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Peter Wittich: Auf Magellans Spuren. Ein Schweizer auf den Meeren der Welt

Schon als Junge packte Peter Wittich die Sehnsucht nach dem Meer. Sein Beruf als Projektleiter für Seemessungen und Positionierung von schwimmenden Bohranlagen und Forschungsschiffen führt ihn schließlich auf alle Meere dieser Welt. Auf seinen Reisen zu Land und zu Wasser hat er Menschen getroffen, die er nicht mehr vergessen wird, Landschaften und Orte gesehen, die sich in seine Erinnerung eingebrannt haben. Auf die Spuren von Magellan führen Wittichs Wege von den Falkland-Inseln über Feuerland und Patagonien in die vergessene Welt am Sungai Dinding in Malaysien, zu den weißen Stränden von Nordborneo und um das Kap der Guten Hoffnung nach Singapur, der Perle des Orients, durch die Bayous im Mississippi-Delta zum Golf von Mexiko, auf der Themse in die Nordsee bis Dänemark und den Ärmelkanal bis Penzance und zurück in den stürmischen Südatlantik. Akribisch und mit liebevollem Blick hat Peter Wittich seine Erlebnisse und Eindrücke aufgezeichnet. Seine außergewöhnlichen Geschichten sind das Ergebnis einer Lebenseinstellung, die die Offenheit für Neues und das Fernweh als Prinzip verstehen. Peter Wittich, geboren 1939 in Gottlieben am Rhein, arbeitete mehr als 40 Jahre für internationale Erdölkonzerne in vielen Gegenden der Welt. Seit der Rückkehr in die Schweiz lebt er mit seiner Frau in einem alten Bauernhaus am Grabserberg.

Schon als Junge packte Peter Wittich die Sehnsucht nach dem Meer. Sein Beruf als Projektleiter für Seemessungen und Positionierung von schwimmenden Bohranlagen und Forschungsschiffen führt ihn schließlich auf alle Meere dieser Welt. Auf seinen Reisen zu Land und zu Wasser hat er Menschen getroffen, die er nicht mehr vergessen wird, Landschaften und Orte gesehen, die sich in seine Erinnerung eingebrannt haben.

Auf die Spuren von Magellan führen Wittichs Wege von den Falkland-Inseln über Feuerland und Patagonien in die vergessene Welt am Sungai Dinding in Malaysien, zu den weißen Stränden von Nordborneo und um das Kap der Guten Hoffnung nach Singapur, der Perle des Orients, durch die Bayous im Mississippi-Delta zum Golf von Mexiko, auf der Themse in die Nordsee bis Dänemark und den Ärmelkanal bis Penzance und zurück in den stürmischen Südatlantik.

Akribisch und mit liebevollem Blick hat Peter Wittich seine Erlebnisse und Eindrücke aufgezeichnet. Seine außergewöhnlichen Geschichten sind das Ergebnis einer Lebenseinstellung, die die Offenheit für Neues und das Fernweh als Prinzip verstehen.

Peter Wittich, geboren 1939 in Gottlieben am Rhein, arbeitete mehr als 40 Jahre für internationale Erdölkonzerne in vielen Gegenden der Welt. Seit der Rückkehr in die Schweiz lebt er mit seiner Frau in einem alten Bauernhaus am Grabserberg.

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danzig & unfried


Peter Wittich

Auf Magellans Spuren

Ein Schweizer auf den Meeren

der Welt

danzig & unfried


Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte Informationen

sind über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich

geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des

Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig

und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und

Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© danzig & unfried, Wien, 2020

www.danzigunfried.com

Gesamtherstellung: danzig & unfried | content design

Printed in Germany

isbn 978-3-902752-63-5 (Print)

isbn 978-3-902752-64-2 (E-Book, pdf)

isbn 978-3-902752-65-9 (E-Book, epub)


Inhalt

Mit Magellan zu den Wellen der großen Meere / 7

teil eins –

die falkland-story. eher verhaltene freude auf einen ölboom

Der Flug des Albatros / 17

Von Montevideo in den kalten Süden / 21

Mit Umsteigen in Santiago de Chile / 45

Stanley / 59

Rolling home ... bye-bye, Stanley / 84

teil zwei –

an fernen ufern – auf dem blauen meer

Die vergessene Welt am Sungai Dinding / 105

Gestrandet – der wilde Wilf mit seiner noblen Maggie / 111

Das weiße Boot und der Traum des weißen Mannes / 122

Unter dem Kreuz des Südens / 127

Der zuverlässige Retter im Inselparadies / 131

Auf großer Fahrt / 141

Die Reise war ihr Ziel – und nächstes Jahr fahren wir in die

Schweiz / 145

Nicht die Seniorenresidenz – S. Y. Heron – Orlando / 163

Der große Strom / 172

Das Geschäft auf dem Wasser / 186

Das harte Schicksal der vier Freunde – S. Y. Four Friends –

Auckland / 209


Das Gesicht im Wasser – Telepathie oder Fantasie / 222

Der Ginpalast / 227

Sturmwarnung, Beaufort 10 von SSW / 229

6


Mit Magellan zu den Wellen der großen Meere

Ein fremdes, märchenhaft klingendes Wort, wie etwa Magenbrot

vom Jahrmarkt nach den Herbstferien, und doch ganz anders,

nicht greifbar. Ein Wort, das in der frühen Gedankenwelt

Fantasien weckte, die im Heranwachsen konkrete Formen

anzunehmen begann, eine Sehnsucht nach Unbekanntem,

eben Märchenhaftem, was damals mitgeholfen hatte, den Begriff

Heimat zu prägen. Die Zugehörigkeit zu etwas, das weit

über dem täglichen Rahmen einer wohlbehüteten Jugend mit

dem jährlichen Geschmack des Magenbrotes lag. Bausteine

für diese grenzenlose Welt lagen haufenweise in den dicken

ledergebundenen Büchern von Meyers Lexikon aus dem Jahr

1900, in denen der Naseweis mit Großmutters Einverständnis,

allerdings erst nach Waschen der Hände, auf dem Stubenboden

kauernd stundenlang stöbern durfte, noch ehe er die

verschnörkelte Druckschrift lesen konnte. Die Bilder fremder,

komisch aussehender Menschen, ganz anders oder auch gar

nicht bekleidet, unbekannte Landschaften, wilde Bergmassive,

Urwälder mit gefährlichen Tieren, Wüsten mit Kamelen,

große Maschinen und Schiffe, so groß wie Häuser, die auf

den Meeren fuhren, nahmen den unersättlichen Wunderfitz

in ihren Bann. Fernrohre, mit denen man die Sterne besser

sehen konnte, vielleicht ja auch den Mann im Mond, zu dem

er jeweils in Vollmondnächten zaghaft Ausschau hielt, flößten

7


Respekt ein. Abends blätterte er fast ängstlich in Peterchens

Mondfahrt. War diese Geschichte vielleicht wahr?

Der Magellan soll auch eine Straße haben, über die man

von einem Meer ins andere gelangen konnte, ohne das gefährliche

Kap Hoorn zu umfahren, dort, wo die bösen Winde

Schiffe versenkten und wo dann die tapferen Seeleute als

Helden ertranken. Ein großer Vogel, der Albatros, soll ihre

Seelen in die Ewigkeit tragen. Mit dieser Abkürzung, die man

Straße nannte, soll Magellan nach langem Suchen einen sicheren

Weg um die ganze Welt gefunden haben. Eine Straße, die

nicht aus Kies und Asphalt, sondern nur aus Wasser bestand,

auf dem die Schiffe fahren konnten.

In kurzer Hose stand der kleine Junge barfuß auf dem

Rheindamm, schaute zum gegenüberliegenden, mit Schilf

bewachsenen, Ufer. »Ist das nun auch eine Straße?«, wunderte

er sich. Das Zwei-Uhr-Dampfschiff legte an, ein paar

Leute stiegen aus, zwei Wartende stiegen ein. Möwen stritten

kreischend um Küchenabfälle, die der Schiffskoch über

Bord geworfen hatte. Der alte Schiffsanbinder mit grauem

Kittel und blauer Dienstmütze, zog den Rollsteg zurück

aufs Land, hob das Tau über die Dalbe, worauf der Dampfer

die Weiterreise mit einer zischenden Dampfwolke angekündigte.

Der alte Mann mit der Mütze winkte dem entschwindenden

Matrosen am nun geschlossenen Eingang

zu. Dieser erwiderte den Gruß und beantwortete auch das

bescheidene Winken des Jungen mit der rechten Hand. Sie

kannten sich, wenn auch nur vom Sehen. Immer schneller

drehten sich die riesigen mit oranger Farbe bemalten

Schaufelräder. Das klopfende Geräusch beim Eintauchen

der Blätter ins blaue Wasser war noch zu hören, obwohl das

Schiff bereits hinter den Schilfspitzen der ersten Flussbiegung

verschwunden war.

8


Beim Magellan soll es kälter sein als hier im Winter? Das

überstieg die junge Vorstellung. Von Ferien im Tessin wusste

er ja ganz genau, dass es im Süden, also südlich der Alpen, heiß

war. Also musste es noch weiter im Süden noch heißer sein.

Auch soll es dort Sterne geben, die man das Kreuz des Südens

nennt, so wie im Norden den Polarstern. »Kannst du mir das

Kreuz des Südens zeigen?«, fragte er seinen Vater, als sie zusammen

den Polarstern orteten.

»Nein, das können wir von hier aus nicht sehen, denn es ist

weit unter dem Horizont«, war die Antwort. »Aber zeigst du

es mir, wenn wir das nächste Mal über den Gotthardpass in

den Tessin fahren?«

»Auch von dort können wir es nicht sehen, denn nur etwas

nördlich des Äquators könntest du es sehen!«

»Können wir dorthin gehen?«

»Das kannst du, wenn du erwachsen bist und etwas gelernt

hast. Dann kannst du dir diesen Traum erfüllen!«

»Wenn ich Kapitän eines großen Schiffes werde, könnte ich

es dann sehen?«

»Wenn das Schiff in den Süden fährt und falls du dann Kapitän

bist, dann schon«, antwortete der Vater nach langer Bedenkzeit.

»Papa, ich will Kapitän werden!«, jubelte er mit jugendlicher

Begeisterung.

»Dann wirst du sehr lange fort sein, du wirst uns lange

nicht sehen und wir, wir werden dich vermissen, deine Mama,

deine Geschwister, deine Freunde«, beschloss der Vater das

Gespräch.

Der Wunsch hat ihn nie mehr in Ruhe gelassen. So war es

nicht verwunderlich, dass er jede Gelegenheit, irgendwie in

die Nähe oder gar auf das große Wasser zu kommen, ergriffen

9


hatte. Die große Gelegenheit, für längere Zeiten salzhaltige

Luft zu atmen, ergab sich erst gegen Ende seiner beruflichen

Tätigkeit, durch Einsätze als Projektleiter für Seemessungen

und Positionierung von schwimmenden Bohranlagen und

Forschungsschiffen auf den Meeren rund um die Welt. Auf

den großen Wellen und an den fremden Küsten bestätigte sich

die globale Zugehörigkeit im Gegensatz zu Sehnsucht nach

dem Ort seiner Jugend, genannt Heimat. »War ich nicht schon

mal hier? Gibt es das wiederkehrende Erdenleben? Was ist mit

den Mitbewohnern jener Zeit? Würde man sie erkennen, so

wie man die visuelle Umgebung erkennt, ein Teil davon wird?«

Vom heimatlichen Ufer brechen wir mit großer Gewissheit auf,

sagte er sich, um früher oder später wieder dorthin zurückzukehren.

Beim Abschied von einem Ort, an dem er sich auf irgendeine

Art wohlgefühlt hatte, ergriff ihn jeweils ein trauriges,

oft beklemmendes Abschiedsgefühl, da er diesen Ort in absehbarer

Zeit wohl nie mehr sehen werde. Blicke aus dem kleinen

Fenster des steigenden Fluges auf schnell dahinschwindende

Landschaften, das enteilende Lichtermeer einer Stadt oder der

Blick von der Reling des auslaufenden Schiffes auf langsam verschwindende

Hafenlichter, bekannte Umrisse, bis über dem offenen

Horizont, wo das Meer der Sterne, die Wolken und die

Wellen die Funktion der Heimat auf Zeit übernehmen.

* * *

Mengalum, eine unbewohnte Insel im Südchinesischen Meer,

etwa eine Stunde Bootsreise von der Küste Nordborneos entfernt,

diente den Fischern als Basis, beherbergte noch zur Zeit

der Radionavigation eine Basisstation. Heute ist es auch beliebtes

Ziel der fkk-Liebhaber.

In einer Bucht liegt ein Anker, von dem Historiker sagten,

dass ihn ein Schiff der Flotte von Magellan 1521 verloren hätte.

10


Der Autor auf dem Anker auf der Mengalum-Insel.

11


Neuere Untersuchungen haben dann allerdings ergeben, dass

es sich um einen britischen Richard-Pering-Langschaftanker

aus Schmiedeeisen handelt, wie sie zwischen 1819 und 1845

hergestellt wurden. Man nimmt an, dass der Anker von einem

Schiff zurückgelassen wurde, da seine Fluken abgebrochen

waren. Erstmals wurde er 1854 vom Kapitän der H.M.S. Saracen

im Logbuch erwähnt.

Für die Fischer von den Suluk-Inseln und für die Bajau von

den Philippinen, ist der Anker eine Gedenkstätte, an der für

guten Fang und sichere Heimkehr geopfert wird. Auch glauben

sie daran, dass sie durch den Geist des Ankers mit Leuten

in der Ferne, und mit verstorbenen Bekannten kommunizieren

können.

Magellan wurde am 27. April 1521 in Mactan auf den Philippinen

von aufgebrachten Einwohnern ermordet, worauf die

Flotte von nur noch drei Schiffen bis nach Brunei an der Küste

Nordborneos im Südchinesischen Meer fuhr. Dort wendeten

sie nach kurzem Aufenthalt, um Borneo um die Nordspitze zu

umfahren und durch den indonesischen Archipel die Heimreise

ums Kap der Guten Hoffnung anzutreten.

Vergessen hat man Magellan in Borneo trotz der Enttäuschung

wegen des Ankers nicht, denn ein Hotel in Kota Kinabalu

mit allem modernen Zubehör, wie einer Marina, trägt

den Namen des berühmten Besuchers. Ausflüge mit der romantischen

Nordborneo-Schmalspur Eisenbahn und Touren

zum Gipfel des höchsten Berges Borneos, dem 4095 Meter hohen

Mount Kinabalu, gehören zum Angebot.

Das Magellan-Riff nördlich von Palawan, unsichtbar, bewacht

von den drei Felsnadeln, den Tres Reyes, lauernd auf

Seefahrer, die Mindoro zu nahe umrunden wollen.

Ein Projekt im Süden Argentiniens brachte die lang ersehnte

Gelegenheit, die Magellanstraße und die Leute kennen

12


Mount Kinabalu, höchster Berg Borneos, 4095 Meter.

zu lernen. Es war kurz nach dem verlorenen Falklandkrieg,

als man, wie zum Trost, eben Fußballweltmeister geworden

war. Das lachende Gesicht Diego Maradonas strahlte landauf,

landab neben den Plakaten »Las Malvinas son Argentinas«,

dem lokalen Namen für die umstrittenen Inseln, wo es Erdöl

in Massen geben soll. Das nördliche Ufer der Magellanstraße,

das Ende Patagoniens, galt als Militärzone, was hieß, dass der

Aufenthalt nur während Tageslicht und auch dann nur mit

Spezialbewilligung erlaubt war.

13



TEIL EINS

Die Falkland-Story

Eher verhaltene Freude

auf einen Ölboom



Der Flug des Albatros

Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet.

Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute,

die Kap Hoorn ansteuerten von allen Meeren der Erde.

Aber sie sind nicht gestorben im Toben der Wellen.

Denn heute fliegen sie auf meinen Flügeln in die Ewigkeit

mit dem letzten Aufbrausen der antarktischen Winde.

von Sara Vial

»Das sind die schönsten Sturmvögel, die ich je gesehen habe«,

sagte ich mit heller Begeisterung, von der Brücke den eleganten

Flug der weißen Vögel mit dunkeln Flügeln und dem

etwas gehakten Schnabel beobachtend. Über den scharfen

Augen bemerkte ich einen schwarzen, länglichen Fleck, eine

Braue. »Deshalb sind das Schwarzbrauenalbatrosse oder Mollymauks«,

erklärte mir Kapitän Willem, als erfahrener Seemann

meine Begeisterung teilend. Sie sind etwas kleiner als

die Sturmpetrel, mit denen sie um die Wette das Motorschiff

Polaris umkreisten.

Mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Knoten, direkt

in den stetig zunehmenden Gegenwind, waren wir auf südlichem

Kurs unterwegs zu den Falkland-Inseln. Ab und zu

zerschlug der Bug eine der hohen Südatlantikwellen, was das

aufgeschäumte Wasser über das Vordeck bis gegen die Fenster

der Brücke krachen ließ.

»Der Schaum wäre mir lieber im Bierglas als auf der See«,

meinte Willem, den eine unerwartete Welle beinahe vom

Stuhl geworfen hätte, als er sich für einen Augenblick durch

17


eine nicht brennen wollenden Zigarre ablenken ließ. Tief

tauchte der Bug ein, um von der nächsten Welle wieder in die

Höhe getragen zu werden.

Die Vögel eiferten um die Wette, wer am nächsten und

am tiefsten den Bug des Schiffes umrunden konnte. Sie kamen

hoch am Wind auf Brückenhöhe der Backbordseite

entlang, ließen sich dann kurz vor dem Bug bis nahe zum

Wasser abfallen, um dann auf der Steuerbordseite wieder

aufzutauchen, dem Rumpf entlang zum Heck zu schießen

und über den Wellen hoch in die Lüfte zu steigen, um dann

gleich die nächste Runde einzuleiten. Bis zu zwei Runden

ohne einen einzigen Flügelschlag beobachteten wir mit großer

Bewunderung.

Weiter auf dem Weg gegen das Kap Hoorn mischte sich ab

und zu ein Wandernder Albatros unter die reguläre Schar der

Sturmvögel. Fasziniert staunten die Beobachter, wie die großen

Vögel mit Flügelspannweite bis zu drei Metern mit der

Flügelspitze das Wasser in den Wellentälern berührten, dann

mit Auftrieb steil an der anrollenden Welle ohne Flügelschlag

in große Höhen zu steigen. Sie sollen bis zu vierzig Jahre alt

werden, brüten in Süd-Georgien, verbringen aber die meiste

Zeit auf dem offenen Meer, wo Tintenfische oder die Überreste

der Fischerboote als tägliche Nahrung dienten.

Die kleineren Petrel sind dunkel, haben aber dieselbe

kräftige Schnabelform. Keiner dieser Vögel kennt irgendein

hörbares Geräusch zur Kommunikation, schweigend segeln

sie stolz durch die Lüfte. Ihre großen Augen beobachten den

Zuschauer an der Reling bei jedem Vorbeiflug ganz genau.

Wagten sie sich etwas näher heran, war ich geneigt, die Hand

auszustrecken, um eine Flügelspitze zu berühren, unterließ es

aber, aus Furcht, die neuen Freunde zu verunsichern und vielleicht

sogar zu vertreiben.

18


»Ach was, die sind sich der Überlegenheit bewusst und

wissen ganz genau, dass du ihnen nichts anhaben kannst oder

willst. Sie wollen dich nur necken«, sie denken wohl: »Versuchs

doch, komm, tauch zwischen die Wellen, um dann hoch

in die Lüfte zu schießen. Das kannst du ja nicht, bist angebunden

an deine Welt, an deinen rostigen Kahn. Und falls du es

dir anders überlegst, weißt du ja, dass bei uns beim Kap Hoorn

deine Seele für die Ewigkeit eine Heimat finden wird!«

Unterbrachen wir die Fahrt, um Messungen auszuführen,

setzten sich viele der Vögel auf der Leeseite auf das geschützte

Wasser und beobachteten, was nun weiter geschehen soll.

Von den Fischerbooten wussten sie, dass nun die Netze oder

Leinen eingezogen werden und dass Beute zur Genüge an der

Wasseroberfläche leicht zu erhaschen sei. Nahmen wir die

Fahrt wieder auf, gingen auch die Rundflüge weiter. Nach ein

paar Runden des Einfliegens wurden sie wieder mutiger, sich

wieder bis auf weniger als einen Meter anzunähern. Wollten

sie uns wirklich mit ihrer Freiheit necken? Zeigen, wer die

Herren der Lüfte über dem Südatlantik sind?

»Was für Feinde haben diese Riesenvögel?«

»Die Fischer, denn an Angeln gefangene Fische können mit

Angel und Teil der Leine Fang der hungrigen Vögel werden,

denn nur selten nimmt sich ein Fischer die Mühe, den ungewollten

Fang von der Angel zu befreien, Zeitverschwendung.

Aber eine eigentliche Gefahr für den Vogelbestand ist es nicht,

schon gar nicht für die Schwarzbrauenalbatrosse, von denen

große Mengen bekannt sind«.

Kein Seemann wird jemals einem Sturmvogel absichtlich

etwas zuleide tun, denn der traditionelle Glaube, dass die Seele

der gestorbenen Seeleute im Flug des Albatros weiterlebt,

hat sich bis heute als traditioneller Aberglaube erhalten.

19



Von Montevideo in den kalten Süden

Begleitet von den letzten roten Strahlen der untergehenden

Sonne liefen wir bei Hochwasser aus. Von der Reling hingen

die letzte Blicke an der verschwindenden Stadt.

»Gott sei Dank, mir ist das Geld schon lange ausgegangen!«,

jammerte der junge Andy nach ersten Erfahrungen mit

dem Charme südamerikanischer Umgebung. »So ein teures

Pflaster, und was habe ich nun davon?« Oder der lebenslustige,

welterfahrene Medic: »War mir aber ein paar Dollar wert,

ein paar schöne Stunden, die ich nie vergessen werde. Ich hoffe

sehr, dass wir nach der Arbeit wieder für mindestens eine

Nacht hier vorbeikommen werden.«

Die Wellen brachen über die äußere Mole und ließen

Gischt vom Abendwind in die Stadt treiben. Die schweren

Wellen übernahmen unser Schiff, sobald wir nach der Ausfahrt

mit einer Kursänderung direkt in die große See stachen.

Der Bug hob sich an und krachte zurück ins Wellental. Nach

einer Seemeile verabschiedete sich der Lotse von der Brücke

und schwang sich elegant durch die offene Lotsentür in die

kräftigen Arme der Crew des wartenden Hafenbootes. Ein

letzter Gruß und das klein erscheinende Boot nahm Kurs auf

die Hafeneinfahrt. Montevideo ade, Rio de la Plata hasta luego,

der Südatlantik erwartete uns. Im Abendrot verschwanden

die Türme von Montevideo.

Yin und Yang sind zwei Begriffe der chinesischen Philosophie, insbesondere

des Taoismus. Sie stehen für polar einander entgegengesetzte

und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien.

21


Am nächsten Morgen war alles Land außer Sichtweite, nur

der blaue Horizont war geblieben. Weit im Westen lag die argentinische

Küste. Ein seltsamer Traum hatte mich während

der Nacht aufgeweckt. An meinen zwei chinesischen Boading-Metallkugeln,

mit denen ich durch Gegeneinanderrollen

in einer Hand vitale Energie von den Fingern durch den

Körper senden konnte, waren die Yin-Yang-Zeichen aus der

Cloisonné-Beschichtung herausgefallen. Jeglicher Versuch, sie

wieder einzulegen, scheiterte. Beunruhigt stand ich auf, stellte

aber fest, dass die Kugeln noch ganz waren. Beim Versuch, den

Traum zu deuten, beunruhigte mich die mögliche Deutung,

dass ich meine Ausgeglichenheit verloren hatte, dass den sich

entgegengesetzten Kräften die aufeinander bezogenen Prinzipien

als Gegenpol abhandengekommen waren »Aber wieso?«,

tröstete ich mich mit der Tatsache, dass ich von Traumdeutung

nicht viel verstand. Trotzdem sah ich im Traum einen

Fingerzeig, in nächster Zukunft in einer Welt, die mir neu

war mit spezieller Umsicht vorzugehen. Oder war der tiefere

Grund ein bevorstehendes Wiedersehen mit der Vergangenheit?

– Die Magellan-Straße, die mir beim ersten Besuch bekannt

wie die Heimatufer erschien.

Da nun vollkommen wach und ziemlich beunruhigt, begab

ich mich an Deck in der Hoffnung, an der frischen Luft meine

Gedanken zu klären. Ein wunderbarer Sternenhimmel begrüßte

mich. Über dem Bug fand ich das Kreuz des Südens noch

knapp über dem Horizont. Ein Viertel des zunehmenden Mondes

stand im Osten, und die Planeten erkannte ich an ihrer Helligkeit

und Größe. »Das hat sich nicht geändert seit Magellans

Zeiten! Dieselben Winde, dieselben Sterne und wohl dieselben

Vögel. Nur die Geschwindigkeit war anders und das Bewusstsein

der Position.« Er wusste noch nicht, wo die Magellan-Straße

war, denn das war ja, was er suchte, einen Weg in ein anderes

22


Meer, von dem er nur ahnen konnte und den er finden wollte,

was immer es koste, Entbehrungen, Krankheiten oder gar Unzufriedenheit

bis zur Meuterei auf einem seiner Schiffe.

»Onassis, wie kommst du zu deinem Namen?«, fragte ich

den jungen indonesischen Steward, als der in einer freien Minute

an die Reling gelehnt eine Kretek-Zigarette drehte. Sichtlich

erfreut über meine Frage erzählte er mir: »Mein Vater war

Koch auf dem Tanker Onassis. Er war einer der wenigen, die

den Untergang des Schiffes überlebt hatten. Da ich kurz darauf

geboren wurde, gab mir mein Vater aus Dankbarkeit diesen

Namen.« Der scheue Onassis litt unter Heimweh, denn

sein einziger Landmann an Bord war nicht Mohammedaner,

kam aus Jakarta und war auch an Dienstjahren bei der Firma

viel älter. So war er, als Einwohner von Sulawesi, ein oft belächelter

Außenseiter, ohne Unterstützung oder Verständnis von

den Offizieren. Dazu wurde das Verhältnis zum friesländischen

Koch auch wegen Sprachschwierigkeiten weiter erschwert, da

seine schwachen Englischkenntnisse zu folgenschweren Missverständnissen

führten. Indonesische Seeleute arbeiteten mit

einem Neun-Monate-Vertrag, während europäische Kollegen

höchstens für drei Monate fuhren, ehe sie einen Monat Heimaturlaub

erhielten. Neun Monate sind eine lange Zeit, speziell

auf einem Forschungsschiff, das bis zu sechs Wochen auf

See und dann 24 Stunden im Hafen für Unterhalt, Nachschub,

Auftanken und Personalwechsel verbrachte. Viel lieber fahren

Seeleute auf Handelsschiffen von einem Hafen zum anderen,

sie sind selten länger als drei Wochen auf See. Hafenaufenthalte

waren länger, ebenso die Landgänge. Seeleute aus dem Orient

benutzen diese Gelegenheiten, um zuhause anzurufen. »Eine

ganze Schwangerschaft«, sinnierte Onassis, »du kannst dein

Baby in die Arme nehmen, das du im letzten Urlaub gezeugt

hast!«

23


Die Besatzung unseres 70 Meter langen Forschungsschiffes,

MV Polaris, registriert in Valletta, bestand aus Kapitän,

Erstem Offizier oder Mat, die sich das Führen des Schiffes

teilten. Die Maschinen betreute der Chefingenieur mit zweitem

und drittem Ingenieur. Dann gab es noch zwei Matrosen,

den Koch und den Steward, eben Onassis. Da die Matrosen

keine Wache mehr schoben, arbeiteten sie von acht

Uhr morgens bis sechs Uhr abends an fünf Tagen. Sie waren

verantwortlich für die Sauberkeit des Schiffes und führten

auch kleine Reparaturen aus. Verschwunden sind die Deckjungen,

der Steuermann und die Schmierer, ›Grease Monkey‹

in englischer Sprache. Die Motoren wurden von der

Brücke bedient, ohne die romantischen Kommandos »Volle

Kraft voraus« übers Sprachrohr. Neben den Seeleuten gibt

es das technische Personal, das das Schiff als Arbeitsplatz,

Unterkunft, Transportmittel chartert.

Diese Schiffe wurden zweckmäßig gebaut oder waren wie

unsere Polaris umgebaute Fischkutter. Das Zentrum war ein

großer Arbeitsraum, der die Instrumente beherbergte und

Raum für das Personal bot. Größe und Einrichtung entsprachen

der jeweils auszuführenden Arbeit.

Das technische Personal zählte 15 Mann. Der Chef war der

sogenannte Party Chief. Ihm zur Seite standen Navigatoren,

Elektronik-Ingenieure, Geophysiker, Kompressor-Mechaniker

und Data-Verarbeiter. Die Verbindung zwischen dieser

schwimmenden Organisation und dem Kunden wird durch

den Kundenvertreter garantiert, der dessen Interessen wahrte

und für die Einhaltung gesetzter Normen und Vertragsbedingungen

verantwortlich zeichnete.

Der Zweck unserer Mission war, Orte für Erdölbohrungen

zu finden, wofür eine Vielfalt von Informationen benötigt

wurden. Neben Wassertiefen interessierte die Beschaffenheit

24


des Meeresbodens, der frei von Objekten wie Wracks, Felsbrocken,

Gasblasen oder steilen Abhängen sein musste.

Je weiter die Reise gegen den Süden führte, umso tiefer sank

die Temperatur. Gefütterte Arbeitsanzüge und Gesichts- und

Nackenschützer für die Helme wurden verteilt, während sogar

die zähesten der Nordseeleute für die Deckarbeit plötzlich

Handschuhe trugen. Die Experten waren damit beschäftigt,

Instrumente vor dem ersten Einsatz nochmals genau zu prüfen.

Immer mehr Sturmvögel umkreisten unser Boot, als hätte

es sich herumgesprochen, dass ein neues Schiff in ihrem Gebiet

erschienen sei. Nicht nur die Kälte, sondern auch die Wellenhöhe

nahm ständig zu, wovor uns der Wetterbericht für

die Gegend gewarnt hatte. Ein großes Tief südlich vom Kap

Hoorn soll für Wellenhöhen von fünf bis sechs Metern sorgen.

Eines Abends sahen wir Wasserfontänen von vier Walfischen,

die sich in unserer Nähe aufhielten. Der Kapitän drehte bei,

worauf die Tiere ihre gewaltige Schwanzflosse in die Höhe

streckten und abtauchten. Nach Sonnenaufgang zeigten sich

beim Bug die ersten Magellan-Pinguine, die aber nach einem

kurzen Augenschein wieder im tiefen Blau verschwanden.

Delphine spielten in den Bugwellen, indem sie parallel mitschwammen,

dann unter dem Bug durch auf die andere Seite

wechselten. Beobachteten wir sie vom Bug, wollten sie uns

necken, genau wie die stolzen Vögel in der Luft: »Komm doch,

zeig, was du kannst.«

Am zwölften Tag vor Weihnachten wurden im Speisesaal

und im Aufenthaltsraum Christbäume aufgestellt. Plastikgebilde,

mit deutlichen Zeichen, dass sie schon oft gedient hatten.

Der Schmuck war zerdrückt und die nervös blinkenden

25


Kerzen wurden flüchtig und lieblos über das Geäst gezogen.

Von der Decke sollten Plastikgirlanden für vorweihnachtliche

Feststimmung sorgen. Das Ganze schaukelte im Seegang

und verbreitete ein leise raschelndes Geräusch, begleitet von

Weihnachtsliedern über den Lautsprecher. »I’m dreaming of a

white Christmas …«

»Sei zufrieden, denn wie schon letztes Jahr wird das das

Einzige sein, was du haben wirst. Entweder du ergreifst die Initiative

und machst dich daran, das Ganze zu verbessern, oder

du bist zufrieden!« Ich beschloss, zufrieden zu sein. An einem

Fenster der Brücke wurde mit Sprühfarbe »Merry Christmas«

aufgespritzt und mit einem kinderhaften Tannenbaum verziert.

»Wieso immer diese schrägen Tannenbäume und die unförmigen

Sterne?«

»Ach was!«

Im Bord-Kino liefen die brutalen amerikanischen Filme

weiter neben dem Christbaum.

»Wer möchte denn auch wirklich an Weihnachten erinnert

werden?«

»Ist ja alles sowieso so weit weg! Und hatte nicht vielleicht

die kleine Isabel in Montevideo recht, als sie sagte, an Weihnachten

gehört man nachhause und nicht an die Arbeit!«

Vielleicht hatte sie ja recht. Es blieben nur Gedanken an zuhause

und der feste Vorsatz, nächstes Jahr ganz sicher dort zu

sein, endlich die Kerzen im Baum vor dem Haus anbringen, die

die schöne Winterlandschaft erleuchten werden. Ruhe, Zufriedenheit,

Besonnenheit dort, wo man eigentlich hingehört.

Nordwestwind mit Stärke neun wurde für die nächsten 24

Stunden vorausgesagt. Wir beobachteten die Wetterentwicklung

ganz genau, da es wichtig war, die Instrumente an Bord

26


zu haben, ehe der Wind die volle angesagte Kraft erreicht.

Solange die Qualität der aufgezeichneten Daten dank starker

Bewegungen in den wachsenden Wellen akzeptabel war,

arbeiteten wir weiter, bis zum Zeitpunkt des Abbruches. Die

erfassten Daten wurden gesichert und gespeichert, entsprechende

Logeinträge wurden vom Navigator angeführt. Alle

verfügbaren Männer stürzten sich in die warmen Überkleider,

Stiefeln, Handschuhe und Helm für ihre zugewiesenen Aufgaben

aufs Deck. Der Kapitän wurde angewiesen, mit langsamer

Fahrt geraden Kurs in den Wind zu halten. Zwei Stunden vergingen,

bis alle Instrumente an Bord gesichert waren.

Die Reihe von ratternden Nadeldruckern und das Surren

der Instrumente war verstummt. Alle Dokumente waren verstaut

und lose Gegenstände befestigt. Die Crewmitglieder

hatten sich in ihre Kabinen, den Essraum oder den TV-Raum

verzogen. Beliebter Aufenthalt bei solchem Wetter war auch

die Brücke, von wo man die wachsende See am besten beobachten

konnte. Die Windstärke nahm zu und die weißen Kronen

wurden vom Wind als Gischt weggeblasen. Die Schar von

Sturmvögeln zog weiter ihre Bahnen um das Schiff. An der

Vorderseite der Wellen und in den Wellentälern formten sich

weiße Finger, deren Spur die genaue Windrichtung zeigt. Unser

Kurs zeigte genau gegen diese Linien. Der Wind blies die

ganze Nacht und beim Morgengrauen erreichte die Wellenhöhe

in Extremfällen bis zu zehn Meter.

»Das Einzige, was das ändern könnte, wäre das Eintreffen

des vorausgesagten Windwechsels von Südwest nach Südost,

was die Grundwellen zusammendrücken würde, bis sie sich

von der anderen Seite wiederaufbauen werden«, sinnierte der

erste Offizier. Unbequem wird dann die verwirrte See während

der Übergangsperiode. Wieder krachte der Rumpf in eine

anrollende Welle. Beidseitig brachen gewaltige Wassermassen

27


aus und Gischt spritzte mit ohrenbetäubendem Krachen an

die Fenster der Brücke.

Gleichzeitig erschütterte eine Schockwelle den Rumpf der

alten Polaris, sodass alle losen Gegenstände erzitterten. Kein

Augenzwinkern vom erfahrenen Kapitän. Nur als dann an

Steuerbord eine Riesenwassermasse vorbeizog, drehte er den

Kopf und verfolgte sie durch das Seitenfenster, wie sie langsam

verschwand, während wir erneut in die Höhe getragen

wurden, um in das darauffolgende Wellental zu surfen.

»Südatlantik, das wäre was zum Segeln.«

»Aber höchstens in einer Maxi mit gerefften Tüchern!«

Der Erste Ingenieur aus dem Motorenraum gesellte sich zu

uns, um zu melden, dass sich einige Ölbehälter im Motorenraum

von der Befestigung gelöst hatten und nun lose herumrollten.

Auch sei ein portabler Dieselmotor von der Halterung gerissen

worden, der nun wohl unbrauchbar auf dem Deck deponiert

wurde. Der Koch tauchte auf und erklärte, dass er nicht kochen

werde, da er sich an überschwappendem heißem Fett bereits die

Hand verbrannt habe. Der Kapitän registrierte das, bedächtig

weiter auf dem Zigarrenrest kauend. »Die Küche bleibt bis auf

weiteres kalt«, bestimmte er mit sarkastischem Grinsen.

»Können wir nicht im Windschatten der Inseln etwas ruhigeres

Wasser finden?«

»Unter diesen Bedingungen können wir nur gerade gegen

den Wind und in die See fahren. Wenden ist ausgeschlossen,

wäre viel zu gefährlich!«

»Kentern?«

»Das nicht, aber größere Schäden durch extremes Rollen.

Und das will ich vermeiden, es sei denn, es sei ein Notfall, aber

den haben wir nicht!«, beendete der Kapitän die Diskussion.

Also hielten wir weiter Kurs gegen die See, was uns immer

weiter vom Schutz der Insel wegbrachte. Die Nacht war dank

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der unregelmäßigen Bewegungen der Koje extrem unbequem.

Ein ständiges Rollen hin und her, mit der ständigen Gefahr herauszufallen.

Oder man glitt auf dem Laken zwischen den Enden

auf und ab, stieß entweder mit den Füßen oder dem Kopf

hart an. Ich fiel in unruhigen Schlaf, wachte aber auf, sobald

die größte Müdigkeit überwunden war. Ein Blick auf die Uhr:

erst eins. Licht an, ein paar Seiten lesen, bis die Augen wieder

fast zufielen, Licht aus, Schafe zählen, verlorene Gedanken suchen,

Phantasien nachhängen, auf und ab, hin und her, bis zum

nächsten Erwachen. Vier Uhr. Ich ließ mich aus der Koje rollen,

schaltete die Heizung ein, setzte mich an den Computer.

Was tun? Alle Daten waren analysiert und für gut befunden, der

Rapport nachgeführt. Geschichten schreiben? Warum nicht.

Erst der Geruch von bratendem Frühstücksspeck von der Kombüse

durch die zentrale Belüftungsanlage lenkte mich ab.

»So was Widerliches, ist eine richtige Sauerei, eine Zumutung«,

schimpfte Chris, der einzige Vegetarier an Bord.

»Viel zu wenig geschlafen, schon wieder.« Mit diesem Gedanken

schlief ich nochmals für eine Stunde, aber nicht ohne

zuerst den Speckgestank mit Aerosol vertrieben zu haben.

»Komische, ja unmögliche Esssitten haben sie. Kein Tag, an

dem sie nicht drei warme Mahlzeiten essen. Speck, Würste,

Spiegeleier, weiße Bohnen, Toasts und so weiter. Und immer

ist der Speck zu fett, hat eine zu harte Rinde, ist nicht genug

gebraten, verkohlt oder was sonst!«, beklagte sich der holländische

Koch.

Nach 24 Stunden besserte sich der Wetterbericht. Der Wind

begann sich zu drehen und sollte sich zuerst auf Stärke fünf

und dann drei bis vier verringern. So geschah es auch, und

genau nach zwei Tagen waren die Instrumente wieder im

Wasser. Die Produktion ging weiter und die Kaffeetassen er-

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schienen wieder im Instrumentenraum. Der harmlose Streit,

welche Art von Musik man nun wie laut spielen dürfe, lebte

wieder auf. Im Wesentlichen ging es entweder um schottische

Dudelsäcke oder modernes »Head banging« der jüngeren Generationen.

Nun, der Party Chief war Schotte und Dudelsackmajor,

also war das klar, wenigstens solange er anwesend war.

Die Zahl der Tage vor Weihnachten schrumpfte und der

Gedanke, dass man vielleicht kein traditionelles Weihnachtsessen

bekommen könnte, erhitzte die Gemüter in stetig wachsendem

Maß. Einige Briten fanden es eine Zumutung, dass

ein holländischer Koch die wichtigste Mahlzeit des Jahres zubereiten

soll und sich dabei stur geäußert hatte, dass er sich

nicht um Tradition kümmernd so kochen werde, wie es ihm

dann gerade passen werde. Dazu kam es nicht, denn kurz vor

Weihnachten erkrankte er an einer akuten Lungenentzündung,

was für ihn allerdings kein Grund war, auf nur eine der

60 Zigaretten im Tag zu verzichten. Einlieferung ins Spital in

Stanley war für Medic und Kapitän die einzige Rettung für den

gesundheitlich ohnehin schon angeschlagenen und dazu äußerst

unbeliebten Koch. Ohne eine Vertretung in Griffnähe zu

finden, wurde Onassis, der indonesische Steward, zum Koch

befördert, wobei der Kapitän kräftige Unterstützung in jeder

Hinsicht versprach.

Der lebensbedrohende Zustand des Meisters der Kombüse

schenkte uns einen unerwarteten, aber nicht weniger erfreulichen

ersten Besuch in Stanley. Es war der 23. Dezember,

eine gute Gelegenheit, sich unter die lokale Bevölkerung zu

mischen, mit ihnen vorweihnachtlichen Geist fließen zu lassen,

ehe wir dann am nächsten Tag wieder auslaufen würden.

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Die ausgelassene Party der einsamen Herzen

Im Globe feierte die wild zusammengewürfelte Gesellschaft

in feuchtfröhlich-vorweihnachtlicher Stimmung. An den

Wänden und der Decke hingen glänzende und glitzernde

Gir landen und ausgefranste Spruchbänder auf denen rote

Buchstaben die frohe Botschaft »Merry Christmas« verbreiteten.

Nicht fehlen durfte ein künstlicher Christbaum,

schwer beladen mit Lametta, Engelshaaren, Girlanden,

silber nem, goldenem, rotem Schmuck, elektrischen Kerzen,

flackernd in verschiedenen Rhythmen und Farben. Ein

fürch ter liches Durcheinander, das in der verbrauchten, nikotinübersättigten

Luft und den Windstößen, die mit Gästen

durch die Türen ins Innere drangen, wirr flatterte und

zitterte. Weihnachtsmänner in weiten Mänteln und weißen

Wattebärten zwängten sich durch die Masse jener mit Glas

oder Dose in der Hand, in Gruppen im Lokal stehend, verteilten

kleine Säckchen, begleitet von derben Sprüchen und

für solche Gestalten üblichem Ho-ho-ho. Weihnachtslieder

aus einer alten Spieldose verschwanden in den ohrenbetäubenden

Klängen einer lokalen Band oder Schlagern der siebziger

Jahre aus der Jukebox.

»He, du«, wurde ich mit harscher Stimme angesprochen,

als ich gerade eine Runde Bierdosen von der Bar zu unserer

Gruppe tragen wollte.

»Oder bist du, so wie dein Kollege, zu vornehm, um mit

uns zu reden?«, donnerte die bärtige Gestalt mit rotem Gesicht

und grobmaschigem Rollkragenpullover in meine Richtung.

Seine wässrigen Augen starrten mich gefährlich an.

»Was meinst du damit?«, fragte ich etwas erschrocken.

»Der dort, den ich angesprochen habe, ist wohl zu vornehm,

um mit uns Seeleuten zu reden«, erklärte er, mit dem

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Zeigefinger auf Jeff deutend, der uns leicht wankend mit gläsernem

Blick vom Rande meiner Gruppe anstarrte.

»Nein, sicher nicht, der wird in seinem bierseligen Zustand

nicht bemerkt haben, dass du ihn angepöbelt hast!«, verteidigte

ich meinen für seine Liebe zum Glas bekannten Kollegen

aus Northumberland.

»Angepöbelt, komm mir ja nicht so, du ...«, fauchte er mit

böser Stimme im harten Slang der Nordseefischer von York.

»Wart, ich bring die Dosen dorthin, dann komm ich zurück

und wir regeln das!«, versuchte ich ihn zu beruhigen.

Als ich dann meinen Kollegen gesagt hatte, dass ich nur

mal schnell eine gröbere Auseinandersetzung abwenden

wolle, kehrte ich zur Bar zurück, wo mir ein Kumpan des

Sprechers eine Dose Bodington-Bier in die Hand drückte.

»Unser Dick meint es nicht so, wird nur wütend, wenn er

meint, er sei nicht gut genug für eine Unterhaltung. Und

schließlich sind wir ja vom Nachbarschiff.« Das war die DO-

RADA, ein Fischerei-Aufsichtsschiff aus England, registriert

in Hull.

»So, du bist also der Kapitän«, antwortete ich, die Dose

zum Wohl anhebend, um den immer noch sichtlich erregten

Seebären zu beruhigen. Das wirkte, Dick stellte seinen Drink

auf die Bar und gab mir die Hand zum kräftigen Händedruck,

der meine Finger noch lange schmerzen ließ.

»Ein Kompliment für euer Schiff, es sieht sehr sauber aus

und hat einen schönen Anstrich«, schmeichelte ich, ohne dabei

aber zu übertreiben.

Der ›Kapitän‹ reckte und streckte sich, ehe er zugab. »Nein,

nicht der Kapitän, aber ich bin der Mat und der ist für die Sauberkeit

des Kahns verantwortlich. Das hast du sehr schön gesagt«,

und schlug mir mit solcher Kraft auf die Schulter, dass

ich beinahe an einem Schluck Bier erstickt wäre.

32


Mein Kollege Jeff am Eingang zur Victory Bar.

»Na also, jetzt haben wir das auch. Ich wünsche euch allen

frohe Weihnachten zur See!«

»Was zur See, an dieser Bar werden wir feiern, zur See, du

spinnst ja!«

»Ich werde auf See sein …«

»Na, dann halt auch frohe Weihnachten.«

33


Der Westwind blies mit unverminderter Stärke, als wir etwas

später, fröstelnd der Philomelstraße entlang, das kurze

Stück zur Victory Bar zogen.

John, der während des Kriegs 1982 mit der Britischen Armee

in Stanley war, erzählte uns auf dem Weg die Geschichte

des alten mit Rostflecken gezeichneten Wellblechgebäudes,

in dessen Parterre eine Bar eingebaut wurde. In

besseren Zeiten diente das Gebäude, mit bestem Blick auf

den Hafen und die Bucht, dem Prinzen von Wales während

seiner Aufenthalte als Unterkunft. In Erwartung, ein besseres

Leben zu finden, zog Ben, der Eigentümer, nach dem

Falklandkrieg nach England. Dort versuchte er sein Glück

als Barmann und Hilfsarbeiter, ohne dabei Fuß fassen zu

können. Entmutigt, mittellos und geplagt vom Heimweh,

ließ er sich per Schub in einem Schiff nach Stanley zurückbringen.

Hier fand er sein altes Haus in schwer vernachlässigtem

Zustand, gezeichnet von Wind und Wetter. Alle

Fenster wurden eingeschlagen und die Türen waren weg,

aber das Dach war geblieben.

»Welcome home«, sagte er zu sich, als er betrat, was neben

ein paar Pfund das Einzige war, was er auf dieser Welt sein

Eigen nennen konnte.

»Hast du gesehen, Ben Biggs ist zurück«, erzählte man sich

in Stanley.

»Was wird er wohl anfangen? Hab gehört, dass es ihm in

England gar nicht gut ergangen sei!«

Und so besuchten ihn alte Nachbarn, Freunde und Neugierige

und alle waren sich einig: »Stanley ist der schönste Platz

auf der Welt.«

»Was machst du jetzt?«, fragte Robert von der Falkland-Gesellschaft.

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»Weiß ich noch nicht, mal schauen, Schafscheren kann ich

immer noch und auch Torfmull stechen.«

Und so zog er von einer Farm zur anderen, half mal hier,

mal dort, mal dies und mal das. Er erinnerte sich an das Leben

in England. Eine Bar hätte er gerne gehabt, aber das brauchte

Geld. Und so formte sich langsam ein Plan.

»Ich habe ja ein Haus, nicht ein schönes, aber wenn ich etwas

Geld spare, könnte ich es ja reparieren und ausbauen!«

Und so kehrte er vom Land zurück nach Stanley, besessen

von einem Plan, für den er zu leben begann. Das Dach erneuern,

Toiletten anbauen, nur ganz dürftig, eine lange Bar, neues

Täfer an die Wände, Fenster hinter das Täfer. Nur das alte Stubenfenster

mit dem Blick auf den Hafen und die gegenüberliegenden

Hügel blieb, Kühlschränke für Getränke wurden

besorgt und dann die Eröffnung.

»Es war von Anfang ein Riesenerfolg und endlich hat der

Globe die Konkurrenz bekommen, die er brauchte.«

Victory, Sieg, nannte Ben seine Bar.

Schon beim Eintreten begrüßte uns eine ganz besondere Atmosphäre.

Das Lokal war zum Bersten voll, denn dicht gereiht, mit

einem Riesenlärm von Stimmengewirr, gemischt mit Musik

aus der Jukebox. An kleinen niederen Tischen in der Mitte des

Lokals saßen wie auf einer Insel etwa 20 junge Leute. Studenten,

Studentinnen, die für die Festtage aus England zu ihren

Eltern gekommen waren. Eine frohe Gesellschaft, die sich mit

den Dagebliebenen traf, alte Beziehungen aufleben ließ, Erfahrungen

austauschte, die neuesten Skandale enthüllte, wer

jetzt mit wem. Beim Aussichtsfenster stand ein Snookertisch,

von dem sich die Spieler mit den Dartspielern um Lebensraum

stritten, ganz abgesehen von den Trinkgästen, die immer weiter

weg von der Bar in den Spielraum abgedrängt wurden.

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Die zwei jungen Frauen besorgten die Bar und konnten

meisterhaft mit den vielen Gästen mithalten, fanden sogar ab

und zu Zeit, um an einer Zigarette zu ziehen, die sonst auf

dem Rand eines Aschenbechers dahinglimmt. Eine der Frauen,

etwas rundlich mit welligen braunen Haaren, geziert mit

unzähligen Ringen in Nase, Ohren und Augenbrauen, die

andere mit kurzen dunkelblonden Haaren, eng am Kopf geschnitten,

ohne jeglichen Schmuck, enge Jeans, schlank, mit

wollenem, weitem Pullover, sehr attraktiv. Immer fokussiert,

emsig, perfekt, unkompliziert. Sie schienen gut miteinander

auszukommen. Mit den Gästen unterhielten sie sich nicht,

denn diese sollen trinken, nicht tratschen.

»Ich sah euch in den Globe gehen«, sagte einer der Stammgäste

zwischen Zügen an der Zigarette.

»War dort was los?«

»Ja, ein Haufen Leute und eine lokale Band, die laute Musik

spielte.«

»Das ginge noch, aber dort gehe ich nicht hin, denn ich lasse

mir nicht von einer Lesbe Bier verkaufen!«, brummte er.

Ah, das waren die zwei mittelalterlichen Damen hinter der

Bar im Globe.

»Die Eigentümer?«, fragte ich, um die Konversation weiter

zu führen.

»Nein, was denkst du wohl, Angestellte, die die Bar auf eigene

Rechnung betreiben, der Eigentümer führt nur das Hotel.«

Man trank weitere Runden Dosenbier und ließ die vorweihnachtliche

Stimmung einsinken. Gedanken an den Winter

im Norden, Sommer hier im Süden, der kälter war als ein

warmer Wintertag in London.

Ungewollt ging der Blick immer wieder zurück zu den

Mädchen hinter der Bar, die Dosen aus den Kühlschränken

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holten, Whisky in Gläser füllten, Gin Tonic und Wodka mit

Orangensaft mischten. Eis stand in Kübeln auf der Bar, aus

dem jeder von Hand nehmen konnte, so viel er wollte.

»Die ist nicht mehr als 16 Jahre alt«, schmunzelte mir Jeff

zu.

»Was, dir hat wohl der Westwind zugesetzt, und die Wochen

zur See haben dir die Augen verdreht, die ist weit über

20!«, war meine Ansicht.

Wir einigten uns darauf, dass sich die einheimischen Leute

altmodisch und eher schlecht, ohne jegliches Modebewusstsein

kleideten, was im krassen Gegensatz zur letzten

Carnaby-Street-Mode der Studenten auf Heimurlaub stand.

Es schien, dass hier weder Frauen noch Männer Wert auf äußere

Erscheinung legten.

Mit den wilden Wolkenfetzen, die der Westwind am hellen

Mond vorbeitrieb, schritt ich schweigend an der Seite von Jeff

auf dem Fußweg dem Ufer entlang von der Stadt zum Dock

und unserem Schiff.

»Ich komm mit zu Fuß, wenn du versprichst, mich aus dem

Wasser zu fischen, sollte ich hineinfallen«, hatte Jeff zu meinem

Vorschlag auf die Taxifahrt zu verzichten eingewilligt. Einige

Magellangänse, die Köpfe ins Gefieder gesteckt, ließen sich in

ihrer Nachtruhe nahe dem Pfad nicht stören. Die Wellen, deren

Gischt uns ab und zu erreichte, brachen leise plätschernd

am steinigen Ufer. Die Umrisse des Wracks der Afterglow, das

am Ufer seit 1945 Wind und Wetter überlassen wurde, bildeten

eine gespensterhafte Kulisse. Auf dem Deck erspähte Jeff im

zarten Mondlicht ein paar schlafende Seehunde. Ein Teppich

von Kelp bewegte sich in langen Wellen auf der Leeseite dem

Rumpf des Wracks entlang. Durch die Überreste der Takelage

entdeckte ich grün und rot die Lichter der Hafeneinfahrt vom

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Port Williams. Abwesend pfiff ich ganz leise »I saw the harbourlights«

in den Wind. Die Gedanken zogen nach Norden,

über den Äquator, folgten den Spuren der Sterne, hoch über

uns das Kreuz des Südens, zu ein paar Sternen des Großen Bären,

eine stellare Verbindung zum Polarstern, weit unter dem

nördlichen Horizont. Der Gedanke, Weihnachten wenn nicht

zuhause, dann zur See und nicht im Globe oder Victory zu verbringen,

erfüllte mich mit beruhigender Zufriedenheit.

»Warst du in Tristan da Cunha?«, fragte ich Jeff beim Weitergehen.

»Nein, in Fuerteventura«, antwortete Jeff mit klappernden

Zähnen, »und dort war der Wind wenigstens warm!

Aber warum gerade Tristan? Da bleibst du ja für ein halbes

Jahr stecken!«

»Im Victory habe ich mich mit einem Fischer von dort unterhalten,

einer von 300 Einwohnern, gab er an!«

»Noch eine verlassene Insel, die unsere Steuergelder über

Wasser halten. Edinburgh der sieben Seen ist die Hauptstadt.

Und wer weiß, vielleicht verbringen wir nächste Weihnachten

dort, sollten sie auch dort nach Öl suchen wollen!«

»Wer weiß, letztes Jahr Palawan, heute Stanley, morgen

Tristan, kommt doch von trist? Oder etwa nicht?«

»Oder wir finden Isolde!«

»Isolde?«, fragte Jeff verwundert.

»Ja, kennst du nicht? Tristan und Isolde?«

»Vom grünen Hügel? Wagners nächtelange, langweilige,

einschläfernde Klänge?«

»Ja, genau der, aber den musst du verstehen, mit dem musst

du dich befassen, um ihn zu verstehen!« ereiferte ich mich als

ausgesprochener Wagner-Fan.

»Da sind mir denn die Piraten von Penzanz von Gilbert und

Sulivan schon lieber, da geht was, da kannst du auf dem Heimweg

die Melodien nachpfeifen. Bei Wagner? Wie viele Lieder

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kennst du?«, ereiferte sich Jeff, während wir uns vom Wrack

entfernten und die Lichter des Docks größer wurden.

»Wagner ist Tiefe, bringt dich auf andere Ebenen, lässt dich

absinken in die Tiefe deiner Gefühle«, ergänzte ich.

Für Jeff war das Thema nun beendet, und so fuhr er weiter.

»Übrigens, was du da heute am Steg getan hast, war unvorsichtig!«

»Was habe ich getan?«

»Du hast mit den Kindern, die am Ufer gespielt hatten, gescherzt!«

»Na und!«

»Sollten die morgen früh ein totes Kind im Graben finden,

holen die dich als Hauptverdächtigen, und dann würden die

dich im Gefängnis kaltmachen, dich als grauhaarigen Fremden!«

Das gab mir zu denken, denn keinen Moment hatte ich nur

im Entferntesten an so was gedacht. »Ja, dann hoffe ich mal,

dass so was nicht eintritt!«

Schweigend legten wir den Rest der Strecke zurück. In

der Seemannsmission brannte noch Licht. Das Geräusch der

laufenden Generatoren der Schiffe am Dock übertönte nach

dem Überschreiten der Brücke das Heulen des Windes. Das

schwimmende Dock bewegte sich langsam und erzeugte ein

wildes Durcheinander von ratternden Geräuschen. An Deck

unseres Schiffes war die Crew damit beschäftigt, letzte Kartons

mit Nachschub wegzuräumen, klar für die Ausfahrt am

Tag vor Weihnachten.

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Der grüne Blitz zu Weihnachten auf See

Den Heiligen Abend feierten wir nicht, denn in der Heimat

meiner Leidensgenossen war das, nicht wie bei uns, ein

Grund für eine wilde Party mit Freunden. Die Feierlichkeiten

begannen erst am frühen Morgen des Weihnachtstages.

Wir erlebten an Bord einen wunderbaren Abend mit stahlblauem,

wolkenlosem Himmel. Riesengroß näherte sich die

Sonne dem Horizont. Ein Kreuzfahrtschiff, unterwegs von

Montevideo nach Ushuaia in Tierra del Fuego, glitt an der

Sonne vorbei. Sie werden unser Stanley am Weihnachtsmorgen

erreichen.

Dort, an Bord, war eine rauschende Party im Gang, man

stand wohl mit Sundowners in der Hand an der Reling, um der

untergehenden Sonne zuzuschauen, die sich vom Gelb mehr

und mehr in immer tiefer werdendes Orange verfärbte. Eine

zusammengewürfelte Gesellschaft hatte sich zugeprostet, auf

eine frohe Weihnacht und eine erfolgreiche Fahrt.

Es war nach zehn Uhr abends, nach ein Uhr früh am Weihnachtstag

in der Heimat, alle wohl schon im Bett? Ich hatte

angerufen, um frohe Weihnachten zu wünschen und wieder

zu versprechen, dass ich im nächsten Jahr sicher mit dabei sein

werde. Ich hatte mir das Versprechen wiederholt, als die Sonne

den Horizont berührte. »Eigenartig, sobald sie die Wasserlinie

durchbrochen hatte, erscheinen auf beiden Seiten Ausbuchtungen,

die aussahen, als wolle sich die Sonne mit beiden Händen

am Horizont gegen den Untergang wehren, nein, noch

nicht, ich möchte jetzt noch nicht ins Bett!« Aber dann ergab

sie sich, die Hände eingezogen versank sie langsam. Eine rote

Straße, unterbrochen von den Wellentälern zog bis zu meinen

Füßen. Langsam rollte die Polaris geräuschlos in den Wellen,

die Albatrosse zogen weiter ihre Bahnen, ungestört vom

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Schauspiel der Natur. Die rote Scheibe versank immer tiefer,

die Straße zog sich zurück zum Halbkreis direkt vor ihr wie

ein Vorhof und dann, mein Herz glaubte still zu stehen, ganz

unerwartet: Der grüne Blitz, ich wollte aufjubeln, und dann

gerade noch einmal, denn das Schiff rollte genau im richtigen

Moment weg von der Sonne, so dass die für einen Augenblick

nochmals über dem Horizont erschien. Das schönste Weihnachtsgeschenk,

das mir die Natur machen konnte. Glücklich

verblieb ich noch ein paar Minuten an Deck. Auf der Brücke

fragte ich in die Runde der Anwesenden: »Habt ihr den grünen

Blitz gesehen?«

»Du sagst doch nicht, dass du dein Gespenst schon wiedergesehen

hast?«

Der grüne Blitz, Green Flash:

»Hast du den grünen Blitz wirklich gesehen?«, fragte mich

Willem, der alte Kapitän.

»Ja, habe ich, vierzehn Mal und ich kann dir genau sagen,

wo jeder war!«

Jede Beobachtung hatte jeweils zu Argumenten zwischen

Beobachtern, die ihn gesehen haben und jenen, die die Erscheinung

ins Land der wilden Phantasie verbannten. Grund

ist, dass nicht jedes Auge fähig ist, das Phänomen zu sehen,

was die Fantasien der Zweifler beflügelte. So erzählte mir Graham,

unser Betriebsmeteorologe: »Laut einer alten schottischen

Legende soll derjenige, der den grünen Blitz gesehen

hat, in Sachen Liebe nicht fehlgehen, was Grund genug sein

sollte, nach diesem seltsamen Naturwunder Ausschau zu halten,

wenn immer am Meer oder auf hoher See mit einem kühlen

Drink in der Hand.«

Er meinte, dass das Erleben des grünen Blitzes in direktem

Zusammenhang mit der Anzahl der kühlen Drinks stehe.

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Laut alten Seebären ist dies eine Seltenheit. Ein kurzer grüner

Blitz kann am oberen Rand der Sonne erscheinen, unmittelbar

bevor die Sonne am Abend hinter dem Horizont verschwindet

oder am Morgen über ihm auftaucht.

»Warum der grüne Blitz?«, fragte Dan, der zum ersten Mal

auf See war.

»Wenn die Sonnenstrahlen durch die Atmosphäre ziehen,

werden sie durch Refraktion gebrochen. Sobald der untere

Rand der Sonne den Horizont berührt, ist sie bereits hinter

den Horizont gesunken. Ihr Bild allerdings wird durch die Refraktion

nach oben verschoben. Rotes Licht bricht weniger

als blaues. Deshalb erscheint durch ein Fernrohr der untere

Rand der Sonne rot und der obere eher blau. Weil das Blau in

der Zerstreuung auf dem Weg zum Beobachter verloren geht,

siehst du grün, was im Farbenspektrum neben blau liegt.«

Unter normalen Umständen ist das Grün so dünn, dass es

mit bloßem Auge nicht sichtbar wird. Sind aber die richtigen

Bedingungen für eine Luftspiegelung gegeben, wird das Grün

vergrößert, bis es mit bloßem Auge als grüner Blitz wahrgenommen

wird.

»Fata Morgana.«

»So kannst du dazu auch sagen.«

Die zwei Weihnachtsputer

Das englische Weihnachtsmenü besteht aus einem Truthahn,

englisch gefüllt, Kartoffeln, Rosenkohl und noch einem Gemüse,

am liebsten geschnittenen Bohnen. Zur Vorspeise gibt’s

eine Suppe, wobei meine Kollegen sich nicht einigen konnten,

welche. Auch die Niederländer essen einen Truthahn, aber der

wird ohne Füllung gebraten. Dazu müsste es Kartoffelstock,

gespickt mit Karottenstückchen, Rosenkohl und Salat geben.

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Um allen so viel wie möglich entgegenzukommen, offerierte

der Kapitän, den holländischen Truthahn zuzubereiten. Von

den Engländern wurde John als vielversprechendste Möglichkeit

mit der traditionellen Zubereitung betreut. Onassis

überließ man den Rest. Engländer aßen um halb zwölf und

die anderen um halb eins. Onassis wusste, dass Weihnachten

ein wichtiges Fest war, so ungefähr gleichstehend mit seinem

Ende der Fastenzeit.

Zur Vorspeise gab es für alle eine Ochsenschwanzsuppe,

serviert mit kleinen belegten Broten, auf denen Apfelstücke,

Sardinen, Käse, Ketchup, Senf und was Onassis in der Speisekammer

zum Entsetzen der britischen Leute sonst noch finden

konnte. Rosenkohl war wie gewünscht, nicht aber, was für

ein Weihnachtsessen absolut unmöglich war, Rotkrautsalat

mit Apfelstücken, sauren Gurken und Käsestücken, an süßer,

schön brauner Sauce. Johns Truthahn war ausgezeichnet. Leider

hatte ich keine Gelegenheit, ihn mit dem holländischen zu

vergleichen, denn der wurde von der Besatzung total verzehrt,

nicht so der englische. Mittagszeit vorbei, Feierlichkeit vorbei.

»Ich schau den weißen Wellen nach und fange an zu träumen!«,

sie kamen von Südwest, vom Kap Hoorn, sie trafen uns

steuerbord voraus, hoben uns sachte in die Höhe und rollten

backbord am Heck davon, immer weiter, wo sie im Atlantik

auslaufen werden, dort wo die Kraft des Windes nachlässt,

dort wo es nahe beim Äquator schön warm ist.

Ein großer Schatten tauchte nahe der Wasserfläche auf, zuerst

nur eine Ungewissheit zwischen den Wellenbergen, bis

eine schwarze Wölbung die Oberfläche durchbrach und eine

Wasserfontäne zischend in die Höhe blies, von der Spritzer bis

zum Deck getragen wurden. So schnell wie die Wölbung aufgetaucht

war, verschwand sie auch wieder. Dafür stach dann

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die riesige Schwanzflosse senkrecht in die Höhe, glänzte nur

ein paar Sekunden in der Sonne, ehe sie geräuschlos in der

sicheren Tiefe verschwand. Ein kurzes Gastspiel eines Mink-

Wals. Ein kurzer Gruß aus der freien Welt, denn endlos sind

seine Bewegungsräume. Ich schaute noch eine Weile, vielleicht

kommt er zurück, vielleicht war er nicht allein.

Silvester und Neujahr? Gab es nicht. Jeder hing mit seinen

Gedanken den Seinen nach, die in verschiedenen Zeitzonen

verteilt über den Globus lebten. Jeder versuchte zuhause anzurufen.

Besetzte Linien, überlastetes Netz.

Ich machte die Runde durch das Boot zur lokalen Mitternacht,

schüttelte Hände hier und dort. »A happy New Year«

schaute in die feuchten Augen eines jungen Ingenieurs, versuchte

ihn aufzumuntern, rauchte mit ihm eine Zigarette.

»Was, du rauchst?«

Man redet nicht von zuhause. Heimweh auf See ist so

schlimm wie Seekrankheit. Was wird das neue Jahr bringen?

Nur das Eine wussten wir alle: »In zwei Wochen wird in Stanley

Schichtwechsel sein.«

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Mit Umsteigen in Santiago de Chile

Ärger beim Stopover

Wie hieß das Restaurant? Olaf wusste es nicht mehr, wollte

es auch gar nicht mehr wissen. Es war noch am frühen Freitagabend.

Aber sie hatten den ganzen Nachmittag durchgezecht,

anstatt sich vom langen Flug von Paris nach Santiago de

Chile zu erholen. Und so sorgten Jetlag und Müdigkeit dafür,

dass die paar Biere und die halbe Flasche Rotwein zum Steak

genügten, seine Sinne total zu verwirren. Als wir später, wie

eigentlich verabredet, zu ihm und seinen Kumpanen trafen,

empfing er uns schon mit einer sehr komplizierten Rede, die

sich schlussendlich in unverständliches Lallen verlor. Man sah

ihn dann seine Rechnung begleichen, wofür er umständlich

aus einem satten Bündel von Banknoten ein paar Scheine herauszählte

und dem Kellner in die Hand drückte. Dann war er

weg, niemand hatte ihn das Lokal verlassen sehen, welches auf

zwei Seiten zur Straße hin offen war.

Man suchte in den Toiletten, aber ohne Erfolg.

Die Kellnerin in viel zu satten Jeans bestätigte, dass er auch

nicht in der Damentoilette eingeschlafen sei. Laut späterer

Bemerkung des Weinkellners soll der Gesuchte aus dem Lokal

in die rege Geschäftsstraße gewankt sein. Mehr sagte er nicht.

»Wir sollten ihn suchen«, schlug Dave vor.

Aber wo? Das Lokal lag an einer Straßenkreuzung. Viele

Leute tummelten sich plaudernd in unbeschwerter Freitagabend-Laune

in alle Richtungen. Im Restaurant mussten

eintreffende Gäste an der Bar auf freiwerdende Tische warten.

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»Erstaunlich, wie die sich das bei den happigen Preisen

leisten können!«, meinte der junge Donald.

»Aber schau sie an, Männer und Frauen in eleganten, vorwiegend

dunklen Bürokleidern mit Aktentaschen.« Der Freitagabend

gehörte noch zur Arbeitswoche, erst der Samstag

ist Familientag. Auch wir verließen das Restaurant, um in

verschiedenen Richtungen das Hotel aufzusuchen oder uns

unter den Bäumen des Plaza de Armas mit Mitgliedern der

Crew, die sich vor sechs Wochen in alle Richtungen der Welt

verabschiedet hatten, auszutauschen.

Früh am nächsten Morgen wurde heftig an meine Tür geklopft.

»Olaf wurde gestern überfallen. Seine Brieftasche mit allem

Geld und dem Pass ist weg«, erzählte mir ein atemloser

Andy, das jüngste Team-Mitglied.

»Wo?«

»Das weiß er nicht, denn er hatte sich in der nächtlichen

Stadt verirrt.«

»Wo ist er jetzt?«

»An der Rezeption versucht er, mit Hilfe der Telefonistin

die Polizei und die dänische Botschaft anzurufen, und wir

dachten, dass du das wissen solltest.«

»Um sieben Uhr am Samstagmorgen?«, wunderte ich mich,

während wir über die Treppe ins Foyer gelangten.

»Dein Pass und all dein Geld weg?«, attackierte ich Olaf,

der verstört an der Theke stand.

»Nein, was denkst du, ich habe gekämpft und das Geld

zurückgerungen. Dass der Pass weg war, habe ich erst später

bemerkt.«

»Wo war das?«

»Weiß ich doch nicht, ich habe mich verlaufen und bin

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dann schlussendlich mit einem Taxi zum Hotel gekommen.«

»Wie viele Angreifer waren es?«

»Zwei oder drei.«

Der Alkohol der Nacht zuvor stand noch deutlich in seinem

Gesicht, aber sonst weder Kratzer noch andere Zeichen eines

Kampfes.

Für weitere Versuche, die Polizei zu kontaktieren, blieb keine

Zeit, denn soeben entstieg Rodrigues, der lokale Agent, mit

schwingenden Armen dem Bus, der nun mit laufendem Motor

vor dem Hoteleingang für die Fahrt zum Flugplatz bereitstand.

Die gute Laune des Agenten ob der schlechten Nachricht verwandelte

sich blitzartig in Entsetzten, denn mit solchem Ärger

hatte er für den Samstagmorgen nicht gerechnet. Sein Schnurrbart

unterstrich seine schlechte Laune, denn am Tag zuvor hatte

er noch groß angegeben: »Santiago ist eine sehr sichere Stadt,

zu Tag und auch zur Nacht, nicht wie Städte in der Nachbarschaft«,

womit er Buenos Aires und Montevideo meinte.

»Wir werden am Flughafen der Polizei rapportieren«, versuchte

er sich selber mit wenig Begeisterung zu überzeugen,

während wir im Bus Platz nahmen.

Weiteren Ärger erwartete den armen Rodrigues am Flughafen,

denn zwei der Billette waren auf falsche Namen ausgestellt

und somit ungültig. Da der Agent weder Zahlungsmittel

hatte noch kreditwürdig war, mussten die unglücklichen Passagiere

mit ihren privaten Kreditkarten Billette für den Flug

nach den Falkland-Inseln erwerben.

»Nein, die Polizei nimmt in diesem Fall keinen Rapport auf.

Nur in der Stadt, dort, wo das Delikt begangen wurde«, sagte

der diensthabende Offizier.

Nach kurzem Überlegen flog ein Lichtblick über das sonst

finstere Gesicht von Rodrigues.

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In der Ferne die Magellan-Straße und Feuerland.

»Am besten, du fliegst nach Punta Arenas, denn das ist ein

interner Flug. Und ganz sicher kannst du die Einwanderungsbehörde

dort überreden, dich aus dem Land zu lassen. Und

wenn nicht, ja dann bist du ja nahe und kannst den nächsten

Flug in einer Woche nehmen.«

Und schon war er weg, ab Aug, ab Herz, musste er sich gesagt

haben.

Die vier Stunden Flug den Anden entlang in den kalten Süden

konnte Olaf nicht genießen, konnte sich nicht erfreuen

am Anblick der bizarren Felszähne oder den symmetrischen

Vulkanen, von denen einer eine schwarze Rauchwolke in den

Morgenhimmel blies. Er versuchte sich in der Ecke des Sitzes

zu verkriechen. Angstschweiß trat ihm auf die Stirne, als die

Landung in Punta Arenas angesagt wurde.

»Hoffentlich lassen sie mich weiter, denn eine ganze Woche

in einem Hotel in Punta Arenas, eine Woche zu spät zur

Arbeit antreten. Denk nicht daran, denn nur mit positivem

Denken wird alles gut!«, tröstete er sich.

Aus den endlosen Ebenen Patagoniens überflogen wir Punta

Arenas und die blauen Wasser der Magellan-Straße, dann

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eine steile Kurve über der Nordküste von Feuerland. Windböen

schüttelten die Maschine. Die weißen Wellenberge der sagenumwobenen

Wasserstraße zeigten sich im Anflug, ein Schiff

warf hohe Bugwellen auf seinem Kurs gegen den Westwind. Die

Reifen quietschten, erst rechts, dann links, dann alle, wir hatten

gelandet. Die Sonne verbarg sich am nördlichen Horizont

hinter einer Wolkenbank. Übliches Gedränge beim Zusammensuchen

des Handgepäcks, nur raus aus dem Flugzeug. Anders

Olaf, für ihn könnte die Zeit stehen bleiben, denn der Moment

der Entscheidung, die nicht bei ihm lag, war gekommen.

»No, Señor, ohne Pass und ohne Einreiseformular keine

Ausreise!«, sagte der Chef der Fremdenpolizei freundlich, aber

sehr bestimmt.

Der nächste Flug nach Mount Pleasant auf den Falkland

Island ist in einer Woche, eine Woche in Punta Arenas, um

einen neuen Pass zu beschaffen.

»Hola, hier ist Rauchverbot!«, wandte sich eine offizielle

Stimme in englischer Sprache mit starkem Akzent an eine

Gruppe, die sich hinter einem Pfeiler sicher fühlte.

»Auch das noch, ein Nichtraucherflug und nun auch das

ganze Flughafengebäude.«

Die Straße des Magellan – Blick zurück

Gerne hätte auch ich mindestens eine Nacht in Punta Arenas

verbracht, das Magellan-Museum und das berühmte Denkmal

besucht, an den Ufern der Wasserstraße gesessen und Träume

aus lang vergangenen Zeiten gesucht. Die weißen Wellenkronen

hatten sich in tiefes Blau verwandelt, während das nun

fast leere Flugzeug in den Abendhimmel stieg.

Unter uns die Küste, mit der Patagonien am Strand von

dunkeln Kieselsteinen endet, die in den ewigen Wellen sich

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mit dem Geräusch eines riesigen Steinsacks vermischt, langsam

von unsichtbarer Hand bewegt, jedoch mehrfach übertönt

vom Tosen der brechenden Wellen. Dem Grenzzaun entlang

erkannte ich auf der argentinischen Seite Monte Dinero,

ein sanfter Hügel im abfallenden Gelände. Die Sandpiste, als

dünner Faden, bis in der Ferne zum dunkeln Fleck, die Estancia

Condor, deren Herrschaftshaus mit Akazien, den einzigen

Bäumen südlich von Rio Gallegos, umgeben war. Dann die

südlichste Spitze Patagoniens, das Cabo Virgines und gegenüber,

die Nordspitze von Feuerland, das Cabo Espirito Santo.

Das Gesicht ans kleine Fenster gepresst, ließ ich mich von den

Erinnerungen verschlingen. Und schon wieder überwältigte

mich das bestimmte Gefühl der Rückkehr in diese öde Landschaft,

die keine andere Attraktion bot, als das Außergewöhnliche.

Es war vor fünfzehn Jahren, meine erste Fahrt von Rio

Gallegos kommend, der Sandpiste entlang, als ich plötzlich

die Estancia Condor vor mir sah, und in der Ferne den blauen

Streifen der Magellan-Straße, weit über den braungelben

Hügeln. Eine erste befremdende Erfahrung des Bewusstseins,

schon einmal hier gewesen zu sein, hatte mich ergriffen, denn

alles war bekannt, wie ein Wiedersehen, ein Wiedererleben

nach langer, langer Zeit. Oder war das ein Resultat meiner intensiven

Beschäftigung mit der Gegend und dem Mann, der

ihr den Namen gegeben hatte?

Julio fuhr den schweren roten Ford Pickup mit dem Rollbügel

geschickt der gewundenen Straße entlang. Aus dem Radio

tönten wehmütige Tangomelodien, in regelmäßigen Abständen

abgelöst von Julio Iglesias’ Paloma Blanca vom lokalen Radiosender

Santa Cruz. Ein orkanartiger Westwind fegte über

die Landschaft und drohte den schweren Wagen von der Straße

abzudrängen. Aufgescheuchte Gänse flatterten schwerfällig

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in die Höhe, um sich nach kurzem Flug wieder hinzusetzen.

»Silberfuchs!«

»Wo?«

»Dort, im Gras!«

»Guanako!«

»Wo!«

»Dort am Hang!«

Schafe, Schafe, Tausende von Schafen. Sie liefen vor dem

Auto her, nach links, nach rechts, wussten nicht wohin, bis sie

dann nach links und nach rechts über den Graben sprangen.

»Dumme Schafe«, murrte Julio, seine Geschwindigkeit respektvoll

den erschrockenen Tieren anpassend. In einer Mulde

standen dicht gedrängt etwa zwanzig wilde Pferde, sich vor

dem Wind schützend, die Fohlen wohlbehütet in der Mitte ...

Patagonien, eine neue Welt, die mir doch erschreckend bekannt

vorkam.

»Ein halber Einwohner pro Quadratkilometer«, belehrte

mich Julio.

»Das wäre was für mich!«, antwortete ich im momentanen

Anflug von Verklärung. Oft hatte ich seit jenem Blick in die

Vergangenheit über meine spontane Reaktion und der Auseinandersetzung

mit dem möglichen wiederholten Erdenerleben

nachgedacht.

Beim Ansteigen auf die erforderliche Flughöhe über das

Meer zwischen dem Festland und Las Malvinas zog das Flugzeug

einen vollen Kreis über der Westküste Argentiniens.

Rio Gallegos war genau unter uns. Der Fluss mit dem Steg,

die quadratisch angelegten Straßen, der Plaza San Martin, die

Slums am Rande der Stadt, das Hotel Comercio. Wie sieht es

wohl ohne den erwarteten Ölboom aus? Sie hatten sich viel

versprochen, bis die erneute Ölkrise mit erneutem Ölpreissturz,

der die Förderung unter den gegebenen Bedingungen

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unrentabel gemacht hätte. Las Malvinas son Argentinas, war

die Losung damals. Heute? Nur noch ein paar Politiker denken

wirklich daran. Man hatte einen Anteil am Malvinas-Ölboom

erwartet, falls er eintreffen sollte.

Eintreffen muss der Ölboom, denn die meisten Leute, die

mit uns an jenem Samstagnachmittag nach den Falkland-Inseln

flogen, waren Aktionäre der lokalen Petroleum-Firma.

Im Glauben, dass sie in astronomische Höhen steigen werden,

sobald Öl gefunden wird, haben viele mit ihren Reserven

Aktien gekauft. Der Preis stieg, fiel aber weit unter den

Einstand, als die erste Bohrung erfolglos abgebrochen wurde.

Da noch viele Bohrungen geplant waren, pendelte sich

der Kurs im unteren Sektor ein, also sollte man die Hoffnung

nicht aufgeben. Heute, Ende 2017, liegt der aktuelle Kurs bei

0,2 Pfund (weniger als ein Prozent des Einstiegspreises) und

ich hoffe, dass meine jungen Mitarbeiter von damals die Verluste

verkraften konnten. Dabei denke ich an Richard, der

das für den geplanten Wintergarten ersparte Familienbudget

eingesetzt hatte.

Und Olaf?

Er traf schlussendlich im Hotel Cabo de Horno in Punta

Arenas ein, wo er sich ohne Pass registrierte, nachdem seine

Geschichte vom Agenten zum Abernten Male erzählt wurde.

Dort erfuhr er auch, dass niemand vor Montag nur daran denken

werde, ihm einen Pass auszustellen. Und überhaupt, wer

hat denn gesagt, es gäbe hier ein dänisches Konsulat?

»Wo ist mein Pass, was ist nur passiert, wie kam ich ins Hotel,

mit wem habe ich gekämpft, wieso sitze ich hier?«, quälte

sich Olaf, während er unbequem auf dem Barstuhl hin und

her rutschte und vom kleinen Barmann mit dem eleganten

Schnurrbart ein Bier bestellte.

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»Warum nicht, was sonst soll ich tun, viel zu kalt draußen«,

sagte er sich, wohl auch mit der Überlegung, dass wenn er das

Hotel nicht verlasse, er auch nicht erneut überfallen werden

könne.

»Warum saufen wir Skandinavier so schnell und so viel«,

quälte er sich.

»Algo mas?«, fragte der Barmann.

»What?«

»Anything else?«

»Nein.«

»Señor no speak Spanish?«

»Nein, verdammt, nein, no speak!«

»Habe doch schon Mühe genug mit dem blöden Englisch!«,

dachte er sich, einen langen Schluck aus dem zweiten

Glas nehmend.

»Die Geschichte mit Olaf passt mir nicht«, hörte ich den Party

Chief Hamish, der in Glasgow Pipe Master ist, schon wieder in

meine Traumwelt eindringen.

»Keinen Kratzer, noch alles Geld, da stimmt was nicht.«

»Eines ist klar, an seinem Pass ist niemand interessiert!«,

überlegte ich mir laut.

»Aber, man weiß ja nie, vielleicht suchte genau jemand einen

Pass für einen blonden jungen Mann.«

»Mit solch ausgeprägten skandinavischen Zügen? Kaum

möglich.«

»Man weiß ja nie!«

»Weißt du, als wir den Kellner in Santiago fragten, ob er

Olaf beim Gehen beobachtet hätte, dauerte es verdammt lange,

bis er reagierte. Auch das hübsche Mädchen mit den Speisekarten

am Eingang hätte ihn ja sehen müssen. Aber auch sie

wusste scheinbar nichts.«

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»Nur, da das Lokal auf zwei Seiten zur Straße hin offen ist,

könnte es ja sein, dass er aus Versehen im Rausch auf der falschen

Seite auf die falsche Straße getreten und sich dadurch

verlaufen hatte, wie er angab.«

»Beide, das Mädchen und der Kellner, hatten gesehen, wie

viel Geld Olaf in seiner Brieftasche hatte. Also ist es doch möglich,

dass sie ihre Compañeros auf ihn angesetzt haben.«

»Was immer, offiziell bleiben wir bei seiner Geschichte,

denn das macht sie am einfachsten und verhindert weitere

Fragen von der Firma.«

Von Westen her näherten wir uns den Falkland-Inseln, die

in den letzten Wintersonnenstrahlen lagen. Ich bewunderte

Ost- und West-Falkland, getrennt durch die Falkland-Straße,

an deren nördlichem Eingang vom Atlantik her die britische

Marine im Mai 1982 gelandet war, um den Kampf zur Zurückeroberung

einzuleiten. San Carlos, ein verträumter kleiner Fischerhafen

mit nur einem Gasthaus, in dem man vorbestellen

muss, sollte man die Absicht hegen, dort etwas Warmes zu essen.

Wie eine offene Landkarte lagen die Inseln da, umzäunt

von den weißen Brechern, die sich an den vorgelegten Klippen

überschlugen. Darwin und Goose Green, wo die Argentinier

Kasernen hatten und wo entscheidende Schlachten geschlagen

wurden, bei denen mehr Leute umgekommen waren, als

man damals gehört hatte. Es gibt dort einen Friedhof, auf dem

250 junge Argentinier die letzte Ruhe gefunden haben. Fern

von zuhause, für einen Krieg, den sie nicht verstanden hatten,

für den sie nicht ausgebildet waren.

»Zum Glück waren die Argis unerfahrene Krieger. Sie hätten

uns viel größeren Schaden zufügen können, hätten sie

mehr vom Kriegen verstanden. Zurückgelassenes Material sowie

Fahrzeuge und Helikopter wurden nicht zerstört, somit

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Magellan-Denkmal in Punta Arenas. Wer die Zehe des Patagons

küsst, wird wieder zurückkommen.

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konnten wir das alles wieder benützen!«, erzählte mir später

ein Offizier der Britischen Armee, die mit 2000 Mann permanent

vertreten war.

In der großen Ebene zwischen Darwin und Stanley tauchte

das britische Lager Mount Pleasant mit dem einzigen großen

Flughafen auf. Unser Ziel, eine Schleife über Stanley, dann

Anflug gegen den Wind. Auf dem Parkfeld stand eine in ein

Tankflugzeug umgebaute vc10 sowie eine sehr alte Tristar der

Royal Air Force, die zum Truppentransport zwischen England

und Falkland eingesetzt wurde.

Etwas wehmütig dachte ich zurück an das warme Frühjahrswetter,

das ich vor zwei Tagen in Europa zurückgelassen

hatte, als ich mich mit dem Rest der Passagiere zum Eingang

des Flughafengebäudes begab. Fröstelnd im kalten Winterwind.

Die Abfertigung durch uniformiertes Armeepersonal

war effizient, unpersönlich, typisch no-nonsense.

Am Ausgang des Flughafengebäudes begrüßte uns Robert,

unser Agent und somit Helfer in allen lokalen Nöten, mit breitem

Lachen.

»Alles in Ordnung? Tut mir leid zu hören, dass ihr auf dem

Weg einen Kollegen verloren habt. Die hätten ihn doch wirklich

rauslassen können, aber eben, Südamerikaner sind nicht

für Flexibilität bekannt, das weiß man ja!«

Robert war zufrieden mit seinem Leben. Er war einer der

ersten Aktionäre der neuen Petroleum-Kompanie, die für weniger

als ein halbes Pfund Aktien gekauft hatten. Und nun

standen sie bereits bei drei Pfund und sollen auf über vierzig

gehen, falls Öl gefunden wird.

»Dann werde ich Millionär sein!«, schmunzelte er, denn

er hat etwa 20.000 Aktien. »Falkland-Bonus, Insiderwissen«,

brummte Ben, unser internationaler Kontaktmann für technische

Belange.

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»Und dann? Weg von hier? Ans Mittelmeer, nach England?«

»Who knows, zuerst muss das mal so werden.«

Zur gleichen Zeit entleerte ein schon wieder ziemlich betrunkener

Olaf sein Herz an die schwarzhaarige Juanita, der

Schwester des Barmädchens im Cabo de Horno.

»So eine Scheiße, die hätten mich doch gehen lassen können,

jetzt hock ich hier und weiß nicht einmal, ob und wie ich

einen Pass bekommen sollte, weiß nicht, warum ich ihn nicht

mehr habe, aber Hauptsache, ich habe das Geld noch ... Denen

habe ich es gezeigt, mich bestiehlt niemand.«

»Wie hast du es ihnen gezeigt?«

»Gekämpft habe ich mit Fäusten und Händen.«

»Und du, was hast du abbekommen? Zeig mir deine

Schrammen?«

»Oh, ich habe keine.«

»Du sagst mir doch nicht etwa, dass du einen Straßenkampf

ohne Schramme oder blaue Flecken überlebt hast, und

das in Santiago? Bist du Rambo?«

»Niemand glaubt mir, gib mir noch ein Bier.«

»Das kann doch nicht sein!«, sagte Ernesto zum Beamten

der lan Chile Airline, mit dem er von einem runden Tisch in

der Bar die Konversation verfolgt hatte.

»Wer war denn da am Dienst? Den Burschen hätte man

doch wirklich ausreisen lassen können, es ist ja sein Problem

zu sehen, wie er am nächsten Ort weiterkommt.«

»Moment«, antwortete der Angesprochene, »und wir bringen

ihn zurück, falls er an der Destination strandet. So einfach

ist das nun wieder nicht.«

»Na was ...«

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»Nein, wir können Ihnen keinen Pass ausstellen und ihn dann

nach Punta Arenas oder sonst wohin schicken, Sie müssen

nach Santiago kommen, Formular ausfüllen, beweisen, wer

Sie sind und dass Sie Ihren Pass verloren haben«, erklärte der

dänische Konsul am Montagmorgen am Telefon.

»Gestohlen wurde«, antwortete ein sehr gereizter Olaf.

»Ah, dass Ihnen der Pass gestohlen wurde. Übrigens, waren

Sie zur ärztlichen Untersuchung nach dem Überfall?«

»Nein, das war nicht nötig, denn ich war nicht verletzt.«

»Ich verstehe, also dann, melden Sie sich, sobald Sie in Santiago

sind.«

In Stanley ärgerte sich Fergel, der sich auf die Heimreise und

auf seine Familie gefreut hatte und nun seine Tasche wieder

an Bord auspacken musste, um nochmal aufs Meer hinauszufahren,

bis dann der dumme Olaf vielleicht in einer Woche

auftauchen wird, bis man dann Zeit finden wird, ihn abzuholen

oder sich eine Gelegenheit bietet, ihn mit einem anderen

Schiff hinauszuschicken. Drei Wochen könnte das dauern,

und das nach den regulären sechs Wochen.

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Stanley

Der kurze, aber folgenschwere Landgang

Eine Woche später landete auch Olaf in Stanley.

»Euer verlorener Sohn ist nun eingetroffen!«, meldete sich

Robert am Radio, »was soll ich mit ihm?«

»Behalte ihn mal, bis wir wissen, wie der Transfer laufen

wird. Im Moment ist das Wetter gut und wir wollen die Arbeit

nicht unterbrechen. Sperr ihn ein, beschlagnahme seinen

Pass, verhänge Alkoholverbot, was immer es braucht.«

»ok, over and out!«

»Halt mal, was machen die Aktien?«

»Sie steigen und steigen, ich werde immer reicher, see you

soon.«

Dann, eines Abends vor dem Dunkelwerden, näherte sich

ein Riesenschlepper ganz langsam, um Fergel abzuholen. Das

Beiboot des Schleppers wurde gewassert und wir beobachteten,

wie es sich über die großen Wellen tanzend näherte. Die

Lotsentüre wurde geöffnet, eine Leine geworfen und die Jakobsleiter

ausgelegt. Auf dem Wellenberg war das kleine Boot

fast auf unserer Höhe, während es in den Tälern tief unter uns

zu verschwinden schien. Fergel wurde von zwei Seemännern

in einen wasserfesten Anzug gepackt, der Handschuhe, Schuhe

und eine Haube hatte, so dass nur noch eine runde Öffnung

für das Gesicht blieb. Fergel sah richtig unbeholfen aus,

als er neben der Luke zum Umstieg bereitstand. Wohl war’s

ihm nicht, das sah man ihm an, dem Fergel, keine irischen

Witze mehr. Die Lufttemperatur war vier Grad, Wasser nur

zwei Grad, viel Vergnügen, Fergel. Gesichert an einer Leine

begann er den Abstieg über die Leiter und blieb dann auf dem

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untersten Tritt stehen, wartend, bis das auf den Wellen tanzende

Boot vorbeikam. Die ersten Versuche misslangen, bis

dann die Aufmunterungen halfen und er einen kurzen, aber

trotzdem kühnen Sprung wagte. Vier Hände im Boot nahmen

ihn hilfreich in Empfang. Aufatmen sah man allerseits,

Aufheulen des Jetmotors und schon entfernten sie sich zum

blauen Schlepper, wo dann dasselbe Manöver in umgekehrter

Reihenfolge abgespielt wurde. Nur, das sahen wir nicht, denn

der Schauplatz war auf der anderen Seite des Schleppers. Etwas

sehnsüchtig dachte ich an solche Übungen in tropischen

Gewässern, wo man 28 Grad Wassertemperatur und etwa die

gleiche für die Luft genoss. Würde man dort ins Wasser fallen,

wäre das höchstens eine willkommene Abkühlung.

Kaum war Fergel mit dem blauen Schlepper weg, erreichte

uns der Auftrag, in zwei Tagen in Stanley ein Team und einen

Container für eine Spezialmessung abzuholen, genau dort, wo

Fergel hingebracht wurde. Ja wenn man das gewusst hätte.

»Aber den Olaf, den holen wir dann ab, den transferieren

wir nicht so, denn der ginge uns bestimmt wieder verloren.«

Und so belegten die Matrosen am besagten Morgen die

Taue am FIPASS-Dock in Stanley. Es sind zwei gewaltige Stahlpontons,

die mit riesigen Ketten an mächtigen Stahlpfählen

befestigt sind und träge im Westwind hin und her geschoben

werden, nur wenig, aber bestimmt. Sobald der Abstand zwischen

dem Dock und der offenen Luke der Lotsentüre weniger

als einen halben Meter maß, traten der Zollbeamte und der

Agent an Bord.

»Wo ist Robert?«, fragte man die attraktive Blondine, die

sich als Deena vorstellte. Nicht dass man etwas gegen die hübsche

Erscheinung mit lachendem Gesicht über grauem Faserpelz,

gezeichnet mit Spuren der bitteren Kälte, hätte. Nur

Robert wüsste den aktuellen Stand des Aktienmarktes, an

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dem Deena nicht interessiert war, da sie, wie sie uns ja früher

schon mal mitgeteilt hatte, alles, was sie hatte, in den Bau

ihres Traumhauses investierte. Der Steg mit Geländer wurde

gelegt, aber erst nach Befestigung des Fangnetzes, gegen den

Absturz ins kalte Wasser oder auf das harte Dock, freigegeben.

Emsiges Treiben setzte ein, Gemüse wurde geladen, Wasserflaschen,

denn das Tankwasser an Bord war nicht trinkbar, Papiere

wurden hin und her geschoben, Müllsäcke, die entsetzlich

stanken, wurden am Dock aufgeschichtet, ein fahrbarer

Kran erschien, um den Container mit den neuen Instrumenten

zu laden, Anweisungen wurden fröstelnd erteilt.

»Wenn nur nicht dieser garstige Wind wäre!«, schimpfte

Dick.

»Wann öffnen die Pubs?«

»In einer Stunde!«, wusste der Kranfahrer.

Die große Neuigkeit waren die zwei roten Telefonkabinen

aus England, die wohl von dort als großzügiges Geschenk angeliefert

und seit unserem letzten Besuch aufgestellt wurden.

»Hast du Münzen?«

»Ja, aber ich weiß die Telefonnummer des Taxibetriebes

nicht.«

»Nein, also ab zur Seemannsmission über der Brücke.«

Ich schloss meine Jacke und wir zogen los gegen den Steg,

der den Ponton mit dem Festland verband. Landseitig waren

zwei weitere Pontons befestigt, auf denen porta-Kabinen zu

einem doppelstöckigen Bürogebäude zusammengestellt wurden.

Beim Anblick der kleinen ex-Schweizer Jacht am Ponton

erinnerte ich mich, dass ich eigentlich den Eigentümer finden

wollte. Aber es war Samstag und er arbeitete wohl wieder

nicht. Wahrscheinlich werde ich ihn nie sehen, aber dann, was

will ich von ihm? Vielleicht mit jemandem plaudern, der je-

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manden kennt, der mit einem kleinen Boot durch die Magellan-Straße

gesegelt ist?

Der kalte Wind packte uns, als wir aus dem Windschatten der

Containerburg traten. Im Wasser unter uns trieb der Wind

weißen Gischt vor sich her, was drei Seehunde überhaupt

nicht störte, denn sie jagten sich munter durch den Kelp, das

Seegras, das den Einheimischen auch den Über-Namen »Kelper«

gab. Am Ufer schwammen ein paar Gänse mit nervösem

Geschnatter, ob das wohl eine Seehundwarnung war?

»Fressen Seehunde Gänse?«

»Das weiß ich auch nicht.«

Wir traten in die angenehme Wärme der Seemannsmission,

von wo uns die Eigentümerin der Auckland-Jacht und des

2cv per Telefon ein Taxi bestellte.

»Wie geht es euch?«

»Gut und Ihnen?«

»Danke, auch gut!«

Ich warf ein Pfund in die große Plastikflasche, die für Gaben

bereitstand.

»Vielen Dank!«, sagte die blonde Dänin, die hier mit ihrem

Mann geblieben war und schon fünf Jahre die Seemannsmission

führte.

In Polsterstühlen lagen drei chilenische Seemänner, die

wohl von einem Fischerschiff kamen. Sie unterhielten sich,

während im Fernsehen ein englisches Fußballspiel gezeigt

wurde. Alkohol gab es nicht in der Seemannsmission.

»Samstagnachmittag zuhause!«, wandte Alan ein, den

Blick auf das Fußballmatch gerichtet.

»Und Sommerwetter.«

Hier antarktischer Winter.

»Zur Post, bitte«, sagte ich der Taxifahrerin beim Einsteigen.

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Lady Elizabeth im Hintergrund (gestrandet 1879).

Jelum diente lange als Wollen-Lager.

Charles Cooper soll während des Falkland-Kriegs einer Einheit

der Britischen Armee als Beobachtungsposten gedient haben.

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»Vergiss das, die öffnet am Samstag nur eine halbe Stunde!«

»Dann halt zum West Store!«, dem einzigen Supermarkt

in der Stadt.

»Ende Mai, und immer noch kein rechter Winter!«, begann

sie eine Konversation.

»Nur dieser schlechte Regen, bedeckter Himmel, bedrückend.

Es müsste Schnee liegen und wirklich kalt sein!«

»Noch kälter?«

»Ja, natürlich, das ist doch nichts!«

Stanley streckt sich einem sanften Hang entlang, der das

Hinterland von der Bucht mit dem Hafen trennt. Die Hauptstraßen

führen parallel dem Hang entlang, während die

Querstraßen steil zum Ufer abfallen. Jede Kreuzung mit einer

Hauptstraße bildet eine Schanze. »Mini-San-Francisco«

nannte das unsere Fahrerin.

»Und dann habt ihr verschneite und gefrorene Straßen?«,

fragte ich weiter

»Ja, natürlich!«

Ich versuchte mir vorzustellen, wie das wohl her- und zu

ging im Mini-San-Francisco, denn der lokale Fahrstil war nicht

gerade von hohem Standard und ich hatte das Gefühl, dass

sich die Zahl der Fahrzeuge seit unserem ersten Besuch vor

sechs Monaten verdoppelt hatte.

»Nicht verdoppelt, aber erheblich vermehrt. Bis vor Kurzem

hatten wir nur Vierradfahrzeuge, alte Land Rover und so,

aber heute bringen sie Personenwagen. Was willst du mit denen?

Kannst ja nur in der Stadt fahren, denn sogar die Straße

nach Mount Pleasant ist ein Schotterweg, der dein schönes

Auto mit fliegendem Straßengeröll zerstört.«

»Ja, aber jetzt kommt dann der Ölboom und alle Straßen

sollten repariert und asphaltiert werden!«, meldete sich Alan

vom Rücksitz.

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»Pha, der soll mal zuerst eintreffen, dann reden wir wieder«,

meinte die Frau, »macht drei Pfund, bis bald, habt einen

schönen Tag.«

»Was willst du überhaupt im Laden?«, fragte ich Alan.

»Nichts, nur mich umschauen!«

»Also, ich kauf mir eine Zeitung und dann versuche ich diese

dicken Gänse auf dem Dorfplatz zu fotografieren«, erklärte ich.

Der Dorfplatz war eine Wiese zwischen der Hauptstraße

und dem Wasser. Es gab keinen Zaun oder so was. Nur die

Oberkante einer Mauer, etwa zwei Meter über dem mit Schotter

bedeckten Ufer. Auf der anderen Straßenseite trennte das

Hotel Uppland Goose (Magellangans) mit seiner originalen

Fassade aus dem 19. Jahrhundert den offenen Platz von den

Neubauten ab. Prunkstück auf der Grasfläche war ein Stück

Jardarm, einer der Masten des Segelschiffes »Great Britain«,

das lange hier lag und dann nach England geschleppt wurde,

wo es restauriert und in ein Museum umgewandelt wurde. Es

war damals die längste Schleppfahrt, die es je gab. Einige der

älteren Bewohner sollen Tränen in den Augen gehabt haben,

als die Stahlhülle in den Sechzigerjahren aus dem Hafen gezogen

wurde und verschwand.

Aber es gab ja noch viele andere Wracks, die das Stadtbild

prägten. So stand eine Holzhülle mit Wellblechdach vor dem

Dorfplatz. Es war die Charles Cooper, ein Segelschiff, das 1866

hier in schwer beschädigtem Zustand eingetroffen war und

dann als Wollen-Lager verkauft wurde. Zum Schutz vor dem

totalen Zerfall wurde die offene Hülle mit einem Wellblechdach

versehen. Der Holzsteg, der es einst mit dem Land verbunden

hatte, war zerfallen, womit Zugang nur übers Wasser

möglich war.

»Man hat mir erzählt, dass 1982, während der argentinischen

Besetzung, ein englischer Beobachtungsposten zwei

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Wochen lang in dieser Hülle stationiert war, um das Treiben

an Land zu beobachten. Weniger als 30 Meter vom Ufer.

Glaubst du das?«

»Typisch, für solche Einsätze haben wir die M6-Leute, denn

dazu werden sie ausgebildet!«, wusste Alan, der während dem

Krieg auf einem der Navy-Schiffe als Navigator gedient hatte.

Ganz schön aufregend, nur im Schutze der Dunkelheit in

den großen Rumpf zu kriechen. Da wäre im Falle einer Entdeckung

kein Entkommen gewesen. Nur, man wusste ja, dass

die jungen argentinischen Soldaten so nahe keinen Feind vermutet

hatten.

Zum Dorfplatz gehörten auch noch eine Fahnenstange und

vier alte Schiffskanonen, die gegen das Wasser zeigten. Am

Hang, auf der anderen Seite des Hafens, wurden mit Steinen

die Namen der Schiffe eingelegt, die 1982 nach der Befreiung

zum Schutze von Stanley hier stationiert waren. Es waren große

Namen wie »Beagle«, auf dessen Vorfahren Darwin den

Beagle-Kanal erforscht hatte, dann »Endurance«, genannt

nach Shackletons Boot, womit er lange Zeit zwischen dem

Kap Hoorn und der Antarktis eingefroren war. Er und seine

Leute überlebten, während die Endurance vom Eis zerdrückt

wurde und versank.

»Nun wird das Victory wohl offen sein«, meinte Alan zuversichtlich,

nach seinem Besuch im Warenhaus die Schritte

an der Kathedrale vorbei gegen Osten wendend. Ein leichter

Regen hatte eingesetzt. Zeit für Apéro, volles Lokal. Man

kannte uns, denn wir hatten schon im Dezember die Victory

als Stammlokal gewählt, da es unter den fünf Lokalen der Stadt

das gemütlichste war. Langsam trafen dann auch die Kollegen

ein, die noch an Bord zu tun hatten und die Neuigkeit, dass

der Flug von Punta Arenas, der die neuen Leute bringen sollte,

um unbestimmte Zeit wegen Nebel verspätet sei.

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Auf glattem Eis ins Maggie-Thatcher-Spital

Die Ausfahrt wurde nun bis mindestens Montagnachmittag

verschoben, denn dichter Nebel über der Magellanstraße verhinderte

jeglichen Flugverkehr. Sollte sich der Nebel heben,

beanspruchen die Argentinier 24 Stunden, um die nötige Überfluggenehmigung

von Chile nach den Falkland-Inseln auszustellen.

So verbrachte man die Zeit. Papiere wurden aussortiert,

Rapporte gelesen und dann nach dem Nachtessen wieder für

eine kurze Abwechslung in die Stadt. Victory war leider überfüllt,

denn die Endrunde der Stanley-Dartmeisterschaft näherte

sich dem Höhepunkt. Neben sportlichem Geschick und

höchster Konzentration galt als strategische Maßnahme, den

Gegner zum erhöhten Alkoholgenuss zu animieren. Da diese

Endrunde kein Zuschauersport für Unbeteiligte war, nahmen

wir den kurzen, aber steilen Weg hinab zum Globe. Es war kalt

und der Wind pfiff unverändert vom Westen über die niedrigen

Dächer und zwischen den Häusern hindurch. Ein starker Geruch

von Torfmullfeuer begleitete den Wind, denn viele Häuser

werden auch heute noch damit geheizt. Man fand den Heizstoff

überall, musste ihn nur im Sommer stechen und zum Trocknen

nachhause fahren. Das erinnerte mich an meine Kindheit, als

auch wir noch mit Torfmull geheizt hatten, sogar der Geruch

war mir noch vertraut, als Verbindung zur Heimat und Kindheit,

aus einer ganz anderen Welt.

Die Straße war nass und plötzlich verlor ich den Boden

unter den Füßen und landete hart auf der nassen Straße. Ein

starker Schmerz in der linken Schulter verhieß nichts Gutes.

Heftig wehrte ich mich, als mir Nick, meinen linken Arm haltend,

auf die Beine helfen wollte.

»Bitte nicht, das schmerzt wahnsinnig. Lass mich einen

Augenblick liegen.«

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Ich glaubte einen Schock erlitten zu haben, denn mit dem

Aufschlag hatte ich für einen Augenblick das Bewusstsein verloren

und so den Schmerz des Impakts nicht direkt erlebt. Ich ließ

mir das während einiger Atemzüge durch die Gedanken ziehen,

während ich versuchte, mich an den Schmerz zu gewöhnen.

Langsam betastete ich den linken Arm durch die dicke Jacke

und richtete mich mit Nicks Hilfe über die rechte Seite auf.

»Was hast du?«, fragte dieser besorgt, »ist dein Arm gebrochen?«

»Nein, denn es ist nicht der Arm, der schmerzt«, erklärte

ich, auf die Zähne beißend.

»Zum Spital, das ist das Beste!«

»Nein, lieber zuerst zum Schiff, denn sicher kann mir der

Medic helfen«, bestimmte ich.

So wankte ich mit den anderen doch noch bis zum Globe,

von wo per Telefon ein Taxi bestellt wurde.

»Ich gebe dir ein paar starke Schmerzmittel, die dir über die

Nacht helfen und dann werden wir morgen sehen«, bestimmte

der Sanitäter.

Ich wollte nicht argumentieren und war froh, als ich mich

endlich nach gewaltigen Anstrengungen in der Koje ausstreckte.

Bald einmal stellte ich fest, dass der Oberarm ausgekugelt

war. Aber die Schmerzmittel wirkten und so überlebte ich die

Nacht und suchte am frühen Morgen den Medic, der sich beklagte,

im Globe zu viel getrunken zu haben.

»Weißt du was?«, fragte ich, »ich tausche meine Schulter

gegen deinen Kater!«

»Das ist gebrochen«, bestimmte er ohne eine Untersuchung.

»Nein, das ist es nicht, denn ich kann ja den Arm bewegen,

der ist in einem Stück!«, gab ich ihm zur Antwort und bewegte

68


mit der rechten Hand meinen linken Oberarm, um zu beweisen,

dass der nicht schmerzte.

»Was immer du meinst!«, antwortete er und vereinbarte

mit dem Spital einen Termin um elf Uhr.

Auch das Spital wurde als Folge des Krieges nach 1982 erbaut.

Das Mutterland wollte beweisen, dass man es ernst meinte

mit dem Inselreich im Südatlantik.

»Gebrochen«, diagnostizierte auch der Notfallarzt, der vor

wenigen Wochen im selben Flug von Santiago nach Falkland

geflogen war.

»Zurück, nach drei Wochen Ferien«, hatte er damals gesagt.

»Nein, nicht gebrochen!«, argumentierte ich etwas frustriert,

da ich scheinbar niemanden überzeugen konnte, dass es

kein Bruch war.

»Die Röntgenaufnahme wird das dann beweisen.«

Man suchte die entsprechende Person, denn es war ja

schließlich Sonntagmorgen. Sie erschien nach sehr kurzer

Zeit in Form einer jungen Frau in Faserpelz und nackten Füßen

in Hausschuhen.

»Wohl gerade aus dem Bett«, raunte mir der Medic ins Ohr.

»Tut mir leid, ich schlafe noch halb, denn wir hatten eine

lustige Party, wir spielten nach dem Dinner Cluedo und das

ging lange, aber lass uns die Aufnahmen machen.«

»Und du warst wohl das Opfer?«, fragte ich scherzeshalber.

»Nein«, schmunzelte sie, als wollte sie verbergen, Opfer,

aber nicht des Mordes.

»Aber ich war auch nicht der Mörder, und eigentlich war

gar nicht so klar, wer das Opfer war!«, antwortete sie sichtlich

amüsiert.

»So, schön hinstellen, stillhalten, noch einmal«, sagte sie

69


mehr plaudernd als anweisend. Auch sie war, wie alles Personal,

britisches Militär, denn es fehlte an lokalen Spezialisten.

Britisches Militärpersonal wurde für drei Monate abkommandiert.

Falkland galt nicht als beliebte Verlegung, weshalb

die junge Frau fast mit etwas Neid bemerkte: »Gut genug für

einen Flug nach Europa!«

»Da bin ich nicht der gleichen Ansicht!«, antwortete ich zu

ihrem sichtlichen Erstaunen.

»Ah, nein, du hattest recht, nur ausgerenkt, willst du sehen?

Wird es dir nicht übel davon?«, hörte ich sie vom Nebenraum,

wo sie damit beschäftigt war, die Bilder zu entwickeln.

»Wieso übel?«, fragte ich, ihr über die Schultern meine

ausgekugelte Schulter bestaunend.

»Viele Seemänner können wohl Knochen, aber nicht die eigenen

sehen«, klärte mich die erfahrene Radiologin auf.

Gordon, so hieß der Arzt, schaute auch auf das Bild und so

tat es unser Medic.

»Hmm, das sollten wir hinkriegen. Wir versuchen es mal

so und wenn es so nicht geht, dann halt mit voller Narkose.

Aber warten wir mal ab.«

Einmal mehr zog ich mit viel Mühe das T-Shirt aus und

legte mich unter großen Schmerzen auf den Schragen. Alles

ging militärisch schnell, das Lachgas wurde angefahren, Instruktionen

wurden verpasst und der Pfleger aus der Abteilung

als Extrakraft angefordert.

»Das ist Tim!«, wurde er mir vorgestellt.

Und schon machten sie sich mit vereinten Kräften an

meinem Arm zu schaffen. Mit Begeisterung und sadistischer

Freude, wie mir schien, dann schloss ich die Augen und drückte

die Lachgasmaske tief einatmend so fest wie möglich auf

mein Gesicht. Man verpasste mir eine Einspritzung und schon

wieder spürte ich die kräftigen Hände.

70


»Röntgenaufnahmen!«

»Nein, noch nicht ganz, aber fast, aber wir werden es so

nicht schaffen!«

»Also, Plan zwei, ab in ein Zimmer, vorbereiten für Vollnarkose,

wann werden wir bereit sein?«

Der Medic schaute mich nachdenklich an.

»So was Brutales habe ich noch nie gesehen, das muss ja

unheimlich geschmerzt habe!«

»Well, ich hab’s überlebt und der Gedanke, nochmals so

eine Nacht wie die letzte zu verbringen, hat auch geholfen.«

Einer nach dem anderen des Teams tauchte auf, stellte sich

mit Namen vor und erklärte, was seine Aufgabe sei, alles in

klaren militärischen Worten, aber nicht ohne den entsprechenden

Humor, für den die Briten bekannt sind.

»Ein Schweizer ... leider fanden wir niemanden, der

Deutsch spricht!«

»Das könnt ihr euch sparen, man spricht und versteht genug!«

»Wir wussten gar nicht, dass ein Schweizer Schiff im Hafen

liegt.«

»Ist auch nicht, ich kam mit einem englischen.«

Als letzter tauchte der Chirurg mit einem Formular auf,

das er mir vorlas, ehe ich es dann unterzeichnete.

»Also, wir werden nur machen, was ich dir jetzt gerade gesagt

habe, und um halb drei wirst du hier erwachen mit einer

Schlinge und einem brummenden Kopf.«

»Hier«, war der Fensterplatz eines Viererzimmers. Auf der

anderen Seite des Fensters regnete es und ein Schwarm Gänse

flog gerade mit dem Wind gegen Osten.

»Pfingstsonntag 1998«, sagte ich mir. Der Chirurg plauderte

weiter in seinem lustigen Akzent, denn er stammte von der

Insel St. Helena.

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»Sollte ich ihn fragen, ob Napoleon nun vergiftet wurde

oder nicht?«

»Nein, denn sonst meint er, ich traue ihm wohl nicht!«

Aber er war sowieso schon weg.

Der Operationssaal war wie aus einer Ärzte-TV-Serie, riesige

runde Lampen, die alle brannten, Maschinen und Apparate

und eine große Menge Leute, auch das Mädchen vom Mörderspiel

war dort, um den Erfolg zu fotografieren, Schwestern

füllten Spritzen, dann der Anästhesiearzt, der immerfort

plauderte.

»Wir haben denselben Geburtstag, weißt du, dass es auch

St. George’s Tag ist?«

Ich nickte und wollte sagen, dass es aber auch Shakes peares

war, konnte aber nicht, denn er drückte mir eine Sauerstoffmaske

aufs Gesicht, worauf das Gift langsam einzog und mich

mitnahm. Das Letzte, was ich sah, waren die händeringenden

Teammitglieder, die Augen auf meine Schulter gerichtet,

in Erwartung der Kraftübung auf meine Kosten, als wäre es

ihr Sonntagsport. Folterknechte, die sich daran machten, ein

Opfer auf das Rad zu flechten.

Halb drei Uhr. Wie vorausgesagt, erwachte ich mit dem

Arm in einer Schlinge, jedoch ohne Kater. Welche Freude, die

Schmerzen waren weg. Ein Apparat tickte auf dem Nachttisch

und maß gerade vollautomatisch meinen Blutdruck, was mich

wohl aufgeweckt hatte. Über das Fußende meines Bettes sah

ich einen Mitpatienten, der sich mit einer Besucherin unterhielt.

»Der sieht aber schlecht aus!«, sagte ich mir. Links sah

ich nichts, denn dort war der Vorhang gezogen. Der Apparat

musste der Pflegerin mitgeteilt haben, dass ich aufgewacht sei,

denn sie tauchte am Bett auf. Auch sie britisches Militär.

»Willst du etwas?«, fragte sie sehr freundlich.

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»Gut geschlafen? Wie geht’s, noch ein Kissen?«

Es ginge mir gut, ich hätte gut geschlafen, aber ein weiteres

Kissen wollte ich nicht und schlief wieder ein.

Die neuen Freunde

Als ich später wieder erwachte, sah ich den Patienten gegenüber,

wie er mich erwartungsvoll anschaute, als hätte er auf

diesen Moment gewartet.

»So, du warst also im Ring mit Mike Tyson!«, meinte er

scherzhaft in meine Richtung.

»Nein, ich tat etwas viel Gefährlicheres, ich wollte mich auf

der Philomelstraße zu Fuß vom Victory ins Globe begeben!«

»Ah, Glatteis!«

»Muss wohl gewesen sein!«

»Hab keine Angst, so was geht vorbei!«, tröstete er mich.

»Und, was hält dich hier?«, fragte ich.

»Ganz schlimm, Brustfellentzündung, Wasser auf der

Lunge, Lungenentzündung, alles!«, bestätigte er mit einem

riesigen Hustenanfall, der ihn schüttelte, sodass er mir leidtat.

»Bin halt nicht mehr der Jüngste, ein Jahr noch und ich

werde siebzig sein, es geht bergab.«

»He, he, so viel bin ich dir nun auch nicht hinterher.«

Besuch, der zu ihm ans Bett trat, beendete unsere Unterhaltung.

»Ja, hast du gehört, gestern war ja die Endrunde der Dart-

Meis terschaft, das endete dann schön sauer. Ben hat das letzte

Match verloren und wurde wütend, stocksauer wurde der,

stell dir vor, da der nicht verlieren kann, sollte er gar nicht zuerst

an Meisterschaften mitmachen, so was!«

»Da hast du recht, aber auch Zeit, dass dem mal einer zeigt,

dass er nicht der Einzige ist, der spielen kann.«

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»Ein Viertel einer Kuh habe ich gekauft, denn da war ein

Inserat im Pinguin (das ist die lokale Zeitung, die wöchentlich

erscheint – Penguin News), aber die Hinterteile waren alle

schon versprochen, so kaufte ich einen Vorderteil, 50 Pfund,

wunderbares Fleisch, gerade die richtigen Fettlagen.«

»Besser als beim Metzger. Woher hat der wohl das Fleisch?«

»Das hat er nicht gesagt, gestern habe ich den größten Teil

zerlegt und in der Kühltruhe verpackt, die schönsten Teile

werden die Kühltruhe nicht einmal sehen, denn die wanderten

direkt in den Fleischtopf und werden gekocht.«

Was das wohl heißen mag, fragte ich mich, vermutlich haben

die einen langsam kochenden Topf, der immer auf dem

Feuer steht. Muss wohl sein. Mir wurde fast übel beim Gedanken

an stundenlang kochendes Kuhfleisch mit Fettaugen.

»Morgen werde ich den Rest ausbeineln.«

Da erinnerte ich mich, wie John erzählt hatte, dass abgefleischte

Knochen am Ende des Gartens landeten, wo sie

langsam verwesten, nachdem sie von den Geiern blank gepickt

wurden. Geier sind nicht wie Aasgeier, sie sehen wie

Raubvögel aus und sind Künstler im langsam Flug gegen den

starken Wind, denn sie schaffen es, längere Zeit in der Luft

still zu stehen, was sie mit kleinen Federn am Ende der Flügel,

die wie Finger einzeln bewegt werden, geschickt kontrollieren.

Bernie, so hieß der Patient, lebte bei diesem Besuch auf,

nicht so bei seiner Frau, die ihn ohne Gruß oder Wunsch auf

gute Besserung verließ: »Also, ich gehe jetzt, komm dann

morgen mit einem neuen Pyjama vorbei«, einfach weg durch

die offene Tür.

»Und dann, nach der Disco im Globe gab’s wieder die übliche

Schlägerei, wie jeden Samstag«, fuhr der Besucher fort.

»Hm.«

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»Ein Kapitän hatte sich mit einem seiner Besatzung angelegt,

jeder beschuldigte den anderen, unfähig zu sein, seine

Arbeit auszuüben. Wie zwei Kampfhähne musste man sie auseinanderhalten!«

»Hast du sie gekannt?«

»Nein, denn da sind ein paar Schiffe im Hafen.«

Beim Hinausgehen kam er noch bei mir vorbei, wünschte

mir alles Gute und tröstete mich.

»Ist nur halb so schlimm, haben wir alle auch mal, so ab

und zu.«

Es müssen die Samstagabend-Schlägereien sein, dachte ich

mir und winkte ihm mit dem freien Arm zu.

»Habt ihr viele Patienten?«, fragte ich die Schwester, die

wieder einmal wissen wollte, ob ich wirklich nichts brauchte.

»Wir haben vierunddreißig Betten, aber zurzeit seid nur ihr

vier in diesem Zimmer und dann ist da noch Freddy nebenan

und eine Frau auf der anderen Seite, das ist alles.«

Und das wurde von mindestens zehn Schwestern betreut,

die sich die drei Schichten teilten. Sicher werden sie von Kolleginnen

in anderen Teilen der Welt beneidet.

»Du hast etwas verpasst gestern Abend, im Globe!«, erzählten

mir meine Kollegen, die mich in einer enormen Alkoholwolke

und Baratmosphäre etwas später besuchten.

»Mike hat sich mit unserem Kapitän angelegt und ihn der Unfähigkeit

bezichtigt. Du hättest die Reaktion sehen sollen! Leider

waren alle so betrunken, dass keiner so richtig eingreifen konnte,

um dem Kampf ein Ende zu bereiten. Es ging dann auf der Straße

weiter, als der Wirt uns alle hinausgeschmissen hatte!«

»So, das wart ihr.«

»Wieso, wer hat das erzählt?«

»Aha, da staunt ihr, aber in Stanley gibt es keine Geheimnisse.«

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Lebhaft konnte ich mir die Auseinandersetzung zwischen

dem schmächtigen Kapitän und dem kräftigen Mike vorstellen.

»Aber die waren so besoffen, dass sie vielleicht alles vergessen

haben.«

Der japanische Seemann vom Bett nebenan schaltete den

Fernseher an und setzte sich auf die Bettkante. Bald einmal

hatte er sich überzeugt, dass keiner der vier Kanäle etwas

bot, das er verstehen würde. Kein Sport, sondern nur ein alter

amerikanischer Spielfilm, CNN-Nachrichten und Coronation

Street, was eine alte, abgedroschene englische Serie und Vorlage

für die Lindenstraße war, fand er. Ohne das Gerät wieder

auszuschalten, drehte er sich auf die andere Seite und fing an,

in einem Bilderbuch zu blättern.

Am Montagmorgen war dann Arztvisite. Sie gingen zuerst zu

Bernie, der während der Nacht für eine Röntgenaufnahme

weggebracht worden war, da er entsetzliche Schmerzen hatte.

»Sieht aber viel besser aus, seit wir die Medikamente gewechselt

haben.«

»Ja, habe auch besser geschlafen danach.«

»Gegessen.«

»Nein.«

»Aber du sollst. Schwester, schauen Sie, dass er etwas zu

sich nimmt, sonst muss er an den Tropf.«

»Jawohl.«

Dem Bernie sah man bei dieser Drohung an, dass er sofort

mit Essen anfangen wird.

Der nächste war der koreanische Fischer, der neben Bernie

lag und weder ein Wort Englisch sprach noch verstand.

»Warst du auf der Toilette heute Morgen?«, wurde er auf

gut Englisch, »Queens English«, gefragt, was er mit einem

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leeren Blick beantwortete. Nochmals, immer noch keine Antwort.

»Es ist aber wichtig, dass ich das weiß, denn das ist ein wesentlicher

Teil des Heilungsprozesses!«

»Schwester, wie können wir das erfahren?«

»Der Agent kommt so um elf Uhr, der kann ihn dann fragen.«

Damit führte der Chef seine Gruppe zu meinem Nachbarbett,

wo der Japaner lag, der eine schwere Kopfverletzung gehabt

haben muss, die nun aber so weit geheilt war, dass er vom

Spital in ein Hotel übersiedeln konnte. Er sprach ein paar Worte

Spanisch, was aber wiederum keiner in der Truppe konnte.

So übersetzte ich ihm, als er allein war, ohne zu wissen, was nun

passieren sollte, dass sie ihn in ein Hotel entlassen haben und

dass er jeden Tag zum Verbinden hier auftauchen müsse. So

sehr freute ihn das nun auch wieder nicht, denn nirgends wird

er so gut aufgehoben sein. Auch ist es mir nicht entgangen, dass

er als Lieblingspatient der Nachtschwestern spezielle Zuneigung

genoss. Und schließlich gab es ja sogar eine Raucherecke.

Nach dem Besuch des koreanischen Agenten hatte man beschlossen,

den koreanischen Fischer zur weiteren Behandlung

in seine Heimat abzuschieben, denn er war ja laut Aussagen

des Agenten auf der Toilette.

»Wie schicken die ihre Leute nachhause?«, fragte der Chirurg

die Oberschwester.

»Das kommt auf die Firma an, die sein Schiff betreibt. Ein

Flugbillett wird er sicher nicht bekommen. Normalerweise

werden sie auf einem Schiff einquartiert und bleiben als Passagiere

an Bord, bis sie dann geheilt Arbeit aufnehmen können

oder bis das Schiff einen Heimathafen anläuft.«

Nun, Letzteres kann in einem Jahr oder noch später sein

und die Realität sieht auch ganz anders aus. Sobald sie einmal

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an Bord außerhalb der Aufsicht der Schwestern sind, wird ihnen,

wenn sie Glück haben, leichte Arbeit zugeteilt, denn es

gibt keine Koje und keine Verpflegung für Passagiere.

Dieser Mann könnte der letzte von sechs Seeleuten sein,

die vor einiger Zeit von einem koreanischen Fischkutter über

Bord gesprungen waren, um sich vor körperlicher Strafe des

Kapitäns zu retten. Solche Strafen waren auf orientalischen

Schiffen noch an der Tagesordnung und wurden so brutal

ausgeführt, dass sogar ein Sprung ins kalte Wasser, der in weniger

als einer halben Stunde zum sicheren Tod führen würde,

falls keine Rettung in Sicht war, gewagt wird. Einige der

Leute wurden von einer auslaufenden Jacht aufgefischt, während

die letzten von Rettungsbooten eines Frachters gerettet

wurden. Wir waren damals am Auslaufen und schon zu weit

entfernt, um wirkungsvolle Hilfe zu leisten. Und gesehen hatten

wir es nur, weil wir an Deck waren und trotz dem kalten

Wind einer großen Schar Magellan-Pinguine beim Aufbruch

ins Winterquartier an der argentinischen Küste zuschauten.

Die teils schwer verletzten Seeleute aus Korea und Indonesien

wurden in dieses Spital gebracht. Einer hatte schwere

Erkältungserkrankungen, während ein anderer lange Zeit in

Gefahr schwebte, ein Bein zu verlieren. Gegen den Kapitän

wurde Klage erhoben und er wurde im lokalen Gefängnis eingesperrt.

Zu den Verhandlungen flog man aus England chinesische

und indonesische Übersetzer ein.

Der Papst von Port Stanley

Kaum, dass die weiße Gruppe den Saal verlassen hatte, schlich

sich ein alter Mann in gebückter Haltung vorsichtig gegen

mein Bett. Er vermochte seine Füße nicht zu heben, sondern

schleifte sie langsam über den Boden. Ich hatte ihn schon

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öfters an der offenen Türe vorbeiziehen gesehen und immer

hatte er mich neugierig angeschaut. Seine rechte Schulter war

etwas vorwärts gedreht und neigte sich, was ihm eine seltsame

schräge Haltung gab. Er war sorgfältig in altem Stil gekleidet.

Braun karierte Hose, ein gestreiftes Hemd unter gestricktem

gelbbraunem Pullover, in dessen Ausschnitt eine gesprenkelte

Krawatte zu sehen war. Darüber trug er eine offene, hellbraune

Jacke, deren unteren Rand er mit seiner rechten Hand festhielt,

als suche er Halt. Sein langes graues Haar hätte wieder

einmal einen Schnitt nötig.

»Gestern ist es dir gar nicht gut gegangen!«, begann er eine

Konversation. »Aber heute siehst du schon wieder besser aus«,

fuhr er weiter.

»Das kannst du wohl sagen«, antwortete ich.

»Mir geht es auch besser als früher, obwohl ich noch lange

hierbleiben werde.«

»Wie lange bist du schon hier?«

»Drei Monate, so ungefähr.«

»Das ist Freddy Biggs, er wohnt im Zimmer nebenan«,

klärte mich Bernie auf und später erzählte er mir, dass Freddy

ein alter Junggeselle sei, der in einer schäbigen Hütte am Ufer

beim West Store gelebt hatte, wo man ihn vor drei Monaten

im ungeheizten Raum am Boden neben einer leeren Ginflasche

gefunden hatte. Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht,

wo man eine schwere Lungenentzündung feststellte.

Man hatte ihn langsam wieder hergerichtet. Er gilt als eines

der großen Originale von Stanley, und nun will man ihn bis

zum Ende beherbergen, da er nicht mehr allein leben kann.

»Wir nennen ihn den Papst, denn er half, wo er konnte,

war immer zufrieden, jeder kannte ihn!«

Seine Augen waren trüb und unterlaufen, seine Stimme

krächzte und die Sprache war verstellt, als hätte er einen

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Schlaganfall erlitten. Und trotzdem unterhielten wir uns sehr

lange.

»Hol dir doch einen Stuhl. Tut mir leid, dass ich dir nicht

helfen kann, aber ich bin zurzeit auch nicht so fit«, lud ich den

Gast zum Bleiben ein.

»Macht nichts, ich kann stehen!«, log er mich an, denn ich

sah ihm die Anstrengung an.

80


»Hol diesen da!«, sagte Bernie, neben dessen Bett ein Stuhl

stand.

»Nein, vielleicht bekommst du ja Besuch, vielleicht kommt

deine Frau.«

»Ach was, die kommt jetzt nicht mehr.«

Und so ließ sich Freddy dazu überreden, den Stuhl herbeizuschleppen,

in den er sich dann erleichtert fallen ließ.

»Hast du das ganze Leben hier in Stanley verbracht?«

»Nein, nein, ich habe überall gewohnt, in Stanley und in

England, aber viele Jahre bin ich zur See gefahren.«

»Fischerboote?«

»Nein, Handelsflotte, immer von England nach Kapstadt

und dann weiter in den Indischen Ozean«, fuhr er fort und

schaute mich fragend an.

»Bist du von einem Fischerboot?«

»Nein, ich bin auf einem Vermessungsschiff, das bei der

Ölexploration mithilft«, klärte ich ihn auf.

»Aha, Öl, ja das ist jetzt große Mode, also bist du auf der

Bohrinsel?«

»Nein, auf einem Schiff.«

»Aber warst du schon auf einer Bohrinsel?«

»Ja, ich habe einige Zeit auf solchen Anlagen verbracht.«

»Muss interessant sein dort, ich habe sie nur jeweils von

Ferne gesehen, beim Vorbeifahren.«

»Interessant, aber sehr hektische und anstrengende Arbeit.«

»Da ist etwas, was ich vergessen habe«, fuhr er fort, nachdem

er mich lange geheimnisvoll angeschaut hatte.

»Kannst du mir sagen, ob die Kap-Verde-Inseln vor oder

nach Kapstadt sind?«

»Wenn du von England kommst, dann sind sie vor Kapstadt

und wenn du von Indien kommst, sind sie nach Kapstadt.«

81


»Also sind sie im Indischen Ozean, das habe ich doch gleich

gedacht.«

»Nein, Freddy, das ist anders, sie sind im Atlantik.«

»Aha, also nach Kapstadt, schade, dass die hier keine Karte

haben!«

Ich nahm mir vor, beim nächsten Besuch in Stanley eine

Weltkarte zu kaufen und sie ihm zu bringen.

Als Freddy mit langsamen Schritten von meinem Bett gegen

die Türe zog, begleiteten ihn meine Gedanken und ich war

froh, dass man ihm Asyl im Spital bot, denn scheinbar gibt es

kein Pflegeheim in Stanley. Und wie Bernie sagte, Freddy hatte

sich sein Leben lang in der Gesellschaft nützlich und hilfreich

erwiesen und somit diese Spezialbehandlung verdient. Bei

diesem Gedanken erinnerte ich mich an einen kleinen Zwischenfall

auf dem Flugplatz in Santiago, als man im Flugzeug

bereit war für den Flug in den Süden. Alle Sitze waren besetzt

und neben mir versuchte eine ältere Dame ein großes Gepäckstück

zu verstauen, denn die Laden über uns waren mit dem

Rettungsboot schon überfüllt. Ratlos schaute sie sich um, als

eine Stewardess kam und ihr das Gepäck abnehmen wollte,

um es im Gepäckraum unterzubringen. Die Dame wehrte sich

heftig, indem sie sagte, dass die Tasche nicht abgeschlossen

werden könne, weshalb sie sie nie weggeben werde. Nach einem

Wortwechsel, in dem die Stewardess immer wieder betonte,

dass nirgends im Flugzeug freier Platz sei, erhob sich

ein paar Sitze hinter uns eine junge Frau und nahm das Gepäck

mit den Worten »Ich nehme das« an sich. Ohne auf eine

Antwort zu warten, schob sie die große Tasche vor ihren Sitz

und schnallte sich wieder an. Die Dame neben mir schaute

überrascht, während die Stewardess sichtlich erleichtert ihren

Kontrollgang fortsetzte.

82


Erst in der Luft schaute sich die Dame nach dem rettenden

Engel um, der den größten Teil des freien Platzes aufgegeben

hatte und nun ziemlich unbequem den langen Flug angetreten

hatte. Dankbar winkte sie ihr zu, was mit freundlichem

Handzeichen erwidert wurde. In Punta Arenas sah ich dann,

wie die junge Frau die Tasche bis zum Flughafengebäude trug,

wo sich die zwei dann verabschiedeten.

Bilde ich es mir ein, oder hat man südlich des Äquators

mehr Verständnis?

83


Rolling home ... bye-bye, Stanley

Feuchtfröhlicher Umweg über Punta Arenas

Crew Change, Schichtwechsel, war nach sechs Wochen Seeaufenthalt,

nach sechs Wochen ohne Alkohol, nur Arbeit, Leben

an Bord, Wellen, Schaukeln, schlafloser Nächte, blauem Horizont.

Dann endlich die Umrisse der grünen Insel, die immer

deutlicher werden, die Einfahrt zum Port Williams, dem äußeren

Naturhafen und dann die zwei Hafenlichter, die durch

die enge Passage »The Narrows« nach Port Stanley führte. Ein

steifer Westwind blies weiße Gischtstreifen von der Stadt her.

Die Fahrt zum Dock war kurz, erst quer zum Wind und dann

gegen den Wind anlegen an dem schwimmenden Dock, der

in ostwestlicher Richtung gerade richtig lag. Trotzdem eine

zeitraubende Angelegenheit, denn der zugewiesene Liegeplatz

war nicht sehr viel länger als das Schiff und der Wind

wehte mit Stärke sechs, murrte der Kapitän. Erwartungsvoll

schauten alle Augen gegen die nahe Stadt. Einst Basis der

Antarktik-Forscher, Walfängerhafen, Rettungshafen für die

Segelschiffe, die vor der Eröffnung des Panamakanals beim

Versuch, das Kap Hoorn zu umfahren, beschädigt wurden.

Die Falkland-Inseln lagen genau in der Richtung der vorherrschenden

Winde vom Kap Hoorn. Viele der hölzernen Hüllen

wurden zurückgelassen und dienten als Lagerhallen. Die

Kapitäne der beschädigten Schiffe waren den lokalen Agenten

ausgeliefert. Sahen sie eine Hülle, die sie gut als Lagerhalle

an die Falkland Island Company weiterverkaufen konnten,

offerierten sie eine Reparatur für eine astronomische Summe.

84


Konnte dieses Geld dann nicht aufgetrieben werden, boten sie

einen Minimalpreis für das Wrack. Meistens wurde auch die

Ladung mit großem Verlust verkauft. Der gestrandeten Crew

blieb nichts anderes übrig, als auf ein Schiff auf die Heimreise

zu warten, es sei denn, sie hätten auf den wilden Inseln eine

neue Heimat gefunden.

Heute Servicestation für die Südatlantik-Hochseefischerei,

Zwischenstation der Kreuzfahrtschiffe, die vor allem

ihren Müll zurückließen. Morgen Ölhafen, so wenigstens

sahen das die optimistischen Planer. Am flachen Hang gebaut,

liegt die Stadt etwa zwei Kilometer vom Dock entfernt.

Rote, grüne oder blaue Wellblechdächer bedeckten niedere

Gebäude. Es gab nichts, das mehr als zwei Stockwerke hoch

war. Inmitten einiger weiterer Antennen stand auf dem Hügel

hinter der Stadt ein riesiger Satellitenschirm. Die Leinen

wurden belegt und das Schiff fest vertäut. Der Agent Robert

wartete bereits leicht schlotternd am Quai, flache Mappe

unter dem Arm.

»Der Zöllner sollte in zehn Minuten da sein«, erklärte er.

»Wo sind die Taxis?«

»Bestellt.«

»Victory!«, bestellte Mike, der die Führung der übermütigen

Truppe übernommen hatte.

»OK!«, und los ging die Fahrt, gegen den Wind, der das

Fahrzeug schüttelte. Überall standen Warntafeln gegen

schnelles Fahren.

»Viel zu viele Unfälle, die Straßen sind schlecht, gefährlich.«

Das verstanden die Passagiere nicht, denn es war ein guter

Asphaltbelag, Mittelstreifen, Schulter beidseitig und fast kein

Verkehr. Der wahre Grund wurde aber bald klar: »Alkohol!

Nichts anderes zu tun ...«, erklärte der Chauffeur.

85


Der alte Blechschuppen mit der Victory Bar strahlte in der

fahlen Morgensonne. Der Wind bewegte das abgeschossene

Schild, das an der rostigen Eisenstange quietschte, die Tür

war offen, so auch die Bar. Da erst zehn Uhr am Morgen,

waren nur wenige Gäste an der Bar. Die regulären Benies

und einige Fischer, nun schon fast alles bekannte Gesichter,

beim Bier. Newcastle Brown taxfrei, ein englisches Pfund

die Dose.

»Hallo«, grüßte Sheila hinter der Bar, ein knappes Lächeln

über das blasse Gesicht huschend.

Die erste Runde wurde bestellt. Es war halbdunkel, der

Bargeruch des Abends oder der Abende davor stand noch

stark in der Luft. Das erste Bier, der erste Alkohol seit sechs

Wochen, weg war die erste Runde, dann auch die zweite.

Deana mit den dunkelblonden kurzen Haaren, die während

der Hauptzeit, also abends, immer dort war, betrat das

Lokal, streifte die Runde mit einem kurzen Blick. Die freundlichen

Grüße der Gäste beantwortete sie nur mit einem sehr

knappem »Hallo«. Über den Tresen flüsterte sie Sheila hinter

der Bar etwas zu, steckte eine Zigarette an und bedankte sich

für den Vodka-Orangina im großen Glas.

Man wunderte sich, was sie wohl am Morgen in der Bar

wollte, war leicht enttäuscht über die kalte Begrüßung, hatte

aber keine Zeit, das weiter zu erörtern, denn in einer Stunde

mussten sie zurück zum Schiff, wo der Bus zum Flugplatz bereitstehen

würde.

»Und nun zwei Runden Cointreau«, verkündigte Mike den

trinklustigsten seiner Freunde und bestellte für jeden zwei

Gläser des süßen Getränkes. Gurgeln bis zur Gefühlslosigkeit,

hinunter, stark die Luft einziehen, nochmal und dann schnell

mit Bier nachspülen.

86


Die zwei im Umgang mit den Getränken etwas vernünftigeren

Kollegen hatten dann große Mühe, die Cointreau-Runde

in die wartenden Taxis und zum Hafen zu lotsen. Das Gepäck

aus der Kabine, das letzte Mal mit lautem Stimmengewirr und

Gegröle die Gangplanke hinunterpurzeln und in den Bus.

»Polaris, bye-bye. I’m not coming back again, bye-bye,

Stanley ...«

Der große Mike, der sich in angetrunkenem Zustand mit

seiner Siouxvergangenheit als amerikanischer Rockstar ausgab,

zauberte eine Whiskyflasche, die er sich im Victory ergattert

hatte, aus einem Plastikbeutel.

»Abschied von Stanley, nie mehr werde ich zurückkommen,

verlassenes Kaff, nichts Rechtes«, drehte den Verschluss

von der Flasche und goss sich eine gesunde Ladung in den

Mund.

»Nur Schafhirte und besoffene Seeleute gibt’s hier!«

»Und habt ihr die Mädchen gesehen, so was, nein, da

komm auch ich nicht mehr hin.«

»Und die charmante Deana im Vicy? Unser Trinkgeld hatte

sie immer gerne genommen, nun denkt sie, dass sie uns sowieso

nie mehr sehen wird, also sind wir ja schon abgeschrieben!«,

ärgerte sich Andy, der mal glaubte, Chancen zu haben.

»Was willst du, wie alle hübschen Mädchen wird auch sie

von einem englischen Offizier entführt werden.«

Die Fahrt ging an der Stadt vorbei, über die Hügel in das

Flachland hinter Tumbledown Ridge, zwischen den Minenfeldern

des Malvinas-Krieges hindurch. Eine weiße Sonne warf

lange Schatten aufs Gelände. Die Straße zog in langen weiten

Kurven durch die Ebene. Links in der Ferne sah man die blaue

See, das Leuchthaus, rot und weiß bemalt, mit der großen Kuppe.

»Viele Minen wurden geräumt, aber man ist nicht sicher,

ob alle gefunden wurden, denn die Argentinier verwendeten

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Plastikminen, die mit dem Detektor nicht gefunden werden.

Fünfzehn Jahre Garantie hat der italienische Hersteller gegeben.

Man wartet nun darauf, dass eine Methode entwickelt

wird, auch diese zu finden!«, erklärte Robert, auf die ausgedehnten

Stacheldrahtzäune angesprochen.

»Ach, was erzählt der dann da, alles Quatsch, gib mir die

Flasche!«, lallte Mike.

Von den flachen Hügeln flossen breite Murgänge als Zeugen

vergangener Glazialzeiten in die weite Ebene.

Mount Pleasant hieß der Flugplatz, so wie das Militärcamp,

in dem seit dem Ende des 1982-Krieges eine etwa 2000

Mann starke Einheit der britischen Armee diente. Sie sollen

Falkland davor schützen, dass es Argentinien wieder in Malvinas

umwandeln könnte.

»Wollen sie es wirklich?«

»Wollen schon, aber es hapert am Können.«

Mit dem Anfang der Ölexploration wurde in Buenos Aires

das Säbelrasseln wieder etwas lauter.

Mount Pleasant war auf den Falkland-Inseln der einzige

Flugplatz, auf dem regelmäßig Flüge verkehrten. Einmal in

der Woche war es die chilenische Airline von Santiago via

Punta Arenas und zweimal die Royal Air Force von England

via Pfingstinseln. Check-in und Abfertigung wurde von der

britischen Armee durchgeführt.

»Unsagbar, wie kompliziert die ganze Abfertigung abläuft!«,

empörte sich wieder Mike, der mit seiner wuchtigen

Gestalt die meisten Mitreisenden überragte.

»He, du hast ja die Fähigkeit zu denken abgegeben, als du dich

der Armee verpflichtet hast«, rief einer der nun ziemlich betrunkenen

Heimwanderer aus dem Schatten von Mike der uniformierten

Frau hinter dem Schalter mit lallender Stimme zu.

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»Dass man euch nicht alle heimschickt und das Geschäft

den Zivilisten überlässt, wundert mich schon lange, Verschwendung

von Steuergeld.«

Die Frau behielt die Fassung und ließ sich nichts anmerken.

Ehe sie ihn jedoch abfertigte, verließ sie den Schalter, um kurz

darauf mit dem wachhabenden Offizier zurückzukommen.

»Ihren Ausweis, bitte!«

»Was, was mischst du dich da ein, ich habe doch nur meine

Meinung gesagt!«

»Sir, ich bitte Sie und mache Sie darauf aufmerksam, dass

wir Sie wegen Beleidigung belangen werden«, schaute ihm

der Offizier scharf in die Augen, was der Angesprochene mit

Wanken erwiderte, ihm damit eine Alkoholfahne ins Gesicht

blasend.

»Nur weg mit dem Taugenichts, ins Flugzeug ab nach Chile«,

raunte der Offizier mit den Zähnen knirschend, »nicht

noch so eine Angelegenheit am Samstagabend!«

Er gab ihm seinen amerikanischen Pass zurück, beobachtete

ihn aber weiter scharf.

»Du bist ja blöd, wieso hast du ihm den Pass gegeben?«,

fragte die Frau hinter dem Schalter den Offizier.

»Ach was, was kümmert uns das, auch ich will raus aus diesem

Scheißland.«

»Zollfrei, los!«, führte Mike die Kolonne wieder an.

Trotz der Tafeln mit dem Hinweis, dass keine zollfreien Getränke

in der Abflughalle konsumiert werden dürfen, rissen Mike

und Glen die Packungen auf und drehten die Verschlüsse ab.

»Dann mal prost!«

»Dem Taugenichts, dem hab ich’s gesagt und der dummen

Kuh gleich auch. Zur Armee, meine Tochter soll sich ja hüten,

nur einmal den Gedanken zu äußern, zur Armee zu gehen,

sieh sie dir an, wie sie herumgaffen!«

89


»Sir, wir machen sie darauf aufmerksam, dass der Konsum

von zollfreien Getränken strengstens verboten ist«, hörte er

sich plötzlich angesprochen. Unsicher blickte er von den Füßen

zum Gesicht und sah denselben Offizier ihn anstarren.

Mike drehte den Verschluss wieder auf die Flasche und versorgte

sie in der Tasche.

»Du machst auch gleich vor jedem in die Hose, wo ist jetzt

dein Mut? Komm zeig ihn mir!«, brüstete sich Glen, der seine

Flasche vor den Augen des Offiziers verstecken konnte.

Hin und her ging nun die Flasche, bis Glen das leere Glas

in den Abfalleimer warf und bedrohlich zur Toilette wankte.

Dort erwachte er erst, als jemand wild schreiend an die Tür

hämmerte. »Komm raus, wir müssen einsteigen!«

Die Welt drehte sich, Glen versuchte den unklaren Blick an

der Türfalle zu fokussieren. »Raus«, wurde weiter an die Türe

gepoltert, »oder willst du etwa hierbleiben?«

Schweiß trat auf seine Stirn.

»Ich komme ja!«, stammelte er, erbrach sich nochmals,

wischte sich mit dem Handrücken den Mund, ehe er in das

grelle Licht der Halle trat.

Unsicher wankte er zurück zu seiner Tasche, wo er schwach

verschwommen Mike und die anderen zwei Kollegen erkannte.

Er ergriff die Tasche, stolperte über einen Abfalleimer, der

laut klappernd zu Boden fiel. Während er sich erhob, zog ihm

Mike die Einsteigekarte aus der Hemdtasche und zog ihn zum

Ausgang. Das Licht der Nachmittagssonne traf ihn wie ein

Blitz und er konnte sich nicht orientieren und trat einer jungen

Frau auf den Fuß, die entsetzt zur Seite wich.

»Dumme Kuh, weiß nicht einmal, wo sie hingehört!«

»Siehst du, jetzt ist er besoffen. Die habe ich heute Morgen

schon aus dem Victory torkeln gesehen. Und hast du gesehen,

die haben zollfreien Schnaps getrunken.«

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»Seeleute, was willst du, wochenlang zur See, nichts zu

trinken, ich kenn das«, beruhigte der junge Mann seine Frau

etwas uninteressiert. Mike bugsierte Glen am Ende der Kolonne

die Treppe hinauf.

»Buenas tardes, Señor«, begrüßte die zierliche dunkle Stewardess

den letzten Passagier.

»Halts Maul, du Indianerin, wenn du nicht einmal Englisch

kannst«, murmelte Glen, bog in den Passagierraum ein, stolperte

über ein Gepäckstück, das noch am Boden lag, taumelte

den Gang entlang und fiel schlussendlich flach auf den Bauch,

was er mit ein paar derben Schimpfworten kommentierte. Als

er sich aufrappelte, sah er wieder der jungen Frau, der er auf

die Füße getrampt war, in die Augen.

»Wie besoffen der ist, es ist eine Schande, und hast du gehört,

wie er die Stewardess beleidigt hat, der gehörte eingesperrt!«

»Whisky on the rocks«, für Mike, »Gin tonic« für Glen.

»Gut haben wir deine Flasche leergesoffen, sonst hättest du

sie bei deinem dummen Sturz zerschlagen.«

»Ich bin ein amerikanischer Rockstar«, himmelte Mike

die Stewardess an, »kennst du mich nicht? Warst du nicht bei

meinem Rockkonzert in Santiago letzten Monat? Was, du hast

keine cd von mir, soll ich dir eine geben?« Dabei zog er eine

cd ohne Umschlag aus seiner Tasche und hielt sie der jungen

Frau, die immer noch mit seinem Drink beschäftigt war, unter

die Nase.

»Nein, danke«, lehnte sie freundlich ab, sichtlich erleichtert,

dass sie die schreckliche Reihe hinter sich gebracht hatte.

Die zwei versuchten weitere Drinks zu bestellen, und als

niemand auf den Ruf antwortete, zog Mike seine zollfreie Flasche,

die noch nicht ganz leer war, aus der Tasche. Den zwei

jüngeren Leuten, Richard und Dave, die das erste Mal mit da-

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bei waren, füllte er die Becher bis zum Rand mit den Worten:

»Auch ihr sollt etwas mitbekommen, denn nur so ist Fliegen

schön. Das Geheimnis ist, dass ich an extremer Aerophobie

leide und deshalb die Fliegerei nur überstehe, wenn ich total

betrunken bin.«

Die Landung in Punta Arenas, mit Einreiseabfertigung für

Chile, wurde angesagt.

»Anschnallen, Rückenlehnen senkrecht, Tablett hochklappen!«

»Ich muss raus«, jammerte Glen, »mir ist übel.«

»Also schnell«, befahl die Flugbegleiterin.

Unbeholfen zog er sich von Sitz zu Sitz den Gang entlang,

schloss sich in die Toilette ein und erbrach sich jämmerlich.

»Zurück zum Sitz, aber schnell«, polterte der Steward an die

Türe. Kreidebleich erschien er und ließ sich schwer atmend in

den Sitz fallen. Eine entsetzliche Alkoholfahne verbreitete sich

um ihn und einige Leute bezeugten ihr Unbehagen, indem sie

sich das Gesicht mit Zeitungen wedelten. Holprige Landung,

Türen auf, Gepäck einsammeln, raus an die frische Luft.

»Was für eine Bananenrepublik ist denn das, siehst du, wie

unorganisiert das her und zu geht. Keiner weiß, was er tut. Ich

wette, dass der dort nicht einmal lesen kann!«

»Da wundert es keinen, dass die immer wieder Unruhen

und Aufstände haben!«

»Schmiergelder, nichts als Schmiergelder.«

»Indianer und Gauner, Seeräuber, Banditen.«

»Nicht besser als die Argis, bestimmt wollt ihr mit ihnen

Falkland überfallen. Kommt nur, wir werden es euch nochmals

zeigen, Feiglinge, Duckmäuser.«

»Und hörst du, wie schlecht die Englisch sprechen, das versteht

ja keiner«, lallte Richard.

92


»Ich schäme mich so«, sagte die junge Frau, die das erste

Mal mit ihrem Mann von den Falkland-Inseln für eine Woche

Ferien nach Chile geflogen war.

»Wieso du?«, fragte ihr Mann verwundert.

»Die kommen ja, wie wir, von den Falkland-Inseln und nun

meinen die sicher, wir seien alle so!«

»Ach was, die kennen doch die Seeleute, haben doch selber

viele davon.«

»Was, zehn Dollar soll ich bezahlen?«, zerplatzte Mike beinahe,

als ihm dargelegt wurde, dass jeder USA-Bürger bei der

Einreise diesen Betrag bezahlen müsse. Nach langem beleidigendem

Hin und Her knallte er einen Schein auf das Pult und

rülpste dem Offizier ins Gesicht. Als er wieder aufschaute, sah

er sich einem Flughafenpolizisten und dem Kapitän des Fluges

gegenüber.

»Kommen Sie mit uns, ruhig, aber sofort!«

Das war klar. In einer Ecke saßen seine anderen drei Whisky-Kollegen

Glen, Richard und Dave, bewacht von zwei Polizisten.

Es erschien ihm wie ein unangenehmes Bild durch den

Nebel.

»El Señor Capitaine hat beschlossen, dass Sie vier aus

Rücksicht gegenüber den anderen Passagieren den Flug nicht

fortsetzen werden«, sagte der Polizeikommandant in gutem

Englisch.

»Aber das können Sie nicht, was stellen Sie sich vor?«, ergriff

Mike das Wort.

»Ihr Gepäck können Sie ab morgen in Santiago in Empfang

nehmen!«

»Aber wir haben einen Weiterflug nach Paris, morgen

früh.«

»Geht uns nichts an, Sie haben sich unmöglich benommen,

Sie bleiben hier, dort ist der Ausgang!«

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Man nahm ihnen die Einsteigekarten ab. Erst als der Flug

angesagt wurde und der letzte Passagier im Gang verschwunden

war, überließ die Polizei die vier ihrem Schicksal, sie hörten

auf zu existieren.

»Hast du das gesehen, das war richtig flott vom Kapitän, das

geschieht denen ganz recht. Und trotzdem finde ich, dass

uns die Chilenen schräg anschauen. Wirklich schade, denn

sie sind sonst so freundlich, ganz anders als die Argentinier«,

fuhr Cherylen fort, sich an die kurze Belagerung von 1982 erinnernd,

als sie noch ein Mädchen war. Sie hatte Angst, aber

nichts passierte, denn die Besatzungsleute waren alle sehr

jung und wussten nicht so recht, was mit der Bevölkerung anzufangen

war. Man hatte sie mit ihrer Familie auf eine Farm

im Inneren der Insel versetzt. Sehr wenige der Falkländer sprachen

etwas Spanisch und nur die hohen argentinischen Offiziere

sprachen Englisch.

»Könnte ich nur Spanisch, dann könnte ich mich mit dem

Mädchen, das sicher in die Ferien reist, reden. Würde sie gerne

fragen, wo sie wohnt.«

»Ich spreche Englisch und ich reise zu meinen Großeltern,

die in Santiago wohnen«, hörte sich Cherylen angesprochen.

Unruhig rutschte der Leiter, aus dessen Team nun vier Leute

in Punta Arenas verblieben, in seinem Sitz hin und her und

schaute zerstreut auf das eindunkelnde Patagonien herab. Der

letzte Dunst von dem auch zu vielen Alkohol, zu schnell getrunken,

war verflogen.

»Vielleicht hätte ich doch eingreifen sollen in Mount

Pleasant, als ich sie sah, zollfreie Getränke zu genehmigen.

Oder vielleicht hätte ich schon im Bus etwas sagen sollen. Das

wird im Geschäft eine schöne Salbe absetzen.«

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»Aber was will ich, die hätten nicht auf mich gehört. Mike

arbeitet für die Reederei, der geht mich nichts an. Und die anderen?

Ja vielleicht doch.«

Mit diesen Gedanken schlief er ein. Unbehagen breitete

sich unter den Kollegen aus, keiner hatte mehr Lust auf das

servierte Essen und auf Konversation.

»Verdammtes Kaff, kein Hotel, kein Taxi mehr!«, knurrte

Mike, während die anderen wie zerschlagen auf einer Bank

vor dem Flughafengebäude in Punta Arenas saßen. Langsam

drang die Realität durch den Rausch und es wurde ihnen bewusst,

dass dies nun das Ende war. Es war kalt, sie alle hatten

die Jacken im Flugzeug gelassen. Ein starker Westwind blies

Wolkenfetzen am großen Mond vorbei. Die großen Blätter der

Bäume rauschten.

»Hat einer von euch Zigaretten?«

»Hat vielleicht einer von euch chilenisches Geld?«

»Ich nicht, ich nicht, ich nicht!«

Sie kramten lose Dollar hervor. Wie telefonieren? Wer

kann Spanisch? Wo ist die Stadt? Welche Richtung gehen? Der

Gedanke an einen Fußmarsch von unvorstellbarer Länge ließ

sie in der abendlichen Kälte erschaudern.

»Du bist schuld, du hast die Zehe des Patagons am Magellan-Denkmal

geküsst und nun bist du, der alten Geschichte

folgend, zurück, du hast den Spuk auf uns übertragen!«, neckte

Glen den Mike, sich an dessen Prahlereien erinnernd. Dann,

ganz plötzlich, tauchten die Scheinwerfer eines Autos auf.

»Taxi, Taxi«, schrien sie. Kein Taxi, aber ein alter Peugeot

bog von der Straße auf das Flughafengelände ein.

»Hotel Aloa«, sagte Mike, sich des Namens eines Hotels,

von dem er gehört hatte, erinnernd. Der Fahrer öffnete die Türen

und man stieg zufrieden ein. Durch die abendliche Stim-

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mung wurden sie nach Punta Arenas gefahren. Keiner schaute

heraus, jeder mit seinen Gedanken. Am Ende der Welt, nicht

nur buchstäblich.

»Zwanzig Dollar«, wohl die einzigen englischen Worte, die

der Fahrer kannte.

»Zu viel, verdammt nochmal«, schimpfte Mike.

»Zwanzig Dollar«, wiederholte das breite dunkle Gesicht

mit dem steifen schwarzen Schnauz ganz bestimmt. Sie sahen

ein, dass da nichts zu machen war und bezahlten. Sie waren

sich einig, dass sie einer Verschwörung der Flugplatzpolizei

zum Opfer gefallen waren.

»Das werde ich wohl kaum über Spesen abrechnen können.«

»Genauso wenig wie die Hotelrechnung und das extra Billett

nach Santiago und dann vielleicht bis Europa von morgen.«

Wie befreit kam sich die junge Frau Cherylen vor, als sie sah,

dass die restlichen Seeleute mit einem separaten Bus am

Flugplatz in Santiago abgeholt wurden. Sie bestieg mit ihrem

Mann den Bus, der von ihrer Reiseagentur bereitgestellt wurde.

Wohlig schmiegte sie sich an ihn, ergriff seine Hand in einem

Hochgefühl von Erwartung.

»Ladies and Gentlemen, ich begrüße Sie alle recht herzlich

zu Ihrem Aufenthalt in Santiago de Chile. Es ist mir eine besondere

Freude, unsere Gäste von den Falkland-Inseln herzlich

willkommen zu heißen!«, sagte die charmante Reiseleiterin

ins Mikrophon.

»Hurra«, klatschten einige Chilenen in die Hände und

erhoben sich von ihren Sitzen, um die Fremden mit den rötlichen

Haaren und dem struppigen Bart genauer zu sehen.

Die Argentinier winkten etwas verhaltener, denn was soll es.

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»Gente como nosotros.«

Die junge Frau drohte im Glück zu zerschmelzen. »Nicht

einmal an meiner Hochzeit hat man mir zugeklatscht, stehender

Applaus, so werde ich es in den Pinguin News schreiben,

dass alle wissen, wie sehr man uns hier mag. Aber die Trunkenbolde

werde ich auch erwähnen, die haben es verdient.«

Sobald sie im Hotel das Zimmer bezogen hatten, kramte sie

ihren Block hervor und fing an den Bericht zu schreiben.

»Jetzt noch?«, sagte ihr Mann überrascht, als er aus der Dusche

kam. »Dafür sind wir doch nicht hierhergekommen!«

»Geht nicht lange!« Und schon flog der Stift übers weiße

Papier.

»Sei nicht zu hart, denn solche Sachen passieren ja bei uns

auch, denk daran, die waren mehr als einen Monat zur See!«

Sie hörte ihn nicht mehr, war vertieft in ihre Geschichte,

die geschrieben werden musste, sofort, morgen ist zu spät und

da haben wir ja anderes vor, also ...

»Da, lies, schon fertig!«, erhob sie sich, immer noch erregt.

Aber sie bekam keine Antwort vom Gesicht ihres Mannes, das

tief schlafend auf dem Kopfkissen lag, denn auch ihm hatten

die paar Drinks auf dem Flug etwas den Kopf verdreht.

»Zufrieden? Wohl kaum, aber das musste sein! Und es gibt

ja ein Morgen!«

Direkter Weg als Gast der Royal Air Force

Das Kader und die Kundenvertretung musste jeweils für Projektübergabe

die Ankunft des neuen Teams am Samstagnachmittag

abwarten. Der nächste Flug nach Europa war dann

erst am Mittwoch mit der Royal Air Force (RAF) von Mount

Pleasant zum englischen Flughafen Braisnorten, in der Nähe

von Oxford. Diese Flüge der Königlichen Luftwaffe waren in

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erster Linie für den Transport des Armeepersonals und dessen

Angehörige bestimmt. Sie hatten für diesen Service von Golf

Air vor vielen Jahren alte Tristar-Flugzeuge erworben.

»Da kannst du sicher sein, die unterhalten ihre Maschinen

besser als jede zivile Luftfahrtgesellschaft. Die können sich

nichts leisten. Nur ein kleines Geräusch und schon wird der

Flug verschoben, man kehrt zurück zum Startplatz, oder man

notlandet in Montevideo, Dakar, Rio oder was dann gerade in

der Nähe, aber nicht in Argentinien liegt.«

Der Tristar-Flug gilt auf den Falkland-Inseln als gesellschaftliches

Erlebnis, denn er bringt Zeitungen aus England,

Post, neue Leute, rückkehrende Freunde, Luft aus der Heimat,

ist also ein Stück der Heimat. Die Ankunft oder auch eine Verspätung

wird am lokalen Radio und an den Stammtischen angekündigt.

»Hast du schon gehört? Der Tristar kommt einen Tag später!«,

hörte ich einen älteren Mann der Verkäuferin im West

Store erzählen.

»Hm, nein, das habe ich noch nicht gehört!«

Dafür hatte ich es gehört, denn das war mein Flug in den

Norden. Im Hotel verbreitete ich diese Nachricht, was nicht

mit großer Begeisterung aufgenommen wurde, zumal man

nun statt am Gründonnerstag erst am Karfreitag zuhause ankommen

sollte.

»Verpatzte Osterferien, da wird niemand glücklich sein,

dabei wollten wir doch ...«, aber es lässt sich nichts ändern.

Wir wohnten im Malvina House Hotel in Stanley. Der Teil mit

den Zimmern war neu und sehr bequem, vor allem nach sechs

Wochen zur See. Die erste Nacht in einem Bett, das sich nicht

bewegt, eine Dusche ohne sich mit einer Hand am Griff festzuhalten.

Mehr Platz als um sich nur umzudrehen. Ein großes

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Fenster, durch das man eine Landschaft sehen konnte. Der

Mount Kent im Hintergrund, auf dem die Armee eine Radarwarnanlage

erweiterte und dessen Baustellen nachts beleuchtet

waren. Das Licht traf sich mit den Sternen, die ohne Luftverschmutzung

bis zum Horizont sichtbar waren. Dort, wo die

Straße um den Landvorsprung führte, sah man das Wrack des

amerikanischen Segelschiffes »Jelum«, dessen Gerippe sich

gegen die Wasserfläche dahinter abhob. Die Sturmvögel waren

uns gefolgt und spielten im Wind, der an Land genauso stark

wehrte wie zuvor auf der See.

An der Bar stehend wurde die Verspätung diskutiert. Der

Barmann hatte es auch schon gehört. Es war ein fester Mann,

nicht der Barmann, wie man ihn kennt. Aber er war ja auch

nur mittags dort. Auf der Nasenspitze trug er eine Brille, wenn

er Beträge zusammenzählte oder Geld wechselte, sonst hing

sie an einer Kette auf dem dicken Bauch. Eine Krawatte trug er

etwa fünf Zentimeter tiefer, als sie sein sollte.

»Mein Sohn arbeitet in Oman für eine englische Firma. Er

wird an Weihnachten auf Besuch kommen. Wir alle freuen

uns, ihn zu sehen!«, erzählte er uns, nachdem er die Gläser

nachgefüllt hatte.

»Was macht er dort?«

»Oh, das weiß ich nicht so genau, er ist Elektriker und jetzt

seit drei Jahren in Oman.«

»Warst du 1982 hier?«, wollte ich wissen.

»Ja, aber auf der Farm«, sagte er mit einer Miene, die deutlich

sagte, dass er nicht darüber sprechen wollte. Alle wollten

sie das vergessen. Die Argentinier hatten alle Männer auf Farmen

verteilt, während die Familien generell in ihren Häusern

in der Stadt bleiben durften. Es bestanden keine Verbindungen

und niemand wusste so richtig, was ging. Auf den Farmen

konnten die Männer besser beobachtet und kontrolliert wer-

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den. Alle Beamten, außer einem Polizisten, wurden nach England

deportiert oder verreisten aus freien Stücken. Es soll zu

keinen Gewalttätigkeiten und nur zu vereinzelten Plünderungen

von leeren Häusern gekommen sein. Stanley war Puerto

Argentino. Die Häuser wurden durchsucht und dann markiert,

mehr als einmal, wie man von den angeklebten Marken sehen

konnte. Die Kelper hatten Erbarmen mit den jungen argentinischen

Soldaten, die unterernährt und von den Offizieren,

die ein gutes Leben geführt haben sollen, völlig vernachlässigt

wurden. Ein unglückliches Opfer der Besetzung wurde die

alte »Symphonion«-Orgel im Restaurant Globe. Soldaten beider

Armeen bedienten sich mit Souvenirs davon. Zum Glück

konnte sie wieder repariert werden und steht nun im Museum

von Stanley, das im Haus der argentinischen Besatzungsmacht

untergebracht war.

Kurz vor sieben Uhr früh erschien Robert mit seinem Fahrer

an der Rezeption und erklärte, dass der Flug aus England eingetroffen

sei. Donnerstagmorgen, die Sonne stand schon am

Himmel und der Wind hatte zum Glück nachgelassen: »Denn

sonst starten die nicht und sagen, der Wind sei zu stark. Alles

schon dagewesen, aber gestern kamen sie zurzeit an und alles

sollte für den Rückflug in bester Ordnung sein.«

Vierzig Minuten später standen wir nach rasanter Morgenfahrt

durchs hügelige Gelände in einer Warteschlange vor einem

von zwei Check-in-Schaltern. Wir nahmen an, dass der

ohne Wartende nicht bedient sei. Erst als wir dann am Pult

ankamen, schickte uns der Offizier zum leeren Pult. »Ja, da

hätte man schon lange einchecken können. Aber ihr wollt ja

anstehen.«

»Gangsitz, hinten!«, verlangte ich wie immer, denn hinten

war es ruhig und am Gang hat man mehr Bewegungsfreiheit.

100


Die Sitze im Tristar waren eng und die Abstände zur vorderen

Reihe knapp. »Typisch Militär.«

Pünktlich starteten wir bei bestem Wetter. Sobald wir

in der Luft waren, tauchte an jeder Flügelspitze ein Tornado-Kampfflugzeug

auf. Bei gutem Wetter bildeten sie eine Eskorte.

Früher war das nur der Fall, wenn höhere Offiziere an

Bord waren, bis es als Trainingsflug ins Programm aufgenommen

wurde. Zum letzten Gruß ersetzte einer der Piloten den

Fliegerhelm mit einer Narrenkappe und verabschiedete sich

mit dem V-Zeichen mit Mittel- und Zeigefinger der rechten

Hand. »Victory« – nicht die Bar, sondern der Sieg, so wie man

das bei Churchill gesehen hatte. Nur ein paar Minuten, dann

fielen sie nach außen ab und verschwanden in der Tiefe. Man

kannte die Piloten – oder Feen genannt. »Feries, im Gegensatz

zu den Squadies, den Infanteristen.«

»Einer dieser Primadonna-Typen sitzt in diesem Flug«,

sagte mein Nachbar. »Er hat die Landepiste im unerlaubten

Tiefflug überflogen, weshalb er nun zurückgeschickt wird.«

»Abgesetzt?«, fragte ich.

»Nein, was denkst du? Drei Millionen Pfund Ausbildung?

So kommt der nicht weg. Vermutlich werden sie ihn in England

behalten oder nach Nordirland schicken. Aber dem mag

ich’s gönnen. Ein bornierter Affe!«

Militärische Methoden auch beim Austeilen der Mahlzeiten.

»Meine Damen und Herren, wir werden in fünfzehn Minuten

mit dem Servieren des Mittagessens beginnen. Dafür

ersuchen wir Sie, in Ihren Sitzen zu verbleiben.«

Und genau in fünfzehn Minuten legten sie los, Schachtel

links, rechts beim Nächsten, bis alle bedient waren. Speziell

war die Mahlzeit nicht. »Squady-Essen«, und ich dachte zurück

an längst vergangene Militärmahlzeiten, Fleischkonserven,

harte Schokolade, weiches Brötchen mit einer Scheibe

101


Käse oder Schinken, je nachdem, wie viel Glück man bei der

Verteilung hatte.

Plötzlich erschütterte ein dumpfer Knall die Hülle. Man sah

sich fragend an, auf der linken Seite schauten sie zu den Fenstern

hinaus. Nichts Weiteres geschah, bis nach einer halben

Stunde eine Ansage kam, dass ein Triebwerk ausgefallen sei,

und man deshalb nach Mount Pleasant zurückfliege, um zu

investigieren. Als diese Ansage kam, befanden wir uns bereits

auf dem Rückweg, denn erst dann merkte ich, dass die Sonne

plötzlich von der anderen Seite schien. Der Pilot hatte also

eine weite Kurve eingeleitet, so dass sich die Maschine kaum

neigte, was ein Gefühl der Unsicherheit hervorgerufen hätte.

»So ein Pech«, meldete sich mein Nachbar wieder.

»Eine halbe Stunde mehr und wir wären jetzt auf dem Anflug

nach Montevideo! Was anderes als zurück nach Mount

Pleasant!«

»Ja, da hätte auch ich nichts dagegen gehabt!«, doppelte

ich, in Erinnerung an das Wochenende im November, nach.

Aber daraus wurde nichts und eine weitere Stunde später bewegte

sich eine nicht allzu fröhliche Passagiermenge zum Applaus

einiger Squadies, die sich im Windschatten eines Hangars

um einen Jeep versammelt hatten, um einen Kollegen

zurück zu begrüßen. Auf dem Parkplatz, den wir früher innehatten,

machte sich ein vc-10-Tankflugzeug breit. Die Maschine

wurde in eine fliegende Tankstelle umgebaut, von der aus

Tornados im Flug aufgetankt wurden. »Nicht rauchen!«

In der Abflughalle standen wir, auf Information wartend, herum.

Mr. Bean zauberte im TV und eine dunkle Flüssigkeit, die sie

Tee oder Kaffee nannten, wurde verteilt. »Rauchen wo?«, gingen

die Fragen um, bis sich jemand entschloss, die Tür zur Ankunftshalle

aufzuschließen, um die Süchtigen dorthin zu verbannen.

102


TEIL ZWEI

AN FERNEN UFERN –

AUF DEM BLAUEN MEER

Sie folgen dem Ruf nach Freiheit, Abenteuerlust oder einer Existenz

Vereint im alten Traum, dem Blick zum Horizont und dem Meer der Sterne



Die vergessene Welt am Sungai Dinding

Der Dinding-Fluss, Sungai in malaysischer Sprache, entspringt

im Inneren von Westmalaysia und mündet bei Lumut

im Schatten der Ferieninsel Pangkor in die Malakka-Straße.

Lumut im Staate Pangkor, etwa zwei Autostunden von Kuala

Lumpur, hatte außer einer Marine-Basis und der Touristendrehscheibe

auf dem Weg nach Pangkor nicht viel zu bieten.

Um dies zu ändern und der lokalen Bevölkerung durch

industrielle Entwicklung eine erfolgreiche Zukunft zu bieten,

hatten sich politisch angehauchte Kreise dazu entschlossen,

den bis dahin natürlichen Seehafen in ein Industriezentrum

umzubauen. Ein großes Projekt, denn Lumut steht in der

malaysischen Sprache für Moorland, Algen und Seegras. Ein

Tiefseehafen mit Reparaturbetrieben für Frachtschiffe, großen

Umschlagplätzen, Abfertigungsunternehmen und Fabrikanlagen,

Hotel und Gastronomieunternehmen soll gebaut

werden. Für die Anlage wurde ein Gebiet am Dinding-Fluss,

angrenzend an Lumut, erworben. Da der größte Teil des Landes

Sumpfgebiet war, versuchte man mittels Messungen im

Fluss und dem flachen Küstengebiet zwischen dem Festland

und Pangkor Sandvorkommnisse zu finden, von denen Sand

mittels Röhren zum Bauplatz gepumpt werden könne, was

günstiger als mariner Transport wäre.

Meine Begegnungen stammen aus der ersten Planungsperiode.

Unter Jachties war der ruhige Jachthafen dank niedrigen

Liegegebühren ein Geheimtipp. Aufbruchstimmung herrschte,

erste Unternehmer trafen ein. Die Tage der letzten Zeugen

der Kolonialzeit, wie eben des Perak-Jacht-Klubs, waren ge-

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zählt. Die alte Generation der lokalen Familienunternehmen

schaute mit Unbehagen in die Zukunft.

Lorraine und ihre gelbe Jacht Chimbu

An der äußersten Boje des Perak-Jacht-Klubs in Lumut ruhte

eine lange Stahljacht mit gelblichem Rumpf. Über das Cockpit

war ein verwittertes, blauweiß gestreiftes Sonnendach gespannt.

Von der Reling hingen drei alte Autoreifen als Fender

an verwitterten Tauen. An der Badeleiter lag ein vom Gebrauch

sichtlich gezeichnetes rotes Beiboot mit einem kleinen

Außenbordmotor. Chimbu, Brisbane war am Heck gerade noch

lesbar, denn die Tropensonne hatte die Buchstaben teilweise

ausgelöscht.

Neugierig betrachtete Per die Jacht, als ihn Rosman in

seinem Zodiac, so wie ganz per Zufall, durch das Bojenfeld

fuhr. Dies, weil ihm der Fahrer am Vorabend mitgeteilt hatte,

dass die Jacht zum Kauf ausgeschrieben sei. Sofort stellte Per

aber fest, dass sehr viel getan werden müsste, um den einigermaßen

respektablen Zustand wiederherzustellen. Ein grauer

Frauenkopf tauchte im Cockpit auf, eine zögernd winkende

Hand grüßte den Fremden.

Am selben Abend stellte sich Per der Eigentümerin der

Chimbu an der Club-Bar vor.

»Ja, ich sah dich mit Rosman vorbeifahren. Was macht ihr

hier?«

»Vermessungsarbeiten und Bodenuntersuchungen für die

neue Hafenanlage.«

Über ein Glas Bier erfuhr ich dann die Geschichte der

Chimbu und ihrer Eigentümerin. Sie kam vor fünf Jahren mit

ihrem Mann Bruce von Brisbane nach Malaysia. Die meiste

Zeit verbrachten sie auf der Jacht, unterwegs zwischen Pen-

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ang, Lang Kawi, Singapur oder dann Pukhet in Thailand. Ab

und zu flogen sie nach Australien, wo ihre Kinder und Großkinder

lebten. Vor zwei Jahren starb Bruce ganz unerwartet in

Lumut. Die Welt stand still auf der Chimbu. Die Jacht hatte

die Verankerung seit jenem schwarzen Tag nie mehr verlassen.

Wurde es für Lorraine an Bord zu eng, zog sie für ein paar

Tage zu Freunden, wohnte im Gästezimmer des Jachtklubs

oder flog nach Brisbane. Die Betreuung der Jacht überließ sie

dem Klubmanager, Mister Chan.

»Oh, da kommt mein Mechaniker«, sagte sie sichtlich erleichtert,

als sich durch den Sand ein dunkler, nur mit Shorts

bekleideter Inder näherte. Mit scheinbar letzter Kraft ließ der

sehr junge Mann ein Stück Zylinderkopf, das planiert werden

musste, vor ihr auf den schmutzigen Boden der Terrasse fallen.

»Der muss nun die Maschine überholen, denn ich will ja

verkaufen«, bekräftigte Lorraine.

»Es gibt viele Leute auf dem Weg von Europa nach Australien,

die eine Jacht mit australischer Registrierung kaufen

wollen, was den Import erleichtert. Aber wenn ich nicht verkaufen

kann, werde ich zurücksegeln nach Brisbane, werde

jemanden finden, der mir helfen wird«, erzählte sie an einer

Zigarette ziehend, nur schlecht einen alten inneren Schmerz

verbergend. Die Abendsonne beleuchtete den Club, durch den

der aufgewirbelte Staub im leichten Abendwind wie ein zarter

Goldregen zog. Ein paar Fliegen surrten um die Biergläser,

ungestört, denn niemand fand es nötig, diese zu vertreiben.

Vermutlich nur, um sich abzulenken, erzählte sie weiter:

»Und nun, nun geht dieser Jachtklub ein. Chan wird flussaufwärts

einen neuen Jachthafen einrichten. Einige von uns werden

mitgehen, während andere noch etwas weiter flussauf in

einer lokalen Marina Unterkunft suchen wollen.«

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Der alte Perak-Klub lag am Dinding River in Lumut an der

westmalaisischen Küste. Dort reihen sich die Geschäfte der

Hauptstraße entlang und von dort verkehren regelmäßig Busse

nach dem benachbarten Sitiawan oder Kuala Lumpur mit

internationalem Flugplatz.

»Am neuen Ort gibt es noch nichts, keine gute Straße, kein

Restaurant, keine Bar, kein kaltes Bier, kein Telefon. Man setzt

im Beiboot über den Fluss, sucht jemanden, der per Zufall in

die Stadt fährt, oder bestellt ein Taxi und wartet beim Telefonautomaten

eine halbe Stunde oder so, falls man die Moskitostiche

überlebt«, malte Lorraine eine graue Zukunft, der sie

sich, wohl aus Mangel einer besseren Lösung, schon hingegeben

hatte.

»Gestern sah ich am neuen Ort jemanden im Sand das Ufer

entlang junge Palmen pflanzen«, erwähnte Per und dachte dabei,

dass ihn der starke Geruch der verwesenden Fische von

der nahen Hühnerfutterfabrik sehr stören würde. Aber da

kam sie ihm zuvor: »Und die Hühnerfutterfabrik wird in ein

paar Monaten abgebrochen, denn das soll ja ein Teil des Hafens

werden, für den du die Vermessung ausführst.«

»Nein, das alles wird uns nicht stören, wir werden unsere

Grillfeste haben, werden Freunde einladen und es wird uns

gut gehen. Und bald wird Chan eine Bar mit Restaurant eröffnen

und wir werden wieder Gemüseomelette essen können,

welche die Tante so köstlich zubereitet.«

Lorraines Blick wanderte über den Fluss, der ihre Wahlheimat,

ihr Leben war.

»Wie alt mag sie wohl sein?«, fragte er sich, »sieht aus wie

siebzig, könnte etwas weniger sein!«

Der alte Perak-Jachtklub war dem Untergang geweiht, weil

in der Nachbarschaft eine internationale Marina im Entstehen

war. Vor ein paar Jahren hätte der Klub das Land kaufen kön-

108


nen, unterließ es aber aus Unentschlossenheit, dachte man.

Als die neue Marina das Land als Trockenplatz für Motorboote

belegen wollte, versuchte man zu prozessieren, fand aber

bald heraus, dass der Patron des alten Klubs auch Patron der

Marina war.

Eine Ufermauer verdrängte bereits einen großen Teil des

Naturufers. Die neue Rampe war außer Reichweite der alten

Seilwinde. Vom Klubhaus sah man statt liebliche Wellen

im Sonnenuntergang eine hässliche Mauer mit einer Sandschüttung,

auf der noch lange kein Gras wachsen wird. Das

Rauschen der Palmwedel wich dem Baustellenlärm und dem

Gekeife streunender Hunde, die das neugewonnene Land

übernommen hatten. An der Mauer hing eine Zementjacht, an

der ein bärtiger Riese ab und zu mal etwas arbeitete. Er wird

noch Jahre damit beschäftigt sein, dachte Per.

Die internationale Marina sollte ein Prunkbau mit zwei

Türmen werden, die vom Fluss wie Narrengesichter mit Zipfelkappen

aussahen. Davor lag ein Schwimmbad, im Inneren

schritt man über Marmorböden zu einem Konferenzraum

und zu einer geschwungenen Bar. Der vip-Bereich mit Salon,

Karaokelounge und klimatisiertem Restaurant war mit einer

roten Kordel abgegrenzt. Ein pompöser, überdeckter Eingang,

unter dem die vips ihre teuren Autos parken.

Der alte Jachtklub war ein Holzgebäude aus der Kolonialzeit

mit gemütlicher Bar, von der man auf den Fluss sah, das

Rattern der Ankerkette eines Schiffes hörte, das von weit hergekommen

war. Die Küche hauste in einem freistehenden Gebäude

im Hintergrund und wenn es regnete, wurde das Essen

auf dem Weg zum Gast noch etwas mehr verdünnt. In einem

Glasschrank verstaubte ein schönes Modell der Cutty Sark,

über der Bar hing eine Schiffsglocke. Ein Lloyd’s-Jacht-Register,

in dem Francis Chichester noch nicht Sir war und in dem

109


es noch keine Chimbu in Brisbane gab, lag unbeachtet auf einem

Seitenpult. Die Zeit steht still, bis sie mit dem Gebäude

abgerissen wird, denn alte Jachtregister und Cutty Sark haben

keinen Platz in einer modernen Marina, in der die Gäste nicht

mit Jachten, sondern mit Ferraris und Mercedes ankommen

werden.

110


Gestrandet – der wilde Wilf mit seiner noblen Maggie

Ein weiterer Tropentag neigte sich mit der untergehenden

Sonne zu Ende. Langsam sank die Lufttemperatur auf ein angenehmes

Niveau, brachte Erleichterung nach dem gleißenden

Sonnenschein mit Luftfeuchtigkeit nahe von einhundert

Prozent. Langsam erholte sich die ungeschützte, von der Sonne

arg strapazierte Haut im Gesicht und auf den Armen im

kühlenden Abendwind. Es war die Zeit, sich im Bootsclub bei

abendlichem Sundowner mit Gleichgesinnten oder Gästen zu

treffen, um den Tag mit Gesprächen zu beenden. Zum alten

Perak Boot Club gehörte ein Bojenfeld, in dem einige Jachten

im leichten Abendwind dahinträumten. Eine Handvoll

war bewohnt, stationär, oder auf Durchreise, während andere

unbeachtet ein einsames Dasein führten. Die meisten der

Besatzungen hatten sich schon im Club versammelt, auf den

Metallstühlen an den mit Blech überzogenen Tischen oder an

der Bar, von der aus dem Dunkel des Raumes Stimmen und

helles Gelächter ins Freie drangen.

Mit dem ersten kühlen Bier verharrte ich noch eine kleine

Weile vor dem Gebäude, schaute in die untergehende Sonne,

ließ den Tagesablauf vorbeiziehen, plante den nächsten Tag.

Ertappte mich wieder einmal beim Gedanken, ein Teil dieser

Gesellschaft zu sein, an einer der Bojen zu hängen. In der Mitte

des Dinding-Flusses beendete ein ankommendes Frachtschiff

die Fahrt, indem es den Anker mit ratterndem Geräusch

der auslaufenden Kette legte und sich in der Strömung langsam

bis zum Stillstand zurückfallen ließ. Vom Zollsteg löste

sich das Lotsenboot, um in langsamer Fahrt den kurzen Weg

111


zum Schiff zu fahren. Trotz großer Anstrengung konnte ich

den Namen des Schiffes, das unter der Flagge Panamas fuhr,

nicht lesen.

Flussaufwärts erspähte ich ein offenes Motorboot mit großer

Geschwindigkeit auf dem Seitenarm von Sitiawan her auf

den Fluss zu fahren, um in elegantem Bogen Kurs gegen den

Club zu nehmen. Das klatschende Geräusch vom Überqueren

der Wellen eines seewärts fahrenden Fischkutters wurde immer

lauter, während ich nun in der großen Gestalt mit wilden

weißen Haaren und wallendem Bart den Haudegen erkannte,

den ich nun fast täglich irgendwo gesehen hatte, ohne ihn

aber je getroffen zu haben. Neu war die stattliche Frau, die sich

auf dem Mittelsitz festhielt, ihre langen rotbraunen Haare frei

im Fahrtwind fliegen lassend. Laut heulte der Außenbordmotor

auf, als er bei der harten Landung bei Grundkontakt in

die Höhe schnellte. Kaum stand das Boot, stieg die Frau ins

knietiefe Wasser und stapfte durch den Sand, ohne einen Blick

zurück zum Clubgebäude, um sofort von den versammelten

Damen freudig in Beschlag genommen zu werden.

Nachdem die Schaluppe sicher auf dem Strand stand, stapfte

die kräftige Gestalt mit einer Ginflasche in der linken Hand

direkt auf mich zu. »Du gefällst mir«, waren die ersten Worte,

während er mir sein Rechte zum kräftigen Gruß hinstreckte:

»Ich bin Wilf, wer bist du? Ich habe dich auf dem Fluss gesehen!«

»Ja, das hast du«, bestätigte ich, nachdem auch ich mich

vorgestellt hatte.

Weiter stapfte Wilf zum Klubgebäude, wo er die Flasche

auf den ersten Tisch stellte, einen Kübel Eiswürfel, ein Glas

und ein Tonic-Wasser verlangte.

Auch ich begab mich zur Gesellschaft.

112


In der Zwischenzeit waren alle Tische besetzt, denn die Barsteher

hatten sich mit ihren Getränken aus dem drückend heißen

Innern, in die frischere Luft des Klubrestaurants begeben. Das

Restaurant Area bestand aus einer dem Gebäude vorgelagerten,

teilweise überdachten Betonplatte, zwei Stufen über dem Sand.

Den äußersten Tisch besetzten die Besatzungen zweier französischer

Jachten, die auf großer Reise ein paar Ruhetage verbrachten

und Vorräte ergänzten. Da der Tisch außerhalb des

Lichtkegels der Kette blanker Glühbirnen lag, hatte Chan bei

Einbruch der frühen tropischen Dunkelheit eine Gaslampe

in der Mitte des Tisches platziert. Das flackernde Licht erleuchtete

die vier Gesichter zu einer Einheit, die ihren Zusammenhang

am Rande der restlichen Gesellschaft betonte.

Ein grauhaariger, nicht mehr junger Besitzer, der mich an den

sterbenden Marlon Brando als Pirat der Bounty erinnerte, mit

seiner jungen, dunkelhäutigen Begleiterin auf einer roten Jacht

mit französischer Flagge kamen aus Madagaskar mit dem Ziel

Neuseeland. Das junge französische Paar mit blauer Jacht aus

Marseille befand sich auf zeitlich unbegrenzter Weltumsegelung.

In Thailand hatten sie sich getroffen und beschlossen,

bis Australien zusammen weiterzufahren. Außer Gläser für

den mitgebrachten Rotwein schien sie das bunte Treiben im

Klub nicht zu berühren. Einzig ein Belgier, dessen Frau auch

Französin war, sich aber am Stammtisch zu den Regulären gesetzt

hatte, pendelte zwischen der französischen Gesellschaft

und dem Rest der Welt hin und her. Diese zwei bewohnten

eine eher bescheidene Jacht, gaben ihre Pläne nicht bekannt,

sollen aber seit zwei Jahren mal hier mal dorthin für ein paar

Wochen unterwegs gewesen sein.

»Der Typ behandelt seine schwarze Freundin wie eine

Sklavin, dabei ist sie ein so nettes Mädchen«, bemerkte der

113


Neuseeländer Russel, als der Grauhaarige seine Freundin zur

Jacht schickte, um einen Korkenzieher zu holen. Geschickt

lenkte diese das Beiboot mit heulendem Außenbordmotor zur

Jacht, um es bald darauf, begleitet von allen Männeraugen,

wieder mühelos auf den Sand zu ziehen. Mit kräftigen Schritten

stapfte sie durch den Sand zurück zum Gebieter, vor dem

sie den Zapfenzieher auf den Tisch knallte, um sich dann mit

finsterer Miene wieder auf ihren Stuhl neben der Französin

zu setzten.

Der Anlass war ein Wildschwein-Essen, das zugleich das

Ende der Existenz des Perak-Jachtklubs bedeutete. Organisiert

wurde der Anlass kurzfristig vom chinesischen Klubmanager,

Mister Chan, und Lorraine von der Jacht Chimbu. Dazu

eingeladen wurden alle, die zu den regulären oder temporären

Gästen des Klubs gehörten. »Je mehr, desto besser!«, war das

Motto. Lorraine war die rechte Hand im Klub. Sie pries allen

Neuankommenden das Gemüseomelette der Tante, Frau

Chan, als absolutes kulinarisches Highlight in der ganzen Gegend.

Lorraine besorgte die Bar, wenn der Meister abwesend

oder anderweitig beschäftigt war oder für seine Gäste Taxidienste

nach Kuala Lumpur ausführte.

Aber ihr Traum war ja ein anderer. »Sobald Chimbu repariert

ist, werde ich einen Käufer suchen. Finde ich keinen, werde

ich selber nach Brisbane segeln!«

»Allein?«, wunderte ich mich.

»Vielleicht werde ich einen Skipper suchen!«

»Aber nicht den, den nicht!«, sagte sie schnell, als sie bemerkte,

dass sich meine Blicke gegen Wilf wandten, der sich

mit lautem Lachschwall gerade mal wieder bemerkbar machte.

»Aber der hätte doch Zeit«, neckte ich sie.

»Was denkst du. Aber ich werde einen Käufer finden.«

114


»Ach ja, habe ich dich neulich nicht gesehen, an jener Zementjacht

arbeiten?«, wandte ich mich an Wilf, der sich neben mir

niedergelassen hatte.

»Richtig, das ist meine Jacht.«

Auf die unvorsichtige Frage, ob er diese Hülle hier aufgetrieben

habe, schaute er mich mit ganz bösen Blicken an.

»Aufgetrieben? Habe ich recht gehört?«, donnerte er los, »das

ist eine ganz feine Jacht, entworfen von einem berühmten

Marinearchitekten in London. Ich hatte sie in England gekauft

und dann von Bahrein hierher gesegelt. Das ist ein ganz

tolles Boot, nur habe ich alle Farbe abgekratzt und auch sonst

bin ich daran, eine größere Renovation durchzuführen, ehe

die Fahrt weitergeht.«

»Ha, ha«, schaltete sich Maggie ein, die von der anderen

Seite des Tisches mitgehört hatte, was nicht schwierig war,

denn Wilfs Stimme war seinem Körperbau entsprechend.

»Zwei Dinge musst du wissen, Wilf, erstens wird die Jacht

nie fertig und zweitens kannst du die große Fahrt sowieso vergessen,

mir ist wohl in der Wohnung an Land und dort bleibe

ich. Ich werde nie mehr die Jacht mit dir und den Moskitos

teilen.«

»Du hättest sehen sollen, als die das erste Mal hier landeten«,

raunte mir Russel ins Ohr. Der Anker war noch nicht

auf dem Grund, als schon das Beiboot ins Wasser fiel und

schnurstracks aufs Ufer gerudert wurde. Eine offensichtlich

hoch erregte Frau mit wild zerzaustem Haar stapfte zur Bar,

bestellte einen doppelten Whisky, den sie wegkippte, ehe sie

losließ: »Nie mehr werde ich meinen Hintern auf dieses Boot

setzen, und der kann schauen, wie er ans Land kommt!«

Das hatte dann Chan besorgt. Fetzen flogen während der

Aussprache durch den Klub. Und tatsächlich, Maggie hatte

das Boot nie mehr betreten, hatte eine Wohnung im nahen

115


Sitiawan gemietet, wo nun auch Wilf schlief, da seine Jacht

bei Regenwetter unbewohnbar war oder höchstens zum Ausschlafen

eines Rausches taugte. Mit dem Beiboot verkehrten

sie dem Fluss entlang zwischen Wohnung und Klub, denn ein

Auto hatten sie keines. »Wann sind sie angekommen?«, wollte

ich wissen. »Vor zwei Jahren!«, sagte Russel nach etwas Überlegung.

Orientalisches Wildschwein wird in kleine Stücke geschnitten,

im Wok angebraten und in würziger, dunkler Sauce

auf Reis mit grünem Gemüse serviert. Gegessen wurde mit

Stäbchen. Es schmeckte ausgezeichnet und verschwand restlos

in kürzester Zeit. Der tropische Abend war kühl, trotzdem

war die Hitze unter dem Blechdach des Klubs groß und man

erfreute sich herzhaft am Bier aus der Kühltruhe, während

Wilf langsam den Inhalt seiner Gin-Flasche zerstörte und mir

dabei seine bewegte Geschichte erzählte.

»In Nizza hatte ich eine klassische Motorjacht, die ich einer

reichen Witwe für einen ganz guten Preis und ein paar

andere gute Taten abgekauft hatte. Jedenfalls waren wir beide

sehr zufrieden. Ich war die Attraktion im Hafen. Du hättest

sehen sollen, was da alles stehen geblieben ist, um mein Boot

(und mich) zu bewundern«, schwelgte Wilf in Erinnerungen.

»Das einzige Boot mit offenem Kamin und Wendeltreppe,

mit Messinggeländer auf die Brücke, mit großem Oberdeck,

geschützt gegen die Sonne mit einer blau-weiß gestreiften

Markise. Jeden Tag, jede Nacht Party, Party, ein Leben wie im

Paradies. Kurze Ausfahrten an einigen Tagen, aber nur, wenn

das jemand unbedingt wollte. Mir war es wohl am Steg, mit all

der charmanten Gesellschaft.«

»Wieso hast du die Jacht verkauft?«, wunderte ich mich.

»Ja weißt du, auch das verleidet dir. Ich wollte weiter, wollte

etwas Anderes erleben und das Boot war nicht für die gro-

116


ßen Fahrten gebaut, war eben eher ein schwimmender Gin

Palast.«

Zurück im heimatlichen Irland beteiligte sich Wilf an einer

Schiffswerft, die alte Fischkutter in Motorjachten umbaute

und dann für guten Profit verkaufte.

»Mein bestes Geschäft war eine Reise nach Island, wo wir

eine Flotte von Fischerbooten kauften, die für den modernen

Fischfang zu klein geworden waren. Wir banden die sechs

Boote zusammen, mieteten einen Schlepper und zogen sie

nach Irland. In Serienarbeit haben wir sie in einem Jahr umgebaut.

Alle hatten wir verkauft, ehe sie fertig waren.«

Mit dem Zeigefinger, den er in den Gin gesteckt hatte,

zeichnete er den Plan der Boote auf den Metalltisch. »Steuerhaus

mit Salon, zwei große Kabinen für je zwei bis drei Kojen

unter Deck, Kombüse mit Essplatz und Salon auf Deckniveau.«

»Genau was ich mir vorstelle! Hast du keines mehr?«, unterbrach

ich den Erzähler.

»Sicher würdest du am Shannon noch das Eine oder Andere

finden.«

Auf der Suche nach weiteren Abenteuern unterschrieb

Wilf einen Vertrag als Manager der Privatflotte eines Emirs

in Bahrein. Das Emirat am Roten Meer war das aufkommende

Ferienziel der Jetsets, der Extravaganten. Golfplätze im

Sand, Tauchen im blauen Meer, der klimatisierte Luxus der

Fünfsternehotels, tausendundeine Nacht in den Oasen zog

die an, die sonst schon alles gesehen hatten. Wilf mischte

sich fröhlich darunter. Seine große Gestalt mit der weißen

Kapitänmütze und der donnernden Bassstimme passte gut

dazu. Auch seine lokalen Kenntnisse und Beziehungen ließen

sich gut verkaufen. Aber der Traum der großen Fahrt

117


lebte weiter. Nur, dazu fehlte das große Geld, vor allem, da

sich Wilf nicht »on a shoe string« reisen sah. Das alles änderte

sich, als er in Maggie den Fisch fing, auf den er gewartet

hatte.

»Ja, ich kaufe uns (dir) die Jacht, die im Magazin ausgeschrieben

ist. Von meinem Konto in England.«

Von einer Überführungscrew gesegelt, tauchte die noch

nicht ganz fertige, aber seeklare Ferro-Zement-Jacht kurz darauf

an der Küste des Roten Meeres auf. Stolz wurde sie mit

rauschender Party in Besitz genommen. Die Einrichtung wurde

so weit hergestellt, dass eine Fahrt unternommen werden

konnte. Da man wusste, dass in Asien, vor allem in Thailand,

günstig und sehr gut Inneneinrichtungen für Boote nach dem

Wunsch des Eigentümers hergestellt werden, beschloss Wilf,

dorthin zu übersiedeln.

»Nur eine kurze Reise, du wirst sehen, kein Problem, keine

großen Wellen, denn es ist die beste Saison«, wisperte er Maggie

ins Ohr.

So verabschiedeten sie sich von Freunden und fuhren gegen

den Morgenstern. Pukhet in Thailand war das Ziel. Bald

merkte Wilfs Crew, dass eine Jacht kaufen eine Sache war, aber

darauf leben eine andere, vor allem, wenn man Jetset gelebt

hatte. Wo ist das Eis für den Whisky? Zerschmolzen, denn

der Bordkühlschrank gab auf. Das ewige Schaukeln, das Wacheschieben,

die schlechte Laune des Skippers, der mit lauter

Autorität die Mannschaft dirigierte. Dicht holen, vieren, Spinnaker,

weg damit, Deck fegen, wo ist der Fraß, noch ein Bier,

immer dasselbe, mach kein so saures Gesicht, Tag und Nacht.

In die Koje, wenn es dem Skipper passte.

118


Tourenjacht im Perak Jacht Club

Gestrandet

»Du glaubst es nicht: Kaum hatte ich vor diesem Klub den

Anker geworfen, sah ich mit Entsetzen, wie meine Crew, meine

Maggie, das Beiboot wasserte, die Ruder einlegte und verschwand.

Ich war sprachlos, so sprachlos, dass mir die Stimme

wegblieb, saß da und versuchte mir klar zu werden, was da

eben passierte. Sicher will sie die Hafenbehörden verständigen,

aber sie kam nicht zurück. So musste ich über Radio ein

Boot anfordern, um mich abholen zu lassen.«

»Das war das letzte Mal, dass sie an Bord war ... und das ist

Jahre her. Sie ignoriert, was mein Leben ist. Thailand hat mei-

119


ne Jacht nie gesehen. Australien ist sowieso besser«, erzählte

Wilf.

»Du weißt es«, erklang es von der anderen Seite des Tisches

mit strenger Stimme, »ich werde kein Jachty sein, ich

will mich nicht identifizieren mit diesen da, die kein Zuhause

haben. Ich will immer eine Adresse haben, ein Telefon, einen

Platz, an den ich Freunde einladen kann, wo man mich findet,

nicht auf einer lumpigen Jacht, die dahin schaukelt in einem

stinkenden Jachtklub, keinen Platz, alles feucht, voller Moskitos,

jeden Tag andere Nachbarn. Und wenn du weiter nach

Australien willst, kannst du alleine gehen, vielleicht komme

ich dann nach. Aber Geld für die Überfahrt musst du selber

finden, ich bezahle meinen Flug, sollte ich dann überhaupt

kommen.«

»Verwöhnte Gans«, knirschte er in seinen Bart.

»Ich werde mitsegeln!«, meldete sich ein kleines braunes

Mädchen, das aus dem Schatten der nahen Palmen beim Tisch

aufgetaucht war. Während eines Aufenthalts in Thailand hatten

die zwei das Mädchen kennen gelernt und mit der Absicht

einer Adoption nach Malaysia mitgenommen.

»Ehe wir das können, müssen wir in Malaysia eine Aufenthaltsbewilligung

haben und du tätest besser daran, dich

diesem Problem zu widmen, als deinen Träumen nachzuhängen«,

mischte sich Maggie ein.

»Ja, es stimmt, Mama tut nichts am Boot, alles nur Papa«,

flüsterte mir die Kleine zu, während sie ihren Beschützer liebevoll

anschaute. »Und ich helfe, wenn immer ich Zeit habe.«

Im Gehen warf Wilf die leere Ginflasche in die Abfalltonne

vor dem Klub. Maggie und das Mädchen folgten ihm erst, als

er das Boot zum Wasser gezogen hatte. Ehe die Adoption akzeptiert

ist, können sie sowieso nicht daran denken, nach Australien

zu gehen, denn nur so ließen die kein asiatisches Kind

120


einwandern. Und so schnell werden sie sowieso nicht gehen,

denn am darauffolgenden Tag besuchte ich die Jacht. Sie stand

verlassen dort, wo sie schon lange gestanden haben musste.

Da war kein Slipp, die Hülle war mit schmutzigen Tauen an

einem rostigen Ponton befestigt. Während Ebbe stand sie im

Sand und während Flut schwamm sie. Die Luken wurden entfernt

und die Löcher nur dürftig mit Plastikfetzen zugedeckt.

Das Regenwasser hatte an der Einrichtung im Innern bereits

beträchtlichen Schaden angerichtet.

Die Mastspuren wurden entfernt, die Ankerkette lag in einem

wilden Haufen und von Rostflecken umgeben auf dem

Deck. Die Teakplatten hatten sich vom Deck gelöst und ließen

Wasser darunter laufen, wo es unsichtbaren Schaden anrichtete.

Das rostige Ende der Welle wird nie mehr einen Propeller

halten können, denn die Nuten waren von der Korrosion und

der brutalen Gewalt, die bei der Entfernung eingesetzt wurde,

zerfetzt. Eher ein Wrack als ein Boot.

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Das weiße Boot und der Traum des weißen Mannes

Fishery Research Vessel jenahak – imo 7511462

… ein weiterer Abschnitt im großen Traum vom freien Leben

auf einem Boot; dorthin ziehen, wo der Wind, die Laune oder

auch eine Basis für einen Lebensunterhalt führt.

»Bring den weißen Mann zum weißen Boot!«, beauftragte

Mister Lim seinen Bootsfahrer, um Mark zum hellgrauen Boot,

das auf der anderen Seite des Sitiawan-Flusses im Abendsonnenschein

an seiner Ankerkette hing, zu fahren. Schon bei seinem

ersten Besuch in der Werft der Gebrüder Lim in Lumut,

an der Westküste von Malaysia, hatte er in dem etwa zwanzig

Meter langen Boot ein Objekt entdeckt, das seinen Traum, etwas

in ein Wohnboot umzubauen, wiederbelebte.

122


Kurz nach jenem ersten Besuch war Mark damit beschäftigt,

mittels akustischen Instrumenten und Bodenproben im

Fluss Sand zu finden, der, durch Röhren gepumpt, ein Sumpfgebiet

in Bauland verwandeln sollte. In ambitiösen Bauetappen

sollte zur industriellen Belebung einer Randregion ein

Tiefseehafen entstehen. So ergab es sich, dass ihn sein täglicher

Weg ins Messgebiet mit kleinem Umweg von der Werft

am Traumobjekt vorbeiführte.

Es war die Zeit, als er sich ernsthaft damit beschäftigte, die

lärmige und teure Großstadtwohnung in Kuala Lumpur gegen

ein ruhiges Leben auf einem Boot einzutauschen. Mark und

seine Frau Sue träumten von abgelegenen Marinas und der

Möglichkeit, dorthin zu ziehen, wo Arbeit war und dann, ja

dann, auf großer Fahrt westwärts gegen Europa zu schippern.

Wohin in Europa war noch nicht Teil des Planes.

Auf der Suche nach passenden Objekten hatten sie schon

in Hongkong und Singapur interessante Boote besucht. Das

schönste stand in einer Werft in Hongkong: ein Alaska-Trawler

in perfektem Zustand, dessen Eigentümer aber scheinbar für

irgendein Geschäft ein verbindliches Angebot benötigt hatte.

So gelangte Mark an jenem Abend, versehen mit den

Schlüsseln, ans Ziel seiner Wünsche. Von Papieren, verstreut

auf der Brücke, und angebrachten Tafeln konnte er einiges aus

der Geschichte erfahren.

Entstanden war das Boot in der Schiffswerft Limbon gan

Mara, Trengganu 1969, in der selben Werft, in der 1993/94

unter Marks Leitung zwei Forschungsschiffe für Sarawak gebaut

wurden. 27 Meter lang, 6,5 Meter breit. Offenbar diente

es als Fischereiaufsichtsboot und war als solches für Inspektionen

und Trainingsfahrten mit angehenden Fischereiaufsehern

eingesetzt worden. Regelmäßig fuhr das seetüchtige

Boot von Penang über das Südchinesische Meer nach Sabah in

123


Nordborneo. Obwohl für Hochseefischerei ausgerüstet, wurde

laut Mister Lim damit nie gefischt. Als Antrieb diente ein

450HP-Cummings-Dieselmotor mit einem Borg-Warner-Getriebe.

Das Gerippe, mit einem Spant-Abstand von 30 Zentimetern,

war aus Jangal-Holz. Die Beplankung bestand aus fünf

Zentimeter starkem, lokalem Teak, das Mark trotz Alter in

sehr gutem Zustand erschien. Der Aufbau war ein Gemisch

aus Massiv- und Sperrholz, das bei genauer Betrachtung an

einigen Stellen reparaturbedürftig war. Die Klimaanlage wurde

entfernt und die Wassertanks mussten erneuert werden,

während Motor und Generator laut Auskunft des Verkäufers

in sehr gutem Zustand waren. Der Motor war vor zwei Jahren

ganz überholt und der Generator ersetzt worden. Die Batterien

waren alt und dank fehlendem Unterhalt unbrauchbar

geworden. Die elektrische Verkabelung und der Steuerkasten

mussten vermutlich erneuert werden, denn die ständige

Feuchtigkeit hatte der Isolation und den Anschlüssen schwer

zugesetzt. Eine Kombüse und Toilette gab es nicht. Dafür sehr

viel Platz, um solche einzubauen.

»Auf dem großen Deck kannst du zur Abkühlung ein

Schwimmbad einbauen«, meinte Lim.

»Und da bliebe noch genügend Platz für ein Motorboot mit

Außenbordmotor, das bequem mit dem Bordkran ins Wasser

gesetzt werden könnte«, dachte sich Mark.

»Wie viel?«, fragte Mark, zurück an Land.

»120.000 Ringgit (ca. 60.000 chf)«, antwortete Mister

Lim, der das Boot mit brieflicher Offerte für 15.000 erstanden

hatte, ohne lange zu überlegen.

»Nein, der Preis ist nicht verhandelbar, und wenn du nicht

kaufst, zerlege ich es und verkaufe die Einzelteile. 50.000 für

die Maschine, 15.000 für das Getriebe, 10.000 der Generator,

124


20.000 für Welle und Propeller, ebenso viel für den Fischereikran

und die Einrichtungen usw.«

»Und die Hülle?«, fragte ich.

Achselzucken, was so viel hieß, dass man diese einfach am

Ufer verfaulen lässt, wie das so unzählige ausgediente Bootskörper

am Ufer des Dinding-Flusses tun, bis sie unter dem

Wasserspiegel verschwinden und einige Jahre lang Hindernisse

für die Schifffahrt in Ufernähe werden.

Jahrelang ist der Leidensprozess für eine so große Hartholzschale,

die als stolzes Schiff dreißig Jahre treu und zuverlässig

durch die Wellen der Malakka-Straße und des Südchinesischen

Meeres geschaukelt wurde, und dem kräftigen Nordost-

Mon sun standgehalten hatte. Das stimmte Mark nachdenklich,

als er bei einem späteren Besuch von der Brücke über den

Bug ins trübe Wasser schaute, die Hände mit festem Griff am

hölzernen Rad. Von Radar und Echolot sind nur die Ständer

und die abgerissenen Drahtenden geblieben. Auf dem Kartentisch

hinter der Brücke lagen noch ein Bleistiftstummel und

ein Chinesischer Kalender, zwei Jahre alt.

»Was willst du mit dem Boot, es ist viel zu groß, stell dir

vor, all die Umbauarbeiten, was das nur kostet. Und wie willst

du damit in einen Jachthafen? Es bleiben nur das offene Meer

und die Fischerei- und Industriehäfen«, äußerten kritische

Stimmen.

»Was ist falsch daran? All der Platz, die Kabine auf dem

Topdeck, die Serviceräume, die großen Schlafkabinen? Sonnenuntergang

von der Brücke?«

Eine große Idee, die aber je länger umso tiefer in der Schublade

der ewigen Träume verschwand.

Mark hatte Jenahak im Stich gelassen, dem unabwendbaren

Ende preisgegeben. Bei Hochwasser werden die Boote

Heck voraus und so hoch wie möglich auf das Ufer gezogen.

125


Sobald sich dann das Wasser zurückzuziehen begann, wurden

mit Presslufthammer und Brecheisen die Motoren aus der

Hülle gelöst, um sie mit starkem Krangriffen, den Aufbau in

Stücke zerschlagend, herauszureißen. Mit einem fahrbaren

Kran wird die Welle am Propeller herausgezogen wie ein fauler

Zahn. Es wird ein harter Tag sein, denn die Zeit der Ebbe

ist nicht lange. Mister Lee wird barfuß herumeilen und Anweisungen

auf Chinesisch und gebrochenem Englisch geben,

denn die Bangladesch-Arbeiter verstehen nur das.

Jenahak ist ein Meerfisch, der in den lokalen Fischrestaurants

sehr begehrt ist. Die Namentafel am Bug wird noch jahrelang

am Ufer des Dinding-Flusses zu sehen sein. Wer wird sie beachten?

Vielleicht ein Souvenirjäger.

126


Unter dem Kreuz des Südens

Insel Kuraman mit Leuchtturm.

Chillen auf der Jacht Makan Angin

Den Wind essen heißt Makan Angin in malaysischer Sprache.

Und den Wind essen wir, wenn wir planlos über das Wasser

oder über das Land ziehen, unbeschwert, sorgenlos, dorthin,

wo uns der Wind mit sich nimmt. Auch so hieß eine elf Meter

lange Sloop, mit der erfahrene und mit dem nötigen Patent

ausgerüstete Skipper Wochenendtörns im Südchinesischen

Meer vor der Küste Borneos unternehmen konnten. Beliebtestes

Ziel war eine Gruppe von kleinen Inseln, die sich unter der

südlichsten Spitze von Labuan angesammelt hatten. Die größte

davon hieß Kuraman, endete gegen Osten in einer langen

schmalen Sandzunge, die bei Flut nur gerade zwanzig Meter

breit war. Auf dem höchsten Punkt trug sie einen Leuchtturm.

Auf der geschützten nördlichen Seite, etwa in der Mitte der

Sandzunge, pflegte man Makan Angin zu ankern, wasserte

das Beiboot und transportierte Barbecue-Zubehör, schwere

127


Kühltaschen mit Esswaren und noch schwerere mit gekühltem

Weißwein aus Australien und Riesenmengen an lokalem

Ankerbierdosen an den Strand.

Die Fahrt vom Heimathafen nach Kuraman dauerte je

nach Wind und Wetter zwischen vier und sechs Stunden. Anspruchsvoll

vom Standpunkt des Navigators war nur die Zufahrt

zu den Inseln und das Navigieren dazwischen, wo sich

unzählige Korallen-Nadeln unter der Wasseroberfläche versteckten.

Und dazu waren Skipper sehr bemüht, ja angewiesen,

den Anker nicht in ein Korallenfeld zu werfen, genauso

wie sie darauf achteten, so viele Bierdosen wieder zurückzubringen,

wie sie mitbrachten. Ob nun leer oder noch voll,

spielte keine Rolle.

Im Westen versank die rote Sonne, während die Glut im

Grill das wohlverdiente Essen garte. Man versuchte sich in gastronomischer

Hinsicht zu überbieten, und mancher staunte,

was die Kühltaschen, die während der Überfahrt in den Bilgen

hin und her gerollt wurden, hergaben. Nach dem Nachtessen

lagen wir im warmen Sand und versanken unter dem makellosen

Sternenhimmel in der Gedankenwelt. Experten ereiferten

sich in astronomischen Kenntnissen, bis sich regelmäßig um

neun Uhr abends ein Licht von Norden durch das Sternenfeld

nach Süden bewegte. Das war der Abendflug von Hong Kong

nach Brunei, der genau über Kuraman zog, die letzte Bewegung,

die die Meteoriten stören konnte, bei denen jeder laut

oder leise Wünsche äußerte, wie etwa:

»Mehr Wind als heute.«

»Jene Regenwolke nicht hierher.«

»Möge das Bier morgen noch kalt sein.«

»Noch viele solcher Wochenenden.«

»Dass die alte Makan Angin flott bleibe.«

»Nur nicht auf ein Riff laufen auf dem Heimweg.«

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Dazu viele geheime Wünsche, die keiner aufschreiben will,

denn das Betrachten der Sterne vom Sand aus beflügelte die

Gedankenwelt, Gespräche verstummten. Steht unser Schicksal

wirklich in den Sternen geschrieben?

Der Orion, der große Wagen, die Zwillinge, der Sirius, die

Venus, die Plejaden, Kassiopeia und das Kreuz des Südens, das

wohl stolzeste Gestirn am südlichen Himmel. Bei ganz gutem

Wetter konnten Beobachter vom Leuchtturm aus in mondleeren

Nächten im Süden das Kreuz des Südens und im Norden

den Polarstern sehen, ganz knapp über dem Horizont und nur

wenn man ganz genau wusste, wo er war. Vier Grad über dem

Horizont und wir waren ja nicht viel mehr nördlich als eben

die vier Grad.

Meistens waren wir allein auf der Insel, nur die Leuchtturmbesatzung,

die wir kannten. Einmal hatte sich eine kanadische

Jacht in die Bucht verirrt und einmal eine aus Hong

Kong auf dem Weg nach Kuching. Beide kannten sie den Ort

von früheren Erfahrungen, als sie in der Gegend gelebt hatten

und mit Makan Angin hierhergekommen waren, vor langer,

langer Zeit.

Aufräumen zum Abschluss des Abends, Zurückschaffen

der ausgegessenen und ausgetrunkenen Behälter. Die Leuchtalgen

spielten mit den Schwimmenden wie Millionen von

Leuchtkäfern, bis eine Qualle der Freude Einhalt bot und ein

Aufschrei des oder der Getroffenen Panik auslöste. Nur selten

waren die Attacken mehr als nur ein Erschrecken oder nur

eine Einbildung, ein Phantasiegebilde, erzeugt durch die wilden

Geschichten von Rochen, Haifischen, Riesenquallen der

Abendrunde auf der Sandbank.

Dann die endlose Stille. Wir schliefen auf dem Deck, lasen

die Sternbilder, ließen den Strahl des Leuchtturms in regelmäßigen

Abständen über uns gleiten. Schauten den kleinen Boo-

129


ten zu, geschnitzt aus einem Stamm, gerade groß genug für

einen Mann, der bewaffnet mit Licht und Speer junge Tintenfische

aufspießte, die dann als Delikatessen verkauft wurden.

Die Jacht schaukelte langsam in den Wellen und die Ankerkette

klapperte, während der Wind mit der Takelage spielte,

sich drehte und Makan Angin den Wind aß und sich langsam

drehte, den Sternenhimmel mitnahm und den Leuchtturm

von Steuerbord nach Backbord versetzte ... Was steht in den

Sternen geschrieben?

130


Der zuverlässige Retter im Inselparadies

Der Krabbenfischer

Müde, aber erfüllt von verdienter Zufriedenheit wanderten

Henris Blicke am Ende eines erfolgreichen Tages zur Kette von

Inseln, die sich im blauen Dunst der untergehenden Sonne am

fernen Horizont verlor.

Sein ziemlich angeschlagener Kutter lag bewegungslos

im Schutz der nahen Kokosinsel vor Anker. Henri liebte die

Einsamkeit, mied den baufälligen Anleger, an dem vor allem

jüngere Fischer die Nächte mit lauter Musik und banalem Geplauder

verbrachten.

»Du kannst ja mit dem Beiboot ans Ufer, wenn dir meine

Gesellschaft unerträglich wird!«, offerierte Henri seinem jungen

Matrosen Opiter.

»Danke, Boss! Nur so, ab und zu mal sehen, was die andern

so tun!«, antwortete dieser.

Als nach kurzer Zeit seine Landausflüge immer seltener

wurden, fragte ihn Henri neckisch: »Was tun nun die anderen?«

»Egal, Boss!«, kommentierte der treue Gehilfe und setze

sich in den Deckstuhl neben seinen Kapitän.

Die sonnigen Gewässer der Torres-Straße zwischen Papua-Neuguinea

und Australien waren ihre Heimat. Henri war

131


glücklich, dass sein französischer Großvater Henri gerade hier

seine große Liebe gefunden und sich als Krabbenfischer niedergelassen

hatte.

Sein Vater, Henri der Zweite, übernahm den Segelkutter Shogun

sowie die Geheimnisse der Fanggründe, und so war es

ganz natürlich, dass Henri der Dritte diese Tradition in dritter

Generation weiterführte. Dem Lauf der Zeit folgend, wechselte

er zu einem Dieselkutter, den er Shogun II nannte. Die

Ruhe und die Freiheit, die ihm die Krabbenfischerei schenkte,

waren sein Leben. Dass die guten Zeiten allerdings vorbei waren,

störte Henri nicht, denn seine Kinder hatten sich auf dem

Festland lukrativeren Tätigkeiten zugewandt.

Die Schlamm- oder Mangrovenkrabben galten seit Langem

in der internationalen Gastronomie als große Delikatesse. Der

Fang in der Torres-Straße war streng geregelt und kontrolliert.

So durften ihn nur Eingeborene von Papua-Neuguinea

oder den Torres-Straße-Inseln ausführen. Die maximale zugelassene

Länge der Fangboote war 14 Meter, gefangen wurde

nur von Hand oder mit Schöpfnetzen. Bloß männliche Tiere

mit einer Minimallänge von 15 Zentimetern durften gefangen

werden. Sie wurden lebendig in speziellen Behältern transportiert.

Den Verbrauchern wurde empfohlen, die lebenden Tiere

vor der Zubereitung 35 Minuten in den Tiefkühler zu sperren,

wo sie dann sanft einschlafen und sterben.

Da der Krabbenfang sehr anstrengend und alles andere als

ertragreich war, hatten sich die meisten Fischer dem gängigen

und viel weniger regulierten Fischfang zugewandt.

Opiter, der schon auf der alten Shogun Matrose war, hatte

eine der Krabben, die ein Teil des täglichen Fanges war, gereinigt

und in der zerbeulten Blechpfanne auf den Gaskocher

gesetzt. Der angenehme Geruch verbreitete sich verführerisch

132


über das Deck. Seit dem Tod seiner Frau war dies Henris Zuhause,

und er fuhr den weißen Fischkutter mit sicherer Hand

zu den Korallenriffen, wo bei Ebbe die Tiere leicht zu fangen

waren. Mit dem steigenden Wasser der ankommenden Flut

zogen sich die Tiere in die Mangrovenbestände der sumpfigen

Inseln zurück. Dort waren sie sicher, denn die Krokodile würden

einen Fischer den Krabben vorziehen.

Aus dem alten Kassettengerät ertönte ein Song der Mills

Sister. »Diese Musik ist doch viel schöner, als was die am Steg

hören, Boss«, schmeichelte Opiter, denn oft hatte ihm Henri

von den Mädchen erzählt, die als seine Jugendfreundinnen

von seiner Insel als Gesangstrio Weltruhm erlangt hatten. »Ja,

Opiter, unsere Zeit, als es noch kein Fernsehen gab, als uns die

Mädchen mit ihren Liedern und ihrem Charme erfreuten, bis

sie weg waren!« »Und, du hast sie vermisst!«,

»Vor allem eine! Aber das ist lange her!«, ergab sich Henri

alten Erinnerungen.

Vertrautes Motorengeräusch weckte Henri aus seinem Traum,

und gleich sah er die weiße Superjacht Northern Blue in elegantem

Bogen in die weite Bucht einfahren. Beim Verlangsamen

der Fahrt senkte sich der scharfe Bug ins blaue Wasser,

um kurz darauf am Steuerbord der Shogun anzukommen. Etwas

neidisch schaute Henri zu seinem Cousin John, wie er sich

stolz aus dem weichen Kommandositz der Flybridge der neuen

Jacht schälte. Der Bootjunge reichte die Leine, wo sie von

Opiter übernommen und am Bollert beim Bug befestigt wurde.

Die langen Angelruten, die hinter dem Deckaufbau in Halterungen

steckten, bewegten sich wie Gerten im zarten Wind,

während Henri trotz seiner sechzig Jahre gewandt zu John auf

die Brücke kletterte. John hatte in jungen Jahren der Berufsfischerei

den Rücken gekehrt und sich mit List und Energie die

133


Handelsmonopole der Krabbenfischerei gesichert. So genoss

er es, mit der Jacht von einem Fangboot zum anderen zu kreuzen,

um den täglichen Fang einzusammeln.

Erst als Henri im Sitz neben John saß, fiel sein Blick auf den

Kajak, der vom Achterschiff über das Heck ragte.

»Was erschrickst du?«, fragte John.

»Den habe ich heute früh gefunden, ziemlich weit draußen,

dort, bei den blauen Inseln!«

»Ja, aber«, Henri wagte kaum die Frage zu stellen. John half

nach. »Er war leer, niemand war drin.«

Henris Blicke wanderten gegen Osten, zu den wenigen Palmen

auf der flachen Insel.

»Dort lagen wir vor zwei Tagen vor Anker, dort, wo der Kanal

hinter den Palmen ins offene Meer fließt. Opiter sah etwas

Kleines in den Wellen tanzen, das nicht wie ein treibender

Baum aussah. Mit dem Fernglas erkannten wir dann einen

Paddler, hilflos gegen die Strömung kämpfend, die ihn gegen

Westen ins offene Meer hinauszog!«

»Und ihr habt ihn dort gelassen?«

»Was denkst du! Opiter holte ihn mit dem Beiboot und wir

nahmen ihn an Bord. Es war ein besessener Australier mit wirrem

Haar und starrem Blick in die Ferne, der sich vorgenommen

hatte, von Papua-Neuguinea nach Australien zu paddeln.«

»Über die Torres-Straße?«

»Genau. Und er wollte nichts anderes. Gestern Morgen,

nach einer ruhigen Nacht an Bord, versuchten wir ihn zu überreden,

bei uns zu bleiben. Keine guten Worte, keine Mahnung,

keine Schauergeschichten von Strömungen oder Haifischen

halfen. Er wollte weiter.«

»So was Verrücktes!«

»Ja, eben ›mein Bruder wartet auf Thursday Island‹, hat er

gesagt: Also, lass ihn nur nicht zu lange warten, hast du auch

134


alles? ›Ja‹, entgegnete er gereizt. Und meine letzten Worte

waren: ›Du hast dein Leben in deiner Hand! Denk gut daran,

denn du hast nur eines!‹«

»Und?«, wollte John wissen, indem er Henris Blicken in die

blaue Wasserstraße hinaus folgte.

»Dort entschwand er unseren Blicken in den Wellen.«

»Tut mir leid, Henri. Ich werde den Kajak bei der Hafenpolizei

abgeben.«

»Vielleicht triffst du ja dort seinen Bruder!«

»Nicht, dass ich das unbedingt hoffe!«

Die beiden Matrosen hatten den Fang der Shogun gewogen

und in den Behältern der Northern Blue verstaut, worauf diese

gegen Süden im abendlichen Himmel entschwand. Opiter

kletterte zu Henri, wo sie mit Genuss ihre Krabbe verzehrten.

Vom nahen Leuchtturm fing der Lichtkegel an, seine Bahn

über die Wasserfläche zu ziehen.

»Das Kreuz des Südens, Opiter, siehst du?«

»Ja, wunderbar, Boss, ich guck es jeden Abend an, stelle mir

vor, wie die alten Segler sich daran orientiert und ihren Kurs

durch diese vielen Riffe gefunden hatten.«

»Nicht alle haben ihn gefunden, den richtigen Weg, Opiter,

viele sind gestrandet.«

»Stell dir vor, der Erste, der gekommen ist, der Torres, nach

dem die Straße benannt wurde, der wusste nicht einmal, dass

er so nahe an Australien vorbeigefahren war!«

»Das soll dich nicht wundern, denn siehst du etwas anderes

als Inseln? Und wenn du noch so nahe daran bist, so sieht

das Kap York immer noch wie eine Insel aus.«

Mit dem Gedanken an Torres und den vermissten Paddler

rollte sich Henri unter freiem Himmel in seine Decke, um bald

einzuschlafen.

135


Vahini, die Segeljacht

»Wach auf, wach auf, ich brauch deine Hilfe!«, wurde Henri

unsanft aus dem tiefen Schlaf gerüttelt.

»Was ist?«, erschrak er, als er in das braune, ihm unbekannte

Gesicht über sich starrte.

»Nein, ich habe deinen Kajak nicht!«, stammelte Henri weiter,

der den jungen Paddler über sich vermeinte. Aber dann sah

er den Irrtum ein und ergab sich in sein Schicksal, dass die Reihe

nun an ihm war, ausgeraubt und über Bord geworfen zu werden.

»Nimm alles, was ich habe, lass mich am Leben, bitte, bitte!«

»Nein, um Gottes Willen, hab keine Angst, ich brauche

Hilfe, meine Jacht ist weg, du musst mir helfen, sie zu finden.

Bitte«, sprach der Mann mit zitternder Stimme und fremdem

Akzent.

Henri richtete sich auf und rieb sich die Augen aus. »Was?

Deine Jacht ist weg? Ich habe keine Jacht gesehen!«

»Doch, meine Jacht ist verschwunden, bitte helfen Sie mir

beim Suchen!«

»Ruhen Sie sich aus, trinken Sie etwas, schlafen Sie an

Bord, und dann suchen wir Ihre Jacht, sobald es hell wird. Im

Dunkeln sehen wir ja nichts.«

»Nein, das geht nicht, meine Frau und mein Sohn sind allein

auf einer Insel und haben Angst, bitte kommen Sie jetzt

mit mir.«

»Die weiße Jacht bei der Insel mit den Palmen?«, erinnerte

sich Henri, die Jacht am frühen Nachmittag auf dem Weg vom

Fanggebiet dort gesehen zu haben. Eine bescheidene Rauchwolke

ließ darauf schließen, dass die Crew an Land am Grillen

war. Was früher oft gesehen wurde, war nun eine Seltenheit

geworden, denn Segler schienen die Torres-Straße und die

Passage nördlich von Australien zu meiden.

136


»Aber das sind ja fünf Seemeilen von hier, wie sind Sie gekommen?«,

wunderte sich der nun hellwache Henri.

»Im Schlauchboot gerudert. Es war zuerst noch hell, und

als es dunkel wurde, bin ich dem Leuchtturm gefolgt.«

Erst da bemerkte Henri, dass der Fremde nur mit dem Unterteil

eines Damenbikinis bekleidet war.

Nachdem sich Henri überzeugt hatte, dass das Mondlicht

eine Überfahrt erlaubte, band er sein Beiboot los, bat den

Mann einzusteigen und startete den Außenbordmotor.

»Was ist passiert? Erzähl«, wollte nun Henri wissen.

»Wir sind auf der Fahrt von Tahiti nach Brisbane. Meine

Frau heißt Kinawa. Sie ist von Tahiti und wir haben die Jacht

dort selber gebaut. Wir tauften sie Vahini.«

»Ein schöner Name, aber wo kommen Sie her?«, wollte

Henri wissen.

»Ich bin Brasilianer und heiße Paolo und so heißt mein

sechs Jahre alter Sohn!«

»Nun, was haben Sie Ihrer Vahini angetan?«

»Wir verbrachten einen Tag an Land. Als wir weiterwollten,

war das Schiff weg. Vielleicht zu wenig Ankerkette? Gestohlen?

Ich weiß es nicht!«

Und so landeten sie an der einsamen Insel, wo die Frau,

in ein kleines Badetuch gehüllt, fröstelnd im Mondschein am

Strand wartete.

»Nichts gefunden, Paolo?«

»Nein, aber das ist Henri. Er wird uns morgen helfen.«

Gemeinsam fachten sie das sterbende Campfeuer an, um

den Rest der Nacht so angenehm wie möglich zu verbringen.

Noch vor Sonnenaufgang schoben sie das Beiboot in die

ruhige See.

»Wo fangen wir an?«, wollte Paolo wissen.

»Es gibt nur eine Richtung, Paolo, und das ist mit der Strö-

137


mung, gegen Westen, denn Wind hatten wir keinen!«, erklärte

Henri, indem er aufs offene Wasser deutete.

Paolo erschrak, denn er hatte in jener Richtung einige Lichter

von passierenden Schiffen gesehen. Auch wusste er, dass

genau dort das große Riff lag. Herzklopfend saß er im Bug des

kleinen Bootes, den starren Blick mit der erwachenden Sonne

gegen Westen gerichtet.

Nach einer Stunde entdeckte Henri die weiße Jacht zuerst.

Er wollte nichts sagen, denn er wusste, dass ihre Fahrt am Riff

ein schreckliches Ende genommen haben musste. Die Familie

tat ihm leid. Und er? Gestern der Paddler und heute die stolze

Vahini.

»Henri, Vahini, dort, schnell!«

»Wo?«, wollte er ihm die Freude des Entdeckers nicht nehmen.

Als sie näherkamen, bemerkte Henri, dass sich der Mast

bewegte. Erleichtert atmete er auf. Der Anker oder die Kette

mussten sich irgendwo verfangen haben, sodass das Heck der

Jacht weniger als einen Meter vor den messerscharfen Korallen

zum Stillstand gekommen war. Paolo jubelte und umarmte

Henri, ehe er auf die Jacht sprang.

Er warf den Dieselmotor an. Henris Boot wurde am Heck

belegt und der Anker gelichtet. Das regelmäßige Tuckern

klang wie Musik in Paolos Ohr.

»Segel hoch, denn das habe ich Kinawa versprochen!«

138


Henri freute sich mit Paolo, als sich das weiße Großsegel

füllte, während es mit schnellen Kurbeldrehungen dem Mast

entlang in den blauen Morgenhimmel gezogen wurde.

»Wann war ich das letzte Mal auf einer Segeljacht?«, fragte

sich Henri. Die Stille überwältigte ihn, als der Motor verstummte

und sich die Jacht ganz langsam gegen Backbord

neigte. Die Fock rauschte im Wind, bis sie von der straffen

Vorschote im Banne gehalten wurde und mithalf, hoch am

Wind zur Insel zu kreuzen.

Kinawa wirbelte und wand sich im Südseetanz, während

klein Paolo unbekümmert von allem Treiben Bilder in den

weißen Sand kratzte. »Ich war so glücklich, als ich das weiße

Segel sah!«, umarmte sie zuerst Paolo und dann Henri,

der nicht wusste, wie ihm geschah. Zuletzt fasste sie ihren

Sohn an beiden Händen und verwickelte ihn in den wilden

Tanz.

»Mama, pass doch auf meine Bilder auf, du machst sie kaputt.

Ich habe sie für Onkel Henri gezeichnet. Sie sollen immer

hier sein, sodass er sich an uns erinnert!«

Und dann das

Lange winkten sie ihm nach, als er allein gegen die Mittagssonne

in Richtung Kokosnuss-Insel tuckerte. Henri war zufrieden

mit seinem Tag, bis er auf seine Shogun geklettert war,

wo ihn Opiter mit der Nachricht empfing: »Boss, ein Radioanruf

von der Northern Blue. Der Bruder des Paddlers hat John

gefunden. Wir sollen sofort aufbrechen, denn die Polizei will

uns sehen!«

Der schöne Tag war vorbei, vorbei das Krabbenfischen,

vorbei das sorgenlose Herumziehen mit der Erinnerung an die

glückliche Kinawa, bekleidet mit ein paar zusammengebunde-

139


nen Blättern, da Paolo immer noch ihr Unterteil trug. Und die

Bilder des kleinen Paolo im Sand.

»Anker hoch. Ich wollte, ich könnte dem armen Mann dieselbe

Hoffnung machen wie Paolo mit seiner Vahini, die durch

ein Wunder vor dem Riff aufgehalten wurde.«

»Ja, Boss!«

»Und weißt du, Opiter, was immer passiert, sie werden

immer wieder kommen, angezogen vom Kreuz des Südens. In

kleinen und in großen Booten, denn immer wird sie der ewige

Horizont weiter locken, immer werden sie wissen wollen,

was dahinter ist. So wie Torres, James Cook und wie sie alle

hießen.«

»Und wir? Wir werden immer hier sein, um ihnen zu helfen!

Nicht wahr, Boss?«

140


Auf großer Fahrt

Komm, wir segeln um die Welt

Es war wie eine Heimkehr in ein geliebtes Land, als wir 1990

nach sechsjährigem Aufenthalt in Europa wieder am weißen

Strand von Borneo landeten. Wir trafen viele Freunde aller

Rassen und Klassen, die wir entweder früher in Brunei oder

in der Zwischenzeit irgendwo getroffen hatten.

»Hast du von John gehört? Nein? Also, der hat das Unmögliche

geschafft, denn der konnte seine chinesische Freundin

dazu überreden, mit ihm um die ganze Welt zu segeln«, erzählte

mir Lee, der seinen Unterhalt in einer Schifffahrtsgesellschaft

verdiente, im Golfklub.

»Erstaunlich, denn ihr macht ja nur, was Geld einbringt,

und um die Welt zu segeln, gehört da nicht dazu«, antwortete

ich. Zwei Jahre Geld ausgeben, anstatt zu verdienen, um den

Reichtum zu vergrößern, passte tatsächlich nicht zur chinesischen

Lebenseinstellung.

»Ja, das ginge noch, aber unsere Frauen werden ja seekrank,

wenn sie nur ein Boot im Hafen sehen, was noch

schlimmer ist, als kein Geld verdienen«, kommentierte Lee,

ehe wir uns erhoben, um die angefangene Golfpartie zu beenden.

Die Sonne war schon nahe beim Horizont des dunkelblauen

Meeres, das zwischen den Bäumen des Golfplatzes

sichtbar war. Mit großer Bewunderung und nicht gerade

wenig Neid dachte ich an John. Er hatte als junger Mann für

eine Servicefirma auf den Bohrinseln gearbeitet. Man sah

ihn im Club mit seiner attraktiven Partnerin, der Tochter

einer reichen und angesehenen Handelsfamilie chinesischer

Abstammung.

141


Damals, also vor sechs Jahren, hatte er ein ausgemustertes,

zehn Meter langes Rettungsboot gekauft. Im Garten vor seinem

Haus hatte er es mit der Hilfe von Freunden in eine Segeljacht

umgebaut. Ein Teakdeck mit Luxuskabine, Steueranlage

und ein Mast wurden um den bestehenden Dieselmotor

herum eingebaut. Als es zum Zeichnen der Wasserlinie kam,

wusste keiner so genau, wie das anzustellen sei. Also bauten

sie mit Plastiktüchern einen Tank um das fertige Boot, füllten

ihn mit Wasser, bis das Boot schwamm. So wurde die Wasserlinie

gezeichnet und alle Neugierigen standen kurz darauf im

Hafen, als dann der Stapellauf stattfand, und lächelten mitleidvoll,

während John und seine Crew den Atem anhielten.

Ein Raunen ging durch die staunende Menge, übertönt vom

erleichternden Jubel der Crew, als die Hülle genau auf der Line

zur Ruhe kam. Probefahrten, Änderungen, Ausbesserungen,

Verbesserungen und das Anbringen von Ausrüstung, extra

Segel und vieles mehr füllten die nächsten Monate, während

John mit dem Sextanten am Ufer stand und Astronavigation

übte. Man brachte ihm bei, wie man die Sonne, den Mond und

die Sterne beobachtet und Standlinien zur Ortsbestimmung

auf eine Karte zeichnete. Experten halfen ihm beim Kaufen

der Karten, Gezeitentafeln, Reduktionstafeln, Logbuch und

so weiter.

Und dann, eines Tages bei Flut, verließen sie den heimatlichen

Fluss über die Bar und segelten gegen die untergehende

Sonne. Die Expat-Freunde mit letzten Anweisungen, mit

Abschiedsbier in der Hand und ein paar chinesische Freunde,

jeder mit seinen Gedanken, wehmütig, neidisch, traurig, sich

selber lösen wollend vom Angeborenen, von den Pflichten,

dem Alltag, in die Ungewissheit. Einfach mit dem Wind, der

Sonne entgegen, in das Abenteuer, in das freie Leben.

142


Singapur, Malaysia, Sri Lanka, Malediven, Seychellen,

dann die griechischen Inseln, der türkische Halbmond, die

Mafia, Maghreb, weiter durch den Panamakanal über Hawaii

in die ewige Südsee, dann Hochzeitsglocken auf Rara Tonga,

nie mehr seekrank, nur noch Honigsaft der Südseeblumen,

Vollmond, weiße Wellen, blaue See, dann Neuseeland, Australien,

der indonesische Archipel mit tausenden von verlassenen

Buchten, Korallenriffen, Singapur, Kuching, wieder über die

Bar in den Heimathafen. Zwei Jahre unbeschwertes Dahinziehen.

Wer von den alten Freunden war noch zu finden? Kein

Radio, nur spärlicher Kontakt, die meisten sahen erst das Boot

im Hafen, dort bei der Mauer, hinter dem offenen Markt ...

Der schon lange Vergessene, der Verschollene, die vermisste

Tochter waren wieder da.

Vom unbekannten Angestellten mit lokaler Freundin vor der

Abreise hatten sie es zu viel umworbenen Dinner-Party-Gästen

gebracht, die immer etwas zu erzählen hatten.

»Wie war’s, wart ihr viel seekrank, hattet ihr Heimweh, wo

hat es euch am besten gefallen? Wann geht ihr wieder?«

Mehr Fragen als Antworten, wo soll man anfangen zu erzählen?

Was ist wichtig? Es ist das eigene, ganz private Erlebnis,

nicht eines, das man teilt. Es will verarbeitet werden, man

muss den Schock überleben, dass die Zeit weitergegangen ist.

Die zwei Jahre hatten den Heimathafen verändert, Gesichter

wurden ausgetauscht, was einst bedeutend war, war weg, was

Nebensache war, ist Tagesgespräch oder existierte gar nicht

mehr. Zurück zu den Wellen, ohne tägliche Einkaufsliste, Dinner-Einladungen,

Clubrechnungen, Überlebenskampf, ohne

geregelte Leben.

Nein, sie ließen sich nieder. Von der langen Reise zeugt ein

Bild der Jacht an der Wand hinter dem Pult im Direktionsbüro

143


einer der Firmen des Schwiegervaters. Tiefblaue See, blauer

Himmel, weiße Segel, weißer Rumpf. Auf dem Pult ein Foto

einer strahlenden Mutter mit zwei kleinen Kindern. Neue Erlebnisse,

neue Werte, neue Kurse, andere Pflichten ...

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Die Reise war ihr Ziel –

und nächstes Jahr fahren wir in die Schweiz

In der lokalen Zeitung stand es geschrieben, mit einem Bild

des strahlenden Seemanns, des guten Freundes, mit einer

Hand an den Wanten seiner 14 Meter langen Jacht »Seahawk«,

braungebrannt, den Blick in die Ferne gerichtet. In der blauen

Südsee, in der Nähe von Vanuatu, ganz unerwartet einem

Hirnschlag erlegen, fern von Hilfe und Unterstützung. Karl

war noch jung, hätte noch vieles sehen wollen, hatte noch vieles

vor. Alle, die ihn kannten, waren sprachlos, entsetzt, dann

sehr traurig.

Etwa ein Jahr davor führte ich ein ungewöhnliches Telefongespräch

in einer für mich völlig fremden Sprache. Auf mein

Ersuchen, sein Anliegen in englischer Sprache nochmals zu

wiederholen, fragte jener ganz entrüstete auf Englisch: »Verstehen

Sie denn kein Schweizerdeutsch mehr?«

»Doch, das schon, aber das war kein mir bekannter Dialekt!«

Schweigen. Dann stellte sich Karl in englischer Sprache als

Weltumsegler vor, der, soeben mit seiner Jacht aus Singapur

kommend, im Hafen von Muara eingelaufen sei. Und dort

habe man ihm diese Telefonnummer gegeben, denn schließlich

seien wir ja Landsleute.

Der Schauplatz war Brunei an der Nordküste Borneos.

Muara war der offizielle Hafen am östlichen Ende des Landes,

in der Nähe der Hauptstadt Bandar Seri Begawan. Ich lebte

mit meiner Familie am westlichen Ende, nahe der Grenze zu

Sarawak, wo die Ölindustrie ihre Niederlassungen hatte. Fahr-

145


zeit war, je nach Verkehr, eine bis etwa eine und eine halbe

Stunde. Da zuständig für die Belange der Seemessung einer

Ölfirma, die den Hafen von Muara frequentierte, kannte man

mich im und um den Hafen.

Schneller als gedacht bot sich eine Gelegenheit, geschäftlich

nach Muara zu fahren. Vom Ende der Hafenmauer sah ich

die weiße Jacht in der Bucht vor Anker liegen. Die rote Windfahne

des Autopiloten zierte das Schweizer Kreuz. Eine männliche

Gestalt bewegte sich auf dem Vorschiff, zu der ich eher

vorsichtig meine rechte Hand zum Gruß erhob. Die Gestalt

eilte zum Cockpit, griff zum Fernglas, kletterte nach kurzem

Blick ins Beiboot, um in elegantem Bogen zum Steg zu fahren.

Lange Vorstellung war nicht nötig und schon wurde ich

an Bord seiner blonden Frau Tina und dem zehn Jahre alten

Sohn Kurt vorgestellt.

Das Sprachengeheimnis wurde schnell gelüftet, denn seine

Frau war Holländerin und man sprach an Bord Holländisch.

Das Schweizerdeutsch wurde zum Cocktail der beiden

Sprachen mit Zugabe von etwas Englisch und Afrikaans. Karl

konnte sich kaum erholen, dass er die Muttersprache fast verloren

hatte. »Große Fahrt bringt einem nicht oft in Seehäfen,

in denen Schweizerdeutsch gesprochen wird«, tröstete er sich.

Viele gemeinsame Interessen der beiden bärtigen Träumer

führten schnell zu einer tiefen Freundschaft zwischen unseren

Familien. Wenn immer es die Zeit und Gelegenheit erlaubte,

besuchten wir Seahawk, segelten mit ihnen vor der Küste Borneos

oder zu der nahen Insel Labuan. Im Gegenzug besuchte

uns Karl auf ›Landurlaub‹.

Während den angeregten Unterhaltungen lernten wir

stückweise die lange Geschichte der Seahawk und ihrer Crew

kennen. Karls Schweizerdeutsch bekam wieder eine verständliche

Form, blieb aber gespickt mit Wörtern aus dem hollän-

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dischen und englischen Sprachbereich oder komponierte, wie

das bei Auslandschweizern, die vom regelmäßigen Umgang

mit Landsleuten verschont blieben, eigene Worte.

Karl hatte in jungen Jahren die Liebe zur See als Maschinist

auf einem Hochseeschiff der Schweizer Handelsflotte kennen

gelernt. Bald einmal, müde von der Routine auf großen

Schiffen, hatte er in Rotterdam eine Segeljacht gekauft, die er

Seahawk nannte, womit er Charterfahrten in der Nordsee und

in den britischen Gewässern unternahm.

Sein Ziel aber blieb die große Fahrt mit seiner Jacht. Eines

Tages charterten sechs junge Damen die Seahawk für eine frohe

Fahrt. In der Annahme, dass der Gastgeber ihrer Sprache

nicht kundig sei, bewunderten sie munter den jungen Skipper

aus der Schweiz, bis sie dann erschraken, als er sie am Ende der

Fahrt auf gut Holländisch verabschiedete.

Nicht erschrocken war Tina, die ihr Herz an Bord verloren

hatte und bald als Frau des Skippers an Bord einzog. Als

Tochter eines Schlepper Kapitäns auf Europas Binnenwasserwegen,

kannte sie das Leben auf dem Wasser.

Nun begleitete sie ihn auf den Charterfahrten, anfangs von

Amsterdam und später von Wales, wo dann der Sohn, jung

Kurt, das Licht der Welt erblickte.

Der europäischen Kälte entfliehend, verlegten sie ihren

Hafenplatz nach Portugal. Dort wurde dann das Innere der

Jacht mit den günstigeren Arbeitskräften nach ihren Wünschen

umgebaut.

Die Takelage und die Position der Winden legten sie so aus,

dass die Jacht mit zwei Masten und bis zu 150 Quadratmeter

Segel zu zweit sicher gesegelt werden konnte. Alle Fallen führten

zum geräumigen Mittelcockpit, wo sich auch das große

Steuerrad befand, von dem der Skipper bequemen Ausblick

auf alle Winden und Segel hatte.

147


Im Heck entstand eine geräumige Kabine mit Doppelbett

für die Eigentümer. Im Mittelschiff, gerade vor dem Cockpit,

lag nochmals eine Doppelkabine mit zwei Einzelbetten und

einem Sofa. Mittschiffs davor, im Bug, war die Nasszelle mit

Toilette und Waschraum, an Steuerbord die Kombüse und

Backbord eine Werkstatt mit zwei Notbetten, die Karl und

Tina auf Charterfahrten bezogen, um die beiden großen Kabinen

bis zu sechs Gästen in zwei Partien zu überlassen. Das

Cockpit war so groß, dass alle acht Personen darin bequem

sitzen konnten. Zum Essen wurde ein Tisch aufgeklappt, der

ebenfalls acht Plätze hatte. Wurde nicht gesegelt, schützte ein

großes Stoffdach das Cockpit gegen Sonne oder Regen.

Um das Kap der Guten Hoffnung

Nach ein paar erfolgreichen Jahren in Teneriffa ging die Fahrt

mit kurzen Aufenthalten in Dakar und Monrovia nach Kapstadt.

In Ermangelung von genügend Charter-Aufträgen

nahm Karl eine Anstellung in der Stadt an. Sie kauften ein

Auto und lebten ein fast normales Landleben, bis die Unruhe

wieder überhandnahm und Karl seine Arbeit mit der Absicht,

weiter gegen Osten zu segeln, kündigte. Die Ferienküste Ostafrikas

mit Mombasa, Sansibar oder den kleineren Inseln vor

der Küste Tansanias war das nächste Ziel.

»Tagelang kämpften wir gegen die starke Strömung in der

Straße von Mozambique, waren tagelang mehr oder weniger

auf derselben Position. Und dabei haben wir die gute Jahreszeit

für die Fahrt gegen Norden gewählt«, erzählte Karl mit

feurigen Augen und fuhr weiter, »dann plötzlich sah ich direkt

vor uns das gefürchtete Schwarze Loch im Wasser. Ich

hatte davon gehört, aber nie richtig daran geglaubt. Du siehst

plötzlich kein Wasser mehr, fällst in einen tiefen Abgrund,

148


ich dachte das sei das Ende, schloss die Augen und hielt mich

am Steuerrad fest. Die Fahrt in die Tiefe war rasend, das Ende

nahe, dabei legte sich die Jacht stark, viel zu stark auf Steuerbord.

In Gedanken sah ich uns begraben im tiefen Loch mit

den Wassermassen über uns zusammenbrechen, die Segel mit

Wasser füllen, rettungslos. Doch plötzlich stoppte die rasende

Fahrt und die Jacht schoss wie ein Korken gegen den grauen

Himmel. Der Bug zeigte steil nach oben und das Boot richtete

sich auf, mit den Masten senkrecht gegen den rettenden Rand.

Mit zitternden Knien, die einzusacken drohten, sank ich auf

den Steuerstuhl. Was ist da passiert?, fragte ich mich. Die flatternden

Segel begannen sich im starken Westwind zu füllen

und die Jacht neigte sich leicht gegen Steuerbord und nahm

wieder Fahrt auf. Lange starrte ich vor mich hin und versuchte

herauszufinden, ob ich noch am Leben war, irgendwo unter

der Wassermasse in einer anderen Welt oder gar in einem

anderen Leben, denn es war einfach unglaublich, dass man

sowas überleben konnte. Erst als ich meine Frau und meinen

Sohn im Innern der Jacht sah, wusste ich, dass ich noch am Leben

war und atmete tief durch. Ein Glück, dass die zwei in der

Kabine und nicht auf Deck waren, wo sie sicher weggespült

worden wären. Im Innern wurde alles durcheinander geworfen.

Bücher, Geschirr, Werkzeug, Kissen lagen zerstreut in den

Kabinen. Einiges war zerbrochen, aber wir haben überlebt. Die

Wellen waren immer noch riesengroß, weshalb wir beschlossen,

den ersten Hafen in Madagaskar anzulaufen, um die Jacht

einer gründlichen Überholung zu unterziehen. Ich wollte die

Ruderanlage nachsehen, denn die Steuerung hatte wesentlich

mehr Spiel als vor der Fahrt durch die Hölle.«

Der ernste Ausdruck im braungebrannten Gesicht und der

Blick in den feurigen Augen des erfahrenen Seemanns schürten

Erinnerungen an Geschichten aus dem Bermuda-Dreieck

149


und vertrieben jeglichen auch noch so schwachen Gedanken

an Seemannsgarn. Oft in hohem Seegang mit dem Blick von

der Brücke in die tobende See erinnerte ich mich auf späteren

Fahrten an diese Schilderung, versuchte mir das Phänomen

des Schwarzen Loches im aufgewühlten Meer vorzustellen.

Gegen den Morgenstern

Vergessen war Sansibar und die Nelken, nur weg wollten sie

von der stürmischen Küste.

Diego Garcia, ein Teil des Chagos-Archipels in der Mitte

des Indischen Ozeans, bot sich als erstes Ziel auf dem Weg

nach Singapur. Dort waren die Besatzungsmitglieder des

USA-Stützpunktes dankbare Kunden für Wochenendausflüge

mit der Seahawk. Da seit langem die erste besuchende Jacht,

lud man die Besatzung in die Aufenthaltsräume ein und bewirtete

sie großzügig.

»Beinahe hätte ich dort die Seahawk verloren!«, erinnerte

sich Karl.

»Auf einem unserer Wochenendausflügen mit Garnison-Mitgliedern

erspähte ich einen amerikanischen Schlepper,

der teilweise zerschellt auf einem Riff lag. In der Annahme,

dass noch Diesel an Bord zu finden war, wollte ich mich an

dieser freien Tankstelle bedienen, zumal unser Tank beinahe

leer war. Unter dem Vorwand fischen zu gehen, verließen wir

eines Morgens den Hafen. Alle unsere Manöver wurden streng

kontrolliert, da die weitere Umgebung der Inseln Militärzone

war. Und so zogen wir in einer gewohnten Richtung vom Hafen

weg und bogen dann, außer Sicht vom Ufer, gegen das Riff.

Ich hoffte, dass sie uns nicht auf dem Radarschirm verfolgten.

Eigentlich wäre der Seegang viel zu hoch gewesen, um ohne

Risiko nahe genug am Wrack zu ankern, aber die Aussicht auf

150


Gratistreibstoff war allzu verlockend. So ließ ich das Motorboot

ins Wasser und versuchte das Ende eines Schlauches zum

Schlepper zu bringen. Allein das An-Bord-Klettern war eine

Riesenanstrengung, denn die Hülle war schon stark mit den

scharfkantigen Muscheln bewachsen, was für mich eine große

Verletzungsgefahr bedeutete. Auf und ab tanzte das leichte

Boot vor den Krallen, bis ich mich mit mutigem Sprung, den

Schlauch in einer Hand, an die Reling heftete, wo mir dann

aber der Schlauch entglitt. Es blieb nur ein gewagter Sprung

zurück ins Wasser, zwischen die Krallen des Riffes, um dann

nach dem langsam davontreibenden Beiboot zu schwimmen.

Nicht aufgeben. Für einen weiteren Versuch sicherte ich das

Boot mit langer Leine an der Jacht und band den Schlauch an

meinem Gurt fest. Dieser zweite Anlauf brachte Erfolg und ich

konnte den Tank mit etwas Mühe öffnen. Saugen, rief ich zur

Jacht. Schimpfendes Ausspucken bestätigte mir bald, dass der

Treibstoff floss. Alle möglichen Behälter wurden gefüllt und

ich habe bereut, dass die Seahawk keinen größeren Treibstofftank

hatte.«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Immer näher trieb Seahawk

gegen das tödliche Riff und, was sicher im allerletzten Moment

war, sprang der Motor an und der Anker wurde gelichtet,

als wir schon achteraus Fahrt aufgenommen hatten, nur um ja

nicht von einer starken Welle auf das Riff oder das Heck des

Schleppers gehoben zu werden.«

»Wo sind nun deine Fische?«, wollte der Hafenmeister wissen,

nachdem wir wieder sicher im Hafen gelandet waren.

»Nicht einen einzigen richtigen Fisch haben wir gefangen,

nur ein paar kleine, die wir gleich wieder zurück ins Wasser

geschmissen haben«, antwortete Karl.

»Wo hast du dich denn verletzt? Deine Knie und Vorderarme

sehen ja aus, als wärst du in ein Riff gefallen«, fragte der

151


Hafenmeister verwundert, »muss wohl so sein«, fuhr er fort,

als von Karl nur ein kalter Blick als Antwort kam.

Und dann, ein paar Tage später, als sich Seahawk zur Weiterfahrt

klarmachte, offenbarte der Kommandant der Garnison:

»Karl, wir haben Treibstoff für dich bereitgestellt. Da wir

mit euch und der Seahawk eine gute Zeit hatten, haben wir

uns entschlossen, gratis aufzutanken, nur so, aus Dankbarkeit.«

Mit vielsagendem Blick schaute Tina den staunenden Karl

an, als wollte sie fragen: »Und, was sagst du nun?«

Singapur, Perle des Orients

Der Changi-Jacht-Club in Singapur war das nächste Ziel der

Reise. Teures Leben, schwierig Arbeit zu finden, keine Kundschaft

für Charterfahrten. Aber mit Beziehungen fand Karl

doch einige Kurzarbeiten, die den Lebensunterhalt ermöglichten,

nötige Ausbesserungen an der Jacht erlaubten und

somit etwas Ruhe ins bewegte Leben brachten. Auch musste

man sich wieder einmal ernsthaft um die Ausbildung des zehn

Jahre alten Sohnes Kurt kümmern. Die Mutter unterrichtete

ihn nach einem holländischen Fernkurs für seefahrende Familien.

Nur, dass im Leben neben der Seefahrtkunde auch Schule

wichtig sein könnte, wollte klein Kurt nicht so recht einsehen.

Er kannte alle Knoten, wusste, dass man einen Tampen oder

eine Leine immer mit dem Blick gegen die Sonne aufschießt

und dass übermorgen der Wind aus der Richtung der Öffnung

im Hof um den Mond kommen wird.

Er konnte im Dunkeln einen Außenbordmotor auseinandernehmen

und wieder zusammensetzen und wusste sogar,

wie man navigiert. All das interessierte ihn mehr als sieben

mal sieben. Das war gut für die Landratten.

152


Neben den Arbeiten am Land fanden Karl und seine Crew

viele Gelegenheiten, anderen Jachten im Hafen nützliche

Dienste anzubieten. Seine Erfahrung mit Dieselmotoren

und Navigationsinstrumenten machten ihn zum populären

Helfer in vielen Nöten, denn handelsmäßige Dienste sind in

der tropischen Weltstadt teuer und nicht sofort erreichbar,

vor allem, wenn man vor dem Auslaufen plötzlich ein störendes

Geräusch aus dem Motorenraum hört oder eine automatische

Steuerung nicht mehr richtig funktioniert. Tina half

mit Nähen aus, während klein Kurt mit dem Beiboot Taxifahrten

zwischen dem Ufer und den verschiedenen Jachten

ausführte.

Changi bot viele Möglichkeiten für kurze Fahrten zu den

Inseln um Singapur und über die Straße von Johor zum benachbarten

Malaysia. Viele versteckte Buchten boten ruhige

Ankerplätze mit klarem Wasser, das zum Tauchen und Baden

einlud. Auf der nahen Insel Ubin lag Hongs Marina mit einem

gern besuchten Fischrestaurant, wo sich sonntags die Gäste,

entweder auf dem Landweg mit Fahrrad oder auf dem Seeweg

trafen. Das Gedränge war so groß, dass man oft stundenlang

auf das Essen warten musste. Aber dies ließen sich die

Gäste gerne gefallen, denn was man dann bekam, war ausgezeichnet.

Pfefferkrebse, Garnelen, grillierten Fisch mit Belachan,

einer Garnelenpaste, deren Geschmack für Europäer

gewöhnungsbedürftig war. Oder dann gedämpften Fisch mit

Ingwer und orientalischen Gewürzen. Ganz speziell war der

Garupa, knusprig frittiert oder ganz einfach gebacken und an

süß saurer Sauce serviert. Nicht für jeden Geschmack war der

Quallensalat oder die Seegurke mit chinesischen Pilzen und

Kailan.

In Changi steht noch das berühmt-berüchtigte Gefängnis

aus der Kolonialzeit. Während der japanischen Besetzung im

153


Zweiten Weltkrieg wurden dort tausende der alliierten Truppen

unter bedenklichen Bedingungen gefangen gehalten.

Einer davon war »King Rat«, der mit einem ausgeklügelten

Fangsystem mit Rattenfleisch den Speiseplan bereicherte.

Unter den großen Bäumen der Straße entlang versteckten

sich gemütliche Restaurants, von denen man, begleitet vom

zarten, beruhigendem Rauschen des kühlenden Abendwindes

in den großen Blättern, das bunte Leben der Vorstadt beobachten

konnte. Dort trafen sich die »Big Bikers« mit den

Harley-Davidsons, Kawasakis oder Hondas für den Abendplausch.

Dort traf man auch die Öl-Leute von der Offshore

Base und die Jachties vom nahen Jachtclub. Im nahen Abendmarkt

konnte man bis spät in die Nacht für sehr wenig Geld

ein volles Nachtessen bekommen.

In Changi, wo man sich noch in den Orient verlieben

konnte, fühlte man sich schnell und gerne zuhause, obwohl

sich das nahe Singapur in den vergangenen Jahren zur modernen

Weltstadt im Orient entwickelt hatte. Und so hat auch die

Seahawk Crew sehr oft davon erzählt und dass sie, wäre das

Leben nicht so sündhaft teuer gewesen, gerne länger dortgeblieben

wären.

Für das nächste Ziel, Indonesien, musste vor der Abreise eine

Kreuzfahrtbewilligung für die indonesischen Gewässer eingeholt

werden. Dies erforderte eine Reihe von Besuchen auf

der indonesischen Botschaft. Formulare musste ausgefüllt

werden und Papiere, die den Ursprung, Besitz und Wert der

Jacht bestätigen, wurden verlangt. Fotos aller Besatzungsmitglieder

– nein, nicht nur das des Skippers – und die genaue

Reiseroute wollten sie haben.

»Wie können die das nur verlangen, ich weiß doch nicht,

wohin uns der Wind blasen wird, und wenn es uns in einer

154


Sunda Kelapa, der älteste Hafen von Jakarta, mit Pinisi, Frachtenseglern

aus Holz.

Bucht gefällt, wollen wir bleiben, nicht weiterziehen, weil es

nun mal so in unserem Fahrplan steht.« Um das Papier zu bekommen,

wurde dann doch ein Reiseplan hinterlegt.

Indonesien

Nicht der mondäne Jachthafen, sondern Sunda Kelapa, der

älteste Hafen von Jakarta, mit den großen bunt bemalten

traditionellen Lastsegelschiffen, genannt Pinisi, war das Ziel.

Seahawk legte hinter der Hafenmauer, kurz nach der Einfahrt,

den Anker. Die Einwanderungsbehörde glaubte, sie hätten den

Jachthafen nicht gefunden und wollte gleich hilfsbereit einen

Lotsen für die Fahrt zum Jachthafen abkommandieren. Das

lehnte Kurt mit heftigen Worten und Gesten ab und konnte

sogar erwirken, dass Seahawk für einige Tage neben dem bun-

155


ten Treiben der eleganten Boote mit den blauen Segeln liegen

durfte.

Einige der traditionellen Boote wurden ganz auf Motorbetrieb

umgerüstet, behielten aber den Mast als Kranbaum, denn

wo sie verkehrten, gab es keine Hafenanlagen mit Belade- und

Entladevorrichtungen. Was nicht mit eigenen Hebemitteln

befördert werden konnte, musste auf krummem Buckel über

schaukelnde Planken transportiert werden. Die Bemalung der

Boote war sehr geschmackvoll mit gut abgestimmten Farbtönen.

Die meisten dieser Lastensegler werden auch heute noch

in Makassar auf der Insel Sulawesi hergestellt. Kein schlechter

Wetterbericht kann diese Boote im Hafen festhalten, denn

sobald beladen, laufen sie aus. Sie sind Haupttransportmittel

zu den vielen kleinen Inseln im Indonesischen Archipel. Auch

nahmen sie abenteuerlustige Passagiere mit, obwohl es meistens

nicht die schnellste, aber immer die billigste Art war, um

von einer Insel zur anderen zu gelangen.

Die Distanzen in Indonesien sind riesengroß und so ziehen

die Boote, je nach Wind, wochenlang durch die blauen Wellen.

»Navigiert wird nach den Sternen, Strömungen, Vogelflug,

bestenfalls mit magnetischem Kompass, der dir aber auch

nicht allzu viel hilft, wenn dein Kurs durch die starken Strömungen

versetzt wird!«, erzählte Karl. »Aber, was habe ich anders

getan?«, erklärte er sich am Kopf kratzend weiter.

»Wir sind mit dem Kompass um die halbe Welt gefahren

und haben nur selten eine astronomische Standlinie mit

dem Sextanten gemessen. Höchstens mal eine Sonnenhöhe

am Mittag. Wenn du dich auskennst und etwas Gefühl hast,

weißt du genau, wie deine Jacht segelt und so wirst du immer

ans Ziel kommen.«

Dabei schaute ich nachdenklich auf die alte Karte Borneos,

die total überholt und in einem Maßstab war, der eine

156


Einfahrt zum Ziel, eine Bucht mit weißem Sandstrand, nur

erahnen ließ, geschweige denn Details wie Felsen und Korallen

zeigte. Dafür stand überall eine Referenz zu Detailkarte,

Nummer so und so, die Karl nicht hatte, nicht haben wollte.

»Wo soll ich denn die Karten der ganzen Welt aufbewahren?

Ich bin doch kein schwimmender Bücherladen, oder?«

Langsam näherte sich Seahawk der Landzunge, die sich

weiß vom Horizont abhob. Karl stand im Bugkorb und schaute

ins vollkommen klare Wasser. Fische tummelten sich

zwischen den Felsen, die teilweise bis fast zur Oberfläche

reichten. Aber unbeirrt winkte die Hand des Skippers zum

Weiterfahren. Kein Echolot, und der Sand erschien mir schon

ziemlich nahe unter der Wasseroberfläche. Etwas Steuerbord,

dann wieder Backbord und immer noch war der Anker in seiner

Hand. Ich sagte nichts, denn »Dreinreden« war das letzte,

was Karl ertragen konnte und Erfahrung hatte er, nur, wusste

er vom Korallenriff gerade voraus? Erleichtert beobachtete ich

endlich das Kommando für eine Kursänderung, also musste er

die Gefahr erkannt haben.

»Ein halber Meter Wasser unter dem Kiel«, meldete er und

wartete, bis die Jacht mit flatternden Segeln stehenblieb, ehe

er den Anker fallen ließ, sich nochmals versichernd, dass er

nicht auf einem Korallenriff oder hinter einem Felsbrocken

zu liegen kam. Da es windstill war, kommandierte er langsam

achteraus, fierte Ankerkette, bis etwa zwanzig Meter davon auf

dem Grund lagen, versicherte sich, dass der Anker hielt.

»Du schaust mich ungläubig an, wenn du es nicht glaubst,

spring über Bord und tauche!«

Das tat ich dann später, ganz unauffällig, dachte ich.

»So, und nun?« nichts entging dem umsichtigen Bootsführer.

»Du hattest recht, ein halber Meter unter dem Kiel, ganz

genau!«

157


Im frischen Abendwind zogen wir Stunden später am Trident

Shoal Beacon vorbei in den Hafen von Labuan. Da die

hohe Hafenmauer jeden Blick auf das offene Wasser verhindern

würde, fuhren wir in die Bucht zu den philippinischen

Holzbooten, die der Küste entlang eifrigen Kleinhandel und

Schmuggel betrieben. Auch waren dort einige sehr rostige

Fischkutter, deren Nähe Karl meiden wollte. »Du weißt nie,

wenn die Ankerkette durchrostet oder sich das ganze Spill

vom Deck löst.«

Deshalb maß der erfahrene Skipper mit sorgfältigem Blick

die möglichen Abtriebwege der Boote, falls so was passieren

sollte, und entschied sich dazu, in der Nähe der philippinischen

Boote zu ankern. »Die wohnen auf den Booten und

möchten schließlich wieder nachhause fahren, also tragen sie

ihrer Ware besser Sorge als die verkommenen Fischer.«

An Land schlenderten wir den Verkaufsständen der Philippiner

entlang, die in drei Reihen bedruckte Tücher, Stickereien,

Schnitzereien aus Holz, Büffel Horn, Muscheln, Ölgemälde,

Lampen, hergestellt aus Perlmutterplättchen, geheimnisvoll

im zarten Wind klingend. Braune Kinder mit Mandelaugen

spielten herzhaft lachend im Sand, freuten sich an der Sonne.

Murtabak heißt ein orientalisches Gericht, eine gefaltete

Omelette, die eine ganze Mahlzeit sein kann. Der Teig wird

dünn ausgeknetet und dann vergrößert, indem der Koch ihn

mit beiden Händen hält und mit ruckartigen, rotierenden Bewegungen

durch die Luft vergrößert. Wenn er hauchdünn ist

und so etwa fünfzig Zentimeter Durchmesser hat, wird er mit

Füllung, bestehend aus Gemüse, Schaffleisch und Gewürzen

belegt und zusammengefaltet bis ein flaches Paket entsteht,

das dann, wenn auf der heißen Kochplatte gebraten, gut auf

einen Teller passt. Dazu serviert wird Dal, ein mildes Curry

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mit Linsen. Die Straßenrestaurants, in denen dieses Gericht

serviert wurden, sind »Kedai Kopi«, was übersetzt Kaffeeladen

heißt. Sie sind auf ebenem Boden, offen zur Straße. Der Kochplatz

ist am Eingang, um den Dampf und die Hitze abzulassen

oder aber auch um Gäste zu animieren. Die Tische sind rund,

ohne Tischtuch und die Gäste sitzen auf Metallklappstühlen.

Als Servierpersonal dient meistens ein alter Inder, entweder

der Bruder oder dann ein anderer Verwandter des Koches. In

indischen Restaurants sah man nie eine Frau servieren. Sie saß

hinter der Kasse und schaute darauf, dass richtig abgerechnet

wurde. Das war das Mittagessen der Seahawk-Crew, ehe sie

nach einer Nacht im Hafen den Anker für die Rückfahrt nach

Muara lichteten.

Zum Essen trinkt man Tee, Tarik, Kopi O, Kopi Kosong

oder Kopi O Kosong. Tarik heißt ziehen und der gezogene Tee

entsteht, indem man Tee aus etwa fünfzig Zentimetern Höhe

aus einer Kanne in die Tasse gießt, in die zuvor süße Kondensmilch

gegeben wurde. Es ist eine Kunst. Der Koch hält den

Ausguss der Kanne an die Tasse und zieht die Kanne, während

er gießt, in die Höhe. Große Könner bewegen im selben Moment

mit der linken Hand die Tasse nach unten. Kein Tropfen

wird verschwendet. Die Kaffeegeschichte ist komplizierter.

Kopi ist Kaffee mit Zucker und Milch, Kopi O ist Kaffee mit

Zucker ohne Milch, und O Kosong ist schwarzer Kaffee ohne

Milch, ohne Zucker, also Natur. Kosong heißt übrigens Null

in malaysischer oder indonesischer Sprache. Alles sehr verwirrend.

Borneo- oder auch indonesischer Kaffee ist sehr stark

und hat ein ungewohntes Aroma, dem jeder verfällt, wenn

er ihn jahrelang getrunken hat. Kenner schütten einen Löffel

des groben Pulvers in einen Krug und übergießen es mit heißem

Wasser. Da das Pulver nicht zergeht, ist die Flüssigkeit

angereichert mit Kaffeesatz. Man sieht das an den Zähnen der

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alten Männer, die ihre Tage bei schwarzem Kaffee und dem Erzählen

von Geschichten verbringen. Die meisten tragen lange

weiße, dünne Bärte, die einen gerne an Ho Chi Minh erinnern.

»Piraten?«, schaute mich Karl darauf angesprochen an.

»Wenn’s um Piraten geht, bin ich der gefährlichste, die sollen

sich nur hüten vor mir, denen würde ich es zeigen.«

»Bewaffnet?«

»Nie, denn das gibt nur Ärger und wenn du anfangen willst,

musst du ganz sicher sein, dass du besser bist und alle umbringst,

sonst kommen sie mit einer ganzen Armada für eine

Seeschlacht zurück. Zähne, aber ja keine Angst zeigen, frech

auftreten, nicht den Reichen spielen, selber nichts haben und

ihnen das glaubhaft beibringen.«

»Nur Geschichten?«

»Nein«, wandte Tina ein, »in der Malakka-Straße ist genau

das passiert. Ein schnelles Motorboot tauchte plötzlich

am Horizont genau vor der untergehenden Sonne auf und

näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Karl schickte mich

und den Sohn in die Kabine und machte sich im Cockpit für

den Empfang bereit. Sie waren bewaffnet, aber Karl verweigerte

ihnen in harscher Sprache an Bord zu kommen, was ihnen

Eindruck machte. Er erzählte ihnen, dass er nichts habe, selber

kein Geld und der Radio nicht funktioniere, was er demonstrierte

und was auch stimmte. Um sie freundlich zu stimmen,

erlaubte er dem Anführer an Bord zu kommen, um sich zu

vergewissern, dass keine teure Navigationsanlage an Bord sei.

Grimmig schaute er drein, aber Karl beharrte darauf, dass er

ohne Waffe an Bord komme, was dieser nach etwas Zögern

auch tat.«

Karl, der bloß bei der Erinnerung an das Geschehen mit

den Zähnen knirschte, schnitt ein böses Gesicht, was dem wil-

160


desten Piraten Angst einjagen musste. »Bestimmt hatte er das

genossen«, dachte ich.

»Ja, dann war er an Bord, ich wusste nicht, was passieren

würde, falls er Frau und Sohn finden würde. Aber zu meinem

Erstaunen erwiderte er ihren holländischen Gruß auf Holländisch.

Gierig schaute er durch alle Kabinen. Als er in der Kombüse

war, sagte ich ihm, er soll ein paar Dosen Bier mitnehmen,

was er tat und dazu noch die weißen Bohnen und den

Sack Zwiebeln einpackte. Ehe er Seahawk verließ, schmiss er

noch den Benzintank des Beibootes zu seiner Crew.«

»Erst als das Boot wieder über dem Horizont verschwunden

war, erlaubte ich meinen Knien zu zittern, die Spannung

war zum Zerplatzen«, beendete er die Geschichte.

»Hoj Jan«, schrie er mit mächtiger Stimme gegen einen großen

Schlepper, der sich in langsamer Fahrt dem Hafeneingang

näherte, als Seahawk am nächsten Morgen aus der Bucht von

Labuan segelte. Jan tauchte auf der Brücke auf und erwiderte

den Gruß. Ein paar Fetzen eines Gesprächs flogen hin und her.

»Alles nette Kerle, diese Schlepper-Kapitäne, schönes Leben,

guter Lohn.« »Aber keine Freiheit«, ergänzte Karl nach einer

kurzen Pause.

Betretenes Schweigen, als Karl wissen wollte, wie nun die

Bundesräte hießen und welchen Parteien sie wohl angehörten.

»Wie ist das Leben in der Schweiz? Ich war schon lange

nicht mehr dort, vielleicht zwanzig Jahre oder so.«

»Da kennst du dich nicht mehr aus.«

»Du meinst also, ich müsste Schuhe und ein Hemd anziehen?«

»Vermutlich würdest du das sowieso, denn vielleicht

kannst du dich noch erinnern, dass es ab und zu mal kalt ist in

der Schweiz.«

161


»Nächstes Jahr fliegen wir in die Schweiz«, versprach er seinem

Sohn, der seine Heimat noch nie gesehen hatte.«

»Oh ja!«

Nur, dazu kam es leider nicht ...

Kurze Zeit nach jener Labuan-Fahrt rief Karl an, um sich zu

verabschieden.

»Port Moresby in Papua-Neuguinea ist unser Ziel. Durch

die Sulusee, nördlich um Borneo und dann südlich um die

Philippinen, ganz einfach.«

Ich ließ es mir nicht entgehen, nach Muara zu fahren, um

persönlich Abschied zu nehmen. Kräftiger Händedruck, wir

schauten uns tief in die Augen, denn wir waren in der kurzen

Zeit gute Freunde geworden.

Dann, fast ein halbes Jahr später, eine Karte aus Port Moresby.

Es war eine schöne Reise, blieben etwas auf den Philippinen,

nicht lange genug, aber Karl dachte, er könne Arbeit

finden in P. M., wenn nicht, dann halt in Australien, wir werden

uns melden.

Dann der Artikel im Borneo Bulletin ... Aus, vorbei, unvorstellbar.

162


Nicht die Seniorenresidenz

S. Y. Heron – Orlando

Es war jener heiße Samstagnachmittag im tropischen Borneo

nach dem wohlverdienten Mittagsschlaf. Ausnahmsweise mal

nicht auf Abruf, also ab zum Golfplatz für ein paar Löcher und

dann ein paar Biere zum Abkühlen oder Aufheitern, falls der

Blick auf die Scorekarte das nötig machen würde. Kurz nach

Ausfahrt aus dem Camp überholte ich eine Gruppe von drei

Leuten, die offensichtlich in Richtung Stadt der Fahrstraße

entlang unterwegs waren. Ein Grauhaariger mit einer Kühlbox,

gefolgt von einer ebenso grauhaarigen Frau und einer

jüngeren, offensichtlich der Tochter. Leicht zu kombinieren,

dass es sich dabei um die Crew der Jacht handeln musste, die

seit einem Tag im trüben Fluss nahe der Brücke vor Anker

lag. Sterne und Streifen am Heck bezeugten, dass es sich um

US-Amerikaner handeln musste. Seit Jahren war das die erste

fremde Jacht, die sich in den schmalen Fluss verirrt hatte.

Ende war bei einer sogenannten Bailey-Brücke, wie sie von

Heereseinheiten und dann von Ölfirmen für temporäre Flussübergänge

gebaut und später dem öffentlichen Verkehr überlassen

wurden. Die Holzplanken quer zur Fahrbahn ratterten

bei jeder Überquerung, zum nächtlichen Ärger der nachbarlichen

Bewohner. Oberhalb der Brücke lag der Hafen für die

große Flotte bunter Fischerboote, dicht gedrängt an wackligen

Stegen.

Kurz vor der Gruppe parkierte ich meinen Land Cruiser

und bot den sichtlich bereits sehr überhitzten Fußgängern an,

sie in die Stadt zu fahren. Ohne lange zu zögern, nahmen sie

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erleichtert im Auto Platz und erklärten, dass sie einen Supermarkt

und vor allem eine Bank sehr dringend aufsuchen wollten

und dass sie sich daran erinnern, kurz nach der Mündung

des Flusses eine Fähre gesehen zu haben, die wohl der direktere

Weg sei als über dem Fluss, der gewundenen Straße entlang,

und eben, »zuerst müssen wir Geld wechseln«.

»Trotzdem, es sind noch drei Kilometer bis zur Fähre«, ließ

ich sie wissen.

»Komm an Bord, heute Abend. Auch werde ich für die Reise

bezahlen!«, lud mich der Skipper ein.

»Bezahlen nicht, aber gerne werde ich bei einem kühlen

Drink eure Geschichte hören«, willigte ich ein.

Die 18 Löcher Golf waren zum Vergessen, denn meine Gedanken

kehrten immer wieder zurück zur amerikanischen

Crew der Heron, so dass ich mich schneller als üblich von der

Golfrunde verabschiedete.

Als sich der heiße Tag zu Ende neigte, begab ich mich zu

Fuß zur Brücke.

»Willkommen an Bord der Jacht Heron«, begrüßte mich

die strahlende Lady, als ich mit Larry nach kurzer Überfahrt

vom Beiboot über die Bordleiter ins Cockpit der Jacht stieg.

Und das ist Rachael, unsere Tochter, »Schiffsjunge«, strahlte

die junge Frau, als sie aus der Kabine ins Cockpit kletterte.

»Alles etwas eng, aber genug für drei Schmale.« Letzteres traf

zu, denn alle waren von eher geringer Statur, anders als man

die Nordamerikaner sonst kannte. Auch stellte ich fest, dass

sie weit über siebzig Jahre alt sein müssten. Deshalb wohl die

Tochter als Schutz und Begleitung.

Vor drei Jahre hatten sie ihre Heimat in New Jersey verlassen,

waren unterwegs mit dem Ziel, die Welt zu umrunden,

um dann via Panama-Kanal wieder an der Ostküste ihre Reise

zu beenden. »So Gott will, denn wir sind ja nicht mehr gerade

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jung«, erklärte Lindsay in ihrem gepflegten amerikanischen

Akzent der Ostküste.

Larry war Universitätsprofessor an einer renommierten

Hochschule in den USA. Nach der Pensionierung hatten sie

ihr Haus gegen die Jacht eingetauscht, ohne früher je gesegelt

zu haben. In der Chesapeake Bay wohnten sie auf der Jacht

in einer großen Marina, richteten das Boot nach ihren Wünschen

aus und erlernten das Handwerk des Fahrtensegelns.

Drei Jahre nahmen sie sich Zeit, in der Bay, vor der Küste, ehe

sie den Schritt über den Atlantik wagten. Sie ließen sich Zeit,

schipperten von einer kanarischen Insel zur andern. Passierten

Gibraltar, landeten nach Besuchen von Spanien, Sizilien

und Tunesien im griechischen Kos, wo sie gleich zwei Jahre

verweilten. »Dazu hat nicht nur der griechische Wein, sondern

auch die Mythologie, eine alte Leidenschaft meiner Frau,

ein Wesentliches beigetragen. Auch konnten wir die Jacht ein

halbes Jahr für einen Heimurlaub zurücklassen!«

Bis dahin waren die zwei allein, aber auf der Rückkehr zur

Jacht in Kos begleitete sie ihre Tochter Rachael, in den frühen

dreißiger Jahren. Da sie leicht autistische Züge hatte, war für

sie das behütete Leben an Bord, wo sie auch als Stütze der betagten

Eltern eine dankbare Aufgabe hatte, die ihrem Leben

einen tiefen Sinn gab. Nur bei meinem ersten Besuch auf der

Jacht beschäftigte sie sich nach kurzer Begrüßung im Innern

der Jacht.

»Viel Platz hat es nicht für drei, aber man gewöhnt sich daran.

Wir haben so einen Zeitplan aufgestellt, der jedem erlaubt,

zu einer gewissen Zeit seinen Gewohnheiten oder Pflichten

nachzugehen«, erklärte Lindsay. Als amüsantes Beispiel erklärte

sie weiter: »Ein Tag in der Woche ist mein Backtag, an dem

ich das Brot für eine Woche backe. Auf See ist es oft gefährlich,

auf engem Raum mit den heißen Blechen sicher umzugeben.

165


SY Heron in Miri (Sarawak).

Aber dann, sicher kommt der Skipper, wenn gerade die Brote

fertig sind, und muss ganz unbedingt in die vordere Kabine,

oder die Tochter, nur ganz schnell, aber sehr dringend.«

»Ja, ja, und wenn ich am Spleißen eines gerissenen Taus bin,

dann muss auch immer gerade dann jemand dort im Kasten

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etwas holen.« Aber ein großes Problem scheint mir das nicht

zu sein, denn sehr bald wurde mir bewusst, dass die Crew der

Heron ein einwandfrei arbeitendes Team war.

Im Gespräch merkte ich, dass die Reise perfekt geplant

war und dass eigentlich nichts dem Zufall überlassen wurde.

»Und was hat euch in diesen verschmutzten Fluss gebracht,

in dessen Ufergebüschen alles nur mögliche Tropenungeziefer

haust?«

»Proviant und Getränke zu kaufen war der Plan. Eigentlich

war Kuching in Sarawak das Ziel, aber als wir von Singapur

kommend die Nordborne-Küste ansteuerten, waren die Wetteraussichten

so schlecht, dass wir beschlossen, mit sicherem

Abstand der Küste entlang zu segeln. Ein Blick auf die Karte

und die Beschreibung im Pilotenbuch gab mir die Überzeugung,

dass die Ölstadt Miri ohne Tiefseehafen eine gute Option

sei, denn bis nach Muara am östlichen Ende von Brunei

wäre Hunger ein übler und sehr unerwünschter Begleiter geworden.«

»Und, sind Sie nun zufrieden?«

»Sicher nicht das Paradies, aber nötige Erholung gibt es

hier und die Insekten haben uns auch nicht überfallen! Und

dem Zoll habe ich gesagt, dass wir vier Tage bleiben werden.«

»Und dann? Borneo?«

»Bis zu den Inseln nördlich von Borneo, dann in die indonesische

Inselwelt, zurück nach Singapur, wo Heron in einem

Jahr in Changi überholt werden muss, wofür wir bereits mit

einer Werft einen Vertrag haben. Und dann werden wir wieder

mal in die Staaten fliegen.«

»Mutig, in diesem hohen Alter«, dachte ich mir. Sie werden

dann beide über der Mitte der Achtziger sein.

167


Zwei Jahre später

In einer Werft in Singapur erhielt der Umbau einer Motorjacht

mit Aluminiumhülle den letzten Schliff. »Die sollten Sie sich

ansehen, ganz unverbindlich, versteht sich, nicht gerade billig,

aber genau das, was Sie, so wie ich Sie kenne, suchen«, informierte

mich der Jacht-Makler, mit dem wir seit etwa einem

Jahr in Verbindung standen. Die Werft war zu Fuß von meinem

Arbeitsplatz während der Mittagspause gut erreichbar.

Ich traute meinen Augen kaum, als ich mich, um eine Ecke

biegend, dem Heck der Heron gegenüber fand. Nicht im Wasser,

sondern hoch auf einem Trailer an Land. Kaum hatte ich

mich erholt, als auch schon Larry aus der Halle trat und mich

gleich erkannte. Freudig begrüßten wir uns, und schon erschienen

seine beiden Damen aus dem Schatten der Jacht. Es

war ein freudiges Wiedersehen.

»Doch, wir waren unterwegs, haben viele indonesische Inseln

besucht, haben gelernt mit den komplizierten Formalitäten

klar zu werden, haben sogar das von der Sprache gelernt,

was wichtig war«, erklärte mir Lindsay nicht ohne Stolz. Dann

die geplante Überholung in Singapur mit dem Heimataufenthalt,

alles geplant. Gesundheitliche Probleme, die altershalber

kaum noch zu vermeiden waren, erwähnten sie ganz am

Rande nur: »Wir waren sehr froh, dass unsere Rachael wieder

mitgekommen ist und wieder eine eigene Karriere in den

Hintergrund gestellt, also verschoben, hatte«, lobte die stolze

Mutter ihre Tochter.

»Und, was bringt euch schon wieder aufs Trockene?«, wollte

ich wissen.

»Ja, das ist eine traurige Geschichte. Nach der geplanten

Arbeit verließen wir Singapur mit dem Plan, übers Südchinesische

Meer ohne Zwischenhalt zu den Philippinen zu segeln.

168


El Nido mit den verträumten Buchten am Nordende von Palawan

soll schön sein für eine ruhige Zeit mit Schnorcheln,

Fischen und nur das Leben zu genießen. Alles ging nach

Plan, denn wir hatten die ruhige Wetterperiode gewählt,

die Vorhersagen waren gut. Doch nach den Natuna-Inseln

änderte sich plötzlich die Situation, raue See kam auf, das

Fahren wurde ungemütlich und plötzlich gab es einen heftigen

Knall und die Ruderanlage war weg, Ruderblatt, Pinne,

alles. So trieben wir ruderlos quer vor dem Wind, bargen die

Segel, überlegten, was wohl zu tun sei«, erklärte Larry, noch

sichtlich bewegt.

»Da hatte ich das erste Mal Angst, nach all den Jahren zur

See. Ich habe gebetet und gebetet und gehofft und wie durch

ein Wunder ließ der Wind nach und die See glättete sich«,

mischte sich Lindsay ein.

»Und, was habt ihr unternommen?«, griff ich das Thema

wieder auf.

»Das Großsegel wurde geborgen. Den Großbaum legten wir

über das Heck, vertäuten ihn und so wurde er zum Notruder.

Da ich aus Erfahrung wusste, dass es auf Borneo kaum eine

Werft gab, die eine Tourenjacht reparieren könnte, nahmen

wir Kurs zurück nach Singapur. Nur mit Vorsegel und Motor

brauchten wir eine Woche, bis wir hier landeten. Wohlauf und

zufrieden, nur ohne Ruderanlage.«

»War das eine fehlerhafte Montage in der Werft?«, fragte ich

vorsichtig. »Das ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen, ich

meinte aber, dass ein paar Schrauben nicht gesichert wurden.

Das habe ich nicht weiterverfolgt, da die Versicherung die Kosten

für die Reparatur, allerding ohne Entschädigung für verlorener

Zeit, übernahm. Aber was soll’s, Zeit habe wir ja und El Nido

wird immer noch schön sein!«, erläuterte der positiv gestimmte

Skipper.

169


»Allerdings, die Aufregung und die Anstrengungen waren

wohl zu viel für meinen Vater, denn als das Schiff sicher auf

dem Bock stand, erlebte er einen Zusammenbruch, der ihn

eine Woche ins Spital verbannte.«

»Und nun, seid ihr wieder bereit, die Reise fortzusetzen?«

»So was kann uns nicht abhalten von unserem großen Plan,

nur werden wir etwas weniger Zeit auf den Philippinen bleiben,

ehe wir über den Pazifik von Insel zu Insel, vielleicht noch

Hawaii, durch den Panama-Kanal die heimatlichen Gewässer

ansteuern werden.«

»Zurück in die Chesapeake Bay?«, fragte ich.

»Siehst du, Lindsay, unser Freund kann sich noch erinnern,

was wir ihm vor Jahren anvertraut hatten.«

»Es ist das Buch von James Michener, das mich so tief beeindruckt

hatte, dass ich in meinem Kopfkino mit euch auf der

Bay segeln kann.«

Kurz vor der Abfahrt wurden seine Worte immer karger,

die Diskussionen verkürzten sich, für den Skipper hat der

Countdown begonnen, voll konzentriert, fokussiert auf die

Aufgabe, die Heron und die Crew sicher über die Wasser zu

führen. Etwas anderes zählte im Moment nicht, der Blick ins

Innere gerichtet. Losgelassen vom Ufer, Schiff ahoi. So verabschiedeten

wir uns mit wenigen Worten. Vom Ufer verfolgten

unsere Blicke das kleine Beiboot, bis die drei im Innern der

Jacht verschwunden waren und das Beiboot auf Deck gesichert

war.

»Farewell, liebe Freunde, werden wir uns jemals wiedersehen?«

Beide waren sie mehr als neunzig Jahre alt und immer noch

ein Leben voller Pläne.

Larry durfte die heimatliche Küste leider nicht mehr sehen,

Lindsay und Rachael brachten die Jacht zurück, wo die Toch-

170


ter ihr eigenes Leben begann, während sich Lindsay an Land

zur Ruhe setzte, die Jacht verkaufte.

»Wir haben unseren besten Freund, Denker und Planer

verloren. Mit ihm war Segeln immer eine Freude«, waren ihre

Worte an die guten Freunde rund um die Welt.

171


Der große Strom

Roll on Mississippi – Geschichten und etwas Geschichte

Misi bedeutet in einer Indianersprache groß und Sipi Wasser.

Ein Wort, das Träume und Fantasie seit Generationen in weltberühmten

Songs und Geschichten beflügelt.

Für mich war der Auftrag in den Südstaaten die Erfüllung

des letzten M-Traums aus meiner Kinderzeit. Nach den

Mangrovensümpfen Afrikas und der Magellan-Straße verlor

sich das abendliche Silberband des Mississippi am Horizont

in den Bayous des Deltas, das wie der Absatz eines Cowboystiefels

in den Golf von Mexiko sticht. Voller Erwartung folgte

mein Blick dem gewundenen Lauf, während sich das kleine

Flugzeug im Sinkflug dem Flugplatz von Lafayette in Louisiana

näherte. Die ehemaligen Mäander zauberten ein buntes

Muster in die breite Stromau, dort, wo die Altwasser und

Nebenarme Zeugen der Veränderungen des Flusslaufs durch

natürliche oder künstliche Durchbrüche im Laufe der Zeit

waren und damit das Leben auf sowie am Fluss immer wieder

vor neue Probleme gestellt hatten.

Dass ich nicht in einer Metropole gelandet war, wurde mir

während der halben Stunde Warten auf ein Taxi so richtig

klar.

»Ganz wenige der ankommenden Passagiere verlangen

ein Taxi. Geschäftsleute werden von der Firma abgeholt, auf

die anderen warten Freunde oder das eigene Auto!«, erklärte

Lucy, die Patronin von Lucy-Transport am Steuer eines Chevrolets

aus den sechziger Jahren.

172


Als ich dann zwei Stunden später im Hotel wieder ein

Taxi bestellte, um fürs Nachtessen zum wärmstens empfohlenen

Blue Dog Restaurant zu gelangen, tauchte nach langer

Wartezeit wieder Lucy auf. »Hättest du mir gesagt, dass du

das Motel nochmals verlassen willst, hätte ich dir das Warten

erspart. Und, abholen kann ich dich aber nicht, denn

ich bin ausgebucht für den Rest des Tages!«, erklärte Lucy.

»Aber Blue Dog ist top, falls du Cajun-Küche mit Gumbo

und so was magst«, fuhr sie weiter, »der Wirt ist ein Spinner,

nur Hunde, du wirst sehen, hunderte von Hundebildern an

allen Wänden!«

Und schon landeten wir am beleuchteten, von blauen Hundeskulpturen

eingerahmten Tor unter der blauen Markise.

»Sie kommen vom Metro-Inn, wir haben einen Tisch für

Sie reserviert!«, begrüßte mich die junge Frau am Empfangspult

mit dickem Reservation Buch. »Folgen Sie mir«, führte

sie mich zu einem Zweiertisch im hinteren Teil des verwinkelten

Lokals und deponierte die Menükarte vor mir. »Spezialität

heute: gebackener, geschwärzter Fisch auf schwarzen

Spaghetti mit grünen Bohnen«, und weg war sie.

Weiter suchte ich nach Gumbo, fand es unter den Vorspeisen,

bestellte das mit der Tagesempfehlung und einem Glas

trockenem Weißwein. Auf das Essen wartend, bewunderte ich

auf einem Rundgang durchs Restaurant die Vielfalt der Hundebilder.

Von großen Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen

bis zu kleinen, vergilbten Fotografien.

Gumbo, Schätze aus dem Bayou mit lokalem Langkornreis,

war ein Hochgenuss. Aber trotz großem Hunger fragte

ich mich, ob das wirklich eine Vorspeise war. Dass man sich

als Europäer in den Südstaaten an größere Portionen auf den

Tellern gewöhnen müsse, hatte ich schon mal von erfahrenen

Kollegen gehört. Auch den schwarzen Fisch auf schwarzen

173


Spaghetti verzehrte ich mit großem Genuss, gab aber dem Angebot

von regionalen Nachspeisen eine Absage.

In der Gewissheit, den Weg zum Hotel zu finden, begab ich

mich in der warmen Abendluft auf den Weg der Straße entlang.

Nach einer Wegbiegung sah ich in der Ferne die Stahlkonstruktion

einer alten Brücke, die schon auf dem Hinweg

mein historisches Interesse geweckt hatte. Nur wenige Fahrzeuge

und gar keine Fußgänger waren an jenem Samstagabend

unterwegs. Auf einer Gedenktafel an einem der Pfeiler

stand, dass am 17. April 1863 bei der Pinhook-Brücke eine

Schlacht zwischen den Blauen, den Regierungstruppen, und

den Grauen, den Rebellen aus dem Süden, getobt hatte.

Der Schlummertrunk im Motel blieb ein Wunsch, denn

die Bar war schon zu und die Minibar im Zimmer leer.

Zum Golf von Mexiko

Am Tag darauf wurde ich, wie vereinbart, vom Hotel abgeholt

und in Morgan City am Kay dem Kapitän des Forschungsschiffes

MS Albuquerque übergeben. Kaum an Bord,

löste die Crew die Leinen, denn es war höchste Zeit, um unter

der Hebebrücke durchzufahren, die nur jeden Mittag für

den Schiffsverkehr angehoben wurde. Auf dem Atchafalaya-

Fluss begann die Fahrt durch das weitläufige Delta gegen

den Golf von Mexiko. Bald verschwanden die mächtigen

Kräne der Schwerindustrie hinter den Zypressenbäumen.

Die gelben, roten und grauen Stahltürme glichen einem ganzen

Wald, denn Morgan City gehörte zu den Zentren, von

denen die Ölindustrie weltweit mit dem Bau von Stahlkonstruktionen

beim Finden und Fördern des schwarzen Goldes

unterstützt wurde. Nur noch Grün. Ein leichter Regen

verwischte die Uferpartien. Kapitän Ernest kaute an seinem

174


Tabak und freute sich am Fremden, der Gefallen an seiner

Heimat bekundete.

»I am Ernest, the Coonass.«

Meine überraschten Blicke beantwortete der Kapitän mit

der Erklärung, dass er stolz darauf sei, einer zu sein, und dass

es auch für ihn nur drei Richtungen gebe. Den Bayou hinauf,

hinunter und hinüber. »Weg davon, das kennen wir nicht!«

In diesem Sinne folgte MS Albuquerque dem Lauf des Flusses,

bis sie nach vier Stunden von den rauen Wellen im Golf

von Mexiko erfasst wurde. Das kleine Schiff bäumte sich gegen

die anrollenden Wellen, um dann in das nächste Tal zu

klatschen. Langsam verschwand der grüne Horizont, bis vor

ihnen die mächtigen Bohrtürme auftauchten, unbeeindruckt

von den hohen Wellen, verankert in tausend Meter Wassertiefe,

ihre Arbeit verrichtend.

Wie von der Projektleitung vorhergesehen, beruhigte sich

die See während der Nacht, so dass mit dem Sonnenaufgang

Vorbereitungen für den Einsatz der Unterwassergeräte in Angriff

genommen wurden. So begann auch meine Aufgabe, im

Namen des Kunden zu versichern, dass die strengen Bedingungen

für das Vermessen des Seegrundes in einer Wassertiefe

von bis zu 1500 Metern mit dem neuen Instrument erfüllt

werden. Technische Probleme verzögerten jedoch den ersten

Einsatz um Tage. Die Zeit schleppte dahin, während der ich

nur Zuschauer war.

Sonntag auf See

Bis zum fernen Horizont bleierne See. Keine Bewegung des

Schiffes, nur sehr langsames Rollen von einem Bord zum anderen.

Kein Wind, die Sonne erhob sich langsam aus einem

zarten Dunst am Horizont in den tropischen Himmel. Ab und

175


zu durchbrachen springende Delphine die glatte Wasserfläche.

In der Nähe ein paar Garnelenfischer, die Netze schwer vom

Heck hängend, langsam ihren Weg durch das ruhige Wasser

ziehend, gefolgt von weniger Vögeln als an windigen Tagen.

Wo sind die Pelikane und die Möwen geblieben? Sonntag,

vielleicht fliegen sie nicht an solchen Tagen. Es war für mich

nach Sonntagen auf der rauen Nordsee, der fünfte in Folge,

den ich auf hoher See verbrachte. Sonntage sind die schlechtesten

Tage. Keiner weiß wirklich, was der andere denkt, fühlt,

tut oder nicht tut. Die bleierne See wurde gegen Mittag von

Millionen von kleinen Rippeln überzogen, auf denen die Sonnenstrahlen

tanzten. Alles ruhig. »Werde ich das vermissen,

wenn dann mal alles vorbei sein wird?«, träumte ich mit dem

Blick zum Horizont.

Auf der Albuquerque feierte der Koch den Sonntag mit kulinarischen

Höchstleistungen. Alles, was irgendwie konnte,

verließ den Arbeitsplatz, sogar die Nachtschichtleute ließen

sich wecken, um die Eröffnung des maritimen Büffets ja nicht

zu verpassen. Beim Anblick der Köstlichkeiten blieb mir der

Atem stehen. Im Zentrum ein riesengroßer Fisch, umgeben

von Krebsschwänzen, Garnelen, Muscheln, frischen Austern,

Tintenfischen und, nicht zu vergessen, einem Riesentopf mit

dampfendem Gumbo. Weißer Reis, »Cajun-Schnee«, raunte

mir Kapitän Ernest in Ohr. »Greif zu, denn glaub ja nicht, dass

hier noch was übrig ist, wenn der letzte durch ist.«

So war’s, der letzte der Gäste hatte die Essecke mit dem ehrlich

gemeinten »Danke, Cooky, das war wieder absolut top«

verlassen. In der Kombüse standen Stapel von verschmutztem

Geschirr und Besteck, Berge von Überresten, Schalen, Krusten,

Fischgräten, mit denen sich Cooky nach einer Zigarette

und ein paar Verwünschungen auf seine Gäste, die in Minuten

verzehrten, was er in Stunden schwerer Arbeit erschaffen hat-

176


te, beschäftigte. »Hast du gesehen, was für Berge ein Coonass

verzehrt? Die essen nicht, die fressen!«

Mit fortschreitender Zeit änderte sich das helle Licht in zarte,

düstere Farben. Am Horizont bildete sich ein violetter Vorhang,

dunkel am Horizont, gegen den Zenit in helles Blau übergehend.

Im Westen, wo die Sonne dunkelrot durch den Vorhang

sank, blieb eine Öffnung, von der sich eine breite rote Straße,

unterbrochen durch zarte Rippel auf die Oberfläche legte.

Geräuschlos zogen die Vögel, in Erwartung weiterer Überreste

vom Sonntagsbüffet, ihre Bahnen um das Schiff.

Aus dem Vorhang, der langsam in wachender Dunkelheit

versank, stieg im Osten eine schmale Mondsichel. Bald stand

vor ihrer Öffnung Jupiter, der stolze Planet. Kassiopeia, Polarstern,

die Plejaden, alle erschienen sie. Der Sonntag war

vorbei. Wohl nicht der letzte auf dieser Tour? Es stand in den

Sternen geschrieben oder lag in den Händen der Crew, die für

das Gerät verantwortlich war.

Up a lazy river nach Venedig in Louisiana

Noch ehe das neue Tiefseeinstrument einsatzbereit war, kündigte

sich von Westen her eine neue Front mit starkem Wind

und hohem Seegang an. So wurde beschlossen, den sicheren

Hafen Venedig, an einem Seitenarm des Mississippi kurz vor

der Mündung, anzulaufen. Auch erwartete man, dass dort die

Reparaturen, mit fachlicher Unterstützung vom Hersteller,

endlich ein Ende finden würden.

Unter einem großen Schwarm von schwarzen Pelikanen,

gespickt mit weißen Lachmöwen, näherte sich die alte Albuquerque

langsam der Mündung des Mississippi.

Eine Bank dunkler Wolken überzog langsam, aber bedrohlich

vom Westen her das Delta. »Wir werden es gerade bis

177


Venedig schaffen, denn in genau zwei Stunden wird es hier

losheulen!«, erklärte Kapitän Ernest, der sein Wetter ganz genau

kannte, mit besorgter Miene. Dort wollten sie den Sturm

aussitzen, um nach Beruhigung zurück in den Golf zu fahren,

um die Arbeit doch noch auszuführen. Dass er mit seiner Einschätzung

der Wetterlage richtiglag, bestätigte der Andrang

von Arbeits- und Fischerbooten, die alle der engen Mündung

zu strebten. Und nicht jeder hatte im kleinen Hafen von Venedig

einen Stammplatz. Das Motorschiff Vasco Da Gama

überholte die Albuquerque, der verankerte Bagger Marco Polo

schaute nur zu. Ein Kribbeln überzog mich beim Lesen der

exotisch klingenden Namen und Heimathäfen am Heck der

rostigen Schiffe, die entweder am Ufer lagen oder mit uns dem

sicheren Hafen zuströmten: Biloxi, Pascagoula, Galveston

oder gar Bayou La Batre, alles Häfen am Golf, von denen jeder

seine eigene Geschichte erzählen könnte.

Das war noch vor dem 29. August 2005, als Hurricane Katrina

auf seinem Weg nach New Orleans über Venedig hinwegfegte.

Der Baton Rouge Advocat berichtete: »Sehr wenig blieb stehen

in Venedig und Umgebung. Die paar Häuser, die überlebten,

standen bis zu den Dächern im Wasser.«

Die etwa tausend Einwohner hatten sich verkrochen oder

waren einfach gegen Norden geflohen. Viele davon waren vietnamesische

Garnelenfischer, die in den 70er Jahren aus dem

Mekong-Delta als Boatpeople vor den Vietcong geflohen waren

und im Mississippi-Delta eine verwandte Bleibe gefunden

hatten. Sie lebten auf ihren Booten, verkauften den Fang an

die Verpackungsfabrik in Venedig, besuchten das einzige orientalische

Restaurant, tranken ein paar Budweiser, rauchten

eine illegale kubanische Zigarre, deren abgebissene Spitze sie

beim Kiosk in den Sand spuckten.

178


»Aber du weißt, dass die illegal sind!«, warnte mich, den

fremden Zigarrenliebhaber, der Verkäufer. »So what, du hast

ihm gerade eine verkauft!«

Auch nach den vielen Jahre zur See gehörte das Anlaufen eines

fremden Hafens mit all den Erwartungen zu den spannenderen.

In Gedanken regen sich Vorstellungen, bei denen der Name

und die Geschichte einen wesentlichen Rahmen bilden können.

Venedig, was führte zum Namen? Seit ich dem das erste Mal begegnet

war, versuchte ich mir ein Bild zu machen. Gespannt erwartete

ich von meinem Platz neben dem Kapitän die Ankunft,

die laut Fahrplan in ein paar Minuten erfolgen sollte. Dann

plötzlich die Hafenanlage, in einem Seitenarm des Mississippi.

Auffallend die Coastguard Station mit dem Windsack, der im

scharfen Westwind die Stange leicht zu biegen vermochte. Ein

paar niedrige Gebäude, die Garnelenfabrik.

Nichts zu sehen vom Dorf. »Wenigstens ist unser Anlegeplatz

frei, hätte mich nicht verwundert«, sagte Ernest, offensichtlich

beruhigt.

»Und die Stadt?«, wollte ich neugierig wissen.

»Dort, hinter dem Damm!«

Ein Dorfkern, ein Hafengebäude, ein Pub, Restaurant? Nicht

in Venedig, in Louisiana. Eine Hafenanlage, genannt der Venedig

Jump. Das auf oder sogar unter dem Meeresspiegel liegende

Dorf lag hinter einem Wall. Die Straße von den Docks

am Venedig Jump zu den Häusern führte zuerst dem Damm

entlang, dann mit einer Haarnadelkurve mittels steiler Rampe

über den etwa vier Meter hohen Wall. In der Kurve lag der

Helikopter-Landeplatz und auf der linken Seite erstreckte sich

ein großer Parkplatz. Am landseitigen Fuss des Walles bog die

Straße im rechten Winkel gegen Norden und gerade durch Ve-

179


nedig, wo sie in der Ferne im aufgewirbelten Straßenstaub in

Richtung New Orleans verschwand. Rechts zuerst das Shop-

Haus mit Supermarkt, Kiosk und Tankstelle. Daneben standen

einige Telefonkabinen, belagert von einer Gruppe von

Seeleuten, da Cellnet-Gespräche vom Schiff teuer und obendrein

nur in Amerika erlaubt waren. Weiter rechts der Straße

entlang stand in einer Senke das chinesische Restaurant und

dann weiter nach etwa 100 Metern links der Straße das Ducet

Wild mit großem Parkplatz.

»Wer ist dein neuer Freund?«, wollte Bud, der Wirt im

Ducet, von Tom Toby wissen, als ich mit Andy durch die

Schwingtür das Lokal betrat. »Der spricht einen Akzent, den

ich noch nie gehört hab.«

»Der kommt aus der Schweiz«, klärte Tom auf.

»No shit, I never had no Swiss in my bar«, war Buds freudige

Begrüßung, bekräftigt mit einer Runde Bier in Ehren des

fremden Gastes.

In der Bar traf man sich und integrierte sich mit Begeisterung.

Budweiser aus der Flasche. »Solange du die leere Flasche

in jene große Tonne schmeißt, kommt die nächste«, belehrte

mich Tom. Dazu Tequila, wozu Schalen mit Zitronenschnitzen

und große Salzstreuer auf der Theke verteilt waren. Prost

die ganze Runde. Der Schankraum war ein viereckiger Saal, in

dem neben einer großen Bar mit drei Theken zwei Billardtische

und eine Jukebox standen. Sitzgelegenheiten gab es keine.

Wehmütige Klänge von Country Music dröhnten aus der

Jukebox. Immer dieselbe Melodie, gewählt von einem betagten

Cowboy, der auf einer Bierkiste sitzend inmitten abgebrannter

Zigarettenstummel Münze um Münze in den Apparat steckte.

»Ich komm dich besuchen, in der Schweiz.«

»Tu das, würde mich freuen«, womit ich Bud eine Visitenkarte

gab, die in der Hemdtasche verschwand.

180


Down the River to Dixie

Die Eroberung des Westens war in vollem Gang. Way West

hieß die Parole, die Siedler über die Allegheny Mountains

trieb, obwohl östlich davon noch große ungenutzte Flächen

lagen, die ohne die Mühen der langen und gefährlichen Reise

zu haben waren.

Mit der Besiedlung des Westens und der wachsenden Bedeutung

der Kolonie Louisiana mit dem Zugang zu den karibischen

Inseln und Südamerika wuchs das Bedürfnis, Transportrouten

in den Süden zu finden. Die großen Flüsse boten

sich als die beste Lösung an, da die Wälder unwegsam und von

streitsüchtigen Indianerstämmen bewohnt waren. Händler

luden ihre Ware auf alles, was schwamm und Lasten transportieren

konnte. Neben den Fahrzeugen, die in der Strömung

zwischen den bewaldeten Ufern des Ohio und den Schlammufern

des Mississippi eher unkontrolliert flussab trieben, gab

es phantasievolle bis ausgefallene Antriebe. Tretmühlen, bewegt

von Pferden oder Kühen, trieben ein Schaufelrad oder

Männer drehten mit Muskelkraft eine Kurbel.

Die schwerfälligen Boote waren eine einfache Beute für

die Piraten, die oft mit falscher Betonnung zur Strandung der

Fahrzeuge führten. Die Crew wurde getötet, Schiff und Ladung

übernommen. Reger Verkehr herrschte, und es sollen

während der ersten 30 Jahre bis zu 1000 Boote pro Jahr in New

Orleans angekommen sein. Alle Fahrzeuge wurden nach der

Ankunft in New Orleans abgewrackt und für einen Dollar pro

Meter Schiffslänge als Bauholz für Häuser verkauft.

Die Rückreise über Land war für die Mannschaft lange und

mühsam. Nur die Offiziere und Händler konnten sich Pferde

und bewaffnete Begleitung durch die von Räuberbanden belagerten

Dschungelgebiete leisten. Traurige Berühmtheit er-

181


langte der Natchez Trace, heute ein Naturpark, der nordwärts

die einzige Landverbindung nach Nashville in Tennessee war.

Bootsmänner, die nicht alles Geld verbrannt hatten, reisten

mit »whipsawing«. Zu dritt kauften sie ein Pferd. Abwechslungsweise

ritt einer für zwei Stunden, befestigte den Gaul an

einem Baum, wo ihn dann der nächste, zu Fuß ankommend,

übernahm und seine zwei Stunden ritt. Das ging, bis sie ihr

Ziel erreichten, ermordet wurden oder der Gaul starb.

Während die Flachboote weiterhin als Baumaterial für Häuser

in New Orleans endeten, konnten die moderneren Kielboote

wertvolle Fracht flussauf transportieren. Um gegen den Strom

anzukommen, gab es viele Methoden. Beim »bushwacking«

bewegte die Crew das Boot in Ufernähe von Busch zu Busch

und von Ast zu Ast gegen die Strömung. Im offenen Gelände

zogen bis zu 40 Mann »Cordelle« an einem langen Strick. Gab

es Bäume, wurden die Seile flussauf belegt und das Boot daran

hochgezogen.

Am schnellsten, sicher aber auch aufwendigsten war das

»Poling«. Sechs Meter lange Stangen wurden in den Grund

gesteckt. Zehn Männer auf jeder Seite bewegten sich hintereinander

vom Bug zum Heck und schoben so das Boot flussauf.

Am Heck angekommen, zogen sie die Stange ein und eilten

über das Kajütendach zum Bug, um wieder einzustechen.

Für die Fahrt von New Orleans bis nach Louisville am Ohio

Fall benötigte ein Kielboot drei bis fünf Monate. Das Leben an

Bord war hart. Kabinen gab es keine. Die Nahrung der Crew

bestand aus Brot, gekochtem Fleisch und Monogahela Rye

Whisky, kurz genannt good old Nongela.

1811 baute Nicholas Roosevelt das erste Dampfboot westlich

der Allegheny Mountains und nannte es New Orleans, was

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seine mutigen Absichten bestätigte. Von Pittsburgh, Pennsylvania,

begann er die Reise den Ohio-Fluss entlang zum Mississippi.

Trotz Naturkatastrophen mit Hochwasser und Flutwellen,

als Folge des Erdbebens von New Madrid, erreichte

er 1812 sein Ziel. Erst drei Jahre später vermochten die ersten

Dampfer flussauf gegen die Strömung zu fahren. Obwohl ein

Drittel der Boote an den Folgen von Unfällen versank, dauerte

es nicht lange, bis auf den »Palästen auf Schaufelrädern«

größter Luxus in Unterkunft, Speisesaal und Unterhaltung geboten

wurde.

Das Ende der Bootsmänner

Seit dem Anfang des 19. Jahrhundert beherrschten die wilden

Bootsmänner mit teils legendärem Ruf die Wasserläufe und

seine Ufer von Kairo bis nach New Orleans. Schafften sie ihr

Ziel, ging meistens die ganze Heuer darauf, die sie während

der vielen Monaten Fahrt verdient oder erkämpft hatten. New

Orleans kannte man damals als Dixie, denn nachdem die

Amerikaner die Stadt den Franzosen abgekauft hatten, wurde

die Zehndollarnote auf einer Seite in englischer und auf der

andern in französischer Sprache beschrieben. So wurde aus

dem dix ein Dixie – und das Dixieland.

Mit dem Konkurrenzstreit um die Dampfherrschaft auf

den großen Flüssen begann das Ende der Herrschaft der wilden

Bootmänner.

Unzufrieden mit den offiziellen Maßnahmen während und

nach dem Wirbelsturm Katrina forderten die verbitterten Einwohner

von New Orleans mit Mardi-Gras-Banner: Chirac,

kauf uns zurück.

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Oder doch nicht das Ende?

Die Schwingtür im Ducet Wild flog auf, eine Handvoll junger

Leute raufte sich lärmend in die Bar. Eine Faust knallte gegen

ein Gesicht, das sich in Sekunden blau färbte. Der Boss griff

hinter die Kasse, wo ein Trommelrevolver griffbereit lag. Das

Barmädchen Judy, die Tochter des Eigentümers, stürzte sich

laut schreiend zwischen die Kampfhähne und stemmte sie

mit festem Griff auseinander, wobei auch sie nicht verschont

blieb. Schnaubend eilte sie zurück zur Bar, drehte die Beleuchtung

voll auf, um dann mit zornigen Worten und wildem Körpereinsatz

die ganze Bande durch die Tür ins Freie zu komplimentieren,

wo die wüste Keilerei weiterging. Und schon war

Judy wieder hinter der Bar. »Nicht hier, nicht in meiner Bar!

Nicht diese, denn wir sind doch zusammen hier aufgewachsen

und der Schlimmste ist mein Cousin«, schimpfte sie, während

sie die Nummer der Polizei wählte und dann wieder ihren Geschäften

nachging, als wäre nichts geschehen.

Blaue und rote Blinklichter, begleitet von Sirenengeheul,

erhellten bald darauf den Raum durch die Fenster links und

rechts der Tür.

Durch die Schwingtüre betrat die riesengroße Gestalt eines

dunkelhäutigen Sheriffs den Raum. Die Hand am Revolver maß

er mit finsterem Blick den Raum und versicherte sich, dass sich

keiner der Schläger ins Innere verzogen hatte. Zufrieden, ohne

ein Wort zu sagen, verließ er mit seinem Gefolge den Tatort.

»Nie werde ich heiraten!«, brummte die immer noch aufgebrachte

Judy. »Die Männer hier taugen zu nichts, hab zwei

Schwestern, die beide gerade die zweite Scheidung erlitten haben.

Das brauch ich nicht!«

Am Billardtisch ließen sich vier Texaner überhaupt nicht

stören. In ihrer traditionellen Tracht, schwarz von den teu-

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ren Stiefeln bis zum Stetson auf dem Kopf, leicht ins Gesicht

gekippt, wie einst Wyatt Earp. Totale Eleganz und gekonnte

Haltung der drahtigen Körper, nie die Zigarre aus dem Mund

nehmend, voll auf das Spiel konzentriert.

Der Wind hatte ausgeblasen, Albuquerque zog wieder gemütlich

den trägen Lauf des Mississippi entlang durch das Delta.

Das Schiff wurde so getauft, weil der Eigentümer dort eine

Freundin hatte. Seine ahnungslose Frau fand den Namen unpassend,

ja sogar albern für ein Schiff.

… rolling on, until the end of time.

185


Das Geschäft auf dem Wasser

Das Los der alten Themse-Schlepper

Pocahontas

Hinter der bescheiden wirkenden Kirche von Gravesend entdeckte

ich im strahlenden Mondschein die Bronze-Statue eines

jungen Indianermädchens, das zuversichtlich mit erhobenem

Haupt gegen die Kirche schaut. Nicht wenig erstaunt war

ich, als ich beim genauen Hinschauen den Namen Pocahontas

entziffern konnte.

Unweigerlich erschienen vor meinen Augen die Bilder der

jungen Frauen, eher Mädchen, die ich noch eben in der Bar

Trocadéro tanzend und lachend mit Handy telefonieren gesehen

hatte. »Callgirls?«, fragte ich Micky, der mich für ein Bier

in das trendige Lokal mitgenommen hatte. »Nein, alles alleinerziehende

Mütter, die mit dem Handy vom Babysitter wissen

wollen, ob zuhause alles ok sei!«, klärte mich Micky auf, und

er musste es wissen, denn er stammte aus der Vorstadt Londons,

hatte all seine Jahre dort gelebt. »Du glaubst nicht, was

hier abgeht, wenig gebildet, arbeitslos, hoffnungslos, Alkohol,

freie Liebe, wer der Vater ist, spielt den meisten gar keine Rolle,

könnte jeder sein, Unterstützung gibt’s vom Staat.«

In der Wahrnehmung der lebensgroßen Figur mit aller Anmut

und Schönheit einer jungen Frau, nur beleuchtet vom

Vollmond erinnerte ich mich an die Erklärungen von Micky.

Dass es so was noch gab, erstaunte mich.

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»Ein Denkmal für eine Märchenfigur?«, sagte ich mir beim

Weitergang zum Schiff im Hafen.

Aufklärungen am nächsten Tag hatten mich eines Besseren

belehrt. Die junge Frau eines Virginia-Pflanzers, stolze

Indianerhäuptlings-Tochter aus der Philadelphia-Gegend,

verstarb an den wilden Pocken im März 1617 auf der Reise in

ihre Heimat, nach ihrem ersten Besuch in London. In Gravesend

wurde sie begraben. Der genaue Ort des Grabes ist nicht

mehr bekannt, denn die Kirche wurde vom Feuer zerstört und

dann in der heutigen Form wiederaufgebaut. Rebecca, wie

man sie getauft hatte, war gerade mal 21 Jahre alt, hinterließ

aber einen Sohn. Obwohl sie vom englischen Königshof als

Indianerprinzessin und Botschafterin ihres königlichen Vaters

empfangen und geehrt wurde, litt sie an einem nagenden

Heimweh.

Wieder musste ich an all die jungen Frauen denken, gestrandet

in Gravesend, denn die meisten waren von einer anderen

Rasse, so wie Pocahontas.

Wie schon zu jenen Zeiten, ist die Themse auch heute noch

Tag und Nacht, belebt von großen und kleinen Schiffen, die

zwischen der Nordsee und den Häfen von London hin und

her fahren. Von Gravesend, bekannt als das Tor von London,

reiht sich Pier an Pier, an welchen Schiffe ihre Ladung löschen,

auftanken, Provisionen aufnehmen, Besatzungen wechseln,

Passagiere ein und ausladen oder auch Reparaturen ausführen.

Die großen Containerschiffe und die Autotransportschiffe

fahren zu speziell eingerichteten Hafenanlagen. Die Tanker

docken an Raffinerien und Tankanlagen. Die Strömung

der Themse kann reißend sein, da der Unterschied zwischen

Hoch- und Tiefwasser über sechs Meter beträgt. So kommt

es vor, dass die Gangway mal steil nach oben und dann etwas

187


später ebenso steil nach unten vom Schiff auf das Festland

führt.

Da das Manövrieren der großen Schiffe im reißenden Fluss

nicht ganz ungefährlich ist, werden sie von Schleppern eskortiert,

die im Notfall Leinen übernehmen würden, mit denen

sie die Fahrt des Schiffes kontrollieren können. Je nach Größe

der Schiffe werden bis zu vier Schlepper vorgeschrieben. Es ist

ein ungewohntes Bild. Der führende Schlepper fährt knapp

unter dem Bug, fast auf Berührung, während der nachfolgende

direkt hinter dem Steven im Retourgang folgt. Im Notfall

würden Leinen senkrecht vom Deck zum Schlepper gesenkt.

Da der Bug eines leeren Schiffes bis zu dreißig Meter über

Wasser liegen kann, erscheint der Schlepper wie ein Spielzeug.

»Diese Manöver gehen fast immer gut«, erzählte Micky.

»Nur, eines Morgens war ich in der Kombüse des führenden

Schleppers unter dem Bug eines Frachters damit beschäftigt,

Frühstück für die Crew herzurichten. Aus unerklärlichen

Gründen beschleunigte das Schiff die Fahrt und rammte den

Schlepper von der Seite. Der stark nach auswärts gewölbte

Bug kippte den Schlepper, bis dieser kenterte. Der Skipper

wurde von der Brücke über Bord geschleudert, während der

erste Offizier und der Chefingenieur über Bord in die kalte

Themse sprangen. Ich war in der Kombüse eingeschlossen,

ohne Hoffnung je wieder herauszukommen. Wie durch ein

Wunder richtete sich das Schiff selber wieder auf. Die Motoren

liefen noch und trieben uns vom Bug des Schiffes weg.

Ich krabbelte in die Höhe und fand mich als Einziger an Bord.

Blitzschnell kletterte ich zur Brücke und übernahm die Kontrolle.

Ich konnte den treibenden Ingenieur bergen und zusammen

fischten wir den ersten Offizier und machten uns auf

die Suche nach dem Skipper, den wir bald mit klappernden

Zähnen an einer Boje hängend fanden.«

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»Gab es eine Untersuchung?«, wollte ich wissen. »Ja, das

gibt es immer, aber ganz unschuldig sind wir nie, so hatte das

Gericht die Schuld geteilt: der Kapitän des Frachters wegen

Beschleunigung und der Skipper des Schleppers wegen zu geringem

Abstand vom Bug des zu begleitenden Schiffes.«

Die Schlepper mit oranger Hülle und weißem Aufbau ruhen

an einem Bojenfeld flussab von Gravesend. Zwei davon sind

immer auf Pikett, was heißt, dass die volle Mannschaft an

Bord ist. Es ist dies der Kapitän, der erste Offizier, der Chefingenieur

und der zweite Ingenieur. Die Picket-Zeit beträgt zwei

Tage, während denen sie entweder an Bord oder in den nächsten

Kneipen sitzen. Das Stammlokal war das Terrasse Inn.

Dort kannte man sie, dort kannten sie jeden. Manchmal gingen

sie über den Platz am Fluss zum Pub »Three Doors«, das

am Fluss neben einem ausgedienten Fährenterminal steht.

Die Außenwand ziert ein großes Mosaik, das an den Aufstand

der Wassermänner in 1833 erinnert. Soldaten in bunten Uniformen

kämpfen mit Bajonetten am Fluss gegen ärmlich bekleidete

Männer mit Rudern. Im Pub selber fand man Mitte

der Neunzigerjahre während Renovierungsarbeiten den Eingang

zu einem Tunnel, der bis in die Stadtmitte führte, wo er

sich in vier Ästen verlor. Man nahm an, dass dies der Anfang

des Schmugglerpfades von der Themse nach London war.

Segelschiffe unter Segel würden gerne auf ihrem Vortritt beharren.

So fuhr eines Nachts ein Riesentanker, eskortiert von

vier Schleppern, die Themse zu Berg gegen London. Plötzlich

erschien auf dem Radarschirm ein Schatten auf Kollisionskurs.

Der Lotse rief ihn auf und ersuchte um freie Fahrt. Es

meldete sich ein Jachty, der auf seinem Vortritt beharre, da er

unter Segel sei und deshalb nicht ausweichen könne. Er kam

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immer näher. Der Lotse forderte ihn ein letztes Mal auf und

erklärte, dass er beladen sei und mit vier Schleppern fahre,

also auch nicht in der Lage sei, auszuweichen. »Sie werden

ausweichen, ich behalte Kurs«, waren die letzten Worte von

der Jacht. Der Lotse rief den Notdienst auf: »Bitte bereitet

eine Rettung vor, wir werden in vier Minuten mit einer Jacht

kollidieren, rettet den Mann.«

»Hier Küstenwache, wir haben Ihre Gespräche mitangehört

und sind bereits unterwegs.« Panik ergriff die Jacht, die

abbog und spurlos in Ufernähe vom Radar verschwand.

Die Schlepperleute von Gravesend sind als große Familie

ein wichtiger Zweig im vielseitigen Hafenbetrieb. Irgendwie

sind sie alle verwandt, die Agenten, die Shipchandlers, die

Lotsen, die Wassertanker und viele mehr. Sie alle werden tatkräftig

unterstützt von ihren Vorfahren, den pensionierten

Schlepperleuten, Agenten, Anbindern. Sie kennen nur das Leben

an und mit der Themse. Als wir an einem Sonntagabend

im Mai von der Nordsee kommend in Gravesend einliefen,

wurde zum Gruß von einem Fenster eine Fahne geschwenkt

und dazu heftig mit den Händen gewunken. Eine Gruppe von

Leuten, Familien, Freunde, Kinder verfolgte uns am Ufer, um

dann am Pier zu warten, bis die Taue belegt waren und sie die

Liebsten in die Arme schließen konnten.

Neben dem Schlepperdienst zog Micky Wasserbargen und

chauffierte Agenten und Lotsen zu den Schiffen vor Anker,

denn bei Gravesend löst der Hafenlotse den Themselotsen ab,

der für vier Stunden Reise bis zur Mündung die Führung der

Schiffe übernimmt.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde der Schlepperdienst

auf der Themse mit neuen Vorschriften reguliert.

Skipper und Offiziere auf den Schleppern mussten ein Patent

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und die nötige Erfahrung als Offiziere zur See vorweisen.

Die meisten der traditionellen Schlepper-Crewmitglieder, bis

zum Kapitän, hatten das Gewerbe auf dem praktischen Weg

erlernt, oft vom Vater, der es schon von seinem Vater erlernt

hatte. Dank dieser Neuerungen verloren die meisten ihre Arbeit.

Als Familienväter konnten sie sich eine Weiterbildung

bis zum Erlangen der Ausweise nicht leisten. Willkommene

alternative Tätigkeit bot sich durch die Verlegung einer neuen

Generation von Telefonkabeln zwischen der Britischen Insel,

dem europäischen Festland und über den Atlantik nach Amerika.

Es war dann auch eine lokale Firma, die sich darauf spezialisiert

hatte, mittels großen Schleppbooten spezielle Anker

über den Seeboden zu ziehen, um alles aufzufischen, was dem

neuen Kabel im Wege sein könnte. Dazu gehörten alte Kabel,

die noch während der zwei Weltkriege der Kommunikation

gedient hatten und, da geheim, nicht kartiert waren. Beim

Umgang mit den schweren Geräten und Winden auf Deck,

den verschiedenen Schleppankern sowie dem geborgenen Altmaterial

half den ehemaligen Schlepper-Leuten die gesammelte

Erfahrung auf der Themse.

Schiff ahoi, Pocahontas goodbye!

Ausgerüstet mit den Unterlagen für ein neues Projekt, dem

Aufräumen einer Kabelroute zwischen England und der dänischen

Küste bei Esbjerg, wurde der als Eisbrecher klassifizierte

Schlepper Winston, wie bei seiner Ankunft, von einer Gruppe

von lieben Leuten verabschiedet. Im dichten Verkehr segelten

wir der Themse entlang gegen die Mündung. Neben Micky

stand ich an Deck und sah, wie er die kleine Flotte der Schlepper

betrachtete. Schwach erhob er die rechte Hand, erwiderte

den Gruß eines Skippers, dessen Schlepper sich gerade von der

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Boie löste. »Dort geht er hin«, meinte der Ex-Schlepper, auf

einen Tanker zeigend, der langsam um eine Biegung erschien,

der zweite Schlepper war schon unterwegs, ebenso das Lotsenboot.

Micky litt sichtlich, und ich konnte ihm nicht helfen,

denn mir wurde bewusst, dass ihn die neue Arbeit nicht befriedigte,

dass er anstatt in Gravesend wieder mindestens vier

Wochen unterwegs sein werde.

Im hinteren Teil der Brücke war der Projektleiter Richard

Waghorn damit beschäftigt, den Kurs zum Startpunkt der

Arbeit festzulegen. Langsam glitten die Ufer Südenglands auf

der Fahrt die Themse hinunter zur Nordsee an uns vorbei.

Während sich die Ufer langsam in die Ferne zurückzogen,

tauchten vor uns die alten Stahlkonstruktionen der Maunsell-Seefestungen

auf. Es waren dies Überreste der Festung

die im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigung von London und

Südengland gebaut wurden. In den 60er Jahren hatten Radioenthusiasten

Piratensender eingerichtet. Eine Familie besetzte

1967 den Rough Tower, zehn Kilometer vor der Küste von

Suffolk, und rief die Mikronation Fürstentum Seeland aus, die

heute noch existiert und Adelstitel und Souvenirs via Internet

verkauft. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erspähte ich

mit dem Fernglas die nationale Fahne frisch im Abendwind

flattern. Auf nördlichem Kurs der Küste entlang trafen wir

extrem hohes Aufkommen von Schiffsverkehr. Da wir auf der

falschen Seite unterwegs waren, war größte Vorsicht geboten.

Reger vielsprachiger Radioverkehr versuchte den Verkehr reibungslos

abzuwickeln.

»Wenn die alle Englisch sprechen oder wenigstens verstehen

würden, gäbe es viel weniger Unfälle. Aber schau sie

dir an, nicht nur Schiffe mit chinesischer Flagge haben chinesische

Schiffsführer, und dann ist ja nicht immer der Seniormann

auf der Brücke!«, beklagte sich Duncan Watts, der

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Kapitän aus Kent. Die Straße von Dover gilt als eine der meistbefahrenen

Wasserstraßen der Welt. Zum großen Verkehr in

die Nordsee gesellen sich noch die Fähren zwischen Europa

und der Britischen Insel. »Wenn immer möglich, versuche ich

das Nadelöhr bei Tageslicht zu durchfahren«, meinte Duncan.

Während uns der aufmerksame Kapitän sicher die Ostküste

entlangführte, breitete Richard, für seine Freunde Dick, in

dritter Generation Themse-Schlepper, auf dem Kartentisch

die Karte mit der Linienführung über die Nordsee bis an die

Küste Dänemarks aus. Kreise in roter Farbe markierten Fischgründe,

in denen man hohes Verkehrsaufkommen von Fischkuttern

erwarten müsse. Für die Verbindung mit diesen Schiffen

hatten wir James Holland, den Fischereivertreter aus Hull,

an Bord. Selber ein pensionierter Fischer, sprach er den breiten

Akzent und hatte die ganze Regierung hinter sich, aber

wichtiger, er war sicher, dass jeder Fischer genau wusste, wer

er war, ganz im Gegenteil zu einem Kapitän von der Südküste

oder gar einem Kundenvertreter aus den fernen Bergen.

»Ich mach mir Sorgen wegen Micky«, begann Dick, während

sich auf dem Bildschirm die Navigationskarte für die

Routenführung aufbaute. »Wie, Sorgen?«, wunderte ich mich.

»Micky hat nur das, seit er nicht mehr auf die Schlepper kann,

und wenn dieser Job in drei Monaten vorbei ist, weiß er nicht,

womit er seinen Unterhalt verdienen kann, teure Frau, großer

Alkoholkonsum!«

»Und was machst du?«, wollte ich wissen.

»Eben das wollte ich dich fragen: Kannst du bei deiner

Firma ein gutes Wort für mich einlegen, denn ich fühle mich

qualifiziert und erfahren genug, nach etwas Einführung Projekte

zu überwachen!« Ich war etwas erstaunt, versprach ihm

aber, genau das für ihn zu tun. Auf dem Bildschirm erschien

als Bildschirmschoner eine glückliche junge Frau mit zwei

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strahlenden kleinen Mädchen. »Deine Familie?«, fragte ich

Richard. »Ja«.

Ich erinnerte mich, diese drei bei Ankunft in Gravesend am

Kai gesehen zu haben. Gerne würde ich ihm helfen, war mir

aber bewusst, dass er kaum Chancen haben würde. Beim Bier

im Pub hatte mir Micky eine andere Geschichte anvertraut:

»Wagi hat eine tolle Frau, die sich aber zu gut vorkommt, um

eine Arbeit anzunehmen, Tochter eines Hochseekapitäns,

verwöhnte Zicke, die werden noch auf die Welt kommen!«

Erwartungsvoll schaute er mich an und als ich mich nicht äußerte,

wie konnte ich auch, ich kannte ja nur Dick, fuhr er

fort: »Meine Frau ist da ganz anders, sie arbeitet im Lager des

Supermarktes, kein Topjob, aber die Pfunde kommen Ende

Monat, und da ist ja der Sohn Mick, nach dem sie sehr gut

schaut, wenn ich nicht hier bin! Und das war natürlich auch

noch leichter als Schlepper, immer in der Nähe von zuhause!«

Bald übernahm Routine den Tagesablauf. Dick versah die

Tagesschicht, Mittag bis Mitternacht, während für Micky die

Nachtwache blieb. Alte Kabel, die nicht mehr in Gebrauch waren,

wurden mir Schleppankern an Bord gezogen, abgetrennt

und an Deck deponiert, so dass für das neue Kabel auf dem

Seeboden genügend freier Raum blieb. Wurde eine Bergung

eingeleitet, weckte man den zweiten Mann, egal um wie viel

seine Ruhezeit verkürzt wurde. Gegen Erwartung erlebten wir

solche Operationen jeden Tag, was sehr an den Kräften der

Ex-Schlepper zehrte. Es gab Spannungen, die sich in heftigen,

gefährlichen Wortgefechten entluden. Eine Freundschaft, die

nicht so tief war, wie ich geglaubt hatte, lief Gefahr zu zerbrechen.

Genau im letzten Moment sorgte die Warnung des Kapitäns,

dass von Norden eine Sturmfront im Anzug sei und man

mit sehr hohem Seegang rechnen müsse, für die Aussicht end-

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lich Schlaf nachzuholen. Nach einem weiteren Tag erreichte

der Seegang eine Heftigkeit, die das sichere Weiterarbeiten

verunmöglichte. Die Schleppanker wurden eingezogen, alles

an Deck gesichert. Wellen schwappten über das Deck und

nahmen mit, was nicht festgemacht war. Da noch zu weit vom

Ufer, beschlossen wir den Sturm auszusitzen. Dick und Micky

zogen sich in ihre Kojen zurück, die in derselben Kabine

waren.

La Paloma

Eines Morgens meldete ein Matrose, dass sich auf dem Deck

in einer flachen Aussparung eine Taube niedergelassen habe.

Lewis, der erste Offizier und erfahrener Taubenhalter, wollte

sich das Tier anschauen. Da es sehr erschöpft und wohl hungrig

war, konnte er anhand der Beringung feststellen, dass seine

Heimat England war und dass es sich um eine Brieftaube

handelte. Auch wusste er, dass am Wochenende ein Wettfliegen

in Frankreich gestartet wurde und dass diese Taube die

Orientierung verloren haben musste. Die Küche beauftragte

er, Futter bereitzustellen. Der Passagier schien sich wohl zu

finden, denn er saß tagelang in seiner Vertiefung. Nicht wenig

erstaunt waren wir, als sich eines Morgens vier Vögel das Nest

teilten.

Der Wind frischte auf bis zur Stärke zehn. Die Wellenhöhe

war so groß, dass es unmöglich gewesen wäre, einen dänischen

Hafen anzulaufen, also verblieben wir auf See. Die

Passagiere schienen sich wohl zu fühlen, scheuchten sich ab

und zu gegenseitig auf, umflogen das Schiff, um dann wieder

in einer Gruppe zu landen.

»Wenn die aus einem großen Gehege kommen, ist ihr Leben

sowieso vorbei, denn wenn sich eine Brieftaube einmal

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verirrt hat, verliert sie ihren Wert und wird normalerweise

eliminiert«, belehrte uns der Experte.

Tagelang trieben wir in sicherem Abstand von der dänischen

Küste, immer darauf bedacht, den Bug in den oft wechselnden

Wind zu halten. Jede Welle überschwemmte das Deck

und riss alles nicht Festgemachte mit sich. Extrem hohe Wellen

vertrieben unsere Tauben aus ihrem Nest, dem Loch in

den Deckplanken.

»Es wird besser und so bald wie möglich werden wir den

Hafen von Esbjerg anlaufen, um dort die Besserung abzuwarten«,

meldete Duncan von der Brücke. In der Ferne zeigten

sich die Hafenlichter am Eingang zum Hafenkanal. Da nun

der Kurs querab zum Wind war, fing das schwere Schiff an,

stark zu rollen. Mit größter Konzentration bestimmte der

Kapitän den Kurs für die automatische Steuerung. Angespannt

sahen wir das Ufer näherkommen und immer noch

schwang das Schiff hin und her. Plötzlich tauchte vom Ufer

her ein Schwarm von Tauben auf und umkreiste das Schiff in

niedriger Höhe. Mit Erstaunen beobachteten wir, wie sich die

letzten drei Vögel vom Deck erhoben und mit dem Schwarm

in Richtung Ufer wegflogen. Zurück blieb unser erster Passagier,

wieder allein im flachen Nest. Unser Experte machte

sich keine Sorgen, denn im schlimmsten Fall würden wir sie

zurück nach England mitnehmen, von wo er den Eigentümer

kontaktieren werde, sollte nicht auch sie von ihrem Schwarm

abgeholt werden.

Am dritten Tag im Hafen war sie dann weg, niemand hatte

ihren Abflug bemerkt.

Der unprogrammierte Aufenthalt im dänischen Hafen endete

mit der Ankündigung eines Azorenhochs mit Sommerwetter

und ruhiger See für die nächsten Tage, wenn nicht Wochen.

196


Alle an Bord freuten sich, denn sie hatten genug vom Landleben,

den skandinavischen Alkoholpreisen im scheinbar einzigen

Lokal, nur ein paar Meter vom Hafenausgang entfernt.

Immerhin war es dem Kapitän gelungen, Treibstoff, Wasser

und Proviant zu ergänzen. Und das Unternehmen hatte es

sogar geschafft, die Ladung von aufgefischtem Kabel, das aus

wertvollem Material wie Blei bestand, zu verkaufen. Wir fuhren

an einem frischen Morgen mit der aufgehenden Sonne in

die letzten Wellen, bis wir beim Punkt, an dem wir vor beinahe

zwei Wochen aufgehört hatten, die Schleppanker auslegten

und wieder gegen die dänische Küste die Arbeit aufnahmen.

Die Stimmung war gehoben, denn ein weiterer Auftrag, direkt

im Anschluss, wurde dem Schlepper Winston zugeteilt.

Auf dem sonnigen Ärmelkanal

»Auf in die tropischen Gewässer«, jubelte Richard Waghorn,

genannt Wagi oder Dick, als ich ihm die Projektdaten zur

Planung unterbreitete. Weniger begeistert war die Schiffsführung,

denn zum neuen Messgebiet galt es im Verkehr der Doverstraße

und dem Ärmelkanal bis Penzanz am Ausgang in

den Atlantik zu fahren. Nicht genug, denn es war der Auftrag,

vom Ende Englands eine Linie nach Brest auf der Bretagne zu

bearbeiten, also über die Mündung des Ärmelkanals.

»Da können wir uns mit den gallischen Fischkuttern unterhalten,

denn die sprechen nur ›frog‹, wenn sie dann überhaupt

antworten wollen«, bemerkte Lewis, der erste Offizier,

der die Gegend zu kennen schien.

»Nichts mit mir zu tun«, schmunzelte unser Yorkshire-Fischer

James Holland, als ich in seine Richtung schaute, »meine

Lizenz gilt nur in der Nordsee. Ich steige aus, wenn wir hier

fertig sind.« Und so wechselte er vor Esbjerg auf ein wartendes

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Lotsenboot und verschwand mit breitem Grinsen auf seinem

runden Gesicht.

Strahlend begleiteten uns die weißen Klippen von Dover, von

denen Fähren zur eher grauen Küste von Calais auf direktem

Kurs losschossen. Unser Kapitän Duncan hielt Kurs in Nähe

der englischen Küste. Mit scharfen Argusaugen beobachtete er

den dichten Verkehr, wozu ihm auch der große Radarschirm

links vor ihm half. Helle Linien in Fahrtrichtung und Längen,

die dem erfahrenen Auge die Geschwindigkeit anzeigten.

Der erste Offizier hatte sich mit Fernglas bewaffnet auf dem

Brückenflügel auf Backbord installiert. Als Passagier auf der

Fahrt zum neuen Projekt genoss ich den warmen Sommertag

auf Steuerbord. Die beladenen, aber nur mittelgroßen Tanker

lagen so tief im Wasser, dass sie erst aus geringer Nähe sichtbar

wurden, während die beladenen Containerschiffe mit ihrer

Last einer Gebäudefront glichen. Ab und zu begegneten

wir unscheinbaren Schiffen, die sich gegen den Verkehr in

Richtung Nordsee bewegten. »Wieder so einer, der zur Themse-Einfahrt

abkürzt!«, kommentierte der erfahrene Seemann

ohne große Aufregung. Zwischen den Riesen erblickte ich

ab und zu ein weißes Segel auf dem Weg in den Ärmelkanal.

Unaufhörliches Stimmengewirr in jeder nur erdenklichen

Sprache auf Kanal 16, obligatorisch für Notfälle, erfüllte die

Brücke. Die Regeln, nach erfolgreicher Kontaktaufnahme

den Kanal für weitere Gespräche zu wechseln, wurden oft

missachtet, was das Stimmengewirr bereicherte. So war ich

erstaunt, als sich Duncan plötzlich auf einem anderen Kanal

mit dem Kollegen vom Schwesterschiff unterhielt: »Hast du

gehört«, kam über den Äther, »das ist dein letzter Auftrag für

die Kabelrouten!«

»Nein, das ist News für mich, weshalb?«

198


»Der Chef will seine ganze Flotte in den Dienst der Ölfirma

für Transporte in der Nordsee einsetzen. Soll lukrativer

sein, als was ihr nun treibt!«

»Roger, roger out«, schloss Duncan die Diskussion, da er

das offensichtlich nicht öffentlich weiter diskutieren wollte.

Besorgt hängte er den Hörer auf und drehte seinen Blick gegen

den hinteren Teil der Brücke, wo das Projektteam arbeitete.

Erleichtert, dass keiner des Teams zugehört hatte, bat er

mich, mit keinem Wort das, was ich nun gehört hatte, weiterzugeben.

»Klar«, bestätigte ich, wurde mir aber bewusst, was

diese Entwicklung, vor allem für Micky, bedeuten wird.

Diese Neuigkeit beschäftigte mich, während mein Blick

über die blaue, vom Verkehr aufgewühlte Wasserfläche an den

langsam entschwindenden Klippen von Dover hing. Wir waren

während der letzten Wochen ein tolles Team geworden.

»Als uns mitgeteilt wurde, dass einer vom Kontinent, die

wir als trocken und humorlos kennen, das Auge des Kunden

sein wird, waren wir schon recht enttäuscht. Aber du bist ganz

ok«, hatte mir Wagi schon am zweiten Tagen anvertraut. Das

betrachtete ich als großes Kompliment, erzählte ihm aber,

dass ich seit Jahrzehnten mit seinen Landsleuten zu tun hätte

und rühmte mich, deshalb auch Cockney und sogar seinen

Gravesend-Dialekt zu verstehen.

»Und überhaupt, wie kommst du aus den Bergen auf die

See? Weiß man dort, dass es außer Heidi und Jodeln Schiffe

gibt?«

»Und Alinghi? Was war denn das?«, verteidigte ich mich.

»Ah, schön, dass ihr den America Cup gewonnen habt, nun

können wir ihn euch abnehmen!«, meinte Lewis schmunzelnd,

sich in seinem Hochsitz gegen uns drehend. Solche

Erinnerungen durchzogen meine Gedankenwelt, bis Micky,

Augen reibend, neben mir auftauchte. »Vierzehn Stunden in

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der Koje, das gibt’s nicht immer, erst Wagi hat mich mit seiner

scheußlichen Musik geweckt. Der hat ja einen Geschmack,

Heavy Metal, wo führt das noch hin?«

»Und jetzt, schläft er noch?«, fragte ich und stellte fest,

dass mir der fröhliche Micky unendlich leidtat.

»Nein, der hat einen Anruf vom Chef«, meinte er, während

er Zucker in seinen Tee löffelte.

»Tea time«, kommentierte ich im Bewusstsein, dass Mickys

Welt zusammenbrechen wird, sobald Wagis Kopf im Aufgang

auftauchen wird.

Mit der breiter werden Wasserstraße im Ärmelkanal verteilte

sich der Verkehr, und die Spannung auf der Brücke ließ

nach, die Sonne neigte sich langsam gegen den Horizont, der

erste Offizier verabschiedete sich, um etwas vom verpassten

Schlaf vor Beginn seiner nächsten Schicht nachzuholen.

Dann erschien Wagis hochroter Kopf im Treppenaufgang:

»Micky, hör das.«

»Was?«, fragte er noch ganz ahnungslos und weiter seinen

Tee rührend.

»Winston wird vom Projekt abgezogen, dies ist unsere

letzte Arbeit, eine Woche und alles vorbei. Man wird uns in

Falmouth mit allem Gerät mit einem Lieferwagen abholen«,

stotterte Richard. Micky blieb sprachlos, schockiert, starrte in

die Ferne. »Hab’s gewusst, eine Schweinerei, ich kanns nicht

fassen.«

Nach langer Zeit des betretenen Schweigens meldete sich

Duncan: »Es tut mir unsäglich leid, denn auch ich hätte das

nicht gewollt, hab es aber leider vorausgesehen, denn wir fahren

für diese Arbeit Tag und Nacht, Woche für Woche. Beim

neuen Vertrag wird es viel Zeit geben, warten auf Ladung,

Überwachungsdienst bei den Bohrinseln, also weniger Zeit

auf voller Fahrt, weniger Motorenzeit und weniger Personal

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bei besserer Bezahlung, so läuft das Geschäft«, versuchte er

die Stimmung zu heben. Dabei sind Dick und Micky schweigend

von der Brücke auf das untere Deck verschwunden.

Bei Sonnenaufgang lagen wir vor der Bucht von Penzanz vor

Anker und warteten auf die Zusage, dass wir die Arbeit über

die Mündung des Ärmelkanal in Richtung Bretagne beginnen

können. Wieder eine stark befahrene Meerenge, in die sich

der Verkehr vom Atlantik her zwängte. Dies war erforderlich,

da neben dem saisonal erhöhten Fischfang noch nato-Manöver

mit Beteiligung der us-Flotte im Gange waren.

»Siehst du dort das Dorf an der Küste, das erste nach Penzanz?«,

fragte mich Micky, der den ersten Schock überlebt zu

haben schien. Nach meinem zustimmenden Nicken erzählte

er mir. »Dort steht ein Denkmal, das du unbedingt besuchen

musst, falls du je in diese Gegend kommen solltest. Acht Männer,

alles freiwillige Seeretter mit ihrem Rettungsboot, sowie

die acht Seeleute der Union Star sind kurz vor Weihnachten

1981 bei der Seerettung in schlimmstem Wetter ertrunken. Es

gibt keine Familie im Siebenhundertseelendorf, das nicht einen

Bekannten betrauern musste.«

»Die Station, die gibt’s noch?«, wollte ich wissen. »Und

nun haben sie modernere Boote, aber immer noch gibt es viele

freiwillige Seeretter in Mousehole. Und, siehst du die neuen

Häuser? Reiche Pensionäre von überall her lassen sich nun

dort nieder und genießen das beinahe tropische Klima von

Cornwall.«

»Das sind Basstölpel, eine Art Stoßtaucher, deren Brutstätte

auf einer Insel in Bretagne liegen«, erklärte mir Lewis, der

neben mir das Schauspiel der Natur verfolgte. Mit großer

Geschwindigkeit, die Flügel eng am Körper, stürzten sich die

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Vögel in Scharen von großer Höhe ins Wasser, um dann mit

oder auch ohne Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen. »Bis

zu drei Meter tief sollen sie tauchen können, und obendrein

müssen sie gute Augen haben«, meinte ich.

Gleichzeitig erschienen die dunklen Körper von zwei Walhaien

knapp unter der Wasseroberfläche, ihre spitze Schwanzflosse

zeigend. Sie sollen bis zu zehn Meter Länge und ein Lebendgewicht

von 19 Tonnen erreichen, womit sie die größten

Fische sind. »Früher sah man die hier nur im Hochsommer

und nun, es ist ja erst Juni, alles wegen der fortschreitenden

Erwärmung, denn sonst halten die sich in wärmeren Gewässern

auf.« »Ich habe die nur im Südchinesischen Meer vor der

Küste Borneos gesehen«, leistete ich meinen Beitrag.

Aus der Fülle von Erinnerungen meldete sich meine erste

Begegnung. Vom hohen Deck einer Bohrinsel beobachtete ich,

wie die Taucher die Lage der eingezogenen Anker überprüften.

Plötzlich tauchte in ihrer Nähe ein Riesenfisch auf, um

gerade mal etwa fünf Meter vor den Tauchern anzuhalten.

Keine Sorge, beruhigte mich damals der Kapitän der Bohrinsel,

das sind Planktonfresser und in diese Kategorie gehören

unsere Taucher nicht. Trotzdem fand ich das unbeschwerte

Arbeiten vor einem so großen Maul ziemlich mutig.

Wir beobachteten, wie die zwei Besucher ein paar Mal das

Schiff umkreisten und dann in südlicher Richtung in tieferes

Wasser davonschwammen.

Im Hintergrund der Brücke begann die Faxmaschine zu

rattern. »Aha, die Arbeitsbewilligung, endlich!«, freute sich

Richard, während er das Dokument vom Empfänger abriss

und dem Kapitän brachte.

Zum Rattern der Ankerkette erreichten die Vorbereitungsrituale

auf Deck ihren Höhepunkt, vergessen waren Tatsachen,

dass dies das letzte Projekt in dieser Zusammenstellung

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war. Die Professionalität, das Sicherheitsbewusstsein, der

Wille, perfekte Arbeit zu leisten, waren Selbstverständlichkeit.

Auf der Brücke kontrollierten die beiden Navigatoren Adam

und Benjamin ein letztes Mal die Track-Daten für eventuelle

Updates oder Änderungen. Dem Kapitän wurde der Kurs

zum Startpunkt gegeben, mündlich und auf dem Navigationsbildschirm.

Langsam verließen wir die Bucht von Penzanz

in Richtung Ärmelkanal, ein letzter Blick zu den friedlich in

der Morgensonne strahlenden Häusern von Mousehole mit

einem letzten Gedanken an die verstorbenen freiwilligen Retter

beim Untergang der Union Star. Duncan deutete mit dem

Zeigefinger auf die Stelle, wo das Schiff mit defektem Motor

von Zwanzig-Meter-Wellen auf die Felsen geworfen wurde.

Dass unsere Messungen über den Ärmelkanal kurz vor der

Mündung in den Atlantik ein spezielles Abenteuer sein werden,

wussten wir. Der Radarschirm zeigte ein Bild, das ebenso

der Sternenhimmel mit in alle Richtungen schießenden Meteoriten

hätte sein können. Alles Boote verschiedenster Art

und Größe. Erst recht interessant wurde das nach Anbruch

der Dunkelheit, ohne visuellen Kontakt, dazu mit erhöhter

Dichte der französischen Fischkutter. Letztere pflegen auf

Radioanrufe nicht zu reagieren, weder Englisch noch Französisch.

So zogen wir langsam mit gleichbleibendem Kurs und

Geschwindigkeit von drei Knoten von einem Near miss zum

anderen, ohne mit viel Glück französische Schleppnetze aufzufangen.

»Damit vermeiden wir internationale Kleinkriege

mit den Fischereibehörden auf dem Kontinent«, meinte Lewis,

der Erste. »Und was mit eu?«, fragte ich, »vergiss das, es

geht um Netze und Geld!«

Ein Anruf, sofort unseren Kurs massiv zu ändern, führte

zu Verwirrung. Die Antwort, dass dies nicht möglich sei, war

ein Helikopter, der sich uns mit grellem Scheinwerferlicht nä-

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herte und knapp über dem Deck in der Luft stehenblieb und

jede Ecke ausleuchtete. Radioverbindung gab es nicht, nur

eine Anordnung von einer Kommandostation, dass wir unsere

Fahrt sofort unterbrechen müssen. Eilig zogen wir die Anker

ein und hielten unsere Position. Der Helikopter verschwand,

um kurz darauf auf einem Schiff zu landen. »Sieht aus, als wären

wir der Nato in die Quere gekommen«, meinte der Kapitän

Duncan. Der nächste Anruf gab dann die Erklärung, dass

ein Schiff der usa-Marine mit einem defekten Unterseeboot

im Schlepp unsere Route auf Kollisionskurs queren wird und

weder die Geschwindigkeit reduzieren noch den Kurs ändern

werde. »Wieso erscheinen die nicht auf einem Radarschirm?«,

wunderte sich der Kapitän mit Kopfschütteln.

Bei Tagesanbruch bat ein Aufruf der Küstenwache an Alle,

nun schon zum vierten Mal, Ausschau nach einer Französischen

Jacht mit blauen Segeln auf Atlantiküberquerung zu

halten, mit der seit Tagen jeder Kontakt fehlte. »Eingeschlafen

und von einem Containerschiff überrollt, verschollen für

immer«, kommentierte Lewis trocken. »Solche Nachrichten

hören wir hier den ganzen Sommer, du glaubst nicht. Dazu

kommen noch die verlorenen Container, die knapp unter der

Wasseroberfläche, total unsichtbar für einen Jachty, auf Opfer

lauernd!«

»Oder ganz einfach kaputter Radio oder Verschwindenwollen«,

kommentierte Richard.

Es war dann an einem traumhaften Juni-Samstagmorgen,

alles verstaut, jedermann damit beschäftigt, das Ende des

Abenteuers auf dem Schlepper Winston mit Eisbrecherkapazität

abzuschließen. Die Transportkisten wurden aus den Lagerräumen

zur Brücke getragen, Kabel eingezogen, Antennen

abmontiert. Noch war man zu beschäftigt, um die Realität

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zu akzeptieren, dass im Hafen von Falmouth Ende sein wird.

Weder Micky noch Richard hatten, trotz wiederholtem Nachfragen,

von einem nächsten Projekt gehört. Nur die Navigatoren

werden schon am folgenden Montag in der nördlichen

Nordsee eine Bohrinsel begleiten.

Mir wurde die Kommandobrücke der großen Schiffswinde

zugeteilt, um meinen Bericht abzuschließen.

Plötzlich brachten die schrillen Sirenen die Routine zu abruptem

Halt. »Feuer im Motorenraum, alle auf Sammelstation,

Feuerwehr auf Station.« Bewaffnet mit Schwimmweste

und Helm versammelten sich alle außer Feuerwehr und Sanität

beim Sammelpunkt am hinteren Ende des großen Decks.

Warten auf weitere Befehle, Rauch sahen wir keinen, waren

uns aber bewusst, dass Feuer an Bord die schlimmste und folgenschwerste

aller möglichen Katastrophen eines Schiffes auf

See sein kann. Dann, nach einer halben Ewigkeit, erschien der

Kapitän auf der Brücke und bat über Handradio, man soll feststellen,

ob das Deck heiß sei. Und das wurde bestätigt. »Sehr

heiß auf Backbord, warm steuerbord.« »Roger, Roger, danke,

out«, womit er wieder im Inneren der Brücke verschwand.

Entwarnung kündigte sich an, als aus dem Steuerbordkamin

eine schwarze Rauchwolke in den blauen Himmel stieg

und wir langsam wieder Fahrt aufnahmen. Allgemeine Erleichterung

nach der Erklärung, dass man nun mit einem Motor

unterwegs sei, dass wir aber erst gegen Abend in Falmouth

andocken werden, was unter anderem hieß, dass ich meinen

Flug verpassen werde. »Du bist nun morgen ab Plymouth gebucht

sowie Hotel in Hafennähe und eine Limousine um halb

sechs Uhr«, beruhigte mich Mike von meiner Agentur in Walking,

»genieße Falmouth, ich beneide dich!«, schloss er.

Ferienstimmung herrschte an der südenglischen Küste,

Hunderte von weißen Segeln tummelten sich auf dem blauen

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Wasser in Küstennähe. Regattensegler kämpften um Positionen

an den Bojen, ein buntes Treiben, bis wir zwischen Pedalos

und Ruderbooten mit fröhlichen, sommerlich bekleideten

jungen Leuten am zugewiesenen Dock anlegten. Dort wartete

ein grüner Transporter mit einem sehr übel gelaunten Chauffeur,

den niemand über die Verspätung informiert hatte. Sofort

stürmte er an Bord, überhäufte Richard mit einer Tirade

von Schimpfworten und Verwünschungen. So blieb nur

gerade Zeit für einen kurzen Händedruck als Abschied nach

sechs Wochen toller Freundschaft an Bord, in Gravesend und

Esbjerg. Nichts vom Abschiedsbier im »Chain Locker« beim

Hafen, wie wir das schon lange geplant hatten.

Auch ich tappte das letzte Mal die schaukelnde Gangway

hinab zum wartenden Taxi, aber nicht ohne mich gebührend

von der Schiffsmannschaft zu verabschieden. Mit den zwei

Navigatoren Adam und Benjamin konnte ich mich dann doch

noch für das langersehnte Bier im Chain Locker verabreden.

Und dorthin begab ich mich nach dem Einchecken ins Hotel

mit Blick über den sommerlichen Hafen.

Die Bar fand ich ohne Probleme, das heißt den weiteren

Zugang dazu, denn der ganze Vorplatz war überfüllt mit Gästen,

Getränke in der Hand, in Gruppen friedlich plaudernd.

»Hier«, bemerkte ich Adam, den Chefnavigator, der an Größe,

zum Glück, die meisten der Gäste überragte. »Also, du musst

dich zum Ausschank durchkämpfen und für ein Nachtessen

konnten wir keinen Tisch reservieren, schade, wir hätten

dich gerne mit britischer Cuisine von unseren Esskulturen

überzeugt, nach dem Fraß des polnischen Kochs an Bord!«,

schrie Adam in mein Ohr, um den Lärm zu übertönen. Mühsam

zwängte ich mich zum Eingang und zum Ende der anstehenden

Kolonne. Einmal angestanden, musste ich mich nicht

mehr um die Reihenfolge kümmern, denn die Briten sind ja

206


Experten im Anstehen. »One pint of bitter« bestellte ich nach

einer halben Ewigkeit.

»Meinst du Lager? Denn das haben wir für Leute vom Kontinent«,

scherzte der Barmann.

»Nein, Bitter!«

»Ein Pfund achtzig.«

»Behalte den Rest.« Und schon begann ich den Weg zurück

ins Freie.

Dinner fanden wir dann in einer traditionellen Fish-und-

Chips-Bude. Ich genoss das, was ja England eine Reise wert

machen kann. »Scheußlich«, kommentierten meine Kollegen,

»Fische in der Nordsee sind viel besser, das ist nur Beifang!«

»Aber es füllt ein Loch im Bauch«, kommentierte ein Gast

vom Nebentisch.

Ein weiteres Pint-Bitter-Bier in einem Straßenrestaurant

zum Abschied von den letzten der Gesellschaft.

»Zum Plymouth-Flughafen?«, fragte der Chauffeur einer

schwarzen Limousine, als es gerade anfing hell zu werden. Regen?

Vor ein paar Stunden hatten wir noch Sommer. »Wohin

die Reise?«

»Heathrow, dann Zürich!«

»Da hätten Sie noch ein paar Stunden länger schlafen

können, denn der Flug nach London geht immer über Newquay,

nur gerade ein paar Kilometer von hier«, erklärte der

Chauffeur auf den Wegweiser an einer Abzweigung zeigend.

Ärgerlich, denn die zwei Stunden Autofahrt im verregneten

Südengland für satte achtzig Pfund waren nicht das große

Sonntagsvergnügen.

Eine Wolke von Dieselgestank erschrak mich, als ich bei

der Sicherheitskontrolle meine Tasche öffnete. »Oh, bitte verzeihen

Sie!«, entschuldigte ich mich bei der sympathischen

Beamtin, die einen kurzen Blick in meine Tasche warf. »Ma-

207


chen Sie sich nur keine Sorgen, das sind wir gewöhnt, Seeleute

sehen wir sehr viele!«, beruhigte sie mich mit ehrlichem Lächeln.

Ja und dann, kurz nach dem Start blickte ich hinab auf Falmouth

und Penzanz, ehe wir, wie gesagt, in Newquay landeten.

Mit einem letzten Bitter-Bier im Heathrow-Terminal verabschiedete

ich mich nach sechs Wochen abenteuerlicher Zeit

auf einem Schlepper in den britischen Gewässern, mit einem

perfekt arbeitenden Team in freundschaftlicher, harmonischer

Atmosphäre. Beim letzten Blick auf die weißen Klippen

von Dover wünschte ich Richard und Micky, den Themse-Schleppern,

alles Gute für die Zukunft.

208


Das harte Schicksal der vier Freunde

S. Y. Four Friends – Auckland

Martin Masson, besser bekannt als Dick M., Kapitän des Motorschiffs

Kommander Michael, zeichnete mit einem weichen

Bleistift den geplanten Kurs auf die Seekarte. »Hier bleiben

wir drei Meilen nördlich des eingezeichneten Riffs, denn

man weiß nie, wie genau das alles kartiert wurde.« Mit diesen

Worten führte er den Bleistift kreisförmig um eine Serie

von Untiefen mit einigen kartierten Wracks, die vielleicht

schon seit dem vorletzten Jahrhundert dort ruhten. Mit festem

Strich zeichnete der erfahrene Seemann eine Richtungsänderung

ein, die den Kurs von 112 auf 130 Grad ändern wird,

um dann weiter zum geplanten Ziel zu führen. Dick M. las auf

dem gps-Empfänger die Position, die in grauen Zahlen in einem

Fenster erschien, kratzte sich am Kopf und notierte beim

Knick 21:13 als vorausgerechnete Zeit für den Kurswechsel.

»Das sollte etwa hinkommen, falls das Wetter hält«, beendete

er die Planung, indem er zufrieden seine weißen Bartstoppeln

streichelte. Per schaute auf seine Uhr. Viertel nach

drei, also noch fast sechs Stunden.

»Schade, dass wir bei Dunkelheit am Lukonia-Riff vorbeifahren,

denn sonst könnten wir vielleicht die Masten der Segeljacht

›Die vier Freunde‹ sehen«, bemerkte Per vom hohen

Sitz, den er, in der Kapazität als Projektleiter und nach Begutachtung

der Planung hinter dem Radarschirm eingenommen

hatte. Der Kapitän regte sich in seinem komfortablen Steuerstuhl

und zog behäbig an seiner Dunhill-Pfeife, worauf sich ein

angenehmer Geruch des Borkum-Reef-Tabaks in der Brücke

209


ausbreitete. Die äußere Erscheinung des erfahrenen Kapitäns

in abgeschnittenen Jeans und vom rostgetrübten Waschwasser

in hässliches bräunlich verfärbte t-Shirt passte nicht in das

übliche Bild eines Schiffsführers in weißer Hose, mit dunklem

Kittel und eleganter Mütze. Rasieren gehörte auch nicht zur

täglichen Toilette, womit er genau auf das alte, 65 Meter lange,

1965 in Hannover als Fischkutter für die Nordsee gebaute

Motorschiff passte. Dick M. liebte seine alte Lady und freute

sich, in Per einen dankbaren Zuhörer während der eintönigen

Fahrt übers Südchinesische Meer gefunden zu haben.

MS Kommander Michael

Als sich die großen Konzerne ernsthaft auf die Öl- und Gasförderung

in der Nordsee einließen, erwogen die Unterwasseringenieure

mit Expertenteams an Bord von bemannten

Unterseebooten den Seeboden visuell zu erforschen, Installationen

zu inspizieren oder Lecks in Ölleitungen zu suchen

und zu reparieren. Mutterschiffe, von denen Unterseeboote

gewassert und betreut werden könnten, wurden hergerichtet,

meistens durch Umbau von Nordseekuttern oder der Schiffe,

die Seemächte während des Weltkriegs für die Bergung von

notgewasserten Kampfflugzeugen umgerüstet hatten.

Parallel zu dieser Entwicklung führten die Versuche mit

unbemannten, durch Nabelschnur mit dem Mutterschiff verbundenen,

ferngesteuerten Fahrzeuge (rov – remotely operated

vehicles) zu ersten erstaunlichen Erfolgen. Fernsehkameras

und Manipulationsarme wurden angebracht. Ein Pilot

saß an Bord des Mutterschiffes hinter einem Bildschirm und

lenkte mittels Joystick das ferne Gerät nach Belieben über den

Seegrund und war in der Lage, einfache Handlungen, etwa das

Bergen von verlorenen Gegenständen oder das Einsammeln

210


von Bodenproben, auszuführen. So war es nicht erstaunlich,

dass ein einziger bedauerlicher Unfall mit einem bemannten

Unterseeboot den Traum von Ausflügen zum Grunde der

Weltmeere, wenigstens für die Ölindustrie, beendete. Die unbemannten

Fahrzeuge, wie etwa der Augapfel, mit dem nur

beobachtet wurde, oder die Mehrzweckungetüme, ausgerüstet

mit einer ganzen Werkstatt, tv-Kameras und akustischen

Instrumenten, übernahmen all diese Aufgaben, ohne das große

Risiko, dem sich die Besatzung eines Unterseebootes oder

Tiefseetaucher in Tauchanzügen in großer Tiefe aussetzen

würden.

Am Anfang dieser Entwicklung wurde der alte Fischkutter

Kommander Michael in ein Forschungsschiff mit Raum

für zwei Unterseeboote umgebaut, die dann allerdings nie an

Bord gebracht wurden. Dafür installierte die Reederei auf dem

großen Deck Winden und hydraulische Krane für verschiedene

Projekte mit ihren spezifischen Instrumenten. Dort, wo die

u-Boote hätten sein sollen, befanden sich zwei große Kompressoren.

Einer wurde während der letzten Tage hellgrün

bemalt, während der andere gerade einen dunkelgrünen Anstrich

erhielt.

»Dann kann ich sagen ›starte den Dunkelgrünen‹ zuerst,

was einfacher ist, als ihnen Nummern zu geben!«, beantwortete

Hemish Pers neckische Frage, was auch gleich das Vertrauen

in seine Crew erklärte.

M.S. Kommander Michael diente anfänglich als Versorgungsschiff

für Ölbohrungen in der Nordsee, bis es von den

zweckspezifisch gebauten Schiffen, ausgerüstet mit Helikopterlandeplattform,

großen Büroräumen und Unterkunft für

zahlreiches technisches Personal, verdrängt wurde. Als letzte

Rettung vor der Verschrottung blieb ein Umzug nach Singapur,

der Einbau einer Klimaanlage und das Warten auf Aufträ-

211


ge. Der Start ins dritte Leben war geglückt und so schaukelte

das orange Schiff gemütlich durch die warmen Wasser des

Südchinesischen Meers.

Auf dem Vordeck entfernte ein indonesischer Matrose mit

kräftigen Hammerschlägen Rost. »Nicht zu hart«, schrie Dick

M., »sonst fällst du durch das Deck, denn vielleicht hält ja gerade

der Rost den Kahn zusammen.«

»Vielleicht sehen wir die vier Freunde auf dem Rückweg,

wer weiß!«, tröstete sich Per.

»Es ist ja an dir, so zu planen, dass wir bei Tageslicht am Riff

vorbeifahren«, weckte Dick Per aus seinen Gedanken.

»Du wolltest mir die Geschichte erzählen, fang an, wer sind

oder waren denn die vier Freunde, und was wollten sie mitten

im Südchinesischen Meer?«

Der Seegang wuchs im auffrischenden Wind, bis einige extra

große Wellen vom Bug geteilt, in mächtigen Walzen beiderseits

des Schiffes entlang rollten. Kräftige Spritzer klatschten

an die Vorderfront der Brücke. Der Maler hatte sich bereits

ins Innere verzogen. Per genoss das Rollen und schaute zum

grauen Horizont, zurückgelehnt in den bequemen Sitz, eine

Kaffeetasse in der Hand. Kapitän müsste man sein. Die blaue

See, die ewige Unruhe, die Wellen, durch die sie die Maschine

zog, eine nach der anderen. Eine aufregende, aber zugleich erholsame

Art zu reisen. Du konntest nichts dazu beitragen, um

schneller zu fahren. Die maximale Geschwindigkeit der alten

Lady waren sechzehn Knoten. Aber die fuhr sie tagelang, wenn

es sein musste. Denn der alte mak-Dieselmotor mit seinen 300

Umdrehungen, die ein großes Getriebe bis zum Propeller auf

170 reduzierte, arbeitete sehr zuverlässig.

Tief im Bauch des Schiffes, im Maschinenraum, war die

Zeit stillgestanden. Ein junger Mann aus Surabaya ging unentwegt

an der großen Maschine entlang und füllte mit einer

212


Zinnkanne Öl in die offenen Gefäße, die in Paaren über jedem

Zylinder angebracht waren. Es war erdrückend heiß, weshalb

sich der erste Ingenieur, Chief Hemish Maloy, ein rotes Tuch

um die Stirne gebunden hatte, um den Schweiß aufzufangen.

Sein Overall war bis zur Gürtellinie offen. Seine Arme zierten

kräftige Tätowierungen. Vor Jahren hatte er sein kaltes Schottland

verlassen, um sich in Manila, der Heimat seiner zweiten

Frau, niederzulassen. Mit seinem erwachsenen Sohn Duncan

hat er kaum noch Kontakt. Hemish, so sagte man sich, war der

Einzige, der die antike Welt unter dem Deck noch verstand.

Kein Wunder, dass er die orange Maschine liebevoll sein Old

Girl nannte.

Die Fahrt der ›Vier Freunde‹

Zurück in der Gegenwart erzählte Per, dass vier Freunde in

Neuseeland die Segeljacht »Four Friends« gebaut hatten.

Es war eine stolze 22 Meter lange Jacht mit einer Ferro-Zement-Hülle.

Neben Kabinen für die Crew lagen im weiten

Rumpf zwei komfortable Gästekabinen mit je zwei Kojen.

Im Deckhaus bot ein luxuriöser Salon allen an Bord, auch

bei schlechtem Wetter, gemütlichen Raum für Erholung und

geselliges Zusammensein. Der leutseligen Besitzer Stolz war

eine geschwungene Bar, an der man bequem aufrecht stehen

konnte.

Im Cockpit gab es alle Instrumente, die man auf langer

Fahrt brauchte, Kompass, gps, Wetterfax, Radio, Radar, digitales

Echolot und so weiter. Da die stolzen Besitzer bald einmal

merkten, dass ein solches Boot für vier Freunde für Wochenend-

und Ferienturns zu teuer war, boten sie sich für Charterfahrten

an. Fanden sie Interessenten, beurlaubte sich einer der

vier, heuerte je nach Bedarf eine Crew an und ging auf Fahrt.

213


In Neuseeland war es so üblich, dass viele Jachten während

dem südlichen Winter in die tropischen Gegenden der

Fidschi-Inseln verlegt wurden. Ende April versammelten sie

sich, um die lange Fahrt im Konvoy anzutreten oder gar um

die schnellste Überfahrtszeit zu regatieren. »Four Friends«

beteiligte sich an der Regatta und gewann schon beim ersten

Versuch als schnellste Tourenjacht.

Eigentlich hätte man dort den ganzen Winter verbracht,

hätte nicht ein unternehmungslustiger Weltenbummler mit

seiner Freundin die Jacht für eine Passage durch den indonesischen

Archipel bis nach Singapur gechartert. Skipper Connor

Moor fand eine Crew und setzte Segel nach dem fernen

Ziel. Torres Straight zwischen Australien und Papua-Neuguinea,

Bali, Java-See, bis sie nach sechs Monaten und mehreren

Landaufenthalten in der Raffles Marina in Singapur den Charter

beendeten.

Trotz mühsamem Suchen gelang es Connor nicht, Charterer

für die Rückreise nach Neuseeland zu finden. Von der

luxuriösen und teuren Marina verlegte er das Boot zum Changi-Jachtklub,

wo sich die Weltumsegler mit bescheidenerem

Budget trafen. An den Ankerbojen hingen die Gestrandeten,

die in Verzweiflung auf Käufer für ihre Boote warteten, solche,

die sich neue Partner suchen wollten, da sie der alte im Streit

verlassen hatte. Dann waren noch einige, die an Land Arbeit

suchten, um dringende Reparaturen an ihren Booten auszuführen,

ehe sie weiterreisen konnten. Die Flaggen tanzten im

Wind, man konnte sie vom Lloyang-Marine-Stützpunkt gut

sehen, dort, wo die Boote der Ölindustrie repariert, gebunkert,

umgebaut, gekauft oder verkauft wurden. Dort waren

auch die Tauchsupportboote. Und dort hat »s.y. Four Friends«

endlich einen neuen Kunden, den bekannten Unterwasserfotografen

Tan Ho Seng, kurz Tan, aus Malaysia, gefunden. Er

214


war mit seinen Bildbänden über die Korallenriffe in Nordborneo

in der Bestsellerliste gelandet, weshalb er eine Kommission

erhandelt hatte, die meist unbekannten Südlukonia-Riffs

zu fotografieren.

Ein Vertrag mit dem Tauchboot Calypso für das Projekt war

buchstäblich ins Wasser gefallen, als ein Schlepper das bestens

ausgerüstete Boot rammte, was Reparaturen im Trockendock

erfordern würde, falls sich der Eigentümer dazu entschließen

könnte. Tan sah seinen Vertrag, den Erscheinungstermin für

sein Buch einhalten zu können, in Gefahr, bis ihn der Barkeeper

im Jachtklub dem Skipper der vier Freunde vorstellte.

Die Tauchausrüstung wurde überholt, ein neuer Kompressor

eingebaut und Navigationsunterlagen beschafft. Während

die Jacht in Richtung Borneo segelte, flog Tan nach Miri

in Sarawak, um Kontakt mit den Firmen aufzunehmen, die

Ölexploration in der Gegend ausführten und die meisten Riffe

kannten. Da die Sponsoren des Projektes bekannt waren,

offerierte man alle erdenkliche Hilfe. Man saß um einen runden

Tisch über Karten und kreiste ein, von wo Hilfe per Radio

angefordert werden könnte. Auch Helikopterunterstützung

wäre möglich, aber nur im äußersten Notfall, da teuer und

weil das Forschungsgebiet am Rande des Helikopter-Einsatzradius

lag. Bei diesem Treffen am runden Tisch war Per als

Vertreter der Navigations- und Vermessungsabteilung der Ölfirma

anwesend. Das gab ihm die Gelegenheit, mit Tan einen

Besuch auf der Jacht zu vereinbaren, um sich zu versichern,

dass der Skipper über genügend Karten und Navigationsmittel

für Arbeiten in der Nähe der bestehenden Installationen habe.

Auch wollte er ihn persönlich über Sicherheitsbestimmungen

unterrichten. Aber eigentlich wollte er, da selber Skipper, die

vielgepriesene Jacht sehen.

215


Auf zur letzten Fahrt

Ein paar Tage später tanzte »s.y. Four Friends« friedlich in der

harmlosen Brandung des Südchinesischen Meers vor der Küste

Sarawaks. Per saß als Gast mit Skipper und Fotograf Tan

im Cockpit, Whisky in der Hand, langsam das Glas drehend,

die Eisbrocken sachte klingelnd, im Gleichklang mit dem immerwährenden

Geläute der Takelung. Der Blick des stolzen

Eigentümers zog über das makellose Teak-Deck, die blitzblanken

Chromstahlausrüstungen, wie Reling, Bullaugen, Poller,

Winden, Ankerspill. Per war beeindruckt von der praktischen,

mit einem Blick erfassbare Anlage der Navigationsinstrumente

und der Fallführung, welche Einhandbedienung bei gutem

Wetter erlaubte.

»Und gesegelt wird mit Autopilot, nur für Hafeneinfahrt

übernehmen wir manuell.«

Mit den zwei großen rechteckigen Fenstern der Luxuskabine,

achteraus, und dem erhöhten Heck erinnerte die Jacht

an die ersten Weltumsegler oder gar an die Bounty in der Südsee.

Per schaute zum Horizont, möchte mit auf die lange Fahrt

über den Horizont, dort in die untergehende Sonne. Erst als

es ganz dunkel war, brachte ihn das Beiboot der Jacht zurück

ans Land.

Vom Ankerplatz segelten sie in den frühen Morgenstunden

gegen Nordwesten. Backbord, über den roten Klippen,

blinkte vor dem rötlichen Morgenhimmel das Tanjong-Lobang-Leuchthaus.

Vom Ende der Landzunge im Westen grüßte

der Baram-Leuchtturm. Am Ufer erloschen die Lichter der erwachenden

Stadt, während die Sonne langsam aus dem Meer

auftauchte. Es war ratsam, erst kurz vor Sonnenaufgang den

Anker zu lichten, da die ersten 20 Kilometer durch den Wald

von Marine-Installationen führten, die die ausgedehnten Öl-

216


felder vor der Küste von Sarawak bildeten. Alle Hindernisse

über Wasser waren mit Warnlichtern ausgerüstet. Vorschriften

verlangen, dass sich jeglicher Schiffsverkehr mindestens

eine Seemeile davon fernhalten musste. Dazu kam noch der

Bootverkehr zwischen den einzelnen Anlagen, deren Skipper

strikte auf ihrem Vorfahrtrecht beharrten.

Am Ende des Auslaufgebietes des Baram-Flusses, kurz hinter

dem letzten Hindernis, wechselte die Farbe des Wassers

vom unansehnlichen Braun ins klare Blau. Aus der Luft zeigten

fächerförmige, braune Flächen als Anhängsel im blauen

Wasser des Meeres jede Flussmündung Nordborneos, wofür

böse Zungen der Waldrodung im Inneren die Schuld gaben

und dabei sagten »Borneo verblutet«. Dabei ist das Braun eine

Mischung von Erde und einer färbenden Wurzelsubstanz, die

von den Wasserläufen aus dem Inneren ins Meer geschwemmt

wurde.

Dann war freie Fahrt. Einzelne Delphine begleiteten die

Jacht, spielten in den Bugwellen und schauten dem neugierigen

Segler ohne ein Zwinkern ins Auge. Beim Eindunkeln

markierten Lichter am Horizont einen Bohrturm, der Explorationsbohrungen

ausführte. Früher waren das willkommene

Fixpunkte, an denen die Navigatoren ihre astronomische Position

bestätigen oder, falls nötig, korrigieren konnten. Mit der

Möglichkeit, mit einem handelsüblichen gps-Empfänger eine

genaue Position zu ermitteln, war das nicht mehr notwendig.

Vorbei war die Zeit der Astronavigation, die viel Übung

und Geschick mit dem Sextanten sowie beim Ausrechnen der

Standlinien verlangte.

Am Abend des zweiten Tages war das Ziel so nahe, dass der

Skipper der Jacht beschloss, für die Nacht zu ankern, um das

Riff bei Tageslicht anzulaufen. Der genaue Plan für den ersten

Tauchgang wurde mit Tan besprochen und die Tauchausrüs-

217


tung nochmals kontrolliert. Die Wetterprognose war gut, die

Sonne senkte sich blutrot hinter den Horizont, beste Voraussetzungen

für eine erfolgreiche Mission.

»Das muss ja eine ganz tolle Sache für den Skipper gewesen

sein«, kommentierte Dick M., als sich der Erzähler vom Hochsitz

erhob, um im hinteren Teil der Brücke seine Kaffeetasse

nachzufüllen. Die Sonne senkte sich gegen den Horizont, der

Barometerstand war weiter gesunken, was noch keine Wetterbesserung

versprach. Zurück am angestammten Platz fuhr Per

mit seiner Erzählung fort.

Schiffbruch

»Du kennst doch die Besatzung dieser Jacht, wie heißt sie, ›Friends‹

oder so was«, fragte Ben Allison, der Chefpilot der Helikopterflotte,

Per nach der wöchentlichen Planungssitzung.

»›Four Friends‹, ja, warum?«, fragte dieser interessiert.

»Gestern Nacht mussten wir die Besatzung per Helikopter

retten, nachdem sie am Lukonia-Riff aufgelaufen waren«, berichtete

er sachlich.

»Sind alle gesund? Und die Jacht?«

»Ja, sie sind alle gesund, aber der störrische Skipper wollte

nicht weg, und der chinesische Fotograf hatte von teurem

Gerät erzählt, konnte aber nur eine Plastiktasche voller Filme

mitnehmen. Du weißt ja, die große Distanz, die Dunkelheit

und so weiter.«

Was war geschehen? Die Jacht ankerte mit dem Buganker

in einem Atoll. In der Nacht drehte der Wind und frischte auf.

Die Jacht drehte sich mit und verkeilte sich auf einem nicht

kartierten Riff. Leck, Wasser, Absinken. Mayday, Mayday.

Auf dem nahen Bohrturm wurde das Signal aufgefangen.

Anstatt ein Boot zu schicken, alarmierte der Radiomann die

218


Flugrettung. Das ok zur Rettung, »nur Leben, kein Gut«, wurde

gegeben. Der Helikopterpilot fand das Wrack, mit dem

Deck nur gerade knapp über der Wasseroberfläche in gefährlicher

Schräglage, sichtlich unreparierbar, wo sie war. Selber ein

erfahrener Segler, schüttelte Ben den Kopf. »Wie kann man

nur …«, fragte er mehr sich selbst als den Copiloten im Sitz

nebenan, während der Flugbegleiter die Winde zur Bergung

ausfuhr.

Der Skipper ließ sich am Tag nach der Rettung nicht mehr

sehen, denn er flog in unüberlegter Eile mit dem ersten möglichen

Flug nach Singapur, um von dort eine Bergung der Jacht in

die Wege zu leiten. Wenn nicht die ganze Jacht, so wenigstens

die Instrumente, die teuren Einrichtungen aus Chromstahl,

so viel wie möglich. Vergeblich suchte er im Changi-Jachtklub

und in der Lloyang Offshore Base nach irgendeinem Skipper,

der eine Kommission suchte. Nichts.

»Alles, was ich zurückhaben will, sind die Instrumente, die

teuren Gegenstände«, klagte er beim Whisky an der Bar des

Jachtklubs.

»Nein, ich habe keine Versicherung!«, gestand er kleinlaut.

»Und nun habe ich vernommen, dass die Taucher des lokalen

Tauchklub schon alles Wertvolle geborgen, was sag ich,

gestohlen haben«, jammerte er ein paar Tage später. Fast weinerlich

fügte er an, dass er alles für gutes Geld zurückkaufen

würde, auch nur einen Teil davon. Obwohl er genau wusste,

dass er eigentlich pleite war.

Die Nachricht vom Wrack vor der Küste machte die Runde

im Bootsklub. Und so fragte Ben, der Helikopterpilot, Luigi,

den Obmann der Tauchgruppe:

»Wart ihr beim Wrack?«

»Welchem Wrack?«

»Der Segeljacht.«

219


»Welcher Segeljacht?«

»Was, du weißt nichts davon?«

»Nein, pack aus.«

Ben fütterte Luigi nur Skizzen, wollte ihm nicht sagen, wo

und was genau, denn er wusste zu gut, wie die übereifrigen

Hobbytaucher nach neuen Zielen lechzten. Und dabei sah er

die traurige Möglichkeit einer weiteren Seerettung bei Nacht

und Nebel.

Der Fotograf, der als Einheimischer wohl die besten Beziehungen

hatte, war nicht nach Singapur, sondern zur nahen

Insel Labuan geflogen, wo er die lokale Tauchfirma aufsuchte.

»Ich brauche Taucher, um fotografisches Gerät aus einem

Wrack zu holen.«

»Was bezahlst du?«

»Nichts. Euch gehört die Jacht und alles, was ihr darauf findet,

was aber nicht mir gehört.«

Dabei zeigte Tan Fotos der Jacht, auf denen die Einrichtungen

zu sehen waren.

»Und falls wir zu spät sind?«, wunderte sich der noch skeptische

Taucher.

»Seid ihr nicht, denn der Skipper ist unterwegs nach Singapur

und die vietnamesischen Fischer sind um diese Jahreszeit

nicht dort«, gab der schlaue Fotograf mit überzeugender

Stimme an.

»Abgemacht«, Handschlag, und los ging die Fahrt.

Ein paar Tage später verließ der rostige Stahlkutter das

Lukonia-Riff, wo eine klägliche Zementhülle der endgültigen

Zerstörung wartete. Nichts außer dem stolzen Rumpf mit den

leeren Masten und Wunden der Brecheisen war geblieben.

»Zufrieden?«, fragte der schmunzelnde Fotograf.

»Ja«, nickte der Taucher, der keinen Moment daran zweifelte,

dass sich alles sehr gut verkaufen lässt.

220


»Auch dem Eigentümer würde ich das zurückverkaufen.

Für gute Dollar, sollte er auftauchen.«

»So kann es gehen«, meinte Dick M., eine neue Pfeife stopfend.

»Ist er zurückgekommen?«

»Das weiß ich nicht, ich glaube aber, dass er pleite war …«,

endete Per seine Erzählung.

Hemish, der Erste Ingenieur, tauchte aus dem Bauch des Schiffes

auf, füllte sich eine Tasse mit starkem schwarzem Kaffee.

»Nein, die Wasseraufbereitungsanlage kann ich ohne Ersatzteile

nicht reparieren«, meldete er dem Kapitän.

Das hieß, dass kein Meerwasser in Trinkwasser umgewandelt

werden konnte.

»Wir haben noch für zehn Tage Wasser im Tank, dann ist’s

aus!«, legte er mit Achselzucken dar.

Rationierung wurde angeordnet. Nur noch mit voller

Waschmaschine waschen, ja nie die Hähne auflassen und so

weiter. Je weniger Wasser im Tank war, umso konzentrierter

wurde der Rostgehalt und damit die rote Farbe, was dann wieder

auf den weißen t-Shirts zu sehen war.

Unbeirrt davon drehte sich die Maschine weiter. Das Ölkännchen

zog weiter seine Runden um den Motorblock. Nelson

wischte sich den Schweiß mit dem schmutzigen Handrücken

vom Gesicht, damit er nicht in den Augen brannte.

Per freute sich, hier und nirgendwo sonst zu sein. Die endlose,

aufgewühlte Wasserfläche wurde zur lieblichen Landschaft.

Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt.

221


Das Gesicht im Wasser – Telepathie oder Fantasie

Der junge Murugesan aus Singapur, den seine Freunde San

nannten, lenkte mit einem Steuerknüppel, besser bekannt als

Joystick, von der Kommandokabine auf einem modernen Forschungsschiff

das Unterwasserfahrzeug über den Meeresboden.

Die Arbeit war sehr anstrengend. Pausenlos konzentrierten sich

seine Augen auf das Bild auf dem großen Bildschirm, welches

von den Videokameras im Fahrzeug den Seeboden darstellte,

während es langsam einer geplanten Linie entlang schwebte.

San hatte sich bald nach seiner Einstellung als Pilot einen

guten Namen geschafft und wurde von der Crew aus allen Ländern

als sympathischer und zuverlässiger Mitarbeiter sehr geschätzt.

Für ihn, der von Singapur Airline aus medizinischen

Gründen nicht in die Pilotenschule aufgenommen wurde, war

dies eine akzeptable Alternative. Er bildete sich ein, der Meeresboden

sei das Wolkenmeer, über das er zu seiner jungen Frau in

Singapur schwebe, die er erst vor sechs Monaten geheiratet hatte.

Allzu gerne würde er in der Betriebswerkstatt arbeiten, um

mehr mit ihr zusammen zu sein. Aber dafür fehlten ihm noch

ein paar Jahre praktische Erfahrung, die er nur zur See erlangen

konnte. Einziger, aber nicht unbedeutender Trost waren die Extrazulagen,

die für Offshore-Einsätze bezahlt wurden, denn bis

zur Begleichung des beträchtlichen Rests des Brautpreises war

das junge Paar froh um das Extraeinkommen, obwohl die Zeiten

der Trennungen schmerzhaft waren.

»Was ist das!«, erwachte er aus seinen trübsinnigen Gedanken,

als sich die Formen auf dem Meeresboden plötzlich zum

verzerrten Gesicht seiner Frau vereinten.

222


»Nein, nein, was tust du? Was ist mit dir?«, schnellte er voll

Entsetzen aus seinem Sessel. Dann sah er ihr strahlendes Gesicht

für einen kurzen Augenblick. Schweißperlen überzogen

seine Hände, und er starrte auf den Bildschirm.

»Komm zurück, sag etwas, sag etwas, was ist los?« Seine

Nase berührte beinahe den Bildschirm.

Dann erschien das Gesicht wieder, so wie es ausgesehen

hatte, als er um sie geworben hatte und wiederholte die Worte,

die ihn damals zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht

hatten: »Ich führe dich zum versteckten Paradies. Du,

nur du wirst es sehen, vereint werden wir uns erfreuen!«

Angstschweiß trat auf seine Stirn. Dann zogen trübe Wolken

über das Bild und plötzlich tauchte die grinsende, dunkelhäutige

Grimasse des Hauseigentümers auf, und keifte ihn

mit funkelnden Augen an: »Murugesan, deine Miete ist schon

wieder überfällig, Hahahaa!«

»Ja, ich weiß, nur noch bis Ende Monat, Herr Pillai, bitte!«

»Du hast doch kein Geld. Aber deine Frau ist jung, deine

Frau ist schön, was meinst du?«

San erstarrte.

»San, was ist los, du landest das Fahrzeug. Pass doch etwas

auf.«

Mit diesen Worten stürzte der Teamleiter in die kleine Kabine,

konnte San die Kontrolle im letzten Moment entreißen

und den Steuerknüppel bis zum Anschlag zurückziehen. Die

Kamera richtete sich gegen oben, wo sich der Lichtkegel im

Dunkeln der Wassermassen verlor. Auf dem Bildschirm erschienen

anstatt des Seebodens Luftblasen und ein paar neugierige

Fische vor schwarzem Hintergrund.

Wie in Trance trat San durch die Tür in den engen Gang,

wo steuerbords der Aufenthaltsraum lag. Als er dort eintreten

wollte, hörte er seinen Namen über den Lautsprecher: »Ein

223


Telefonanruf auf der Brücke!«

Erschrocken folgte er dem Gang entlang zum Ende, wo die

Treppe zur Brücke ansetzte. Drei Stockwerke hoch, in die geheimnisvolle

Welt der Kommandobrücke, wo der Kapitän im

schwarzen Ledersessel an einer kalten Pfeife kaute und angespannt

auf den Navigationsbildschirm über dem Steuerstand

schaute.

»Ah ja! Dort, das grüne Telefon!«, begrüßte er San, ohne

den Blick zu erheben.

»Ja?«, hauchte San in den Hörer.

»Herr Murugesan, wir haben leider schlechte Nachricht

für Sie. Ihre Frau wurde vor einer Stunde in das Spital in Singapur

eingeliefert. Sie hat einen Schädelbruch!«

»Was? Ich komme sofort!«

»Das ist nicht nötig, sie ist auf der Notfallstation. Sie ist

nicht bei Bewusstsein. Wir werden Sie weiter informieren. Es

tut uns sehr leid!«

Der Hörer entglitt seiner Hand, Tränen füllten seine Augen.

»Er war’s, der dicke Pillai, mit seinen dreckigen Fingern, er

machte seine Drohungen wahr, sie hat sich gewehrt, worauf

er sie erschlagen hat. Ich weiß es!«, stotterte er vor sich hin.

»Sie ist tot und wenn nicht, wird sie sich selber töten, denn nie

könnte sie mit dieser Schande leben, nie!«

Unbeachtet vom Kapitän, ohne zu wissen, was zu tun,

schlich er in sich zusammengesunken Stufe für Stufe die steile

Treppe hinunter. Deutlich sah er das fette Gesicht von Pillai,

der eben in seine Straße eingebogen war, als ihn das Taxi

vor drei Tagen zum Flughafen abgeholt hatte, um für sechs

Wochen weg zu sein. Nachts, wenn er in seiner Koje lag, ließ

ihn dieses Bild nicht einschlafen, denn er wusste, dass seine

Frau dem Bösewicht ausgeliefert war. Seine Sinne schwanden,

ehe der das Hauptdeck erreichte.

224


»Hilfe, Sanität, Hilfe, da liegt einer am Boden!«, schrie der

kleine Seemann durch den Gang, als er den zuckenden Körper

Sans am Fuß der steilen Treppe fand. Schaum trat aus

seinem Mund, begleitet von unverständlichem Gestammel.

In Windeseile raste der erste Offizier durch die engen Gänge

und schrie Anweisungen: »Sofort Bare, Decken, Kissen. Ein

Mann die Füße halten!«, denn Sans lange Beine schlugen nun

unkontrolliert um sich, während sich seine Hände im Hemd

des Offiziers verkrallten. Erst als ihm die Sauerstoffmaske

aufgesetzt wurde, beruhigte er sich. Wie leblos lag er auf der

Bank des Aufenthaltsraums, wo er hingetragen wurde. Sein

Kopf lag im Schoß des Offiziers, der auf ihn einredete und ihm

Fragen stellte, die San nicht hörte.

»Was ist mit ihm? Was ist passiert?«

Niemand wusste eine Antwort.

»Extremer Schock, aber unbedeutende Verletzungen vom

Sturz!«, war die Diagnose des Offiziers, der nachdenklich in

die Runde schaute.

Da keine weitere Betreuung an Bord möglich war, funkte

der Kapitän für einen Arzt, der bestimmen sollte, was zu unternehmen

sei. Die Arbeit wurde eingestellt, das Unterwasserfahrzeug

an Deck gebracht und volle Fahrt gegen den Hafen

aufgenommen. Kurz vor Land meldete sich dann das Lotsenboot,

dass es einen Doktor bringe.

Dieser untersuchte den Patienten und kam zum selben

Entschluss: »Schock, hervorgerufen durch übermäßigen seelischen

Stress. Fast alltäglich bei dieser strengen Arbeit, unter

diesen ungewohnten Bedingungen. Ich nehme ihn mit und

behalte ihn im Spital zur Beobachtung!«, war seine Anweisung,

während er sein Stethoskop zusammenklappte und im

schwarzen Koffer verpackte.

San erwachte, als man ihn zur Jakobsleiter führte, an der

225


das Lotsenboot in den Wellen tanzte. Ein neuer, kräftiger

Anfall packte ihn und Schaum trat aus seinem Mund. Er hatte

nur einen Wunsch, und den erfüllte er, indem er sich mit

übermenschlicher Kraft vom Griff des Doktors löste und sich

in die Turbulenzen zwischen Schiff und Lotsenboot stürzte,

die von den Propellern erzeugt wurden.

Während sich die erschrockenen Seeleute anschickten, den

leblosen Körper zu bergen, klingelte das grüne Telefon auf der

Brücke: »Bitte sagen Sie dem Herrn San, dass sich die Frau erholt,

dass sie nicht bei Bewusstsein, aber außer Lebensgefahr

sei. Sagen Sie ihm auch, dass sich der Fahrer, der sie angefahren

hatte, gemeldet hat und bereits die volle Verantwortung

für den Unfall übernommen hat!«

226


Der Ginpalast

Roger wollte eine Motorjacht bauen und in das lukrative Chartergeschäft

einsteigen.

»Die Expats mieten solche Boote, um in der Freizeit an

benachbarten Riffs und den wenigen, bekannten Wracks zu

tauchen. Du wirst sehen, es wird ein Riesengeschäft! Und so

können wir unser Boot für unsere großen Pläne finanzieren!«,

sagte er zu Lucy, seiner Frau.

»Du meinst, deine Pläne«, war alles, was Lucy dazu sagen

wollte.

Bei den Expats, Expatriates, wie man im Lande ansässige

Ausländer nennt, sah Roger seine Zielkundschaft. Denn an

Wochenenden wollten sie zu den vor der Küste liegenden

Inseln segeln, wollten fischen, wollten aber vor allem zu den

Riffs fahren, um zu tauchen. Da die begehrtesten Ziele mehr

als drei Fahrstunden vom Hafen entfernt lagen, sah Roger

dort die Marktlücke, denn für solche Fahrten fehlte noch

das passende Boot, mit Unterkunft und permanenter Crew,

Kompressoren für die Taucheinrichtungen und nicht zuletzt

Kühlschränke für das Bier, den Weißwein und das Eis für den

Gin, um den Erfolg zu feiern. Der englische Sprachgebrauch

bezeichnet solche Luxusboote als Gin-Palast.

In Singapur fand Roger einen Bootsbauer, der im benachbarten

Malaysia mit Beziehungen ein 16 Meter langes Boot

aus lokalem Teak bauen würde. Man saß zusammen, beriet

sich über Segeljacht oder Motorjacht, die Kosten und wie man

diese begleichen würde. Man einigte sich auf eine von den lokalen

Fischerbooten abgeleitete Form. Ein geräumiges, offe-

227


nes Cockpit mittschiffs, als Arbeits- und Erholungsplatz zwei

große Kabinen im Heck, voraus durch einen gedeckten Salon

zu zwei weiteren Kabinen im Bug. Der Motor wurde unter

dem Cockpitboden versteckt. Dann änderte man von Segelzur

Motorjacht. Ein zweiter Motor wurde eingebaut und die

Basis für den Hauptmast, die in Form eines kräftigen Balkens

die Kabine einengte, sollte entfernt werden. Nur dazu kam es

nicht, denn Rogers Pläne fanden dort ein abruptes Ende. Seine

Frau Lucy, maßgebend bei der Finanzierung beteiligt, wollte

plötzlich nichts mehr von Segler und Motorboot wissen und

kaufte ein Haus. Das Geld für das Boot war weg, somit auch

der Traum vom Entdecken des ganz großen Preises vor der

grünen Küste von Borneo.

Das halbfertige Boot verkaufen? Wer, meinst du, will so ein

Boot kaufen?

»Ich gebe dir ein halbes Jahr, um einen Käufer zu finden.

Wenn nicht, verlierst du die Anzahlung, und ich habe das

Boot«, erklärte der sehr enttäuschte Bootsbauer.

Roger suchte überall, auch bei den Tauchfreunden an der

grünen Küste. Aber das Boot war etwas zu groß für den Privatgebrauch.

Ein stolzer Rumpf, perfekt hergestellt und wunderbar

ausgearbeitet. Sogar die Mastbasis würde entfernt werden

und aus den beiden Heckkabinen würde man einen Staatsraum

mit Kingsize-Bett, Hängeschränken, Nasszelle und vieles

mehr herzaubern. Eine Klimaanlage könnte eingebaut werden.

Darauf leben könnte man für immer, auf dem Gin-Palast.

Sonnenuntergänge anschauen, mit einem Glas Pink Gin in der

Hand, in dem die Eisbrocken langsam zergehen. Rosarot wie

der Sonnenuntergang, der die laue Tropennacht einleitet.

Nichts dergleichen, aus der Traum.

228


Sturmwarnung, Beaufort 10 von SSW

Heftige Bewegungen holten Ralf aus tiefem Schlaf. Als er sich

um Mitternacht, nach Ende der Schicht, in seiner Kabine zur

Ruhe gelegt hatte, war alles noch normal. Ein leichtes Schlingern

des Schiffes, das sich durch die ruhige See bewegte. Kein

Grund, auf der Brücke den Barometerstand zu lesen, denn seit

einer Woche bewegten sie sich in einer Hochdruckphase, die

allerdings in den nächsten Tagen von einer anrückenden Tiefdruckfront

verdrängt werden sollte. Aber nun, was war denn

das? Ralf wurde kräftig und unregelmäßig in der Koje hin und

her geworfen. Für den Unerfahrenen ist das ein seltsames, ungewohntes,

ja unangenehmes Gefühl, was sie daran hindert, in

der Koje zu liegen, wo sich die Eingeweide im Körper von links

nach rechts, von unten nach oben und wieder zurückbewegen,

als wollten sie ausbrechen. Ohne Rhythmus, denn die Bewegungen

werden vom Schiff bestimmt, mit dem die kräftigen

Wellen und der starke Wind ein Spiel ohne Regeln spielten.

Ob sie die angekündigte Front schon erreicht hätte, fragte

sich Ralf, während er sich aus der Koje auf den Boden schwang.

Aus der Tiefe des Rumpfes hörte er immer noch das regelmäßige

Ticken der seismischen Messanlage. An den Geländern haltend,

so gut wie möglich die Bewegungen des Schiffes ausgleichend,

torkelte er zur Treppe und kletterte vorsichtig ein Deck

tiefer zum Kommandoraum. Dort betrachteten alle Augen die

Resultate, mit denen der Schichtleiter zu entscheiden hatte,

ob man Messungen einstellen müsse, da die raue See nicht nur

zu Lücken, sondern auch zu starken Unregelmäßigkeiten in

der analogen Aufzeichnung führte. Dazu meldete der Kapitän,

229


dass Ian Woosnam das schottische Golf-Open gewonnen, Damon

Hill die Poleposition für das Silverstone-Rennen erreicht

habe und dass die Hong-Kong-Wetterwarte für die folgenden

24 Stunden noch höheren Seegang voraussage. Das war genug,

um sich für den Abbruch der Messungen zu entscheiden. Das

Ticken der Geräte verstummte, die Instrumente wurden geborgen

und gesichert, während die kräftigen Wellen bereits

über das Deck schwappten.

Die Crew-Mitglieder verschwanden im TV-Raum, in der

Koje, oder erzählten sich im Aufenthaltsraum Geschichten.

Der Navigator im Dienst verkeilte sich in seinem Sitz vor dem

Bildschirm, drehte einen Bleistift zwischen den Fingern der

rechten Hand, machte einen Eintrag im Logbuch, ehe er zum

Roman griff, der allzeit bereit neben dem Logbuch lag. Ralf

verkeilte sich in seiner Ecke hinter dem Rechner, von dem er

durch ein Bullauge, je nach Position im Bewegungszyklus, die

See oder den Himmel sehen konnte.

Irgendwo fiel ein schwerer Gegenstand von einem Pult,

Schubladen wurden von den Bewegungen aufgerissen und

wieder zugeknallt. Um das zu verhindern, schlich der Party

Chief wie ein Betrunkener mit Klebeband von einem Pult zum

andern.

»Das kommt davon, wenn man sparen will und ausgediente

Büromöbel aufs Schiff bringt, anstatt sie zu entsorgen«,

donnerte er. Denn taugliche Schiffsmöbel haben Sicherungen

für Schubladen und Ränder, die Gegenstände vor dem Herunterfallen

retten.

In der Kombüse hatte der Koch spezielle Bügel auf dem

Herd angebracht, die den Abflug von Pfannen verhindern.

Sein Gehilfe verkeilte sich breitbeinig zwischen Schüttstein

und Kühlschrank, um mit beiden Händen Zwiebeln zu

schneiden. Sein Körper bewegte sich kunstvoll mit viel Er-

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fahrung gegen die Bewegungen. Beeilen musste er sich nicht,

denn bei hohem Seegang bleibt die Küche aus Sicherheitsgründen

kalt.

Auf der Kommandobrücke, dem höchsten Punkt im Schiff,

waren die Bewegungen am stärksten. Der Kapitän stand hinter

seinem Stuhl, eine Kaffeetasse in der Hand, sich mit Kniebeugen

senkrecht haltend, den Blick in die Ferne gerichtet. Der

Autopilot besorgte die Kurshaltung. Die digitale Richtungsanzeige

des Kompasses pendelte mit den Schiffsbewegungen

nervös hin und her.

»Das ist mein Frühturnen«, kommentierte Hans, der rundliche

Kapitän aus Hamburg.

»Das Geisterschiff treibt langsam gegen unser Projektgebiet«,

fuhr er weiter, womit er ein Frachtschiff meinte, das mit

Motorenschaden seit Tagen hilflos in Strömung und Wind

dahintrieb. Gestern sahen sie für kurze Zeit eine Rauchwolke

aus dem Kamin aufsteigen, die aber dann wieder erlosch, sonst

nichts, was hieß, dass die Reparaturanstrengungen bis anhin

erfolglos waren.

Der erste Offizier, in der Kapazität des Sanitäters, pirschte sich

durch die Gänge und offerierte kleine, runde Pflaster, die, hinter

das Ohr an den Kopf geklebt, vor Seekrankheit schützen

sollten. »Nein, danke, nicht für mich«, wehrte sich Ralf. Später

wurden diese Pflaster wegen schädlicher Nebenwirkung wieder

aus dem Verkehr gezogen.

Auch erfahrene Seeleute können unter der Krankheit, die

aber nach ein paar Tagen abklingt, leiden. Ist dem nicht so,

wird eine Seefahrt zur Qual durch Erbrechen und allgemeiner

Übelkeit.

231


Die weißen Pferde – Südatlantik

Die weißen Kronen der Wellen, die weißen Pferde, werden

größer, bis sie der Wind von der Krone wegbläst und als Gischt

vor sich hertreibt. Weiße Schaumbänder legen sich wie weiße

Finger in die Windrichtung auf das schwarze Wasser. Ab und

zu klatschte eine Wassermasse gegen das Bullauge, das drei

Meter über der Wasserlinie lag. Die Berg- und Talfahrt ging

weiter. Wie lange noch? Der letzte lose Papierkorb prallte gegen

die Stuhllehne. Auf einem pc nebenan spielte der Geophysiker

einhändig Solitär, während er sich mit der linken Hand

am Stuhlrand festhielt. Man störte sich nicht an der Pause in

der Arbeit.

»Es bessert sich«, meldete sich der Party Chief ein paar

Stunden später mit einer leeren Kaffeetasse in der Hand.

Seekrank? Nein, nie, das ist nur für Landratten ...

»Ein altes Rezept verschreibt bei Seekrankheit das Essen

von frischer Ananas.«

»Wieso?«, willst du wissen.

»Weil nur Ananas beim Erbrechen denselben Geschmack

hat wie beim Essen.«

Alte Seebären aus England trinken stark gesüßten Schwarztee

mit viel Milch …

Die wirklich Leidenden verkehren mit Pütz in der Hand

zwischen Koje und Reling, bis sie festes Land unter den Füßen

von den Qualen erlöst. Die meisten vom Leiden befallenen

Seehasen genießen nach ein paar harten Tagen all das Schöne

und Unvergessliche einer Seefahrt zu fernen Zielen weit

hinter dem Horizont. So wie schon unsere Urvorfahren mit

verklärtem Blick zum Horizont und den funkelnden Sternen.




Erika Mann und die

›Pfeffermühle‹

In zwei Anläufen versuchte das

Cabaret die Einwanderung in die

Schweiz, und beide Male waren

von Schwierigkeiten geprägt.

Der erste Versuch, die Gründung

des dadaistischen ›Cabaret

Voltaire‹ durch Kriegsflüchtlinge

aus Deutschland, Frankreich und

Rumänien im Jahr 1916, konnte

diese Form noch nicht zur

Geltung bringen. Dem zweiten

Anlauf war mehr Glück beschieden:

Erika Manns 1933 gegründetes

Exilcabaret ›Die Pfeffermühle‹

markiert den Beginn einer

bemerkenswerten Schweizer Cabaret-Tätigkeit. Erst mit ihrer Hilfe

konnte sich der Dadaismus in der Schweiz etablieren. Im Schweizer

Cabaret hat er bis heute seine Spuren hinterlassen.

Zahlreiche Beispiele machen eine Kunstform lebendig, die sonst

nur für den kurzen Moment auf der Bühne existiert. Dabei spannt

Daniela Chana einen Bogen von den Anfängen des Cabarets bis zu

jungen Künstlern, die heute das Publikum begeistern. Sie trägt dazu

bei, eine Kunstform sichtbar zu machen, die sich anhaltend großer

Beliebtheit erfreut und dennoch von der Forschung bisher wenig

beachtet wurde.

Daniela Chana

Erika Mann und die ›Pfeffermühle‹

Dadaismus und die Anfänge des Cabarets in der Schweiz

172 Seiten

ISBN 978-3-902752-10-9, EUR 32,–

danzig & unfried






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