50 Jahre SK Stiftung Kultur (Teil eins)
1976-1989 Kultur für alle - Die frühen Jahre der SK Stiftung Kultur
1976-1989 Kultur für alle - Die frühen Jahre der SK Stiftung Kultur
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SK STIFTUNG KULTUR
50
Jahre
1976 –1989
Kultur SK
für alle
Stiftung Kultur
Die frühen
Jahre der
TEIL
EINS
Als 1976 in Köln der sogenannte „City-
Treff“ eröffnet wurde, Keimzelle und Vorläufer
der heutigen SK Stiftung Kultur, war der
Gedanke revolutionär schlicht: Kultur und Bildung
sollten nicht länger hinter hohen Schwellen
und formellen Türen versteckt bleiben. Vielmehr
ging es darum, mitten in der Stadt einen
Ort zu schaffen, der Menschen einlädt, ohne Eintritt,
ohne Vorbehalte, aber mit Haltung.
City-Treff, 1976
Die „Stiftung City-Treff“, so der offizielle
Name bis 1996, gestiftet von der damaligen
Stadtsparkasse Köln anlässlich ihres 150-jährigen
Jubiläums, war zu Beginn ein urbanes Labor
für neue Formen der Bürgerbeteiligung: Konzerte,
Video-Workshops, Gesprächsrunden, Filmabende,
Sprachangebote, Rallyes durch die Stadt.
Das alles stand auf dem Programm, oft an einem
einzigen Wochenende. Der erste Film, der hier
gezeigt wurde, hieß bezeichnenderweise: „Tod
eines Bürokraten“.
© Bildarchiv der SK Stiftung Kultur
Zwischen Folklore, Fotografie und Feinkritik
Schnell entwickelte sich der „City-Treff“ zu einem
vitalen Treffpunkt für ganz Köln. Angesiedelt am Standort
der Sparkassen-Hauptfiliale am Rudolfplatz, war er
zugleich konzipiert als Kulturcafé mit ständiger Gastronomie,
Schachecke und kostenfreiem Zugang zu Tageszeitungen.
Er war ein Ort der Vielfalt: ein Malkurs hier,
ein Tanz-Workshop da, Gespräche mit Künstler*innen,
Theaterschaffenden und Journalist*innen. Man trank
Tee mit amerikanischen Sportstudierenden und diskutierte
auf Französisch über europäische Literatur. Regelmäßige
„Kölsche Klaaf“-Runden trafen auf Jazzproben,
Seniorentheater und Kinderstadtführungen. Alles
war bunt, barrierefrei, bildend.
Video für alle!
Wie der City-Treff 1976
zur Medienzentrale der
Zukunft wurde
Die politischen Debatten jener Jahre über den Kalten
Krieg, den NATO-Doppelbeschluss oder die Friedensbewegung
wurden zwar selten offen ausgetragen, aber
sie prägten oft spürbar die allgemeine Stimmung. Die
Stiftung war keine Bühne der großen Reden, sondern ein
Resonanzraum der leisen Töne und mutigen Versuche.
Willkommen im City-Treff Köln, Herbst 1976.
Die Luft ist elektrisch, nicht nur wegen der statischen
Aufladung auf dem braun-gelben Teppichboden
mit geometrischem Muster. Sondern weil
hier, in einem freundlich ausgeleuchteten Raum
mit beigefarbenen Wänden und psychedelisch anmutender
Deckenstruktur, etwas völlig Neues erprobt
wird: Video.
Was heute selbstverständlich aus jeder Hosentasche
streamt, war damals eine kleine Revolution.
Und wer sich traute, betrat im City-Treff ein
echtes Medienlabor der Zukunft. Zwischen massiven
Fernsehkameras auf Stativbeinen und einem
wuchtigen Röhrenmonitor mit silbernem Fuß
wurde nicht nur zugeschaut, sondern selbst gemacht:
Videoproduktionen von Bürger*innen für
Bürger*innen, darunter Schulkinder, Kunstschaffende
und einfach Neugierige.
© alle Fotos: Bildarchiv der SK Stiftung Kultur
Wenn alte Grenzen verschwinden
und neue Möglichkeiten
entstehen – wie kann
Bildung dabei helfen, sich
in dieser veränderten Welt
zurechtzufinden?
Menschen sitzen entspannt auf orangen
Polsterstühlen, Kopfhörer auf den Ohren, während
ein Bildschirm in der Raummitte zeigt, was
gerade aufgenommen wird: Eine Art öffentliches
Wohnzimmer für das neue Medium, das irgendwie
Fernsehen war, aber eben zum Anfassen.
„Video ist der Oberbegriff für eine bestimmte
Art von Fernsehen“, hieß es ganz offiziell im Programmflyer.
Doch anders als die unnahbaren Apparate
der großen Sendeanstalten, war Video hier
plötzlich handlich, greifbar und demokratisch.
Man sprach nicht von Sendern und Empfängern,
sondern von Gruppen, die selbst produzierten. Es
war ein Ort des Miteinanders, ein medienpädagogischer
Raum, in dem auch absolute Anfänger*innen
willkommen waren.
1976 –1989
1983: Sprache als Heimat – Die Gründung
der Akademie för uns kölsche Sproch
Ein programmatischer Meilenstein war 1983 die
Gründung der „Akademie för uns kölsche Sproch“.
Sie war mehr als nur eine sprachpflegerische Initiative.
In einer Zeit, in der Lokalkultur vielerorts verlacht
oder verdrängt wurde, setzte Köln ein Zeichen:
Mundart ist kein Dialekt der Vergangenheit, sie ist
Stimme der Gegenwart. Von Sprachkursen über
Mundartliteratur bis zur wissenschaftlichen Erforschung
des Rheinischen wurde hier kulturelle Identität
gepflegt – nicht folkloristisch, sondern fundiert.
Kölner Abende
Als man noch Zeit für den
gepflegten Plausch hatte
1985: Der Tanz zieht ein –
Deutsches Tanzarchiv Köln
Mit dem Erwerb des Deutschen Tanzarchivs Köln
im Jahr 1985 öffnete sich die Stiftung einem weiteren
kulturellen Schatz. Das Archiv, heute eines der
bedeutendsten seiner Art, sammelte nicht nur Bühnenmaterial,
Choreografien und Biografien, sondern
verband dokumentarische Arbeit mit künstlerischer
Forschung. Dass die Stiftung City-Treff eine Institution
des Tanzes beherbergen würde, zeugte vom
gewachsenen Selbstverständnis: Kulturgeschichte
wurde hier nicht nur bewahrt, sondern aktiv befragt
und vermittelt.
Was kann Kultur
leisten in einer Gesellschaft
im Wandel?
Willy Millowitsch (li.) und Werner
Höfer beim „Kölner Abend“ 1989
Es war die hohe Zeit der Talkkultur, als
Deutschlands Politik- und Gesellschaftsprominenz
noch nicht in TV-Talkshows rotierte, sondern
sich zum stilvollen Abendgespräch im Hotel
Mondial einfand. Gastgeber: Werner Höfer, Grandseigneur
des politischen Dialogs, berühmt geworden
mit dem „Internationalen Frühschoppen“.
Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der
Stiftung lud man ab 1985 zu einer besonderen
Veranstaltungsreihe: den „Kölner Abenden“. Was
zunächst in kleinerem, mäzenatisch getragenem
Rahmen begann, entwickelte sich rasch zum gesellschaftlichen
Ereignis. Nicht selten vor bis zu
500 Gästen erschien, wer Rang und Namen hatte.
Ob Ministerpräsident Johannes Rau oder CDU-
Vordenker Kurt Biedenkopf, ob Modeikone Karl Lagerfeld
oder Demoskopie-Großmeisterin Elisabeth
Noelle-Neumann: Sie alle kamen, diskutierten,
plauderten, stritten auch mal. Und immer saß
Werner Höfer als kundiger Gesprächsleiter mittendrin
– mit Charme, Witz und dem festen Glauben
an das Gespräch als Kulturtechnik.
Einige Gäste sind bis heute in der Öffentlichkeit
präsent, wie etwa Rita Süssmuth, die 1987 als
Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und
Gesundheit zu Gast war. Lothar Späth war 1988
noch Ministerpräsident Baden-Württembergs, als
er im Mondial Rede und Antwort stand. 1989
waren u. a. noch Willy Millowitsch und Lew Kopelew
dabei. Mit diesem Abend endete die Reihe.
Nicht, weil die Themen ausgingen, sondern weil
man wusste, wann ein guter Abend am besten
endet: auf dem Höhepunkt.
1976 –1989
Späte Achtziger, Fall der Mauer: Aufbruch und Wandel
1987 übernahm Hans-Georg Bögner die Leitung der Stiftung
und führte eine Phase vorsichtiger Neupositionierung ein. Die Stiftung
sollte sich zukünftig aus allen Bereichen heraushalten oder
zurückziehen, die durch andere Bildungsinstitute wie Volkshochschule
oder privatwirtschaftliche Anbieter abgedeckt werden; dies
galt z. B. für die Sprachangebote oder Malkurse. Unter Bögners
Regie wurde das Kulturverständnis differenzierter, die Angebote
im „City-Treff“ fokussierter insbesondere auf die Themen Theater,
Literatur und Musik. Statt lose aneinandergereihter Einzelveranstaltungen
entstanden thematische Reihen, neue Zirkel, Kooperationen
mit Theatern, Museen und städtischen Institutionen.
Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, war das auch
in Köln zu spüren, weniger politisch als kulturell. Die Luft wurde
anders. Neue Fragen lagen in der Luft: Was kann Kultur leisten in
einer Gesellschaft im Wandel? Wenn alte Grenzen verschwinden
und neue Möglichkeiten entstehen: Wie kann Bildung dabei helfen,
sich in dieser veränderten Welt zurechtzufinden? Die Stiftung
City-Treff war bereit für dieses neue Jahrzehnt – mit Schwung, wie
eine Broschüre aus dem Januar 1990 selbstbewusst titelte und
worüber wir in der kommenden Ausgabe berichten werden.
Impressum
„Skandal“ im City-Treff
Eine stillende Mutter
erregte die Gemüter
Im „Sommerloch der Presse“ machte die Stiftung
City-Treff 1986 unfreiwillig Schlagzeilen: „Alle
Kölner Tages- und Wochenzeitungen einschließlich
WDR und SWF berichteten darüber und ca.
zwei Seiten Leserzuschriften wurden nochmals
nachgedruckt, und wozu?“ ist im 86er Tätigkeitsbericht
der Stiftung ganz offiziell zu lesen. „Stillen
in der Öffentlichkeit“ erregte die Gemüter gleichermaßen,
ob pro oder contra. Der Anlass war
eine stillende Mutter im verpachteten Café-Bereich,
die von einer Kellnerin gebeten wurde, mit
Rücksicht auf konservative Besucher, ihr Baby
im Medienraum der Stiftung zu stillen, was empört
abgelehnt worden sei. „Ja, gehört auch das
zu guter Sitte und althergebrachtem Kulturgut?“
fragte sich ein damaliger Kolumnist.
HÖR
REIN
Has’te Töne?
Kölsch Tilefon und
Literatur-Telefon
1988 klingelte es zum ersten Mal in Köln ein
bisschen anders: Wer die Nummer 11510 wählte,
bekam keine Auskunft, sondern das „Literatur-
Telefon“ oder „Kölsch-Tilefon“ waren dran. Mal
tönte es klassisch hochdeutsch, mal op Kölsch.
Die Leitung stellte der damalige Telefondienst der
Bundespost, die Tonaufnahmen kamen von unserer
Stiftung: Hier wurden die Arbeiten von Schriftsteller*innen
und Mundartdicher*innen vorgestellt,
die in Köln leben und arbeiten. Woche für
Woche wechselten sich Texte und Tön’ ab – mal
nachdenklich, mal deftig, aber immer hörenswert.
Der besondere Reiz dieses Telefondienstes
bestand in der authentischen Literaturvermittlung,
d. h. sämtliche Autor*innen trugen ihre
Texte selbst vor. Darunter waren so bekannten
Autor*innen wie Lew Kopelew, Vilma Sturm, Richard
Rogler oder Günter Wallraff für die Literatur.
Beim Kölsch-Tilefon sprachen u. a. Gaby Amm,
Henner Berzau oder Ingeborg Müller. Was heute
wie Retro-Romantik klingt, war damals echte Pionierarbeit.
Tonband, Telefonschleife, Fünf-Minuten-Grenze,
alles musste passen. Dessen Chef
polierte alles millimertergenau raus, weil: wenn
schon, denn schon.
Die „Kölschen Wochen“ schienen der heimliche
Publikumsliebling zu sein: Montagsmorgens,
wenn versehentlich noch Hochdeutsch lief, hagelte
es Beschwerden. 1990 wählten über 27.000
Menschen die Nummer – manche regelmäßig, andere
heimlich.
1994 verstummte das Literatur-Telefon, da hier
die Anrufzahlen rückläufig waren. Das Kölsch-
Tilefon hielt noch sechs Jahre länger durch und
brachte es über die zwölf Jahre seines Bestehens
immer auf rund 1000 monatliche Anrufer*innen.
Dann wurde die Service-Leitung von Seiten der
Deutschen Telekom eingestellt.
SK Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn
Geschäftsführung: Norbert Minwegen
Im Mediapark 7, 50670 Köln,
Tel.: 0221/888 95-0,
pr@sk-kultur.de, www.sk-kultur.de
In Kooperation mit dem Känguru Colonia Verlag
www.kaenguru-colonia-verlag.de
Redaktion/Texte: Dr. Ralf Convents, Barbara Renz
Grafik: Anja Sauerland, www.paper-love.com