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Heimatblätter des Kreises Aachen 1958-2

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HEIMATBLATTER

DES LANDKREISES AACHEN

2

HEFT

14. JAHRGANG


1\

Titelbild: A11tobah11 Köln-Aachen i11 der Gemeinde Haaren; Foto: Pa11l11s.

Heimatblätter des Landkreises Aachen. Erschtinen vierteljährlich. Bezugspreis 2,- DM jährlich. Au(lagr: 28()() Stuck. Verantwortlich: Oberkreisdirektor

Srnlen. Schriftleitung: Prof. Dr. Will Hermanns - Kreisinspekt0r Cornel Peters, Aachen, Zollernstraße ( Kreishaus), Tel. 40 71. Für unverlangt eingmmdte

Manuskripte und Bilder wird keine Gewähr übernommen. Druck: Herzogdruck, Eschweiler und Kunstdruck G. Gottschall, Eschweiler.


HEIMAT­

BLATTER

HEIMATBLATTER DES LANDKREISES AACHEN

HEFT 2 / 1958 AACHEN, JULI 1958

»EUROPA-STRASSE

5'« FUHRT DURCH DEN LANDKREIS

Kleeblatt-Verteiler bei Verlautenheide wird internationale Bedeutung der Autobahn Aachen-Köln noch erhöhen

Mit der in festlichem Rahmen durchgeführten Inbetriebnahme des mehr als hundert Meter Durchmesser

umfassenden repräsentativen Verteilerrings an der Aachener Josef -von-Görres-Straße und der gleichzeitigen

Fre i gabe des insgesamt 6,3 km langen neuen T eilstücks der Autoba hn Aachen-Ver lautenheide

am 24. April führt die Autobahn Aachen-Köin durch das Gebiet des Landkreises Aachen jetzt über eine

Strecke von fast 15 km. Die Autobahn ist, wie Bundesverkehrsminister D r . Seebohm bei der feieriichen

Eröffnung der neuen Teilstrecke ausführte, an de1· auch Landrat L ennartz und Oberkreisdirektor Seulen

teiinahme'(l,, ein Stück der „Europa -Straße 5", die von London über Brüssel, Aachen, Köin, Frankfurt und

Wien nactl. Istambu! führt .

Diese Tatsache unterstreicht die besondere Wichtigkeit, die diesem Autobahn -Teilstück für den Landkreis

Aachen zukommt. Ihre zusätziiche Bedeutung aber erhält sie , wenn erst einmal der geplante große „Klee ­

blatt-Verteiler" nach Frankfurter Muster östlich vor, Verlautenheide mit Anschluß an das belgische und

holländische Autobahnnetz Wirklichkeit geworder. ist. Die Vorarbeiten dazu sind im Gange .

30 Millionen Baukosten

Die Ges~mtbaukosten für das neue Teilstück der

Autobahn Aachen-Verlautenheide, das etwa

fünf Kilometer durch das Gebiet des Landkreises

Aachen führt, wurden mit rund 30 Millionen

DM angegeben. Mit der weiträ umi gen Straßenanlage,

den Brücken und Unterführungen für

Fußgänger und Radfahrer, ist es eines de,r kost ­

spieligsten und schwierigsten Teilabochnitte auf

der ganzen Autobahn Aachen-Köln.

Im Frühjahr 1955 wurde mit den Arbeiten begonnen.

Insgesamt verfügt dieses Autobahnstück

über acht Brückenwerke (zwei weitere befinden

sich im Verteilerkreis), von denen fünf die

Autobahn über Straßen oder Schienenwege leiten

und drei andere Straßen bzw. Wege über die

Autobahn hinwegführen . Allein die Baukosten

für die genannten Brückenkonstr uktionen beliefen

sich auf die stattliche Summe von 6 Millionen

;DM.

1,2 Millionen cbm Boden bewegt

Für den 6,3 km langen (davon 2 km einbahnige

Fahrbahn) neuen Teilabschnitt Verlautenheide-­

Aachen von der Kreuzung mit der Landstraße

Fu.ßgängerbrücke Lindenweg (Haaren-Verlau.tenheide)


26

I. Ordnung Nr. 237, dem Anschluß an die bisherige

Strecke, bis Blücherplatz der Stadt Aachen

einschließlich der Anschlußstelle Verlautenheide

und Verteilerkreis Aachen wurden niclJ.t weniger

als 1,2 Millionen cbm Erde bewegt. Auch dafür

war ein Kostenaufwand von mehr als 6 Millionen

DM erforderlich.

Schnell noch einige weitere aufschlußreiche Zahlen,

die das Ausmaß dieses Großbau-Vorhabens

auf ihre Art verdeutlichen: Die Fahrbahnbreiten

erhielten 70 000 cbm Frostschutzschicht und mehr

als 100 000 qm Zementvermörtelung , während

die eigentli che Fahrbahndecke 82 000 qm ausmacht.

Die Kosten hierfür betrugen fast 10 Millionen

DM .

Wie man sich bettet ...

Die beiden Fahrbahnen der Autobahn haben

eine Breite von je 7 Metern, wozu zu beiden

Seiten 50 cm Beton-Randstreifen kommen . Der

Mittelstreifen sowie die sogenannten Schultern

rechts der jeweiligen Richtungsbahnen sind je

2,50 Meter breit.

Ohne zu sehr auf technische Details eingehen zu

wollen, muß doch herausgestellt werden, daß die

Autobahn heute im Gegensatz zu früher einen

bemerkenswert massiven Untergrund hat, was

selbstverständlich ihrer Strapazierfähigkeit und

Haltbarkeit in hohem Maße zugute kommt. Andererseits

könnte man es in Anlehnung an ein

bekanntes Sprichwort so ausdrücken: wie man sie

(die Autobahn) bettet, so fährt man.

Nun, sehen wir uns das Autobahn-Bett des

neuen Teilabschnitts Aachen-Verlautenheide ,

die Fahrbahndecken-Konstruktion , wie es die

Techniker nennen, einmal etwas näher an. Grob

zusammengefaßt sieht es folgendermaßen aus:

Auf das Roh-Planum ist eine durchschnittlich

52 cm dicke Frostschutzschicht aus sandigem ,

kiesigem Boden aufgetragen . Ihr schließt sich

eine 15 cm dicke Vermörtelungsschicht an . Ers t

darauf erfolgte der Einbau der Schwarzdeck e,

der eigentlichen Fahrbahndecke also, in einer

A..."-

n.. /1..

n...

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CL

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CL

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Gesamtdicke von 27,5 cm. Davon sind 16 cm

bituminöser Kiesbeton mit 250/oigem Splittanteä.1,

acht Zentimeter Asphaltbinder und schl ießlich

3,5 cm Gußasphalt als obere Lage.

Der Betonrand-Streifen beiderseits der Fahrbahnen

besteht aus fertigen Betonst ein en, die

auf 7,5 cm dickem Frischbe ton aufgetra gen wur ­

den und dazu eine fünf Zentimeter dick e Deckschicht

erhielten. Die 2,50 Meter breiten Mittel ­

streifen sowie die „Schultern" sind unbe festigt .

Sie wurden mit kiesigem, für Pflanz enwuchs

geeigneten Boden aufgefüllt und dann mit 20 bis

30 cm Mutterboden abgedeckt (insgesamt 60 000

Stück Gehölze wurden angepflanzt!). Eben s o wie

die H~uptfahrbahnen ist aUJch die Deckenko n 1

strukt10n der Anschlußstelle Verlau tenhei de

ausgeführt.

Schwungvoll nach Nordosten

Leicht ansteigend verläuft die Autoba hn vom

Aachener Vert eilerring, der mit seinem groß en

Wasserbecken (3600 cbm Inhalt) und der herr ­

lichen Wasserfontäne seinesgleichen in Deutschland

sucht und als „Visitenkarte" aus Grü n,

Wasser und Beton die Passan ten imm er wiede r

aufs neue entzückt, in allgemeiner Nordost ­

Richtung ins Aachener Land .

Kurz nachdem sie das Gebiet der Stadt Aachen

verlassen und den Landkreis Aachen im Raum

der Gemeinde Haaren mit einer leichten Knikkung

nach Norden erreicht hat , überquert sie die

Industriebahn mit einer Massivbrücke, die ein e

Spannw~ite von 8,80 Meter hat. Rechterhand

grüßt die Gemeinde Eilendorf herauf. Kurze

Zeit später schon „überfährt" die Autobahn mit

einem weiteren Brückenbauwerk die Südstraße.

Auch dabei handelt es sich um eine Massivbrücke,

die drei Felder mit Spannw eiten von

zweimal 9,45 m und 14 m aufweist.

157 Meter übers Haarbachtal

Das größte Objekt aller Brückenbauten auf dem

neuen Teilabschnitt der Autobahn Aachen-Verlautenheide

bildet jedoch die Überquerung des

Haarbachtals. Nicht weniger als 157 Meter macht

die Gesamt-Stützweite dieser Stahlverbundbrücke

über drei Felder mit Spannweiten von

48,5 m, 60 m und wiederum 48,5 m aus. Um

dieses imposante Bauwerk erstellen zu können

waren u. a. auch gewaltige Erdaufschüttunge~

vorausgegangen. Alles in allem verursachte die

Anlegung dieser Brücke einen Kostenaufwand

von mehr als 2 Millionen DM.

2

ISJ<m

• .. CL. <l..


27

Blick von der

Fußgängerbrücke

Linden weg

Hier, in Höhe des Haarbaiehtals, steigt die Auto ­

bahn stärke r a1s vordem an. Sie strebt dem

Durch stich am Kafunsberg zu. Zuvor aber überquert

sie mit einer weiteren Massivbrücke, deren

Gesamt spannweite bei fast 50 m liegt, die Bachstraß

e, die Landstraße I. Ordnung Nr. 222.

Ruhe Jür Gehetzte

Unmitt elbar oberhalb dieser Unterführung Bachstraße,

zu Füßen des 240 m hohen Kaninsbergs,

hat man als besonders ansprechendes Attribut

der Autobahn links und rechts der Richtungsbahnen

eine großzügige, weiträumige Parkplatzfläche

angelegt. Sie ladet auch den gehetztesten

Autobahn-Benutzer geradezu zu einer kleinen

Verschnaufpause ein. Bietet sich ihm doch von

hier aus ein überaus eindrucksvolles Panorama

weit über das Aachener Land mit der imponie ­

renden Kulisse der alten Kaiserstadt im Talkessel

und den bewaldeten Eifel- und Ardennenhöhen

als krönendem Abschluß.

Massives Felsgestein durchbrochen

Doch zurück zur Linienführung der Autobahn!

Sie wartet gleich anschließend mit einer neuen

technischen Besonderheit auf.

Gemeint ist der Durchbruch am Kaninsberg, ein

gewaltiges Unternehmen, das zusammen mit den

Aufschüttungen am nahen Haarbachtal Erdbewegungen

von immerhin 815 000 cbm erforderte,

wobei noch zu bemerken ist, daß der Boden

hier zu mehr als einem Viertel aus gewachsenem

Fels und mächtigen Findlingen bestand.

Um bei starken Regenfällen oder bei Tauwetter

im Winter ein mögliches Absacken der Erdmassen

an diesem Autobahneinschnitt zu verhindern,

hat man die inzwischen wieder in frischem Grün

prangenden steilen Abhänge durch Abstützvorrichtungen

besonders gesichert.

Harmonisch in die landschaftlich reizvolle Um-­

gebung eingefügt wurde die moderne Stahl.:.

Bogenbrücke auf der Höhe des Kaninsberges,

die, ausschließlich als Fußgängerbrücke, den sogenannten

Lindenweg verbindet . Ursprünglich

war dieses Bauwerk in den Plänen des Autobahn

-Neubauamtes nicht enthalten. Es wurde

erst auf Antrag der betroffenen Bevölkerung

von Haaren und Verlautenheide nachfinanziert

(:350 000 DM Kosten). Die Brückenkonstruktion

hat eine Spannweite von 60 m und erforderte

eine Bauzeit von neun Monaten , wobei 87 Tonnen

Stahl und 700 cbm Beton verwendet wurden.

Anschluß nach Würselen und Stolberg

Als letztes Bauwerk auf dem neuen Teilabschnitt

der Autobahn ist schließlich die Überführung

der Landstraße I. Ordnung Nr. 237, die Würselen

mit Stolberg verbindet, zu nennen. Sie wurde

durch eine Massivbrücke mit zweimal 15 Meter

Spannweite hergestellt und nimmt gleichzeitig

die Auf - und Abfahrten der „Anschlußstell e

Verlautenheide" auf.

In diesem Zusammenhang sei gleichfalls erwähnt,

daß die Landstraße I. Ordnung '.Nr. 237 in Richtung

Würselen als Zubringer zur Autobahn von der

Bundesstraße 1 bzw. Bundesstraße 57 her augen-


Autobahnausfahrt

bei Verlautenheide

blicklich großzügig ausgebaut und an verschie ­

denen Stellen verbreitert und begradigt wird.

Gerade diesem Zubringer kommt für den Landkreis

Aachen erhebliche Bedeutung zu. Allerdings

besitzt er weiter östlich - auf dem alten

Teil der Autobahn - bei Eschweiler-Röhe (Landstraße

I. Ordnung Nr. 240) noch eine zweite Anschlußstelle

mit beiderseitigen Auffahrten.

Diese Autobahnzufahrt wurde im Raume Warden

vor wenigen Wochen erst kurzfr istig ausgebaut

und instand gesetzt .

Durch Feld und Wald

Nicht weit hinter der Anschlußstelle Verlautenheide

erreicht die Autobahn, zunächst in fast

genau östlicher Richtung verlaufend, Broichweidener

Gebiet und ··clen Anschluß an das schon vor

dem Kriege gebaute Teilstück Verlautenheide­

Düren. Die Beschaffenheit der (Beton -)Fahrbahndecke,

die, wie eingangs dieses Berichtes

erwähnt, früher nicht so solide ausgeführt wurde,

läßt - eine Folge des natürlichen Verschleißes

nach rund 20 Jahren, wobei die Kriegsjahre auch

in diesem Falle gewiß doppelt zählen - hier zuweilen

zwar zu wünschen übrig, obwohl in der

Zwischenzeit verschiedentlich Reparaturen vorgenommen

wurden. Dafür wird der Autofahrer

zu einem gewissen Teil jedenfalls durch die

Schönheit der ihn umgebenden Landschaft entschädigt.

Hinter dem Kaninsberg öffnet sich das Land

weit und läßt den Blick frei bis zum Horizont

hin. Rechts und links säumen bald darauf weitflächige

Waldgebiete mit herrlichem Baumbestand

die Fahrbahn. Die Autobahn im Bereich

des Landkreises Aachen erreiicht mit dem angrenzenden

Reichswald, dem Steinbach- und

endlich dem Propsteier Wald ihren in landschaftlicher

Hinsicht wohl reizvollsten Abschnitt.

„Wild auf . .. Meter" künden die Warn schilder

und mahnen den Benutzer der Autob ahn zur

Vorsicht. Linker Hand, kurz vor der Überführung

der Bundestraße 264 (die leider kei ne offizielle

Anschlußstelle, sondern nur eine fü r die

Linienbusse der ASEAG Aachen-E schw eiler

bzw. für Militärfahrzeuge freigegeb en hat),

dehnt sich hinter fruchtbaren Feldern der Flugplatz

Merzbrück .

An schönen Sommer-Sonntagen ziehen von dort

oftmals Segelflugzeuge majestätisch ihr e Runde

bis über die Autobahn hin. Rechts grüß t die Stadt

Stolberg herüber.

Genau einen Kilometer hinter der Bundes .!\

straße 264 erreicht man die zweite Autob ahnanschlußstelle

des Landkreises bei Röh e/Hehlrath

. Die Stadt Eschweiler „schiebt" sich heran ,

gegenüber auf der anderen Seite der Autobahn

der Braunkohlen-Tagebau Zukunft-We st, die

Überführung der Landstraße I. Ordnung Nr. 238,

Dürwiß-Eschweiler, wird passiert. Nun sin d es

nur noch wenige hundert Meter ... Die Autobahn

Aachen-Köln hat den Landkreis Aachen verlassen.

Drehscheibe westlich des Rheins

Mit dem neuen Teilstück der Autobahn ist die

Stadt Köln und damit der Rhein auch dem

Landkreis Aachen bzw. seinen Autofahrern erhE:blich

näher gerückt. Insgesamt 54 Kilometer

sind von der Autobahn Aachen-Köln bis zum

Abzweiger Aachen an der Köln-Frankfurter

Autobahn jetzt in Betrieb. Das Reststück zwischen

Buir und Frechen, das u. a. über einen

hohen Damm durch ein ausgebranntes Braunkohlenfeld

führen wird, soll bis zum Frühsommer

1960 fertig sein. Schon im kommenden Jahr

soll ein erster Teil bis Kerpen freigegeben werden.

Die „Europa -Straße 5" ist also weiter im Werden.

Ihre „Drehs cheibe" westlich des Rheins -

und darauf darf der Landkreis Aachen sicherlich

stolz sein - wird östliich von Verlautenheide

liegen, wo schon in naher Zukunft ein

großer „Kleeblatt-Verteiler" vorgesehen ist. Er

soll neben dem Ausgangspunkt für die neue

Bundesstraße 1 (UmgeJ;rnngsstraße Broichweiden)

den Anschluß an die 16 ·km lange Autobahnstrecke

bis zur belgischen Grenze - wofür

bereits 28 Million en DM veranschlagt sind-und

die Verbindung zum holländischen Autobahnnetz

(südlich Locht) herstellen . H. H.


29

PFE RDE SPORT

UN D PFERDEZUCHT IM

LAN DKRE IS AACHEN Von Cornel Peters

Zu den ständig en Besuchern des Turniers in der

Soers zählen die Mitglieder und Freund e der

Reiterv erein e aJi dem Landkreis Aachen. Im

1

Rahmen ihre r umfassenden Breitenarbeit und

der von ihne n durchgeführten Turniere hab en

diese ländl1ch en Vereine dazu beigetragen, das

heuti ge sportl iche Leistungsniveau bei Spitzenturni

eren zu erreichen und die Aachen er Reitertage

zu Volksfesten werden zu lassen , bei denen

die meisten Zuschauer „Fachleute" sind. Beglei

tet wurde diese sportliche Entwicklung von

gleichfalls erfolgreichen Bemühungen um die

Pfer dezucht im Kreis, die bedeutsam für ganz

Deutschlan d geworden ist.

Schon im vorigen Jahrhundert hat der Pferd e­

sport im Landkreis Aachen Interesse gefunden.

Am 15. Juli 1821 wurde auf der Brander Heide

vor den Toren der Stadt Aachen in Gegenwart

des Prinzen Wilhelm .von Preußen ein Rennen

nach englischer Art durchgeführt. Vier reinrassige

englische Rennpferde sowie fünf Landpferde

und ein arabisches Pferd bewarben sich damals,

wie die Chronik der Gemeinde Brand zu berichten

weiß , um die wertvollen Preise . Mit Unterbrechungen

hat die Brander Heide bis zur Jahrhundertwende

dem Pferdesport gedient .

Waren diese Veranstalrungen in erster Lini e

einer kleinen Gesellschaftsschicht vorbehalten ,

so trat in dieser Hinsicht mit der Gründung des

Aachen-Laurensberger Reiterver eins im Jahr e

1900 ein Wandel ein. ,Dessen Mitglieder setzten

sich in der Hauptsache aus Pferdeliebhabern

bäuerlicher Kreise zusammen . Unbedeutend e

Rennen für Kaltblutpferde auf Laurensberg er

Gebiet . bildeten den Auftakt zu einer Entwic k ­

lung, die im Laufe wenig er Jahrzehnt e zu den

bekannt en und beli ebten Reit-, Spring- und

Fahrturnier en unt er Beteiligung der best en

nation alen und internatio nalen Reit~r und Pferde

führen sollt e.

Dies e Entwicklung wurd e u. a. von den seit

ebenfalls fünf Jahrzehnten besteh enden ländlichen

Reitervereinen im Landkreis Aachen beeinflußt.

Aus ihnen ging en Reiter hervor , die

bei den Spitzenturnieren , so auch in der im

Landkreis Aach en gelegenen Soers , um Siegerehren

kämpften .

Mit Pferden eigener Zucllt, die sonst gewohnt

sind, vor dem Pflug zu gehen, wurden und werden

diese Erfolge errungen . Seit Jahren führe n

die ländlichen Reitervereine des Kreis es mehr ere

offizielle Turni ere durch , so in Brand , Horbach

und Würselen , zu denen Nennungen aus ganz

Westdeutschland eingehen . Dort wird auch die

Begeist erung bei der Bevölkerung des 250 000

Einwohner zählenden Industriegroßkreis es geweckt

, die ihren Höhepunkt während des Turniers

in der Soers findet .

In Würselen wird alljährlich das Kreisturnier

unter Beteiligung von durchschnittlich 150 Pferden

ausgerichtet. Die Mechanisierung der Landwirtschaft

hat das Interesse für das Pferd und

den Pferdesport nicht verdrängen können. Fast

möchte man das Gegent eil behaupten. Bevor

diese Entwicklung in der Landwirtschaft ein- .

setzte (1925 wurden im Landkrei 's Aachen 4125,

1957 dagegen nur noch 1053 Pferde gezählt) und

wichtige Absatzgebiete nach dem Zusammenbruch

1945 verlorengingen , gehörte der Landkreis

Aachen zu den bedeutendsten Zuchtg ebieten

für rheinische Kaltblutpferde .

Merkste in, die aufstrebende Bergbau- und Industriegemeinde

im nördlichen Kreis, übernahm

vor dem zweiten Weltkrieg einen P ferdekopf in

ihr Wappen. In ihrem Gebi et hat Karl Meulenbergh

gewirkt , der 1904 die ersten belgischen

Kaltblutpferde nach Deutschland einführte und

auf seinem Hof mit der erfolgreichen Zucht des

rheinischen Kaltblutpferdes begann . Er züchtete

leicllt er e Tiere für den Osten, schwerere für den

Westen. Bei den Provinzialschauen erhielt er

fast regelmäßig die ersten Preise . Seine Zucht

ergab nich t nur vorzügliche Arbeitspf erde, sondern

seine Kaltblüter waren auch auf den Turnierplätz

en erfolgreich . Auch heu te noch wird

diese Zucht -im Landkreis Aachen gepfl egt.


30

DER BAU DES KREISHAUSES

Als am 28. Februar 1956 der Grundstein zum

neuen Verwaltungs-Hochhaus des Landkreises

Aachen in dem bis zum .vierten Stockwerk im

Rohbau fertiggestellten Gebäude Ecke Warmweiherstraße

/Zollernstraße gelegt .worden war ,

hatte eine „kommunalpolitische Angelegenheit

ersten Ranges " - wie sich Oberkreisdirektor

Seulen ausdrückte - Gestalt gewonnen . Die

junge Geschichte des neuen Kreishauses an derselben

Stelle, an der in den Luftangriffen der

Jahre 1943-1944 das alte Verwaltungsgebä ude

den Bomben zum Opfer fiel, begann am 31. Mai

1954, als der Kreistag nach vorangegangenen,

jahrelangen Erwägungen beschloß, den Entwurf

des ersten Preisträgers im zweiten Wettbewerb,

des Archit ekten und Regierungsbaumeisters a. D.

Fritz Schaller (Köln), anzun ehmen. Mit den Bauarbeiten

wurde am 15. Juli 1955 gestartet -

• am 5. Dezember 1957 standen die ersten Möbelwagen

vor dem 42 Meter hohen zwölf Etagen

aufweisenden Hochhaus , dem imponierend enBauabschluß

der Theaterst r aße, vor einem der modernsten

deutschen Verwaltungsbauten . Daß die

Stadt Aachen im Rahmen ihrer städtebaulichen

Konzeption hiermit ein e sehr wertvolle Bereicherung

erhi elt, darf ebenfalls erwähnt werden.

Die Finanzierung

Rationell und zügig gingen die ersten Phas en

des Rohbaus "über die Bühne. Schon bald zeigt e

sich, daß man Termine nicht nur einhalten, sondern

sogar vorerfüllen konnte, der Beweis einer

gut durchdachten Baustellenanlage und ein er

trefflichen Organisation , wobei Vertragsfirmen

und Bauverantwortliche des Kreises Hand in

Hand arbeiteten. Die Finanzierung des Bau es

gestalte te sich aus schlüsselmäßigen Zuw eisungen

des Landes zur Kriegsschäd enbeseitigung ,

aus staatlich en Sonderbeihilfen , aus Mittel n des

ordentlichen Haushaltsplanes und mit Hilf e von

Darl ehen.

. Standbein": eine 70 cm dicke Betonplatte

In den Julita gen des Jahr es 1955 konnt en clie

Neugierige n hinter dem langen Bauzaun die

Bagg er arb eiten sehen , welch e die Fundame nte

aushoben und die Gründungsarb eiten vorberei ­

teten. Das Hochhaus selbst wurd e auf einer

70 cm dicken Betonplatte errichtet. Für den

Rohbau waren insgesamt 60 Wochen Frist gesetzt,

die mit dem Richtfest am 7. Augus t 1956 um

ganze acht Wochen unterboten wer den konn te.

Schon bald zeiclmeten sich im Rohba u, der für

alle Gebäudeteile gleichzeitig vonsta tten ging,

die einzelnen modernen Bauwerksilhouetten ab:

an das eigentliche Hochhaus schloß sich der Mitteltrakt

·an , der im Erdgeschoß die Kreisk ämJ \

merei und im Obergeschoß die Amtsz immer der

Behördenleitung aufnehmen soll te. Pavill onar tig

sprangen die beiden „Kanzeln" der Kleinen Sitzungssäle

hervor , während der Mittel trakt am

quergestell ten großen Siitzungssaal-dem „He rz "

der Kreisverwaltung - endet e. Den Abschl uß

des zügig geplanten Geb äudekomplexe s bild ete

das an der Bachstraße gelegen e Gebä ude des

Gesundheitsamtes. Auch der Parkpla tz für rund

45 Kraftfahrz euge fehl te nicht.

Hochhaus wurde . hochgeblasen" . . .

Gleichermaßen für Fachleute und „kiebitzen de"

Laien blieb die Tatsache inter essan t, daß der

Beton zum Bau des Kreishause s durch ein Röhrensystem

mittels 3½ Atü Druckl uft „hochgeblasen"

wurde. Von ein em zentralen Mischplatz

aus - nur von einem einzigen Mann bedient -

wurde das Mischgut über einen Speich erbehälter

zur Druckluftstation geschickt. Bis in die Höhe

de$ zwölften Stockwerkes brauchte man zum

Schluß etwa 6 Atü Druck . Dieses Verfahren

wurde erstmalig für Aachen in diesem Ausmaß e

eing esetzt, und man wunderte sich nicht , daß

eigentlich immer nur wenig Arbeiter auf der

Baustell e zu finden war en; dieses moderne Transportverfahren

half Arbeitskräfte spar en. Gewaltige

Mengen an Baumat erial verschluckt e der

Bau: 40 Lastzüge Kies getrennter Körnung und

120 000 Kilogramm Zement war f n innerhalb der

ersten vier Monate „ver schluck t''. worden .

Atomsichere Keller

Als absolut luftschutzsich er wurden die Keller

angel egt. Bei 60 Zentimeter Dicke fü r Wände,


SO WUCHS DAS KREISHAUS

Unten links : Entsch u ttung des Grundstückes ;

unten rechts : Bei den Erdarbeiten;

Mitte link s: Armierung einer Decke;

Mitte rechts: Eine Treppe wird verschalt;

oben rechts: Arbeit hoch über den Dächern Aachens ;

oben links: Der Rohba u steht, davon kündet der Richtbaum .


32

Sohle und Decke, einer Spezialstahlbewehrung

und „Atomschleuse n " dürfte dieser Kell er im

Mitteltrakt auch die Bezeiichnung atomsicher

für sich beanspruchen können. An der Bachstraßenfront

wuchs der Seitenbau , wobei eine

Großgarage mit dem Rohbau entstand. überall

fand als Stahlbewehrung naturharter, quergerippter

Stahl ·aus dem Saargebiet Verwendung ,

dessen Verarbeitung dem Hochhaus ein überaus

tra~ähiges „Gerippe" verlieh.

Unter dem Aachener .Höhenrekord"

Mitte des Jahres 1956 war dann der Rohbau

aller Gebäudekomplexe fertiggestellt, und dem

Beschauer zu Füßen des Giganten bot sich ein

imposanter Anblick. Doch den „absoluten Höhenrekord"

der Aachener Gebäude konnte das Kreishochhaus

doch nicht für sich in Anspruch nehmen,

da sein „gr oßer, älterer Bruder", das Verwaltungshochhaus

der Stadt am Bahnhofsplatz ,

geländemäßig höher liegt. Doch den Zuschauern ,

die ständig an der Baust elle für kurze Augenblicke

verhielten, ,,reichte" es auch so, wenn sie

im Juni die Schalarbeiten und Betoniervorgäng e

ab neuntem Stockwerk beobachten konnten . -­

„Betonburg" hieß der fertiggestellte Rohbau im

Volksmund und tatsächlich, die gewaltige Baumasse

mit ihren 800 Fensterhöhlungen erinnerte

lebhaft an die wehrhaften Mauern von Burgen,

wenn auch die moderne &chitektur keinen Zweifel

über das Entstehung sjahrhundert ließ.

Die Ric'htkrone wurde gesetzt

Am 20. Juli 1956 stand das Pumpwerk still, das

fast ein Jahr lang Betongemisch vom Erdboden

in die Höhe des zwölften Stockwerkes zum Betonguß

getrieben hatte. Stolz konnte Kreisbaudirektor

Schmitz-Gilles und seine Mitverantwortlichen

- darunter Baurat Wilhelm Recker,

der mittlerweile die Leitung des Baudezernates

für den wegen Erreichen der Altersgrenze ausgeschiedenen

Kreisbaudirektor übernommen hat

- den Besuchern den fertigen Rohbau zeigen .

Der Blick vom flachen, zurückspringenden Dachgeschoß

auf dem Hochhausturm war imponierend:

weit hin ein geht der Blick in den Aachener

Grenzwald , hinaus in den Landkreis bis nach

Bardenberg, Würselen, Alsdorf, Eilendorf und

hinauf nach Brand.

Zahlen von imponierender Größenordnung ...

Eindrucksvoll waren die Zahlen , mit denen der

Kreisbaudirektor operierte: das gesam te Betonskelett

wiegt 15 000 Tonnen! Um die 6000 cbm

Betonmasse herzustellen , waren 45 000 Sack

Zement, 800 Tonnen Eisen und 31 000 qm Schal ­

flächen erforderlich. Laufende Druckp roben gaben

darüber Aufschluß , daß die vorgesch rie bene

Druckfestigkeit von 300 kg je Quadrat zentimeter

nicht nur erfüllt, sondern mit 350 bis 420 kg/qcm

überboten worden war.

.Anzug" aus römischem Werkstein \\

Nach dem Richtfest im Juli 1956 konn te man

nun an die Außenflächen herangehen. Es fand

ein römischer Naturstein, sogenannter Travertin,

Verwendung , von dem jeder Quadratm eter rund

zwei Zentner wiegt. Insgesamt 3500 qm Platten

Travertin waren für den gesamten Gebäudekomplex

erforderlich. Am 1. Dezembe r war der

Verputz an Ort und Stelle, und man konnte beruhlgt

dem Wintereinbruch entgegensehen, da

man auch die 800 Hebeschwingfenster eingeb aut

hatte. Diese Doppelv erbundfenster, dreh bar um

180 Grad, sind billig und risikolos zu reinigen.

Zwischen den beiden Scheiben jedes Fensters

befinden sich Sonn enstores, einstellbar gegen das

Einfallen blendender Sonnenstrahlen .

Die .Eingeweide" des Stahlbetonriesen

Die Bauleute beschäftigten sich nun zu Beginn

des Fertigstellungsjahres 1957 mit den

„Eingeweiden" des Stahlbeton-Riesen. Zu den

800 Holzfenstern kamen noch mehrere hundert

Stahlfenster, 400 Innentüren, Stahlglaswände als

Zwischenwände. Zwei Treppen von raumrhythmischer

Struktur schwangen sich bis in die Höh e

des Hauptgebäudes, wobei je Treppe 250 Stufen

gezählt werden konnten. Die zweite Treppe ,

nach Vorschrift die Fluchttr eppe, hat dabei die

Funkffi.on einer Nebentreppe. Kabinenaufzug und

Paternoster bis in die Höhe des oberen Stockwerkes

wurden eingebracht, und überall im

großen Haus werkten und wirkten die Handwerker.

Die Heizung des Hauses wurde als

Warmwasser-Radiatorenheizung angel egt, ein

Gewirr von Kabeln, Versorgungsleitung en und

Heizrohren, Abfallschächte und Müllschlucker


33

gehörten ebenso zu den „Eingeweiden", wie die

mod erne Telefonzentrale mit ihren 30 Amtsleitungen

, die eigene Trafo-Station mit Diesel­

Notstromaggregat, je Etage zentral gelegene

Waschgelegenheit, WC für Behörde und Publikum.

Die Sitzungssäle, deren Täfelung und Fertigstellung

mit ihrer eigenwilligen Innenarchitektur

als letztes im Bau folgen sollte , .erhalten

eigene Klimaanlagen.

Frohen Herzens eingezogen . ..

Ende des Jahres 1957 konnte · die Kreisverwaltung

der Öffentlichkeit bekanntgeben, daß man

noch vor dem Fest umziehen würde. Leichten

Herzens nahmen die Beamten und Angestellten,

auf sieben Stellen innerhalb der Stadt und des

Landkreises in alten Gebäuden untergebracht,

von ihren zu engen Büros Abschied . Am 5. Dezember

stand der erste vollgepackte Möbelwagen

einer Spedition des Landkreises vor dem Hochhaus.

Weit über 100 000 Akten mußten bewegt,

altes und neues Mobiliar herangeschafft werden.

Man zog von „oben nach unten" ein, das heißt,

eine reibungslose Organisation begann die oberen

Etagen zuerst einzurichten. Die Kreisverwaltung

hatte von ihrem Hochhaus, bei dessen

Bau es keinen einzigen Unfall gab, Besitz

ergriffen.

H.M.


34

ZWISCHEN EINGANGSHALLE

UND KANTINE

Eine .Reise" durch das neue Kreishaus

Von Jac. Vonberg

Zweüellos - das neue Kreishaus gehört, nicht

übersehbar, zu den bestimmenden Dominanten

im Bild des gewandelten Aachener Stadtbildes.

Als mächtiger , wuchtiger Block beherrscht es bestimmend

die geradlinige Achse der Theater- •

straße. Man könnte es mit allerlei vergleichen ,

etwa an frühdunklen Tagen, wenn es mit seinen

fast 800 Fenstern in die graue Dämmerung hineinstrahl

t, mit einem mächtigen Weihnachtsbaum ,

der am Ende der Straße glitzert und funkelt.

Man könnte es auch - aber das wäre, wie wir

noch sehen wollen, etwas zu trocken - mit

einem überdimensionalen Aktenschrank, oder -

last not least - mit einem mächtigen Bienenkorb,

in dem es an gewissen Tagen vor Emsigkeit

brummt und summt .

Neugierig stehen wir vor dem Bau, um den

draußen an diesem Tage noch dort, wo einmal

im Frühling ein Blumenbeet freundlichen Willkomm

bieten soll, die Erde um- und umgewühlt

wird. Und neugierig treten wir ein, hier einmal

eine kleine Forschungsreise anzutreten, nicht mit

den Augen eines trockenen Sacllverständigen ,

der über Wert oder Unwert irgendeiner Einrichtung

etwas sagen wfü, sondern einfach mit der

Absicht, unsere Neugierde als Laie zu befrieden ,

dieses neue Bauwerk Aachens , das in der Stadt

den Landkreis eindrucksvoll repräsentiert, kennenzulernen.

Darf ich Sie also zu einer kleinen,

intimen Rundreise, ganz unter uns, einladen?

Hinauf mit dem .Paternoster

In der Eingangshalle, geräumig und weit, steht

der Mann, der alles weiß, d. h. alles , was die

„Besatzung" des Hauses angeht. Im Erdgeschoß

befinden sich aber - wie in den meisten Verwaltungsgebäuden

- außer ihm auch noch die

Kreiskasse und die Kämmerei. Warum im Erdgeschoß?,

fragt der Laie und .gibt s~·nach einigem

Überlegen selber die Antworten: zunächst

natürlich des Publikumsverkehrs wegen, der

hier so einfach und bequem ein- und ausfließen

kann. Viellekht spielt aber auch bei der Erdges

choßlage der Kassen eine mittlerweile verdeckte

historisch dunkle -Erinnerung mit, die

Erinnerung an die alten Schatztürme des Mitt elalters

und der germanischen Zeit , in den en das

Geld ja auch nicht im Dachge schoß, sondern

wohlgeborgen in den tiefsten Kammern ruhte,

wenn nicht sogar unterirdisch .

Um unsere Reise nach oben zu begi nnen, bedürfen

wir eines Fahrzeuges; denn Sie hab en doch

hoffentlich nicht die Absicht, die 250 Stuf en dieses

42 Meter hohen Gebäudes per pedes zu e -

klimmen, es sei denn, Sie wären Mitglie d des

Alpenvereins. Nein, schweben wir lieber nach

oben. Da ist der solide Fahrstuhl, der eben von

oben schwebt. Mit ihm schweben zwei derbfröhliche,

rotbackige Mädchen hera b, sicherlich

aus irgendeiner Gemeinde des Land kreises, und

sie tragen wie verklärte, pauschbäcki ge Barockengel

ein beinahe seliges Lächeln zur Schau . so

herrlich sanft gleiten sie von der Höh e heru nter.

Kichernd steigen sie aus. Die Erde hat sie wieder.

Also wollen Sie den Fahrstuhl oder sollen wir

den unermüdlich und stetig auf- und abgleitenden

Paternoster zu unserer Reise benu tzen? Sie

v1rissen ja, und der Paternoster gehör t zweifellos

zu den ganz großen Merk- und Sehenswürdigkeiten

für die Leute , die aus dem Kreis das

Haus besuchen - so ein Paternoster hat es in

sich. Wenn Du nicht vorsichtig bist , bist Du mit

dem rechten Bein schon in der Nähe des ersten

Stocks, während das linke noch im Erdgeschoß

steht, eine - das werden Sie zugeben - peinliche

Situation . ,Der -Paternoster ist aber auch

imstande, Ehe-- und Liebespaare sachlich und unerbittlich

zu trennen. Ich habe es beobachtet,

daß ein Mann mit Schaftstiefeln und Breeches

sich kühn in das gerade aufsteigende „Abteil"

hineinschwang, seine Liebste im Kopftuch jammernd

zurückblieb , während er sicher ihren

Blicken entschwand.

Biedere, alte Leutchen, die dieses „ Teufelsding "

zum erstenmal erleben und nun auch wirklich

hineingekommen sind und gen Himmel schweben,

fragen sich - und das ist' schon meh~ls

vorgekommen - wie sie nun, einmal drin,

aus diesem Ding herauskommen sollen, und da

sie nicht wissen, daß man ohne jede Gefahr für

Leib und Leben die ganze Runde rundherum


35


Das Kr eishaus,

Biick v on der B achstraße

auf das Gesundh eitsamt

\ \

fahren kann, drücken sie verzweifelt auf den

Alarm- und Haltknopf, was nicht nur ihre Mitreisenden

als „halbe Menschen" plötzlich zwischen

zwei ~tockwerken - Oberkörper im dritten,

Beine im zweiten Stock - hängen läßt, sondern

auch allerlei sonstige Störungen mit sich

bringt . Aber - Mut gefaßt - schnell hinein -

auf geht's!

Stippvisite beim Ausgleichsamt .

Im rechten Tempo, nicht zu langsam, nicht zu

hastig, beginnt ·unsere Fahrt nach oben. Erster

Stock, das Herz des Hauses: Die Räume der Behördenleitung

mit den Zimmern des Landrates

und des Oberkreisdirektors. Wir steigen weiter.

Im allgemeinen für ein Laienauge das gleiche

Bild: lange, saubere, luftige Gänge, rechts und

links die Reihe der einzelnen Amtsräume, hier

und da eine Bank für Wartende, die aber an diesem

Morgen unbesetzt ist, Mädchen mit Akten ,

die von Raum zu Raum eilen.

Aber auf zwei Stockwerken fällt uns doch auf,

daß es hier etwas lebhafter zugeht als anderswo ,

daß auch hier sowohl Paternoster wie Fahrstuhl

die stärkste Menschenfra,cht ausladen. Am auffälligsten

bemerken wir es im fünften Stock. Wir

fragen uns, wieso? Aha, da steht es-ein Schlagwort

unserer Tage: ,,Hausrathilfe-Ausgleicllsamt"

- Verständlich, da jeder in unserer Zeit,

die hinter dem Geld herrast wie kaum eine

zweite, hier, wo es „etwas gibt", die Menschen

sich „knubbeln". Ein Glück , daß diese Abteilung

einen so jovial-gesunden und fröhlichen Leiter

hat, der aus seiner Praxis des Umgang s mit Menschen

viel Ernstes und Heiteres zu berichten

weiß .

Kommen wir an einem Donnerstagm orgen hierhin,

so sind es mehrere hundert Menschen, die

sich auf und an den Bänken des fünften Stocks

zusammenfinden . Und wie üb•erall , wo_ viele

Menschen zusammenkommen, wird geschwätzt ,

kommentiert, natürlich auch kritisiert und gute

Ratschläge erteilt. Die vorübergehenden Beamten

erfahren noch einmal im Volksmunde ein e

besondere, neue Rangeinstufung. Dem einen

traut man mehr , dem anderen weniger Wichtigkeit

zu. Sagt ein „Patient" zum anderen: ,,Siste

doe deä Heär, deä bruucht mär singe Nam

dronge ze schrieve, dann kriste tereck ding Fennenge".

Andere versuchen es erst schriftlich, ehe

sie persönlich im Kreishaus, fünfter Stock , erscheinen

, und einige scheinen sich vor diesem

Gang nach Aachen sogar zu fürchten, wie der

Mann, der schrieb: ,,Bitte ersparen Sie mir diesen

Casanova-Gang ... ". Ganz Unzufriedene

schreiben gleich an Heuß oder Adenauer persönlich.

Ihre Briefe, oft in die Mundart übergehend

und Nachbarn beschuldigend, die „es scllon haben",

landen natürlich ebenfalls hier. Einige, die

es gar nicht erwarten können, schicken dem Amt

gleich ihr „Testament" oder ihren „letzten Willen"

zu.

Sje ahnen ja nicht, welche Menge an Akten und

Vorgängen hier vorliegen. Ein kleiner „Seitensprung"

in die angeschlossene Registratur klärt

uns auch darüber auf. Hier ruhen 60 000 LAG-


37

Akt en, d. h . sie „ruhen" nicht, und es handelt

sich durchaus nicht - wie der Laie wiederurn

annehmen könnte - um einen gewaltigen

„Aktenf riedh of" , sondern täglich wandern 450

und mehr Akten zu und von den einzelnen Abteilungen

ein und aus, und monatlich kommen

durchschnittlich tausend neue hinzu. Man sieht,

alles ist im Fluß.

. . . und Straßenverkehrsamt

Der zweite neur algische Punkt im Nervensystem

dieses Hauses liegt im zweiten Stock. Hier

herrscht auch lebhafter Publikumsverkehr, aber

gan z anderer Art. Hier ist der Treffpunkt der

Kraftfahrer aus dem Landkreis, hier geht es um

Führerschein, Zulassung für Kraftfahrzeuge,

hier stehen die „Herrenfahrer" aus dem Kreis

neben den kräftigen Figuren der Kapitäne der

Landstraße. Hier ist aber auch die Zentrale der

Straßen- und Wegeaufsicht im Kreise. Kurzum ,

hier geht es um Verkehr, und der Leiter der

Abteilung hat alle Hände voll zu tun. Er emp-

1 .

fängt uns eilig in Hut und Mantel, weil er wieder

einmal hinaus muß in den Kreis, in -dem er

fast täglich unterwegs ist.

Ehe wir uns verabschieden, um unsere Reise

fort-zusetzen, erfahren wir noch eine ganz interessant

e Zahl: im Landkreis Aachen sind zur Zeit

22 000, Kraft fahrzeuge zugelassen, dazu noch

weitere 4000 registriert.

hier aus der Blick in die Runde, über die Achse

der Theaterstraße , die von kleinen wimmelnden

Gestalten ameisenhaft belebt ist, über das Stadttheater

hinüber zur „Hörn" , die das Panorama

abschließt, das uns die Stadt zu Füßen legt.

Schaut man aber in die anderen Richtungen, so

sieht man grünes und braunes Land, die Silhouett

en von Schloten und Fördertürmen am

Horizont. Man schaut in ein kleines Stückcllen

des Landes hinein, das hier in diesem Hause sein

Kern- und Herzgehäuse hat. Einige Aachener ,

vor allem Altpensionäre und Rentner, haben

diesen schönen, neuartigen Ausblick auf Stadt

und Land ebenfalls schon entdeckt , und mehrer e

Male traf man sie hier oben, wohin sie wie wir

mit dem Paternoster gefahren waren, in die

Runde und Weite des Landes schauend. Sie hatten

auf ihre Weise , ohne viel Kosten und Mühen

auch eine Reise in den „Landkreis" gemacht .

Das Kreishaus, Blick von der Warm wei her straße

Uber den Dächern von Aachen

Beenden wir unsere Reise, indem wir sie bis zur

letzten Möglichkeit auskosten, d. h. so hoch hinaufschweben,

wie es uns eben möglich ist . Über

dem Erdgeschoß des 42 Meter hohen Hauses liegen

zehn Stockwerke, die noch von einem Aufbau,

der durchaus menschenfreundlichen Zwekken

dient, gekrönt werden. Bei der Auffahrt

sehen wir plötzlich durch ein Fenster noch zwei

Bauten außerhalb des Hauptbaues , die beim

ersten Anblick an Pfahlbauten erinnern: Auf

einigen hohen, aber sehr schmalen Säulen ruhen

pavillonartige Gebäulichkeiten, zwei getrennt

nebeneinander . Wir erfahren, daß es Sitzungssäle

für Auschußsitzungen sind.

Ganz hoch oben, wo wir nun am Ende unserer

Reise angekommen sind, unter den Wolken ,

liegt - ein anregender Duft läßt es uns schon

ahnen - die Kantine für die Beamten und Angestellten

des Hauses. Aber man kann hier oben

niclit nur Magenfreuden, sondern auch Augenfreuden

genießen; denn herrlich weit geht von


KUPFERMUHLEN

IM ALTEN BRAND Von Hans Hab11

Elgermühle

Nach den Aachen er Religionswirren der Jahre

von 1580 bis 1614 verließen zahlreiche refor-­

mierte Kupferschmiedemeister schmerzlich enttäuscht

die Stadt Karls des Großen und zogen an

die Inde oder Vicht, um dort neue Betriebe zu

errichten. Nach Angaben des Abtes Johannes

von Hammerstein wurde hierdurch bald die

Messingindustrie des Münsterländchens und der

Stolberger Gegend so umfangreich, daß sie Arbeit

für etwa 20 Kupfermühlen lieferte. Dab ei

konnte man die Erzeugnisse bedeutend billiger

liefern als die benachbarten Aachener Meister.

Um die Aachener Messing-Schmiedemeister in

diesem Konkurrenzkampf zu unterstützen, verbot

der Rat der Stadt Aachen in einem Erlaß

vom 28. Oktober 1666 den Aachener Bürg ern,

Messingkessel, Messingplatten und Messingdraht

aus dem Münsterländchen und aus Stolberg zu

beziehen . Aber auch diese Maßnahme konnte

die Messingindustrie im Ind etal nicht zum Erliegen

bringen, die trotz allen Hindernissen eine

große Blütezeit erleben sollte .

Im Brander Gebiet bestanden 1646 folgende

Mühlen: Steinebrück, Kaldenberger Mühle , Bilstermühle,

Elgermühle, Gierdau, Haumühle ,

Bocksmühle und Buschmühle. Durch einen bedeutenden

Schwund der wichtigen Galmeierze in

den nahen Galmeibergw erken, sowie durch eine

Umstellung der Industrie, ging es dann mit dem

Messinggewerbe später schnell bergab. Dab ei

wurde n die alten Brander Mühlen größte nteil s

in Korn- und Walkmühlen umgeände rt . In einem

Bericht von 1768 wird ein Johann Pastor aus

Aaclien als Pächter von zwei Brander Walkmühlen

genannt. Steinebrück, so genannt nach

der steinernen Brücke, die den Freunder Kirchweg

über die Inde führt, hat eine besonders

wechselvolle Gesch:iichte. Einst befand sich dort

eine der berühmtesten Werkstätten der Brander

Messingindustrie, zu Anfang des 19. Jahrhunderts

dann eine Walkmühle, wieder später eine

Wollwäscherei und Weberei, wo etwa 100 Brander

beschäftigt waren. 1933 wurde dann Steinebrück

zu einer Jugendherberge umgebaut.

Sehr bekannt ist heute im Aachener Land auch

noch die Elgermühle, die bereits seit etwa 1580

aus drei Gebäudeteilen bestand. Zuerst dienten

diese Bauten mit je einer selbständigen Wasserkraft

dem Messinggewe rbe . Im 17. Jahrhundert

wurde dann der östliche Gebäudeteil abgetrennt

und eine Getreid emühle errichtet. Nach einem

Kaufvertrag, der am 24. August 1818 abgeschlossen

wurde, gingen die zwei übrigen Bauten in

den Besitz der Familien von Asten und Lynen,

sowie der Aachener NähnadeJfabrikanten Laurenz

J ecker und Johann Joseph Lejeune über,

die nun hier eine Nähnadelschleifmühle betrieben.

Dieses Untern ehmen stellte im Jahre 1860

seine Tätigkeit in der Elgermühle ein. Später

wurden dort Wollspinn ereie n eingerichtet.


39

HER REN HOF AN DER WURM

Ein Beitrag zur Geschichte W ürselens

in mittelalterlicher Zeit

Von Heinr. B. Capellmann

Wenn wir von den allgemeinen historischen Berichten

, wie sie uns aus der Zeit der Römerherrschaf

t zugekommen sind, absehen, so reichen

die erste n urkundlichen Nachrichten über Siedlungen

und Orte im Gebiete des Aachener Landes

etwa 1200 Jahre zurück. Besonders während

der Regi erung szeit Karls des Großen und Kaiser

Ludwigs des Frommen nehmen sie festumrissene

Gestalt an. Viele Siedlungszentren entstehen in

dieser Zeit oder werden in dieser Epoche erst-

- malig urkundlich genannt . Es sind königlich e

Dom änen , bäuerliche Einz elhöfe, Klöster und

Wehrba uten ; sie ~ind fast alle zu Kernzellen

heutiger Dörfe r und Städte geworden.

Diese Entwicklung läuft parallel mit der Entwicklu

ng der ~rsprünglichen Pfalz Aache~ zur

Freien Reichsstadt. Schon im Meersen er Vertrag ,

870, als die Enkel des großen Karl die bisherige

Einheit des · Gesamtreiches aufspalten, wird das

Gebiet um Aachen als „Distrikt Aachen " Ludwig

dem Deutschen zugesprochen. Im 11. und

12. J ahrhun dert wird dies es Gebiet dann schon

politisch prä ziser als „Aachengau " bez eichnet .

Nach 'der dam als gelt enden Sinndeutung dies es

Ausdr ucks stellt das Gebi et damit einen fest

umrissen en Verwa ltungsb ezirk dar , von dem

wir h eute allerdin gs nur wissen , daß er größer

war als das spätere sogenannte „Aachener Reich" .

Schon um die Zeit des Meersen er Vertrag es

werden in dies em Gebi et viele Siedhlhgen als

blühende Orte genannt. Noch lang e na,ch dem

Zerfal l der karolingischen Einh eit macht e die

Stadt Aache n bezüglich der in diesem Gebi et

liegende n Höfe und Dörfer nicht imm eir recht ­

lich einwandfre i begründbare Hoh eitsrechte geltend.

Genannt werden im 9. Jahrhund ert schon

Würselen , Laurensberg , Bard enb erg, Afden ,

Merkste in, Kir chrath, Vylen, Vaals u. a.

Würselen, ,,Wormsa lt", der Salh of an der Wurm ,

wird zum erstenmal urkundlicll in einem Schenkungsakt

vom 17. Oktober 870 genannt , durch

den König Lu dwig der Dewtsche die St.-Salv atorkap

elle in Aachen dem Abt Ansbold und sein er

Abtei Prüm zueignet , nachdem er die Kapelle

wiederhergeste llt und sie zusätzlich mit drei Mansen

Ländereien und mit Weinb ergen in der Nähe

a~gestattet hat te. Außerdem schenkte er dann

noch der Abtei Prüm die Kirchen zu Würs elen

und zu Laurensberg ..

Es erscheint auf den ersten Blick vielleicht verwund

erlich , daß damals schon Würselen und

Laur ensberg eigene Kultstätten mit dem Charakt

er von Pfarrkirchen hatten ; es wird aber

verständlich, wenn man beacht et , daß diese beiden

Kirchen zu zwei Königshöfen gehörten , und

zwar lag die Laurensberger Kirche auf dem . uralten

Hof „Kamp" , ,,ad antiquum campum" , und

die Würs elener Kirche auf dem König shof

„Wormsaldia" . Dem heutigen festumris senen

Begriff von „Königshof " entspr echen diese beiden

Höfe aber nicht, als s,ie in stark er wirtschaftlicher

Abhängigkeit von der Aach ener Pfalz , als

dem Haupthof standen und richtiger als königlich

e Neb enhöfe zu bezeichnen wären . In kirchlich

er Hinsicht jedoch mußte Kais er, K arl diese

Neb enhöf e, etwa 20 im weiteren Umkr eis von

Aachen , selbständig machen , wenn er nicht die

wohldurclldacllten Vorschriften sein es „Capitulare

de villis" , seines Gesetzes über die Königshöfe

, in wichtigen Punkten unwirksam machen

wollt e. Im 54. Kapitel dieses Gesetz es verlan gt

nämlich Karl , der Amtmann müsse darauf sehen,

daß die Gutshörigen nicht bloß die Arb eiten für

Kais er sruh bei Wür selen , Schloßpark


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den königlichen Herrn, sondern auch die eigenen

gewissenhaft erfüllten und sich nicht an anderen

Orten herumtrieben, sei es auf Jahrmärkten

oder auch unter dem Deckmantel der Erfüllung

religiöser bzw. kirchlicher Verpflichtungen. Nirgendwo

im ganzen Reiche gab es aber einen größeren

Anreiz dazu, als die unmittelbare Nähe

der kaiserlichen Residenz in Aaclien, wo, wie

Einhard berichtet, bei den mannigfachsten kirchlichen

Feiern eine große Menge Volkes aus den

umliegenden königlichen Höfen nach Aachen

strömte. Wollte also der Kaiser verhindern, daß

seine Hofleute zur Erfüllung wirklicher oder

vorgeblicher kirchlicher Verpflichtungen öfters

der Arbeit fernblieben, so mußte er ihnen Gelegenheit

geben , auf dem Hofe selbst diesen Verpflichtungen

nachzukommen. W ahrscheinliich

hätte nun unter normalen Verhältnissen für die

relativ geringe Seelenzahl der beiden Höfe eine

Kirche genügt. Da aber die Höfe jenseits der

\\Turm, darunter auch Wormsalt, zur Diözese

Köln, die diesseitigen aber, darunter Laurensberg,

mit Aachen zur Diözese Lüttich gehörten,

so ergab sich aus kirchlichen Gründen die Notwendigkeit

der Erri.chtung zweier Pfarrsysteme .

Wie bereits erwähnt , bedeutet der Name W ormsalt

soviel wie „Salhof an der Wurm". Unter

Salhof verstand man den Herrenhof oder Fronhof

(von sala = Herrenhaus). Er bestand aus

dem Herrenhaus und dem der Eigenwirtschaft

dienenden Salland. Der Salhof war die herrschaftliiche

Hufe, die Salhufe, im Gegensatz zu

den gegen Zinsleihe ausgegebenen Zinshufen.

Der Umfang des Salhofes war meist klein und

stand oft dem eines Zinshofes gleich. Durchschnittlich

gehörte zu ihnen nur eine Hufe.

Die Salhöfe unterschieden sich weder im Äußeren

noch nach ihrem Wirtschaftsbetrieb wesentlich

von den Bauernhöfen; nur Herrenhaus und

Speicheranlagen waren in der Regel etwas größere

und festere Bauten. Wahrscheinlich wurde

das königliche Hofgut Wormsalt bereits zur Zeit

Karls des Großen gegründet, wobei vielleicht

Reste noch älterer Bauanlagen für die Wahl des

Platzes mitbestimmend waren; auf jeden Fall ist

es aber älter als das Jahr seiner ersten urkundlichen

Erwähnung, 870. Alt sind auch schon die

Namen anderer Ortsteile; um das 13. Jahrhundert

werden bereits Halen (Hal), Morsburne

(Morsbach), Swenelbacli (Schweilbach) , Scherberich

(Scherberg) und noch früher W olfesmohlen

(Wolfsfurther Mühle) genannt .

Wie bei allen königlichen Gütern oblag auch auf

Wormsalt die Oberaufsicht einem Meie r ; ihm

unterstanden die Meister, denen wiede rum die

„Knechte" oder Gesellen. Alle Hofsasse n waren

mehr oder minder persönlich unfrei , d. h. der

Gutsherr gebot direkt über die P erson des „Untertanen";

er war zugleich Leibh err, ,,Halsherr ".

Der Leibeigene war kraft seines Leibes , seiner

Person, unfrei, im Gegensatz zum Hörige n der

Grundherrschaft , dessen Abhängi gkeit lediglich

in der Landleihe eine Rechtsgru ndlage hatte.

Daher war der Zins bei den Hörig en ein Grundzins,

bei den Leibeigenen aber ein Kopfzins .

Noch im 11. Jahrhundert war das gesa mte nie- \

dere Beamten-, Bauern- und Handwer kertu

der königlichen Höfe und ihrer Nebenhöfe leibeigen.

A1s Friedrich I. 1166 Aaclien Markt, Mauer ,

Maut (Zollrechte) und Münze und damit die

Stadtrechte verleiht, verbrieft er allen Aachenern

die persönliche Freiheit , woraus man schließen

darf, daß königliches Eigentum im Stadtgebiet

in starkem Maße bereits in den Besitz der Stadt

übergegangen war. Auf Wormsalt scheint das

aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht zuz utreffen;

eine Urkunde von 1239 läßt indir ekt erkennen ,

daß Würselen damals noch Königs gut war und

der direkten königlichen Verwaltung unterstand .

Auch im 13. Jahrhundert scheint dies noch der

Fall gewesen zu sein, wie ein Ereignis des Jahres

1214 es fast sicher erscheinen läßt ; dam als wurde

Kaiser Friedrich II. von den Aachen ern der Eintritt

verweigert, worauf dieser mit seinem zahlreichen

Gefolge sein Lager in Würselen aufschlug,

was nichts anderes besagen kann , als daß

er auf seinem dortigen Königshof Unterkunft

gefunden hat.

Die bei der Pfalz verbliebenen königlichen Höfe

bildeten später zusammen das „Aachener Reich ";

auf ihrem Grund und Boden entstehen später

neue Güter und Höfe, während sie sich selbst

durch die in ihnen verbliebenen gewerblichen,

handwerklichen und landwirts .chaftlichen Kräfte

zu Weilern, Dörfern und Flecken entwickeln.

Urkunden des 13. Jahrhunderts enthalten schon

viele Namen, deren Träger freie Reichsleute gewesen

sein müssen, so die von Berg, von Orsbach

, von Sörs, von Steinbrücken, von Driesch,

von Berensberg, von Stockh eide, von Würselen,

von Rode, von Kamp und von ' Vetschau.

Das Aachener Reich war in sechs „Hirdschaften"

eingeteilt, eine Bezeichnung, die man im allgemeinen

mit „Hunnschaf t" ( = Hundertschaft) und

Kir:chspiel gleichsetzen kann. Allerdlin,gs war


41

Gru be Gouley , Wür se len

das im Aachen e;f Re~ch, wenigstens im 14. Jahrhundert

, nicht d!er Fall; hier gab es nämlich nur

zwei Pfarrkirchen, folglich auch nur zwei Kirch ­

spiele : Würselen und Laurensberg. Alle übrigen

Kirchen, auch die zu W eitlen, Haaren und Orsbach,

war en Kapellen ohne Pfarrechte; trotzdem

werden ab er „Honnen" von Weiden, Haaren und

Orsbach genannt. Hirtschaft und Kirchspiel sind

also im Aachener Reich nicht gleich; sie bedeuten

hier lediglicll. einen Bezirk, dessen Bewohner

ihr Vieh durch einunddenselben Hirten auf ein

Gemeind eland oder eine Allmende treiben lassen.

In späterer Zeit kam hierfür der Ausdruck

,,Brand" auf (,,Würselter, Haarenter und Weidenter

Brand") , weil diese Bezirke den zur Teilnahme

an der Eichel- und Bucheckernmast berechtigt

en Schweinen ihren Stempel aufbrann~

ten. Später werden diese Hirtschaften nur noch

,,Quartiere" genannt. Würselen wird bereits 1385,

also in der ersten bekannten Urkunde, die uns

über die Verwaltungseinteilung des Aachener

Reiches Nachricht gibt , als Herdschaft genannt.

Mit der Verleihung des Stadtrechts an die frühere

Pfalz Aachen war allen Aachener Bürgern,

gemäß der mittelarter1ichen Rechtsauffassung

„Stadtluft macht frei!" die persönliche Freiheit

verliehen oder bestätigt. Ähnliche Verhältnisse

finden sich auch im Aachener Reich . Von Leibeigenschaft

ist bereits bei der Gründung des

Aachener Reichs keine Rede mehr; sie war schon

früher besonders unter dem Einfluß christlicher

Moralforderungen, stark geschwunden. Von Be-

ginn an sehen wir die „Reichsuntertanen" als

Leute, die die gleichen Rechte besitzen wie die

Reichsstädter; allerdings haben sie auch die gleichen

Pflichten, die hauptsächlich in der Zahlung

von Steuern, Wegegeld und verschiedenen Umlagen

bestehen. Dazu kam dann noch der Zehnte

an die Kirchen und Stifte, der Lehenspfennig sowie

bei der Kohlengewinnung das „Bikkelgeld"

an die Grafen von Jülich und der sogenannte

„Maisiehatz" an den Aachener Rat. Außerdem

mußten noch die mannigfachsten Hand- und

Spanndienste geleistet werden.

Nur in einem Punkte waren die Reichsdörfer

minderen Rechts; sie wurden nicht. an der Verwaltung

des Reiches beteiligt . Dafür standen sie

aber hinsichtlich der Ausübung aller Gewerbe

ungleich güru:;tiger als ihre Gesellen in der Stadt;

dieser Zustand änderte sicll später, als die Zünfte

in der Stadt die Macht erlangten und nun gegen

den sehr unangenehmen Wettbewerb der Reichsdörfer

vorgehen konnten.

Eine Selbstverwaltung im Sinne der heutigen

gemeindlichen Verwaltung hat das Würselener

Quartier in ältester : Zeit nicht gehabt . Wohl aber

ist eine gewisse Abgrenzung des Gebietes gegenüber

der Stadt Aachen von Anfang an immer

vorhanden gewesen. Der Aachener Rat war das

Selbstverwaltungsorgan der Stadt Aacli.en, zugleich

aber auch das eigentliche Regierungsorgan

des Aachener Reiches. Trotz mannigfacher

Versuche, diese beiden Funktionen miteinande r

zu verschmelzen und damit zu einer Vereinfachung

der Verwaltung und zu einer Einverleibung

der Reichsdörfer zu kommen, konnte

dieser Plan nie verwirklicht werden.

In ihrer relativen Selbständigkeit waren die

Quartiere „over Worm" besonders begünstigt,

und zwar sowohl wegen ihrer Zugehörigkeit zur

Kölner Diözese als auch wegen ihres Reichtums

an Liegenschaften, wobei der sogenannte Reichswald

und der A tscher Wald eine große Roll e

spielten. Gerade bezüglich der Eigentumsrechte

und der Verwaltung dieser wertvollen Waldgebiete

haben die Quartiere stets auf der Hut

sein müssen; denn sie waren hier stets dem

starken Druck der Ausdehnungsgelüste des

Aachener Rates ausgesetzt. Bereits auf dem

Vogtsgeding vom Jahre 1269 behaupten die

Aachener Schöffen, die Waldungen der Quartiere

seien E,igentum der Stadt Aachen. In der Folgezeit

kommt es dann mehrfach zu ebenso erbitterten

wie kostspieligen und langwierigen Prozessen

zwischen Aachen und Würselen, die oft


42

erst im Rekursverfahren vor dem Reichskammergericht,

meist zugunsten der Quartier~,

enden. Besonders die in Zeiten der Schwäche des

Aachener Rates erlangte Ausdehnung der Selbstverwaltung

der Reichsquartiere war Ziel heftigster

Angriffe. 1617 verbot der Rat die Kirchenstände

und schränkte die Zuständigkeit des

Sendgerichts als Organ der gemeindlichen Selbstverwaltung

ein. 1758 unternahm er dann einen

entscheidenden Schlag: er untersagte den Sendschöffen

des Aachener Reichs jegliche Betätigung

unter Androhung einer Strafe von 20 Goldgulden

und befahl den Reichsuntertanen, sich

nur noch an das „allein privilegierte " Aachener

Sendgericht zu halten. Dieser Befehl fand in

Würselen schärfste Ablehnung; der Vorsitzende

des Würselener Sendgerichts beantwortete ihn

damit, daß er die höchstzulässige Strafe über

jeden verhängte, der siich unterstehen sollte

„gegen unser Sendgericht zu rebellieren und

nach dem Sendgericht auf Aachen zu gehen":

den Verlust der Gemeindezugehörigkeit!

1766 wurde dieser Beschluß erneuert, und zwar

_von der gesamten Würselener Gemeinde, obwohl

1763 der Aachener Rat mit verstärkten Strafen

für Zuwiderhandlungen gedroht hatte. Das Würselener

Sendgericht wurde jedoch schließlich sogar

durch die Kölner Kurie als rechtmäßig bestätigt,

wodurch es als Institution erhalten blieb

und auch in der gemeindlichen Selbstverwaltung

weiter tätig sein konnte.

Ungeachtet der ständigen Anfeindungen hielt

sich das Würselener Sendgericht bis zur Zeit der

französischen Revolution. Die Aufhebung des

Aachener Sends durch die französische Revolutionsregierung

am 28. November 1797 bedeut ete

auch die Aufhebung der gesamten Sendgerichtsbarkeit

im Aachener Reich.

*

Zum Schlusse seien hier noch einige interessante

Frozeßakten zur Geschichte der Reichsquartiere

aus dem Generalrepertorium des Staatsarchivs

zu Wetzlar vom Jahre 1846 wiedergegeben:

1527: Bürgermeister und Rat der Stadt von

Aachen gegen die Reichsleute von Würselen und

Haaren wegen Störung des Rechts von den Verklagten

Akzise zu erheben durch Aufruhr und

Widersetzlichkeit , wobei ein Ratsdiener zu Dobach

erschlagen wurde.

1527: Gemeine Nachbarn im Reich zu Haaren,

Würselen usw . gegen Bürgermeister und Rat

von Aachen. - Kläger behaupten, daß sie nach

freiwilliger Erlegung von 2400 Goldgulden akzis ­

und schatzungsfrei und bei der Kaiserk rönun g

auch hierfür erklärt seien , daß Verklagte dennoch

jährlich 400 Gulden von ihne n forde rn und

deshalb einige ihrer Genossen im Graß eing e­

sperrt halten. (Der Graß , das frü here Gefängnis

am Fischmarkt, heute zum Stadtarchiv umgebaut.)

1533: Bürgermeister, Schöffen und Rat gegen

gemeine Nachbarn von Würsel en, Haar en etc.

im Aachener Reich: Recht der Kläger, von ihren

im Reiich, d. h. innerhalb eine r Meile von der

Stadt angesessenen Einwöhnem Beiträ ge zur

Türkensteuer zu erheben. (Die Türke nsteue \

war eine Reichsumlage für das Heer.)

1536: Gemeinde Würselen und Haar en gegen

Schöffenstuhl und Stadt Aachen betr . Beholzungsrecht

im Gemeindewald.

1539: Gemeinde Würselen und Haare n gegen

Stadt Aachen betr. Beholzungsr echt im Walde

,, V ogelsang" .

1601: Bürgermeister und Rat von Aachen gegen

Herzog Johann Wilhelm von Jülich und Genossen

wegen Jurisdiktion bei W eitlen , Haaren und

Würselen.

1680: Die Gemeinden Würselen , Weiden und

Haaren gegen Pfalzgraf bei Rhein und Stadt

Aachen wegen Waldeigentum , Holzhieb und

Holzverkauf.

1698: Quartiere Würselen, Weiden und Haaren

gegen Rat wegen freier Verfügung über den

Reichswald auf dem Echer und Schw einetrifft

daselbst.

1766: Die sechs Quartiere des Aachener Reichs:

Würselen, Weiden , Haaren, Laurensb erg, Orsbach

und Daubach gegen Bürgermeister und

Rat von Aachen betr. Freiheit des Reiches von

Aachen von aller Akzise.

1792: Reichsuntertanen der Stadt Aachen gegen

Bürgermeister, Schöffen und Rat: Beschwerde

der Kläger über das gegen sie ausgesprochene

Verbot der Jagd, welche sie gemeinschaftlich mit

der Stadt auszuüben _ verlangen. Dagegen behauptet

letztere, daß ihre Untertanen „von dem

Schwindelgeist einer neumodischen Sekte völlig

angesteckt seien und einen falschen Irrbegriff

von einer übertriebenen Menschengleichheit gefaßt

haben, die bei einem gesitteten Volke, wo

offen Ruhe und allgemeiner Friede herrschen

soll, unmöglich statthaben oder eingeführt werden

kann ."

Q,ell,n , Dr. A. Huysken s , Aadiener Heimat gesdiidite . Aus Aadiens Vorzeit:

Das Aachener Reidl. Jahrbücher des Aadiener Gesdiiditsvereins.


DIE SCH OFFENFAMILIE

TRT:JMPENER IN MERKSTEIN

Von Norbert Leduc

Das Gebie t der heutigen Gemeinde Merkstein

mit Ausnahme des Gebietes der ehemaligen

Gemeind e Rim burg, die 1929 in die Gemeinde

Merkstein eingegliedert wurde, gehörte seit dem

Jahre 1137 als Teil des Landes Rode, des

„s'Hertogen Rode", zum ehemaligen Herzogtum

Limburg . Nach deir Schlacht bei W orringen im

Jahre 1288 wurde das ehemalige Herzogtum

Limburg mit dem ehemaligen Herzogtum Brabant

vereinigt.

Das Land s' Hertogenrode, des~en Zentrum das

heutige Herzogenrath war, gliederte sich in acht

kleinere Verw altungsbezirke, die Banken genannt

wurde n. Herzogenrath und Merkstein bil­

~eten eine Ban~. Im Jahre 1630 trat hierin eine

Anderung ein. Der König von Spanien als Inhaber

des Her zogtums Brabant schrieb in diesem

Jahr u. a. die Gemeinden Merkstein und Kirchrath

zur Ver pfändung aus. Am 17. August 1630

erw arb Abt Balduin von Horpusch, Abt von Klosterrath

, die Herrschaft gegen Zahlung von

5600 flämischen Gulden .

Damit ·wurde die Gemeinde Merkstein aus der

Bank und dem Land s'Hertogenrode herausg e~

löst und eine selbständige Herrschaft mit eigen er

Gerichtsbarkeit unter den Äbten von Klosterrath

als Grundherrn. Dieser Zustand währte,

abgeseh en von einer zweijährigen Unterbrechung

in den Jahren 1664/1666, bis zum Einmarsch der

Franzo sen im Jahre 1794.

Das Gericht der Bank Merkstein

Nach dem Erwerb der Grundherrschaft über das

Gebiet der Gemeinde Merkstein durch die Abtei

Klosterrath richtete diese im selben Jahre eine

eigene Gerichtsbarkeit, ein Schöffengericht, ein.

Dem Gericht oblag mcht nur die Rechtsprechung

in der ersten Instanz , sondern auch die allgemeine

Verwaltung und ein gewisses Gesetzgebungsrecht.

Das Gericht wurde gebildet aus

dem Schultheiß, dem Gerichtsschreiber (auch

Sekretär und Greffier genannt), den Schöffen

und dem Gerichtsboten. Dem Gericht nachg e­

ordnet waren die Geschworenen , die unter dem

Bürgermeister gewisse geringere Verwaltung s­

angelegenheiten erledigten. Sie teilten zur Nachtwache

ein, regelten die N achbarschaftshilfe u. ä.

Die Äbte von Klost errath beriefen unter Mitwirkung

der brabantischen Verwaltung jn Bril<,­

sel die Schultheißen und Gerichtsschreiber, in

eigener Zuständigkeit die Schöffen . Das Gericht

berief die Geschworenen und den Bürgermeister.

Der Schultheiß war der Vertreter des Landesherrn

im Gebiet der Bank.

Die Schöffen hatten eine Dopp elf unktion . Sie

hatten den Schultheiß in seinen Aufgaben zu

unter stützen , mit ihm Recht zu finden, waren

also „Beamt e" des Landesherrn und gleichzeitig

Vertreter ihrer Mitbürger gegenüber Schultheiß

und Landesherrn. Der älteste Schöffe, der „senior

scabinus" , war der Vertreter des Schultheißen.

Starb ein Schöffe, so schlugen Schultheiß unci

Schöffen dem Landesherrn drei Personen als

zum Schöffenamt geeignet vor. Aus den Vorgeschlagenen

berief der Abt den ihm genehmsten.

Gastwirte und Brauer konnten das Schöffenamt

nicht bekleiden ; Brüder konnt en nicht

gleichzeitig Schöffen sein . Der einmal beruf ene

Schöffe blieb in der Regel bis z·u seinem Tode

im Amt.

Die Schöffen der Familie Trümpener

Im Gebiet der Bank Merkstein ist seit Anfang

des 17. Jahrhunderts die Familie Trumpen er

(Trümpener) nachweisbar . Sie stammt wahrscheinlich

aus Herzogenrath, wo ein Franz Trumpener

1575 und 1576 Schützenmeister der dortigen

Bruderschaft war. Dieser Franz hatte drei

Söhne, Franciscus, Melchior und Christian, dfr·

um 1600 gebo ren wurden.


44

Franciscus Trumpener wohnte in Ritzerfeld und

war mit Gertrudis Rutzerfeld verheiratet. Er

wurde bald nach der Errichtung des Gerichts

Merkstein als Schöffe berufen. 1670 war er bereits

senior scabinus. Er starb am 5. November

1678. Sein Bruder Melchior war Augustiner­

Chorherr in Klosterrath; 1669 in dieser Eigenschaft

Pfarrer in Herzogenrath und Schü tzenkönig

der St. -Sebastiani-Schü tzenbruderschaft.

Franciscus hatte nachweisbar drei Kinder. Agnes ,

J oannes und Maria. J oannes oder Jan Trumpener,

verheiratet mit Anna Plum , war im Jahre

1692 Schöffe. Er wohnte in Ritzerfeld als Pächter

des dortigen abteilichen Hofes, des heutigen

Ritzerfelder Hofes. Wahrscheinlich folgte er

seinem Vater im Jahre 1679 auf dem Schöffenstuhl.

Er starb 1698 in Ritzerfeld.

An :seine Stelle trat sein Vetter Petrus Trumpener,

ein Sohn des vorhin genannten Christian ,

der mit Agatha Beckers verheiratet war. Er wird

1704 als Schöffe erwähnt und starb 1714 als

,,scabinus" . Er war Pächter des Hofes Klein­

Streiffeld. Die Tochter , Agnes des Franciscus

Trumpener heiratete den Alexander Kircho ff.

Einer ihrer drei Söhne Franz, Balthasar oder

Nikolaus, die zwischen 1662 und 1669 geboren

wurden, war der Vater der Gebrüder Kirchoff,

die die Bockreiter in den Jahren 1734 bis 1756

und 1762 bis 1776 anführten.

Als vierter Schöffe aus der Familie Trümpener

wurde Franci:scus, der jüngste Sohn des 1714

verstorbenen Peter Trumpener , in das Gericht

der Bank Merkstein berufen. Er wurde am

25. Oktober 1689 in Merkstein getauft, heiratete

Gertrud Cox und war Nachfolger seines Vaters

auf dem Hof Klein-Strerffeld. Vom Jah re 1728

bis zu seinem Tode am 24. März 1749 war er

Schöffe . In seine Amtszeit fallen die Verurteilungen

der Bockreiter der ersten Periode. Zahlreiche

Todesurteile tragen seine Unterschrift,

u. a. das noch erhaltene Todesurteil des Arnoldus

Paffen vom 12. August 1743. Mit ihm amtierte

sein Vetter Petrus Hulsgens von 1736 bis 1747.

Die Mutter des Petrus . Hulsgen, Maria Trumpener,

war eine Schwester des 1714 als Schöffe

verstorbenen Petrus Trumpener. Ein weiterer

Vetter, Leonardo Schwartz, war zwischen 1720

und 1742 Bürgermeister der Bank Merkstein .

Die Mutter des Leonardo, Gertrud, war ebenfalls

eine Schwester des Petrus Trumpener . Eine

Schwester des vorerwähnten Franciscus Trumpener,

Maria, war mit J oannes Spiertz aus Kirchrath

verheiratet, der seit 1692 geschworener

Landmesser der Bank Merkstein war.

Schöffen in fünf Generationen

Die Reihe der Schöffen setzt Matth ias Trum pener

fort. Er wurde am 22. Juli 1696 in Merkstei n getauft,

war zweimal verheiratet und wohn te in

Hofstadt „auf der grüne wegh". Er war ein

Enkel des 1714 verstorbenen Schöffen Petru s

und ein Neffe des bis 1749 amtierenden Franciscus.

1752 wurde er als Schö ffe berufe n. 1779

starb er als „Scabinus hujus communitatis" .

Während seiner Amtszeit wurde de..rn Bockr eiterunwesen

das Ende bereitet. 'Ein e Reih e von

Bockreiter -Todesurteilen trägt seine Unte -

schrift. Möglicherweise ist ihm dab ei nicht einmal

bewußt gewesen , daß eine Schweste r seines

Urgroßvaters die Großmut ter der Bockr eiteranführer

war. Sein Groß vater mütterliche rseits,

Matthias Vincken , war von 1682 bis zu seinem

Tode 1699 Schöffe des Gerichts zu Rimbur g.

Während seiner Amtszeit war auch sein Schwager

Mathias Feurpeil, der Ehemann seine r ältesten

Schwester, Schöffe am Gericht der Bank

Merkstein.

Matthias ist der letzte Namenstr äger im

Schöffenamt.

Mit dem Schöffenamt bleibt die Familie Trüm ­

pener jedoch verbunden. Ein e Enkelin des 1698

verstorbenen Joannes Trumpen er, Sybilla Margaretha

Trümpener , war die Ehefrau des 1746

als Bürgermeister amtierenden J ohann Matthias

Schiffers. Ihre Schwester, Anna Maria Trümpener,

war die Ehefrau des Peter Bauns , der bis

1775 einen Schöffenstuhl besetzte . Dieser Stuhl

wurde vom Jahre 1776 an bis zum Einmarsch

der Franzosen von ihrem Sohn Johann Jakob

Baurs eingenommen, der 1834 als 90jähriger in

Streiffeld verstarb. Mit beiden Baurs zusammen

amtierte Matthias Hulsgens, ein Enkel der Maria

Trumpener und ein Urenkel des 1714 verstorbenen

Petrus Trumpener, der 1781 als senior

scabinus verstarb .

Im Verlaufe von 134 Jahren stellte die Familie

Trümpener während fünf Generationen in fast

ununterbrochener Folge dem Gericht der Bank

Merkstein zehn Schöffen und Bürgermeister, die

der „communitatis" zum Teil in ihrer schwersten

Zeit dienten. ''

Heute leben Angehörige der Familie Trümpener

noch in Aachen, Herzogenrath und Stolberg und

an zahlreichen weiteren Orten im westdeutschen

Raum, in Merkstein jedoch nicht mehr.


Bre ini ger Berg

• DIE H EIMAT LIEBEN ...

... kann nur, wer sie kennt - Wir stellen vor: Breinig

Von Job. Röntgen

,.Die Heimat lieben kann nur, wer sie kennt".

Wollen Sie meine Heimat Breinig kennenlernen,

so sind Sie hiermit herzlich eingeladen, sich mir

anzuschließen.

Schori von weitem grüßt die Pfarrkirche des

über 3300 Einwohner zählenden . ausgedehnten

Dorfes auf der welligen Hochfläche zwischen

Inde- und Vichttal. Beim Näherkommen bemerken

wir jedoch, daß sie nicht mehr wie ehedem

inmitten des Ortes steht. ;Die unausgesetzt wachsende

Einwohnerzahl hat sich in den letzten

60 Jahren mehr als verdoppelt; der bewohnte

Raum hat infolgedessen erheblich erweitert werden

müssen. Aber noch immer ist die Kirche das

erhabenste Bauwerk , von de~en Turmkreuz der

goldglänzende Hahn unverwandt in die Windrichtung

schaut, 45 Meter über dem Boden. In

heißer Sommerzeit möchte er, wenn die Erde

dürstet, öfters anzeigen, daß sich im Westen ,

über der Maas, Regenwolken ballen, die Erquikkung

versprechen. Denn wiser Ort auf Kalkboden,

den kein Bachlauf durchfließt , ist verhältnismäßig

wasserarm. Wir sagen hier, wenn

die Maas schwer ist , steht Regen in Aussich t.

Breinig liegt 280 bis 290 Meter über dem Meeresspiegel.

Wählen wir unseren Kirchturm zur Ausschau ,

um die Heimat zu „durchwandern". Da sehen

wir rund um den ausgedehnten Ort sich weites

landwirtschaftlich genutztes Land breiten. Vom

Osten bis Süden , hinter ausgedehnten , von Hekken

und Gebüsch da und dort unterbrochenen

Grünflächen, ehedem meistens Ackerland, er-•

blicken wir Wald , soweit das Auge reicht . Im

Vordergrund, gar nicht weit vom Ort, ist es der

Münsterwald, dahinter , jenseits des Vichttals,

der bis weit über 500 Meter ansteigende Hürtgenwald,

der im letzten Kriegsgeschehen zu trauriger

Berü hmtheit gelangte, mit den weißleuchtenden

Gebäuden einer auf ausgebrannter Erd e

errichteten Bauernsiedlung. Im Süden ist das

langgestreckte Pfarrdorf Venwegen dem Münsterwald

vorgelagert, dahinter der alte Ort

Hahn im Indetal, der allerdings nur den Turm

seiner Pfarrkirche unserem Blick bietet; zwischen

beiden eine abwechslungsr eiche Heckenlandschaft

, von Gebüscllen durchsetzt. Im Südwesten

grüßt von luftiger Höhe der große und aufstr e­

bend e Ort W alheim , dess en Kirche vom höchsten

Punkt weit in die Lande schaut. Weiter nach

Westen im Indetal liegt Kornelimünster, von

dem wir allerdings nur die auf den Randhöhen

gelegenen Teile zu erkennen vermögen, im Vordergrund

die alte Bergkirche , ehemals Pfarrkirche

des Münsterländchens , daneben der frühere

abteiliiche Fronhof ; weiter zurück, vor den

in der Ferne blauenden Höhen des Aachener

Waldes , die weitläufigen Gebäude der neuen

Benediktinerabtei mit der sie überragenden

Kirche. Gegen Sonnenuntergang fesselt uns die

Kuppe des Klause r Wäldch ens, rechts dahinter

die Kirche von Brand, davor die Rektoratskirtlie


46

von Dorff. Endlich haben wir im Norden Büsbach

vor uns, wie Dorff nach Stolberg eingemeindet.

Stolberg im tiefen Vichttal entzieht

sich größtenteils · unserem Blick ; nur • der hoch

aufsteigende Donn erberg mit Kirche und Funkturm

ist zu sehen. Rechts davon ist die Siedlung

Diepenlinchen bei Mausbach zu erkennen. Unserem

Auge verborgen bleiben die Orte Zweifall

und Viicht im Vichttal , die jenseits des Münsterwaldes

zu suchen sind.

Wir sehen eine ziemlich eng besiedelte Umgebung;

keiner der genannten Orte ist viel mehr

als eine Wegstunde entfernt ; die meist en von

ihnen gehörten zum ehemaligen Münster ländchen.

Wenden wir uns nunmehr der näheren U mgebung

zu. Sechs Straßen von auswärts nach Breinig,

Omnibusse und Eisenbahn ergänzen die

Verkehrsmöglichkeiten.

Im Westen, auf der Breinig er Heide, jenseits

der Eisenbahnlinie Stolberg-Walheim, hat sich

ein umfangreiches Wohnviertel den wenigen

alten Gehöften angeschlossen. Hier ist das Gebiet

der neueren Ortsausdehnung. Noch vor fünfzig

Jahren fanden wir dort Heide land mit dürftigem

Wuchs, Tümpel und Abraumhalden des

inzwischen aufgegebenen Eisensteinbergbaues.

Einen Teil hat man auch landwirtschaftlicher

Nutzung zugeführt. Seitdem im Drit ten Reich

ein neuer Schürfvensuch fehlgeschlagen, ist der

Beruf der „Goldgräber", wie wir scherzhaft un -

sere Eisenbergleute benannten, ausgestorben.

Auch der nördliche Vorort Schützheide , ursprünglich

ein abteilicher Erblehenshof (Scheidsheide),

ist durch Neusiedlung gewachsen . Bemerkenswert

ist hier eine an der Straße stehende

schöne Gruppe von Eiben hohen Alters.

Stark verändert hat sich der Ort Breiniger Berg.

Schon sein Name läßt erahnen, daß es sich hier

um ein Gebiet des Bergbaues handelt. Und in

der Tat hat man hier seit unvordenklicher Zeit

Alter Bauernhof in Breinig

auf Zink, Galmei und Blei geschürf t, bis der

Krieg 1870 ein Ende setzte. Zuletzt waren hier

viele hundert Menschen beschäftigt , und es war

ein großer Schlag für die Gegend , als der Betrieb

eingestellt wurde . Damal s war der Ort in

weiter Runde bekannt und genannt . Heute begegnen

uns dort auf Schritt und Tritt die Spuren

ehemaligen Bergbaues, der nach Grabungsfun ­

den schon in keltisch-römischer Zeit eine erhebliche

Rolle gespielt haben muß, gleich dem bei

Gressenich. Als letztes der großen Schacht - und

Maschinengebäude fiel das des Marias chachtes im

Jahre 1951 der Spitzhacke zum Opf er. Doch schon

seit 1889 haben einige Schäch te und Stollen eine

neue Zweckbestimmung erhalten: Aus ihne n wi }B.

die Stadt Stolberg mit vorzügliche m Trink - und

Industriewasser versorgt. Auch hier neben einer

geschlossenen Siedlung zahlr eiche neue Wohnbauten

und in der Nähe einer zweik lass igen

Schule ein ansprech endes Ehr enmal. Auf dem im

übrigen unfruchtbarenKelmes-( = Gal mei -)Boden

finden wir eine seltene Flora, die ihr en Name n

geradezu von ihm entliehen hat; von ihr en hervorstechendsten

Vertretern seien das Galmeiveilchen

und die Grasnelke genann t .

Wenden wir uns nun dem unter uns liege nden

Orte Breinig selbst zu. Keine Großtat kündet

von ihm, seine Geschichte ist die des Münster ­

ländchens. Sein Name mutet etwas frem dartig

an, und dessen Deutung hätt e sich schon ein ­

gangs vorstellen sollen. Tatsächlich führt der

Name in ferne Zeiten zurück , wenn man den

Wissenden folgen will. Sie behaupten nämlich,

er gründe auf keltisch-römische s Britiniacum,

der Besi tzung eines Britinius. Es sprechen

aber auch Tatsachen für die Entstehung des Ortes

in so früher Zeit: Die Lage an der von Nordfrankreich

herkommenden Römerstraße, die bei

Kornelimünster den Tempelbezirk Varnenum berührte

und hier und bei Gressenich Bergbaugebiete

durchschnitt ; Kleinfunde aus römischer

Zeit; auf dem Breiniger Berg eine vor mehr als

dreißig Jahren entdeckte römische Wohn- und

Werkssiedlung, die nach Beigaben auf Bergbau

hinweist. überdies weiß die Sage von der großen

Stadt Gressiona, die von Hahn bis Gressenich

gereicht, also auch unser Gebiet bedeckt

haben soll. In Fortbildung des oben erwähnten

Namens hieß unser Ort im 0 Mittelalter Breidenich

, Bredenich , später Breinig. In der Mundart

heißt er Breinig.

Nach dem Abzug der Römer im 5. Jahrhundert

breitet sich Dunk el über die Geschichte , das erst


seit dem begi nnenden 9. Jahrhundert gelüftet

wird, als die Reichsabtei Kornelimünster gegründ

et und deren Herrschaftsbereich, das Münsterlän

dch en, gebildet wurde. Zu diesem hat

Breini g fortan gehört bis zu seiner Auflösung

zur Zeit der Franzosenherrschaft vor mehr als

150 Jah ren; dann kam es zur neu gebildeten Gemeind

e Korne limünster. Es stand also immer im

Schatt en des Größeren und hatte nie eine politische

Selbstän digkeit . Auch kirchlich gehörte

der Ort nach Kornelimünster.

Das Hauptgebäude unseres Ortes ist noch immer

die Pfar rkirche an der Hauptstraße, sinnvoll

der Patro nin der Bergleute, der hl. Barbara , geweiht.

Sie wurde vor hundert Jahren in schlichtem,

neugot ischem Stil errichtet und ersetzte

ihre Vorgängerin aus dem Jahre 1741. Schlicht

ist auch ihr Inneres, und Schätze birgt sie nicht .

Erst 1804, unter dem ersten Aachener Bischof

Berd ole t, wurde Breinig Pfarrgemeinde. An seinen

ersten Pfarrer Johann Peter Schönen, einen

Sohn des Mü~terländchens, erinnert die Inochrif

t mit Chronogramm auf einem Steinkreuz

hinter dem Chor der Kirche . Der anschließend e

alte Kirchhof, in seinem ältesten Teil das Geschenk

des Gemeindeschöffen Dautzenberg , wird

noch heute „Scheffens Bendchen" genannt . Er

wurde 1937 geschlossen und durch einen neuen

Friedhof am Ende der Hauptstraße ersetzt; dieser

birgt auch an die 40 Kriegsopfer. Den im

ersten Welt _krieg Gefallenen haben die Breiniger

an der Neustraße ein Ehrenmal errichtet, ein

Werkstück aus einheimischem Kalkst ein.

Unser Ort hat im allgemeinen sein althergebrachtes

Bild bewahrt. An breiten , teils von

Baumreihen gesäumten Straßen reihen sich die

deftigen aus Kalkstein errichteten Häuser mit

nur geringen Zwischenräumen , die Giebel meistens

der Straße zugewandt. Doch wird dieses

schöne Ortsbild · leider da _und dort durch neu ere

Bauten anderen Stils gestört. Die ältesten Häuser

, bei denen auch noch Fachwerk verwendet

ist , sind bis zu 300 Jahre alt. Aus ehemals abteilichem

Besitz stammt das frühere Ritterl ehnsgut

Stockern , dessen „Burg ", ein Wohnturm aus

dem 17. Jahrhundert , vor zwanzig Jahren wegen

Baufällig keit abgebrochen wurde. Alt wie die

Häuser sind auch manche Familien , die sich bis

zu 400 Jahren am Orte nachweisen lassen. Die

Bauern höfe liegen außer in der Haup tstraße

überwiegend in den Randg ebieten . Das Kleinbauerntum

ist rückläufig. An die Stelle der alt -

Bli ck von der B reinige r Kirche zur Eifel

hergebrachten Ackerwirtschaft sind Weidewirtschaft

und Rindviehzucht getreten , die siich für

den nicht tiefgründigen Boden auf Kalkunte r­

lage besser eignen. Seit dem Untergang des Bergbaues

fehlen größere Gewerbebetriebe. Mehr ere

Steinbrüche und Tuchwebereien sowie ein H~lzßägewerk

ernähren nur wenige Menschen. Gut

vertreten sind das Handwerk und der Einzel ­

handel. Unsere Arbeiter , die längst in der Überzahl

sind , finden in Stolberg und Aachen Beschäftigung.

Dem Unterricht dienen sieben Klassen

der Volksschul e, die seit 1957 in eine m modern

en Gebäude zusammengefaßt sind. Und für

die Kleinen besteht seit wenigen Jahren ein neuzeitlich

einger icht eter Kindergarten. Auch Arz t

und Zahnarzt sowie ein Tierarzt sind am Ort e.

Postamt mit eigenem Zustelldienst, Gas- , Was ­

ser- und Elektrizitätsversorgung tragen mit

dazu bei, das eins tige Bauern- und Bergarbeiterdorf

die Züge eines neuzeitlich en Gebild es annehmen

zu lassen. Daß seit zwei Jahren ein großes

Zirkusunternehm en sein Wint erquarti er bei

uns aufgeschlagen hat, sei abschli eßend verm erkt.

Die Eing ebor enen sprechen eine ripuarischfränkische

Mundart , reich an Ausdrucksformen

Sprichwört ern und Redensarten, dem Kölnische~

näher verwandt als dem Aachener Dialekt. Aber ,

wie vielerorts so hat auch sie vor der Schriftsprac

he den Rückzug angetret en und bringt

kaum noch Neuschöpfungen hervor.

Es wird auch noch einiges Brauchtum gepflegt,

arm dagegen ist die Sagenw elt . Zahlreiiche

Flüchtlinge aus dem Osten haben zwar ihre

Eigenarten mitgebracht, die Grund elemente unserer

Heimat jedoch nicht wesentlich beeinflußt·

ihre Jugend paßt sich zunehmend der neue~

Umgebung an.


48

DAS WAPPEN

DER GEMEINDE

KINZWEILER

Das K.inzweiler Wappen stammt aus dem Jahre

1935. Es zeigt : In Gold der Hl. Georg als gepanzerter

Ritter, die rechte Hand hochhaltend , mit

der Linken eine Lanze mit Wimpel haltend und

sich auf seinen Schild stützend , hinter ihm der

erlegte Drache. Sein Schild enthält in Schwarz

einen silbernen, gekrönten, doppelsichweifigen

Löwen .

Der Heilige ist der Patron des ehemaligen

Zisterzienserinnenklosters St. Jöris, . das 1450 von

Gotthard von dem Bongard gestiftet wurde. Der

gekrönte Löwe mit Doppelschweif im Schild ist

das Wappen der Ritter von K.inzweiler, die 1234

zum erstenmal in Urkunden genannt sind.

Der Oberpräsident der Rheinprovinz erteilte der

Gemeinde am 17. September 1935 die Genehmigung

zur Führung dieses Wappens.

DER KREIS IM SCHRIFTTUM

100 Jahre MGV „Cäcilia" Haaren. Festschrift zur Jubelfeier

am 19./20. April 1958.

„Generationen kommen und Gen erat ionen gehen, aber

Vereine bleiben bestehen .· Hier handelt es sich um ge­

Wlsse Treuebündnisse, die einer idealen Sache dienen.

Den besten Beweis dafür liefert der MGV ,Cäci lia'."

So heißt es in der ,Aufzeichnung \Ton Hubert Bast über

die hundertj ähri ge Geschichte des Haarener Männergesangvereins,

die im Mittelpunkt der umfangreichen,

gut illustrierten Festschrift steht, die der Ver ein , Mitglied

des Deut schen Sängerbtin~es und Inhaber der

Zelter-Plakette des Ministeriums für Wissenschaft ,

Kunst und Volk sbildung, zur Jubelfeier herausgab . Das

Büchlein wurde von Kreisinspektor Wily Tillmann bearbeitet,

zusammengestellt und ergänzt. Außer der

wechselvollen Vereinsgeschichte spiegelt es das dörfliche

Leben Haaren s während des letzten Jahrhund erts

wieder und enthält auch eine aufschlußreiche Abhandlung

von Gemeindedirektor Sturm über die Ver gangenheit

der Gemeinde .

Der Verein wurde nach der erste n Ver einssatzung, die

bei d er Gemeindeverwaltun g Haaren niedergelegt ist,

am 10. Januar 1958 in der Gaststätte „Zum Kaiser ", dem

späteren Pfarrheim , ins Leben gerufen. Als Grün der

tauchen u . a. alte Haarener Namen auf, so Wilh elm

Graf, Reiner Graf, Peter Graf , Johann Graf, Franz Graf,

Johann von Berg, Wilhelm Kaymer , Josef Mengelbier

und Matthias Radou. Der Verein nannte sich zunä chst

„Kirchengesangverein Haaren ", woraus zu entnehmen

ist, daß er sich in erster Linie dem Kirchengesang

widmete . Den Namen „Cäcilia" erhielt er am 20. Mai 1888.

Aus der Vereingeschichte geht hervor , daß die Sänger

in dem vergangenen Jahrhundert das kulturelle Leben

ihres Heimatortes nicht unmaßgeblich beeinflu ßt haben

und das dörfliche Leben bei freudigen wie ernsten Anlässen

mit bestimmten . Bemerkenswert ist darübe r hinaus

, daß sich die Vereinsmitgliede r neben ihren ges anglichen

Aufgaben auch caritativ betätigten . So ist beispielsweise

aufgezeichnet, daß der Erlö s einer Wohl ­

tätigkeitsveranstaltung im Jahre 1888 den Ortsarme 1

zum Kauf von Brot zur Verfügung gestellt wurde .

1893 kaufte der Verein für die Kirche die Statue seine r

Schutzpatronin. Vier Jahre später überwi es man einen

namhaften Betrag für die Opfer einer überschwemmung

in Ob ers chlesien und trug mit einer weite ren

Spende zum Bau eines neuen Schwest ernhei mes in

Haaren bei. H. H.

Faltblatt „Heiligtumsfahrt Kornelimün ster 1958".

Zur dies jährigen Heiligtum sfahrt Kornelimünster (11. bis

28. Juli) hat der Oberkreisdirektor ein zwölfseitiges,

trefflich illustriertes Faltblatt (Auflage: 30 000) herausgegeben.

Es unterrichtet auf den in lichtem Blau gehaltenen

Außenseiten in markanter Kürze über die Geschichte

der auf eine Gründung von Benedikt von

Aniane (einem Freund Kaiser Ludwig des Frommen)

zurückgehenden Abtei und des malerischen Indestädtchen

s selbst. Eine Aufzählung der Baudenkmäler,

Kunstschätze und Naturschönheiten Kornelimünsters

schließt sich an. Ansprechende Fotos über die Zeigung

der Heiligtümer , die alte Abteikirche mit den Skulpturen

des hl. Kornelius , des sen Reliqui en hier ruhen und der

dem Ort seinen Namen gab, sowie gut gelungene Aufnahmen

der neuen Abteikirche und des Marktplatzes

runden zusammen mit einem eingelegten Programm

der Heiligtumsfahrt 1958 das Bild ab über einen Wallfahrtsort,

der ber eits im Mittelalter viel besucht wurde.

Auf den sechs Innen seiten - mit lichtgelbem Untergrund

- findet man neben einer knappen, doch wohl informierenden

Ski zzier un g -des Landkreises Aachen insgesamt

13 umsichtig ausgewählte Fotos. Sie vermitteln

einen aufschlußreichen visuellen Eindruck von der wirtschaftlichen

Bedeutung des Großkr eises, las sen darüber

hinaus aber auch offenbar werden, daß dieser Indu striekreis

auch seinen landschaftlichen Charakter zu wahren

gewußt hat. Reizvolle Aufnahmen aus den großen

Wäldern im südlichen Kreis gebiet und mehrere historisch

bedeutsamer Burg- und Gutsanlagen machen das in

feiner Weise deutlich. Bearbeitet wurde das Faltblatt

von Kreisinspektor Cornel Peters , die graphische Gestaltung

lag bei Jupp Kuckartz. H. H.

Fotos: Koch , Paulus; Zeichnungen: Sanke; Karte: Wagner


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