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Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-1

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HEIMATBLATTER

DES LANDKREISES AACHEN

HEFT 1

15. JAH R.CAN C

( 1


\

Titelbild: Braunkohlentagebau im Raume Eschwe i ler /Hehlrath; Foto : Paulus.

Heimatblät ter des Landkreises Aachen. Erscheinen vierteljährlich. Bezugspreis 2,- DM jährlich. Auflage : 3300 Stück. Verantwortlich:

Der Oberkreisdirektor. Schriftleitung : Prof . Dr. Peter Mennicken - Kre isober ins pektor Cornel Peters , Aachen, Zolle rnstraße

(Kreishaus ), Tel. 4071. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und B ilder wird keine Gewähr übernommen. Druck: Herzogdruck,

Eschweiler, und Kunstdruck G. Gottschall, Eschweiler.

,,. I


HEIMAT­

BLATTER

HEIMATBLli.T T ER DES LANDKREISES AACHEN . HEFT1 /1959 • AACHEN, MARZ 1959

ALTE STRASSEN IN UND UM ESCHWEILER

Nach alten Verö.Jf.entlichungen von Oberstleutnant Schmidt, General von Veit, Professor Jakob Sc:hneider,

Archivdirektor Rfichard Pick und Dr. Franz Cramer

Bearbeitet von Rektor Karl Wirtz

Die Stadt EschweiLe r konnte im Jahr e 1958 auf i hr

hundertjä hrig es B este h en ais Stadt nach der preußischen

Städteordnung zurückblicken. Der Ursp,rung

des Namens der Stadt liegt weit zurück.

P et r i et Marz e 11 in i" erwä hnt er einen

Königshof (fundus regius) As c i v i 1 a r i s. Die

Translatio (Überführung) der Gebeine der beiden

Heiligen erfo lgte im Jahre 826, und die

Beschreibung durch Einhard ist im Jahre 830

verfaßt.

Übe r den Namen Eschweiler ist schon vieles gesagt

und geschrieben worden . Nach Cram er ist

er d e u t s c h e r , genauer germanischer Herkunft

. Man kann auf alle Fäll e mit Fug und

Recht behaupten, daß Eschweiler nach seiner

deutschen Bene nnung auch schon in vorge ­

schichtliieher Zeit eine Ansie dlung gewesen sein

muß. Mitt e Novemb er 1926 und 1927 und im

Februar 1928 wurden auf dem Geländ e der Baum ­

und Rosen.schule von Wilhe lm W y n a n d s

(hinter der Kaserne) prähistorische Gräber -

Brandgräber - aufg efunden. Die Brandgräbe r

stammen aus der sogenan nten H a, 11 s t a t t -

per i o de (etwa 600 bis 500 vor Christi Geburt) .

Diese Grabfunde, die für die Geschichte und das

Alter Eschweilers von größte r Wichtigkeit sind ,

wurden im Eschweiler Heimatmuseum aufbewahrt

und ausgestellt . Durch die Kriegseinwirkungen

ist das Heimatmuseum, das im ganzen

Rheinland wegen seiner reichhaltigen und sehenswerten

Sammlungen b ekannt war, leider für die

Nachw elt verloren gegangen. Nur geringe Rest e

sind von Heimatfreunden gerettet worden.

Kronzeuge für den Namen E s c h w e i 1 e r ist

E i n h a r d , der vertraute Freund und Biograph

Karls des Großen. In ,seiner „ T r a n s -

latio beatorum Christi martyrium

Eschwei ler, Mar ienst raße

,.,


2

Fragen wir uns einmal, worauf der Name Eschweiler

zurückzuführen bzw. abzuleiten ist.

As c = Esche wird wohl das Näichstliegend e

sein. Eschen finden wir heute noch in und um

Eschweiler. Auch kann der Name von den damaligen

Kolonisten , die den alten, liebgewordenen

Namen auf eine Siedlung in ihrer neuen

Heimat übertrugen , herrühren . Eschweiler erscheint

im rheinischen Gebi et im ganzen viermal

(auß er unserer Stadt noch Eschweiler über Feld ,

ein drittes bei Münstereifel, ein viertes bei

Heinsberg). Ein fünfter Ort liegt im Elsaß bei

Zabern. Um Eschweiler gru ppiert sich eine

Menge Orte mit den Weilernamen: Weisweiler,

Kinzweiler, Langweiler, Baesweiler, Oidtweiler ,

Gereon sweiler , Arnold sweiler, Mariaweiler. Man

vermutet, daß die mit ,,-weiler" zusammengesetzten

Ortsnamen alemanpischen Ursprungs

sind , da Alemannen nach dem Zurückweichen

des Römertums im Laufe des 4. und 5. Jahrhunderts

in die linksrheinischen Lande eindrangen.

(Schlacht bei Zülpich 496 zwischen Alemannen

und Franken .) Jedoch wird der Nam e

Eschweiler, ob nun alemannischer oder fränkischer

Herkunft , wohl erst nach der römischen

Periode entstanden tSein. Soviel über den Namen

Eschweil er, doch gibt es auch noch andere Deutungen

, die hier ab er nicht weiter verfolgt werden

sollen.

Wir wissen heute, daß im Gebiete der Stad t

Eschweiler · vorgermanische Ansiedlung en gewesen

sind und sich hier zwei R ö m e r w e g e

kreuzten und m~hrere andere in der Näh e vorbeiführten.

Forschungen über die Römerstraßen

des Rheingebietes verdanken wir drei Männern .

Oberstleutnant S c h m i d t , dessen Arbeiten

nach seinem Tode in dem 31. Hefte der Bonner

Jahrbücher erschienen sind, verzeichnete schon

m~hrere Straßen , die G r e s s e n i c h berührten,

sow ie die „Überblei bsel einer Römerstraße"

zwischen H o v e n und M.e r k e- n in der Näh e

der sogenannten „H e i d n i s c h e n B u r g" ,

wo die Spuren einer römischen Niederlassung

erkennbar seien, was durch Nachforschungen

S c h o o p s , Düren, fetStgestellt worden ist.

Zwei weitere Männer, General von Veit h (t)

und Profossor Jakob Schneider (t) haben

in den Bonner Jahrbüchern, in Richard Picks {t)

- Aachen - Monatsschrift für die Geschicht e

westlichen Deuts,chlands und in der Zeitschrift

des Aachener Geschichtsvereins , das alte rheinische

Straßennetz durch ihre Untersuchungen

aufgedeckt. Der in Eschweiler geboren e, um die

rheinische Geschichtsforschung hochv erdiente

Aachen er Stadtarchivar Richard Pi c k , hat besonders

für Eschweiler und seine Umgebung über

die römischen Straßenanlagen Nachforschu n5en

angestellt. Cr am er hat dann, soweit es ihm

möglich gewesen, die Ergebnisse der bish erigen

Forschunge n auf diesem Gebiet für unsere eng ere

und weitere Heimat nicht nur nachgeprüf t, sondern

sie auch hier und da zu ergänzen und zu

berichtigen versucht. An einigen Orten ist durch,

systematische Nachgrabungen die Spur der römischen

Straßenanlagen aufgedeckt worden.

Dabei wurden die in der Nähe der Straßen und

Wege liegenden Ansiedlungen nachgewi esen .

Als wichtigster und bekanntester an Es,ch weiler

vorbeiführend er Straßenzug ist der von K ö 1 n

durch das alte J u 1 i a cum (Jülich) über

M a a s t r i c h t nach B a v a i (Bagacum) zu bezeichnen.

Aus alten Quellen - dem I t i n e r a -

r i u m und der sogenannten P e u t i n g e r -

s c h e n Tafel (einer Wegekarte des 4. Jahrh underts)

sind uns zwischen K ö 1 n und Ma as -

tri c h t folgende Stationsorte bekannt: C o 1 o •·

n i a A g r i p pi n e n s i s (Köin), Ti b e r i a -

cum (Zieveri ech), Co r i o v a 1 um (wahrsch ein ­

lich Heerlen ).

Ein zweiter Straßenzug, der zwar nicht durch

alte römische Urkunden belegt werden kann ,

aber doch von wohl ausschlaggebender Bedeutung

, war der von K ö 1 h kommende bzw. dort

endigende. Er verband Köln mit Be 1 g i e n und

lief mehr in südlicher Riclitung an Düren

vorbei, K o r n e 1 i m ü n s t e r , Li m b u r g ,

D o 1 h a in (vergleiche: von Veit h „Das alte

Wegenetz zwischen Köln, Limburg- Maastrich t

und Bavai" in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins,

Bd. 8, S. 115 ff.). Daß dieser

Straßenzug durch das heutige Kornelimünster

lief, geht aus folgender Tatsache hervor: Über

dem Ort an der Inde, dort, wo sich die alte

Pfarrkirche befindet, zieht ein alter Weg vorbei ,

heute noch im Volksmunde „Grüner Weg" benannt.

Eine andere Straße führt über Dorff und

B ü s b ach. Über den weiter~ .n Verlauf der

Straße sind sich allerdings Schneider und von

V ei th nkh t einig . Schneider läßt sie , das V i c h t -

t a 1 überquerend und westlich an D i e p e n -

1 in c h e n vorbei auf H a s t e n r a t h zulaufen,

während von Veith sie bei Mausbach in

einen Weg von S t o 1 b e r g nach G r e s s e -

n i c h einmünden läßt. Ob beide Forscher sich

in ihren Untersuchungen irren, ist nicht nachzuweisen.

C r a m e r vermutet, daß die Straß e


3

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(Gevenich)

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4

von Büsbach am Schloß vorbei auf Stolberg zugeht

, der heutigen Landstraße nach Hast enrath.

Mit Bestimmtheit kann man wohl sagen, daß die

an der ehemaligen Pfarrkirche von Kornelimünster

vorbeiziehende Straße die „H e er s t r a ß e"

auf K ö 1 n zu gewesen ist . Sie setzt sich auf

Brei n i g er Heide zu fort und hat dort ,

während sie auf der Höhe nur etwa vier Meter

breit ist , eine Breite von sechs bis acht Metern.

Im Kataster .steht sie als „a 1 t e Stein -

s traß e" benannt. Der Volksmund bez eichnet

sie als „Pilgerstraße ". Durch Br e inig

führend setzt sie sich we!iter fort über Gau -

h ö f e 1 in Richtung auf Mausbach und Gressenich.

In Gauhöfel wurd e römisches Mauerwerk

mit Hypokausten gefunden (von Veith -Aach e­

ner Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins,

Bd. 8, S. 115). Cramer, der die Arbeiten der

beiden Forscher einer genauen Prüfung unterzog,

schreibt dazu, daß Schneider und von Veith

in der Linienführung der Straß e sehr voneinander

abweichen . Von Veith , so führt er aus ,

läßt die von B r e in i g herk ommende Straß e

genau an der Stelle des heutigen V i c h t das

Tal des gleichnamig en Baches übenschreiten .

Schneider dagegen nimmt zwischen B r e i n i g

und V ich t gar keine Verbindung an , ja, er

läßt den Straßenzug sein e Richtung überhaupt

nicht auf D ü r e n , sondern über Gressenich ,

Hamich, Langerwehe nach Jülich zu nehmen ,

während er die Dürener Straß e von Stolb erg

aus kommen läßt . Cramer stellt fest, daß durch

die in der Richtung auf Düren zu verlaufend e

Straße jedenfalls das heutige Gressenich , bei

weitem der bedeutendste Römerort der Umg e­

gend, nicht berührt wurde, vielmehr geht dies e

Straße etwa 500 Meter südlich vom heutigen Gressenich

vorbei. Von Veith, ein tüchtiger Straßenforscher,

aber schwacher Etymologe, sah irrtümlicherw

eise den aus dem 9. Jahrhundert überlieferten

Namen Cr u s c in i a cum - es ist vielmehr

C r a s c i n i a c u m zu lesen - als etwa s

von Gressenich Verschiedenes an und verlegt e

diesen in seiner Einbildung bestehenden Ort an

jene Straße ; in Wirklichkeit lag das alte G r a -

t i n i a c u m (mittelalterlich Crasciniacum, Grezenich,

Greznich) = Gressenich im wesentlichen

an derselben Stelle , wie der heutige Ort , und

zwar zu beiden Seiten der nach Mausbach führenden

Straße (Vergleiche Cramers Aufsatz „Die

Namen Jülich und Gressenich " in der Zeitschrif t

des Aachener Geschichtsvereins, Bd. 26, S. _327 ff.).

Natürlich entbehrte Gressenich nicht des Anschlusses

an das Straßennetz ; aber verfol gen wir

zunächst die südlich vorüberziehend e Heer ­

straß e, weiter. Östlich von K r e w i n k e 1 ist sie

vielfach in ihrer ganzen Breite erhalten. Zu beiden

Seiten hat Cramer streckenweise zwei - ·

durch Gräben unter sich und vom Haupts traße n­

damm getrennte - Banketts feststellen könne n,

wie so1che vielfach als Begleiter größer er römi ­

scher Heerwege auftreten . {Über die Einr ichtun g

dieser Seitenpfade-früher fälschlich als W ä 11

aufgefaßt - , vergleiclle: v. Veith Bonn er Jahr ­

bücher , Bd. 76, S. 15.)

Die Straße geht nach Sc h e v e n h ü t t e zu ins

Wehetal steil hinab, ganz in der gewö hnliche n

Art römischen Wegebaues, aber nicht - wie

v. Veith meint - 500 Meter oberhalb des genannt

en Dorfes , sondern gerade an seinem obe ­

ren Ende, geht am östlichen Talhang unt er dem

Namen „Rennweg " hinauf nacli Sch wa r -

z e n b r o i c h, der Ruine eines Kreuz herren ­

klosters . Steil wie der Abstieg ins W ehetal ist

auch der Anstieg des „Rennweges". Die gan ze

Breite des Weg es ist bedeutend. Auch hier kann

man stellenweise in der Mitte noch den durchschnittlich

5 Met er breiten Straßendamm von

den begleitenden Seitendämmen untersch eide n.

Gre-ssenich war als Sitz eines starken Bergba u­

betriebes bekannt , und so ist es wohl selb stverständlich,

daß es auch in ausgiebiger Weise an

das Straßennetz ang eschlossen gewesen ist. Die

heutige Straße M a u s b a c h - G r e s s e n i c h

folgt dem Zuge eine s Weges aus römi scher Zeit ;

das beweis en unf ehlbar die zu beiden Seit en aufged

eckten Gräb er. Oberstleutnant Schmidt,

dem von V e i t h folgt , nimmt auch einen Weg

von G r e s s e n ich über Hastenrath und Bergrath

an ; das Stück Gressenich ist jedoch zweifelhaft.

Hat der Weg bestanden, so muß er über

W e rt h gegang en sein. Pick (Bonner Jahrbücher,

Bd . 75, S. 188) vermutet, daß ein alter

Weg von Gressenich auf Hamich zu (zwischen

Köttenich und der früheren Eremitage hindurch)

römischen Ursprungs sei. Das Gelände zur rechten

Seite des Weges heißt noch heut e, und zwar

nicht nur bei den Gelehrten, sondern auch im

Volksmunde , das Römer f e 1 d.

Von Alt-Stolberg führt heute , am Fuße des Donnerberges

vorbei, ein Weg über die Höh e nach

H a s t e n r a t h hinunter in das Gebiet des

Omerbaches . Cr am er hält diesen Weg für

uralt. Bei Ausbesserung des Teiles, der hohlwegartig

gleich hinter Stolberg ansteigt, stieß man

am Anfang dieses Jahrhunderts auf eine alte


Steinpack ung; römi sche Funde begleiten den

Weg. Von Haste nrath lief die Straße auf B e r g -

rat h zu. In Ber grath wurde ebenfalls die Steinlage

der Straße festgestellt. Koch hat sie

schon wahrgenomme n und C r am e r sagt in

seinem Aufsatz, daß da, wo die von Eschweiler

kommend e Straß e links zur früheren Schule

abbi egt, in eine r Tiefe von vier Fuß unter der

das elbst erhöhte n Straße e i n m i t g r o ß e n

Q u a d e r n b e l e g t e s P f 1 a s t e r liegt. (An

der Ste lle war bis Mitte des 19. Jahrhunderts

ein Pfuhl , der im Sommer so weit austrocknete,

daß man das Pflaster sehen konnte.) Weder

v o n V e i t h noch sonst jemand spricht sich des

näheren über den Verlauf der Straße weiter

nord wärts aus; es heißt nur im allgemeinen, daß

sie dicht an Eschweiler vorbeigegangen sei. Cramer

ist es gel i..rnlgen, das Vorhandense!n einer

Steinlag e an zw'~i Stellen zwischen Eschweiler

und Bergra th festzustellen. Die eine dieser Stellen

ist da, wo sich die frühere Kokerei der Grube

N othberg befand. Bei der Anlage der Kokerei

ist die Steinschicht aufgehoben worden. Die

Fortsetzun g der Steinlage wurde damals zwischen

den N othbe rger Schlackenhalden und der

Kleinbahnlinie aufge deckt. Die Kieslage bestand

aus Quarz , Kiesel und Geröllsteinen. ,Diese Steinsorten

sind dem dortigen Lehmgelände durchaus

fremd. Bei dem Abbau des Lehmbodens kam

die Steinschicht 2

/s Meter unter dem heutigen

Niveau zutage; sie ist etwa 5 Meter breit.

Der Übergang über die Inde ist schwer festzustellen;

man vermutet, niicht weit von dem alten

Rittersitz Pattern h o f. Auf dem linken Inde-­

ufer ist der Zug der Straße wohl nicht weit von

der früheren Ringofenziegelei

der „Eschweiler Baugesellschaft"

zu suchen. Die Fortsetzung der

Straße ging über L oh n und

Pattern nach J ü 1 i c h. Der

Weg, jetzt als Feldweg, bald in

stattlicher Breite dahinziehend,

bald zum Fußweg zusammenschrumpfend,

'ist von zahlreichen

Siedlungsspuren begleitet. In

dem Lohner Bezirk „Freifeldehen",

der in Richtung auf Pattern

zu sich ausdehnt, lassen sich

die Spuren einer alten Straße

verfolgen.

J ü 1 i c h , das römische J u 1 i a -

c um, war bekanntlich in römischer

Zeit ein bedeutender Sta-

Eschweiler , lndebrücke

tionsort und Knotenpunkt einer Reihe von Straßen.

Auch Eschweiler war mit ihm verbunden.

Im Jahre 1884 hat der verstorbene Heidelberger

Oberbibliothekar, Prof. Z a n g m e i s t er , eine

der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der Inschriftenkunde

(in den Bonner Jahrbüchern ,

Bd. 76, S. 225, das Frag m e n t einer M e i -

1 e n sä u 1 e bekannt gemacht [aus den epigraphischen

Papieren des 1803 verstorbenen Baron

von H ü p s c h - Cod. 3287 der Heidelberger

Hofbibliothek-]). Nach den auf der Meilensäule

befindlichen, leicht zu ergänzenden Ins,chriftresten

war die Säule unter M a r k A u r e 1 ,

und zwar 169-180 n. Chr. , gesetzt . worden. (Der

Abbildung des Säulenstückes bei H ü p s c h ist

die Bemerkung beigefügt: ,,Dieses stück saulen

Werk nebs dem rauhen fußgestel hab hier im

B u s c h gefund en und nach hauß bringen lassen";

auf der anderen Seite des Zettels steht:

„Hrn Daniels zu Eschweiler".) Dieser

ist jedenfalls der Bergvogt Franz Jakob Daniels

zu Eschweiler , der bis gegen Anfang des 19. Jahrhunderts

lebte. Der Fundort war zwei fellos der

„Busch" bei Eschweiler , und dieser wurde

an der P um p e von der Straße berührt bzw .

durchschnitten (der Eschweiler Wald heißt heute

noch im Eschweiler Volksmund schlechthin „der

Busch").

Wenn nun hiermit der römische Ursprung dieser

Landstraße - sie geht ganz nach römischer Art

lieber ziemlich steil über die Hänge und den

Rücken des I c h e n b e r g e s , als daß sie den

Umweg durchs Indetal nähme - außer Zweifel

gestellt ist, so ergibt sich eine willkommene Bestätigung

dafür aus dem Jahrhunderte alten Na-

5


6

men S t e i n w e g für die Strecke am „L a n g -

w ahn" , (im Jahre 1626 „uff dem Steinwegh",

der Langwahn erscheint im 17. Jahrhundert in

der Form „1 an c k wagen "). Und wenn wir

weit er erfahren, daß eine Flur westlich der

Straße „Am Aachener Pfad " genannt wird

(Flur 33), so ist uns auch die Richtung gewiesen ,

aus der die Straße herkommt: sie lief von Aachen

über Eilendorf und Atsch - in der Nähe der um

1880 aufgedeckten „Stolberger Römervilla " -

auf Pumpe und Eschweiler zu. Vor der Häuser ­

grupp e S t e i n f u r t vereinigte sie sich mit

einem Wege , der aus dem Vichttal durch Stolberg

lief . Vom Vichttal aus abzweigend geht

unte;r dem alten Namen „Breite bahn" ein

Weg schnurstracks durch den Propsteierwald zur

,,G 1 ü c k s b ur g" und von da mit einem kleinen

Knick auf K i n z w e i 1 e r zu.

Die Straße Aachen-Eilendorf-Eschweiler führt

über den Langwahn, begrenzt die alte Burganlage

(jetzt Krankenhaus) und läuft dann über

die Inde durch die Mühlenstraße-Kochsgasse­

Jülich er Straße (früher Poststraße) auf D ü r -

w i ß zu. Schneider läßt sie dann über Fronhoven

nach A 1 d e n h o v e n gehen . Vor Pützdorf bei

Aldenhoven heißt ja der Weg noch Heer -

s t r a ß e oder geradezu R ö m e r s t r a ß e ; aber

der Hauptzug der Straße muß doch geradeaus

nordwärts nach J u 1 i a cum (Jülich) gegangen

sein. Nicht bloß der Aldenhovener Weg, sondern

auch die Jülicller Straße ist uralt . In einer Urkunde

vom Jahre 1466 bei Strange , Beitrag

zur Genealogie der adligen Geschlechter, Bd . 8,

S. 73, heißt es: ,,up dewe A 1 den h o ver

w e g e dry morgen in up der herstraißen by dem

Lande Oeverbach ouch dry morgen" , und aus dem

Jahre 1476: ,,In Fr oenh ov er v el de an des

herzonegen nuyn morgen gelegen , dae die h e r -

s traß e durchgeit" (vergleiche : Pick , Zeitschrift

des Aachener Geschichtsvereins , Bd. 6,

S. 110 und auch Beiträge zur Geschichte Eschweilers

, Bd. 1, S. 81 und 280).

Diese H e e r s t r a ß e führt e durch A 1 t -

E s c h w e i 1 e r und wurde von einer anderen

Straße geschnitten. Die römische Siedlung und

der spätere Königshof Karls des Großen (fundus

regius) gegenüber der Pfarrkirche St. Peter und

Paul bedingten an sich schon eine Verbindung

mit dem umliegenden Straßennetz . Die an jener

Siedlungsstelle und der Kirche durchziehend e

„D ü r e n e r S t r a ß e" w eist schon durch ihr e

alte Bezeichnung, daß sie nicht allein eine lokal e

Bedeutung hatte; denn auf älteren Katasterkarten

heißt dieser Str aßenzug zwischen

R ö h e und A 1 t - E s c h w e i 1 e r aus drückli ch

,,St r aß e v o n Aachen auf E s c h w e i -

1 e r und D ü r e n ". Die Stra ße lief frü her und

auch heute noch über Vor weid e n. Durch das

heutige Düren ging keine römische Stra ße. Nur

in unmittelbarer Nähe zogen mehrer e Straße n,

z. T. sicll kreuzend, vorbei. In einer Urkunde

aus dem Jahre 973 wird eine Straße nach Aach en

erwähnt: via que prope Miluch wi lre

(Mariaweiler) trans Ruram ad Aquisgra ni tencht

(Lacomblet, Niederrh. Urkund enbwch, Bd. 1,

no. 114). Man vermutet, daß die Straße von hie r

aus über E c h t z , L u c h e m , B ur g F r e n z

auf W e i s w e i 1 e r zu lief, von wo ein anderer

Arm die Inde abwärts über I n d e n , A 1 t -

d o r f , K i r c h b e r g nach J ü 1 i c h füh rte .

Das Stück Eschweiler-Röhe vermute t P i c k in

der Richtung der heutigen Hehlrathe r Str aße.

Man nahm nämlich an, daß dieser Weg jünge ren

Datums sei - Eschweiler -,, Dreieck "- Röhe.

Diese Annahme wird aber durch die vorh in festgestellte

Tatsache - ihr Vorkommen auf alten

Katasterkarten - widerlegt .

Dieser sogen annte Hehlrather Weg muß aber

auch schon in römi scher Zeit bestand en haben:

denn im Jahr e 1904 wurde ein aus mehreren

Lagen Kies bestehender, etwa 4/1/2 Meter breiter

Damm etwa ein Meter unter dem h eutigen

Niveau bei Kanalisierungsarbeiten fr eige legt.

Der Weg nimmt aber seine Richtung nich t nach

R ö h e selbst, sondern auf K i n z w e i 1 e r zu

und schneidet am östlichen Ausgang Röhes einen

anderen alten Weg, der in Röhe selbst unt er dem

Namen „Sträßchen" , im Felde str eckenweise

als „ G r ü n e r W e g" nach D ü r w i ß

läuft und von da auf W e i s w e i 1 e r zu sich

fortsetzt. Daß dieser Weg eine alte Verkehrsstraße

gewesen ist, zeigt die Tatsache , daß hier

das alte „Gasthaus" stand (die Stelle heißt im

Volksmund noch heute „Im Gastes c h").

Von dem langgestreckten, in südnördlicher Richtung

verlaufenden Dürwiß geht (weiter nördlich)

ein zweiter, alter Weg nach Weisweiler,

der sich unmittelbar vor dem Ört mit ersterem

vereinigt. Der Weg heißt in Dürwiß die ,,,G r ü n -

s traß e" und bei Weisweiler „Gerichts -

w e g" (so schon auf einer Katasterkarte aus

französischer Zeit) . Eine Stelle in unmittelbarer

Nähe des Weges und des sogenannten Burgackers

trägt die Bezeichnung „am Gericht " und

„am Galgen ", ein Zeichen , daß es sich um alte

Wege handelt .


Eschweile rs nächs te Umgebung muß übrigens

auch auf dem rechten Ufer der Inde einen mit

der Esch weiler -, Weisweilerstraße (Dürener

Straße) parallel laufenden Weg besessen haben,

der - etwa bei Bergrath von der schon besprochenen

Straße abzweigend - in Richtung Nothberg

- Hücheln -Wilhelmshöhe usw. lief. Hinter

Nothberg , schon jenseits der Weisweiler Gemeind

egrenze, taucht der Flurname „Auf den

P 1 a t t e n" auf, wahrscheinlich eine Erinnerung

an die Steinlag e des Römerweges. Weiter westlich

von dem Wege Weisweiler-Heistern findet

man auf der schon erwähnten französischen Katasterka

rte die Bezeichnung K a 1 c h bahn

(cllemin dit Kakhbahn) . Kalksteinbrüche sind in

der Näh e nicht vorhanden. Es ist daher zu vermuten

, daß der 1'i° r me aufzufassen ist als Seitenstück

zu der lat ei:rusch-romainischen Bezeichnung

via calcia ta ( = Straße mit Kalkstein gepflastert).

Aus calcia ta (mit ausgelassenem via) ist das

französisch e C h a, u s s e e entstanden.

S c h n e i d e r bezeichnet in seiner Übersichtskarte

(Zeit schr ift des Aachener Geschichtsvereins,

Bd. 14) einen von Eschweiler in Richtung

Kinzweil er laufend en Weg. In Kinzweiler kommen

noch mehrere alte Wege außer der schon

erwähnten „Breiten Bahn" zusammen: einer

läuft in westöstlicher Richtung von St. Jöris über

Kinzweiler nach Lohn und weiter nach Inden.

In nordöstlicher Richtung stand und steht Kinzweiler

in Verbindung mitP ü t z d o r f-(Aldenhoven)-Jülich.

Die Flur zu beiden Seiten des

Kinzweiler - Pützdorfer Weges trägt bei erstgenanntem

Ort (am Merzbach) die Bezeichnung

„auf dem Landwege ", weist also auf eine Straße

allgemeinerer Bedeutung hin. Ein anderer Weg,

jetzt zum Teil Chaussee, verband in nordwestlicher

Richtung Kinzweiler mit Geilenkinchen

über Warden, Hoengen , Oidtweiler, Baesweiler ,

Beggendorf. Über Geilenkirchen lief eine rö-•

mische Straße Roermond-Heinsberg-Geilenkirchen-Aachen.

Man mag im einzelnen über dies oder jenes

Glied des hier aufgezeigten Wege- und Straßennetzes

urteilen wie man will, die e i n e Tatsache

wird unbestreitbar stehen, daß die ganze

Gegend rings um Eschweiler - genau so wie

das Dürener und Jülicher Land (für den Kreis

Düren ist es durch die Forschungen S c h o o p s

erwiesen) - außerordentlich dicht besiedelt war;

und wo Siedlungen sich befanden, muß auch ein

weit verzweigtes Straßen- und Wegenetz vorhanden

gewesen sein.

NEBEL

Sprechen die Menschen des Aachener Landes

vom Winter 1958/59, dann wird gemeinsames

Hauptthema der dichte und langanhaltende Nebel

in den Monaten Januar und Februar sein. Selbst

die ältesten Leute wissen sich nicht an ein nur

ähnliches Wetter zu entsinnen. Einige Wochen

schienen wir auf der britischen Insel zu leben ,

die für ihr Nebelwetter bekannt und berüchtigt

ist. Der Verkehr kam fast zum Erliegen. Viele

Fahrzeugbesitzer wechselten ihren Wagen mit

einem Verkehrsmittel. Eisenbahn, Straßenbahn

und Busse brachten die Berufstätigen mit Verspätung

an ihr Ziel. Unfälle konnten in dieser

,,Waschküche" nicht ausbleiben .

Aber Naturfreunde und Kinder entdeckten in

diesen Tagen Schönheiten , die sich uns sonst

höchst selten und dann nur für einige Stunden

bieten. Tagelang verzauberte Rauhreif.die Bäume

und Sträucher in eine Märchenlandschaft ; denn

außer dem Nebel herrschte auch eine anhaltende

Kälte.

Unser Bild zeigt die St.-Sebastianus-Kirche in

Würselen an einem der im Januar typischen

Nebeltage.


8

HAUS EYNRODE IN HERZOGENRATH

Von Jakob Steinbusch

Neben dem Herzogenrather Pfarrhaus und der

Kaiserlichen Bannmühle ist Haus Eynrode, das

aUJCh. in alten Urkunden Cockemer Hof genannt

wird, eines der ältesten Häuser des Burgstädtchens.

Wann es entstanden ist, entzieht ,sich unserer

Kenntnis, vielmehr ist sein Ursprung in

geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Fest steht aber,

daß seine Geschichte und seine Geschicke sehr

eng mit denen der alten Abtei Klosterrath verknüpft

sind.

in ihm wohnte. Unter recht tragischen Umständen

wechselte Haus Eynrode in der Folgezeit

öfters seinen Besitzer, bis es am 23. 12. 1908 in

das Eigentum der katholischen Pfarrge meinde

St. Marien überging, die es nun schon ein halbes

Jahrhundert besitzt und dort eine klöst~L

liehe Niederlassung gründete, deren Schwes tern

sich in selbstloser Hingabe der Kranke npflege

und der Betreuung der Waisen und alte n Leute

widmen.

Haus Eym:ode wird in einer Aktennotiz aus dem

18. Jahrhundert als „das schönste Haus der Stadt

hinter der Kirche" bezeichnet. Der Name Cockemer

Hof ist im Volksmund gänzlich erl oschen,

auch die Bezeichnung Eynrode ist <lunch den

heutigen Namen „St. Josefskloster" fas t vollkommen

verdrängt worden. Der Name Eynrode

hat aber geschichtlichen Wert, kündet uns doch

seine Endsilbe, daß dieses Gut wahrsch einlich

in der Zeitepoche entstand, in der man die gewaltigen

, fast undurchdringlichen Waldungen

auf der linken Wurmseite zu roden und damit

für das Kulturleben zu erschließen begann.

In der ältesten Zeit war Haus Eynrode ein Erbund

Zinsgut von Kloster Rode ( dem heutigen

holländischen Rolduc) und unterstand ursprünglich

dem abteilichen Lehnshof. Es · gehörte zu

dem uralten . Honthover Lehen, das bereits in

den ältesten Jahrbüchern der Abtei Klosterrath

erwähnt wird. Anfang des 16. Jahrhunderts wird

bezeugt, daß Haus Eynrode zur königlichen

Mannkammer Herzogenrath lehnsrührig war.

Der heutige Bau geht in seinen ältesten Bestandteilen

auf das 16. Jahrhundert zurück , wie

uns ein über dem Portal eingelassener Keilstein

mit der Jahreszahl MD X X (1520) künd et.

Der Name Eynrode stammt, wie angenommen

wird, wahrscheinlich von den Freiherren von

Spies, die damals über 100 Jahre lang Inhaber

der teils unter Vaals, teils im Herzogtum Limburg

liegenden Herrschaft Eynrode waren. Nachher

treffen wir den Hof im Besitz des Kirchrather

Schultheißen Noel Bombaye an, der aucll

Jm.Märi

Geh' ich am frühen Morgen aus,

Gleich grüßt die Amsel vor dem Hau s.

Es riecht nach Lenz, es riecht nach März,

Der gießt mir neuen Mut ins Herz.

Noch füllt kein Blütentraum die Bäume ,

Noch streift ein kalter Hauch die Räurne ,

Doch füllt das helle Morgenlicht

Die Welt mit Kraft und Zuversicht.

Wo jüngst, bedeckt mit harten Krust en

Des Schnees , die Gräser frieren mußten,

Da regt sich's schon, und zartes Sprossen

Webt allenthalben, lichtumfiossen.

Wie oft zur Winterszeit, wie oft

Hab ' ich auf diesen Tag gehofft!

Nun ist er da, will heilen, wärmen. -

Die Stadt erwacht, die Spat zen lärmen.

Friedrich Schnorrenberg


9

EI N ALTER STOLLEN ERZÄHLT . ..

In verborgenen Waldtälern unserer Heimat liegen die letzten Zeugen einer einst lebhaften Eisenindustrie

Von Jörg Kleinen

Bergb au und Indust rie, dichte Besiedlung und

ein lebh aft er Verkehr prägen das Bild des

Großteils des Landkreises Aachen . Wenden wir

uns den zur Eife l hin ansteigenden Wäldern und

Tälern zu, so wird es einsam und still längs des

Wege s. Nur der Bussard zieht über den weiten

Fors ten seine Kreise. Und doch herrschte auch

hier ein mal geschäftiges Treiben: in den Wäldern

rau chten die Kohlenmeiler, Bergleute trieben

in mühsam er Arbeit tiefe Stollen in die

Felsen häng e, u~'a an den Bächen ratterten die

Eisenhä mmer. Aber gegen Ende des 19. Jahrhunder

ts ver stummte n die alten Eisenschmieden

, erlo schen die Schmelzöfen in diesen Revieren

, und der Wald nahm wieder alleinigen

Besitz von den Tälern. Viele der alten Stollen

,sind heute verfallen , und was der Zerstörungsarbeit

der Jahrhunderte standhielt, liegt so versteckt

in den Wäldern, daß der Unkundige nur

dur,ch einen seltenen Zufall den Weg dorthin

findet. Im Talkessel bei Zweifall und im Wehebach

tal oberhalb Schevenhütte sind noch einige

wenige alte Stollen erhalten. Geheimnisvolles

Dunkel gähnt aus den schmalen Öffnungen, die

sich hinter dichtem Gesträuch verbergen. Manche

dieser Stollen und „Höhlen" haben im Kriege

seit langer Zeit wieder einmal Menschen gesehen;

andere , in die längst schon das Wasser

aus dem Berg eingedrungen ist oder deren Zu-­

gang bis auf einen schmalen Spalt verschüttet

ist, hat gewiß seit Jahrhunderten keines Menschen

Fuß mehr betreten . Totenstille herrscht

in diesen nachtschwarzen Felsengängen ; nur

wenn die Wassertropfen fallen, lauscht man gebannt

dem Echo aus der schweigsamen Finsternis

, die der Schein der Taschenlampe nur mühsam

erhellt.

Nur zögernd geben die verlassenen Stätten einstigen

menschlichen Fleißes ihre Geheimnisse

preis, und die Überlieferungen aus den ersten

Jahrhunderten der uralten Eifeler Eisenindustrie

sind so spärlich, daß wir uns mit einem allgemeinen

Überblick begnügen müssen.

Zweifelsfrei steht fest, daß bereits die Römer

in der Eifel Eisen abgebaut und geschmolzen

haben; es ~t )e_doch nicht anzunehrpen, daß von

da an eine ununterbrochene Tradition dieses Gewerbes

bestanden hat. Nur in den alten Schmiedefamilien

wird sich hier und da über Generationen

das Wissen um die Kunst, Eisen abzubauen und

zu verarbeiten, erhalten haben.

Die früheste schriftliche Dokumentation über

die Gründung eines Eisenwerkes im Aachener

Land stammt aus dem Jahre 1503, und zwar in

einer Schöffenurkunde vom 1. März über die

Errichtung einer Hütte in Friesenrath . Vermutlich

datieren die Anfänge der Nordeifeler Eisenindustrie,

die sich im Kreis Schleiden am weitesten

zurückverfolgen läßt, noch mindestens

200 Jahre früher, d. h. im 12. oder 13. Jahrhundert.

Jedenfalls hatten siJCh im Gebiet der nordwestlichen

Eifel - auch die Südeifel verfügte

über ansehnliche Erzvorkommen - schon damals

zwei geographisch und zunächst auch wirtschaftlich

voneinander getrennte Räume herausgebildet

, die bis zuletzt Mittelpunkte einer zeitweise

blühenden Eisenindustrie gebildet haben :

und zwar die Dreiecke, die einerseits Urft , Olef

und obere Kyll im Schleiden er Land und ande-

Alte Eisenberg-,, Höhle" in einem Seitental der We ißen Wehe


10

rerseits Vkht, Wehebach und Kall im waldreichen

Grenzgebiet der heutigen Landkreise

Aachen, Düren und Monschau miteinander bil ­

den. Als drittes Gebiet kam der Ober- und Mittellauf

der Rur hinzu.

Unsere heutige Betrachtung soll sicli nun ausschließlich

mit den im Aachener · Wirtschaftsraum

gelegenen Eisengebieten an Vicht und

W ehebach befassen, wo noch heute zahlreiche

Ortsb ezeichnungen, so Mulartshütte, Junkershammer

, Neuenhammer und Platenhammer ,

Stollenwerk, Henneswerk, sowie Schevenhütte

und J oaswerk auf das einstige Vorhandensein

von Eisenhütten und -hämmern hinweis en. In

Zweifall und Vicht haben mit Sicherh eit schon

in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts

eisenindustrieelle Niederlassungen bestanden.

Ein Vergleich der Ortsnamen mit ihrer Lage an

Hand der Karte macht uns sogleicli klar, wieso

es in diesem Raume zur Entwicklung einer für

damalige Zeiten erstaunlichen Eisenindustrie

kommen konnte: neben den Erzvorkommen bildeten

die großen Waldgebiete und die strömungsstarken

Gebirgsbäche die Grundlagen für das

Nordeifeler Eisenhüttenwesen. Daß in diesem

Raum Eisenvorkommen zu finden sein mußten ,

dürften dem Kundigen schon in frühester Zeit

die rotbraune Färbung mancher Waldbäche unserer

Heimat, etwa des Solchbaches bei Zweifall

oder der stark eisenhaltigen Roten Wehe verraten

haben. Zunächst hat man die bodennahen

Erzlager wohl im einfachen Übertageverfahren ,

später dann auch in runden, mit Astreifen primitiv

ausgekleideten Schächten, wie sie heute

an versteckten Stellen noch ganz vereinzelt zu

finden sind, ausgebeutet. Die oft tief in die

Felsenberge hineingetriebenen, knapp mannshohen

Stollen gehören wahrscheinlich einer jüngeren

Periode an, in der die Erznachfrage sich

steigerte und einen · ergiebigeren Abbau erfor ­

derte; immerhin a~e~ werden die ältesten unter

ihnen trotzdem auf das ehrwürdige Alter von

500 Jahren zurückblicken können.

Da im Mittelalter ·Bergfreiheit herrschte, konnte

jeder Landeigentümer ohne weiteres mit dem

Erzabba,u beginnen, wann und wo es ihm beliebte

. Die sogenannten „Plackenberechtigung",

d. h. das Recht, auf dem eigenen A'.cker nach

Erzen zu schürfen, ist ein bezeichnender bergrechtlicher

Begriff aus jener Zeit. So kam es,

daß viele Einheimische schon sehr früh auf

eigene 'Faust begannen , im Eisenerzbergbau ein e

neue oder eine • Erweiterung il~ er bisherigen

Existenzgrundlage zu suchen. Infolge der bergmännischen

Unerfahrenheit der Unterne hmer und

der Zersplitterung des Abba,ues in winz ige Betriebe

hielten diese Versuche zwar bei weitem

nicht das , was sie versprochen hatten ; aber die

Eisenindustrie stellte allmählich für die verarmte

Bevölkerung eine sozialpolitis,ch wichtige

Erwerbsquelle dar und wurde zu einem bodenständigen

Wirtschaftsfaktor.

Allerdings ging man beim Erzabbau bis in di'

letzten Jahrzehnte hinein völlig plan- und regellos

vor . Wairen ein bodennahes Lager, ein Schacht

oder ein Stollen erschöpft oder kam das Grun d­

wasser zu Tage, so stellte man die Suche ein

und begann an einer anderen Stell e von neuem,

obgleich die kostspielige Arbeit an den alt en Anlagen

sich eigentlich kaum gelohnt hatte und

eine intensivere Suche oder das Abpump en des

Wassers , wie man bei späteren Untersu chung en

feststellte , mit Sicherheit größere Vork ommen

erschlossen hätte . Erst beim Stoll enabbau ging

man verhältnismäßig spät und auch dann nur

selten dazu über, Querstollen zur Ableitu ng des

Wassers schlagen zu lassen. Da die Felsengänge

meist sehr schmal waren und somit am Kopf

nur ein, höchstens aber zwei _Mann gleiclizeitig

Erzgestein brechen konnten, wird der Vortrieb

im allgemeinen nur langsam vor sich gegangen

sein. Die noch vorhandenen Felsenhöhlen lassen

allerdings darauf schließe n, daß hier von mehreren

Arbeitskräften zugleich der Angriff gegen

den Berg begonnen wurde. Unser Foto (Seite 9)

zeigt den schwarzgähnenden Eingang zu einer

solchen „Höhle" in einem Seitent älchen des Weißen

W ehebachs oberhalb von Schevenhütte, in

der vermutlich jedoch in erster Linie Schiefer

gebrochen wurde.

Die notwendige Weiterverarbeitung des Erzes

hat neben den „Bergtreibern", wie man die Abbauleute

nannte, eine Reihe zunftverwandter ,

oft jahrhundertelang in den Familien wiederkehrender

Berufe entstehen lassen, die mit der

heimischen Eisenindustrie auf Gedeih und Verderb

verbunden waren: die Köhler, Kohlenmesser,

Steinmesser , Aufgeber, Schmelzer, Kleinschmelzer,

Hammerknechte, Hammerschmiede ,

Hamm ermeister, Poch.er und schließlich die Hüttenmeister,

auch „Reitmeister" genannt, in deren

Händen die Verhüttung des Eisens und der­

Handel lagen. Der Umstand, daß die Erzgewinnung

und die Eisenverarbeitung sich während

der ganzen Periode der Nordeifeler Eisenindustrie

in verschiedenen Händen befanden - erst im

t I.


18. und 19. J ahrhunderts

kam es vere inzelt zum

Grub enkonze1SSionserwerb

durch Hütten besitzer -,

hat die Rentabilität dieser

Untern ehmen immer beeinträch

tigt. Er zwang dle

kleiner en Bergleute, Häfu.­

mer und Hütten dazu,

sich zu lockeren Wirtscllaftsg

emeins chaften, den

,,Gew erken" zusammenzuschli

eßen, die vor allem

die Schmelzöf en umschichtig

betri eben . Da man in

der Mitt e des 15. Jahrhunderts

von ,den „Rennöfen",

die der direkte n ,, tBchmiedeeisenhers

tell ung dienten,

zu den sechs bis neun Meter

hoh en, aus Bruchstein gemauerten und mit

gebrannt em Lehm ausgekleideten „Hochöfen"

überging , die bis zum Erreichen der nötigen

Temperat ur oft eine ganze Woche lang „angeblasen'

.' werden mußten, dafür aber die weitere

Märk te eröffnend e Scheidung in Halb- und

Fertigfabrikate möglich machten, lag es im

Interesse der Anlieger, den Ofen möglichst

lange ununterbrochen in Betrieb zu halten und

unter genauer Kostenabrechnung • reihum zu

beschicken.

Ehe ein Hochofen angeblasen werden konnte,

mußte zunächst der nötige Brennstoff, die Holzkohle,

aus den einsamen Meilern der umliegenden

Wälder herbeigeschafft werden. In sogenannten

„Kohlkörben" , hohen Zweiradkarren,

die von Ochsen, oft auch von einem Mann gezogen

und von einem weiteren begleitet wurden

und an deren hinterem Ende immer ein mit

Wasser gefüllter Eimer zum Löschen noch glühender

Holzkohle hing, wurde das kostbare Material,

dessen Verknappung später mit zum Untergang

der Eisenindustrie in der Nordeifel beitrug,

herangebracht. Dann bestiegen die „Aufgeber"

das um den Ofen errichtete Holzgerüst,

die „Höttekeu" und zogen die eisernen Tröge und

die Körbe hoch, die die „Stein"- und „Kohlenmesser"

mit Erz bzw . mit Holzkohle füllten. Im

Inneren des 'Ofens wurden die beiden Materialien

dann fachgerecht geschichtet, und das Anblasen

konnte beginnen. Die Holzkohle wurde

entzündet und durch ein wassergetriebenes Gebläse

zu hoher Glut entfacht.

Alte Eisenhämmer bei Vicht: P!at ~nhammer (r) und Neuenhammer fl)

Der Wasserantrieb des Gebläses machte das

Hüttenwesen völlig von der Wasserführung der

Bäche abhängig . Frost, langanhaltende Dürren

oder Hochwasser legten oft die gesamte Eisenverarbeitung

für Wochen und Monate still . Daher

rührt es, daß die N ordwesteifeler Eisenindustrie

nie über das Stadium eines Saisongewerbes

hinausgekommen ist. So berichten uns

alte Akten, daß beispielsweise die Schevenhütte

am 26 .. Januar 1729 „wegen allzu großen Wassers

ausgegangen ist" .

War nun das Eisen im Ofen flüssig geworden,

so sti eß der „Schmelzer" mit einer eisernen

Brechstange den hartgebrannten Lehm des Abstichloches,

den „Rempel" ein , und die „Gueß"

strömte durch eine Rinne in die Lehmformen,

wo das Metall zu sogeniannten „Gängen" abkühlte.

In der „Frühschmiede" erhitzte man das

Metall nochmals und verwandelte es unter Verminderung

des Kohlenstoffgehaltes zu schmiedbarem

Eisen. Sobald von der „Gänge" ein fester

Klumpen abgeschmolzen war, schleppte ihn der

Hammerknecht auf einer schweren Eisenschaufel

zum Hammer, der nach einer ganz einfachen

Methode arbeitete: An einer Achse, die dmrll

ein Wasserrad in Rotation versetzt wurde, waren

vier Daunen angebracht. Sie nahmen den Hammer

auf und ließen ihn .fallend auf einen schweren

Block niedersausen, auf dem das glühende

Eisen lag . So wurde alle Schlacke, die später in

den Pochwerken, auch „Schirrmühlen" genannt,

zu Asche zermahlen wurde, aus dem gefügigen

Metall hera~sgepreßt. Die dadurch entstandene


12

„Luppe" wurde mit großen Zangen noch einmal

ins Wärmefeuer gehalten, erhitzt und dann

schließlich unter dem Hammer zu Stabeisen

,,gereckt". Den Kleinschmelzern und Hammerschmieden

oblag die weitere Verarbeitung des

Eisens; vom Eisenkessel bis zum Zimmerofen

und vom Fortifikationsmaterial für das Bauhandwerk

bis zur Karrenachse entstammten fast

alle haus- und landwirtschaftliclien Gebrauchsgegenstände

aus Eisen der einheimischen Erzeugung.

Ein besonder es Zeugnis von der hochentwickelten

Kunstfertigkeit dieses Gewerbes stellen

die eisernen Ofenplatten, ,, Takkenplatten"

genannt, dar.

Wenn -auch die Nordeifeler Eisenindustrie im

16. und 17. J!ahrhundert gewiß mancheBeFeicherung

durch das Eindringen wallonischer und

niederländischer Fachleute in die Betriebe erfahren

hat, so ist es doch keineswegs gerechtfertigt,

diesen Zuwanderungen umwälzende

Neuerungen zuzusprechen; denn die einheimische

Zunft konnte bereits auf eine fast 200jährige

Tradition zurückblicken, als im 16. Jahrhundert

die erste große Blütezeit der N ordeifeler Eisenindustrie

begann.

Schon 1525 bekamen die Eisenhütten in der

Vordereifel, also an Vicht und Wehebach , die

ersten Aufträge zu Munitionslieferungen ,an die

Regierung. Am 22. 10. 1536 gibt der Herzog von

Jülicll „200 ysere loeder (Eisenkugeln, vermutlicli

= ,Lader') zu eyner slangen (Feldschlange) "

in Auftrag. 1540 läßt er beim Dollartzhammer

im Stolberger Gebiet eine eigene Eisenhütte errichten,

zu deren Betrieb er „Walen", wohl Wallonen,

anwerben ließ. In der Gressenicher Gegend,

die zur Reichsabtei Cornelimünster gehörte,

wurde 1590 Jan der Wal, vermutlich ebenfalls

ein Reitmeister wallonischer Abstammung

oder Herkunft, als der bedeutendste Besitzer von

Eisenhütten und -gruben genannt. Da das Eifeler

Eisenerz seit jeher von der Lüttich.er Waffenindustrie

besonders begehrt war, werden die

wirtschaftlichen Beziehungen zum benachbarten

wallonischen Gebiet manche dort ansässigen,

kapitalkräftigen Fachleute bewogen haben, ihr

Glück in der vielverprechenden Nordeifeler

Eisenindustrie zu versuchen.

Um 1600 beginnen allerdings die friedlosen

Folgejahre des Jülitch-Clevischen Erbfolgestreites

auch den Eifeler Hütten Schwierigkeiten zu bereiten.

Trotz ihres burghaften Charakters werden

die Eisenhütten häufig von umherschweifendem

Gesindel heimgesucht. So beklagen sich die

Pächter des Dollar tzhammers 1593 dar übe r , daß

sie sich nicht mehr getrauten, nacht s auf der

Hütte zu bleiben; denn Räuber halten „bei der

nacht rings umb den hammer.in den hecken und

b':1schen ihre gemeine beihkompsten (Zusammenkünfte)".

Der nachfolgende 30jähr ige Krieg läßt das Land

nun eigentlich überhaup t nicht mehr r ichtig zur

Ruhe kommen. Simo n Kremer aus Zweifall ,

Teilinhaber der dortig en Kronenhütt e, der aw

24. 5. 1622 eine Hütt enk onzession im Kallbachtal

erwirbt, erbaut dort als Zeugni s von der

kriegerischen Unruhe jener Zeiten die heute

noch bestehende „Burg", das Zentrum des Dörfchens

Simonskall.

Nach dem 30jährige n Kriege wird die aus dem

Limburgischen stammende Familie Hoesch zur

bedeutendsten Eisenindustriellenfamili e im Raum

der Vordereifel. J eremias Hoesch gründet Anfang

des 17. Jahrhunderts eine Kupf ermine im

Stolberger Tal; sein Sohn Jeremias der Jüngere

übernimmt die größeren Vichttaler Hütten, von

denen der Junkershammer bis zuletz t im Besitz

der Familie verbleibt. Als sich Mitte des 18. Jahrhundertsder

Niedergang der Vichttaler Eisenindustrie

anbahnt , verlagert der dort ansäss ige Zweig

der Familie die Schw erpunkte seines industriellen

Unternehmertums in den Dürener Raum,

wo er Schneidmühlen und Walzwerke begründet

hat und sich später dann auch der Papierindustrie

zuwandte.

Während die Franzosenzeit der Nordeifeler

Eisenindustrie nach anfänglichen Kriegszerstörungen

und Betriebsstillegungen Ende des

18. Jahrhunderts durch die Öffnung der westlichen

Märkte und 1810 dunch das Napoleonische

Berggesetz, das mit der Trennung von Bergwerks-

und Grundeigentum dem echten Unternehmergeist

neuen Auftrieb gibt, eine zweite

Blütezeit beschert, ist im Vicht- und Wehetal

der Untergang der Hütten und Bergwerke nicht

mehr aufzuhalten. Nur die 1783 gegründete

Eisenhütte in Sehmithof, die als erste im Lande

mit einem Zylindergebläse a~gestattet und damit

von der Wasserkraft unabhängig war, schien

dem Aachener Land ein erneutes Aufblühen des

uralten Gewerbes zu verheißen; doch mußte

auch sie in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts

ihren Betrieb einstellen, weil die Holzkohle,

,,die Seele unserer Eisenwerke", wie die

Vichttaler Interessenten sie 1756 einmal in einer

Eingabe an die Regierung genannt hatten, fehlte.

Sehmithof hatte übrigens mit der Herstellung


13

von Dampfm asch inen erstmals den Schritt zur

indust riell en Groß produktion getan.

Der Holz kohl ema ngel ist einer der Faktoren, die

entsch eidend zum Untergang der jahrhundertealten

Eif eler Eise nindustrie beigetragen haben.

Er äuß erste sich im Aacllener Land vor allem

in einem heftige n Kampf, den die Zunft der

Kup fermeist er, d. h. die Stolberger Messingindu

strie, die zu einem wirtschaftlichen Marktfakt

or geworden war, seit Mitte des 18. Jahrhund

erts um die in Händen der benachbarten

Eisenhü tten befind lichen „Kohlzirkel " führte.

Takken platte mit W ap p en

Währ end im Mittelal ter der Holzreichtum der

Wälder unerschöpflich schien und von den Territorialh

erren jede Eisenhütte als Abnehmer der

brachli egenden Holzmassen freudig begrüßt

wurde, trieb der wachsende Bedarf die Preise

im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer

mehr in die Höhe . Die zahlungskräftigere Konkurrenz,

nämlich die Kupferleute, schlug aus

diesem Umstand ihre Vorteile zu Ungunsten der

technisch vielfach rückständigen und wirtschaftlich

schwächeren Eisenhütten. Eine Reihe endloser

Prozesse um die Holzkohleberechtigung be-

gleitete den Todeskampf der Eisenwerke, die

immer wieder unterlagen. Hierzu trug allerdings

bei, daß die Reitmeister oft bei der Obrigkeit

ihr Gesicht verloren hatten. Man hatte sie früher

vielfach nicht nur zu Berggeschworenen, sondern

auch zu Forstaufsehern gemacht ; die Hüttenmeister

verstanden es jedoch niclit alle , sich

dieses Vertrauens würdig zu erweisen und trieben

einen schwunghaften Holzhandel mit auswärtigen

Kunden. Schon 1641 mußte die Forstverwaltung

deshalb scharfe Bestimmungen gegen

die Holzausfuhr erlassen .

1'756 verlor der Junkershammer, in dessen Konzessionsurkunde

aus dem Jahre 1646 auch ein

,, Verain zu Conservation des Geweldts (Kohlezirkes

, wohl = Wald") genannt wird, vier seiner

eif Kohlzirkel an die Messingindustrie; 1776

entzieht ihm die Regierung , obwohl er 1760 bereits

einmal teilweise in Konkurs gegangen war,

die r estlichen sieben Versorgungsgebiete in den

Wäldern des Amtes Montjoi; der Sche venhütte,

und dem Joasw erk werden zu dieser Zeit nur

noch 2 1 /s ihrer sieben Kohlzirkel belassen.

Auch die Erzvorkommen sind allm ählich erschöpft

; um 1800 werden die Stollen im Wehebachtal

stillgelegt , und die Schevenhütt e muß

Erz aus anderen Gebieten beziehen , was die

Produktion natürlich verteuert . Bitt er beklagen

sich ihr e Besitz er , J eremias Reidt u. Cie., in

einer Eingab e an den Landrat am 17. 1. 1831

über die scharfen Sicherheitsb estimmungen der

preußischen Bergb ehörd en, die u. a. auch die

rund en, mit Astr eifen ausgekleideten Schächt e

zun ächst verbot en und den Bau vier eckiger, mit

Bohlen ausg ezimmerter und damit wes entlich

kostspi elig er er Sch ächt e verlangten. Eine gemeinsame

Eing abe der Besitz er von Junkershammer

und Sche venhütte an das Bergamt Düren

vom 12. Novemb er 1829 bewirkte erst später

eine Lockerun g der Bestimmungen durch die

preußischen Bergbehörd en, deren wohlgemeinte

Neu erung svorschläg e in den Wind geschlagen

wurden. In jener Eingabe von 1829 heißt es

wörtlich: ,,Der Eisenstein findet sich nicht in anhaltenden

beträchtlichen Lägern und hat wenig

Wert wegen des geringen Eisensteingehaltes . Er

muß also auf die wohlfeilste Art gew onnen werden

, damit die Förderung nicht ins Stocken gerate.

Sonst müß_ten die Hütt en kaltliegen und

könnten mit ander en Hütt en nicht konkurrieren.

Viele Familienväter sind im Konzessionsfelde

Diepenlinchen und Cornelimünster beschäftigt,

dem Erze nachzugraben und können nur nach


14

mehreren Versuchsschächten zu einiger Gewinnung

kommen. Sie müssen jetzt dieses Gewerbe

liegen lassen, da sie bei den viereckig gezimmerten

Schächten unmöglich. etwas gewinnen

können. "

Neben dieser Anklammerung an überholteAbbauund

Verarbeitungsmethoden und dem Holzkohlemangel

bildeten die schlechten Wegeverhältnisse

einen weiteren Nachteil, der sich allerdings

in der Vordereifel nicllt so stark bemerkbar

machte wie etwa im Kall- und Rurtal oder

im Kreis e Schleiden. Finden wir doch in der

Vordereifel eine der ganz wenigen noch erhaltenen

Eisenstraßen der Eifel, den sogenannten

„Rennweg", der von Schevenhütte bzw. einer

Abzweigung am J oaswerk durch den weiten

Hochwald nach Gey führt und auf der anderen

Seite des Wehetals durch den Gressenicll.er Wald

nach Mausbach und Vicht Anschluß fand.

Unter dem Einfluß d!is wachsenden englischen

und belgischen Marktes und der schwedischen

Erzeinfuhren • kam die Eifeler Eisenindustrie

in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum

Erliegen. Um 1870 wurden die letzten Öfen im

Vicht-und Wehetal, die mit den modernen Kokshochöfen

von Eschweiler und Rothe Erde nicht

mehr konkurrieren konnten, ausgeblasen. Eine

mehr als 500 Jahre alte wirtschaftliche Entwicklung

h!atte damit ihr Ende gefunden. Die Reste

der Hütten, die alten Stollen und Schächte in

den Wäldern und Tälern unserer Heimat gehören

einer schweigsamen, aber hochinteressanten

Vergangenheit an.

WER KENNT

DEN LANDKR EIS AACHE N?

Unsere Heima t ist schön. Beweisen das nicht auch

diese vier Bild er, die mehr ausz udrücken vermögen

als seitenlange Abhandlun gen?

Aber wo wurden dies e Aufnahm en gemacht? Diese

Frage richten wir an alle unse re Leser und bitten,

die Antwort auf einer Postk arte ( genaue und lese r­

liche Anschrift erbeten!) bis zum 15. Mai 1959 zu

richten an die

Schr iftleitung der Kreisheimatblätter

Aachen , Zoll ernstra ße (Kreishaus).

Die Lösung soll led iglich enthalten

0 die Namen der Gemein den , in denen die

Aufnahmen e·,itstan den sind,

0 eine kurze Darstellung der Bilder .

BEISPIEL :

Bild oben links: Gemeinde Schevenhütte, Dorfstraße

Bild oben rechts: Stadt Eschweil er, Pfarrkirche St. Peter u. Paul

Bild unten links: Gem einde Gressenich, Kranzberg in Vicht

Bild unten rechts: Geme inde Richterich, Feldwe g bei Harbach

Zehn Prei se sind zu gewinnen, nämlich zehn Exemplare

der „Heimatchronik des Land kreises Aachen ."

Bei gleichwertigen Lösun gen entscheidet das Los.

Die Ermittlun g der Preisträger erfolgt d11rch den

Landra t, den Ob erkrei sdirektor und den Hauptschriftleiter

der Heimatblätter unter Ausschluß des

Rechtswege s. Die Lösung und die Nam en der Preis ­

träger werden in Heft 2/1959 beka nntgegeben.

Schr iftleitung

der Heimatblätter

des Landkreises Aachen

DAS WAPPEN

DER GEMEINDE

LAURENSBERG

Laurensberg führt ein in den zwanziger Jahren

entworfenes quadriertes Wappen . Es zeigt: Im

ersten Feld in Silber die in ein rotes Diakonsgewand

gekleidete Gestalt des Hl. Laurentius,

der in seiner Linken einen schwarzen Rost hält

und auf einem grünen Boden steht ; im zweiten

Feld in Gold eine grüne Linde; im dritten Feld

in Blau drei goldene Kornähren nebeneinander;

im vierten Feld in Rot ein blaues Schr ägre chts­

Wellenband.

Der vierfach geteilte Schild symbolisiert im

ersten Feld den Ort Berg mit seinen Namenspatron

, im zweiten die historische Friedhofslinde

als besonderes Wahrzeichen, im dritten die Landwirtschaft

als Haupternährungszweig der Gemeinde

, und im vierten im Wi1dbach die industrielle

Betätigung und den gewerblichen Fleiß .

Das Laurensberger Wappen wurde von Professor

Gustav Grimm e· entworfen und von einer

eigens einberufenen Kommission Laurensberger

Bürger aus verschiedenen Vorschlägen ausgewählt.

Die Genehmigung zur Führung wurde

de.r Gemeinde durch Ministerialerlaß des preußischen

Innenministers ·am 14. August 1928 erteilt .

. ,



Notze it

SCHWARZWILD IM EIFELWALD

Von Hans Benning

Nach einem die ganze Nacht währenden warmen

Gewitterregen ist die Maiensonne hinter den fichtengezackten

Bergen aufgestiegen und strahlt

mit zunehmender Kraft vom blauen Himmel

herab auf den triefenden Bergwald. Die Tropfen

am frischen Buchenlaub glitzern wie Diamanten,

die sprießenden Pfeilspitzen der Gräs er

glänzen wie blankes Silber, und auf allen nassen

Waldwegen kriecht das bunte Volk der schleimigen

Nacktschnecken. überall in den Tälern

schweben leichte Nebelschleier .

Mitten im dicllten Buchenjungwuchs, der den

ganzen Berg überzieht, liegt in einem heimliclien

Fichtenhorst eine starke Bache mit ihren

acht Frischlingen im weicligepolsterten Lager.

Die braungestreift en Frischlinge sind erst wenige

Tage alt und liegen warm und wohlbehütet

bei der Bache. Die schwarzen Teller der

Alten bewegen sich von Zeit zu Zeit ein wenig,

wenn sie irgend ein verdächtiges Geräusch auffangen.

Die Fuchsfähe würde gern einen der zarten

Frischlinge greifen, um damit ihr Geheck zu

füttern, wenn sie nicht die wutentbr:annte Bache

fürchtete, die beim ersten Klageton sofort zur

Stelle wäre, und selbst der Mensch dürfte sich

nicht ungestraft an den Kleinen vergreifen; · denn

in ihrem Zorn ist die Bache eine furch tb are

Kämpferin.

Rundum jubiliert die Vogelwelt , ruft der Kuckuck ,

und im blauen Äther zieht das Bussardpaar seine

Kreise , im Kessel ab er rührt sich nichts. Erst als

der lange Tag zu End e geht, erhebt sich die Bache,

schüttelt den Staub -aus der Schwarte , zieht mit

tiefem Haupt such end in der Nähe des Lagers

umher , wend et mit dem starken Gebrech hier

und da einige Grasplaggen, bricht saftig e Farnkrautwurzeln

aus dem Boden und langt hin

und wieder nach den tiefen Buchenästen , wo sie

das Laub abstreift und es genießerisch frißt .

Trotz ihrer Vertrautheit wirft sie oft auf, steht

für Sekunden still und lauscht. Gewohnheitsmäßig

macht sie das, und nun kommt noch die

Sorge für ihren Wurf hinzu. Aber noch - fehlt

ihr etwas, und sie weiß auch schon, was es ist.

Unterhalb des Buchendickichts haben die Sauen

in den Erlen ihre Suhle. Dort zieht sie hin, und

erst, nachdem sie sich im tonigen Morast gewälzt

und die borstige Schwarte mit dem Schlamm

gründlich; verschmiert und dann an dem Malbaum

gescheuert hat , trollt sie eiligst wieder

zum Lager zurück. Hier bleibt .sie in der Nähe

und lockt mit leisem Grunzen ihre Frischlinge,

die bereits genau die Laute der Mutter kennen .

Nach und nacll kommen die kleinen „Frösche" ,

einer hinter dem anderen , zur Alten hin . Gleich

wollen sie ans Gesäuge, doch die Bache wehrt

ihnen dlie Milchquelle und bricht dafür eifrig


17

den Boden auf. Schnell begreifen die Kleinen,

daß auch dort, wo die Bache ihr Gebrech hat,

etwas Freßbares zu finden ist. Geschäftig und

flink wimm elt es um den Kopf der Alten herum,

und lang sam, Schritt für Schritt, führt sie die

Jugend in den angrenzenden Buchenhochwald,

wo sie auch .sonst das Jahr hindurch ihren Fraß

zu finden weiß. Dort raschelt und knackt, bricht

und knist ert es, die Bache wirft mit gesträubtem

Kam m auf, ,,errr" macht sie und bläst einmal

kurz . Wie der Blitz sind die Frischlinge bei

ihr und drück en S!ich instinktiv zu Boden. Eine

Rotte Sauen kommt durch die Buchen und verhofft

. Eine Zeitlang stehen sie sich abwartend

gegen über , dann aber senken sie ihre langen

Köpfe , die Feder n im Rückenkamm legen sich

wieder an, und die Bürzel, die unbeweglich abstand

en, pendeln wieder hin und her. Die Sauen

haben sich erkannt , sie sind gesellige Tiere, und

deshalb gehe n sie sich auch nicht aus dem Weg.

Als die Rotte Sauen , unstet wie sie alle sind,

weiter berga b bricht , bleibt die Bache mit ihren

Frischlin gen oben im Berg. Für größere Wanderunge

n sin d die handlangen Frischliinge noch

zu klein, und als da<, erste Licht des neuen Tages

im Oste n schimmert, sucht die Bache wieder

ihr Lager auf. Hier schd.ebt sich die ganze Gesellschaft

ein und läßt den neuen Tag wie die

vorherg ehende n in abwechselndem Schlafen und

Säugen vorübergehen.

Eine Woche lang geht das so, dann aber führt

die Bach e ihre Frischlinge weiter durch den

Bergwald , und von selbst lernen die immer

quecksilbrig er werdenden Kleinen ihren ]fraß

zu finden. Sie sind schon soweit, daß sie sich

streiten und beißen. Klagt dann ein Frischling

auf , ist die Alte sofort bei ihnen. Die acht Frischlinge

zu sättigen, bedeutet für die Bache viel.

Zusehends magert sie ab , und deshalb begnügt

sie sich nicht mehr mit der nächtlich;en Fraßsuche

• allein. Bis in die späten Morgenstunden ist sie

unterwegs und manchmal sogar mittags . Dann

ist es gan?: still im Wald. Die Holzhauer machen

am Feuer ihre Pause, die Zugmaschinen stehen

silill, die Holzabfuhr ruht. Nur die Vogelwelt

singt ihre Lieder , und die Insekten summen in

blühenden Heidelbeersträuchern.

Einige Wochen später zieht die Bache mit ihrem

Wurf , der immer noch braune Streifen trägt,

beim Mondenschein zum Felde hin. Dort sind

Hafer- und Kartoffeläcker , und weil das Wild

von Urzeit her mein und dein nicht zu unterscheiden

vermag, gibt's ein lustiges Schmatzen

und Fressen. Beim ersten Frührotschein aber ist

die Rotte längst wieder im schützenden Bergwald.

Der Bauer, der am Morgen den Schaden entdeckt,

bekommt einen Schrecken, und dann wettert

er los und verflucht das Schwarzwild, das

ihn um den Lohn seiner Arbeit bringen will.

Er · eilt zum Amt und meldet Wilds,chaden an.

Der Jagdpächter kratzt sich den Kopf, wohl oder

übel muß er für den Schaden aufkommen und

tief in die Tasche greifen. Er verspricht, beim

nächsten Vollmond die Sauen abzuschießen.

Im Vorjahre bereits hatte der neue Jagdpächter

am Waldrande einen Hochsitz bauen lassen, von

dem aus er weit über die Felder blicken kann.

Dort setzt er sich in einer der folgenden Vollmondnächte

an. Vom fernen Dorfe verkünde t

die Turmuhr mit ihren Glockenschlägen die

Mitternachtstunde. Irgendwo bellt ein Hund. Der

Jäger nickt ein wenig ein, das Horchen und Absuchen

der Felder mit dem Jagdglase , das Angespanntsein

aller Sinne macht in s,chläfrig.

Mit einem Male vernimmt er im Walde das

Knacken trockener Zweige . Sofort ist er wieder

wach und lauscht. Näher kommen brechende

Geräusche , Wild zieht heran. Was kann es sein?

Da schiebt sich etw;as durch 's Gebüsch, und als

große Silhouette erkennt er mit dem Glase einen

Hirsch , der am Waldrande steht und sichert.

Langsam zieht der Hirsch in den Hafer und beginnt

zu äsen . Was soll der Jägersmann tun?

Die Hirsche haben jetzt Schonzeit. Soll er rufen

und ihn in den Wald zurückjagen? Aber dann

hat er sich die Nacht vergeblich um die Ohren

geschlagen. Die Sauen werden gewarnt und kommen

nicht mehr. Also läßt er den Hirsch unbehelligt

ziehen.

FJine Stunde vergeht . Der Hirsch ist nicht mehr

zu sehen. Dafür bricht es von neuem im Wald e.

Plötzlich steht am Rande des Feldes ein schwarzer

Klumpen. Mit dem lichtstarken Nachtglase

N ächtliche r Eifelw ander er


versucht der Jägersmann festzustellen, ob es

ein Keiler oder eine Bache ist . Bei Nacht ist das

kaum möglich, am Tage ist es schon schwer

genug . Die Sau zieht auf dem gleichen Wechsel

wie der Hirsch ins Getreide , nur Kamm und

Rücken lugt als schwarzer Fleck daraus hervor.

Der Jäger schaut durchs Glas , bis ihm die Augen

tränen , aber er weiß nur, daß dort ein Stück

Schwarzwild steht. Angestrengt lauscht er, ob

niclit weitere Sauen folgen. Aber nichts rührt

sich sonst. Er nimmt seine Büchse und zielt

durch das Fernrohr. Als das Fadenkreuz im

Schwarzen steht, schießt er. Der Feuerstrahl

blendet ihn so sehr, daß er nicht sagen kanp, ob

die Sau die Kugel hat. Nun löst sich das Jagdfieber

und schüttelt den Jäger nach Strich und

Faden. Angestrengt lauscht er in die Nacht hin ­

ein, aber er vernimmt nichts . Kein Brechen, kein

Läufeschlagen , kein Stöhnen, nichts!

Er wartet noch eine Zeit , dann steigt er ab und

geht zwiespältig zur Jagdhütte. Hat die Sau die

Kugel?

Als es hell genug ist, steht er wieder am Hochsitz.

Gleich findet er im Hafer den Anschuß,

Schnittborsten und Schweiß . Die Sau aber ist

nach dem Schuß geflüchtet. Da wird es für den

Schweißhund Arbeit geben. Selbst sucht er nicht

nach , er tut das einzig Richtige und benachrichtigt

den Förster, der einen Schweißhund

führt . Es wird Mittag , bis Jäger und Hund am

Anschuß sind. Begierig nimmt der erfahrene

Schweißhund die Wundfährte auf, und zügig

geht es in großem Bogen durch die Felder zum

Walde hin . Ein Tröpfchen Schweiß zeigt, daß

der Hund auf der richtigen Fährte ist. Durch

raumes Gebüsch zieht der Hund in eine diichte

Fichtendickung hinein. Wer w eiß, wie weit di e

Sau noch geflüchtet ist! Ist sie waidwund , kann

sie noch kilometerweit gelaufen sein . Quer geht

es durch die Dickung, dann legt sich der Schweißhund

in den Riemen und zieht seinen Herrn

mit aller Kraft voran. Da liegt sie ja, die Sau ,

längst verendet und starr. Der Förster setzt das

Jagdhorn an den Mund und bläst das Signal:

,,Sau tot" . Der Jagdpächter kommt angestürmt ,

bricht vor Eifer rücks ichtslos durch das dichte

Geäst und steht kurz darauf bei der erlegten

Sau, einem mittelstarken Keiler . ,,Da haben Sie

Glück gehab t, daß es ein Keiler ist" , meint der

Grünrock , und der Jägersmann nickt : ,,Ich vermutete

es, weil die S'au allein kam! "

Um die Zeit der Haferreife gehen die Sauen verstärkt

auf den Feldern zu Schaden, und so

kommt es, daß mancher Frischling, aber auch

manche Bache das Leben lassen muß. Von den

acht Frischlingen, die jetzt ein gleichförmi g braunes

Borstenkleid tragen, haben -auch drei vorzeitig

ihr Ende durch die Kugeln der Jäg er gefunden.

Daraufhin ist die Bache so vergrämt ,

daß sie mit den fünf ihr verbliebenen F ris chlingen

tief in den Eifelwald zieht und die gefährlichlen

Felder meidet. '

In der Hirschbrunft ändert sich mit einem Schlage

das Verhalten der Sauen . Waren sie bish er kaum

zu bemerken, lediglich Fährten und Gebräche

wiesen auf ihre nächtlichen Züge , so triff t man sie

jetzt fast täglich an. Uns tet ziehen sie umhe r .

Die Ruhe , die den ganzen Sommer über in den

Dickungen herrsch te, ist durch die Brun ft des

Rotwildes dahin. Die Unruhe gefällt den Saue n

nicht , weil sie von den suchenden Hir schen in

ihren Kesseln gestört werden, und so kommt es,

daß auch sie meh r als sonst auf den Läufe n

sind . Der Hir sche weg en wird aber nur selten

in der Brunft auf Sauen geschossen , und her ­

nach ist alles wieder heimlich wie zuvor. Die

Tage werden schn ell kürzer, so daß das Wild

in den langen Näch ten Zeit genug find et, seine n

Hunger zu stille n, vor •allem, wenn es Eichelund

Buchelmast gibt.

Bei der guten Mas t haben die Sauen viel Weißes

angesetzt , und auch die Baclle mit den fünf

Frischlingen ist wieder rund und glatt. Anfan g

Dezember hat sie sich mit anderen führen den

Bachen vereinigt und bildet mit ihnen ein e stark e

Rott e, die in den Nächte n weit umher .streift und

sich heut e hier und morgen zehn Kilometer

weiter im w ärmenden Kessel einer Dickun g

einschieb t.

Der alte Einzelgänge r , ein kapitaler Keiler mtt

mächtigem Gewaff , der sich nie über Tag blikken

ließ und auch in den Mondnächten im Waldschatten

blieb, hat sich seit einigen Tagen der

Rotte angeschloss en und macht den Bacllen den

Hof. Die Rauschz eit hat eingesetzt und damit

eine erhöhte Leb endigkeit bei den Sauen . Zu

den abge ernt eten F eldern zieh en sie kaum mehr

hin , viel häufiger als sonst im Jahre wühlen sie

den Waldboden um und brechen tiefe Löcher.

Der Keiler , der sich zur Rotte geschlagen , kümmert

sich nicht um die Frischlinge , hin und

wieder trollt er hinter einer rauschigen Bach e

her und umwirbt sie in seiner ungeschlachten

Art. Die schwächeren Keiler hat er verjagt, ziellos

suchend wandern sie umher, und wo sich

zwei „Freier" begegnen, gibt's eine wüste „Kei-


lerei ". Mit den Gewehren versuchen sie, sich

gegens eitig zu schlagen, sie stehen halb nebeneinand

er und verarbeiten sich die Blätter und

Wamm en. Dabei sind sie so gelenkig und wendig,

wie man es ihnen nach ihrem plumpen

Äußer en kaum zutrauen würde. Von einem Hochsitz

aus sah ich einmal kämpfenden Keilern zu.

Auf ein er kleinen Blöße fochten sie erbittert und

ließen erst voneinander ab, als ich versuchte,

sie anzupü rschen und das seltene Bild auf den

Film zu bringen. Es glückte mir nicht. Der Wind

küselt e und ging zu Tal und zu den Kämpfern

hin . Da stoben sie auseinander und waren mit

wenig en Fluchten in der schützenden Dickung.

Der Winte r hielt unterdessen seinen Einzug mit

Schne e auf Schnee. Nun wurde es für die Sauen

gefähr lich; denn nach jeder Neuen wurden die

Dickunge n umschlagen, und wo Sauen gekreist

waren , wur den sie bejagt.

Auch in der letzten Nacht hat der kalte Nordwest

win d die Wolken ausschneien lassen, und in

der Früh e liegt eine blendendweiße Decke im

Bergw ald. Die Fährten und Spuren des Vortages

sind zugeweht, und nur das in den ersten

Morg enstunden gezogene Wild hat seine Trittsiegel

eingezeichnet.

Die starke Rotte ist in der Nacht weit umhergezogen

, hat den Schnee weggebrochen und nach

Fraß gesucht. Dann ist sie, eine Sau hinter der

anderen, in die große, einsame Dickung gewechselt.

Frisch wie von eben stehen die Fährten im

Schne e. Schon von weitem sehe ich sie ; so leise

es bei dem knirschenden Schnee geht, umschlage

ich die Dickung . Die Sauen sind nicht heraus.

Das kann eine gute Jagd werden!

Am Frühnachmittag treffen zwölf Schützen ein

und vier Waldarbeiter als Treiber. Nachdem die

Dickung mit möglichst wenig Geräusch von den

Jägern umstellt ist , wird die Jagd angeblasen .

Die Treiber , wohlgeschützt gegen abfallenden

Schnee , kriechen mit den Hunden in die Dickung ,

nehmen ihnen die Halsung ab und hetzen sie an.

Die Hunde, die den Fährten auf dem Einwechsel

folgen, finden den Kessel bald und geben Laut.

Die Treiber , die bisher nur hier und da mit

ihren Stöcken an den Stämmchen klopften, werden

lebhafter und rufen und feuern die Hunde

an. ,Der Lärm in der Dickung steigert sich, während

draußen mit klopfenden Herzen die Jäger

stehen. Je regungsloser sie sich verhalten, desto

besser sind die Aussichten, zu Schuß zu kommen.

Mit einem Male ist es, als sei in der Dikkung

der Teufel los. Wütender Laut der Hunde ,

F1·itcht ing , wen i ge Stunden att

aufgeregtes Rufen der Treiber, die Sauen sind

auf wenige Schritte vor den Treibern und Hunden

aus dem Kessel geschossen und flüchten bis

zum Rande der Dickung. Dort verhoffen sie und

sichern scharf nach innen und außen. Fast lautlos

bewegen sie sich hier, vorsichtig setzen sie

Lauf hinter Lauf, um plötzlich beim Nahen der

fährtenlauten Hunde aus der verschneiten Dikkung

herauszupreschen. Der Schütze neben mir

geht vorzeitig in Anschlag, diese Bewegung genügt

, die Sauen zu warnen und mir zuzutreiben .

Da brechen die Sauen heraus. Vornweg eine

starke Sau, vermutlich eine Baiehe, dahinter nacheinander

fünf starke Frischlinge. Kurz fahre ich

mit und wie eine Hase schlägt der letzte Frischling

ein Rad. Die :anderen Sauen sind, bevor ich

repetiert habe , in der Dickung hinter mir verschwunden.

Nach kurzer Stille fällt auf der anderen Seite

eine Reihe von Schüssen, dort müssen die flüchtenden

Sauen über eine freie Kulturfläche , und

die Jäger können schießen, bis die letzte Borste

hinter der Höhe verschwindet. Dann kommen

hechelnd die Hunde heraus und ein wenig später

die Treiber , die wie Schneemänner aussehen

und sich mit roten Gesichtern die weiße Last

abschütteln.

Mittlerweile sind meine Hunde bei dem geschossenen

Frischling , sie lassen ihre Wut an

ihn aus und beuteln ihn nach Strich und Faden.

Kurze Zeit lasse ich sie gewähren , dann aber

müssen sie an die Leine. Das Aufbrechen ist

schnell besorgt, wir fassen den Frischling bei

den Vorderläufen und schleppen ihn zum Sammelplatz.

Dort liegt bereits eine Bache und ein

Überläufer. Die and eren Sauen konnten ihre

Schwarten noch einmal retten.

Dann schmettern die Jagdhörner „Sau tot" und

,,Jagd vorbei " durch den verschneiten Eifelwald.


20

ZUM GEDÄCHTNIS AN OBERKREISDIREKTOR SE ULEN

Auch dieses Heft der Heimatblätter muß wieder

eines Verstorbenen gedenken. Während wir im

letzten den Tod ihres bisherigen Schriftleiters,

des Gelehrten und Dichters Professor Will Hermanns

beklagten, betrauern wir nun den Mann ,

der für den Geist und die Form dieser Zeitschrift

die letzte Verantwortung hatte: Oberkreisdirektor

Felix Seulen.

Ganz unerwartet ist er mitten aus einem tätigen

Leben plötzlich abberufen worden. Noch in unserer

letzten Veröffentlichung sahen wir ein

Bild, das ihn im Sitzungssaal des Kreishauses

beim Empfang der Kreisräte von Saarbrücken ­

Land zeigt. Wir berichteten dort , wie er einen

anschaulichen Überblick über die Struktur und

die Kommunalpolitik seines Kreises gab . Noch

kurz vor Weihnachten schickte er mir ein Schrei ­

ben , worin er bekundete, welche Bedeutung er

unseren Veröffentlichungen beimaß .

Immer wieder auf meinem Lebensweg bin i,ch.

ihm begegnet, als er Regierungsrat in Aachen

war und viel mit der Hochschule in Beziehung

trat, als er Landrat in Eupen wurde und wir

als Evakuierte unter seinem Schutz standen.

Ich erinnere mich , als er einige Prof essoren zu

sich zum Essen einlud und wir trotz der Schw ere

der Zeit in heiterer Stimmung auch freie Worte

der Kritik wagten. Nach dem Krieg e sahen wir

uns in Aachen wieder , und durch diese Zeitschrift

knüpften sich neue Verbindungen.

Wer sähe ihn nicht lebendig vor sich, diesen

stattlkhen Mann mit klar geprägten Züg en, von

dem eine Ruhe und Sicherheit ausging, weil er

im Fachlichen sehr unterrichtet war , viele Erfahrungen

hatte, ein rheinisches Temperamen t

besaß und damit mit einem Sinn begabt war für

das, was man als Maß bezeichnen kann.

Als er sich ansch!ickte, neue Kräfte in der Nachweihnachtszeit

zu sammeln, ist er ganz unver ­

sehens beim Skilaufen tot zusammengebrochen .

Er ist in den Sielen gestorben .

Mehr als 30 Jahre stand Felix Seulen, der in

Aachen geboren wurde , im Dienste des Staates .

Nach Abschluß sein er juristischen Examen trat

er in die innere Verwaltung. Er wurde Regierungsassessor

beim Landratsamt in Nauen, dann

in Aachen. Hier wurde er zum Regierungsrat

ernannt; in der Kriegszeit wurde er auf den sehr

schwierigen Pos ten des Landrats von Eupen und

dann von Malmedy-St. Vith berufen. Aus den

langwierigen , recht urrangenehmen Untersuchungen

der Belgier ging er gereinigt hervo r , seine

Dienstführung habe zu keiner Verfolgun g Anlaß

gegeben , und von hoher belgischer Seite wurde

ihm seine Hochachtung versichert. Dann trat er

wieder in den Dienst der hiesigen Regi eru ng.

Zwei Jahre war er dann als Ministerial rat im

Innenministerium tätig. Vor 4 1 h Jahren hat er

den Staatsdienst verlassen und übernah m die

Stelle des Oberkreisdir ektors.

Aus seiner Natur her, durc h seine Ausbildung

und durch besondere Gaben kam Felix Seulen

an den Platz, wo sich sein Wesen entfalten

konnte und wo mit ihm im Landkreis Aachen

wesentliches geschah .

Wenn man einmal in später Zeit die hiesig e

Geschichte der ersten 50 Jahre unseres Jahrhunderts

schr eiben wird , einer sich immer verändernden

und umstürzenden Periode, dann wird

es sicll lohnen, auf das Leben von Felix Seulen

zu schauen als das eines Mannes, der aufrecht in

,,rebus arduis" , in den Fährnissen unseres Daseins

stand und in den Wog en der Zeit sein

Mensch entum bewahrte . Professor Dr. Peter Mennicken


21

,,EINE LUC KE IST ENTSTANDEN"

Trauerfeier für den verstorbenen Verwaltungschef des Landkreises Aachen

Für den unerw artet am 30. Dezember 1958 in

Davos (Schweiz) einem Herzschlag erlegenen

Oberkreisd irektor des L·andkreises Aachen , Ministerialrat

a. D. Felix Seulen, fand am 7. Januar

1959 im Sitzungs saal des Kreishauses eine Trauerfeier

statt , an der Vertreter des öffentlichen

Lebens , der Religionsgemeinschaften und der

Wirtscha ft und Industrie teilnahmen.

Unter den Anwe senden befanden sich ·auch die

Gattin und die vier Kinder des Verstorbenen .

An der Stirnwand des würdig ausgestatteten

Saales hing ein Bild von Oberkreisdirektor Seulen

mit Tra uerflor . Die Gedenkstunde wurde

umrahm t von Darbietungen des Aachener Streichquart

ettes .

In sein er Rede führte Landrat Lennartz u . a.

folgend es aus :

„Kreista g, Kreisverwaltung und Bevölkerung

des Land kreise s Aachen trauern um Oberkreisdirektor

Felix Seulen, der jäh aus seinem Schaffen

herausger issen wur de. Ein hochbefähigter

Beamter , der noch vor der Vollendung seines

Lebensw erkes zu stehen schien , ging im Alter

von 58 Jahren für immer von uns . Eine Lücke

ist entstanden, die uns noch oft an diese charaktervolle

Persönlichkeit denken lassen wird .

Die vielgestaltigen und umfangreichen Projekte

unseres Kreises waren dem verehrten Verstorbenen

zu einer Herzensaufgabe geworden. In

den 4½ Jahren seines Wirkens als Oberkreisdirektor

hat er sich viele Freunde in seinem

Tätigkeitsbereich erworben. Die Zusammenarbeit

zwischen Parlament und Verwaltun,g stellte ihn

vor Situationen, die ihm gänzlich neu waren .

Erfolgreich hat er sich mit der ihm eigenen Tatkraft

und mit geschickter Anpassungsfähigkeit

bemüht, auch hierin ein Meister zu werden. Der

ehemalige Staats- und Ministerialbeamte wandelte

sich zu einem Kommunalbeamten , der mit

Herzenswärme, Fürsorgeempfinden und väterlicher

Freundschaft wirkte und der Kreisverwaltung

in kurzer Zeit seinen Stempel aufdrückte.

Sein Können, sein Rat und sein wohlwollender

Einfluß machten sich überall zum Nutzen

des L'andkreises Aachen und seiner Bevölkerung

bemerkbar, vor allem bei seinem Bemühen

um eine fruchtbare Zusammenarbeit mit

dem Kreistag und seinen Ausschüssen sowie in

den verschiedensten Gremien , in die der Verstorbene

auf Grund seiner Stellung berufen worden

war. Seine Sorge galt nicht zuletzt auch den

Beamten, Angestellten und Arbeitern der Kreis ­

verwaltung .

,Es geht um den Wohlstand der Kreisbewohner',

sagte der Verstorbene nach seiner Wahl,

als er dem Kreistage seine Vorstellungen über

die Verwaltung des Kreises erläuterte. Diese

Worte waren ihm mehr als ein Programm. Sie

wurden ihm zum Lebensinhalt . Seine Arbeit,

sein Wirken und seine Pläne galten dieser Aufgabe.

Sein Herz und seine Liebe zum Landkreis

Aachen und seiner Bevölkerung waren der Motor,

der ihm immer neue Kraft zu geben schien.

Als erstrangige Probleme für unseren Industrie ­

großkreis mit seinen 250 000 Einwohnern sah

Oberkreisdirektor Seulen in erster Linie die

städteb auliche und landschaftliche Planung in

Verbindung mit einem großzügig en Wohnungsund

Siedlungsbau . Diesem Ziel entsprach auch

die Förderung der damit verbundenen Aufgaben,

wie der Bau von Schulen, Kindergärten, Sportanlagen,

Erholungsstätten, die Intensivierung

der Sozial - und Gesundheitsfürsorge, die großzügige

Förderung des Verkehrs - und Versorgungswesens

und der kulturellen Belange. In

guter Zusammenarbeit mit dem Kreistag und

Hand in Hand mit den Städten . und Gemeinden

wurd en diese Maßnahmen, die immer wieder

den Menschen unseres Kreises helfen sollten,

vorangetrieben. Während der Amtszeit des Verstorbenen

entstand das Kreishaus, wurde das

Kreispflegehaus erweitert , gewannen die Pläne

für das neue Müttererholungsheim Form, richtete

der Kreis zusammen mit verschiedenen

kreisangehörigen Städten Realschulen ein , schufen

Stadt Aachen und Kreis ein vielbeaiehtetes

Abendgymnasium . Der Name von Oberkreisdirektor

Seulen wird mit diesen Dingen immer

eng verbunden bleiben. In der Demokratie gibt

es keine schützende Hand, die Untüchtige hält.

Hier gilt auf die Dauer jedenfalls nur die Bewährung.

Eine solide Ausbildung, Fleiß und Talent halfen

dem Verstorbenen bei dieser Bewährung. Selbst

wenn Felix Seulen Gegner gehabt hätte, müßten

diese zugeben, daß er gut vorgebildet die Kreis-


22

:-

verwaltung übernommen und sich beim Landkreis

Aach en bestens bewährt hat. Da Können

und Fleiß Anerkennung finden , hat er sich durch

seine Arbeit in dieser Zeit viele Bewundere r

und Freunde geschaffen . Das Wissen darum

machte ihn aufgeschlossener und f:r:oher und befriedigte

ihn sehr. In der Amtsperiode des Herrn

Oberkreisdirektor Seulen sind durch den Kreistag

- von ihm vorbereitet - so viele wichtige

Beschlüsse gefaßt worden, wie bisher nie in der

Geschichte des Landkreise s Aachen .

Mit diesem Frohgefühl des Kennens und dem

Bewußtsein des Bewältigenkönnens einer von

ihm g~wollten Aufgabe, fuhr er mit seiner Famtlie

- wie alljährlich - in einen kurzen Urlaub

in die · Schweizer Berge , um neue Kraft zu

samm eln, weil die Beschlüsse des Kreistage s

durchgeführt, weil das abg esteckte Terrain ausgefüllt

• werden , mußte. Als besonders tragisch

empfinden wir es, daß er mitten aus diesem

fru~t _!)aren Schaffen so plötzlich verstarb .

In dieser Stunde, in der Kreistag und Kreisv erwaltung

den Verlust des obersten Kreisbeamten,

viele andere .- Verwaltung en und Institutionen

sowie zahlreiche Menschen einen kaum erse tzbaren

Ratgeber und Freund beklagten, gilt der

Gattin des Verstorbenen , um deren Gesundheit

er sich sorgte , und den Kindern, denen er ein

guter Vater war , unser all er Anteilnahme. "

Regierun~spräsident Schmitt - Degenhardt widmete

dem Verstorbenen einen Nachruf, in dem

es u . a. hieß :

,,Die längste Zeit seines Dienstes in der staatlichen

Verwaltung hat Oberkreisdirektor Seulen

bei der Regierung in Aachen oder im Regierungsbezirk

Aachen verbracht, von 1926 bis 1952.

Hier hat ihn seine Liebe zur Heimat festgehalten

. Die Sorge um den Dienst hat ihn damals

zu einem besonders markanten Dezernenten heranreifen

lassen . Seit 1928 war Seulen in der

Hauptsache als Kommunaldezernent tätig . In

dies em Amt , einem der schwierigsten und wichtigsten

der Bezirksregierung , zeigte er sich als

der Meister , ein Wort, das ebenfalls einmal von

ihm gesagt wurde. Er betrieb dieses Amt des

Kommunald ezern enten nicht als argwöhni sche,

hinderliche Aufsicht , sondern als förd erlich e

Hilfe für die Nöt e und Anliegen der Kreis e und

Gemeinden . Und doch wußt e er mit klug en Gedank

en, aber auch mit Konsequ enz und Nach ­

druck die Staatlichk eit zu vertreten und die

staatlichen Belang e zur Geltung zu bringen .

Seine hohe Auffassu ng vom Diens t und der

Pflicht des Beamten nahm Felix Seule n auch mit

~n seine schwierige un d manchmal hei kle Tätigkeit

als Landrat von Eupen und später dazu auch

von Mal medy-St . Vith. So kam es, daß er auch

aus den langwierige n, mit allem Mißt raue n betriebenen

Untersu chung en, die das l;>elgische

Justizministerium und die belgische n Verw altungen

nach dem Krieg e über diese seine Station

anstellten, gereini gt hervor ging dera rt, daß ili

bescheinigt wurd e, daß seine Diens tführung als

Landrat in kein er Weise zu irgend einer Verf olgung

Veranlass ung gege ben h~abe . Und dabei

versicherte ihm ein leiten der belgischer Jus tizbeamter

schr ift lich seiner vollkomm enen Hochachtung.

So konnt e er _im Jahr e 1949 in den

Dienst der hiesigen Reg ierung eing estellt und

mit seinen r eichen Erfahr ungen und seiner Kenntnis

der Ver hältnisse im Bezirk tatkräftig am ·

Wiederaufbau mitarbeite n .

Im Jahre 1954, nachdem er zwei J ahre ·als Minis

ter ialrat im Innenmin isterium tätig gewese n

war , verließ er den Sta atsdienst , um Oberkr eisdir

ektor von Aachen-L and zu werde n. Damit

wurde ihm der Wuns ch seines Lebens erfüllt ,

den er, wie mir einer seiner damalige n Kollegen

in der Regierun g kürzlich erzählte , schon als

Assessor geäu ßert hat ."

Gemeindedir ektor Spix, Kohlscheid , Vorsi tzender

der Arbeit sgemei nschaft der Stad t- und Gemeindedirektoren

des Landkreises Aachen , sagte :

,,Auch die Städte und Gemeinden des Landkreises

Aaichen betrau ern in dem verstorbenen Oberkreisdirektor

Seulen einen Menschen, der, getragen

von hoh em Pflichtgefühl, sich um die

Förderung der kommunalen Belang e anerkanntermaßen

verdient gemacht hat. Von hohem Berufsethos

getragen , hat sich der Verstorbene mit

Sachlichkeit und Tatkraft für die Gestaltun g

und den Aufbau der Städte und Gemeinden

innerhalb des Landkreises Aachen nachhaltig

eingesetzt. überall dort, wo es galt, das Gemeingut

zu fördern , die Arb eit der Vertretungskörperschaften

und der Verwaltungsorgane zu unterstützen

, stellt e Herr Oberkreisdirektor Seulen

seine fundiert en Fachkenntnisse bereitwilligst

zur Verfügung . Ein Mann von klarer Entschlossenheit,

mit einzigartigen Persönlichkeitswerten,

reich an Wissen und kommunalpoli -·

tischen Erfahrungen , ist von uns gegangen .

In dieser Stunde, in der wir Abschied nehmen

von dem Verstorbenen, ist es mir aufriichtiges


Trauerf eier für Oberkreisdirektor

Seulen im Sitzungssaal des Kreishauses. Am Rednerpult Landrat Lennart z

Bedürfnis, ihm in meiner Eigenschaft als Vorsitzender

der Arbeitsgemeinschaft der Stadtund

Gemeindedirektoren Dank zu sagen für

seine hingebende und aufopfernde Tätigkeit,

seine Mitarbeit, seinen klugen Rat und seine

stete Hilfsbereitschaft. Für uns bleibt stets die

Verpflichtung, seiner ehrend zu gedenken ."

Im weiteren Verlauf der Gedenkfeier sprach

Oberkreisdirektor Gerhardus, Schleiden , für alle

Oberkr eisdirekto ren des Landes Nordrhein­

Westfalen und für den Landkreistag:

,,Mit Oberkreisdirektor Seulen geht ein Verwaltungsfachmann

hohen Grades von uns, der noch

die echten Beamteneigenschaften der guten alten

Schule in sich verkörperte, ein Mann mit hohem

Berufsethos und ausgeprägtem Gerechtigskeitssinn.

Wir haben ihn in unserem Bezirk über

viele Jahre hinaus als Kommunaldezernent erlebt.

Mit starker Hand ordnete er die Angelegenheiten,

vor allem das Finanzwesen der

Gemeinden und Kreise. Aber diese starke und

strenge Hand wurde auch sehr oft zur helfenden

und schützenden Hand , wofür wir als Vertreter

der Gemeinden und Landkreise ihm über

sein Grab hinaus dankbar sind. Und hier

möchte ich mich auch zum Dolmetsch der Beamten

machen - ich gehöre dazu-, die im Zuge

der Neuerung des Jahres 1933 aus ihren Ämtern

entlassen wurden. Da bewährte sich der Freund

in der Not . Über alle hielt er seine schützende

Hand. Nun, da er von uns geht, wollen wir noch

einmal herzlich Dank sagen."

Im Namen der Stadt Aachen sagte Oberbürger -­

meister Heusch:

„Der Tod hat wieder einmal seine unerbittliche

Hand ausgestreckt . In diesem Falle ausgestreckt

nach einem Mann , den wir Aachener nicht entbehren

können. Wir Aachener stehen mit der

Familie voller Mitgefühl an der Bahre dieses

Mannes. Wir vereinigen uns mit Ihnen in der

Trauer ; wir vereinigen uns auch mit dem Kreistag

, mit der Kreisverwaltung und mit den Bürgern

des Landkreises im Gedenken an diesen

Menschen, der als Kind der Stadt Aachen das

Licht der Welt erblickte und in seinem Herzen

der Stadt Aachen auch bis in seine letzten Tage

hinein die Treue bewahrt hat. In der konsequenten,

zielbewußten Verfolgung der ihm durch seirt

ihm ans Herz gewachsene Amt gestellten Aufgaben

hat er niemals die Enge gekannt; er hatt e

ein Gefühl dafür, daß die günstige Atmosphäre

für das Gedeihen und den Fortschritt nur im


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Zusammengehen, im Vertrauen geschaffen werden

kann . Und damit hat er, unterstützt durch

den Kreistag und seinen verehrten Herrn Vorsitzenden,

die Voraussetzungen dafür geschaffen ,

daß eine einträchtige Atmosphäre zwischen den

maßgebenden Organen der Stadt und des Landkreises

Aachen entstand und daß wir darangehen

konnten, gemeinsame Probleme vertrauensvoll

zu beraten und miteinander die Wege zu überlegen

und zu beschreiten, die gegangen werden

mußten, wenn die uns gestellten Aufgaben gelöst

werden sollten."

Der Vorsitzende des Personalrates , Kreisoberinspektor

Bock, widmete im Namen der Beamten,

Angestellten und Arbeiter sowie des Personalrates

der Kreisverwaltung dem verstor ­

benen Oberkreisdirektor folgende Worte:

,,Ich habe die traurige Aufgabe, unserem plötzlich

verstorbenen Chef, Herrn Oberkreisdirektor

Seulen, im Namen der gesamten Belegschaft

und des Personalrates der Kreisverwaltung ein

letztes Lebewohl zu sagen.

In den Jahren seiner Tätigk eit als Oberkreisdirektor

des Landkreises Aachen bestand zwischen

ihm und dem Betriebsrat bzw. dem Personalrat

immer ein gutes Verhältnis.

Alle Anregungen auf dem Gebiete der sozialen

„Jede Grubenfahrt ist für den Berufsfremden ein

Abenteuer . Für den Bergmann ist die Fahrt in di e

Tiefe dagegen eine Selbstverständlichkeit. Er weiß um

die Eigenart und die Geheimnisse unterirdischen Lebens

und Schaffens. Er spricht nicht gerne darüber.

Dafür leuchtet um so mehr stolzes Selbstbewußtsein

aus seinen Augen; denn sein Beruf erfordert ganze

Kerle. Ein Bergsteiger meistert den Berg nicht, um

damit nach außen zu protzen. Für ihn ist der schwierige

Aufstieg eine Bew ährung der eigenen Kraft , ein Maßstab

des persönlich en Könnens. Dieser eigene Wer t

aber stempelt auch den Bergmann zur Persönlichkeit .

Wer mehr k ann und mehr leistet als der normal e

Bürger, ist dem Schwachen gegenüber gütig und hilfsbereit.

So ist es kein Zufall, daß man gerade unter

den Kumpels prächti ge Menschen und großartige Kameraden

findet. Hinter einem oft rauhen Umgangston

verbirgt sich aber das gute Herz von Männern und

Kameraden, die seit Beginn der menschlichen Kulturund

persönlichen Betreuung für seine Mita rbeiterinnen

und Mitarbeiter wurden immer, auch

oft unter den schwierigsten Vorauss etzun gen,

von ihm unterstützt und gefördert.

Auch für die, die sich mit persönlichen Sorgen

an ihn wandten, fand er immer einen helfe nden

Weg, zumindest aber einen guten Rat.

Ohne Ansehen der Person waren ihm alle Arbeiter

, Angestellte und Beamte gleich viel

zugetan.

Als Chef war er streng, aber gerecht. Er verlangte

von jedem, gleich an welchem Platz er

geste llt war, den Einsatz seiner ganzen Arbeitskraft

zum Wohle des Landkreises Aacllen und

seiner Bevölkerung .

Sein umfangreich es Verwaltungswissen sowie

sein großes fachliches Können stempelte n den

lieben Verstorbenen zu einem Chef , der uns

Achtung und Hochschätzung abgewann und in

dem wir alle ein großes Vorbild sahen . Der

plötzliche Tod des Herrn Oberkreisdirekt or, in

dem so viel nich t in Worte zu kleidend e Tragik

liegt , hat bei der gesamten Belegscha ft tiefe

Trauer hervorgerufen.

Wir haben einen Chef verloren, dess en And enken

wir stets in hohen Ehren halten werden.

Dieses können wir nicht besser tun, als wenn

wir versuchen , in seine m Sinne weiterzuarbe iten. "

DER KREIS IM SCHRIFTTUM

Schwarzes Brot. Ein Buch für die Männer des Eschweiler

Bergwerks- Vereins, für ihre Frauen un d

Kinder und für die Freunde des Unternehmen s.

Herausgegeben vom Eschweiler Bergwerks-Verein ,

KohlJScheid. Geschrieben von Helmut Alt , fotografiert

von Alfred Tritschler. Erschienen im Verla g

,,Mensch und Arbeit ", München.

epoche stets ein en wertv ollen Beitrag für die Existen z

ihres Volke s gelei ste t haben ."

Mit diesen Worten charakterisiert Helmut Alt den

Bergmann , des sen A rbeit und Leistung das Buch gewidmet

ist , das der EBV im Dezember 1958 aus Anlaß

des 120jährigen Besteh ens des Unternehmen s herau s­

brachte. Ist also einmal der Bergmann als Arbeiter ,

aber auch als Men sch, als Familien vater und als Bürger

des Gebiets , das man das Aachener Revier nennt , Mittelpunkt

dieses Bildbandes, so vermi tteln die übe r

100 Seiten aber auch einen umfassenden Überblick

über die verschied enen EBV-Betriebe, zeigen den Zusammenhang

zwischen dem EBV und der Arbed in

Luxembur g auf, g,eben einen Überblick über die Geschichte

des Steinkohlenbergbaus schlechthin. So steht

der Leser mit dem Bergmann im Kohlestreb , mit dem

Hüttenarbeiter an der Walzenstraße und mit dem

Schlos ser an der Werkbank. Helmut Alt schreibt in

kurzen und knappen , aber vielsagenden Sätzen, und

seine Worte erhalten Leben durch die Fülle der meisterlichen

Schwarz-Weiß- und Farbfotos des bekannten

Frankfurter Fotografen Alfred Tritschler .

In unserem Kreis , der zu einem großen Teil auf den

Bergbau abgestimmt ist und vom Bergbau lebt, füllt

dieses EBV-Buch eine bisher oftmals herausgestellte

Lücke. Nicht nur , was den Inhalt angeht , sondern auch

in der grafi schen Gestaltung nimmt dieses Buch vom

und über den Esch weiler Ber gwerks-Verein im Schrifttum

des Landkreises eine Sonderstellung ein .

Fotos: Benning (S. 16, 17, 18), Hasse (S. 20), Klein en (S . 9, 11, 13), L in ck ens (S. 23), Paul u s (S . 1, 5, 7, 15), Ste inbusch

(S . 8); Karte: Wag n er.


Gemeinnützige

Wohnungsbau g es e 11s ch af t

LANDKREIS AACHEN

Unternehmen des Landkreises und kreisangehöriger Städte

und Gemeinden zur Förderung des sozialen Wohnungsbaues

Beratung, Planung, finanzielle

und technische Betreuung von

Mietwohnungsbauten

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