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CLICK FILM MÄRZ / APRIL 26

Das E-MAGAZIN für Film, Kino und Streaming

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CF CLICK FILM

Das E-Magazin für Kino, Film & Streaming

MÄRZ / APRIL 26


EDITORIAL

«Schwarz-Weiss erinnert

an Filmgeschichte, an

Analogität, an das

Handwerk. Es evoziert

Kino als Kunstform –

nicht als Content.»

HINWEIS:

Wenn nicht anders

vermerkt, findest du

die Bildlegenden auf

unserer Website.

Cover: Filmstill aus NOUVELLE VAGUE


Liebe CLICK FILM-Community

Auffallend viele Filme kommen derzeit in Schwarz-Weiss in unsere Kinos.

Allein im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale waren gleich dreiWerke

in dieser reduzierten Bildsprache zu sehen. Ein ästhetischer Zufall ist das

kaum — vielmehr scheinen sich Filmschaffende bewusst wieder für den

Verzicht auf Farbe zu entscheiden.

Zu den eindrücklichsten Beispielen zählt ROSE mit Sandra Hüller. Sie

spielt eine Frau im Dreissigjährigen Krieg, die als Mann leben will, in

Hosen steigt und dafür schliesslich auf dem Schafott endet. An der

Berlinale erklärte Regisseur Markus Fischer, Schwarz-Weiss ermögliche

eine stärkere Konzentration auf die Geschichte — ohne visuelle

Ablenkung durch Farbe. Auch NOUVELLE VAGUE, der am 12. März in die

Schweizer Kinos kommt, greift diese Ästhetik auf. Der Film versteht sich

als Hommage an À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc Godard — jenem

Werk, das 1960 zur Initialzündung der Nouvelle Vague wurde. À BOUT

DE SOUFFLE startet ebenfalls ab dem 12. März in restaurierter Fassung

— zeitgleich mit NOUVELLE VAGUE. Ein weiterer sehr sehenswerter

Schwarz-Weiss-Film, der derzeit in unseren Kinos läuft, ist L’ÉTRANGER,

eine philosophische Adaption des Camus-Klassikers, realisiert von einem

meiner absoluten Lieblingsregisseure: François Ozon.

Warum also diese Rückkehr?

Vielleicht spielt die Materialität des Kinos eine Rolle. Schwarz-Weiss

erinnert an Filmgeschichte, an Analogität, an das Handwerk. Es evoziert

Kino als Kunstform – nicht als Content. In einer Welt, in der Streaming-

Plattformen mit immer brillanteren Farben und HDR-Effekten um

Aufmerksamkeit kämpfen, kann Schwarz-Weiss zudem auch ein Akt des

Widerstands sein. Eine bewusste Verlangsamung. Ein Gegenentwurf zur

algorithmischen Bildflut, der überraschend zeitgenössisch wirkt.

Trotzdem: Schwarz-Weiss hin oder her, freuen wir uns auf einen farbigen,

bunten Frühling.

Mit Gruss

Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch


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PROGRAMM

& TICKETS


NOUVELLE VAGUE


SPIELFILM DES MONATS


Richard Linklater

würdigt Jean-Luc

Godard mit einem

lebendigen und

verspielten Film.

NOUVELLE VAGUE wurde beim

letzten Festival de Cannes zum

«Coup de cœur» – dem

Lieblingsfilm der Redaktion –

gewählt. Der Film erzählt mit

Charme und Leichtigkeit von

den Dreharbeiten zu À BOUT DE

SOUFFLE von Jean-Luc Godard

und fängt – in Schwarz-Weiss

gedreht – den Geist der

Nouvelle Vague auf authentische

Weise ein.


SYNOPSIS

NOUVELLE VAGUE

Unbeschreiblich cool, unglaublich mutig, angetrieben

vom Willen, alles neu und anders zu machen, realisiert

Jean-Luc Godard 1959 in Paris seinen Spielfilmerstling

«À bout de souffle». Er bricht mit allen Regeln der

Filmproduktion. Was, wo und ob überhaupt gedreht

wird, entscheidet Godard spontan am Morgen im

Bistrot. «À bout de souffle» schreibt Geschichte, wird zu

einem Hauptwerk der französischen Nouvelle Vague

und beeinflusst das Weltkino nachhaltig. Richard

Linklaters Spielfilm «Nouvelle Vague» erzählt von der

Entstehung von Jean-Luc Godards bahnbrechendem

Meisterwerk über die Amour fou eines Kleinkriminellen

mit einer jungen Amerikanerin. Gedreht in Schwarz-

Weiss, bietet er Einblicke in einen Wendepunkt in der

Geschichte des Kinos und in der Karriere des zuvor als

Filmkritiker tätigen Regisseurs Godard. «Novelle

Vague» hat zahlreiche internationale Preise gewonnen,

ist herausragend gespielt und taucht tief in die

Atmosphäre und das Lebensgefühl im Paris von 1959

ein. Eine mitreissende Hommage an Godards

ikonisches Werk – und eine unwiderstehliche

Liebeserklärung ans Kino.


Von Felix Schenker

REZENSION

Zurück ins Paris von 1959

Der Spielfilm führt zurück nach Paris im Jahr 1959: Eine junge

Generation von Filmschaffenden stellt die Regeln des Kinos radikal

infrage. Im Zentrum steht Jean-Luc Godard, der mit seinem

Regiedebüt À BOUT DE SOUFFLE ohne grosses Budget und mit

kompromisslosem Gestaltungswillen Filmgeschichte schreibt. Mit

leichter Kamera und einem Team, das sich auf das

Unvorhersehbare einlässt, entsteht ein Werk, das die

Konventionen des klassischen Erzählkinos sprengt und das

internationale Kino nachhaltig prägt. À BOUT DE SOUFFLE wird

zum Fanal einer Bewegung – roh, direkt, frei.

Richard Linklater blickt zurück

Über sechs Jahrzehnte später erzählt Richard Linklater in

NOUVELLE VAGUE diese legendäre Entstehungsgeschichte neu.

Gedreht in französischer Sprache, in konsequentem Schwarz-Weiss

und mit grosser Detailtreue, fängt der amerikanische Independent-

Filmemacher die kreative Aufbruchsstimmung jener Epoche ein.

NOUVELLE VAGUE ist weit mehr als ein Blick hinter die Kulissen

eines berühmten Drehs. Der Film zeichnet das Porträt einer

filmischen Zeitenwende und wird zur leidenschaftlichen Hommage

an den Mut zur künstlerischen Freiheit. Linklater zollt Godard auf

liebevolle, verspielte Weise Tribut, indem er die Dreharbeiten zu À

BOUT DE SOUFFLE im Stil der Nouvelle Vague selbst inszeniert.

Junge Gesichter für eine Revolution

Um dem Geist der Bewegung treu zu bleiben, setzt Linklater

bewusst auf weitgehend unbekannte Schauspieler:innen.

Guillaume Marbeck gibt als Jean-Luc Godard sein Langfilmdebüt –

eine bemerkenswert präzise und zugleich unangestrengte

Verkörperung.

>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM


TRAILER

NOUVELLE VAGUE | Regie: Richard

Linklater | Cast: Guillaume Marbeck,

Zoey Deutch, Aubry Dullin, Adrien

Rouyard, Antoine Besson, Jodie Ruth-

Forest | Komödie | 107 Minuten | France,

USA, 2025 | Verleih: Filmcoopi

Der Film feierte seine Schweizer

Premiere am Zurich Film Festival 2025

Kinostart

Deutschschweiz: 12. März 2026


À BOUT DE

SOUFFLE


IM KONTEXT


In einer aufwendig

restaurierten Fassung

kehrt ein

Filmklassiker auf die

grosse Leinwand

zurück.

À BOUT DE SOUFFLE gilt als Initialzündung der

Nouvelle Vague und erinnert an eine Zeit, als

Kino ein kollektives Erlebnis war. Eine Epoche, in

der Filme nicht primär gefallen wollten, sondern

herausforderten. Godards Erstling ist ein Kind

dieser Zeit – und ihr Inbegriff. Wenn der Zürcher

Filmverleih Filmcoopi den Klassiker jetzt wieder

ins Kino bringt, dann wohl nicht aus Nostalgie

allein, sondern wohl auch aus Überzeugung:

Dieser Film gehört auf die grosse Leinwand.

Und ins gemeinsame Erleben.


SYNOPSIS

À BOUT DE SOUFFLE

Der Bonvivant Michel Poiccard ist ein Draufgänger auf

der Jagd nach seinem Vergnügen. In einer gestohlenen

Luxuslimousine gerät er auf dem Wegh nach Paris in

eine Geschwindigkeitskontrolle. Ein Polizist stellt ihn -

und wird von Michel kaltblütig erschossen. Auf der

Flucht taucht er bei Patricia, einer Zeitungsverkäuferin,

die Journalistin werden will, unter. Er versucht Geld für

die gemeinsame Flucht nach Italien zu beschaffen. Aber

der Kreis der Polizei wird immer enger.


Der Moment, in dem Kino seine Form verlor – und gewann

Jean-Luc Godard kam nicht aus dem Studiosystem, sondern aus der Kritik.

Als Autor der «Cahiers du cinéma» hatte er Filme seziert, geliebt,

verworfen, bevor er selbst zur Kamera griff. Als À BOUT DE SOUFFLE im

Frühjahr 1960 in die Kinos kam, wirkte der Film wie ein Störsignal im

geregelten Ablauf des damaligen Kinos. Er erzählte, als wüsste er selbst

noch nicht, wohin er wollte. Godard drehte auf den Strassen von Paris, mit

Handkamera, natürlichem Licht und einem Minimum an Absicherung.

Szenen wirken beiläufig, Dialoge wie hingeworfen, Übergänge werden

gesprengt. Kino verlor seine glatte Oberfläche und gewann an

Unmittelbarkeit. À BOUT DE SOUFFLE zeigte, dass Film nicht nur erzählen,

sondern auch denken, stolpern und sich selbst infrage stellen kann.

Figuren ohne Halt – und ohne Absicherung

Im Zentrum stehen Jean-Paul Belmondo als Michel Poiccard und Jean

Seberg als Patricia Franchini. Er ein Kleinganove mit grosser Pose, sie eine

junge Amerikanerin in Paris, beobachtend, skeptisch, unabhängig. Ihre

Beziehung ist kein romantisches Versprechen, sondern ein tastendes

Nebeneinander. Gespräche windend sich, schweifen ab, verlaufen ohne

klares Ziel, Gedanken bleiben offen, Entscheidungen sind brüchig. Godard

interessiert sich nicht für psychologische Erklärungen. Ihn interessieren

Haltungen, Blicke, Gesten – und das, was zwischen den Worten liegt. À

BOUT DE SOUFFLE erzählt weniger eine Geschichte, als dass er einen

Zustand einfängt: das Lebensgefühl einer Generation zwischen Freiheit,

Orientierungslosigkeit und Selbstinszenierung.

Kino denkt über sich selbst nach

Schon in seinem Debüt macht Godard das Kino selbst zum Thema. À BOUT

DE SOUFFLE ist durchzogen von Referenzen an den amerikanischen

Gangsterfilm, an Literatur, an Philosophie und Popkultur. Humphrey Bogart

wird zitiert, Zeitungen werden gelesen, Filme werden gedacht, während sie

entstehen. Dieses Spiel mit Zitaten, Brüchen und Ebenen wurde zum

Markenzeichen von Godards Werk. In den folgenden Jahren entstanden

Filme wie VIVRE SA VIE, LE MÉPRIS, PIERROT LE FOU oder ALPHAVILLE, in

denen er Erzählkino, politische Reflexion und formale Experimente

miteinander verband. Später radikalisierte er diese Haltung weiter, hin zu

essayistischen, zunehmend abstrakten Arbeiten, die das Kino selbst immer


wieder infrage stellten. Und doch bleibt À BOUT DE SOUFFLE der

Ursprung all dessen: roh, leicht, offen, ungeschützt.

Restauriert – und wieder sichtbar

Die nun gezeigte restaurierte Fassung schärft den Blick für die formalen

Qualitäten des Films. Die Kontraste des Schwarzweissbildes, die

Beweglichkeit der Kamera, der eigenwillige Rhythmus der Montage treten

klar hervor. Der Film wirkt nicht geglättet, sondern präzise. À BOUT DE

SOUFFLE gehört zu jenen Werken der Filmgeschichte, die man einfach

gesehen haben muss.

Kino als gemeinsames Erlebnis

Filmcoopi bringt À BOUT DE SOUFFLE zurück, weil dieser Film daran

erinnert, was Kino in den 1960er-Jahren war – und wieder sein kann: ein Ort

des gemeinsamen Erlebens. Man sitzt nebeneinander im Dunkeln, fremd

und doch verbunden, und teilt für zwei Stunden denselben Atem, dieselben

Bilder, denselben Rhythmus. Kino war kein Nebenbei, sondern ein Ereignis.

Diese Wiederaufführung ist dann vielleicht auch eine Einladung, das Handy

wegzulegen, sich der Zeit zu überlassen und einzutauchen in ein Kino, das

nach Rauch, Asphalt und Freiheit roch. In Godards Welt, in der Bilder

denken, Schnitte stolpern dürfen und nichts geglättet ist. À BOUT DE

SOUFFLE ist kein Denkmal – sondern ein Film, der lebendig wird, ganz

besonders wenn man ihn gemeinsam sieht auf der grossen Leinwand im

Kino.

PS: Auf das Rauchen muss

man heute im Kino zwar

verzichten – das Knutschen

in den hinteren Reihen ist

hingegen weiterhin erlaubt.

Text: Felix Schenker


TRAILER

À BOUT DE SOUFFLE | Regie: Jean-Luc

Godard | Cast: Jean-Paul Belmondo,

Jean Seberg, Jean-Pierre Melville,

Daniel Boulanger, Van Doude | Drama |

90 Minuten | Frankreich, 1960 | Verleih:

Filmcoopi

Kinostart

Deutschschweiz: 12. März 2026


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HIRSCHFELD –

UNBEKANNTER

BEKANNTER

DOKFILM DES MONATS


Stina Werenfels und

Samir machen sichtbar,

wie ein Dramaturg das

Schauspielhaus Zürich

zur Bühne des

Widerstands machte.

Kurt Hirschfeld war Kommunist, deutscher

Jude, Emigrant – und eine der zentralen

Figuren, die das Schauspielhaus Zürich im

20. Jahrhundert zu einem kulturellen

Bollwerk gegen den Faschismus formten.

Der Dokumentarfilm folgt der Biografie des

Dramaturgen, Intendanten, Publizisten und

späteren Direktor des Zürcher

Schauspielhauses Kurt Hirschfeld von der

deutschen Provinz über Frankfurt und

Darmstadt nach Zürich. Eine exemplarische

Geschichte von Haltung, Kunst und

politischer Konsequenz.


SYNOPSIS

HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER |

SYNOPSIS

Kurt Hirschfeld verkörpert das Drama des 20.

Jahrhunderts: jüdisch, kommunistisch, intellektuell –

und immer in Bewegung. In den 1930er-Jahren macht

er sich in Deutschland als Dramaturg einen Namen,

wird von den Nazis vertrieben, von der Schweiz

abgewiesen, arbeitet in Moskau mit Meyerhold und

flieht erneut vor Stalins Terror. Mit knapper Not kehrt er

nach Zürich zurück und wird zum strategischen Kopf

des Schauspielhauses. Dort versammelt er exilierte

Künstler:innen wie Bertolt Brecht und Therese Giehse

und schmiedet ein ungewöhnliches Bündnis mit

konservativen, antifaschistischen Schweizer

Kulturschaffenden. Das Schauspielhaus wird zum

wichtigsten Ort des kulturellen Widerstands gegen den

Faschismus in Europa. Nach dem Krieg formt Hirschfeld

das Haus zu einem der führenden Theater des

deutschsprachigen Raums und prägt mit Frisch,

Dürrenmatt und jungen amerikanischen Autoren den

Kanon des modernen Theaters. Doch nach seinem Tod

1964 gerät er in Vergessenheit. Kein Buch, kein Film

erzählt bisher sein Leben. Warum? Und was sagt dieses

Schweigen über die Schweiz und ihre unvollständig

erzählte Geschichte im Schatten des

Nationalsozialismus?


Von Felix Schenker

REZENSION

Theater als Haltung

Kurt Hirschfeld war nicht das Gesicht der Bühne, sondern ihr

organisatorisches Rückgrat: Dramaturg, Netzwerker, Antreiber,

Möglichmacher. Der Film zeigt, wie er – geprägt von Literatur,

Politik und Exilerfahrung – das Schauspielhaus Zürich in den

1930er- und 1940er-Jahren zu einem europaweit beachteten Ort

des geistigen Widerstands formte. Unter seiner Mitverantwortung

wurden hier Texte von Bertolt Brecht gespielt, als sie in

Deutschland verboten waren, Stücke verfolgter Autor:innen

uraufgeführt und Schauspieler:innen engagiert, die anderswo

keine Bühne mehr fanden. Das Schauspielhaus wurde zu einem

Ort des Exils – und zu einer Bühne, auf der Faschismus, Gewalt

und Machtmissbrauch offen verhandelt wurden. Theater

bedeutete hier nicht Ablenkung, sondern Stellungnahme: Abend

für Abend, Stück für Stück. Allerdings zeigt die historische

Forschung, dass dies zwar die Wahrnehmung späterer Jahre war,

aber in den 1930er-Jahren kontrovers diskutiert wurde; nicht alle

sahen das Haus eindeutig als antifaschistischen Widerstandsort –

es gab politische Spannungen und Kritik in der Schweiz.

Die Suche der Tochter

Ausgangspunkt des Films ist die Spurensuche von Hirschfelds

Tochter Ruth, eine der heute einflussreichsten Casting-

Direktorinnen der Schweiz. Ihre Reise führt durch Archive, Briefe

und Erinnerungen, zu Orten des Exils und an die Grenzen des

Sagbaren. Werenfels und Samir verweben diese persönliche

Annäherung mit der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts –

und öffnen damit den Blick auf die Gegenwart.

>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM


WER WAR KURT HIRSCHFELD?

Kurt Hirschfeld stand selten im Rampenlicht – und prägte doch die

Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend. 1902 im

deutschen Lehrte geboren, wirkte er als Dramaturg, Intendant und

Publizist. Politisch links, antifaschistisch und kommunistisch geprägt,

blieb ihm nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nur die

Flucht ins Exil. Er fand sie in der Schweiz.

Am Schauspielhaus Zürich entfaltete Hirschfeld seine wichtigste Wirkung.

In den 1930er- und 1940er-Jahren machte er das Haus zu einem der

bedeutendsten Exil- und Widerstandstheater Europas. Verfolgte

Autor:innen und Künstler:innen fanden hier eine Bühne, verbotene

Stücke – unter anderem von Bertolt Brecht – konnten uraufgeführt

werden. Zürich wurde zu einem Ort, an dem Theater mehr war als Kunst:

ein Schutzraum für Sprache, Denken und Widerspruch.

Für Hirschfeld war Theater nie bloss Unterhaltung. Es war Haltung und

Verantwortung. Er verstand die Bühne als politische Handlung – als

Gegenrede zur Barbarei. 1964 starb Kurt Hirschfeld in Tegernsee. Sein

Vermächtnis bleibt: Theater kann – und muss manchmal – Stellung

beziehen.


TRAILER

HIRSCHFELD – UNBEKANNTER

BEKANNTER | Regie: Stina Werenfels &

Samir | Dokumentarfilm | 90 Minuten |

Schweiz, 2026 | Verleih: Dschoint

Ventschr Distribution

Kinostart

Deutschschweiz: 26. März 2026


SCHWEIZER FILM SCHAFFEN


DON'T LET THE SUN


Ein unerträglich heisser

Ort. Menschliche Nähe

ist rar geworden, und

die Einsamkeit treibt

seltsame Blüten.

«Es ist weniger ein Schritt nach vorn als

vielmehr einer zur Seite. Eine Betrachtung.

Ein Blick darauf, wie äussere Bedingungen

unsere innere Welt beeinflussen und

formen können.» - Jacqueline Zünd. Mit

DON'T LET THE SUN präsentiert die

Schweizer Regisseurin ihre erste Spielfilm-

Arbeit nach einer Reihe markanter

dokumentarischer Werke. Wie bei Zünd

üblich, in eindrücklichen Bildern, die man

sich am liebsten als Fotos an die Wand

hängen würde.


SYNOPSIS

DON’T LET THE SUN

Die unerträgliche Hitze zwingt die Menschen dazu, ihr

Leben nachts zu leben. Sie entfernen sich voneinander

und leben in einer seltsamen Art von Einsamkeit. Hier

bietet Jonah Fremden Trost. Weil menschliche Nähe rar

geworden ist, füllt sein Engagement eine Lücke. Jonah

fällt es nicht schwer, jemand anderes zu sein und das

Leben anderer nachzuspielen – bis die Rolle als Vater

für die 9-jährige Nika sein eigenes Leben komplett in

Frage stellt. Als sie sich Jonah langsam öffnet, weckt sie

etwas in ihm, das er schon lange verloren geglaubt

hatte.


Von Madeleine Hirsiger

REZENSION

Eine Welt im Fieberzustand

Es ist heiss, unvorstellbar heiss. Die Welt ist in fiebrigem Zustand.

Gleissende Hitze liegt über der Stadt, die Strassen sind leer, keine

Menschenseele ist zu sehen. Wir tauchen ein in eine Blase

apokalyptischen Ausmasses, es gibt keinen Ausgang, die unerträglichen

Temperaturen beherrschen Tag und Nacht. Am Morgen schärft eine

Stimme, wie aus dem All kommend, den Bewohnenden der Stadt ein:

«Die Sonne geht bald auf, Kinder und ältere Menschen – bleibt zu

Hause.»

Figuren in einer überhitzten Realität

Drei Hauptfiguren führen uns durch diesen Albtraum: Claire, eine junge

Mutter mit ihrer kleinen Tochter Nika, und der junge Jonah, der sich in

den Dienst anderer Menschen stellt. Zum Beispiel bei einem älteren

Ehepaar, das offensichtlich seinen Sohn verloren hat und Jonah vor ihren

Augen einen Fisch genauso essen lässt, wie es ihr Kind getan hat: zuerst

die Bäckchen, dann den Rest. Sie schauen ihm zu, still, leer. Dafür wird er

bezahlt. Solche Dienstleistungen gehören zu seinem Einkommen.

Leben am Rand der Klimakatastrophe

Man ist in diesem Zustand gefangen, hoffnungslos, man denkt an die

Endzeit der Klimakrise. Ein normales Leben ist nicht mehr möglich. Die

Kinder spielen in der Nacht, der Strand ist beim Mondschein bevölkert,

das Thermometer zeigt um 18.55 Uhr noch 49 Grad an. Der Kopf wird ins

kalte Wasser eingetaucht, die Tücher kommen aus dem Tiefkühlfach, Nika

setzt sich stundenlang vor den Ventilator.

>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM


TRAILER

DON'T LET THE SUN | Regie: Jacqueline

Zünd | Cast: Levan Gelbakhiani, Maria

Pia Pepe, Agnese Claisse, Karidja Touré

| Drama | 100 Minuten | Schweiz, Italien,

2025 | Verleih: Filmcoopi

Kinostart

Deutschschweiz: 19. März 2026


INTERVIEW

JAQUELINE ZÜND



«Was mich

erschreckt, ist, dass

der Klimawandel

gesellschaftlich

kaum mehr ein

Thema zu sein

scheint.»

Im Interview spricht Regisseurin

Jaqueline Zünd über die Idee hinter

ihrem ersten Langspielfilm «DON’T

LET THE SUN», darüber, wie

extreme Hitze menschliche

Beziehungen verändert, warum ihr

Film fast ohne Dialoge auskommt

und weshalb sie bei der Recherche

auf eine japanische Agentur stiess,

bei der man soziale Beziehungen

mieten kann.


Mit Jaqueline Zünd sprach für arttv.ch Madeleine Hirsiger

Mit «DON’T LET THE SUN» hast du dich mit deinem ersten Langspielfilm

auf «heisses» Terrain begeben. Warum die Thematik des Klimawandels?

Mir ging es darum, über die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen

nachzudenken. Dafür suchte ich einen äusseren Zustand, der unsere

Beziehungen beeinflusst. Die Hitze als Folge des Klimawandels erschien mir

naheliegend, dramaturgisch reizvoll und – eine Ecke weitergedacht –

interessanter als etwa die sozialen Medien.

Hast du dich auf drei Personen beschränkt, um den Wandel des Klimas

stärker sichtbar zu machen?

Mich interessierte, wie wir uns verändern, wenn es so heiss ist. Was macht

das mit uns? Das lässt sich mit einer ganz kleinen Gruppe von Menschen

besser darstellen. Wir kennen das ja selbst: Wenn es heiss ist, vertragen wir

eigentlich keine Nähe mehr und mögen nicht mehr reden. Das wirkt sich auf

unsere Beziehungsfähigkeit aus. Darum gibt es im Film fast keine Dialoge.

Der Klimawandel scheint gesellschaftlich jedoch weniger präsent zu sein

als noch vor wenigen Jahren.

Was mich erschreckt, ist, dass der Klimawandel gesellschaftlich zurzeit kaum

mehr ein Thema zu sein scheint. Als ich 2020 begann, das Drehbuch zu

schreiben, war das alles hochaktuell. Heute herrscht eher eine allgemeine

Gleichgültigkeit.

Für deine Recherche bist du sogar auf ein ungewöhnliches Phänomen in

Japan gestossen.

Als ich mit den Recherchen begann, bin ich in Japan auf eine Agentur

gestossen, bei der man menschliche Beziehungen mieten kann: zum Beispiel

jemanden, der dir am Bahnhof zuwinkt, der mit dir weint, der einfach neben

dir sitzt und nichts sagt oder dir eine Geburtstagskarte schreibt. Man kann

also soziale Interaktionen mieten. Das hat mich extrem

beeindruckt. Ich begann darüber nachzudenken, wie sich

Beziehungen in Zukunft verändern werden. Wenn ich

meinen 20-jährigen Sohn anschaue, hat er bereits ganz

Weiterlesen

andere Formen sozialer Interaktion als ich – vor allem

auf arttv.ch

durch eine andere Gleichzeitigkeit der Kommunikation.


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LA GRAZIA


Der italienische

Regisseur Paolo

Sorrentino eröffnet

mit seinen Film die

Mostra von

Venedig.

Im Zentrum von LA GRAZIA steht ein

italienischer Präsident am Ende seiner

Amtszeit, eindringlich verkörpert von

Toni Servillo, der mit Entscheidungen

konfrontiert wird, die sich weder

politisch noch moralisch eindeutig

auflösen lassen.


SYNOPSIS

LA GRAZIA

Mariano De Santis ist der Präsident der Italienischen

Republik. Der Witwer und gläubige Katholik lebt mit

seiner Tochter Dorotea zusammen, die wie er

Rechtswissenschaftlerin ist. Gegen Ende seiner Amtszeit

erwartet ihn eine letzte Verantwortung: die

Entscheidung über zwei heikle Gnadengesuche. Diese

Fälle stellen ihn vor schwerwiegende moralische

Dilemmata, die eng mit seinem persönlichen Leben

verwoben sind und kaum voneinander zu trennen

scheinen. Während Zweifel an ihm nagen, ringt er mit

den Fragen von Recht, Gerechtigkeit und

Verantwortung. Am Ende steht eine Entscheidung, die

das Spannungsfeld zwischen Amt und Privatleben

sichtbar macht.


Von Djamila Zünd

REZENSION

Entscheidungen am Abgrund

Mit LA GRAZIA setzt Paolo Sorrentino seine filmische

Auseinandersetzung mit Persönlichkeiten fort, die an der Spitze von

Macht und Verantwortung stehen. Doch anders als man bei einem

Film über ein Staatsoberhaupt erwarten könnte, interessiert ihn

weniger die Ausübung von Autorität als das, was sich im Inneren eines

Entscheidungsträgers abspielt – insbesondere das Gewicht von

Entscheidungen. Im Zentrum steht Mariano De Santis, ein fiktiver

Präsident der italienischen Republik, verkörpert von Toni Servillo, mit

dem Sorrentino bereits mehrfach zusammengearbeitet hat. De Santis

gilt als Inbegriff der Integrität. Sein Spitzname lautet «Stahlbeton». Als

angesehener Jurist hat er seine Karriere auf der Klarheit des Rechts

aufgebaut. Doch am Ende seines siebenjährigen Mandats wird er

plötzlich von Zweifel erfasst. Vor ihm liegt eine Entscheidung von

enormer Tragweite: Soll er ein Gesetz unterzeichnen, das assistierten

Suizid erlaubt – in einem Land, dessen gesellschaftliche Debatte stark

vom katholischen Erbe geprägt ist? Gleichzeitig besitzt er die

präsidiale Macht, zwei Verurteilte zu begnadigen, deren Handlungen

die Grenze zwischen Verbrechen und dem Versuch, das Leiden

geliebter Menschen zu beenden, verschwimmen lassen. Das Recht,

das De Santis souverän beherrscht, erweist sich plötzlich als

unzureichend gegenüber der Komplexität der Realität.

Gegen die Beschleunigung der Welt

Der Film entfaltet sich in den prunkvollen Räumen des

Quirinalspalastes, dem Symbol der römischen Staatsmacht. Diese

Opulenz wirkt jedoch nicht erdrückend. Vielmehr bildet sie einen

beinahe ironischen Gegenpol zur wachsenden Einsamkeit der

Hauptfigur

>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM


TRAILER

LA GRAZIA | Regie: Paolo Sorrentino |

Cast: Toni Servillo, Anna Ferzetti,

Orlando Cinque, Massimo Venturiello,

Milvia Marigliano, Giuseppe Gaiani |

Drama | 131 Minuten | Italien, 2025 |

Verleih: Pathé Films AG

Kinostart

Deutschschweiz: 19. März 2026


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LA FEMME LA PLUS

RICHE DU MONDE


Isabelle Huppert in

einem Film, der auf

der wahren

Geschichte der

echten reichsten Frau

der Welt basiert.

Wer an psychologischen Dramen,

komplexen Familiengeschichten, Intrigen

rund um Macht und Reichtum sowie an auf

wahren Begebenheiten basierenden

Erzählungen interessiert ist, wird LA

FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

schätzen. Der Film mit Isabelle Huppert

bietet eine Geschichte über eine mächtige,

von Ehrgeiz getriebenen Frau, und ein

Netz aus Geheimnissen, Familienfehden

und Leidenschaft. Aber so ganz schlüssig,

ist das alles nicht.


SYNOPSIS

LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

Marianne Farrère (Isabelle Huppert) hat alles, um

ein sorgloses Leben zu führen: ein

überdimensionales Anwesen, einen fürsorglichen

Mann und eine gesunde Tochter, mit deren Sohn

sich Marianne wunderbar versteht. Zudem hat die

Geschäftsfrau das Wort «Geldsorgen» in ihrem

Leben kaum gehört: Als Inhaberin eines

Kosmetikkonzerns kann sie sich alles leisten, was ihr

Herz begehrt. Und doch ist sie unglücklich. Zum

einen spürt sie ihr Alter immer mehr: Mal ist’s der

Rücken, mal sind es die Kopfschmerzen – von etwas

wird Marianne immer geplagt. Und irgendwie

langweilt sie sich. Nichts scheint sie mehr

anzuregen oder zu inspirieren, ein Tag gleicht dem

nächsten. Obwohl sie sich anfänglich dagegen

sträubt, lässt sich Marianne eines Tages von einem

bekannten Fotografen (Laurent Lafitte) ablichten.

Unverhofft entwickelt sich zwischen den beiden

eine enge Freundschaft, deren Höhen mindestens

so hoch sind wie die Tiefen tief.


Eine Figur mit realem Echo

Der Film ist frei inspiriert vom Fall der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt

– einem der grössten Finanz- und Justizskandale Frankreichs der

2000er-Jahre. Es geht um Einfluss, Nähe, Abhängigkeit und die Frage,

wer in einem Geflecht aus Geld und Macht tatsächlich die Kontrolle

behält. Thierry Klifa macht daraus jedoch kein Biopic und keine

journalistische Rekonstruktion. Namen, Details und Dramaturgie sind

fiktionalisiert. Entscheidend ist nicht der dokumentarische Anspruch,

sondern die psychologische Verdichtung.

Isabelle Huppert als Projektionsfläche

Im Zentrum steht Isabelle Huppert, die eine Figur verkörpert, die

deutlich an Bettencourt erinnert – ohne sie direkt zu imitieren. Huppert

spielt keine Karikatur einer Milliardärin, sondern eine Frau, die es

gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen – und plötzlich selbst zum

Objekt strategischer Interessen wird. Ihre Darstellung ist von

kontrollierter Kühle geprägt. Huppert arbeitet mit minimalen

Verschiebungen: ein irritierter Blick, ein leicht verzögertes Lächeln, ein

Moment der Unsicherheit. Gerade diese Reduktion macht die Figur

vielschichtig. Sie bleibt souverän – und doch schleicht sich die Frage

ein, ob diese Souveränität noch trägt.

Macht, Manipulation, Einsamkeit

Der Film interessiert sich weniger für die Skandalchronik als für die

Grauzonen. Wer nutzt wen? Ist Nähe echt – oder kalkuliert? Klifa bleibt

bewusst ambivalent. Die luxuriösen Räume wirken nicht wie Triumph,

sondern wie Schutzräume, die zugleich isolieren. So wird LA FEMME

LA PLUS RICHE DU MONDE weniger zum Enthüllungsdrama als zur

Studie über Einfluss und Verletzlichkeit.

>WEITERLESEN AUF ARTTV FILM


TRAILER

LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

| Regie: Thierry Klifa | Cast: Isabelle

Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs,

Mathieu Demy, Raphaël Personnaz,

André Marcon | Komödie | 123 Minuten

| Frankreich | Verleih: Frenetic

Kinostart

Deutschschweiz: 19. März 2026


POLITISCH RELEVANTES KINO


SOLIDARITY


Wie positiv ist Solidarität

wirklich? Ein

Dokumentarfilm über

Zusammenhalt, Zweifel

und Gesellschaft

Solidarität ist eine Haltung, die die Menschen

gerne zelebrieren, die aber in Wirklichkeit

meist widersprüchlich ist. SOLIDARITY befasst

sich mit diesem Phänomen und deckt die

universelle Kraft der Menschenrechte auf. Fünf

Protagonist:innen und die drei Krisenherde in

Belarus, in der Ukraine sowie in Gaza und

Israel zeigen sowohl die positiven als auch die

negativen Seiten der Solidarität. Ein

hochaktueller Film in Zeiten, in denen ein

Despot wie Donald Trump die

Menschenrechte einen Dreck kümmern.


SYNOPSIS

SOLIDARITY

Solidarität ist ein unwiderstehliches Gefühl, das wir

feiern, aber in der Realität ist es meist widersprüchlich.

Dieser Dokumentarfilm befasst sich mit dem Phänomen

an sich und deckt die universelle Kraft der

Menschenrechte auf. Fünf Protagonisten und die drei

Krisen in Belarus, der Ukraine und Gaza/Israel zeigen

uns sowohl die hellen als auch die dunklen Seiten der

Solidarität.


Von Rolf Breiner

REZENSION

Wenn Mitgefühl an Grenzen stösst

Solidarität gehört zu den meistgebrauchten politischen und

moralischen Begriffen unserer Gegenwart. Doch was bedeutet sie

tatsächlich — jenseits von Sonntagsreden, Hashtags und

humanitären Appellen? Der Schweizer Dokumentarfilmer David

Bernet geht dieser Frage in seinem Film SOLIDARITY nach und sucht

Antworten dort, wo Solidarität konkret geprüft wird: an Europas

Aussengrenzen und in den Krisenregionen des Nahen Ostens.

Solidarität als politische Realität

Ausgangspunkt bildet die polnisch-belarussische Grenze im Jahr

2021. Flüchtende Menschen versuchen, über Belarus in die EU zu

gelangen — und werden von Polen radikal gestoppt. Polen hat sich

abgeschottet. Viele verlieren ihr Leben. Menschenrechtsaktivistin

Marta Siciarek zeigt die Gräber jener, die es nicht geschafft

haben. Nur ein Jahr später, im Februar 2022, wandelt sich die

Stimmung im Land grundlegend: Die aus der Ukraine flüchtenden

Menschen werden warmherzig aufgenommen, untergebracht und

versorgt. Eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität erfasst

Polen. Wie ist dieser Wandel zu verstehen? Der libanesische

Moralphilosoph Bashshar Haydar erklärt, dass sich Menschen eher

mit anderen solidarisch erklären, wenn sie sich verbunden fühlen —

wenn es sie unmittelbar betrifft, wenn die Gefahr vor der Haustür

liegt.

Flüchtlingshilfe als Sisyphos-Arbeit

Bernet erweitert seinen Blick in den Libanon, nach Jordanien und

nach Gaza. Nach dem verbrecherischen Überfall der Hamas und den

militärischen Reaktionen Israels sind Tausende Menschen getötet

worden.

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TRAILER

SOLIDARITY | Regie: David Bernet |

Dokumentarfilm | 93 Minuten |

Deutschland, 2025 | Verleih: Dschoint

Ventschr Distribution

Kinostart

Deutschschweiz: 19. März 2026


ARTTV MEDIENPATNERSCHAFT


QUI YESH! VIT ENCORE

Filmstill aus BLISS , dem Closingfilm vom Yesh!


Wer aktuell

Jüdisches

veranstaltet, riskiert

Widerstand, auch in

den eigenen Reihen.

Umso erfreulicher und mutiger, dass das YESH!

auch 2026 Flagge zeigt.

Wer heute jüdische Themen auf die Bühne –

oder im konkreten Fall auf die Kinoleinwand –

bringt, bewegt sich in einem Spannungsfeld

aus Erwartung, Emotion und politischer

Aufladung. Seit dem Hamas-Terror vom 7.

Oktober 2023 und Israels brutalem Krieg in

Gaza ist kaum ein kultureller Ausdruck

unberührt geblieben. Das jüdische Filmfestival

YESH! stellt sich 2026 bewusst dieser Realität –

und bleibt seiner Linie treu: offen, streitbar,

diskursiv mit 30 Filmen.



Ja zum Diskurs

Wie israelkritisch darf ein jüdisches Filmfestival sein? Darf man einen amerikanischen

Juden zeigen, der sagt: «Die Kibbuzim sind auf den Ruinen arabischer Dörfer

gebaut» (HOLDING LIAT)? Ist es legitim, Benjamin Netanyahu mit überheblicher

Chuzpe auf Korruptionsvorwürfe reagieren zu sehen (THE BIBI FILES)? Soll ein

jüdisches Festival Palästinenser begleiten, die sich von Kämpfern zu Pazifisten

wandelten (THERE IS ANOTHER WAY)? YESH! sagt 2026 bewusst «Ja!» zu diesen

Fragen. Nach einer Pause 2025 aus terminlichen Gründen kehrt das Festival zurück –

nicht leiser, sondern entschlossener. Die Haltung bleibt, dass nicht Propaganda und

Vereinfachung in komplexen Zeiten weiterhelfen, sondern Skepsis, Toleranz und

Offenheit. Aber wohl auch in erster Linie Anteilnahme. YESH! will dann auch alles

andere als provozieren, sondern zur Diskussion anregen. Das Publikum soll den

Filmen kritisch und diskursiv begegnen. Nicht alle Wunschfilme darf das Festival nach

eigenen Angaben zeigen: Skandar Coptis palästinensisches Familiendrama HAPPY

HOLIDAYS und die israelische Farce LOST IN TERRITORIES wurden von den

Rechteinhabern nicht freigegeben. Boykotte, die das Festival – wie es mitteilt –

akzeptieren muss, auch wenn es diese nicht versteht.

J

Jüdisch in all seinen Facetten

Zentral bleibt der Anspruch, das Jüdische in seiner ganzen Vielschichtigkeit sichtbar

zu machen. Amichai Lau-Lavie verkörpert diesen Reichtum schillernd: Dragqueen,


Samenspender, Orthodoxie-Virus – und Rabbi (SABBATH QUEEN). Stark vertreten

ist auch der jüdische Humor: Köstlich bizarr versucht eine New Yorker Upper-Class-

Familie, am Sabbath eine Leiche loszuwerden (BAD SHABBOS). Berührend erzählt

PINK LADY von der Chassidin Bati, die ein viertes Kind will – während ihr Mann

Lazer mit seiner eigenen sexuellen Identität ringt.

Internationale Leinwand

Zu YESH! gehören auch künstlerisch herausragende Werke. In HOUSES findet

Veronica Nicole Tetelbaum in Schwarz-Weiss-Bildern für die Katharsis einer

nonbinären Hauptfigur. BROTHER VERSES BROTHER begleitet die Zwillinge Ari

und Ethan Gold in einem einzigen Take durch San Francisco – schwatzend,

musizierend, witzelnd. KNOW HOPE porträtiert Addam Yekutieli, der mit seiner

Kunst tief in die israelisch-palästinensischen Vernarbungen eindringt. Mit

zahlreichen Ophir-Awards wurden COME CLOSER und THE SEA ausgezeichnet.

YESH! zeigt 2026 sechs Komödien, zehn Dokumentarfilme, einen Thriller und

dreizehn Dramen. Die Genres fliessen ineinander: Der Thriller ist komisch (GUNS &

MOSES), die Komödie dramatisch (THE PROPERTY), das Drama dokumentarisch

(BROTHER VERSES BROTHER). Gezeigt werden Filme aus Frankreich, Argentinien,

Deutschland, den USA, Polen und Israel. Mit Jodie Foster, Daniel Auteuil (VIE

PRIVÉE), Amanda Peet (FANTASY LIFE), Lior Ashkenazi (JINXED), Fanny Ardant,

Mathieu Kassovitz (LES ROIS DE LA PISTE) und Lars Eidinger (DEAD LANGUAGE)

stehen bekannte Namen auf der Leinwand.


YESH! ERÖFFNUNGSFILM


BAD SHABBOS -

Wie bringt man am

Schabbes eine

Leiche aus dem

Haus?

Das Yesh! 2026 eröffnet mit dem Gewinnerfilm

von gleich zwei Publikumspreisen.

BAD SHABBOS war der Lieblingsfilm des

Publikums — nicht nur am Tribeca Film

Festival, sondern auch am Cordillera

International Film Festival. Dort konnte der

Film zusätzlich den Grossen Preis der Jury

entgegennehmen. Die US-amerikanische

Independent-Komödie von Regisseur Daniel

Robbins, die mit rabbinischer Logik, New-York-

Neurosen und rabenschwarzem Humor spielt,

bewegt sich irgendwo zwischen Woody Allen,

den Coen Brothers und einer völlig entgleisten

Familienfeier.

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Festivaltipp #1

COME CLOSER

ausgezeichnetes Beziehungsdrama.

Die 1996 geborene Regisseurin

Tom Nesher verarbeitet in

«Come Closer» den Tod ihres

Bruders und setzt ihre

Hauptfigur dem gleichen

Schicksalsschlag aus. Die

hemmungslose Eden liebte

ihren tödlich verunfallten

Bruder Nati innig und ist

verblüfft zu erfahren, dass er

eine Freundin, Maya, hatte.

Eden verfolgt Maya, beide

finden ineinander Nati wieder

und es entfacht sich eine

heissblütige Amour fou. Ein

eindrückliches, mutig

umgesetztes und mehrfach

Drama Israel 2025, CH Premiere

Hebr/e | 107’, Tom Nesher

Israeli Film Academy 2024 / Ophir Awards: Bester Film, Beste

Schauspielerin (Lia Elalouf), Beste Regie


Festivaltipp #2

THE SEA

The Sea» gewann fünf Ophir

Awards, israelische Oscars.

Worauf Miki Zohar, Minister für

Kultur und Sport, kurzerhand die

Finanzierung der

Filmpreisverleihung ab 2026

strich. In diesem Drama will der

12-jährige, palästinensische

Khaled endlich einmal das Meer

sehen. Er bricht allein los in

Ramallah und kämpft sich bis Tel

Aviv durch. Sein Vater, der illegal

in Bnei Berak arbeitet, geht auf

die Suche nach seinem Sohn.

«Beschämend» sei es, diesen

Film auszuzeichnen, fand

Kulturminister Zohar. Obwohl oder weil die Odyssee von Vater und Sohn in

berührender, treffender Einfachheit den komplexen palästinensichisraelischen

Konflikt spiegelt?

Drama Israel 2025, CH Premiere

OV/e | 93’, Shai Carmeli-Pollak

Israel Film Academy / Ophir Awards 2025: Bester Film, Bester

Hauptdarsteller, Bester Nebendarsteller, Bestes Drehbuch, Beste

Originalmusik


Festivaltipp #3

DEAD LANGUAGE

«Silence Is Golden» singen die

Tremeloes, «Enjoy the Silence»

Depeche Mode. Ludwig

Wittgenstein schrieb: «Wovon

man nicht sprechen kann, darüber

muss man schweigen.» Die Songs

sind im Film zu hören, den

philosophischen Befehl stellt

«Dead Language» fesselnd zur

Diskussion. Im Zentrum steht Aya,

die ihren Ehemann am Flughafen

abholen will, sich aber als

Chauffeuse ausgibt, was zu

weiteren erklärungsbedürftigen

Aktionen führt. Das Drama basiert

auf dem Kurzfilm «Aya», der 2015

für den Oscar nominiert war. In beiden Werken verkörpert Sarah Adler die

Hauptfigur ebenso eindringlich wie mysteriös.

Drama, Tschechien, Polen, Israel 2025, CH Premiere

OV/e | 110’, Oded Binnun & Mihal Brezis

Jerusalem Film Festival 2025: Bestes Drehbuch


Festivaltipp #4

FANTASY LIFE

Sam hat Zwangsstörungen und

verliert seinen Job in einer

Anwaltskanzlei. Sieht er einen

Juden, denkt er: «Hakennase!»

Sein Psychiater diagnostiziert

ihm ein intergenerationales

Trauma, erhöht die Xanax-Dosis

– und die Vorzimmerdame

vermittelt dem jüdischen

Patienten einen Job als

Babysitter. Sam bändigt fortan

die drei vorwitzigen Töchter

eines Rockmusikers und der

Schauspielerin Dianne Cohen.

Sie, die mit ihrem Alter und

fehlenden Angeboten hadert,

findet in Sam einen Mann, der sie begehrt. Dianne und Sam nähern sich

konfliktträchtig an, was zu einer ungewöhnlichen Romanze mit jüdischem

Humor führt.

Komödie, USA 2025, CH-Premiere

E/e | 93’, Matthew Shear]

San Diego International Film Festival 2025: Bestes Ensemble


Festivaltipp #5

SABBATH QUEEN

Zum Wesen der Orthodoxie

gehört das Bewahren. Amichai

Lau-Lavie aber, Neffe des

aschkenasischen Oberrabbiners

Yisrael Meir Lau, will ein «Virus

im System» sein. Nur wer

Grenzen überschreite, könne

erlösen. Lau-Lavie lebt seine

Überzeugung: Er tritt als

Dragqueen auf, liebt einen

Katholiken, spendet drei

Frauen seinen Samen und

agitiert in New York für ein

alternatives Judentum. Seine

familiäre Verwurzelung in 38

Generationen von Rabbinern

verleugnet er jedoch nicht: Lau-Lavie lässt sich zum Rabbi ausbilden. Ein

komplexes, schillerndes und inspirierendes Porträt.

Dokumentarfilm, USA 2024

OV/e | 105’, Sandi Simcha DuBowski

Florida Film Critics Circle 2025: Bester Dokumentarfilm

Woodstock Film Festival 2024: Change Maker Award


Festivaltipp #6

THERE IS ANOTHER WAY

Während der Zweiten Intifada, 2005, begannen Erzfeinde, sich heimlich zu

treffen: israelische Soldaten und palästinensische Kämpfer. Ihr Ziel: Frieden

und Versöhnung. Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 steht

die Mission der «Combatants for Peace» mehr denn je unter Druck. Der Film

schildert eindrücklich und

unbarmherzig, wie sich mutige

Menschen immer noch weigern, Hass

mit Hass zu vergelten.

Dokfilm, USA, Palästina,

Israel 2025, CH Premiere

OV/d | 67’, Stephen Apkon

Das Festival findet vom 19. bis

25. März in Zürich statt. arttv.ch

ist Medienpartner.


Die Internationale Jury 2026: (v. l. n. r.) Shivendra

Singh Dungarpur, Bae Doona, HIKARI, Ewa

Puszczyńska, Wim Wenders, Min Bahadur Bham,

Reinaldo Marcus Green | © Dirk Michael Deckbar

/ Berlinale 2026

RÜCKBLICH BERLINALE 2026


Die Berlinale im

politischen

Shitstorm


Wenn der Diskurs

lauter wird als die

Festivalfilme

Die diesjährige Berlinale wurde nicht

nur von Filmen geprägt, sondern

auch von einem zunehmend lauten

öffentlichen Shitstorm. Forderungen

von Filmschaffenden rund um Tilda

Swinton verlangten, dass das

Festival klar politische Position

beziehen und institutionell Partei

ergreifen solle. Das ist zwar

verständlich und trotzdem falsch.


Ein Kommentar von Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch

Zwischen politischen Forderungen, öffentlichem Druck und der

Frage, wem ein Filmfestival eigentlich gehört

Ich habe mich mit arttv.ch bewusst entschieden, zur losgetretenen

politischen Diskussion mit einem Kommentar bis zum Festivalende

zuzuwarten. Nicht aus Bequemlichkeit. Und auch nicht aus fehlender

Haltung. Im Gegenteil: Viele der vorgebrachten politischen Anliegen

kann ich persönlich durchaus nachvollziehen – teilweise teile ich sie

sogar. Doch gerade deshalb erschien mir Zurückhaltung während

des laufenden Festivals wichtig.

Ein Festival gehört zuerst den Filmen

Ein Filmfestival dauert nur wenige Tage. Für viele Filmschaffende

sind es Jahre Arbeit, die hier erstmals sichtbar werden. Wenn

während dieser Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit fast

ausschliesslich von politischen Positionskämpfen, offenen Briefen

und sozialen Medien dominiert wird, entsteht eine Schieflage.

Plötzlich sprechen alle über das Festival, aber immer weniger über

die Filme selbst. Das empfinde ich gegenüber den

(Wettbewerbs-)Filmen und ihren Teams als unfair. Ein Festival ist kein

politisches Tribunal. Es ist in erster Linie ein Ort des Kinos.

>WEITERLESEN

Kommentar | Berlinale 2026

Das Festival fand vom 12 bis 22.

Februar 2026 statt.


SCHWEIZER FILMPREIS 2026


Selten so «d’accord»


Mit der Auswahl der

Nominationen waren

wir schon lange nicht

mehr so einverstanden

wie in diesem Jahr.

Die diesjährigen Nominationen

zum Schweizer Filmpreis zeichnen

ein bemerkenswert stimmiges Bild

des aktuellen Schweizer

Filmschaffens. Zwischen

publikumsnahen Erfolgen,

formaler Eigenständigkeit und

politischer Dringlichkeit

versammelt sich eine Auswahl, die

überzeugt und überrascht. Aber

welche der Nominationen haben

uns besonders gefreut?


Bester Spielfilm

Nominiert sind À BRAS-LE-CORPS von Marie-Elsa Sgualdo, BAGGER

DRAMA von Piet Baumgartner, HELDIN von Petra Volpe, LA CACHE von

Lionel Baier sowie SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? von Nicolas

Steiner.

Dass HELDIN nominiert wurde, war kaum eine Überraschung. Petra Volpes

Film hat ein breites Publikum erreicht, Debatten ausgelöst und gezeigt, dass

gesellschaftlich engagiertes Kino nicht auf Kosten von Zugänglichkeit gehen

muss. Die Nomination ist folgerichtig und spiegelt die Wirkung wider, die

der Film über den Kinosaal hinaus entfaltet hat.

Besonders gefreut hat uns jedoch die Nomination von BAGGER DRAMA.

Piet Baumgartners Film ist ein leises, präzises Stück Kino, das mit trockenem

Humor und formaler Konsequenz soziale Spannungen sichtbar macht. Ein

Film, der nicht laut sein muss, um nachzuwirken – und der insgesamt noch

deutlich mehr Beachtung verdient gehabt hätte.

Wenig nachvollziehbar bleibt für uns hingegen die Wahl von LA CACHE. Ein

eher ärgerlicher Plapperfilm, der viel redet, aber wenig hängen bleibt und

innerhalb dieser ansonsten starken Auswahl deutlich abfällt.

> Weiterlesen auf arttv.ch

Die Verleihung des Schweizer

Filmpreises findet (auf Einladung) am

Freitag, 27. März 2026 im Kongresshaus

Zürich statt.


FREE STREAMING


EMPORTE-MOI


Coming-of-Age-

Drama über

Identität, Verlangen

und Selbstfindung

in den 1960ern

Dass À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc

Godard am 13. März 2026 in restaurierter

Fassung wieder in unsere Kinos kommt,

war für uns der Auslöser, einen anderen

Film nochmals zu schauen – EMPORTE-

MOI von Léa Pool aus dem Jahr 1999, der

aktuell kostenlos auf Play Suisse

gestreamt werden kann. Der Film gilt als

einer der wichtigsten Coming-of-Age-

Filme seiner Generation und erzählt mit

grosser Zartheit von Selbstfindung,

Begehren und der rettenden Kraft des

Kinos.


SYNOPSIS

EMPORTE-MOI

Montréal, Anfang der sechziger Jahre: Aus den Ferien bei

den Grosseltern kehrt die 13-jährige Hanna nach Hause

zurück und muss sich mit ihrem Erwachsenwerden und mit

ihrer Familie auseinandersetzen: Ihr heimatloser jüdischer

Vater versucht sich erfolglos als Schriftsteller

durchzuschlagen; die fragile Mutter ist ständig

überarbeitet. Unterstützung findet Hanna bei ihrem

Bruder sowie bei ihrer Lehrerin, die Hannas Idol Anna

Karina in Jean-Luc Godards Vivre sa vie ähnelt.


Für uns (wieder)gesehen hat den Film Felix Schenker

Kino im Kino im Kino

À BOUT DE SOUFFLE löst in mir — ebenso wie EMPORTE-MOI — sofort

Bilder aus: das Kino der Anfänge, Aufbruch, Freiheit. Bilder von

Menschen, die sich nicht anpassen, sondern suchen. Und fast automatisch

erscheint in diesem Kontext auch Hanna, die junge Protagonistin aus dem

Film von Léa Pool. Darum habe ich mir EMPORTE-MOI noch einmal

angesehen — nicht aus Nostalgie, sondern aus Neugier. Und ich stellte

fest: Dieser Film ist nicht gealtert. Er ist gewachsen. Hanna, ein junges

Mädchen aus einem jüdisch-polnischen Migrantenmilieu im Montréal der

frühen 1960er-Jahre, lebt in einer Welt der Enge, des Schweigens und der

Überforderung. Der Vater ist innerlich abwesend, die Mutter erschöpft,

das Zuhause kein Ort der Geborgenheit. Was Hanna trägt, ist das Kino. Es

ist ihr geheimer Raum, ihr Denkraum, ihr Ort der Flucht — und zugleich

des Lernens. Beim Wiedersehen wurde mir bewusst, wie entscheidend das

ist, was Hanna im Film im Kino sieht. Sie schaut VIVRE SA VIE von Jean-

Luc Godard mit Anna Karina in der Rolle der Nana — jener Frau, die

sucht, liebt, scheitert und dennoch ihren eigenen Weg geht. Da ist diese

berühmte Szene: Nana sitzt im Kino und weint. Hanna sitzt im Kino und

sieht Nana weinen. Kino im Kino. Für mich ist das einer der stärksten

Momente des Films: Bilder geben sich weiter wie ein inneres Feuer.

Hanna lernt dort kein Verhalten — sie lernt eine Möglichkeit.

Erste Liebe, erste Freiheit

Das Kino wird für Hanna nicht zur Flucht aus der Realität, sondern zur

Schule: eine Schule des Begehrens, des Zweifelns, des Andersseins.

Neben den Filmen steht auch die erste Liebe, die ihr zeigt, dass ihre

innere Welt einen Platz haben darf. Diese Liebesgeschichte ist nicht laut

oder provokativ, sondern zart, tastend, verletzlich — genauso wie erste

Gefühle sind. Mit zeitlichem Abstand hat EMPORTE-MOI für mich an

Intensität gewonnen. Was man einst vielleicht als stillen Jugendfilm

bezeichnete, erscheint mir heute als visionäre Geschichte innerer Freiheit.

Hanna kämpft nicht laut. Sie schaut, fühlt, denkt — und sucht sich in den

Bildern. Heute berührt mich das mehr als früher, vielleicht weil ich weiss,

wie lang und schwierig dieser Weg für viele ist. EMPORTE-MOI erhielt


1999 an der Berlinale den Preis der Ökumenischen Jury, im selben Jahr

am Toronto International Film Festival den Preis für den besten

kanadischen Film und 2000 den Schweizer Filmpreis als bester Spielfilm.

Regie führte Léa Pool. Das sind Fakten. Wichtiger aber ist, was bleibt:

dieses Gefühl, dass Bilder helfen können, sich selbst zu verstehen — nicht

spektakulär, sondern leise, beharrlich, nachhaltig.

Kino als Ort der Emanzipation

Ich habe EMPORTE-MOI nicht noch einmal gesehen, um zu prüfen, ob er

«noch funktioniert». Ich habe ihn gesehen, um zu spüren, ob er heute

noch zu mir spricht. Und er spricht sehr stark zu mir. Vielleicht sogar stärker

als früher. Er sagt mir: Freiheit beginnt im Inneren. Er sagt mir: Bilder

können retten. Er sagt mir: Man darf anders sein, anders lieben, anders

träumen. Dass À BOUT DE SOUFFLE jetzt wiederkehrt, macht mir

bewusst, wie sehr mich gerade das europäische Kino geprägt hat.

Godard, Pool, Ozon, aber auch die Schweizerin Stina Werenfels — sie alle

glauben daran, dass Kino ein Ort der Emanzipation sein kann. EMPORTE-

MOI steht für mich genau in dieser Tradition: Kino als Raum, in dem man

sich selbst begegnet — manchmal zum ersten Mal. So wie ich mich

damals in EMPORTE-MOI wiedergefunden habe, gab es andere Werke,

die mein Leben geprägt haben: von MORT À VENISE (1971) mit seiner

stillen, schmerzhaften Nostalgie über UNE JOURNÉE

PARTICULIÈRE(1977), diese zarte Begegnung zweier Ausgestossener im

faschistischen Alltag, weiter zu QUERELLE (1982), wo das Begehren seine

eigene Sprache findet, zu MAURICE (1987), dieser grosse romantische

Hoffnungsschimmer gegen alle Zeiten, zu MY OWN PRIVATE IDAHO

(1991) mit seiner verlorenen Zärtlichkeit und offenen Wunde, zu

BROKEBACK MOUNTAIN (2005), jener stillen Tragödie zweier Männer, die

ihre Liebe nicht leben können — und zuletzt ganz besonders CALL ME BY

YOUR NAME (2017), dieser leuchtende Sommerfilm über die erste Liebe

und das, was bleibt, wenn sie vergangen ist.

Solche Filme haben mir gezeigt, dass das, was ich fühlte, einen Platz in

der Welt hat. Nicht immer einfach, nicht immer glücklich — aber stark

genug, um selbstbewusst den eigenen Weg weiterzugehen.


KOSTENLOS STREAMEN

EMPORTE-MOI | Regie: Léa Pool | Cast:

Karine Vanasse, Charlotte Christeler,

Alexandre Mérineau, Pascale Bussière

| Drama | 92 Minuten | Kanada, Schweiz,

Frankreich, 1999


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PRÄSIDIUM

Dr. Jean-Pierre Hoby

GESCHÄFTSLEITUNG

lic. phil Georg Kling

CHEFREDAKTION

lic. phil Felix Schenker

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