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Baumeister 2/2026

Ziegelbauten

Ziegelbauten

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B2

B A U

Februar 2026

123. JAHRGANG

Das Architektur-

Magazin

MEISTER

Geschichtet

4 1 94673 019509

0 2

D 19,50 €

A,L 22,00 €

CH 2 6 , 0 0 S F R


Der Ziegel

ist zurück

COVERFOTO: GUS AYNA/PEXELS

TITELBILD Die mächtigen roten

Steinschichten der Kathedrale

von Cusco in Peru. Davor eine

Passantin mit Alpaka

Und er war eigentlich nie

weg, liebe Leserinnen und

Leser. Vielleicht liegt genau

darin seine Kraft: in der

Fähigkeit, da zu sein – verlässlich, leise, präsent. Während

sich neue Materialien oft lautstark als Lösung für alles inszenieren,

wirkt der Ziegel fast demütig. Er verspricht nichts.

Aber er liefert zuverlässig. Schon seit Jahrtausenden.

Ziegel sind mehr als Steine. Sie sind gespeicherte Zeit.

Gebrannte Geschichte. In jeder Schale, jeder Rille steckt

sedimentiertes Wissen vom Bauen, vom Klima und vor

allem von der Nutzung. Kein anderes Material trägt so viel

kulturelle Tiefe in sich – und bleibt dabei so wandelbar.

Der Ziegel ist kein Fossil, sondern ein Werkzeug. Und zwar

eines, das mit der Zeit geht, ohne sich ihr zu unterwerfen.

Diese Ausgabe trägt den Titel „Geschichtet“ – im doppelten

Sinne. Einerseits, weil der Ziegel Schicht für Schicht gebaut

wird: Stein auf Stein, Lage auf Lage. Andererseits, weil

er selbst Schichten trägt: aus Bedeutung, aus Geschichte, aus

Material. Kaum ein anderer Baustoff verbindet Konstruktivität,

Ausdruck und Nachhaltigkeit so selbstverständlich.

Und vielleicht ist es gerade diese Selbstverständlichkeit,

die ihn heute wieder so aktuell macht.

Denn in einer Zeit, in der vieles virtuell, volatil und verformbar

geworden ist, wächst das Bedürfnis nach Beständigkeit.

Nach echtem Gewicht. Nach einer Architektur, die sich

nicht sofort auflöst, wenn sich die Parameter ändern. Der

Ziegel steht in diesem Sinne nicht für Rückschritt – sondern

für Widerstand. Gegen Schnellbau, gegen Austauschbarkeit,

gegen das Immer-neu-und-immer-mehr-und-immerdichter.

Wer mit Ziegeln baut, entscheidet sich nicht gegen Innovation.

Sondern für ein anderes Tempo. Für eine andere Tiefe.

Für eine Architektur, die Haltung zeigt, ohne Pathos.

Und die dabei so leise ist, dass man ihr zuhören muss. Diese

Ausgabe zeigt, wie überraschend vielfältig, gestalterisch

anspruchsvoll und technologisch relevant der Ziegel geworden

ist – vom monolithischen Wandauf bau bis zur hochpräzisen

Fassade, vom Recyclingmauerwerk bis zum ornamentalen

Experiment.

Vielleicht ist das die eigentliche Provokation des Ziegels:

dass er in einer lauten Welt etwas ganz anderes vorschlägt.

Geduld. Dauer. Dichte. Oder einfach: ein Bauen, das bleibt.

Wie immer gilt: Ich freue mich auf Rückmeldung von

Ihnen. Nicht nur zum Heft, sondern auch zu unserem Online-

Auftritt auf www.baumeister.de.

Herzlichst,

Tobias Hager

Chefredakteur

t.hager@georg-media.de

03


II Ideen

Der Sicht-Ziegel steht für eine Architektur mit Haltung,

mit Respekt vor der Geschichte des Baugrundstücks

und verspricht Verlässlichkeit, Beständigkeit und konst-

ruktive Klarheit.

12 Tanztheater

Sadler’s Wells East

in London

24 Gewerbebau

in Hellersdorf

34 Umbau einer

Papierfabrik in Cham

44 Nachverdichtung

einer Siedlung

in Kortrijk

54 Rathaus-Erweiterung

in Brühl

Position

Seite 64

Reise nach Taschkent

Inspiration

ab Seite 67

11


STANDORT

Queen Elizabeth Olympic Park,

Stratford, London

BAUHERR

London Legacy Development

Corporation (LLDC)

PARTNER

Sadler’s Wells,

London

ARCHITEKTUR

O’Donnell + Tuomey,

Dublin

TRAGWERKSPLANUNG/HLS/FASSADEN-/

ENERGIEBERATUNG/BRANDSCHUTZ

Buro Happold,

Bath, Vereinigtes Königreich

PROJEKTMANAGEMENT

Mace

WETTBEWERB

2015

FERTIGSTELLUNG

November 2024

Backstein-

Finesse

ARCHITEKTUR

O’Donnell + Tuomey

TEXT

Sabine Schneider

FOTOS

Nick Kane, Peter Molloy,

Iain Aitchison

Im Osten von London ist ein inklusives Tanzzentrum

entstanden, das „Sadler’s Wells East“. Das

kompakte Haus weist ein bis ins Detail durchdachtes

Ziegelkleid mit Sonderlösungen wie spitzen Ecken

und Musterverbänden innen und außen auf,

wobei sich Bauform und Materialwahl auf die industrielle

Vergangenheit des Areals beziehen.

13


16 B2 / 26 – GESCHICHTET IMPULS IDEEN INSPIRATION


3

1

4

2

5

L A G E P L A N

1 Queen Elizabeth

Olympic Park

2 London Stadium

3 Sadler’s Wells East

4 London Aquatics Centre

5 Stahlskulptur „Orbit“

LINKS Nur auf der Nordostseite lässt

sich die wahre Höhe des Gebäudes

erkennen. Hier ragt der Schnürboden

in Form eines Ziegelturms

mit „Kamin-Element“ in die Höhe.

Links am Bildrand der Aussichtsturm

„Orbit“ des Künstlers Anish

Kapoor, das architektonische Wahrzeichen

der Olympischen Spiele

von 2012

Der Standort des neuen Tanztheaters ist

auch außerhalb Londons und Großbritanniens

vielen bekannt. Denn dort im Osten

der Stadt fanden 2012 die Olympischen Spiele

statt, ein Großereignis, das unter Tony

Blair in Gang kam, unter Gordon Brown die

nötige Infrastruktur erhielt und währenddessen

der damalige Londoner Bürgermeister

Boris Johnson zur Stadtmarketing-Höchstform

auflief. Am Rand des „Queen Elizabeth Olympic Park“ befand sich aber

lange noch eine schmale Industrie- und Gewerbebrache, die nach und nach

bebaut und für deren Endstück 2015 ein Wettbewerb für ein Tanztheater ausgeschrieben

wurde, das „Sadler’s Wells East“.

FOTO: FOTO: NICK NICK KANE KANE

Die Lage des Tanzhauses ist günstig, es ist fußläufig zu erreichen vom öffentlichen

Verkehrsknotenpunkt „Stratford“ und dem anschließenden, amerikanisch

anmutendem Shoppingcenter, und sie ist zudem sogar fast idyllisch

zu nennen, da das neue Gebäude direkt am Olympiapark-Grüngürtel mit

kleinem Wasserlauf liegt. Gegenüber schwingt sich die gewaltige silberne

Dachschale der olympischen Schwimmhalle von Zaha Hadid Architects

auf. Im Gegensatz zu dieser Umgebung nimmt sich der Entwurf des irischen

Büros O’Donnell + Tuomey angenehm geerdet und solide aus. Die Materialwahl

für das Tanztheater bezieht sich auf frühere Fabrikbauten auf dem

Areal, ebenso wie die Form des Gebäudes mitsamt seinen gewaltigen Sheddächern

und kaminschmalen Vor- und Rücksprüngen.

WEITER

17


5

3

6

4

2

M 1:500

RECHTE SEITE Unter den drei gewaltigen

Sheddächern finden im

obersten Geschoss großzügige

Tanzstudios Platz. Sie haben

auch Zugang zu einer begrünten

Dachterrasse.

RECHTE SEITE UNTEN Auf der Südwestseite

führen Sitzstufen hinunter

zum Kanal. Hier befindet sich auch

das Restaurant im Erdgeschoss,

dessen Glastüren sich auf eine

Terrasse öffnen lassen. Als Kontrast

zur Ziegelfassade dienen kräftige

auskragende Betonelemente

als Sonnenschutz.

7

1

5

0

5m

Schnitt Theatersaal

6 6 6

6

6

8 9 10

11

S C H N I T T E

1 Bühne

2 Foyer und Bar

3 Akustische Pufferebene

4 Verwaltung

5 Technik

6 Tanzstudio

7 Straße

8 Restaurant

9 Information/Shop

10 Tanzfläche Foyer

11 Umkleiden

Schnitt Tanzstudios

FÜR DIE NACHBARSCHAFT

Sadler’s Wells hat eine dreihundertjährige Geschichte in

der Stadt und ist bislang ein Name, der eher mit traditionsreicher

Tanzkunst verbunden wird. Was in London bisher

fehlte, war ein Tanztheaterbau für mittelgroße Kompagnien

und ihre Aufführungen, für eine kleinere Saalkapazität

von etwa 500 Plätzen, denn offenbar werden derzeit wohl die

innovativsten Tanzereignisse in Großbritannien wie auch

international für ein etwas kleineres Publikum konzipiert.

Daher sollte es im neuen Sadler’s Wells East progressiver,

zeitgenössischer und vor allem interkultureller zugehen. Der

Osten Londons weist von jeher eine kulturell bunt gemischte

Bevölkerung auf, und so war der Ort vor allem auch für sie

als neuer Anziehungspunkt vorgesehen, um neben Kreativität

auch gesellschaftliches Engagement zu fördern. Der

Neubau beherbergt nun einen flexiblen Tanztheatersaal für

550 Plätze und sechs Choreografiestudios in den oberen

Etagen, dazu gibt es eine Choreografieschule und eine Hip-

Hop-Akademie, wobei der Schwerpunkt der Einrichtung

auf neuen Tanzwerken, Bildung und einem offenen Zugang

für die vielfältige Bewohnerschaft von Stratford und

Umgebung liegt.

Hat man sich vom Bahnhof Stratford durch die Shopping

Mall geschlängelt, überquert eine breite Fußgängerbrücke,

18 B2 / 26 – GESCHICHTET IMPULS IDEEN INSPIRATION


STANDORT

Gut Hellersdorf 14 und 14A

(ehemals Haus 13),

Berlin

ARCHITEKTUR

Therese Strohe Michael Ullrich

Architekten,

Berlin

TRAGWERKSPLANER

Ingenieurbüro Jockwer,

Berlin

FERTIGSTELLUNG

Oktober 2024

BAUHERR

Gesobau AG,

Berlin

MITARBEITER

Jingjing Du,

Jakob Findeisen

LANDSCHAFTSARCHITEKTUR

JUCA Landschaft

und Architektur,

Berlin

Zwischen Resten

vom

Rittergut

ARCHITEKTUR

Therese Strohe Michael Ullrich Architekten

TEXT

Florian Heilmeyer

FOTOS

Till Schuster

Kaum bekannt sind die dörflichen Überreste

von Hellersdorf inmitten der großen Berliner Plattenbausiedlung

gleichen Namens. Es sind allerdings

nur Ställe und Wirtschaftsgebäude erhalten geblieben.

Für die Neuentwicklung des Gebiets haben

jetzt Therese Strohe und Michael Ullrich ein robustes,

anpassungsfähiges Gewerbegebäude ergänzt.

25


28 B2 / 26 – GESCHICHTET IMPULS IDEEN INSPIRATION


Lageplan

LINKE SEITE OBEN Kaum bekannt sind

die wenig ansehnlichen Überreste

des Dorfs Hellersdorf in Form

von Landwirtschaftsgebäuden

inmitten der weitläufigen Plattenbausiedlung

gleichen Namens.

Als Auftakt einer Neuentwicklung

des Gebiets haben die Architektinnen

und Architekten ein robustes,

flexibles Gewerbegebäude

dawischengesetzt.

LINKE SEITE UNTEN Das lange Haus mit

dem schlichten Satteldach nimmt

Bezug auf die Scheunen und

Ställe des ehemaligen Gutshofs.

Das hohe Erdgeschoss bietet

mit seinen zahlreichen Toren maximale

Flexibilität in der Nutzung.

M 1:2.000

GSPublisherVersion 1553.84.99.96

Der Berliner Bezirk Hellersdorf ist deutschlandweit

bekannt als ein Teil der letzten, großen Plattenbausiedlung

der DDR. Gemeinsam mit dem benachbarten Marzahn

entstanden zwischen 1977 und 1989 auf ehemaligen Rieselfeldern

am östlichen Stadtrand über 60.000 Wohnungen –

ein gewaltiger Kraftakt. Trotz aller Abrisse seit 1990 ist

dies bis heute immer noch eine der größten zusammenhängenden

Plattenbausiedlungen Europas. Weniger bekannt

dürfte hingegen der kleine historische Dorf kern sein, von

dem sich ein paar Reste zwischen den Platten-Riesen erhalten

haben. Diese Reste des ehemaligen Gutshofs Hellersdorf

erzählen heute noch von der dörflichen Besiedelung und

der landwirtschaftlichen Nutzung, deren Geschichte bis ins

Jahr 1375 zurückreicht, als das Dorf Helwichstorf erstmals

urkundlich erwähnt wurde.

Die Bebauung, die vom ehemaligen Rittergut erhalten blieb,

ist allerdings fern von jeder historisierenden Idylle. Vor

allem die einfachen Häuser sind noch vorhanden, Ställe und

Wirtschaftsgebäude, die sich rechtwinklig um einen

gepf lasterten Platz stellen. Als ringsum die Großsiedlung

wuchs, wurde der Gutshof für Lagerschuppen, Garagen

und Kfz-Werkstätten genutzt. Selbst das ehemalige Gutshaus

macht keinen besonders historischen Eindruck.

VORGE FUNDE NES

UND NEU ERDACHTES

Aber nun wird das Gelände seit fünf Jahren neu entwickelt.

Um den Gutshof hat die städtische Wohnungsbaugesellschaft

Gesobau Neubauten mit 1.500 Mietwohnungen errichtet.

Das historische Gutsareal soll das neue Zentrum werden, mit

Flächen für Gewerbe, Kultur und Gastronomie in den Altbauten.

Der Stadtplatz wurde bereits denkmalgerecht saniert,

die dafür zuständigen Landschaftsarchitekten JUCA

sprechen von einem „As Found“-Konzept, das den offenen

und gepflasterten Charakter erhält und weiterentwickelt;

nur vereinzelte Grüninseln und Freiraummobiliar wurden

hinzugefügt. Hinter dem alten Gutshaus wird dessen ehemaliger

Nutzgarten als kleiner Park mit Flanierwegen und

Zierbeeten neu entstehen.

Auch ergänzende Neubauten sind Teil der Revitalisierung.

Unmittelbar neben einem besonders schlichten, dreigeschossigen

Parkhaus ist ein Gewerbebau von Therese Strohe

Michael Ullrich Architekten entstanden, der den pragmatischen

Wohnungsneubauten ringsum zeigt, dass Neubau

hier durchaus mit anspruchsvoller und beziehungsreicher

Gestaltung arbeiten kann.

WEITER

29


Das obere Geschoss aus Holz

eignet sich als Büro- oder

Seminarfläche, ebenfalls

beliebig unterteilbar durch

die zahlreichen Fenster.

Das Sockelgeschoss ist

als Massivbau ausgeführt. Die

Hochlochziegel, mit denen

das Tragwerk ausgefacht

wurde, bleiben roh und unverputzt,

sämtliche Leitungen

sichtbar.

30 B2 / 26 – GESCHICHTET IMPULS IDEEN INSPIRATION


STANDORT

Tuighuisstraat,

Kortrijk, Belgien

BAUHERR

SW+

ARCHITEKTUR

MAKER architecten,

Gent

Lieven De Groote,

Ana Castillo, Simon Walgraeve,

Laure Bouckenooghe

TRAGWERKSPLANUNG

Mouton

HAUSTECHNIK

Boydens

part of Sweco

WETTBEWERB

1. Preis 2016

FERTIGSTELLUNG

2025

Neue Schichten

aus altem Stein

ARCHITEKTUR

Maker Architecten

TEXT

Florian Heilmeyer

FOTOS

Stijn Bollaert

In Belgien zeigt ein Projekt von Maker Architecten,

wie in einer kleinen Sozialbausiedlung von

1924 am Rand der Innenstadt von Kortrijk heutige

soziale, ökologische und baukulturelle Impulse

gesetzt werden können: durch Inklusion, Transformation

und Wiederverwendung.

45


48 B2 / 26 – GESCHICHTET IMPULS IDEEN INSPIRATION


M 1:1.250

OBEN Von den Gartenstadtidealen

aus den 1920ern war nicht

mehr viel übrig in der Siedlung.

Ein Teil der Reihenhäuser war

aber noch in städtischer Hand,

zwar in schlechtem Zustand

und konnte so erneuert werden.

Die Abrissziegel sind in den

neuen Lückenfüllern verbaut.

LINKE SEITE Beschädigte Ziegel aus

dem Abbruch konnten immer

noch, in Gabionen gestapelt, als

Gartenmauern verwendet

werden.

Ein beliebtes belgisches

Sprichwort sagt, dass alle

Belgierinnen und Belgier mit

einem Backstein im Magen

geboren werden. Tatsächlich

ist das Land voller Klinkerbauten,

ob es sich um große,

öffentliche Gebäude oder

um die vielen verstreuten Einfamilien-

und Reihenhäuser

handelt, die Belgien prägen. Kortrijk ist da keine Ausnahme.

Die Stadt mit 80.000 Einwohnern im Westen des Landes

scheint fast vollständig aus Backstein zu bestehen. Der Bahnhof:

Backstein. Die Altstadt: Backstein. Der berühmte

Beginenhof oder die Broeltorens, die Wahrzeichen der Stadt:

Jawoll, Backstein.

Da wollte das kleine Viertel um die Tuighuisstraat, das in den

1920er-Jahren als kleine Stadterweiterung östlich an

das Stadtzentrum gefügt wurde, nicht nachstehen. Nach

den Ideen einer Gartenstadt errichtet, stehen hier an

leicht geschwungen Straßen kleine Reihenhäuser um grüne,

gemeinschaftlich genutzte Innenhöfe. Allerdings war

von den ursprünglichen Ideen der Gartenstadt hundert Jahre

nach der Bauzeit nicht mehr viel zu sehen: Die städtische

Wohnungsbaugesellschaft SW+ hatte über die Jahre einen

Teil der Häuser an deren Bewohner und Bewohnerinnen

verkauft. In den Innenhöfen waren immer mehr Anbauten

Lageplan

entstanden: Lagerschuppen, Werkstätten, aber hauptsächlich

Garagen, mit denen sich die grünen Gärten vom Innenhof

abschotteten. So war die gemeinsame Fläche im Inneren, die

eigentlich der Gemeinschaft und der Erholung zu Verfügung

stehen sollte, hauptsächlich den Autos vorbehalten.

Auch die Häuser waren in einem immer schlechteren

Zustand, sodass die Gesellschaft 2016 ein Bewerbungsverfahren

für die beispielhafte Neugestaltung eines Blockes

initiierte. Das Verfahren haben Maker Architecten aus Gent

gewonnen.

GARTENSTADT-IDEALE RETTEN

Maker schlugen vor, den ungefähr dreieckigen Block wieder

an seine ursprünglichen Intentionen zu erinnern und

den Bewohnern, egal ob Eigentümer oder Mieter, die Vorzüge

der grünen Gemeinschaftsflächen nahezubringen.

Die 18 Gebäude in dem Block, die noch im Besitz von SW+

waren, wurden schrittweise abgerissen und durch Neubauten

ersetzt. An der nordöstlichen Ecke nutzten die Architekten

den Abriss für einen neuen Akzent: Auf sieben Parzellen

setzten sie drei mehrgeschossige Gebäude und einen

kleinen Stadtplatz. In den Gebäuden gibt es nun 16 barrierefreie

Wohnungen zwischen zwei und vier Zimmern, auch

verschiedene Formen von assistiertem Wohnen sind hier möglich.

Der Stadtplatz bietet nicht nur zentrale Fahrradabstellplätze,

sondern ist auch ein autofreies Eingangstor ins

Blockinnere. Außerdem entstanden im Block 12 neue

WEITER

49


Längsschnitt mehrgeschossiger Wohnungsbau

Querschnitt

M 1:500 M 1:500

Erdgeschoss

1. Obergeschoss

Reihenhäuser in den Lücken. Sieben Zugänge ins Blockinnere

blieben allerdings erhalten, sodass die Gemeinschaftsfläche

aus allen Richtungen gut zu erreichen ist. Die neuen

Reihenhäuser bestehen immer aus einem zwei- bis dreigeschossigen

Teil zur Straße mit knapp 80 Quadratmetern Wohnfläche

und einem rückwärtigen Teil, der variabel genutzt

werden kann – etwa als zusätzlicher Wohnraum, als komplett

eigenständige Einliegerwohnung, die von hinten separat

erschlossen wird, als Garage oder Werkstatt. Die Kombination

aus den zwei Wohnteilen mit separatem oder gemeinsamem

Eingang erzeugt eine hohe Flexibilität, die beinahe

alle Formen von gemeinsamem, getrenntem oder betreutem

Wohnen ermöglicht. Von den Neubauten erhofft sich die

Wohnungsgesellschaft insgesamt neue Impulse für den

Block und das ganze Viertel. Die Architekten sprechen hier

zu Recht von „urbaner Akupunktur“.

ZIEGEL-RECYCLING

„Die kleinen Häuser waren leider schon in einem zu schlechten

Zustand, um sie für heutige Bedürfnisse umbauen zu können“,

erzählt Lieven de Groote von Maker über das Projekt.

„Aber die Materialien, aus denen sie gemacht waren, hatten

immer noch ihren Wert“ – insbesondere die Dachziegel und

50 B2 / 26 – GESCHICHTET IMPULS IDEEN INSPIRATION

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