G+L 3/2026
Campus
Campus
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20|03
26
MAGAZIN FÜR LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
UND STADTPLANUNG
CAMPUS
EDITORIAL
Die Rolle von Universitäten wandelt sich weltweit rasant: Sie sind längst nicht
mehr nur Orte des Lernens, sondern wachsen zu interdisziplinären Lebensräumen
heran. In dieser Ausgabe der G+L richten wir den Blick auf die Zukunft
des Campus – jene Orte, an denen die Grenzen zwischen Bildung, Forschung
und Leben zunehmend verschwimmen. Angesichts globaler Beispiele, die mit
zukunftsweisenden Gestaltungskonzepten auf sich aufmerksam machen, stellt
sich die Frage: Kann Deutschland im internationalen Vergleich mithalten, oder
droht es zurückzufallen?
Ein Raum im Farbverlauf – die leuchtenden
Stuhlreihen auf unserem Cover stehen für
die Energie und Vielfalt des Campuslebens.
Doch Inspiration entsteht nicht nur
zwischen vier Wänden: Die Projekte in
dieser Ausgabe zeigen, wie qualitätvoll
gestaltete Außenräume Begegnung
fördern und neue Aufenthaltsorte schaffen
– von offenen Lernlandschaften über
flexible Platzflächen bis hin zu grünen
Rückzugsorten. Wie vielfältig zeitgemäße
Campusarchitektur heute gedacht wird
und welche Ideen dahinterstehen, lesen
Sie ab Seite 10.
Während Hochschulen hierzulande unter den immer spürbareren Einschränkungen
der Finanzierung leiden, eröffnen Projekte wie der neue MIT Kendall Square
Campus in Cambridge, die National University of Singapore oder der Chengdu
Future City Campus in China ein neues Verständnis für den Campus als lebendigen
Organismus. Diese „Future Campuses“ zeigen, dass zeitgemäße Universitäten
ihre Gebäude und Freiflächen so gestalten, dass sie Lernen und Leben, Arbeit
und Freizeit nahtlos verknüpfen. Lernlandschaften in und außerhalb von Gebäuden
bieten inspirierende Umgebungen für Studierende und Forschende, grüne
Außenräume laden zu Erholung und Austausch ein, und hybride Nutzungen fördern
die sozialen und interdisziplinären Synergien, die eine lebendige Campuskultur
prägen.
In Deutschland hingegen sehen sich viele Hochschulen gezwungen, kreative
Lösungen in bestehenden, oft wenig flexiblen Strukturen zu finden. Die finanziellen
Kürzungen der letzten Jahre haben Spuren hinterlassen. Viele Universitäten
kämpfen darum, wenigstens ihre Lehre und Forschung aufrechtzuerhalten – eine
Weiterentwicklung zu neuen Campuskonzepten scheint oft fern. Doch der Bedarf
ist dringend: Klimaschutz, soziale Inklusion und die Förderung eines nachhaltigen,
resilienten Stadtumfelds verlangen von Universitäten, nicht nur als Ausbildungsstätte,
sondern als kulturelles und ökologisches Zentrum zu agieren. Der
Campus der Zukunft muss auch Antworten auf die drängenden Fragen der Gesellschaft
geben.
In diesem Heft zeigen wir exemplarisch auf, wie das Potenzial eines Campus
durch strategische Planung, innovative Landschaftsarchitektur und kluge Nutzungskonzepte
erschlossen werden kann. Wir präsentieren wegweisende Projekte
und überlegen uns, wie Hochschulen in eine zukunftsweisende Transformation
gehen können. Ein inspirierender Blick über den nationalen Tellerrand
hinweg soll helfen, Möglichkeiten zu erkennen und den deutschen Campus
neu zu denken – als einen Ort, der den heutigen Anforderungen an Nachhaltigkeit,
Flexibilität und Gemeinschaft gerecht wird.
Foto: @roeldierckens via Unsplash
THERESA RAMISCH
CHEFREDAKTION
t.ramisch@georg-media.de
KATHARINA KOHRING
REDAKTION
k.kohring@georg-media.de
G+L 3
INHALT
AKTUELLES
06 SNAPSHOTS
09 MOMENTAUFNAHME
Pavillon gegen den Pegel
CAMPUS
10 CAMPUS ODER KULISSE?
Der Campus erlebt ein Comeback – und sucht seine Rolle zwischen Image und
echter Urbanität
16 CAMPUS MIT ENGAGEMENT
Der Campus Rutheneum in Gera zeigt, wie historische und moderne Gebäude
mithilfe von Grünanlagen miteinander verbunden werden können
20 NEUER CAMPUS AM RANDE ROMS
Am südlichen Stadtrand von Rom entsteht der neue Campus Bio-Medico di Roma,
ein Ort für Gesundheit, Forschung, Umwelt und Gemeinschaft
24 GRÜNES DORF
Beim Eeemsdelta Campus in Appingedam dominiert statt klassischer Raumaufteilung
eine vielschichtige Lernlandschaft
28 WURZELN STATT WLAN
Der Science Courtyard der University of Manitoba zeigt die Verwandlung von
einem Rasenhof zu einer ökologisch wirksamen Lernlandschaft
34 ZWISCHEN ANSPRUCH UND REALITÄT
Ein Kommentar von Hannes Bäuerle, freier Landschaftsarchitekt und Stadtplaner
38 LERNLANDSCHAFT IM PARK
Der Albano Campus in Stockholm zeigt die Verwandlung von Industriegebiet zu
preisgekröntem Universitätsdistrikt
42 URBANE WILDNIS – ARTENREICH UND ÄSTHETISCH
Der Blühende Campus der FU Berlin ist mehr als ein Biodiversitätsprojekt – es ist
ein großmaßstäbliches Experimentierfeld
46 UNIVERSITÄT ALS REALLABOR
Der Campus Vaihingen in Stuttgart zeigt mit seinem Reallabor CampUS hoch i,
wie veraltete Strukturen klimafit weiterentwickelt werden können
50 CAMPUS UND WERTVOLLER FREIRAUM
Der Campus Am Eichholz in Arnsberg zeigt, wie verschiedene Bildungsinstitutionen
mithilfe neu gestalteter Freiräumen zusammenwachsen
PRODUKTE
Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft
für Gartenkunst und
Landschaftskultur e.V.
(DGGL)
Pariser Platz 6
Allianz Forum
10117 Berlin-Mitte
www.dggl.org
56 LÖSUNGEN
Stadtmobiliar und Licht
RUBRIKEN
62 Impressum
62 Lieferquellen
64 DGGL
66 Sichtachse
67 Vorschau
G+L 5
CAMPUS
ODER
KULISSE
?
Alles ist Campus. Zumindest im Exposé. Doch wo Alltag, Öffentlichkeit und
Reibung fehlen, bleibt vom großen Versprechen nur eine gut gestaltete
Leerstelle. So hat der Campus zwischen Universität und Büropark-Marketing-
Lüge viel von seiner Bedeutung und von seinen Vorzügen verloren. Doch wo
besonders viel Schatten ist, findet man auch ganz besonderes Licht.
TOBIAS HAGER
10 G+L
CAMPUS
CAMPUS ODER KULISSE?
AUTOR
Tobias Hager ist
Journalist und
Digitalisierungsexperte.
Seit 2020
leitet er als Chief
Content Officer die
Medienmarken von
Georg Media und ist
in dem Medienhaus
ebenfalls für alle
digitalen Themen
zuständig. Zusätzlich
ist er Chefredakteur
des Architekturmagazins
Baumeister.
DIE RÜCKKEHR EINES GROSSEN VER-
SPRECHENS
Der Campus ist zurück. Zumindest als
Begriff. Kaum ein neues Universitätsgebäude,
kaum eine größere Hochschulerweiterung,
aber auch kaum ein Büroensemble
oder Innovationspark, der sich
heute nicht selbstbewusst als Campus bezeichnet.
Das Wort ist aufgeladen mit
Erwartungen: Austausch, Offenheit, Gemeinschaft,
Zukunft. Es klingt nach Wissensgesellschaft,
nach interdisziplinärem
Denken, nach Orten, an denen Lernen,
Forschen und Leben ineinandergreifen.
Ursprünglich war es genau dieses Versprechen,
das den Campus ausmachte:
ein Raum, in dem Bildung nicht isoliert
stattfindet, sondern als Teil eines größeren
gesellschaftlichen Zusammenhangs.
Gerade der universitäre Campus steht historisch
für diese Idee. Er war nie nur ein
Ort der Lehre, sondern immer auch ein
sozialer Raum. Student*innen, Dozent*innen,
Forscher*innen und Mitarbeiter*innen
teilten nicht nur Gebäude, sondern
Alltag. Wege zwischen Hörsaal, Bibliothek,
Mensa und Wohnheim wurden zu
informellen Kommunikationsräumen. Höfe,
Grünflächen und Plätze boten Raum für
Diskussion, Erholung und Begegnung. Der
Campus war kein Zielpunkt, sondern ein
permanenter Aufenthaltsort – ein Stück
Stadt mit eigener Logik.
Diese Rolle gewinnt angesichts aktueller
Herausforderungen neue Bedeutung. Universitäten
stehen heute unter massivem
Transformationsdruck. Digitale Lehre, hybride
Formate, internationale Konkurrenz
und knappe Budgets verändern den
Hochschulalltag grundlegend. Der physische
Campus muss neu begründet werden.
Er soll Lernort bleiben, aber auch
sozialer Anker, kultureller Treffpunkt und
öffentlicher Raum. Gerade hier zeigt sich,
wie anspruchsvoll die Aufgabe ist: Der
Campus soll offen sein und gleichzeitig
konzentriertes Arbeiten ermöglichen, öffentlich
wirken und dennoch institutionelle
Identität bewahren.
Parallel dazu ist der Campusbegriff aus
dem universitären Kontext herausgewandert.
Er wird zunehmend auf andere Nutzungen
übertragen – allen voran auf
Büro- und Forschungsstandorte. Was dabei
häufig verloren geht, ist der ursprüngliche
Bildungs- und Gemeinschaftsgedanke.
Während der universitäre Campus
auf Dauer, Wiederholung und soziale
Bindung angelegt ist, folgen viele „Büro-
Campi“ einer ganz anderen Logik. Sie
sind temporär, funktional, stark auf Effizienz
ausgerichtet. Der Aufenthalt ist Mittel
zum Zweck, nicht Selbstzweck. Kleine Anmerkung
an dieser Stelle, neben Campi
wird umgangssprachlich auch oft der Begriff
Campusse verwendet, dabei ist, laut
unserem geliebten Duden, der eigentlich
richtige Plural: die Campus.
Diese Verschiebung macht den Campusbegriff
ambivalent. Einerseits signalisiert
sie den Wunsch, Arbeits- und Forschungsorte
stärker an die Qualitäten universitärer
Campi anzunähern. Andererseits droht
sie, den Begriff zu entleeren. Wenn jeder
gut gestaltete Bürostandort zum Campus
erklärt wird, verliert der Campus seine Bedeutung
als sozialer und urbaner Raum.
Das große Versprechen bleibt, doch seine
Herkunft gerät in Vergessenheit.
Gerade deshalb lohnt es, den universitären
Campus wieder stärker als Referenz
zu setzen. Nicht als nostalgisches Ideal,
sondern als Maßstab. Er zeigt, dass ein
Campus nur dann funktioniert, wenn er
mehr ist als eine räumliche Organisation
von Funktionen. Er braucht Zeit, Alltag
und Öffentlichkeit. Er lebt von Menschen,
die kommen, bleiben und wiederkehren.
Wo diese Bedingungen fehlen, bleibt der
Campus eine Behauptung – egal, wie
überzeugend das Rendering ist.
WAS EIN CAMPUS EIGENTLICH IST
Historisch war der Campus nie nur eine
Ansammlung von Gebäuden. Er war
immer ein soziales Gefüge, eine räumliche
Verdichtung von Alltag, ein bewusst
or ganisierter Möglichkeitsraum. Ob als
mittelalterliche Universitätsstadt, als angelsächsischer
College-Campus oder
als europäisches Hochschulquartier: Der
Campus war stets mehr als die Summe
seiner baulichen Teile. Er bildete eine eigene
urbane Logik aus, in der Lernen,
Leben und Arbeiten nicht getrennt, sondern
miteinander verschränkt waren.
Der Campus war kein Ort, den man betrat
und wieder verließ – er war ein
Ort, in dem man sich aufhielt, verweilte
und lebte. Diese historische Dimension
ist entscheidend, weil sie zeigt, dass der
Campus ursprünglich kein funktio naler
Spezialraum war, sondern ein hybrider
Stadtraum.
Universitäten waren lange Zeit integraler
Bestandteil der Stadtstruktur oder bildeten
selbst kleine Städte. Wohnen, Lehre, Forschung,
Versorgung und soziale Begegnung
fanden in unmittelbarer Nähe statt.
Der Campus funktionierte deshalb nicht
G+L 11
CAMPUS MIT
ENGAGEMENT
Der neue Schulcampus in Gera steht für herausragendes bürgerschaftliches
Engagement, für eine besondere Bildungs- und Kulturstätte, für ein gelungenes
Zusammenspiel von historischen und modernen Gebäuden und für Freianlagen,
die das neue Ensemble zusammen- und mit der Stadt verbinden.
JULIANE VON HAGEN
AUTORIN
Dr. Juliane von
Hagen ist Stadtplanerin
und -forscherin.
Sie setzt sich seit
Jahren mit öffentlichen
Räumen
auseinander;
zunächst an
verschiedenen
Hochschulen und
mittlerweile im
eigenen Büro
stadtforschen.de.
Am westlichen Rand der Altstadt von
Gera, zwischen Burgstraße und Reichsstraße,
unweit vom historischen Markt
und Rathaus, liegt ein neuer Schulcampus.
Lange waren die Räumlichkeiten
des „Gymnasiums Rutheneum seit 1608“
auf verschiedene Standorte in der Stadt
verteilt. Seit Herbst 2021 sind sie in
einen zukunftsweisenden Campus eingebettet.
Die Landschaftsarchitekt*innen
vom Berliner Büro POLA beschreiben
das Projekt enthusiastisch: „Und
jetzt wurde neben dem Rutheneum, dem
ältesten Gymnasium der Stadt, und dem
ehemaligen Reußischen Regierungsgebäude
von 1722, genau da, wo olle
Ostplatte stand, wirklich dieses neue
Gymnasium gebaut!“
Diese Beschreibung verweist auf mehrere
Besonderheiten. Das Rutheneum gehört
als ältestes Gymnasium der Stadt
zugleich zu den traditionsreichsten humanistischen
Schulen Deutschlands. Es
ist eng mit der Historie der Stadt Gera
verbunden und trägt die Liebe seines
Gründers von Heinrich Posthumus Reuß
J.L. zu musischen Traditionen weiter. Der
Unterricht, der zum musischen Abitur
führen kann, findet seit 2021 in einem
neuen Bauensemble statt, in einer neuen
„Bildungs- und Kulturstätte am traditionsreichen
Standort, die zur Belebung des
Stadtbildes beiträgt und die Stadt als
Bildungsstandort stärkt“, wie es auf der
Webseite der Nationalen Städtebauprojekte
heißt, zu denen das Projekt zählt.
FREIRAUM ALS BINDEGLIED
Dort, wo lange „olle Ostplatte stand“, wie
POLA schreibt, kommen nun historische
und moderne Gebäude zusammen. Im
Rahmen eines Wettbewerbs entstand die
Idee, vier Gebäudeteile im Campusprinzip
anzuordnen. Dafür wurden das ursprüngliche
Schulhaus Rutheneum von
1884/87 und das angrenzende, denkmalgeschützte
ehemalige Regierungsgebäude
des Fürstenhauses Reuß von 1722
durch Neubauten ergänzt. Innerhalb
der barocken Mauern des Campus liegt
heu te die Mensa, der Ganztagsbereich,
die Bibliothek und die Verwaltung des
Gymnasiums.
Ein durchlässiger Freiraum bindet die unterschiedlichen
Baukörper zusammen und
schafft zudem eine funktionelle Verbindung
zwischen Schule und Altstadt. „Der
Campus ist damit mehr als ein Schulgelände;
er ist ein Stadtplatz, der zur Belebung
des Stadtbildes beiträgt und die
Identität Geras fortschreibt“ heißt es in
der Lokalzeitung Neues Gera im Januar
2021 dazu. Der neu gestaltete Freiraum
lebt von Terrassen und Stufen verschiedener
Höhen. Einige laden zum Sitzen ein;
andere fassen begrünte Pflanzbeete.
Dort, wo früher eine alte Stadtmauer war,
rahmt eine neue Mauer den Campus
gen Süden. Insgesamt würde das Grün
des Campus die Schüler*innen beschützen,
schreiben die Landschafts architekt*innen
von POLA dazu. Aber das
Projekt steht nicht nur für gelungene Ge-
16 G+L
CAMPUS
CAMPUS RUTHENEUM, GERA
Der neugestaltete
Freiraum lebt von
Terrassen und Stufen
verschiedener Höhen.
Einige laden zum Sitzen
ein; andere fassen
begrünte Pflanzbeete.
staltung, sondern auch für außergewöhnliches
bürgerschaftliches Engagement.
STARKE ELTERNSCHAFT
MACHTE ES MÖGLICH
Fotos: ©Hanns Joosten
POLA schreibt auf seiner Webseite, der
Campus sei „ein Symbol dafür, dass
entschlossene Eltern, die ihrer Stadtverwaltung
die Hölle heiß machen, vieles
für ihre Kinder erreichen können“. Gleichermaßen
beeindruckt ist der Oberbürgermeister
von Gera von den Entstehungshintergründen
des Campus. Der
Förderverein des Gymnasiums machte
den Wettbewerb möglich und gab damit
den Anstoß zu Stadtumbau, Denkmalpflege
und den Ausbau von Bildungsinfrastruktur.
Das Projekt sei Beispiel par
excellence für bürgerschaftliches Engagement,
wird der Oberbürgermeister der
Stadt in der Lokalzeitung zitiert und fährt
fort: „Mit dem neuen Campus […| wurde
eine für Thüringen einzigartige Bildungsund
Kulturstätte geschaffen, die sich prägend
auf das Stadtbild auswirkt und Gera
als Bildungsstandort nachhaltig stärkt.“
G+L 17
GRÜNES DORF
Im niederländischen Appingedam entstand mit dem "Eemsdelta Campus"
ein Schulstandort, der Bildung weiterdenkt. Statt klassischer Raumaufteilung
prägt eine vielschichtige Lernlandschaft aus Gebäuden, Freiräumen und
Wasserflächen das Areal. Wir haben uns genauer angesehen, wie der Campus
ein offenes und nachhaltiges Rahmenwerk sowohl für den Standort als
auch die Region schuf.
ANNE HEINKELMANN
AUTORIN
Anne Heinkelmann
studierte Landschaftsarchitektur
an der TU
München und der
Sveriges lantbruksuniversitet
in
Alnarp, Schweden.
Sie arbeitete mitunter
für Skorka Stadtplanung
und adlerolesch
München.
Den Eemsdelta Campus in Appingedam
realisierten De Unie Architecten mit
Felixx Landscape Architects & Planners.
Auf 16 600 Quadratmetern Gebäudefläche
vereint der Schulstandort drei Sekundarschulstufen,
ein praktisches Ausbildungsprogramm
und ein Sportcluster für
1 700 Schüler*innen. Die Sport- und Kultureinrichtungen
stehen dabei auch externen
Besucher*innen offen. Ein vier Hektar
großer Außenraum bettet die Gebäude in
eine vielfältig strukturierte Lernlandschaft.
GEMEINSCHAFTSPROZESS UND
DÖRFLICHE STRUKTUR
Der Campus entstand in einem intensiven
Beteiligungsprozess mit über 40 Work-
shops, an denen 17 Fachbereiche aus
Dozent*innen, Schüler*innen und externen
Partner*innen mitwirkten. Dabei
standen Bildung, Nachhaltigkeit, Naturbezug
und soziale Funktionen der Region
im Fokus. Forschungsberichte von 2015
zeigten, dass alle bestehenden Bildungsgebäude
der Region infolge von Erdgasförderung
erdbebengefährdet waren.
Der hierfür neue Campus reagiert mit
einem energieerzeugenden, zirkulären
und erdbebensicheren System.
Das räumliche Konzept orientiert sich an
historischen Wierden-Dörfern, meist runde
Siedlungen auf aufgeschütteten Hügeln.
Entsprechend entstand ein Gebäudeensemble
in radialer Anordnung. Jede
Schule erhält dabei ein eigenes Haus mit
Das räumliche Konzept
orientiert sich an
historischen Wierden-
Dörfern, meist runde
Siedlungen auf
aufgeschütteten Hügeln.
Foto: ©egbertdeboer.com
24 G+L
CAMPUS
EEMSDELTA CAMPUS, APPINGEDAM
Die halböffentliche
Parkstruktur verbindet
den Campus mit der
Gemeinde.
individueller Optik und Identität. Die Gebäude
gruppieren sich um einen Innenhof,
der als Verteiler und Ort gemeinsamer
Aktivitäten dient. Ein großzügiger
Eingangsbereich sowie gebündelte Fahrradabstellplätze
sorgen zusätzlich für
Übersicht und Offenheit.
GRÜNE LERNUMGEBUNG
Fotos: ©egbertdeboer.com
Thematisch gestaltete Landschaftsräume
knüpfen an die unterschiedlichen Lernbereiche
an. Als Reallabore bieten sie Schüler*innen
und Besucher*innen nicht nur
Platz für Bewegung und Erholung, sondern
auch Wissensvermittlung. Blaue
Ausstattungselemente verleihen der sonst
zurückhaltenden Gestaltung einen jugendlichen
Touch. Die halböffentliche
Parkstruktur verbindet den Campus mit der
Gemeinde und macht ihn auch außerhalb
der Schulzeiten zu einem lebendigen Ort.
INNENHOF
Der runde Innenhof dient als Schulhof
und Erschließungsraum. Pflanzflächen mit
in tegrierten Sitzgelegenheiten setzen sich
aus dem Innenraum im Freien fort. Daran
schließt eine großzügige Wegefläche an.
Ein Großbaum prägt als „Baum des Wissens“
die mittige Rasenfläche. Dort bietet
auch ein Außenpodium Platz für Veranstaltungen.
Gegenüber verbindet eine als
Tribüne nutzbare Treppe den Innenhof
mit der Dachfläche. Oben öffnet sich ein
ruhiger Garten für Lernen und Entspannung.
Flexible Sitzmöbel unterstützen dabei
eine vielseitige Nutzung.
GÄRTNEREI
Im Norden befindet sich eine Gärtnerei.
Ein großes Gewächshaus mit Unterrichtsraum
bildet den Kern. Darum herum
pflegen Schüler*innen Saatbeete
und ernten das Gemüse für das Schulrestaurant.
Im Blumen- und Kräutergarten
lernen sie, Pflanzen zu erkennen.
Und die die Gärtnerei rahmenden
Bäu me und Sträucher dienen zugleich
für Pflege- und Schnitt kurse.
G+L 25
WURZELN
STATT WLAN
Lernen braucht Raum – auch jenseits von Hörsaal und Bildschirm. Der "Science
Courtyard" an der University of Manitoba zeigt, wie ein unscheinbarer
Rasenhof zu einer sinnlichen, ökologisch wirksamen Lernlandschaft
transformiert werden kann. Zwischen Präriegräsern, Kalkstein und Sonnenlicht
ent steht ein Garten, der Austausch fördert, Mikroklima verbessert und
Campus leben neu definiert: als Ort des Verweilens, Experimentierens und
gemeinsamen Denkens.
DIETMAR STRAUB
AUTOR
Dietmar Straub ist
Landschaftsgärtner,
Landschaftsarchitekt
und Stadtplaner mit
Diplom von der TU
München. Seit 2007
ist er Professor am
Department für
Landschaftsarchitektur
an der Universität
von Manitoba,
Kanada. Mit seiner
Partnerin Anna
Thurmayr engagiert
er sich in Pro-bono-
Projekten in
Kooperation mit
lokalen Initiativen.
Ihre Entwürfe folgen
weder Dogmen noch
starren Formen,
sondern leben von
Chlorophyll,
Spontanität,
Unvollkommenheit,
Humor, Ironie und
manchmal sogar von
Poesie.
Eine gute Schule braucht mehr als nur
Professor*innen, Bücher, Unterrichtsräume,
Bildschirme und Labore. Platon gründete
seine Akademie in einem Olivenhain
vor den Toren Athens. Dort genossen
er und seine Schüler das Lehren, Lernen
und das freie Umherwandeln im kühlen
Schatten der Bäume. Die behandelten
Fächer waren Philosophie und Naturwissenschaften,
und die Schüler bezeichneten
sich selbst als Akademiker. Diese
baum reiche Lernlandschaft war beides:
ein Garten und ein Begegnungsort. Wie
kann es heute noch gelingen, Student*innen
und Professor*innen aus ihren Vor lesungs
sälen, Laboren und Büros zu locken,
um anschaulich zu lernen und zu begreifen,
Licht, Chlorophyll und das angenehme
Mikroklima aufzusaugen und ins Gespräch
zu kommen?
WEG VOM CANADIAN LAWN
Als Student*innen der Landschaftsarchitektur
an der TU München in Weihenstephan
hatten wir Zugang zu einem fünf
Hektar großen Versuchsgarten. Wir haben
dort viel Zeit verbracht und viel gelernt,
in unterschiedlichsten Rollen, als
Landschaftsarchitekt*innen, Chlorophyll-
Enthusiast*innen, Eltern … um nur einige
zu nennen. Seit wir an der Universität
von Manitoba lehren, suchen wir nach
Gelegenheiten vor unserer Campus-Haustür,
um mit Sonnenlicht und Chlorophyll
zu experimentieren, mit Böden, Gräsern,
Stauden, Steinen, Hölzern, mit Leben,
Zufall und dem langsamen Verfall. Der
Science Courtyard war eine Gunst des
Augenblicks, und wir haben diese beim
Schopfe gepackt.
Dieses unprätentiöse Projekt ist das Ergebnis
einer außergewöhnlichen Transformation
innerhalb einer Campuslandschaft,
deren Pflegepraktiken sich noch
eifrig am Ideal des „Canadian Lawn“
orientieren: einem sattgrünen, einheitlich
kurz geschorenen Rasen, in dem selbst
kleinste botanische Abweichungen als
Bildstörungen wahrgenommen werden.
Die Metamorphose des Science Courtyard
wurde von der Faculty of Science
initiiert und überwiegend aus studentischen
Mitteln finanziert. Der bis dato
grasbewachsene, wenig beachtete Innenhof
verwandelt sich in einen üppigen,
sinnlichen Garten, in dem sich das
menschliche Bedürfnis nach Schutz und
28 G+L
CAMPUS
SCIENCE COURTYARD, WINNIPEG
oben:
Ein hervorragender Ort
zum Verweilen, für
Augenblicke des
Austauschs und der
Ablenkung.
unten:
Ein freundlicher Ort, ein
Garten, der uns zum
Sitzen, Verweilen,
Schauen, Hören,
Nachdenken, Essen,
Trinken und ausgiebigen
Plaudern einlädt.
Foto: oben: Dietmar Straub/Straub Thurmayr Landschaftsarchitekten; unten: Jonathan Watts/Straub Thurmayr Landschaftsarchitekten
G+L 29
LERNLANDSCHAFT
IM PARK
Albano, bis 2009 noch ein Industriegebiet im Norden Stockholms, ist heute ein
preisgekrönter Universitätsdistrikt. 2023 eröffnete der neue grüne Campus mit
einer über 70 000 Quadratmeter großen Bildungsfläche. Wir haben uns angesehen,
wie hier Natur, Design und Technik nachhaltig und auf höchstem Standard
miteinander in Einklang gebracht werden.
ANNE HEINKELMANN
AUTORIN
Anne Heinkelmann
studierte Landschaftsarchitektur
an der TU
München und der
Sveriges lantbruksuniversitet
in
Alnarp, Schweden.
Sie arbeitete mitunter
für Skorka Stadtplanung
und adlerolesch
München.
Den Siegerentwurf für den "Albano Campus"
lieferten die Architekturbüros BSK,
CCO und Cedervall gemeinsam mit Nivå
Landschaftsarchitekten. Unterstützung erhielten
sie von der Forschungsgruppe des
Stockholm Resilience Centre und der Architekturabteilung
des KTH Royal Institute
of Technology im Bereich sozio-ökologischen
Städtebaus.
Albano liegt strategisch zwischen der
Universität Stockholm, dem Königlichen
Technischen Institut und dem Karolinska
Institut. Der Campus verknüpft also die
Hochschulen und bildet das Herzstück
des Wissenschaftsclusters Stockholm
Science City. Gleichzeitig grenzt Albano
an den Königlichen Nationalstadtpark
und die Kulturerbe-Landschaft um
den See Brunnsviken.
MULTIFUNKTIONALE
CAMPUSLANDSCHAFT
Das schwedische Landschaftsarchitekturbüro
folgt dem Prinzip der ortsspezifischen
Planung. Der Masterplan setzt auf
weite Blickbeziehungen, Topografie,
stromlinienförmiges Design und klare
Orientierung. Das Ziel ist ein einladender,
lebendiger öffentlicher Raum, der die
Anforderungen von Student*innen, Lehrer*innen
und Forscher*innen an ein
zeitgemäßes Arbeits- und Sozialumfeld
erfüllt. Dafür setzt das Planungsteam auf
einen Mix aus Wohn-, Arbeits- und Freizeiteinrichtungen
in einer grünen Umgebung.
Die Gebäude sind ökologisch
nachhaltig zertifiziert. Sie kombinieren
aktivitätsbasierte und traditionelle Büround
Lehrbereiche und bieten hohe Flexibilität
für unterschiedliche Betriebsabläufe.
So gibt es beispielsweise Cafés, Restaurants
und Sportstudios. Die Landschaftsarchitektur
wirkt großzügig und hat das für
Skandinavien typische minimalistische
Design. Die Achse Albanovägen verläuft
zentral durch das Gelände und dient als
Hauptverkehrsader für Radfahrer*innen,
Fußgänger*innen sowie den Dienstverkehr.
Nivå gestaltet vielfältige Räume für
Studium, Austausch und Erholung: begrünte
Terrassen, Radwege, Brücken, Fußgän-
38 G+L
CAMPUS
ALBANO CAMPUS, STOCKHOLM
Der Masterplan setzt
auf weite Blickbeziehungen,
Topografie,
stromlinienförmiges
Design und klare Orientierung.
Das Ziel ist ein
einladender, lebendiger
öffentlicher Raum,
der den täglichen
Anforderungen gerecht
werden soll.
Fotos: Robin Hayes
G+L 39