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Heimatblätter des Kreises Aachen 1987

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MONSCHAU

STADT • DÖRFER • LANDSCHAFT

FEDERZEICHNUNGEN VON ERNST OHST

MIT TEXTEN VON RUDOLF DIEREGSWEILER


MONSCHAU

STADT·DÖRFER·LANDSCHAFT


MONSCHAU

STADT·DÖRFER·LANDSCHAFT

Federzeichnungen von

ERNST OHST

mit erläuternden Texten von

RUDOLF DIEREGSWEILER

Herausgegeben vom Kreis Aachen

in der Reihe der Heimatblätter des Kreises Aachen

1987


Der Kreis Aachen will mit diesem Band der Heimatblätter eine Reihe beginnen,

die in Zeichnungen und Texten die Eigenart und Schönheit unseres Grenzlandes

darstellen soll.

Die ungewöhnliche Vielfalt der geologischen Formationen, reiche Bodenschätze,

fruchtbare Niederungen, Mittelgebirge und ein ausgedehntes Hochmoor, die

wechselvolle Geschichte nach Westen und Osten, früher Bergbau und Industrialisierung,

uralte Forstwirtschaft und hochentwickelte Manufakturen, unterschiedliche

Volksgruppen und Kulturen, mannigfache Dialekte: aus vielen Gegensätzen

mußte das Land um Aachen seine Einheit finden.

Die Federzeichnungen des Dürener Graphikers Ernst Obst geben dem Band den

künstlerischen Ausdruck. Bauwerke, Landschafts- und Siedlungsformen des

Kreises sind bisher nicht in solcher Geschlossenheit durch die genaue und dennoch

einfühlende Gestaltungskraft des zeichnenden Künstlers aufgenommen worden.

Der erste Band der Reihe stellt den südlichsten Teil des Kreises dar: Monschau,

die alte Stadt, mit den Dörfern ringsum und das Land am Venn.

Möge das Werk allen Freunden und Gästen unserer Heimat Freude bereiten.

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(BÖMEKE)

Landrat

(DR. JANSSEN)

Oberkreisdirektor


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Blick ins Monschauer Land


VENNLANDSCHAFf BEI FRINGSHAUS

Die Bundesstraße Nr. 258 von Aachen nach Koblenz steigt südlich von Aachen in

geradlinigen Abschnitten stufenförmig zum Vennrücken hinauf, überquert ihn auf

der Scheitelhöhe zwischen Fringshaus und Konzen und fällt dann zur Monschauer

Heckenhochfläche ab. Wegen des treppenförmigen Anstiegs wird die Strecke vor

Roetgen auch Himmelsleiter genannt.

Die Anlage der Straße führt in die napoleonische Zeit zurück. Im Jahre 1804 ordnete

die französische Verwaltung den Bau der Heer- und Handelsstraße Aachen -

Trier-Metz an, die in dem Abschnitt südlich von Aachen über Roetgen, Konzen

nach Monschau führen sollte. Für die riesigen Erdbewegungen bei den Bauarbeiten

wurden spanische Kriegsgefangene eingesetzt. Noch vor dem Ende des Kaiserreichs

konnte das schwierige Unternehmen der Vennüberquerung zwischen Roetgen und

Konzen 1812 vollendet werden. Im Blatt 105 - Roetgen - der Kartenaufnahme

der Rheinlande durch Tranchot und von Müffling 1803 - 1820 ist die »Chaussee

d'Aix-la-Chapelle a Mont-Joie« vom »Munster-Venn« vor Roetgen bis Imgenbroich

schon als fertige Straße eingetragen. Die französischen Ingenieure waren

stolz auf ihr Werk, das sie geradlinig durch die unwegsamen und heimtückischen

Moore des Venns Hoscheit »zum Ruhme Frankreichs und seines Kaisers« zu Ende

geführt hatten.

Im Jahre 1820 erwarb Arnold Frings aus Konzen ein Stück Vennland an der höchsten

Stelle der Straße und errichtete dort eine Herberge für Reisende und Fuhrleute.

» Fringshaus« war im 19. Jahrhundert auch Relaisstation der Fahrpost Aachen-Trier

bis 1885 die Vennbahn eröffnet wurde. Aus der einfachen Herberge, zwischendurch

auch »Schmuggelstation«, ist heute ein vielbesuchtes Restaurant geworden, das

infolge der Grenzänderungen nach dem Ersten Weltkrieg auf belgischem Boden

steht. Das einstige Hochmoor um Fringshaus ist großenteils trockengelegt, in

Weideland umgewandelt oder mit Fichten aufgeforstet worden. Nur an einer Stelle,

wenige hundert Meter hinter Fringshaus in Richtung Konzen, ist links von der Straße

noch einer der letzten Moortümpel vom Auto aus zu sehen.


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Venna l ndschaft bei Fringshaus


KONZEN

Man sieht es der Ortschaft nicht an, daß hier, lange vor dem Bau der Burg Monschau

und der Gründung der Stadt zu ihren Füßen, der alte Mittelpunkt des Landes gewesen

ist. Wer auf der Bundesstraße 258 durch Konzen fährt, sieht rechts und links

des Weges schmucke Fachwerkhäuser und Neubauten, er wird aber vergeblich nach

Überbleibseln der Vergangenheit Ausschau halten. Das einzige Zeugnis aus der

frühen fränkischen Zeit liegt abseits der Hauptstraße am westlichen Ortsrand. Es

ist die uralte Pankratiuskapelle auf dem Friedhof unterhalb der Peterskirche, über

deren Entstehung man nichts Genaueres weiß. Sie stand hier schon zu Lebzeiten

Karls des Großen und war damals die » Eigenkirche« des karolingischen Königsgutes

»Compendium«, von dem sich der Name Konzen herleitet. Der schlichte,

gut instand gehaltene Bau, dessen kleiner Innenraum gerade zwei Dutzend Menschen

faßt, wird noch heute bei Begräbnissen auf dem Kirchhof benutzt. Er hält

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damit die Erinnerung wach an den mittelalterlichen Pfarrzwang der » Mutterkirche«

Konzen, als die Bewohner des Monschauer Landes von Zweifall im Norden bis

Kalterherberg im Süden nur hier ihre Kinder taufen lassen konnten und nur hier

ihre Toten in geweihter Erde bestatten durften. Man kann sich kaum vorstellen,

wie beschwerlich die stundenweiten Leichenbegängnisse bei Wind und Wetter auf

unbefestigten Wegen gewesen sein müssen.

Der Bezirk des fränkischen Königsgutes »Compendium« war so groß wie das Gebiet

des 1972 aufgelösten Kreises Monschau. Damals war dieses Land noch ein zusammenhängendes

Waldgebiet mit kleinen Rodungsinseln, ein königlicher Forst, über

den die »forestarii«, königliche Förster, die Aufsicht führten. In der Regel waren

es zwölf, die sich einen »magister forestariorum«, einen Forstmeister, wählten und

über den ganzen Oberwald verteilt als freie Königsleute auf den Forst- und Wildhufen

ihres Grundherren saßen. Sie alle unterstanden dem Verwalter des Königshofes

Konzen.

Neben der Kapelle wurde um 1160 eine romanische Basilika, die Peterskirche,

errichtet, die im 16. Jahrhundert im spätgotischen Stil erneuert wurde. Zweimal

wurde das Gotteshaus zerstört, zuletzt im Oktober 1944 durch Granatbeschuß.

Dem Wiederaufbau ab 1949 folgte 1952 eine moderne Erweiterung

nach Norden.

Karl der Große, der die Hofkirche in Aachen auch zu seiner Grabeskirche bestimmte,

und das Heil seiner Seele den Gebeten des von ihm gegründeten Marienstifts

anvertraute, übertrug die Kirche in Konzen mit ihrem Zehnten aus den

Erträgen des Königsgutes dem Stift. König Lothar II. (855 - 869) hat die Schenkung

um einen zweiten Zehnten erweitert. Ein Jahrtausend lang hat dieses Land

dem Aachener Marienstift die Zehnterträge zugeführt und so dem Vermächtnis

des Kaisers gedient.


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Die Peterskirc • h e 1 ·nKonzen


GUT REICHENSTEIN

Ein alter Fernweg über das Hohe Venn führte aus dem Aachener Hügelland über

Reinartzhof die Vennabdachung hinauf bis zum Steling (658 m), zog am Vennplateau

entlang, über Vennhof an der Richelsley (555 m) vorbei zum Ruitzhof und

weiter nach Süden. Hier an einer belebten Handels- und Pilgerstraße des Mittelalters

lag unterhalb der Richelsley auf einer Felsnase, von Rur und Ermesbach

umflossen, Kloster Reichenstein.

Ursprünglich, wohl im 10. Jahrhundert schon, stand hier eine Burg, Richwinstein

genannt nach ihrem Gründer, der einem im Rheinfränkischen weitverbreiteten

Adelsgeschlecht angehörte, aus dem auch die Limburger hervorgegangen sind.

Herzog Walram »Paganus« von Limburg gab um 1130 Richwinstein auf, als er die

neue Burg Monschau in Besitz nahm. Er überließ den Platz dem Kloster Steinfeld,

das um diese Zeit die Regeln der Prämonstratenser angenommen hatte.

Die Mönche aus Steinfeld errichteten auf Richwinstein zunächst ein Doppelkloster

für Mönche und Nonnen, wie es in der Frühzeit des Prämonstratenserordens üblich

war. Von dem Doppelkloster, das in Vergessenheit geriet, gibt nur noch ein Brief

des Propstes Ulrich von Steinfeld (1152 - 1170) Kunde. Er bittet darin seinen

Amtsbruder Eustachius im Kloster Arnstein an der Lahn, den aus Richwinstein

geflüchteten Bruder Udo wieder dorthin zurückzuschicken. » Wie es Liebespflicht

für dich war, den Bruder Udo, als er vor den Zwistigkeiten in Richwinstein flüchtete,

bei Dir aufzunehmen, so verlangt jetzt die Liebe, daß Ihr ihn, nachdem alle versöhnt

sind, dorthin zurückschickt. Die dortigen Brüder und Schwestern nämlich ersehnen

seine Anwesenheit und halten sie für notwendig. Macht Euch keine große Sorge

um ihn, weil der Bischof mir die Aufsicht über den Ort anvertraut hat! «

Aus einer Stiftungsurkunde von 1266 geht hervor, daß es zu dieser Zeit in Reichenstein

nur noch einen Nonnenkonvent gab, daß also, wie andernorts auch, das Doppelkloster

aufgelöst worden war. Auch über das Frauenkloster geben nur wenige

Quellen Auskunft. Unter diesen ist eine Schenkung an das Kloster ini Jahre 1275

hervorzuheben. Dem Kloster wurden damals die Einkünfte der Kirche zu Opgeleen

bei Sittard überlassen, um ihm die Beherbergung der Reisenden zu erleichtern,

welche in der rauhen und unwirtlichen Gegend des Venns genötigt waren, die Gastlichkeit

des Klosters in Anspruch zu nehmen. Die Straße oberhalb von Reichenstein

brachte dem Kloster, besonders in der wärmeren Jahreszeit von April bis September,

wenn die Pilger unterwegs waren, einen ständigen Zulauf vieler Menschen,

die in der Klosterherberge unentgeltlich aufgenommen werden mußten. Gastfreundschaft

gegenüber Fremden war damals allgemein üblich. Im Unterschied zu

den mittelalterlichen Städten, in denen es neben den gewerblichen Herbergen meist

viele Einrichtungen der christlichen Fürsorge gab, waren es auf dem Land allein

die Klöster, denen die Beherbergung der Reisenden, vor allem der vielen Pilger,

oblag. Die Klöster mußten zu diesem Zweck mit Vermögen ausgestattet sein und

erhielten häufig weitere Zuwendungen.


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Gut Reichenstein


1470 soll das Kloster zum erstenmal gebrandschatzt worden sein. Mehr noch als

diese äußere Zerstörung wird der Niedergang der klösterlichen Zucht als Grund

dafür angeführt, daß die Nonnen Reichenstein aufgeben mußten. Kanoniker aus

Steinfeld ließen sich 1487 an der Stätte des Verfalls nieder und setzten das Kloster

wieder instand.

Zwei Generationen später kam es 1543 im Geldrischen Krieg zur Katastrophe.

Bei der Niederbrennung des Klosters und seiner Güter durch kaiserliche Truppen,

die auf Streifzügen von St. Vith aus das Monschauer Land verheerten, blieb kein

Stein auf dem anderen. Auch das Archiv des Klosters ging verloren. Die Mönche

konnten nur das nackte Leben retten. Diesmal zog der Wiederaufbau sich über

anderthalb Jahrhunderte hin. Erst unter dem Prior Stephan Horrichem, dem unvergessenen

Seelsorger des Monschauer Landes, der dem Kloster von 1639 bis 1686

vorstand, konnter der Aufbau nahezu abgeschlossen werden. Die Weihe der neuen

Kirche und die Fertigstellung des Prioratsgebäudes erlebte Horrichem allerdings

nicht mehr.

In seiner Amtszeit gelang es dem Kloster die mittelalterlichen Pfarrzwänge im Monschauer

Land zu lösen und in vielen Dörfern die örtliche Pfarrseelsorge mit Hilfe

der Reichensteiner Mönche zu festigen.

Schon lange war den Reichensteinern die Abhängigkeit von der Abtei Steinfeld

lästig geworden. 1714 endlich wurde das Priorat zur Propstei erhoben. Doch nur

kurze Zeit konnten sich die Mönche ihrer Selbständigkeit freuen. Im Oktober 1795

schritt der Konvent zur Wahl des letzten Propstes. Wenige Jahre später wurde

Reichenstein, wie alle Klöster im linksrheinischen Gebiet, durch Dekret der französischen

Regierung vom 9. Juni 1802 aufgehoben. Die Mönche mußten binnen zehn

Tagen das Kloster verlassen und die Ordenstracht ablegen. Zwar erhielten sie eine

jährliche Pension, doch waren sie ohne die klösterliche Lebensgemeinschaft heimatlos.

Gebäude und Ländereien des Klosters sowie das Kirchengerät wurden vom

Staat eingezogen und versteigert. Dank des Aachener Bischofs Berdolet konnte ein

Teil des Kirchengerätes an bedürftige Pfarreien verteilt werden. Seitdem wird Reichenstein

als landwirtschaftliches Gut genutzt.

Die ehemalige Kirche diente als Scheune und verfiel. 1972 gründete sich der Verein

der Freunde und Förderer der ehemaligen Klosterkirche. Zusammen mit dem jetzigen,

der Geschichte des alten Klosters verbundenen Eigentümer wurde das unter

Denkmalschutz stehende Gebäude wieder hergestellt und das Innere würdig gestaltet.

Seit 1986 wird der schlichte Raum für religiöse Feiern und kulterelle Veranstaltungen

wieder benutzt.

Der Besucher, der durch die Toranlage den großräumigen Hof des Gutes Reichenstein

betritt, sieht vor sich die geschlossene Front der Klostergebäude aus dem

17. Jahrhundert. Der Eingang des ehemaligen Prioratsgebäudes wird wie einst von

drei steinernen Pinienzapfen bekrönt, uralten Symbolen des Lebens.


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• Innenhof

Gut Reichenstem,


RICHELSLEY

Oberhalb des heutigen Gutes Reichenstein ragt ein zerklüfteter Felsen aus dem

Venn-Plateau heraus, der seit altersher den Namen »Richelsley« trägt. Es handelt

sich um ein Sedimentgestein, das vor 400 Millionen Jahren im Unterdevon entstanden

ist und das der Verwitterung und Abtragung stäker widerstanden hat als die

umgebenden Gesteine.

Der Name des Felsens erinnert ebenso wie der von Reichenstein an Richwin, den

Gründer der Burg Richwinstein. An der Richelsley führte im Mittelalter eine große

Handels- und Pilgerstraße vorbei, die das Land zwischen Rhein und Maas von Norden

nach Süden durchzog. Sie ging von der alten Handelsstadt Verdingen am Niederrhein

aus und verlief in ungefähr südlicher Richtung über die bereits im 12. Jahrhundert

bestehende Zollstätte Herzogenrath nach Aachen. Vor dort führte sie die

Vennabdachung hinauf, an der Richelsley vorbei über Prüm nach Trier und weiter

über Metz und Toul nach Süden. Im Venngebiet wurde sie » Kupferstraße« genannt,

weil auf ihr die Kupfer- und Messingwaren aus dem Aachen-Stolberger Raum

befördert wurden. Bei der Richelsley hat sich noch ein längeres Stück der Kupferstraße

zum Weiler Ruitzhof hin erhalten.

Wer heute zur Richelsley wandert, kann sich kaum vorstellen, daß an diesem Ort

der Stille einst die Wagenzüge der Kaufleute vorüberrollten und ein endloser Strom

von Pilgern die Straße bevölkerte, daß hier aber auch einer der Wege war, auf denen

die Kriegsvölker Karls V. und später des Sonnenkönigs brandschatzend und mordend

nach Norden zogen.

An die Stelle der Pilger sind die motorisierten Venn-Wanderer getreten, die besonders

an den Wochenenden von Ruitzhof, Reichenstein oder Mützenich aus durch

den dunklen Wald um den Pannensterzkopf ziehen oder sich an dem grünen Hügelland

nördlich des alten Klosters erfreuen.

Im Jahre 1890 ließ Pfarrer Amoldy von Kalterherberg das hohe Eisenkreuz auf dem

Felsen errichten zum Gedenken an den Mönch Stephan Horrichem, der von 1639

bis zu seinem Tod 1686 Prior des Klosters Reichenstein war. Stellvertretend für

seine geistlichen Brüder, deren Leben sich in der klösterlichen Einöde am Venn

und als Seelsorger in den Dörfern des Monschauer Landes erfüllte, wurde sein

Name der Vergessenheit entrissen.

Das Kreuz auf der Richelsley ist jenes » Kreuz im Venn «, das Clara Viebig zum Titel

ihres 1908 erschienenen Buches wählte. Darin schildert sie die Gegensätze zwischen

der aufgeklärten, städtischen Oberschicht und der armen, aber tiefgläubigen Landbevölkerung

am Venn sowie den Sträflingen in einer Baracke im Moor, deren Leben

und Sterben überhöht wird vom Symbol des Kreuzes am Ende der Erzählung.

» ... hinter ihnen ragte das Kreuz der Ley, das einzig Ragende auf der weiten Fläche.

Das alles überragende.«


Die Richelsley


DER WEILER RUITZHOF

Eine knappe halbe Wegstunde von der Kirche in Kalterherberg entfernt liegt in

westlicher Richtung hinter dem Grenzübergang Küchelscheid die Exklave Ruitzhof.

Die wenig befahrene Straße führt jenseits des oberen Rurtals durch Weideland und

endet bei einer Gruppe von kleineren Gehöften und Wohnbauten am Rande des

Fichtenwaldes um den Pannensterzkopf.

Nicht weit davon entfernt, in der Gegend des Geisberges (557 m), stand früher ein

Hof des Klosters Reichenstein. Von den Gebäuden ist nichts mehr erhalten, die

einstige Lage noch durch ein paar Unebenheiten im Gelände erkennbar.

Der Hof ist wohl um 1500 errichtet worden und blieb beim Kloster bis zu dessen

Auflösung 1802. Nachdem Steinfelder Mönche 1487 das von den Nonnen verlassene

Reichenstein wieder in Besitz genommen hatten, reformierten sie auch die

Klosterwirtschaft. Auf dem zusammenhängenden Grundbesitz des Klosters in und

um Reichenstein legten sie eigenständige Klosterhöfe an, die in Form der Halbwirtschaft

verpachtet wurden: Reichenstein, Bredtbaum und Ruitz. Die Pächter,

auch »Halfen« oder »Halbwinner« genannt, hatten den halben Ertrag ihrer Pachtwirtschaft

an das Kloster abzuliefern. Die Pachtverträge wurden in der Regel auf

12 Jahre abgeschlossen. Den Hof Reichenstein nahm das Kloster allerdings ab

1707 wieder in eigene Verwaltung.

Die Höfe Ruitz und Bredtbaum waren etwa gleich groß und wurden zu annähernd

gleichen Bedingungen verpachtet. So hatte beispielsweise um 1730 jeder der beiden

Halfen jährlich folgende Leistungen zu erbringen: 17 bzw. 18 Malter Hafer -

Roggen wurde hier am Venn kaum oder gar nicht angebaut - , eine Stange Butter

zwischen 50 und 60 Pfund, das halbscheidig dem Kloster zustehende Vieh zu füttern

und zu betreuen nebst der Schafschur und Ablieferung der Wolle.

Das Kloster bediente sich der Halfen außerdem zu Fuhrdiensten mit Pferd und

Karre, besondere für Holz- und Torffuhren, aber auch für weite Fahrten in die

Gegend von Euskirchen, wo von den Gütern des Klosters der Roggen nach Reichenstein

gebracht werden mußte, oder zu Fahrten an die Mosel, vermutlich nach Eller,

wo das Kloster Weingärten besaß.

Als 1543 im Geldrischen Krieg das Monschauer Land verwüstet wurde, gingen

auch die Klosterhöfe Ruitz und Bredtbaum in Flammen auf. Sie lagen an der

Kupferstraße, dem alten Handels- und Pilgerweg, und waren den brandschatzenden

Heeihaufen, die von St. Vith aus nach Norden vordrangen, schutzlos preisgegeben.

Reichenstein hat auch nach dieser Katastrophe an der bewährten Pachtform der

Halbwirtschaft festgehalten und die Höfe wieder errichtet. Mit dem Kloster, dessen

Wiederaufbau sich länger hinzog, haben diese die Notzeit des 30-jährigen Krieges

überstanden, aber auch danach während der Blütezeit des Klosters die wirtschaftliche

Grundlage für dessen seelsorgerische Arbeit im Monschauer Land gebildet.


Der Weiler Ruitzhof


Die Auflösung des Klosters 1802 durch Dekret der französischen Regierung besiegelte

auch das Schicksal von Ruitz und Bredtbaum. Die Höfe konnten sich unter

den für die Landwirtschaft ungünstigen Verhältnissen am Venn als selbständige

Betriebe nicht halten. Mit dem Bau der neuen Straße von Aachen nach Trier in der

napoleonischen und nachfolgenden preußischen Zeit verlor die alte Kupferstraße

ihre Bedeutung. Ruitzhof, abgeschnitten von der Welt, versank in einen Dornröschenschlaf,

aus dem es auch die 1885 eröffnete Vennbahn nicht mehr erwecken

konnte.

Heute wird Ruitzhof auf allen Seiten von der belgischen Staatsgrenze umsäumt.

Grenzland ist Ruitzhof stets gewesen. Die Bachläufe im Süden und Südwesten von

Ruitzhof, Schwarzbach und Kluserbach ( = Klosterbach), Nebenbäche der oberen

Rur, bildeten im Mittelalter die Grenze zwischen den Herzogtümern Jülich und

Luxemburg.

In einem an seine Freunde gerichteten Brief zum Drei-Königs-Tag 1984 schreibt

Ernst Obst: »In den letzten Tagen des alten Jahres fuhr ich nochmals zur Exklave

Ruitzhof. Mich faszinierte der kleine malerische Flecken, der noch zu Kalterherberg

gehört aber doch hinter der Grenze in Belgien liegt, abgeschieden, meist nur Einheimischen

und Vennwanderern bekannt.

Ich konnte wegen der Kälte und Feuchtigkeit nur im Wagen sitzend zeichnen. Der

alte Mann, der auch dieses Mal wieder an der Umzäunung seiner Weiden arbeitete,

kam heran, auch er voller Stolz, daß »sein« Ruitzhof gezeichnet wurde.

Früher, jeden Morgen ist er um viertel vor vier aufgestanden, um 4.35 Uhr fuhr

die Vennbahn vom Bahnhof Kalterherberg, gegen 7 Uhr war er in Stolberg zur

Arbeit und abends um 20 Uhr war er zurück. Und das über 40 Jahre! Wieviele, die

keine Arbeit hatten, haben ihn damals beneidet!

Er erzählte auch, daß nach dem Ersten Weltkrieg beim belgischen Zoll nur Beamte

eingesetzt waren, die kein Deutsch sprachen. Es gab ständig unerfreuliche Auseinandersetzungen,

oft handgreiflich. Heute, nach dem zweiten Krieg ist das anders;

Beamte die Deutsch sprechen und verstehen, alles geht freundlicher vonstatten.

Und bei meiner letzten Fahrt, als ich den belgischen Zöllnern, wie versprochen, die

Zeichnung nochmal zeigen wollte - da kochte ein deutscher Zöllner im belgischen

Zollhaus Kaffee - ein kleines Zeichen friedlichen, freundschaftlichen Nebeneinanders,

was wir uns alle so wünschen.«


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Grenzübergang an der Vennbahnstrecke bei Ruitzhof


DIE VENNBAHN

Spät erst, mit dem Sommer 1885, als schon die Geburtsstunde des Automobils

schlug, begann auch für das Monschauer Land das Eisenbahnzeitalter. Bis dahin

hatten die umwälzenden Wirkungen der Eisenbahnen auf Wirtschaft und Gesellschaft

den Kreis nur am Rande berührt. Seit 1843 war die über Aachen führende

Rhein-Scheide-Bahn in Betrieb, die den Hafen Antwerpen mit dem Stapelplatz

Köln verband. Die Linie stand nach wenigen Jahren an erster Stelle im europäischen

Personenverkehr und in der Spitze des Güterverkehrs. Für die Monschauer Wirtschaft

hätte der frühzeitige Bahnanschluß an die Scheide-Linie gewiß belebende

Wirkungen gehabt. Doch wagte die Rheinische Eisenbahngesellschaft, welche

den linksrheinischen Teil der Strecke mit privatem Kapital betrieb, nicht den Bau

einer unrentablen Anschlußbahn in das dünn besiedelte Land am Venn mit seinem

daniederliegenden Textilgewerbe. Erst nach der Reichsgründung 1871, als der Staat

das Eisenbahnwesen übernahm, hatten die Petitionen für die Vennbahn Erfolg.

Freilich bedurfte es noch besonderer Bemühungen des Monschauer Landrates

Rennen, dessen Onkel Präsident der Rheinischen Eisenbahngesellschaft war, bis

endlich 1882 die Entscheidung des Staates für den Bau der Bahn fiel.

Als nach zweijähriger Bauzeit der erste Personenzug mit den Festgästen die Steigungen

der 4 7 ,8 km langen Strecke von der Station Aachen Rothe-Erde über Brand

- Kornelimünster - Walheim - Sehmithof - Raeren - Roetgen - Lammersdorf

- Konzen bis zum Bahnhof oberhalb von Monschau erklomm, war der Jubel in den

Ortschaften an der Bahnlinie groß. Aber die Hoffnung auf eine Belebung von Handel,

Gewerbe und Verkehr, wie sie überall als Folge des schnellen, sicheren und

regelmäßigen Zugverkehrs eingetreten war, erfüllte sich kaum. Die Bahn, deren

Pünktlichkeit mit Recht gerühmt wurde, kam hier zu spät. Doch sollte die Vennbahn

als Teilstück einer Nord-Süd-Verbindung zwischen dem Aachener und dem

lothringischen Industriegebiet, das von 1871 bis 1918 zum Reich gehörte, Bedeutung

gewinnen. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg rollten die Kokszüge aus dem

Wurmkohlenrevier über Monschau - St. Vith - Ulflingen (Trois Vierges) - Luxemburg

zu den Hochöfen nach Diedenhofen (Thionville) und fuhren mit Minette­

Erzen beladen zurück zum Hüttenwerk Rothe-Erde im Osten von Aachen.

Im Ersten Weltkrieg stand die Bahn zeitweilig unter militärischer Verwaltung, nach

dem Krieg fiel sie von Sehmithof ab an Belgien, wurde während des 2. Weltkrieges

wieder deutsch und danach wieder belgisch. Sie hat heute keine Bedeutung mehr.

Die Strecke zwischen Brand und Hahn wurde aufgegeben und als Rad- und Wanderweg

angelegt. Ein geringer Güterverkehr wird noch über die Anschlußstrecken

Stolberg - Walheim und Eupen - Raeren abgewickelt. Bei den Aachenern waren

früher die Sonntagsausflüge nach Monschau und Kalterherberg mit den Zügen der

Vennbahn sehr beliebt. An die Stelle der Eisenbahn ist das Automobil getreten.


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Vennbahnübergang bei Konzen


KALTERHERBERG

Südlich von Monschau liegt auf der Hochfläche des Heckenlandes das alte Straßendorf

Kalterherberg. Fast eine Wegstunde weit erstreckt sich die bebaute Ortslage

vom Messeweg oberhalb von Reichenstein bis auf die Höhe der Elsenbomer Straße.

Vom Strom der Touristen, der sich an den Wochenenden in das Städtchen unten

im Tal der Rur ergießt, blieb der Ort hier oben verschont. Die wenigen Automobilisten,

die auf der Bundesstraße 399 nach Kalterherberg hinauffahren, biegen gewöhnlich

in der Ortsmitte zum Grenzübergang Küchelscheid ab und reisen in das

belgische Venn hinüber. Wer dagegen auf der Elsenbomer Straße weiterfährt, gerät

in einen abgelegenen Winkel des Monschauer Landes, dessen Wiesen und Wälder

zum Verweilen einladen. Die Weiterreise wäre ihm ohnehin verwehrt, denn die

Straße, die früher nach Süden führte, wird heute durch einen Erdwall an der Grenze

gesperrt. Dahinter liegt im moorigen Venn der Schießplatz Elsenborn, der noch

aus preußischer Zeit stammt. Die Einöde war damals für die Mannschaften, die in

Wellblechbaracken hausten, ein Stück Sibirien, für die Offiziere ein Ort der Verbannung,

dem sie an den Sonntagen zu Pferd oder mit dem Wagen über die Dorfstraße

in Kalterherberg hinunter nach Monschau zur »schönen Helene« entflohen.

Clara Viebig hat in ihrem 1908 erschienenen Roman »Das Kreuz im Venn« das

ganze Treiben nicht gerade zur Freude der Eifeler mit spitzer Feder beschrieben.

Als echte Jüngerin Zolas quartierte sie sich im Kalterherberger Gasthof »Post« ein,

beobachtete Land und Leute mit scharfem Blick und verarbeitete ihre Eindrücke

zu jenem narturalistischen Roman.

Die Kalterherberger leben näher am Himmel als andere. Die Turmspitzen ihres

Domes scheinen ihn schon zu durchstoßen. Das Dorf brachte Priester gleich dutzendweise

hervor. Einer, der allerdings von auswärts kam, regierte hier von 1869

bis 1914 wie weiland Bismarck in Berlin, Pfarrer Arnoldy. Er setzte sich und dem

Dorf ein Denkmal, den Eifeler Dom. Die Türme sollten eigentlich noch höher

werden, aber das fehlende Geld machte dem Himmelssturm ein Ende. Dem wuchtigen

Äußeren entspricht der feierliche Ernst des Kirchenraumes. Schlichte, innige

Volksfrömmigkeit, wie man sie sonst in Dorfkirchen antrifft, konnte sich hier kaum

entfalten. Aber dies geschah an einem anderen Ort: Zum Priesterjubiläum bauten

die Kalterherberger ihrem Pfarrer an seinem Lieblingsplatz, der Richelsley, wo er

zum Gedenken an den Reichensteiner Prior Stephan Horrichem das »Kreuz im

Venn« hatte errichten lassen, eine Lourdes-Grotte. Amoldy war eine gebietende

Persönlichkeit: so zeigt ihn die Kupfertreibarbeit an der Sakristeitür der Kirche, die

sein Bild der Nachwelt erhält.


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Der E1feler • D 0 m in Kalterherberg


VENNHAUS IN KALTERHERBERG

Die herkömmliche Art der Landbewirtschaftung in der Nordwesteifel war die

Feldgraswirtschaft. In unregelmäßiger Folge wechselten auf den landwirtschaftlichen

Böden Ackerland- und Grünlandnutzung miteinander ab, soweit nicht die

Flächen als Dauerweide genutzt wurden. 5 bis 7 Jahre lang wurde auf dem Wechselland

Hafer angebaut, der im feuchten und kühlen Klima am Venn noch gut gedieh

und an den Boden keine allzu hohen Anforderungen stellte. Danach blieb das Land

in einer zweiten Phase etwa 6 bis 10 Jahre lang brach liegen. Es begrünte sich selbst

und wurde bis zur nächsten Beackerung als magere Weide genutzt. Der Übergang

zu einer regelmäßigeren Wechselfolge um die Mitte des vorigen Jahrhunderts

brachte eine auf 3 Jahre verkürzte Ackerperiode mit wechselndem Hafer-, Kartoffel-

und Winterroggenanbau. Die abschließende Grünlandnutzung währte je nach

Lage der Flur 6 bis 12 Jahre. Sie dauerte beispielsweise in Kalterherberg 8 Jahre.

Es wurde Grassamen eingesät, das Feld also nicht mehr der Selbstbegrünung

überlassen.

Die Feldgraswirtschaft schonte den Boden. Sie konnte allerdings keine hohen

Erträge erbringen, besonders nicht auf den kargen Böden und in dem rauhen Klima

am Venn. Kein Wunder, daß es in einem amtlichen Bericht von 1788 hieß, ein

einziger Morgen in dem fruchtbaren Jülicher Land sei mehr wert als 10 Morgen

Monschauer Land.


Vennhaus in Kalterherberg mit Windsc;hutzhecke aus Rotbuchen


Zu den ungünstigen äußeren Verhältnissen kam noch die Zersplitterung des landwirtschaftlichen

Besitzes durch die in der Eifel verbreitete Sitte der Realerbteilung

hinzu, bei der im Erbgang die landwirtschaftlichen Flächen in so viele gleiche Teile

zerlegt wurden als Kinder da waren. Dies führte zu Kleinstbetrieben mit Splitterparzellen

und Betriebsgrößen unter 5 ha für die meisten Betriebe im Monschauer

Land. Sie konnten daher keine ausreichende Versorgungsgrundlage für die oft kinderreichen

Familien sein. Viehzucht und Milchwirtschaft erbrachten früher neben

der Selbstversorgung kein bares Geld, weil Absatz- und Transportmöglichkeiten

fehlten. Deshalb waren die Bauern und ihre Familien hier seit jeher darauf angewiesen,

auf sonstige Weise ihr Geld zu verdienen, sei es als Fuhrleute und Torfstecher,

sei es in Heimarbeit für die MonschauerTuchmacher, oder später zu Billiglöhnen in

den Textilfabriken des Städtchens, oder schließlich nach 1885, als die Vennbahn

eröffnet worden war, in der Stolberger und Aachener Industrie.

Das Vennhaus bestimmte früher das Ortsbild der ländlichen Siedlungen am Venn.

Es war klein und schlicht, den einfachen Bedürfnissen hart arbeitender Menschen

angemessen und auf eine sehr bescheidene Landwirtschaft zugeschnitten. In seiner

ursprünglichen Form ist es heute kaum noch zu finden. Meist wurde der Wohnteil

durch Anbauten erweitert, die alte Form ist aber immer noch erkennbar.


Kalterherberg, Vennhaus am Lehmpol 5, mit späteren Anbauten


VENNHAUS IN HÖFEN

Im Monschauer Land waren Vennhaus und Eifelhaus die bodenständigen Haustypen.

Man trifft das Vennhaus heute in den ehemaligen Venndörfern nur noch

vereinzelt an, so in Höfen und Kalterherberg, oder auf belgischem Gebiet in

Xhoffraix und Mont. Es wird seit über hundert Jahren nicht mehr gebaut.

Als die regenreiche Gegend am Venn vermutlich um die Wende des ersten Jahrtausends

allmählich besiedelt wurde, bildete sich die urtümliche Gestalt des Vennhauses

mit dem tief herabgezogenen Strohdach als eigenständige Hausform heraus.

Mit dem Ardennerhaus und dem Lothringerhaus hat es das eigentümliche Dachtragwerk

gemein. Das mächtige Dach des Vennhauses wird von Pfosten getragen,

die in drei Reihen quer zur Längsachse die Pfetten stützen. Die mittlere Pfette, der

Firstbaum, ruht auf drei schweren Eichenholzstämmen, den »Königen«. Die Enden

der Pfetten liegen in den gemauerten Giebelwänden auf.

Die Pfostenreihen teilen das Haus in vier Fächer: Wohn-, Stall-, Tennen- und

Scheunenfach. Unter dem gemeinsamen Dach, dessen moosüberwucherte Deckung

wegen der reichen Niederschläge wohl alle zwanzig Jahre erneuert werden mußte,

hausten auf engem Raum Mensch und Vieh. Gegen das Regenwetter und die Nordweststürume

schützte die tiefe, fast bis auf den Boden reichende Wetterseite des

Daches. Nach Südosten lagen Stalltür, Scheunentor und Hof geschützt im Windschatten.

Auf dieser, dem Wind abgewandten Seite, war der Traufrand höher und

am Scheunenfach zudem noch hoch zurückgeschnitten, um genug Raum für das

Tor zu haben.

Der Hauseingang befand sich an der vorderen Giebelseite, windgeschützt neben

dem vorspringenden, aus Bruchsteinen gemauerten Kamin, der die Mitte der unteren

Giebelhälfte einnahm und sich nach oben verjüngte. Rechts und links davon

war die Giebelwand aus Fachwerk und ließ Raum für die kleinen Fenster. Der rückwärtige

Giebel nach Südwesten war zum Schutz gegen die Nässe verbrettert und

zeigte einen Krüppelwalm. Auf der Wetterseite war das Vennhaus zudem durch

eine mächtige Buchenhecke geschützt, die das Dach überragte. Die hohen Schutzhecken

geben auch heute noch den Venndörfern, aber auch vielen anderen Orten

im Monschauer Land ihr eigenartiges Aussehen.


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Strohgedecktes Vennhaus in Höfen mit erweitertem Wohnteil


KAISER KARLS BETISTA TI

Oberhalb von Mützenich, am Rand des Venn-Plateaus und nicht weit vom Steling,

der höchsten Erhebung des Monschauer Landes entfernt, liegt ein Naturdenkmal,

das seit alters den Namen »Lectus Caroli Magni« oder »Kaiser Karls Bettstatt«

trägt. Es ist ein durch seine Form und Größe auffallender Quarzit-Block, um den

sich schon früh Legenden gerankt haben. Auch heute noch zieht der etwas versteckt

liegende Platz den Wanderer in seinen Bann. Kaiser Karl soll sich auf einer Jagd

im Oberwald hierher verirrt haben und ermüdet auf der Steinbank in einen tiefen

Schlaf gesunken sein, bis ihn sein Gefolge wieder fand. Im Mittelalter war »Lectus

Caroli Magni« ein Grenzstein des Klostergebietes Reichenstein.

Die Bedeutung des Naturdenkmals liegt im Alter des Gesteins, dessen Entstehung

mehr als 500 Millionen Jahre bis in das Kambrium zurückreicht. Die verfaltete

Quarzitbank hat in ihrer großen Härte der Verwitterung widerstanden.


Kaiser Karls Bettstatt


Auch das umgebende Gelände ist mit vielen kleineren Quarzitbrocken übersät,

die alle aus dieser frühen Periode der Erdgeschichte stammen. Das jetzige Weideland

im Hang oberhalb von Mützenich war gleichfalls mit Quarz-Härtlingen überschottert.

Bei der Kultivierung des Landes wurden die »Venn-Wacken« zu kleinen

Wällen aufgeschichtet, die heute noch vom Wanderweg zum Steling hinauf links

und rechts im Gelände zu sehen sind.

Mützenich, eine Streusiedlung auf dem Südosthang des Venn-Plateaus, ist vermutlich

keltisch-römischen Ursprungs. Spuren aus der ersten Zeit der Besiedlung wurden

noch nicht entdeckt, doch läßt der Name des Ortes mit der Endung »-nich« auf

ein römisches »mutiniacum« in dieser Gegend am Venn schließen, vielleicht einen

der zahllosen Wachtposten, die in regelmäßigen Abständen an den römischen

Straßen stationiert waren. Heimatforscher nehmen an, daß der Mützenicher Straßenposten

am Schnittpunkt zweier Straßen gelegen haben könnte, nämlich der römischen

Via Mansuerisca, die das Hohe Venn überquerte, und der Kupferstraße,

jenem uralten Handelsweg, der über das Venn zum Steling hinaufführte und von

dort an der Richelsley vorbei nach Süden verlief.


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Weidebe grenzung mit »'' vennwack en« beiM" utzemch •


DIE BURG UND DIE STADT

UNTER DEN LIMBURGERN

Die Burg Monschau wurde im 12. Jahrhundert in der Wildnis des oberen Rurtales

auf einer felsigen Anhöhe über dem Fluß errichtet. Sie stärkte die Macht der Herzöge

von Limburg, die in dem Dreieck Aachen-Maastricht-Lüttich reich begütert

waren und die sich seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts als Beschützer der Aachener

Pfalz und des umliegenden Königsgutes hervortaten. Auch das Land Konzen,

das zum Reichswald gehörte, stand unter ihrer Obhut. Als Herzöge hatten sie die

Aufgabe, den Landfrieden zu sichern. Sie durften zu diesem Zweck Befestigungen

im Schutzgebiet anlegen. Der Bau einer Burg mitten im Konzener Land war allerdings

auch ein Zeichen dafür, daß die Schutzmacht der Limburger im Laufe des

12. Jahrhunderts in eine Eigenherrschaft überging. Von hier zum Königshof war es

nur halb so weit wie von der alten Burg Richwinstein, die am südlichen Rand des

Gebietes lag und die Herzog Walram II. (1119-39) um 1130 zu Gunsten einer

Klostergründung aufgegeben hatte.

»Walramus de Monte Joci« lautet der Name des Burgherrn in der ältesten bekannten

Urkunde von 1198. Es war der zweite Sohn Herzog Heinrichs III. von Limburg

(1167-1221), der sich so nannte im wachsenden Herrschaftsbewußtsein des Adels

im 12. Jahrhundert. Die Wahl des Burgnamens, der offenbar mit seiner Lebensgeschichte

verbunden ist, zeugt zudem von starkem Selbstbewußtsein: Walram

hatte am 3. Kreuzzug Barbarossas teilgenommen und sich nach dem plötzlichen Tod

des Kaisers dem englischen König Richard Löwenherz angeschlossen, an dessen

Seite er die alte Hafenstadt Akkon im Heiligen Land erobert hatte. Auch von einer

weiteren Kreuzfahrt war er glücklich heimgekehrt. Wohl in Erinnerung hieran gab

Walram der neuen Burg den Namen einer Bergkuppe im Westen Jerusalems, die von

den Kreuzfahrern »Mons Gaudii«, Berg der Freude genannt wurde, weil sie von hier

aus die Stadt zum ersten Male vor sich liegen sahen. Aus »Mons Gaudii« wurde

»Mons Joci« und daraus Montjoie, der alte Name der Stadt, der 1918 in das mundartliche

Monschau abgeändert wurde.

Walram war nicht nur ein Mann des Schwertes, der das Ritterideal der Kreuzzugszeit

verkörperte, sondern auch der Angehörige eines Geschlechtes, das seine Macht

durch kluges Planen und Wirken mehrte. Mit einer weiträumigen Heiratspolitik

formierte Walram gegen die Großmacht des Kölner Erzbischofs eine Opposition,

die von Oberlothringen bis zum Niederrhein und zur rechtsrheinischen Grafschaft

Berg reichte. Zur Auseinandersetzung mit dem Erzbischof und Reichsverweser

Engelbert, dem mächtigsten Fürsten des Reiches kam es 1218 durch den Tod des

Grafen Adolf III. von Berg auf dem 5. Kreuzzug in Oberägypten. Erzbischof

Engelbert, der Bruder des Verstorbenen, übernahm die Grafschaft, da Adolf keine

Söhne hinterlassen hatte. Mit der Begründung, daß ein Reichslehen nur in männlicher

Linie übertragen werden könne, lehnte er eine Nachfolge über die Tochter

Irmgard des Verstorbenen ab. Die Nichte des Erzbischofs war mit Walrams ältestem


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Dächerlandschaft

links vor dem Tur:U der ev. Kirche das Rote Haus, rechts Haus Troistorff


Sohn Heinrich, dem späteren Herrn von Monschau (1221-26) und nachmaligen

Herzog von Limburg (1226-47) verheiratet, sodaß diesem durch die Entscheidung

Engelberts die Grafschaft Berg vorenthalten wurde.

Es kam zum Kampf zwischen Walrarn und Engelbert, in dessen Verlauf der Erzbischof

zwar die Oberhand behielt, jedoch einige Jahre später, am 7. November

1225 von einem Schwiegersohn und Bundesgenossen Walrams, dem Grafen Friedrich

von Isenberg überfallen und ermordet wurde. Die Bluttat, die grausame

Hinrichtung des Grafen in Köln und die Verfolgung seiner Familie blieben im

Rheinland und in Westfalen lange unvergessen und lieferten noch im 19. Jahrhundert

der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff den Stoff zu ihrer Ballade »Der

Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln«.

Nach dem Tod Engelberts übernahm Heinrich unangefochten die Grafschaft Berg.

Als Erzbischof Heinrich von Molenark, der Nachfolger Engelberts, 1226 die Burg

des Grafen von Isenberg, die an einer Ruhrschleife westlich von Hattingen lag, als

Vergeltung für den Mord in Trümmer legen ließ, errichtete Heinrich 1230 für seine

Schwester Sophia und ihre beiden Söhne eine neue Burg östlich von Hagen, die er

trotzig Limburg nannte. Sie wurde im 18. Jahrhundert zu einem Schloß umgebaut

und beherbergt heute ein Heimatmuseum. Die Siedlung am Fuße der Burg wurde

1879 in Hohenlimburg umbenannt.

Walram, der Herr von Monschau, der nach dem Tod seines Vaters 1221 als Walram

III. Herzog von Limburg geworden war, überlebte den Tod Engelberts nur um

wenige Monate. Für Caesarius von Heisterbach, der eine Beschreibung des Lebens,

der Leiden und Wunder Engelberts verfaßte, stand fest, daß Walram der Drahtzieher

des blutigen Geschehens gewesen ist, sah er doch in dem Tod Walrams 1226

so bald nach dem Mord die Strafe Gottes.

Walram ist auch in die Geschichte Luxemburgs durch seine 2. Ehe 1214 mit der Erbtochter

Ermesinde eingegangen. Über den Sohn Heinrich aus dieser Verbindung

ist er der Ahnherr des luxemburgischen Kaiser in Prag geworden. Walram wurde

bestattet in der Augustiner-Chorherren Abtei Rolduc im Land Herzogenrath, das

sein Großvater Heinrich II. von Limburg (1139-67) bei seiner Verehelichung mit

Mathilde, Tochter des Grafen Adolf von Saffenberg an der Ahr, als Heiratsgabe

erhalten hatte, und das seither nach dem Limburger Herzog benannt wurde. Im

Mittelgang der Klosterkirche befindet sich noch heute die Tumba Walrams. Sie zeigt

einen liegenden Ritter in voller Rüstung. Die Umschrift des schwarzen Sarkophages

preist die Tugenden Walrams und beginnt mit den Worten »Iste fuit talis«: Von

solcher Art ist er gewesen ...

Sein ältester Sohn Heinrich, Graf von Berg und von 1221 bis 1226 Herr von Monschau,

wurde als Herzog Heinrich IV. von Limburg sein Nachfolger. Er nahm 1228

in Aachen das Kreuz und vertraute die Regierung bis zur glücklichen Rückkehr

dem jüngeren Bruder Walram an, der ihm 1226 als Herr von Monschau gefolgt war.


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Die Burg mit Eselstor, Blick über Laufenstraße und Kirchstraße


Durch die Verbindung mit der rechtsrheinischen Grafschaft Berg, die das Land

zwischen Ruhr und Sieg umfaßte, stand das Herzogtum Limburg unter Heinrich IV.

auf der Höhe seiner Macht. Herzog Heinrich starb 1247 und wurde in Altenberg

begraben. Von seinen beiden Söhnen erhielt Adolf die Grafschaft Berg, der andere

als Walram IV. das Herzogtum Limburg. Walram IV. starb 1279 ohne männlichen

Erben und löste damit den limburgischen Erbfolgestreit aus, der in der berühmten

Schlacht von Worringen 1288 zu Gunsten des Herzogs von Brabant entschieden

wurde.

Monschau teilte zu dieser Zeit schon nicht mehr das Schicksal des Herzogtums Limburg.

Es war unter Herzog Heinrich IV. zu einer Herrschaft mit eigenständiger Erbfolge

erstarkt. Heinrich hatte seinem jüngeren Bruder Walram wohl aus Dankbarkeit

für dessen Treue Monschau als selbständige Herrschaft überlassen. Walram 1.,

ein kampfeslustiger Mann wie sein Vater, der mit aller Welt im Streit lag, seinen

Jülicher Neffen Wilhelm IV. ausgenommen, starb 1242 und wurde in der Herrschaft

Monschau von seinem Sohn Walram II. beerbt, der ganz anders geartet war als

seine Vorgänger und nach einem friedlichen Leben 1266 verstarb. Er wurde in der

Zisterzienserabtei Val de Dieu bei Aubel bestattet. Hier erinnert noch eine Grabplatte

an ihn. Die Inschrift bekundet, daß er, der ein Ritter war, danach trachtete,

ein Mönch zu werden.

UNTER DEN FALKENBURGERN

Nach Walram II., der keine Kinder hatte, ging die Herrschaft Monschau auf den

Gemahl seiner Schwester Berta, Dietrich von Falkenburg über. Fast ein Jahrhundert

lang bis 1352 waren nun die Falkenburger, ein kriegerisches Geschlecht, die

Herren von Monschau. Ihr Leben war von endlosen, oft verzweifelten Kämpfen

erfüllt und kämpfend starben sie auch. Dietrich von Falkenburg wurde 1268 bei

einem Überfall auf die Stadt Köln erschlagen. Walram III., der Rote, kam 1288 in

der Schlacht von Worringen schwerverwundet gerade noch mit dem Leben davon.

Reinold 1. kämpfte verbissen gegen seinen Erzfeind, den Herzog von Brabant und

wurde 1333 bei der Verteidigung der Burg Monschau von einem Pfeilschuß tödlich

verwundet. Dietrich III. fiel 1346 im Kampf mit den aufsässigen Lütticher Bürgern.

Nur der letzte der Falkenburger, Johann 1., war friedfertig und kinderlos. Er starb

1352 und wurde im Kloster Reichenstein bestattet, wo seine Schwester Elisabeth

vorübergehend Klosterfrau und wohl auch Meisterin war.


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Blick vom Haus Troistorff zum Eselstor der Burg


UNTER DEN SCHÖNFORSTERN

Auf die Falkenburger, deren Heldenleben in tiefer Verschuldung endete, folgte der

Ritter Reinard von Schönau, der sich nach dem Stammsitz seiner Familie nördlich

von Aachen benannte und der 1348 von König Karl IV. mit der Herrlichkeit Schönforst

südöstlich von Aachen belehnt worden war. Reinard war einer der reichsten

Männer seiner Zeit. Ansehen und Vermögen verdankte er ebensosehr der ritterlichen

Tapferkeit, die an ihm gerühmt wurde, wie seinem genialen Finanzgebaren.

Er wurde »dank seinem Geist und Geschick der Ratgeber aller Herrn zwischen

Maas und Rhein« berichtet ein Ritterspiegel von 1398. So hatte Reinard auch den

Falkenburgern Geld geliehen und nun, nach dem Tod des letzten, erwarb er von fünf

Schwestern des Verstorbenen deren Anteile an der Erbschaft, um sich in den Besitz

der Herrschaft Monschau zu bringen. Offenbar mußte er hierbei verschlungene

Wege beschreiten. Zwar belehnte ihn der Herzog von Brabant schon im März 1354

mit dem limburgischen Lehen Monschau, doch veräußerte Reinard 1356 die Herrschaft

zunächst wieder an den Markgrafen von Jülich, um sie von diesem, der inzwischen

Herzog geworden war, 1361 über einen Tauschvertrag als Lehen zurückzuerhalten.

Man nimmt an, daß Monschau unter dem reichen und mächtigen Schönforster

Herrn aufblühte. Es gibt jedoch auch Anhaltspunkte dafür, daß schon unter den

Falkenburgern die Burg vergrößert und mit hohen Ringmauern, Wehrgängen und

Rundtürmen verstärkt worden ist. Fest steht, daß die neue Kapelle, die in einen

Wehrturm der unteren Vorburg hineingebaut worden ist, 1369 fertiggestellt wurde.

Auch die Siedlung »im Tal« am Nordhang der Burg bekam unter den Falkenburgem

und den Schönforstern ein städtisches Gesicht, ohne daß eine förmliche Erhebung

zur Stadt bekannt geworden ist. In der Tauschurkunde von 1361 wird die Siedlung

jedenfalls schon als Stadt bezeichnet. Die Umwehrung der Stadt mit Mauern und

Türmen verstärkte die Burg an ihrer schwächsten Seite.

Reinard hatte aus seiner Ehe mit Katharina von Wildenburg vier Söhne und wahrscheinlich

auch vier Töchter. 1368 starb seine Gemahlin auf der Burg in Monschau.

In der Kirche der ehemaligen Reichs-Abtei Burtscheid wurde sie bestattet. Ein Jahr

danach teilte Reinard sein Vermögen unter seine Kinder auf. Der älteste Sohn

Reinard II. erhielt die Herrschaft Schönforst, der zweitälteste Sohn Johann I. Burg,

Stadt und Land in der ganzen Herrlichkeit Monschau. Reinards Stern ging am

22. August 1371, dem Tag der Schlacht von Baesweiler, unter. Er hatte seinen Herzog

Wenzel von Brabant zum Kampf gegen den Herzog von Jülich gedrängt. Der

Streit ging verloren, der Herzog wurde mit 270 Edelleuten, unter denen sich auch

Reinards ältester Sohn befand, gefangen genommen. Reinard selbst, »der Anführer

der 48. Kohorte« entkam zwar nach Maastricht, wurde dort aber mit Schimpf und

Schande empfangen und für den unglücklichen Ausgang der Schlacht verantwortlich

gemacht.


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Burg Monschau. Das Eselstor, rechts Haus Hirsch von 1586


Er, der Ritter, hat die erlittene Schmach nie verwunden. 1375 nahm er Abschied

von seiner Familie und begab sich auf eine Pilgerfahrt zu den Johannitern nach

Rhodos. Er soll schon bald nach seiner Ankunft auf der Insel gestorben sein. Über

seinen Sohn und Nachfolger in der Herrschaft Monschau, Johann I., läßt sich nur

wenig sagen. Er hatte elfjährig durch Herzog Wenzel die Propstei St. Servatius in

Maastricht erhalten, überlebte aber seinen Vater nur um wenige Jahre. Er starb

1381 im Alter von 31 Jahren. Sein Sohn, Johann II. stand unter der Vormundschaft

der Mutter, Margareta Scheif(f)art von Merode, der »Frau von Montjoie«, die 1388

den Krieg vom Land Monschau fernhielt. Das spätere, wechselvolle Leben J~hann's

II. nahm keinen glücklichen Verlauf. Er trat in burgundische Dienste und erlangte

hohe Titel und Ämter. Aus nicht bekannten Gründen fiel er in Ungnade und starb

1433 als Gefangener des Herzogs von Burgund, tief verschuldet und kinderlos. Er

war der letzte Schönforster in Monschau. Mit ihm war der Traum Reinards von der

Gründung einer Dynastie in Monschau zerronnen.

UNTER DEN JÜLICHERN

Mit dem Jahr 1433 beginnt eine neue Epoche in der Geschichte von Burg und Stadt

Monschau. Auch diesmal war die Herrschaft Monschau hoch verschuldet. Burg und

Land waren teilweise verpfändet. In der Auseinandersetzung mit den Pfandgläubigern

und den Geschlechtern Schönforst und Merode brachte der Jülicher Erbmarschall

Frambach Niet von Birgel, einer der reichsten Edelleute des Herzogtums,

schließlich eine Einigung zustande, nach der das Herzogtum Jülich 1435 in den

Besitz der Herrschaft Monschau gelangte, wenngleich die Jülicher Herrschaft noch

jahrzehntelang heftig umstritten blieb.

Die Burg wurde Sitz eines Jülicher Amtes. Zum Dank für seine treuen Dienste

übertrug Herzog Adolf dem Erbmarschall die Amtmannschaft von Monschau,

entzog sie ihm jedoch Anfang 1436 wieder. Schon 1444 verpfändete Herzog Gerhard

Burg und Amt Monschau an Johann von Palant, der ihm 14000 Gulden geliehen

hatte. Unter den Erben, die 1461 die Pfandschaft übernahmen war auch ein

Thonies von Palant, der ohne Wissen des Jülicher Herzogs den Lüttichern in deren

Kampf gegen Herzog Karl den Kühnen von Burgund die Burg Monschau als Stützpunkt

überließ. Nach der Niederlage der Lütticher 1467 übergab Thonies ebenso

selbstherrlich Monschau den Burgundern. Der Herzog von Jülich belagerte 1469

mehrere Wochen lang seine eigene Burg, zog sich dann zurück, da er in einem

Prozeß am burgundischen Hof in Brüssel die Herausgabe von Monschau wohl oder

• übel erstreiten mußte. Nach der Entscheidung, die 1472 in Brüssel gefällt wurde,

waren Burg und Land Monschau mit allen Einkünften an den Herzog von Jülich

auszuliefern, allerdings unter der Bedingung, daß der Jülicher zuvor die Lehnshoheit

Limburgs - und damit Burgunds - über Monschau anerkenne. Der Belehnungsantrag

wurde noch im selben Jahr durch den Jülicher Landdrosten Johann


Blick von der Burg. Im Vordergrund St. Mariä Geburt


von Merode in Limburg gestellt, die Belehnung allerdings erst 1483 durch den

Statthalter von Limburg, Johann von Eynatten, ausgesprochen.

Neben diesem Prozeß lief noch ein zweiter. Die Schönförster hatten es sich in den

Kopf gesetzt, den Jülichern das Land Monschau wieder abzujagen. Mit ihrem Vorbringen

beim Limburger Rat, das Land Monschau sei ein Limburger Lehen, erreichten

sie, daß Herzog Philipp der Gute von Burgund 1450 den Gemahl der Margarete

von Schönforst, Jakob von Gaesbeck, mit Stadt und Land Monschau belehnte.

Zwar ließ der Herzog von Jülich den Limburger Spruch durch ein kaiserliches

Urteil 1452 kassieren, doch wurde nach dem Tode Jakobs von Gaesbeck und

seiner Gemahlin deren Erbe 1480 durch Maximilian und seine Gattin Maria von

Burgund erneut mit Monschau belehnt. Jülich mußte sein Recht weiter erstreiten

und das Reichskammergericht anrufen. Der Prozeß nahm, wie so oft, kein Ende.

1503 bestätigte Herzog Philipp der Schöne von Burgund, der Sohn Maximilians,

den Spruch des Limburger Lehnshofes von 1450. Das Reichskammergericht hob

1509 die Entscheidung des Herzogs auf. Die umstrittene Belehnung hat zwar nie zur

Inbesitznahme Monschaus geführt, sie zeigt aber, daß die Rechtsstellung der Jülicher

nicht ungefährdet war.

Unter der Jülicher Herrschaft wurde das Land Monschau von Amtmännern verwaltet.

Ihnen standen Rent- und Forstmeister zur Seite. Der Amtmann vertrat den

Landesherrn, der seinen Sitz in der Residenz hatte. Die Amtsverwalter wurden

aus den angesehenen einheimischen Familien bestellt. Während die Rentmeister

ihre Amtsgeschäfte in Monschau abwickelten, saßen die Forstmeister seit jeher am

alten Könighof in Konzen. Dort verblieb die Forstverwaltung noch bis zum Untergang

der Landesherrschaft im 18. Jahrhundert.

BEIM FÜRSTENTUM PFALZ-NEUBURG AN DER DONAU

Als 1609 der letzte Jülicher Herzog starb, teilten die Haupterben, der Kurfürst von

Brandenburg und der Pfalzgraf von Neuburg, 1614 im Vertrag von Xanten Jülich

und Monschau dem jungen Fürstentum Pfalz-Neuburg zu. Die bewährte Verwaltungsgliederung

blieb. Auch die Verlegung der Residenz 1716 von Düsseldorf nach

Mannheim und Schwetzingen lockerte die straffen Zügel der Verwaltung kaum,

wurden doch weiterhin jährlich rund fünfzigtausend Reichstaler aus dem Monschauer

Land herausgeholt.

AUS DER VERWALTUNG

Die Rent- und Forstmeisterwaren dem Landesherren über ihre Verwaltungrechenschaftspflichtig.

In Jahresrechnungen, die jeweils mit dem 1. August begannen und

mit dem 31. Juli endeten, führten sie Buch über die Einnahmen und Ausgaben des

Amtes. Die Rechnungsbücher blieben großenteils erhalten und werden im Staatsarchiv

in Düsseldorf aufbewahrt. In ihnen sind neben den regelmäßig wiederkehren-


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Blick zur

B urg u "ber die »Markttrappen«


den Buchungen solche Kassenvorgänge von Interesse, die, weil sie ungewöhnlich

waren, besonders erläutert wurden. So wurde manche Begebenheit von örtlichem

Belang überliefert, über die man sonst wohl kaum ein Wort verloren hätte. Im 15.

Jahrgang der »Mitteilungen des Geschichtsvereins des Kreises Monschau« von 1940

hat Dr. Güthling mehrere Beiträge »Zur Geschichte des Amtes Monschau« veröffentlicht,

in denen aus den Rechnungen für die Jahre 1507 bis 1794 solche Erläuterungen

sinngemäß oder in hochdeutscher Übertragung zusammengestellt worden

sind. Einige Abschnitte aus einer Spanne von weniger als 20 Jahren sollen zitiert

werden:

» 1507 /08 Am tausent merteler tag werden Boten wegen der Franzosen nach

Nideggen, Munstereifel, Heimbach, Stavell und Mallmenter gesandt.

Als Bote dient meistens Merten der Waile. Auf dem Eselsturm werden

zwei Mann bestellt, die schießen könnten, wenn die Franzosen kämen.

Auf dem Haller wird ein zweiter Wächter angesetzt.

Gisbert Kettler, Propst zu Paderborn, kommt zweimal auf der Reise

nach St. Hupert vorbei. Er übernachtet in Jungfer Mergen Haus.

Daß ein Hund in den Brunnen (des Schlosses) gefallen war, bemerkte

man erst nach 6 Wochen, als der Kadaver an die Oberfläche kam.

1508/09 Ein Küchenjunge, der im Verdacht stand, 4 Speckseiten gestohlen zu

haben, wird durch den Scharfrichter von Jülich vernommen.

1521/22 In der Brüchtenrechnung erscheint Johann Kull, der bei der Heiltumsfahrt

auf der Straße zu kleines Maß gezapft hat.

Gehälter: Der Amtmann erhält 200 Mark, und für die 13 Personen, die

er in Kost halten muß, 866 mark. Der Schultheiß erhält aus Mai- und

Herbstschätzen 16 mark, die Schöffen ebenfalls 16 und die Landboten

24 mark. Der Knecht, der den Schatz hebt, erhält 48 mark, der burchgraf

40, der Koch 40, der Brauer 40, die beiden Fförtner 46, der Knecht,

der den Eselsturm verwahrt, 29, der thornknecht 23 , die vier Wächter,

die auf der Burg wachen, 117, der Knecht, der den Haller verwahrt, 29

und der buessenknecht, der das Geschütz in Rüstung hält, 40 mark.

1522/23 Ein Mann, der Hafer gestohlen hat, wird vom Scharfrichter einmal versucht.

Er hängt sich dann an seinem Hemd im Turm auf.

1524/25 Peter von Kesternich und sein gesell zahlen wegen eines Totschlages

38 mark Buße.

Eine Frau mit ihren zwei Töchtern ist verhaftet worden, weil sie mit

ihrem Sohn zusammen ihren Ehemann erschlagen hat. Sie wird vom

Scharfrichter versucht und hingerichtet. Dem Pfarrer wird für seine

Anwesenheit 1 Mark gezahlt. Schultheiß und alle Schöffen erhalten

für ihre Gegenwart nur Mahlzeiten.«


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43. a(b

Holzmarkt von der Laufenstraße gesehen


DER HOLZMARKT

Die Amtsverwaltung war wohl ursprünglich auf der Burg und später in einem eigenen

Amtsgebäude untergebracht. Zuletzt diente ihr das Haus Nr. 121 auf dem

Holzmarkt, das 1663 erbaut worden ist und heute noch bewohnt wird. Von der

Amtsverwaltung ist die städtische Verwaltung zu trennen. Ihr Sitz war bis zum

Ende des 18. Jahrhunderts im ehemaligen Rathaus auf dem Holzmarkt 107. Das

Haus wurde, wie die Jahreszahl hinter der Inschrift über der Haustür ausweist,

1654 erbaut und gibt mit seinem Türmchen, in dem früher die Feueralarm-Glocke

hing, dem Holzmarkt ein freundliches Bild. Mit den Häusern der ehemaligen Amtsund

Stadtverwaltung war der kleine Platz einst der Mittelpunkt des Gemeinwesens,

obwohl er am Rand der alten Stadt lag und auch heute vom Touristenstrom kaum

berührt wird. Er entstand erst nach der Zerstörung Monschaus in der Jülicher

Fehde, draußen vor der Obersten Pforte, einem Stadttor, das im vorigen Jahrhundert

abgebrochen worden ist.

DIE STADTSTRASSE

Die mittelalterliche Stadt war anfangs nur ein winziger Flecken aus ein paar Häusern

auf der linken Uferterrasse der Rur am Fuß des Burgberges. Die Stadtstraße erinnert

mit ihrem Namen und ihrem Verlauf noch an diesen Ursprung. Von den ältesten

Gebäuden hat sich allein das » Haus zum Turm« erhalten, das ruraufwärts am oberen

Ende der Stadtstraße steht. Der Bau wurde um die Mitte des 14. Jahrhunderts als

Burghaus im Zuge der Befestigung der Stadt ausgeführt und diente im Mittelalter

den Schultheißen längere Zeit als Wohnsitz. An das Burghaus war ein Stadttor

angebaut, das »Rurpforte«, »Achterpforte« oder auch »Luxemburger Pforte«

genannt wurde. Durch dieses Tor führte der Weg aus der Stadt ruraufwärts nach

Reichenstein und Kalterherberg, wo er auf den großen Handels- und Pilgerweg

nach Süden traf.

Am unteren Ende der Stadtstraße stand früher an der Brücke über die Rur noch ein

zweites Turmhaus mit einer Stadtpforte daneben. Es ist vor 1430, vermutlich ebenfalls

im Zuge der Stadtbefestigung entstanden und trug den Namen »Rabantz­

Turm« oder »Turm an der Brücke«. Um 1435 war es im Besitz des Frambach von

Birgel, der kurz zuvor die Jülicher Herrschaft in Monschau aufgerichtet hatte. 1571

wurde im Turmhaus an der Brücke ein berühmter Monschauer geboren: Adam

Contzen, ein streitbarer Jesuit und führender Theologe seiner Zeit, dessen wissenschaftliche

Interessen auch der Mathematik, der Geschichte und dem Staat galten.

Neben zahlreichen theologischen Streitschriften hinterließ er ein umfangreiches

Werk »Libri decem« über das Staatswesen und die Nationalökonomie. Das alte

Turmhaus an der Brücke hat den 2. Weltkrieg nicht überstanden. Bei der Sprengung

der Rurbrücke im September 1944 wurde es zerstört.


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Holzmarkt, links das ehern. Amtsgebäude, Haus Nr. 121


Das gleiche Schicksal erlitt das benachbarte »Hotel de la Tour«, in dem vor dem

1. Weltkrieg die preußischen Offiziere vom Truppenübungsplatz Elsenborn verkehrten.

Selbst der Kronprinz war einmal hier zu Gast und das unerläßliche Erinnerungsfoto

an seinen Besuch zeigt ihn mit der stolzen Wirtin Pauline Richter vor dem

Eingang des Hotels. Nun wäre der Ruf des Hauses kaum über das Monschauer Land

hinausgedrungen, hätte nicht Clara Viebig in ihrem Roman »Das Kreuz im Venn«

die Stadtstraße samt Hotel und schöner Wirtin zum Schauplatz einer sozialen

Anklage erhoben. Die Monschauer, die sich in den Personen des Romans erkannten,

waren verärgert und auf die Viebig nicht gut zu sprechen.

Da erging es dem 1882 in Monschau geborenen Schriftsteller Ludwig Mathar schon

besser, obgleich dieser in seinen vielgelesenen Romanen wie »Die Monschäuer«

(1922), »Fünf Junggesellen und ein Kind« (1924) oder »Die ungleichen Zwillinge«

(1927) den Kleinstädtern nicht weniger die Leviten las. Aber er war einer der ihren

und er bekannte sich später auch zu ihnen: » Weiß nunmehr, daß die Menschen

weder Engel noch Teufel, sondern eben arme, schwache, vom Glück oder Unglück

gerüttelte und geschüttelte, bestenfalls Monschäuer sind.« Am 15. April 1958 ist

er, den die Monschauer zu ihrem Ehrenbürger ernannt hatten, in seiner Heimatstadt

gestorben.

An der Ecke der Stadtstraße zur Rurbrücke steht heute das Haus von der Hardt,

dessen Geschichte sich bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen läßt. 1470 überschrieben

die Eheleute Claes und Maria von der Hardt das Gebäude dem Kloster

Reichenstein. Da sie sich jedoch die Nutzung vorbehielten, bewohnten sie und die

nachfolgenden Generationen der Familie das Haus weiter. Erst im 17. Jahrhundert

wurden den Reichensteinern einige Räume überlassen, die sie zum Stützpunkt ihrer

Seelsorge in der Stadt machten. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erwarben die

Familien Paul Christoph und Bernhard Georg Scheibler das »Priorathaus« oder

»Reichensteiner Haus«, wie es damals genannt wurde. Unter den Scheiblern wurde

das alte Haus innen und außen erneuert. So erhielt es die freundliche Schauseite zur

Stadtstraße mit den hellen Fensterumrandungen und den beiden Haustüren im

Rokokostil. Die Witwe Pauline Richter machte es 1907 zu einem Gästehaus für

das Hotel de la Tour. Es wurde 1921 von der Stadt erworben.

DIE KIRCHSTRASSE

Oberhalb der geschäftigen Stadtstraße verläuft am Burghang die stille, fast dörfliche

Kirchstraße, deren Fachwerkhäuser zumeist aus dem 17. Jahrhundert stammen. Das

älteste und stattlichste ist das Rolshausen'sche Haus, das schon im 16. Jahrhundert

erbaut worden ist. Eine alte Takenplatte im offenen Kamin des Erdgeschosses trägt

unter den Familienwappen der Rolshausen und Palant die Inschrift »Anno 1597«.

Vermutlich haben Christoph Rolshausen und seine 2. Ehefrau Katharina von Palant

damals das Haus bezogen. Der Hausherr war von 1588 bis 1609 Amtmann von


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Holzmarkt mit Blick in Richtung Kirchstraße, rechts das ehern Rath


Monschau und Nachfolger seines Vaters, der ebenfalls Christoph hieß und aus

Konzen stammte. Der Vater war nach fast fünfzigjähriger Arntmannschaft im Alter

von 93 Jahren gestorben. Am Beginn seiner Amtszeit hatte die Katastrophe von

1543 gestanden: Die Heerhaufen des Prinzen Renatus von Oranien zogen in der

Jülicher Fehde brennend und mordend durch das Monschauer Land, äscherten das

Kloster Reichenstein ein, eroberten Burg und Stadt, töteten viele Einwohner und

zerstörten die Häuser. In die Amtszeit des alten Rolshausen fiel auch die erbarmungslose

Verfolgung der Wiedertäufer. Sie erreichte mit der öffentlichen Hinrichtung

der heldenhaften »Maria von Monschau«, die in einer Kuhle der Rur

ertränkt wurde, einen grausigen Höhepunkt. Trotz aller Bedrängnisse entstanden

die beiden ersten lutherischen Gemeinden im Amtsbezirk: Monschau und Zweifall.

Die Amtszeit des jüngeren Rolshausen, der, wie sein Vater, betont katholisch eingestellt

war, endete 1609, als die Linie der Herzöge Jülich- Kleve-Berg-Mark

erlosch. In dem Streit um das reiche Erbe nahmen der Kurfürst von Brandenburg

und der Pfalzgraf von Neuburg, beide lutherischen Glaubens, die Erblande eiligst in

Besitz, um den anderen Bewerbern, darunter auch dem Kaiser, zuvorzukommen.

Der Brandenburger entmachtete von Rolshausen und ernannte den lutherischen

Oberst von Kettler zu seinem Amtmann. Damit ging eine weitere Epoche in der

Geschichte der Stadt zu Ende.

Der neue Amtmann übergab sofort die Burgkapelle den Lutherischen. Deren

Freude aber war nur kurz, denn 1613 nahm der Kurfürst das reformierte Bekenntnis

an und sein Amtmann überließ nun die Burgkapelle den Reformierten. Doch war

auch dieser Wechsel nur eine Episode. Als 1624 im Dreißigjährigen Krieg spanische

Truppen Monschau besetzten, wurde von Kettler vertrieben und die Kapelle den

Katholiken zurückgegeben.

Ungefähr zwei Jahrzehnte später erwies sich eine Enkelin des letzten Amtmanns

von Rolshausen, Anna von der Hardt, noch einmal als Wohltäterin für die Katholiken

in der Stadt. Sie und ihr Ehemann, der Amtsverwalter Wilhelm Bewer, schenkten

der 1640 errichteten Pfarrgemeinde das Gelände schräg gegenüber dem Rolshausen'schen

Haus für den Bau einer Kirche mit einem Begräbnisplatz. Während

der längst zu klein gewordene Kirchhof um die Mitte des vorigen Jahrhunderts

geschlossen werden mußte, blieb die 1650 geweihte Kirche fast unverändert erhalten.

Bei ihrer Restaurierung entdeckte man 1973 im Chorraum die Grabkammer,

in der die Eheleute beigesetzt worden waren.

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Häuser am Marktplatz gegenüber der Aukirche


DER MARKTPLATZ

Das Zentrum der Stadt liegt heute auf der rechten Rurseite. Es ist in den letzten

zweieinhalb Jahrhunderten hier entstanden. Der Markt mit seiner Umgebung

wurde zum Hauptanziehungspunkt für die vielen Besucher der Stadt. Anfang des

18. Jahrhunderts ließen sich die Minoriten in Monschau nieder. Sie errichteten am

Ufer der Rur, an der östlichen Seite des heutigen Marktplatzes, ein Kloster aus

unverputztem Schieferbruchstein, das sie 1724 bezogen. Ebenso schlicht, ihrem

Armutsideal gemäß, war die 1751 geweihte Klosterkirche, die heutige Pfarrkirche.

Dem Orden war allerdings kein langes Wirken beschieden. 1802, in der Franzosenzeit,

wurde das Kloster aufgelöst. Die Aukirche wurde 1806 der katholischen Pfarrgemeinde

überlassen, die 1862 ihren Hauptgottesdienst hierhin verlegte. Das

»Maria-Lauretanische Gymnasium der Minoritenbrüder des hl. Franziskus« wurde

nach der Auflösung des Klosters von der Stadt übernommen. Über hundert Jahre

lang diente das ehemalige Kloster fortan als Schulgebäude allen Schulen der Stadt

und beherbergte darüber hinaus auch das Bürgermeisteramt. Die Volksschulen

bezogen 1926 ein anderes Haus und die Stadtverwaltung verließ erst 1953 das zu

klein gewordene Gebäude. Heute ist sein Inneres vom Verfall bedroht.

Der Marktplatz in Monschau ist in seiner ebenmäßigen, meist geraden Form, die

Auswirkung einer Katastrophe. In einer Winternacht des Jahres 1876 brannten

hier in einem dicht bebauten Gebiet neun Wohnhäuser nieder. Aus der Brandstätte

entstand der kleine Platz, der zum Fluß hin offen ist und den Blick auf die jenseitige

Uferterrasse mit den reizvollen Fachwerkhäusern freigibt. An der Südseite des

Platzes, am Unteren Mühlenberg, steht der ehemalige Trier'sche Hof, der Ende des

17. Jahrhunderts erbaut worden ist. In diesem Gasthof fanden im vorigen J ahrhundert

die Feste und Bälle der Bürgerschaft statt; bis auch hier im Ersten Weltkrieg die

Lichter ausgingen.


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Der Marktplatz mit dem f ru '" h eren Tner'schen • Hof


NOCH EINMAL: DIE BURG

Wie überall im linksrheinischen Gebiet ging auch im Monschauer Land mit der

Besetzung durch die französische Revolutionsarmee ein Jahrtausend zu Ende. In

der Stadt brach die neue Zeit am 18. Oktober 1794 an, als ein einzelner französischer

Soldat erschien, zweihundert Sack Hafer requirierte und wieder nach Aachen davonritt.

Die kurpfälzische Garnison auf der Burg, die aus zwei Invaliden-Kompanien

bestand, hatte sich rechtzeitig auf und davon gemacht. Der französische Staat erklärte

die Burg zum nationalen Eigentum und versteigerte sie an einen Lütticher

Spekulanten. 1837 gehörte das noch gut erhaltene Baudenkmal dem Fabrikanten

Wilhelm Schlösser. Als dieser von der Stadt zur Gebäudesteuer veranlagt wurde,

ließ er kurzerhand die Dächer von den Gebäuden der oberen Burg und des Eselsturmes

abreißen. Die öffentliche Meinung nahm die Zerstörung gelassen hin. Es

war die Zeit, in der man überall in den Städten die großen mittelalterlichen Befestigungsanlagen

zu schleifen begann, weil sie ihren Sinn verloren hatten und nur noch

hinderlich waren. Zudem gefiel man sich in einem romantischen Verhältnis zur

Geschichte, schätzte Ruinen als Zeugnisse einer geheimnisvollen Vergangenheit

und führte sich an ihnen die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen.

Um 1880 war die Oberburg schon eine Ruine. Das vom Schutt eingeebnete Gelände

im Innern war dicht mit Bäumen bestanden und die Mauern der Hochburg mit

wucherndem Grün bewachsen. Den Besuchern, die seit 1883 mit der Vennbahn

in das bis dahin abgelegene Städtchen kamen und für welche die Burg ein Hauptanziehungspunkt

war, bot sich ein malerisches Bild. Doch war das Betreten des

Geländes an den vielen abschüssigen Stellen so gefahrvoll geworden, daß die Eigentümerin

schließlich weitere Besichtigungen nicht mehr zulassen konnte. Die Stadt,

die das Schlimmste für den gerade aufblühenden Fremdenverkehr befürchtete, entschloß

sich schweren Herzens, die Oberburg zu erwerben, um sie mit öffentlichen

Mitteln instandzusetzen. Der Provinziallandtag bewilligte aus dem Denkmalfonds

die notwendigen Zuschüsse, nachdem der Provinzialkonservator Dr. Clemen

folgenden Bericht erstattet hatte:

»Das Schloß Montjoie ist eine der größten, imposantesten und historisch wichtigsten

Burgen der ganzen Rheinprovinz, nächst dem Jülich'schen Residenzschloß zu

Nideggen die bedeutendste Anlage im ganzen Regierungsbezirk Aachen, dazu

durch die große Ausdehnung, die klare Anordnung von Unterburg und Oberburg

und die deutlich sich voneinander abhebenden einzelnen Bauperioden ein Denkmal

von hoher kunstgeschichtlicher und fortifikationsgeschichtlicher Bedeutung.«

Seit 1929 unterhält das Deutsche Jugendherbergwerk in der Oberburg mit dem

alten Bergfried eine vielbesuchte Jugendburg. Die Unterburg wurde mit der Burgkapelle

zu einem Altenheim, dem Maria-Hilf-Stift, ausgebaut.


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Die Kirchstraße unterhalb von St. Mariä Geburt


PFARRKIRCHE ST. MARIÄ GEBURT

Nach dem Bau der Burg im 12. Jahrhundert entwickelte sich die Siedlung unterhalb

im Tal der Rur zur mittelalterlichen Stadt. Konzen, der alte Mittelpunkt des Landes,

verlor seine Stellung an das neue, städtische Zentrum. Kirchenrechtlich blieb die

Stadt und das südliche Monschauer Land während des ganzen Mittelalters weiter

Teil der Urpfarrei Konzen. So legten die Städter jahrhundertelang an Sonn- und

Feiertagen den weiten und beschwerlichen Weg aus dem Tal zur Höhe von Konzen

zurück, um dort in der Pfarrkirche die Messe zu hören und die Sakramente zu empfangen.

Auch durften die Monschauer ihre Verstorbenen nur auf dem Friedhof der

Konzener Kirche bestatten. Mühsam und schlimm müssen die Leichenbegängnisse

besonders im Herbst und Winter gewesen sein, wenn die Toten bei Wind und Wetter

durch steile Gäßchen und über aufgeweichte oder verschneite Feldwege zu Grabe

getragen wurden. Noch weiter waren damals die Kirchwege für die Gläubigen aus

Kalterherberg, Höfen und Rohren, die alle zur Pfarrei Konzen gehörten.

Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts entfaltete sich allmählich in den Dörfern des

südlichen Monschauer Landes eine örtliche Seelsorge. Es wurden Kapellen errichtet,

in denen zunächst Mönche aus Reichenstein als Seelsorger wirkten, bis eigene,

am Ort wohnende Weltgeistliche angestellt werden konnten. Die rechtliche Lösung

von der Mutterpfarrei wurde meist später vollzogen, so für Kalterherberg erst 1804

durch den Aachener Bischof Berdolet. Auf der Burg in Monschau stand schon

1369 eine große Kapelle, die auch für die Leute aus der Stadt zugänglich war. Regelmäßige

Gemeindegottesdienste und eine Seelsorge in der Stadt gab es erst im 16.

Jahrhundert. Doch durften keine Sakramente gespendet werden.

Man kann es den Städtern nachfühlen, daß sie Pfarrkirche und Friedhof in ihren

Mauem schmerzvoll entbehrten. 1640 endlich, mitten im Dreißigjährigen Krieg,

erlangte Monschau mit Hilfe des Klosters Reichenstein die Erhebung zur eigenen

Pfarrei, zu deren Bezirk nun auch Höfen und Rohren gehörten, die ihrerseits erst

1701 (Höfen) und 1804 (Rohren) selbständige Kirchengemeinden wurden.

Mit dem Bau einer Kirche konnte die junge Gemeinde 1648 nach dem Ende des

großen Krieges beginnen. Ihr erster Pfarrer, Wilhelm Clemens von Call, natürlich

ein Prämonstratenser aus Reichenstein, packte das Werk tatkräftig an. Ein Grundstück

am Hang unterhalb der Burg wurde der Pfarrei von Wilhelm Bewer, dem

Amtsverwalter von Monschau, und seiner Frau Anna von der Hardt geschenkt.

Das Kloster Reichenstein stiftete die hohe Summe von tausend Reichstalern. Als

trotz aller Opfer der Bürger die Mittel zur Fertigstellung nicht reichten, gab der

Landesherr, Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm, hundert Goldgulden und Bauholz dazu.

So konnte der sparsam ausgeführte Bau schon am 8. September 1650, dem Fest

Mariä Geburt, geweiht werden.

In den ersten Jahrzehnten stellte Kloster Reichenstein, das sich immer um die Seelsorge

in der Stadt gekümmert hatte, die Pfarrgeistlichen, bis die aufstrebende Kirchengemeinde

ab 1692 Weltgeistliche zu ihren Pfarrern wählte.

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Pfarrkirche St. Mariä Geburt und Haus Rolshausen


Die Gewandtschaft der Monschauer Grobtuchmacher, die später im Schatten der

(evangelischen) Feintuchmacher stand, war der Pfarrkirche von Anfang an besonders

verbunden. Ihre Mitglieder, die den Kirchenbau unterstützt hatten, waren im

Chor der Kirche beigesetzt worden. Die Statuen ihrer Schutzpatrone Jakobus und

Severus schmücken neben anderen kostbaren Ausstattungsstücken das Kircheninnere.

So sind der fein verzierte Kanzelkorb, die Silberampel des Ewigen Lichtes,

und der Schrein des Heiligen Liberatus Stiftungen der Grobtuchmacher, die, wie

man sieht, am Aufschwung der Tuchfabrikation in Monschau im 18. Jahrhundert

ebenfalls ihren Anteil hatten.

Über zweihundert Jahre war St. Mariä Geburt die einzige Pfarrkirche von Monschau,

bis sie für die immer größer werdende Gemeinde zu klein wurde und die Hauptgottesdienste

schließlich 1862 in die Aukirche verlegt werden mußten. Die »alte«

Pfarrkirche hat kaum bauliche Veränderungen erfahren. Lediglich das mittlere

Chorfenster wurde zugemauert, als der barocke Hauptaltar, der aus dem Kloster

Reichenstein stammen soll, nach 1780 im Chor aufgestellt wurde. Der drohende

Verfall nach dem 2. Weltkrieg wurde durch eine gründliche, 1978 beendete Restaurierung

abgewendet. Das farbenprächtige Innere steht heute in starkem Gegensatz

zum schlichten Äußeren der rohen Bruchsteinmauern. Sie waren früher weiß

verputzt und geschlämmt und bildeten zu den roten Sandsteingewänden der Fenster

einen freundlichen Kontrast.

Die Uhrglocke der alten Pfarrkirche über dem Zifferblatt der Turmuhr zur Kirchstraße

trägt die Jahreszahl 1511. Sie ist die älteste Glocke des Monschauer Landes.

Ihre Geschichte beginnt auf dem Reinartzhof bei Roetgen, wo einst an der Pilgerund

Handelsstraße des Mittelalters eine Klause stand. Hier läutete sie als »Irrglöckchen«

bei Nebel und Schnee den Reisenden und Pilgern in der gefahrvollen

Einsamkeit des Venns den rechten Weg. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie nach

Monschau gebracht. Als Uhrglocke im Stadttor am Holzmarkt und nach dessen

Abbruch 1831 im Uhrturm der alten Pfarrkirche schlägt sie nun seit über 300 Jahren

den Monschauern die Stunden.

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Kirchstraße und St. Mariä Geburt


DIE EVANGELISCHE KIRCHE ZU MONSCHAU

Noch zu Lebzeiten Luthers breitete sich auch im Monschauer Land die Reformation

aus. Die ersten evangelischen Christen hier waren Wiedertäufer, die die Kindertaufe

verwarfen, die Wiederholung der Taufe forderten, das Freiwilligkeitsprinzip

betonten und jede Verbindung von Religion und Staat ablehnten. Ein Häuflein

von Wiedertäufern, kleine Eifelbauern, die für ihre Überzeugung Not und Verfolgung

auf sich nahmen, hielt längere Zeit im Pfarrbezirk Simmerath stand, bis es nach

Einruhr auswich, dort eine Wiedertäufergemeinde gründete, die sich um 1790 der

reformierten Gemeinde zu Gemünd anschloß. In Monschau traten nur vereinzelt

Wiedertäufer auf. 1552 wurde hier eine Wiedertäuferin, in einem 1660 in Amsterdam

erschienenen Buch »Maria von Monschau« genannt, wegen ihres Glaubens,

von dem sie auch nach zweijähriger Gefängnishaft nicht ließ, zum Tode verurteilt

und in der Rur ertränkt.

1543 wird von den ersten Evangelischen in Monschau berichtet, kleine Landwirte

und Handwerker, die sich heimlich in Privathäusern, unter freiem Himmel, oder in

einer Scheune in Menzerath vor den Toren der Stadt trafen, wo sie glaubten, vor

Störungen ihrer Gottesdienste sicher zu sein. Als Monschau 1609 vorübergehend

unter lutherische Herrschaft geriet, wurde der lutherischen Gemeinde die alte

Schloßkapelle in der Vorburg überlassen, aber schon 1613 nach einem Konfessionswechsel

im Herrscherhaus kam die Kapelle an die Reformierten, sodaß die Lutherischen

ihre Gottesdienste wieder in der Menzerather Scheune abhalten mußten.

1624 eroberten spanische Truppen die Stadt und gaben die Schloßkapelle den

Katholiken zurück. In den toleranteren Jahrzehnten nach dem Ende des Dreißigjährigen

Krieges erhielt die damalige lutherische Gemeinde Gemünd-Menzerath

die Erlaubnis, in Menzerath ein eigenes Kirchlein zu bauen, das 1683 fertiggestellt

war. Menzerath bekam darauf einen eigenen Pfarrer und wurde selbständig.

Als im 18. Jahrhundert die evangelische Bevölkerung in Monschau stärker zunahm

als diejenige in Imgenbroich-Menzerath, wurde der Wunsch nach einer eigenen

Monschauer Kirche laut. Der Erbauer des Roten Hauses, Johann Heinrich Scheibler,

legte 1751 mit 400 Talern auch den Grundstock zum Kirchenbau. Erst nach

dem Toleranzedikt Kaiser Joseph II. von 1781, wonach allen nichtkatholischen

Untertanen der Bau eigener Bethäuser, Schulen sowie die Anstellung von Geistlichen

zu gestatten sei, wurde durch Urkunde vom 4. 1. 1787 vom Kurfürsten Karl

Theodor von Berg als Herzog von Jülich den Lutherischen zu Monschau das Privileg

der freien Religionsausübung erteilt, die Verlegung des Hauptgottesdienstes von

Menzerath nach Monschau und der Bau einer Kirche mit Turm, Glocken und Uhr

gestattet.


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Turm der evangelischen Kirc • h e m it Au-Kirche im Hintergrund


Nach zweijähriger Bauzeit konnte die Kirche am 16. 8. 1789 eröffnet werden, allerdings

fehlte noch der heute geschieferte Barockturm mit Laterne und Schwan. Er

kam einige Wochen später aus Mülheim am Rhein, wo er zur dortigen evangelischen

Kirche aus dem Jahre 1686 gehört hatte, die bei einem Hochwasser des

Rheins zerstört worden war. Nur der Turm hatte den Fluten standgehalten und

vielen Menschen als Zuflucht gedient. Als die Mülheimerihre neue Kirche an einem

sicheren Platz aufbauten, blieb der alte Turm ungenutzt stehen. So wurde die Turmhaube

mit dem ganzen Balkenwerk und dem Schwan für einige hundert Taler von

den Scheiblers erstanden und von Mülheim nach Monschau gebracht.

Der Schwan auf der Spitze des Kirchturms, der auch im Siegel der Kirchengemeinde

erscheint, ist ein lutherisches Symbol, das auf den 1415 als Ketzer in Konstanz am

Bodensee verbrannten Johannes Hus zurückgeführt wird. Hus (zu deutsch »Gans«)

soll, als er auf dem Scheiterhaufen stand und zum Widerruf ermahnt wurde, geantwortet

haben: Heute bratet ihr eine magere Gans, aber über hundert Jahr werdet

ihr einen Schwan hören singen, den sollt ihr ungebraten lassen und weder Netz noch

Masch wird ihn euch fangen.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Kirche am 15. September 1944 durch die Sprengung

der benachbarten Straßenbrücke über die Rur schwere Schäden. Da in der Nachkriegszeit

das Gebäude nur notdürftig instandgesetzt werden konnte, schritt der

Verfall weiter fort. 1977 mußte die Kirche geschlossen werden, weil sie baufällig

geworden war. Nach gründlicher und aufwendiger Restaurierung erstrahlt sie seit

dem 5. April 1981 nach einem feierlichen Dankgottesdienst wieder in ihrem früheren

Glanz.


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Die evangelische Kirche und das Rote Haus


DAS ROTE HAUS

Unter den historischen Gebäuden der Stadt Monschau ragen zwei wegen ihrer großartigen

äußeren Erscheinung und wegen ihrer Bedeutung für die Geschichte der

Stadt besonders hervor: die Anlagen der mittelalterlichen Burg über dem Rurtal

und das im 18. Jahrhundert errichtete Haus des Johann Heinrich Scheibler im Zentrum

der Stadt, das wegen seines auffälligen Anstrichs »das Rote Haus« genannt

wird.

Der Bauherr dieses größten und schönsten Bürgerhauses im Rheinland war protestantischer

Unternehmer und zu seiner Zeit der führende Kopf unter den Monschauer

Tuchmachern. Um das Jahr 1760, auf dem Gipfel des Erfolges, als die

Scheibler'schen Unternehmen über· sechstausend Menschen im Monschauer und

Limburger Land beschäftigten, und seine gemusterten Tuche die feinsten in Europa

waren, begann der Fünfundfünfzigjährige den Bau des Roten Hauses.

Der Name des Architekten, der den Plan des Gebäudes entworfen hat, ist unbekannt

geblieben. Der Bauherr hinterließ hierüber keine Dokumente oder Aufzeichnungen.

Auch Stilvergleiche mit dem Aachener Patrizierhaus und dem bergischen

Bürgerhaus des 18. Jahrhunderts erbrachten keinen Hinweis. Gewiß hat auch

der tatkräftige Unternehmer selbst dem Werk seinen Stempel aufgedrückt, das

durch die mächtige kubische Form des Baukörpers und durch die klare, fast monotone

Gliederung der Fensterachsen und -reihen beeindruckt.


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Rotes Haus an der Laufenstraße mit Stehling


Das Rote Haus war nicht nur, wie es auf den ersten Blick scheint, ein repräsentatives

Wohnhaus, sondern auch Kontor, Fabrik und Warenlager. Die Straßenfront des

Gebäudes hat zwei gleichgestaltete Hauseingänge, von denen der rechte unter dem

Hauszeichen »zum Pelikan« zu den Geschäftsräumen führte, die im Innern durch

ein eigenes Treppenhaus mit reichem Schnitzwerk verbunden waren. Im Keller des

Hauses hatte der Fabrikant neben der Wollwäsche auch die Färberei eingerichtet.

Das Färben der hochwertigen Merino-Wolle, die er seit 1730 aus Spanien einführte,

war sein aus eigenen Erfahrungen gewonnenes Geheimnis. Auf dem Speicher des

Roten Hauses, unter dem hohen Mansarddach, war das Lager für Wolle, die durch

einen Schacht in den Keller heruntergelassen werden konnte.

Die Zusammenfassung von Wohnhaus und gewerblichen Räumen unter einem

Dach ist kennzeichnend für die patriachalische Art des Unternehmers. Sie wurzelt

wohl in seiner Herkunft aus einem protestantischen Pfarrhaus im Bergischen Land

wie auch in seinem Lebensweg vom jungen Lehrling in der Tuchfabrik seines späteren

Schwiegervaters Matthias Offermann in Imgenbroich bis zum eigenständigen

Familienunternehmer in Monschau.

Die strenge Außenarchitektur des Roten Hauses steht in einem überraschenden

Kontrast zum Zierwerk im Inneren. Wer den Wohntrakt durch den Eingang »Zum

goldenen Helm«, die schönste Haustür des rheinischen Rokoko, betritt, bewundert

die weiträumige, durchlichtete Diele und die ausladende Wendeltreppe im Hintergrund

mit dem bilderreichen Schnitzwerk. Diele und Treppenhaus waren Repräsen-


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Blick vom

Vorhof des Roten Hauses zu m Holzmarkt


tationsräume, die den Wohlstand des Bauherrn zur Schau stellen sollten und deshalb

reicher ausgestaltet wurden als die anderen Räume. Die freischwebend emporsteigende

Wendeltreppe ist eine Meisterleistung der Holzstatik und mit ihren durchbrochenen

Verzierungen ein einzigartiges Kunstwerk des Rokoko von unbekannter

Hand. Es heißt, daß acht italienische Schnitzer, die in Lüttich beim Fürstbischof

gearbeitet hatten, nach Monschau gekommen sind und das Zierwerk der beiden

Treppen des Roten Hauses in zweieinhalbjähriger Tätigkeit geschaffen haben.

Johann Heinrich Scheibler hat die Fertigstellung des Roten Hauses nicht mehr

erlebt. Er starb 1765 in seinem Haus an der Stadtstraße. Sein jüngster Sohn Wilhelm

und dessen Ehefrau Theresia Elisabeth Böcking aus Trarbach waren die ersten

Bewohner des Hauses »Zum goldenen Helm«. Wilhelm führte den väterlichen Betrieb

fort und konnte die Produktion noch weiter steigern.

Die französische Revolution machte dem Kleiderluxus des Rokoko ein Ende, und

die nachfolgende Angliederung der linksrheinischen Gebiete an Frankreich beendete

auch die Glanzzeit der Monschauer Feintuchfabrikation. Von dem Absturz

in der napoleonischen Zeit konnte sie sich nicht mehr erholen.

1957 errichteten die Familie H. C. Scheibler und der Landschaftsverband Rheinland

die Stiftung »Scheibler Museum Rotes Haus Monschau« und sicherten damit das

Fortbestehen dieses Denkmals der rheinischen Tuchfabrikation des 18. Jahrhunderts

unter dem Status eines Museums.


Blick von der Brücke am Roten Haus über das Rurbett


HAUS TROISTORFF

Als vor wenigen Jahren die letzte der Monschauer Textilfabriken ihre Tore schloß,

ging fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ein jahrhundertealtes Gewerbe in dieser

Stadt zu Ende. Allerdings war die Blütezeit der Monschauer Tuchmanufaktur nur

von kurzer Dauer gewesen und auf das 18. Jahrhundert beschränkt geblieben.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein fertigte man in Monschau nur das übliche grobe Tuch

aus heimischer Schafwolle für den gewöhnlichen Bedarf. In Heimarbeit wurden die

Garne gesponnen und die Stoffe gewoben. Die Weiterverarbeitung übernahmen

Monschaut?r Handwerksbetriebe. Kalkfreies, reines Vennwasser aus der Rur und

den Seitenbächen war reichlich vorhanden und von idealer Güte für das Waschen,

Walken und Färben der Stücke. Das verzweigte Herstellungsverfahren lag in den

Händen einiger Unternehmer, die als Tuchmacher in der »Groben Gewandtschaft«

zusammengeschlossen waren.

Dieses einfache Tuch, dessen Absatz auf das Umland begrenzt blieb, und das sich

kaum von andernorts hergestellten Tuchen dieser Art hervorhob, ist nicht zu verwechseln

mit dem »feinen« Monschauer Tuch, dessen Fertigung erst im 17. Jahrhundert

begann und das im 18. Jahrhundert durch seine unvergleichliche Qualität

und seine wechselnden modischen Muster eine Spitzenstellung auf den europäischen

Märkten erlangte. Zwar hatten auch die (katholischen) Grobtuchmacher im Sog dieser

Entwicklung Anteil am Aufschwung der Monschauer Tuchfabrikation, doch hat

es zwischen ihnen und den protestantischen Feintuchfabrikanten wegen der konfessionellen

Gegensätze keine familiären oder wirtschaftlichen Beziehungen gegeben.

Arnold Schmitz (1550 - 1615), ein lutherischer Protestant aus Aachen, der 1598

seine Heimatstadt verließ, um im Monschauer Land Religions- und Gewerbefreiheit

zu finden, hat hier die Feintuchfabrikation begründet. Im Laufe weniger Generationen

gelang es einer kleinen Gruppe protestantischer Familien, vornehmlich aus

Imgenbroich und Konzen, die als Minderheit in diesem katholischen Gebiet fest

zusammenhielt, die Tuchherstellung mehr und mehr zu verfeinern und neue Märkte

zu erschließen. Die Familien Schmitz, Schroeders, Offermanns, Schlösser, Scheibler,

Troistorff und Elbers wuchsen durch zahlreiche Eheschließungen zu einer Großfamilie

zusammen und gründeten einen Unternehmensverband, dem der geniale

Johann Heinrich Scheibler (1705 - 1765) die Verfassung unter dem Namen »Feine

Gewandtschaft« gab.

Die Feintuchfabrikation prägte das Stadtbild von der Mitte des 17. Jahrhunderts

bis ins 19. Jahrhundert. Namentlich die Bürgerhäuser der Fabrikanten aus der

2. Hälfte des 18. Jahrhunderts sind Zeugnisse einer glanzvollen Wirtschafts- und

Bauepoche.

Neben dem »Roten Haus«, der Residenz der Familie Scheibler, ist das 1783 fertiggestellte

Wohnhaus des Tuchfabrikanten Matthias P. W. Troistorff (1737 - 1784)

und seiner Ehefrau Magdalena C. Böcking aus Trarbach an der Mosel der stattlichste

Bau aus dieser Zeit.


Haus Troistorff, im Hintergrund Rotes Haus und ev. Kirche


Die vorgeblendete klassizistische Fassade im Stil des Louis-seize schmückt die dreigeschossige

Front des Hauses mit den sieben Fensterachsen. Betont wird die mittlere

Achse durch die vorgelagerte Freitreppe, die reichgeschnitzte Haustüre, den

Balkon mit dem kunstvoll geschmiedeten Geländer und schließlich den Wappengiebel.

Der Architekt ist unbekannt. Verwandte Stilelemente in der evangelischen

Pfarrkirche in Monschau, so die klassizistischen Gehänge unter den Fenstern, aber

auch im Chorraum und an der Empore, lassen vermuten, daß der Köln-Mülheimer

Baumeister Wilhelm Hellwig ebenfalls der Erbauer des Hauses Troistorff war.

Auch das Innere ist im klassizistischen Stil des Louis-seize gestaltet. Eine überreiche

Dekoration der Vertäfelungen und Stuckierungen wird vermieden, Wohnlichkeit

und praktische Benutzbarkeit haben Vorrang. Die Medaillon-Schnitzereien der

Türen zeigen ein unbeschwertes Spiel mit Kontrasten: Waffen, Musikinstrumente,

Fahnen, zierliches Bandwerk, alles ist mit feinem Sinn für das Dekorative angeordnet.

Auch das Bildtapetenzimmer im Erdgeschoß mit den wandfüllenden Landschaftsszenen

verbindet Wohnlichkeit mit dezentem Luxus. Glanzvoller Blickfang

und Höhepunkt der Repräsentation ist die reichverzierte Eichenholztreppe, die

vom Hausflur zu den Obergeschossen führt. Es entsprach der komfortablen, bürgerlichen

Wohnkultur, daß die prächtige Haupttreppe von dem einfachen, verborgenen

Dienstbotenaufgang getrennt war.

Die Familie Troistorff hat Monschau schon in den 1820er Jahren verlassen, nachdem

durch den Übergang der Rheinlande an Preußen 1815 die Firma von ihren

Absatzgebieten im Westen abgeschnürt worden war und die Tuchfabrikation einstellen

mußte. Ihr Weg führte sie über Verviers, Düren nach Cottbus in der Lausitz.

Das Haus Troistorffwurde 1895 vom Kreis Monschau erworben. Heute ist im ersten

Obergeschoß die Kreisbücherei untergebracht. Das Bildtapetenzimmer im Erdgeschoß

dient der Stadt Monschau für standesamtliche Trauungen.


Das Tapetenzimmer im Haus Troistorff


DIE RUR

Blickt man vom Hügel der 572 m hohen » Hue« in Konzen über die Eifel, so erscheint

das Monschauer Land fast wie eine Ebene. Kaum etwas deutet hier darauf hin, daß

in diese Hochfläche die Flüsse und Bäche der Eifel tief eingedrungen sind. Erst

nahe am Rand der Talsperren werden die Einschnitte sichtbar und der Blick nach

unten auf die gewundenen Fluß- und Bachläufe frei.

In einer Quellmulde im Wallonischen Venn bei Botrange, der mit 692 Metern

höchsten Erhebung Belgiens, beginnt die Rur ihren Lauf nach Osten und Norden.

Während auf dem Vennplateau der gemächlich dahinfließende Moorbach das

Urgestein unter den lehmigen und tonigen Schichten kaum annagen konnte, grub

er sich, bei Kalterherberg - Reichenstein beginnend, immer tiefer in die Eifelrumpffläche

hinein. Die schluchtartigen Talengen oberhalb von Monschau und das

trogartig erweiterte Terrassental unterhalb der Stadt sind entstanden, als der eingeebnete

Rumpf des Rheinischen Schiefergebirges sich wieder zu heben begann,

zu einer Zeit, als auch der Rhein sein heutiges Strombett zwischen Bingen und Bonn

gegraben hat.

Der Name des Flusses ist uralt. Er kommt aus einer vorkeltischen, indogermanischen

Sprachschicht und bedeutete »aufreißen, graben, aufwühlen«. Heute hat der Fluß

viel von seiner Wildheit eingebüßt. Die obere und mittlere Rur mit ihren Zuflüssen

wurde durch Talsperren gebändigt. Die untere Rur zwischen den fruchtbaren Lößböden

der Jülicher Börde wurde reguliert. Kleine Reste der »wilden « Rur mit Altarmen,

Auenwald und Benden blieben erhalten und stehen unter Naturschutz.

Nach einer anderen Lesart soll der Name des Flusses die Farbe des eisenhaltigen

Moorwassers im Venn, wo der Fluß seinen Ursprung nimmt, bezeichnet haben.

Aus römischer Zeit hat sich ein Weihestein für die Flußgöttin Rura erhalten. Flußgötter

und Quellnymphen, die in enger Verbindung mit ihrem Element gedacht

wurden, schützten in der Antike das Wasser wirksamer als unsere Umweltgesetze

heute. Wer sich am Wasser, dem Ursprung des Lebens, versündigte, lud den Fluch

der Gottheit auf sich. Auch bei den Franken waren solche Vorstellungen noch lebendig.

So waren ihnen die Wassermühlen nicht geheuer, weil diese den Flußgeistem

knechtische Arbeit zumuteten.

An die Stelle der antiken Götter traten im Mittelalter weltliche Mächte. Sie richteten

ihr Augenmerk auf den Schutz der fischreichen Gewässer und den ungehinderten

Laichzug der Lachse in den Flüssen. In jährlichen Freiungsritten wurden die

Flußläufe nach Hindernissen abgesucht. Seit dem frühen 13. Jahrhundert oblag die

Rurfreiung den Jülicher Grafen unc:I nachmaligen Herzögen. Der jährliche Ritt von

der Rurquelle bis zur Mündung in die Maas war mehr als 250 Kilometer lang. Alle

unrechten Pfähle und Wehre wurden gebrochen. Erst im 18. Jahrhundert versiegte

der Zug der Lachse in der Rur, wohl endgültig durch den Bau eines neuen und zu

hohen Wehrs an der Mühle in Linnich, deren Eigentümer der Landesherr selbst war.


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Die Rur bei Dedenborn


HECKENLANDSCHAFT

Die Rotbuchenhecken auf der Hochfläche des Monschauer Landes, die mit den

hochschäftigen Windfahnen einst das ganze Grasland durchzogen, waren einzigartig.

Unter den Heckenlandschaften im Westen Europs war nur hier am Venn die

Rotbuche als Heckengehölz in solcher Geschlossenheit verbreitet.

Die Verwendung dieser heimischen Baumart als Heckenpflanze scheint erst in

jüngerer Zeit aufgekommen zu sein. Ältere Hinweise auf das Vorkommen von Rotbuchenhecken

in diesem Landstrich fehlen nämlich, obwohl bei einzelnen Heckenstümpfen

ein Alter von über 250 Jahren nachgewiesen werden konnte.

Das preußische Urkataster, dessen Aufnahme in die zwanziger Jahre des vorigen

Jahrhunderts zurückweicht, verzeichnet erstmals ein dichtes Netz von Feldhecken,

so daß dieses Gebiet in der topographischen Karte seither als » Monschauer Heckenland«

bezeichnet wird.

Die Rotbuchenhecken dienten hauptsächlich der Einfriedung des Graslandes, vor

allem der Weiden. Daneben lieferten sie reichlich Brennholz, schützten Boden und

Vieh vor Wind und Wetter und boten auch sonst als naturgebundene Anlage Vorteile,

die heute wieder mehr geschätzt werden.

Mehrere Ursachen bewirkten, daß im Laufe einer Generation die Feldhecken im

Monschauer Land stark gelichtet wurden oder ganz aus dem Bild der Landschaft

verschwanden: die Zerstörungen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, der Aufbau

einer mechanisierten Landwirtschaft nach dem Krieg und damit einhergehend die

Flurbereinigung. Trotz der großen Lücken hat sich im nördlichen Teil des Monschauer

Landes noch ein zusammenhängendes Heckengebiet halten können. So

umgibt ein dichtes Netz von Feldhecken wie früher die Orte Huppenbroich und

Eicherscheid. Sie säumen die Wiesen und Weiden der Dörfer und verwandeln im

Sommer das Land in einen Wald mit vielen Lichtungen.


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Heckenlandschaft bei Eicherscheid, im Hintergrund Imgenbroich


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LOB DER TUCHMACHERKUNST

Geschnitzte Kartuschen im Treppengeländer des Roten Hauses

zeigen in 21 Motiven die Manufactur des Tuches

bis zum Versand der fertigen Stücke


ERNST OHST 1914 in Düren geboren Realgymnasium Kaufmännische Lehre

Kölner Werkschulen bei Prof. Hußmann 1938 Berlin Werbeassistent

Bei Kriegsbeginn eingezogen Im Winter 1941/42 in Rußland verwundet

18 Mona!e Lazarett Hier angefangen Karikaturen zu zeichnen für eine Soldatenzeitung

und die damalige »Kölnische Illustrierte«

Erste Zeichnungen für das Museumsdorf Cloppenburg in Oldenburg zur Aktion

»Erhaltung bäuerlichen Kulturgutes« bis 1949 dort ca. 300 Zeichnungen

Anschließend wieder Kölner Werkschulen bei Prof. Hußmann

Seit 1950 selbständige Tätigkeit als Gebrauchsgraphiker in Düren

1952 Entwurf und Ausführung der Ausstellung »Düren und sein Papier«

im Leopold-Hoesch-Museum in Düren und 1954 für die DRUPA in Düsseldorf

1956 Initiative zur Ausstellungsgemeinschaft »Das Fenster« mit Kollegen der

Kölner Werkschulen von 1959 bis 1976 »Das Fenster« alleine geführt

180 Ausstellungen, um vor allem jüngeren Kollegen, auch aus Aachen und dem

benachbarten Belgien, Startmöglichkeiten zu bieten

Freies Zeichnen rückte immer mehr in den Vordergrund

1971 Mitgründer der »Galerie auf Zeit« in Köln

Viele Einzelausstellungen

u. a. Leopold-Hoesch-Museum, Düren

1966 »Frankreich-Istrien« und 1979 »In Arles, Paris und anderswo«

(Zeichnungen und Aquarelle aus Provence, Bretagne, Burgund, Paris, Belgien,

Niederlanden, Venedig, Prag, aus Häfen, Zoo und Zirkus)

Gutenberg-Museum, Mainz 1966 »Zeichnungen von Städten und Menschen«

Rheinisches Landesmuseum, Bonn 1974 »Europäische Veduten«

Institut Fram;ais, Köln 1970 »Paris Tel Que Je Le Vois«

Töpferei-Museum, Langerwehe »Düren-Jülicher Land« 1974, 1976, 1982, 1988

Zeichnungen zu Buchveröffentlichungen u. a.

»Das Düren-Jülicher Land« Band I 1974, II 1976, III 1981, IV 1987

Armin Renker: 1961 »Berg und Tal« 1965 »Malouinisches Gestade«

»Glocken- und Schellen-Sammlung Richartz in Düren« 1982

F. J. Hall 1981 »Jerusalem« (Zeichnungen 1978, 1980)

Museumsverein Düren 1982 »Burgen, Herrensitze, Höfe in der Stadt Düren«

K. H. Türk 1984 »Nörvenich - Portrait einer Gemeinde«

K. H. Türk 1985 » Vettweiß - Dörfer und Landschaft«

Verleihung des »Rheinlandtalers« 1980 durch den Landschaftsverband Rheinland

Die Zeichnungen zum vorliegenden Band wurden in Tusche mit dem Gänsekiel

ausgeführt, der einen exakten aber variablen Strich ermöglicht.


BENUTZTE LITERATUR

1. Der Eremit am Hohen Venn - Mitteilungen des Geschichtsvereins des Kreises Monschau, 43 Jahrgänge,

1926 - 1971. Zitiert wurde aus M. Brix.ius, Die Anfänge des Prämonstratenserklosters

Reichenstein, 13. Jahrg. 1938, S. 161 ff. (S. 162) die Übersetzung des Briefes des Proptes Ulrich von

Steinfeld. Ferner wurden aus W. Güthling, Zur Geschichte des Amtes Monschau - Die Rechnungen

der Rent- und Forstmeister, 15. Jahrg. 1940, S. 17 ff., 65 ff., 81 ff. und 97 ff., Auszüge aus den

Rechnungen der Rentmeister wiedergegeben (S. 81 ff.).

2. Jahrbücher und Heimatkalender 1953 - 1972, herausgegeben vom Landkreis Monschau.

3. Das Monschauer Land, Jahrbücher seit 1973, Herausgeber Geschichtsverein des Monschauer

Landes.

4. Das Monschauer Land - historisch und geographisch gesehen, herausgegeben vom Geschichtsverein

des Kreises Monschau 1955.

5. H. Pilgram, Der Landkreis Monschau, Band 3 der Reihe: Die Landkreise in Nordrhein-Westfalen,

Bonn 1958.

6. P. Schoenen/H. Weisweiler, Das Rote Haus in Monschau, Köln 1968.

7. C. Kamp, Das Hohe Venn - Gesicht einer Landschaft, 5. Aufl. Düren 1980

8. Rheinische Geschichte, Band 1,3: Hohes Mittelalter, herausgegeben von F. Petri und G. Droege,

Düsseldorf 1983.

9. H. Tichelbäcker, Der Freiungsritt der Grafen von Jülich entlang der Rur zum Schutz des Laichzuges

der Lachse, Beiträge zur Jülicher Geschichte / Mitteilungen des Jülicher Geschichtsvereins

54 / 1986 S. 3 ff.

10. F. Mainz, Das alte Forst, herausgegeben von der Stadtsparkasse Aachen, Aachen 1985

11. D. Richter, Aachen und Umgebung, Sammlung geologischer Führer, Band 48, Berlin 1969.

12. G. Knapp/H. Hager, Erläuterungen zur Geologischen Karte der nördlichen Eifel, Herausgeber

Geologisches Landesamt Nordrhein-Westfalen, 2. Aufl. Krefeld 1978.

13. C. Viebig, Das Kreuz im Venn (1908), Wittlich 1950.

14. L. Mathar 1882 - 1958, Ein Querschnitt durch sein Werk, herausgegeben vom Freundeskreis

L. Mathar e. V., Monschau 1982.

Heimatblätter des Kreises Aachen, 42. Jahrgang

© Herausgeber: Kreis Aachen, Texte: R. Dieregsweiler

© Zeichnungen und Gestaltung: Ernst Ohst

Größe der Originalzeichnungen ca. 46 x 60 cm

Gesamtherstellung: Dürener Druckerei und Verlag Carl Harnei, 5160 Düren

Gedruckt auf Zerkall-Bütten

Herausgegeben mit.freundlicher Unterstützung der Kreissparkasse Aachen


HERAUSGEGEBEN VOM KREIS AACHEN 1987

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