Peter Wittich: Auf Magellans Spuren. Ein Schweizer auf den Meeren der Welt
Schon als Junge packte Peter Wittich die Sehnsucht nach dem Meer. Sein Beruf als Projektleiter für Seemessungen und Positionierung von schwimmenden Bohranlagen und Forschungsschiffen führt ihn schließlich auf alle Meere dieser Welt. Auf seinen Reisen zu Land und zu Wasser hat er Menschen getroffen, die er nicht mehr vergessen wird, Landschaften und Orte gesehen, die sich in seine Erinnerung eingebrannt haben. Auf die Spuren von Magellan führen Wittichs Wege von den Falkland-Inseln über Feuerland und Patagonien in die vergessene Welt am Sungai Dinding in Malaysien, zu den weißen Stränden von Nordborneo und um das Kap der Guten Hoffnung nach Singapur, der Perle des Orients, durch die Bayous im Mississippi-Delta zum Golf von Mexiko, auf der Themse in die Nordsee bis Dänemark und den Ärmelkanal bis Penzance und zurück in den stürmischen Südatlantik. Akribisch und mit liebevollem Blick hat Peter Wittich seine Erlebnisse und Eindrücke aufgezeichnet. Seine außergewöhnlichen Geschichten sind das Ergebnis einer Lebenseinstellung, die die Offenheit für Neues und das Fernweh als Prinzip verstehen. Peter Wittich, geboren 1939 in Gottlieben am Rhein, arbeitete mehr als 40 Jahre für internationale Erdölkonzerne in vielen Gegenden der Welt. Seit der Rückkehr in die Schweiz lebt er mit seiner Frau in einem alten Bauernhaus am Grabserberg.
Schon als Junge packte Peter Wittich die Sehnsucht nach dem Meer. Sein Beruf als Projektleiter für Seemessungen und Positionierung von schwimmenden Bohranlagen und Forschungsschiffen führt ihn schließlich auf alle Meere dieser Welt. Auf seinen Reisen zu Land und zu Wasser hat er Menschen getroffen, die er nicht mehr vergessen wird, Landschaften und Orte gesehen, die sich in seine Erinnerung eingebrannt haben.
Auf die Spuren von Magellan führen Wittichs Wege von den Falkland-Inseln über Feuerland und Patagonien in die vergessene Welt am Sungai Dinding in Malaysien, zu den weißen Stränden von Nordborneo und um das Kap der Guten Hoffnung nach Singapur, der Perle des Orients, durch die Bayous im Mississippi-Delta zum Golf von Mexiko, auf der Themse in die Nordsee bis Dänemark und den Ärmelkanal bis Penzance und zurück in den stürmischen Südatlantik.
Akribisch und mit liebevollem Blick hat Peter Wittich seine Erlebnisse und Eindrücke aufgezeichnet. Seine außergewöhnlichen Geschichten sind das Ergebnis einer Lebenseinstellung, die die Offenheit für Neues und das Fernweh als Prinzip verstehen.
Peter Wittich, geboren 1939 in Gottlieben am Rhein, arbeitete mehr als 40 Jahre für internationale Erdölkonzerne in vielen Gegenden der Welt. Seit der Rückkehr in die Schweiz lebt er mit seiner Frau in einem alten Bauernhaus am Grabserberg.
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
danzig & unfried
Peter Wittich
Auf Magellans Spuren
Ein Schweizer auf den Meeren
der Welt
danzig & unfried
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte Informationen
sind über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich
geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig
und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und
Verarbeitung in elektronischen Systemen.
© danzig & unfried, Wien, 2020
www.danzigunfried.com
Gesamtherstellung: danzig & unfried | content design
Printed in Germany
isbn 978-3-902752-63-5 (Print)
isbn 978-3-902752-64-2 (E-Book, pdf)
isbn 978-3-902752-65-9 (E-Book, epub)
Inhalt
Mit Magellan zu den Wellen der großen Meere / 7
teil eins –
die falkland-story. eher verhaltene freude auf einen ölboom
Der Flug des Albatros / 17
Von Montevideo in den kalten Süden / 21
Mit Umsteigen in Santiago de Chile / 45
Stanley / 59
Rolling home ... bye-bye, Stanley / 84
teil zwei –
an fernen ufern – auf dem blauen meer
Die vergessene Welt am Sungai Dinding / 105
Gestrandet – der wilde Wilf mit seiner noblen Maggie / 111
Das weiße Boot und der Traum des weißen Mannes / 122
Unter dem Kreuz des Südens / 127
Der zuverlässige Retter im Inselparadies / 131
Auf großer Fahrt / 141
Die Reise war ihr Ziel – und nächstes Jahr fahren wir in die
Schweiz / 145
Nicht die Seniorenresidenz – S. Y. Heron – Orlando / 163
Der große Strom / 172
Das Geschäft auf dem Wasser / 186
Das harte Schicksal der vier Freunde – S. Y. Four Friends –
Auckland / 209
Das Gesicht im Wasser – Telepathie oder Fantasie / 222
Der Ginpalast / 227
Sturmwarnung, Beaufort 10 von SSW / 229
6
Mit Magellan zu den Wellen der großen Meere
Ein fremdes, märchenhaft klingendes Wort, wie etwa Magenbrot
vom Jahrmarkt nach den Herbstferien, und doch ganz anders,
nicht greifbar. Ein Wort, das in der frühen Gedankenwelt
Fantasien weckte, die im Heranwachsen konkrete Formen
anzunehmen begann, eine Sehnsucht nach Unbekanntem,
eben Märchenhaftem, was damals mitgeholfen hatte, den Begriff
Heimat zu prägen. Die Zugehörigkeit zu etwas, das weit
über dem täglichen Rahmen einer wohlbehüteten Jugend mit
dem jährlichen Geschmack des Magenbrotes lag. Bausteine
für diese grenzenlose Welt lagen haufenweise in den dicken
ledergebundenen Büchern von Meyers Lexikon aus dem Jahr
1900, in denen der Naseweis mit Großmutters Einverständnis,
allerdings erst nach Waschen der Hände, auf dem Stubenboden
kauernd stundenlang stöbern durfte, noch ehe er die
verschnörkelte Druckschrift lesen konnte. Die Bilder fremder,
komisch aussehender Menschen, ganz anders oder auch gar
nicht bekleidet, unbekannte Landschaften, wilde Bergmassive,
Urwälder mit gefährlichen Tieren, Wüsten mit Kamelen,
große Maschinen und Schiffe, so groß wie Häuser, die auf
den Meeren fuhren, nahmen den unersättlichen Wunderfitz
in ihren Bann. Fernrohre, mit denen man die Sterne besser
sehen konnte, vielleicht ja auch den Mann im Mond, zu dem
er jeweils in Vollmondnächten zaghaft Ausschau hielt, flößten
7
Respekt ein. Abends blätterte er fast ängstlich in Peterchens
Mondfahrt. War diese Geschichte vielleicht wahr?
Der Magellan soll auch eine Straße haben, über die man
von einem Meer ins andere gelangen konnte, ohne das gefährliche
Kap Hoorn zu umfahren, dort, wo die bösen Winde
Schiffe versenkten und wo dann die tapferen Seeleute als
Helden ertranken. Ein großer Vogel, der Albatros, soll ihre
Seelen in die Ewigkeit tragen. Mit dieser Abkürzung, die man
Straße nannte, soll Magellan nach langem Suchen einen sicheren
Weg um die ganze Welt gefunden haben. Eine Straße, die
nicht aus Kies und Asphalt, sondern nur aus Wasser bestand,
auf dem die Schiffe fahren konnten.
In kurzer Hose stand der kleine Junge barfuß auf dem
Rheindamm, schaute zum gegenüberliegenden, mit Schilf
bewachsenen, Ufer. »Ist das nun auch eine Straße?«, wunderte
er sich. Das Zwei-Uhr-Dampfschiff legte an, ein paar
Leute stiegen aus, zwei Wartende stiegen ein. Möwen stritten
kreischend um Küchenabfälle, die der Schiffskoch über
Bord geworfen hatte. Der alte Schiffsanbinder mit grauem
Kittel und blauer Dienstmütze, zog den Rollsteg zurück
aufs Land, hob das Tau über die Dalbe, worauf der Dampfer
die Weiterreise mit einer zischenden Dampfwolke angekündigte.
Der alte Mann mit der Mütze winkte dem entschwindenden
Matrosen am nun geschlossenen Eingang
zu. Dieser erwiderte den Gruß und beantwortete auch das
bescheidene Winken des Jungen mit der rechten Hand. Sie
kannten sich, wenn auch nur vom Sehen. Immer schneller
drehten sich die riesigen mit oranger Farbe bemalten
Schaufelräder. Das klopfende Geräusch beim Eintauchen
der Blätter ins blaue Wasser war noch zu hören, obwohl das
Schiff bereits hinter den Schilfspitzen der ersten Flussbiegung
verschwunden war.
8
Beim Magellan soll es kälter sein als hier im Winter? Das
überstieg die junge Vorstellung. Von Ferien im Tessin wusste
er ja ganz genau, dass es im Süden, also südlich der Alpen, heiß
war. Also musste es noch weiter im Süden noch heißer sein.
Auch soll es dort Sterne geben, die man das Kreuz des Südens
nennt, so wie im Norden den Polarstern. »Kannst du mir das
Kreuz des Südens zeigen?«, fragte er seinen Vater, als sie zusammen
den Polarstern orteten.
»Nein, das können wir von hier aus nicht sehen, denn es ist
weit unter dem Horizont«, war die Antwort. »Aber zeigst du
es mir, wenn wir das nächste Mal über den Gotthardpass in
den Tessin fahren?«
»Auch von dort können wir es nicht sehen, denn nur etwas
nördlich des Äquators könntest du es sehen!«
»Können wir dorthin gehen?«
»Das kannst du, wenn du erwachsen bist und etwas gelernt
hast. Dann kannst du dir diesen Traum erfüllen!«
»Wenn ich Kapitän eines großen Schiffes werde, könnte ich
es dann sehen?«
»Wenn das Schiff in den Süden fährt und falls du dann Kapitän
bist, dann schon«, antwortete der Vater nach langer Bedenkzeit.
»Papa, ich will Kapitän werden!«, jubelte er mit jugendlicher
Begeisterung.
»Dann wirst du sehr lange fort sein, du wirst uns lange
nicht sehen und wir, wir werden dich vermissen, deine Mama,
deine Geschwister, deine Freunde«, beschloss der Vater das
Gespräch.
Der Wunsch hat ihn nie mehr in Ruhe gelassen. So war es
nicht verwunderlich, dass er jede Gelegenheit, irgendwie in
die Nähe oder gar auf das große Wasser zu kommen, ergriffen
9
hatte. Die große Gelegenheit, für längere Zeiten salzhaltige
Luft zu atmen, ergab sich erst gegen Ende seiner beruflichen
Tätigkeit, durch Einsätze als Projektleiter für Seemessungen
und Positionierung von schwimmenden Bohranlagen und
Forschungsschiffen auf den Meeren rund um die Welt. Auf
den großen Wellen und an den fremden Küsten bestätigte sich
die globale Zugehörigkeit im Gegensatz zu Sehnsucht nach
dem Ort seiner Jugend, genannt Heimat. »War ich nicht schon
mal hier? Gibt es das wiederkehrende Erdenleben? Was ist mit
den Mitbewohnern jener Zeit? Würde man sie erkennen, so
wie man die visuelle Umgebung erkennt, ein Teil davon wird?«
Vom heimatlichen Ufer brechen wir mit großer Gewissheit auf,
sagte er sich, um früher oder später wieder dorthin zurückzukehren.
Beim Abschied von einem Ort, an dem er sich auf irgendeine
Art wohlgefühlt hatte, ergriff ihn jeweils ein trauriges,
oft beklemmendes Abschiedsgefühl, da er diesen Ort in absehbarer
Zeit wohl nie mehr sehen werde. Blicke aus dem kleinen
Fenster des steigenden Fluges auf schnell dahinschwindende
Landschaften, das enteilende Lichtermeer einer Stadt oder der
Blick von der Reling des auslaufenden Schiffes auf langsam verschwindende
Hafenlichter, bekannte Umrisse, bis über dem offenen
Horizont, wo das Meer der Sterne, die Wolken und die
Wellen die Funktion der Heimat auf Zeit übernehmen.
* * *
Mengalum, eine unbewohnte Insel im Südchinesischen Meer,
etwa eine Stunde Bootsreise von der Küste Nordborneos entfernt,
diente den Fischern als Basis, beherbergte noch zur Zeit
der Radionavigation eine Basisstation. Heute ist es auch beliebtes
Ziel der fkk-Liebhaber.
In einer Bucht liegt ein Anker, von dem Historiker sagten,
dass ihn ein Schiff der Flotte von Magellan 1521 verloren hätte.
10
Der Autor auf dem Anker auf der Mengalum-Insel.
11
Neuere Untersuchungen haben dann allerdings ergeben, dass
es sich um einen britischen Richard-Pering-Langschaftanker
aus Schmiedeeisen handelt, wie sie zwischen 1819 und 1845
hergestellt wurden. Man nimmt an, dass der Anker von einem
Schiff zurückgelassen wurde, da seine Fluken abgebrochen
waren. Erstmals wurde er 1854 vom Kapitän der H.M.S. Saracen
im Logbuch erwähnt.
Für die Fischer von den Suluk-Inseln und für die Bajau von
den Philippinen, ist der Anker eine Gedenkstätte, an der für
guten Fang und sichere Heimkehr geopfert wird. Auch glauben
sie daran, dass sie durch den Geist des Ankers mit Leuten
in der Ferne, und mit verstorbenen Bekannten kommunizieren
können.
Magellan wurde am 27. April 1521 in Mactan auf den Philippinen
von aufgebrachten Einwohnern ermordet, worauf die
Flotte von nur noch drei Schiffen bis nach Brunei an der Küste
Nordborneos im Südchinesischen Meer fuhr. Dort wendeten
sie nach kurzem Aufenthalt, um Borneo um die Nordspitze zu
umfahren und durch den indonesischen Archipel die Heimreise
ums Kap der Guten Hoffnung anzutreten.
Vergessen hat man Magellan in Borneo trotz der Enttäuschung
wegen des Ankers nicht, denn ein Hotel in Kota Kinabalu
mit allem modernen Zubehör, wie einer Marina, trägt
den Namen des berühmten Besuchers. Ausflüge mit der romantischen
Nordborneo-Schmalspur Eisenbahn und Touren
zum Gipfel des höchsten Berges Borneos, dem 4095 Meter hohen
Mount Kinabalu, gehören zum Angebot.
Das Magellan-Riff nördlich von Palawan, unsichtbar, bewacht
von den drei Felsnadeln, den Tres Reyes, lauernd auf
Seefahrer, die Mindoro zu nahe umrunden wollen.
Ein Projekt im Süden Argentiniens brachte die lang ersehnte
Gelegenheit, die Magellanstraße und die Leute kennen
12
Mount Kinabalu, höchster Berg Borneos, 4095 Meter.
zu lernen. Es war kurz nach dem verlorenen Falklandkrieg,
als man, wie zum Trost, eben Fußballweltmeister geworden
war. Das lachende Gesicht Diego Maradonas strahlte landauf,
landab neben den Plakaten »Las Malvinas son Argentinas«,
dem lokalen Namen für die umstrittenen Inseln, wo es Erdöl
in Massen geben soll. Das nördliche Ufer der Magellanstraße,
das Ende Patagoniens, galt als Militärzone, was hieß, dass der
Aufenthalt nur während Tageslicht und auch dann nur mit
Spezialbewilligung erlaubt war.
13
TEIL EINS
Die Falkland-Story
Eher verhaltene Freude
auf einen Ölboom
Der Flug des Albatros
Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet.
Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute,
die Kap Hoorn ansteuerten von allen Meeren der Erde.
Aber sie sind nicht gestorben im Toben der Wellen.
Denn heute fliegen sie auf meinen Flügeln in die Ewigkeit
mit dem letzten Aufbrausen der antarktischen Winde.
von Sara Vial
»Das sind die schönsten Sturmvögel, die ich je gesehen habe«,
sagte ich mit heller Begeisterung, von der Brücke den eleganten
Flug der weißen Vögel mit dunkeln Flügeln und dem
etwas gehakten Schnabel beobachtend. Über den scharfen
Augen bemerkte ich einen schwarzen, länglichen Fleck, eine
Braue. »Deshalb sind das Schwarzbrauenalbatrosse oder Mollymauks«,
erklärte mir Kapitän Willem, als erfahrener Seemann
meine Begeisterung teilend. Sie sind etwas kleiner als
die Sturmpetrel, mit denen sie um die Wette das Motorschiff
Polaris umkreisten.
Mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Knoten, direkt
in den stetig zunehmenden Gegenwind, waren wir auf südlichem
Kurs unterwegs zu den Falkland-Inseln. Ab und zu
zerschlug der Bug eine der hohen Südatlantikwellen, was das
aufgeschäumte Wasser über das Vordeck bis gegen die Fenster
der Brücke krachen ließ.
»Der Schaum wäre mir lieber im Bierglas als auf der See«,
meinte Willem, den eine unerwartete Welle beinahe vom
Stuhl geworfen hätte, als er sich für einen Augenblick durch
17
eine nicht brennen wollenden Zigarre ablenken ließ. Tief
tauchte der Bug ein, um von der nächsten Welle wieder in die
Höhe getragen zu werden.
Die Vögel eiferten um die Wette, wer am nächsten und
am tiefsten den Bug des Schiffes umrunden konnte. Sie kamen
hoch am Wind auf Brückenhöhe der Backbordseite
entlang, ließen sich dann kurz vor dem Bug bis nahe zum
Wasser abfallen, um dann auf der Steuerbordseite wieder
aufzutauchen, dem Rumpf entlang zum Heck zu schießen
und über den Wellen hoch in die Lüfte zu steigen, um dann
gleich die nächste Runde einzuleiten. Bis zu zwei Runden
ohne einen einzigen Flügelschlag beobachteten wir mit großer
Bewunderung.
Weiter auf dem Weg gegen das Kap Hoorn mischte sich ab
und zu ein Wandernder Albatros unter die reguläre Schar der
Sturmvögel. Fasziniert staunten die Beobachter, wie die großen
Vögel mit Flügelspannweite bis zu drei Metern mit der
Flügelspitze das Wasser in den Wellentälern berührten, dann
mit Auftrieb steil an der anrollenden Welle ohne Flügelschlag
in große Höhen zu steigen. Sie sollen bis zu vierzig Jahre alt
werden, brüten in Süd-Georgien, verbringen aber die meiste
Zeit auf dem offenen Meer, wo Tintenfische oder die Überreste
der Fischerboote als tägliche Nahrung dienten.
Die kleineren Petrel sind dunkel, haben aber dieselbe
kräftige Schnabelform. Keiner dieser Vögel kennt irgendein
hörbares Geräusch zur Kommunikation, schweigend segeln
sie stolz durch die Lüfte. Ihre großen Augen beobachten den
Zuschauer an der Reling bei jedem Vorbeiflug ganz genau.
Wagten sie sich etwas näher heran, war ich geneigt, die Hand
auszustrecken, um eine Flügelspitze zu berühren, unterließ es
aber, aus Furcht, die neuen Freunde zu verunsichern und vielleicht
sogar zu vertreiben.
18
»Ach was, die sind sich der Überlegenheit bewusst und
wissen ganz genau, dass du ihnen nichts anhaben kannst oder
willst. Sie wollen dich nur necken«, sie denken wohl: »Versuchs
doch, komm, tauch zwischen die Wellen, um dann hoch
in die Lüfte zu schießen. Das kannst du ja nicht, bist angebunden
an deine Welt, an deinen rostigen Kahn. Und falls du es
dir anders überlegst, weißt du ja, dass bei uns beim Kap Hoorn
deine Seele für die Ewigkeit eine Heimat finden wird!«
Unterbrachen wir die Fahrt, um Messungen auszuführen,
setzten sich viele der Vögel auf der Leeseite auf das geschützte
Wasser und beobachteten, was nun weiter geschehen soll.
Von den Fischerbooten wussten sie, dass nun die Netze oder
Leinen eingezogen werden und dass Beute zur Genüge an der
Wasseroberfläche leicht zu erhaschen sei. Nahmen wir die
Fahrt wieder auf, gingen auch die Rundflüge weiter. Nach ein
paar Runden des Einfliegens wurden sie wieder mutiger, sich
wieder bis auf weniger als einen Meter anzunähern. Wollten
sie uns wirklich mit ihrer Freiheit necken? Zeigen, wer die
Herren der Lüfte über dem Südatlantik sind?
»Was für Feinde haben diese Riesenvögel?«
»Die Fischer, denn an Angeln gefangene Fische können mit
Angel und Teil der Leine Fang der hungrigen Vögel werden,
denn nur selten nimmt sich ein Fischer die Mühe, den ungewollten
Fang von der Angel zu befreien, Zeitverschwendung.
Aber eine eigentliche Gefahr für den Vogelbestand ist es nicht,
schon gar nicht für die Schwarzbrauenalbatrosse, von denen
große Mengen bekannt sind«.
Kein Seemann wird jemals einem Sturmvogel absichtlich
etwas zuleide tun, denn der traditionelle Glaube, dass die Seele
der gestorbenen Seeleute im Flug des Albatros weiterlebt,
hat sich bis heute als traditioneller Aberglaube erhalten.
19
Von Montevideo in den kalten Süden
Begleitet von den letzten roten Strahlen der untergehenden
Sonne liefen wir bei Hochwasser aus. Von der Reling hingen
die letzte Blicke an der verschwindenden Stadt.
»Gott sei Dank, mir ist das Geld schon lange ausgegangen!«,
jammerte der junge Andy nach ersten Erfahrungen mit
dem Charme südamerikanischer Umgebung. »So ein teures
Pflaster, und was habe ich nun davon?« Oder der lebenslustige,
welterfahrene Medic: »War mir aber ein paar Dollar wert,
ein paar schöne Stunden, die ich nie vergessen werde. Ich hoffe
sehr, dass wir nach der Arbeit wieder für mindestens eine
Nacht hier vorbeikommen werden.«
Die Wellen brachen über die äußere Mole und ließen
Gischt vom Abendwind in die Stadt treiben. Die schweren
Wellen übernahmen unser Schiff, sobald wir nach der Ausfahrt
mit einer Kursänderung direkt in die große See stachen.
Der Bug hob sich an und krachte zurück ins Wellental. Nach
einer Seemeile verabschiedete sich der Lotse von der Brücke
und schwang sich elegant durch die offene Lotsentür in die
kräftigen Arme der Crew des wartenden Hafenbootes. Ein
letzter Gruß und das klein erscheinende Boot nahm Kurs auf
die Hafeneinfahrt. Montevideo ade, Rio de la Plata hasta luego,
der Südatlantik erwartete uns. Im Abendrot verschwanden
die Türme von Montevideo.
Yin und Yang sind zwei Begriffe der chinesischen Philosophie, insbesondere
des Taoismus. Sie stehen für polar einander entgegengesetzte
und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien.
21
Am nächsten Morgen war alles Land außer Sichtweite, nur
der blaue Horizont war geblieben. Weit im Westen lag die argentinische
Küste. Ein seltsamer Traum hatte mich während
der Nacht aufgeweckt. An meinen zwei chinesischen Boading-Metallkugeln,
mit denen ich durch Gegeneinanderrollen
in einer Hand vitale Energie von den Fingern durch den
Körper senden konnte, waren die Yin-Yang-Zeichen aus der
Cloisonné-Beschichtung herausgefallen. Jeglicher Versuch, sie
wieder einzulegen, scheiterte. Beunruhigt stand ich auf, stellte
aber fest, dass die Kugeln noch ganz waren. Beim Versuch, den
Traum zu deuten, beunruhigte mich die mögliche Deutung,
dass ich meine Ausgeglichenheit verloren hatte, dass den sich
entgegengesetzten Kräften die aufeinander bezogenen Prinzipien
als Gegenpol abhandengekommen waren »Aber wieso?«,
tröstete ich mich mit der Tatsache, dass ich von Traumdeutung
nicht viel verstand. Trotzdem sah ich im Traum einen
Fingerzeig, in nächster Zukunft in einer Welt, die mir neu
war mit spezieller Umsicht vorzugehen. Oder war der tiefere
Grund ein bevorstehendes Wiedersehen mit der Vergangenheit?
– Die Magellan-Straße, die mir beim ersten Besuch bekannt
wie die Heimatufer erschien.
Da nun vollkommen wach und ziemlich beunruhigt, begab
ich mich an Deck in der Hoffnung, an der frischen Luft meine
Gedanken zu klären. Ein wunderbarer Sternenhimmel begrüßte
mich. Über dem Bug fand ich das Kreuz des Südens noch
knapp über dem Horizont. Ein Viertel des zunehmenden Mondes
stand im Osten, und die Planeten erkannte ich an ihrer Helligkeit
und Größe. »Das hat sich nicht geändert seit Magellans
Zeiten! Dieselben Winde, dieselben Sterne und wohl dieselben
Vögel. Nur die Geschwindigkeit war anders und das Bewusstsein
der Position.« Er wusste noch nicht, wo die Magellan-Straße
war, denn das war ja, was er suchte, einen Weg in ein anderes
22
Meer, von dem er nur ahnen konnte und den er finden wollte,
was immer es koste, Entbehrungen, Krankheiten oder gar Unzufriedenheit
bis zur Meuterei auf einem seiner Schiffe.
»Onassis, wie kommst du zu deinem Namen?«, fragte ich
den jungen indonesischen Steward, als der in einer freien Minute
an die Reling gelehnt eine Kretek-Zigarette drehte. Sichtlich
erfreut über meine Frage erzählte er mir: »Mein Vater war
Koch auf dem Tanker Onassis. Er war einer der wenigen, die
den Untergang des Schiffes überlebt hatten. Da ich kurz darauf
geboren wurde, gab mir mein Vater aus Dankbarkeit diesen
Namen.« Der scheue Onassis litt unter Heimweh, denn
sein einziger Landmann an Bord war nicht Mohammedaner,
kam aus Jakarta und war auch an Dienstjahren bei der Firma
viel älter. So war er, als Einwohner von Sulawesi, ein oft belächelter
Außenseiter, ohne Unterstützung oder Verständnis von
den Offizieren. Dazu wurde das Verhältnis zum friesländischen
Koch auch wegen Sprachschwierigkeiten weiter erschwert, da
seine schwachen Englischkenntnisse zu folgenschweren Missverständnissen
führten. Indonesische Seeleute arbeiteten mit
einem Neun-Monate-Vertrag, während europäische Kollegen
höchstens für drei Monate fuhren, ehe sie einen Monat Heimaturlaub
erhielten. Neun Monate sind eine lange Zeit, speziell
auf einem Forschungsschiff, das bis zu sechs Wochen auf
See und dann 24 Stunden im Hafen für Unterhalt, Nachschub,
Auftanken und Personalwechsel verbrachte. Viel lieber fahren
Seeleute auf Handelsschiffen von einem Hafen zum anderen,
sie sind selten länger als drei Wochen auf See. Hafenaufenthalte
waren länger, ebenso die Landgänge. Seeleute aus dem Orient
benutzen diese Gelegenheiten, um zuhause anzurufen. »Eine
ganze Schwangerschaft«, sinnierte Onassis, »du kannst dein
Baby in die Arme nehmen, das du im letzten Urlaub gezeugt
hast!«
23
Die Besatzung unseres 70 Meter langen Forschungsschiffes,
MV Polaris, registriert in Valletta, bestand aus Kapitän,
Erstem Offizier oder Mat, die sich das Führen des Schiffes
teilten. Die Maschinen betreute der Chefingenieur mit zweitem
und drittem Ingenieur. Dann gab es noch zwei Matrosen,
den Koch und den Steward, eben Onassis. Da die Matrosen
keine Wache mehr schoben, arbeiteten sie von acht
Uhr morgens bis sechs Uhr abends an fünf Tagen. Sie waren
verantwortlich für die Sauberkeit des Schiffes und führten
auch kleine Reparaturen aus. Verschwunden sind die Deckjungen,
der Steuermann und die Schmierer, ›Grease Monkey‹
in englischer Sprache. Die Motoren wurden von der
Brücke bedient, ohne die romantischen Kommandos »Volle
Kraft voraus« übers Sprachrohr. Neben den Seeleuten gibt
es das technische Personal, das das Schiff als Arbeitsplatz,
Unterkunft, Transportmittel chartert.
Diese Schiffe wurden zweckmäßig gebaut oder waren wie
unsere Polaris umgebaute Fischkutter. Das Zentrum war ein
großer Arbeitsraum, der die Instrumente beherbergte und
Raum für das Personal bot. Größe und Einrichtung entsprachen
der jeweils auszuführenden Arbeit.
Das technische Personal zählte 15 Mann. Der Chef war der
sogenannte Party Chief. Ihm zur Seite standen Navigatoren,
Elektronik-Ingenieure, Geophysiker, Kompressor-Mechaniker
und Data-Verarbeiter. Die Verbindung zwischen dieser
schwimmenden Organisation und dem Kunden wird durch
den Kundenvertreter garantiert, der dessen Interessen wahrte
und für die Einhaltung gesetzter Normen und Vertragsbedingungen
verantwortlich zeichnete.
Der Zweck unserer Mission war, Orte für Erdölbohrungen
zu finden, wofür eine Vielfalt von Informationen benötigt
wurden. Neben Wassertiefen interessierte die Beschaffenheit
24
des Meeresbodens, der frei von Objekten wie Wracks, Felsbrocken,
Gasblasen oder steilen Abhängen sein musste.
Je weiter die Reise gegen den Süden führte, umso tiefer sank
die Temperatur. Gefütterte Arbeitsanzüge und Gesichts- und
Nackenschützer für die Helme wurden verteilt, während sogar
die zähesten der Nordseeleute für die Deckarbeit plötzlich
Handschuhe trugen. Die Experten waren damit beschäftigt,
Instrumente vor dem ersten Einsatz nochmals genau zu prüfen.
Immer mehr Sturmvögel umkreisten unser Boot, als hätte
es sich herumgesprochen, dass ein neues Schiff in ihrem Gebiet
erschienen sei. Nicht nur die Kälte, sondern auch die Wellenhöhe
nahm ständig zu, wovor uns der Wetterbericht für
die Gegend gewarnt hatte. Ein großes Tief südlich vom Kap
Hoorn soll für Wellenhöhen von fünf bis sechs Metern sorgen.
Eines Abends sahen wir Wasserfontänen von vier Walfischen,
die sich in unserer Nähe aufhielten. Der Kapitän drehte bei,
worauf die Tiere ihre gewaltige Schwanzflosse in die Höhe
streckten und abtauchten. Nach Sonnenaufgang zeigten sich
beim Bug die ersten Magellan-Pinguine, die aber nach einem
kurzen Augenschein wieder im tiefen Blau verschwanden.
Delphine spielten in den Bugwellen, indem sie parallel mitschwammen,
dann unter dem Bug durch auf die andere Seite
wechselten. Beobachteten wir sie vom Bug, wollten sie uns
necken, genau wie die stolzen Vögel in der Luft: »Komm doch,
zeig, was du kannst.«
Am zwölften Tag vor Weihnachten wurden im Speisesaal
und im Aufenthaltsraum Christbäume aufgestellt. Plastikgebilde,
mit deutlichen Zeichen, dass sie schon oft gedient hatten.
Der Schmuck war zerdrückt und die nervös blinkenden
25
Kerzen wurden flüchtig und lieblos über das Geäst gezogen.
Von der Decke sollten Plastikgirlanden für vorweihnachtliche
Feststimmung sorgen. Das Ganze schaukelte im Seegang
und verbreitete ein leise raschelndes Geräusch, begleitet von
Weihnachtsliedern über den Lautsprecher. »I’m dreaming of a
white Christmas …«
»Sei zufrieden, denn wie schon letztes Jahr wird das das
Einzige sein, was du haben wirst. Entweder du ergreifst die Initiative
und machst dich daran, das Ganze zu verbessern, oder
du bist zufrieden!« Ich beschloss, zufrieden zu sein. An einem
Fenster der Brücke wurde mit Sprühfarbe »Merry Christmas«
aufgespritzt und mit einem kinderhaften Tannenbaum verziert.
»Wieso immer diese schrägen Tannenbäume und die unförmigen
Sterne?«
»Ach was!«
Im Bord-Kino liefen die brutalen amerikanischen Filme
weiter neben dem Christbaum.
»Wer möchte denn auch wirklich an Weihnachten erinnert
werden?«
»Ist ja alles sowieso so weit weg! Und hatte nicht vielleicht
die kleine Isabel in Montevideo recht, als sie sagte, an Weihnachten
gehört man nachhause und nicht an die Arbeit!«
Vielleicht hatte sie ja recht. Es blieben nur Gedanken an zuhause
und der feste Vorsatz, nächstes Jahr ganz sicher dort zu
sein, endlich die Kerzen im Baum vor dem Haus anbringen, die
die schöne Winterlandschaft erleuchten werden. Ruhe, Zufriedenheit,
Besonnenheit dort, wo man eigentlich hingehört.
Nordwestwind mit Stärke neun wurde für die nächsten 24
Stunden vorausgesagt. Wir beobachteten die Wetterentwicklung
ganz genau, da es wichtig war, die Instrumente an Bord
26
zu haben, ehe der Wind die volle angesagte Kraft erreicht.
Solange die Qualität der aufgezeichneten Daten dank starker
Bewegungen in den wachsenden Wellen akzeptabel war,
arbeiteten wir weiter, bis zum Zeitpunkt des Abbruches. Die
erfassten Daten wurden gesichert und gespeichert, entsprechende
Logeinträge wurden vom Navigator angeführt. Alle
verfügbaren Männer stürzten sich in die warmen Überkleider,
Stiefeln, Handschuhe und Helm für ihre zugewiesenen Aufgaben
aufs Deck. Der Kapitän wurde angewiesen, mit langsamer
Fahrt geraden Kurs in den Wind zu halten. Zwei Stunden vergingen,
bis alle Instrumente an Bord gesichert waren.
Die Reihe von ratternden Nadeldruckern und das Surren
der Instrumente war verstummt. Alle Dokumente waren verstaut
und lose Gegenstände befestigt. Die Crewmitglieder
hatten sich in ihre Kabinen, den Essraum oder den TV-Raum
verzogen. Beliebter Aufenthalt bei solchem Wetter war auch
die Brücke, von wo man die wachsende See am besten beobachten
konnte. Die Windstärke nahm zu und die weißen Kronen
wurden vom Wind als Gischt weggeblasen. Die Schar von
Sturmvögeln zog weiter ihre Bahnen um das Schiff. An der
Vorderseite der Wellen und in den Wellentälern formten sich
weiße Finger, deren Spur die genaue Windrichtung zeigt. Unser
Kurs zeigte genau gegen diese Linien. Der Wind blies die
ganze Nacht und beim Morgengrauen erreichte die Wellenhöhe
in Extremfällen bis zu zehn Meter.
»Das Einzige, was das ändern könnte, wäre das Eintreffen
des vorausgesagten Windwechsels von Südwest nach Südost,
was die Grundwellen zusammendrücken würde, bis sie sich
von der anderen Seite wiederaufbauen werden«, sinnierte der
erste Offizier. Unbequem wird dann die verwirrte See während
der Übergangsperiode. Wieder krachte der Rumpf in eine
anrollende Welle. Beidseitig brachen gewaltige Wassermassen
27
aus und Gischt spritzte mit ohrenbetäubendem Krachen an
die Fenster der Brücke.
Gleichzeitig erschütterte eine Schockwelle den Rumpf der
alten Polaris, sodass alle losen Gegenstände erzitterten. Kein
Augenzwinkern vom erfahrenen Kapitän. Nur als dann an
Steuerbord eine Riesenwassermasse vorbeizog, drehte er den
Kopf und verfolgte sie durch das Seitenfenster, wie sie langsam
verschwand, während wir erneut in die Höhe getragen
wurden, um in das darauffolgende Wellental zu surfen.
»Südatlantik, das wäre was zum Segeln.«
»Aber höchstens in einer Maxi mit gerefften Tüchern!«
Der Erste Ingenieur aus dem Motorenraum gesellte sich zu
uns, um zu melden, dass sich einige Ölbehälter im Motorenraum
von der Befestigung gelöst hatten und nun lose herumrollten.
Auch sei ein portabler Dieselmotor von der Halterung gerissen
worden, der nun wohl unbrauchbar auf dem Deck deponiert
wurde. Der Koch tauchte auf und erklärte, dass er nicht kochen
werde, da er sich an überschwappendem heißem Fett bereits die
Hand verbrannt habe. Der Kapitän registrierte das, bedächtig
weiter auf dem Zigarrenrest kauend. »Die Küche bleibt bis auf
weiteres kalt«, bestimmte er mit sarkastischem Grinsen.
»Können wir nicht im Windschatten der Inseln etwas ruhigeres
Wasser finden?«
»Unter diesen Bedingungen können wir nur gerade gegen
den Wind und in die See fahren. Wenden ist ausgeschlossen,
wäre viel zu gefährlich!«
»Kentern?«
»Das nicht, aber größere Schäden durch extremes Rollen.
Und das will ich vermeiden, es sei denn, es sei ein Notfall, aber
den haben wir nicht!«, beendete der Kapitän die Diskussion.
Also hielten wir weiter Kurs gegen die See, was uns immer
weiter vom Schutz der Insel wegbrachte. Die Nacht war dank
28
der unregelmäßigen Bewegungen der Koje extrem unbequem.
Ein ständiges Rollen hin und her, mit der ständigen Gefahr herauszufallen.
Oder man glitt auf dem Laken zwischen den Enden
auf und ab, stieß entweder mit den Füßen oder dem Kopf
hart an. Ich fiel in unruhigen Schlaf, wachte aber auf, sobald
die größte Müdigkeit überwunden war. Ein Blick auf die Uhr:
erst eins. Licht an, ein paar Seiten lesen, bis die Augen wieder
fast zufielen, Licht aus, Schafe zählen, verlorene Gedanken suchen,
Phantasien nachhängen, auf und ab, hin und her, bis zum
nächsten Erwachen. Vier Uhr. Ich ließ mich aus der Koje rollen,
schaltete die Heizung ein, setzte mich an den Computer.
Was tun? Alle Daten waren analysiert und für gut befunden, der
Rapport nachgeführt. Geschichten schreiben? Warum nicht.
Erst der Geruch von bratendem Frühstücksspeck von der Kombüse
durch die zentrale Belüftungsanlage lenkte mich ab.
»So was Widerliches, ist eine richtige Sauerei, eine Zumutung«,
schimpfte Chris, der einzige Vegetarier an Bord.
»Viel zu wenig geschlafen, schon wieder.« Mit diesem Gedanken
schlief ich nochmals für eine Stunde, aber nicht ohne
zuerst den Speckgestank mit Aerosol vertrieben zu haben.
»Komische, ja unmögliche Esssitten haben sie. Kein Tag, an
dem sie nicht drei warme Mahlzeiten essen. Speck, Würste,
Spiegeleier, weiße Bohnen, Toasts und so weiter. Und immer
ist der Speck zu fett, hat eine zu harte Rinde, ist nicht genug
gebraten, verkohlt oder was sonst!«, beklagte sich der holländische
Koch.
Nach 24 Stunden besserte sich der Wetterbericht. Der Wind
begann sich zu drehen und sollte sich zuerst auf Stärke fünf
und dann drei bis vier verringern. So geschah es auch, und
genau nach zwei Tagen waren die Instrumente wieder im
Wasser. Die Produktion ging weiter und die Kaffeetassen er-
29
schienen wieder im Instrumentenraum. Der harmlose Streit,
welche Art von Musik man nun wie laut spielen dürfe, lebte
wieder auf. Im Wesentlichen ging es entweder um schottische
Dudelsäcke oder modernes »Head banging« der jüngeren Generationen.
Nun, der Party Chief war Schotte und Dudelsackmajor,
also war das klar, wenigstens solange er anwesend war.
Die Zahl der Tage vor Weihnachten schrumpfte und der
Gedanke, dass man vielleicht kein traditionelles Weihnachtsessen
bekommen könnte, erhitzte die Gemüter in stetig wachsendem
Maß. Einige Briten fanden es eine Zumutung, dass
ein holländischer Koch die wichtigste Mahlzeit des Jahres zubereiten
soll und sich dabei stur geäußert hatte, dass er sich
nicht um Tradition kümmernd so kochen werde, wie es ihm
dann gerade passen werde. Dazu kam es nicht, denn kurz vor
Weihnachten erkrankte er an einer akuten Lungenentzündung,
was für ihn allerdings kein Grund war, auf nur eine der
60 Zigaretten im Tag zu verzichten. Einlieferung ins Spital in
Stanley war für Medic und Kapitän die einzige Rettung für den
gesundheitlich ohnehin schon angeschlagenen und dazu äußerst
unbeliebten Koch. Ohne eine Vertretung in Griffnähe zu
finden, wurde Onassis, der indonesische Steward, zum Koch
befördert, wobei der Kapitän kräftige Unterstützung in jeder
Hinsicht versprach.
Der lebensbedrohende Zustand des Meisters der Kombüse
schenkte uns einen unerwarteten, aber nicht weniger erfreulichen
ersten Besuch in Stanley. Es war der 23. Dezember,
eine gute Gelegenheit, sich unter die lokale Bevölkerung zu
mischen, mit ihnen vorweihnachtlichen Geist fließen zu lassen,
ehe wir dann am nächsten Tag wieder auslaufen würden.
30
Die ausgelassene Party der einsamen Herzen
Im Globe feierte die wild zusammengewürfelte Gesellschaft
in feuchtfröhlich-vorweihnachtlicher Stimmung. An den
Wänden und der Decke hingen glänzende und glitzernde
Gir landen und ausgefranste Spruchbänder auf denen rote
Buchstaben die frohe Botschaft »Merry Christmas« verbreiteten.
Nicht fehlen durfte ein künstlicher Christbaum,
schwer beladen mit Lametta, Engelshaaren, Girlanden,
silber nem, goldenem, rotem Schmuck, elektrischen Kerzen,
flackernd in verschiedenen Rhythmen und Farben. Ein
fürch ter liches Durcheinander, das in der verbrauchten, nikotinübersättigten
Luft und den Windstößen, die mit Gästen
durch die Türen ins Innere drangen, wirr flatterte und
zitterte. Weihnachtsmänner in weiten Mänteln und weißen
Wattebärten zwängten sich durch die Masse jener mit Glas
oder Dose in der Hand, in Gruppen im Lokal stehend, verteilten
kleine Säckchen, begleitet von derben Sprüchen und
für solche Gestalten üblichem Ho-ho-ho. Weihnachtslieder
aus einer alten Spieldose verschwanden in den ohrenbetäubenden
Klängen einer lokalen Band oder Schlagern der siebziger
Jahre aus der Jukebox.
»He, du«, wurde ich mit harscher Stimme angesprochen,
als ich gerade eine Runde Bierdosen von der Bar zu unserer
Gruppe tragen wollte.
»Oder bist du, so wie dein Kollege, zu vornehm, um mit
uns zu reden?«, donnerte die bärtige Gestalt mit rotem Gesicht
und grobmaschigem Rollkragenpullover in meine Richtung.
Seine wässrigen Augen starrten mich gefährlich an.
»Was meinst du damit?«, fragte ich etwas erschrocken.
»Der dort, den ich angesprochen habe, ist wohl zu vornehm,
um mit uns Seeleuten zu reden«, erklärte er, mit dem
31
Zeigefinger auf Jeff deutend, der uns leicht wankend mit gläsernem
Blick vom Rande meiner Gruppe anstarrte.
»Nein, sicher nicht, der wird in seinem bierseligen Zustand
nicht bemerkt haben, dass du ihn angepöbelt hast!«, verteidigte
ich meinen für seine Liebe zum Glas bekannten Kollegen
aus Northumberland.
»Angepöbelt, komm mir ja nicht so, du ...«, fauchte er mit
böser Stimme im harten Slang der Nordseefischer von York.
»Wart, ich bring die Dosen dorthin, dann komm ich zurück
und wir regeln das!«, versuchte ich ihn zu beruhigen.
Als ich dann meinen Kollegen gesagt hatte, dass ich nur
mal schnell eine gröbere Auseinandersetzung abwenden
wolle, kehrte ich zur Bar zurück, wo mir ein Kumpan des
Sprechers eine Dose Bodington-Bier in die Hand drückte.
»Unser Dick meint es nicht so, wird nur wütend, wenn er
meint, er sei nicht gut genug für eine Unterhaltung. Und
schließlich sind wir ja vom Nachbarschiff.« Das war die DO-
RADA, ein Fischerei-Aufsichtsschiff aus England, registriert
in Hull.
»So, du bist also der Kapitän«, antwortete ich, die Dose
zum Wohl anhebend, um den immer noch sichtlich erregten
Seebären zu beruhigen. Das wirkte, Dick stellte seinen Drink
auf die Bar und gab mir die Hand zum kräftigen Händedruck,
der meine Finger noch lange schmerzen ließ.
»Ein Kompliment für euer Schiff, es sieht sehr sauber aus
und hat einen schönen Anstrich«, schmeichelte ich, ohne dabei
aber zu übertreiben.
Der ›Kapitän‹ reckte und streckte sich, ehe er zugab. »Nein,
nicht der Kapitän, aber ich bin der Mat und der ist für die Sauberkeit
des Kahns verantwortlich. Das hast du sehr schön gesagt«,
und schlug mir mit solcher Kraft auf die Schulter, dass
ich beinahe an einem Schluck Bier erstickt wäre.
32
Mein Kollege Jeff am Eingang zur Victory Bar.
»Na also, jetzt haben wir das auch. Ich wünsche euch allen
frohe Weihnachten zur See!«
»Was zur See, an dieser Bar werden wir feiern, zur See, du
spinnst ja!«
»Ich werde auf See sein …«
»Na, dann halt auch frohe Weihnachten.«
33
Der Westwind blies mit unverminderter Stärke, als wir etwas
später, fröstelnd der Philomelstraße entlang, das kurze
Stück zur Victory Bar zogen.
John, der während des Kriegs 1982 mit der Britischen Armee
in Stanley war, erzählte uns auf dem Weg die Geschichte
des alten mit Rostflecken gezeichneten Wellblechgebäudes,
in dessen Parterre eine Bar eingebaut wurde. In
besseren Zeiten diente das Gebäude, mit bestem Blick auf
den Hafen und die Bucht, dem Prinzen von Wales während
seiner Aufenthalte als Unterkunft. In Erwartung, ein besseres
Leben zu finden, zog Ben, der Eigentümer, nach dem
Falklandkrieg nach England. Dort versuchte er sein Glück
als Barmann und Hilfsarbeiter, ohne dabei Fuß fassen zu
können. Entmutigt, mittellos und geplagt vom Heimweh,
ließ er sich per Schub in einem Schiff nach Stanley zurückbringen.
Hier fand er sein altes Haus in schwer vernachlässigtem
Zustand, gezeichnet von Wind und Wetter. Alle
Fenster wurden eingeschlagen und die Türen waren weg,
aber das Dach war geblieben.
»Welcome home«, sagte er zu sich, als er betrat, was neben
ein paar Pfund das Einzige war, was er auf dieser Welt sein
Eigen nennen konnte.
»Hast du gesehen, Ben Biggs ist zurück«, erzählte man sich
in Stanley.
»Was wird er wohl anfangen? Hab gehört, dass es ihm in
England gar nicht gut ergangen sei!«
Und so besuchten ihn alte Nachbarn, Freunde und Neugierige
und alle waren sich einig: »Stanley ist der schönste Platz
auf der Welt.«
»Was machst du jetzt?«, fragte Robert von der Falkland-Gesellschaft.
34
»Weiß ich noch nicht, mal schauen, Schafscheren kann ich
immer noch und auch Torfmull stechen.«
Und so zog er von einer Farm zur anderen, half mal hier,
mal dort, mal dies und mal das. Er erinnerte sich an das Leben
in England. Eine Bar hätte er gerne gehabt, aber das brauchte
Geld. Und so formte sich langsam ein Plan.
»Ich habe ja ein Haus, nicht ein schönes, aber wenn ich etwas
Geld spare, könnte ich es ja reparieren und ausbauen!«
Und so kehrte er vom Land zurück nach Stanley, besessen
von einem Plan, für den er zu leben begann. Das Dach erneuern,
Toiletten anbauen, nur ganz dürftig, eine lange Bar, neues
Täfer an die Wände, Fenster hinter das Täfer. Nur das alte Stubenfenster
mit dem Blick auf den Hafen und die gegenüberliegenden
Hügel blieb, Kühlschränke für Getränke wurden
besorgt und dann die Eröffnung.
»Es war von Anfang ein Riesenerfolg und endlich hat der
Globe die Konkurrenz bekommen, die er brauchte.«
Victory, Sieg, nannte Ben seine Bar.
Schon beim Eintreten begrüßte uns eine ganz besondere Atmosphäre.
Das Lokal war zum Bersten voll, denn dicht gereiht, mit
einem Riesenlärm von Stimmengewirr, gemischt mit Musik
aus der Jukebox. An kleinen niederen Tischen in der Mitte des
Lokals saßen wie auf einer Insel etwa 20 junge Leute. Studenten,
Studentinnen, die für die Festtage aus England zu ihren
Eltern gekommen waren. Eine frohe Gesellschaft, die sich mit
den Dagebliebenen traf, alte Beziehungen aufleben ließ, Erfahrungen
austauschte, die neuesten Skandale enthüllte, wer
jetzt mit wem. Beim Aussichtsfenster stand ein Snookertisch,
von dem sich die Spieler mit den Dartspielern um Lebensraum
stritten, ganz abgesehen von den Trinkgästen, die immer weiter
weg von der Bar in den Spielraum abgedrängt wurden.
35
Die zwei jungen Frauen besorgten die Bar und konnten
meisterhaft mit den vielen Gästen mithalten, fanden sogar ab
und zu Zeit, um an einer Zigarette zu ziehen, die sonst auf
dem Rand eines Aschenbechers dahinglimmt. Eine der Frauen,
etwas rundlich mit welligen braunen Haaren, geziert mit
unzähligen Ringen in Nase, Ohren und Augenbrauen, die
andere mit kurzen dunkelblonden Haaren, eng am Kopf geschnitten,
ohne jeglichen Schmuck, enge Jeans, schlank, mit
wollenem, weitem Pullover, sehr attraktiv. Immer fokussiert,
emsig, perfekt, unkompliziert. Sie schienen gut miteinander
auszukommen. Mit den Gästen unterhielten sie sich nicht,
denn diese sollen trinken, nicht tratschen.
»Ich sah euch in den Globe gehen«, sagte einer der Stammgäste
zwischen Zügen an der Zigarette.
»War dort was los?«
»Ja, ein Haufen Leute und eine lokale Band, die laute Musik
spielte.«
»Das ginge noch, aber dort gehe ich nicht hin, denn ich lasse
mir nicht von einer Lesbe Bier verkaufen!«, brummte er.
Ah, das waren die zwei mittelalterlichen Damen hinter der
Bar im Globe.
»Die Eigentümer?«, fragte ich, um die Konversation weiter
zu führen.
»Nein, was denkst du wohl, Angestellte, die die Bar auf eigene
Rechnung betreiben, der Eigentümer führt nur das Hotel.«
Man trank weitere Runden Dosenbier und ließ die vorweihnachtliche
Stimmung einsinken. Gedanken an den Winter
im Norden, Sommer hier im Süden, der kälter war als ein
warmer Wintertag in London.
Ungewollt ging der Blick immer wieder zurück zu den
Mädchen hinter der Bar, die Dosen aus den Kühlschränken
36
holten, Whisky in Gläser füllten, Gin Tonic und Wodka mit
Orangensaft mischten. Eis stand in Kübeln auf der Bar, aus
dem jeder von Hand nehmen konnte, so viel er wollte.
»Die ist nicht mehr als 16 Jahre alt«, schmunzelte mir Jeff
zu.
»Was, dir hat wohl der Westwind zugesetzt, und die Wochen
zur See haben dir die Augen verdreht, die ist weit über
20!«, war meine Ansicht.
Wir einigten uns darauf, dass sich die einheimischen Leute
altmodisch und eher schlecht, ohne jegliches Modebewusstsein
kleideten, was im krassen Gegensatz zur letzten
Carnaby-Street-Mode der Studenten auf Heimurlaub stand.
Es schien, dass hier weder Frauen noch Männer Wert auf äußere
Erscheinung legten.
Mit den wilden Wolkenfetzen, die der Westwind am hellen
Mond vorbeitrieb, schritt ich schweigend an der Seite von Jeff
auf dem Fußweg dem Ufer entlang von der Stadt zum Dock
und unserem Schiff.
»Ich komm mit zu Fuß, wenn du versprichst, mich aus dem
Wasser zu fischen, sollte ich hineinfallen«, hatte Jeff zu meinem
Vorschlag auf die Taxifahrt zu verzichten eingewilligt. Einige
Magellangänse, die Köpfe ins Gefieder gesteckt, ließen sich in
ihrer Nachtruhe nahe dem Pfad nicht stören. Die Wellen, deren
Gischt uns ab und zu erreichte, brachen leise plätschernd
am steinigen Ufer. Die Umrisse des Wracks der Afterglow, das
am Ufer seit 1945 Wind und Wetter überlassen wurde, bildeten
eine gespensterhafte Kulisse. Auf dem Deck erspähte Jeff im
zarten Mondlicht ein paar schlafende Seehunde. Ein Teppich
von Kelp bewegte sich in langen Wellen auf der Leeseite dem
Rumpf des Wracks entlang. Durch die Überreste der Takelage
entdeckte ich grün und rot die Lichter der Hafeneinfahrt vom
37
Port Williams. Abwesend pfiff ich ganz leise »I saw the harbourlights«
in den Wind. Die Gedanken zogen nach Norden,
über den Äquator, folgten den Spuren der Sterne, hoch über
uns das Kreuz des Südens, zu ein paar Sternen des Großen Bären,
eine stellare Verbindung zum Polarstern, weit unter dem
nördlichen Horizont. Der Gedanke, Weihnachten wenn nicht
zuhause, dann zur See und nicht im Globe oder Victory zu verbringen,
erfüllte mich mit beruhigender Zufriedenheit.
»Warst du in Tristan da Cunha?«, fragte ich Jeff beim Weitergehen.
»Nein, in Fuerteventura«, antwortete Jeff mit klappernden
Zähnen, »und dort war der Wind wenigstens warm!
Aber warum gerade Tristan? Da bleibst du ja für ein halbes
Jahr stecken!«
»Im Victory habe ich mich mit einem Fischer von dort unterhalten,
einer von 300 Einwohnern, gab er an!«
»Noch eine verlassene Insel, die unsere Steuergelder über
Wasser halten. Edinburgh der sieben Seen ist die Hauptstadt.
Und wer weiß, vielleicht verbringen wir nächste Weihnachten
dort, sollten sie auch dort nach Öl suchen wollen!«
»Wer weiß, letztes Jahr Palawan, heute Stanley, morgen
Tristan, kommt doch von trist? Oder etwa nicht?«
»Oder wir finden Isolde!«
»Isolde?«, fragte Jeff verwundert.
»Ja, kennst du nicht? Tristan und Isolde?«
»Vom grünen Hügel? Wagners nächtelange, langweilige,
einschläfernde Klänge?«
»Ja, genau der, aber den musst du verstehen, mit dem musst
du dich befassen, um ihn zu verstehen!« ereiferte ich mich als
ausgesprochener Wagner-Fan.
»Da sind mir denn die Piraten von Penzanz von Gilbert und
Sulivan schon lieber, da geht was, da kannst du auf dem Heimweg
die Melodien nachpfeifen. Bei Wagner? Wie viele Lieder
38
kennst du?«, ereiferte sich Jeff, während wir uns vom Wrack
entfernten und die Lichter des Docks größer wurden.
»Wagner ist Tiefe, bringt dich auf andere Ebenen, lässt dich
absinken in die Tiefe deiner Gefühle«, ergänzte ich.
Für Jeff war das Thema nun beendet, und so fuhr er weiter.
»Übrigens, was du da heute am Steg getan hast, war unvorsichtig!«
»Was habe ich getan?«
»Du hast mit den Kindern, die am Ufer gespielt hatten, gescherzt!«
»Na und!«
»Sollten die morgen früh ein totes Kind im Graben finden,
holen die dich als Hauptverdächtigen, und dann würden die
dich im Gefängnis kaltmachen, dich als grauhaarigen Fremden!«
Das gab mir zu denken, denn keinen Moment hatte ich nur
im Entferntesten an so was gedacht. »Ja, dann hoffe ich mal,
dass so was nicht eintritt!«
Schweigend legten wir den Rest der Strecke zurück. In
der Seemannsmission brannte noch Licht. Das Geräusch der
laufenden Generatoren der Schiffe am Dock übertönte nach
dem Überschreiten der Brücke das Heulen des Windes. Das
schwimmende Dock bewegte sich langsam und erzeugte ein
wildes Durcheinander von ratternden Geräuschen. An Deck
unseres Schiffes war die Crew damit beschäftigt, letzte Kartons
mit Nachschub wegzuräumen, klar für die Ausfahrt am
Tag vor Weihnachten.
39
Der grüne Blitz zu Weihnachten auf See
Den Heiligen Abend feierten wir nicht, denn in der Heimat
meiner Leidensgenossen war das, nicht wie bei uns, ein
Grund für eine wilde Party mit Freunden. Die Feierlichkeiten
begannen erst am frühen Morgen des Weihnachtstages.
Wir erlebten an Bord einen wunderbaren Abend mit stahlblauem,
wolkenlosem Himmel. Riesengroß näherte sich die
Sonne dem Horizont. Ein Kreuzfahrtschiff, unterwegs von
Montevideo nach Ushuaia in Tierra del Fuego, glitt an der
Sonne vorbei. Sie werden unser Stanley am Weihnachtsmorgen
erreichen.
Dort, an Bord, war eine rauschende Party im Gang, man
stand wohl mit Sundowners in der Hand an der Reling, um der
untergehenden Sonne zuzuschauen, die sich vom Gelb mehr
und mehr in immer tiefer werdendes Orange verfärbte. Eine
zusammengewürfelte Gesellschaft hatte sich zugeprostet, auf
eine frohe Weihnacht und eine erfolgreiche Fahrt.
Es war nach zehn Uhr abends, nach ein Uhr früh am Weihnachtstag
in der Heimat, alle wohl schon im Bett? Ich hatte
angerufen, um frohe Weihnachten zu wünschen und wieder
zu versprechen, dass ich im nächsten Jahr sicher mit dabei sein
werde. Ich hatte mir das Versprechen wiederholt, als die Sonne
den Horizont berührte. »Eigenartig, sobald sie die Wasserlinie
durchbrochen hatte, erscheinen auf beiden Seiten Ausbuchtungen,
die aussahen, als wolle sich die Sonne mit beiden Händen
am Horizont gegen den Untergang wehren, nein, noch
nicht, ich möchte jetzt noch nicht ins Bett!« Aber dann ergab
sie sich, die Hände eingezogen versank sie langsam. Eine rote
Straße, unterbrochen von den Wellentälern zog bis zu meinen
Füßen. Langsam rollte die Polaris geräuschlos in den Wellen,
die Albatrosse zogen weiter ihre Bahnen, ungestört vom
40
Schauspiel der Natur. Die rote Scheibe versank immer tiefer,
die Straße zog sich zurück zum Halbkreis direkt vor ihr wie
ein Vorhof und dann, mein Herz glaubte still zu stehen, ganz
unerwartet: Der grüne Blitz, ich wollte aufjubeln, und dann
gerade noch einmal, denn das Schiff rollte genau im richtigen
Moment weg von der Sonne, so dass die für einen Augenblick
nochmals über dem Horizont erschien. Das schönste Weihnachtsgeschenk,
das mir die Natur machen konnte. Glücklich
verblieb ich noch ein paar Minuten an Deck. Auf der Brücke
fragte ich in die Runde der Anwesenden: »Habt ihr den grünen
Blitz gesehen?«
»Du sagst doch nicht, dass du dein Gespenst schon wiedergesehen
hast?«
Der grüne Blitz, Green Flash:
»Hast du den grünen Blitz wirklich gesehen?«, fragte mich
Willem, der alte Kapitän.
»Ja, habe ich, vierzehn Mal und ich kann dir genau sagen,
wo jeder war!«
Jede Beobachtung hatte jeweils zu Argumenten zwischen
Beobachtern, die ihn gesehen haben und jenen, die die Erscheinung
ins Land der wilden Phantasie verbannten. Grund
ist, dass nicht jedes Auge fähig ist, das Phänomen zu sehen,
was die Fantasien der Zweifler beflügelte. So erzählte mir Graham,
unser Betriebsmeteorologe: »Laut einer alten schottischen
Legende soll derjenige, der den grünen Blitz gesehen
hat, in Sachen Liebe nicht fehlgehen, was Grund genug sein
sollte, nach diesem seltsamen Naturwunder Ausschau zu halten,
wenn immer am Meer oder auf hoher See mit einem kühlen
Drink in der Hand.«
Er meinte, dass das Erleben des grünen Blitzes in direktem
Zusammenhang mit der Anzahl der kühlen Drinks stehe.
41
Laut alten Seebären ist dies eine Seltenheit. Ein kurzer grüner
Blitz kann am oberen Rand der Sonne erscheinen, unmittelbar
bevor die Sonne am Abend hinter dem Horizont verschwindet
oder am Morgen über ihm auftaucht.
»Warum der grüne Blitz?«, fragte Dan, der zum ersten Mal
auf See war.
»Wenn die Sonnenstrahlen durch die Atmosphäre ziehen,
werden sie durch Refraktion gebrochen. Sobald der untere
Rand der Sonne den Horizont berührt, ist sie bereits hinter
den Horizont gesunken. Ihr Bild allerdings wird durch die Refraktion
nach oben verschoben. Rotes Licht bricht weniger
als blaues. Deshalb erscheint durch ein Fernrohr der untere
Rand der Sonne rot und der obere eher blau. Weil das Blau in
der Zerstreuung auf dem Weg zum Beobachter verloren geht,
siehst du grün, was im Farbenspektrum neben blau liegt.«
Unter normalen Umständen ist das Grün so dünn, dass es
mit bloßem Auge nicht sichtbar wird. Sind aber die richtigen
Bedingungen für eine Luftspiegelung gegeben, wird das Grün
vergrößert, bis es mit bloßem Auge als grüner Blitz wahrgenommen
wird.
»Fata Morgana.«
»So kannst du dazu auch sagen.«
Die zwei Weihnachtsputer
Das englische Weihnachtsmenü besteht aus einem Truthahn,
englisch gefüllt, Kartoffeln, Rosenkohl und noch einem Gemüse,
am liebsten geschnittenen Bohnen. Zur Vorspeise gibt’s
eine Suppe, wobei meine Kollegen sich nicht einigen konnten,
welche. Auch die Niederländer essen einen Truthahn, aber der
wird ohne Füllung gebraten. Dazu müsste es Kartoffelstock,
gespickt mit Karottenstückchen, Rosenkohl und Salat geben.
42
Um allen so viel wie möglich entgegenzukommen, offerierte
der Kapitän, den holländischen Truthahn zuzubereiten. Von
den Engländern wurde John als vielversprechendste Möglichkeit
mit der traditionellen Zubereitung betreut. Onassis
überließ man den Rest. Engländer aßen um halb zwölf und
die anderen um halb eins. Onassis wusste, dass Weihnachten
ein wichtiges Fest war, so ungefähr gleichstehend mit seinem
Ende der Fastenzeit.
Zur Vorspeise gab es für alle eine Ochsenschwanzsuppe,
serviert mit kleinen belegten Broten, auf denen Apfelstücke,
Sardinen, Käse, Ketchup, Senf und was Onassis in der Speisekammer
zum Entsetzen der britischen Leute sonst noch finden
konnte. Rosenkohl war wie gewünscht, nicht aber, was für
ein Weihnachtsessen absolut unmöglich war, Rotkrautsalat
mit Apfelstücken, sauren Gurken und Käsestücken, an süßer,
schön brauner Sauce. Johns Truthahn war ausgezeichnet. Leider
hatte ich keine Gelegenheit, ihn mit dem holländischen zu
vergleichen, denn der wurde von der Besatzung total verzehrt,
nicht so der englische. Mittagszeit vorbei, Feierlichkeit vorbei.
»Ich schau den weißen Wellen nach und fange an zu träumen!«,
sie kamen von Südwest, vom Kap Hoorn, sie trafen uns
steuerbord voraus, hoben uns sachte in die Höhe und rollten
backbord am Heck davon, immer weiter, wo sie im Atlantik
auslaufen werden, dort wo die Kraft des Windes nachlässt,
dort wo es nahe beim Äquator schön warm ist.
Ein großer Schatten tauchte nahe der Wasserfläche auf, zuerst
nur eine Ungewissheit zwischen den Wellenbergen, bis
eine schwarze Wölbung die Oberfläche durchbrach und eine
Wasserfontäne zischend in die Höhe blies, von der Spritzer bis
zum Deck getragen wurden. So schnell wie die Wölbung aufgetaucht
war, verschwand sie auch wieder. Dafür stach dann
43
die riesige Schwanzflosse senkrecht in die Höhe, glänzte nur
ein paar Sekunden in der Sonne, ehe sie geräuschlos in der
sicheren Tiefe verschwand. Ein kurzes Gastspiel eines Mink-
Wals. Ein kurzer Gruß aus der freien Welt, denn endlos sind
seine Bewegungsräume. Ich schaute noch eine Weile, vielleicht
kommt er zurück, vielleicht war er nicht allein.
Silvester und Neujahr? Gab es nicht. Jeder hing mit seinen
Gedanken den Seinen nach, die in verschiedenen Zeitzonen
verteilt über den Globus lebten. Jeder versuchte zuhause anzurufen.
Besetzte Linien, überlastetes Netz.
Ich machte die Runde durch das Boot zur lokalen Mitternacht,
schüttelte Hände hier und dort. »A happy New Year«
schaute in die feuchten Augen eines jungen Ingenieurs, versuchte
ihn aufzumuntern, rauchte mit ihm eine Zigarette.
»Was, du rauchst?«
Man redet nicht von zuhause. Heimweh auf See ist so
schlimm wie Seekrankheit. Was wird das neue Jahr bringen?
Nur das Eine wussten wir alle: »In zwei Wochen wird in Stanley
Schichtwechsel sein.«
44
Mit Umsteigen in Santiago de Chile
Ärger beim Stopover
Wie hieß das Restaurant? Olaf wusste es nicht mehr, wollte
es auch gar nicht mehr wissen. Es war noch am frühen Freitagabend.
Aber sie hatten den ganzen Nachmittag durchgezecht,
anstatt sich vom langen Flug von Paris nach Santiago de
Chile zu erholen. Und so sorgten Jetlag und Müdigkeit dafür,
dass die paar Biere und die halbe Flasche Rotwein zum Steak
genügten, seine Sinne total zu verwirren. Als wir später, wie
eigentlich verabredet, zu ihm und seinen Kumpanen trafen,
empfing er uns schon mit einer sehr komplizierten Rede, die
sich schlussendlich in unverständliches Lallen verlor. Man sah
ihn dann seine Rechnung begleichen, wofür er umständlich
aus einem satten Bündel von Banknoten ein paar Scheine herauszählte
und dem Kellner in die Hand drückte. Dann war er
weg, niemand hatte ihn das Lokal verlassen sehen, welches auf
zwei Seiten zur Straße hin offen war.
Man suchte in den Toiletten, aber ohne Erfolg.
Die Kellnerin in viel zu satten Jeans bestätigte, dass er auch
nicht in der Damentoilette eingeschlafen sei. Laut späterer
Bemerkung des Weinkellners soll der Gesuchte aus dem Lokal
in die rege Geschäftsstraße gewankt sein. Mehr sagte er nicht.
»Wir sollten ihn suchen«, schlug Dave vor.
Aber wo? Das Lokal lag an einer Straßenkreuzung. Viele
Leute tummelten sich plaudernd in unbeschwerter Freitagabend-Laune
in alle Richtungen. Im Restaurant mussten
eintreffende Gäste an der Bar auf freiwerdende Tische warten.
45
»Erstaunlich, wie die sich das bei den happigen Preisen
leisten können!«, meinte der junge Donald.
»Aber schau sie an, Männer und Frauen in eleganten, vorwiegend
dunklen Bürokleidern mit Aktentaschen.« Der Freitagabend
gehörte noch zur Arbeitswoche, erst der Samstag
ist Familientag. Auch wir verließen das Restaurant, um in
verschiedenen Richtungen das Hotel aufzusuchen oder uns
unter den Bäumen des Plaza de Armas mit Mitgliedern der
Crew, die sich vor sechs Wochen in alle Richtungen der Welt
verabschiedet hatten, auszutauschen.
Früh am nächsten Morgen wurde heftig an meine Tür geklopft.
»Olaf wurde gestern überfallen. Seine Brieftasche mit allem
Geld und dem Pass ist weg«, erzählte mir ein atemloser
Andy, das jüngste Team-Mitglied.
»Wo?«
»Das weiß er nicht, denn er hatte sich in der nächtlichen
Stadt verirrt.«
»Wo ist er jetzt?«
»An der Rezeption versucht er, mit Hilfe der Telefonistin
die Polizei und die dänische Botschaft anzurufen, und wir
dachten, dass du das wissen solltest.«
»Um sieben Uhr am Samstagmorgen?«, wunderte ich mich,
während wir über die Treppe ins Foyer gelangten.
»Dein Pass und all dein Geld weg?«, attackierte ich Olaf,
der verstört an der Theke stand.
»Nein, was denkst du, ich habe gekämpft und das Geld
zurückgerungen. Dass der Pass weg war, habe ich erst später
bemerkt.«
»Wo war das?«
»Weiß ich doch nicht, ich habe mich verlaufen und bin
46
dann schlussendlich mit einem Taxi zum Hotel gekommen.«
»Wie viele Angreifer waren es?«
»Zwei oder drei.«
Der Alkohol der Nacht zuvor stand noch deutlich in seinem
Gesicht, aber sonst weder Kratzer noch andere Zeichen eines
Kampfes.
Für weitere Versuche, die Polizei zu kontaktieren, blieb keine
Zeit, denn soeben entstieg Rodrigues, der lokale Agent, mit
schwingenden Armen dem Bus, der nun mit laufendem Motor
vor dem Hoteleingang für die Fahrt zum Flugplatz bereitstand.
Die gute Laune des Agenten ob der schlechten Nachricht verwandelte
sich blitzartig in Entsetzten, denn mit solchem Ärger
hatte er für den Samstagmorgen nicht gerechnet. Sein Schnurrbart
unterstrich seine schlechte Laune, denn am Tag zuvor hatte
er noch groß angegeben: »Santiago ist eine sehr sichere Stadt,
zu Tag und auch zur Nacht, nicht wie Städte in der Nachbarschaft«,
womit er Buenos Aires und Montevideo meinte.
»Wir werden am Flughafen der Polizei rapportieren«, versuchte
er sich selber mit wenig Begeisterung zu überzeugen,
während wir im Bus Platz nahmen.
Weiteren Ärger erwartete den armen Rodrigues am Flughafen,
denn zwei der Billette waren auf falsche Namen ausgestellt
und somit ungültig. Da der Agent weder Zahlungsmittel
hatte noch kreditwürdig war, mussten die unglücklichen Passagiere
mit ihren privaten Kreditkarten Billette für den Flug
nach den Falkland-Inseln erwerben.
»Nein, die Polizei nimmt in diesem Fall keinen Rapport auf.
Nur in der Stadt, dort, wo das Delikt begangen wurde«, sagte
der diensthabende Offizier.
Nach kurzem Überlegen flog ein Lichtblick über das sonst
finstere Gesicht von Rodrigues.
47
In der Ferne die Magellan-Straße und Feuerland.
»Am besten, du fliegst nach Punta Arenas, denn das ist ein
interner Flug. Und ganz sicher kannst du die Einwanderungsbehörde
dort überreden, dich aus dem Land zu lassen. Und
wenn nicht, ja dann bist du ja nahe und kannst den nächsten
Flug in einer Woche nehmen.«
Und schon war er weg, ab Aug, ab Herz, musste er sich gesagt
haben.
Die vier Stunden Flug den Anden entlang in den kalten Süden
konnte Olaf nicht genießen, konnte sich nicht erfreuen
am Anblick der bizarren Felszähne oder den symmetrischen
Vulkanen, von denen einer eine schwarze Rauchwolke in den
Morgenhimmel blies. Er versuchte sich in der Ecke des Sitzes
zu verkriechen. Angstschweiß trat ihm auf die Stirne, als die
Landung in Punta Arenas angesagt wurde.
»Hoffentlich lassen sie mich weiter, denn eine ganze Woche
in einem Hotel in Punta Arenas, eine Woche zu spät zur
Arbeit antreten. Denk nicht daran, denn nur mit positivem
Denken wird alles gut!«, tröstete er sich.
Aus den endlosen Ebenen Patagoniens überflogen wir Punta
Arenas und die blauen Wasser der Magellan-Straße, dann
48
eine steile Kurve über der Nordküste von Feuerland. Windböen
schüttelten die Maschine. Die weißen Wellenberge der sagenumwobenen
Wasserstraße zeigten sich im Anflug, ein Schiff
warf hohe Bugwellen auf seinem Kurs gegen den Westwind. Die
Reifen quietschten, erst rechts, dann links, dann alle, wir hatten
gelandet. Die Sonne verbarg sich am nördlichen Horizont
hinter einer Wolkenbank. Übliches Gedränge beim Zusammensuchen
des Handgepäcks, nur raus aus dem Flugzeug. Anders
Olaf, für ihn könnte die Zeit stehen bleiben, denn der Moment
der Entscheidung, die nicht bei ihm lag, war gekommen.
»No, Señor, ohne Pass und ohne Einreiseformular keine
Ausreise!«, sagte der Chef der Fremdenpolizei freundlich, aber
sehr bestimmt.
Der nächste Flug nach Mount Pleasant auf den Falkland
Island ist in einer Woche, eine Woche in Punta Arenas, um
einen neuen Pass zu beschaffen.
»Hola, hier ist Rauchverbot!«, wandte sich eine offizielle
Stimme in englischer Sprache mit starkem Akzent an eine
Gruppe, die sich hinter einem Pfeiler sicher fühlte.
»Auch das noch, ein Nichtraucherflug und nun auch das
ganze Flughafengebäude.«
Die Straße des Magellan – Blick zurück
Gerne hätte auch ich mindestens eine Nacht in Punta Arenas
verbracht, das Magellan-Museum und das berühmte Denkmal
besucht, an den Ufern der Wasserstraße gesessen und Träume
aus lang vergangenen Zeiten gesucht. Die weißen Wellenkronen
hatten sich in tiefes Blau verwandelt, während das nun
fast leere Flugzeug in den Abendhimmel stieg.
Unter uns die Küste, mit der Patagonien am Strand von
dunkeln Kieselsteinen endet, die in den ewigen Wellen sich
49
mit dem Geräusch eines riesigen Steinsacks vermischt, langsam
von unsichtbarer Hand bewegt, jedoch mehrfach übertönt
vom Tosen der brechenden Wellen. Dem Grenzzaun entlang
erkannte ich auf der argentinischen Seite Monte Dinero,
ein sanfter Hügel im abfallenden Gelände. Die Sandpiste, als
dünner Faden, bis in der Ferne zum dunkeln Fleck, die Estancia
Condor, deren Herrschaftshaus mit Akazien, den einzigen
Bäumen südlich von Rio Gallegos, umgeben war. Dann die
südlichste Spitze Patagoniens, das Cabo Virgines und gegenüber,
die Nordspitze von Feuerland, das Cabo Espirito Santo.
Das Gesicht ans kleine Fenster gepresst, ließ ich mich von den
Erinnerungen verschlingen. Und schon wieder überwältigte
mich das bestimmte Gefühl der Rückkehr in diese öde Landschaft,
die keine andere Attraktion bot, als das Außergewöhnliche.
Es war vor fünfzehn Jahren, meine erste Fahrt von Rio
Gallegos kommend, der Sandpiste entlang, als ich plötzlich
die Estancia Condor vor mir sah, und in der Ferne den blauen
Streifen der Magellan-Straße, weit über den braungelben
Hügeln. Eine erste befremdende Erfahrung des Bewusstseins,
schon einmal hier gewesen zu sein, hatte mich ergriffen, denn
alles war bekannt, wie ein Wiedersehen, ein Wiedererleben
nach langer, langer Zeit. Oder war das ein Resultat meiner intensiven
Beschäftigung mit der Gegend und dem Mann, der
ihr den Namen gegeben hatte?
Julio fuhr den schweren roten Ford Pickup mit dem Rollbügel
geschickt der gewundenen Straße entlang. Aus dem Radio
tönten wehmütige Tangomelodien, in regelmäßigen Abständen
abgelöst von Julio Iglesias’ Paloma Blanca vom lokalen Radiosender
Santa Cruz. Ein orkanartiger Westwind fegte über
die Landschaft und drohte den schweren Wagen von der Straße
abzudrängen. Aufgescheuchte Gänse flatterten schwerfällig
50
in die Höhe, um sich nach kurzem Flug wieder hinzusetzen.
»Silberfuchs!«
»Wo?«
»Dort, im Gras!«
»Guanako!«
»Wo!«
»Dort am Hang!«
Schafe, Schafe, Tausende von Schafen. Sie liefen vor dem
Auto her, nach links, nach rechts, wussten nicht wohin, bis sie
dann nach links und nach rechts über den Graben sprangen.
»Dumme Schafe«, murrte Julio, seine Geschwindigkeit respektvoll
den erschrockenen Tieren anpassend. In einer Mulde
standen dicht gedrängt etwa zwanzig wilde Pferde, sich vor
dem Wind schützend, die Fohlen wohlbehütet in der Mitte ...
Patagonien, eine neue Welt, die mir doch erschreckend bekannt
vorkam.
»Ein halber Einwohner pro Quadratkilometer«, belehrte
mich Julio.
»Das wäre was für mich!«, antwortete ich im momentanen
Anflug von Verklärung. Oft hatte ich seit jenem Blick in die
Vergangenheit über meine spontane Reaktion und der Auseinandersetzung
mit dem möglichen wiederholten Erdenerleben
nachgedacht.
Beim Ansteigen auf die erforderliche Flughöhe über das
Meer zwischen dem Festland und Las Malvinas zog das Flugzeug
einen vollen Kreis über der Westküste Argentiniens.
Rio Gallegos war genau unter uns. Der Fluss mit dem Steg,
die quadratisch angelegten Straßen, der Plaza San Martin, die
Slums am Rande der Stadt, das Hotel Comercio. Wie sieht es
wohl ohne den erwarteten Ölboom aus? Sie hatten sich viel
versprochen, bis die erneute Ölkrise mit erneutem Ölpreissturz,
der die Förderung unter den gegebenen Bedingungen
51
unrentabel gemacht hätte. Las Malvinas son Argentinas, war
die Losung damals. Heute? Nur noch ein paar Politiker denken
wirklich daran. Man hatte einen Anteil am Malvinas-Ölboom
erwartet, falls er eintreffen sollte.
Eintreffen muss der Ölboom, denn die meisten Leute, die
mit uns an jenem Samstagnachmittag nach den Falkland-Inseln
flogen, waren Aktionäre der lokalen Petroleum-Firma.
Im Glauben, dass sie in astronomische Höhen steigen werden,
sobald Öl gefunden wird, haben viele mit ihren Reserven
Aktien gekauft. Der Preis stieg, fiel aber weit unter den
Einstand, als die erste Bohrung erfolglos abgebrochen wurde.
Da noch viele Bohrungen geplant waren, pendelte sich
der Kurs im unteren Sektor ein, also sollte man die Hoffnung
nicht aufgeben. Heute, Ende 2017, liegt der aktuelle Kurs bei
0,2 Pfund (weniger als ein Prozent des Einstiegspreises) und
ich hoffe, dass meine jungen Mitarbeiter von damals die Verluste
verkraften konnten. Dabei denke ich an Richard, der
das für den geplanten Wintergarten ersparte Familienbudget
eingesetzt hatte.
Und Olaf?
Er traf schlussendlich im Hotel Cabo de Horno in Punta
Arenas ein, wo er sich ohne Pass registrierte, nachdem seine
Geschichte vom Agenten zum Abernten Male erzählt wurde.
Dort erfuhr er auch, dass niemand vor Montag nur daran denken
werde, ihm einen Pass auszustellen. Und überhaupt, wer
hat denn gesagt, es gäbe hier ein dänisches Konsulat?
»Wo ist mein Pass, was ist nur passiert, wie kam ich ins Hotel,
mit wem habe ich gekämpft, wieso sitze ich hier?«, quälte
sich Olaf, während er unbequem auf dem Barstuhl hin und
her rutschte und vom kleinen Barmann mit dem eleganten
Schnurrbart ein Bier bestellte.
52
»Warum nicht, was sonst soll ich tun, viel zu kalt draußen«,
sagte er sich, wohl auch mit der Überlegung, dass wenn er das
Hotel nicht verlasse, er auch nicht erneut überfallen werden
könne.
»Warum saufen wir Skandinavier so schnell und so viel«,
quälte er sich.
»Algo mas?«, fragte der Barmann.
»What?«
»Anything else?«
»Nein.«
»Señor no speak Spanish?«
»Nein, verdammt, nein, no speak!«
»Habe doch schon Mühe genug mit dem blöden Englisch!«,
dachte er sich, einen langen Schluck aus dem zweiten
Glas nehmend.
»Die Geschichte mit Olaf passt mir nicht«, hörte ich den Party
Chief Hamish, der in Glasgow Pipe Master ist, schon wieder in
meine Traumwelt eindringen.
»Keinen Kratzer, noch alles Geld, da stimmt was nicht.«
»Eines ist klar, an seinem Pass ist niemand interessiert!«,
überlegte ich mir laut.
»Aber, man weiß ja nie, vielleicht suchte genau jemand einen
Pass für einen blonden jungen Mann.«
»Mit solch ausgeprägten skandinavischen Zügen? Kaum
möglich.«
»Man weiß ja nie!«
»Weißt du, als wir den Kellner in Santiago fragten, ob er
Olaf beim Gehen beobachtet hätte, dauerte es verdammt lange,
bis er reagierte. Auch das hübsche Mädchen mit den Speisekarten
am Eingang hätte ihn ja sehen müssen. Aber auch sie
wusste scheinbar nichts.«
53
»Nur, da das Lokal auf zwei Seiten zur Straße hin offen ist,
könnte es ja sein, dass er aus Versehen im Rausch auf der falschen
Seite auf die falsche Straße getreten und sich dadurch
verlaufen hatte, wie er angab.«
»Beide, das Mädchen und der Kellner, hatten gesehen, wie
viel Geld Olaf in seiner Brieftasche hatte. Also ist es doch möglich,
dass sie ihre Compañeros auf ihn angesetzt haben.«
»Was immer, offiziell bleiben wir bei seiner Geschichte,
denn das macht sie am einfachsten und verhindert weitere
Fragen von der Firma.«
Von Westen her näherten wir uns den Falkland-Inseln, die
in den letzten Wintersonnenstrahlen lagen. Ich bewunderte
Ost- und West-Falkland, getrennt durch die Falkland-Straße,
an deren nördlichem Eingang vom Atlantik her die britische
Marine im Mai 1982 gelandet war, um den Kampf zur Zurückeroberung
einzuleiten. San Carlos, ein verträumter kleiner Fischerhafen
mit nur einem Gasthaus, in dem man vorbestellen
muss, sollte man die Absicht hegen, dort etwas Warmes zu essen.
Wie eine offene Landkarte lagen die Inseln da, umzäunt
von den weißen Brechern, die sich an den vorgelegten Klippen
überschlugen. Darwin und Goose Green, wo die Argentinier
Kasernen hatten und wo entscheidende Schlachten geschlagen
wurden, bei denen mehr Leute umgekommen waren, als
man damals gehört hatte. Es gibt dort einen Friedhof, auf dem
250 junge Argentinier die letzte Ruhe gefunden haben. Fern
von zuhause, für einen Krieg, den sie nicht verstanden hatten,
für den sie nicht ausgebildet waren.
»Zum Glück waren die Argis unerfahrene Krieger. Sie hätten
uns viel größeren Schaden zufügen können, hätten sie
mehr vom Kriegen verstanden. Zurückgelassenes Material sowie
Fahrzeuge und Helikopter wurden nicht zerstört, somit
54
Magellan-Denkmal in Punta Arenas. Wer die Zehe des Patagons
küsst, wird wieder zurückkommen.
55
konnten wir das alles wieder benützen!«, erzählte mir später
ein Offizier der Britischen Armee, die mit 2000 Mann permanent
vertreten war.
In der großen Ebene zwischen Darwin und Stanley tauchte
das britische Lager Mount Pleasant mit dem einzigen großen
Flughafen auf. Unser Ziel, eine Schleife über Stanley, dann
Anflug gegen den Wind. Auf dem Parkfeld stand eine in ein
Tankflugzeug umgebaute vc10 sowie eine sehr alte Tristar der
Royal Air Force, die zum Truppentransport zwischen England
und Falkland eingesetzt wurde.
Etwas wehmütig dachte ich zurück an das warme Frühjahrswetter,
das ich vor zwei Tagen in Europa zurückgelassen
hatte, als ich mich mit dem Rest der Passagiere zum Eingang
des Flughafengebäudes begab. Fröstelnd im kalten Winterwind.
Die Abfertigung durch uniformiertes Armeepersonal
war effizient, unpersönlich, typisch no-nonsense.
Am Ausgang des Flughafengebäudes begrüßte uns Robert,
unser Agent und somit Helfer in allen lokalen Nöten, mit breitem
Lachen.
»Alles in Ordnung? Tut mir leid zu hören, dass ihr auf dem
Weg einen Kollegen verloren habt. Die hätten ihn doch wirklich
rauslassen können, aber eben, Südamerikaner sind nicht
für Flexibilität bekannt, das weiß man ja!«
Robert war zufrieden mit seinem Leben. Er war einer der
ersten Aktionäre der neuen Petroleum-Kompanie, die für weniger
als ein halbes Pfund Aktien gekauft hatten. Und nun
standen sie bereits bei drei Pfund und sollen auf über vierzig
gehen, falls Öl gefunden wird.
»Dann werde ich Millionär sein!«, schmunzelte er, denn
er hat etwa 20.000 Aktien. »Falkland-Bonus, Insiderwissen«,
brummte Ben, unser internationaler Kontaktmann für technische
Belange.
56
»Und dann? Weg von hier? Ans Mittelmeer, nach England?«
»Who knows, zuerst muss das mal so werden.«
Zur gleichen Zeit entleerte ein schon wieder ziemlich betrunkener
Olaf sein Herz an die schwarzhaarige Juanita, der
Schwester des Barmädchens im Cabo de Horno.
»So eine Scheiße, die hätten mich doch gehen lassen können,
jetzt hock ich hier und weiß nicht einmal, ob und wie ich
einen Pass bekommen sollte, weiß nicht, warum ich ihn nicht
mehr habe, aber Hauptsache, ich habe das Geld noch ... Denen
habe ich es gezeigt, mich bestiehlt niemand.«
»Wie hast du es ihnen gezeigt?«
»Gekämpft habe ich mit Fäusten und Händen.«
»Und du, was hast du abbekommen? Zeig mir deine
Schrammen?«
»Oh, ich habe keine.«
»Du sagst mir doch nicht etwa, dass du einen Straßenkampf
ohne Schramme oder blaue Flecken überlebt hast, und
das in Santiago? Bist du Rambo?«
»Niemand glaubt mir, gib mir noch ein Bier.«
»Das kann doch nicht sein!«, sagte Ernesto zum Beamten
der lan Chile Airline, mit dem er von einem runden Tisch in
der Bar die Konversation verfolgt hatte.
»Wer war denn da am Dienst? Den Burschen hätte man
doch wirklich ausreisen lassen können, es ist ja sein Problem
zu sehen, wie er am nächsten Ort weiterkommt.«
»Moment«, antwortete der Angesprochene, »und wir bringen
ihn zurück, falls er an der Destination strandet. So einfach
ist das nun wieder nicht.«
»Na was ...«
57
»Nein, wir können Ihnen keinen Pass ausstellen und ihn dann
nach Punta Arenas oder sonst wohin schicken, Sie müssen
nach Santiago kommen, Formular ausfüllen, beweisen, wer
Sie sind und dass Sie Ihren Pass verloren haben«, erklärte der
dänische Konsul am Montagmorgen am Telefon.
»Gestohlen wurde«, antwortete ein sehr gereizter Olaf.
»Ah, dass Ihnen der Pass gestohlen wurde. Übrigens, waren
Sie zur ärztlichen Untersuchung nach dem Überfall?«
»Nein, das war nicht nötig, denn ich war nicht verletzt.«
»Ich verstehe, also dann, melden Sie sich, sobald Sie in Santiago
sind.«
In Stanley ärgerte sich Fergel, der sich auf die Heimreise und
auf seine Familie gefreut hatte und nun seine Tasche wieder
an Bord auspacken musste, um nochmal aufs Meer hinauszufahren,
bis dann der dumme Olaf vielleicht in einer Woche
auftauchen wird, bis man dann Zeit finden wird, ihn abzuholen
oder sich eine Gelegenheit bietet, ihn mit einem anderen
Schiff hinauszuschicken. Drei Wochen könnte das dauern,
und das nach den regulären sechs Wochen.
58
Stanley
Der kurze, aber folgenschwere Landgang
Eine Woche später landete auch Olaf in Stanley.
»Euer verlorener Sohn ist nun eingetroffen!«, meldete sich
Robert am Radio, »was soll ich mit ihm?«
»Behalte ihn mal, bis wir wissen, wie der Transfer laufen
wird. Im Moment ist das Wetter gut und wir wollen die Arbeit
nicht unterbrechen. Sperr ihn ein, beschlagnahme seinen
Pass, verhänge Alkoholverbot, was immer es braucht.«
»ok, over and out!«
»Halt mal, was machen die Aktien?«
»Sie steigen und steigen, ich werde immer reicher, see you
soon.«
Dann, eines Abends vor dem Dunkelwerden, näherte sich
ein Riesenschlepper ganz langsam, um Fergel abzuholen. Das
Beiboot des Schleppers wurde gewassert und wir beobachteten,
wie es sich über die großen Wellen tanzend näherte. Die
Lotsentüre wurde geöffnet, eine Leine geworfen und die Jakobsleiter
ausgelegt. Auf dem Wellenberg war das kleine Boot
fast auf unserer Höhe, während es in den Tälern tief unter uns
zu verschwinden schien. Fergel wurde von zwei Seemännern
in einen wasserfesten Anzug gepackt, der Handschuhe, Schuhe
und eine Haube hatte, so dass nur noch eine runde Öffnung
für das Gesicht blieb. Fergel sah richtig unbeholfen aus,
als er neben der Luke zum Umstieg bereitstand. Wohl war’s
ihm nicht, das sah man ihm an, dem Fergel, keine irischen
Witze mehr. Die Lufttemperatur war vier Grad, Wasser nur
zwei Grad, viel Vergnügen, Fergel. Gesichert an einer Leine
begann er den Abstieg über die Leiter und blieb dann auf dem
59
untersten Tritt stehen, wartend, bis das auf den Wellen tanzende
Boot vorbeikam. Die ersten Versuche misslangen, bis
dann die Aufmunterungen halfen und er einen kurzen, aber
trotzdem kühnen Sprung wagte. Vier Hände im Boot nahmen
ihn hilfreich in Empfang. Aufatmen sah man allerseits,
Aufheulen des Jetmotors und schon entfernten sie sich zum
blauen Schlepper, wo dann dasselbe Manöver in umgekehrter
Reihenfolge abgespielt wurde. Nur, das sahen wir nicht, denn
der Schauplatz war auf der anderen Seite des Schleppers. Etwas
sehnsüchtig dachte ich an solche Übungen in tropischen
Gewässern, wo man 28 Grad Wassertemperatur und etwa die
gleiche für die Luft genoss. Würde man dort ins Wasser fallen,
wäre das höchstens eine willkommene Abkühlung.
Kaum war Fergel mit dem blauen Schlepper weg, erreichte
uns der Auftrag, in zwei Tagen in Stanley ein Team und einen
Container für eine Spezialmessung abzuholen, genau dort, wo
Fergel hingebracht wurde. Ja wenn man das gewusst hätte.
»Aber den Olaf, den holen wir dann ab, den transferieren
wir nicht so, denn der ginge uns bestimmt wieder verloren.«
Und so belegten die Matrosen am besagten Morgen die
Taue am FIPASS-Dock in Stanley. Es sind zwei gewaltige Stahlpontons,
die mit riesigen Ketten an mächtigen Stahlpfählen
befestigt sind und träge im Westwind hin und her geschoben
werden, nur wenig, aber bestimmt. Sobald der Abstand zwischen
dem Dock und der offenen Luke der Lotsentüre weniger
als einen halben Meter maß, traten der Zollbeamte und der
Agent an Bord.
»Wo ist Robert?«, fragte man die attraktive Blondine, die
sich als Deena vorstellte. Nicht dass man etwas gegen die hübsche
Erscheinung mit lachendem Gesicht über grauem Faserpelz,
gezeichnet mit Spuren der bitteren Kälte, hätte. Nur
Robert wüsste den aktuellen Stand des Aktienmarktes, an
60
dem Deena nicht interessiert war, da sie, wie sie uns ja früher
schon mal mitgeteilt hatte, alles, was sie hatte, in den Bau
ihres Traumhauses investierte. Der Steg mit Geländer wurde
gelegt, aber erst nach Befestigung des Fangnetzes, gegen den
Absturz ins kalte Wasser oder auf das harte Dock, freigegeben.
Emsiges Treiben setzte ein, Gemüse wurde geladen, Wasserflaschen,
denn das Tankwasser an Bord war nicht trinkbar, Papiere
wurden hin und her geschoben, Müllsäcke, die entsetzlich
stanken, wurden am Dock aufgeschichtet, ein fahrbarer
Kran erschien, um den Container mit den neuen Instrumenten
zu laden, Anweisungen wurden fröstelnd erteilt.
»Wenn nur nicht dieser garstige Wind wäre!«, schimpfte
Dick.
»Wann öffnen die Pubs?«
»In einer Stunde!«, wusste der Kranfahrer.
Die große Neuigkeit waren die zwei roten Telefonkabinen
aus England, die wohl von dort als großzügiges Geschenk angeliefert
und seit unserem letzten Besuch aufgestellt wurden.
»Hast du Münzen?«
»Ja, aber ich weiß die Telefonnummer des Taxibetriebes
nicht.«
»Nein, also ab zur Seemannsmission über der Brücke.«
Ich schloss meine Jacke und wir zogen los gegen den Steg,
der den Ponton mit dem Festland verband. Landseitig waren
zwei weitere Pontons befestigt, auf denen porta-Kabinen zu
einem doppelstöckigen Bürogebäude zusammengestellt wurden.
Beim Anblick der kleinen ex-Schweizer Jacht am Ponton
erinnerte ich mich, dass ich eigentlich den Eigentümer finden
wollte. Aber es war Samstag und er arbeitete wohl wieder
nicht. Wahrscheinlich werde ich ihn nie sehen, aber dann, was
will ich von ihm? Vielleicht mit jemandem plaudern, der je-
61
manden kennt, der mit einem kleinen Boot durch die Magellan-Straße
gesegelt ist?
Der kalte Wind packte uns, als wir aus dem Windschatten der
Containerburg traten. Im Wasser unter uns trieb der Wind
weißen Gischt vor sich her, was drei Seehunde überhaupt
nicht störte, denn sie jagten sich munter durch den Kelp, das
Seegras, das den Einheimischen auch den Über-Namen »Kelper«
gab. Am Ufer schwammen ein paar Gänse mit nervösem
Geschnatter, ob das wohl eine Seehundwarnung war?
»Fressen Seehunde Gänse?«
»Das weiß ich auch nicht.«
Wir traten in die angenehme Wärme der Seemannsmission,
von wo uns die Eigentümerin der Auckland-Jacht und des
2cv per Telefon ein Taxi bestellte.
»Wie geht es euch?«
»Gut und Ihnen?«
»Danke, auch gut!«
Ich warf ein Pfund in die große Plastikflasche, die für Gaben
bereitstand.
»Vielen Dank!«, sagte die blonde Dänin, die hier mit ihrem
Mann geblieben war und schon fünf Jahre die Seemannsmission
führte.
In Polsterstühlen lagen drei chilenische Seemänner, die
wohl von einem Fischerschiff kamen. Sie unterhielten sich,
während im Fernsehen ein englisches Fußballspiel gezeigt
wurde. Alkohol gab es nicht in der Seemannsmission.
»Samstagnachmittag zuhause!«, wandte Alan ein, den
Blick auf das Fußballmatch gerichtet.
»Und Sommerwetter.«
Hier antarktischer Winter.
»Zur Post, bitte«, sagte ich der Taxifahrerin beim Einsteigen.
62
Lady Elizabeth im Hintergrund (gestrandet 1879).
Jelum diente lange als Wollen-Lager.
Charles Cooper soll während des Falkland-Kriegs einer Einheit
der Britischen Armee als Beobachtungsposten gedient haben.
63
»Vergiss das, die öffnet am Samstag nur eine halbe Stunde!«
»Dann halt zum West Store!«, dem einzigen Supermarkt
in der Stadt.
»Ende Mai, und immer noch kein rechter Winter!«, begann
sie eine Konversation.
»Nur dieser schlechte Regen, bedeckter Himmel, bedrückend.
Es müsste Schnee liegen und wirklich kalt sein!«
»Noch kälter?«
»Ja, natürlich, das ist doch nichts!«
Stanley streckt sich einem sanften Hang entlang, der das
Hinterland von der Bucht mit dem Hafen trennt. Die Hauptstraßen
führen parallel dem Hang entlang, während die
Querstraßen steil zum Ufer abfallen. Jede Kreuzung mit einer
Hauptstraße bildet eine Schanze. »Mini-San-Francisco«
nannte das unsere Fahrerin.
»Und dann habt ihr verschneite und gefrorene Straßen?«,
fragte ich weiter
»Ja, natürlich!«
Ich versuchte mir vorzustellen, wie das wohl her- und zu
ging im Mini-San-Francisco, denn der lokale Fahrstil war nicht
gerade von hohem Standard und ich hatte das Gefühl, dass
sich die Zahl der Fahrzeuge seit unserem ersten Besuch vor
sechs Monaten verdoppelt hatte.
»Nicht verdoppelt, aber erheblich vermehrt. Bis vor Kurzem
hatten wir nur Vierradfahrzeuge, alte Land Rover und so,
aber heute bringen sie Personenwagen. Was willst du mit denen?
Kannst ja nur in der Stadt fahren, denn sogar die Straße
nach Mount Pleasant ist ein Schotterweg, der dein schönes
Auto mit fliegendem Straßengeröll zerstört.«
»Ja, aber jetzt kommt dann der Ölboom und alle Straßen
sollten repariert und asphaltiert werden!«, meldete sich Alan
vom Rücksitz.
64
»Pha, der soll mal zuerst eintreffen, dann reden wir wieder«,
meinte die Frau, »macht drei Pfund, bis bald, habt einen
schönen Tag.«
»Was willst du überhaupt im Laden?«, fragte ich Alan.
»Nichts, nur mich umschauen!«
»Also, ich kauf mir eine Zeitung und dann versuche ich diese
dicken Gänse auf dem Dorfplatz zu fotografieren«, erklärte ich.
Der Dorfplatz war eine Wiese zwischen der Hauptstraße
und dem Wasser. Es gab keinen Zaun oder so was. Nur die
Oberkante einer Mauer, etwa zwei Meter über dem mit Schotter
bedeckten Ufer. Auf der anderen Straßenseite trennte das
Hotel Uppland Goose (Magellangans) mit seiner originalen
Fassade aus dem 19. Jahrhundert den offenen Platz von den
Neubauten ab. Prunkstück auf der Grasfläche war ein Stück
Jardarm, einer der Masten des Segelschiffes »Great Britain«,
das lange hier lag und dann nach England geschleppt wurde,
wo es restauriert und in ein Museum umgewandelt wurde. Es
war damals die längste Schleppfahrt, die es je gab. Einige der
älteren Bewohner sollen Tränen in den Augen gehabt haben,
als die Stahlhülle in den Sechzigerjahren aus dem Hafen gezogen
wurde und verschwand.
Aber es gab ja noch viele andere Wracks, die das Stadtbild
prägten. So stand eine Holzhülle mit Wellblechdach vor dem
Dorfplatz. Es war die Charles Cooper, ein Segelschiff, das 1866
hier in schwer beschädigtem Zustand eingetroffen war und
dann als Wollen-Lager verkauft wurde. Zum Schutz vor dem
totalen Zerfall wurde die offene Hülle mit einem Wellblechdach
versehen. Der Holzsteg, der es einst mit dem Land verbunden
hatte, war zerfallen, womit Zugang nur übers Wasser
möglich war.
»Man hat mir erzählt, dass 1982, während der argentinischen
Besetzung, ein englischer Beobachtungsposten zwei
65
Wochen lang in dieser Hülle stationiert war, um das Treiben
an Land zu beobachten. Weniger als 30 Meter vom Ufer.
Glaubst du das?«
»Typisch, für solche Einsätze haben wir die M6-Leute, denn
dazu werden sie ausgebildet!«, wusste Alan, der während dem
Krieg auf einem der Navy-Schiffe als Navigator gedient hatte.
Ganz schön aufregend, nur im Schutze der Dunkelheit in
den großen Rumpf zu kriechen. Da wäre im Falle einer Entdeckung
kein Entkommen gewesen. Nur, man wusste ja, dass
die jungen argentinischen Soldaten so nahe keinen Feind vermutet
hatten.
Zum Dorfplatz gehörten auch noch eine Fahnenstange und
vier alte Schiffskanonen, die gegen das Wasser zeigten. Am
Hang, auf der anderen Seite des Hafens, wurden mit Steinen
die Namen der Schiffe eingelegt, die 1982 nach der Befreiung
zum Schutze von Stanley hier stationiert waren. Es waren große
Namen wie »Beagle«, auf dessen Vorfahren Darwin den
Beagle-Kanal erforscht hatte, dann »Endurance«, genannt
nach Shackletons Boot, womit er lange Zeit zwischen dem
Kap Hoorn und der Antarktis eingefroren war. Er und seine
Leute überlebten, während die Endurance vom Eis zerdrückt
wurde und versank.
»Nun wird das Victory wohl offen sein«, meinte Alan zuversichtlich,
nach seinem Besuch im Warenhaus die Schritte
an der Kathedrale vorbei gegen Osten wendend. Ein leichter
Regen hatte eingesetzt. Zeit für Apéro, volles Lokal. Man
kannte uns, denn wir hatten schon im Dezember die Victory
als Stammlokal gewählt, da es unter den fünf Lokalen der Stadt
das gemütlichste war. Langsam trafen dann auch die Kollegen
ein, die noch an Bord zu tun hatten und die Neuigkeit, dass
der Flug von Punta Arenas, der die neuen Leute bringen sollte,
um unbestimmte Zeit wegen Nebel verspätet sei.
66
Auf glattem Eis ins Maggie-Thatcher-Spital
Die Ausfahrt wurde nun bis mindestens Montagnachmittag
verschoben, denn dichter Nebel über der Magellanstraße verhinderte
jeglichen Flugverkehr. Sollte sich der Nebel heben,
beanspruchen die Argentinier 24 Stunden, um die nötige Überfluggenehmigung
von Chile nach den Falkland-Inseln auszustellen.
So verbrachte man die Zeit. Papiere wurden aussortiert,
Rapporte gelesen und dann nach dem Nachtessen wieder für
eine kurze Abwechslung in die Stadt. Victory war leider überfüllt,
denn die Endrunde der Stanley-Dartmeisterschaft näherte
sich dem Höhepunkt. Neben sportlichem Geschick und
höchster Konzentration galt als strategische Maßnahme, den
Gegner zum erhöhten Alkoholgenuss zu animieren. Da diese
Endrunde kein Zuschauersport für Unbeteiligte war, nahmen
wir den kurzen, aber steilen Weg hinab zum Globe. Es war kalt
und der Wind pfiff unverändert vom Westen über die niedrigen
Dächer und zwischen den Häusern hindurch. Ein starker Geruch
von Torfmullfeuer begleitete den Wind, denn viele Häuser
werden auch heute noch damit geheizt. Man fand den Heizstoff
überall, musste ihn nur im Sommer stechen und zum Trocknen
nachhause fahren. Das erinnerte mich an meine Kindheit, als
auch wir noch mit Torfmull geheizt hatten, sogar der Geruch
war mir noch vertraut, als Verbindung zur Heimat und Kindheit,
aus einer ganz anderen Welt.
Die Straße war nass und plötzlich verlor ich den Boden
unter den Füßen und landete hart auf der nassen Straße. Ein
starker Schmerz in der linken Schulter verhieß nichts Gutes.
Heftig wehrte ich mich, als mir Nick, meinen linken Arm haltend,
auf die Beine helfen wollte.
»Bitte nicht, das schmerzt wahnsinnig. Lass mich einen
Augenblick liegen.«
67
Ich glaubte einen Schock erlitten zu haben, denn mit dem
Aufschlag hatte ich für einen Augenblick das Bewusstsein verloren
und so den Schmerz des Impakts nicht direkt erlebt. Ich ließ
mir das während einiger Atemzüge durch die Gedanken ziehen,
während ich versuchte, mich an den Schmerz zu gewöhnen.
Langsam betastete ich den linken Arm durch die dicke Jacke
und richtete mich mit Nicks Hilfe über die rechte Seite auf.
»Was hast du?«, fragte dieser besorgt, »ist dein Arm gebrochen?«
»Nein, denn es ist nicht der Arm, der schmerzt«, erklärte
ich, auf die Zähne beißend.
»Zum Spital, das ist das Beste!«
»Nein, lieber zuerst zum Schiff, denn sicher kann mir der
Medic helfen«, bestimmte ich.
So wankte ich mit den anderen doch noch bis zum Globe,
von wo per Telefon ein Taxi bestellt wurde.
»Ich gebe dir ein paar starke Schmerzmittel, die dir über die
Nacht helfen und dann werden wir morgen sehen«, bestimmte
der Sanitäter.
Ich wollte nicht argumentieren und war froh, als ich mich
endlich nach gewaltigen Anstrengungen in der Koje ausstreckte.
Bald einmal stellte ich fest, dass der Oberarm ausgekugelt
war. Aber die Schmerzmittel wirkten und so überlebte ich die
Nacht und suchte am frühen Morgen den Medic, der sich beklagte,
im Globe zu viel getrunken zu haben.
»Weißt du was?«, fragte ich, »ich tausche meine Schulter
gegen deinen Kater!«
»Das ist gebrochen«, bestimmte er ohne eine Untersuchung.
»Nein, das ist es nicht, denn ich kann ja den Arm bewegen,
der ist in einem Stück!«, gab ich ihm zur Antwort und bewegte
68
mit der rechten Hand meinen linken Oberarm, um zu beweisen,
dass der nicht schmerzte.
»Was immer du meinst!«, antwortete er und vereinbarte
mit dem Spital einen Termin um elf Uhr.
Auch das Spital wurde als Folge des Krieges nach 1982 erbaut.
Das Mutterland wollte beweisen, dass man es ernst meinte
mit dem Inselreich im Südatlantik.
»Gebrochen«, diagnostizierte auch der Notfallarzt, der vor
wenigen Wochen im selben Flug von Santiago nach Falkland
geflogen war.
»Zurück, nach drei Wochen Ferien«, hatte er damals gesagt.
»Nein, nicht gebrochen!«, argumentierte ich etwas frustriert,
da ich scheinbar niemanden überzeugen konnte, dass es
kein Bruch war.
»Die Röntgenaufnahme wird das dann beweisen.«
Man suchte die entsprechende Person, denn es war ja
schließlich Sonntagmorgen. Sie erschien nach sehr kurzer
Zeit in Form einer jungen Frau in Faserpelz und nackten Füßen
in Hausschuhen.
»Wohl gerade aus dem Bett«, raunte mir der Medic ins Ohr.
»Tut mir leid, ich schlafe noch halb, denn wir hatten eine
lustige Party, wir spielten nach dem Dinner Cluedo und das
ging lange, aber lass uns die Aufnahmen machen.«
»Und du warst wohl das Opfer?«, fragte ich scherzeshalber.
»Nein«, schmunzelte sie, als wollte sie verbergen, Opfer,
aber nicht des Mordes.
»Aber ich war auch nicht der Mörder, und eigentlich war
gar nicht so klar, wer das Opfer war!«, antwortete sie sichtlich
amüsiert.
»So, schön hinstellen, stillhalten, noch einmal«, sagte sie
69
mehr plaudernd als anweisend. Auch sie war, wie alles Personal,
britisches Militär, denn es fehlte an lokalen Spezialisten.
Britisches Militärpersonal wurde für drei Monate abkommandiert.
Falkland galt nicht als beliebte Verlegung, weshalb
die junge Frau fast mit etwas Neid bemerkte: »Gut genug für
einen Flug nach Europa!«
»Da bin ich nicht der gleichen Ansicht!«, antwortete ich zu
ihrem sichtlichen Erstaunen.
»Ah, nein, du hattest recht, nur ausgerenkt, willst du sehen?
Wird es dir nicht übel davon?«, hörte ich sie vom Nebenraum,
wo sie damit beschäftigt war, die Bilder zu entwickeln.
»Wieso übel?«, fragte ich, ihr über die Schultern meine
ausgekugelte Schulter bestaunend.
»Viele Seemänner können wohl Knochen, aber nicht die eigenen
sehen«, klärte mich die erfahrene Radiologin auf.
Gordon, so hieß der Arzt, schaute auch auf das Bild und so
tat es unser Medic.
»Hmm, das sollten wir hinkriegen. Wir versuchen es mal
so und wenn es so nicht geht, dann halt mit voller Narkose.
Aber warten wir mal ab.«
Einmal mehr zog ich mit viel Mühe das T-Shirt aus und
legte mich unter großen Schmerzen auf den Schragen. Alles
ging militärisch schnell, das Lachgas wurde angefahren, Instruktionen
wurden verpasst und der Pfleger aus der Abteilung
als Extrakraft angefordert.
»Das ist Tim!«, wurde er mir vorgestellt.
Und schon machten sie sich mit vereinten Kräften an
meinem Arm zu schaffen. Mit Begeisterung und sadistischer
Freude, wie mir schien, dann schloss ich die Augen und drückte
die Lachgasmaske tief einatmend so fest wie möglich auf
mein Gesicht. Man verpasste mir eine Einspritzung und schon
wieder spürte ich die kräftigen Hände.
70
»Röntgenaufnahmen!«
»Nein, noch nicht ganz, aber fast, aber wir werden es so
nicht schaffen!«
»Also, Plan zwei, ab in ein Zimmer, vorbereiten für Vollnarkose,
wann werden wir bereit sein?«
Der Medic schaute mich nachdenklich an.
»So was Brutales habe ich noch nie gesehen, das muss ja
unheimlich geschmerzt habe!«
»Well, ich hab’s überlebt und der Gedanke, nochmals so
eine Nacht wie die letzte zu verbringen, hat auch geholfen.«
Einer nach dem anderen des Teams tauchte auf, stellte sich
mit Namen vor und erklärte, was seine Aufgabe sei, alles in
klaren militärischen Worten, aber nicht ohne den entsprechenden
Humor, für den die Briten bekannt sind.
»Ein Schweizer ... leider fanden wir niemanden, der
Deutsch spricht!«
»Das könnt ihr euch sparen, man spricht und versteht genug!«
»Wir wussten gar nicht, dass ein Schweizer Schiff im Hafen
liegt.«
»Ist auch nicht, ich kam mit einem englischen.«
Als letzter tauchte der Chirurg mit einem Formular auf,
das er mir vorlas, ehe ich es dann unterzeichnete.
»Also, wir werden nur machen, was ich dir jetzt gerade gesagt
habe, und um halb drei wirst du hier erwachen mit einer
Schlinge und einem brummenden Kopf.«
»Hier«, war der Fensterplatz eines Viererzimmers. Auf der
anderen Seite des Fensters regnete es und ein Schwarm Gänse
flog gerade mit dem Wind gegen Osten.
»Pfingstsonntag 1998«, sagte ich mir. Der Chirurg plauderte
weiter in seinem lustigen Akzent, denn er stammte von der
Insel St. Helena.
71
»Sollte ich ihn fragen, ob Napoleon nun vergiftet wurde
oder nicht?«
»Nein, denn sonst meint er, ich traue ihm wohl nicht!«
Aber er war sowieso schon weg.
Der Operationssaal war wie aus einer Ärzte-TV-Serie, riesige
runde Lampen, die alle brannten, Maschinen und Apparate
und eine große Menge Leute, auch das Mädchen vom Mörderspiel
war dort, um den Erfolg zu fotografieren, Schwestern
füllten Spritzen, dann der Anästhesiearzt, der immerfort
plauderte.
»Wir haben denselben Geburtstag, weißt du, dass es auch
St. George’s Tag ist?«
Ich nickte und wollte sagen, dass es aber auch Shakes peares
war, konnte aber nicht, denn er drückte mir eine Sauerstoffmaske
aufs Gesicht, worauf das Gift langsam einzog und mich
mitnahm. Das Letzte, was ich sah, waren die händeringenden
Teammitglieder, die Augen auf meine Schulter gerichtet,
in Erwartung der Kraftübung auf meine Kosten, als wäre es
ihr Sonntagsport. Folterknechte, die sich daran machten, ein
Opfer auf das Rad zu flechten.
Halb drei Uhr. Wie vorausgesagt, erwachte ich mit dem
Arm in einer Schlinge, jedoch ohne Kater. Welche Freude, die
Schmerzen waren weg. Ein Apparat tickte auf dem Nachttisch
und maß gerade vollautomatisch meinen Blutdruck, was mich
wohl aufgeweckt hatte. Über das Fußende meines Bettes sah
ich einen Mitpatienten, der sich mit einer Besucherin unterhielt.
»Der sieht aber schlecht aus!«, sagte ich mir. Links sah
ich nichts, denn dort war der Vorhang gezogen. Der Apparat
musste der Pflegerin mitgeteilt haben, dass ich aufgewacht sei,
denn sie tauchte am Bett auf. Auch sie britisches Militär.
»Willst du etwas?«, fragte sie sehr freundlich.
72
»Gut geschlafen? Wie geht’s, noch ein Kissen?«
Es ginge mir gut, ich hätte gut geschlafen, aber ein weiteres
Kissen wollte ich nicht und schlief wieder ein.
Die neuen Freunde
Als ich später wieder erwachte, sah ich den Patienten gegenüber,
wie er mich erwartungsvoll anschaute, als hätte er auf
diesen Moment gewartet.
»So, du warst also im Ring mit Mike Tyson!«, meinte er
scherzhaft in meine Richtung.
»Nein, ich tat etwas viel Gefährlicheres, ich wollte mich auf
der Philomelstraße zu Fuß vom Victory ins Globe begeben!«
»Ah, Glatteis!«
»Muss wohl gewesen sein!«
»Hab keine Angst, so was geht vorbei!«, tröstete er mich.
»Und, was hält dich hier?«, fragte ich.
»Ganz schlimm, Brustfellentzündung, Wasser auf der
Lunge, Lungenentzündung, alles!«, bestätigte er mit einem
riesigen Hustenanfall, der ihn schüttelte, sodass er mir leidtat.
»Bin halt nicht mehr der Jüngste, ein Jahr noch und ich
werde siebzig sein, es geht bergab.«
»He, he, so viel bin ich dir nun auch nicht hinterher.«
Besuch, der zu ihm ans Bett trat, beendete unsere Unterhaltung.
»Ja, hast du gehört, gestern war ja die Endrunde der Dart-
Meis terschaft, das endete dann schön sauer. Ben hat das letzte
Match verloren und wurde wütend, stocksauer wurde der,
stell dir vor, da der nicht verlieren kann, sollte er gar nicht zuerst
an Meisterschaften mitmachen, so was!«
»Da hast du recht, aber auch Zeit, dass dem mal einer zeigt,
dass er nicht der Einzige ist, der spielen kann.«
73
»Ein Viertel einer Kuh habe ich gekauft, denn da war ein
Inserat im Pinguin (das ist die lokale Zeitung, die wöchentlich
erscheint – Penguin News), aber die Hinterteile waren alle
schon versprochen, so kaufte ich einen Vorderteil, 50 Pfund,
wunderbares Fleisch, gerade die richtigen Fettlagen.«
»Besser als beim Metzger. Woher hat der wohl das Fleisch?«
»Das hat er nicht gesagt, gestern habe ich den größten Teil
zerlegt und in der Kühltruhe verpackt, die schönsten Teile
werden die Kühltruhe nicht einmal sehen, denn die wanderten
direkt in den Fleischtopf und werden gekocht.«
Was das wohl heißen mag, fragte ich mich, vermutlich haben
die einen langsam kochenden Topf, der immer auf dem
Feuer steht. Muss wohl sein. Mir wurde fast übel beim Gedanken
an stundenlang kochendes Kuhfleisch mit Fettaugen.
»Morgen werde ich den Rest ausbeineln.«
Da erinnerte ich mich, wie John erzählt hatte, dass abgefleischte
Knochen am Ende des Gartens landeten, wo sie
langsam verwesten, nachdem sie von den Geiern blank gepickt
wurden. Geier sind nicht wie Aasgeier, sie sehen wie
Raubvögel aus und sind Künstler im langsam Flug gegen den
starken Wind, denn sie schaffen es, längere Zeit in der Luft
still zu stehen, was sie mit kleinen Federn am Ende der Flügel,
die wie Finger einzeln bewegt werden, geschickt kontrollieren.
Bernie, so hieß der Patient, lebte bei diesem Besuch auf,
nicht so bei seiner Frau, die ihn ohne Gruß oder Wunsch auf
gute Besserung verließ: »Also, ich gehe jetzt, komm dann
morgen mit einem neuen Pyjama vorbei«, einfach weg durch
die offene Tür.
»Und dann, nach der Disco im Globe gab’s wieder die übliche
Schlägerei, wie jeden Samstag«, fuhr der Besucher fort.
»Hm.«
74
»Ein Kapitän hatte sich mit einem seiner Besatzung angelegt,
jeder beschuldigte den anderen, unfähig zu sein, seine
Arbeit auszuüben. Wie zwei Kampfhähne musste man sie auseinanderhalten!«
»Hast du sie gekannt?«
»Nein, denn da sind ein paar Schiffe im Hafen.«
Beim Hinausgehen kam er noch bei mir vorbei, wünschte
mir alles Gute und tröstete mich.
»Ist nur halb so schlimm, haben wir alle auch mal, so ab
und zu.«
Es müssen die Samstagabend-Schlägereien sein, dachte ich
mir und winkte ihm mit dem freien Arm zu.
»Habt ihr viele Patienten?«, fragte ich die Schwester, die
wieder einmal wissen wollte, ob ich wirklich nichts brauchte.
»Wir haben vierunddreißig Betten, aber zurzeit seid nur ihr
vier in diesem Zimmer und dann ist da noch Freddy nebenan
und eine Frau auf der anderen Seite, das ist alles.«
Und das wurde von mindestens zehn Schwestern betreut,
die sich die drei Schichten teilten. Sicher werden sie von Kolleginnen
in anderen Teilen der Welt beneidet.
»Du hast etwas verpasst gestern Abend, im Globe!«, erzählten
mir meine Kollegen, die mich in einer enormen Alkoholwolke
und Baratmosphäre etwas später besuchten.
»Mike hat sich mit unserem Kapitän angelegt und ihn der Unfähigkeit
bezichtigt. Du hättest die Reaktion sehen sollen! Leider
waren alle so betrunken, dass keiner so richtig eingreifen konnte,
um dem Kampf ein Ende zu bereiten. Es ging dann auf der Straße
weiter, als der Wirt uns alle hinausgeschmissen hatte!«
»So, das wart ihr.«
»Wieso, wer hat das erzählt?«
»Aha, da staunt ihr, aber in Stanley gibt es keine Geheimnisse.«
75
Lebhaft konnte ich mir die Auseinandersetzung zwischen
dem schmächtigen Kapitän und dem kräftigen Mike vorstellen.
»Aber die waren so besoffen, dass sie vielleicht alles vergessen
haben.«
Der japanische Seemann vom Bett nebenan schaltete den
Fernseher an und setzte sich auf die Bettkante. Bald einmal
hatte er sich überzeugt, dass keiner der vier Kanäle etwas
bot, das er verstehen würde. Kein Sport, sondern nur ein alter
amerikanischer Spielfilm, CNN-Nachrichten und Coronation
Street, was eine alte, abgedroschene englische Serie und Vorlage
für die Lindenstraße war, fand er. Ohne das Gerät wieder
auszuschalten, drehte er sich auf die andere Seite und fing an,
in einem Bilderbuch zu blättern.
Am Montagmorgen war dann Arztvisite. Sie gingen zuerst zu
Bernie, der während der Nacht für eine Röntgenaufnahme
weggebracht worden war, da er entsetzliche Schmerzen hatte.
»Sieht aber viel besser aus, seit wir die Medikamente gewechselt
haben.«
»Ja, habe auch besser geschlafen danach.«
»Gegessen.«
»Nein.«
»Aber du sollst. Schwester, schauen Sie, dass er etwas zu
sich nimmt, sonst muss er an den Tropf.«
»Jawohl.«
Dem Bernie sah man bei dieser Drohung an, dass er sofort
mit Essen anfangen wird.
Der nächste war der koreanische Fischer, der neben Bernie
lag und weder ein Wort Englisch sprach noch verstand.
»Warst du auf der Toilette heute Morgen?«, wurde er auf
gut Englisch, »Queens English«, gefragt, was er mit einem
76
leeren Blick beantwortete. Nochmals, immer noch keine Antwort.
»Es ist aber wichtig, dass ich das weiß, denn das ist ein wesentlicher
Teil des Heilungsprozesses!«
»Schwester, wie können wir das erfahren?«
»Der Agent kommt so um elf Uhr, der kann ihn dann fragen.«
Damit führte der Chef seine Gruppe zu meinem Nachbarbett,
wo der Japaner lag, der eine schwere Kopfverletzung gehabt
haben muss, die nun aber so weit geheilt war, dass er vom
Spital in ein Hotel übersiedeln konnte. Er sprach ein paar Worte
Spanisch, was aber wiederum keiner in der Truppe konnte.
So übersetzte ich ihm, als er allein war, ohne zu wissen, was nun
passieren sollte, dass sie ihn in ein Hotel entlassen haben und
dass er jeden Tag zum Verbinden hier auftauchen müsse. So
sehr freute ihn das nun auch wieder nicht, denn nirgends wird
er so gut aufgehoben sein. Auch ist es mir nicht entgangen, dass
er als Lieblingspatient der Nachtschwestern spezielle Zuneigung
genoss. Und schließlich gab es ja sogar eine Raucherecke.
Nach dem Besuch des koreanischen Agenten hatte man beschlossen,
den koreanischen Fischer zur weiteren Behandlung
in seine Heimat abzuschieben, denn er war ja laut Aussagen
des Agenten auf der Toilette.
»Wie schicken die ihre Leute nachhause?«, fragte der Chirurg
die Oberschwester.
»Das kommt auf die Firma an, die sein Schiff betreibt. Ein
Flugbillett wird er sicher nicht bekommen. Normalerweise
werden sie auf einem Schiff einquartiert und bleiben als Passagiere
an Bord, bis sie dann geheilt Arbeit aufnehmen können
oder bis das Schiff einen Heimathafen anläuft.«
Nun, Letzteres kann in einem Jahr oder noch später sein
und die Realität sieht auch ganz anders aus. Sobald sie einmal
77
an Bord außerhalb der Aufsicht der Schwestern sind, wird ihnen,
wenn sie Glück haben, leichte Arbeit zugeteilt, denn es
gibt keine Koje und keine Verpflegung für Passagiere.
Dieser Mann könnte der letzte von sechs Seeleuten sein,
die vor einiger Zeit von einem koreanischen Fischkutter über
Bord gesprungen waren, um sich vor körperlicher Strafe des
Kapitäns zu retten. Solche Strafen waren auf orientalischen
Schiffen noch an der Tagesordnung und wurden so brutal
ausgeführt, dass sogar ein Sprung ins kalte Wasser, der in weniger
als einer halben Stunde zum sicheren Tod führen würde,
falls keine Rettung in Sicht war, gewagt wird. Einige der
Leute wurden von einer auslaufenden Jacht aufgefischt, während
die letzten von Rettungsbooten eines Frachters gerettet
wurden. Wir waren damals am Auslaufen und schon zu weit
entfernt, um wirkungsvolle Hilfe zu leisten. Und gesehen hatten
wir es nur, weil wir an Deck waren und trotz dem kalten
Wind einer großen Schar Magellan-Pinguine beim Aufbruch
ins Winterquartier an der argentinischen Küste zuschauten.
Die teils schwer verletzten Seeleute aus Korea und Indonesien
wurden in dieses Spital gebracht. Einer hatte schwere
Erkältungserkrankungen, während ein anderer lange Zeit in
Gefahr schwebte, ein Bein zu verlieren. Gegen den Kapitän
wurde Klage erhoben und er wurde im lokalen Gefängnis eingesperrt.
Zu den Verhandlungen flog man aus England chinesische
und indonesische Übersetzer ein.
Der Papst von Port Stanley
Kaum, dass die weiße Gruppe den Saal verlassen hatte, schlich
sich ein alter Mann in gebückter Haltung vorsichtig gegen
mein Bett. Er vermochte seine Füße nicht zu heben, sondern
schleifte sie langsam über den Boden. Ich hatte ihn schon
78
öfters an der offenen Türe vorbeiziehen gesehen und immer
hatte er mich neugierig angeschaut. Seine rechte Schulter war
etwas vorwärts gedreht und neigte sich, was ihm eine seltsame
schräge Haltung gab. Er war sorgfältig in altem Stil gekleidet.
Braun karierte Hose, ein gestreiftes Hemd unter gestricktem
gelbbraunem Pullover, in dessen Ausschnitt eine gesprenkelte
Krawatte zu sehen war. Darüber trug er eine offene, hellbraune
Jacke, deren unteren Rand er mit seiner rechten Hand festhielt,
als suche er Halt. Sein langes graues Haar hätte wieder
einmal einen Schnitt nötig.
»Gestern ist es dir gar nicht gut gegangen!«, begann er eine
Konversation. »Aber heute siehst du schon wieder besser aus«,
fuhr er weiter.
»Das kannst du wohl sagen«, antwortete ich.
»Mir geht es auch besser als früher, obwohl ich noch lange
hierbleiben werde.«
»Wie lange bist du schon hier?«
»Drei Monate, so ungefähr.«
»Das ist Freddy Biggs, er wohnt im Zimmer nebenan«,
klärte mich Bernie auf und später erzählte er mir, dass Freddy
ein alter Junggeselle sei, der in einer schäbigen Hütte am Ufer
beim West Store gelebt hatte, wo man ihn vor drei Monaten
im ungeheizten Raum am Boden neben einer leeren Ginflasche
gefunden hatte. Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht,
wo man eine schwere Lungenentzündung feststellte.
Man hatte ihn langsam wieder hergerichtet. Er gilt als eines
der großen Originale von Stanley, und nun will man ihn bis
zum Ende beherbergen, da er nicht mehr allein leben kann.
»Wir nennen ihn den Papst, denn er half, wo er konnte,
war immer zufrieden, jeder kannte ihn!«
Seine Augen waren trüb und unterlaufen, seine Stimme
krächzte und die Sprache war verstellt, als hätte er einen
79
Schlaganfall erlitten. Und trotzdem unterhielten wir uns sehr
lange.
»Hol dir doch einen Stuhl. Tut mir leid, dass ich dir nicht
helfen kann, aber ich bin zurzeit auch nicht so fit«, lud ich den
Gast zum Bleiben ein.
»Macht nichts, ich kann stehen!«, log er mich an, denn ich
sah ihm die Anstrengung an.
80
»Hol diesen da!«, sagte Bernie, neben dessen Bett ein Stuhl
stand.
»Nein, vielleicht bekommst du ja Besuch, vielleicht kommt
deine Frau.«
»Ach was, die kommt jetzt nicht mehr.«
Und so ließ sich Freddy dazu überreden, den Stuhl herbeizuschleppen,
in den er sich dann erleichtert fallen ließ.
»Hast du das ganze Leben hier in Stanley verbracht?«
»Nein, nein, ich habe überall gewohnt, in Stanley und in
England, aber viele Jahre bin ich zur See gefahren.«
»Fischerboote?«
»Nein, Handelsflotte, immer von England nach Kapstadt
und dann weiter in den Indischen Ozean«, fuhr er fort und
schaute mich fragend an.
»Bist du von einem Fischerboot?«
»Nein, ich bin auf einem Vermessungsschiff, das bei der
Ölexploration mithilft«, klärte ich ihn auf.
»Aha, Öl, ja das ist jetzt große Mode, also bist du auf der
Bohrinsel?«
»Nein, auf einem Schiff.«
»Aber warst du schon auf einer Bohrinsel?«
»Ja, ich habe einige Zeit auf solchen Anlagen verbracht.«
»Muss interessant sein dort, ich habe sie nur jeweils von
Ferne gesehen, beim Vorbeifahren.«
»Interessant, aber sehr hektische und anstrengende Arbeit.«
»Da ist etwas, was ich vergessen habe«, fuhr er fort, nachdem
er mich lange geheimnisvoll angeschaut hatte.
»Kannst du mir sagen, ob die Kap-Verde-Inseln vor oder
nach Kapstadt sind?«
»Wenn du von England kommst, dann sind sie vor Kapstadt
und wenn du von Indien kommst, sind sie nach Kapstadt.«
81
»Also sind sie im Indischen Ozean, das habe ich doch gleich
gedacht.«
»Nein, Freddy, das ist anders, sie sind im Atlantik.«
»Aha, also nach Kapstadt, schade, dass die hier keine Karte
haben!«
Ich nahm mir vor, beim nächsten Besuch in Stanley eine
Weltkarte zu kaufen und sie ihm zu bringen.
Als Freddy mit langsamen Schritten von meinem Bett gegen
die Türe zog, begleiteten ihn meine Gedanken und ich war
froh, dass man ihm Asyl im Spital bot, denn scheinbar gibt es
kein Pflegeheim in Stanley. Und wie Bernie sagte, Freddy hatte
sich sein Leben lang in der Gesellschaft nützlich und hilfreich
erwiesen und somit diese Spezialbehandlung verdient. Bei
diesem Gedanken erinnerte ich mich an einen kleinen Zwischenfall
auf dem Flugplatz in Santiago, als man im Flugzeug
bereit war für den Flug in den Süden. Alle Sitze waren besetzt
und neben mir versuchte eine ältere Dame ein großes Gepäckstück
zu verstauen, denn die Laden über uns waren mit dem
Rettungsboot schon überfüllt. Ratlos schaute sie sich um, als
eine Stewardess kam und ihr das Gepäck abnehmen wollte,
um es im Gepäckraum unterzubringen. Die Dame wehrte sich
heftig, indem sie sagte, dass die Tasche nicht abgeschlossen
werden könne, weshalb sie sie nie weggeben werde. Nach einem
Wortwechsel, in dem die Stewardess immer wieder betonte,
dass nirgends im Flugzeug freier Platz sei, erhob sich
ein paar Sitze hinter uns eine junge Frau und nahm das Gepäck
mit den Worten »Ich nehme das« an sich. Ohne auf eine
Antwort zu warten, schob sie die große Tasche vor ihren Sitz
und schnallte sich wieder an. Die Dame neben mir schaute
überrascht, während die Stewardess sichtlich erleichtert ihren
Kontrollgang fortsetzte.
82
Erst in der Luft schaute sich die Dame nach dem rettenden
Engel um, der den größten Teil des freien Platzes aufgegeben
hatte und nun ziemlich unbequem den langen Flug angetreten
hatte. Dankbar winkte sie ihr zu, was mit freundlichem
Handzeichen erwidert wurde. In Punta Arenas sah ich dann,
wie die junge Frau die Tasche bis zum Flughafengebäude trug,
wo sich die zwei dann verabschiedeten.
Bilde ich es mir ein, oder hat man südlich des Äquators
mehr Verständnis?
83
Rolling home ... bye-bye, Stanley
Feuchtfröhlicher Umweg über Punta Arenas
Crew Change, Schichtwechsel, war nach sechs Wochen Seeaufenthalt,
nach sechs Wochen ohne Alkohol, nur Arbeit, Leben
an Bord, Wellen, Schaukeln, schlafloser Nächte, blauem Horizont.
Dann endlich die Umrisse der grünen Insel, die immer
deutlicher werden, die Einfahrt zum Port Williams, dem äußeren
Naturhafen und dann die zwei Hafenlichter, die durch
die enge Passage »The Narrows« nach Port Stanley führte. Ein
steifer Westwind blies weiße Gischtstreifen von der Stadt her.
Die Fahrt zum Dock war kurz, erst quer zum Wind und dann
gegen den Wind anlegen an dem schwimmenden Dock, der
in ostwestlicher Richtung gerade richtig lag. Trotzdem eine
zeitraubende Angelegenheit, denn der zugewiesene Liegeplatz
war nicht sehr viel länger als das Schiff und der Wind
wehte mit Stärke sechs, murrte der Kapitän. Erwartungsvoll
schauten alle Augen gegen die nahe Stadt. Einst Basis der
Antarktik-Forscher, Walfängerhafen, Rettungshafen für die
Segelschiffe, die vor der Eröffnung des Panamakanals beim
Versuch, das Kap Hoorn zu umfahren, beschädigt wurden.
Die Falkland-Inseln lagen genau in der Richtung der vorherrschenden
Winde vom Kap Hoorn. Viele der hölzernen Hüllen
wurden zurückgelassen und dienten als Lagerhallen. Die
Kapitäne der beschädigten Schiffe waren den lokalen Agenten
ausgeliefert. Sahen sie eine Hülle, die sie gut als Lagerhalle
an die Falkland Island Company weiterverkaufen konnten,
offerierten sie eine Reparatur für eine astronomische Summe.
84
Konnte dieses Geld dann nicht aufgetrieben werden, boten sie
einen Minimalpreis für das Wrack. Meistens wurde auch die
Ladung mit großem Verlust verkauft. Der gestrandeten Crew
blieb nichts anderes übrig, als auf ein Schiff auf die Heimreise
zu warten, es sei denn, sie hätten auf den wilden Inseln eine
neue Heimat gefunden.
Heute Servicestation für die Südatlantik-Hochseefischerei,
Zwischenstation der Kreuzfahrtschiffe, die vor allem
ihren Müll zurückließen. Morgen Ölhafen, so wenigstens
sahen das die optimistischen Planer. Am flachen Hang gebaut,
liegt die Stadt etwa zwei Kilometer vom Dock entfernt.
Rote, grüne oder blaue Wellblechdächer bedeckten niedere
Gebäude. Es gab nichts, das mehr als zwei Stockwerke hoch
war. Inmitten einiger weiterer Antennen stand auf dem Hügel
hinter der Stadt ein riesiger Satellitenschirm. Die Leinen
wurden belegt und das Schiff fest vertäut. Der Agent Robert
wartete bereits leicht schlotternd am Quai, flache Mappe
unter dem Arm.
»Der Zöllner sollte in zehn Minuten da sein«, erklärte er.
»Wo sind die Taxis?«
»Bestellt.«
»Victory!«, bestellte Mike, der die Führung der übermütigen
Truppe übernommen hatte.
»OK!«, und los ging die Fahrt, gegen den Wind, der das
Fahrzeug schüttelte. Überall standen Warntafeln gegen
schnelles Fahren.
»Viel zu viele Unfälle, die Straßen sind schlecht, gefährlich.«
Das verstanden die Passagiere nicht, denn es war ein guter
Asphaltbelag, Mittelstreifen, Schulter beidseitig und fast kein
Verkehr. Der wahre Grund wurde aber bald klar: »Alkohol!
Nichts anderes zu tun ...«, erklärte der Chauffeur.
85
Der alte Blechschuppen mit der Victory Bar strahlte in der
fahlen Morgensonne. Der Wind bewegte das abgeschossene
Schild, das an der rostigen Eisenstange quietschte, die Tür
war offen, so auch die Bar. Da erst zehn Uhr am Morgen,
waren nur wenige Gäste an der Bar. Die regulären Benies
und einige Fischer, nun schon fast alles bekannte Gesichter,
beim Bier. Newcastle Brown taxfrei, ein englisches Pfund
die Dose.
»Hallo«, grüßte Sheila hinter der Bar, ein knappes Lächeln
über das blasse Gesicht huschend.
Die erste Runde wurde bestellt. Es war halbdunkel, der
Bargeruch des Abends oder der Abende davor stand noch
stark in der Luft. Das erste Bier, der erste Alkohol seit sechs
Wochen, weg war die erste Runde, dann auch die zweite.
Deana mit den dunkelblonden kurzen Haaren, die während
der Hauptzeit, also abends, immer dort war, betrat das
Lokal, streifte die Runde mit einem kurzen Blick. Die freundlichen
Grüße der Gäste beantwortete sie nur mit einem sehr
knappem »Hallo«. Über den Tresen flüsterte sie Sheila hinter
der Bar etwas zu, steckte eine Zigarette an und bedankte sich
für den Vodka-Orangina im großen Glas.
Man wunderte sich, was sie wohl am Morgen in der Bar
wollte, war leicht enttäuscht über die kalte Begrüßung, hatte
aber keine Zeit, das weiter zu erörtern, denn in einer Stunde
mussten sie zurück zum Schiff, wo der Bus zum Flugplatz bereitstehen
würde.
»Und nun zwei Runden Cointreau«, verkündigte Mike den
trinklustigsten seiner Freunde und bestellte für jeden zwei
Gläser des süßen Getränkes. Gurgeln bis zur Gefühlslosigkeit,
hinunter, stark die Luft einziehen, nochmal und dann schnell
mit Bier nachspülen.
86
Die zwei im Umgang mit den Getränken etwas vernünftigeren
Kollegen hatten dann große Mühe, die Cointreau-Runde
in die wartenden Taxis und zum Hafen zu lotsen. Das Gepäck
aus der Kabine, das letzte Mal mit lautem Stimmengewirr und
Gegröle die Gangplanke hinunterpurzeln und in den Bus.
»Polaris, bye-bye. I’m not coming back again, bye-bye,
Stanley ...«
Der große Mike, der sich in angetrunkenem Zustand mit
seiner Siouxvergangenheit als amerikanischer Rockstar ausgab,
zauberte eine Whiskyflasche, die er sich im Victory ergattert
hatte, aus einem Plastikbeutel.
»Abschied von Stanley, nie mehr werde ich zurückkommen,
verlassenes Kaff, nichts Rechtes«, drehte den Verschluss
von der Flasche und goss sich eine gesunde Ladung in den
Mund.
»Nur Schafhirte und besoffene Seeleute gibt’s hier!«
»Und habt ihr die Mädchen gesehen, so was, nein, da
komm auch ich nicht mehr hin.«
»Und die charmante Deana im Vicy? Unser Trinkgeld hatte
sie immer gerne genommen, nun denkt sie, dass sie uns sowieso
nie mehr sehen wird, also sind wir ja schon abgeschrieben!«,
ärgerte sich Andy, der mal glaubte, Chancen zu haben.
»Was willst du, wie alle hübschen Mädchen wird auch sie
von einem englischen Offizier entführt werden.«
Die Fahrt ging an der Stadt vorbei, über die Hügel in das
Flachland hinter Tumbledown Ridge, zwischen den Minenfeldern
des Malvinas-Krieges hindurch. Eine weiße Sonne warf
lange Schatten aufs Gelände. Die Straße zog in langen weiten
Kurven durch die Ebene. Links in der Ferne sah man die blaue
See, das Leuchthaus, rot und weiß bemalt, mit der großen Kuppe.
»Viele Minen wurden geräumt, aber man ist nicht sicher,
ob alle gefunden wurden, denn die Argentinier verwendeten
87
Plastikminen, die mit dem Detektor nicht gefunden werden.
Fünfzehn Jahre Garantie hat der italienische Hersteller gegeben.
Man wartet nun darauf, dass eine Methode entwickelt
wird, auch diese zu finden!«, erklärte Robert, auf die ausgedehnten
Stacheldrahtzäune angesprochen.
»Ach, was erzählt der dann da, alles Quatsch, gib mir die
Flasche!«, lallte Mike.
Von den flachen Hügeln flossen breite Murgänge als Zeugen
vergangener Glazialzeiten in die weite Ebene.
Mount Pleasant hieß der Flugplatz, so wie das Militärcamp,
in dem seit dem Ende des 1982-Krieges eine etwa 2000
Mann starke Einheit der britischen Armee diente. Sie sollen
Falkland davor schützen, dass es Argentinien wieder in Malvinas
umwandeln könnte.
»Wollen sie es wirklich?«
»Wollen schon, aber es hapert am Können.«
Mit dem Anfang der Ölexploration wurde in Buenos Aires
das Säbelrasseln wieder etwas lauter.
Mount Pleasant war auf den Falkland-Inseln der einzige
Flugplatz, auf dem regelmäßig Flüge verkehrten. Einmal in
der Woche war es die chilenische Airline von Santiago via
Punta Arenas und zweimal die Royal Air Force von England
via Pfingstinseln. Check-in und Abfertigung wurde von der
britischen Armee durchgeführt.
»Unsagbar, wie kompliziert die ganze Abfertigung abläuft!«,
empörte sich wieder Mike, der mit seiner wuchtigen
Gestalt die meisten Mitreisenden überragte.
»He, du hast ja die Fähigkeit zu denken abgegeben, als du dich
der Armee verpflichtet hast«, rief einer der nun ziemlich betrunkenen
Heimwanderer aus dem Schatten von Mike der uniformierten
Frau hinter dem Schalter mit lallender Stimme zu.
88
»Dass man euch nicht alle heimschickt und das Geschäft
den Zivilisten überlässt, wundert mich schon lange, Verschwendung
von Steuergeld.«
Die Frau behielt die Fassung und ließ sich nichts anmerken.
Ehe sie ihn jedoch abfertigte, verließ sie den Schalter, um kurz
darauf mit dem wachhabenden Offizier zurückzukommen.
»Ihren Ausweis, bitte!«
»Was, was mischst du dich da ein, ich habe doch nur meine
Meinung gesagt!«
»Sir, ich bitte Sie und mache Sie darauf aufmerksam, dass
wir Sie wegen Beleidigung belangen werden«, schaute ihm
der Offizier scharf in die Augen, was der Angesprochene mit
Wanken erwiderte, ihm damit eine Alkoholfahne ins Gesicht
blasend.
»Nur weg mit dem Taugenichts, ins Flugzeug ab nach Chile«,
raunte der Offizier mit den Zähnen knirschend, »nicht
noch so eine Angelegenheit am Samstagabend!«
Er gab ihm seinen amerikanischen Pass zurück, beobachtete
ihn aber weiter scharf.
»Du bist ja blöd, wieso hast du ihm den Pass gegeben?«,
fragte die Frau hinter dem Schalter den Offizier.
»Ach was, was kümmert uns das, auch ich will raus aus diesem
Scheißland.«
»Zollfrei, los!«, führte Mike die Kolonne wieder an.
Trotz der Tafeln mit dem Hinweis, dass keine zollfreien Getränke
in der Abflughalle konsumiert werden dürfen, rissen Mike
und Glen die Packungen auf und drehten die Verschlüsse ab.
»Dann mal prost!«
»Dem Taugenichts, dem hab ich’s gesagt und der dummen
Kuh gleich auch. Zur Armee, meine Tochter soll sich ja hüten,
nur einmal den Gedanken zu äußern, zur Armee zu gehen,
sieh sie dir an, wie sie herumgaffen!«
89
»Sir, wir machen sie darauf aufmerksam, dass der Konsum
von zollfreien Getränken strengstens verboten ist«, hörte er
sich plötzlich angesprochen. Unsicher blickte er von den Füßen
zum Gesicht und sah denselben Offizier ihn anstarren.
Mike drehte den Verschluss wieder auf die Flasche und versorgte
sie in der Tasche.
»Du machst auch gleich vor jedem in die Hose, wo ist jetzt
dein Mut? Komm zeig ihn mir!«, brüstete sich Glen, der seine
Flasche vor den Augen des Offiziers verstecken konnte.
Hin und her ging nun die Flasche, bis Glen das leere Glas
in den Abfalleimer warf und bedrohlich zur Toilette wankte.
Dort erwachte er erst, als jemand wild schreiend an die Tür
hämmerte. »Komm raus, wir müssen einsteigen!«
Die Welt drehte sich, Glen versuchte den unklaren Blick an
der Türfalle zu fokussieren. »Raus«, wurde weiter an die Türe
gepoltert, »oder willst du etwa hierbleiben?«
Schweiß trat auf seine Stirn.
»Ich komme ja!«, stammelte er, erbrach sich nochmals,
wischte sich mit dem Handrücken den Mund, ehe er in das
grelle Licht der Halle trat.
Unsicher wankte er zurück zu seiner Tasche, wo er schwach
verschwommen Mike und die anderen zwei Kollegen erkannte.
Er ergriff die Tasche, stolperte über einen Abfalleimer, der
laut klappernd zu Boden fiel. Während er sich erhob, zog ihm
Mike die Einsteigekarte aus der Hemdtasche und zog ihn zum
Ausgang. Das Licht der Nachmittagssonne traf ihn wie ein
Blitz und er konnte sich nicht orientieren und trat einer jungen
Frau auf den Fuß, die entsetzt zur Seite wich.
»Dumme Kuh, weiß nicht einmal, wo sie hingehört!«
»Siehst du, jetzt ist er besoffen. Die habe ich heute Morgen
schon aus dem Victory torkeln gesehen. Und hast du gesehen,
die haben zollfreien Schnaps getrunken.«
90
»Seeleute, was willst du, wochenlang zur See, nichts zu
trinken, ich kenn das«, beruhigte der junge Mann seine Frau
etwas uninteressiert. Mike bugsierte Glen am Ende der Kolonne
die Treppe hinauf.
»Buenas tardes, Señor«, begrüßte die zierliche dunkle Stewardess
den letzten Passagier.
»Halts Maul, du Indianerin, wenn du nicht einmal Englisch
kannst«, murmelte Glen, bog in den Passagierraum ein, stolperte
über ein Gepäckstück, das noch am Boden lag, taumelte
den Gang entlang und fiel schlussendlich flach auf den Bauch,
was er mit ein paar derben Schimpfworten kommentierte. Als
er sich aufrappelte, sah er wieder der jungen Frau, der er auf
die Füße getrampt war, in die Augen.
»Wie besoffen der ist, es ist eine Schande, und hast du gehört,
wie er die Stewardess beleidigt hat, der gehörte eingesperrt!«
»Whisky on the rocks«, für Mike, »Gin tonic« für Glen.
»Gut haben wir deine Flasche leergesoffen, sonst hättest du
sie bei deinem dummen Sturz zerschlagen.«
»Ich bin ein amerikanischer Rockstar«, himmelte Mike
die Stewardess an, »kennst du mich nicht? Warst du nicht bei
meinem Rockkonzert in Santiago letzten Monat? Was, du hast
keine cd von mir, soll ich dir eine geben?« Dabei zog er eine
cd ohne Umschlag aus seiner Tasche und hielt sie der jungen
Frau, die immer noch mit seinem Drink beschäftigt war, unter
die Nase.
»Nein, danke«, lehnte sie freundlich ab, sichtlich erleichtert,
dass sie die schreckliche Reihe hinter sich gebracht hatte.
Die zwei versuchten weitere Drinks zu bestellen, und als
niemand auf den Ruf antwortete, zog Mike seine zollfreie Flasche,
die noch nicht ganz leer war, aus der Tasche. Den zwei
jüngeren Leuten, Richard und Dave, die das erste Mal mit da-
91
bei waren, füllte er die Becher bis zum Rand mit den Worten:
»Auch ihr sollt etwas mitbekommen, denn nur so ist Fliegen
schön. Das Geheimnis ist, dass ich an extremer Aerophobie
leide und deshalb die Fliegerei nur überstehe, wenn ich total
betrunken bin.«
Die Landung in Punta Arenas, mit Einreiseabfertigung für
Chile, wurde angesagt.
»Anschnallen, Rückenlehnen senkrecht, Tablett hochklappen!«
»Ich muss raus«, jammerte Glen, »mir ist übel.«
»Also schnell«, befahl die Flugbegleiterin.
Unbeholfen zog er sich von Sitz zu Sitz den Gang entlang,
schloss sich in die Toilette ein und erbrach sich jämmerlich.
»Zurück zum Sitz, aber schnell«, polterte der Steward an die
Türe. Kreidebleich erschien er und ließ sich schwer atmend in
den Sitz fallen. Eine entsetzliche Alkoholfahne verbreitete sich
um ihn und einige Leute bezeugten ihr Unbehagen, indem sie
sich das Gesicht mit Zeitungen wedelten. Holprige Landung,
Türen auf, Gepäck einsammeln, raus an die frische Luft.
»Was für eine Bananenrepublik ist denn das, siehst du, wie
unorganisiert das her und zu geht. Keiner weiß, was er tut. Ich
wette, dass der dort nicht einmal lesen kann!«
»Da wundert es keinen, dass die immer wieder Unruhen
und Aufstände haben!«
»Schmiergelder, nichts als Schmiergelder.«
»Indianer und Gauner, Seeräuber, Banditen.«
»Nicht besser als die Argis, bestimmt wollt ihr mit ihnen
Falkland überfallen. Kommt nur, wir werden es euch nochmals
zeigen, Feiglinge, Duckmäuser.«
»Und hörst du, wie schlecht die Englisch sprechen, das versteht
ja keiner«, lallte Richard.
92
»Ich schäme mich so«, sagte die junge Frau, die das erste
Mal mit ihrem Mann von den Falkland-Inseln für eine Woche
Ferien nach Chile geflogen war.
»Wieso du?«, fragte ihr Mann verwundert.
»Die kommen ja, wie wir, von den Falkland-Inseln und nun
meinen die sicher, wir seien alle so!«
»Ach was, die kennen doch die Seeleute, haben doch selber
viele davon.«
»Was, zehn Dollar soll ich bezahlen?«, zerplatzte Mike beinahe,
als ihm dargelegt wurde, dass jeder USA-Bürger bei der
Einreise diesen Betrag bezahlen müsse. Nach langem beleidigendem
Hin und Her knallte er einen Schein auf das Pult und
rülpste dem Offizier ins Gesicht. Als er wieder aufschaute, sah
er sich einem Flughafenpolizisten und dem Kapitän des Fluges
gegenüber.
»Kommen Sie mit uns, ruhig, aber sofort!«
Das war klar. In einer Ecke saßen seine anderen drei Whisky-Kollegen
Glen, Richard und Dave, bewacht von zwei Polizisten.
Es erschien ihm wie ein unangenehmes Bild durch den
Nebel.
»El Señor Capitaine hat beschlossen, dass Sie vier aus
Rücksicht gegenüber den anderen Passagieren den Flug nicht
fortsetzen werden«, sagte der Polizeikommandant in gutem
Englisch.
»Aber das können Sie nicht, was stellen Sie sich vor?«, ergriff
Mike das Wort.
»Ihr Gepäck können Sie ab morgen in Santiago in Empfang
nehmen!«
»Aber wir haben einen Weiterflug nach Paris, morgen
früh.«
»Geht uns nichts an, Sie haben sich unmöglich benommen,
Sie bleiben hier, dort ist der Ausgang!«
93
Man nahm ihnen die Einsteigekarten ab. Erst als der Flug
angesagt wurde und der letzte Passagier im Gang verschwunden
war, überließ die Polizei die vier ihrem Schicksal, sie hörten
auf zu existieren.
»Hast du das gesehen, das war richtig flott vom Kapitän, das
geschieht denen ganz recht. Und trotzdem finde ich, dass
uns die Chilenen schräg anschauen. Wirklich schade, denn
sie sind sonst so freundlich, ganz anders als die Argentinier«,
fuhr Cherylen fort, sich an die kurze Belagerung von 1982 erinnernd,
als sie noch ein Mädchen war. Sie hatte Angst, aber
nichts passierte, denn die Besatzungsleute waren alle sehr
jung und wussten nicht so recht, was mit der Bevölkerung anzufangen
war. Man hatte sie mit ihrer Familie auf eine Farm
im Inneren der Insel versetzt. Sehr wenige der Falkländer sprachen
etwas Spanisch und nur die hohen argentinischen Offiziere
sprachen Englisch.
»Könnte ich nur Spanisch, dann könnte ich mich mit dem
Mädchen, das sicher in die Ferien reist, reden. Würde sie gerne
fragen, wo sie wohnt.«
»Ich spreche Englisch und ich reise zu meinen Großeltern,
die in Santiago wohnen«, hörte sich Cherylen angesprochen.
Unruhig rutschte der Leiter, aus dessen Team nun vier Leute
in Punta Arenas verblieben, in seinem Sitz hin und her und
schaute zerstreut auf das eindunkelnde Patagonien herab. Der
letzte Dunst von dem auch zu vielen Alkohol, zu schnell getrunken,
war verflogen.
»Vielleicht hätte ich doch eingreifen sollen in Mount
Pleasant, als ich sie sah, zollfreie Getränke zu genehmigen.
Oder vielleicht hätte ich schon im Bus etwas sagen sollen. Das
wird im Geschäft eine schöne Salbe absetzen.«
94
»Aber was will ich, die hätten nicht auf mich gehört. Mike
arbeitet für die Reederei, der geht mich nichts an. Und die anderen?
Ja vielleicht doch.«
Mit diesen Gedanken schlief er ein. Unbehagen breitete
sich unter den Kollegen aus, keiner hatte mehr Lust auf das
servierte Essen und auf Konversation.
»Verdammtes Kaff, kein Hotel, kein Taxi mehr!«, knurrte
Mike, während die anderen wie zerschlagen auf einer Bank
vor dem Flughafengebäude in Punta Arenas saßen. Langsam
drang die Realität durch den Rausch und es wurde ihnen bewusst,
dass dies nun das Ende war. Es war kalt, sie alle hatten
die Jacken im Flugzeug gelassen. Ein starker Westwind blies
Wolkenfetzen am großen Mond vorbei. Die großen Blätter der
Bäume rauschten.
»Hat einer von euch Zigaretten?«
»Hat vielleicht einer von euch chilenisches Geld?«
»Ich nicht, ich nicht, ich nicht!«
Sie kramten lose Dollar hervor. Wie telefonieren? Wer
kann Spanisch? Wo ist die Stadt? Welche Richtung gehen? Der
Gedanke an einen Fußmarsch von unvorstellbarer Länge ließ
sie in der abendlichen Kälte erschaudern.
»Du bist schuld, du hast die Zehe des Patagons am Magellan-Denkmal
geküsst und nun bist du, der alten Geschichte
folgend, zurück, du hast den Spuk auf uns übertragen!«, neckte
Glen den Mike, sich an dessen Prahlereien erinnernd. Dann,
ganz plötzlich, tauchten die Scheinwerfer eines Autos auf.
»Taxi, Taxi«, schrien sie. Kein Taxi, aber ein alter Peugeot
bog von der Straße auf das Flughafengelände ein.
»Hotel Aloa«, sagte Mike, sich des Namens eines Hotels,
von dem er gehört hatte, erinnernd. Der Fahrer öffnete die Türen
und man stieg zufrieden ein. Durch die abendliche Stim-
95
mung wurden sie nach Punta Arenas gefahren. Keiner schaute
heraus, jeder mit seinen Gedanken. Am Ende der Welt, nicht
nur buchstäblich.
»Zwanzig Dollar«, wohl die einzigen englischen Worte, die
der Fahrer kannte.
»Zu viel, verdammt nochmal«, schimpfte Mike.
»Zwanzig Dollar«, wiederholte das breite dunkle Gesicht
mit dem steifen schwarzen Schnauz ganz bestimmt. Sie sahen
ein, dass da nichts zu machen war und bezahlten. Sie waren
sich einig, dass sie einer Verschwörung der Flugplatzpolizei
zum Opfer gefallen waren.
»Das werde ich wohl kaum über Spesen abrechnen können.«
»Genauso wenig wie die Hotelrechnung und das extra Billett
nach Santiago und dann vielleicht bis Europa von morgen.«
Wie befreit kam sich die junge Frau Cherylen vor, als sie sah,
dass die restlichen Seeleute mit einem separaten Bus am
Flugplatz in Santiago abgeholt wurden. Sie bestieg mit ihrem
Mann den Bus, der von ihrer Reiseagentur bereitgestellt wurde.
Wohlig schmiegte sie sich an ihn, ergriff seine Hand in einem
Hochgefühl von Erwartung.
»Ladies and Gentlemen, ich begrüße Sie alle recht herzlich
zu Ihrem Aufenthalt in Santiago de Chile. Es ist mir eine besondere
Freude, unsere Gäste von den Falkland-Inseln herzlich
willkommen zu heißen!«, sagte die charmante Reiseleiterin
ins Mikrophon.
»Hurra«, klatschten einige Chilenen in die Hände und
erhoben sich von ihren Sitzen, um die Fremden mit den rötlichen
Haaren und dem struppigen Bart genauer zu sehen.
Die Argentinier winkten etwas verhaltener, denn was soll es.
96
»Gente como nosotros.«
Die junge Frau drohte im Glück zu zerschmelzen. »Nicht
einmal an meiner Hochzeit hat man mir zugeklatscht, stehender
Applaus, so werde ich es in den Pinguin News schreiben,
dass alle wissen, wie sehr man uns hier mag. Aber die Trunkenbolde
werde ich auch erwähnen, die haben es verdient.«
Sobald sie im Hotel das Zimmer bezogen hatten, kramte sie
ihren Block hervor und fing an den Bericht zu schreiben.
»Jetzt noch?«, sagte ihr Mann überrascht, als er aus der Dusche
kam. »Dafür sind wir doch nicht hierhergekommen!«
»Geht nicht lange!« Und schon flog der Stift übers weiße
Papier.
»Sei nicht zu hart, denn solche Sachen passieren ja bei uns
auch, denk daran, die waren mehr als einen Monat zur See!«
Sie hörte ihn nicht mehr, war vertieft in ihre Geschichte,
die geschrieben werden musste, sofort, morgen ist zu spät und
da haben wir ja anderes vor, also ...
»Da, lies, schon fertig!«, erhob sie sich, immer noch erregt.
Aber sie bekam keine Antwort vom Gesicht ihres Mannes, das
tief schlafend auf dem Kopfkissen lag, denn auch ihm hatten
die paar Drinks auf dem Flug etwas den Kopf verdreht.
»Zufrieden? Wohl kaum, aber das musste sein! Und es gibt
ja ein Morgen!«
Direkter Weg als Gast der Royal Air Force
Das Kader und die Kundenvertretung musste jeweils für Projektübergabe
die Ankunft des neuen Teams am Samstagnachmittag
abwarten. Der nächste Flug nach Europa war dann
erst am Mittwoch mit der Royal Air Force (RAF) von Mount
Pleasant zum englischen Flughafen Braisnorten, in der Nähe
von Oxford. Diese Flüge der Königlichen Luftwaffe waren in
97
erster Linie für den Transport des Armeepersonals und dessen
Angehörige bestimmt. Sie hatten für diesen Service von Golf
Air vor vielen Jahren alte Tristar-Flugzeuge erworben.
»Da kannst du sicher sein, die unterhalten ihre Maschinen
besser als jede zivile Luftfahrtgesellschaft. Die können sich
nichts leisten. Nur ein kleines Geräusch und schon wird der
Flug verschoben, man kehrt zurück zum Startplatz, oder man
notlandet in Montevideo, Dakar, Rio oder was dann gerade in
der Nähe, aber nicht in Argentinien liegt.«
Der Tristar-Flug gilt auf den Falkland-Inseln als gesellschaftliches
Erlebnis, denn er bringt Zeitungen aus England,
Post, neue Leute, rückkehrende Freunde, Luft aus der Heimat,
ist also ein Stück der Heimat. Die Ankunft oder auch eine Verspätung
wird am lokalen Radio und an den Stammtischen angekündigt.
»Hast du schon gehört? Der Tristar kommt einen Tag später!«,
hörte ich einen älteren Mann der Verkäuferin im West
Store erzählen.
»Hm, nein, das habe ich noch nicht gehört!«
Dafür hatte ich es gehört, denn das war mein Flug in den
Norden. Im Hotel verbreitete ich diese Nachricht, was nicht
mit großer Begeisterung aufgenommen wurde, zumal man
nun statt am Gründonnerstag erst am Karfreitag zuhause ankommen
sollte.
»Verpatzte Osterferien, da wird niemand glücklich sein,
dabei wollten wir doch ...«, aber es lässt sich nichts ändern.
Wir wohnten im Malvina House Hotel in Stanley. Der Teil mit
den Zimmern war neu und sehr bequem, vor allem nach sechs
Wochen zur See. Die erste Nacht in einem Bett, das sich nicht
bewegt, eine Dusche ohne sich mit einer Hand am Griff festzuhalten.
Mehr Platz als um sich nur umzudrehen. Ein großes
98
Fenster, durch das man eine Landschaft sehen konnte. Der
Mount Kent im Hintergrund, auf dem die Armee eine Radarwarnanlage
erweiterte und dessen Baustellen nachts beleuchtet
waren. Das Licht traf sich mit den Sternen, die ohne Luftverschmutzung
bis zum Horizont sichtbar waren. Dort, wo die
Straße um den Landvorsprung führte, sah man das Wrack des
amerikanischen Segelschiffes »Jelum«, dessen Gerippe sich
gegen die Wasserfläche dahinter abhob. Die Sturmvögel waren
uns gefolgt und spielten im Wind, der an Land genauso stark
wehrte wie zuvor auf der See.
An der Bar stehend wurde die Verspätung diskutiert. Der
Barmann hatte es auch schon gehört. Es war ein fester Mann,
nicht der Barmann, wie man ihn kennt. Aber er war ja auch
nur mittags dort. Auf der Nasenspitze trug er eine Brille, wenn
er Beträge zusammenzählte oder Geld wechselte, sonst hing
sie an einer Kette auf dem dicken Bauch. Eine Krawatte trug er
etwa fünf Zentimeter tiefer, als sie sein sollte.
»Mein Sohn arbeitet in Oman für eine englische Firma. Er
wird an Weihnachten auf Besuch kommen. Wir alle freuen
uns, ihn zu sehen!«, erzählte er uns, nachdem er die Gläser
nachgefüllt hatte.
»Was macht er dort?«
»Oh, das weiß ich nicht so genau, er ist Elektriker und jetzt
seit drei Jahren in Oman.«
»Warst du 1982 hier?«, wollte ich wissen.
»Ja, aber auf der Farm«, sagte er mit einer Miene, die deutlich
sagte, dass er nicht darüber sprechen wollte. Alle wollten
sie das vergessen. Die Argentinier hatten alle Männer auf Farmen
verteilt, während die Familien generell in ihren Häusern
in der Stadt bleiben durften. Es bestanden keine Verbindungen
und niemand wusste so richtig, was ging. Auf den Farmen
konnten die Männer besser beobachtet und kontrolliert wer-
99
den. Alle Beamten, außer einem Polizisten, wurden nach England
deportiert oder verreisten aus freien Stücken. Es soll zu
keinen Gewalttätigkeiten und nur zu vereinzelten Plünderungen
von leeren Häusern gekommen sein. Stanley war Puerto
Argentino. Die Häuser wurden durchsucht und dann markiert,
mehr als einmal, wie man von den angeklebten Marken sehen
konnte. Die Kelper hatten Erbarmen mit den jungen argentinischen
Soldaten, die unterernährt und von den Offizieren,
die ein gutes Leben geführt haben sollen, völlig vernachlässigt
wurden. Ein unglückliches Opfer der Besetzung wurde die
alte »Symphonion«-Orgel im Restaurant Globe. Soldaten beider
Armeen bedienten sich mit Souvenirs davon. Zum Glück
konnte sie wieder repariert werden und steht nun im Museum
von Stanley, das im Haus der argentinischen Besatzungsmacht
untergebracht war.
Kurz vor sieben Uhr früh erschien Robert mit seinem Fahrer
an der Rezeption und erklärte, dass der Flug aus England eingetroffen
sei. Donnerstagmorgen, die Sonne stand schon am
Himmel und der Wind hatte zum Glück nachgelassen: »Denn
sonst starten die nicht und sagen, der Wind sei zu stark. Alles
schon dagewesen, aber gestern kamen sie zurzeit an und alles
sollte für den Rückflug in bester Ordnung sein.«
Vierzig Minuten später standen wir nach rasanter Morgenfahrt
durchs hügelige Gelände in einer Warteschlange vor einem
von zwei Check-in-Schaltern. Wir nahmen an, dass der
ohne Wartende nicht bedient sei. Erst als wir dann am Pult
ankamen, schickte uns der Offizier zum leeren Pult. »Ja, da
hätte man schon lange einchecken können. Aber ihr wollt ja
anstehen.«
»Gangsitz, hinten!«, verlangte ich wie immer, denn hinten
war es ruhig und am Gang hat man mehr Bewegungsfreiheit.
100
Die Sitze im Tristar waren eng und die Abstände zur vorderen
Reihe knapp. »Typisch Militär.«
Pünktlich starteten wir bei bestem Wetter. Sobald wir
in der Luft waren, tauchte an jeder Flügelspitze ein Tornado-Kampfflugzeug
auf. Bei gutem Wetter bildeten sie eine Eskorte.
Früher war das nur der Fall, wenn höhere Offiziere an
Bord waren, bis es als Trainingsflug ins Programm aufgenommen
wurde. Zum letzten Gruß ersetzte einer der Piloten den
Fliegerhelm mit einer Narrenkappe und verabschiedete sich
mit dem V-Zeichen mit Mittel- und Zeigefinger der rechten
Hand. »Victory« – nicht die Bar, sondern der Sieg, so wie man
das bei Churchill gesehen hatte. Nur ein paar Minuten, dann
fielen sie nach außen ab und verschwanden in der Tiefe. Man
kannte die Piloten – oder Feen genannt. »Feries, im Gegensatz
zu den Squadies, den Infanteristen.«
»Einer dieser Primadonna-Typen sitzt in diesem Flug«,
sagte mein Nachbar. »Er hat die Landepiste im unerlaubten
Tiefflug überflogen, weshalb er nun zurückgeschickt wird.«
»Abgesetzt?«, fragte ich.
»Nein, was denkst du? Drei Millionen Pfund Ausbildung?
So kommt der nicht weg. Vermutlich werden sie ihn in England
behalten oder nach Nordirland schicken. Aber dem mag
ich’s gönnen. Ein bornierter Affe!«
Militärische Methoden auch beim Austeilen der Mahlzeiten.
»Meine Damen und Herren, wir werden in fünfzehn Minuten
mit dem Servieren des Mittagessens beginnen. Dafür
ersuchen wir Sie, in Ihren Sitzen zu verbleiben.«
Und genau in fünfzehn Minuten legten sie los, Schachtel
links, rechts beim Nächsten, bis alle bedient waren. Speziell
war die Mahlzeit nicht. »Squady-Essen«, und ich dachte zurück
an längst vergangene Militärmahlzeiten, Fleischkonserven,
harte Schokolade, weiches Brötchen mit einer Scheibe
101
Käse oder Schinken, je nachdem, wie viel Glück man bei der
Verteilung hatte.
Plötzlich erschütterte ein dumpfer Knall die Hülle. Man sah
sich fragend an, auf der linken Seite schauten sie zu den Fenstern
hinaus. Nichts Weiteres geschah, bis nach einer halben
Stunde eine Ansage kam, dass ein Triebwerk ausgefallen sei,
und man deshalb nach Mount Pleasant zurückfliege, um zu
investigieren. Als diese Ansage kam, befanden wir uns bereits
auf dem Rückweg, denn erst dann merkte ich, dass die Sonne
plötzlich von der anderen Seite schien. Der Pilot hatte also
eine weite Kurve eingeleitet, so dass sich die Maschine kaum
neigte, was ein Gefühl der Unsicherheit hervorgerufen hätte.
»So ein Pech«, meldete sich mein Nachbar wieder.
»Eine halbe Stunde mehr und wir wären jetzt auf dem Anflug
nach Montevideo! Was anderes als zurück nach Mount
Pleasant!«
»Ja, da hätte auch ich nichts dagegen gehabt!«, doppelte
ich, in Erinnerung an das Wochenende im November, nach.
Aber daraus wurde nichts und eine weitere Stunde später bewegte
sich eine nicht allzu fröhliche Passagiermenge zum Applaus
einiger Squadies, die sich im Windschatten eines Hangars
um einen Jeep versammelt hatten, um einen Kollegen
zurück zu begrüßen. Auf dem Parkplatz, den wir früher innehatten,
machte sich ein vc-10-Tankflugzeug breit. Die Maschine
wurde in eine fliegende Tankstelle umgebaut, von der aus
Tornados im Flug aufgetankt wurden. »Nicht rauchen!«
In der Abflughalle standen wir, auf Information wartend, herum.
Mr. Bean zauberte im TV und eine dunkle Flüssigkeit, die sie
Tee oder Kaffee nannten, wurde verteilt. »Rauchen wo?«, gingen
die Fragen um, bis sich jemand entschloss, die Tür zur Ankunftshalle
aufzuschließen, um die Süchtigen dorthin zu verbannen.
102
TEIL ZWEI
AN FERNEN UFERN –
AUF DEM BLAUEN MEER
Sie folgen dem Ruf nach Freiheit, Abenteuerlust oder einer Existenz
Vereint im alten Traum, dem Blick zum Horizont und dem Meer der Sterne
Die vergessene Welt am Sungai Dinding
Der Dinding-Fluss, Sungai in malaysischer Sprache, entspringt
im Inneren von Westmalaysia und mündet bei Lumut
im Schatten der Ferieninsel Pangkor in die Malakka-Straße.
Lumut im Staate Pangkor, etwa zwei Autostunden von Kuala
Lumpur, hatte außer einer Marine-Basis und der Touristendrehscheibe
auf dem Weg nach Pangkor nicht viel zu bieten.
Um dies zu ändern und der lokalen Bevölkerung durch
industrielle Entwicklung eine erfolgreiche Zukunft zu bieten,
hatten sich politisch angehauchte Kreise dazu entschlossen,
den bis dahin natürlichen Seehafen in ein Industriezentrum
umzubauen. Ein großes Projekt, denn Lumut steht in der
malaysischen Sprache für Moorland, Algen und Seegras. Ein
Tiefseehafen mit Reparaturbetrieben für Frachtschiffe, großen
Umschlagplätzen, Abfertigungsunternehmen und Fabrikanlagen,
Hotel und Gastronomieunternehmen soll gebaut
werden. Für die Anlage wurde ein Gebiet am Dinding-Fluss,
angrenzend an Lumut, erworben. Da der größte Teil des Landes
Sumpfgebiet war, versuchte man mittels Messungen im
Fluss und dem flachen Küstengebiet zwischen dem Festland
und Pangkor Sandvorkommnisse zu finden, von denen Sand
mittels Röhren zum Bauplatz gepumpt werden könne, was
günstiger als mariner Transport wäre.
Meine Begegnungen stammen aus der ersten Planungsperiode.
Unter Jachties war der ruhige Jachthafen dank niedrigen
Liegegebühren ein Geheimtipp. Aufbruchstimmung herrschte,
erste Unternehmer trafen ein. Die Tage der letzten Zeugen
der Kolonialzeit, wie eben des Perak-Jacht-Klubs, waren ge-
105
zählt. Die alte Generation der lokalen Familienunternehmen
schaute mit Unbehagen in die Zukunft.
Lorraine und ihre gelbe Jacht Chimbu
An der äußersten Boje des Perak-Jacht-Klubs in Lumut ruhte
eine lange Stahljacht mit gelblichem Rumpf. Über das Cockpit
war ein verwittertes, blauweiß gestreiftes Sonnendach gespannt.
Von der Reling hingen drei alte Autoreifen als Fender
an verwitterten Tauen. An der Badeleiter lag ein vom Gebrauch
sichtlich gezeichnetes rotes Beiboot mit einem kleinen
Außenbordmotor. Chimbu, Brisbane war am Heck gerade noch
lesbar, denn die Tropensonne hatte die Buchstaben teilweise
ausgelöscht.
Neugierig betrachtete Per die Jacht, als ihn Rosman in
seinem Zodiac, so wie ganz per Zufall, durch das Bojenfeld
fuhr. Dies, weil ihm der Fahrer am Vorabend mitgeteilt hatte,
dass die Jacht zum Kauf ausgeschrieben sei. Sofort stellte Per
aber fest, dass sehr viel getan werden müsste, um den einigermaßen
respektablen Zustand wiederherzustellen. Ein grauer
Frauenkopf tauchte im Cockpit auf, eine zögernd winkende
Hand grüßte den Fremden.
Am selben Abend stellte sich Per der Eigentümerin der
Chimbu an der Club-Bar vor.
»Ja, ich sah dich mit Rosman vorbeifahren. Was macht ihr
hier?«
»Vermessungsarbeiten und Bodenuntersuchungen für die
neue Hafenanlage.«
Über ein Glas Bier erfuhr ich dann die Geschichte der
Chimbu und ihrer Eigentümerin. Sie kam vor fünf Jahren mit
ihrem Mann Bruce von Brisbane nach Malaysia. Die meiste
Zeit verbrachten sie auf der Jacht, unterwegs zwischen Pen-
106
ang, Lang Kawi, Singapur oder dann Pukhet in Thailand. Ab
und zu flogen sie nach Australien, wo ihre Kinder und Großkinder
lebten. Vor zwei Jahren starb Bruce ganz unerwartet in
Lumut. Die Welt stand still auf der Chimbu. Die Jacht hatte
die Verankerung seit jenem schwarzen Tag nie mehr verlassen.
Wurde es für Lorraine an Bord zu eng, zog sie für ein paar
Tage zu Freunden, wohnte im Gästezimmer des Jachtklubs
oder flog nach Brisbane. Die Betreuung der Jacht überließ sie
dem Klubmanager, Mister Chan.
»Oh, da kommt mein Mechaniker«, sagte sie sichtlich erleichtert,
als sich durch den Sand ein dunkler, nur mit Shorts
bekleideter Inder näherte. Mit scheinbar letzter Kraft ließ der
sehr junge Mann ein Stück Zylinderkopf, das planiert werden
musste, vor ihr auf den schmutzigen Boden der Terrasse fallen.
»Der muss nun die Maschine überholen, denn ich will ja
verkaufen«, bekräftigte Lorraine.
»Es gibt viele Leute auf dem Weg von Europa nach Australien,
die eine Jacht mit australischer Registrierung kaufen
wollen, was den Import erleichtert. Aber wenn ich nicht verkaufen
kann, werde ich zurücksegeln nach Brisbane, werde
jemanden finden, der mir helfen wird«, erzählte sie an einer
Zigarette ziehend, nur schlecht einen alten inneren Schmerz
verbergend. Die Abendsonne beleuchtete den Club, durch den
der aufgewirbelte Staub im leichten Abendwind wie ein zarter
Goldregen zog. Ein paar Fliegen surrten um die Biergläser,
ungestört, denn niemand fand es nötig, diese zu vertreiben.
Vermutlich nur, um sich abzulenken, erzählte sie weiter:
»Und nun, nun geht dieser Jachtklub ein. Chan wird flussaufwärts
einen neuen Jachthafen einrichten. Einige von uns werden
mitgehen, während andere noch etwas weiter flussauf in
einer lokalen Marina Unterkunft suchen wollen.«
107
Der alte Perak-Klub lag am Dinding River in Lumut an der
westmalaisischen Küste. Dort reihen sich die Geschäfte der
Hauptstraße entlang und von dort verkehren regelmäßig Busse
nach dem benachbarten Sitiawan oder Kuala Lumpur mit
internationalem Flugplatz.
»Am neuen Ort gibt es noch nichts, keine gute Straße, kein
Restaurant, keine Bar, kein kaltes Bier, kein Telefon. Man setzt
im Beiboot über den Fluss, sucht jemanden, der per Zufall in
die Stadt fährt, oder bestellt ein Taxi und wartet beim Telefonautomaten
eine halbe Stunde oder so, falls man die Moskitostiche
überlebt«, malte Lorraine eine graue Zukunft, der sie
sich, wohl aus Mangel einer besseren Lösung, schon hingegeben
hatte.
»Gestern sah ich am neuen Ort jemanden im Sand das Ufer
entlang junge Palmen pflanzen«, erwähnte Per und dachte dabei,
dass ihn der starke Geruch der verwesenden Fische von
der nahen Hühnerfutterfabrik sehr stören würde. Aber da
kam sie ihm zuvor: »Und die Hühnerfutterfabrik wird in ein
paar Monaten abgebrochen, denn das soll ja ein Teil des Hafens
werden, für den du die Vermessung ausführst.«
»Nein, das alles wird uns nicht stören, wir werden unsere
Grillfeste haben, werden Freunde einladen und es wird uns
gut gehen. Und bald wird Chan eine Bar mit Restaurant eröffnen
und wir werden wieder Gemüseomelette essen können,
welche die Tante so köstlich zubereitet.«
Lorraines Blick wanderte über den Fluss, der ihre Wahlheimat,
ihr Leben war.
»Wie alt mag sie wohl sein?«, fragte er sich, »sieht aus wie
siebzig, könnte etwas weniger sein!«
Der alte Perak-Jachtklub war dem Untergang geweiht, weil
in der Nachbarschaft eine internationale Marina im Entstehen
war. Vor ein paar Jahren hätte der Klub das Land kaufen kön-
108
nen, unterließ es aber aus Unentschlossenheit, dachte man.
Als die neue Marina das Land als Trockenplatz für Motorboote
belegen wollte, versuchte man zu prozessieren, fand aber
bald heraus, dass der Patron des alten Klubs auch Patron der
Marina war.
Eine Ufermauer verdrängte bereits einen großen Teil des
Naturufers. Die neue Rampe war außer Reichweite der alten
Seilwinde. Vom Klubhaus sah man statt liebliche Wellen
im Sonnenuntergang eine hässliche Mauer mit einer Sandschüttung,
auf der noch lange kein Gras wachsen wird. Das
Rauschen der Palmwedel wich dem Baustellenlärm und dem
Gekeife streunender Hunde, die das neugewonnene Land
übernommen hatten. An der Mauer hing eine Zementjacht, an
der ein bärtiger Riese ab und zu mal etwas arbeitete. Er wird
noch Jahre damit beschäftigt sein, dachte Per.
Die internationale Marina sollte ein Prunkbau mit zwei
Türmen werden, die vom Fluss wie Narrengesichter mit Zipfelkappen
aussahen. Davor lag ein Schwimmbad, im Inneren
schritt man über Marmorböden zu einem Konferenzraum
und zu einer geschwungenen Bar. Der vip-Bereich mit Salon,
Karaokelounge und klimatisiertem Restaurant war mit einer
roten Kordel abgegrenzt. Ein pompöser, überdeckter Eingang,
unter dem die vips ihre teuren Autos parken.
Der alte Jachtklub war ein Holzgebäude aus der Kolonialzeit
mit gemütlicher Bar, von der man auf den Fluss sah, das
Rattern der Ankerkette eines Schiffes hörte, das von weit hergekommen
war. Die Küche hauste in einem freistehenden Gebäude
im Hintergrund und wenn es regnete, wurde das Essen
auf dem Weg zum Gast noch etwas mehr verdünnt. In einem
Glasschrank verstaubte ein schönes Modell der Cutty Sark,
über der Bar hing eine Schiffsglocke. Ein Lloyd’s-Jacht-Register,
in dem Francis Chichester noch nicht Sir war und in dem
109
es noch keine Chimbu in Brisbane gab, lag unbeachtet auf einem
Seitenpult. Die Zeit steht still, bis sie mit dem Gebäude
abgerissen wird, denn alte Jachtregister und Cutty Sark haben
keinen Platz in einer modernen Marina, in der die Gäste nicht
mit Jachten, sondern mit Ferraris und Mercedes ankommen
werden.
110
Gestrandet – der wilde Wilf mit seiner noblen Maggie
Ein weiterer Tropentag neigte sich mit der untergehenden
Sonne zu Ende. Langsam sank die Lufttemperatur auf ein angenehmes
Niveau, brachte Erleichterung nach dem gleißenden
Sonnenschein mit Luftfeuchtigkeit nahe von einhundert
Prozent. Langsam erholte sich die ungeschützte, von der Sonne
arg strapazierte Haut im Gesicht und auf den Armen im
kühlenden Abendwind. Es war die Zeit, sich im Bootsclub bei
abendlichem Sundowner mit Gleichgesinnten oder Gästen zu
treffen, um den Tag mit Gesprächen zu beenden. Zum alten
Perak Boot Club gehörte ein Bojenfeld, in dem einige Jachten
im leichten Abendwind dahinträumten. Eine Handvoll
war bewohnt, stationär, oder auf Durchreise, während andere
unbeachtet ein einsames Dasein führten. Die meisten der
Besatzungen hatten sich schon im Club versammelt, auf den
Metallstühlen an den mit Blech überzogenen Tischen oder an
der Bar, von der aus dem Dunkel des Raumes Stimmen und
helles Gelächter ins Freie drangen.
Mit dem ersten kühlen Bier verharrte ich noch eine kleine
Weile vor dem Gebäude, schaute in die untergehende Sonne,
ließ den Tagesablauf vorbeiziehen, plante den nächsten Tag.
Ertappte mich wieder einmal beim Gedanken, ein Teil dieser
Gesellschaft zu sein, an einer der Bojen zu hängen. In der Mitte
des Dinding-Flusses beendete ein ankommendes Frachtschiff
die Fahrt, indem es den Anker mit ratterndem Geräusch
der auslaufenden Kette legte und sich in der Strömung langsam
bis zum Stillstand zurückfallen ließ. Vom Zollsteg löste
sich das Lotsenboot, um in langsamer Fahrt den kurzen Weg
111
zum Schiff zu fahren. Trotz großer Anstrengung konnte ich
den Namen des Schiffes, das unter der Flagge Panamas fuhr,
nicht lesen.
Flussaufwärts erspähte ich ein offenes Motorboot mit großer
Geschwindigkeit auf dem Seitenarm von Sitiawan her auf
den Fluss zu fahren, um in elegantem Bogen Kurs gegen den
Club zu nehmen. Das klatschende Geräusch vom Überqueren
der Wellen eines seewärts fahrenden Fischkutters wurde immer
lauter, während ich nun in der großen Gestalt mit wilden
weißen Haaren und wallendem Bart den Haudegen erkannte,
den ich nun fast täglich irgendwo gesehen hatte, ohne ihn
aber je getroffen zu haben. Neu war die stattliche Frau, die sich
auf dem Mittelsitz festhielt, ihre langen rotbraunen Haare frei
im Fahrtwind fliegen lassend. Laut heulte der Außenbordmotor
auf, als er bei der harten Landung bei Grundkontakt in
die Höhe schnellte. Kaum stand das Boot, stieg die Frau ins
knietiefe Wasser und stapfte durch den Sand, ohne einen Blick
zurück zum Clubgebäude, um sofort von den versammelten
Damen freudig in Beschlag genommen zu werden.
Nachdem die Schaluppe sicher auf dem Strand stand, stapfte
die kräftige Gestalt mit einer Ginflasche in der linken Hand
direkt auf mich zu. »Du gefällst mir«, waren die ersten Worte,
während er mir sein Rechte zum kräftigen Gruß hinstreckte:
»Ich bin Wilf, wer bist du? Ich habe dich auf dem Fluss gesehen!«
»Ja, das hast du«, bestätigte ich, nachdem auch ich mich
vorgestellt hatte.
Weiter stapfte Wilf zum Klubgebäude, wo er die Flasche
auf den ersten Tisch stellte, einen Kübel Eiswürfel, ein Glas
und ein Tonic-Wasser verlangte.
Auch ich begab mich zur Gesellschaft.
112
In der Zwischenzeit waren alle Tische besetzt, denn die Barsteher
hatten sich mit ihren Getränken aus dem drückend heißen
Innern, in die frischere Luft des Klubrestaurants begeben. Das
Restaurant Area bestand aus einer dem Gebäude vorgelagerten,
teilweise überdachten Betonplatte, zwei Stufen über dem Sand.
Den äußersten Tisch besetzten die Besatzungen zweier französischer
Jachten, die auf großer Reise ein paar Ruhetage verbrachten
und Vorräte ergänzten. Da der Tisch außerhalb des
Lichtkegels der Kette blanker Glühbirnen lag, hatte Chan bei
Einbruch der frühen tropischen Dunkelheit eine Gaslampe
in der Mitte des Tisches platziert. Das flackernde Licht erleuchtete
die vier Gesichter zu einer Einheit, die ihren Zusammenhang
am Rande der restlichen Gesellschaft betonte.
Ein grauhaariger, nicht mehr junger Besitzer, der mich an den
sterbenden Marlon Brando als Pirat der Bounty erinnerte, mit
seiner jungen, dunkelhäutigen Begleiterin auf einer roten Jacht
mit französischer Flagge kamen aus Madagaskar mit dem Ziel
Neuseeland. Das junge französische Paar mit blauer Jacht aus
Marseille befand sich auf zeitlich unbegrenzter Weltumsegelung.
In Thailand hatten sie sich getroffen und beschlossen,
bis Australien zusammen weiterzufahren. Außer Gläser für
den mitgebrachten Rotwein schien sie das bunte Treiben im
Klub nicht zu berühren. Einzig ein Belgier, dessen Frau auch
Französin war, sich aber am Stammtisch zu den Regulären gesetzt
hatte, pendelte zwischen der französischen Gesellschaft
und dem Rest der Welt hin und her. Diese zwei bewohnten
eine eher bescheidene Jacht, gaben ihre Pläne nicht bekannt,
sollen aber seit zwei Jahren mal hier mal dorthin für ein paar
Wochen unterwegs gewesen sein.
»Der Typ behandelt seine schwarze Freundin wie eine
Sklavin, dabei ist sie ein so nettes Mädchen«, bemerkte der
113
Neuseeländer Russel, als der Grauhaarige seine Freundin zur
Jacht schickte, um einen Korkenzieher zu holen. Geschickt
lenkte diese das Beiboot mit heulendem Außenbordmotor zur
Jacht, um es bald darauf, begleitet von allen Männeraugen,
wieder mühelos auf den Sand zu ziehen. Mit kräftigen Schritten
stapfte sie durch den Sand zurück zum Gebieter, vor dem
sie den Zapfenzieher auf den Tisch knallte, um sich dann mit
finsterer Miene wieder auf ihren Stuhl neben der Französin
zu setzten.
Der Anlass war ein Wildschwein-Essen, das zugleich das
Ende der Existenz des Perak-Jachtklubs bedeutete. Organisiert
wurde der Anlass kurzfristig vom chinesischen Klubmanager,
Mister Chan, und Lorraine von der Jacht Chimbu. Dazu
eingeladen wurden alle, die zu den regulären oder temporären
Gästen des Klubs gehörten. »Je mehr, desto besser!«, war das
Motto. Lorraine war die rechte Hand im Klub. Sie pries allen
Neuankommenden das Gemüseomelette der Tante, Frau
Chan, als absolutes kulinarisches Highlight in der ganzen Gegend.
Lorraine besorgte die Bar, wenn der Meister abwesend
oder anderweitig beschäftigt war oder für seine Gäste Taxidienste
nach Kuala Lumpur ausführte.
Aber ihr Traum war ja ein anderer. »Sobald Chimbu repariert
ist, werde ich einen Käufer suchen. Finde ich keinen, werde
ich selber nach Brisbane segeln!«
»Allein?«, wunderte ich mich.
»Vielleicht werde ich einen Skipper suchen!«
»Aber nicht den, den nicht!«, sagte sie schnell, als sie bemerkte,
dass sich meine Blicke gegen Wilf wandten, der sich
mit lautem Lachschwall gerade mal wieder bemerkbar machte.
»Aber der hätte doch Zeit«, neckte ich sie.
»Was denkst du. Aber ich werde einen Käufer finden.«
114
»Ach ja, habe ich dich neulich nicht gesehen, an jener Zementjacht
arbeiten?«, wandte ich mich an Wilf, der sich neben mir
niedergelassen hatte.
»Richtig, das ist meine Jacht.«
Auf die unvorsichtige Frage, ob er diese Hülle hier aufgetrieben
habe, schaute er mich mit ganz bösen Blicken an.
»Aufgetrieben? Habe ich recht gehört?«, donnerte er los, »das
ist eine ganz feine Jacht, entworfen von einem berühmten
Marinearchitekten in London. Ich hatte sie in England gekauft
und dann von Bahrein hierher gesegelt. Das ist ein ganz
tolles Boot, nur habe ich alle Farbe abgekratzt und auch sonst
bin ich daran, eine größere Renovation durchzuführen, ehe
die Fahrt weitergeht.«
»Ha, ha«, schaltete sich Maggie ein, die von der anderen
Seite des Tisches mitgehört hatte, was nicht schwierig war,
denn Wilfs Stimme war seinem Körperbau entsprechend.
»Zwei Dinge musst du wissen, Wilf, erstens wird die Jacht
nie fertig und zweitens kannst du die große Fahrt sowieso vergessen,
mir ist wohl in der Wohnung an Land und dort bleibe
ich. Ich werde nie mehr die Jacht mit dir und den Moskitos
teilen.«
»Du hättest sehen sollen, als die das erste Mal hier landeten«,
raunte mir Russel ins Ohr. Der Anker war noch nicht
auf dem Grund, als schon das Beiboot ins Wasser fiel und
schnurstracks aufs Ufer gerudert wurde. Eine offensichtlich
hoch erregte Frau mit wild zerzaustem Haar stapfte zur Bar,
bestellte einen doppelten Whisky, den sie wegkippte, ehe sie
losließ: »Nie mehr werde ich meinen Hintern auf dieses Boot
setzen, und der kann schauen, wie er ans Land kommt!«
Das hatte dann Chan besorgt. Fetzen flogen während der
Aussprache durch den Klub. Und tatsächlich, Maggie hatte
das Boot nie mehr betreten, hatte eine Wohnung im nahen
115
Sitiawan gemietet, wo nun auch Wilf schlief, da seine Jacht
bei Regenwetter unbewohnbar war oder höchstens zum Ausschlafen
eines Rausches taugte. Mit dem Beiboot verkehrten
sie dem Fluss entlang zwischen Wohnung und Klub, denn ein
Auto hatten sie keines. »Wann sind sie angekommen?«, wollte
ich wissen. »Vor zwei Jahren!«, sagte Russel nach etwas Überlegung.
Orientalisches Wildschwein wird in kleine Stücke geschnitten,
im Wok angebraten und in würziger, dunkler Sauce
auf Reis mit grünem Gemüse serviert. Gegessen wurde mit
Stäbchen. Es schmeckte ausgezeichnet und verschwand restlos
in kürzester Zeit. Der tropische Abend war kühl, trotzdem
war die Hitze unter dem Blechdach des Klubs groß und man
erfreute sich herzhaft am Bier aus der Kühltruhe, während
Wilf langsam den Inhalt seiner Gin-Flasche zerstörte und mir
dabei seine bewegte Geschichte erzählte.
»In Nizza hatte ich eine klassische Motorjacht, die ich einer
reichen Witwe für einen ganz guten Preis und ein paar
andere gute Taten abgekauft hatte. Jedenfalls waren wir beide
sehr zufrieden. Ich war die Attraktion im Hafen. Du hättest
sehen sollen, was da alles stehen geblieben ist, um mein Boot
(und mich) zu bewundern«, schwelgte Wilf in Erinnerungen.
»Das einzige Boot mit offenem Kamin und Wendeltreppe,
mit Messinggeländer auf die Brücke, mit großem Oberdeck,
geschützt gegen die Sonne mit einer blau-weiß gestreiften
Markise. Jeden Tag, jede Nacht Party, Party, ein Leben wie im
Paradies. Kurze Ausfahrten an einigen Tagen, aber nur, wenn
das jemand unbedingt wollte. Mir war es wohl am Steg, mit all
der charmanten Gesellschaft.«
»Wieso hast du die Jacht verkauft?«, wunderte ich mich.
»Ja weißt du, auch das verleidet dir. Ich wollte weiter, wollte
etwas Anderes erleben und das Boot war nicht für die gro-
116
ßen Fahrten gebaut, war eben eher ein schwimmender Gin
Palast.«
Zurück im heimatlichen Irland beteiligte sich Wilf an einer
Schiffswerft, die alte Fischkutter in Motorjachten umbaute
und dann für guten Profit verkaufte.
»Mein bestes Geschäft war eine Reise nach Island, wo wir
eine Flotte von Fischerbooten kauften, die für den modernen
Fischfang zu klein geworden waren. Wir banden die sechs
Boote zusammen, mieteten einen Schlepper und zogen sie
nach Irland. In Serienarbeit haben wir sie in einem Jahr umgebaut.
Alle hatten wir verkauft, ehe sie fertig waren.«
Mit dem Zeigefinger, den er in den Gin gesteckt hatte,
zeichnete er den Plan der Boote auf den Metalltisch. »Steuerhaus
mit Salon, zwei große Kabinen für je zwei bis drei Kojen
unter Deck, Kombüse mit Essplatz und Salon auf Deckniveau.«
»Genau was ich mir vorstelle! Hast du keines mehr?«, unterbrach
ich den Erzähler.
»Sicher würdest du am Shannon noch das Eine oder Andere
finden.«
Auf der Suche nach weiteren Abenteuern unterschrieb
Wilf einen Vertrag als Manager der Privatflotte eines Emirs
in Bahrein. Das Emirat am Roten Meer war das aufkommende
Ferienziel der Jetsets, der Extravaganten. Golfplätze im
Sand, Tauchen im blauen Meer, der klimatisierte Luxus der
Fünfsternehotels, tausendundeine Nacht in den Oasen zog
die an, die sonst schon alles gesehen hatten. Wilf mischte
sich fröhlich darunter. Seine große Gestalt mit der weißen
Kapitänmütze und der donnernden Bassstimme passte gut
dazu. Auch seine lokalen Kenntnisse und Beziehungen ließen
sich gut verkaufen. Aber der Traum der großen Fahrt
117
lebte weiter. Nur, dazu fehlte das große Geld, vor allem, da
sich Wilf nicht »on a shoe string« reisen sah. Das alles änderte
sich, als er in Maggie den Fisch fing, auf den er gewartet
hatte.
»Ja, ich kaufe uns (dir) die Jacht, die im Magazin ausgeschrieben
ist. Von meinem Konto in England.«
Von einer Überführungscrew gesegelt, tauchte die noch
nicht ganz fertige, aber seeklare Ferro-Zement-Jacht kurz darauf
an der Küste des Roten Meeres auf. Stolz wurde sie mit
rauschender Party in Besitz genommen. Die Einrichtung wurde
so weit hergestellt, dass eine Fahrt unternommen werden
konnte. Da man wusste, dass in Asien, vor allem in Thailand,
günstig und sehr gut Inneneinrichtungen für Boote nach dem
Wunsch des Eigentümers hergestellt werden, beschloss Wilf,
dorthin zu übersiedeln.
»Nur eine kurze Reise, du wirst sehen, kein Problem, keine
großen Wellen, denn es ist die beste Saison«, wisperte er Maggie
ins Ohr.
So verabschiedeten sie sich von Freunden und fuhren gegen
den Morgenstern. Pukhet in Thailand war das Ziel. Bald
merkte Wilfs Crew, dass eine Jacht kaufen eine Sache war, aber
darauf leben eine andere, vor allem, wenn man Jetset gelebt
hatte. Wo ist das Eis für den Whisky? Zerschmolzen, denn
der Bordkühlschrank gab auf. Das ewige Schaukeln, das Wacheschieben,
die schlechte Laune des Skippers, der mit lauter
Autorität die Mannschaft dirigierte. Dicht holen, vieren, Spinnaker,
weg damit, Deck fegen, wo ist der Fraß, noch ein Bier,
immer dasselbe, mach kein so saures Gesicht, Tag und Nacht.
In die Koje, wenn es dem Skipper passte.
118
Tourenjacht im Perak Jacht Club
Gestrandet
»Du glaubst es nicht: Kaum hatte ich vor diesem Klub den
Anker geworfen, sah ich mit Entsetzen, wie meine Crew, meine
Maggie, das Beiboot wasserte, die Ruder einlegte und verschwand.
Ich war sprachlos, so sprachlos, dass mir die Stimme
wegblieb, saß da und versuchte mir klar zu werden, was da
eben passierte. Sicher will sie die Hafenbehörden verständigen,
aber sie kam nicht zurück. So musste ich über Radio ein
Boot anfordern, um mich abholen zu lassen.«
»Das war das letzte Mal, dass sie an Bord war ... und das ist
Jahre her. Sie ignoriert, was mein Leben ist. Thailand hat mei-
119
ne Jacht nie gesehen. Australien ist sowieso besser«, erzählte
Wilf.
»Du weißt es«, erklang es von der anderen Seite des Tisches
mit strenger Stimme, »ich werde kein Jachty sein, ich
will mich nicht identifizieren mit diesen da, die kein Zuhause
haben. Ich will immer eine Adresse haben, ein Telefon, einen
Platz, an den ich Freunde einladen kann, wo man mich findet,
nicht auf einer lumpigen Jacht, die dahin schaukelt in einem
stinkenden Jachtklub, keinen Platz, alles feucht, voller Moskitos,
jeden Tag andere Nachbarn. Und wenn du weiter nach
Australien willst, kannst du alleine gehen, vielleicht komme
ich dann nach. Aber Geld für die Überfahrt musst du selber
finden, ich bezahle meinen Flug, sollte ich dann überhaupt
kommen.«
»Verwöhnte Gans«, knirschte er in seinen Bart.
»Ich werde mitsegeln!«, meldete sich ein kleines braunes
Mädchen, das aus dem Schatten der nahen Palmen beim Tisch
aufgetaucht war. Während eines Aufenthalts in Thailand hatten
die zwei das Mädchen kennen gelernt und mit der Absicht
einer Adoption nach Malaysia mitgenommen.
»Ehe wir das können, müssen wir in Malaysia eine Aufenthaltsbewilligung
haben und du tätest besser daran, dich
diesem Problem zu widmen, als deinen Träumen nachzuhängen«,
mischte sich Maggie ein.
»Ja, es stimmt, Mama tut nichts am Boot, alles nur Papa«,
flüsterte mir die Kleine zu, während sie ihren Beschützer liebevoll
anschaute. »Und ich helfe, wenn immer ich Zeit habe.«
Im Gehen warf Wilf die leere Ginflasche in die Abfalltonne
vor dem Klub. Maggie und das Mädchen folgten ihm erst, als
er das Boot zum Wasser gezogen hatte. Ehe die Adoption akzeptiert
ist, können sie sowieso nicht daran denken, nach Australien
zu gehen, denn nur so ließen die kein asiatisches Kind
120
einwandern. Und so schnell werden sie sowieso nicht gehen,
denn am darauffolgenden Tag besuchte ich die Jacht. Sie stand
verlassen dort, wo sie schon lange gestanden haben musste.
Da war kein Slipp, die Hülle war mit schmutzigen Tauen an
einem rostigen Ponton befestigt. Während Ebbe stand sie im
Sand und während Flut schwamm sie. Die Luken wurden entfernt
und die Löcher nur dürftig mit Plastikfetzen zugedeckt.
Das Regenwasser hatte an der Einrichtung im Innern bereits
beträchtlichen Schaden angerichtet.
Die Mastspuren wurden entfernt, die Ankerkette lag in einem
wilden Haufen und von Rostflecken umgeben auf dem
Deck. Die Teakplatten hatten sich vom Deck gelöst und ließen
Wasser darunter laufen, wo es unsichtbaren Schaden anrichtete.
Das rostige Ende der Welle wird nie mehr einen Propeller
halten können, denn die Nuten waren von der Korrosion und
der brutalen Gewalt, die bei der Entfernung eingesetzt wurde,
zerfetzt. Eher ein Wrack als ein Boot.
121
Das weiße Boot und der Traum des weißen Mannes
Fishery Research Vessel jenahak – imo 7511462
… ein weiterer Abschnitt im großen Traum vom freien Leben
auf einem Boot; dorthin ziehen, wo der Wind, die Laune oder
auch eine Basis für einen Lebensunterhalt führt.
»Bring den weißen Mann zum weißen Boot!«, beauftragte
Mister Lim seinen Bootsfahrer, um Mark zum hellgrauen Boot,
das auf der anderen Seite des Sitiawan-Flusses im Abendsonnenschein
an seiner Ankerkette hing, zu fahren. Schon bei seinem
ersten Besuch in der Werft der Gebrüder Lim in Lumut,
an der Westküste von Malaysia, hatte er in dem etwa zwanzig
Meter langen Boot ein Objekt entdeckt, das seinen Traum, etwas
in ein Wohnboot umzubauen, wiederbelebte.
122
Kurz nach jenem ersten Besuch war Mark damit beschäftigt,
mittels akustischen Instrumenten und Bodenproben im
Fluss Sand zu finden, der, durch Röhren gepumpt, ein Sumpfgebiet
in Bauland verwandeln sollte. In ambitiösen Bauetappen
sollte zur industriellen Belebung einer Randregion ein
Tiefseehafen entstehen. So ergab es sich, dass ihn sein täglicher
Weg ins Messgebiet mit kleinem Umweg von der Werft
am Traumobjekt vorbeiführte.
Es war die Zeit, als er sich ernsthaft damit beschäftigte, die
lärmige und teure Großstadtwohnung in Kuala Lumpur gegen
ein ruhiges Leben auf einem Boot einzutauschen. Mark und
seine Frau Sue träumten von abgelegenen Marinas und der
Möglichkeit, dorthin zu ziehen, wo Arbeit war und dann, ja
dann, auf großer Fahrt westwärts gegen Europa zu schippern.
Wohin in Europa war noch nicht Teil des Planes.
Auf der Suche nach passenden Objekten hatten sie schon
in Hongkong und Singapur interessante Boote besucht. Das
schönste stand in einer Werft in Hongkong: ein Alaska-Trawler
in perfektem Zustand, dessen Eigentümer aber scheinbar für
irgendein Geschäft ein verbindliches Angebot benötigt hatte.
So gelangte Mark an jenem Abend, versehen mit den
Schlüsseln, ans Ziel seiner Wünsche. Von Papieren, verstreut
auf der Brücke, und angebrachten Tafeln konnte er einiges aus
der Geschichte erfahren.
Entstanden war das Boot in der Schiffswerft Limbon gan
Mara, Trengganu 1969, in der selben Werft, in der 1993/94
unter Marks Leitung zwei Forschungsschiffe für Sarawak gebaut
wurden. 27 Meter lang, 6,5 Meter breit. Offenbar diente
es als Fischereiaufsichtsboot und war als solches für Inspektionen
und Trainingsfahrten mit angehenden Fischereiaufsehern
eingesetzt worden. Regelmäßig fuhr das seetüchtige
Boot von Penang über das Südchinesische Meer nach Sabah in
123
Nordborneo. Obwohl für Hochseefischerei ausgerüstet, wurde
laut Mister Lim damit nie gefischt. Als Antrieb diente ein
450HP-Cummings-Dieselmotor mit einem Borg-Warner-Getriebe.
Das Gerippe, mit einem Spant-Abstand von 30 Zentimetern,
war aus Jangal-Holz. Die Beplankung bestand aus fünf
Zentimeter starkem, lokalem Teak, das Mark trotz Alter in
sehr gutem Zustand erschien. Der Aufbau war ein Gemisch
aus Massiv- und Sperrholz, das bei genauer Betrachtung an
einigen Stellen reparaturbedürftig war. Die Klimaanlage wurde
entfernt und die Wassertanks mussten erneuert werden,
während Motor und Generator laut Auskunft des Verkäufers
in sehr gutem Zustand waren. Der Motor war vor zwei Jahren
ganz überholt und der Generator ersetzt worden. Die Batterien
waren alt und dank fehlendem Unterhalt unbrauchbar
geworden. Die elektrische Verkabelung und der Steuerkasten
mussten vermutlich erneuert werden, denn die ständige
Feuchtigkeit hatte der Isolation und den Anschlüssen schwer
zugesetzt. Eine Kombüse und Toilette gab es nicht. Dafür sehr
viel Platz, um solche einzubauen.
»Auf dem großen Deck kannst du zur Abkühlung ein
Schwimmbad einbauen«, meinte Lim.
»Und da bliebe noch genügend Platz für ein Motorboot mit
Außenbordmotor, das bequem mit dem Bordkran ins Wasser
gesetzt werden könnte«, dachte sich Mark.
»Wie viel?«, fragte Mark, zurück an Land.
»120.000 Ringgit (ca. 60.000 chf)«, antwortete Mister
Lim, der das Boot mit brieflicher Offerte für 15.000 erstanden
hatte, ohne lange zu überlegen.
»Nein, der Preis ist nicht verhandelbar, und wenn du nicht
kaufst, zerlege ich es und verkaufe die Einzelteile. 50.000 für
die Maschine, 15.000 für das Getriebe, 10.000 der Generator,
124
20.000 für Welle und Propeller, ebenso viel für den Fischereikran
und die Einrichtungen usw.«
»Und die Hülle?«, fragte ich.
Achselzucken, was so viel hieß, dass man diese einfach am
Ufer verfaulen lässt, wie das so unzählige ausgediente Bootskörper
am Ufer des Dinding-Flusses tun, bis sie unter dem
Wasserspiegel verschwinden und einige Jahre lang Hindernisse
für die Schifffahrt in Ufernähe werden.
Jahrelang ist der Leidensprozess für eine so große Hartholzschale,
die als stolzes Schiff dreißig Jahre treu und zuverlässig
durch die Wellen der Malakka-Straße und des Südchinesischen
Meeres geschaukelt wurde, und dem kräftigen Nordost-
Mon sun standgehalten hatte. Das stimmte Mark nachdenklich,
als er bei einem späteren Besuch von der Brücke über den
Bug ins trübe Wasser schaute, die Hände mit festem Griff am
hölzernen Rad. Von Radar und Echolot sind nur die Ständer
und die abgerissenen Drahtenden geblieben. Auf dem Kartentisch
hinter der Brücke lagen noch ein Bleistiftstummel und
ein Chinesischer Kalender, zwei Jahre alt.
»Was willst du mit dem Boot, es ist viel zu groß, stell dir
vor, all die Umbauarbeiten, was das nur kostet. Und wie willst
du damit in einen Jachthafen? Es bleiben nur das offene Meer
und die Fischerei- und Industriehäfen«, äußerten kritische
Stimmen.
»Was ist falsch daran? All der Platz, die Kabine auf dem
Topdeck, die Serviceräume, die großen Schlafkabinen? Sonnenuntergang
von der Brücke?«
Eine große Idee, die aber je länger umso tiefer in der Schublade
der ewigen Träume verschwand.
Mark hatte Jenahak im Stich gelassen, dem unabwendbaren
Ende preisgegeben. Bei Hochwasser werden die Boote
Heck voraus und so hoch wie möglich auf das Ufer gezogen.
125
Sobald sich dann das Wasser zurückzuziehen begann, wurden
mit Presslufthammer und Brecheisen die Motoren aus der
Hülle gelöst, um sie mit starkem Krangriffen, den Aufbau in
Stücke zerschlagend, herauszureißen. Mit einem fahrbaren
Kran wird die Welle am Propeller herausgezogen wie ein fauler
Zahn. Es wird ein harter Tag sein, denn die Zeit der Ebbe
ist nicht lange. Mister Lee wird barfuß herumeilen und Anweisungen
auf Chinesisch und gebrochenem Englisch geben,
denn die Bangladesch-Arbeiter verstehen nur das.
Jenahak ist ein Meerfisch, der in den lokalen Fischrestaurants
sehr begehrt ist. Die Namentafel am Bug wird noch jahrelang
am Ufer des Dinding-Flusses zu sehen sein. Wer wird sie beachten?
Vielleicht ein Souvenirjäger.
126
Unter dem Kreuz des Südens
Insel Kuraman mit Leuchtturm.
Chillen auf der Jacht Makan Angin
Den Wind essen heißt Makan Angin in malaysischer Sprache.
Und den Wind essen wir, wenn wir planlos über das Wasser
oder über das Land ziehen, unbeschwert, sorgenlos, dorthin,
wo uns der Wind mit sich nimmt. Auch so hieß eine elf Meter
lange Sloop, mit der erfahrene und mit dem nötigen Patent
ausgerüstete Skipper Wochenendtörns im Südchinesischen
Meer vor der Küste Borneos unternehmen konnten. Beliebtestes
Ziel war eine Gruppe von kleinen Inseln, die sich unter der
südlichsten Spitze von Labuan angesammelt hatten. Die größte
davon hieß Kuraman, endete gegen Osten in einer langen
schmalen Sandzunge, die bei Flut nur gerade zwanzig Meter
breit war. Auf dem höchsten Punkt trug sie einen Leuchtturm.
Auf der geschützten nördlichen Seite, etwa in der Mitte der
Sandzunge, pflegte man Makan Angin zu ankern, wasserte
das Beiboot und transportierte Barbecue-Zubehör, schwere
127
Kühltaschen mit Esswaren und noch schwerere mit gekühltem
Weißwein aus Australien und Riesenmengen an lokalem
Ankerbierdosen an den Strand.
Die Fahrt vom Heimathafen nach Kuraman dauerte je
nach Wind und Wetter zwischen vier und sechs Stunden. Anspruchsvoll
vom Standpunkt des Navigators war nur die Zufahrt
zu den Inseln und das Navigieren dazwischen, wo sich
unzählige Korallen-Nadeln unter der Wasseroberfläche versteckten.
Und dazu waren Skipper sehr bemüht, ja angewiesen,
den Anker nicht in ein Korallenfeld zu werfen, genauso
wie sie darauf achteten, so viele Bierdosen wieder zurückzubringen,
wie sie mitbrachten. Ob nun leer oder noch voll,
spielte keine Rolle.
Im Westen versank die rote Sonne, während die Glut im
Grill das wohlverdiente Essen garte. Man versuchte sich in gastronomischer
Hinsicht zu überbieten, und mancher staunte,
was die Kühltaschen, die während der Überfahrt in den Bilgen
hin und her gerollt wurden, hergaben. Nach dem Nachtessen
lagen wir im warmen Sand und versanken unter dem makellosen
Sternenhimmel in der Gedankenwelt. Experten ereiferten
sich in astronomischen Kenntnissen, bis sich regelmäßig um
neun Uhr abends ein Licht von Norden durch das Sternenfeld
nach Süden bewegte. Das war der Abendflug von Hong Kong
nach Brunei, der genau über Kuraman zog, die letzte Bewegung,
die die Meteoriten stören konnte, bei denen jeder laut
oder leise Wünsche äußerte, wie etwa:
»Mehr Wind als heute.«
»Jene Regenwolke nicht hierher.«
»Möge das Bier morgen noch kalt sein.«
»Noch viele solcher Wochenenden.«
»Dass die alte Makan Angin flott bleibe.«
»Nur nicht auf ein Riff laufen auf dem Heimweg.«
128
Dazu viele geheime Wünsche, die keiner aufschreiben will,
denn das Betrachten der Sterne vom Sand aus beflügelte die
Gedankenwelt, Gespräche verstummten. Steht unser Schicksal
wirklich in den Sternen geschrieben?
Der Orion, der große Wagen, die Zwillinge, der Sirius, die
Venus, die Plejaden, Kassiopeia und das Kreuz des Südens, das
wohl stolzeste Gestirn am südlichen Himmel. Bei ganz gutem
Wetter konnten Beobachter vom Leuchtturm aus in mondleeren
Nächten im Süden das Kreuz des Südens und im Norden
den Polarstern sehen, ganz knapp über dem Horizont und nur
wenn man ganz genau wusste, wo er war. Vier Grad über dem
Horizont und wir waren ja nicht viel mehr nördlich als eben
die vier Grad.
Meistens waren wir allein auf der Insel, nur die Leuchtturmbesatzung,
die wir kannten. Einmal hatte sich eine kanadische
Jacht in die Bucht verirrt und einmal eine aus Hong
Kong auf dem Weg nach Kuching. Beide kannten sie den Ort
von früheren Erfahrungen, als sie in der Gegend gelebt hatten
und mit Makan Angin hierhergekommen waren, vor langer,
langer Zeit.
Aufräumen zum Abschluss des Abends, Zurückschaffen
der ausgegessenen und ausgetrunkenen Behälter. Die Leuchtalgen
spielten mit den Schwimmenden wie Millionen von
Leuchtkäfern, bis eine Qualle der Freude Einhalt bot und ein
Aufschrei des oder der Getroffenen Panik auslöste. Nur selten
waren die Attacken mehr als nur ein Erschrecken oder nur
eine Einbildung, ein Phantasiegebilde, erzeugt durch die wilden
Geschichten von Rochen, Haifischen, Riesenquallen der
Abendrunde auf der Sandbank.
Dann die endlose Stille. Wir schliefen auf dem Deck, lasen
die Sternbilder, ließen den Strahl des Leuchtturms in regelmäßigen
Abständen über uns gleiten. Schauten den kleinen Boo-
129
ten zu, geschnitzt aus einem Stamm, gerade groß genug für
einen Mann, der bewaffnet mit Licht und Speer junge Tintenfische
aufspießte, die dann als Delikatessen verkauft wurden.
Die Jacht schaukelte langsam in den Wellen und die Ankerkette
klapperte, während der Wind mit der Takelage spielte,
sich drehte und Makan Angin den Wind aß und sich langsam
drehte, den Sternenhimmel mitnahm und den Leuchtturm
von Steuerbord nach Backbord versetzte ... Was steht in den
Sternen geschrieben?
130
Der zuverlässige Retter im Inselparadies
Der Krabbenfischer
Müde, aber erfüllt von verdienter Zufriedenheit wanderten
Henris Blicke am Ende eines erfolgreichen Tages zur Kette von
Inseln, die sich im blauen Dunst der untergehenden Sonne am
fernen Horizont verlor.
Sein ziemlich angeschlagener Kutter lag bewegungslos
im Schutz der nahen Kokosinsel vor Anker. Henri liebte die
Einsamkeit, mied den baufälligen Anleger, an dem vor allem
jüngere Fischer die Nächte mit lauter Musik und banalem Geplauder
verbrachten.
»Du kannst ja mit dem Beiboot ans Ufer, wenn dir meine
Gesellschaft unerträglich wird!«, offerierte Henri seinem jungen
Matrosen Opiter.
»Danke, Boss! Nur so, ab und zu mal sehen, was die andern
so tun!«, antwortete dieser.
Als nach kurzer Zeit seine Landausflüge immer seltener
wurden, fragte ihn Henri neckisch: »Was tun nun die anderen?«
»Egal, Boss!«, kommentierte der treue Gehilfe und setze
sich in den Deckstuhl neben seinen Kapitän.
Die sonnigen Gewässer der Torres-Straße zwischen Papua-Neuguinea
und Australien waren ihre Heimat. Henri war
131
glücklich, dass sein französischer Großvater Henri gerade hier
seine große Liebe gefunden und sich als Krabbenfischer niedergelassen
hatte.
Sein Vater, Henri der Zweite, übernahm den Segelkutter Shogun
sowie die Geheimnisse der Fanggründe, und so war es
ganz natürlich, dass Henri der Dritte diese Tradition in dritter
Generation weiterführte. Dem Lauf der Zeit folgend, wechselte
er zu einem Dieselkutter, den er Shogun II nannte. Die
Ruhe und die Freiheit, die ihm die Krabbenfischerei schenkte,
waren sein Leben. Dass die guten Zeiten allerdings vorbei waren,
störte Henri nicht, denn seine Kinder hatten sich auf dem
Festland lukrativeren Tätigkeiten zugewandt.
Die Schlamm- oder Mangrovenkrabben galten seit Langem
in der internationalen Gastronomie als große Delikatesse. Der
Fang in der Torres-Straße war streng geregelt und kontrolliert.
So durften ihn nur Eingeborene von Papua-Neuguinea
oder den Torres-Straße-Inseln ausführen. Die maximale zugelassene
Länge der Fangboote war 14 Meter, gefangen wurde
nur von Hand oder mit Schöpfnetzen. Bloß männliche Tiere
mit einer Minimallänge von 15 Zentimetern durften gefangen
werden. Sie wurden lebendig in speziellen Behältern transportiert.
Den Verbrauchern wurde empfohlen, die lebenden Tiere
vor der Zubereitung 35 Minuten in den Tiefkühler zu sperren,
wo sie dann sanft einschlafen und sterben.
Da der Krabbenfang sehr anstrengend und alles andere als
ertragreich war, hatten sich die meisten Fischer dem gängigen
und viel weniger regulierten Fischfang zugewandt.
Opiter, der schon auf der alten Shogun Matrose war, hatte
eine der Krabben, die ein Teil des täglichen Fanges war, gereinigt
und in der zerbeulten Blechpfanne auf den Gaskocher
gesetzt. Der angenehme Geruch verbreitete sich verführerisch
132
über das Deck. Seit dem Tod seiner Frau war dies Henris Zuhause,
und er fuhr den weißen Fischkutter mit sicherer Hand
zu den Korallenriffen, wo bei Ebbe die Tiere leicht zu fangen
waren. Mit dem steigenden Wasser der ankommenden Flut
zogen sich die Tiere in die Mangrovenbestände der sumpfigen
Inseln zurück. Dort waren sie sicher, denn die Krokodile würden
einen Fischer den Krabben vorziehen.
Aus dem alten Kassettengerät ertönte ein Song der Mills
Sister. »Diese Musik ist doch viel schöner, als was die am Steg
hören, Boss«, schmeichelte Opiter, denn oft hatte ihm Henri
von den Mädchen erzählt, die als seine Jugendfreundinnen
von seiner Insel als Gesangstrio Weltruhm erlangt hatten. »Ja,
Opiter, unsere Zeit, als es noch kein Fernsehen gab, als uns die
Mädchen mit ihren Liedern und ihrem Charme erfreuten, bis
sie weg waren!« »Und, du hast sie vermisst!«,
»Vor allem eine! Aber das ist lange her!«, ergab sich Henri
alten Erinnerungen.
Vertrautes Motorengeräusch weckte Henri aus seinem Traum,
und gleich sah er die weiße Superjacht Northern Blue in elegantem
Bogen in die weite Bucht einfahren. Beim Verlangsamen
der Fahrt senkte sich der scharfe Bug ins blaue Wasser,
um kurz darauf am Steuerbord der Shogun anzukommen. Etwas
neidisch schaute Henri zu seinem Cousin John, wie er sich
stolz aus dem weichen Kommandositz der Flybridge der neuen
Jacht schälte. Der Bootjunge reichte die Leine, wo sie von
Opiter übernommen und am Bollert beim Bug befestigt wurde.
Die langen Angelruten, die hinter dem Deckaufbau in Halterungen
steckten, bewegten sich wie Gerten im zarten Wind,
während Henri trotz seiner sechzig Jahre gewandt zu John auf
die Brücke kletterte. John hatte in jungen Jahren der Berufsfischerei
den Rücken gekehrt und sich mit List und Energie die
133
Handelsmonopole der Krabbenfischerei gesichert. So genoss
er es, mit der Jacht von einem Fangboot zum anderen zu kreuzen,
um den täglichen Fang einzusammeln.
Erst als Henri im Sitz neben John saß, fiel sein Blick auf den
Kajak, der vom Achterschiff über das Heck ragte.
»Was erschrickst du?«, fragte John.
»Den habe ich heute früh gefunden, ziemlich weit draußen,
dort, bei den blauen Inseln!«
»Ja, aber«, Henri wagte kaum die Frage zu stellen. John half
nach. »Er war leer, niemand war drin.«
Henris Blicke wanderten gegen Osten, zu den wenigen Palmen
auf der flachen Insel.
»Dort lagen wir vor zwei Tagen vor Anker, dort, wo der Kanal
hinter den Palmen ins offene Meer fließt. Opiter sah etwas
Kleines in den Wellen tanzen, das nicht wie ein treibender
Baum aussah. Mit dem Fernglas erkannten wir dann einen
Paddler, hilflos gegen die Strömung kämpfend, die ihn gegen
Westen ins offene Meer hinauszog!«
»Und ihr habt ihn dort gelassen?«
»Was denkst du! Opiter holte ihn mit dem Beiboot und wir
nahmen ihn an Bord. Es war ein besessener Australier mit wirrem
Haar und starrem Blick in die Ferne, der sich vorgenommen
hatte, von Papua-Neuguinea nach Australien zu paddeln.«
»Über die Torres-Straße?«
»Genau. Und er wollte nichts anderes. Gestern Morgen,
nach einer ruhigen Nacht an Bord, versuchten wir ihn zu überreden,
bei uns zu bleiben. Keine guten Worte, keine Mahnung,
keine Schauergeschichten von Strömungen oder Haifischen
halfen. Er wollte weiter.«
»So was Verrücktes!«
»Ja, eben ›mein Bruder wartet auf Thursday Island‹, hat er
gesagt: Also, lass ihn nur nicht zu lange warten, hast du auch
134
alles? ›Ja‹, entgegnete er gereizt. Und meine letzten Worte
waren: ›Du hast dein Leben in deiner Hand! Denk gut daran,
denn du hast nur eines!‹«
»Und?«, wollte John wissen, indem er Henris Blicken in die
blaue Wasserstraße hinaus folgte.
»Dort entschwand er unseren Blicken in den Wellen.«
»Tut mir leid, Henri. Ich werde den Kajak bei der Hafenpolizei
abgeben.«
»Vielleicht triffst du ja dort seinen Bruder!«
»Nicht, dass ich das unbedingt hoffe!«
Die beiden Matrosen hatten den Fang der Shogun gewogen
und in den Behältern der Northern Blue verstaut, worauf diese
gegen Süden im abendlichen Himmel entschwand. Opiter
kletterte zu Henri, wo sie mit Genuss ihre Krabbe verzehrten.
Vom nahen Leuchtturm fing der Lichtkegel an, seine Bahn
über die Wasserfläche zu ziehen.
»Das Kreuz des Südens, Opiter, siehst du?«
»Ja, wunderbar, Boss, ich guck es jeden Abend an, stelle mir
vor, wie die alten Segler sich daran orientiert und ihren Kurs
durch diese vielen Riffe gefunden hatten.«
»Nicht alle haben ihn gefunden, den richtigen Weg, Opiter,
viele sind gestrandet.«
»Stell dir vor, der Erste, der gekommen ist, der Torres, nach
dem die Straße benannt wurde, der wusste nicht einmal, dass
er so nahe an Australien vorbeigefahren war!«
»Das soll dich nicht wundern, denn siehst du etwas anderes
als Inseln? Und wenn du noch so nahe daran bist, so sieht
das Kap York immer noch wie eine Insel aus.«
Mit dem Gedanken an Torres und den vermissten Paddler
rollte sich Henri unter freiem Himmel in seine Decke, um bald
einzuschlafen.
135
Vahini, die Segeljacht
»Wach auf, wach auf, ich brauch deine Hilfe!«, wurde Henri
unsanft aus dem tiefen Schlaf gerüttelt.
»Was ist?«, erschrak er, als er in das braune, ihm unbekannte
Gesicht über sich starrte.
»Nein, ich habe deinen Kajak nicht!«, stammelte Henri weiter,
der den jungen Paddler über sich vermeinte. Aber dann sah
er den Irrtum ein und ergab sich in sein Schicksal, dass die Reihe
nun an ihm war, ausgeraubt und über Bord geworfen zu werden.
»Nimm alles, was ich habe, lass mich am Leben, bitte, bitte!«
»Nein, um Gottes Willen, hab keine Angst, ich brauche
Hilfe, meine Jacht ist weg, du musst mir helfen, sie zu finden.
Bitte«, sprach der Mann mit zitternder Stimme und fremdem
Akzent.
Henri richtete sich auf und rieb sich die Augen aus. »Was?
Deine Jacht ist weg? Ich habe keine Jacht gesehen!«
»Doch, meine Jacht ist verschwunden, bitte helfen Sie mir
beim Suchen!«
»Ruhen Sie sich aus, trinken Sie etwas, schlafen Sie an
Bord, und dann suchen wir Ihre Jacht, sobald es hell wird. Im
Dunkeln sehen wir ja nichts.«
»Nein, das geht nicht, meine Frau und mein Sohn sind allein
auf einer Insel und haben Angst, bitte kommen Sie jetzt
mit mir.«
»Die weiße Jacht bei der Insel mit den Palmen?«, erinnerte
sich Henri, die Jacht am frühen Nachmittag auf dem Weg vom
Fanggebiet dort gesehen zu haben. Eine bescheidene Rauchwolke
ließ darauf schließen, dass die Crew an Land am Grillen
war. Was früher oft gesehen wurde, war nun eine Seltenheit
geworden, denn Segler schienen die Torres-Straße und die
Passage nördlich von Australien zu meiden.
136
»Aber das sind ja fünf Seemeilen von hier, wie sind Sie gekommen?«,
wunderte sich der nun hellwache Henri.
»Im Schlauchboot gerudert. Es war zuerst noch hell, und
als es dunkel wurde, bin ich dem Leuchtturm gefolgt.«
Erst da bemerkte Henri, dass der Fremde nur mit dem Unterteil
eines Damenbikinis bekleidet war.
Nachdem sich Henri überzeugt hatte, dass das Mondlicht
eine Überfahrt erlaubte, band er sein Beiboot los, bat den
Mann einzusteigen und startete den Außenbordmotor.
»Was ist passiert? Erzähl«, wollte nun Henri wissen.
»Wir sind auf der Fahrt von Tahiti nach Brisbane. Meine
Frau heißt Kinawa. Sie ist von Tahiti und wir haben die Jacht
dort selber gebaut. Wir tauften sie Vahini.«
»Ein schöner Name, aber wo kommen Sie her?«, wollte
Henri wissen.
»Ich bin Brasilianer und heiße Paolo und so heißt mein
sechs Jahre alter Sohn!«
»Nun, was haben Sie Ihrer Vahini angetan?«
»Wir verbrachten einen Tag an Land. Als wir weiterwollten,
war das Schiff weg. Vielleicht zu wenig Ankerkette? Gestohlen?
Ich weiß es nicht!«
Und so landeten sie an der einsamen Insel, wo die Frau,
in ein kleines Badetuch gehüllt, fröstelnd im Mondschein am
Strand wartete.
»Nichts gefunden, Paolo?«
»Nein, aber das ist Henri. Er wird uns morgen helfen.«
Gemeinsam fachten sie das sterbende Campfeuer an, um
den Rest der Nacht so angenehm wie möglich zu verbringen.
Noch vor Sonnenaufgang schoben sie das Beiboot in die
ruhige See.
»Wo fangen wir an?«, wollte Paolo wissen.
»Es gibt nur eine Richtung, Paolo, und das ist mit der Strö-
137
mung, gegen Westen, denn Wind hatten wir keinen!«, erklärte
Henri, indem er aufs offene Wasser deutete.
Paolo erschrak, denn er hatte in jener Richtung einige Lichter
von passierenden Schiffen gesehen. Auch wusste er, dass
genau dort das große Riff lag. Herzklopfend saß er im Bug des
kleinen Bootes, den starren Blick mit der erwachenden Sonne
gegen Westen gerichtet.
Nach einer Stunde entdeckte Henri die weiße Jacht zuerst.
Er wollte nichts sagen, denn er wusste, dass ihre Fahrt am Riff
ein schreckliches Ende genommen haben musste. Die Familie
tat ihm leid. Und er? Gestern der Paddler und heute die stolze
Vahini.
»Henri, Vahini, dort, schnell!«
»Wo?«, wollte er ihm die Freude des Entdeckers nicht nehmen.
Als sie näherkamen, bemerkte Henri, dass sich der Mast
bewegte. Erleichtert atmete er auf. Der Anker oder die Kette
mussten sich irgendwo verfangen haben, sodass das Heck der
Jacht weniger als einen Meter vor den messerscharfen Korallen
zum Stillstand gekommen war. Paolo jubelte und umarmte
Henri, ehe er auf die Jacht sprang.
Er warf den Dieselmotor an. Henris Boot wurde am Heck
belegt und der Anker gelichtet. Das regelmäßige Tuckern
klang wie Musik in Paolos Ohr.
»Segel hoch, denn das habe ich Kinawa versprochen!«
138
Henri freute sich mit Paolo, als sich das weiße Großsegel
füllte, während es mit schnellen Kurbeldrehungen dem Mast
entlang in den blauen Morgenhimmel gezogen wurde.
»Wann war ich das letzte Mal auf einer Segeljacht?«, fragte
sich Henri. Die Stille überwältigte ihn, als der Motor verstummte
und sich die Jacht ganz langsam gegen Backbord
neigte. Die Fock rauschte im Wind, bis sie von der straffen
Vorschote im Banne gehalten wurde und mithalf, hoch am
Wind zur Insel zu kreuzen.
Kinawa wirbelte und wand sich im Südseetanz, während
klein Paolo unbekümmert von allem Treiben Bilder in den
weißen Sand kratzte. »Ich war so glücklich, als ich das weiße
Segel sah!«, umarmte sie zuerst Paolo und dann Henri,
der nicht wusste, wie ihm geschah. Zuletzt fasste sie ihren
Sohn an beiden Händen und verwickelte ihn in den wilden
Tanz.
»Mama, pass doch auf meine Bilder auf, du machst sie kaputt.
Ich habe sie für Onkel Henri gezeichnet. Sie sollen immer
hier sein, sodass er sich an uns erinnert!«
Und dann das
Lange winkten sie ihm nach, als er allein gegen die Mittagssonne
in Richtung Kokosnuss-Insel tuckerte. Henri war zufrieden
mit seinem Tag, bis er auf seine Shogun geklettert war,
wo ihn Opiter mit der Nachricht empfing: »Boss, ein Radioanruf
von der Northern Blue. Der Bruder des Paddlers hat John
gefunden. Wir sollen sofort aufbrechen, denn die Polizei will
uns sehen!«
Der schöne Tag war vorbei, vorbei das Krabbenfischen,
vorbei das sorgenlose Herumziehen mit der Erinnerung an die
glückliche Kinawa, bekleidet mit ein paar zusammengebunde-
139
nen Blättern, da Paolo immer noch ihr Unterteil trug. Und die
Bilder des kleinen Paolo im Sand.
»Anker hoch. Ich wollte, ich könnte dem armen Mann dieselbe
Hoffnung machen wie Paolo mit seiner Vahini, die durch
ein Wunder vor dem Riff aufgehalten wurde.«
»Ja, Boss!«
»Und weißt du, Opiter, was immer passiert, sie werden
immer wieder kommen, angezogen vom Kreuz des Südens. In
kleinen und in großen Booten, denn immer wird sie der ewige
Horizont weiter locken, immer werden sie wissen wollen,
was dahinter ist. So wie Torres, James Cook und wie sie alle
hießen.«
»Und wir? Wir werden immer hier sein, um ihnen zu helfen!
Nicht wahr, Boss?«
140
Auf großer Fahrt
Komm, wir segeln um die Welt
Es war wie eine Heimkehr in ein geliebtes Land, als wir 1990
nach sechsjährigem Aufenthalt in Europa wieder am weißen
Strand von Borneo landeten. Wir trafen viele Freunde aller
Rassen und Klassen, die wir entweder früher in Brunei oder
in der Zwischenzeit irgendwo getroffen hatten.
»Hast du von John gehört? Nein? Also, der hat das Unmögliche
geschafft, denn der konnte seine chinesische Freundin
dazu überreden, mit ihm um die ganze Welt zu segeln«, erzählte
mir Lee, der seinen Unterhalt in einer Schifffahrtsgesellschaft
verdiente, im Golfklub.
»Erstaunlich, denn ihr macht ja nur, was Geld einbringt,
und um die Welt zu segeln, gehört da nicht dazu«, antwortete
ich. Zwei Jahre Geld ausgeben, anstatt zu verdienen, um den
Reichtum zu vergrößern, passte tatsächlich nicht zur chinesischen
Lebenseinstellung.
»Ja, das ginge noch, aber unsere Frauen werden ja seekrank,
wenn sie nur ein Boot im Hafen sehen, was noch
schlimmer ist, als kein Geld verdienen«, kommentierte Lee,
ehe wir uns erhoben, um die angefangene Golfpartie zu beenden.
Die Sonne war schon nahe beim Horizont des dunkelblauen
Meeres, das zwischen den Bäumen des Golfplatzes
sichtbar war. Mit großer Bewunderung und nicht gerade
wenig Neid dachte ich an John. Er hatte als junger Mann für
eine Servicefirma auf den Bohrinseln gearbeitet. Man sah
ihn im Club mit seiner attraktiven Partnerin, der Tochter
einer reichen und angesehenen Handelsfamilie chinesischer
Abstammung.
141
Damals, also vor sechs Jahren, hatte er ein ausgemustertes,
zehn Meter langes Rettungsboot gekauft. Im Garten vor seinem
Haus hatte er es mit der Hilfe von Freunden in eine Segeljacht
umgebaut. Ein Teakdeck mit Luxuskabine, Steueranlage
und ein Mast wurden um den bestehenden Dieselmotor
herum eingebaut. Als es zum Zeichnen der Wasserlinie kam,
wusste keiner so genau, wie das anzustellen sei. Also bauten
sie mit Plastiktüchern einen Tank um das fertige Boot, füllten
ihn mit Wasser, bis das Boot schwamm. So wurde die Wasserlinie
gezeichnet und alle Neugierigen standen kurz darauf im
Hafen, als dann der Stapellauf stattfand, und lächelten mitleidvoll,
während John und seine Crew den Atem anhielten.
Ein Raunen ging durch die staunende Menge, übertönt vom
erleichternden Jubel der Crew, als die Hülle genau auf der Line
zur Ruhe kam. Probefahrten, Änderungen, Ausbesserungen,
Verbesserungen und das Anbringen von Ausrüstung, extra
Segel und vieles mehr füllten die nächsten Monate, während
John mit dem Sextanten am Ufer stand und Astronavigation
übte. Man brachte ihm bei, wie man die Sonne, den Mond und
die Sterne beobachtet und Standlinien zur Ortsbestimmung
auf eine Karte zeichnete. Experten halfen ihm beim Kaufen
der Karten, Gezeitentafeln, Reduktionstafeln, Logbuch und
so weiter.
Und dann, eines Tages bei Flut, verließen sie den heimatlichen
Fluss über die Bar und segelten gegen die untergehende
Sonne. Die Expat-Freunde mit letzten Anweisungen, mit
Abschiedsbier in der Hand und ein paar chinesische Freunde,
jeder mit seinen Gedanken, wehmütig, neidisch, traurig, sich
selber lösen wollend vom Angeborenen, von den Pflichten,
dem Alltag, in die Ungewissheit. Einfach mit dem Wind, der
Sonne entgegen, in das Abenteuer, in das freie Leben.
142
Singapur, Malaysia, Sri Lanka, Malediven, Seychellen,
dann die griechischen Inseln, der türkische Halbmond, die
Mafia, Maghreb, weiter durch den Panamakanal über Hawaii
in die ewige Südsee, dann Hochzeitsglocken auf Rara Tonga,
nie mehr seekrank, nur noch Honigsaft der Südseeblumen,
Vollmond, weiße Wellen, blaue See, dann Neuseeland, Australien,
der indonesische Archipel mit tausenden von verlassenen
Buchten, Korallenriffen, Singapur, Kuching, wieder über die
Bar in den Heimathafen. Zwei Jahre unbeschwertes Dahinziehen.
Wer von den alten Freunden war noch zu finden? Kein
Radio, nur spärlicher Kontakt, die meisten sahen erst das Boot
im Hafen, dort bei der Mauer, hinter dem offenen Markt ...
Der schon lange Vergessene, der Verschollene, die vermisste
Tochter waren wieder da.
Vom unbekannten Angestellten mit lokaler Freundin vor der
Abreise hatten sie es zu viel umworbenen Dinner-Party-Gästen
gebracht, die immer etwas zu erzählen hatten.
»Wie war’s, wart ihr viel seekrank, hattet ihr Heimweh, wo
hat es euch am besten gefallen? Wann geht ihr wieder?«
Mehr Fragen als Antworten, wo soll man anfangen zu erzählen?
Was ist wichtig? Es ist das eigene, ganz private Erlebnis,
nicht eines, das man teilt. Es will verarbeitet werden, man
muss den Schock überleben, dass die Zeit weitergegangen ist.
Die zwei Jahre hatten den Heimathafen verändert, Gesichter
wurden ausgetauscht, was einst bedeutend war, war weg, was
Nebensache war, ist Tagesgespräch oder existierte gar nicht
mehr. Zurück zu den Wellen, ohne tägliche Einkaufsliste, Dinner-Einladungen,
Clubrechnungen, Überlebenskampf, ohne
geregelte Leben.
Nein, sie ließen sich nieder. Von der langen Reise zeugt ein
Bild der Jacht an der Wand hinter dem Pult im Direktionsbüro
143
einer der Firmen des Schwiegervaters. Tiefblaue See, blauer
Himmel, weiße Segel, weißer Rumpf. Auf dem Pult ein Foto
einer strahlenden Mutter mit zwei kleinen Kindern. Neue Erlebnisse,
neue Werte, neue Kurse, andere Pflichten ...
144
Die Reise war ihr Ziel –
und nächstes Jahr fahren wir in die Schweiz
In der lokalen Zeitung stand es geschrieben, mit einem Bild
des strahlenden Seemanns, des guten Freundes, mit einer
Hand an den Wanten seiner 14 Meter langen Jacht »Seahawk«,
braungebrannt, den Blick in die Ferne gerichtet. In der blauen
Südsee, in der Nähe von Vanuatu, ganz unerwartet einem
Hirnschlag erlegen, fern von Hilfe und Unterstützung. Karl
war noch jung, hätte noch vieles sehen wollen, hatte noch vieles
vor. Alle, die ihn kannten, waren sprachlos, entsetzt, dann
sehr traurig.
Etwa ein Jahr davor führte ich ein ungewöhnliches Telefongespräch
in einer für mich völlig fremden Sprache. Auf mein
Ersuchen, sein Anliegen in englischer Sprache nochmals zu
wiederholen, fragte jener ganz entrüstete auf Englisch: »Verstehen
Sie denn kein Schweizerdeutsch mehr?«
»Doch, das schon, aber das war kein mir bekannter Dialekt!«
Schweigen. Dann stellte sich Karl in englischer Sprache als
Weltumsegler vor, der, soeben mit seiner Jacht aus Singapur
kommend, im Hafen von Muara eingelaufen sei. Und dort
habe man ihm diese Telefonnummer gegeben, denn schließlich
seien wir ja Landsleute.
Der Schauplatz war Brunei an der Nordküste Borneos.
Muara war der offizielle Hafen am östlichen Ende des Landes,
in der Nähe der Hauptstadt Bandar Seri Begawan. Ich lebte
mit meiner Familie am westlichen Ende, nahe der Grenze zu
Sarawak, wo die Ölindustrie ihre Niederlassungen hatte. Fahr-
145
zeit war, je nach Verkehr, eine bis etwa eine und eine halbe
Stunde. Da zuständig für die Belange der Seemessung einer
Ölfirma, die den Hafen von Muara frequentierte, kannte man
mich im und um den Hafen.
Schneller als gedacht bot sich eine Gelegenheit, geschäftlich
nach Muara zu fahren. Vom Ende der Hafenmauer sah ich
die weiße Jacht in der Bucht vor Anker liegen. Die rote Windfahne
des Autopiloten zierte das Schweizer Kreuz. Eine männliche
Gestalt bewegte sich auf dem Vorschiff, zu der ich eher
vorsichtig meine rechte Hand zum Gruß erhob. Die Gestalt
eilte zum Cockpit, griff zum Fernglas, kletterte nach kurzem
Blick ins Beiboot, um in elegantem Bogen zum Steg zu fahren.
Lange Vorstellung war nicht nötig und schon wurde ich
an Bord seiner blonden Frau Tina und dem zehn Jahre alten
Sohn Kurt vorgestellt.
Das Sprachengeheimnis wurde schnell gelüftet, denn seine
Frau war Holländerin und man sprach an Bord Holländisch.
Das Schweizerdeutsch wurde zum Cocktail der beiden
Sprachen mit Zugabe von etwas Englisch und Afrikaans. Karl
konnte sich kaum erholen, dass er die Muttersprache fast verloren
hatte. »Große Fahrt bringt einem nicht oft in Seehäfen,
in denen Schweizerdeutsch gesprochen wird«, tröstete er sich.
Viele gemeinsame Interessen der beiden bärtigen Träumer
führten schnell zu einer tiefen Freundschaft zwischen unseren
Familien. Wenn immer es die Zeit und Gelegenheit erlaubte,
besuchten wir Seahawk, segelten mit ihnen vor der Küste Borneos
oder zu der nahen Insel Labuan. Im Gegenzug besuchte
uns Karl auf ›Landurlaub‹.
Während den angeregten Unterhaltungen lernten wir
stückweise die lange Geschichte der Seahawk und ihrer Crew
kennen. Karls Schweizerdeutsch bekam wieder eine verständliche
Form, blieb aber gespickt mit Wörtern aus dem hollän-
146
dischen und englischen Sprachbereich oder komponierte, wie
das bei Auslandschweizern, die vom regelmäßigen Umgang
mit Landsleuten verschont blieben, eigene Worte.
Karl hatte in jungen Jahren die Liebe zur See als Maschinist
auf einem Hochseeschiff der Schweizer Handelsflotte kennen
gelernt. Bald einmal, müde von der Routine auf großen
Schiffen, hatte er in Rotterdam eine Segeljacht gekauft, die er
Seahawk nannte, womit er Charterfahrten in der Nordsee und
in den britischen Gewässern unternahm.
Sein Ziel aber blieb die große Fahrt mit seiner Jacht. Eines
Tages charterten sechs junge Damen die Seahawk für eine frohe
Fahrt. In der Annahme, dass der Gastgeber ihrer Sprache
nicht kundig sei, bewunderten sie munter den jungen Skipper
aus der Schweiz, bis sie dann erschraken, als er sie am Ende der
Fahrt auf gut Holländisch verabschiedete.
Nicht erschrocken war Tina, die ihr Herz an Bord verloren
hatte und bald als Frau des Skippers an Bord einzog. Als
Tochter eines Schlepper Kapitäns auf Europas Binnenwasserwegen,
kannte sie das Leben auf dem Wasser.
Nun begleitete sie ihn auf den Charterfahrten, anfangs von
Amsterdam und später von Wales, wo dann der Sohn, jung
Kurt, das Licht der Welt erblickte.
Der europäischen Kälte entfliehend, verlegten sie ihren
Hafenplatz nach Portugal. Dort wurde dann das Innere der
Jacht mit den günstigeren Arbeitskräften nach ihren Wünschen
umgebaut.
Die Takelage und die Position der Winden legten sie so aus,
dass die Jacht mit zwei Masten und bis zu 150 Quadratmeter
Segel zu zweit sicher gesegelt werden konnte. Alle Fallen führten
zum geräumigen Mittelcockpit, wo sich auch das große
Steuerrad befand, von dem der Skipper bequemen Ausblick
auf alle Winden und Segel hatte.
147
Im Heck entstand eine geräumige Kabine mit Doppelbett
für die Eigentümer. Im Mittelschiff, gerade vor dem Cockpit,
lag nochmals eine Doppelkabine mit zwei Einzelbetten und
einem Sofa. Mittschiffs davor, im Bug, war die Nasszelle mit
Toilette und Waschraum, an Steuerbord die Kombüse und
Backbord eine Werkstatt mit zwei Notbetten, die Karl und
Tina auf Charterfahrten bezogen, um die beiden großen Kabinen
bis zu sechs Gästen in zwei Partien zu überlassen. Das
Cockpit war so groß, dass alle acht Personen darin bequem
sitzen konnten. Zum Essen wurde ein Tisch aufgeklappt, der
ebenfalls acht Plätze hatte. Wurde nicht gesegelt, schützte ein
großes Stoffdach das Cockpit gegen Sonne oder Regen.
Um das Kap der Guten Hoffnung
Nach ein paar erfolgreichen Jahren in Teneriffa ging die Fahrt
mit kurzen Aufenthalten in Dakar und Monrovia nach Kapstadt.
In Ermangelung von genügend Charter-Aufträgen
nahm Karl eine Anstellung in der Stadt an. Sie kauften ein
Auto und lebten ein fast normales Landleben, bis die Unruhe
wieder überhandnahm und Karl seine Arbeit mit der Absicht,
weiter gegen Osten zu segeln, kündigte. Die Ferienküste Ostafrikas
mit Mombasa, Sansibar oder den kleineren Inseln vor
der Küste Tansanias war das nächste Ziel.
»Tagelang kämpften wir gegen die starke Strömung in der
Straße von Mozambique, waren tagelang mehr oder weniger
auf derselben Position. Und dabei haben wir die gute Jahreszeit
für die Fahrt gegen Norden gewählt«, erzählte Karl mit
feurigen Augen und fuhr weiter, »dann plötzlich sah ich direkt
vor uns das gefürchtete Schwarze Loch im Wasser. Ich
hatte davon gehört, aber nie richtig daran geglaubt. Du siehst
plötzlich kein Wasser mehr, fällst in einen tiefen Abgrund,
148
ich dachte das sei das Ende, schloss die Augen und hielt mich
am Steuerrad fest. Die Fahrt in die Tiefe war rasend, das Ende
nahe, dabei legte sich die Jacht stark, viel zu stark auf Steuerbord.
In Gedanken sah ich uns begraben im tiefen Loch mit
den Wassermassen über uns zusammenbrechen, die Segel mit
Wasser füllen, rettungslos. Doch plötzlich stoppte die rasende
Fahrt und die Jacht schoss wie ein Korken gegen den grauen
Himmel. Der Bug zeigte steil nach oben und das Boot richtete
sich auf, mit den Masten senkrecht gegen den rettenden Rand.
Mit zitternden Knien, die einzusacken drohten, sank ich auf
den Steuerstuhl. Was ist da passiert?, fragte ich mich. Die flatternden
Segel begannen sich im starken Westwind zu füllen
und die Jacht neigte sich leicht gegen Steuerbord und nahm
wieder Fahrt auf. Lange starrte ich vor mich hin und versuchte
herauszufinden, ob ich noch am Leben war, irgendwo unter
der Wassermasse in einer anderen Welt oder gar in einem
anderen Leben, denn es war einfach unglaublich, dass man
sowas überleben konnte. Erst als ich meine Frau und meinen
Sohn im Innern der Jacht sah, wusste ich, dass ich noch am Leben
war und atmete tief durch. Ein Glück, dass die zwei in der
Kabine und nicht auf Deck waren, wo sie sicher weggespült
worden wären. Im Innern wurde alles durcheinander geworfen.
Bücher, Geschirr, Werkzeug, Kissen lagen zerstreut in den
Kabinen. Einiges war zerbrochen, aber wir haben überlebt. Die
Wellen waren immer noch riesengroß, weshalb wir beschlossen,
den ersten Hafen in Madagaskar anzulaufen, um die Jacht
einer gründlichen Überholung zu unterziehen. Ich wollte die
Ruderanlage nachsehen, denn die Steuerung hatte wesentlich
mehr Spiel als vor der Fahrt durch die Hölle.«
Der ernste Ausdruck im braungebrannten Gesicht und der
Blick in den feurigen Augen des erfahrenen Seemanns schürten
Erinnerungen an Geschichten aus dem Bermuda-Dreieck
149
und vertrieben jeglichen auch noch so schwachen Gedanken
an Seemannsgarn. Oft in hohem Seegang mit dem Blick von
der Brücke in die tobende See erinnerte ich mich auf späteren
Fahrten an diese Schilderung, versuchte mir das Phänomen
des Schwarzen Loches im aufgewühlten Meer vorzustellen.
Gegen den Morgenstern
Vergessen war Sansibar und die Nelken, nur weg wollten sie
von der stürmischen Küste.
Diego Garcia, ein Teil des Chagos-Archipels in der Mitte
des Indischen Ozeans, bot sich als erstes Ziel auf dem Weg
nach Singapur. Dort waren die Besatzungsmitglieder des
USA-Stützpunktes dankbare Kunden für Wochenendausflüge
mit der Seahawk. Da seit langem die erste besuchende Jacht,
lud man die Besatzung in die Aufenthaltsräume ein und bewirtete
sie großzügig.
»Beinahe hätte ich dort die Seahawk verloren!«, erinnerte
sich Karl.
»Auf einem unserer Wochenendausflügen mit Garnison-Mitgliedern
erspähte ich einen amerikanischen Schlepper,
der teilweise zerschellt auf einem Riff lag. In der Annahme,
dass noch Diesel an Bord zu finden war, wollte ich mich an
dieser freien Tankstelle bedienen, zumal unser Tank beinahe
leer war. Unter dem Vorwand fischen zu gehen, verließen wir
eines Morgens den Hafen. Alle unsere Manöver wurden streng
kontrolliert, da die weitere Umgebung der Inseln Militärzone
war. Und so zogen wir in einer gewohnten Richtung vom Hafen
weg und bogen dann, außer Sicht vom Ufer, gegen das Riff.
Ich hoffte, dass sie uns nicht auf dem Radarschirm verfolgten.
Eigentlich wäre der Seegang viel zu hoch gewesen, um ohne
Risiko nahe genug am Wrack zu ankern, aber die Aussicht auf
150
Gratistreibstoff war allzu verlockend. So ließ ich das Motorboot
ins Wasser und versuchte das Ende eines Schlauches zum
Schlepper zu bringen. Allein das An-Bord-Klettern war eine
Riesenanstrengung, denn die Hülle war schon stark mit den
scharfkantigen Muscheln bewachsen, was für mich eine große
Verletzungsgefahr bedeutete. Auf und ab tanzte das leichte
Boot vor den Krallen, bis ich mich mit mutigem Sprung, den
Schlauch in einer Hand, an die Reling heftete, wo mir dann
aber der Schlauch entglitt. Es blieb nur ein gewagter Sprung
zurück ins Wasser, zwischen die Krallen des Riffes, um dann
nach dem langsam davontreibenden Beiboot zu schwimmen.
Nicht aufgeben. Für einen weiteren Versuch sicherte ich das
Boot mit langer Leine an der Jacht und band den Schlauch an
meinem Gurt fest. Dieser zweite Anlauf brachte Erfolg und ich
konnte den Tank mit etwas Mühe öffnen. Saugen, rief ich zur
Jacht. Schimpfendes Ausspucken bestätigte mir bald, dass der
Treibstoff floss. Alle möglichen Behälter wurden gefüllt und
ich habe bereut, dass die Seahawk keinen größeren Treibstofftank
hatte.«
Nach einer Pause fuhr er fort: »Immer näher trieb Seahawk
gegen das tödliche Riff und, was sicher im allerletzten Moment
war, sprang der Motor an und der Anker wurde gelichtet,
als wir schon achteraus Fahrt aufgenommen hatten, nur um ja
nicht von einer starken Welle auf das Riff oder das Heck des
Schleppers gehoben zu werden.«
»Wo sind nun deine Fische?«, wollte der Hafenmeister wissen,
nachdem wir wieder sicher im Hafen gelandet waren.
»Nicht einen einzigen richtigen Fisch haben wir gefangen,
nur ein paar kleine, die wir gleich wieder zurück ins Wasser
geschmissen haben«, antwortete Karl.
»Wo hast du dich denn verletzt? Deine Knie und Vorderarme
sehen ja aus, als wärst du in ein Riff gefallen«, fragte der
151
Hafenmeister verwundert, »muss wohl so sein«, fuhr er fort,
als von Karl nur ein kalter Blick als Antwort kam.
Und dann, ein paar Tage später, als sich Seahawk zur Weiterfahrt
klarmachte, offenbarte der Kommandant der Garnison:
»Karl, wir haben Treibstoff für dich bereitgestellt. Da wir
mit euch und der Seahawk eine gute Zeit hatten, haben wir
uns entschlossen, gratis aufzutanken, nur so, aus Dankbarkeit.«
Mit vielsagendem Blick schaute Tina den staunenden Karl
an, als wollte sie fragen: »Und, was sagst du nun?«
Singapur, Perle des Orients
Der Changi-Jacht-Club in Singapur war das nächste Ziel der
Reise. Teures Leben, schwierig Arbeit zu finden, keine Kundschaft
für Charterfahrten. Aber mit Beziehungen fand Karl
doch einige Kurzarbeiten, die den Lebensunterhalt ermöglichten,
nötige Ausbesserungen an der Jacht erlaubten und
somit etwas Ruhe ins bewegte Leben brachten. Auch musste
man sich wieder einmal ernsthaft um die Ausbildung des zehn
Jahre alten Sohnes Kurt kümmern. Die Mutter unterrichtete
ihn nach einem holländischen Fernkurs für seefahrende Familien.
Nur, dass im Leben neben der Seefahrtkunde auch Schule
wichtig sein könnte, wollte klein Kurt nicht so recht einsehen.
Er kannte alle Knoten, wusste, dass man einen Tampen oder
eine Leine immer mit dem Blick gegen die Sonne aufschießt
und dass übermorgen der Wind aus der Richtung der Öffnung
im Hof um den Mond kommen wird.
Er konnte im Dunkeln einen Außenbordmotor auseinandernehmen
und wieder zusammensetzen und wusste sogar,
wie man navigiert. All das interessierte ihn mehr als sieben
mal sieben. Das war gut für die Landratten.
152
Neben den Arbeiten am Land fanden Karl und seine Crew
viele Gelegenheiten, anderen Jachten im Hafen nützliche
Dienste anzubieten. Seine Erfahrung mit Dieselmotoren
und Navigationsinstrumenten machten ihn zum populären
Helfer in vielen Nöten, denn handelsmäßige Dienste sind in
der tropischen Weltstadt teuer und nicht sofort erreichbar,
vor allem, wenn man vor dem Auslaufen plötzlich ein störendes
Geräusch aus dem Motorenraum hört oder eine automatische
Steuerung nicht mehr richtig funktioniert. Tina half
mit Nähen aus, während klein Kurt mit dem Beiboot Taxifahrten
zwischen dem Ufer und den verschiedenen Jachten
ausführte.
Changi bot viele Möglichkeiten für kurze Fahrten zu den
Inseln um Singapur und über die Straße von Johor zum benachbarten
Malaysia. Viele versteckte Buchten boten ruhige
Ankerplätze mit klarem Wasser, das zum Tauchen und Baden
einlud. Auf der nahen Insel Ubin lag Hongs Marina mit einem
gern besuchten Fischrestaurant, wo sich sonntags die Gäste,
entweder auf dem Landweg mit Fahrrad oder auf dem Seeweg
trafen. Das Gedränge war so groß, dass man oft stundenlang
auf das Essen warten musste. Aber dies ließen sich die
Gäste gerne gefallen, denn was man dann bekam, war ausgezeichnet.
Pfefferkrebse, Garnelen, grillierten Fisch mit Belachan,
einer Garnelenpaste, deren Geschmack für Europäer
gewöhnungsbedürftig war. Oder dann gedämpften Fisch mit
Ingwer und orientalischen Gewürzen. Ganz speziell war der
Garupa, knusprig frittiert oder ganz einfach gebacken und an
süß saurer Sauce serviert. Nicht für jeden Geschmack war der
Quallensalat oder die Seegurke mit chinesischen Pilzen und
Kailan.
In Changi steht noch das berühmt-berüchtigte Gefängnis
aus der Kolonialzeit. Während der japanischen Besetzung im
153
Zweiten Weltkrieg wurden dort tausende der alliierten Truppen
unter bedenklichen Bedingungen gefangen gehalten.
Einer davon war »King Rat«, der mit einem ausgeklügelten
Fangsystem mit Rattenfleisch den Speiseplan bereicherte.
Unter den großen Bäumen der Straße entlang versteckten
sich gemütliche Restaurants, von denen man, begleitet vom
zarten, beruhigendem Rauschen des kühlenden Abendwindes
in den großen Blättern, das bunte Leben der Vorstadt beobachten
konnte. Dort trafen sich die »Big Bikers« mit den
Harley-Davidsons, Kawasakis oder Hondas für den Abendplausch.
Dort traf man auch die Öl-Leute von der Offshore
Base und die Jachties vom nahen Jachtclub. Im nahen Abendmarkt
konnte man bis spät in die Nacht für sehr wenig Geld
ein volles Nachtessen bekommen.
In Changi, wo man sich noch in den Orient verlieben
konnte, fühlte man sich schnell und gerne zuhause, obwohl
sich das nahe Singapur in den vergangenen Jahren zur modernen
Weltstadt im Orient entwickelt hatte. Und so hat auch die
Seahawk Crew sehr oft davon erzählt und dass sie, wäre das
Leben nicht so sündhaft teuer gewesen, gerne länger dortgeblieben
wären.
Für das nächste Ziel, Indonesien, musste vor der Abreise eine
Kreuzfahrtbewilligung für die indonesischen Gewässer eingeholt
werden. Dies erforderte eine Reihe von Besuchen auf
der indonesischen Botschaft. Formulare musste ausgefüllt
werden und Papiere, die den Ursprung, Besitz und Wert der
Jacht bestätigen, wurden verlangt. Fotos aller Besatzungsmitglieder
– nein, nicht nur das des Skippers – und die genaue
Reiseroute wollten sie haben.
»Wie können die das nur verlangen, ich weiß doch nicht,
wohin uns der Wind blasen wird, und wenn es uns in einer
154
Sunda Kelapa, der älteste Hafen von Jakarta, mit Pinisi, Frachtenseglern
aus Holz.
Bucht gefällt, wollen wir bleiben, nicht weiterziehen, weil es
nun mal so in unserem Fahrplan steht.« Um das Papier zu bekommen,
wurde dann doch ein Reiseplan hinterlegt.
Indonesien
Nicht der mondäne Jachthafen, sondern Sunda Kelapa, der
älteste Hafen von Jakarta, mit den großen bunt bemalten
traditionellen Lastsegelschiffen, genannt Pinisi, war das Ziel.
Seahawk legte hinter der Hafenmauer, kurz nach der Einfahrt,
den Anker. Die Einwanderungsbehörde glaubte, sie hätten den
Jachthafen nicht gefunden und wollte gleich hilfsbereit einen
Lotsen für die Fahrt zum Jachthafen abkommandieren. Das
lehnte Kurt mit heftigen Worten und Gesten ab und konnte
sogar erwirken, dass Seahawk für einige Tage neben dem bun-
155
ten Treiben der eleganten Boote mit den blauen Segeln liegen
durfte.
Einige der traditionellen Boote wurden ganz auf Motorbetrieb
umgerüstet, behielten aber den Mast als Kranbaum, denn
wo sie verkehrten, gab es keine Hafenanlagen mit Belade- und
Entladevorrichtungen. Was nicht mit eigenen Hebemitteln
befördert werden konnte, musste auf krummem Buckel über
schaukelnde Planken transportiert werden. Die Bemalung der
Boote war sehr geschmackvoll mit gut abgestimmten Farbtönen.
Die meisten dieser Lastensegler werden auch heute noch
in Makassar auf der Insel Sulawesi hergestellt. Kein schlechter
Wetterbericht kann diese Boote im Hafen festhalten, denn
sobald beladen, laufen sie aus. Sie sind Haupttransportmittel
zu den vielen kleinen Inseln im Indonesischen Archipel. Auch
nahmen sie abenteuerlustige Passagiere mit, obwohl es meistens
nicht die schnellste, aber immer die billigste Art war, um
von einer Insel zur anderen zu gelangen.
Die Distanzen in Indonesien sind riesengroß und so ziehen
die Boote, je nach Wind, wochenlang durch die blauen Wellen.
»Navigiert wird nach den Sternen, Strömungen, Vogelflug,
bestenfalls mit magnetischem Kompass, der dir aber auch
nicht allzu viel hilft, wenn dein Kurs durch die starken Strömungen
versetzt wird!«, erzählte Karl. »Aber, was habe ich anders
getan?«, erklärte er sich am Kopf kratzend weiter.
»Wir sind mit dem Kompass um die halbe Welt gefahren
und haben nur selten eine astronomische Standlinie mit
dem Sextanten gemessen. Höchstens mal eine Sonnenhöhe
am Mittag. Wenn du dich auskennst und etwas Gefühl hast,
weißt du genau, wie deine Jacht segelt und so wirst du immer
ans Ziel kommen.«
Dabei schaute ich nachdenklich auf die alte Karte Borneos,
die total überholt und in einem Maßstab war, der eine
156
Einfahrt zum Ziel, eine Bucht mit weißem Sandstrand, nur
erahnen ließ, geschweige denn Details wie Felsen und Korallen
zeigte. Dafür stand überall eine Referenz zu Detailkarte,
Nummer so und so, die Karl nicht hatte, nicht haben wollte.
»Wo soll ich denn die Karten der ganzen Welt aufbewahren?
Ich bin doch kein schwimmender Bücherladen, oder?«
Langsam näherte sich Seahawk der Landzunge, die sich
weiß vom Horizont abhob. Karl stand im Bugkorb und schaute
ins vollkommen klare Wasser. Fische tummelten sich
zwischen den Felsen, die teilweise bis fast zur Oberfläche
reichten. Aber unbeirrt winkte die Hand des Skippers zum
Weiterfahren. Kein Echolot, und der Sand erschien mir schon
ziemlich nahe unter der Wasseroberfläche. Etwas Steuerbord,
dann wieder Backbord und immer noch war der Anker in seiner
Hand. Ich sagte nichts, denn »Dreinreden« war das letzte,
was Karl ertragen konnte und Erfahrung hatte er, nur, wusste
er vom Korallenriff gerade voraus? Erleichtert beobachtete ich
endlich das Kommando für eine Kursänderung, also musste er
die Gefahr erkannt haben.
»Ein halber Meter Wasser unter dem Kiel«, meldete er und
wartete, bis die Jacht mit flatternden Segeln stehenblieb, ehe
er den Anker fallen ließ, sich nochmals versichernd, dass er
nicht auf einem Korallenriff oder hinter einem Felsbrocken
zu liegen kam. Da es windstill war, kommandierte er langsam
achteraus, fierte Ankerkette, bis etwa zwanzig Meter davon auf
dem Grund lagen, versicherte sich, dass der Anker hielt.
»Du schaust mich ungläubig an, wenn du es nicht glaubst,
spring über Bord und tauche!«
Das tat ich dann später, ganz unauffällig, dachte ich.
»So, und nun?« nichts entging dem umsichtigen Bootsführer.
»Du hattest recht, ein halber Meter unter dem Kiel, ganz
genau!«
157
Im frischen Abendwind zogen wir Stunden später am Trident
Shoal Beacon vorbei in den Hafen von Labuan. Da die
hohe Hafenmauer jeden Blick auf das offene Wasser verhindern
würde, fuhren wir in die Bucht zu den philippinischen
Holzbooten, die der Küste entlang eifrigen Kleinhandel und
Schmuggel betrieben. Auch waren dort einige sehr rostige
Fischkutter, deren Nähe Karl meiden wollte. »Du weißt nie,
wenn die Ankerkette durchrostet oder sich das ganze Spill
vom Deck löst.«
Deshalb maß der erfahrene Skipper mit sorgfältigem Blick
die möglichen Abtriebwege der Boote, falls so was passieren
sollte, und entschied sich dazu, in der Nähe der philippinischen
Boote zu ankern. »Die wohnen auf den Booten und
möchten schließlich wieder nachhause fahren, also tragen sie
ihrer Ware besser Sorge als die verkommenen Fischer.«
An Land schlenderten wir den Verkaufsständen der Philippiner
entlang, die in drei Reihen bedruckte Tücher, Stickereien,
Schnitzereien aus Holz, Büffel Horn, Muscheln, Ölgemälde,
Lampen, hergestellt aus Perlmutterplättchen, geheimnisvoll
im zarten Wind klingend. Braune Kinder mit Mandelaugen
spielten herzhaft lachend im Sand, freuten sich an der Sonne.
Murtabak heißt ein orientalisches Gericht, eine gefaltete
Omelette, die eine ganze Mahlzeit sein kann. Der Teig wird
dünn ausgeknetet und dann vergrößert, indem der Koch ihn
mit beiden Händen hält und mit ruckartigen, rotierenden Bewegungen
durch die Luft vergrößert. Wenn er hauchdünn ist
und so etwa fünfzig Zentimeter Durchmesser hat, wird er mit
Füllung, bestehend aus Gemüse, Schaffleisch und Gewürzen
belegt und zusammengefaltet bis ein flaches Paket entsteht,
das dann, wenn auf der heißen Kochplatte gebraten, gut auf
einen Teller passt. Dazu serviert wird Dal, ein mildes Curry
158
mit Linsen. Die Straßenrestaurants, in denen dieses Gericht
serviert wurden, sind »Kedai Kopi«, was übersetzt Kaffeeladen
heißt. Sie sind auf ebenem Boden, offen zur Straße. Der Kochplatz
ist am Eingang, um den Dampf und die Hitze abzulassen
oder aber auch um Gäste zu animieren. Die Tische sind rund,
ohne Tischtuch und die Gäste sitzen auf Metallklappstühlen.
Als Servierpersonal dient meistens ein alter Inder, entweder
der Bruder oder dann ein anderer Verwandter des Koches. In
indischen Restaurants sah man nie eine Frau servieren. Sie saß
hinter der Kasse und schaute darauf, dass richtig abgerechnet
wurde. Das war das Mittagessen der Seahawk-Crew, ehe sie
nach einer Nacht im Hafen den Anker für die Rückfahrt nach
Muara lichteten.
Zum Essen trinkt man Tee, Tarik, Kopi O, Kopi Kosong
oder Kopi O Kosong. Tarik heißt ziehen und der gezogene Tee
entsteht, indem man Tee aus etwa fünfzig Zentimetern Höhe
aus einer Kanne in die Tasse gießt, in die zuvor süße Kondensmilch
gegeben wurde. Es ist eine Kunst. Der Koch hält den
Ausguss der Kanne an die Tasse und zieht die Kanne, während
er gießt, in die Höhe. Große Könner bewegen im selben Moment
mit der linken Hand die Tasse nach unten. Kein Tropfen
wird verschwendet. Die Kaffeegeschichte ist komplizierter.
Kopi ist Kaffee mit Zucker und Milch, Kopi O ist Kaffee mit
Zucker ohne Milch, und O Kosong ist schwarzer Kaffee ohne
Milch, ohne Zucker, also Natur. Kosong heißt übrigens Null
in malaysischer oder indonesischer Sprache. Alles sehr verwirrend.
Borneo- oder auch indonesischer Kaffee ist sehr stark
und hat ein ungewohntes Aroma, dem jeder verfällt, wenn
er ihn jahrelang getrunken hat. Kenner schütten einen Löffel
des groben Pulvers in einen Krug und übergießen es mit heißem
Wasser. Da das Pulver nicht zergeht, ist die Flüssigkeit
angereichert mit Kaffeesatz. Man sieht das an den Zähnen der
159
alten Männer, die ihre Tage bei schwarzem Kaffee und dem Erzählen
von Geschichten verbringen. Die meisten tragen lange
weiße, dünne Bärte, die einen gerne an Ho Chi Minh erinnern.
»Piraten?«, schaute mich Karl darauf angesprochen an.
»Wenn’s um Piraten geht, bin ich der gefährlichste, die sollen
sich nur hüten vor mir, denen würde ich es zeigen.«
»Bewaffnet?«
»Nie, denn das gibt nur Ärger und wenn du anfangen willst,
musst du ganz sicher sein, dass du besser bist und alle umbringst,
sonst kommen sie mit einer ganzen Armada für eine
Seeschlacht zurück. Zähne, aber ja keine Angst zeigen, frech
auftreten, nicht den Reichen spielen, selber nichts haben und
ihnen das glaubhaft beibringen.«
»Nur Geschichten?«
»Nein«, wandte Tina ein, »in der Malakka-Straße ist genau
das passiert. Ein schnelles Motorboot tauchte plötzlich
am Horizont genau vor der untergehenden Sonne auf und
näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Karl schickte mich
und den Sohn in die Kabine und machte sich im Cockpit für
den Empfang bereit. Sie waren bewaffnet, aber Karl verweigerte
ihnen in harscher Sprache an Bord zu kommen, was ihnen
Eindruck machte. Er erzählte ihnen, dass er nichts habe, selber
kein Geld und der Radio nicht funktioniere, was er demonstrierte
und was auch stimmte. Um sie freundlich zu stimmen,
erlaubte er dem Anführer an Bord zu kommen, um sich zu
vergewissern, dass keine teure Navigationsanlage an Bord sei.
Grimmig schaute er drein, aber Karl beharrte darauf, dass er
ohne Waffe an Bord komme, was dieser nach etwas Zögern
auch tat.«
Karl, der bloß bei der Erinnerung an das Geschehen mit
den Zähnen knirschte, schnitt ein böses Gesicht, was dem wil-
160
desten Piraten Angst einjagen musste. »Bestimmt hatte er das
genossen«, dachte ich.
»Ja, dann war er an Bord, ich wusste nicht, was passieren
würde, falls er Frau und Sohn finden würde. Aber zu meinem
Erstaunen erwiderte er ihren holländischen Gruß auf Holländisch.
Gierig schaute er durch alle Kabinen. Als er in der Kombüse
war, sagte ich ihm, er soll ein paar Dosen Bier mitnehmen,
was er tat und dazu noch die weißen Bohnen und den
Sack Zwiebeln einpackte. Ehe er Seahawk verließ, schmiss er
noch den Benzintank des Beibootes zu seiner Crew.«
»Erst als das Boot wieder über dem Horizont verschwunden
war, erlaubte ich meinen Knien zu zittern, die Spannung
war zum Zerplatzen«, beendete er die Geschichte.
»Hoj Jan«, schrie er mit mächtiger Stimme gegen einen großen
Schlepper, der sich in langsamer Fahrt dem Hafeneingang
näherte, als Seahawk am nächsten Morgen aus der Bucht von
Labuan segelte. Jan tauchte auf der Brücke auf und erwiderte
den Gruß. Ein paar Fetzen eines Gesprächs flogen hin und her.
»Alles nette Kerle, diese Schlepper-Kapitäne, schönes Leben,
guter Lohn.« »Aber keine Freiheit«, ergänzte Karl nach einer
kurzen Pause.
Betretenes Schweigen, als Karl wissen wollte, wie nun die
Bundesräte hießen und welchen Parteien sie wohl angehörten.
»Wie ist das Leben in der Schweiz? Ich war schon lange
nicht mehr dort, vielleicht zwanzig Jahre oder so.«
»Da kennst du dich nicht mehr aus.«
»Du meinst also, ich müsste Schuhe und ein Hemd anziehen?«
»Vermutlich würdest du das sowieso, denn vielleicht
kannst du dich noch erinnern, dass es ab und zu mal kalt ist in
der Schweiz.«
161
»Nächstes Jahr fliegen wir in die Schweiz«, versprach er seinem
Sohn, der seine Heimat noch nie gesehen hatte.«
»Oh ja!«
Nur, dazu kam es leider nicht ...
Kurze Zeit nach jener Labuan-Fahrt rief Karl an, um sich zu
verabschieden.
»Port Moresby in Papua-Neuguinea ist unser Ziel. Durch
die Sulusee, nördlich um Borneo und dann südlich um die
Philippinen, ganz einfach.«
Ich ließ es mir nicht entgehen, nach Muara zu fahren, um
persönlich Abschied zu nehmen. Kräftiger Händedruck, wir
schauten uns tief in die Augen, denn wir waren in der kurzen
Zeit gute Freunde geworden.
Dann, fast ein halbes Jahr später, eine Karte aus Port Moresby.
Es war eine schöne Reise, blieben etwas auf den Philippinen,
nicht lange genug, aber Karl dachte, er könne Arbeit
finden in P. M., wenn nicht, dann halt in Australien, wir werden
uns melden.
Dann der Artikel im Borneo Bulletin ... Aus, vorbei, unvorstellbar.
162
Nicht die Seniorenresidenz
S. Y. Heron – Orlando
Es war jener heiße Samstagnachmittag im tropischen Borneo
nach dem wohlverdienten Mittagsschlaf. Ausnahmsweise mal
nicht auf Abruf, also ab zum Golfplatz für ein paar Löcher und
dann ein paar Biere zum Abkühlen oder Aufheitern, falls der
Blick auf die Scorekarte das nötig machen würde. Kurz nach
Ausfahrt aus dem Camp überholte ich eine Gruppe von drei
Leuten, die offensichtlich in Richtung Stadt der Fahrstraße
entlang unterwegs waren. Ein Grauhaariger mit einer Kühlbox,
gefolgt von einer ebenso grauhaarigen Frau und einer
jüngeren, offensichtlich der Tochter. Leicht zu kombinieren,
dass es sich dabei um die Crew der Jacht handeln musste, die
seit einem Tag im trüben Fluss nahe der Brücke vor Anker
lag. Sterne und Streifen am Heck bezeugten, dass es sich um
US-Amerikaner handeln musste. Seit Jahren war das die erste
fremde Jacht, die sich in den schmalen Fluss verirrt hatte.
Ende war bei einer sogenannten Bailey-Brücke, wie sie von
Heereseinheiten und dann von Ölfirmen für temporäre Flussübergänge
gebaut und später dem öffentlichen Verkehr überlassen
wurden. Die Holzplanken quer zur Fahrbahn ratterten
bei jeder Überquerung, zum nächtlichen Ärger der nachbarlichen
Bewohner. Oberhalb der Brücke lag der Hafen für die
große Flotte bunter Fischerboote, dicht gedrängt an wackligen
Stegen.
Kurz vor der Gruppe parkierte ich meinen Land Cruiser
und bot den sichtlich bereits sehr überhitzten Fußgängern an,
sie in die Stadt zu fahren. Ohne lange zu zögern, nahmen sie
163
erleichtert im Auto Platz und erklärten, dass sie einen Supermarkt
und vor allem eine Bank sehr dringend aufsuchen wollten
und dass sie sich daran erinnern, kurz nach der Mündung
des Flusses eine Fähre gesehen zu haben, die wohl der direktere
Weg sei als über dem Fluss, der gewundenen Straße entlang,
und eben, »zuerst müssen wir Geld wechseln«.
»Trotzdem, es sind noch drei Kilometer bis zur Fähre«, ließ
ich sie wissen.
»Komm an Bord, heute Abend. Auch werde ich für die Reise
bezahlen!«, lud mich der Skipper ein.
»Bezahlen nicht, aber gerne werde ich bei einem kühlen
Drink eure Geschichte hören«, willigte ich ein.
Die 18 Löcher Golf waren zum Vergessen, denn meine Gedanken
kehrten immer wieder zurück zur amerikanischen
Crew der Heron, so dass ich mich schneller als üblich von der
Golfrunde verabschiedete.
Als sich der heiße Tag zu Ende neigte, begab ich mich zu
Fuß zur Brücke.
»Willkommen an Bord der Jacht Heron«, begrüßte mich
die strahlende Lady, als ich mit Larry nach kurzer Überfahrt
vom Beiboot über die Bordleiter ins Cockpit der Jacht stieg.
Und das ist Rachael, unsere Tochter, »Schiffsjunge«, strahlte
die junge Frau, als sie aus der Kabine ins Cockpit kletterte.
»Alles etwas eng, aber genug für drei Schmale.« Letzteres traf
zu, denn alle waren von eher geringer Statur, anders als man
die Nordamerikaner sonst kannte. Auch stellte ich fest, dass
sie weit über siebzig Jahre alt sein müssten. Deshalb wohl die
Tochter als Schutz und Begleitung.
Vor drei Jahre hatten sie ihre Heimat in New Jersey verlassen,
waren unterwegs mit dem Ziel, die Welt zu umrunden,
um dann via Panama-Kanal wieder an der Ostküste ihre Reise
zu beenden. »So Gott will, denn wir sind ja nicht mehr gerade
164
jung«, erklärte Lindsay in ihrem gepflegten amerikanischen
Akzent der Ostküste.
Larry war Universitätsprofessor an einer renommierten
Hochschule in den USA. Nach der Pensionierung hatten sie
ihr Haus gegen die Jacht eingetauscht, ohne früher je gesegelt
zu haben. In der Chesapeake Bay wohnten sie auf der Jacht
in einer großen Marina, richteten das Boot nach ihren Wünschen
aus und erlernten das Handwerk des Fahrtensegelns.
Drei Jahre nahmen sie sich Zeit, in der Bay, vor der Küste, ehe
sie den Schritt über den Atlantik wagten. Sie ließen sich Zeit,
schipperten von einer kanarischen Insel zur andern. Passierten
Gibraltar, landeten nach Besuchen von Spanien, Sizilien
und Tunesien im griechischen Kos, wo sie gleich zwei Jahre
verweilten. »Dazu hat nicht nur der griechische Wein, sondern
auch die Mythologie, eine alte Leidenschaft meiner Frau,
ein Wesentliches beigetragen. Auch konnten wir die Jacht ein
halbes Jahr für einen Heimurlaub zurücklassen!«
Bis dahin waren die zwei allein, aber auf der Rückkehr zur
Jacht in Kos begleitete sie ihre Tochter Rachael, in den frühen
dreißiger Jahren. Da sie leicht autistische Züge hatte, war für
sie das behütete Leben an Bord, wo sie auch als Stütze der betagten
Eltern eine dankbare Aufgabe hatte, die ihrem Leben
einen tiefen Sinn gab. Nur bei meinem ersten Besuch auf der
Jacht beschäftigte sie sich nach kurzer Begrüßung im Innern
der Jacht.
»Viel Platz hat es nicht für drei, aber man gewöhnt sich daran.
Wir haben so einen Zeitplan aufgestellt, der jedem erlaubt,
zu einer gewissen Zeit seinen Gewohnheiten oder Pflichten
nachzugehen«, erklärte Lindsay. Als amüsantes Beispiel erklärte
sie weiter: »Ein Tag in der Woche ist mein Backtag, an dem
ich das Brot für eine Woche backe. Auf See ist es oft gefährlich,
auf engem Raum mit den heißen Blechen sicher umzugeben.
165
SY Heron in Miri (Sarawak).
Aber dann, sicher kommt der Skipper, wenn gerade die Brote
fertig sind, und muss ganz unbedingt in die vordere Kabine,
oder die Tochter, nur ganz schnell, aber sehr dringend.«
»Ja, ja, und wenn ich am Spleißen eines gerissenen Taus bin,
dann muss auch immer gerade dann jemand dort im Kasten
166
etwas holen.« Aber ein großes Problem scheint mir das nicht
zu sein, denn sehr bald wurde mir bewusst, dass die Crew der
Heron ein einwandfrei arbeitendes Team war.
Im Gespräch merkte ich, dass die Reise perfekt geplant
war und dass eigentlich nichts dem Zufall überlassen wurde.
»Und was hat euch in diesen verschmutzten Fluss gebracht,
in dessen Ufergebüschen alles nur mögliche Tropenungeziefer
haust?«
»Proviant und Getränke zu kaufen war der Plan. Eigentlich
war Kuching in Sarawak das Ziel, aber als wir von Singapur
kommend die Nordborne-Küste ansteuerten, waren die Wetteraussichten
so schlecht, dass wir beschlossen, mit sicherem
Abstand der Küste entlang zu segeln. Ein Blick auf die Karte
und die Beschreibung im Pilotenbuch gab mir die Überzeugung,
dass die Ölstadt Miri ohne Tiefseehafen eine gute Option
sei, denn bis nach Muara am östlichen Ende von Brunei
wäre Hunger ein übler und sehr unerwünschter Begleiter geworden.«
»Und, sind Sie nun zufrieden?«
»Sicher nicht das Paradies, aber nötige Erholung gibt es
hier und die Insekten haben uns auch nicht überfallen! Und
dem Zoll habe ich gesagt, dass wir vier Tage bleiben werden.«
»Und dann? Borneo?«
»Bis zu den Inseln nördlich von Borneo, dann in die indonesische
Inselwelt, zurück nach Singapur, wo Heron in einem
Jahr in Changi überholt werden muss, wofür wir bereits mit
einer Werft einen Vertrag haben. Und dann werden wir wieder
mal in die Staaten fliegen.«
»Mutig, in diesem hohen Alter«, dachte ich mir. Sie werden
dann beide über der Mitte der Achtziger sein.
167
Zwei Jahre später
In einer Werft in Singapur erhielt der Umbau einer Motorjacht
mit Aluminiumhülle den letzten Schliff. »Die sollten Sie sich
ansehen, ganz unverbindlich, versteht sich, nicht gerade billig,
aber genau das, was Sie, so wie ich Sie kenne, suchen«, informierte
mich der Jacht-Makler, mit dem wir seit etwa einem
Jahr in Verbindung standen. Die Werft war zu Fuß von meinem
Arbeitsplatz während der Mittagspause gut erreichbar.
Ich traute meinen Augen kaum, als ich mich, um eine Ecke
biegend, dem Heck der Heron gegenüber fand. Nicht im Wasser,
sondern hoch auf einem Trailer an Land. Kaum hatte ich
mich erholt, als auch schon Larry aus der Halle trat und mich
gleich erkannte. Freudig begrüßten wir uns, und schon erschienen
seine beiden Damen aus dem Schatten der Jacht. Es
war ein freudiges Wiedersehen.
»Doch, wir waren unterwegs, haben viele indonesische Inseln
besucht, haben gelernt mit den komplizierten Formalitäten
klar zu werden, haben sogar das von der Sprache gelernt,
was wichtig war«, erklärte mir Lindsay nicht ohne Stolz. Dann
die geplante Überholung in Singapur mit dem Heimataufenthalt,
alles geplant. Gesundheitliche Probleme, die altershalber
kaum noch zu vermeiden waren, erwähnten sie ganz am
Rande nur: »Wir waren sehr froh, dass unsere Rachael wieder
mitgekommen ist und wieder eine eigene Karriere in den
Hintergrund gestellt, also verschoben, hatte«, lobte die stolze
Mutter ihre Tochter.
»Und, was bringt euch schon wieder aufs Trockene?«, wollte
ich wissen.
»Ja, das ist eine traurige Geschichte. Nach der geplanten
Arbeit verließen wir Singapur mit dem Plan, übers Südchinesische
Meer ohne Zwischenhalt zu den Philippinen zu segeln.
168
El Nido mit den verträumten Buchten am Nordende von Palawan
soll schön sein für eine ruhige Zeit mit Schnorcheln,
Fischen und nur das Leben zu genießen. Alles ging nach
Plan, denn wir hatten die ruhige Wetterperiode gewählt,
die Vorhersagen waren gut. Doch nach den Natuna-Inseln
änderte sich plötzlich die Situation, raue See kam auf, das
Fahren wurde ungemütlich und plötzlich gab es einen heftigen
Knall und die Ruderanlage war weg, Ruderblatt, Pinne,
alles. So trieben wir ruderlos quer vor dem Wind, bargen die
Segel, überlegten, was wohl zu tun sei«, erklärte Larry, noch
sichtlich bewegt.
»Da hatte ich das erste Mal Angst, nach all den Jahren zur
See. Ich habe gebetet und gebetet und gehofft und wie durch
ein Wunder ließ der Wind nach und die See glättete sich«,
mischte sich Lindsay ein.
»Und, was habt ihr unternommen?«, griff ich das Thema
wieder auf.
»Das Großsegel wurde geborgen. Den Großbaum legten wir
über das Heck, vertäuten ihn und so wurde er zum Notruder.
Da ich aus Erfahrung wusste, dass es auf Borneo kaum eine
Werft gab, die eine Tourenjacht reparieren könnte, nahmen
wir Kurs zurück nach Singapur. Nur mit Vorsegel und Motor
brauchten wir eine Woche, bis wir hier landeten. Wohlauf und
zufrieden, nur ohne Ruderanlage.«
»War das eine fehlerhafte Montage in der Werft?«, fragte ich
vorsichtig. »Das ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen, ich
meinte aber, dass ein paar Schrauben nicht gesichert wurden.
Das habe ich nicht weiterverfolgt, da die Versicherung die Kosten
für die Reparatur, allerding ohne Entschädigung für verlorener
Zeit, übernahm. Aber was soll’s, Zeit habe wir ja und El Nido
wird immer noch schön sein!«, erläuterte der positiv gestimmte
Skipper.
169
»Allerdings, die Aufregung und die Anstrengungen waren
wohl zu viel für meinen Vater, denn als das Schiff sicher auf
dem Bock stand, erlebte er einen Zusammenbruch, der ihn
eine Woche ins Spital verbannte.«
»Und nun, seid ihr wieder bereit, die Reise fortzusetzen?«
»So was kann uns nicht abhalten von unserem großen Plan,
nur werden wir etwas weniger Zeit auf den Philippinen bleiben,
ehe wir über den Pazifik von Insel zu Insel, vielleicht noch
Hawaii, durch den Panama-Kanal die heimatlichen Gewässer
ansteuern werden.«
»Zurück in die Chesapeake Bay?«, fragte ich.
»Siehst du, Lindsay, unser Freund kann sich noch erinnern,
was wir ihm vor Jahren anvertraut hatten.«
»Es ist das Buch von James Michener, das mich so tief beeindruckt
hatte, dass ich in meinem Kopfkino mit euch auf der
Bay segeln kann.«
Kurz vor der Abfahrt wurden seine Worte immer karger,
die Diskussionen verkürzten sich, für den Skipper hat der
Countdown begonnen, voll konzentriert, fokussiert auf die
Aufgabe, die Heron und die Crew sicher über die Wasser zu
führen. Etwas anderes zählte im Moment nicht, der Blick ins
Innere gerichtet. Losgelassen vom Ufer, Schiff ahoi. So verabschiedeten
wir uns mit wenigen Worten. Vom Ufer verfolgten
unsere Blicke das kleine Beiboot, bis die drei im Innern der
Jacht verschwunden waren und das Beiboot auf Deck gesichert
war.
»Farewell, liebe Freunde, werden wir uns jemals wiedersehen?«
Beide waren sie mehr als neunzig Jahre alt und immer noch
ein Leben voller Pläne.
Larry durfte die heimatliche Küste leider nicht mehr sehen,
Lindsay und Rachael brachten die Jacht zurück, wo die Toch-
170
ter ihr eigenes Leben begann, während sich Lindsay an Land
zur Ruhe setzte, die Jacht verkaufte.
»Wir haben unseren besten Freund, Denker und Planer
verloren. Mit ihm war Segeln immer eine Freude«, waren ihre
Worte an die guten Freunde rund um die Welt.
171
Der große Strom
Roll on Mississippi – Geschichten und etwas Geschichte
Misi bedeutet in einer Indianersprache groß und Sipi Wasser.
Ein Wort, das Träume und Fantasie seit Generationen in weltberühmten
Songs und Geschichten beflügelt.
Für mich war der Auftrag in den Südstaaten die Erfüllung
des letzten M-Traums aus meiner Kinderzeit. Nach den
Mangrovensümpfen Afrikas und der Magellan-Straße verlor
sich das abendliche Silberband des Mississippi am Horizont
in den Bayous des Deltas, das wie der Absatz eines Cowboystiefels
in den Golf von Mexiko sticht. Voller Erwartung folgte
mein Blick dem gewundenen Lauf, während sich das kleine
Flugzeug im Sinkflug dem Flugplatz von Lafayette in Louisiana
näherte. Die ehemaligen Mäander zauberten ein buntes
Muster in die breite Stromau, dort, wo die Altwasser und
Nebenarme Zeugen der Veränderungen des Flusslaufs durch
natürliche oder künstliche Durchbrüche im Laufe der Zeit
waren und damit das Leben auf sowie am Fluss immer wieder
vor neue Probleme gestellt hatten.
Dass ich nicht in einer Metropole gelandet war, wurde mir
während der halben Stunde Warten auf ein Taxi so richtig
klar.
»Ganz wenige der ankommenden Passagiere verlangen
ein Taxi. Geschäftsleute werden von der Firma abgeholt, auf
die anderen warten Freunde oder das eigene Auto!«, erklärte
Lucy, die Patronin von Lucy-Transport am Steuer eines Chevrolets
aus den sechziger Jahren.
172
Als ich dann zwei Stunden später im Hotel wieder ein
Taxi bestellte, um fürs Nachtessen zum wärmstens empfohlenen
Blue Dog Restaurant zu gelangen, tauchte nach langer
Wartezeit wieder Lucy auf. »Hättest du mir gesagt, dass du
das Motel nochmals verlassen willst, hätte ich dir das Warten
erspart. Und, abholen kann ich dich aber nicht, denn
ich bin ausgebucht für den Rest des Tages!«, erklärte Lucy.
»Aber Blue Dog ist top, falls du Cajun-Küche mit Gumbo
und so was magst«, fuhr sie weiter, »der Wirt ist ein Spinner,
nur Hunde, du wirst sehen, hunderte von Hundebildern an
allen Wänden!«
Und schon landeten wir am beleuchteten, von blauen Hundeskulpturen
eingerahmten Tor unter der blauen Markise.
»Sie kommen vom Metro-Inn, wir haben einen Tisch für
Sie reserviert!«, begrüßte mich die junge Frau am Empfangspult
mit dickem Reservation Buch. »Folgen Sie mir«, führte
sie mich zu einem Zweiertisch im hinteren Teil des verwinkelten
Lokals und deponierte die Menükarte vor mir. »Spezialität
heute: gebackener, geschwärzter Fisch auf schwarzen
Spaghetti mit grünen Bohnen«, und weg war sie.
Weiter suchte ich nach Gumbo, fand es unter den Vorspeisen,
bestellte das mit der Tagesempfehlung und einem Glas
trockenem Weißwein. Auf das Essen wartend, bewunderte ich
auf einem Rundgang durchs Restaurant die Vielfalt der Hundebilder.
Von großen Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen
bis zu kleinen, vergilbten Fotografien.
Gumbo, Schätze aus dem Bayou mit lokalem Langkornreis,
war ein Hochgenuss. Aber trotz großem Hunger fragte
ich mich, ob das wirklich eine Vorspeise war. Dass man sich
als Europäer in den Südstaaten an größere Portionen auf den
Tellern gewöhnen müsse, hatte ich schon mal von erfahrenen
Kollegen gehört. Auch den schwarzen Fisch auf schwarzen
173
Spaghetti verzehrte ich mit großem Genuss, gab aber dem Angebot
von regionalen Nachspeisen eine Absage.
In der Gewissheit, den Weg zum Hotel zu finden, begab ich
mich in der warmen Abendluft auf den Weg der Straße entlang.
Nach einer Wegbiegung sah ich in der Ferne die Stahlkonstruktion
einer alten Brücke, die schon auf dem Hinweg
mein historisches Interesse geweckt hatte. Nur wenige Fahrzeuge
und gar keine Fußgänger waren an jenem Samstagabend
unterwegs. Auf einer Gedenktafel an einem der Pfeiler
stand, dass am 17. April 1863 bei der Pinhook-Brücke eine
Schlacht zwischen den Blauen, den Regierungstruppen, und
den Grauen, den Rebellen aus dem Süden, getobt hatte.
Der Schlummertrunk im Motel blieb ein Wunsch, denn
die Bar war schon zu und die Minibar im Zimmer leer.
Zum Golf von Mexiko
Am Tag darauf wurde ich, wie vereinbart, vom Hotel abgeholt
und in Morgan City am Kay dem Kapitän des Forschungsschiffes
MS Albuquerque übergeben. Kaum an Bord,
löste die Crew die Leinen, denn es war höchste Zeit, um unter
der Hebebrücke durchzufahren, die nur jeden Mittag für
den Schiffsverkehr angehoben wurde. Auf dem Atchafalaya-
Fluss begann die Fahrt durch das weitläufige Delta gegen
den Golf von Mexiko. Bald verschwanden die mächtigen
Kräne der Schwerindustrie hinter den Zypressenbäumen.
Die gelben, roten und grauen Stahltürme glichen einem ganzen
Wald, denn Morgan City gehörte zu den Zentren, von
denen die Ölindustrie weltweit mit dem Bau von Stahlkonstruktionen
beim Finden und Fördern des schwarzen Goldes
unterstützt wurde. Nur noch Grün. Ein leichter Regen
verwischte die Uferpartien. Kapitän Ernest kaute an seinem
174
Tabak und freute sich am Fremden, der Gefallen an seiner
Heimat bekundete.
»I am Ernest, the Coonass.«
Meine überraschten Blicke beantwortete der Kapitän mit
der Erklärung, dass er stolz darauf sei, einer zu sein, und dass
es auch für ihn nur drei Richtungen gebe. Den Bayou hinauf,
hinunter und hinüber. »Weg davon, das kennen wir nicht!«
In diesem Sinne folgte MS Albuquerque dem Lauf des Flusses,
bis sie nach vier Stunden von den rauen Wellen im Golf
von Mexiko erfasst wurde. Das kleine Schiff bäumte sich gegen
die anrollenden Wellen, um dann in das nächste Tal zu
klatschen. Langsam verschwand der grüne Horizont, bis vor
ihnen die mächtigen Bohrtürme auftauchten, unbeeindruckt
von den hohen Wellen, verankert in tausend Meter Wassertiefe,
ihre Arbeit verrichtend.
Wie von der Projektleitung vorhergesehen, beruhigte sich
die See während der Nacht, so dass mit dem Sonnenaufgang
Vorbereitungen für den Einsatz der Unterwassergeräte in Angriff
genommen wurden. So begann auch meine Aufgabe, im
Namen des Kunden zu versichern, dass die strengen Bedingungen
für das Vermessen des Seegrundes in einer Wassertiefe
von bis zu 1500 Metern mit dem neuen Instrument erfüllt
werden. Technische Probleme verzögerten jedoch den ersten
Einsatz um Tage. Die Zeit schleppte dahin, während der ich
nur Zuschauer war.
Sonntag auf See
Bis zum fernen Horizont bleierne See. Keine Bewegung des
Schiffes, nur sehr langsames Rollen von einem Bord zum anderen.
Kein Wind, die Sonne erhob sich langsam aus einem
zarten Dunst am Horizont in den tropischen Himmel. Ab und
175
zu durchbrachen springende Delphine die glatte Wasserfläche.
In der Nähe ein paar Garnelenfischer, die Netze schwer vom
Heck hängend, langsam ihren Weg durch das ruhige Wasser
ziehend, gefolgt von weniger Vögeln als an windigen Tagen.
Wo sind die Pelikane und die Möwen geblieben? Sonntag,
vielleicht fliegen sie nicht an solchen Tagen. Es war für mich
nach Sonntagen auf der rauen Nordsee, der fünfte in Folge,
den ich auf hoher See verbrachte. Sonntage sind die schlechtesten
Tage. Keiner weiß wirklich, was der andere denkt, fühlt,
tut oder nicht tut. Die bleierne See wurde gegen Mittag von
Millionen von kleinen Rippeln überzogen, auf denen die Sonnenstrahlen
tanzten. Alles ruhig. »Werde ich das vermissen,
wenn dann mal alles vorbei sein wird?«, träumte ich mit dem
Blick zum Horizont.
Auf der Albuquerque feierte der Koch den Sonntag mit kulinarischen
Höchstleistungen. Alles, was irgendwie konnte,
verließ den Arbeitsplatz, sogar die Nachtschichtleute ließen
sich wecken, um die Eröffnung des maritimen Büffets ja nicht
zu verpassen. Beim Anblick der Köstlichkeiten blieb mir der
Atem stehen. Im Zentrum ein riesengroßer Fisch, umgeben
von Krebsschwänzen, Garnelen, Muscheln, frischen Austern,
Tintenfischen und, nicht zu vergessen, einem Riesentopf mit
dampfendem Gumbo. Weißer Reis, »Cajun-Schnee«, raunte
mir Kapitän Ernest in Ohr. »Greif zu, denn glaub ja nicht, dass
hier noch was übrig ist, wenn der letzte durch ist.«
So war’s, der letzte der Gäste hatte die Essecke mit dem ehrlich
gemeinten »Danke, Cooky, das war wieder absolut top«
verlassen. In der Kombüse standen Stapel von verschmutztem
Geschirr und Besteck, Berge von Überresten, Schalen, Krusten,
Fischgräten, mit denen sich Cooky nach einer Zigarette
und ein paar Verwünschungen auf seine Gäste, die in Minuten
verzehrten, was er in Stunden schwerer Arbeit erschaffen hat-
176
te, beschäftigte. »Hast du gesehen, was für Berge ein Coonass
verzehrt? Die essen nicht, die fressen!«
Mit fortschreitender Zeit änderte sich das helle Licht in zarte,
düstere Farben. Am Horizont bildete sich ein violetter Vorhang,
dunkel am Horizont, gegen den Zenit in helles Blau übergehend.
Im Westen, wo die Sonne dunkelrot durch den Vorhang
sank, blieb eine Öffnung, von der sich eine breite rote Straße,
unterbrochen durch zarte Rippel auf die Oberfläche legte.
Geräuschlos zogen die Vögel, in Erwartung weiterer Überreste
vom Sonntagsbüffet, ihre Bahnen um das Schiff.
Aus dem Vorhang, der langsam in wachender Dunkelheit
versank, stieg im Osten eine schmale Mondsichel. Bald stand
vor ihrer Öffnung Jupiter, der stolze Planet. Kassiopeia, Polarstern,
die Plejaden, alle erschienen sie. Der Sonntag war
vorbei. Wohl nicht der letzte auf dieser Tour? Es stand in den
Sternen geschrieben oder lag in den Händen der Crew, die für
das Gerät verantwortlich war.
Up a lazy river nach Venedig in Louisiana
Noch ehe das neue Tiefseeinstrument einsatzbereit war, kündigte
sich von Westen her eine neue Front mit starkem Wind
und hohem Seegang an. So wurde beschlossen, den sicheren
Hafen Venedig, an einem Seitenarm des Mississippi kurz vor
der Mündung, anzulaufen. Auch erwartete man, dass dort die
Reparaturen, mit fachlicher Unterstützung vom Hersteller,
endlich ein Ende finden würden.
Unter einem großen Schwarm von schwarzen Pelikanen,
gespickt mit weißen Lachmöwen, näherte sich die alte Albuquerque
langsam der Mündung des Mississippi.
Eine Bank dunkler Wolken überzog langsam, aber bedrohlich
vom Westen her das Delta. »Wir werden es gerade bis
177
Venedig schaffen, denn in genau zwei Stunden wird es hier
losheulen!«, erklärte Kapitän Ernest, der sein Wetter ganz genau
kannte, mit besorgter Miene. Dort wollten sie den Sturm
aussitzen, um nach Beruhigung zurück in den Golf zu fahren,
um die Arbeit doch noch auszuführen. Dass er mit seiner Einschätzung
der Wetterlage richtiglag, bestätigte der Andrang
von Arbeits- und Fischerbooten, die alle der engen Mündung
zu strebten. Und nicht jeder hatte im kleinen Hafen von Venedig
einen Stammplatz. Das Motorschiff Vasco Da Gama
überholte die Albuquerque, der verankerte Bagger Marco Polo
schaute nur zu. Ein Kribbeln überzog mich beim Lesen der
exotisch klingenden Namen und Heimathäfen am Heck der
rostigen Schiffe, die entweder am Ufer lagen oder mit uns dem
sicheren Hafen zuströmten: Biloxi, Pascagoula, Galveston
oder gar Bayou La Batre, alles Häfen am Golf, von denen jeder
seine eigene Geschichte erzählen könnte.
Das war noch vor dem 29. August 2005, als Hurricane Katrina
auf seinem Weg nach New Orleans über Venedig hinwegfegte.
Der Baton Rouge Advocat berichtete: »Sehr wenig blieb stehen
in Venedig und Umgebung. Die paar Häuser, die überlebten,
standen bis zu den Dächern im Wasser.«
Die etwa tausend Einwohner hatten sich verkrochen oder
waren einfach gegen Norden geflohen. Viele davon waren vietnamesische
Garnelenfischer, die in den 70er Jahren aus dem
Mekong-Delta als Boatpeople vor den Vietcong geflohen waren
und im Mississippi-Delta eine verwandte Bleibe gefunden
hatten. Sie lebten auf ihren Booten, verkauften den Fang an
die Verpackungsfabrik in Venedig, besuchten das einzige orientalische
Restaurant, tranken ein paar Budweiser, rauchten
eine illegale kubanische Zigarre, deren abgebissene Spitze sie
beim Kiosk in den Sand spuckten.
178
»Aber du weißt, dass die illegal sind!«, warnte mich, den
fremden Zigarrenliebhaber, der Verkäufer. »So what, du hast
ihm gerade eine verkauft!«
Auch nach den vielen Jahre zur See gehörte das Anlaufen eines
fremden Hafens mit all den Erwartungen zu den spannenderen.
In Gedanken regen sich Vorstellungen, bei denen der Name
und die Geschichte einen wesentlichen Rahmen bilden können.
Venedig, was führte zum Namen? Seit ich dem das erste Mal begegnet
war, versuchte ich mir ein Bild zu machen. Gespannt erwartete
ich von meinem Platz neben dem Kapitän die Ankunft,
die laut Fahrplan in ein paar Minuten erfolgen sollte. Dann
plötzlich die Hafenanlage, in einem Seitenarm des Mississippi.
Auffallend die Coastguard Station mit dem Windsack, der im
scharfen Westwind die Stange leicht zu biegen vermochte. Ein
paar niedrige Gebäude, die Garnelenfabrik.
Nichts zu sehen vom Dorf. »Wenigstens ist unser Anlegeplatz
frei, hätte mich nicht verwundert«, sagte Ernest, offensichtlich
beruhigt.
»Und die Stadt?«, wollte ich neugierig wissen.
»Dort, hinter dem Damm!«
Ein Dorfkern, ein Hafengebäude, ein Pub, Restaurant? Nicht
in Venedig, in Louisiana. Eine Hafenanlage, genannt der Venedig
Jump. Das auf oder sogar unter dem Meeresspiegel liegende
Dorf lag hinter einem Wall. Die Straße von den Docks
am Venedig Jump zu den Häusern führte zuerst dem Damm
entlang, dann mit einer Haarnadelkurve mittels steiler Rampe
über den etwa vier Meter hohen Wall. In der Kurve lag der
Helikopter-Landeplatz und auf der linken Seite erstreckte sich
ein großer Parkplatz. Am landseitigen Fuss des Walles bog die
Straße im rechten Winkel gegen Norden und gerade durch Ve-
179
nedig, wo sie in der Ferne im aufgewirbelten Straßenstaub in
Richtung New Orleans verschwand. Rechts zuerst das Shop-
Haus mit Supermarkt, Kiosk und Tankstelle. Daneben standen
einige Telefonkabinen, belagert von einer Gruppe von
Seeleuten, da Cellnet-Gespräche vom Schiff teuer und obendrein
nur in Amerika erlaubt waren. Weiter rechts der Straße
entlang stand in einer Senke das chinesische Restaurant und
dann weiter nach etwa 100 Metern links der Straße das Ducet
Wild mit großem Parkplatz.
»Wer ist dein neuer Freund?«, wollte Bud, der Wirt im
Ducet, von Tom Toby wissen, als ich mit Andy durch die
Schwingtür das Lokal betrat. »Der spricht einen Akzent, den
ich noch nie gehört hab.«
»Der kommt aus der Schweiz«, klärte Tom auf.
»No shit, I never had no Swiss in my bar«, war Buds freudige
Begrüßung, bekräftigt mit einer Runde Bier in Ehren des
fremden Gastes.
In der Bar traf man sich und integrierte sich mit Begeisterung.
Budweiser aus der Flasche. »Solange du die leere Flasche
in jene große Tonne schmeißt, kommt die nächste«, belehrte
mich Tom. Dazu Tequila, wozu Schalen mit Zitronenschnitzen
und große Salzstreuer auf der Theke verteilt waren. Prost
die ganze Runde. Der Schankraum war ein viereckiger Saal, in
dem neben einer großen Bar mit drei Theken zwei Billardtische
und eine Jukebox standen. Sitzgelegenheiten gab es keine.
Wehmütige Klänge von Country Music dröhnten aus der
Jukebox. Immer dieselbe Melodie, gewählt von einem betagten
Cowboy, der auf einer Bierkiste sitzend inmitten abgebrannter
Zigarettenstummel Münze um Münze in den Apparat steckte.
»Ich komm dich besuchen, in der Schweiz.«
»Tu das, würde mich freuen«, womit ich Bud eine Visitenkarte
gab, die in der Hemdtasche verschwand.
180
Down the River to Dixie
Die Eroberung des Westens war in vollem Gang. Way West
hieß die Parole, die Siedler über die Allegheny Mountains
trieb, obwohl östlich davon noch große ungenutzte Flächen
lagen, die ohne die Mühen der langen und gefährlichen Reise
zu haben waren.
Mit der Besiedlung des Westens und der wachsenden Bedeutung
der Kolonie Louisiana mit dem Zugang zu den karibischen
Inseln und Südamerika wuchs das Bedürfnis, Transportrouten
in den Süden zu finden. Die großen Flüsse boten
sich als die beste Lösung an, da die Wälder unwegsam und von
streitsüchtigen Indianerstämmen bewohnt waren. Händler
luden ihre Ware auf alles, was schwamm und Lasten transportieren
konnte. Neben den Fahrzeugen, die in der Strömung
zwischen den bewaldeten Ufern des Ohio und den Schlammufern
des Mississippi eher unkontrolliert flussab trieben, gab
es phantasievolle bis ausgefallene Antriebe. Tretmühlen, bewegt
von Pferden oder Kühen, trieben ein Schaufelrad oder
Männer drehten mit Muskelkraft eine Kurbel.
Die schwerfälligen Boote waren eine einfache Beute für
die Piraten, die oft mit falscher Betonnung zur Strandung der
Fahrzeuge führten. Die Crew wurde getötet, Schiff und Ladung
übernommen. Reger Verkehr herrschte, und es sollen
während der ersten 30 Jahre bis zu 1000 Boote pro Jahr in New
Orleans angekommen sein. Alle Fahrzeuge wurden nach der
Ankunft in New Orleans abgewrackt und für einen Dollar pro
Meter Schiffslänge als Bauholz für Häuser verkauft.
Die Rückreise über Land war für die Mannschaft lange und
mühsam. Nur die Offiziere und Händler konnten sich Pferde
und bewaffnete Begleitung durch die von Räuberbanden belagerten
Dschungelgebiete leisten. Traurige Berühmtheit er-
181
langte der Natchez Trace, heute ein Naturpark, der nordwärts
die einzige Landverbindung nach Nashville in Tennessee war.
Bootsmänner, die nicht alles Geld verbrannt hatten, reisten
mit »whipsawing«. Zu dritt kauften sie ein Pferd. Abwechslungsweise
ritt einer für zwei Stunden, befestigte den Gaul an
einem Baum, wo ihn dann der nächste, zu Fuß ankommend,
übernahm und seine zwei Stunden ritt. Das ging, bis sie ihr
Ziel erreichten, ermordet wurden oder der Gaul starb.
Während die Flachboote weiterhin als Baumaterial für Häuser
in New Orleans endeten, konnten die moderneren Kielboote
wertvolle Fracht flussauf transportieren. Um gegen den Strom
anzukommen, gab es viele Methoden. Beim »bushwacking«
bewegte die Crew das Boot in Ufernähe von Busch zu Busch
und von Ast zu Ast gegen die Strömung. Im offenen Gelände
zogen bis zu 40 Mann »Cordelle« an einem langen Strick. Gab
es Bäume, wurden die Seile flussauf belegt und das Boot daran
hochgezogen.
Am schnellsten, sicher aber auch aufwendigsten war das
»Poling«. Sechs Meter lange Stangen wurden in den Grund
gesteckt. Zehn Männer auf jeder Seite bewegten sich hintereinander
vom Bug zum Heck und schoben so das Boot flussauf.
Am Heck angekommen, zogen sie die Stange ein und eilten
über das Kajütendach zum Bug, um wieder einzustechen.
Für die Fahrt von New Orleans bis nach Louisville am Ohio
Fall benötigte ein Kielboot drei bis fünf Monate. Das Leben an
Bord war hart. Kabinen gab es keine. Die Nahrung der Crew
bestand aus Brot, gekochtem Fleisch und Monogahela Rye
Whisky, kurz genannt good old Nongela.
1811 baute Nicholas Roosevelt das erste Dampfboot westlich
der Allegheny Mountains und nannte es New Orleans, was
182
seine mutigen Absichten bestätigte. Von Pittsburgh, Pennsylvania,
begann er die Reise den Ohio-Fluss entlang zum Mississippi.
Trotz Naturkatastrophen mit Hochwasser und Flutwellen,
als Folge des Erdbebens von New Madrid, erreichte
er 1812 sein Ziel. Erst drei Jahre später vermochten die ersten
Dampfer flussauf gegen die Strömung zu fahren. Obwohl ein
Drittel der Boote an den Folgen von Unfällen versank, dauerte
es nicht lange, bis auf den »Palästen auf Schaufelrädern«
größter Luxus in Unterkunft, Speisesaal und Unterhaltung geboten
wurde.
Das Ende der Bootsmänner
Seit dem Anfang des 19. Jahrhundert beherrschten die wilden
Bootsmänner mit teils legendärem Ruf die Wasserläufe und
seine Ufer von Kairo bis nach New Orleans. Schafften sie ihr
Ziel, ging meistens die ganze Heuer darauf, die sie während
der vielen Monaten Fahrt verdient oder erkämpft hatten. New
Orleans kannte man damals als Dixie, denn nachdem die
Amerikaner die Stadt den Franzosen abgekauft hatten, wurde
die Zehndollarnote auf einer Seite in englischer und auf der
andern in französischer Sprache beschrieben. So wurde aus
dem dix ein Dixie – und das Dixieland.
Mit dem Konkurrenzstreit um die Dampfherrschaft auf
den großen Flüssen begann das Ende der Herrschaft der wilden
Bootmänner.
Unzufrieden mit den offiziellen Maßnahmen während und
nach dem Wirbelsturm Katrina forderten die verbitterten Einwohner
von New Orleans mit Mardi-Gras-Banner: Chirac,
kauf uns zurück.
183
Oder doch nicht das Ende?
Die Schwingtür im Ducet Wild flog auf, eine Handvoll junger
Leute raufte sich lärmend in die Bar. Eine Faust knallte gegen
ein Gesicht, das sich in Sekunden blau färbte. Der Boss griff
hinter die Kasse, wo ein Trommelrevolver griffbereit lag. Das
Barmädchen Judy, die Tochter des Eigentümers, stürzte sich
laut schreiend zwischen die Kampfhähne und stemmte sie
mit festem Griff auseinander, wobei auch sie nicht verschont
blieb. Schnaubend eilte sie zurück zur Bar, drehte die Beleuchtung
voll auf, um dann mit zornigen Worten und wildem Körpereinsatz
die ganze Bande durch die Tür ins Freie zu komplimentieren,
wo die wüste Keilerei weiterging. Und schon war
Judy wieder hinter der Bar. »Nicht hier, nicht in meiner Bar!
Nicht diese, denn wir sind doch zusammen hier aufgewachsen
und der Schlimmste ist mein Cousin«, schimpfte sie, während
sie die Nummer der Polizei wählte und dann wieder ihren Geschäften
nachging, als wäre nichts geschehen.
Blaue und rote Blinklichter, begleitet von Sirenengeheul,
erhellten bald darauf den Raum durch die Fenster links und
rechts der Tür.
Durch die Schwingtüre betrat die riesengroße Gestalt eines
dunkelhäutigen Sheriffs den Raum. Die Hand am Revolver maß
er mit finsterem Blick den Raum und versicherte sich, dass sich
keiner der Schläger ins Innere verzogen hatte. Zufrieden, ohne
ein Wort zu sagen, verließ er mit seinem Gefolge den Tatort.
»Nie werde ich heiraten!«, brummte die immer noch aufgebrachte
Judy. »Die Männer hier taugen zu nichts, hab zwei
Schwestern, die beide gerade die zweite Scheidung erlitten haben.
Das brauch ich nicht!«
Am Billardtisch ließen sich vier Texaner überhaupt nicht
stören. In ihrer traditionellen Tracht, schwarz von den teu-
184
ren Stiefeln bis zum Stetson auf dem Kopf, leicht ins Gesicht
gekippt, wie einst Wyatt Earp. Totale Eleganz und gekonnte
Haltung der drahtigen Körper, nie die Zigarre aus dem Mund
nehmend, voll auf das Spiel konzentriert.
Der Wind hatte ausgeblasen, Albuquerque zog wieder gemütlich
den trägen Lauf des Mississippi entlang durch das Delta.
Das Schiff wurde so getauft, weil der Eigentümer dort eine
Freundin hatte. Seine ahnungslose Frau fand den Namen unpassend,
ja sogar albern für ein Schiff.
… rolling on, until the end of time.
185
Das Geschäft auf dem Wasser
Das Los der alten Themse-Schlepper
Pocahontas
Hinter der bescheiden wirkenden Kirche von Gravesend entdeckte
ich im strahlenden Mondschein die Bronze-Statue eines
jungen Indianermädchens, das zuversichtlich mit erhobenem
Haupt gegen die Kirche schaut. Nicht wenig erstaunt war
ich, als ich beim genauen Hinschauen den Namen Pocahontas
entziffern konnte.
Unweigerlich erschienen vor meinen Augen die Bilder der
jungen Frauen, eher Mädchen, die ich noch eben in der Bar
Trocadéro tanzend und lachend mit Handy telefonieren gesehen
hatte. »Callgirls?«, fragte ich Micky, der mich für ein Bier
in das trendige Lokal mitgenommen hatte. »Nein, alles alleinerziehende
Mütter, die mit dem Handy vom Babysitter wissen
wollen, ob zuhause alles ok sei!«, klärte mich Micky auf, und
er musste es wissen, denn er stammte aus der Vorstadt Londons,
hatte all seine Jahre dort gelebt. »Du glaubst nicht, was
hier abgeht, wenig gebildet, arbeitslos, hoffnungslos, Alkohol,
freie Liebe, wer der Vater ist, spielt den meisten gar keine Rolle,
könnte jeder sein, Unterstützung gibt’s vom Staat.«
In der Wahrnehmung der lebensgroßen Figur mit aller Anmut
und Schönheit einer jungen Frau, nur beleuchtet vom
Vollmond erinnerte ich mich an die Erklärungen von Micky.
Dass es so was noch gab, erstaunte mich.
186
»Ein Denkmal für eine Märchenfigur?«, sagte ich mir beim
Weitergang zum Schiff im Hafen.
Aufklärungen am nächsten Tag hatten mich eines Besseren
belehrt. Die junge Frau eines Virginia-Pflanzers, stolze
Indianerhäuptlings-Tochter aus der Philadelphia-Gegend,
verstarb an den wilden Pocken im März 1617 auf der Reise in
ihre Heimat, nach ihrem ersten Besuch in London. In Gravesend
wurde sie begraben. Der genaue Ort des Grabes ist nicht
mehr bekannt, denn die Kirche wurde vom Feuer zerstört und
dann in der heutigen Form wiederaufgebaut. Rebecca, wie
man sie getauft hatte, war gerade mal 21 Jahre alt, hinterließ
aber einen Sohn. Obwohl sie vom englischen Königshof als
Indianerprinzessin und Botschafterin ihres königlichen Vaters
empfangen und geehrt wurde, litt sie an einem nagenden
Heimweh.
Wieder musste ich an all die jungen Frauen denken, gestrandet
in Gravesend, denn die meisten waren von einer anderen
Rasse, so wie Pocahontas.
Wie schon zu jenen Zeiten, ist die Themse auch heute noch
Tag und Nacht, belebt von großen und kleinen Schiffen, die
zwischen der Nordsee und den Häfen von London hin und
her fahren. Von Gravesend, bekannt als das Tor von London,
reiht sich Pier an Pier, an welchen Schiffe ihre Ladung löschen,
auftanken, Provisionen aufnehmen, Besatzungen wechseln,
Passagiere ein und ausladen oder auch Reparaturen ausführen.
Die großen Containerschiffe und die Autotransportschiffe
fahren zu speziell eingerichteten Hafenanlagen. Die Tanker
docken an Raffinerien und Tankanlagen. Die Strömung
der Themse kann reißend sein, da der Unterschied zwischen
Hoch- und Tiefwasser über sechs Meter beträgt. So kommt
es vor, dass die Gangway mal steil nach oben und dann etwas
187
später ebenso steil nach unten vom Schiff auf das Festland
führt.
Da das Manövrieren der großen Schiffe im reißenden Fluss
nicht ganz ungefährlich ist, werden sie von Schleppern eskortiert,
die im Notfall Leinen übernehmen würden, mit denen
sie die Fahrt des Schiffes kontrollieren können. Je nach Größe
der Schiffe werden bis zu vier Schlepper vorgeschrieben. Es ist
ein ungewohntes Bild. Der führende Schlepper fährt knapp
unter dem Bug, fast auf Berührung, während der nachfolgende
direkt hinter dem Steven im Retourgang folgt. Im Notfall
würden Leinen senkrecht vom Deck zum Schlepper gesenkt.
Da der Bug eines leeren Schiffes bis zu dreißig Meter über
Wasser liegen kann, erscheint der Schlepper wie ein Spielzeug.
»Diese Manöver gehen fast immer gut«, erzählte Micky.
»Nur, eines Morgens war ich in der Kombüse des führenden
Schleppers unter dem Bug eines Frachters damit beschäftigt,
Frühstück für die Crew herzurichten. Aus unerklärlichen
Gründen beschleunigte das Schiff die Fahrt und rammte den
Schlepper von der Seite. Der stark nach auswärts gewölbte
Bug kippte den Schlepper, bis dieser kenterte. Der Skipper
wurde von der Brücke über Bord geschleudert, während der
erste Offizier und der Chefingenieur über Bord in die kalte
Themse sprangen. Ich war in der Kombüse eingeschlossen,
ohne Hoffnung je wieder herauszukommen. Wie durch ein
Wunder richtete sich das Schiff selber wieder auf. Die Motoren
liefen noch und trieben uns vom Bug des Schiffes weg.
Ich krabbelte in die Höhe und fand mich als Einziger an Bord.
Blitzschnell kletterte ich zur Brücke und übernahm die Kontrolle.
Ich konnte den treibenden Ingenieur bergen und zusammen
fischten wir den ersten Offizier und machten uns auf
die Suche nach dem Skipper, den wir bald mit klappernden
Zähnen an einer Boje hängend fanden.«
188
»Gab es eine Untersuchung?«, wollte ich wissen. »Ja, das
gibt es immer, aber ganz unschuldig sind wir nie, so hatte das
Gericht die Schuld geteilt: der Kapitän des Frachters wegen
Beschleunigung und der Skipper des Schleppers wegen zu geringem
Abstand vom Bug des zu begleitenden Schiffes.«
Die Schlepper mit oranger Hülle und weißem Aufbau ruhen
an einem Bojenfeld flussab von Gravesend. Zwei davon sind
immer auf Pikett, was heißt, dass die volle Mannschaft an
Bord ist. Es ist dies der Kapitän, der erste Offizier, der Chefingenieur
und der zweite Ingenieur. Die Picket-Zeit beträgt zwei
Tage, während denen sie entweder an Bord oder in den nächsten
Kneipen sitzen. Das Stammlokal war das Terrasse Inn.
Dort kannte man sie, dort kannten sie jeden. Manchmal gingen
sie über den Platz am Fluss zum Pub »Three Doors«, das
am Fluss neben einem ausgedienten Fährenterminal steht.
Die Außenwand ziert ein großes Mosaik, das an den Aufstand
der Wassermänner in 1833 erinnert. Soldaten in bunten Uniformen
kämpfen mit Bajonetten am Fluss gegen ärmlich bekleidete
Männer mit Rudern. Im Pub selber fand man Mitte
der Neunzigerjahre während Renovierungsarbeiten den Eingang
zu einem Tunnel, der bis in die Stadtmitte führte, wo er
sich in vier Ästen verlor. Man nahm an, dass dies der Anfang
des Schmugglerpfades von der Themse nach London war.
Segelschiffe unter Segel würden gerne auf ihrem Vortritt beharren.
So fuhr eines Nachts ein Riesentanker, eskortiert von
vier Schleppern, die Themse zu Berg gegen London. Plötzlich
erschien auf dem Radarschirm ein Schatten auf Kollisionskurs.
Der Lotse rief ihn auf und ersuchte um freie Fahrt. Es
meldete sich ein Jachty, der auf seinem Vortritt beharre, da er
unter Segel sei und deshalb nicht ausweichen könne. Er kam
189
immer näher. Der Lotse forderte ihn ein letztes Mal auf und
erklärte, dass er beladen sei und mit vier Schleppern fahre,
also auch nicht in der Lage sei, auszuweichen. »Sie werden
ausweichen, ich behalte Kurs«, waren die letzten Worte von
der Jacht. Der Lotse rief den Notdienst auf: »Bitte bereitet
eine Rettung vor, wir werden in vier Minuten mit einer Jacht
kollidieren, rettet den Mann.«
»Hier Küstenwache, wir haben Ihre Gespräche mitangehört
und sind bereits unterwegs.« Panik ergriff die Jacht, die
abbog und spurlos in Ufernähe vom Radar verschwand.
Die Schlepperleute von Gravesend sind als große Familie
ein wichtiger Zweig im vielseitigen Hafenbetrieb. Irgendwie
sind sie alle verwandt, die Agenten, die Shipchandlers, die
Lotsen, die Wassertanker und viele mehr. Sie alle werden tatkräftig
unterstützt von ihren Vorfahren, den pensionierten
Schlepperleuten, Agenten, Anbindern. Sie kennen nur das Leben
an und mit der Themse. Als wir an einem Sonntagabend
im Mai von der Nordsee kommend in Gravesend einliefen,
wurde zum Gruß von einem Fenster eine Fahne geschwenkt
und dazu heftig mit den Händen gewunken. Eine Gruppe von
Leuten, Familien, Freunde, Kinder verfolgte uns am Ufer, um
dann am Pier zu warten, bis die Taue belegt waren und sie die
Liebsten in die Arme schließen konnten.
Neben dem Schlepperdienst zog Micky Wasserbargen und
chauffierte Agenten und Lotsen zu den Schiffen vor Anker,
denn bei Gravesend löst der Hafenlotse den Themselotsen ab,
der für vier Stunden Reise bis zur Mündung die Führung der
Schiffe übernimmt.
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde der Schlepperdienst
auf der Themse mit neuen Vorschriften reguliert.
Skipper und Offiziere auf den Schleppern mussten ein Patent
190
und die nötige Erfahrung als Offiziere zur See vorweisen.
Die meisten der traditionellen Schlepper-Crewmitglieder, bis
zum Kapitän, hatten das Gewerbe auf dem praktischen Weg
erlernt, oft vom Vater, der es schon von seinem Vater erlernt
hatte. Dank dieser Neuerungen verloren die meisten ihre Arbeit.
Als Familienväter konnten sie sich eine Weiterbildung
bis zum Erlangen der Ausweise nicht leisten. Willkommene
alternative Tätigkeit bot sich durch die Verlegung einer neuen
Generation von Telefonkabeln zwischen der Britischen Insel,
dem europäischen Festland und über den Atlantik nach Amerika.
Es war dann auch eine lokale Firma, die sich darauf spezialisiert
hatte, mittels großen Schleppbooten spezielle Anker
über den Seeboden zu ziehen, um alles aufzufischen, was dem
neuen Kabel im Wege sein könnte. Dazu gehörten alte Kabel,
die noch während der zwei Weltkriege der Kommunikation
gedient hatten und, da geheim, nicht kartiert waren. Beim
Umgang mit den schweren Geräten und Winden auf Deck,
den verschiedenen Schleppankern sowie dem geborgenen Altmaterial
half den ehemaligen Schlepper-Leuten die gesammelte
Erfahrung auf der Themse.
Schiff ahoi, Pocahontas goodbye!
Ausgerüstet mit den Unterlagen für ein neues Projekt, dem
Aufräumen einer Kabelroute zwischen England und der dänischen
Küste bei Esbjerg, wurde der als Eisbrecher klassifizierte
Schlepper Winston, wie bei seiner Ankunft, von einer Gruppe
von lieben Leuten verabschiedet. Im dichten Verkehr segelten
wir der Themse entlang gegen die Mündung. Neben Micky
stand ich an Deck und sah, wie er die kleine Flotte der Schlepper
betrachtete. Schwach erhob er die rechte Hand, erwiderte
den Gruß eines Skippers, dessen Schlepper sich gerade von der
191
Boie löste. »Dort geht er hin«, meinte der Ex-Schlepper, auf
einen Tanker zeigend, der langsam um eine Biegung erschien,
der zweite Schlepper war schon unterwegs, ebenso das Lotsenboot.
Micky litt sichtlich, und ich konnte ihm nicht helfen,
denn mir wurde bewusst, dass ihn die neue Arbeit nicht befriedigte,
dass er anstatt in Gravesend wieder mindestens vier
Wochen unterwegs sein werde.
Im hinteren Teil der Brücke war der Projektleiter Richard
Waghorn damit beschäftigt, den Kurs zum Startpunkt der
Arbeit festzulegen. Langsam glitten die Ufer Südenglands auf
der Fahrt die Themse hinunter zur Nordsee an uns vorbei.
Während sich die Ufer langsam in die Ferne zurückzogen,
tauchten vor uns die alten Stahlkonstruktionen der Maunsell-Seefestungen
auf. Es waren dies Überreste der Festung
die im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigung von London und
Südengland gebaut wurden. In den 60er Jahren hatten Radioenthusiasten
Piratensender eingerichtet. Eine Familie besetzte
1967 den Rough Tower, zehn Kilometer vor der Küste von
Suffolk, und rief die Mikronation Fürstentum Seeland aus, die
heute noch existiert und Adelstitel und Souvenirs via Internet
verkauft. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erspähte ich
mit dem Fernglas die nationale Fahne frisch im Abendwind
flattern. Auf nördlichem Kurs der Küste entlang trafen wir
extrem hohes Aufkommen von Schiffsverkehr. Da wir auf der
falschen Seite unterwegs waren, war größte Vorsicht geboten.
Reger vielsprachiger Radioverkehr versuchte den Verkehr reibungslos
abzuwickeln.
»Wenn die alle Englisch sprechen oder wenigstens verstehen
würden, gäbe es viel weniger Unfälle. Aber schau sie
dir an, nicht nur Schiffe mit chinesischer Flagge haben chinesische
Schiffsführer, und dann ist ja nicht immer der Seniormann
auf der Brücke!«, beklagte sich Duncan Watts, der
192
Kapitän aus Kent. Die Straße von Dover gilt als eine der meistbefahrenen
Wasserstraßen der Welt. Zum großen Verkehr in
die Nordsee gesellen sich noch die Fähren zwischen Europa
und der Britischen Insel. »Wenn immer möglich, versuche ich
das Nadelöhr bei Tageslicht zu durchfahren«, meinte Duncan.
Während uns der aufmerksame Kapitän sicher die Ostküste
entlangführte, breitete Richard, für seine Freunde Dick, in
dritter Generation Themse-Schlepper, auf dem Kartentisch
die Karte mit der Linienführung über die Nordsee bis an die
Küste Dänemarks aus. Kreise in roter Farbe markierten Fischgründe,
in denen man hohes Verkehrsaufkommen von Fischkuttern
erwarten müsse. Für die Verbindung mit diesen Schiffen
hatten wir James Holland, den Fischereivertreter aus Hull,
an Bord. Selber ein pensionierter Fischer, sprach er den breiten
Akzent und hatte die ganze Regierung hinter sich, aber
wichtiger, er war sicher, dass jeder Fischer genau wusste, wer
er war, ganz im Gegenteil zu einem Kapitän von der Südküste
oder gar einem Kundenvertreter aus den fernen Bergen.
»Ich mach mir Sorgen wegen Micky«, begann Dick, während
sich auf dem Bildschirm die Navigationskarte für die
Routenführung aufbaute. »Wie, Sorgen?«, wunderte ich mich.
»Micky hat nur das, seit er nicht mehr auf die Schlepper kann,
und wenn dieser Job in drei Monaten vorbei ist, weiß er nicht,
womit er seinen Unterhalt verdienen kann, teure Frau, großer
Alkoholkonsum!«
»Und was machst du?«, wollte ich wissen.
»Eben das wollte ich dich fragen: Kannst du bei deiner
Firma ein gutes Wort für mich einlegen, denn ich fühle mich
qualifiziert und erfahren genug, nach etwas Einführung Projekte
zu überwachen!« Ich war etwas erstaunt, versprach ihm
aber, genau das für ihn zu tun. Auf dem Bildschirm erschien
als Bildschirmschoner eine glückliche junge Frau mit zwei
193
strahlenden kleinen Mädchen. »Deine Familie?«, fragte ich
Richard. »Ja«.
Ich erinnerte mich, diese drei bei Ankunft in Gravesend am
Kai gesehen zu haben. Gerne würde ich ihm helfen, war mir
aber bewusst, dass er kaum Chancen haben würde. Beim Bier
im Pub hatte mir Micky eine andere Geschichte anvertraut:
»Wagi hat eine tolle Frau, die sich aber zu gut vorkommt, um
eine Arbeit anzunehmen, Tochter eines Hochseekapitäns,
verwöhnte Zicke, die werden noch auf die Welt kommen!«
Erwartungsvoll schaute er mich an und als ich mich nicht äußerte,
wie konnte ich auch, ich kannte ja nur Dick, fuhr er
fort: »Meine Frau ist da ganz anders, sie arbeitet im Lager des
Supermarktes, kein Topjob, aber die Pfunde kommen Ende
Monat, und da ist ja der Sohn Mick, nach dem sie sehr gut
schaut, wenn ich nicht hier bin! Und das war natürlich auch
noch leichter als Schlepper, immer in der Nähe von zuhause!«
Bald übernahm Routine den Tagesablauf. Dick versah die
Tagesschicht, Mittag bis Mitternacht, während für Micky die
Nachtwache blieb. Alte Kabel, die nicht mehr in Gebrauch waren,
wurden mir Schleppankern an Bord gezogen, abgetrennt
und an Deck deponiert, so dass für das neue Kabel auf dem
Seeboden genügend freier Raum blieb. Wurde eine Bergung
eingeleitet, weckte man den zweiten Mann, egal um wie viel
seine Ruhezeit verkürzt wurde. Gegen Erwartung erlebten wir
solche Operationen jeden Tag, was sehr an den Kräften der
Ex-Schlepper zehrte. Es gab Spannungen, die sich in heftigen,
gefährlichen Wortgefechten entluden. Eine Freundschaft, die
nicht so tief war, wie ich geglaubt hatte, lief Gefahr zu zerbrechen.
Genau im letzten Moment sorgte die Warnung des Kapitäns,
dass von Norden eine Sturmfront im Anzug sei und man
mit sehr hohem Seegang rechnen müsse, für die Aussicht end-
194
lich Schlaf nachzuholen. Nach einem weiteren Tag erreichte
der Seegang eine Heftigkeit, die das sichere Weiterarbeiten
verunmöglichte. Die Schleppanker wurden eingezogen, alles
an Deck gesichert. Wellen schwappten über das Deck und
nahmen mit, was nicht festgemacht war. Da noch zu weit vom
Ufer, beschlossen wir den Sturm auszusitzen. Dick und Micky
zogen sich in ihre Kojen zurück, die in derselben Kabine
waren.
La Paloma
Eines Morgens meldete ein Matrose, dass sich auf dem Deck
in einer flachen Aussparung eine Taube niedergelassen habe.
Lewis, der erste Offizier und erfahrener Taubenhalter, wollte
sich das Tier anschauen. Da es sehr erschöpft und wohl hungrig
war, konnte er anhand der Beringung feststellen, dass seine
Heimat England war und dass es sich um eine Brieftaube
handelte. Auch wusste er, dass am Wochenende ein Wettfliegen
in Frankreich gestartet wurde und dass diese Taube die
Orientierung verloren haben musste. Die Küche beauftragte
er, Futter bereitzustellen. Der Passagier schien sich wohl zu
finden, denn er saß tagelang in seiner Vertiefung. Nicht wenig
erstaunt waren wir, als sich eines Morgens vier Vögel das Nest
teilten.
Der Wind frischte auf bis zur Stärke zehn. Die Wellenhöhe
war so groß, dass es unmöglich gewesen wäre, einen dänischen
Hafen anzulaufen, also verblieben wir auf See. Die
Passagiere schienen sich wohl zu fühlen, scheuchten sich ab
und zu gegenseitig auf, umflogen das Schiff, um dann wieder
in einer Gruppe zu landen.
»Wenn die aus einem großen Gehege kommen, ist ihr Leben
sowieso vorbei, denn wenn sich eine Brieftaube einmal
195
verirrt hat, verliert sie ihren Wert und wird normalerweise
eliminiert«, belehrte uns der Experte.
Tagelang trieben wir in sicherem Abstand von der dänischen
Küste, immer darauf bedacht, den Bug in den oft wechselnden
Wind zu halten. Jede Welle überschwemmte das Deck
und riss alles nicht Festgemachte mit sich. Extrem hohe Wellen
vertrieben unsere Tauben aus ihrem Nest, dem Loch in
den Deckplanken.
»Es wird besser und so bald wie möglich werden wir den
Hafen von Esbjerg anlaufen, um dort die Besserung abzuwarten«,
meldete Duncan von der Brücke. In der Ferne zeigten
sich die Hafenlichter am Eingang zum Hafenkanal. Da nun
der Kurs querab zum Wind war, fing das schwere Schiff an,
stark zu rollen. Mit größter Konzentration bestimmte der
Kapitän den Kurs für die automatische Steuerung. Angespannt
sahen wir das Ufer näherkommen und immer noch
schwang das Schiff hin und her. Plötzlich tauchte vom Ufer
her ein Schwarm von Tauben auf und umkreiste das Schiff in
niedriger Höhe. Mit Erstaunen beobachteten wir, wie sich die
letzten drei Vögel vom Deck erhoben und mit dem Schwarm
in Richtung Ufer wegflogen. Zurück blieb unser erster Passagier,
wieder allein im flachen Nest. Unser Experte machte
sich keine Sorgen, denn im schlimmsten Fall würden wir sie
zurück nach England mitnehmen, von wo er den Eigentümer
kontaktieren werde, sollte nicht auch sie von ihrem Schwarm
abgeholt werden.
Am dritten Tag im Hafen war sie dann weg, niemand hatte
ihren Abflug bemerkt.
Der unprogrammierte Aufenthalt im dänischen Hafen endete
mit der Ankündigung eines Azorenhochs mit Sommerwetter
und ruhiger See für die nächsten Tage, wenn nicht Wochen.
196
Alle an Bord freuten sich, denn sie hatten genug vom Landleben,
den skandinavischen Alkoholpreisen im scheinbar einzigen
Lokal, nur ein paar Meter vom Hafenausgang entfernt.
Immerhin war es dem Kapitän gelungen, Treibstoff, Wasser
und Proviant zu ergänzen. Und das Unternehmen hatte es
sogar geschafft, die Ladung von aufgefischtem Kabel, das aus
wertvollem Material wie Blei bestand, zu verkaufen. Wir fuhren
an einem frischen Morgen mit der aufgehenden Sonne in
die letzten Wellen, bis wir beim Punkt, an dem wir vor beinahe
zwei Wochen aufgehört hatten, die Schleppanker auslegten
und wieder gegen die dänische Küste die Arbeit aufnahmen.
Die Stimmung war gehoben, denn ein weiterer Auftrag, direkt
im Anschluss, wurde dem Schlepper Winston zugeteilt.
Auf dem sonnigen Ärmelkanal
»Auf in die tropischen Gewässer«, jubelte Richard Waghorn,
genannt Wagi oder Dick, als ich ihm die Projektdaten zur
Planung unterbreitete. Weniger begeistert war die Schiffsführung,
denn zum neuen Messgebiet galt es im Verkehr der Doverstraße
und dem Ärmelkanal bis Penzanz am Ausgang in
den Atlantik zu fahren. Nicht genug, denn es war der Auftrag,
vom Ende Englands eine Linie nach Brest auf der Bretagne zu
bearbeiten, also über die Mündung des Ärmelkanals.
»Da können wir uns mit den gallischen Fischkuttern unterhalten,
denn die sprechen nur ›frog‹, wenn sie dann überhaupt
antworten wollen«, bemerkte Lewis, der erste Offizier,
der die Gegend zu kennen schien.
»Nichts mit mir zu tun«, schmunzelte unser Yorkshire-Fischer
James Holland, als ich in seine Richtung schaute, »meine
Lizenz gilt nur in der Nordsee. Ich steige aus, wenn wir hier
fertig sind.« Und so wechselte er vor Esbjerg auf ein wartendes
197
Lotsenboot und verschwand mit breitem Grinsen auf seinem
runden Gesicht.
Strahlend begleiteten uns die weißen Klippen von Dover, von
denen Fähren zur eher grauen Küste von Calais auf direktem
Kurs losschossen. Unser Kapitän Duncan hielt Kurs in Nähe
der englischen Küste. Mit scharfen Argusaugen beobachtete er
den dichten Verkehr, wozu ihm auch der große Radarschirm
links vor ihm half. Helle Linien in Fahrtrichtung und Längen,
die dem erfahrenen Auge die Geschwindigkeit anzeigten.
Der erste Offizier hatte sich mit Fernglas bewaffnet auf dem
Brückenflügel auf Backbord installiert. Als Passagier auf der
Fahrt zum neuen Projekt genoss ich den warmen Sommertag
auf Steuerbord. Die beladenen, aber nur mittelgroßen Tanker
lagen so tief im Wasser, dass sie erst aus geringer Nähe sichtbar
wurden, während die beladenen Containerschiffe mit ihrer
Last einer Gebäudefront glichen. Ab und zu begegneten
wir unscheinbaren Schiffen, die sich gegen den Verkehr in
Richtung Nordsee bewegten. »Wieder so einer, der zur Themse-Einfahrt
abkürzt!«, kommentierte der erfahrene Seemann
ohne große Aufregung. Zwischen den Riesen erblickte ich
ab und zu ein weißes Segel auf dem Weg in den Ärmelkanal.
Unaufhörliches Stimmengewirr in jeder nur erdenklichen
Sprache auf Kanal 16, obligatorisch für Notfälle, erfüllte die
Brücke. Die Regeln, nach erfolgreicher Kontaktaufnahme
den Kanal für weitere Gespräche zu wechseln, wurden oft
missachtet, was das Stimmengewirr bereicherte. So war ich
erstaunt, als sich Duncan plötzlich auf einem anderen Kanal
mit dem Kollegen vom Schwesterschiff unterhielt: »Hast du
gehört«, kam über den Äther, »das ist dein letzter Auftrag für
die Kabelrouten!«
»Nein, das ist News für mich, weshalb?«
198
»Der Chef will seine ganze Flotte in den Dienst der Ölfirma
für Transporte in der Nordsee einsetzen. Soll lukrativer
sein, als was ihr nun treibt!«
»Roger, roger out«, schloss Duncan die Diskussion, da er
das offensichtlich nicht öffentlich weiter diskutieren wollte.
Besorgt hängte er den Hörer auf und drehte seinen Blick gegen
den hinteren Teil der Brücke, wo das Projektteam arbeitete.
Erleichtert, dass keiner des Teams zugehört hatte, bat er
mich, mit keinem Wort das, was ich nun gehört hatte, weiterzugeben.
»Klar«, bestätigte ich, wurde mir aber bewusst, was
diese Entwicklung, vor allem für Micky, bedeuten wird.
Diese Neuigkeit beschäftigte mich, während mein Blick
über die blaue, vom Verkehr aufgewühlte Wasserfläche an den
langsam entschwindenden Klippen von Dover hing. Wir waren
während der letzten Wochen ein tolles Team geworden.
»Als uns mitgeteilt wurde, dass einer vom Kontinent, die
wir als trocken und humorlos kennen, das Auge des Kunden
sein wird, waren wir schon recht enttäuscht. Aber du bist ganz
ok«, hatte mir Wagi schon am zweiten Tagen anvertraut. Das
betrachtete ich als großes Kompliment, erzählte ihm aber,
dass ich seit Jahrzehnten mit seinen Landsleuten zu tun hätte
und rühmte mich, deshalb auch Cockney und sogar seinen
Gravesend-Dialekt zu verstehen.
»Und überhaupt, wie kommst du aus den Bergen auf die
See? Weiß man dort, dass es außer Heidi und Jodeln Schiffe
gibt?«
»Und Alinghi? Was war denn das?«, verteidigte ich mich.
»Ah, schön, dass ihr den America Cup gewonnen habt, nun
können wir ihn euch abnehmen!«, meinte Lewis schmunzelnd,
sich in seinem Hochsitz gegen uns drehend. Solche
Erinnerungen durchzogen meine Gedankenwelt, bis Micky,
Augen reibend, neben mir auftauchte. »Vierzehn Stunden in
199
der Koje, das gibt’s nicht immer, erst Wagi hat mich mit seiner
scheußlichen Musik geweckt. Der hat ja einen Geschmack,
Heavy Metal, wo führt das noch hin?«
»Und jetzt, schläft er noch?«, fragte ich und stellte fest,
dass mir der fröhliche Micky unendlich leidtat.
»Nein, der hat einen Anruf vom Chef«, meinte er, während
er Zucker in seinen Tee löffelte.
»Tea time«, kommentierte ich im Bewusstsein, dass Mickys
Welt zusammenbrechen wird, sobald Wagis Kopf im Aufgang
auftauchen wird.
Mit der breiter werden Wasserstraße im Ärmelkanal verteilte
sich der Verkehr, und die Spannung auf der Brücke ließ
nach, die Sonne neigte sich langsam gegen den Horizont, der
erste Offizier verabschiedete sich, um etwas vom verpassten
Schlaf vor Beginn seiner nächsten Schicht nachzuholen.
Dann erschien Wagis hochroter Kopf im Treppenaufgang:
»Micky, hör das.«
»Was?«, fragte er noch ganz ahnungslos und weiter seinen
Tee rührend.
»Winston wird vom Projekt abgezogen, dies ist unsere
letzte Arbeit, eine Woche und alles vorbei. Man wird uns in
Falmouth mit allem Gerät mit einem Lieferwagen abholen«,
stotterte Richard. Micky blieb sprachlos, schockiert, starrte in
die Ferne. »Hab’s gewusst, eine Schweinerei, ich kanns nicht
fassen.«
Nach langer Zeit des betretenen Schweigens meldete sich
Duncan: »Es tut mir unsäglich leid, denn auch ich hätte das
nicht gewollt, hab es aber leider vorausgesehen, denn wir fahren
für diese Arbeit Tag und Nacht, Woche für Woche. Beim
neuen Vertrag wird es viel Zeit geben, warten auf Ladung,
Überwachungsdienst bei den Bohrinseln, also weniger Zeit
auf voller Fahrt, weniger Motorenzeit und weniger Personal
200
bei besserer Bezahlung, so läuft das Geschäft«, versuchte er
die Stimmung zu heben. Dabei sind Dick und Micky schweigend
von der Brücke auf das untere Deck verschwunden.
Bei Sonnenaufgang lagen wir vor der Bucht von Penzanz vor
Anker und warteten auf die Zusage, dass wir die Arbeit über
die Mündung des Ärmelkanal in Richtung Bretagne beginnen
können. Wieder eine stark befahrene Meerenge, in die sich
der Verkehr vom Atlantik her zwängte. Dies war erforderlich,
da neben dem saisonal erhöhten Fischfang noch nato-Manöver
mit Beteiligung der us-Flotte im Gange waren.
»Siehst du dort das Dorf an der Küste, das erste nach Penzanz?«,
fragte mich Micky, der den ersten Schock überlebt zu
haben schien. Nach meinem zustimmenden Nicken erzählte
er mir. »Dort steht ein Denkmal, das du unbedingt besuchen
musst, falls du je in diese Gegend kommen solltest. Acht Männer,
alles freiwillige Seeretter mit ihrem Rettungsboot, sowie
die acht Seeleute der Union Star sind kurz vor Weihnachten
1981 bei der Seerettung in schlimmstem Wetter ertrunken. Es
gibt keine Familie im Siebenhundertseelendorf, das nicht einen
Bekannten betrauern musste.«
»Die Station, die gibt’s noch?«, wollte ich wissen. »Und
nun haben sie modernere Boote, aber immer noch gibt es viele
freiwillige Seeretter in Mousehole. Und, siehst du die neuen
Häuser? Reiche Pensionäre von überall her lassen sich nun
dort nieder und genießen das beinahe tropische Klima von
Cornwall.«
»Das sind Basstölpel, eine Art Stoßtaucher, deren Brutstätte
auf einer Insel in Bretagne liegen«, erklärte mir Lewis, der
neben mir das Schauspiel der Natur verfolgte. Mit großer
Geschwindigkeit, die Flügel eng am Körper, stürzten sich die
201
Vögel in Scharen von großer Höhe ins Wasser, um dann mit
oder auch ohne Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen. »Bis
zu drei Meter tief sollen sie tauchen können, und obendrein
müssen sie gute Augen haben«, meinte ich.
Gleichzeitig erschienen die dunklen Körper von zwei Walhaien
knapp unter der Wasseroberfläche, ihre spitze Schwanzflosse
zeigend. Sie sollen bis zu zehn Meter Länge und ein Lebendgewicht
von 19 Tonnen erreichen, womit sie die größten
Fische sind. »Früher sah man die hier nur im Hochsommer
und nun, es ist ja erst Juni, alles wegen der fortschreitenden
Erwärmung, denn sonst halten die sich in wärmeren Gewässern
auf.« »Ich habe die nur im Südchinesischen Meer vor der
Küste Borneos gesehen«, leistete ich meinen Beitrag.
Aus der Fülle von Erinnerungen meldete sich meine erste
Begegnung. Vom hohen Deck einer Bohrinsel beobachtete ich,
wie die Taucher die Lage der eingezogenen Anker überprüften.
Plötzlich tauchte in ihrer Nähe ein Riesenfisch auf, um
gerade mal etwa fünf Meter vor den Tauchern anzuhalten.
Keine Sorge, beruhigte mich damals der Kapitän der Bohrinsel,
das sind Planktonfresser und in diese Kategorie gehören
unsere Taucher nicht. Trotzdem fand ich das unbeschwerte
Arbeiten vor einem so großen Maul ziemlich mutig.
Wir beobachteten, wie die zwei Besucher ein paar Mal das
Schiff umkreisten und dann in südlicher Richtung in tieferes
Wasser davonschwammen.
Im Hintergrund der Brücke begann die Faxmaschine zu
rattern. »Aha, die Arbeitsbewilligung, endlich!«, freute sich
Richard, während er das Dokument vom Empfänger abriss
und dem Kapitän brachte.
Zum Rattern der Ankerkette erreichten die Vorbereitungsrituale
auf Deck ihren Höhepunkt, vergessen waren Tatsachen,
dass dies das letzte Projekt in dieser Zusammenstellung
202
war. Die Professionalität, das Sicherheitsbewusstsein, der
Wille, perfekte Arbeit zu leisten, waren Selbstverständlichkeit.
Auf der Brücke kontrollierten die beiden Navigatoren Adam
und Benjamin ein letztes Mal die Track-Daten für eventuelle
Updates oder Änderungen. Dem Kapitän wurde der Kurs
zum Startpunkt gegeben, mündlich und auf dem Navigationsbildschirm.
Langsam verließen wir die Bucht von Penzanz
in Richtung Ärmelkanal, ein letzter Blick zu den friedlich in
der Morgensonne strahlenden Häusern von Mousehole mit
einem letzten Gedanken an die verstorbenen freiwilligen Retter
beim Untergang der Union Star. Duncan deutete mit dem
Zeigefinger auf die Stelle, wo das Schiff mit defektem Motor
von Zwanzig-Meter-Wellen auf die Felsen geworfen wurde.
Dass unsere Messungen über den Ärmelkanal kurz vor der
Mündung in den Atlantik ein spezielles Abenteuer sein werden,
wussten wir. Der Radarschirm zeigte ein Bild, das ebenso
der Sternenhimmel mit in alle Richtungen schießenden Meteoriten
hätte sein können. Alles Boote verschiedenster Art
und Größe. Erst recht interessant wurde das nach Anbruch
der Dunkelheit, ohne visuellen Kontakt, dazu mit erhöhter
Dichte der französischen Fischkutter. Letztere pflegen auf
Radioanrufe nicht zu reagieren, weder Englisch noch Französisch.
So zogen wir langsam mit gleichbleibendem Kurs und
Geschwindigkeit von drei Knoten von einem Near miss zum
anderen, ohne mit viel Glück französische Schleppnetze aufzufangen.
»Damit vermeiden wir internationale Kleinkriege
mit den Fischereibehörden auf dem Kontinent«, meinte Lewis,
der Erste. »Und was mit eu?«, fragte ich, »vergiss das, es
geht um Netze und Geld!«
Ein Anruf, sofort unseren Kurs massiv zu ändern, führte
zu Verwirrung. Die Antwort, dass dies nicht möglich sei, war
ein Helikopter, der sich uns mit grellem Scheinwerferlicht nä-
203
herte und knapp über dem Deck in der Luft stehenblieb und
jede Ecke ausleuchtete. Radioverbindung gab es nicht, nur
eine Anordnung von einer Kommandostation, dass wir unsere
Fahrt sofort unterbrechen müssen. Eilig zogen wir die Anker
ein und hielten unsere Position. Der Helikopter verschwand,
um kurz darauf auf einem Schiff zu landen. »Sieht aus, als wären
wir der Nato in die Quere gekommen«, meinte der Kapitän
Duncan. Der nächste Anruf gab dann die Erklärung, dass
ein Schiff der usa-Marine mit einem defekten Unterseeboot
im Schlepp unsere Route auf Kollisionskurs queren wird und
weder die Geschwindigkeit reduzieren noch den Kurs ändern
werde. »Wieso erscheinen die nicht auf einem Radarschirm?«,
wunderte sich der Kapitän mit Kopfschütteln.
Bei Tagesanbruch bat ein Aufruf der Küstenwache an Alle,
nun schon zum vierten Mal, Ausschau nach einer Französischen
Jacht mit blauen Segeln auf Atlantiküberquerung zu
halten, mit der seit Tagen jeder Kontakt fehlte. »Eingeschlafen
und von einem Containerschiff überrollt, verschollen für
immer«, kommentierte Lewis trocken. »Solche Nachrichten
hören wir hier den ganzen Sommer, du glaubst nicht. Dazu
kommen noch die verlorenen Container, die knapp unter der
Wasseroberfläche, total unsichtbar für einen Jachty, auf Opfer
lauernd!«
»Oder ganz einfach kaputter Radio oder Verschwindenwollen«,
kommentierte Richard.
Es war dann an einem traumhaften Juni-Samstagmorgen,
alles verstaut, jedermann damit beschäftigt, das Ende des
Abenteuers auf dem Schlepper Winston mit Eisbrecherkapazität
abzuschließen. Die Transportkisten wurden aus den Lagerräumen
zur Brücke getragen, Kabel eingezogen, Antennen
abmontiert. Noch war man zu beschäftigt, um die Realität
204
zu akzeptieren, dass im Hafen von Falmouth Ende sein wird.
Weder Micky noch Richard hatten, trotz wiederholtem Nachfragen,
von einem nächsten Projekt gehört. Nur die Navigatoren
werden schon am folgenden Montag in der nördlichen
Nordsee eine Bohrinsel begleiten.
Mir wurde die Kommandobrücke der großen Schiffswinde
zugeteilt, um meinen Bericht abzuschließen.
Plötzlich brachten die schrillen Sirenen die Routine zu abruptem
Halt. »Feuer im Motorenraum, alle auf Sammelstation,
Feuerwehr auf Station.« Bewaffnet mit Schwimmweste
und Helm versammelten sich alle außer Feuerwehr und Sanität
beim Sammelpunkt am hinteren Ende des großen Decks.
Warten auf weitere Befehle, Rauch sahen wir keinen, waren
uns aber bewusst, dass Feuer an Bord die schlimmste und folgenschwerste
aller möglichen Katastrophen eines Schiffes auf
See sein kann. Dann, nach einer halben Ewigkeit, erschien der
Kapitän auf der Brücke und bat über Handradio, man soll feststellen,
ob das Deck heiß sei. Und das wurde bestätigt. »Sehr
heiß auf Backbord, warm steuerbord.« »Roger, Roger, danke,
out«, womit er wieder im Inneren der Brücke verschwand.
Entwarnung kündigte sich an, als aus dem Steuerbordkamin
eine schwarze Rauchwolke in den blauen Himmel stieg
und wir langsam wieder Fahrt aufnahmen. Allgemeine Erleichterung
nach der Erklärung, dass man nun mit einem Motor
unterwegs sei, dass wir aber erst gegen Abend in Falmouth
andocken werden, was unter anderem hieß, dass ich meinen
Flug verpassen werde. »Du bist nun morgen ab Plymouth gebucht
sowie Hotel in Hafennähe und eine Limousine um halb
sechs Uhr«, beruhigte mich Mike von meiner Agentur in Walking,
»genieße Falmouth, ich beneide dich!«, schloss er.
Ferienstimmung herrschte an der südenglischen Küste,
Hunderte von weißen Segeln tummelten sich auf dem blauen
205
Wasser in Küstennähe. Regattensegler kämpften um Positionen
an den Bojen, ein buntes Treiben, bis wir zwischen Pedalos
und Ruderbooten mit fröhlichen, sommerlich bekleideten
jungen Leuten am zugewiesenen Dock anlegten. Dort wartete
ein grüner Transporter mit einem sehr übel gelaunten Chauffeur,
den niemand über die Verspätung informiert hatte. Sofort
stürmte er an Bord, überhäufte Richard mit einer Tirade
von Schimpfworten und Verwünschungen. So blieb nur
gerade Zeit für einen kurzen Händedruck als Abschied nach
sechs Wochen toller Freundschaft an Bord, in Gravesend und
Esbjerg. Nichts vom Abschiedsbier im »Chain Locker« beim
Hafen, wie wir das schon lange geplant hatten.
Auch ich tappte das letzte Mal die schaukelnde Gangway
hinab zum wartenden Taxi, aber nicht ohne mich gebührend
von der Schiffsmannschaft zu verabschieden. Mit den zwei
Navigatoren Adam und Benjamin konnte ich mich dann doch
noch für das langersehnte Bier im Chain Locker verabreden.
Und dorthin begab ich mich nach dem Einchecken ins Hotel
mit Blick über den sommerlichen Hafen.
Die Bar fand ich ohne Probleme, das heißt den weiteren
Zugang dazu, denn der ganze Vorplatz war überfüllt mit Gästen,
Getränke in der Hand, in Gruppen friedlich plaudernd.
»Hier«, bemerkte ich Adam, den Chefnavigator, der an Größe,
zum Glück, die meisten der Gäste überragte. »Also, du musst
dich zum Ausschank durchkämpfen und für ein Nachtessen
konnten wir keinen Tisch reservieren, schade, wir hätten
dich gerne mit britischer Cuisine von unseren Esskulturen
überzeugt, nach dem Fraß des polnischen Kochs an Bord!«,
schrie Adam in mein Ohr, um den Lärm zu übertönen. Mühsam
zwängte ich mich zum Eingang und zum Ende der anstehenden
Kolonne. Einmal angestanden, musste ich mich nicht
mehr um die Reihenfolge kümmern, denn die Briten sind ja
206
Experten im Anstehen. »One pint of bitter« bestellte ich nach
einer halben Ewigkeit.
»Meinst du Lager? Denn das haben wir für Leute vom Kontinent«,
scherzte der Barmann.
»Nein, Bitter!«
»Ein Pfund achtzig.«
»Behalte den Rest.« Und schon begann ich den Weg zurück
ins Freie.
Dinner fanden wir dann in einer traditionellen Fish-und-
Chips-Bude. Ich genoss das, was ja England eine Reise wert
machen kann. »Scheußlich«, kommentierten meine Kollegen,
»Fische in der Nordsee sind viel besser, das ist nur Beifang!«
»Aber es füllt ein Loch im Bauch«, kommentierte ein Gast
vom Nebentisch.
Ein weiteres Pint-Bitter-Bier in einem Straßenrestaurant
zum Abschied von den letzten der Gesellschaft.
»Zum Plymouth-Flughafen?«, fragte der Chauffeur einer
schwarzen Limousine, als es gerade anfing hell zu werden. Regen?
Vor ein paar Stunden hatten wir noch Sommer. »Wohin
die Reise?«
»Heathrow, dann Zürich!«
»Da hätten Sie noch ein paar Stunden länger schlafen
können, denn der Flug nach London geht immer über Newquay,
nur gerade ein paar Kilometer von hier«, erklärte der
Chauffeur auf den Wegweiser an einer Abzweigung zeigend.
Ärgerlich, denn die zwei Stunden Autofahrt im verregneten
Südengland für satte achtzig Pfund waren nicht das große
Sonntagsvergnügen.
Eine Wolke von Dieselgestank erschrak mich, als ich bei
der Sicherheitskontrolle meine Tasche öffnete. »Oh, bitte verzeihen
Sie!«, entschuldigte ich mich bei der sympathischen
Beamtin, die einen kurzen Blick in meine Tasche warf. »Ma-
207
chen Sie sich nur keine Sorgen, das sind wir gewöhnt, Seeleute
sehen wir sehr viele!«, beruhigte sie mich mit ehrlichem Lächeln.
Ja und dann, kurz nach dem Start blickte ich hinab auf Falmouth
und Penzanz, ehe wir, wie gesagt, in Newquay landeten.
Mit einem letzten Bitter-Bier im Heathrow-Terminal verabschiedete
ich mich nach sechs Wochen abenteuerlicher Zeit
auf einem Schlepper in den britischen Gewässern, mit einem
perfekt arbeitenden Team in freundschaftlicher, harmonischer
Atmosphäre. Beim letzten Blick auf die weißen Klippen
von Dover wünschte ich Richard und Micky, den Themse-Schleppern,
alles Gute für die Zukunft.
208
Das harte Schicksal der vier Freunde
S. Y. Four Friends – Auckland
Martin Masson, besser bekannt als Dick M., Kapitän des Motorschiffs
Kommander Michael, zeichnete mit einem weichen
Bleistift den geplanten Kurs auf die Seekarte. »Hier bleiben
wir drei Meilen nördlich des eingezeichneten Riffs, denn
man weiß nie, wie genau das alles kartiert wurde.« Mit diesen
Worten führte er den Bleistift kreisförmig um eine Serie
von Untiefen mit einigen kartierten Wracks, die vielleicht
schon seit dem vorletzten Jahrhundert dort ruhten. Mit festem
Strich zeichnete der erfahrene Seemann eine Richtungsänderung
ein, die den Kurs von 112 auf 130 Grad ändern wird,
um dann weiter zum geplanten Ziel zu führen. Dick M. las auf
dem gps-Empfänger die Position, die in grauen Zahlen in einem
Fenster erschien, kratzte sich am Kopf und notierte beim
Knick 21:13 als vorausgerechnete Zeit für den Kurswechsel.
»Das sollte etwa hinkommen, falls das Wetter hält«, beendete
er die Planung, indem er zufrieden seine weißen Bartstoppeln
streichelte. Per schaute auf seine Uhr. Viertel nach
drei, also noch fast sechs Stunden.
»Schade, dass wir bei Dunkelheit am Lukonia-Riff vorbeifahren,
denn sonst könnten wir vielleicht die Masten der Segeljacht
›Die vier Freunde‹ sehen«, bemerkte Per vom hohen
Sitz, den er, in der Kapazität als Projektleiter und nach Begutachtung
der Planung hinter dem Radarschirm eingenommen
hatte. Der Kapitän regte sich in seinem komfortablen Steuerstuhl
und zog behäbig an seiner Dunhill-Pfeife, worauf sich ein
angenehmer Geruch des Borkum-Reef-Tabaks in der Brücke
209
ausbreitete. Die äußere Erscheinung des erfahrenen Kapitäns
in abgeschnittenen Jeans und vom rostgetrübten Waschwasser
in hässliches bräunlich verfärbte t-Shirt passte nicht in das
übliche Bild eines Schiffsführers in weißer Hose, mit dunklem
Kittel und eleganter Mütze. Rasieren gehörte auch nicht zur
täglichen Toilette, womit er genau auf das alte, 65 Meter lange,
1965 in Hannover als Fischkutter für die Nordsee gebaute
Motorschiff passte. Dick M. liebte seine alte Lady und freute
sich, in Per einen dankbaren Zuhörer während der eintönigen
Fahrt übers Südchinesische Meer gefunden zu haben.
MS Kommander Michael
Als sich die großen Konzerne ernsthaft auf die Öl- und Gasförderung
in der Nordsee einließen, erwogen die Unterwasseringenieure
mit Expertenteams an Bord von bemannten
Unterseebooten den Seeboden visuell zu erforschen, Installationen
zu inspizieren oder Lecks in Ölleitungen zu suchen
und zu reparieren. Mutterschiffe, von denen Unterseeboote
gewassert und betreut werden könnten, wurden hergerichtet,
meistens durch Umbau von Nordseekuttern oder der Schiffe,
die Seemächte während des Weltkriegs für die Bergung von
notgewasserten Kampfflugzeugen umgerüstet hatten.
Parallel zu dieser Entwicklung führten die Versuche mit
unbemannten, durch Nabelschnur mit dem Mutterschiff verbundenen,
ferngesteuerten Fahrzeuge (rov – remotely operated
vehicles) zu ersten erstaunlichen Erfolgen. Fernsehkameras
und Manipulationsarme wurden angebracht. Ein Pilot
saß an Bord des Mutterschiffes hinter einem Bildschirm und
lenkte mittels Joystick das ferne Gerät nach Belieben über den
Seegrund und war in der Lage, einfache Handlungen, etwa das
Bergen von verlorenen Gegenständen oder das Einsammeln
210
von Bodenproben, auszuführen. So war es nicht erstaunlich,
dass ein einziger bedauerlicher Unfall mit einem bemannten
Unterseeboot den Traum von Ausflügen zum Grunde der
Weltmeere, wenigstens für die Ölindustrie, beendete. Die unbemannten
Fahrzeuge, wie etwa der Augapfel, mit dem nur
beobachtet wurde, oder die Mehrzweckungetüme, ausgerüstet
mit einer ganzen Werkstatt, tv-Kameras und akustischen
Instrumenten, übernahmen all diese Aufgaben, ohne das große
Risiko, dem sich die Besatzung eines Unterseebootes oder
Tiefseetaucher in Tauchanzügen in großer Tiefe aussetzen
würden.
Am Anfang dieser Entwicklung wurde der alte Fischkutter
Kommander Michael in ein Forschungsschiff mit Raum
für zwei Unterseeboote umgebaut, die dann allerdings nie an
Bord gebracht wurden. Dafür installierte die Reederei auf dem
großen Deck Winden und hydraulische Krane für verschiedene
Projekte mit ihren spezifischen Instrumenten. Dort, wo die
u-Boote hätten sein sollen, befanden sich zwei große Kompressoren.
Einer wurde während der letzten Tage hellgrün
bemalt, während der andere gerade einen dunkelgrünen Anstrich
erhielt.
»Dann kann ich sagen ›starte den Dunkelgrünen‹ zuerst,
was einfacher ist, als ihnen Nummern zu geben!«, beantwortete
Hemish Pers neckische Frage, was auch gleich das Vertrauen
in seine Crew erklärte.
M.S. Kommander Michael diente anfänglich als Versorgungsschiff
für Ölbohrungen in der Nordsee, bis es von den
zweckspezifisch gebauten Schiffen, ausgerüstet mit Helikopterlandeplattform,
großen Büroräumen und Unterkunft für
zahlreiches technisches Personal, verdrängt wurde. Als letzte
Rettung vor der Verschrottung blieb ein Umzug nach Singapur,
der Einbau einer Klimaanlage und das Warten auf Aufträ-
211
ge. Der Start ins dritte Leben war geglückt und so schaukelte
das orange Schiff gemütlich durch die warmen Wasser des
Südchinesischen Meers.
Auf dem Vordeck entfernte ein indonesischer Matrose mit
kräftigen Hammerschlägen Rost. »Nicht zu hart«, schrie Dick
M., »sonst fällst du durch das Deck, denn vielleicht hält ja gerade
der Rost den Kahn zusammen.«
»Vielleicht sehen wir die vier Freunde auf dem Rückweg,
wer weiß!«, tröstete sich Per.
»Es ist ja an dir, so zu planen, dass wir bei Tageslicht am Riff
vorbeifahren«, weckte Dick Per aus seinen Gedanken.
»Du wolltest mir die Geschichte erzählen, fang an, wer sind
oder waren denn die vier Freunde, und was wollten sie mitten
im Südchinesischen Meer?«
Der Seegang wuchs im auffrischenden Wind, bis einige extra
große Wellen vom Bug geteilt, in mächtigen Walzen beiderseits
des Schiffes entlang rollten. Kräftige Spritzer klatschten
an die Vorderfront der Brücke. Der Maler hatte sich bereits
ins Innere verzogen. Per genoss das Rollen und schaute zum
grauen Horizont, zurückgelehnt in den bequemen Sitz, eine
Kaffeetasse in der Hand. Kapitän müsste man sein. Die blaue
See, die ewige Unruhe, die Wellen, durch die sie die Maschine
zog, eine nach der anderen. Eine aufregende, aber zugleich erholsame
Art zu reisen. Du konntest nichts dazu beitragen, um
schneller zu fahren. Die maximale Geschwindigkeit der alten
Lady waren sechzehn Knoten. Aber die fuhr sie tagelang, wenn
es sein musste. Denn der alte mak-Dieselmotor mit seinen 300
Umdrehungen, die ein großes Getriebe bis zum Propeller auf
170 reduzierte, arbeitete sehr zuverlässig.
Tief im Bauch des Schiffes, im Maschinenraum, war die
Zeit stillgestanden. Ein junger Mann aus Surabaya ging unentwegt
an der großen Maschine entlang und füllte mit einer
212
Zinnkanne Öl in die offenen Gefäße, die in Paaren über jedem
Zylinder angebracht waren. Es war erdrückend heiß, weshalb
sich der erste Ingenieur, Chief Hemish Maloy, ein rotes Tuch
um die Stirne gebunden hatte, um den Schweiß aufzufangen.
Sein Overall war bis zur Gürtellinie offen. Seine Arme zierten
kräftige Tätowierungen. Vor Jahren hatte er sein kaltes Schottland
verlassen, um sich in Manila, der Heimat seiner zweiten
Frau, niederzulassen. Mit seinem erwachsenen Sohn Duncan
hat er kaum noch Kontakt. Hemish, so sagte man sich, war der
Einzige, der die antike Welt unter dem Deck noch verstand.
Kein Wunder, dass er die orange Maschine liebevoll sein Old
Girl nannte.
Die Fahrt der ›Vier Freunde‹
Zurück in der Gegenwart erzählte Per, dass vier Freunde in
Neuseeland die Segeljacht »Four Friends« gebaut hatten.
Es war eine stolze 22 Meter lange Jacht mit einer Ferro-Zement-Hülle.
Neben Kabinen für die Crew lagen im weiten
Rumpf zwei komfortable Gästekabinen mit je zwei Kojen.
Im Deckhaus bot ein luxuriöser Salon allen an Bord, auch
bei schlechtem Wetter, gemütlichen Raum für Erholung und
geselliges Zusammensein. Der leutseligen Besitzer Stolz war
eine geschwungene Bar, an der man bequem aufrecht stehen
konnte.
Im Cockpit gab es alle Instrumente, die man auf langer
Fahrt brauchte, Kompass, gps, Wetterfax, Radio, Radar, digitales
Echolot und so weiter. Da die stolzen Besitzer bald einmal
merkten, dass ein solches Boot für vier Freunde für Wochenend-
und Ferienturns zu teuer war, boten sie sich für Charterfahrten
an. Fanden sie Interessenten, beurlaubte sich einer der
vier, heuerte je nach Bedarf eine Crew an und ging auf Fahrt.
213
In Neuseeland war es so üblich, dass viele Jachten während
dem südlichen Winter in die tropischen Gegenden der
Fidschi-Inseln verlegt wurden. Ende April versammelten sie
sich, um die lange Fahrt im Konvoy anzutreten oder gar um
die schnellste Überfahrtszeit zu regatieren. »Four Friends«
beteiligte sich an der Regatta und gewann schon beim ersten
Versuch als schnellste Tourenjacht.
Eigentlich hätte man dort den ganzen Winter verbracht,
hätte nicht ein unternehmungslustiger Weltenbummler mit
seiner Freundin die Jacht für eine Passage durch den indonesischen
Archipel bis nach Singapur gechartert. Skipper Connor
Moor fand eine Crew und setzte Segel nach dem fernen
Ziel. Torres Straight zwischen Australien und Papua-Neuguinea,
Bali, Java-See, bis sie nach sechs Monaten und mehreren
Landaufenthalten in der Raffles Marina in Singapur den Charter
beendeten.
Trotz mühsamem Suchen gelang es Connor nicht, Charterer
für die Rückreise nach Neuseeland zu finden. Von der
luxuriösen und teuren Marina verlegte er das Boot zum Changi-Jachtklub,
wo sich die Weltumsegler mit bescheidenerem
Budget trafen. An den Ankerbojen hingen die Gestrandeten,
die in Verzweiflung auf Käufer für ihre Boote warteten, solche,
die sich neue Partner suchen wollten, da sie der alte im Streit
verlassen hatte. Dann waren noch einige, die an Land Arbeit
suchten, um dringende Reparaturen an ihren Booten auszuführen,
ehe sie weiterreisen konnten. Die Flaggen tanzten im
Wind, man konnte sie vom Lloyang-Marine-Stützpunkt gut
sehen, dort, wo die Boote der Ölindustrie repariert, gebunkert,
umgebaut, gekauft oder verkauft wurden. Dort waren
auch die Tauchsupportboote. Und dort hat »s.y. Four Friends«
endlich einen neuen Kunden, den bekannten Unterwasserfotografen
Tan Ho Seng, kurz Tan, aus Malaysia, gefunden. Er
214
war mit seinen Bildbänden über die Korallenriffe in Nordborneo
in der Bestsellerliste gelandet, weshalb er eine Kommission
erhandelt hatte, die meist unbekannten Südlukonia-Riffs
zu fotografieren.
Ein Vertrag mit dem Tauchboot Calypso für das Projekt war
buchstäblich ins Wasser gefallen, als ein Schlepper das bestens
ausgerüstete Boot rammte, was Reparaturen im Trockendock
erfordern würde, falls sich der Eigentümer dazu entschließen
könnte. Tan sah seinen Vertrag, den Erscheinungstermin für
sein Buch einhalten zu können, in Gefahr, bis ihn der Barkeeper
im Jachtklub dem Skipper der vier Freunde vorstellte.
Die Tauchausrüstung wurde überholt, ein neuer Kompressor
eingebaut und Navigationsunterlagen beschafft. Während
die Jacht in Richtung Borneo segelte, flog Tan nach Miri
in Sarawak, um Kontakt mit den Firmen aufzunehmen, die
Ölexploration in der Gegend ausführten und die meisten Riffe
kannten. Da die Sponsoren des Projektes bekannt waren,
offerierte man alle erdenkliche Hilfe. Man saß um einen runden
Tisch über Karten und kreiste ein, von wo Hilfe per Radio
angefordert werden könnte. Auch Helikopterunterstützung
wäre möglich, aber nur im äußersten Notfall, da teuer und
weil das Forschungsgebiet am Rande des Helikopter-Einsatzradius
lag. Bei diesem Treffen am runden Tisch war Per als
Vertreter der Navigations- und Vermessungsabteilung der Ölfirma
anwesend. Das gab ihm die Gelegenheit, mit Tan einen
Besuch auf der Jacht zu vereinbaren, um sich zu versichern,
dass der Skipper über genügend Karten und Navigationsmittel
für Arbeiten in der Nähe der bestehenden Installationen habe.
Auch wollte er ihn persönlich über Sicherheitsbestimmungen
unterrichten. Aber eigentlich wollte er, da selber Skipper, die
vielgepriesene Jacht sehen.
215
Auf zur letzten Fahrt
Ein paar Tage später tanzte »s.y. Four Friends« friedlich in der
harmlosen Brandung des Südchinesischen Meers vor der Küste
Sarawaks. Per saß als Gast mit Skipper und Fotograf Tan
im Cockpit, Whisky in der Hand, langsam das Glas drehend,
die Eisbrocken sachte klingelnd, im Gleichklang mit dem immerwährenden
Geläute der Takelung. Der Blick des stolzen
Eigentümers zog über das makellose Teak-Deck, die blitzblanken
Chromstahlausrüstungen, wie Reling, Bullaugen, Poller,
Winden, Ankerspill. Per war beeindruckt von der praktischen,
mit einem Blick erfassbare Anlage der Navigationsinstrumente
und der Fallführung, welche Einhandbedienung bei gutem
Wetter erlaubte.
»Und gesegelt wird mit Autopilot, nur für Hafeneinfahrt
übernehmen wir manuell.«
Mit den zwei großen rechteckigen Fenstern der Luxuskabine,
achteraus, und dem erhöhten Heck erinnerte die Jacht
an die ersten Weltumsegler oder gar an die Bounty in der Südsee.
Per schaute zum Horizont, möchte mit auf die lange Fahrt
über den Horizont, dort in die untergehende Sonne. Erst als
es ganz dunkel war, brachte ihn das Beiboot der Jacht zurück
ans Land.
Vom Ankerplatz segelten sie in den frühen Morgenstunden
gegen Nordwesten. Backbord, über den roten Klippen,
blinkte vor dem rötlichen Morgenhimmel das Tanjong-Lobang-Leuchthaus.
Vom Ende der Landzunge im Westen grüßte
der Baram-Leuchtturm. Am Ufer erloschen die Lichter der erwachenden
Stadt, während die Sonne langsam aus dem Meer
auftauchte. Es war ratsam, erst kurz vor Sonnenaufgang den
Anker zu lichten, da die ersten 20 Kilometer durch den Wald
von Marine-Installationen führten, die die ausgedehnten Öl-
216
felder vor der Küste von Sarawak bildeten. Alle Hindernisse
über Wasser waren mit Warnlichtern ausgerüstet. Vorschriften
verlangen, dass sich jeglicher Schiffsverkehr mindestens
eine Seemeile davon fernhalten musste. Dazu kam noch der
Bootverkehr zwischen den einzelnen Anlagen, deren Skipper
strikte auf ihrem Vorfahrtrecht beharrten.
Am Ende des Auslaufgebietes des Baram-Flusses, kurz hinter
dem letzten Hindernis, wechselte die Farbe des Wassers
vom unansehnlichen Braun ins klare Blau. Aus der Luft zeigten
fächerförmige, braune Flächen als Anhängsel im blauen
Wasser des Meeres jede Flussmündung Nordborneos, wofür
böse Zungen der Waldrodung im Inneren die Schuld gaben
und dabei sagten »Borneo verblutet«. Dabei ist das Braun eine
Mischung von Erde und einer färbenden Wurzelsubstanz, die
von den Wasserläufen aus dem Inneren ins Meer geschwemmt
wurde.
Dann war freie Fahrt. Einzelne Delphine begleiteten die
Jacht, spielten in den Bugwellen und schauten dem neugierigen
Segler ohne ein Zwinkern ins Auge. Beim Eindunkeln
markierten Lichter am Horizont einen Bohrturm, der Explorationsbohrungen
ausführte. Früher waren das willkommene
Fixpunkte, an denen die Navigatoren ihre astronomische Position
bestätigen oder, falls nötig, korrigieren konnten. Mit der
Möglichkeit, mit einem handelsüblichen gps-Empfänger eine
genaue Position zu ermitteln, war das nicht mehr notwendig.
Vorbei war die Zeit der Astronavigation, die viel Übung
und Geschick mit dem Sextanten sowie beim Ausrechnen der
Standlinien verlangte.
Am Abend des zweiten Tages war das Ziel so nahe, dass der
Skipper der Jacht beschloss, für die Nacht zu ankern, um das
Riff bei Tageslicht anzulaufen. Der genaue Plan für den ersten
Tauchgang wurde mit Tan besprochen und die Tauchausrüs-
217
tung nochmals kontrolliert. Die Wetterprognose war gut, die
Sonne senkte sich blutrot hinter den Horizont, beste Voraussetzungen
für eine erfolgreiche Mission.
»Das muss ja eine ganz tolle Sache für den Skipper gewesen
sein«, kommentierte Dick M., als sich der Erzähler vom Hochsitz
erhob, um im hinteren Teil der Brücke seine Kaffeetasse
nachzufüllen. Die Sonne senkte sich gegen den Horizont, der
Barometerstand war weiter gesunken, was noch keine Wetterbesserung
versprach. Zurück am angestammten Platz fuhr Per
mit seiner Erzählung fort.
Schiffbruch
»Du kennst doch die Besatzung dieser Jacht, wie heißt sie, ›Friends‹
oder so was«, fragte Ben Allison, der Chefpilot der Helikopterflotte,
Per nach der wöchentlichen Planungssitzung.
»›Four Friends‹, ja, warum?«, fragte dieser interessiert.
»Gestern Nacht mussten wir die Besatzung per Helikopter
retten, nachdem sie am Lukonia-Riff aufgelaufen waren«, berichtete
er sachlich.
»Sind alle gesund? Und die Jacht?«
»Ja, sie sind alle gesund, aber der störrische Skipper wollte
nicht weg, und der chinesische Fotograf hatte von teurem
Gerät erzählt, konnte aber nur eine Plastiktasche voller Filme
mitnehmen. Du weißt ja, die große Distanz, die Dunkelheit
und so weiter.«
Was war geschehen? Die Jacht ankerte mit dem Buganker
in einem Atoll. In der Nacht drehte der Wind und frischte auf.
Die Jacht drehte sich mit und verkeilte sich auf einem nicht
kartierten Riff. Leck, Wasser, Absinken. Mayday, Mayday.
Auf dem nahen Bohrturm wurde das Signal aufgefangen.
Anstatt ein Boot zu schicken, alarmierte der Radiomann die
218
Flugrettung. Das ok zur Rettung, »nur Leben, kein Gut«, wurde
gegeben. Der Helikopterpilot fand das Wrack, mit dem
Deck nur gerade knapp über der Wasseroberfläche in gefährlicher
Schräglage, sichtlich unreparierbar, wo sie war. Selber ein
erfahrener Segler, schüttelte Ben den Kopf. »Wie kann man
nur …«, fragte er mehr sich selbst als den Copiloten im Sitz
nebenan, während der Flugbegleiter die Winde zur Bergung
ausfuhr.
Der Skipper ließ sich am Tag nach der Rettung nicht mehr
sehen, denn er flog in unüberlegter Eile mit dem ersten möglichen
Flug nach Singapur, um von dort eine Bergung der Jacht in
die Wege zu leiten. Wenn nicht die ganze Jacht, so wenigstens
die Instrumente, die teuren Einrichtungen aus Chromstahl,
so viel wie möglich. Vergeblich suchte er im Changi-Jachtklub
und in der Lloyang Offshore Base nach irgendeinem Skipper,
der eine Kommission suchte. Nichts.
»Alles, was ich zurückhaben will, sind die Instrumente, die
teuren Gegenstände«, klagte er beim Whisky an der Bar des
Jachtklubs.
»Nein, ich habe keine Versicherung!«, gestand er kleinlaut.
»Und nun habe ich vernommen, dass die Taucher des lokalen
Tauchklub schon alles Wertvolle geborgen, was sag ich,
gestohlen haben«, jammerte er ein paar Tage später. Fast weinerlich
fügte er an, dass er alles für gutes Geld zurückkaufen
würde, auch nur einen Teil davon. Obwohl er genau wusste,
dass er eigentlich pleite war.
Die Nachricht vom Wrack vor der Küste machte die Runde
im Bootsklub. Und so fragte Ben, der Helikopterpilot, Luigi,
den Obmann der Tauchgruppe:
»Wart ihr beim Wrack?«
»Welchem Wrack?«
»Der Segeljacht.«
219
»Welcher Segeljacht?«
»Was, du weißt nichts davon?«
»Nein, pack aus.«
Ben fütterte Luigi nur Skizzen, wollte ihm nicht sagen, wo
und was genau, denn er wusste zu gut, wie die übereifrigen
Hobbytaucher nach neuen Zielen lechzten. Und dabei sah er
die traurige Möglichkeit einer weiteren Seerettung bei Nacht
und Nebel.
Der Fotograf, der als Einheimischer wohl die besten Beziehungen
hatte, war nicht nach Singapur, sondern zur nahen
Insel Labuan geflogen, wo er die lokale Tauchfirma aufsuchte.
»Ich brauche Taucher, um fotografisches Gerät aus einem
Wrack zu holen.«
»Was bezahlst du?«
»Nichts. Euch gehört die Jacht und alles, was ihr darauf findet,
was aber nicht mir gehört.«
Dabei zeigte Tan Fotos der Jacht, auf denen die Einrichtungen
zu sehen waren.
»Und falls wir zu spät sind?«, wunderte sich der noch skeptische
Taucher.
»Seid ihr nicht, denn der Skipper ist unterwegs nach Singapur
und die vietnamesischen Fischer sind um diese Jahreszeit
nicht dort«, gab der schlaue Fotograf mit überzeugender
Stimme an.
»Abgemacht«, Handschlag, und los ging die Fahrt.
Ein paar Tage später verließ der rostige Stahlkutter das
Lukonia-Riff, wo eine klägliche Zementhülle der endgültigen
Zerstörung wartete. Nichts außer dem stolzen Rumpf mit den
leeren Masten und Wunden der Brecheisen war geblieben.
»Zufrieden?«, fragte der schmunzelnde Fotograf.
»Ja«, nickte der Taucher, der keinen Moment daran zweifelte,
dass sich alles sehr gut verkaufen lässt.
220
»Auch dem Eigentümer würde ich das zurückverkaufen.
Für gute Dollar, sollte er auftauchen.«
»So kann es gehen«, meinte Dick M., eine neue Pfeife stopfend.
»Ist er zurückgekommen?«
»Das weiß ich nicht, ich glaube aber, dass er pleite war …«,
endete Per seine Erzählung.
Hemish, der Erste Ingenieur, tauchte aus dem Bauch des Schiffes
auf, füllte sich eine Tasse mit starkem schwarzem Kaffee.
»Nein, die Wasseraufbereitungsanlage kann ich ohne Ersatzteile
nicht reparieren«, meldete er dem Kapitän.
Das hieß, dass kein Meerwasser in Trinkwasser umgewandelt
werden konnte.
»Wir haben noch für zehn Tage Wasser im Tank, dann ist’s
aus!«, legte er mit Achselzucken dar.
Rationierung wurde angeordnet. Nur noch mit voller
Waschmaschine waschen, ja nie die Hähne auflassen und so
weiter. Je weniger Wasser im Tank war, umso konzentrierter
wurde der Rostgehalt und damit die rote Farbe, was dann wieder
auf den weißen t-Shirts zu sehen war.
Unbeirrt davon drehte sich die Maschine weiter. Das Ölkännchen
zog weiter seine Runden um den Motorblock. Nelson
wischte sich den Schweiß mit dem schmutzigen Handrücken
vom Gesicht, damit er nicht in den Augen brannte.
Per freute sich, hier und nirgendwo sonst zu sein. Die endlose,
aufgewühlte Wasserfläche wurde zur lieblichen Landschaft.
Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt.
221
Das Gesicht im Wasser – Telepathie oder Fantasie
Der junge Murugesan aus Singapur, den seine Freunde San
nannten, lenkte mit einem Steuerknüppel, besser bekannt als
Joystick, von der Kommandokabine auf einem modernen Forschungsschiff
das Unterwasserfahrzeug über den Meeresboden.
Die Arbeit war sehr anstrengend. Pausenlos konzentrierten sich
seine Augen auf das Bild auf dem großen Bildschirm, welches
von den Videokameras im Fahrzeug den Seeboden darstellte,
während es langsam einer geplanten Linie entlang schwebte.
San hatte sich bald nach seiner Einstellung als Pilot einen
guten Namen geschafft und wurde von der Crew aus allen Ländern
als sympathischer und zuverlässiger Mitarbeiter sehr geschätzt.
Für ihn, der von Singapur Airline aus medizinischen
Gründen nicht in die Pilotenschule aufgenommen wurde, war
dies eine akzeptable Alternative. Er bildete sich ein, der Meeresboden
sei das Wolkenmeer, über das er zu seiner jungen Frau in
Singapur schwebe, die er erst vor sechs Monaten geheiratet hatte.
Allzu gerne würde er in der Betriebswerkstatt arbeiten, um
mehr mit ihr zusammen zu sein. Aber dafür fehlten ihm noch
ein paar Jahre praktische Erfahrung, die er nur zur See erlangen
konnte. Einziger, aber nicht unbedeutender Trost waren die Extrazulagen,
die für Offshore-Einsätze bezahlt wurden, denn bis
zur Begleichung des beträchtlichen Rests des Brautpreises war
das junge Paar froh um das Extraeinkommen, obwohl die Zeiten
der Trennungen schmerzhaft waren.
»Was ist das!«, erwachte er aus seinen trübsinnigen Gedanken,
als sich die Formen auf dem Meeresboden plötzlich zum
verzerrten Gesicht seiner Frau vereinten.
222
»Nein, nein, was tust du? Was ist mit dir?«, schnellte er voll
Entsetzen aus seinem Sessel. Dann sah er ihr strahlendes Gesicht
für einen kurzen Augenblick. Schweißperlen überzogen
seine Hände, und er starrte auf den Bildschirm.
»Komm zurück, sag etwas, sag etwas, was ist los?« Seine
Nase berührte beinahe den Bildschirm.
Dann erschien das Gesicht wieder, so wie es ausgesehen
hatte, als er um sie geworben hatte und wiederholte die Worte,
die ihn damals zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht
hatten: »Ich führe dich zum versteckten Paradies. Du,
nur du wirst es sehen, vereint werden wir uns erfreuen!«
Angstschweiß trat auf seine Stirn. Dann zogen trübe Wolken
über das Bild und plötzlich tauchte die grinsende, dunkelhäutige
Grimasse des Hauseigentümers auf, und keifte ihn
mit funkelnden Augen an: »Murugesan, deine Miete ist schon
wieder überfällig, Hahahaa!«
»Ja, ich weiß, nur noch bis Ende Monat, Herr Pillai, bitte!«
»Du hast doch kein Geld. Aber deine Frau ist jung, deine
Frau ist schön, was meinst du?«
San erstarrte.
»San, was ist los, du landest das Fahrzeug. Pass doch etwas
auf.«
Mit diesen Worten stürzte der Teamleiter in die kleine Kabine,
konnte San die Kontrolle im letzten Moment entreißen
und den Steuerknüppel bis zum Anschlag zurückziehen. Die
Kamera richtete sich gegen oben, wo sich der Lichtkegel im
Dunkeln der Wassermassen verlor. Auf dem Bildschirm erschienen
anstatt des Seebodens Luftblasen und ein paar neugierige
Fische vor schwarzem Hintergrund.
Wie in Trance trat San durch die Tür in den engen Gang,
wo steuerbords der Aufenthaltsraum lag. Als er dort eintreten
wollte, hörte er seinen Namen über den Lautsprecher: »Ein
223
Telefonanruf auf der Brücke!«
Erschrocken folgte er dem Gang entlang zum Ende, wo die
Treppe zur Brücke ansetzte. Drei Stockwerke hoch, in die geheimnisvolle
Welt der Kommandobrücke, wo der Kapitän im
schwarzen Ledersessel an einer kalten Pfeife kaute und angespannt
auf den Navigationsbildschirm über dem Steuerstand
schaute.
»Ah ja! Dort, das grüne Telefon!«, begrüßte er San, ohne
den Blick zu erheben.
»Ja?«, hauchte San in den Hörer.
»Herr Murugesan, wir haben leider schlechte Nachricht
für Sie. Ihre Frau wurde vor einer Stunde in das Spital in Singapur
eingeliefert. Sie hat einen Schädelbruch!«
»Was? Ich komme sofort!«
»Das ist nicht nötig, sie ist auf der Notfallstation. Sie ist
nicht bei Bewusstsein. Wir werden Sie weiter informieren. Es
tut uns sehr leid!«
Der Hörer entglitt seiner Hand, Tränen füllten seine Augen.
»Er war’s, der dicke Pillai, mit seinen dreckigen Fingern, er
machte seine Drohungen wahr, sie hat sich gewehrt, worauf
er sie erschlagen hat. Ich weiß es!«, stotterte er vor sich hin.
»Sie ist tot und wenn nicht, wird sie sich selber töten, denn nie
könnte sie mit dieser Schande leben, nie!«
Unbeachtet vom Kapitän, ohne zu wissen, was zu tun,
schlich er in sich zusammengesunken Stufe für Stufe die steile
Treppe hinunter. Deutlich sah er das fette Gesicht von Pillai,
der eben in seine Straße eingebogen war, als ihn das Taxi
vor drei Tagen zum Flughafen abgeholt hatte, um für sechs
Wochen weg zu sein. Nachts, wenn er in seiner Koje lag, ließ
ihn dieses Bild nicht einschlafen, denn er wusste, dass seine
Frau dem Bösewicht ausgeliefert war. Seine Sinne schwanden,
ehe der das Hauptdeck erreichte.
224
»Hilfe, Sanität, Hilfe, da liegt einer am Boden!«, schrie der
kleine Seemann durch den Gang, als er den zuckenden Körper
Sans am Fuß der steilen Treppe fand. Schaum trat aus
seinem Mund, begleitet von unverständlichem Gestammel.
In Windeseile raste der erste Offizier durch die engen Gänge
und schrie Anweisungen: »Sofort Bare, Decken, Kissen. Ein
Mann die Füße halten!«, denn Sans lange Beine schlugen nun
unkontrolliert um sich, während sich seine Hände im Hemd
des Offiziers verkrallten. Erst als ihm die Sauerstoffmaske
aufgesetzt wurde, beruhigte er sich. Wie leblos lag er auf der
Bank des Aufenthaltsraums, wo er hingetragen wurde. Sein
Kopf lag im Schoß des Offiziers, der auf ihn einredete und ihm
Fragen stellte, die San nicht hörte.
»Was ist mit ihm? Was ist passiert?«
Niemand wusste eine Antwort.
»Extremer Schock, aber unbedeutende Verletzungen vom
Sturz!«, war die Diagnose des Offiziers, der nachdenklich in
die Runde schaute.
Da keine weitere Betreuung an Bord möglich war, funkte
der Kapitän für einen Arzt, der bestimmen sollte, was zu unternehmen
sei. Die Arbeit wurde eingestellt, das Unterwasserfahrzeug
an Deck gebracht und volle Fahrt gegen den Hafen
aufgenommen. Kurz vor Land meldete sich dann das Lotsenboot,
dass es einen Doktor bringe.
Dieser untersuchte den Patienten und kam zum selben
Entschluss: »Schock, hervorgerufen durch übermäßigen seelischen
Stress. Fast alltäglich bei dieser strengen Arbeit, unter
diesen ungewohnten Bedingungen. Ich nehme ihn mit und
behalte ihn im Spital zur Beobachtung!«, war seine Anweisung,
während er sein Stethoskop zusammenklappte und im
schwarzen Koffer verpackte.
San erwachte, als man ihn zur Jakobsleiter führte, an der
225
das Lotsenboot in den Wellen tanzte. Ein neuer, kräftiger
Anfall packte ihn und Schaum trat aus seinem Mund. Er hatte
nur einen Wunsch, und den erfüllte er, indem er sich mit
übermenschlicher Kraft vom Griff des Doktors löste und sich
in die Turbulenzen zwischen Schiff und Lotsenboot stürzte,
die von den Propellern erzeugt wurden.
Während sich die erschrockenen Seeleute anschickten, den
leblosen Körper zu bergen, klingelte das grüne Telefon auf der
Brücke: »Bitte sagen Sie dem Herrn San, dass sich die Frau erholt,
dass sie nicht bei Bewusstsein, aber außer Lebensgefahr
sei. Sagen Sie ihm auch, dass sich der Fahrer, der sie angefahren
hatte, gemeldet hat und bereits die volle Verantwortung
für den Unfall übernommen hat!«
226
Der Ginpalast
Roger wollte eine Motorjacht bauen und in das lukrative Chartergeschäft
einsteigen.
»Die Expats mieten solche Boote, um in der Freizeit an
benachbarten Riffs und den wenigen, bekannten Wracks zu
tauchen. Du wirst sehen, es wird ein Riesengeschäft! Und so
können wir unser Boot für unsere großen Pläne finanzieren!«,
sagte er zu Lucy, seiner Frau.
»Du meinst, deine Pläne«, war alles, was Lucy dazu sagen
wollte.
Bei den Expats, Expatriates, wie man im Lande ansässige
Ausländer nennt, sah Roger seine Zielkundschaft. Denn an
Wochenenden wollten sie zu den vor der Küste liegenden
Inseln segeln, wollten fischen, wollten aber vor allem zu den
Riffs fahren, um zu tauchen. Da die begehrtesten Ziele mehr
als drei Fahrstunden vom Hafen entfernt lagen, sah Roger
dort die Marktlücke, denn für solche Fahrten fehlte noch
das passende Boot, mit Unterkunft und permanenter Crew,
Kompressoren für die Taucheinrichtungen und nicht zuletzt
Kühlschränke für das Bier, den Weißwein und das Eis für den
Gin, um den Erfolg zu feiern. Der englische Sprachgebrauch
bezeichnet solche Luxusboote als Gin-Palast.
In Singapur fand Roger einen Bootsbauer, der im benachbarten
Malaysia mit Beziehungen ein 16 Meter langes Boot
aus lokalem Teak bauen würde. Man saß zusammen, beriet
sich über Segeljacht oder Motorjacht, die Kosten und wie man
diese begleichen würde. Man einigte sich auf eine von den lokalen
Fischerbooten abgeleitete Form. Ein geräumiges, offe-
227
nes Cockpit mittschiffs, als Arbeits- und Erholungsplatz zwei
große Kabinen im Heck, voraus durch einen gedeckten Salon
zu zwei weiteren Kabinen im Bug. Der Motor wurde unter
dem Cockpitboden versteckt. Dann änderte man von Segelzur
Motorjacht. Ein zweiter Motor wurde eingebaut und die
Basis für den Hauptmast, die in Form eines kräftigen Balkens
die Kabine einengte, sollte entfernt werden. Nur dazu kam es
nicht, denn Rogers Pläne fanden dort ein abruptes Ende. Seine
Frau Lucy, maßgebend bei der Finanzierung beteiligt, wollte
plötzlich nichts mehr von Segler und Motorboot wissen und
kaufte ein Haus. Das Geld für das Boot war weg, somit auch
der Traum vom Entdecken des ganz großen Preises vor der
grünen Küste von Borneo.
Das halbfertige Boot verkaufen? Wer, meinst du, will so ein
Boot kaufen?
»Ich gebe dir ein halbes Jahr, um einen Käufer zu finden.
Wenn nicht, verlierst du die Anzahlung, und ich habe das
Boot«, erklärte der sehr enttäuschte Bootsbauer.
Roger suchte überall, auch bei den Tauchfreunden an der
grünen Küste. Aber das Boot war etwas zu groß für den Privatgebrauch.
Ein stolzer Rumpf, perfekt hergestellt und wunderbar
ausgearbeitet. Sogar die Mastbasis würde entfernt werden
und aus den beiden Heckkabinen würde man einen Staatsraum
mit Kingsize-Bett, Hängeschränken, Nasszelle und vieles
mehr herzaubern. Eine Klimaanlage könnte eingebaut werden.
Darauf leben könnte man für immer, auf dem Gin-Palast.
Sonnenuntergänge anschauen, mit einem Glas Pink Gin in der
Hand, in dem die Eisbrocken langsam zergehen. Rosarot wie
der Sonnenuntergang, der die laue Tropennacht einleitet.
Nichts dergleichen, aus der Traum.
228
Sturmwarnung, Beaufort 10 von SSW
Heftige Bewegungen holten Ralf aus tiefem Schlaf. Als er sich
um Mitternacht, nach Ende der Schicht, in seiner Kabine zur
Ruhe gelegt hatte, war alles noch normal. Ein leichtes Schlingern
des Schiffes, das sich durch die ruhige See bewegte. Kein
Grund, auf der Brücke den Barometerstand zu lesen, denn seit
einer Woche bewegten sie sich in einer Hochdruckphase, die
allerdings in den nächsten Tagen von einer anrückenden Tiefdruckfront
verdrängt werden sollte. Aber nun, was war denn
das? Ralf wurde kräftig und unregelmäßig in der Koje hin und
her geworfen. Für den Unerfahrenen ist das ein seltsames, ungewohntes,
ja unangenehmes Gefühl, was sie daran hindert, in
der Koje zu liegen, wo sich die Eingeweide im Körper von links
nach rechts, von unten nach oben und wieder zurückbewegen,
als wollten sie ausbrechen. Ohne Rhythmus, denn die Bewegungen
werden vom Schiff bestimmt, mit dem die kräftigen
Wellen und der starke Wind ein Spiel ohne Regeln spielten.
Ob sie die angekündigte Front schon erreicht hätte, fragte
sich Ralf, während er sich aus der Koje auf den Boden schwang.
Aus der Tiefe des Rumpfes hörte er immer noch das regelmäßige
Ticken der seismischen Messanlage. An den Geländern haltend,
so gut wie möglich die Bewegungen des Schiffes ausgleichend,
torkelte er zur Treppe und kletterte vorsichtig ein Deck
tiefer zum Kommandoraum. Dort betrachteten alle Augen die
Resultate, mit denen der Schichtleiter zu entscheiden hatte,
ob man Messungen einstellen müsse, da die raue See nicht nur
zu Lücken, sondern auch zu starken Unregelmäßigkeiten in
der analogen Aufzeichnung führte. Dazu meldete der Kapitän,
229
dass Ian Woosnam das schottische Golf-Open gewonnen, Damon
Hill die Poleposition für das Silverstone-Rennen erreicht
habe und dass die Hong-Kong-Wetterwarte für die folgenden
24 Stunden noch höheren Seegang voraussage. Das war genug,
um sich für den Abbruch der Messungen zu entscheiden. Das
Ticken der Geräte verstummte, die Instrumente wurden geborgen
und gesichert, während die kräftigen Wellen bereits
über das Deck schwappten.
Die Crew-Mitglieder verschwanden im TV-Raum, in der
Koje, oder erzählten sich im Aufenthaltsraum Geschichten.
Der Navigator im Dienst verkeilte sich in seinem Sitz vor dem
Bildschirm, drehte einen Bleistift zwischen den Fingern der
rechten Hand, machte einen Eintrag im Logbuch, ehe er zum
Roman griff, der allzeit bereit neben dem Logbuch lag. Ralf
verkeilte sich in seiner Ecke hinter dem Rechner, von dem er
durch ein Bullauge, je nach Position im Bewegungszyklus, die
See oder den Himmel sehen konnte.
Irgendwo fiel ein schwerer Gegenstand von einem Pult,
Schubladen wurden von den Bewegungen aufgerissen und
wieder zugeknallt. Um das zu verhindern, schlich der Party
Chief wie ein Betrunkener mit Klebeband von einem Pult zum
andern.
»Das kommt davon, wenn man sparen will und ausgediente
Büromöbel aufs Schiff bringt, anstatt sie zu entsorgen«,
donnerte er. Denn taugliche Schiffsmöbel haben Sicherungen
für Schubladen und Ränder, die Gegenstände vor dem Herunterfallen
retten.
In der Kombüse hatte der Koch spezielle Bügel auf dem
Herd angebracht, die den Abflug von Pfannen verhindern.
Sein Gehilfe verkeilte sich breitbeinig zwischen Schüttstein
und Kühlschrank, um mit beiden Händen Zwiebeln zu
schneiden. Sein Körper bewegte sich kunstvoll mit viel Er-
230
fahrung gegen die Bewegungen. Beeilen musste er sich nicht,
denn bei hohem Seegang bleibt die Küche aus Sicherheitsgründen
kalt.
Auf der Kommandobrücke, dem höchsten Punkt im Schiff,
waren die Bewegungen am stärksten. Der Kapitän stand hinter
seinem Stuhl, eine Kaffeetasse in der Hand, sich mit Kniebeugen
senkrecht haltend, den Blick in die Ferne gerichtet. Der
Autopilot besorgte die Kurshaltung. Die digitale Richtungsanzeige
des Kompasses pendelte mit den Schiffsbewegungen
nervös hin und her.
»Das ist mein Frühturnen«, kommentierte Hans, der rundliche
Kapitän aus Hamburg.
»Das Geisterschiff treibt langsam gegen unser Projektgebiet«,
fuhr er weiter, womit er ein Frachtschiff meinte, das mit
Motorenschaden seit Tagen hilflos in Strömung und Wind
dahintrieb. Gestern sahen sie für kurze Zeit eine Rauchwolke
aus dem Kamin aufsteigen, die aber dann wieder erlosch, sonst
nichts, was hieß, dass die Reparaturanstrengungen bis anhin
erfolglos waren.
Der erste Offizier, in der Kapazität des Sanitäters, pirschte sich
durch die Gänge und offerierte kleine, runde Pflaster, die, hinter
das Ohr an den Kopf geklebt, vor Seekrankheit schützen
sollten. »Nein, danke, nicht für mich«, wehrte sich Ralf. Später
wurden diese Pflaster wegen schädlicher Nebenwirkung wieder
aus dem Verkehr gezogen.
Auch erfahrene Seeleute können unter der Krankheit, die
aber nach ein paar Tagen abklingt, leiden. Ist dem nicht so,
wird eine Seefahrt zur Qual durch Erbrechen und allgemeiner
Übelkeit.
231
Die weißen Pferde – Südatlantik
Die weißen Kronen der Wellen, die weißen Pferde, werden
größer, bis sie der Wind von der Krone wegbläst und als Gischt
vor sich hertreibt. Weiße Schaumbänder legen sich wie weiße
Finger in die Windrichtung auf das schwarze Wasser. Ab und
zu klatschte eine Wassermasse gegen das Bullauge, das drei
Meter über der Wasserlinie lag. Die Berg- und Talfahrt ging
weiter. Wie lange noch? Der letzte lose Papierkorb prallte gegen
die Stuhllehne. Auf einem pc nebenan spielte der Geophysiker
einhändig Solitär, während er sich mit der linken Hand
am Stuhlrand festhielt. Man störte sich nicht an der Pause in
der Arbeit.
»Es bessert sich«, meldete sich der Party Chief ein paar
Stunden später mit einer leeren Kaffeetasse in der Hand.
Seekrank? Nein, nie, das ist nur für Landratten ...
»Ein altes Rezept verschreibt bei Seekrankheit das Essen
von frischer Ananas.«
»Wieso?«, willst du wissen.
»Weil nur Ananas beim Erbrechen denselben Geschmack
hat wie beim Essen.«
Alte Seebären aus England trinken stark gesüßten Schwarztee
mit viel Milch …
Die wirklich Leidenden verkehren mit Pütz in der Hand
zwischen Koje und Reling, bis sie festes Land unter den Füßen
von den Qualen erlöst. Die meisten vom Leiden befallenen
Seehasen genießen nach ein paar harten Tagen all das Schöne
und Unvergessliche einer Seefahrt zu fernen Zielen weit
hinter dem Horizont. So wie schon unsere Urvorfahren mit
verklärtem Blick zum Horizont und den funkelnden Sternen.
Erika Mann und die
›Pfeffermühle‹
In zwei Anläufen versuchte das
Cabaret die Einwanderung in die
Schweiz, und beide Male waren
von Schwierigkeiten geprägt.
Der erste Versuch, die Gründung
des dadaistischen ›Cabaret
Voltaire‹ durch Kriegsflüchtlinge
aus Deutschland, Frankreich und
Rumänien im Jahr 1916, konnte
diese Form noch nicht zur
Geltung bringen. Dem zweiten
Anlauf war mehr Glück beschieden:
Erika Manns 1933 gegründetes
Exilcabaret ›Die Pfeffermühle‹
markiert den Beginn einer
bemerkenswerten Schweizer Cabaret-Tätigkeit. Erst mit ihrer Hilfe
konnte sich der Dadaismus in der Schweiz etablieren. Im Schweizer
Cabaret hat er bis heute seine Spuren hinterlassen.
Zahlreiche Beispiele machen eine Kunstform lebendig, die sonst
nur für den kurzen Moment auf der Bühne existiert. Dabei spannt
Daniela Chana einen Bogen von den Anfängen des Cabarets bis zu
jungen Künstlern, die heute das Publikum begeistern. Sie trägt dazu
bei, eine Kunstform sichtbar zu machen, die sich anhaltend großer
Beliebtheit erfreut und dennoch von der Forschung bisher wenig
beachtet wurde.
Daniela Chana
Erika Mann und die ›Pfeffermühle‹
Dadaismus und die Anfänge des Cabarets in der Schweiz
172 Seiten
ISBN 978-3-902752-10-9, EUR 32,–
danzig & unfried