28.01.2026 Aufrufe

MEDIAkompakt Ausgabe 39

Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei. Jede Ausgabe behandelt dabei ein von den Studierenden gewähltes Oberthema.

Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org
Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei. Jede Ausgabe behandelt dabei ein von den Studierenden gewähltes Oberthema.

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DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART

AUSGABE 01/2026 29.01.2026

media

kompakt


2 CHANGE

mediakompakt

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I M P R E S S U M

mediakompakt

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Professor Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift:

Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

Pflichtpraktikum oder Werkstudijob?

Wir suchen ständig Verstärkung!

CHEFREDAKTION

Ulrike Bretz, Corinna Pehar (v.i.S.d.P.)

lb-bretz@hdm-stuttgart.de, pehar@hdm-stuttgart.de

Nicole Fröhlich (CvD) froehlich@hdm-stuttgart.de

TITELSEITE

Johanna Costantini, Dominik Müller, Mona Mößlang,

Acelya Sürer, Valza Jusufi, Alexandra Fischer,

Lara Dragusha, Jana Schiek, Elisabeth Bertsch

REDAKTION UND PRODUKTION

Alle

ANZEIGENVERKAUF

Sheila Serrer, Ann-Christin Liegert, Lara Fröhle,

Marie Winkler, Nhi Ngoc Nguyen

Schau einfach hier nach:

www.klett-sprachen.de/karriere

BLATTKRITIK

Gina-Maria Melito, Joshua Kröner, Franzi Weber,

Ronja Hipp, Johanna Costantini, Livia Heller, Alina Vogel

MEDIA NIGHT

Christina Sagi, Julia de melo coelho Cardoso, Evelin Ernst,

Rafailia Aslanidou, Michael Knoos, Denise Bauer

LEKTORAT

Felix Liebisch, Meryam Tergui, Alexandra Funk, Alisa Wild,

Laura Bernhardt, Ellen Gekeler, Salsabil Ghattas, Annika

Beineke, Isabel Opitz

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft

GmbH & Co. KG

Böblinger Straße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

Dich erwarten spannende Einblicke in der

Planung und Umsetzung von Werbemaßnahmen,

die Konzeption und Erstellung von Social-Media

Beiträgen, das Pflegen der Website und vieles mehr.

Das alles in einem netten und kompetenten Team

mit flexiblen Arbeitszeiten und einem

modernen Arbeitsumfeld.

Copyright

Stuttgart, 2026


01/ 2026 CHANGE

3

Wandel in allen Facetten

Liebe Leser:innen,

warum ein Chamäleon? Die besondere Echse ändert nicht nur ihre Farbe, um zu kommunizieren und sich an die veränderten Gegebenheiten in der Umwelt

anzupassen. Sie kann noch viel mehr: Das Tier nimmt mit seinen Augen die Umwelt im 360-Grad-Blick wahr. Genauso werfen wir mit dieser Ausgabe

der Mediakompakt einen Rundumblick auf die vielfältigen Themen, die unsere Studierenden beschäftigen. Wo spüren sie Veränderung in ihrem eigenen

Leben, in ihrer Umwelt? Die Veränderungen in unserer Gesellschaft sind rasanter denn je. CHANGE ist allgegenwärtig.

Der Hefteinstieg zeigt aktuelle Diskurse: Es geht um die Rolle der Geschlechter, der Sprache und der Kunst. Wie fühlt es sich an, im Lotto zu gewinnen oder

vor einer immer kleiner werdenden Gemeinde zu predigen? Was verändert sich in den Lüften – für Pilot:innen oder Greifvögel? Wie reagiert die Natur auf

den Klimawandel, kann der Mensch beim Städtebau wirksam werden? Und was verrät eigentlich der Müll über uns?

Die Heftmitte widmen wir dem Körper und seinen Veränderungen: Was passiert nach einem Schlaganfall, einer Krebserkrankung oder einer Drogensucht?

Wie arbeitet es sich täglich zwischen Leben und Tod als Notfallsanitäterin? Auch freiwillige Bodymodifications sind ein Thema in dieser Ausgabe, ebenso

wie die Wirkung von Burlesque auf Körper und Geist. Und da sich nichts so schnell ändert wie die digitale Welt, schauen wir beim Thema CHANGE natürlich

auch auf Deepfakes und das Phänomen BookTok.

Ein großer Part beschäftigt sich mit dem Wandel in Biografien: Vom Studienfach- und Berufswechsel über das Erleben von Change Management bis hin

zum Ruhestand. Aber was ist eigentlich, wenn sich gar nichts verändert? Auch NO CHANGE ist ein Thema.

Am Ende packen wir die Koffer und schauen auf das Reisen als Dauerzustand, beleuchten ein Auslandsstudium und verfolgen die Spuren einer alleinerziehenden

Mutter, die den Schritt von Vietnam nach Deutschland wagt. Was am Ende nicht fehlen darf: Wie geht es denen, die zurückbleiben?

Viel Spaß bei der Lektüre – auch Lesen kann verändern!

Die Chefredaktion

Ulrike Bretz und Corinna Pehar

INHALT

3 Editorial

Vom Wandel, der unsere Autor:innen beschäftigt

4 Change? Von wegen.

Warum Machtverschiebungen zuerst Frauen treffen

5 What a man

Wie erleben junge Menschen Männlichkeit?

6 Queer. Loud. Local.

Über eine FLINTA*-Community in Stuttgart

7 Sprachwandel? Das crazy.

Was Jugendsprache über Identität verrät

8 Zeugen der Stille

Wie ein Museum die Kolonialzeit aufarbeitet

9 Gestickte Existenz und Erinnerung

Stickkunst aus Palästina zeigt mehr als Schönheit

10 Es ist Kirche, und Keiner geht hin?

Ein Pfarrer über Wandel in seiner Gemeinde

11 „Mama, du musst nie wieder arbeiten!“

Wie ein Lottogewinn das Leben verändert

12 Völlig losgelöst von der Angst

Ein Pilot über Flugangst-Videos in Social Media

13 Auge in Auge mit Eulen

Über das Kulturerbe der Falknerei

14 Ein Wald, der immer Wald bleibt

Wenn eine Forstwirtin dem Wald zuhört

15 Stille Invasion im Hochland

In Schottland ist der Klimawandel sichtbar

16 Der Friedhof der Dinge

Was unser Müll über die Gesellschaft verrät

17 „Schon wieder so ein Klimaheini“

Eine Aufgabe zwischen Idealismus und Bürokratie

18 Architektur im Umbruch

Wie junge Architekt:innen das Bauen neu denken

20 Eine Nacht, die bleibt

Wenn der eigene Vater einen Schlaganfall erleidet

22 Blaulicht als Berufung

Ein Traumjob zwischen Leben und Tod

23 Mut zur Gruppe

Gemeinschaft hilft bei Abhängigkeitserkrankungen

24 Ein mutiger Weg voller Stärke

Eine Brustkrebs-Betroffene erzählt

25 Lenas Weg zurück ins Leben

Krebs mit 17 – was nun?

26 Vorurteil im Kopf. Kunst unter der Haut.

Bodymodifikationen: Eine Frau verschiebt Grenzen

27 Ein Tanzschritt zum Mut

Mit Burlesque Körper und Seele verändern

28 Veränderung auf Knopfdruck

Deepfakes lassen sich nicht mehr aufhalten

29 Heute Autor:in, heute Influencer:in

Eine Autorin über die Auswirkungen von #BookTok

30 Mut zum Studienwechsel

Wertvolle Tipps von der HdM-Studienberaterin

31 Selbstständig leben

Ein HdM-Absolvent über seinen Berufsweg

32 Von Chaos zu Klarheit

Über Change Management in Unternehmen

33 Sich finden heißt riskieren

Ein mutiger Sprung in die Selbstständigkeit

34 Stillstand? Von wegen!

Gekommen, um zu bleiben: Über NO CHANGE

35 Zwischen Freiheit und Verlust

Der Abschied aus dem Arbeitsleben

36 Leben im endlosen Aufbruch

Wie fühlt sich Reisen als Dauerzustand an?

37 Neues Land. Neues Ich?

Eine junge Frau zieht nach Dänemark

38 Was bleibt, wenn man geht?

Der Weg von Vietnam nach Deutschland

39 Ein Mutterherz zwischen zwei Welten

Wenn die Tochter nach Australien auswandert


4 CHANGE

mediakompakt

Change? Von wegen.

Überall ist von „Change“ die Rede, doch für viele Frauen bedeutet Wandel vor allem Angst, Gewalt

und verlorene Rechte. Warum Machtverschiebungen zuerst Frauen treffen, erklärt die Journalistin

Natalie Wenger von Amnesty International Schweiz.

VON MERYEM TERGUI

Change gilt als Versprechen und bedeutet

meistens Fortschritt und Erneuerung.

Doch wer genauer hinsieht, erkennt

ein anderes Bild. Auch Natalie

Wenger, Länderverantwortliche bei

Amnesty International Schweiz, beobachtet seit

Jahren, dass Schlagworte wie „Empowerment“

und „Gleichstellung“ nicht verhindern, dass

Frauen weltweit massive Rückschritte erleben –

und das nicht nur dort, wo Kriege toben und autoritäre

Regime herrschen. Für sie ist klar: „Es gibt

Signale, die wir nicht ignorieren dürfen.“

Der Rollback beginnt nicht in Kriegsgebieten,

sondern im Netz, in der Popkultur und in der

Sprache – ein Trend, den auch die Expertin bestätigt.

In den USA haben konservative Mehrheiten

sichere Schwangerschaftsabbrüche zurückgedrängt,

Frauenrechte relativiert und sexualisierte

Gewalt normalisiert. Parallel verschiebt sich die

digitale Kultur in TikTok-Trends und Memes, die

Misogynie verstärken. Nach Donald Trumps

Wahlsieg trendete der Hashtag #YourBodyMy-

Choice, den der rechtsextreme Influencer Nick

Fuentes populär machte, indem er den feministischen

Slogan #MyBodyMyChoice bewusst verdrehte.

Viele junge Männer teilten ihn wie ein

Meme, das Gewaltfantasien als Humor verkaufte

und vermittelte: Frauenkörper sind wieder verhandelbar.

Diese Rhetorik schafft ein Klima, in

dem weibliche Unterordnung gefeiert wird und

populistische Männerfiguren Frauenverachtung

als Stärke darstellen. Die Kontrolle über den weiblichen

Körper wird erneut als legitimer Teil gesellschaftlicher

Machtspiele verstanden.

Dass diese Entwicklungen kein Zufall sind,

zeigt ein Blick in die Regionen, in denen politigungen,

in denen toxische Männlichkeitsfantasien

zur Identifikationspolitik und Frauenrechte

als Bedrohung inszeniert werden.

Wenger betont zudem die Verantwortung der

Männer. Sie erklärt, es seien nicht „einige wenige“,

die sexualisierte Gewalt ausübten – das System

funktioniere vielmehr, weil zu viele Männer

schwiegen. Dass Frauen sich weltweit vernetzen

und ihre Erfahrungen sichtbar machen, sei ein

Grund zur Hoffnung. Doch echte Veränderung erfordere,

dass Männer Verantwortung übernehmen.

Demonstration für Frauenrechte. Bild: Getty Images/KI generiert

sche Umbrüche brutal sichtbar werden – ein Muster,

das Wenger seit Jahren beobachtet. Die Taliban

haben in Afghanistan Frauen fast vollständig

aus dem öffentlichen Leben verdrängt: keine Bildung,

keine Arbeit, keine Bewegungsfreiheit. Im

Sudan setzen Milizen der Rapid Support Forces

(RSF) sexualisierte Gewalt gezielt als Waffe ein,

um Frauen zu demütigen, zu vertreiben, zu kontrollieren

und soziale Strukturen zu zerstören.

Frauen sind häufig diejenigen, die am wenigstens

Ressourcen haben, strukturell benachteiligt und

ökonomisch abhängig sind und Care-Arbeit leisten.

Doch wieso ist das so?

Hier setzt die Analyse der Menschenrechtsexpertin

an. Sie weist darauf hin, dass Rückschritte

oft im Kleinen beginnen – in Sprache und Rhetorik.

Wie über Frauen gesprochen wird, entscheide

maßgeblich darüber, welche Rechte ihnen am Ende

blieben. Wenger warnt zudem, dass Frauenrechte

häufig instrumentalisiert würden, um politische

Ziele durchzusetzen. Autoritäre Systeme

neigten ihrem Befund nach dazu, aktive und politisch

beteiligte Frauen als Bedrohung wahrzunehmen

und mit Einschränkungen und Verboten zu

reagieren. „Sexualisierte Gewalt wird in Konflikten

eingesetzt, um Dominanz auszuüben und

ganze Gesellschaften zu brechen. Sie ist eine der

stärksten Waffen, welche Frauen dazu bringt, aus

Angst vor erneuter Verletzung und Stigmatisierung

zu fliehen.“

Die Mechanismen dahinter sind bekannt: Wer

Frauen aus Bildung und Öffentlichkeit verdrängt,

zerstört Widerstand. Wer ihre Körper kontrolliert,

kontrolliert ihre Zukunft. Wer sie zum Schweigen

bringt, verhindert politisches Handeln. Auch in

Demokratien entstehen gefährliche Gegenbewe-

„Wir alle tragen politischen

Wandel mit. Vor

allem Männer müssen

den Schutz von Frauenrechten

zu ihrem

eigenen Ziel machen.“

Am Ende bleibt die Frage, welchen „Change“

wir eigentlich wollen. Wenn Wandel bedeutet,

dass Frauen weniger Rechte haben als zuvor, ist

das dann Fortschritt? Oder nur ein neuer Name

für alte Unterdrückung? Vielleicht beginnt Wandel

dort, wo wir nicht länger akzeptieren, dass

Frauen den Preis politischer Entscheidungen zahlen,

sondern fragen, wem dieser Wandel dient –

und wen er verletzt.

Bild: Getty Images/KI generiert.


01/ 2026 CHANGE

5

What a man

Wie erleben junge Menschen heute Männlichkeit? Unsere Umfrage zeigt: Zwischen alten Erwartungen

und neuen Möglichkeiten suchen Studierende nach eigenen Wegen und stellen traditionelle

Männlichkeitsbilder grundlegend infrage.

VON FRANZISKA WEBER

Wann ist ein Mann ein Mann?“

Diese Frage stellte Herbert Grönemeyer

bereits 1984 in seinem

Song „Männer“ und trifft damit

bis heute einen Nerv.

Während sich geschlechtliche Kategorien öffnen,

Rollenbilder aufweichen und Identitäten

fluider werden, melden sich gleichzeitig im Internet

lautstarke Gegenstimmen zu Wort. Influencer

wie Andrew Tate oder Akteure der neuen Rechten

berufen sich auf ein „traditionelles“ und oft sehr

starres Bild von Männlichkeit. So entsteht eine

Diskussion über Macht, toxische Männlichkeit

und ein Über-Ego, das kaum Raum für Zwischentöne

lässt.

Im Rahmen der Mediakompakt wurde an der

Hochschule der Medien eine Umfrage durchgeführt.

Die Umfrage wurde von 40 Studierenden

ausgefüllt, das Alter der Befragten lag zwischen 18

und 33 Jahren.

Mann muss feministisch sein, muss sich für Frauen-

und Queerenrechte einsetzen und seine

Männlichkeit absolut in Frage stellen, bis hin dazu,

sie am besten komplett in die Tonne zu werfen.“

Die Soziologin Susanne Kaiser beschreibt das

„Im Augenblick, wo

Männlichkeit nicht

mehr mit Attributen

wie Aggression, Gewalt

und Wut verbunden

ist, ist es keine Männlichkeit

mehr.“

Was bedeutet Männlichkeit für euch?

Viele verbinden den Begriff Männlichkeit vor allem

mit Eigenschaften, die sie kritisch betrachten:

Aggression, Dominanz, Härte oder emotionale

Verschlossenheit. Gleichzeitig äußerten 14 Personen

grundsätzliche Skepsis gegenüber der Idee,

Männlichkeit überhaupt definieren zu müssen.

Ein 23-jähriger Teilnehmer bringt es auf den

Punkt: „Ich fühle mich selten männlich, meistens

einfach wie ich selbst.“

Die Antwort der männlich gelesenen Personen

zeigen auch den Druck, der mit Männlichkeit

einhergeht. Einige fühlen sich in Situationen, in

denen Stärke, Selbstbewusstsein oder Leistungsfähigkeit

erwartet werden, besonders „männlich“.

Nicht weil sie sich damit identifizieren, sondern

weil die Rolle von ihnen gesellschaftlich erwartet

wird.

Der Männerforscher Christoph May betont,

dass genau dort Veränderung beginnen muss:

Männer orientieren sich vor allem an Männern

und reproduzieren Normen untereinander. May

ist Männerforscher, Berater und Dozent. Er hat

2016 gemeinsam mit der Schriftstellerin Marie

Louise May das Institut für Kritische Männerforschung

gegründet. Im März 2025 war er zu Gast

bei dem Podcast „Männer weinen heimlich“. Dort

sagte er in seiner gewohnt pointierten Art: „Ich

persönlich kann nicht verstehen, warum Männer

das nicht als Chance begreifen, warum stürmen

sie nicht los und sehen alle aus wie Harry Styles

und experimentieren mit fluiden Sexualitäten

und ‚Geschlechterbildern‘?“

In dem Gespräch wurde May auch gefragt, was

ein „echter Mann“ heute sein müsste: „Ein echter

Wann ist ein Mann ein Mann?

Bild: Franziska Weber

System Männlichkeit ähnlich: Die Umfrage zeigt,

dass viele Studierende ähnliche Vorstellungen haben:

Männlichkeit soll per se nicht abgeschafft

werden, aber sie soll niemandem zwanghaft auferlegt

und menschlicher werden. Gewünscht werden

emotionale Offenheit, Selbstreflexion, Respekt,

Gleichberechtigung und flexiblere Rollenbilder.

Theoretisch lässt sich das gut mit Judith Butlers

Konzept der Performativität verbinden: Gender

entsteht durch Handlungen, nicht durch Natur.

So erklärt sich, warum feste Definitionen heute

kaum noch greifen, während rechte Akteur:innen

versuchen, Männlichkeit wieder starr und

kontrollierbar zu machen. AfD-Politiker Maximilian

Krah etwa propagiert online ein Bild „echter

Männer“, das Härte und Patriotismus idealisiert,

als Gegenmodell zur fluide gelebten Realität vieler

junger Menschen.

Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich:

Junge Menschen wünschen sich ein Leben jenseits

von Schubladen. Einige schreiben, dass sie

sich selten bewusst „männlich“ fühlen, weil das

Wort für sie kaum Bedeutung hat.

Andere wünschen sich mehr Freiheit, sich

selbst zu entdecken, egal, ob sie Sport machen, kochen,

weinen oder Verantwortung übernehmen.

Oder, um es mit den Worten eines Teilnehmers zu

sagen: „Ich will nicht männlicher sein. Ich will

einfach ich sein.“

May findet die passenden Worte: „Männer

können heute alles sein, was sie wollen. Es gibt so

viele Geschlechter wie es Menschen gibt.“ Ein

Leitbild, das nicht nur theoretisch, sondern auch

praktisch zunehmend Resonanz findet.


6 CHANGE

mediakompakt

Queer.

Loud.

Local.

Während die politische Stimmung

weltweit immer rauer

wird, wächst in Stuttgart eine

FLINTA*-Community, die

Sichtbarkeit schafft. Eine Frau

hat sie aufgebaut - und zeigt,

wie Engagement und Wandel

aussehen können.

VON ISABEL OPITZ

Als Tanja Rademacher vor über zehn

Jahren nach Stuttgart zieht, findet sie

Vieles vor – aber kaum Räume für

FLINTA*. Zwar gibt es vereinzelt

Clubs, Bars und Veranstaltungen,

aber ein sichtbares, lebendiges Angebot, speziell

für queere Frauen, nicht-binäre oder trans* Personen?

Fehlanzeige. Das ist heute anders. Der

Grund dafür: Eine Frau, die den Wandel mit angestoßen

hat, ohne es je geplant zu haben.

Ihre Inspiration bringt Rademacher aus den

USA mit. Nach dem Abitur arbeitet sie dort zwei

Jahre als Au-pair und studiert weitere zwei Jahre.

In Washington D.C. – eine „ultra-queere Stadt“,

wie die 36-Jährige sagt – war sie oft auf Veranstaltungen

und hat gemerkt, wie wichtig solche Räume

sind. Diesen Spirit nimmt sie mit zurück nach

Deutschland.

Dort muss sie allerdings feststellen, dass es

kaum Orte für FLINTA* gibt. Also beschloss Rademacher,

diesen Ort selbst zu schaffen. 2021 be-

Community-Organisatorin Tanja Rademacher. Bild: Privat

ginnt sie in Zusammenarbeit mit einer Bar, „Princess

Charming“, ein FLINTA*-Datingformat, öffentlich

zu zeigen.

Was als kleine Idee startet, wird schnell zu einem

großen queer-feministischen Treffpunkt der

Stadt. Heute kommen bis zu 300 Menschen zu

den Viewings. Alles FLINTA*, die lange nach einem

solchen Angebot in der Stadt gesucht haben.

Um die stetige Nachfrage aufzufangen, gründet

Rademacher eine Whatsapp-Community. Aus

einer Veranstaltungsgruppe entstehen bald weitere

Untergruppen: ein Stammtisch, ein Buchclub,

Dating-, und Bouldergruppen. Heute sind fast

1000 Menschen dabei und die Gründerin kümmert

sich fast allein um die Gruppe.

„Ich wollte einen Raum für FLINTA* schaffen,

weil er mir persönlich gefehlt hat. Das war anfangs

eigentlich meine einzige Intention“, verdeutlicht

Rademacher.

Raum bedeutet für die Key-Account-Managerin

vor allem: ein Safe Space. „Wo man sein kann,

wie man ist, ohne Wertung. Ich kann anziehen,

was ich will, essen was ich will, trinken was ich

will, lieben wen ich will, und keiner macht mich

dumm an.“ Dass das nicht selbstverständlich ist,

zeigt der Alltag der Community-Organisatorin.

Fremde cis-Männer, welche sich ungefragt an

FLINTA*-Tische setzen, Personen, welche Mitglieder

innerhalb der Gruppe ungefragt anschreiben.

Hier reagiert Rademacher konsequent – mit klaren

Regeln und schnellen Ansagen. Denn sie findet,

Safe Spaces, queere und FLINTA*-Räume müssen

aktiv geschützt werden.

Inzwischen hat sich die Stimmung in der Gesellschaft

verändert. Viele Mitglieder äußern Sorgen

über den gesellschaftlichen Rechtsruck, berichten

von wachsender Unsicherheit im öffentlichen

Raum. Zugleich wächst der Wunsch nach

Zusammenhalt, Aktivismus und besonders Sichtbarkeit.

Rademacher selbst nimmt an Demonstrationen

wie dem Christopher Street Day oder der

Trans-Pride teil. Außerdem postet sie auf ihrem

Instagram Kanal (@where_the_girls_go) regelmäßig

und so viel sie kann über queere Themen,

Events und Demonstrationen. Sich offen zu zeigen

ist Rademacher besonders wichtig.

Sie betont: „Wir müssen jetzt mehr denn je

Queerness zeigen“.

Bild: Pixabay

Dennoch nimmt die Organisatorin die Szene

in Stuttgart als überwiegend inklusiv wahr. Trans*

Personen, nicht-binäre Menschen, Lesben – auf

ihren Veranstaltungen sitzen alle gemeinsam an

einem Tisch oder feiern ausgelassen. Von einer

Zersplitterung innerhalb der Community spürt

sie wenig. Im Gegenteil. Menschen finden hier

neue Freundschaften, vernetzen sich oder lernen

sogar ihre Beziehungsperson kennen.

Für die Zukunft hat Rademacher keine großen

Pläne. Oder doch? „Mehr Menschen sind natürlich

immer cool. Auf Whatsapp darf man 5000

Menschen in der Gruppe haben“, sagt sie. Und

man spürt: Dahinter steckt ein leiser Optimismus.

Die Hoffnung, dass Sichtbarkeit Wandel schafft.

Und dass sich eine Stadt verändern kann, wenn

einfach jemand anfängt.

FLINTA* ist die Abkürzung für Frauen, Lesben,

inter*-, nicht-binäre, trans* und

agender* Personen. Das Sternchen (*)

steht für weitere Identitäten, die nicht

genannt sind, aber von geschlechtsspezifischer

Diskriminierung betroffen sind.

Queer ist ein Sammelbegriff für Menschen,

die nicht heterosexuell oder cisgender

sind. Es dient auch als Selbstbezeichnung

für eine Identität jenseits von

Normen.

Cis-Mann: Person, der bei der Geburt das

männliche Geschlecht zugewiesen wurde

und sich auch als Mann identifiziert.

Nicht-binäre (engl.: non-binary) Menschen

verstehen sich außerhalb der binären Geschlechterordnung.

Ihre Geschlechtsidentität

ist also nicht ausschließlich

männlich oder weiblich.

trans* Personen sind Menschen, denen

bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen

wurde, das nicht ihrer Identität entspricht.


01/ 2026 CHANGE

7

Sprachwandel?

Das crazy.

Bild: Marie Winkler

Sprache wandelt sich ständig. Was Jugendsprache über Identität verrät und warum Wandel kein

Grund zur Sorge ist, erklärt Dr. Fabian Bross. Er ist Linguist und wissenschaftlicher Mitarbeiter an

der Universität Stuttgart.

VON MARIE WINKLER

Goofy“, „Aura“ und „das crazy“: Die

Gewinner der Jugendworte der letzten

Jahre zeigen, welche Sprachtrends

gerade durch Feeds und

Schulhöfe wandern. Der Wettbewerb

soll sichtbar machen, was die jüngeren Generationen

bewegt. Und er erzählt, wie sich Sprache

verändert.

„Jugendsprache ist keine eigenständige Sprache.

Sie ist eine Variante einer anderen Sprache“,

erklärt Fabian Bross. Die Jugend sucht ihren eigenen

Ausdruck. Abgrenzen. Zeigen, wer man ist.

„Man möchte in dieser Phase seine Identität

schaffen“, führt der Linguist weiter aus. Deshalb

sei Jugendsprache regional und gruppenspezifisch.

Das für multiethnische Großstädte typische

„Kiezdeutsch“ vermische etwa viele verschiedene

Sprachen.

Und wie entstehen neue Jugendwörter? Das

sei ein kreativer Prozess. Oft deuten Jugendliche

bestehende Begriffe um oder übernehmen sie aus

anderen Sprachen. Manchmal nutzen sie Lautmalerei.

Das heißt, sie ahmen Geräusche sprachlich

nach. Im „Kiezdeutsch“ ändere sich sogar

die Wortstellung. Das geschehe aber nicht zufällig.

„Kiezdeutsch hat eine Grammatik, die man

untersuchen kann, die ganz strengen Regeln

folgt“, erklärt Bross. Die sozialen Medien hätten

diesen Prozess nicht verändert, sondern nur beschleunigt.

Sprachwissenschaftler Dr. Fabian Bross. Bild: Privat

Als Beispiele nennt Bross „geil“ und „nichtsdestotrotz“.

„Geil“ bedeutete ursprünglich

„fruchtbar“. Zwischenzeitlich hatte es einen sexuellen

Unterton. Heute heißt es schlicht „super“.

Gerade dieser Tabu-Charakter machte es für Jugendliche

spannend. „Nichtsdestotrotz“ wurde

im 19. Jahrhundert von Studierenden als Witz

ins Leben gerufen und wirkt heute fast schon

gehoben.

Manche Jugendwörter werden von anderen

Gruppen übernommen. Andere verschwinden

wieder. Das sei abhängig vom Prestige, das von einem

Wort ausgeht. „Das möchte man auf sich

selbst übertragen“, teilt Bross mit. Oder man übernehme

ein Wort, weil man es als cool empfindet

oder sich darüber lustig macht. Der Witz geht verloren,

das Wort bleibt. Zudem trügen Jugendliche

die Begriffe automatisch ins Erwachsenenalter.

„Man ist nicht dumm,

nur weil man

anders spricht.“

Dass Jugendliche Sprache neu erfinden, ist

nichts Neues. Bross bestätigt: „Sprachwandel gab

es schon immer und wird es immer geben. Und es

wird immer Leute geben, die darauf schimpfen

werden.“ Und was sagt das über die heutige Jugend

aus? Nichts. „Man ist nicht dumm, nur weil

man anders spricht“, führt Bross fort. Wichtig sei

nur, dass junge Menschen lernen, ihre Sprache an

die Situation anzupassen. Mit Freunden spreche

man schließlich anders als mit einer Richterin.

Sprachwandel gibt es auch in der deutschen

Gebärdensprache (DGS). Vor allem nicht-hörende

und schwerhörige Menschen nutzen die DGS.

Laut der Bundesfachstelle Barrierefreiheit sprechen

sie in Deutschland rund 200.000 Menschen.

Etwa 80.000 von ihnen sind gehörlos. Gebärdenund

Lautsprachen seien dabei gar nicht so verschieden.

„Sie unterscheiden sich nur darin, dass

die einen Sprachschall produzieren und die anderen

Bewegungen mit Händen, Armen, Körper,

Kopf und Gesicht“, merkt Bross an.

Auch in der DGS entsteht Jugendsprache. Der

Prozess ähnele dem in der Lautsprache. Der einzige

Unterschied sei die körperliche Komponente.

Die Gebärde „spring-drauf“ bedeutet „bei einer Handlung,

die eine andere Person ausführt, dabei sein (wollen).“

Bild: Fabian Bross/Marie Winkler

Dadurch entstehen Gebärden wie „spring-drauf“.

Ursprünglich bedeutete sie „auf etwas springen“.

Heute nutzen Jugendliche sie bildlich für „bin dabei“.

Dabei stellen Zeige- und Mittelfinger die Beine

einer springenden Person dar.

Dass Jugendwörter aus der Laut- in die Gebärdensprache

übernommen werden, komme selten

vor. „Es gibt eine gewisse Beeinflussung der Gebärdensprache

durch die Lautsprache“, schildert

Bross. „Hier gibt es aber auch eine Gegenbewegung.

Bei der die Leute sagen: ‚Wir haben unsere

eigene Kultur, wir möchten uns von der Lautsprache

abgrenzen‘.“

Grundsätzlich sei die DGS noch nicht ausreichend

erforscht, betont Bross. Die Jugendsprache

der DGS noch weniger. „Aufklärung über Gebärdensprache

und Gehörlosigkeit ist immer wichtig“,

findet der Sprachwissenschaftler. Inhalte für

die Deaf Community gibt es auf dem Instagram-

Account „Hand drauf“. Dieser gehört zu Funk,

dem Content-Netzwerk für junge Menschen von

ARD und ZDF. Dort wird auch die Gebärde des

Jahres gekürt. Sie zeigt, dass junge Gehörlose eigene

Trends setzen. Ihre Sichtbarkeit bleibt dennoch

begrenzt.

Checkst du?


8 CHANGE

mediakompakt

Das Museum Fünf Kontinente in München wurde 1862 gegründet und 1868 für das Publikum geöffnet. Damit ist es das älteste ethnologische Museum Deutschlands. Bilder: Nicolai Kästner

Zeugen der Stille

Völkerkundemuseen erleben einen tiefgreifenden Wandel. Dr. Richard Hölzl vom Museum Fünf

Kontinente in München beschreibt, wie sein Fachgebiet dabei hilft, die Kolonialzeit aufzuarbeiten –

und warum ein einfacher Holzlöffel wichtiger sein kann als eine prächtige Bronze.

VON LIVIA HELLER

Hinter den glänzenden Vitrinen ethnologischer

Museen verbergen sich

Kapitel globaler Geschichte, die

nach Aufarbeitung verlangen. Das

brisanteste Beispiel ist die Rückgabe

der Benin-Bronzen. 1897 plünderten britische

Truppen den Königspalast in Benin City, nahmen

etwa 6.000 Kunstwerke mit und verkauften sie in

alle Welt. Viele landeten in deutschen Museen.

2022 gab Deutschland die Eigentumsrechte für einen

Großteil der mehr als tausend Objekte an Nigeria

zurück. Nach Angaben des Ministeriums für

Wissenschaft, Forschung und Kunst übereigneten

Baden-Württemberg und Stuttgart 70 Stücke aus

dem Linden-Museum; 24 davon bleiben als Dauerleihgabe

vor Ort. Dennoch wurden, laut Wolfram

Weimer, dem Beauftragten der Bundesregierung

für Kultur und Medien, bis heute erst 22 der

Benin-Bronzen aus deutschen Sammlungen tatsächlich

physisch übergeben. Das erbaute Museum

of West African Art in Benin City konnte im

November 2025 wegen Protesten nicht eröffnet

werden. Wann es seine Türen öffnet, ist ungewiss.

Die fachliche Grundlage für jede Rückgabe liefert

die Provenienzforschung. Richard Hölzl ist

seit 2023 für genau diese Aufgabe am Museum

Fünf Kontinente zuständig. Der Historiker und

Privatdozent erforscht, wie die Objekte nach

München kamen und macht ihre Geschichte in

Ausstellungen sichtbar. Ein zentraler Teil seiner

Arbeit ist der frühe direkte Kontakt zu den Herkunftsgesellschaften.

Das Münchner Haus ist im Besitz von rund

160.000 Objekten. „Ein gutes Drittel stammt aus

kolonialen Kontexten“, sagt Hölzl. Anfragen aus

den Herkunftsländern haben absoluten Vorrang –

ganz gleich, ob es sich um ehemals deutsche, britische

oder französische Kolonien handelt. Der erste

Schritt sei immer derselbe: Inventarbücher werden

mit der realen Sammlung abgeglichen. Ergebe

sich ein konkreter Forschungsbedarf, werden die

Menschen vor Ort von Anfang an eingebunden:

„Sie haben den klarsten Blick auf ihre eigene Kultur

und entscheiden mit, welche Objekte für sie

am wichtigsten sind.“

Mit den Herkunftsgesellschaften zusammenarbeiten

Ein Besuch in Jaunde, der Hauptstadt Kameruns,

im April 2025 macht das besonders deutlich. Zusammen

mit seinem Kollegen Dechanel Tankeu

zeigte Hölzl traditionellen Oberhäuptern, Museumsmitarbeitenden

und Kulturfachleuten einen

Katalog mit Objekten aus der Region. Schnell fokussierten

sich die Gespräche auf spezielle Stücke

– darunter auch geschnitzte Holzlöffel. Für europäische

Augen ein netter Alltagsgegenstand. Für

die Beti, eine ethnische Gruppe in Südkamerun,

war ein solcher Löffel aber eine Art Visitenkarte:

Die Schnitzereien verrieten Familie und Rang.

„Ich hätte vorher nicht den Fokus auf die Löffel

gelegt, ehrlich gesagt“, gibt Hölzl zu. So rückten

Objekte, die jahrzehntelang im Magazin vergessen

gewesen wären, plötzlich ins Zentrum.

Ebenso wichtig war den Kameruner Partner:innen

ein in Deutschland vergessenes Massaker

von 1907: Deutsche Kolonialtruppen hatten

mehrere Oberhäupter ohne Prozess hingerichtet,

Rituale verboten, Kulturgüter geraubt. In der

deutschen Forschung taucht das Ereignis kaum

auf, in Jaunde trägt ein ganzes Stadtviertel bis

heute den Namen „Meer des Blutes“. Die Gesprächspartner:innen

wollten, dass diese Geschichte

endlich ihre gebührende Aufmerksamkeit

bekommt.

Für Hölzl ist das der entscheidende Perspektivwechsel.

Lange Zeit wurden außereuropäische

Sammlungen nach eurozentrischen Kategorien

sortiert und gedeutet. „Kategorisieren ist das Prinzip

jeder Forschung“, sagt er. „Aber wir müssen

aufhören, die Deutungshoheit für uns zu beanspruchen.

Der Game Changer ist, dass wir uns als

Verbindungsglied sehen – nicht als Zentrum.“

Provenienzforschung aus Europa solle vor allem

Informationen für die Expert:innen vor Ort liefern.

Die Deutung eines Objekts, so Hölzl, könne

nie endgültig abgeschlossen sein.

Rechtlich bleibt die Lage in Deutschland komplex.

Die Bundesrepublik hat kein Restitutionsrecht,

welches die Rückgabe von Kulturobjekten

regelt. Laut Hölzl beruhen Rückgaben auf Verhandlungen

und dem Dialog zwischen der Bundesrepublik,

den Museen sowie deren Träger:innen

und den Nachfolgestaaten der ehemaligen

Kolonien, als auch den Gesellschaften, die sie vertreten.

Entscheidend sei die genaue Rekonstruktion

des Erwerbskontexts. Liege aus heutiger Sicht

ein unethischer Erwerb vor, komme eine Übereignung

infrage. Dann müssen Provenienzforschende

vermitteln: Sie tragen die Anliegen der Herkunftsgesellschaften

in die deutschen Gremien

und helfen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Ein simpler Holzlöffel aus Kamerun hat gezeigt,

worum es wirklich geht: nicht nur um spektakuläre

Bronzen, sondern auch darum, endlich

zuzuhören.


01/ 2026 CHANGE

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Gestickte Existenz und Erinnerung

Manchmal zeigt eine Kunst nicht nur Schönheit, sondern auch Überleben und Widerstand. Tatreez,

die palästinensische Stickkunst, tut genau das. Sie verändert sich, weil sich die Welt um sie herum

verändert und sie bleibt, weil Menschen sie weitertragen.

VON SALSABIL GHATTAS

Sarah Tobail sagt immer wieder denselben Satz: „Existenz ist Widerstand.“ Genau das sieht man in jedem Stich und jedem

Wandel. In jeder Person, die weiter stickt, obwohl die Welt gerade alles andere als ruhig ist. Bild: Privat

Sarah Tobail hat mit dem Sticken begonnen,

als sie 14 Jahre alt war. Für sie

ist Tatreez kein Zeitvertreib. Es ist Verantwortung,

Gemeinschaft und ein

stilles Erinnern an das, was Generationen

vor ihr schufen. „Ich war schon immer sehr

mit Tatreez verbunden“, erklärt sie. „Doch meine

eingeheiratete Tante aus Al-Quds war sehr bestrebt,

es mir richtig beizubringen.“ Heute ist Tobail

22 Jahre alt. Sie wurde in Deutschland geboren

und wuchs zwischen Kontinenten auf. Wenn

sie heute in Stuttgart Workshops gibt, entsteht

zuerst ein Safe Space für alle, die Interesse an Palästina

und der Kultur haben.

Wer Tatreez anschaut, sieht oft zuerst Muster.

Doch dahinter steckt Geschichte. Vor der Nakba

(die Massenvertreibung 1948 infolge israelischer

Besatzung und Staatsgründung) hatte jede Stadt

Palästinas eigene Motive. Farben und Muster zeigten

Herkunft und Stand.

Viele Motive wurden von den Besatzer:innen verboten.

Frauen versteckten sie in der Stickerei. Bild: Pinterest

Egal, ob Nablus, Tobails Heimatstadt, Gaza oder

Galiläa, alle hatten eigene Farbtöne, eigene Symbole

und Muster. Dann kam 1948 – und damit

auch Verschleppung, Lager und Verlust. Viele

Frauen waren nun gezwungen den Haushalt finanziell

zu unterstützen und ihre Familien damit

zu ernähren. Stickerei wurde zu Einkommen, aber

auch zu einem Ort, an dem Identität überlebte.

Viele Motive wurzeln tief in einem indigenen

Verständnis, sagt Tobail: „Menschen gehören

dem Land, nicht das Land den Menschen.“ Deshalb

spielen Pflanzen so eine große Rolle. Die Zypresse

steht für Schutz und Standhaftigkeit und

Oliven für Verwurzelung und Ausdauer. In Gaza

erzählen Fische von Küste, Nahrung und Kultur.

Aus Nablus kommt das Seifenmotiv, ein Muster,

das sich aus der traditionellen Seifenproduktion

entwickelte und dort neu entstand.

Die darauf folgenden Jahre brachten weitere

Veränderungen. Während der Intifada (die palästinensischen

Aufstände gegen die israelische Besatzung)

wurde Stickerei zu Widerstand. Viele

Motive wurden von der israelischen Besatzung

verboten und Farben kontrolliert. Palästinensische

Flaggen durften nicht mehr erscheinen.

Frauen versteckten deshalb kleine Zeichen in den

Thobe (ein traditionelles palästinensisches Kleid)

und versteckten Zeichen im Stoff, stickten sie

dann ein, damit sie nicht beschlagnahmt wurden.

Dieser Wandel war kaum freiwillig, erzählt Tobail.

Er war erzwungen durch Verbote, Gewalt und die

koloniale Realität, die bis heute besteht.

Doch es gab auch natürliche Veränderungen.

Heiraten zwischen Regionen mischten Motive,

Familien prägten Stile, und Kinder entwickelten

neue Kombinationen. Die Diaspora brachte moderne

Formen hervor, wie Jacken, Taschen und

Ringe. Überall findet man heute Tatreez. Die Motive

reisen weiter, verändern sich, verlieren aber

ihre Wurzeln nicht.

In den letzten zwei, drei Jahren hat sich die

Stickkunst erneut gewandelt, erklärt die Stuttgarterin.

Durch den israelischen Angriffskrieg auf Gaza

sind Menschen weltweit aufmerksamer geworden.

Viele kommen in Tobails Workshops, weil

sie verstehen wollen. Und sie erlebt, dass viele

Teilnehmende – Männer und Frauen – sticken,

um durchzuhalten, während die Nachrichten aus

Gaza schwerer werden. Andere nutzen Tatreez als

Ausdruck und Statement. In der Diaspora entstehen

neue Motive und überall tauchen Muster auf,

die früher nur auf Kleidern zu finden waren. Sarah

Tobail sieht klare Parallelen zur Vergangenheit.

Wieder wird gestickt, um zu beweisen, dass man

existiert, wieder wird weitergegeben, was bedroht

ist und wieder wird eine Tradition zu einem

Schutzraum.

Junge Menschen tragen den Wandel und spielen

dabei eine große Rolle. Sie lernen Motive, Farben

und Geschichte. Sie entziehen Tatreez der

kulturellen Aneignung, indem sie seinen Ursprung

erklären und zeigen, dass ein Mond Bethlehems

mehr ist als ein Schneeflocken-Muster.

Tobail wünscht sich, dass diese Kunst weiterlebt,

ohne sich zu verlieren. Für sie ist klar: „Existenz

ist Widerstand.“ Genau das sieht man in jedem

Stich und jedem Wandel. In jeder Person, die

weiter stickt, obwohl die Welt gerade alles andere

als ruhig ist.

Sarah Tobail wünscht sich, dass diese Kunst weiterlebt,

ohne sich zu verlieren. Bild: Privat


10 CHANGE

mediakompakt

Es ist Kirche, und

Keiner geht hin?

Gesellschaftlicher und demografischer Wandel haben die Mitgliederzahlen

der Kirche schrumpfen lassen. Wie sich aktuelle

Entwicklungen auswirken und wie man in einer traditionellen

Gemeinde Fortschritt einbringt, erzählt ein evangelischer Pfarrer.

VON ANN-CHRISTIN LIEGERT

Die Tür zur Kirche steht offen. Im Innenraum

riecht es nach Zement, und

auf dem Taufbecken liegt die schwarze

Fließjacke eines Bauarbeiters.

Neugierigen Betrachter:innen bietet

sich an diesem Tag ein ungewöhnliches Bild in

der Laurentiuskirche Schönaich. „Nur nicht in

das frisch Gegossene treten“, weist der Pfarrer die

Besucher:innen mit Blick auf den neuen

Boden an.

Ulrich Zwißler ist geschäftsführender Pfarrer

der evangelischen Kirchengemeinde Schönaich,

einem Ort in Baden-Württemberg mit etwa

11.000 Einwohner:innen. Seit 2000 arbeitet er in

diesem Beruf. Aktuell wird seine Kirche renoviert,

der Gottesdienst findet im Gemeindehaus statt.

Eine von vielen Veränderungen.

„Man merkt jetzt schon

deutlich, dass

wir nicht mehr

Mehrheitskirche sind”

Anfang der Neunziger Jahre waren circa 57

Millionen Deutsche in der evangelischen oder katholischen

Kirche. Heute sind es rund 38 Millionen.

„Man merkt jetzt schon deutlich, dass wir

nicht mehr Mehrheitskirche sind“, sagt Zwißler

angesichts der Zahlen. Seine Gemeinde ist von

2023 zu 2024 um 78 Personen geschrumpft. 26

Austritte, 52 Sterbefälle. Der Trend zum Austritt

ist hier weniger stark als anderswo. Der demografische

Wandel spielt die größere Rolle.

Der Mitgliederrückgang mache den Pfarrer

traurig. Eine wichtige Kultur gehe ohne Not kaputt.

Seit Corona merke man in Jugendgruppen,

dass es schwieriger werde, Teilnehmer:innen zu

finden. Die Anzahl der Schüler:innen, die Zwißler

auf einem Böblinger Gymnasium in Religion unterrichtet,

gehe zurück. Es entstehen Finanzierungsprobleme.

Die Arbeit werde nicht weniger,

die Einnahmen durch die Kirchensteuer schon.

Ausgetretene haben keinen Anspruch auf Taufe,

Trauung oder Beerdigung. Zwißler werde

manchmal gebeten, Personen zu beerdigen, die

aus der Kirche ausgetreten sind oder Babys zu taufen,

obwohl die Eltern nicht in der Kirche sind.

Das finde er schwierig, erklärt er. Immerhin hätten

sich die Menschen bewusst für einen Austritt

entschieden. „Der Herr Jesus hätte das bestimmt

gemacht“, würden ihm manche dann sagen.

Der Gottesdienst in Schönaich sei sehr gut besucht,

berichtet der Pfarrer. Auch, weil es sich um

eine traditionelle Gemeinde handele. Er selbst bezeichnet

sich als sozial-liberal-links und unterstützt

die Offene Kirche. Eine kirchenpolitische

Vereinigung, die sich unter anderem für die Trauung

von queeren Personen einsetzt. Sein Vater

war ebenfalls Pfarrer und damals Gründungsmitglied.

„Es sind halt meine Leut‘“, betont Zwißler.

Gesellschaftlicher Fortschritt ist dem Vater

dreier Töchter wichtig. In der württembergischen

Landeskirche dürfen gleichgeschlechtliche Paare

bisher höchstens gesegnet, nicht getraut werden.

Für Zwißler ein fauler Kompromiss. Ein Beschluss

im Oktober, der eine Trauung in allen Gemeinden

hätte ermöglichen sollen, wurde knapp abgelehnt,

die erforderliche Zweidrittelmehrheit um

vier Stimmen verpasst. Die Enttäuschung des

Pfarrers darüber ist groß.

Beim Thema Frauen sei die evangelische Kirche

schon weit, aber es gebe noch Luft nach oben,

findet der 58-Jährige. Insbesondere in den höheren

Ämtern seien noch zu wenige vertreten. Annette

Denneler, die Ehefrau von Ulrich Zwißler,

ist ebenfalls Pfarrerin in Schönaich. Wohlgemerkt

mit eigenem Nachnamen. Früher haben sich die

Beiden mit Arbeit und Kinderbetreuung abgewechselt.

In der teils traditionellen Gemeinde

Schönaich sehen manche Mitglieder Pfarrerinnen

kritisch. Auf die Frage, wie diese Menschen damit

umgehen, wenn seine Frau predigt, sagt Zwißler:

„Möglicherweise kommen manche deshalb

nicht.“ Trotzdem schätze er den respektvollen

Diskurs in der Gemeinde.

Digitalisierung spielt in Schönaich eine große

Rolle. Hier wird jeder Gottesdienst auf YouTube

gestreamt. Ein oder mehrere Verantwortliche bedienen

ein professionelles Setup. „Schönaich ist

immer professionell“, sagt der Pfarrer und lacht.

Für die Kirche wünscht sich Zwißler, dass die

notwendigen Veränderungen glücken. Es gebe

auch Menschen, die wieder in die Kirche eintreten.

Auf einer Beerdigung habe ihm eine junge

Frau gesagt, sie sei des Geldes wegen ausgetreten,

aber er brauche sich keine Sorgen zu machen, zur

Hochzeit trete sie wieder ein. Auf die Frage, ob

man sich da nicht manchmal ausgenutzt fühle,

antwortet der Pfarrer mit Ja. Man müsse das aber

auch positiv sehen: „Es ist ein Bedürfnis da.“

Ulrich Zwißler bei einem Gottesdienst im Gemeindehaus der evangelischen Kirche Schönaich. Bild: Ann-Christin Liegert


01/ 2026 CHANGE

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„Mama, du musst

nie wieder arbeiten!“

Sie können das Leben verändern: Lotto-Kugeln in einer Ziehungsmaschine. Bild: lotto-news.de

Jeder kennt ihn, den Traum vom großen Lottogewinn. Für Luise Weber*, alleinerziehende Mutter

von zwei Söhnen, wurde er Wirklichkeit. Heute, 20 Jahre später, blickt sie auf ein Leben zurück,

das sich anders verändert hat, als man es vielleicht erwarten würde.

VON ALISA WILD

Es ist ein Moment, den man wohl nie

vergisst. Auch zwei Jahrzehnte danach

hat die heute 61-Jährige jedes Detail

vor Augen. „Es war ein verschneiter

Donnerstag im Dezember“, erzählt sie.

Luise Weber arbeitete routiniert in der Halle einer

großen Textilfabrik. Kein Hinweis darauf, dass

dieser Tag ihr Leben verändern wird. Währenddessen

nahm ihr damals 15-jähriger Sohn zu Hause

ein Einschreiben der Lottogesellschaft entgegen.

Sechs Richtige. Rund 1,5 Millionen Euro. „Er

ist durch die halbe Stadt gerannt, um es mir zu sagen“,

erinnert sie sich und lacht. Sein aufgeregter

Blick habe sich bis heute in ihr Gedächtnis eingebrannt.

So auch der Satz, der dann folgte: „Mama,

du musst nie wieder arbeiten!“

Unmittelbar nach dem Gewinn erlebte die Alleinerziehende

eine Mischung aus Euphorie, Unglauben

und Überforderung. „Es war völlig surreal“,

beschreibt sie. „In der ersten Nacht habe ich

kaum geschlafen. Ich bin immer wieder aufgestanden,

habe den Brief in die Hand genommen

und die Zeilen erneut gelesen. Bestimmt hundert

Mal.”

In den folgenden Wochen blieb erstaunlich

viel beim Alten. Die große Veränderung spielte

sich zunächst vor allem in ihr selbst ab. „Ich habe

sofort eine enorme Erleichterung gespürt“, sagt

Weber heute. Das Wissen, keine akuten Geldsorgen

mehr zu haben, brachte eine gewisse Sicherheit

mit sich. Und dennoch: Ihr Alltag lief weiter

wie zuvor. Sie stand morgens auf, ging zur Arbeit,

erledigte ihre Schichten, als sei nichts geschehen.

Nur der engste Kreis wusste Bescheid. „Man hat

mir äußerlich eigentlich nichts angemerkt“, sagt

sie rückblickend.

Erst einige Zeit später wurde ihr bewusst, dass

sich ihre Situation grundlegend gewandelt hatte.

Nicht etwa mit dem Brief oder dem Kontostand,

sondern in einer stillen Sekunde. „Meine Söhne

und ich haben immer von einem Haus mit großem

Garten geträumt. Raus aus der zu kleinen

Wohnung. Plötzlich konnte ich es uns ermöglichen“,

erzählt die Lottogewinnerin. Beim Betreten

ihres neuen Hauses war Luise Weber überwältigt.

Da sei ihr klar geworden, dass ein neues Leben

begonnen habe.

Über die Jahre blieb beruflich vieles vertraut,

nur in einem anderen Rhythmus. „Ich habe weitergearbeitet,

aber nur noch Teilzeit. Ganz ohne

Arbeit, so wie es mein Sohn sich vorgestellt hatte,

ging es dann doch nicht“, meint sie und schmunzelt.

Zum ersten Mal konnte sie mittags zu Hause

sein, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Früher

war ihr Alltag eng getaktet. Schichtarbeit,

Überstunden, Jonglieren zwischen Job und Familie.

„In der Mittagspause bin ich nach Hause gerannt,

um zu kochen, damit die Jungs etwas Warmes

zu essen hatten“, erzählt sie.

Am Monatsende reichte das Geld immer nur

knapp für Miete und das Nötigste. Mit dem Gewinn

kam Ruhe in ihren Alltag. Ein Leben ohne finanziellen

Druck, entspannter und entschleunigt.

Auf die Frage nach den Auswirkungen auf ihr

soziales Umfeld gibt Luise Weber zu, dass nicht alle

Beziehungen unversehrt geblieben sind. Als

der Lottogewinn bekannt wurde, reagierten

Freund:innen und Familie zunächst überrascht.

„Die meisten waren genauso ungläubig wie ich“,

sagt sie. Doch diejenigen, die ihre schwierigen

Jahre miterlebt hatten, freuten sich von Herzen

über den Neuanfang. Nur eine langjährige

Freundschaft zerbrach in der Folge. „Das war

schmerzhaft“, gesteht sie, „aber es hat mir auch

gezeigt, wer wirklich an meiner Seite steht.“ Geblieben

seien Menschen, die sie aus den richtigen

Gründen schätzen würden. Nicht wegen ihres

Kontostandes.

Die 61-Jährige ist sich über die Jahre im Umgang

mit Geld treu geblieben. Protzige Autos, impulsive

Käufe oder unnötige Luxusartikel? Fehlanzeige.

Ob sie langfristig glücklicher geworden

ist? Weber überlegt kurz. „Jein“, sagt sie schließlich.

Es seien Dinge wie die Familie, gute Freundschaften

und Gesundheit, die sie wirklich glücklich

machen würden. Und diese besaß sie bereits

vor dem Sechser im Lotto.

Natürlich habe das Geld schöne Dinge ermöglicht:

ein Haus, ein Auto, ein paar kleine Wünsche.

Es sei aber nicht alles. Die größte Veränderung

liege kaum in Zahlen, sondern in einem leisen,

tiefgreifenden Gefühl: weniger Sorgen, weniger

innerer Druck. Die Realität blieb also bodenständig,

nur leichter zu tragen.

*Name von der Redaktion geändert


12 CHANGE

mediakompakt

Völlig losgelöst von der Angst

Plötzlich wackelt das Flugzeug, die Passagier:innen bekommen Panik. Sie erinnern sich an unzählige

Videos in den Sozialen Medien, in denen Turbulenzen dramatisch in Szene gesetzt werden.

Während dessen sitzt Suk-Jae Kim mit einer Tasse Kaffee im Cockpit und genießt die Aussicht

auf einen wunderschönen Sonnenaufgang.

VON LARA PAPPRITZ

Was klingt wie ein schlechter

Scherz, ist Realität – ein Pilot

nimmt Turbulenzen häufig völlig

anders war als seine Fluggäste.

Suk-Jae Kim weiß, wovon er

spricht: Er fliegt seit 20 Jahren Reisende um die

Welt und bildet auch andere Pilot:innen auf einem

der größten Passagierflugzeuge der Welt aus.

Doch nicht nur das: Vor zehn Jahren hat Suk-Jae

Kim seine Social-Media-Kanäle „cockpitbuddy“

ins Leben gerufen, hier klärt er über die Luftfahrt

auf und hilft Menschen mit Flugangst.

Doch die Pandemie war ein einschneidendes

Ereignis und brachte die Luftfahrt zum Stillstand.

Ein Bild, das der Pilot nie vergessen wird: „Ich habe

mir die Flugzeuge angeschaut, die auf der Startbahn

einfach geparkt haben, weil sie keine Parkplätze

hatten“, erinnert er sich. Jahre später fliegt

er wieder, doch die Welt unter ihm ist eine andere

geworden: Krisen, Umwege und Unsicherheiten

belasten die Luftfahrt. Kim spricht von einer immer

unberechenbar werdenden Welt. Er bleibt

trotzdem gelassen, denn Angst hat der Pilot keine

– er hat vollstes Vertrauen in die jeweiligen Sicherheitsabteilungen.

Auf die Frage danach, wie Passagier:innen auf

die fragiler gewordene Welt reagieren, wird

schnell klar: Immer mehr Menschen haben Angst.

Alleine im Jahr 2022 gaben 26 Prozent der Reisenden

an, dass sie Flugangst verspüren. „Die Menschen,

die Flugangst haben, haben vor allem

Angst vor Turbulenzen“, meint der Pilot und erklärt,

dass diese Unruhen in der Luft überhaupt

nicht gefährlich seien. Wie geht man als Pilot:in

damit um? „Die Geschwindigkeit wird angepasst,

das Anschnallsymbol für die Fluggäste erscheint,

und vielleicht kommt noch eine Ansage dazu. Es

ist gar nichts, wovor wir Angst haben müssen“, erklärt

Kim. Im Gegenteil: Mit dem Wissen, dass alle

Reisenden angeschnallt sind, könne er bei Turbulenzen

sogar ganz entspannt seinen Kaffee trinken.

Doch Flugangst entsteht mittlerweile nicht

nur im Flugzeug selbst. Sie entsteht auch durch

das Konsumieren von dramatischen und emotional

aufgeladenen Videos. Auf den Sozialen Netzwerken

führen solche Videos dazu, dass Nutzende

glauben, ein Flugzeug würde kilometerweit abstürzen.

Die Plattformen belohnen extremen und

schockierenden Content. Es gibt keinen wirklichen

Filter. Alles muss die User:innen sofort ansprechen.

„Die Grenzen zwischen echten Aufnahmen

und inszenierten Clips verschwimmen immer

mehr“, sagt der Pilot. Der einzige Weg, sich

davor zu schützen sei, diesen Content nicht zu

konsumieren. „Wir steuern hier auf ein gesellschaftliches

Problem zu. Flugangst wird weiter

stark zunehmen“, vermutet er.

Aber was tun, wenn die Angst nun einmal da

ist? „Es hilft, sich mit den eigenen Angstgedanken

auseinanderzusetzen“, sagt Kim. Man könne lernen,

seine Gedanken zu trainieren und sich erst

einmal der, wie er es nennt, „irrelevanten Angst“

bewusst zu werden. Dann könne man daran arbeiten,

diese Angst zu überwinden: „Der einzige

Mensch, der die Flugangst verändern kann, ist die

Person selbst“, sagt der Pilot. Oft werde der nüchterne

Alltag der Luftfahrt ausgeblendet: Die Reali-

Pilot Suk-Jae Kim mit seinem Buch Flugangst.

tät bestehe zu 99,99 Prozent aus Routine, Sicherheit

und professionellen Abläufen… Wenn einem

diese Realität bewusst wird, verlieren die verzerrten

Darstellungen auf den Sozialen Medien ihre

Macht. Um genau dort anzusetzen, bietet Kim Seminare

rund um das Thema Flugangst an. Er zeigt

auch auf seinen Social-Media-Kanälen seinen

Cockpitalltag und übermittelt vor allem Vertrauen.

Doch sagt er offen: „Menschen die sich mit ihren

Ängsten auseinandersetzen wollen oder anderen

Menschen mit Ängsten helfen wollen, werden

wahrscheinlich in der Zukunft viel zu tun haben.“

Bilder: privat

Fun Facts:

1 Flugzeuge haben eine Hupe

2 Die „Black Box“ (Flugschreiber) ist

gar nicht schwarz, sondern orange

3 Die Boeing 747, eines der größten

Passagierflugzeuge, war ursprünglich

als Militärflugzeug konzipiert.

Durch die vielen technischen Redundanzen

ist sie sicher, auch

wenn mal ein System oder eine

Komponente ausfällt

4 Flugzeuge können auch nur mit einem

Triebwerk weiterfliegen


01/ 2026 CHANGE

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Bilder: privat

Auge in Auge mit Eulen

Ein scharfer Blick, ausweglose Fänge und ein tarnendes

Gefieder: Greifvögel, Falken und Eulen faszinieren bis heute.

Ein Besuch bei Falknerin Celin Kazenwadel gibt Einblicke in

ein jahrhundertealtes Kulturerbe.

VON ALINA VOGEL

Nahe Großbottwar drängt sich die

Sonne langsam durch die Wolken

hindurch. Eine Mischung aus Fiepsen

und Kreischen hallt begrüßend

durch die Volieren. „Diese Geräusche

nennt man Lahnen. Die Vögel wissen, dass

jetzt Fütterungszeit ist“, erklärt Falknerin Celin

Kazenwadel schmunzelnd. Dabei handle es sich

um einen Bettelruf. Vor vier Jahren hat sich die

25-Jährige ihre erste Eule gekauft. Mittlerweile

umfasst ihre Falknerei sieben Vögel, ihre Präferenz

zu Eulen ist deutlich erkennbar. Die meisten

ihrer Tiere sind Handaufzuchten. Sie wissen daher

sofort, dass ihre Anwesenheit mit Futter verbunden

ist. Von klein auf begeistert von den Tieren

hatte Kazenwadel vor mehreren Jahren ihren

Falkner-Jagdschein absolviert. Danach ging sie bei

einer anderen Falknerei in die Lehre. Beim Unterricht

steht besonders das theoretische Wissen im

Fokus. „Den praktischen Umgang mit den Tieren

selbst lernt man am besten von erfahrenen Falkner:innen“,

betont sie.

Sobald die Falknerin die Tür öffnet, fliegt ihr

eine weiß-braun gemusterte Eule entgegen. Mit

nur drei kurzen Flügelschlägen überquert sie mühelos

die Distanz. Tiefschwarze Augen fokussieren

den Lederhandschuh, bevor die Schleiereule

lautlos darauf landet. Getragen wird dieser bis

heute traditionell an der linken Hand. „Früher

war die rechte Hand mit den Zügeln bei der Jagd

zu Pferd belegt“, begründet Kazenwadel. Die Fütterung

beginnt. Während die Schleiereule wiederholt

von Stange zu Handschuh fliegt, um ihre Futterstücke

abzuholen, baumeln zwei Lederbändel

um ihre Beine. Die sogenannten Geschühriemen

werden für die Sicherung des Vogels am Handschuh

verwendet. Die Geschühe ihrer Vögel

schneidet sich die Falknerin individuell aus selbst

gekauftem Leder zu. „Handwerklich begabt wird

man durch den eigenen Bau der Volieren und das

Basteln von Utensilien ganz automatisch“, bemerkt

sie gelassen.

Mit der Zeit verstummt das Lahnen der Eule.

Nun gesättigt, verfolgt sie ihre Umgebung mit aufmerksamem

Blick. „Eulenarten werden eher selten

für die Beizjagd – also das Abrichten und Jagen

mit dem Vogel – oder in Flugshows verwendet, sie

sind durch ihre Neugier und gutes Gehör einfach

zu leicht abgelenkt“, meint Kazenwadel, die sich

als Eulen-Liebhaberin davon nicht abschrecken

lässt. Eulen sind – neben ihrem Falken und ihrem

Bussard – fester Bestandteil ihrer Flugshows. Dadurch

will sie ihre Begeisterung teilen und den Besucher:innen

die sonst so versteckt lebenden Tiere

näherbringen. Viele Falknereien widmen sich

heutzutage der Aufklärung über die Tiere und deren

Erhalt durch Zucht- und Auswilderungsprogramme.

Auch werden sie für die schusswaffenlose

Vertreibung von Krähen und Tauben an Flughäfen

oder in der Stadt gerufen. Die Beizjagd

bleibt dennoch ein beliebtes Hobby unter Falkner:innen.

Nachdem ein Großteil der Vögel versorgt ist,

öffnet sich das Holztor zur Falknerei. Eine Familie

hat das Angebot „Auge in Auge mit unseren Tieren“

gebucht. Die vierköpfige Familie bekommt

nach einem kurzen Rundgang durch die Falknerei

und Vorstellung der Tiere einen Einblick in das

Alltagsgeschäft einer Falknerin. Dabei erklärt Kazenwadel

die Erkennung der unterschiedlichen

Arten in der Wildnis sowie deren Futtergewohnheiten.

Beim Beibringen des Falknerknotens liefern

sich die beiden Geschwister ein Wettrennen,

wer ihn als erstes richtig macht. „Mit ein bisschen

Übung könnt ihr das bald einhändig, ohne hinzuschauen“,

ermutigt die Falknerin die beiden.

Dann folgt der Höhepunkt: Die Kinder dürfen den

kleinen Buntfalken gemeinsam füttern, indem er

von Handschuh zu Handschuh bei ihnen fliegt.

Direkt bemerken sie, wie schnell der kleine Vogel

ist. Anfangs kommen sie kaum mit dem Nachlegen

des Futters hinterher, doch mit der Zeit gelingt

es ihnen immer besser. Stolz grinsen sie am

Ende in die Kamera ihrer Eltern.

Wie hat sich die Falknerei also in den letzten

Jahrhunderten gewandelt? Laut der Falknerin begann

die Tradition mit der Intention, bessere

Jagderfolge zu erzielen, aber im Kern brannte

schon damals eine Leidenschaft für diese eleganten

Tiere. Auch wenn mit der Zeit durch modernere

Nischen ein Wandel im Umgang mit den Vögeln

stattfand, basiert das Grundverständnis dennoch

auf den seit Jahrhunderten praktizierten

Methoden.

Kazenwadel mit Eule Amara.


14 CHANGE

mediakompakt

Bilder: Jana Schiek

Ein Wald, der immer Wald bleibt

Egal, wie sehr sich die Umwelt verändert: Der Wald bleibt im Kern der Wald, den wir aus unserer

Kindheit kennen. Er wandelt sich, wächst, stirbt und erneuert sich. Und doch bleibt er bestehen.

Er kann sogar von sich erzählen, zumindest denen, die ihn verstehen.

VON JANA SCHIEK

Der Atem ist in der kalten Luft sichtbar,

die ersten Schneeflocken fallen

leise aus dem Himmel. Die Forstassessorin

Katharina Schönemann und

ihr ältester Sohn Paul Schönemann,

Forstwirt, spazieren durch den Waiblinger Wald.

Welkes Laub bedeckt den kalten Waldboden und

raschelt unter den Winterstiefeln.

Katharina Schönemann hat in Freiburg Forstwissenschaften

studiert und dort ihr Diplom gemacht.

Sie erzählt, dass die zwölf Semester sehr

theoretisch gewesen seien. Die Arbeit als studentische

Hilfskraft, zwei Praktika und das Referendariat

hätten ihr dagegen praxisnahe Einblicke gegeben.

Heute spricht sie über Wälder, als würde sie

aus einem alten, vertrauten Buch zitieren. Über

Dauerwälder, jene typischen Mischungen aus verschiedenen

Baumarten und Altersstufen. Ein

Katharina und Paul Schönemann im Wald.

Wald, der immer Wald bleibt. Ein Wald, der

Nachwuchs hervorbringt, während der alte Baum

bereits fällt. Einer, der stabil bleibt, auch wenn

Stürme, Trockenheit oder Schädlinge ihn

belasten.

Bei der Frage nach heimischen Baumarten

muss die Expertin nicht lange überlegen: Buche,

Eiche, Tanne, Birke, Fichte. Die Fichte ist ein Sonderfall,

jahrzehntelang wurde sie übermäßig aufgeforstet,

weil sie schnell wächst und gutes Bauholz

liefert. Doch vielerorts stand sie auf ungeeignetem

Boden. Die Folgen: Sturmwürfe, Borkenkäferbefall.

„Ein klassisches Beispiel dafür, warum

standortgerechte Baumarten so wichtig sind“,

sagt die Forstassessorin.

Wie kann der Wald dem Klimawandel trotzen?

Könnte man die heimischen Baumarten vollständig

durch neue Arten austauschen? Schönemann

schüttelt den Kopf: „Das wäre nicht sinnvoll,

weil es schwer vorherzusagen ist, welche

Auswirkungen das hätte“, sagt sie. Schließlich ist

der Wald ein komplexes Ökosystem, in dem alles

miteinander verknüpft ist. Sie ist der Meinung,

dass man bei der Bepflanzung des Waldes auf

wichtige Eigenschaften der Jungpflanzen achten

sollte.

Das Wurzelsystem hilft dabei, die richtigen

Bäume für den Boden auszuwählen und sorgt dafür,

dass sie auch bei starkem Regen oder Trockenheit

überleben. Bäume unterscheiden sich in ihrem

Wurzelsystem. Herzwurzler besitzen mehrere

kräftige, schräg wachsende Wurzeln. Diese sorgen

für gute Standfestigkeit, wie bei der Birke. Flachwurzler

breiten ihre Wurzeln oberflächennah aus.

Diese Wurzeln hat die Fichte. Pfahlwurzler entwickeln

eine tief reichende Hauptwurzel, wie die

Tanne. Jedes Wurzelsystem hat seine eigenen

Stärken und beeinflusst Standfestigkeit und Wasseraufnahme.

Der Weg verläuft querfeldein. Der Forstwirt

Paul Schönemann erklärt, dass der Wald in

Deutschland drei Grundfunktionen hat: „Er

schützt vor Erdrutschen und Hochwasser. Er liefert

Holz, das wirtschaftlich bedeutend ist und er

bietet für jeden einen Raum zur Erholung. Der

Mensch ist nur Besucher im Wald und so soll er

sich auch verhalten.“

Der Weg führt an einer Pflanzfläche vorbei,

die der Forstwirt im vergangenen Frühjahr gepflanzt

hat. Solche Flächen, erklärt Expertin Schönemann,

dürfen nicht betreten werden. Wer im

Wald unerfahren ist, erkennt die Flächen an den

Schutzhüllen um den Stamm.

Der Schneefall lässt nach, die letzten Flocken

sinken zu Boden. Zwischen den Bäumen wird

spürbar, wie beständig und zugleich verletzlich

das Ökosystem Wald ist. Mutter und Sohn setzen

ihren Weg fort, vertraut mit dem, was der Wald

braucht, um auch in Zukunft zu bestehen. Für alle

anderen bleibt er ein Ort des Staunens. Denn nur

wenn mit ihm achtsam umgegangen wird, kann

er trotz Klimawandel, Stürmen und Trockenheit

das bleiben, was er heute ist: ein Wald, der immer

Wald bleibt.

Wurzelsysteme

Pfahlwurzler:

tiefe, senkrechte Hauptwurzel; standfest,

trockenheitsresistent, erreicht tief liegende

Wasser- und Nährstoffschichten; Böden:

sandig, locker

Herzwurzler:

gute Verankerung, weite Durchwurzelung des

Bodens; Böden: gut durchlässig, mäßig feucht

bis trocken

Flachwurzler:

gute Regenwasseraufnahme, anfällig bei

Sturm; Böden: nährstoffreich, feucht


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Stille Invasion im Hochland

Geografie-Student Jakob Junginger beobachtet in Schottland, wie die Folgen des Klimawandels die

Ökosysteme und die Landschaft verändern. Seine Botschaft: Die Zukunft der Umwelt ist die

Zukunft allen Lebens, einschließlich der Menschheit. Ein Interview.

VON MONA MÖSSLANG

Was fasziniert dich an Geografie – und

wie kam es dazu, dass du an der

Schottland-Exkursion teilgenommen

hast?

Ich finde das Zusammenspiel zwischen Mensch

und Umwelt interessant, also wie der Mensch im

positiven und im negativen Sinn Einfluss auf seine

Umwelt nehmen kann. Für die Pflicht-Exkursion

habe ich mich für Schottland entschieden, da

mich die vielfältigen Landschaften interessieren,

vor allem die Highlands und die Küsten.

Welche klimatischen Veränderungen konntest du dort

besonders beobachten?

Auch wenn man in der Zeit der Exkursion natürlich

keine konkreten klimatischen Veränderungen

feststellen kann, konnten wir durch Beobachtungen

und Befragungen vor Ort Rückschlüsse auf

bisherige Veränderungen ziehen und Zukunftsprognosen

treffen. Ein Fokus lag auf den Auswirkungen

auf Ökosysteme.

Dabei haben wir uns mit Vegetation und invasiven

Arten beschäftigt. Ein Vertreter ist zum Beispiel

das Drüsige Springkraut, das sich mithilfe

von Wasser schnell ausbreitet und oft entlang von

Flüssen anzutreffen ist. Im Wald ist der Rhododendron

problematisch, da er durch dichten Unterwuchs

den Boden vom Sonnenlicht abschirmt

und das Nachwachsen heimischer Bäume erschwert.

Welche grundlegenden Probleme entstehen für die heimische

Natur?

Wenn invasive Arten anpassungsfähiger sind und

im Vergleich zu heimischen, spezialisierten Arten

besser mit den Klimawandel-Folgen – Trockenheit,

Hitzeperioden oder Extremereignissen wie

Stürmen – zurechtkommen, werden die heimischen

Arten zum Teil bis zum Aussterben verdrängt.

Auch die generelle Erderwärmung macht der

heimischen Vegetation zu schaffen, indem kälteliebende

Arten in den höheren Lagen der Highlands

keinen ausreichend kühlen Lebensraum

mehr haben. Und die immer häufiger fehlende

Schneedecke setzt die Vegetation der Highlands

den starken Winterstürmen aus, was den Rückzug

in die Täler bedeutet. Zudem ergibt sich das Problem,

dass der fehlende Schnee immer noch

durch künstliche Beschneiung für den Wintersport

simuliert wird, was für die Umwelt ebenfalls

problematisch ist.

Inwieweit lassen sich die Erkenntnisse auch auf

Deutschland übertragen?

Die Probleme der Ökosysteme lassen sich nur bedingt

auf Deutschland übertragen, da es aufgrund

der zentraleuropäischen Lage weniger Arten gibt,

die ausschließlich hier vorkommen und daher besonderem

Schutz unterliegen. Doch auch hier

gibt es Probleme mit invasiven Arten, wie dem Japanischen

Staudenknöterich, der sowohl in

Schottland als auch in Deutschland bekämpft

werden muss. Denn er ist im Wuchs sehr anpassungsfähig

und konkurrenzstark und bildet

schnell dichte Dominanzbestände, die heimische

Arten verdrängen.

Zudem gibt es in Deutschland ebenfalls klimabedingte

Landschaftsveränderungen. Auch hier

fällt weniger Schnee, stattdessen wird zum Teil

auf Kunstschnee zurückgegriffen. Da die Alpen

Jakob Junginger auf Exkursion in Schottland. Bild: Privat

insgesamt höher gelegen sind als die Highlands,

sind die Auswirkungen noch nicht so drastisch

wie in Schottland, doch auch bei uns sorgen die

steigenden Temperaturen für Probleme.

Wie haben deine Erfahrungen in Schottland deine Sicht

auf den Klimawandel geprägt?

Schottland ist heute noch nicht allzu stark von

Trockenheit oder Hitzewellen, betroffen und die

Auswirkungen des Klimawandels sind meiner

Auffassung nach nicht so drastisch wie in anderen

Weltregionen. Aber dennoch konnten wir Folgen

des Klimawandels konkret beobachten, wodurch

das Thema noch greifbarer wird. Wir Menschen

müssen weiterhin alles für die Begrenzung der Erwärmung

tun und auf die Veränderungen reagieren,

um den Schaden zu minimieren.

Die Erderwärmung wirkt sich auch auf die schottischen Moorlandschaften aus. Bild: Jakob Junginger

Welchen Wandel im Umgang zwischen Mensch und Natur

wünschst du dir am meisten?

Auch wenn die Menschheit für die meisten Probleme

verantwortlich ist und auch schon viel auf

unserem Planeten teils unumkehrbar zerstört hat,

hat sie auch gezeigt, dass sie gemeinsam Lösungen

finden kann, zum Beispiel beim Ozonloch. Es benötigt

eine gemeinsame Anstrengung, um die Erderwärmung

auf ein Minimum zu begrenzen und

Lebensräume für Flora und Fauna zu erhalten

oder wiederherzustellen. Ich wünsche mir, dass

wir Menschen uns als Teil unserer Umwelt verstehen

und sie als unsere Existenzgrundlage sehen,

deren Schutz wir als genauso selbstverständlich

ansehen wie unseren eigenen.


16 CHANGE

mediakompakt

Der Friedhof der Dinge

Seit 30 Jahren ist Dibran Bekolli

Hofleiter am Murkenbach

in Böblingen. Er liebt den Kontakt

zu den Menschen. Doch

was in den Containern landet,

macht ihm Sorgen.

VON JULIA DE MELO COELHO CARDOSO

Ein kalter Wind fegt über den Wertstoffhof

an der Schönaicher Straße in Böblingen.

Die orangefarbenen Container

sind noch teilweise mit Raureif überzogen.

Es ist kurz vor zehn Uhr an diesem

Novembermorgen. Die Stadt schläft noch. Doch

hier am Murkenbach herrscht bereits Betrieb: Ein

Mitarbeiter streut Salz über den Asphalt und fegt,

bevor gleich die ersten Bürger:innen ihren ausrangierten,

einst geliebten

Produkten ein Ende setzen

werden.

Mitten in diesem

„Friedhof der Dinge“

steht Hofleiter Dibran

Bekolli. Seit 30 Jahren

umgeben ihn die riesigen

Metall-Container fast täglich. „Ich habe 1996 als

Aushilfe angefangen. Aber es hat mir so viel Spaß

gemacht, dass ich nie woanders hingegangen

bin“, sagt der Kosovare. Die Kälte macht ihm

nichts aus: „Ich bin aus dem Kosovo starken

Schnee gewöhnt. Bei den paar Minusgraden hier

reichen meine Arbeitsklamotten völlig aus. Ski-

Unterwäsche brauche ich nicht“, sagt er.

“Ich habe das Gefühl,

die Menschen werden

immer aggressiver.“

Dibran Bekolli ist ein offener, freundlicher

Mensch. Und genau das ist seine größte Stärke –

und gleichzeitig seine größte Herausforderung. Er

ist der Puffer zwischen dem System und den Bürger:innen.

“Nicht jeder ist so freundlich. Ich habe

das Gefühl, dass die Menschen immer aggressiver

werden“, sagt Bekolli. Die Corona-Zeit hat in seinen

Augen einen großen Unterschied gemacht.

Seitdem seien die Bürger schneller reizbar und unfreundlicher

gegenüber den Arbeitern. Hinzu

komme die aktuelle wirtschaftliche Lage, welche

die Anspannung noch verstärke.

Überforderung und Konflikt

Bei seiner Arbeit steht er im direkten Kontakt mit

500 bis 600 Menschen am Tag. „Es ist gerade eine

schwierige Zeit. Ich habe es jeden Tag mit sehr vielen

Leuten zu tun, und 95 Prozent davon sind

nicht gut drauf“, erklärt der Hofleiter. Der Hauptkonflikt:

die Müllgebühren. „Sie beschweren sich

über die Gebühren. Doch dafür können meine

Mitarbeiter und ich

Dibran Bekolli hat Spaß am Job – den kann ihm auch das

kalte Wetter nicht nehmen.

nichts. Das macht der

Landkreis, nicht wir.“

Die Wut, die Bekolli hier

auffängt, nimmt der

zweifache Vater manchmal

sogar mit nach Hause

an den Esstisch.

Neben dem Gemüt der Bürger:innen ändert

sich auch das, was sie in die Container schmeißen.

Elektrogeräte häufen sich immer mehr an.

Besonders Flachbild-Fernseher und Kühlschränke

werden oft entsorgt. „Ich glaube, dass die Hersteller

sie nicht so gut herstellen, und sie deswegen

nach wenigen Jahren kaputt gehen”, vermutet der

Leiter. Sorgen bereiten ihm auch die kleinen, bunten,

und oft nur einmal nutzbaren Vapes – die

E-Zigaretten. „Die gab es vor fünf Jahren noch

nicht. Jetzt bringen die Leute zehn, zwanzig Stück

gleichzeitig.“ Diese müssen aufgrund der integrierten

Akkus in eine eigene Box mit Gitter verbannt

werden, um die Brandgefahr zu minimieren.

Das aktuell größte Problem sieht Bekolli jedoch

woanders: „E-Bike-Batterien machen mir am

meisten Bauchschmerzen“, gibt Dibran Bekolli

zu. „Ich habe bald eine Schulung dazu, dann wird

einiges klarer.”

Die großen Akku-Batterien, die sich bereits

jetzt ansammeln, müssen mit einem speziellen

Pulver eingedeckt und die Ladestellen abgeklebt

werden. So sollen die Risiken eines Kurzschlusses

und eines Brandes minimiert werden. Bald soll es

eine neue, spezielle Tonne für diese Akkus geben.

Bunter Müll verziert die Container, damit Bürger:innen sehen, wo was abgegeben wird. Bilder: Julia De Melo Coelho Cardoso

Der Hofleiter für alles

Trotz aller Anspannung, dem Stress und den Aggressionen,

betont Bekolli: Das sei seine Berufung.

„Ich bin eine sehr offene Person. Ich mag es einfach,

mit vielen Menschen Kontakt zu haben. Genau

das bekomme ich hier.“ Er ist Hofleiter, Quereinsteiger,

Puffer und Psychologe in einem. Er

grüßt jede:n Bürger:in und nimmt sich Zeit für die

Stammgäste. Oftmals sind es vor allem ältere und

einsame Menschen, die den Wertstoffhof besuchen.

Oft um einfach nur ein kleines Schwätzchen

zu halten.

Dibran Bekolli arbeitet fast täglich von 10 bis

18 Uhr. Er ist seit 30 Jahren dabei und hat viel gesehen.

Von der Evolution des Mülls bis zur Veränderung

des menschlichen Gemüts. Auch wenn

sein Job angesichts der zunehmenden Aggression

und den gefährlichen neuen Akkus schwieriger

geworden ist, ist er sich sicher: Er würde nichts anderes

machen wollen. Müll gibt es immer. Aber

auch die Menschlichkeit, die er mit seinem offenen

Wesen entgegenbringt, wird immer gebraucht.


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„Schon wieder so ein Klimaheini”

Eine Aufgabe zwischen Idealismus und bürokratischem Stillstand. Als Finn Albrecht* seine erste

Stelle als Koordinator für Mobilität in der Verwaltung einer Kleinstadt antritt, ist er voller Idealismus.

Er möchte gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Schon eineinhalb Jahre später kündigt er.

VON SHEILA SERRER

Er schmunzelt, als er die Worte ausspricht:

„Schon wieder so ein Klimaheini.“

Ein leises Schulterzucken begleitet

die Worte, als hätte er sie schon

unzählige Male gehört – auf Veranstaltungen,

in Bürgerversammlungen, oft zwischen

den Zeilen. Sein Job stand im Zentrum eines Dauerkonflikts:

Veränderung ist nötig, aber kaum jemand

will sie.

Nach einem Bachelor in Politikwissenschaft

und Philosophie und einem Master in Planung

und Partizipation möchte er vor allem eines: eine

sinnstiftende Tätigkeit. „Ich wollte etwas machen,

das meinen Werten entspricht“, sagt der

32-Jährige. Die Stellenausschreibung im öffentlichen

Dienst scheint wie auf ihn zugeschnitten.

Genau der Job, in dem man gesellschaftlichen

Wandel anstoßen kann.

Seine Aufgabe ist es, die Arbeit zwischen Kommunen

und Landesebene zu koordinieren. Damit

nicht jede Gemeinde einzeln Förderwünsche meldet,

laufen die Anfragen gebündelt bei ihm zusammen.

Er half, Förderprogramme zu finden,

Projekte strategisch auszurichten und nachhaltige

Verkehrsplanung möglich zu machen. „Ich

sollte den Überblick behalten, damit nicht alle

Kommunen dieselben Fehler machen.“

In seiner Anfangszeit fährt er von Gemeinde

zu Gemeinde, hört zu, erklärt, sortiert und vernetzt.

Er stellt Planungsinstrumente wie Aktionspläne

für Mobilität, Klima und Lärmschutz vor

und entwickelt Strategien. Praktische Fragen dominieren:

„Wir wollen ein besseres Radwegenetz –

welche Förderungen gibt es?“ Manche Projekte

laufen schnell, andere dauern Jahre. Doch schon

früh merkt er: Gute Ideen allein reichen nicht.

„Viele Kommunen haben konservative Bürgermeister:innen,

die schlicht nichts verändern wollen.”

Neben strukturellen Hürden stößt der Mobilitätsexperte

auf Skepsis in den Kommunen. „Je

weiter man von städtischen Zentren wegkommt,

desto schwieriger werden die Gespräche“, sagt der

zugezogene Stuttgarter. Ländliche Gemeinden,

konservativ gewählt, oft AfD-Hochburgen, reagieren

besonders zurückhaltend. „Da war die Skepsis

oft größer, manchmal auch die Ablehnung.“

Dort, wo es am schwierigsten ist, aufs Auto zu verzichten,

ist es am schwierigsten, Menschen zu erreichen.

„Es war immer gut, wenn eine Kommune

mit ihren (Mobilitäts)-Problemen auf mich zukam

– aber das ist selten passiert.“ Er merkt

schnell: Fördergeld ist der größte Motivator, und

Projekte drehen sich meist um Rad- und Fußverkehr.

Innerhalb des landesweiten Netzwerks entsteht

eine Strategie: am Anfang nicht die härtesten

Brocken angehen, sondern mit den Kommunen

arbeiten, „die was reißen wollen und Kapazitäten

haben“.

Doch der Frust kommt früh. Fehlende Einarbeitung

lässt sich zunächst mit Eigeninitiative

überbrücken. Er denkt: Nach einem Jahr wird sich

alles einspielen. Doch dazu kommt es nicht.

Frust über politischen Willen, knappe Ressourcen,

allein gelassene Gemeinden und unklare

Strukturen erzeugen bei ihm Boreout. Aufgaben

für sich selbst zu suchen, ist für ihn das Schwierigste.

Dann entscheidet er sich: So geht es nicht

weiter – er muss kündigen.

Wie geht es ihm heute? Seine Leidenschaft für

Klimaschutz ist geblieben, nur der Blick hat sich

verschoben. „Klimaschutz heißt nicht, dass jede

Person auf jede Mobilitätssünde verzichten muss

– Veränderung beginnt bei kleinen, eigenen Gewohnheiten.

Wer täglich Auto fährt, denkt gar

nicht daran, den Bus zu nehmen, weil es schlicht

nicht zur Routine gehört.“ Und neue Routinen

Zwischen Idealismus und Stillstand. Bild: Unsplash

brauchen Zeit und Wiederholung – sonst bleiben

sie wirkungslos.

Heute weiß er: Veränderung ist möglich,

Schritt für Schritt, wenn man sich informiert, Gewohnheiten

hinterfragt und neue Wege ausprobiert.

Selbst in einem System, das noch nicht bereit

ist, Wandel zuzulassen, lassen sich kleine,

wirksame Impulse setzen – als Anfang für einen

größeren gesellschaftlichen Change. „Das einfachste

Fortbewegungsmittel wird oft vergessen –

die eigenen Füße“, beendet er.

*Name von der Redaktion geändert

Info

Klimamobilitätsplan: Ein langfristiger, ganzheitlicher

Plan auf Landkreis- oder Kommunalebene.

Er dient der Entwicklung

von Strategien für klimafreundliche Mobilität

– von Beteiligungsprozessen bis hin

zu großen baulichen Maßnahmen.


18 CHANGE

mediakompakt

Architektur im Umbruch:

Weniger beeindrucken,

mehr verbessern

Benedict Selig, Architektur-Masterstudent in Stuttgart, gehört zu jener Generation, die das Bauen

neu denkt. Ihn treibt die Frage an, wie Architektur so entstehen kann, dass sie auch noch morgen

Bestand hat. In Stuttgart schärft er seinen Blick für Verantwortung, Bestand und Zukunft – und

dafür, warum seine Generation anders baut als frühere.

VON DOMINIK MÜLLER

Benedict Selig mit fertigem Modell. Bild: Privat

Am Anfang habe ich Architektur vor allem

als Form, als etwas Visuelles

wahrgenommen“, erinnert sich der

25-Jährige. Er spricht klar und selbstbewusst.

„Im Studium habe ich gemerkt,

wie stark Räume Menschen prägen.“ Heute

interessiert ihn weniger das perfekte Bild eines Gebäudes

als die Frage, wie man vorhandene Strukturen

nutzt, umbaut und weiterdenkt. „Mir geht

es darum, Projekte so zu gestalten, dass sie funktionieren

– für die Menschen, die dort leben oder

arbeiten“, erläutert er. Seine Generation baut unter

anderen Bedingungen: Wohnungsdruck, Klimafragen,

soziale Themen – alles drängt sich in

den Entwurfsprozess, ob man wolle oder nicht.

„Wir können nicht einfach nur gestalten“, meint

der Stuttgarter. „Wir müssen reagieren, aushandeln,

zuhören.“ Stuttgart zeigt ihm das täglich.

Die engen Täler, der laute Verkehr, die vielen Brüche

im Stadtbild, die Debatten um Nachverdichtung

und Stadtklima – „hier merkst du sofort, wie

sensibel alles ist. Wenn du baust, greifst du ein,

und das spürt man sehr deutlich.“

Deshalb sucht er Orte, die andere übersehen: Zwischenräume,

Brachen, Restflächen. Orte, an denen

man die Stadt sonst nur schnell durchquert.

„Dort steckt Leben drin, obwohl es niemand er-


01/ 2026 CHANGE

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wartet“, beschreibt er. „Architektur ist nicht das

fertige Gebäude. Architektur ist ein Prozess und

das, was davor und danach passiert.“ Gerade unscheinbare

Orte faszinieren den Architektur-Studenten.

Sie zeigen, wie viel Potenzial in einer

Stadt liegt, wenn man sich traut, genauer hinzusehen

– und wenn man bereit ist, die eigenen Vorstellungen

loszulassen. Selig beschreibt, wie

selbstverständlich seine Generation heute interdisziplinär

arbeitet. Wie normal es geworden ist,

früh mit verschiedensten Fachleuten zu reden.

Oder einfach mit Passant:innen, die später durch

den geplanten Ort laufen sollen: „Wir denken

nicht in abgeschlossenen Bildern.“

Auch das Thema Material begleitet ihn stark. „Wir

können nicht so tun, als wäre alles unendlich verfügbar.“

Er berichtet von Entwürfen aus Restholz,

neu kombinierten Bauteilen, improvisierten

Strukturen. Von Modellen, die er auseinanderund

wieder zusammengebaut hat, bis die Form

und Nutzung stimmten. „Ich versuche immer, Bestehendes

bewusst zu nutzen, in Wert zu setzen,

und damit weiterzudenken.“

Gleichzeitig stört ihn etwas, dass er als „die Überinszenierung

der Branche“ bezeichnet. Zu viele

Renderings, zu viel Glanz, zu wenig Gefühl und

Identität. „Bilder zeigen oft ein Ideal, das mit dem

echten Raum nichts zu tun hat.“ Ihm geht es um

das, was bleibt, wenn das Modell eingepackt ist:

Atmosphäre, Nähe, Schutz. Genau das suche seine

Generation: nicht die schnelle Form, sondern die

langfristige Wirkung. „Vielleicht ist das der größte

Unterschied: Wir wollen weniger beeindrucken

und mehr verbessern.“

Sein Studium hat ihn verändert. Selig spricht

nicht mehr über die perfekte Form, sondern über

gute Fragen. Die wichtigste davon: Wie baut man

so, dass es nicht nur heute sinnvoll ist, sondern

auch morgen? Stuttgart liefert für diese Frage täglich

Material. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum,

die Hitze im Sommer, die steilen Hänge, die

engen Straßen – „Diese Stadt zwingt dich, die Dinge

zu Ende zu denken.“ Ihn motiviert das. „Wenn

du hier lernst zu entwerfen, lernst du automatisch,

verantwortungsvoll zu sein.“

Portrait des Architekturstudenten. Bild: Privat

Entwurfsabschlusspräsentationen im Atrium der Hochschule der Technik Stuttgart. Bild: Benedict Selig


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mediakompakt

Porträt meines Vaters. Bild: Johanna Costantini


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Eine Nacht, die bleibt

Ein Schlaganfall verändert ein Leben in Sekunden. Theoretisch weiß man das, doch man versteht

es erst, wenn der eigene Vater betroffen ist. Vor sechs Jahren traf es meinen. Was an diesem Tag

geschah, ist medizinisch erklärbar, emotional jedoch kaum zu fassen. Dies ist die Geschichte eines

Mannes, der sich sein Leben Stück für Stück zurückerobern musste.

VON JOHANNA COSTANTINI

Es ist der 1. September 2019. Draußen ist

es dunkel, die Dämmerung lässt noch

auf sich warten, die Vögel sind leise,

und die Straße hat schon lange niemanden

gesehen. Nichts bewegt sich,

bis auf das grelle blaue Licht des Rettungswagens,

das für Sekunden die Nacht zerreißt. Nichts ist zu

hören, bis auf das unverkennbare Heulen der Sirene,

das wie ein Fremdkörper durch die Stille

schneidet. Es ist eine Nacht, die sich tief in meine

Familie eingebrannt hat, eine Nacht, die bleibt.

Vor mir sitzt mein Vater, mittlerweile 58 Jahre

alt. Damals war er 52 und gehörte damit zu den

zehn bis 15 Prozent der Schlaganfallpatient:innen,

die jünger als 55 sind. Er erlitt eine Hirnblutung,

die sein Leben innerhalb weniger Minuten

von Grund auf veränderte. Ein Riss in einem Gefäß

tief im Gehirn. Eine sogenannte hämorrhagische

Blutung, bei der Blut in das Hirngewebe

drückt und bestimmte Bereiche nicht mehr ausreichend

versorgt werden. Oft ist unkontrollierter

Bluthochdruck die Ursache, manchmal Arterienverkalkung.

Manchmal beides. Von einem Moment

auf den anderen wurde aus Alltag Ausnahmezustand,

aus Selbstverständlichkeit Unsicherheit.

Nichts von dem, was er heute lebt, ähnelt

noch seinem früheren Leben. Jede Haushaltsaufgabe

ist eine Herausforderung. Seinen Kindern

beim Umzug helfen, kann er längst nicht mehr.

Selbst telefonieren fällt ihm schwer, und sprechen

musste er Schritt für Schritt wieder neu erlernen.

„An die Nacht, in der es passiert ist, kann ich

mich nicht erinnern, eigentlich an nichts in der

ersten Woche“, sagt mein Vater und schaut auf

seine Hände. „Ich weiß zwar, welcher Tag es war,

Samstag auf Sonntag, aber wann, wie was passiert

ist, weiß ich nicht mehr.“ Die Erinnerung setzt

erst später ein. „Zwei, drei Momente im Katharinenhospital

sind mir in Erinnerung geblieben

und dann der Abend, bevor ich in die Schmieder-

Klinik gebracht wurde, und von dort kann ich

mich wieder an mehr erinnern.“

Die Zeit kurz nach dem Schlaganfall war geprägt

von piependen Monitoren, von Blutdruckmanschetten,

die sich im Takt des Krankenhausbetriebs

aufpumpen, und von Therapien, in denen

er das Schlucken neu lernen musste. Eine Woche

Intensivstation folgte und dann sechs Monate

Rehabilitation, Tag für Tag Untersuchungen,

Übungen, Routinen. „Die ersten sechs Wochen in

der Reha waren blöd. Die fand ich sehr lang“, verrät

er, „aber dann ging’s, dann habe ich mich dran

gewöhnt.“ Er erzählt vom Essen, das wie ein

Hauch von Nichts schmeckte, und davon, dass

ein Zimmerwechsel plötzlich vieles leichter

Der 1. September 2019 veränderte alles. Bild: Unsplash

machte. „Dann hatte ich einen netten Zimmernachbarn

und später ein Einzelzimmer. Dann war

es besser, sogar eigentlich ganz gut.“

Auf die Frage, ob er sich gut begleitet gefühlt

hat, lacht er kurz, aber ohne Heiterkeit. „Unterstützt

im Sinne der Therapie und des Körperlichen,

ja. Emotional begleitet wurde ich nicht

wirklich. Ich habe es mir aber trotzdem versucht

schön zu machen. Aber die Pfleger haben

sich gar nicht so für mich interessiert.“ Seine Familie

dagegen „war immer da“, betont er und

schaut mich dankbar an.

Als er nach der Reha wieder nach Hause kam,

überwog zunächst die Erleichterung. „Es war

schön, wieder Zuhause zu sein. Aber das mit dem

Laufen - am Anfang mit ganz kleinen Schritten -

war sehr schwierig.“ betonte er. „Wenn ich sitze,

sieht man es ja nicht. Meine rechte Seite ist ja kaputt,

ne falsch: in der Bearbeitung. Die macht

noch einen Winterschlaf, kommt wieder“, fügt er

hinzu und lächelt vorsichtig. Gleichzeitig spürt er

die Einschränkung jeden Tag. „Ich kann nicht

mehr alles, was ich gerne machen würde. Skifahren,

Golfen, Joggen. Das ist jetzt alles weg.“ Treppen

seien inzwischen gut machbar. „Außer in den

fünften Stock, da habe ich keine Lust, aber das hat

glaube ich niemand“, sagt er mit einem Lachen.

Die größten Schwierigkeiten liegen für ihn im

Sprechen. „Ich finde es schlimm, dass meine

Stimme nicht wie früher ist, und auch die Worte,

die ich sagen will, kommen manchmal nicht raus.

Ich weiß alles im Kopf, aber der Schritt des Aussprechens

ist so schwierig.“ Er sucht nach einem

Bild. „Stell es dir so vor: Das Gehirn möchte alles

nach draußen bringen, aber der Mund lässt es

nicht zu.“ Trotzdem hat er Dinge gefunden, die

ihn tragen. „Kochen macht mir Spaß“, sagt er.

„Das begleitet mich schon mein Leben lang.“

Auch Solitär spielt er morgens gerne auf dem Laptop.

Und es gibt Entwicklungen, die Mut machen.

„Ich gebe mir Mühe, mich immer wieder neu zu

motivieren. Meine Familie und meine Frau geben

mir Kraft. Meinen Führerschein habe ich auch

endlich wieder, das erleichtert einiges.“

Vor seinem Schlaganfall war mein Vater ein

vielbeschäftigter Geschäftsmann. Er war Geschäftsführer

in einem Pharmakonzern im onkologischen

Bereich, ein Mann, der zwischen Besprechungsräumen,

Flughäfen und Hotelzimmern

lebte. Er reiste viel, aß gut und genoss das

Leben in vollen Zügen, oft so sehr, dass aus Genuss

ein beschleunigter Alltag wurde. Der Stress,

der sich aus Verantwortung und Erfolg speiste,

schob sich zwischen Beruf und Privatleben, bis

kaum noch Raum für Erholung blieb. „Ich habe es

nicht gemerkt und habe nicht auf meinen Körper

geachtet“, sagt er heute. „Deswegen passt auf

euch auf. Wenn ihr einen Schlaganfall erleidet, ist

es jeden Tag ein Kampf.“ Es war ein ungenießbarer

Stress, eine stille Anspannung, die sich langsam

und unbemerkt in seinen Körper schlich und

sich festsetzte, bis zu jenem Einschnitt, der sein

Leben veränderte.

Heute sitzen wir gemeinsam am Tisch, und obwohl

vieles anders ist, ist er da. Nicht in der Version,

die er früher war, sondern in einer neuen, verletzlichen,

geduldigen. Seine Art zu leben hat sich

verändert, aber seine Präsenz ist geblieben. Und

manchmal scheint es, als läge jene Nacht von damals

noch immer wie ein dünner Schleier über

seinen Bewegungen und Worten. Eine Nacht, die

bleibt.


22 CHANGE

mediakompakt

Blaulicht als Berufung

Der Bundesfreiwilligendienst beim Deutschen Roten Kreuz

führte Emily Schänzlin* zu ihrem Traumberuf. Ein Gespräch

über Wachstum, Begegnungen und eine ganz besondere

Verantwortung.

VON ELLEN GEKELER

Wenn Emily Schänzlin über ihren

Beruf redet, strahlen ihre Augen.

Die Begeisterung von dem,was sie

erzählt, ist ihr anzumerken und

steckt sofort an. Denn während

andere ihre Ausbildung im Büro hinter dem Computer

verbringen, ist sie mitten im Geschehen –

als Auszubildende zur Notfallsanitäterin erlebt sie

das, was sonst oft hinter geschlossenen Rettungswagentüren

passiert: Von Schürfwunden bis hin

zu Schlaganfällen hält jeder Einsatz seine eigenen

Herausforderungen bereit.

Leben und Tod liegen oft nah beieinander – so

erzählt sie vom ersten Mal, als sie einen Patienten

wiederbeleben musste. Oft seien es aber besonders

die menschlichen Schicksale, die man nach dem

Einsatz nicht einfach so vergessen könne: „Was

viel hängenbleibt, sind zum Beispiel Fälle, wo

man einen Ehepartner von einem alten Ehepaar

mitnehmen muss und weiß, dass dieser Partner

wahrscheinlich nicht wieder nach Hause kommen

wird. Sowas nimmt einen schon mit – und

man merkt, wie privilegiert man eigentlich ist,

dass man noch selbst laufen, sprechen und sich

selbst versorgen kann.“

ganz lasse der Job die 21-Jährige nie los: „Man

macht sich um Sachen viel mehr Gedanken, zum

Beispiel hat man ein viel höheres Bewusstsein für

Unfallrisiken. Ich kann zum Beispiel im Auto

nicht mehr die Beine überkreuzen, weil man sich

so ganz schnell das Becken brechen kann.“ Auch

das ruhige Handeln in Stresssituationen klappt

besser im Alltag, wenn man es schon aus dem Beruf

kennt. Außerdem erzählt sie, dass sich ihre

Kommunikation im Alltag durch die Ausbildung

positiv verändert hat: „Es fällt mir zum einen

leichter, klarer zu kommunizieren, aber auch meinem

Gesprächspartner zu vermitteln, was ich sagen

möchte.“

Dass sie ihren beruflichen Weg im sozialen Bereich

gehen möchte, war ihr von Anfang an klar:

„Ich hatte Lust, etwas Spannendes zu machen, wo

ich Menschen helfen kann. Ich wollte etwas

Wichtiges machen und nicht nur irgendeinen

Job.“ In der Notfallmedizin gefalle ihr vor allem

der medizinische Aspekt, aber auch die Menschlichkeit

in den Einsätzen macht das Berufsbild für

sie einzigartig. „Besonders erfüllend finde ich,

wenn man dann mit Freundlichkeit und Dank-

barkeit belohnt wird, auch wenn man nur mit einem

Beratungsgespräch geholfen hat. Das Wissen,

dass man Menschen in ihren schlimmsten

Momenten weiterhelfen kann – denn den Rettungsdienst

ruft keiner gerne.“ Zumindest ein

Freiwilliges Soziales Jahr im sozialen Bereich würde

sie jedem empfehlen. „Es hat mir persönlich

weitergeholfen, an und mit den Aufgaben zu

wachsen. Es gibt einem einen Realitätssinn dafür,

wie es in unserer Gesellschaft wirklich aussieht,

wenn man bei jeder Bevölkerungsschicht mal im

Wohnzimmer gestanden hat und sieht, dass jeder

mal auf Hilfe angewiesen ist. Es gibt einem ein gutes

Gefühl dafür, was man an seinem Leben zu

schätzen hat.“

* Name von der Redaktion geändert.

Regelmäßige Übungen helfen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Bild: Privat

„Ich wollte etwas

Wichtiges machen

und nicht nur irgendeinen

Job.”

Strategien, wie man mit diesen Erlebnissen

fertig werde, seien individuell: Für die Auszubildende

seien es vor allem Gespräche mit Kolleg:innen,

die ihr helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Aber auch Zeit in der Natur, mit ihrem Hund oder

Freund:innen helfen, abzuschalten und einen

Ausgleich zu finden, um sich am nächsten Tag

wieder der Verantwortung stellen zu können. „Ich

finde es wichtig, dass man sich in und nach der

Ausbildung seiner Verantwortung bewusst ist.

Meine Entscheidungen können das Leben von

anderen hochgradig beeinflussen“, erklärt sie. Dabei

helfen ihr vor allem die vorgegebenen Arbeitsabläufe

und Leitlinien, mit denen man im Einsatz

arbeitet. Außerdem, betont sie, sei es wichtig sich

ins Gedächtnis zu rufen, dass das für die Betroffenen

einer der schlimmsten Momente ihres Lebens

sein kann. Dieses Verantwortungsgefühl übertrage

sich auch auf den Rest ihres Lebens, denn so

Bild: Unsplash, Carlo Jimnez


01/ 2026 CHANGE

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Mut zur Gruppe

Bei Abhängigkeitserkrankungen gibt es verschiedene Hilfsangebote, wie zum Beispiel Selbsthilfegruppen.

Hier beginnt Veränderung durch Verständnis und Gemeinschaft. Eine Studie zeigt, dass

87 Prozent der Teilnehmenden keinen Rückfall erleiden.

VON ANNIKA BEINEKE

Seit der Teillegalisierung von Cannabis ist in Stuttgart ein

Anstieg von 13 Prozent im Konsum zu verzeichnen.

Selbsthilfegruppen gibt es für alle möglichen Erkrankungen und Probleme. Ebenso gibt es solche, die sich an Betroffene

direkt richten und welche für Angehörige. Bilder: AdobeStock

Dass Vincent Verhülsdonk einen

problematischen Cannabis-Konsum

hat, weiß er bereits nach einem Jahr

Konsum, sieht vorerst aber keinen

Grund zum Handeln. Nach der Erkenntnis

konsumiert er 14 weitere Jahre täglich

Cannabis als Hauptsubstanz. Mittlerweile lebt der

33-Jährige seit drei Jahren abstinent. Die Scheidung

seiner Eltern trifft ihn in der Jugend stark. Er

hat keinen stabilen Freundeskreis, kämpft mit Depressionen

und Mobbingerfahrungen. Der Konsum

von Cannabis bietet ihm eine „Freundschaft“

und eine Lösung an. Die Beziehung zu seinen

Eltern ist angespannt. Er erinnert sich daran,

zeitweise mehr als „brennender Joint“ statt als

Sohn wahrgenommen zu werden. Rückblickend

sieht er die Überforderung seiner Familie, doch

damals fühlt er sich allein. „Sucht ist eine Beziehungserkrankung

und ein gescheiterter Lösungsversuch“,

sagt er.

Erfahrungen wie diese können zur Entwicklung

einer Abhängigkeitserkrankung beitragen.

„Die Wege sind so unterschiedlich wie die Betroffenen

selbst,“ sagt die Suchtberaterin Jasmin

Buchecker von der Suchtberatung Caritas Stuttgart.

Der Konsum könne Betroffenen unter anderem

ein Hochgefühl oder Entspannung verschaffen.

Es sei eine vorübergehende Flucht aus der

Realität.

Doch sobald dieses Gefühl abklinge, wachse

das Verlangen nach einer Wiederholung. Buchecker

erklärt, dass manche Substanzen gesellschaftlich

akzeptiert sind, andere tabuisiert. Am

Ende sei jede Abhängigkeit das Gleiche: eine

Krankheit, die sich in allen Lebensbereichen eines

Betroffenen ausbreite und die von Gesellschaft

und Politik oft noch immer nicht als solche anerkannt

werde. „Dabei versuchen Betroffene durch

den Konsum von Drogen Bedürfnisse zu stillen,

die sie anders nicht zu erfüllen wissen“, erklärt

Buchecker. Meist sei es keine bewusste Strategie.

Auch Doppeldiagnosen in Kombination mit psychischen

Erkrankungen nehmen zu, beobachtet

sie. Die Stigmatisierung von Sucht führe dazu,

dass viele Betroffene sich nicht die Hilfe holen,

die sie bräuchten. Entweder aus dem Gefühl heraus,

so schlimm sei es bei ihnen nicht, oder aus

Scham. Verhülsdonk erinnert sich daran, dass

selbst er andere Suchterkrankte teilweise stigmatisierte,

weil sie auf den ersten Blick schwerer

betroffen schienen.

Der Wendepunkt kam durch einen einzigen

Satz, den seine damalige Partnerin zu Vincent

Verhülsdonk sagte: „Ich kenne niemanden, der so

frei ist und gleichzeitig so gefangen in seinem

Kopf.“ Da weiß er, dass er etwas ändern muss. Er

wendet sich an eine Suchtberatungsstelle, durchläuft

eine stationäre Entwöhnungsbehandlung

und Adaptionseinrichtung. Doch eine besondere

Unterstützung findet er in einer Selbsthilfegruppe.

Dort merkt er, dass er mit seinen Erfahrungen

nicht alleine ist. Weder mit den Erlebnissen aus

seiner Jugend noch mit Konsumdruck. Den Kontakt

zu seinen damaligen Konsumfreund:innen

bricht er rigoros ab. Ohne Konsum gibt es keinen

gemeinsamen Nenner. „Kontaktabbrüche sind

ein wichtiger Teil im Heilungsprozess“, erklärt

auch Buchecker. Jeder kleine Trigger könnte ausreichen,

um in alte Muster zu verfallen.

Heute leitet Verhülsdonk die Gruppe selbst

und er erklärt: „Das Angebot ist besonders niedrigschwellig,

da es weder eine Anmeldung noch

die Angabe von Kontaktdaten gibt. Dadurch ist es

eine wertvolle Unterstützung.“ Die Teilnahmebedingungen

seien Pünktlichkeit und kein Konsum

am selben Tag. Da auch die Gruppenbegleiter:innen

betroffen waren, entstehe ein geschützter

Raum, in dem offen geredet werden könne. Gemeinsam

werden Lösungen für Probleme gesucht

und neue Perspektiven gezeigt. Es könne voneinander

gelernt werden. Laut Verhülsdonk seien

Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten

vertreten. Denn Abhängigkeit könne jede Person

treffen. Verhülsdonk unterstützt ebenso Jurastudierende,

Menschen mit 1,0-Masterabschluss

oder Ärzt:innen. Also Menschen, denen man ihre

Situation nicht sofort ansieht und die nicht dem

Bild entsprechen, das häufig von Medien gezeigt

wird. Auch Buchecker bestätigt die Vielfalt unter

ihrem Klientel.

Viele Betroffene besuchen die Selbsthilfegruppe

zunächst regelmäßig über mehrere Wochen

oder Monate und bleiben dann plötzlich aus.

Einige kehren nach einigen Monaten zurück,

andere erst nach einem Jahr, wieder andere gar

nicht. „Vermutlich sind manche rückfällig geworden“,

sagt Verhülsdonk, „doch das ist in Ordnung.“

Er messe keinen Erfolg, sondern gebe ein

Angebot. Die Gruppe findet jede Woche statt, egal

ob feiertags oder nicht. Aber Erfolgsgeschichten

gibt es natürlich auch: Verhülsdonk ist einer von

vielen Betroffenen, die zufrieden abstinent leben.

Hilfsangebote

Weitere Unterstützung gibt es bei der

Caritas Stuttgart:

– caritas-stuttgart.de

– Telefon: 0711 248929–10

– Mail: psb@caritas-stuttgart.de

Oder in einer Selbsthilfegruppe

– kiss-stuttgart.de

– kreuzbund.de


24 CHANGE

mediakompakt

Ein mutiger Weg

voller Stärke

Bild: Privat

In Deutschland erkranken jährlich etwa 75.000 Frauen und 700 Männer an Brustkrebs. Im Interview

erzählt die Betroffene Manuela Bauer, wie sie ihren Weg durch die Krankheit gemeistert und

was sich dadurch alles verändert hat.

VON DENISE BAUER

Veränderung kündigt sich selten freundlich

an. Und manchmal kommt sie als

Sturm: unerwartet, laut und beängstigend.

Als Manuela Bauer die Diagnose

Krebs erhält, verändert sich ihr Leben

von einem Tag auf den anderen. Unsicherheiten

und Arztbesuche ersetzen Gewohnheiten. Angst

durch Kampfgeist gegen die Angst und Stille. Gespräche,

die früher nie geführt wurden. Im Interview

öffnet sie sich und erzählt, wie die Krankheit

ihr Leben verändert hat – und mit welcher Kraft

und Zuversicht sie ihren Weg gemeistert hat.

Manuela Bauer ist 44 Jahre alt, verheiratet und

Mutter von zwei Töchtern im Alter von sechs und

zwölf Jahren, als sich ihr Leben schlagartig verändert.

Bis dahin führte sie ein ganz normales Familienleben.

Geprägt von Alltagsaufgaben, Beruf

und dem Glück einer intakten Familie. Eine

Krebsdiagnose ist für sie nicht neu, bereits im Umfeld

wurde sie mit der Krankheit konfrontiert,

durch die Patentante und den Schwager. Sie selbst

fühlt sich gesund, lebt bewusst, ist ein positiver

Mensch und hat bis dahin keine schwerwiegenden

gesundheitlichen Sorgen.

Eines Morgens entdeckt sie zufällig einen Knoten

in ihrer Brust. Zunächst ohne größere Bedenken,

lässt sie ihn beim Frauenarzt kontrollieren. Es

folgen Untersuchungen und eine Stanzbiopsie.

Erst als das Ergebnis Brustkrebs vorliegt, realisiert

sie, dass sich ihr Leben von Grund auf verändern

wird. Vor allem der Gedanke an ihre Kinder ist in

diesem Moment überwältigend: „Was, wenn ich

nicht da bin, um sie aufwachsen zu sehen?“, sagt

sie und bekommt Tränen in den Augen.

Nach der Diagnose beginnt eine intensive medizinische

Behandlung. Zuerst eine Operation,

anschließend eine sechsmonatige Chemotherapie

und eine einjährige Hormontherapie. Ein Port

wird eingesetzt, regelmäßige Blutkontrollen im

dreiwöchigen Rhythmus gehören zum neuen Alltag.

Ihre Brust kann erhalten werden – ein großer

Trost in dieser schweren Zeit.

Die Therapie ist belastend: körperlich wie

auch emotional. Haarausfall, Erschöpfung und

die Nebenwirkungen der Chemo verändern nicht

nur ihr Erscheinungsbild, sondern auch ihr Körpergefühl.

Dennoch bleibt sie positiv, nicht zuletzt

wegen ihrer Familie, die für sie ihre größte

Motivation ist, wieder gesund zu werden. Ihr

Mann steht ihr unermüdlich zur Seite. Er begleitet

sie zu jedem Termin und stellt den Ärzt:innen Fragen,

auf die sie selbst nie gekommen wäre. Auch

Schwiegereltern, Geschwister und Freund:innen

helfen. Unterstützung ist allgegenwärtig. Selbst

an schlechten Tagen versucht Manuela Bauer, so

viel Normalität wie möglich zu bewahren. Kurze

Auszeiten, Treffen mit Freund:innen, bewusstes

Genießen der guten Tage.

Beim Austausch mit Ärzt:innen, aber auch

später mit anderen Betroffenen, etwa in der Reha,

fühlt sie sich ernstgenommen und nicht allein.

Sie lernt: Jeder Krebs ist einzigartig, jeder Weg individuell.

Trotzdem kann gemeinsames Verständnis

viel Kraft schenken.

Ein Jahr nach Beginn der Behandlung beginnt

sie allmählich in ihren Alltag zurückzufinden. Die

Arztbesuche werden weniger, die Routine kehrt

zurück. Arbeit, Familie, Alltag. Sie hat keine ständige

Angst vor einem Rückfall, sondern vertraut

auf die regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen

und blickte nach vorne.

Heute – fast 15 Jahre später – ist sie 58, krebsfrei

und dankbar. Die Krankheit hat ihr Denken

verändert: „Heute lebe ich viel bewusster.“ Sie

sagt, dass Dankbarkeit für sie zu einem täglichen

Begleiter geworden ist. „Meine Gesundheit schätze

ich heute mehr als je zuvor.“ Sie betont, wie

wichtig es ist, jeden Moment zu genießen – und

nichts mehr als selbstverständlich hinzunehmen.

Positiv bleiben, egal was kommt.

Sie selbst hat den Tumor an sich frühzeitig

entdeckt und konnte rechtzeitig Hilfe bekommen.

Gerade deshalb hält sie einen Verbund aus

Voruntersuchungen, Früherkennung und die eigene

Initiative für essenziell. Diese Chance, sagt

sie, sollten alle nutzen.

„Ich hatte das Glück, von wunderbaren Menschen

umgeben zu sein. Das ist das Wertvollste –

und das, was das Leben ausmacht“, sagt sie voller

Glück in der Stimme.


01/ 2026 CHANGE

25

Lenas Weg zurück ins Leben

Was bleibt vom jugendlichen Gefühl der Unverwundbarkeit, wenn der Körper plötzlich versagt?

Wenn eine Diagnose das Leben teilt - in ein Davor und ein Danach? Lena Neumann* erlebt

mit 17, wie schnell alles kippen kann. Was folgt, ist ein Jahr, dass sie stärker verändert, als es

jede Jugend je könnte.

VON RONJA HIPP

Als Lena Neumann gerade 17 ist, dreht

sich ihr Leben um Abi-Stress, Volleyball,

Reisepläne und dem Gefühl von

„Mir steht noch das ganze Leben offen“.

Bis zu jenem Mittwochmorgen

im Klassenzimmer: Sie stolpert, ihr Körper sackt in

sich zusammen und ihr Gesicht wird kalkweiß.

„Zuerst dachte ich, ich hätte einfach zu wenig

gefrühstückt“, erinnert sich die heute 23-Jährige

zurück. Doch nur drei Tage später sitzt sie in einem

engen Arztzimmer, ihre Mutter dicht neben

ihr, die Finger fest ineinander verkrampft. Dann

fällt die Diagnose, die alles zum Stillstand bringt:

Lymphdrüsenkrebs.

„Ich habe den Arzt reden sehen, aber nichts

gehört. Es fühlte sich an, als hätte jemand mein

Leben angehalten“, erklärt die junge Frau. Nicht

einmal eine Woche später beginnt die Chemotherapie.

Der erste Tag fühlt sich an wie ein falscher

Film, der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel,

das Piepen, der metallische Geschmack im Mund.

„Ich dachte nur, das darf alles nicht wahr sein, das

passiert nicht wirklich“, betont sie.

Die Schülerin verliert durch die Chemo

schnell ihre Haare: „Als ich in den Spiegel gesehen

habe, hat es mich eiskalt erwischt. Da wurde es

dann zum ersten Mal real“, sagt die Freiburgerin.

Ihr Alltag verwandelt sich in eine Abfolge aus Infusionen,

Blutwerten und Nächten, die sich endlos

ziehen. Sie kann kaum essen, schläft schlecht

und wird immer schwächer. Auch ihr Umfeld verändert

sich. Einige Freund:innen schreiben ihr jeden

Tag, andere verschwinden einfach. „Viele

hatten Angst, das weiß ich. Aber es hat trotzdem

sehr wehgetan“, erklärt Lena Neumann.

Den Wendepunkt erlebt sie an einem Abend,

als sich eine junge Ärztin an ihr Bett setzt. Keine

Hektik oder irgendwelche Fachbegriffe, nur ein

leiser Satz, der hängen bleibt:

„Du musst nicht stark

sein, du musst nur

weitergehen.“

„Dieser Satz hat mir irgendwie Kraft gegeben

und mich in diesem Moment gestützt“, sagt Lena.

„Er hat mir gezeigt, dass auch die kleinen Schritte

zählen.“

Von da an beginnt sie, jeden Tag einen Satz in

ein kleines Notizbuch zu schreiben. „Manchmal

stand da nur: Heute kein Erbrechen oder: Fünf Minuten

draußen. Aber das hat mir schon gereicht“,

erzählt sie. Musik hilft ihr, Gespräche auf dem

Flur lenken sie ab, und ein paar Minuten Sonne

durch das Klinikfenster geben ihr neue Energie.

Nach einem Jahr voller Höhen und Tiefen erklären

ihr die Ärzt:innen, sie sei krebsfrei. Ein Moment

riesiger Erleichterung und gleichzeitig der

Beginn neuer Unsicherheiten. „Alle dachten, ich

wäre jetzt wieder die Alte, aber ich war nicht mehr

dieselbe“, sagt Lena ruhig.

Der Schulalltag wirkt plötzlich fremd. Sie

kämpft mit der Angst vor einem Rückfall, mit Erwartungen

von außen und mit ihren eigenen.

„Ich musste erst lernen, mir Zeit zu geben“, erklärt

sie. Lena Neumann holt schließlich ihr Abi nach

und beginnt eine Ausbildung im sozialen Bereich.

Heute arbeitet sie an einer Schule und unterstützt

Jugendliche, die selbst durch schwere Zeiten gehen.

„Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich

alles anders ist. Das verbindet einen irgendwie“,

sagt die junge Pädagogin. Wenn sie auf die

17-Jährige von damals blickt, möchte sie ihr zurufen:

„Du packst das, und du wirst stärker daraus

hervorgehen!“

„Veränderungen fühlen sich oft an wie ein

Sturm“, verdeutlicht Lena Neumann zum Schluss.

Dann erklärt sie, dass dieser Sturm einen manchmal

an Orte bringe, an die man sonst nie gegangen

wäre.

* Name von der Redaktion geändert

Symbolbild. Schwere Tage während der Chemo. Bild: Pixels


26 CHANGE

mediakompakt

Bilder: Instagram @anuskatzzz

Vorurteil im

Kopf.

Kunst unter

der Haut.

Man denkt zu wissen, wer

An Lu ist. Doch hinter ihren

Tattoos und Body Mods steckt

keine Schablone, sondern eine

Frau, die Grenzen verschiebt –

für sich und eine Gesellschaft,

die noch lernen muss, zu

verstehen, statt zu urteilen.

VON GINA-MARIA MELITO

Narbenkunst, violette Augen und eine

gespaltene Zunge. Man hört das

Wort Body Mods und denkt direkt

an etwas Extremes. Body Modifications

– kurz Body Mods – sind Eingriffe,

die den Körper bewusst verändern. Dinge,

die manche faszinieren und andere schockieren.

Bei An Lu geht es dabei nicht um Rebellion oder

Provokation. Es geht um einen Weg, bei dem das

Innere nach außen getragen wird. Ein Prozess, der

Mut braucht, Zeit und Schmerz. An Lus körperliche

Veränderung begann, als sie sich mit 13 Jahren

für Dreadlocks entschied, wenig später mit

Tunnels ihre Ohrlöcher dehnte und irgendwann

ihren ganzen Körper zur Leinwand machte. So eine

Veränderung kommt nicht über Nacht. Sie

formt. Sie fordert. Sie konfrontiert – Menschen,

die sie ansehen und An Lu selbst, die sich weiterentwickelt.

Es geht um einen Körper, der erzählt,

was viele nicht aussprechen und um eine Frau, die

sich traut, sichtbar zu sein.

Mit elf Jahren sieht An Lu in Zypern eine Frau

mit langen Dreadlocks. Ein Moment, der plötzlich

wie ein fremdes Licht aufflackert und den Beginn

ihrer Reise darstellt. „Ich fand das total schön“,

sagt An Lu. Zwei Jahre später lässt sie sich selbst

Dreadlocks machen, welche sie bis heute trägt. Sie

landet damit direkt im ersten Spannungsfeld aus

Erwartungen und Vorurteilen. Damals sagt man

ihr, sie sähe aus wie Bob Marley. Jahre später, während

der Black Lives Matter-Bewegung, heißt es,

sie dürfe als weiße Frau keine Dreadlocks tragen.

„Es ist verrückt, wie diese Gesellschaft geformt

wird, und wie die Vorurteile sich entsprechend

anpassen“, sagt sie. Aber An Lu passt sich nicht

an. Sie verändert sich und lernt früh, dass Veränderung

nie konfliktfrei ist. Ihr Weg geht weiter, als

sie mit 14 ihre Ohrlöcher dehnen lässt. Nicht aus

Trend, sondern weil ihre Ohrläppchen nach jahrelangem

Kreolen-Tragen „so riesig wurden“, wie

sie lachend sagt. Mit 18 kommen die ersten Tattoos.

Kleine Schritte in Richtung eines Ichs, das sie

irgendwann komplett nach außen trägt.

„Es ist verrückt, wie

diese Gesellschaft geformt

wird, und wie die

Vorurteile sich entsprechend

anpassen.“

Heute hat An Lu einen kompletten Bodysuit,

also ein Ganzkörper-Tattoo. Er ist gestochen von

ihrer Frau Lily Lu – und er ist Lily Lus letzter Bodysuit

überhaupt, denn heute tätowiert sie nicht

mehr selbst. Ihre Kunst lebt jedoch weiter: Sie hat

ihr Wissen, ihren Stil und ihre Technik über Jahre

an andere Artists weitergegeben, die heute weltweit

damit arbeiten. „Ich kenne keinen Menschen,

der von seinem eigenen Partner einen

kompletten, perfekten Bodysuit bekommen hat“,

sagt An Lu. Es klingt nicht nach Eitelkeit, sondern

nach Stolz. Nach einer Verbindung, die unter die

Haut geht – im wörtlichen Sinn.

Doch wer über An Lu erzählt, spricht nicht nur

über Körperkunst. Sondern auch über Schmerz.

Schmerz, der für sie kein Hindernis ist. Er ist ein

Werkzeug, ein Kompass. An Lu erklärt es mit einem

Bild, das jeder kennt: dem ersten Wackelzahn.

Kinder spielen wochenlang daran herum.

Sie trauen sich nicht ihn zu ziehen, sie wissen

nicht, wie sich der Schmerz anfühlt. Und trotzdem

suchen sie ihn. „Da fängt es schon an“, sagt

sie. „Man ist total auf Adrenalin. Es ist ein aufregendes

und ungewöhnliches Gefühl. Und was

man aus diesem Gefühl macht, liegt an jedem

selbst.“ Für sie wird Schmerz etwas, das klärt und

sie beruhigt, statt zu zerstören. Etwas, das sie bewusst

wählt.

Wer An Lu heute begegnet, sieht eine Frau, die

ihren Körper zu einem Archiv aus Entscheidungen

gemacht hat. Jede Linie erzählt von einem

Prozess, den sie aktiv gegangen ist. Nicht impulsiv,

nicht leichtfertig. Sie wirkt nicht wie jemand,

der anders sein will. Sie wirkt wie jemand, der sich

selbst treu und im Reinen mit sich ist. Vielleicht

starrt die Gesellschaft im ersten Moment. Vielleicht

urteilt sie im zweiten. Aber im dritten sollte

sie beginnen zu verstehen: Veränderung sieht nur

von außen extrem aus. Von innen ist sie oft einfach

nur ehrlich.

An Lu lebt diese Ehrlichkeit auf der Haut. Für

sich. Und für alle, die sich trauen wollen, hinzusehen.


01/ 2026 CHANGE

27

Ein Tanzschritt zum Mut

Wenn man an Burlesque denkt, taucht bei vielen sofort das Bild aus dem gleichnamigen Film mit

Christina Aguilera und Cher auf. Wie die Tanz- und Kunstform, die aus dem Varieté stammt, Vivienne

Tran verändert hat und wie sie eine völlig neue Seite an sich entdeckte, erzählt sie im Interview.

VON LAURA BERNHARDT

Als die Stuttgarterin zum ersten Mal

den Kursraum betritt, weiß sie noch

nicht, was sie erwartet. Die Bewegungen

wirken ungewohnt, die Sinnlichkeit

fast fremd – und dennoch verspürt

sie sofort eine besondere Energie. Sie erzählt,

dass sie zu Beginn vor allem mit ihrer eigenen Unsicherheit

rang: „Ich war total nervös. Ich wusste

nicht, ob ich mich so zeigen kann, wie ich bin.“

Doch genau hier beginnt der Kern dessen, was

Burlesque für sie bedeutet: ein Raum, in den man

hineinwächst und Schritt für Schritt mutiger

wird. Beim Burlesque, sagt sie, stoße man unweigerlich

an die eigenen Grenzen. Der Tanz fordere

dazu auf, sich zu zeigen, sich größer zu machen,

laut zu sein – oft weit über die vertraute Komfortzone

hinaus. Manchmal fühle es sich regelrecht

unbequem und verletzlich an. Doch mit jedem

Training falle ein kleines Stück Unsicherheit ab,

und der Schritt nach vorn wird leichter.

Burlesque als Tanz entzieht sich festen Kategorien

und lebt davon, sich immer wieder neu zu erfinden

– mal verspielt, mal dramatisch, aber immer

ausdrucksstark.

„Burlesque ist nicht nur ein

Tanzstil, sondern vor allem

die Kunst, sich selbst neu

entdecken zu können und

sich selbst zu lieben.“

Sobald Vivienne Tran auf der Bühne ist, vergisst sie das

Lampenfieber. Bilder: Privat

men fühlte, antwortet sie nach kurzem Überlegen:

„Ich glaube, es war gar kein spezieller Moment.

Es war eher der ganze Prozess. Jedes Mal,

wenn ich mich überwunden habe, hinzugehen,

wurde es leichter.“ Und dann seien es auch die

kleinen Augenblicke gewesen, die ihr Mut gemacht

haben: „Wenn die Tanzlehrerin zum Beispiel

sagt: ‘Hey, das war gut!’ oder ‘Das sah toll

aus.’ Das gibt dir so viel – diese Kleinigkeiten lassen

dich wachsen.“

Ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung fand jedoch

nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper

statt. Auf die Frage, was Burlesque mit ihrem Körpergefühl

und ihrer Selbstwahrnehmung gemacht

habe, muss sie nicht lange überlegen. Der

Tanz habe ihr geholfen, sich in ihrem eigenen

Körper wohler zu fühlen – sowohl mit dem, was

sie sieht, als auch mit dem, was sie dabei empfindet.

„Burlesque hat mir gezeigt, dass es völlig okay

ist, feminin zu sein – und dass das sogar etwas unglaublich

Schönes ist“, sagt sie. Im Kurs habe sie

gelernt, ihre weibliche Energie nicht zu verstecken,

sondern darin regelrecht aufzublühen und

stolz zu tragen.

Für Vivienne Tran gibt es beim Burlesque einen

ganz besonderen Moment, in dem alles zusammen

kommt: „Sobald die Musik angeht, passiert

bei mir dieser Switch“, erzählt sie. Dann rückt

alles um sie herum in den Hintergrund, der Atem

wird ruhig und plötzlich zählt nur noch der Au-

Wie historische Darstellungen auf Blogs wie

Burlexe oder Burlesque.de zeigen, hat diese Tanzform

ihre Wurzeln im Varieté und in der satirischen

Bühnenkunst des 19. Jahrhunderts. Typisch

dafür waren Übertreibung, eine starke theatrale

Inszenierung und ironische Kommentare zu

gesellschaftlichen Normen. Wie Autorin Michelle

Baldwin in ihrem Buch “Burlesque and the New

Bump-n-Grind” beschreibt, diente Burlesque ursprünglich

der humorvollen Parodie und dem

subversiven Spiel mit gesellschaftlichen Erwartungen.

Heute dagegen rücke ein anderer Aspekt

in den Vordergrund: der eigene Körper als Ausdrucksmittel,

Selbstliebe als Haltung und Female

Empowerment als Kern. Die 22-jährige Studentin

meint, dass gerade diese Aspekte Burlesque heute

prägen und für sie deutlich spürbar sind. Sie erzählt,

dass Burlesque ihr in vielen Bereichen geholfen

habe – vor allem aber in ihrer Beziehung zu

sich selbst. Auf die Frage, ob es einen bestimmten

Moment gab, in dem sie sich im Kurs angekomgenblick.

Ob auf der Bühne oder im Kursraum –

dieser Moment, in dem die Musik den Raum füllt,

lässt sie vollkommen im Hier und Jetzt leben. Und

genau das ist es, was sie jedem ans Herz legen

möchte, der mit dem Gedanken spielt, Burlesque

auszuprobieren. Man müsse sich zwar überwinden,

sagt sie, und manchmal fühle es sich unangenehm

an.

Doch der Mut werde belohnt – mit Spaß,

Wachstum und einem tiefen Stolz auf sich selbst.

„Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es

einem keinen Spaß macht“, sagt sie und lächelt,

„aber Burlesque hat mir in so vielen Aspekten geholfen,

dass es sich allein dafür schon lohnt, es zu

versuchen.“ Und wenn sie Burlesque in einem

einzigen Satz beschreiben müsste? Vivienne Tran

denkt kurz nach und fasst dann alles zusammen,

was dieser Tanz ihr bedeutet. „Burlesque ist nicht

nur ein Tanzstil, sondern vor allem die Kunst, sich

selbst neu entdecken zu können und sich selbst zu

lieben.“


28 CHANGE

mediakompakt

Veränderung auf Knopfdruck

Früher brauchte es Hunderte Fotos oder lange Audioaufnahmen, um Deepfakes zu generieren.

Heute reichen dafür ein Selfie oder wenige Sekunden Gespräch. KI-manipulierte Medien verbreiten

sich so rasant wie Spam-Mails – und genau wie diese lassen sich Deepfakes nicht mehr aufhalten.

VON EVELIN ERNST

Betrug wird immer leichter, selbst mit wenig Daten. Bild: KI-generiert

Hendrik Schuff, Dozent an der

Hochschule der Medien Stuttgart,

forscht seit mehreren Jahren zum

Thema Künstliche Intelligenz. „Der

Begriff Deepfake ist eigentlich ein

Wort aus Deep Learning und Fake“, erklärt er. „Er

beschreibt Medien inhalte, die mithilfe künstlicher

Intelligenz so realistisch generiert werden,

dass man sie kaum noch von echten Aufnahmen

unterscheiden kann.“ Schuff erinnert an das bekannte

Video von Barrack Obama aus dem Jahr

2018, in dem Jordan Peele die Mimik und Stimme

des damaligen Präsidenten täuschend echt animieren

ließ. „Damals war das unfassbar beeindruckend,

heute kann das jede App“, sagt Schuff.

„Selfie hochladen, zwei

Knöpfe drücken – und

schon kann man jede

Szene generieren.“

Doch die Leichtigkeit, die ihn technisch fasziniert,

bereitet ihm mit Blick auf die Gesellschaft

große Sorgen: „Wir dürfen nicht vergessen: Die

technischen Methoden hinter KI sind zunächst

neutral, aber was Menschen damit machen, ist es

nicht.“ Besonders schockiert ihn, dass ein Großteil

der Deepfakes für sexualisierte Inhalte genutzt

wird. „Etwa 96 Prozent aller Deepfakes sind pornografisch

und gehen fast immer auf Kosten von

Frauen, das ist für Betroffene zerstörerisch“, betont

er: „Gerade für Jugendliche kann so etwas das

ganze Leben ruinieren. Das Internet vergisst

nicht.“ Auch für Betrug sieht der Wissenschaftler

neue Risiken. Er erzählt von einem Fall aus Hongkong:

„Da hat ein Mitarbeiter in einer Videokonferenz

mit seinen angeblichen Vorgesetzten gesprochen.

Heute wissen wir: Jeder einzelne war

ein Deepfake. Der Mann überwies 25 Millionen

Dollar – und das Geld war weg. „Das zeigt, wie

professionell diese Fälscher inzwischen arbeiten.“

Selbst alte Maschen wie der Enkeltrick ließen

sich durch KI perfektionieren. „Dafür reichen ein

paar Sekunden Sprachausgabe. Wenn dann jemand

am Telefon klingt wie dein Sohn oder deine

Enkelin, ist die Überraschung groß – und die Gefahr

ebenfalls.“

Noch weitreichender seien die Folgen für Politik

und Gesellschaft. Schuff verweist auf Deepfakes

aus der Slowakei und Bangladesch, die dort

kurz vor großen Wahlen kursierten. „Ein einziger

Fake zum richtigen Zeitpunkt kann reichen, um

die Stimmung zu beeinflussen.“ Viel gefährlicher

sei aber das Grundmisstrauen, das die Technologie

mit sich bringt: „Wenn man alles fälschen

kann, kann auch jeder alles abstreiten.“

Viele gehen noch immer davon aus, Deepfakes

träfen nur Personen des öffentlichen Lebens.

„Ich glaube, die Annahme, die Leute oft im Kopf

haben, ist, dass nur Prominente oder Schauspieler

betroffen sind, von denen es viel Bildmaterial, viele

Videos, viel Tonmaterial gibt“, sagt er.

Früher sei diese Menge an Daten tatsächlich

notwendig gewesen. „Man konnte sich sicher

fühlen, wenn man ein Bild auf Facebook hatte

oder eine einzelne Sprachnachricht – das hat einfach

nicht gereicht.“ Die Folgen gehen aus Sicht

des Experten noch weiter. Wenn Realität beliebig

manipulierbar wirkt, entsteht ein gefährlicher

Rückzug bei den Nutzer:innen. „Man hat dann

ein Verschwimmen der Realität. Manche merken,

dass vieles gefälscht sein könnte“, erklärt er. Deshalb

beschäftigen sich die Nutzer:innen kaum

noch damit, herauszufinden, was stimmt. „Sie geraten

in einen Modus, in dem ihnen die Realität

egal wird. Sie setzen sich nicht mehr kritisch mit

den Medieninhalten auseinander.“

Trotz aller Risiken warnt Schuff vor zu radikalen

Reaktionen und pauschalen Technologieverboten.

„Wir haben auch nicht E-Mail als Technologie

verboten, nur weil es Spam gibt.“ Statt Panik

brauche es adäquate Regulierung, technische Sicherheitsmechanismen

und vor allem moderne

Medienkompetenz.

„Deepfakes verschwinden

nicht mehr. Die

Frage ist, wie wir als

Gesellschaft damit

umgehen.“

Hendrik Schuff, Dozent für KI in der Praxis. Bild: Privat


01/ 2026 CHANGE

29

Heute Autor:in, heute Influencer:in

Die Autorin Bianca Wege ist von BookTok nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer „Today“-Reihe stand

sie bereits auf der #BookTok- und Spiegel-Bestsellerliste. Im Interview verrät sie, welche Auswirkungen

die Plattform für Autor:innen hat.

VON CHRISTINA SAGI

BookTok hat den Buchmarkt revolutioniert.

Unter dem Hashtag auf Tik-

Tok werden weltweit Bücher in die

Kamera gehalten. Die sogenannte

BookTok-Community hat das Lesen

zum Trend gemacht. Doch die steigende Beliebtheit

des Kulturguts Buch hat ihren Preis für

Autor:innen, die sich nun auch auf Social Media

zu dem steigenden Druck äußern. So teilte die

Romance-Autorin Laura Kneidl am 9. November

2025 ihren Leser:innen über Instagram mit:

„Ich will meine Geschichten genießen, ohne bereits

bei dem ersten Wort Erwartungsdruck zu verspüren.“

Damit ist sie nicht die Einzige. Im Interview

nimmt Bianca Wege Bezug auf solche Beiträge

und sehnt sich nach Veränderung: „Ich würde

mir wünschen, dass weniger Leute diesen Trend

mit schneller, höher, weiter anfachen, sondern

dass aus diesen ganzen Vergleichen ein ‚Wir

schaffen das miteinander‘ wird.“

Aber um Veränderung zu schaffen, muss auch

der Ursprung des Drucks gefunden werden. Die

Weingartenerin veröffentlicht seit 2020. Damals

hatte sie noch keinen TikTok-Account und war

auf Instagram als Bloggerin tätig. Auf die Frage

was sich in den vergangenen fünf Jahren verändert

habe, betont sie, dass zu dem Zeitpunkt Social

Media im Autor:innen-Business noch nicht so

wichtig gewesen wäre. Anika Erbe, Verlagsmitarbeiterin

beim Arena Verlag, bestätigt: „TikTok ist

bei uns im Online-Marketing nicht mehr wegzudenken.“

Im Interview kommt Wege immer wieder auf

den steigenden Druck zu sprechen: Auf der Autor:innen-Seite

herrsche ein Muss, sich ständig

miteinander zu vergleichen. Und sie hat das Gefühl,

dass auf der Verlagsseite erwartet wird, dass

sich Autor:innen selbst auf Social Media promoten.

Dazu merkt Erbe an, dass Autor:innen viel

persönlicher und authentischer als Verlage mit

der Zielgruppe in Kontakt treten können.

Bianca Wege betont, dass Autor:innen sich

zwar über den Erfolg der Kolleg:innen freuen, aber

durch diese Vergleichbarkeit und das Dauerfeedback

von Leser:innen die Selbstzweifel lauter werden.

Auch sie spürt den Druck, mehr und schneller

zu schreiben. Bisher hat die 28-Jährige nur ein

Buch pro Jahr veröffentlicht, doch bereits nächstes

Jahr möchte sie herausfinden, ob zwei Bücher

im Jahr auch in ihren Möglichkeiten liegen. Ihre

neue „Hearts of LUX“-Dilogie soll 2026 beim Arena

Verlag in einem Abstand von nur sechs Monaten

erscheinen. Die Autorin hofft, dass ihre Kreativität

bei diesem Tempo nicht verloren gehe,

denn ihren „Brotjob“ aufzugeben, traue sie sich

noch nicht.

Nach dem großen Erfolg der „Today“-Reihe –

die auf Bestsellerlisten stand und vom Arena Verlag

eigenes Merchandising bekommen hat – setzt

sich Wege selbst unter Druck: Denn die Erfolgsautorin

wünscht sich, wieder auf den Bestsellerlisten

zu stehen. Sie ist sich bewusst, dass Buchhandlungen

beim Einkauf der Bücher auf Bestsellerlisten

achten. Denn Bücher, die auf diesen Listen stehen,

werden in größeren Mengen in Buchhandlungen

ausgelegt und haben dadurch auch eine

größere Sichtbarkeit.

Doch trotz des Drucks sieht Wege die Vielfalt

und Möglichkeiten von Social Media. In Band

eins der „Today“-Reihe gibt es zwei zentrale Themen:

Gaming und Volleyball. Während sich der

Arena Verlag bei der Vermarktung auf die Gaming-Thematik

fokussiert hatte, hat die Autorin

Die Warteschlange zur Signierstunde von Bianca Wege auf

der Leipziger Buchmesse 2025.

ihre Chance in der Volleyball-Thematik gesehen

und genutzt. Dadurch konnte sie viel mehr Leser:innen

für ihre Bücher gewinnen, sie ist der

Meinung: „Nur mit dem Gaming-Thema wären

lange nicht so viele Bücher verkauft worden.“ Damit

unterstreicht sie die Aussage von Anika Erbe,

dass Autor:innen selbst auf Social Media aktiv sein

müssen, um den größtmöglichen Marketingeffekt

zu erzielen.

Ihr Fazit: BookTok biete Chancen, erhöhe aber

auch den Druck. Um die Stärken der Plattform zu

maximieren und die Schwächen zu reduzieren,

wünscht sich Bianca Wege ein Miteinander, in

dem man gemeinsam aufeinander achtet.

Was ist #BookTok?

• Unter #BookTok tauschen sich Buchliebhaber:innen

auf TikTok aus

• 2024 wurden von der deutschen #Book-

Tok-Community über 25 Millionen Bücher

gekauft (Zahlen: Media Control)

• #BookTok ist fester Bestandteil der Buchbranche

• Seit 2023 finden jedes Jahr die TikTok

Book Awards statt

Bianca Wege signiert die „Today“-Reihe auf der Frankfurter Buchmesse 2025. Bilder: Privat


30 CHANGE

mediakompakt

Mut zum Studienwechsel

Die Hochschule der Medien (HdM) hat viele Studiengänge zur Auswahl, da treffen nicht alle

Studierende gleich beim ersten Mal die richtige Wahl. Die Studienberaterin Annica Funke erklärt

im Folgenden das Wichtigste für einen HdM-internen Wechsel.

VON RAFAILIA ASLANIDOU

Es ist mir wichtig, dass das als nichts

Scheiterndes betrachtet wird, weil die

Studienorientierung ein Prozess ist“,

betont die Studienberaterin. Zweifel

seien ganz normal. Es gebe verschiedene

Gründe, die dazu führen, dass man seine Entscheidung

überdenke. „Diese lassen sich analysieren,

und mit der richtigen Beratung findet sich

das individuell passendste Ziel“, erklärt Annica

Funke. Die Zentrale Studienberatung (ZSB) der

HdM bietet hierfür verschiedene Sprechstunden

an – zum intensiveren Diskurs auch in einladender

Umgebung direkt vor Ort.

Allgemeines

Ein Wechsel sei immer mit einer neuen Bewerbung

verbunden, egal ob das Semester eben erst

angefangen hat. Die Expertin empfiehlt daher erst

einmal eines: Die Zeit nochmal zur Orientierung

nutzen. Ob in den neuen Studiengang hineinsetzen

oder vorher mit Studiendekan und Kommiliton:innen

sprechen, um sicherzugehen, dass er

wirklich zu einem passt.

Für alle ab dem dritten Semester heißt es:

Pflichtberatung nicht vergessen. Diese ist zwar

erst zur Einschreibung nötig und nicht schon zur

Bewerbung, dennoch sollte man sich vor einer

Entscheidung beraten lassen.

Annica Funke hilft gerne bei Fragen. Bilder: R. Aslanidou

Selbstverständlich gelte es auch sich über die

Deadlines und Unterlagen der Bewerbung zu informieren.

„Laut unserer Checkliste gibt es nochmal

ein zwei Dokumente mehr für Studienfachwechsler“,

betont Funke: die aktuelle Imma- oder

Exmatrikulationsbescheinigung, die Übersicht

der bisherigen Studienleistungen und ab dem

dritten Semester auch den Nachweis der Pflichtberatung.

Orientierung und Pflichtberatung

Hat man erst einmal festgestellt, dass das gewählte

Studienfach nicht zu einem passt, gilt es sich erneut

zu orientieren. „Wir nennen es immer äußere

und innere Suche“, erklärt die Studienberaterin.

In der inneren Suche geht es darum herauszufinden,

was die eigenen Interessen und Fähigkeiten

sind. In der äußeren Suche hingegen schaut

man, welche anderen Studiengänge es gibt, die zu

den eigenen Fähigkeiten, Werten und Interessen

passen könnten, bevor man sich tatsächlich bewirbt.

Im Anschluss sollten die Bedingungen für

eine Bewerbung geklärt werden, wie verlorene

Prüfungsansprüche und ähnliches.

Übrigens: Bei einem Wechsel innerhalb der HdM

hat man laut Annica Funke bei der Bewerbung weder

Vor- noch Nachteile. Der einzige Unterschied

zu einer externen Bewerbung liege darin, dass der

Zugriff zum Studienportal schon vorliegt.

Die ZSB berät zu Fragen wie: Warum das aktuelle

Studium nicht passt, weshalb ein Wechsel

sinnvoll sein könnte, welche Chancen und Abläufe

es dabei gibt und welche anderen Möglichkeiten

offenstehen. Das Angebot gilt in freiwilligen

Beratungsstunden oder auch in der Pflichtberatung.

„Obwohl es eine Pflichtberatung ist, sollte

es als präventives Angebot wahrgenommen werden“,

stellt Funke klar. Dafür schaffe die ZSB eine

vertraute und persönliche Atmosphäre, in der Beratung

auf Augenhöhe möglich ist – daher wird

bewusst großer Wert auf Du-Ansprache mit den

Studierenden gelegt.

Anrechnung von Studienleistungen

Wie etwas angerechnet werden kann, ist in der

„Satzung über die Anrechnung von Studien- und

Prüfungsleistungen an der Hochschule der Medien“

geregelt. Studienleistungen können auf Modulebene

angerechnet werden. Das bedeutet: keine

einzelnen Lehrveranstaltungen. Zudem

kommt es auf die Vergleichbarkeit der Module an.

Vergleichbar heißt, dass insbesondere die Inhalte,

aber auch die ECTS-Zahl vergleichbar sein müssen.

Verlorener Prüfungsanspruch

Laut der Studienberaterin ist auch hier die Vergleichbarkeit

der Module wichtig. Existiert das

vergleichbare Modul im neuen Studiengang im

Pflichtbereich und man hat den Prüfungsanspruch

darauf verloren, ist eine Bewerbung nicht

möglich. „Existiert es nicht oder nur im Wahlbereich,

geht eine Bewerbung klar“, sagt Funke. Habe

man jedoch den Prüfungsanspruch im Studiengang

A an der HdM verloren, könne man sich

nicht auf den vergleichbaren Studiengang B der

HdM bewerben.

Tipps zur Anrechnung

1. Tabelle der bisherigen Leistungen mit

Modulbeschreibungen erstellen

2. Im Modulhandbuch des neuen Studiengangs

passende Module notieren

3. Mit der Tabelle beim neuen Studiengang

klären, welche Leistungen anerkannt werden

4. Anrechnungsantrag per Formular stellen

(bis acht Wochen nach Semesterstart)


01/ 2026 CHANGE

31

Selbstständig

leben

Frei seinen eigenen Alltag – sein eigenes Leben – planen können, so frei wie ein Luftballon, welcher am Himmel schwebt. Bild: Alexandra Fischer

Geschafft – Benjamin Müller

hat die letzte Klausur geschrieben

und die Bachelorthesis

abgegeben. Nun soll es weitergehen

zur nächsten Station:

dem Vollzeitjob in einem

renommierten Stuttgarter

Automobilunternehmen. Doch

dann kommt alles anders.

VON ALEXANDRA FISCHER

Viele Studierende entscheiden sich nach

dem Studium für einen klassischen

40- Stunden-Job. Der ist sicher und gut

bezahlt – so kann man das BAföG abbezahlen,

aus der WG ausziehen und das

Leben in vollen Zügen genießen.

So hatte sich das Benjamin Müller eigentlich

auch vorgestellt. 2018 hat er seinen Abschluss an

der Hochschule der Medien (HdM) in der Tasche

und beginnt eine Vollzeit-Anstellung in einem

großen Automobilunternehmen. Doch als ihn ein

Bekannter um Mithilfe bei seiner Startup-Idee bittet,

kann Müller nicht anders, als Ja zu sagen. Zuerst

steigt er nebenberuflich in das Startup ein.

Tagsüber in der Firma, abends im Startup.

Bald wir klar, das Startup hat eine wirkliche

Zukunft. Also kündigt Müller seinen Job und

steigt in Vollzeit beim Startup ein. Für ihn war dies

eine einfache Entscheidung – doch sein persönliches

Umfeld reagiert mit Kritik. „Ich hatte Menschen

in meinem Umfeld, die nicht verstanden

haben, warum ich meinen Job für das Startup

kündige.“ Er tut es trotzdem.

Mit der neuen Freiheit kommt aber neue Verantwortung.

Das Startup weiterzubringen und die

Verantwortung für die Mitarbeiter:innen zu tragen,

ist harte Arbeit. „Wenn du willst, dass es weiterläuft,

hilft es manchmal nur, einfach noch

mehr zu arbeiten“, erzählt Müller. Zu dieser Zeit

sind 60 Stunden Wochen die Norm für ihn.

„Da lernt man dann auf einmal ganz viel“, erinnert

sich der Stuttgarter an seiner Anfangszeit

im Startup. Zwischen administrativen Aufgaben

wie dem Erstellen von Lohnzetteln und der Einarbeitung

in bestehende Gesetze bleibt kaum noch

Zeit für die Arbeit. „Da merkt man dann, wie die

Rahmenbedingungen für Selbstständigkeit in

Deutschland sind“, sagt Müller. Man lernt seine

eigenen Grenzen kennen – bis man dann nicht

mehr kann. „Dafür habe ich auch gesundheitlich

meine Quittung bekommen.“

„Wenn du willst,

dass es weiterläuft,

hilft es manchmal nur,

einfach noch mehr

zu arbeiten“

Anfang 2023 entscheidet sich Müller, aus dem

Startup auszusteigen und für einige Zeit wieder als

Angestellter in einer Firma zu arbeiten. Aber das

Bedürfnis, sein eigener Chef zu sein, hat Müller

nie verlassen. 2024 entscheidet er sich, in die Niederlande

auszuwandern und sich als IT-Berater

selbstständig zu machen. Für wenige „selektierte

Kunden, wo ich dann auch weiß, dass die Zusammenarbeit

läuft“, wie Müller es beschreibt, bietet

er nun Dienstleistungen rund um digitale Infrastruktur

an. Auch KI ist inzwischen ein großes

Thema in seiner Arbeit.

Seit seiner Zeit in seinem ersten Startup hat

sich viel geändert. Anstatt mit einem großen

Team arbeitet er nun allein. Das konstante und

extreme Arbeiten liegt hinter ihm. Er ist angekommen:

„Wo ich jetzt bin, bin ich zufrieden.“

Gesundheitliche Folgen

von Überarbeitung

Konstante Überarbeitung führt zu

schwerwiegenden gesundheitlichen

Problemen. Dauerhafter Stress lässt

das Stresshormon Cortisol steigen, was

das Immunsystem schwächt und das

Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

erhöht. Auch die Psyche leidet:

Die ständige Belastung kann zu Erschöpfung

und schließlich zu einem

Burnout führen. Schlafstörungen sind

ebenfalls häufig, da der Körper keine

Zeit zur Regeneration hat. Langfristig

steigt das Risiko für Bluthochdruck

und Herzinfarkte. Muskeln und Gelenke

werden beschädigt: Bei ständiger

einseitiger Belastung entstehen Verspannungen

und Rückenschmerzen.

Psychische Erkrankungen wie Angststörungen

und Depressionen gehören

zu den häufigen Folgen.


32 CHANGE

mediakompakt

(Beweglichkeit) wird als Voraussetzung gesehen,

um schnelle Entscheidungen zu treffen und sich

flexibel anzupassen, wenn neue Herausforderungen

auftreten. Gerade hier empfiehlt Jana Sigel,

Chancen im Blick zu behalten: „Wer die VUCA-

Welt nur negativ sieht, verliert die Möglichkeiten

aus den Augen.“

„Betroffene zu Beteiligten

machen – das ist der

Schlüssel.“

Montagmorgen, 9 Uhr. Die Belegschaft

sitzt im Meetingraum,

die Präsentation leuchtet auf:

„Wir arbeiten ab sofort mit einem

neuen System.“ Ein leises

Murmeln. Unsicherheit. Wieder

ein Wechsel? Solche Momente

zeigen, wie rasant und

oft unerwartet sich die Arbeitswelt

heute verändert.

VON ALEXANDRA FUNK

Veränderung ist die einzige Konstante“,

sagt Jana Sigel, die seit Jahren im Bereich

Unternehmenstransformation

arbeitet. Veränderung passiert längst

nicht mehr in den einzelnen Projekten,

sondern kontinuierlich. Neue Technologien,

veränderte Rollenbilder, hybride Arbeitsmodelle

und ein immer schnellerer Markt erzeugen Druck

auf die Organisationen.

Change Management hilft dabei, diesen Wandel

bewusst zu gestalten, statt ihn einfach nur zu

ertragen. Die Corporate Transformation-Spezialistin,

die aktiv an der Gestaltung der Unternehmenskultur

eines großen Unternehmens in Dettingen

an der Erms arbeitet, beschreibt, dass Veränderungen

häufig nicht an der Idee scheitern –

sondern daran, dass die Mitarbeitenden zu spät

eingebunden werden. „Betroffene zu Beteiligten

machen – das ist der Schlüssel“, betont sie. Aus ihrer

eignen Erfahrung entsteht Widerstand vor allem

dann, wenn Ziele unklar bleiben oder Entscheidungen

überraschend wirken.

Bild: KI-generiert

Von Chaos zu Klarheit

Um diese Entwicklungen einzuordnen, nutzen

viele Unternehmen das „VUCA-Modell“. Es

erklärt vier Faktoren, die den beruflichen Alltag

prägen: Volatility (Unstetigkeit) beschreibt die

hohe Geschwindigkeit von Veränderungen. Uncertainty

(Unsicherheit) macht deutlich, wie

schwer Vorhersagen geworden sind. Complexity

(Komplexität) zeigt, dass Zusammenhänge unübersichtlicher

werden. Ambiguity weist auf

Mehrdeutigkeiten hin, die eindeutige Lösungen

erschweren. Gerade dies macht deutlich, warum

klare Kommunikation so wichtig ist.

Wandel in der Arbeitswelt

Sigel beschreibt Kommunikation als „einen der

größten Hebel im Wandel“, weil sie Orientierung

schafft, Transparenz fördert und Menschen dort

abholt, wo sie stehen. Sie betont, dass Mitarbeitende

Wandel eher akzeptieren, wenn sie nachvollziehen

können, warum Veränderungen notwendig

sind und welche Auswirkungen sie haben.

Kommunikation soll Orientierung geben – und

das nicht erst am Ende eines Prozesses, sondern

von Beginn an. Transparente Ziele, regelmäßige

Updates und die Möglichkeit, Fragen zu stellen,

reduzieren Ängste und stärken die Beteiligung.

Aus VUCA hat sich in den vergangenen Jahren

ein zweites, „positives“ VUCA entwickelt. Ein Ansatz,

der zeigt, wie Unternehmen aktiv und selbstbewusst

mit Wandel umgehen können. Dabei stehen

die Buchstaben nun für andere Begriffe, die

zeigen sollen, wie Unternehmen aktiv und selbstbewusst

mit Wandel umgehen können. Vision

soll Orientierung schaffen und Mitarbeitenden

Halt in unsicheren Zeiten geben.

Understanding (Verstehen) wird als die Fähigkeit

beschrieben, Bedürfnisse und Rahmenbedingungen

wirklich zu verstehen, anstatt lediglich

darauf zu reagieren. Clarity (Klarheit) soll dafür

sorgen, komplexe Themen verständlich zu machen

und Prioritäten klar zu benennen. Agility

Die Corporate Transformation-Spezialistin beschreibt

den Perspektivwechsel so, dass Wandel

nicht als Bedrohung, sondern als Chance verstanden

werden soll – eine Möglichkeit, Strukturen zu

modernisieren und Zusammenarbeit neu zu denken.

Sie hebt besonders hervor, dass die Antworten

von gestern nicht mehr ausreichen und es sowohl

für Menschen als auch für die Organisationen

notwendig sei, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Unternehmen sollen Veränderung

als dauerhaften Prozess begreifen und der Kommunikation

einen hohen Stellenwert einräumen,

um ein Umfeld zu schaffen, das Orientierung bietet

– selbst dann, wenn vieles gleichzeitig im Umbruch

ist.

Wandel bleibt, daran kann man nichts ändern.

Doch wie Unternehmen damit umgehen,

entscheidet darüber, ob Chaos überwiegt oder

Klarheit entsteht.

„Im Kern ist es eine Frage der Haltung: Sehe ich nur das

Problem oder erkenne ich die Herausforderungen und Chancen?“,

sagt Jana Sigel. Bild: privat


01/ 2026 CHANGE

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Sich finden heißt riskieren

Die Sicherheit seines Jobs fühlt sich gefährlicher an als die Unsicherheit der Selbstständigkeit:

Blendi Jusufi (25) wagt den Sprung und gewinnt dabei nicht nur berufliche Freiheit, sondern auch

sich selbst.

VON VALZA JUSUFI

Sicherheit – dieses Wort verliert für

Blendi Jusufi immer mehr an Bedeutung.

Zwar hatte er alles, was sich viele

wünschen: eine abgeschlossene Ausbildung

und ein geregeltes Einkommen.

Während der Arbeit in der Qualitätsprüfung

von Autoteilen spürt er schon früh, dass es ihn

nicht erfüllt. „Ich wusste, dass ich etwas will, das

mir mehr Freiheit bietet, finanziell und zeitlich.“

Der Wunsch war da, aber der Ausstieg schien weit

entfernt. Es ist kein plötzlicher Moment, der alles

verändert, sondern ein langes, stetiges Gefühl der

Unzufriedenheit. Die Sorge, in einem System festzustecken,

das keine Entwicklung zulässt. Die

Angst, niemals finanziell frei zu sein – besonders

als jemand, der nicht aus privilegierten Verhältnissen

stammt. „Wenn ich an die Zukunft denke,

zieht mich das runter. Ich will meine Familie entlasten

und einen neuen Lebensweg einschlagen“,

erinnert sich Blendi Jusufi.

Der Schritt in die Unsicherheit

Der Immobilienmarkt verändert für ihn alles. Ein

Bereich mit Zukunft, da Wohnen für jede:n ein

Thema ist. Ein Markt, der Selbstständigkeit ermöglicht

und zum ersten Mal das Gefühl gibt:

Hier kann ich mehr sein. Doch der Wechsel ist alles

andere als einfach. Plötzlich trägt er die volle

Verantwortung, kämpft mit Unsicherheit und

muss sich in einer komplett neuen Rolle beweisen.

Besonders der Umgang mit Menschen fordert

ihn heraus. Der 25-Jährige verrät: „Am Anfang

hatte ich einfach nicht das Selbstbewusstsein. Ich

wusste nicht, ob ich gut genug bin.“ Direkte Kritik,

abweisende Interessent:innen, geplatzte Termine

– jede Absage fühlt sich wie ein Rückschritt

an. Seine größte Angst? Nicht das Geld, nicht die

Arbeit, sondern der Gedanke, alles zu geben und

am Ende zu scheitern.

Durchhalten, wenn es schwer wird

Was ihn antreibt, ist nicht Euphorie, sondern reiner

Wille. Die Weigerung, in ein Leben zurückzukehren,

das ihn unglücklich macht. Der Antrieb,

sich selbst zu bewiesen, dass er mehr kann, als

ihm jemals zugetraut wurde. „Motivation bringt

dich los, aber Disziplin hält dich am Laufen“, erkennt

er schnell. Jeden Tag neu anzufangen, ohne

Garantie auf Erfolg – das ist die größte Herausforderung.

Die Belohnung für den Mut

Heute, mit 25 Jahren, blickt Jusufi auf einen Weg

voller wertvoller Lernprozesse zurück. Für ihn bedeutet

die Selbstständigkeit weit mehr als nur finanziellen

Erfolg:

Es ist die gewonnene Freiheit, seine Zeit selbst zu

bestimmen, spontan Entscheidungen zu treffen

und die volle Verantwortung für das eigene Leben

zu übernehmen. Sein Selbstvertrauen ist gewachsen

– weniger durch spektakuläre Einzelerfolge,

sondern vielmehr durch die tiefe Gewissheit, alles,

was er heute hat, mit eigenem Einsatz aufgebaut

zu haben. Schwankende Geschäftsmonate,

anspruchsvolle Kunden und unvermeidliche

Rückschläge sieht er heute nicht mehr als Zeichen

des Scheiterns, sondern als natürlichen Teil seines

erfolgreichen Weges.

Ein Rat für alle

„Hilfe suchen ist keine Schwäche, sondern ein

Zeichen von Stärke und Verantwortungsbewusstsein“,

betont er heute. Sein Wunsch und Rat an alle,

die mit dem Gedanken an einen beruflichen

Neuanfang spielen, lautet: „Hab den Mut, auch

wenn es anfangs unbequem wird. Verlasse bewusst

deine Komfortzone, denn nur so kann echte

Veränderung entstehen.“

Seine Reise zeigt, dass er nicht nur seinen Beruf

gewechselt hat. Er hat gelernt, die Verantwortung

für sein Leben vollständig zu übernehmen –

und darauf vertraut, dass Veränderung dann möglich

wird, wenn man sie wirklich will. Seine Überzeugung:

„Wenn man sich etwas in den Kopf setzt

und wirklich daran glaubt, dann schafft man es.“

Wohnungssuche: Alltag für Blendi Jusufi. Bilder: privat

Motivation für Makler:innen: Immobilienmesse 2024.


34 CHANGE

mediakompakt

Stillstand? Von wegen!

Viele junge Menschen packen nach dem Schulabschluss ihre Koffer und starten in ein neues Leben

fernab der Heimat. Doch es gibt auch diejenigen, die bewusst bleiben: kein Umzug, kein neues

Umfeld, sondern ein Alltag, der vertraut bleibt. Was bedeutet es, diesen Weg zu wählen? Ein Porträt

über Jenny Wolf, die nach dem Abitur in ihrer Heimat geblieben ist.

VON ACELYA SÜRER

Für Jenny Wolf stellte sich die Frage

nach dem Wegzug kaum. Nach ihrem

Abitur 2019 hatte sie keinen genauen

Berufswunsch – und damit keinen

Grund, für Ausbildung oder Studium

die Stadt zu verlassen. Sie nahm sich zunächst ein

Orientierungsjahr, in dem ein Umzug ohnehin

kein Thema war. Als 2020 eine passende Ausbildungsstelle

bei den Stadtwerken Fellbach frei wurde,

war die Entscheidung klar:Bleiben statt Aufbrechen.

„Das hat sich einfach angeboten“, sagt sie. Ein

Bedürfnis, die Stadt zu verlassen, entstand dadurch

nie. Bis 2023 absolvierte sie dort ihre Ausbildung,

seither studiert sie an der Hochschule für

Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen

– weiterhin gut erreichbar von zuhause.

Auch ihr Umfeld blieb überwiegend in der Region,

ein großer Aufbruch fand weder bei ihr, noch im

Freundeskreis statt.

Trotzdem gab es Momente der Unsicherheit.

„Natürlich hat man ab und zu das Gefühl, etwas

zu verpassen – vor allem in Bezug auf Selbstständigkeit“,

erzählt die 24-Jährige. Gleichzeitig weiß

sie die Vorteile zu schätzen. Besonders in

stressigen Studienphasen merkt sie, wie entlastend

es ist, Unterstützung im Alltag zu haben. „So

kann ich mich wirklich auf mein Uni-Zeug konzentrieren.

Ich muss mich nebenher nicht komplett

allein um Haushalt oder Wäsche kümmern.“

Doch zuhause zu wohnen bedeutet nicht, dass alles

einfacher ist. Das Zusammenleben mit den Eltern

verändert sich, je älter man wird. „Ich lebe

mein eigenes Leben, das muss mit dem meiner Eltern

funktionieren – das wird nicht leichter“, sagt

sie. Manchmal sei es ihr sogar unangenehm zu sagen,

dass sie mit 24 noch zuhause wohnt. „Man

wirkt schnell unreif“, vermutet sie. Doch abwertende

Reaktionen erlebt sie selten.

Oft sei das unangenehme Gefühl eher eine eigene

Befürchtung als tatsächliche Kritik von außen.

„No Change bedeutet

für mich nicht

Stillstand, sondern

Stabilität.“

Für die Zukunft steht für die Studentin jedoch

fest: Ausziehen möchte sie auf jeden Fall. Nicht

sofort, aber sobald es passt. „Ich hätte gern meine

eigene Struktur und ein Stück mehr Freiheit.“

Alleine wohnen möchte sie eher nicht – das passe

nicht zu ihr. Auch die Stadt ist für sie offen: Fellbach

fühlt sich nach Zuhause an, doch eine Zeit in

einer größeren Stadt kann sie sich gut vorstellen.

„Wenn man jung ist, will man vielleicht mal eine

Jenny Wolf studiert nahe der Heimat. Bild: Privat

Weile woanders leben und irgendwann zurückkommen.“

Ihrem 18-jährigen Ich würde sie heute

raten, Entscheidungen nicht vom Wohnort abhängig

zu machen. „Das zu tun, was sich richtig

anfühlt, ist wichtiger als die Frage, ob man dafür

wegzieht.“ Ihr Weg zeigt: Veränderungen müssen

nicht groß oder geografisch sein. Auch wer bleibt,

kann wachsen – nur auf eine andere Art.

‚‚No Change‘ bedeutet für mich nicht Stillstand,

sondern Stabilität.“ Anderen jungen Menschen

rät Jenny Wolf, Veränderungen nicht an

die Wohnsituation zu koppeln. „Es hängt nicht

davon ab, ob man auszieht, sondern davon, was

man erreichen will – egal von wo aus.“

Wohnen unter 25:

So sieht’s in Deutschland aus

28,4 Prozent der 25-Jährigen in Deutschland

lebten 2024 noch im elterlichen Haushalt

Rund ein Drittel zieht nach dem Abi nicht direkt

aus, sondern startet Ausbildung oder Studium

von zuhause. (Quelle: Destatis)

Der Kappelberg in Fellbach gehört zu den Lieblingsorten von Jenny Wolf. Bild: Acelya Sürer


01/ 2026 CHANGE

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Zwischen Freiheit und

Verlust

„Endlich keine Arbeit mehr

und Zeit zum Ausruhen und

Verreisen“ – so denken viele

Menschen über das Leben im

Ruhestand. Doch wie sieht es

tatsächlich aus, wenn man

sich für immer aus dem Erwerbsleben

verabschiedet hat?

VON MICHAEL KNOOS

Es ist kurz nach 22.45 Uhr. Margot

Knoos ist an diesem Abend noch mit

der Steuererklärung beschäftigt. „Die

muss ich ja leider auch als Rentnerin

machen“, sagt sie. Hat sie sich ihre Rente

so vorgestellt? „Ich dachte früher auch, ich hätte

mehr Zeit, wenn ich mal im Ruhestand bin.“

Die 67-Jährige möchte eigentlich gerne ihre Englischkenntnisse

auffrischen und mehr verreisen,

nachdem sie ihre Arbeit als Erzieherin im Kindergarten

vor drei Jahren beendet.

Doch dann kommt alles anders. Ihr Mann

wird schwer krank und braucht Pflege. „Nach seinem

Tod letztes Jahr habe ich mich oft einsam gefühlt“,

erzählt sie. „Manchmal fehlen einem da

schon die Kindergartenkinder und die Kolleginnen.

Ich habe ja eine sinnvolle Tätigkeit ausgeübt.

Zu sehen, wie die Kinder Fortschritte in ihrer Entwicklung

machen, hat mich sehr erfüllt.“ Den-

Herbert Rapp: Großvater und Handwerker. Bilder: M. Knoos

Margot Knoos ist gerne von Kindern umgeben.

noch genießt sie ihren Ruhestand. „Wenn ich früher

von der Arbeit nach Hause gekommen bin,

war noch lange nicht Schluss. Ich musste noch

viel Dokumentation und Bastelarbeiten erledigen,

und dann gab es auch immer wieder Konflikte

mit den Kindern oder Eltern, die ich dann auch

noch verarbeiten musste. Jetzt kann ich mir meinen

Tag relativ frei einteilen. Ich finde, das ist das

Beste am Ruhestand.“ Dieser Meinung schließt

sich auch Herbert Rapp an. Der ehemalige Werkstattleiter

im Bereich Metall der Backnanger

Werkstätten ist seit 2017 in Rente. „Ich kann auch

einfach mal einen Mittagsschlaf machen“, sagt er

und lacht.

Besonders schön findet er es auch, dass er nun

mit seiner Frau Monika zusammen in Ruhe frühstücken

kann und dass sie mehr Zeit miteinander

haben. So konnten sie auch kurz nach seinem

Renteneintritt eine fünfwöchige Reise durch Südamerika

unternehmen – etwas, das früher unvorstellbar

gewesen wäre. Dennoch findet auch der

72-Jährige, dass man im Ruhestand nicht so viel

Zeit hat, wie man in jungen Jahren denkt. „Ich

hätte gerne ein neues Hobby angefangen oder als

Gast Vorlesungen an der Universität besucht.

Aber ich bin eben auch Opa und sehr bei der Enkelbetreuung

gefragt.“ Geholfen hat ihm beim

Übergang von der Arbeit in die Rente, dass er zunächst

noch auf Minijobbasis weiterarbeiten

konnte und sich erst mit der Corona-Pandemie

2020 endgültig von den Backnanger Werkstätten

verabschiedet hat. Bis heute hält er den Kontakt

zu den Menschen seiner früheren Arbeitsstätte.

Auch Margot Knoos steht noch in Verbindung

mit ihren ehemaligen Kolleginnen. Außerdem

überbringt sie im Namen der Kirchengemeinde

Geburtstagskindern persönliche Glückwünsche.

Vor gut zwei Jahren ist sie ebenfalls Oma geworden

und wird gerne für die Betreuung ihrer Enkelin

angefragt – mindestens einmal pro Woche darf

die Zweijährige den Tag bei ihrer Oma verbringen.

Auch Herbert Rapp engagiert sich in der Kirchengemeinde

und beim Christusbund und ist handwerklich

tätig. „Ich helfe gerne weiter, wenn jemand

Unterstützung braucht. Mit dem Ruhestand

bin ich ja nicht in ein Loch gefallen“, erklärt

er. Angesichts der Bürokratie in Deutschland

drängt sich der Gedanke auf, dass das Beantragen

der Rente eine größere Herausforderung darstellt.

Tatsächlich hatten beide jedoch keine Probleme

damit: „Ich war zweimal bei der Rentenberatung,

und die Menschen auf dem Rathaus waren auch

super nett und hilfsbereit“, erklärt Margot Knoos.

„Arbeit und Ruhestand haben beide ihre Vorund

Nachteile“, so ihr Fazit. „Aber ich denke,

wenn wir älter sind und nicht mehr die Kraft haben,

sind wir alle erleichtert, wenn wir in den Ruhestand

gehen dürfen. Ich bin froh, dass ich von

meiner Rente leben kann. Manche müssen ja

selbst im Rentenalter noch weiterarbeiten, damit

es reicht.“

„Wer als junger

Mensch nur mit Blick

auf die Rente lebt, der

verpasst viel im

Leben.“

Für die jungen Leute hat sie einen einfachen,

aber guten Rat: „Sucht euch eine Tätigkeit, die

euch erfüllt. Es ergibt keinen Sinn, sich durchs Arbeitsleben

zu quälen und nur auf die Rente zu

warten.“ Und Herbert Rapp ergänzt: „Wer als junger

Mensch nur mit Blick auf die Rente lebt, der

verpasst viel im Leben.“

Fakten zur Rente

- Über 21 Millionen Menschen in Rente

gibt es in Deutschland

- 360,14 Mrd. Euro betrugen die Rentenausgaben

im vergangenen Jahr.

- Etwa 952.658 Menschen erhielten 2023

erstmals die Regelsaltersrente.

Quelle: Deutsche Rentenversicherung


36 CHANGE

mediakompakt

Bild: Unsplash/Alex Moliski

Leben im endlosen Aufbruch

Eine junge Französin reist seit

sechs Jahren rastlos um die

Welt. July Hallér lebt selten

länger als wenige Monate an

einem Ort. Dabei pendelt ihr

Alltag zwischen Aufbruch und

Abschied – immer begleitet

von Freiheit und Erschöpfung.

VON FELIX LIEBISCH

Australien, Kanada, Argentinien oder

Vietnam. Länder, die für die meisten

Menschen Traumziele bleiben, sind

für July Hallér längst abgehakte Stationen

auf ihrer Bucket-Liste. Die junge

Französin bereist seit mittlerweile sechs Jahren

die Welt. Selten lebt sie länger als ein paar Monate

im selben Land.

Was als Zwischenjahr nach ihrem Bachelor

startete, hat sich mittlerweile in eine handfeste

Odyssee ohne Ziel- oder Zeitlimit entwickelt. Was

ist das für ein Leben, in dem Veränderung und

Ungewissheit zum Alltag gehören?

Als sie im August 2019 ihre Heimat verlässt,

ahnt die damals 23-jährige noch nicht, wohin sie

ihre Reise über die nächsten Jahre führen soll.

„Geplant war ein Jahr Thailand und Australien,

danach wollte ich eigentlich wieder zurück nach

Hause.“ Dann kam Corona und für Hallér die Frage:

„Soll ich jetzt nach Hause oder sehe ich diese

ganze Situation als Chance?“

Covid als Chance

Sie entschließt sich für Letzteres und wagt den

Sprung von Melbourne nach Neuseeland. Mit ein

paar Freund:innen kommt sie auf einem Weingut

unter und kann vor Ort arbeiten, um ihren Le-

bensunterhalt zu verdienen. Weil die Grenzen

nur wenige Tage nach ihrer Ankunft geschlossen

werden, sind Saisonarbeiter:innen stark gesucht.

Nach der Pandemie kehrt die junge Frau in ihre

Heimat zurück, doch lange hält es sie dort

nicht. „Ich konnte mich nicht damit abfinden,

dauerhaft an einem Ort zu bleiben“, erklärt sie:

„Jeden Tag das Gleiche zu sehen und zu erleben,

das hat mich krank gemacht.“

„Ich hätte nie gedacht,

dass das Reisen so

eine mentale Belastung

werden kann.“

Und so geht es nur drei Monate später weiter

nach Südamerika. Es sind Monate, in denen sie

selten eine ganze Woche in einer Stadt bleibt. Als

junge Frau allein durch Argentinien, Peru, Chile

und Kolumbien. Angst habe sie dabei kaum gehabt,

erklärt sie. „Wirklich allein war ich nur sehr

selten. In Hostels lernt man schnell Leute kennen,

die vielleicht das gleiche Reiseziel haben, sodass

man sich anschließen kann.“

In den folgenden Monaten und Jahren bereist

Hallér Nordamerika und Südostasien. Finanzieren

kann die gelernte Grafikdesignerin ihren Lebensstil

als Freelancerin. In wirtschaftsstarken Ländern

wie Australien, Neuseeland oder Kanada arbeitet

sie zusätzlich einige Monate am Stück auf

Farms oder in der Gastronomie.

Kehrseite der Medaille

Was sie auf ihren Reisen erlebt hat, wäre genug,

um ein ganzes Buch zu füllen. Erinnerungen, die

ewig bleiben, und Freund:innen, die oftmals

schnell wieder verloren sind. Ihre Freund:innen

aus der Heimat sieht die 29-Jährige kaum noch,

ihr Lebensstil lässt oftmals nur kurzfristige Bekanntschaften

zu. Auch ihr Datingleben leidet

unter den ständigen Standortwechseln. Bekanntschaften

mache sie zwar, sagt Hallér, jedoch sei es

schwierig eine wirkliche Verbindung zu finden.

„An manchen Tagen fühle ich mich erschöpft.

Dann vermisse ich meine Familie und Freunde

umso mehr.“ Die ständigen Umzüge, ein ständig

wechselndes soziales Umfeld und die Ungewissheit,

ob und wann der nächste Job kommt, nagen

an ihr.

Der Lebensstil, für den sie viele beneiden,

kann in schlechten Zeiten zu einer absoluten Last

werden, erklärt sie. „Ich hätte früher nie gedacht,

dass das Reisen so eine mentale Belastung werden

kann. Dieses Gefühl, von Ungewissheit kann dich

auf Dauer fertig machen.“

Warum sich dann also diesen ganzen Stress

antun? „Am Ende ist es das immer wert“, erklärt

Hallér, „dieses Gefühl von Freiheit ist unvergleichbar.“

Zudem sei jede bewältigte Herausforderung

für sie ein Zeichen des eigenen Wachstums.

Urlaub vom Urlaub

Aktuell legt Hallér eine kleine Pause vom Reisen

ein. Seit kurzem besucht sie ihre Eltern in Amiens.

In ihrem alten Kinderzimmer hängen immer

noch Jugend- und Familienfotos an der Wand.

Hier möchte sie die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel

verbringen, ihre Familie und alte

Freunde wiedersehen. Anschließend soll es Anfang

Januar nach Ägypten gehen. Gebucht sind

bis jetzt weder Flüge noch eine Unterkunft. Spontan

und frei möchte sie bei ihren Reisen bleiben.

Ewig möchte die Französin aber nicht mehr

reisen. „Ein bis zwei Jahre vielleicht noch, dann

möchte ich zurück nach Frankreich, einen richtigen

Job finden und eine Familie gründen.“ Wohin

es bis dahin noch gehen soll? Nordafrika und

Mittelamerika und Südkorea stehen wohl noch

auf der Liste, alles andere wird wie immer spontan

entschieden.


01/ 2026 CHANGE

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Neues Land. Neues Ich?

Nach dem Schulabschluss fragen sich viele junge Menschen, wie das Leben weitergehen soll.

Ausbildung oder Studium? Zuhause bleiben oder in die Ferne ziehen? Ronja Pfeffer hat sich für das

Ausland entschieden. Bereit für Veränderung und voller Tatendrang packte sie als 18-Jährige ihre

Koffer und machte sich auf nach Dänemark.

VON ELISABETH BERTSCH

Ein Gap-Year nach der Schule – aber

wie? FSJ, Jobben, Reisen, Au-Pair, Work

and Travel, oder doch etwas ganz anderes?

Vor dieser Frage stand im Jahr

2021 auch Ronja Pfeffer. Durch eine

Freundin ist die Heilbronnerin auf die Möglichkeit

gestoßen, ein halbes Jahr an einer sogenannten

Højskole – eine besondere Schulform in Dänemark

– zu verbringen. Das Konzept dahinter überzeugte

sie, und sie war bereit Neues zu entdecken,

selbstständiger zu werden und ihre persönlichen

Werte zu festigen.

Leben und Lernen in der Højskole

Der Sprung aus dem gewohnten Alltag hinein in

ein neues Umfeld in einem fremden Land veränderte

Pfeffers Leben grundlegend. Das Leben in

der Højskole ist geprägt von einem großen Gemeinschaftsgefühl.

Die Tage starten mit einer

Morgenversammlung, gegessen wird im großen

Speisesaal, gemeinsam gelernt im Unterricht und

gewohnt in Zweierzimmern. Es gibt verschiedene

Clubs, wie etwa einen Häkel-, Sport- oder Philosophie-Club.

Außerdem machen die Schüler:innen

Ausflüge oder Reisen und organisieren Motto-

Wochenenden. „Es geht viel darum, sich zu überlegen,

wie das Zusammenleben sinnvoll gestaltet

werden kann, sodass es der Gemeinschaft guttut“,

erzählt die 22-Jährige.

„Was soll sich ändern,

wenn du nicht sagst

‚Let´s go‘?“

Der Unterricht unterscheidet sich deutlich vom

Schulbetrieb, wie sie ihn in Deutschland gewohnt

war. An der Højskole steht die Praxis im Mittelpunkt.

Die Schüler:innen stellen beispielsweise

im Fach Keramik eigene Vasen her, pflegen in

Gartenarbeit Gemüsefelder oder schreiben im

Fach Musik eigene Lieder. „Im Unterricht geht es

darum, herauszufinden, was einen im Leben antreibt“,

sagt Pfeffer.

Neue Perspektiven und Erkenntnisse

Nach ihrer Rückkehr war die damals 18-Jährige

zwar kein völlig anderer Mensch – sie brachte aber

eine neue Lebenseinstellung mit nach Hause. Sie

lernte, mentales und körperliches Wohlbefinden

in den Fokus zu rücken, statt sich vom Leistungsdruck

leiten zu lassen. Ihr Verständnis für Menschen

in unterschiedlichen Lebenssituationen ist

gewachsen: „Nicht jede Person kann das leisten,

was man selbst als leistbar ansieht.“ Ihre Verbundenheit

zur Natur und ihre Wertschätzung sind

gewachsen. Nicht zuletzt nahm sie das typisch dänische

Hygge-Lebensgefühl mit nach Deutschland.

Einen besonderen Tipp eines Skiguides, den

sie dort kennengelernt hat, nimmt sie bis heute

mit: „Remember to do what feels good and not

what everybody else is telling you. Life is one big

adventure.“

Rückkehr nach Dänemark

Nun, vier Jahre später und nach einer abgeschlossenen

Ausbildung zur Erzieherin, zieht Ronja erneut

nach Dänemark. Die Sehnsucht nach dem

Land, den Menschen und dem Lebensgefühl hat

sie nie losgelassen. Sieben Mal hat sie seitdem Urlaub

in Aarhus gemacht und zwei weitere Male in

anderen Teilen Dänemarks. Nun wird die Stadt

Aarhus ihr neues Zuhause. Dort wird sie in einer

WG leben und als Erzieherin arbeiten.

Sie hofft auf Einblicke in eine andere Art der Pädagogik,

auf eine gute Zeit mit ihren dänischen

Ronja Pfeffer (hinten) im Fach Gartenarbeit im selbst gebauten

Gewächshaus.

Freund:innen und darauf, neue Erinnerungen zu

schaffen. Bereit für den nächsten Wandel wagt sie

erneut den Schritt aus ihrer Komfortzone. Oder

wie sie selbst sagt: „Was soll sich ändern, wenn du

nicht sagst ‚Let´s go‘?“

Was ist eine Højskole?

Eine Højskole ist eine dänische Schulform,

in der junge Erwachsene mehrere

Monate gemeinsam leben und lernen.

Den Stundenplan stellt sich jede:r

Schüler:in individuell aus seinen eigenen

Interessen wie Musik, Outdoor,

Keramik oder Nachhaltigkeit zusammen.

Prüfungen und Noten gibt es

nicht, dafür aber viel Raum, um Perspektiven

zu erweitern, Neues auszuprobieren

und herauszufinden, was

man im Leben möchte.

Sonnenaufgang beim Kajakausflug zum Unterrichtsabschluss im Fach Outdoor. Bilder: privat


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mediakompakt

Was bleibt, wenn man geht

Von Vietnam nach Deutschland:

Das ist die Geschichte

einer Frau, die zwischen zwei

Kulturen ihren eigenen Platz

fand. Was hat sich in drei

Jahrzehnten verändert?

VON NHI NGOC NGUYEN

Wenn morgens die ersten Gäste eintreten,

liegt schon ein warmer

Duft von frisch gekochtem Reis

und angebratenem Gemüse im

Restaurant. Zwischen klirrenden

Gläsern und dem Brutzeln des Woks bewegt sich

eine Frau, deren Leben vor drei Jahrzehnten auf

der anderen Seite der Welt begann. Heute wirkt

ihr Alltag routiniert und fast schon selbstverständlich

– doch hinter dieser Routine steckt eine

Geschichte von Abschied, Aufbruch und einem

Wandel, der sie bis heute begleitet.

Dies ist das Porträt von An Nhien Le*, die mit

19 Jahren Vietnam verließ. Sie kam nach Deutschland,

ohne zu wissen, wie lange sie bleiben würde,

und baute sich hier ein Leben auf, das ihr inzwischen

vertrauter ist als der Ort, an dem sie aufwuchs.

Le wurde 1969 in Hanoi geboren. Als Jugendliche

hilft sie ihren Eltern im Fotoladen, geht Karaoke

singen und zieht mit Freundinnen durch

die Straßen Hanois. Über Zukunftspläne und

Träume macht sie sich nie Gedanken. „Ich habe

einfach im Moment gelebt“, sagt sie heute.

Doch irgendwann merkt sie, dass sie weg

muss. Vietnam bietet ihr wenig Perspektiven: harte

Arbeit ohne Absicherung, keine staatlichen Unterstützungen

und kaum Möglichkeiten, langfristig

etwas aufzubauen. Gleichzeitig fühlt sie sich

verantwortlich, ihre Eltern finanziell zu unterstützen.

Mit diesem Entschluss geht sie fort und so

wurde Deutschland das Land, in dem sie neu anfängt.

„Ich bin gegangen und

wollte nicht mehr

zurück.“

Die Ankunft im Januar 1988 ist für Le ungewohnt.

Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie

Schnee, etwas, was sie aus Hanoi nicht kennt. Die

Kälte, die fremde Umgebung und die neuen Regeln

machen den Start überwältigend, während

das Leben in Vietnam für sie mehr Leichtigkeit,

Zeit für Familie und unbeschwerte Momente bedeutet.

In Deutschland beginnt sie zunächst in einem

chinesischen Restaurant hinter der Theke zu

arbeiten. „Ich hatte Angst, irgendwas kaputt zu

machen“, sagt sie, da die Aufgaben neu sind und

An Nhien Le bereitet eines der beliebtesten Nudelgericht in ihrem Restaurant zu. Bild: Nhi Ngoc Nguyen

die Verantwortung groß. Doch sie lernt schnell,

und die Arbeit hilft ihr, sich einzuleben und Kontakte

zu knüpfen, vor allem zu anderen Vietnames:innen.

Zu Beginn fallen ihr viele Unterschiede

zu Vietnam auf, wie die strenge Bürokratie, die

finanziellen Unterstützungen vom Staat und andere

Essgewohnheiten. Trotzdem passt sie sich an,

weil sie weiß, dass sie keine andere Wahl hat,

wenn sie hier ein neues Leben aufbauen will.

„Ich bin gegangen und wollte nicht mehr zurück“,

erzählt sie über ihre ersten Jahre. Doch die

Sehnsucht nach Vietnam wächst, nicht weil sie

sich in Deutschland unwohl fühlt, sondern weil

ihre Familie fehlt. Den Kontakt zu halten war damals

schwer – teure Telefonate ohne Video oder

schnelle Nachrichten lassen die Distanz noch größer

wirken. Der Gedanke an eine Rückkehr begleitet

sie in ihren Zwanzigern lange, bis etwas geschieht,

das alles verändert: Sie wird Mutter. Mit

der Schwangerschaft verschiebt sich ihr Lebensweg

erneut. Statt für ein Rückflugticket zu sparen,

spart sie nun für die Zukunft ihrer Kinder in

Deutschland. „Ohne meine Kinder wäre ich

schon viel früher zurückgegangen“, sagt sie. Für

sie aber will sie bleiben wegen Sicherheit, Chancen

und Zukunft. Hanoi ist der Ort ihrer Kindheit,

aber heute lebt in Deutschland das, was ihr am

wichtigsten ist: ihre Kinder.

Als Le 2008 ihr eigenes Restaurant eröffnet, ist

das für sie eine logische Fortsetzung ihrer Karriere.

Nach Jahren in der Gastronomie kennt sie die Abläufe

und Herausforderungen. Das Restaurant bietet

ihr Selbstständigkeit und Stabilität für ihre

mittlerweile dreiköpfige Familie. Trotz schwieriger

Phasen als Selbstständige und alleinerziehende

Mutter gibt sie nie auf. „Ich habe immer gedacht:

Ich bekomme es irgendwie hin“, sagt sie.

Mit nichts beginnt sie und macht viel daraus,

überzeugt davon, dass noch mehr möglich ist.

Heute blickt die 56-Jährige stolz auf ihre Unabhängigkeit,

ihren Durchhaltewillen und vor allem

auf ihre Kinder: „Sie sind mein größtes Glück. Ich

habe am Anfang des Interviews gesagt, dass ich

nie ein Traum hatte, doch mein Traum kam mit

meinen Kindern“, sagt sie.

Ob sie denselben Weg noch einmal gehen

würde? Ohne Zögern: Ja. Die Entscheidung zu gehen

habe sie gelehrt, Veränderungen zuzulassen

und ihren eigenen Platz zwischen zwei Kulturen

zu finden.

*Name von der Redaktion geändert


01/ 2026 CHANGE

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Ein Mutterherz

zwischen zwei Welten

Zwischen Stolz und Sehnsucht: Wie verändert sich das Leben

einer Mutter, wenn das eigene Kind auswandert und sie selbst

zurückbleibt? Diane Königsrainer, deren Tochter am anderen

Ende der Welt lebt, spricht über ihre Gedanken und Gefühle.

VON LARA FRÖHLE

An den Tag der Abreise erinnert sich

Diane Königsrainer noch genau. Auf

den Flughafen kann sie ihre Tochter

nicht begleiten, sie verabschiedet sich

noch zuhause von ihr. „Das waren

mir zu viele Emotionen“ sagt die 59-Jährige

heute – mit Tränen in den Augen. „Die Ungewissheit,

wann und ob ich sie wieder sehen werde, war

zu schwer“. Der Gedanke daran, nicht bei ihrer

Tochter zu sein, um sie zu unterstützen, falls dies

notwendig wäre, ist schmerzhaft.

In den ersten Tagen nach der Abreise spürt die

vierfache Mutter die Abwesenheit besonders

stark. Die aktive und kreative Art ihrer Tochter

fehlen ihr, und eine ungewohnte Leere folgt. Ihre

anderen Kinder helfen ihr in diesen Tagen viel.

Durch sie hatte sie weiterhin Gewohnheit im Alltag.

„Wäre sie das einzige Kind gewesen, hätte es

sich vermutlich noch schwerer angefühlt“, vermutet

die Schwäbin. Auch heute noch fällt das

Fehlen ihrer Tochter auf, besonders an Familienfeiern

oder Festen. „Familienmitglieder fehlen immer“,

sagt sie.

Wenn Diane Königsrainer ans Elternsein

denkt, dann erfüllt es sie mit Stolz. Für sie ist es

eine Herzensangelegenheit, ihre Kinder wachsen

zu sehen. Dabei spielen Alter und Distanz keine

Rolle für sie. Die gelernte Schneiderin ist vierfache

Mutter von bereits erwachsenen Kindern. Zwei ihrer

Kinder wohnen noch zuhause, ihre älteste

Tochter zog in die Schweiz – und ihre jüngste

Tochter Tanja Königsrainer beschloss, nach Australien

auszuwandern. Bei ihrer Work-and-Travel-

Reise durch das Land im Jahr 2017 lernt die

damals 20-Jährige ihren jetzigen Partner kennen.

Durch die Reisebestimmungen während des

Corona-Virus kehrt die junge Erwachsene zunächst

wieder in ihre Heimat zurück. Doch nachdem

ihre Fernbeziehung über die Jahre bestehen

blieb, entschied sie 2022, zu ihrem Partner nach

Australien zu ziehen. Für ihre Mutter war das, obwohl

es absehbar war, zunächst ein Schock. Ein

Gefühl, das man vom sogenannten Empty-Nest-

Syndrom kennt – der Traurigkeit, die Eltern empfinden

können, wenn ihre erwachsenen Kinder

aus dem Elternhaus ausziehen. Königsrainer fragt

sich voll Sorge, ob sie ihre Tochter überhaupt jemals

wieder sieht. Schließlich ist eine Reise in das

16.000 Kilometer entfernte Land deutlich kostspieliger

als eine Reise zu ihrer ältesten Tochter in

die Schweiz.

„Ich weiß, dass es

ihr gut geht und sie

glücklich ist, und

dadurch geht es

mir auch gut.“

„Ich war schon immer weltoffen und wollte,

dass meine Kinder die Welt erkunden können.

Aber, dass sie einmal so weit entfernt hängen bleiben

hätte ich nicht gedacht“, erklärt sie.

Mittlerweile hat sie gelernt, mit der Situation

umzugehen, auch wenn sich ihre Gefühle phasenweise

ändern. „Wenn man zu viel darüber

nachdenkt, dann zermürbt es einen“, beschreibt

sie. Die Tatsache, dass sich ihr Verhältnis zueinan-

Diane Königsrainer ist stolz auf ihre Tochter. Bild: Privat

der durch den Umzug nicht verändert hat, macht

die Situation für Königsrainer aber gut erträglich.

Die Beiden haben mit Video-Calls und Nachrichten

ihren eigenen Weg gefunden, eng miteinander

in Kontakt zu bleiben. Nicht einmal die Zeitverschiebung

von neun Stunden stellt für das

Mama-Tochter-Duo ein Problem dar. Und bereits

2024 gab es ein Wiedersehen – bei einem vierwöchigen

Heimatbesuch ihrer Tochter Tanja mit deren

Freund.

Wenn Diane Königsrainer anderen davon erzählt,

dass ihre Tochter in Australien wohnt, wird

sie oft bedauert. Sie selbst findet nicht, dass sie bedauert

werden muss. Sie macht das Beste aus der

Situation und sieht es positiv, denn dadurch wird

sie dieses Jahr selbst das erste Mal nach Australien

reisen. Eine Erfahrung, die sie ansonsten vermutlich

nie gemacht hätte. Sie findet, dass die Freude

umso größer ist, wenn man sich nach langer Zeit

dann doch wieder sieht: „Man genießt die Zeit

miteinander dann viel intensiver.“

Muttersein bedeutet für sie, dass sie ihren Kindern

eine gute Grundlage für das Leben gegeben

und wichtige Werte vermittelt hat – den Rest

schaffen die Kinder allein. Deshalb wünscht sie

ihrer Tochter Tanja auch, dass sie in ihrem neuen

Zuhause ihre eigenen Wurzeln findet: „Ich weiß,

dass es ihr gut geht und sie glücklich ist, und dadurch

geht es mir auch gut.“

Ein Abschied von ihrer Tochter am Flughafen war für Diane Königsrainer zu schwer. Bild: Lara Fröhle


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