Heimatblätter des Kreises Aachen 1956-2
Heimatblätter des Kreises Aachen 1956-2
Heimatblätter des Kreises Aachen 1956-2
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HEIMATBLATTER
DES LANDKREISES AACHEN
2 HEFT
12. JAH R.CAN C
Titelbild: Sd1loß Rahe bei Laurensberg, Foto Linckens
,Heimatblätter des Landkreises Aadw,. Ersdieinw vierteljährl idi. Bezugsp reis 2,- DM jährlidi. Auflage: 2800 Stück . Verantworllidi: Oberkreisdirektor
Seulen. Sdzriftleilung: Prof. Dr. Will Hermann s - Kreisinspektor Cornel Peters, Aadim, Theatersir. 55, Tel. 3 38 51. Für unverlangt eingesandte Manuskripte
und Bilder wird keine Gewähr 11bemo111men. Druck: Herzogdruck, Esdiweiler und Kunstdruck G. Gottsdiall, Esdiweiler
1\
HEIMAT
BLATTER
HEIMATBLATTER DES LANDKREISES AACHEN. HEFT 2 /1956 • AACHEN, JULI 1956
BOCKREI1'f RNOT - BOCKREITERTOD
Aus den Tagebüchern der Abtei Klosterrath
Die Geschichte der Bockre ite r, jenes angeblich vieLhun
dertköpfigen, politisch - mystischen Räuberbundes , der
zwischen 1734 und 1756 und dann wieder zwisc hen 1762
und 1776 das Land Over maas mit Herzogenrath und dem
Jülicher Amt zur Heyden mit verwegenen Einbrüchen
heimsuchte, muß neu geschrieben werden. Die Forschung
- von J. J. Michel , dem Langjährigen Pastor
von KohLscheid, ab, der im Jahre 1882 die erste aktenmäßige
Darst eUung über „Die Bockreiter im Lande von
Herzogenrath und Umgegend " veröffentlichte, bis zu
Dr. W. GierLichs, dem kenntnisreichen Verfasser der
in hoUändischer Sprache kurz vor dem jüngsten Weitkrieg
erschienenen „Geschiedenis der Bokkerijders in't
voormalig Land van 's Hertogenrode" - hat zwa r aus
den zeitgenössischen QueUen (GerichtsprotokoUen, Tagebüchern,
Flugblättern, BänkeUiedern, Broschüren und
Journalen) Stoff in HüUe und FüUe zu einer DarsteUung
der sagenumwobenen Verbrecherbande geschöpft, die
auch durch etwaige neue Funde nur in Ein zelh eiten
erweitert, nicht aber in ihren Grundzügen verändert
werden könnte; sie hat aber den Gedanken nur ganz
gelegentlich gestreift, der das ganze Material, auf das
sie sich gründet, vöUig entwertet: die kritische Erwägung
nämlich, daß aU diese QueUen vergiftet sind durch
den sie speisenden Glauben an die Möglichkeit, ver
mittelst der Folter Wahrheit finden zu können.
AUe Schuldbekenntnisse (Selbstbezichtigungen und Denunziationen)
der Bockreiterjust iz sind durch die Tortur
oder die Angst vor ihr erpreßt, also für ein heutiges
Rechtsempfinden wertlos, die auf sie gegründeten Urteile
samt und sonders Fehl entscheidungen und in vielen,
aUzu vielen FäUen mit aUergrößter Wahrscheinlichkeit
Justizmorde. ,,Dte Justiz dieser Zeit gehört vor den
Richterstuhl der Geschichte, und wäre es nur, um einem
ais Räuberdistrikt jahrhundertelang verschrieenen Lande
die Ehre wiederzugeben, die man ihm absprach, weit es
einer foiterfreudigen „ Rechtspfl,ege" gelang, hunderte
Männer und Frauen um Hab und Gut , aufs Rad und
an den Würgepfahl, in den Kerker und an den Galgen
zu bringen" (Heimatchronik des Landkre ises Aachen,
S.132).
Dr. W. GierLichs hat in seinem obenerwähnten Werk
über „De Bokkerijders" auf umfangreiche Teile der
Tagebücher von KLosterrath (,,Diarium Rodense ") im
Düsseldorfer Staa tsarchiv hingewiesen und diese, dem
ersten Historiker des - wie immer wieder betont
werden muß - ,,angeblichen" Räuberbundes, Pfarrer
J. J. Michel, noch unbekannten, sehr aufschlußreichen
Fragmente im Anhang der „ Geschiedenis" in der Originalsprache
(Latein) und in Übersetzung (HoUändisch)
abgedruckt. Ich gebe die Notizen des Klosterschreibers
hier erstmalig in deutscher Übertragung.
Will Hermanns
»DIARIUM RODENSE «
Die Zeit der ersten Bande (1734-1756 )
Klosterrath
9. Juli
1741
In dieser Nacht wurden drei ,Diebe , Einwohner
von Merkstein - zwei Männer und eine Frau-,
verhaftet.
24. Juli
In diesen Tagen wurde das Strafverfahren eröffnet
wider die drei Diebe, von denen am 9.
dieses Monats die Rede war.
8. August
Gehängt oder mit einem Strick aufgeknüpft
wurden zwei Diebe aus Merkstein, die Zwillingsbrüder
Peter und Johann D o u v e n , von denen
am 9. Juli berichtet wurde. Die Frau des Letztgenannten
aber wurde gestäupt , gebrandmarkt
und aus dem Gebiet von Merkstein ausgewiesen.
Man befahl ihr, auf Lebenszeit draußen zu bleiben
bei Strafe des gleichen Endes am Galgen,
wenn sie je in das genannte Gebi et zurückkehren
würde . Nach der Hinrichtung wurden der
Vorsitzende des Gerichts, der Gerichtsschreiber,
die sieben Schöffen und einige Freunde mit
einem sehr ordentlichen Mahl bewirtet . Der
26
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6u,cp t,ttb b:eitfµ•g· ~c~alcen;auff;
gertdjc vnb bcfcfj(offcn.
27
ganze Pro zeß wurd e auf Kosten der Abtei geführt
und beendigt , da die Beschuldigten arme
Leute waren und weder bewegliches, noch unbewegliches
Gut besaßen. Unser Abt mußte als
derzeitiger Landesh err von Merkstein nach Gesetz
und Brauch des Landes die Kosten tragen .
Daß aber diese Diebe nicht die einzigen unter
den Einwohne rn dieses Landes waren, und die
anderen sich durch deren Bestrafung nicht abschrecken
oder verscheuchen ließen , zeigte sich
gleich. In der Nacht vor der Hinrichtung brachen
einige in ein Haus nahe der Richtstätte
ein, fesselten eine Frau und verwundeten _sie
im Gesicht, WOiic/-Uf sie stahlen , was sie nur
kriegen konnte n. IAndere - vielleicht waren es
auch dieselben versuchten in der gleich en
Nacht, nicht wei~ von diesem Haus in ein anderes
einzudringen, das nahe der Stadt Herzogenrath
lag. Sie wurden aber gestört und an
ihrer Absi cht verhindert, worauf sie einen Gewehrschuß
abgaben und mit lautem Geschrei
auf der Straß e verschwanden .
Die kleinen Diebe straft man , und die großen
läßt man ungeschoren. Herr, beschirme uns und
unsere Habe vor Schelmen und Unmenschen ,
deren Zahl von Tag zu Tag zunimmt!
4. Januar
1743
Dieser Tage wurden drei Diebe in Haft genommen:
einer in Kirchrath , ein zweiter 1 ) in Übach
und der dri tte 2 ) bei Herzogenrath . Zur Tortur
verurte ilt und auf den.Folt erst uhl gesetzt , zeigte
dieser drit te nicht bloß die beiden vorgenannten
an, sond ern auch noch ein e große Anzahl and e
r er, darunt er fünf oder sechs aus einem Haus
und einer Familie aus Kirchrath , die dort eine
groß e Verwandtschaft besitzt. Die Schelme wurden
gewarnt und verischwanden in einer Nacht
mit P ferden , Küh ~n und ande rem beweglichem
Gut .
26.M ärz
Ein gewisser Andreas C o n s e n (Konz e n) aus
Kirchrath , einer von der Diebesbande , wurde
von Maastricht nach Herzogenrath gebracht und
dor t auf der Burg festgesetzt, wo noch drei an-
') Ni klas P ., genan nt das „ Blockmä nnchen" (er verfertigte
Schuhl eisten).
' ) M i chael W int ge n s aus A,fden , starb in der Folter am
2. Apri l 1743.
dere nebst einer Frau von derselben Bande in
Haft saßen.
27.März
Als einer 1 ) der genannten Diebe der Folter überantwortet
worden war, bezichtigte und benannte
er mehrere andere, darunter einen aus der Stadt
Herzogenrath . Dieser wurde sofort verhaftet und
gleichfalls eingekerkert ; ebenso noch fünf an-
. dere, nämlich -drei Männer und zwei Frauen . Das
gleiche wäre zwei Leuten aus Kirchrath geschehen
, wenn sie nicht gewarnt worden wären
und sich aus dem Staube gemacht hätten . In
Haft genommen wurden auch Frau und Tochter
jenes Mannes, der sie in der Folter beschuldigt
hatte, so daß sich auf der Burg von Herzogenrath
zur Zeit im Gefängnis befinden acht Männer und
zwei Frauen , eine davon ein Mädchen von etwa
18 Jahren, - abgesehen von den zwei Frauen ,
die in Übach festgesetzt wurden .
22. und 23. Juli
An diesen beiden Tagen wurden acht zu Jülich
eingesperrte Missetäter sechs Bösewiclitern
gegenübergestellt , die auf der Burg zu Herzogenrath
gefangen saßen. 1 Die letzten hatten die erstgenannten
angezeigt und verraten. Diese wurden
nun , um sie zu überführen , nicht - wie beschlossen
- in den Übacher Wald gebracht, wo
die Grenzen des Herzogenrather und des Jülicher
Landes sich treffen, sondern nach unserm
Hof zu Altmerberen , da das Wetter regnerisch
war. Hier trafen sich das Jülicher und das
Übacher Gericht , vor denen die beiderseitigen
Zeugen ihre Bekundungen , die Angeklagten ihre
Abl eugnung aufrecht hielten . Das urschriftlich e
Protokoll darüber wird in unserm Archiv aufbewahrt
. Der Vorsitzende des Gerichts , zwei
Schöffen und der J ülicher Gerichtsschreiber übernachteten
hier in der Abtei und reisten höchst
zufrieden wieder nach Jülich ab.
21. August
Eine der auf der Herzogenrather Burg festgesetzten
Frauen war eine gewisse Anna Barbara.
Sie wurde an demselben Galgen aufgeknüpft ,
an dem vor zwei Jahren in Merkstein ihr Mann
gehangen hatte . Unter dem gleichen Galgen
wurde am 12. dieses Monats ein anderer Einwohner
aus Merkstein begraben, der mit ande-
28
ren in der genannten Burg gefangen saß. Er
hatte sich mit Heu erstickt und war ohne Geständnis,
das er verweigerte, jämmerlich gestorben.
Zum Gerichtsplatz geschleppt, wurde
er wie ein Tier in ein Erdloch geworfen. Hier
sei angemerkt, daß tagtäglich mehr Diebe und
Schelme, die durch Verhaftete verraten und beschuldigt
werden, ergriffen und in verschiedenen
Nachbarorten festgesetzt werden.
27. August
Abends kamen hier zu Gast die Rechtsgelehrten
und Schöffen des Hohen Gerichtshofes zu Limburg
P e 1 t z er und Schmitz. Sie waren vom
Übacher Gericht zugezogen, um mit ihm gemeinsam
das Urteil zu fällen im Strafverfahren
gegen zwölf Räuber oder Missetäter . - Diese
Herren dürften von Übach, wo man sie braucht
und wo sie einige Tage zu tun haben , wahrscheinlich
durch das Gericht von Kirchrath und
Schaesberg (Scheidt) zu demselben Zwecke angerufen
werden.
10. September
;lehn Missetäter aus dem Übacher Bezirk wurden
an einer Stelle dicht bei Heerlerheide auf
verschiedene Weise hingerichtet . Zwei Männer
und zwei Frauen wurden am Galgen aufgeknüpft.
Einern wurde die Hand verbrannt und abgehackt;
dann wurde er an einem Pfahl gewürgt,
und hierauf sein toter Körper wie auch die Hand
auf dem Folterrad zur Schau gestellt. Einern
zweiten wurde (gleichfalls) die Hand verbrannt
und abgeschlagen; dann streckte und reckte man
ihn auf ein Kreuz, brach ihm Beine und Arme
und schlug ihm den Kopf ab. Zum Schluß wurde
der tote Körper mit Kopf und Hand auf dem
Folterrad ausgestellt. Dieser, das „Blockmännchen"
genannt, war vor seiner Verhaftung einer
der schlimmsten Bösewichte und hernach auch
der Hauptankläger seiner Mitschuldigen. Außerdem
wurden zwei Männer und eine Frau am
Pfahl gewürgt und hierauf als Kirchenräuber
und Heiligtumsschänder zu Asche verbrannt.
Zum Schluß wurde die Tochter des genannten
Blockrri.ännchen" •und dessen Frau, die mit den
"
andern gehängt worden war, ein Mädchen von
18 Jahren , wegen ihrer Jugend und weil sie
mißleitet worden war, nur mit Ruten gepeitscht,
mit glühendem Eisen im Rücken gebrandmarkt
und dann für immer aus dem Gebiet von Übach
verbannt. Bemerkt sei, daß diese alle entge gen
einem Beschluß, den sie untereinande r gefaßt
hatten - nämlich kurz vor der Hinricht ung
alles, was sie gegen sich selbst und · andere bekannt
hatten, zu widerrufen - , sich gut zum
Tode vorbereitet hatten und nichts wid errie fen.
Auch sei noch bemerkt, daß eine beina he un- \\
zählbare Menge Menschen aller Art nicht nur
aus Nachbarorten, sondern auch aus vier , fünf ,
ja sechs Meilen entfernten Dörfern zusamm engeströmt
war , um diese Hinrichtung zu sehen.
30. November
Im Laufe dieses Monats fanden vers chie dene
Hinrichtungen von Verbrechern statt , und zwar
in Schaesberg (Scheidt) . Sieben oder acht Diebe
wurden da gehängt; in Amstenrath wurd en ihrer
fünf, in Hoensbroich zwei verbrannt. Drei andern
wurden Haupt und Hand abges chla gen,
worauf sie aufs Rad geflochten wurden. Obendrein
wurde einer von ihnen als ein Haup tmann
und Hauptverbrecher lebendig gevier t eilt, worauf
die vier Teile nebst der abgehauenen Hand
ans Folterrad geheftet, das abgeschlagene Haupt
aber oberhalb des Rades auf ein Eisen gesteckt
und zur Schau gestellt wurde. All dies er Hinrichtungen
ungeachtet, sind noch viele Gefangene
in den Kerkern und müssen noch mehr Mitschuldige
an vielen Orten dingfest gemacht
werden.
28. Februar
1744
Nach dem in diesen Tagen durch den Eifer und
die ständigen und mühseligen Vorstellungen des
Herrn Richters 1 ) in Übach, der sich nach Brüssel
begeben hatte und dort 42 Tage zu bleiben gezwungen
war, die vom Obersten Rat von Brabant
auf allerlei Machenschaften hin erhob enen
Einsprüche zugunsten dreier gefangener Verbrecher
zuückgezogen worden sind, wurden die
Prozesse fortgesetzt. Sie scheinen auch nicht so
bald zu Ende zu gehen; denn nach der Verurteilung
und Hinrichtung derjenigen , die bereits
festgenommen und eingekerkert sind, müssen
noch andere - und nicht wenige -, die durch
sie benannt und beschuldigt worden sind, in
Haft genommen, verurteilt und bestraft werden,
wie die Zukunft lehren wird.
1 ) Adam Ludwig Fabrit ius, v gl. Giertichs i. c. 39f. ,
Die B urg in Her zogenrath
Vermerkt sei, daß der vorgenannte Oberste Rat
von Brabant in seinem oben erwähnten Einspruch
zu gleicher Zeit gefordert hatte, daß
durch Richter und Gerichte die Originalakten
der abgeschlossenen oder noch schwebenden Prozess
e gegen die , zu deren Gunsten der erwähnte
Einspruch erhob en worden war , ihm zur Einsichtnahme
übersandt würden. Da nun dies
gegen die Vorrechte des Landes veristieß, wurde
es auf die Bemühungen des vorgenannten Herrn
Richters hin geändert und statt dessen angeordnet,
daß das Verfahren gegen alle Verbrecher ,
die noch in Haft genommen werden sollten, oder
schon eingekerkert waren, soweit es sich um
belangreiche Dinge handelte, mit Zustimmung
und Mitwirkung zweier Rechtskundigen und
Schöffen des Limburger Hohen Gerichtshofs
durchgeführt werden sollte.
5. März
Dieser Tage wohnte hier der Rechtsgelehrte
Ras q u in während zweier Nächte und speist e
einmal mit den Herren Dort an t und C orn e 1 i
d. J. , und zwar bei Gelegenheit des Strafverfahrens
gegen vier Übeltäter aus dem Herzogenrather
Gebiet, die mit anderen Mitgliedern derselben
Bande dort in der Burg gefangen saßen.
12. März
Oben erwähnte Verbrecher wurden hingerichtet.
Man legte sie auf ein Kreuz und enthauptet e
sie mit dem Beil , worauf ihre Körper aufs Rad
geflochten und mit den darüber befestigten
Köpfen zur Schau gestellt wurden. Zwei von
ihnen haben vor ihrem Beichtvater und durch
dessen Vermittlung · auch schriftlich bei Herrn
ffiad)rid)t
bon ~en f ogenannten obet ftcf') f o getttnnet
~abtnben
o cf r e t t t r n,
einer fur unferer ·geiten unformltd)en
• ~anbe ~erfd)n>orener _ Vtau6er;
rodd}e
au ~mogenrobt ober 'd .t,ertogtnrabe
11nb in Dtn angränitnbtn boßän~if d)tn ~tgen
~m an bn mtaaj aufgtf ud)r unb ~ingi,
iid)ttt mocbtn finD.
9lt6P NtJS«fÜgtm unbergniflicf,en ~banrm ü6er
bief d 1tnt~rtc 0,ginntn.
mlit .f upfcrn.
l 7 8 l,
Baron von Trips erklärt, sie seien unschuldig,
obwohl einer von ihnen seine Missetaten ohne
Anwendung der Tortur bekannt hatte. Als er
nun auf dem Richtplatz das Urteil zugleich mit
den Übeltaten, wegen deren er mit dem Tode
bestraft wurde, vorlesen hörte, schrie er dem
Gerichtsschreiber zu und stampfte dabei wütend
den Boden: ,,Was du liest, ist falsch! Ich widerrufe
alles, was ich gegen mich und andere an
belastenden Aussagen gemacht habe; ich bin unschuldig!"
- Reuelos warf er sich so auf das bereitliegende
Kreuz und ließ sich den Kopf abschlagen.
Das alles spricht nicht für den Beichtvater , der
hierbei seine armen Sünder schlecht beraten hat.
Darin waren klüger und glücklicher zwei andere
Beichtväter, von denen jeder seinen Sünder dazu
brachte, in offenbar reumütigem Geiste die Todesstrafe
zu erdulden.
25. März
Das Strafverfahren gegen die schon öfters genannten
Verbrecher wurde aufs neue in seine m \\
Fortgang dadurch behindert, daß der Hohe Gerichtshof
zu Limburg sich weigerte , zwei Mitglieder
aus seiner Körperschaft zur Mitwirkung
bei verschiedenen Oblieg enheiten zu nenn en ,
wie es der Oberste Rat von Brabant vorgeschrieben
hatte.
13. Juli
Heute nahm hier das Mittagessen ein der Herr
Rechtsgelehrte de Ti e g e, Gerichtssch reiber
der Staaten von Falkenburg, einer der Juristen,
die durch den Souveränen Rat von Braba nt zugelassen
waren, um klärend und leitend bei den
Prozessen gegen die Verbrecher mitzuwirken.
Einen von diesen hatte er frühmorgens zusammen
mit dem Richter, dem Gerichtsschre iber und
zwei Schöffen aus Kirchrath verhört . Bei dieser
Gelegenheit widerrief der Angeklagte alles, was
er unter und nach der Tortur bekannt hatte, und
fügte hinzu , ihm seien beim „freien Verhör"
entgegen der Wahrheit von einem ihm Unbekannten
aus einer Schrift Übeltaten und Namen
von Mitschuldigen vorgelesen worden, und er
habe aus Furcht ,: obwohl unschuldig, bekannt,
all dies sei so, und habe Mitschuldige genannt.
Es ist vorauszusehen, daß in einem gleichen
Falle ein gleicher Widerruf durch andere Angeklagte
erfolgt, und die ganze Angelegenh eit in
die Länge gezogen wird , besonders wenn der ge-
nannte Rechtsgel ehrte den Staatsrat von Brabant
hiervon in Kenntnis setzen wird, was er
nach seinen Auslassungen vorhat. Das gleiche
will er auch tun hinsichtlich der Dinge , die er
tags zuvor bei einem in Hoensbroich allzu
streng Festgesetzten gesehen hat , wo der Ortsrichter
wenig maßvoll und umsichtig vorgegangEn
war und wahrscheinlich auch jetzt noch
vorgeht.
4. August
Wieder verweilte hier der Herr Rechtsgelehrte
de Ti e g e, um erneut denselben Übeltäter zu
vernehmen, von dem am 13. Juli die Rede war.
Dieser leugnete wiederum alles, außer einem
31
Kindsmor d. Dies Kind, aus Blutschande geboren
, hat er gleich nach der Geburt ohne Taufe
in ein paa r Decken gewickelt und in seinem
Garten zu Kirchrath vergraben. Dies unerhörte
und absche uliche Verbrechen hat er von Anfang
an , ,ohne darüber verhört zu sein, bekannt.
Vor einigen Tagen war auch ein anderer Rechtsgelehrt
er , P o s w i j c k, hier, der gleichfalls im
„Bockr eiter ", Maler ei an einem Haus in Her zogenra th
selben Sinn durch den Obersten Rat von Brabant
beauftragt war, einen gewissen Kaspar
Hochkirchen, der sich auch im Gefängnis
befand, zu verhören. Auch dieser leugnete alles.
20. August
Ein Verbrecher und Mitglied der Bande wurde
im Gebiet von Herzogenrath hingerichtet: er
wurde geköpft und sein Leichnam mitsamt dem
Kopf auf dem Rad zur Schau gestellt. Er war
ein Ketzer oder vielmehr ein Ungläubiger und
mit allen Glaubensartikeln unbekannt. Im Gefängnis
aber hatte er nach dem Bekenntnis seiner
Freveltaten das Gericht ersucht, ihm einen Geistlichen
als Lehrer und Beichtvater zu geben, der
ihm denn auch zugestanden wurde. Dur.eh ihn
wurde er in den Heilswahrheiten unterwiesen
und, nachdem er sich zum katholischen Glauben
bekannt hatte, auf den Tod vorbereitet, den er
gelassen und reuig empfing.
18. November
Abends kam der Herr Rechtsgelehrte de Ti e g e
hier an und blieb drei Tage. Während dieser
Zeit verhörte er fast alle, die auf der Burg Herzogenrath
im Gefängnis saßen.
16. Dezember
Heute wurde einer von den Missetätern , genannt
der Maulwurfsfänger, gehängt und verbrannt.
Eine Tochter seiner Frau wurde enthauptet. Er
hatte sie verführt und das durch sie geborene
Kind, um sein Verbrechen zu verbergen, gleich
nach der Geburt ungetauft in seinem Garten
vergraben. Diese abscheuliche Untat bekannte
er freiwillig, ohne darüber verhört zu sein. Was
mit den übrigen Gefangenen geschehen soll, weiß
man noch nicht.
28. Januar
1745
Acht Mitglieder der berüchtigten Bande wurden
in Speckholzerheide gehängt, so daß jetzt noch
sieben Verbrecher - fünf aus Kirchrath und
zwei aus Übach - im Gefängnis sitzen. Einer
der letztgenannten aber wird bald sein Verbrech~n
mit dem Tode büßen müssen . Das Urteil
ist schon gefällt.
32
DER SCHATZ II DER ESCHWEILER BURG
Von Karl Wirtz
\\
In früheren Zeiten war es in der Eschweiler Burg
nicht geheuer. Bei dem nördlichen Treppenaufgang,
gleich rechts vom Eingang des späteren
Hospitals, befand sich ein großer Brunnen.
Wenn die Leute dort Wasser schöpften, klopfte
ihnen oft jemand auf die Schulter. Zu sehen
aber war niemand. Erschreckender noch war es
in den Räumen der Burg , vor allem aber in
einem Zimmer, von dem aus ein Spukgeist um
die Mitternachtsstunde durch das ganze Haus .
zog. Angst und Schrecken erfaßten nicht nur die
Bewohner der Burggebäude, sondern auch die
Bevölkerung der Umgebung wurde - in Aufregung
versetzt. Die Burgbesitzer waren des
Spukes überdrüssig und verkauften ihr Eigentum
zu einem Spottpreis.
Auf die Geisterg eschicht en aufmerksam gemacht,
erklärte der neue Eigentümer, er fürchte
sich nicht und werde dem Gespenst schon zu begegnen
wissen . Nachdem er in die Burg eingezogen
und sich eingerichtet hatte, setzte er sich
eines Nachts in das Spukzimmer. Gegen Mitternacht
öffnete sich eine Wand, eine weiße Gestalt
erschien, winkte und bedeutete dem Wartenden ,
ihr zu folgen . Furchtlos erhob sich der Burgherr
und folgte dem Geist in den Keller.
Dort zeigte dieser in eine Ecke , wo ein großer
Schlüssel lag , den der Mann auf die Gebärden
der weißen Gestalt hin an sich nahm . Wei ter
ging es durch geräumige Gewölbe bis zu einer
Stelle , wo ein Loch im Boden zu bemerk en war,
und der Burgherr eine Falltür fand. Mit Hilfe
des Schlüssels öffnete • er diese und folgt~ dem
Geist in die dunkle Tiefe. Als die Treppe endete,
erkannte er einen großen Raum , in dem sich drei
Steintöpfe befanden , die im Volksmund „Ba re"
genannt werden und die früher zum Einmachen
benutzt wurden.
Der Geist zeigte auf diese Töpfe. Als sich der
furchtlose Burgherr ihnen näherte , sah er mi.t
Verwunderung, daß sie bis zum Rande mit Gold
gefüllt waren. ,,Das alles ist ,Dein Eigentum ", so
besagten die Gebärden der weißen Gestalt.
Immer dringlicher wurden die Gesten, die zunächst
auf Unverständnis stießen . Als aber der
Mann mit den Händen den Schatz berührte,
hörte er hinter s:icll. ein erlösendes Seufzen. Sich
umwendend, sah er den Geist die Treppe hin
aufeilen .und verschwinden .
Die Geschichte fand eine unverhoffte Aufklärung:
In der Eschweiler Burg hatten einst drei Geschwister
gelebt . Zu Kriegszeiten versteckten sie
die drei Steintöpfe, mit Gold bis oben hin, im
tiefsten Keller. Als sie starben, erbte eine von
der anderen den Schatz , bis die letzte Schwester
verschied, ohne jemandem von dem Gold erzählt
zu haben. Nutzlos lag dieses im Gewölbe. Di.e
Geschwister fanden keine Ruhe im Grabe. Die
zuletzt Verstorbene erschien jeden Abend in der
Burg, um durch die Übergabe des Schatzes an
einen Menschen sich und ihre Schwestern zu erlösen
. .Der furchtlose Burgherr folgte ihr, wäh
rend bisher alle anderen vor dem Spuk das
Weite gesucht hatten. Die Schwestern wurden
durch seine Tat erlöst, und die weiße Gestalt
erschien nie wieder. Der Burgherr aber war ein
reicher Mann geworden.
33
DUCKWEILER
Ein verschwundenes Dorf unserer Heimat
Von Jacob Stei11busch
Dort , wo zwischen Hoengen und Siersdorf im
Sommer goldge lbe Ährenfelder weithin leuchten
und des Landmanns mühsame Arbeit durch
hund ertfältige n Ertrag segensreich lohnen, wo
der Him mel sich wie ein blaublankes Band über
wogend e . Saate n spannt, breitete sich bis vor
etwa 300 Jahre n das alte Dörfchen Duckweiler
aus. Es lag an der Römerstraße, die von Eschweiler
aus nordwärts führte, und an der die Orte
Kinz weiler, Due.kweiler, Oidtweiler und Baesweiler
lagen .
1
Währ end Kinzwe iler , Oidtweiler und · Baesweiler
auch heute noch bestehen, ist von der Ortschaft
Duckweiler, deren Vorhandensein noch
im 17. Jahrhundert urkundlich bezeugt wird,
nichts mehr zu sehen . Und doch geben Bodenfunde
beredte Kunde davon , daß hier einst Men -
schen Freud und Leid miteinander in dörflicher
Verbundenheit jahrhundertelang geteilt haben .
Nur in der Flurbezeichnung „Am Duckweiler
Pfad " und in der mündlichen Überlieferung der
Einwohn er von Hoengen , Siersdorf und Bettendorf
lebt Duckweiler fort.
Wann Duckweiler - in alten Handschriften lesen
wir auch Doetwilre - entstanden ist, wissen
wir nicht . Auch die Annalen schweigen hierüber
. Man folgert aber aus seinem Namen , daß
es sich um ein sehr altes Dörflein , dessen Ursprung
in gallisch-römische Zeit zurückreichen
dürfte, handeln muß. Seinen ältesten Teil bildete
der Duckweiler Hof , der am Südende der
Ortschaft lag . Er nahm eine bevorzugte Stellung
ein, hatte ·doch sein jeweiliger Besitz er das Recht,
die Stelle des Hoengener Frühmeßners zu besetzen
, dessen Besoldung aus Einkünften der
in Duckweiler befindlichen Kapelle bestritten
wurde. Die Besitzer des Hofes haben mehrfach
gewechselt. In der Zeit , als die Erbschenken
von Vlatten den Hof besaßen, hatte eine nach
dem Ort benannte Familie Duckweiler den Hof
gepachtet. Sie hat den tatkräftigen Abt von
KlO\-sterrath - dem heutigen holländischen Rolduc
- Casparus Duckweiler hervorgebracht ,
der den Abtstab von 1637 bis 1650 führte. Seine
Amtszeit fällt in die schlimmste Zeit des dreißigjährigen
Krieges. Seiner Tatkraft und seiner
Umsicht gelang es, die Abtei über die Wirren
jener Zeit zu retten. Sein Grabmahl ist noch heute
in der Klosterkirche zu Rolduc zu sehen.
Kurze Zeit nachher - vielleicht im letzten Viertel
des 17. Jahrhunderts - ,scheint eine große
Feuersbrunst über Duckweiler hereingebrochen
zu sein, die den Ort vollständig einäscherte und
auch die Kapelle verbrannte. Gerettet wurden
jedoch die Reliquien der mauretanischen Märtyrer,
die in die Pfarrkirche des hl. Cornelius
gebracht wurden und auch heute noch in Hoengen
verehrt werden.
Nach der Feuersbrunst haben sich die Einwohner
von Duckweiler im benachbarten Kinzweiler
niedergelassen. Dort tauchen ihre Namen später
in den Ortsregistern wieder auf. Von der einstmals
blühenden Ortschaft aber blieb nichts mehr
übrig als nur ein Flurname und die Erinnerung ,
so daß man mit Adalbert von Chamisso in seinem
Gedicht „Schloß Boncourt" klagen möchte :
,,Du bist von der Erde verschwunden ,
Der Pflug geht über dich hin!"
Altes B auernhaus in Hoe ngen
,.
34
DIE LANDRATE DES LANDKREISES
(II.) Franz Carl Hasslacher C1836-1853)
Von Hans Plum
AACHEN
Landrat von Strauch scheint-seinem Nachfolger
keine vorbildlich geführte Verwaltung hinterlassen
zu haben . Bitter beschwert sich dieser,
noch vor seiner Wahl zum Landrat als kommis
sarischer Verwalter der vakanten Landratsstelle
im Sommer 1836 bei der Regierung:
„In dem bei der Übergabe des landräthlichen
Bureaus an mich aufgenommenen Protokoll ist
der Zustand der landräthlichen Registratur auf
eine sehr glimpfliche Weise geschildert. Die damals
genommene Rücksicht der Delikatesse gegen
Herrn von Strauch würde mich auch jetzt noch.
abhalten , den wahren Zustand der Registratur
aufzudecken, wenn nicht die eiserne Nothwendigkeit
mich dazu zwänge ... " Dann folgt eine
acht Seiten lange Philippika mit dem Schluß,
daß die ganze Registratur neu geordnet werden
muß. Diese Neuordnung der Registratur, die
einem gründlichen Revirement !nnerhalb der
Kreisverwaltung gleichkam , spielt einige Monate
später bei der endgültigen Bestellung Hasslachers
zum Landrat eine entscheidende Rolle .
Nachdem die Kreisstände Hasslacher am 9.August
1836 im Stadthaus zu Burtscheid zum zweiten
Kandidaten für die Stelle des Landrats gewählt
haben, beschließt die Regierung , seine Anstellung
als Landrat auch beim König zu befürworten.
In dem dazu verfaßten Empfehlungsschreiben
heißt es:
„J)er Regierungsassessor Hasslacher hat aus
seiner mehr als neunjährigen Dienstzeit überall
die vorzüglichsten Zeugnisse aufzu~eisen. Wäh-
rend seiner nunmehr -fünfmonatigen Verwalt ung
des landräthlichen Amtes hat er sich in aller 1\
Weise praktisch bewährt ... ", und dann folgt
au1:h eine ausführliche Schilderung seiner Mühe
waltung um die in Unordnung geratene Registratur.
Schließlich heißt es noch : ,,Er zeigt iri
seiner Verwaltung Können, durchg reife nden
Ernst und praktischen Takt."
Die Wahl Hasslachers vollzog sich zum erst enmal
nach dem von Friedrich Wilhelm im Jahre
1828 eingeführten Reglement unter weitgehen
der Beteiligung der Kreisstände. Die Schwie rigkeiten
müssen allerdings beträchtlich gewesen
sein, wie die reichhaltige Korrespondenz des
Wahlkommissars und 1. Kreisdeputierten , Bürgermeister
Kuck von Brand, erkennen läßt. In
einem Schreiben an die Regierung weist Kuck
zum Beispiel auf die Unmöglichkeit hin, die
einzelnen Verordneten, wie vorgeschrieben,
durch den Kreisboten zu benachrichtigen. Er
bittet also um die Erlaubnis, die Post für die
Übermittlung der Einladungen zur Landratswahl
in Anspruch nehmen zu dürfen. Man kann
seine Sorgen verstehen: Die Besitzer der im
Landkreis gelegenen Rittergüter, die ausnahmslos
zur Kreisversammlung gehören ·, wohnen weit
verstreut im Lande: in Zweibrüggen bei Geilenkirchen,
Rath bei Düren, Düsseldorf , Paffendorf
(Kr. Bergheim) und Maastricht. In der Wahl
selbst wurden drei Kandidaten gewählt, die dem
König zur endgültigen Entscheidung benannt
wurden. Daß die Wahl des Königs auf Franz
Klosterweiher
in St. Jör is
35
Unter d er Frie dhofslin de in Laurensberg
Carl Haßlacher fiel, war sicherlich nicht zület zt
dem oben erwä~ nten posit iven Guta chten der
kgl. Regierun g in Aachen zuzuschreiben.
Wer war diese r qualifizierte Beamte Hasslacher,
und woher kam er? Am 20. Januar 1805 in _ Kob
lenz als Sohn „eines anerkannt sehr wohlhaben
den Mann es" geboren, besuchte er von 1814 bis
1821 das dortige Gymnasium . ,Dann war er zwei
Jahr e lang Zö~ling der Forstakademie in Aschaffenburg
und weitere vier Jahre Student an den
Universitäten Bonn und Berlin. Seine anschlie
ßende Referendarzeit in Koblenz wurde du_rch
den Militärdienst unterbrochen, den er bis zur
Beförd erung zum Landwehroffizier durchlief .
Damit . war , so darf man annehmen, auch äußerlich
die Voraussetz ung geschaffen, ihn 1835 als
zunächst kommiss arischen Landrat nach Aachen
zu vers etzen .
Sein e vornehme Herkunft spielte bei seiner
Wahl zum Landrat eine offenbar nicht geringe
Rolle. In den Protokollen ist ausdrücklich vermerkt
daß die Kreisstände seine Notabilität
'
anerkannt haben. Diese Notabilität kommt unter
anderem darin zum Ausdruck , daß er allein
für seine im Landkreis Aachen gelegenen Besitzungen
jährlich 62 Taler Grundsteuer abführt.
Daß allerdings nicht immer und allein
der materielle Besitz bei der Anstellung eines
Landrats den A~schlag gab , mag man daraus
ersehen, daß ein besorgter Vater aus dem Landkreis
Aachen dem König ohne Erfolg ein Rittergut
zu übereignen versprach für den Fall, daß
er seinem Sohn zu der freien Landratsstelle in
Aachen verhelfe. Der König ließ es bei einem
freundlichen Antwortbrief bewenden und verfuhr
schließlich doch nach eigenem Gutdünken
bzw. nach den Vorschlägen der Kreisversaz:nmlung
und der Regierung.
Aus allen zeitgenössischen Aufzeichnungen lern t
man Landrat Hasslacher als einen fähigen Beamten
kennen, der Energie und Schwung für
sein Amt mitbrachte und dessen anerkannt
starke Hand wohl nicht zuletzt auch die Kreis
bewohner veranlaßt hat, sich in der 48er März
revolution denkbar größte Zurückhaltung aufzuerlegen
. · Außer einigen geringfügigen Ansätzen
in Stolberg und Eschweiler blieb es damals
im Landkreis Aachen ruhig , wie man in
der „Chronik" von Will Hermanns lesen kann .
Zu Hasslachers Wesen gehörte aber auch eine
gewisse Verbindlichkeit und eine unverkennbare
Neigung, in .der Öffentlichkeit zu wirken , Repräsentant
zu sein. Als Vorstandsmitglied des
Aachener Tierschutzvereins, als Ehrenvorsitzender
des Ornithologischen Vereins, Direktor des
landwirtschaftlichen Kasinos zu Harbach , Mitglied
der Aachener „Concordia" und des Casino
Clubs und als Vorsitzender des Bezirkskommissariats
des Nationaldanks der Veteranen hat er
in Aachen sicherlich einen großen Freundeskreis
bes essen . Daß die Regierung ihn später für neu e,
auf seinen engeren Lebenskreis in der Stadt
Aachen konzentrierte Aufgaben vorsah, wundert
einen darum nicht weiter. 1850 wurde Landrat
Hasslacher zum Landrat und Poliz eidirektor
der Stadt Aachen berufen, blieb aber vorerst
auch noch als Landrat des Landkreises im Amt,
bis er 1853 von Landrat Hasencl ever abgelöst
wurde. Kurz vorher hatte er noch das Landratsamt
von der Kleinmarschierstraße zum Seilgraben
(Bruckn ersches Haus) verlegt.
Ein Brief aus dem Jahre 1840, in dem es um
die Abgrenzung der gemeindlichen Forstbefug
nis se gegenüber dem Lan~rat geht, scheint
Hasslachers Dienstauffassung am treffendsten
zu kennz eichnen: ,,Fasse ich die Stellung des
Landra ths richtig auf, so hat er als beständiger
Commissarius der kgl. Regierung überall zu
wachen, daß die beste henden Ges etze und Vor
schriften gehörig ausgeführt lpld _ die der kgl.
Regierung zur Entscheidung vorzulegenden Angelegenheiten
gehö lrig vorbereHet werden." Noch
liegt das Jahr 1887 in weiter Zukunft und mit
ihm die Umwandlung der reinen Auftragstätigkeit
des Landrats in eine kreiskommunale Poli,tik.
Bei Hasslacher , der 1863 in den Ruhestand
trat und am 8. Juni 1881 iri seinem Hause in
Aachen, Vereinsstraße 9-, gestorben ist , -hat man
den Eindruck, daß er seinen Aufgaben gewachsen
war, Und daß er das Format für eine modernere
Verwalt~gsauffassung durchaus besessen, hätte ,
36
BURGEN IM ·NORDLICHE
LANDKREIS
Schloß Rimburg, Burg 'Valentia und Kemenade im Spiegel der Heimatforschung
Das Gebiet, ein SpannungsfeJd in 'Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (II.)
Von Ludwig Kahlen
DIE BURG VALENTIA
Die Lage der Burg ist umstritten. Sie wird das
auch weiterhin bleiben, bis eines Tages, vielleicht
beim Abbau der Braunkohle, bei größeren Baumaßnahmen
oder ähnlichen Projekten, ihr Standort
ermittelt und ·damit die Wirklichkeit mit den
historischen Tatsachen abgestimmt werden kann.
Valentia (oder Valencia) ist verschwunden. Zu
ihr führen nur Spuren geistiger Art, also historische
Darstellung und mündliche Dberlieferung.
Was ist nun über die Burg bekannt? Vorweg -
als Ausgangspunkt der Erörterung - ein Hinweis
auf eine Arbeit jüngeren Datums. In Band 63,
Jahrgang 1950, Seite 106, der Zeitschrift des
Aachener Geschichtsvereins erschien eine Arbeit
des verstorbenen Freiherrn von N egri unter
dem Titel: ,,Zwei verschwundene Burgen, Valancia
und Kemenade". Er versucht darin nachzuweisen,
daß V alentia nicht bei Wildnis in der
Nähe von Merkstein gelegen habe, sondern daß
Wilhelmstein mit dieser Burg gemeint sei. Er
behauptet ferner, die Kemenade sei nicht das
Haus Nivelstein, sondern ein festes Bauwerk
800 Meter südlich von Rimburg gewesen. Da die
Ausführungen des Freiherrn von Negri nicht
genügend fundiert sind, sei es gestattet, kritisch
dazu Stellung zu nehmen. Dabei wird zunächst
Valentia behandelt.
Hanssen schreibt in seinem Buch „Die Rimburg",
Seite 259, Fußnote:
„Um die Cötner Besitzungen gegen die Angriffe der
Limburger Herzöge zu schüt zen, baute Erzbischof
Engelbert in der Nähe von der Kaminata, in Richtung
nach Merkstein, die feste Burg Valentia, wie
Caeserius von Heisterbach in der Vita S. Engelbert,
II S. 9, berichtet.
Valentia, festes Haus, mittelniederländisch valand,
bildete der Volksmund in Valandhus, später in
Velands- und Welandshus, Wilnus, Wildnuss und
Wildniss um. 1764 hieß es „het WiHes". Die Wifon z
kul heißt heute Steinkul.
Gerhard, der Bruder Walrams von Limburg, . zerstörte
die Burg Valentia."
Dieser vonHanssen wiedergegebenen Auffassung
haben sich bisher bedeutende Geschichtsforscher
angeschlossen . Es galt danach als sicher, daß die
Burg 1216 erbaut und drei Tage nach der Ermordung
des Erzbischofs Engelbert von Köln
(7. November 1225) erstürmt und zers tört wurde.
Was führt nun Freiherr von Negri gegen die
Lage der Burg Valentia in Wildnis an? Er geht
in der Hauptsache von einem Zitat bei Christian
Quix „Schloß und ehemalige Herrschaft Rimburg
usw." (1835) aus:
,,Zwischen Palenberg und dem Schloss e Rimburg,
in der Pfarre Merkstein, Valkerhofstadt gegenüber,
an der Anhöhe, nicht weit von der damaligen sehr
frequentierten Landstraße, ließ der Erzbischof von
Köln, der hl. Engelbert von Köln, ein festes Schloß
bauen, das Valant (Valantia oder Palantia) genannt
wurde. In dem Munde der dort i gen Einwohne r ist
noch die Sage, daß an der oben angegebe nen Stelle
ein festes Schloß gewesen sei."
Freiherr von Negri meint dazu, das von Quix
bezeichnete Schloß sei nichts anderes gewesen,
als die römische Villa, die beim Bau des Rimburger
Hofes aufgedeckt worden sei. Dieser Hinweis
ist ungenau. Hanssen spricht in seinem
Werk nicht von einer römischen Villa, sondern
wie folgt von römischen Bauernhäusern:
,,Zu beiden Seiten des Weges standen hier BauernviUen
unter dem Schutz des RömerkasteHs , deren
Gründung auf die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts
n. Ch. zurückreicht."
Diese römischen Bauernvillen haben keine Beziehung
zu der mittelalterlichen Burg Valentia.
Aber auch Quix irrt mit seinem Hinweis auf die
Dberlieferung in der Bevölkerung. Diese bezieht
sich in diesem Raume auf den „Kolverenhof",
der auf dem Weg von Rimburg nach Eygelshoven
lag, also an einer anderen Stelle als die,
die Quix angibt. Er gehörte einer Familie Koilgroeven
(abgeleitet von einer Bodenvertiefung),
die dem Hof den Namen gegeben hat; denn
Kolverenhof ist von Koilgroeven abgewandelt.
(Vergl. ,,Gedenkboek Eygelshoven 1131-1931" ,
Seite 67 und 84.) Noch heute ist in Eygelshoven
die Sage der „Koalever Jonkfer" lebendig, die .
in bestimmten Nächten durch die Benden wandelt
und ihren Bräutigam sucht, der mit dem
Schloß versunken ist. Nachstehend eine Strophe
eines 1926 in Holland erschienenen Gedichtes
über die Geschichte der armen Jungfrau:
37
,,Ze woee d zoee krank en - storf va Leed -
En gees du' s nachts het BrokveLd aaf,
Dann hune sch doe et roesche vant ziee kLeed:
D e jonkfer · zukt der graaf."
So ist in der Volkssage ein Bauernhof zu einem
großen Schl oß mit einer romantischen Liebesgeschich
te ausgewachsen. Im weiteren Verlauf
seiner kritis chen Auseinandersetzung greift Freiherr
von N egri die Auffassung des Abtes Heyendahl
an , der in der Fortsetzung der Klosterrath
er Anna len geschrieben hatte, daß sich die
Burg Valent ia in der Nähe des Ortes Wildnis
befund en habe.
Von N egri bemerkt:
„ L eider ist jedq ph die durch Urkunden anscheinend
so gut beLegtel GLeichset zung von Vaiancia (Ve
Lantia) = WeLentshus oder Wii<;iniss bei Herzogenrath
faLsch ."
Er geht dann zurück auf Caesarius von Heisterbach
und sag t, dieser habe klar und deutlich nur
von Val ancia und nicht von Velantia gesprochen.
Ferner sei es unmöglich, daß sich aus
Valancia Welantshuus abgewandelt habe, weil
diese Bez eichnung schon vor der Errichtung der
Burg dag ewesen sei. Diese Kritik ist berechtigt,
wenn sie auch nicht ausreicht, die These von der
Burg bei Wildnis zu erschüttern.
Die „Winandskul" (fossae welandi) findet sich
schon 1117 im Schenkungsregister der Abtei
Klosterrath. Valentia wurde jedoch erst im
13. Jahrhund ert erbaut. Es ist also wohl umgedreht:
Valentia ist aus Welandshues abgeleitet
worden. Diese Annahme deckt sich mit der Ansicht
des bedeutenden Geschichtsforschers und
Archivars Pick, der die Meinung vertritt, die
Burg Valentia sei nichts anderes gewesen als
das mit großen Kosten wieder aufgebaute Velandshus
in Wildnis bei Merkstein (siehe Ortmanns:
,, Geschichte der Pfarre Merkstein", Seite
62). Das würde auch mit der Volkssage übereinstimmen
, in der die Geschichte von der zerstörten
Burg desKölnerErzbischofs lebendig ist.
Freiherr von Negri glaubt, die Burg Valentia in
der Burg Wilhelmstein suchen zu müssen . Auf
Seite 109 seiner Arbeit schreibt er:
„ Nach den Angaben in den ,KunstdenkmäLern der
Rheinpro vinz' soU sie um 1270 von Graf WiLheLm
v on Jüi ich erba u t sein. Es ist nun zu vermut en, daß
an dieser SteHe zuerst die gesuchte Burg Vaiancia
geLegen hat. "
Weiter heißt es:
„ Einen urkundiichen Bewe i s für die GLeichset zung
v on Vaiancia = WiLheLmste in kann ich jedoch nicht
bringen. Dafür spricht aber die ausgesuchte Lage
sowie das recht späte Vorkommen des Namens
WiLheLmste in."
Auch Professor Will Hermanns schreibt ohne
Vorbehalt in seiner „Chronik des Landkreises
Aachen" auf Seite 59 über Wilhelmstein :
,,Ein Trutz-Rode oder Trut z-Limburg, VaLancia ge:
nannt, erstand hier schon im frühen 13. Jahrhundert
unter EngeLbert I., Erzbischof von Köin, dem
damaHgen Landesherrn . Nach der Ermordung des
Kirchenfürsten durch den Schw i egersohn Herzog
Wairams von Limburg stieß di eser gegen die Trut z
burg vor und zerstörte sie."
Wie stimmt das mit der früheren Geschichtsschreibung
überein? Wie ist bewiesen worden,
daß nicht Graf Wilhelm von Jülich die Burg
Wilhelmstein erbaut hat? Siehe zum Beispiel
,,Aachener Heimatgeschichte" (1924), Seite 89:
„Hier , wo das Herzogtum JüHch an das Aachener
Reich und an das Her zogtum Limburg gren zte, erbaute
um 1270 Graf WiLheLm IV. eine starke Burg ."
~btnblonbf d)o~ bd Stfftnt
~rüner 6ügd f nnn gewellter lrnn3,
Stebt uerkliirt im fpöten ~benbglnn3.
füodten werfen mit metnllner 6nnb
<Ein pnnr lliinge in bns mübt Jtnnb.
'i!:rnumleis kommt bie IDömmerung Sd)ritt für Sd)ritt.
JBln(Je IDtbtl kommen btimlid) mit.
Jßreiten über füdten, 6of unb 6nus
IEinen 3nrten Silberf d)leier nus.
Jebes IDing nm roeg wirb 'i!:rnum unb Sd)tin,
lRüdtt uns fern - unb bört bnnn nuf 3u fein.
~Ut roege fübren nus ber Edt
ln bit lf2nd)t, bit uoll IDnenblid)ktit.
]ofef Drtmonnn
38
IM ALTE
ORT AN NEUER STÄTTE
Geschichtliche ·Betrachtungen zur 'Wiedergründung der Benediktinerabtei in Kornelimünster
Von Willi Vellen
Nach rund. 190jähriger Unterbrechung wurde im September 1953 das bisherige Priorat d.er , B ene di ktiner
in Kornelimünster durch Beschluß des Generalkapitels des Ordens in Parma /Oberitali en wi eder zur
Abtei erhoben. Der bisherige Prior, P. Bonifatius Becker, wurde zum Administrator beste llt und i m Mä#,
1956 zum ersten Abt der neuerstandenen Abtei gewählt. Anfang Mai 1956 fand in feier licher Form die
Weihe und Inthronisation des Abtes durch den Diözesanbischof von Aachen, Dr. Joha nnes Poh! schneider ,
statt. Gleichzeitig wurde die neuerbaute Abteikirche konsekriert.
Damit ist in einem altehrwürdigen historischen Ort eine ruhmreiche Ordenstradit i on, die vor dem dort
1000 Jahre währte, wieder aufgegriffen und neubelebt worden. Die Geschichte der Abte i K orne limünster
seit ihrer Gründung im Jahre 814 bis zu ihrem Untergang in den Wirren der Französis chen Revolution
ist ein Stück Geschichte des heutigen Landkreises Aachen. Die Neugründung verdient B eachtung und
gibt Veranlassung, einen historischen Rückblick auf die Zeit der ersten Benediktiner-N iederla ssung zu
werfen.
Nach dem Tode Karls des Großen 814 hatte sein
Sohn Ludwig I., der Fromme, die Zügel des
Karolingerreiches in die Hand genommen. Er
hatte zwar die Frömmigkeit des alternden Vaters
geerbt, nicht aber dessen vitale Kraft, die staatsmännische
Klugheit und den politischen Weitblick.
Der Politik nicht gewachsen und ihr auch
nicht sonderlich zugeneigt, flüchtete er sich in
Blick auf die alte Abtei
die überirdische Welt des Gebetes und frommer
Übungen. In den Kreis seiner Vertrauten zog
er bald nach seinem Regierungsantritt seinen
alten Freund, Spiel- und Waffengefähr ten Vitiza.
Westgote von Geburt und Sprößling der aquitanischen
Hocharistokratie, hatte dieser bereits
unter Pippin dem Kleinen und Karl dem Großen
Hof- und Kriegsdienst getan. Aber dieses Leben
brachte dem jungen Mann keine Erfüllung . Auf
der Reise zu Kaiser Karl nach Aachen schickte
er seine Begleitung zurück und trat 773 nahe
bei Dijon in ein Kloster ein, dessen Insassen
nach benediktinischer Regel lebten . Der Soldat
und Hofmann wurde Mönch und nahm den
Namen Benedikt an. Er gründete 779 auf seinem
Hausgut Aniane in Frankreich ein Kloster, wurde
814 Abt von Maursmünster im Elsaß und folgte
bald dem Ruf seines kaiserlichen Freundes Ludwig,
der eigens für ihn in der Nähe der Pfalz
die Abtei Inden , das heutige Kornelimünster,
gegründet hatte. Der vornehme Gote hatte sich
als Reformabt in den ihm unterstellten Klöstern
mit sichtbarem Erfolg betätigt. In Inden faßte
er den Entschluß , die neue Abtei zum Musterkloster
des ganzen fränkischen Reiches zu machen.
Bei der von Ludwig dem Frommen 816/17 nach
Aachen einberufenen großen Reichssyriode hatte
Benedikt die Freude und Genugtuung, sein Reformwerk
von höchster Stelle anerkannt und
bestätigt zu sehen. Er blieb bestrebt, den neuen
Geist überall im Reiche und in seinen Klöstern
lebendig zu halten. Über mehrere Abteien führte
er unmittelbar Aufsicht, im ganzen Reiche hatte
er die klösterlicli.e Oberaufsicht inne. Nach einem
Leben steten Mühens und Wirkens starb er am
11. Februar 821 in Kornelimünster. Sein Grab
soll sich in der alten Abteikirche befinden, konnte
bisher aber noch nicht gefunden werden.
Korneiim ünster w ährend der Heiligtumsfahrt
Der Mann war dahingegangen, sein Werk aber
lebte ill!d wuchs. Kaiser Ludwig der Fromme
überhäuft e seine Lieblingsgründung mit vielen
Gunster weisen. Das Kloster erhielt Waldungen
und Länder eien in dem Gebietsumfang, der
heute unter dem Namen Münsterländchen bekannt
ist . Es blieb Eigentum des Königs. Die
Abtei erlangte die „Immunität" und wurde von
allen Zöllen und Abgaben für Land - und Schiffsfrachten
befreit. Die Kirche selbst erhielt wertvolle
Reliquien, die 880 durch solche des hl. Cornelius
vermehrt wurden. Ab 1028 wechselten die
Klosternamen Salvator-Münster und Inda immer
mehr zu dem heute gebräuchlichen Abtei- und
Ortsnamen Kornelimünster.
Nach kurzem Aufblühen sollten Kloster und
Ortschaft von Schicksalsschlägen nicht verschont
bleiben. Der erste erfolgte schon 881 durch den
Einfall räuberischer Normannen, dem auch das
Kloster Inden zum Opfer fiel. Bei der Schatzsuche
ist wohl auch die Grabstätte Benedikts von
Aniane zerstört worden . Dem Rückschlag folgte
bald neues Leben durch starken Pilgerzustrom
aus deutschem und fremdem Land im Zuge der
Aachenfahrten, wobei der stille Ort an der Inde
mitbesucht wurde .
Otto I. und andere Herrscher statteten die Abtei
mit Privilegien aus. Sie erlangte bald auch weltlich-politische
Bedeutung. Der Klostervorsteher
nahm den Fürstabt - Titel an und regierte als
Landesherr . Sie erhielt als freie, kaiserliche,
reichsunmittelbare Abtei außerordentliche Hoheitsrechte
und wurde als solche mit kaiserlicher
„Exemptität" ausgestattet, einem Vorrecht,
nach dem sie nicht kirchlicher Jurisdiktion,
sondern unmittelbar dem deutschen Kaiser und
dem Papst in Rom unterstand. 985 verlieh ihr
Otto III. eine weitere Auszeichnung, das Münzund
Marktrecht.
Die folgenden Jahrhunderte brachten der Abtei
wirtschaftliche Kraft und blühendes religiöses
Leben. Unter Führung tüchtiger Äbte, die oftmals
große Gelehrte waren, aber auch als Landesfürsten
ihre Interessen wahrzunehmen verstanden,
mehrte sich der Landbesitz, hoben sich
Gesittung und Klosterzucht, blühten Werke der
Kunst und christlicher Caritas. Zwei Namen verdienen
genannt zu werden: Heribert von Lülsdorf
(1450-80) und Heinrich von Binsfeld (1491
bis 1531). Dem Kloster war bereits durch Otto
II. das Sonderrecht der freien Abtwahl eingeräumt
worden . Der Abt besaß die geistliche Gerichtsbarkeit
innerhalb seines Gebietes, war
kirchlicher Visitator und zugleich weltlicher
Schiedsrichter , hielt Sendgerichte ab und sprach
öffentlich Recht und fällte Urteile. Solche Machtfülle
führte zwangsläufig zu Auseinandersetzungen
mit dem erzbischöflichen Stuhl in Köln, den
Herzögen von Jülich und der freien Reichsstadt
Aachen.
Infolge dieser Streitigkeiten trat ein starker Vermögensschwund
ein, dem kluge Äbte durch
neuen Landerwerb und Rückkäufe früher veräußerter
Besitzungen zu begegnen suchten. Das
wirtschaftliche Verwaltungssystem wu_rde geändert
. Das bisherige Fronho:fisystemwurde durch
, ..
Die neue Abteikirche
die Form der Verpachtung abteilicher Höfe abgelöst.
Die Güter wurden in Erbpacht vergeben.
Das war für die Abtei von einschneidender Bedeutung:
sie wurde wirtschaftlich entlastet, und
die Abgaben gestatteten ein sorgenloses Dasein
mit allen Vor- und Nachteilen.
Zu Beginn der zweiten Hälfte des · 16. Jahrhunderts
setzte ein neuer politischer und wirtschaftlicher
Niedergang ein, dessen Wurzeln in
den religiösen Wirren und kriegerischen Auseinandersetzungen
lagen. Das Münster land blieb
von diesen Unruhen nicht verschont und _sank in
den Zustand allgemeiner Verarmung mit hinab.
Truppen aller Nationen hausten während des
spanisch -niederländischen Krieges im Münsterland,
dem innerhalb von nur zwölf Jahren ein
Gesamtschaden von rund 105 400 Reichstalern
entstand. Der Dreißigjährige Krieg (1618-48)
verschonte das Land einigermaßen. Nur zu seinem
Ende hin waren lothringische Truppen eine
wahre Plage geworden. Dann schlugen erneut die
Wellen der französischen Eroberungspolitik unter
Ludwig XIV . bis nach Kornelimünster hinüber.
1678 wüteten französische Soldate n im
Aachener Gebiet. Die Lage der Abte i wurd e zusehends
ungünstiger. Ihre wirtschaf tliche Kra ft
sank dahin. Politisch war sie fast bedeutun gslos.
Abt Johann Theodor von Hoen-Carti els (1675-86)
versuchte vergebens den Niederga ng aufz uhalten
. Sein Nachfolger Bertrand Goswin von GE!,
vertzhagen (1686-99) griff zu Maßnahm en der
Sanierung. Sein Regiment war fas t brut al, und
starker Haß loderte gegen ihn auf. Auf dem
Ritt riach Aachen wurde er 1699 bei Schloß
Schönforst angeschossen und schw er verw undet .
Nach drei Tagen verstarb er in der abteilichen
Residenz. Im 18. Jahrhundert wur den unte r Abt
Hyazinth Alfons von Suys (1713-45 ) größere
bauliche Veränderungen durchgeführ t, so die
Errichtung des Mittelflügels und unt er Abt Karl
Ludwig von Sickingen die Anbauten des Nordund
Südflügels. Das Jahr 1756 brach te neues
Unheil . Ein Erdbeben erschütterte die Gegend ,
und am 7. September überflutete die Ind e große
Teile der Ortschaft und der Abteigebäud e. Die
Finanzkraft der Abtei war erschüttert , und die
politische Ohnmacht entsprach dem Zustand des
,,Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation"
jener Zeit.
Im September 1794 wurde Kornelimünst er von
Franzosen besetzt. Abt und Konvent waren geflohen.
Ein Administrator war als Abt- Vertreter
zurückgeblieben. Die neuen Machthaber
setzten bald alle Obrigkeiten ab. Das Ende der
weltlichen Herrschaft war gekommen. Als Klo.
ster blieb die Abtei vorläufig wei terbe stehen ,
bis das Dekret Napoleons I. vom 9. Juli 1802
alle Klöster aufhob und ihre Besitzungen im
Zuge der Säkularisation an den französischen
Staat fielen. Die bisherige Abt eikirche wurde
vom neuen Aachener Bischof, Marcus Antonius
Berdolet, der Pfarrei Kornelimünster als Pfarrkirche
zugewiesen. Die Liegenschaften gingen
in Privatbesitz über . Die Abtei-Hauptgebäude
wurden von Fabrikant Kolb erworben , und spä""
ter richtete C. Startz darin eine Tuchfabrik ein .
Das Münsterländchen kam 1815 mit dem übri
gen Rheinland zu Preußen , das 1876 die Gebäude
erwarb und dort ein Lehrerseminar einrichtete.
Die Lehrer-Ausbildungsstätte schloß am 1. Augus t
1925 ihre Pforten .
Die nachfolgende Zeit hat dann der alten Abtei
noch ein wechselvolles Schicksal bereitet. Die
Gebäude waren zunächst Berufsschule und Kreisheimatmuseum.
Im zweiten Weltkrieg war in
ihnen ein Teil der Kreisverwaltung unterge-
41
bracht , und nach dem Kriege dienten sie englischen
und belgischen Truppen als Unterkunft.
Nach Freiga be durch die Besatzungsmacht errichtet
e dort das Generalvikariat der Diözese
Aachen ein bischöfliches Institut; dann fanden
durch den Caritasverband betreute Kinder in
ihr en Mauern eine Heimstatt, und danach quartiert
en sich Einheit en des Bundesgrenzschutzes
ein . Anfang 1952 richt ete das Land Nordrhein
Westfalen in den beiden Flügelgebäuden das
Person ensta ndarchiv II ein. Die unbenutzten
Räum e wur den inzwischen in kunstsinniger
Weis e mit Unterstützung des Landeskonservators
renoviert, jedoch einem neuen Bestimmungs
zweck noch nicht zugeführt.
Vor dem ers ten Weltkrieg war durch Benedik
tinerm önche aus Merkelbeek (Holl. Limburg)
der Plan gefaßt worden, in Kornelimünster
wieder Fuß zu fassen. Das schwierige Aufbauwerk
begann im alten Ort an neuer Stell e. Sie
errichteten ein Kloster an der Oberforstbacher
Straße, außerhalb der Ortschaft und auf beherrschendem
Höhenzug gelegen.
Die Niederlassung überstand zwei Weltkriege
und die verworrenen Nachkriegszeiten leidlich
gut. Der Konvent wuchs an Zahl, und somit ergaben
sich neue Pläne zum vollen Ausbau der
Abtei bald von selbst. In den letzten Jahren
ging der Neubau der Abteikirche zügig . voran.
Ihre Konsekration I.St Anfang Mai 1956 erfolgt.
Weitere Pläne befassen sich mit der Erweiterung
und dem teilw eisen Neubau der abteilichen
Haupt- und Nebengebäude sowie dem Ausbau
der jetzigen Aufbauplan -Realschule „Heimschule
St. Benedikt" zum Vollgymnasium. Das Aufbauwerk
wird noch Jahre in Anspruch nehmen.
DAS WAPPEN
DER GEMEINDE
BROICHWEIDEN
Das Wappen der Gemeinde Broichwe1den stammt
aus dem Jahr 1935. Es zeigt folgendes Bild: Geteilt,
oben gespalten; im vorderen (rechten) Feld
in Gold ein wachsender, rotbewehrter schwarzer
Adler , im hinteren (linken) Feld in Gold ein
wachsend er, rotbewehrter schwarzer Löwe; unten
in Grün ein silbernes einmotoriges Flugzeug .
Die hier angegebenen Seitenbezeichnungen scheinen
nicht zu stimmen. • Doch herrscht in der
Heraldik die Vor schrift, ein Wappen so zu beschreiben,
als erfolge es vom Träger des Schildes
aus. Demnach ist das vordere Feld vom Schildträger
aus gesehen rechts .
Das Wappen von Broichweiden ist gleichfalls
eine Schöpfung des Düsseldorfer Malers und
Heraldikers Wolfgang Pagenstecher. Er ging
dabei von der Faustregel aus: ,,Erlaubt ist, was
weithin wirkt." Gleichzeitig machte er den Versuch
, einen modernen Begriff, den eines Flugzeugs,
heraldisch zu gesta lten. Selbstverständlich
mußte dieses Zeichen der Neuzeit stilisiert
sein , was am besten durch eine schematische
Darstellung in der Aufsicht von oben her ge-
schah . Es war damals die Zeit, als der Flugplatz
Merzbrück zwischen den beiden Ursprungsgemeinden
ein Gegenstand besondern Stolzes
war . Broichweiden hat damit ein in der modernen
Heraldik wohl einzigartiges Wappen.
Die obere Hälfte des geteilten Schildes ist von
den überlieferten Herrschaftszeichen der ehemaligen
Landesherren bestimmt. Da der Platz
für eine Gesamtdarstellung von Adler und Löwe
nicht ausgereicht hätte, sie dabei allzu klein
ausgefallen wären , löste der Entwerfer diese
Frage, indem er nach altem heraldischem Herkommen
nur sogenannte „wachsende" Figuren
aufnahm, halbe Bilder, die aus der Teilungslinie
hervorzuwachsen scheinen .
Weiden, der südliche Teil der Doppelgemeinde,
gehörte bis zur Franzosenzeit zum Aachener
Reich, dem reichsfreien Gebiet rund um die
Reichsstadt Aachen . Es bildete mit St. Jobs,
W ersch, Feld und Dommerswinkel das W eidener
Quartier, eine Gemeinde unter eigenen Dorfvorstehern,
die im Mittelalter Honnen hießen.
Daran erinnert der Adler.
Broich mit Vorweiden, Linden, N eusen und
Euchen gehörte zum Herzogtum Jülich. Es unterstand
dem Amt Wilhelmstein, zu dessen Vorort .
mit dem Sitz der Schöffenbank es sich entwickelte.
Daran erinnert der Jülicher Löwe.
Das neue Wappen wurde der Gemeinde vom
Oberpräsidenten der Rheinprovinz nach Zustimmung
des Staatsarchivs Düsseldorf am 7. Oktober
1935 verliehen.
42
DE DUFFEJECKE VAN FOERSHEY
Eine Geschichte aus Alt-Kohlscheid
Von L. Ortma nns
'
Vor einigen Jahrzehnten hatte mein Großvater
- wie fast alle anderen Leute in Vorseheid -
Tauben, die er regelmäßig in den Sommermonaten
setzte, also auf Wettreisen schickte. Sieger
des Wettflugs war die Taube, die als erste wieder
ihren heimatlichen Taubenschlag erreichte und
darüber hinaus, im Gegensatz zu heute, auch als
erste in das Vereinslokal gebracht wurde. Das
war erforderlich, da man zu dieser Zeit weder
Taubenringe noch Taubenuhren kannte, und das
Richterkollegium sich nur im Vereinslokal auf
hielt .
Wir wohnten in Foershey oder - wie es heute
heißt - in V orscheid. V orscheid war damals ein
Ort für sich; denn Kohlscheid in der heutigen
Siedlungsform gab es noch nicht. D_ie Leute lebten
in -den einzelnen Siedlungskernen mehr oder
weniger von den anderen Ortsteilen abgeschlos
sen für sich. Manchmal hört man auch heute
noch die alten Namen für diesen Ortsteil: ,,An
der Boom" oder „Aj jene Kank ". Der „Kank" war
damals und ist auch heute noch eine Wirtschaft
an dem freien Platz an der Forstheider Straß e.
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Dieses Gasthaus war damals Vereinslo kal de 1 t
Taubenzüchter . Pavor lag der alte Pfuhl , ,,der
Pötz", der aus der alten Grubenleitun g gespeist
wurde. Dort holten sich nicht nur die Frauen das
Wasser für den Hausputz, hier verbrachten die
Taubenzüchter auch die langen Stunden , wenn
sie auf ihre Tauben warteten. Daheim am Taubenschlag
lauerte ein Junge, der die Aufgabe
hatte , die Taube gleich nach dem Einfl iege n in
ein Säckchen zu setzen und dann loszula ufen, um
sie möglichst schnell zum Vereinslokal zu bringen.
War der Weg weit, so hatte der Vater für
eine Wechselstaffette gesorgt. Am „Pötz " übernahm
der Züchter selbst die Taube und stürzte
damit ins Gasthaus.
Wurde den Züchtern die Zeit zu lang , so begnügten
sie sich nicht mehr damit, ins Wasser
des Pfuhls zu schauen. Mit der Zeit wuchs auch
das Verlangen nach einem guten Schluck zum
Sonntagnachmittag. Schließl ich sagte denn auch
an jenem Sonntag , von dem ich hier erzähle,
einer der Taubenzücht er zu einem der herumstehenden
Jungen : ,,Jong , jank mich en der Kank
ens e Penksje hole! " ,,E Penksje " war aber nichts
anderes als ein viertel Liter alter Korn oder
Wach.holder oder auch ganz einfacher Schnaps .
Blieben die Tauben nun weit über die geschätzte
Zeit, so wuchs mit der Ungeduld auch der Durst,
bis schließlich aus dem Penksje ein kleines Kartoffeleimerchen
werden konnte. So ähnlich hatte
auch an diesem Sonntag mein Großvater sich die
Wartezeit vertrieben, und mit ihm sein Freund
Schang, als ich atemlos vom schnellen Lauf herbeistürzte
und die Worte gerade noch herausbrachte:
,,Opa, hei es de Duff!" Es war die erste
Taube an diesem Tag , und mein Großvater riß
sie mir aus der Hand, stürmte ins Gasthaus hinein
und schrie: ,,Hei es ming Duff! Ich han der
itschte Pries gemaht!"
Der erste Preis aber war in diesem Falle eine
sehr farbenreiche und darum für damalige Begriffe
auch schöne Madonnenfigur, die unter
. einem Glassturz vor allem Staub geschützt war
und wie in so vielen Häusern nun auch bei uns
das Vertiko zieren würde. Kurz und gut, mein
• •. ----~
~ -
•.
r
43
Großva ter hatte den ersten Preis gemacht und
zog nun sieg esfroh und mit strahlendem Gesicht
nach Hause, nicht ohne seinen Freund Schang
und ein weiteres Penksj e zur Feier des Tage s
mitzun ehmen. In der eineri Hand trug er die
Siegestr ophäe, in der anderen die siegreiche
Taube im dazugehörigen Beutel, aus der Hosentasche
aber lugte das Fläschchen, das noch allerhand
Unhe il anstiften sollte.
Dahei m angeko mmen, wurde zunächst die Oma
unterrich tet. Zur Stärkung nach dieser Aufregung
wande rte das Fläschchen noch einmal durch die
Rund e. Die Runde aber bestand nur aus meinem
Großvate r und seinem Freund. ,,Sag ens,
Drick es", so begann der plötzlich und wischte
sich mit dem Ärmel den Mund ab, ,,eijentlich
hat jo nun wahl die Duff de itschte Pries gemaht
, en do wür et jo nu net mieh wie reäht,
wenn de die Duff för öhr lehr och ens bei die
Modde rjodde s onger dat Jlas setze leiß!" Erst
war mein Großvater sprachlos, dann aber schien
er zu dem Schluß gekommen zu sein, daß da
etwas vollständig Richtiges gesagt worden war.
Er griff also in den Beutel , faßte die Taube,
nahm sie heraus und setzte sie ganz vorsichtig
zu der Statue unter den Glassturz. Alle schauten
andächtig zu, wie sich die Taube ihren Platz in
dem engen Raum suchte . Dann griff man nochmals
zu dem bewußten Fläschchen und trank
auf das Wohl der siegreichen Taube.
Nach ein paar Minuten mischte sich ein Nachbar
ein und meinte: ,,Sag Drickes, wellste die Duff
net bau eruuskrieje? Datpeer verstekt dich doch
onger dat Jlas, dat kritt doch jeng Loff!" Auch
von der Richtigkeit dieses Ausspruches nach
einigem Nachdenken überzeugt, setzte mein
Großvater das Fläschchen hin, lüftete ganz vorsichtig
den Glassturz und griff da~riter. Aber
entweder war er nicht ganz sicher in seinem
Griff gewesen, oder die Taube war völlig von
Sinnen und wich geschickt der Hand aus, jedenfalls
flatterte sie plötzlich durch das Zimmer.
Das gab ein Geschrei und ein Hallo, so daß
die Taube noch ängstlicher wurde. Außerdem
mischte sich nun die Katze , die bisher ruhig
hinter dem Ofen gelegen hatte, in das Geschehen
ein. Sie lief hinter der Taube her, und es hätte
nicht viel gefehlt, dann wäre mein Großvater in
Ohnmacht gefallen , denn die Katze war so gierig ,
daß ihr in ihrem bisherigen Leben weder Maus
noch Vogel entwischt waren. Die Hetze der
Tiere ging über und unter Tisch und Bank hinweg
so schnell, daß kaum die Augen folgen
konnten. Sobald mein Großvater sich erholt
hatte, rief er: ,,Die Katz! Die Katz freßt mich
ming betste Duff op! Rieß dat Bies van die Duff
futt!!" Das aber war leichter gesagt als getan.
Kein Mensch dachte auch nur einen Augenblick
daran, die Tür zu öffnen , damit die Taube hinausfliegen
könnte. Schließlich aber gelang es
mir kleinem Kerl doch, mich auf die Katze zu
stürzen. Eingedenk der Worte meines Großvaters
riß ich an dem „Biest". Dabei muß ich das
Maß verloren haben ; denn die Katze erhielt soviel
Schwung, daß sie gegen eine Fensterscheibe
geriet, die klirrend zu Boden fiel.
Das aber war zuviel für meinen geplagten Großvater
. Zu allem Unglück mit Katz ' und Taube
schmiß ihm nun noch jemand das Fenster ein!
Er drehte sich denn straks zur Tür, riß sie auf
und rief nach draußen: ,,We es de Lomp, de
mich do ming Ruht kapottgeworpe hat?!" Ich
war der „Lomp " gewesen, und obwohl ich die
siegreiche Taube gebracht hatte, endete dieser
Tag für mich mit einer sehr unangen ehmen Abreibung.
Ich „kreich se ordentlich versotze!"
Noch Jahr und Tag stand „Et Modderjöddesje"
auf ihrem Ehrenplatz auf dem Vertiko. Die
siegre iche Taube aber hauchte bald nach dem
ereignisreichen Sonntag in den Fängen unserer
Katze ihr Leben aus.
Der frühere Gasthof Kolberg in Bardenberg, erster Standor t des Knappschaftskranke
nhauses
EINE HOFFNUNG Fl:JR DIE KRANKEN
100 Jahre Knappschafiskrankenhaus in Bardenberg - .Steinernes Symbol für die Selbsthilfe der Bergleute"
Das Wurmkohlenrevier gilt als da s älteste · Europ as. Wer macht sich heute noch klar, wie einst der Bergmann
in mühevoller Arbeit di e Kohle zu Tage förderte? Und wie war die Versorgun g der V erletzten
und Kran ken? Die Stationen der medizinischen B etreuung der B ergleute lassen sich an der Entwicklung
des Bardenberger Knappschaftskrankenhauses ablesen, das im April einhundert Jahre alt wurde. Ein
Jubiläu m, das weite Beachtung fand.
„Das Krankenhaus ist das steinerne Symbol der
Selbsthilfe der Bergleute." So nannte ein Festredner
auf der Jubiläumsfeier das „Geburtstagskind".
Der Gedanke der Selbsthilfe war immer
·bei den Bergleuten stark ausgeprägt. Das kommt
nicht von ungefähr, sondern der schwere, gefahrenreiche
Beruf hat von Anbeginn des Bergbaues
die Bergleute zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt
. Wer die Chroniken des
Aachener Bergbaues durchblättert, wird darauf
stoßen, daß bereits vor 200 Jahren Vereine und
Bruderladen entstanden zum Zwecke der gegenseitigen
Hilfe. Das waren die Vorläufer der
späteren „Warm -Knappschaft", die heute den
Namen „Aachener Knappschaft" trägt.
Die ersten Pioniere, die den Grundstein zum
Krankenhaus gelegt haben, wählten das reizvoll
gelegene Bardenberg zum Standort. Das war im
April 1856, zu jener Zeit also, als man die ersten
Äthernarkosen durchführte. Der enge Rahmen
des kleinen Lazarettes, das in dem früheren Gasthof
Kolberg mit acht Betten eingerichtet wor
den war, wurde bald durch die Entwicklung gesprengt.
Und der Werde gang dieses wohl äl testen
Knappschaftskrankenhauses der Bunde s
republik läßt die engen geschichtlichen Bindungen
des Bergbaues mit der Medizin ahnen.
Noch war kein Jahr seit der Einrichtung dieses
kleinen Krankenhauses vergangen , da wurden
bereits zwölf weitere Betten neben dem notwendigen
Zubehör den bisherigen acht hinzugefügt.
Die Allgemeinheit und ihr zunehmendes
Interesse an der Erhaltung des einzelnen Lebens
verlangten mehr und mehr ausgiebigere Anwendung
der ärztlichen Wissenschaft. So verschloß
sich auch die „Warm-Knappschaft" nicht
diesen Erkenntnissen. Sie betreute ihre Angehörigen
doch schon zu einer Zeit, als man in
Deutschland noch gar nicht an eine Sozialversicherung
dachte. Es scheint daher nicht verwunderlich,
daß nach Überschreiten der Zahl von
3000 Mitgliedern die vorhandenen Krankenbetten
nicht mehr ausreichten.
1868 erwarb die Wurmknappschaft das Bauersehe
Anwesen ( dort befinden sich heute die Anlage
und die Zufahrt zum Krankenhaus). In dem
Haus, in dessen Giebelfeld ein Standbild der in
unserer Gegend auch als Patronin der Bergleu te
45
verehrten St. Katharina aufgestellt war, wurde
ein Hospital für 28 Patienten geschaffen. Zehn
Jahre später, 1878, wurde zusätzlich ein Krankensaal
für zwölf Schwerverletzte mit Bad e
raum angeg liedert. Jetzt standen 40 Betten zur
Verfügung. Noch weit bevor in Europa die ersten
gelegentlichen Blinddarmoperationen durchge
führt wurde n, existierte hier bereits ein Operationssaal.
, 1
Das 20. Jahrh undert begann. Die Knappschaft
hatte rund 10 000 Mitglieder. Außer den Bergleuten
sollte n nun auch deren Famili_enangehörigen
freie ärztliche Behandlung erhalten . Mit
der Ausbreit ung der Spezialgebiete der Medizin
sowie der Une ntbehrlichkeit technischer Einricht
ungen kam es zwangsläufig dazu, daß am
12. Oktober 1901 der Grundstein zu dem jetzigen
Kranke nhaus gelegt wurde. Die Fortschritte
der ärztliche n Wissenschaft waren allein schon
an der grun dlegenden Veränderung der baulich
en Gestaltung erkennbar. Deutlich zeigte
sich gegenü ber der allerersten Unterkunft der
Schr itt von der Pflegestätte zum Krankenhaus.
Am 1. Juni 1904 fand die Einweihung des neuen
Gebäudes statt.
Mit für damalige Verhältnisse imponierender
Groß zügigk eit war das Haus gebaut worden. Es
war der Beginn des heutigen „Großstadtkrankenhauses
in ländlicher Umgebung" , wie es
gern genannt wird. Auch die pflegerische Betreuung
erhielt jetzt eine bessere Basis. Vier
Schwestern mit ihrer Oberin aus dem Orden der
,,Franziskaner innen von der Heiligen Familie"
übernahmen die Pflege der Kranken. Die indu-
strielle Entwicklung aber drängte vorwärts, und
die 72 Betten reichten bald nicht mehr aus.
Wieder arbeiteten die Bauleute.
1912 wurde dem Haus ein zweigeschossiger Anbau
angegliedert . Platz für 180 Patienten war
das. Parallel verlief der medizinische Ausbau.
Spezialabteilungen, ohne die ein Krankenhaus
nicht mehr denkbar ist, wurden geschaffen . Die
Aufgaben stiegen weiter. Wieder fehlte der
Raum. Die Verhältnisse zwangen die Männer
der Knappschaft zu einem großzügigen und weitsichtigen
Erweiterungsbau. Von 1928 bis 1931
schafften die Handwerker. 1931 verfügte d·as
Knappschaftskrankenhaus über 450 Betten .
Damit erreichte die bauliche Entwicklung einen
vorläufigen Endpunkt. Dann kam der Krieg . Auch
er ließ seine Spuren in Bardenberg zurück . Aber
das iJSt heute verg essen. Vorstand und Vertreter-'
vers ammlung stehen wieder vor neuen Aufgaben
. Ein Ambulanzg ebäud e, das dringend notwendig
ist, soll gebaut werden. Auch für die
Ärzte ist ein Wohnheim geplant, nachdem als
größtes Bauobjekt nach dem Kriege ein Personalgebäude
geschaffen wurde , das als eines der
modernsten Gemeinschaftswohnhäuser der Bundesre
publik gilt.
Für das Knappschaftskrankenhaus ist das zweit e
Jahrhundert angebrochen. Alle Stürme der Zeit
hat es bisher überdauert. Massiv und wuchtig
ragen seine Gebäude in das Aachen er Land hinein,
eine Beruhigung für die Gesunden, eine
Hoffnung für die Kranken.
(QueUenangabe: Festschrift „ 100 Jahre Knappschaftskrankenhaus
Bard enberg ".)
46
)> HUNDE «,
DIE NICHT BELLE
UND BEISSE
Kleine Lektion in Bergmannsdeutsch
Von Jac. Vo11berg
Einern jungen Journalisten geschah es einmal
vor einigen Jahren , daß er bei einem Bericht
über ein Grubenunglück behauptete, vor Ein
bruch der schlagenden Wetter hätten die „Hunde"
in den Stollen in düsterer Vorausahnung des
bevorstehenden Unglücks unheilverkündend und _
kläglich gebellt und gejault. Dieser junge Mann
war nicht nur auf einen alten Bergmannswitz
hereingefallen, sondern er war auch ein Opfer
der Bergmannssprache geworden, die eine aus
der bunten, fröhlichen Reihe der deutschen Sonder
- und Standessprachen ist; denn die „Hunde"
des Bergmanns sind keineswegs die bekannten
vierbeinigen Freunde des Menschen , sondern es
sind die gewöhnlichen offenen Förderwagen, wie
wir sie überall im Grubenbetrieb finden.
Eine bildhafte Sondersprache
Die Bergmannssprache ist alt , so alt wie der
Bergmannsberuf selber, der sich schon früh wie
zwei andere alte Berufe, die Fischerei und Jägerei,
seine eigene urwüchsige, bildhafte Sondersprache
schuf . Natürlich ist die alltägliche
Umgangssprache des Bergmannes daheim und
im Betrieb die Mundart oder - besser gesagt -
seit Kriegsende die Mundarten ; denn heute kann
man in den Gruben, Waschkauen und Heimen
des Wurmkohlengebietes wohl sämtliche deutsche
Mundarten vom kessen Berlinerisch bis
zum gemütlichen Bayrisch , breiten Schlesisch
und Ostpreußisch und den Mundarten hören, wie
sie in den völkischen Außenbezirken des Deutschtums
, im Banat, in Siebenbürgen oder im Sudetenland
gesprochen wurden .
Mitteldeutschen Ursprungs
Aber neben den Mundarten hat sich schon seit
dem 12. und 13. Jahrhundert eine eigene Berufssprache
der Bergleute entwickelt, die in
ihren Grundzügen mitteldeutschen Ursprungs
ist wie auch unsere neuhochdeutsche Schriftsprache.
Sie verbreitete sich von Mitteldeutschland
her, vor allem aus dem Erzbaugebiet des
Harzes, und sie breitete sich mit der imme r
weiter um sich greifenden Erschl ießung des
• Erdbodens überall dorthin aus , wo Boden schät ze
gehoben wurden und Fördertürm e in den Him
mel wuchsen. In ihren Grundbeg riff en gleich t
sie sich überall in den deutsch en Bergba ugebie
ten, ob in Schlesien, an der Ruhr oder an der
Wurm. Deutsche Auswanderer hinte rließen ihre
Spuren selbst in Frankreich und Rußland .
.Krätzer" und .Lochpfeifer"
Die Aufsicht und Leitung der Arb eit hat der
,,Steiger ". Die eigentlich e Arbeit des Koh lenabbaues
wird vom „Hauer " geleis tet, während
der „Schlepper " die abgebaute Kohle weit erbefördert.
Ein ganz besonderer Mann ist der
„Schürfer", der das Recht hat, die Mineralien
eines Gebietes auf ihre Ablagerung zu untersuchen.
Das Werkzeug des Bergmann es ist sein
„Gezähe ", das in der „Gezähkiste " aufb ewahrt
wird. Aus dem „Gezähe" nahm er auch das eindrucksv~lle
Symbol seiner Arbeit: ,,Schlägel und
Hammer", ein Zeichen, das von Laien oft fälschlicherweise
als „gekreuzte Hämmer " angesehen
wird . .Der „Schlägel" aber ist eine stumpfe Abart
des Hammers , die auch wohl , da ihr Stiel
von nerviger Bergmannsfaust umpackt wird, den
Namen „Fäustel" führt, so daß das „Fäusteln "
die Arbeit mit dem „Fäustel" bezeichnet . Der
,,Bohrer" ist wie überall ein Werkzeug zum Herstellen
von Löchern für die Schießarbeit oder
zur Feststellung des geologischen Aufbaues. Den
,,Krätzer" (diesmal keine Bezeichnung für sauren
Wein) benutzt man zum Entfern en des
,,Bohrmehls" aus den Bohrlöchern. Ein Schuß ,
der ohne Sprengwirkung nur zum Loch „herauspfeift",
ist ein „Lochpfe ifer".
Nach harter Arbeit „buttert " der Bergmann
gerne, oder er „hält seine Frühmesse", d. h., erverzehrt
sein Butterbrot, er frühstückt . Steigt
er am Ende der Schicht wieder ans Tageslicht,
so wird sich gründlich „gepuckelt", man schrubbt
sich in der „Waschkaue" gegenseitig tüchtig den
,,Puckel", ehe es heimwärts zu Muttern geht.
47
.Alter M ann" unter Tage
Der Gesteinshauer arbeitet „vor Ort", er arbeitet
am Ende eines streckenartigen Grubenbaues,
der weit erge trieben wird, während der Bergmann,
der mit der eigentlichen Kohlengewinnung
beschäftigt ist, ,,vor Kohle" arbeitet . Der „Steiger
" hinge gen ist „auf Schicht" .
Auch an seinem Arbeitsplatz hat der Bergmann
ansch auli che Begriffe geprägt. Das „Harigend c"
sin d ·die Gesteinsschichten , die ein Flöz überlagern
, das „Liegende" die Schichten, die nach
unten folgen und unter der Lagerstätte „liegen ".
Das „Au sgehende" oder „Ausstreichende" ist der
Teil der Lagerstätte, der die Erdo berfläche durchstöß
t . Per „Stoß" ist die Seitenwan d oder auch
,,Wange " einer Strecke , an der der „Hauer" arbeitet,
und der „alte Mann" ist keineswegs jene
prächtige dichterische Gestalt, die Ernest Hemin
gway schuf, noch ein ausgedienter Kump el,.
sondern der abgebaute Teil einer Grube, der zu
Bru ch _gegangen ist und aufgefüllt wird .
Kleiner Bergmanns-Zoo
Es soll hier nicht die Rede sein von den bekann
ten „Bergmannskühen" , den Ziegen , die jetzt
nich t mehr so zahlr eich wie früher an den Hängen
und an den Straßenrändern der Bergbaugeb
iete · grasen, auch nicht vom „Bergmanns
klavier", das jetzt vornehm Akkordeon heißt,
sonder n es soll einmal von den zahlreich en „ Viechern"
gere det werden , die die Welt des Berg-
mann es unt er Tage bevölkern. Wir erwähnten
schon zu Anfang den „Hund" als Bezeichnung
für den Förderwagen . Die Herkunft dieser Bezeichnung
ist noch nicht geklärt ; aber es ist
offensichtlich, daß der Bergmann seit jeher an
das Tier gleichen Namens gedacht hat , da er bei
der Bezeichnung der einzelnen Teile des „Run- ·
des" durchaus „im Bilde " bleibt. So nennt er
das Holzstück, das am hinte~en End e zum Kippen
dient, den „Sterzel" und den Ring, an dem
das Schle ppseil befestigt ist , ,,Schwanz". Da es
schon „Hund e" gibt, gib es auch die besondere .
Rasse der „Teckel ", Wagen, die der Beförderung
besonders sperrigen Materials, wie Schienen ,
Rohre usw ., dienen . Der „Frosch " sagt als unter..:
irdischer Wetterprophet nicht etwa „schlagende
Wetter " an, sondern es ist ein e kleine, schon im
Mittelalter bekannte Lampenart, die bei Anwendung
von etwas Phantasi e an einen Frosch
erinnert . Oft aber ist der „Frosch " auch nur ein
niedriges Klötzchen. Der „Bär ", der in der Grub e
brummt , ist eine Schwerstange , die auch „Bohr- _
klotz" genannt wird , die oberhalb des eigentlichen
Bohrers in das Gestänge eingeführt wird ,
und die „Ziege " hat hier gar nichts zu meckern,
sond ern sie ist nur das Förd erges tell in ein em
Bremsb erg. Was schließlich das „Krebsen" angeht
, so ist damit jenes geh eimnis volle Knist ern
gem eint, unter dem das Kohlenga s aus den Flözen
aus tritt, und das in etwa an das Geräu sch
dicht zusammenhockender Krebse erinnert.
Kumpeldeutsch in unserer Umgangssprache
Viele Ausdrück e aus Bergmannssprache und
-leben sind im Laufe der letzten Jahrhund er te,
in denen der Bergmannsb eruf imm er mehr an
Bedeutung gewann, hineingewachsen in das
Sprachb ewuß tsein des ganzen Volkes und sind
so Allgem eingut uns erer Sprache geworden. Der
Wissenschaftl er „förd ert" manches Gedankengut
„zutag e" und bringt von seinen Forschungsreisen
manch e „Ausbeute" mit nach Haus e.
Wenn man nicht gleich den Kern einer Frag e
oder Angelegenh eit erkennt, dann wird danacq
„geschürft ", und auf diese Weise entst eht manche
„tiefschürfende " Arbeit. Aber auch der klein e
ABC -Schü tze hat schon seine ·schwi erigk eiten,
und er „bohr t" ihnen nach , bis er die ersten
Schätze seiner Weisheit „ans Tag eslicht " ge-,
bracht hat. Wir alle aber fahren eines Tag es
unsere „letzte Schicht" , wir erreichen das Ende
unseres irdischen Seins , und wir . alle „fahre~
einmal in die Grube" .
48
DER KREIS IM SCHRIFTTUM
Rheinisches Städtebuch - 3. Band des Deutschen Städtebuches
-. Herausgegeben von Professor Dr. Erich
Keyser. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart - 441 Seiten
- Preis: 36 DM.
Nach rund 20jähriger Vorarbeit erschien jetzt im Kohlhammer
-Verlag, Stuttgart, der 3. Band des „Deutschen
Städtebuches ". In diesem Band sind die Städte des
Land schaftsverban des Rheinland behandelt .
Damit wurde auf dem Geb iet des Heima tschrifttums
eine empfindliche Lücke geschlossen, nachdem schon
im Jahre 1935 mit den Vorbereitungen begonnen wor
den war. Die Arbeiten mußten jedoch bald - einmal
wegen des Kriegsausbruches , zum ander en aber auch,
weil sich das vorhandene Material als zu dürftig erwies
- eingestellt werden . Die Nachkriegsjahre brachten
eine überraschende Initiative auf dem Gebiet der
Heimatforschung, so daß der jetzt von Pro f. Erich Keyser
vorgelegte Band ohne Zweifel einen gewissen Anspruch
auf Vollst ändigkeit erheben darf.
Die ausgezeichnete . Gliederun g der Beiträge ermöglicht
es, daß sie •nicht nur für die einzelnen Städte, sondern
auch für die Gesamtheit vergleichbar werden. So greifen
wir als int eressantes te Abschnitte heraus: Ursprung der
Ortschaft , Bevölkerung, Wirtschaft, Verwaltung , Landesherrsch
aft, Siegel und Wappen, Kirchenwesen, Bildungswesen
und den Abschnitt, der über die Quell en
und Darstellungen der Stadtgeschichte Auskun ft gibt.
Die Gliederung gewinnt an Übersicht, da die Abschnitte
mit Ordnungsziffern versehen sind , wodurch Vergleiche
erleichtert werden. ,
Es wurde mit Absicht jedoch darauf verzichtet , die Geschichte
der Städte bis in ihre frühesten Anfänge zu
verfolgen. Der Herausgeber steht mit Recht auf dem
Standpunkt , daß die neuere Forschung gezeigt habe ,
daß mit dem frühen Mittelalter ein neues Zeitalter begann
und erst in ihm oder in den darauf folgenden
Jahrhunderten die Grundla gen für die bis zur Gegenwart
reichende Entfaltung des rheinischen Städt ewesens
geschaffen worden sind. Sehr ausführlich - im Gegensatz
zu früheren Städtebüchern - wurde Wert auf die
„Unternehmun gen der städtischen Verwaltungen " des
19. und 20. Jahrhunderts gelegt. Fast erdrückend auch
die Fülle der Angaben über Vereine , Kirchen, Wirtschaft,
Theater und Wohlfahrtspflege , die man in früher
erschienenen derartigen Nachschlagewerken überhaupt
nicht oder nur sehr spärlich findet.
Auch die Städte des Landkreises Aachen werden in
die sem Buch eingehend gewürdigt , so Alsdorf , Eschweiler,
Herzogenrat h, Stolberg und Würselen.
Zwei Seiten des .Werkes sind mit Angaben über die jün g
ste Stadt des Landkre ises, A 1 s d o r f, angefüllt. Nur
ganz kurz die Frühgeschichte und die früheren Schreibarten
des Namen s erwähnt, finden wir umfangreiche
Ang aben über die bauliche Entwicklun g, wobei die
Siedlungen genau so wenig fehlen wie das Anwachsen
des Stadtkernes. Interessant auch die Zahlen über das
Ansteigen der Einwohn erza hl und über die wirtschaft
liche Struktur. Der Abschnitt „Theater " weist die Burggartenkonzerte
aus .
Ähnlich verhält es sich mit den Angaben über die Stadt
E s c h w e i 1 er. Auch noch nicht lange Stadt (nach der
Rheinischen Städteordnung 1858 - jedoch schon vorher
1845 als Stadt bezeichnet), wird auf drei Seiten alles
gesagt, was für Laien und den Heimatforscher von Interesse
sein kann. Wer weiß z. B., daß Augu st Thyssen ,
einer der größten deut schen Industriellen , 1842 in Eschweiler
geboren wurde ; wer weiß, daß noch im Jahre 1866
in Eschweiler die asiatische Cholera wütete , die 274
Menschenleben forderte? Auch imponiert das gena ue
Zahlenmaterial , das exakt den Puls schlag dieser rheinischen
Stadt durch Jahrhunder te hindurch wiedergibt .
Um noch eine Besonderheit herauszugre ifen: schon 184~
hatte Eschweiler eine eigene Zeitun g, den „Eschweile r
Anzeiger und Verwaltungsblatt für den nördlichen
Landkreis".
Der ältesten Stadt im Landkrei s, He rzogen r a t h,
gehören gleich mehr als vier Seiten des Städte buches .
Als Oppidum, zuerst von Rudolf von Habsb urg 1282 ge-
nannt, gingen die Stadtrechte während der Frari zosen
zeit 1793 verloren, und erst 1919 erhielt man wiederum
die -Genehmigun g zur Führung eines Stadtsiegel s.
Breiten Raum nimmt die Schilderung der heim ische n
Indu strie ein. So erfährt man, daß Herzogenrath im
Mittelalter Handel splatz für den Warenaustausch zwi
schen den Rheinlanden und Holl and war. Eine frü he
Berühmtheit erlangte Herzogenrath durch den ältesten
Stein kohlenbe rgbau Europas , nachweisbar seit 1113.
Durch ein Grenztrak tat zwischen Preußen und den Nie
derlanden , 1816, gab Herzogenrath die Oberfl ächen der
Kohlefelder zwar an P reußen, den Bergbau bis zur
Wurm jedoch an Holland (Dominiale in Kerkrade ).
Natürlich fehlt auch St o 1 b er g nicht in dem Reige n •
der Städte. Hier ist es die vielseitige Industrie, die die
Aufmerksamkeit des L esers in Anspruch nimmt. In kur zer
präziser Form erhält man Auskunft über die Entwicklun
g der Stolberger Industrie und über ihre Bedeutung
im Wirtschaftsleben der engeren und weiteren Heimat.
Weltfirmen sind genau so erwähnt wie die nette Anmerkung,
daß die Großbäckerei Bothe und Maßen 1794
vier- bis 14mal mehr Mehl als alle übrigen Stolb erger
Bäcker verbackte . Ein rechtes Bild von der frühen Bedeutung
Stolber gs als Industrie-- und Handelsstadt bekommt
man , wenn man erfährt, daß hier schon 1816
36 Schm elzhütten mit 196 Öfen und 57 Mes singm ühle n
bestanden.
Eine wirtschaftliche Entwicklung, die heute von den
Weltfirmen Prym , Stolberger Zinn und Dalli fortgesetzt
und repräsentiert wird .
Schließlich noch W ü r s e 1 e n, eine ebenfalls relativ
junge und aufwärtsstrebende Stadt , die 1924 die Stadtrechte
erhielt. Auch hier bestimmt die Industri e das Gesicht
der Wirtschaft. Wenn hier die Auskünft e nicht so
erschöpfend sind wie bei den anderen Städten , so ist es
doch inter essa nt, zu erfahren, daß Würselen der Sitz
eines wichtigen Sendgerichts im Aach ener Reich war,
das bis zur Franzosenzeit bestand. Schließlich finden
wir bei dem Nachweis über das Würselene r Schrifttum
auch die „Heimatblätter" VII Heft 2 erwähnt.
Wenn dies auch nur ein flüchtiger Querschnitt durch
das Städtebuch - soweit es den Landkr eis Aachen betrifft-
war, so kann doch unschwer festgestellt werden ,
daß der große Umfang des hier angesammelten und
gesichteten Materials das Buch zu einer prächtigen
Fundgrube werden läßt . Darüber hinaus gibt es dem
Geschichtsinteressierten aufschlußreiche Vergleich smöglichkeiten
der Städte untereinander. Einfach: es ver
mittelt ein farbiges Bild von dem Werden und der Entwicklung
unserer Heima t. Vielfach besteht dieses Bild
nur aus Zahl en, ist aber desha lb nicht weniger auf -
schlußreich.
1
Das Buch dürfte besonders für den Heimatunterricht
in den Schul en Anregungen geben.
Hans Rosenboom
Fotos: Archiv, Brau nleder, Hahn, Linckens, Peters, Pomsel; Z eichnungen: Mänhardt, Sanke.
WASSERWERK
DES
LANDKREISES
AACHEN GMBH
liefert weiches TalsperrE;nwasser an Haushalt und Industrie
Das weiche Wasser erspart vielen Betrieben, die auf weiches Wasser
angewiesen sind, Kosten für Enthärtungsanlagen und bietet auch den
Haushaltungen beachtliche Vorteile.
GESELLSCHAFTER:
Landkreis Aachen und 17 Städte und Gemeinden des Landkreises
VERSORGTE
,.
GEBIETE:
ANLAGEN:
Landkreis Aachen mit Hauptteil des Wurmkohlenreviers, Randgebiete
der benachbarten Kreise Geilenkirchen-Heinsberg, Jülich, Düren und
Monschau und holländische Gemeinden Kirchroth und Vaals.
Dreilägerbach- und Kalltalsperre mit insgesamt 6,4 Mio . cbm Inhalt,
offene Schnellfilteranlage, System WABAG, Kapazität 100000 cbm /Tag,
1953 in Betrieb genommen, 685 km Rohrleitungen, 29000 Hausanschlüsse .
»Rurüberleitung « zur Oberleitung von Wasser aus der Talsperre
Schwammenauel in die Kalltalsperre, bestehend aus : Pumpwerk am
Obersee , 12CO m Druckrohrle itung NW 1000, 28C0 m Hangrohrleitung
NW 1000, 3700 m Stollen .
JAHRESABGABE 16 - 17 MILLIONEN KUBIKMETER
AM
ELISENBRUNNEN
l
Zweigst e 11 e n: Alsdorf, Brand, Broichweiden,
Eilendorf, Eschweiler,
Herzogenrath, Kohlscheid, Kornelimünster, Merkstein, Stolberg, Würselen
KASSENSTUNDEN:
8.30 BIS 12.30 UND 15.00 BIS 17.00 Uhr, SAMSTAGS 8.30 BIS 12.30 UH_R