FOOTSTEPS Edition Zero
Es war einst die Zeit der Grand Tour, als neugierige Kosmopoliten im 18. Jahrhundert durch Europa reisten, um Kunst, Kultur und das Leben selbst zu entdecken. Aus diesem Geist heraus haben wir FOOTSTEPS ins Leben gerufen. Wir bringen dich als Reisender, der Zeit hat, an Orte, die teilweise fernab von den Hauptadern unserer modernen Verkehrsrouten liegen. Heute beginnen wir gemeinsam eine erste Reise – angestiftet und belebt von Menschen, die mit Erfahrung, Bewusstsein und Freude am Schönen unterwegs sind. Der Weg selbst ist deine Heimat, und jeder Schritt eine Einladung zum Verweilen und zur Verwandlung.
Es war einst die Zeit der Grand Tour, als neugierige Kosmopoliten im 18. Jahrhundert durch Europa reisten, um Kunst, Kultur und das Leben selbst zu entdecken. Aus diesem Geist heraus haben wir FOOTSTEPS ins Leben gerufen. Wir bringen dich als Reisender, der Zeit hat, an Orte, die teilweise fernab von den Hauptadern unserer modernen Verkehrsrouten liegen. Heute beginnen wir gemeinsam eine erste Reise – angestiftet und belebt von Menschen, die mit Erfahrung, Bewusstsein und Freude am Schönen unterwegs sind. Der Weg selbst ist deine Heimat, und jeder Schritt eine Einladung zum Verweilen und zur Verwandlung.
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auf den Spuren der Cosmopolitans
Entdecken Gastrfreunschaft Geniessen
STERNEN UND NONNAs KÜCHE
Zu Gast bei Oscar und Francesca
SÜDTIROLER WEINSTRASSE
In den Rebbergen bei Elena Walch
VON INNSBRUCK NACH BOLOGNA
Auf Goethe’s Spuren durch Norditalien
EDITIONZERO, 2026 | Travel Magazine for Silver Ager
EDITORIAL
Auf den Spuren der Cosmopoliten.
Es war einst die Zeit der Grand Tour, als neugierige
Kosmopoliten im 18. Jahrhundert durch Europa
reisten, um Kunst, Kultur und das Leben selbst zu
entdecken.
Aus diesem Geist heraus haben wir FOOTSTEPS
ins Leben gerufen. Wir bringen Dich als Reisender,
der Zeit hat, an Orte, die teilweise fernab von den
Hauptadern unserer modernen Verkehrsrouten liegen.
Heute beginnen wir gemeinsam eine erste Reise
– angestiftet und belebt von Menschen, die mit
Erfahrung, Bewusstsein und Freude am Schönen
unterwegs sind. Der Weg selbst ist Deine Heimat,
und jeder Schritt eine Einladung zum Verweilen
und zur Verwandlung.
Mit Footsteps begleiten wir Dich, wenn Du den
dritten Lebensabschnitt als Zeit der Entdeckung
betrittst: Du bist offen für das Neue, bereit, Schönheit
und Vielfalt zu umarmen. Du bist Reisender
und Suchender zugleich – einer, der die Kultur
nicht nur sehen, sondern verstehen möchte, der den
Zeitgeist erspüren will wie den Wind auf der Haut.
Du suchst den Genuss, die Vielfalt, den seelischen
Reichtum, der in der Stille zwischen zwei Atemzügen
wohnt.
Dabei entstehen Begegnungen, die das Herz berühren,
und Inspiration, die wie ein Funke überspringt
und in Dir ein neues Licht entzündet. Komm, reise
mit uns – nicht nur durch Orte, sondern durch die
Landschaften deiner eigenen Seele und entdecke
wunderbare Zeitgenossen auf Deinem Weg.
Auf den Spuren unserer Vorfahren nehmen wir
Dich mit auf eine Reise zu unseren verborgenen
Schätzen. Fernab der grossen Strassen führen wir
Dich zu jenen Orten und Begegnungen, die unser
Herz berühren – zu dem, was wir selbst suchen und
lieben. Lass Dich ein auf das, was wir mit Dir teilen
möchten.
Wie könnte es anders sein? Auf der Null Reise folgst
Du den Spuren von Johann Wolfgang von Goethe.
Unter dem Namen Johann Philipp Möller, seinem
gebräuchlichsten Decknamen während der ersten
Italienreise, wandelte er einst durch diese Lande.
Wir folgen den Zeilen seines Tagebuchs von Innsbruck
nach Bologna und verschmelzen in dieser
Ausgabe Tradition und Moderne. Wir laden Dich
ein, unsere Zeitreise zu verfolgen.
Denn wie Goethe damals die Sehnsucht nach dem
Süden in sich trug, so trägt auch jede Reise das Versprechen
der Verwandlung in sich. In dieser Verschmelzung
von Gestern und Heute, von Wort
und Weg, offenbart sich jene zeitlose Weisheit: Die
wahre Reise führt nicht nur durch Raum, sondern
durch die Schichten unserer eigenen Seele.
Marcel Boner
Zürich, 23. Februar 2026
3
Auf den Spuren von Johann Wolfgang von Goethe
Zwischen Moderne
CONTENTS.
14 Brixen
die älteste Stadt Tirols
22 Bozen
zwischen Alpin und Mediterran
38 Ein Abstecher nach Meran
die Kurstadt
42 Die Südtiroler Weinstrasse
von Nals nach Salurn
52 Weit weg von der Autostrada
zum Lago di Cavidene
54 Von Arco nach Riva del Garda
zum Lago di Cavidene
57 Die Gardisana
eine atemberaubende Strasse
IMPRESSUM
balevo gmbh Medienberatung Daniel Trabold
Zollikerstrasse 153 . 8008 Zürich . +41 79 542 8480
magazine@balevo.ch Redaktionelle Planung Maria Strößner
www.footsteps-magazine.com
Chef Redakteur
Marcel Boner
Geschäftsführer und Editor Webmaster & Webdesign Daniel Trabold
Marcel Boner
4
Italienische Reise Oberitalien
und Tradition
61 Von Gardone nach Salo
wo Gärten und Geigen sich treffen
81 Sul Minco
mit dem Rad in die Tortelloni Bastide
90 Die Opernstadt Verona
die romantischste Stadt Italiens
100 Venedig einmal anders
die Kunststadt der Adria
108 Nach dem Lido nach Ferrara
durch Gassen zum kulinarischen Glück
113 Endlich in Bologna
“La Dotta, La Rossa, La Grassa“
Art Director
Bildberatung
Ramon Lopez
marbon photography
Lektorin
Bildnachweise
Maria Strößner
Unter den Bilder oder auf unserer Internetseit im Impressum
5
ETAPPE 1
von Innsbruck nach Brixen.
6
HERBSTZEITLOSEN
Vergängliches Laub und leuchtende Designträume.
Der Herbstwind treibt goldene
Blätter durch die Gassen von
Brixen. Während andere über
das Laub schimpfen, das sich in
Hauseingängen sammelt, sieht
Jasmin darin etwas ganz anderes – eingefangenes
Sonnenlicht, das darauf wartet, wieder zu
leuchten.
Wir treffen uns an einem Nachmittag in ihrem
Atelier, dem Studio MIYUCA. Hier, zwischen
hohen Fenstern und alten Holzbalken, liegen
getrocknete Ahornblätter neben Lampenformen,
stapeln sich Schablonen aus Pappe, hängt
der warme Duft von Naturharz in der Luft. Jasmin
empfängt mich mit einem Lächeln, das von
der stillen Zufriedenheit erzählt, die Menschen
ausstrahlen, die genau dort angekommen sind,
wo sie hingehören. Während sie mich durch
ihr Reich führt, gleiten ihre Hände fast nebenbei
über die honigfarbenen Lampenschirme, in
denen die feinen Adern der Blätter wie zarte
Landkarten schimmern.
Ihr Weg hierher war alles andere als geplant.
Nach dem Abitur wollte sie in München unbedingt
an die Filmschule, verschlief aber die Einschreibung.
In letzter Minute – und mehr aus
Verlegenheit als aus Überzeugung – landete sie
an der Designfakultät in Bozen. Eine von nur
fünf Südtirolern unter fünfzig internationalen
Studenten. Das Glück, sagt sie heute, hatte andere
Pläne mit ihr.
Nach drei Jahren Studium träumte sie von einer
Weltreise, von Freiheit und der grossen, weiten
Welt. Doch dann kam das Praktikum bei einem
renommierten Industriedesign Studio, das eigentlich
für zwei Monate gedacht war. Daraus
wurden sechs Jahre. Grosse Brands aus Italien
und Deutschland, wichtige Kundenprojekte, rascher
Aufstieg. Sie lernte alle Prozesse, managte
komplexe Projekte, verstand die Mechanismen
der Branche. Nur eines fehlte mit jedem
Tag mehr: Die Seele. Das Handwerkliche. Das
Künstlerische. Das, was ihre Hände und ihr feiner
Geist zum Leben erwecken wollten.
7
8
Eines Tages kündigte sie, ohne zu wissen, wohin
der Weg sie führen würde. Wieder einmal sollte
der Zufall zum Wegweiser werden.
Es war ein Herbsttag auf dem Brixner Platz,
einer jener Tage, an denen die Stadt normalerweise
akkurat vom Laub gesäubert ist. Nur an
diesem einen Tag lag es knöchelhoch auf den
Strassen, raschelte unter den Füssen, wirbelte
im Wind. Jasmin ärgerte sich. Ein Arbeitskollege,
der mit ihr spazierte, warf ihr beiläufig hin:
„Dann mach doch selbst was draus, anstatt dich
zu ärgern.“
Dieser eine Satz sollte alles verändern.
Ein ganzes Jahr lang kämpfte Jasmin mit dem
widerspenstigen Material. Getrocknetes Laub
wird brüchig, bindet sich kaum, zerfällt bei der
kleinsten falschen Bewegung. Wieder und wieder
scheiterten ihre Versuche. Es waren kämpferische
Zeiten, geprägt von Zweifeln und der quälenden
Frage, ob sie verrückt war, ausgerechnet
aus Laubmüll etwas Schönes schaffen zu wollen.
Doch ihr Wille und ihre Beharrlichkeit zahlten
sich aus. Als sie schliesslich den Schlüssel fand
– biologische Harze, die das Unmögliche möglich
machten – entstanden die ersten Lampen.
Objekte, durch die das Licht fällt wie Sonnenstrahlen
durch ein Blätterdach im Wald.
Heute, Jahre später, ruht sie sich nicht auf diesem
Erfolg aus. Unermüdlich entwickelt sie weiter:
Rückwände, die Räume in sanftes, diffuses
Licht tauchen. Materialien, veredelt mit Salz
oder feinen Goldpigmenten. Sie arbeitet mit
Winzern zusammen, die ihr Reblaub und Trester
nach der Weinlese bringen. Manche Kunden
sammeln das Laub aus ihrem eigenen Garten
und lassen daraus ihre ganz persönliche Lampe
fertigen. Ein kleines Ökosystem, das lebt und
atmet.
Sie produziert ausschliesslich auf Bestellung,
arbeitet im Rhythmus der Jahreszeiten, nimmt
nur, was die Natur hergibt. „Wenn das Laub ausgeschöpft
ist, gibt es im Herbst mit der nächsten
Laubernte wieder Lampen“, sagt sie mit einer
Selbstverständlichkeit, die in unserer Konsumgesellschaft
fast revolutionär klingt.
„Es ist immer der Herbst, der mir Kraft gibt“,
erzählt sie weiter, während wir am Fenster stehen
und auf die Stadt blicken. In ihren Augen
liegt etwas von der Ruhe dieser Jahreszeit, aber
auch deren Intensität, jene besondere Melancholie,
die im Vergehen schon das Wiederkehren
ahnt.
Wenn Jasmin von Brixen erzählt, leuchten ihre
Augen auf eine andere Weise. Der Domplatz
mit seiner stillen Würde, die hellen Lauben,
die nicht so dunkel sind wie anderswo, das alte
Stufels mit seinen verlassenen Gassen. Ihr Herzstück
aber ist Elvas, ihr Geburtsort hoch über
der Stadt. Von dort schweift der Blick über das
Neustift bis hinunter nach Brixen – ein Weg,
den sie jedem Besucher ans Herz legt, der Zeit
mitbringt.
Bevor ich gehe, drehe ich noch einmal eine ihrer
Lampen gegen das Licht. Die Sonne bricht sich
in den feinen Blattadern, wirft tanzende Schatten
an die Wand. Vergänglichkeit, die bleibt.
Herbst, der zum Licht wird. Und eine Frau, die
verstanden hat, dass manchmal die schönsten
Dinge aus dem Entstehen, worüber andere hinweggehen.
Studio MIYUCA ist nach Voranmeldung zu besuchen.
Die kleine und grosse Lampe aus der Ursprungslinie sind
Jasmins Masterpieces – Objekte, die in jedem Zuhause
ihre stille, leuchtende Geschichte erzählen.
9
Europabrücke by Hans from Pixabay
Wer heute von Innsbruck nach
Brixen aufbricht, folgt einer
alten europäischen Lebensader
– der Brennerroute. Seit
Jahrtausenden führt sie Menschen,
Waren und Ideen über die Alpen. Schon
beim Verlassen von Innsbruck öffnet sich das Inntal
weit und klar. Im Norden erhebt sich der südlichste
Teil des Karwendelgebirges, der auch als Inntalkette
bezeichnet wird. Links erhebt sich das mächtige
Patscherkofelmassiv, auf dem zuletzt 1976 die
Olympischen Winterspiele ausgetragen wurden.
Die Strasse Richtung Süden führt zunächst entlang
des Wipptals, dessen Orte wie Patsch oder Matrei
am Brenner an die mittelalterlichen Handelszeiten
erinnern.
Bald verengt sich das Tal und die Strasse schraubt
sich hinauf zur Europabrücke, die zu den kühnsten
Brückenkonstruktionen der Nachkriegszeit zählt.
Unter ihr schlängelt sich die alte Brennerstrasse das
Tal der Sill hinauf, die tief im Fels eingebettet ist.
Ein Anblick, der staunen lässt, wie kühn Technik
und Natur hier ineinandergreifen. Zwischen den
Tunneln und Kehren liegt auf der rechten Seite, etwas
im Westen, der Zugang ins Stubaital Richtung
Ötztal. Wer dorthin wandert, gelangt in eine Welt
Sterzing - © by marbon
10
Kreuzgang - Credit by Brixen Tourismus | Leonhard Angerer
“
Auszug aus dem Tagebuch von Goethe:
Der Mond ging auf und beleuchtete
ungeheuere Gegenstände. Einige Mühlen
zwischen uralten Fichten über dem
schäumenden Strom waren völlige
Everdingen. Als ich um neun Uhr nach
Sterzing gelangte, gab man mir zu verstehen,
dass man mich gleich wieder wegwünsche.
In Mittenwald Punkt zwölf Uhr fand ich alles
in tiefem Schlafe, ausser dem Postillon, und so
ging es weiter auf Brixen, wo man mich wieder
gleichsam entführte, so dass ich mit dem Tage in
Kollmann ankam.
Die Postillons fuhren, dass einem Sehen und
Hören verging, und so leid es mir tat, diese
herrlichen Gegenden mit der entsetzlichsten
Schnelle und bei Nacht wie im Fluge zu
durchreisen, so freuete es mich doch innerlich,
dass ein günstiger Wind hinter mir her blies und
mich meinen Wünschen zujagte.
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Sterzing Zwölferturm - Credit by Südtirol Tourismus
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aus Wasserfällen, Gletschern und Thermen.
Das Seitental ist voller Sagen und beherbergt moderne
Urlaubsorte wie Sölden oder Obergurgl.
Auf der Brennerroute nähert man sich bald der
Passhöhe auf 1.370 Metern. Das Grenzdorf Brenner
selbst überrascht mit stiller Alltäglichkeit: Die
Grenzstation, die Lokale und der Duft von Kaffee
mischen sich mit Sprachen aus Nord und Süd. Kurz
darauf öffnet sich das Tal und gibt den Blick auf
die Südtiroler Landschaft frei. Der Blick verändert
sich – das Licht scheint sanfter, heller und südlicher.
Sterzing, die erste Stadt jenseits des Passes, ist ein
echtes Kleinod. Über den Kopfsteinpflastergassen,
in denen Cafés und Boutiquen zum Verweilen einladen,
ragt der Zwölferturm empor. Das einstige
Bergwerksstädtchen trägt im Stadtkern noch immer
den Stolz früherer Blütezeit. Weiter südlich folgt die
Strasse dem Eisacktal, das von alten Burgen, Kastanienhainen
und Weinbergen gesäumt ist. Festen
wie Mühlbach oder Franzensfeste begegnet man als
steinerne Zeugen einstiger Grenz- und Handelszeiten.
Schliesslich erreicht man Brixen mit seinem milden
Klima, den geschwungenen Gassen und den Pal-
men zwischen den gotischen Lauben. Im Hof des
Brixner Doms hallen die Echos der vergangenen
Jahrhunderte wider und wer am Nachmittag auf
dem Domplatz sitzt, spürt, wie der Brennerwind
nachlässt und die Sonne des Südens über den Dächern
steht.
Am Ziel angekommen, erwartet einen der imposante
Brixner Dom mit seinem mittelalterlichen
Charme. In der ehemaligen fürstbischöflichen Residenz,
der Hofburg, befindet sich das Diözesanmuseum
Brixen mit seiner wertvollen Sammlung
kirchlicher Kunst aus Mittelalter und Neuzeit. Es
befindet sich in der ehemaligen fürstbischöflichen
Residenz, der Hofburg, am Hofburgplatz 2.
Die vielen Laubengassen, der Weisse Turm und der
hitorische Stadtkern laden zu einem Spaziergang
ein. In der Nähe lockt zudem das Kloster Neustift
als weiteres kulturelles Highlight. Wer noch Kraft
hat, fährt weiter zur Plose hoch, Südtirols aussichtsreichem
Hausberg, der einen Panoramablick auf
die Dolomiten bietet.
So wird die Fahrt über den Brenner von Innsbruck
nach Brixen zur kleinen Erlebnisreise, die Alpenpanorama,
kulturelle Begegnungen und Südtiroler
Lebensart verbindet.
Brixen in Watte verpackt - Credit by Brixen Tourismus | Michael Pezzei
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BRIXEN
Sehenswertes in der Stadt.
Brixen im Frühling - Credit by Brixen Tourismus | Hannes Engl
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Brixen, die älteste Stadt Südtirols, verbindet
eindrucksvoll Kultur, Geschichte,
Genuss und natürliche Schönheit.
Die historischen Laubengänge und
kleinen Gassen der Altstadt bieten
ideale Bedingungen für gemütliche Spaziergänge,
bei denen Sie das authentische Flair der Stadt erleben
können. Viele Cafés und Restaurants laden
zum Verweilen ein, um regionale Spezialitäten oder
ein Glas Südtiroler Weisswein zu geniessen und die
herzliche Gastfreundschaft – ein Markenzeichen
Brixens – kennenzulernen. Besonders sehenswert
ist der Brixner Dom mit seinem prachtvollen barocken
Innenraum und dem einzigartigen Kreuzgang.
Die kunstvollen Fresken sind ein Höhepunkt,
nicht nur für Kunstinteressierte, sondern auch für
alle, die sich gerne in inspirierende, ruhige Orte
zurückziehen. Die Adlerbrücke, ein beliebter Fotopunkt,
verbindet den ältesten Stadtteil Stufels mit
der Altstadt – und auch Stufels selbst steckt voller
Geschichte und Charme, heute als „Viertel der
Künstler“ bekannt.
Adlerflug über Brixen
“
Wenn man nur einmal nach Brixen käme – welchen Ort dürfte man auf keinen Fall verpassen?
Erica Kircheis von Brixen Tourismus antworte auf meine Frage:
„Einen einzigen Ort zu wählen, ist in Brixen beinahe unmöglich – es gibt schlicht zu viele, die man nicht verpassen
sollte. Wenn ich mich dennoch entscheiden müsste“, sagt Erica Kircheis mit einem Lächeln, „dann wäre es der Domkreuzgang
mit seinen Fresken. Ein stiller Schatz, ein Ort, an dem Zeit und Farbe miteinander flüstern. Ein Juwel, das
die Stadt seit Jahrhunderten trägt – und das Besucherinnen und Besucher oft ganz unerwartet berührt.“
Adlerbrücke - Credit by Brixen Tourismus | Hannes Engl
Für alle, die sich gerne bewegen,
empfiehlt sich ein Spaziergang
oder eine gemütliche Wanderung
am Flussufer. Die Wege sind gepflegt
und meist flach, ideal auch
für weniger geübte Wanderer
oder für Gäste, die Wert auf Entspannung
und Komfort legen.
Stadtführungen speziell für ältere
Menschen werden angeboten
und geben Einblicke in die bewegte
Historie sowie die schönsten
Plätze der Stadt.
Brixen heisst seine Gäste mit offenen
Armen willkommen, ob bei
einem Stadtbummel, kulinarischen
Genüssen oder erholsamen
Streifzügen durch die Altstadt.
Wer Südtiroler Lebensart, kulturelle
Vielfalt und ein vielfältiges
Angebot schätzt, fühlt sich in
Brixen sofort zuhause.
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Hof- und Herrengarten - Credit by IDM Südtirol | Alex Filz
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Hofgarten und Herrengarten
Die Hofburg in Brixen war jahrhundertelang die
Residenz der Fürstbischöfe und zählt zu den bedeutendsten
historischen Bauwerken Südtirols. Der
imposante Gebäudekomplex wurde im 13. Jahrhundert
errichtet und im Laufe der Zeit mehrfach
umgestaltet, wobei besonders die barocke Umgestaltung
im 18. Jahrhundert das heutige Erscheinungsbild
prägt. Heute beherbergt die Hofburg ein
Museum mit wertvollen Kunstschätzen sowie die
Diözesanbibliothek.
Direkt an die Hofburg anschliessend erstreckt sich
der Herrengarten, eine grüne Oase mitten in der
Altstadt von Brixen. Dieser barocke Garten wurde
im 18. Jahrhundert angelegt und diente den Fürstbischöfen
als privater Erholungsraum. Mit seinen
gepflegten Rasenflächen, alten Baumbeständen
und Blumenbeeten lädt der Herrengarten heute
zum Verweilen ein. Besonders beeindruckend sind
die historischen Laubengänge und die Sichtachsen,
die den Garten strukturieren.
Brixener Laubengänge
Die Brixner Lauben zählen zu den faszinierendsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt
und waren im Mittelalter das pulsierende Herz des städtischen und wirtschaftlichen
Lebens. Die charakteristischen Laubenhäuser entlang der beiden Gassen bestechen
durch ihre architektonische Vielfalt mit zahlreichen Giebeln, Erkern und historischen
Fassaden. Unter den mittelalterlichen Arkaden flanieren heute Einheimische und Besucher
vorbei an einer bunten Mischung aus traditionellen Geschäften, modernen
Boutiquen und gemütlichen Cafés. Die Lauben haben sich zur beliebten Einkaufsmeile
Brixens entwickelt, ohne dabei ihren historischen Charme zu verlieren. Bei
einem Spaziergang durch die überdachten Gänge lässt sich die jahrhundertealte Geschichte
der Stadt noch immer spüren. Besonders stimmungsvoll zeigen sich die Lauben
in den Abendstunden, wenn die beleuchteten Schaufenster und das sanfte Licht
eine besondere Atmosphäre schaffen.
Brixener Laubengänge - Credit by Brixen Tourismus
Stufels – © marbon
Stufels der älteste Stadtteil
Stufels blickt auf eine lange Geschichte zurück, die bereits in der Jungsteinzeit
beginnt. Die vorteilhafte Lage zwischen Rienz und Eisack machte das Gebiet
schon früh attraktiv für Siedler. Über Jahrhunderte hinweg, vom Mittelalter bis
ins 20. Jahrhundert, lebten hier vor allem Handwerker, Dienstboten und Menschen
mit geringerem Einkommen.
Heute hat sich Stufels zu einem Künstlerviertel entwickelt, in dem kreative
Talente ihre Ateliers und Werkstätten eingerichtet haben. Der Charme dieses
Stadtteils mit seinem Vorstadtcharakter übt eine besondere Anziehungskraft
aus. Ein Besuch in Stufels ist ein Muss für jeden Brixen-Besucher, denn ohne
Stufels lernt man die Stadt nur halb kennen.
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SEEHOF
Mehr als nur ein Rückzugsort.
Das Ambiente
Ich erinnere mich an den Moment, als ich die kleine
Strasse entlangfuhr, die sanft hinunter ins Tal führt.
Die Sonne stand schon tief, das Licht leuchtete golden
durch das Laub und zwischen den Baumstämmen
glitzerte etwas, das erst wie ein Spiegel wirkte
– dann war es der See. Still, klar, beinahe meditativ.
Am Ufer, eingebettet zwischen Wasser, Wiese und
Bergsilhouette, liegt der Seehof: Modern, schlicht,
und doch mit dieser Wärme, die man sonst nur zuhause
spürt. Vom ersten Moment an ein Gefühl tiefer
Entspannung und Leichtigkeit.
Schon beim Ankommen stellt sich diese leise Ruhe
ein, die ein gutes Haus auszeichnet. Kein Hotel-
Lärm, kein übertriebener Empfang – nur freundliche
Gesichter, klare Linien, Farben, die atmen.
In der Lobby fällt der Blick durch grosse Fenster
aufs Wasser, weiter hinten die Bar, die Terrasse, das
Licht. Ich atme durch und merke – hier ist man angekommen,
lange bevor man das Gepäck abgestellt
hat.
Räume zum Atmen
Unser Zimmer liegt im zweiten Stock, eine dieser
Suiten mit weitem Blick über Pool und Naturbadesee.
Die grossen Glasfronten holen die Landschaft
hinein, das Holz schimmert warm, Stoffe und
Farben fügen sich leise zum Ganzen. Nichts wirkt
künstlich, kein Detail zu viel, alles hat seinen Platz.
Ich öffne die Tür zum Balkon, höre Wind und Wasser,
und in diesem Moment ist der Übergang zwischen
Innen und Aussen kaum spürbar.
Man spürt, dass hier Menschen gestaltet haben,
die die Sprache der Ruhe verstehen – Designer, die
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nicht beeindrucken, sondern berühren wollen. Jede
Suite erzählt davon: mal mit freistehender Badewanne
und Blick in den Himmel, mal mit Leseecke
oder offenem Loungebereich. Es sind Räume, in
denen man nichts muss, nur darf.
Die Romantic Suite begeistert mit Balkonterrasse,
freistehender Designer-Badewanne mit Aussicht
und praktischer Schminkstation. Die Living Suite
lädt mit Leseecke und Sofainsel zum Entspannen
ein, während die Panoramic Junior Suite mit hellem
Loungebereich und begehbarem Wandschrank
überzeugt.
Kulinarische Geschichten
Am Morgen weckt mich der Duft von Kaffee und
frischem Brot. Auf der Terrasse spiegelt sich das
Licht im Wasser, während die ersten Gäste in Decken
gehüllt ihr Frühstück geniessen. Regionalität
steht hier nicht auf Schildern, sondern auf dem
Tisch – Brot vom Bäcker im Tal, Kräuter aus dem
eigenen Garten, Beeren, die aussehen, als hätten sie
gerade erst den Tau abgeschüttelt.
Mittags ein feines, leichtes Gericht – saisonal, unkompliziert,
mit jener italienischen Nonchalance,
die Genuss mühelos wirken lässt. Nachmittags
eine Jause, hausgemacht, und wenn am Abend das
4-Gang-Menü serviert wird, schwingt die Jahreszeit
mit in jedem Teller: Gerichte zwischen Südtirol und
Italien, elegant interpretiert, bewusst komponiert.
Kein Showeffekt, kein Überfluss. Nur gutes Essen –
ehrlich, präzise und überraschend klar.
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Zwischen See und Stille
Das La PrimaVera Spa liegt nur ein paar Schritte
vom Wasser entfernt. Durch die Panoramafenster
fällt der Blick auf den See, der sich im Lauf des
Tages verändert, morgens weich und still, mittags
glitzernd, abends fast golden. Eine finnische Sauna
mit direktem Zugang zum Wasser, ein römisches
Dampfbad, ein Infinitypool, in dem das Aussen
in das Innen übergeht. Dieses Spa hat keine laute
Bühne, es wirkt von selbst.
Ich tauche ein, schwimme hinaus, und im Moment,
in dem ich mich auf den Rücken lege und in den
Himmel blicke, spüre ich, wie sich alles verbindet:
Luft, Wasser, Stille. Vielleicht ist das das Geheimnis
dieses Hauses – dass Erholung hier nicht gemacht,
sondern gefunden wird.
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Im Rhythmus der Landschaft
Der Seehof liegt eingebettet in das Eisacktal, nur
wenige Minuten von Brixen entfernt, und doch
fühlt es sich an, als sei man weit weg von allem.
Ringsum Hügel, Wiesen, Wälder. Morgens Nebelschleier
über dem See, nachmittags das helle Blau
des Südtiroler Himmels.
Es ist ein Ort für Menschen, die das Gleichgewicht
suchen – zwischen Aktivsein und Innehalten, zwischen
Bewegung und Achtsamkeit. Für Paare, Alleinreisende,
Freunde – für alle, die verstehen, dass
Stille kein Fehlen von Leben ist, sondern eine andere
Form davon.
Ein Aufenthalt im Seehof fühlt sich an wie eine
kleine Flucht – nicht vor der Welt, sondern mitten
hinein in sie. In ihre klarste, schönste, stillste Form.
SEEHOF | NATURE RETREAT
Familie Auer
Flötscher 2
39040 Natz bei Brixen
Südtirol
www.seehof.it
info@seehof.it
+39 0472 412120
21
BOZEN KELLEREI
Das neue Wahrzeichen von Bozen.
BOZEN KELLEREI © Credit by Albrecht Voss
22
Zeitreisende Bobachter
Mozart & Goethe im Parkhotel Laurin.
Es war ein surrealer Moment, Zeuge dieser
unmöglichen Begegnung zu werden. Zwei
Geister der deutschen Kultur, getrennt
durch Zeit und Temperament, vereint durch den
„Genius Loci“ Bozens und durch die Frage, was aus
Europa geworden ist.
Parkhotel Laurin, ein Herbstabend
Das Kaminfeuer knistert leise. Durch die geöffneten
Flügeltüren dringt kühle Luft aus dem Park,
trägt den Duft von feuchtem Laub und Kastanien
hinein.
Zwei Gestalten sitzen in tiefen Ledersesseln. Goethe
blickt hinaus: „Sehen Sie, Mozart, wie sich
die Dolomiten im Abendlicht röten? Als ich 1786
durch diese Gegend reiste, schrieb ich: ‚Auch ich in
Arkadien!‘ Doch was ist aus diesem Arkadien geworden?“
Mozart dreht sein Weinglas, lächelt. „Ein dreisprachiges
Durcheinander, mein Lieber! Heute Morgen
am Waltherplatz – Deutsch, Italienisch, und
was war das dritte? Ladinisch? In Wien hätten wir
das eine babylonische Sprachverwirrung genannt.“
Goethe erwidert ruhig: „Verwirrung? Ich nenne es
Evolution. Diese Stadt hat begriffen, was Europa
erst noch verstehen muss – zusammenzuwachsen,
ohne sich selbst zu verlieren. Sehen Sie die Laubengänge
– Relikte des Mittelalters. Dort drüben das
faschistische Monument – ein Schandfleck der Geschichte.
Und dazwischen? Leben.“ Mozart lacht
leise.
„Sie romantisieren wieder, Goethe! Doch ich gebe
zu, die Cafés hier haben Stil – morgens Bach, mittags
Verdi, abends Jazz. Das hätte mir gefallen. Diese
Autonomie, von der alle sprechen – ist sie nicht
wie eine Fuge? Jede Stimme eigenständig, und
doch in Harmonie mit den anderen?“ Goethe nickt
nachdenklich. „Ganz recht. Und doch liegt Melancholie
in der Luft. Die jungen Leute im Park – die
Hälfte starrt auf leuchtende Rechtecke. Niemand
betrachtet mehr die Berge, wie ich es tat. Die Sehnsucht
nach Süden, die mich einst hierher trieb – wo
ist sie geblieben, wenn man Rom per Knopfdruck
auf dem Bildschirm besuchen kann?“
Mozart schmunzelt, wird dann ernst. „Ah, der ewige
Goethe – nostalgisch für seine eigene Nostalgie!
Aber Sie haben recht. Früher reiste man, um sich zu
verwandeln. Heute reist man, um zu fotografieren.
Wobei…, “er zeigt zum Fenster“, … sehen Sie die
Studenten dort? Die Universität lehrt in drei Sprachen.
Das ist doch Hoffnung, oder? Goethe antwortet
leise: „Vielleicht“. Bozen war immer Brücke
zwischen Nord und Süd, zwischen Kulturen. Heute
ist es Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Die Frage ist nur, ob diese Brücke hält.“ Mozart
lächelt flüchtig: „Es hängt wohl davon ab, ob man
noch Brücken bauen will – oder nur noch Selfies
darauf macht.“ Beide schweigen. Das Feuer knistert.
Draussen rauschen die Bäume im Herbstwind.
Frei nach J.W.G.
Parkhotel Laurin - Credit by Peter Unterthuner
23
BOZEN
Wo drei Kulturen eine Stadt formen.
Museion - Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen - Credit by Othmar Seehauser
24
Es ist Markttag in der Via dei Portici.
Zwischen den mittelalterlichen Laubengängen
mischt sich Italienisch mit
Deutsch, während ein älterer Händler
seinen Käse auf Ladinisch anpreist.
Willkommen in Bozen, einer Stadt, die seit über
800 Jahren an der Schnittstelle der Kulturen liegt –
und genau das macht ihren besonderen Charm aus.
Ein Brücke zwischen den Welten
Die Geschichte beginnt mit einer römischen Brücke.
Die Römer nannten ihre Siedlung „Pons Drusi“
– die Brücke des Drusus. Erst im 12. Jahrhundert
wurde die Stadt lebendig, als der Fürstbischof
von Trient einen Marktplatz gründete. Es folgte ein
wirtschaftliches Wunder: Kaufleute aus Italien und
Deutschland trafen sich auf Jahrmärkten, Bankiers
aus ganz Europa kamen, um Geschäfte zu machen.
Die Laubengasse (Via dei Portici) entstand als Herzstück
dieses blühenden Handelszentrums.
1363 kam die entscheidende Wende: Bozen fiel an
die Habsburger und war bis 1814 österreichisch. In
dieser Zeit hatten die Österreicher grossen Einfluss
auf die Stadt.
Der radikale Wandel
1919 kam der Bruch. Mit dem Frieden von
Saint-Germain* fiel Südtirol an Italien. Mussolinis
Faschisten hatten grosse Pläne. Sie wollten
aus dem altertümlichen Handelsstädtchen eine
moderne italienische Metropole machen. Es
entstanden neue Viertel und Industriegebiete
und italienische Arbeiter wurden angesiedelt.
Die „Italianisierung” veränderte das Gesicht
der Stadt radikal und schuf Spannungen, die
jahrzehntelang nachwirkten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein mühsamer
Versöhnungsprozess. Die Lösung war die
Autonomie. Im Jahr 1948 erhielt die neu gegründete
Provinz Bozen ihr erstes Autonomiestatut,
welches die Rechte der deutsch- und ladinischsprachigen
Minderheiten schützte.
*Der Frieden von Saint-Germain (1919) war ein Friedensvertrag zwischen
den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und Österreich, der die
Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie besiegelte. Er
führte zur Trennung von Ungarn, zur Gründung neuer Nationalstaaten
und zu erheblichen Gebietsverlusten für Österreich, darunter Südtirol,
das an Italien gingen, sowie die Festlegung der Grenzen der neu entstandenen
Staaten in Mitteleuropa.
Streitergasse-Via Streiter - © marbon
25
Die drei Amtssprachen Deutsch, Italienisch und
Ladinisch wurden gleichgestellt. Dieses Modell gilt
international als Beispiel für friedliches Zusammenleben.
Bozen heute
Wer heute durch Bozen spaziert, erlebt diese vielschichtige
Geschichte an jeder Ecke. Mittelalterliche
Laubengänge treffen auf faschistische Monumentalbauten,
österreichische Kaffeehäuser auf
italienische Trattorien. In den 1960er Jahren kam
der Tourismus hinzu und seit der Gründung der
Freien Universität Bozen im Jahr 1997 prägen auch
Studierende das Stadtbild.
Heute leben mehr als 100.000 Menschen in dieser
einzigartigen Stadt, die es geschafft hat, ihre komplizierte
Vergangenheit in eine lebendige Gegenwart
zu verwandeln. Morgens werden am Obstmarkt
Äpfel aus den umliegenden Tälern verkauft,
mittags sitzen Deutsche und Italiener gemeinsam
beim Aperitivo und abends locken die Museen und
Theater ein internationales Publikum an.
Bozen ist mehr als nur eine Sehenswürdigkeit: Die
Stadt ist ein gelebtes Experiment, das zeigt, wie
verschiedene Kulturen, Sprachen und Traditionen
nicht nur nebeneinander, sondern miteinander
existieren können. Und genau das spürt man bei
jedem Besuch: Die Stadt hat gelernt, ihre Vielfalt
als Stärke zu nutzen.
Der Waltherplatz
Herzstück mit bewegter Geschichte. Wer den weitläufigen
Platz betritt, versteht sofort, warum die Bozner
ihn liebevoll als ihr „Wohnzimmer“ bezeichnen.
Die Geschichte dieses Ortes beginnt zu Beginn des
19. Jahrhunderts: König Maximilian von Bayern
gab 1808 den Auftrag, hier einen repräsentativen
Platz anzulegen, der zunächst seinen Namen tragen
sollte.
26
Während ich über das helle Pflaster schlendere,
denke ich an die wechselvolle Namensgeschichte
dieses Ortes. Nach dem bayerischen König wurde
der Platz dem österreichischen Erzherzog Johann
gewidmet. Doch seit 1901 trägt er den Namen eines
der bedeutendsten mittelalterlichen Minnesängers
– Walther von der Vogelweide, der von 1170 bis
1230 lebte und dessen Verse die deutsche Dichtkunst
prägten.
Im Zentrum des Platzes erhebt sich das beeindruckende
Monument des Minnesängers. Der Vinschgauer
Künstler Heinrich Natter schuf diese Skulptur
1889 aus dem strahlend weissen Marmor der
Laaser Steinbrüche. Die neuromanischen Formen
verleihen der Figur eine würdevolle Präsenz.
Heute ist dieser Platz wieder das, was er sein sollte:
Ein Treffpunkt, an dem Geschichte lebendig wird
und die Menschen zusammenkommen.
Der Dom Maria Himmelfahrt
Auf dem Platz vor dem Dom steht das Peter-Mayr-
Denkmal, das nach einem Projekt von Georg von
Hauberrisser aus München realisiert worden ist. Peter
Mayr, Schützenkommandant und Unterstützer
der Rebellion gegen die französische Herrschaft,
wurde am 20. Februar 1810 von den Franzosen erschossen.
Das mächtige gotische Bauwerk ist der Himmelfahrt
Marias gewidmet. Sein Kirchturm weist einen
65 m hohen durchbrochenen Turmhelm aus
Sandstein auf. Das Projekt stammt von Burghard
Engelberg aus Augsburg, verwirklicht wurde es vom
schwäbischen Architekten und Bildhauer Hans
Lutz von Schussenried (1501-1519).
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Innerhalb des Doms ist auf der Nordseite ein grosses
Kreuzigungsbild an der Turmwand sehenswert,
auf dem Maria, Johannes und die heilige Barbara
unter dem Kreuz stehen. Links davon befindet sich
ein kleineres Wandbild eines veronesischen Wanderkünstlers,
das einen Pilger darstellt, weiters das
Leitacher Törl, wo nach einem alten Gesetz der
Verkauf von Wein gestattet war.
An der Westseite sieht man das romanische Portal
mit einem Säulenportal, das nach den Bombardierungen
des letzten Weltkrieges wieder hergestellte
Rosettenfenster und das links neben der schönen
Bronzetür von Defner (Innsbruck) befindliche Fresko
(1475), ein Marienbild, von Friedrich Pacher.
Die Hallenkirche mit ihren drei Schiffen, die spätgotische
Kanzel aus grauem Sandstein von Hans
Lutz aus Schussenried, der barocke Altar aus Marmor
(1710–1720) von den Veronesern Ranghieri
und Allio, das Kreuz aus dem Jahr 1420, die barocke
Gnadenkapelle mit Fresken von Karl Henrici
aus dem Jahr 1771 und der marmorne Hochaltar
aus dem 13. Jahrhundert versetzen jeden Reisenden
in eine besondere Welt.
In der Krypta ist der Erzherzog Rainer von Österreich
begraben, der 1853 in Bozen starb.
Dom Bozen - Credit by Holger Uwe Schmitt
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Bozen - seine Gassen und Laubengänge
Wer Bozen verstehen will, muss in die Gassen der
Stadt eintauchen. Er muss die Menschen besuchen,
die dieser Stadt Leben einhauchen. Am Walthersplatz
kannst du jeden Einheimischen, egal ob jung
oder alt, nach der Eccetera fragen. Sie ist die Adresse
für himmlisches Gelato. In der Via Grappoli 23
kannst Du seit über dreissig Jahren Freude mit traditionellen
und einzigartigen Eissorten geniessen.
Von dort kehrst Du zurück auf die Weintraubengasse
bis Du in die Bindergasse gelangst.
Via Bottai – Eine Gasse zum Verweilen
Wenn Du durch diese Altstadtgasse schlenderst,
wirst Du spüren, wie die Zeit langsamer fliesst. Die
kunstvollen schmiedeeisernen Schilder erzählen
stumme Geschichten vergangener Jahrhunderte,
während die traditionellen Gasthöfe Dich einladen,
einen Moment zu verweilen. Das Hotel Luna steht
hier seit Generationen – ein stiller Zeuge unzähliger
Begegnungen und Abschiede.
Am nördlichen Ende erwartet Dich das Naturhistorische
Museum in einem Palast aus dem Jahr 1512,
einst für Kaiser Maximilian I erbaut. Doch es sind
nicht nur die historischen Mauern, die hier wirken:
In den nahegelegenen Gasthäusern „Cavallino
Bianco“ und „Ca‘ de Bezzí“ haben sich seit jeher
Künstler und Suchende eingefunden – Menschen,
die wie Du vielleicht auf der Suche nach etwas sind,
das sich nicht in Worte fassen lässt.
Vom Naturhistorischem Museum gelangt man zurück
zur Stadtroute und biegt anschliessend rechts
in die Streitergasse ein. Sie trägt den Namen von
Joseph Streiter, einem Juristen, Dichter und Bürgermeister
von Bozen im 19. Jahrhundert. Die Gasse
verläuft parallel zur Laubengasse und markiert
den früheren nördlichen Stadtgraben der alten Bischofsstadt.
Besonders interessant sind die historischen
Marmorbänke des einstigen Fischmarkts, die
beiden gotischen Spitzbögen, der halb vermauerte
grosse Bogen beim Durchgang des sogenannten
Zallingerturms sowie die Nordfassade des alten
Rathauses (Hausnummer 25).
Bindergasse - Credit by Verkehrsamt der Stadt Bozen
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Von der Streitergasse aus erreicht man den Obstplatz,
der in nördlicher Richtung zur Franziskanergasse
und über die Goethestrasse (ehemals
Predigergasse) zum Dominikanerplatz führt. Der
schmale, langgezogene Platz wird von Lauben,
Museumstrasse und anderen Gassen gerahmt und
war historisch als „Oberer Platz“ oder „Obzplatz“
bekannt. Sehenswert sind auch Stolpersteine seit
2015, die an Holocaust-Opfer erinnern.
Der Obstplatz
auch Obstmarkt oder Piazza delle Erbe genannt,
liegt im Zentrum der Bozener Altstadt und dient seit
dem 13. Jahrhundert als belebter Viktualienmarkt
für Obst, Gemüse, Blumen, Gewürze und regionale
Produkte. Er entstand 1277, als Graf Meinhard
II. von Tirol die Stadtmauern und Gräben beseitigen
liess, wodurch der Platz zum wirtschaftlichen
Schwerpunkt der gräflichen Stadt wurde. Johann
Wolfgang von Goethe lobte den Markt bereits 1786
in seiner Italienischen Reise.
Seit über 500 Jahren findet hier täglich ein Markt
statt, ursprünglich mit Fokus auf Geflügel, Obst
und Eier gemäss Bozner Stadtrecht von 1437. Heute
bieten Stände ganzjährig frische Waren an, saisonal
ergänzt durch gebratene Kastanien im Herbst
oder Glühwein im Winter. Der Markt ist montags
Bozen - Credit by unsplash.com Fabrizio Coco
bis samstags vormittags bis abends geöffnet, ausser
sonntags und an Feiertagen. Er dient als kultureller
Treffpunkt mit mediterranem Flair, umgeben von
Cafés und historischen Bauten wie dem Neptunbrunnen
von 1749.
Piazza Erbe-Obst Platz - Credit by Luca Guadagnini
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Laubengasse - Credit by IDM | Alex Filtz
Die Laubengasse
Wer durch die Laubengasse schlendert, versteht sofort,
warum sich hier Touristen und Einheimische
gleichermassen tummeln. Diese Strasse ist das pulsierende
Herz von Bozen und das schon seit Generationen.
Unter den mittelalterlichen Laubenbögen reiht
sich ein Geschäft ans andere und ich lasse mir Zeit,
durch die Auslagen zu stöbern. Hier wird die Vielfalt
der Handwerkskunst spürbar – wie auf einem
lebendigen Markt unter freiem Himmel. Jahrhundertealte
Tradition und zeitgemässes Design verbinden
sich hier zu etwas ganz Besonderem. Beim
Flanieren fällt mein Blick immer wieder nach oben
zu den reich verzierten Fassaden mit ihren typischen
Erkern – ein Fest für die Augen.
Der Rathausplatz
Wer von der Laubengasse in die Bindergasse einbiegt,
gelangt direkt zum Rathausplatz. Der Platz
wird von historischen Gebäuden mit kunstvoll verzierten
Rokokofassaden eingerahmt. Besonders
hervorzuheben ist das prächtige Amonnhaus. An
seiner Nordseite erhebt sich das neobarocke Rathaus.
Das heutige Rathaus von Bozen wurde im
Jahr 1907 während der Amtszeit von Bürgermeister
Julius Perathoner errichtet. Entworfen wurde es von
den Münchner Architekten Kürschner und Hocheder.
Der bedeutendste Raum des Hauses ist der im
zweiten Stock gelegene Sitzungssaal des Gemeinderates.
Dort schuf der Bozner Künstler Gottfried
Hofer eindrucksvolle Fresken. Seine allegorischen
Darstellungen thematisieren Fortschritt, Energie,
Wohlbefinden und Kultur sowie die verschiedenen
Lebensphasen des Menschen. Auch die Arbeitswelt
und die Kritik – in ihrer positiven wie negativen
Form – finden sich wieder: Als Putte mit Schmetterlingsflügeln
und als geflügelte Frau mit einer
Schlange, die das Deckengewölbe schmücken.
Zurück zum Walthersplatz
Es führen mehrere Wege zum Walthersplatz. Am
liebsten schlendere ich durch die Gummergasse zur
Piazza del Grano, dann durch die Silbergasse. Je
nach Lust und Laune biege ich schliesslich links in
die Pfauengasse oder ein wenig weiter westlich in
die Via Johann Wolfgang Goethe ein, bis ich in die
Mustergasse gelange. Von dort gehe ich ostwärts
zurück auf den Walthersplatz.
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Wo Werbung auf Kultur trifft
und wirkt
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NOI TECHPARK
Nature of Innovation.
NOI Techpark - Credit by Ivo Corrà
steht eine überzeugende Lösung durch einfache,
bewährte Ansätze; ein anderes Mal ist sie das Resultat
zahlreicher Versuche und führt zu völlig neuen
Wegen. Ob engagierte Handwerkerin oder kreativer
Start-up-Gründer – wer im NOI Techpark
mitwirkt, profitiert von einem offenen Netzwerk,
das Wissen und Unterstützung schnell zugänglich
macht.
Im NOI Techpark finden Forschung, Wirtschaft
und Technologie ihren gemeinsamen
Entwicklungsraum – insbesondere in den
Bereichen Lebensmitteltechnologie, Automatisierung
sowie grüne und alpine Innovation.
Hier entstehen kreative Ideen auf ganz eigene
Weise: manchmal sprunghaft und kraftvoll wie ein
Lawinenabgang, dann wieder langsam und kontinuierlich,
ähnlich einer Pflanze, die sich an einer
Mauer emporarbeitet. Dieses Wechselspiel beschreibt
den „Nature of Innovation“-Gedanken.
Innovation lässt sich nicht planen oder erzwingen
– sie folgt keinem festen Schema. Manchmal ent-
NOI Techpark - Credit by Ivo Corrà
Neben Laboren und technischen Services stehen
auch Arbeitsbereiche, Lernräume und flexible
Co-Working-Angebote zur Verfügung. Forschende,
Studierende und Gründer finden hier ebenso
Lebens- und Arbeitsraum wie Austauschmöglichkeiten
mit Gleichgesinnten. Kurz gesagt: Der NOI
Techpark ist ein Ort, an dem innovative Köpfe die
optimalen Bedingungen vorfinden, um Ideen Wirklichkeit
werden zu lassen.
NOI Techpark - Credit by Alessandra Chemollo
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HOTEL WEIHRERHOF
Eine stille Oase.
Das Ambiente
Ich erinnere mich an den Moment, als ich zum
ersten Mal den schmalen Weg hinunter zum See
nahm. Das Licht glitzerte durch die Bäume, die
Luft war klar, still und ein wenig nach Harz und
Sommerregen duftend. Und dann lag er da: der
Weihrerhof. Kein lautes Hotel, keine Pose – eher
ein Zuhause am Wasser.
Das Haus scheint mit dem See zu atmen. Morgens
zieht Seenebel über die glatte Oberfläche, während
das Holz der Fassade in warmen Tönen leuchtet.
Hier beginnt jeder Tag mit einem tiefen Atemzug,
einem Gefühl von Entschleunigung. Wer ankommt,
spürt sofort: Die Zeit folgt hier einem anderen
Rhythmus. Der Klang von Kuhglocken ersetzt das
Handy-Tippen, und am Abend, wenn die Sonne
hinter den Dolomiten versinkt, wird selbst die Stille
zu einer Stimme.
Der Weihrerhof ist ein kleines, fein kuratiertes Hotel
– geführt von der Familie Pichler, die mit viel
Herz, Sinn für Atmosphäre und einem feinen Gespür
für das Wesentliche einen Ort geschaffen hat,
an dem man nicht nur zu Gast, sondern Teil einer
Geschichte ist.
Frühling & Herbst
Ich war im Frühling da, als die Apfelblüte in den
Tälern lag und der Schnee oben auf den Gipfeln
noch glänzte. Es war diese Zeit dazwischen, in der
alles möglich scheint: Wandern, geniessen, einfach
sein. Und als ich später im Herbst zurückkehrte,
sah ich, wie die Lärchen in goldenes Licht getaucht
waren, und verstand, warum viele Gäste jedes Jahr
genau dann wiederkommen.
Herbstzauber am See
Es gibt Orte, an denen der Herbst langsamer vergeht.
Wo das Licht golden über die Hänge gleitet,
die Wälder leuchten wie gemalt und der Morgennebel
sanft über dem Wasser tanzt. Der Ritten ist so
ein Ort – ein Rückzugsort für alle, die den Herbst
nicht nur sehen, sondern spüren wollen.
Im Weihrerhof, hoch über Bozen, entfaltet sich diese
Jahreszeit mit besonders feiner Intensität. Die
klare Luft riecht nach Holz und Moos, das Licht
wärmt noch die Haut, während die Farben draussen
täglich den Ton wechseln. Jetzt, Ende Oktober
und Anfang November, beginnt die stillste und zugleich
schönste Zeit hier oben – der stille November,
wie ihn die Gastgeber nennen: Eine Einladung,
in Ruhe zu geniessen, die Gedanken schweifen zu
lassen und einfach da zu sein.
Und doch ist das Leben nicht fern. Nur zwölf Minuten
dauert die Fahrt mit der Rittner Seilbahn hinunter
in die Altstadt von Bozen. Ein Spaziergang
unter Arkaden, Mode und Design entdecken, ein
Espresso oder ein Glas Aperitivo auf dem Walterplatz
– und danach wieder hinauf zum See, wo die
Stille wartet. Dieser Kontrast macht den Zauber
aus: Stadt und Stille, Genuss und Natur, Wärme
und Weite.
Ein paar Tage hier fühlen sich an wie eine kleine
Flucht – nicht vor dem Leben, sondern mitten hinein.
Der Weihrerhof ist kein Ort, den man besucht.
Er ist einer, den man spürt.
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HOTEL WEIHRERHOF
Familie Pichler
Wolfsgruben 22
39054 Oberbozen | Ritten
Südtirol
www.weihrerhof.com
info@weihrerhof.com
+39 0471 345102
eintaucht, als würde einen jemand willkommen
heissen. Es sind diese stillen, sorgsamen Details, die
den Unterschied machen. Man merkt, dass hier
jemand mit Liebe ein Refugium geschaffen hat, in
dem man nicht Gast ist, sondern Teil einer grösseren
Ruhe.
Kulinarik
Eines meiner schönsten Rituale wurde schnell das
Frühstück auf der Terrasse – frisches Brot, warme
Milch, Beeren, die wie kleine Edelsteine glänzten.
Der Duft von Kaffee mischte sich mit dem Rascheln
der Bäume, während irgendwo ein Vogel
seine eigene Melodie dazu komponierte.
Auch am Abend erzählt die Küche des Weihrerhofs
Geschichten. Vom Ritten, von der Jahreszeit, von
Menschen, die wissen, wie gutes Essen entsteht.
Kräuter aus dem Garten, Gemüse vom Nachbardorf,
Südtiroler Klassiker, die manchmal mit einem
Bereits im 17. Jahrhundert suchten wohlhabende
Bozner Bürger und Adelige während der heissen
Sommermonate Erholung auf dem Ritten. Mit der
Eröffnung der Zahnradbahn von Bozen nach Oberbozen
und der anschliessenden Schmalspurbahn
bis Klobenstein Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte
sich das Hochplateau endgültig zu einem beliebten
Ort der Sommerfrische. Auf 1.221 Metern
Höhe liegt Oberbozen im Herzen dieser traditionsreichen
Ferienregion – geprägt von grünen Wiesen,
einem charmanten Dorfkern und zahlreichen Ausflugsmöglichkeiten
in der Umgebung.
Die Zimmer
In meinem Zimmer war Holz das bestimmende
Element – ehrliches, geöltes Lärchenholz, das noch
nach Sonne und Wald duftete. Grosse Fenster öffneten
den Blick über den See, und manchmal spiegelte
sich das Licht so weich an der Wand, als würde
es bleiben wollen.
Nichts wirkt hier überladen, alles ist bewusst gestaltet:
sanfte Stoffe, weiche Formen, eine kleine Ecke
zum Lesen und die Bettdecke, in die man abends
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Augenzwinkern neu interpretiert werden. Es ist keine
grosse Inszenierung, sondern ehrlicher Genuss –
vertraut und überraschend zugleich. Hier schmeckt
man das Land, das Licht und die Seele dieses Hauses.
Wellness
Ich habe selten einen Ort erlebt, an dem Wasser so
eine Rolle spielt. Der See ist allgegenwärtig – morgens
still, mittags glitzernd, abends fast feierlich. Im
SeaSpa scheint er direkt in den Alltag hineinzufliessen.
Eine Sauna mit Panoramablick, ein Sprung in
das klare, weiche Wasser, eine Massage mit Kräuterölen,
die an die Aromen der Umgebung erinnern
– alles folgt einer leisen Logik: Loslassen.
Was mich am meisten beeindruckte, war die Natürlichkeit,
mit der hier Wohlbefinden entsteht. Kein
Chichi, kein Showeffekt – nur Nähe, Wärme und
dieser unverwechselbare Duft nach Wald, See und
Freiheit.
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MERAN
Wo Palmen Bergspitzen küssen.
Kurhaus - Credit by IDM Südtirol | Manuel Ferrigato
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Therme Meran - Credit by IDM Südtirol | Frieder Blickle
In Meran scheint die Zeit ihren eigenen Takt
gefunden zu haben – ein stilles Pendel zwischen
Belle Époque und Gegenwart, zwischen
Alpengipfeln und Palmen, zwischen
Erinnerung und Erneuerung. Wer durch die
Laubengänge schlendert, spürt nicht nur die Wärme
der Südtiroler Sonne auf der Haut, sondern
auch die feinen Spuren vergangener Jahrhunderte
unter den Füssen. Schon die k.-u.-k.-Gesellschaft
wusste einst um die besondere Wirkung dieses Ortes:
Das milde Klima, die luftige Eleganz der Promenaden,
die sanfte Melancholie jener Landschaft,
die stets ein wenig nach Süden duftet.
Für Reisende, die Geschichte nicht als trockene
Chronik, sondern als lebendige Begleiterin empfinden,
wird Meran zu einem Raum, in dem jede Epoche
ein Stück ihrer Seele hinterlassen hat. Habsburgische
Sommerfrische und moderne Lebenskunst
gehen hier eine selten harmonische Verbindung
ein. Die Villen erzählen noch von der mondänen
Welt des 19. Jahrhunderts, als Dichter, Ärzte und
Aristokraten die Kurstadt entdeckten; doch dazwischen
glitzert das Jetzt – in den Schaufenstern, in
der Kunstszene, in der heiteren Gelassenheit eines
Cappuccinos am Passerufer.
Es ist jene leise Magie der Zwischenzeiten, die Meran
so anziehend macht. Man wandert nicht nur
durch eine Stadt, sondern durch Echos der Zeit:
durch Gärten, die einst Adlige entwarfen, durch
Passagen, die Händler aus aller Welt belebten,
durch Hotels, die noch den Duft vergangener Sommer
bewahren. Vielleicht liegt genau darin der Reiz
– dass sich hier, im sanften Licht des Meraner Tals,
die eigene Lebensreise spiegelt. Nicht im Rückblick,
sondern im Gleichklang von Gestern und Heute,
von Werden und Sein.
Und so beginnt jede Begegnung mit Meran wie
eine Einladung zum Innehalten. Die Passerpromenade
führt vom mondänen Kurhaus hinauf zu
den grünen Terrassen, auf denen einst Kaiserin Sisi
spazierte. Jugendstilfassaden leuchten neben mittelalterlichen
Laubengängen, und aus den Gärten
weht der Duft von Zypressen und Magnolien, vermischt
mit frischer Bergluft. Hier erzählt jedes Bauwerk,
jeder Weg, jede Loggia eine eigene Geschichte
– nicht laut, sondern mit jener feinen Noblesse,
die Zeit überdauert. Wer sich darauf einlässt, wird
bald merken: In Meran reist man nicht nur durch
den Raum, sondern durch die Epochen.
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HARMONIE
Goethes Dialog über Meran.
Meine Liebste,
ich weile nun seit einigen Tagen in Meran,
und selten hat mich ein Ort in solcher
Fülle berührt. Hier scheint die Natur selbst
noch an jenem ewigen Gespräch teilzunehmen, das
Himmel und Erde einst über das Schöne begannen.
Zwischen Palmen und Apfelhainen, zwischen
Schnee und Sonne, atmet man ein Paradox, das
doch zur vollkommenen Einheit wird. Der Norden
und der Süden berühren sich in einem fast zärtlichen
Gleichgewicht.
Ich wandere durch die Arkaden der Altstadt, wo
Geschichte und Gegenwart einen stillen Bund geschlossen
haben. Alte Mauern tragen die Spuren
habsburgischer Disziplin, doch zwischen ihren Bögen
rauscht das Leben leicht und mediterran.
Die Menschen begegnen sich hier mit einer sanften
Gewissheit, als käme niemand je ganz von irgendwoher
und nirgends ganz an. In ihren Augen
liegt ein Frieden, der aus Gleichgewicht geboren ist:
Zwischen Arbeit und Genuss, zwischen Erinnerung
und Augenblick. Ich sah heute eine alte Frau, deren
Hut mit einer Clementine geschmückt war; in ihrer
stillen Heiterkeit lag mehr Weisheit als in tausend
gelehrten Reden.
Das Murmeln der Passer begleitet mich, wenn ich
am Ufer entlanggehe, und mir ist, als spräche der
Fluss in jener Sprache, die du so liebst – in Bildern.
Er erzählt von Bewegung und Ruhe zugleich, wie
unsere Briefe es taten, wenn Ferne und Nähe einander
suchten.
Vom Wandelweg aus schaue ich hinab auf die Stadt,
die mit ihren Gassen das historische Gedächtnis
wie eine feine Patina trägt. In den sanften Lüften
mischt sich der Duft von Rosmarin und Kastanie,
und über den Dächern klingen Sprachen – Italienisch,
Deutsch, Ladinisch – wie ein polyphones Gebet.
Hier lebt Europa, nicht als Idee, sondern als
tägliche Erfahrung des Miteinanders.
Die Menschen grüssen mit Gelassenheit, als wüssten
sie längst, dass Zeit nur ein Kleid ist, das wir
ablegen werden. Ich sammle ihre Blicke, ihre Stimmen,
wie Blätter, die vom Wind getragen werden:
Jedes erzählt ein Stück Sehnsucht, ein Streifen
Licht im Tal.
Wäre ich ein Maler, ich malte die Farben dieses Ortes
nicht mit Pigment, sondern mit Atem. Doch da
ich ein Dichter bin, sende ich dir Worte, die wie
jene milden Quellen hier, aus Tiefe und Wärme zugleich
entspringen.
Dein J. W. G.
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Meran - Credit by Carrie Borden unsplash.com
DER SPAZIERGANG
Goethe und Kafka über Freud.
Meran - Credit by reisetopia unsplash.com
Goethe und Kafka schlendern über die Grüne
Terrasse in Meran, wo die Passer im
Spätsommer kühlrauscht und die Luft von
blühenden Kastanien duftet. Der alte Meister, in
einem leichten Frack, lehnt sich an das Geländer,
während Kafka, mit einem Notizbuch in der Hand,
nervös an seiner Brille rückt. Die Sonne taucht die
Berge in goldenes Licht, und eine leichte Brise trägt
das Plätschern des Flusses herauf.
„Lieber Kafka, diese Stadt atmet Heilung, wie
einst für Freud in seiner Jugend“, beginnt Goethe
mit einem Lächeln. „Freud, dieser Wiener Seelenarchäologe,
der Unbewusstes ausgräbt wie ich die
Urpflanze – doch er bindet den Menschen zu eng
an Triebe, findest du nicht? Er sieht im Traum nur
Verdrängtes, während ich darin himmlische Offenbarungen
erkenne.“
Kafka nickt zögernd, seine Stimme leise über dem
Wasserrauschen. „Magister, Freud zerlegt uns in
Schuld und Lust, als wären wir Prozesse ohne Erlösung.
In Prag spürte ich seine Schatten: Die Vaterfigur,
die uns erdrückt wie meine eigene. Hier in
Meran, wo ich atme, frage ich mich – heilt seine
Kur die Seele oder nur die Lunge?“ Er deutet auf
die Promenade, wo Spaziergänger lachen.
Beide halten inne, geniessen die Passer-Kühle an
ihren Händen. „Vielleicht“, schliesst Goethe, „würde
Freud uns widersprechen: Alles ist Ödipus! Aber
lass uns weiterwandern – Kunst und Natur heilen
tiefer als Analysen.“ Sie setzen ihren Spaziergang
fort, zwei Geister in zeitlosem Dialog.
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SÜDTIROLER WEINSTRASSE
Wo Gold und Purpur in der Sonne leuchten.
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Die Südtiroler Weinstrasse im herbstlichen
Glanz, wo die Reben in sattem
Gold und Purpur glühen, ruft
wie ein vergessenes Liebeslied. Stellen
Sie sich vor: Die Sonne taucht
die Hügel von Eppan und Kaltern in ein warmes,
goldenes Licht, das die Blätter der Weinberge zum
Leuchten bringt, während ein sanfter Wind die ersten
Nebel aus dem Etschtal webt. Neben der grauen
Autobahn A22 schlängelt sich diese Strasse wie
eine Einladung zum Innehalten – kein hektisches
Rasen, sondern ein langsames Gleiten durch Dörfer,
wo der Duft von Most und frischem Brot aus
offenen Schenken weht. Hier, fernab des Trubels,
öffnen Burgen wie Hocheppan ihre Tore, mit Fresken,
die Geschichten alter Ritter flüstern, und Panoramablicken,
die das Herz höher schlagen lassen.
Warum diese Nebenstrecke? Weil sie das Leben atmet,
das die Schnellstrasse erstickt. Im Herbst verwandelt
sich die Landschaft in ein Gemälde: Der
Kalterer See spiegelt die flammenden Farben wider,
die Mendelbahn klettert spielerisch bergan, und in
Tramin oder Margreid laden Weingüter zum Probieren
ein – ein Schluck Lagrein, der von sonnendurchfluteten
Hängen erzählt.
Der kluge Reisende, der über ausreichend Zeit verfügt
und ein Gespür für Schönes hat, spürt hier
die Seele Südtirols: Zeitlose Ruhe, gepaart mit der
Freude kleiner Entdeckungen wie der Ruine Boymont,
von der aus man die Kraft der Dolomiten im
Dunst spüren kann.
Steigen Sie ein, drehen Sie den Schlüssel – die Strasse
wartet mit ihren Schätzen: Die Burg Hocheppan,
Gambero-Rosso-Preise für Weine, die Geschmack
von Ewigkeit haben. Lassen Sie die Herbstsonne
Ihr Gesicht wärmen, während Burgen und Berge
Sie umarmen. Südtirol ruft, und der Frühling und
Herbst flüstern: Fahren Sie jetzt.
Weinstrasse - Credit by IDM Südtirol
HARTMANN DONÀ
Ein Winzer mit Charakter.
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AUF DEN SPUREN DER SEELE
Ein Besuch bei Hartmann Donà.
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Es war nicht Liebe auf den ersten Blick
– es war Liebe auf den ersten Schluck.
Ein Frühlingstag am Gardasee, Sonnenreflexe
auf dem Wasser, ein Teller
Spaghetti con Scampi und dazu
ein Glas Pinot Bianco. Empfohlen hatte ihn der
Kellner, als wäre er ein Geheimnis, das nur Eingeweihte
kennen. Schon beim ersten Schluck öffnete
sich eine neue Welt: Klar, lebendig und doch voller
Tiefe. Der Wein trug eine Botschaft, die weit über
Geschmack hinausging – sie erzählte von Herkunft,
Geduld und dem Gespür eines Menschen, der seine
Arbeit mit innerer Ruhe und Hingabe gestaltet.
Drei Jahre sind seither vergangen. Ich sitze nun
an meinem Schreibtisch, schreibe über Menschen,
Orte und Begegnungen, die mein Herz berühren.
Meine Reisen führen mich auf den Spuren der alten
Grand Tour – Routen wo einst Cosmopoliten
reisten, die heute mehr denn je eine Einladung ist,
nicht nur Landschaften, sondern auch Geist und
Seele Europas neu zu entdecken. Auf dieser Reise
lenkt mich die Erinnerung an jenes Glas Wein nach
Südtirol, zu Hartmann Donà, dem Mann, dessen
Handschrift in jedem seiner Tropfen zu spüren ist.
Vor fünfundzwanzig Jahren begann er, eigene Wege
zu gehen. Als Winzer im besten Sinne des Wortes
suchte er nicht den schnellen Erfolg, sondern das
ehrliche Gespräch mit der Natur. Seine Frau, so
sagt er, habe ihm den Raum gegeben, seiner Seele
zu folgen. Und so wurde aus Leidenschaft ein Lebenswerk:
Weine, die nicht gemacht, sondern gewachsen
sind. Sie erzählen von Witterung und Boden,
vom geduldigen Warten, vom Vertrauen in die
Zeit.
Wer die Weinberge von Hartmann Donà besucht,
betritt keine Betriebsstätte, sondern eine stille Welt.
Zwischen Meran und Bozen huscht in den Weinbergen
das Licht durch die Blätter. Die Ora, ein thermisch
bedingter Südwind, der am Tag warme Luft
aus dem mediterranen Raum, insbesondere vom
Gardasee und der Po-Ebene, ins Etschtal bei Meran
und Bozen bringt, sorgt dafür, dass die Trauben
im Herbst die notwendigen „Öchsli” kriegen. Er
trägt den Duft von Erde, Kräutern und Trauben.
In der Ferne leuchten die Berggipfel und über allem
liegt die stille Konzentration, die entsteht, wenn ein
Mensch im Einklang mit seiner Arbeit lebt.
Ein Glas Pinot Bianco oder Blauburgunder wird
hier zu einem Moment der Zwiesprache. Man
schmeckt das Land, das durch die Hände des Winzers
gegangen ist, die Sorgfalt, das handwerkliche
Können – aber vor allem die Haltung: Das Vertrauen
in den eigenen Weg.
Vielleicht liegt genau darin die Magie dieses Ortes.
Wer hier verweilt, findet nicht nur grossartige Weine,
sondern auch eine Schule der Aufmerksamkeit.
Das Reifen eines Weines gleicht dem Reifen eines
Gedankens – beide brauchen Zeit, Zuwendung und
Stille.
So endet meine Reise an diesem Ort, wo Erde und
Geist sich begegnen. Und während ich ein letztes
Mal das Glas hebe, erinnere ich mich an jenen ersten
Schluck am Gardasee. Was damals begann, war
mehr als eine Entdeckung – es war der Beginn einer
Freundschaft zwischen Mensch und Wein, zwischen
Erinnerung und Gegenwart.
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SÜDTIROLER WEINE
Wo Charakter und Eleganz zusammentreffen.
Südtirols Rotweine spiegeln auf rund einem
Drittel der Rebflächen die Kraft der Sonne und die
Vielfalt der Landschaft wider. Vom klassischen Vernatsch
bis zum noblen Blauburgunder entstehen
hier charaktervolle Weine, die alpine Frische mit
mediterraner Würze verbinden. Sie passen ideal zu
Wild, kräftigen Fleischgerichten und reifem Käse –
und entfalten sich bei moderater Trinktemperatur
besonders harmonisch.
Top-Rotweine im Überblick
Blauburgunder (Pinot Nero): Auf rund zehn Prozent
der Rebfläche angebaut, gilt er als König der
Burgundersorten. In Lagen wie Mazon oder Glen
reift er zu eleganten, beerigen Weinen mit weicher
Fülle; am besten bei 14–16 °C. Empfehlung: Wild,
Lamm, Hartkäse.
Cabernet (Franc & Sauvignon): Auf etwa drei
Prozent der Fläche wachsend, liefert er würzig-pfeffrige
Weine mit Noten von Johannis- und Brombeeren.
Mit etwas Reife zeigt er seine ganze Tiefe; ideal
bei 16–18 °C. Empfehlung: Lamm, Wild, kräftige
Fleischgerichte, Hartkäse.
Vernatsch (Trollinger): Südtirols autochthone
Rebsorte erlebt eine Renaissance. Auf 467 ha gedeihen
leichte, blumige Weine, vom fülligen St. Magdalener
bis zum weichen Kalterersee. Empfehlung:
Aperitif, Vorspeisen, Speck, Hausmannskost.
Merlot: Seit dem 19. Jahrhundert heimisch, bevorzugt
warme Lagen im Süden. Vollmundig und
fruchtig erinnert er an Brombeeren und Gewürze;
servieren bei 14–16 °C. Empfehlung: Kalb, Wild,
Rind, Käse.
Lagrein: Eine echte Südtiroler Spezialität auf
537 ha. Ssamtweich, mit Aromen von Beeren, Kirschen
und Veilchen; Barriqueausbau bringt zusätzliche
Würze. Auch als Rosé („Lagrein Kretzer“) beliebt.
Empfehlung: Wild, Rind, Hartkäse.
Rosenmuskateller: Die rare süsse Spezialität (nur
7 ha) duftet intensiv nach Rosen und entfaltet ein
komplexes, aromatisches Bouquet. Empfehlung:
Erdbeer- und Schokoladendesserts, Mohnstrudel,
Crêpes.
Weinstrasse Südtirol - Credit by IDM Südtirol
46
Kellerei Cantina Kurtatsch - Credit by Oskar Dariz
Südtirols Weissweine faszinieren durch ihre
Vielfalt und Frische, die auf über zwei Dritteln der
Rebflächen – rund 5.833 Hektar insgesamt – gedeihen.
Vor allem Sorten wie Pinot Grigio, Chardonnay
und Gewürztraminer dominieren mit eleganten
Aromen und idealer Eignung für alpine Küche.
Diese Weine verbinden mineralische Noten mit
fruchtiger Säure und passen perfekt zu Fisch, Vorspeisen
oder Südtiroler Spezialitäten.
Top-Weissweine im Überblick
Weissburgunder (Pinot Bianco): Auf 610 Hektar
angebaut; dieser Wein duftet nach Apfel, Birne
und Zitrone mit belebender Säure; ideal serviert bei
10–12 °C zu Aperitif oder Fisch.
Chardonnay: Fast 650 Hektar Anbau; wärmeliebend
mit Ananas-, Vanille- und Butteraromen; vielseitig
von fruchtig bis barriquegereift; servieren bei
10–14 °C zu hellem Fleisch.
Pinot Grigio (Ruländer): Ist die meistangebaute
Sorte mit 699 Hektar, vollmundig nach Apfel und
Lindenblüte; fein in Vinschgau oder korpulent im
Süden, bei 10–12 °C zu kräftigem Fisch servieren.
Gewürztraminer: Ursprung in Tramin, dieser
Wein wird auf 634 Hektar angebaut, üppig mit Rosen-,
Nelken- und Tropenaromen; höherer Alkoholgehalt,
bei 10–12 °C zu Blauschimmelkäse oder
Dessert.
Seltene Perlen Südtirols
Sauvignon Blanc: Boom wird auf gut 497 Hektar
angebaut, mit „grünen“ Noten wie Gras und Stachelbeere;
bei 10–12 °C zu Gemüse oder Ziegenkäse
servieren.
Riesling: Heikle Angelegenheit, die auf 105 Hektar
in Höhenlagen wie Eisacktal angebaut wird,
frisch-pfirsichig bei 10–12 °C passt dieser Wein ausgezeichnet
zu asiatischen Gerichten.
Sylvaner und Veltliner: Mineralisch-frisch aus
Eisacktal (68 ha bzw. 27 ha); schmeckt nach Apfel
und Minze oder Pampelmuse; kühl bei 8–10 °C
passt er hervorragend als Vesper zum Speck.
Weitere Highlights wie Müller-Thurgau (155
ha, muskatig), Goldmuskateller (100 ha, süss-aromatisch)
oder Kerner (129 ha, würzig) runden die
Palette ab.
47
ELENA WALCH WEINGUT
Weltklasse aus Südtirol.
KELLERFÜHRUNG
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Besuche Räumlichkeiten der Avantguarde
und erlebe den Charme des
historischen Weinkellers mit seinen
kunstvoll geschnitzten Holzfässern,
gefolgt von einer Weinverkostung.
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48
Die Veredelung im Schosse des Berges
Eine Metamorphose des Weines
Im verborgenen Seitenstollen jenes Silberbergwerks,
das einst als höchstgelegenes Europas
galt, vollzieht sich eine stille Verwandlung. Hier,
wo vor Jahrhunderten das edelste Silber des Ridnauntales
gewonnen wurde – bezeugt durch jene
ehrwürdige Urkunde aus dem Jahre 1237, gezeichnet
von den Grafen zu Meran –, erfährt nun eine
erlesene Auswahl der Elena Walch‘schen Weine
ihre Vollendung.
Mit ehrfürchtiger Sorgfalt werden alljährlich wenige
Flaschen der kostbarsten Weissweine mittels einer
kleinen Bergbahn drei Kilometer tief in das Innere
des Berges geleitet. Dort, auf 2.000 Metern über
dem Meeresspiegel, in völliger Zurückgezogenheit
von der Welt, in undurchdringlicher Finsternis, bei
einer beständigen Temperatur von 11 Grad Celsius
und einer feuchten Luft von 95 Prozent, reifen diese
edlen Tropfen über Jahre hinweg heran.
Der Berg selbst wird zum treuen Hüter dieser weissen
Schätze – des „Beyond the Clouds“ und des
Gewürztraminers Vigna „Kastelaz“. Im Schosse
des Gesteins entfalten sie allmählich ihre innerste
Komplexität. Die geduldige Flaschenreifung im
stillgelegten Bergwerk verleiht ihnen jenen eigentümlichen
Charme der Jugend gepaart mit jener
Tiefe, die nur durch Zeit und Abgeschiedenheit erreicht
werden kann.
Wahrlich, man könnte sagen: Im Berginneren werden
diese Weine „versilbert“ – als wollte das einstige
Silber des Ridnauntales seinen Geist auf neue Weise
fortsetzen.
J.W.G.
49
Elena Walch – Eleganz, Architektur und die stille
Revolution des Terroirs
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Wer den Duft frisch geernteter
Trauben kennt, der weiss, dass
Wein mehr ist als ein Produkt –
er ist gelebte Kultur, verdichtete
Landschaft. Ich schreibe dies als
jemand, der während vieler Spätherbste zwischen
Vevey und Cully gelebt hat, wo der Nebel aus dem
Léman steigt und die Sonne die letzten Reben zum
Glühen bringt. Ich kenne den Moment, wenn die
Kelterei nach Most duftet, die Hände klebrig sind
von Traubensaft und sich Arbeit, Erde und Geist
zu einem Ganzen verbinden. Vielleicht ist es gerade
dieses Hintergrundrauschen, das mir erlaubt, die
Leistung von Elena Walch in ihrem richtigen Licht
zu sehen.
Elena Walch hat in Südtirol etwas geschaffen, das
man nur als zivile Revolution des Geschmacks bezeichnen
kann. Mit der Präzision einer Architektin
– und diesem Beruf entstammt sie tatsächlich – hat
sie die Strukturen eines alten Weinguts neu entworfen,
ohne seine Seele zu verletzen. Sie hat gezeigt,
dass Tradition nicht Beharren bedeutet, sondern
Weiterentwicklung im Respekt vor dem Ursprünglichen.
Ihre Weine sprechen diese Sprache: Klar, fokussiert,
voller Spannung zwischen alpiner Frische
und mediterraner Wärme.
In einem Landstrich, in dem die Reben an Hängen
wie Notenlinien in die Landschaft geschrieben
sind, steht ihr Name für einen neuen Ausdruck des
Südtiroler Terroirs. Das ist keine Modewelle, sondern
ein kultureller Wandel. Ähnlich wie ich es in
den Winzerdörfern der Bündner Herrschaft erlebt
habe – wo der Wein nicht nur verkostet, sondern
erzählt wird – hat Walch verstanden, dass ein grosser
Wein immer auch eine Geschichte transportiert:
Vom Boden, vom Klima, von den Menschen, die
ihn formen.
Besonders beeindruckend bleibt, wie sie das Gleichgewicht
zwischen Innovation und familiärer Kontinuität
gehalten hat. Heute führen ihre Töchter
Julia und Karoline den Betrieb und man spürt, dass
das Erbe nicht nur weitergegeben, sondern neu gedeutet
wird. Diese Übergabe aus der Stärke heraus
– und nicht aus Not – ist selten geworden in dieser
Welt.
Wenn ich ihre Gewächse aus Kaltern oder Tramin
probiere, denke ich an die Hänge über Malans, wo
mein Cousin seit Jahrzehnten die filigrane Komplexität
des Completer kultiviert. Die besten Weine, ob
aus dem Etschtal oder aus der Bündner Herrschaft,
entstehen nicht aus Zufall, sondern aus einem stillen
Pakt mit der Natur: geduldig, fragend, niemals
fordernd. Genau diese Haltung prägt das Werk von
Elena Walch.
Vielleicht liegt ihre eigentliche Grösse nicht nur im
Wein selbst, sondern in der Art, wie sie eine Region
dazu gebracht hat, sich neu zu sehen – als modernen
Ausdruck jahrhundertealter Handwerkskunst.
Wer einmal bei Sonnenaufgang in ihren Weinbergen
gestanden hat, versteht: Hier wird nicht nur
Wein gemacht. Hier wird Identität geformt.
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TRIENT - RIVA DEL GARDA
Ein Umweg der sich lohnt.
Trento - Credit by Renato Muolo | unsplash.com
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Vom Süden der Südtiroler Weinstrasse
zurück auf die Autobahn
zu fahren, fühlt sich ein wenig an,
als würde man ein gut erzähltes
Kapitel schliessen, um gleich das
nächste aufzuschlagen: In Auer gelangt man über
die Anschlussstelle Neumarkt-Auer-Tramin wieder
auf die A22, die hier das Etschtal nach Süden
durchzieht und direkt auf Trient zuführt. Nach den
Weinbergen und Dörfern entlang der Etsch markiert
die Autobahn den Übergang vom genussvollen
Bummeln zum zügigen Vorankommen – ideal,
um in Trient die nächste Etappe einzuläuten.
Kurzer Stopp in Trient
Trient lohnt sich als Zwischenhalt, weil hier italienische
Lebensart und alpine Kultur aufeinandertreffen:
In der kompakten Altstadt rund um Domplatz,
Schloss Buonconsiglio und die Gassen mit ihren
Renaissancefassaden lässt sich in kurzer Zeit viel
Atmosphäre aufsaugen. Wer von der A22 kommt,
fährt an der Ausfahrt Trento Sud ab und ist in wenigen
Minuten im Zentrum, wo Cafés, kleine Läden
und historische Plätze ideal sind für einen Espressooder
Mittagspausen-Stop.
Von Trient zum Lago di Toblino
Statt zurück auf die Autobahn zu wechseln, führt
von Trient die Staatsstrasse SS45 bis in das Valle dei
Laghi, das Tal der Seen, Richtung Riva del Garda.
Nach kurzer Fahrzeit taucht der Lago di Toblino
auf, ein kleiner, märchenhaft gelegener See mit
Schlossinsel, umgeben von Rebhängen und steilen
Felswänden – ein Fotomotiv wie aus einem Bildband
und zugleich ein stiller Kontrast zur Transitachse
A22.
Auf den Spuren der Dinosaurier - Marocche di Dro
Hinter dem Lago di Toblino öffnet sich das Sarcatal,
in dem der Weg weiter über Sarche in Richtung
Dro führt, immer entlang der SS45 beziehungsweise
der Verbindungsstrassen, die dem Flusslauf folgen.
Kurz vor oder bei Dro beginnt die Riserva Naturale
Marocche di Dro, ein unter Schutz stehendes
Bergsturzgebiet mit Blockmeeren, karger Vegetation
und ausgewiesenen Wegen, auf denen sich
geomorphologische Infotafeln und die berühmten,
ausgeschilderten Dinosaurierspuren entdecken lassen
– Abdrücke, die vor rund 190 Millionen Jahren
von Pflanzenfressern und Fleischfressern hinterlassen
wurden.
Letzte Etappe nach Arco und Riva del Garda
Nach der Exkursion durch die Marocche führt die
Route zurück ins Tal und über Dro weiter nach
Arco, wo Olivenhaine, Kletterfelsen und die Burgruine
den Übergang von der wilden Schuttlandschaft
zur milderen Gardasee-Region markieren.
Von Arco sind es nur noch wenige Kilometer auf
gut ausgebauter Strasse bis Riva del Garda, das
am Nordufer des Sees liegt. Wer diese Strecke statt
der A22 wählt, erlebt in kurzer Distanz Weinberge,
Seen, Bergsturzwüsten, Spuren der Urzeit und mediterrane
Seeufer und entdeckt so die Landschaft
rund um Trient in all ihren Zwischentönen.
Trento - Credit by Giacomo Carra | unsplash.com
53
ZWISCHEN FELS UND WIND
Goethe in Riva del Garda.
Als Johann Wolfgang von Goethe am 12. September
1786 in Torbole ankam, stand er am Tor
zu einer neuen Welt. Die Alpen lagen hinter ihm,
die ersten Olivenbäume flirrten in der Nachmittagssonne,
und der See glitzerte wie ein Versprechen.
Noch am selben Abend schrieb er in sein
Tagebuch, er wolle seine Freunde nur für einen
Augenblick neben sich wissen, um die Aussicht
mit ihnen zu teilen.
Goethe war kein blosser Reisender, sondern ein
Suchender. Er wollte sehen, fühlen, verstehen –
die Natur als Bühne menschlicher Empfindung.
Sein Abstieg über den Felsriegel von Rovereto
nach Torbole war nicht nur eine Route, sondern
eine Initiation in das „andere Italien“. Er zeichnete
die Linie des Sees, studierte die Felsformationen,
roch die Feigen, kostete den Branzino
– und geriet in eine Welt, die „der Naturzustand“
genannt werden konnte: unverschlossen, elementar,
voller Leben.
Heute, fast 240 Jahre später, zieht es die Reisenden an
denselben Ort. Doch Goethe würde kaum in Torbole
verweilen. Er würde die Blicke in Riva del Garda finden
– dort, wo Eleganz, Wasser und Wind ein Dreieck
aus Kultur, Bewegung und Stille formen.
Riva ist heute, was Torbole damals war: das Tor
nach Süden. Nur hat die Moderne die Schwelle bequemer
gemacht. Statt Ölpapier an den Fenstern:
Glasfassaden mit Seeblick. Statt des „Schlaraffenlebens“
der Einheimischen: Elegante Cafés und
Segelboote, die über das Wasser gleiten. Doch der
Geist des Nordwindes, der nachts von den Bergen
herabbläst und die Boote Richtung Süden trägt, ist
derselbe geblieben.
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Man kann sich leicht vorstellen, wie der junge
Dichter – heute mit einer Kamera und Notiz-App
statt mit Feder und Skizzenbuch – am Seeufer von
Riva stünde. Vielleicht würde er den Wind auskosten,
der vom Garda-See „Ora“ genannt wird, und
dabei auf einem E-Foil oder Segelboard über die
Wellen reiten – nicht aus sportlichem Ehrgeiz, sondern
aus jener unstillbaren Neugier, die ihn einst bis
Rom führte.
Wie damals Wie damals sähe er sähe über er die über „unzähligen die „unzähligen kleinen
kleinen Ortschaften“ Ortschaften“ am Ufer, am doch Ufer, sein doch Blick sein Blick bliebe bliebe
der an Mischung der Mischung aus Licht aus und Licht Topographie und Topographie hängen
an
hängen – dem Dialog – dem von Dialog Fels und von Wasser, Fels und den Wasser, schon Virgil den
schon im „Benacus“ Virgil im besungen „Benacus“ hatte. besungen Die digitale hatte. Die Karte digitale
würde Karte ihm als würde modernem ihm als Volkmann modernem dienen; Volkmann und
dienen; doch wäre und seine doch Empfindung wäre seine Empfindung dieselbe geblieben: dieselbe
Ehrfurcht geblieben: und Ehrfurcht Entzücken und vor einer Entzücken Landschaft, vor einer die
Landschaft, das Nordische die und das das Nordische Mediterrane und das vereint. Mediterrane
So liesse vereint. sich sagen: Goethe wäre heute nicht wegen
So des liesse Komforts sich sagen: oder der Goethe Mode wäre nach heute Riva gekommen, nicht wegen
sondern des Komforts wegen der oder Stimmung. der Mode Riva nach ist das Riva Destillat gekommen,
dessen, was sondern ihn 1786 wegen in Torbole der Stimmung. so bewegte Riva – ist die
das Schwelle Destillat zum dessen, Süden, was das ihn erste 1786 „Andere“, in Torbole das so ihn
bewegte staunen – liess. die Schwelle Nur würde zum er, Süden, der Naturfreund das erste „Andere“,
Sinn für das das ihn Elementare, staunen liess. am Nur Abend würde auf er, der der Na-
See-
mit
turfreund promenade mit denselben Sinn für das Satz Elementare, flüstern wie am einst: Abend „Wie
auf sehr der wünschte Seepromenade ich meine denselben Freunde einen Satz Augenblick flüstern
wie neben einst: mich, „Wie dass sehr sie sich wünschte der Aussicht meine freuen Freundten,
einen die vor Augenblick mir liegt.“ neben mich, dass sie sich
könn-
der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegt.“
J.W.G.
Riva del Garda - Credit by Aldo de Pascale | unsplash.com
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ROMANTISCHE SEHNSÜCHTE
Goethe und die Zypressen.
56
Als Goethe im September 1786 am Gardasee
eintraf, hätte er den Weg nach Verona auch
direkt nehmen können, doch er entschied
sich für einen Umweg – der See war ihm „ein köstliches
Schauspiel“, das er nicht versäumen wollte.
Von Rovereto kommend fuhr er zunächst im Etschtal
ein Seitental hinauf, bevor er über Nago nach
Torbole gelangte, wo ihn der Anblick von Felsen,
Feigenbäumen und Oliven wie ein erster, überwältigender
Gruss des Südens traf.
In Torbole blieb er länger, als es ein eiliger Reisender
getan hätte, beobachtete den Fang der gewaltigen,
lachsähnlichen Fische und notierte mit Genuss,
wie er sich an Feigen und Birnen labte, „wo schon
Zitronen wachsen“. Dann setzte er seine Reise mit
dem Boot über den See fort, landete unter anderem
in Bardolino, um schliesslich wieder in eine Kutsche
zu steigen, die ihn durch die weichere Hügellandschaft
der Veroneser Ebene führte, bis er am 14.
September 1786 Verona erreichte.
Warum er heute die Gardesana nähme
Stellte man sich Goethe heute vor, würde er Torbole
vermutlich am frühen Morgen verlassen, wenn
der Wind die weissen Schaumkronen über den See
jagt und die Surfer wie Farbtupfer auf den Wellen
tanzen. Die Gardesana Occidentale würde ihn vom
Nordufer aus direkt in diese Mischung aus Naturdrama
und menschlicher Kunst führen: Eine Strasse,
die sich in den Fels schneidet, den See mal in
schmalen Tunnelfenstern, mal in breiten, theatralischen
Öffnungen freigibt.
Er sässe wohl nicht mehr in einer Kutsche, sondern
in einem bequemen Wagen, vielleicht mit geöffnetem
Fenster, um die wechselnden Düfte zu spüren:
feuchte Felsnischen, harzige Pinien, Zypressen,
Oleander, Zitrusgärten und der warme Atem der
Dörfer.
Bei jeder Haltebucht würde er den Drang verspüren
auszusteigen, Skizzen zu machen, Notizen
über das Licht zu schreiben, das an den Kalkwänden
hochwandert, und darüber zu staunen, wie die
Strasse das vormals schwer zugängliche Westufer in
eine erlebbare Landschaft verwandelt hat.
Zwischen Riva und Gargnano, wo die Gardesana
mit teils langen Tunneln, Galerien und Brücken die
steilen Wände unterläuft und umschmiegt, fände
er den Stoff für eine moderne „Italienische Reise“:
Die Metamorphose eines wild-romantischen Ufers
in eine Bühne, auf der sich Touristen, Radfahrer
und Einheimische begegnen.
Er würde wohl notieren, dass die Menschen heute,
statt mit Segelbooten und Maultierpfaden, mit
Motoren und Ingenieurskunst denselben Traum
vom Süden verfolgen – nur schneller, lauter, doch
im Kern mit der gleichen Sehnsucht nach Wärme,
Weite und Licht.
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Strada Statale 45 - Credit by Museo Alto Garda
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Strada Statale 45
Die Gardesana Occidentale entstand nicht im leichten
Spiel, sondern als anstrengendes Ringen von
Menschenhand mit Fels und Schwerkraft. Nach
dem Ersten Weltkrieg, als die Staatsgrenze am Gardasee
wegfiel, fasste man den Plan, beide Ufer mit
durchgehenden Strassen zu erschliessen: Während
die einfachere Gardesana Orientale an der Ostküste
schon 1929 durchgehend befahrbar war, begann
man 1928 mit den Arbeiten an der westlichen Gardesana.
Zwischen Gargnano und Riva musste die Trasse
buchstäblich in den Berg hineingesprengt werden:
Steile Wände fielen direkt in den See ab, Platz für
eine klassische Uferstrasse gab es kaum. Ingenieure
wie Riccardo Cozzaglio entwarfen eine Strecke, die
sich mit rund 70 Tunneln, Galerien und Brücken
an den Fels klammert, sich in ihn hineinbohrt und
ihn zugleich zur dramatischen Kulisse macht. Diese
Meisterleistung der Ingenieurskunst wurde jedoch
mit harter körperlicher Arbeit erkauft.
Die eigentlichen Bauarbeiten am schwierigsten Abschnitt
der Gardesana Occidentale begannen im
Februar 1928 und konnten im September 1931 abgeschlossen
werden, also in gut dreieinhalb Jahren
intensiver Arbeit. In dieser vergleichsweise kurzen,
aber extrem fordernden Zeit kamen zwölf Arbeiter
ums Leben – Zahlen, die die Gefährlichkeit der
Baustellen in den steilen Felswänden und engen
Sprengstollen erahnen lassen.
Am 18. Oktober 1931 wurde die Strasse feierlich
eröffnet, unter anderem von Gabriele D’Annunzio,
der in Gardone Riviera lebte und das Projekt
stark unterstützt hatte. Erst in den 1950er-Jahren,
mit dem aufkommenden Tourismus, verwandelte
sich die zuvor vor allem strategische und verkehrstechnische
Pionierleistung in jene „Traumstrasse“,
als die sie heute gilt – immer wieder angepasst, mit
veränderten Linienführungen und neuen, längeren
Tunneln, um den Verkehr sicherer zu machen,
während alte Teilstücke als stille Spazier- und Radwege
am Fels kleben geblieben sind.
Bogliaco
An einem klaren Frühlingstag, wenn die Luft am
Gardasee noch frisch ist und die Sonne das Wasser
glitzern lässt, lohnt es sich, in Bogliaco einen Halt
einzulegen. Das kleine, elegante Dorf zwischen
Gargnano und Toscolano-Maderno scheint auf
den ersten Blick unscheinbar, doch wer sich Zeit
nimmt, entdeckt seinen besonderen Zauber.
Am Hafen schaukeln die Boote sanft im Rhythmus
der Wellen. Hier duftet es nach Espresso und frischen
Croissants – die perfekte Gelegenheit, sich
auf einer der kleinen Terrassen niederzulassen und
den Blick über den See schweifen zu lassen.
Ein Kaffee in Bogliaco schmeckt anders: nach Gelassenheit,
nach Sommer, der bald kommt.
Wer noch einen Moment bleiben möchte, kehrt im
Ristorante allo Scoglio ein. Dort, wo die Terrasse
fast bis ans Wasser reicht, serviert man im Frühling
oder Herbst den zartesten Branzino weit und breit
– mit Zitronen aus dem Anbau des Westufers und
Olivenöl, das in der Abendsonne golden schimmert.
Während man den Fisch geniesst und die
Sonne langsam hinter den Bergen versinkt, versteht
man, warum Bogliaco kein Ort für Eile ist, sondern
für Genuss.
Hafen von Bolgiaco - Credit by beeboatservice.com
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Zeitreisende Bobachter
André Heller & Goethe im Vittoriale.
Im malerischen Vittoriale in Gardone Riviera
treffen zwei grosse Geister der Kunst und Kultur
aufeinander: Johann Wolfgang von Goethe
und André Heller. Zwischen dem klassischen Geist
des grossen Dichters und der lebendigen, experimentellen
Energie des zeitgenössischen Künstlers
liegt eine spürbare Spannung. Goethe, erfüllt von
seiner tiefen Liebe zur menschlichen Natur und zur
Kunst, betrachtet aufmerksam die kunstvoll gestalteten
Gärten und das imposante Amphitheater –
ein Symbol für die Verschmelzung von Leben und
kreativer Kraft.
André Heller, der sich für Innovation und die gesellschaftliche
Bedeutung von Kunst begeistert, führt
Goethe durch die Ausstellung und zeigt ihm die
botanischen Oasen, die Ruhe und Inspiration spenden.
Dabei entstehen Dialoge über die Bedeutung
von Kultur in der heutigen Zeit, über das Streben
nach Sinn und die Rolle der Kunst als verbindendes
Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Dieses Treffen fühlt sich an wie ein Tanz zwischen
Tradition und Moderne, ein Austausch, der zeigt,
dass Kunst und Kultur zeitlos sind und von ständiger
Erneuerung leben. Für die Besucher des Vittoriale
ist diese Begegnung ein eindrucksvolles Sinnbild
dafür, was Kunst bewirken kann: eine Brücke
zwischen Generationen, ein Raum für Reflexion
und Lebensfreude. So wird spürbar, dass dieser Ort
mehr ist als ein Museum: Er ist ein lebendiger Ort
des Austauschs und der Inspiration für Menschen
jeden Alters.
J.W.G.
Vittoriale - Credit by Nick | unsplash.com
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ISOLA DEL GARDA
Gardone und seine Schätze.
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Gardone - Credit by marbon
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Gardone Riviera
Ein Ort zum Verweilen.
Gardone – oder genauer Gardone
Riviera – ist einer dieser seltenen
Orte, an denen die Zeit nicht vergeht,
sondern sich wie ein feiner
Schleier über den See legt. Wer an
der Uferpromenade entlanggeht, spürt noch heute
den Nachhall der frühen Reisenden, als Damen
mit Sonnenschirmen und Herren im Leinenanzug
unter Palmen flanierten, bevor sie sich in den grossen
Hotels zum Dinner zurückzogen. Die Fassaden
dieser Häuser tragen den Glanz der Belle Époque
wie ein Versprechen: Dass man hier nicht einfach
ankommt, sondern ein wenig in eine andere Epoche
hinüberwechselt.
Der See liegt ruhig zu Füssen des Ortes, vom Licht
des Westufers weich modelliert, und in den Gärten
blühen Pflanzen, die eher an die Mittelmeerküste
erinnern als an einen alpennahen See. Es ist dieses
milde Mikroklima, das Gardone Riviera früh zum
mondänen Rückzugsort machte – und das den Spaziergänger
heute noch in eine fast theatralische Kulisse
eintauchen lässt, in der Palmen, Zypressen und
üppige Terrassen wie Bühnenbilder wirken. Unten,
am Wasser, öffnet sich die Welt der Promenade:
Elegante Cafés, historische Hotels, eine Folge von
Logenplätzen am See, an denen das Ankommen
und Zusehen selbst zur Kunstform wird.
Steigt man hinauf nach Gardone Sopra, verändert
sich der Ton. Die Uferlinie bleibt als blaues Band
im Blick, doch die Gassen werden enger, die Plätze
kleiner, und zwischen Steinmauern und alten Häusern
scheint das ursprüngliche Dorf seine eigene,
leisere Geschichte zu erzählen. Hier oben, um die
Kirche und die verwinkelten Wege, tritt der Gast
einen Schritt aus der mondänen Szenerie heraus
und entdeckt diese andere, bodenständigere Seite
Gardones, die den Glanz unten am See erdet und
ihm Tiefe verleiht.
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65
Vittoriale degli Italiani
Gabriele D’Annunzio’s Erbe.
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Über allem thront das Vittoriale degli
Italiani, jenes exzentrische Gesamtkunstwerk,
das der Dichter Gabriele
d’Annunzio sich wie eine Bühne
seines Lebens erbauen liess. Villa,
Gärten, Museen, ein Amphitheater und der eigenwillig
in den Hang montierte Bug eines Kriegsschiffs
fügen sich zu einem Labyrinth aus Symbolen, Pathos
und Poesie, das den Besucher mehr umhüllt als
es sich erklären lässt. Im Sommer verwandelt sich
das Freilichttheater mit seinem Blick über den See
in eine nächtliche Arena, in der Musik und Literatur,
internationale Stimmen und der Duft warmer
Steine sich zu einem intensiven Erlebnis verweben
– als würde der See selbst für einige Stunden den
Atem anhalten.
Nur wenige Schritte entfernt öffnet sich eine andere
Art von Bühne: der Botanische Garten, einst
von Arthur Hruska angelegt, heute von der Stiftung
André Hellers betreut. Zwischen Bambushainen,
alpinen Felsformationen, Wasserläufen und stillen
Becken stehen Skulpturen und Installationen,
die wie leise Kommentare zur Landschaft wirken
– Kunst, die nicht dominiert, sondern Gespräche
mit den Pflanzen, dem Licht und den Besuchern
beginnt. Dieser Garten ist ein eigenes kleines Universum:
Ein Ort, an dem man langsamer wird,
den Schritt dämpft, plötzlich stehen bleibt, weil ein
Detail – eine Figur, eine Blüte, ein Schatten – die
Wahrnehmung schärft.
So entfaltet sich Gardone Riviera im Jahreslauf in
immer neuen Schichten. Im Frühling trägt der Ort
ein helles, zartes Kleid; die Gärten erwachen, die
Promenade füllt sich mit den ersten Gästen, und
der See wirkt wie eine Einladung zur Neugier. Im
Sommer verdichtet sich die Atmosphäre – Konzerte,
Veranstaltungen und lange Abende im Freien
legen einen Klangteppich über den Ort, der bis
tief in die Nacht reicht. Und wenn der Herbst das
Licht wärmer, die Luft klarer macht, verliert Gardone
Riviera nichts von seiner Anziehungskraft; im
Gegenteil, die leiser werdende Saison legt den Blick
frei auf das, was diesen Ort so besonders macht:
die seltene Verbindung aus historischer Grandezza,
künstlerischer Inspiration und einem See, der
all das spiegelt.
Wer einmal hier gewesen ist, versteht, warum Gardone
Riviera nicht nur ein Ziel, sondern ein Ausgangspunkt
ist. Man reist ab mit dem Gefühl, kein
Kapitel abgeschlossen, sondern ein neues aufgeschlagen
zu haben – eines, zu dem man im nächsten
Frühling, Sommer oder Herbst zurückkehren
möchte, um zu sehen, wie die Geschichte in diesem
still leuchtenden Winkel des Gardasees weitergeht.
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Heller Garden
André Heller’s Erbe.
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Wer heute durch die verwunschenen
Pfade von Gardone Riviera
am Westufer des Gardasees
schlendert, ahnt kaum, dass
hier einst ein Zahnarzt den
Grundstein für eines der faszinierendsten Gartenkunstwerke
Italiens legte. Arthur Hruska, ein Mann
mit feinem Gespür für Ästhetik und Wissenschaft,
hatte sich zwar der Medizin verschrieben – doch
seine eigentliche Leidenschaft keimte im Grünen.
Geboren 1880 in Böhmen, studierte Hruska quer
durch Europa, promovierte in München, vertiefte
sich später in Padua in die Kunst der Rekonstruktion
und Chirurgie. Doch während er andere mit
leichten Händen operierte, formte Hruska ganze
Landschaften. 1903 entdeckte er in Gardone Riviera
einen vernachlässigten Weinberg – eine Wildnis
von rund 10.000 Quadratmetern – und begann, sie
in ein lebendiges Labor der Natur zu verwandeln.
Mit dem Geist eines Forschers und dem Herzen
eines Poeten schuf er Teiche, Wasserläufe und
Höhlen, liess alpine Pflanzen harmonisch neben
tropischen Arten gedeihen. Der Garten wurde zu
einer Miniaturwelt, die die Vielfalt der Erde spiegelte
– ein Ort für Stille, Staunen und botanische
Entdeckungen.
Nach Hruskas Tod geriet das Paradies in Vergessenheit.
Jahrzehnte lang lag der Garten in einem
Dornröschenschlaf, überwachsen und still – bis
Andreas „André“ Heller ihn entdeckte. Der österreichische
Künstler, bekannt für seine poetischen
Visionen und seinen feinen Sinn für das Zusammenspiel
von Natur und Kunst, verliebte sich in
den Ort auf den ersten Blick. 1988 erwarb er das
Anwesen und hauchte ihm neues Leben ein.
Heller verstand Hruskas Werk nicht als abgeschlossenes
Erbe, sondern als Einladung zum Weiterdenken.
Er liess Skulpturen, Installationen und symbolische
Kunstwerke zwischen den Pflanzen entstehen
– leuchtend, überraschend, meditativ. Heute umfangen
über 3.000 Pflanzenarten Besucherinnen
und Besucher, während zwischen Bambushainen,
Steintreppen und Wasserfontänen Figuren von
Keith Haring, Roy Lichtenstein und Auguste Rodin
versteckt sind.
Was einst mit einer botanischen Leidenschaft begann,
ist heute ein Gesamtkunstwerk aus Natur,
Poesie und Philosophie – ein Ort, an dem Wissenschaft
zur Kunst wurde und Kunst zugleich zur Feier
des Lebens.
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Wo Lektüre auf Kultur trifft
und Spuren hinterlässt
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A Casa Mia, Il Pieroli
Bei Oscar hoch über Gardone.
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Ein Ausflug zum Essen kann zu einem Erlebnis
werden – besonders, wenn das Ziel Oscar heisst.
Schon die Fahrt von Gardone Riviera hinauf nach
San Michele auf der malerischen Via Panoramica
ist ein Genuss für die Sinne. Kurve um Kurve öffnet
sich der Blick über den funkelnden Gardasee, bis
man auf einer Anhöhe ankommt, wo Oscars Tafel
auf die Gäste wartet.
Hier oben, wo Ruhe und Panorama verschmelzen,
pflegt Oscar seine ganz eigene Vorstellung
von Gastfreundschaft. Die Küche ist herzlich, ehrlich
und überrascht zugleich: Fleisch aus aller Welt,
perfekt „dry aged“, Steinofenpizza an ausgewählten
Tagen und auf Wunsch zaubert Oscar frische
Garnelen und Langusten vom Lobster-Grill – eine
Hommage an das Mittelmeer. Muss telefonisch vorbestellt
werden.
Die drei Köche in der Küche kochen auf Sterne-
Niveau, ohne dabei die Bodenständigkeit zu verlieren.
Monatlich findet man eine regionale Spezialität
auf der Karte – eine schöne Erinnerung daran,
dass Genuss manchmal am besten dort geboren
wird, wo man zu Hause ist. Besonders verführerisch:
Das Tatar, das zu Recht lokale Berühmtheit
geniesst, und die Salatschüssel, ein Klassiker, der
Erinnerungen an die ersten Italienreisen in den
1970er Jahren weckt.
Und wer nach dem Hauptgang noch Platz findet,
sollte sich Oscars Spezialeis nicht entgehen lassen –
cremig, frisch und einfach wunderbar. Im Weinkeller
lagern zudem echte Kostbarkeiten in Flaschen:
sorgfältig ausgewählt und gepflegt, spürbar Oscars
ganzer Stolz.
Ein Besuch bei Oscar ist mehr als ein Abendessen,
es ist eine Rückkehr zum echten Geschmack des
Lebens.
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Salò, la misteriosa
Charmant, vielseitig, entspannt.
Ein Spaziergang entlang der längsten Promenade
des Gardasees führt an der Piazza della Vittoria
vorbei, wo das Hotel Metropole und der Palazzo
del Podestà thronen und ein Kriegerdenkmal an
vergangene Zeiten erinnert.
In diesem aus dem 14. Jahrhundert stammenden
Palast befindet sich heute das Rathaus des Ortes.
Besonders sehenswert ist das Deckenfresko im
Treppenhaus. Die Fassade und die Arkadengänge
stammen von dem bekannten Architekten Sansovino.
Hier pulsiert das Leben: An Markttagen füllt sich
der Platz mit Ständen, die frische Oliven, lokalen
Käse und handgefertigte Souvenirs anbieten. Ein
Genuss für alle Sinne.
Der Dom Santa Maria Annunziata mit seiner spätgotischen
Fassade und dem prächtigen Holzaltar
von Romanino lädt zur stillen Einkehr ein. Anschliessend
locken die schmalen Gassen der Altstadt,
die die reiche Vergangenheit Salòs als Handels-
und Kurort lebendig werden lassen.
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Salo by night - Credit by Daniel R. | unsplash.com
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76
Von Links oben im Uhrzeigersinn:
MuSa, Torre
dell‘Orologio, Piazza Zanardelli,
Markt von Salo,
Arkaden des Palazzo del
Podesta und das Rathaus.
Salo mit Dom - Credit by V incenzo Inzone | unsplash.com
Am westlichen Ufer des Gardasees
liegt Salò, die erste Gemeinde der
eleganten Riviera Occidentale. Der
Ort schmiegt sich malerisch in den
Golf von Salò, dessen geschützte
Lage ihm ein besonders mildes Klima und eine heitere,
fast mediterrane Stimmung verleiht. Seit über
hundert Jahren gilt Salò als internationales Reiseziel,
das mit seiner Mischung aus Geschichte, Stil
und Lebensfreude Besucher verzaubert.
Das historische Zentrum präsentiert sich als harmonisches
Geflecht aus engen Gassen, kleinen Plätzen
und herrschaftlichen Palästen – eine Bühne für
Architektur, Kunst und italienisches Alltagsleben.
Zwischen der Piazza Carmine, der Fossa und der
Seepromenade reihen sich elegante Geschäfte, edle
Boutiquen, Cafés und Restaurants aneinander und
laden zum entspannten Flanieren ein. Die Seepromenade
selbst, ein Schmuckstück entlang des
gesamten Golfs, ist eine der schönsten am Gardasee:
Hier lässt sich das mediterrane Lebensgefühl
hautnah spüren – beim Eis in der Hand, dem Blick
auf das glitzernde Wasser und den vorbeiziehenden
Booten. Ein besonderer Genussmoment ist es,
auf der Terrasse der traditionsreichen Bar Italia am
Lungolago Platz zu nehmen und bei einem Espresso
oder Aperitivo das sanfte Treiben auf dem See
zu beobachten – ein Schauspiel, das nie langweilig
wird.
Wer Salòs Geschichte erkunden möchte, findet sie
in prachtvollen Gebäuden und stillen Kirchen wieder.
Der Palazzo del Podestà, ein Palast aus dem
14. Jahrhundert und heutiges Rathaus, beeindruckt
mit seiner eleganten Fassade und einem Deckenfresko
des venezianischen Architekten Sansovino. Die
Kirche San Giovanni Decollato, etwas verborgen in
den Seitenstrassen, birgt mit Zenon Veroneses Gemälde
der Enthauptung Johannes des Täufers ein
eindrucksvolles Zeugnis der Renaissancekunst.
Ein Wahrzeichen von Salò ist der Dom Santa Maria
Annunziata, die grösste und bedeutendste Kirche
am Gardasee. Von aussen eher schlicht, überrascht
sie im Inneren mit prachtvollem Stuck, vergoldeten
Altären und kostbaren Gemälden – besonders eindrucksvoll:
der „Heilige Antonius von Padua“ des
Malers Romanino.
Wer tiefer in die Geschichte des Ortes eintauchen
möchte, besucht das MuSa – Museo di Salò, das
die bewegte Vergangenheit Salòs von der Zeit der
venezianischen Herrschaft bis zum Zweiten Weltkrieg
lebendig werden lässt. Briefe, Gemälde und
historische Objekte erzählen die Geschichte einer
Stadt, die stets im Spannungsfeld zwischen Kunst,
Politik und Handel stand.
Am Eingang der Altstadt erhebt sich schliesslich der
Torre dell’Orologio, ein Uhrenturm und ehemaliges
Stadttor – Symbol für das historische Erbe Salòs
und zugleich perfekter Ausgangspunkt für einen
Spaziergang entlang des Lungolago.
Salò verbindet die Eleganz vergangener Jahrhunderte
mit dem Flair moderner Seepromenaden –
ein Ort, an dem Geschichte, Genuss und der Zauber
des Gardasees harmonisch ineinandergreifen.
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Marcello Bruschetti
Die Kunst des Destilats.
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Das Leben von Marcello Bruschetti
nahm eine entscheidende Wendung
im Juni 2010, als er bei der Veranstaltung
Vini nel Mondo im historischen
Spoleto Luciano Brotto
begegnete. Brotto, ein leidenschaftlicher Pionier
der italienischen Brennkunst, bestand darauf, dass
Marcello sein jüngstes „Experiment“ probiere –
einen Destillatentwurf, der mit unkonventionellen
Holzarten veredelt worden war. Was als zufällige
Verkostung begann, entwickelte sich zu einer Vision.
In diesem Moment erkannte Bruschetti, dass
sich in der Welt der Spirituosen noch immer Raum
für Inspiration, Persönlichkeit und Handwerkskunst
finden liess.
Aus dieser Begeisterung heraus entstand EVO
o de V – ein Projekt, das tief in der italienischen
Tradition verwurzelt ist und zugleich den Mut zur
Innovation trägt. Zusammen mit Luciano Brotto
beschritt Bruschetti neue Wege in der Destillation.
Ihre Produkte zeichnen sich durch aussergewöhnliche
Eleganz und Anmut aus, geprägt von einer
klaren Philosophie: Experimentierfreude als Motor
von Qualität. Die Kollektionen entstehen in kleinen
Serien und vereinen erlesene Rohstoffe mit kreativen
Reifeverfahren. Dabei bildet die Zusammenarbeit
mit regionalen Handwerksbrennereien eine
tragende Säule des Erfolgs.
Im Mittelpunkt steht die Kunst des Reifens. EVO
o de V experimentiert mit autochthonen Hölzern,
deren Charakter die Aromen des Destillats subtil
verändert und vertieft. Das sanfte Räuchern des
Tresters sowie das „Spiel“ mit Fässern, die zuvor
für andere edle Produkte genutzt wurden, verleihen
jeder Spirituose eine unverwechselbare Identität.
Marcello Bruschetti verfolgt dabei kein industrielles
Ziel, sondern eine Passion: die Schaffung von
Destillaten, die Geschichten erzählen – italienische
Geschichten von Erde, Luft und Zeit, verwoben zu
einem sinnlichen Erlebnis.
So steht EVO o de V heute sinnbildlich für den Dialog
zwischen Tradition und Neugier – ein Projekt,
geboren aus Freundschaft, inspiriert von Handwerk,
getragen von Leidenschaft.
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Valeggio sul Mincio
Eine unvergessliche Reise in die Natur.
Valeggio sul Mincio by - Credit by W. Weiser | pexels.com
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Ein zarter Knoten aus Teig und Legende
– Wer Valeggio sul Mincio besucht,
wird schnell merken, dass hier ein Gericht
mehr ist als nur eine lokale Spezialität.
Die „Tortellini di Valeggio“, im
Dialekt „Agnolin“ genannt, sind das kulinarische
Herz dieser kleinen Stadt zwischen Verona und
dem Gardasee – und zugleich ein Stück gelebte Poesie
auf dem Teller.
Ein Hauch von Seide im Nudelteig
Der Teig ist hauchdünn, fast transparent, die Füllung
eine sorgfältig abgeschmeckte Mischung aus
geschmortem Fleisch. Jedes Stück wird von Hand
geformt – ein Ritual, das in vielen Familien von Generation
zu Generation weitergegeben wird. Auf
den Fest- und Feiertagstafeln der Einwohner von
Valeggio dürfen die Tortellini niemals fehlen.
Geniessen kann man sie klassisch „in brodo“, in
einer klaren Brühe, oder in Butter geschwenkt, mit
frischem Salbei – schlicht, aber raffiniert. In Valeggio
reiht sich ein Restaurant ans nächste und fast
alle führen die Tortellini in verschiedenen Variationen
auf der Karte. Wer den Geschmack mit nach
Hause nehmen möchte, wird in den zahlreichen
handwerklichen Pastamanufakturen fündig.
Die Legende vom „Knoten der Liebe“
Hinter den Tortellini verbirgt sich eine Liebesgeschichte
aus dem späten 14. Jahrhundert, die der
Goldschmied Alberto Zucchetta literarisch festgehalten
und illustriert hat. Sie erzählt von der
Nymphe Silvia und dem Hauptmann Malco, deren
Liebe keine Zukunft haben darf. Als Zeichen ihrer
unglücklichen Leidenschaft hinterlassen sie am
Ufer des Flusses Mincio ein zartes, gelbes Seidentuch
– zu einem Knoten gebunden.
Dieser Knoten wurde zur Inspiration für die Form
der Tortellini und für ihren poetischsten Namen: „Il
Nodo d’Amore“, der Knoten der Liebe. Die Associazione
Ristoratori di Valeggio hat diesen Begriff
bekannt gemacht und damit ein Symbol geschaffen,
das längst die Grenzen Italiens überschritten
hat. Heute gilt der „Nodo d’Amore“ als Botschafter
der lokalen Küche in ganz Europa und darüber hinaus.
Zwischen Handwerk, Kultur und Kreativität
So romantisch die Legende auch ist – wirtschaftlich
betrachtet sind die Tortellini zu einem bedeutenden
Standbein für die Gemeinde Valeggio geworden.
Doch hier geht es nicht nur um Produktion, son-
82
dern auch um Kultur und Ästhetik: Das Produkt
steht für handwerkliche Präzision, lokale Identität
und eine bewusst gepflegte Tradition.
Neben der klassischen Fleischfüllung überrascht die
Küche von Valeggio mit kreativen Varianten: Tortelli
mit saisonalem Gemüse, gefüllt mit aromatischen
Käsesorten, kombiniert mit Wild, Fisch oder
weiteren fantasievollen Kompositionen. Wer gerne
probiert und vergleicht, findet in den Gassen des
Ortes eine beeindruckende geschmackliche Vielfalt.
Ein gedeckter Tisch über dem Fluss
Wie eng in Valeggio Essen, Gemeinschaft und Szenerie
verwoben sind, zeigt sich besonders bei zwei
jährlichen Veranstaltungen, die längst Kultstatus
geniessen.
Am dritten Dienstag im Juni verwandelt sich die
mittelalterliche Ponte Visconteo in Borghetto in
eine spektakuläre Freilufttafel: Bei der „Festa del
Nodo d’Amore“ sitzen rund 3.300 Gäste an einem
über einen Kilometer langen Tisch, direkt über
dem Wasser des Mincio. Wenn die Sonne untergeht
und die Lichter angehen, werden Tausende
handgemachte Tortellini serviert – ein Erlebnis, das
Esskultur, Landschaft und Legende einzigartig verbindet.
Im September folgt „Tortellini e Dintorni“, ein
wanderndes Wein- und Gastronomiefest, das drei
Tage lang die Altstadt von Valeggio in eine Bühne
für Genuss verwandelt. In den Strassen, auf den
Plätzen und in den Lokalen des Ortes reihen sich
Degustationsstände aneinander; Weinproduzenten,
Pastifici, Restaurants und Bars öffnen sich einem
neugierigen Publikum. Es ist die ideale Gelegenheit,
Valeggio zu Fuss zu erkunden, sich von Stand
zu Stand treiben zu lassen und die Tortellini in immer
neuen Interpretationen zu entdecken.
Ein Reiseziel für Geniesser
Wer den Gardasee besucht oder durch die Hügel
zwischen Verona und Mantua reist, sollte Valeggio
sul Mincio als festen Programmpunkt einplanen.
Die Tortellini di Valeggio sind mehr als eine Spezialität:
Sie sind ein essbarer „Knoten der Liebe“
– zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen
Legende und Landschaft, zwischen den Menschen
und ihrem Land.
Am schönsten erschliesst man sich diese Tradition
dort, wo sie entstanden ist: bei einem Teller frisch
zubereiteter Tortellini, mit Blick auf den Mincio –
und vielleicht mit der Ahnung, dass in diesem feinen
Teigmantel ein ganzes Stück Italien steckt.
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Castello Scaligero di Valeggio sul Mincio - Credit by Stefano Venturell
Teure Freundin,
heute führte mich mein Weg an den Mincio,
zu einem Garten, der mehr einem leisen
Traum als einem Stück Erde gleicht. Zwischen
alten Mauern aus vergangener Zeit hat man hier
schon seit Jahrhunderten der Natur Raum gegeben,
sich zu verwandeln, und sie doch mit sanfter
Hand geordnet.
Weite Rasenflächen breiten sich aus wie grüne Teppiche,
von Schatten spendenden Bäumen gesäumt;
in den Wasserspiegeln ruhiger Teiche verdoppeln
sich Himmel und Zypressen, so dass man kaum
weiss, ob man wandelt oder schon in einem Bild
steht. Die Luft war warm und still, nur von Kinderstimmen
und dem Rauschen der Blätter bewegt,
und ich empfand jene heitere Sammlung des Gemüts,
die mir Italien stets gewährt hat.
Ein Labyrinth von hohen, dunkelgrünen Hecken
lockte mich, und indem ich seinen Irrgängen folgte,
dachte ich an unsere eigenen Umwege, durch
welche das Leben uns zueinander und wieder von
einander fortführt. Als ich endlich den Mittelpunkt
erreicht hatte, schien mir, als stünde ich auf einem
stillen Punkt der Welt, von dem aus alle Wege möglich
sind – nur der zu Dir blieb mir versagt, und
eben darum war mir Dein Bild gegenwärtiger als je.
An einer stillen Bank, unweit einer Einsiedelei,
verweilte ich lange. Wie gerne hätte ich Dich dort
neben mir gewusst, damit Du mit eigenen Augen
sähest, wie hier die Kunst dem Wuchs der Bäume
nachgibt und die Zeit in Blüten und Schatten eingeteilt
wird. So aber muss ich mich begnügen, Dir
mit dürftigen Worten zu senden, was hier in Farben,
Düften und Licht so reichlich vorhanden ist.
Wenn es einen Ort gibt, an dem die Seele lernt, das
Leben als stete Verwandlung zu lieben, so ist es dieser
Garten. Möge der Tag kommen, da wir unter
denselben Bäumen schreiten, Du an meiner Seite,
und wir uns, ohne viele Worte, im stillen Einverständnis
der Natur wiederfinden.
In unveränderlicher Zuneigung
J.W.G.
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Parco Giardino Sigurtà
Wo die Natur die Seele berührt.
86
Parco Giardino Sigurtà - Credit by Giulia Balestrieri
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Am frühen Morgen liegt noch ein
Hauch von Dunst über den Hügeln
südlich des Gardasees, als sich bei
Valeggio sul Mincio ein schmiedeeisernes
Tor öffnet und den Blick
freigibt auf einen Garten, der mehr ist als ein Ausflugsziel:
der Parco Giardino Sigurtà. Hinter den
Mauern wartet eine grüne Welt, in der Geschichte,
Leidenschaft und Gartenkunst zu einer stillen,
aber eindringlichen Erzählung verschmelzen. Die
Saison beginnt jeweils von Anfang März bis Mitte
November und ist ein buntes Versprechen an alle,
die Natur bewusst erleben wollen.
Der erste Schritt hinein führt über sanft geschwungene
Wege, vorbei an uralten Bäumen und weit ausladenden
Rasenflächen. Es ist Tulpenzeit. Wie jedes
Jahr eröffnet der Park die Saison mit einem Festival,
das man hier schlicht „Tulipanomania“ nennt – einem
Meer aus Farben, das sich wie ein lebendiger
Teppich über Beete, Böschungen und Alleen legt.
Jede Kurve, jede Anhöhe offenbart eine neue Komposition:
Tulpen in reinen, klaren Tönen, andere
gestreift, gefranst, beinahe exotisch. Wer hier geht,
hat das Gefühl, durch ein Bild zu wandeln, das ein
Maler im Überschwang der Farben gestaltet hat.
Während die Schritte langsamer werden, erzählt
Parco Giardino Sigurtà - all images credit by Parco Sigurtà
88
der Park seine Geschichte. Sie beginnt weit vor der
Tulpenpracht, im Jahr 1407, als das Gelände noch
ein landwirtschaftlicher Besitz war. Felder, Nutzpflanzen,
Mauern, die Sicherheit boten, und schon
damals ein Gartenbereich, der mehr war als reine
Zweckfläche. Im 19. Jahrhundert wird das Anwesen
in einen englischen Park verwandelt: freie Linien,
romantische Baumgruppen, Sichtachsen, die
den Blick lenken, ohne ihn zu zwingen. Es ist die
Zeit, in der Natur inszeniert wird, um so natürlich
wie möglich zu wirken.
Der grosse Wandel kommt 1941. Ein Mann namens
Carlo Sigurtà erwirbt ein verwahrlostes Gelände
– und sieht darin kein Problem, sondern ein
Versprechen. Über Jahrzehnte formt er gemeinsam
mit seiner Familie aus diesen 22 Hektar ein botanisches
Refugium, das wächst, bis es die heutige Grösse
erreicht. Wege werden neu angelegt, Wasserflächen
geschaffen, seltene Baumarten gesetzt. Es ist
eine stille Revolution, bei der nicht laut verkündet,
sondern geduldig gepflanzt wird. 1978 öffnet die
Familie den Park für die Öffentlichkeit – und aus
einem privaten Traum wird ein Ort, den sie mit der
Welt teilt.
Vielleicht ist es diese Haltung, die man bei jedem
Besuch spürt. Nichts wirkt museal oder distanziert,
im Gegenteil: Die Rasenflächen scheinen einen einzuladen,
Platz zu nehmen, die Zeit zu vergessen.
Die Besitzer hegen und pflegen diese Landschaft mit
spürbarer Liebe, doch sie behalten sie nicht für sich.
Der Park ist ihr Gegenentwurf zur Idee vom exklusiven
Rückzugsort: ein Garten, der gerade durch
das Teilen seinen Sinn erfüllt. Wer achtsam geht,
entdeckt Details: Eine zufällig wirkende Baumgruppe,
die einen weiten Blick öffnet, ein Wasserbecken,
in dem sich Wolken spiegeln, ein versteckter Pfad,
der in einen stillen Winkel führt.
Geschichte bleibt dabei immer im Hintergrund
präsent. Ein Schlösschen taucht hinter einer Baumreihe
auf, eine kleine Einsiedelei wirkt wie eine Reminiszenz
an frühere, kontemplative Zeiten. Sonnenuhren,
Mauern, Inschriften: Sie erzählen von
Jahrhunderten, in denen sich die Welt ausserhalb
der Parkgrenzen dramatisch verändert hat, während
hier innen das Grundmotiv gleich blieb, aus
Erde Schönheit zu formen.
Wer den Park im Frühling besucht, wird sich an
Tulpen erinnern; wer im Sommer wiederkommt,
vielleicht an tiefe Grüntöne und Schattenplätze,
an Seerosen und leise raschelnde Baumkronen. Im
Herbst tragen die Bäume goldene und kupferne
Kleider, und die Wege, die man im März vielleicht
entlanggegangen ist, wirken wie neu. Jeder Besuch
wird so zu einer eigenen Geschichte, einem anderen
Kapitel im selben Buch.
89
Goethes Worte zur Arena
Brief an seine Liebste.
90
Meine Liebste,
endlich bin ich hier angekommen, genau
dort, wo ich längst hätte sein sollen. Viele
Schicksalsschläge meines Lebens wären leichter gewesen.
Doch wer kann das schon genau sagen? Und wenn
ich es zugeben soll: Ich hätte es mir nicht ein halbes
Jahr früher wünschen dürfen. Du siehst schon, das
Format meines Tagebuchs ändert sich, und der Inhalt
wird sich auch verändern. Ich will fleissig weiterschreiben,
gerade über Volckmanns Reise nach
Italien, wahrscheinlich aus der Bibliothek. Ich werde
immer die Seite angeben und so tun, als hättest
du das Buch gelesen.
Seit gestern Mittag bin ich in Verona und habe
schon viel gesehen und gelernt. Nach und nach will
ich meine Gedanken aufschreiben. Nach und nach
finde ich zu mir. Ich lasse alles langsam sacken, und
bald werde ich mich von der Anstrengung der Alpenüberquerung
erholt haben.
Wie gewohnt gehe ich nur gemütlich herum, sehe
alles ganz ruhig an und nehme einen schönen Eindruck
mit. Eins nach dem anderen.
Das Amphitheater.
Das erste antike Denkmal, das ich sehe, und das so
gut erhalten ist. Ein Buch dazu gibt dir eine gute
Vorstellung davon. Wenn man das Amphitheater
betritt oder am Rand oben steht, ist das ein besonderer
Eindruck: etwas Grosses, aber gleichzeitig
sieht man eigentlich nicht viel. Es sollte auch nicht
leer sein, sondern voll mit Menschen, so wie es der
Kaiser und der Papst gesehen haben.
Damals wirkte es erst richtig, denn die Menschen
waren mehr echte Menschen als heute. Ein Amphitheater
wurde eigentlich dazu gemacht, um dem
Volk zu imponieren und es zu unterhalten.
Wenn irgendwo Erlebnisse auf engem Raum stattfinden
und viele Menschen zusammenkommen,
versuchen die letzten auf verschiedene Weise, sich
einen besseren Platz zu verschaffen. Fässer werden
herbeigerollt, Wagen herangefahren, Bretter als
Sitzgelegenheiten gelegt, Stühle aufgestellt, Nachbarhügel
besetzt und so entsteht in kurzer Zeit eine
Art Zuschauerraum.
Kommt dann das Schauspiel, oft an derselben Stelle,
baut man Gerüste auf für die Zahlungswilligen,
während das Volk sich so zweckmässig zu helfen
weiss, wie es kann.
Dieses allgemeine Bedürfnis ist das Thema des Architekten,
der einen solchen Zuschauerraum durch
seine Kunst so einfach wie möglich gestaltet und
dessen Dekoration das Volk selbst ist. Wenn die
Menschen dort versammelt sind, müssen sie über
sich selbst erstaunt sein.
Sonst sind sie es gewohnt, sich ungeordnet und ohne
grössere Disziplin in einem Gewühl zu sehen. Dort
vereinigt sich die vielköpfige, vielsinnige, schwankende,
schwebende Menge zu einem Ganzen, zu
einer Einheit, gebunden und gefestigt, beinahe belebt
von einem Geist.
Die Schlichtheit der ovalen Form wirkt auf jedes
Auge angenehm, und jeder Kopf dient als Mass
dafür, wie gross das Ganze ist. Wenn man das Amphitheater
leer sieht, hat man keinen Massstab und
weiss nicht, ob es gross oder klein ist.
Da es aus Marmor gebaut ist, wird es für weitere
Jahrtausende erhalten bleiben.
Arena di Verona - Credit by FotoEnnevi/Fondazione Arena di Verona
91
Im Schatten der Arena di Verona
Auf den Spuren der Zeit.
92
Verona ist weit mehr als die Stadt von
Romeo und Julia. Sie ist ein Geflecht
aus Geschichte, Kunst und Mythen
– eine Bühne, auf der sich seit Jahrhunderten
das grosse Drama der
Menschheit entfaltet. Doch hinter den bekannten
Schauplätzen offenbart sich ein zweites, leiseres Verona:
voller Geheimnisse, verborgener Winkel und
kleiner Geschichten, die die Seele der Stadt spürbar
machen.
Der Brunnen der Liebe – Pozzo dell’Amore
Versteckt in einem Innenhof im Vicoletto San
Marco in Foro liegt ein Ort, den nicht jeder Besucher
Veronas entdeckt: der „Pozzo dell’Amore“.
Der Brunnen erzählt eine tragische Geschichte von
Liebe und Mut – oder vielleicht von Verzweiflung.
Hier soll der junge Soldat Corrado di San Bonifazio
in die eisigen Fluten gesprungen sein, nachdem
seine geliebte Isabella ihn verspottete, er solle doch
die Kälte seines Herzens beweisen. Von Schuld
getrieben, folgte sie ihm. Ob Mythos oder Wahrheit
– dieser stille Winkel erinnert an die Macht der
Emotionen, die Verona seit Jahrhunderten prägen.
Veronetta – das „kleine Verona“
Auf der anderen Seite der Etsch liegt Veronetta, ein
Viertel, dessen Name ebenso vielschichtig ist wie
seine Geschichte. Während der französischen Besatzung
wurde das Gebiet einst spöttisch „Veronette“
genannt – als Anspielung auf die österreichischen
Truppen, die dort stationiert waren. Heute ist
Veronetta ein lebendiges Viertel voller Lokalkolorit
und kreativer Energie, wo Historie und Gegenwart
harmonisch ineinanderfliessen.
Bocche delle Denunce
Spaziert man durch die Gassen Veronas, stösst man
auf merkwürdige steinerne Fratzen – die sogenannten
„Bocche delle denunce“. In vergangenen Zeiten
dienten sie den Bürgern als geheime Anlaufstelle,
um Missstände oder Verbrechen anonym zu melden.
Was heute wie eine kuriose Verzierung erscheint,
war einst Teil eines ausgeklügelten Rechtssystems,
das Ordnung und Gerechtigkeit wahren
sollte.
Mozarts Initialen in Stein
Auch andere Geister zogen durch Verona – unter
ihnen Wolfgang Amadeus Mozart. Der junge Komponist
besuchte die Stadt 1770 und hinterliess ein
kleines Zeichen seiner Anwesenheit: seine Initialen,
eingraviert in die Orgel der Kirche San Tomaso Becket.
Noch heute kann man sie dort entdecken – ein
stilles Andenken an den 14-jährigen Virtuosen und
an jene Zeit, in der Musik und Aufbruchsstimmung
Europa prägten.
So zeigt sich Verona mit jedem Schritt neu – ein
Ort, an dem Geschichte greifbar wird und selbst die
leisesten Legenden noch in den alten Mauern nachklingen.
Die Arena – ein Erbe im Klang der Ewigkeit
Wer durch die Piazza Bra tritt, steht unweigerlich
vor ihr – der Arena von Verona. Sie ist das Herz
der Stadt und eines der eindrucksvollsten Zeugnisse
römischer Baukunst ausserhalb Roms. Schon im
ersten Jahrhundert nach Christus erbaut, zeugt sie
bis heute von italienischem Erfindungsreichtum,
architektonischer Präzision und dem ungebrochenen
Bedürfnis des Menschen nach Spektakel und
Gemeinschaft. Doch hinter ihrer gewaltigen Fassade
verbirgt sich eine Geschichte, die weit über die
grossen Opernfestspiele hinausreicht.
Ursprünglich konnte die Arena rund 30.000 Zuschauer
fassen, die hier zusammenkamen, um Gladiatorenkämpfe,
Hinrichtungen und öffentliche
Spiele zu verfolgen. Die perfekte Akustik, die noch
heute Staunen hervorruft, war schon damals kein
Verona - Credit by Tom Podmore | unsplash.com
Zufall, sondern Ergebnis millimetergenauer Planung
der römischen Baumeister. Doch das imposante
Bauwerk blieb nicht unversehrt: Ein schweres
Erdbeben im Jahr 1117 erschütterte Verona und
liess grosse Teile des äusseren Runds einstürzen.
Statt die Steine zu entsorgen, nutzten die Bürger
Veronas sie weise – sie wurden zum Wiederaufbau
der Stadt verwendet, und so trägt Verona bis heute
buchstäblich Bruchstücke seines berühmtesten Monuments
in sich.
Über die Jahrhunderte erlebte die Arena wechselvolle
Zeiten. Sie diente als Zufluchtsort, als Marktfläche
und – weniger bekannt – als Lager. Bis in
die 1930er Jahre hinein wurden hier Baumaterialien
gelagert, etwa die Steine des römischen Gavi-Bogens,
den die napoleonischen Truppen 1805
abreissen liessen. Erst im 20. Jahrhundert, mit der
Wiederentdeckung des Ortes als Bühne, kehrte die
Arena zu dem zurück, was sie von Beginn an war:
ein Ort des Klanges, der Emotion und der grossen
Geste.
In den Sommermonaten verwandelt sie sich in ein
überdimensionales Opernhaus unter freiem Himmel.
Wenn die Sonne über den rötlichen Steinen
versinkt und die ersten Töne von Verdi oder Puccini
durch die Nacht schweben, scheinen die Jahrtausende
zu verschwimmen. Zwischen archaischem
Stein und goldenem Licht verschmilzt Geschichte
mit Gegenwart – genau dieser Augenblick macht
die Magie der Arena aus.
Vielleicht ist das das Geheimnis dieses Ortes: Er erzählt
keine ferne Vergangenheit, sondern lässt sie
leben. Jeder Schritt über die abgenutzten Stufen,
jeder Klang, der sich über den Platz erhebt, ist Teil
eines nicht enden wollenden Dialogs zwischen Antike
und Moderne.
Für Reisende, die Verona mit allen Sinnen erleben
möchten, ist die Arena nicht nur ein Pflichtstopp,
sondern ein Gefühl – ein Echo der Geschichte, das
bis heute nachhallt.
Verona - Credit by Hongbin | unsplash.com
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Von links oben im Uhrzeigersinn:
VW Käfer in einer Gasse,
die Arena di Verona, Mauern
der Arena, Piazza delle Erbe,
Piazza Bra und die Arena, Blick
über die Stadt in der Abendsonne
und in der Mitte die grüne
Türe irgendwo in der Stadt.
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Piazza delle Erbe
Auf den Spuren der Geschichte.
Wer heute über den Marktplatz
von Verona schlendert, bewegt
sich auf Boden, der seit über
zwei Jahrtausenden das Leben
der Stadt atmet. Einst war dies
das Forum der Römer, ein Ort für Handel, Begegnung
und öffentliche Spiele. Heute empfängt der
Platz Besucher mit einer einmaligen Mischung aus
Antike, Mittelalter und Barock – ein lebendiges Geschichtsbuch
unter freiem Himmel.
Umrahmt von prachtvollen Gebäuden wie der Casa
dei Giudici und dem barocken Palazzo Maffei, entfaltet
der Platz seine ganze architektonische Vielfalt.
Die Fassade des Palazzo Maffei, geschmückt
mit Statuen griechischer Götter, erzählt von jener
Zeit, als Kunst und Macht untrennbar verbunden
waren. Davor ragt die marmorne Säule mit dem
Markuslöwen, dem stolzen Symbol der Republik
Venedig – ein stiller Zeuge der Epoche, als Verona
zum venezianischen Herrschaftsgebiet gehörte.
An der nordwestlichen Seite des Platzes leuchten
noch immer Fresken vergangener Jahrhunderte
an den Hausfassaden, die sich einst auf dem römischen
Kapitolshügel erhoben. Hier steht auch
die Casa dei Mercanti, das „Haus der Kaufleute“,
errichtet 1301 – heute Sitz der Banca Popolare di
Verona. Ihre Zinnenfassade verleiht dem Platz eine
fast wehrhafte Eleganz. Neben dem Palazzo Maffei
erhebt sich der Torre del Gardello, ein Uhrturm
aus dem Jahr 1370, und nur wenige Schritte weiter
bietet der höhere Torre dei Lamberti einen atemberaubenden
Blick über das historische Zentrum.
Im Zentrum des Platzes aber zieht ein kunstvolles
Meisterwerk alle Blicke auf sich: der Brunnen der
Madonna Verona, geschaffen 1368 von Cansignorio
della Scala. Die Statue selbst datiert zurück
ins Jahr 380 n. Chr. – eine römische Göttin, die
zur himmlischen Schutzpatronin der Stadt wurde.
Ringsum erzählen weitere Säulen und Reliefs mit
Darstellungen von Heiligen und der Jungfrau Maria
von Jahrhunderten des Glaubens und der Wandelbarkeit
der Zeit.
Wer in den frühen Morgenstunden kommt, wenn
die Marktstände aufgebaut werden und die ersten
Sonnenstrahlen die Fassaden in warmes Licht tauchen,
spürt, wie sich Vergangenheit und Gegenwart
miteinander verweben. Dann verwandelt sich der
Platz in das, was er immer war: das pulsierende
Herz Veronas – ein Ort der Begegnung, der Geschichte
und des ewigen Charmes der Stadt.
Verona - Credit by Gabriele Rampazzo | unsplash.com
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Biblioteca Capitolare
Im Licht eines goldenen Nachmittags.
Meine Teure,
kaum ein Ort hat mich so still ergriffen
wie die Biblioteca Capitolare, jene ehrwürdige
Schatzkammer des Geistes, verborgen hinter
den Mauern des Dombezirks. Man sagt, sie sei
die älteste Bibliothek der Welt, die noch lebt – und
ich glaube es gern. Hier atmet jedes Pergament,
jeder Einband eine Zeit, da das Denken noch von
Andacht getragen war.
Ich wandelte in den Hallen, geführt von Monsignore
Bruno Fasani, einem Mann von scharfer Beobachtung
und milder Seele. Mit Erzählkraft, die dem
alten Italien eigen ist, öffnete er für mich verborgene
Räume: die kühle Krypta unter Sant’Elena, wo
die Anfänge des Christentums in Verona greifbar
scheinen, und die Kammer, in der das sogenannte
Indovinello Veronese ruht – die älteste Spur unserer
Sprache, ein unscheinbares Rätsel, das doch wie ein
erster Pulsschlag der italienischen Dichtung klingt.
Dort, im Licht, das durch das hohe Fenster der Archidiakon-Pazifik-Halle
fiel, glaubte ich für einen
Augenblick Dante selbst zu erkennen, seinen Schatten
zwischen den Regalen. Ich dachte an uns beide,
an die Macht des Wortes, das sich über Jahrtausende
erhält, und schrieb – leise, nur für dich – meinen
Namen auf das Herz dieser Erinnerung.
Wenn du dereinst nach Verona kommst, so geh
diesen Weg: Folge dem Klang der Kirchenglocken,
tritt durch das Tor der Capitolar bibliothek und lass
dich führen von jenem ehrwürdigen Geist, der hier
seit fünfzehnhundert Jahren die Worte bewahrt.
Dein J.W.G
Biblioteca Capitolare - Credit by Marco Almbauer
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Ponte in Verona - Credit by Julia Solonina | unsplash.com
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Venezia - die ewige Bühne
Zwischen den Massen, steigenden Fluten und Sehnsucht.
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Venedig – Cannaregio
Das Flüstern der Kanäle.
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Die Glocken vom Campiello dei Miracoli
läuten gerade zur sechsten
Stunde, als ich die schwere Holztür
meines Hotels hinter mir zuziehe.
Draussen liegt Nebel über der Rio
di San Girolamo wie ein seidenes Tuch, das jemand
achtlos über die schlafende Stadt geworfen hat. Die
Gondeln schaukeln träge an ihren Pfählen. Sie sind
noch nicht bereit für die Touristen, die in wenigen
Stunden mit Kameras und Selfiesticks durch die
Gassen strömen werden. Doch jetzt, in dieser blauen
Stunde zwischen Nacht und Tag, gehört Venedig
mir allein.
Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch und folge
dem schmalen Uferweg, an dem das Wasser leise
gegen die Fundamente schwappt – ein Geräusch,
das so alt ist wie die Stadt selbst. Ausser einer verschlafenen
Katze, die auf einem Brückenpfeiler
döst, nimmt niemand Notiz von mir. In der Ferne,
kaum mehr als ein Schatten im Morgendunst,
schiebt sich ein Fischer mit seinem Boot durch den
Kanal. Ich hebe kurz die Hand zum Gruss und er
grüsst zurück, obwohl wir uns noch nie begegnet
sind und uns vermutlich nie wieder begegnen werden.
So sind die Morgen in Cannaregio: voller kleiner,
bedeutungsloser Momente, die sich anfühlen,
als hätte man nur auf sie gewartet.
Die Calle del Forno verschluckt dich mit ihrer Enge.
Links und rechts ragen die ockerfarbenen Häuser
auf, so nah beieinander, dass die Wäscheleinen
zwischen ihnen wie Girlanden spannen. Ein blauer
Bettbezug flattert über meinem Kopf, daneben
ein Kinderhemd, weiss mit roten Punkten. Ich gehe
langsamer jetzt, fast zögernd, als würde ich durch
das Wohnzimmer fremder Menschen spazieren –
was im Grunde auch stimmt. Hier leben sie noch,
die Venezianer, in ihren Häusern mit den schiefen
Türrahmen und den Geranien auf den Fensterbänken.
Hier hängen keine Souvenirshops ihre glitzernden
Masken aus, hier gibt es keine Speisekarten
in zwölf Sprachen.
Der Duft von frischem Espresso und warmem Brot
lockt mich um die nächste Ecke. Die Zanzibar hat
Venezia - Credit by Liubov Ilchuk | unsplash.com
Venezia - Credit by Moira Nazzari | unsplash.com
Venezia - Credit by Birger Strahl | unsplash.com
kein Schild, nur grüne Sonnenstores und eine kleine
Terrasse. Dort setze ich mich, nachdem ich an
der Bar einen Espresso mit einer Spremuta di Limone
und ein Croissant al Pistachio bestellt habe.
„Tedesco?“, fragt mich ein Venezianer, der hier
seinen Espresso geniesst, während ich auf meine
Bestellung warte. „Svizzero“, antworte ich, und
sein Gesicht erhellt sich. Er beginnt zu erzählen, in
einem Italienisch, das ich nur zur Hälfte verstehe,
aber vollständig fühle. Er erzählt von seiner Familie,
die seit fünf Generationen in diesem Viertel
lebt. Von seinem Grossvater, der Fischer war. Von
seinem Sohn, der die Fischrechte nicht übernehmen
wollte, weil er in Mestre ein besseres Leben
suchte. „Ma qui Venezia respira ancora“, sagt er
und legt dabei die Hand aufs Herz. Mit meinem
Nicken und dem vollen Mund, in dem sich das cremige
Croissant auflöste, verstand ich ganz genau,
was er meint.
Draussen hat sich der Nebel gelichtet und die Sonne
malt die ersten goldenen Streifen auf die Fassaden.
Ich folge mehr meinem Instinkt als irgendeinem
Plan, biege mal links, mal rechts ab und lasse mich
treiben wie eine Gondel ohne Gondoliere. So finde
ich die Chiesa Madonna dell’Orto fast zufällig,
wie man in Venedig alle schönen Dinge findet. Die
gotische Kirche ragt wie eine Vision aus einer anderen
Zeit vor mir auf, ihre Backsteinmauern sind
rau und ehrlich, ohne den Prunk von San Marco.
Um diese Uhrzeit ist die schwere Holztür nur angelehnt
und ich schlüpfe hinein in eine Stille, die nach
Weihrauch von Jahrhunderten riecht.
Tintorettos Meisterwerke hängen hier in einem
Licht, das durch die hohen Fenster fällt und wie
flüssiges Gold wirkt. Ich stehe so nah davor, dass ich
die Risse in der Farbe und die Pinselstriche sehen
103
kann, die der Künstler vor Hunderten von Jahren
gesetzt hat. Es gibt keine Absperrung und auch keinen
Museumswärter, der mich wegschickt. Nur ich
und diese Gesichter, die aus der Dunkelheit hervortreten
– Menschen aus Fleisch und Blut, wie die Fischer
draussen am Kanal, wie Vittorio bei der Zanzibar.
Das ist das Venedig, das auf Postkarten nicht
zu sehen ist: nicht perfekt, nicht poliert, aber echt.
Noch heute trage ich die Bilder dieser Kirche in
meinem Kopf – und in meiner Seele. Wenn ich an
meine Reise nach Venedig zurückdenke, erscheinen
mir die Eindrücke der Chiesa Madonna dell’Orto
so lebendig, als wäre ich eben erst durch ihr Portal
getreten. Vor meinem inneren Auge leuchtet das
monumentale Jüngste Gericht im Altarraum auf,
umgeben von weiteren erhabenen Gemälden, die
den Raum mit stiller Ergriffenheit füllen. Die gotische
Architektur, mit ihrer markanten Backsteinfassade,
den schlanken Säulen und der lichten, fast
ätherischen Atmosphäre hat sich tief in mir verankert.
Diese Kirche – ein verborgenes Juwel im Sestiere
Cannaregio – bleibt eines jener seltenen Orte,
die nicht nur das Auge, sondern auch die Seele berühren.
Als ich wieder ins Freie trat, hatte sich die Stadt
verwandelt. Die Sonne stand jetzt höher und warf
scharfe Schatten auf das Kopfsteinpflaster. Am Ufer
des Rio lehnen ein paar alte Männer am Geländer,
rauchen und unterhalten sich in jenem singenden
Venezianisch, das wie eine eigene Musik klingt.
Eine Frau in Schwarz füttert Tauben mit Brotkrumen
aus ihrer Schürzentasche. Fischer reparieren
geschickt und schnell ihre Netze, während sie
über Politik streiten. Ich setzte mich auf die warme
Steinmauer, liess die Füsse über dem Wasser baumeln
und für einen Moment war ich kein Tourist
mehr, sondern einfach jemand, der hier war.
Venezia - Credit by Andreas M. | unsplash.com
Venezia - Credit by Benjamin Raffetseder | unsplash.com
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Venezia - Credit by Ekaterina Zagorska | unsplash.com
Venezia - Credit by Ilia Bronskiy | unsplash.com
Der Hunger führt mich schliesslich in die Lista di
Spagna. Ich lasse mich von der Hauptstrasse in eine
Seitengasse treiben, der Nase nach. Die Trattoria
hat keine Fassade, die nach Aufmerksamkeit schreit.
Sie hat nur ein handgeschriebenes Menü an der
Tür und es weht der Geruch von Pasta durch das
offene Fenster. Drinnen sitzen Bauarbeiter in Overalls
neben elegant gekleideten Signori und Signore.
Der Kellner – ein Mann mit grauen Schläfen und
einem Lächeln, das seine ganze Lebensgeschichte
zu erzählen scheint – führt mich zu einem Tisch
am Fenster.
Nach dem genüsslichen Mittagessen – einer einfachen,
aber vollkommenen Kombination aus Pasta
al nero di seppia und einem Glas gekühltem Weisswein
– bleibe ich noch einen Moment sitzen, beobachte
das sanfte Kommen und Gehen der Gäste,
das Klirren der Teller, das gedämpfte Murmeln von
Stimmen. Als ich bezahle, nickt mir der Kellner zu,
als hätte er längst gewusst, dass ich nicht zufällig
hier gelandet bin.
Draussen empfängt mich ein süsslicher Duft nach
Kaffee und Meer. Ich schlendere durch die Gassen
Richtung Ferrovia, die Sonne verschiebt ihre Farbe
langsam ins Goldene. Die Mauern strahlen Wärme
ab, Wäsche hängt über den schmalen Wegen, Boote
klatschen leise ans Ufer. An der Vaporetto-Station
wartet schon die Linie 5.1 – die Boote kommen
und gehen im Takt eines Rhythmus, der nur hier
existiert.
Ich steige ein, setze mich an die Reling und als sich
das Wasser teilt, gleitet die Stadt vorbei: Fassaden,
Brücken, Spiegelungen. Hinter mir bleibt Cannaregio,
vor mir Dorsoduro – Zattere, die lange Promenade,
wo das Licht der Lagune breiter wird und die
Luft nach Freiheit schmeckt.
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Venedig – Dorsoduro
Sonnenuntergang am Zattere.
Auf den festen Wegen von Dorsoduro,
wo der Boden nicht wie in den
touristisch überschwemmten Zonen
wankt, wandere ich mit meiner Leica
um den Hals und geniesse die frische
Brise, die vom Meer her weht. Goethe hätte diesen
Sestiere geliebt – den „ruhigen Riesen“ mit seinen
weiten Uferpromenaden, wo der Wind vom Giudecca-Kanal
Freiheit flüstert. „Hier atmet Venedig
aus“, notiere ich, inspiriert von Goethes Lob der lagunenhaften
Weite, fernab des Gedränges.
Dorsoduro beginnt an der Punta della Dogana,
wo sich der Canal Grande und der Giudecca-Kanal
treffen. Hier gibt es keine Menschenmassen,
sondern nur Möwen und das ferne Tuckern eines
Vaporettos. Ich schlendere die Zattere entlang, die
das Rückgrat Dorsoduros bildet. Hier gibt es breite
Wege, auf denen man spaziert, ohne sich um
Ellbogenkriege kümmern zu müssen. Goethe, der
Naturfreund, würde die Aussicht preisen. Elegante
Bauwerke wie die Basilica del Santissimo Redentore
oder die Accademia di Belle Arti di Venezia
ragen empor, während sich die Sonne im Wasser
spiegelt. Ich halte an einer Bank inne, atme tief ein
und geniesse das Licht, die Ruhe und die Wogen im
Wasser. Es ist ein wunderbares Gefühl, in ein Venedig
voller Geschichte einzutauchen.
In der Nähe der Galleria dell’Accademia, die Goethe
als Hort der Kunst verehrt hätte, betrete ich
ein kleines Café. Ein Ombra, eine Mischung aus
Weisswein und Prosecco, und eine Schale mit Baccalà
mantecato werden mir serviert. Der Wirt, ein
alter Künstler, plaudert über venezianische Maler:
„Dorsoduro nährt die Seele.“ Ich lächle
und denke an Goethes Epigramme über die „freie
Luft“ der Lagune. Draussen spaziere ich weiter zur
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Venezia - Credit by Jano & Oliver World Walkers
Peggy Guggenheim Collection, doch statt mich in
die Touristenströme zu begeben, wählte ich einen
Umweg über den Campo Santa Margherita, der
lebendig, aber entspannt ist und auf dem Märkte
stattfinden und Kinder spielten.
Am späteren Nachmittag finde ich ein wenig Ruhe
im Giardino degli Estrosi, einem versteckten Garten,
wo Zitronenbäume duften und Bänke zum
Träumen einladen. Hier, abseits der Massen, spürt
ich Goethes Sehnsucht nach Harmonie: Mensch
und Natur im Einklang. Der Sonnenuntergang
malt den Himmel purpur, während ich am Ufer
des Grand Canale sitze, einen Aperitivo geniesse.
Touristen kehren heim, Paare flanieren. „Dorsoduro
ist Venedigs Geheimnis“, murmele ich vor mich
dahin, „wo die Zeit still steht und die Seele tanzt.“
Als die Nacht hereinbricht, kehre ich mit dem Vaporetto
heimwärts, mein Herz voller Poesie und mit
dem Wunsch, am nächsten Tag zurückzukehren
und das wunderbare Collezione Peggy Guggenheim
zu besuchen, bevor ich weiter nach Chioggia
reise. Goethe würde zustimmen. Man entschleunigt
in Dorsoduro, atmet die Lagune und entdeckt Venedig
neu – authentisch und unberührt.
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Ferrara, die zauberhafte Renaissance-Stadt
Auf den Spuren von Freiheit und Erinnerung.
Wer Ferrara zum ersten Mal besucht,
spürt rasch, dass Zeit hier
anders vergeht. Die Stadt liegt
zwischen der Weite der Poebene
und den Erinnerungen an
die Renaissance – eine stille Bühne aus Backstein,
unter deren Arkaden Geschichte flüstert. Wer heute
durch diese Gassen spaziert, vorbei an den roten
Mauern, die noch das Echo vergangener Jahrhunderte
in sich tragen, ahnt kaum, dass diese Stadt
einmal ein Zufluchtsort für Verfolgte und Visionäre
war.
Hinter sanften Fassaden, in schmalen Gassen und
unter den Schatten jahrhundertealter Mauern begegnet
man nicht nur den Herzögen von Este, den
grossen Humanisten und Künstlern, sondern auch
einer Frau, die Ferrara für kurze Zeit zu ihrem Zufluchtsort
machte: Gracia Nasi. Im Jahr 1549 kam
sie hierher – eine wohlhabende Exilantinn, Bankerin,
Humanistin und heimliche Retterin unzähliger
Leben. In Portugal als Beatrice de Luna Mendes
bekannt, hatte sie über Jahre hinweg ein Netz von
Fluchtrouten geschaffen, das Hunderte verfolgter
Juden vor der Inquisition rettete.
In Ferrara fand sie nach Jahren der Flucht endlich
jenen Moment der Befreiung, auf den ihr Leben
zulief: den Augenblick, in dem sie sich wieder Gracia
Nasi nennen konnte. Zum ersten Mal durfte sie
offen ihren Glauben leben, ohne Angst, ohne Masken.
Ferrara wurde so zu mehr als nur einer Etappe
– es wurde zu einem Ort des Übergangs zwischen
Angst und Aufbruch, zwischen Verbergen und öffentlicher
Würde. Gracia Nasi fand in Ferrara Befreiung
von Angst, Verstellung und Fremdbestimmung
– eine Befreiung, die sowohl geistig als auch
existenziell für sie war.
Ferrara - Credit by Archivio fotografico del comune di Ferrara
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Das Ferrara, das sie vorfand, war ein lebendiges
Zentrum der europäischen Renaissance. Humanisten
wie Ariost und Tasso prägten das geistige Klima;
Kunst und Wissenschaft standen im Dienst von
Aufklärung und Vertrauen in den Menschen. Der
Herzog von Este begrüsste wohlhabende jüdische
Familien mit Respekt, wissend, dass sie Bildung,
Kultur und Handel bereichern würden.
Für Gracia, die ihr Leben zwischen Mut und Diplomatie,
Intrigen und Flucht geführt hatte, muss
dieser empfangende, humanistische Hof eine Stadt
des Atemholens gewesen sein.
Hier konnte sie nicht nur wirken, sondern Spuren
hinterlassen: Sie unterstützte Gelehrte und Studenten,
half mittellosen Familien, gründete soziale Einrichtungen
und finanzierte die berühmte Biblia de
Ferrara – die erste Bibelübersetzung ins Spanische,
gedacht für jene, die in geheimen Räumen und
Flüstertönen ihre jüdische Identität bewahrt hatten,
damit sie wieder lesen und verstehen konnten.
Noch heute lässt sich dieser Geist spüren: In den
Innenhöfen der Renaissancehäuser, in den stillen
Seiten der Altstadt, in den Archiven und in den
Schatten der Synagoge in der Via Mazzini, wo das
jüdische Leben der Stadt einst blühte. Ferrara ist
UNESCO-Weltkulturerbe – und doch wirkt es erstaunlich
unentdeckt. Man spaziert durch Strassen,
die fast unverändert seit dem 16. Jahrhundert erscheinen,
folgt den schmalen Pflasterwegen zwischen
Palästen, Höfen und Kirchen und manchmal
scheint es, als könne Gracia gleich um die Ecke
treten, ihr Mantel ins Licht der Nachmittagssonne
gleitend.
Ferrara ist nicht laut, nicht prunkvoll, nicht eitel.
Ihre Schönheit liegt im Gleichgewicht zwischen
Geschichte und Gegenwart, zwischen Geist und
Stille. Wer Ferrara durchwandert, folgt nicht nur
den Spuren Gracia Nasis, sondern begegnet einer
Stadt, die lehrt, dass sich Identität immer wieder
neu erschaffen lässt – im Widerstand, im Glauben,
in der stillen Beharrlichkeit einer Frau, die nie aufgab,
sie selbst zu sein.
Für Reisende, die sich selbst und die Spuren von
Mut und Identität suchen, ist Ferrara ein Ort der
Einkehr – ein Resonanzraum für innere Fragen.
Und wer ihren Wegen folgt, findet hier, im Herzen
der Emilia, vielleicht dasselbe, was Gracia Nasi
einst fand: den Mut, als Mensch sichtbar zu sein.
109
110
Von Links obe
e Trieste, Trep
onda Foschin
Rotonda in d
Giorgio und I
n im Uhrzeigersinn: Piazza Trento
ponti-Brücke in Comacchio, Roti
von Innen und Stadt Ferrara mit
er Vogelschau, Cattedrale di San
nnenhof des Castello Estense
Ferrara - Credit by Archivio fotografico del comune di Ferrara
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Bologna
“la Dotta, la Rossa, la Grassa“.
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Ferrara - Credit by Joshua Kettle | unsplash.com
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Portico Pavaglione - Bologna - Credit by Lorenzo Burlando
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Bolognas Seele pulsiert in ihrer Geschichte:
Vor 2500 Jahren etruskische
Felsina, dann römische Bononia, ein
Knotenpunkt der Via Aemilia. Im Mittelalter
ein Freistaat im Lombardenbund,
mit 180 Türmen, von denen die schiefen Asinelli
(97 m) und Garisenda (48 m) heissen – kletterst
Du hoch, spürst Du den Wind! Der Heilige Petronius
liess nach Gotenplünderungen Santo Stefano
bauen. Renaissance blühte unter den Bentivoglio,
bis Papst Julius II. 1506 einmarschierte. Heute: La
Dotta (die Gelehrte), la Grassa (die Fette), la Rossa
(die Rote) aus Ziegeln und Leidenschaft.
Goethe war 1786/87 auf seiner Italienischen Reise
auch in Bologna und beschreibt die Stadt als gelehrtes,
künstlerisches und zugleich lebensvolles
Zentrum. Die Universität, die Malerschule und
die Arkadenarchitektur haben ihn sichtbar beeindruckt.
Er hätte „la Dotta“ wohl mit Hochachtung
bestätigt, als Sinnbild für das humanistische,
wissenschaftliche Italien, das seine klassische Bildungsträumerei
nährte. „La Rossa“ hätte er zu seiner
Zeit primär als Farbcharakter der Stadt wahrgenommen
– die warmen Ziegel, die Dächer, das
Licht. Die heutige politische Konnotation mit der
Farbe Rot wäre ihm fremd gewesen. „La Grassa“
schliesslich hätte er vermutlich mit einem gewissen
Vergnügen, vielleicht sogar ambivalent, kommentiert:
einerseits Faszination für die Fülle, Sinnlichkeit
und Gastfreundschaft der Bologneser Küche,
andererseits sein klassizistisches Ideal von Mass und
Harmonie, das allzu grosse Üppigkeit mit kritischer
Distanz betrachtet.
In Goethes Begriffswelt liesse sich Bologna so als
eine Art Trias fassen: eine Stadt der Bildung (Dotta),
der Sinnlichkeit (Grassa) und der Farbe/Lebenswärme
(Rossa), in der sich Geist, Körper und
Atmosphäre zu einem ganzheitlichen Eindruck Italiens
verbinden – genau jene Synthese, nach der er
auf der Italienischen Reise suchte.
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten
Sommer 1980 in Bologna, ein paar Wochen
nach jenem schmerzlichen Tag, an dem die
Stadt durch das Attentat am Bahnhof ihre
Lebendigkeit verlor. Es war heiss, flirrend
heiss, doch das Leben hatte längst wieder begonnen,
sich in den Strassen und Arkaden zu bewegen,
als wolle es das Schweigen der Tragödie mit Stimmen,
Düften und Bewegung vertreiben. Ich hatte
mir vorgenommen, die Stadt unter ihren berühmten
Arkaden zu durchwandern – jene 64 Kilometer,
die Bologna miteinander verweben wie die Linien
einer Hand, die seit Jahrhunderten Menschen
schützt, führt und willkommen heisst.
des Landes klarer. Zwischen den rufenden Verkäufern,
dem Lachen der Alten, die ihre Taschen mit
frischem Gemüse und Früchten füllen, und dem
geduldigen Warten vor einer Rosticerria zeigt sich
das, was man in Büchern nicht findet – eine Haltung
zum Leben, eine gelebte Menschlichkeit.
Von dort führte mich der Weg über die Via Ugo
Bassi, immer unter Arkaden, die den Himmel in
kleine Ausschnitte zerlegten. Die Sonne leuchtete
durch die hohen Bögen, rotbraun und ockerfarben,
und ich fand mich bald vor dem portalgeschmückten
Gebäude des Mercato delle Erbe wieder.
Mercato di Mezzo - Credit by Wildlab
Ich begann meinen Weg an der Piazza Maggiore,
dem Herz der Stadt. Unter den breiten Gewölben
der Via dell’Archiginnasio lag der Schatten kühl,
die Marmorsäulen trugen Geschichten aus Jahrhunderten.
Gegen Mittag füllte sich der Platz mit
Stimmen, Studenten, Musikern und Reisenden,
die wie ich zwischen Erwartung und Erinnerung
standen. In den kleinen Gassen des Quadrilatero,
gleich hinter der alten Börse, begannen die Düfte
zu tanzen: frisch geschnittene Mortadella, Parmigiano
Reggiano, Balsamico in schweren Flaschen.
Der Mercato di Mezzo war wie ein lebendes Museum
der Sinne. Händler riefen Preise, Messer blitzten
auf, Wein floss in kleine Gläser, und selbst der
Staub der Früchte auf den Holztischen schien von
Sonnenlicht überzogen.
Hier begriff ich, was ich heute oft in meinen Reisen
wiederfinde: Wer Italien verstehen will, muss
seine Märkte verstehen. Kein Ort spiegelt die Seele
Mercato delle erbe Bologna - Credit by Wildlab
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Mercato delle erbe Bologna - Credit by Wildlab
Es war ein Ort, an dem die Stadt leiser atmete. Zwischen
den Ständen lag das Aroma von Kräutern,
Tomaten und frischem Basilikum – und irgendwo
mischte sich der Geruch nach Kaffee und alten
Holzkisten. Ich setzte mich in eine kleine Osteria
am Rand des Marktes, bestellte Tagliatelle al Ragù
und beobachtete, wie eine ältere Frau sorgfältig Zitronen
in ihrer Tasche sortierte. Ihre Geste war so
ruhig, als habe sie alle Zeit der Welt.
Weiter ging es, Schritt für Schritt, unter den runden
Bögen der Portici, die mich wie Wellen begleiteten.
Manchmal öffneten sie den Blick auf eine Seitenstrasse,
dann wieder schlossen sie sich, und ich
fühlte mich getragen, beschützt. Am Nachmittag
erreichte ich die Piazza VIII Agosto, wo der Mercato
della Piazzola tobte – ein Gewirr aus Stimmen,
Farben, Stoffen, Secondhand-Schätzen und
hausgemachter Pasta. Es war kein Ort der Eleganz,
sondern der Überfülle – der Art, die man entweder
liebt oder nie vergisst. Ich blieb lange dort, weil die
Menschen mich in ihre Geschichten hineinzogen:
Eine Familie aus Modena, die Kleidung verkaufte,
ein alter Mann mit einem Stand voller Handwerksmesser,
die im Sonnenlicht funkelten wie kleine
Kunstwerke.
Santuario della Madonna di San Luca - © by Constantin Mutaf | unsplash.com
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Montagnola Bologna - Credit by Wildlab
Später, als die Schatten länger wurden, führte mich
meine Neugier weiter hinaus in die stilleren Viertel
– über die Via San Isaia hinauf Richtung Porta
Saragozza, wo die bekannteste Arkade der Stadt
beginnt. Der Aufstieg zum Santuario della Madonna
di San Luca zieht sich über fast vier Kilometer
bergauf, 666 gewölbte Bögen lang. Jeder Bogen
ein Atemzug, jeder Schritt eine Erinnerung. Dort
oben, wo die Arkaden sich öffnen und Bologna im
Abendlicht liegt, verstand ich endgültig, was mich
an dieser Stadt so berührt hatte: Sie ist ein Ort, der
seine Wunden nicht versteckt, sondern sie unter
den Arkaden bewahrt – mit Würde, Wärme und jener
stillen Lebenskraft, die so typisch italienisch ist.
Am nächsten Morgen, bevor ich die Stadt verliess,
besuchte ich noch den Mercato Ritrovato, einen
kleinen Bauernmarkt auf der Piazza San Francesco.
Es war ein anderer Klang als im Quadrilatero
– ruhiger, nachdenklicher, fast ländlich. Junge Produzenten
boten Käse aus den Apenninen, Honig,
Wein, Olivenöl aus der Emilia. Ich kam mit einigen
ins Gespräch und wieder wurde mir klar: Das Verstehen
Italiens beginnt nicht bei seinen Monumenten,
sondern bei seiner Alltäglichkeit – beim Austausch,
beim Geschmack, beim Beisammensein.
Wenn ich heute an Bologna denke, sehe ich nicht
nur Arkaden aus Stein, sondern Bögen aus Begegnungen,
Stimmen, Düften. Der Weg durch sie war
für mich weniger ein Spaziergang als ein stilles Gespräch
mit der Stadt selbst. Und vielleicht ist es das,
was Bologna am besten kann: Es lässt einen gehen
– Schritt für Schritt – und kehrt dabei doch immer
wieder zurück ins Herz der Erinnerung.
Als ich Bologna betrat, war es mir, als
träte ich nicht bloss in eine Stadt, sondern
in eine lange fortgesetzte Unterhaltung
des menschlichen Geistes
ein. Die Mauern, von der Zeit gerötet,
schienen weniger gebaut als gedacht, und unter
den weitgespannten Hallen wandelten Menschen,
deren Schritte von Jahrhunderten begleitet wurden.
Hier hatte Europa gelernt, sich selbst zu verstehen.
Bologna ist keine Stadt des lauten Glanzes. Ihr Wesen
offenbart sich dem aufmerksamen Blick, dem
geduldigen Verweilen. Schon früh spürt man, dass
hier das Denken nicht als Zierde galt, sondern als
Notwendigkeit. Aus dem Bedürfnis, das Recht zu
ordnen, den Körper zu verstehen und das menschliche
Zusammenleben zu regeln, erwuchs eine Gemeinschaft
von Lehrenden und Lernenden, die sich
nicht von aussen bestimmen liess. Diese frühe Freiheit
der Universität erscheint mir als ein kühner,
beinahe jugendlicher Entschluss der Menschheit,
sich selbst ernst zu nehmen.
Denn Bildung, so wird mir hier deutlich, ist kein
Besitz, sondern eine Bewegung. Die jungen Männer,
die aus fernen Ländern nach Bologna kamen,
brachten nicht nur ihre Fragen mit, sondern auch
ihre Herkunft, ihre Sitten, ihre inneren Unruhen.
In der gemeinsamen Arbeit am Stoff verloren diese
Unterschiede ihr Trennendes und wurden fruchtbar.
So entstand ein Raum, in dem der Einzelne
sich nicht aufgab, sondern vervollkommnete. Ich
erkenne darin jenen Gedanken bestätigt, der mich
stets begleitet hat: Dass der Mensch nur durch
Wechselwirkung mit der Welt zu sich selbst gelangt.
Besonders das Studium des Rechts, dem Bologna
seine frühe Berühmtheit verdankt, erscheint mir in
neuem Licht. Das römische Recht wurde hier nicht
blo bewahrt, sondern neu belebt. Man suchte Ordnung
im Gewordenen, Mass im Überlieferten. Diese
Arbeit des Verstandes, die trennt und verbindet,
vergleicht und urteilt, ist dem künstlerischen Schaffen
nicht unähnlich. Auch dort muss das Mannigfaltige
zur Gestalt finden, um Wirkung zu entfalten.
Form ist nicht Beschränkung, sondern Klarheit.
Was mich jedoch am tiefsten bewegt, ist der Geist
der Selbstverantwortung, der diese Universität von
Anfang an durchzog. Die Lernenden waren nicht
blosse Empfänger, sondern Träger der Bildung. Sie
bestimmten, wen sie hören wollten, und verpflichteten
sich zugleich zur Ernsthaftigkeit des Studiums.
Portico Cavour - Bologna - Credit by Lorenzo Burlando
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In dieser Verbindung von Freiheit und Pflicht liegt
ein Bildungsideal, das zeitlos ist. Denn nur wer sich
selbst fordert, kann wahrhaft wachsen.
Während ich durch die Strassen gehe, wird mir bewusst,
dass Bologna ein frühes Abbild Europas darstellt,
wie es sein könnte: nicht geeint durch Macht,
sondern durch Einsicht; nicht durch Gleichmacherei,
sondern durch gegenseitige Anerkennung.
Die gemeinsame Sprache des Geistes überwand
Grenzen, lange bevor sie politisch gezogen wurden.
Bildung wurde hier zur stillen Diplomatie der Vernunft.
Am Ende des Tages, wenn das Licht sich mildert
und die Stimmen leiser werden, bleibt ein Eindruck
von Dauer. Bologna zeigt mir, dass Bildung kein
abgeschlossenes Werk ist, sondern ein fortgesetztes
Streben. Sie verlangt Geduld, Demut und Mut zugleich.
Wer sich ihr verschreibt, tritt in einen Prozess
ein, der ihn über sich selbst hinausführt. So wie
der Mensch sich bildet, bildet sich auch die Welt
– langsam, tastend, doch unaufhaltsam.
Portico Farini - Bologna - Credit by Lorenzo Burlando
Portico Cavour - Bologna - Credit by Wildlab
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Ferrara - Credit by Manasa Dendukuri | unsplash.com
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