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CS CLICK BÜHNE
Das E-Magazin für Theater | Musik | Literatur | & +
März/April 2026
GRÜEZI
Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
HINWEIS:
Die Bildlegenden und
Copyrights zu den
verwendeten Fotos –
wenn nicht anders
vermerkt – finden sich
auf unserer Website.
«Selbst meine gelegentlichen
Rückenschmerzen
verschwinden. Natürlich weiss
ich, dass das medizinisch kaum
haltbar ist. Aber es
funktioniert – vermutlich
einfach, weil ich es so will.»
Felix Schenker, arttv Chefredaktion
Cover: ZÜRICH BAROCK | Opernhaus Zürich | Jeanine De Bique
Liebe CLICK-BÜHNE-Gemeinschaft
Ich gestehe: Ich bin ein Barockmensch – und man möge mir dieses Editorial
in Form einer «Ode an den Barock» verzeihen. Aber ich liebe einfach die
Symmetrie dieser Kulturepoche. Diese klare Ordnung, diese Achsen, diese
Balance – in der Architektur ebenso wie in der Musik. Alles scheint im
Gleichgewicht zu sein. Nichts ist zufällig. Darum höre ich so gerne Johann
Sebastian Bach. Seine Musik wirkt auf mich wie eine perfekt gebaute
Architektur aus Klang. Wenn ein Präludium oder eine Fuge erklingt, ordnet
sich die Welt für einen Moment. Selbst meine gelegentlichen
Rückenschmerzen verschwinden. Natürlich weiss ich, dass das medizinisch
kaum haltbar ist. Aber es funktioniert – vermutlich einfach, weil ich es so
will. Bach richtet eben nicht nur Stimmen auf, sondern manchmal auch
Menschen. Meine Liebe zum Barock war es auch, weshalb ich mir
irgendwann ein – wenn auch schlichtes – Barockschloss gekauft habe. Nicht
aus aristokratischer Eitelkeit, sondern weil ich diese Symmetrie liebe und es
mir ideal für Kulturprojekte erschien. Ein Barockschloss ist eigentlich nichts
anderes als eine dreidimensionale Fuge.
Warum ich das alles schreibe? Weil Zürich gerade beschlossen hat, dem
Barock ein eigenes Festival zu widmen. Vom 20. bis 29. März 2026
veranstaltet das Opernhaus Zürich erstmals das Festival ZÜRICH BAROCK,
das zehn Tage lang die Vielfalt der Barockmusik feiert – mit Opern,
Konzerten, Kammermusik und Performances. Auf dem Programm stehen
unter anderem «Giulio Cesare in Egitto» von Georg Friedrich Händel; mit
Cecilia Bartoli, die selten gespielte Tragédie «Scylla et Glaucus» von Jean-
Marie Leclair sowie andere grosse Werke der Barockmusik, darunter auch
Bach.
Kurz gesagt: Zürich entdeckt den Barock neu. Und vielleicht ist das gar
kein Zufall. In einer Welt, die immer schneller, chaotischer und lauter wird,
wächst die Sehnsucht nach Ordnung, Struktur und Schönheit.
Mit lieben Grüssen
Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
v
ZÜRICH BAROCK | Opernhaus Zürich | Julian Prégardien © Chris Gonz
Das Opernhaus Zürich
lanciert mit ZÜRICH
BAROCK ein neues
Festival für Alte Musik
Zürich wird zum
Treffpunkt der
internationalen
Barockszene – mit
Opernraritäten,
Weltstars und
historischer
Klangkunst
Mit ZÜRICH BAROCK startet das
Opernhaus Zürich erstmals ein
eigenes Festival für Alte Musik. Über
zehn Tage hinweg vereinen sich
Opernproduktionen, Konzerte und
kammermusikalische Formate zu
einem konzentrierten Panorama
barocker Aufführungspraxis – und
knüpfen zugleich an eine
künstlerische Tradition an, die das
Haus seit Jahrzehnten prägt.
Barocktradition mit Zürcher Handschrift
Die Wurzeln des Festivals reichen tief in die Geschichte des Opernhauses
zurück. Nikolaus Harnoncourt, einer der grossen Pioniere der
Originalklangbewegung, formte hier entscheidend das Verständnis
historischer Aufführungspraxis. Aus diesem Geist entstand das Orchestra La
Scintilla, das bis heute international zu den führenden Ensembles der Alten
Musik zählt. ZÜRICH
BAROCK macht diese
besondere Zürcher
Kompetenz erstmals in
verdichteter Form
erlebbar und
versammelt zugleich
international führende
Künstler:innen wie
Cecilia Bartoli,
Emmanuelle Haïm,
Cecilia Bartoli
Raphaël Pichon oder
Philippe Jaroussky.
Opernraritäten und barocke Meisterwerke
Im Zentrum der ersten Festivalausgabe steht die Premiere von Jean-Marie
Leclairs selten gespielter Oper «Scylla et Glaucus», inszeniert von Claus Guth
und musikalisch geleitet von Emmanuelle Haïm. Ergänzt wird das Programm
durch Händels Opernklassiker «Giulio Cesare in Egitto» mit Cecilia Bartoli als
Cleopatra sowie die konzertante Aufführung von «Aci, Galatea e Polifemo»,
bei der Philippe Jaroussky sein Opernhausdebüt als Dirigent gibt. Ein
besonderer Fokus gilt zudem dem Komponisten Jean-Marie Leclair, dessen
Musik im Dialog mit Werken von Händel und Johann Sebastian Bach steht.
Emmanuelle Haïm
Bach als spiritueller Höhepunkt
Neben den Opernproduktionen bilden die «Johannes-Passion» und
die «Matthäus-Passion» von Johann Sebastian Bach zentrale Pfeiler
des Konzertprogramms. Mit Orchestra La Scintilla, der Zürcher Sing-
Akademie sowie Raphaël Pichons Ensemble Pygmalion begegnen sich
dabei führende Interpret:innen der historischen Aufführungspraxis.
ZÜRICH BAROCK versteht sich damit nicht als nostalgischer Rückblick,
sondern als lebendiges Festival, das Alte Musik als gegenwärtige,
unmittelbar erfahrbare Kunstform neu positioniert.
ZÜRICH BAROCK | Opernhaus Zürich
| 20.–29. März 2026
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Cut it!
Nicolas Bernière, Ursula Rutishauser
und Bruno Weber
21. März bis 14. Juni 2026
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v
«Die Schneekönigin» im
Weissen Turm in Mulegns
Zum ersten Mal
erklingt Musik im
Konzertsaal des
weltweit höchsten
3D-gedruckten
Gebäudes
Inmitten von Martin Leutholds
märchenhafter Winterlandschaft
entfaltet sich eine perkussive
Klangreise zu Hans Christian
Andersens Märchen «Die
Schneekönigin». Der Perkussionist
Miguel Ángel García Martín erschafft
ein schillerndes Geflecht aus Klang
und Fantasie.
Frost, Rhythmus, Architektur – «Die Schneekönigin» im Weissen
Turm
Mit «Die Schneekönigin» verwandelt das Origen Festival Cultural den
Weissen Turm von Mulegns in einen Ort konzentrierter Klangpoesie.
Ausgehend vom Märchen von Hans Christian Andersen entsteht keine
Nacherzählung, sondern eine musikalische Verdichtung von Kälte,
Bewegung und innerer Reise. Der Schlagzeug- und Perkussionist
Miguel Ángel García Martín webt mit seiner Komposition ein
schillerndes Geflecht aus Klängen – von frostigem Windhauch über
funkelnde Schneekristalle bis hin zu leisen, blumigen Zwischentönen,
die an die Reise der jungen Heldin durch Kälte und Sturm erinnern.
Architektur als Resonanzkörper
Der Aufführungsort ist selbst Teil des Konzepts: Der Weisse Turm von
Mulegns wurde in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich als weltweit
höchstes 3D-gedrucktes Gebäude realisiert. Seine geschwungene
Architektur schafft einen Rundraum von besonderer akustischer
Präsenz. Klang, Material und Raum treten in einen Dialog, der das
Konzert zu einem immersiven Erlebnis macht – konzentriert,
körperlich, überraschend intim. Allein schon diesen Turm zu
besteigen, ist ein Erlebnis, das die Anreise legitimiert.
ARTTV
VIDEO
Ein Wintererlebnis im Surses
Weitere Aufführungen finden noch bis am 22. März 2026 jeweils
nachmittags um 14 Uhr statt. Mit «Die Schneekönigin» gelingt Origen
ein präziser Brückenschlag zwischen literarischer Tradition,
experimenteller Klangsprache und architektonischer Innovation. Ein
Konzert, das nicht bloss gehört, sondern erlebt werden will – und ein
aussergewöhnlicher Ausflug in die Höhen von Surses für
Liebhaber:innen zeitgenössischer Musik ebenso wie für Märchenfans.
Weisser Turm Mulegns, 7455 Surses | Die
Schneekönigin | Aufführungen bis am 22.
März 2026
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Thomas Melles
radikaler Roman
«Die Welt im
Rücken» erstmals
auf einer Schweizer
Bühne
Das Kurtheater
Baden zeigt (s)ein
Leben im
Ausnahmezustand
Ein Körper, ein Geist, ein Leben im
Schleudergang: Was passiert, wenn das
eigene Leben jede Kontinuität verliert?
Wenn Vergangenheit brüchig wird und
Zukunft ungreifbar? Thomas Melle
beschreibt in seinem Roman – der auf der
eigenen Krankheit basiert – die bipolare
Störung als existenziellen
Ausnahmezustand, als ständige
Verschiebung der Realität, als Verlust
eines stabilen Selbst. Eine
Eigenproduktion des Kurtheater Baden,
die mentale Krankheit nicht erklärt,
sondern erlebbar macht.
Ein literarischer Grenzgang
Der Text von Thomas Melle ist keine Krankengeschichte,
sondern ein radikaler literarischer Grenzgang: sprachlich
präzise und gnadenlos offen, immer wieder von bitterem,
absurdem Humor durchzogen. Er macht psychische
Erkrankung nicht erklärbar, sondern spürbar – als Zustand
permanenter Verunsicherung und Verlust von Kontinuität und
Selbstgewissheit. Dass der Roman 2016 auf der Shortlist des
Deutschen Buchpreises stand, überrascht nicht: Selten wurde
das Innenleben eines Erkrankten so ungeschönt und zugleich
so kraftvoll erzählt.
Nähe als Zumutung
Mit der Schweizer Erstaufführung wagt sich das Kurtheater
Baden an einen Text, der keine Distanz zulässt. Regisseurin
Johanna Böckli nähert sich Melles autobiografischem Material
körperlich und unmittelbar. Im Zentrum steht Johann Jürgens,
der den zerrissenen Erzähler nicht «spielt», sondern durchlebt.
Präsenz, Stimme und musikalische Sensibilität verdichten den
Abend zu einem intensiven Monolog zwischen
Selbstbehauptung und Kontrollverlust. «Die Welt im Rücken»
ist kein leicht konsumierbarer Theaterabend, sondern eine
notwendige Zumutung: verstörend, berührend und lange
nachhallend.
Thomas Melle – Schreiben am Rand des Selbst
Thomas Melle (1975 in Bonn) gehört zu jenen Autoren, die das eigene Leben
nicht als Stoff verstecken, sondern literarisch riskieren. Nach seinem Studium
der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Berlin
und Texas machte er früh mit Romanen wie «Raumforderung» (2007) und «3000
Euro» (2014) auf sich aufmerksam – präzise, unerbittliche Sezierungen einer
überforderten, leistungsgetriebenen Gegenwart.
Den grossen Einschnitt markierte «Die Welt im Rücken» (2016). In diesem
autobiografischen Roman schreibt Melle gegen das Zerbrechen des eigenen
Ichs an: gegen manische Schübe, gegen depressive Abstürze, gegen das
Verschwinden von Kontinuität. Schonungslos, klug und mit bitterem Humor
erzählt er von einer bipolaren Störung, die nicht nur das Leben, sondern auch
die Wahrnehmung der Realität verändert. Das Buch wurde international
beachtet und gilt heute als eines der eindringlichsten literarischen Zeugnisse
psychischer Erkrankung.
Melle arbeitet nicht nur als Romanautor, sondern auch fürs Theater und als
Übersetzer, unter anderem von zeitgenössischen Shakespeare-Bearbeitungen.
Was seine Texte verbindet, ist eine Sprache von grosser Klarheit – analytisch
scharf, radikal offen
und immer am Rand
dessen, was sagbar
scheint.
ARTTV
VIDEO
«Die Welt im Rücken» | Kurtheater Baden |
CONTENT NOTE: Die Inszenierung behandelt
sensible Themen wie psychische Krisen,
darunter depressive, manische und suizidale
Episoden.
Die Premiere fand am 18. Februar 2026 satt. |
Weitere Aufführungen am 18. und 19. Mai
2026, jeweils um 20 Uhr
Wer hat Angst vor
einem schwulen
Lehrer?
Homosexualität als
Kündigungsgrund?
Das Theater
Neumarkt zeigt
Haltung.
Ein Lehrer verliert seine Stelle – nicht
wegen seiner Arbeit, sondern wegen
seiner sexuellen Orientierung. Am
Theater Neumarkt Zürich wird dieser
reale Fall aus dem Zürcher Oberland zum
Theaterstoff. Regisseur Piet Baumgartner,
der den Text gemeinsam mit Julia
Reichert und Karen Klötzli entwickelt hat
und auch Regie führt, macht daraus ein
Stück über Vorurteile, gesellschaftlichen
Druck und die Frage, wie tolerant unsere
Gesellschaft tatsächlich ist.
Ein lokaler Fall mit nationaler Sprengkraft
Der Ausgangspunkt ist ein Ereignis, das viele irritierte: Ein
homosexueller Primarschullehrer gerät nach einer
Unterrichtseinheit zur Sexualkunde unter Druck. Einzelne
Eltern stellen seine Eignung als Lehrperson infrage, Gerüchte
verbreiten sich, und aus einer pädagogischen Situation wird
plötzlich ein gesellschaftlicher Konflikt. Das Stück rekonstruiert
diese Eskalation Schritt für Schritt. Dabei geht es weniger um
eine dokumentarische Nacherzählung als um die Dynamik
dahinter: Wie entstehen Vorurteile? Warum verbreiten sie sich
so schnell? Und weshalb geraten Institutionen wie Schulen
plötzlich in moralische Grundsatzdebatten?
Piet Baumgartners persönlicher Blick
Regisseur Piet Baumgartner arbeitet seit Jahren an der
Schnittstelle von Film, Theater und bildender Kunst. Mit
seinem international ausgezeichneten Spielfilm BAGGER
DRAMA (San Sebastián International Film Festival, Kutxabank-
New Directors Award) hat er gezeigt, wie präzise er
gesellschaftliche Spannungen in persönliche Geschichten
übersetzen kann. Dass er sich nun diesem Stoff widmet, hat
auch eine persönliche Dimension: Baumgartner ist selbst
queer. Auch vor diesem Hintergrund entwickelt er daraus
einen Theaterabend, der nicht nur einen einzelnen Fall
beleuchtet, sondern grundsätzlich fragt, wie fragil
gesellschaftliche Akzeptanz sein kann – und wie schnell sie
unter Druck gerät. Insbesondere steht aber der
entsprechende Lehrer im Zentrum, während das Autorenteam
bewusst darauf verzichtet hat, den freikirchlichen Eltern
nochmals eine Bühne zu geben.
Bühne der Gegenwart – ein ausverkauftes Stück
Die Resonanz ist bemerkenswert: Alle kommenden Vorstellungen sind bereits
ausverkauft. Das zeigt, wie stark das Thema die Öffentlichkeit bewegt. Offenbar
trifft das Stück einen Nerv – weil es von einem Konflikt erzählt, der vielen
zunächst wie ein Einzelfall erscheinen mag, zugleich aber grundlegende
gesellschaftliche Fragen berührt. Mit «Schwuler Lehrer!» knüpft das Theater
Neumarkt Zürich an seine Tradition eines engagierten Gegenwartstheaters an.
Aus einem lokalen Ereignis wird ein Bühnenabend über Macht, Moral und
gesellschaftliche Normen – und über
die fragile Balance zwischen
individueller Freiheit und kollektiver
Erwartung.
Formal mehrstimmig erzählt
Das Stück ist auch formal
interessant angelegt. Piet
Baumgartner lässt die Geschichte
des entlassenen Lehrers von vier
verschiedenen Schauspieler:innen
verkörpern. Damit wird die Figur
bewusst aufgesplittert: Sie erscheint
nicht als eindeutig festgelegte
Person, sondern als eine Figur mit verschiedenen Facetten und Perspektiven.
Der Lehrer wird so zur Projektionsfläche – für Erwartungen, Vorurteile und
unterschiedliche Sichtweisen auf denselben Konflikt. Gleichzeitig hat diese
Entscheidung auch einen ganz pragmatischen Hintergrund. Baumgartner sagt,
das Ensemble des Theater Neumarkt sei so grossartig, dass es schlicht schade
gewesen wäre, die Rolle nur einer einzigen Person zu überlassen. Die
Aufteilung auf mehrere Schauspieler:innen wird so zu einer klugen Verbindung
von künstlerischer Idee und Ensemblegeist.
ARTTV
VIDEO
«Schwuler Lehrer!» | Theater Neumarkt | Text:
Piet Baumgartner, Julia Reichert | Regie: Piet
Baumgartner | Aufführungen bis am 29. Mai
2026
Deep Voices: Die
Sprache des
Krieges auf der
Bühne
Ein intimes
Dokumentartheater
über Flucht,
Erinnerung und
universelle
Menschlichkeit,
basierend auf
Tagebüchern aus Gaza
«Deep Voices» verwebt die realen
Tagebuchaufzeichnungen einer jungen Frau
aus Gaza mit künstlerischer Performance
und lädt das Publikum im Kulturmarkt Zürich
ein, zwischen Nähe und Distanz, Zeugnis
und Reflexion die Stimmen des Krieges zu
hören und zu verstehen.
Vom Tagebuch zur Bühne
Im Zentrum des Abends stehen die Texte einer jungen Frau aus dem
Gazastreifen, deren Alltag sich von einem Moment auf den anderen in
Ausnahmezustand verwandelt. Aus beiläufigen Notizen – vom Tee am
Morgen, vom Blick aus dem Fenster, von kleinen familiären Routinen –
wird ein Protokoll der Erschütterung. Die Schauspielerin und Autorin
Tahani Salim macht aus diesen Aufzeichnungen kein pathetisches
Statement, sondern eine präzise gesetzte Bühnenrede. Das Stück
arbeitet mit Reduktion statt mit Effekten. Sprache wird zum zentralen
Träger der Erinnerung, der Körper zur Projektionsfläche für Angst,
Hoffnung und Trotz. Gerade diese formale Zurückhaltung verstärkt die
Wirkung: Das Publikum hört zu, ohne visuell überwältigt zu werden.
«Deep Voices» ist weniger Anklage als Zeugnis – und vertraut darauf,
dass die Worte selbst tragen.
Intimität, Distanz und kollektive Verantwortung
Auffällig ist die sprachliche Entscheidung: Gespielt wird auf Arabisch,
mit deutschen und englischen Übertiteln. Dadurch bleibt der
Ursprung der Stimme erhalten, während zugleich ein Raum der
Verständigung entsteht. Die Distanz der Übersetzung macht das
Gesagte nicht schwächer, sondern bewusster – jedes Wort wird
abgewogen, jede Pause spürbar. Im Kontext des Kulturmarkt Zürich,
der sich seit Jahren als Ort für gesellschaftlich relevante Produktionen
versteht, entfaltet das Stück zusätzliche Resonanz. Hier geht es nicht
um schnelle Aktualität, sondern um die Frage, wie Theater auf reale
Ereignisse reagieren kann, ohne sie zu vereinnahmen. «Deep Voices»
stellt keine einfachen Antworten bereit. Es insistiert auf Zuhören – und
auf der Erkenntnis, dass hinter politischen Schlagzeilen konkrete
Biografien stehen. In seiner stillen Konzentration entwickelt der Abend
eine Kraft, die lange nachwirkt.
ARTTV
VIDEO
Deep Voices | ThiK Theater im Kornhaus
Baden | 27. bis 26. Mai 2026 | Text und
Performance: Tahani Salim, Regie: Sawsan
Darwaza, Das Stück wird deutsch untertitelt.
Seine Schweizer Premier hatte Deep Voices
im Kulturmarkt Zürich
Vom Geheimtipp
zum radikalen
zeitgenössischen
Körpertheater
Die Dance Company
ONE präsentiert mit
«Les femmes fatales»
ihr neustes Projekt
Die junge Winterthurer Kompanie, getragen
von Milena Büchi, Corinne Kälin, Aline Gia
Perino und Yvonne Sieber, rücken in ihrer
neuesten Produktion gemeinsam mit
Schauspielerin Dominique Devenport vier
prägende Frauenfiguren der Schweizer
Vergangenheit – Anna Göldi, Marie Heim-
Vögtlin, Meret Oppenheim und Iris von
Roten – ins Jetzt und machen aus ihrer
Geschichte einen eindringlichen,
interdisziplinären Abend über
Selbstbestimmung, Widerstand und
feministische Präsenz im Heute.
Historische Frauenfiguren als Ausgangspunkt
Mit «Les femmes fatales» nimmt die Produktion vier prägende
Frauenfiguren der Schweizer Geschichte als Ausgangspunkt: Anna
Göldi, Marie Heim-Vögtlin, Meret Oppenheim und Iris von Roten. Ihre
Lebenswege stehen exemplarisch für unterschiedliche Formen von
Ausgrenzung, Widerstand und Selbstbehauptung in einer von
männlichen Machtstrukturen geprägten Gesellschaft. Das Stück
versteht sich dabei nicht als historische Rekonstruktion, sondern als
künstlerische Annäherung an Fragen von Sichtbarkeit, Rollenbildern
und gesellschaftlicher Teilhabe – Themen, die weit über ihre Zeit
hinausweisen.
Zeitgenössischer Tanz als Übersetzungsraum
Formal verbindet «Les femmes fatales» zeitgenössischen Tanz mit
gesprochenem Text und Musik und schafft so einen offenen
Reflexionsraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die
historische Vorlage dient weniger der Nacherzählung als der
Konfrontation: Welche Kämpfe sind abgeschlossen, welche wirken bis
heute fort? Das Projekt positioniert sich klar als interdisziplinäres
Tanzstück mit gesellschaftlichem Anspruch und reiht sich ein in eine
aktuelle künstlerische Praxis, die Geschichte nicht als abgeschlossenes
Kapitel begreift, sondern als Material, das im Heute neu befragt wird.
ARTTV
VIDEO
«Les femmes fatales» | Dance Company ONE,
| 31. Mai 2026, 18.30 Uhr — Theater Pavillon,
Luzern
«Versteckt»: Eine
Kindheit im
Schatten der
Schweizer
Migrationspolitik
Deep Voices: Die
Sprache des
Krieges auf der
Bühne
Das Konzert und
Theater St. Gallen
erzählt von
Saisonniers-Kindern,
die im Verborgenen
leben mussten
Während der wirtschaftlichen Boomjahre der
Nachkriegszeit arbeiteten hunderttausende
ausländische Arbeitskräfte in der Schweiz.
Doch das sogenannte Saisonnierstatut
verbot ihnen, ihre Familien mitzunehmen.
Viele Eltern taten es trotzdem – heimlich.
Ihre Kinder lebten versteckt in Wohnungen,
fern von Schule, Öffentlichkeit und oft auch
von Freundschaften. Das Stück «Versteckt»,
das nun bei Konzert und Theater St. Gallen
gezeigt wird, bringt diese lange verdrängte
Realität auf die Bühne.
Das System der Saisonniers
Über Jahrzehnte bestimmte das Saisonnierstatut die Schweizer
Migrationspolitik. Arbeitskräfte aus Italien, Spanien oder Portugal
durften nur für eine begrenzte Zeit im Land bleiben und hatten kein
Recht auf Familiennachzug. Trotzdem entschieden sich viele Familien,
ihre Kinder heimlich in die Schweiz zu holen. Für diese bedeutete das
ein Leben in ständiger Vorsicht: nicht auffallen, nicht laut sein, nicht
gesehen werden.
Eine Geschichte aus der Perspektive eines Kindes
Im Zentrum des Stücks steht das Mädchen Lucia. Während ihre Eltern
arbeiten, bleibt sie allein in der Wohnung – ein Raum, der gleichzeitig
Schutz und Gefängnis ist. Geräusche im Treppenhaus, Schritte im Flur
oder ein Klingeln an der Tür können jederzeit Gefahr bedeuten. Die
Autor:innen Ariane von Graffenried und Martin Bieri erzählen diese
Erfahrung mit grosser Sensibilität und lassen so eine Kindheit sichtbar
werden, die lange im Schatten blieb.
Theater als Erinnerungsraum
Die Inszenierung von Max Merker, ursprünglich am Luzerner Theater
entstanden, wird mit Mitgliedern des Ensembles von Konzert und
Theater St. Gallen neu eingerichtet. Sie verbindet persönliche
Geschichte mit gesellschaftlicher Erinnerung und stellt die Frage, wie
eine Gesellschaft mit den blinden Flecken ihrer Vergangenheit
umgeht. Das Theater wird so zum Ort, an dem verdrängte
Geschichten endlich einen Platz im öffentlichen Bewusstsein erhalten.
«Versteckt» | Konzert und Theater
St. Gallen | 1. März bis 25. April 2026 |
Talk im Studio zu «Versteckt» |
29. März 2026 | 17.30 Uhr | Eintritt frei
Der Strauhof erforscht
das Phänomen
Münchhausen: Wie der
Lügenbaron Literatur,
Bilder und Medien
eroberte
Abenteuer, Übertreibung
und subversiver Witz: Die
Ausstellung zeigt, weshalb
Baron Münchhausen weit
mehr ist als eine Figur der
Unterhaltung
Der Baron reitet auf Kanonenkugeln, fliegt
zum Mond und erzählt mit grösster
Selbstverständlichkeit die unglaublichsten
Geschichten. Doch hinter dem populären
Bild des «Lügenbarons» verbirgt sich ein
erstaunlich komplexes kulturelles Phänomen.
Die Ausstellung Phänomen Münchhausen im
Strauhof folgt einer Figur, die seit dem
späten 18. Jahrhundert Literatur, Bildwelten
und Medien durchdringt – als Satire, als
Projektionsfläche und als Spiegel
gesellschaftlicher Sehnsüchte.
Vom Bestseller zum Mythos
1785 erscheint in London «Baron Munchausen’s Narrative of His
Marvellous Travels and Campaigns in Russia». Verfasst hat den
anonymen Text der deutsche Gelehrte Rudolf Erich Raspe, der
damit einen unerwarteten Bestseller landet. Raspe erweitert das
Werk kontinuierlich: Bis 1789 wächst der Text um rund 200 Seiten,
1792 verdoppelt er mit einem Sequel den Umfang erneut. Schon
früh wird Münchhausen in zahlreiche Sprachen übersetzt, adaptiert,
ausgeschmückt – und immer weiter erfunden. Dass die Geschichten
ebenso gut in Bilder wie in Worte passen, beschleunigt ihre
Verbreitung. Illustration, Bilderbogen, Kinderbuch und später der
Film machen aus Münchhausen eine der langlebigsten Figuren der
europäischen Populärkultur.
Drei Männer, ein Phänomen
Der literarische Münchhausen ist das Produkt mehrerer Biografien.
Sein unfreiwilliger Namensgeber, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr
von Münchhausen, war ein realer Adliger und begabter Erzähler, der
jedoch nie etwas publizierte – und die literarische Vereinnahmung
seines Namens als Kränkung empfand. Den entscheidenden
Popularitätsschub im deutschen Sprachraum verdankt Münchhausen
dem Dichter Gottfried August Bürger. Er übersetzt Raspes Texte 1786,
erfindet neue Episoden hinzu und prägt mit sprachlicher Virtuosität
jene Geschichten, die bis heute bekannt sind: der Ritt auf der
Kanonenkugel oder die Selbstrettung aus dem Sumpf.
Aufklärung, Satire und Grenzüberschreitung
Münchhausen ist kein naiver Fantast. Als Figur der Aufklärung
kommentiert er politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche
Debatten seiner Zeit. Kriegsheldentum wird karikiert, kirchliche
Autorität persifliert, koloniale Reiseberichte werden im Sequel grotesk
gespiegelt – bis hin zur Umkehr der Perspektive, wenn schwarze
Seefahrer weisse Sklaven verschleppen. Besonders zentral ist das
Motiv des Fliegens. Ballone, künstliche Flügel und Adler stehen für
technische Euphorie und gesellschaftliche Grenzüberschreitung.
Münchhausen bewegt Häuser durch London, überquert Ozeane und
besucht den Mond – nur um den Fortschrittsoptimismus sogleich zu
unterlaufen: Ballonfahrer verlieren die Kontrolle, technische Wunder
enden als Kuriositäten im Raritätenkabinett. Staunen und Skepsis
liegen dicht beieinander.
Kinderbuch, Kultfigur, Kuriosität
Obwohl nicht für Kinder geschrieben, wird Münchhausen zum
Kinderbuchklassiker. Die Gewalt ist überzeichnet, die Moral
aufgehoben – wie im Märchen oder im Cartoon. Es geht nicht um
richtig oder falsch, sondern um Erzähllust,
Übertreibung und Fantasie. Im 19. und 20.
Jahrhundert explodiert das Münchhausen-
Universum: Hörspiele, Opern, Comics,
Filme, Propaganda, Postkarten, Spiele,
Alltagsobjekte. Münchhausen wird zur
Chiffre – für Lüge und Täuschung ebenso
wie für kreative Freiheit. Selbst in Medizin
und Philosophie lebt der Name weiter,
etwa im Münchhausen-Syndrom oder im
Münchhausen-Trilemma.
Fazit
«Phänomen Münchhausen» zeigt, warum
diese Figur bis heute funktioniert: weil sie Wahrheit und Lüge mit
sichtlichem Vergnügen vermischt, Fortschrittsglauben feiert und
zugleich ad absurdum führt – und ihr Publikum konsequent auf sich
selbst zurückwirft. Vielleicht ist das kein Zufall, sondern ein Glücksfall:
eine Ausstellung zur rechten Zeit, in einer Gegenwart, in der Fake
News und Deepfakes die Fähigkeit zur eigenen Urteilskraft wieder zur
kulturellen Schlüsselkompetenz machen.
Die Quelle: Münchhausen-Bibliothek Zürich
Grundlage der Ausstellung sind die Bestände der
Münchhausen-Bibliothek Zürich, einer
einzigartigen privaten Forschungsbibliothek. Ihr
Gründer Bernhard Wiebel dokumentiert seit über
drei Jahrzehnten die Vielgestaltigkeit des
Phänomens – von frühen Erstausgaben bis zu
filmischen und popkulturellen Ausprägungen.
«Phänomen Münchhausen» |
Museum Strauhof | bis 6. April 2026
Erinnerung,
Migration und
Identität in
«Schatten der
Pinus»
Ein Roman,
der für ganz
Europa
spricht:
leise, genau,
unerbittlich.
Im ersten Prosawerk der Lyrikerin
Martina Caluori entfaltet sich auf dem
Campingplatz ein Beziehungs- und
Erinnerungsgeflecht, das nicht linear,
sondern in zersplitterten Strömen erzählt
wird. Martina Caluoris Werk, in dem
erzählerische Passagen raffiniert mit
lyrischen und mehrsprachigen
Einschüben verwoben sind, durchbricht
traditionelle Erzählstrukturen und
spiegelt das komplexe Zusammenspiel
von Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft.
Schatten der Pinus
Ein fast verlassener Campingplatz, zwischen Kiefern
(Pinus) und Gischt, irgendwo am Meer: Die alte Dame
trägt das stille Gedächtnis vergangener Generationen;
Phine ringt mit dem Tod von Mutter; Bo kämpft mit dem
Erbe eines repressiven Glaubens. Jochen wiederum wurde
von seiner Frau und den
Kindern verlassen, S. und
Vira erhalten eine Stimme
für die Brüche durch Kriege
und Konflikte. In der
Auseinandersetzung mit
Themen wie Heimatlosigkeit,
Mutterfiguren, Vatererbe,
Migration und der
Mehrsprachigkeit in
Erinnerung und Sprache
spiegelt «Schatten der
Pinus» die globalen
Umbrüche unserer Zeit.
Martina Caluori gelingt ein
sprachmächtiges Werk über
den Widerstand der Natur,
das Aufbrechen von
Erinnerungen und die
ständige Transformation von
Identität.
Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der
Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und
Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem
Lyrikband «Frag den Moment», gefolgt von
Mundartlyrik für «Öpadia: A Novella us Graubünda»
(2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt
«Weisswein zum Frühstück». 2023 erschien ihr
Gedichtband mit Audiowerk «Ich weine am liebsten in
Klos» (beide lectorbooks). Ihre Lyrik führte sie an
Festivals und Veranstaltungen in der Schweiz,
Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Rumänien und
Italien. Für ihren Debütroman «Schatten der Pinus»
(2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen
Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen
Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.
«Schatten der Pinus» | Martina Caluori |
Roman | Erscheinungsdatum:
9. März 2026 | 144 Seiten | ISBN
978-3-907709-27-6 | Verlag lectorbooks
«Das Jahr des Kalks» –
Ein Roman über Trauer,
Natur und Neubeginn
Eine ebenso
poetische wie
lebenskluge
Geschichte über
den Stoff, aus dem
das Leben ist.
Was bleibt, wenn ein Mensch fehlt?
Mit «Das Jahr des Kalks», erschienen
im Dörlemann Verlag, legt die
Ostschweizer Autorin Laura Vogt
einen Roman vor, der das
Weiterleben nach einem Verlust in
radikaler Zurückhaltung erzählt –
leise, präzise und von einer Natur
durchzogen, die keinen Trost
verspricht, aber Einsicht und neue
Perspektiven eröffnet, während die
Erzählerin sich langsam ihren eigenen
Weg zurück ins Leben bahnt.
Verwandlung durch Verlust
Dramatische Zuspitzungen oder klassische Spannungsbögen meidet
der Text konsequent. Stattdessen folgt er einer inneren Bewegung:
Erinnerungen steigen auf, überlagern die Gegenwart, lösen sich
wieder auf. Die Zeit scheint gedehnt, beinahe entrückt. Trauer
erscheint hier nicht als eruptives Ereignis, sondern als neuer Zustand
des Daseins. Die namenlose Protagonistin sucht keine schnellen
Antworten; sie hält aus. In dieser beharrlichen Langsamkeit entfaltet
der Roman seine eigentliche Kraft. Er interessiert sich weniger für das
Ereignis selbst als für dessen Nachhall – für die feinen
Verschiebungen im Denken, Fühlen und Wahrnehmen.
Natur als Erkenntnisraum
Die Natur bildet den Resonanzraum dieser inneren Prozesse. Wälder,
Gestein und Wetter sind mehr als atmosphärische Kulisse; sie
strukturieren das Erzählen. Besonders das Motiv des Kalkbrennens
wird zum poetischen Zentrum: Hitze, Zerfall, Umwandlung. Aus
festem Stein wird Staub – und aus Staub entsteht Neues. Diese
Metamorphose wirkt nicht plakativ,
sondern prägt Rhythmus und
Bildlichkeit des Romans. Vogts Sprache
bleibt kontrolliert und präzise. Kurze,
klare Sätze verhindern Pathos und
verleihen dem Text eine stille Intensität.
Gerade in der Reduktion liegt seine
literarische Qualität. Neubeginn
erscheint nicht als Befreiungsschlag,
sondern als kaum wahrnehmbare
Verschiebung – ein veränderter Blick,
eine vorsichtige Rückkehr ins Leben. So
gelingt Laura Vogt ein konzentriertes
Buch über Trauer als Prozess der
Verwandlung – und über die fragile
Hoffnung, dass im Zerfall bereits der
Keim eines neuen Anfangs liegt.
Laura Vogt, geboren 1989 in der
Ostschweiz, studierte
Kulturwissenschaften an der Universität
Luzern und Literarisches Schreiben am
Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.
Bisher erschienen von ihr die Romane
«Die liegende Frau» (2023), «Was uns
betrifft» (2020) und «So einfach war es
also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten
wurden mit diversen Werkbeiträgen und
Stipendien ausgezeichnet und teilweise
auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer
Familie in der Nähe von St. Gallen.
«Das Jahr des Kalks» | Laura Vogt |
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2026 |
Lesereise: 22. Februar bis 25. Juni
2026 | Roman | ISBN
978-3-03820-186-1 | Dörlemann Verlag
Zofingens
Wunderkammer
– Zwischen
doppelköpfigem
Kalb und
leuchtenden
Steinen
Im Museum
Zofingen begegnet
man nicht nur
Geschichte –
sondern dem
Staunen selbst
Ein Kalb mit zwei Köpfen, Steine,
die im Dunkeln zu leuchten
beginnen, daneben Jahrtausende
menschlicher Kulturgeschichte: Das
Museum Zofingen ist kein
klassisches Regionalmuseum,
sondern eine echte Wunderkammer,
in der sich Naturphänomene,
wissenschaftliche Neugier und
gesellschaftliche Entwicklung auf
überraschende Weise begegnen.
Ein Kalb mit zwei Köpfen – und plötzlich wird es still
Es steht da, beinahe irritierend ruhig: ein Kalb mit zwei Köpfen. Kein
Mythos, kein Fabelwesen, sondern ein reales Präparat. Ein
biologisches Kuriosum, das die Grenzen zwischen Natur,
Wissenschaft und Sensation verschwimmen lässt. Solche Objekte
prägten einst die grossen Wunderkammern Europas – Sammlungen,
in denen das Seltene und Rätselhafte denselben Stellenwert besass
wie Kunst oder Forschung. Das zweiköpfige Kalb im Museum
Zofingen erzählt vom menschlichen Bedürfnis, das
Aussergewöhnliche nicht auszublenden, sondern zu verstehen. Ein
Moment des Staunens, der den Museumsbesuch abrupt
verlangsamt.
Wenn Steine zu leuchten beginnen
Nicht weniger faszinierend sind die Minerale, die unter UV-Licht ihre
verborgenen Farben freigeben. Was zunächst unscheinbar wirkt,
beginnt zu strahlen: neonfarben, violette Reflexe, grelles Grün. Die
fluoreszierenden Steine verweisen auf geologische Prozesse über
Millionen Jahre – auf eine Erde, deren Geschichte lange vor dem
Menschen beginnt. Wissenschaft erhält hier eine beinahe poetische
Dimension: Das Unsichtbare wird sichtbar und macht erfahrbar, wie
tief unsere Gegenwart in natürlichen Zeiträumen verwurzelt ist.
Zwischen Kuriosität und Kulturgeschichte
Gerade diese Verbindung macht den besonderen Reiz der Zofinger
Wunderkammer aus. Neben archäologischen Funden aus Stein- und
Bronzezeit, römischen Relikten, mittelalterlichem Schmuck oder
Zeugnissen bürgerlicher Alltagskultur stehen überraschende Objekte
gleichberechtigt nebeneinander. Naturgeschichte, Militärgeschichte
und Alltagsleben verschränken sich zu einem Denkraum, in dem
Geschichte nicht linear erzählt wird, sondern als Erfahrung entsteht.
Das zweiköpfige Kalb und die leuchtenden Steine stehen dabei
sinnbildlich für das, was Museen im besten Fall leisten: Sie wecken
Neugier – und erinnern daran, dass Erkenntnis immer mit Staunen
beginnt.
Museum Zofingen
Ein Haus wird Museum – Zofingens Architektur als Ausdruck einer Idee
Das Museum Zofingen wurde 1901 eröffnet und ist damit das erste
Gebäude im Kanton Aargau, das eigens als Museum konzipiert wurde.
Architekt war Emil Vogt aus Luzern, der das Haus in der Form eines
florentinischen Palazzo im Stil der
Neorenaissance erbaute. Die repräsentative,
symmetrische Architektur spiegelt den
bürgerlichen Bildungsoptimismus des späten
19. Jahrhunderts wider – eine Epoche, in der
Sammeln, Ordnen und das öffentliche
Vermitteln von Wissen als kultureller Auftrag
verstanden wurden. Das Haus ist damit nicht
nur Hülle der Sammlung, sondern selbst
Ausdruck jener Zeit, in der aus privaten
Wunderkammern öffentliche Institutionen
entstanden.
Leitet das Museum: Heidi Pechlaner
ARTTV
VIDEO
Porträt | Museum Zofingen
Villa Grunholzer in
Uster – ein Kulturort
zwischen
Industriegeschichte
und Gegenwartskunst
Eine ehemalig
Fabrikantenvilla
als Bühne für
Kunst und
Kultur
Errichtet im Umfeld der Textilindustrie des
19. Jahrhunderts, gehört die Villa Grunholzer
zu den markantesten historischen Gebäuden in
Uster. Heute dient das Haus als Kulturort für
Ausstellungen, Veranstaltungen und
Begegnungen zwischen Kunst und
Öffentlichkeit. Projekte wie etwa die
Ausstellung «Und die Erde flüsterte» der
Künstlerin Eline Kersten zeigen exemplarisch,
wie historische Architektur und zeitgenössische
Kunst hier miteinander in Dialog treten.
Vom Industriehaus zur Fabrikantenvilla
Die Villa wurde 1847 vom Ustermer Textilfabrikanten Hans Heinrich
Zangger errichtet – in unmittelbarer Nähe seiner Baumwollspinnerei
am Aabach. Sie entstand in einer Zeit, in der sich Uster zu einem
wichtigen Zentrum der Schweizer Textilindustrie entwickelte. Der Bau
im Stil der Neu-Renaissance mit seiner gegliederten Fassade, dem
repräsentativen Eingang und den Rundbogenfenstern der Bel-Etage
zeugt noch heute vom Selbstverständnis der damaligen
Industriellenfamilien. Über Jahrzehnte hinweg blieb die Villa eng mit
der Unternehmerfamilie verbunden. Nach dem Rückzug Zanggers
übernahmen seine Schwiegersöhne Johann Caspar Gujer und
Heinrich Grunholzer die Leitung des Unternehmens. Damit wurde
das Haus zu einem Ort, an dem wirtschaftliche Entwicklung,
gesellschaftliches Engagement und politische Ideen miteinander
verknüpft waren.
Heinrich Grunholzer und das liberale 19. Jahrhundert
Der Name der Villa erinnert an Heinrich Grunholzer (1819–1873),
Pädagoge, Publizist und Politiker. Er gehörte zu den prägenden
liberalen Stimmen seiner Zeit und engagierte sich für Bildung,
gesellschaftliche
Verantwortung und
demokratische Reformen.
Früh stellte er sich gegen die
konservative Wende nach
dem Züriputsch und suchte
den intellektuellen Austausch
in Berlin. Dort ermutigte ihn
Bettina von Arnim zu
sozialkritischen Studien, die
ihn über die Schweiz hinaus
bekannt machten. Zurück in
der Heimat wirkte Grunholzer als Redaktor, Seminardirektor und
Berner Grossrat. Nach seiner Entlassung 1852 führte ihn sein Weg
nach Uster, wo er politisch aktiv blieb, 1863 in den Nationalrat
gewählt wurde und sich im öffentlichen Leben engagierte. Mit dem
demokratischen Umbruch von 1869 endete seine nationale Karriere.
Bis zu seinem Tod 1873 blieb er eine markante Stimme für Bildung,
Verantwortung und Reform.
Ein historischer Ort für zeitgenössische Kunst
Mit dem Ende der industriellen Nutzung veränderte sich die Rolle
der Villa grundlegend. 1974 wurde das Gebäude unter
Denkmalschutz gestellt. Später gelangte es in den Besitz der Stiftung
Ritter-Hürlimann, die das Haus nach Heinrich Grunholzer benannte
und als Kulturort weiterentwickelte. Heute finden hier Ausstellungen,
Veranstaltungen und Diskussionen statt. Die historische Architektur
bildet dabei eine besondere Bühne für zeitgenössische Kunst. Ein
Beispiel dafür ist die Ausstellung «Und die Erde flüsterte» der
Künstlerin Eline Kersten, die sich mit verschwindenden Landschaften
und den Veränderungen unserer Umwelt beschäftigt. Solche Projekte
zeigen exemplarisch, wie die Villa Grunholzer Vergangenheit und
Gegenwart miteinander ins Gespräch bringt.
Eline Kersten: «Und die Erde flüsterte»,
Villa Grunholzer – Kurzinfo
Ort: Florastrasse 18, 8610 Uster
Erbaut: 1847
Bauherr: Textilfabrikant Hans Heinrich Zangger
Heutige Nutzung: Kulturort für Ausstellungen,
Veranstaltungen und Diskussionen
Trägerschaft: Stiftung Ritter-Hürlimann
Besonderheit: Historische Fabrikantenvilla aus der Zeit
der Ustermer Textilindustrie, heute Plattform für
zeitgenössische Kunst und kulturellen Austausch
ARTTV
VIDEO
Porträt eines Kulturortes | Villa
Grunholzer | Der Videodreh fand
während der Ausstellung «Und die
Erde flüsterte» von Eline Kersten
statt | Ausstellung 14. Februar bis 1.
März 2026
Mulegns erleben:
Baukultur-Führung
durch Post Hotel Löwe,
Weissen Turm und
Weisse Villa
Ein fast vergessenes
Bündner Bergdorf wird
zur Bühne für
Architektur, Geschichte
und Zukunftsvisionen.
Die Kulturstiftung Nova Fundaziun
Origen lädt in Mulegns zu
baukulturellen Führungen, die die
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
des Ortes miteinander verweben - vom
traditionsreichen Post Hotel Löwe über
den visionären 3D-gedruckten Weissen
Turm bis zur Weissen Villa in der einst
ein Zuckerbäcker-Museum entstehen
soll. Sandro Pirovino, Projektkoordinator
bei Origen, hat arttv.ch auf einen
Rundgang mitgenommen.
Mulegns – Eine kulturelle Schatzkammer
Die karge Landwirtschaft, der alte Passverkehr und die grosse
Emigrationsgeschichte haben den Ort geformt. Pfarrhaus und
Dorfkirche erzählen vom Reformdrang der Kapuziner.
Zuckerbäckervillen und Bauernhäuser prägen das Ortsbild, das gar
von nationaler Bedeutung ist. Ein grosszügiges Hotelquartier zeugt
vom alten Pioniergeist und frühen Tourismus.
Post Hotel Löwe – Die Welt rastet in Mulegns
Das Post Hotel Löwe gehört zu den ältesten und besterhaltenen
Hotelbauten des Kantons Graubünden. Vor gut fünf Jahren hat
Origen das Post Hotel Löwe erworben. Ermutigt durch den
Wakkerpreis hat die Stiftung begonnen, das ehrwürdige Haus zu
renovieren. Unzählige Spenden haben dazu beigetragen, Dächer und
Fassaden zu sanieren, Innenräume zu gestalten, die Haustechnik zu
erneuern. Das frisch renovierte Hotel Löwe verfügt aktuell über
sieben Zimmer und Suiten, die umfassend saniert wurden. Der
weltberühmte Designer Martin Leuthold hat sich von den
historischen Gästebüchern inspirieren lassen und jeden Raum einer
europäischen Metropole gewidmet – als Hommage an die
weitgereisten Gäste früherer Jahrhunderte. Im Rahmen der
Führungen wird deutlich, dass es hier nicht nur um schöne
Stuckdecken oder historische Salons geht, sondern um Identität: Wie
viel Geschichte trägt ein Haus? Und wie kann man sie bewahren,
ohne sie museal erstarren zu lassen?
Tor Alva – Die Zuckerbäckerkunst der Zukunft
Mit der Tor Alva, dem Weissen Turm von Mulegns, setzt
Origen ein weithin sichtbares Zeichen. Die Turminstallation,
die zusammen mit der ETH Zürich, den Bauunternehmen
Uffer Gruppe und Zindel United sowie dem Ingenieurbüro
Conzett Bronzini Partner AG realisiert wurde, führt das Erbe
der Zuckerbäcker und Baumeister weiter. Innovationsgeist
und Experimentierfreude prägen den vollständig digital
geplanten und mittels innovativem 3D-Druckverfahren
gefertigten Turm. Er wirkt wie eine filigrane Skulptur im
alpinen Raum und steht sinnbildlich für die Verbindung
neuester Technologien mit kultureller Vision. Während der
Führung erfahren die Besucher:innen mehr über die
komplexe Planung, die ingenieurstechnischen
Herausforderungen und die symbolische Bedeutung des
Turms.
Initiiert wurde das Gesamtprojekt durch Giovanni Netzer,
dem Gründer und Intendanten Origens, der Mulegns als
kulturelles Labor versteht – als Ort, an dem Kunst nicht nur
präsentiert wird, sondern Zukunft gestaltet. Die
ausgedehnte Führung macht spürbar, dass Mulegns mehr
ist als ein Sanierungsprojekt. Es ist ein kulturelles
Gesamtkunstwerk – ein Beispiel dafür, wie Architektur,
Theater, Konzerte, Kunst, Literatur und gesellschaftliche
Vision ineinandergreifen können. Wer hierherkommt, Halt
macht am Pass, erlebt hautnah, dass Kultur selbst im
winzigen Bergdorf eine enorme Strahlkraft entfalten kann,
die international ausstrahlt.
Weisse Villa – Die Zuckerbäcker kehren zurück
Wer durch die elegante Weisse Villa geführt wird, betritt ein
Stück Bündner Migrationsgeschichte. Graubünden war arm.
Über viele Jahrhunderte mussten Bauernkinder auswandern
und ihr Brot in der Fremde verdienen. Sie arbeiteten als
Söldner, Architekten, Stuckateure, schliesslich als
Zuckerbäcker in den Metropolen Europas – so auch Jean
Jegher aus Mulegns. Jegher war in Bordeaux als
Zuckerbäcker tätig und hatte sich ein beträchtliches
Vermögen aufgebaut. Auf seinen Lebensabend hin, liess er
sich 1856 von einem berühmten französischen Architekten
eine stattliche Villa in seinem Heimatdorf bauen. Der Bau
der Weissen Villa begründete das spätklassizistische,
elegante Quartier am Mulegnser Fallerbach – wobei die
aktuellen Farbuntersuchungen ergeben haben, dass die
Weisse Villa ursprünglich nicht weiss gewesen war (die
bunten Baublachen weisen augenzwinkernd auf diese
Tatsache hin). In der Weissen Villa soll künftig ein
Zuckerbäckermuseum, ein Café und eine Bäckerei installiert
werden. Ziel ist eine vitale Hommage an jenes Handwerk,
das den Bündner Pâtissiers im Ausland Berühmtheit
verschaffte.
ARTTV
VIDEO
Sandro Pirovino,
Projektkoordinator bei
Origen, hat arttv.ch auf einen
Rundgang mitgenommen.
Kulturhistorische Führungen | Origen -
Mulengs | Die Führungen finden noch bis
zum 5. April 2026 jeweils freitags,
samstags und sonntags um 11 Uhr
statt.Der Preis beträgt CHF 100 pro
Person und versteht sich m.u. auch als
Förderbeitrag an den Bau. Nach der rund
1.5-stündigen Führung erwartet die
Gäste eine süsse Überraschung aus der
Zuckerbäckerei. Zudem ist die Reise mit
öffentlichen Verkehrsmitteln 2. Klasse
nach Mulegns und zurück ab allen
Haltestellen in Graubünden im Ticket
inbegriffen (für Gäste aus dem
Unterland gilt das öV-inklusiv-Angebot
ab und bis Landquart).
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Ein Projekt von
20 Jahre arttv.ch –
stellvertretend für
die Künstlerinnen
einer Generation,
die viel bewegt
haben und doch zu
wenig gesehen
wurden.
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Eine vielseitige Künstlerin
wiederentdeckt:
Erna Schillig und ihr Werk
Gebunden
224 Seiten, 170 farbige und
38 s/w-Abbildungen
20 x 26,5 cm
ISBN 978-3-03942-295-1
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Dr. Jean-Pierre Hoby
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