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Baumeister 3/2026

Junge Architekt:innen

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B3

B A U

März 2026

123. JAHRGANG

Das Architektur-

Magazin

MEISTERN

Liebe:r

Alexander Stumm,

Zerina Džubur, Mila Kostović,

Angelika Hinterbrandner,

Dominic Schwab, Frauen bauen,

Architektūros fondas Experiments’

Platform, mais.arch,

(non-)Swiss Architects,

Future Problems Architecture Studio,

was leisten

junge Architekt:innen

eigentlich?

D 19,50 €

A,L 22,00 €

CH 2 6 , 0 0 S F R

0 3

4 1 94673 019509


Was Leistung

heute

bedeutet

TITEL Auf dem Cover sind die Mitarbeiter:innen

an dieser Ausgabe

aufgelistet. Auf den folgenden

Seiten erzählen sie von ihren vielfältigen

Arbeitsrealitäten und

davon, was Architektur alles ist

und sein kann.

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

es gibt Momente, in denen

man ein Heft liest und

merkt: Hier passiert gerade

etwas, das größer ist als das

einzelne Magazin. Genau dieses Gefühl hatte ich bei dieser

Ausgabe. Nicht, weil die Texte besonders laut wären. Sondern

weil sie – ganz im Gegenteil – erstaunlich geschlossen

in dieselbe Richtung denken. Ohne Absprache. Ohne

gemeinsame Agenda. Und gerade deshalb so überzeugend.

Die jungen Architekturschaffenden, die in diesem Heft

zu Wort kommen, eint etwas, das man früher vielleicht als

Widerspruch empfunden hätte: eine enorme Ernsthaftigkeit

– und zugleich eine neue Gelassenheit. Sie tragen eine

geerbte Schuld mit sich, ohne sie ständig zu beschwören.

Klimakrise, Ressourcenverbrauch, soziale Verwerfungen,

ein überhitzter Immobilienmarkt – all das ist präsent.

Aber es lähmt nicht. Es schärft.

Leistung ist für diese Generation kein glänzender Pokal

mehr, den man am Ende eines Projekts hochhält. Leistung

ist ein Prozess. Ein Abwägen. Ein ständiges Justieren

zwischen Anspruch und Realität. Viele der hier vorgestellten

Arbeiten entstehen unter Bedingungen, die alles andere

als ideal sind: knappe Budgets, enge Zeitpläne, komplexe

Beteiligungsprozesse. Und doch – oder gerade deshalb –

zeigen sie eine bemerkenswerte Klarheit in der Haltung.

Auffällig ist auch, wie wenig es um individuelle Profilierung

geht. Stattdessen rückt das Gemeinsame in den Vordergrund:

kollektive Verantwortung, geteiltes Wissen, das Bewusstsein,

Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein. Leistung

wird nicht mehr als Ausnahme verstanden, sondern als

verlässliche Praxis. Nicht spektakulär, sondern wirksam.

Vielleicht stehen wir tatsächlich im Epizentrum einer

Trendwende. Nicht als radikaler Bruch, sondern als langsame,

kaum aufzuhaltende Verschiebung. Weg von der

Idee, dass Architektur vor allem beweisen muss, wie viel sie

kann. Hin zu der Frage, wofür sie das tut – und wofür

eben nicht.

Diese Ausgabe erzählt von jungen Architekturschaffenden,

die Leistung ernst nehmen, ohne ihr hinterherzurennen.

Die Verantwortung übernehmen, ohne sich moralisch zu

erhöhen. Und die zeigen, dass eine neue Architektur nicht aus

großen Parolen entsteht, sondern aus vielen präzisen

Entscheidungen.

Wenn man all das liest, entsteht ein Gefühl, das in unserer

Branche selten geworden ist: Zuversicht. Keine naive.

Eine, die weiß, was auf dem Spiel steht – und trotzdem Lust

hat, weiterzubauen. Genau darin liegt vielleicht die größte

Leistung dieser Generation.

Herzlichst,

Tobias Hager

Chefredakteur

t.hager@georg-media.de

03


II

Ideen

S E I TE 4 6

Kamilė Vasiliauskaitė

S E I TE 4 6

Artūras Čertovas

S E I TE 5 4

Paul Eis

S E I TE 5 4

Max Meindl

S E I TE 6 0

(non-)Swiss Architects

S E I TE 6 4

Klara Jörg

S E I TE 6 4

Julian Raffetseder

Das Heft ist dem Anspruch gewidmet, das breite Tätigkeitsspektrum

des Architekturbegriffs abzubilden.

Dabei wird deutlich, wie stark uns stille Rahmenbedingungen

und Wertbegriffe wie Leistung und Verantwortung

in unserer Arbeit prägen. Es sind vielseitige Arbeitsrealitäten,

denen die Jungen ausgesetzt sind. Umso mehr

dienen sie als Inspirationsquellen dafür, was Architektur-

(arbeit) alles ist und sein kann. Wie kann man heute

den Architekt:innenberuf definieren? Die Mitarbeiter:innen

am Heft auf diesen beiden Seiten antworten – authentisch,

kritisch und konstruktiv.

Inspiration

ab Seite 70

11


Essay

Leistung

ist kein

Selbstzweck

Leistung ist ein großes Wort. Eines dieser Worte,

die man so oft benutzt, bis sie anfangen labbrig zu

werden. In der Architektur ist das nicht anders.

Wettbewerb gewonnen, Projekt realisiert, Quadratmeter

gebaut, Budget gehalten – Leistung. Alles schön.

Alles wichtig. Und trotzdem: Es fühlt sich an, als würde

der Begriff uns zunehmend durch die Finger rutschen.

Nicht, weil Leistung plötzlich unwichtig wäre. Im Gegenteil.

Meiner Meinung nach ist Leistung fundamental. Ohne

Leistung keine Architektur, keine Stadt, kein Fortschritt.

Aber die Frage ist eine andere geworden: Welche Leistung

meinen wir eigentlich noch?

Während meiner Arbeit als Chefredakteur fällt mir etwas

zunehmend auf. Viele junge Architekturschaffende aus allen

möglichen Ländern und Kulturkreisen scheinen in dieselbe

Richtung zu ziehen. Nicht abgestimmt. Nicht verabredet. Und

ganz sicher nicht, weil es gerade en vogue ist. Sondern,

weil sie offenbar dieselbe Irritation teilen. Eine leise, aber

entschlossene Unzufriedenheit mit einem Leistungsbegriff,

der zu kurz oder heutzutage gar nicht mehr greift.

Sie reden weniger über das Objekt. Weniger über die große

Geste. Weniger über das ikonische Bild. Und mehr über

Verantwortung. Über Wirkung. Über Konsequenzen. Über

das, was man nicht baut. Über das, was man ablehnt. Über

das, was man aushält. Ich glaube, dass das keine Leistungsverweigerung

ist. Das ist vielmehr eine Leistungsverschiebung.

Denn Leistung ist heute nicht mehr nur das, was am

Ende steht. Leistung ist der Weg dorthin. Die Entscheidung

unter Druck. Der Verzicht trotz Machbarkeit. Das Aushandeln

im System. Die Haltung gegenüber Auftraggebern, Budgets,

immer engeren und übergriffigeren politischen Realitäten.

Leistung im Allgemeinen ist deshalb nicht weniger geworden

– sie ist komplexer geworden. Schwerer zu greifen und

vor allem unbequemer.

Wer das übersieht, hält Architektur für ein Produkt. Wer hinsieht,

könnte Architektur als übergreifende Verantwortung

verstehen.

Und Verantwortung braucht Öffentlichkeit. Sie braucht

Reibung. Sie braucht Widerspruch. Sie braucht Orte, an

denen nicht nur gezeigt, sondern eingeordnet wird. Genau

hier beginnt die eigentliche Leistung von Architekturmedien.

Architektur entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie

entsteht in Diskursen, in Referenzen, in Kritik, in Vergleichbarkeit

und Vermittlung. Ohne diese kritische Infrastruktur

verkommt Architektur schnell zur reinen Dienstleistung

oder – schlimmer noch – zur ästhetisch aufpolierten

PR-Maßnahme. Schön anzusehen. Schnell konsumiert

WAS LEIST ET EI N A RCH I T EKT U R M AGA ZI N ?

WEITER

19


und noch schneller wieder vergessen. Architekturmedien

dürfen, aus meiner Sicht, keine Begleitmusik sein. Sie

sind Teil der planenden Realität und sollten in Zukunft noch

viel stärker ins Zentrum verschiedener Diskurse rücken.

Schließlich schaffen sie Kontext und schärfen Begriffe. Doch

allen voran widersprechen sie. Sie nerven. Sie sind unbequem.

Und genau deshalb sind sie relevant. In einer Zeit, in

der sich viele Akteure unserer Profession von einem

Greenwashing-Deepdive zum nächsten hangeln und der

Unterschied zwischen Unklarheit und Unwahrheit immer

seltener erkennbar bleibt, ist es die Pflicht eines Architekturmagazins,

genau hinzusehen und offenzulegen, was eigentlich

lieber verborgen bleiben möchte.

„Architekturmedien dürfen, aus

meiner Sicht, keine Begleitmusik

sein. Sie sind Teil der planenden

Realität und sollten in Zukunft noch

viel stärker ins Zentrum verschiedener

Diskurse rücken. Schließlich

schaffen sie Kontext und schärfen

Begriffe.“

Unabhängigkeit. Für Tiefe. Für die Möglichkeit, dass

Architektur nicht nur schneller, höher, effizienter wird –

sondern klüger.

Wir stehen gerade mitten in einer Trendwende. Nicht angekündigt,

nicht kuratiert, sondern beobachtbar. Die jungen

Architekturschaffenden dieser Ausgabe beweisen das

eindrucksvoll. Leistung ist für sie nichts, womit man sich

schmückt. Leistung ist etwas, das man verantwortet. Als

Architekturmedium sehen wir uns nicht als neutrale Chronisten

dieses Wandels. Neutralität ist in Zeiten wie diesen

ohnehin eine bequeme Illusion. Wir verstehen uns als Teil

dieses Prozesses. Als Verstärker, als Korrektiv, als kritische

Infrastruktur einer Disziplin, die sich gerade neu sortiert,

nachdem sie sich vollkommen verloren hatte.

Die Branche wird sich ändern. Das ist keine Prognose, das ist

bereits Realität. Die einzige offene Frage ist, wer bereit ist,

diesen Wandel nicht nur zu konsumieren, sondern mitzutragen.

Leistung bleibt entscheidend. Aber sie misst sich

nicht mehr allein am Ergebnis. Sondern daran, ob wir bereit

sind, Verantwortung zu übernehmen – auch für die Orte,

an denen Architektur öffentlich verhandelt wird.

Natürlich könnte man sagen: Heute ist doch alles da. Online.

Kostenlos. Sofort. Endlos. Bilder, Texte, Podcasts, Videos

und vor allem Meinungen im Sekundentakt. Aber wer glaubt,

dass Masse automatisch Qualität erzeugt und Meinung

automatisch Haltung ist, verwechselt dröhnende Lautstärke

mit Substanz. Algorithmen kennen keine Haltung. Sie kennen

nur Aufmerksamkeit. Kritische Architekturpraxis braucht

aber genau das Gegenteil: Verlangsamung, Auswahl und

vor allem Zuspitzung.

Ein Magazin wie der Baumeister entsteht nicht nebenbei. Er

entsteht durch Zeit, durch Streit, durch redaktionelle Entscheidungen.

Durch Menschen, die sich festlegen und nicht

die nächste Evolution von künstlicher, vermeintlicher,

Intelligenz. So ein Magazin entsteht vor allem durch Menschen,

die „Nein“ sagen. Die andere Dinge größer machen, als sie

auf den ersten Blick scheinen. Das ist Arbeit. Das ist Leistung.

Und ja: Das kostet, wie gute Planung auch, Geld. Deshalb

dieser Appell – offen, ohne Umschweife und ohne schlechtes

Gewissen: Wer eine kritische Architektur will, muss sie

ermöglichen. Wer eine ref lektierte Branche will, muss ihre

Orte tragen. Kostenlos ist kein Naturgesetz. Kostenlos ist

eine Entscheidung. Und oft eine mit Nebenwirkungen. Denn

kostenlos heißt meistens auch, haltungs- und kritiklos,

denn die Abhängigkeiten verschieben sich im kostenlosen

Rahmen automatisch.

Sind wir doch mal ehrlich. Heute zahlt niemand mehr für

Papier. Wenn überhaupt zahlt man für Haltung. Für

TOBIAS HAGER

ist Chefredakteur des BAUMEISTER

und verantwortet darüber hinaus

alle 16 Medienmarken, die bei

GEORG Media erscheinen. Daneben

setzt er als CTO die technologische

Transformation aller

Themen im Unternehmen um.

FOTO: ARCHIV GEORG MEDIA

20 B3 / 26 – UMBRÜCHIG IMPULS IDEEN INSPIRATION


Essay

Ein Plädoyer

für produktiven

Streit

Angelika Hinterbrandner studierte Architektur

und ist als Politikberaterin und Publizistin tätig. Ganz

persönlich zeichnet sie nach, welchen Einfluss

Leistung und Politik aufeinander und auf den Alltag

von Architekt:innen haben und warum aus ihr

selbst keine geworden ist.

Als ich 2011 mein Studium an der TU Graz begonnen habe,

lag die große Welt vor mir. Ich erinnere mich an die Lust,

die ich damals hatte, etwas ganz Großes zu machen, als wäre

es gestern gewesen. Neben den klassischen modernen

Referenzen der großen Namen – Grundriss, Gestalt, Luft und

Licht – begleiteten mich Utopien wie Charles Fouriers

„Phalanstère“ durch mehrere Projekte und bis heute: Die Idee,

dass man als Gestalter:in die Welt mitverändern kann,

war der Ausgangspunkt des Lernens und ein Anker, der mir

Vertrauen in den Weg gab, den ich für mich gewählt hatte.

Der Auftrag, was man im Studium zu tun hatte, um eine „gute

Architektin“ zu werden, war klar: hart arbeiten und neue,

beeindruckende Gebäude entwerfen.

Nun ist aber keine Architektin aus mir geworden. Ich arbeite

inzwischen im politischen Berlin und bin Mitherausgeberin

von „Kontextur“ *. Als wissenschaftliche Büroleiterin für

den Sprecher für Bauen und Wohnen der Fraktion Bündnis

90/Die Grünen konnte ich in den vergangenen Jahren im

Bundestag politische Positionen erarbeiten und an parlamentarischen

Initiativen mitwirken. Rahmenbedingungen

von gebautem Raum und die Frage, wo und wie man etwas

verändern kann, treiben mich (immer noch) um: Wohnungskrise,

HOAI, Vergabe, BauGB, Arbeitsbedingungen, …

Und immer wieder stellt sich in diesem Kontext die Frage:

Welchen Wert hat die Qualität unserer gebauten Umwelt

für unsere Gesellschaft? Und: Wie verstehen wir die Leistung

von Architekt:innen?

ARCHITEKTURLEISTUNG HEUTE

Wenn heute in der Architektur von „Leistung“ die Rede ist,

prallen mindestens drei Ebenen aufeinander: die juristische,

die berufspolitische und die sehr persönliche. Juristisch

ist klar definiert, was Architekt:innen leisten: Die HOAI

listet in neun Leistungsphasen sorgfältig auf, welche Planungs-,

Beratungs- und Überwachungsaufgaben zu erbringen

sind – von der Grundlagenermittlung bis zur Objektbetreuung.

Diese Definition bildet die Grundlage für Verträge

und Honorare. Auf dem Papier wirkt das geordnet, überschaubar,

fast beruhigend.

Seit der Überarbeitung der HOAI 2021 als Reaktion auf das

EuGH-Urteil 2019, mit der die Mindest- und Höchstsätze

gefallen sind, warten Planer:innen auf eine Überarbeitung

der aktuellen Honorarordnung. Teil dieser politischen

wie juristischen Debatte ist ebenso das grundsätzliche Leistungsbild:

Wie sehr wird in Zukunft die Arbeit im Bestand,

WAS LEIST ET DI E A RCH I T EKT U R POLI T I K?

WEITER

31


Bauen im Sinne des Lebenszyklus oder der wachsende

Anspruch im Rahmen von Digitalisierungsprozessen vergütet?

Die Debatte scheint trocken und technisch, und doch

ist sie essenziell für die Praxis: Kann ich meine Mitarbeiter:innen

gut bezahlen? Ist es möglich, Ideen der Bauwende umzusetzen?

Wird die Leistung, die Architekt:innen erbringen,

auch gesellschaftlich anerkannt?

Eine aktuelle Umfrage der Schweizer Zeitschrift „Hochparterre“

zu Arbeitsbedingungen, die wir mit Kontextur

begleitet haben, zeigt folgendes Bild: Knapp die Hälfte

der befragten Architekt:innen und Planer:innen, viele davon

aus der Schweiz, haben das Gefühl, dass ihre Arbeit von

der Gesellschaft eher nicht oder überhaupt nicht wertgeschätzt

wird. Planungsleistung ist also zwar in Paragrafen

gefasst, aber im Alltag vielfach unsichtbar, unterbezahlt

und gleichzeitig symbolisch überhöht. Besonders hart treffen

die aktuellen systemischen Bedingungen des Planens die

junge Generation: In Deutschland schaffen nur sehr wenige

junge Büros den Sprung in eine Praxis, die wirklich baut.

Viele können von den rechtlich definierten Leistungen schlicht

nicht mehr leben.

Parallel dazu wird an Hochschulen kontrovers diskutiert,

wie das Bild des „idealen Architekten“ in Zukunft aussehen

soll. Das männliche Idealbild im schwarzen Rollkragenpulli,

das mein eigenes Studium in den 2010er-Jahren noch

geprägt hat, gilt längst als überholt. Studentische Initiativen

wie „Unmasking Space“ an der ETH Zürich stellen genau

dieses Rollenbild infrage: Sie suchen nach feministischen,

queeren, dekolonialen und kollektiven Perspektiven und

fordern eine Praxis, die nicht mehr um einzelne Starfiguren

kreist, sondern um die Bedingungen des Arbeitens selbst.

Einen anderen Ansatz hat das Hochschulnetzwerk „Gemeinsam

für die Bauwende“: Ihnen geht es konkreter darum,

was und wie gebaut wird. Diese Initiativen spiegeln das Bedürfnis

nach Neuausrichtung, Rekalibrierung und Verortung

der nächsten Generation in unterschiedlichen Weisen. Dem

stehen die aktuellen wirtschaftlichen und politischen

Bedingungen des Planens und Bauens entgegen: Schneller,

billiger und vor allem Neubau soll es sein.

KERNKOMPETENZ ÜBERSETZUNGSARBEIT

Auswirkungen der Sinnsuche der jungen Generation auf das

vorherrschende Architekturschaffen bleiben bislang noch

offen oder oft nur schemenhaft erkennbar. Debatten um die

Bedingungen und Formen von Architekturarbeit sind

nicht neu. Der Berufsstand Architekt, wie wir ihn heute kennen

– mit Ausbildungsmonopol, Kammerzugehörigkeit

und Planungsrecht – entstand in Deutschland um 1900. Doch

selbst davor gab es Reflexion und Selbstkritik: Baumeister

wie Filippo Brunelleschi reflektierten ihr Profil als intellektuelle

Künstler statt bloße Handwerker, mit Traktaten

wie Vitruvs „De architectura“ als Grundlage. Sprich: Die

Selbstverortung und der Kampf um Anerkennung war

branchenbildend und führte immer wieder dazu, die eigenen

Kompetenzen zu reflektieren und zu benennen.

Zwischen diesen Polen – juristisch eng umrissene Leistungsphasen,

gesellschaftliche (Heraus-)Forderungen an Planung

und die individuelle Unzufriedenheit der nächsten

Generation mit den Rahmenbedingungen der Praxis –

stellt sich die Frage: Was ist die Kernkompetenz von Architekt:innen

heute? Für mich sind das vor allem drei Dinge:

die Fähigkeit, räumlich zu denken; widersprüchliche Interessen

in konkrete, räumliche Konzepte zu übersetzen;

„Wer so tut, als könnte die Profession

all die Themen, die gerade

auf dem Tisch liegen, allein

stemmen, überfordert sich selbst

und verhindert Allianzen mit

jenen, die diese Kompetenzen tatsächlich

mitbringen.“

und komplexe Prozesse des Bauens so zu strukturieren, dass

unterschiedliche Akteur:innen überhaupt handlungsfähig

werden. Architektur ist für mich eine Übersetzungsleistung

zwischen technischen, politischen, sozialen und ökonomischen

Anforderungen. Das schließt Anspruch an Gestaltung

nicht aus, sondern setzt diesen vielmehr voraus.Umgekehrt

heißt das aber auch: Es gibt Bereiche, in denen Architekt:innen

ausdrücklich nicht Expert:innen sind – und auch

nicht sein müssen. Wer so tut, als könnte die Profession

all die Themen, die gerade auf dem Tisch liegen, allein stemmen,

überfordert sich selbst und verhindert Allianzen

mit jenen, die diese Kompetenzen tatsächlich mitbringen:

Jurist:innen, Verwaltung, Verbände, politische Akteur:innen,

andere Fachplanende.

POLITIK ALS BLINDER FLECK

Genau hier beginnt Verantwortung im eigentlichen Sinn:

Wer seine eigenen Kernkompetenzen nicht klar benennen und

von anderen Leistungen abgrenzen kann, kann Verantwortung

nur diffus übernehmen – mit starken Bildern und

schönen Worten, aber ohne Hebel. Das heißt auch: Niemand

muss mit den genannten Kompetenzen einverstanden sein.

Aber es braucht eine produktive Debatte und Bewusstsein

darüber, wie sich die Planer:innenschaft selbst verortet.

Ansonsten bleibt man politisch schwach: in Verhandlungen,

in der Lobbyarbeit, in der Frage, wie ernst eine Berufsgruppe

genommen wird, wenn es um die Spielregeln ihres

eigenen Tuns geht.

Trotz all dieser Auseinandersetzungen mit dem eigenen

Berufsbild bleibt ein Bereich in der Architektur erstaunlich

unterbelichtet: die Politik. In vielen Büros und Kontexten,

32 B3 / 26 – UMBRÜCHIG IMPULS IDEEN INSPIRATION


Essay

Rein in

die Geschichtsschreibung!

„Frauen bauen“ bedeutet oftmals: bauen aus einer

Krisensituation heraus. Das ursprünglich

aktivistische, zur Lehrunterstützung geplante Projekt

„Frauen bauen München“ holt nach, was längst

notwendig ist: Vorbilder für zukünftige Generationen

schaffen und die Geschichte komplettieren. Hier

erklären Doris Hallama, Jana Hartmann, Anna Jacob

und Zora Syren, wie sie an die Aufgabe herangehen.

Wie können wir als Architektinnen arbeiten, bauen und

lehren, wenn Klimakrise und soziale Ungleichheit das eigentliche

Bauen in den Hintergrund treten lassen? Im Zentrum

dieser Fragestellung steht die kollektive, interdisziplinäre

Zusammenarbeit. Statt der lange dominierenden Fokussierung

auf die individuelle Urheberschaft, braucht es neue

kollaborative Formen der Wissensproduktion und Selbstermächtigung.

Dabei spielt gerade auch die Aufarbeitung und

Geschichtsintegration der bisher marginalisierten Gruppen

und Minderheiten eine Schlüsselrolle.

Wie stark diese noch immer im Architekturdiskurs

unterrepräsentiert sind, wurde uns in unserer langjährigen

Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der

TU München und als praktizierende Architektinnen deutlich.

Bis heute sind Führungspositionen in der Lehre wie in der

Praxis überwiegend von Männern besetzt. Selbstständige

Architektinnen bilden nach wie vor eine Minderheit,

aber auch das referenzierte Werk unter anderem in der Lehre

stammt fast ausschließlich von männlichen Kollegen.

Wie können wir kollektives und kollaboratives Arbeiten vermitteln,

wenn die historische Basis der Ausbildung schon

auf der Genderebene einen Teil der Akteur:innen einfach ignoriert?

An verschiedenen Lehrstühlen stellten wir uns

gleichermaßen die Fragen: Welche Bauten gehen auf Frauen

zurück? Welche Frauen waren an der Entstehung unserer

Städte beteiligt?

WENIG PRÄSENT IN DER BAUGESCHICHTE

Die Arbeit von Architektinnen, die im 20. Jahrhundert vor

dem Internetzeitalter praktiziert haben, ist wenig bekannt

und noch weniger publiziert. Auch gibt das lange dominante

Format der Monografie wenig Offenheit, um die Arbeit

mehrerer Personen, Mitwirkender oder Partnerinnen abzubilden.

Bis heute spiegelt sich die geringe Anzahl von

Büros, die von Frauen geführt werden, auch in den Archiven

und Sammlungen wider. Aus diesen Beobachtungen heraus

entstand das Projekt „Frauen bauen München“ – zunächst

mit einer aktivistischen, für die eigene Lehre nutzbaren

WAS LEIST EN A RCH I T EKT U R H ISTOR I K ER:I N N EN ?

WEITER

41


Ambition: Es sollte ein Bewusstsein für diese nach wie vor

marginalisierte Gruppe geschaffen, Vorbilder für kommende

Generationen zugänglich sowie Leben und Werk von

Architektinnen in die Stadtgeschichtsschreibung eingeführt

werden. Ausgangspunkt war dabei München und das Ziel

einer digitalen Sammlung als erweiterbare Open-Source-

Website. Aus unterschiedlichen Lehrstühlen kommend,

mit eigenen Schwerpunkten in Lehre und Forschung, wuchs

das Projekt ursprünglich als auf Bauten und Personen

konzentriertes, zu einem Lehrstuhl-übergreifenden Vorhaben

heran, in dem gerade auch die unterschiedlichen Zugänge

und Methoden des Projektteams Ausdruck finden sollten.

In der Lehre stand das gleichwertige Lernen über Werke und

Biografien im Zentrum: Bauten in München wurden besucht,

Architektinnen, Angehörige und Wegbegleiter:innen

befragt, Planmaterial und historische Fotografien und Quellen

gesichtet. „Oral History“-Interviews mit einigen der

Protagonistinnen vermitteln einen lebendigen Eindruck der

Lebensrealitäten und Herausforderungen, die die Architektinnen

im Laufe ihres Lebens und ihrer Karrieren bewältigten.

Neben der Quellenrecherche ging es um ein strukturiertes

Beschreiben, Zeichnen und Darstellen sowohl der

Projekte als auch der Biografien, genauso wie um ihre

Kontextualisierung in die (regionale) Architektur- und

Sozialgeschichte.

EINE AUSSTELLUNG

Ein Schwerpunkt lag stets darauf, die unterschiedlichen Quellen

und Inhalte, Analysen und Darstellungen in ihrer Verwobenheit

und Abhängigkeit von verschiedenen Personen zu

zeigen. Das galt zu Beginn vor allem für die Grafik und

Funktionsweise der Website, dann aber genauso für die Ausstellungs-

und Publikationsgestaltung. Die Frage, ob ein

digitales Archiv allein die notwendige Aufmerksamkeit und

letztlich Sichtbarkeit erreicht, führte zur Idee einer Ausstellung

in der Architekturgalerie in München. Im Rahmen

eines Design-Build-Projekts entwickelten wir gemeinsam

mit Studierenden eine Ausstellung, wobei die oben genannten

kuratorischen Fragestellungen und die Verortung der

Sammlung im heutigen Kontext im Zentrum standen. Es entstanden

Formate wie ein „Zuhörraum” (im Bild Seite 40),

der Gespräche mit zeitgenössischen Architektinnen nachhören

ließ, sowie interaktive Möbel, etwa ein erweiterbarer

„Archivtisch”, der die Sammlung auch im analogen Raum

greifbar machte.

Um möglichst viele Personen über verschiedene Medien

hinweg zu erreichen – nicht zuletzt die Architektinnen der

Sammlung selbst –, entstand eine begleitende Buchpublikation.

Zusätzlich brachten Stadtrundgänge, Veranstaltungen

und Interventionen im Stadtraum die Inhalte in die

Öffentlichkeit. Über 90 Studierende der TU München

waren am Projekt beteiligt: Sie erarbeiteten Inhalte in

Seminaren, entwickelten und bauten die Ausstellung auf.

FOTO MITTE: FABIAN MATELLA; RECHTS OBEN: TEAM FRAUEN BAUEN; RECHTS UNTEN: MADRUGA SCHREIBER

42 B3 / 26 – UMBRÜCHIG IMPULS IDEEN INSPIRATION


Interview

Was ist

Architekturpraxis,

die gar nicht

baut?

Die aktuelle Leitung der „Architektūros fondas

Experiments’ Platform“ (AFEP) in Litauen besteht aus drei

ganz unterschiedlichen Forscher:innen aus

den Bereichen Architektur, Ausstellungsarchitektur und

Kunst. Ihre Arbeit sehen sie als überaus offene Praxis,

mit dem Anspruch, nicht nur für Interessierte,

sondern auch für die Gesellschaft relevant zu sein.

Freundschaft unter Kolleg:innen, so ihr Tenor, hilft dabei.

BAUMEISTER Seit 2025 führt ihr zu dritt

die litauische Architektūros fondas

Experiments’ Platform. Mit welchem

Architekturbegriff arbeitet ihr?

ARTŪRAS Architektur ist für mich das

Kuratieren von Raum, und ein:e Architekt:in

ist ein:e Mediator:in.

AISTĖ Mit dieser Frage hadere ich seit

meinem ersten Studientag, als wir

unsere Gedanken dazu teilen sollten.

Ich habe gelernt, was Architektur ist,

und mehrfach versucht, das Gelernte

wieder zu verlernen. Heute würde

ich es so formulieren: Architektur ist für

mich Vermittlung – die Übersetzung

von Gedanken und Ideen in Raum. Sie

erfordert große Sorgfalt und ein kontinuierliches

Hinterfragen, Reflektieren

und Neubewerten ebenso wie Experimentierfreude

– ein zurückgenommenes

Ego und Empathie.

KAMILĖ Ich betrachte Architektur durch

eine Linse, in der Fluidität, Nicht-

Festgeschriebenes und Widerstand

gegen eine endgültige Definition

prägend sind. Würde ich sie klar definieren,

beschränkte ich mich selbst

darin, neue Formate oder Praktiken der

Architektur zu entdecken. Ich stelle

mir eine Architektin als jemanden vor,

die sich weiterbewegt – hin zum

Philosophischen, Sozialen, Politischen,

Ökonomischen und darüber hinaus.

Spielerisches Kombinieren, Entdecken,

Erproben und Hören: In gewisser

Weise gleicht sie einer DJ. Als ich andere

Felder für mich selbst erschlossen

habe, habe ich aufgehört, mich Architektin

zu nennen. Ich bezeichne mich als

Spatial Practitioner, Künstlerin,

Kunstforscherin oder Architektin-

Kunstforscherin. Meine Arbeit ist

letztlich Architektur – auch wenn ich

nie gelernt habe, sie auf diese Weise

zu verstehen. Heute begreife ich meinen

Zugang als eine Reaktion auf sich

wandelnde Zeiten und auf das sich verändernde

Berufsbild der Architektin.

BAUMEISTER Wie seid ihr in euren jetzigen

Jobs gelandet?

ARTŪRAS Ich arbeite als Spatial Practitioner

zwischen Kunst und Architektur.

Meine Tätigkeit umfasst vor allem Ausstellungsarchitektur,

Installationen und

kuratorische Projekte. Ausgangspunkt

WAS K A N N A RCH I T EKT U R KOMMU N I K AT ION LEIST EN ?

WEITER

47


48 B3 / 26 – UMBRÜCHIG IMPULS IDEEN INSPIRATION

FOTOS LINKS: GIEDRIUS STONKUS; RECHTE SEITE: ELINE NESJE


Interview

„Durch das Kollektiv

können wir

Teil des Architekturdiskurses

sein”

Das Kollektiv (non-)Swiss Architects steckt hinter einer

großen Umfrage zu Arbeitsbedingungen für Nicht-

Schweizer:innen in der Schweiz. Für den Baumeister hat

es die Forderungen und Wahrnehmungen auf der

Meta-Ebene reflektiert und uns von Ungleichheiten,

Chancen und dem Wunsch nach Veränderung erzählt.

BAUMEISTER Mit welchem Architekturbegriff

seht ihr euch konfrontiert, und

wie geht ihr damit um?

(N)SA Für uns umfasst Architektur

alles, was sich mit der gebauten Umwelt

auseinandersetzt: Lehre und Vermittlung

wie Publikationen oder Ausstellungen,

Gebäude, Infrastruktur, Planung

oder Zeichnungen. Daraus folgt, dass

jede Person, die dazu beiträgt, architekturschaffend

ist. Wichtiger als der

Begriff der „Schaffenden“ ist für uns

jedoch jener der Arbeitenden in Architekturberufen.

BAUMEISTER

Wie kam es zur Gründung?

(N)SA Viele von uns kamen über ein

Architekturstudium in der Schweiz, die

für alle „Ausland“ war. Die Qualität

der Lehre und der Architekturproduktion

gilt als hoch. Nach dem Master

folgte häufig der Einstieg in international

renommierte Büros, wo sprachliche

und kulturelle Hürden geringer sind.

Gerade dort herrschen jedoch oft

Selbstausbeutung, hoher Druck und

geringe Kompensation. Ein nahezu unerschöpfliches

internationales Arbeitskräfteangebot

untergräbt die Arbeitsbedingungen:

Verträge werden seit

Jahrzehnten von großen Arbeitgebenden

diktiert und kaum an veränderte

sozioökonomische Realitäten angepasst.

Während die Chefetagen über Institutionen

wie SIA (Schweizerischer

Ingenieur- und Architektenverein),

BSA (Bund Schweizer Architektinnen

und Architekten) und Hochschulen

gut vernetzt sind, fehlt eine Interessenvertretung

der Angestellten. Diskriminierung

aufgrund von Geschlecht

und kulturellem Hintergrund haben

alle Mitglieder von (non-)Swiss

Architects erlebt, häufig durch direkte

Vorgesetzte. Diese Erfahrungen spiegeln

sich auch in unserer Umfrage von

2023 wider: Rund ein Drittel der Teilnehmenden

gab an, mehr als zehn Überstunden

pro Monat zu leisten, zehn

Prozent sogar über zwanzig. Trotz vertraglicher

Regelungen wurde der

Umgang mit Überstunden häufig kritisiert.

Diese Diskrepanz zwischen

formalen Vereinbarungen und gelebter

Praxis war ein zentraler Auslöser,

sich aktiv für bessere Arbeitsbedingungen

in der Branche zu engagieren.

BAUMEISTER Welche Probleme gibt es für

Nicht-Schweizer:innen beim Berufseinstieg?

(N)SA Nicht-schweizerische Architekturschaffende

arbeiten nach dem

Studium häufig in Wettbewerbsteams.

WAS LEIST EN BERU FSA N FÄ NGER:I N N EN ?

WEITER

61


Dort sind Druck, personelle Austauschbarkeit

und Arbeitsbelastung hoch,

Überstunden, Wochenendarbeit, prekäre

Arbeitsverhältnisse mit kurzen

Kündigungsfristen oder Lohnkürzungen

bei Krankheit verbreitet. Unsere

Umfrage zeigt, dass rund jede zweite

nicht-deutschsprachige Architekt:in

einem Wettbewerbsteam zugeteilt war,

bei deutschsprachigen Kolleg:innen

nur etwa ein Viertel. Diese ungleiche

Verteilung verstärkt bestehende

Abhängigkeiten und Unsicherheiten.

BAUMEISTER Und welche Auswirkungen

hat das auf eure Arbeit?

(N)SA Die Organisation von (N)SA

unterscheidet sich grundlegend

von unserer Lohnarbeit. Während dort

meist hierarchisch gearbeitet wird,

organisieren wir uns als Kollektiv nach

Verfügbarkeit und Fähigkeiten der

einzelnen Personen. Autor:innenschaft

wird bei (N)SA gemeinsam getragen,

während in der Lohnarbeit Leistungen

häufig ausschließlich unter den

Namen der Bürogründer:innen sichtbar

werden. Die Arbeit bei (N)SA ist unbezahlt,

aber auf andere Weise erfüllend:

Wir sind Teil des Architekturdiskurses,

was in vielen Lohnjobs kaum möglich

ist. Dort wird Leistung oft über

ständige Verfügbarkeit, Loyalität und

Überstunden definiert, weniger über

die tatsächlichen Ergebnisse der

Arbeit.

BAUMEISTER Woher zieht ihr die Motivation,

im Kollektiv zu agieren?

(N)SA Als weiße, deutschsprachige

Personen mit EU-Pass sind wir uns unserer

Privilegien bewusst. Die Motivation

für die Arbeit bei (N)SA entsteht

aus Empathie, eigenen Erfahrungen

in der Branche und dem Bewusstsein

für ihre strukturellen Probleme. Wir

sammeln gezielt Erfahrungsberichte,

um unsere theoretische Arbeit

mit der Realität abzugleichen, etwa

Berichte über systematische Unterbezahlung

nicht-deutschsprachiger

Studienabsolvent:innen mit vorgeschobenen

sprachlichen Begründungen.

BAUMEISTER Welche Rolle spielt die

Verantwortung für euer Engagement?

(N)SA Für uns kann gute Architektur

nicht durch die Ausbeutung und

Inkaufnahme prekärer Arbeitsverhältnisse

entstehen. Forderungen nach

faireren Strukturen werden von Büroinhaber:innen

häufig als Bedrohung

wahrgenommen. Teilweise führte das

zu Bürowechseln; einige von uns

arbeiten heute in der Forschung, wo

andere Leistungsbegriffe gelten,

wenn auch bei geringerer Bezahlung.

BAUMEISTER

Woran arbeitet ihr gerade?

(N)SA Im Zentrum steht unser Manifest.

Wir untersuchen Überarbeitung,

Unterbezahlung und Ungleichbehandlung

von Arbeitnehmenden unterschiedlicher

Herkunft durch Recherche

und Kommunikation. Ziel ist es, die

Rechte von schweizerischen und

nicht-schweizerischen Arbeitnehmenden

unabhängig von Geschlecht,

Nationalität oder Arbeitsort zu sichern

und zu erweitern. Wir als Kollektiv

sind überzeugt, dass eine ethisch verantwortbare

gebaute Umwelt nur

unter fairen Arbeitsbedingungen entstehen

kann. Durch die Vernetzung

mit ähnlichen schweizerischen und internationalen

Initiativen bauen wir ein

solidarisches Netzwerk auf und heißen

alle willkommen, die zu einer positiven

Veränderung beitragen wollen.

Während Architekturproduktion insgesamt

sehr langwierig ist und Projekte

oft fünf bis zehn Jahre zwischen

Studie und Realisierung benötigen,

arbeitet (N)SA in anderen Zeitlichkeiten.

Textproduktionen, Ausstellungen,

Biennalen oder Diskussionsformate

ermöglichen kurzfristige Interventionen.

Parallel verfolgen wir langfristige

strukturelle Ziele: die Gründung

eines Vereins, den Auf bau einer

Interessenvertretung für Arbeitende

in Architekturberufen in der Schweiz

sowie das Hinarbeiten auf Gesamtarbeitsverträge

(Tarifvertrag in

Deutschland, Kollektivvertrag in Österreich).

Die Verhandlung eines solchen

wird zum Beispiel aktuell von der

SIA Sektion Basel abgelehnt. Diese

Langzeitprojekte begleiten unsere

Arbeit seit mehreren Jahren.

BAUMEISTER

Wie seht ihr die Zukunft?

(N)SA Die Zukunft unseres Fachgebiets

liegt in einer gerechteren Verteilung

von Ressourcen – in Büros, zwischen

Bauherr:innenschaften und Regionen.

Die globalen Krisen prägen die

Architekturproduktion zunehmend.

Wir setzen bei der strukturellen

Ungerechtigkeit in unserer Branche an

und vernetzen uns gezielt mit internationalen

Partnerorganisationen,

etwa der Architekt:innengewerkschaft

in Deutschland, SAW! (Section of

Architectural Workers) in Großbritannien

oder „The Architecture Lobby“

in den USA. Solche Herausforderungen

lassen sich nicht von einer einzelnen

Schweizer Gruppe lösen. Umso größer

ist das Potenzial, voneinander zu

lernen, sich gegenseitig zu unterstützen

und kollektive Positionen zu entwickeln.

Gewerkschaften, Genossenschaften

und andere kollektive Organisationsformen

zeigen mögliche Wege

auf.

(N) SA- L I TE R AT U R E M PF E H LU N G E N :

„On Architecture and Work”,

Charlotte Malterre-Barthes (Ed.)

Hatje Cantz 2025

„Can this be? Surely this cannot

be?“ von Marisa Cortright,

Architectural Workers Organizing

in Europe, VI PER Gallery 2021

62 B3 / 26 – UMBRÜCHIG

IMPULS IDEEN INSPIRATION

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