Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-2
Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-2
Heimatblätter des Kreises Aachen 1959-2
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HEIMATBLATTER
DES LANDKREISES
AACHEN
HEFT
2
15. JAHRGANG
Titelbild: Drei!ägerbachtalsperre des Wasserwerkes des Landkreises Aachen GmbH. bei Roetgen. Foto: Dr. Paul Wolff & Tritschler,
Frankfurt.
Heimatblätter des Landkre ises Aachen. Erscheinen vierteljährlich. Bezugspreis 2,- DM jährlich . Auflage: 3300 Stück. Verantwor t
lich: Der Oberkreisd irektor. Schriftle itung: Prof. Dr. Peter Mennicken - Kreisoberinspektor Cornel Peters, Aachen, Zollernstraße
(Kreishaus), Tel. 4071. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und B ilder wird keine Gewähr übernommen . Druck: Herzogdruck,
Eschweiler.
/ HEIMAT-
\___ BLATTER
HEIMA TB LATTER DES LANDKREISES AACHEN . HEFT 2 / 19 5 9 • AACHEN, JULI 19 59
50 J A HRE WASS ER WE R K
des Landkreises Aachen Gmb H.
Es begann mit dem Bau de r D reiläge rbacli-Talspe rre
Heute fließt das Eilehvasser bis nacli Randerath
Mut bei der Griindung und We itblick bei der Pla nung
Die Grundkonzeption
erwies sielt als ricli tig
Der 2. Juni 1959 war ein Jubiläumstag , der einer besonderen
Wü r digung bedarf : Vor 50 Jahren wurde das
Wasserw erk des Landkreises Aachen GmbH . gegründet.
Vor einem halben Jahrhundert wurde der Grundstein
zu einer Wasserwirtschaft gelegt, die heute weit über
die Grenzen des Kreises hinaus die Grundlage eine ·r
interkommunalen Verbundwirtschaft darstellt. Heut e
kann gesagt werden: Der Aachener Raum kennt keine
Wassersorgen mehr. Sie sind - nach menschlichem
Ermessen - auf viele Jahr zehnte hinaus gebannt.
·wassernot - die Bedeutung dieses Wortes können nur
diejenigen ermessen, denen es an dem Allerprimitivsten
und doch Lebensnotwendigsten fehlt, für die ein B echer
Wasser eine Kostbarkeit ist. Solche Menschen leben auch
heute noch mitten unter uns. Im Mai dieses Jahres ging
eine Meldung durch Presse und Rundfunk, die besagte,
daß in mehreren Landgemeinden des Emslandes die
Wasserversorgung zusammengebrochen sei. Die Lage
war so katastrophal, daß sogar Operationen nicht vorgenommen
werden konnten. Wer eine solche Meldung
liest und anschließend ein Vollbad nehmen kann, der
möge daran denken, daß eine Wasserleitung - schon die
alten Römer kannten sie - heutzuta.ge eine Selbstverständlichkeit
sein mag, daß aber ein genügender
Wasservorrat zu allen Jahreszeiten bere i ts nicht mehr
so selbstverständlich ist. Und so ist bei diesem Jubiläum
weniger die Tatsache erwähnenswert, daß man vor
50 Jahren ein Wasserwerk gründete, als vielmehr die
damals richtig gewählte Grundkonzeption: Oberflächenwasser
aus Talsperren im Eifelraum.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts erfreuten sich im
Landkreis Aachen nur zwei Städte und eine Gemeinde
einer eigenen Wasserversorgung: Stol
berg und Haaren seit 1888, sowie Eschweiler seit
1889. In den übrigen Gemeinden mußten für
jeden Tropfen Wasser die Pum penschwengel in
Bewegung gesetzt werden . In den Sommermona
ten trat regelmäßig Wassernot auf. Zahlreiche Blick von der Dreilägerbachtalsperre auf die Filteranlage
26
Typhuserkrankungen waren eine ihrer Folgen.
Die Bevölkerung und die sich in der Entwicklung
befindende Industrie brauchten Wasser. Am
14. Juli 1906 tat die Kreisverwaltung unter Landrat
Pastor (er wurde 1916 seiner Verdienstewegen
in den Adelsstand erhoben) den ersten wichtigen
Schritt: sie beauftragte den Regierungsbaumeister
Schölvinck mit der Ausarbeitung eines Wasserversorgungsprojektes.
Im Oktober 1907 konnte
Schölvinck seinen Auftraggebern einen Plan vorlegen,
der die Frage „Oberflächenwasser oder
Grundwasser?" beantwortete. Schölvinck schlug
nämlich vor, bei Roetgen eine 4,2 Millionen Kubikmeter
fassende Trinkwassersperre anzulegen,
ein Gedanke, der für die damalige Zeit wenn auch
nicht revolutionär, so doch neuartig war. Der
Planer verwarf die beiden Möglichkeiten der
Grundwasserversorgung im Landkreis Aachen
(im Grubenfeld Kirchfeld-Heidgen bei Eilendorf
und im Gebiet der „Sieben Quellen " bei Seffent)
wegen geographischer Gegebenheiten und mangelnder
Rentabilität. Für sein Projekt setzte er
eine Summe von 5,2 Millionen Mark ein. Soviel
sollten Talsperre, Filteranlage, Behälter ( die Erdbehälter
Königsberg bei W alheim und Gottes
segen bei Eilendorf, sowie die Turmbehälter
In der Filter halle
Mausbach und Bardenberg)
kosten.
und das Roh rnetz
Bedenken _gegen Oberflächenwasser räum te ein
Gutachten des bekannten Bakteriologen P rof. Dr.
H. Bruns aus Gelsenkirchen aus. Er schrieb : ,,Es
ist ein wirtschaftliches Verbrechen, in eine in industrieller
Entwicklung begriffene Gegend Hartwasser
hineinzuleiten , wenn hygienisch glei ch-\\
wertiges Weichwasser in gleich großen Menge n
und zu nicht wesentlich erhöhtem Preise zur Ver
fügung steht." Der technische Gutachter (Baura t
H. Frentzen aus Aachen) kam zu dem Schl uß, daß
es technisch und wirtschaftlich das einzi g Rich
tige sei, als Wassergewinnungsanlage eine Tal
sperre am Dreilägerbach zu bauen. Bei diesen
Überlegungen hat auch die Diplomarb eit von
Ludwig Offergeld, der später Schölvinck als Geschäftsführer
des Wasserwerkes folgen soll te,
eine Rolle gespielt. In dieser Diplomarbei t hatte
Offergeld ebenfalls auf eine Wassergewin nung
durch Talsperrenbau am Dreilägerbach hingewiese
n.
Im Frühjahr 1908 waren die technischen Probleme
gelöst, die wirtschaftlichen und kommunalen
Fragen hatten dagegen nur zum Teil günstig
geklärt werden können: Von den Gemeind en
hatten Bardenberg, Brand, Büsbach , Korn elimünster,
Gressenich, Herzogenrath, Laurensberg
, Merkstein, Pannesheide (später Kohlscheid) ,
Richterich und W alheim ihre Beteiligung an dem
zu gründenden Wasserwerk zugesagt. Eschweiler,
Stolberg und Haaren erfreuten sich bereits
einer eigenen Versorgung; Alsdorf, Eilendorf und
Würselen wollten eigene Wege gehen, und Hoengen,
Kinzweiler, Broich, sowie Weiden hatten
weder Pläne noch Interesse ~n einer Beteiligung.
Am 23. Januar 1909 beschloß man, eine Gesellschaft
mit beschränkter Haftung zu gründen ; Gesellschafter
sollten der Kreis und die Gemeinden
sein. Bevor es aber knapp ein halbes Jahr später
- am 2. Juni 1909 - zur Gründung kam,
hatten die Verantwortlichen, ah ihrer Spitze
Landrat Pastor, noch die schwerste Hürde zu
nehmen: Das Finanzproblem mußte gelöst werden.
Das Stammkapital war mit 5,2 Millionen
vorgesehen; ein Viertel davon mußte bei der gerichtlichenEintragungnachgewiesen
werden. Der
königlich preußische Landrat kapitulierte nicht;
er präsentierte einen Scheck in Höhe von 1,3 Millionen
Mark , einen Scheck, der nie eingelöst werden
sollte. So war die GmbH . gerichtlich eingetragen
; sie konnte arbeiten , allerdings ohne einen
Pfenni g eigen es Geld. Die Gesellschafter brauchten
ihre Ante ile nicht einzuzahlen; das Wasserwerk
hat sie erwirtschaftet. Das Risiko wurde
nicht eines Gewinnstrebens wegen übernommen,
es gin g im wahrsten Sinne des Wortes um das
Allgem einw ohl. Daß nicht alle von dem Erfolg
überzeu gt waren, dafür ist der Ausspruch eines
Ratsmi tglie des aus der heutigen Gemeinde
Broich wei den ein Beweis: ,,Unsere Kinder und
Kinde skin der werden uns noch verfluchen, wenn
wir uns an dieser bankrotten Gesellschaft beteilige
n ."
Die Gemei nden Broich und W eitlen fehlten dann
auch in der Liste der Gesellschafter, ebenso wie
Haar en (1910 beigetreten), Eilendorf (1921 beigetre
ten) und Alsdorf (1927 beigetreten). Broichweiden
und Kinzweiler sind heute die einzigen
Gemei n den im Landkreis, die - obwohl vom
Werk versorgt - nicht zu den Gesellschaftern
zählen.
Im Herbst des Gründungsjahres begann man
schon mit dem Bau der Dreilägerbachtalsperre
und in den ersten Monaten des Jahres 1912 bereits
die Versorgung des Landkreises und der holländ
ischen Gemeinden Vaals und Kerkrade . Die
gesamt en Anlagen hatten allerdings nicht wie
vorges ehen 5,2 Millionen Mark gekostet, sondern
sechs Millionen. Im ersten Betriebsjahr 1913/14
umfaßte das Rohrnetz 276,3 Kilometer, 7705 Hausanschlüsse
waren ausgeführt , der Verbrauch betrug
fast fünf Millionen Kubikmeter, davon wur
den 76 Prozent an Großabnehmer abgegeben. Zu
den ersten industriellen Großabnehmern gehörten
der Eschweiler Bergwerks- Verein und die
Eisenbahnverwaltung. Im Jahr 1958 hatte sich
die Länge des Rohrnetzes mit 775 Kilometern
verdreifacht, die Zahl der Hausanschlüsse stieg
auf fast 40 000, und der Verbrauch war auf über
20 Millionen Kubikmeter angestiegen. Waren bei
der Gründung rund 80 000 Menschen zu versorgen,
so waren es fünfzig Jahre später 320 000.
Mitte der zwanziger Jahre vergrößerte sich der
Abnehmerkreis über die Grenzen des Landkreises
hinaus : Dürwiß, Zweifall, Rott, Weisweiler und
der Wasserleitungs-Zweckverband Lucherberg
und Langerwehe wurden angeschlossen. Setterich,
Baesweiler , Uebach und weitere Orte des
Kreises Geilenkirchen folgten 1927. Als schließlich
noch 1929 derWasserleitungsverbandWürm
Brachelen-Randerath angeschlossen wurde, floß
das „Landkreis-Wasser" bis weit in den nördlichen
Teil des Regierungsbezirks Aachen .
Mit dieser Ausweitung des Abnehmerkreises
Di e K allta lsperre
mußte die Vergrößerung der W assergewinnungsanlagen
Schritt halten. So wurden der Schleebach
(1918/19) und der Hasselbach (1920) durch
Hanggräben einbezogen. 1924 griff das Wasserwerk
auf den Kallbach und einen .seiner Nebenflüsse
, den Keltzerbach, über. Durch zwei kleine
Stauanlagen wurde das Wasser abgefangen und
durch einen Stollen in die Dreilä gerbachtalsperre
geleitet . Im Dezember 1924 wurde mit dem Bau
dieses 6,2 Kilometer langen Freispiegelstollens
begonnen. Knapp zweiJahre später war der _Kallstollen
fertig, ein Stollen, der in Pressekommentaren
als der bislang längste Wasserleitungsstollen
gefeiert wurde. Eine große Zeitung schrieb:
,,Ein Ingenieurwerk, das seinesgleichen sucht!"
Fast vier Millionen Mark mußte das Wasserwerk
für den Kallstollen aufbringen.
Durch den Bau des Stollens war die weitere Ent
wicklung vorgezeigt. Am 21. März 1934 wurde
mit dem Bau der\Kalltalsperre begonnen. Anfang
1936 war die Sperre erstmalig gefüllt. Der März
1934 hatte aber auch noch eine andere wichtige
Bedeutung für die Wasserwirtschaft: Am 19. dieses
Monats wurde der Wasserverband Schwam-
Der Wasserturm Bardenberg
menauel gegründet, an dem das Wasserwerk des
Landkreises beteiligt war. Mit dieser Verbands
gründung wurde ein Ausgleich mit den Rur
Interessenten der Dürener Industrie gefunden,
mit denen das Wasserwerk durch seinen Griff
nach der Kall in Konflikt geraten war. Der Was
serverband baute die Talsperre Schwammenauel,
die nach einem Wasserwirtschaftsplan eine gleich
mäßige Abgabe an die Unterlieger und an den
Aachener Raum garantieren sollte. 1938 wurde
die Talsperre vollendet; der erste Schritt zur interkommunalen
Verbundwirtschaft in der Was
serversorgung war getan.
Als 1947 wieder Wassermangel eintrat, erinnerte
man sich wieder dieser Verbundwirtschaft. In
einer Denkschrift wurde vorgeschlagen: Ausbau
der Talsperre Schwammenauel - in einer Ver
einbarung wurden dem Wasserwerk des Land
kreises jährlich bis zu 15 Millionen Kubikmeter
Wasser zugestanden, wenn es sich an der Auf
stockung beteilige - und Überleitung von Rurwasser
aus dem Obersee von Schwammenauel in
die Kalltalsperre. Es fehlte auch nicht an anderen
Plänen. So wollte die Stadt Aachen ihre Verbundwirtschaft
mit dem Stolberger Wasserwerk ausbauen,
und das Wasserwerk des Landkreises
sollte Grundwasser bei Gillrath fördern . Diese
zeitweilig auch von der Aufsichtsbehörde ver
fochtenen Pläne wurden aber aufgegeben, als die
Rurtalsperrengesellschaft (Eigentümerin der 1900
bis 1905 zum Hochwasserschutz erbauten Urft
talsperre) beschloß, die Oleftalsperre (20 Mil
lionen Kubikmeter) zu bauen und dem Aachener
Raum davon die Hälfte zur Verfügung zu stellen .
So wurde im Jahr 1954 mit dem Bau der fast acht
Kilometer langen Rurüberleitung begonnen; am
12. Juli 1955 wurde der Durchschlag des Rur
stollens gemeldet . Im Jahr 1955 wurde noch ein
weiterer wichtiger Schritt getan: Die Stadt
Aachen und das Wasserwerk des Landkreises
bildeten den Wasserverband Aachen , der sich an
dem Bau der Oleftalsperre, sowie an der Aufstockung
der Talsperre Schwammenauel von 100
auf 204 Millionen Kubikmeter beteiligte . Dadurch
sicherte sich der Wasserverband Aachen
einen Anspruch auf insgesamt 25 Million en Kubikmeter
Wasser, von denen der Stadt Aachen
zehn Millionen zustehen.
1 \
Inzwischen ist die Aufstockung Schwamm enau el
beendet, die Oleftalsperre steht vor ihr er Einweihung,
der „Wasserkrieg" mit dem Düre n
Jülicher Raum gehört der Vergangenheit an, und
der Ausgleich im Aachener Raum wurde ebenfalls
gefunden. Bald kann Wasser von der Olef
über die Urftalsperre und den Obersee durc h die
Rurüberleitung in die Kalltalsperre, von dort
durch den Kallstollen in die Dreilägerbach talsperre
und von hier zu den Abnehmern bis in
den nördlichen Teil des Regierungsbezirk es fließen.
Das Wasserwerk des Landkreises, das größt e
ländliche Wasserwerk der Bundesrepublik , hat
allerdings bei einem derzeitigen Stammka pit al
von 8,2 Millionen DM in den letzten zehn J ahren
28 Millionen DM in die eigenen Anlagen investieren
müssen und außerdem noch zehn Millionen
DM für die Aufstockung Schwammen auel
und den Bau der Oleftalsperre beizutragen, Leistungen
, die normalerweise auf Generationen
hätten verteilt werden müssen. Aber die großräumige
Wasserverbundwirtschaft ließ einen stufenweisen
Ausbau nicht zu.
Bei der Geburtstagsfeier am 2. Juni 1959 im
Aachener „ Quellenhof" sagte Geschäftsführer
Kreisdirektor Dr. Otto Korn von den Gründern
des Werkes, von den Männern, die eine solche
Wasserwirtschaft erst möglich machten: ,,Hut ab
vor diesen Leuten, die das damals wagten, in
einer Zeit, in der sie niemand getadelt hätte,
wenn sie es nicht getan hätten. Sie taten nicht
etwas, was sich anbot, sondern sie sahen die Ent
wicklung des Landkreises Aachen voraus; sie
waren also im echten Sinne scht?pferisch tätig! "
Es wurde -wie Dr. Korn sich ausdrückte - die
richtige Tat zur richtigen Zeit ausgeführt.
In der Feierstunde - sie wurde durch den Vorsitzenden
des Aufsichtsrates Landrat Leo Lennartz
eröffnet-wurden zahlreiche G 1 ückwünsche
dem Wasserwerk des Landkreises übermittelt,
Glückwünsche, aus denen die Genugtuung über
die heutige Wasserverbundwirtschaft im Aache
ner Raumherausklang. Das war wohl die schönste
Freude für das „Geburtstagskind", für das Wasserwerk
des Landkreises GmbH. G. H.
29
FOR DE RSCHULEN IM KREIS
Vo11 Pfarrer lic. Dr. He1111ig
Durch die Spätaussiedlung von volksdeutschen
Jugend lichen in den Jahren 1957 und 1958 wurde
auch dem Landkreis Aachen die Aufgabe gestellt ,
seinen Bei trag zur Eingliederung dieser meist
in Pol en, Litauen, Lettland, Jugoslawien, der
Tschechoslowa kei oder in den jetzt unter polnisch
er Verwaltung stehenden deutschen Ostgebiete
n geborenen Jugendlichen zu leisten .
Für nur 25 Prozent dieser 5000 in das Bundesgebiet
spätausgesiedelten Jugendlichen standen
Plätze in Förderschulen zur Verfügung. Einrich
tung un d Betrieb wurden vom Staat an die gro
ßen caritativen Verbände Arbeiterwohlfahrt ,
Carita s und Evangelisches Hilfswerk delegiert.
Die fünf Förderschulen im Regierungsbezirk
Aache n haben 195 Plätze , 75 für Jungen, 120 für
Mädch en. Vier dieser Förderschulen sind katholisch,
eine ist evangelisch. Im Landkreis Aachen
gibt es zwei Förderschulen, eine für Mädchen in
Stolberg im „Haus Elisabeth " mit 39 Schülerinnen .
im Alter von 15 bis 25 Jahren , die andere für
Jungen im Evangelischen Gemeindehaus Brand
mit 51 Schülern im Alter von zwölf bis 19 Jahren .
Die Herkunft der Jugendlieben
Von den Jungen in Brand haben 24 Prozent keine
Eltern, 76 Prozent kommen aus gestörten Ehen,
sogenannten Onkelehen oder geschiedenen Ehen,
oder sind Krieger- oder Vollwaisen. 48 Prozent
der Jungen wohnten seit ihrer Ankunft im Bundesgebiet
Ende 1957 in Lagern, Notunterkünften
und behelfsmäßigen Notwohnungen bei Verwandten.
Die se Jungen wurden vom Evangelischen
Hilfswerk in Düsseldorf ausgewählt. Bei
den Mädchen, die vom Katholischen Fürsorgeverein
für Frauen , Mädchen und Kinder e. V. in
Stolberg betreut werden, sind sechs Vollwaisen,
elf vaterlos , eins mutterlos . Sie befinden sich seit
ein bis zwei Jahren in der Bundesrepublik.
Die Förd erschu le in Brand
30
Einige dieser Jugendlichen waren bei ihrer An
)mnft im Bundesgebiet Analphabeten. Mit 17
oder 19 Jahren mußten sie die primitivsten Anfangsgrün
de lernen oder hatten nur sehr unzu
reichenden Unterricht von zwei bis drei Jahren
an polnischen oder russischen Volksschulen genossen
. Einige dagegen waren vor allem ausgezeichnet
in Mathematik und Naturwissenschaften,
den beiden Grundfächern der östlichen Erziehung,
vorgebildet. Sie hatten polnische Oberschulen
besucht oder eine abgeschlossene Lehre
hinter sich.
Dieses starke Gefälle im Alter und in der Vorbildung
machte es notwendig, die Klassenstärke
auf die Höchstzahl von 25 festzusetzen. Aber
selbst diese niedrige Frequenz erwies sich noch
als viel zu grob, um den individuellen Förderungsbedürfnissen
der Jugendlichen zu ent
sprechen . Da muß der 19jährige Analphabet
neben einem Vierzehnjährigen sitzen, der immer
schon in deutsch sprechender Umgebung gearbeitet
hat. Da kommt es vor, daß ein 15jähriger
Oberschüler mit einem Zwanzigjährigen gleichzeitig
unterrichtet werden muß, wobei die Lebenserfahrungen
bei beiden Jugendlichen eine
sehr verschiedene Tiefe und Breite haben.
Sie lernen ihre Muttersprache
Die größte Schwierigkeit aber liegt in der ungleichmäßigen
Kenntnis des Deutschen. Bei den
Mädchen beherrschten zehn das Schriftdeutsch gebrochen,
29 befriedigend , zehn sprachen Deutsch
gebrochen, 28 befriedigend, eine gut. Bei den
Jungen dagegen war der größte Teil unfähig, das
Schriftdeutsch zu beherrschen. Ehe Hälfte sprach
auch noch so mangelhaft deutsch, daß es monatelanger
Mühe bedurfte, bis die Jun gen den Gebrauch
der ihnen geläufigen Umgangssprache ,
meist polnisch und litauisch, allmählich aufgaben.
Noch jetzt fallen sie in der Erregung in die ver
trauteJugendsprache zurück. Briefe an die Eltern
werden immer wieder polnisch oder litauisch geschrieben.
Je komplizierter die Ausdrucksform
im Gemütsleben, in seelischen oder gar religiösen
Fragen wird, desto größer werden die gegenseitigen
Mißverständnisse bei der Verständigung.
Trotzdem haben viele Jugendliche sich das Deutsche
in recht kurzer Zeit so gut angeeignet , daß
nur noch die Nasalvokale, der starke Ton auf der
vorletzten Silbe und die polnische Diphtongbildung
daran erinnern, daß diese Jugendlichen
ihre Muttersprache als Fremdsprache lernen
mußten.
Schulausbildung
Die beiden Förderschulen in Stolberg und Bran d,
die der katholischen Volksschule Stolbe rg-Ats ch
und der evangelischen Volksschule in Stolberg
angeschlossen sind , erfreuten sich ausg eze ichneter
Lehrkräfte. In Brand standen von Anfa ng
an zwei hauptamtliche Lehrer , von denen der
eine fließend polnisch sprach, zur Verfügung. Für 1\
die Mädchen der Förderschule Stolber g konn te
leider nur eine hauptamtliche Lehrkr aft gewo n
nen werden . In die Erteilung des übrigen Unterrichtes
teilten sich sechs nebenamtlich e Lehrkräfte.
Der Unterricht wird in Stolb erg in den
Internatsräumen selbst erteilt. Bisher wur de
auch der Unterricht für die Brander Förderschüler
im evangelischen Jugendheim gegeben. Ab
Ostern 1959 werden die Brander Fördersc hüler
täglich nach dem alten Berufs schulgebäude in
Stolberg gefahren. Damit wird eine Intensivie
rung des Unterrichtes erreicht. Es war ein kaum
zu erhoffendes Ergebnis, daß zu Ostern 1959 allen
Schülerinnen der Förderschule Stolberg und
20 Schülern der Förderschule Brand nach einem
siebenmonatigen , geregelten Unterricht bescheinigt
wer den konnte, daß sie die Kenntnisse erworben
hatten, über die ein deutscher Volksschulentlaß
-Schüler verfügt .
Die Internatsleitungen entlassen allerdings ihre
Jugendlichen nicht so leichten Herzens . Sprachschwierigkeiten
und auch die Komplexe, die sich
durch jahrelangen Aufenthalt in Kolchosen und
als Angehörige der deutschen Minderheit gebildet
hatten, hatten diese Jugendlichen zu einer
sehr eng geschlossenen Gemeinschaft zusammengeschmiedet,
die sich allzu sehr nach außen abschirmte.
Wenn jetzt jeder auf sich selbst gestellt
ist, wird vielen unter ihnen die Grenzsituation in
bezug auf Sprache, geistige Herkunft und bisherige
weltanschauliche Prägun g schmerzhaft
zum Bewußtsein kommen . Die Berufsberater und
Arbeitsämter haben sich die größte Mühe gegeben,
diese Jugendlichen so in den Arbeitsprozeß
unser es Gebietes einzugliedern, daß sie
ihre Gaben und Kräfte, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten
voll auswerten können. Einige dieser
Jugendlichen kamen allerdings aus norddeutschen
Lagern und versuchen, dort eine Lehrstelle
zu bekommen .
Selten ist der Widerspruch zwischen körperlicher
Entwicklung, Lebenserfahrung , rationalem Wissen
und seelischer Entfaltung so spannungsreich
empfunden worden wie bei diesen jugendlichen
Opfern der Katastrophe von 1945. Eine große
Frei zeitg est aitung der Schüler in Brand
Hilfe bildeten die Praktikanten, die nachmittags
bei den Schularbeiten den Jugendlichen halfen
und eine wesentliche pädagogische Ergänzungsarbeit
leisteten . Die Mädchenförderschule hatte
eine hauptamtliche Praktikantin und eine pädagogisch
vorgebildete Kraft zur Verfügung , die
J ungenschule wenigstens einen Praktikanten.
Trotz dieser Schwierigkeiten haben alle Lehren
den mit besonderer Freude an den Förderschulen
unterrichtet. Disziplinschwierigkeiten gab es
fast nie . Die Jugendlichen sind ernst, gehorchen
meist auf das Wort, sind willig und lernbegierig .
Bis in die späten Abendstunden hinein finden wir
sie über ihre Bücher gebeugt. Von Ausnahmen
abgesehen sind es ja innerlich schon besonders
qualifizierte Jugendliche. Denn wer widersteht
gleich der Versuchung, sofort nach der Ankunft
in der Bundesrepublik, statt eine gut bezahlte
Hilfsarbeiterstelle anzunehmen, sich für ein bis
zwei Jahre noch einmal auf die Schulbank zu
setzen, nur um den Anschluß an die neue Heimat
zu gewinnen?
Die .Einheimatung"
Noch wichtiger als diese Eindeutschung scheint
die Aufgabe zu sein , diese Jugendlichen mit
den demokratischen Lebensformen vertraut zu
machen. Dazu eignet sich im Internatsleben die
Schülerselbstverwaltmig. Jede Stube hat ihren
Ältesten . Zeitschriften und Zeitungen liegen in
dem Leseraum aus; durch Fernsehen und Rundfunk
werden die Jugendlichen in den westlichen
Lebensstil eingewöhnt. Die Jungen konnten an
den Plenarsitzungen des Bundestages in Bonn,
des Landtages in Düss eldorf, den Gemeinderatssitzungen
ihres Wohnortes, an staatsbürgerlichen
Wochenendseminaren teilnehmen. Sie besuchten
monatlich einea-- politischen oder staatsbürgerlichen
Vortrag. Eine Fülle von Anregungen, die
der Besuch von Theater und Film, der Brüsseler
Weltausstellung , der großen Kulturstätten ihnen
erschloß, gab ihnen Einblick in eine ihnen bisher
unbekannte Welt.
Aber auch eine neue Welt der Freiheit und Selbständigkeit
tat sich vor ihnen auf: Sie wurden
zur eigenen Meinungsbildung herausgefordert.
Statt der absoluten Vorherrschaft des rationalen
Denkens öffnete sich ihnen die musische Welt:
Den Brander Jungen wurden acht Gitarren,
Akkordeons und Melodikas geschenkt. Dazu kam
der Unterricht in Religion, der regelmäßige Besuch
der Kirche, der manchen unter diesen Jugendlichen
den Zugang zu einer ihnen bisher
unbekannten Welt öffnete.
Die Jugendlichen waren teilweise unter primitiven
Verhältnissen aufgewachsen. Jetzt lernten
sie die Höflichkeitsformen im Verkehr mit Menschen,
die Manieren bei Tisch, Körperpflege, die
32
modernen hygienischen Einrichtungen kennen.
Von einer mehr als gesellschaftlichen Bedeutung
waren die Tanzkurse, die erfreuliche . Rückwirkungen
auf die Gesamthaltung der Jugendlichen
in Haltung, Kleidung und Umgangsformen ausübten
und ihnen menschliche Sicherheit im Verkehr
vermittelten.
Umordnung
Das Schwerste ist zweifellos die Umordnung der
seelischen Mitte dieser Jugendlichen, die ja bereits
als fertige Charaktere in die freie Welt ausgesiedelt
worden sind. Da gibt es Jugendliche,
die bisher als einziges Buch eine litauische Bib el
gekannt hatten, die wie vor 200 Jahren ihre Wortvorstellungen
und ihren Begriffsschatz nur aus
diesem Buch genährt haben, das völlig unvermittelt
in ihrer Umwelt stand. Die Fragen, die
sie. bewegen, sind zu der westlichen Lage derartig
inkongruent, daß es aller verstehenden Liebe und
Geduld bedarf, um in einen wirklichen Kontakt
mit einem solchen Jugendlichen zu kommen , ganz
abgesehen von den sprachlichen Schwierigkeiten.
Darum waren die Disku ssionsmöglichkeiten mit
der hiesigen Jugend begrenzt. Sie beschränkten
sich meistens auf die Beteiligung an den Sportgruppen.
Das schönste Lob wurde den zunächst als „polnische
asoziale Halbstarke" mißtrauisch aufgenommenen
Jugendlichen durch die Öffentlich
keit zuteil, die das einwandfreie Auftre ten der
Förderschüler später als vorbildlich bezeich nete .
Selten ist unserem Landkreis eine so dankbare 1 \
Aufgabe gestellt worden wie diese: Junge Menschen,
hin- und hergerissen vom Haß gege n eine
Heimat , die sie ausstieß, und von einer Sehnsucht
nach einer neuen Heimat , die sich zun ächst
mißtrauisch abwartend verhielt, die, ange widert
durch Terror und abgestoßen durch indivi duali
stische Vergötzung des Lebensstandard s fr eie ,
ausgeglichene und gläubige Menschen werden
sollen, diese jungen Menschen, die zwischen einem
übersteigerten Selbstbewußtsein und einer Devotion,
zwischen einem krampfhaften Geltungsbedürfnis
und einem übersteigerten Minderwertigkeitskomplex
hin- und hergerissen wirken,
nun zu tätigen Mitarbeitern in einer freien , ver
antwortungsfreudigen, christlichen Welt zu erziehen:
Das ist eine Aufgabe, die einer großen
Liebe und eines grenzenlosen Einsatzes wohl
wert ist.
INSZENIERUNGE ,,IN HAUTNAHE U D TUCHFUHLUNG"
Zimmertheater des Landkreises Aachen hatte 100. Einstudierung
Von H. Mänbardt
Über 100 Inszenierungen sind das Zimmertheater
und Direktor Kurt Sieder mittlerweile „alt" ge
worden: ein Jubiläum, das dem künstlerisch wie
auch kaufmännisch geschickt und verantwor
tungsbewußt gesteuerten „Miniatur-Theater" des
Landkreises Aachen an der Schwelle des zehnjährigen
Bestehens gut „zu Gesicht" steht.
Die WDR-Interviews mit Direktor Sieder sowie
die Fernseheinblenden aus der 100. Inszenierung
(,,Die zwölf Geschworenen") und Aufnahmen aus
der Probearbeit (,,Spiel von Tod und Liebe")
bestätigten, daß der Entwicklung des Theaters
vom Provisorium im Hinterzimmer der alten
,,Brücke"-Räume auf der Theaterstraße (1950)
bis zum charakteristischen Halbrundbau hinter
der Nuellenspassage im Herzen der Stadt (1954)
bis heute auch anderenorts beifälliges Interesse
entgegengebracht wird .
Als hervorstechendes künstlerisches Kriterium
seines Hauses nennt Kurt Sieder die absolute
Freiheit in der Spielplangestaltung. ,, Wir machen
im Spielplan allerdings auch Experimente; wir
suchen sie aber nicht: Nur wenn sie sich anbieten,
dann greifen wir zu", betont der Hausherr, womit
er die folgerichtige Spielplanentwicklung einer
Einraumbühne zum „Abstecher-Theater" mit
festem „Wohnsitz" charakterisiert. Bei zehn
Abonnentenreihen in Aachen und Gastspielen in
rund 20 Städten und Orten auch über das Kreisgebiet
hinaus und in die Nachbarländer Holland
und Belgien ist die Alternative vom reinen Experiment
auf das Allgemeingültige, ja, bisweilen
„Gängige " zurückgedrängt, ohne daß dadurch
der Spielplan an Niveau verloren hätte.
Zum Inszenierungsstil des Zimmertheaters äußert
sich Spielleiter Wilhelm Wiegand: ,,Bei uns steht
33
das Wort im Vordergrund. In Hautnähe und mit
Tuchfü hlung mit dem Publikum ist der Sprache
jene Unmittelbarkeit wiedergegeben, die sie auf
den moder nen Großraumbühnen zu verlieren
droh t. " - Diese Verpflichtung dem Wort gegenüber
kam in der 101. Inszenierung, im „Spiel von
Lieb e und Tod", in einer fluidumstarken, kam
mersp iel haften Aufführung wieder besonders zur
Geltu ng, unbestrittenes Verdienst eines so erfahren
en Regisseurs und Schauspielers wie Wiegand,
der Direktor Sieder auch den jeweiligen
Spielp lan entwerfen hilft.
Viell eich t bedeutet es raumtechnisch und besetzungsmäßig
schon ein Experiment, im Rahmen
des Schillerjahres als Beitrag in der kommenden
Spiel zeit ein Werk .fvie den „Don Carlos" herauszubri
nge n. Folgt man aber den Intentionen des
Haus herrn und seines Regisseurs, so wird das
„Vom-Wort-her -Inszenieren" auch dieses Stückes
der Verpflichtung, es nur auf einer großen Bühne
spiel en zu können , entbinden. Experiment bedeut
et somit nicht Wagnis, sondern reizvolle S tei
gerun g.
Viel ist nach dem Kriege, in der Zeit räumlicher
Beschrä nkung und karger Ausstattungen auf der
Bühne , über das Wesen des Einraum-Theaters
diskutiert worden. Es wurde aus der „Geburts -
stunde der Not" heraus interpretiert, seine Lebenskraft
angezweifelt . Das Zimmertheater des
Landkreises Aachen ist über die Tagesdiskussion
hinaus ein markantes Beispiel dafür, daß die Intensität
des Spiels in engem Publikumskontakt
auf dem vorhanglosen Podium mit dem Zirkelschlag
der Faszination im ursprünglichen Sinne
das Miterleben im Beschauer herausfordert.
Einbezogensein im Spiel entsprang im Anbeginn
des Theaters überhaupt dem Bannkreis des Kul
tischen. Die Griechen sahen bekanntlich in der
Erschütterung des Miterlebens jene Möglichkeit
zur Läuterun g und Erhebung der Seele, ,,Ka
tharsis" genannt, die Ziel und Zweck der Tragödi e
bedeutete. - Das moderne Theater in der Zeit
hat jene Kraft der „Reinigung" durch das grie
chischeTheater, aber auch die ethische Forderung
Schillers, die „Schaubühne als moralische Anstalt",
zwar aus dem Auge verloren , im Bemühen
um ein neues Ideal des Theaters und seiner Kunst
im Wis sen um die metaphysischen Kräfte indes
nicht nachgelassen. So gese hen , entsteht jedem
Theater - so „gering" auch sein Beitrag in der
Größenordnung der Gesamtheit sein mag - die
Verpflichtung, bei der Formung eines neuen
Mensch-und .Weltbildes seinenAnteil nach besten
Kräften einzubringen .
Szen enbild aus „Die zw ölf Geschworenen"
von Reginald Ro se
34
UNAUFHALTSAM
WEITER NACH NORDEN
Von Sch11lrat Kröger. Bad Godesberg
Der Kohlenbergbau an der Wurm kann sich rühmen
, der älteste auf dem europäischen Festland
zu sein. Er wird im 12. Jahrhundert in den Ann a
len der Abtei Klosterrath , des heutigen Kloster s
Rolduc bei Herzogenrath, erwähnt. In diesen
Jahrbüchern ist bei der Eintragung einer Land -
schenkung in der Sprache der damaligen Zeit von
„Kalkulen" (Kohlengruben) die Rede. Die Stelle
lautet: ,,Hezelo Herker schenkte (1113) der Kirche
(von Klosterrath) 15 Morgen Land , das zwischen
den Kalkulen und einem (näher bezeichneten)
Wege liegt. "
Der „Kohlberg " (heute Grube Voccart) bei Kohlscheid
wird als die Stätte bezeichnet , wo zuer st
die schwarzen Diamanten gefunden und gegraben
wurden. Das letztere geschah im Tagebau ,
wovon trichterförmige Vertiefungen und kleinere
und größere Gruben und Löcher heute noch
zeugen . Dieser früheste Bergbau ist dadurch begründet,
daß die Flöze an der Wurm stellenweise
frei zu Tage treten oder unter dünner Erdschicht
liegen und somit leicht abzubauen waren. So
grub man also und brach die Steinkohlen ab , von
oben nach unten, bis Einsturz oder das sich ent
gegens tellende Wasser das Weiterarbeiten unmöglich
machten. Ein tieferes Eindringen mit
Schacht und Stollen gelang erst später und ist
gegen Ende des 14. Jahrhunderts allgemein gekannt
und geübt, allerdings nicht im entfernt e
sten zu vergleichen mit der Gewinnung in unserer
Zeit. Um die Kosten zu mindern und die
Förderung zu steigern, schlossen sich nach und
nach kleine Betriebe zu Vereinigungsgesellschaften
zusammen, woran sich begüterte Familien
mit Geldhergabe beteiligten . Doch gruben noch
zu Ende des vorigen Jahrhunderts arme Leute
die Kohlen für ihren Haushalt unterhalb des
Friedhofes von Straß bei Herzogenrath aus der
Erde , wie mir berichtet wurde.
Es war althergebrachtes Gewohnheitsrecht, daß
dem Eigentümer des Grundstückes auch die im
Boden lagernde Kohle gehörte, mochte diese noch
so tief in der Erde liegen. Ein „Bergregal " (Bergrecht)
gab es noch nicht und wurde erst zur Franzosenzeit
an der Wurm eingeführt. Jeder Grund
besitzer war, so könnte man sagen, sein eigener
Grubenherr und Hauer , der für seinen Bedarf
und auch für den Verkauf die schwarzen Steine
schürfte .
Diese primitive Art des Abbaues und beso nders
auch die wenig sorgfältige Abstütz ung und die
Ausfüllung der entstehenden Hohlräu me sind die
Ursache der bis zur Gegenwart vorkommend ~n
Erdsenkungen und lassen das Kohls cheide r Gebiet
als „unsicheren Boden " gelten. Auch größere
Bodensenkungen, Tagebrüche genan nt, kommen
noch vor. Ich habe selbst mitten in eine m Saatfeld
eine größere Erdfläche gesehen , die kur z vorher
plötzlich metertief senkrecht abgeglitte n war.
So wäre im Jahre 1868 ein Knecht beim Pflügen
beinahe zu Tode gekommen , da der Erdboden
plötzlich nachgab und eines seiner Pferde mit in
die Tiefe gerissen wurde. Das berichtet die Kohlscheider
Gemeindechronik , und wir lesen auch
darin, daß im Jahre 1861 bei einem großen Tagebruch
18 Menschen, darunter zehn Kinder , ums
Leben kamen . Sie sammelten Kohlen an einer
gefä hrdete n Stelle, wo bereits früher ein Ein-
bruch erfo lgte und das Loch zugeschüttet worden
war . Ein Kreuz bezeichnete die Stelle dieses
schweren Unglücks.
Wen n auch die Ausbeutung der Kohlenvorkom
men sich in engen Grenzen bewegte, so entsprach
sie doch dem damaligen Bedarf in einer Zeit, da
die Indust rie sozusagen fehlte und sich erst all
mäh lich entwickelte . Zudem war die Kohle als
Brennstoff jahrhundertelang nicht geschätzt . So
find en wir in den Rolducer Annalen und in den
Aach ener Stadtrechnungen eingetragen, daß nur
Schm iede und arme Leute, sowie Nonnen, Mönche
und nied ere Beamten damit heizten, während die
Bürger Brennholz benutzten . In England wurde
soga r noch zu Zei~ten der Königin Elisabeth auf
dere n ausdrücklichen Befehl das Parlaments
geb äud e bloß mit Holz geheizt , nicht mit Stein
kohl e, die man dort früher kannte als bei uns .
Das ges chah aus schonender Rücksichtnahme auf
die Gesundheit „der Ritter des Reiches ".
Allm ählich bürgerte sich der neue Brennstoff
imm er mehr ein und fand Absatz im Wurmgebiet
und darü ber hinaus . Auf schlechten Wegen wurde
er mit Pferdefuhrwerken verfrachtet , beschwerlich
un d langsam. Von weither kamen die Leute,
m anche auch mit Schiebkarren, und holten sich
die Kohle ab, wozu sie oft eine Tagereise benötigten
. Die Klosterrather Mönche bemühten sich ,
die Verfrachtung zu erleichtern , und bauten in
den Jahren 1760 bis 1780 unter großem Kosten
aufw and Straßen, darunter auch die Roermonder
Stra ße von Geilenkirchen her über Herzogenrath
und Kohlscheid nach Aachen . Wegen der Wegenot
wurden die Kohlen meist in Säcken auf Maulesel
oder kleine Pferde geladen, mehrere Tiere
in langer Reihe hintereinander, und weit ins Land
gebracht bis nach Jülich, Bergheim, Düren , Monschau
und Eupen. Die Führer nannte man Kohlegids
; dies e Bezeichnung bedeutet führen , leiten
(guider) und wurde als Spottname für die Bewohner
der Wurmgegend benutzt .
Diesen Namen trug auch die im Jahre 1879 und
später erscheinende Wochenzeitung, die über
die Geschichte des Wurmkohlenbergbaues von
einem ungenannten Verfasser wertvolle Aufsätze
brachte , im Stil manchmal umständlich und
schwerfällig, woraus neben anderen Quellen die
vorliegenden Aufzeichnungen schöpfen.
Der junge Bergbau suchte besonders des Wassers
Herr zu werden , das sein schlimmster Feind und
dessen Bekämpfung schwer war . In größere Tiefen
bis unter die Talsohle w agte man nicht vorzudringen
und leitete das Wasser im Gefälle in
Kanälen (Wasserstollen), auch aht , adit , adoht
genannt, zur Wurm ab. Ausgänge diese r Stollen
sind noch am Fuß e des Hanges im Tal zu finden .
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird von eine r
„Wasserheb ekunst " berichtet; dabei wurde durch
Treten mühsam und beschwerlich (von Menschen
oder Tieren) eine Vorrichtung in Bewegun g gesetzt
. Überreste ein er solchenAnlage wurden mir
an einer Stelle gezeigt. In einer Betriebsbeschreibung
vom Jahre 1737 heißt es: ,,Die Kohl wurde
von Streck zu Streck heraufgehaspelt, an den
Förderschacht mit Hand und Hamen geschleppt
und durch diesen per Pferdegöpel zu Tage geschafft."
Das Grubenwasser brachte man bei
nicht zu großer Tiefe auf ähnliche Weise mit
Handpumpen aus Kirschbaumholz bis auf die
Höhe des Pumpenschachtes (auch Pützschacht
genannt) , nachdem es vorher in kleinen Sammelbecken
auf gefangen war. Mit diesen beschränkten
Hilfsmitteln drang man auf Grube Langenberg
in Kohlscheid bis zu einer Tiefe von 250 m vor.
Im Jahre 1811 wurde die erste Wasserhaltungs
Dampfmaschine mit „Kofferkessel " auf dieser
Grube aufgestellt. Die erste Dampfmaschine
mit gleichem Kessel zur Kohlenförderung erhielt
eine benachbarte Grube im Jahre 1816, was für
die damalige Zeit ein besonderes Ereignis war.
Bei Gelegenheit des Monarchenkongresses in
36
Aachen (1818) besichtigte der Kaiser von Österreich
diese „Kohlbergmaschine" auf der Grube
Hankepank in Kohlscheid. Eine neue Zeit war
angebrochen, auch für den Bergbau an der Wurm.
Die französische Herrschaft brachte zu Beginn
des 19. Jahrhunderts noch eine gründliche Änderung
und räumte auf mit den alten Besitz- und
Rechtsverhältnissen, die die Entwicklung des
Bergbaues bisher gehemmt hatten. Im Kohlen
ländchen, das bis dahin vier Herrschaften unte r
stand - Aachen , Jülich , zur Heyden und Lim
burg-, fielen die einzelnen Land esgrenzen. Das
französische Gesetz bestimmte in einem Bergregal,
daß alle unterirdischen metallischen und
mineralischen Stoffe, also auch Steinkohle , zur
Verfügung der Nation stehen. Dadurch verlor
der Grundbesitzer das Eigentum srecht auf diese
Schätze , die unter seiner Scholle lagen . Der Bergbau
wurde von einer schwer en Fes sel befreit, und
das Ende der vielen Kalkulen war gekommen.
Damit war auch die Ursache vieler Streitigkeiten
gebannt, worüber im „Kohlegids " manches nachzulesen
ist. Beim Zusammenschluß der kleinen
Unternehmen und der Zwergbetriebe stellte sich
das Großkapital in vermehrter Stärke zur Verfügung.
Zwar schädigte die französische Verwaltung
durch Raubbau und hohe Kontributionen
(Abgaben) die Grubenarbeit. So verlangte eine
Bestimmung vom Jahre 1795 : ,,Das Land zur
Heyden soll täglich 6000 Pfund , Klo sterrath
14 000 Pfund und Aachen 6000 Pfund Kohlen
lief ern." Den Namen Kloster r ath wandelten die
Franzosen um in Rodele duc, woraus im Sprachgebrauch
Rolduc wurde. Die Bezeichnungen Rolduc
und Herzo genrath bedeuten dasselbe: duc =
Herzog, rode = rath.
Das Bergregal sowie die Dampfkraft und im Gefol
ge die fortschreitende Technik schafften die
Möglichkeit zur Anlage groß er Bergwerke, in
imm er größere Tiefen vorzud ringen, den Abbau
zu steigern und der zugleich aufstrebenden Industrie
das „schwarze Brot " zu liefern. Dazu
kamen der Bau von Straßen und Eisenbahnen ,
die Zunahme der Bevölkerun g und die Entst e
hung neuer und großer Wohnstätten, eine Entwicklung
, die durch weitere Verbesserungen und
Erfindungen (Elektrizität) bisheutezunoch immer
in Fluß ist . Es bildeten sich Grubengesellscha f
ten , die im Jahre 1907 in einer vereinigt wurden,
dem EBV, Eschweiler Bergwerks-Verein , mit Sitz
in Kohlscheid. In gleichem Maße wird bei diesem
Fortschreiten auch der Bergleute gedacht, die,
des Tages entrückt , ihre sonnenlo se harte Arbeit
verrichten und dabei Gefah r en ausgeset zt sin d,
die ihnen die Elemente Wasser , Feu er, Luft und
Erde bereiten. Alles Erdenkliche geschie ht , diesen
Feinden zu wehren und ihr unh eilvo ll es Wirken
zu bannen . Stetiges Bemühe n zielt dahin,
die Arbeits -, Lebens- und Wohn verhältnisse d~r
Bergleute zu bessern , ihr Leben und ihre Ges m;dheit
zu schützen und zu sichern , und bei Unfällen
und im Alter ihre Versorgung zu gewährleiste n.
Der Kohlenbergbau dringt unaufh altsam weiter
nach Norden vor in die fruchtbar e Ebene des Jülicher
Landes, das von der schwarzen Invas ion
erobert wird, wobei die Kohle das Kor n verdrängt
und im Begriffe ist, das Gesic ht der Landschaft
völlig zu ändern und Hand el und Wandel
in neue, ganze fremde Bahnen zu lenke n. Die
goldenen Fluren werden zu einem „Land der
Nacht ", w o der Bauer vor dem Hauer we ichen
muß , dessen Gruß „Glück auf " eine neue Zeit
kündet .
DAS WA PPEN
DER GEMEINDE
MER KS TEIN
Aus dem Jahre 1936 stammt das Wappen der Gemeinde
Merkstein ; es zeigt: In Blau ein silberner
Markstein , belegt mit einem blau en Schildchen ,
darin ein silberner Pferdekopf enthalten ist. Der
Stein wird oben rechts begleitet von einem sechsstrahligen
goldenen Stern.
Auch dieser Entwurf stammt von Wolfgang
Pagenstecher . Er weicht bewußt von dem alten
Schöffensiegel ab, das den hl. Willibrordus als
Pfarrpatron zeigt . Es wurde statt dessen ein
redendes Motiv angenommen, das gleichzeitig auf
die Grenzlag e der modernen Gemeinde hinweist :
ein Mark- oder Grenzstein . Das darauf befindliche
Schildchen soll auf die Kaltblutzucht hindeuten,
die für Merkstein charakteristisch ist.
Der Stern dagegen sollte an den Schöpfer „übern
Sternenzelt " erinnern .
Die Verleihung dieses Wappens erfolgte am
31. Juli 1936 durch den Oberpräsidenten der
Rheinprovinz.
DA S F ESTM AHL
Ein .Betriebsausflug" vor 600 Jahren
Von Heinrich B. Capellma nn
Viel e Urkunden und Chroniken des Mittelalters
lassen erkenne n, daß man auch schon vor Jahrhund
erten die Feste zu feiern wußte, wie sie fielen.
So berichten sie uns von Festschmäusen und
-gelagen , von „ Schottelfesten", bei denen die Tafel
reich gedeckt war, und von „nassem Wein
kauf" und anderen handfesten Umtrünken, die
mit irgendeiner Fahrt , einer Besichtigung, einem
,,Beritt" oder auch einer „Okularinspektion" ver
bunden waren, von „Kermessen ", üppigen Hochzeitsschmäusen
oder gar Krönungsessen, wie sie
Aachen so oft gesehen hat , ganz zu geschweigen.
Die Mehrzahl dieser Gelage, bald Schmaus, bald
Conreit, bald „Wirtschafft " oder auch „Convivium"
genannt, gründeten sich auf altes Brauchtum,
das mit einer amtlichen oder hoheitsrechtlichen
Handlung verbunden war , wobei die
obrigkeitliche Betätigung immer der gerne wahrgenommene
auslösende Anlaß war. So lesen wir
von den derblustigen „Wettrennen" und Umtrünken,
die mit dem alljährlich stattfindenden
„Beritt " des Aachener Landgrabens verbunden
waren, oder mit der Kontrolle der Grenzpfähle
und -steine, oder mit der Überprüfung der Bachläufe
und der Wege des Aachener Reiches. Insofern
können all diese zugeordneten Festivitäten
nur bedingt als Vorläufer heutiger „Betriebsausflüge"
angesehen werden. Daneben finden wir
aber auch schon als urkundlich verankertes
Brauchtum und als verbrieftes Recht eigenständige
Feste, die den heutigen Betriebsausflügen
voll entsprechen, es sei denn, daß sie sich manchmal
durch das Ausmaß ihrer Opulenz abheben.
Ein markantes Beispiel dieser Art wird uns in zwei
Urkunden, in mittelalterlicher Sprache „Weistümer
" genannt, der ehemaligenReichsabteiKornelimünster
überliefert. Die beiden Weistümer
finden sich, neben vielen anderen Rechtsdenk
mälern des ehemaligen Ländchens Kornelimünster,
in einem alten Kopialbuch aus dem Beginn
des 16. Jahrhunderts, das jetzt im Quix'schen
Nachlaß der Staatsbibliothek zu Berlin ruht . Das
erste Weistum stammt aus dem Jahre 1376; das
zweite, das lediglich einige Ergänzungen bringt,
ist um 1440 entstanden. Neben der Fes tsetzung
anderweitiger Rechte und Pflichten behandeln
beid e ausführlich Ort, Zurüstung, Speiseart und
-folge eines „Conreit", auch „Wirtschafft" genannt
, den der Abt der Reichsabteil Kornelimünster
als Nutznießer weltlicher, landesherrlicher
Hoheitsrechte alljährlich dreimal den Forst
beamten des zu Monschau gehörigen Teiles des
,,Reichswaldes" zu geben hatte. Nach der Dar
stellung des Historikers Emil Pauls lag der Verpflichtung
bzw. dem Festschmaus folgender Sach
verhalt zugrunde:
In dem 1342 zwischen dem Grafen von Jülich und
dem Herrn von Monschau über die Monschauer
Waldungen (den sogenannten Reichswald) abgeschlossenen
Vergleich heißt es am Schluß aus-
38
drücklich, daß die Förster dem Abt von Kornelimünster
sein Recht „wysen" sollten, d.h. sie soll
ten verpflichtet sein, darauf zu achten, daß dem
Abt alles das zukam, was ihm vertraglich und
von rechtens wegen zustand (Bauholz, Brandholz,
Köhlerei, Weidegang). Ferner wird in derselben
Urkunde das Vieh der im abteilichen Gebiet lie
genden Höfe von Venwegen, Hahn und Friesenrath
als berechtigt zur Benutzung, zum Weidegang,
des Waldes erklärt. Für die dem Abte und
seinen Untertanen eingeräumten Rechte bestand
die Gegenleistung an Monschau in drei alljährlich
von der Abtei zu gebenden Festessen , wobei
bezüglich des größten dieser drei Essen genaue
Bestimmungen über Zahl der Gäste, Ort und Art
und Folge der Gerichte und Getränke getroffen
werden. In heutiger Sprache und Schreibweise
hat das Weistum aus dem 14. Jahrhundert folgenden
Wortlaut:
,, Weistum der Förster auf dem Reichswald .
(Grimm: Weistümer, 2. Band , 778)
Zu wissen ist, daß der Abt von Münst er dem Herrn
von Montjoie und seinem gan zen Hofe drei Gelage
(wirtschaff) jährlich schuldet, zwei zu Mün ste r und
das dritte auf der Acht (in der Nähe von Roetgen ,
also etwa in der Mitte zwis chen Kornelimün ste r und
Monschau) von Recht und Herrschaft, die der Herr zu
Montjoie gebieten mag. Das erste Gelage zur Zeit,
wenn der Hirsch am fettesten ist, das zwe ite, wann
der Hirsch am magersten ist mit Gnaden zu Münster ,
das dritte auf der Acht .
Item auf dem ersten rechtli chen Gelag e, das er zu
Münster halten soll, soll der Abt dem vollen Hofe
auftischen, wie dies der Förster angibt, nämlich dem
Drosten mit drei Pferden und einem Ritter mit drei
Pferden, einem Kaplan mit zwei Pferden, einem
Schultheißen mit zwe i Schöffen , von denen jeder ein
Pferd hat, einem Falkner mit seinen Vögeln und
einem Pferd, einem Forstme iste r mit zwei Pferden,
19 För stern mit je einem Pferde , einem Knecht und
den Hunden eines jeden. Und der Abt soll einen Witzbold
(snaderbock) bringen, der soll nicht mißtun und
vom Drost belohnt werden.
Item wenn die Förster von Montjoie ihren Lehensschmaus
(conreit) verlangen, so hat mein Herr, der
Abt, drei Zu-rüstungstage, und sie sollen den Schmau s
ansagen mit zwei Förstern oder zwei Schöffen . Wenn
nun der Abt das Gelage halten will und die Förster
mit den obigen Schöffen in der Abtei sind, so sollen
die Schöffen zunächst das Essen (voider = Futter)
besehen, welches man geben will, ob es auch gut sei.
Ferner soll man ihren Hunden satt zu essen geben
an dem Steine und abteiliches Brunnenwasser und
Brot, und dann soll man die Förster und Schöffen an
eine Tafel zu sammenset zen . Wenn die Förster sitzen,
so soll mein Herr mit einer weißen (d. h. geschälten)
Rute kommen und mit lebenden Fischen in einem
Becken, die er mit der Rute umrührt und spricht:
,,Ih-r Herren, das sind eure Fische!" Hiera uf über
geben die Schöffen die Fische dem Koch , und jeder
erhält eine geschälte Rute, um sich dam it (spä te r) der
Hunde erwehren zu können.
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Ferner soll man dann fürs erste auf ihrer Tafel je
zweien einen stein ernen Quarttopf voll Wein und
jedem einen irdenen Krug vorsetzen. Das erste Gericht
soll Rindfleisch mit Knoblau ch sein, zwei Finger
breit über der Schüssel (schoittel). Das zweite Gericht
Mus und dabei die Fische, die sie im Becken gesehen
haben . Das dritte Ger icht Schweinefleisch mit dem
Mastart einen Finger breit über der Schüss el (eyn
vynger breit boven die schoittel). Das vierte Gericht
gepfefferteSi Wildbret in weißen hölzernen Schüs seln.
Das fünfte Gericht Hühner und Fleisch vom Rücken
des Schweins über der Schüssel. Das sechste Gericht
Käse und Beeren; das siebente ein weißes Ti schtuch
und je zweien einen weißen Becher voll Met und ein
Viertel von einer „vorssen" (?) Ihren Krug mit Wein
soll man ihnen stets voll halten, und wäre es der Fall,
daß man das nicht täte, so soll mein Herr, der Abt,
zu 5 Mark verurteilt sein.
Ferner soll der Abt aus Gnaden dem Herrn von
Monjoie zwei Oberförster zur Verfügung stellen, die
vollberechtigt und ansässige Leute im Eigentum von
Mün ste r sind; sie sollen achthaben zwischen dem
Reichswa ld und dem Markte, damit sie der Herr,
wenn ihm etwas fehle, zu finden wisse. Diese zwei
Förster sollen die Ställe und Krippen bereiten, wenn
die Förster ihren Lehensschmaus halten. Und die
Förster v on Montjoie sollen den zwei Förstern ihre
Pferde und Schwerter zur Aufbewahrung übergeben,
und soll te etw as verloren gehen, so muß es ihnen
wieder ersetz t werden. Im Stalle sollen nur die
Pferd e des Drosten, des Forstmeisters, der Schöffen
und der Först er stehen."
Damit schlie ßt der erste Abschnitt des Weistums.
Der zweite Teil führt den Titel: ,,Die Kost auf
der Acht", handelt aber vorwiegend von den
Rechte n des Abtes am Reichswald . Die Kost auf
der Acht war etwas einfacher und bestand aus
vier der vorher beim Hauptessen genannten
Gänge. Zu dem Festschmaus auf der Acht mußte
der Abt eine junge Kuh als Pfand mitbringen
(,,eyne vers e, dir nie gespielt hait"). Wurde die
Beköst igun g als 1 nicht den ausgemachten Bedingungen
ent sprechend angesehen, so nahm der
Herr von Monschau die Kuh als sein Eigentum
mit.
Soweit die Angaben des letzten Weistums. Wie
lange die Verpflichtung der Abtei zu diesem Fest
schmaus in Kraft geblieben ist , läßt sich urkundlich
nich t ermitteln. Es darf aber angenommen
werden, daß sie in den stürmischen Zeiten des
16. Jahrhunderts, die mit der Glaubensspaltung
.:und den daran anschließenden Kriegen auch für
die Reichsabteien viel Not und Bedrängnis brachten,
erloschen ist.
Nebenher gestatten uns die Bestimmungen der
beiden Weistümer interessante kulturhistorische
Einblicke. So heißt es in den Weistümern, daß
zu Ende der Tafel ein weißes Tischtuch gereicht
wurde. Es diente zum Reinigen der Finger und
der Hände; denn Eßgabeln waren damals selbst
an den Fürstenhöfen noch etwas ganz Neues und
kaum Bekanntes. Zu den „Handtüchern" wurden
dann wohl oft künstlerisch ausgeführte Waschbecken
gereicht, die meist von Pagen gehalten
wurden. Noch heute deutet eine Redensart auf
diesen Umstand hin, wenn nämlich von jemandem
als Hinweis eines niedrigeren Standes ge- r-- .,
sagt wird: Er kann mir das Wasser nicht reichen!
Bei den vorgewiesenen lebenden Fischen handelt
es sich sehr wahrscheinlich um Schleie, Hechte
und Forellen, die nicht bloß in den klaren Quellwassern
der damals ungleich wasserreicheren
Inde vorkamen , sondern auch von der Abtei in
Fischteichen gezüchtet wurden . Von einem dieser
großen Fischteiche, der zwischen der Venwegener
Straße und dem gegenüberliegenden
Braunebusch lag, wird uns berichtet, daß er bei
den schweren Erdbeben des Jahres 1756 total
ausgetrocknet sei.
39
Bemerkenswert ist auch, daß damals - eine große
Seltenheit - in der Abtei noch Meth hergestellt
wurde, jenes teure, vergorene Honiggetränk, das
angeblich schon die alten germanischen Recken
berauscht haben soll und dessen Herstellung, vorwiegend
wegen des hohen Preises, fast ganz außer
Gebrauch gekommen war. Darum erhalten auch
nur „je zweye" einen „weißen Becher voll Meth",
wohingegen ihr Krug mit Wein stets vollgehalten
werden sollte.
Wenn in den Weistümern von „gepfeffertem
Wild" die Rede ist, so erinnert das daran, daß
Pfeffer im Mittelalter relativ in ungleich höherem
Maße als heute verkonsumiert wurde, trotzdem
seine Beschaffung sehr kostspielig war, was allerdings
auch dazu führte , daß er von unehrlichen
Kaufleuten gerne mit dem Pilzstaub des Kartoffelbovistes
„gestreckt" wurde. Mehrere große
Handelshäuser (Fugger u. a.) der damaligen Zeit
verdanken vorwiegend dem Pfefferimport ihren
großen Reichtum. So konnten manche „Pfeffersäcke"
sogar einem anleiheheischenden Kaiser
bedeutende Darlehen geben und, noch mehr,
nachher der bedrängten Majestät einen sichtlichen
Seufzer der Erleichterung entlocken, als
ein Fugger die Schuldscheine großmütig in das
Kaminfeuer warf.
Auch die Abtei Kornelimünster legte auf den
ausreichenden Vorrat von Pfeffer großen Wert.
4 0
Das geht schon daraus hervor, daß mehrere Pächter
abteilicher Höfe (die Laicht, Schlausenmühle,
Hunningerhof) neben den sonstigen Auflagen
(neben anderen Gewürzen, besonders „Blom
men ") jährlich bis zu zwei P fund Pfeffer liefern
mußten.
Zum Schlusse sei noch des „Snaderbock" (schnattern
= schwätzen), des Hofnarren, gedacht, der
im Mittelalter an keinem fürstlichen Hofe, und
sei es auch nur eine adelige Reichsabtei, fehlen
durfte. Trotzdem überra scht es, daß auch die,
landesherrlich gesehen, relativ kleine Fürstabtei
einen solchen Jokulator hatte; es wird aber bezeugt
durch eine Eintragung des Sterbebuches
vom Jahre 1638, wo es zum 15. August heißt :
„Jöpgen der Kurtzweilliger rath in der Abdey en
ist begr aben ." Er war wahrscheinlich hier der
letzte seiner Zunft.
Wie schon bemerkt, behandeln die Weistümer
trotz der genauen Festsetzungen über den Försterschmaus
doch vor allem die Eigentums- und
Rechtsverhältnisse am Monschauer Reichswald;
sie lassen erkennen, welch hohes Maß der Bedeutung
damals dem Waldbesitz zugemessen
wurde; nicht allein, daß er das damals ohnehin
viel stärker benötigte Bau- und Brandholz lie
ferte, auch für die Fundierung und Entwicklung
von Landwirtschaft und Industrie war er von
ausschlaggebender Bedeutung . So konnten z.B .
die Höfe damals nur in sehr beschränktem Maße
Großvieh halten , wenn ihnen nicht auch die Mög -
lichkeit gegeben war, die Tiere einer Waldweide
zuf ühren zu können; denn die Wiesen waren damals
noch weit davon entfernt, etwa die Ertrags
qualität der heutigen hochkultiv ierten Grasweiden
zu haben. Daher auch die überau s wich
tige Festsetzung des Vertrages, daß das Vieh der
im abteilichen Gebiet gelegenen Höfe von Venwegen,
Hahn und Friesenrath zur Benutzung Jes
Waldes berechtigt ist. Ein Vergleich für das Mün
sterland ergibt, daß vor ungefähr 500 Jahren ein
Hof auf gleicher Fre ifläche (Bruch, Venn , Heide,
Rodung) durchschnittlich nur soviel Schafe halten
konnte, als der heutige Bauer dort Großv ieh
treibt . Hier war dann der Wald , und zwar der
naturgegebene Mischwald, der unentbehrliche
Helfer . Eine besondere Bedeutung hatte der Wald
dann noch für die Schweinezucht, die ohne die
Möglichkeit einer Eicheln- und Bucheck ern mast
kaum rentabel war. Daher auch in allen dies
bezüglichen Urkunden des Mittelalters die genauen
Festsetzungen über die Schweinez ahl, die
Auftriebsdaten, die Markierung mit dem Brandzeichen
, die Auftriebsdauer und die Gebüh ren.
Noch wichtiger war aber für die Reichsabtei das
Recht, im Reichswald eigene Köhler unterhalten
zu dürfen, die in zahlreichen Meilern riesige
Mengen von Holzkohlen produzierten . Gewiß
kannte man damals auch schon die Steinkohle (die
sogar schon von den Römern „gebergt " wurde),
aber für die Zwecke der Verhüttung von Eisen
erz und Galmei , wie sie in zahlreichen HüttenundM
ühlenwerken deslndetals betrieben wurde,
war sie nach dem damaligen Stand der Technik
völlig ungeeignet; nur die Hitze der mit Gebläse
zur Weißglut gebrachten Holzkohle konnte den
Schmelzprozeß herbeiführen. Der Bedarf der
zahlreichen Schmelz- und Hüttenwerke an den
Bachläufen des Münsterländchens war geradezu
ungeheuer, produzierte man doch in den besten
Jahren bis zu 80 000 Zentner Messing , und nur
das riesige Ausmaß der Wälder und ihr reicher
Bestand ,an alten, star kstämmig'enBäumen konnte
diesem Raubbau , wenn auch mit zunehmenden
Schwierigkeiten, standhalten.
Erst zu Ende des 18. Jahrhunderts tritt hier, wie
auf fast allen Gebieten, eine Wende ein, als die
Fortschritte der Technik die zahlreichen Kleinbetriebe
an Inde, Iter und Vichtbach zum Erliegen
bringen und 1792 die großen politischen Umwälzungen
den Beginn einer neuen Zeit ankündigen,
der dann im Jahre 1802 auch die Reichsabtei
Kornelimünster nach rund tausendjährigem Besta
nd zum Opfer fällt .
41
DIE STO LBERGER EIBEN BEI BINSFELDHAMMER
Von M. Scbwickeratb
Jeder, der die beiden stattlichen Eiben bei Binsfeldham
mer zum ersten Male sieht , steht staunend
vor diese n mächtigen Baumgestalten . Doch
wisse n wohl nur ganz wenige, daß der jetzige
Stand ort gar nicht der ursprüngliche gewesen
ist, sondern diese mächtigen Bäume vor 45 J ahren
in ein em Garten innerhalb der Stadt gestanden
haben. Dieser frühere Standort ist mir schon
seit 1928 bekannt, da mir der Aachener Gartenarch
i tekt.A. G. Radde auf einer der ersten Studien -
fahr ten der Bezirksstelle
'
für Naturschutz und
Land schaftspfl ege davon erzählte und mir dann
eine der letzt en Ansichtspostkarten schenkte , auf
der der frü here Standort abgebildet war . Denn
Herr Radde ist es gewesen, dem im Mai 1914 das
außero rdentl ich schwierige Experiment, die mindesten
s scho n über 300 Jahre alten Bäume zu verpflanzen
, gelungen ist . Dieses Ereignis muß für
die Stolb erge r Bürger ein Fest gewesen sein, aus
dessen Anlaß die eben erwähnte Ansichtskarte
gedruck t wor den ist.
Es ist aber auch ein ganz besonderes Beispiel von
Natur- und Baumliebe der früheren Besitzer , die
diese Bäume der Stadt Stolberg mit einem Beitra
g von 5000 Mark zu den Verpflanzungskosten
geschenkt haben . Denn das Gartengrundstück ,
auf dem die Eiben zuerst standen, war angekauft
worden, um darauf ein Walzwerk zu errichten .
Doch ist dieses Ereignis auch ein ganz markantes
Beispiel der sich um diese Zeit erstmals regenden
Naturdenkmalspflege in unserer Heimat. So ist
es auch in dem Buche „Fünfzig Jahre Naturschutz
im Regierungsbezirk Aachen " gewertet worden .
Dieses Buch mit 240 Seiten , 65 Bildern auf Glanzdruckpapier
, 61 Bildern im Text , acht Karten im
Text und zwei Photokopien will die Entwicklun g
des Naturschutzes im Regierungsbezirk Aachen
dartun , das vielfältige Gefüge der Landschaften,
nach Kreisen geordnet , aufzeigen , und ihren
Schutz zur Anschauung bringen.
Bis in den zweiten Weltkrieg hinein standen die
Eiben ohne jede Einfriedigung, und der damali ge
Bürgerme ister bat den Verfasser dieser Zeil en
um Rat wegen der Art einer Einfriedigung . Es
war zuerst ein hoher Drahtzaun geplant aus der
Sorge heraus , daß sonst die Bäume auf die Dauer
zu leicht beschädigt werden könnten. Doch wäre
dann der wuchtige Eindruck dieser Baumdenkmale
zu sehr verloren gegangen. So nahm man
dann doch zuletzt meinen Vorschlag an, eine niedrige
und unauffällige Einfriedigung herzustellen
, die sich auch bis jetzt durchaus bewährt hat.
Auf meine Bitte hin hat Herr Studienrat K. Müller
vom Goethegymnasium zu Stolberg die vorzügliche
Federzeichnung ausgeführt (Seite 42).
Bei dem Durchstöbern der alten Akten der Regierungsbezirksstelle
für Naturschutz und Landschaftspflege
fand ich einen Artikel, der wohl
noch im Jahre 1914 geschrieben worden ist. Leider
fehlt aber jegliche Angabe über den Verfasser.
Deshalb möchte ich zum Abschluß die ser
kurzen Zeilen den Artikel ungekürzt folgen
lassen :
„Zwei Riesen ihrer Art recken ihre gewaltigen
Häupter der Sonne zu, zwei Eiben, Zwillingsbäume
. Sie waren lange, bevor unsere Väter
waren; man schätzt ihr Alter auf 300 Jahre. Wenn
aber die an alten Eibenstämmen aufgestellte Tabelle
richtig ist, nach welcher die Jahresringe nur
0,5 mm betragen , dann sind diese Eiben auf ca.
700 Jahre zu schätzen . Als zarte Bäumch en pflanzte
man sie , sogenannte Hochzeitsbäume, an einem
schönen Frühlingstage , als zwei Menschen sich
miteinander fürs Leben ver banden.
Sie machten einander Platz , indem sie sich weit
zur Seite neigten, auf daß es ihnen nicht an Licht
Nun werden die Bäume hoffentlich noch recht
lange erhalten bleiben als lebende Zeugen vergangener
Zeiten ; denn auf ihrem neuen Standort
treiben sie unter sorgsamer Pflege fröhlich weit er.
Ob es sich verlohnt, so alte Bäume zu verpflan
zen , höre ich da fragen; aber gewiß verl ohnt es
sich, sie als Naturdenkmal zu erhalten . \
Die Eibe (Taxus baccata L.) zählt zu den unsterb
lichen Pflanzen ; denn es gibt unter ihnen Erdenbewohner,
an denen man ein Alter von Jahrta u
senden nachweisen kann, und obwohl sie zu den
J _
Urbewohnern unserer Wälder gehören , sind alte
1 _ ~ij:
- - =-1- ~ Eiben als Waldbäume recht selten geworden .
-Cäsar berichtet um 50 v. C. von den großen Eibe n-
_ Jj beständen in Germanien , ~nd _ die vielen ?rts -
nr--_-_=~ t~V ·_ --: und Landbezeichnungen, wie Eibenstedt, Eibe n-
-~ - fl ;:_ =- _ t O ,---:;;-=- schitz, Ibenhain, Ibenbosch, Eibenber g u. a., las -
- sen auf das frühere Vorhandens ein derselben
und Luft mangle. Und als sie dann kräftig empor - schließen; aber noch ältere Quellen weisen sie
gewachsen waren und in weiter Runde Wurzel uns nach . Das harte und doch elastische Holz ist
gefaßt hatten , verschlangen sich ihre Wipfel wie - fast unvergänglich. In Moorschichten, wo es vielder
zur wunderbaren Krone , und ihre Hände be- leicht Jahrtausende gelagert hat, werden oft
rührten rings den Boden. So bildeten sie eine ganze Stämme versunkener Eibenbäume gefunmächtige
Kuppel, einen Riesenbaum. Innen aber den, die für hohes Geld gekauft und verarbeitet .
ließen sie in herrlicher Laube Raum für fröhliche wurden.
Menschen, die hier Kühlung suchten und Ruhe In Braunkohlenlagern wie auch in Gräbe rn der
und Abendfrieden. Dann wiegten die Riesen stolz Steinzeit wird Eibenholz gefunden.
ihre Zweige und freuten sich ihrer Kraft und In altheidnischer Zeit ist die Eibe zu allemHexen-
Schönheit .
brei verwendet worden, und die Alten nannten
Die Ruhe des Alters ward ihnen nun grausam sie den Baum des Todes. So mächtig wirkte sie
gestört. Die Industrie streckte ihre Hand nach auf das Gemüt des Volkes, daß etwas Mystisches
dem schönen Garten aus. Man hat das Grund- sie bis auf die letzte Zeit umgab. Noch heute sagt
stück angekauft, um ein Walzwerk darauf zu er- der Volksmund: ,,Vor den Eiben kann kein böser
richten. Diese Bäume aber haben die früheren zauber bleiben."
Besitzer der Stadt Stolberg mit einem Beitrag Dieses Sprichwort stammt aus dem Mittelalter,
von 5000 Mark zu den Verpflanzungskosten ge- als die Eibe noch zur Abwehr der Hexerei diente.
schenkt . Aber, so ehrwürdige Häupter zu ver- In diese Zeit fällt auch der Brauch, sie als Hochpflanzen
und noch dazu fast mitten im Sommer , zeitsbäume zu pflanzen, als Glückbringer und
dürfte mit gleichem Erfolge noch nicht bewerk- Beschützer gegen Ungemach.
stelligt sein. Gartenarchitekt A. G. Radde in Die älteste noch lebende Eibe dürfte die zu Bra-
Aachen erhielt den Auftrag, dieses gartentech- burn in Kent in England sein . . Sie ist 3000 Jahre
nische Kunststück auszuführen, und es ist ihm alt. Auch in Deutschland sind noch mehrtausendwohl
gelungen, obwohl keine Zeit zu Vorberei- jährige Eiben zu finden. Doch ihre Zahl ist nicht
tungen blieb ; denn der Auftrag wurde erst im groß ; aber gegen ihre Vernichtung findet jetzt
Mai gegeben, als die ganze Natur in neuem Grün das Naturschutzgesetz Anwendung, auf daß sie
erstrahlte. Wochen waren erforderlich, den 70 qm uns erhalten bleiben."
großen Erdballen zu unterfangen, wozu zwei
Waggon Eisen verwendet wurden, so daß der
Transport am 18. Mai, allerdings bei ungünstigstem
*
Es wäre erfreulich, wenn, durch diese Zei len angeregt, in
Wetter - es;herrschte eine Hitze von 28 Grad Erfahr ung gebracht werden könnte, wie die hochherzigen
Stolberger Fabr ikanten heißen, die damals der Stadt Stolberg
die beiden Bäume geschenkt haben mit dem Beitrag
und trockener Ostwind -, erfolgen konnte. Sieben
Hebewerkzeuge mit zusammen 140 Tonnen von 5000 Marlozu den Verpf!anzungskosten. Ggf. wird um eine
entsprechende Mitteilung an die Schr iftleitung der Kreis
Hebekraft waren dabei in Tätigkeit .
heimatblätter, Aachen, Zoll ernstraße (Kreishaus), gebeten.
43
EIN ALTE HRWURDIGES GOTTESHAUS I HERZOGENRATH
St. Gertrnd im Wandel der Jahrhunderte
Von Josef Schröder
Mit zu den ältes ten Kirchen im Landkreis Aachen
gehört zweif ellos das altehrwürdige Gotteshaus
der P farre St. Gertrud am Zusammenfluß von
Wurm und Broichbach . Als Mittelpunkt des ältesten
Tei les der Stadt ist die Kirche eng verbunden
mit der ges chichtlichen Entwicklung von Herzogenra
th. Nach den Feststellungen des verstor
benen Heimatfo rschers Dr. Wilhelm Gierlichs
wird sie in den Jahrbüchern von Kloster Rode
ber eits im Jahre 1116 als Pfarrkirche erwähnt .
Der His tor iker hielt es für wahrscheinlich, daß
sie eben so wie St. Willibrord in Alt-Merkstein
aus der Mutter pfarre St. Sebastianus, Würselen ,
entstanden sei, die als Kirche zu Wormsalt schon
im Jah re 870 urkundlich nachgewiesen ist.
Dem F9rscher war es aber nicht möglich zu ermitteln
, wann die erste Kirche hier im Ortsteil
Afden , dieser in vorrömische Zeit zurückreichenden
Siedlu ng, erbaut worden ist; auch ließ sich
nicht mit Gewißheit feststellen, die wievielte
Kirche das heutige Gotteshaus an diesem Platz
darstellt. Es wird angenommen , daß es sich um
den dritten Bau handelt. Ursprünglich dürfte ein
hölzernes Bauwerk errichtet worden sein , das im
zwölften oder 13. Jahrhundert einem Gotteshaus
aus Stein weichen mußte. Nach der ältesten Stadtansicht
(1550) besaß diese Kirche bereits eine ansehnliche
Ausdehnung mit einem langen Cho r
I nneres der K irche St . Gerlrud
und einem östlichen Querschiff . Befestigungsmauern
umschlossen sie und den sie umgebenden
Friedhof. Während der Religionskriege boten die
Mauern Schutz für die Bevölkerung, die sich
beim Herannahen wilder Kriegshorden mit ihrer
beweglichen Habe dorthin flüchtete.
Zu Beginn des 17.Jahrhunderts wird das Gotteshaus
wiederholt als baufällig bezeichnet, doch
zögerten die kriegerischen Zeitläufe den dringend
notwendigen Neubau bis in das letzte Viertel
des Jahrhunderts hinaus . Im Jahre 1683 ließ
dann der Pfarrer Peter J ansen die verfallene
Kirche niederlegen und begann mit einem Neubau,
der drei Jahre später aus Mitteln der Pfarreingesessenen
und des Abts von Klosterrath als
Kollators der Kirche zu Afden fertiggestellt
wurde. Von der Einweihung des neuen Gott eshauses
berichten die annales Rodenses Anfang
Dezember desselben Jahres. Da Mittel zur inneren
Ausstattung fehlten, ließ Prälat Johannes
Bock den St.-Anna-Altar aus der Abteikirche in
der neuen Kirche als Hauptaltar aufstellen und
schuf durch Teilung von zwei Doppelaltären der
Abteikirchedie nötigenSeitenaltäre. PfarrerJansen
baute kurz vor 1700 noch ein Pfarrhaus, das
bis dahin gefehlt hatte. In früheren Zeiten wohnten
nämlich die Pfarrer in der Abtei. Im 19.Jahrhundert
wurde die Kirche wiederholt umgebaut
und erweitert. Zunächst versah man sie mit Querschiff
und Chor. Bei dieser Gelegenh eit fiel das
Grabmal Simon Peter Ernst 's außerhalb der
Kirche , und bei dem Versuch , den Grabstein an
eine andere Stelle zu schaffen, brach er in Stücke .
Das noch erhaltene größte Bruchstück wurde später
an der westlichen Außenseite der Kirche eingemauert.
Die Inschrift des Grabsteines hatte
gelautet: Sub hoc lapide requiescit corpus plurimum
Reverendi Domini Simonis Petri Ernst ,
Histo riae Limburgensis auctoris olim lectoris
S. S. Scripturae et Theologiae in Abbatia Rodensi.
Natus in Aubel, die 2.Augusti 1744, ab anno 1787
pastor in Aeffden. Obiit die 11. Decembris 1817.
R. i. P . (Unter diesem Steine ruht der Leib des
hochwürdigen Herrn Simon Peter Ernst, Verfassers
der Geschichte von Limburg, einst Lektor
der hl. Schrift und der Theologie in der Abtei
Klosterrath. Geboren in Aubel am 2. August
44
1744, von 1787 Pastor in Afden. Gestorben am ' -....
11. Dezember 1817.)
Im Jahre 1913 wurde der 230 Jahre stehende ,
halb vortretende Westturm niedergelegt und der
alte einschiffige Mittelbau durch Hinzufügung
zweier Seitenschiffe erweitert. Ein neuerrichte
terTurm wurde nur bis zur Dachhöhe aufgeführt.
Von der inneren Einrichtung sind zu erwähnen:
das barocke Chorgestühl des 17. J ahrhun derts ,
die aus der gleichen Zeit stammende Kanzel , eine
Orgel des 18.Jahrhunderts mit Rokokoornamen
ten sowie alte, aus der Abtei Klosterrath stammende
Paramenten.
Interessant ist es, in diesem Zusammenhang zu
beobachten, daß die Bleiverglasung in den beiden
Nischen am Haupteingang eine recht moderne
Gestaltung gefunden hat, ohne jedoch den har
monischen Gesamteindruck des altehrwürdigen
Gotteshauses zu stören. Immerhin war es ungewöhnlich
und ein Wagnis, ein Verkehrszeichen
in einem alten Gotteshaus zu verwend en. Hier
aber steht das profane Signal in der Bleivergl a
sung kunstvoll und symbolhaft zwischen der
ablaufenden Sanduhr als Darstellung der Ver
gänglichkeit des irdischen Lebens und der unbestechlichen
Waage als Zeichen der Gerechtigkeit.
Idee und Ausführung stammen von der
alteingesessenen Firma Josef Essers . ,,Achtung!" ,
gebietet der senkrechte schwarze Balken auf
weißem Grund inmitten des rotumrandeten Drei
ecks. In die dem sakralen Raum gemäße Sprache
übersetzt , heißt es: Metanoeithe! Denket um!
Unaufhaltsam fließt die Zeit dahin , und die Lebensuhr
ist bald abgelaufen . Soll die Waage der
Gerechtigkeit für oder wider dich entscheid en?
Die Farben des in Blei gefaßten Glases sind harmonisch
komponiert zu einem ausdrucksstark en
Gesamtbild. Entwurf und Vollendung des kleinen
Kunstwerks ehren den Meister, der offenbar
neben dem Talent auch eine besondere Passion
für derartige Arbeiten besitzt.
Nicht nur die Fen ster waren in jüngster Zeit zu
erneuern . Der letzte Krieg hatte das Gotte shau s
arg mitgenommen. Die Initiative von Pastor
Leroi, die Opferfreudigkeit der Pfarrkinder und
ein finanzieller Beitrag der Kirchenbehörde ermöglichten
es, mit der Schadensbeseitigung die
erforderliche Renovierung durchzuführen , durch
die manche Besonderheit der Architektur in
neuem Glanz erscheint. Wochen nahmen die vordringlichsten
Instandsetzungsarbeiten am Dach
in Anspruch, bis dann die Restaurierung im Inneren
beginnen konnte .
Es gab unzählige Mauerrisse zu beseitigen. Auch
die Gewölbe des Mittelschiffes waren stark mit
genommen. Die nach dem Kriege provisorisch
eingeglasten oberen Mittelschiff-Fenst er mußten
ersetzt werden. Die jetzige Verglasung des Mittelschiffes
paßt sich würdig in den Rahmen des
Gotteshauses ein; vor allem farblich hat man eine
glückliche Kombination gefunden. Schwierigkeiten
ergaben sich bei der Erneuerung der kleinen
Rundfenster an den Bogengängen des Mittelschiffes.
Das Problem lag einmal darin, daß man
bei den gänzlich zu erneuernden oder zu ergän
zenden Fenstern Farbe und Stil der an und für
sich recht wertvollen alten Verglasung treffen
mußte, zum, andern bedingte diese Notwendigkeit
einen unvorhergesehenen Kostenaufwand .
Wesentlich würde die Atmo sphäre in der neu
hergerichteten Kirche von der Ausmalung der
Gewölbe, Säulen und Wände abhängig sein. Darüber
waren sich P farrer und Kirchenvorstand bei
vielen Besprechungen im Zusammenhang mit der
Renovierung des Gotteshauses einig. Man entschied
sich für ein zurückhaltendes Grau-Weiß,
das in seinen verschiedenen Schattierungen dem
ganzen Kirchenraum die Stimmung andachtsvol
ler Ruhe läßt . Lediglich Gewölbe und Säulen
sind mit dezenten Blau- und Goldtönen farblich
leicht aufgelockert .
:::s
45
Auch die Alt argemälde wurden restauriert. Der
schwere Barockaltar hat seinen alten, festlichen
Charak ter wieder und beherrscht wie bisher das
Gottesha us.
Bei den Seite naltären ließ Pastor Leroi die etwas
schwül stigen früheren Ornamente wegfallen zum
Vorteil der Altäre, die so ganz in den Rahmen
von St. Gert rud passen. Auch die Figuren an den
Säulen des Mittelschiffes sind verschwunden. Man
hat sie in den Säulengängen seitlich aufgestellt.
Ein neu er Kreuzweg in eindrucksvoller, zum Gesamtstil
passender Form fand in den Kreuzgängen
Pla tz.
Die schweren alten Holzbänke hatten die finstere
Zeit gut überstanden, so daß nach geschmackvoller
Erneuerung der Beleuchtung die alte Kirche
in neuemGlanze erstrahlte und nun die Menschen
wieder zu andachtsvollem Verweilen einlädt.
So ist das Wesentlichste getan, doch mancher
berechtigte Wunsch blieb noch offen: eine ziemlich
altersschwache Orgel, ein recht armseliger
Glockenstuhl und eine mangelhafte Sakristei
warten auf Ablösung durch zweckdienlichere
Einrichtungen und bereiten so dem Pfarrer neben
der seelsorgerischen Arbeit eine nicht gerade
leichte zusätzliche Last.
MEI N FREUND - DER FEUERSALAMA I DER Von Jörg Kleinen
In den feuchten Felsenwinkeln unserer heimatlichen
Wälder leben die Feuersalamander, prachtvoll
g~zeichnete, harmlose Gesellen, die man
unter gewöhnlichen Umständen nur selten zu
Gesicht bekommt. Schon mancher von ihnen hat
seiner Langsamkeit wegen auf der Waldstraße
sein friedvolles Leben unter Karrenrädern und
Autoreifen lassen müssen; aber ein besonders
schöner, großer Salamander, mit dem ich eine
Art Freundschaft geschlossen habe, wohnt schon
seit Jahren an derselben Stelle, an der ich ihn
fast zu jeder Zeit antreffen kann. Nur im Winter,
wenn eisiger Frost das Leben im Wald erstarren
läßt, verkriecht sich mein Freund in irgendeine
Erd- oder Felsenhöhle, wo er mit zahlreichen
Artgenossen dichtgedrängt die kalte Jahreszeit
verschläft. Im Frühling aber, wenn die Natur
zum großen Aufbruch rüstet, erscheint eines
Tages mit Sicherheit auch der schwarze, gelb
gefleckte Feuersalamander wieder und kriecht in
der regnerischen Dämmerung ins Freie.
Am hellen Tage bekommt man ihn fast nie zu
zu sehen, und er scheint das genaue Gegenteil
zur sonnenliebenden Eidechse zu sein, mit der
manche Leute ihn nah verwandt wissen wollen.
Nun - wir dürfen schon aus der unterschiedlichenLebensweise
schließen, daß beide nicht viel
gemeinsam haben, und tatsächlich ist es an dem.
Der Feuersalamander gehört nämlich zu den Lurchen,
kaltblütigen Wirbeltieren, deren Ahnen
man wohl in den seltsamen, ausgestorbenen tropischen
Lungenfischen zu suchen hat. Während
die Salamanderlarven noch Kiemen besitzen, die
auf die Abstammung von jenen sehr frühzeitliehen
Fischen hinweisen, bilden sich diese später
zu einer Lunge um, und da die Lurche auch recht
brauchbare Gliedmaßen haben, sind sie dem Landleben
recht gut angepaßt. Ihre zarte, ständig
feuchte Haut würde jedoch im Sonnenlicht rasch
ausdörren ; deshalb verlassen die Feuersalamander
nur bei feuchtem Wetter und bedecktem Himmel,
meist aber erst zur Nacht, ihr Versteck. Sie
sind, ihrem Körperbau und dem langen Schwanz
nach zu urteilen, wohl die ursprünglichste Form
der waldbewohnenden Lurche ; ihre kurzen, seitlich
abstehenden Beine vermögen den bogenförmig
mitschwingenden Körper nur in einer
schwerfällig-watschelnden Gangart fortzubewegen.
Aber Eile tut auch hier nicht not ; denn die
l<,euersalamander haben keine Feinde. Ein ätzender,
giftiger Schleim, den die gut sichtbaren Drüsen
am Hinterkopf, deren Ausführungsgänge an
einer Anzahl kleiner, schwarzer Punkte leicht zu
erkennen sind, ausscheiden, macht sie für die
Tierwelt ungenießbar; und da die Aussonderung
für den Menschen, sofern sie nicht mit offenen
Wunden in Berührung kommt, unschädlich ist ,
kann nur Unwissenheit oder Rohheit ihnen von
dieser Seite her Gefahr bedeuten .
Im Frühjahr, wenn diePaarungszeit beginnt, halten
sich Männchen und Weibchen auf dem Lande
oder im Wasser auf. So vermißte ich eines Tage s
meinen Freund am gewohn_ten Platze und suchte
ihn lange in dem kleinen Becken, das der Bergquell
in den felsigen Hang gegraben hatte. Endlich
fand ich ihn, und siehe da, er hatte Gesellschaft
gefunden! Drei oder vier der gescheckten
Gesellen trieben sich hier umher, und es war nicht
so leicht, sie voneinander zu unterscheiden; doch
erkannte ich meinen Freund bald an seiner Größe.
Im Wasser kam seine goldgelbe Fleckenzeichnung
noch leuchtkräftiger zum Ausdruck als vorher.
Interessant ist, daß die Salamander neben der
direkten Befruchtung auch eine mittelbare kennen,
die sehr viel mehr an das ursprüngliche Dasein
der Lurche im Wasser erinnert. Hier legt das
Männchen nämlich seine Samenkapsel im Wasser
ab, und das Weibchen kriecht darüberhin und
nimmt sie auf, genau wie es die nur im Wasser
lebenden Molche tun.
Nicht wenig erstaunt war ich, als ich meinen
Freund einige Zeit danach wiederum an jenem
versteckten Quell vorfand, wo er sich, wie es mir
zunächst schien, recht sonderbar benahm. Er hing
mit dem Hinterleib im feuchten Naß und hielt
sich mit den Vorderbeinen am Ufer fest. End.lieh
ging mir ein Licht auf: Ich hatte es zweifellos mit
einem Weibchen zu tun, das hier auf Salamanderart
seine Jungen zur Welt brachte. Sie sind schon
recht gut entwickelt, mit vier Beinen und einem
Schwanz versehen, dessen hoher Schwimmsaum
sich später verliert . Wie gesagt, haben sie noch
keine Lungen , sondern atmen durch Kie men, die
sich erst mit fortschreitender Anpass ung ans
Landleben umwandeln. Manchmal, gewisser
maßen als Frühgeburt , werden die Lar ven auch
noch im Ei geboren, das sie dann allerdin gs gleich
verlassen. Oft kommt es auch vor, daß die Weibchen
den empfangenen Samen mon atelang in
einem besonderen Behältnis aufbe wahren und
ganz überraschend noch Nachkommenschaft hervor
bringen. Der Geburtsakt dauert fast immer
mehrere Tage ; häufig sind es 40 und mehr Junge,
die während dieser Zeit das vom Wasserspiegel
leicht gebrochene Licht der Welt erblicken.
Mit ihren glänzenden schwarzen Augen sah mich
meine alte Bekannte ruhig an, aber die frische
Schneck e, die ich ihr reichte, nahm sie nicht an.
Nun, sie mochte jetzt wohl auch von Regen
würmern, Käfern und Spinnen, ihrer sonstigen
Lieblingsspeise, nichts wissen , und so verließ ich
die Stätte, um einigeTage später zurückzuk ehre n.
Der Salamander hatte den nassen Ort verlassen,
aber die elf pechschwarzen Larven , die ich ausmachen
konnte, schienen sich bereits sehr wohl
zu fühlen. Sobald die ersten gelben Flecken auf
dem Rücken erscheinen, verlassen sie das Wasser
und werden ehrsame Landbewohner .
Mit dem auffallenden Fleckenkleid des Salamanders
hat es seine besondere Bewandtnis. Während
wir bei zahllosen Tieren als Tarnung vor Feinden
eine der Umgebung vorzüglich angepaßte Schutzfärbung
finden , stellt sich uns in dem schwarz
gelben Gewand des Feuersalamanders ein seltenes
Beispiel für eine ausgesprochene „Warn -"
oder „Schreckfarbe" vor. Kein Tier, mit Ausnahme
der Ringelnatter , die aber auch nur gelegentlich
nach dem Salamander greift, wird es
wagen, den geschec kten Gesellen anzugreifen,
dessen giftiges Drüsensekret kleinere Lebewe sen
sogar zu töten vermag. Allerdings soll es hin und
wieder vorkommen, daß Feuersalamander kleinere
Artgenossen fressen, ohne selbst Schaden
zu er leiden.
Ob auch meine Freundin solch kannibalischen
Gelüste hegt, habe ich bisher nicht ergründen
können; jedenfalls sind von ihren elf Jungen inzwischen
fünf oder sechs verschwunden. Die
übrigen leben nun in der engen Nachbarschaft
ihrer Mutter unter dem feuchten Felsen, an dem
ich seit Jahren einen winzigen und doch so vielfältigen
Ausschnitt aus dem wunderbaren Geschehen
in der Natur belauschen darf.
47
Unser e Leser habe n das Wort
Wie d ie Wurm beinahe eine Katastrophe ausl öste
Mit Interes se habe ich in Heft 4/1958 den Aufsatz
über die Wurm gelesen. Als zu den alten Leuten
zählen d, weiß ich zwar von Fischen, die in dem
schon damals schlammigen, stinkenden Wasser
geleb t h aben sollen, nichts zu erzählen. Ich möchte
aber ein Ereignis aus meiner Jugend, bei dem der
Wurm bach eine Rolle gespielt hat, in die Erinnerung
zur ückrufen.
Wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt , war es
an Kaise rs Geburtstag des Jahres 1901, als wir
nach der Schulfeier den Ruf hörten: ,,Ajjen Tüt
es e Lauch egefalle; de Mäle es anet versuffe."
Der Wurmbach hatte dam als seinen Lauf, von
Adam smühle kommend, bis zur Straße am Teuterh
of. Hier bog er ab in Richtung Viadukt und
floß läng s der Straße dahin. An der Biegung am
Teut erhof nahm er noch die Abwässer der damals
noch der Wasserförderung dienenden Königsgrube
und der Sodafabrik auf, die in offenem
Grab en, im Volksmund „de Ahd" genannt, von
Schweilbach her mit lebhaftem Gemurmel zu Tal
flossen.
Etwa 100 Meter von der Straße entfernt war in
den Benden ein großer Tagesbruch gefallen, in
dem sich die Wasser des Wurmbaches zu ergießen
drohten . Hierdurch wurden die Grubenbaue der
damals noch Kohle fördernden Grube Teut, ins
besondere das Flöz Märl, bedroht . Daß wir im
Dauerlauf sofort zum Unfallort liefen, war selbst -
verständlich . An Ort und Stelle sahen wir ein
riesiges Loch. Eine Reihe hoher Pappeln, die am
Ufer der Wurm gestanden hatte, war mit in die
Tiefe gegangen. Man zeigte uns auch in geringer
Tiefe einen Streifen Kohlen im gewachsenen Boden,
ein Zeichen, daß die Kohlen hier schon in
geringer Tiefe anzutreffen waren.
Was uns nun am meisten interessierte , war, daß
man mit Zement und Sand den Wurmbach abdämmte,
um das Einfließen des Wassers zu verhindern
, und daß Hunderte von Bergleuten damit
beschäftigt waren , der Wurm ein neues Bett zu
graben. Das neue Bett wurde senkrecht zum alten
Lauf angelegt, ging quer durch die Benden bis
zum Fuße des Bahndammes , um an diesem entlang
beim Viadukt das alte Bett zu erreichen .
Da der Einsatz der Bergleute plötzlich erfolgte ,
trugen sie ihre Lampen und sonstigen Werkzeuge
bei sich. Zunächst fragten wir uns, warum sie
wohl ihre Lampe bei sich hätten. Daß die Grubenlampe
gleichzeitig der Kontrolle diente, konnten
wir damals noch nicht wissen .
Dank der geringen und träge fließenden Wassermengen
gelang es, das Wasser so zu stauen, daß
es bald durch das neugegrabene Bett abfließen
konnte . Wäre dieser Bruch bei starker Wasserführung
gefallen, hätten die Fluten für die Grube
Teut zu einer Katastrophe führen können. Es hat
damals aber gut gegangen. • Ludwig Frankenne, Stolberg
Wer kennt den Landk reis Aachen?
Diese unsere Frage in Heft 1/59 hat zwar nicht
die Resonanz gefunden , die von der Schriftleitung
erwartet worden war, aber erfreulicherweise
beteiligte sich dennoch eine Reihe unserer
jüngeren und älteren Leser an dem Preisausschreiben.
In Kürze werden wir erneut mit ähnlichen
Fragen das Interesse für unsere Heimat
zu wecken suchen.
Die Zahl der Preise für unseren ersten Wettbewerb
ist von zehn auf 15 erhöht worden . Die
,,Heimatchronik des Landkr-€ises Aachen" wer -
den für die richtige Lösung in den nächsten Tagen
erhalten:
Alfred Hanf, Aachen; Otto Hermanns , Aachen;
Hilde Kappich , Stolberg; Else Kribben, Aachen,
Franz Lamberts , Breinigerberg ; Trude Mandelartz,
Laurensberg ; Max Quadflieg, Aachen ; Wil
helm Schaaf, Hoengen; Hilde Schlüper, Laurens
berg; Brunhilde Schmitz, Laurensberg; Josef
Schmitz, Laurensberg; Lothar Schmitz, Laurensberg
; Heinz Schüller, Hoengen; Willy Vellen,
Aachen; Änni Zimmermann, Eilendorf .
48
Und hier auch die richtigen Antworten auf die
vier Fragen:
BiLd oben links: Gemeinde Kornelimünster, Korneli
münster mit Blick m..!d' die Ber,gkirche.
Bild oben rechts: Gemeinde Hoengen , Rektoratskirche
St. Michael in der Siedlung Begau .
Bild unten links: Gemeinde W-a1heim, ,,Himmels>leiter ".
Bild unten rechts : Gemeinde Haar ,en, Autobahnbrücke
üiber das Haaribachtal.
Dank gilt noch einma l allen, die sich beteiligt
haben, und schon jetzt fordern wir all e unsere
Leser herzlich auf, sich am nächsten Preisausschreiben
rege zu beteiligen.
Schriftleitun g
der Heimatblätt er
des Landkreises Aachen \
DER KREIS IM SCHRIFTTUM
40 Jahre Aufba uarbeit in Merkstein. - Sicherlich zählt
ein „40jähriges " nicht zu den sogenannten klassischen
Jubiläen. Wenn aber ein solcher Zeifabschnitt wie der
hinter uns liegende so bewegt und stürmisch verläuft,
was in besonderem Maße auch für die kommunale Entwicklung
der Ber garbeiter-Gemeinde Merkstein zutrifft ,
dann besteht schon Grund , einmal kurz Rück schau zu
halten und sich Rechenschaft zu geben über das, was
war und wurde. So hat denn die Gemeinde Merkstein
die 40. Wiederkehr des Tages, an dem sie sich am 1. April
1919 aus der Persona lunion mit der Stadt Herzogenrath
löste und sich verwaltungsmäßig wieder auf eigene Füße
stellte, zum Anlaß genommen, um in einer Druckschri ft
Zeugnis zu geben von der Aufbauarbeit der letzten
Jahre.
Nach einem Rü ckb lick auf die fast 75jährige Geschichte
der Personalunion Herzogenrath -Merkstein, niedergeschrieben
von Hans Schillin gs, befaßt sich Jos ef Koe r
ver mit dem kommunalen Geschehen in Merk stei n seit
1919, das sich angesichts des un glücklich ausgegangen en
Krieges , der Zeit der polüischen Unruhen und Streiks,
sowie der beginnenden Geld entw ertung nicht gerade
günstig anließ. Erst 1924, im Zusammenhang mit der
Emführurug der Rentenmark , begaI1J11.en sich auch in
Merkstein die Verhältnisse recht bald zu konsolidieren.
Merksteins „große Zeit " begann , wie Koerver schreibt.
Auf allen Sektoren der kommunalen Selbstverwaltun g
zeigt sich eine rege Aktivität , neue Straßen und Wohnungen
entstehen , Kanalisation und Ortsbeleuchtun g
werden ausgebaut.
Nicht allzuviel ist zu berichten über die Zeit , als die
Selbstverwaltung in die Zwangsjacke gesteckt wurde ,
wie der Chronist es nennt. Nach der Wä hrungsreform
dann waren zunächst die Krie gss chäden zu beseitigen ,
mußten Wohnungen gebaut werden; denn immer mehr
fremde Arbeitskräfte strömten in den Bergbau . Im
Laufe der letzten zehn Jahre , in denen die Einwohnerzahl
um rund 50 Prozent zunahm , wurden 10 Millione n
DM an Landesdarlehen für den Wohnungsbau nach
Merkstein geholt. Die Aufbauarbeit Merksteins in dieser
Zeit dokumentiert sich weiterhin u . a. darin, daß mehr
als 1,5 Million en DM für die Erweiterung und Verbe s
serung des Straßen- und Kanalnetzes investiert wurden .
daß ein neues Rathaus und ein Freibad entstanden.
Einen breiten Raum des Büchleins, das auch alle Mitglieder
der Vertretungskörperschaften von 1919 bis zur
Gegenwart namentlich verzeichnet, nehmen sodann die
,,Streiffelder Geschichten " von Ludwig Kahlen ein.
Ursprünglich für die Festschrift des SVS 1919 bestimmt ,
bilden sie nicht nur einen bemerkenswerten Beitrag zur
allgemeinen Ortsgeschichte, sondern sind wegen ihr er
zum Teil höch st ergötzlichen Episoden aus der „guten
alten" und auch neueren Zeit eine eben so unterh alts ame
wie interessante Lektüre .
hh.
50 Jahre Naturschutz im Regierungsbezirk Aachen. -
,,Natur- und Landschaftsschutz ist nicht eine roma n
ti'Sche oder gar museale Bestr ebu ng, sondern das ernst
hafte Bemühen , den durch die heutige Arbeitsweise in
ihrer Gesundheit und Lebenskraft bedrohten Menschen
den nötigen Erholun gsra um für die leibliche und see
lische Auffrischung zu erhalten und zu gestalten." Mit
die sen treffenden Formulierungen umreißt der Leiter
der Höheren Natur schutzbehörde, Regier ungspräside nt
Schmitt-De genhardt , in seinem Geleitwort zu dem im
Auftrage der Bezirk sste lle für Natur schutz und Landschaftspflege
im Regierungsbezirk Aach en von Professor
Dr. Mathias Schwickerath herausgegeb enen Buch
„50 Jahre Naturschutz im Regierungsb ezirk Aachen " die
Bedeutung , die dem Naturschutzgedanken gerade in der
Gegenwart zukommt. Einen wesentlichen Beitrag auf
diesem Gebiet leisten die Beauftragten für Naturschutz
und Landschaftspflege . Auf Orts - , Kreis - , Bezirks- und
Landesebene gehen diese im ehr ena mtlichen Dien st
stehenden Männer , deren Zahl nicht eben groß ist, den
zuständigen Behörden beratend zur Hand . Ihr unei gen
nütziges, idealistisches Wirken im Regierungsbezirk
Aachen in den nun hinter uns liegenden 50 Jahren seit
Einsetzen der „Beauftragten" durch den Staat findet in
dieser Schrift beredten Ausdruck.
Darüber hinaus gibt das mit einer fünffarbigen Faltkarte
des Regierungsbezirks und reichhaltigen Karten
und Bildmaterial im Text (u. a. 55 Abbildungen auf
Glanzdruckpapier ) versehene und insgesamt 237 Seiten
umfassende Werk auch die geschichtliche Entwicklung
des Naturschutzes über den eng,eren Bezirk hinaus
wieder. Eingehende Dar,stellungen über Studienfahrten ,
Tagun ·gen und Aus s,tellungen, sowie die ausführliche
Beschreibung der einzelnen Kreise in ihrer Struktur
und ihren naturschützerischen Aufgaben sowie ihrer
Naturschutzgebiete, ein Verzeichnis · der geschützten und
seltenen Pflanzen und Tiere runden zusammen mit
einigen Beiträgen über interessante Tierarten des Bezirks
den Inhalt des im Verlag Dr.Rudolf Georgi , Aachen,
erschienenen Buches ab , das für den Fachmann wie
interessierten Laien in gleicher Weise ein Heimatbuch
von erlesenem Wert darstellt. Mitarbeiter des Buches
sind neben den Kreisbeauftragten für Naturschutz auch
andere begeisterte Natur schützler (für den Landkreis
Aachen: Hauptlehrer Josef Korr, Vaalserquartier) .
hh
Fotos: Archiv Verlag Dr. Georgi (S. 41, 42), Archiv des Zimmertheaters des Landkreises Aachen (S. 33), Kleinen
(S. 45, 46), K önigs (S. 43), L inckens (S. 29, 31), Dr. Wo!ff und Tritschler (S. 25, 26, 27, 28); Z eichnungen: Sanke.
Anlagen:
Zwei Talsperren mit 6,4 Millionen Kubikmeter Inhalt
Rurüberleitung
Moderne Schnellfilteranlage
780 Kilometer Rohrnetz
35 000 Anschlüsse
WASS .ERWERK
*
Jährl. Wasserabgabe: 21 Millionen Kubikmeter
rd. 320000 versorgte Einwohner
DES
LANDKREISES
AACHEN GMBH.
Das Wasserwerk des Landkreises Aachen liefert ein hervorragendes Trinkwasser
von nur zwei Grad deutscher Härte. Das Wasser ist also oußerordendlich
weich.
Was ist Weichwasser P
Weichivasser
Weichwasser
Weichivasser
Weichwasser
Weichivasser
Weichivasser
ist ein Wasser, das wenig Kolk- und Magnesiumsolze enthält
bildet keinen Kesselstein
läßt keine schmutzig-gelben Kalkflecken in der Wäsche zurück
läßt die Seife kräftig schäumen und bildet keine Kalkseife, die beim Waschen wertlos
ist
ist unentbehrlich in der Industrie, beim Bergbau und bei der Bundesbahn als Kesselspeise-,
Kühl- und Waschwasser
ist auch das beste und im Gebrauch billigste Wasser im Haushalt : z.B. zum schnellen
Gorkochen von Fleisch und Gemüsen, und bei der Wäsche. Es ist ein hervorragendes
und natürliches Hautpflegemittel, da es jeden kosmetischen Zusatz überflüssig macht.
AM ELISENBRUNNEN
RUF-SAMMELNUMMER 4081
HAUPT ZWEIGSTELLEN
ALSDORF
FERNRUF 380
BRAND
FERNRUF 4081 AACHEN
BROICHWEIDEN
FERNRUF 3351 waRSELEN
EILENDORF
FERNRUF 5210 AACHEN
ESCHWEILER
FERNRUF 37 47
HERZOGENRATH
FERNRUF 434
HOENGEN
FERNRUF 624 ALSDORF
KOHLSCHEID
FERNRUF 380 AACHEN
KORNELIMÜNSTER
FERNRUF 130
MERKSTEIN
FERNRUF 2297 HERZOGENRATH
STOLBERG
FERNRUF 2441
WÜRSELEN
FERNRUF 2496
WECHSELSTUBE
VAALSERQUARTIER