wohnhaft zu Ehrenstein ; dem Drosten

der Herrl ichkeit und Bank Kerkrade ,

Herrn N. Greefkens ; dem Schultheiß der

Herrlichkeit Rimbu rg, Herrn N. Corneli und

dem Schultheiß der Bank Übach, Herrn

J.T.A. de Limpens.

Hans Heinrich Tr.

Wilhelm E.

Martin Ja.

Wi lhelm B.

Christian M.

Johann C.

Nis M.

Niklas van d'H.

Niklas E.

Josef V.

Dirk Go.

Johann Ke.

Durch Gerichtsurteil der Herrlichkeit Alsdorf wurden gehenkt:

Ludwi g L.

Egidius J.

Jakob J.

Lam bert K.

Mathias M.

Josef D.

Niklaus 1.

Heinrich P.

Johann K.

Mathias L.

Leonhard K.

Holger P.

Geflüchtet sind:

Johann Heinrich 1. , Niklas H. , Heinrich K.

Schultheiß war dort (in Alsdorf) Herr N.

Corneli.

Da seht Ihr nun, verehrte Leser, welch

verheerende Auswirkungen die Sünde

hat. Und noch besser werdet Ihr dies aus

der Geschichte des Zeuxes ersehen können.

Jener, so erzählt es ein gewisser

Bizinelli P., beherrschte die Kunst, alles

malen zu können. Doch einmal mußte er

über die Kunstfertigkeit eines seiner Gemälde

so sehr lachen, daß er einen Herzschlag

bekam und wenige Tage darauf

verstarb. Ist nicht auch die Sünde das

häßliche Abbild unserer eigenen Bösartigkeit?

Haben wir nicht zunächst auch Wohlgefallen

an unserer Schlechtigkeit? Doch

wie verhängnisvoll ist diese falsche Freude,

da wir ja wissen, daß der Sünde stets

die Strafe auf dem Fuße folgt! Dann erkennen

wir, daß da ein ewiger und gerechter

Richter thront, und wir wünschen uns dann

zu spät, wir wären allezeit den Weisungen

des Schöpfers allen Seins gefolgt.

Abb. 23: Schloß Ehrenstein (Kasteel Erenstein)

im Ansteltal bei Kerkrade. (Dieses KaSfell wird

erstmals 1342 urkundlich als Sitz des Adam

van Eyderenstein erwähnt und gelangte 1707

an die Familie Poyck.)

Foto: Rudnick

35


13. Kapitel

Erste Verhaftungen im Land von Valkenburg

Als nun diese gottlose Bande im Land von

's Hertogenrode aufgedeckt war, herrschte

im Land von Valkenburg noch eine gewisse

Zeit der Ruhe. Doch der junge Josef

K. aus Übach hatte seinen Wachen im

Gefängnis schon gesagt, daß es in Heerlen

und Heerlerheide nur so von Schelmen

wimmele. Man wußte aber bislang

noch nichts Näheres. Dies lag vor allem

daran, daß es in Herzogenrath wenig Gauner

gab, die ihre Spießgesellen aus Valkenburg

kannten . Und diejenigen, die

wohl welche kannten , schwiegen sich wegen

dieses teuflischen Eides darüber aus,

weil sie dieser - wie sie fest glaubten -

zur Verschwiegenheit verpflichtete. Aber

auf der Folter wurde dann endlich doch

etwas über Valkenburg bekannt. Der Fall

Valkenburg ist danach völlig aufgerollt

worden . 1772, des Nachts zwischen dem

7. und 8. Dezember, hatten sich einige,

ohne Wissen der Bandenführung, versammelt

und ausgemacht, in der Caumermole

bei Heerlen einzubrechen. Jakob Ju. , der

seinerzeit dort als Knecht arbeitete, kannte

das Anwesen recht gut und wußte, wie in

die Mühle einzubrechen war. Es glückte

ihnen auch , und sie stahlen einige Sack

Getreide, das dort stand , um gemahlen zu

werden .

Als der Müller des Morgens aufwachte,

kam sein Knecht zu ihm , um den Diebstah l

zu melden . Der Meister war sehr verärgert

und ermittelte gründlich, wo seine Säcke

wohl geblieben sein könnten. Und als er

einige Verdachtsmomente gesammelt hatte,

gab er diese an den Richter weiter und

beantragte zugleich eine Hausdurchsuchung.

Noch am selben Tag , es war das

Fest Mariä Empfängnis, wurde - weil inan

kein Aufsehen erregen wollte - die Hausdurchsuchung

während des Hochamtes

durchgeführt. Man brauchte gar nicht lange

zu suchen, weil man schon ahnte, wo

die Säcke waren. Mit kleiner Bewachung

kam man in das Haus der Marie Katrin D.,

genannt ,de Bus', und fand da die Getreidesäcke.

Der Hausherr Ger oder 'Gerhard'

D. versuchte sein Heil in der Flucht.

Mit etwas Glück faßte man ihn aber sehr

bald, und der Verblüffte gestand sofort das

Vergehen und sagte sogar noch aus, daß

Jakob Ju., Johannes S., Peter J. und noch

andere beim Einbruch mitgemacht hätten.

Der Richter stellte einen Juden, mit Namen

Moses, als Wachtposten neben den

festgenommenen Gerhard D. Doch der

Verhaftete überrumpelte· seinen harmlosen

Wächter ohne jede Mühe und ergriff

die Flucht. Der Richter hatte in der Zwischenzeit

weitere Verhaftungen vorgenommen.

Dies gelang ihm, als das Hochamt

zu Ende war und alle Leute aus der

Kirche kamen. Keiner wußte bis zu diesem

Zeitpunkt, daß die Festgenommenen Mitglieder

der Bande waren.

Jakob Ju., ein gutaussehender junger

Mann, schien dabei sogleich den drohenden

Galgen vor sich zu sehen. Er war

sichtbar bestürzt und von Angst erfüllt,

was er nicht mehr verbergen konnte. Als

er dann hörte, daß sie alle nach Valkenburg

ins Gefängnis gebracht würden, bat

dieser junge Mensch, daß man seinen

Pfarrer zu ihm kommen lassen möge;

wahrscheinlich wollte er beichten, wei l er

das bohrende schlechte Gewissen fühlte.

Abb. 24: Bockreiterbrunnen auf dem Herzogenrather Ferdinand-Sehmetz-Platz, der 1962 aufgestellt

wurde.

Foto: Stadtarchiv Herzogenrath

36


14. Kapitel

Wie die gerechte Strafe die Diebe aus

dem Land von Valkenburg ereilt

Wie wunderlich es doch mit einem

sch lechten Gewissen zugehen kann, kön ­

nen wir der folgenden Geschichte entneh

men:

Kai ser Karl V. war ein großer Liebhaber

von Uhren. Darum hatte er stets eine größere

Anzahl von Taschenuhren vor sich

auf dem Arbeitstisch liegen. Unter seinen

Gefolgsleuten befand sich nun ein Edelmann,

der sich, als der Kaiser einmal nicht

im Raum war, eine dieser Uhren nahm. Er

dachte sich, bei so vielen Uhren würde es

gar nicht auffallen, wenn eine davon fehlte.

Der Kaiser jedoch, der sehr schnell merkte,

daß da ein Wolf unter den Schafen war,

verhörte sofort alle seine Höflinge, die

aber ihre Unschuld beteuerten. Als nun

schließlich auch der Täter zur Sache gehört

wurde, versuchte dieser mit aller Gewalt,

den Verdacht von sich zu weisen .

Aber im gleichen Augenblick begann das

Ührchen abzulaufen. Die kleinen Räder

drehten sich, das Hämmerchen begann zu

schlagen, das Glöckchen fing an zu klingen

. Kurz und gut: Der Kerl stand mit

hochrotem Gesicht da und war des Diebstahls

überführt!

So ist auch das Gewissen wie ein Uhrwerk.

Auf einmal beginnt es zu schlagen,

und das dann so geräuschvoll, daß alles

offenbar wird, was lange verborgen war.

Der eigene Mund ist dann wie eine Schelle

mit der Zunge als Klöppel, die alles verrät

und die Geheimnisse ans Tageslicht

bringt. So erging es den Bösewichten, die

in Valkenburg gefangen waren. Sie wur-

matritt

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t~Jlern, unb ~ot gurtn 'l(cferb,111, nod) mr~r aber

Crtftlid)e ~tibe unb ~ir~1ud1i. 'Der bon \lerfer=

tiQU st'aft n,irb, l\)fgtn feines ~mlid)m Q>efd111i.t•

<fif, nirit unb brtlt wrfi1~rrt; eis 9irbet ,111d) an,

ft~nlid)t Q:iftn~rgn,ntt barinnt. l)ic @:illl\ll)~IICC

iibtr~aupt ~nb gute fat~ollf<bt 1.!~1riften, unb fllnfl

btm 31,i, unb ~m ~anbtl 1ugtt~an, ':i:>at:1 1im•

fmrgtr fanb ent~drt auffer All>ll ~rafid1.iirm bie

~errfdJnft '11 .l)rrtogtnrabe, b.t\lon ein 6,i1.:f, bas

~ie bm) @ericblllbltlrlctt, ober roit 1111m bort

fprid)t, ~dntt von ~i1lprn, IDlergenrabe unb

_1'it lion ~.1alt1, ~olftt unb \Ucl)lm begreift; bie

J>oUdnbcr bc!l~en; ·bat! ,mbm IStucf ill otlmei•

d}lfd,, unb barinllt ljl a11d.1 ~~r J)auptllr( be&

Unbc6tn~; J>rrtegtnrabt ·obtl' .l)u&ogcnrob, roie

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&tt'titd 1i0r brtl)jig ~abren iit'I ·\llljtfcdf, bir' Mit

geringed 1'uftfjtn nl4ctt,~ , ber o~ tl11 illetf

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Mnt n11rurli~t llrf11d)t11 angt~fl ·11,ttn, • :•ia·

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mit \>tmkfc~ 11~tn. ~t ftcirrcr bit· 'unttrfllio,

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Abb. 25: Titelseite und Textauszug in Faksimile aus dem Bockreiter-Buch von 1781 (ein Exemplar der Original-Ausgabe ist in der Aachener

Stadtbiliothek greifbar). \

Der Erscheinungsort dieses kleinen Buches ist unbekannt, der Inhalt lehnt sich zwar an die Geschehnisse um die Bockreiter zwischen Maas und Rur

an, es wimmelt darin aber von historischen Fehlern. Das Büchlein beweist jedoch das Interesse der damaligen Leser an »Histörchen«, die sich

legendenhaft um Menschen mit Teufelskünsten rankten.

37


den verhört und über die Einzelheiten des

Diebstahls befragt. Sie überführten sich

dabei selbst.

Der Richter ordnete die Folter für alle Angeklagten

an . Der Fall schien danach abgeschlossen,

denn alles schien - Gott sei

Dank - völlig aufgedeckt und die ganze

Bande bekannt, nicht allein im Land von

Valkenburg, sondern auch in den angrenzenden

Gebieten.

Die Fahndung erstreckte sich nämlich weiter

nach Heerlen, von da in die Bank Beek.

Die in Beek Verhafteten verrieten die von

Elsloo und Geul und so fort. Mit einem

Wort, die Fahndung ging von Dorf zu Dorf,

und man kam sogar bis Munsterbilsen und

noch weiter auf die andere Seite der Maas.

überall wurde festgenommen, und überall

konnten viele flüchten. Andere wiederum

mußten bei Freunden oder Verwandten

aufgespürt werden, denn es ist unbegreiflich,

wie verblendet die Leute doch waren!

Seinerzeit fragte ich selbst einen , kurz bevor

er aufgehängt wurde, weshalb er denn

nicht außer Landes geflüchtet wäre, und er

antwortete: »Ach , hätte ich das doch bloß

getan! Aber es waren noch soviel von der

Bande hier, daß ich mir dachte, wenn die

sich noch alle unentdeckt hier aufhalten ,

dann brauche ich auch nicht wegzulaufen.

Meinen Namen wird wohl niemand nennen.

Aber jetzt ist alles zu spät. Ich bin

scheinbar doch für den Galgen geboren

worden . In wenigen Augenblicken werde

ich sterben müssen! « Das waren die tröstlichen

Worte, die sich dieser Unglückliche

selbst gab . Es kann darum niemand meinen,

die Verurteilten wären alle völlig unbeteiligt

und ungerührt unter den Galgen

getreten.

Von denen, die zwischen dem 8. Oktober

1772 und dem 22. April 1773 in Valkenburg

gefangen saßen - und durch welche

die Bande so weitgehend aufgedeckt wurde

- sind am 3. April 1773 drei zum Tode

verurteilt worden . Am 20. April 1773 wurden

sie dann in Heerlen aufgehängt. Gemäß

dem in Holländisch-Valkenburg geltenden

Recht hat man den Verbrechern 24

Stunden vor der Hinrichtung ihr Todesurteil

mitgeteilt. Die Delinquenten hatten

sich allerdings schon auf ihren nahen Tod

eingestellt. Sie sind mit dem Eingeständnis

gestorben, nur die Wahrheit gesagt zu

haben, und so werden sie auch vor dem

ewigen Richterstuhl Rechenschaft ablegen.

Aber wir wollen bei alledem nicht die Huld

der Obrigkeit in den landen von Overmaas

{holländische Seite) vergessen, welche

erlaubt hatte, daß alle Verurteiiten bei

ihrem letzten Gang einen Geistlichen ihrer

Konfession zur Seite haben durften. So

konnten die Missetäter tr.ostreich im Frieden

mit ihrer eigenen Rel igion sterben.

Diese Gunst war zweifellos ein Zeichen

wahrer Menschlichkeit und verdient das

Lob aller Welt. Die lande von Overmaas

schulden ihrer huldvollen Obrigkeit hierfür

den ewigen Dank.

Wir kommen dann jetzt wieder zu unserem

eigentlichen Anliegen, und deshalb folgen

nun die Namen der Hingerichteten aus der

Hauptbank Heerlen im Land von Valkenburg.

Am 20. April 1773

Jakob Ju., Peter Ja. und Johannes S.

Am 12. Mai

Johannes Gor. Andreas Go.

Wi lhelm Gor. Heinrich K.

Gerhard van den R. Jan G.

Am 25. im gleichen Monat wurde Jakob

Sch . gerädert und mit dem Beil enthauptet.

Er war Glaser von Beruf und hatte

bereits im November 1754 bei Hamond im

Lütticher Kempenland einen Juden ermordet.

Am 15. Juni 1773 wurden aufgehängt

Bernhard K. Dirk R.

Hermann J. Jakob Ri.

Mathias van den 8. Niklas Re.

Niklas C.

Am 20. Juli

Peter 8.

Wilhelm V.

Hanspeter Vr.

Mathias Se.

Wilhelm G.

Am 17. August

Hermann H.

Leonhard Gu .

Johann Wilhelm Vr.

Am 10. November

Peter R.

Johannes H.

Franz B.

Philipp Her.,

Sohn des Schinders

von Heerlerheide

Peter G.

Lens Or.

Leonhard Sp.

Thomas Bo.

Johannes, auch genannt Hompershans.

Desgleichen Niklas He. , der Schinder von

Heerlerheide, der lebend gerädert wurde.

Maria Katharina D., genannt 'de Bus'

Katharina R., genannt ,de Leus ', beide gebannt.

Am 7. Oktober wurden aufgehängt

Mathias C. und Mathias W.

Am 24. Oktober 1773 wurden in Beek im

Land von Valkenburg hingerichtet und in

Beek auf der Graetheide aufgehängt

Abraham Nathan, Anton R.

ein Jude

Dirk H., Schinder aus

Gehard S. Beek, Bruder von

vom ,Wolfend ' Niklas, dem Schin-

Johannes V. der aus Heerlerhei-

Martin L.

de, der lebend gerä-

Wilhelm GI. dert wurde.

Am 14. Oktober wurde die Leiche von

Mathias Sc. aufgehängt.

Daem Go. Gerhard S.

Friedrich P. Andreas J.

Am 8. Februar 1774 wurden aufgehängt

Franziskus H. Michael L.

Mathias S., genannt ,krummer This'

Erken M., genannt Brote-Erken

Daem G. , genannt , Mordavid'

Am 26. Mai wurden aufgehängt

Johannes Th. Johannes Sm ,.

Peter C.

genannt Erlen-Jan.

Johannes P.

Weil die Amtsträger und Richter erkannten,

daß dieses Strafverfahren derartige

Ausmaße angenommen hatte, daß auch

nicht ein Dorf von Dieben oder deren

Komplizen frei war, haben sie einen besonderen

Beschluß gefaßt. Es war ihnen

zu mü hsam und zu kostspielig, alle zum

Tode Verurteilten noch weit zu transportieren

, und sie kamen deshalb überein, alle

Bösewichte aus der Bande in Valkenburg

hinzu richten. Das galt für die aus Beek (im

Valkenburger Land), Houthem, Kli mmen

Hulsberg , Meerssen usw. (ausgenommen

die aus der Hauptbank Heerlen).

Am 3. Dezember 1773 wurden demnach

auf dem Lommersberg bei Valkenburg

aufgehängt

Peter Ju . Mathias C.

Peter M.

Jan S.

Holger G.

Jan Ee.

(versto rben und unte

r dem Galgen begraben)

Am 21. Dezember 1773 wurde Gerhard M.

nach seinem Tod aufgehängt.

Am 7. Juli 1774 wu rden dort aufgehängt

Janneke S. Niklas Sp.

Peter P. Gerd 8.

Am gleichen Tage wurden die Todesurteile

von Christian II. und Peter M. an den

Galgen genagelt. Beide waren ausgebrochen

.

Am 21. Juli 1774 wu rden glei chfalls dort

aufgehängt

Wilhelm Er. Peter Cl.

Mathias Ca. Dirk D.

Mathias B.

Am 14. November 1774 wurden in Valkenburg

aufgehängt

Nyst Pa. Wilhelm Ad .

Lens Sch. Heinrich Ak., erst

Heinrich Th. schwarz gemacht,

Gerhard Pa. die Mittelfinger der

Niklas Re. rechten Hand abge-

Daniel Ho. hackt und dann gerä-

Johannes L., vorher dert.

schwarz gemacht. Gerhard Sy.

Am 30. Dezember 1774 wurde die Leiche

von Anton Ern. aufgehängt

Am 12. Januar 1775 wurden bei Valkenburg

aufgehängt

Peter Spa. Stas Pa.

Johannes H. Wilhelm Ra.

Coen S.

Am 14. März 1775 wurden aufgehängt

Peter Sm . Coen Ja.

Meys T.

Heyn Pa.

Lambert Ru . Christian Ra.

Bei Neyst N. wurde das vom Richter ergangene

Urteil am Galgen angeschlagen

und er selbst nach seinem Tod aufgehängt.

Am 4. April 1775 wurden bei Valkenburg

aufgehängt

Niklas D.

Lambert Ak.

Franz Wilhelm H.

Nyst A., genannt

,Sintes'

Nyst Johannes Ra.

van 't Retersbek

Mathias Ern.

38


Die BOCKREITER von Meerssen in einem historischen Fachbuch von 1804

Aus Meerssen bei Maastricht im Land

von Valkenburg stammten zahlreiche

aktenkundige Bockreiter, die auch Pfarrer

Daniels teilweise erwähnt. Später,

um die Jahrhundertwende, nistete sich

in dem Ort eine völlig andere, gut

durchorganisierte kriminelle Bande ein.

Über diese schreibt der zeitgenössische

Fachmann Keil aus Köln. In unserem

Zusammenhang ist aber interesnicht

wie die Jüngern die Thüren der

Beraubten mit Gewalt, sie griffen diese

nicht persönlich an, sie mißhandelten

sie nicht. Ihr System war just das Entgegengesetzte,

sie schlichen, so leise

sie nur konnten, bei schweigender

Nacht vor die Läden und Stuben reicher

isolirt wohnender Landbewohner,

brachen unvermerkt ein, und entsprangen

mit dem Gestohlnen oft ohne die

geringste Spur von sich zurücke zu

lassen. Diebstähle dieser Art geschahen

in damahliger Zeit so häufig, mehrten

sich mit jedem Tage, und blieben

dabei in so einem geheimnißvollen

Schleyer verhüllt, daß allendlich der

gemeine Mann, der in der dortigen Gegend

ohnehin in der tiefsten Finsterniß

lebt, und wie überall seinen Geist so

gerne mit Wundern nährt, auf den Gedanken

kam, sie könnten nicht anderst

als mit unrechten Dingen verübt worden

seyn, der Böse müßte mit den

Spitzbuben gemeinsame Sache gemacht

und ihnen in Ausführung des

Raubes geholfen haben. - Zur unumstößlichsten

Gewißheit wurde ihm diese

Idee, als man ihm erzählte; daß

gleich nach dem verübten Raube,

schon am anderen Morgen, die gestohlenen

Effekten in einer großen Entfernung

- nämlich in dem Dorfe Mersen

- bey Hanns oder Kunz erblickt worden.

- Unbegreiflich war ihm die Geschwindigkeit,

und er glaubte nun rr:iehr

fest und steif an Satans Mitwirkung.

Traf nun der Fall ein, daß irgendwo ein

Raub verübt worden, so machten sich

die Bestohlenen auf der Stelle auf, und

reisten, ohne sich weiters umzusehen

oder sich die Mühe zu geben, weiters

nachzuforschen, so schnell sie nur

konnten, nach dem verrufenen Mersen,

wohin die Hexenmeister, wie es

hieße, ihren Zug zu nehmen pflegten.

Waren sie so glücklich; ihr Eigenthum

wieder zu finden - was denn auf die

natürlichste Art der Welt zuging - so

diente die Geschichte davon nur zum

ein,em neuen Beweis über das Spiel

des Teufels. Da war niemand, der nicht

um dem bei ihm geschehenen Diebstahl

ein gewisses Ansehen, etwas außerordentliches,

zu geben, das eine

und andere hinzugedichtet, und so das

seinige beigetragen hätte, das Mährsant,

daß Keil im Rückblick auch die

Bockreiter erwähnt, was meines Wissens

in keinem anderen zeitgenössischen

deutschsprachigen fachlichen

Werk der Fall ist.

Actenmäßige

Geschichte

der

Räuberbanden

an den beyden Ufern des

Rheins

Zweyter Theil

Enthaltend die Geschichte der Brabantischen,

Holländischen, Mersener, Krevelder,

Neußer, Neuwieder und Westphälischen

Räuberbande; aus Kriminal­

Protocollen und geheimen Notizen des

Dr. Keil, ehemahligen öffentlichen Ankläger

im Rur-Departemente, zusammengetragen

von einem Mitglied des

Bezirks-Gerichts in Cöln. Cöln, bey

Keil XII. J. (1804)

Mersische Bande

Auf dem rechten Ufer der Maas, anderthalb

Stunden von Mastricht, nordostwerts

am Fuße eines Berges, der

mit dichtem wilden Gesträuche überwachsen

hoch über das romantische

Maasthal empor ragt, liegt, vom Geuls­

Flüßchen durchströmt, ein eben nicht

großes aber volkreiches Dorf, von dem

ein Canton den Nahmen führt - Mersen.

Seit hundert Jahren und noch länger

hatte mitten unter friedlichen frommen

Landbewohnern ein heilloses verworfenes

Räubergesindel hier seinen

Wohnplatz aufgeschlagen. Was dazu

beitrug, daß es just diesen Ort und

keinen anderen sich erkohr, war eines

Theiles die Nähe des holländischen,

brabantischen, des Lütticher, des Jülichschen

und Aachner Gebiethes, die

Leichtigkeit, womit es von einem Districte

in den anderen wandern und so

sich dem nachschleichenden Auge der

Justiz entziehen konnte, andern Theils

aber der Zusammenfluß einer Menge

das Land herumstreichender Handelsjuden,

die den Verkauf des Gestohlenen

beförderten. -

Die Räuber, die in den ersten Zeiten

sich dort niederließen, waren nicht nur

ein ganz anderer Schlag Leute als die

Räuber in neuem Zeiten, sondern hatten

auch eine eigene Raub-Methode,

die von jener der Räuber unserer Epoche

ganz unterschieden war. Die alte

Mersener stürmten so zum .Beispiele

chen vollständiger zu machen. Bald

hatte die erhitzte Phantasie ein ausführliches

Gemählde der Teufeleyen

entworfen. Über einem blutigen ermordeten

Körper, so hieß es, verbänden

sich die Räuber mit gräßlichem Eide.

Belial selbst führe dabey das Präsidium,

mustere die Glieder, gebe die

Diebstähle an und helfe sie ausführen.

Einern jeden der Räuberbande, so fabelte

man weiter, stehe ein schwarzer

zottiger Ziegenbock zu Gebothe, mit

dem er durch die Luft zu reiten pflege,

um seinen Raub weit weit herzuhohlen.

Von dieser sonderbaren Reuterey bekamen

denn allgemach die Räuber den

Nahmen der Bocksreuter. In langen

Winterabenden wurden von nun an tausend

und tausend Geschichten von

dem Leben, den Thaten, und dem

schauerlichen Ende der Bocksreuter

erzählt, und weit umher verbreitet.

Begünstigt durch den Aberglauben und

die Furcht des Volkes, die sie weit entfernt

waren, zu verscheuchen, hörten

die Räuber viele Jahrzehende nicht auf,

ihr Schandgewerbe zu treiben, vielmehr

vermehrte sich ihre Kühnheit mit

jedem Tage. Endlich erwachte die Justiz

und suchte durch vermehrte Strenge

- wie das fast jedesmal nach Epochen

zugroßer Gelindigkeit und Milde

der Fall ist - wieder gut zu machen,

was sie, oder vielmehr ihre schläfrigen

Beamten, verdorben hatten. Nun ging

es ans Einziehen und Verhaften, ans

Foltern und Hinrichten, mit Strang und

Rad. Schrecklich wurde unter den armen

Bocksreutern gehaust, und das

Blutvergießen nahm kein Ende, bis der

rächende Arm des Themis erlahmt, der

zauberische Räuberverein völlig zerschmolzen

schien, bis eine ganze Reihe

von Häusern in Beek durchs Schaffott

verödet wurde, und ein großer Teil

der Einwohner von Mersen den entsetzlichen

Tod der Missetäter gestorben

war. - Somit schließt sich die

ältere Mersische Räuber-Geschichte.

Zitiert nach: Becker B. (Hrsg.), Actenmässige

Geschichte der Räuberbanden an den

beyden Ufern des Rheins (in zwei Teilen),

Köln 1804. Nachdruck der Originalausgat,e

durch das Zentralantiquariat der DDR, Leipzig

1972

39


Mit den armen Frauenspersonen schien

man Mitleid gehabt zu haben. Als ein nicht

näher zu definierendes Mannweib wurde

Katrin Tr. ausgepeitscht und verbannt.

C.B. wurde gegen eine Kaution entlassen.

Am 22. Juni 1775 wurden bei Valkenburg

aufgehängt

Wilhelm Ha.

Jan C.

Leonhard Hu .

Jakob Bo.

Peter Bo.

Johannes Pi.

Hand Da.

Die Leiche des Stefan

Me. wurde unter

dem Galgen begraben

Am 17. August 1775 wurden dort aufgehängt

Leonhard Bu.

Mathias R. Jakob Ro.

Martin Du. Anton B. , genannt

Mathias Sil. der ,Mox', er wurde

Heinrich Ha. gerädert

Am 20. September 1775 ist Johannes Sc.

auf der Folter verstorben, und sein Leichnam

wurde vom Schinder aufgehängt. Am

29. des gleichen Monats wurde die Leiche

von Jakob He. am Galgen aufgehängt.

Im Gefängnis verstarben Peter Cl. , Leonhard

Py. und Dirk Sp. Sie wurden unter

dem Galgen begraben .

Beispiel für eine

Bockreitersage

Die Feuer-Gespenster von der Teverner

Heide

Eines Tages machte sich ein braver

Bauer aus dem Jülicher Land auf den

Weg durch die Heide nach Brunssum,

um dort Verwandte zu besuchen. Man

hatte sich sehr viel zu erzählen, und es

war recht spät geworden, als sich der

Bauer endlich auf den Heimweg

machte.

Wie er auf die weit ausgestreckte Heide

kam, die zwischen Brunssum und Teveren

liegt, war es bereits dunkel geworden,

und nur der Mond leuchtete

dem einsamen Wanderer auf dem Weg

durch die Sanddünen der Heide, wo in

grauer Vorzeit einmal die Wasser der

Maas zum Meer hin strömten. Der

Mann beschleunigte seine Schritte, um

so rasch wie möglich in eine von Menschen

bewohnte Gegend zu kommen,

denn es war ihm nicht so recht geheuer

hier in der Heide. Er hatte schon viele

Schauergeschichten davon gehört.

Auf einmal sah er in der Ferne eine

Feuersglut, die schnell auf ihn zukam.

Erschrocken sprang er auf die Seite,

aber da war die schauerliche Spukerscheinung

auch schon herangebraust.

Voll Entsetzen sah er einen feurigen

Wagen, der in rasender Fahrt über die

ausgedehnte Heide dahinsauste. Ganz

deutlich erkannte unser Bauer zehn

feurige Gestalten auf dem Wagen , die

Am 5. Oktober wurden gleichfalls dort aufgehängt

Niklas Hol. Jan Wi.

Heinrich Ru . Wolfgang Co.

Goswin Me. Gerke W.

Peter Wo.

Am 21 . Januar 1776 wurden dort aufgehängt

Stefan Ek.

Peter Arnold Pa. Paulus M. , genannt

Jan Mo.

,Pau lus aus dem

Thomas Pa. Bock'

Flüchtige und teilweise vom Gericht der

Bank Heerlen Gebannte

Peter Na.

Lambert K.

Peter SI.

Kaspar He.

Leonhard 1.

Emund S.

Johannes F.

Leonhard Ho.

Wilhelm De.

Andreas S.

Jakob H.

Gerhard D.

Franz S.

Mathias R.

In Heerlen ausgebrochen

Leonhard M. Peter He ., genannt

Hans Peter M. ,Swert'

Peterchen Jan Di.

Flüchtige und vom Gericht in Valkenburg

Gebannte

Anton B., Glaser

aus de Heeck

Heinrich L.

Walter P.

zum Teil keinen Kopf mehr hatten. In

seiner Angst lief der Bauer los, so

schnell ihn seine Beine nur tragen

konnten. Erst nach einiger Zeit getraute

er sich , wieder nach der schaurigen

Erscheinung auszuschauen. Und da

sah er dann die Feuersglut am Horizont

verschwinden.

Nach einer Weile erblickte er endlich

die Lichter von Grotenrath. Aus dem

Wirtshaus des Dorfes drangen Stimmen

zu ihm, und der erschöpfte Bauer

ging gleich hinein und berichtete, was

ihm draußen in der Heide begegnet

war. Da schlugen der Wirt und alle Anwesenden

vor Schreck ein Kreuzzeichen

und erzählten dem späten Wanderer,

daß er die verfluchten Seelenn

der zehn Bockreiter aus Übach gesehen

habe, die am 10. September 1743

in der Heide hingerichtet worden seien.

Diese ließen sich von Zeit zu Zeit hier

des Nachts blicken, weil sie im Jenseits

keine Ruhe finden könnten.

Der Bauer ging später noch öfter nach

Brunssum, aber immer kehrte er noch

vor Einbruch der Dunkelheit zurück.

Dem feurigen Wagen und den Feuer-

. Gespenstern wollte er nämlich unter

gar keinen Umständen mehr begegnen.

(Der niederländische Text dieser Sage

in: W. Gierlichs, De geschiedenis der

bokkerijders in't voormalig land van 's

hertogenrode, Roermond 1940, herdruk

Maastricht 1972, S. 149 f., Übersetzung:

Rudnick.)

Wilhelm Wi .,

genannt

,Stiefel-Willem'

Wilhelm H.

Jan Py.

Bastian B.

Peter L.

Lentje C.

Christian V.

Mathias Sm.

Heinrich Co .

Paulus D.

Walter M.

Mathias S.

Heinrich W.

Andreas Sm.

Niklas Sa.

Peter K.

Leonhard V.

Friedrich Ro.

Christian P.

Peter G. aus de

Heeck

Mathias Sw.

Michael De .

Hänschen D. aus de

Heeck

Johannes Ge.

Leonhard 0., genannt

,swert Lintje'

Wienand Sm., genannt

,die Klaue'

Mathias St. aus Beek

Es gab noch weitere Ve rurteilte in Valke n­

bu rg, doch denen widerfuhr eine seltene

Gnade: Sie wurd en freigelassen! Warum,

das ist mir nicht bekannt. In Gewahrsam

waren unter anderen Gertrud B., die Toch ­

ter des geflohenen Glasers aus de Heeck.

Desgleichen ein gewisser Thisken D., weiterh

in Johannes S. , Peter B. und noch vie r

aus Meerssen. Von denen aus Meerssen

hat man einem, den sie allgemein ,den

Narren' nannten, die größte Eh re angetan:

Mit der Schlinge um den Hals hat man ihn

unter dem Galgen ausgepeitscht. Die übrigen

sind mit einem Landverweis für dieses

Mal davongekommen. Gertrud B. und

Thisken D. aus Retersbeek waren beim

Verhör durch den Richter sehr gesprächig

gewesen, und gebe Gott, daß sie bei dem

vielen Geplapper nicht allzu viel gelogen

haben. Eigentlich gehört es hier nicht hin ,

und mir steht in dieser Sache auch kei n

Urteil zu, doch eines weiß ich sicher, wer

viel redet, lügt auch viel. Dennoch wünsche

ich Thisken und Gertrud viel Glück,

auf daß sie sich bessern, beim einen wie

beim anderen. Der für die beschriebenen

Hinrichtungen zuständige Gerichtsherr

war der Herr und Meister Vignon, Staatsanwalt

war Herr C. L. de Limpens.

In der Herrlichkeit Geul an der Maas wurden

am 8. Oktober 1773 aufgehängt

Peter K.

Peter P.,

genannt ,das

Lehmkühlehen'

Servatius L.

Arnold R.

Martin van A.

Am 15. März 1774 wurde aufgehängt

Leonhard H., genannt ,Scheerman'

Am 15. November 1774

Heinrich Gy., genannt ,das Herrchen'

Am 3. Mai 1775

Peter V. von Waterval

Aus Geul geflüchtet und dann verbannt

Martin N., Johannes G. und Leonhard B.

Schultheiß in Geul war Herr L.W. van den

Heuvel

In Elsloo, einer Herrlichkeit an der Maas,

wurden am 2. November 1773 aufgehängt

Niklas SI. Michael M.

Peter P. Paulus J. ,

Jan Sm .

genannt ,Hatten aes'

Paulus J., Gerichtsbote

40


Am 6. Dezember

Wil helm P.

Andreas Le.

Lambert W.

Heinrich Gr.

Am 9. Februar 1774

Corneli us B.,

genannt Boere Jan

Johannes D.

Aret van L.

Peter G. P.

Am 16. Mai 1774

Peter B.,

Bürgermeister

Jan J.

Martin Mu .,

genannt Pandure

Peter Sc.

Egidius Sm.

wurd en die Leichen von Arnold van L. und

Michael de J. unter dem Galgen begraben.

Am 4. Mai 1774 wurde die Leiche von

Hermann F. mit einem Bein an den Galgen

gehangen, weil er im Gefängnis Selbstmord

begangen hatte.

Flüchtige und vom Gericht in Elsloo Gebannte

Jan Dr.

Dirk M.

Franz B.

Öirk Bo.

Peter J.

Bastian Bo.

Leonhard Gr.

Jan M.,

genannt ,Vater Jan'

Peter H.

Jakob Sm .

Gerd H.

Martin Va.

Und noch einer aus Elsloo mit Namen

Gerd Ja., er wurde in Kessel aufgehängt.

In Mechelen, einer Herrlichkeit des Kapite

ls der Kirche St. Servatius in Maastricht,

auf dem linken Ufer der Maas gelegen ,

wurde am 22. August 177 4 der Amtmann

(Drossard) des Ortes, Herr J. C. S. Limpens,

aufgehängt.

Holger Ra. und Jan Ra. , Vater und Sohn ,

sowie ein aus Mechelen Geflüchteter, namens

Jan op den · C., wurden im Jahre

1775 in Thern aufgehängt. Kaspar C., ein

Schuhmacher aus ,Reeckheim' , erhielt eine

Gefäng nisstrafe von 40 Jahren.

Am 20. März 1774 wurde Wilhelm H. aus

Berg bei Maastricht aufgeknüpft.

Am 12. Januar 1775 wurde in Stein an der

Maas Leonhard der Spielmann aufgehängt.

Am 11. Dezember 1773 wurde Leonhard

Dae., gebürtig aus dem Reich Aachen , in

der Stadt Maastricht aufgehängt. Er hatte

in Aachen viele Jahre die Figur von Kaiser

Karl dem Großen in der Prozession getragen.

Ein weiterer wurde in Maastricht vom

Kriegsgericht zum Galgen verurteilt, es

war der Soldat Wilhelm He. aus Heerlen.

Am 6. November 1776 wurden in Margraten

aufgehängt:

Anton Ov. und Leonhard Ey., genannt

,Lein von Nuth '. Aus Gulpen wurden drei

aufgeknüpft, und zwar: Niklas de L. N.,

Ambrosius V., gebürtig aus Schinnen, und

Johannes Ald ., genannt ,Poolhans'.

Ausgepeitscht und verbannt wurde Balles

F., genannt ,den Schul' (der Schütze?).

Amstenrade war eine kleine Grafschaft,

die zu österreichisch-Valkenburg gehörte,

und gliederte sich in sogenannte Unterbanken

. Zuständiger Amtmann war dort

Herr N. Strens. Im Jahre 1773 wurde dort

Auszug aus der »Constitutio

criminalis Carolina« (C.C.C.),

der Peinlichen Gerichtsordnung

Karls V. von 1532

~ee aUerburd)leud)tig,

ften groämed)tigften tm•

übermtnbtltd)ften iel)f er

.Warf~ be0 fünfften: tmnb

bea l)el)tigen fflömif d)en

metd)e ~einlid) gertct,t0

orbnung, auff ben mehi)g,

t,1gen AU mugf~urgt tmb

megenf~urgf, tnn jaren

brei fftg, tmb Atuel)

nnb breiffftg gel)aften,

auffgerid)t tmb

bef ctloff en.

Diebstall heyliger oder

geweichter ding an geweichten

und ungeweichten

stetten

171. ltem stelen von geweichten dingen

oder stetten ist schwerer dann ander

diebstall, vnd geschieht inn dreyerley

weiß, Zum ersten, wann eyner etwas

heyligs oder geweichts stielt an

geweichten stetten, Zum andern, wann

eyner etwas geweichtes an vngeweichten

stetten stielt, Zum dritten, wann

eyner vngeweichte ding an geweichten

stetten stielt.

Von straff obgemelts

diebstalls

172. ltem so eyner eyn Monstranzen

stielt, da das heylig Sacrament des altars

inn ist, soll mit dem fewer vom

leben zum todt gestrafft werden. Stel

aber eyner sunst gülden oder silbern

geweichte gefeß, mit oder on heilthumb,

oder aber kelch oder patenen,

vmb solch diebstall alle, sie sein geschehen

an geweichten oder vngeweichten

orten, auch so eyner vmb stelens

willen inn eyn geweichte kirchen,

Sacrament hauß oder sacristei bricht,

oder mit geuerlichen zeugen auffsperret,

diese dieb sein zum todt nach gelegenheyt

der sach vnd radt der rechtuerstendigen,

zu straffen.

173. ltem so eyner eyn stock, darinn

man das heylig almusen samlet auffbricht,

sperret, oder wie er argklistig'

darauß still, oder solchs mit etlichen

wercken zuthun vndersteht, der ist

auch an leib oder leben zu straffen,

nach radt der rechtuerstendingen.

Diese Gerichtso,..:lnung enthält vor allem

Strafprozeßrecht und galt teilweise

bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Aufgrund der Rechtsentwicklung im

Deutschen Reich (Zusammenfließen

von germanischem und römischem

Recht) durfte niemand nur aufgrund

vom Indizien verurteilt werden. Man

brauchte das Geständnis des Angeklagten.

Die Folter war somit die

zwangsläufige Folge dieser Rechtsauffassung.

Nur der Staat verfolgte und bestrafte,

eine Berufung war undenkbar. Dies bedeutete,

daß der Beschuldigte der

Staatsgewalt hilflos ausgeliefert war.

Der Fall Kirchhoffs in Herzogenrath

zeigt überdies, daß man die Willkür bei

Gericht so weit trieb und selbst ohne

Geständnis des Beschuldigten die Todesstrafe

aussprach und vollstreckte.

Bekanntlich hatte Kirchhoffs zwischen

August 1771 und seiner Hinrichtung im

Mai 1772 ständig wiederholte, furchtbare

Folterungen durchgestanden und

keinerlei Geständnis abgelegt. Dies

beweist einerseits, wie sehr man auf

sein Gestehen erpicht war, und andererseits,

daß sich das Gericht auch

über die herrschenden Rechtsregeln

hinwegsetzen konnte, ohne Revisionen

oder Berufungen befürchten zu

müssen.

Der zitierte Abschnitt 172 weist aus,

daß bei Heiligtumsschändung das Verbrennen

bei lebendigem Leibe vorgesehen

war.

41


Jan D., genannt ,Kalver Janneken' aus

Brunssum aufgehängt. In Nuth, aus österreichisch-Valkenburg,

wurde am 16. Februar

1775 Johann Bo. aufgeknüpft.

Weil man erkannte, daß die Untaten in so

weitem Umkreis begangen wurden, faßte

der hochehrbare Staat des Landes von

Österreichisch-Valkenburg den Beschluß,

für das gesamte Gebiet nur ein Gefängnis

einzurichten, und zwar auf Schloß Am ­

stenrade. Gleichfalls wurde ein einheitlicher

Hinrichtungsort ausgewählt, der in

der Brunssumer Heide lag.

Dort wurden aufgehängt:

Am 28. September 1776

Kaspar van M., Simon V. L.

Zöllner Johannes L.

in Schin op Geul aus ,Strugt'

Jakob Oss, dortiger Anton B.

Gerichtsbote

Am 6. März 1776 wurden dort aufgehängt

Johannes En. aus Schin op Geul , Johannes

M. aus Hoensbroek, genannt ,krum-

. mer Hans' und Johannes M., zwei Vettern ,

sogenannte ,Montenaken' .

Amtmann (Drossard) von Hoensbroek war

zu der Zeit Herr J. W. Franssen, und der

öffentliche Ankläger in Schin op Geul war

Herr C. L. de Limpens.

In Munsterbilsen im lande von Lüttich,

zwei Stunden Weges von Maastricht entfernt,

wurde im März 1774 ein gewisser

Jan van M. ins Gefängnis eingeliefert. Er

stammte aus dem Dorf Wellen , was wiederum

zwei Stunden von dort entfernt lag.

Durch das Gericht von Munsterbilsen wurde

er zum Tod verurteilt, er sollte enthauptet

werden und sein Leichnam danach verbrannt.

Amtmann war dort N. Hollanders,

doch dieser Amtmann wurde am 16. Juni

1774 mit den drei folgenden in Wellen

hingerichtet. Sie waren allesamt aus Wellen

selbst oder aus der unmittelbaren

Nähe.

Zuerst gewürgt und dann verbrannt

wurden

Tilmann van der M. Arnold Vo.

Hermann Ly.

15. Kapitel

Am 1. August 1774 wurden in Wellen erst

gewürgt und dann verbrannt

Gijsen G., genannt Laum Go.

,Spijen Gijen' Johann Ly.

Heinrich Ro. Peter Wilhelm S.,

Johannes C. der lebend

Hoppe C.

gerädert wurde

Der Letztgenannte war aus dem Land von

Valkenburg gebürtig. Schon Mitglied der

Bande, wurde er holländischer Soldat. Er

kam eines Tages von der Kirmes in Nuth,

als er, in Gesellschaft eines Kameraden,

auf der Straße nach Maastricht eine junge

Frau ermordet und ihr das bißchen, was

sie bei sich hatte, raubte. Hieran erkennt

man , wozu doch die Bosheit eines gottverlassenen

Menschen fähig ist!

Der 7. September 1774 war für Wellen bei

Munsterbilsen ein Tag, an den noch die

Nachwelt zurückdenken wird, und die

Erinnerung an die eigenen Landsleute

wird ihnen, angesichts der Gottlosigkeit

dieser Verbrecher, einen Schauder über

den Rücken jagen . Die Erinnerung an jenen

Tag wird so lebhaft sein, daß die

Nachkömmlinge noch in Ohnmacht fallen

werden , wenn etwa Kinder ihre Eltern hiervon

berichten hören .

An diesem Tag wurden in We llen elf Männer

verbrannt, sechs davon zuvor erwürgt.

Die übrigen fün f wurden lebenden Leibes

verbrannt. Um das Geschrei und das Brül ­

len der fünf zu übertönen, ließ der Richter

während der Prozedur eine große Zahl von

Trommeln schlagen.

Erst gewürgt und dann verbrannt wurden

die folgenden sechs:

Niklas H. Jan de P.

Egidius V. Jan Wilhelm H.

Heinrich F. Hubert Me.

Lebendigen Leibes verbrannt wurden die

fünf folgenden:

Franz Sr. Peter V.

Arnold G.

Mathias Go.

Heinrich C., genannt ,Sam Sebilken '

Außerdem wurde noch gewürgt und dann

verbrannt Tilman Sw. Dieser hatte zwar

gestanden und den Richter damit auch

weitergebracht, er mußte dennoch

sterben.

Nach alledem kann es sein, daß es den

Leser verwundern wird, weshalb man im

Land von Lüttich, im Vergl eich zu den

übrigen Ländern , derart schaurige Strafen

verhängte. Schließlich ware n die Angeklagten

doch überall Mitglieder ein und

derselben Bande.

Die Verb recher von Wellen und Umgebung

hatten jedoch zusätzlich ganz üble

Kirch en- und Heiligtumsschändungen begangen.

Ja, sie haben sogar mit geweihten

Hostien gefrevelt und diese geschändet.

Darum wurden sie nach Landesgesetz

und auch nach allgemeinem Gesetz bestraft.

Hiernach steht auf gemeine Heiligtumsschändung

die Todesstrafe und in

besonders schweren Fällen das Verbrennen

bei lebendigem Leib. (Nach: Cod. L.I.

tit. 2 LL. 5.10.54.) 30

Was nun die Gauner und Diebe im Land

von Valkenburg angeht, dem Herrschaftsgebiet

Ih re r Majestät, der Kaiserin, so

gab der Hof zu Brüssel 31 den Richtern des

Landes eine geheime Anordnung. Hierin

wurde unter anderem ve rfügt, daß die als

Bandenmitg lieder überfü hrten so

schwer ih re Vergehen au ch immer gewesen

sein mögen - mit keiner anderen

Todesstrafe als Tod durch Erhängen am

Galgen bel egt werden durften . Diese hatte

man angeordnet, damit die Verhafteten

nicht durch schaurige Strafandrohungen

davon abgehalten wü rden , zuvor alles gut

und aufrichtig zu gestehen.

Am 23. August 1779 wurde in Aachen das

Urteil gegen Christian M. verkündet. Er

hatte dort bereits sechs Jahre im Gefängnis

verbracht und wurde lebenslang aus

Stadt und Reich von Aachen verbannt.

Das Gericht dieser Re ichsstadt besteht

aus dem großen Rat der Zünfte (Stadtrat) ,

mit dem Bürgermeister an der Spitze.

Waren alle Einwohner der lande von

Overmaas Schurken und Bockreiter?

Was denken Sie sich , verehrter Leser, bei

einer derart großen Zahl gottloser Menschen?

Das muß doch ein zutiefst· unchristliches

Land sein, wenn dort so viele

Schurken anzutreffen sind! Ob denn da

überhaupt noch anständige Leute

wohnen?

Ja, seht nur an, Einwohner von Overmaas

und Umgebung, so urteilt man über Euch!

Es wird herumerzählt, daß in Eurem Land

nur Verbrecher, Nachtdiebe, Bockreiter3 2

und dem Teufel Verfallene leben. Markt-

schreier und fahrende Sänger singen und

verkaufen sogar Li eder, in denen Pfarrer,

Kapläne und andere Respe ktspersonen

mit zu der Diebesbande gezählt werden.

Ja, und in weiter entfernt gelegenen Gegenden

hat man dem auch Glauben geschenkt!

Doch nein, so ist es nicht! Man

trifft viele ehrliche Menschen in unserem

lande an, die auch nicht das mindeste mit

den Schu rken zu tun haben und auch nicht

mit ihnen verwandt sind . Es verhält sich

hierbei in den landen von Overmaas ge-

nauso wie auch in anderen Ländern : Gute.

sind mit Bösen gemischt. Es ist zwar richtig,

daß die Diebe hier von vielen Einwohnern

gedeckt und unterstützt werden.

Doch, sagen Sie selbst, was sind schon

500 oder 600 Mann unter 60 000 bis

70 000 Einwohnern? Sagen Sie mir, ob

dies in so großen Banken wie Heerlen,

Beek, Klimmen und Meerssen ins Gewicht

fällt? Dort wu rden 100 oder 150 aufgehängt,

aber es leben über 1 O 000 Menschen

in diesen Banken. Aus Heerlen

42


wurden 37 hingerichtet, und das bei 3 000

Ei nwohnern. Finden Sie nicht auch , daß

man da nicht länger behaupten kann, alle

Einwohner seien angesteckt gewesen und

hätten mit der Bande unter einer Decke

gesteckt? In der Tat, das Ganze hätte noch

weit schlimmer werden können , wenn es

nicht der Allerhöchste so gefügt hätte, daß

alles zur Zeit ans Licht kam.

Die Verbrechen sind nun durchgehend in

der schlechtesten Schicht des Volkes geblieben,

und es traf nur sehr vereinzelt

eine angesehene Familie. Doch wenn die

Bande noch einige Jahre unentdeckt geblieben

wäre, so hätte man fürchten müssen,

daß auch manch ein rechtschaffener

und ehrl icher Mann hineingeraten wäre,

was ihn selbst ins Unglück und seine Familie

in Schande gebracht haben würde.

Im Jahre 1775 erschien ein kleines Bu ch

mit dem Titel ,Eine Überlegung zur Politik

und zu den Sitten' von J. A. Hencena. Es

geht darin um den Makel unter Blutsverwan

dten [Jnd ähnliches. Dieser Autor versucht

den Leuten auszureden , daß kriminelle

Taten einer Familie Schande zu ­

fügen .

Um den Menschen diese Einstel lung auszutrei

ben, hätte jener Herr allerdings anders

vorgehen müssen als mit diesem erwähnten

Büchlein . Die gemeinte Auffassu

ng hat sich zu Recht ganz stark in den

Köpfen der Leute festgesetzt. Den landen

von Overmaas konnte kein größeres

Glück widerfahren als das Aufdecken dieses

schlimmsten Übels, das doch so viele

ehrliche Bewohner bedroht hatte . Wie viele

Verbrechen hätten diese gottlosen

Schurken andernfalls nicht noch begangen?

Sie achteten ja weder Gott noch

ihren Mitmenschen, weder den göttlichen

noch den irdischen Richter. Selbst der

drohende schändliche Tod am Galgen

oder auf dem Rad ließ sie nicht vor weiteren

Untaten zurückschrecken. Eine bekannte

Redensart heißt: ,Der Dieb am Galgen

konnt' ihn nicht schrecken! ' So war es

auch mit einigen der Bande, die zu dieser

Zeit noch übriggeblieben waren. Die Herren

Richter waren jetzt überall am Fangen

und Hangen, und allüberall waren Räder

und Galgen aufgestellt. Wer wird da wohl

noch ans Stehlen und Rauben gedacht

haben? _Der ehrsame Einwohner konnte

jetzt sich'erlich bei offenen Türen und Fenstern

schlafen . Doch ach ! Er wäre der

Betrogene gewesen.

Am 24. November 1774 versammelte sich

am Abend eine größere Schar der Bande.

Sie wollten in das Pfarrhaus des Hochwürdigen

Herrn Pfarrers von Margraten einbrechen.

Der Ort liegt nicht weit von Gulpen

und gut zwei Stunden Weges von

Maastricht entfernt. Das Kommando über

diese_ Schar hatte Sr. Hermann S. übernommen.

Als Unterführer stand ihm Anton

8., genannt ,den Mox' zur Seite. Die Versammlung

wurde unweit von Margraten in

einem alten verfallenen Haus im Feld abgehalten,

welches dem Vater von Anton B.

gehörte. Dort beratschlagte man, wie man

am besten bei dem genannten Herrn Pfarrer

einbrechen sollte. Als das nun alles gut

überlegt war, stellte man einige Wachtposten

auf, und die anderen näherten sich

dem Pastorat und brachen ein. Sie hatten

Glück und konnten eindringen. Sie fesselten

die Magd und griffen sich etliches an

Hausrat. Der Herr Pfarrer aber, der den

Lärm vernommen hatte, sprang aus seinem

Bett und konnte in den Kirchturm

gelangen, wo er kräftig an der Glocke zog .

Doch da hättet ihr mal die Puppen tanzen

sehen können! Wie die nur konnten, rannten

sie , Hals over Kop', soviel Mann, soviel

Wege, auf und davon; ohne auch nur

das Geringste mitnehmen zu können .

Über diesen Vorfall habe ich nur deshalb

berichtet, damit der verehrte Leser hieraus

selbst erkennen kann , daß diese Schurken

keineswegs von Angst und Schrecken vor

dem drohenden Galgen erfüllt waren. Als

sie nämlich aufgeknüpft wurden , schienen

viele von ihnen davon so unberührt zu

sein wie das liebe Vieh. Ganz so, als wäre

nach diesem Leben schon alles zu Ende.

Räubereien

in der Reichsstadt Aachen

zur Zeit der BOCKREITER

In den umfangreichen Notizen des Aachener

Bürgermeisterei-Dieners Johannes

Janssen aus dem Jahre 17 48

heißt es über die immer größere Dreistigkeit

der Diebe und Räuber in Aachen:

Den 30ten 9bris ist auch wider einer

aufm aacher Busch vermordet worden,

nemlich Roderburg ein Kappesbaur

aus St. Jacobstrass, welcher nach Eupen

mit Kappus war gewesen und wegen

das geloste Geld mussen sein Leben

einbüssen. Der erste war ein Kaufmann

von Bortscheidt N. Müller, dieser

ist auch alldorten jämmerlich ermordet

worden und alle seine Leybsbedekkung

beraubt und also todt allda liegen

lassen . Es ist erschrecklich wie es jetzund

in und ausser der Stadt ein solches

unfreyes Gehen und Fahren ist,

nicht anders als wans ein Mordgrub

und diebisch Nest gleich wär. Die Bür-

ger seind bjj jetziger Zeit nicht frey in

ihre eigen Häuser. Es gehet bald keine

Nacht vorbey, dass nicht einer und

mehr bestohlen und beraubt werden.

Ja so gar in klaren Tag unterstehen sich

diese Dieb die Leut auf abgelegen

Gassen anzugreifen und ihnen ihr Geld

und andere silberne Snallen und Tabakxtossen

zu berauben , und dis von

Kerl, welche mans nicht sollte glauben

dergleichen im Sinn zu haben. Der liebe

Gott will uns alle besseren und ein

anderes Leben führen lassen, sonst ist

es hier zu Aachen nicht mehr zu bleiben

noch zu dauren das es ist zu furchten,

der liebe Gott soll einmal die ganze

Stadt darumb strafen dass der gute mit

dem Bösen bezahlen musste. Der

grosse Gott wolle uns alle gnadig sein

und uns vor ein solches bewahren.

Durch die all zu grosse Gelindigkeit der

Magistrat wirds allhier niemal besser

werden, sondern immer arger. Dan

kein Ort in Deutschland! zu linden wo

die Jugend so verwegen und gottloser

seind als wie hier zu aach, was macht

dass kein Verbrechen wird nach Geführ

abgestraft und was folgt dan forthin der

Muthwill und Bossheit wird grosser und

grosser, und Gott wirdts mit Gewalt

abgezwung selbst die Strafruth zu ergreifen

und uns Menschen einmal zu

züchtigen. Wan aber ein Zuchthauss

am Platz Comedie-Haus wurd gestiftet

und aufgericht, damit man dis gottloses

Gesindel abstrafte nach ihr Verdienst

und wohl liesse zuchtigen, so solls

besser allhier sein und Gott ein Gefallen

geschehen aber wass will man sagen

die Reiche und Arme, Herrn und

Unterthanen fragen nirgend mehr nach,

ob es wohl oder übel stehet mit dem

gemeinen Wesen ; Geistlich und Weltlich

nehmt sich nichts darumb an. Gott

will uns besseren. Amen .

(Dieser Auszug ist aus: H. A. Freiherr von

Fürth (Hrsg.), Beiträge und Material zur Geschichte

der Aachener Patrizier-Familien, 3.

Band, Aachen 1890, S. 165.)

Der Text zeigt in Grundtenor und Aussage

erstaunliche Parallelen zu dem

Buch von unserem Pfarrer Daniels auf.

Und wie Janssen, so läßt auch Daniels \

durchblicken, daß er vom Aachener

Gerichtswesen nicht viel hält.

43


16. Kapitel

Auch wenn es unsere modischen Philosophen

bezweifeln mögen, der Teufel kann

Bockreiten durch die Lüfte möglich machen!

Auf dem ganzen, allumfassenden weiten

Erdboden, will qc!gen : auf der ganzen We lt,

gibt es kein Wort, das mehr mißbraucht

wird als das Wort ,Philosoph'. Da gibt es

Leute, die haben ein Wörtchen Latein und

ein halbes Wort Französisch gelernt, und

die lateinisieren und französisieren dann

unsere deutschen Worte - bzw. die holländischen,

brabantischen oder flämischen

- derartig, daß selbst der Teufel

nicht mehr schlau draus werden kann . Das

Wort ,ambrasseeren' 33 hat bei ihnen anscheinend

die Bedeutung einer zweifachen

Aufregung, das wäre dann aber doppelt

,geambrasseerd', man müßte also der

ersten Aufregung gleich eine zweite folgen

lassen .

Daß man derartige Worte ständig mißbraucht,

mag noch angehen. Doch wenn

man das Wort ,Philosoph ' so schändlich

mißbraucht und jeder hergelaufene Heini,

jeder Jeck, der weder Religion noch Glaube

hat, sich ,Philosoph ' nennen darf, protestiere

ich mit dem allergrößten Nachdruck.

Ich wage die Feststellung, daß ein

wahrhaftiger und weiser Philosoph den

edelsten und glücklichsten Charakter auf

der Welt besitzt. Doch wird die Zahl solcher

Philosophen , solange es die Erde

gibt, überaus gering sein. Man wird kaum

jemanden finden, von dem zu sagen wäre,

daß dies ein großer und weiser Philosoph

ist.

Doch was sind die Philosophen unserer

eigenen, ach so verdorbenen Zeit? Das

si nd nichts anderes als ehrlose Leute, welche

die Bindungen christlicher Tugenden

und der göttlichen und irdischen Gesetze

gebrochen haben . Das sind die, welche

einen Gottesdienst lediglich für eine öffentliche

Veranstaltung ohne jede Verbindlichkeit

halten . Ja, es sind die, welche

weder an Gott und Teufel noch an Himmel

und Hölle glauben. Die Heilige Schrift ist

für sie ein Buch vom Fabelhans, Moses ist

ein Betrüger, David so ein Kerl wie Cartouche

3 4, Christus ein Marktschreier, die Apostel

alle Lügner und der christliche Gottesdienst,

genau wie der in der jüdischen und

islamischen Religion, ein und dasselbe

Phantasieprodukt. Ja, das sind .die feinen

Herren Philosophen unserer Tage!

Da wünschte ich mir, daß der älteste Bock

der Bande mit seiner ganzen Herde daherkäme

und alle diese feinen Philosophen

abschleppte, weit über das Teufelsmeer,

wo sie weder Mond noch Sonne sähen!

Verehrte Herren dieser modischen Phi- .

44

losophie, ich bitte Sie, mir zu verzeihen

wenn mich jetzt die Erregung übermannt

hat. Ich will mit Ihnen keinen Streit beginnen.

Aber philosophieren Sie ruhig weiter,

während ich mich wieder der Gaunerbande

zuwende und Ihnen einmal die Frage

vorlege : Wie sehen Sie das mit den

BOCKREITERN? Sind sie tatsächlich auf

Böcken geritten, oder mußt~n sie zu Fuß

gehen? Wenn ich selbst diese Frage beantworten

soll, so bitte ich nun alle diejenigen,

die weder die Heilige Schrift, noch

die Weisungen unseres Heiligen Vaters

ernst nehmen, einmal damit aufzuhören,

sich die Zeit mit den Geschichten von

Eulenspiegel und vom verrückten Gisbert

(Male Gijs) 35 oder den Sprüchen des Monsieur

Voltaire 36 zu vertreiben.

Was die BOCKREITER betrifft, so muß ich

dem verehrten Leser noch einige Informationen

hierzu geben, weil nicht jeder darüber

unterrichtet sein wird . An vielen Orten

hat man der Bande den Namen BOCK­

REITER gegeben, weil man glaubte, daß

sie des Nachts auf Böcken zum Stehlen

ritten. Diese Böcke, so glaubte man , seien

aber keine natü rlichen Böcke , so nd ern der

Teufel in der Gestalt eines oder mehrerer

Böcke. Und der Teufel brachte sie auf

kürzestem Wege hoch durch die Lüfte,

wohin sie wol lten. So konnten sie in nur

einer Nacht zehn , sechzehn, zwanzig und

mehr Wegestunden zurücklegen , um zu

stehlen oder um Versam mlungen abzuhalten.

Und der Bock brachte sie auch im mer

wieder zurück. Einige aus der Bande ha-

Abb. 26: Plastik BOCKREITER, geschaffen 1964 von W. von Bories. Dieses Kunstwerk hat einen

Ehrenplatz im großen Vortragssaal von Burg Rode in Herzogenrath.

Als Bockreiter-Denkmal steht die große Ausführung hiervon seit dem 19. Juli 1986 am Stadteingang

von Herzogenrath Ecke Bardenberger/Schütz-von-Rode-Straße.

Foto: Rudnick


ben das beim Verhör so ausgesagt, aber

viel wirres Zeug dazu erzählt. Der weise

Richter hatte dem keine größere Aufmerksamkeit

geschenkt. Und auch ich selbst

vermute, daß sie wohl zu Fuß gegangen

sind. Abe r ich betone dennoch, daß es in

der Macht des Teufels gestanden hätte,

diese Halun ken durch die Lüfte reiten zu

lassen.

Und um dies den uneinsichtigen ,Philosophen

' zu beweisen (weil man ja annehmen

darf, daß sie hierfür wenig Verständnis haben

werden ), aber um auch andererseits

den einsichtigen Leser nicht durch weitschweifige

Darlegungen zu langweilen,

verweise ich kurz auf die Lehren des heili-

gen Thomas von Aquin, wo man nachlesen

kann, wie der Teufel auch in natürlichen

Dingen wirksam ist. Damit ist zu beweisen,

daß der Teufel die Macht hat, einen

Menschen an einen anderen Ort zu

bringen. Recht überzeugend läßt sich dies

auch mit dem Matthäus-Evangelium belegen,

wo wir lesen, wie unser Erlöser vom

Teufel erst auf die Zinne des Tempels von

Jerusalem und dann auf einen hohen Berg

gebracht wurde.

Und wenn der Teufel dies mit dem

Mensch gewordenen Gott konnte, um

wieviel mehr vermochte er es dann mit

Menschen, die »des Teufels« geworden

waren, mit Leuten, so sage ich, die sich

bereits mit Leib und Seele dem Teufel

überantwortet hatten.

Ich finde es darum überaus kurzsichtig,

sich dieser Einsicht zu widersetzen und

dem Teufel diese Macht über den Menschen

abzusprechen; über Menschen, die

sich ihm doch schon vollkommen ausgeliefert

hatten. Ich selbst bin aber trotz allem

der Auffassung, daß sie brav zu Fuß gegangen

sind. 37

Wer noch mehr über Teufel und böse Geister

lesen will, sei auf das Buch ,Lodo' von

Lavater, dem reformierten Prediger aus

Zürich 38 , verwiesen.

17. Kapitel

Der Teufelseid, den die Bockreiter beim

Eintritt in die Bande ablegen mußten

In welchem Jahrhundert war die Welt eigentlich

noch verdorbener als in dem unsrigen?

Paulus Venutus schreibt in seinem

dritten Buch im vierten Kapitel von einem

Vogel auf der Insel Madagaskar, der der

größte auf der Welt sein soll und ,Ruch '

hieß. Dieser Vogel konnte einen ganzen

Elefanten in die Lüfte entführen und dann

fallen lassen, so daß er tot auf die Erde fiel.

Eine Feder dieses Vogels soll 90 Ellen 39

lang gewesen sei n, und man konnte damit

lange Lügengeschichten aufschreiben.

Es kann schon sein , daß dieser Vogel sehr

groß gewesen ist, aber die Galgenvögel in

den landen von Overmaas waren noch

größer! Wo gibt es heutzutage denn ein

Land, eine Stadt, einen Ort, wo solche

großen Vögel angetroffen werden, die ·ohne

Gottesfurcht jede, aber auch jede Gottlosigkeit

begehen? Wo ist der Ort, an dem

es auch solche Untiere gäbe, die nach

außen ehrbar erscheinen, aber dennoch

ihre Mitmenschen auf schändliche Weise

verfolgen und verschlingen? In derart verdorbenen

Zeiten ist nichts rarer geworden

als die althergebrachte Gottesfurcht. Diese

ist bei allen Gruppen und in allen Volksschichten

nahezu in Vergessenheit geraten.

Daß die Nachtdiebe auf dem Teufel in der

Gestalt eines schwarzen Bockes durch die

Lüfte geritten sind, darüber habe ich mich

im letzten Kapitel, wenn auch in aller Kürze,

ausgelassen . Der verehrte Leser wird

jetzt zu Recht neugierig sein, etwas über

den Teufelsbund zu erfahren, den die Mitglieder

der Bande eingegangen sind .

Was die Verpflichtungen und die Art und

Weise angeht, in der sich die Mitglieder

dem Teufel verschrieben, so gab es von

den verschworenen Nachtdieben recht

unterschiedliche Versionen. Das wird Sie,

verehrter Leser, nicht weiter verwundern,

weil sich die Burschen bei diesem Anlaß

oft wie die Tiere betranken, so daß sie

später keine näheren Einzelheiten mehr

zu erzählen wußten.

Es ist auch anzumerken, daß nicht alle

diesen gottlosen Eid ablegten, sondern

nur das einfache Treueversprechen, nie

auch nur das mindeste über die Bande zu

verraten. Zum anderen ist zu sagen, daß

viele noch in der vorigen Bande ihren Eid

abgelegt hatten. Ich betone ,vorige Bande',

um einen Unterschied zu machen,

obgleich beide Banden gleich sind und

sich nur in der Zeit und geringfügigen Einzelheiten

unterschieden.

Bei der Ortswahl für die Vereidigung

schien ihre alte Gottgläubigkeit noch einmal

stärker als die Bosheit gewesen zu

sein. Sie wählten hierzu nämlich keinen

profanen oder gar üblen Ort aus, sondern

suchten sich Kapellen. So die St. Leonards-Kapelle

in Herzogenrath, die St. Rosa-Kapelle

in Sittard, eine bei Urmond an

der Maas gelegene Kapelle und eine in

einem Wald in der Herrlichkeit Schaesberg

gelegene Kapelle. Sie legten dort den Eid

auf die folgende Weise ab : Am Altar der

Kapelle stand einer von ihnen in einem

langen Talar oder einer Toga. Neben diesem

stand ein zweiter mit einem Buch •in

den Händen . Auf dem Altar brannten zwei

Kerzen, vor dem Altar auf dem Fußboden

lag ein Kreuz und manchmal auch eine

Marienfigur, das Bild unserer allerheiligsten

Magd und Gottesmutter. Derjenige

nun, der seinen Eid ablegen sollte, kam

rückwärts gehend in die Kapelle, und der

vor dem Altar fragte nach seinem Namen ,

seinem Fach, seinem Alter und so fort.

Dann mußte er zwei Finger seiner linken

Hand zum Schwur erheben und seinen

rechten Fuß auf das am Boden liegende

Kreuz - oder die Figur der allerheiligsten

Magd Maria - setzen und folgendes

schwören (ich führe hier nur die wichtigsten

Punkte an) :

Erstens mußte er Gott und allen Heiligen

abschwören.

Zweitens mußte er der Bande in allem

Treue schwören; auf daß er nie das Mindeste

verrate - weder freiwillig noch auf

der Folter erzwungen. Und falls er wegen

nicht mehr zu ertragender Pein doch etwas

verraten mußte, so sollte er doch so-

Abb. 27: Bockreiter leisten den Teufelseid vor

der Herzogenrather St.-Leonhards-Kapelle.

Kupferstich von F. A. Scheureck als Abbildung

im Bockreiterbuch von 1781

(vgl. Anmerkung 3)

45


viel wie möglich verschweigen und auf

keinen Fall einen Kameraden verraten.

Wenn es zum Tod am Galgen käme, sollte

er alles widerrufen.

Drittens mußte er schwören , nach außen

hin wie ein aufrechter Christenmensch getreu

den Geboten der Kirche zu leben. Er

sollte beichten gehen und auch die Sakramente

empfangen . Dem Beichtvater solle

er aber kein Sterbenswörtchen über die

Bande sagen .

Viertens durfte er unter gar keinen Umständen,

was auch immer geschah, den

Versammlungen der Bande fernbleiben,

wenn ihm hierzu Ort und Zeit mitgeteilt

würden . Nur schwere eigene Krankheit

oder ähnlich schwere Hinderungsgründe

konnten ihn entschuldigen, was er aber

umgehend dem Anführer oder seinem Informanten

mitteilen mußte.

Fünftens mußte er schwören, keine eigenen

Einbrüche oder Diebereien zu begehen

oder sich auf öffentlichen Straßen als

Räuber oder Strauchdieb zu betätigen .

Ja, und schließlich mußte er auch noch

schwören, dies bei Leben und Tod treulich

zu befolgen .

Darauf wurde ihm ein warmes Getränk

oder auch Branntwein gereicht, und er

mußte auf das Kreuz unseres Herrn spukken

. Als sein Name dann in ein Buch

eingetragen war und er unterzeichnet hatte,

war die gottlose Handlung beendet.

Der Johannes P., der dabei war, hat mir

erzählt, der Schweiß sei ihm nur so heruntergelaufen,

als er diesen Eid ablegte, obgleich

es tiefer Winter war. Fürwahr, eine

saubere Gesellschaft, bei der der Teufel

das Zepter schwingt! Höchst bedenkenswert

ist, was P. Bignelli über den Kunstmaler

Zeuxes 40 schreibt. Dieser Zeuxes

nahm sich eines Tages vor, eine alte Frau

nach allen Regeln seiner Kun.st zu malen.

Doch als er das Gemälde vollendet hatte,

mußte der Meister über sein fertiges Werk

derartig lachen, daß er darüber einen

Herzanfall bekam und wenige Tage danach

an innerer Blutung verstarb. Was ist

die Sünde denn anderes als ein häßliches

mißratenes Abbild, angefertigt nach unserem

eigenen bösartigen und fehlgeleiteten

Willen? An diesem mißratenen Entwurf hat

der Meister, will sagen der Sünder, zwar

vorübergehend sein Wohlgefallen und er

kann auch herzhaft darüber lachen . Aber,

o Mensch, auf dieses Lachen fo lgt bald der

Aufschrei, auf die Freude folgt der

Schmerz! Die Strafe folgt der Sünde allüberall.

Denn Sünde und dazugehörende

Strafe sind aneinandergekettet. Ja, denn

wenn keinerlei Strafe auf die begangene

Sünde folgen würde, wozu hätte uns dann

der ewige und immerwährende Gott Gebote

erlassen?

Daß da ein ewiger Gesetzgeber sein muß,

einer, der alles lenkt und auch die Ordnung

in der gesamten Natur setzt, das

lehrt uns schon die Vernunft und die alltägliche

Erfahrung. 41

- • ..:. ~· '-!.·-i:. .... • _;;•• ~

.:}i:~~~/ -·'.;,.;

Abb. 28: Gesamtkomplex der Abtei Klosterrath (Rolduc) nach einer Lithographie von G. Slits von 1865.

Original: Abtei Rolduc. (Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis der Abtei Rolduc.) 1763 wurde auch die Abtei von Bockreitern überfallen.

In diesem geistigen und geistlichen Zentrum der lande von Overmaas führte man zwischen 17 40 und 17 48, in den ersten Monaten von 1752 sowie

zwischen 1770 und 1772 ein Tagebuch zu den Ereignissen um die Bockreiter. Der lateinische und niederländische Text dieser wichtigen

Geschichtsquelle findet sich in: Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders .. . , a. a. 0 ., S. 152 ff.

46


21. Kapitel

Der Weg in die Bande war für

manches Kind schon vorgezeichnet

Fürwahr, diese Welt ist wie eine großartige

Bühne, auf der - um im Bild zu bleiben -

der allmächtige Gott den König aller Könige

spielt. Doch sei n Kennzeichen ist, daß

er niemals irdische Not leidet und für immer

der eine und ewige Gott, der Herrscher

über Him mel und Erde bleibt.

Den Verlauf dieses Schauspiels auf der

Weltbühne haben wir tagtäglich vor Augen.

Sieht man erst ein weites fruchtbares

Feld, so ziehen alsbald ganze Heerscharen

auf, dort, wo zuvor noch die wogenden

Ähren standen . Und wieder wandelt sich

das Bild, und man erblickt nur noch einen

Steinhaufen, wo sich zuvor eine blühende

Stadt erhob. Adam und Eva waren die

ersten Höflinge, die der allerhöchste Fürst

zu hohem Ansehen erhob. Aber ach, wie

undankbar sind diese doch gewesen! Wie

schnell vergaßen sie ihren glücklichen Beginn.

Ja, sie verfielen sogar auf die aberwitzige

Idee, es Gott gleichtun zu wollen , dessen

Gnade sie doch ihr ganzes Sein verdankten.

Nun , die Strafe blieb nicht lange aus.

Unsere Voreltern wurden in Unglück und

Elend versto ßen, in dem wir uns immer

noch befinden . Sie mußten noch zu Lebzeiten

erken nen, daß sie nichts als Sklaven

waren .

Aber schon tritt Kain auf unserer Bühne

auf und stellt sogleich unter Beweis, daß

er die Verderbtheit geerbt hat, welche er

dann seinerseits als besondere Hinterlassenschaft

wiederum seinen Nachfahren

weitergab. Noch bevor sein dritter Bruder

Seth geboren wurde, hatte Kain Nachkömmlinge,

und es dürfte niemanden verwundern,

daß die bei einem solchen Vater

ebensowenig taugten . Der tugendsame

und fromme Bruder Abel hatte keine leiblichen

Erben , weil ja der bösartige Kain dies

vorzeitig durch den Brudermord vereitelt

hatte.

Als ich mich letztens mit diesen denkwürdigen

Ereignissen aus dem Alten Testament

befaßte, da ging mir so durch den

Kopf, daß es eigentlich heute ähnlich zugeht.

Die Astrologen, oder besser: Die

Sternegucker, haben uns früher immer

weismachen wollen , daß das Beliebtsein

unter den Leuten und das Glück oder Unglück

eines Menschen ganz oder zum al ­

lergrößten Teil vom Zeitpunkt der Geburt

abhänge. Gott sei Dank sind diese Ansich ­

ten inzwischen so unglaubwürdig geworden,

daß man sie für Märchen hält. Es

ginge deshalb auch zu weit, wenn man wie

früher die Auffassung vertreten würde,

daß derjenige, der für den Galgen bestimmt

ist, keinesfalls durch Ertrinken ums

Leben kommen kann. Auf der anderen

Seite ist es aber zweifelsfrei so, daß Kinder

die Wesensart und die Eigenschaften

ihrer Eltern übernehmen, insbesondere

von der Mutter oder der sie säugenden

Amme. Avicena, ein gelehrter Mediziner,

hat versucht, dies mit zahlreichen Beispielen

zu beweisen. Tiberius Nero, der dritte

heidnische Kaiser, ist ein großer Weintrinker

gewesen, weshalb ihn einige seiner

Zeitgenossen abfällig Biberius Nero 42

nannten. Die Ursache für die Trunksucht

lag aber einzig und allein bei seiner Amme,

die überaus unmäßig im Weintrinken

gewesen war. Es ist bekannt, daß Romulus

und Remus eine unbeschreiblich wilde,

rohe und ungezähmte Natur hatten,

die hatten sie sich bei ihrer vierbeinigen

Amme, einer Wölfin, aufgesogen 43 . Plutarch

schrieb, daß König Agis derartig geformte

Füße hatte, daß er schneller als ein

Pferd laufen konnte. Die Erklärung hiervon

war, daß er mit der Milch einer Hirschkuh

aufgezogen worden war. 44

Hieraus ergibt sich eindeutig, daß ein Kind

mit der Muttermilch oder der einer Amme

zugleich auch Wesensart und Eigenschaften

einsaugt. Was Wunder, wenn nichtsnutzige

Eltern auch nichtsnutzige Kinder

haben. Doch bestimmt nicht die Geburt

allein einen Menschen, sondern auch die

Erziehung der Eltern sowie deren böses

und übles Vorbild oder gar deren Anleitung

und Verführung zum Schlechten. Es

heißt ja schon in der bekannten Redensart

: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm .

Wie soll das denn auch gehen, so meine

ich , .daß jemand , der anderer Leute Eigentum

nicht achtet und vom Stehlen und

Rauben lebt, daß so einer seine Ki nder

davon abhält und sie nur Gutes lehrt?

Nichts kann man einem anderen besser

beibringen als Untugenden, und nichts

vererbt sich einfacher als ein schlechter

Charakter und die üblen Angewohnheiten

von Menschen, mit denen man täglich

Umgang hat. Darum sagt auch der Dichter

Horaz 45 (Lib.3, oed.6):

Aetas parentum , peior avis, tul it

nos nequiores, mox daturos

progen iem nequiorem .

Das könnte man in etwa wie folgt übersetzen

:

Und taugten schon die Eltern nicht,

die Kinder dann noch minder.

Ganz gottlos und verdorben sind

am Schluß die Enkelkinder!

Die Ehe ist noch weit schwerer zu tragen,

als man gemeinhin annimmt. Der heilige

Paulus, der die Ehe als eine ehrenwerte,

aber schwere und notwendige Last ansieht

(vg l. erster Brief an die Korinther, 7,

1-16.), versichert uns, daß die, welche sie

eingehen, viele Mühen durchzustehen haben.

Ich will hierbei nur an die Mütter

erinnern , wie sie unter großen Schmerzen

ihre Kinder zur Welt bringen. Ich erinnere

an die ständigen Sorgen um die Kinder:

Wie sie betten? Wie sie kleiden? Diese

Sorgen begleiten alle Mütter, wenn ihre

Kinder einmal geboren sind . Und sobald

die Kinder größer geworden sind, fangen

die Pflichten von Mutter und Vater erst

richtig an . Welche Sorge bereitet den

rechtschaffenen und verantwortungsbewußten

Eltern doch die Kindererziehung!

Liebe Eltern , ich will hier keine lange Predigt

halten. Doch ich möchte ganz kurz

umreißen, was ihr tun müßt, wenn ihr die

Kinder richtig erziehen wollt: Achtet immer

darauf, daß eure Kinder gute Christen

werden!

47


22. Kapitel

Die schlechte Erziehung und das

üble Beispiel von Eltern und Geistlichkeit

machten viele schon in jungen Jahren zum Dieb

Die Menschen mit der höchsten Intelligenz

sind mitunter die schlimmsten Bestien.

Doch auch der rechtschaffene Mann

kann schon einmal unehrenhaft sein und

seine Talente gebrauchen, aber auch mißbrauchen.

Selbst bei einem Herrn, der ein

öffentliches Amt bekleidet, kann es vorkommen,

daß ihn plötzlich sein Verstand

und sein besonnenes Urteilsvermögen im

Stich lassen. Absalon 46 war kein Dummkopf,

und dennoch blieb er so ungeschickt

mit seiner goldenen Haarlacke an einem

Eichenbaum hängen, daß er dabei seinen

Geist aufgab. Weder öffentliche Amtsträger

und noch viel weniger Königssöhne

waren Mitglieder unserer Bande gewesen.

Und doch gab es einige wenige davon , die

ihr Leben am Galgen lassen mußten, obgleich

sie von ihrem Stand her Leute mit

Geist waren. Offenbar hatten sie zwar den

Verstand, konnten ihn aber nicht anwenden

.

Einer aus der unglückseligen Bande, der

auch sein Leben am Galgen beendete,

war recht intelligent und hatte einen auffallend

klaren Verstand . Als man ihn nämlich

nach den möglichen Gründen fragte, weshalb

denn so viele Mitglied der Bande

geworden seien und wodurch man ehrliche

Leute zu so etwas verführen könne,

da hat er seine Ansicht hierzu sehr durchdacht

in sechs unterschiedlichen Beweggründen

dargelegt.

Erster Grund: Eine schlechte Erziehung

oder Verführung durch schlechtes Bei ­

spiel.

Zweiter Grund: Nächtliches Herumtreiben

und Herumlungern auf den Straßen.

Dritter Grund: Betrinken und Karten- sowie

Glücksspiele.

Vierter Grund: Schamlosigkeit und den

Weibe rn nachstellen.

Fünfter Grund: Gier nach anderer Leute

Eigentum .

Sechster Grund: Nachlässigkeit von Behörden

und zuständigen Gerichten.

Verehrter Leser, es geht mir hier wirklich

nicht nur daum, diese Schurken und ihre

Untaten zu beschreiben, mein eigentliches

Anliegen ist es, alle Kinder von ehrlichen

und rechtschaffenen Eltern dringend

zu warnen. Ich möchte ihnen sagen, daß

sie sich vor dieser verwerflichen Gesellschaft

hüten müssen, damit sie nicht verführt

werden. Darum will ich den Ablauf

nochmals kurz und Punkt für Punkt skizzieren.

Um mich nicht wiederholen zu

müssen , kann ich, was die Eltern angeht,

auf das vorige Kapitel verweisen . Welch

ein Beispiel, welch eine Erziehung geben

doch stehlende Eltern ihren Kindern! Sobald

die Kinder einigermaßen zu Verstand

gekommen sind, leiten sie sie schon zu

kleinen Diebereien an. Die Kinder sollen in

Gärten und Höfe eindringen und Früchte

oder Gemüse stehlen; sie soll en in Waldungen

und Gehölze schleichen und

Brennholz mitgehen lassen: Zur Erntezeit

werden sie angehalten, vom Acker die

Kartoffeln zu stehlen und gemeinsam mit

ihren räuberischen Eltern Getreide, Roggen,

Weizen usw. von den Feldern zu

entwenden. So werden die Kinder von den

eigenen Eltern zum Bösen verführt. Das

führt dann von frühester Kind heit an zu

einer Verdorbenheit, für die sie am Ende

mit einem schandbaren Tod am Galgen

bezahlen müssen.

Die verehrungswürdige Obrigkeit, die den

Staat weise und umsichtig regiert, hat diese

Zusammenhänge sehr wohl erkannt

und am 2. Mai 1777 eine Verordnung erlassen

, in der es heißt, daß alle Missetäter,

die aus Obst- und Gemüsegärten stehlen ,

mit körperlicher Zü chtigung oder - je

nach Schwere der Tat - mit der Todesstrafe

bestraft werden sollen 47 . Es wäre zu

wünschen, daß diese Anordnung viel strikter

eingehalten und befolgt würde.

Niemand muß sich darüber verwundern,

wenn die Bande in einigen Jahren wieder

auflebt in den landen von Overmaas und

aktiv wird, wenn doch die eigenen Eltern

ihre Kinder zu Diebstahl und Einbruch verführen

. In welchem Lebensabsch nitt hat

denn der Mensch Beistand und Hilfe am

nötigsten? Zu welcher Zeit muß er dringend

in den christlichen Tug enden unterwiesen

werden? Doch wohl in der Jugend

und in seiner Kindheit! Was kann schon

aus einer hemmungs- und bindungslosen

Jugend werden? Welchen Weg würde sie

denn einschlagen? Die Antwort hierauf ist

nicht einfach. Auch ein Weiser würde hier

keine klare Antwort geben wollen . Ein klu ­

ger Mann sagte einmal , daß es drei nicht

faßbare Dinge gäbe: Unerfindlich sei der

Flug des Adlers in den Lüften , der Weg

einer Schlange auf dem Erdboden und der

Weg eines Schiffes in der Weite der See.

Am unergründlichsten scheint mir ein

Viertes: Nämlich der Weg , den ein junger

Mensch einschlagen wird. Ein Jugendlicher,

der sich von seinen Trieben lenken

läßt, hat zwar die Schnel ligkeit und Stoßkraft

eines Adlers, aber auch die Unbeständigkeit

und Wechselhaftig keit der Begierden

und Wünsche wie eine Sch lange.

Schließlich zeigt er in dem, was ihn bedrängt

und wozu er sich drängen läßt, die

Bewegungen eines schwankenden Schiffes,

das von Wetter und Wind hin- und

hergeworfen wird. Wie soll er da allein

Abb. 29: Das Pfarrhaus von Merkstein, was sich der Pfarrer Wilhelm Fabritius etwas außerhalb des

eigentlichen Ortskerns in einem parkähnlichen Garten 1713 erbauen ließ. Größe und Lage dieses

Bauwerks können die Stellung belegen, die der Pfarrer in dieser Zeit hatte. Für Merkstein kommt

hinzu, daß diese Gemeinde 1630 durch Verpfändung an die Abtei von Klosterrath (Rolduc)

überging und der Abt Landesherr war. Der Abt ernannte demnach auch die Merksteiner Pfarrer und

bezahlte sie.

Foto: Linn

48


durch dieses Gewirr hindurchsteuern, al ­

lein ohne Leh rer und Lenker, der Flugrichtung

und Geschwindigkeit des Adlers regelt,

der der Schlange den geraden Weg

weist und der sch ließlich das Schiff durch

Klippen und Unwetter in den sicheren Hafen

leitet? Hierzu seid Ihr, Väter und Mütter,

berufen ! Ihr mü ßt diese Aufgabe erfüllen,

denn Ihr kennt ja die Schwächen und

bösen Neigungen der Kinder. Erzieht sie

mit viel Einfü hlungsvermögen, und wenn

es dabei nicht im Guten geht, nehmt die

Rute und verhängt Strafen!

Andererseits haben auch die Geistlichen

hier ihr Aufgabenfeld zu sehen. Es gibt die

Erziehung zur Lebenstüchtigkeit und die

religiöse Erziehu ng. Die Eltern sind zu beidem

verpflichtet. Der Geistlichkeit ist nur

die religiöse Erziehung anvertraut. Mit welcher

Liebe und Sorge hat sich doch unser

Erlöser den kleinen Kindern zugewandt!

Hat er nicht in den drei Jahren seines

Wirkens vor allem die Kinder unterwiesen?

Das sagt uns die Hei lige Schrift beim

Evangelisten Markus und beim Evangelisten

Lu kas. Wer die Würde eines Seelenhirten

auf sich nim mt, ist ohne Zweifel ein

Bürge für die ihm anvertrauten Seelen. Die

Pflicht eines Bürge n ist letztlich im Naturrecht

veran kert und wurde selbst von den

unwissenden Heiden zu allen Zeiten in

gleicher Weise gesehen.

Geistliche Herren, tut Eure Pflicht! Je größer

und umfassender diese wird , desto

mehr ist von Euch gefordert. Erfüllt Eure

Pflicht für die Christenheit und zu Ehren

von dem , in dessen Auftrag Ihr die Bürgen

seid!

Wie kam es denn zu unseren verdorbenen

Zeiten? Wie kam es, daß so viele Christen

ohne Gottergebenheit, ohne Gottesfurcht

und ohne Gottesdienste in der Sünde leben?

Wie kon nte es kommen , daß sie so

tief in Sünde und Laster gesunken sind?

Oder kurz gefragt: Wie konnte es dahin

kommen , daß es in den landen von Overmaas

und dem Umland so viele gottvergessene

Nachtd iebe und Einbrecher gibt?

Man sollte dafür keine andere Ursache

suchen als einen ve rdorbenen Charakter,

verstärkt durch die Unwissenheit in unserem

heiligen Glauben und die schlechte

Erziehung durch Eltern und Geistlichkeit.

Ein Geistlicher sollte wie eine brennende

Kerze auf hohem Sockel über dem Volk

Tag und Nacht leuchten. Und das nicht

bloß durch geistliche Ermahnungen und

religiöse Unterweisung, sondern zugleich

durch einen vorbildlichen und geistlichen

Lebenswandel (Trid . Sess. 23D.). 48

Was würde der heilige Bernhard sagen ,

wenn er wieder auf die Welt käme und mit

ansehen müßte, wie wenig sich heute die

Geistlichen um seine heilbringenden und

seligmachenden Lehren kümmern? Seine

theologischen Werke läßt man heute unter

Staub und Dreck verrotten und verkommen.

Ein frommer Abt, namens Gilbertus, verurteilte

seinerzeit mit großem und heiligem

Abb. 30: Petrus Joseph Chaineux, der letzte Abt von Klosterrath (1782-1794, er verstarb 1800 in

Münster). Chaineux, der wohl eher Unternehmer als Seelsorger war, förderte den Kohlebergbau

der Abtei ganz ungemein und erlangte als resoluter Planer und Erbauer wichtiger Verbindungsstraßen

im Land von 's Hertogenrode herausragende Bedeutung. Dieses Porträt befindet sich in der

Abtei Rolduc (Klosterrath) und wird hier mit deren freundlicher Erlaubnis wiedergegeben.

Chaineux, der vor seiner Ernennung zum Abt als Provisor Vermögen und Finanzen der Abtei

verwaltete, konnte sehr wohl mit SLEINADAS Kritik gemeint gewesen sein.

Zorn das üble Beispiel, welches die Geistlichen

mit ihren verluderten Sitten geben :

Hodie pestilentia morum faeda satis et lenta

nimis exalat: corrumpunt enim mores

bonos, exempla mala 49 .

Was der Apostel im ersten Brief an Timotheus

schreibt, muß für alle Geistlichen

gelten: Ein Geistlicher darf nicht gewinnsüchtig

sein, er darf keine Geschäfte betreiben

50 . Wie sieht das denn aus, wenn

hochwürdige Äbte, Pastores, Priores und

Procuratores entweder höchstselbst oder

über andere Geistliche und Bedienstete

den Kaufmann spielen und allerlei Waren

wie Lebensmittel und dergleichen vertreiben?

Das Finanzwesen kann man zur Zeit

am besten bei den Geistlichen oder in den

Klöstern erlernen! Da finden sich dann bei

einem Geistlichen mehr Geschäftspapiere

als Unterlagen für Predigten oder geistliche

Schriften.

Es ist doch schlimm , wenn Seelsorger

sich schämen , sich durch die Kleidung als

Geistliche zu bekennen und statt dessen

rote oder weiße Kleider tragen , möglichst

mit einem Halstuch, das sie wie ein Bettlaken

um den Hals geschlungen haben. Auf

dem Kopf tragen die Herren hohe Toupets

mit gelockten und gepuderten Haaren ,

aber keine Priesterkragen. Wenn man sie

so durch die Straßen gehen sieht, hält man

sie eher für Perückenmacher oder Komödianten,

aber nicht für Priester.

Schuld an alledem haben die Herren Kanoniker

vom Domkapitel, die ihnen offenbar

eine verdrehte kanonische Bestimmung

irgendeines Spaßvogels beigebracht

haben . Hierzu muß ich jetzt etwas

in Latein aus dem Werk des heiligen Bernhard

zitieren : Num de vestibus cura est

Deo et non magis de moribus? At forma

haec vestium: deformitatis mentium et

morum judicium est. Ouid sibi vult qui

Clerici aliud esse aliud videri volunt? ld

quidem castum , munusque sincerum ,

nempe habitu milites, quaestu Clericos,

actu neutrum exhibent: nam neque ut milites

pugnat neque ut Clerici Evangelisant. 51

Hochwürdige Herren, ich verweise Euch

weiter auf den heiligen Bernhard! Lest

dort, wie verhängnisvoll sich Euer

sch lechter Lebenswandel auf die öffentliche

Moral auswirkt. Wie wird denn ein

braver Landmann zum Einbrecher? Das

sind Eure Versäumnisse in der religiösen

Unterweisung und Eure unersättliche,

maßlose und ungebührliche Geldgier und

die Habgier nach irdischen Gütern. Weshalb

strauchelt denn der kleine Mann , und

warum wird er immer wieder rückfällig? Es

ist Euer mieses Vorbild und all die Ärgernisse

und Skandale, die Ihr vorführt (wobei

Ihr Euch allerdings in allerletzter Zeit etwas

zu bessern scheint).

Ich bitte Euch, mir das alles nicht übel zu

nehmen. Es war nicht bös gemeint. Aber

denkt einmal darüber nach , ob es nicht

doch die Wahrheit war, um die ich mich

nämlich sehr bemüht habe: veritas odium

parit 52 .

49


23. Kapitel

Nirgendwo herrscht des Nachts ein so ausgelassenes

Treiben wie in den landen von Overmaas,

und diese ungezügelte Nachtschwärmerei

begünstigte die Nachtdiebe

Die finstere Nacht ist der Feind des Menschen

. Nichts erschreckt, nichts fürchtet

er mehr als Düsternis und Dunkelheit.

Auch wer sonst stark und unerschrocken

ist, wird in einer finsteren Nacht zuweilen

von Furcht und Angst ergriffen. Und doch

verändert jedermann gerne den Tag in die

Nacht und die Nacht in den Tag . Wann

kommt beispielsweise der Hausherr zurück?

Die tugendsame Hausfrau sitzt da in

tiefer Nacht allein zu Haus und ist in mütterlicher

Sorge vollauf mit ihren lieben

Kleinen beschäftigt, während sich der Herr

des Hauses tanzend und springend auf

einem Ball amüsiert. Oder er sitzt im Wirtshaus

und verbringt die ganze Nacht mit

Kartenspielen . Da könnte der Frau die Galle

überlaufen, und sie wünschte sich, daß

ihr feiner Mann im Düsteren mit dem Kopf

gegen die Hauswand rennt - sich dabei

aber nicht das Genick bricht. Aber wo der

Herr ist, da ist es nicht Nacht. Hell wie der

Tag ist es dort durch all die Wandlampen

und Leuchter, die angezündet sind. Das

Vergnügen ist durchaus ehrenhaft, die An ­

wesenden sind honorig, und es gibt nichts

zu beanstanden oder zu befürchten. Leider

geht es da aber auf den Dörfern in den

landen von Overmaas auch anders zu ,

und dies halte ich dann für eine weitere

Ursache, weshalb dieses Land so viele

Nachträuber aufzuweisen hat.

Weder im Sommer noch im Winter gibt es

hier eine einzige Nacht, wo sich nicht in

den Dörfern Nachtschwärmer und Landstreicher

herumtreiben. Die krakeelen,

kreischen, grölen, fluchen oder treiben anderen

üblen Unfug. Da könnte man Europa

von oben bis unten abfahren, und man

würde nirgends bei Tag eine derartige

Ausgelassenheit antreffen wie in den landen

von Overmaas bei finsterer Nacht!

Die Jugend rottet sich schon zusammen .

Natürlich vor allem, um unter den Fenstern

der jungen Mädchen zu schwadronieren

und zu schäkern. Sie schwärmen von Gehöft

zu Gehöft, von dem einen Dorf zum

anderen. Mit großen Knüppeln bewaffnet,

machen sie ein derartiges Geschrei, wie

sie es anscheinend von den Wilden gelernt

haben . Aber was sage ich da von

Wilden? Sie machen es den Tieren nach!

Achten Sie doch einmal an einem Winterabend

darauf, ob Sie nicht Schreie wie die

eines Menschen hören können . Jaug!

Jaug! Was meinen Sie, wer die ausstößt?

Es sind die Laute des arglistigen und räu-

berischen Fuchses oder die der hinterhältigen

, nachträuberischen Eule. Zwei Tiere,

die auf Stehlen und Rauben aus sind und

die ihr Aas und ihr Futter in düsterer Nacht

suchen müssen . Und ausgerechnet von

diesen beiden Tieren haben unsere Maasländer

ih r Geschrei übernommen ; und

auch das Stehlen und Rauben haben sie

von ihnen gelernt.

Man kann keinen leichter verführen als bei

der Nacht. Über Tag sind die Handwerker

und der Bauer bei ihrer Arbeit, sie haben

keine Zeit darüber nachzuden ken , wie sie

ihre Mitmenschen hereinlegen können.

Niemand wird dann über Rauben oder

Stehlen sprechen . Doch während der

Nacht werden sie leichtsinnig, und der

Verführer probiert es erst mit kleinen Diebereien,

wie das Stehlen von Birnen und

Pflaumen usw. Dann aber schlägt er einen

schweren Einbruch in ein Haus vor. Ach ,

wie viele sind nicht auf diese Weise zur

Bande verführt worden ! Johannes E. beispielsweise

hat mir persönlich berichtet, er

sei eines Nachts mit Kameraden einzig

losgezogen, um hübsche Mädchen zu

treffen und mit denen zu fl irten . Aber diese

Kameraden stellten ihn einfach als Wachtposten

auf und gingen steh len . Erst anderntags

erzählten sie es ihm, und so wurde

auch er in die Sache hineingezogen.

Genauso ist es vielen anderen auch ergangen

.

War es da nicht überfällig, daß die Behörden

diese gefährliche Nachtschwärmerei

und das Herumlungern auf den Straßen

aufs strengste verbieten? Ja, ich wette

meinen guten Ruf dagegen und ve rsi chere,

wenn diese Herumtreiberei bei Nacht

aufhört, wird auch kein Gru nd zu r Angst

vor Diebesbanden meh r sein . Es müßte

darum als eine Ordnungswid rigkeit verfolgt,

vielleicht sogar mit einer körperlichen

Strafe geahndet werden, wenn jemand

im Sommer nach 1 O Uhr und im

Winter nach 9 Uhr ohne einen triftigen

Grund auf der Straße herumläuft. Das Krakeelen

und Grölen müßte bei schärfster

Strafe verboten werden. Und ein jung es

Mädchen, das sich nachts an ihr Fen ster

stellt, sollte beim ersten Mal öffentl iche

Abbitte leisten oder eine Geldstrafe zahlen

- wofür dann Eltern oder Vormund einzustehen

hätten . Beim zweiten oder dritten

Mal müßte man ein derartiges Mädch en für

ehrlos erklären . Ich bin überzeugt, daß so

nicht nur die Ve rfüh rung zur Bande aufhören

würde, sondern man würde hierzulande

auch nichts meh r von Totschlag, vo n

Sch läge reien und Mordtaten hören , die

:,J ,.· ·J. ,;:·•:.

Abb. 31 : Hof Crombach (in der Nähe des Grenzübergangs Kerkrade-Locht). Dieser Hof gehörte der

Abtei Rolduc. 1754 kam es hier im Nachbarhof zu einem spektakulären Bockreiterüberfall, der vom

betroffenen Bauern und den herbeigeeilten Abtei-Knechten abgewehrt werden konnte. Einer der

hierbei beteiligten Bockreiter, Andreas Noolbach, wurde ergriffen und 1755 in Kerkrade aufgehängt.

Foto: Rudnick

. ,.,

50


zur Zeit noch so zahlreich und in so niederträchtiger

Weise in diesem Land verübt

werden .

Die Landesherren haben gegen die Nachtschwärmerei

überaus gerechte, strenge

und zielgerichtete Anordnungen getroffen .

Sie haben versu cht, diesem Übel in geeigneter

Form zu begegnen. Auf holländischem

Gebiet hat man darum Gemeindebedienstete

eingesetzt, die gegen nächtliche

Ausschreitungen vorgehen sollen und

nächtliche öffentliche Ruhestörer unter

Polizeigewalt in Haft nehmen. Aber was

soll's? Wer ein en eigenen Hausstand hat,

bleibt nachts lieber daheim und schläft bei

seiner Frau , statt Wache zu schieben . Und

eigentlich gebe ich ihm da recht.

Es ist nicht meine Aufgabe, Gesetze zu

erlassen . Ich möchte aber wohl, ohne jemandem

nahezutreten, offen meine Meinung

sagen. Um dieser ersten und vordringlichen

Ursache des großen Übels unseres

Landes zu begegnen, müssen die

Nachtschwärmer entweder durch Soldaten

oder durch die Landwacht beim Kragen

gepackt werden. Und alle Aufgegriffenen,

die wehrtauglich sind, sollten vier

oder sechs Jahre ihrem Landesherrn zu

Pferd oder zu Fuß bei den Landtruppen als

Soldat dienen. Wer dazu nicht imstande

ist, sollte für acht Tage bei Wasser und

Brot ins Gefängnis.

Nur diese Methode kann unser Land vor

dem Verderben bewahren . Wenn hier

nicht bald gehandelt wird, dann liebe Einwohner

dieser lande und andernorts, hütet

Euch beim nächtlichen Aufenthalt auf

den Straßen , sei es in Städten oder Dörfern

.

Landbewohner: Seid Euch der großen Gefahr

bewußt, in der Ihr Euch befindet, Ihr

könnt ständig zu Taten verführt werden,

die zu begehen Ihr nie geahnt hättet. Eltern,

haltet immer Eure Kinder im Auge,

erfüllt Eure Pflicht und unternehmt alles,

damit sie keine Nachtschwärmer und Herumtreiber

werden . Wer Böses tun will, der

haßt das Licht und sucht die Dunkelheit!

24. Kapitel

Nichts gegen einen Besuch im Wirtshaus;

aber die Saufgelage und Krawalle

hierzulande fördern das Verbrechen

Das Handeln der Weisen und das Verhalten

der Tugendhaften ist wie ein lebendes

Buch, das uns nahezu mühelos unterweist

; mitunter sogar, ohne daß es uns

bewußt wird . Wir erkennen im Verhalten

der Vorbi lder die Regeln,' denen wir nur

folgen müssen. Durch das, was wir dabei

sehen und hören, werden wir unbewußt

dazu angespornt, es ihnen gleichzutun

und unser bisheriges Leben entsprechend

zu ändern. Und wenn es denn wahr ist,

daß derjenige weise wird, der mit einem

Weisen umgeht, und daß der tugendhaft

wird, der mit dem Tugendhaften verkehrt,

dann ist es weit mehr wahr, daß derjenige,

der einen schlechten Freund hat, auch

schlecht werden wi rd, und wer einen verdorbenen

Kameraden hat, der wird gleichfalls

verdorben und nichtsnutzig werden .

Es ist leider so, daß wir offenbar keinen

Lehrmeister nötig haben, um das Schlechte

zu erlernen und zu praktizieren. Unsere

eigene schwache menschliche Natur treibt

uns mit ihren schlechten Neigungen und

Begierden von selbst darauf zu. Aber

wenn wir Freundschaft und Gemeinschaft

mit denen suchen, die durch und durch

verdorben sind, die weder Gott noch ihre

Pflicht kennen und nur ihren Launen und

Trieben folgen , dann wird sich deren

Schlechtigkeit unmerklich auf uns übertragen.

Wir werden bald wie sie leben, zumindest

aber nicht mehr das Gute tun,

wozu wir als Menschen, vor allem aber als

Christen, verpflichtet sind.

Es gibt nur zwei Gruppen von Menschen

auf der Welt: eine, die den Staat stützt und

die Gewinn bringt und eine andere, die

ihm zum Schaden ist. Es sind dies die

Guten und die Bösen . Der heilige Augustinus

sagt in seinem Werk ,Vom Gottesstaat'

: » Der Gute trachtet, den Bösen zu

bekehren ; doch der Böse versucht, den

Guten zu verführen und zu verderben. «

Es ist schon so, wir führen ein auf Gemeinschaft

und Mitbürger bezogenes und

kein ichbezogenes, isoliertes Leben. Darum

müssen wir Menschen hin und wieder

das Gespräch mit den anderen suchen

und uns versammeln. Aber es ist tief zu

beklagen , daß derartige Zusammenkünfte

- sowohl in der Stadt als auf dem platten

Land - durchweg von den Bürgern bzw.

Landbewohnern mißbraucht werden.

Durch maßloses Trinken richten da auch

ansonsten biedere Leute jeden Versammlungsplatz

wie die Tiere zu. Auf dem Land

versammelt man sich (ich rede hier nur

von den Dörfern, um die es mir geht. Ich

schreibe dies vor allem im Hinblick auf die

Bande der Nachtdiebe und nicht etwa wegen

anderer möglicher Schandtaten) in

der Regel in Häusern, die man ,Herbergen'

53 nennt. Man würde es ja durchaus in

der Ordnung finden , wenn diese Herbergen

Gasthäuser wären , die einzig zu dem

Zweck aufgesucht werden, um sich dort

zu treffen, sich gemütlich zusammenzusetzen,

um einem maßvollen Trunk zu sich

zu nehmen und sich zu entspannen. Leute,

die über Tag körperlich schwer arbeiteten

oder sonstigen Pflichten nachgingen,

sollten hier einen rechtschaffenen und angemessenen

Zeitvertreib finden können.

Doch , bei Gott! Das sind keineswegs die

Absichten , die einen hier im Land ins

Wirtshaus und zum Bier treiben. Sich sinnlos

betrinken , ganze Nächte hindurch Kartenspielen

und ehrliche Leute anpöbeln :

Das sind so die Gründe, weshalb man hier

ins Wirtshaus geht. Man verspielt und vertrinkt

den letzten Pfennig, obschon die

arme Ehefrau daheim mit den Kindern ohne

Brot dasitzt.

Um Ihnen, werter Leser, diese schandbare

Unsitte ganz deutlich zu machen, ersuche

ich Sie, einmal in Gedanken mit mir in ein

solches Wirtshaus zu gehen, in dieses

öffentliche Haus voll der Maßlosigkeit.

Was spielt sich dort so ab? Nicht sehr viel

Gutes. Und was hört man dort? Fluchen,

Gotteslästerung sowie anstößige und gottlose

Redensarten. Was sieht man dort?

Krawalle, Schlägereien, Anpöbeleien und

noch sündhafteres Treiben, das man hier

gar nicht aufzuschreiben wagt.

Wo liegt denn die Ursache für die Verdorbenheit

des gemeinen Volkes und für die

Verführbarkeit unserer Jugend? Doch darin,

daß diese schreienden Mißstände nicht

gebührend beachtet werden.

Glücks- und Kartenspiele bringen einen

leichtsinnigen Menschen zum Diebstahl

und zu anderem Unrecht. Trunksucht und

schlechte Gesellschaft sind dann erst gar

51


nicht mehr nötig; denn wenn einer all sein

Geld verspielt hat, wird er alles Erdenkliche

tun, um wieder an neues Geld zu

kommen. Jugendliche werden die eigenen

Eltern bestehlen, wenn sie nicht auf andere

Weise an Geld kommen können. Wenn

jemand sein ganzes Geld verspielt hat,

was tut er dann wohl? Vor allem , wenn er

'ein dem Trunk verfallener Mensch ist? Er

wird sich daraufhin wie ein Tier betrinken,

und einen volltrunkenen Menschen kann

man zu jeder Schandtat verführen. Es ist

darum kein Zufall, daß in den landen von

Overmaas zur Nachtzeit soviel vorfällt.

Kein Wunder auch , daß die Diebesbande

so viele Mitglieder hatte, da doch die

Wirtshäuser hierzulande bis in die tiefste

Nacht, ja bis zum hellichten Tag , nicht leer

werden. Man spielt, man trinkt, man randa-

25. Kapitel

liert, man hurt - alles ohne Maß und ohne

Zeitgefühl. Und so konnte es geschehen,

daß viele verführt und später aufgehängt

wurden , die doch selig im eigenen Bett

hätten sterben können!

Es ist wohl wahr, daß auch die Zerrissenheit

unserer Territorien viel zu diesem

Übel beigetragen hat. Da gehört jenes Gebiet

zur Brabant, dieses zu Jülich, das da

ist holländisch, und das gehört zum deutschen

Reich . Da kann ja kein Richter oder

Staatsanwalt sein Amt richtig ausüben.

Man müßte eben gemeinsam die Gesetze

der verschiedenen Hoheitsgebiete befolgen

und respektieren . Was haben die Landesherren

doch für nützliche Gesetze erlassen,

um die Unmäßigkeit und die Zwischenfälle

in den Wirtshäusern in den Griff

zu bekommen (wie etwa das Gebot, kein

Abb. 32: Orden 1983, Karnevalsgesellschaft

»De Bockrijjer« Herzogenrath und Orden »Goldener

Bockrijjer von Roda«, der von der KG

»De Bockrijjer« an Bürger verliehen wird die

sich in ganz besonderer Weise um Herzogenrath

verdient gemacht haben .

Entwurf beider Orden : Siegfried Döbler (Wiedergabe

mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers.)

Die KG »De Bockrijjer« macht sich in vorbildlicher

Weise verdient um Heimatbrauchtum und

Geschichte des Landes von 's Hertogenrode.

Alljährlich entwirft Siegfried Döbler sorg sam belegte

und geschickt arrangierte Orden mit Motiven

aus der Heimatgeschichte, was in Verbindung

mit dem Karneval einen überaus wichtigen

Beitrag zur Pflege des Brauchtums und zur

Verbreitung geschichtlicher Kenntnisse darstellt.

Der Karnevalsorden von 1983 zeigt das

Haus des Chirurgus Kirchhoffs in der Herzogenrather

Kleikstraße.

Bier während der Sonntagsgottesdienste

zu zapfen oder Einheim ischen nach 9 Uhr

abends nichts mehr einzuschenken usw.).

Sehr lobenswert ist der in vielen Gemeinden

praktizierte Brauch , abends um 9 Uhr

die Glocken zu läuten, um jeden an seine

Pflicht zu gemahnen und die Zeit anzukündigen,

das Spiel zu beenden und das

Wirtshaus zu verlassen . Die Gemeindediener

müssen dies kontrollieren .

Beim Kartenspiel unnötig Geld zu verschwenden

und sich sinnlos vo llaufen lassen,

ist denn auch eine wichtige Ursache

für den großen Zulauf zur Bande gewesen .

Und dies wird es wohl bleiben. Prae ebrietate

erraverunt: Die Trunksucht hat sie

verführt (lsaias, Kap . 28).

Triebhafte Fleischeslust und schamlose Frauenspersonen

verführten so manch einen zur Bande

Mäßigung ist die Mutter von Anstand und

Sittsamkeit. Sie bewahrt den Menschen

und zügelt seine fleischlichen Gelüste und

Neigungen. Sie macht den_ Menschen vor

Gott und vor der Welt gefällig. Die Maßlosigkeit

dagegen entfacht das Feuer der

Geilheit und der Begehrlichkeit. Aber trotz

allem gibt es Leute, die meinen, daß ihr

ganzes Vergnügen , ihre Ehre und ihr Ansehen

allein im Herumschäkern und in

Liebesabenteuern liegen. Sie legen sich

dabei derart ins Zeug , als ob ihr Name

hierdurch für immer und für alle Welt un-

• sterblich würde. Fürwahr, das ist eine unglaubliche

und grobe Fehleinschätzung!

Solange die Betreffenden nämlich das

Geld haben , werden sie von denen, die sie

aushalten und mit denen sie ihr Geld

durchbringen, als sehr angenehm empfunden.

So war es schließlich auch beim

,Verlorenen Sohn', der in seinen guten

Zeiten das ganze Erbe bei Wirten und

Wirtinnen , mit hübschen Mädchen und

Animierdamen verjubelte. Aber wie ist es

ihm danach gegangen? Dieser verlorene

Mensch wurde zutiefst erniedrigt. Er mußte

Schweine hüten und war gezwungen,

seinen hungrigen Magen mit Schweinefraß

zu füllen.

Die Sünde der Unkeuschheit reißt mit ihrer

triebhaften Begierde eine breite Kluft zwischen

Gott und dem Menschen auf. Wenn

sich zum Bei spiel der hochmütige Mensch

gegen die Herrschaft und die Glorie seines

Gottes stellt, so wendet sich der Geizkragen

gegen die Vorsehung und die

Barmherzigkeit Gottes. Der Rachsüchtige

stellt sich gegen Gottes Langmut. Der gehässige

Mensch richtet sich gegen Gottes

Liebe, der Schmeichler gegen seine Gerechtigkeit,

der Lügner gegen seine Wahrheit,

der Gotteslästerer gegen seine Allmacht,

der Gottlose gegen die Gottgläubig

keit. Aber der geile und unkeusche

Mensch steht gegen Gott in all seiner Vollkommenheit.

Wie ein Tier folgt er seinen

Trieben und läßt sich weder von der Verheißung

himmlischer Freuden zum Guten

bekehren noch durch das Höllenfeuer

schrecken. Er verachtet das Wort Gottes

und glaubt nicht daran . Die Lehren von der

Gerechtigkeit unseres Gottes und dem

Leben nach dem Tode hält er für nichtssagende

und erfundene Drohungen. Sagen

Sie selbst, wäre es bei einem derartigen

Menschen nicht allzu leicht, ihn zu den

allergrößten Schandtaten zu verführen?

Denn : »qui verba meretricis libenter audit,

et oscula eius delectabiliter suscipit, quasi

ianuam pulsat inferni « sagt SALONIUS 54 .

52


Ich möchte jetzt nicht eigens die Heilige

Schrift aufschlagen, um Einfluß, Wirkung

und Macht deutlich zu machen, welche die

Frauen auf solche Männer haben, die verdorben

sind und ihren Begierden und Lüsten

nur allzu leicht nachgeben. Ich verweise

Sie hier nur auf die Alltagserfahrung,

die jedem sonnenklar beweist, daß

uns die Teu fel, die verstoßenen Enge l,

immer wieder im Zusammenwirken mit

unseren wilden Gelüsten zum Bösen verführen

. Obgleich das so der Wahrheit voll

entspricht, betone ich , daß wir die eben

gemeinte Macht immer als die des anderen

Geschlechts empfinden. »Neben den

Frauen, neben dem Teufel «, sagte Abraham

a S. Clara 55 . Sobald der Mann von

einer Frauensperson in einen lachhaften

und albernen Liebestaumel hineingezaubert

worden ist (einer Zauberei, die er

seinem eigenen vorangegangenen unzüchtigen

Lebenswandel zuzuschreiben

hat!), wird ihn diese Zauberin derart unterwerfen

, daß sie ihn dann für alles gebrauchen

kann . Das haben viele aus der Bande

erfahren mü ssen. Durch niemand anders

als durch Frauenspersonen, die ihre

schlechten Begierden ausnutzten , sind sie

zu den verschi edensten nächtlichen Einbrüchen

getrieben worden .

Ursprünglich hatte man angenommen, daß

sich alle aus der Bande der schlimmen

Sünde der Unkeuschheit, des Ehebruchs

und der Eheschändung schuldig gemacht

hätten. Doch nein, dem ist nicht so! Es gab

da viele, die mit ihren Frauen rechtschaffen

im Stan d der Ehe gelebt haben . Andererseits

gab es aber in der Bande auch

solche, die es mit den eigenen oder anderen

Frauen, miteinander und durcheinander

trieben ; und das alles weit ärger als

das Vieh . Es kam darum auch nicht aus

heiterem Hi mmel, und es lag auch nicht

etwa am Wetter, daß es hier in einigen

Dörfern, vor allem im Land von 's Hertogenrode,

bei Männern und Frauen, verheirateten

und unverheirateten, vereinzelt die

französische oder spanische Krankheit 56

gab. Der Französische oder der Spanische

Krieg haben sie jedenfalls nicht mitgebracht.

Leonhard L. , einer aus der Bande , der

auch aufgehängt wurde, spielte unter ihnen

schon mal den Schriftgelehrten und

Feldprediger, und da wird er wohl bei dem

einen oder anderen seiner Spießgesellen

das von Natur gegebene und angeborene

Gewissen berührt haben, als er die Hurerei

und die Eheschändung zu rechtfertigen

versucht hat. Leonhard bestärkte sie im

Besitz vieler Frauen und bewies dies aus

der Heiligen Schrift und aus dem Naturrecht

(man sollte es nicht sagen , wozu

doch die Bosheit imstande ist; einen Menschen

derart mit Blindheit zu schlagen und

ihn so zum Verleumder zu machen!). Er

führte in diesen Versammlungen Abraham,

Jakob und andere Vorväter als Beispiel

an, daß man mehr als eine Frau haben

könne, was somit ein Beweis aus der

Heiligen Schrift sei .

Bei dem Versuch einer logischen Begründung

argumentierte er wie folgt : Wir Männer

sind die Herren der Frauen, und wenn

man von etwas der Herr sei, dann könne

man damit tun, was man wolle. Man könne

sie verkaufen, verleihen und so fort. Nun,

wenn das so wäre , würden sich bald alle

Männer die Frauen untereinander ausleihen,

weil sie ja Herr und Meister darüber

sein sollen.

Fürwahr, eine saubere Einstellung! Der

hier gezogene Schluß ist so grobschlächtig

und dumm, daß ich jeden, der auch nur

ein stützendes Argument für diese Behauptung

hätte, nur allzu leicht widerlegen

könnte. Diese Schlußfolgerung läuft jeglichem

angeborenen Naturrecht zuwider

und scheint mir - unter gebildeten Menschen

gesagt - ein etwas wirrer Syllogismus57

zu sein .

Schon viele brave junge Männer, ja selbst

Ehemänner, wurden von haltlosen und

schamlos geilen Frauenspersonen über

die ekelhafte Sünde, sich wilder Fleischeslust

hinzugeben, zur Mitgliedschaft

in der Bande verführt. Und damit wurden

sie zu einem schandbaren Tod am Galgen

oder zum Verlassen des Vaterlandes verleitet.

Der widerliche und anstößige Brauch, der

sich zur Zeit in den Städten breitmacht,

seine Frau auch anderen zu überlassen,

zeigt mir sonnenklar, in welch beklagenswertem

Zustand sich die ehelichen Pflichten

und die althergebrachte Ehrbarkeit befinden

. Die Haltlosigkeit der Frauen, ihre

Verschwendungssucht und ihr Kleiderluxus

haben sich wie eine Seuche ausgebreitet

und so in den Vordergrund gespielt,

daß man für die nahe Zukunft schon befürchten

muß, daß bald die Frauen den

ersten Platz einnehmen werden . Es heißt

nämlich : »a cornu exaltabitur homo« 58 .

Abb. 33: St.-Gertrud-Kirche in Herzogenrath-Afden (vor den Umbauten in diesem Jahrhundert).

Diese Barockkirche entstand 1686.

Von 1731 bis 1760 war Heinrich Thimister Pfarrer von St. Gertrud. Er wurde 1737 und 1738 dreimal

das Opfer von Bockreiterüberfällen in sein Pfarrhaus. Zwischen 1735 und 1759 führte er ein in

Latein verfaßtes Tagebuch. Hier vermerkte er die Einzelheiten zu den Überfällen der Bockreiter

aber auch zu den Bockreiterprozessen der ersten Periode auf der Herzogenrather Burg.

Dieses Tagebuch ist eine der bedeutsamen Primärquellen zur Geschichte der Bockreiter.

(Der lateinische und niederländische Text hierzu gleichfalls in: Gierlichs, a. a. 0 ., S. 152 ff.)

Foto: Stadtarchiv Herzogenrath

53


26. Kapitel

Nachlässigkeit der Richter führte zu der starken Verbreitung

der Bande. Nicht nur die Todesstrafe, auch Zuchthaus

könnte abschreckend wirken

Was nun die Vorliebe für irdische vergängliche

Güter als Grund zur starken Vermehrung

der Diebesbande angeht; so finde ich

es nicht nötig, hierauf bis in alle Einzelheiten

einzugehen. Diese Vorliebe scheint

mir nämlich ein so allgemeiner und verbreiteter

Beweggrund zu sein , daß er nicht

bloß für die armen Burschen aus der Bande

gilt, sondern auch für geistliche und

weltliche Herren! Nur mit dem kleinen Unterschied

, daß sich die von der Bande in

einer allzu plumpen und für den Staat gar

nicht zu übersehenden Weise bereichert

haben. Die anderen Herren gehen feinfühliger

vor, um an anderer Leute Geld zu

kommen! Die wissen ganz genau , wie

man schnell zu großen Reichtümern gelangen

kann, wozu uns auch die vielen

Bankrotte, von denen man jetzt fast täglich

hört, den klaren Beweis liefern können.

Wenn ich eben die Gelegenheit nahm, um

Ihnen, verehrter Leser, die unterschiedlichen

Irrwege aufzuzeigen, welche von denen

beschritten werden, die durch Geldgier

und Begehrlichkeit nach den irdischen

Gütern Sklaven davon wurden (ihr Verstand

verdüstert sich dabei, ihre Herzen

werden verdorben, sie vergessen Gott

und ihre Christenpflicht und werden in

Elend und Verwirrung gestürzt) , so erzählte

ich Ihnen hier die wahre Geschichte

über die traurigen Folgen davon, um damit

gleichzeitig zu dokumentieren , wie wahr

doch das Wort Gottes in der Heiligen

Schrift ist: Multos enim perdidit aurum et

argentum 59 .

Nach meiner Einschätzung waren Geld

und Gut der geringste Anreiz für die Bande,

denn sie hat nie viel holen können .

Wenn es nämlich nach einem nächtlichen

Beutezug nur einen Schilling oder ein

Päckchen Tabak pro Mann gab, dann sah

jeder aus der Bande schnell ein, daß man

hier nicht steinreich werden konnte. (Ich

kann natürlich nicht ausschließen, daß der

eine oder andere mit eben dieser Illusion

zur Bande kam.)

Doch ich möchte jetzt zur wichtigsten Ursache

kommen, weshalb wir schon so lange

diese Bande von Nachtdieben haben

und wohl noch lange in diesem unseren

verschrienen Land haben werden. Es liegt

an der Unachtsamkeit unserer Richter und

öffentlichen Ankläger! Ich wi ll hier niemanden

tadeln, niemanden zur Rechenschaft

ziehen und noch viel weniger irgendwelche

Regeln oder Gesetze vorschreiben ,

denn ich bin - obgleich mir die betreffen-

den hohen Herren unbekannt sind - von

ihrer umsichtigen Amtsführung und ihrer

verantwortungsbewußten Wachsam keit im

Amte nur allzu überzeugt. Oh, wären doch

auch in früheren Zeiten die Ämter mit so

qualifizierten Männern besetzt gewesen

wie heutzutage! Die lande von Overmaas

wären jetzt besser dran. Hätte man doch

schon vor Jahren die Polizei so verbessert,

wie es heute der Fall ist - ja, dann

würde man an den vielen Galgen entlang

der Landstraßen nicht so viele Gebeine

verdorren sehen !

Das Amt des Richters ist eines der hochrangigsten

Ämter. So notwendig es ist, so

würdevoll und herausgehoben ist es auch .

Die Heilige Schrift rückt die Richter gar in

die Nähe Gottes. Und weshalb tut sie das?

Weil die Richter die göttlichen Gesetze

anwenden; nicht nur die der weltl ichen

Herrscher. So sind sie auch die Diener

des ewigen Gottes und seine Statthalter

hier auf Erden . Ohne sie kann es kein

allgemeines Wohl geben, durch sie wi rd

Gutes belohnt und Böses bestraft; durch

sie wird das Christentum bewahrt und ein

Volk glücklich gemacht. Und so trägt der

Richter nicht ohne Grund das Schwert. Ein

Volk, eine Gemeinde oder eine Republik,

die keine guten Richter hat, ist in noch

schlimmerer Lage als ein steuerloses

Schiff, das in tosender See inmitten aufschäumender

wilder Wogen in stürmischen

Winden dahintreibt und in tausenderlei

Gefahren unterzugehen droht.

Als der allmächtige Gott den israelitischen

Staat begründete und diesem zahlreiche

Gesetze auferlegte, hat er auch die Richter

eindringlich an ihre Aufgaben und Pflichten

erinnert. So ermahnte er sie: »Ihr sollt

in der Rechtsprechung kein Unrecht tun.

Du sollst weder für einen Geringen noch

für einen Großen Partei nehmen ; gerecht

sollst du deinen Stammesgenossen richten

.« (Buch Levitikus, 19,13*) 60 .

Entsprechendes wiederholte Gott mehrere

Male seinem Diener Moses und stellte

ihm zur Untersützung weitere Richter zu r

Seite (Buch Deuteronomium, 1 ). Bei den

alten Ägyptern mußten die Richter den

heiligen Eid schwören , auch bei größten

Androhungen niemals vom Recht abzuweichen

. Darum sollten alle Richter dies

aus den göttlichen Lehren lernen : Streitet

für die Gerechtigkeit bis in den Tod!

Was kann es eigentlich einer Republ ik,

einer Provinz oder einem ganzen Land

nutzen, wenn die Obrigkeit oder die Herrscher

die besten und heilsam sten Gesetze

erlassen, die einen jeglichen Mi ßstand

und alle Eventualitäten erfassen, was kann

es alles nutzen - so frage ich mi ch - ,

wenn man Verordnungen an den Ki rchentü

ren ansch lägt und all es mögliche bekanntg

ibt, wenn dies nicht von den Untertanen

beherzigt und befolgt wi rd? Und wer

hat die Pflicht, wessen Amt ist es, dafür zu

sorgen, daß Gesetz und Recht befolgt

werden?

Niemand anderes als Ih r, verehrte Richter

und Amtspersonen! Ihr habt Euch von

Amts wegen hierzu verpflichtet. » Noli

quaerere fieri iudex nisi val eas virtute irrumpere

iniquitates.« 61 0 tempora, 0 mores!

0 , welche Zeiten , o, welche Sitten!

Dort, wo Missetaten und Unrecht eigentlich

gestraft werden müßten , dort werden

sie am allermeisten betrieben. »Fu res privatorum

furtorum , in nervo et compedibus

aetatem transigunt, fu res publi ci in auro et

purpura. « 62

In früheren Zeiten war es durchaus üblich,

öffentlicher Ämter gegen Geld zu kaufen

und zu verkaufen . Doch die Herrscher haben

diesen Mißbrauch durch strenge Gesetze

beseitigt, wom it man in sehr weiser

Form dagegen eingesch ritten ist. Noch am

Freitag , den 2. Mai 1777 hat uns Ihre Majestät

ein entsprechendes Gesetz erlassen

. 63

Wenn nicht die Richter in Stadt und Land

strengstens auf die Einhaltung der vom

Staat erlassenen Gesetze achten, dann

werden das Fundament unseres Gemeinwesens,

die Lebensgrundlage unseres

Volkes und das allgemeine Wohl zerstört.

Ja, das gesamte Gebäude eines zuvor

blühenden Staatswesens kann dann zusammenbrechen

.

Der Schaden , den Unachtsamkeit, Nachlässigkeit,

Bestechlichkeit und Ungerechtigkeit

unter den Richtern oder der Obrigkeit

in einer Provinz oder in einem Reich

anrichten können, ist kaum zu beschreiben

. Die Heiden, die nur mit dem Naturrecht

ausgestattet wurden, haben das

schon immer klar erkannt und unternahmen

alles, damit ihnen kein derartiger

Schaden entstand. Als Cambyles, der persische

König, eines Tages dahinterkam,

-daß es einer seiner Richter versäumt hatte,

ein Unrecht zu strafen und auch ein

falsches Urteil fällte , da ließ er diesem

Richter bei lebendigem Leib die Haut abziehen

und damit den Richterstuhl bekleiden.

Der Sohn des Richters, dem er das

54


Amt des Vaters übertrug, und auch alle

anderen, die diesem noch im Richteramt

folgen würden , sollten hieran erkennen,

worauf sie sitzen, und sich bewußt werden,

welches verantwortungsvolle Amt sie

bekleiden; ein Amt nämlich, das zum

Wohle des Königs und des Volkes gereichen

soll.

Was nutzt es denn dem Vaterland, daß so

viele aufgeknü pft werden , wenn nicht

Richter und Amtsträger in Zukunft besser

auf die Einhaltung der Gesetze achten?

Nur durch hohe Wachsamkeit ist zu erreichen,

daß die alte Bande nicht aufs neue

entsteht. Wie sch nell könnte sonst das alte

Feuer, das ja bis heute nicht voll erloschen

ist, wieder aus der erhaltenen Glut auflodern!

Man muß wachsam sein und auch

den kleinsten aufflackernden Funken löschen.

Die Beamten und Richter müssen

darum sehr umsichtig vorgehen und alle

fremden Bettler, Vagabunden und Durchreisenden

durch Erlaß sofort ausweisen

oder streng bestrafen. Denn die könnten

es in der Zu ku nft wieder sein, die sich mit

den verdorbenen Einwohnern des Landes

zusammentu n, um wieder mit den Raubzügen

zu beginnen .

Ach , wären die lande von Overmaas doch

so gut dran wie viele andere Provinzen

und hätten auch sie die Möglichkeiten und

die finanziellen Mitte l, ein Zuchthaus oder

eine Besserungsanstalt einzurichten.

Dann könnte man alle Übeltäter - auch

die, die ihr Leben eigentlich schon verwirkt

haben - für eine gewisse Anzahl von

Jahren oder auch lebenslang einsperren.

Diese Häftlinge oder Gefange·nen wären

für gemeinnützige Arbeiten oder ganz

spezielle Tätigkeiten einsetzbar, und die

Allgemeinheit könnte einen großen Gewinn

daraus ziehen. Die betroffenen Familien

eines solchen Gefangenen würden so

nicht in Schande geraten, Blutvergießen

bliebe uns erspart, und bei den schlechten

und verbrecherischen Elementen in der

Bevölkerung würde diese Form der Strafe

ihre Wirkung nicht verfehlen.

Jetzt werden Sie sicherlich einwenden,

daß keine Strafe eine so heilsame und

nachhaltige Wirkung hat wie die Todesstrafe.

Doch dann sagen Sie mir doch bitte

einmal, welcher Dieb sich je vom Galgen

hat abhalten lassen! Ich verlange ja gar

nicht, daß man die besonders abscheulichen

Verbrechen nicht mehr durch öffentliche

Hinrichtung ahnden soll, sicher nicht.

Bei schwerwiegenden Straftaten muß die

Todesstrafe zur Abschreckung beibehalten

werden. Auch die Rädelsführer der

Bande mußten sehr wohl mit dem Tode

bestraft werden. Was ich fordere, ist eine

Strafe, um den Anfängen zu wehren. Was

hilft schon eine Auspeitschung, eine

Brandmarkung oder der Landesverweis?

Sobald der Übeltäter diese Strafe hinter

sich hat, dann . . (was folgt, kann sich ja

wohl jeder Einsichtige selber denken!)

Abb. 34: Alte Kirche von Eygelshoven. Der

Turm, zugleich als Wehrturm errichtet, geht

teils bis ins 12. Jahrhundert zurück und ist einer

der ältesten Kirchtürme der Region.

1736 haben Bockreiter die Kirche überfallen,

die Opferstöcke geplündert, sowie Meßgewänder

und einen silbernen Meßkelch gestohlen.

Foto: Rudnick

SCHLUSSBETRACHTUNG

Warum hat eine so große Bande so wenig gestohlen?

Als es mit dem Fangen und Hangen in den

landen von Overmaas so weit gekommen

war, daß die Zahl der hingerichteten und

geflüchteten Verbrecher so um die fünfhundert

lag, vertraten einige Einheimische

und auch Auswärtige aus einem Vorurteil

heraus, aus Rechthaberei oder sonstigen

Gründen eine eigenartige Meinung. Sie

unterstellten nämlich, es sei unmöglich,

daß eine derartige Bande bestanden hätte.

Die Richter hätten sich einer groben Ungerechtigkeit

schuldig gemacht und die

Bande zu Unrecht als blut- und geldgierig

angeklagt. Wenn ich es recht sehe, war ihr

Hauptargument, daß sie sagten, es sei

doch unmöglich, so viele Menschen für

schuldig zu erklären, wo doch so wenig

gestohlen worden sei. Im Verhältnis zu der

großen Zahl der Angeklagten seien nur

wenige Diebereien und Einbrüche vorgefallen.

Dazu meine ich, wenn dreißig Mann

verhaftet und angeklagt wurden, dann waren

doch sicher, wie Sie mir einräumen

werden, bestimmt zwanzig dabei, die sehr

wohl Einbrüche verübt hatten , die von der

Bande organisiert waren. Also sind zehn

Mann unschuldig, das ist die Folgerung

aus der obigen Überlegung. Doch da finde

ich wiederum, man sollte einem Ganoven

nicht immer alles gleich glauben. Denn

wenn zehn oder zwölf unter dem Galgen

aussagen, sie seien unschuldig und harmlos,

ist noch lange nicht gesagt, daß dann

das gegen sie gefällte Urteil falsch und

ungerechtfertigt ist und der Richter ein

ungerechter Richter sein soll. 0 nein, als

einsichtiger Mann muß ich so lange auf der

Seite des Richters und für das gefällte

Urteil sein, bis das Gegenteil sonnenklar

bewiesen ist.

Einer der Anführer der Bande, Casper van

M. , 64 sagte einmal etwas sehr Bezeichnendes.

In einer Versammlung fragte ihn

ein Mitglied aus der Bande: »Mein Herr,

sagt mir doch einmal, was der Grund dafür

ist, daß unsere Bande so groß ist und

trotzdem so wenig gestohlen wird?« Darauf

antwortete ihm dieser: »Lieber H. L. . . ,

das weiß auch kein Richter, das wissen

auch die Geistlichen nicht, die den Verurteilten

beistehen, und das weißt du nicht.

Aber diejenigen, die es wohl wissen, werden

es niemals sagen! «

Hieraus folgt doch nichts anderes, als daß

die Gründe, weshalb die Bande so stark

und groß gewesen ist, das große und tiefe

Geheimnis der Anführer geblieben ist.

Möge Gott der Herr es fügen, daß die

verhängten Strafen einen solchen Eindruck

auf die leichtfertigen machen, daß

sie für alle Zukunft davor zurückschrekken

, derart schändliche und ungeheuerliche

Verbrechen zu begehen, wie sie diese

Horde von Nachtdieben verübt hat.

Es kann nur die Wachsamkeit der Obrigkeit

und die Strenge der Richter sein, welche

die lande von Overmaas zukünftig vor

einer solchen Bande werden bewahren

können, um so dieses Land und seine

Bewohner glücklich zu machen!

Nihil est ex omnibus rebus humanis praeclarius,

aut praestantius, quam de republica

bene mereri.

(Cicero ad Plane. Farn. 10.) 65

- ENDE-

55


Anmerkungen

Bezogen auf Kerkrade vgl. L. Augustus, Hebben

de bokkerijdersbenden wel bestaan?, in: Hel Land

van Herle, XXXV - 1985, S. 14 (Vgl. S. 42 unten!)

2 Johann Jakob Michel, Die Bockreiter, Aachen

1905.

Wilhelm Gierlichs, Die Bockreiter, in: Heimatblätter

des Landkreises Aachen, Heft 2 und 3, 1940, S.

32.

Derselbe, De geschiedenis der bokkerijders in'!

voormalig land van 's hertogenrode, Roermond

1940, Herdruk 1972.

Will Hermanns, Die Bockreiter, in: Beiträge zur

Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Aachens und

seiner Umgebung, Band 2 (1944), Neuauflage Aachen

197 4, S. 149 ff.

3 Schriftenauswahl zur Bockreiter-Legende:

NN., Umbständliche Nach richt dessen waß sich in

dem Land von Herzogenrath und in den beyliegenden

Oerthern mit den Schelmen hat zugetragen,

Aachen und Köln 17 44 (Abgedruckt bei Gierlichs,

De geschiedenis, a.a.O., S. 185 ff. Gierlichs vermutet,

daß ein Klosterrather Chorherr der Verfasser

ist.)

NN. , Nachricht von den sogenannten oder sich so

genennet habenden Bockreitern, einer für unsere

Zeiten unförmlichen Bande verschworener Räuber,

welche zu Herzogenrath .. , Leipzig 1781.

(Greifbar in der Aachener Stadtbibliothek.)

Josef Ponten, Die Bockreiter. Novelle, Stuttgart

1919.

L. Niessen, Die Bockreiter. Ein e kleine Spieloper,

Eupen, ohne Jahr.

4 Vgl. J. Jamar, 1785: Schaesberg van Oostenrijks

tot Stats, in: Hel Land van Herle, XXXV - 1985, S.

12 f.

5 H.M.H. Goossens, Ubach over Worms, 1981, S.

573 ff.

6 Vgl. F. Büttgenbach, Kirchrath, eine uralte Gemeinde

des ehemaligen Herzogthums Limburg, Geilenkirchen

1893.

7 Vgl. »De landen van Overmaas«, Chorografische

Kaart van J. Keyser (1739), uitgegeven door Isaak

Thirion, Nieuwe Hand -Atlas. Amsterdam 1744, in:

Limburg in Kaart en Prent, Tielt 1985, S. 44.

8 Zur Geschichte des Gebiets vgl.: W. Jappe Alberts

, Geschiedenis van de beide Limburgen, Deel

1 en Deel II, Assen 1974.

9 Vgl. Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders,

a.a.O., S. 121 .

10 P. C. Poyck (1725 - 1781), Schultheiß, Rentmeister

und Vorsitzender der Schöffenbank Merkstein, war

durch Kohleabbau reich geworden und wohnte auf

Schloß Ehrenstein im Ansteltal bei Kerkrade. (Vgl.

Abb. 23 sowie Text S. 35 Mitte!)

11 Im Reich umfaßte eine Goldpistole etwa 5 Reichstaler.

Nach Angaben in: F. Verdenhalven, Alte Maße,

Münzen und Gewichte, Neustadt a. d.Aich

1968, kostete zu der Zeit eine Kuh zwischen 20

und 30 Reichstaler. Trifft das zu, dann hätte Dillenburg

über die Maßen gut verdient.

12 M. van de Vrugt, »Aengaende criminele Saken «.

Drie hoofdstukken uit de geschiedenis van het

strafrecht, Deventer 1982, S. 21 ff. (Zitiert nach: L.

Augustus, Hebben de bokkerijders wel bestaan?

in: a.a.O., S. 37.) Vgl. auch Kastentext S. 41 !

13 Vgl. hierzu Gierlichs, De geschiedenis der bokkerijders,

a.a.O ., S. 38 f.

Der Vorwurf aus Brüssel hatte jedoch hart getroffen.

Der Herzogenrather Hauptschultheiß de Lim ­

pens schrieb noch 1750 in einem Brief an Abt

Fabritius: »Die Leute haben mich und die Gerichte

dieses Landes in Brüssel derart schlechtgemacht,

daß es jeder Beschreibung spottet. So, als wären

wir die größten Schurken im Land, über die jetzt

jeder in Brüssel redet.« (Gierlichs, a.a.O., S. 39,

Fußnote 56; dort steht der französische Originaltext.)

14 Gierlichs berichtet über derartige Aufzeichnungen

im Aachener Franziskanerkloster (Gierlichs, a.a.O.,

S. 49, Fußnote 74). Das Reichsarchiv Maastricht

bewahrt Gerichtsprotokolle, die entsprechende beglaubigte

Zeugenaussagen der Patres enthalten.

Vgl. Abb. 7!

15 Kirchhoffs war angesehener Chirurgus (Arzt) in

Herzogenrath mit gesichertem Einkommen (für die

Krankenpflege der Armen hatte ihm der Abt von

Klosterrath (Rolduc) außerdem einen festen , zusätzlichen,

regelmäßigen Betrag ausgesetzt), er

hatte somit keinerlei Anlaß, Einbrüche zu begehen.

Andeutungen im Hinblick auf politische Motive

macht Daniels Ende des 7. Kapitels. Gierlichs tut

es gleichfalls (Vgl. a.a.O., S. 82). Ausführlicher

findet man es bei: B. Lindekens, Ze reden bij

Nacht. De mysterieuze gruwelhistorie van de bokkerijders,

Amsterdam 1975, S. 188 ff. Doch eindeutige

Beweise finden sich nirgends.

16 Es verwundert deshalb nicht, daß Daniels im 25.

Kapitel den bekanntesten Prediger dieses Stiles

zitiert: Abraham a Santa Clara (1644 - 1709)!

17 Hiermit ist die Welle der Verhaftungen, Folterungen

und Hinrichtungen der angeblichen Diebe und Einbrecher

einer verschworenen Bande in den Jahren

1771 bis 1778 gemeint, die das Volk inzwischen

»Bockreiter« nennen sollte.

18 Wie bereits dargelegt, wurde SLEINADA (Pfarrer

Daniels) 1738 in Hoensbroek (bei Heerlen) geboren.

Wenn er hier Mailand als Geburtsort nennt, so

dient das - wie der Deckname - gleichfalls der

Tarnung. Er wollte wegen seiner harten Angriffe im

Buch als Pfarrer unerkannt bleiben.

19 Pfarrer Daniels könnte sich hier auf uns unbekannte

Berichte über die Diebesbanden in den landen

von Overmaas beziehen. Vielleicht meint er aber

damit auch die im Vorwort des Übersetzers angeführte

Schrift von 1744, die in Aachen und Köln

herausgekommen war.

20 Ezechiel (auch : Hesekiel) ist ein Prophet des Allen

Testamentes, der um 600 v. Chr. lebte und der von

Schuld, Verantwortung und Gericht kü ndete.

21 Es handelt sich um den Kaiser des Heiligen Römischen

Reiches Deutscher Nation, Leopold 1. (1658

- 1705), zugleich König von Ungarn. Zwischen

1683 und 1699 führte dieser erfolgreich den sogenannten

Großen Türkenkrieg. Sein Gegner war

hierbei·zunächst der im Text angesprochene türkische

Sultan Mohammed IV. (1648 - 1687), den

später die Janitscharen, seine Elitetruppe, absetzten

, als er Ungarn an Leopold verlor. Ob es zutrifft,

daß die Türken in den von ihnen eroberten Gebieten

43 000 Christen ermordeten, ist nicht nachprüfbar.

Es wird in der Höhe aber übertrieben sein.

22 Das Volk benutzte damals recht unscharfe Begriffe.

Alle Angehörigen östlicher Völker belegte man mit

dem Sammelbegriff »Tartaren«. Sinti und Roma

wurden teils als »Ägypter«, teils später als »Zigeuner«

bezeichnet.

23 Mit Freiherr G. ist Willem de Gavarelle gemeint,

den man im Volk »Jonker het Gavelke« nannte.

Beim zweiten Namen ist SLEINADA ungenau, er

meint den Vetter des Freiherrn, Johannes Winandus

Duprez, der auch Anführer gewesen sein soll

und dem auch tatsächlich die Flucht gelang .

24 Auf der Anhöhe oberhalb Schin op Geul (bei Valkenburg)

ist die erhaltene Klause dieses Einsiedlers

noch heute zu besichtigen.

25 Gemeint ist Joseph Kirchhoffs aus Herzogenrath

26 Im Original lautet die Berufsbezeichnung »Haemmaeker«

, wobei »Haem« mit Kummet oder Zaumzeug

zu übersetzen ist.

27 Gemeint ist auch hier Joseph Kirchhoffs aus Herzogenrath,

der Arzt war.

28 Das Datum, das Daniels hier anführt, ist falsch. Es

war der 4. Mai 1772 (Vgl. den Wortlaut des Todesurteils,

S. 29!)

29 Kirchhoffs spielte hier auf die Ähnlichkeit der Worte

»Zündercc und »Sünder« an.

30 Es konnte nicht geklärt werden, für welches Gesetzeswerk

SLEINADA diese Abkürzungen gebraucht.

Es sind nicht die in Fußnote 12 erwähnten

Ordonnantien und die üblicherweise mit C.C.C.

abgekürzte Constitutio criminalis Carolina Karls V.

von 1532, zumindest nicht direkt. Diese war aber

die Basis für das gesamte folgende Strafrecht gewesen,

und sie sah für Heiligtumsschändung den

Feuertod vor. (Vgl. S. 41 !)

31 Gemeint ist Kaiserin Maria Theresia (1717 - 1780),

die zugleich Herzogin von Limburg war und in

Brüssel einen Generalstatthalter hatte.

32 Erstmals taucht hier bei SLEINADA die Bezeichnung

»Bockreiter« auf. Bekanntlich hat sich die

Bande selbst nie so genannt. Das Volk belegte sie

mit dieser legendenhaften Bezeichnung. Diese

Stelle bei SLEINADA ist der erste schriftliche

56


Nachweis hiervon (sie ht man von den auch gedruckten

Liedern fah render Sänger ab).

33 SLEINADA meint hier die »Französisierung « des

auch im heutigen Niederländisch-Limburg noch

gebräuchlichen Wortes »ambras« für Aufregung.

34 Hier wird auf den damals weitbekannten französischen

Dieb Cartouche verwiesen (1693 in Paris

geboren). Wegen seiner verwegenen Einbrüche

beim Adel und den lange vergeblichen Versuchen,

ihn zu verhaften, wurde er sehr populär.

35 Dieser »Male Giys« (oder »Malegijs«) kommt als

Zauberer in dem Ritterroman des 14. Jahrhunderts

des Reinald von Montalban vor. Er lebte in vielen

Volkssagen fort und konnte interessanterweise auf

einem Pferd durch die Lüfte reiten!

36 Voltaire (1694 - 1778), war der maßgebliche Denker

und Schrittmacher der europäischen Aufklärung,

der seine Philosophie auf den erfahrbaren

Naturwissenschaften aufbaute. Den Gottesglauben

sah er nur in der Notwendigkeit, einen Ursprung für

die moralische Ordnung zu finden . Diese Einsichten

machten ihn zu einem unerbittlichen Gegner

aller Kirchen. Kein Wunder, daß ihn Pfarrer Daniels

(SLEINADA) ebenso unerbittlich ablehnte und ihn

in seinem Eifer mit Eulenspiegel u. ä. in eine Reihe

setzt. In den gebildeten Kreisen der lande von

Overmaas kannte man Voltaire und Rousseau

recht gut. Ab 1766 wurden die Werke durch die

Verleger Philippe Roux und J.-E. Dufour in Maastricht

herau sgebracht. Zudem war der Oberhirte

von Daniels, der Lütticher Fürstbischof von Velbrück

(1772 - 1784). ein bekannter Förderer der

philosophischen Zeitströmungen, was den braven

Pfarrer Daniels wohl sehr verunsichert haben wird.

37 Bezeichnend ist das Schwanken von Daniels. Einerseits

verharrt er in der abergläubischen Annahme

vom Bockritt, andererseits betont er zweimal,

daß die Gauner wohl zu Fuß gingen.

38 Gemeint ist Johann Kaspar Lavater (1741 bis

1801 }, ein aufgeklärter reformierter Theologe,

Denker und Freund Goethes. Welches seiner Werke

Sleinada meint, bleibt fraglich.

39 Eine Elle entspricht etwa 50 cm. Eine exakte Festlegung

gab es nicht. Diese Geschichte, berichtet

bei Paulus Venutus, stammt aus »Tausend und

eine Nacht«.

40 Sleinada (Pfarrer Daniels) erzählte diese Begebenheit

mit dem Maler Zeuxes bereits am Ende des

12. Kapitels.

41 Ein Kapitel 18 gibt es bei Sleinada nicht. Die nun

folgenden Kapitel 19 und 20 sind fast wortgleich

mit den Kapiteln 13 und 14. Wir können sie darum

in dieser Übersetzung überschlagen. Über die Ursache

dieser Doppelung (und auch der oben gemeinten

mit dem Maler Zeuxes) kann man spekulieren.

Manches spricht dafür, daß Pfarrer Daniels

die Kapitel dieses Buches zunächst als Predigten

verfaßte. Er schrieb diese auf, sammelte sie in

Kapiteln und gab sie schließlich als Buch heraus.

Die häufig verwandte direkte Anrede des »verehrten

Lesers« würde hierfür sprechen. Die Doppelung

der genannten Kapitel ist jedoch in jedem Fall

ein wohl unbeabsichtigtes Versehen.

42 Gemeint ist der nach Caesar und Augustus dritte

römische Kaiser Tiberius, der zwischen 14 und 37

n. Chr. Imperator war. Der angeführte Beiname

bedeutet etwa »Vieltrinker« .

43 Sleinada bezieht sich hier auf die Gründungssage

Roms (um das Jahr 750 v. Chr.). wonach die

Zwillinge Romulus und Remus, die von einer Wölfin

aufgezogen sein sollen, die Stadt Rom begründeten.

44 Der griechische Denker und Historiker Plutarch (50

bis 125 nach Chr.) verfaßte zahlreiche Lebensbeschreibungen

bekannter Persönlichkeiten, so auch

die des spartanischen Königs Agis.

45 Der römische Dichter Horaz (Horatius) lebte 65 bis

6 vor Christus. Seine umfassenden Dichtungen

sind alle erhalten . Horaz ist der eigentliche Klassiker

der lateinischen Dichtung. Sleinada beweist mit

dem zitierten Horaz-Vers erneut seine gute klassische

und breite Bildung.

46 Absalon (oder Abschalom) wird im Alten Testament

als ein Sohn König Davids erwähnt. Er lehnte

sich gegen den Vater auf und kam um .

47 Hier zeigt sich das schon mehrfach deutlich gewordene

Mißverhältnis von Tat und Strafe besonders

drastisch. Sleinada (Pfarrer Daniels) ist für ein gnadenloses

Vorgehen auch bei geringfügigem Diebstahl

- bis hin zu r Todesstrafe! Und wieder beklagt

er das ihm zu lax erscheinende Vorgehen der

Obrigkeit. Über die Gründe für Slei nadas erbarmungslose

Einstellung kann man nur spekulieren.

Sah er vielleicht in den geringfügigen Diebstählen

Ansätze eines sich anbahnenden Umsturzes, so

wie er sich allmählich im benachbarten Frankreich

im Vorfeld der Revolu tion von 1789 abzuzeichnen

beginnt? Wir wissen es nicht.

48 Sleinada (Pfarrer Daniels) bezieht sich hier auf das

Konzil von Trient, das Tridentinum (1545 bis 63).

das als Antwort auf Luthers Reformation vor allem

auch verschärfte Disziplinarbestimmungen für die

katholische Geistlichkeit erließ.

49 »Nur allzu schnell verbreitet sich heute eine ganz

entsetzliche und unmerklich sich ausbreitende

Verderbnis der Sitten. Denn üble Beispiele verderben

die Sitten« .

50 Im gemeinten ersten Brief des Apostels Paulus an

Timotheus nennt der Apostel die Anforderungen

an geistliche Würdenträger.

51 »Sorgt sich Gott nicht weit mehr um die guten

Sitten als um die Kleidung? Aber die Art der Kleidung

ist so beschaffen, daß sie Ausdruck für einen

labilen Charakter und die Zerrüttung der Sitten ist.

Was soll man von denen halten, die Priester sind,

aber als etwas anderes scheinen wollen? Das ist

zwar in gewisser Weise vertretbar, doch wenig

ehrlich. Vom Aussehen her sollten sie doch wohl

als Streiter (Christi) gelten , von ihrem Auftrag her

sind sie Priester. In Wirklichkeit jedoch sind sie

keines von beidem: Sie kämpfen weder wie Soldaten

noch verkünden sie wie Priester das Evangelium.

<c

52 »Die Wahrheit kann Haß auslösen.«

53 S\einada gebraucht original dieses deutsch klingende

Wort »Herberge«.

54 »Wer die Worte einer Dirne gerne hört und ihre

Küsse freudig empfängt, der klopft gleichsam an

das Tor der Hölle.« (Salonius war ein gebildeter

Kirchenschriftsteller aus Südfrankreich im 5. Jh.

nach Chr.).

55 Abraham a Sancta Clara (1644 bis 1709) gehörte

dem Orden der Augustiner-Barfüßer an und war

ein volkstüml icher, drastisch predigender Kanzelredner

und Volksschriftsteller. Er wirkte in Augsburg,

Graz und Wien.

56 Mit französischer oder spanischer Krankheit ist die

damals weit verbreitete, unheilbare Geschlechtskrankheit

Syphilis gemeint.

57 Syllogismus: logische Schlußfolgerung

58 Diese Aussage ist wegen der Vieldeutigkeit von

»cornu « kaum treffend zu übersetzen. Im Hinblick

auf den Zusammenhang, in den Daniels diesen

lateinischen Ausspruch stellt, wurde die folgende

Übersetzung gewählt: »Durch Stolz wird der

Mensch überheblich. «

59 »Schon viele sind durch Gold und Silber verdorben

worden«.

60 Sleinada hat die Bibelstelle exakt bezeichnet. Die

Übersetzung ist aus: Einheitsübersetzung der Heiligen

Schrift, Aschaffenburg 1980, S. 114.

61 »Versuche nicht Richter zu werden, wenn Du es

nicht vermagst, die Ungerechtigkeiten mit Tapferkeit

zu überwinden.«

62 »Die Diebe, welche privates Eigentu m stehlen,

verbringen ihr Leben in Fesseln und im Gefängnis;

die aber, die öffentliches Eigentum stehlen, leben

in Gold und Purpur. « (Cato, apud aul. gell. L. 11 C.

18.).

(Marcus Cato (234 bis 149 v. Ch r. }, römischer

Staatsmann und Schriftsteller, der hier von Pfarrer

Daniels - wie angegeben - exakt zitiert wird .)

63 Mit dieser Majestät müßte Kaiserin Maria Theresia

gemeint sein, die zugleich Herzogin von Limburg

war (bis 1780).

64 Dieser Casper van M. war Zolleinnehmer in Schin

op Geul (bei Valkenburg). Am 28. September 1776

wurde er in der Brunssumer Heide aufgehängt.

(Vgl. S. 42!)

65 »Von allen Taten des Menschen ist keine herausragender

oder vorzüglicher als die, sich um das

Allgemeinwesen verdient zu machen. «

(Cicero, Marcus Tullius (106 bis 43 v. Chr.}, römischer

Politiker, Redner und Schriftsteller.)

57


ÜBERSICHT Kasten-Texte

Die im Heft verstreuten sogenannten Kasten-Texte (grau unterlegt) wollen das kultur- und rechtsgeschichtliche

Umfeld der Bockreiterzeit beleuchten, sowie Einblicke in wichtige zeitgenössische

Quellentexte über die Bockreiter geben.

Erster Kasten-Text

Zu Schillers Schauspiel »Die Räuber« von 1781

Die vermeintliche Romantik der vielen Räuberbanden dieser Zeit spiegelt das Lied der Räuber in Schillers Schauspiel, das nur zwei Jahre nach

Pfarrer Daniels Buch erschien. Schillers Selbstrezension könnte die Legendenbildung um die Bockreiter hierzulande erklären.

11

Zweiter Kasten-Text

Die Reisebeschreibung des Abbe Feller von 1778 bzw. 1791

Diese Reisenotizen des Geistlichen Feiler sind noch ein Jahr vor Pfarrer Daniels Buch verfaßt. Die Anmerkungen zu den Bockreitern darin sind

darum eine bedeutende Geschichtsquelle.

18

Dritter Kasten-Text

Dr. W. Gierlichs (1937) zu den Unruhen in den landen von Overmaas um 1780

Gierlichs beschreibt die Unruhen in den österreichischen Niederlanden. Er verweist auf die Verbindungen von Kirchhoffs mit brabantischen

Patrioten und stellt die Behauptung auf, der Herzogenrather Arzt Kirchhoffs hätte den Aufstand in Limburg vorbereiten sollen.

23

Vierter Kasten-Text

Das Todesurteil von Kirchhoffs im Wortlaut

Es war althergebrachter Rechtsgrundsatz, daß nur aufgrund des 'Geständnisses verurteilt werden konnte. So erklärt sich auch die Folter

letztlich damit, daß der Richter das Geständnis des Angeklagten dringend zur Verurteilung brauchte. Kirchhoffs aber gestand nichts. Sein

Todesurteil stellt somit einen krassen Rechtsbruch dar und war auch im Rechtsverständnis der Zeit ein Justizmord.

28

Fünfter Kasten-Text

Dr. Keil (1804), Actenmäßige Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins 39

Dies ist die zeitnaheste deutschsprachige Geschichtsquelle zu den Bockreitern zwischen Maas und Rur. Obwohl es Keil um die Banden nach

1800 geht, greift er doch auf die Bockreiter von Meerssen um 1780 zurück.

Sechster Kasten-Text

Beispiel für eine Bockreiter-Sage

Im Bewußtsein der Bevölkerung leben die Bockreiter vor allem in den Sagen weiter, welche in früheren Zeiten den Kindern als

»Schauergeschichten« erzählt wurden. Die Sage von den kopflosen Bockreitern aus Übach, die in der Brunssumer Heide herumgeistern, ist

hierzu ein treffendes Beispiel.

40

Siebter Kasten-Text

Auszug aus der »Constitutio criminalis Carolina« (C.C.C.)

Die C.C.C., die Gerichtsordnung Kaiser Karl V. von 1532, enthält vor allem Strafprozeßrecht. Sie wollte Richtschnur sein und den

Territorialfürsten deren Rechtshoheit nicht benehmen. Dennoch erlangte sie große Bedeutung, teils galt sie bis ins 19. Jahrhundert. Nach der

kurz »Carolina« genannten Gerichtsordnung wurden Diebe gehängt, Mörder gerädert, Hexen verbrannt. Der Einfluß der Kirche zeigt sich im

zitierten Artikel 172, wonach der Kirchenschänder bei lebendem Leib zu verbrennen ist. Pfarrer Daniels verweist auf diese Bestimmung, wenn

er am Ende des 14. Kapitels von den Bockreitern aus Wellen bei Munsterbilsen berichtet.

41

Achter Kasten-Text

Räubereien in Aachen zur Zeit der Bockreiter

Nicht nur in den landen von Overmaas wurde zu jener Zeit geräubert. Der Aachener Bürgermeisterei-Diener J. Janssen weiß da schlimme

Räubergeschichten aus Aachen zu berichten. Dies zeigt, daß die »Bockreiterei« im Land von 's Hertogenrode und in den Nachbargebieten

keinesfalls eine Besonderheit war. In Aachen gab es lediglich nicht die Überreaktion der Justiz.

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