G+L 02/26
70 Jahre G+L bei Callwey / GEORG
70 Jahre G+L bei Callwey / GEORG
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20|2
26
MAGAZIN FÜR LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
UND STADTPLANUNG
70 JAHRE
GARTEN UND LANDSCHAFT
VERGANGENHEIT
UND
ZUKUNFT
DER PROFESSION
MAGAZIN FÜR
LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
UND
STADTPLANUNG
JUBILÄUMSAUSGABE
EDITORIAL
70 Jahre G+L – ein Meilenstein und ein Anlass zur Rückschau,
die uns in die frühen Jahre der Freiraum- und Stadtplanung entführt
und Entwicklungen beleuchtet, die unser heutiges Stadtbild
prägen. Doch ist ein Jubiläum nur ein Grund zum Feiern? Das
Jahr 2026 führt uns schließlich in eine Ära, in der vieles infrage
gestellt wird: Klimawandel, soziale Spannungen und eine zunehmende
politische Stagnation lassen uns erkennen, dass der Weg,
den wir in der Freiraumplanung beschritten haben, oft steiniger
war, als es die früheren Visionen vermuten ließen.
Für unseren Rückblick haben wir ein
wenig in unseren eigenen Archiven gesucht
und uns an Cover der G+L zurückerinnert.
Das weiße Deckblatt der obersten
Ausgabe auf dem Stapel ist für uns sinnbildlich
– ein Symbol sowohl für die
spannende Vergangenheit der G+L als
auch für unsere Offenheit gegenüber dem,
was die Zukunft uns bringt. Genau aus
dem Grund wagen wir in dieser Ausgabe
sowohl einen Rück- als auch Ausblick.
Deswegen betrachten wir dieses Jubiläumsheft nicht als reine Erfolgsstory,
sondern ebenso als kritische Bestandsaufnahme. Wie
konnte es sein, dass Herausforderungen, die wir bereits in den
1950er-Jahren erkannt haben, in vielen Bereichen heute noch
größer sind? Trotz bedeutender Fortschritte in der ökologischen
Gestaltung und nachhaltigen Stadtentwicklung bleibt das Bild
zwiegespalten. Klimaanpassung, soziale Gerechtigkeit und Partizipation
waren stets Kernanliegen der G+L, doch die Realität
zeigt, dass politische und gesellschaftliche Hürden den Fortschritt
oft behindern. Langjährige Wegbegleiter*innen – darunter Stephan
Lenzen (bdla) und Philipp Sattler (Die Grüne Stadt) – beziehen
zudem Position, wo wir in Zukunft stärker den Finger in
die Wunde legen müssen. Im Austausch mit etablierten Büros auf
der einen Seite und jungen auf der anderen stellen wir uns außerdem
die Frage, ob jedes Büro die gleichen Chancen hat und
welche strukturellen Probleme der Profession zusätzlich das Leben
schwer machen.
Freuen Sie sich auf eine ganz besondere Ausgabe der G+L, in
der wir es uns als Redaktion auch nicht nehmen lassen, uns selbst
infrage zu stellen. Wir diskutieren die Frage, welche gesellschaftliche
Verantwortung die G+L als führendes Magazin im Bereich
der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung heute noch trägt und
inwiefern wir dieser nachkommen. Auch wir müssen uns stetig verbessern
– um Ihren Ansprüchen, liebe Leser*in nen, weiterhin gerecht
zu bleiben.
Auf die nächsten 70 Jahre und all die Abenteuer, die vor uns liegen!
Grafik: Studio Böreck
THERESA RAMISCH
CHEFREDAKTION
t.ramisch@georg-media.de
KATHARINA KOHRING
REDAKTION
k.kohring@georg-media.de
G+L 3
INHALT
AKTUELLES
06 SNAPSHOTS
09 MOMENTAUFNAHME
Das kleine Stille am Felsen
70 JAHRE G+L
10 „MAN MUSS NICHT ALLES WISSEN!“
Interview mit Giulia Frittoli, Führungskraft bei BIG Landscape
16 ALLTAG, KLIMA UND ZUSAMMENHALT IN EINEM RAUM
Ein Kommentar von Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer
18 „WIR MÜSSEN LAUTER WERDEN!“
Stephan Lenzen, Präsident des bdla, im Interview
24 NEUE ANFORDERUNGEN, NEUE BILDER
Ein Kommentar von Peter Zöch, Verantwortlicher für Kommunikation und Business
Development im Snøhetta Studio Innsbruck
26 „ES BRAUCHT EINE EXISTENZIALISTISCHE GRUNDHALTUNG
Interview mit Julian Numberger, Mitbegründer des Büros NUWELA
32 70 JAHRE G+L: ANLASS ZUM ZUHÖREN UND WEITERDENKEN
Ein Blick darauf, wie unsere Leser*innen und wir als Redaktion auf die Vergangenheit
und Zukunft der Profession und der Zeitschrift G+L blicken
38 „KÜNSTLICHE INTELLIGENZ ALS CHANCE“
Dominik Baur-Callwey, Verleger von Georg Media, im Interview
40 „MIR IST DAS ALLES HIER ZU WEICHGESPÜLT“
Interview mit Theresa Ramisch, Chefredakteurin von G+L und topos
44 DEN GÄRTEN UND DER LANDSCHAFT VERPFLICHTET
Ein Beitrag von Bettina Oppermann, Präsidentin der DGGL
46 „JEDE VERÄNDERUNG ERÖFFNET NEUE CHANCEN“
Ein Gespräch zwischen Marie-Luise Tschirner, Sophie Holz – Partnerin – und
AW Faust – Gründer und Partner des Büros SINAI
50 „DENKT NICHT MEHR IN SILOS – VERNETZT EUCH!“
Interview mit Philipp Sattler, Geschäftsführer des Vereins „Die Grüne Stadt“
54 WO GELÄCHTER LEHRT
Ein Kommentar von Katharina Kohring, Architektin und Kunsthistorikerin
PRODUKTE
Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft
für Gartenkunst und
Landschaftskultur e.V.
(DGGL)
Pariser Platz 6
Allianz Forum
10117 Berlin-Mitte
www.dggl.org
56 LÖSUNGEN
Architects best Products
RUBRIKEN
62 Impressum
62 Lieferquellen
64 DGGL
66 Sichtachse
66 Vorschau
G+L 5
NAME
BERUF
PARTNERIN
GIULIA FRITTOLI
SENIOR-
LANDSCHAFTSARCHITEKTIN
BIG
COPENHAGEN
Giulia Frittoli wurde 2021 zur
BIG Partnerin ernannt und ist
eine wichtige Führungskraft innerhalb
von BIG Landscape.
Nach drei Jahren bei BIG NYC
wechselte Giulia 2020 zu BIG
Copenhagen. Sie ist Senior-
Landschaftsarchitektin mit einem
multidisziplinären Hintergrund in
Stadtplanung, Architektur und
Landschaftsarchitektur. Giulia
Frittoli leitete den Entwurf für
Toyota Woven City und untersuchte,
wie neue Technologien
die Zukunft von Städten in
Bezug auf neue Formen der
Mobilität, Nachhaltigkeit, Ökologie
und menschlichen Konnektivität
prägen werden. Seit
ihrem Eintritt bei BIG im Jahr
2017 leitet sie das BIG-Landschaftsteam,
das an verschiedenen
Projekten arbeitet, die
traditionelle Disziplingrenzen
überschreiten, indem sie Gebäude
und Landschaft, Planung und
Programmierung, Innen- und
Außenbereich, öffentlich und
privat miteinander verknüpfen,
um unvorhergesehe ne Typologien
und Synergien zwischen dem
Gebauten und dem Gewachsenen
zu schaffen. Vor ihrer
Tätigkeit bei BIG arbeitete sie
vier Jahre lang als Landschaftsarchitektin
und Stadt planerin für
das niederländische Unternehmen
West 8.
Sie verfügt über umfangreiche
Erfahrung in der resilienten
Masterplanung und Gestaltung
öffentlicher Räume in verschiedenen
Maßstäben. Sie leitete
die Gestaltung des Skulpturenparks
der Duke University sowie
den Konzept-Masterplan für die
Insel Gulangyu in China, der
dazu beitrug, dass der Ort zum
UNESCO-Weltkulturerbe ernannt
wurde. Giulia erhielt ihren
Master-Abschluss mit Auszeichnung
von der Polytechnischen
Universität Mailand.
„MAN
MUSS NICHT
ALLES WISSEN!“
10 G+L
70 JAHRE G+L
INTERVIEW MIT GIULIA FRITTOLI
Giulia Frittoli, Partnerin bei BIG, gehört zu den prägenden Stimmen einer
neuen, ökologisch und sozial ausgerichteten Landschaftsarchitektur. Im
Interview zeigt sie auf, wie sich BIGs Ansatz vom rein menschenzentrierten
Entwerfen hin zu Landschaften entwickelt hat, die Klimaanpassung, Biodiversität
und Gemeinschaft gleichermaßen tragen – und welche Projekte diesen
Wandel am deutlichsten verkörpern. Außerdem erklärt sie, welche Fähigkeiten
Planer*innen künftig brauchen und welche strukturellen Veränderungen
notwendig sind, damit mehr Vielfalt und lokale Expertise in die Stadtentwicklung
einfließen können.
INTERVIEW: KATHARINA KOHRING
Foto: BIG
Wie hat sich Ihr Verständnis von Natur
und Landschaft seit der Gründung Ihres
Büros weiterentwickelt, und auf welche
Weise zeigt sich diese Entwicklung in Ihren
aktuellen Projekten?
BIGs Herangehensweise an Landschaft
und Urbanismus hat sich in den letzten
20 Jahren drastisch verändert. Ich sage
oft, dass BIG als Landschaftsarchitekturbüro
begonnen hat, was erstmal wie
ein Witz klingt, aber tatsächlich stimmt,
wenn man sich unsere frühen Projekte
wie das „Harbor Bath“, „Superkilen“
und das „Maritime Youth House“ in Kopenhagen
ansieht. Zu dieser Zeit brachte
das Büro ein ausgeprägtes dänisches
Gemeinschafts- und Inklusionsbewusstsein
in Projekte ein. Vernachlässigte Orte,
wie Infrastrukturkanäle, ehemalige Industrie
gelände bis hin zu vergessenen Nachbarschaftszentren,
wurden durch BIGs
Eingriff wiederbelebt.
Mit dem wachsenden Bewusstsein für
Klimawandel und Artenverlust hat sich
unser Blick erweitert: vom Entwerfen ausschließlich
für den Menschen hin zu
einem Gestalten, das die Bedürfnisse der
Natur gleichberechtigt mitdenkt – Entwürfe
also sowohl für den Menschen als
auch für die Natur. Dieser Wandel hat
dazu geführt, dass wir Gebäude kreieren,
die die Natur beherbergen, anstatt
sie zu verdrängen: „Capitaspring“ – hier
wird die Natur vertikal vervielfacht;
„The Spiral“ – hier leben nun Fledermäuse
und Bienen im 67. Stock – und
„Copenhill“, auf dessen Dachlandschaft
sich in den fünf Jahren seit seiner Eröffnung
die Anzahl der einheimischen Arten
verdoppelt hat. Heute verfügen wir über
ein globales Team von mehr als 70 Landschafts
architekt*innen, die nicht nur
Architek turprojekte unterstützen, sondern
zuneh mend auch Arbeiten im öffentlichen
Raum leiten – Parks, Uferpromenaden
und landschaftsorientierte Masterplä
ne, wie das kürzlich fertiggestellte
East Side Coastal Resiliency-Projekt
(ESCR) in New York. Durch diese Arbeit
ha ben wir fundiertes Fachwissen in den
Be reichen Biodi versität und Resilienz
aufgebaut, das uns dabei hilft, klimafreundlichere
Entwürfe zu erstellen und
gleichzeitig Orte zu schaffen, die das
Leben der Menschen bereichern.
In welchen Projekten hat sich Ihrer Meinung
nach die Rolle der Landschaftsarchitektur
am deutlichsten von einer
ergänzenden Disziplin zu einem Motor
für räumliche, ökologische und soziale
Veränderungen entwickelt, und was
waren die wichtigsten Triebkräfte für
diesen Wandel?
Es gibt mehrere Projekte, die veran schaulichen,
wie sich der Ansatz von BIG entwickelt
und wie sich die Landschafts architektur
von einer unterstützenden Rolle
zu einer treibenden Kraft innerhalb unseres
Büros gewandelt hat.
Zunächst einmal ist es wichtig, die Auswirkungen
der internen Zusammen führung
von den verschiedenen Diszi plinen
bei uns im Haus anzusprechen: Die
Tatsache, dass Architekt*innen und Landschafts
architekt*innen am selben Arbeitsplatz
sitzen, dieselben Werte und denselben
Entwurfsprozess teilen und dass
unsere Führungskräfte an einem Tisch
arbeiten, hat wirklich alles verändert.
Unsere Arbeit in New York zeigt das Potenzial,
Uferbereiche und öffentliche Räume
neu zu denken, wobei Wasser und
soziales Leben die wichtigsten Triebkräfte
sind. Was mir besonders gefällt, ist,
dass diese Art von Projekt nicht von einer
Top-down-Vision geprägt wurde, sondern
von den Menschen, die dort leben, und
damit fast ein Gefühl von „Dänischsein“
in die USA bringen. Wir haben viel
darüber gelernt, wie man mit Resilienz
und steigenden Wasserständen umgeht
und Räume gestaltet, die nicht nur als
Parks, sondern auch als infrastrukturelle
Systeme fungieren. Noch wichtiger ist,
dass wir uns von der einfachen Gestaltung
für Natur und Menschen hin zur
Gestaltung mit ihnen entwickelt haben.
Der umfangreiche Prozess der Einbindung
der Gemeinschaft hat uns gelehrt,
wie man Räume schafft, die Menschen
wirklich bewohnen, besitzen und (mit-)
gestalten können.
Wir haben ähnliche Strategien, bei denen
soziale und ökologische Systeme
das Design bestimmen, in Projekten wie
„Toyota Woven City" umgesetzt. Dort
folgt die Stadtstruktur der Frage, wie sich
Straßen künftig verändern müssen, um
autonome Mobilität zu ermöglichen und
zugleich mehr Raum für Aufenthalt, Begegnung
und städtisches Grün zu eröffnen.
Die Stadt entsteht aus drei Arten von
Straßen – Mobilitäts-, Garten- und linearen
Parkstraßen –, die sich in einem zentralen
Innenhof treffen. Der lineare Park
fungiert auch als „Bioswale“, also dauerhafte,
bepflanzte Grünstreifen, die Wasser
filtern – Wasser wird aufgefangen,
und gleichzeitig werden technologische,
G+L 11
NAME
BERUF
PRÄSIDENT
STEPHAN LENZEN
GÄRTNER
LANDSCHAFTSARCHITEKT
BDLA (BUND DEUTSCHER
LANDSCHAFTSARCHITEKT*INNEN)
Stephan Lenzen ist Landschaftsarchitekt
und Präsident des Bundes
Deutscher Landschaftsarchitekt:innen
(bdla). Nach einer Ausbildung zum
Gärtner sowie beruflichen Stationen
in Italien und Frankreich studierte er
Landschaftsarchitektur an der GHS
Essen. Seit 1999 ist er im Büro RMP
Landschaftsarchitekten tätig, das er
2004 als Inhaber übernahm und in
den folgenden Jahren mit Niederlassungen
in mehreren deutschen
Städten ausbaute.
Lenzen engagiert sich seit vielen
Jahren in Gestaltungsbeiräten, Sachverständigenausschüssen
und wissenschaftlichen
Gremien und ist
regelmäßig als Preisrichter tätig. Er
lehrt an der FH Dortmund, wo er
2021 zum Honorarprofessor berufen
wurde. Nach mehreren Jahren
als Vizepräsident des bdla wurde er
2022 zum Präsidenten des Berufsverbands
gewählt.
„WIR MÜSSEN
LAUTER
WERDEN!“
18 G+L
70 JAHRE G+L
INTERVIEW MIT STEPHAN LENZEN
Stephan Lenzen spricht mit uns über die bleibende Leidenschaft fürs Entwerfen,
den tatsächlichen Wandel der Landschaftsarchitektur und die Notwendigkeit,
politischer und lauter zu werden. Ein Gespräch über Verantwortung,
Klimaanpassung – und warum es jetzt ums Machen geht.
INTERVIEW: KATHARINA KOHRING
Foto: Christoph Papsch
Wenn Sie auf Ihre Anfänge zurückblicken:
Was hat Sie damals am stärksten
an der Landschaftsarchitektur fasziniert
– und was fasziniert Sie heute?
Die Gründe, warum mich die Landschaftsarchitektur
damals wie heute
fasziniert(e), sind eigentlich immer noch
die gleichen. Als Allererstes ist es das
Suchen und Ringen um die beste ästhetische
und funktionale Lösung für eine
Aufgabenstellung mittels eines Entwurfs.
Das Entwerfen ist eine Leidenschaft, die
man wohl für immer behält. Der zweite
Aspekt, der mich von Anfang an faszinierte,
ist die hohe erforderliche Kompetenz
an Kommunikations- beziehungsweise
Dialogfähigkeit. Ich liebe es, mit
meinen Auftraggeber*innen und auch
den Nutzer*innen über die Planung zu
diskutieren, sie weiterzuentwickeln oder
auch sie zu verteidigen. Als letztes Faszinosum
möchte ich den hohen sinnstiftenden
Wert von Landschaftsarchitektur
nennen, der in der Schaffung von grünblauen
Frei- und Lebensräumen für die
Menschen, aber auch für Fauna und
Flora liegt. Die Berufung Landschaftsarchitekt*in
an sich hat für mich in den
Jahren kaum Veränderung erfahren, es
sind eher die Rahmenbedingungen, die
sich modifiziert haben und die anstrengender
geworden sind.
In 70 Jahren G+L zeigt sich ein enormer
Wandel der Profession. Welche Entwicklungen
der letzten Jahrzehnte haben
aus Ihrer Sicht die Freiraumplanung am
nachhaltigsten geprägt?
Ist das wirklich so, das mit dem enormen
Wandel? Ich bin mir da gar nicht so
sicher. Oder besteht der Wandel insbesondere
in der Wahrnehmung, Einordnung
und Bedeutung der Profession
beziehungsweise besser formuliert, in der
Bedeutung der unversiegelten, unkommerziellen
und demokratischen Freiräume
im planerischen und gesellschaftlichen
Kontext? Wir werden als Büro in diesem
Jahr 75 Jahre alt, und wir haben uns als
Vorbereitung für unsere Ausstellung “radical
optimism“ in der Architektur Galerie
Berlin im März unsere Projekte der
50er- und 60er-Jahre angeschaut. Inhaltlich
sind die Park- und Sportanlagen,
Schulaußenbereiche, Plätze, Freiräume
der repräsentativen öffentlichen
Gebäude und die Wohnumfelder schon
mit den gleichen Elementen ausgestaltet,
eben nur in einer anderen Formensprache.
Wenn wir ehrlich sind, sind
75 Jahre, vegetationstechnisch betrachtet,
ja auch kein so großer Zeitraum. In
manchen Themen, wie Sorgfalt der Herstellung,
Individualität der Materialverwendung,
Pflanzenverwendungskenntnisse,
geringe Übermöblierung oder
die hohe Qualität der Pflege und Unterhaltung
der Parkanlagen, waren wir
auch schon mal besser dran. Und das
trotz heutigem Wertzuwachs der Grünflächen
für unsere Lebensräume im Hinblick
auf Klimaanpassung, Biodiversität
und gen dergerechter und barrierefreier
Aneignung durch alle.
Der Beruf steht heute vor völlig neuen
Herausforderungen – Klimaanpassung,
Verdichtung, soziale Ansprüche. Wo
sehen Sie aktuell die größten Chancen,
das Tätigkeitsfeld weiterzuentwickeln?
Die Themen, die wir insbesondere in
unseren Städten zu lösen haben, bedürfen
eines systemischen, verschiedene
Fachlichkeiten ganzheitlich integrierenden
Planungsansatzes, der sich nicht
nur mit dem Sichtbaren, sondern insbesondere
auch mit dem Unsichtbaren,
dem Untergrund beschäftigt. Wir brauchen
eine neue grün-blaue und bunte
Infrastruktur, um die anstehenden Fragestellungen
zu lösen. Die Landschaftsarchitekt*innen
sind von ihrer grün-
blauen Kompetenz und von ihrem kontextuellen
Blickwinkel auf das Großräumigere
eine der geeigneten Planungsprofessionen,
um diese Teams zu
leiten und zu führen. Dafür muss der
Berufsstand sich dieser Rolle aber viel
stärker annehmen. Er muss diese Position
ein fordern, und ich werde nicht müde,
es immer wieder zu fordern: Wir
müs sen politischer und lauter werden!
Die Profession spricht viel über Klimaanpassung
und Konzepte, wie das der
Schwammstadt – aber wie konsequent
setzt die Branche diese Ideen tatsächlich
um, wenn wirtschaftlicher und politischer
Druck entgegensteht?
Diese Frage zahlt ja auch ein wenig
auf meine Forderung nach Lautstärke
ein. Es ist sicher so, dass eine radikalere
Hal tung des Berufsstandes zu mehr
umgesetzten Maßnahmen zur Stärkung
der Resilienz gegenüber den Folgen
des Klimawandels führen würde.
Dass wir aber in Deutschland viel über
Klimaanpassung reden und bisher
noch sehr wenig umgesetzt haben, beruht
für mich auf dem fehlenden gesellschaftlichen
und politischen Konsens,
insbe sondere auf kommunaler
Ebene, für die Transformation von Flächen
des ruhenden und fahrenden
Individual verkehrs in entsiegelte baumbestandene
Frei räume. Jeder redet
darüber, aber kei ner will seinen Parkplatz
vor der Tür gegen einen Baum
eintauschen. Der Leidensdruck durch
den Klima wandel ist noch nicht groß
genug, wird sich aber zu künftig von
allein vergrößern.
Von da her braucht es politisch Verantwortliche,
die diese Notwendigkeit
nicht nur erkennen, sondern denen der
Widerstand und das Risiko der Nicht-
Wiederwahl nicht wichtiger sind als
die Sinn haftigkeit der Transformation.
G+L 19
NAME
BERUF
GRÜNDER
JULIAN NUMBERGER
STADTPLANER
LANDSCHAFTSARCHITEKT
NUWELA
MÜNCHEN
Julian Numberger ist Stadtplaner
und Landschaftsarchitekt.
Zusammen mit Michael Wenzel
gründete er 2020 NUWELA in
München. Das mittlerweile siebenköpfige
Kollektiv zeichnet
sich durch eine interdisziplinäre
Arbeitsweise in den Feldern
des Städtebaus und der
Landschaftsarchitektur aus.
Von 2019 bis 2024 war er an
der TU München am Lehrstuhl
für Sustainable Urbanism bei
Prof. Mark Michaeli in Forschung
und städtebaulicher
Entwurfslehre tätig. Darüber
hinaus führten ihn weitere Lehrtätigkeiten
und Vorträge an
diverse Hochschulen und Universitäten.
Seit 2022 ist er als
Preisrichter in Wettbewerbsverfahren
tätig.
„ES BRAUCHT
EINE EXISTEN-
ZIALISTISCHE
GRUNDHALTUNG“
26 G+L
70 JAHRE G+L
INTERVIEW MIT JULIAN NUMBERGER
Wie positioniert man sich als junges Büro in einem umkämpften Feld – und
was braucht zeitgemäße Planung heute wirklich? Julian Numberger, Stadtplaner,
Landschaftsarchitekt und Mitgründer von NUWELA, spricht über interdisziplinäres
Arbeiten, neue Planungsformate, den Abschied vom Genie-
Mythos und warum gute Städte nur im Dialog entstehen.
INTERVIEW: KATHARINA KOHRING
© NUWELA
Wie ist es Ihnen gelungen, sich als junges
Büro inmitten der ganzen Konkurrenz zu
positionieren? Was waren Ihrer Meinung
nach die entscheidenden Schritte in der
Gründungsphase?
Tatsächlich liegt die Gründung noch gar
nicht so lange zurück, deshalb sind die
Erinnerungen daran noch sehr präsent.
Der Gedanke, der uns damals angetrieben
hat, lässt sich gut mit „einfach mal
machen“ beschreiben. Es ging von Anfang
an um einen positiven Impuls: ausprobieren,
sich trauen und Dinge nicht zu
lange zerdenken. In unserer Branche
braucht es für den Schritt in die Selbstständigkeit
nicht zwingend ein großes
Startkapital, die Einstiegshürden sind vergleichsweise
niedrig. Auch bei Michael
Wenzel und mir begann alles ganz konkret
mit der gemeinsamen Bearbeitung
eines offenen Wettbewerbsverfahrens,
bei dem wir am Ende eine Anerkennung
erhielten – und damit nahm alles
seinen Lauf.
Was aus unserer Sicht zentral für die
Selbstständigkeit ist, ist eine existenzialistische
Grundhaltung: den Wunsch und
das Bedürfnis, etwas Eigenes zu schaffen,
verbunden mit der Lust und dem
Glauben daran, der aktuellen Architekturproduktion
etwas Neues hinzufügen
zu können. Man muss überzeugt sein,
einen Beitrag leisten zu können, etwas,
das man in den fachlichen Diskurs einbringen
möchte.
Von Beginn an war für uns klar, interdisziplinär
arbeiten zu wollen. Michael
Wenzel und ich bringen diese Perspektive
auch formal mit – durch unsere Kammermitgliedschaften
als Stadtplaner beziehungsweise
Landschaftsarchitekten. So
konnten wir dieses Thema von Anfang an
bearbeiten und haben schnell gemerkt,
dass man mit guten Entwürfen und neuen
Gedanken auf ein sehr fruchtbares Feld
stößt. Begünstigt wurde der Start außerdem
dadurch, dass wir beide in der Anfangsphase
noch jeweils zu 50 Prozent
angestellt waren: Michael als freier Mitarbeiter
in der Landschaftsarchitektur, ich
in der wissenschaftlichen Entwurfslehre
im Städtebau an der TU München. Diese
Konstellation bot uns finanzielle Sicherheit
und gleichzeitig eine inhaltliche Weiterentwicklung.
Denn wir sind keineswegs
der Meinung, schon alles zu wissen. Für
uns ist es vielmehr die Kombination aus
selbstständig arbeiten und gleichzeitig
weiter lernen.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen
für junge Planungsbüros in
Deutschland?
Der finanzielle Aspekt stellt eine große
Herausforderung dar. Gerade junge
Büros bringen neue Ideen ein und wollen
einen Beitrag leisten, doch das Neue ist
häufig noch nicht in konventionelle Formate
übersetzt. Wer etwas wagen möchte,
muss daher eine Balance finden: Eine
gewisse finanzielle Absicherung ist wichtig,
um sich den Rücken freizuhalten und
auch experimentellere Herausforderungen
annehmen zu können.
Eine weitere Hürde sehe ich im Verhältnis
zu Auftraggeber*innen. Dort herrscht
jungen Büros gegenüber oft ein gewisses
Misstrauen nach dem Motto: „Können
die das schon? Sind sie dafür bereits so
weit?“ Vertrauen muss man sich Schritt für
Schritt erarbeiten, junge Büros müssen
sich zunächst beweisen.
Hinzu kommen die Anforderungen im
Wettbewerbswesen. Bei Bewerbungen
werden häufig Referenzen verlangt –
ein Punkt, bei dem etablierte Büros naturgemäß
im Vorteil sind. Umso positiver
ist es, wenn junge und erfahrene Büros
koo perieren und gemeinsam als Team an
Wettbewerben teilnehmen. Von diesem
generationenübergreifenden Arbeiten
profitieren letztlich alle Beteiligten.
Außerdem verfolgen viele junge Büros
einen Planungsansatz, der über einen
kuratierten Prozess zunächst konkrete
Aufgaben im Austausch mit der Bevölkerung
und mit anderen Fachdisziplinen
entwickelt. Es geht weniger um
vorgefertigte Lösungen als darum, gemeinsam
herauszufinden, was gesellschaftlich
relevant ist und wo tatsächlicher
Handlungsbedarf besteht. Für solche
Ansätze bieten klassische Projektvergaben
und etablierte Planungsschritte bislang
noch zu wenig Raum. Sie lassen
diese teilweise informelle Art des Planens
und das „Planen der Planung“
kaum zu. Genau hier liegt weiterhin eine
zentrale Herausforderung, insbesondere
für junge Büros: ideelle, prozessorientierte
Ansätze in konkrete,
beauftragbare Leistungen und letztlich in
reguläre Aufträge zu überführen.
Ist das etwas, was Ihrer Meinung nach
in anderen Ländern im DACH-Raum
besser läuft?
In der Schweiz wird insgesamt ein sehr
offener Ansatz gepflegt, und die Architekturproduktion
genießt dort eine hohe
gesellschaftliche Wertschätzung. Auch im
geförderten Wohnungsbau werden regelmäßig
Wettbewerbe ausgelobt, bei
denen ausdrücklich junge Büros zur Teilnahme
eingeladen sind und neue Ideen
wertgeschätzt werden. In dieser Haltung,
gute Planung als zentrale Voraussetzung
für spätere Qualität, als „Bauen
für die Gesellschaft“ zu verstehen, ist
uns die Schweiz mit Sicherheit noch ein
Stück voraus.
Sowohl die Urbanistik als auch die
Landschaftsarchitektur sieht sich mit komplexen
Herausforderungen konfrontiert,
allen voran dem Wohnraummangel und
dem Klimawandel. Welche klassischen
Rollen, Arbeitsweisen oder Verantwort-
G+L 27
1956
erste Ausgabe
Garten + Landschaft
Januar 2014
Garten+
Landschaft
Zeitschrift für Landschaftsarchitektur
Biosphäre
GARTEN + LANDSCHAFT JANUAR 2 017 WAGNIS LANDSCHAFT
JANUAR 2017
MAGAZIN FÜR LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
GARTEN+
LANDSCHAFT
WAGNIS LANDSCHAFT
WIE VIEL RISIKO VERTRÄGT
DER FREIRAUM?
plus
Peter Latz im Interview
München: Der Englische
Garten wird wieder eins
Ablösung des
VOF-Verfahrens
1956 2014
2017
70 JAHRE G+L —
ANLASS ZUM
ZUHÖREN
UND WEITERDENKEN
Was bewegt die Landschaftsarchitektur heute – und welche Rolle soll die G+L künftig
spielen? Zum 70-jährigen Jubiläum haben wir unsere Leser*innen eingeladen,
gemeinsam mit uns zurück- und nach vorn zu blicken. Die Umfrage „70 Jahre G+L:
Vergangenheit und Zukunft der Profession“ fragt nach Haltung, Arbeitsrealität und
Perspektiven der Disziplin – und zugleich nach Erwartungen an unser Magazin. Die
Ergebnisse zeigen Spannungsfelder, Diskussionsbedarf und den Wunsch nach Austausch.
Ein Einblick in sieben Jahrzehnte G+L, in aktuelle Debatten und in die Frage,
wie wir den Dialog mit Ihnen auch in Zukunft offen und kritisch gestalten wollen.
G+L REDAKTION
32 G+L
70 JAHRE G+L
UMFRAGE
2023
Als wir, die Redaktion der G+L, die Umfrage
„70 Jahre G+L: Vergangenheit und
Zukunft der Profession“ gestartet haben,
ging es uns um mehr als einen Rückblick.
70 Jahre Fachzeitschrift sind Anlass, innezuhalten,
zuzuhören und den Blick nach
vorn zu richten – auf die Landschaftsarchitektur
als Profession ebenso wie auf
uns selbst als Redaktion.
Die Zeitschrift G+L erscheint heute im
Verlag Georg Media. Die Wurzeln des
Verlags reichen weit zurück und sind eng
mit der Idee verbunden, Fachöffentlichkeiten
nicht nur zu informieren, sondern miteinander
ins Gespräch zu bringen. Georg
Media steht seit jeher für spezialisierte
Fachmedien, die ihre jeweiligen Disziplinen
ernst nehmen, sie begleiten und kritisch
reflektieren. Dieser Anspruch prägt
auch die G+L: nicht als reines Fachmagazin,
sondern als Plattform für Diskurs, Haltung
und fachliche Orientierung.
Die G+L wurde erstmals 1956 bei Callwey
veröffentlicht – in einer Zeit des
Wiederaufbaus, in der sich auch das Berufsbild
der Landschaftsarchitektur neu
sortierte. Seitdem hat das Magazin zahlreiche
fachliche, gesellschaftliche und
politische Umbrüche begleitet: vom Wandel
der Planungskulturen über neue ökologische
Paradigmen bis hin zu aktuellen
Fragen der Klimaanpassung, der sozialen
Stadt und der Transformation öffentlicher
Räume. Die Zeitschrift war dabei stets
Spiegel und Mitgestalterin der Profession
– mal dokumentierend, mal kommentierend,
mal bewusst kontrovers.
Unsere Zielgruppe ist dabei so vielfältig
wie die Themen, über die wir berichten.
Die G+L richtet sich an Landschaftsarchitekt*innen,
Architekt*innen und Urbanist*innen,
an Berufstätige in Planung,
Verwaltung und Forschung ebenso wie an
Student*innen, die sich erst am Anfang
ihres beruflichen Weges befinden. Was
sie verbindet, ist das Interesse an qualitätsvoller
Freiraumgestaltung, an Stadt
und Landschaft als gestaltete, politische
und soziale Räume.
Ein zentraler Bestandteil unseres
Selbstverständnisses war und
ist der Austausch mit unseren
Leser*innen. Die G+L lebt von
Rückmeldungen, Widerspruch, Ergänzungen
und Impulsen aus der Praxis
und aus der Lehre. Dieser Dialog hat das
Magazin über Jahrzehnte geprägt.
Gleichzeitig stellen wir fest: Die klassischen
Formen des Austauschs haben sich
verändert. Leserbriefe, die früher selbstverständlich
waren, erreichen uns heute
nur noch selten. Der direkte Kontakt ist
schwieriger geworden – nicht aus mangelndem
Interesse, sondern weil sich
Kommunikationswege verschoben haben.
Vor diesem Hintergrund haben wir diese
Umfrage initiiert. Sie sollte uns helfen,
wieder näher an die Stimmen unserer
Leser*innen heranzurücken. Uns interessierte
nicht nur, wie die Teilnehmer*innen
auf die Landschaftsarchitektur als Profession
blicken: auf Arbeitsbedingungen,
Selbstverständnis, Zukunftsaussichten.
Ebenso wichtig war uns die Frage, wie
die G+L wahrgenommen wird – in Ton,
Themenwahl und Haltung. Was erwarten
Sie von uns? Was sollten wir schärfen,
was verändern, was vielleicht auch
hinterfragen?
Die Ergebnisse zeigen: Die Profession
befindet sich in einem Spannungsfeld
zwischen hohen gesellschaftlichen Erwartungen
und oft herausfordernden Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig wurde
deutlich, dass Fachmedien wie die G+L
weiterhin eine wichtige Rolle spielen – als
einordnende Stimme, als kritische Begleiter
und als Ort für Debatte. Genau hier
sehen wir, auch für die kommenden Jahre,
unsere Aufgabe.
Dabei geht es nicht nur um die Frage, wohin
sich die Landschaftsarchitektur entwickelt,
sondern auch um unsere eigene
Reise als Magazin. Welche Themen setzen
wir? Welche Stimmen kommen zu
Wort? Und wie positionieren wir uns zu
gesellschaftlichen Fragen, die längst auch
im Planungsalltag angekommen sind?
Manche dieser Themen sorgen nicht nur
bei Ihnen für Diskussionen, sondern ebenso
bei uns in der Redaktion. Ein Beispiel
ist das Thema Gendern, zu dem es unterschiedliche
Haltungen in der Leserschaft
wie auch im Redaktionsteam gibt. Dass
diese Debatte für uns mit dieser Umfrage
noch nicht abgeschlossen ist, liegt dabei
nicht nur an der inhaltlichen Vielschichtigkeit
des Themas, sondern auch an der
Zusammensetzung der Umfrageteilnehmer*innen:
Überdurchschnittlich viele
Rückmeldungen kamen aus älteren Altersgruppen.
Diese Perspektiven sind wertvoll,
bilden jedoch nicht die gesamte Bandbreite
der Profession und erst recht nicht
unserer zunehmend jünger werdenden
Leserschaft ab. Gerade jüngere Stimmen
– Student*innen und Berufseinsteiger*innen
– möchten wir künftig stärker
einbeziehen, um eine ausgewogenere
Gesamtmehrheit herzustellen und auf
dieser Grundlage auch strittige Fragen
erneut und differenzierter zu diskutieren.
Die Umfrage ist für uns daher kein abgeschlossener
Befund, sondern ein Anfang.
Sie ist ein Instrument, um zuzuhören, um
unser Profil zu schärfen und um den Dialog
mit Ihnen weiterzuführen. Denn eines
ist in 70 Jahren G+L gleich geblieben:
Das Magazin versteht sich nicht als Einbahnstraße,
sondern als Gesprächsraum.
Diesen Raum möchten wir auch in Zukunft
offen, kritisch und zugewandt gestalten.
G+L 33
„MIR IST DAS ALLES
HIER ZU WEICH
GESPÜLT“
NAME
BERUF
THERESA RAMISCH
STADTPLANERIN
JOURNALISTIN
CHEFREDAKTEURIN G+L
TOPOS
Theresa Ramisch studierte Stadtplanung
in Erfurt und München
mit Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsbeteiligung
und Kommunikation.
Sie ist seit 2016 Redakteurin
bei Georg Media, seit
Januar 2021 Chefredakteurin
der G+L und seit 2023 Chefredakteurin
des internationalen
Planungsmagazins topos.
Theresa Ramisch, Chefredakteurin der G+L, spricht über Teamarbeit in der
Redaktion, digitales Wachstum und die Frage, warum Fachdebatten oft zu
weich geführt werden. Ein Gespräch über Freundlichkeit als Haltung, Mut
zur klaren Meinung – und die Verantwortung der G+L, Diskussionen wieder
schärfer zu führen.
INTERVIEW: KATHARINA KOHRING
Wenn man auf sieben Jahrzehnte zurückblickt:
Welche Themen waren
für die G+L historisch prägend – und
welche davon sind heute wieder aktuell?
Ist das für dich überraschend?
Oh, um da jetzt adäquat zu antworten,
müsste ich mich eine Woche in
unserem Archiv einsperren – mit
Standleitung zu unserem Senior
Verleger paar inklusive. Mir fehlt da
das Wis sen, aber ich gebe die Frage
gerne an Veronika und Helmuth
Baur-Call wey weiter. Sie haben ein
Gros dieser siebzig Jahre G+L direkt
oder indirekt erlebt und le sen bis
heute jede Aus gabe der G+L.
Liebes Ehepaar Baur-Callwey, sollten
Sie die Zeit finden, würde ich
mich über Ihre Einschät zung freuen
und die se dann mit Ihrer Erlaub nis
mit unserer Leserschaft teilen.
40 G+L
70 JAHRE G+L
INTERVIEW MIT THERESA RAMISCH
Auch online erreicht
die G+L viele
Menschen – 45 000
Personen informieren
sich jeden Monat
aufs Neue auf der
Website der G+L zu
landschaftsarchitektonischen
oder
urbanistischen
Themen.
Foto: Alexander Weiss/Georg Media
Gab es eine Ausgabe der G+L, auf
die du persönlich besonders stolz bist
– und warum?
Auf die letzten elf und die zwei kommenden
– weil ich an denen kaum beteiligt
war. Tobi und ich sind im Februar
2025 nochmal Eltern geworden.
Die Rolle einer Chefredakteurin mit
einem Kind zu Hause zu erfüllen, war
bereits tough, beim zweiten Kind habe
ich mich nun für mehr als ein Jahr zurück
gezogen. Und: Kaum einer hat’s gemerkt,
oder? Tadaa, alle Hefte sind
erschie nen, aber vor allem wie. Richtig
super waren die. Wir haben vorab ein
bisschen was vorbereitet, ja. Die Themen,
die Editorials. Aber letztlich leistet
ihr als Team „einfach“ großartige Arbeit
– und Tobi als Chef für alle Georg-
Marken und Zweifach-Papa ebenso.
Und darauf bin ich super stolz und
dankbar, dass ich mit Menschen arbeiten
darf, die sich mit Leidenschaft in
was reinwerfen, dranbleiben und aushelfen,
wenn jemand Unterstützung
braucht. In dem Fall ich beziehungsweise
wir als Familie.
Die G+L ist schon lange marktführend
und wächst seit Jahren in allen Bereichen.
Was macht aus deiner Sicht die
besondere Identität und das beständige
Wachstum der G+L aus?
Freundlichkeit. Sie definiert die Identi tät
der G+L, und diese ist essenziell für den
Erfolg der G+L. Wir Redakteur*innen
sind sicher nicht frei von Ego, aber die
Historie unserer Fachmedien und das
Wissen unserer Leserschaft bewahrt uns
ziemlich konsequent davor, überheblich
zu werden. Wir haben nicht das Fachwissen
gestandener Planer*innen, uns
passieren Fehler und wir verstehen auch
nicht immer alles. Das ist uns bewusst.
Was wir aber immer tun können, ist bei
unseren Autor*innen, Leser*innen, Interviewees
und Partner*innen in den Herstellerbetrieben
nachfragen, ob sie
uns helfen können, zu verstehen und zu
lernen. Das ist unser Job, und der Er folg
der vergangenen Jahre bestätigt uns,
dies weiter freundlich und respektvoll zu
tun. Auch im Falle harter Kritik. Wer
höflich und freundlich ist, kommt weiter.
Die G+L versteht sich immer auch als
Plattform für Debatten. Welche Diskussionen
müssen aus deiner Sicht in den
kommenden Jahren offensiver geführt
werden?
„Grün“ ist oft die Antwort, aber nicht
immer. In Landschaftsarchitektur und
Stadtplanung gehen wir – und da zähle
ich mich voll dazu – weiterhin noch
viel zu oft blind von gelernten Glaubenssätzen
aus, ohne uns neuen Ideen
zu öffnen. Wir sind ach so überlegen,
weil wir meinen zu wissen, dass nur ein
durchmischtes Stadtviertel ein vitales
ist oder der wahre Feind der lebenswerten
Stadt der graue Verkehr ist.
Kann schon alles sein, aber vielleicht
können wir unsere Zeit weniger in altbekanntem
Wissens-Pingpong, Planer-
Blabla verpulvern und stattdessen uns
tatsächlich neuen Ansätzen widmen,
auch wenn diese auf den ersten Blick
leicht irre wirken.
Inwiefern gelingt es Fachmedien wie
der G+L, komplexe stadtplanerische
und ökologische Debatten für die breite
Öffentlichkeit verständlich zu machen,
und wie möchtest du in Zukunft dafür
sorgen, dass die G+L weiterhin das
wichtigste deutschsprachige
Magazin für Landschaftsarchitektur und
Stadtplanung bleibt?
Die breite Öffentlichkeit ist nicht unsere
Zielgruppe, aber die interessierte. Diese
zu erreichen ist grundsätzlich nicht
schwer. Dafür braucht es die richtigen
Kanäle. Fest steht: Die interessierte Öffentlichkeit
erreichen wir nicht mit unseren
Printheften. Da kann unser Standing
im Markt noch so stark sein. Die Printhefte
machen wir für die planende Disziplin.
Das ist ihr Heft. Die interessierte
Öffentlichkeit er reichen wir online.
Hier bauen wir unsere Kanäle kontinuierlich
aus und haben erstaunliche Erfolge,
über die wir ehrlich gesagt viel
zu wenig sprechen.
Wie können die Online-Erfolge denn
gemessen werden?
Wir erreichen mit der garten-landschaft.
de bis zu 45 000 Unique User monatlich.
Das sind 45 000 Personen, die
sich jeden Monat aufs Neue auf unseren
Seiten zu Stadtentwicklungsthemen
informieren. Hinzu kommt eine Page
Speed von 98–100. Ich finde das
selbst ganz schön krass: Weltweit ist
tatsächlich keine andere Website im
Konkurrenzumfeld schneller – und
damit mitunter auch informativer –
als die garten-landschaft.de. Wenn
es uns nun gelingt, dieses Level weiter
auszubauen, könnten wir der nationalen,
aber auch der internationalen
Freiraumentwicklung einen enormen
G+L 41
KOMMENTAR
WO
GELÄCHTER
LEHRT
KATHARINA KOHRING
AUTORIN
Katharina Kohring
studierte Architektur
an der Bauhaus-
Universität in Weimar
und Kunstgeschichte
an der LMU in
München. Sie ist seit
September 2025 im
Team von Georg
Media und dort als
Editorial Trainee
tätig.
Es gibt verschiedene Arten von menschlichen
Reaktionen: Ist man belustigt über
etwas, bietet es sich an, darüber zu lachen.
Ist man traurig, kann Weinen einem
im wahrsten Sinne des Wortes die Last
vom Herzen nehmen. Die menschliche
Psyche ist in der Regel darauf ausgelegt,
dass man, sofern man eine gewisse Reaktion
bei seinem Gegenüber sieht, diese
Reaktion kurz- oder auch langzeitig imitiert.
Sehen wir einen Film, in dem Menschen
weinen, müssen wir uns manchmal
zusammenreißen, nicht mitzuweinen –
umgekehrt fällt es uns leicht, in Gelächter
miteinzustimmen – sofern wir den kom munizierten
Inhalt amüsant finden. Ich glaube,
dass mir ein Gelächter nie in meinem
Leben mehr aus dem Kopf gehen wird,
doch wenn ich daran zurückdenke, muss
ich nicht retrospektiv schmunzeln, sondern
entwickle Gefühle von Scham, Wut und
Unverständnis.
Bevor ich mich dem Studium der Kunstgeschichte
widmete, studierte ich Architektur.
Der Studienalltag bestand aus immer
wiederkehrenden Entwurfsseminaren,
in denen Student*innen, inklusive mir,
sich reihenweise die Nächte um die Ohren
schlugen, um den Entwurf noch besser
auszuarbeiten, dem Modell den letzten
Schliff zu verpassen und, sicherlich
auch nicht unüblich, über einem Grundriss
zu verzweifeln, weil das Konzept einfach
keinen Sinn machen wollte. In regelmäßigem
Turnus wurden die Ergebnisse dann
vor versammelter Mannschaft (und damit
meine ich: alle! Profes sor*innen, Kommiliton*innen,
anderweitig Interessierte) präsentiert.
Dem Tag der Präsentation wurde
meist in freudiger Erwartung entgegengefiebert
– man hatte immerhin viel Zeit investiert
und freute sich darauf, die eigenen
Ideen zeigen zu dürfen. So auch meine
Gruppe, bestehend aus einer Architektin,
einer Urbanistin und mir, als wir unseren
städtebaulichen Entwurf präsentieren
wollten.
Wir standen also vorne, zitternd vor freudiger
Aufregung, neben unseren geplotteten
Plänen und versuchten so gut wie
möglich, unsere Ideen zu verbalisieren.
Die Urbanistin hatte das letzte Wort und
dann herrschte Stille. Wir blickten verunsichert
in den Raum, blickten zu unserer
betreuenden Professorin, sahen uns gegenseitig
an und dann platzte plötzlich
schallendes Gelächter in den Raum. Wir
lachten beschämt zunächst mit, bis uns
klar wurde, dass das Lachen von unserer
Professorin stammte. Unser Entwurf stieß
bei ihr offenbar auf reichlich Belustigung
– sie lachte uns vor versammelter Mannschaft
aus. Das Gelächter zog sich dann
auch zunächst einige Zeit in die Länge,
vielleicht kam es uns auch nur so vor, bis
es Kritik hagelte. Es war nicht die Kritik,
die uns erschütterte. Es war die vollkommen
entmenschlichende Erfahrung, für
harte Arbeit, die sicherlich verbesserungswürdig
war, vor anderen Menschen
bloßgestellt und entwürdigt zu werden.
Genau aus diesem Grund kann ich mich
auch gar nicht mehr an die konkrete Kritik
erinnern, die sicherlich hilfreich gewesen
wäre – alles, was mir geblieben ist,
ist freudloses Gelächter in einem stillen
Raum, umgeben von Kommiliton*innen,
die selber ganz erschüttert über die
Reaktion der Professorin wirkten.
Ich frage mich: Was ist das Ziel einer
solchen Reaktion? Sollte es uns anspornen?
Dann hat es sicherlich seinen Effekt
verfehlt – ab dem Zeitpunkt war die Vorfreude
vor einer Präsentation nämlich
54 G+L
70 JAHRE G+L
KOMMENTAR VON KATHARINA KOHRING
Katharina Kohring,
Architektin und
Kunsthistorikerin,
schreibt über ein
Gelächter, das blieb –
und über die Frage,
wie Kritik in der Lehre
formuliert werden
sollte.
Foto: Georg Media
einer Angst gewichen. Die Unbedarft heit,
die meiner Meinung nach elemen tar beim
Kreativ-Sein und Entwerfen ist, ist verschwunden
– stattdessen hatte man bei
jedem Strich, den man gezeichnet hat,
dieses Lachen im Kopf.
Klar, Katharina, du musst dir eben eine
härtere Schale zulegen! Das habe ich
dann auch getan. Aber ist das der Sinn
unserer Lehre? Meine Geschichte ist kein
Einzelfall, ich habe immer wieder von
anderen Leuten ähnliche Erfahrungsberichte
gehört – eine respektlose Haltung
gegenüber der Leistung eines Individuums.
Natürlich darf man auch hier nicht verallgemeinern
– es gibt sicherlich genügend
Student*innen, die nie zu den Veranstaltungen
erscheinen und deren Haltung
dem Studium gegenüber mehr als laissezfaire
ist. Auch hatte ich in meiner studentischen
Laufbahn einige Professor*innen,
die mich nachhaltig positiv geprägt haben.
Aber wie kann man vormals motivierten
Stu dent*innen derart die Freude
und die Motivation am Lernen rauben?
Zum Lernen gehört schließlich auch dazu,
Fehler zu machen.
Kein Lehrer in der Schule würde (hoffentlich!)
ohne Weiteres damit davonkommen,
seine Schüler*innen vor allen auszulachen,
weil sie im Deutschkurs „Wald
und Höhle“ in Faust I falsch interpretiert
oder im Mathekurs die Funktion falsch
abgeleitet haben.
Warum also gibt es nicht ein Grundmaß
an Pädagogik, das Professor*innen nähergebracht
wird? Weil Universität hart
ist? Ja, sicher, das ist auch sicherlich wichtig
und richtig. Ein Studium anzu treten ist
immerhin eine freiwillige Entscheidung.
Es ist auch Aufgabe der Universität, ein
hohes fachliches Niveau zu gewährleisten.
Ich frage mich nur, warum Qualität
scheinbar des Öfteren mithilfe persönlicher
und weniger fachlich konstruktiver
Kritik gewährleistet wird. Schaut man sich
die Studienlage an, scheint es nicht nur
in Deutschland so zuzugehen: Nicht ohne
Grund gibt es mehrere internationale Studien
zu genau diesem Thema, die unter
Titeln wie „Faculty Incivility“ oder „Mistreatment
of University Students“ zu finden
sind. So wurde beispielsweise in Letzterer
herausgearbeitet, dass etwa die Hälfte
der Student*innen, die den Fragebogen
beantwortet haben, während ihres Studiums
irgendeine Form von Misshandlung
durch Dozent*innen erlebt hatte. Dabei
erlitten sie am häufigsten Demütigung und
Verachtung (40 Prozent), negative oder
abfällige Bemerkungen (34 Prozent), Anschreien
und Brüllen (23 Prozent) – um
nur ein paar Ausprägungen zu nennen.
Das Gelächter meiner Professorin würde
ich der ersten Kategorie zuordnen.
Vielleicht sollten wir uns einen Aspekt immer
wieder in den Sinn rufen: Nicht nur
Lehrer*innen können uns ein Leben lang
prägen, dazu gehören auch andere Menschen,
denen wir mit Respekt bege gnen
und von denen wir etwas beigebracht
bekommen wollen – und zwar nicht nur
Fachliches, sondern auch Menschliches.
G+L 55