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Jubiläum

Stöbere durch unser

exklusives Programm

im Herbst 2026



K A T I E K E N T O

T H R E E W I L L O W S

WILLKOMMEN IN

THREE WILLOWS.

HEUCHLER,

DACHTE ADELAIDE

»Willkommen in Three Willows. Ich freue

mich, Sie hier begrüßen zu dürfen.«

Schleimer. Adelaide presste die Lippen

aufeinander. »Ich hoffe, Sie hatten eine

angenehme Anreise, Miss Peel?« Sie

ignorierte das fragende Lächeln und

starrte an ihrem Gegenüber vorbei.

Im Spiegel über dem Kaminsims sah sie

eine winzige Frau, die in dem lächerlich

großen Polstersessel fast verschwand. Ein

knautschiges Gesicht. Furchen, nein

Schluchten, die sich vom Mund zum Kinn

gruben. Wässrige Augen hinter

fingerdicken Brillengläsern. Weißes Haar,

das unter einem verbeulten Fedora-Hut

hervorwuchs wie Gestrüpp. Ein in sich

zusammengeschrumpfter Körper –

zerknittert und faltig –, an dem Bluse und

Hose schlaff herunterhingen. Konnte das

wirklich sie selbst sein? Wann war sie zu

einer schlecht angezogenen Rosine

mutiert?

Der Mann hinter dem Schreibtisch

räusperte sich und verlagerte sein

Gewicht. »Mein Name ist Reginald Ward.

Ich bin der Leiter dieser Einrichtung«,

erklärte er mit öliger Stimme. »Meine

Mutter hat das Seniorenzentrum vor

fünfundsechzig Jahren gegründet.

Seitdem ist es im Familienbesitz.«

Adelaide hatte nur ein Brummen als

Antwort übrig. Sie drückte die atmende

Handtasche auf ihrem Schoß etwas fester

an sich. »Sie werden übrigens das Zimmer

neben …« »Ich kenne meine Rechte.«

Ward verstummte.

©Canva

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K A T I E K E N T O

T H R E E W I L L O W S

Adelaide hob das Kinn. Die meisten

Menschen waren irritiert, wenn sie ihre

raue Stimme zum ersten Mal hörten. Das

gefiel ihr.

»Pardon, Miss Peel?« Er nestelte an

seinen Manschettenknöpfen herum. Das

Seidenhemd sah teuer aus, aber die Ärmel

waren zu lang. Maßgeschneidert für

jemand anderen. Wahrscheinlich aus

einem Second-Hand-Geschäft.

»Meine Rechte!«, blaffte sie und senkte

die Stimme, als ihre Handtasche

zusammenzuckte. »Ich habe nichts

verbrochen. Also darf man mich nicht

einsperren.«

»Aber wir … wir sperren Sie doch nicht ein,

Miss Peel!«

Heuchler, dachte Adelaide, und nach

kurzem Überlegen sagte sie es auch:

»Heuchler.«

Der Mittfünfziger strich über seinen

Schnauzbart, so als wollte er sich die

Empörung vom Gesicht wischen. Die

ärgerliche Röte auf seinen Wangen

entging Adelaide nicht.

»Wir bieten Ihnen hier die wunderbare

Möglichkeit, mit Menschen in Ihrem Alter

zusammenzuleben. Es gibt gemeinsame

Aktivitäten. Bingospiele, den Lesezirkel

und den Sonntagskaffee, Filmabende mit

Zuckerwatte und …«

»Glauben Sie, ich will meine Zeit mit

Zuckerwatte und alten Knackern

verschwenden?«

Ward fuhr sich mit den Fingern durch das

tiefschwarze Haar, das ihm schlecht

geschnitten und dicht wie ein Helm auf

dem Kopf saß. Der Mann hatte nervöse

Hände.

Nachdem er einen Blick auf das Blatt

Papier vor sich geworfen hatte, setzte er

sein joviales Lächeln erneut auf. »Sie

haben fast sechs Jahrzehnte lang allein in

einem Häuschen auf dem Land gelebt.«

Die Handtasche knurrte.

»Ich war nicht allein. Ich hatte Broderick.«

Adelaide sprach laut, um das Knurren zu

übertönen und ihren Rauhaardackel zu

besänftigen. Er konnte es nicht ertragen,

außen vor gelassen zu werden.

»Miss Peel, ein Hund mag ein netter

Gesellschafter sein. Aber er ersetzt nicht

den Austausch mit anderen Menschen.

Er achtet nicht auf Ihre

Gesundheit, er sorgt nicht für

eine ausgewogene Ernährung.«

Die Handtasche stieß ein kurzes

Wuff aus, und Adelaide täuschte

einen Hustenanfall vor.

»Da sehen Sie es.« Ward lehnte

sich ein Stück zurück und rieb

seine Hände mit dem

Desinfektionsmittel ein, das auf

seinem Schreibtisch stand. »Eine

anständige medizinische

Versorgung ist für Leute in Ihrem

Alter …«

»Ich war seit vierzig Jahren nicht

mehr krank.« Was man von

Broderick nicht behaupten

konnte. Aus der Tasche war ein

verschnieftes Winseln zu hören.

©Canva

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K A T I E K E N T O

T H R E E W I L L O W S

»Niemand hat das Recht, mir mein Heim

wegzunehmen!«, rief Adelaide.

Wenn Ward glaubte, sie würde diese

Entführung anstandslos über sich

ergehen lassen, dann hatte er sich

geschnitten. »Aber Miss Peel, in diesen

Dokumenten steht … Hier steht, dass Sie

selbst Ihr Haus bis auf die Grundmauern

niedergebrannt haben.«

Stille breitete sich im Büro aus. Nur

Brodericks kratziger Atem war zu hören.

Wenn er sich zu lange in der Handtasche

verkroch, bekam er asthmatische

Symptome. »Ja … Richtig.« Adelaide

erinnerte sich. Nicht gern, aber sie besann

sich durchaus, wie sie die Fensterrahmen

in ihrem Haus unter Strom gesetzt und

dabei versehentlich die Vorhänge in

Brand gesteckt hatte. In der Theorie war

der Plan genial gewesen. Sie hatte die

Isolierung an einigen Kabeln entfernt, sie

anschließend um die Fenstergriffe

gewickelt, mit den Steckdosen

verbunden und voilà: Auf Brodericks

Speiseplan stand gerösteter Einbrecher.

Nur hatte das Ergebnis leider nicht ganz

ihrer Vorstellung entsprochen. »Es war

Notwehr«, erklärte sie zerknirscht. »Soll

ich tatenlos herumsitzen, während

zwielichtige Gestalten um mein Haus

schleichen?«

Ward hob die Augenbrauen. Er glaubte

ihr nicht. Genauso wenig wie die

Feuerwehr, die Polizei oder ihr

beschränkter Großneffe die Geschichte

geglaubt hatten.

Zugegeben, Adelaide hatte diese

Gestalten nicht direkt gesehen. Oder

gehört. Aber hätte sie erst warten sollen,

bis es zu spät war? Bis man sie bestahl?

Über die Jahrzehnte war immerhin eine

der größten Kriminalliteratur-

Sammlungen Cornwalls, wenn nicht gar

Englands, in ihrem Häuschen

herangewachsen.

Schmuckausgaben,

Erstauflagen, seltene Fehldrucke und

handsignierte Schätze befanden sich in

ihrem Besitz!

HATTEN SICH IN IHREM

BESITZ BEFUNDEN.

Ein Stich zog sich durch Adelaides Brust.

Sie stieß ein Räuspern aus, wippte mit den

Beinen und schwang sich aus dem

Sessel.

»Würden Sie sich nicht verteidigen, wenn

es jemand auf Ihren Plunder abgesehen

hätte?«

Mit hinter dem Rücken verschränkten

Händen schritt sie durch das Büro.

Zumindest tat sie das in ihrer Vorstellung.

In Wahrheit hatte Broderick seit seiner

Hüftdysplasie ordentlich zugelegt, sodass

sie beide Hände in die Handtasche krallen

musste, um ihn nicht fallen zu lassen.

Adelaides Beine waren auch einmal

länger gewesen. Und das Buttermesser,

das in ihrem rechten Schuh steckte, war

beim Gehen nicht gerade förderlich.

Mit wackelndem Getrippel und einer

gehörigen Schlagseite zog sie durch das

Büro und beäugte die Einrichtung.

4


K A T I E K E N T O

T H R E E W I L L O W S

Dunkle Holzmöbel mit durchgesessenen

Polstern. Golden gerahmte Bilder einer

schwarzhaarigen Frau, bei der es sich

wahrscheinlich um die eben erwähnte

Mutter handelte. Ein Mantelhalter samt

Schirmständer in der hintersten Ecke des

Raumes. Ein Aktenschrank mit

Vorhängeschloss, daneben eine zweite

Tür. Und gegenüber vom Schreibtisch

eine alles überschattende Schrankwand,

in der Dutzende Modellschiffe in

Glasflaschen thronten.

Geschmacklos und verstaubt.

»Was ist hinter der Tür?«, wollte sie

wissen. »Meine Privaträume. Die

Heimleitung steht den Bewohnerinnen

und Bewohnern von Three Willows rund

um die Uhr zur Verfügung«, erklärte Ward

in einem Ton, als wäre er auf einer

Pressekonferenz. »Ich wohne hier.«

»Mein Beileid.« Auf dem Kaminsims hinter

dem Schreibtisch standen ebenfalls von

Glas umschlossene Schiffsmodelle.

Adelaide zog sich den Gurt ihrer

schlafenden Handtasche über die

Schulter, ging auf die Zehenspitzen und

tippte gegen die größte der bauchigen

Flaschen.

»Man kann mich nicht dafür verurteilen,

dass ich mein Eigentum schützen wollte.

Was ist, wenn Ihnen einer Ihre Sammlung

klauen will, hm?«

»Ich denke nicht, dass sich ein Einbrecher

dafür interessieren würde. Dieses Modell

ist unter uns gesagt auch nicht sonderlich

wertvoll. Ich habe …«

Adelaide klopfte gegen die nächste

Flasche. Sie wackelte auf dem Holzsockel,

fiel zu Boden und zersprang.

Reginald Ward schoss aus seinem Sessel

empor. »Dieses Modell war wertvoll«,

keuchte er und deutete auf den Platz

gegenüber. »Bitte, Miss Peel, setzen Sie

sich wieder.«

Adelaide rührte sich nicht. Sie warf nur

einen betont interessierten Blick auf ein

weiteres Schiffsmodell und beobachtete

aus den Augenwinkeln, wie die Stirn des

Heimleiters vor Schweiß zu glänzen

begann.

»Glauben Sie mir.« Wards Stimme klang

gepresst. »Ich habe kein Interesse daran,

Sie gegen Ihren Willen hier festzuhalten.«

»Ach nein? Damit verdienen Sie doch Ihr

Geld!« Sie gab sich keine Mühe, ihre

Verachtung dieses schmutzigen

Geschäfts zu verbergen. Ward ließ seinen

Blick über die Glasscherben und den

zerbrochenen Mast des Schiffchens auf

dem Boden wandern. »Weniger, als Sie

denken«, murmelte er und seufzte.

»Geben Sie der Sache eine Chance.

©Canva

5


K A T I E K E N T O

T H R E E W I L L O W S

Zwei Wochen. Wenn es Ihnen hier bis zur

Mitte des Monats nicht gefällt, können Sie

abreisen.«

Adelaide streckte ihm ihren Arm

entgegen. »Hand drauf! Oder ich glaube

kein Wort.«

Ward musterte ihre Finger, die vom

Rheuma leicht geschwollen und rot

waren. Zögerlich ergriff er die Hand und

stieß den Atem aus, als sie zudrückte.

»Keine Spielchen«, knurrte Adelaide.

»Deal ist Deal.«

Zu ihrem Erstaunen hielt der Heimleiter

dem bohrenden Blick stand. Obwohl er

aussah wie ein in die Jahre gekommener

Fernsehmoderator aus den Siebzigern,

trat so etwas wie jugendlicher Tatendrang

in seine Miene.

»Dazu müssen Sie Ihren Teil der

Abmachung aber auch erfüllen«, stellte er

klar. »Hier wird nichts mehr zu Bruch

gehen in den nächsten vierzehn Tagen,

verstanden? Sie fangen keinen Streit an

und machen uns keine Umstände. Wenn

ich mich bei Ihrem Großneffen dafür

einsetzen soll, dass Sie wieder allein leben

können, dann müssen Sie mir auch

beweisen, dass Sie dazu in der Lage

sind.«

Adelaide zog eine Grimasse. Diesen

angeblichen Großneffen, der ihr die

ganze Sache eingebrockt hatte, würde sie

zu gern in die Finger kriegen.

»Miss Peel, hören Sie mir zu? Sie müssen

uns allen hier zeigen, dass Sie

selbstständig und klar im Kopf sind.

Und vernünftig.« Das letzte Wort betonte

er besonders, so als hätte er an Adelaides

Vernunft irgendetwas zu bezweifeln.

»Abgemacht.« Sie drückte ein weiteres

Mal zu, dann ließ sie los.

Ward schüttelte seine Hand aus. »Gut. Ich

schlage vor, Sie gehen zurück auf Ihr

Zimmer und richten sich dort für die

nächsten Tage ein.« Er griff nach dem

Fläschchen mit dem Desinfektionsmittel.

»In einer Stunde gibt es Abendessen im

Speisesaal. Finden Sie den Weg allein

oder …?«

»Seh ich aus wie eine verwirrte Alte, die

man bei der Hand nehmen muss?«,

motzte Adelaide. Ward wollte sie testen

und ihre Schwächen gegen sie

verwenden. Doch bei dem Spielchen

machte sie nicht mit. »Schreiben Sie sich

das hinter die Ohren: Ich komme

zurecht!«

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S O P H I A C O M O

S I L E N T W H I S P E R S

WIE STIMMEN IM

PROLOG

Im Abendlicht, bevor alles dunkel wurde,

wirkte das Feld harmlos. Eine weite,

goldene Fläche am Rande der Stadt, vom

Wind in Bewegung gehalten. Wenn das

letzte Licht des Tages über den Wiesen

flirrte, die langen Grannen an den Ähren

wogend und weich erscheinen ließ, und

ich mich, geleitet von dieser Illusion,

hineinlegen wollte.

An warmen Abenden fuhr ich mit dem

Fahrrad daran vorbei, langsam genug, um

das Licht über das Gerstenfeld wandern

zu sehen. Manchmal hielt ich an,

überlegte.

Ich wusste, wie es sich anfühlte,

hineinzugehen. Sich hinzulegen.

Der Schein trog.

Denn die Grannen waren hart. Sie

verhakten sich in Stoff und Haar, kratzten

über die Haut, hinterließen feine Linien,

die erst später juckten und brannten.

Trotzdem ließ ich so oft das Rad ins Gras

kippen und schob mich zwischen die

Halme. Immer wieder. Immer wieder.

Vielleicht, weil ich wissen wollte, ob es

diesmal anders war. Vielleicht, weil mir

nichts Schlimmes passieren konnte.

Wenn ich mich hineinlegte, spürte ich das

Pieken an den Armen, den Beinen, im

Nacken, auf meiner Kopfhaut. Von außen

musste es aussehen, als würde ich in

etwas Weiches sinken. Von innen fühlte

es sich anders an. Später saß ich in der

Küche auf dem alten Holzstuhl, während

Mom hinter mir stand und die

Gerstenköpfe aus meinen Haaren zog. Oft

blieb sie stehen, musterte mich und

prüfte, ob sie etwas übersehen hatte.

»Du lernst es nie«,

©Canva

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S O P H I A C O M O

S I L E N T W H I S P E R S

sagte sie dann leise und ich lachte, weil es

nicht wichtig war.

Das war, bevor sie ging, bevor mein

Zuhause starb, bevor er kam.

Im Abendlicht, bevor alles dunkel wurde,

wirkte auch mein neues Heim harmlos.

Weiche Laken, ein liebevoll

eingerichtetes Zimmer, Stoffbären,

gerahmte Bilder. Erst wenn das Licht

verschwand, veränderten sich die

Konturen. Geräusche klangen näher,

Schritte schwerer, die Schatten wurden

länger, bis sie im Schwarz verschwanden.

Und unter dem Gewicht der Dunkelheit

dachte ich so oft an die Grannen, ihre

Kratzer und wie sie einst das Schlimmste

waren, das mir passieren konnte.

KAPTIEL 1

Giulia

Der Schmerz kroch meinen Rücken hinab

in Beine und Füße. Unter mir gab der

Boden nicht nach. Uneben, übersät mit

kleinen, losen Steinen, die bei jedem

Schritt rutschten. Ein falscher Tritt und es

zog bis in die Hüfte.

Nicht stehen bleiben.

Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge, ehe ich

meinen Rucksack zurück auf die

Schultern hievte. Ich brauchte eine Pause,

einen Ort für mein Zelt. Doch vorher

musste ich noch weiter. Obwohl dieser

Waldweg ziemlich verlassen wirkte, war

die Gefahr einfach zu groß.

Also bleib nicht stehen, Giulia.

Es hatte Momente gegeben, da hatte

dieses Mantra beinahe nicht geholfen.

Der Schmerz war zu tief, die Erschöpfung

zu groß, der Gedanke, zurückzukehren, zu

real gewesen. Doch die Erinnerung daran

machte jeglichen Schmerz vollkommen

irrelevant.

Aufgeben kam nicht infrage.

Nicht, wenn ich mich orientierungslos

fühlte.

Nicht, wenn ich die Landkarte verfluchte.

Auch nicht, wenn mein Magen knurrte

und meine Flasche leerer wurde.

Lieber hungerte ich, als umzukehren.

Ich schnaufte. Die dicht

beieinanderstehenden Bäume boten zwar

reichlich Schatten, doch die Hitze der

Sommersonne fand trotzdem ihren Weg

zu mir. Ich sollte mich nicht beschweren.

Kälte und Regen hätten es mir unmöglich

gemacht, diese Flucht anzutreten. Dabei

lief ich ohne wirkliches Ziel. Immer weiter

in Richtung Osten, hinein in die Natur, in

die Stille. Vielleicht würde ich irgendwann

Halt machen, vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht würde ich mein Leben lang

weiterziehen, ohne jemals anzukommen.

Mühevoll klammerte ich mich an die

Riemen meines Rucksacks, konzentrierte

mich auf den Kies unter meinen Füßen.

Eigentlich hatte ich nicht viel bei mir. Ein

paar Wechselklamotten, eine Karte, ein

Zelt, ein altes Taschenmesser meiner

Mutter. Ich wusste, dass es absurd wäre,

an diesem Ort einem Menschen zu

begegnen.

©Canva

8


S O P H I A C O M O

S I L E N T W H I S P E R S

Seit meinem letzten Einkauf in Louisville

hatten sich meine sozialen Kontakte auf

wilde Chipmunks und laute Singvögel

beschränkt. Und doch: Wenn es hinter mir

knackte, oder ich nachts in die Dunkelheit

lauschte, das Messer umklammert, war es

unmöglich, nicht an ihn zu denken.

Der Schrei einer Krähe drang durch die

hohen Bäume zu mir hindurch. Neugierig

blieb ich für eine Sekunde stehen und

reckte den Hals, suchte zwischen den

Ästen nach dem schwarzen Schatten. Der

Vogel war längst verschwunden, weit und

breit kein Tier zu sehen, trotzdem bildete

ich mir eine Bewegung ein. Oder auch

nicht.

Ich erstarrte, ließ den Blick über die

dichten Stämme und moosbedeckten

Felsen gleiten. Suchte zwischen Bäumen

nach einem Körper. Nach etwas, das die

leisen Alarmglocken in mir begründete.

Doch da war nichts. Kein zweiter

Atemzug, kein Holz, das unter fremden

Schritten knarzte. Nur ich.

Als eine leichte Brise einen losen Ast

beiseiteschob, traf der Wind auf mein

schweißüberströmtes Gesicht und mir

wurde klar, wie erschöpft ich wirklich war.

Ich zückte meine Flasche und trank in

gehemmten Schlucken den mickrigen

Rest, der mir noch geblieben war,

während ich mit einem Blick die

Umgebung scannte. Rechts neben mir fiel

der bewaldete Hang hinab, links stieg er

wieder an. Erst als ich die Flasche zurück

in die Tasche packte, nahm ich am Ende

des Hangs ein Glitzern wahr. Zwischen

den vielen Bäumen konnte ich erkennen,

dass sich die Sonne in etwas spiegelte.

Ein Stück Plastik? Eine Scherbe? Nein, es

war viel zu groß, viel zu weitflächig. Viel zu

schön.

Sofort sprang ich auf, griff nach meinem

Rucksack und stieg vorsichtig den Hang

hinab. Unten angekommen, warf ich

meine Sachen ans Seeufer, streifte

Kleidung und Schuhe ab und hüpfte samt

Unterwäsche ins Wasser. Kälte umschloss

mich, erfrischte Muskeln und Sinne. Aus

meiner Kehle löste sich ein lautes Lachen,

als ich mich auf den Rücken warf und vom

Wasser tragen ließ. Die Baumwipfel

beugten sich über mich, über den See,

rahmten das Bild des dämmrigen

Himmels ein. Dabei fragte ich mich, ob der

See in der Umgebung bekannt war. Ob

hier Menschen lebten und Orte

angesiedelt waren. Ich wusste es nicht.

Ich wusste nicht mal, wo ich überhaupt

war, was in Anbetracht dessen, dass mir

langsam Wasser und Nahrung ausgingen,

ein echtes Problem darstellte. Also

schwamm ich zurück zum Ufer, um mein

Lager aufzuschlagen. Weit genug vom

Weg entfernt, aber nah genug, um

morgen weiterzugehen und mich um

meine Vorräte zu kümmern.

Mit meiner Karte setzte ich mich ans

sonnige Ufer, um zu trocknen. Ich drehte

das Papier, wendete es, suchte nach

irgendetwas, das mir bekannt vorkam –

vergeblich.

9


S O P H I A C O M O

S I L E N T W H I S P E R S

Keiner der dunkelgrünen Flecken wollte

zu meinem werden.

Ein Schatten huschte über das Papier.

Hinter mir raschelte es. Dann ertönte ein

dumpfer Knall.

Meine Brust verkrampfte sich. Ich fuhr

hoch, stolperte ins Wasser, fiel und robbte

tiefer hinein. Mein Herz raste. Hitze

explodierte in mir, breitete sich aus wie

ein Buschfeuer. Lunge, Magen, Beine. Sie

schnürte mir die Luft zum Atmen ab. Nicht

einmal das kühle Wasser half.

Atemlos blickte ich mich um. Mein

Rucksack war umgekippt. Mehr nicht.

Niemand war da.

Ich war allein.

E r w ar n icht hi er.

Scott

Meine Narben erinnerten sich schneller

als ich.

Ein dumpfer, ziehender Schmerz, der sich

langsam über meinen Rücken ausbreitete.

Mein Wagen kam in einer verlassenen

Parkbucht unweit unserer Farm zum

Stillstand. Mit den Händen umklammerte

ich das Lenkrad, versuchte festzuhalten,

was mir längst entglitten war. Ich atmete

tief durch, flach, langsam. Der Geruch von

Staub und altem Leder hing in der Luft,

legte sich auf meine Schleimhäute, auf

meinen Körper, auf die Schmerzen.

Es ging nicht mehr.

Ich griff zum Handschuhfach, zog es

ruckelnd auf, weil es klemmte. Meine

Finger tasteten im Halbdunkeln zwischen

alten Papieren und Münzen nach den

Tabletten. Als ich sie mir trocken in die

Kehle warf, spürte ich, dass ich zitterte.

Mein Brustkorb hob und senkte sich, das

Pochen in meinen Schläfen wurde

gedrosselt. Ich ruhiger. Wenn auch nur

langsam.

Sonst scherst du dich einen Scheißdreck

um die Farm. Also hau ab!

Als der Schmerz nachließ, kamen andere

Erinnerungen hoch. Die Worte saßen fest.

Tiefer, als sie es sollten. Es war nicht das

erste Mal gewesen, dass ich sie zu hören

bekommen hatte. Und sicher nicht das

letzte Mal.

Mit meinem Onkel Harvey zu streiten, war

keine einmalige Sache, sondern ein

Dauerzustand. Das wusste ich. Jeder

wusste das. Und trotzdem würde ich mich

vermutlich niemals ganz daran

gewöhnen.

Ich lehnte den Kopf gegen die Stütze und

schloss die Augen. Für einen Moment sah

ich ihn wieder vor mir. Den Betonboden

des Stalls. Blutüberströmt. Meine Stute

Blueberry. Und das Feuer.

Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten

vermischten sich und ich riss die Augen

auf, schnappte nach Luft.

Da vibrierte mein Handy neben mir. Ein

Blick aufs Display verriet mir, dass es Ruby

war. Ein weiterer zeigte mir die Uhrzeit.

Fuck.

©Canva

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S O P H I A C O M O

S I L E N T W H I S P E R S

»Hey, Grandma, sorry, ich hab die Zeit

vergessen und …«

»Du hast die Zeit nicht vergessen, Scott.

Ich habe euch streiten gehört.«

Mein Mund blieb offen stehen, ich

rutschte noch tiefer in den Sitz. »Ja«,

hauchte ich ergeben. »Tut mir leid, ich

musste raus. Morgen Abend bin ich beim

Essen dabei. Versprochen.«

»Entschuldige dich nicht bei mir. Bonnie

hat sich so auf das Essen gefreut. Und sie

meinte, du fährst morgen mit ihr zum

Wickfield Lake?«

Doppeltes Fuck. Noch etwas, das ich

vergessen hatte. Dabei lag mir meine

kleine Schwester schon seit Ewigkeiten in

den Ohren, an meinem freien Tag mit ihr

schwimmen zu gehen.

»Ich habe es ihr versprochen«, erwiderte

ich fest, auch wenn es verboten war, im

Wickfield Lake zu baden. Das wusste ich

als Deputy besonders gut.

»Scott …« Die traurige Stimme meiner

Grandma verlangte mir alles ab. »Ich

weiß, dein Onkel kann schwierig sein,

aber er meint es nicht so.«

»Ich weiß«, log ich, weil ich mir sicher

war, dass Harvey alles ganz genau so

meinte, wie er es sagte.

Wenn er sich darüber beschwerte, dass

ich einen Job im Police Department

angenommen hatte, statt auf der Farm

auszuhelfen. Wenn ich auf der Farm

aushalf, es aber seiner Meinung nach

nicht gut genug tat. Wenn ich mich vor

die Pferde stellte, wie Mom es immer

getan hatte, weil sie für mich keine

Nutztiere, sondern Familie waren.

Heute hatte er mich dafür angefahren,

dass ich mich eingemischt hatte. Dass ich

den Tierarzt gerufen hatte, ohne ihn zu

fragen. Dass ich seinen neuen Vorarbeiter

Jakub für Blueberrys Wunde

verantwortlich gemacht hatte, weil er oft

viel zu hektisch und grob mit den Tieren

umging. Doch laut meinem Onkel hatte

sich das dumme Vieh nur am Zaun

verletzt.

Ich sah alles noch vor mir. Das Blut.

Blueberrys flachen Atem. Und Harveys

missbilligenden, hasserfüllten Blick.

»Ich will damit nur sagen«, fuhr Ruby fort,

»die Farm ist alles für ihn. Das weißt du. Er

… ich glaube, das ist seine Art, damit

umzugehen.«

Ich rieb mir über das Gesicht. Harveys

Worte konnten schmerzen, was aber viel

schwerer wog, war seine Gleichgültigkeit

den Pferden gegenüber.

Er wusste, wie viel sie mir bedeuteten. Wie

viel sie Mom bedeutet hatten. Sie

gehörten zu dem Wenigen, was mir von

meinen Eltern geblieben war.

»Das hier ist sein Zuhause, verstehst du?

Es ist unser Zuhause.«

D as is t es s c h o n la n g e

n i c h t m e h r.

©Canva

1 1


S O P H I A C O M O

S I L E N T W H I S P E R S

Ich sagte es nicht laut, ließ den Gedanken

wie immer in mir ruhen und schüttelte nur

den Kopf. Dabei wanderte mein Blick

nach draußen. Es dämmerte bereits. Am

dunkelvioletten Himmel stand ein blasser

Kreis. Abnehmender Vollmond. Dass ich

fasziniert von diesem Anblick war, konnte

ich nicht behaupten. Vielmehr suchte er

mich heim, belächelte mich, erinnerte

mich jedes Mal aufs Neue an diese eine

Nacht. Und daran, weshalb ich am

liebsten mit ihnen gegangen wäre. Doch

ich ging nicht. Für Ruby. Für Bonnie. Für

den Rest, der mir von ihnen geblieben

war.

»Kommst du gleich heim?«

Ich seufzte. »Ja, keine Sorge. Du kannst

ruhig schlafen gehen.«

»Das werde ich erst, wenn du zurück

bist.«

Ein Schmunzeln huschte über meine

Lippen. Als wir auflegten, hielt es noch

eine Weile. Die Tablette hatte gewirkt, der

Schmerz war verschwunden.

Die Erinnerungen verharrten dennoch.

Mein Blick wanderte durch die

Dunkelheit. Ich war umgeben von dichten

Wäldern, die Straße menschenleer,

irgendwo huschte ein Schatten durch die

Landschaft, vermutlich ein Reh. Dieses

kleine Fleckchen Erde war einst das

Schönste gewesen, was es für mich

gegeben hatte. Und vielleicht war es das

noch immer.

Nur anders.

Fremder.

Ich griff nach dem Zündschlüssel und

startete den Wagen. Die Scheinwerfer

durchbrachen die Dunkelheit, warfen

breite Lichtkegel auf den Asphalt und den

Waldrand. Einen Herzschlag lang meinte

ich, jemanden im Licht stehen zu sehen.

Zu aufrecht für ein Tier. Zu reglos, um

sofort wieder im Unterholz zu

verschwinden.

Mein Atem stockte.

Doch da war nichts. Keine Regung. Kein

Mensch. Nur Bäume, Schatten, Nacht.

Kopfschüttelnd legte ich den Gang ein

und fuhr los, sagte mir, dass es sicher ein

Tier gewesen war.

Und doch zog etwas meinen Blick in den

Rückspiegel, zurück zwischen die

dunklen Tannen. Ein mulmiges Gefühl,

das ich nicht abschütteln konnte.

1 2


M A R I N A N E U M E I E R

V I C I O U S G O D S

SANTO

Fünfzehn Minuten später bin ich zu Hause

angekommen und drücke die

Wohnungstür mit der Schulter auf. Mein

Körper fühlt sich bleischwer an, und alles,

was ich will, sind eine heiße Dusche und

mein Bett. Umständlich kicke ich mir die

Schuhe von den Füßen und hänge meine

Lederjacke an einen Wandhaken im

Eingangsbereich. Dann schlurfe ich den

langen Flur hinunter. Am Durchgang zur

Bibliothek halte ich inne, weil ein

gedämpfter Lichtschein aus dem Raum

dringt. Hölle, Orela wird es niemals lernen,

alle Lampen auszuschalten.

Müde betrete ich die Bibliothek, damit

unsere Stromrechnung dank meiner

Schwester nicht das Bruttoinlandsprodukt

eines Zwergstaats annimmt. Gähnend

lasse ich den Blick durch den

gemütlichen Raum mit den deckenhohen

Regalen schweifen, um die Lampe zu

finden, die noch brennt.

Stattdessen entdecke ich eine Gestalt, die

zusammengerollt in einem der Sessel sitzt

und in ein Buch vertieft ist.

Mit einem Mal sind alle meine Sinne in

Aufruhr. Reglos wie eine Statue verharre

ich am Eingang und betrachte Aliqua. Sie

ist in das warme Licht einer altmodischen

Stehlampe getaucht, das goldene Reflexe

in ihren dunkelbraunen Haaren

©Tara Spruit

©Canva

1 3


M A R I N A N E U M E I E R

V I C I O U S G O D S

aufleuchten lässt … Mein Mund wird

trocken, je länger ich sie in ihrer

Versunkenheit betrachte. Ihre Haut sieht

samtweich aus und ist ebenfalls von

einem goldenen Schimmer überhaucht.

Und sie trägt … gottverdammte Ewigkeit!

Was ist das? So, wie sie dasitzt, kann ich

nicht mehr erkennen als verheißungsvoll

schimmernden Stoff, der definitiv nichts

mit einer Jogginghose gemein hat.

Ich muss wohl irgendein Geräusch von

mir gegeben haben, denn Aliquas Kopf

schnellt hoch und ihre Augen weiten sich

überrascht, als sie mich mitten im Raum

stehen sieht.

Alles klar, Santo, das wirkt gerade gar nicht

gruselig. Wahrscheinlich kann ich froh

sein, dass sie nicht schreit wie am Spieß,

weil ich völlig lautlos aufgetaucht bin und

sie anglotze.

Ihre vollen Lippen teilen sich zu einem

Oh, und ihr Anblick lässt eine

Körperregion zum Leben erwachen, die

schon sehr, sehr lange Zeit geschlummert

hat.

»Santo.« Ihre Stimme klingt unsicher, was

mich ein wenig zur Räson bringt. Siedend

heiß fällt mir ein, dass ich mich heute

Morgen ziemlich unsensibel verhalten

habe. Der verletzte Ausdruck in ihren

Bernsteinaugen hat sich mir eingebrannt,

und sie war so schnell verschwunden,

dass ich ihr nicht mehr erklären konnte,

wie meine Worte gemeint waren.

Vorsichtig mache ich einen Schritt auf sie

zu. »Was machst du denn hier?«

Selbst in meinen eigenen Ohren klinge

ich hölzern, meine Stimme ist ganz belegt.

Sie blinzelt, als würde ihr in diesem

Moment erst bewusst, dass sie sich mitten

in der Nacht in der Bibliothek befindet. Sie

ist doch keine Schlafwandlerin, oder?

»Ich hatte einen Traum und konnte nicht

mehr schlafen.“ Sie runzelt die Stirn. „Das

war echt gruselig.«

» S o is t d as m i t

Tr ä u m e n , s i e s i n d

u n b e r e c h e n b a r u n d

g a n z s i c h e r n i c h t

r a t i o n a l. W i e w ä r ’ s,

i c h m a c h e d i r e i n e n

Te e, d a n a c h fü h ls t du

d i c h b es t i m m t b ess e r. «

Keine Ahnung, wie ich jetzt ausgerechnet

auf Tee komme, aber ich will irgendetwas

für sie tun, damit sie sich besser fühlt. Und

ein warmes Getränk tut doch immer gut,

oder?Eine gemeine Stimme in meinem

Hinterkopf flüstert mir, dass ich mich zu

nahe an sie heranwage. Dass es genügt,

sie zu beschwichtigen, und ich jetzt

besser schleunigst in mein Zimmer

verschwinden sollte.

Dusche springen.

Und unter die

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M A R I N A N E U M E I E R

V I C I O U S G O D S

Eine eiskalte wohlgemerkt.

Mein Herz allerdings, das immer noch auf

sie reagiert wie ein Süchtiger auf Stoff,

weitet sich erfreut, als sie nickt und sich

aus dem Sessel hochstemmt. Sie legt das

Buch beiseite und … mein Hirn erleidet

einen Kurzschluss. Anders kann ich es

nicht beschreiben. Alle Gedanken, jeder

Vorsatz, sind wie weggefegt, als sie

aufsteht und ich nun sehe, was sie anhat.

Ein Nachthemd aus pfirsichfarbener

Seide, am Ausschnitt mit Spitze verbrämt

und kurz genug, um jede Menge von

ihren nackten Beinen zu zeigen. Der

schimmernde Stoff umfließt ihren Körper

wie flüssiges Kupfer, legt sich um jede

Kurve und bringt mein Denken dauerhaft

zum Erliegen.

Offenbar kann ich tausende Jahre alt

werden und beim Anblick eines Negligés

immer noch wie ein Neandertaler

reagieren. Und ich dachte, die Zeit hätte

sämtliche niederen Instinkte in mir

abgetötet. Ganz offensichtlich hat es

lediglich Aliquas Wiederkehr bedurft, um

mich in mein jugendliches Ich aus der

Antike zurückzukatapultieren, das

keinerlei Reife kennt. Fantastisch.

Ich beiße die Zähne zusammen und

zwinge mich, einen Schritt

zurückzuweichen, um ihr Platz zu

machen. Aliqua tritt neben mich, wobei

ich etwas von ihrem Duft erhasche, und

schon wieder drohen meine Sicherungen

durchzubrennen. Verdammte Götter,

stopp! Mit aller Macht versuche ich mich

auf die Fakten zu konzentrieren.

Ergo: Aliqua und ich, das ist nicht gut. Gar

nicht gut.

Ihr kann ich keine Schuld geben, aber ich

habe so vielen Leuten wehgetan, Fehler

begangen, die nie wieder gutzumachen

sind. Wenn auch nur irgendjemand den

vollen Umfang meiner Taten ahnen

würde … ich wäre schneller im

Marianengraben versenkt, als ich blinzeln

könnte. Und doch … obwohl ich diese

Schuld schon so lange mit mir

herumtrage und mir jeden Tag ihrer

Schwere bewusst bin, genügt ein Blick in

Aliquas Augen, und ich bin wieder im Jahr

Neunundsiebzig. Unbedarft, ahnungslos

und schwer davon überzeugt, das

Richtige zu tun. Was für ein Narr ich war.

Zwar kann ich nie gutmachen, was

damals geschehen ist, aber ich bin es ihr

und allen schuldig, zumindest zu

versuchen, mich heute besser zu

verhalten. Klüger.

Trotzdem gehe ich mit ihr in die Küche,

denn obwohl ich entschlossen bin, die

Fehler der Vergangenheit nicht zu

wiederholen, will ich mich gleichzeitig

nicht noch mal wie ein Vollidiot

benehmen. Ich kann Aliqua ein Freund

sein. Auch wenn meine Gedanken gerade

unerlaubterweise Achterbahn fahren …

was ja niemand erfahren muss. Dennoch

achte ich darauf, ihr immer einen Schritt

voraus zu sein, damit ich gar nicht erst in

Versuchung gerate, mir ihren Körper beim

Gehen noch genauer anzuschauen.

©Canva

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M A R I N A N E U M E I E R

V I C I O U S G O D S

©Canva

In der Küche setze ich Teewasser auf,

auch wenn es sich ungewohnt anfühlt,

weil ich so was nie mache. Die Knöpfe der

Kaffeemaschine zu bedienen, ist bei mir

das Höchste der Gefühle. Deswegen

krame ich auch ein paar Minuten ziellos in

den Hängeschränken, bis ich die Box mit

den Teebeuteln finde. Es ist mir ganz

recht, weil es mir Zeit verschafft, um

wieder runterzukommen und meine

Gedanken zurück in geordnete Bahnen

zu schicken. Dennoch bin ich mir Aliquas nehmen, schiebe ich Aliqua den heißen

Anwesenheit beinahe schmerzhaft Becher zu.

bewusst. Sie lehnt an der Küchentheke,

etwa zwei Armlängen von mir entfernt,

und ich nehme ihre Anwesenheit wahr,

als stünde sie unmittelbar neben mir.

»Danke«, murmelt sie.

Ich stütze mich mit beiden Händen auf

der Marmorplatte ab und lasse den Kopf

hängen, weil er mir plötzlich so schwer

Diese Sensibilität für sie, die schon früher vorkommt. Das Gewicht meiner

dazu geführt hat, dass ich sie in der

chaotischsten Menschenmenge bemerkt

habe, ist ungebrochen. Die Härchen auf

Gedanken wiegt tonnenschwer.

Eine Weile hört man nur das vorsichtige

Schlürfen, mit dem Aliqua an dem heißen

meinen Armen stellen sich auf, und ein Tee nippt. Ich sollte mit ihr reden,

Schauer läuft mein Rückgrat hinunter.

Völlig willkürlich greife ich nach einem

Teebeutel, werfe ihn in eine Tasse und

gieße kochendes Wasser darüber. Ohne

den Blick von der Arbeitsfläche zu

irgendetwas sagen, um die dröhnende

Stille zwischen uns zu vertreiben. Aber ich

habe diese irrationale Angst, dass es

wieder vollkommener Schwachsinn sein

könnte, der sie verletzt.

Schließlich schlucke ich gegen die

stechende Enge in meiner Kehle an und

wende mich ihr zu. »Ich muss mich

entschuldigen. Das, was ich heute

Morgen auf dem Dach gesagt habe … am

Telefon, das war missverständlich

formuliert.«

Aliqua rührt gedankenversunken in ihrem

Tee, ihre dichten Wimpern werfen

Schatten auf ihre Wangen.

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M A R I N A N E U M E I E R

V I C I O U S G O D S

»Für mich war es ziemlich eindeutig, was

du gesagt hast.« Ihre großen,

whiskeyfarbenen Augen richten sich auf

mich. Ihr Tonfall ist nüchtern, und ich

weiß nicht warum, aber es wäre mir lieber,

wenn sie schimpfen oder fluchen würde …

oder irgendeine Emotion zeigen. So aber

wirkt sie erschreckend stumpf.

»Bitte, hör mir zu.« Ich halte ihren Blick

fest, der zu flackern beginnt, je länger ich

die Verbindung halte. Gut, also hat sie

sich nicht vollkommen abgeschottet.

»Das, was ich gesagt habe, dass du

vollkommen unwichtig seist, ist aus mir

herausgeplatzt, weil ich in Panik war. Der

Gedanke, die Immortali könnten dich

jagen, macht mir eine Scheißangst, und

ich wollte mich und alle anderen davon

überzeugen, dass du es nicht sein kannst,

was sie wollen. Ich habe im selben

Moment gemerkt, wie dämlich das war.

Egal was ich sage, ich kann sie von nichts

abbringen, und statt dir in dieser

verrückten Situation zu helfen, habe ich

dir wehgetan. Das tut mir leid.«

Ihre Kehle bewegt sich, als sie schluckt,

und mein Blick verharrt an der Kuhle

zwischen ihren Schlüsselbeinen. Früher

ruhte an dieser Stelle ein Anhänger.

Dieser Anhänger … oh verdammt, mir

dreht sich der Magen um, wenn ich daran

zurückdenke. Ihren Hals nackt und

schmucklos zu sehen, ist auf so vielen

Ebenen falsch, und tja, ich bin schuld

daran.

Aliqua wirkt verzagt, und wieder muss ich

mir in Erinnerung rufen, was sie gerade

durchmacht. Wahrscheinlich ist sie immer

noch dabei, sich an das Gefühl der

Freiheit zu gewöhnen. Sie verhält sich

nach außen hin so normal, dass ich zu

vergessen drohe, dass es in ihr ganz

anders aussehen muss. Deswegen

schlucke ich den ganzen Schwachsinn

hinunter, den ich sagen will, und

versuche es mit einem aufmunternden

Lächeln.

»Ich bin wirklich froh, dass du hier bist.

Gemeinsam bringen wir das alles in

Ordnung, okay?«

Etwas blitzt in ihren Augen auf, und auch

in mir regt sich eine tief vergrabene

Erinnerung. Und eines wird mir in diesem

Moment erschreckend klar: Es wird

verdammt schwierig werden, dafür zu

sorgen, dass sich die Geschichte nicht

wiederholt.

V O R L ÄU F -

I G E S

C OVER

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K A T E L Y N E R I K S O N

C L A I M E D

ER IST DER

I M M A S S A N Z U G

EVANGELINE

»Du siehst dir nicht wirklich True Crime

Dokumentationen zum Einschlafen an?

Das ist nicht normal.«

Erwartete er darauf ernsthaft eine

Antwort? So, wie mich Frederic aus seinen

zu großen rehbraunen Augen ansah,

offenbar ja.

Langsam senkte ich die Gabel, die ich

gerade an meinen Mund geführt hatte. In

diesem Augenblick konnte ich mich nicht

entscheiden, wonach mir war. Sollte ich

ihn mir mit übermäßig viel Wein schön

trinken, das überteuerte Essen genießen

und seine zahlreichen Spitzen, die er den

Abend über auf meine Kosten verteilt

hatte, ignorieren?

Betont ruhig legte ich das Besteck auf den

Teller und versuchte zu verdauen, dass er

erneut etwas als unnormal bezeichnete,

was mich ausmachte. Dabei kannte er

nicht im Ansatz die Wahrheit über mich.

Wüsste er, wie mein Leben wirklich

aussah, würde er schreiend davonlaufen.

Dann bräuchte ich mir keine Äußerungen

darüber anzuhören, dass das Kleid zu

kurz, der Ausschnitt zu tief und mein

Lachen zu laut sei.

Wäre mein Vater hier, könnte Frederic

ohnehin nichts mehr sagen, weil seine

Zunge mittlerweile in der Wasserkaraffe

schwimmen würde.

Die Vorstellung amüsierte mich.

»Eva?« Ich blinzelte und unterdrückte

den Drang, ihn zu korrigieren. Stattdessen

hob ich den Blick und erkannte, dass er

recht verstimmt die Stirn runzelte. »Hast

du mir zugehört?«

»Nein.«

Die Falte zwischen seinen Augenbrauen

vertiefte sich. So, wie er mich anstarrte,

konnte ich mir gleich obendrein anhören,

wie verträumt oder unhöflich ich sei.

©Canva

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K A T E L Y N E R I K S O N

C L A I M E D

»Was hast du noch mal gesagt?« Ich

zwang mich zu einem freundlichen

Lächeln. Einem, bei dem mir niemand

ansah, dass ich auch ohne den Rückhalt

meines Vaters und der gesamten Familie

gefährlich genug war.

»Ich werde mich nicht wiederholen.«

Erbost wischte er sich mit einem Tuch

über die Mundwinkel.

Einatmen.

Ausatmen.

Ich konnte nicht alle töten, die mir dumm

kamen.

»Das ist schade.« Ich bemühte mich um

einen sanften Unterton. Mir war bewusst,

dass ich nicht danach aussah, aber am

liebsten würde ich diesen Kerl umbringen.

Grausam. Hier und jetzt. Stattdessen

bewahrte ich die Fassung.

Beiläufig strich ich mir durchs

rabenschwarze Haar, das ich heute in

dicken Wellen offen trug. Die Spitzen

glitten über die Mitte meines Rückens, als

ich mich leicht vorbeugte. »Sollen wir

diesen Abend beenden?«, fragte ich

direkt.

Die Art, wie er mir in meine eisblauen

Augen sah, zeigte ein gewisses Maß an

Unwohlsein. Wie die meisten Menschen

schaffte auch er es nicht, meinem kühlen

Blick sonderlich lange standzuhalten. Im

Gegenteil. Er wich mir aus und sah auf

seinen halb vollen Teller.

»Es wäre schade ums Essen«, murmelte

er.

Schlappschwanz.

Wofür machte ich das Ganze? Ich verkniff

mir ein Seufzen und spielte mit dem

Gedanken, einfach aufzustehen. Es war

noch immer fraglich für mich, wieso ich

meine Zeit an einen Mann vergeudete,

der es als persönliche Beleidigung

auffasste, dass ich mich nicht hatte

abholen lassen.

Als ob ich jedem Fremden sofort verriet,

wo ich wohnte.

»Was ist denn verkehrt an True Crime?«

Ich wusste, dass mein Schlenker zurück

zum Thema etwas verspätet kam und

vermutlich neuen Stoff für Diskussionen

bereithielt.

In Wahrheit wollte ich nur in Ruhe mein

Steak genießen, denn selbst für jemanden

wie mich war es schwer, in diesem High

Society Steakhouse einen Tisch zu

ergattern.

Frederic räusperte sich. Er trug ein blauweiß-kariertes

Hemd, das leicht über

seinem Bauch spannte. Die oberen

Schneidezähne waren zu lang, was an ein

Kaninchen erinnerte. Generell war er nicht

das, was man auf Social Media als

Bookboyfriend-Material bezeichnen

würde, aber Äußerlichkeiten waren für

mich nebensächlich, wenn der Charakter

stimmte.

Leider war hier beides nicht gegeben.

Beiläufig griff ich nach dem Besteck und

aß weiter. Auf Nachtisch würde ich jedoch

verzichten.

»Schauen sich nicht nur Psychopathen so

was an?

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K A T E L Y N E R I K S O N

C L A I M E D

Und dann auch noch zum Einschlafen?«

Wie er das letzte Wort aussprach. Voller

Abscheu und Ekel. Als hätte ich ihm

offenbart, abends mit Kakerlaken eine

Cocktailparty zu schmeißen.

Ich leckte mir über die Lippen und zählte

innerlich bis zehn, um nichts Dummes zu

sagen. Zusätzlich beschäftigte ich meinen

Mund mit Kauen. Es gelang mir heute

erstaunlich gut, meine impulsive Seite zu

zähmen.

Abgesehen davon war ich stolz auf mich,

weil ich ihm bislang das Steakmesser

nicht in die Kehle gerammt hatte.

Dad hingegen wäre enttäuscht von mir. Er

mochte es, wenn ich blutrünstig wurde.

Fuck, meine Gedanken schweiften schon

wieder ab. Daran merkte ich, wie wenig

Interesse ich an meinem Gegenüber

hatte.

Ich räusperte mich. »Um ehrlich zu sein,

finde ich echte Kriminalfälle interessant.

Ich habe Kriminalpsychologie studiert. Für

mich ist die menschliche Psyche

unglaublich faszinierend, insbesondere

die von Kriminellen.« Noch während ich

sprach, registrierte ich, wie er mich mit

skeptischem Blick musterte.

Ich verkniff mir ein Seufzen.

»Du hast studiert?«

Mein rechtes Augenlid zuckte leicht. »Ist

es so unfassbar, dass eine Frau attraktiv

und intelligent zugleich sein kann?«

Er rutschte auf dem Stuhl hin und her. »So

war das nicht gemeint.«

»Sondern wie?«

Er nestelte an der Tischdecke herum. »Du

benimmst dich nicht gerade schlau.

Zudem ziehst du dich … so an.«

»So?« Ich verengte die Augen.

»Du weißt schon. Als wärst du leicht zu

haben.«

Ich legte das Besteck wieder ab, bevor ich

auf die Idee kam, ihm doch zu zeigen, wie

schön frisches Blut aussehen konnte. Wut

brodelte in mir. War ein Steak solche

Beleidigungen wirklich wert?

Jedes einzelne meiner Dates war in der

letzten Zeit so gelaufen. Es kostete mich

meine Freizeit, Nerven und allem voran

machte es mir Hoffnung auf etwas, das

offensichtlich nicht für mich bestimmt

war. Mit jedem missglückten Treffen

verlor ich zunehmend mehr den Glauben

an eine ernsthafte Beziehung auf

Augenhöhe.

Mit meinen vierundzwanzig Jahren hatte

ich es bisher nur zu einer einzigen

Partnerschaft gebracht, bei der mir mein

Ex alles geraubt hatte, einschließlich

meiner Selbstachtung.

»Wir sollten bezahlen«, schlug ich

sachlich vor und kämpfte gegen das

Zittern in meiner Stimme an.

Frederic starrte mich ungläubig an.

©Canva

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K A T E L Y N E R I K S O N

C L A I M E D

Meine Finger zuckten. Mühsam zwang ich

mich, das Messer liegen zu lassen, und

warf ihm nur einen flüchtigen,

sehnsuchtsvollen Blick zu. Wir befanden

uns in der Öffentlichkeit. Es gab zu viele

Zeugen, um die ich mich danach hätte

kümmern müssen. Das war den Aufwand

nicht wert.

Ich gab mir mittlerweile keine Mühe mehr,

meine freundliche Miene

aufrechtzuerhalten. »Das bin ich

durchaus, aber …«

»Dann benimm dich nicht wie ein

eingeschnapptes Kleinkind«, unterbrach

er mich barsch und rümpfte die Nase.

Dieser hochnäsige kleine widerliche …

Nach dem sechsten Mal merkte ich, wie

sich mein rasender Puls allmählich

beruhigte. »Einigen wir uns darauf, dass

wir nicht kompatibel sind.«

»Bin ich dir zu hässlich oder was?«

Wow.

Perplex starrte ich ihn an. War nur ich bei

diesem Date dabei? Er musste doch

mitbekommen haben, dass wir absolut

nicht harmonierten.

Männer und ihr elendes Ego.

»Das wird mir wirklich zu doof.« Ich

drehte mich zur Seite, griff nach der

Handtasche und zog mein Portemonnaie

heraus.

Frederic hüstelte. »Was machst du da?«

Ich ignorierte ihn. Dann legte ich

dreihundert Dollar auf den Tisch und

stand auf. »Danke für den …

aufschlussreichen Abend.«

»Verdammt, Eva!«

»Evangeline«, korrigierte ich ihn

verstimmt. Wie sehr ich es hasste, wenn

Menschen mich Eva nannten. Viel zu oft

hatte ich mir Sprüche anhören dürfen, ob

ich schon meinen Adam gefunden hätte

oder eher auf die verbotene Schlange

stünde – mit expliziten Hinweisen auf die

Würmchen in den Hosen meiner

Gesprächspartner.

Zum Kotzen.

©Canva

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K A T E L Y N E R I K S O N

C L A I M E D

Ohne auf mein Date zu achten, schob ich

mich zwischen den anderen Gästen

hindurch in Richtung der Garderobe, um

mir dort meinen schwarzen Mantel zu

holen. Diesen zog ich mir im Gehen über

und verließ trotz High Heels in zügigem

Tempo das Ein-Sterne-Restaurant im

Herzen von Washington D.C.

Alex würde mich auslachen. Er hatte mich

davor gewarnt, mit jemandem

auszugehen, der nichts mit der Mafia zu

tun hatte, aber ich war es leid, ständig

irgendwelche Machosprüche oder

schlimmer noch, Schleimscheißer

ertragen zu müssen, die mich nur dateten,

um in der Gunst meines Vaters

aufzusteigen. Der Name Sinclair war in der

Unterwelt Fluch und Segen zugleich.

Frustriert trat ich auf den Bürgersteig und

widerstand dem Drang, meinem Ex schon

wieder eine Nachricht zu schreiben. In

einem Chat, der nie gelesen wurde, weil

er die Nummer gewechselt hatte. So, wie

manche massenweise rauchten, um sich

abzureagieren, nutzte ich all die

Chatnachrichten, in denen ich ihm fast

täglich von meinem Tag berichtete. Wie

eine Art Tagebuch. Krank, das war mir

bewusst, doch es half, um

runterzukommen.

Ich sah zu meiner Hand, konkret: zum

leeren Ringfinger. Dort, wo ich einst den

Verlobungsring getragen hatte, den er mir

nach dreijähriger Beziehung an meinem

neunzehnten Geburtstag angesteckt

hatte.

Keine Woche später hatte er mich

geghostet.

Obwohl es fünf Jahre her war, tat es

immer noch unbeschreiblich weh, auf so

grausame und unwürdige Art verlassen

worden zu sein.

Jeffrey Wilson.

Mein ganz persönlicher Untergang.

©Canva

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