CLICK FILM FEB 26
Die ganze Welt des Kinos – kostenlos entdecken
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CF CLICK FILM
Das E-Magazin für Kino, Film & Streaming
FEB 26
EDITORIAL
HINWEIS:
Wenn nicht anders
vermerkt, findest du
die Bildlegenden auf
unserer Website.
«Doch wer kann sich als
Privatperson schon mehr
als eine ganze Woche Zeit
für ein Filmfestival
nehmen? Für die meisten
von uns bleibt das Kino
vor Ort die erste Adresse
– und das Herz der
Kinokultur.»
Cover: Kino, das glücklich macht: MELODIE von Anka Schmid
Liebe CLICK FILM-Community
Die Berlinale ist zurück – und arttv.ch ist vor Ort. Wir berichten täglich, vor
allem in den sozialen Medien, mit klarem Fokus auf die Schweizer Präsenz
und den Arthousefilm. Stars und Sternchen überlassen wir anderen. Eine
erste Vorschau findet sich bereits in dieser CLICK FILM-Ausgabe, vertiefende
Berichte folgen in der nächsten.
Doch wer kann sich als Privatperson schon mehr als eine ganze Woche Zeit
für ein Filmfestival nehmen? Für die meisten von uns bleibt das Kino vor Ort
die erste Adresse – und das Herz der Kinokultur. Darum stehen auch in
diesem CLICK FILM die Filmempfehlungen aus den aktuellen Schweizer
Kinos im Zentrum.
Besonders hervorheben möchten wir QUI VIT ENCORE von Nicolas
Wadimoff, ausgezeichnet mit dem Prix de Soleure und nominiert für den
Schweizer Filmpreis: ein eindringlicher Dokumentarfilm über Erinnerung,
Verlust und Würde – und darüber, was von einem Leben bleibt. Ebenso
sehenswert ist SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK?, eine feinsinnige
Tragikomödie über Hoffnung und Niedergang, getragen von einer erneut
überzeugenden Luna Wedler und realisiert vom Schweizer Regisseur Nicolas
Steiner – von ihm werden wir wohl noch viel Positives hören.
Auch die Solothurner Filmtage hallen nach: Geri Krebs liefert in diesem Heft
eine Manöverkritik. Und wir erklären, weshalb wir gar nicht unglücklich sind,
dass HELDIN von Petra Volpe nicht für den Oscar nominiert wurde.
Erwähnt sei an dieser Stelle auch unser Spielfilm des Monats, THE
PRESIDENT'S CAKE: Der irakische Oscar-Beitrag erzählt grosses Kino durch
Kinderaugen – leise, präzise und eindringlich.
In diesem Sinne viel Spass beim Durchblättern des aktuellen CLICK FILM –
weil Kino dort lebt, wo es gesehen wird.
Mit Gruss
Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
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FOKUS BERLINALE
DIE BLUTGRÄFIN
Ulrike Ottinger feiert an
der Berlinale 2026 ihre
Rückkehr zum Spielfilm
- mit Isabelle Huppert in
einer ebenso lustvollen
wie monströsen
Hauptrolle.
Schon bevor die erste Einstellung über die
Leinwand flimmert, gehört DIE
BLUTGRÄFIN zu den meist erwarteten
Filmen der Berlinale 2026. Die prominente
Platzierung im Festivalprogramm und die
Zusammenarbeit von Ulrike Ottinger mit
Isabelle Huppert bündeln Erwartungen, wie
sie nur selten entstehen. Alles an diesem
Projekt signalisiert Ereignischarakter.
Ulrike Ottinger zählt
zu den prägendsten
und eigenständigsten
Stimmen des
europäischen Kinos.
Seit den 1970er-Jahren
arbeitet sie konsequent
an der Schnittstelle von
Film, bildender Kunst,
Fotografie und
Installation. Ihre frühen
Spielfilme machten sie
zu einer zentralen Figur
des feministischen und
queeren
Avantgardekinos, später erweiterte sie ihr Werk um
dokumentarische Langzeitbeobachtungen und ethnografisch
geprägte Filmreisen. Ottingers Arbeiten zeichnen sich durch eine
ausgeprägte Bildsprache, die Lust an Überzeichnung und eine klare
künstlerische Haltung aus. Kino versteht sie nicht als
Erzählmaschine, sondern als Raum für Wahrnehmung, Zeit und Den
Elisabeth Báthory als Ausgangspunkt
Ausgangspunkt von DIE BLUTGRÄFIN ist die historische Figur der
Elisabeth Báthory, einer ungarischen Adligen aus dem frühen 17.
Jahrhundert. Ihr wurde vorgeworfen, über Jahre hinweg junge
Frauen aus ihrem Umfeld misshandelt und
getötet zu haben. Zeitgenössische Berichte
sprechen von systematischer Gewalt, Folter
und Mord innerhalb ihrer Burgen. Der bis
heute bekannteste – historisch nicht
eindeutig belegte, aber wirkungsmächtige –
Mythos besagt, sie habe im Blut ihrer Opfer
gebadet, um Jugend und Schönheit zu
bewahren. Sicher ist: Báthory wurde
verhaftet, vor Gericht gestellt und bis zu
ihrem Tod in Haft gehalten. Ob sie eine
Serienmörderin war oder auch Opfer
politischer Intrigen und misogyn geprägter
Zuschreibungen, ist bis heute umstritten.
Mythos, Macht und Projektion
Gerade dieses Spannungsfeld zwischen historischer Überlieferung,
Legendenbildung und Projektion macht den Stoff so reizvoll. Noch
ist offen, wie Ulrike Ottinger diese Figur zeigen wird: als historische
Täterin, als monströse Projektionsfläche oder als Spiegel
gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Wer das Werk der Regisseurin
kennt, kann jedoch ziemlich sicher sein, dass sie sich weniger für
einfache Antworten interessieren dürfte als für Ambivalenzen, Bilder
und bewusste Überzeichnungen. Dass Isabelle Huppert die
Titelrolle übernimmt, lädt die Erwartung zusätzlich auf – und macht
DIE BLUTGRÄFIN schon im Vorfeld zu einem der meist erwarteten
Beiträge des Festivals.
DIE BLUTGRÄFIN | Regie: Ulrike
Ottinger | Cast: Isabelle Huppert, Birgit
Minichmayr, Lars Eidinger, Thomas
Schubert, André Jung. | Österreich,
Luxemburg, Deutschland
Der Film feiert seine internationale
Premiere an der Berlinale 2026. Ein
Kinostart in der Schweiz ist noch nicht
bestätigt, dürfte aber im Herbst 2026
oder im Winter 2026/2027 realistisch
sein.
Die Berlinale findet vom 12. bis 22.
Februar 2026 statt. Eröffnet wird sie
von der Tragikomödie NO GOOD MEN,
dem dritten Spielfilm der
preisgekrönten afghanischen
Regisseurin Shahrbanoo Sadat.
BERLINALE FOKUS CH
Von TRISTAN FOREVER
bis Luna Wedler im
Film ALLEGRO
PASTELL: Die Schweiz
ist an der Berlinale
2026 dokumentarisch
wie darstellerisch
präsent.
Nicht die Masse, sondern die
Präzision fällt auf: Die Schweizer
Beteiligung an der Berlinale 2026
konzentriert sich auf wenige, dafür
markante Beiträge – von einem
dokumentarischen Langzeitprojekt
im Panorama Dokumente bis zu
einer fantastischen Schweizer
Schauspielerin im internationalen
Spielfilmprogramm.
Panorama: Internationale Spielfilme mit Schweizer Koproduktion
Im Panorama-Programm sind mehrere internationale Spielfilme mit
Schweizer Koproduktionsbeteiligung vertreten. Mit TRISTAN FOREVER
feiert eine Dokufiktion von Tobias Nölle und Loran Bonnardot ihre
Weltpremiere im Panorama-Dokumente-Programm. Der Film begleitet
einen Arzt auf der abgelegenen Insel Tristan da Cunha und erzählt von
Leben, Arbeit und Isolation an einem der entlegensten Orte der Welt.
Produziert wurde der Film mit Schweizer Beteiligung unter anderem von
hugofilm features, SRF und ARTE. ENJOY YOUR STAY von Dominik
Locher erzählt die Geschichte einer philippinischen Reinigungskraft und
wurde als Schweizer Koproduktion mit Close-up Films realisiert.
Ebenfalls im Panorama zu sehen ist THE EDUCATION OF JANE
CUMMING, ein Drama mit deutsch-schweizerisch-englischer
Koproduktion, das die internationale Zusammenarbeit des Schweizer
Filmschaffens unterstreicht. Dokumentarisch ergänzt wird das Panorama
durch SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF, eine Schweizer
Koproduktion von Dschoint Ventschr über die US-amerikanische Autorin
Siri Hustvedt.
Berlinale Shorts & Generation: Schweizer Kurz- und Animationsfilm
Auch im Kurzfilmbereich ist die Schweiz präsent. TAXI MOTO von Gaël
Kamilindi läuft im Wettbewerb der Berlinale Shorts und entstand mit
Schweizer Beteiligung durch Adok Films. Im Generation-Kplus-
Programm feiert der Animationskurzfilm BATS & BUGS von Lena von
Döhren seine Weltpremiere – eine Schweizer Produktion, die sich an ein
junges Publikum richtet.
Forum Special: RIVER DREAMS
Im Forum Special ist mit RIVER DREAMS ein Debütfilm von Kristina
Mikailova vertreten. Der Film entstand in Koproduktion mit der
Schweizer Firma Mira Film und ergänzt die Schweizer Präsenz im
experimentelleren Festivalbereich.
Schweizer Filmschaffende in internationalen Produktionen
Neben eigenen Produktionen sind Schweizer Filmschaffende auch in
internationalen Projekten präsent. Dazu zählen Crew-Beiträge am Film
FILIPIÑANA sowie die Schauspielbeteiligung von Luna Wedler im
Panorama-Spielfilm ALLEGRO PASTELL, einer Literaturverfilmung nach
TRISTAN FOREVER von Tobias Nölle und Loran Bonnardot
dem Roman von Leif Randt über eine scheinbar perfekt funktionierende
Fernbeziehung.
Fazit
Die Berlinale 2026 zeigt die Schweizer Präsenz in ihrer ganzen Bandbreite:
von dokumentarischen Langzeitbeobachtungen über internationale
Spielfilmkoproduktionen bis hin zu Kurz- und Animationsfilmen. Schweizer
Filmschaffende sind nicht nur sichtbar, sondern auf unterschiedlichen
Ebenen aktiv beteiligt – als Produzent:innen, Regisseur:innen,
Animator:innen und Schauspieler:innen.
Die 76. Berlinale findet vom 12. bis 22.
Februar 2026 statt.
arttv.ch wird vor Ort sein und täglich in
den Sozialen Medien über die
wichtigsten Premieren, Gespräche und
Entdeckungen berichten.
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SPIELFILM DES MONATS
THE PRESIDENT'S CAKE
Iraks Oscar-Beitrag – Wie
Kinder in unmenschlichen
Systemen gezwungen
sind, erwachsener zu
handeln als jene, die sie
eigentlich schützen
sollten.
Hasan Hadis Spielfilmdebüt gewann am Filmfestival
von Cannes den Publikumspreis der Quinzaine des
cinéastes sowie die Caméra d’Or. Es ist eine
Abenteuergeschichte, die die Schilderung der
bedrückenden Autokratie immer wieder mit
Momenten der Leichtigkeit durchbricht. Mit seinem
Erstlingswerk verarbeitet Hadi seine eigene
Kindheit in den betörend schönen
Marschlandschaften des Südirak und erzählt sie mit
einem reinen Laienensemble, in dem die junge
Baneen Ahmed Nayyef (Lamia) alle überragt.
SYNOPSIS
THE PRESIDENT’S CAKE | SYNOPSIS
Irak in den 1990er Jahren: Jedes Jahr wird in den
Schulen ausgelost, wer einen Geburtstagskuchen
zu Ehren des Präsidenten Saddam Hussein backen
soll. Diesmal fällt die Aufgabe der neunjährigen
Lamia zu. Sie lebt mit ihrer Grossmutter in den
mesopotamischen Sümpfen und Geld haben sie
kaum. Unterwegs in der nächstgelegenen Stadt,
bekommt sie von ihrem Freund Saeed Hilfe, um die
nötigen Backzutaten zu besorgen. Doch die beiden
müssen ebenso erfinderisch wie entschlossen sein.
Wegen der Wirtschaftssanktionen herrscht
Lebensmittelknappheit und die Armut bringt nicht
gerade die besten Seiten der Menschen ans Licht.
Von Geri Krebs
REZENSION
Eine Welt, in der die Wände Ohren haben
«Glaubst du, der Präsident isst alle Kuchen alleine?» – «Sei still, die
Wände haben Ohren!»
Schon diese frühe Dialogzeile zwischen dem Mädchen Lamia und
ihrem Schulfreund Saeed steckt den Rahmen ab: eine Welt, in der
kindliche Neugier und staatlicher Terror untrennbar
ineinandergreifen. Von Beginn an herrscht eine Atmosphäre
latenter Bedrohung, in der Normalität längst ausser Kraft gesetzt
ist.
Personenkult als groteskes Ritual
Auf dem Schulhof erreicht der Personenkult seinen absurden
Höhepunkt. Ein etwa zehnjähriger Junge verliest mit zitternder
Stimme eine Loyalitätsparole auf Saddam Hussein, die
anschliessend von der versammelten Schüler:innen- und
Lehrer:innenschaft im Chor bestätigt wird. Die Szene ist kaum zu
ertragen – und kippt zugleich ins Groteske. Genau in dieser
Schwebe zwischen Schrecken und Absurdität findet der Film seinen
Ton.
Eine Odyssee durch Armut und Abhängigkeit
Die anschliessende Irrfahrt des Mädchens durch eine moralisch
ausgezehrte Gesellschaft ist ebenso verstörend wie genau
beobachtet. Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem Lamia
erkennt, dass ihre Grossmutter Bibi sie bei einer
Restaurantbesitzerin faktisch gegen einen Teller Essen eintauschen
will – aus purer Überforderung und Not. Der Film zeigt diese Szene
ohne melodramatische Zuspitzung, aber mit umso grösserer
Wirkung.
DER IRAK UNTER SADDAM HUSSEIN
EINE CHRONOLOGIE DER GEWALT
Saddam Hussein trat 1957 im Alter von 20 Jahren der illegalen Baath-Partei bei.
Nach dem Sturz der irakischen Monarchie durch einen Militärputsch im Jahr 1958 und
der Ausrufung der Republik unter General Abd al-Karim Qasim beteiligte er sich an
politischen Machtkämpfen. Ein gescheitertes Attentat auf Qasim zwang ihn 1959 ins
Exil. Nach dem Baath-Putsch von 1963 kehrte Saddam Hussein in den Irak zurück und
stieg in den folgenden Jahren innerhalb der Partei stetig auf. Mit der endgültigen
Machtübernahme der Baath-Partei 1968 unter Präsident Ahmed Hassan al-Bakr
wurde er Vizepräsident und faktisch zum starken Mann im Hintergrund.
1979 übernahm Saddam Hussein selbst das Amt des Staatspräsidenten und
Regierungschefs. Unmittelbar danach sicherte er seine Macht durch brutale
Säuberungen in der Parteiführung. 1980 begann er den Krieg gegen den Iran, den er
als raschen Sieg kalkuliert hatte. Der Erste Golfkrieg endete 1988 mit einem
Waffenstillstand, nachdem auf beiden Seiten Hunderttausende Menschen ums Leben
gekommen waren.
1990 liess Saddam Hussein Kuwait besetzen, was den Zweiten Golfkrieg auslöste. Die
internationale Gemeinschaft reagierte mit massiven UN-Sanktionen. 1991 griff eine
von den USA geführte Koalition im Rahmen der Operation „Desert Storm“ militärisch
ein. Obwohl der Irak militärisch besiegt wurde, blieb Saddam Hussein an der Macht.
In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu US- und britischen Luftangriffen,
insbesondere nach Übergriffen auf kurdische Schutzzonen und trotz diplomatischer
Annäherungen an Iran und Syrien. Gleichzeitig verschärfte das Regime im Innern die
Repressionen drastisch.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärften die USA unter
Präsident George W. Bush ihre Haltung gegenüber dem Irak, der als Teil der „Achse
des Bösen“ bezeichnet wurde. 2003 begann nach umstrittenen
Geheimdienstvorwürfen der Dritte Golfkrieg mit einem Angriff der USA und
Grossbritanniens. Bagdad fiel, wenig später auch Tikrit, womit das Regime
zusammenbrach.
Am 13. Dezember 2003 wurde Saddam Hussein von US-Truppen festgenommen.
Nach einem Prozess wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und
Kriegsverbrechen wurde er 2006 in einem Vorort von Bagdad hingerichtet.
TRAILER
PRESIDENT'S CAKE | Regie: Hasan
Hadi | Cast: Baneen Ahmed Nayyef,
Sajad Mohamad Qasem, Waheeda
Thabet Khreibat, Rahim AlHaj | 106
Minuten | Irak, USA, Katar, 2025 |
Verleih: Filmcoopi
DOKFILM DES MONATS
QUI VIT ENCORE
Der Schweizer
Filmemacher Nicolas
Wadimoff gibt den
palästinensischen
Geflüchteten eine
Stimme und ein
Anstatt sich ausschliesslich auf die Zerstörung
zu konzentrieren, beleuchtet der Film das
frühere Leben der Menschen in Gaza – als
Unternehmer:innen, Musiker:innen,
Doktor:innen oder Influencer:innen. Dies zeigt
die Normalität und Vielfalt ihres Lebens vor
dem Krieg und unterstreicht die Tragweite des
Verlusts umso dramatischer. Trotz der
schrecklichen Erlebnisse und des immensen
Leids ist der Film auch eine Geschichte von
Resilienz, Kreativität und der Suche nach
Wegen zurück ins Leben.
SYNOPSIS
QUI VIT ENCORE | SYNOPSIS
Eine Karte von Gaza, seinen Städten, Lagern und
Stadtteilen. Weisse Farbe auf schwarzem Boden. In den
notdürftig gezeichneten Umrissen erzählen neun
Flüchtlinge, die der Hölle entkommen konnten. Ihr
früheres Leben, den Verlust von geliebten Menschen.
Existenzen, die unterdrückt, aber noch nicht in Schutt
und Asche gelegt wurden. Indem sie ihre Geschichten
teilen, versuchen die Protagonisten, sich wieder mit sich
selbst zu verbinden, keine Geister mehr zu sein. Vielleicht
kehren sie ins Leben zurück.
Von Felix Schenker
REZENSION
Ein irritierender Auftakt
Der Dokumentarfilm QUI VIT ENCORE von Regisseur Nicolas
Wadimoff beginnt katastrophal – allerdings nicht in Bezug auf den
Film selbst, sondern wegen eines Einblenders, der die Schweiz, die
sich bekanntlich gern ihrer humanitären Tradition rühmt, in ein
irritierendes Licht rückt. Die Filmaufnahmen, die neun
palästinensische Flüchtlinge begleiten, hätten ursprünglich in der
Schweiz stattfinden sollen, doch diese verweigerte ihnen die
Einreise. Gedreht wurde schliesslich in Südafrika, einem der wenigen
Länder, das Palästinenser:innen aus Gaza die visumfreie Einreise
erlaubt – und damit jene konkrete humanitäre Offenheit zeigt, die
die Schweiz in diesem Fall vermissen liess. Nur dank dieser
Offenheit konnte Wadimoff überhaupt mit den Betroffenen arbeiten
und sie physisch an einem sicheren Ort zusammenbringen.
Stimmen statt Bilder
Dort lässt Wadimoff jene Menschen, die dem Konflikt in Gaza
entkommen sind, ihre persönlichen Geschichten miteinander und
mit den Kinobesucher:innen teilen. Entstanden ist ein ruhiger,
wortlastiger, aber eindrücklicher Film mit einem zutiefst
humanistischen Ansatz. Die grosse Stärke von QUI VIT ENCORE
liegt in seiner Intimität. Die Protagonist:innen erzählen sehr
persönliche Geschichten, die es dem Publikum ermöglichen, ihnen
als individuellen Menschen mit Hoffnungen, Träumen und Verlusten
zu begegnen. Anstatt sich ausschliesslich auf Zerstörung zu
konzentrieren, richtet der Film den Blick auf das frühere Leben der
Menschen in Gaza und zeigt die Normalität und Vielfalt ihres Alltags
vor dem Krieg.
>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM
TRAILER
Dokfilm des Monats | QUI VIT ENCORE
| Regie: Nicolas Wadimoff |
Dokumentarfilm | 114 Minuten |
Schweiz, Frankreich, Palästina, 2025 |
Verleih: First Hand Films
Kinostart
Deutschschweiz: 5. Februar 2026
MANÖVERKRITIK SOLOTHURNER FILMTAGE
More of the same?
Solothurn zwischen
Haltung, Filmkunst
und Herz
Die Solothurner Filmtage
2026 feiern erneut
engagiertes Kino – doch
wie viel Vielfalt steckt
wirklich im Programm?
Eine Manöverkritik von
Geri Krebs.
Ausverkaufte Säle, Standing Ovations und grosse
Emotionen: Die Solothurner Filmtage 2026 waren
ein Publikumsfestival im besten Sinn. Und doch
drängte sich einmal mehr eine Frage auf, die über
einzelne Filme hinausweist: Erzählt Solothurn Jahr
für Jahr dieselbe Geschichte – oder ist diese
Wahrnehmung zu einfach? Zwischen politischem
Dokumentarfilm, formvollendeter Filmkunst und
unerwarteten Herzensmomenten zeigt sich ein
Festival, das überzeugt, aber auch blinde Flecken
offenbart.
Publikumslieblinge und vertraute Narrative
Vier Minuten nach Öffnung des Online-Ticketings war der
Saal im Landhaus ausverkauft. 550 Plätze – weg. Auch die
zweite Vorführung in der Reithalle (900 Plätze) war in
kürzester Zeit restlos belegt. Der Grund für diesen Ansturm:
FREEDOM – LE DESTIN DE SHEWIT von Anne-Frédéric
Widman. Der Dokumentarfilm begleitet über zehn Jahre
hinweg die Eritreerin Shewit, die als Minderjährige in die
Schweiz kam und sich mit enormer Willenskraft Ausbildung,
Arbeit und ein Aufenthaltsrecht erkämpft. Dramaturgisch
präzis, emotional aufgeladen und mit pathetischem
Soundtrack unterlegt, erzählt der Film von individueller
Stärke – und legt zugleich die Willkür und Absurdität der
Asylbürokratie offen. Ein Erfolg, der sich einreiht in eine
lange Tradition: NAIMA (Anna Thommen), DIE ANHÖRUNG
(Lisa Gerig), AMINE – HELD AUF BEWÄHRUNG (Daniel
Heusser) oder ROTZLOCH (Maja Tschumi) – Jahr für Jahr
prägen Filme über Flucht, Asyl und Integration das
Solothurner Programm und werden ausgezeichnet.
>WEITERLESEN
Manöverkritik von Geri Krebs |
Solothurner Filmtage 2026
Die Solothurner Filmtage fanden vom
21. bis 28. Januar 2026 statt.
Kein Oscar für
HELDIN, zum
Glück!
Kommentar von
Felix Schenker,
Chefredaktor
arttv.ch
Der Schweizer Film HELDIN von
Petra Volpe wurde nicht für den
Oscar nominiert. Das ist kein
Makel – sondern Anlass für eine
grundsätzliche Überlegung:
Warum wir Hollywood nicht
brauchen, um unsere eigenen
Filme ernst zu nehmen.
Tausendmal verdient
Der Schweizer Beitrag HELDIN ging leer aus. Keine Oscar-
Nomination, kein roter Teppich, kein globales Schulterklopfen. Der
Film, der den irren Berufsalltag einer Pflegefachfrau im Spital zeigt,
wurde von der Academy nicht berücksichtigt. Das ist eine
nüchterne Feststellung – und kein Makel. Und bevor das irgendwer
falsch versteht: Ich hätte es Petra Volpe, dieser wunderbaren,
hochtalentierten Regisseurin, tausend Mal gegönnt. HELDIN ist ein
grandioser Film. Präzise beobachtet, hochkonzentriert erzählt,
menschlich bis in jede Faser. Kurz: ein Hammerfilm, wenn auch ein
leiser.
Mehr als jede Trophäe
Für mich persönlich bleibt HELDIN ein Highlight. Nicht zuletzt, weil
ich Petra Volpe anlässlich der Premiere an der Berlinale nicht nur
interviewen durfte, sondern auch junge Pflegefachkräfte, die im
Umfeld des Films auf ihre schwierigen, oft prekären
Berufsbedingungen aufmerksam gemacht haben. Das war
eindrücklich und sinnstiftend. Petra Volpes Film hat mehr Kraft als
jede Oscar-Nomination: Er verändert Wahrnehmung, nicht
Schlagzeilen. Vielleicht bin ich gerade deshalb ganz froh, dass es
nicht zur Oscar-Nomination kam. Denn was dann losgetreten
worden wäre, kennen wir: ein nationales Hochziehen an fremden
Trophäen, Schlagzeilen, die sich mehr um den Preis als um den
Film drehen, ein symbolischer Triumph, der schnell verpufft. Kurz:
ein Riesen-Theater.
Hollywood war nie unser Massstab
arttv.ch hat sich nie nach Hollywood ausgerichtet. Und ganz ehrlich:
Dieses ganze Getue, diese riesige, oft oberflächliche
Propagandamaschinerie rund um den amerikanischen Film hat
mich nie interessiert. Der Oscar – offiziell die Academy Awards – ist
historisch betrachtet vor allem eines: ein perfekt funktionierendes
Marketinginstrument. Entstanden Ende der 1920er-Jahre, um die
junge US-Filmindustrie zu stabilisieren, ist er heute ein globales
Spektakel, das Macht, Sichtbarkeit und Verwertung feiert – weit
mehr als künstlerische Vielfalt. Gerade in Zeiten von Donald Trump
sollten wir uns emanzipieren. Uns lösen von der fixen Idee,
kulturelle Relevanz brauche den Segen Amerikas – oder, spezifisch
auf den Film bezogen, den Segen aus Los Angeles. Von mir aus
könnte man die Oscars dieses Jahr schlicht ignorieren. Kein
Zudienen, kein Blabla.
Natürlich kann Hollywood nichts für Trump. Die Branche ist eher
links, sicher nicht Trump-jubelnd. Trotzdem wäre es kein Drama, die
Oscars nicht gross zu beachten. Aufmerksamkeit ist eine Ressource
– und wir entscheiden, wofür wir sie
einsetzen.
Unser Massstab liegt hier
Richten wir den Blick lieber auf unser
eigenes Filmschaffen. Auf so
einmalige Werke wie aktuell DER
MANN AUF DEM KIRCHTURM von
Edwin Beeler oder auf den
grandiosen Eröffnungsfilm der
Solothurner Filmtage THE
NARRATIVE von Bernard Weber und
Martin Schilt, der mit seiner
präzisen, empathischen Analyse von
Verantwortung und medialen
Erzählmustern beim Festival 2026 für Aufsehen sorgte. Hier
entsteht Relevanz – nicht im Blitzlichtgewitter von
Preisverleihungen. Trotzdem: Kulturpreise sind natürlich legitim und
sorgen zuweilen für Spannung. Sie können Aufmerksamkeit
erzeugen und sind besonders dann eindrücklich, wenn ein
Lebenswerk gewürdigt wird. In der Regel profitieren davon
allerdings mehr die vergebenden Institutionen als die
Preisträger:innen selbst. Das gilt ganz
besonders für Auszeichnungen ohne
Preisgeld – und dazu gehört auch der
Oscar. Sinnvoller wäre es, Zeit und Geld in
stabile Förderstrukturen, verlässliche
Verwertungsketten und eine starke
Vermittlung zu investieren.
Und ja: Auch der Titel dieses Kommentars folgt der Logik der
Aufmerksamkeitsökonomie. Kein Oscar für HELDIN, zum Glück! ist
bewusst so zugespitzt gewählt, um gelesen zu werden – gerade
weil der Oscar als Reizwort funktioniert. Umso wichtiger ist es,
diesen Mechanismus offen zu benennen und ihn nicht mit
inhaltlicher Relevanz zu verwechseln. Unser Massstab sollte ein
anderer sein. Und der liegt nicht in Hollywood – sondern hier.
Die 98. Academy Awards – die Oscars
2026 werden am 15. März 2026
verliehen. Die Verleihung findet im
Dolby Theatre in Hollywood, Los
Angeles, Kalifornien (USA) statt. Die
Nominationen erfolgten bereits am 22.
Januar 2026.
L'ÉTRANGER
Eine
faszinierende,
philosophische
Adaption von
Albert Camus'
Roman
Mit einer stilvollen Schwarz-Weiss-
Ästhetik und einer starken Leistung
von Benjamin Voisin als Meursault
überzeugt Regisseur François Ozon
einmal mehr. Sein Film bietet Einblicke
in Themen wie Existenzialismus und
die Absurdität des Lebens.
SYNOPSIS
L’ÉTRANGER | SYNOPSIS
Algier, 1938. Meursault, ein junger Mann um die
dreissig, ein bescheidener Angestellter, begräbt
seine Mutter, ohne die geringste Emotion zu zeigen.
Am nächsten Tag beginnt er eine Affäre mit Marie,
einer Kollegin aus dem Büro. Dann kehrt er zu
seinem Alltag zurück. Doch sein Nachbar Raymond
Sintès stört seinen Alltag, indem er ihn in zwielichtige
Geschichten verwickelt, bis es schliesslich unter der
sengenden Sonne zu einem Drama am Strand kommt
…
Überzeugende Romanverfilmung: L’ÉTRANGER thematisiert
zentrale philosophische Ideen aus Camus’ Roman, darunter
Existenzialismus und die Absurdität des Lebens, die durch die
Darstellung der Hauptfigur Meursault erforscht werden.
WARUM WIR DEN FILM LIEBEN
Philosophische Tiefe: Ozon wählt eine stilvolle Schwarz-Weiss-
Ästhetik, die zur ruhigen und oft distanzierten Stimmung des
Films beiträgt.
Überzeugende schauspielerische Leistung: Benjamin Voisin
liefert eine starke Leistung als der apathische Meursault, was für
den Film entscheidend ist, um die innere Haltung der Figur nach
aussen zu tragen.
Glaubwürdige Darstellung der Absurdität: Obwohl der Roman
schwer in eine visuelle Form zu bringen ist, gelingt es Ozon, die
innere Gefühlswelt Meursaults darzustellen, insbesondere in
Szenen, in denen er mit seiner Freundin Marie über die Ehe
spricht oder sich im Gefängnis mit einem Geistlichen
auseinandersetzt.
Humorvoller Ton: Der Film ist nicht nur ein philosophisches
Drama, sondern beinhaltet auch humorvolle Momente. So wird
die von einem Geistlichen zu Beginn des Films gegebene
Lebensberatung mit der «freundlichen Absurdität» in Verbindung
gebracht, da Meursault die «zärtliche Gleichgültigkeit der Welt»
als Trost akzeptiert.
Ein passender Abspann: Der Film endet mit dem Song «Killing
an Arab» von The Cure, was eine passende und humorvolle Note
hinzufügt und die Verbindung zu Camus’ Romanherkunft
unterstreicht.
TRAILER
L'ÉTRANGER | Regie: François Ozon |
Cast: Benjamin Voisin, Rebecca
Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant,
Swann Arlaud, Christophe Malavoy |
Drama | 123 Minuten | Frankreich, 2026
| Verleih: Filmcoopi
Kinostart
Deutschschweiz: 19. Februar 2026
EWIGI
LIEBI
EWIGI
LIEBI
Nach dem
Kassenschlager
HALLO BETTY
folgt EWIGI LIEBI.
Swissness als
Erfolgsmodell.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen
Musical, das in der Schweiz Kultstatus
erlangte. Basierend auf den Mundart-
Songs von Florian Ast und als
Bühnenfassung entwickelt von Roman
Riklin, erzählt das Musical eine
Geschichte, die vielen vertraut ist: eine
Liebe, die gross beginnt, an der Realität
zerreibt – und trotzdem Spuren
hinterlässt. Wie hat Pierre Monnard das
Erfolgsmusical, das weit über eine halbe
Million gesehen haben, als Film
umsetzt?
SYNOPSIS
EWIGI LIEBI | SYNOPSIS
Heidi und Daneli sind Anfang 50, als sie sich nach 30
Jahren wieder begegnen. Beide stammen aus Trueb im
Emmental und waren ineinander verliebt, bis sich ihre
Wege trennten, weil sich Daneli nach einer Lüge seines
Bandkumpels Ferdinand auf eine Nacht mit der
Dorfschönheit Sabe einliess. Doch Heidi erwischte sie,
wendete sich von Daneli ab und heiratete Ferdinand.
Heute führt Daneli einen Musik-Plattenladen in Zürich,
muss diesen aber wegen Sanierung räumen. Bauherrin
ist ausgerechnet Heidi, die mit Ferdinand eine
Immobilienfirma führt. So begegnen sich die beiden
wieder und würden alles dafür geben, könnten sie die
Zeit zurückdrehen…
Von Felix Schenker
REZENSION
Oberkitsch, aber verdammt gut gemacht
Nach PLATZSPITZBABY und HALLO BETTY – und nach diversen
erfolgreichen TV-Serien wie WILDER – bringt Regisseur Pierre Monnard
mit EWIGI LIEBI einen weiteren grundsoliden, handwerklich perfekten
Schweizer Wohlfühl-Movie in unsere Kinos. Das ist grosses Gefühlskino
mit offenem Visier: emotional, zugänglich, publikumsnah. Und ja: es ist
Oberkitsch – aber raffiniert umgesetzt. Auch das ist grosse Kunst.
Schauspielerisch auf den Punkt
Dass dieses Gefühlskino so gut funktioniert, liegt massgeblich am
Ensemble. Susanne Kunz läuft zur Hochform auf: präzise, warm,
glaubwürdig. Sie verleiht ihrer Figur Tiefe und Erdung – und trägt den
emotionalen Kern des Films mit grosser Selbstverständlichkeit. Ebenso
überzeugend ist Pasquale Aleardi als erwachsener Dänu: präsent,
souverän, mit jener Mischung aus Charme und Verletzlichkeit, die das
Publikum mühelos mitnimmt. Elena Flury als jugendliche Heidi liefert eine
warm-authentische Performance, die der zentralen Liebesgeschichte
Boden und Herz verleiht. Und dann ist da Luca Hänni. Man merkt zwar,
dass er kein klassisch ausgebildeter Schauspieler ist – aber mit seinen
treuen Augen und seinem Charme ist das schnell gegessen. Seine
Natürlichkeit wirkt nicht aufgesetzt, sondern offen und direkt – und das
passt perfekt zu dieser warmherzigen Geschichte.
Liebe, Zeitreise, zweite Chance
Die Handlung ist ein kluges Spiel mit Nostalgie und Zeit: EWIGI LIEBI
erzählt, wie Daneli und Heidi, einst grosse Jugendliebe, sich 30 Jahre
nach ihrer Trennung wieder begegnen – und durch eine skurrile Zeitreise-
Fügung hoffen, ihre gemeinsame Vergangenheit korrigieren zu können.
>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM
TRAILER
EWIGI LIEBI | Regie: Pierre Monnard |
Cast: Pasquale Aleardi, Vera Flück,
Elena Flury, Luca Hänni, Pascal Ulli |
Komödie | 105 Minuten | Schweiz, 2025
| Verleih: DCM Film Distribution
(Schweiz)
Jetzt im Kino
SILENT REBELLION
Die 15-jährige Emma
— schwanger nach
einer
Vergewaltigung
Bewegender Auftritt in Venedig: Der
Schweizer Film SILENT REBELLION
wurde in der neuen Sektion «Spotlight»
des 82. Filmfestivals von Venedig
gezeigt – in Anwesenheit der
Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo und der
Hauptdarstellerin Lila Gueneau. Der
Film erzählt eindringlich und feinfühlig
von der Vergewaltigung einer jungen
Frau. An diesem Film kommt man nicht
vorbei – unbedingt ins Kino gehen!
SYNOPSIS
SILENT REBELLION | SYNOPSIS
Die 15-jährige Emma — schwanger nach einer
Vergewaltigung — stellt sich ihrer repressiven,
ländlichen reformierten Gemeinschaft entgegen
und schlägt einen Weg der Selbstbestimmung ein.
Sie verwandelt ihr Trauma in einen Anstoss zur
Emanzipation, während sie der moralischen
Heuchelei des Dorfs und dem Schatten des
Zweiten Weltkriegs um sie herum die Stirn bietet.
«An diesem Film kommt man nicht
vorbei – unbedingt ins Kino gehen!» –
Madeleine Hirsiger
Von Madeleine Hirsiger
REZENSION
Emma wird schwanger
Schon bei FRIEDAS FALL (Regie: Maria Brendle) und FOUDRE (Regie:
Carmen Jaquier) war die Begeisterung gross. Nun reiht sich SILENT
REBELLION natlos in die Rige der engagierten Schweizer Regisseurinnen
ein, die mit feinem Gespür das schwierige Thema der sexuellen Gewalt
behandeln. Marie-Elsa Sgualdo Werk verortet ihr Drama während des
Zweiten Weltkriegs im Schweizer Jura, wo die 15-jährige Emma im
Haushalt des Dorfpfarrers angestellt ist. Zu seiner Tochter Colette baut
Emma eine fast schwesterliche Beziehung auf. Zuhause trägt sie viel
Verantwortung: Der Vater ist Schneider, die Mutter wurde früh verstossen,
die Gründe bleiben unklar. Emma ist intelligent und wissbegierig, der
Pfarrer fördert sie, gibt ihr Bücher und lässt sie Musik hören. Ein junger
Journalist, zu Besuch im Pfarrhaus, vergewaltigt sie bei einem
Spaziergang. Emma wird schwanger.
Hartes Schicksal
«Für meinen ersten Spielfilm hatte ich schon lange eine weibliche Figur im
Kopf», sagt Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo. «Wie finden diese
vergewaltigten jungen Frauen die Kraft, um weiterzugehen? Diese
Thematik habe ich bereits in meinen Kurzfilmen aufgegriffen.» Sie erklärt,
warum sie die Handlung in die Kriegszeit verlegt hat: «Der Film hat auch
eine politische Ebene und ist eine Art Metapher für den Zustand des
heutigen Europas: Es herrscht Krieg – und das ist ein traumatischer
Zustand. Die Leute haben die Gabe zur Empathie verloren. Das fehlt uns
heute, um handeln zu können, um menschlich zu bleiben gegenüber
anderen.» Ihre Figur Emma hat ein gutes Selbstwertgefühl, doch das
Erlebte bedrückt sie. Nach einem missglückten Abtreibungsversuch
vertraut sie sich Colette an.
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TRAILER
SILENT REBELLION | Regie: Marie-Elsa
Sgualdo | Cast: Lila Gueneau, Grégoire
Colin, Thomas Doret, Aurélia Petit,
Sandrine Blancke, Sasha Gravat
Harsch, Tamara Semelet, Cyril Metzger,
Lievke Bartel, Aurelien Patouillard,
Etienne Fague | Drama | 96 Minuten |
Schweiz, Belgien und Frankreich, 2025
Jetzt im Kino
SIE GLAUBEN
AN ENGEL,
HERR
REBUILDING DROWAK?
Eine Tragikomödie
über Hoffnung,
Niedergang und
den Glauben an
Veränderung
Das Spielfilmdebüt des Schweizer
Regisseurs Nicolas Steiner zählt zu
den eindrücklichen
deutschsprachigen Kino-Highlights
der Saison. Die tragikomische
Geschichte über Begegnung,
Verbitterung und kreative Befreiung
feierte 2025 ihre Weltpremiere beim
Shanghai International Film Festival
und wurde als Eröffnungsfilm des
Max-Ophüls-Preis-Festivals gezeigt
und war das Spielfilm-Highlight der
Solothurner Filmtage 2026.
SYNOPSIS
SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? | SYNOPSIS
Die junge Germanistikstudentin Lena Jakobi (Luna Wedler)
übernimmt im Rahmen eines sozialen Projekts eine
Schreibbegleitung. Ihr einziger Teilnehmer ist Hugo Drowak
(Karl Markovics), ein verschlossener, verbitterter Mann am
Rande der Gesellschaft, der jede Hoffnung auf Veränderung
aufgegeben hat. Widerwillig lässt er sich auf die
gemeinsamen Sitzungen ein, in denen Schreiben zum Mittel
der Annäherung wird. Während Lena versucht, Drowak für
Sprache, Erinnerung und Poesie zu öffnen, treten
Bruchstellen in seiner Biografie zutage. Schritt für Schritt
entwickelt sich zwischen den beiden eine fragile Beziehung,
in der sich die Frage stellt, ob kreative Arbeit und
menschliche Zuwendung tatsächlich einen Neuanfang
ermöglichen können.
TOP
Die Schweizer Schauspielern Luna Wedler macht einmal
mehr den Unterschied und auch diesen Film zum Ereignis.
Mit grosser Klarheit, feinem Gespür für Zwischentöne und
einer bemerkenswerten inneren Ruhe verleiht sie der Figur
der Lena Jakobi eine glaubwürdige Mischung aus
Empathie, Hartnäckigkeit und Verletzlichkeit. Nach ihren
eindrücklichen Auftritten der letzten Jahre bestätigt sie
auch in SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? ihren
Status als eine der prägendsten Schauspielerinnen ihrer
Generation im deutschsprachigen Kino. Jede Szene mit ihr
gewinnt an Tiefe, jede Begegnung an Gewicht.
TRAILER
SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR
DROWAK? | Regie: Nicolas Steiner |
Cast: Karl Markovics, Luna Wedler, Lars
Eidinger, Jan Bülow, Dominique Pinon |
Komödie | 127 Minuten
Kinostart
Deutschschweiz: 19. Februar 2026
MELODIE
Anka Schmid
präsentiert einen
eindringlichen
Dokumentarfilm über
Stimme, Identität und
Selbstermächtigung
Mit MELODIE gelingt der Schweizer
Regisseurin ein ebenso zarter wie
kraftvoller Film über Selbstbehauptung,
Verletzlichkeit, die Freude des Singens
und die rettende Energie der Musik.
Charakteristisch für Anka Schmids
Gesamt-Werk ist ihr grosses Vertrauen in
die Kraft der Beobachtung. Ihre Filme
drängen sich nicht auf, sie hören zu. Sie
lassen Zeit, Widersprüche und
Ambivalenzen zu – und eröffnen gerade
dadurch Räume für Empathie und
Reflexion.
SYNOPSIS
MELODIE | SYNOPSIS
Menschen unterschiedlicher Herkunft geben sich allein oder
in Gemeinschaft dem Gesang hin. Singen gibt über alle
Lebenslagen hinweg ein Gefühl von Kraft, Glück und Trost,
es berührt unsere Seele und weckt unsere Erinnerungen. Von
der Tessiner Rapperin zur kurdischen Flüchtlingsfamilie, vom
Frühgeborenen bis zu Menschen mit Demenz schafft Gesang
Vertrauen und Wohlbefinden. Gemeinschaftliches Singen
erfordert Zuhören und sich auf die Anderen einstimmen. Das
gilt für Fussballfans, den gemischten Chor GoAndSing, den
traditionellen Männerchor im Thurgau, die Schwestern vom
Kloster Fahr bis hin zum kämpferischen Gesang an der
Frauendemo. Dass Singen ein individueller Ausdruck und
kollektives Erlebnis zugleich ist, zeigt MELODIE als
leichtfüssiger, melodiöser und in schwierigen Zeiten
beschwingender Film.
ANKA SCHMID INTERVIEW
«Singen an sich kann
ein politischer Akt sein,
etwa im Iran, wo den
Frauen das öffentliche
Singen verboten ist.»
Im Interview spricht Anka Schmid über
Singen als Moment tiefster Nähe, als
Ausdruck von Identität und Widerstand –
und als etwas, das Menschen in einer
zunehmend vereinzelten, digitalen Welt
wieder miteinander verbindet. Sie erzählt
von Stimmen, die sie berührt haben, vom
Vertrauen, das in besonders verletzlichen
Momenten vor der Kamera entsteht, und
davon, warum gemeinsames Singen weit
mehr ist als Klang: nämlich gelebte
Beziehung, Körperlichkeit und echtes
Dasein.
Mit Anka Schmid sprach Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
Im Film begegnen wir sehr unterschiedlichen Formen des Singens:
intim, religiös, politisch, alltäglich. Was hat dich bei der Recherche
am meisten überrascht?
Bei den Recherchen war überraschend – und zugleich erfreulich –, wie
sich beim Gespräch übers Singen sofort sehr viel von den Menschen
offenbart. Nicht im Sinne von Fakten, sondern im Sinne von
Zugehörigkeit, Befindlichkeit und innerer Haltung. Mit welchen Liedern
jemand aufgewachsen ist, welche Lieder jemand mag und ob jemand
gerne in einer Gruppe singt, verrät viel über den eigenen Charakter.
Zudem war für alle auch das (Zu-)Hören und Lauschen zentral – nicht nur
das Singen selbst.
Gab es eine Begegnung oder eine Stimme, bei der du während der
Dreharbeiten wusstest: Das wird das emotionale Herz des Films?
Nein, denn MELODIE hat nicht nur ein Herz, sondern ein Dutzend. Jede
Station dieser musikalischen Reise besitzt ein eigenes Herz mit eigenem
Rhythmus – verbunden jedoch mit dem Puls aller anderen.
Entscheidend beim Drehen war: Bei allen Protagonist:innen gab es
einen Moment, in dem ihr Gesang mich mitten ins Herz traf. Und da
wusste ich: Diese Szene wird im Film bleiben – neben vielen anderen,
ebenfalls schönen Momenten, die wir im Schnitt leider loslassen
mussten.
Wie hast du entschieden, welche Gesänge «stehenbleiben dürfen» –
und welche du trotz Schönheit wieder loslassen musstest?
Zum Glück war das keine Entscheidung, die ich alleine treffen musste,
sondern ein intensiver Prozess gemeinsam mit meiner Editorin Loredana
Cristelli. Uns verbindet eine langjährige Zusammenarbeit über mehrere
Filme hinweg, was ein grosses Vertrauen schafft. So konnten wir im
Schnitt viel ausprobieren und uns stark auf unsere Intuition verlassen.
Zudem ist Loredana nicht nur eine hervorragende und erfahrene
Schnittmeisterin, sondern verfügt auch über ein ausserordentliches
Feingefühl für Menschen und die Fähigkeit, ihre humorvolle Seite auf
wunderbare Weise herauszuschälen.
Singen erscheint im Film oft als etwas fast Archaisches. Ist MELODIE
auch eine Antwort auf eine zunehmend digitale, stille oder
vereinzelte Welt?
Ganz klar ist mein Dokumentarfilm eine Antwort auf die digitale Welt
und auf die zunehmende Vereinzelung. Singen ist zutiefst menschlich, ja
archaisch, in allen Kulturen verbreitet und zutiefst körperlich: Beim
Singen spürt man sich selbst und die anderen ganz konkret. Man kann
Räume «ersingen», Resonanz erleben und das eigene Echo in der realen
Welt hören – im Gegensatz zur digitalen Welt, in der alles simuliert
wird. Beim gemeinsamen Singen im Chor, im Kloster oder an einer
Demonstration verbinden wir uns real miteinander. Wir sind wir selbst,
keine Avatare. Dieses echte Lebensgefühl, dieses Bei-sich-Sein, ist ein
grosses Bedürfnis in unserer stark individualisierten und vereinzelten
Gegenwart.
Der Film zeigt auch Protest- und Stadiongesänge. Wo wird Singen
für dich politisch?
In Protestliedern ist Singen explizit politisch, etwa bei «Bella Ciao» oder
bei «Canción sin Miedo» gegen Feminizide, die beide als Statement im
Nachspann erklingen. Auch der Song «Stand Up» ist politisch – ebenso
die anklagenden und zugleich poetischen Rap-Lieder unserer Tessiner
Protagonistin JHON RIOT. Auch bei unserer kurdischen Familie hat das
Singen eine politische Dimension: Das eigene kurdische Liedgut ist
zentral für die Identität und kann Widerstand bedeuten – bis hin zu
Verfolgung und Gefängnis. Singen an sich kann ein politischer Akt sein,
etwa im Iran, wo den Frauen das öffentliche Singen verboten ist – eine
absolut menschenverachtende Form von Sexismus und
Lebensfeindlichkeit.
Deine Filme sind oft sehr nah bei den Menschen. Wie schafft man
Vertrauen, wenn man jemanden in einem so verletzlichen Moment
wie beim Singen filmt?
Vertrauen entsteht durch Offenheit: indem ich auch von mir selbst etwas
preisgebe und von Anfang an die Intention meines Films erkläre. Zudem
begegne ich allen auf Augenhöhe, und die Mitwirkenden haben
jederzeit die Möglichkeit zu intervenieren – während der Dreharbeiten
wie auch beim fertigen Film. Ich habe den Protagonist:innen
zugesichert, dass sie ihre Szenen vor der Veröffentlichung sehen dürfen.
Vor dem Picture Lock bin ich dann bei allen einzeln vorbeigegangen.
Das war ein sehr schöner Moment, weil ich auf diese Weise etwas
zurückgeben konnte von dem, was ich von ihnen erhalten habe.
MELODIE verzichtet auf eine klassische Dramaturgie und folgt eher
dem Rhythmus des Hörens. Wann wusstest du: Dieser Film muss sich
am Klang orientieren – nicht an der Handlung?
Der innere Leitgedanke von MELODIE ist die Verbindung von Singen
und Emotionen. Dieses Thema findet sich in allen Stationen und bei
allen neun Protagonist:innen des Films. Entsprechend liessen wir uns
auch bei der Dramaturgie im Schnitt konsequent von den Emotionen
leiten, die die Gesänge in uns ausgelöst haben.
Gab es eine Sequenz, an der sich diese Entscheidung besonders
deutlich gezeigt hat?
Am Beispiel der ersten beiden Sequenzen lässt sich das gut zeigen:
Welche Szene besitzt die Kraft, nach dem starken Auftritt des Chors
GoAndSing mit Joanna Kora und dem Lied «Stand Up» zu bestehen?
Nach verschiedenen Annäherungen zeigte sich, dass das Singen von
Friederike Haslbeck für das Frühgeborene in dieser Abfolge eine neue
Qualität eröffnet. Gerade dieses zarte, heilende Singen führt die
Dramaturgie weiter und öffnet das Publikum für einen neuen klanglichen
Zustand. Da MELODIE ein thematischer und kein handlungsgetriebener
Film ist, war klar, dass er einer eigenen Dramaturgie folgen muss: nicht
der Chronologie des Lebens von der Geburt bis zum Tod, sondern
inneren, emotionalen Bögen – verbunden durch die Verstärkung von
Gefühlen oder bewusste Gegensätze.
Wenn Zuschauer:innen nach dem Kino nach Hause gehen: Was sollen
sie im besten Fall anders hören – oder vielleicht sogar selber tun?
Eine Zuschauerin hat mir an den Solothurner Filmtagen selbst die
schönste Antwort gegeben: Sie werde nun wieder häufiger unter der
Dusche und im Auto singen. Am Zurich Film Festival hat eine Gruppe
junger Menschen spontan einen Ad-hoc-Chor gegründet, um sich
regelmässig zum gemeinsamen Singen zu treffen. Und jemand anderes
hat mir anvertraut, sie wolle künftig mit ihrem dementen Vater öfter
gemeinsam singen.
Was kann eine Filmerin glücklicher machen, als wenn das Publikum
selbst aktiv wird?
Und zum Schluss die entscheidende Frage: Singst du eigentlich
selber – und wenn ja: wann, wo und für wen singst du am liebsten?
Natürlich singe ich selbst – und oft, ohne es zu merken. Meist sind es
andere, die mich darauf aufmerksam machen. Am häufigsten singe ich
auf dem Velo.
In den letzten vier Jahren habe ich zudem wieder vermehrt mit meiner
Mutter gesungen und musiziert: Sie begleitete mich am Klavier, und ich
sang Lieder, die ich dank meiner wunderbaren Gesangslehrerin entdeckt
habe. Leider ist meine Mutter vor einem Jahr gestorben – und diese
Möglichkeit des gemeinsamen Singens ist verstummt.
Singst du in einem Chor?
Das würde ich gerne wieder wie schon als Jugendliche im Gymnasium.
Doch mein Leben als Filmerin ist zu unstet, um mich wöchentlich an eine
Probe zu binden. Aber ganz klar: Das ist ein Projekt für die Zukunft.
Anka Schmid, vielen Dank für dieses Gespräch
,
Mehr über das
bisherige filmische
Schaffen von Anka
Schmid findest du
auf unserer Website
TRAILER
MELODIE | Regie: Anka Schmid | 87
Minuten | Schweiz, 2025 | Verleih:
Frenetic
Kinostart
Deutschschweiz: 5. März 2026
Nomad Wood Nest – das neue
Herz des FIFF
VORSCHAU
Zur 40. Ausgabe erhält das Internationales Filmfestival
Freiburg ein echtes Zentrum: Mit dem Nomad Wood
Nestentsteht auf der Schützenmatte (Grand-Places) ein
nachhaltiger, mobiler Pavillon aus Schweizer Holz, der
während des Festivals vom 20. bis 29. März 2026 als
Treffpunkt für Filmschaffende, Festivalgäste und die
Bevölkerung dient. Das Festivalzentrum vereint
Begegnung, Austausch und Festatmosphäre an einem
zentralen Ort nahe der Kinos und wird damit zum
pulsierenden Herzen des Jubiläums-FIFF.
arttv.ch wird das Festival begleiten und darüber
berichten.
NAMASTE
SEELISBERG
Eine amüsante
Culture-Clash-
Geschichte aus
den Schweizer
Bergen
NAMASTE SEELISBERG von Felice
Zenoni thematisiert die turbulenten
Zeiten im Urner Bergdorf Seelisberg von
der Ankunft des indischen Gurus
Maharishi Mahesh Yogi in den 1970er-
Jahren bis in die Gegenwart. Der Film
befasst sich auch mit der aktuell
geplanten Renovierung und Erweiterung
der örtlichen Jugendstil-Hotels
Sonnenberg und Kulm, das lange Zeit
als Zentrum für Transzendentale
Meditation diente und so zu Weltrum
gelangte.
SYNOPSIS
NAMASTE SEELISBERG | SYNOPSIS
Direkt oberhalb der Rütli-Wiese, hoch über dem
Vierwaldstättersee, liegt das idyllische Seelisberg. 1971 nimmt
der indische Guru Maharishi Mahesh Yogi das Dorf samt zwei
geschichtsträchtigen Hotelanlagen für sich und seine als Sekte
verschriene Bewegung in Beschlag. Die Einheimischen laufen
Sturm, bitten selbst den Bundesrat um Hilfe. Vergeblich.
Seelisberg wird zum Hauptquartier der «Transzendentalen
Meditations-Bewegung» (TM), welcher Prominente wie The
Beatles, Mia Farrow oder David Lynch folgen. Bald ist der Culture
Clash im Urner Alpenidyll für niemanden mehr zu übersehen – zu
Tausenden pilgern Anhänger:innen des gewieften, finanzkräftigen
Gurus nach Seelisberg. Heute, 55 Jahre später, steht das Dorf
erneut vor einem tiefgreifenden Wandel: Die TM-Bewegung
verlässt Seelisberg, ein Schweizer Immobilienunternehmen plant,
die historischen Hotelanlagen zu restaurieren…
Von Rolf Breiner
REZENSION
Ein Urner Dokumentarist und ein aussergewöhnlicher Stoff
Er ist bekannt für Innerschweizer Dokumentarfilme wie DANIOTH –
DER TEUFELSMALER oder FEDIER – URNER FARBVIRTUOSE. Nun
hat Felice Zenoni eine besondere Begebenheit oberhalb des
Vierwaldstättersees aufgearbeitet, die Anfang der 1970er-Jahre
international für Schlagzeilen sorgte: 1971 machte Maharishi
Mahesh Yogi die Hotelanlagen von Seelisberg zum Zentrum seiner
Meditationsbewegung.
Fremde in der Idylle
Anfang der Siebzigerjahre wurden die Bewohner:innen von
Seelisberg aufgeschreckt. Fremde wollten hoch über dem
Vierwaldstättersee ein Meditationszentrum einrichten. Der indische
Guru Maharishi Mahesh Yogi und seine Bewegung hatten sich die
Hotelanlagen in bester Lage zu eigen gemacht und dort ihr
Hauptquartier etabliert. Einheimische versuchten, diese ihnen
fremden und als «spinnig» empfundenen Aktivitäten zu verhindern –
auch weil Seelisberg in der Nähe der «heiligen» Schweizer
Gedenkstätte, der Rütliwiese, liegt. Vergeblich.
Ein Zeitalter der Erleuchtung
Zu Tausenden pilgerten Anhänger:innen der «Transzendentalen
Meditationsbewegung», kurz TM genannt, nach Seelisberg. Diese
«geistige Erneuerungsbewegung» ist eine abgewandelte Form des
indischen Yoga und versprach Glück, Wohlbefinden und inneren
Frieden. In Seelisberg rief die Bewegung gar ein «Zeitalter der
Erleuchtung» samt Weltregierung aus.
>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM
TRAILER
NAMASTE SEELISBERG | Regie: Felice
Zenoni | Dokumentarfilm | 90 Minuten |
Schweiz, 2025 | Verleih: Filmcoopi
Der Film feiert(e) seine Premiere an
den 61. Solothurner Filmtagen (21. bis
28. Januar 2026)
Kinostart
Deutschschweiz: 26. Februar 2026
LYDIA -
AUFZEICHNUN
GEN AUS DEM
IRRENHAUS
Ein Film über Alfred
Eschers Tochter, die aus
Rache von ihrem eigenen
Ehemann in eine
psychiatrische Klinik
eingewiesen wurde.
Lydia Welti-Escher wollte Kunst fördern
und selbstbestimmt leben – und geriet
damit ins Räderwerk von Macht und
Moral des 19. Jahrhunderts. Ihre
Zwangsinternierung in Rom 1890 und der
Satz «Nervös ja, verrückt nein» stehen
exemplarisch für diese Geschichte, die
der Film LYDIA – AUFZEICHNUNGEN
AUS DEM IRRENHAUS nicht erzählt,
sondern eindrücklich in Erinnerung ruft.
SYNOPSIS
LYDIA - AUFZEICHNUNGEN AUS DEM
IRRENHAUS | SYNOPSIS
Gefangen im Korsett gesellschaftlicher Zwänge,
kämpft sie für ein selbstbestimmtes Leben als
Frau: Lydia Welti-Escher, die Tochter des
Politikers und Wirtschaftsführers Alfred Escher.
Als sie in Rom mit dem Künstler Karl Stauffer ein
neues Leben beginnen möchte, veranlasst ihr
Ehemann, der Bundesratssohn Emil Welti, ihre
Einweisung in die psychiatrische Klinik. Der Film
basiert auf dem Protokoll der Gespräche, die
zwei Ärzte im Februar 1890 in der Klink von Rom
mit ihr führten.
Lydia Welti-Escher – Aufzeichnungen aus der Macht
HINTERGRÜNDE ZUM FILM
Lydia Welti-Escher ist mehr als eine historische Figur – sie ist
ein Brennglas für die Machtverhältnisse ihrer Zeit. Als einzige
Tochter des Zürcher Politikers und Eisenbahnpioniers Alfred
Escher wächst sie im 19. Jahrhundert im Spannungsfeld von
Reichtum, gesellschaftlicher Erwartung und persönlichem
Freiheitsdrang auf. Früh gebildet, kunstsinnig und
selbstbewusst, interessiert sich Lydia für Literatur, Musik und
bildende Kunst – und für die Frage, wie Kultur öffentlich
gefördert werden kann.
Mäzenin mit Vision
1883 heiratet Lydia Friedrich Emil Welti, den Sohn des
Bundesrats Emil Welti. Die Ehe bleibt kinderlos und
zunehmend unglücklich. Während ihr privates Leben erstarrt,
entfaltet sich ihr öffentlicher Gestaltungswille: Lydia denkt
Kulturpolitik weiter, als es ihre Zeit zulässt. Ihre Idee einer
nationalen Kunstsammlung, die explizit auch Künstlerinnen
berücksichtigt, ist radikal modern. 1890 gründet sie die
Gottfried Keller-Stiftung – ein Vermächtnis von bleibender
Bedeutung für die Schweiz.
Rom 1890: Kontrolle statt Fürsorge
Im selben Jahr eskaliert ihr persönliches Leben. Lydia verliebt
sich in den Künstler Karl Stauffer-Bern und will sich aus den
engen gesellschaftlichen Vorgaben lösen. Was folgt, ist ein
Skandal – und ein Akt der Entmündigung: Anfang Februar
1890 wird Lydia in Rom gegen ihren Willen in eine psychiatrische
Anstalt eingewiesen. Rund zwei Monate verbringt sie dort. Die
erhaltenen Gesprächs- und Verhörprotokolle zeigen aus heutiger
Sicht weniger eine klare medizinische Diagnose als eine moralische
Bewertung weiblicher Selbstbestimmung. Pathologisiert wird nicht
Krankheit, sondern Abweichung. In Stefan Jungs Film hört man sie
dann auch jenen Satz sagen, der nachhallt und Lydias Lage präzise
auf den Punkt bringt: «Nervös ja, verrückt nein.» Ein kurzer, klarer
Einspruch gegen eine Diagnose, die weniger medizinisch als
gesellschaftlich motiviert scheint – und zugleich ein seltenes,
selbstbewusstes Zeugnis aus einer Situation völliger
Fremdbestimmung.
Die Freilassung
Im April 1890 wird Lydia Welti-Escher aus der römischen Klinik
entlassen. Der Entscheid fällt nach juristischen Interventionen und
diplomatischem Druck, der die Rechtmässigkeit der Internierung
zunehmend in Frage stellt. Die offizielle Begründung folgt den
Konventionen der Zeit, doch der Fall hat inzwischen internationale
Aufmerksamkeit erlangt und die beteiligten Institutionen unter
Zugzwang gesetzt. Die Erfahrung der Internierung wirkt nach.
Wenige Monate später nimmt sich Lydia Welti-Escher im Alter von
nur 33 Jahren das Leben. Zurück bleibt ein doppeltes Vermächtnis:
die Gottfried Keller-Stiftung als kulturpolitische Tat – und ein Fall,
der bis heute Fragen stellt nach Diagnose, Moral und der Macht
über weibliche Biografien.
Der Film
LYDIA – AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS greift genau
diesen historischen Kern auf. Ausgehend von den römischen
Protokollen rekonstruiert der Film keine Sensation, sondern legt
Strukturen offen: wie Nähe zur Kontrolle wird, wie Macht sich als
Fürsorge tarnt – und wie eine Stimme, die nicht passt, marginalisiert
wird. Lydia Welti-Escher erscheint darin nicht als historische Randfigur,
sondern als präzise Beobachterin eines Systems, dessen Mechanismen
bis in die Gegenwart nachwirken.
Eine empfehlenswerte
Besprechung zum Film
findest du auf dem
Filmblog von Michael
Sennhauser:
www.sennhausersfilmblog.ch
TRAILER
LYDIA - AUFZEICHNUNGEN AUS DEM
IRRENHAUS | Regie: Stefan Jung |
Biopic | 68 Minuten | Schweiz, 2025 |
Verleih: anderdog
Jetzt im Kino
BLAME
Christian Frei eröffnet mit
BLAME die 56. Ausgabe
von Visions du Réel - Ein
Erkundungswerk über
Schuld als Systemfrage
Der renommierte Schweizer Filmemachers
Christian Frei verbindet die Frage nach den
Ursprüngen von Covid-19 mit einer Reflexion
über Stellung und Rolle der Wissenschaft
gegenüber der politischen Macht. BLAME
zeichnet die sanitäre Krise von Covid-19 nach
und befasst sich zugleich mit dem aktuellen
Zeitgeschehen, vor allem der Wiederwahl von
Donald Trump zum 47. Präsidenten der
Vereinigten Staaten.
SYNOPSIS
BLAME | SYNOPSIS
Nach Jahren des Eintauchens in entlegenen
Fledermaushöhlen geraten drei Forschende ins grelle Licht
der Politik und schwerer Anschuldigungen. Die überhörten
Warner müssen sich rechtfertigen. Eine bildgewaltige
Filmreise über die Rolle der Wissenschaft in zunehmend
dunkleren Zeiten. Sachlich und unaufgeregt zeigt der Film,
wie die Welt durch das gezielte Schüren und Bewirtschaften
von Ängsten und fiebrigen Mythen aus den Fugen geriet.
Christian Frei:
«Wenn nichts
mehr wahr ist,
wird alles
möglich»
Ein Porträt über einen Kosmopoliten, der
mit seinen Filmen seit 30 Jahren die Welt
erkundet. Christian Frei ist einer der
international bekanntesten Schweizer
Dokumentarfilmer. Er ist wie kaum ein
anderer einheimischer Filmschaffender ein
Kosmopolit, was die Wahl von Themen
und Protagonisten seiner Kinofilme betrifft.
Das gilt auch für seinen neuesten, siebten
Film BLAME, der nach seiner Weltpremiere
an den Visions du Réel aktuell in unseren
Kinos läuft. Filmjournalist Geri Krebs hat
den Regisseur für arttv.ch getroffen.
>PORTRAIT LESEN
TRAILER
BLAME | Regie: Christian Frei |
Dokumentarfilm | 123 Minuten |
Schweiz, 2025 | Verleih: Filmbüro
Kinostart
Jetzt im Kino
FREE STREAMING
INGEBORG
BACHMANN - Reise
in die Wüste
Nicht das tragische
Ende der Autorin stehen
im Zentrum des Films,
sondern ihr Hoffen auf
Liebe und Respekt, in
der Literatur wie im
Leben
Margarethe von Trotta nimmt sich der
Biografie der österreichischen Dichterin
Ingeborg Bachmann an, mit Vicky Krieps in
der Hauptrolle als Ingeborg Bachmann und
Ronald Zehrfeld als Max Frisch. Wer
Ingeborg Bachmanns Texte – und ganz
besonders ihre Gedichte mag – wird diesen
Film lieben, denn er umschreibt das Motto
ihrer Literatur und ihres Lebens umfassend
und eindringlich: «Die Wahrheit ist dem
Menschen zumutbar».
SYNOPSIS
INGEBORG BACHMANN – Reise in die Wüste |
SYNOPSIS
Ingeborg Bachmann und Max Frisch begegnen sich 1958
in Paris – und fühlen sich unmittelbar unwiderstehlich
zueinander hingezogen. Die beiden stürzen sich in eine
leidenschaftliche Beziehung, die sie in Max Frischs
Heimatstadt Zürich und in Ingeborg Bachmanns
Wahlheimat Rom führen wird. Doch die Liaison ist von
Anfang an geprägt von Reibungen und
Auseinandersetzungen zwischen den zwei eigensinnigen
und kompromisslosen Persönlichkeiten, die durch ihre
schriftstellerischen Werke international bekannt sind.
Nach etwas über vier Jahren beendet Max Frisch die
Beziehung. Die Erinnerung
an diese so berauschende
wie zermürbende Liebe
lässt Ingeborg Bachmann
jahrelang nicht los. Bei
einer Reise in die Wüste
versucht sie, sich davon zu
befreien…
Margarethe von Trotta an der Berlinale
KOSTENLOS STREAMEN
WIR ERBEN | Regie: Simon Baumann |
INGEBORG BACHMANN - Reise in die
Wüste | Regie: Margarethe von Trotta |
Cast: Vicky Krieps (Ingeborg
Bachmann), Lux Ronald Zehrfeld (Max
Frisch), Tobias Resch (Adolf Opel) |
Drama | 111 Minuten | CH, AU, DE, LUX |
Verleih: Filmcoopi
Der Film lief im Wettbewerb der
Berlinale 2023 und feierte seine
Schweizer Gala-Premiere am Zurich
Film Festival 2023. In den Kinos der
Deutschschweiz war er ab dem 26.
Oktober 2023 zu sehen.
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Dr. Jean-Pierre Hoby
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