Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-4
Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-4
Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-4
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
1
HEIMATBLATTER
DES LANDKREISES
AACHEN
15. JAHRGANG
'\
Titelbild: Schevenhütte im Schnee . Foto Paulus.
Heimatblätter des Landkreises Aachen. Erscheinen vierteljährlich. . Be zugspre i s 2,- DM jährlich. Auflage: 3300 Stück. Herausgeber :
Landkreis Aachen. Schriftleitung: Prof . Dr. Peter Mennicken - Kreisoberinspektor Cornel Peters, Aachen, Zollernstraße (Kreishaus),
Tel. 40 71. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder wird keine Gewähr übernommen . Druck: Herzogdruck, Eschweiler.
HEIMAT
BLATTER
HEI MATB LATTER DE S LANDKREI S ES AA CHEN . HEFT 4 / 1959 • AA CHEN , DEZEMBER 1959
VO M SINN UND URSPRUNG DES SPEKULATIUS
Eine kulturhistorische Skizze
Von Paul Reinehr
1
Geh eimnisvo ll seit Menschengedenken sind im
Krei slauf des Jahres die Tage um die Wintersonnen
wende . Ende und Anfang, Abstieg und
Aufg ang, Vergehen und Werden verdichten sich
im Wendekreis, bis sie den Pol erreichen , der sie
für einen kurzen Augenblick zusammenfallen
läßt . Schicksalsmächtig ist nach altem Volks
glaub en die Zeit des Jahreswechsels , von Spuk
und Aberg lauben umwittert, Ahnungen und
Träumen erfüllt; allenthalben in den Zwölfnächten
oder auch Rauhnächten genannt, die mit dem
Heili gen Abend anheben und bis zum Dreikönigs
tag dauern.
Unter Hundegekläff und ohrenbetäubendem
Lärm jagt dann das „Wütende Heer" der Götter
im Gefolge gespenstischer Wesen am stürmischen
Nachthimmel dahin, allen voran auf achtfüßigem
Hengst der rabenumflogene Wodan, der unheim
liche Vater der Götter, Gott der Gehängten, Herr
der Schlachtfelder; Vernichter der Helden, Füh
rer der Toten, der die Menschen ermahnt, ,,aus
dem Wege zu gehen oder sich platt auf die Erde
zu werfen, da sie sonst mit dem ,Wütenden Heer '
mittoben müssen" .
In lang hinwallendem weißem Gewand und
Schl eier fährt Frau Holle, die Wolkengöttin und
Windsbraut , durch die Lande und hält Umschau
nach faulen, liederlichen Mädchen. Orakel- und
Zaubersprüche entfalten ihr verfängliches Rankenwerk
am Lebensbaum des Menschen , der im
Aufblick zum Schaufeld entfesselter Dämonie
still , ernst und angstvoll verhalten wird. Alle
Arbeiten in Haus, Hof und Flur - soweit sie
nicht unabweislich sind - ruhen; Waffenlärm
und Kriegsgetöse verstummen, Zank und Hader ,
Grollen und Fluchen ebben ab.
Die Götter sind der Erde nahe in den Zwölfen ;
das wird jeglicher irdischer Kreatur zur unheimlichen
Gewißheit. Zwischen Mensch und Tier
läuft in diesen Schreckenstagen eine nur brüderliche
Grenze; das Vieh im Stalle wird in eine
Schicksals- und Lebensgemeinschaft mit den
Menschen hineingezogen.
Zu Ehren der Götter lodern allüberall Feuer auf:
brennende Räder - Sinnbilder der Sonne - rollen
funkensprühend zu Tal; Tannen -, Fichtenund
Kieferngrün , besonders aber der Mistelzweig
(Drudenfuß), schmücken Haus und Stallungen;
Lichter erhellen den Wohnraum.
Heidnischer Aberglaube suchte auf mannigfal
tige Weise die unheimliche Nähe der Gottheiten
74
zu ertragen, dräuendes Unheil und schweren
Schaden von Haus und Hof abzuwehren. Tierund
mitunter auch Menschenopfer sollten die
Mächte versöhnen, mild und geneigt stimmen .
So gehören Opferschmaus und Gelage am lodern
den Feuer zum reichhaltigen Brauchtum dieser
heidnischen Welt. Schon in vorchristlicher Zeit
ersetzte man die blutigen Tieropfer durch unblutige
Gaben , die bei weitem nicht so kostspielig
waren: Backwerk trat an ihre Stelle . Vermöge
seiner stoffbedingten Bildsamkeit ließ es hinreichend
getreue Nachbildungen einfacher Tierformen
zu; zudem wohnte ihm nach germanischheidnischer
Vorstellung gleich dem täglichen
Brot eine ehrfurchtgebietende magische Kraft
inne, die Menschen und Vieh Gesundheit brachte
und Feuerbrände erlöschen ließ, sobald man es
hineinwarf. Kein Wunder, wenn sich der Glaube
an die heil - und glückbringende Wirkung dieser
,,Gebildbrote" immer mehr vertiefte.
Man ahnt wohl längst , daß die Geschichte des
Spekulatius im heidnischen Brauchtum um die
Wintersonnenwende ihren Ursprung hat; denn
unverkennbar weist sich diese allgemein beliebte
und weit verbreitete Nikolaus - und Weihnachtsgabe
als herkömmliches „Gebildbrot" aus. Unter
der heutigentags vorfindbal'.en Formenfülle, die
gewiß eine nachträgliche mehr oder weniger
phantastische Zugabe ist, stellen sich die echten,
sinngebundenen Urformen in Tiergestalt vor,
wiewohl auch diese Gattung eine Bereicherung
durch nichtursprüngliche Nachbildungen erfahren
hat.
Beliebt und verhältnismäßig früh aufgekommen
sind biblische Motive: ,,Die Geburt Christi", ,,Die
Anbetung der Weisen aus dem Morgenland" , ,,Die
Flucht nach Ägypten", ,,Adam und Eva im Paradies",
Bilder aus der vaterländischen Geschichte,
aus dem politischen Leben, aus Märchen, Sagen
und Heldenepos, humoristische Darstellungen ,
Spekulatius (Vicht e1· Mun dart)
De Pr ente hat - wood os jesonge -
D'r Kaiser Karel selvs erfonge . . . !
M'r kann et jlöve - oder net .
Jewess - vör honderte van Johre
W odd ad de Decher Prent jeboore ,
Di e hü noch huch en Ihre steeht.
D'r Spekulatius dojäje ,
Däm hand m'r iech völl spieder kreej e;
Dä stammt net us de Öcher Kant.
No dat latingisch Woot ze schlösse ,
Hat dä van uuswärts komme mösse.
Wahrscheinlich us et welsche Land .
Mänch Plät zj e han ich ad jeknibbelt
Un äff mich öm dä Nam bejribbel t:
Dat wol net richtig en mi H öht.
Dann deng ich ens dat Woht zerläje:
Ran - speculum - als „ Spiegel " kreeje
Un - latus - ,,breit" met düts che Wöht .
Dat hodd ich nun vam Övverse tze:
Ein „ breiter Spiegel" wor dat Plä tzje .. .
Ich wor net schlauer als bisher.
Dat deng ich enne F r önd ens klage,
Dä deng dorop als Antwohd sage:
,,Et stemmt ad dinge Explezeer . . . !"
Dä Frönd sproch dann vam Formeschne t zer,
Wie dä met Stechel un met Met zer
Schnett Beld öm Beld en böche Brär.
Wie: Mannder, Fraue , Jong un Mäddcher . . . ,
Un Schöffjer, Häsjer, Vöjjel, Pädd cher ,
D'r Zenterklos un W eihnachtsstäär . ..
D'r Bäcker mahd sich alle Mähte ,
D'r Deeg ze menge un ze knete;
Hä lahd doren d'r janze Stolz . . .
Dä Deeg moss mangs seen - kenne stieve -,
Darf ävver och net kläve blieve
En die jeschnet zde Form us Hol z.
Dann wodd e Stöck vam Deeg jestääche,
Dä moht m'r en die Forme pääche.
Un wodd jetz jlatt un „breet"-gewellt;
Dann werrem us de Form jenomme.
Dat Beld, wat do eruus es komme,
Wor van de Form et „Speeje!'_' -beld.
Un flenke Häng em Nu dann Iahte
Die Deegfijure op die Plate ,
Wie m'r se kennt en jeddem Huu s . ..
De Ovend sdöör wodd opjeresse,
Un ende Het z se backe mösse
Un wähde - Spekulatius . ..
Andre Franzen
'\
' f
75
Wapp enk opien, Schiffe, Windmühlen, kunstvolle
Gestal tungen des „Sünnerk laas" (Nikolaus) oder
St. Martins - um nur einen schmalen Ausschnitt
zu geben - reihen sich an.
Füge n wir den Ausführungen über die mythologis
chen Zusammenhänge noch hinzu, daß unser
Wei hnachtsf est das Brauchtum des heidnischen
Mitt winterj ulfestes großenteils aufgenommen
und auf den ihm eigentümlichen Inhalt hingeordnet
hat - so vereindeutigt sich der Bezug des
Geb ildbrote s „Spekulatius" zum Christfest. Was
aber besagt nur der so ganz fremdartig anmuten
de Name? Kinder werfen eilfertig das zugehöri
ge, gefühlsmäßig ertastete Zeitwort „spe-
kulieren" ein und ahnen fürs erste gar nicht , daß
sie im Bemühen um die Sinnentnahme einen bedeutsamen
Schritt weitergekommen sind.
Spekulieren (von lat. speculari) heißt beobachten,
prüfen . Spekulator wäre demnach der Beobachter,
Prüfer. Sinnverwandt ist dieses Wort mit
dem griech. Episkopos, das in unserer Sprache zu
,,Bischof" wurde. Nun fällt es nicht mehr schwer ,
eine Verbindungslinie zum hl. Nikolaus, dem
Bischof von Myra, zu ziehen, der im Mittelalter
an Stelle des umziehenden Wodan trat und von
dem alle Kinder wissen, wie scharf beobachtend
(daher Speculator), durchdringend und wachsam
sein Auge ist.
ZIGE UNERV0GEL DES WALDES
Uber dieKreuzschJäbel, auch Tannenpapageien genannt
Von Jörg Kleinen
Die Januarsonne wirft schräge Schatten über den
froststar re n Winterwald . Nur das dünne Piepsen
der Goldhähnchen füllt die Stille; ein paar Wildfährten
kreuze n meinen Weg und erinnern daran ,
daß auch in dieser harten Jahreszeit das Leben
in der Natur seinen Fortgang nimmt , wenngleich
Schn ee und Eis dem Wild und den Vögeln viel
zu schaffen machen. Einer Vogelart aber bietet
der Hartung in diesem Jahr, dem eine ungewöhnlich
starke Fichtenblüte vorausging, reichlich gedeckten
Tisch: den Fichtenkreuzschnäbeln, wenig
bekannt en und doch gar nicht so seltenen Sperlingsvög
eln in den Wäldern unserer Heimat .
Als ich das schneebestäubte Altholz betrete ,
durchschneidet ein mittelgroßer Vogel in elegantem
Wellenflug die Luft, schwingt sich auf die
Spi tze einer alten Fichte und läßt sein helles ,
lockendes „Güp güp güp " ertönen . Die roten
Kopff edern des Kreuzschnabelmännchens, das
nun die Einsamkeit des schweigsamen Waldes
belebt, leuchten im Schein der Sonne, und ungeachtet
der beißenden Kälte hat sich - wie
hergezaubert - schon bald eine ganze Schar der
graubraunen Vögel mit dem roten Kopfputz, den
großen, glänzenden Augen und den durch einen
schwarzen:Streifen besonders betonten Schwungfedern
eingefunden, die sich im hohen Wipfel
versammeln und in munterem Geschwätz die
Neuigkeiten des Tages erörtern . Fröhlich und
unbeschwert singen sie dabei ihr freundliches
„Güp güp, gip gip " in den klaren Wintertag, als
gäbe es drunten im Holz nicht die Not des Rehwildes
, das sich an den scharfen Eisrändern der
verharschten Schneedecke die Läufe wundreißt,
und der Sauen, die unter der weißen Decke keine
Äsung mehr finden und ermattet in den Dickun- .
gen liegen.
Kreuzschnabelväter sind es fast ohne Ausnahme,
wie ihr leuchtendes Gewand beweist; sie haben
F ichtenkreuzschnabel
76
sich für ein Stündchen frei genommen, denn die
Gattinnen, die sie mit Nahrung versorgen müssen,
sitzen schon seit zehn Tagen ununterbrochen
über ihren drei oder vier bläulichen Eiern, die
sie bei uns gerne ausgerechnet im Januar, zur
Zeit der Zapfenreife, legen. Das tiefe , napfförmige
Nest schützt die brütenden Weibchen, die
an ihrem olivgrünen Federkleid leicht von den
Männchen zu unterscheiden sind , vor den Unbilden
der Witterung ; und da die Natur sie - wie
alle Vogelmütter mit Ausnahme des Kuckucks -
mit einer lustvollen „Brutleidenschaft " ausgestattet
hat (die bei manchen Vogelarten allerdings
die Väter noch mehr erfaßt als die Mütter),
verbringen sie die zwei Wochen bis zum Ausschlüpfen
der Jungen ohne das „Opfer", das tierfreundliche,
aber weniger tierkundige Menschen
ihnen so gerne anhängen möchten.
Die bunte Schar der Männchen turnt , während
mir diese Gedanken kommen , kopfüber und kopf-
. unter, hängend und baumelnd , kletternd und
r utschend durchs Gezweig , rüttelt den Schnee
von den Ästen und geht den samenträchtigen
Zapfen zu Leibe.
Wal dweihnacht
Da die Vögel sich um Tiere und Mensc hen recht
wenig kümmern, ist es nicht allzu schwer , sie
längere Zeit aus der Nähe zu beob achten. Mit
ihren kräftigen, gekreuzten Schnäbeln (die Jun g
vögel haben übrigens den gekreuzten Schnabel
noch nicht), mit deren Oberteil sie die Deckschuppen
der Zapfen heben , während das Unterteil
fest gegen die Zapfensäule gestem m t wird
und die Zunge geschwind das Samen korn herausangelt
, verschaffen sie sich ihre Nahr ung und
füttern auch die Jungen so lange , bis die se selbs\
in der Lage sind , die harzigen Früch te aufzubrechen
.
,,Zigeunervögel " - schon Brehm brauch te diesen
Ausdruck - heißen die lustige n Gesellen
nicht nur ihres bunten Gewandes wegen , sondern
auch wegen ihrer Herkunft und ihre s unsteten
Lebens. Wie die Heimat der echten Zigeuner ,
liegt auch die Urheimat unserer „Tannenpa pageien",
wie der Volksmund sie gerne nen nt, in
den Weiten Asiens . Doch sind seit unerfors chlichen
Zeiten drei Arten, nämlich der Fichte n
kreuzschnabel (Loxia cur virostra L.), der Kiefern-
und der Lärchenkreuzschnabel, in Euro pa
als Brutvögel zu Hause. Zweifellos ist der Fichtenkreuzschnabel
in unseren Wäldern der w eitaus
häufigste Vertreter ; doch wand ert er gerne
und brütet vielleicht im kommenden J ahr im
Frühjahr , Sommer oder Herbst , w ie es ihm gerade
paßt, in einem entfernten Lands trich, in den
ein neues Samenjahr ihn auf geheimnisv oll e
Weise lockte . Eines Tages wird er dann un erw artet
wieder bei uns auftauchen und uns mit seinem
liebenswerten Gehabe ergötzen.
Manchmal erscheinen im Winter auch fre mde
Kreuzschnäbel in unseren Wäldern , die aus dem
hohen Norden kommen und sich den einheimischen
Brutvögeln zugesellen ; denn der Kreuzschnabel
liebt das Alleinsein nicht. Unter ihnen
fällt besonders der kleine , schlankeBindenk reuzschnabel
auf, den seine beiden hellen Flüg elbinden
verraten. Er hat mit Sicherhe it ein e Reis e
von über tausend Kilometern hin ter sich ; denn
seine Heimat liegt in den N i3,delwäldern des
äußersten Nordens . Ohne große Hemmungen
freundet er sich mit seinen Stammesbrüdern an
und tut sich für einige Wochen an den Samen
unser er Nad elhölzer gütlich . Eines Tages aber
sind die Vögel , die der Härte des Winters zu
spotten scheinen, plötzlich vom Himmel des Waldes
verschwunden und ziehen als rastlose W anderer,
als echte Zigeuner , weiter durchs Land.
D IE »GEMEINDE «
Von loh. Röntgen
Im Kern des ehemaligen Münsterländchens heißen
die der Gemeinde gehörenden ertragsarmen
Heid efläche n im Volksmund „Gemeinde ". Dieser
Nam e erinne rt an die Allmende, jenes Land also,
das ehedem der allgemeinen Benutzung vorbeh
alten gewesen ist.
In der Gem einde Kornelimünster war noch bis
in unser Jahrhundert hinein jedermann gestat
tet , gegen eine nach der Zahl der Rinder, Schafe
und Ziegen bemessene geringe Abgabe auf der
,,Gemeinde" die Viehhut auszuüben . Dieser Aus
dru ck war um die Mitte des vorigen .Jahrhundert
s auch amtlich noch in Gebrauch; man war
sich wohl seiner einstigen Bedeutung noch bewuß
t, im Gegensatz zu heute , da man nur noch
die Bezeich nung Heide verwendet . Im Laufe der
Zeit wurde n Teile der „Gemeinden" zur Bebauu
ng ode r Kultivierung veräußert, . so daß sie
jetzt nicht mehr entfernt ihren einstigen Umfang
hab en. Flur - und Ortsnamen, wie Breiniger,
Schüt z-, Dros ch- (=Driesch) Heide, An der Heide,
sind noch gang und gäbe. In den Nachbargemein
den kennt man u. a. die Brander Büsbacher
Lan g-, 'Kra uthausener, Ritscheide;, Oberforst~
bacher, Krot ts- (Krotz), Kuh-Heide. Sie lassen
Umfan g und Bedeutung der einstigen Allmenden
erahn en.
Es dürfte interessant sein, etwas über die neuere
Geschichte dieser „Gemeinden" zu erfahren. Als
zur Franzos enzeit, vor rund 160 Jahren, das
abteilich e Münsterländchen aufgelöst und die
Nach folgege meinden Brand, Büsbach, Kornelimünster
und Walheim gebildet worden waren,
hat m an diese mit den ungeteilten abteilichen
Heiden und Wäldern ausgestattet, soweit sie
nicht als Dominalgut ausgeschlossen waren, mit
der Auflage allerdings, daraus die nicht unerheblichen
Schulden des Ländchens zu tilgen.
Wie das Armenvermögen war ihre Verwaltung
für gemeinsame Rechnung dem Bürgermeister
von Kornelimünster übertragen . Durch Landverkäufe
ist die Schuldentilgung bis zur Mitte
der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
gelungen; das Armenvermögen hatte man kurz
vorher aufgeteilt.
Das wachsende Selbstbewußtsein und Eigenleben
der neuen Gemeinden ließ ihren Wunsch , bestimmte
Teile der Ländereien in Eigenbesitz
zu erhalten, immer wieder hervortreten , zumal
deren Verwaltung manchmal zu Mißhelligkeiten
Ecktü r mchen am K i r chb erg in Korn elimü nst t
Anlaß gab. Endlich, in den vierziger
kamen sie überein, die gemeinsamen Län .
unter sich aufzuteilen und die Zahl der i.
stellen jeder Gemeinde als Maßstab für dit
teile zugrunde zu legen. Geometer und Fe
geometer wurden mit den Vermessungen bea
tragt , Verhandlungen mit den Anliegern gefüh1
viele hunderte Grenzsteine gesetzt. Jedoch ers
im Jahre 1859 kam es zum Teilungsvertrag. Dem
nach erhielten zu Eigentum:
Brand alle Heiden und Wälder innerhalb seiner
Grenzen , dazu den angrenzenden Münsterund
Kohlbusch in der Gem einde Büsbach •
B ü s b a c h alle Heiden und ein kleines' Waldstück
im eigenen Bereich und einen in der Gemeinde
Kornelimünster liegenden großen Anteil
am Münsterwald ;
Korne 1 im ü n s t er alle Heiden innerhalb seiner
Grenzen, das an den Büsbacher Wald anstoßende
mittlere Stück des Münsterwaldes ; wovon
die Hälfte in der Gemeinde W alheim liegt,
ferner die Ritscheider Heide in derselben Gemeinde
;
W a 1 h e i m den anschließenden südlichen Restteil
des Müns terwaldes und alle Heiden außer
der Ritscheider, alles in seinen Grenzen liegend .
Mit dieser Auseinandersetzung waren, 60 J ahre
nach der Auflösung des Münsterländchens , auch
die letzten Gemeinsamkeiten der Nachfolgegemeinden
aufgehoben .
KLl:JPPELKLASSCHEN
Kleine Schelmengeschichte aus dem 15. Jahrhundert
Von Heinr. B. Capellmann
1490 saß im Frankeriturm zu Köln ein Gefangener,
dem es ob seiner Diebere ien und sonstigen
Missetaten nicht wohl zu Mute war. Er hieß Klas
von ~anderscheid und war einer jener zahlreichen
Betteldiebe, die oft jahrelang, als fromme
Bußpilger getarnt, ihr lichtscheues Handwerk
trieben, ehe endlich der Arm der Gerechtigkeit
sie faßte. Aber nun hatte es auch den Manderscheider
erwischt, und Knüppelkläßchen, wie der
Vagant überall genannt wurde, saß nun auch hinter
eisernen Traillen und wartete voll Schreckens
des meist harten Urteilsspruches. Kein Wunder,
daß er Tag und Nacht darüber nachdachte, wie
er dieser höchst gefährlichen Haft mit heiler Haut
entrinnen könnte. Da an einem gewaltsamen
Entrinnen aus dem festen Gehäuse des Frankenturms
nicht zu denken war, blieb ihm nichts anderes
übrig, als auf eine erfolgversprechende List
zu sinnen . Wie wäre es, wenn er es auch jetzt
noch mit dem Mäntelchen heiligen Wallfahrtseifers
versuchte? War er nich~ jedes Jahr zur
Oktav des heiligen Kornelius nach Kornelimünster
gepilgert und hatte dort, als frommer Bittsteller
getarnt, reiche Beute gemacht und anschließend
sogar noch mit Greta, der Klostermagd,
munter geschäkert?
Ganz gewiß: St. Cornel y war aussichts reich . Und
also ließ nun Klüppelkläßchen einem Hohen Rat
von Köln untertänigst mitteilen: er, Knü ppelkläßchen,
sei von Kindsbeinen an mit der „fal
lenden Sucht" behaftet , habe dero wegen auch
stets eine große Vorliebe für den hilli gen Marschalken
Kornelius gehabt und ihm , weil er ihm
immer gnädig geholfen , gelobt und versproc hen,
alljährlich eine Wallfahrt zu seinem Heil igtum
zu machen, was er stets treu und unve rbrü chlich
gehalten. Darum bedrücke es ihn nun in tie fster
Seele, daß er unter den gegenwärtige n erbärrrl~
liehen Umständen nicht in der Lage sei , sei n heiliges
Gelöbnis zu halten, wenn die Herre n des
Hohen Rates nicht um Gott und des heil igen
Marschalken willen ein Einsehen hab en w ollten.
Da ihm aber wohl selber deuch te, daß das, was
die Kölner Herren über seine bisheri gen Wallfahrtspraktiken
festgestellt hatten , seh r wenig
geeignet schien, seinen frommen Kum mer gla ubhaft
erscheinen zu lassen , so heckte er noch eine
zusätzliche Hilfe aus : Wie wäre es, wenn der
Herr Abt von St. Cornely noch selbst für ihn
bäte? Ließ also Klüppelkläßchen auch noch an
seine Freundin und öftere Weggenoss in Els chen
Vladen aus Manderscheid schreiben , sie möge
eine Fahrt nach St. Cornely machen und dem
Herrn Abt sagen und bezeugen , wie er, Kläßchen,
allzeit ein Pilger des hilligen Marschalken gewesen
und nie ohne Hilfe des lieben Heiligen
wieder davongezogen sei. Bäte er derowegen gar
herzlich, der Herr Abt möchte sich für seinen
treuen Pilgersmann bei den Kölner Herren verwenden,
damit sie ihm verstatteten, sein Gelöbnis
alljährlicher Pilgerfahrt zu erfüllen .
Der damalige Abt von St. Cornely war nicht nur
ein gütiger Herr , sondern es gefiel ihm auch sehr ,
daß ihm solcherart die Wirksamk eit seines Residenzheiligen
attestiert wurde; und da ihm
recht deuchte, daß solch ein gewissenhafter Pilgrim
nicht in seinen heiligsten Gelübden bedrückt
würde, auch die Kölner bei früheren Ansinnen
gleicher Art ein frommes Gemüt bezeiget,
so nahm er den Gänsekiel und schrieb*):
,,Den vursichtigen wysen herren burgermeisteren
ind rait der stat Colne, unsseren lieven herren
ind besonderen guden frunden" (etwas nach unserer
heutigen Sprech- und Schreibweise verändert).
*) Original vom 21. August 1490 auf Papier mit Resten des
zum Verschluss e angebrachten grünen Siegels heute im
historischen Stadtarchiv von Köln. Nach dem Registraturver
merk: abbati s monasterii s. Cornelii ex Cluppelclaesgen,
Anno 90, 28. augusti hat das Schriftstü ·ck für den Weg ca.
eine Woche gebraucht.
79
,,Uns ere fr ündliche grüß mit gutwilligem verm
ögen zuvor. Vorsichtige, weise lieff herrn und
besond ers gude frunde . Wir vernehmen von
Elsch en Vla den, wie eure liefden einen gefänglich
sit zen sollt haben, genannt Claisghen van
Mand erschei t , der sere begaft sall sein mit der
sücht en des grossen herrn sent Cornelis, warom
wir eur e liefden mit frundlicher begerden bitten,
densel ven Claisghen pylgerym des hilgen marschalk
gott und dem hilgen marschalk zu liefe
und eren syne bittfahrt lassen leysten, das uns
in bynnen kurzen j aren, da wir in gleichen massen
gebete n haben, selden geweigert worden is.
Wir auch ein gutes zutrauwen zu eurer liebden
haben und ihr davon nehmen sollt loin von gode
dem herrn und dem hiligen marschalk , auch wir
mit unserem inständigen gebed gehalten willen
sein zu eurer liefden, die der almechtige got allwege
in seli ger h ~nden haben und in der wolfart
erhal ten w olle.
Geschr even under unsserem siegell uff satterdach
nach unserer lieffen frauen dag assumptionis,
anno 1490.
Wilhelm van Ghoir, abt zo sent Corneliusmunste
r."
Das fre undliche Gnadebitten hatte Erfolg. Rat
und Erzbischof glaubten, annehmen zu dürfen,
daß der Abt gewiß nicht für einen ganz Unwürdigen
bitten würde. Und also beschlossen sie, dem
Wunsch des befreundeten Herrn von St. Cornely
zu willfahren.
Erschienen also einige Tage später gleich vier
Wächter im Verlies des Schelms, die ihm eröffneten
, daß Rat und Erzbischof gleicherweise beschloss
en hätten , ihm zur Erleichterung seines
Gewissens auch im Hinblick auf die Fürsprache
eines Hohen Herrn Abtes von St. Cornely die er- _
betene Wallfahrt zu verstatten. Worauf Knüppelkläßchen
einen wirklich dankbaren Blick in
Richtung des Himmels warf. Die weitere Mitteilung
der vier Gesellen, daß sie Auftrag hätten ,
ihn auf dieser Fahrt zu begleiten , vermochte der
Freude des Spitzbuben keinen Abbruch zu tun;
sie waren sich bald einig, daß es für beide Teile
nur von Vorteil sein könnte, wenn einer dem anderen
seine Aufgabe nicht erschwerte. Worauf
man den Pilgerweg festlegte . Knüppelkläßchen
schlug vor, den Weg über Jülich zu nehmen , weil
man dann noch bequem das Heiligtum vonAldenhoven
mitnehmen könne . Da auch die vier Gesellen
an dieser Strecke gute Schenken und Herbergen
wußten, so war man sich auch in diesem
Punkte bald völlig einig .
So zogen denn am anderen Morgen fünf fromme
Waller, vom Rate mit ausreichendem Zehrgeld
versehen, durch die Gassen Kölns zum Tore hinaus,
an der Spitze Knüppelkläßchen, betend und
bewaffnet mit Pilgertasche , Stock und Rosen
kranz. Er hielt es für zweckmäßig, auch in Bezug
auf die Wächter für beruhigend , jedes Vaterunser
mit dem Zusatz zu beschließen: Heiliger Kornelius
, zu dir kommen wir! , obwohl den Schalk
manchmal die Versuchung plagte zu beten : Frankenturm
, von dir gehen wir! Die vier Wächter,
die mit Knütteln hinter ihm gingen, die sie aber
rücksichtsvoll als Wanderhilfe strapazierten, responsierten,
bis der Pilgerzug die Tore der Stadt
hinter sich hatte. Man einigte sich schnell, erst
vor Kornelimünster die Anrufungen des Heiligen
wieder aufzunehmen, da er ja jetzt schon hinreichend
über den Zweck ihrer Fahrt aufgeklärt
sei. Als man abends in der Schenke zu Jülich ankam,
stellte Kläßchen befriedigt fest, daß man
sich allerseits menschlich schon bedeutend nähergekommen
war. Flucht! - Kein Gedanke. Hatten
die edlen Herren in Köln nicht auch für ihn
das Zehrgeld bis Kornelimünster gegeben! Und
dann: konnte er sich etwas Besseres wünschen,
als sich zuerst unter sicherem Geleit weit, weit
vom Frankenturm fortbringen zu lassen . Ihm
genügte es vollauf, wenn er den Wächtern das
restierende Zehrgeld für die Rückfahrt beließ. -
'S die Einnahmen, aber Kläßchen drängte, schon
im Ruch der näherkommenden Fre iheit, zu beschleunigterem
Weiterkommen , was er aber seinen
gutmütigen Gesellen damit erklär te, daß er
sich hier bereits im Banne des Heili gtums fühle.
So ging es denn am dritten Tage , eine m schönen
'eptembermorgen , auf Kornelimün ster zu. Kurz
r dem Ort ordnete Kläßchen sein en durch mehr -
1e Stärkungen etwas angeschl agenen Pilger-
11nd übernahm als Fachmann natürlich wie
;e Führung ; betend zogen sie in den Ort eiJ\\:,
ns Münster, dem guten Heili gen die erste
mg abzustatten , und schl ießli ch lenkte
1 dann den Zug auch zur Abtei , um auch
'n Fürstabt seinen tiefe mpfu ndenen
statten . Nachdem der hoh e Her r auch
Wächtern noch einen freun dlichen
,boten hatte, ließ er sie ins Refek
·, wo ihnen Atzung und Tra nk ge
V on da ging es dann in den
'iurwirt Küpper im Großen Horn,
'lrtier nahm. Aber vorhe r krei
-:-ttöpfe mit abteilich em Stark
'n die Gelegenheit wah rnahm,
aft mit dem Schu rwirt kräf-
• aber zwinkerte schließlich
i\.uglein und sagte: ,,Wird
Zufall kam wenig spä
':Ilagd, und set zte sich
n Schlusse steckte ihr
aßen als ers te Abzah
'1lenen Laub t aler zu,
~rklärte , daß er nun
sich für den mor
..._urch Nüchternheit
Worauf die Wäch
.. a.nn gingen sie mit; denn das viele
__ und die diversen Wiedersehensfreund-
_...,_1keiten hatten sie doch etwas mißtrauisch gemacht.
Auch als Kläßchen am anderen Morgen
_., 1n sei schon recht früh aufstand , um, wie er sagte, im
_. .re Bedenken. Münster den gelobten Buß - und Gnadenübungen
,.. 1 auch schon wieder nachzukommen , standen die Wächter auch auf
.. Aen Bettel - und Spitzbuben und gingen mit. Und als dann der Schelm auch
_. ..:.ngehen. Am Abend konnt en die wirklich zur Kirche ging , ging~n sie auch mit.
_. der Herber ge von Aldenhov en zufrieden Und als er dann - - Aber ich glaube , es ist
und defti g rasten ; denn Kläßchen spendete nicht schon besser, wenn ich das von den „weichteren "
nur ehrlich von dem, was man ihm bei seinem selbst so erzählen las se, wie sie es nachher vor
Heische werk gegeben h atte, sonde rn schoß auch einem Hohen Rat zu Köln zu Protokoll gegeben
noch etzliches von den Weißp fennigen zu, die er haben :
bei günstigen Gel egenheiten dazuer w ü:cht hatte . ,,Antwort der Wächtere van Knüppelkläßchen,
Als man dann den wohlhab ender en Quartieren wie derselbe ihnen abhändlich gemacht worden
ist. des Aachener Reiches näherkam , wuchsen zwar
"
81
Arnold Schrö der sagt: ,,Wie Kläßchen ihnen abhändig
gekommen, das ist so gekommen: der Pater
im Kloster und die Magd Greta daselbsten
sind zu den Wächteren und Kläßchen kommen
und hab en ihnen vorgelegt, wie dat der Pater
der J uffe rn Beichte in der Kirch hören müsse und
auch die Bil der darinnen zieren, daß sie darum
woltäten und wischen inwendig aus der Kirchen
bis in den Gank, bis solches geschehen. Deme
haben sie also getan . Später sei die Magd Greta,
vorgena nnt, kommen und habe den Schlüssel,
den die Wächteren von dem Vorhäuschen an der
Kirch en bei sich hatten, geheischet und gesagt,
sie müsse etwas daraus holen. So hätten sie der
Magd die Schlüssel gegeben. Nach der Hand sei
die Magd dann kommen an der Kirchentür, da
Kläßch en vor gestanden, und haben denselben
Klais nach sich gezogen, also dat hey in die Kirche
1
,,
gefallen ist, und haben dann mit anderen, die ihr
dazu geholfen haben, den Wächteren die Tür gewaltlich
zugehalten eine Weile Zeits, also dat die
Wächteren deshalben Kläßchen nit im geringsten
zu folgen vermochten. So sei er in der Folge abhändlich
gekommen unversehentlich, weil der
Pater, vorgenannt, zu ihnen gesagt habe, sie
dürften keine Sorge haben, dat Kläßchen ihnen
entkommen möchte; denn die Türen in der Kirche
und auch in der Geerkamer wären alle zugeschlossen."
„Gleichermassen wie vorgenannt haben dann
auch die Weichteren Kirstgen Schilt, Hermann
Koch ind Johann van Essen, Weichteren, sämtliche
gesacht."
Jedenfalls: Ein Hoher Rat von Köln hat Knüppelkläßchen
niemals wiedergesehen!
DAS WESTLICHSTE
Von Hans Hahn
DORF DES KREISES
Rund fünf Kilometer von der Roermonder Straße
entfernt liegt das stille Orsbach, das westlichste
Dorf des Landkreises ,Aachen. Nur eine Omnibuslinie
verbindet das Dörfchen mit Aachen und den
umliegend en Gebieten. Aber zahlreiche passionierte
Naturfreunde wissen die Umgebung zu
schätzen.
Schnurgerade zieht sich die Landstraße vorbei
am Laurensberger Rathaus durch den hohen
Eisenbahnviadukt bis zur holländischen Grenze.
Diese Straße verbindet Orsbach mit dem Gemeindezentrum
Laurensberg. Von drei Seiten
wird das auf einem niederen Hochplateau gelegene
Dorf mit seinen 350 Einwohnern von den
zu Holland gehörenden Ländereien eingeschlossen.
Aber infolge seiner einsamen Lage hat Orsbach
über Generationen hinfort seine Ursprünglichkeit
bewahren können.
Weit geht der Blick von der Höhe in der Nähe
des Ortes hinaus über die fruchtbare holländisch e
Ebene. Höfe und Gutshäuser , die sich vom saftigen
Grün der Wiesen malerisch abheben, künden
von längst vergangenen Zeiten . Unter den
Anlagen sind vor allem der Nonnenhof mit seinem
Herrenhaus zu erwähnen, der im 14. Jahrhundert
Eigentum der Reichsabtei Burtscheid
war, und der Heilig -Geist-Hof, so genannt nach
dem früheren Aachener Heilig-Geist-Spital, das
ihn im Jahre 1341 kaufte .
Der Düserhof , auch Kartäuserhof genannt, war
im 14. Jahrhundert im Besitz der Kölner Kartäusermönche
und wurde im 15.Jahrhundert von
den Aachener Regulierherren angekauft. Die
alten Gebäude dieses stattlichen Besitztums haben
1908 Neubauten weichen müssen.
Das Wahrzeichen des Ortes, die Pfarrkirche
St. Peter und Paul mit ihrem hohen, neugotischen
Turm, liegt an der Stelle, wo 1863 eine Kapelle
errichtet worden war. Um für gute Unterrichts
räume zu sorgen, ließ die Gemeinde Laurensberg
im Jahre 1951 eine neue Schule errichten, die zu
den schönsten Schulgebäuden zählt, die in der
Nachkriegszeit im Aachener Grenzland entstanden
sind.
De;· Heilig-G eist- Hof
82
VON DER »TUCHTIGKEIT U ro GESCHICKLICHK EIT . ..
Von Professor Dr. Will Her111a1111s +
. . . der Arbeiter im schwierigsten Kunstgewerbe wie im einfachsten Handwerk« -
Der Weg des Handwerks im Landkreis Aachen
Die Herstellung von Schuhwerk, Wäsche und
Kleidung , Werkzeug und Waffen , Haus und Hausrat,
kurz von Gerät jeglicher Art war ursprünglich
dem Handwerker allein vorbehalten . Er
hatte den aufkommenden Bedarf zu befriedigen .
Fleiß und Können sicherten ihm sein Brot . Als
sich hier und da im Land einige der an Menschen
zahl anfänglich kleinen Siedlungen zu dicht bevölkerten
Großgemeinden entwickelten, schuf
das Handwerk, getrieben von der Notwendigkeit
und dem Willen , jedem Meister einen ausreichenden
Nahrungsraum zu sichern, sich selbst jenen
""'\
~~-'
'1
Tuchscherer
/_:(i?--. I'
1\'- ., :.. ~
v= '-
\\ '../.
l/\\ \\
~ ~ !_!• l\..lll!/ {/!1l/7T/ID
' i"I -~ 1..· . t::· ',......
- 1J ~ /
1:l[i1P
" -:'::::;::
·u " . --...
'
? n
)j\ -
wirtschaftlichen Schutz, den man mit dem Namen
Zunft, Gilde oder - im Aachener Raum - Ambacht
und Gaffel bezeichnet . Das gewerbliche
Leben erhielt damit den Stempel einer gelenkten
Bedarfswirtschaft .
Den Dank dafür, daß das Handwerk auf solche
Art einen sicheren Boden gewann, trugen die
Zünfte dadurch ab, daß sie durch strenge Aufsicht
über Fertigung und Verkauf darauf hinwirkten,
der Kundschaft einwandfreie, preisgerechte
Lieferungen und Leistungen zu bieten .
Aber auch im Werdegang der Zün fte erw ies sich,
daß Vernunft zu Unsinn , Wohltat zu Plage werden
kann. Lebendiges versteinerte und lag als
Hemmnis auf dem Weg der Ent wicklung and erer
Wirtschaftsformen, die nicht so sehr durch als
Sicherungsbedürfnis als durch _den Wagemut des
Einzelnen geprägt wurden.
Mit pedantisch durchgeführten Vorschriften über
die Höchstzahl der Meister, Gesell en und Lehrbuben,
über die Zusammenlegun g von Teilbetrieben,
über die staatliche Zugehörigk eit von Meister
und Geselle, mit Drohungen und drakoni
schen Strafen suchte verknöchert er Zunftg eist
dem aufkommenden wirtschaftlich en Liber alismus
zu begegnen . Ihn zu drosseln , wurde Hauptaufgabe
eines veralteten Wirtschafts systems, dem
das Leben davongelaufen war. Nun hinkte es
hinter ihm drein und glaubte bis zu seinem jähen
Tod unter dem Fallbeil der großen Revol ution
an die ewige Gültigkeit eines zünftlerisch gelenkten
Kollektivismu s. Als die Guillotine ihm
den Kopf vor die Füße legte , hatte im Aachener
Land das freie Unternehmertum längst gesiegt,
das mit dem von ihm „verlegten ", wen n auch
nicht immer fabrizierten Produkte - mochten es
Tuche , Nadeln oder Messingwaren sein -, auf
den Märkten und Messen des In- und Auslandes
Handel trieb.
Als die Nachfrage nach A a c h e n e r T u c h e n
auf diesen Märkten größer wurde , lieferten die
Tuchhändler der Reichsstadt den von ihnen mit
der Fertigung der Ware betrauten Hauswebern
auch im „Reiche", dem Bauernland um Aachen,
die Rohstoffe , um so zu einem einheitlichen Erzeugnis
zu kommen. Das Ziel wurde nicht erreicht.
Es blieb dabei, daß jeder Handwerker,
mochte er Spinner, Weber , Scherer, Walker oder
Färber sein, dem von ihm Ge~ertigten das Gepräge
der eigenen Hand mitgab. So richtete denn
der „Verleger " dem tüchtigsten Weberbaas im
Kaufmannshaus einen besonderen Arbeitsraum
ein und gab ihm mehr Gesellen und Lehrjungen,
als es die Zunftgesetze erlaubten. Er vereinigte
unter dem Einspruch des Ambachts Spinnerei,
Weberei, Schererei, Färberei unter einem Dach,
stellte im Kampf mit der Zunft ortsfremde Ar-
heiter aus anderen Vaterländern, etwa den Fürstabteien
Burts cheid und Kornelimünster, ein und
geriet mit alle dem immer tiefer in das würgende
Netz der Verb ote und Strafen. Doch hielt sich
neb en solche n Frühformen unternehmerischen
Betrieb s im Aachener Raum bis tief ins neunzehnte
J ahr hundert hinein auch die von Vätern
und Vorvä tern überkommene Art der Haus
weberei .
Die Bäche des „Reichs " trieben die Walkmühlen
der Tuchherre n, lieferten Wollwäschen und Tuchspülen
das nötige Wasser, setzten Öl- und Getreidem
ühle n in Gang, halfen bei den wichtigen
Arbeitsv orgängen des Nadelschleifens und
-scheu erns, hoben die schweren Hämmer in den
Treib werken der Kupferschläger, kurz, erwiesen
sich als „wahre Sklaven der Arbeit", wie der
Aachen er Chronist Meyer einmal von der Wurm
rühm t, die allein im Aachener Rei.ch und im Gebiet
der Burts cheider Äbtissin an die drei Dutzend
gewerblicher Anlagen mit Wasserkraft versorgte.
Ein e ähnliche Entwicklung wie die Tuchmacher ei
nahm , wenn auch zeitlich später, die Na d 1 er e i.
Bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts stellte der
Nadelmach er in eigener Werkstatt Stecknadeln
aus Mes sing oder Nähnadeln aus Stahldraht her.
Dann begann auch auf diesem Gebiet der „Verleger·'
vorzudringen. Der vormals selbständig e
Handwerker nadlerte nun als „halber Meister "
mit seinen Gesellen in den Werkräumen des
Nadel großhä ndler, und dieser begegnete den gleichen
Hemmungen durch die Zunft wie der Tuch
verleger. Aber auch im Nadlergewerbe führte
dank der Zähigkeit und dem Unternehmung s-
• geist tüchtiger Köpfe der durch den Widerstand
der Zunft immer wieder verrammelte Weg von
der Werk stat t über den Arbeitsraum im Hause
des Nadelkaufmanns zur Fabrik neuzeitlicher
Prä gung .
In den ländlichen Gegenden um Aachen, mochten
sie dem Rat der Stadt, dem Abt von Korn eli
münster oder einem der Jülicher Ämter untertan
sei n hielt sich das Nadelmachen rein als
)
Hand werk und Hausgewerbe. So verzeichnet eine
Steuerliste von 1762 in Würselen zwei und einen
halb en Nadlermeister - der „halbe" benutzte
die Werkstatt eines anderen mit - und sieben
N adlergesellen, in Elgenrath sieben Nadelmacher ,
in Morsbach acht Nadlermeister (darunter vier
,,halbe"), fünf Nadlergesellen und einen Schön
nadelmacher - er sorgte für den letzten Schliff
(Härten, Polieren)-, in Schweilbach sechs Nadlermeister
, zwei Schönnadler und ebensoviel Gesellen,
in Grevenberg je einenNadler - undSchönnadlermeister
mit insgesamt drei Knechten , in
Scherberg fünf Nadlermeister , zwei Schönnadler
und vier N adlergesellen. Ähnlich lagen die Dinge
in anderen Flecken und Dörfern des heutigen
Landkreises. In Würselen hatten die Nadler eine
eigene Bruderschaft, die den heiligen Quirinus
als Schutzpatron verehrte. Nur Nadler aus dem
Würselener , Weidener und Haarener Quartier
des „Reiches " fanden Aufnahme in d1e Burse, die
auch ein~ Art Krankenversicherung war: wer
erkrankte, erhi elt für die Dauer von etwa vier
Monate n wöchentlich sech s Gulden Aachener
Währung, es sei denn , er habe sich die Krankheit
„durch ungebührliches Fres sen und Saufen oder
Nachtschwärmen" selbst auf den Hal s gezogen.
Stätte n handwerksmäßiger Fertigung von
K 1 ei n f e u er w a f f e n (Pisto len) waren neben
der Reichsstadt selbst einige Dörfer ihres
,,Reichs", so Haaren, Weiden, Würselen, Laurensberg
. Als der große Brand von 1656 die Aachener
Werkstätten in Asche legte, zogen die Meister mit
ihren Gesellen nach Lüttich und verhalfen der
dortigen Waffenindustrie zu Weltruhm . In den
Reichsdörfern hielt die Gewehrfabrikation sich
nicht einmal so lange ; schon in den Wirbeln des
Dreißigjährigen Krieges fand sie hier ihr Ende .
Das Mittelalter zieht keinen Trennungsstrich
zwischen Handwerk und Kunst. Der Maler, Bild-
84
hauer, Goldschmied übt das Handwerk seiner
Kunst aus. So gehört zum Handwerk im Raum
des heutigen Landkreises auch der Schöpfer des
herrlichen Hochaltars von Kornelimünster, dessen
Tabernakel die Kunstwissenschaft als eines
der reifsten Werke des großen Johann Josef
Couven wertet, wie sie auch das gleichfalls Couven
zugeschriebene Orgelgehäuse der Abteikirche
als wahrhaft meisterliche Schöpfun g
rühmt. Zum Handwerk gehört schließlich auch
die Fülle an Goldschmiedearbeiten (Reliquiaren,
Kelchen, Monstranzen, Vortragskreuzen, Standund
Wandleuchtern) und Kunststickereien (Kaseln
und Chormänteln) in den Kirchen von Alsdorf,
Herzogenrath , Kornelimünster und anderen
Pfarrorten.
Der H a u s b a u war von jeher eine Domäne
handwerklicher Leistungskraft und mußte es im
Landkreis Aachen um so mehr sein, als hier, in
einem Gebiet, das den Einflüssen keltischer, römischer,
germanischer Bauart jahrhundertelang
offengelegen hatte, die Ansprüche an das Können
des B:rnmeisters wie des Bauhandwerkers rech1
hoch gestellt waren. Eine Linie, die von Brand
über Eilendorf und Stolberg nach Eschweiler
verläuft, trennt den Kreis in zwei Zonen. Der
lehmhaltige Boden des nördlichen Kreisteils lieferte
und liefert den Ziegelstein als wichtigstes
Baumaterial, das Kalksteingebiet des südlichen
den Bruchstein, der sich häufig mit aufstehendem
Fachwerk verbindet. Römische Baugedanken
scheinen noch wirksam in der Anlage von Straßendörfern,
wie Breinig, Büsbach, Friesenrath ,
Mausbach, Vicht, Walheim, mit der charakteristischen
Giebelstellung ihrer Häuser zur Straße
und mit dem langgestreckten Rechteck des Grundrisses.
Vermutlich handelt es sich bei manchem
Straßendorf dieser Art um eine spätrömische
oder frühfränkische Rodungss1edlung. Im Norden
des Landkreises wenden die Backsteinbauernhäuser
mit ihren typischen Torrundbögen und
hellen Schlammputzfassaden , eng aneinander
gereiht, eine ihrer Langseiten der Straße zu.
Neben diesen beiden Arten der Reihensiedlung
finden sich im Kreis zahlreiche stattliche Einzelgehöfte
inmitten weitgedehnter Felder und Wiesen
und oft im Schutz breiter Wassergräben . Sie
bilden den Übergang zu den Wehr bauten der
Herrensitze , die dem Architekten wie dem Handwerker
höchste Aufgaben stellten.
Prächtiges Handwerk zeigen die Schöpfungen
der alten Schlosser und Kunstschmiede,
die Gartentore, Treppengeländer, Fenstervorbauten
(,,Kicken "), Balkongitter , Wett erfahnen
und das Heer der Kleinarbeiten , wie Schlösser
und Schloßbleche, Türgriffe und Türbänder ,
Klopfringe und Schlüsselschildch en. Auch die
Erzeugnisse des Schevenhüttener E i s eng u s -
s es erfreuten sich vom 16. bis ins 18. Jahrhunderthoher
Wertschätzung; namen tlich die Kaminplatten
waren weit verbreitet. Sie zeig en meist
Flachreliefs biblischer oder gesch ichtlic her Darstellungen
oder Persönlichkeiten.
Zeugnisse hoher Kunstfertigk eit des solide \n
Handwerks lieferte namentlich im 18. Jahrhundert
der einheimische M ö b e 1 bau. Die
Schränke, Vitrinen, Tische , Truh en, Bänke und
vielgestaltigen Kleinmöbel des „rhei nischen Rokoko"
sind heute Prunkstücke der Museen und
Sammler. Vor ihnen erkennt m an klar die Entwicklung
, die das Maschinen wesen auch der
handwerklichen Arbeit vorgesch riebe n hat: der
Handwerker ist immer mehr zum Monteur geworden.
Kein Wunder, daß „die Tüchtigke it und Geschicklichkeit
der Arbeiter im schwier igst en Kunstgewerbe
wie im einfachsten Hand werk ", die bei
der Errichtung der „Rats-Kamme r für Manufak
turen, Fabriken, Künste und Hand werke" in
Aachen (26. Juni 1804) rühmend hervorgehoben
wurde, bei solcher Entwicklung den hohen Stand
früherer Jahrhunderte nicht durchweg zu halten
wußte. Der mit der Einführung der Gewerbefrei
heit einsetzende skrupellose Wettbewerb drückte
die Leistungen und Lebensbedingungen des
Handwerks immer tiefer herab . Es fehlte nicht
an Stimmen, die ihm den sicheren Untergang
prophezeiten. Alle diese Stimmen hat es Lügen
gestraft und Goethes Urteil bestätigt: ,,Man hat
die Handwerke aufgehoben, um den Handwerksgeist
aufzuheben, aber man sieht sich genötigt,
sie wieder herzustellen." Am 1. April 1900 trat
die Aachener Handwerkskammer ins Leben. Sie
übernahm in einer gewandelten Welt die - auch
für den Landkreis - umgewandelte Aufgabe,
durch Nachwuchspflege und Qualitätsleistung
den Gefahren einer alles normenden und nivellierenden
Industrialisierung zu begegnen .
Durchaus handwerklich geartet waren auch die
Frühformen des Erz- und Kohlenbergbaues, der
Eisenverarbeitung und der Messingindustrie.
,,Die Hand ans Werk schlagen" mußte ursprünglich
jeder mit dem Bergrecht Belehnte, und Handwerk
im buchstäblichen Sinne war auch das
Eisengießen und Kupferschlagen vor der Erfindung
der Maschine.
Vicht, vom Klucken stein aus gesehen
ALT E P FARRE IM VICHTBACHTAL
Von Kaspar Pastor
Die St.-Johannes-Pfarre Vicht konnte in diesem Jahre auf i hr 275jähr i ges Bestehen zur ückb li cken. B is zur
• Pf arr erhebung gehörte das Dorf - die Ansiedlung wird ber eits im Reichswaldbuch v on 1322 m it „ Feicht "
erw ähnt - zur Pfarre Lendersdorf bei Düren . Weil die L endersdorfer Kirche zu w eit entfernt lag und die
Geist li chen im Notfall schwer zu erre ichen war en, erfüllten die Gläubigen ihre kirchlich en Pflicht en in
Zweifall oder in Gressenich.
Der Entschluß, in Vicht eine Kapelle zu bauen,
reift e im Jahre 1672. Hauptstifter dieser Kapelle
war Theodor von Leers, Wehrmeister im Herzogtum
Jülich . Schon 1668 hatten „Bernhart Hilman
s und Margaretha Tüth, Ihm Dorff Vicht
wohnhaft ", eine Stiftung gemacht. Den ersten
Gott esdienst in der Kapelle hielt der Pastor von
Zweifall, Werner Brakelmann . Im Jahre 1684 ist
die Kapelle zur Rektoratskirche erhoben worden.
Der erste Geistliche wurde 1688 angestellt . In
einer alten Urkunde heißt es, daß Jakob Jungen
am 1. Adventssonntag 1688 als Rektor „auf der
Viecht Residenz" genommen hat . Im Jahre 1694
wurde Vicht zur Pfarre erhoben. Als ersten Pastor
nennt die Chronik Jakob Jungen. Er starb im
Alter von 81 Jahren am 22. Januar 1707 und
wurde im Chor der Kirche auf der Evangelienseite
beerdigt.
Das Dorf Vicht zählte bei der Abtrennung von
der Pfarre Lendersdorf ungefähr 70 Familien.
Als Hauptgrund für die Lösung von der Mutterpfarr
e wurde die Sorge um das Heil der Seelen
angeführt .
Durch Erlaß des Kurfürsten Johann Wilhelm
vom 7. Januar 1695 wurde der Vogt angewiesen,
demPastor „auf deriViecht " zwölf Morgen Heideland
zum Gebrauch und zur Nutznießung zu
„manutenieren". Damals erhielt der Seelsorger
Grundstücke „an den Fleuthen ", ,,am Klockenstein
" und andere.
Die Gemeinde schlug den Pastor vor
Vicht hatte früher das Recht, dem Kurfürsten
einen Geistlichen als Pastor vorzuschlagen . So
benannten die Gläubigen nach dem Tode von
Jakob Jungen den Jakob Vö_ller, der aber wegen
„kundbahrer incapacität " (Unfähigkeit) auf die
Stelle „renuncirt" (verzichtete). ,,Meis , Gaffe und
J akobus Heillmanns" schlugen danach Johannes
Wernerus Urlichs vor. Er war „ob seinem from-
86
men, Ehrbaren Handell und Wandell und sonstiger
genugsahmer Capacität absonderlich recommandirt"
(empfohlen) worden. Andere Gläu
bige waren gegen Urlichs. Sie beriefen sich dar
auf, daß es nicht Sache der Gemeinde sei, den
Geistlichen vorzuschlagen. Den Vichter Katho
liken befahl der Kurfürst daraufhin, Urlichs als
Seelsorger 1 anzunehmen. Diejenigen, die als „prin
zipalste uhrheber und rädelsführer" das Volk
gegen ihn aufgereizt hatten, sollten „still inhaf
tiert" werden.
Über den Zwiespalt zwischen den Gläubigen
heißt es in einem alten Protokoll unter anderem:
,,Kundt und offenbar seye hiemit Jedermänniglich,
daß auf 3. February dieses laufendes 1707
Jahres Johann Jacob Völler vor mich offenbahr
Päpstl. und Kayserl. notario . . . Persönlich erschienen
sey die Ehefr au Henrich Scheidt undt
Arnoldt J engens alß Vorstehern undt principales
der Gemeinde auf der Vicht, undt haben also
erscheinende ahn eidt statt attestirt undt Deklariert
... Von Anfang biß nun geweß , auch gehöret,
daß alsolche Collation den Nachbahren
vorgelaßen undt darüber satsam instruiert gewesen,
auch von denen ungedungen und ungetreuen
unterschrieben wären worden, desuper
offertes toties quoties Juramentum et ad manus
mei notary stipulantes ita actum zur Vicht anno,
die, mense quibus supra in gegenwart Balthassar
Syberg, undt Mathiaß Müller."
Mit diesem Dokument wurde die Streitfrage , ob
die Vichter das Recht hatten, einen Geistlichen
zum Pastor vorzuschlagen, geklärt. Die genannten
Zeugen bekundeten vor dem Not ar, daß es
vorher so gewesen sei .
Die alte Pfarrk ir che i n Vicht
Der Bischof griff ein
In einer anderen Urkunde schrieb August inus
Bischof von Spiegel in Düsseldorf am 26. Mai
1707 so: ,,Wir haben Deinen nunme hr unterthänigsten
bericht vom 21 dieses die befo hlenen
introduction Joh. Wem. Urlichs in die past orath
auff der Vieht zufolgt des ihm ertheilt en placet
betreffend empfangen, & daraus aberm ali ge gewalthätige
opposition dahier eingesesse nen, seines
inhalts umbständlich vernahmen , wir befeh
len dir darauf hiermit ggst. daß du mit Zuziehung
unseres Vogts ambtmannst Wilhelms tein welchem
du daß mit sub volanti bey kommende
ggsten befehlch alsbald zuzuführen has t , die sach
reiflich überlegs, vor allen Dingen etw a 4 ode ~ 5
der uhrheber & rädelsführer in der stille ergreifes,
selbige bis zu fernerer unsere r Verordnung
in gutem Verwahr halst, demna gst die vorhin
ggst befohlene introduction obgem. urlichs
gebührend vollziehen & zu diesem all en so viel
schutz, als notig seyn mag, aufbiethen , forth wie
solches geschehen angegeben, mit ver meltem
Vogtsambtmann Wilhelmstein fürder sam bst anhero
berichten soll."
Pfarrer Urlichs wurde 1727 nach Gol zheim versetzt.
Ihm folgte am 1. Oktober 1727 Anton
Hecker aus Neukirchen, der 1741 als Pastor in
Arsbeck ernannt wurde. Am 9. Juli 1741 kam
Johann Michael Heck als Pastor nach Vicht . Er
starb am 29. März 1775 und wurde in der Kirche
auf der Epistelseite begraben.
Erste Glockenweihe
Aus dem Jahre 1763 berichtet Pastor Heck: ,,Eine
gantze gemeinde zur Viecht frolockte , daß durch
ein Collect verschafft eine schöne glock . Die glock
hatt 2 Monath lang ungeseegnet in der Kirchen
gestanden, weilen die erste erlaubnuß auf den
prior plettenberg zu Cornelli-Münster zu Cöllen
nit hab können erhalten umb die glocke zu seeg
nen, dan er nicht prior immediatus, sondern mediatus
et claustralis , also ist sein nahm auf die
glock zu seegnen vergebens gesetzt. Die zweyte
erlaubnuß, umb die Glock zu seegnen ist endlich
von Cöllen, dem damahli gen suffraganeo Casparo
de Francken kommen auf zeitlichen prioren
Effertz zu Schwartzenbroich, und hatt sie den
30. Oktober 1763 in assistierung meiner, sowie
des hochw. Canonikers Eßer urrd zeitlichen Frühmeßner
Brelder von Cornelli-Münster mit gewöhnlichen
vorgeschriebenen Kirchen Ceremonien
mit Zusehung meiner Pfahrkindern auf
einen Sonntag benediciert."
87
Die Glocke wog „339½ Pfund" und wurde durch
,,Meist er Hein tz" in Trier gegossen.
Unter P ast or Heck zählte Vicht 474 Katholiken ,
30 Lut heraner und fünf reformierte Kalvinisten.
Nachfol ger von Pastor Heck wurde Johann Jakob
Willm s. Er w urde am 15. Juni 1775 in Vicht eingeführt
und 1804 nach Rurberg versetzt. Unter
Pfarre r Jak ob Weiers - am 22. April 1804 in
Vicht ein geführt - wurde Mausbach im März
1805 von der Pfarre Vicht abgetrennt und zur
eigenen Pfarr e erhoben. Ab 1811 fand Pastor
W eiers sei n neues Wirkungsfeld in der Pfarre
St. Luzia in Stolberg. Ihm folgte am 22. Januar
1812 Joh ann Wilhelm Giesen, der am 26. April
1821 sta rb. Vom 13. November 1821 bis 1860
wirkte Johan n Theodor Thum in Vicht.
Kapelle wurde vergrößert
Im Jah re 1848 genügte die Kapelle nicht mehr
den Anfo rderungen. Sie wurde durch den Anbau
des Lan ghaus es und des Turmes erweitert. Die
Kapell e dient e '~er neuen Kirche als Chor .
Am 18. Janu ar 1861 kam Silvester Hester als
Pfarrer nach Vicht, um hier 40 Jahre zu wirken.
Für sein e Pfarrkinder hat Pastor Hester „Apho
rismen" geschr ieben, in denen er die Wahrheiten
des Kat echis mus ergänzte. Heilige Gefäße , Paramente
und Statuen zeugen von der Liebe , die
man ihm entgegenbrachte. Ihm folgte 1900 Linus
Joseph Hecker, der acht Jahre später nach Berrendorf
vers etzt wurde. Am 31. Januar 1909 trat
an seine Stelle Julius Rumpen. Er starb am
23. Juni 1929 und liegt :.:1uf dem neuen Friedhof,
den er angelegt hat, als erster Geistlicher begraben.
Eine zweite Kirche gebaut
Pfarrer Rumpen ließ auch die schöne neugotische
Kirche bauen. Der Grundstein dazu wurde am
25. Juni 1911 gelegt. Das jetzige Gotteshaus
konnte am 18. August 1912 benediziert und 1916
durch den Kölner Weihbischof konsekriert werden.
In der Kirche befindet sich noch heute ein
alter Taufstein aus dem Jahre 1694.
Im Jahre 1926 wurden Teile der Pfarre Breinig
der Pfarre Vicht angegliedert. Bis 1935 erhielt
Breinig die Hälfte der aus diesen Gebieten einkommenden
Kirchensteuern.
Am 23. September 1923 wurden die drei neuen
Glocken geweiht. Am gleichen Tage wurde auch
der Kreuzweg in der Kirche durch einen Franziskanerpater
kanonisch errichtet .
Die letzten Seelsorger : Franz Peter Oebbecke -
am 8. September 1929 eingeführt, ab l. August
1950 im Ruhestand; Dr. Alexander Klein - 1950
bis März 1959; Paul Piontek - am 31. Mai 1959
eingeführt .
lwER KENNT
DAS WASSERWERK
DES LANDKREISES
GMBH?
AACHEN
Unsere zweite heimatkundliche Frage in Heft 3/1959
hat erfreulicherweise eine breite Resonanz gefunden.
Die Schriftleitung der „Heimatblätter" scheint also
auf dem richtigen Wege zu sein, ihre Leser fiir die
gemeinsame Heimat zu interessieren. Nicht alle Antworten
waren richtig, aber der weitaus größte Teil
der Einsendungen ließ erkennen, daß gewisse Kenntnisse
schon vorausgesetzt werden können.
Auch in Zukunft wird die Schriftleitung wieder de n
Beziehern unserer Heimatzeitschrift ähnliche Fragen
vorlegen . Unser Wunsch und unsere Aufforderung
gelten schon jetzt: Machen Sie bitte mit und zeigen
Sie auch dadurch Ihre Verbundenheit mit den Heimatblättern!
Die richtige L ösung sieht so aus:
Bild oben links: Filteranlage ;
Bild oben rechts: Kalltalsperre ;
Bild imten links : Dreilägerbachtalsperre;
Bild unten rechts : Betriebsstelle Brand.
Die Geldpreise, gestiftet vom Wa sserwerk des Landkreise
s Aachen GmbH. , gehen auf Grund des Losentscheides
an folgende glücklichen Gewinner :
Auguste Reiter, Würselen; Robert Willms , Werth;
Irmgard Jungschlaeger, Brand; Doris Paß , Alsdorf;
Ursula Königs, Aachen; Arnold Lützeler, Breinig ;
Loni Bitt er, Eschweiler ; Werner Alles , Breinig; Hans
JosefEmonts , Breinig ; Otto Hermanns, Aachen; Trude
Mand elartz , Laurensberg ; Max Quadflieg, Aachen;
Richard Rex, Kornelimünster; Irmgard Schoenen,
Mausbach ; Leo Kurt Schumacher, Stolb erg ; Annelies
e Sparla, Aachen ; Willy Vellen , Aachen.
Zum Schluß danken wir noch einmal all en unseren
Les ern, die sich an dem Preisausschreiben beteiligt
haben . Unser Dank gilt auch dem Wasserwerk für
die Prei se, die auf 17 erhöht wurden.
Bei der Lösung der nächsten Fragen wünschen wir
schon jet zt viel Freude und Glück.
Schriftl eitung
der H eimatblä tte r
des Landkrei ses Aachen
Das Wurmtal bei Burg Wilhelmstein
FISCHE IN DER WURM?
Von Josef Aretz
Oft schon wurde über die Wurm geschrieben;
doch sind es durchweg nur weithin verstreute
Notizen. Quellen für diese zusammenfassende
Abhandlung sind die „Zeitschrift des Aachener
Geschichtsvereins", die Zeitschrift „Aus Aachens
Vorzeit", die „Aachener Heimatgeschichte" von
Dr.Albert Huyskens und Veröffentlichungen von
P. Schmidt.
Wie auch in dem Aufsatz „Die Wurm" (Heft
4/1958) berichtet, erstreckte sich der Wildbann
schon zu karolingischer Zeit auf die Fische in
allen öffentlichen Gewässern, Teichen und in
jedem fließenden Wasser. So waren die Fische in
der Wurm Eigentum des Königs. Mit dem Wildbann
gingen die Fischgerechtsamkeiten auf die
späteren Landesherren über. In fest umgrenzte
Wildbannbezirke wurden die Baumforsten um
Aachen im 10. Jahrhundert eingeteilt. Die Kölner
Domkirche erhielt durch Ludwig das Kind
(900-91 1) ,,alle Tiere im Wasser und im Walde"
zwischen Erft im Osten, Haarbach und Wurm
im Westen. Die Grafen von Jülich erh ielte n im
12. Jahrhundert die Wildbannrechte als königliches
Lehen. Forstschöffen verwaltete n und beaufsichtigten
den Wildbann ; zum Amt Wil helmstein
gehörten zwölf Forsthöfe . Der Fisch bann
der Jülicher reichte bis zum Haa rbach. So waren
diese also auch berechtigt, innerhalb des Aache
ner Reiches das Fischrecht auszuüben . Die einst
selbständigen Herrschaften im Bereich der
Wurm - Heyden, Geilenkirchen , Randerath,
Heinsberg, Wassenberg - fielen im Lau fe der
Zeit an Jülich, und so geschah es, daß die Grafen
und nachmaligen Herzöge von Jülich den weitaus
größten Teil des Wurmbaches beherrs cht en. ~amit
wurden die Jülicher auch die fast alle inigen
Inhaber des Fischrechtes an der Wur m, nämlich
von der Einmündung des Haarbach es bei Haaren
bis zur Mündung in die Rur; ausgeno mmen allerdings
war das Bachstück im Bereich der Herrschaften
von Herzogenrath und Rimb urg .
Im Aachener Reich gehörte das Fisch recht zum
„Schleidener Lehen" . 1428 kam es durch Kauf
in den Besitz der Stadt Aachen. Die durch den
Rat der Stadt erlassenen Bach- und Mühlenordnungen
(Wasserrollen) enthalten das Verbot
des Fischens in der Wurm, ,,so ein geme iner
Wasserstrom ist", wie auch in den Stauweihern
(,,Wassersteuwen") an der Wurm . Aller dings
wurde das Fischrecht in Aachen verpachtet.
70 Taler (zu 26 Mark, Aachener Währung) brachten
die sieben Weiher um Diepenbenden an Pacht
jährlich ein; so berichtet ein Pachtvertrag aus
dem Jahre 1680. Außerdem mußte der Pächter
noch jährlich 25 Pfund Fische frei liefern, so
,,Barsen, Schmöch und Karpen oder Monkarpen".
Schmöch ist eine Bezeichnung für Hechte; man
nennt sie heute auch noch mit dem holländischen
Namen Schnoek.
Die „Geilenkirchener St.-Sebastianus- und Antonius-Schützenbruderschaft"
erhielt 1486 den
zwischen dem unteren Tore von Geilenkirchen
und der Kornmühle gelegenen Fischweiher, das
,, Gottberaet". Wilhelm von Jülich und Berg übergab
ihn mit anderen Privilegien, ,,daromme sullen
sy sich auch altzyt gerüst halden mit arm
borster ind harnisch , in wanne ind zo wilcher zyt,
id sy dach off macht ... "
Die Fischgerechtsame waren , eine bedeutende
Einnahmequelle , und so wundert es uns nicht,
daß die Pächter oder Belehnten sie gut überwachen
ließen. Wie oben schon erwähnt, ließen
die Herzöge von Jülich durch die Vögte der ver-
89
schieden en Ämter die Wurmfischerei verwalten;
diese nun wied er stellten besondere Fischhüter
an und gabe n das Fischrecht manchmal auch in
Pacht.
Die Vögte muß ten alljährlich über den Stand der
Fische rei in den Weihern und fließenden Gewässern
Beri cht erstatten. Das Geilenkirchener
Lagerbuch berichtet aus der ersten Hälfte des
17. Jah rhunde rts: ,,Weyeren dieses Ambts Geylenkir
chen. Ihre Durchl. haben in diesem Ihrem
Amptt Geylen kirchen keine Weyeren und auch
k_eine Wildwas sern mehr als die Wurmb, darauf
nieman dt zu fischen berechtigt, .. . daß durch
öffentlich en Kirchenaufruf zu J edermanns wissenschaf
t publiciert und keiner sich gelusten lassen
solle mit garn, fischangeln, netz und anderm
gezeug bey tag oder nacht finden zu lassen bey
confiscation des gezeugs und Straff. Sunsten befinden
sich keine Weyeren als derjenige zu dem
Harffisch en Mannlehen zu Geylenkirchen gehörig
ist."
Trotz Verbot zqgen die Anwohner der Wurm zu
heimli chen Fischzügen aus; muß derselbe Vogt
doch wen ige Jahre später gegen die Fischräuber
vorgehen . Er droht durch Aufruf in der Kirche
strenge Strafe n an. Eine Urkunde aus dem Besitz
des Archivs auf Schloß Zweibrüggen berichtet:
„Demnach in der Ahadt und mißfelligh verspurt
wird , daß zu abbruch Irer dchltt. meines gest.
Fursten und herrn Fischerei gerechtigkeit auf
dem Wurmstr oem sich etliche verbottener weiß
understeh en bey tagh so woll als nachtlicher
weiß mit harnen, netz und anderem getzeugh die
Fisch aus zufangen, so inen ohne erlaubnuß und
Zulassun gh der Obrigkeit zu thun nitt geburth,
als wirt Menniglichen hiermit zu wissen gethan,
und bey straff zwey goltgl. (Goldgulden) befohlen,
sich solchen Fischfangens auf den Wurmb zu
enthalten , oder dha einer das Fischgetzeug verwirckt,
sondern auch in alsolche straff declarirt
sein solle. Danach sich ein jeder zurichten und
seinen Schaden bey Zeiten vorzukommen. Signaturn
Geylenkirchen, d. 26. January 1641. God.
Schommartz, vogt." Auf der Rückseite finden wir
den Vermerk : ,,Frelenbergh. Der Custer dho
selbsten solle dieses in der Kirchen ablesen, seine
Verrichtung darauf setzen und mir weder umb
zu senden."
Wir hörten bisher, wie die Vögte bemüht waren,
die Fischgerechtigkeit ihrer Landesherren zu
schützen. Es berichtet das Bardenberger Kirchenbuch
von 1664 darüber, daß der Amtmann von
WilhelmsteindasFischrecht seines Herzogs gegen
Übergriffe durch Bewohner des Aachener Reiches
verteidigte . Nach P. Schmidt war wahrscheinlich
wieder ein Zuständigkeitszank zwischen
Aachen und Jülich entstanden, und dies
vier Jahre nach Abschluß des „Hauptvertrages"
(1660), der einen Ausgleich zwischen den beiderseitigen
Rechten brachte . Dieser Vertrag wird in
der nun folgenden Vernehmung des Theiß Müllder
aus Bardenberg erwähnt. Vor dem Notar
Sevenich erscheint Theiß Müllder, Fahrer zu Bardenberg,
74 Jahre alt, und gibt zu Protokoll, daß
er von dem Amtmann von Harff mit der Aufsicht
über den Fischfang auf der Wurm „von Bardenberg
bis auf die Bachbrügge" betraut worden sei;
ferner, daß er einmal den Wilhelm von Frenz ,
Einwohner von Haaren, ,,Hamen und Garn" abgenommen
, als er ihn beim Fischen angetroffen
habe. Weiter gibt Theiß Müllder an, daß seines
Wissens auch schon vor dem Aachener Vertrag
von 1660 die „binnen Aachen so wenig als im
Reich" ohne Erlaubnis des Herzogs in der Wurm
fischen durften. Dem Berichte nach muß zu dieser
Zeit der Herzog von Jülich noch Fischgerechtsame
für die Wurm besessen haben, die sich sogar
bis in das Aachener Reich hinein erstreckten.
P . Schmidt nimmt an, daß der Amtmann von
Wilhelmstein den Wilhelmsteiner Notar mit der
Vernehmung des Fischhüters nur beauftragte,
um das Fischrecht des Herzogs innerhalb des
Aachener Reiches zu beweisen.
Einen reichen Fischbestand wies die Wurm noch
bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts auf.
Zunächst wurden die Fische aus der Nähe Aachens
An der deutsch-holländischen
Gren ze be i Warm, Gemeinde Merkstein
90
)Rich
iourens
berg
,.J 7 ,.s
vertrieben. Sie mußten den Abwässern der aufblühenden
Aachener Industrie weichen . Aachen
ließ zwar zur Reinigung der Abwässer vor Jahrzehnten
schon eine Kläranlage bauen ; aber die
industriellen Anlagen außerhalb des Stad tbereiches
sowie die Gemeinden an der Wurm sch ickten
lange Jahre hindurch ungeklärte Abwässer in
den Wurmbach. Doch auch dem wurd e Einhalt
geboten; werden doch seit Jahren unte r großem
Kostenaufwand immer neue Kläranlag en zu beiden
Seiten des Wurmgrabens gebau t.
Bei Geilenkirchen wurde die Wurm noch befischt,
als man im Kohlscheider und Würsele ner Raum
vergeblich nach Fischen Ausschau hiel t. Die Erklärung
für diese Tatsache ist wohl darin 1 'zu
suchen, daß durch das Absinken der Schmutzteilchen
und durch den Zufluß verhäl tnis mäßig
klarer Nebenbäche am Mittel- und Unterlauf der
Wurm das Wasser den Fischen noch günstige
Lebensbedingungen bot. 1850 erschien in Aachen
die von J. H. Kaltenbach verfaßte Arbeit über
den Regierungsbezirk Aachen. Hier hei ßt es: ,,Das
durch die vielen Färbereien, Wäsche rei en und
Kloaken der Städte Aachen und Burtsc heid ganz
schwarz und stinkend gewordene Wurmwasser
hat schon bei Geilenkirchen die meist en fremdartigen
Stoffe abgesetzt und sich wiede r geklärt;
nur am Abend gewahrt man noch die Beimischung
des schwefelhaltigen Badewas sers durch den Geruch."
Es irrt wahrscheinlich Kaltenbach, wenn
er den Geruch dem Aachener Badewasser zuschreibt.
Die Abwässer werden ihn wohl verursacht
haben.
1872 ist für Geilenkirchen das Jahr des großen
Fischsterbens. P. Schmidt berichtet, daß Fischer
aus Geilenkirchen in diesem Jahr zehnpfündige
Hechte mit der Hand fangen konnten, sie jedoch
wieder als ungenießbar ins Wasser setzen mußten.
Ein zäheres Leben müssen jedoch die Aale
besessen haben. 1877 wurden noch Aale bei Geilenkirchen
gefangen, als man bei einer Reparatur
an den Schleusen der Mühle das Wurmwasser
durch die „kleine Wurm" ableitete .
Ein Menschenalter erst ist es her, daß noch bei
Geilenkirchen Aale in der Wurm leben konnten.
Vor einigen Jahren wußte noch bei einem Besuch
in Kohlscheid der inzwischen verstorbene Bischof
von Aachen, Johannes Josef van der Velden, von
Fischzügen auf der Wurm zu berichten. Zur Erklärung
dieses Satzes bedarf es für den Unkundigen
des Hinweises, daß dieser Aachener Bischof
Jahre seiner Kindheit in der heutigen Gemeinde
Übach-Palenberg verlebte.
STAND DES CHORWESENS IM LANDKREISE AACHEN
Von Heinridi Jacobs
91
an konnte keinen besseren
Überblick über den Stand
des Chorwesens im
Aachener Umkreis
erhalten als bei
Gelegenheit des
zweiten Nachkriegs
- Singefestes,
welches
am 27. September
1959 im großen
Konzertsaal des Neuen Kurhauses
in Aachen stattfand .
Auf dem Deut schen Sängertag im April vorigen
Jahre s, bei welchem einige hundert Delegierte
aus allen deutschen Gauen anwesend waren ,
wurde von dies,en unaufgefordert einmütig festgestellt
, daß der Sängerkreis Aachen bei dieser
Veran staltung erstaunlich hochwertige Chorgesang-Leistungen
aufzuweisen gehabt hätte. Es
waren vorwie gend unsere Meisterchöre, die da
sang en, also der Würselener „Liederkranz" , die
„Rhein treue", Stolberg, der Büsbacher MGV, die
,,Orp~ea ", Bardenberg, und die „Hilaria", Eilendorf
; alles Chöre aus dem Landkreis. Aus der
Stadt Aachen waren ein paar gute Chöre , wenn
auch noch nicht Meisterchöre, beteiligt .
Im Jun i des Jahres 1957 wurde in Stolberg -
wer dächte nicht mit Freuden an dieses wohlgelungene
Fest zurück - erstmalig nach dem
Kriege ein Kreis-Singefest veranstaltet, an welchem
zu gleicher Zeit in drei Sälen über 30 Chöre
beteiligt waren. Regierung, Kreis, Städte und
Gemeinden waren neben Abgeordneten und
Männern des.Deutschen Sängerbundes vertreten.
Neuerlich, und zwar Ende September , wurden
zur Mitwirkung beim zweiten Kreis-Singefest in
Aachen 16 Chorvereine gebeten: ein Jugendchor,
sechs gemischte und neun Männerchöre, darunter
als Gastchor der Kerkelijk Zangkoor St. Josef
aus Bocholtz (Holland). Unter dem Leitgedanken
„Volksleben im Volkslied" sang man Lob und
Preis dem Schöpfer und seiner Schöpfung , von
der Liebe zur Heimat und dem Vaterlande zum
Ruhm und zur Ehre. Diese Volkslieder besangen
außerdem alles , was des Menschen Seele bewegt,
von der Liebe , ihrer Freude und ihrem Leid , vom
Scheiden und Meiden , von Wanderlust und froher
Fahrt , von der Mühle im Tale und dem zerbrochenen
Ringlein, von dem vielseitigen Leben einzelner
Berufsstände und der Musica, der edlen
Kunst. Ernst, fröhlich und auch heiter war der
Textinhalt dieser Gesänge. Es waren - rein
musikalisch gesehen - Volkslieder in altem,
neuem und modernem Gewande; Originalsätze
und Bearbeitungen , schlichte Weisen und auch
anspruchsvolle Chorsätze. Neben dem guten
Alten das Wertvollste vom Neuen! Allgemeines
Urteil der Fachleute, der Sänger und des hörfreudigen
Publikums : Es wurde gut gesungen!
Kein Chor war eine Niete. Bei dem einen Chor
gefiel der vollgesättigte Chorklang, bei dem anderen
der gestraffte Rhythmus, bei einem dritten
die exakte und gepflegte Sprache, die wie tönende
Deklamation wirkte. Eine andere Gruppe von
Chören wartete mit einem seelenvollen, warmen
Vortrag auf , andere zeigten eine ästhetisch wirkende
Behandlung der Dynamik , und wieder
eine andere hatte eine feine Phra sierung, ganz
aus dem Inhalte des Textes geboren . Bei allen
Singenden spürte man eine echte Sangesbegeisterung
, eine Freude am musikalischen Tun, eine
frohe Bereitschaft im Dienste der Frau Musica.
Als sehr erfreuliche Tatsache konnte man eine
zahlenmäßig starke Vertretung der Jugend feststellen.
Es sangen Chorvereine, bei welchen niemand
älter als 25 Jahre war. Und daß bei den
Chören mit alters-gemischten Singenden die jugendlichen
Stimmen sich mit denen der älteren
Sänger zu einem strahlenden und leuchtenden
Chorklang verbanden, ist eine Erscheinung, die
in besonderem Maße den Chören „auf Kaiser
Karls geweihter Erd '" zu eigen ist. Im ganzen
gesehen : Ein wirkliches Singefest!
Als festliche Veranstaltung empfand es auch die
den großen Saal bis auf den allerletzten Platz
füllende Zuhörergemeinde aus nah und fern, die
auch in die beiden Gemeinschafts- Volkslieder
„In einem kühlen Grunde " und „Kein schöner
Land" wirkungsvoll mit einstimmte. Ein musikalischer
Genuß waren ebenfalls die beiden
Sängersprüche, der Deutsche und der Aachener
92
Sängergruß, die von den viel en hundert auf dem
Podium und im Saale anwesenden Sängern
machtvoll zum Erklingen gebracht wurden. Um
es nur zu erwähnen: Die Organisation des Auftre
tens , Zu- und Abgang auf die Bühne und von
derselben , Vermeidung jeglicher Unruhe und
Störung, war mustergültig und vorbildlich. Herrlicher
Blumenschmuck gab dem Podium ein festliches
Gepräge. Ein kurzes geselliges „Nachsitzen
" wurde von dem ausgezeichneten Männer
Quarte tt Alsdorf-Schaufenberg musikalisch unterhaltsam
bestritten . Eine solche aufgelockerte
Stunde gehört zur Pflege von Geselligkeit , Kameradschaft
und Sängerfreundschaft zu einem
so tadellos verlaufenen Singefest!
Wenn wir über den „Stand des Chorwesens im
Aachener Raum" schreiben , müssen auch noch
einige andere Dinge genannt werden. DerSängerkreis
Aachen (umfassend die Kreise Aachen
Stadt , Aachen-Land und Monschau) mit seinen
nahezu 60 Chorvereinen und etwa 4500 Mitgliedern
gehört mit 62 anderen Sängerkreisen zum
Landesbund Nordrhein-Westfalen im Deutschen
Sängerbund. Nordrhein-Westfalen hat in 1500
Vereinsorten 2978 Männerchöre , 121 Frauenchöre,
251 gemischte Chöre und 32 Jugendchöre
mit einer Gesamt-Mitgliederzahl von nahezu
300 000. Das ist mehr als ein Viertel des großen
Deutschen Sängerbundes , der mit seinen 17 Landesbünden
1,3 Million Mitglieder hat.
ches den erfolgreichen
verle iht.
Chören den Meiste rti tel
Nach dem vor etwa fünf Jah ren in alle n Kreisen
des Regierungsbezirks Aach en plan mäßige Chor
schulungen, die von der Lande sregie rung finan
ziert wurden, durchgeführt werden kon nten , finden
neuerdings in den Landkreisen Aachen und
Schleiden wiederum Chorleiter-K urse stat t, die
von den Kreisverwaltungen finan ziell ermög
licht werden und bei den zahlreic hen Teil nehmern
guten Anklang finden . Der Chorle iternachwuchs
ist zu einer brennend en Frag e geworden
; man trägt sich mit dem Gedanken, hierfür
geeignete , begeisterte und musi kalisch v 1
rranlagte
Chorsänger heranzubilden.
Von den sechs Meisterchören im Kreise Aachen
führen drei (der Aachener Kammerchor, der
Würselener „Liederkranz " und die Stolb erger
„Rheintreue") den Ehrentitel Meisterchor bereits
fünf Jahre . Jetzt kommt die Zeit, daß sie diesen
Titel sich neu erwerben müssen . Das soll (mit /
etwa 20 Chören aus Nordrhein-Westfalen) am~~
26./27. Mai 1960 in Verbindung mit der Verlei- • '/
1
hung der Zelterplakette an die Hundertjährigen~ A • r
vor Kultusminister Dr. Schütz im Düsseldorfer -
Robert-Schumann-Saal erfolgen . Hier wird dann
Aus den vorstehenden Ausführungen wolle man
die Sängerelite unseres Landes versammelt sein
ersehen, daß in Aachen-Stadt und Monschau, besonders
aber im Landkreise Aachen, ein reges
und ein glanzvolles Singen veranstalten.
1960 wird für einige Chöre des Kreises ein Kreis Sängerleben besteht , eine Sängerangelegenheit,
Leistungssingen stattfinden ; wer von diesen die die aus hohem Idealismus und echter Sangesfreude
Wertungsbedingungen erfüllt, kann 1961 am Bezirks-Leistungssingen
genährt wird, die gu~~ und beste sang
für den Bezirk Linker liche Ergebnisse zeitigt, bei der musikalisch begeisterten
Niederrhein teilnehmen. Die Chöre , welche auch
Bevölkerung Anklang findet, von den
dieses Wertungssingen bestehen, haben ein Anrecht
Behörden spürbar unterstützt wird und der
auf Teilnahme am Bundes-Singen, wel- singenden Heimat zur Ehre
gereicht.
93
Unsere Leser haben das Wort
VERPFL ANZUNG BEI 28° HITZE
Zu der Abhandtung „Die Stotberger Eiben bei Binsfetdhammer " v on M . Schwick erath i n Heft 2159 der
,,Hei m atbtätter " i st uns eine Ergän zung zugegangen , die w i r nachfotgend aus zugsweis e veröffenttichen.
Die Eiben sta nden auf einem zwischen dem Vichtbach
und der Provinzialstraße Stolberg- Vieh t bei
Bins fel dhamm er gelegenen etwa 4000 Quadratmeter
große n Grundstück der Familie Tuckermann
. Am 17. Juni 1912 beantragte Bürgermei
ster Dob belmann bei den Erben Tuckermann
den Verkau f des Grundstücksteiles , auf dem die
Bäume stan den , an die Stadt Stolberg. Die Angele
genh eit scheint sich dann durch den Tod des
Herr n Eduar d Tuckermann, der damals in Köln
wohn te, verzögert zu haben. Am 24. März 1914
teilt e Profess or Dr. 0. Rau, Aachen , ein Verwandter
der Familie Tuckermann, dem Bürgermei
ster mit, daß die Erben Tuckermann beabsicht
igt hätte n, den Geländestreifen mit den
1
beiden Eiben der Stadt Stolberg als Geschenk
anzubieten. Leider lasse sich diese Absicht nicht
ver wirkliche n, da die Käufer des Tuckermann'
schen Gelä ndes auf diesen Geländestreifen mit
Rück sicht auf die geplante Bebauung nicht verzicht
en könnten. Es bleibe , daher nur eine Versetz
ung der Eiben auf den vor dem fraglichen
Gelän de gelegenen städtischen Vorplatz übrig ,
wob ei die Käuferin die Bedingung stellte , daß
die Versetz ung bis zum 15.Mai 1914 durchgeführt
wer den m üsse. Die Erben Tuckermann seien
berei t, die Kosten der Versetzung der beiden
Eib en bis zum Betrage von 5000 Mark zu übernehmen
.
Am 1. April 1914 nahm die Stadtvero r dnetenvers
ammlung das Geschenk der Familie Tuckermann
an und beschloß die Verpflanzung der
Eib en auf die vor dem ehemaligen Tuckermann '
schen Grundstück liegende städtische Parzelle .
Jetz t war die Stadtverwaltung am Zuge . Bürgermei
ster Dobbelmann und Stadtbaumei ster Thiel
wa ren gezwungen , in kürzester Zeit die für die
Ver setz ung notwendigen umfangreich en Vorarbeiten
zu leisten. Neben Professor Dr. 0 . Rau
war en in der Angelegenhei t die Professo ren Dr.
M. Eckertals Vorsitzender des Naturschutzverein s
Aachen und Dr. Wieler, Aachen, als Sachver ständiger
tätig.
Nachdem eine Anzahl von Fachfirmen , u . a. der
Bot anischeGartenFrankfurt a.M., umRat schlä ge
und Kostenan schläge gebeten worden war , wurde
die Versetzung der Eiben dem Gartenarchitekten
A. G. Radde , Aachen , durch Vertrag vom 13. Mai
1914 zum Preise von 3300 Mark übertragen. Für
diesen Betrag waren nicht nur die Versetzungsarbeiten
selbst zu leisten, sondern auch die
Bäume solange zu pflegen , wie dies für ihre Erhaltung
notwendig war. Die Entscheidung hierüber
hatte der Sachverständige, Professor Dr.
Wieler, Aachen . Interessant ist der § 8 des
Vertrages , wonach die Erben Tuckermann und
die Stadt Stolberg sich das Eigentumsrecht an
etwaigen Funden bei den Erdarbeiten vorbehalten
hatten.
Die Verpflanzung erfolgte am 18. und 19. Mai 1914
bei 28 Grad Hitze und Ostwind, wobei die Bäume
mit Wurzelballen ausgehoben und etwa 14 Meter
weit transportiert werden mußten. Infolge der
großen Hitze mußten die verpflanzten Bäume bis
zum Winter täglich besprengt werden. In einem
Gutachten vom 17. Oktober 1914 erklärte der
Sachverständige , Professor Dr. Wieler , daß die
Verschiebung der Bäume einwandfrei erfol gt sei ,
die Bäume keinen Schaden erlitten hätten und
die Pflege der selben ihr Ende erreicht habe.
Der Verpflanzung selbst lagen Erfahrungen, die
bei ähnlichen Arbeiten , insbesondere bei der Versetzung
einer 300jährigen Eibe in Frankfurt a. M.,
gemacht wurden , zugrunde . Dort dauerten die
gesamten Arbeiten etwa sechs Wochen , da die
Entfernungzwischen !dem alten und neuen 'Standort
3500 Meter betrug und der Transport des
Baumes allein acht Tage in Anspruch nahm.
Professor Dr. Rau hatt e vorgeschlagen , zur Hebung
der Anla ge vor den zwei Eiben einen Opferstein
mit einer Gedenktafel anzubringen. Die
Kosten hierfür , sowie für eine würdige Einfriedigung
sollten ebenfall s aus dem von den Erben
Tucke rmann zur Verfü gung gestellten Betra g
gedeckt werden . Durch den inzwischen ausgebrochenen
ersten Weltkrieg mit der folgenden Geldentwertung
ist dieser Vorschlag nicht zur Durchführun
g gekommen. Nach längeren Verhandlungen
, an die auch der damalige Studienrat
M. Schwickerath beteil igt war , wurd e der Platz
1929 mit einem Kostenbetrag von 528 Mark eingefriedigt.
Hub er t Kle in, Stolber g
94
DIE KOHLENHALDEN WURDEN KLEI ER
In den Zechen im Kreis seit April 1959 keine Feierschichten mehr
Von Josef Braunleder
Ist das Ende des Kohlen zeit aiters gekommen? Hat die Kohle noch eine Zukunft? Diese Frag en, die sich
aus der Kohlenkr ise in den letzten Jahren ergeben , sind auch für den Land kreis Aachen von ents chei dender
, ja lebenswichtiger Bedeutung .
Aber diese beiden Fragen können durchaus optimistisch
beantwortet werden: Der Bergbau hat
eine Zukunft. Als Energieträger hat er nach wie
vor erstrangige Bedeutung. Führende Männer des
Bergbaues und der Gewerkschaft haben das in
den jüngsten Wochen im Aachener Revier immer
wieder bestätigt . Und die Fakten beweisen es.
Die Krisenzeichen der Ruhr erreichten vor
Jahresfrist das Aachener Revier. Am 29. November
1958 wurde die erste Feierschicht verfahren.
Die Kohlenhalden wuchsen auf mehrere hunderttausend
Tonnen an. Der Höhepunkt war um die
Jahreswende erreicht. Die Kurve der Feierschichten
stieg zwar noch an, fiel dann aber rapid .
Die letzte Feierschicht mußten die Bergleute am
18. April 1959 einlegen. Auf den Gruben Anna 1
und Anna 2 in Alsdorf erreichte die Zahl der
Ein neues Wahr zeichen der Stadt Wür selen: der Förderschacht
des Verbundwerkes Gouley, L aurweg
Feierschichten je zehn, auf Maria-Hauptschacht
waren es sieben, auf der Grube Adolf in Merk
stein sechs. Das Verbundwerk Goule y/Laurw eg
kam ohne Feierschichten aus . Auch die Koker ei
und das Kraftwerk in Alsdorf produzie rten ohne
Einschränkung.
Inzwischen baut der Eschweiler Bergw erks -Verein
seine Haldenbestände, die rund 700 000 T t)nnen
Koks und Steinkohle umfaßten , ab. Die Industrie-
und Handelskammer Aach en bericht ete
Anfang November dieses Jahres , daß die Haldenbestände
im dritten Quartal 1959 bei Kohl e um
24,6 Prozen t und bei Ko~s um 12,3 P rozent abgebaut
werdenkonnten. Der Berich t nannte einen
Haldenbestand von 588 000 Tonnen . Die Bestände
wurden inzwischen aber weiter reduz iert.
Der Eschweiler Bergwerks-Verein , das größte
Bergbauunternehmen des Wurmreviers, hat bis
auf Emil Mayrisch alle Zechen im Landk reis
Aachen. Wenn das Unternehmen auch nicht ganz
ungeschoren von der Kohlenkrise davonge kommen
ist, so ist die Situation doch relativ günstig .
Objektiv gesehen, kann man auch nich t von einer
krisenhaften Erscheinung sprechen . Das gilt sowohl
für das Unternehmen als auch für die Beschäftigten
. Die dem Ruhrgebiet gegenüber gün
stige Lage erklärt sich daraus, daß der EBV über
einen Kohlenfächer verfügt, der vom Hausbrand
bis zur hochwertigen Industriekohle reicht. Zum
anderen widmet man sich auch der Frage der
Kohlenveredlung in elektrische Energie. Geplant
ist der Bau eines zweiten Kraftwerkes. Weiter
wirkt sich auch die enge Bindung des EBV an
den luxemburgischen Konzern ARBED günstig
aus. Der EBV kann den Bedarf der ARBED
Stahlwerke an Koks trotz des beabsichtigten
Baues einer weiteren Kokerei nicht decken .
Wenn auch eine Strukturwandlung in der Energieversorgung
nicht aufgehalten werden kann, so
wird doch von verantwortlichen Männern des
Bergbaues darauf verwiesen, daß man den ständig
wachsenden Energiebedarf nicht ohne die
heimische Steinkohledecken kann. Der.Anteil der
Steinkohle an der deutschen Energieversorgung
lag im Krisenjahr 1958 bei 64 Prozent. Das ist
Grundgenug zu eineroptimistischenBeurteilung .
, BAUDOUIN 1. IM LA DKREIS AACHEN
Landrat und Oberkreisdirektor wurden dem belgis<!hen König vorgestellt·
Kön ig Bau douin I. von Belgien besuchte in den
letzten Tag en des Oktobers belgische Truppen in
der Bunde srepublik Deutschland. Am 27. Oktober
weilte er im Lager Hitfeld , das auf Aachener
und Walhe imer Gebiet liegt. Der belgische Geschä
ftsträg er inBonn,M . ClaeysBoumaert, stellte
dem Mon archen auch Landrat Lennartz und
Oberkreisdirektor Dr. Korn vor. Unser Bild zeigt
die beiden Vertreter des Landkreises Aachen
kurz nach dieser Vorstellung .
Später fuhr König Baudouin I. über die Autobahn
in Richtung Düren, wo er wie in Aachen
Kasernen und Unterkünfte belgischer Soldatenfamilien
besuchte .
DER KREIS IM SCHRIFTTUM
Gemeindebuch des Kirchenkreises
Aachen
Mehr als verdoppelt hat sich in der Nachkrieg szeit durch
das Hineinst r ömen der Ostvertriebenen die Gesamtzahl
der im Ki rchenkreis Aachen lebenden Gem eindemitglieder
. Dieses sprunghafte Ansteigen der Seelenzahl auf zur
Zeit rund 76 000 ist nicht zuletzt auf die während der
letzten zehn Jahre im Norden des Kirchenkreises entstand
enen großen Bergarbeiter-Siedlungen zurück zuführen.
Hier , im Gebiet der Fördertürme und Fakriken ,
im Raume Alsdorf , Herzogenrath , Hoengen und Würselen
hab en sich die einzelnen Gemeinden in den letzt en
Jahren bis zum Vierfachen ihrer Seelenzahl vergrößer t.
Etwa 38 000 Gemeindemitglieder sind heute in die sem
nördlichen Te il des Kirchenkreises beheimatet. Ähnlich
wie im Steinkohlenrevier nahm auch im Gebiet der
Stadt Aachen die Zahl der Gemeindemitglieder zu
(heute rund 28 000), während diese Entwicklung im
dritten Raum der Synode südlich von Aachen , im Vennund
Eifelgebiet , nicht ganz so stürmisch verlief , obwohl
sich auch hier die Gemeinden aus den erwähnten Gründen
ebenfalls vergrößerten (zur Zeit etwa 10 000 Gemeindemi
tglieder).
Die zahl enmäßig stürmisch e Aufw ärtsentwicklung des
weit ausgedehnten und im Charakter seiner Gemeinden
so verschiedenen Kirch enkreises , der heute etwa von
Ahrhütte bis Herzo genra th und von der holländischen
Grenze bis Vossenack reicht , brachte für die Seelsorgearbei
t natürlich viel fä ltige, n eue Aufgaben mit sich und
stellt bis auf den heuti gen Tag die Gemeinden vor nicht
geringe Aufbausorgen und Bauaufgaben.
All das , das Werden und Wach sen, sowie die inneren
Veränderung ,en der 14 Kirchengemeinden der in eine
konfe ssionell anders gepr ägte und zahlenmäßig stärkere
Umgebung eingebe tteten Synode , findet seinen
Ni-ederschla,g in dem erstmalig herausgeg -ebenen Gemeindebuch
des Kirch enkreises . Für die einzelnen Absclmitte
des Buches , zu dem Supermtendent Wilhelm
Eichholz das Geleitwort schrieb , zeichnen die Pfarrer
Dr. Korth (Synodalteil, Gemeinden Aachen und Stolber
g), Dr. Dr. Lehmann (Nordbezirk) und Dr. Siebe!
(Südbezirk) verantwortlich . Die übersichtlich gestaltete
und durch zahlreiche Illustrationen aufgelockerte Schri f t
dür fte, wenn sie sich in erster Linie selbstverständlich
auch an die eingesessenen und vielen zugezo genen Gemeindemitglieder
wendet, auch dem außerhalb der evangelischen
Kirche Stehenden zu Nachschlage- und Informationszwecken
schätzenswerte Dienste leisten . hh.
96
Im Jahresbericht 1951-1953 des Landesmuseums Bonn ,
Sonderdruck aus Bonner Jahrbücher 155/156, Teil II,
1955/56, einem rund 600 Seiten umfassenden Band mit
zahlreichen Abbildungen und einem anhängenden Bildtafelteil,
fin den sich auch einige interessante Darlegungen
über geschichtliche Funde im Gebiet des Landkreise s
Aachen. Sie geben über die römische Besiedlung unserer
engeren Heimat manch schätzenswerten Aufschlu ß.
So fand man bei Siedlungsbauten im Gebiet der Gemeinde
Broichweiden römische Ziegelbruchstücke , wei
tere Reste römischen Mauerwerks wurden in Haaren,
Ort stei l Verlautenheide, angetroffen . Bei Aufschlußarbei
ten für die Braunkohlengrube Maria-Theresia in Herz o
genrath an der Landstraße nach Bardenberg stieß man
bei Abnahme des Mutterbo dens u .a. auf ein römisch es
Brandgrab aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunder ts.
Ein en höch st beachtlichen Münzschatz förderte man im
Gebiet Laurensberg-Vetschau zu Tage . Die noch vorhandenen
142 Silber- und Kupfer-Münzen gehören der
Zeit von 1584 bis 1705 an und verteilen sich u. a. auf das
Herzogtum Jülich-Ber g, Kleve , das Herzogtum Brabant ,
die Grafschaft Flandern , P rovinz Holland , Grafschaft
Lothringen, Kurköln, Kurtrier und Abtei Ess en. Der
Münzschatz war wahrscheinlich während des spanischen
Erbfolgekrieges (1701-1714) versteckt worden. hh.
August Brecher: ,,Geschichte der katholischen Pfarreien
zu Stolberg , I. Teil: Von den Anfängen bis zur
Französischen Revolution", herausgegeben von der
Stadtbücherei Stolberg , 150 Seiten , zahlreichen Abbildungen
, gebunden , 3,50 DM.
Nachdem in einem früheren der inzwischen schon au f
acht Bände gewach senen „Beitr äge zur Stolber ger Geschicht
e und Heimatkunde " Pfarrer em. Gustav Lohmann
und Fabrikant Kurt Schleicher die Geschichte der
evangelischen Kirchen aufgeblättert hatten , beschäftigt
sich der geistliche Studienrat des Mädchengymnasiwns ,
Dr. theol. Aug ust Brecher , mit Werden und Wachsen
der katholischen Pfarr eien in der Kupferstadt . Dab ei
ist er, wie er im Vorwort sagt, stets bemüht, kleine
Einzeltatsachen in die großen zusammenhänge der
Kirchengeschichte einzuordnen und „zu zeigen, wie sich
die großen geistig - religiösen und kirchenpolitischen
Bewegungen der Vergangen heit auf dem eng begrenz
ten Raum des vertrauten Heimatbodens widerspiegeln ".
Was ihm voll und ganz gelungen ist.
Das Material, das Dr. Brecher in zahlreichen Archiven
und Verö ffentlich un gen durcharbeitete, war so umfangreich,
daß der erste Band nur die Zeit vom Mittel
alter bis zur Französischen Revolution erfassen konnte.
Die Anfänge der katholischen Kirchengeschichte Stolbergs
liegen wie die der Historie der Stadt überhaupt
auf dem Burgberg . 1305 wird zum erstenmal ein Burgkaplan
als Zeuge in Urkunden genannt. 1349 erscheint
die Stolberger Burgkapelle in Ausgaberechungen der
Stadt Aachen. Aus der Bur gkape lle wurde im Laufe
der J ahrzehnte - mit wachsender Besiedelun g - eine
Gemeindekapelle , die allerdings im Bereich der viel
leicht scho n im 6. Jahrhundert entstandenen Pfarrei
Eschweiler lag. Das führte zu einem immer stärker
werdenden Streben nach kirchlicher Selbständigkeit.
zumal es mit Esch weiler zahlreiche Streitigkeit en um
das Patronatsrecht und die P erson des Pfarrers gab.
Aber noch war es nicht so weit. Zunächst brachte die
Reformation die Stolberger Katholiken in eine verzweifelte
Lage. Gottesdienst wurde jahrelang überhaupt
nicht gehalt en. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts
wuchs die Kapellengemeinde wieder zusammen,
und am 21. August 1669 wird sie erstmals laut Kölner
Vikariatsprotokollen „Pfarrei Stolberg" genannt. Die
kirchenrechtlich gültige Pfarrerh ebung erfolgte allerdings
erst 1745. Vorher liegt noch die Gründun g eine r
Kapuzinermission , der 1740 die Vollmacht zur Ausübung
der P farrseelsorge übertra gen wurde. Der letzte
Kapuzinerpfarrer mußte 1802, nach dem Verbot der
Klöster auf dem linken Rheinufer , das Ordensk leid
ablegen, wirkte aber unter weltlichem Name n noch bis
1812. An das segensreiche Wirken de r Kapuziner
erinnert noch heute auf dem Turm der Oberstol berger
Pfarrkirche St. Luzia das Kapuzinerk reuz mit den
Passionswerkzeugen .
Eine eigene Kirchengeschichte hatten die heuti gen Stadtteile
Büsbach und Dorff , da sie seit altersher zur
Reichsabtei und Pfarrei Kornelimün ster gehörten. Auch
ihnen widmet Dr. Brecher einen kurzen Bli ck.
Gerundet wird diese von mühevollem Quellen studi um
getragene ausgezeichnete Arbeit durch mehrere Abbildungen
aus alter und neuer Zeit. Reiner Deder ichs
75 Jahre Freiwillige Feuerwehr Haaren
Vor 113 Jahren wurde in Deutschl and die erste frei
willige Feuerwehr gegründet, und zwar in Durlach .
Wenn man dies berücksichtigt, so sind die 75 Jahre , in
denen in Haaren eine Wehr besteh t, schon ein ehr
würdiges Alter. Die s wird auch noch durch eine and ~re
Tatsache deutlich. Im Landkreis Aachen gibt es nur zwei
Feuerwehren, die älter sind als die Haarener : die von
Laurensberg (85 Jahre) und die von Kornelimü nster
(79 Jahre). Zum großen Jubil äum, das im Septe mber
dieses Jahres gebü hrend gefe iert wurde , gab ma n eine
Fest schrift heraus, die - man mu ß es ausdrücklich ver
merken - den üblichen Rahmen solche r Sch riften
sprengt. Außer den nun einmal notwend igen Anga ben
über das Geburtstag ski nd selbs t, über die Mitgli eder
und da s Jubil äumsfe st findet der interessierte Leser viel
Wissenswertes über das Feuer löschwesen. Einige Anek
toden über Haarener Feuer we hrmänner und Illustra
tionen, sowie eine lebendige Gest altung runden das vorteilhafte
Bild dieser Broschüre ab. Sie ist der Beweis
dafür, daß Fests chri fte n keine swegs immer einseitig
sein müssen. Sie könn en auch , wie im vorliegen den Fall ,
zu einer guten Werbung • für den H erausgeber we rde!1.
So wird diese Festschrift noch lange über das Jubiläum
hinaus wirksam bleiben zum Nutz en der Freiw illigen
Feuerwehr und damit auch der Gem einde Haare n. G.H .
Brand und die Donatus-Schützen
Die Gemeind e Brand feierte im Juli an drei Tagen ein
großes Fest: Die S t.-Donatus-Schü tzengesellschaft 1834
bestand 125 Jahre. Ein großes , ein echtes Jubiläum , bei
dem es sich wirklich lohnt , einen Blick in die Vergangenheit
zu werfen. In einer Festschrift w urd e dies auch
getan , wobei dem Leser nicht nur die Vergangenheit der
bekannt en und verdienten Gesellschaft nahegebracht
wurde, sondern auch eineinhalb Jahrhu ndert Brander
Geschichte. Brand gehörte bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts
zur Abtei Kornelimünster . Um die se Zeit löste
sich eine Schützengilde auf, die bislan g in Brand kleinere
Feste durchgeführt hat. Nach 30 Jahren eigener
Pfarrzuständigkeit faßte man im Jahr 1834 den Entschluß
, wieder eine Schützenge sellschaft ins Leben zu
rufen, wobei man bewußt an die Tradition der alten
Schützengilde anknüpfen wollte. So erhielt das Bru stsch
ild der Gesellschaft die Inschrift „Dem erneuerten
Büch senschütz enverein zu Brand 1834 " . Die enge Verbundenheit
zwischen kirchlichem Leberi und Schützenwesen
findet in der Chronik deutlich Ausdruck . Aber
auch das Schulwesen , die Kommunalpolitik , sowie das
dörfliche Geschehen in den 125 Jahren kommt nicht zu
kurz. So führt der Verfa sse r den Leser bis zum großen
Jubiläum , wobei offenbar wird, daß die Donatu s
Schützen heute wie vor 100 Jahren zum Brander Gemeindeleben
gehören . Die s bewe ist auch die große Mitgliederzahl
: 117 Namen hat die Mitgliederliste , davon
nicht weniger als 45 auf der Seite der aktiven Mitglieder.
Der Weiterbestand der ·alten Gesellschaft erschei
nt somit ~esichert. G. H.
Fot'os: Kleinen (S. 75), L inckens (S. 85, 86, 94, 95), Paulus (S. 76, 77, 81, 88, 89); Z ei chnunge n: Sanke (S. 78, 79, 80,
82, 83, 91, 92), StoUenwerk (S. 73, 74); Karte : (S. 90): Wagner.