MEDIAkompakt Ausgabe 39
Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei. Jede Ausgabe behandelt dabei ein von den Studierenden gewähltes Oberthema.
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DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING
DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART
AUSGABE 01/2026 29.01.2026
media
kompakt
2 CHANGE
mediakompakt
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I M P R E S S U M
mediakompakt
Zeitung des Studiengangs Mediapublishing
Hochschule der Medien Stuttgart
HERAUSGEBER
Professor Christof Seeger
Studiengang Mediapublishing
Postanschrift:
Nobelstraße 10
70569 Stuttgart
Pflichtpraktikum oder Werkstudijob?
Wir suchen ständig Verstärkung!
CHEFREDAKTION
Ulrike Bretz, Corinna Pehar (v.i.S.d.P.)
lb-bretz@hdm-stuttgart.de, pehar@hdm-stuttgart.de
Nicole Fröhlich (CvD) froehlich@hdm-stuttgart.de
TITELSEITE
Johanna Costantini, Dominik Müller, Mona Mößlang,
Acelya Sürer, Valza Jusufi, Alexandra Fischer,
Lara Dragusha, Jana Schiek, Elisabeth Bertsch
REDAKTION UND PRODUKTION
Alle
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Sheila Serrer, Ann-Christin Liegert, Lara Fröhle,
Marie Winkler, Nhi Ngoc Nguyen
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BLATTKRITIK
Gina-Maria Melito, Joshua Kröner, Franzi Weber,
Ronja Hipp, Johanna Costantini, Livia Heller, Alina Vogel
MEDIA NIGHT
Christina Sagi, Julia de melo coelho Cardoso, Evelin Ernst,
Rafailia Aslanidou, Michael Knoos, Denise Bauer
LEKTORAT
Felix Liebisch, Meryam Tergui, Alexandra Funk, Alisa Wild,
Laura Bernhardt, Ellen Gekeler, Salsabil Ghattas, Annika
Beineke, Isabel Opitz
DRUCK
Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft
GmbH & Co. KG
Böblinger Straße 70
71065 Sindelfingen
ERSCHEINUNGSWEISE
Einmal im Semester zur Medianight
Dich erwarten spannende Einblicke in der
Planung und Umsetzung von Werbemaßnahmen,
die Konzeption und Erstellung von Social-Media
Beiträgen, das Pflegen der Website und vieles mehr.
Das alles in einem netten und kompetenten Team
mit flexiblen Arbeitszeiten und einem
modernen Arbeitsumfeld.
Copyright
Stuttgart, 2026
01/ 2026 CHANGE
3
Wandel in allen Facetten
Liebe Leser:innen,
warum ein Chamäleon? Die besondere Echse ändert nicht nur ihre Farbe, um zu kommunizieren und sich an die veränderten Gegebenheiten in der Umwelt
anzupassen. Sie kann noch viel mehr: Das Tier nimmt mit seinen Augen die Umwelt im 360-Grad-Blick wahr. Genauso werfen wir mit dieser Ausgabe
der Mediakompakt einen Rundumblick auf die vielfältigen Themen, die unsere Studierenden beschäftigen. Wo spüren sie Veränderung in ihrem eigenen
Leben, in ihrer Umwelt? Die Veränderungen in unserer Gesellschaft sind rasanter denn je. CHANGE ist allgegenwärtig.
Der Hefteinstieg zeigt aktuelle Diskurse: Es geht um die Rolle der Geschlechter, der Sprache und der Kunst. Wie fühlt es sich an, im Lotto zu gewinnen oder
vor einer immer kleiner werdenden Gemeinde zu predigen? Was verändert sich in den Lüften – für Pilot:innen oder Greifvögel? Wie reagiert die Natur auf
den Klimawandel, kann der Mensch beim Städtebau wirksam werden? Und was verrät eigentlich der Müll über uns?
Die Heftmitte widmen wir dem Körper und seinen Veränderungen: Was passiert nach einem Schlaganfall, einer Krebserkrankung oder einer Drogensucht?
Wie arbeitet es sich täglich zwischen Leben und Tod als Notfallsanitäterin? Auch freiwillige Bodymodifications sind ein Thema in dieser Ausgabe, ebenso
wie die Wirkung von Burlesque auf Körper und Geist. Und da sich nichts so schnell ändert wie die digitale Welt, schauen wir beim Thema CHANGE natürlich
auch auf Deepfakes und das Phänomen BookTok.
Ein großer Part beschäftigt sich mit dem Wandel in Biografien: Vom Studienfach- und Berufswechsel über das Erleben von Change Management bis hin
zum Ruhestand. Aber was ist eigentlich, wenn sich gar nichts verändert? Auch NO CHANGE ist ein Thema.
Am Ende packen wir die Koffer und schauen auf das Reisen als Dauerzustand, beleuchten ein Auslandsstudium und verfolgen die Spuren einer alleinerziehenden
Mutter, die den Schritt von Vietnam nach Deutschland wagt. Was am Ende nicht fehlen darf: Wie geht es denen, die zurückbleiben?
Viel Spaß bei der Lektüre – auch Lesen kann verändern!
Die Chefredaktion
Ulrike Bretz und Corinna Pehar
INHALT
3 Editorial
Vom Wandel, der unsere Autor:innen beschäftigt
4 Change? Von wegen.
Warum Machtverschiebungen zuerst Frauen treffen
5 What a man
Wie erleben junge Menschen Männlichkeit?
6 Queer. Loud. Local.
Über eine FLINTA*-Community in Stuttgart
7 Sprachwandel? Das crazy.
Was Jugendsprache über Identität verrät
8 Zeugen der Stille
Wie ein Museum die Kolonialzeit aufarbeitet
9 Gestickte Existenz und Erinnerung
Stickkunst aus Palästina zeigt mehr als Schönheit
10 Es ist Kirche, und Keiner geht hin?
Ein Pfarrer über Wandel in seiner Gemeinde
11 „Mama, du musst nie wieder arbeiten!“
Wie ein Lottogewinn das Leben verändert
12 Völlig losgelöst von der Angst
Ein Pilot über Flugangst-Videos in Social Media
13 Auge in Auge mit Eulen
Über das Kulturerbe der Falknerei
14 Ein Wald, der immer Wald bleibt
Wenn eine Forstwirtin dem Wald zuhört
15 Stille Invasion im Hochland
In Schottland ist der Klimawandel sichtbar
16 Der Friedhof der Dinge
Was unser Müll über die Gesellschaft verrät
17 „Schon wieder so ein Klimaheini“
Eine Aufgabe zwischen Idealismus und Bürokratie
18 Architektur im Umbruch
Wie junge Architekt:innen das Bauen neu denken
20 Eine Nacht, die bleibt
Wenn der eigene Vater einen Schlaganfall erleidet
22 Blaulicht als Berufung
Ein Traumjob zwischen Leben und Tod
23 Mut zur Gruppe
Gemeinschaft hilft bei Abhängigkeitserkrankungen
24 Ein mutiger Weg voller Stärke
Eine Brustkrebs-Betroffene erzählt
25 Lenas Weg zurück ins Leben
Krebs mit 17 – was nun?
26 Vorurteil im Kopf. Kunst unter der Haut.
Bodymodifikationen: Eine Frau verschiebt Grenzen
27 Ein Tanzschritt zum Mut
Mit Burlesque Körper und Seele verändern
28 Veränderung auf Knopfdruck
Deepfakes lassen sich nicht mehr aufhalten
29 Heute Autor:in, heute Influencer:in
Eine Autorin über die Auswirkungen von #BookTok
30 Mut zum Studienwechsel
Wertvolle Tipps von der HdM-Studienberaterin
31 Selbstständig leben
Ein HdM-Absolvent über seinen Berufsweg
32 Von Chaos zu Klarheit
Über Change Management in Unternehmen
33 Sich finden heißt riskieren
Ein mutiger Sprung in die Selbstständigkeit
34 Stillstand? Von wegen!
Gekommen, um zu bleiben: Über NO CHANGE
35 Zwischen Freiheit und Verlust
Der Abschied aus dem Arbeitsleben
36 Leben im endlosen Aufbruch
Wie fühlt sich Reisen als Dauerzustand an?
37 Neues Land. Neues Ich?
Eine junge Frau zieht nach Dänemark
38 Was bleibt, wenn man geht?
Der Weg von Vietnam nach Deutschland
39 Ein Mutterherz zwischen zwei Welten
Wenn die Tochter nach Australien auswandert
4 CHANGE
mediakompakt
Change? Von wegen.
Überall ist von „Change“ die Rede, doch für viele Frauen bedeutet Wandel vor allem Angst, Gewalt
und verlorene Rechte. Warum Machtverschiebungen zuerst Frauen treffen, erklärt die Journalistin
Natalie Wenger von Amnesty International Schweiz.
VON MERYEM TERGUI
Change gilt als Versprechen und bedeutet
meistens Fortschritt und Erneuerung.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt
ein anderes Bild. Auch Natalie
Wenger, Länderverantwortliche bei
Amnesty International Schweiz, beobachtet seit
Jahren, dass Schlagworte wie „Empowerment“
und „Gleichstellung“ nicht verhindern, dass
Frauen weltweit massive Rückschritte erleben –
und das nicht nur dort, wo Kriege toben und autoritäre
Regime herrschen. Für sie ist klar: „Es gibt
Signale, die wir nicht ignorieren dürfen.“
Der Rollback beginnt nicht in Kriegsgebieten,
sondern im Netz, in der Popkultur und in der
Sprache – ein Trend, den auch die Expertin bestätigt.
In den USA haben konservative Mehrheiten
sichere Schwangerschaftsabbrüche zurückgedrängt,
Frauenrechte relativiert und sexualisierte
Gewalt normalisiert. Parallel verschiebt sich die
digitale Kultur in TikTok-Trends und Memes, die
Misogynie verstärken. Nach Donald Trumps
Wahlsieg trendete der Hashtag #YourBodyMy-
Choice, den der rechtsextreme Influencer Nick
Fuentes populär machte, indem er den feministischen
Slogan #MyBodyMyChoice bewusst verdrehte.
Viele junge Männer teilten ihn wie ein
Meme, das Gewaltfantasien als Humor verkaufte
und vermittelte: Frauenkörper sind wieder verhandelbar.
Diese Rhetorik schafft ein Klima, in
dem weibliche Unterordnung gefeiert wird und
populistische Männerfiguren Frauenverachtung
als Stärke darstellen. Die Kontrolle über den weiblichen
Körper wird erneut als legitimer Teil gesellschaftlicher
Machtspiele verstanden.
Dass diese Entwicklungen kein Zufall sind,
zeigt ein Blick in die Regionen, in denen politigungen,
in denen toxische Männlichkeitsfantasien
zur Identifikationspolitik und Frauenrechte
als Bedrohung inszeniert werden.
Wenger betont zudem die Verantwortung der
Männer. Sie erklärt, es seien nicht „einige wenige“,
die sexualisierte Gewalt ausübten – das System
funktioniere vielmehr, weil zu viele Männer
schwiegen. Dass Frauen sich weltweit vernetzen
und ihre Erfahrungen sichtbar machen, sei ein
Grund zur Hoffnung. Doch echte Veränderung erfordere,
dass Männer Verantwortung übernehmen.
Demonstration für Frauenrechte. Bild: Getty Images/KI generiert
sche Umbrüche brutal sichtbar werden – ein Muster,
das Wenger seit Jahren beobachtet. Die Taliban
haben in Afghanistan Frauen fast vollständig
aus dem öffentlichen Leben verdrängt: keine Bildung,
keine Arbeit, keine Bewegungsfreiheit. Im
Sudan setzen Milizen der Rapid Support Forces
(RSF) sexualisierte Gewalt gezielt als Waffe ein,
um Frauen zu demütigen, zu vertreiben, zu kontrollieren
und soziale Strukturen zu zerstören.
Frauen sind häufig diejenigen, die am wenigstens
Ressourcen haben, strukturell benachteiligt und
ökonomisch abhängig sind und Care-Arbeit leisten.
Doch wieso ist das so?
Hier setzt die Analyse der Menschenrechtsexpertin
an. Sie weist darauf hin, dass Rückschritte
oft im Kleinen beginnen – in Sprache und Rhetorik.
Wie über Frauen gesprochen wird, entscheide
maßgeblich darüber, welche Rechte ihnen am Ende
blieben. Wenger warnt zudem, dass Frauenrechte
häufig instrumentalisiert würden, um politische
Ziele durchzusetzen. Autoritäre Systeme
neigten ihrem Befund nach dazu, aktive und politisch
beteiligte Frauen als Bedrohung wahrzunehmen
und mit Einschränkungen und Verboten zu
reagieren. „Sexualisierte Gewalt wird in Konflikten
eingesetzt, um Dominanz auszuüben und
ganze Gesellschaften zu brechen. Sie ist eine der
stärksten Waffen, welche Frauen dazu bringt, aus
Angst vor erneuter Verletzung und Stigmatisierung
zu fliehen.“
Die Mechanismen dahinter sind bekannt: Wer
Frauen aus Bildung und Öffentlichkeit verdrängt,
zerstört Widerstand. Wer ihre Körper kontrolliert,
kontrolliert ihre Zukunft. Wer sie zum Schweigen
bringt, verhindert politisches Handeln. Auch in
Demokratien entstehen gefährliche Gegenbewe-
„Wir alle tragen politischen
Wandel mit. Vor
allem Männer müssen
den Schutz von Frauenrechten
zu ihrem
eigenen Ziel machen.“
Am Ende bleibt die Frage, welchen „Change“
wir eigentlich wollen. Wenn Wandel bedeutet,
dass Frauen weniger Rechte haben als zuvor, ist
das dann Fortschritt? Oder nur ein neuer Name
für alte Unterdrückung? Vielleicht beginnt Wandel
dort, wo wir nicht länger akzeptieren, dass
Frauen den Preis politischer Entscheidungen zahlen,
sondern fragen, wem dieser Wandel dient –
und wen er verletzt.
Bild: Getty Images/KI generiert.
01/ 2026 CHANGE
5
What a man
Wie erleben junge Menschen heute Männlichkeit? Unsere Umfrage zeigt: Zwischen alten Erwartungen
und neuen Möglichkeiten suchen Studierende nach eigenen Wegen und stellen traditionelle
Männlichkeitsbilder grundlegend infrage.
VON FRANZISKA WEBER
Wann ist ein Mann ein Mann?“
Diese Frage stellte Herbert Grönemeyer
bereits 1984 in seinem
Song „Männer“ und trifft damit
bis heute einen Nerv.
Während sich geschlechtliche Kategorien öffnen,
Rollenbilder aufweichen und Identitäten
fluider werden, melden sich gleichzeitig im Internet
lautstarke Gegenstimmen zu Wort. Influencer
wie Andrew Tate oder Akteure der neuen Rechten
berufen sich auf ein „traditionelles“ und oft sehr
starres Bild von Männlichkeit. So entsteht eine
Diskussion über Macht, toxische Männlichkeit
und ein Über-Ego, das kaum Raum für Zwischentöne
lässt.
Im Rahmen der Mediakompakt wurde an der
Hochschule der Medien eine Umfrage durchgeführt.
Die Umfrage wurde von 40 Studierenden
ausgefüllt, das Alter der Befragten lag zwischen 18
und 33 Jahren.
Mann muss feministisch sein, muss sich für Frauen-
und Queerenrechte einsetzen und seine
Männlichkeit absolut in Frage stellen, bis hin dazu,
sie am besten komplett in die Tonne zu werfen.“
Die Soziologin Susanne Kaiser beschreibt das
„Im Augenblick, wo
Männlichkeit nicht
mehr mit Attributen
wie Aggression, Gewalt
und Wut verbunden
ist, ist es keine Männlichkeit
mehr.“
Was bedeutet Männlichkeit für euch?
Viele verbinden den Begriff Männlichkeit vor allem
mit Eigenschaften, die sie kritisch betrachten:
Aggression, Dominanz, Härte oder emotionale
Verschlossenheit. Gleichzeitig äußerten 14 Personen
grundsätzliche Skepsis gegenüber der Idee,
Männlichkeit überhaupt definieren zu müssen.
Ein 23-jähriger Teilnehmer bringt es auf den
Punkt: „Ich fühle mich selten männlich, meistens
einfach wie ich selbst.“
Die Antwort der männlich gelesenen Personen
zeigen auch den Druck, der mit Männlichkeit
einhergeht. Einige fühlen sich in Situationen, in
denen Stärke, Selbstbewusstsein oder Leistungsfähigkeit
erwartet werden, besonders „männlich“.
Nicht weil sie sich damit identifizieren, sondern
weil die Rolle von ihnen gesellschaftlich erwartet
wird.
Der Männerforscher Christoph May betont,
dass genau dort Veränderung beginnen muss:
Männer orientieren sich vor allem an Männern
und reproduzieren Normen untereinander. May
ist Männerforscher, Berater und Dozent. Er hat
2016 gemeinsam mit der Schriftstellerin Marie
Louise May das Institut für Kritische Männerforschung
gegründet. Im März 2025 war er zu Gast
bei dem Podcast „Männer weinen heimlich“. Dort
sagte er in seiner gewohnt pointierten Art: „Ich
persönlich kann nicht verstehen, warum Männer
das nicht als Chance begreifen, warum stürmen
sie nicht los und sehen alle aus wie Harry Styles
und experimentieren mit fluiden Sexualitäten
und ‚Geschlechterbildern‘?“
In dem Gespräch wurde May auch gefragt, was
ein „echter Mann“ heute sein müsste: „Ein echter
Wann ist ein Mann ein Mann?
Bild: Franziska Weber
System Männlichkeit ähnlich: Die Umfrage zeigt,
dass viele Studierende ähnliche Vorstellungen haben:
Männlichkeit soll per se nicht abgeschafft
werden, aber sie soll niemandem zwanghaft auferlegt
und menschlicher werden. Gewünscht werden
emotionale Offenheit, Selbstreflexion, Respekt,
Gleichberechtigung und flexiblere Rollenbilder.
Theoretisch lässt sich das gut mit Judith Butlers
Konzept der Performativität verbinden: Gender
entsteht durch Handlungen, nicht durch Natur.
So erklärt sich, warum feste Definitionen heute
kaum noch greifen, während rechte Akteur:innen
versuchen, Männlichkeit wieder starr und
kontrollierbar zu machen. AfD-Politiker Maximilian
Krah etwa propagiert online ein Bild „echter
Männer“, das Härte und Patriotismus idealisiert,
als Gegenmodell zur fluide gelebten Realität vieler
junger Menschen.
Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich:
Junge Menschen wünschen sich ein Leben jenseits
von Schubladen. Einige schreiben, dass sie
sich selten bewusst „männlich“ fühlen, weil das
Wort für sie kaum Bedeutung hat.
Andere wünschen sich mehr Freiheit, sich
selbst zu entdecken, egal, ob sie Sport machen, kochen,
weinen oder Verantwortung übernehmen.
Oder, um es mit den Worten eines Teilnehmers zu
sagen: „Ich will nicht männlicher sein. Ich will
einfach ich sein.“
May findet die passenden Worte: „Männer
können heute alles sein, was sie wollen. Es gibt so
viele Geschlechter wie es Menschen gibt.“ Ein
Leitbild, das nicht nur theoretisch, sondern auch
praktisch zunehmend Resonanz findet.
6 CHANGE
mediakompakt
Queer.
Loud.
Local.
Während die politische Stimmung
weltweit immer rauer
wird, wächst in Stuttgart eine
FLINTA*-Community, die
Sichtbarkeit schafft. Eine Frau
hat sie aufgebaut - und zeigt,
wie Engagement und Wandel
aussehen können.
VON ISABEL OPITZ
Als Tanja Rademacher vor über zehn
Jahren nach Stuttgart zieht, findet sie
Vieles vor – aber kaum Räume für
FLINTA*. Zwar gibt es vereinzelt
Clubs, Bars und Veranstaltungen,
aber ein sichtbares, lebendiges Angebot, speziell
für queere Frauen, nicht-binäre oder trans* Personen?
Fehlanzeige. Das ist heute anders. Der
Grund dafür: Eine Frau, die den Wandel mit angestoßen
hat, ohne es je geplant zu haben.
Ihre Inspiration bringt Rademacher aus den
USA mit. Nach dem Abitur arbeitet sie dort zwei
Jahre als Au-pair und studiert weitere zwei Jahre.
In Washington D.C. – eine „ultra-queere Stadt“,
wie die 36-Jährige sagt – war sie oft auf Veranstaltungen
und hat gemerkt, wie wichtig solche Räume
sind. Diesen Spirit nimmt sie mit zurück nach
Deutschland.
Dort muss sie allerdings feststellen, dass es
kaum Orte für FLINTA* gibt. Also beschloss Rademacher,
diesen Ort selbst zu schaffen. 2021 be-
Community-Organisatorin Tanja Rademacher. Bild: Privat
ginnt sie in Zusammenarbeit mit einer Bar, „Princess
Charming“, ein FLINTA*-Datingformat, öffentlich
zu zeigen.
Was als kleine Idee startet, wird schnell zu einem
großen queer-feministischen Treffpunkt der
Stadt. Heute kommen bis zu 300 Menschen zu
den Viewings. Alles FLINTA*, die lange nach einem
solchen Angebot in der Stadt gesucht haben.
Um die stetige Nachfrage aufzufangen, gründet
Rademacher eine Whatsapp-Community. Aus
einer Veranstaltungsgruppe entstehen bald weitere
Untergruppen: ein Stammtisch, ein Buchclub,
Dating-, und Bouldergruppen. Heute sind fast
1000 Menschen dabei und die Gründerin kümmert
sich fast allein um die Gruppe.
„Ich wollte einen Raum für FLINTA* schaffen,
weil er mir persönlich gefehlt hat. Das war anfangs
eigentlich meine einzige Intention“, verdeutlicht
Rademacher.
Raum bedeutet für die Key-Account-Managerin
vor allem: ein Safe Space. „Wo man sein kann,
wie man ist, ohne Wertung. Ich kann anziehen,
was ich will, essen was ich will, trinken was ich
will, lieben wen ich will, und keiner macht mich
dumm an.“ Dass das nicht selbstverständlich ist,
zeigt der Alltag der Community-Organisatorin.
Fremde cis-Männer, welche sich ungefragt an
FLINTA*-Tische setzen, Personen, welche Mitglieder
innerhalb der Gruppe ungefragt anschreiben.
Hier reagiert Rademacher konsequent – mit klaren
Regeln und schnellen Ansagen. Denn sie findet,
Safe Spaces, queere und FLINTA*-Räume müssen
aktiv geschützt werden.
Inzwischen hat sich die Stimmung in der Gesellschaft
verändert. Viele Mitglieder äußern Sorgen
über den gesellschaftlichen Rechtsruck, berichten
von wachsender Unsicherheit im öffentlichen
Raum. Zugleich wächst der Wunsch nach
Zusammenhalt, Aktivismus und besonders Sichtbarkeit.
Rademacher selbst nimmt an Demonstrationen
wie dem Christopher Street Day oder der
Trans-Pride teil. Außerdem postet sie auf ihrem
Instagram Kanal (@where_the_girls_go) regelmäßig
und so viel sie kann über queere Themen,
Events und Demonstrationen. Sich offen zu zeigen
ist Rademacher besonders wichtig.
Sie betont: „Wir müssen jetzt mehr denn je
Queerness zeigen“.
Bild: Pixabay
Dennoch nimmt die Organisatorin die Szene
in Stuttgart als überwiegend inklusiv wahr. Trans*
Personen, nicht-binäre Menschen, Lesben – auf
ihren Veranstaltungen sitzen alle gemeinsam an
einem Tisch oder feiern ausgelassen. Von einer
Zersplitterung innerhalb der Community spürt
sie wenig. Im Gegenteil. Menschen finden hier
neue Freundschaften, vernetzen sich oder lernen
sogar ihre Beziehungsperson kennen.
Für die Zukunft hat Rademacher keine großen
Pläne. Oder doch? „Mehr Menschen sind natürlich
immer cool. Auf Whatsapp darf man 5000
Menschen in der Gruppe haben“, sagt sie. Und
man spürt: Dahinter steckt ein leiser Optimismus.
Die Hoffnung, dass Sichtbarkeit Wandel schafft.
Und dass sich eine Stadt verändern kann, wenn
einfach jemand anfängt.
FLINTA* ist die Abkürzung für Frauen, Lesben,
inter*-, nicht-binäre, trans* und
agender* Personen. Das Sternchen (*)
steht für weitere Identitäten, die nicht
genannt sind, aber von geschlechtsspezifischer
Diskriminierung betroffen sind.
Queer ist ein Sammelbegriff für Menschen,
die nicht heterosexuell oder cisgender
sind. Es dient auch als Selbstbezeichnung
für eine Identität jenseits von
Normen.
Cis-Mann: Person, der bei der Geburt das
männliche Geschlecht zugewiesen wurde
und sich auch als Mann identifiziert.
Nicht-binäre (engl.: non-binary) Menschen
verstehen sich außerhalb der binären Geschlechterordnung.
Ihre Geschlechtsidentität
ist also nicht ausschließlich
männlich oder weiblich.
trans* Personen sind Menschen, denen
bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen
wurde, das nicht ihrer Identität entspricht.
01/ 2026 CHANGE
7
Sprachwandel?
Das crazy.
Bild: Marie Winkler
Sprache wandelt sich ständig. Was Jugendsprache über Identität verrät und warum Wandel kein
Grund zur Sorge ist, erklärt Dr. Fabian Bross. Er ist Linguist und wissenschaftlicher Mitarbeiter an
der Universität Stuttgart.
VON MARIE WINKLER
Goofy“, „Aura“ und „das crazy“: Die
Gewinner der Jugendworte der letzten
Jahre zeigen, welche Sprachtrends
gerade durch Feeds und
Schulhöfe wandern. Der Wettbewerb
soll sichtbar machen, was die jüngeren Generationen
bewegt. Und er erzählt, wie sich Sprache
verändert.
„Jugendsprache ist keine eigenständige Sprache.
Sie ist eine Variante einer anderen Sprache“,
erklärt Fabian Bross. Die Jugend sucht ihren eigenen
Ausdruck. Abgrenzen. Zeigen, wer man ist.
„Man möchte in dieser Phase seine Identität
schaffen“, führt der Linguist weiter aus. Deshalb
sei Jugendsprache regional und gruppenspezifisch.
Das für multiethnische Großstädte typische
„Kiezdeutsch“ vermische etwa viele verschiedene
Sprachen.
Und wie entstehen neue Jugendwörter? Das
sei ein kreativer Prozess. Oft deuten Jugendliche
bestehende Begriffe um oder übernehmen sie aus
anderen Sprachen. Manchmal nutzen sie Lautmalerei.
Das heißt, sie ahmen Geräusche sprachlich
nach. Im „Kiezdeutsch“ ändere sich sogar
die Wortstellung. Das geschehe aber nicht zufällig.
„Kiezdeutsch hat eine Grammatik, die man
untersuchen kann, die ganz strengen Regeln
folgt“, erklärt Bross. Die sozialen Medien hätten
diesen Prozess nicht verändert, sondern nur beschleunigt.
Sprachwissenschaftler Dr. Fabian Bross. Bild: Privat
Als Beispiele nennt Bross „geil“ und „nichtsdestotrotz“.
„Geil“ bedeutete ursprünglich
„fruchtbar“. Zwischenzeitlich hatte es einen sexuellen
Unterton. Heute heißt es schlicht „super“.
Gerade dieser Tabu-Charakter machte es für Jugendliche
spannend. „Nichtsdestotrotz“ wurde
im 19. Jahrhundert von Studierenden als Witz
ins Leben gerufen und wirkt heute fast schon
gehoben.
Manche Jugendwörter werden von anderen
Gruppen übernommen. Andere verschwinden
wieder. Das sei abhängig vom Prestige, das von einem
Wort ausgeht. „Das möchte man auf sich
selbst übertragen“, teilt Bross mit. Oder man übernehme
ein Wort, weil man es als cool empfindet
oder sich darüber lustig macht. Der Witz geht verloren,
das Wort bleibt. Zudem trügen Jugendliche
die Begriffe automatisch ins Erwachsenenalter.
„Man ist nicht dumm,
nur weil man
anders spricht.“
Dass Jugendliche Sprache neu erfinden, ist
nichts Neues. Bross bestätigt: „Sprachwandel gab
es schon immer und wird es immer geben. Und es
wird immer Leute geben, die darauf schimpfen
werden.“ Und was sagt das über die heutige Jugend
aus? Nichts. „Man ist nicht dumm, nur weil
man anders spricht“, führt Bross fort. Wichtig sei
nur, dass junge Menschen lernen, ihre Sprache an
die Situation anzupassen. Mit Freunden spreche
man schließlich anders als mit einer Richterin.
Sprachwandel gibt es auch in der deutschen
Gebärdensprache (DGS). Vor allem nicht-hörende
und schwerhörige Menschen nutzen die DGS.
Laut der Bundesfachstelle Barrierefreiheit sprechen
sie in Deutschland rund 200.000 Menschen.
Etwa 80.000 von ihnen sind gehörlos. Gebärdenund
Lautsprachen seien dabei gar nicht so verschieden.
„Sie unterscheiden sich nur darin, dass
die einen Sprachschall produzieren und die anderen
Bewegungen mit Händen, Armen, Körper,
Kopf und Gesicht“, merkt Bross an.
Auch in der DGS entsteht Jugendsprache. Der
Prozess ähnele dem in der Lautsprache. Der einzige
Unterschied sei die körperliche Komponente.
Die Gebärde „spring-drauf“ bedeutet „bei einer Handlung,
die eine andere Person ausführt, dabei sein (wollen).“
Bild: Fabian Bross/Marie Winkler
Dadurch entstehen Gebärden wie „spring-drauf“.
Ursprünglich bedeutete sie „auf etwas springen“.
Heute nutzen Jugendliche sie bildlich für „bin dabei“.
Dabei stellen Zeige- und Mittelfinger die Beine
einer springenden Person dar.
Dass Jugendwörter aus der Laut- in die Gebärdensprache
übernommen werden, komme selten
vor. „Es gibt eine gewisse Beeinflussung der Gebärdensprache
durch die Lautsprache“, schildert
Bross. „Hier gibt es aber auch eine Gegenbewegung.
Bei der die Leute sagen: ‚Wir haben unsere
eigene Kultur, wir möchten uns von der Lautsprache
abgrenzen‘.“
Grundsätzlich sei die DGS noch nicht ausreichend
erforscht, betont Bross. Die Jugendsprache
der DGS noch weniger. „Aufklärung über Gebärdensprache
und Gehörlosigkeit ist immer wichtig“,
findet der Sprachwissenschaftler. Inhalte für
die Deaf Community gibt es auf dem Instagram-
Account „Hand drauf“. Dieser gehört zu Funk,
dem Content-Netzwerk für junge Menschen von
ARD und ZDF. Dort wird auch die Gebärde des
Jahres gekürt. Sie zeigt, dass junge Gehörlose eigene
Trends setzen. Ihre Sichtbarkeit bleibt dennoch
begrenzt.
Checkst du?
8 CHANGE
mediakompakt
Das Museum Fünf Kontinente in München wurde 1862 gegründet und 1868 für das Publikum geöffnet. Damit ist es das älteste ethnologische Museum Deutschlands. Bilder: Nicolai Kästner
Zeugen der Stille
Völkerkundemuseen erleben einen tiefgreifenden Wandel. Dr. Richard Hölzl vom Museum Fünf
Kontinente in München beschreibt, wie sein Fachgebiet dabei hilft, die Kolonialzeit aufzuarbeiten –
und warum ein einfacher Holzlöffel wichtiger sein kann als eine prächtige Bronze.
VON LIVIA HELLER
Hinter den glänzenden Vitrinen ethnologischer
Museen verbergen sich
Kapitel globaler Geschichte, die
nach Aufarbeitung verlangen. Das
brisanteste Beispiel ist die Rückgabe
der Benin-Bronzen. 1897 plünderten britische
Truppen den Königspalast in Benin City, nahmen
etwa 6.000 Kunstwerke mit und verkauften sie in
alle Welt. Viele landeten in deutschen Museen.
2022 gab Deutschland die Eigentumsrechte für einen
Großteil der mehr als tausend Objekte an Nigeria
zurück. Nach Angaben des Ministeriums für
Wissenschaft, Forschung und Kunst übereigneten
Baden-Württemberg und Stuttgart 70 Stücke aus
dem Linden-Museum; 24 davon bleiben als Dauerleihgabe
vor Ort. Dennoch wurden, laut Wolfram
Weimer, dem Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien, bis heute erst 22 der
Benin-Bronzen aus deutschen Sammlungen tatsächlich
physisch übergeben. Das erbaute Museum
of West African Art in Benin City konnte im
November 2025 wegen Protesten nicht eröffnet
werden. Wann es seine Türen öffnet, ist ungewiss.
Die fachliche Grundlage für jede Rückgabe liefert
die Provenienzforschung. Richard Hölzl ist
seit 2023 für genau diese Aufgabe am Museum
Fünf Kontinente zuständig. Der Historiker und
Privatdozent erforscht, wie die Objekte nach
München kamen und macht ihre Geschichte in
Ausstellungen sichtbar. Ein zentraler Teil seiner
Arbeit ist der frühe direkte Kontakt zu den Herkunftsgesellschaften.
Das Münchner Haus ist im Besitz von rund
160.000 Objekten. „Ein gutes Drittel stammt aus
kolonialen Kontexten“, sagt Hölzl. Anfragen aus
den Herkunftsländern haben absoluten Vorrang –
ganz gleich, ob es sich um ehemals deutsche, britische
oder französische Kolonien handelt. Der erste
Schritt sei immer derselbe: Inventarbücher werden
mit der realen Sammlung abgeglichen. Ergebe
sich ein konkreter Forschungsbedarf, werden die
Menschen vor Ort von Anfang an eingebunden:
„Sie haben den klarsten Blick auf ihre eigene Kultur
und entscheiden mit, welche Objekte für sie
am wichtigsten sind.“
Mit den Herkunftsgesellschaften zusammenarbeiten
Ein Besuch in Jaunde, der Hauptstadt Kameruns,
im April 2025 macht das besonders deutlich. Zusammen
mit seinem Kollegen Dechanel Tankeu
zeigte Hölzl traditionellen Oberhäuptern, Museumsmitarbeitenden
und Kulturfachleuten einen
Katalog mit Objekten aus der Region. Schnell fokussierten
sich die Gespräche auf spezielle Stücke
– darunter auch geschnitzte Holzlöffel. Für europäische
Augen ein netter Alltagsgegenstand. Für
die Beti, eine ethnische Gruppe in Südkamerun,
war ein solcher Löffel aber eine Art Visitenkarte:
Die Schnitzereien verrieten Familie und Rang.
„Ich hätte vorher nicht den Fokus auf die Löffel
gelegt, ehrlich gesagt“, gibt Hölzl zu. So rückten
Objekte, die jahrzehntelang im Magazin vergessen
gewesen wären, plötzlich ins Zentrum.
Ebenso wichtig war den Kameruner Partner:innen
ein in Deutschland vergessenes Massaker
von 1907: Deutsche Kolonialtruppen hatten
mehrere Oberhäupter ohne Prozess hingerichtet,
Rituale verboten, Kulturgüter geraubt. In der
deutschen Forschung taucht das Ereignis kaum
auf, in Jaunde trägt ein ganzes Stadtviertel bis
heute den Namen „Meer des Blutes“. Die Gesprächspartner:innen
wollten, dass diese Geschichte
endlich ihre gebührende Aufmerksamkeit
bekommt.
Für Hölzl ist das der entscheidende Perspektivwechsel.
Lange Zeit wurden außereuropäische
Sammlungen nach eurozentrischen Kategorien
sortiert und gedeutet. „Kategorisieren ist das Prinzip
jeder Forschung“, sagt er. „Aber wir müssen
aufhören, die Deutungshoheit für uns zu beanspruchen.
Der Game Changer ist, dass wir uns als
Verbindungsglied sehen – nicht als Zentrum.“
Provenienzforschung aus Europa solle vor allem
Informationen für die Expert:innen vor Ort liefern.
Die Deutung eines Objekts, so Hölzl, könne
nie endgültig abgeschlossen sein.
Rechtlich bleibt die Lage in Deutschland komplex.
Die Bundesrepublik hat kein Restitutionsrecht,
welches die Rückgabe von Kulturobjekten
regelt. Laut Hölzl beruhen Rückgaben auf Verhandlungen
und dem Dialog zwischen der Bundesrepublik,
den Museen sowie deren Träger:innen
und den Nachfolgestaaten der ehemaligen
Kolonien, als auch den Gesellschaften, die sie vertreten.
Entscheidend sei die genaue Rekonstruktion
des Erwerbskontexts. Liege aus heutiger Sicht
ein unethischer Erwerb vor, komme eine Übereignung
infrage. Dann müssen Provenienzforschende
vermitteln: Sie tragen die Anliegen der Herkunftsgesellschaften
in die deutschen Gremien
und helfen, gemeinsame Lösungen zu finden.
Ein simpler Holzlöffel aus Kamerun hat gezeigt,
worum es wirklich geht: nicht nur um spektakuläre
Bronzen, sondern auch darum, endlich
zuzuhören.
01/ 2026 CHANGE
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Gestickte Existenz und Erinnerung
Manchmal zeigt eine Kunst nicht nur Schönheit, sondern auch Überleben und Widerstand. Tatreez,
die palästinensische Stickkunst, tut genau das. Sie verändert sich, weil sich die Welt um sie herum
verändert und sie bleibt, weil Menschen sie weitertragen.
VON SALSABIL GHATTAS
Sarah Tobail sagt immer wieder denselben Satz: „Existenz ist Widerstand.“ Genau das sieht man in jedem Stich und jedem
Wandel. In jeder Person, die weiter stickt, obwohl die Welt gerade alles andere als ruhig ist. Bild: Privat
Sarah Tobail hat mit dem Sticken begonnen,
als sie 14 Jahre alt war. Für sie
ist Tatreez kein Zeitvertreib. Es ist Verantwortung,
Gemeinschaft und ein
stilles Erinnern an das, was Generationen
vor ihr schufen. „Ich war schon immer sehr
mit Tatreez verbunden“, erklärt sie. „Doch meine
eingeheiratete Tante aus Al-Quds war sehr bestrebt,
es mir richtig beizubringen.“ Heute ist Tobail
22 Jahre alt. Sie wurde in Deutschland geboren
und wuchs zwischen Kontinenten auf. Wenn
sie heute in Stuttgart Workshops gibt, entsteht
zuerst ein Safe Space für alle, die Interesse an Palästina
und der Kultur haben.
Wer Tatreez anschaut, sieht oft zuerst Muster.
Doch dahinter steckt Geschichte. Vor der Nakba
(die Massenvertreibung 1948 infolge israelischer
Besatzung und Staatsgründung) hatte jede Stadt
Palästinas eigene Motive. Farben und Muster zeigten
Herkunft und Stand.
Viele Motive wurden von den Besatzer:innen verboten.
Frauen versteckten sie in der Stickerei. Bild: Pinterest
Egal, ob Nablus, Tobails Heimatstadt, Gaza oder
Galiläa, alle hatten eigene Farbtöne, eigene Symbole
und Muster. Dann kam 1948 – und damit
auch Verschleppung, Lager und Verlust. Viele
Frauen waren nun gezwungen den Haushalt finanziell
zu unterstützen und ihre Familien damit
zu ernähren. Stickerei wurde zu Einkommen, aber
auch zu einem Ort, an dem Identität überlebte.
Viele Motive wurzeln tief in einem indigenen
Verständnis, sagt Tobail: „Menschen gehören
dem Land, nicht das Land den Menschen.“ Deshalb
spielen Pflanzen so eine große Rolle. Die Zypresse
steht für Schutz und Standhaftigkeit und
Oliven für Verwurzelung und Ausdauer. In Gaza
erzählen Fische von Küste, Nahrung und Kultur.
Aus Nablus kommt das Seifenmotiv, ein Muster,
das sich aus der traditionellen Seifenproduktion
entwickelte und dort neu entstand.
Die darauf folgenden Jahre brachten weitere
Veränderungen. Während der Intifada (die palästinensischen
Aufstände gegen die israelische Besatzung)
wurde Stickerei zu Widerstand. Viele
Motive wurden von der israelischen Besatzung
verboten und Farben kontrolliert. Palästinensische
Flaggen durften nicht mehr erscheinen.
Frauen versteckten deshalb kleine Zeichen in den
Thobe (ein traditionelles palästinensisches Kleid)
und versteckten Zeichen im Stoff, stickten sie
dann ein, damit sie nicht beschlagnahmt wurden.
Dieser Wandel war kaum freiwillig, erzählt Tobail.
Er war erzwungen durch Verbote, Gewalt und die
koloniale Realität, die bis heute besteht.
Doch es gab auch natürliche Veränderungen.
Heiraten zwischen Regionen mischten Motive,
Familien prägten Stile, und Kinder entwickelten
neue Kombinationen. Die Diaspora brachte moderne
Formen hervor, wie Jacken, Taschen und
Ringe. Überall findet man heute Tatreez. Die Motive
reisen weiter, verändern sich, verlieren aber
ihre Wurzeln nicht.
In den letzten zwei, drei Jahren hat sich die
Stickkunst erneut gewandelt, erklärt die Stuttgarterin.
Durch den israelischen Angriffskrieg auf Gaza
sind Menschen weltweit aufmerksamer geworden.
Viele kommen in Tobails Workshops, weil
sie verstehen wollen. Und sie erlebt, dass viele
Teilnehmende – Männer und Frauen – sticken,
um durchzuhalten, während die Nachrichten aus
Gaza schwerer werden. Andere nutzen Tatreez als
Ausdruck und Statement. In der Diaspora entstehen
neue Motive und überall tauchen Muster auf,
die früher nur auf Kleidern zu finden waren. Sarah
Tobail sieht klare Parallelen zur Vergangenheit.
Wieder wird gestickt, um zu beweisen, dass man
existiert, wieder wird weitergegeben, was bedroht
ist und wieder wird eine Tradition zu einem
Schutzraum.
Junge Menschen tragen den Wandel und spielen
dabei eine große Rolle. Sie lernen Motive, Farben
und Geschichte. Sie entziehen Tatreez der
kulturellen Aneignung, indem sie seinen Ursprung
erklären und zeigen, dass ein Mond Bethlehems
mehr ist als ein Schneeflocken-Muster.
Tobail wünscht sich, dass diese Kunst weiterlebt,
ohne sich zu verlieren. Für sie ist klar: „Existenz
ist Widerstand.“ Genau das sieht man in jedem
Stich und jedem Wandel. In jeder Person, die
weiter stickt, obwohl die Welt gerade alles andere
als ruhig ist.
Sarah Tobail wünscht sich, dass diese Kunst weiterlebt,
ohne sich zu verlieren. Bild: Privat
10 CHANGE
mediakompakt
Es ist Kirche, und
Keiner geht hin?
Gesellschaftlicher und demografischer Wandel haben die Mitgliederzahlen
der Kirche schrumpfen lassen. Wie sich aktuelle
Entwicklungen auswirken und wie man in einer traditionellen
Gemeinde Fortschritt einbringt, erzählt ein evangelischer Pfarrer.
VON ANN-CHRISTIN LIEGERT
Die Tür zur Kirche steht offen. Im Innenraum
riecht es nach Zement, und
auf dem Taufbecken liegt die schwarze
Fließjacke eines Bauarbeiters.
Neugierigen Betrachter:innen bietet
sich an diesem Tag ein ungewöhnliches Bild in
der Laurentiuskirche Schönaich. „Nur nicht in
das frisch Gegossene treten“, weist der Pfarrer die
Besucher:innen mit Blick auf den neuen
Boden an.
Ulrich Zwißler ist geschäftsführender Pfarrer
der evangelischen Kirchengemeinde Schönaich,
einem Ort in Baden-Württemberg mit etwa
11.000 Einwohner:innen. Seit 2000 arbeitet er in
diesem Beruf. Aktuell wird seine Kirche renoviert,
der Gottesdienst findet im Gemeindehaus statt.
Eine von vielen Veränderungen.
„Man merkt jetzt schon
deutlich, dass
wir nicht mehr
Mehrheitskirche sind”
Anfang der Neunziger Jahre waren circa 57
Millionen Deutsche in der evangelischen oder katholischen
Kirche. Heute sind es rund 38 Millionen.
„Man merkt jetzt schon deutlich, dass wir
nicht mehr Mehrheitskirche sind“, sagt Zwißler
angesichts der Zahlen. Seine Gemeinde ist von
2023 zu 2024 um 78 Personen geschrumpft. 26
Austritte, 52 Sterbefälle. Der Trend zum Austritt
ist hier weniger stark als anderswo. Der demografische
Wandel spielt die größere Rolle.
Der Mitgliederrückgang mache den Pfarrer
traurig. Eine wichtige Kultur gehe ohne Not kaputt.
Seit Corona merke man in Jugendgruppen,
dass es schwieriger werde, Teilnehmer:innen zu
finden. Die Anzahl der Schüler:innen, die Zwißler
auf einem Böblinger Gymnasium in Religion unterrichtet,
gehe zurück. Es entstehen Finanzierungsprobleme.
Die Arbeit werde nicht weniger,
die Einnahmen durch die Kirchensteuer schon.
Ausgetretene haben keinen Anspruch auf Taufe,
Trauung oder Beerdigung. Zwißler werde
manchmal gebeten, Personen zu beerdigen, die
aus der Kirche ausgetreten sind oder Babys zu taufen,
obwohl die Eltern nicht in der Kirche sind.
Das finde er schwierig, erklärt er. Immerhin hätten
sich die Menschen bewusst für einen Austritt
entschieden. „Der Herr Jesus hätte das bestimmt
gemacht“, würden ihm manche dann sagen.
Der Gottesdienst in Schönaich sei sehr gut besucht,
berichtet der Pfarrer. Auch, weil es sich um
eine traditionelle Gemeinde handele. Er selbst bezeichnet
sich als sozial-liberal-links und unterstützt
die Offene Kirche. Eine kirchenpolitische
Vereinigung, die sich unter anderem für die Trauung
von queeren Personen einsetzt. Sein Vater
war ebenfalls Pfarrer und damals Gründungsmitglied.
„Es sind halt meine Leut‘“, betont Zwißler.
Gesellschaftlicher Fortschritt ist dem Vater
dreier Töchter wichtig. In der württembergischen
Landeskirche dürfen gleichgeschlechtliche Paare
bisher höchstens gesegnet, nicht getraut werden.
Für Zwißler ein fauler Kompromiss. Ein Beschluss
im Oktober, der eine Trauung in allen Gemeinden
hätte ermöglichen sollen, wurde knapp abgelehnt,
die erforderliche Zweidrittelmehrheit um
vier Stimmen verpasst. Die Enttäuschung des
Pfarrers darüber ist groß.
Beim Thema Frauen sei die evangelische Kirche
schon weit, aber es gebe noch Luft nach oben,
findet der 58-Jährige. Insbesondere in den höheren
Ämtern seien noch zu wenige vertreten. Annette
Denneler, die Ehefrau von Ulrich Zwißler,
ist ebenfalls Pfarrerin in Schönaich. Wohlgemerkt
mit eigenem Nachnamen. Früher haben sich die
Beiden mit Arbeit und Kinderbetreuung abgewechselt.
In der teils traditionellen Gemeinde
Schönaich sehen manche Mitglieder Pfarrerinnen
kritisch. Auf die Frage, wie diese Menschen damit
umgehen, wenn seine Frau predigt, sagt Zwißler:
„Möglicherweise kommen manche deshalb
nicht.“ Trotzdem schätze er den respektvollen
Diskurs in der Gemeinde.
Digitalisierung spielt in Schönaich eine große
Rolle. Hier wird jeder Gottesdienst auf YouTube
gestreamt. Ein oder mehrere Verantwortliche bedienen
ein professionelles Setup. „Schönaich ist
immer professionell“, sagt der Pfarrer und lacht.
Für die Kirche wünscht sich Zwißler, dass die
notwendigen Veränderungen glücken. Es gebe
auch Menschen, die wieder in die Kirche eintreten.
Auf einer Beerdigung habe ihm eine junge
Frau gesagt, sie sei des Geldes wegen ausgetreten,
aber er brauche sich keine Sorgen zu machen, zur
Hochzeit trete sie wieder ein. Auf die Frage, ob
man sich da nicht manchmal ausgenutzt fühle,
antwortet der Pfarrer mit Ja. Man müsse das aber
auch positiv sehen: „Es ist ein Bedürfnis da.“
Ulrich Zwißler bei einem Gottesdienst im Gemeindehaus der evangelischen Kirche Schönaich. Bild: Ann-Christin Liegert
01/ 2026 CHANGE
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„Mama, du musst
nie wieder arbeiten!“
Sie können das Leben verändern: Lotto-Kugeln in einer Ziehungsmaschine. Bild: lotto-news.de
Jeder kennt ihn, den Traum vom großen Lottogewinn. Für Luise Weber*, alleinerziehende Mutter
von zwei Söhnen, wurde er Wirklichkeit. Heute, 20 Jahre später, blickt sie auf ein Leben zurück,
das sich anders verändert hat, als man es vielleicht erwarten würde.
VON ALISA WILD
Es ist ein Moment, den man wohl nie
vergisst. Auch zwei Jahrzehnte danach
hat die heute 61-Jährige jedes Detail
vor Augen. „Es war ein verschneiter
Donnerstag im Dezember“, erzählt sie.
Luise Weber arbeitete routiniert in der Halle einer
großen Textilfabrik. Kein Hinweis darauf, dass
dieser Tag ihr Leben verändern wird. Währenddessen
nahm ihr damals 15-jähriger Sohn zu Hause
ein Einschreiben der Lottogesellschaft entgegen.
Sechs Richtige. Rund 1,5 Millionen Euro. „Er
ist durch die halbe Stadt gerannt, um es mir zu sagen“,
erinnert sie sich und lacht. Sein aufgeregter
Blick habe sich bis heute in ihr Gedächtnis eingebrannt.
So auch der Satz, der dann folgte: „Mama,
du musst nie wieder arbeiten!“
Unmittelbar nach dem Gewinn erlebte die Alleinerziehende
eine Mischung aus Euphorie, Unglauben
und Überforderung. „Es war völlig surreal“,
beschreibt sie. „In der ersten Nacht habe ich
kaum geschlafen. Ich bin immer wieder aufgestanden,
habe den Brief in die Hand genommen
und die Zeilen erneut gelesen. Bestimmt hundert
Mal.”
In den folgenden Wochen blieb erstaunlich
viel beim Alten. Die große Veränderung spielte
sich zunächst vor allem in ihr selbst ab. „Ich habe
sofort eine enorme Erleichterung gespürt“, sagt
Weber heute. Das Wissen, keine akuten Geldsorgen
mehr zu haben, brachte eine gewisse Sicherheit
mit sich. Und dennoch: Ihr Alltag lief weiter
wie zuvor. Sie stand morgens auf, ging zur Arbeit,
erledigte ihre Schichten, als sei nichts geschehen.
Nur der engste Kreis wusste Bescheid. „Man hat
mir äußerlich eigentlich nichts angemerkt“, sagt
sie rückblickend.
Erst einige Zeit später wurde ihr bewusst, dass
sich ihre Situation grundlegend gewandelt hatte.
Nicht etwa mit dem Brief oder dem Kontostand,
sondern in einer stillen Sekunde. „Meine Söhne
und ich haben immer von einem Haus mit großem
Garten geträumt. Raus aus der zu kleinen
Wohnung. Plötzlich konnte ich es uns ermöglichen“,
erzählt die Lottogewinnerin. Beim Betreten
ihres neuen Hauses war Luise Weber überwältigt.
Da sei ihr klar geworden, dass ein neues Leben
begonnen habe.
Über die Jahre blieb beruflich vieles vertraut,
nur in einem anderen Rhythmus. „Ich habe weitergearbeitet,
aber nur noch Teilzeit. Ganz ohne
Arbeit, so wie es mein Sohn sich vorgestellt hatte,
ging es dann doch nicht“, meint sie und schmunzelt.
Zum ersten Mal konnte sie mittags zu Hause
sein, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Früher
war ihr Alltag eng getaktet. Schichtarbeit,
Überstunden, Jonglieren zwischen Job und Familie.
„In der Mittagspause bin ich nach Hause gerannt,
um zu kochen, damit die Jungs etwas Warmes
zu essen hatten“, erzählt sie.
Am Monatsende reichte das Geld immer nur
knapp für Miete und das Nötigste. Mit dem Gewinn
kam Ruhe in ihren Alltag. Ein Leben ohne finanziellen
Druck, entspannter und entschleunigt.
Auf die Frage nach den Auswirkungen auf ihr
soziales Umfeld gibt Luise Weber zu, dass nicht alle
Beziehungen unversehrt geblieben sind. Als
der Lottogewinn bekannt wurde, reagierten
Freund:innen und Familie zunächst überrascht.
„Die meisten waren genauso ungläubig wie ich“,
sagt sie. Doch diejenigen, die ihre schwierigen
Jahre miterlebt hatten, freuten sich von Herzen
über den Neuanfang. Nur eine langjährige
Freundschaft zerbrach in der Folge. „Das war
schmerzhaft“, gesteht sie, „aber es hat mir auch
gezeigt, wer wirklich an meiner Seite steht.“ Geblieben
seien Menschen, die sie aus den richtigen
Gründen schätzen würden. Nicht wegen ihres
Kontostandes.
Die 61-Jährige ist sich über die Jahre im Umgang
mit Geld treu geblieben. Protzige Autos, impulsive
Käufe oder unnötige Luxusartikel? Fehlanzeige.
Ob sie langfristig glücklicher geworden
ist? Weber überlegt kurz. „Jein“, sagt sie schließlich.
Es seien Dinge wie die Familie, gute Freundschaften
und Gesundheit, die sie wirklich glücklich
machen würden. Und diese besaß sie bereits
vor dem Sechser im Lotto.
Natürlich habe das Geld schöne Dinge ermöglicht:
ein Haus, ein Auto, ein paar kleine Wünsche.
Es sei aber nicht alles. Die größte Veränderung
liege kaum in Zahlen, sondern in einem leisen,
tiefgreifenden Gefühl: weniger Sorgen, weniger
innerer Druck. Die Realität blieb also bodenständig,
nur leichter zu tragen.
*Name von der Redaktion geändert
12 CHANGE
mediakompakt
Völlig losgelöst von der Angst
Plötzlich wackelt das Flugzeug, die Passagier:innen bekommen Panik. Sie erinnern sich an unzählige
Videos in den Sozialen Medien, in denen Turbulenzen dramatisch in Szene gesetzt werden.
Während dessen sitzt Suk-Jae Kim mit einer Tasse Kaffee im Cockpit und genießt die Aussicht
auf einen wunderschönen Sonnenaufgang.
VON LARA PAPPRITZ
Was klingt wie ein schlechter
Scherz, ist Realität – ein Pilot
nimmt Turbulenzen häufig völlig
anders war als seine Fluggäste.
Suk-Jae Kim weiß, wovon er
spricht: Er fliegt seit 20 Jahren Reisende um die
Welt und bildet auch andere Pilot:innen auf einem
der größten Passagierflugzeuge der Welt aus.
Doch nicht nur das: Vor zehn Jahren hat Suk-Jae
Kim seine Social-Media-Kanäle „cockpitbuddy“
ins Leben gerufen, hier klärt er über die Luftfahrt
auf und hilft Menschen mit Flugangst.
Doch die Pandemie war ein einschneidendes
Ereignis und brachte die Luftfahrt zum Stillstand.
Ein Bild, das der Pilot nie vergessen wird: „Ich habe
mir die Flugzeuge angeschaut, die auf der Startbahn
einfach geparkt haben, weil sie keine Parkplätze
hatten“, erinnert er sich. Jahre später fliegt
er wieder, doch die Welt unter ihm ist eine andere
geworden: Krisen, Umwege und Unsicherheiten
belasten die Luftfahrt. Kim spricht von einer immer
unberechenbar werdenden Welt. Er bleibt
trotzdem gelassen, denn Angst hat der Pilot keine
– er hat vollstes Vertrauen in die jeweiligen Sicherheitsabteilungen.
Auf die Frage danach, wie Passagier:innen auf
die fragiler gewordene Welt reagieren, wird
schnell klar: Immer mehr Menschen haben Angst.
Alleine im Jahr 2022 gaben 26 Prozent der Reisenden
an, dass sie Flugangst verspüren. „Die Menschen,
die Flugangst haben, haben vor allem
Angst vor Turbulenzen“, meint der Pilot und erklärt,
dass diese Unruhen in der Luft überhaupt
nicht gefährlich seien. Wie geht man als Pilot:in
damit um? „Die Geschwindigkeit wird angepasst,
das Anschnallsymbol für die Fluggäste erscheint,
und vielleicht kommt noch eine Ansage dazu. Es
ist gar nichts, wovor wir Angst haben müssen“, erklärt
Kim. Im Gegenteil: Mit dem Wissen, dass alle
Reisenden angeschnallt sind, könne er bei Turbulenzen
sogar ganz entspannt seinen Kaffee trinken.
Doch Flugangst entsteht mittlerweile nicht
nur im Flugzeug selbst. Sie entsteht auch durch
das Konsumieren von dramatischen und emotional
aufgeladenen Videos. Auf den Sozialen Netzwerken
führen solche Videos dazu, dass Nutzende
glauben, ein Flugzeug würde kilometerweit abstürzen.
Die Plattformen belohnen extremen und
schockierenden Content. Es gibt keinen wirklichen
Filter. Alles muss die User:innen sofort ansprechen.
„Die Grenzen zwischen echten Aufnahmen
und inszenierten Clips verschwimmen immer
mehr“, sagt der Pilot. Der einzige Weg, sich
davor zu schützen sei, diesen Content nicht zu
konsumieren. „Wir steuern hier auf ein gesellschaftliches
Problem zu. Flugangst wird weiter
stark zunehmen“, vermutet er.
Aber was tun, wenn die Angst nun einmal da
ist? „Es hilft, sich mit den eigenen Angstgedanken
auseinanderzusetzen“, sagt Kim. Man könne lernen,
seine Gedanken zu trainieren und sich erst
einmal der, wie er es nennt, „irrelevanten Angst“
bewusst zu werden. Dann könne man daran arbeiten,
diese Angst zu überwinden: „Der einzige
Mensch, der die Flugangst verändern kann, ist die
Person selbst“, sagt der Pilot. Oft werde der nüchterne
Alltag der Luftfahrt ausgeblendet: Die Reali-
Pilot Suk-Jae Kim mit seinem Buch Flugangst.
tät bestehe zu 99,99 Prozent aus Routine, Sicherheit
und professionellen Abläufen… Wenn einem
diese Realität bewusst wird, verlieren die verzerrten
Darstellungen auf den Sozialen Medien ihre
Macht. Um genau dort anzusetzen, bietet Kim Seminare
rund um das Thema Flugangst an. Er zeigt
auch auf seinen Social-Media-Kanälen seinen
Cockpitalltag und übermittelt vor allem Vertrauen.
Doch sagt er offen: „Menschen die sich mit ihren
Ängsten auseinandersetzen wollen oder anderen
Menschen mit Ängsten helfen wollen, werden
wahrscheinlich in der Zukunft viel zu tun haben.“
Bilder: privat
Fun Facts:
1 Flugzeuge haben eine Hupe
2 Die „Black Box“ (Flugschreiber) ist
gar nicht schwarz, sondern orange
3 Die Boeing 747, eines der größten
Passagierflugzeuge, war ursprünglich
als Militärflugzeug konzipiert.
Durch die vielen technischen Redundanzen
ist sie sicher, auch
wenn mal ein System oder eine
Komponente ausfällt
4 Flugzeuge können auch nur mit einem
Triebwerk weiterfliegen
01/ 2026 CHANGE
13
Bilder: privat
Auge in Auge mit Eulen
Ein scharfer Blick, ausweglose Fänge und ein tarnendes
Gefieder: Greifvögel, Falken und Eulen faszinieren bis heute.
Ein Besuch bei Falknerin Celin Kazenwadel gibt Einblicke in
ein jahrhundertealtes Kulturerbe.
VON ALINA VOGEL
Nahe Großbottwar drängt sich die
Sonne langsam durch die Wolken
hindurch. Eine Mischung aus Fiepsen
und Kreischen hallt begrüßend
durch die Volieren. „Diese Geräusche
nennt man Lahnen. Die Vögel wissen, dass
jetzt Fütterungszeit ist“, erklärt Falknerin Celin
Kazenwadel schmunzelnd. Dabei handle es sich
um einen Bettelruf. Vor vier Jahren hat sich die
25-Jährige ihre erste Eule gekauft. Mittlerweile
umfasst ihre Falknerei sieben Vögel, ihre Präferenz
zu Eulen ist deutlich erkennbar. Die meisten
ihrer Tiere sind Handaufzuchten. Sie wissen daher
sofort, dass ihre Anwesenheit mit Futter verbunden
ist. Von klein auf begeistert von den Tieren
hatte Kazenwadel vor mehreren Jahren ihren
Falkner-Jagdschein absolviert. Danach ging sie bei
einer anderen Falknerei in die Lehre. Beim Unterricht
steht besonders das theoretische Wissen im
Fokus. „Den praktischen Umgang mit den Tieren
selbst lernt man am besten von erfahrenen Falkner:innen“,
betont sie.
Sobald die Falknerin die Tür öffnet, fliegt ihr
eine weiß-braun gemusterte Eule entgegen. Mit
nur drei kurzen Flügelschlägen überquert sie mühelos
die Distanz. Tiefschwarze Augen fokussieren
den Lederhandschuh, bevor die Schleiereule
lautlos darauf landet. Getragen wird dieser bis
heute traditionell an der linken Hand. „Früher
war die rechte Hand mit den Zügeln bei der Jagd
zu Pferd belegt“, begründet Kazenwadel. Die Fütterung
beginnt. Während die Schleiereule wiederholt
von Stange zu Handschuh fliegt, um ihre Futterstücke
abzuholen, baumeln zwei Lederbändel
um ihre Beine. Die sogenannten Geschühriemen
werden für die Sicherung des Vogels am Handschuh
verwendet. Die Geschühe ihrer Vögel
schneidet sich die Falknerin individuell aus selbst
gekauftem Leder zu. „Handwerklich begabt wird
man durch den eigenen Bau der Volieren und das
Basteln von Utensilien ganz automatisch“, bemerkt
sie gelassen.
Mit der Zeit verstummt das Lahnen der Eule.
Nun gesättigt, verfolgt sie ihre Umgebung mit aufmerksamem
Blick. „Eulenarten werden eher selten
für die Beizjagd – also das Abrichten und Jagen
mit dem Vogel – oder in Flugshows verwendet, sie
sind durch ihre Neugier und gutes Gehör einfach
zu leicht abgelenkt“, meint Kazenwadel, die sich
als Eulen-Liebhaberin davon nicht abschrecken
lässt. Eulen sind – neben ihrem Falken und ihrem
Bussard – fester Bestandteil ihrer Flugshows. Dadurch
will sie ihre Begeisterung teilen und den Besucher:innen
die sonst so versteckt lebenden Tiere
näherbringen. Viele Falknereien widmen sich
heutzutage der Aufklärung über die Tiere und deren
Erhalt durch Zucht- und Auswilderungsprogramme.
Auch werden sie für die schusswaffenlose
Vertreibung von Krähen und Tauben an Flughäfen
oder in der Stadt gerufen. Die Beizjagd
bleibt dennoch ein beliebtes Hobby unter Falkner:innen.
Nachdem ein Großteil der Vögel versorgt ist,
öffnet sich das Holztor zur Falknerei. Eine Familie
hat das Angebot „Auge in Auge mit unseren Tieren“
gebucht. Die vierköpfige Familie bekommt
nach einem kurzen Rundgang durch die Falknerei
und Vorstellung der Tiere einen Einblick in das
Alltagsgeschäft einer Falknerin. Dabei erklärt Kazenwadel
die Erkennung der unterschiedlichen
Arten in der Wildnis sowie deren Futtergewohnheiten.
Beim Beibringen des Falknerknotens liefern
sich die beiden Geschwister ein Wettrennen,
wer ihn als erstes richtig macht. „Mit ein bisschen
Übung könnt ihr das bald einhändig, ohne hinzuschauen“,
ermutigt die Falknerin die beiden.
Dann folgt der Höhepunkt: Die Kinder dürfen den
kleinen Buntfalken gemeinsam füttern, indem er
von Handschuh zu Handschuh bei ihnen fliegt.
Direkt bemerken sie, wie schnell der kleine Vogel
ist. Anfangs kommen sie kaum mit dem Nachlegen
des Futters hinterher, doch mit der Zeit gelingt
es ihnen immer besser. Stolz grinsen sie am
Ende in die Kamera ihrer Eltern.
Wie hat sich die Falknerei also in den letzten
Jahrhunderten gewandelt? Laut der Falknerin begann
die Tradition mit der Intention, bessere
Jagderfolge zu erzielen, aber im Kern brannte
schon damals eine Leidenschaft für diese eleganten
Tiere. Auch wenn mit der Zeit durch modernere
Nischen ein Wandel im Umgang mit den Vögeln
stattfand, basiert das Grundverständnis dennoch
auf den seit Jahrhunderten praktizierten
Methoden.
Kazenwadel mit Eule Amara.
14 CHANGE
mediakompakt
Bilder: Jana Schiek
Ein Wald, der immer Wald bleibt
Egal, wie sehr sich die Umwelt verändert: Der Wald bleibt im Kern der Wald, den wir aus unserer
Kindheit kennen. Er wandelt sich, wächst, stirbt und erneuert sich. Und doch bleibt er bestehen.
Er kann sogar von sich erzählen, zumindest denen, die ihn verstehen.
VON JANA SCHIEK
Der Atem ist in der kalten Luft sichtbar,
die ersten Schneeflocken fallen
leise aus dem Himmel. Die Forstassessorin
Katharina Schönemann und
ihr ältester Sohn Paul Schönemann,
Forstwirt, spazieren durch den Waiblinger Wald.
Welkes Laub bedeckt den kalten Waldboden und
raschelt unter den Winterstiefeln.
Katharina Schönemann hat in Freiburg Forstwissenschaften
studiert und dort ihr Diplom gemacht.
Sie erzählt, dass die zwölf Semester sehr
theoretisch gewesen seien. Die Arbeit als studentische
Hilfskraft, zwei Praktika und das Referendariat
hätten ihr dagegen praxisnahe Einblicke gegeben.
Heute spricht sie über Wälder, als würde sie
aus einem alten, vertrauten Buch zitieren. Über
Dauerwälder, jene typischen Mischungen aus verschiedenen
Baumarten und Altersstufen. Ein
Katharina und Paul Schönemann im Wald.
Wald, der immer Wald bleibt. Ein Wald, der
Nachwuchs hervorbringt, während der alte Baum
bereits fällt. Einer, der stabil bleibt, auch wenn
Stürme, Trockenheit oder Schädlinge ihn
belasten.
Bei der Frage nach heimischen Baumarten
muss die Expertin nicht lange überlegen: Buche,
Eiche, Tanne, Birke, Fichte. Die Fichte ist ein Sonderfall,
jahrzehntelang wurde sie übermäßig aufgeforstet,
weil sie schnell wächst und gutes Bauholz
liefert. Doch vielerorts stand sie auf ungeeignetem
Boden. Die Folgen: Sturmwürfe, Borkenkäferbefall.
„Ein klassisches Beispiel dafür, warum
standortgerechte Baumarten so wichtig sind“,
sagt die Forstassessorin.
Wie kann der Wald dem Klimawandel trotzen?
Könnte man die heimischen Baumarten vollständig
durch neue Arten austauschen? Schönemann
schüttelt den Kopf: „Das wäre nicht sinnvoll,
weil es schwer vorherzusagen ist, welche
Auswirkungen das hätte“, sagt sie. Schließlich ist
der Wald ein komplexes Ökosystem, in dem alles
miteinander verknüpft ist. Sie ist der Meinung,
dass man bei der Bepflanzung des Waldes auf
wichtige Eigenschaften der Jungpflanzen achten
sollte.
Das Wurzelsystem hilft dabei, die richtigen
Bäume für den Boden auszuwählen und sorgt dafür,
dass sie auch bei starkem Regen oder Trockenheit
überleben. Bäume unterscheiden sich in ihrem
Wurzelsystem. Herzwurzler besitzen mehrere
kräftige, schräg wachsende Wurzeln. Diese sorgen
für gute Standfestigkeit, wie bei der Birke. Flachwurzler
breiten ihre Wurzeln oberflächennah aus.
Diese Wurzeln hat die Fichte. Pfahlwurzler entwickeln
eine tief reichende Hauptwurzel, wie die
Tanne. Jedes Wurzelsystem hat seine eigenen
Stärken und beeinflusst Standfestigkeit und Wasseraufnahme.
Der Weg verläuft querfeldein. Der Forstwirt
Paul Schönemann erklärt, dass der Wald in
Deutschland drei Grundfunktionen hat: „Er
schützt vor Erdrutschen und Hochwasser. Er liefert
Holz, das wirtschaftlich bedeutend ist und er
bietet für jeden einen Raum zur Erholung. Der
Mensch ist nur Besucher im Wald und so soll er
sich auch verhalten.“
Der Weg führt an einer Pflanzfläche vorbei,
die der Forstwirt im vergangenen Frühjahr gepflanzt
hat. Solche Flächen, erklärt Expertin Schönemann,
dürfen nicht betreten werden. Wer im
Wald unerfahren ist, erkennt die Flächen an den
Schutzhüllen um den Stamm.
Der Schneefall lässt nach, die letzten Flocken
sinken zu Boden. Zwischen den Bäumen wird
spürbar, wie beständig und zugleich verletzlich
das Ökosystem Wald ist. Mutter und Sohn setzen
ihren Weg fort, vertraut mit dem, was der Wald
braucht, um auch in Zukunft zu bestehen. Für alle
anderen bleibt er ein Ort des Staunens. Denn nur
wenn mit ihm achtsam umgegangen wird, kann
er trotz Klimawandel, Stürmen und Trockenheit
das bleiben, was er heute ist: ein Wald, der immer
Wald bleibt.
Wurzelsysteme
Pfahlwurzler:
tiefe, senkrechte Hauptwurzel; standfest,
trockenheitsresistent, erreicht tief liegende
Wasser- und Nährstoffschichten; Böden:
sandig, locker
Herzwurzler:
gute Verankerung, weite Durchwurzelung des
Bodens; Böden: gut durchlässig, mäßig feucht
bis trocken
Flachwurzler:
gute Regenwasseraufnahme, anfällig bei
Sturm; Böden: nährstoffreich, feucht
01/ 2026 CHANGE
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Stille Invasion im Hochland
Geografie-Student Jakob Junginger beobachtet in Schottland, wie die Folgen des Klimawandels die
Ökosysteme und die Landschaft verändern. Seine Botschaft: Die Zukunft der Umwelt ist die
Zukunft allen Lebens, einschließlich der Menschheit. Ein Interview.
VON MONA MÖSSLANG
Was fasziniert dich an Geografie – und
wie kam es dazu, dass du an der
Schottland-Exkursion teilgenommen
hast?
Ich finde das Zusammenspiel zwischen Mensch
und Umwelt interessant, also wie der Mensch im
positiven und im negativen Sinn Einfluss auf seine
Umwelt nehmen kann. Für die Pflicht-Exkursion
habe ich mich für Schottland entschieden, da
mich die vielfältigen Landschaften interessieren,
vor allem die Highlands und die Küsten.
Welche klimatischen Veränderungen konntest du dort
besonders beobachten?
Auch wenn man in der Zeit der Exkursion natürlich
keine konkreten klimatischen Veränderungen
feststellen kann, konnten wir durch Beobachtungen
und Befragungen vor Ort Rückschlüsse auf
bisherige Veränderungen ziehen und Zukunftsprognosen
treffen. Ein Fokus lag auf den Auswirkungen
auf Ökosysteme.
Dabei haben wir uns mit Vegetation und invasiven
Arten beschäftigt. Ein Vertreter ist zum Beispiel
das Drüsige Springkraut, das sich mithilfe
von Wasser schnell ausbreitet und oft entlang von
Flüssen anzutreffen ist. Im Wald ist der Rhododendron
problematisch, da er durch dichten Unterwuchs
den Boden vom Sonnenlicht abschirmt
und das Nachwachsen heimischer Bäume erschwert.
Welche grundlegenden Probleme entstehen für die heimische
Natur?
Wenn invasive Arten anpassungsfähiger sind und
im Vergleich zu heimischen, spezialisierten Arten
besser mit den Klimawandel-Folgen – Trockenheit,
Hitzeperioden oder Extremereignissen wie
Stürmen – zurechtkommen, werden die heimischen
Arten zum Teil bis zum Aussterben verdrängt.
Auch die generelle Erderwärmung macht der
heimischen Vegetation zu schaffen, indem kälteliebende
Arten in den höheren Lagen der Highlands
keinen ausreichend kühlen Lebensraum
mehr haben. Und die immer häufiger fehlende
Schneedecke setzt die Vegetation der Highlands
den starken Winterstürmen aus, was den Rückzug
in die Täler bedeutet. Zudem ergibt sich das Problem,
dass der fehlende Schnee immer noch
durch künstliche Beschneiung für den Wintersport
simuliert wird, was für die Umwelt ebenfalls
problematisch ist.
Inwieweit lassen sich die Erkenntnisse auch auf
Deutschland übertragen?
Die Probleme der Ökosysteme lassen sich nur bedingt
auf Deutschland übertragen, da es aufgrund
der zentraleuropäischen Lage weniger Arten gibt,
die ausschließlich hier vorkommen und daher besonderem
Schutz unterliegen. Doch auch hier
gibt es Probleme mit invasiven Arten, wie dem Japanischen
Staudenknöterich, der sowohl in
Schottland als auch in Deutschland bekämpft
werden muss. Denn er ist im Wuchs sehr anpassungsfähig
und konkurrenzstark und bildet
schnell dichte Dominanzbestände, die heimische
Arten verdrängen.
Zudem gibt es in Deutschland ebenfalls klimabedingte
Landschaftsveränderungen. Auch hier
fällt weniger Schnee, stattdessen wird zum Teil
auf Kunstschnee zurückgegriffen. Da die Alpen
Jakob Junginger auf Exkursion in Schottland. Bild: Privat
insgesamt höher gelegen sind als die Highlands,
sind die Auswirkungen noch nicht so drastisch
wie in Schottland, doch auch bei uns sorgen die
steigenden Temperaturen für Probleme.
Wie haben deine Erfahrungen in Schottland deine Sicht
auf den Klimawandel geprägt?
Schottland ist heute noch nicht allzu stark von
Trockenheit oder Hitzewellen, betroffen und die
Auswirkungen des Klimawandels sind meiner
Auffassung nach nicht so drastisch wie in anderen
Weltregionen. Aber dennoch konnten wir Folgen
des Klimawandels konkret beobachten, wodurch
das Thema noch greifbarer wird. Wir Menschen
müssen weiterhin alles für die Begrenzung der Erwärmung
tun und auf die Veränderungen reagieren,
um den Schaden zu minimieren.
Die Erderwärmung wirkt sich auch auf die schottischen Moorlandschaften aus. Bild: Jakob Junginger
Welchen Wandel im Umgang zwischen Mensch und Natur
wünschst du dir am meisten?
Auch wenn die Menschheit für die meisten Probleme
verantwortlich ist und auch schon viel auf
unserem Planeten teils unumkehrbar zerstört hat,
hat sie auch gezeigt, dass sie gemeinsam Lösungen
finden kann, zum Beispiel beim Ozonloch. Es benötigt
eine gemeinsame Anstrengung, um die Erderwärmung
auf ein Minimum zu begrenzen und
Lebensräume für Flora und Fauna zu erhalten
oder wiederherzustellen. Ich wünsche mir, dass
wir Menschen uns als Teil unserer Umwelt verstehen
und sie als unsere Existenzgrundlage sehen,
deren Schutz wir als genauso selbstverständlich
ansehen wie unseren eigenen.
16 CHANGE
mediakompakt
Der Friedhof der Dinge
Seit 30 Jahren ist Dibran Bekolli
Hofleiter am Murkenbach
in Böblingen. Er liebt den Kontakt
zu den Menschen. Doch
was in den Containern landet,
macht ihm Sorgen.
VON JULIA DE MELO COELHO CARDOSO
Ein kalter Wind fegt über den Wertstoffhof
an der Schönaicher Straße in Böblingen.
Die orangefarbenen Container
sind noch teilweise mit Raureif überzogen.
Es ist kurz vor zehn Uhr an diesem
Novembermorgen. Die Stadt schläft noch. Doch
hier am Murkenbach herrscht bereits Betrieb: Ein
Mitarbeiter streut Salz über den Asphalt und fegt,
bevor gleich die ersten Bürger:innen ihren ausrangierten,
einst geliebten
Produkten ein Ende setzen
werden.
Mitten in diesem
„Friedhof der Dinge“
steht Hofleiter Dibran
Bekolli. Seit 30 Jahren
umgeben ihn die riesigen
Metall-Container fast täglich. „Ich habe 1996 als
Aushilfe angefangen. Aber es hat mir so viel Spaß
gemacht, dass ich nie woanders hingegangen
bin“, sagt der Kosovare. Die Kälte macht ihm
nichts aus: „Ich bin aus dem Kosovo starken
Schnee gewöhnt. Bei den paar Minusgraden hier
reichen meine Arbeitsklamotten völlig aus. Ski-
Unterwäsche brauche ich nicht“, sagt er.
“Ich habe das Gefühl,
die Menschen werden
immer aggressiver.“
Dibran Bekolli ist ein offener, freundlicher
Mensch. Und genau das ist seine größte Stärke –
und gleichzeitig seine größte Herausforderung. Er
ist der Puffer zwischen dem System und den Bürger:innen.
“Nicht jeder ist so freundlich. Ich habe
das Gefühl, dass die Menschen immer aggressiver
werden“, sagt Bekolli. Die Corona-Zeit hat in seinen
Augen einen großen Unterschied gemacht.
Seitdem seien die Bürger schneller reizbar und unfreundlicher
gegenüber den Arbeitern. Hinzu
komme die aktuelle wirtschaftliche Lage, welche
die Anspannung noch verstärke.
Überforderung und Konflikt
Bei seiner Arbeit steht er im direkten Kontakt mit
500 bis 600 Menschen am Tag. „Es ist gerade eine
schwierige Zeit. Ich habe es jeden Tag mit sehr vielen
Leuten zu tun, und 95 Prozent davon sind
nicht gut drauf“, erklärt der Hofleiter. Der Hauptkonflikt:
die Müllgebühren. „Sie beschweren sich
über die Gebühren. Doch dafür können meine
Mitarbeiter und ich
Dibran Bekolli hat Spaß am Job – den kann ihm auch das
kalte Wetter nicht nehmen.
nichts. Das macht der
Landkreis, nicht wir.“
Die Wut, die Bekolli hier
auffängt, nimmt der
zweifache Vater manchmal
sogar mit nach Hause
an den Esstisch.
Neben dem Gemüt der Bürger:innen ändert
sich auch das, was sie in die Container schmeißen.
Elektrogeräte häufen sich immer mehr an.
Besonders Flachbild-Fernseher und Kühlschränke
werden oft entsorgt. „Ich glaube, dass die Hersteller
sie nicht so gut herstellen, und sie deswegen
nach wenigen Jahren kaputt gehen”, vermutet der
Leiter. Sorgen bereiten ihm auch die kleinen, bunten,
und oft nur einmal nutzbaren Vapes – die
E-Zigaretten. „Die gab es vor fünf Jahren noch
nicht. Jetzt bringen die Leute zehn, zwanzig Stück
gleichzeitig.“ Diese müssen aufgrund der integrierten
Akkus in eine eigene Box mit Gitter verbannt
werden, um die Brandgefahr zu minimieren.
Das aktuell größte Problem sieht Bekolli jedoch
woanders: „E-Bike-Batterien machen mir am
meisten Bauchschmerzen“, gibt Dibran Bekolli
zu. „Ich habe bald eine Schulung dazu, dann wird
einiges klarer.”
Die großen Akku-Batterien, die sich bereits
jetzt ansammeln, müssen mit einem speziellen
Pulver eingedeckt und die Ladestellen abgeklebt
werden. So sollen die Risiken eines Kurzschlusses
und eines Brandes minimiert werden. Bald soll es
eine neue, spezielle Tonne für diese Akkus geben.
Bunter Müll verziert die Container, damit Bürger:innen sehen, wo was abgegeben wird. Bilder: Julia De Melo Coelho Cardoso
Der Hofleiter für alles
Trotz aller Anspannung, dem Stress und den Aggressionen,
betont Bekolli: Das sei seine Berufung.
„Ich bin eine sehr offene Person. Ich mag es einfach,
mit vielen Menschen Kontakt zu haben. Genau
das bekomme ich hier.“ Er ist Hofleiter, Quereinsteiger,
Puffer und Psychologe in einem. Er
grüßt jede:n Bürger:in und nimmt sich Zeit für die
Stammgäste. Oftmals sind es vor allem ältere und
einsame Menschen, die den Wertstoffhof besuchen.
Oft um einfach nur ein kleines Schwätzchen
zu halten.
Dibran Bekolli arbeitet fast täglich von 10 bis
18 Uhr. Er ist seit 30 Jahren dabei und hat viel gesehen.
Von der Evolution des Mülls bis zur Veränderung
des menschlichen Gemüts. Auch wenn
sein Job angesichts der zunehmenden Aggression
und den gefährlichen neuen Akkus schwieriger
geworden ist, ist er sich sicher: Er würde nichts anderes
machen wollen. Müll gibt es immer. Aber
auch die Menschlichkeit, die er mit seinem offenen
Wesen entgegenbringt, wird immer gebraucht.
01/ 2026 CHANGE
17
„Schon wieder so ein Klimaheini”
Eine Aufgabe zwischen Idealismus und bürokratischem Stillstand. Als Finn Albrecht* seine erste
Stelle als Koordinator für Mobilität in der Verwaltung einer Kleinstadt antritt, ist er voller Idealismus.
Er möchte gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Schon eineinhalb Jahre später kündigt er.
VON SHEILA SERRER
Er schmunzelt, als er die Worte ausspricht:
„Schon wieder so ein Klimaheini.“
Ein leises Schulterzucken begleitet
die Worte, als hätte er sie schon
unzählige Male gehört – auf Veranstaltungen,
in Bürgerversammlungen, oft zwischen
den Zeilen. Sein Job stand im Zentrum eines Dauerkonflikts:
Veränderung ist nötig, aber kaum jemand
will sie.
Nach einem Bachelor in Politikwissenschaft
und Philosophie und einem Master in Planung
und Partizipation möchte er vor allem eines: eine
sinnstiftende Tätigkeit. „Ich wollte etwas machen,
das meinen Werten entspricht“, sagt der
32-Jährige. Die Stellenausschreibung im öffentlichen
Dienst scheint wie auf ihn zugeschnitten.
Genau der Job, in dem man gesellschaftlichen
Wandel anstoßen kann.
Seine Aufgabe ist es, die Arbeit zwischen Kommunen
und Landesebene zu koordinieren. Damit
nicht jede Gemeinde einzeln Förderwünsche meldet,
laufen die Anfragen gebündelt bei ihm zusammen.
Er half, Förderprogramme zu finden,
Projekte strategisch auszurichten und nachhaltige
Verkehrsplanung möglich zu machen. „Ich
sollte den Überblick behalten, damit nicht alle
Kommunen dieselben Fehler machen.“
In seiner Anfangszeit fährt er von Gemeinde
zu Gemeinde, hört zu, erklärt, sortiert und vernetzt.
Er stellt Planungsinstrumente wie Aktionspläne
für Mobilität, Klima und Lärmschutz vor
und entwickelt Strategien. Praktische Fragen dominieren:
„Wir wollen ein besseres Radwegenetz –
welche Förderungen gibt es?“ Manche Projekte
laufen schnell, andere dauern Jahre. Doch schon
früh merkt er: Gute Ideen allein reichen nicht.
„Viele Kommunen haben konservative Bürgermeister:innen,
die schlicht nichts verändern wollen.”
Neben strukturellen Hürden stößt der Mobilitätsexperte
auf Skepsis in den Kommunen. „Je
weiter man von städtischen Zentren wegkommt,
desto schwieriger werden die Gespräche“, sagt der
zugezogene Stuttgarter. Ländliche Gemeinden,
konservativ gewählt, oft AfD-Hochburgen, reagieren
besonders zurückhaltend. „Da war die Skepsis
oft größer, manchmal auch die Ablehnung.“
Dort, wo es am schwierigsten ist, aufs Auto zu verzichten,
ist es am schwierigsten, Menschen zu erreichen.
„Es war immer gut, wenn eine Kommune
mit ihren (Mobilitäts)-Problemen auf mich zukam
– aber das ist selten passiert.“ Er merkt
schnell: Fördergeld ist der größte Motivator, und
Projekte drehen sich meist um Rad- und Fußverkehr.
Innerhalb des landesweiten Netzwerks entsteht
eine Strategie: am Anfang nicht die härtesten
Brocken angehen, sondern mit den Kommunen
arbeiten, „die was reißen wollen und Kapazitäten
haben“.
Doch der Frust kommt früh. Fehlende Einarbeitung
lässt sich zunächst mit Eigeninitiative
überbrücken. Er denkt: Nach einem Jahr wird sich
alles einspielen. Doch dazu kommt es nicht.
Frust über politischen Willen, knappe Ressourcen,
allein gelassene Gemeinden und unklare
Strukturen erzeugen bei ihm Boreout. Aufgaben
für sich selbst zu suchen, ist für ihn das Schwierigste.
Dann entscheidet er sich: So geht es nicht
weiter – er muss kündigen.
Wie geht es ihm heute? Seine Leidenschaft für
Klimaschutz ist geblieben, nur der Blick hat sich
verschoben. „Klimaschutz heißt nicht, dass jede
Person auf jede Mobilitätssünde verzichten muss
– Veränderung beginnt bei kleinen, eigenen Gewohnheiten.
Wer täglich Auto fährt, denkt gar
nicht daran, den Bus zu nehmen, weil es schlicht
nicht zur Routine gehört.“ Und neue Routinen
Zwischen Idealismus und Stillstand. Bild: Unsplash
brauchen Zeit und Wiederholung – sonst bleiben
sie wirkungslos.
Heute weiß er: Veränderung ist möglich,
Schritt für Schritt, wenn man sich informiert, Gewohnheiten
hinterfragt und neue Wege ausprobiert.
Selbst in einem System, das noch nicht bereit
ist, Wandel zuzulassen, lassen sich kleine,
wirksame Impulse setzen – als Anfang für einen
größeren gesellschaftlichen Change. „Das einfachste
Fortbewegungsmittel wird oft vergessen –
die eigenen Füße“, beendet er.
*Name von der Redaktion geändert
Info
Klimamobilitätsplan: Ein langfristiger, ganzheitlicher
Plan auf Landkreis- oder Kommunalebene.
Er dient der Entwicklung
von Strategien für klimafreundliche Mobilität
– von Beteiligungsprozessen bis hin
zu großen baulichen Maßnahmen.
18 CHANGE
mediakompakt
Architektur im Umbruch:
Weniger beeindrucken,
mehr verbessern
Benedict Selig, Architektur-Masterstudent in Stuttgart, gehört zu jener Generation, die das Bauen
neu denkt. Ihn treibt die Frage an, wie Architektur so entstehen kann, dass sie auch noch morgen
Bestand hat. In Stuttgart schärft er seinen Blick für Verantwortung, Bestand und Zukunft – und
dafür, warum seine Generation anders baut als frühere.
VON DOMINIK MÜLLER
Benedict Selig mit fertigem Modell. Bild: Privat
Am Anfang habe ich Architektur vor allem
als Form, als etwas Visuelles
wahrgenommen“, erinnert sich der
25-Jährige. Er spricht klar und selbstbewusst.
„Im Studium habe ich gemerkt,
wie stark Räume Menschen prägen.“ Heute
interessiert ihn weniger das perfekte Bild eines Gebäudes
als die Frage, wie man vorhandene Strukturen
nutzt, umbaut und weiterdenkt. „Mir geht
es darum, Projekte so zu gestalten, dass sie funktionieren
– für die Menschen, die dort leben oder
arbeiten“, erläutert er. Seine Generation baut unter
anderen Bedingungen: Wohnungsdruck, Klimafragen,
soziale Themen – alles drängt sich in
den Entwurfsprozess, ob man wolle oder nicht.
„Wir können nicht einfach nur gestalten“, meint
der Stuttgarter. „Wir müssen reagieren, aushandeln,
zuhören.“ Stuttgart zeigt ihm das täglich.
Die engen Täler, der laute Verkehr, die vielen Brüche
im Stadtbild, die Debatten um Nachverdichtung
und Stadtklima – „hier merkst du sofort, wie
sensibel alles ist. Wenn du baust, greifst du ein,
und das spürt man sehr deutlich.“
Deshalb sucht er Orte, die andere übersehen: Zwischenräume,
Brachen, Restflächen. Orte, an denen
man die Stadt sonst nur schnell durchquert.
„Dort steckt Leben drin, obwohl es niemand er-
01/ 2026 CHANGE
19
wartet“, beschreibt er. „Architektur ist nicht das
fertige Gebäude. Architektur ist ein Prozess und
das, was davor und danach passiert.“ Gerade unscheinbare
Orte faszinieren den Architektur-Studenten.
Sie zeigen, wie viel Potenzial in einer
Stadt liegt, wenn man sich traut, genauer hinzusehen
– und wenn man bereit ist, die eigenen Vorstellungen
loszulassen. Selig beschreibt, wie
selbstverständlich seine Generation heute interdisziplinär
arbeitet. Wie normal es geworden ist,
früh mit verschiedensten Fachleuten zu reden.
Oder einfach mit Passant:innen, die später durch
den geplanten Ort laufen sollen: „Wir denken
nicht in abgeschlossenen Bildern.“
Auch das Thema Material begleitet ihn stark. „Wir
können nicht so tun, als wäre alles unendlich verfügbar.“
Er berichtet von Entwürfen aus Restholz,
neu kombinierten Bauteilen, improvisierten
Strukturen. Von Modellen, die er auseinanderund
wieder zusammengebaut hat, bis die Form
und Nutzung stimmten. „Ich versuche immer, Bestehendes
bewusst zu nutzen, in Wert zu setzen,
und damit weiterzudenken.“
Gleichzeitig stört ihn etwas, dass er als „die Überinszenierung
der Branche“ bezeichnet. Zu viele
Renderings, zu viel Glanz, zu wenig Gefühl und
Identität. „Bilder zeigen oft ein Ideal, das mit dem
echten Raum nichts zu tun hat.“ Ihm geht es um
das, was bleibt, wenn das Modell eingepackt ist:
Atmosphäre, Nähe, Schutz. Genau das suche seine
Generation: nicht die schnelle Form, sondern die
langfristige Wirkung. „Vielleicht ist das der größte
Unterschied: Wir wollen weniger beeindrucken
und mehr verbessern.“
Sein Studium hat ihn verändert. Selig spricht
nicht mehr über die perfekte Form, sondern über
gute Fragen. Die wichtigste davon: Wie baut man
so, dass es nicht nur heute sinnvoll ist, sondern
auch morgen? Stuttgart liefert für diese Frage täglich
Material. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum,
die Hitze im Sommer, die steilen Hänge, die
engen Straßen – „Diese Stadt zwingt dich, die Dinge
zu Ende zu denken.“ Ihn motiviert das. „Wenn
du hier lernst zu entwerfen, lernst du automatisch,
verantwortungsvoll zu sein.“
Portrait des Architekturstudenten. Bild: Privat
Entwurfsabschlusspräsentationen im Atrium der Hochschule der Technik Stuttgart. Bild: Benedict Selig
20 CHANGE
mediakompakt
Porträt meines Vaters. Bild: Johanna Costantini
01/ 2026 CHANGE
21
Eine Nacht, die bleibt
Ein Schlaganfall verändert ein Leben in Sekunden. Theoretisch weiß man das, doch man versteht
es erst, wenn der eigene Vater betroffen ist. Vor sechs Jahren traf es meinen. Was an diesem Tag
geschah, ist medizinisch erklärbar, emotional jedoch kaum zu fassen. Dies ist die Geschichte eines
Mannes, der sich sein Leben Stück für Stück zurückerobern musste.
VON JOHANNA COSTANTINI
Es ist der 1. September 2019. Draußen ist
es dunkel, die Dämmerung lässt noch
auf sich warten, die Vögel sind leise,
und die Straße hat schon lange niemanden
gesehen. Nichts bewegt sich,
bis auf das grelle blaue Licht des Rettungswagens,
das für Sekunden die Nacht zerreißt. Nichts ist zu
hören, bis auf das unverkennbare Heulen der Sirene,
das wie ein Fremdkörper durch die Stille
schneidet. Es ist eine Nacht, die sich tief in meine
Familie eingebrannt hat, eine Nacht, die bleibt.
Vor mir sitzt mein Vater, mittlerweile 58 Jahre
alt. Damals war er 52 und gehörte damit zu den
zehn bis 15 Prozent der Schlaganfallpatient:innen,
die jünger als 55 sind. Er erlitt eine Hirnblutung,
die sein Leben innerhalb weniger Minuten
von Grund auf veränderte. Ein Riss in einem Gefäß
tief im Gehirn. Eine sogenannte hämorrhagische
Blutung, bei der Blut in das Hirngewebe
drückt und bestimmte Bereiche nicht mehr ausreichend
versorgt werden. Oft ist unkontrollierter
Bluthochdruck die Ursache, manchmal Arterienverkalkung.
Manchmal beides. Von einem Moment
auf den anderen wurde aus Alltag Ausnahmezustand,
aus Selbstverständlichkeit Unsicherheit.
Nichts von dem, was er heute lebt, ähnelt
noch seinem früheren Leben. Jede Haushaltsaufgabe
ist eine Herausforderung. Seinen Kindern
beim Umzug helfen, kann er längst nicht mehr.
Selbst telefonieren fällt ihm schwer, und sprechen
musste er Schritt für Schritt wieder neu erlernen.
„An die Nacht, in der es passiert ist, kann ich
mich nicht erinnern, eigentlich an nichts in der
ersten Woche“, sagt mein Vater und schaut auf
seine Hände. „Ich weiß zwar, welcher Tag es war,
Samstag auf Sonntag, aber wann, wie was passiert
ist, weiß ich nicht mehr.“ Die Erinnerung setzt
erst später ein. „Zwei, drei Momente im Katharinenhospital
sind mir in Erinnerung geblieben
und dann der Abend, bevor ich in die Schmieder-
Klinik gebracht wurde, und von dort kann ich
mich wieder an mehr erinnern.“
Die Zeit kurz nach dem Schlaganfall war geprägt
von piependen Monitoren, von Blutdruckmanschetten,
die sich im Takt des Krankenhausbetriebs
aufpumpen, und von Therapien, in denen
er das Schlucken neu lernen musste. Eine Woche
Intensivstation folgte und dann sechs Monate
Rehabilitation, Tag für Tag Untersuchungen,
Übungen, Routinen. „Die ersten sechs Wochen in
der Reha waren blöd. Die fand ich sehr lang“, verrät
er, „aber dann ging’s, dann habe ich mich dran
gewöhnt.“ Er erzählt vom Essen, das wie ein
Hauch von Nichts schmeckte, und davon, dass
ein Zimmerwechsel plötzlich vieles leichter
Der 1. September 2019 veränderte alles. Bild: Unsplash
machte. „Dann hatte ich einen netten Zimmernachbarn
und später ein Einzelzimmer. Dann war
es besser, sogar eigentlich ganz gut.“
Auf die Frage, ob er sich gut begleitet gefühlt
hat, lacht er kurz, aber ohne Heiterkeit. „Unterstützt
im Sinne der Therapie und des Körperlichen,
ja. Emotional begleitet wurde ich nicht
wirklich. Ich habe es mir aber trotzdem versucht
schön zu machen. Aber die Pfleger haben
sich gar nicht so für mich interessiert.“ Seine Familie
dagegen „war immer da“, betont er und
schaut mich dankbar an.
Als er nach der Reha wieder nach Hause kam,
überwog zunächst die Erleichterung. „Es war
schön, wieder Zuhause zu sein. Aber das mit dem
Laufen - am Anfang mit ganz kleinen Schritten -
war sehr schwierig.“ betonte er. „Wenn ich sitze,
sieht man es ja nicht. Meine rechte Seite ist ja kaputt,
ne falsch: in der Bearbeitung. Die macht
noch einen Winterschlaf, kommt wieder“, fügt er
hinzu und lächelt vorsichtig. Gleichzeitig spürt er
die Einschränkung jeden Tag. „Ich kann nicht
mehr alles, was ich gerne machen würde. Skifahren,
Golfen, Joggen. Das ist jetzt alles weg.“ Treppen
seien inzwischen gut machbar. „Außer in den
fünften Stock, da habe ich keine Lust, aber das hat
glaube ich niemand“, sagt er mit einem Lachen.
Die größten Schwierigkeiten liegen für ihn im
Sprechen. „Ich finde es schlimm, dass meine
Stimme nicht wie früher ist, und auch die Worte,
die ich sagen will, kommen manchmal nicht raus.
Ich weiß alles im Kopf, aber der Schritt des Aussprechens
ist so schwierig.“ Er sucht nach einem
Bild. „Stell es dir so vor: Das Gehirn möchte alles
nach draußen bringen, aber der Mund lässt es
nicht zu.“ Trotzdem hat er Dinge gefunden, die
ihn tragen. „Kochen macht mir Spaß“, sagt er.
„Das begleitet mich schon mein Leben lang.“
Auch Solitär spielt er morgens gerne auf dem Laptop.
Und es gibt Entwicklungen, die Mut machen.
„Ich gebe mir Mühe, mich immer wieder neu zu
motivieren. Meine Familie und meine Frau geben
mir Kraft. Meinen Führerschein habe ich auch
endlich wieder, das erleichtert einiges.“
Vor seinem Schlaganfall war mein Vater ein
vielbeschäftigter Geschäftsmann. Er war Geschäftsführer
in einem Pharmakonzern im onkologischen
Bereich, ein Mann, der zwischen Besprechungsräumen,
Flughäfen und Hotelzimmern
lebte. Er reiste viel, aß gut und genoss das
Leben in vollen Zügen, oft so sehr, dass aus Genuss
ein beschleunigter Alltag wurde. Der Stress,
der sich aus Verantwortung und Erfolg speiste,
schob sich zwischen Beruf und Privatleben, bis
kaum noch Raum für Erholung blieb. „Ich habe es
nicht gemerkt und habe nicht auf meinen Körper
geachtet“, sagt er heute. „Deswegen passt auf
euch auf. Wenn ihr einen Schlaganfall erleidet, ist
es jeden Tag ein Kampf.“ Es war ein ungenießbarer
Stress, eine stille Anspannung, die sich langsam
und unbemerkt in seinen Körper schlich und
sich festsetzte, bis zu jenem Einschnitt, der sein
Leben veränderte.
Heute sitzen wir gemeinsam am Tisch, und obwohl
vieles anders ist, ist er da. Nicht in der Version,
die er früher war, sondern in einer neuen, verletzlichen,
geduldigen. Seine Art zu leben hat sich
verändert, aber seine Präsenz ist geblieben. Und
manchmal scheint es, als läge jene Nacht von damals
noch immer wie ein dünner Schleier über
seinen Bewegungen und Worten. Eine Nacht, die
bleibt.
22 CHANGE
mediakompakt
Blaulicht als Berufung
Der Bundesfreiwilligendienst beim Deutschen Roten Kreuz
führte Emily Schänzlin* zu ihrem Traumberuf. Ein Gespräch
über Wachstum, Begegnungen und eine ganz besondere
Verantwortung.
VON ELLEN GEKELER
Wenn Emily Schänzlin über ihren
Beruf redet, strahlen ihre Augen.
Die Begeisterung von dem,was sie
erzählt, ist ihr anzumerken und
steckt sofort an. Denn während
andere ihre Ausbildung im Büro hinter dem Computer
verbringen, ist sie mitten im Geschehen –
als Auszubildende zur Notfallsanitäterin erlebt sie
das, was sonst oft hinter geschlossenen Rettungswagentüren
passiert: Von Schürfwunden bis hin
zu Schlaganfällen hält jeder Einsatz seine eigenen
Herausforderungen bereit.
Leben und Tod liegen oft nah beieinander – so
erzählt sie vom ersten Mal, als sie einen Patienten
wiederbeleben musste. Oft seien es aber besonders
die menschlichen Schicksale, die man nach dem
Einsatz nicht einfach so vergessen könne: „Was
viel hängenbleibt, sind zum Beispiel Fälle, wo
man einen Ehepartner von einem alten Ehepaar
mitnehmen muss und weiß, dass dieser Partner
wahrscheinlich nicht wieder nach Hause kommen
wird. Sowas nimmt einen schon mit – und
man merkt, wie privilegiert man eigentlich ist,
dass man noch selbst laufen, sprechen und sich
selbst versorgen kann.“
ganz lasse der Job die 21-Jährige nie los: „Man
macht sich um Sachen viel mehr Gedanken, zum
Beispiel hat man ein viel höheres Bewusstsein für
Unfallrisiken. Ich kann zum Beispiel im Auto
nicht mehr die Beine überkreuzen, weil man sich
so ganz schnell das Becken brechen kann.“ Auch
das ruhige Handeln in Stresssituationen klappt
besser im Alltag, wenn man es schon aus dem Beruf
kennt. Außerdem erzählt sie, dass sich ihre
Kommunikation im Alltag durch die Ausbildung
positiv verändert hat: „Es fällt mir zum einen
leichter, klarer zu kommunizieren, aber auch meinem
Gesprächspartner zu vermitteln, was ich sagen
möchte.“
Dass sie ihren beruflichen Weg im sozialen Bereich
gehen möchte, war ihr von Anfang an klar:
„Ich hatte Lust, etwas Spannendes zu machen, wo
ich Menschen helfen kann. Ich wollte etwas
Wichtiges machen und nicht nur irgendeinen
Job.“ In der Notfallmedizin gefalle ihr vor allem
der medizinische Aspekt, aber auch die Menschlichkeit
in den Einsätzen macht das Berufsbild für
sie einzigartig. „Besonders erfüllend finde ich,
wenn man dann mit Freundlichkeit und Dank-
barkeit belohnt wird, auch wenn man nur mit einem
Beratungsgespräch geholfen hat. Das Wissen,
dass man Menschen in ihren schlimmsten
Momenten weiterhelfen kann – denn den Rettungsdienst
ruft keiner gerne.“ Zumindest ein
Freiwilliges Soziales Jahr im sozialen Bereich würde
sie jedem empfehlen. „Es hat mir persönlich
weitergeholfen, an und mit den Aufgaben zu
wachsen. Es gibt einem einen Realitätssinn dafür,
wie es in unserer Gesellschaft wirklich aussieht,
wenn man bei jeder Bevölkerungsschicht mal im
Wohnzimmer gestanden hat und sieht, dass jeder
mal auf Hilfe angewiesen ist. Es gibt einem ein gutes
Gefühl dafür, was man an seinem Leben zu
schätzen hat.“
* Name von der Redaktion geändert.
Regelmäßige Übungen helfen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.
Bild: Privat
„Ich wollte etwas
Wichtiges machen
und nicht nur irgendeinen
Job.”
Strategien, wie man mit diesen Erlebnissen
fertig werde, seien individuell: Für die Auszubildende
seien es vor allem Gespräche mit Kolleg:innen,
die ihr helfen, das Erlebte zu verarbeiten.
Aber auch Zeit in der Natur, mit ihrem Hund oder
Freund:innen helfen, abzuschalten und einen
Ausgleich zu finden, um sich am nächsten Tag
wieder der Verantwortung stellen zu können. „Ich
finde es wichtig, dass man sich in und nach der
Ausbildung seiner Verantwortung bewusst ist.
Meine Entscheidungen können das Leben von
anderen hochgradig beeinflussen“, erklärt sie. Dabei
helfen ihr vor allem die vorgegebenen Arbeitsabläufe
und Leitlinien, mit denen man im Einsatz
arbeitet. Außerdem, betont sie, sei es wichtig sich
ins Gedächtnis zu rufen, dass das für die Betroffenen
einer der schlimmsten Momente ihres Lebens
sein kann. Dieses Verantwortungsgefühl übertrage
sich auch auf den Rest ihres Lebens, denn so
Bild: Unsplash, Carlo Jimnez
01/ 2026 CHANGE
23
Mut zur Gruppe
Bei Abhängigkeitserkrankungen gibt es verschiedene Hilfsangebote, wie zum Beispiel Selbsthilfegruppen.
Hier beginnt Veränderung durch Verständnis und Gemeinschaft. Eine Studie zeigt, dass
87 Prozent der Teilnehmenden keinen Rückfall erleiden.
VON ANNIKA BEINEKE
Seit der Teillegalisierung von Cannabis ist in Stuttgart ein
Anstieg von 13 Prozent im Konsum zu verzeichnen.
Selbsthilfegruppen gibt es für alle möglichen Erkrankungen und Probleme. Ebenso gibt es solche, die sich an Betroffene
direkt richten und welche für Angehörige. Bilder: AdobeStock
Dass Vincent Verhülsdonk einen
problematischen Cannabis-Konsum
hat, weiß er bereits nach einem Jahr
Konsum, sieht vorerst aber keinen
Grund zum Handeln. Nach der Erkenntnis
konsumiert er 14 weitere Jahre täglich
Cannabis als Hauptsubstanz. Mittlerweile lebt der
33-Jährige seit drei Jahren abstinent. Die Scheidung
seiner Eltern trifft ihn in der Jugend stark. Er
hat keinen stabilen Freundeskreis, kämpft mit Depressionen
und Mobbingerfahrungen. Der Konsum
von Cannabis bietet ihm eine „Freundschaft“
und eine Lösung an. Die Beziehung zu seinen
Eltern ist angespannt. Er erinnert sich daran,
zeitweise mehr als „brennender Joint“ statt als
Sohn wahrgenommen zu werden. Rückblickend
sieht er die Überforderung seiner Familie, doch
damals fühlt er sich allein. „Sucht ist eine Beziehungserkrankung
und ein gescheiterter Lösungsversuch“,
sagt er.
Erfahrungen wie diese können zur Entwicklung
einer Abhängigkeitserkrankung beitragen.
„Die Wege sind so unterschiedlich wie die Betroffenen
selbst,“ sagt die Suchtberaterin Jasmin
Buchecker von der Suchtberatung Caritas Stuttgart.
Der Konsum könne Betroffenen unter anderem
ein Hochgefühl oder Entspannung verschaffen.
Es sei eine vorübergehende Flucht aus der
Realität.
Doch sobald dieses Gefühl abklinge, wachse
das Verlangen nach einer Wiederholung. Buchecker
erklärt, dass manche Substanzen gesellschaftlich
akzeptiert sind, andere tabuisiert. Am
Ende sei jede Abhängigkeit das Gleiche: eine
Krankheit, die sich in allen Lebensbereichen eines
Betroffenen ausbreite und die von Gesellschaft
und Politik oft noch immer nicht als solche anerkannt
werde. „Dabei versuchen Betroffene durch
den Konsum von Drogen Bedürfnisse zu stillen,
die sie anders nicht zu erfüllen wissen“, erklärt
Buchecker. Meist sei es keine bewusste Strategie.
Auch Doppeldiagnosen in Kombination mit psychischen
Erkrankungen nehmen zu, beobachtet
sie. Die Stigmatisierung von Sucht führe dazu,
dass viele Betroffene sich nicht die Hilfe holen,
die sie bräuchten. Entweder aus dem Gefühl heraus,
so schlimm sei es bei ihnen nicht, oder aus
Scham. Verhülsdonk erinnert sich daran, dass
selbst er andere Suchterkrankte teilweise stigmatisierte,
weil sie auf den ersten Blick schwerer
betroffen schienen.
Der Wendepunkt kam durch einen einzigen
Satz, den seine damalige Partnerin zu Vincent
Verhülsdonk sagte: „Ich kenne niemanden, der so
frei ist und gleichzeitig so gefangen in seinem
Kopf.“ Da weiß er, dass er etwas ändern muss. Er
wendet sich an eine Suchtberatungsstelle, durchläuft
eine stationäre Entwöhnungsbehandlung
und Adaptionseinrichtung. Doch eine besondere
Unterstützung findet er in einer Selbsthilfegruppe.
Dort merkt er, dass er mit seinen Erfahrungen
nicht alleine ist. Weder mit den Erlebnissen aus
seiner Jugend noch mit Konsumdruck. Den Kontakt
zu seinen damaligen Konsumfreund:innen
bricht er rigoros ab. Ohne Konsum gibt es keinen
gemeinsamen Nenner. „Kontaktabbrüche sind
ein wichtiger Teil im Heilungsprozess“, erklärt
auch Buchecker. Jeder kleine Trigger könnte ausreichen,
um in alte Muster zu verfallen.
Heute leitet Verhülsdonk die Gruppe selbst
und er erklärt: „Das Angebot ist besonders niedrigschwellig,
da es weder eine Anmeldung noch
die Angabe von Kontaktdaten gibt. Dadurch ist es
eine wertvolle Unterstützung.“ Die Teilnahmebedingungen
seien Pünktlichkeit und kein Konsum
am selben Tag. Da auch die Gruppenbegleiter:innen
betroffen waren, entstehe ein geschützter
Raum, in dem offen geredet werden könne. Gemeinsam
werden Lösungen für Probleme gesucht
und neue Perspektiven gezeigt. Es könne voneinander
gelernt werden. Laut Verhülsdonk seien
Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten
vertreten. Denn Abhängigkeit könne jede Person
treffen. Verhülsdonk unterstützt ebenso Jurastudierende,
Menschen mit 1,0-Masterabschluss
oder Ärzt:innen. Also Menschen, denen man ihre
Situation nicht sofort ansieht und die nicht dem
Bild entsprechen, das häufig von Medien gezeigt
wird. Auch Buchecker bestätigt die Vielfalt unter
ihrem Klientel.
Viele Betroffene besuchen die Selbsthilfegruppe
zunächst regelmäßig über mehrere Wochen
oder Monate und bleiben dann plötzlich aus.
Einige kehren nach einigen Monaten zurück,
andere erst nach einem Jahr, wieder andere gar
nicht. „Vermutlich sind manche rückfällig geworden“,
sagt Verhülsdonk, „doch das ist in Ordnung.“
Er messe keinen Erfolg, sondern gebe ein
Angebot. Die Gruppe findet jede Woche statt, egal
ob feiertags oder nicht. Aber Erfolgsgeschichten
gibt es natürlich auch: Verhülsdonk ist einer von
vielen Betroffenen, die zufrieden abstinent leben.
Hilfsangebote
Weitere Unterstützung gibt es bei der
Caritas Stuttgart:
– caritas-stuttgart.de
– Telefon: 0711 248929–10
– Mail: psb@caritas-stuttgart.de
Oder in einer Selbsthilfegruppe
– kiss-stuttgart.de
– kreuzbund.de
24 CHANGE
mediakompakt
Ein mutiger Weg
voller Stärke
Bild: Privat
In Deutschland erkranken jährlich etwa 75.000 Frauen und 700 Männer an Brustkrebs. Im Interview
erzählt die Betroffene Manuela Bauer, wie sie ihren Weg durch die Krankheit gemeistert und
was sich dadurch alles verändert hat.
VON DENISE BAUER
Veränderung kündigt sich selten freundlich
an. Und manchmal kommt sie als
Sturm: unerwartet, laut und beängstigend.
Als Manuela Bauer die Diagnose
Krebs erhält, verändert sich ihr Leben
von einem Tag auf den anderen. Unsicherheiten
und Arztbesuche ersetzen Gewohnheiten. Angst
durch Kampfgeist gegen die Angst und Stille. Gespräche,
die früher nie geführt wurden. Im Interview
öffnet sie sich und erzählt, wie die Krankheit
ihr Leben verändert hat – und mit welcher Kraft
und Zuversicht sie ihren Weg gemeistert hat.
Manuela Bauer ist 44 Jahre alt, verheiratet und
Mutter von zwei Töchtern im Alter von sechs und
zwölf Jahren, als sich ihr Leben schlagartig verändert.
Bis dahin führte sie ein ganz normales Familienleben.
Geprägt von Alltagsaufgaben, Beruf
und dem Glück einer intakten Familie. Eine
Krebsdiagnose ist für sie nicht neu, bereits im Umfeld
wurde sie mit der Krankheit konfrontiert,
durch die Patentante und den Schwager. Sie selbst
fühlt sich gesund, lebt bewusst, ist ein positiver
Mensch und hat bis dahin keine schwerwiegenden
gesundheitlichen Sorgen.
Eines Morgens entdeckt sie zufällig einen Knoten
in ihrer Brust. Zunächst ohne größere Bedenken,
lässt sie ihn beim Frauenarzt kontrollieren. Es
folgen Untersuchungen und eine Stanzbiopsie.
Erst als das Ergebnis Brustkrebs vorliegt, realisiert
sie, dass sich ihr Leben von Grund auf verändern
wird. Vor allem der Gedanke an ihre Kinder ist in
diesem Moment überwältigend: „Was, wenn ich
nicht da bin, um sie aufwachsen zu sehen?“, sagt
sie und bekommt Tränen in den Augen.
Nach der Diagnose beginnt eine intensive medizinische
Behandlung. Zuerst eine Operation,
anschließend eine sechsmonatige Chemotherapie
und eine einjährige Hormontherapie. Ein Port
wird eingesetzt, regelmäßige Blutkontrollen im
dreiwöchigen Rhythmus gehören zum neuen Alltag.
Ihre Brust kann erhalten werden – ein großer
Trost in dieser schweren Zeit.
Die Therapie ist belastend: körperlich wie
auch emotional. Haarausfall, Erschöpfung und
die Nebenwirkungen der Chemo verändern nicht
nur ihr Erscheinungsbild, sondern auch ihr Körpergefühl.
Dennoch bleibt sie positiv, nicht zuletzt
wegen ihrer Familie, die für sie ihre größte
Motivation ist, wieder gesund zu werden. Ihr
Mann steht ihr unermüdlich zur Seite. Er begleitet
sie zu jedem Termin und stellt den Ärzt:innen Fragen,
auf die sie selbst nie gekommen wäre. Auch
Schwiegereltern, Geschwister und Freund:innen
helfen. Unterstützung ist allgegenwärtig. Selbst
an schlechten Tagen versucht Manuela Bauer, so
viel Normalität wie möglich zu bewahren. Kurze
Auszeiten, Treffen mit Freund:innen, bewusstes
Genießen der guten Tage.
Beim Austausch mit Ärzt:innen, aber auch
später mit anderen Betroffenen, etwa in der Reha,
fühlt sie sich ernstgenommen und nicht allein.
Sie lernt: Jeder Krebs ist einzigartig, jeder Weg individuell.
Trotzdem kann gemeinsames Verständnis
viel Kraft schenken.
Ein Jahr nach Beginn der Behandlung beginnt
sie allmählich in ihren Alltag zurückzufinden. Die
Arztbesuche werden weniger, die Routine kehrt
zurück. Arbeit, Familie, Alltag. Sie hat keine ständige
Angst vor einem Rückfall, sondern vertraut
auf die regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen
und blickte nach vorne.
Heute – fast 15 Jahre später – ist sie 58, krebsfrei
und dankbar. Die Krankheit hat ihr Denken
verändert: „Heute lebe ich viel bewusster.“ Sie
sagt, dass Dankbarkeit für sie zu einem täglichen
Begleiter geworden ist. „Meine Gesundheit schätze
ich heute mehr als je zuvor.“ Sie betont, wie
wichtig es ist, jeden Moment zu genießen – und
nichts mehr als selbstverständlich hinzunehmen.
Positiv bleiben, egal was kommt.
Sie selbst hat den Tumor an sich frühzeitig
entdeckt und konnte rechtzeitig Hilfe bekommen.
Gerade deshalb hält sie einen Verbund aus
Voruntersuchungen, Früherkennung und die eigene
Initiative für essenziell. Diese Chance, sagt
sie, sollten alle nutzen.
„Ich hatte das Glück, von wunderbaren Menschen
umgeben zu sein. Das ist das Wertvollste –
und das, was das Leben ausmacht“, sagt sie voller
Glück in der Stimme.
01/ 2026 CHANGE
25
Lenas Weg zurück ins Leben
Was bleibt vom jugendlichen Gefühl der Unverwundbarkeit, wenn der Körper plötzlich versagt?
Wenn eine Diagnose das Leben teilt - in ein Davor und ein Danach? Lena Neumann* erlebt
mit 17, wie schnell alles kippen kann. Was folgt, ist ein Jahr, dass sie stärker verändert, als es
jede Jugend je könnte.
VON RONJA HIPP
Als Lena Neumann gerade 17 ist, dreht
sich ihr Leben um Abi-Stress, Volleyball,
Reisepläne und dem Gefühl von
„Mir steht noch das ganze Leben offen“.
Bis zu jenem Mittwochmorgen
im Klassenzimmer: Sie stolpert, ihr Körper sackt in
sich zusammen und ihr Gesicht wird kalkweiß.
„Zuerst dachte ich, ich hätte einfach zu wenig
gefrühstückt“, erinnert sich die heute 23-Jährige
zurück. Doch nur drei Tage später sitzt sie in einem
engen Arztzimmer, ihre Mutter dicht neben
ihr, die Finger fest ineinander verkrampft. Dann
fällt die Diagnose, die alles zum Stillstand bringt:
Lymphdrüsenkrebs.
„Ich habe den Arzt reden sehen, aber nichts
gehört. Es fühlte sich an, als hätte jemand mein
Leben angehalten“, erklärt die junge Frau. Nicht
einmal eine Woche später beginnt die Chemotherapie.
Der erste Tag fühlt sich an wie ein falscher
Film, der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel,
das Piepen, der metallische Geschmack im Mund.
„Ich dachte nur, das darf alles nicht wahr sein, das
passiert nicht wirklich“, betont sie.
Die Schülerin verliert durch die Chemo
schnell ihre Haare: „Als ich in den Spiegel gesehen
habe, hat es mich eiskalt erwischt. Da wurde es
dann zum ersten Mal real“, sagt die Freiburgerin.
Ihr Alltag verwandelt sich in eine Abfolge aus Infusionen,
Blutwerten und Nächten, die sich endlos
ziehen. Sie kann kaum essen, schläft schlecht
und wird immer schwächer. Auch ihr Umfeld verändert
sich. Einige Freund:innen schreiben ihr jeden
Tag, andere verschwinden einfach. „Viele
hatten Angst, das weiß ich. Aber es hat trotzdem
sehr wehgetan“, erklärt Lena Neumann.
Den Wendepunkt erlebt sie an einem Abend,
als sich eine junge Ärztin an ihr Bett setzt. Keine
Hektik oder irgendwelche Fachbegriffe, nur ein
leiser Satz, der hängen bleibt:
„Du musst nicht stark
sein, du musst nur
weitergehen.“
„Dieser Satz hat mir irgendwie Kraft gegeben
und mich in diesem Moment gestützt“, sagt Lena.
„Er hat mir gezeigt, dass auch die kleinen Schritte
zählen.“
Von da an beginnt sie, jeden Tag einen Satz in
ein kleines Notizbuch zu schreiben. „Manchmal
stand da nur: Heute kein Erbrechen oder: Fünf Minuten
draußen. Aber das hat mir schon gereicht“,
erzählt sie. Musik hilft ihr, Gespräche auf dem
Flur lenken sie ab, und ein paar Minuten Sonne
durch das Klinikfenster geben ihr neue Energie.
Nach einem Jahr voller Höhen und Tiefen erklären
ihr die Ärzt:innen, sie sei krebsfrei. Ein Moment
riesiger Erleichterung und gleichzeitig der
Beginn neuer Unsicherheiten. „Alle dachten, ich
wäre jetzt wieder die Alte, aber ich war nicht mehr
dieselbe“, sagt Lena ruhig.
Der Schulalltag wirkt plötzlich fremd. Sie
kämpft mit der Angst vor einem Rückfall, mit Erwartungen
von außen und mit ihren eigenen.
„Ich musste erst lernen, mir Zeit zu geben“, erklärt
sie. Lena Neumann holt schließlich ihr Abi nach
und beginnt eine Ausbildung im sozialen Bereich.
Heute arbeitet sie an einer Schule und unterstützt
Jugendliche, die selbst durch schwere Zeiten gehen.
„Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich
alles anders ist. Das verbindet einen irgendwie“,
sagt die junge Pädagogin. Wenn sie auf die
17-Jährige von damals blickt, möchte sie ihr zurufen:
„Du packst das, und du wirst stärker daraus
hervorgehen!“
„Veränderungen fühlen sich oft an wie ein
Sturm“, verdeutlicht Lena Neumann zum Schluss.
Dann erklärt sie, dass dieser Sturm einen manchmal
an Orte bringe, an die man sonst nie gegangen
wäre.
* Name von der Redaktion geändert
Symbolbild. Schwere Tage während der Chemo. Bild: Pixels
26 CHANGE
mediakompakt
Bilder: Instagram @anuskatzzz
Vorurteil im
Kopf.
Kunst unter
der Haut.
Man denkt zu wissen, wer
An Lu ist. Doch hinter ihren
Tattoos und Body Mods steckt
keine Schablone, sondern eine
Frau, die Grenzen verschiebt –
für sich und eine Gesellschaft,
die noch lernen muss, zu
verstehen, statt zu urteilen.
VON GINA-MARIA MELITO
Narbenkunst, violette Augen und eine
gespaltene Zunge. Man hört das
Wort Body Mods und denkt direkt
an etwas Extremes. Body Modifications
– kurz Body Mods – sind Eingriffe,
die den Körper bewusst verändern. Dinge,
die manche faszinieren und andere schockieren.
Bei An Lu geht es dabei nicht um Rebellion oder
Provokation. Es geht um einen Weg, bei dem das
Innere nach außen getragen wird. Ein Prozess, der
Mut braucht, Zeit und Schmerz. An Lus körperliche
Veränderung begann, als sie sich mit 13 Jahren
für Dreadlocks entschied, wenig später mit
Tunnels ihre Ohrlöcher dehnte und irgendwann
ihren ganzen Körper zur Leinwand machte. So eine
Veränderung kommt nicht über Nacht. Sie
formt. Sie fordert. Sie konfrontiert – Menschen,
die sie ansehen und An Lu selbst, die sich weiterentwickelt.
Es geht um einen Körper, der erzählt,
was viele nicht aussprechen und um eine Frau, die
sich traut, sichtbar zu sein.
Mit elf Jahren sieht An Lu in Zypern eine Frau
mit langen Dreadlocks. Ein Moment, der plötzlich
wie ein fremdes Licht aufflackert und den Beginn
ihrer Reise darstellt. „Ich fand das total schön“,
sagt An Lu. Zwei Jahre später lässt sie sich selbst
Dreadlocks machen, welche sie bis heute trägt. Sie
landet damit direkt im ersten Spannungsfeld aus
Erwartungen und Vorurteilen. Damals sagt man
ihr, sie sähe aus wie Bob Marley. Jahre später, während
der Black Lives Matter-Bewegung, heißt es,
sie dürfe als weiße Frau keine Dreadlocks tragen.
„Es ist verrückt, wie diese Gesellschaft geformt
wird, und wie die Vorurteile sich entsprechend
anpassen“, sagt sie. Aber An Lu passt sich nicht
an. Sie verändert sich und lernt früh, dass Veränderung
nie konfliktfrei ist. Ihr Weg geht weiter, als
sie mit 14 ihre Ohrlöcher dehnen lässt. Nicht aus
Trend, sondern weil ihre Ohrläppchen nach jahrelangem
Kreolen-Tragen „so riesig wurden“, wie
sie lachend sagt. Mit 18 kommen die ersten Tattoos.
Kleine Schritte in Richtung eines Ichs, das sie
irgendwann komplett nach außen trägt.
„Es ist verrückt, wie
diese Gesellschaft geformt
wird, und wie die
Vorurteile sich entsprechend
anpassen.“
Heute hat An Lu einen kompletten Bodysuit,
also ein Ganzkörper-Tattoo. Er ist gestochen von
ihrer Frau Lily Lu – und er ist Lily Lus letzter Bodysuit
überhaupt, denn heute tätowiert sie nicht
mehr selbst. Ihre Kunst lebt jedoch weiter: Sie hat
ihr Wissen, ihren Stil und ihre Technik über Jahre
an andere Artists weitergegeben, die heute weltweit
damit arbeiten. „Ich kenne keinen Menschen,
der von seinem eigenen Partner einen
kompletten, perfekten Bodysuit bekommen hat“,
sagt An Lu. Es klingt nicht nach Eitelkeit, sondern
nach Stolz. Nach einer Verbindung, die unter die
Haut geht – im wörtlichen Sinn.
Doch wer über An Lu erzählt, spricht nicht nur
über Körperkunst. Sondern auch über Schmerz.
Schmerz, der für sie kein Hindernis ist. Er ist ein
Werkzeug, ein Kompass. An Lu erklärt es mit einem
Bild, das jeder kennt: dem ersten Wackelzahn.
Kinder spielen wochenlang daran herum.
Sie trauen sich nicht ihn zu ziehen, sie wissen
nicht, wie sich der Schmerz anfühlt. Und trotzdem
suchen sie ihn. „Da fängt es schon an“, sagt
sie. „Man ist total auf Adrenalin. Es ist ein aufregendes
und ungewöhnliches Gefühl. Und was
man aus diesem Gefühl macht, liegt an jedem
selbst.“ Für sie wird Schmerz etwas, das klärt und
sie beruhigt, statt zu zerstören. Etwas, das sie bewusst
wählt.
Wer An Lu heute begegnet, sieht eine Frau, die
ihren Körper zu einem Archiv aus Entscheidungen
gemacht hat. Jede Linie erzählt von einem
Prozess, den sie aktiv gegangen ist. Nicht impulsiv,
nicht leichtfertig. Sie wirkt nicht wie jemand,
der anders sein will. Sie wirkt wie jemand, der sich
selbst treu und im Reinen mit sich ist. Vielleicht
starrt die Gesellschaft im ersten Moment. Vielleicht
urteilt sie im zweiten. Aber im dritten sollte
sie beginnen zu verstehen: Veränderung sieht nur
von außen extrem aus. Von innen ist sie oft einfach
nur ehrlich.
An Lu lebt diese Ehrlichkeit auf der Haut. Für
sich. Und für alle, die sich trauen wollen, hinzusehen.
01/ 2026 CHANGE
27
Ein Tanzschritt zum Mut
Wenn man an Burlesque denkt, taucht bei vielen sofort das Bild aus dem gleichnamigen Film mit
Christina Aguilera und Cher auf. Wie die Tanz- und Kunstform, die aus dem Varieté stammt, Vivienne
Tran verändert hat und wie sie eine völlig neue Seite an sich entdeckte, erzählt sie im Interview.
VON LAURA BERNHARDT
Als die Stuttgarterin zum ersten Mal
den Kursraum betritt, weiß sie noch
nicht, was sie erwartet. Die Bewegungen
wirken ungewohnt, die Sinnlichkeit
fast fremd – und dennoch verspürt
sie sofort eine besondere Energie. Sie erzählt,
dass sie zu Beginn vor allem mit ihrer eigenen Unsicherheit
rang: „Ich war total nervös. Ich wusste
nicht, ob ich mich so zeigen kann, wie ich bin.“
Doch genau hier beginnt der Kern dessen, was
Burlesque für sie bedeutet: ein Raum, in den man
hineinwächst und Schritt für Schritt mutiger
wird. Beim Burlesque, sagt sie, stoße man unweigerlich
an die eigenen Grenzen. Der Tanz fordere
dazu auf, sich zu zeigen, sich größer zu machen,
laut zu sein – oft weit über die vertraute Komfortzone
hinaus. Manchmal fühle es sich regelrecht
unbequem und verletzlich an. Doch mit jedem
Training falle ein kleines Stück Unsicherheit ab,
und der Schritt nach vorn wird leichter.
Burlesque als Tanz entzieht sich festen Kategorien
und lebt davon, sich immer wieder neu zu erfinden
– mal verspielt, mal dramatisch, aber immer
ausdrucksstark.
„Burlesque ist nicht nur ein
Tanzstil, sondern vor allem
die Kunst, sich selbst neu
entdecken zu können und
sich selbst zu lieben.“
Sobald Vivienne Tran auf der Bühne ist, vergisst sie das
Lampenfieber. Bilder: Privat
men fühlte, antwortet sie nach kurzem Überlegen:
„Ich glaube, es war gar kein spezieller Moment.
Es war eher der ganze Prozess. Jedes Mal,
wenn ich mich überwunden habe, hinzugehen,
wurde es leichter.“ Und dann seien es auch die
kleinen Augenblicke gewesen, die ihr Mut gemacht
haben: „Wenn die Tanzlehrerin zum Beispiel
sagt: ‘Hey, das war gut!’ oder ‘Das sah toll
aus.’ Das gibt dir so viel – diese Kleinigkeiten lassen
dich wachsen.“
Ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung fand jedoch
nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper
statt. Auf die Frage, was Burlesque mit ihrem Körpergefühl
und ihrer Selbstwahrnehmung gemacht
habe, muss sie nicht lange überlegen. Der
Tanz habe ihr geholfen, sich in ihrem eigenen
Körper wohler zu fühlen – sowohl mit dem, was
sie sieht, als auch mit dem, was sie dabei empfindet.
„Burlesque hat mir gezeigt, dass es völlig okay
ist, feminin zu sein – und dass das sogar etwas unglaublich
Schönes ist“, sagt sie. Im Kurs habe sie
gelernt, ihre weibliche Energie nicht zu verstecken,
sondern darin regelrecht aufzublühen und
stolz zu tragen.
Für Vivienne Tran gibt es beim Burlesque einen
ganz besonderen Moment, in dem alles zusammen
kommt: „Sobald die Musik angeht, passiert
bei mir dieser Switch“, erzählt sie. Dann rückt
alles um sie herum in den Hintergrund, der Atem
wird ruhig und plötzlich zählt nur noch der Au-
Wie historische Darstellungen auf Blogs wie
Burlexe oder Burlesque.de zeigen, hat diese Tanzform
ihre Wurzeln im Varieté und in der satirischen
Bühnenkunst des 19. Jahrhunderts. Typisch
dafür waren Übertreibung, eine starke theatrale
Inszenierung und ironische Kommentare zu
gesellschaftlichen Normen. Wie Autorin Michelle
Baldwin in ihrem Buch “Burlesque and the New
Bump-n-Grind” beschreibt, diente Burlesque ursprünglich
der humorvollen Parodie und dem
subversiven Spiel mit gesellschaftlichen Erwartungen.
Heute dagegen rücke ein anderer Aspekt
in den Vordergrund: der eigene Körper als Ausdrucksmittel,
Selbstliebe als Haltung und Female
Empowerment als Kern. Die 22-jährige Studentin
meint, dass gerade diese Aspekte Burlesque heute
prägen und für sie deutlich spürbar sind. Sie erzählt,
dass Burlesque ihr in vielen Bereichen geholfen
habe – vor allem aber in ihrer Beziehung zu
sich selbst. Auf die Frage, ob es einen bestimmten
Moment gab, in dem sie sich im Kurs angekomgenblick.
Ob auf der Bühne oder im Kursraum –
dieser Moment, in dem die Musik den Raum füllt,
lässt sie vollkommen im Hier und Jetzt leben. Und
genau das ist es, was sie jedem ans Herz legen
möchte, der mit dem Gedanken spielt, Burlesque
auszuprobieren. Man müsse sich zwar überwinden,
sagt sie, und manchmal fühle es sich unangenehm
an.
Doch der Mut werde belohnt – mit Spaß,
Wachstum und einem tiefen Stolz auf sich selbst.
„Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es
einem keinen Spaß macht“, sagt sie und lächelt,
„aber Burlesque hat mir in so vielen Aspekten geholfen,
dass es sich allein dafür schon lohnt, es zu
versuchen.“ Und wenn sie Burlesque in einem
einzigen Satz beschreiben müsste? Vivienne Tran
denkt kurz nach und fasst dann alles zusammen,
was dieser Tanz ihr bedeutet. „Burlesque ist nicht
nur ein Tanzstil, sondern vor allem die Kunst, sich
selbst neu entdecken zu können und sich selbst zu
lieben.“
28 CHANGE
mediakompakt
Veränderung auf Knopfdruck
Früher brauchte es Hunderte Fotos oder lange Audioaufnahmen, um Deepfakes zu generieren.
Heute reichen dafür ein Selfie oder wenige Sekunden Gespräch. KI-manipulierte Medien verbreiten
sich so rasant wie Spam-Mails – und genau wie diese lassen sich Deepfakes nicht mehr aufhalten.
VON EVELIN ERNST
Betrug wird immer leichter, selbst mit wenig Daten. Bild: KI-generiert
Hendrik Schuff, Dozent an der
Hochschule der Medien Stuttgart,
forscht seit mehreren Jahren zum
Thema Künstliche Intelligenz. „Der
Begriff Deepfake ist eigentlich ein
Wort aus Deep Learning und Fake“, erklärt er. „Er
beschreibt Medien inhalte, die mithilfe künstlicher
Intelligenz so realistisch generiert werden,
dass man sie kaum noch von echten Aufnahmen
unterscheiden kann.“ Schuff erinnert an das bekannte
Video von Barrack Obama aus dem Jahr
2018, in dem Jordan Peele die Mimik und Stimme
des damaligen Präsidenten täuschend echt animieren
ließ. „Damals war das unfassbar beeindruckend,
heute kann das jede App“, sagt Schuff.
„Selfie hochladen, zwei
Knöpfe drücken – und
schon kann man jede
Szene generieren.“
Doch die Leichtigkeit, die ihn technisch fasziniert,
bereitet ihm mit Blick auf die Gesellschaft
große Sorgen: „Wir dürfen nicht vergessen: Die
technischen Methoden hinter KI sind zunächst
neutral, aber was Menschen damit machen, ist es
nicht.“ Besonders schockiert ihn, dass ein Großteil
der Deepfakes für sexualisierte Inhalte genutzt
wird. „Etwa 96 Prozent aller Deepfakes sind pornografisch
und gehen fast immer auf Kosten von
Frauen, das ist für Betroffene zerstörerisch“, betont
er: „Gerade für Jugendliche kann so etwas das
ganze Leben ruinieren. Das Internet vergisst
nicht.“ Auch für Betrug sieht der Wissenschaftler
neue Risiken. Er erzählt von einem Fall aus Hongkong:
„Da hat ein Mitarbeiter in einer Videokonferenz
mit seinen angeblichen Vorgesetzten gesprochen.
Heute wissen wir: Jeder einzelne war
ein Deepfake. Der Mann überwies 25 Millionen
Dollar – und das Geld war weg. „Das zeigt, wie
professionell diese Fälscher inzwischen arbeiten.“
Selbst alte Maschen wie der Enkeltrick ließen
sich durch KI perfektionieren. „Dafür reichen ein
paar Sekunden Sprachausgabe. Wenn dann jemand
am Telefon klingt wie dein Sohn oder deine
Enkelin, ist die Überraschung groß – und die Gefahr
ebenfalls.“
Noch weitreichender seien die Folgen für Politik
und Gesellschaft. Schuff verweist auf Deepfakes
aus der Slowakei und Bangladesch, die dort
kurz vor großen Wahlen kursierten. „Ein einziger
Fake zum richtigen Zeitpunkt kann reichen, um
die Stimmung zu beeinflussen.“ Viel gefährlicher
sei aber das Grundmisstrauen, das die Technologie
mit sich bringt: „Wenn man alles fälschen
kann, kann auch jeder alles abstreiten.“
Viele gehen noch immer davon aus, Deepfakes
träfen nur Personen des öffentlichen Lebens.
„Ich glaube, die Annahme, die Leute oft im Kopf
haben, ist, dass nur Prominente oder Schauspieler
betroffen sind, von denen es viel Bildmaterial, viele
Videos, viel Tonmaterial gibt“, sagt er.
Früher sei diese Menge an Daten tatsächlich
notwendig gewesen. „Man konnte sich sicher
fühlen, wenn man ein Bild auf Facebook hatte
oder eine einzelne Sprachnachricht – das hat einfach
nicht gereicht.“ Die Folgen gehen aus Sicht
des Experten noch weiter. Wenn Realität beliebig
manipulierbar wirkt, entsteht ein gefährlicher
Rückzug bei den Nutzer:innen. „Man hat dann
ein Verschwimmen der Realität. Manche merken,
dass vieles gefälscht sein könnte“, erklärt er. Deshalb
beschäftigen sich die Nutzer:innen kaum
noch damit, herauszufinden, was stimmt. „Sie geraten
in einen Modus, in dem ihnen die Realität
egal wird. Sie setzen sich nicht mehr kritisch mit
den Medieninhalten auseinander.“
Trotz aller Risiken warnt Schuff vor zu radikalen
Reaktionen und pauschalen Technologieverboten.
„Wir haben auch nicht E-Mail als Technologie
verboten, nur weil es Spam gibt.“ Statt Panik
brauche es adäquate Regulierung, technische Sicherheitsmechanismen
und vor allem moderne
Medienkompetenz.
„Deepfakes verschwinden
nicht mehr. Die
Frage ist, wie wir als
Gesellschaft damit
umgehen.“
Hendrik Schuff, Dozent für KI in der Praxis. Bild: Privat
01/ 2026 CHANGE
29
Heute Autor:in, heute Influencer:in
Die Autorin Bianca Wege ist von BookTok nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer „Today“-Reihe stand
sie bereits auf der #BookTok- und Spiegel-Bestsellerliste. Im Interview verrät sie, welche Auswirkungen
die Plattform für Autor:innen hat.
VON CHRISTINA SAGI
BookTok hat den Buchmarkt revolutioniert.
Unter dem Hashtag auf Tik-
Tok werden weltweit Bücher in die
Kamera gehalten. Die sogenannte
BookTok-Community hat das Lesen
zum Trend gemacht. Doch die steigende Beliebtheit
des Kulturguts Buch hat ihren Preis für
Autor:innen, die sich nun auch auf Social Media
zu dem steigenden Druck äußern. So teilte die
Romance-Autorin Laura Kneidl am 9. November
2025 ihren Leser:innen über Instagram mit:
„Ich will meine Geschichten genießen, ohne bereits
bei dem ersten Wort Erwartungsdruck zu verspüren.“
Damit ist sie nicht die Einzige. Im Interview
nimmt Bianca Wege Bezug auf solche Beiträge
und sehnt sich nach Veränderung: „Ich würde
mir wünschen, dass weniger Leute diesen Trend
mit schneller, höher, weiter anfachen, sondern
dass aus diesen ganzen Vergleichen ein ‚Wir
schaffen das miteinander‘ wird.“
Aber um Veränderung zu schaffen, muss auch
der Ursprung des Drucks gefunden werden. Die
Weingartenerin veröffentlicht seit 2020. Damals
hatte sie noch keinen TikTok-Account und war
auf Instagram als Bloggerin tätig. Auf die Frage
was sich in den vergangenen fünf Jahren verändert
habe, betont sie, dass zu dem Zeitpunkt Social
Media im Autor:innen-Business noch nicht so
wichtig gewesen wäre. Anika Erbe, Verlagsmitarbeiterin
beim Arena Verlag, bestätigt: „TikTok ist
bei uns im Online-Marketing nicht mehr wegzudenken.“
Im Interview kommt Wege immer wieder auf
den steigenden Druck zu sprechen: Auf der Autor:innen-Seite
herrsche ein Muss, sich ständig
miteinander zu vergleichen. Und sie hat das Gefühl,
dass auf der Verlagsseite erwartet wird, dass
sich Autor:innen selbst auf Social Media promoten.
Dazu merkt Erbe an, dass Autor:innen viel
persönlicher und authentischer als Verlage mit
der Zielgruppe in Kontakt treten können.
Bianca Wege betont, dass Autor:innen sich
zwar über den Erfolg der Kolleg:innen freuen, aber
durch diese Vergleichbarkeit und das Dauerfeedback
von Leser:innen die Selbstzweifel lauter werden.
Auch sie spürt den Druck, mehr und schneller
zu schreiben. Bisher hat die 28-Jährige nur ein
Buch pro Jahr veröffentlicht, doch bereits nächstes
Jahr möchte sie herausfinden, ob zwei Bücher
im Jahr auch in ihren Möglichkeiten liegen. Ihre
neue „Hearts of LUX“-Dilogie soll 2026 beim Arena
Verlag in einem Abstand von nur sechs Monaten
erscheinen. Die Autorin hofft, dass ihre Kreativität
bei diesem Tempo nicht verloren gehe,
denn ihren „Brotjob“ aufzugeben, traue sie sich
noch nicht.
Nach dem großen Erfolg der „Today“-Reihe –
die auf Bestsellerlisten stand und vom Arena Verlag
eigenes Merchandising bekommen hat – setzt
sich Wege selbst unter Druck: Denn die Erfolgsautorin
wünscht sich, wieder auf den Bestsellerlisten
zu stehen. Sie ist sich bewusst, dass Buchhandlungen
beim Einkauf der Bücher auf Bestsellerlisten
achten. Denn Bücher, die auf diesen Listen stehen,
werden in größeren Mengen in Buchhandlungen
ausgelegt und haben dadurch auch eine
größere Sichtbarkeit.
Doch trotz des Drucks sieht Wege die Vielfalt
und Möglichkeiten von Social Media. In Band
eins der „Today“-Reihe gibt es zwei zentrale Themen:
Gaming und Volleyball. Während sich der
Arena Verlag bei der Vermarktung auf die Gaming-Thematik
fokussiert hatte, hat die Autorin
Die Warteschlange zur Signierstunde von Bianca Wege auf
der Leipziger Buchmesse 2025.
ihre Chance in der Volleyball-Thematik gesehen
und genutzt. Dadurch konnte sie viel mehr Leser:innen
für ihre Bücher gewinnen, sie ist der
Meinung: „Nur mit dem Gaming-Thema wären
lange nicht so viele Bücher verkauft worden.“ Damit
unterstreicht sie die Aussage von Anika Erbe,
dass Autor:innen selbst auf Social Media aktiv sein
müssen, um den größtmöglichen Marketingeffekt
zu erzielen.
Ihr Fazit: BookTok biete Chancen, erhöhe aber
auch den Druck. Um die Stärken der Plattform zu
maximieren und die Schwächen zu reduzieren,
wünscht sich Bianca Wege ein Miteinander, in
dem man gemeinsam aufeinander achtet.
Was ist #BookTok?
• Unter #BookTok tauschen sich Buchliebhaber:innen
auf TikTok aus
• 2024 wurden von der deutschen #Book-
Tok-Community über 25 Millionen Bücher
gekauft (Zahlen: Media Control)
• #BookTok ist fester Bestandteil der Buchbranche
• Seit 2023 finden jedes Jahr die TikTok
Book Awards statt
Bianca Wege signiert die „Today“-Reihe auf der Frankfurter Buchmesse 2025. Bilder: Privat
30 CHANGE
mediakompakt
Mut zum Studienwechsel
Die Hochschule der Medien (HdM) hat viele Studiengänge zur Auswahl, da treffen nicht alle
Studierende gleich beim ersten Mal die richtige Wahl. Die Studienberaterin Annica Funke erklärt
im Folgenden das Wichtigste für einen HdM-internen Wechsel.
VON RAFAILIA ASLANIDOU
Es ist mir wichtig, dass das als nichts
Scheiterndes betrachtet wird, weil die
Studienorientierung ein Prozess ist“,
betont die Studienberaterin. Zweifel
seien ganz normal. Es gebe verschiedene
Gründe, die dazu führen, dass man seine Entscheidung
überdenke. „Diese lassen sich analysieren,
und mit der richtigen Beratung findet sich
das individuell passendste Ziel“, erklärt Annica
Funke. Die Zentrale Studienberatung (ZSB) der
HdM bietet hierfür verschiedene Sprechstunden
an – zum intensiveren Diskurs auch in einladender
Umgebung direkt vor Ort.
Allgemeines
Ein Wechsel sei immer mit einer neuen Bewerbung
verbunden, egal ob das Semester eben erst
angefangen hat. Die Expertin empfiehlt daher erst
einmal eines: Die Zeit nochmal zur Orientierung
nutzen. Ob in den neuen Studiengang hineinsetzen
oder vorher mit Studiendekan und Kommiliton:innen
sprechen, um sicherzugehen, dass er
wirklich zu einem passt.
Für alle ab dem dritten Semester heißt es:
Pflichtberatung nicht vergessen. Diese ist zwar
erst zur Einschreibung nötig und nicht schon zur
Bewerbung, dennoch sollte man sich vor einer
Entscheidung beraten lassen.
Annica Funke hilft gerne bei Fragen. Bilder: R. Aslanidou
Selbstverständlich gelte es auch sich über die
Deadlines und Unterlagen der Bewerbung zu informieren.
„Laut unserer Checkliste gibt es nochmal
ein zwei Dokumente mehr für Studienfachwechsler“,
betont Funke: die aktuelle Imma- oder
Exmatrikulationsbescheinigung, die Übersicht
der bisherigen Studienleistungen und ab dem
dritten Semester auch den Nachweis der Pflichtberatung.
Orientierung und Pflichtberatung
Hat man erst einmal festgestellt, dass das gewählte
Studienfach nicht zu einem passt, gilt es sich erneut
zu orientieren. „Wir nennen es immer äußere
und innere Suche“, erklärt die Studienberaterin.
In der inneren Suche geht es darum herauszufinden,
was die eigenen Interessen und Fähigkeiten
sind. In der äußeren Suche hingegen schaut
man, welche anderen Studiengänge es gibt, die zu
den eigenen Fähigkeiten, Werten und Interessen
passen könnten, bevor man sich tatsächlich bewirbt.
Im Anschluss sollten die Bedingungen für
eine Bewerbung geklärt werden, wie verlorene
Prüfungsansprüche und ähnliches.
Übrigens: Bei einem Wechsel innerhalb der HdM
hat man laut Annica Funke bei der Bewerbung weder
Vor- noch Nachteile. Der einzige Unterschied
zu einer externen Bewerbung liege darin, dass der
Zugriff zum Studienportal schon vorliegt.
Die ZSB berät zu Fragen wie: Warum das aktuelle
Studium nicht passt, weshalb ein Wechsel
sinnvoll sein könnte, welche Chancen und Abläufe
es dabei gibt und welche anderen Möglichkeiten
offenstehen. Das Angebot gilt in freiwilligen
Beratungsstunden oder auch in der Pflichtberatung.
„Obwohl es eine Pflichtberatung ist, sollte
es als präventives Angebot wahrgenommen werden“,
stellt Funke klar. Dafür schaffe die ZSB eine
vertraute und persönliche Atmosphäre, in der Beratung
auf Augenhöhe möglich ist – daher wird
bewusst großer Wert auf Du-Ansprache mit den
Studierenden gelegt.
Anrechnung von Studienleistungen
Wie etwas angerechnet werden kann, ist in der
„Satzung über die Anrechnung von Studien- und
Prüfungsleistungen an der Hochschule der Medien“
geregelt. Studienleistungen können auf Modulebene
angerechnet werden. Das bedeutet: keine
einzelnen Lehrveranstaltungen. Zudem
kommt es auf die Vergleichbarkeit der Module an.
Vergleichbar heißt, dass insbesondere die Inhalte,
aber auch die ECTS-Zahl vergleichbar sein müssen.
Verlorener Prüfungsanspruch
Laut der Studienberaterin ist auch hier die Vergleichbarkeit
der Module wichtig. Existiert das
vergleichbare Modul im neuen Studiengang im
Pflichtbereich und man hat den Prüfungsanspruch
darauf verloren, ist eine Bewerbung nicht
möglich. „Existiert es nicht oder nur im Wahlbereich,
geht eine Bewerbung klar“, sagt Funke. Habe
man jedoch den Prüfungsanspruch im Studiengang
A an der HdM verloren, könne man sich
nicht auf den vergleichbaren Studiengang B der
HdM bewerben.
Tipps zur Anrechnung
1. Tabelle der bisherigen Leistungen mit
Modulbeschreibungen erstellen
2. Im Modulhandbuch des neuen Studiengangs
passende Module notieren
3. Mit der Tabelle beim neuen Studiengang
klären, welche Leistungen anerkannt werden
4. Anrechnungsantrag per Formular stellen
(bis acht Wochen nach Semesterstart)
01/ 2026 CHANGE
31
Selbstständig
leben
Frei seinen eigenen Alltag – sein eigenes Leben – planen können, so frei wie ein Luftballon, welcher am Himmel schwebt. Bild: Alexandra Fischer
Geschafft – Benjamin Müller
hat die letzte Klausur geschrieben
und die Bachelorthesis
abgegeben. Nun soll es weitergehen
zur nächsten Station:
dem Vollzeitjob in einem
renommierten Stuttgarter
Automobilunternehmen. Doch
dann kommt alles anders.
VON ALEXANDRA FISCHER
Viele Studierende entscheiden sich nach
dem Studium für einen klassischen
40- Stunden-Job. Der ist sicher und gut
bezahlt – so kann man das BAföG abbezahlen,
aus der WG ausziehen und das
Leben in vollen Zügen genießen.
So hatte sich das Benjamin Müller eigentlich
auch vorgestellt. 2018 hat er seinen Abschluss an
der Hochschule der Medien (HdM) in der Tasche
und beginnt eine Vollzeit-Anstellung in einem
großen Automobilunternehmen. Doch als ihn ein
Bekannter um Mithilfe bei seiner Startup-Idee bittet,
kann Müller nicht anders, als Ja zu sagen. Zuerst
steigt er nebenberuflich in das Startup ein.
Tagsüber in der Firma, abends im Startup.
Bald wir klar, das Startup hat eine wirkliche
Zukunft. Also kündigt Müller seinen Job und
steigt in Vollzeit beim Startup ein. Für ihn war dies
eine einfache Entscheidung – doch sein persönliches
Umfeld reagiert mit Kritik. „Ich hatte Menschen
in meinem Umfeld, die nicht verstanden
haben, warum ich meinen Job für das Startup
kündige.“ Er tut es trotzdem.
Mit der neuen Freiheit kommt aber neue Verantwortung.
Das Startup weiterzubringen und die
Verantwortung für die Mitarbeiter:innen zu tragen,
ist harte Arbeit. „Wenn du willst, dass es weiterläuft,
hilft es manchmal nur, einfach noch
mehr zu arbeiten“, erzählt Müller. Zu dieser Zeit
sind 60 Stunden Wochen die Norm für ihn.
„Da lernt man dann auf einmal ganz viel“, erinnert
sich der Stuttgarter an seiner Anfangszeit
im Startup. Zwischen administrativen Aufgaben
wie dem Erstellen von Lohnzetteln und der Einarbeitung
in bestehende Gesetze bleibt kaum noch
Zeit für die Arbeit. „Da merkt man dann, wie die
Rahmenbedingungen für Selbstständigkeit in
Deutschland sind“, sagt Müller. Man lernt seine
eigenen Grenzen kennen – bis man dann nicht
mehr kann. „Dafür habe ich auch gesundheitlich
meine Quittung bekommen.“
„Wenn du willst,
dass es weiterläuft,
hilft es manchmal nur,
einfach noch mehr
zu arbeiten“
Anfang 2023 entscheidet sich Müller, aus dem
Startup auszusteigen und für einige Zeit wieder als
Angestellter in einer Firma zu arbeiten. Aber das
Bedürfnis, sein eigener Chef zu sein, hat Müller
nie verlassen. 2024 entscheidet er sich, in die Niederlande
auszuwandern und sich als IT-Berater
selbstständig zu machen. Für wenige „selektierte
Kunden, wo ich dann auch weiß, dass die Zusammenarbeit
läuft“, wie Müller es beschreibt, bietet
er nun Dienstleistungen rund um digitale Infrastruktur
an. Auch KI ist inzwischen ein großes
Thema in seiner Arbeit.
Seit seiner Zeit in seinem ersten Startup hat
sich viel geändert. Anstatt mit einem großen
Team arbeitet er nun allein. Das konstante und
extreme Arbeiten liegt hinter ihm. Er ist angekommen:
„Wo ich jetzt bin, bin ich zufrieden.“
Gesundheitliche Folgen
von Überarbeitung
Konstante Überarbeitung führt zu
schwerwiegenden gesundheitlichen
Problemen. Dauerhafter Stress lässt
das Stresshormon Cortisol steigen, was
das Immunsystem schwächt und das
Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
erhöht. Auch die Psyche leidet:
Die ständige Belastung kann zu Erschöpfung
und schließlich zu einem
Burnout führen. Schlafstörungen sind
ebenfalls häufig, da der Körper keine
Zeit zur Regeneration hat. Langfristig
steigt das Risiko für Bluthochdruck
und Herzinfarkte. Muskeln und Gelenke
werden beschädigt: Bei ständiger
einseitiger Belastung entstehen Verspannungen
und Rückenschmerzen.
Psychische Erkrankungen wie Angststörungen
und Depressionen gehören
zu den häufigen Folgen.
32 CHANGE
mediakompakt
(Beweglichkeit) wird als Voraussetzung gesehen,
um schnelle Entscheidungen zu treffen und sich
flexibel anzupassen, wenn neue Herausforderungen
auftreten. Gerade hier empfiehlt Jana Sigel,
Chancen im Blick zu behalten: „Wer die VUCA-
Welt nur negativ sieht, verliert die Möglichkeiten
aus den Augen.“
„Betroffene zu Beteiligten
machen – das ist der
Schlüssel.“
Montagmorgen, 9 Uhr. Die Belegschaft
sitzt im Meetingraum,
die Präsentation leuchtet auf:
„Wir arbeiten ab sofort mit einem
neuen System.“ Ein leises
Murmeln. Unsicherheit. Wieder
ein Wechsel? Solche Momente
zeigen, wie rasant und
oft unerwartet sich die Arbeitswelt
heute verändert.
VON ALEXANDRA FUNK
Veränderung ist die einzige Konstante“,
sagt Jana Sigel, die seit Jahren im Bereich
Unternehmenstransformation
arbeitet. Veränderung passiert längst
nicht mehr in den einzelnen Projekten,
sondern kontinuierlich. Neue Technologien,
veränderte Rollenbilder, hybride Arbeitsmodelle
und ein immer schnellerer Markt erzeugen Druck
auf die Organisationen.
Change Management hilft dabei, diesen Wandel
bewusst zu gestalten, statt ihn einfach nur zu
ertragen. Die Corporate Transformation-Spezialistin,
die aktiv an der Gestaltung der Unternehmenskultur
eines großen Unternehmens in Dettingen
an der Erms arbeitet, beschreibt, dass Veränderungen
häufig nicht an der Idee scheitern –
sondern daran, dass die Mitarbeitenden zu spät
eingebunden werden. „Betroffene zu Beteiligten
machen – das ist der Schlüssel“, betont sie. Aus ihrer
eignen Erfahrung entsteht Widerstand vor allem
dann, wenn Ziele unklar bleiben oder Entscheidungen
überraschend wirken.
Bild: KI-generiert
Von Chaos zu Klarheit
Um diese Entwicklungen einzuordnen, nutzen
viele Unternehmen das „VUCA-Modell“. Es
erklärt vier Faktoren, die den beruflichen Alltag
prägen: Volatility (Unstetigkeit) beschreibt die
hohe Geschwindigkeit von Veränderungen. Uncertainty
(Unsicherheit) macht deutlich, wie
schwer Vorhersagen geworden sind. Complexity
(Komplexität) zeigt, dass Zusammenhänge unübersichtlicher
werden. Ambiguity weist auf
Mehrdeutigkeiten hin, die eindeutige Lösungen
erschweren. Gerade dies macht deutlich, warum
klare Kommunikation so wichtig ist.
Wandel in der Arbeitswelt
Sigel beschreibt Kommunikation als „einen der
größten Hebel im Wandel“, weil sie Orientierung
schafft, Transparenz fördert und Menschen dort
abholt, wo sie stehen. Sie betont, dass Mitarbeitende
Wandel eher akzeptieren, wenn sie nachvollziehen
können, warum Veränderungen notwendig
sind und welche Auswirkungen sie haben.
Kommunikation soll Orientierung geben – und
das nicht erst am Ende eines Prozesses, sondern
von Beginn an. Transparente Ziele, regelmäßige
Updates und die Möglichkeit, Fragen zu stellen,
reduzieren Ängste und stärken die Beteiligung.
Aus VUCA hat sich in den vergangenen Jahren
ein zweites, „positives“ VUCA entwickelt. Ein Ansatz,
der zeigt, wie Unternehmen aktiv und selbstbewusst
mit Wandel umgehen können. Dabei stehen
die Buchstaben nun für andere Begriffe, die
zeigen sollen, wie Unternehmen aktiv und selbstbewusst
mit Wandel umgehen können. Vision
soll Orientierung schaffen und Mitarbeitenden
Halt in unsicheren Zeiten geben.
Understanding (Verstehen) wird als die Fähigkeit
beschrieben, Bedürfnisse und Rahmenbedingungen
wirklich zu verstehen, anstatt lediglich
darauf zu reagieren. Clarity (Klarheit) soll dafür
sorgen, komplexe Themen verständlich zu machen
und Prioritäten klar zu benennen. Agility
Die Corporate Transformation-Spezialistin beschreibt
den Perspektivwechsel so, dass Wandel
nicht als Bedrohung, sondern als Chance verstanden
werden soll – eine Möglichkeit, Strukturen zu
modernisieren und Zusammenarbeit neu zu denken.
Sie hebt besonders hervor, dass die Antworten
von gestern nicht mehr ausreichen und es sowohl
für Menschen als auch für die Organisationen
notwendig sei, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Unternehmen sollen Veränderung
als dauerhaften Prozess begreifen und der Kommunikation
einen hohen Stellenwert einräumen,
um ein Umfeld zu schaffen, das Orientierung bietet
– selbst dann, wenn vieles gleichzeitig im Umbruch
ist.
Wandel bleibt, daran kann man nichts ändern.
Doch wie Unternehmen damit umgehen,
entscheidet darüber, ob Chaos überwiegt oder
Klarheit entsteht.
„Im Kern ist es eine Frage der Haltung: Sehe ich nur das
Problem oder erkenne ich die Herausforderungen und Chancen?“,
sagt Jana Sigel. Bild: privat
01/ 2026 CHANGE
33
Sich finden heißt riskieren
Die Sicherheit seines Jobs fühlt sich gefährlicher an als die Unsicherheit der Selbstständigkeit:
Blendi Jusufi (25) wagt den Sprung und gewinnt dabei nicht nur berufliche Freiheit, sondern auch
sich selbst.
VON VALZA JUSUFI
Sicherheit – dieses Wort verliert für
Blendi Jusufi immer mehr an Bedeutung.
Zwar hatte er alles, was sich viele
wünschen: eine abgeschlossene Ausbildung
und ein geregeltes Einkommen.
Während der Arbeit in der Qualitätsprüfung
von Autoteilen spürt er schon früh, dass es ihn
nicht erfüllt. „Ich wusste, dass ich etwas will, das
mir mehr Freiheit bietet, finanziell und zeitlich.“
Der Wunsch war da, aber der Ausstieg schien weit
entfernt. Es ist kein plötzlicher Moment, der alles
verändert, sondern ein langes, stetiges Gefühl der
Unzufriedenheit. Die Sorge, in einem System festzustecken,
das keine Entwicklung zulässt. Die
Angst, niemals finanziell frei zu sein – besonders
als jemand, der nicht aus privilegierten Verhältnissen
stammt. „Wenn ich an die Zukunft denke,
zieht mich das runter. Ich will meine Familie entlasten
und einen neuen Lebensweg einschlagen“,
erinnert sich Blendi Jusufi.
Der Schritt in die Unsicherheit
Der Immobilienmarkt verändert für ihn alles. Ein
Bereich mit Zukunft, da Wohnen für jede:n ein
Thema ist. Ein Markt, der Selbstständigkeit ermöglicht
und zum ersten Mal das Gefühl gibt:
Hier kann ich mehr sein. Doch der Wechsel ist alles
andere als einfach. Plötzlich trägt er die volle
Verantwortung, kämpft mit Unsicherheit und
muss sich in einer komplett neuen Rolle beweisen.
Besonders der Umgang mit Menschen fordert
ihn heraus. Der 25-Jährige verrät: „Am Anfang
hatte ich einfach nicht das Selbstbewusstsein. Ich
wusste nicht, ob ich gut genug bin.“ Direkte Kritik,
abweisende Interessent:innen, geplatzte Termine
– jede Absage fühlt sich wie ein Rückschritt
an. Seine größte Angst? Nicht das Geld, nicht die
Arbeit, sondern der Gedanke, alles zu geben und
am Ende zu scheitern.
Durchhalten, wenn es schwer wird
Was ihn antreibt, ist nicht Euphorie, sondern reiner
Wille. Die Weigerung, in ein Leben zurückzukehren,
das ihn unglücklich macht. Der Antrieb,
sich selbst zu bewiesen, dass er mehr kann, als
ihm jemals zugetraut wurde. „Motivation bringt
dich los, aber Disziplin hält dich am Laufen“, erkennt
er schnell. Jeden Tag neu anzufangen, ohne
Garantie auf Erfolg – das ist die größte Herausforderung.
Die Belohnung für den Mut
Heute, mit 25 Jahren, blickt Jusufi auf einen Weg
voller wertvoller Lernprozesse zurück. Für ihn bedeutet
die Selbstständigkeit weit mehr als nur finanziellen
Erfolg:
Es ist die gewonnene Freiheit, seine Zeit selbst zu
bestimmen, spontan Entscheidungen zu treffen
und die volle Verantwortung für das eigene Leben
zu übernehmen. Sein Selbstvertrauen ist gewachsen
– weniger durch spektakuläre Einzelerfolge,
sondern vielmehr durch die tiefe Gewissheit, alles,
was er heute hat, mit eigenem Einsatz aufgebaut
zu haben. Schwankende Geschäftsmonate,
anspruchsvolle Kunden und unvermeidliche
Rückschläge sieht er heute nicht mehr als Zeichen
des Scheiterns, sondern als natürlichen Teil seines
erfolgreichen Weges.
Ein Rat für alle
„Hilfe suchen ist keine Schwäche, sondern ein
Zeichen von Stärke und Verantwortungsbewusstsein“,
betont er heute. Sein Wunsch und Rat an alle,
die mit dem Gedanken an einen beruflichen
Neuanfang spielen, lautet: „Hab den Mut, auch
wenn es anfangs unbequem wird. Verlasse bewusst
deine Komfortzone, denn nur so kann echte
Veränderung entstehen.“
Seine Reise zeigt, dass er nicht nur seinen Beruf
gewechselt hat. Er hat gelernt, die Verantwortung
für sein Leben vollständig zu übernehmen –
und darauf vertraut, dass Veränderung dann möglich
wird, wenn man sie wirklich will. Seine Überzeugung:
„Wenn man sich etwas in den Kopf setzt
und wirklich daran glaubt, dann schafft man es.“
Wohnungssuche: Alltag für Blendi Jusufi. Bilder: privat
Motivation für Makler:innen: Immobilienmesse 2024.
34 CHANGE
mediakompakt
Stillstand? Von wegen!
Viele junge Menschen packen nach dem Schulabschluss ihre Koffer und starten in ein neues Leben
fernab der Heimat. Doch es gibt auch diejenigen, die bewusst bleiben: kein Umzug, kein neues
Umfeld, sondern ein Alltag, der vertraut bleibt. Was bedeutet es, diesen Weg zu wählen? Ein Porträt
über Jenny Wolf, die nach dem Abitur in ihrer Heimat geblieben ist.
VON ACELYA SÜRER
Für Jenny Wolf stellte sich die Frage
nach dem Wegzug kaum. Nach ihrem
Abitur 2019 hatte sie keinen genauen
Berufswunsch – und damit keinen
Grund, für Ausbildung oder Studium
die Stadt zu verlassen. Sie nahm sich zunächst ein
Orientierungsjahr, in dem ein Umzug ohnehin
kein Thema war. Als 2020 eine passende Ausbildungsstelle
bei den Stadtwerken Fellbach frei wurde,
war die Entscheidung klar:Bleiben statt Aufbrechen.
„Das hat sich einfach angeboten“, sagt sie. Ein
Bedürfnis, die Stadt zu verlassen, entstand dadurch
nie. Bis 2023 absolvierte sie dort ihre Ausbildung,
seither studiert sie an der Hochschule für
Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen
– weiterhin gut erreichbar von zuhause.
Auch ihr Umfeld blieb überwiegend in der Region,
ein großer Aufbruch fand weder bei ihr, noch im
Freundeskreis statt.
Trotzdem gab es Momente der Unsicherheit.
„Natürlich hat man ab und zu das Gefühl, etwas
zu verpassen – vor allem in Bezug auf Selbstständigkeit“,
erzählt die 24-Jährige. Gleichzeitig weiß
sie die Vorteile zu schätzen. Besonders in
stressigen Studienphasen merkt sie, wie entlastend
es ist, Unterstützung im Alltag zu haben. „So
kann ich mich wirklich auf mein Uni-Zeug konzentrieren.
Ich muss mich nebenher nicht komplett
allein um Haushalt oder Wäsche kümmern.“
Doch zuhause zu wohnen bedeutet nicht, dass alles
einfacher ist. Das Zusammenleben mit den Eltern
verändert sich, je älter man wird. „Ich lebe
mein eigenes Leben, das muss mit dem meiner Eltern
funktionieren – das wird nicht leichter“, sagt
sie. Manchmal sei es ihr sogar unangenehm zu sagen,
dass sie mit 24 noch zuhause wohnt. „Man
wirkt schnell unreif“, vermutet sie. Doch abwertende
Reaktionen erlebt sie selten.
Oft sei das unangenehme Gefühl eher eine eigene
Befürchtung als tatsächliche Kritik von außen.
„No Change bedeutet
für mich nicht
Stillstand, sondern
Stabilität.“
Für die Zukunft steht für die Studentin jedoch
fest: Ausziehen möchte sie auf jeden Fall. Nicht
sofort, aber sobald es passt. „Ich hätte gern meine
eigene Struktur und ein Stück mehr Freiheit.“
Alleine wohnen möchte sie eher nicht – das passe
nicht zu ihr. Auch die Stadt ist für sie offen: Fellbach
fühlt sich nach Zuhause an, doch eine Zeit in
einer größeren Stadt kann sie sich gut vorstellen.
„Wenn man jung ist, will man vielleicht mal eine
Jenny Wolf studiert nahe der Heimat. Bild: Privat
Weile woanders leben und irgendwann zurückkommen.“
Ihrem 18-jährigen Ich würde sie heute
raten, Entscheidungen nicht vom Wohnort abhängig
zu machen. „Das zu tun, was sich richtig
anfühlt, ist wichtiger als die Frage, ob man dafür
wegzieht.“ Ihr Weg zeigt: Veränderungen müssen
nicht groß oder geografisch sein. Auch wer bleibt,
kann wachsen – nur auf eine andere Art.
‚‚No Change‘ bedeutet für mich nicht Stillstand,
sondern Stabilität.“ Anderen jungen Menschen
rät Jenny Wolf, Veränderungen nicht an
die Wohnsituation zu koppeln. „Es hängt nicht
davon ab, ob man auszieht, sondern davon, was
man erreichen will – egal von wo aus.“
Wohnen unter 25:
So sieht’s in Deutschland aus
28,4 Prozent der 25-Jährigen in Deutschland
lebten 2024 noch im elterlichen Haushalt
Rund ein Drittel zieht nach dem Abi nicht direkt
aus, sondern startet Ausbildung oder Studium
von zuhause. (Quelle: Destatis)
Der Kappelberg in Fellbach gehört zu den Lieblingsorten von Jenny Wolf. Bild: Acelya Sürer
01/ 2026 CHANGE
35
Zwischen Freiheit und
Verlust
„Endlich keine Arbeit mehr
und Zeit zum Ausruhen und
Verreisen“ – so denken viele
Menschen über das Leben im
Ruhestand. Doch wie sieht es
tatsächlich aus, wenn man
sich für immer aus dem Erwerbsleben
verabschiedet hat?
VON MICHAEL KNOOS
Es ist kurz nach 22.45 Uhr. Margot
Knoos ist an diesem Abend noch mit
der Steuererklärung beschäftigt. „Die
muss ich ja leider auch als Rentnerin
machen“, sagt sie. Hat sie sich ihre Rente
so vorgestellt? „Ich dachte früher auch, ich hätte
mehr Zeit, wenn ich mal im Ruhestand bin.“
Die 67-Jährige möchte eigentlich gerne ihre Englischkenntnisse
auffrischen und mehr verreisen,
nachdem sie ihre Arbeit als Erzieherin im Kindergarten
vor drei Jahren beendet.
Doch dann kommt alles anders. Ihr Mann
wird schwer krank und braucht Pflege. „Nach seinem
Tod letztes Jahr habe ich mich oft einsam gefühlt“,
erzählt sie. „Manchmal fehlen einem da
schon die Kindergartenkinder und die Kolleginnen.
Ich habe ja eine sinnvolle Tätigkeit ausgeübt.
Zu sehen, wie die Kinder Fortschritte in ihrer Entwicklung
machen, hat mich sehr erfüllt.“ Den-
Herbert Rapp: Großvater und Handwerker. Bilder: M. Knoos
Margot Knoos ist gerne von Kindern umgeben.
noch genießt sie ihren Ruhestand. „Wenn ich früher
von der Arbeit nach Hause gekommen bin,
war noch lange nicht Schluss. Ich musste noch
viel Dokumentation und Bastelarbeiten erledigen,
und dann gab es auch immer wieder Konflikte
mit den Kindern oder Eltern, die ich dann auch
noch verarbeiten musste. Jetzt kann ich mir meinen
Tag relativ frei einteilen. Ich finde, das ist das
Beste am Ruhestand.“ Dieser Meinung schließt
sich auch Herbert Rapp an. Der ehemalige Werkstattleiter
im Bereich Metall der Backnanger
Werkstätten ist seit 2017 in Rente. „Ich kann auch
einfach mal einen Mittagsschlaf machen“, sagt er
und lacht.
Besonders schön findet er es auch, dass er nun
mit seiner Frau Monika zusammen in Ruhe frühstücken
kann und dass sie mehr Zeit miteinander
haben. So konnten sie auch kurz nach seinem
Renteneintritt eine fünfwöchige Reise durch Südamerika
unternehmen – etwas, das früher unvorstellbar
gewesen wäre. Dennoch findet auch der
72-Jährige, dass man im Ruhestand nicht so viel
Zeit hat, wie man in jungen Jahren denkt. „Ich
hätte gerne ein neues Hobby angefangen oder als
Gast Vorlesungen an der Universität besucht.
Aber ich bin eben auch Opa und sehr bei der Enkelbetreuung
gefragt.“ Geholfen hat ihm beim
Übergang von der Arbeit in die Rente, dass er zunächst
noch auf Minijobbasis weiterarbeiten
konnte und sich erst mit der Corona-Pandemie
2020 endgültig von den Backnanger Werkstätten
verabschiedet hat. Bis heute hält er den Kontakt
zu den Menschen seiner früheren Arbeitsstätte.
Auch Margot Knoos steht noch in Verbindung
mit ihren ehemaligen Kolleginnen. Außerdem
überbringt sie im Namen der Kirchengemeinde
Geburtstagskindern persönliche Glückwünsche.
Vor gut zwei Jahren ist sie ebenfalls Oma geworden
und wird gerne für die Betreuung ihrer Enkelin
angefragt – mindestens einmal pro Woche darf
die Zweijährige den Tag bei ihrer Oma verbringen.
Auch Herbert Rapp engagiert sich in der Kirchengemeinde
und beim Christusbund und ist handwerklich
tätig. „Ich helfe gerne weiter, wenn jemand
Unterstützung braucht. Mit dem Ruhestand
bin ich ja nicht in ein Loch gefallen“, erklärt
er. Angesichts der Bürokratie in Deutschland
drängt sich der Gedanke auf, dass das Beantragen
der Rente eine größere Herausforderung darstellt.
Tatsächlich hatten beide jedoch keine Probleme
damit: „Ich war zweimal bei der Rentenberatung,
und die Menschen auf dem Rathaus waren auch
super nett und hilfsbereit“, erklärt Margot Knoos.
„Arbeit und Ruhestand haben beide ihre Vorund
Nachteile“, so ihr Fazit. „Aber ich denke,
wenn wir älter sind und nicht mehr die Kraft haben,
sind wir alle erleichtert, wenn wir in den Ruhestand
gehen dürfen. Ich bin froh, dass ich von
meiner Rente leben kann. Manche müssen ja
selbst im Rentenalter noch weiterarbeiten, damit
es reicht.“
„Wer als junger
Mensch nur mit Blick
auf die Rente lebt, der
verpasst viel im
Leben.“
Für die jungen Leute hat sie einen einfachen,
aber guten Rat: „Sucht euch eine Tätigkeit, die
euch erfüllt. Es ergibt keinen Sinn, sich durchs Arbeitsleben
zu quälen und nur auf die Rente zu
warten.“ Und Herbert Rapp ergänzt: „Wer als junger
Mensch nur mit Blick auf die Rente lebt, der
verpasst viel im Leben.“
Fakten zur Rente
- Über 21 Millionen Menschen in Rente
gibt es in Deutschland
- 360,14 Mrd. Euro betrugen die Rentenausgaben
im vergangenen Jahr.
- Etwa 952.658 Menschen erhielten 2023
erstmals die Regelsaltersrente.
Quelle: Deutsche Rentenversicherung
36 CHANGE
mediakompakt
Bild: Unsplash/Alex Moliski
Leben im endlosen Aufbruch
Eine junge Französin reist seit
sechs Jahren rastlos um die
Welt. July Hallér lebt selten
länger als wenige Monate an
einem Ort. Dabei pendelt ihr
Alltag zwischen Aufbruch und
Abschied – immer begleitet
von Freiheit und Erschöpfung.
VON FELIX LIEBISCH
Australien, Kanada, Argentinien oder
Vietnam. Länder, die für die meisten
Menschen Traumziele bleiben, sind
für July Hallér längst abgehakte Stationen
auf ihrer Bucket-Liste. Die junge
Französin bereist seit mittlerweile sechs Jahren
die Welt. Selten lebt sie länger als ein paar Monate
im selben Land.
Was als Zwischenjahr nach ihrem Bachelor
startete, hat sich mittlerweile in eine handfeste
Odyssee ohne Ziel- oder Zeitlimit entwickelt. Was
ist das für ein Leben, in dem Veränderung und
Ungewissheit zum Alltag gehören?
Als sie im August 2019 ihre Heimat verlässt,
ahnt die damals 23-jährige noch nicht, wohin sie
ihre Reise über die nächsten Jahre führen soll.
„Geplant war ein Jahr Thailand und Australien,
danach wollte ich eigentlich wieder zurück nach
Hause.“ Dann kam Corona und für Hallér die Frage:
„Soll ich jetzt nach Hause oder sehe ich diese
ganze Situation als Chance?“
Covid als Chance
Sie entschließt sich für Letzteres und wagt den
Sprung von Melbourne nach Neuseeland. Mit ein
paar Freund:innen kommt sie auf einem Weingut
unter und kann vor Ort arbeiten, um ihren Le-
bensunterhalt zu verdienen. Weil die Grenzen
nur wenige Tage nach ihrer Ankunft geschlossen
werden, sind Saisonarbeiter:innen stark gesucht.
Nach der Pandemie kehrt die junge Frau in ihre
Heimat zurück, doch lange hält es sie dort
nicht. „Ich konnte mich nicht damit abfinden,
dauerhaft an einem Ort zu bleiben“, erklärt sie:
„Jeden Tag das Gleiche zu sehen und zu erleben,
das hat mich krank gemacht.“
„Ich hätte nie gedacht,
dass das Reisen so
eine mentale Belastung
werden kann.“
Und so geht es nur drei Monate später weiter
nach Südamerika. Es sind Monate, in denen sie
selten eine ganze Woche in einer Stadt bleibt. Als
junge Frau allein durch Argentinien, Peru, Chile
und Kolumbien. Angst habe sie dabei kaum gehabt,
erklärt sie. „Wirklich allein war ich nur sehr
selten. In Hostels lernt man schnell Leute kennen,
die vielleicht das gleiche Reiseziel haben, sodass
man sich anschließen kann.“
In den folgenden Monaten und Jahren bereist
Hallér Nordamerika und Südostasien. Finanzieren
kann die gelernte Grafikdesignerin ihren Lebensstil
als Freelancerin. In wirtschaftsstarken Ländern
wie Australien, Neuseeland oder Kanada arbeitet
sie zusätzlich einige Monate am Stück auf
Farms oder in der Gastronomie.
Kehrseite der Medaille
Was sie auf ihren Reisen erlebt hat, wäre genug,
um ein ganzes Buch zu füllen. Erinnerungen, die
ewig bleiben, und Freund:innen, die oftmals
schnell wieder verloren sind. Ihre Freund:innen
aus der Heimat sieht die 29-Jährige kaum noch,
ihr Lebensstil lässt oftmals nur kurzfristige Bekanntschaften
zu. Auch ihr Datingleben leidet
unter den ständigen Standortwechseln. Bekanntschaften
mache sie zwar, sagt Hallér, jedoch sei es
schwierig eine wirkliche Verbindung zu finden.
„An manchen Tagen fühle ich mich erschöpft.
Dann vermisse ich meine Familie und Freunde
umso mehr.“ Die ständigen Umzüge, ein ständig
wechselndes soziales Umfeld und die Ungewissheit,
ob und wann der nächste Job kommt, nagen
an ihr.
Der Lebensstil, für den sie viele beneiden,
kann in schlechten Zeiten zu einer absoluten Last
werden, erklärt sie. „Ich hätte früher nie gedacht,
dass das Reisen so eine mentale Belastung werden
kann. Dieses Gefühl, von Ungewissheit kann dich
auf Dauer fertig machen.“
Warum sich dann also diesen ganzen Stress
antun? „Am Ende ist es das immer wert“, erklärt
Hallér, „dieses Gefühl von Freiheit ist unvergleichbar.“
Zudem sei jede bewältigte Herausforderung
für sie ein Zeichen des eigenen Wachstums.
Urlaub vom Urlaub
Aktuell legt Hallér eine kleine Pause vom Reisen
ein. Seit kurzem besucht sie ihre Eltern in Amiens.
In ihrem alten Kinderzimmer hängen immer
noch Jugend- und Familienfotos an der Wand.
Hier möchte sie die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel
verbringen, ihre Familie und alte
Freunde wiedersehen. Anschließend soll es Anfang
Januar nach Ägypten gehen. Gebucht sind
bis jetzt weder Flüge noch eine Unterkunft. Spontan
und frei möchte sie bei ihren Reisen bleiben.
Ewig möchte die Französin aber nicht mehr
reisen. „Ein bis zwei Jahre vielleicht noch, dann
möchte ich zurück nach Frankreich, einen richtigen
Job finden und eine Familie gründen.“ Wohin
es bis dahin noch gehen soll? Nordafrika und
Mittelamerika und Südkorea stehen wohl noch
auf der Liste, alles andere wird wie immer spontan
entschieden.
01/ 2026 CHANGE
37
Neues Land. Neues Ich?
Nach dem Schulabschluss fragen sich viele junge Menschen, wie das Leben weitergehen soll.
Ausbildung oder Studium? Zuhause bleiben oder in die Ferne ziehen? Ronja Pfeffer hat sich für das
Ausland entschieden. Bereit für Veränderung und voller Tatendrang packte sie als 18-Jährige ihre
Koffer und machte sich auf nach Dänemark.
VON ELISABETH BERTSCH
Ein Gap-Year nach der Schule – aber
wie? FSJ, Jobben, Reisen, Au-Pair, Work
and Travel, oder doch etwas ganz anderes?
Vor dieser Frage stand im Jahr
2021 auch Ronja Pfeffer. Durch eine
Freundin ist die Heilbronnerin auf die Möglichkeit
gestoßen, ein halbes Jahr an einer sogenannten
Højskole – eine besondere Schulform in Dänemark
– zu verbringen. Das Konzept dahinter überzeugte
sie, und sie war bereit Neues zu entdecken,
selbstständiger zu werden und ihre persönlichen
Werte zu festigen.
Leben und Lernen in der Højskole
Der Sprung aus dem gewohnten Alltag hinein in
ein neues Umfeld in einem fremden Land veränderte
Pfeffers Leben grundlegend. Das Leben in
der Højskole ist geprägt von einem großen Gemeinschaftsgefühl.
Die Tage starten mit einer
Morgenversammlung, gegessen wird im großen
Speisesaal, gemeinsam gelernt im Unterricht und
gewohnt in Zweierzimmern. Es gibt verschiedene
Clubs, wie etwa einen Häkel-, Sport- oder Philosophie-Club.
Außerdem machen die Schüler:innen
Ausflüge oder Reisen und organisieren Motto-
Wochenenden. „Es geht viel darum, sich zu überlegen,
wie das Zusammenleben sinnvoll gestaltet
werden kann, sodass es der Gemeinschaft guttut“,
erzählt die 22-Jährige.
„Was soll sich ändern,
wenn du nicht sagst
‚Let´s go‘?“
Der Unterricht unterscheidet sich deutlich vom
Schulbetrieb, wie sie ihn in Deutschland gewohnt
war. An der Højskole steht die Praxis im Mittelpunkt.
Die Schüler:innen stellen beispielsweise
im Fach Keramik eigene Vasen her, pflegen in
Gartenarbeit Gemüsefelder oder schreiben im
Fach Musik eigene Lieder. „Im Unterricht geht es
darum, herauszufinden, was einen im Leben antreibt“,
sagt Pfeffer.
Neue Perspektiven und Erkenntnisse
Nach ihrer Rückkehr war die damals 18-Jährige
zwar kein völlig anderer Mensch – sie brachte aber
eine neue Lebenseinstellung mit nach Hause. Sie
lernte, mentales und körperliches Wohlbefinden
in den Fokus zu rücken, statt sich vom Leistungsdruck
leiten zu lassen. Ihr Verständnis für Menschen
in unterschiedlichen Lebenssituationen ist
gewachsen: „Nicht jede Person kann das leisten,
was man selbst als leistbar ansieht.“ Ihre Verbundenheit
zur Natur und ihre Wertschätzung sind
gewachsen. Nicht zuletzt nahm sie das typisch dänische
Hygge-Lebensgefühl mit nach Deutschland.
Einen besonderen Tipp eines Skiguides, den
sie dort kennengelernt hat, nimmt sie bis heute
mit: „Remember to do what feels good and not
what everybody else is telling you. Life is one big
adventure.“
Rückkehr nach Dänemark
Nun, vier Jahre später und nach einer abgeschlossenen
Ausbildung zur Erzieherin, zieht Ronja erneut
nach Dänemark. Die Sehnsucht nach dem
Land, den Menschen und dem Lebensgefühl hat
sie nie losgelassen. Sieben Mal hat sie seitdem Urlaub
in Aarhus gemacht und zwei weitere Male in
anderen Teilen Dänemarks. Nun wird die Stadt
Aarhus ihr neues Zuhause. Dort wird sie in einer
WG leben und als Erzieherin arbeiten.
Sie hofft auf Einblicke in eine andere Art der Pädagogik,
auf eine gute Zeit mit ihren dänischen
Ronja Pfeffer (hinten) im Fach Gartenarbeit im selbst gebauten
Gewächshaus.
Freund:innen und darauf, neue Erinnerungen zu
schaffen. Bereit für den nächsten Wandel wagt sie
erneut den Schritt aus ihrer Komfortzone. Oder
wie sie selbst sagt: „Was soll sich ändern, wenn du
nicht sagst ‚Let´s go‘?“
Was ist eine Højskole?
Eine Højskole ist eine dänische Schulform,
in der junge Erwachsene mehrere
Monate gemeinsam leben und lernen.
Den Stundenplan stellt sich jede:r
Schüler:in individuell aus seinen eigenen
Interessen wie Musik, Outdoor,
Keramik oder Nachhaltigkeit zusammen.
Prüfungen und Noten gibt es
nicht, dafür aber viel Raum, um Perspektiven
zu erweitern, Neues auszuprobieren
und herauszufinden, was
man im Leben möchte.
Sonnenaufgang beim Kajakausflug zum Unterrichtsabschluss im Fach Outdoor. Bilder: privat
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mediakompakt
Was bleibt, wenn man geht
Von Vietnam nach Deutschland:
Das ist die Geschichte
einer Frau, die zwischen zwei
Kulturen ihren eigenen Platz
fand. Was hat sich in drei
Jahrzehnten verändert?
VON NHI NGOC NGUYEN
Wenn morgens die ersten Gäste eintreten,
liegt schon ein warmer
Duft von frisch gekochtem Reis
und angebratenem Gemüse im
Restaurant. Zwischen klirrenden
Gläsern und dem Brutzeln des Woks bewegt sich
eine Frau, deren Leben vor drei Jahrzehnten auf
der anderen Seite der Welt begann. Heute wirkt
ihr Alltag routiniert und fast schon selbstverständlich
– doch hinter dieser Routine steckt eine
Geschichte von Abschied, Aufbruch und einem
Wandel, der sie bis heute begleitet.
Dies ist das Porträt von An Nhien Le*, die mit
19 Jahren Vietnam verließ. Sie kam nach Deutschland,
ohne zu wissen, wie lange sie bleiben würde,
und baute sich hier ein Leben auf, das ihr inzwischen
vertrauter ist als der Ort, an dem sie aufwuchs.
Le wurde 1969 in Hanoi geboren. Als Jugendliche
hilft sie ihren Eltern im Fotoladen, geht Karaoke
singen und zieht mit Freundinnen durch
die Straßen Hanois. Über Zukunftspläne und
Träume macht sie sich nie Gedanken. „Ich habe
einfach im Moment gelebt“, sagt sie heute.
Doch irgendwann merkt sie, dass sie weg
muss. Vietnam bietet ihr wenig Perspektiven: harte
Arbeit ohne Absicherung, keine staatlichen Unterstützungen
und kaum Möglichkeiten, langfristig
etwas aufzubauen. Gleichzeitig fühlt sie sich
verantwortlich, ihre Eltern finanziell zu unterstützen.
Mit diesem Entschluss geht sie fort und so
wurde Deutschland das Land, in dem sie neu anfängt.
„Ich bin gegangen und
wollte nicht mehr
zurück.“
Die Ankunft im Januar 1988 ist für Le ungewohnt.
Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie
Schnee, etwas, was sie aus Hanoi nicht kennt. Die
Kälte, die fremde Umgebung und die neuen Regeln
machen den Start überwältigend, während
das Leben in Vietnam für sie mehr Leichtigkeit,
Zeit für Familie und unbeschwerte Momente bedeutet.
In Deutschland beginnt sie zunächst in einem
chinesischen Restaurant hinter der Theke zu
arbeiten. „Ich hatte Angst, irgendwas kaputt zu
machen“, sagt sie, da die Aufgaben neu sind und
An Nhien Le bereitet eines der beliebtesten Nudelgericht in ihrem Restaurant zu. Bild: Nhi Ngoc Nguyen
die Verantwortung groß. Doch sie lernt schnell,
und die Arbeit hilft ihr, sich einzuleben und Kontakte
zu knüpfen, vor allem zu anderen Vietnames:innen.
Zu Beginn fallen ihr viele Unterschiede
zu Vietnam auf, wie die strenge Bürokratie, die
finanziellen Unterstützungen vom Staat und andere
Essgewohnheiten. Trotzdem passt sie sich an,
weil sie weiß, dass sie keine andere Wahl hat,
wenn sie hier ein neues Leben aufbauen will.
„Ich bin gegangen und wollte nicht mehr zurück“,
erzählt sie über ihre ersten Jahre. Doch die
Sehnsucht nach Vietnam wächst, nicht weil sie
sich in Deutschland unwohl fühlt, sondern weil
ihre Familie fehlt. Den Kontakt zu halten war damals
schwer – teure Telefonate ohne Video oder
schnelle Nachrichten lassen die Distanz noch größer
wirken. Der Gedanke an eine Rückkehr begleitet
sie in ihren Zwanzigern lange, bis etwas geschieht,
das alles verändert: Sie wird Mutter. Mit
der Schwangerschaft verschiebt sich ihr Lebensweg
erneut. Statt für ein Rückflugticket zu sparen,
spart sie nun für die Zukunft ihrer Kinder in
Deutschland. „Ohne meine Kinder wäre ich
schon viel früher zurückgegangen“, sagt sie. Für
sie aber will sie bleiben wegen Sicherheit, Chancen
und Zukunft. Hanoi ist der Ort ihrer Kindheit,
aber heute lebt in Deutschland das, was ihr am
wichtigsten ist: ihre Kinder.
Als Le 2008 ihr eigenes Restaurant eröffnet, ist
das für sie eine logische Fortsetzung ihrer Karriere.
Nach Jahren in der Gastronomie kennt sie die Abläufe
und Herausforderungen. Das Restaurant bietet
ihr Selbstständigkeit und Stabilität für ihre
mittlerweile dreiköpfige Familie. Trotz schwieriger
Phasen als Selbstständige und alleinerziehende
Mutter gibt sie nie auf. „Ich habe immer gedacht:
Ich bekomme es irgendwie hin“, sagt sie.
Mit nichts beginnt sie und macht viel daraus,
überzeugt davon, dass noch mehr möglich ist.
Heute blickt die 56-Jährige stolz auf ihre Unabhängigkeit,
ihren Durchhaltewillen und vor allem
auf ihre Kinder: „Sie sind mein größtes Glück. Ich
habe am Anfang des Interviews gesagt, dass ich
nie ein Traum hatte, doch mein Traum kam mit
meinen Kindern“, sagt sie.
Ob sie denselben Weg noch einmal gehen
würde? Ohne Zögern: Ja. Die Entscheidung zu gehen
habe sie gelehrt, Veränderungen zuzulassen
und ihren eigenen Platz zwischen zwei Kulturen
zu finden.
*Name von der Redaktion geändert
01/ 2026 CHANGE
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Ein Mutterherz
zwischen zwei Welten
Zwischen Stolz und Sehnsucht: Wie verändert sich das Leben
einer Mutter, wenn das eigene Kind auswandert und sie selbst
zurückbleibt? Diane Königsrainer, deren Tochter am anderen
Ende der Welt lebt, spricht über ihre Gedanken und Gefühle.
VON LARA FRÖHLE
An den Tag der Abreise erinnert sich
Diane Königsrainer noch genau. Auf
den Flughafen kann sie ihre Tochter
nicht begleiten, sie verabschiedet sich
noch zuhause von ihr. „Das waren
mir zu viele Emotionen“ sagt die 59-Jährige
heute – mit Tränen in den Augen. „Die Ungewissheit,
wann und ob ich sie wieder sehen werde, war
zu schwer“. Der Gedanke daran, nicht bei ihrer
Tochter zu sein, um sie zu unterstützen, falls dies
notwendig wäre, ist schmerzhaft.
In den ersten Tagen nach der Abreise spürt die
vierfache Mutter die Abwesenheit besonders
stark. Die aktive und kreative Art ihrer Tochter
fehlen ihr, und eine ungewohnte Leere folgt. Ihre
anderen Kinder helfen ihr in diesen Tagen viel.
Durch sie hatte sie weiterhin Gewohnheit im Alltag.
„Wäre sie das einzige Kind gewesen, hätte es
sich vermutlich noch schwerer angefühlt“, vermutet
die Schwäbin. Auch heute noch fällt das
Fehlen ihrer Tochter auf, besonders an Familienfeiern
oder Festen. „Familienmitglieder fehlen immer“,
sagt sie.
Wenn Diane Königsrainer ans Elternsein
denkt, dann erfüllt es sie mit Stolz. Für sie ist es
eine Herzensangelegenheit, ihre Kinder wachsen
zu sehen. Dabei spielen Alter und Distanz keine
Rolle für sie. Die gelernte Schneiderin ist vierfache
Mutter von bereits erwachsenen Kindern. Zwei ihrer
Kinder wohnen noch zuhause, ihre älteste
Tochter zog in die Schweiz – und ihre jüngste
Tochter Tanja Königsrainer beschloss, nach Australien
auszuwandern. Bei ihrer Work-and-Travel-
Reise durch das Land im Jahr 2017 lernt die
damals 20-Jährige ihren jetzigen Partner kennen.
Durch die Reisebestimmungen während des
Corona-Virus kehrt die junge Erwachsene zunächst
wieder in ihre Heimat zurück. Doch nachdem
ihre Fernbeziehung über die Jahre bestehen
blieb, entschied sie 2022, zu ihrem Partner nach
Australien zu ziehen. Für ihre Mutter war das, obwohl
es absehbar war, zunächst ein Schock. Ein
Gefühl, das man vom sogenannten Empty-Nest-
Syndrom kennt – der Traurigkeit, die Eltern empfinden
können, wenn ihre erwachsenen Kinder
aus dem Elternhaus ausziehen. Königsrainer fragt
sich voll Sorge, ob sie ihre Tochter überhaupt jemals
wieder sieht. Schließlich ist eine Reise in das
16.000 Kilometer entfernte Land deutlich kostspieliger
als eine Reise zu ihrer ältesten Tochter in
die Schweiz.
„Ich weiß, dass es
ihr gut geht und sie
glücklich ist, und
dadurch geht es
mir auch gut.“
„Ich war schon immer weltoffen und wollte,
dass meine Kinder die Welt erkunden können.
Aber, dass sie einmal so weit entfernt hängen bleiben
hätte ich nicht gedacht“, erklärt sie.
Mittlerweile hat sie gelernt, mit der Situation
umzugehen, auch wenn sich ihre Gefühle phasenweise
ändern. „Wenn man zu viel darüber
nachdenkt, dann zermürbt es einen“, beschreibt
sie. Die Tatsache, dass sich ihr Verhältnis zueinan-
Diane Königsrainer ist stolz auf ihre Tochter. Bild: Privat
der durch den Umzug nicht verändert hat, macht
die Situation für Königsrainer aber gut erträglich.
Die Beiden haben mit Video-Calls und Nachrichten
ihren eigenen Weg gefunden, eng miteinander
in Kontakt zu bleiben. Nicht einmal die Zeitverschiebung
von neun Stunden stellt für das
Mama-Tochter-Duo ein Problem dar. Und bereits
2024 gab es ein Wiedersehen – bei einem vierwöchigen
Heimatbesuch ihrer Tochter Tanja mit deren
Freund.
Wenn Diane Königsrainer anderen davon erzählt,
dass ihre Tochter in Australien wohnt, wird
sie oft bedauert. Sie selbst findet nicht, dass sie bedauert
werden muss. Sie macht das Beste aus der
Situation und sieht es positiv, denn dadurch wird
sie dieses Jahr selbst das erste Mal nach Australien
reisen. Eine Erfahrung, die sie ansonsten vermutlich
nie gemacht hätte. Sie findet, dass die Freude
umso größer ist, wenn man sich nach langer Zeit
dann doch wieder sieht: „Man genießt die Zeit
miteinander dann viel intensiver.“
Muttersein bedeutet für sie, dass sie ihren Kindern
eine gute Grundlage für das Leben gegeben
und wichtige Werte vermittelt hat – den Rest
schaffen die Kinder allein. Deshalb wünscht sie
ihrer Tochter Tanja auch, dass sie in ihrem neuen
Zuhause ihre eigenen Wurzeln findet: „Ich weiß,
dass es ihr gut geht und sie glücklich ist, und dadurch
geht es mir auch gut.“
Ein Abschied von ihrer Tochter am Flughafen war für Diane Königsrainer zu schwer. Bild: Lara Fröhle
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