Pinakothek der Moderne München
ISBN 978-3-422-80344-2
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Herausgegeben von Bernhard Maaz
Mit Beiträgen von
Judith Csiki, Nadine Engel, Simone Förster, Inka Graeve
Ingelmann, Verena Hein, Oliver Kase, Bernhard Maaz, Bernhart
Schwenk, Benjamin Sommer, Franziska Stöhr, Corinna Thierolf
und Anna Volz
P I N A K O T H E K D E R M O D E R N E M Ü N C H E N
SAMMLUNG MODERNE KUNST
INHALT
7 Die Sammlung Moderne Kunst – Facetten ihrer Geschichte
29 Aufbruch – Avantgarden nach 1900
41 Expressionismus – Die Brücke und Der Blaue Reiter
57 Zersplitterung und Neuformierung – Vom Kubismus zum Futurismus
69 Apokalypse – Die Künstler und der Erste Weltkrieg
85 Abstraktion und Konstruktion – Das Bauhaus und sein Umfeld
99 Die Goldenen Zwanziger? – Neue Sachlichkeit und Neoklassizismus
119 Neues Sehen – Fotografie der 1920er- und 1930er-Jahre
133 Visionen – Surrealismus und Magischer Realismus
147 Propaganda, Anpassung, Rückzug, Kritik, Ausgrenzung und Exil –
Die Zeit des Nationalsozialismus
163 Schmerz und Hoffnung – Nach dem Zweiten Weltkrieg
175 »Weltsprache Abstraktion« – Gesten und Konstruktionen
193 Unendliches und Greifbares – Die Entgrenzung des Bildes
211 Unbehagen – Die Nachkriegsgeneration
233 Neue Dokumente – Fotografie der 1960er- und 1970er-Jahre
251 Installationen – In Raum und Zeit
261 Gefühl und Härte – Die 1980er- und 1990er-Jahre
277 Objektiv subjektiv – Paradigmenwechsel in der Fotografie
297 Nahaufnahme – Video- und Medienkunst
313 Starting Line – Kunst im 21. Jahrhundert
340 Personenregister
343 Bildnachweis
5
DIE SAMMLUNG MODERNE KUNST
FACETTEN IHRER GESCHICHTE
Modern(e)
Als Pinakothek der Moderne benannt und als Solitärbau errichtet, schließt
sich dieses Gebäude zwar an die Tradition der von Leo von Klenze entworfenen
Alten Pinakothek und der nach Entwurf von Alexander von Branca
ausgeführten Neuen Pinakothek an. Doch die Aufgabe, die vor ihrem Architekten,
Stephan Braunfels, stand, unterschied sich von den Vorgängern.
Der maßgeblich durch Beton und Glas geprägte, mit dem Wechselspiel von
lichter Öffnung und abschirmender Wand operierende Bau (Abb. 1) sollte von
Beginn an verschiedene Sammlungen beherbergen: das Architekturmuseum
der Technischen Universität München, die Staatliche Graphische Sammlung
München, die Neue Sammlung und die Sammlung Moderne Kunst, der
sich vorliegendes Buch widmet. Die Hinführung zu diesen Schätzen erfolgt
über Außenflächen, die sich für die Aufstellung von Skulpturen anbieten, wie
man es auch in der Umgebung der Alten und der Neuen Pinakothek als dem
Nukleus des Kunstareals kennt. Dabei ist Eduardo Chillidas Buscando la Luz
(Abb. 2) als weichformiger Kontrast zum zarten Grau des Sichtbetons und zu
klaren oder spiegelnden, aber harten Glasflächen willkommen: Der lebendige
Farbton des Rosts auf dem Stahl tritt in reizvollen Dialog zu den umgebenden
Farben und Materialien, und die Laufspuren, die der Regen auf die
Oberflächen der Skulptur wäscht, verleihen ihnen Wandelbarkeit, Dynamik,
Charme. Darüber hinaus wirkt diese Markierung des Raums wie eine einladende
Geste zum Nähertreten, wie eine Hinleitung zum Museum, in dem sich
das Thema der Skulptur fortsetzt und mit anderen Gattungen mischt.
Der Name Pinakothek der Moderne ist eingeführt, doch wo beginnt die
Moderne: bei Dürer, weil der moderne Mensch als Individuum auftritt? Bei
Caspar David Friedrich, weil die Vereinsamung des modernen Menschen
thematisiert wird? Bei Monet oder Manet, weil sie das summarische, auflösende,
impressionsorientierte Sehen an die Stelle des konturiert abbildenden
Wahrnehmens setzen? Oder bei Vincent van Gogh, weil er sein produktives
Künstlertum in einer Radikalität und Individualität lebte wie kaum ein Maler
Facetten ihrer Geschichte
7
Henri Matisse | Intérieur avec pot de fleurs (Stillleben mit Geranien) | 1910
Öl auf Leinwand, 93 × 115 cm, Inv.-Nr. 8669
1912 Schenkung Marcus Kappel im Rahmen der Tschudi-Spende
Das Stillleben wurde 1909 von Hugo von Tschudi, dem visionären Direktor der Staatlichen
Galerien Bayerns, bei Matisse in Auftrag gegeben und 1912 erworben. Es ist das erste Gemälde
von Matisse in einem öffentlichen deutschen Museum. Gleichermaßen Interieur wie
Stillleben, handelt es sich um ein reifes Werk des Künstlers im »dekorativen Flächenstil«.
Die blaue, diagonal durch das Bild gespannte Draperie bindet die Geranien und die chinesische
Porzellanvase auf dem Tisch in einen kühnen Schwung ein. Es entsteht ein Kontrast
zum dreidimensionalen Innenraum, der so in eine ornamentale, aus sich selbst heraus
leuchtende Farbfläche verwandelt wird.
OK
38 Aufbruch
Ernst Ludwig Kirchner | Bildnis Dodo | 1909 (Rückseite von Masken auf der Straße | 1910)
Öl auf Leinwand, 112 × 114,5 cm, Inv.-Nr. 13061
1960 erworben
Die Hutmacherin Doris Große, genannt Dodo, war in Dresden ab 1909 Kirchners Modell
und Geliebte. Das Bildnis Dodo ist ein frühes Meisterwerk des Künstlers, das die produktive
Auseinandersetzung mit den Fauves um Henri Matisse bezeugt und zugleich Kirchners
Tendenz zur eigenständigen, psychologisch aufgeladenen Expressivität offenbart.
Der Ästhetik der Skizze und der farbigen Pastellzeichnung verpflichtet, setzt Kirchner
die helle Grundierung als Stilmittel ein und wechselt mit Spontaneität und Vehemenz
spielerisch zwischen einem flüssigen und breiten oder einem pastosen und fleckigen
Farbauftrag.
OK
Avantgarden nach 1900
39
August Macke | Mädchen unter Bäumen | 1914
Öl auf Leinwand, 119,5 × 159 cm, Inv.-Nr. 13466
1964 Schenkung Sofie und Emanuel Fohn
Zwei Gruppen von Mädchen, die an einem Sommertag im Park unter Bäumen flanieren –
das Gemälde atmet heitere sonntägliche Festlichkeit und glühende Farbenpracht. Das
Sujet der Park- und Gartenbesuche steht in der Tradition des französischen Impressionismus
und verarbeitet zugleich Robert Delaunays wegweisende Lehre der Simultankontraste.
Noch vor der Tunisreise mit Klee begonnen, beendete Macke das Bild nach seiner
Rückkehr nach Bonn in einer rauschhaften, vom Erlebnis der Farbe geprägten Schaffensphase.
Sechs Wochen später wurde Macke einberufen und fiel am 26. September 1914 an
der Westfront in Frankreich.
OK
52 Expressionismus
Paul Klee | Der Vollmond | 1919
Öl auf Papier und Karton, 49,8 × 38 cm, Inv.-Nr. 15249
1991 erworben
Nach frühen Arbeiten auf Papier gelang Paul Klee erst 1919 der Durchbruch zur Ölmalerei.
Der Vollmond ist eines der bedeutendsten Werke dieser Phase, in der der Künstler die
Bildarchitektur systematisiert und mit Landschaftsdarstellungen kombiniert. Die Komposition
wächst aus farbigen Rechtecken und Dreiecken zu einem gelben Vollmond empor,
der die Nacht in silbernes märchenhaftes Licht taucht. Fensterkreuz, Mond, Bäume und
Berggipfel verknüpfen romantische Motive der Sehnsucht nach Transzendenz, denen Klee
eine zeitgenössische Dimension der Abstraktion als »kühle Romantik […] ohne Pathos«
verleiht.
OK
Die Brücke und Der Blaue Reiter
53
Fritz Winter | K 35 | 1934
Tempera auf Papier auf Leinwand, 110 × 75 cm, Inv.-Nr. 12984
1959 erworben
Fritz Winter, der von 1928 bis 1930 am Dessauer Bauhaus studiert hatte, suchte in seinem
bis in die 1970er-Jahre währenden Schaffen immer wieder nach einer vitalen Synthese
von künstlerischem und wissenschaftlichem Weltbild. Die zwischen 1934 und 1936
entstandenen Licht-Bilder lassen eine Auseinandersetzung mit der ungegenständlichen
Fotografie vermuten. Daraus resultierten abstrakte Gemälde, die in ihrer transparenten
Faktur gleichsam Naturkräfte offenlegen – sei es in mikroskopischer Vergrößerung kleinster
Strukturen, sei es in teleskopischem Blick auf kosmische Fernen.
BSO
96 Abstraktion und Konstruktion
László Moholy-Nagy | Double Loop | 1946
Transparenter Kunststoff, thermisch verformt, max. 45,5 × 34,5 × 38 cm, Inv.-Nr. B 357
1959 erworben
Schon in den 1920er-Jahren, als er am Bauhaus den für alle Studierenden obligatorischen
Vorkurs leitete, experimentierte László Moholy-Nagy mit modernen Kunststoffen
wie Acryl glas. Dieses leicht formbare Material schätzte er, da dessen Transparenz ihm
erlaubte, das Licht als Mittel zur Darstellung von Raum und Bewegung zu nutzen. Double
Loop entstand im Todesjahr des Künstlers, der aufgrund seiner ungarisch-jüdischen Herkunft
im Anschluss an Hitlers Machtübernahme über Holland und London nach Chicago
emigriert war, wo er 1937 das New Bauhaus und nach dessen Schließung im Jahr darauf die
School of Design gründete.
BSO
Das Bauhaus und sein Umfeld
97
DIE GOLDENEN ZWANZIGER?
NEUE SACHLICHKEIT UND NEOKLASSIZISMUS
Waren die 1920er-Jahre wirklich ›golden‹, wie tradierte Ansichten glauben
machen wollen? Was sind goldene Zeiten überhaupt, und gibt es sie?
Bei Lichte besehen waren es die Jahre seit Ende des Ersten Weltkrieges, in
denen Künstler wie Max Beckmann, Wilhelm Lehmbruck und Otto Dix mit
ihren Kriegserfahrungen zurückkehrten und sich neue Wirkungsorte und
Lebenshorizonte zu erschließen suchten. Es waren die Jahre schonungsloser
ideologischer Auseinandersetzungen in der jungen Weimarer Republik
und die Jahre zahlreicher politischer Morde, wie Harry Graf Kessler in seinen
Lebenserinnerungen darlegte. Ein hinlänglicher Wohlstand keimte im deutschen
Volk wieder auf, war aber nicht für alle gleichermaßen gesichert. Die
soziale Ausdifferenzierung übertraf alles, was man vor dem Ersten Weltkrieg
erlebt hatte, die Finanzkrise und die Inflation beutelten die Zeitgenossen, und
die Putsch- und Agitationsbewegungen destabilisierten die ideologischen
Überzeugungen. Noch ehe sich mit der Weimarer Republik die Grundsätze
der Demokratie etabliert hatten, zogen brutale und vitale Gegenkräfte auf,
die eine Reaktion unter nationalsozialistischem Vorzeichen anbahnten und
die junge Weimarer Republik bedrängten. Dennoch wirkte Europa geeint und
schien aus dem Krieg gelernt zu haben.
Vor dem Ersten Weltkrieg formulierten Impressionismus und Pointillismus,
Fauvismus und Expressionismus, Kubismus und Futurismus ein neues
Menschenbild. Nach dem Krieg standen die Künstler, die überlebt hatten und
nicht wie August Macke und Franz Marc gefallen waren, häufig vor individuellen
Katastrophen, vor sozialen oder individuellen Traumata, oft jedenfalls
vor einem erschütterten Weltbild. Die traditionellen Amtsträger in den Akademien
und Hochschulen wurden mancherorts abgelöst von Künstlern, die
für eine in ihrer Konsequenz neuartige innovative Freiheit der Kunst eintraten.
Die akademischen Pfründen des wilhelminischen Deutschland brachen
in sich zusammen. Damit kam etwa dem Staatlichen Bauhaus Weimar eine
neue Relevanz zu: Hier wurden künstlerisches Experiment und gedankliche
Anarchie geradezu zelebriert, um der Kunst und dem Handwerk – Design, Architektur,
Gestaltung – neue Freiräume zu erobern. Konsequenterweise stieß
Neue Sachlichkeit und Neoklassizismus
99
Karl Hofer | Mann vor dem Spiegel | 1943
Öl auf Leinwand, 100,5 × 69,6 cm, Inv.-Nr. 12801
1958 erworben
Ähnlich wie Beckmanns Mann im Dunkeln lässt sich Hofers Mann vor dem Spiegel als Chiffre
der Zeit lesen, nur dass nunmehr die Ungewissheiten zu einer unerbittlichen Klarheit des
Scheiterns auskristallisiert waren. Das vielfach ersehnte Kriegsende konnte von wachen
Zeitgenossen nicht mehr als propagierter ›Endsieg‹ gedeutet werden, sondern dräute als
Zusammenbruch, und das Leben war für viele auf ein erhofftes Überleben geschrumpft.
Der Tritt zum Spiegel und der Blick hinein bargen das Risiko jäher Einsicht und bitterer
Erkenntnis. Der blaue Kittel wird notdürftig gerafft, die Hand krampft gespenstisch. BM
160 Propaganda, Anpassung, Rückzug, Kritik, Ausgrenzung und Exil
Max Beckmann | Selbstbildnis in Schwarz | 1944
Öl auf Leinwand, 95 × 60 cm, Inv.-Nr. 10974
1949 erworben
Jahrelang lebte Beckmann im Exil, wo dieses Selbstbildnis entstand; er hatte Amsterdam
gewählt, obgleich es deutsch besetzt war. Von hier aus konnte er seine Heimat wie über
die Schulter beobachten und den befreundeten Sammlern Werke zukommen lassen, von
hier aus brach er nach dem Kriegsende doch noch in die USA auf, um dort jene Geltung
zu erkämpfen, die er sich in Paris als Konkurrent Picassos zu erwerben gehofft hatte:
Er wurde als grandioser Maler rätselhafter Kompositionen, als subtiler Kolorist und als
faszinierender Grafiker gewürdigt, der den Obsessionen seiner Zeit zeitlosen Ausdruck zu
geben vermochte.
BM
Die Zeit des Nationalsozialismus
161
Joseph Beuys | Erdtelephon | 1968
Telephon, Lehmklumpen mit Gras, Kabel, auf Holzbrett montiert, 20 × 47 × 76 cm,
Inv.-Nr. L 2376
Seit 2002 Leihgabe der Sammlung Klüser
Nehmen Sie den Hörer ab – und kommunizieren Sie mit der Erde! Beuys’ Erdtelephon ist
die ins Bild gesetzte Aufforderung an den Betrachter, die Entfremdung in einer hochtechnisierten
Welt zu überwinden und Natur und Technik in Beziehung zu bringen. Dabei geht
es Beuys nicht um eine Interpretation des Telefons, sondern um »die Kräfte, die an dieser
Sache beteiligt sind«, die Kräfte zwischen Sender und Empfänger, die Wirkung von Ferne
und Nähe, das Verhältnis des ganz Irdischen zu den Worten im imaginären Raum. CT
202 Unendliches und Greifbares
Hanne Darboven | 7 Tafeln, II. (Tafel 1) | 1972/73
Bleistift auf Papier, 177,2 × 177,2 cm, Inv.-Nr. 15385
1995 erworben
Auf sieben quadratischen Tafeln sind 245 in immer gleicher Weise auf zwanzig Zeilen beschriebene
Blätter zu einer klaren geometrischen und mathematischen Ordnung zusammengefügt
– sieben Blätter nebeneinander in fünf Reihen übereinander. Die Tafeln sind
akkurat mit der Nummer der Tafel und der Position der Tafel innerhalb der gesamten
Folge bezeichnet. Darboven »schreibt ohne zu beschreiben«. Während eine persönliche
Handschrift den Betrachter emotional und gedanklich aktiviert, evoziert Darbovens mit
neutraler und gleichmäßig langsamer Bewegung erzeugte Gestaltung einen irritierend
meditativen Zustand.
CT
Die Entgrenzung des Bildes
203
Anselm Kiefer | Nero malt | 1974
Öl auf Rupfen, 221,5 × 300,6 cm, Inv.-Nr. WAF PF 51
Seit 1984 Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Prinz Franz von Bayern
in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
Verbrannte Erde, dahinter, wie mit Kinderhand gemalt, die Feuerbrunst eines Dorfes. Ausgelöst
vom Bildtitel Nero malt sowie der Darstellung von Palette und Pinsel wird im Betrachter
eine Assoziationskette entfacht. Sie führt bis hin zum ›Künstler‹ Hitler und macht
bewusst, dass jeder Maler nicht nur Thema und Stil seiner Bilder wählen, sondern sein
Werk auch mit Blick auf diese fatale Ahnenreihe definieren muss.
CT
224 Unbehagen
Georg Baselitz | Fingermalerei Adler | 1972
Öl auf Leinwand, 249,5 × 180,3 cm, Inv.-Nr. L 2573
Seit 2016 Leihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds
Georg Baselitz’ Fingermalerei Adler ist eines seiner »Kopfüber-Gemälde«, durch die er die
enge Bindung von Bildgegenstand und Bildinhalt unterläuft. Mit der Umkehrung macht er
den Weg frei für eine inhaltlich schwerelosere, sinnliche Malerei, die aber doch ein Vexierspiel
treibt: Der Sturz des Adlers, klassisches Wappentier und Symbol der Bundesrepublik,
erinnert an die unzureichende Aufarbeitung der NS-Zeit, bei der nur die Adler von öffentlichen
Gebäuden entfernt wurden (und manchmal einzig das Hakenkreuz an ihnen) – und es
verweist auf die Machtlosigkeit der Kunst.
CT
Die Nachkriegsgeneration
225
Thomas Struth | Alte Pinakothek, Selbstportrait, München 2000 | 2000
Chromogener Abzug, Diasec, 116,5 × 147 cm, Inv.-Nr. 16305
2014 Schenkung Lothar Schirmer
Es ist eine besondere Form der Zwiesprache und Selbstbefragung, wenn sich Thomas
Struth im Gegenüber zum Selbstbild von Albrecht Dürer in der Alten Pinakothek inszeniert,
ein 500 Jahre überbrückender, imaginierter Dialog zwischen zwei selbstbewussten Erneuerern
der Kunst. Mit der Sprache einer sachlich-dokumentarischen Fotografie, in brillanten
Farben auf Tafelbildformat vergrößert, legt Struth in seinen Werken die vielfältigen Bedingungen
des modernen Lebens offen, die durch die Gegensätze zwischen Vergangenheit
und Gegenwart, Individuum und Gesellschaft, Privatheit und Öffentlichkeit bestimmt sind.
IGI
286 Objektiv subjektiv
Andreas Gursky | Rhein II | 1999
Chromogener Abzug, 207 × 357 cm, Inv.-Nr. GV 127
2001 erworben von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne
für die Sammlung Moderne Kunst
Rhein II ist eine moderne Darstellung des für Deutschland so identitätsstiftenden, von Mythen
und Bildklischees überfrachteten Flusses. Die vor Ort aufgenommene Ansicht wurde
digital überarbeitet, sodass der Betrachter ein fast monochromes Bild aus graugrünen
Farbfeldern wahrnimmt. In bleierne Schwere getaucht, ist der Strom jeder Zeitlichkeit enthoben,
von kristalliner Präsenz und unnahbar zugleich. Andreas Gursky wollte ein zeitgemäßes
Bild des Rheins formulieren, das aber in der Realität nicht anzutreffen war und so
der fiktiven Konstruktion bedurfte.
IGI
Paradigmenwechsel in der Fotografie
287
Wolfgang Tillmans | München Installation 1991–2004 | 2005
Chromogene Abzüge, unterschiedliche Formate, Inv.-Nr. GV 173, 1/22-22/22
2006 erworben von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne
für die Sammlung Moderne Kunst
Die für die Pinakothek der Moderne entwickelte, 22-teilige Rauminstallation umfasst Arbeiten
unterschiedlicher Sujets, Größen und Techniken, darunter heute stilprägende Aufnahmen
wie Corinne on Gloucester Place oder Deer Hirsch. Die Kombination aus Porträts, Stillleben,
Alltagsfotografien und abstrakten Arbeiten, die sowohl innerhalb einer Installation,
als auch als Einzelbilder gezeigt werden, gibt einen repräsentativen Einblick in das künstlerische
Schaffen und kann zugleich als Hommage an den aus München stammenden, früh
verstorbenen Maler und Lebensgefährten Tillmans’, Jochen Klein, gelesen werden. IGI
326 Starting Line
Thomas Hirschhorn | Doppelgarage | 2002
Holz, Mischtechnik, 400 × 590 × 1900 cm, Inv.-Nr. GV 160
2004 erworben von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne
für die Sammlung Moderne Kunst
Die aus zwei Räumen bestehende Installation wirkt wie eine Mischung aus Werkstatt
und Hobbykeller. Modelleisenbahnen kreisen unter riesigen Pilzen durch papierne Miniaturlandschaften,
die von braunem Klebeband gehalten werden. Fotos aus Zeitschriften
zeigen zerstörte Städte und verletzte Menschen. Textfragmente rufen Zusammenhänge
von Macht und Verantwortung auf. Ausgangspunkt für das Werk sind die Ereignisse des
11. September 2001, in denen sich die komplexen Zusammenhänge, kulturellen Gegen sätze
und wirtschaftlichen Abhängigkeiten im Zeitalter der Globalisierung widerspiegeln. BS
Kunst im 21. Jahrhundert
327