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Restauro 2/2026

Ewige Formen

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MAGAZIN ZUR ERHALTUNG DES KULTURERBES

02/2026 EWIGE FORMEN


EDITORIAL

3

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Ewige Formen“ klingt nach Ruhe, ist aber Arbeit. Formen sind nicht ewig,

sie werden „ewig gemacht“ – durch Pflege, Wissen, Urteilskraft und die

Kunst, Veränderungen so zu steuern, dass Bedeutung bleibt. Ewigkeit ist

kein Naturzustand, sondern ein Kulturvorgang.

Wer Formen bewahrt, arbeitet an der Schnittstelle von Material und Sinn.

Stein, Metall, Holz, Schrift und Bild altern unterschiedlich, doch die Fragen

ähneln sich: Was festigen, was ergänzen, was sichtbar lassen? Technik allein

genügt nicht. Jede Entscheidung ist auch semantisch: Sollen Oberfläche,

Konstruktion oder Idee fortbestehen? Gute Praxis spricht beide Sprachen

– die der Statik und die der Symbolik.

Gerade dort, wo Erinnerung räumlich wird, zeigt sich, wie ewige Formen

entstehen: durch Lesbarkeit, Würde und Zugänglichkeit. Patina ist dabei

nicht Makel, sondern Syntax der Zeit. Eingreifen heißt, die Grammatik des

Materials zu verstehen – Reversibilität vor Perfektion, Tragfähigkeit vor

Glättung. Wer hier arbeitet, entscheidet nicht nur über Stoffe, sondern über

Bedeutungen.

Ewigkeit braucht Verbündete: Restauratoren, Kunsthistoriker, Juristen,

Landschaftsarchitekten, Verwaltungen, Stiftungen und natürlich die Öffentlichkeit.

Transparente Prozesse, klare Standards und saubere Dokumentation

sind die Voraussetzungen, damit Vertrauen wächst. Geschwindigkeit

allein produziert Scheinsicherheiten; tragfähig wird eine Lösung

erst, wenn sie nachvollziehbar, maßvoll und respektvoll ist.

Am Ende sind ewige Formen weniger Monument als Haltung. Kontinuität

entsteht aus vielen kleinen, klugen Schritten. Bewahren heißt nicht Stillstand,

sondern Verantwortung in der Zeit. Wer so arbeitet, nimmt der Vergänglichkeit

nicht den Atem – aber er gibt ihr Beständigkeit für die Zukunft.

Mit dieser Ausgabe laden wir ein, Ewigkeit als Arbeit am Sinn zu betrachten:

präzise, geduldig, ohne Pathos und mit dem leisen Humor, der hilft,

wenn man der Zeit mal wieder den Takt erklärt muss.

Herzlichst, Tobias Hager & Team

t.hager@georg-media.de

instagram: @restauro_zeitschrift

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4 INHALT

6

„Kontinuitäten und Brüche

erkennbar machen“

14

Der Kaiser kommt

ins Labor

22

Begraben, vergessen,

restauriert und erinnert

26

News

S. 14

30

Erinnerung

braucht Pflege

38

Kompendium der Grabkultur

44

Der jüdische Friedhof in

Hamburg-Altona

S. 6


6 INTERVIEW

„Kontinuitäten und Brüche

erkennbar machen“

FRAGEN: JULIA MARIA KORN


INTERVIEW

Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel ist einzigartig: Es bewahrt nicht nur Zeugnisse

von Tod und Trauer, sondern stellt sie in einen lebendigen Dialog mit unserer

Gegenwart. Wie sich der Umgang mit Sterben, Erinnern und Gedenken verändert – und

warum diese Fragen heute aktueller denn je sind –, erklärt Gerold Eppler, stellvertretender

Direktor des Museums. Im Interview spricht er über die geplante Umgestaltung,

neue Vermittlungskonzepte und die anspruchsvolle Aufgabe, historische Grabmäler für

kommende Generationen zu erhalten.

7

1

1

Gerold Eppler ist stellvertretender

Direktor des

Museums für Sepulkralkultur

in Kassel, das sich

bis 2027 einer umfassenden

Neugestaltung

unterzieht.


8 INTERVIEW

Restauro: Das Museum für Sepulkralkultur beschäftigt sich mit

dem Verhältnis des Menschen zu Sterben und Tod. Welche Bedeutung

hat dieses Thema für das Verständnis unserer Kultur

und Geschichte?

Gerold Eppler: Kultur umfasst ja alles, was Menschen in einer

Gesellschaft miteinander teilen. Dazu gehören Musik, Literatur,

Kunst, Sprache, Werte, Bräuche – und in den Sachzeugnissen,

die in diesem Zusammenhang entstehen, drücken

sich natürlich auch Werthaltungen aus. Anhand der Veränderungen

dieser Sachzeugnisse lassen sich wiederum Veränderungen

der Werthaltungen ablesen. Das betrifft selbstverständlich

auch die Einstellung zu Sterben und Tod. Diese

Einstellungen haben sich im Laufe der Zivilisationsgeschichte

verändert. Daher hat dieses Thema im Museum für Sepulkralkultur

eine sehr große Bedeutung, weil wir uns hier auf die

letzten Dinge konzentrieren. In unserem Ausstellungs- und

Sammlungsbestand wollen wir anhand dieser letzten Dinge

veranschaulichen, wie sich das Verhältnis des Menschen zu

Sterben und Tod im Laufe der Zeit verändert hat.

Restauro: Was gehört alles zu den Beständen des Museums?

GE: Wir haben unterschiedliche Sammlungsbereiche und Archive,

wir haben zum Beispiel ein Musikarchiv, in dem Noten

und Texte zu Musikstücken bewahrt werden, die beispielsweise

für Beerdigungen entwickelt wurden. Wir sammeln vor allem

Dinge, die im Zusammenhang mit Sterben und Tod verwendet

wurden. Das sind in erster Linie Dinge aus dem Alltagsbereich,

also Objekte, die im Zusammenhang mit Bestattungsreden bis

hin zum Totengedenken stehen. Das umfasst im Grunde alles

– von der Traueranzeige über das Totenhemd und Haarbilder

bis hin zum Grabmal. Natürlich spielt auch die zeitgenössische

Kunst eine Rolle, und in diesem Bereich gehören dann auch

Videodokumente dazu und vieles mehr. Außerdem gibt es bei

uns im Haus eine umfangreiche Spezialbibliothek. Ich glaube,

wir sind mittlerweile bei über 50 000 Beständen.

Restauro: Wie haben sich Grabdenkmäler und ihre Gestaltung

über die Jahrhunderte verändert, und welche gesellschaftlichen

oder kulturellen Einflüsse lassen sich dabei erkennen?

GE: In Grabdenkmälern zeigt sich zunächst einmal die Wertschätzung

gegenüber den Verstorbenen. Das ist fast eine

anthropologische Konstante: Erst als Menschen erkannt haben,

dass sie sterben, also ein Endlichkeitsbewusstsein entwickelt

haben, entstand der Umgang mit den Verstorbenen.

Menschen werden bestattet, und der Bestattungsort wird oft

zusätzlich als Refugium des Verstorbenen gekennzeichnet.

In früheren Jahrhunderten spiegelten sich in der Gestaltung

der Grabstätten auch die jeweiligen Jenseitsvorstellungen wider.

Das hängt eng mit unserer kulturellen Entwicklung zusammen:

Werthaltungen sind oft mit Sinn besetzt, und die Objekte,

die für das Totengedenken verwendet wurden, haben dem Tod

einen Sinn verliehen. In früheren Jahrhunderten waren es vor

allem Religionen, die dem Tod Bedeutung gaben, und diese

religiöse Symbolik – etwa die christlich-abendländische – zeigt

sich deutlich in den Grabmälern. So drücken Grabdenkmäler

nicht nur Wertschätzung gegenüber den Verstorbenen aus,

sondern auch Jenseitsvorstellungen, Glaubenszuversicht und

eine gewisse Beantwortung der Sinnfrage. Ein Beispiel ist das

Memento-Mori im Mittelalter: Die Aufforderung, des Todes zu

gedenken und für die Verstorbenen zu beten, zeigt den Glauben

an ein Leben nach dem Tod und den Versuch, dieses zu

beeinflussen. Mit der Aufklärung verändert sich dies grundlegend.

Biografische Aspekte treten stärker in den Vordergrund,

während die Deutungshoheit über den Tod zunehmend an

Mediziner und Naturwissenschaftler geht. Die Verwaltung

übernimmt deren Erkenntnisse, und der Umgang mit Verstorbenen

wird immer stärker verrechtlicht, Familie und Kirche

werden zunehmend aus dem direkten Einflussbereich entzogen.

Jenseitsvorstellungen tauchen zwar weiterhin auf, aber

die Persönlichkeit der Verstorbenen, das, was sie ausgemacht

hat oder wie man sie darstellen wollte, wird nun zum Kennzeichen

der Grabgestaltung der folgenden Epoche.

Im 19. Jahrhundert verändert sich die Grabmalgestaltung weiter:

Maschinen kommen vermehrt zum Einsatz, und der Bereich

wird zunehmend kommerzialisiert. Am Anfang dieses

Jahrhunderts beschäftigten sich noch akademische Bildhauer

und Architekten mit großen Grabanlagen, während die zeitgenössische

Kunst – vor allem im plastischen Bereich – neue

Wege ging, die sich nicht mehr auf Friedhöfen widerspiegelten.

Im 20. Jahrhundert nimmt der Einfluss von Künstlern auf

das Totengedenken und die Grabmalgestaltung dann stark ab.

Restauro: Viele Grabmäler befinden sich ja nicht im Museum.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Erhaltung historischer

Grabdenkmäler, insbesondere im Hinblick auf die

unterschiedlichen Materialien wie Stein, Metall oder Holz, ihre

Langlebigkeit unter verschiedenen Umweltbedingungen und typische

Veränderungen durch Witterung, Friedhofsnutzung oder

neue Bestattungstrends?

GE: Wir haben zwar einen verhältnismäßig großen Grabmalbestand

im Museum, auch in der derzeitigen Dauerpräsentation,

aber mit der Neukonzeption wird die Auswahl noch präziser

und konzentrierter getroffen werden müssen. Früher spielte

die Grabmalabteilung vor allem vor dem Hintergrund der Zielsetzung

der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal eine

große Rolle. Diese Arbeitsgemeinschaft ist der Trägerverein

des Museums für Sepulkralkultur, und noch heute beraten

wir Friedhofsträger bei der Erhaltung historischer Grabmale.

Dabei zeigt sich oft, dass der Erhalt eines Grabmals in Konkurrenz

zum historischen Grün steht. Auf Friedhöfen gibt es

ästhetische Konzepte, bei denen Bewuchs und Grünflächen

eine zentrale Rolle spielen, um eine bestimmte Atmosphäre

zu erzeugen. Das kann zulasten der Substanz des Grabmals

gehen. Ein Beispiel dafür ist der Münchner Waldfriedhof, eröffnet

1907, der für viele Friedhofsanlagen in Deutschland

als Vorbild diente. Hans Kressel, damals Stadtbaudirektor in

München, schrieb vor, dass nur bestimmte Materialien und

Oberflächen verwendet werden dürfen. Die rauen Oberflächen

von Kalk- oder Sandstein setzten sich schnell mit Flechten

und Moosen zu – ein Effekt, der beabsichtigt war, aber

den Erhalt der Denkmäler erschwert. Hier ist Fingerspitzengefühl

gefragt: Abwägen, ob man den Bewuchs zulässt, um

die Atmosphäre zu erhalten, oder ob man ihn zurücknimmt,

um die Substanz des Grabmals zu schützen. Überwachsene

Grabzeichen, etwa mit Efeu, wirken romantisch, können aber

die Grabstätte schädigen. Ein weiteres Problem ist das Nutzungsrecht

von Grabstätten: Hinterbliebene erwerben nur ein

Nutzungsrecht, das sich verlängern, aber auch enden kann.

Wenn es erlischt, wird das Grabmal entfernt. Mit jedem neuen

oder entfernten Grabmal verändert sich die Gesamtanlage.

Sensible Friedhofsverwalterinnen und -verwalter, die die Qualität

der Grabzeichen erkennen, sind daher besonders wichtig.

Oft fehlen jedoch Kenntnisse im Bereich Kunst- und Kulturgeschichte,

da viele Verwaltungsschulungen rein technisch


INTERVIEW

9

2

Das Museum für Sepulkralkultur

versucht für seine

Sonderausstellungen nach

Möglichkeit immer auch

einen Gegenwartsbezug

herzustellen, wie hier mit

einer Legoplatte, die eine

Grabgestaltung zeigt.

3

Beim Bau des Museums

wurde darauf geachtet,

dass die Räume lichtdurchflutet

sind, um Hemmschwellen

abzubauen.

2

3


26 NEWS

CULTURA SUISSE 2026

in Zürich

Von: Luisa Maierhoff

Zürich-Oerlikon wird vom 25. bis 27. März 2026 zum zentralen

Treffpunkt für Fachleute und Interessierte aus der Welt der Denkmalpflege,

des Kulturgüterschutzes und der Museologie: Die CUL-

TURA SUISSE 2026, die bedeutendste Fachmesse der Schweiz in

diesem Bereich, öffnet ihre Türen in der historischen Halle 550.

Nach vielen Jahren in Bern findet die Messe erstmals in Zürich

statt – und verspricht mit einem facettenreichen Angebot, einem

spannenden Rahmenprogramm und täglichen Side-Events ein

Highlight für die gesamte Branche. Mehr Informationen gibt es

auf der offiziellen Webseite: www.cultura-suisse.ch.

Vielfältige Aussteller aus der Schweiz und dem Ausland

Die Messe präsentiert mit rund 125 Ausstellern aus der Schweiz

und dem benachbarten Ausland – nach Angaben der Veranstalter

kommen circa 15 Prozent der Teilnehmenden aus dem Ausland

– eine große Bandbreite an Unternehmen aus der Kulturgüterbranche.

Besucherinnen und Besucher können sich auf ein

umfassendes Angebot in den Bereichen Denkmalpflege, Restaurierung,

Archäologie, Handwerk, Museumstechnik, Digitalisierung,

Archivierung, Multimedia und Softwarelösungen freuen.

Die CULTURA SUISSE 2026 ist damit nicht nur eine Leistungsschau

der etablierten Akteurinnen und Akteure der Branche,

sondern auch ein Ort, an dem aktuelle Trends, Innovationen und

zukunftsweisende Technologien vorgestellt werden. Für Ausstellende

bietet die Messe eine optimale Plattform, um ihre Produkte,

Dienstleistungen und Expertise einem fachkundigen Publikum

zu präsentieren – und für Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit,

neue Impulse für die eigene Arbeit zu gewinnen.

Praxisnahes Handwerk auf dem „Werkplatz“

Ein besonderes Highlight ist auch in diesem Jahr der „Werkplatz“,

der unter der Leitung der Vereine Handwerk in der Denkmalpflege

und Fachwerkerleben auf rund 400 m² die Vielfalt

traditioneller Handwerkstechniken präsentiert. Restaurierungsarbeiten,

die fachgerechte Bearbeitung historischer Bausubstanz

und praxisnahe Demonstrationen stehen dabei im Vordergrund.

Besucherinnen und Besucher haben hier direkt die

Möglichkeit, mit den Handwerkerinnen und Handwerkern ins

Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und die Methoden aus

erster Hand zu erleben.

Der „Werkplatz“ zeigt eindrucksvoll, wie wichtig das Zusammenspiel

von Tradition, handwerklicher Präzision und zeitgemäßer

Technik für die Denkmalpflege ist. Gleichzeitig wird deutlich, wie

sich historische Bauten, Museen und Kulturgüter mit modernen

Lösungen bewahren lassen, ohne ihren Charakter zu verlieren.

Verbände und Institutionen als starke Partner

Neben Handwerksbetrieben und Dienstleistern sind auch die

wichtigsten Verbände und Institutionen aus der Schweiz vertreten.

Sie informieren über gesetzliche Rahmenbedingungen, Fördermöglichkeiten

und neueste Entwicklungen im Bereich Denk-


NEWS

27

1

1

Zahlreiche Veranstaltungen

im Rahmenprogramm

begleiten die

CULTURA SUISSE, die

in diesem Jahr in Zürich

stattfindet.

2

Auf dem „Werkplatz“

werden auch in diesem

Jahr wieder praxisnahe

Demonstrationen von

Handwerker:innen

präsentiert.

2


38 EWIGE FORMEN

1

Der Sensenmann am

Kölner Melaten-Friedhof

ist das bekannteste

Grabmonument des

Friedhofs.

1

Kompendium der Grabkultur

TEXT: ALEXANDRA WACH


EWIGE FORMEN

Der Kölner Friedhof Melaten hat eine mehr als 200-jährige Geschichte. Viele Grabsteine,

Reliefs und Gruften sind Kulturdenkmäler und vom Verfall bedroht.

39

Die weitverzweigte Begräbnisstätte Melaten, ein 1810 gegründetes

Freilichtmuseum der Sepulkralkunst, ist eine grüne Insel

inmitten des Autoverkehrs. Engelskulpturen breiten unter Baumriesen

ihre Flügel aus. Spektakuläre Bildhauer-Grabmalkunst

zieht Blicke auf sich. Gebaut worden ist Melaten auf dem Gelände

eines ehemaligen Leprosenheims, das dort angesiedelt

war. Ein kleines Denkmal am Eingang an der Aachener Straße

erinnert an die Geschichte der früheren Anstalt, bei der Leprakranke,

von der restlichen Welt streng abgeschottet, ihr Leben

fristen mussten. Für den neuen Zentralfriedhof wählte die Stadt

Grundstücke des 1767 geschlossenen Heims, das mitsamt der

dazugehörenden Kapelle und den umgebenden Ländereien

von der Hospizienkommission erworben wurde. Mit den kunsthistorisch

wertvollen Grabmalen mehrerer Stilepochen spiegelt

Melaten als Kompendium der Grabkultur die Stadt- und Gesellschaftsgeschichte

wider. Die Hauptportale und klassizistischen

Grabmale stammen aus der Zeit der napoleonischen Besetzung,

flankiert von Gräbern aus der Gründerzeit, die von Industrialisierung

und Bevölkerungswachstum geprägt war. Das

20. Jahrhundert erweitert das Spektrum mit Jugendstil, klassischer

und Nachkriegsmoderne um weitere Akzente.

Vorbild Cimetière Père Lachaise

Die Gestaltung des Friedhofs übernahm der Kanonikus und

ehemalige Universitätsrektor Ferdinand Franz Wallraf, Fachmann

für die schönen Künste, Ästhetik und Botanik. Der Anhänger

der Aufklärung entwarf das Gelände nach dem Vorbild

des Pariser Friedhofs Père Lachaise mit rasterförmigen Wegen

und den imposanten Eingangstoren im Stil des Revolutionsklassizismus,

wobei von Anfang an auch der Erholungsfaktor

der entstehenden Grünflächen in den Blick genommen wurde.

Pragmatisch strukturierte er ein gradliniges Wegenetz mit

Hauptachsen und rechtwinkligen Fluren, mit Bereichen für die

mehr und die weniger Betuchten. Das erzählen heute Stadtführer

gerne bei einem Spaziergang über die weitläufige Anlage

mit gut 55 000 Gräbern auf 435 000 Quadratmetern. Über

Prachtmeilen flaniert man zu versteckteren Winkeln unter alten

Bäumen und unter den Fittichen vieler steinerner Engel, vorbei

an Grabstätten von Persönlichkeiten, die Geschichte erzählen.

Katholische Kirche verliert Beerdigungsrecht

Der Name Melaten leitet sich aus dem Französischen von „malade“

(„krank“) ab. Der Friedhof lag ursprünglich auf freiem

Feld jenseits der mittelalterlichen Stadtmauer an der Chaussée

nach Aachen. Die Basis seiner Gründung bildete im damals

französischen Köln das 1804 erlassene „Décret impérial sur les

sépultures“, in dem das Bestattungswesen neu geordnet wurde:

27 Artikel behandelten die Lage und Einrichtung des Friedhofsareals

bis hin zu Bepflanzung und Kult. Als Folge der Verordnungen

wurden Beerdigungen nicht nur innerhalb der Stadt

aus hygienischen Gründen untersagt. Der katholischen Kirche

wurde außerdem das Beerdigungsrecht genommen und der Zivilgemeinde

überantwortet. Zunächst durften auf Melaten nur

katholische Kölner begraben werden. Protestanten wurden ab

1829 zugelassen, jüdische Bürger ab 1892.

2

Der Melaten-Friedhof

wurde 1810 gegründet

und hat eine Vielzahl

an erhaltungswürdiger

Grabdenkmale.


EWIGE FORMEN

Hölzerne Grabmarkierungen wie Totenbretter, ungarisch-calvinistische fejfák und

die baltischen krikštai gehören zu den vergänglichsten, zugleich aber auch zu den am

stärksten ideologisch aufgeladenen Denkmalgattungen Europas. Seit dem 19. Jahrhundert

wurden sie immer wieder als Relikte vorchristlicher Glaubenswelten gedeutet.

Neuere kunsthistorische und ethnologische Forschungen zeigen jedoch, dass es sich

vielmehr um frühneuzeitliche Formen protestantischer Sepulkralkultur handelt, deren

Symbolik, Materialität und Verbreitung eng mit Konfessionalisierung, sozialer Praxis

und regionalem Handwerk verbunden sind.

55

Man findet sie im süddeutschen Raum, aber auch im baltischen

Raum oder in Ungarn: Holzgrabmäler. Holz ist in der

europäischen Grabmalkunst ein ambivalentes Material. Es verbindet

handwerkliche Nähe, geringe Kosten und symbolische

Aufladung mit einer ausgeprägten Anfälligkeit gegenüber Verwitterung

und Verlust. Gerade diese Vergänglichkeit trug dazu

bei, dass hölzerne Grabzeichen lange Zeit am Rand kunsthistorischer

Forschung standen. Wo sie überliefert sind, begegnen

sie uns häufig in rekonstruierter, musealisierter oder künstlerisch

ergänzter Form.

Aus kunsthistorischer Perspektive ist entscheidend, Holzgrabzeichen

nicht als defizitäre Vorstufen „eigentlich dauerhafter“

Grabmäler zu verstehen, sondern als bewusst gewählte Ausdrucksform.

In protestantisch geprägten Regionen Europas

entwickelte sich seit dem 17. Jahrhundert eine ausgeprägte

Tradition hölzerner Grabmarkierungen, die sich sowohl theologisch

als auch ästhetisch von katholischen Stein- und Kreuzformen

absetzte. Totenbretter, fejfák und krikštai sind innerhalb

dieses Kontextes zu verorten.

Das Totenbrett: Frühneuzeitliche

Volksfrömmigkeit im Alpenraum

Bereits in den frühen Hochkulturen wurde Holz zur Gestaltung

von Grabmälern genutzt, aufgrund der Materialbeschaffenheit

sind die meisten dieser Denkmäler jedoch nicht erhalten geblieben.

Diese Holzgrabmäler, die wahrscheinlich häufig in Form einer

Stele gestaltet waren, gingen wohl auf Totenbretter zurück.

Verstorbene wurden bis zu ihrer Einsargung auf Totenbretter

gebettet. Auf den Brettern waren Namen, Daten, Gebete und

Sprüche eingearbeitet. Der Brauch der Totenbretter hat sich

insbesondere im süddeutschen, österreichischen und schweizerischen

Raum über lange Zeit erhalten. Auch dort diente es

ursprünglich der Aufbahrung des Leichnams; nach der Beisetzung

wurde es auf dem Friedhof oder in dessen Umfeld aufgestellt.

Seit dem 17. Jahrhundert übernahm es zunehmend die

Funktion eines dauerhaften Grabzeichens. Die Gestaltung der

Totenbretter – mit hochrechteckigen Formen, gemalten oder geschnitzten

Ornamenten, Inschriften und christlichen Symbolen

– verweist klar auf frühneuzeitliche Frömmigkeitspraxis. Kreuz,

Herz, Sonne oder florale Motive sind weniger als „archaische

Zeichen“ denn als Elemente einer volkstümlichen, schrift- und

bildorientierten Memorialkultur zu verstehen. Ihre Verbreitung

fällt zeitlich mit der konfessionellen Neuordnung Europas zusammen.

In evangelischen Regionen fungierte das Totenbrett

als Alternative zu steinernen Grabkreuzen, die im katholischen

Umfeld zunehmend normierend wirkten.

Ungarisch-calvinistische fejfák: Reformierte

Grabkultur und Bildskepsis

Eine vergleichbare Entwicklung lässt sich in den calvinistisch

geprägten Regionen Ungarns und Siebenbürgens beobachten.

Auch Ungarn wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts

von der Reformation erfasst. Insbesondere die Ideen Calvins

wurden dort aufgenommen – gerade in der Donau-Theiß-Region,

in den von den Türken beherrschten Gebieten und in Siebenbürgen

fanden sie Anklang. Eine Zeit lang waren sowohl

bei den Katholiken als auch bei den Protestanten hölzerne

Grabkennzeichen verbreitet. Bei den Katholiken dominierten

Holzkreuze, wohingegen bei den Protestanten teilweise keine

Markierungen oder Totenbretter, wie sie auch aus dem süddeutschen

Bereich bekannt sind, genutzt wurden. Zumeist waren

diese Grabkennzeichen aber bei beiden Konfessionen in

eher ärmeren Bevölkerungsschichten verbreitet. Die Protestanten

setzten diese Grabmarkierungen entweder an das Kopfende

(fefja) oder auch an das Fußende (lábfa) des Grabes. Im Laufe

der Zeit wurden die Grabkennzeichen am Kopfende immer

aufwendiger und dekorativer gestaltet. Die hölzernen Grabzeichen,

die fejfák – zu deutsch „Kopfbäume“ –, entstanden seit

dem 17. Jahrhundert und sind bis heute auf reformierten Friedhöfen

anzutreffen. Ihre Gestaltung ist durch starke Abstraktion

geprägt. Gedrechselte oder eingeschnittene Zonen gliedern

den Holzpfosten. Im 19. Jahrhundert erlebte die ungarische

Volkskunst einen Aufschwung. Nachdem die Revolution von

1848/49 gescheitert war, begann die Zeit der habsburgischen

Unterdrückung. Die Habsburger Monarchie bestrafte nicht nur

die aufständischen Soldaten, sondern versuchte auch, die ungarische

Nationalität zu unterdrücken beziehungsweise auszulöschen.

1867 kam es schließlich zu einer Vereinbarung zwischen

Ungarn und der Habsburgischen Monarchie. Ab diesem

Zeitpunkt begann die Volkskunst zu blühen, was sich auch an

der Gestaltung der Grabmarkierungen erkennen lässt. Diese

waren nun reich dekoriert, und es wurden verschiedene Motive

aufgegriffen: Tulpe, Krone Stern, Ring, Blumenvasen und

Knöpfe. Im 20. Jahrhundert war diese üppige Dekoration dann

wieder rückläufig, und einfacher gestaltete Markierungen für

Gräber entstanden. Diese Entwicklung ist auch in Transsilvanien

zu erkennen, dort begann sie ab der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Ab den 1970er-Jahren erfuhren die Holzgrabmarkie-


56 EWIGE FORMEN

3

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