architektur FACHMAGAZIN People #8
Ein Heft über Menschen, nicht über Grundrisse: Was passiert, wenn man Architekt:innen lange genug zuhört? Man erfährt erstaunlich viel – über Verantwortung, über Räume, über Kreisläufe, über Schönheit und manchmal auch über die kleinen Katastrophen des Alltags. Vor allem aber begegnet man Persönlichkeiten. Nicht Renderings, nicht Grundrissen, sondern echten Menschen mit Haltungen, Zweifeln, Ideen und Momenten, die einen zum Nachdenken bringen. Für die achte Ausgabe unserer PEOPLE Reihe haben wir uns wieder genau auf diese Begegnungen eingelassen. Die hier versammelten Stimmen zeigen auf unterschiedlichste Weise, wie breit das Spektrum architektonischen Denkens heute geworden ist. Manche sprechen poetisch, manche pragmatisch, manche mit feiner Ironie. Manche bauen groß, andere forschen im Kleinen. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie lebendig, vielschichtig und menschlich Architektur heute ist.
Ein Heft über Menschen, nicht über Grundrisse:
Was passiert, wenn man Architekt:innen lange genug zuhört? Man erfährt erstaunlich viel – über Verantwortung, über Räume, über Kreisläufe, über Schönheit und manchmal auch über die kleinen Katastrophen des Alltags. Vor allem aber begegnet man Persönlichkeiten. Nicht Renderings, nicht Grundrissen, sondern echten Menschen mit Haltungen, Zweifeln, Ideen und Momenten, die einen zum Nachdenken bringen.
Für die achte Ausgabe unserer PEOPLE Reihe haben wir uns wieder genau auf diese Begegnungen eingelassen. Die hier versammelten Stimmen zeigen auf unterschiedlichste Weise, wie breit das Spektrum architektonischen Denkens heute geworden ist. Manche sprechen poetisch, manche pragmatisch, manche mit feiner Ironie. Manche bauen groß, andere forschen im Kleinen. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie lebendig, vielschichtig und menschlich Architektur heute ist.
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FACHMAGAZIN
WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT
Erscheinungsort Vösendorf, Verlagspostamt 2331 Vösendorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550
PEOPLE
#8
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3
Intro
Ein Heft über Menschen,
nicht über Grundrisse
Was passiert, wenn man Architekt:innen lange genug zuhört? Man erfährt erstaunlich
viel – über Verantwortung, über Räume, über Kreisläufe, über Schönheit
und manchmal auch über die kleinen Katastrophen des Alltags. Vor allem aber
begegnet man Persönlichkeiten. Nicht Renderings, nicht Grundrissen, sondern
echten Menschen mit Haltungen, Zweifeln, Ideen und Momenten, die einen zum
Nachdenken bringen.
Für die achte Ausgabe unserer PEOPLE
Reihe haben wir uns wieder genau auf diese
Begegnungen eingelassen. Die hier versammelten
Stimmen zeigen auf unterschiedlichste
Weise, wie breit das Spektrum architektonischen
Denkens heute geworden ist.
Manche sprechen poetisch, manche pragmatisch,
manche mit feiner Ironie. Manche
bauen groß, andere forschen im Kleinen.
Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie
lebendig, vielschichtig und menschlich Architektur
heute ist.
Den Auftakt bildet Much Untertrifaller von
DTFLR, deren Werk seit Jahrzehnten durch
räumliche Klarheit, Dauerhaftigkeit und gebaute
Haltung besticht. Sein Verständnis
von Architektur als etwas, das Generationen
überdauern muss, legt den Grundstein
für einen thematischen Bogen, der uns unmittelbar
zu Christoph Pichler und Johann
Traupmann (PxT) führt. Ihre dialogische
Entwurfskultur, das Denken in Raumfluss
und Übergängen, verdeutlicht, wie kontinuierliches
Weiterbauen und diskursive Zusammenarbeit
zu architektonischen Identitäten
führt, die sich über Jahrzehnte tragen.
Daran knüpft Lars Krückeberg vom Berliner
Büro GRAFT an – mit einer Haltung,
die Schönheit, gesellschaftliche Verantwortung
und gestalterische Präzision als
untrennbare Einheit begreift. Sein Bild des
„Dreibeins“, dessen Stabilität nur durch das
Gleichgewicht von Funktion, Technik und
ästhetischer Qualität entsteht, öffnet den
Blick auf Architektur als kulturelle Praxis
und als emotional wirksames Erlebnis.
Ganz andere, aber ebenso essentielle Dimensionen
des Bauens beleuchten Anna
Detzlhofer von DnD Landschaftsplanung
und Valentine Troi vom GROWNlab.
Detzlhofer zeigt, wie Freiraumgestaltung
heute zum zentralen Werkzeug der Klimawandelanpassung
wird und warum Städte
Grünräume nicht mehr als Beiwerk, sondern
als gesellschaftliche Infrastruktur begreifen
müssen. Valentine Troi wiederum
verschiebt die Perspektive auf Materialität
selbst: Ihr Labor erforscht biobasierte,
wachsende Werkstoffe – von Hanf über
Kombucha-Cellulose bis Myzel – und macht
spürbar, dass ökologische Innovation nicht
nur technologisch, sondern auch kulturell
gedacht werden muss. Zusammen bilden
diese Positionen ein starkes Plädoyer dafür,
Natur und Stadt, Ressource und Kreislauf
neu zu verknüpfen.
Mit Christine Sohar (MVRDV), Albert
Achammer (ATP) und Harald Oissner (WGA
ZT) weitet sich der Blick über die Entwurfsebene
hinaus – hin zu Fragen der Organisation,
der Verantwortung im großen Maßstab
und der internationalen Planungsrealität.
Sohar spricht über die gesellschaftliche Rolle
eines global agierenden Büros, Achammer
über die Verbindung von Hightech, Verantwortung
und digitaler Planungskultur, und
Oissner über Architektur als unternehmerische
Disziplin, die jenseits des Entwerfens
langfristige Stabilität und strategisches
Denken erfordert. Gemeinsam machen sie
sichtbar, wie tiefgreifend sich das Berufsbild
verändert – und wie wichtig es geworden ist,
Architektur als komplexes Zusammenspiel
vieler Ebenen zu verstehen.
Schließlich führt uns Carolyn Herzog mit
ihrem Studio Hkollektive in die feineren,
atmosphärischen Schichten der Architektur.
Ihr reduziert-sinnlicher Zugang zeigt,
wie Materialien, Licht und Proportionen
zu räumlichen Atmosphären verschmelzen,
die unmittelbar wirken. Daran knüpft
Martin Gruber an, der mit unerschrockenem
Pragmatismus und konsequenter
Hands-on-Mentalität daran erinnert, dass
Architektur Mut braucht – Mut zum Entscheiden,
Mut zum Umsetzen und Mut,
Haltung sichtbar zu machen. Gemeinsam
stehen Herzog und Gruber für eine Architektur,
die sowohl emotional als auch entschlossen
ist und in kleinen wie großen Projekten
eine klare Handschrift hinterlässt.
Die Gespräche dieser Ausgabe zeigen
die Vielfalt zeitgenössischer Ansätze und
möchten den Diskurs über das Bauen von
morgen befeuern. Aus den vielen unterschiedlichen
Perspektiven entsteht so ein
Mosaik, das keinen abschließenden Befund
liefert, sondern einen offenen Dialog – einen,
der dazu einlädt, Architektur weiterzudenken,
über Projekte hinaus und hinein in
unsere gemeinsame Zukunft.
Auch Sie, unsere Leser:innen, sind Teil dieses
weiterführenden Austauschs, indem Sie
die vorgestellten Ideen im Gespräch, in der
Praxis und im eigenen Umfeld weiterdenken.
Ich wünsche eine anregende Lektüre!
Andreas Laser
MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Ortsstraße 212/2/5, 2331 Vösendorf, Österreich
CHEFREDAKTION Andreas Laser(andreas.laser@laserverlag.at) REDAKTION Linda Pezzei, Edina Obermoser, Roland Kanfer LEKTORAT Heidrun Schwinger
GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14
GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser DRUCK Bauer Promotion
architektur PEOPLE
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Inhalt
PEOPLE
Architektur,die bleibt
Much Untertrifaller / DTFLR
Freiraum Jetzt
Anna Detzlhofer / DnD Landschaftsplanung
Form follows Vision
Christoph Pichler und Johann Traupmann / PxT
Die Schönheit nicht vergessen,
sonst fällt das Dreibein um
Lars Krückeberg / GRAFT
Mutige Entscheidungen
& individuelle Lösungen
Interview mit Sabrina Mehlan, Petra Meng
und Stefanie Wögrath / illiz architektur
Verantwortung übernehmen
Christine Sohar / MVRDV
Wir müssen wieder
intelligenter bauen
Albert Achammer / ATP architekten ingenieure
Vom Gestalter zum Unternehmer
Harald Oissner / WGA ZT
Nachhaltig denken,
präzise handeln
Dietmar Brüderl und Thomas Blacher
Architektur mit Herz und Haltung
Carolyn Herzog / Hkollektive
Orte des Austauschs
und der Teilhabe
Christian Kronaus und Peter Mitterer /
Kronaus Mitterer Architekten
In Resonanz mit der Umgebung
Valentine Troi / GROWNlab
Über Mut und Machen
Martin Gruber
6
10
14
18
26
30
34
40
44
46
50
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architektur PEOPLE
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Architektur,
die bleibt
Interview mit Much Untertrifaller
DTFLR
Interview: Linda Pezzei
Much Untertrifaller ist ein Mann der ersten Stunde. Seit den
1980er Jahren prägt er die europäische Architekturlandschaft
– von wegweisenden Schulbauten in Vorarlberg und
Frankreich über das Bregenzer Festspielhaus bis hin zu aktuellen
Großprojekten. 100-Stunden-Wochen waren für ihn
als junger Architekt keine Seltenheit, sieben Tage die Woche
zu arbeiten ist für ihn bis heute normal – nicht aus Zwang,
sondern aus Begeisterung für das Entwerfen. Untertrifaller
denkt konsequent im Raum. Während andere schöne Pläne
zeichnen, fragt er: „Wie steht es dann da? Was kann das? Für
wen ist es?“
Diese Haltung hat seine Architektur geprägt: Bauten, die
auch nach 30 oder 40 Jahren noch genauso funktionieren
wie am ersten Tag, Schulen ohne Vandalismus, Räume mit
einer Dauerhaftigkeit, die aus Mut und Vision entsteht.
Im Gespräch mit architektur FACHMAGAZIN erzählt Much
Untertrifaller von den Momenten, in denen aus Beruf Berufung
wurde, von subversiven Räumen, die Lernen verändern,
und von der Verantwortung, die Architektur über Generationen
hinweg tragen muss.
„Räume zu entwickeln ist für mich das Spannendste
überhaupt. Je komplexer die Aufgabe, desto lieber.“
Much Untertrifaller
© Roberta Valerio
www.architektur-online.com
7
DTFLR
Herr Untertrifaller, wann wurde aus
Ihrem Beruf eigentlich Berufung?
Das war schon früh im Studium. Ursprünglich
habe ich Architektur gewählt,
weil ich nicht wusste, was ich
sonst tun sollte – mein Vater war
Architekt, das lag nahe. Doch gegen
Ende des ersten, Anfang des zweiten
Jahres hat mich die Faszination
gepackt. Ich habe Wettbewerbe für
meinen Vater gezeichnet, daneben
eigene Projekte gemacht. Die „realen“
Aufgaben haben mich mehr
interessiert als das Studium. Bald
hatte ich ein eigenes Büro, habe oft
100 Stunden die Woche gearbeitet.
Diese Intensität begleitet mich bis
heute: Ich denke immer im Raum,
Räume entwickeln ist für mich das
Spannendste überhaupt.
College Broons: Licht, Bewegung, Begegnung – die Schularchitektur von
DTFLR schafft offene Lernlandschaften, die Kommunikation fördern
und über Generationen hinweg Bestand haben sollen.
© Frederic Baron
Und dieser Enthusiasmus ist bis
heute geblieben?
Absolut. Auch wenn das Büro heute
eine ganz andere Größenordnung
hat: Ich bin immer noch tief in Entwürfe
und Wettbewerbe eingebunden.
Die Mitarbeiter:innen wundern
sich oft, wie schnell ich erste Lösungen
entwickeln will – aber genau das
treibt mich an.
Gibt es Projekte, die Sie aktuell besonders
beschäftigen?
Es sind eigentlich immer die, an
denen wir gerade arbeiten. Etwa
der Wettbewerb für die Universitätsbibliothek
in Podgorica – ein scheinbar
einfaches Grundstück, das sich
als äußerst komplexe Aufgabe entpuppt
hat. Oder der Wettbewerb für
die „Maison du Danemark“ in Paris,
an dem wir gemeinsam mit Olafur
Eliasson arbeiten – ein dänisches
Kulturzentrum an einem sehr prominenten
Ort. Parallel dazu läuft in
Wien ein Wettbewerb für die Transformation
des alten Campus der
Wirtschaftsuniversität. Diese Vielfalt,
der Wechsel zwischen städtebaulichem
Maßstab und feinsten Details
– das fasziniert mich.
Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind
Schulen. Woher kommt diese Leidenschaft
für Bildungsbauten?
Vielleicht aus meiner eigenen Schulzeit.
Mein Kindergarten in den
60er-Jahren war ein Neubau mit
großen Glasflächen, mein Gymnasium
ein Bau der 1920er mit hohen
Räumen und großzügigen Erschließungsflächen.
Diese Bewegungsräume
prägen – viel stärker als die
Klassenräume selbst. Genau dort
entsteht Qualität: in den Zonen dazwischen,
den verbindenden Räumen.
Ich nenne sie gern „subversiv“,
weil sie nicht strikt im Programm definiert
sind.
In Frankreich konnten wir diese Qualitäten
besonders stark einbringen:
Transparenz, Lichtführung, Großzügigkeit
in den Erschließungen. Bemerkenswert
ist für mich, dass es in
all den Jahren in unseren Schulen
nie Vandalismus gab. Für mich ein
Zeichen, dass die Nutzer:innen diese
Räume wertschätzen.
u
Offene Lernlandschaften und helle Aufenthaltsbereiche
definieren das pädagogische
Konzept der Volksschule Edlach in Dornbirn,
die auf eine nachhaltige Holzbauweise
setzt und durch große Glasflächen
Innen- und Außenräume für zeitgemäßes
gemeinsames Lernen verbindet.
© Kurt Hoerbst
architektur PEOPLE
8
DTFLR
© Jeudi Wang
Verantwortung über Grenzen hinaus: Beim Lycee Mayotte setzen die Architekten auf lokale
Materialien und angepasste Bauweisen – ein Schulbau, der Nachhaltigkeit kulturell interpretiert.
Sie haben Projekte von Vorarlberg
bis Mayotte realisiert. Wie gelingt es,
die handwerkliche Kultur Ihrer Herkunft
international einzubringen?
Das ist eine große Herausforderung.
In Mayotte zum Beispiel gibt es kaum
handwerkliche Tradition, vieles muss
importiert werden. Wir versuchen,
das Potenzial der vorhandenen Materialien
zu nutzen – vulkanisches
Gestein, handgepresste Erdziegel,
auch Bambus. Es geht darum, aus
dem Ort heraus zu bauen und jedes
Projekt als Unikat zu begreifen. Architektur
darf niemals bloß eine Stilreproduktion
sein.
Sie sprechen oft von Verantwortung.
Was bedeutet architektonische Verantwortung
für Sie?
Gebäude sind Teil der Gesellschaft.
Sie beeinflussen Nachbarschaften, sie
werden mit Steuergeld finanziert, sie
prägen über Jahrzehnte die Umwelt.
Deshalb reicht es nicht, schöne Entwürfe
zu machen – man muss sie auch
umsetzen und langfristig relevant
halten. Ich freue mich, wenn ich heute
sehe, dass unsere frühen Kindergärten
oder Volksschulen noch immer
genauso funktionieren wie am ersten
Tag. Wir wollten nie zeitgeistige Projekte
mit Ablaufdatum schaffen.
Was ist Ihr Ziel, was sollen Ihre Gebäude
langfristig mit Menschen machen?
Langlebigkeit ist entscheidend –
nicht als Momentaufnahme, sondern
mit Blick auf Veränderungen. Nutzerzahlen
ändern sich, Unterrichtsformen
wandeln sich, Kulturbauten
brauchen neue Funktionen. Gute
Architektur muss das aushalten.
Es schmerzt, wenn Gebäude vorschnell
abgerissen werden. Deshalb
beschäftigen uns Fragen wie: Wie
kann man Strukturen weiternutzen,
umbauen, zurückbauen? Dauerhaftigkeit
entsteht nur, wenn man Mut
und Vision hat. Und genau das, finde
ich, braucht Architektur. •
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9
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architektur PEOPLE
10
DnD Landschaftsplanung
Freiraum Jetzt
Ein Gespräch mit Anna Detzlhofer
Interview: Linda Pezzei Projektfotos: Michael Strahberger
Sie spricht von Wäldchen statt Parkplätzen, von Flächen, die Wasser speichern,
und von Städten, die wieder atmen lernen: Anna Detzlhofer, Landschaftsarchitektin
und Präsidentin der ÖGLA, gehört zu jenen Stimmen, die urbane Lebensräume
neu denken. Mit ihrem Büro DnD Landschaftsplanung prägt sie die
Freiraumkultur Wiens und darüber hinaus und engagiert sich für eine Disziplin,
die längst mehr ist als gestalterisches Beiwerk. Ein Gespräch über den gesellschaftlichen
Wert von Grünraum, die Tücken unterirdischer Garagen – und die
sinnliche Seite von Stadtlandschaft.
Frau Detzlhofer, was hat Sie ursprünglich
für die Landschaftsarchitektur
begeistert?
Mich hat von Anfang an das Gestalten
fasziniert – etwas, das sichtbar
wird, Menschen erreicht und berührt.
Landschaftsarchitektur war
für mich nie nur Natur, sondern immer
auch sozial. Heute ist sie eine
zentrale Disziplin der Klimawandelanpassung.
Das Bewusstsein dafür
wächst: Früher wurde bei Stadtprojekten
zuerst nach Parkplätzen gefragt,
heute nach Bäumen. In Wien
etwa sieht man das in der Neubaugasse
– wie sehr sich die Prioritäten
verschoben haben.
Wie spüren Sie diesen Wandel in Ihrer
täglichen Arbeit – haben sich die
Erwartungen an Freiraumgestaltung
verändert?
Sehr stark. Auf naturwissenschaftlicher
Ebene – etwa bei der Auswahl
hitzetoleranter Baumarten – hat sich
viel getan. Gleichzeitig wächst die
Akzeptanz für wilde, vielfältige Flächen.
Bienen, Artenvielfalt, gemeinschaftliche
Pflege – das alles ist heute
Thema. Entscheidend ist, wie das
moderiert wird: Freiraum funktioniert
nur mit klaren Regeln, aber auch mit
Zonen der Intimität. Grün ist für viele
Menschen zu einem echten Lebensqualitätsfaktor
geworden, zu einem
Asset, mit dem man punkten kann.
© Hannes Buchinger
www.architektur-online.com
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DnD Landschaftsplanung
Sie sprechen von einer „Freiraumwende“.
Was bedeutet das genau –
und wo zeigt sich dieser Umbruch
bereits?
Die Freiraumwende bedeutet, dass
blau-grüne Infrastruktur – also Wasser-
und Grünflächen – als gleichwertiger
Bestandteil der Stadtentwicklung
gedacht wird. Es geht um
Flächensicherung, Entsiegelung,
Begrünung auf Tiefgaragen, um
verbindliche Grünflächenanteile bei
Stadterweiterungen. Wien ist hier
sehr weit: Beim Projekt Neues Landgut
wurde der Städtebau überarbeitet,
damit ein Park entstehen konnte.
Das zeigt, dass es funktioniert, wenn
man Freiraum mitdenkt – und nicht
nachträglich hineinquetscht.
Welche Prinzipien sind dabei für klimaresiliente
Städte besonders wichtig?
Ganz klar: Entsiegelung, Schatten,
Wasser. Wir stehen da noch mitten
im Prozess, weil der Untergrund oft
verbaut ist – mit Garagen, Leitungen
oder Kanälen. Trotzdem müssen wir
Lösungen finden, um Regenwasser
zu speichern und wieder den
Pflanzen zuzuführen. Nur so können
Städte künftig mit Hitze und Starkregen
umgehen.
Das führt direkt zum Schlagwort
„Schwammstadt“. Was steckt für Sie
wirklich hinter diesem Konzept?
„Schwammstadt“ ist weniger eine
fixe Definition als ein Prinzip: Regenwasser
nicht ableiten, sondern
speichern und nutzbar machen. Wir
haben verschiedene Systeme realisiert
– etwa am Praterstern nach
dem Stockholm-Prinzip oder über
Grünmulden. Es gibt nicht die eine
Lösung; sie hängt immer von Ort,
Fläche und Nutzung ab. Wichtig ist,
dass wir Wasser als Ressource begreifen,
nicht als Problem.
Wo wird dieses Denken in Ihren Projekten
konkret sichtbar?
Der Promenadenring in St. Pölten
ist eines davon. Dort wurde ein rein
verkehrsdominierter Raum zu einem
Stadtraum mit Aufenthaltsqualität.
Der Asphaltanteil wurde stark reduziert,
der Grünanteil erhöht. Ein
anderes Beispiel ist das Museums-
Quartier in Wien: Die temporäre Begrünung
wird nun dauerhaft – das
war früher eine Steinwüste. Oder das
Neue Landgut, wo ein kleiner Klimawald
besser wächst, als wir erwartet
hatten. Solche Entwicklungen zeigen,
wie viel sich verändern lässt, wenn
Pflege und Bewusstsein stimmen. u
Der öffentliche Raum rund um das MuseumsQuartier wurde
von DND Landschaftsplanung als lebendiger, durchgrünter
Begegnungsort gestaltet. Mobile Pflanzinseln, flexible
Sitzlandschaften und jahreszeitlich wechselnde Vegetation
schaffen einen urbanen Freiraum zwischen Kultur, Alltag
und Stadtleben – ein Ort der Aneignung, des Verweilens
und der Inspiration.
architektur PEOPLE
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DnD Landschaftsplanung
Mit dem „Neuen Landgut“ entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Wiener Frachtenbahnhofs ein vielfältiger, durchgrünter
Stadtraum samt Freiräumen, die ökologische Vielfalt, Aufenthaltsqualität und soziale Begegnung vereinen – mit
artenreichen Wiesen, jungen Baumreihen und wohnungsnahen Rückzugsorten wie Hängematten und Spielbereichen.
Neben Klimaresilienz sprechen Sie
oft auch von Vielfalt – warum ist Diversität
im Stadtraum so zentral?
Indem wir Verwaltungssilos aufbrechen
und Räume multifunktional
denken. Ein schönes Beispiel, Freiräume
neu zu denken, findet man
in der Seestadt Aspern: Dort wird
Regenwasser erlebbar, es entstehen
wechselfeuchte Flutmulden und abwechslungsreiche
Bepflanzungen.
Auch ehemalige Industrieflächen
haben enormes Potenzial, wenn man
ihren Charakter nutzt statt überformt.
Wir brauchen multicodierte
Räume – solche, die mehr als eine
Funktion erfüllen.
Als Präsidentin der ÖGLA vertreten
Sie die Interessen einer ganzen Disziplin.
Wo liegen derzeit die größten
Herausforderungen?
Landschaftsarchitektur ist kein
„nice to have“, sondern ein „must
have“. Leider spiegelt sich das noch
nicht immer in den Budgets wider.
Freiraum ist Gemeinwohl – und das
bringt selten Rendite. Trotzdem
braucht es öffentliche Mittel und
Förderungen, damit gute Projekte
entstehen können. Erfreulich ist,
dass viele Gemeinden engagiert sind
und Kooperationen suchen.
Gerade in komplexen Projekten
scheint die Zusammenarbeit über
Disziplingrenzen hinweg entscheidend
zu sein. Wie erleben Sie das?
Sie ist essenziell. In St. Valentin etwa
wurde ein Platz mit Bürgerbeteiligung
entwickelt – gemeinsam mit Architektur
und Raumplanung. In Wolfurt entstand
aus einem Hochwassergerinne
eine naturnahe Achse für Erholung
und Biodiversität. Solche Projekte zeigen,
wie viel möglich ist, wenn technische,
gestalterische und soziale Kompetenzen
zusammenwirken.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche
Stadtnatur wünschen Sie sich
– und welche Rolle kommt der Landschaftsarchitektur
dabei zu?
Ich wünsche mir Straßen mit mehr
Schatten, Parks mit mehr Vielfalt
und weniger Angst vor Unordnung.
Schönheit darf wieder ein Kriterium
sein – sie ist entscheidend, damit
Menschen Freiräume annehmen
und wertschätzen. Unsere Aufgabe
als Landschaftsarchitekt:innen ist
es, Räume zu schaffen, die emotional
wirken und funktional tragen.
Ich hoffe, dass wir als Profession
künftig das Heft in der Hand halten
– um das Maximum aus dem Freiraum
herauszuholen.
•
Ein neu interpretierter Stadtraum, der mit
grünen Achsen, Spiel- und Aufenthaltsbereichen
den historischen Ring in St. Pölten als
lebendige Begegnungszone erlebbar macht.
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architektur FACHMAGAZIN
14
PxT
Form
follows
Vision
Interview mit Christoph Pichler und Johann Traupmann von PxT
Interview: Andreas Laser
Seit über 30 Jahren prägen Christoph Pichler und Johann Traupmann als PxT die
österreichische Architekturszene. Entstanden in der Meisterklasse von Wilhelm
Holzbauer, basiert ihre Partnerschaft auf einem unermüdlichen Dialog und einem
gemeinsamen Arbeitsethos, das Architektur als intellektuelle Disziplin begreift.
Im Gespräch blicken die beiden Architekten auf die Anfänge in Wien zurück,
erklären, warum ein produktives Missverständnis oft besser ist als der ursprüngliche
Plan und warum ihr dialogisches Prinzip auch in einem Büro mit
30 Mitarbeitenden noch funktioniert.
© Oskar Schmidt
www.architektur-online.com
15
PxT
Herr Pichler, Herr Traupmann, Sie
arbeiten seit über 30 Jahren zusammen.
Wie hat alles begonnen?
Christoph Pichler: Wir haben uns
an der Hochschule für angewandte
Kunst kennengelernt – in der Meisterklasse
von Wilhelm Holzbauer. Da
waren alle Jahrgänge gemeinsam
im Atelier, man saß dicht beieinander,
sah, wie andere denken und arbeiten.
Wir haben schnell gemerkt,
dass wir uns gut verstehen, inhaltlich
wie menschlich. Schon während des
Studiums haben wir einen Wettbewerb
gemeinsam gemacht – da war
ich noch Student, Hannes hatte sein
Diplom schon. 1992 bin ich dann aus
den USA zurückgekommen, Hannes
hat angerufen: „Was machen wir
jetzt?“ Und dann haben wir gleich
hier in Wien-Landstraße mit der Arbeit
begonnen.
Johann Traupmann: Uns verband
von Anfang an ein ähnliches Arbeitsethos.
Viele in der Meisterklasse
hatten großes Talent, aber nicht alle
denselben inneren Antrieb. Wir beide
wollten Architektur nie nur als handwerkliche
Disziplin sehen, sondern
als Möglichkeit, über Weltbilder, Systeme,
sogar über Philosophie nachzudenken.
Mich haben immer ontologische
Fragen interessiert – wie lässt
sich aus einer Idee ein architektonisches
Prinzip entwickeln? Uns ging
es nie um Technik oder bloßes Funktionieren.
Uns interessiert, wie man
Denken in Raum übersetzen kann.
Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit
heute – nach so vielen Jahren
und mit einem größeren Büro?
Pichler: Unser Entscheidungsprozess
hat sich eigentlich nie grundlegend
verändert. Wir arbeiten dialogisch
– man wirft sich Ideen zu,
auch Missverständnisse können
produktiv werden. Oft ist etwas, das
der andere gar nicht so gemeint hat,
der bessere Gedanke.
Das Future Art Lab schließt den Campus der mdw ab – als stiller, konzentrierter
Pavillon für Ton, Film und Forschung. Der Bau vereint komplexe akustische
Anforderungen mit räumlicher Leichtigkeit: massive, entkoppelte Kerne
für die Säle, durchlässige Erschließungsräume für Licht und Begegnung.
Traupmann: Ja, das ist wirklich der
Kern. Wir haben nie gesagt: „Das ist
ein Blödsinn, was du machst.“ Sondern
wir haben immer zuerst das
Potenzial im Entwurf des anderen
gesehen. Daraus entsteht ein Weiterdenken.
Und das versuchen wir
auch im Büro zu kultivieren. Heute
sind wir rund 30 Leute, aber dieses
Prinzip des gegenseitigen Vertrauens
ist geblieben – ohne Ego, ohne
Selbstinszenierung.
Pichler: Entscheidungen entstehen
aus dem Projekt heraus. Man sieht
schnell, was dem Konzept dient –
da geht’s nicht darum, wessen Idee
es war. Das Wichtigste ist, dass das
Projekt davon profitiert. Dieser positiv-dialogische
Prozess war, und ist
bis heute, der Schlüssel unserer Zusammenarbeit.
Würden Sie sagen, es gibt eine
„DNA“ Ihrer Architektur?
Traupmann: Wenn man unsere Projekte
anschaut, gibt es eine gewisse
räumliche Dynamik – Räume, die
fließen, die nicht an der Wand enden,
sondern sich in den Außenraum
fortsetzen. Dieses Denken in Übergängen,
das war uns immer wichtig.
Wir haben früh mit Prinzipien wie
der Faltung oder der Kontinuität
von Boden, Wand und Decke gearbeitet,
um den Raumfluss zu verstärken.
Das zieht sich durch viele
Projekte, egal ob Bildungsbau, Büro
oder Wohnbau.
Besonders deutlich spürt man das
vielleicht im Kulturzentrum Eisenstadt.
Dort haben wir den Bestand so
weit geöffnet und mit dem Neubau
verwoben, dass ein einziger, fließender
Raum entstanden ist – vom Foyer
bis zu den Veranstaltungssälen.
Zur Eröffnung wurde ein Kurzfilm
gezeigt, in dem eine Tänzerin durch
diese Räume tanzt. Das war für uns
ein besonderer Moment, weil jemand
aus einem ganz anderen Medium unsere
Idee des Raumflusses intuitiv
verstanden und übersetzt hat. u
© Hertha Hurnaus
Beim Kultur Kongress Zentrum in Eisenstadt
überformten Pichler & Traupmann
den Bestand mit einer schimmernden Metallhülle,
die Alt und Neu zu einem Ganzen
verbindet. Die neue Struktur integriert
Ausstellung, Saal, Verwaltung und Foyer
zu einem zusammenhängenden Raumgefüge
– offen, durchlässig und lichtgeführt.
© Roland Halbe
architektur PEOPLE
16
PxT
Pichler: Architektur war für uns nie
bloß die Erfüllung eines Raumprogramms.
Sie entsteht aus einer Idee,
aus einem größeren Zusammenhang.
Gebäude sind für uns Ausdruck ihrer
Zeit – sie erzählen, wie wir leben,
arbeiten und denken. Deshalb sagen
wir lieber form follows mission oder
form follows vision: Die Form ergibt
sich nicht aus der Funktion allein,
sondern aus dem inhaltlichen Auftrag,
den ein Bau in sich trägt.
© Toni Rappersberger
Der FH Campus Pinkafeld basiert auf einem modularen Grundsystem, das Effizienz und Anpassbarkeit
verbindet. Jede Einheit kann erweitert, geschaltet oder aufgestockt werden, ohne die strukturelle
Logik zu verlieren. So entsteht ein Campus, der mit- und aus seinen Nutzer:innen wächst.
Sie sind beide seit Jahrzehnten in
der akademischen Lehre tätig. Wie
beeinflusst das Ihre Arbeit?
Traupmann: Lehre ist Reflexion. Wir
haben nur an Universitäten unterrichtet,
die Forschung ernst nehmen
– also Orte, wo man neue Systeme
denken darf. Diese theoretische Arbeit
hat uns immer inspiriert. Ich war
fünfzehn Jahre lang bei Zaha Hadid,
da war das Credo: Push the boundaries.
Nichts wiederholen, immer Neues
wagen. Das hat natürlich zurückgewirkt
in die Praxis. Diese Offenheit
gegenüber Neuem prägt bis heute
auch unsere Arbeit im Büro.
Pichler: Ich habe selbst bei Helmut
Richter begonnen, der ja in Wien
die Hightech-Architektur geprägt
hat. Von ihm habe ich gelernt, wie
wichtig es ist, Studierende nicht zu
bevormunden, sondern ihnen Mut
zu machen, ihre eigenen Gedanken
konsequent durchzudenken. Wenn
man die eigenen Ideen ernst nimmt,
lernt man am meisten – das gilt im
Büro genauso.
© Toni Rappersberger
Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten
Fragen für die nächste Architekt:innengeneration?
Pichler: Die Herausforderungen sind
enorm: Klimawandel, soziale Spannungen,
Digitalisierung. Und gleichzeitig
wird die Architektur in Bereiche
gedrängt, für die sie eigentlich
nicht zuständig ist. Plötzlich sollen
Studierende Materialforschung betreiben,
Lehmziegel testen – was eh
spannend ist –, aber eigentlich wäre
das Aufgabe der Industrie. Unsere
Aufgabe ist Raum, Atmosphäre, Gesellschaft.
Und dann kommt noch die
KI dazu, die vieles infrage stellt.
Traupmann: Digitalisierung verändert
unsere Arbeit massiv, aber sie
sollte nicht das Ziel, sondern das
Werkzeug sein. Wir nutzen BIM seit
vielen Jahren, um präziser und ganzheitlicher
planen zu können. Auch KI
wird ihren Platz finden – solange man
sie nicht mit Kreativität verwechselt.
Architektur entsteht aus einer Idee,
aus einem konzeptionellen Gedanken,
nicht aus Algorithmen.
Sie haben viele Bildungsbauten realisiert.
Was ist dort die größte Fehleinschätzung?
Traupmann: Dass man geistige Arbeit
in mittelmäßige Räume stecken
kann. Gute Lern- und Forschungsumgebungen
brauchen räumliche Qualität,
Atmosphäre, Austausch. Und oft
fehlt genau das. Es wird an der Klimatisierung
gespart, an der Luft, am
Tageslicht – dabei würde kein Büro
so funktionieren. Bildung wird gesellschaftlich
unterschätzt, das sieht
man an der gebauten Umwelt.
Pichler: Man plant oft so, als wären
die Raumprogramme in Stein gemeißelt.
Aber gerade im Bildungsbau
ändern sich die Anforderungen ständig
– neue Ideen, neue Lehrformen,
neue Menschen. Beim FH Campus
in Pinkafeld wollten wir genau das
vermeiden. Wir haben dort ein System
entwickelt, das wie ein Schachbrett
funktioniert: einzelne Module,
die sich erweitern, verschieben oder
austauschen lassen. Der Bau kann
wachsen oder sich zurücknehmen, je
nach Bedarf.
Beim Projekt RAIQA entsteht aus dem
Inneren des ehemaligen Bankhochhauses
ein offener Raum: Die freigelegte
Stahlbetonstruktur wird zur gemeinsamen
Halle für Bank, Hotel und Art Space.
Transparenz, Holzbau und öffentliche
Durchwegung verwandeln das Areal in ein
pulsierendes Stadtquartier.
www.architektur-online.com
17
PxT
© Hertha Hurnaus
© Hertha Hurnaus
Am neuen Quartier „Neues Landgut“ in Wien-Favoriten setzen Pichler & Traupmann beim Willi-
Resetarits-Hof auf Offenheit und Gemeinschaft. Der Hof – eine zeitgemäße Übersetzung des Wiener
Pawlatschenhofs – verbindet Wohnungen, Laubengänge und Terrassen zu einem lebendigen
Ensemble. Vertikalbegrünung, gemeinschaftliche Dachterrassen und eine öffentliche Durchwegung
machen das Gebäude zu einem Modell für verdichtetes, aber durchlässiges Wohnen.
Wie wichtig sind dahingehend partizipative
Prozesse in Ihrer Arbeit?
Pichler: Sehr. Wenn man ernst nimmt,
dass Architektur Ausdruck ihrer Nutzer:innen
sein soll, muss man zuhören.
Beim Future Art Lab etwa hatten wir
es mit Koryphäen aus unterschiedlichen
Fachbereichen zu tun – das war
unglaublich lehrreich. Natürlich gibt
es Punkte, die architektonisch gesetzt
sind, aber viele Lösungen entstehen
aus diesem Dialog.
Traupmann: Das gilt genauso für Büros
oder Wohnbauten – man plant ja
keine anonymen Räume, sondern Lebenswelten.
Der Austausch mit den
künftigen Nutzer:innen macht Projekte
lebendig.
Besonders der Wohnbau steht unter
Druck – Verdichtung, Leistbarkeit,
neue Lebensformen. Welche Antworten
sehen Sie?
Traupmann: Die größte Herausforderung
ist die Kostenfrage. Man
muss ständig Kompromisse eingehen,
um überhaupt realisieren zu
können. Gleichzeitig sind die normativen
Vorgaben so streng, dass
kaum Raum für Innovation bleibt.
Man baut Hochsicherheitstrakte
statt Wohnungen – perfekte Schallschutzwände,
aber wenig Spielraum
für räumliche Qualität.
Pichler: Vieles hängt an Normen, die
eigentlich aus der Logik des Komforts
heraus übersteigert wurden. In-
teressanter wäre, über Flexibilität zu
reden: Wie kann sich eine Wohnung
an verschiedene Lebensphasen anpassen?
Warum ist die Küche immer
im finstersten Eck, weil’s dort keinen
Belichtungsnachweis braucht? Man
müsste die Regeln freier denken.
Traupmann: Das Problem beginnt oft
schon beim Städtebau. Viele Wettbewerbe
arbeiten heute mit vorgegebenen
Kuben oder „Pixeln“, die Bauträgern
zugeteilt werden. Da bleibt
kaum Raum für Idee oder räumliche
Qualität – man kann sich nur noch in
ein fertiges Volumen hineinpressen.
Beim Willi-Resetarits-Hof in Wien
war das anders: Dort hatten wir keine
Vorgaben. Dadurch konnte der
Baukörper aus dem Ort heraus entstehen
– mit einem Hof, der an den
klassischen Pawlatschenhof erinnert,
und konischen natürlich belichteten
Gängen, die Begegnung ermöglichen.
Diese Übergänge zwischen öffentlich
und privat, innen und außen, schaffen
Lebensqualität – und kosten wenig,
wenn man sie klug konzipiert.
Was sind die größten Herausforderungen
für die Architektur in den
kommenden Jahren?
Pichler: Ganz klar: Wie man bauen
kann, ohne dem Planeten weiter zu
schaden. Das Wort Nachhaltigkeit ist
abgenutzt, aber die Aufgabe bleibt.
Wir müssen lernen, Bestehendes
weiterzunutzen. Früher war für mich
das Neue immer spannender als das
Bestehende. Heute denke ich anders.
Die Städte sind voll, der Bestand
ist da – und gerade die Bauten der
1960er- und 70er-Jahre sind erstaunlich
robust – und sie haben oft mehr
Potenzial, als man ihnen auf den ersten
Blick zutraut.
In Innsbruck arbeiten wir derzeit an einem
Hotelprojekt, bei dem wir das Gerippe
eines ehemaligen Hochhauses
freilegen und völlig neu interpretieren
– die Stützen bleiben, außen entstehen
Holzboxen. Das Tragwerk selbst
wird zum Raum. Gerade diese Umnutzung
zeigt, wie aus Bestehendem etwas
völlig Neues entstehen kann.
Traupmann: Genau. Wir lernen gerade,
wie viel Potenzial im Bestand
steckt. Und wenn man das mit konzeptioneller
Offenheit angeht, kann
daraus mehr entstehen als nur ein
„altes Haus mit neuer Fassade“. Es ist
fast eine neue Disziplin.
Pichler: Architektur wird oft auf Gebäude
reduziert, dabei formt sie Gesellschaft.
Jede Schule, jedes Wohnhaus
ist Teil eines größeren Gefüges
– räumlich, aber auch sozial. Das zu
verstehen, ist vielleicht die eigentliche
Aufgabe.
Wenn Sie eine Bauaufgabe frei
wählen könnten – was wäre es?
Traupmann: Ein Museum.
Pichler: (lacht) Ja, ein Museum –
es muss auch kein neues sein.
•
architektur PEOPLE
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GRAFT
Die Schönheit
nicht vergessen, sonst
fällt das Dreibein um
Interview mit Lars Krückeberg von GRAFT
Interview: Roland Kanfer
GRAFT Architects wurde 1998 in Los Angeles
von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas
Willemeit gegründet. Sven Fuchs und Georg Schmidthals
kamen 2018 als Partner hinzu. Hauptstandort
ist seit 2001 das GRAFTLAB in Berlin. Weitere Büros
folgten 2004 in Peking und 2019 in Shanghai. GRAFT
beschäftigt heute rund 75 Mitarbeiter. Die kollektive
Tätigkeit umfasst ein breites Spektrum von Gebäudetypen
wie Wohn-, Kultur-, Bildungsbauten, institutionelle,
kommerzielle, Masterplan- und Gesundheitsprojekte
auf der ganzen Welt. Lars Krückeberg
spricht über die Vision einer Architektur, die glücklich
macht, die Philosophie des „Grafting“ als Fusion von
Gegensätzen und Ambivalenz sowie die Rolle des
Architekten als Zukunftsschützer.
www.architektur-online.com
19
GRAFT
Wie ist der Name GRAFT entstanden,
welche Überlegung steht dahinter?
1998 gründeten wir als Masterstudenten
der SCI-Arc (Southern California
Institute of Architecture, Anm.)
in Los Angeles ein Büro. Uns war
schnell klar, dass wir kein Akronym
wie Putz, Krückeberg, Willemeit haben
wollten, PKW klingt onehin nicht
gut. Die Reduzierung auf die Signatur
von Stararchitektur empfanden wir
immer als falschen Weg. Wir wollten
eine Denkart in den Vordergrund
stellen. „Grafting“ bedeutet im Englischen
hart arbeiten, aber in der Botanik
übersetzt heißt es Pfropfen. Die
Geschichte dahinter begann mit der
Diplomaufgabe eines Weinguts, als
ich eine Zeit lang in einem Weingut in
Franken gearbeitet habe und dort auf
die Geschichte der Reblaus stieß. Mir
war nicht bewusst, dass der Wein in
Europa vom Aussterben bedroht war.
Europa ohne Wein – unvorstellbar. Die
Lösung war, auf eine amerikanische
Cowboywurzel, die resistent gegen
die Reblaus ist, aber keinen guten
Wein trägt, den europäischen Edelreis
aufzupfropfen. Nur in dieser Kombination,
in diesem Grafting, hat die
Weinkultur überlebt. In der heutigen
Zeit von Dynamisierung, Globalisierung
und Cultural Clashes müssen wir
über Hybridisierung und Fusionieren
nachdenken. Wir nennen das Grafting:
Das Fusionieren von Gedanken,
von vermeintlichen Gegensätzen, löst
ein Problem, sei es ästhetisch oder
soziologisch.
Auf Ihrer Website werden die Bereiche
beschrieben, die Sie abdecken: Architektur,
Design, Streben nach Glück.
Das ist besonders interessant. Kann
die Architektur glücklich machen?
Wir studierten in Deutschland, Italien
und Amerika, was uns geholfen hat,
komplexer zu denken. Wir haben uns
in Amerika gegründet, an der Schnittstelle
der digitalen Revolution in der
Architektur. Das Streben nach Glück
als Teil der amerikanischen Verfassung
hat uns fasziniert. Unsere Projekte,
von der kleinen Klinke bis zu
großen Masterplänen, bedingen sich
gegenseitig. Viele Kollegen verkennen,
wie wichtig Interiordesign oder
narrative Architekturen sind – ein
holistischer Blick führt zu besserer
Architektur. Das Streben nach Glück
geht auf die amerikanische Declaration
of Independence und eigentlich
auf De Rerum Natura von Lukretius
zurück, einen antiken römischen
Text, der davon ausgeht, dass es
möglicherweise doch keine Gottheiten
gibt und dass wir das Glück auf
dieser Erde suchen sollten. Architektur
war für uns immer ein Werkzeug
zum Leben. Wir glauben, dass wenn
man nach Glück sucht, sich das auch
in der Architektur vermittelt. Wir versuchen,
uns gegenseitig zu begeistern,
statt mit Druck und Angst zu
führen und Wettbewerb zu schüren.
Das Streben nach Glück vermittelt
sich an die Mitarbeiter und in der
Arbeit, wodurch bessere Architektur
entsteht, die selbst Glück verspricht.
Wenn man von Anfang an, an den
Nutzer von Architektur denkt, kann
man die Menschen glücklicher machen.
Man könnte es auch beschreiben
als Identität schaffen.
Identität und Schönheit sind die
Kriterien für gute Architektur?
Genau, und darüber lässt sich trefflich
streiten. Heute finden wir oft
dieses deutsche Denken, dass Ar-
chitektur erlitten werden und asketisch
sein muss. Dieses Verbotsdenken,
man dürfe nur noch im Bestand
bauen, ist nicht unseres. Den Begriff
Schönheit kann man mit Identität
oder Vielfalt ersetzen. Ich kann mich
mit einem Ort, einer Architektur, einer
Wohnung identifizieren. Wenn
ein Gebäude nachhaltig ist, Kreislaufwirtschaft
betreibt und wenig
Material einsetzt, ist das alles richtig,
aber es ist zunächst erst mal nur
ein Gebäude entstanden und noch
keine Architektur. Die Konservativen
haben eine klare Vorstellung,
was Schönheit ist: Schönheit war
vorgestern und die müssen wir wiederfinden.
Wir glauben, Schönheit
ist auch in der Zukunft zu finden,
ohne das Gestern zu vergessen. Seit
es den Denkmalschutz gibt, wird
die Vergangenheit geschützt, aber
die Zukunft nicht, um das Denkmal
nicht zu übertreffen. Wir sehen uns
eher als Zukunftsschützer. Ohne
Schönheit und Glück schaffen wir
Architekturen, die sich morgen wieder
abschaffen, weil sie nicht geliebt
werden. Vitruv hat die wunderbare
Trias aufgestellt: Architektur ist Festigkeit,
Nützlichkeit und Schönheit.
Es ist ein Dreibein, und man darf die
Schönheit nicht vergessen, sonst
fällt es um – das war immer ein Ansporn
für uns.
u
Das GRAFTLAB in Berlin soll kollaborative
Formen des Arbeitens fördern. GRAFT
sind dort selbst zuhause.
u
© Patricia Parinejad
architektur PEOPLE
20
GRAFT
Die Schalterkollektion JUNG UNIQUE
gestaltete GRAFT im Stil der Urban Art.
© JUNG
Gibt es für Sie einen Unterschied
zwischen Architektur und Design,
ist Design die Gebrauchsgestaltung
und Architektur was anderes oder
gehört das zusammen?
Das ist eine Begriffsdefinition. Im
Design geht es um visuelle Kommunikation
und Produkte. Architektur
ist allumfassender gedacht. In der
Baugeschichte gibt es die Trennung
zwischen Disegno und Regula in der
Architektur. Regula steht für das Regelhafte
in der Architektur. Disegno
steht für die Freiheit des Architekten,
wie eines Michelangelo oder Le Corbusiers,
der neben den Regeln eigene
Formsprachen erfindet. Deswegen
gehört historisches Design zur Architektur
dazu. Heute wird es begrifflich
anders genutzt, aber wir sehen keinen
großen Unterschied. Wo hört die Architektur
auf, wo fängt die Innenarchitektur
oder der Städtebau an? Solche
Grenzen zu ziehen ist Silo-Denken,
das wir als beengend empfinden.
Eine gängige Definition sagt, dass Design
die Reproduzierbarkeit, die industrielle
Herstellbarkeit bedeutet, während
Architektur Unikate hervorbringt.
Das stelle ich in Frage. Regelhaftigkeit
oder Serienfertigung war historisch
immer Bestandteil der Architektur.
Aber nochmal, der Begriff
Architektur umfasst das eigentlich
alles. Im Wort steckt Archi, der Erste
oder Haupt, und Tekton, der Handwerker.
So begreife ich unseren Beruf:
Wir können nicht alles, aber ein
guter Architekt findet eine Vision zur
Lösung komplexer Fragen und holt
sich Partner – Statiker, Soziologen,
Botaniker – für das, was er nicht kann.
Weil wir Vergangenheit, Schönheit und
Denkmalschutz angesprochen haben.
Sehen Sie GRAFT in einer bestimmten
Architekturtradition verhaftet?
Grafting ist eine Methode. Wir hatten
in Braunschweig einen sehr guten
Professor, der die Brücke schlagen
konnte zwischen der Entwurfsgenese
eines Palladio und eines Louis
Khan. Grafting als Methode des Entwerfens
ist ähnlich. Wir sehen uns
also schon in einer gewissen ästhetischen
Tradition von Ambivalenzen,
aber unsere heutigen Aufgaben sind
gesellschaftlich komplexer, weshalb
wir das Grafting und Fusionieren
weiter denken.
Sie sagen, Zukunft ist ein Möglichkeitsraum,
wo steht da der Architekt
in der Zukunft?
Seine Daseinsberechtigung liegt in
meinen Augen vor allem darin, dass
er durch seine Ausbildung sehr breit
aufgestellt ist und Brückenschläge
schafft, um eine Lösung zu finden,
die andere Professionen in ihren
Spezialgebieten weniger leisten können.
Leider sind aber gleichzeitig die
Das Paris Luxury Office bietet eine moderne
Arbeitsumgebung in einem historischen Gebäude.
Erbsenzähler auf dem Vormarsch mit
dem Trugschluss von Quantifizierung
von Architektur – einem Grundfehler
der Moderne: Wir erfassen den
Menschen, seine Probleme und Bedarfe,
es ist alles zählbar. Wir vergessen
dabei das Bedürfnis nach dem
Interessanten, Unbekannten, Unberechenbaren.
Der Satz Form Follows
Function wäre richtig, wenn man
menschliche Funktionen auch als
komplex, unterschiedlich, differenziert
und teilweise widersprüchlich
definiert. Ansonsten wird der Architekt
sein Dasein in kleinen Bereichen
fristen, eingeengt zwischen Leuten,
die ihm vorschreiben, wie das Haus
in seinem Lebenszyklus funktionieren
muss. Betrieb, Budget und Finanzierbarkeit
werden ihn diktieren.
Viele kleinere Architekturbüros, sind
dramatisch im Rückzug. In Amerika
wurden diese Büros in der Weltwirtschaftskrise
fast komplett verdrängt
oder geschluckt. Die großen akronymen
Firmen kommen jetzt auch
zunehmend auf den europäischen
Markt. Die Frage ist also, wie Architekten
ihre ursprüngliche Stellung
als Bewahrer, Erfinder und vor allem
Verbinder zukünftig verteidigen. Der
Anspruch heute ist vor allem Bauprofit,
weniger Baukunst, eher Quantität
als Qualität. Das ist der große Wandel,
deswegen muss man entweder
seine Nische finden oder generalistisch
und visionär denken. u
© Schnepp Renou
architektur PEOPLE
22
GRAFT
Ist es heute schwieriger, Bauherren zu
überzeugen oder haben sie nicht immer
schon profitorientiert gedacht?
Ich glaube, das war immer so, und es
ist auch heute noch schwierig, Bauherren
zu überzeugen. Sebastiano
Serlio soll gesagt haben, dass gute
Architektur nur in Kombination eines
guten Architektenteams und eines
guten Bauherrn entsteht. Wir haben
viel daran gearbeitet, zu zeigen, dass
gute Architektur ein dialogisches
Verfahren ist. Es gibt bei uns keinen
Lars Krückeberg-Entwurf, es gibt einen
Entwurf von GRAFT. Es war harte
Arbeit, um dahin zu kommen, dass
Bauherren anrufen, die das interessant
finden und sich auf diesen Dialog
einlassen. Und zwar nicht, weil
sie eine Signatur wie Frank Gehry
oder Zaha Hadid wollen, wo man
schon vorher weiß, wie das Gebäude
aussieht. Das ist die Sackgasse der
Signatur. Sie erwarten eine Lösung
für ein komplexes Vorhaben.
Aber braucht es nicht auch Bauherren,
die unabhängig sind vom finanziellen
Rahmen? Die Pyramide im
Louvre hätte wahrscheinlich nie entstehen
können, wenn nicht Mitterrand
zu Pei gesagt hätte, mach das.
Solche Projekte gibt es, aber auch da
gab es ein Budget und einen Zeitrahmen.
Ich glaube, es ist eine Legende,
dass große Architekten immer ohne
Limit bauen können. Es gibt Gegenbeispiele
wie die Elbphilharmonie,
die hat Hamburg viel gebracht, auch
wenn sie teuer war. Gute Architektur
ist nicht davon abhängig, einen verrückten
Bauherrn mit grenzenlosen
Ressourcen zu haben, sondern es
ist ein Dialog. Wir stehen immer in
Abhängigkeiten, gerade bei größeren
Quartiersentwicklungen geht es
immer um Geld. Zum Glück sind aber
häufig Kunden dabei, die verstehen,
dass der Wert eines Projektes steigt,
wenn man Identität schafft.
Architektur im Spannungsfeld
Dienstleistung, Kunst und Wirtschaft
ist also etwas, womit Sie leben können
oder auch müssen?
Wir kommen aus ganz normalen
Haushalten und müssen von dem
leben, was wir tun. Und das funktioniert
nur mit einem neuen Auftrag.
Es gibt den vitruvianischen Trias und
dann gibt es den Trias der Nachhaltigkeit:
Ökologie, Ökonomie und Kultur.
Es gibt wenige Berufe, die genau
in dieser Schnittmenge agieren, der
Architekt ist einer davon. Deswegen
ist es ein besonderer, aber eben auch
schwieriger Beruf.
Die ökonomischen Aspekte sind
also essenziell?
Wenn es sich nicht rechnet, wird es
einfach nicht gemacht. Es obliegt
nicht dem Staat allein, zu bauen.
Deswegen ist der Entwickler das
Feindbild linker Szenen: Der macht
alles kaputt und die Mieten steigen.
Da macht man es sich zu einfach.
Die meisten Städte sind durch Leute
entstanden, die investiert haben. Sie
bieten etwas an, das andere kaufen
oder mieten. Das kann man gut oder
schlecht machen, und als Stadt ist
man in der Pflicht, die Qualität zu
sichern. Im Moment fehlt der private
Sektor im Bau, weshalb wir zu wenig
Wohnungen bauen, Wohnungsknappheit
herrscht und Wohnungen
teurer werden. Die letzten zwölf Jahre
waren Goldgräberjahre mit billigem
Geld, in denen Leute entwickelt
haben, die wenig vom Bauen verstehen,
und die Branche in Misskredit
gebracht haben. Zum Glück sind die
aus dem Markt.
Sind die zunehmenden Regulierungen
und Normierungen im Bauwesen
ein notwendiges Übel oder geht das
zu weit?
Das geht zu weit, eindeutig. Es dauert
alles zu lange und es gibt zu viele
Hürden. In Berlin darf ein neues Gebäude
neben einem Denkmal das alte
nicht übertrumpfen. Das ist Dogma.
Zu Ende gedacht kann so keine Architektur
mehr entstehen, die anders,
womöglich interessanter ist als die
vergangene. Im Umkehrschluss kann
so nur Architektur entstehen die sich
hinter der Vergangenheit wegducken
muss: Wie sollen da Gebäude entstehen,
welche irgendwann selbst unter
Denkmalschutz gestellt werden könnten.
Dazu kommen Hürden wie Brandschutz
und Schallschutz, deren Anforderungen
unsere Neubauten immer
mehr aufrüsten. Fragen Sie mich nicht,
welche Lobbyisten dahinterstehen!
Es ist richtig, den Nutzer zu schützen,
aber das Niveau ist inzwischen so
hoch, dass das Bauen so nicht mehr
bezahlbar ist. 95 Prozent der Bausubstanz
in Deutschland und Österreich
sind Bestand, der diese Standards
nicht erfüllt, und Menschen dort dennoch
völlig normal leben können. Wir
haben uns gut gemeinte Regeln auferlegt,
die aber zu einer Lähmung führen.
Das ist eine Frage der Politik, die
die Gesetze macht.
© GRAFT
Vorschlag für die Neugestaltung der
Mollstraße in Berlin, mit ausgedehnten
Wasserflächen.
www.architektur-online.com
23
GRAFT
Bei den letzten Wienerberger Brick
Days in Wien war die Digitalisierung
Thema. Sie haben dort über die digitale
Handwerkskunst gesprochen,
zwei eigentlich widersprüchliche Begriffe,
nicht?
Es sind genau diese Ambivalenzen,
die beschreiben, wo man Lösungen
finden kann. Die Verteufelung der
Digitalisierung macht keinen Sinn.
Wenn man mit KI handwerklich arbeitet,
wird sie Entwurfsarchitekten
nicht ersetzen, aber helfen, auf den
richtigen Entwurfspfad zu kommen.
Wir haben für unser Diplom in Braunschweig
noch mit der Hand gezeichnet.
Den Master an der SCI-Arc in
Los Angeles haben wir am Computer
entwickelt, also beide Seiten des
digital divides kennengelernt. Nach
anfänglichen Berührungsängsten
war es eine Befreiung, den Computer
zu haben und statt Strichzeichnungen
Welten zaubern und Kunden
überzeugen zu können. Frank Gehry
war der George Lucas der Architektur,
dem es durch Digitalisierung
gelungen ist, Programme aus der
Raumfahrt und Filmanimationsprogramme
für die Architektur zu nutzen,
um komplexe Formen herstellen
zu können. Bei ihm gleicht allerdings
wirklich kein Teil dem anderen, was
teuer ist. Aber er hat es vorgemacht,
wie der Architekt wieder ein Bildhauer
sein kann, weil der Prozess durch
Digitalisierung beherrschbar wird.
© BTTRGmbH
Die dynamische Ziegel-Geometrie im Eingangsbereich des Bricks
Berlin-Schöneberg entstand mithilfe des Computers.
Gibt es eine Grenze beim Computer
als reines Werkzeug und Übernahme
der Rolle als Architekt?
Es ist eine Legende, dass der Computer
alles kann. Er ist ein Werkzeug.
Er hat keinen eigenen Willen. Und
selbst wenn er einen hätte, müsste er
ausgebildet werden, um ästhetische
oder finanzielle Entscheidungen zu
treffen. Aber wie soll ein Computer
entscheiden, was gut oder schlecht
ist? Der Computer ist immer noch
ein sehr intelligenter Bleistift. Die
KI ist nur so gut, wie ich sie füttere.
Ich schaffe ein Bild mit Parametern
und treffe Entscheidungen, das ist
eigentlich der falsche Stein oder da
muss noch ein Fenster rein. Es ist
wie bei jedem Entwurfsprozess, ob
mit einem Kartonmodell oder mit der
KI. Die Entscheidung, was gut oder
schlecht ist, muss ein ausgebildeter
Architekt treffen.
Aber wird sich die Architektur durch
die Verwendung dieser digitalen
Werkzeuge ändern?
Das hat sie schon. Da gibt es die
Lust an Formfindung. Das sind aber
oft aufregende, meist kontextlose
Architekturen, die in den Wüsten
der arabischen Halbinsel oder in extrem
wachsenden Städten in Asien
entstanden sind. In Europa hat man
selten genug Platz um ein selbstreferenziertes
Museum hinzustellen.
Wir als Büro kennen unsere Baugeschichte
sehr gut und leiten teilweise
eine andere Architektur ab, aber
sie ist immer kontextuell. Den reinen
Formalismus empfinden wir als eine
Art Manierismus, mit seinen Stärken
und Schwächen. Gerade sehen wir
die Entwicklung ins Gegenteil: Eine
Forderung zur Askese durch Kreislaufwirtschaft,
Materialreduktion,
vermeintliche Ehrlichkeit, Energiebe-
wusstsein. Da wir schnell und viel für
Leute mit kleinem Geldbeutel bauen
müssen, ist die Gefahr groß, dass
wir in eine Art 50er-Jahre Moderne
zurückfallen, ins serielle Bauen. Die
Kunst wird sein, diesem seriellen
Bauen trotzdem Identität einzuhauchen.
Beim Vortrag in Wien haben
wir ein Berliner Projekt gezeigt: eine
Quartiersentwicklung, Bauen im Bestand,
jeder Ziegel stand dort unter
Denkmalschutz. Wir haben saniert,
umgebaut und Neubauten in Ziegel
ergänzt, deren dynamische Form,
vor allem computergesteuert entworfen
wurden. Es ist so ein ganzes
Stadtviertel entstanden, dass die Geschichte
des Ziegels in die Zukunft
gebracht hat. Das sind die Aufgaben
der europäischen Stadt: Identitäten
nicht negieren, sondern stärken, weiterdenken
und in der Synthese interessanter
machen.
u
architektur PEOPLE
24
GRAFT
© GRAFT
Beim Konzept Hyperloop leitet GRAFT das Gesamtdesign und entwarf Pylonsysteme und Stationen.
Und dann haben Sie interessante
Projekte wie den Hyperloop. Ist das
ein Konzept, oder schon etwas Konkretes?
Das ist viel konkreter als man denkt.
Der Hyperloop ist im Grunde ein Magnetschwebebahnsystem
in einer
Vakuumröhre, bietet die Geschwindigkeit
eines Flugzeugs bei viel geringerem
Energieverbrauch. Das ist
ein sehr konkretes Stück Zukunft.
Welche Rolle spielten GRAFT dabei?
Wir sind im Grunde die Architekturberater.
Wie sehen Pylonen, wie Stationen
aus? Was bedeutet Komfort
in einer Kapsel bei 500 km/h?
Jetzt würde ich zum Abschluss noch
gerne zum Thema Architekturwettbewerbe
kommen. Wie viele Ihrer
Projekte sind aus Wettbewerben
entstanden?
Wir haben da keinen Schlüssel. Wir
sind allerdings nicht das klassische
Wettbewerbsbüro. Gerade in
Deutschland wird unsere eigene Annäherung
an Projekte nicht immer
goutiert. Wir sehen uns immer die
Jury sehr genau an, um einzuschätzen,
ob wir überhaupt eine Chance
haben. Denn neben den ohnehin
schweren Zugängen zu Wettbewerben
ist die Besetzung der Jury wie
ein zweites Auswahlverfahren. Beim
© Aestethica Studio
Wettbewerb für das Museum der
Zukunft neben der Nationalgalerie
in Berlin wollten wir gerne mitmachen.
Es ging darum, wie moderne
Kunst in Zukunft gezeigt und perzipiert
wird. Der Vorsitzende der Jury
sagte bei der Begründung für den
ersten Preis, man sei stolz darauf,
ein futuristisches Projekt verhindert
zu haben – für das Museum der Zukunft!
Da Wettbewerbe enorm viel
Geld verschlingen, muss man schon
sehr genau darauf achten, wo sich
der Einsatz lohnt.
Auch bei geladenen Wettbewerben
machen Sie nicht mit?
Doch schon. Wir haben gerade einen
großen Wettbewerb für den Musikcampus
Bechstein in Berlin gewonnen.
Leider hat der Prozess so lange
gedauert, dass der Bauherr, derzeit
gar nicht bauen kann. Wir haben also
ein zwiegespaltenes Verhältnis zu
Wettbewerben, gerade in Deutschland.
Immerhin gibt es hier aber eine
Wettbewerbskultur – in den USA
werden häufig die „Usual Suspects“
angefragt und dann direkt ausgewählt.
Wobei man sich in Europa bei
offenen Wettbewerben, wie bsw. dem
Guggenheim in Helsinki mit 2000
Teilnehmern, fragen muss, ob die
Teilnahme Sinn macht.
•
1. Preis beim Wettbewerb für den neuen
Carl Bechstein Campus, Berlin, mit Ausstellungsflächen,
Musiksälen und Studentenwohnungen.
www.architektur-online.com
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GRAFT
JUNG UNIQUE x GRAFT.
MADE TO BE DIFFERENT.
Urbane Schalterkollektion: Coole Designs
als Ode an Berlin und die Individualität.
JUNG.GROUP/GRAFT
architektur PEOPLE
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illiz architektur
Mutige Entscheidungen
& individuelle Lösungen
Interview mit Sabrina Mehlan, Petra Meng
und Stefanie Wögrath von illiz architektur
Interview: Edina Obermoser
Sabrina Mehlan, Petra Meng und Stefanie Wögrath – dieses Frauentrio steht hinter illiz architektur. Das
2008 gegründete Büro hat Standorte in Wien und Zürich und besteht inzwischen aus einem 20 bis 30-köpfigen
Team. Im Gespräch geben die drei Architektinnen Einblick in ihre Herangehensweise an unterschiedliche
Bauaufgaben und erläutern, wie es zu ihrem Fokus auf Bildungs-, Sport- und Kommunalbauten kam.
Außerdem sprechen sie über realisierte Projekte, ihren Mut zu kontroversen Entscheidungen und die
größten Unterschiede, die dem Büro beim Bauen in Österreich und der Schweiz begegnen.
© tschinkersten fotografie
www.architektur-online.com
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illiz architektur
Wie stellen Sie Ihr Büro jemandem vor,
der Sie nicht kennt? Wer ist illiz architektur
und was macht das Büro aus?
Illiz arbeitet länderübergreifend mit
zwei Bürostandorten in Wien und
in Zürich. Wir haben keinen ausgesprochenen
Fokus, jedoch machen
Planungen für die öffentliche Hand
– das heißt Bauten für Bildung, Sport
und kommunale Infrastruktur – einen
großen Teil unserer Arbeit aus. Dazu
kommen großvolumige Wohnbauten.
illiz ist außerdem eines der wenigen
Büros, das von drei Partnerinnen geführt
wird. Wir haben uns zu Studienbeginn
kennengelernt und sind über
das gemeinsame Gestalten stark
zusammengewachsen. Trotz der Distanz
zwischen Wien und Zürich pflegen
wir einen intensiven Austausch,
der auch unser Team prägt.
In Ihrem Portfolio finden sich Projekte
in unterschiedlichsten Maßstäben
– wie unterscheidet sich dabei Ihre
Herangehensweise?
Natürlich sind die Rahmenbedingungen
und damit das „Material“, mit
dem man arbeitet, ganz unterschiedlich.
Der Entwurfsprozess läuft bei
uns jedoch immer sehr ähnlich ab.
Wir formulieren bei jedem Projekt
früh eine konzeptionelle Idee, die
dann städtebaulich und räumlich,
oft anhand von Arbeitsmodellen und
digitalen Modellen, geprüft und geschärft
wird.
© tschinkersten fotografie
Bei der Erweiterung der Volks- und Mittelschule Auersthal ergänzten die Architektinnen den
Bestand um drei neue Gebäudeteile und legten rund um einen gemeinsamen Innenhof den Fokus
auf die Zwischenbereiche, die Alt und Neu miteinander verbinden.
Wie gehen Sie an Projekte heran, bei
denen es Bestandsbauten miteinzubeziehen
gilt, z.B. bei der Messehalle
9.1 in Zürich oder der Schulerweiterung
Auersthal?
Jede Bauaufgabe ist vollkommen anders
und wir gehen an jedes Projekt
auch neu heran. Die Messehalle 9.1
wurde in eine polysportive Halle für
Freizeitsportler:innen transformiert.
Unser Ziel war es, alle Interventionen
als additive Zutaten ablesbar zu
machen – dabei bekommt die Neugestaltung
fast schon einen provisorischen
Charakter – was uns bei
diesem Projekt richtig schien. Bei an-
deren Projekten wie der Schulsanierung
in Auersthal steht hingegen die
gestalterische Verbindung von Alt
und Neu stärker im Vordergrund. In
Kooperation mit MAGK Architekten
setzte sich die vorhandene Bestandstruktur
dabei aus heterogenen Bauten
unterschiedlichen Datums zusammen.
Bei der gewählten Methode
handelte es sich deshalb eher um
eine klärende und verbindende Intervention.
Unser Ziel ist es, möglichen
Defiziten des Bestands auf die Spur
zu kommen und diese mit unserem
Eingriff zu beheben. Daraus entstehen
oft starke Konzepte. u
Die denkmalgeschützte Messehalle 9.1
in Zürich wurde zu einer multifunktionalen
Sportstätte umgenutzt. Neue
Elemente wie eine eingestellte Garderobenbox
heben sich klar vom Bestand
ab und rücken die markante Tragkonstruktion
in den Vordergrund.
© Nina Baisch
architektur PEOPLE
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illiz architektur
Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Projekte
– ob Neubau oder Bestand
– sich gut in den städtebaulichen,
landschaftlichen und sozialen Kontext
einfügen?
Neubauten „auf der grünen Wiese“
begegnen uns wirklich sehr selten.
Dafür begleitet uns das Thema des
Weiterbauens ständig – ob im ländlichen
Raum oder in der Stadt. Das
bedeutet, dass der Kontext praktisch
immanent ist und wir viel Zeit in die
Frage nach der Haltung zum Bestand
stecken. Es braucht eine Balance
zwischen Rücksicht auf den Kontext
und gestalterische Eigenständigkeit
des Neugebauten. So haben wir
z.B. unsere Feuerwache Speising im
13. Wiener Gemeindebezirk durchgängig
mit einer leuchtend gelben Metallfassade
gestaltet, die durchaus kontrovers
diskutiert wurde. Das Gebäude
besetzt eine Lücke in einem recht homogenen,
vorstädtischen Bezirk mit
einer Farb- und Materialpalette aus
sanften, beige-gelben Putzfassaden.
Wenn man heute vor dem Gebäude
steht, kann man sich eine andere Farbe
überhaupt nicht vorstellen.
Unter Ihren Projekten sind viele
Sport- und Bildungsstätten zu finden.
Wie kam es zu diesem Fokus
und welchen Besonderheiten begegnen
Sie bei deren Planung?
© tschinkersten fotografie
Die neue Feuerwache an der Wiener Speisinger Straße fügt sich volumetrisch unauffällig in den
städtischen Kontext ein, setzt mit ihrer Farbgebung aber ein deutliches Statement. Eine Metallfassade
in kräftigem Gelb verleiht dem Bau seine identitätsstiftende Wirkung.
Unser allererster Wettbewerbsgewinn,
mit dem wir uns selbstständig
gemacht haben, war 2008 das
Kinderbetreuungszentrum in Maria
Enzersdorf. Diese Schule wurde als
konstruktiver Holzbau mit hybrider
Lüftung und im Passivhausstandard
realisiert – was also bereits damals
heutige Standards setzte. Strukturell
war dieser Schulbau jedoch noch als
„Gangschule“ konzipiert. Das heißt
die Erschließungsflächen mussten
grundsätzlich brandlastfrei gehalten
werden und sind demnach als Aufenthaltsflächen
nur bedingt nutzbar.
Das war unser Einstieg in das Thema
Bildungsbauten. Seither hat sich viel
verändert und Raumkonzepte legt
man im Vergleich zu damals ganz
anders an: Im Mittelpunkt steht dabei,
alle geschaffenen Flächen für
die Nutzer:innen möglichst vielfältig
nutzbar zu machen.
Gibt es Beispiele, bei denen Sie die
Herausforderungen beim Planen von
Bildungsbauten besonders gut meistern
konnten und wie?
Ein Bildungsbau, der sich gerade in
der Umsetzung befindet, ist die Sanierung
und Erweiterung der Volksschule
Marco Polo Platz im 21. Bezirk
in Wien. Das Gebäude wurde von
Harry Glück geplant und Anfang der
1980er-Jahre fertiggestellt. Hier war
das Ziel einerseits, den Bestand in
ein zeitgenössisches Raumkonzept
mit offenen Lern- und Kommunikationszonen
zu überführen, und dabei
die markante Formensprache mit
den dreieckigen Fassadennischen
des Bestandsgebäudes zu erhalten.
Das ist uns gut geglückt. Ein
erschwerender Faktor ist, dass die
Sanierung – wie so oft – bei laufendem
Schulbetrieb erfolgen muss. In
mehreren Etappen werden die Schüler:innen
innerhalb des Gebäudes
umgesiedelt und der Neubau für das
Jugendzentrum als Provisorium für
die Schule zwischengenutzt. Themen
dieser Art stellen ein zusätzliches
Handicap dar und müssen
bereits in den konzeptionellen Überlegungen
mitgedacht werden.
Gerade im öffentlichen Bereich sind
Budget und Zeit oft limitiert. Wie gehen
Sie damit um und wie gelingt es
Ihnen trotzdem, innovative Projekte
mit Liebe zum Detail umzusetzen?
Wir haben die Erfahrung gemacht,
dass ein starkes und klares Gebäudekonzept
sozusagen die halbe Miete
ist. Wenn schon im Wettbewerb in
diesem Sinne gut vorgelegt werden
konnte, lassen sich daraus andere gestalterische
Fragen gut ableiten. Definitiv
würden wir uns mehr Zeit und
Muße in der Projektarbeit wünschen.
Diese sind ein wesentlicher Faktor,
wenn es um innovative Detaillösungen
geht, die dann durchaus auch
effizient und damit kostensenkend
sein können. Das Unterwerk in Zürich
Oerlikon ist so ein Beispiel: Hier haben
wir in einem skizzenhaften Wettbewerbsbeitrag
die Idee des „Guckkastens“
entwickelt – ein Gebäude,
das ähnlich den gleichnamigen Vorbildern
aus dem 18. Jahrhundert ein
Gehäuse für fremde und unbekannte
Welten schafft. Durch ein inszeniertes
Schaufenster blicken die Passanten
heute in die 12 m tiefer liegende
Hochspannungsschaltanlage und die
teure Infrastruktur wird so für die Öffentlichkeit
erlebbar.
Welche Rolle spielt das Material Holz
bei Ihren Entwürfen – sowohl gestalterisch
als auch funktional? Was
ist dabei speziell bei Sport- und Bildungsbauten
zu beachten?
Holz ist bei uns oft das Material der
Wahl. Es schafft immer eine warme,
www.architektur-online.com
29
illiz architektur
natürliche und lebendige Atmosphäre,
die wir sehr schätzen. Gerne lassen
wir Tragkonstruktionen in dem
Naturmaterial sichtbar und machen
damit die Struktur zum erfahrbaren,
gestalterischen Element. Die verschiedenen
Verlegarten, Texturen
und Lasuren ermöglichen die Umsetzung
sehr präziser Gestaltungsideen
und machen Holz so auch an der
Fassade zum vielseitigen Allrounder
– was uns sehr gefällt. Am allerliebsten
ist es uns natürlich, wenn
das Holz sichtbar bleiben darf. Für
die Feuerwehr in Rorschacherberg
setzten wir beispielsweise auf eine
Holzfassade in Shou Sugi Ban Technik,
mit der das Material durch eine
verkohlte Oberfläche eine besonders
gute Haltbarkeit erhält. Damit
haben wir bei der Feuerwehr genau
ins Schwarze getroffen. Wir durften
auch einige Schwimmbäder planen:
Das jüngste, die Trainingsschwimmhalle
in der Wiener Großfeldsiedlung,
wurde ebenfalls zu großen Teilen in
Holzbauweise umgesetzt. Grundsätzlich
handelt es sich bei Holz um
ein Material, das mit der aggressiven
und feuchten Hallenbad-Atmosphäre
sehr gut zurechtkommt – anders
als Stahl und auch Stahlbeton. Es ist
allerdings wichtig, dass das Holz gut
belüftet wird und Elemente wie z.B.
die Stützenfüße nicht dauerhaft mit
Wasser in Berührung kommen.
© Roger Frei
Eine geflämmte Holzfassade verleiht der Feuerwehr Rorschacherberg in Zürich nach Umbau und
Erweiterung eine seidige Oberfläche. Die traditionelle japanische Technik schützt das Material vor
Witterung, Insekten und Feuer – und passt perfekt zur Funktion des Gebäudes.
Sie haben Standorte in Wien und Zürich
und realisieren Projekte in beiden
Ländern. Welche Unterschiede begegnen
Ihnen dabei? Gibt es ein Projekt,
bei dem das besonders auffiel?
Das Tempo ist sicher einer der auffallendsten
Faktoren. Es kommt immer
wieder vor, dass unsere österreichischen
Projekte jene in der Schweiz
überholen – was dann bei unserer
gemeinsamen Online-Bürositzung
zu großer Belustigung führt. Erschwerend
kommt in der Schweiz die
Hürde der Urnenabstimmung hinzu,
bei der die Bevölkerung über die
Umsetzung von öffentlichen Projekten
entscheidet und die oft zusätzliche
Projektzeit kostet. Insgesamt
wäre uns vermutlich der goldene
Mittelweg am liebsten. Ansonsten ist
es einfach sehr unterschiedlich für
welche Auftraggeber wir arbeiten. In
Wien sind selbst überschaubare Sanierungsprojekte
für öffentliche Stellen
oft mit sehr vielen verschiedenen
Akteur:innen verbunden, was viel
Zeit und einen hohen Abstimmungsaufwand
erfordert. Projekte für Kommunen
in den Bundesländern werden
hingegen oft recht effizient und
mit kürzeren Entscheidungswegen
umgesetzt. Das ist in der Schweiz
nicht anders. Die Vorschriften sind in
beiden Ländern selbstverständlich
anders, die Zielsetzungen allerdings
recht ähnlich.
Gibt es Themen, die Sie bislang wenig
umgesetzt haben, aber für kommende
Projekte in Planung sind, oder Entwicklungen
bzw. Innovationen, die Sie
künftig stärker verfolgen möchten?
Die Branche setzt sich im Moment
stark mit dem zirkulären Planen und
Bauen auseinander und wir sehen,
dass die öffentliche Hand das Thema
Kreislaufwirtschaft auch zunehmend
ernst nimmt. Diese Entwicklung ist
notwendig und setzt ein wahres Umdenken
aller Akteur:innen voraus.
Das bestandsschonende Weiterbauen
bzw. Umbauen stellt einen wichtigen
Schritt dar, aber in Zukunft
werden sich auch die gestalterischen
Antworten – genauso wie die Sehgewohnheiten
der Nutzer:innen – verändern.
Auf diese Herausforderungen
freuen wir uns.
•
Holz spielt auch bei der Trainingsschwimmhalle
in der Wiener Großfeldsiedlung
eine zentrale Rolle: Es kleidet
die Fassaden, bildet das Tragwerk der
6 m hohen Halle und schafft im Inneren
– in Kombination mit der raumhohen
Glasfront – eine freundliche Atmosphäre.
© Hertha Hurnaus
architektur PEOPLE
30
MVRDV
Verantwortung
übernehmen
Interview mit Christine Sohar von MVRDV
Interview: Roland Kanfer
Christine Sohar ist Senior Associate beim niederländischen Architekturbüro MVRDV. Gegründet
1993 von Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, prägt das in Rotterdam ansässige Büro
mit weiteren Standorten in Berlin, Paris, Shanghai und New York sowie rund 300 Mitarbeitenden
seit drei Jahrzehnten die Diskussion über urbane Lebensräume. Die aus Graz stammende Architektin,
die nach ihrem Studium an der TU Graz und der TU Delft zunächst bei Ole Scheeren in China
arbeitete und 2016 zu MVRDV kam, ist seit 2025 Senior Associate. Im Interview spricht sie über die
DNA-Elemente, die die Architektursprache des Büros definieren, über den Dialog mit Bauherren zwischen
Vision und Kompromiss – und über die Rolle digitaler Werkzeuge im kreativen Prozess.
Wie sind Sie als Österreicherin
zu MVRDV gekommen?
Ich habe an der TU Delft im Rahmen
des Erasmusprogramms studiert und
meine Masterthesis in Hongkong geschrieben.
Meine berufliche Reise
begann in Peking, wo ich für eineinhalb
Jahre bei Ole Scheeren gearbeitet
habe. In Rotterdam bewarb
ich mich eher zufällig bei MVRDV,
weil dort eine Stelle für deutschsprachige
Architekten ausgeschrieben
war. Das Büro hat mich bereits während
meines Studiums fasziniert, da
MVRDV in den Niederlanden einen
hohen Stellenwert besitzt und sowohl
im Städtebau als auch in der
Architektur prägende Akzente setzt.
MVRDV ist ein Akronym aus den
Namen der drei Gründer Winy Maas,
Jacob van Rijs und Nathalie de Vries.
Sind die Gründer nach wie vor aktiv?
Sie sind an allen Projekten beteiligt.
Wir sprechen mit ihnen je nach Notwendigkeit
wöchentlich oder monatlich
und entwickeln die Projekte dann
gemeinsam weiter. Sie bringen sich
noch sehr stark in die Entwurfsphase
ein. Dass man nicht einen einheitlichen
Stil von MVRDV erkennt, ist
auch eine Charakteristik. Jeder der
drei Gründungsmitglieder hat seinen
eigenen Ansatz. Und das macht auch
das Arbeiten für uns sehr attraktiv.
Winy Maas und Jacob van Rijs arbeiteten
auch bei Rem Kohlhaas. Sieht
sich MVRDV in einer Architekturtradition,
die man da definieren könnte?
Für uns steht sehr stark der Mensch
im Vordergrund und damit verbunden
die Nutzung eines Gebäudes oder
www.architektur-online.com
31
MVRDV
eines Masterplans. Wenn man zum
Beispiel Projekte wie das O Wohnhochhaus
in Mannheim anschaut: Das
ist ein Wohngebäude, aber gleichzeitig
gibt es für die Öffentlichkeit eine
große Freitreppe nach oben auf das
Gebäude, um den umbauten Raum
für die Menschen attraktiv zu machen.
Gleichzeitig ist es auch ein sehr
starker städtebaulicher Ansatz und
für uns sehr wichtig: Architektur, die
sich dem Kontext anpasst. Aber wir
haben keine immer wiederkehrende
Formensprache, sondern gewisse
DNA-Elemente, Ansätze, die wir verfolgen.
Diese beziehen sich immer auf
unsere Standbeine Nachhaltigkeit,
Flexibilität, Dichte und Soziales. Das
sind die Hauptstrukturen. Und es gibt
immer auch einen überraschenden
Moment bei MVRDV. Zum Beispiel
die Markthalle: Die ist ein Wohngebäude,
das wie ein Hufeisen geformt
ist, mit einem wunderschönen Innenraum,
der eine öffentliche Funktion
als Markt für Rotterdam erfüllt. Es
geht uns darum, Themen auch outside
the box zu denken. Am Anfang war
der Wunsch sehr stark vorhanden,
vom Formalismus wegzugehen. Form
braucht eine Funktion und sie braucht
einen Grund. Sie wird nicht nur an einen
Ort gesetzt, der Entwurf wird im
Kontext gestaltet. Für uns sind diese
Beziehungen sehr wichtig, egal ob es
Blickbeziehungen sind, Achsen oder
Verbindungen in die Umgebung.
Bei den Projekten vom MVRDV finden
sich immer wieder Stapelungen.
Ist das nicht doch ein wiederkehrendes
Formalelement?
Wir nennen es Stacks. Wir brechen
damit größere Volumina auf, zum
Beispiel durch Rotation. Dadurch
ergeben sich Terrassierungen. Wie
man mit diesen so entstandenen
Dachflächen umgeht, ist einer unserer
Ansätze. Dass Formen, die entstehen,
einen Nutzen haben und daraus
eine Qualität entsteht. Das ist ein
Update von „Form follows function“.
© Ossip van Duivenbode
Wo sehen Sie MVRDV in dem Dreieck
zwischen Kunst, Wirtschaft
und Dienstleistung für die Bauherren?
Eher als Künstler oder eher als
Dienstleister?
Das hängt vom Projekt ab. Man muss
abwägen, wie viel Freiraum ist gegeben,
was ist für den Standort wichtig,
was für die Leute und was für den Entwickler
oder den Nutzer. Als Architekt
ist man Dienstleister, man möchte
ja etwas entstehen lassen. Aber es
kommt auch der künstlerische Aspekt
hinzu, weil man eine gewisse Einzigartigkeit
generieren möchte. Und wir
sind an gewisse Zwänge gebunden.
Ab einem bestimmten Zeitpunkt gibt
es im Büro dann schon Diskussionen,
ist es dann noch unser Projekt, ist es
noch das, was wir wollen.
Wie weit geht die
Kompromissbereitschaft?
Es gibt eine gewisse Flexibilität, aber
ab einem gewissen Zeitpunkt würde
hinterfragt werden, warum man uns
als Architekten nimmt. Wenn man ein
einfaches Volumen mit Lochfassade
haben möchte, dann braucht man
nicht zu uns kommen. Es braucht für
uns immer etwas, das einem Objekt
zusätzlich Qualität verleiht. An dem
werden wir festhalten. In der Ausformulierung
kann es aufgrund von Materialänderungen
zu Einsparungen
kommen. Da muss man gemeinsam
mit dem Entwickler abwägen.
Gab es schon Fälle, wo Projekte zurückgelegt
oder Aufträge nicht angenommen
wurden?
Ja, die gab es. Wir haben eine eigene
Abteilung, die prüft, mit welchen
Stake holdern wir arbeiten, wie ist deren
Standpunkt. Wir wiegen stets ab,
ob das Projekt mit unseren Werten
vereinbar ist. Falls wir da keine Möglichkeit
sehen, kann es vorkommen,
dass wir ein Projekt ablehnen müssen.
MVRDV ist auch in der Entwicklung
von Tools und Theorien aktiv. Was
steckt hinter Stichworten wie Farmex,
Solarscape, Carbon Space und
wie wirkt sich das auf die Arbeit und
die Architektur von MVRDV aus?
Carbon Space ist eine Software, die
von uns entwickelt wurde. Es ermöglicht
uns, in einem sehr frühen
Zustand zu prüfen, wie viel CO 2 verbaut
wird. Auf Basis einer Materialdatenbank
erkennt man, welche Eingriffe
in der Architektur stattfinden
könnten oder müssten. Mit diesen
Tools können wir dem Projektentwickler
sagen, wenn wir zum Beispiel
die Konstruktion oben als Leichtbau
gestalten, dann sparen wir Masse für
die Fundamentkon struktion und dadurch
reduziert man den CO 2 -Fußabdruck
des Gebäudes. Wir haben
zum Beispiel analysiert, dass Elemente
wie Auskragungen nur acht
Prozent des Footprints ausmachen.
Das bedeutet, dass man die Gebäudeform
gezielt gestalten kann, um
etwa Auskragungen zu integrieren.
Gleichzeitig lässt sich in anderen
Bereichen gezielt CO 2 einsparen. Mit
Farmax funktioniert das in Bezug auf
die Dichte. Die Niederlande sind ja eines
der dichtest bevölkerten Länder
in Europa. Es gibt viele neue gebaute
Strukturen, die Stadtentwicklung hat
dabei Hochbaupunkte definiert. Wir
haben geprüft, wo solche Hochpunkte
bezüglich der Sonneneinstrahlung
sein können. Solche Tools werden
von unserem eigenen bürointernen
Next-Team entwickelt. Das wird einerseits
durch unsere Projekte finanziert,
andererseits haben wir aber
auch Researchprojekte, beispielsweise
mit der TU Delft.
u
Markthal, Rotterdam
architektur PEOPLE
32
MVRDV
Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI), Heilbronn
Carbon Space war Thema bei Ihrem
Vortrag auf den Wienerberger Brick
Days in Wien. Welche Botschaft haben
Sie den Zuhörern dort vermittelt?
Mit Carbon Space wollten wir zeigen,
dass Architekten mit einfachen Mitteln
analysieren können, wie nachhaltig
ein Projekt ist. Solche Tools
geben uns die Möglichkeit, wieder
aktiver in Entscheidungsprozesse
einzutreten und Verantwortung zu
übernehmen – gegenüber der Öffentlichkeit
und dem Planeten. Architektur
darf nicht nur Dienstleistung
sein. Wir müssen über unsere Arbeit
diskutieren – mit Fakten, nicht nur
mit schönen Bildern. Carbon Space
hilft dabei, den CO 2 -Verbrauch sichtbar
zu machen und den Dialog über
nachhaltiges Bauen anzustoßen.
Solche Werkzeuge können nicht nur
den Entwurfsprozess verbessern,
sondern auch politische und gesellschaftliche
Diskussionen anregen.
Was ist SolarScape?
Das ist sehr ähnlich, ein programmiertes
Tool, um anhand der Sonnen
einstrahlung die maximale Bebaubarkeit
in einer bestehenden
Stadtstruktur zu prüfen. Wenn man
die Sonne mit 45 Grad auf die Volumina
scheinen lässt, entstehen
einander schneidende Kegel. Und
dadurch erhält man das maximale
Bauvolumen, ohne dass ein Baukörper
den anderen verschattet. Wir arbeiten
sehr oft damit, in Bordeaux ist
so ein Masterplan entstanden. Und
in Rotterdam diente es als Basis für
eine Verdichtungsstudie.
© MVRDV
Wie ändert sich durch die Digitalisierung
Ihrer Meinung nach die Architektur
generell?
Ein wichtiges Thema ist derzeit
die Bildbearbeitung. Mit speziellen
Tools können wir im Team Entwürfe
schnell anpassen oder Varianten
testen. So lässt sich der Entwurfsprozess
beschleunigen – allerdings
braucht es dafür weiterhin Fachwissen.
Unsere KI-Tools dienen vor
allem der Konzeptphase: Wir laden
einfache Volumenmodelle hoch und
generieren über Prompts rasch visuelle
Varianten, etwa unterschiedliche
Fassadendesigns. Es geht dabei
weniger um finale Ergebnisse,
sondern um neue Impulse. Das Ziel
ist nicht Standardisierung, sondern
Offenheit für neue Ansätze – das
Experiment bleibt ein zentraler Teil
unserer Architekturpraxis.
Also AI als Hilfsmittel.
Genau. Es hilft uns jetzt nicht, das
Projekt umzusetzen, den Grundriss
zu zeichnen oder das Bild zu erzeugen,
das machen wir noch immer
auf die alte Weise. Aber wir spielen
Szenarien durch. Und das ist bei uns
im Büro so extrem wichtig, dass man
Optionen durchspielt und auch versucht
zu verstehen, wo man an Grenzen
stößt.
Bei dem Projekt Valley hat Computertechnologie
eine sehr große Rolle
gespielt. Wie ist das abgelaufen?
Das war spannend, weil die drei Türme
unterschiedliche Nutzungen haben.
Hier ging es darum, zu prüfen,
wie kann ich auf der einen Seite eine
glatte Fassade entwickeln, die der
Bürostruktur ein Gesicht gibt, und
auf der anderen Seite eine Fassade
mit poröser Struktur, die sich öffnet.
Entstanden ist eine Canyonform, die
gleichzeitig die Balkone und Terrassen
für die Bewohner bildet. Für die
Steinfassade musste geprüft werden,
wie die Steine geschnitten und gelegt
werden können, damit sie alle zum
Schluss zueinander passen. Dafür
wurde vom Next-Team eine Software
geschrieben, die diese Schnittflächen
vereinfacht und so weit reduziert,
dass man nur eine gewisse Anzahl
an gleichen Elementen hat. Das Programm
teilt das Objekt in Elemente
und ermöglicht es, so viele gerade
Schnittflächen wie möglich zu schaffen
und das Verlegemuster automatisch
zu erstellen. Wenn man das
einmal entwickelt hat, kann man es
multiplizieren und es entfällt manuelle
Arbeit. Das kann man in mehreren
Gebäudebereichen anwenden. Wir
haben viele junge Mitarbeiter, die großes
Interesse daran haben, sich auf
diesem Gebiet weiterzubilden. Diese
Kombination aus Erfahrung und Experimentierfreude
ermöglicht Tools,
die den Prozess effizienter machen.
Wird bei MVRDV noch mit Handskizzen
gearbeitet oder läuft das alles
nur mehr digital?
Wir haben noch Skizzenpapier. Bei
den Besprechungen mit Winy, Jacob
oder Nathalie wird oft noch ausgedruckt
und darauf gezeichnet.
Gleichzeitig ist das dreidimensionale
Entwerfen mittlerweile sehr wichtig.
Unsere Besprechungen finden auch
im 3D-Modell statt. Leider werden
weniger Modelle gebaut. Das finde ich
schade – früher wurden viele Modelle
hergestellt, um Kubaturen und Maßstäbe
zu prüfen. Heute passiert das
meist erst am Ende, weil der Aufwand
groß ist. Mit unserer 3D-Software erstellen
wir schnell Visualisierungen,
aber man muss sich trotzdem überlegen,
was man zeigen will. Das hat man
mit einem gebauten Modell manchmal
besser erkannt. Der Denkprozess
ist beim Zeichnen ein anderer. Am
Computer hat man oft dieses finale
Gefühl. Der Vorteil des Stifts ist, dass
man Dinge ausprobieren und verwerfen
kann. In der 3D-Modellierung
macht man oft mehr Schritte als nötig
und verliert sich leicht.
www.architektur-online.com
33
MVRDV
Arbeiten Sie auch mit dem digitalen
Gebäudemodell BIM?
Ja, sehr intensiv. Ein Beispiel ist der
Innovation Park Artificial Intelligence
in Heilbronn. Das Projekt wird komplett
in BIM geplant. Oftmals werden
Entwürfe bereits zu früh sehr
detailliert, da die Anforderungen im
BIM-Prozess durch die Projektvorgaben
sehr hoch sind. Dadurch entstehen
frühzeitig detaillierte Diskussionen,
die gelegentlich auch hinderlich
sein können.
Welchen Stellenwert legt man bei
MVRDV auf Architekturwettbewerbe?
Nehmen Sie daran teil?
Wettbewerbe sind wichtig, um das
Portfolio zu erweitern und in neuen
Ländern Fuß zu fassen. Wir wägen
aber genau ab, wo wir Chancen haben.
Aktuell nehmen wir eher an
geladenen Verfahren teil. In anonymen
Wettbewerben fehlt oft das
Verständnis für unsere Denkweise.
Unsere Entwürfe sind erklärungsbedürftig,
wir arbeiten stark mit Storylines,
jedes Projekt erzählt eine
Geschichte. Das lässt sich anonym
oft schwer vermitteln.
© Ossip van Duivenbode
Valley, Amsterdam
Ihre persönlichen Lieblingsprojekte
von MVRDV?
Mein persönliches Lieblingsprojekt,
an dem ich selbst gearbeitet habe,
ist Traumhaus Funari. Das sind kleine
nebeneinanderstehende Reihenhäuser
mit unterschiedlichsten Fassaden
und Qualitäten. Und hier in
Fuggerei NEXT500 Pavilion, Augsburg
Rotterdam sind es das Boijmans Van
Beuningen Depot und die Markthalle,
die auf die Stadt enorm Einfluss hatten.
Die Idee der Markthalle war, ein
Wohngebäude und einen Markt zu
verbinden und neu zu denken. Und
es wurde dann einfach ein Wohngebäude
mit dem Markt drin entwickelt.
© Saskia Wehler
Und diese sehr einfache Geste zeigt
gleichzeitig, wie man den Stadtraum
verändert, Nutzungen für die Leute
in der Umgebung und gleichzeitig
qualitativen Wohnraum schafft. Das
Hochhaus in Mannheim, das ich
auch geleitet habe, ist eines meiner
Herzensprojekte. Und dann hatte ich
auch noch Glück, für die Fuggerei
zu arbeiten. Das sind Arbeitersiedlungen,
die 1521 von Jakob Fugger
in Augsburg gegründet wurden. Für
das fünfhundertjährige Jubiläum
haben wir einen Pavillon entwickelt,
einen reinen Holzbau.
Worauf kommt es bei MVRDV an?
Wichtig ist uns, dass Architektur
Verantwortung übernimmt. Der Diskurs
darf nicht nur zwischen Kunde
und Architekt stattfinden, sondern
braucht öffentliche Plattformen. Als
international bekanntes Büro haben
wir die Möglichkeit, Themen einzubringen
und politische Gespräche
mitzugestalten. Etwas zu verändern
und zu verbessern, das über den
Entwurf hinausgeht – das ist die
Essenz von MVRDV. Und auch der
Grund, warum ich dort arbeite.
•
architektur PEOPLE
34
ATP architekten ingenieure
Wir müssen wieder
intelligenter bauen
Interview mit Albert Achammer von ATP architekten ingenieure
Interview: Roland Kanfer
Albert Achammer hat 2025 den Vorstandsvorsitz des
internationalen Büros ATP architekten ingenieure in dritter
Generation von seinem Vater Christoph M. Achammer
übernommen. Nach Stationen u.a. bei gmp Architekten
in Hamburg gründete Albert Achammer 2020 dort einen
neuen ATP-Standort mit rund 60 Mitarbeitern. 2024 wird er
Partner. Der ETH-Zürich-Absolvent mit MBA der IESE Business
School spricht im Interview über Architektur zwischen
Hightech und Handwerk, über Künstliche Intelligenz und
über die Zukunft eines Berufs, der wieder Verantwortung
übernehmen muss.
Sie sind jetzt als neuer CEO der gesamten
ATP-Gruppe eingestiegen.
Was möchten Sie anders machen als
Ihr Vater?
Es ist kein Bruch, wie sich das vielleicht
anhört. Ich bin vor fünf Jahren
zum Unternehmen gekommen
und, obwohl ich mit einem von mir
gegründeten Start-up in Hamburg
begonnen hatte, habe ich mir ab
Tag eins den Schuh des zukünftigen
Führungsmitglieds angezogen.
Ich bin ja mittlerweile auch Teil der
Partnerschaft, habe mir nie ein Blatt
vor den Mund genommen und habe
schon angefangen, erste Akzente zu
setzen. In Hamburg konnte ich von
Null an starten, ohne bestehende
Strukturen – das hat mir erlaubt, vieles
neu zu denken.
© Albert Wang
© SpA
www.architektur-online.com
35
ATP architekten ingenieure
Welche Akzente sind das?
In Hamburg haben wir die Entscheidungsfindung
in der Führung
kollektiv definiert. Wenn man da zu
dritt sitzt und bespricht, was getan
werden soll, dann ist es unnatürlich,
wenn sich einer auf den Stuhl stellt
und die anderen beiden folgen. Solche
am ATP-Standort Innsbruck 75
Jahre lang gewachsenen Prozesse,
die man an anderen Standorten zu
multiplizieren versucht hat, mussten
hinterfragt werden. Wir müssen
uns stärker als Netzwerk verstehen.
Daraus sind unterschiedliche Zugänge
entstanden, wie wir integrale
Planung in einer kleinen Zusammensetzung
definieren. Ich habe in
Hamburg nicht als kleines Architekturbüro
begonnen, das erstmal einen
Dachboden ausbaut, sondern ich bin
mit der ganzen Kraft von ATP aufgetreten
und habe gesagt, ein großes,
komplexes Gebäude schaffen wir.
Wir waren hier zwar nur zu sechst,
aber wir konnten auf über tausend
Mitarbeiter im Hintergrund zugreifen.
Diese enge standortübergreifende
Zusammenarbeit hat unsere
Unternehmenskultur geprägt. Kunden
kommen zu uns und wissen oft
noch gar nicht, was sie brauchen. Wir
können ihnen von der Beratung über
Digitalisierung bis hin zu klassischen
Planungsleistungen und guter Architektur
alles anbieten, je nachdem,
was sie gerade benötigen.
Sie sehen sich nicht nur als
Generalplaner?
Wir sind längst darüber hinaus. Wir
beraten beispielsweise Krankenhäuser
in strategischen Fragen oder
Eigentümer in der digitalen Verwaltung
ihrer Bestände. Das hat mit Architektur
zu tun, geht aber weit über
klassische Planungsleistungen hinaus.
Und das ist enorm bereichernd:
Weil wir Kunden als Gesamtanbieter
von Dienstleistungen noch viel besser
betreuen können. Wir entwerfen
oft auf Basis unvollständiger Informationen
und suchen dafür unterschiedliche
Perspektiven. Entscheidend
ist, dass wir nicht in getrennten
Disziplinen denken, sondern Beratung,
Architektur und Technik vernetzen.
Bei ATP kann jeder jederzeit
jemanden ansprechen und bekommt
Unterstützung oder Rat.
Europäisches Patentamt, Wien
Verringert diese Erweiterung den
Stellenwert der Architektur?
Im Gegenteil. Wenn man den integralen
Gedanken ernst nimmt, ist es
eine Bereicherung. Architekten brauchen
den Input anderer Disziplinen,
um den besten Entwurf zu entwickeln.
Ich habe lange in Deutschland
gelebt, wo alles bis zur Schnittstelle
definiert wird. Für viele Deutsche ist
es ungewohnt, über den Tellerrand
hinauszudenken. Die Österreicher
sind da vielleicht etwas flexibler und
pragmatischer.
Können Sie den Bauherren auch in
Deutschland vermitteln, dass Ihre
Her angehensweise anders ist?
Das hängt vom Bauherrn ab. Die
meisten, mit denen wir sprechen,
verstehen die Idee sofort und finden
sie großartig. Im Tun stößt man
manchmal auf Grenzen. Wir bauen
sehr viel für mittelständische Unternehmen.
Dort wird das sehr wohlwollend
aufgenommen, weil es weniger
darum geht, den Prozess einzuhalten,
sondern darum, ein Gebäude mit
Qualität, innerhalb der Zeit und der
Kosten zu entwickeln und zu bauen.
Sie haben in Hamburg ein Büro aufgebaut,
jetzt führen Sie 1.500 Mitarbeiter.
Wie erleben Sie diesen Sprung,
haben Sie Respekt vor der Aufgabe?
Respekt sollte man auf jeden Fall haben.
Die Vorbereitung in Hamburg
hat mir viel geholfen. Wir haben 2020
gestartet, als ich Hamburg Ende 2024
verlassen habe, waren wir knapp 60
Menschen. Da lernt man, sich zu fokussieren.
Das ist übrigens ein urei-
genes architektonisches Element: ein
klares Konzept zu haben, dieses Konzept
vielleicht mal anzupassen, sich
aber nicht von Nebengeräuschen
ablenken zu lassen, sondern diese
Klarheit durchzuziehen. Ich glaube,
in einer Unternehmensführung ist
das nicht viel anders. Es macht keinen
Unterschied, ob es 60 oder 1500
sind. Die Masse ist größer, die Organisation,
auf die man sich stützen
kann, ist auch eine andere. In meiner
Rolle muss ich mich auf die Themen,
die Strategieentwicklung fokussieren
und mich nicht vom Tagesgeschäft
wegziehen lassen. Ich war immer
schon ein Mensch, der sich nicht so
sehr im Detail verloren hat, sondern
dem es Spaß gemacht hat, sich mit
vielen Themen auseinanderzusetzen.
Ich hatte mit meinem Vater seit Beginn
einen wöchentlichen Termin, wo
wir uns über die Unternehmensthemen
abgestimmt haben.
Ihr Vater hat vor sechs Jahren in diesem
Magazin von den drei Vitruv´schen
Prinzipien Festigkeit, Nutzen,
Anmut gesprochen. Wie definieren
Sie Architektur?
Mein Vater stammt aus einer anderen
Generation und ist, geprägt von
Le Corbusier, stärker der klassischen
Moderne verpflichtet. Dennoch teilen
wir zentrale Prinzipien, die auch
unsere Entwurfshaltung bei ATP prägen:
erstens Einfachheit – die besten
Lösungen sind oft die einfachsten.
Zweitens Beständigkeit – nachhaltige
Architektur ist flexibel nutzbar
und langlebig. Drittens der Genius
Loci – wir entwerfen im Kontext des
© ATP architekten ingenieure/ PIERER.NET
u
architektur PEOPLE
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ATP architekten ingenieure
© ATP architekten ingenieure/Silisight Frankfurt
Rupprecht-Haus, Gevelsberg, DE
Wie verändert sich durch KI die
Arbeit der Planer?
Wir werden nicht weniger, sondern
anders arbeiten. KI wird Routineaufgaben
übernehmen und damit Zeit
für Analyse, Kreativität und Entscheidung
schaffen. Wichtig ist, die
Technologie als Werkzeug zu begreifen,
nicht als Ersatz.
jeweiligen Ortes, in Kroatien anders
als in Zürich oder Wien. In Zürich
wurde ich von der „Analogen Architektur“
um Aldo Rossi geprägt, von
Lehrern wie Roger Diener, Herzog &
de Meuron und Miroslav Šik, die den
Bezug zum Ort ins Zentrum stellten.
Und viertens Integrale Kohärenz
– Architektur als Einheit von
Entwurf, Technik und Tragwerk. Ich
habe bei Volkwin Marg gelernt, dass
Gestaltung nur im Zusammenspiel
mit allen Elementen Sinn ergibt. Die
Vitruv’schen Prinzipien – Festigkeit,
Nutzen und Anmut – fassen das gut
zusammen: Ein Haus soll funktional,
dauerhaft und inspirierend sein.
Ihr Vater war stets ein Verfechter
der Zusammenarbeit zwischen Architekten
und Ingenieuren. Gilt das
auch für Sie?
Das ist für die Identität unseres Unternehmens
ganz wichtig. Wenn Ingenieure
beim Entwurf mitdenken,
können wir ihn viel stärker machen.
Wenn jeder nur in seinem Kasten
denkt, dann wird es am Ende eine additive
Geschichte, die im Zweifelsfall
den roten Faden eher konterkariert
als unterstützt.
Welche Rolle spielt künstliche
Intelligenz bei ATP?
Ich glaube, wir befinden uns, was KI
betrifft, ganz am Anfang und momentan
auf einem Höhepunkt der
ersten euphorischen Welle. Wir merken,
wo es sinnvoll ist, in die Richtung
weiterzugehen und wo man vielleicht
mit klassischer Automatisierung
oder Parametrisierung besser dran
ist und weniger Zeit und Ressourcen
verschwendet. Nichtsdestotrotz gibt
es enorm interessante und mächtige
Anwendungsbeispiele. Präsentationsbilder,
die früher über Nacht gerendert
wurden, entstehen heute in
Sekunden. KI ersetzt uns nicht, sie
erweitert unsere Möglichkeiten. Sie
hilft bei Routineaufgaben und verschafft
Raum für Kreativität. Wir entwickeln
auch eigene Systeme – etwa
eine interne Wissensdatenbank, die
auf frühere Projekte zugreift und
Mitarbeitende unterstützt.
Technologiezentrum Seestadt, Wien
Wie sehen Sie die Zukunft des Bauwesens,
auch im Hinblick auf Herausforderungen
wie Klimawandel?
Wir müssen wieder intelligenter und
ressourcenschonender planen. Jahrzehntelang
war die einfachste Lösung,
Bestehendes abzureißen. Im
Prinzip geht es darum, wieder mehr
Hirnschmalz in die Aufgabe zu stecken
und nicht nur Standardlösungen
zu verfolgen. In einem Wiener
Hotel mit 500 Zimmern prüfen wir,
ob Sanitärkeramik wiederverwendet
werden kann. Das hätten wir vor zehn
Jahren nicht gemacht. Zukünftig
werden wir mehr im Bestand bauen,
denn unsere Welt ist weitgehend gebaut.
Wir brauchen resiliente, flexible
Gebäudetypen, besonders in europäischen
Städten. Gründerzeitbauten
sind dafür ein hervorragendes
Beispiel: gleiche Struktur, verschiedene
Nutzungen. Viele Funktionen
kann ich langfristig nutzbar machen.
Ein zweites Thema ist die Frage der
Kollaboration. Wir haben das große
Glück, dass wir enorm viele Kompetenzen
innerhalb der Unternehmensgruppe
haben, aber bei weitem
nicht alle, die wir brauchen. Früher
hätte man ungern mit anderen Büros
zusammengearbeitet. Heute
ist Kooperation selbstverständlich.
In Hamburg haben wir gemeinsam
mit Diener & Diener Architekten ein
komplexes Projekt umgesetzt, beide
brachten ihre Stärken ein. Ähnliches
hat mein Vater mit Coop Himmelb(l)
au versucht, das ist damals noch gescheitert,
weil es eine andere Welt
war. Ich glaube, wir bewegen uns in
eine Richtung, in der dieses personenbezogene
Architekturbild nicht
mehr so stark ist, sondern wieder das
Projekt und das Kollektiv stärker in
den Fokus rückt.
u
© ATP architekten ingenieure/Kuball
37
www.architektur-online.com
NICHT AUS DER FASSUNG ZU BRINGEN.
ATP Architekten Ingenieure
Neues Folien-Schnelllauftor mit selbstreparierendem Reißverschlusssystem
Fotos: Teckentrup GmbH & Co. KG
Zum Produktvideo
Leise, schnell und absolut reibungslos – so kommt
das Folien-Schnelllauftor HSD-I von Teckentrup für
den Innenbereich daher.
Der Clou: Das Tor ist mit einem integrierten Crash-
Schutz-System ausgestattet, das den Aufprall automatisch
absorbiert. Dabei löst sich der Torbehang
aus der Führungsschiene. Schäden am Tor werden
so effektiv vermieden. Dank eines integrierten Behang-Einlauftrichters
im Schienensystem repariert
sich das Tor selbst, indem das Reißverschlusssystem
beim Hochfahren automatisch wieder einfädelt. Das
sorgt für erhöhte Sicherheit und verbessert zugleich
die Wirtschaftlichkeit.
Folien-Schnelllauftore eignen sich bestens für den Einsatz in industriellen
Umgebungen und Logistikzentren. Sie trennen effektiv
verschiedene Zonen voneinander und ermöglichen zugleich eine
reibungslose Durchfahrt für Flurförderzeuge. Dank schneller Öffnungs-
und Schließmechanismen tragen die Tore maßgeblich zur
Effizienzsteigerung und Energiekostensenkung bei. Der flexible Vorhang
passt sich an und bietet somit optimalen Schutz für Mitarbeiter
und Anlagen.
Das neu entwickelte Teckentrup Folien-Schnelllauftor bietet bereits
standardmäßig eine Reihe fortschrittlicher Funktionen: Das serienmäßige
Lichtgitter mit der höchsten Sicherheitsklasse deckt den
Gefahrenbereich bis zu 2500 mm Torhöhe ab. Bei Erkennung von
Hindernissen stoppt das Tor sofort und öffnet sich. Die Selbstreparaturfunktion
stellt sicher, dass sich der Torbehang nach einem Crash
schnell selbst wieder einfügt, um Ausfälle im Betriebsablauf zu vermeiden.
Auch optisch überzeugt das Tor: Fünf Standardfarben (Karminrot,
Enzianblau, Zinkgelb, Reinorange, Achatgrau) sowie weitere verfügbare
Vorzugsfarben bieten viele Möglichkeiten, Akzente zu setzen.
Weiches Abschlussprofil ohne Stahlschwert:
Mit Kies gefüllt verhindert es das Eindringen
von Zugluft, indem es Bodenunebenheiten
ausgleicht, ebenso mindert es Schäden an
Tor und Umgebung.
Ausgleichsfedern sorgen für einen ruhigen
Torlauf. Sie tragen außerdem ebenso wie
das Abschlussprofil zur Behangspannung
des Folien-Schnelllauftors bei.
Ausgestattet mit dem innovativen
Selbstreparatursystem,
hohen Dauerlaufeigenschaften
sowie einer äußerst
robusten Ausführung verringern
unsere Tore Stillstandzeiten
und reduzieren den
Wartungsaufwand.
Achim Schröter
Key Account Manager Tore,
Teckentrup GmbH & Co. KG
WWW.TECKENTRUP.BIZ
architektur PEOPLE
38
ATP architekten ingenieure
© beyond visual arts
Innovation Center Düren
Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei?
Ich glaube schon. Der Druck steigt
natürlich auch, weil die Anforderungen
an uns Planer viel komplexer
und größer sind, als das früher der
Fall war. Und wir sehen am Markt
gerade eine Konsolidierung von Planungsbüros,
sowohl in Österreich als
auch in Deutschland, die es bis jetzt
nicht gab. Viele Architekturbüros in
Deutschland und Österreich, die keine
geregelte Nachfolge haben, verkaufen
an große Finanzinvestoren,
an Konglomerate. Die größten vier
oder fünf schwedischen Architekturbüros
haben 80 Prozent Marktanteil.
Das gibt es in Österreich und
in Deutschland, Gott sei Dank, noch
nicht, diese Fragmentiertheit trägt
stark zur Qualität unserer Baukultur
bei. Ich glaube, das wird das Gegenmodell
sein zur finanzgetriebenen
Konsolidierung, die wir am Markt
sehen, nämlich dass man anfängt,
Netzwerke zu bauen und in diesen
Netzwerken zu kollaborieren.
Wie stehen Sie zur Debatte Hightech
versus Lowtech im Bauwesen?
Lowtech funktioniert nur mit Hightech-Ingenieuren.
Wenn man den
Entwurfsgrundsatz Beständigkeit
ernst nimmt, dann muss ich ja so
bauen, dass das Haus möglichst lange
besteht. Wenn aber bei komplexer
Haustechnik einmal der Strom ausfällt
und das ganze Haus nicht mehr
funktioniert, dann werde ich diesem
Prinzip nicht gerecht. 2013 habe ich
ein halbes Jahr in Katar gearbeitet.
Was mich damals gewundert hat, war
dieser Architekturimperialismus, den
man in Dubai, in Abu Dhabi, in Katar
sehen konnte, wo man versucht
hat, sich mit westlicher Architektur
zu profilieren. Wir als ATP nicht,
aber viele westliche Architekten sind
dort hingegangen und haben gesagt,
jetzt zeigen wir mal den Arabern,
wie wirklich gute europäische oder
amerikanische Architektur funktioniert.
Rund zehn Jahre später gibt es
eine neue Art von lokalem Selbstbewusstsein.
Es entstehen nicht mehr
die Glaswolkenkratzer in der Wüste,
sondern wieder klassische arabische,
marktähnliche Strukturen, eine
Rückbesinnung auf das, wofür es
jahrhundertelang einen guten Grund
gab. In unseren Breitengraden ist
das Schrägdach so ein Element. Wir
haben jahrzehntelang Flachdächer
gebaut und haben überall Wasserschäden.
Es gibt einen guten Grund,
warum unsere Häuser ein Schrägoder
Satteldach hatten.
Stararchitekten bauen im arabischen
Raum. Wie steht ATP zu Aufträgen in
Ländern mit diktatorischen Regimen?
Wir sind absichtlich nicht dem Hype
nach China oder Arabien gefolgt.
Erstens, weil wir die Kultur nicht
kennen, zweitens, weil uns der Architekturimperialismus
widerstrebt hat
und drittens, weil wir nicht in Ländern
bauen wollen, wo wir der Willkür
eines Regimes ausgesetzt sind.
In Russland hatten wir am Ende ein
Center of Excellence, Graz
Büro mit fast 200 Mitarbeitern, weil
wir in einer Zeit dorthin gegangen
sind, wo es so ausgesehen hat, als
ob Russland sich zu einer demokratischen
Gesellschaft entwickelt. Mit
dem Kriegsausbruch hat man dann
gemerkt, dass das nicht der Fall ist.
Das war ein Dilemma, weil wir natürlich
auch eine Verantwortung gegenüber
unseren Mitarbeitern hatten.
Wir haben das Russlandgeschäft
dann aufgegeben. Es ist nicht mit
unserer Wertehaltung vereinbar.
Welche Bedeutung haben Wettbewerbe
für ATP, geladene und offene?
Offene Wettbewerbe sind wichtig,
aber aus volkswirtschaftlicher
Sicht betrachtet totaler Wahnsinn.
Wir haben lange keine Wettbewerbe
gemacht, weil die Meinung war,
dass wir sie zur Akquisition nicht
benötigen, weil wir direkt angefragt
wurden. Als ich zu ATP gekommen
bin, habe ich das Wettbewerbswesen
wieder forciert, aber nicht nur
zur Projektakquisition, sondern
um präsentieren zu können, dass
wir auch stark im Entwurf sind. Wir
sind sicher nicht das erfolgreichste
Wettbewerbsbüro, aber wir gewinnen
rund zehn Prozent aller unserer
Wettbewerbsprojekte.. Davon werden
dann vielleicht 60 Prozent auch
umgesetzt. Aber der Wettbewerb
ist natürlich ein Lernprozess, wo wir
uns intellektuell und handwerklich
mit anderen großen Büros reiben
können. Die sinnvollsten Wettbewerbsverfahren
sind die, wo eine
Handvoll Büros ausgewählt werden,
die auch eine vernünftige Entlohnung
dafür erhalten, und dann in einem
konzentrierten Dialogverfahren
gearbeitet wird.
•
© Fischer
www.architektur-online.com
39
querkraft
© Studio Feldmann
Rotunde der Architekturikone Omega Haus
WIR SCHLIESSEN DEN
KREISLAUF
KREIS(LAUF)
WICONA Soluptatur, ist omnis Vorreiter incipic für ilique echtes con zirkuläres et voloratem Bauen qui – mit sus bis porpor zu rentis
100 esecumqui % recyceltem voloreperum End-of-Life-Aluminium. quam ant aliae vel Gemeinsam inverspedio is mit nossimp unseren eriate
Partnern sunt lanihic übernehmen illamus cipsunt wir die voles Rückführung eaqui que moluptae. des Aluminiumschrotts
Dis molupis ius
aus et et Bestandsgebäuden deri blabo. Re net volendis und bereiten nobitas ihn cones in unserem qui tota Hydro quam Recycling ut volute
Werk voluptataest wieder offictotatum auf. So entstehen ut poreribusam neue Fenster, aligendia Türen perum und Fassaden accus, quunt –
und ullaborem. das Aluminium bleibt als wertvoller Rohstoff in der Branche.
Pressen der
Aluminiumprofile
Projekt
ECHTE
KREISLAUF-
WIRTSCHAFT
BY HYDRO
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Einschmelzen und OMEGA HAUS, Sortieren Offenbach, undGermany
Gießen der Pressbolzen
Schreddern
So schließt WICONA den Kreislauf – wie bei der Revitalisierung
des Omega Hauses in Offenbach.
architektur PEOPLE
40
WGA ZT
Vom Gestalter zum
Unternehmer
Interview mit Harald Oissner von WGA ZT
Interview: Andreas Laser
Was 1957 als kleines Architekturbüro in Wien begann, ist
heute ein international tätiges Unternehmen mit Standorten
in Wien, Berlin und Frankfurt am Main. Heute, unter der Leitung
von Harald Oissner, agiert die WGA ZT GmbH mit über
100 Mitarbeiter:innen an drei Standorten – Wien, Berlin und
Frankfurt am Main – und deckt ein breites Leistungsspektrum
von Architektur und Generalplanung bis zu Projektentwicklung
und Baumanagement ab. Beim persönlichen Treffen
sprach Harald Oissner über das sich wandelnde Berufsbild
des Architekten, die Herausforderungen zwischen Kostenund
Nachhaltigkeitsdruck – und darüber, warum er überzeugt
ist, dass Architektur auch im Zeichen der voranschreitenden
Digitalisierung ein menschlicher Prozess bleiben wird.
Herr Oissner, Ihr Büro blickt auf eine
lange Tradition seit 1957 zurück. Wie
hat sich Ihr Selbstverständnis als Architekturbüro
in diesen Jahrzehnten
entwickelt?
Die Jahreszahl 1957 braucht eine
kurze Erläuterung. Mein Berufsvorgänger
hat in diesem Jahr ein Büro
gegründet; die GmbH, in der wir uns
heute rechtlich bewegen, besteht
seit 1981 und wurde 1998 zur Ziviltechniker
GmbH. Viel entscheidender
als die Chronologie ist für mich
jedoch, wie sich unser Selbstverständnis
entwickelt hat.
Ich bezeichne uns bewusst nicht
gerne als klassisches Architekturbüro.
Ich verstehe auch mich selbst
vielmehr als Architektur-Unternehmer
– jemand, der Architektur auch
unter wirtschaftlichen und organisatorischen
Gesichtspunkten denkt.
Deshalb war es mir immer wichtig,
unsere Struktur so aufzubauen, dass
man von einem professionell geführten
Betrieb sprechen kann. In unserer
Branche wird Architekten ja oft die
unternehmerische Verantwortung
abgesprochen, als würden wir uns nur
auf die Gestaltung eines Baukörpers
konzentrieren. Dabei tragen wir eine
weit größere Verantwortung, die Planung,
Organistation und Wirtschaftlichkeit
gleichermaßen umfasst.
Diese unternehmerische Haltung
war auch der Treiber für unsere Entwicklung,
zum Beispiel für die Erweiterung
unserer Standorte nach
Deutschland. 2015 hatten wir rund 50
Mitarbeiter:innen und ich habe mich
gefragt, ob der österreichische Markt
langfristig groß genug für ein Büro
dieser Größenordnung ist. Also haben
wir zunächst in Berlin und später
in Frankfurt einen Standort eröffnet.
Das hilft uns heute sehr, Schwankungen
am österreichischen Markt auszugleichen
und das Unternehmen auf
eine breitere Basis zu stellen.
Die Baubranche steht aktuell unter
starkem Druck durch steigende Kosten
und schwierige Finanzierungsbedingungen.
Welche konkreten
Auswirkungen spüren Sie in Ihren
Projekten?
www.architektur-online.com
41
WGA ZT
Wir hatten zuerst Corona, dann einen
unheimlichen Anstieg der Baupreise
und Zinsen. Die direkteste Auswirkung
für uns war der Zusammenbruch
im Wohnbau. Dieser Sektor
machte Ende 2022 noch rund 28 %
unseres Gesamtumsatzes aus – ein
Jahr später waren es nur noch 4,5 %.
Glücklicherweise hatten wir uns bereits
stärker auf Bildungs- und Gesundheitsbauten
konzentriert und
konnten so einiges kompensieren.
Aber aktuell spüren wir den Spardruck
der öffentlichen Hand deutlich.
Viele wichtige Projekte – insbesondere
im Gesundheitswesen – werden
aufgeschoben oder eingestellt. Das
ist kurzfristig eine Entlastung für
Budgets, aber langfristig natürlich
keine nachhaltige Lösung.
Wie gelingt es noch, anspruchsvolle
Projekte unter diesen Bedingungen
wirtschaftlich umzusetzen?
Die enge Verzahnung unserer Disziplinen
hilft uns dabei enorm. Da
wir uns intensiv mit Projektentwicklung
beschäftigen, verstehen wir die
wirtschaftlichen Zwänge unserer
Auftraggeber besser. Das wird sehr
geschätzt. Wir wissen genau, welche
architektonische Maßnahme welche
wirtschaftliche Auswirkung hat, und
können den gestalterischen Prozess
so steuern, dass wir wichtige Punkte
beibehalten und an anderer Stelle
optimieren. Das interne Controlling
sichert zudem ab, dass wir uns selbst
nichts über den Erfolg eines Projektes
vormachen – weder gestalterisch
noch wirtschaftlich.
Besonders gut gelingt das in der Regel
bei öffentlichen Auftraggebern,
etwa im Bildungsbau. Bund, Länder
und Gemeinden nehmen ihre Verantwortung
meist sehr gut wahr und
schätzen unsere Rolle als Architekten.
Dort ist man sich bewusst, dass
die Gebäude langfristig erhalten und
betrieben werden müssen. Der Bewertungszeitpunkt
ist nicht, wie oft
im frei finanzierten Wohnbau, ein
kurzfristiger Verkaufszeitpunkt. Es
handelt sich vielmehr um eine langfristige
Perspektive.
Aufgrund steigender Schülerzahlen wurde die Volksschule Laaer-Berg-Straße 170 im 10. Wiener
Gemeindebezirk erweitert und funktional neu organisiert. Der Zubau fügt sich in den Bestand ein
und schafft eine räumlich und pädagogisch zeitgemäße Lernumgebung. Das Projekt wurde mit der
klimaaktiv Gold-Zertifizierung ausgezeichnet
Es hängt stark vom Bauherrn ab. Ein
großer Bauträger hat meist eigene
Fachabteilungen und ein gutes
Schnittstellenmanagement. Aber
viele Auftraggeber verfügen nicht
über diese Strukturen – für sie ist
es ein großer Vorteil, wenn sie einen
Ansprechpartner haben, der alles abdeckt.
Unser Anspruch ist, dem Bauherrn
Sicherheit zu geben. Wir tun alles,
um den Erwartungen gerecht zu
werden. Schließlich bleibt jedes Gebäude
ein Unikat – und das birgt Risiken.
Da ist Vertrauen entscheidend.
Wie sichern Sie die Qualität über alle
Phasen hinweg? Gibt es etablierte
Kontrollmechanismen?
Wir sind derzeit als einziges Architekturbüro
in drei Bereichen
ISO-zertifiziert: für Qualitätssicherung
(ISO 9001), Umweltmanagement
(ISO 14001) und IT-Sicherheit
(ISO 27001). Diese Systeme helfen
uns, Prozesse risikominimiert zu
steuern. Man darf aber nicht vergessen:
Unser Beruf ist nicht wie
der eines Piloten, der eine Checkliste
abarbeitet. Man kann bei 1.000
Punkten ein Häkchen setzen, und
trotzdem kann das Ergebnis nicht
hervorragend sein. Genau deshalb
glaube ich auch nicht, dass unser
Beruf durch KI ersetzt werden kann.
Unmittelbares, kritische Denken ist
für den Erfolg entscheidend. u
Das House of Health Professions am FH Campus Wien entstand in Arbeitsgemeinschaft mit F + P
Architekten. Als Generalplaner setzte WGA ZT auf eine integrale Planung mit Building Information
Modelling, um das Projekt in allen Phasen des Lebenszyklus digital und ganzheitlich zu begleiten.
© Kurt Hoerbst
Als Generalplaner begleiten Sie Projekte
von der Entwicklung bis zur
Fertigstellung. Wo liegen für Bauherren
die größten Vorteile, wenn alles
„aus einer Hand“ kommt?
© Kurt Hoerbst
architektur PEOPLE
42
WGA ZT
Sie erwähnen KI – wie nutzen Sie
diese Technologien in Ihrem Büro?
Wir testen KI sehr aktiv. Etwa zur Fehlersuche
in Plänen – hier ist sie enorm
effizient. Auch im Entwurfsprozess
nutzen wir sie, um Varianten zu generieren
und Entscheidungen vorzubereiten.
Aber KI ersetzt nie den kreativen
Prozess. Sie ist ein Werkzeug,
kein Ersatz für das eigene Denken.
Und beim Schriftverkehr wird sie
im Büro natürlich verwendet. Ich
persönlich bin dahingehend, aber
zurückhaltend. Texte selbst zu formulieren
bedeutet, über Inhalte zu
reflektieren – und auch das halte ich
für wesentlich.
Kreislaufwirtschaft und modulare
Bauweisen spielen eine immer größere
Rolle. Wie setzen Sie diese Prinzipien
konkret um?
Wir beschäftigen uns damit sehr intensiv,
auch weil es von öffentlichen
Auftraggebern immer stärker nachgefragt
wird. Ein aktuelles Vorzeigeprojekt
ist die Grundschule Schwarzenbek,
wo wir Kreislaufwirtschaft
mit modularer Holzbauweise kombiniert
haben. Die Frage war: Wie können
wir das Gebäude so konzipieren,
dass es später wieder zerlegt und
seine Bestandteile wiederverwendet
werden können? Modulbau ist hier
weit mehr als das Stapeln von Containern.
Die Vorproduktion im Werk
erhöht zudem die Qualität, reduziert
den Personaleinsatz und minimiert
Staub und Lärm auf der Baustelle.
Wie wichtig sind dahingehend Zertifizierungen
wie DGNB oder ÖGNI für
Ihre Arbeit und für Ihre Auftraggeber
geworden?
Das Thema ist immer stärker geworden,
nicht zuletzt, weil Banken bei
der Finanzierung, etwa von Mietprodukten,
danach fragen. Ich sage
immer: Eine Zertifizierung ist besser
als keine. Sie zwingt alle Beteiligten,
sich mit Themen der Langfristigkeit
und Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen,
die sonst vielleicht außen
vor gelassen würden. Wir haben
inzwischen ein eigenes Zertifizierungs-Team
und machen bei fast jedem
Projekt interne „Pre-Checks“,
um zu sehen, wo ein Gebäude landen
würde – auch wenn der Auftraggeber
keine offizielle Zertifizierung
wünscht. Das hilft uns, die Qualität
unserer Projekte kontinuierlich zu
verbessern und das Wissen im gesamten
Team zu verankern.
Sie arbeiten intensiv mit BIM. Sehen
Sie die Digitalisierung primär als
Effizienztreiber oder verändert sie
auch die Art, wie Architektur konzipiert
wird?
Ich sehe sie nicht per se als Effizienztreiber.
Unser Zeiteinsatz pro
Leistungsphase hat sich über die
Jahrzehnte kaum verändert. Was
sich aber verändert hat, ist, dass die
rein mechanische Arbeit heute viel
schneller geht. Das ermöglicht es
uns, die gewonnene Zeit zu nutzen,
um über die eigentlichen architektonischen
Themen viel länger und
intensiver nachzudenken. Ein großer
Vorteil für Bauherren ist die Risikominimierung,
etwa durch die Kollisionsprüfung
zwischen Hochbau und
Gebäudetechnik im BIM-Modell.
Überraschungen auf der Baustelle
lassen sich so vermeiden. Für die erwähnten
Themen Cradle-to-Cradle,
Umweltzertifizierungen und Modulare
Bauweise ist BIM ohnehin praktisch
eine Grundvoraussetzung.
Der Fachkräftemangel betrifft viele
Bereiche des Bauens. Wie gelingt es
Ihnen, Ihr Team langfristig zu motivieren,
und welche Rolle spielt dabei
die Weiterbildung?
Für uns hat sich der Fachkräftemangel
etwas relativiert, da durch den
Rückgang im Wohnbau viele Büros
weniger ausgelastet sind. Die Zahl
der Bewerbungen ist seither enorm
gestiegen. Die Herausforderung liegt
eher in der Erfahrung der Bewerber:innen.
Das ist für uns aber nicht
In Schwarzenbek bei Hamburg wird die
Grundschule in der Breslauer Straße
erweitert und das Jugendzentrum neu
errichtet. Ziel ist ein ökologisches, adaptives
und rückbaubares Gebäude, das soziale,
ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit
vereint. Dank modularer Bauweise
und hohem Vorfertigungsgrad bleibt der
Schulbetrieb während der Bauphasen weitgehend
ungestört.
© WGA ZT GmbH
www.architektur-online.com
43
WGA ZT
© VIS Studio Feldmann
Das Omega-Haus in Offenbach am Main, eine Architekturikone der 1990er-Jahre, wird von der WGA ZT GmbH umfassend
saniert und in ein EGB 55-konformes Multi-Tenant-Gebäude mit angestrebter LEED-Gold-Zertifizierung überführt.
so gravierend, da wir ohnehin eine
andere Strategie verfolgen: Wir arbeiten
oft mit jungen Menschen, die
noch studieren. Wenn wir Potenzial
und Lernbereitschaft erkennen, holen
wir sie direkt von der Universität
zu uns und bilden sie weiter aus. Was
die Langfristigkeit und Unternehmenszugehörigkeit
betrifft, haben
wir damit die größten Erfolge. Die
Weiterbildung, vor allem in Form interner
Schulungen, spielt darüber
hinaus das ganze Arbeitsleben lang
eine große Rolle. Wir versuchen, unseren
Kolleginnen und Kollegen all
das mitzugeben, was wir in diesem
Beruf für wichtig halten.
Fachmagazin: Sie sprechen die Ausbildung
an. Sehen Sie Defizite in der
Lehre an den Hochschulen?
Ja, definitiv. Wir stellen fest, dass wir
oft Leute mit abgeschlossenem Studium
hier haben, die aber über sehr
wenig technisches Wissen verfügen.
Besonders in den Bereichen CAD und
BIM gibt es oft große Defizite. Das
führt dazu, dass Architekturbüros
allgemein in einem sehr starken Ausmaß
selbst ausbilden müssen. Das ist
mit einem erheblichen personellen
und finanziellen Aufwand verbunden,
der für kleinere Büros eigentlich
nicht tragbar ist. Die Architekturausbildung
an sich ist nicht falsch, aber
der Beruf des Architekten ist eben
nicht der eines reinen Gestalters. Architektur
hat wichtige gestalterische
Komponenten, aber sie hat genauso
wichtige technische, funktionale und
wirtschaftliche Komponenten. Und
diese Themen kommen in der Ausbildung
aktuell sehr kurz.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Entwicklungen
werden die Arbeit von
Architekturbüros in den nächsten
Jahren am stärksten prägen?
Die fortschreitende Digitalisierung
und der Einsatz von KI werden sicher
weiterhin sehr prägend sein. Ich bin
aber fest davon überzeugt: Dieser
Beruf ist ohne den Menschen nicht
machbar. Es wird keine künstliche Intelligenz
ohne natürliche Intelligenz
geben. Das schon angesprochene
kritische Denken bleibt der entscheidende
Faktor.
Ich bin außerdem überzeugt, dass
die Aufgaben für Architekten in Zukunft
viel mehr im Bereich des Bestandes
liegen werden. Es ist eine
sehr positive Entwicklung, dass man
heute viel sensibler mit der gebauten
Umwelt umgeht. Wir haben hier aktuell
so viele Projekte wie noch nie.
Was wünschen Sie sich abschließend
von den politischen Rahmenbedingungen,
um die Baukultur zukunftsfähig
zu gestalten?
Ein wichtiges Thema, das auch in unserer
Kammer diskutiert wird, ist die
Vergabe von öffentlichen Aufträgen.
Wir beobachten die Zunahme von Totalunternehmer-
bzw. Generalübernehmerauslobungen.
Der Architekt
ist bei derartigen Verfahren gestalterisch,
technisch und wirtschaftlich
von einem Bau- und Finanzierungkonsortium
abhängig. Hier braucht
es klare Rahmenbedingungen, um die
Qualität und die Rolle der Architektur
zu sichern.
•
Die Generalsanierung des Studentenheims Canisianum in Innsbruck folgt den Prinzipien Wohnqualität,
Nachhaltigkeit und Klarheit. Durch die behutsame Integration moderner Strukturen in die
denkmalgeschützte Bausubstanz wurde das 1910/11 errichtete Gebäude zeitgemäß erneuert und für
die Zukunft gesichert.
© Kurt Hoerbst
architektur PEOPLE
44
Dietmar Brüderl und Thomas Blacher
Nachhaltig denken,
präzise handeln
Interview mit Dietmar Brüderl und Thomas Blacher
Das Omega-Haus in Offenbach am Main, eine Architekturikone der 1990er-Jahre, wird von der
WGA ZT GmbH umfassend saniert. Im Zuge der Revitalisierung stand die Frage im Mittelpunkt,
wie sich die markante Bandfenster-Fassade energetisch optimieren lässt, ohne sie vollständig
zu erneuern. Gemeinsam mit dem Fassadenbau-Partner Heidenbauer Aluminium entwickelte
WICONA dafür eine maßgeschneiderte Sanierungslösung, die den Bestand weitgehend erhält
und zugleich heutigen energetischen Anforderungen gerecht wird. Im Interview sprechen
Dietmar Brüderl (WICONA Projekt Service) und Thomas Blacher (Heidenbauer Aluminium)
über den Entwicklungsprozess, die technischen Herausforderungen und die Zusammenarbeit
aller Beteiligten – vom ersten Aufmaß bis zur präzisen Umsetzung auf der Baustelle.
Thomas Blacher, Geschäftsführer des Fassadenbau-Unternehmens
Heidenbauer Aluminium (Bruck an der Mur).
Wie ist die Idee zum
Sanierungsfenster entstanden?
Thomas Blacher: Der Impuls kam
aus dem Projekt selbst. Der Bauherr
des Omega Hauses hatte eine
wirtschaftlich tragfähige Sanierung
gefordert – mit möglichst wenig
Eingriff in die bestehende Gebäudestruktur
und hohen Anforderungen
an die Energieeffizienz. Für uns
stellte sich daher vor allem die Frage:
Können wir die vorhandenen Blend-
rahmen erhalten und gleichzeitig die
geforderte energetische Performance
erreichen? Gemeinsam mit WICO-
NA sind wir das Thema dann systematisch
angegangen.
Wie läuft ein solcher Entwicklungsprozess
bei Sanierungsprojekten typischerweise
ab?
Dietmar Brüderl: Wir starten – so
auch beim Omega Haus – immer
mit einer gründlichen Analyse vor
Ort. Entscheidend ist der Zustand
der vorhandenen Fenster- bzw. Fassadenkonstruktion:
Ist der Blendrahmen
noch tragfähig? Sind die
Bauanschlüsse dicht? Welche Anforderungen
werden an die energetische
Sanierung gestellt? Auf
Basis dieser Parameter entwickeln
wir dann gemeinsam mit dem Fassadenbauer
eine projektspezifische
Lösung. Wichtig ist: Wir versuchen
immer, den Eingriff in den Bestand
so gering wie möglich zu halten.
Denn das bedeutet nicht nur deutlich
geringere Kosten und kürzere
Bauzeiten, sondern auch weniger
CO 2 -Emissionen – vor allem im Vergleich
zu einem vollständigen Rückbau
und Neubau der Fassade. Genau
darin liegt der besondere Vorteil einer
selektiven Sanierungslösung, wie
wir sie hier beim Omega Haus sehen.
Was war beim Omega Haus
besonders herausfordernd?
Thomas Blacher: Zum einen natürlich
die Größenordnung – rund
5.000 Fenstereinheiten mussten innerhalb
eines engen Zeitrahmens
effizient und präzise bearbeitet
werden. Gleichzeitig hatten wir es
mit einer Bestandsfassade aus den
1990er-Jahren zu tun, in der sich über
die Jahrzehnte Maßtoleranzen aufgebaut
hatten. Diese sauber auszugleichen
und gleichzeitig eine technisch
dichte, optisch saubere und
logistisch machbare Lösung zu entwickeln,
war die eigentliche Herausforderung.
Gemeinsam mit WICONA
haben wir dafür das Sanierungsfenster
inklusive eines projektspezifischen
Adapterrahmens konzipiert –
so wurde eine serielle Umsetzung bei
hoher Qualität möglich.
Wie sieht die Zusammenarbeit in einem
solchen Renovationsprojekt aus?
Dietmar Brüderl: Sehr eng und auf
Augenhöhe. Wir bringen unser Systemwissen
und unsere konstruktive
Erfahrung ein. Die ausführende Firma
steuert die praktische Fassadenbau-Expertise
und das Know-how
bei der Baustellenlogistik bei. So
kommen wir „Hand in Hand“ immer
zu einer Projektlösung, die optisch,
technisch und wirtschaftlich überzeugt
– und zugleich hohe Anforderungen
an Energieeffizienz und
Nachhaltigkeit erfüllt.
www.architektur-online.com
45
Dietmar Brüderl und Thomas Blacher
Welche energetischen Werte
wurden erreicht?
Thomas Blacher: Die neuen Fenster
und Festverglasungen mit Dreifach-Isolierglas
erreichen einen
U-Wert von unter 0,99 W/m²K und erfüllen
alle vom Bauherrn geforderten
Werte des EGB 55-Standards. Dabei
verfügen sie über eine hervorragende
Luftdurchlässigkeitsklasse 4 nach
EN12207 und Schlagregendichtigkeit
der Klasse 9A nach EN12208.
Wie lief die Montage auf der
Baustelle ab?
Thomas Blacher: Dank hoher Vorfertigung
sehr effizient. Nach digitaler
Bestandserfassung – dem sogenannten
digitalen Zwilling – wurden
die benötigten Elemente im Werk
passgenau produziert und auch
schon vormontiert. Vor Ort wurden
die Adapterrahmen in die Bestandsrahmen
eingesetzt, ausgerichtet
und fixiert. Anschließend erfolgte
die Montage der Flügel. Bis zu 150
Einheiten pro Woche konnte unser
Team auf diese Weise montieren.
Ein Projekt mit Vorbildcharakter?
Thomas Blacher: Absolut. Es zeigt,
was möglich ist, wenn alle Partner
frühzeitig an einem Strang ziehen.
Der Schlüssel liegt in der Kombination
aus systematischer Analyse,
gemeinsamer Entwicklung und pragmatischer
Umsetzung. Dieses Modell
ist auf viele weitere Objekte im Bestand
übertragbar – immer vorausgesetzt,
die Rahmenbedingungen
lassen es zu.
Dietmar Brüderl: Das kann ich nur bestätigen.
Nicht zu vergessen: Auch in
puncto Kreislaufwirtschaft ist das Projekt
vorbildlich, denn die End-of-Life-Materialien
der ausgebauten Bestandsfenster
– also Aluminium, Glas
und EPDM-Dichtungen – wurden systematisch
getrennt und von den Projektpartnern
WICONA, Saint-Gobain
Glass und Semperit in die jeweiligen
Wertstoffkreisläufe zurückgeführt.
Die neuen Fensterflügel wurden aus
unserer nachhaltigen Aluminiumlegierung
Hydro CIRCAL 75R hergestellt.
Damit konnten wir nicht nur wertvolle
Ressourcen, sondern auch deutlich
CO 2 -Emissionen einsparen.
Ist das Sanierungsfenster als
Serienlösung denkbar?
Dietmar Brüderl: Wir sehen hier großes
Potenzial. Aber es ist auch klar,
Dietmar Brüderl, Leiter des WICONA Projekt Service.
dass beim Bauen im Bestand jedes
Projekt individuell ist und es daher
niemals eine Einheitslösung geben
wird. Was wir aber auf jeden Fall
schaffen können, ist ein modulares
Prinzip: ein „Sanierungsbaukasten“,
der sich flexibel an unterschiedliche
Projekte anpassen lässt. Auf dieser
Basis entwickeln wir derzeit weiter
– immer mit dem Ziel, die Sanierung
von Fenstern und Fassaden zukünftig
noch wirtschaftlicher und nachhaltiger
zu machen.
•
architektur PEOPLE
46
Hkollektive . studio für architektur & design
Architektur mit
Herz und Haltung
Architektin Carolyn Herzog im Interview
Interview: Linda Pezzei Fotos: Karin Pasterer, culinary jetsetters
Schon früh entdeckte Carolyn Herzog
ihre Faszination für Architektur – nicht
aus Familientradition, sondern aus
einem intuitiven Interesse für Räume,
Formen und Atmosphären. Nach
ihrem Studium an der RWTH Aachen
und Erfahrungen in verschiedenen
österreichischen Büros gründete sie
Hkollektive – ein Studio, das für sinnlich
reduzierte Architektur steht. Projekte
wie das stieg’nhaus am Hochkönig
zeigen, wie Bewegung, Materialität und
Raumgefühl bei ihr zu einer selbstverständlichen
Einheit verschmelzen. Ein
Gespräch über Haltung, Materialien,
kollektives Arbeiten – und die leise
Kraft der Architektur.
„Architektur ist nicht nur eine Zeichnung auf Papier:
Es geht um Raum, Licht ...“
Carolyn Herzog
www.architektur-online.com
47
Hkollektive . studio für architektur & design
Sie haben schon als Kind begonnen,
Fassaden zu zeichnen. Wie kam es,
dass Architektur so früh Ihr Thema
wurde – obwohl Ihre Eltern beruflich
einen ganz anderen Weg eingeschlagen
haben?
Das stimmt, es war für mich immer
da. Ich habe schon mit sieben oder
acht Jahren Gebäude gezeichnet.
Für mich war bald klar: Ich will an die
HTL für Hochbau und später Architektur
studieren. Dass ich dann nach
Aachen gegangen bin, lag auch am
technischen Schwerpunkt dort – und
ich habe es nie bereut. Architektur
war für mich nie ein abstraktes Konzept,
sondern immer auch Handwerk
und Umsetzung.
Wie würden Sie heute Ihre architektonische
Haltung beschreiben?
Mir ist wichtig, dass Architektur nicht
nur auf dem Papier funktioniert, sondern
auch in der Realität. Es geht
um den Spagat zwischen Idee und
Umsetzbarkeit. Räume sollen Ruhe
ausstrahlen, nicht überladen sein,
aber auch nicht kahl wirken. Reduktion
aufs Wesentliche – mit Gefühl.
Details wie Türgriffe oder Armaturen
gehören genauso dazu.
Sie sprechen viel von Gefühl im
Raum. Was macht für Sie das Wesen
von Architektur aus?
Bewegung. Für mich beginnt alles
mit dem Fluss, mit dem Rundgang
durch einen Raum. Es darf keine
abrupten Grenzen geben. Und dann
das Material: Holz, Naturstein, Metall
– möglichst pur und echt. Nur
so bleibt Architektur zeitlos. Sie
soll selbstverständlich wirken, leise,
nicht laut.
Ihre Projekte vereinen oft Architektur
und Innenarchitektur nahtlos. Warum
gehört für Sie beides zusammen?
Weil das eine aus dem anderen entsteht.
Architektur schafft den Raum,
die Innenarchitektur bringt den direkten
Kontakt zum Menschen – zu
dem, was man berührt, sieht, benutzt.
Wenn beides aus einem Guss
gedacht wird, verschmilzt es. Für
mich ist das der spannendste Moment:
wenn ich alles mitdenken darf.
u
Beim Projekt stieg’nhaus verantwortete
Carolyn Herzog Architektur und Interior
Design – von der Entwurfs- und Werkplanung
über die Einreich- und Detailplanung
bis hin zur Gestaltung der Fassade. Besonders
die markante Eingangstür zählt zu
ihren liebsten Entwürfen.
architektur PEOPLE
48
Hkollektive . studio für architektur & design
Mit „Hkollektive . studio für architektur
& design“ haben Sie ein Studio
gegründet, das den Gemeinschaftsgedanken
im Namen trägt. Was bedeutet
Kollektiv für Sie?
„H“ steht für Herzog, „kollektive“ für
das Arbeiten im Team – mit Partnern,
die dieselbe Haltung haben, und auch
mit den Bauherr:innen. Gerade bei
Umbauten oder Bestandsprojekten
ist das wichtig. Es geht nicht darum,
alles abzureißen und neu zu bauen,
sondern Räumen Identität und Sinn
zurückzugeben. Dafür braucht es die
richtigen Menschen, die gleich denken
und lösungsorientiert arbeiten.
Minimalismus ist ein zentrales Motiv
Ihrer Arbeit. Wie schaffen Sie es,
dass Räume trotzdem warm und einladend
wirken?
Für mich gilt: nie mehr als drei Materialien
in einem Raum. Dafür aber großflächig,
mit hoher Qualität und spürbarer
Authentizität. Licht setze ich sehr
bewusst ein – weich, warm, nie als
Raster, sondern dort, wo es gebraucht
wird. So entsteht Atmosphäre.
Ein Projekt, das große Aufmerksamkeit
erregt hat, ist das stieg’nhaus am
Hochkönig. Was war Ihre Leitidee?
Das Treppenhaus war von Anfang an
das Herzstück. Anfangs war es kaum
erkennbar, doch nach der Reduktion
wurde es zum zentralen Element. Ich
habe versucht, diese endlose Bewegung,
diese runde Weichheit in den
gesamten Bau zu übertragen – ob
Badewanne, Sauna oder Feuerring:
alles greift dieses Prinzip auf. Selbst
der Name verweist darauf.
Sie arbeiten bevorzugt mit natürlichen
Materialien. Was fasziniert Sie daran?
Im Rahmen ihres ersten Interior-Design-Projekts “Herzogin” hat Carolyn Herzog nicht nur das
gesamte Raumkonzept gestaltet, sondern auch alle Details aus Schwarzstahl, die Leuchten, Stühle,
Tischbeine sowie Beschriftungen und die Weinhalterungen.
Ihre Wandelbarkeit. Holz kann rau
und distanziert wirken oder warm
und einladend – je nach Bearbeitung.
Stein erzählt mit der Zeit eine
Geschichte, Metall entwickelt Patina.
Das ist authentisch und macht Räume
lebendig. Man spürt das Handwerk,
die Spur der Menschen.
Architektur und Interior-Design aus
einer Hand: Für „glemm483” verantwortete
die junge Architektin den
gesamten Prozess – vom Vorentwurf
über die Einreichung bis hin zur Werkund
Detailplanung.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen persönlich
besonders viel bedeutet hat?
Die kleine Wohnung in Saalbach. Mit
kleinem Budget und großem Anspruch
wurden aus zwei Zimmern
drei – damit eine wachsende Familie
auch auf begrenztem Raum weiterhin
hochwertig wohnen und in ihrem
eigenen Zuhause bleiben kann. Solche
Projekte sind herausfordernd,
aber umso erfüllender, weil man
spürt, dass Architektur hier wirklich
etwas bewirkt.
Wenn Sie zurückblicken: Welche Erkenntnis
begleitet Sie durch Ihre bisherige
Laufbahn?
Dass Überzeugungsarbeit dazugehört.
Manchmal muss man lange
kämpfen, bis auch andere an die eigene
Idee glauben. Das ist kräftezehrend
– aber wenn es gelingt, merkt man am
Ende, dass es sich gelohnt hat. Architektur
bedeutet für mich, auf die eigene
Haltung zu vertrauen und sie mit
Leidenschaft umzusetzen. •
ADI
COMPASSO D’ORO
INTERNATIONAL
AWARD
architektur PEOPLE
50
Kronaus Mitterer Architekten
Orte des Austauschs
und der Teilhabe
Interview mit Christian Kronaus und Peter Mitterer
Interview: Andreas Laser
Ein Schulgebäude ist endlich weit mehr als Klassenzimmer, Gang und
Turnsaal. Es ist Lernlandschaft, Lebensraum und sozialer Mikrokosmos.
Das Architekturbüro Kronaus Mitterer prägt diesen Wandel
heute entscheidend mit. Im Interview sprechen Christian Kronaus und
Peter Mitterer darüber, wie sich pädagogische Konzepte in räumliche
Strukturen übersetzen lassen – und warum der „Raum als dritter
Pädagoge“ dabei keine bloße Metapher ist.
© Kronaus Mitterer Architekten
www.architektur-online.com
51
Kronaus Mitterer Architekten
Das Modell der Gemeinschaftsschule
Adlershof zeigt das Prinzip des „Lernkiez
im Park“ in Berlin: eine organisch gegliederte
Struktur, die Innen- und Außenräume
fließend verbindet. Das Raumkonzept
wird hier anschaulich als offenes, vernetztes
Lerngefüge erfahrbar.
© Kronaus Mitterer Architekten
Was ist der grundlegende architektonische
Gedanke, der all Ihre Projekte
verbindet? Gibt es eine Art
„roten Faden“ in der Philosophie von
Kronaus Mitterer?
Unsere Architektur ist stark ortsgebunden
und entwickelt für den
jeweiligen Bauplatz und die jeweilige
Funktion ein maßgeschneidertes
Gebäude. Daher weisen unsere
Projekte eine große gestalterische
Bandbreite auf, wir arbeiten also
stark mit Prototypen. Was die Projekte
aber gemein haben, ist dass
sie sehr gut in ihren städtebaulichen
Kontext eingebettet sind und ein
schlüssiges Weiterbauen der Stadt
zum Ziel haben. Das ist es auch, was
uns an der Architektur interessiert.
Ihr Büro ist besonders für seine Bildungsbauten
bekannt geworden. Inwiefern
ist gerade diese Bauaufgabe
das ideale Feld, um Ihre architektonische
Haltung in die Praxis umzusetzen?
Der moderne Bildungsbau arbeitet
stark mit offenen Raumkonzepten
wie Lernlandschaften, „Marktplätzen“
und Multifunktionszonen. Gleichzeitig
erfordert das „Cluster“- bzw. „Compartment“-Konzept,
das in den letzten
Jahrzehntenten pädagogisch entwickelt
wurde, die Strukturierung der
Schule in kindergerechte Bereiche und
Maßstäbe. Weiters sehen wir, dass die
Verwebung der Schule mit dem Außenraum
in Form von Freiluftklassen,
Sport- und Spielbereichen im Nahbereich
der Lernräume immer wichtiger
wird. All diese Punkte ermöglichen
das Austesten von spannenden und
innovativen Raumkonzepten, was beispielsweise
im Wohnbau nur viel eingeschränkter
möglich ist.
Welche Rolle spielt die Architektur
für das Lernen im 21. Jahrhundert?
Was muss ein modernes Bildungsgebäude
heute leisten, was es vor 30
Jahren noch nicht musste?
In den letzten 30 Jahren hat sich viel
verändert in der Art und Weise, wie
Wissen vermittelt wird. Frontalunterricht
wird zunehmend durch andere
Lernformate wie Kleingruppen
oder individuelle Förderung ersetzt.
Die Unterrichtsräume müssen daher
Teilungs- und Rückzugsmöglichkeiten,
aber auch Transparenzen und
Sichtbeziehungen ermöglichen. Die
Ganztagesschule wird immer mehr
zur Norm und die Kinder verbringen
dadurch viel mehr Zeit in der
Schule, teils auch in den Sommerferien.
Das Gebäude muss darauf
mit vielfältigeren Raumangeboten
und mit Maßnahmen zur Klimaresilienz
reagieren. Das ist eine große
Chance für uns Architektinnen und
Architekten, diese neuen Herausforderungen
mit neuen räumlichen
Antworten zu unterstützen.
Wie übersetzen Sie moderne pädagogische
Konzepte in architektonische
Raumprogramme – insbesondere,
wenn es um offene Lernlandschaften
und die Gestaltung von Zwischenräumen
geht?
Sinnbildlich für die Übersetzung der
neuen pädagogischen Konzepte in
die Architektur ist die Erschließung in
einem Bildungsbau. Wir alle kennen
noch aus früheren Zeiten die schier
endlosen Gänge in einer Schule. Das
war Niemandsland. Die Bedeutung
der Erschließungswege als Kommunikationsflächen
wurde lange unterschätzt
– heute sieht man das anders.
Wir planen diese Wege so, dass der
Austausch untereinander angeregt
wird. Das schließt eine bewusste
Blickführung in die Klassen- und Arbeitsräume
mit ein. Flure werden zu
Zwischenräumen, die sich aufweiten,
wo Leben und Lernen stattfindet.
Sie verbinden Funktionen, schaffen
Übergänge und lösen Grenzen auf. Im
Zusammenspiel von Wegen, Blicken
und Schwellen zeigt sich für uns die
eigentliche Qualität der Architektur.
Zwischenräume geben dem Gebäude
eine soziale Dimension. In unseren
Lernlandschaften entstehen Platzsituationen
und Rückzugsorte, extrovertierte
und introvertierte Bereiche.
Menschen sind unterschiedlich, und
das Raumangebot muss breit genug
sein, um allen einen Platz zu bieten.
In diesen Zonen finden auch offene
Unterrichtsformen statt, etwa Workshops
oder AGs.
Bei der Übersetzung neuer pädagogischer
Konzepte in die Architektur
geht es also darum, dass ungezwungenes
Lernen durch ein vielfältiges
Raumangebot unterstützt wird – und
dass Teilhabe architektonisch erfahrbar
wird.
u
architektur PEOPLE
52
Kronaus Mitterer Architekten
© Schreyer David
Wie eng ist die Zusammenarbeit mit
Pädagoginnen und Pädagogen in der
Entwurfsphase?
Die Zusammenarbeit mit den Nutzerinnen
und Nutzern ist ein wesentlicher
Bestandteil einer ganzheitlichen
Planung. Nur ein Gebäude, das
angenommen wird und auf spezifische
Anforderungen eingeht, ist ein
nachhaltiges Gebäude. Im Bildungsbau
greifen wir sowohl auf Erkenntnisse
aus der Theorie als auch auf
Erfahrungen aus der Praxis zurück.
Die Zusammenarbeit mit den Nutzergruppen
ist ein spannender Prozess
und fördert nicht selten Lösungen
zutage, die uns nie eingefallen wären,
hätten wir isoliert gearbeitet. Gleichzeitig
schafft die Zusammenarbeit
auch Verständnis für ungewöhnliche
räumliche Lösungen auf Seiten der
Pädagoginnen und Pädagogen.
Lernwelten verändern sich rasant.
Wie kann man sicherstellen, dass
Bildungsbauten flexibel und auch in
Zukunft noch funktional sind?
Das ist eine berechtigte Frage. Zum
einen hilft eine Vielzahl nutzungsoffener
und robuster Bereiche, damit
Lernwelten ohne große bauliche Eingriffe
neu bespielt werden können.
Das ist eine gute Lösung für kleinere
Anpassungen. Betrachtet man
den gesamten Lebenszyklus eines
Bildungsbaus, können aber auch
größere Veränderungen notwendig
werden. Dann ist es wichtig, dass
bereits in der Planung die Rückbaubarkeit
mitbedacht wird. Im Wiener
Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof
planen wir derzeit einen
Schulcampus, der ein Pilotprojekt für
die Kreislaufwirtschaft ist. Materialien
werden so verbaut, dass sie später
ohne großen Aufwand recycelt werden
können. Wir erstellen auch eine
detaillierte Auflistung der verbauten
Materialien, um die Rückbaubarkeit
schon im Entwurf mitzudenken.
Oft wird der Raum als „dritter Pädagoge“
bezeichnet. Wie interpretieren
Sie diesen Begriff in Ihrer Arbeit?
Wir können unsere gebaute Umwelt
so gestalten, dass bestimmte
Nutzungen gefördert werden. Im
Bildungsbau setzen wir bewusst Anreize,
damit Tätigkeiten unterstützt
werden. Wir bieten Kernklassen und
Nischen für konzentriertes Arbeiten
an. Wir schaffen aber auch Orte, die
Kommunikation und Austausch fördern.
Eingangs haben wir den langen
Gang in konventionell geplanten
Schulen angesprochen und dass wir
stattdessen offene Kommunikationszonen
bevorzugen. Wir können es
schaffen, dass zum Beispiel der Weg
von der Kernklasse zum Physikraum
unterschiedliche Begegnungen und
wertvolle Einblicke in den Schulalltag
ermöglicht. Wir dürfen nicht vergessen,
dass wir vor allem voneinander
lernen, und den Rahmen dafür bildet
die Architektur.
Mit seiner modularen Clusterstruktur
und großzügigen Terrassen schafft der
Bildungscampus Willi Resetarits in Wien
vielfältige Lernlandschaften. Transparente
Übergänge, natürliche Materialien
und flexible Raumbeziehungen fördern
Kommunikation und Teilhabe.
© Schreyer David
www.architektur-online.com
53
Kronaus Mitterer Architekten
Welche Bedeutung hat die Materialwahl
für die Lernatmosphäre und
das Wohlbefinden der Kinder und
Jugendlichen?
Schadstofffreie, natürliche Materialien,
angenehmes Licht und ein
Bezug zur Außenwelt sind zentrale
Entwurfsaspekte für eine gute
Lernatmosphäre. Wir entwickeln
projektspezifische Material- und
Farbkonzepte, die individuell auf die
jeweilige Situation eingehen und das
Wohlbefinden unterstützen.
Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie
im Kontext eines Schulbaus?
Nachhaltigkeit bedeutet einerseits
ressourcengerecht zu planen und zu
bauen. Es bedeutet aber auch, Schulen
zu bauen, in denen Kinder sich
wohlfühlen, die von den PädagogInnen
als Arbeitsumfeld geschätzt
werden und die einen städtebaulichen
Mehrwert für die Umgebung
bieten. Nur so kann sichergestellt
werden, dass das Gebäude auch über
seine angestrebte Nutzungsdauer
hinaus erhalten wird. Das können nur
individuell geplante Schulen leisten,
modulare Gebäude ohne echten Bezug
zum Ort, egal wie nachhaltig sie
errichtet werden, vermutlich nicht.
Bildungsprojekte sind oft auch wichtige
städtebauliche Bausteine. Welche
Verantwortung trägt ein Schulbau
für sein urbanes Umfeld?
Ein Bildungsbau hat das Potenzial,
als Anker im öffentlichen Raum zu
wirken und ein verbindendes Element
zwischen schulischem und
städtischem Leben zu sein. Wir öffnen
unsere Bildungsbauten bewusst
zur Nachbarschaft und integrieren
gemeinschaftlich nutzbare Flächen
wie Aula oder Sportbereiche mit guter
Zugänglichkeit auch außerhalb
der Schulzeiten. Das führt zu einer
Belebung des Umfelds und schafft
eine Schnittstelle zwischen Lernort
und Stadtraum.
Was sind heute die größten Herausforderungen
bei der Planung und
Umsetzung von Bildungsbauten.
Und wie finden Sie innovative Lösungen
dafür?
Kostendruck, normative Vorgaben
und komplexe Nutzeranforderungen
gehören zum Alltag der Planung,
nicht nur bei Bildungsbauten. Das
führt aber nicht zwangsläufig dazu,
dass die architektonische Qualität
darunter leidet. Im Gegenteil: Einschränkungen
schärfen den Blick für
das Wesentliche. Wichtig ist jedoch,
dass die Auftraggeber:innen mutig
genug sind, neue Wege zuzulassen
und innovative Konzepte zu wagen.
Vermeintlich sichere Konzepte wie
Totalübernehmer, Modulschulen
oder PPP-Modelle verhindern Innovation
und Wettbewerb und kommen
auf Dauer teurer.
Wie wird sich der Bildungsbau weiterentwickeln?
Welche Trends sehen
Sie, und welche Rolle möchte Ihr
Büro dabei spielen?
Bildungsbauten werden weiterhin
eine zentrale gesellschaftliche Rolle
spielen. Der Fokus verschiebt sich
vom Lernraum hin zum Lebensraum.
Schulen werden künftig stärker
hybride Gebäude sein, die unterschiedliche
Nutzungen und auch
unterschiedliche Nutzergruppen
zulassen. Anpassbarkeit wird zum
Schlüsselthema. Nachhaltigkeit und
Klimaresilienz wird immer wichtiger
und die öffentliche Hand kann hier
mit Bildungsprojekten ein Vorreiter
sein. Für uns als Büro ist jeder Schulwettbewerb
weiterhin eine besondere
Aufgabe und eine Möglichkeit,
räumliche Konzepte auszuprobieren
und umzusetzen.
Wenn Sie völlig frei von allen Zwängen
ein Projekt im Bildungsbereich
entwerfen könnten – wie sähe das
aus? Was wäre die zentrale Idee?
Vermutlich eine große Lernlandschaft
auf einer oder mehrerer verschränkter
Ebenen mit fließendem
Übergang zu einem weitläufigen
Außenbereich. Eine Abfolge von
offeneren und intimeren Bereichen
mit spannenden funktionalen und
visuellen Beziehungen. Frei programmierbare
Räume abseits klassischer
Raumprogramme. Alles in
einer robusten und nachhaltigen
Bauweise errichtet. Das Resultat
würde vermutlich mehr an ein zeitgenössisches
Museum als an eine
Schule erinnern. Aber warum sollten
unsere Bildungsbauten nicht
genauso Leuchtturmprojekte sein
wie Kulturbauten?
•
Der Neubau der Zentralberufsschule Wien in der Seestadt Aspern schafft mit
seinem zweigeschossigen Sockel und den schwebenden Holzbaukörpern eine
prägnante städtebauliche Figur. Transparenz, Offenheit und Nachhaltigkeit prägen
das architektonische Konzept ebenso wie der Gedanke der Gemeinschaft.
© Kronaus Mitterer Architekten, Janoušek & Havlíček
architektur PEOPLE
54
GROWNlab
In Resonanz
mit der Umgebung
Interview mit Valentine Troi
Interview: Linda Pezzei
Ob Skistöcke aus Hanffasern, Möbel aus Kombucha-Cellulose
oder Prototypen mit Myzel-Bindern: Valentine Troi forscht
mit ihrem Team im GROWNlab Innsbruck an Materialien, die
buchstäblich wachsen. Das Labor, 2023 mit Unterstützung
des Landes Tirol gegründet, versteht sich als Schnittstelle
zwischen Landwirtschaft, Forschung und Industrie – und
als Motor einer regional verankerten Bioökonomie. Mitten
im Alpenraum arbeitet Troi daran, fossile Rohstoffe durch
biobasierte Alternativen zu ersetzen und Wertschöpfungsketten
neu zu denken. Im Gespräch erzählt Valentine Troi,
wie sie von der parametrischen Architektur zur Materialforschung
kam, warum Hanf, Flachs und Wolle eine Renaissance
erleben – und weshalb für sie Kreislaufwirtschaft weit mehr
ist als ein Schlagwort.
„Wir entwickeln Werkstoffe, die CO 2
speichern, anstatt es auszustoßen –
und schaffen so Materialien, die nicht
nur technisch funktionieren, sondern
auch gesellschaftlich Sinn ergeben.“
Valentine Troi
www.architektur-online.com
55
GROWNlab
Wie würden Sie das GROWNlab in einem
Satz beschreiben?
Wir entwickeln und prüfen Materialien
aus schnell nachwachsenden, in
Europa verfügbaren Rohstoffen wie
Hanf, Flachs, Wolle oder Hopfen –
damit nachhaltige Produkte schneller
Realität werden.
Wie ist die Idee dazu entstanden?
Die Idee kommt direkt aus der Praxis.
Nach Jahren in der klassischen
Faserwelt habe ich mich bewusst
den Naturfasern zugewandt. Ein
Auftrag für Hanf-Trekkingstöcke war
der Startschuss – er zeigte das Potenzial,
aber auch die Lücken in den
regionalen Wertschöpfungsketten.
Um diese zu schließen, habe ich das
Netzwerkprojekt Alpenhanf 360°
initiiert. Daraus entstand 2023 das
GROWNlab – mit einer Anschubfinanzierung
des Landes Tirol und der
Anbindung an die Universität Innsbruck.
Heute arbeiten wir mit Partnern
aus Landwirtschaft, Forschung
und Industrie in mehreren nationalen
und europäischen Projekten.
Warum gerade Hanf, Flachs und Wolle?
Diese Pflanzen sind hier verfügbar
und haben enormes Potenzial. Hanf
etwa bindet im Wachstum mehr CO 2
als ein gleich großer Fichtenbestand
– und liefert Fasern wie auch Schäben
für Baustoffe. Wolle ist ein unterschätzter
Rohstoff, der in Europa
oft entsorgt werden muss. Wir sehen
unsere Aufgabe darin, solche „Restströme“
in Wert zu setzen. Entscheidend
ist: Unsere Produkte müssen
langlebig sein, sonst stimmt die Klimabilanz
nicht.
Regionale Wertschöpfung klingt
ideal – wo liegen die Hürden?
Ich spreche gern von „Zukunftsmodell
oder Nischenromantik?“. Begeisterte
Akteur:innen gibt es viele,
aber es fehlt oft an Skalierung und
Wirtschaftlichkeit. Noch bewegen
wir uns meist im Pilotsegment. Eine
geförderte Defossilisierung würde
helfen, schneller vom Nischenprojekt
zum Zukunftsmodell zu werden.
Welche Rolle spielt Design
in Ihrer Arbeit?
Eine große. Der natürliche Ursprung
wird bei Ski, Stöcken, Möbeln oder
Akustikpaneelen bewusst geschätzt.
Aber am Ende zählen Haltbarkeit,
Gewicht, Preis und Performance.
Deshalb arbeiten wir an Prozessen
und Dauerhaftigkeit – nur dann funktionieren
Kreisläufe.
Kreislaufwirtschaft – wie
leben Sie das konkret?
Noch ist keine Kette vollständig geschlossen.
Aber wir bauen die Bausteine
Stück für Stück auf: Anbau,
Ernte, Aufbereitung, Prototypen und
End-of-Life-Szenarien. Ziel ist ein
robustes Transfermodell – von regionaler
Biomasse bis zu wiederverwertbaren
Produkten.
Was braucht es, damit die Vision
einer nachhaltigen Alpenökonomie
Realität wird?
Es gibt politischen Willen, aber auch
bürokratische Hürden. Wichtig ist,
kleine Player zu unterstützen und
grenzüberschreitend zu denken. Wir
brauchen Netzwerke und öffentliche
Investitionen, damit sich regionale
Bioökonomie durchsetzt.
Vom Feld ins Labor: Nutzhanf im Rohzustand – von der Pflanze
über den Stängel bis zu den ersten aufbereiteten Fasern.
Und was treibt Sie persönlich an?
Ich brauche technischen Anspruch
und gesellschaftlichen Mehrwert. Der
Auslöser war tatsächlich ein Grashüpfer,
der mir auf die Hand flog –
so perfekt konstruiert, dass mir klar
wurde: Mit der Natur zusammenzuarbeiten
ist die bessere Strategie. •
Lebende Materialien: Prototypen aus Hanf und Myzel zeigen das Potenzial
pilzbasierter Bindemittel für ökologische Bau- und Designlösungen.
Material in Transformation: Aufgespaltene Hanffasern und gebogene
Stängel als Grundlage für biobasierte Composite-Anwendungen.
architektur PEOPLE
56
Martin Gruber
Über Mut
und Machen
Interview mit Martin Gruber
Text & Interview: Linda Pezzei
„Werte sind Gefühle. Und wenn man Architektur entwickelt
und nicht über Liebe spricht, über diese Form von Gefühl und
Werte, dann haben wir etwas versäumt.“
Martin Gruber
Es ist ein klarer Herbsttag in Brixen. Im Büro von
Martin Gruber herrscht konzentrierte Stille – das Gegenteil
von Chaos, obwohl überall Bewegung ist. Der
große, aufgeräumte Tisch, ein Bildschirm am Kopfende,
davor kleine Holzmodelle. Nicht Architektur zum
Passivkonsum, sondern Architektur zum Begreifen:
Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde, Modelle und
Zitate prägen den Raum. Alles wirkt strukturiert, belebt
jedoch von feinen Unregelmäßigkeiten, die von
Handarbeit erzählen.
Später, in Verdings, im Atelier an der Hangkante, umgeben
von einer Schar Holzfiguren – roh und kunstvoll
zugleich, Oberflächen von Wind und Zeit geprägt
– schließt sich der Kreis. Hier wird deutlich: Was er
formt, formt auch ihn. Ein Mensch, der zwischen den
Welten pendelt – zwischen Berechnung und Intuition,
zwischen der Stadt im Tal und der Stille am Berg.
Ein Architekt, der Architektur nicht ersinnt, sondern
empfindet. Der Räume kultiviert wie Gärten, Materialien
sprechen lässt und Gefühle zu Konstruktionen
werden. Für ihn gibt es keine Grenze zwischen Denken
und Tun; Skizze und Modell arbeiten zusammen
– erst im Kopf, dann als Gefühl, das zu einem Raum
wird, der leben darf.
„Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man einige Erfahrungen
hat, aber noch leidenschaftlich für frische
neue Ideen ist“, sagt er ruhig. Der Satz könnte einfach
klingen, ist es aber nicht. Es ist ein Bekenntnis über
Bescheidenheit und Kühnheit zugleich. Denn Martin
Gruber hört hin – auf Ort, Handwerk, Menschen. Er
sagt nein, wenn etwas nicht trägt. Er tritt zurück,
nimmt sich Zeit. Und genau darum geht es in diesem
Gespräch: nicht um fertige Antworten, sondern um
einen Prozess, um das Wagen, Fehler zu machen und
daraus klüger zu werden. Architektur ist für ihn keine
Privatsache, sondern eine öffentliche Übung in Empathie
– ein kollektives Werk, das sich erst bewährt,
wenn es verstanden, gebaut und bewohnt wird.
© Katie McKnoulty
www.architektur-online.com
57
Martin Gruber
Wenn man sich hier umsieht, wird
deutlich, dass zwei Welten nicht getrennt
sein müssen. Im Büro wird geplant,
im Atelier wird mit den Händen
gearbeitet. Gibt es überhaupt eine
Grenze zwischen Denken und Tun?
Es gibt keine. Die eine Seite arbeitet
immer mit der anderen. Skizze und
Klinge – sie gehören zusammen. Ich
entwerfe mit den Händen. Die Hand
ist oft schneller als der Kopf, und genau
das ist wertvoll. Da kommt etwas
ins Fließen, das sich nicht rational erklären
lässt. So entstehen lebendige
Formen. Was mich fasziniert: Jedes
Projekt ist ein Neuanfang. Mit einem
neuen Ort, neuen Bauherren, neuen
Bedingungen – und immer wieder
mit sich selbst. Das klingt repetitiv,
ist aber das Gegenteil. Ich merke oft:
Ich muss mich befreien. Dann entstehen
mehrere Entwürfe gleichzeitig
– vier, fünf manchmal. Es ist nicht
Zögern, es ist Großzügigkeit. Ich will
sehen, was möglich ist. Was darf dieser
Ort sein? Nicht: Was darf ich mit
meinem Namen hier bauen?
Das führt zu einer anderen Frage:
Kultivieren Sie damit nicht genau das
Gegenteil einer Handschrift – wäre es
nicht einfacher, einen erkennbaren
Stil zu haben?
Nein. Eine Haltung, ja. Aber keinen
Stil im klassischen Sinn. Ich will nicht
über meine Formensprache wiedererkannt
werden, sondern über meine
Art, an Probleme heranzugehen.
Das ist der Punkt: Loszulassen. Zehn
Architekten würden aus demselben
Briefing zehn verschiedene Projekte
machen. Diesen experimentellen
Prozess kann ich nicht delegieren –
das muss durch meine Hände gehen.
Und doch sind Sie nicht allein damit.
Nein, aber entscheidend ist: Wir
denken früh zusammen. Nicht erst
in der Ausführung. Ich hole Firmen,
Handwerker, manchmal ältere Einheimische
an den Tisch – in der
Entwurfsphase. Dann kommt Realität
ins Spiel. Ein gutes Konzept verteidigt
sich selbst. Wenn die Handwerker
es verstehen, der Bauherr
es liest und das Amt spürt, dass da
eine Logik dahinter ist – dann trägt
es sich von allein.
Werte sind Gefühle. Dieser Satz
wirkt wie ein Herzschlag durch
unser Gespräch.
Das ist zentral für mich. Am Ende
zählen nicht die monetären Werte.
Wenn der Lebensfilm einmal abläuft,
fragt man sich nicht: Wie viel habe
ich angehäuft? Sondern: Welche Beziehungen
habe ich gepflegt? Mit
wie viel Liebe habe ich gearbeitet?
Architektur ohne Bezug zu Gefühlen
ist leblos. Man merkt das – Räume
ohne Liebe bleiben leer.
Das klingt romantisch.
Ist es aber nicht – es ist radikal.
Vielleicht. Aber wenn man mit Liebe
arbeitet, achtet man auf Details, auf
den Menschen, auf das Material. Das
ist keine Dekoration – das ist Statik.
Das ist Verantwortung.
Die Lektion der Baustelle?
Auf der Baustelle lernt man Demut.
Ich erinnere mich an eine Treppe,
die eine Stufe zu lang war. Sie ragte
in die Tür hinein. Zwei Optionen:
Treppe neu machen oder Tür kürzen.
Ich wählte die Tür. Das war Überwindung.
Aber auch ein Schutz – der
Zimmermann musste nicht alles neu
bauen. Und plötzlich war es richtig.
Näher am Menschen als am Konzept.
Die Architektur ist kein Dogma. Sie
ist Beziehungspflege. Das musste
ich lernen – und noch immer lerne
ich das.
Sie sind auf der Baustelle
groß geworden?
Ja, mein Vater war Baumeister – da
lernt man zeitig, dass jede Linie
zählt. Wenn einer den ganzen Tag an
einer Linie schalt, denkt man genau
nach. Holz zum Beispiel – das lebt.
Es schwindet, verzieht sich, vergraut.
Ich liebe Materialien, die sich
verändern dürfen. Ein gutes Material
erzählt weiter, auch wenn der Architekt
längst nicht mehr da ist.
Genau das sieht man in Ihren Bauten
– sie altern gut.
Weil sie dürfen. Ich fotografiere meine
Projekte nicht gleich nach Fertigstellung.
Ich schaue sie mir nach fünf,
manchmal nach zehn Jahren an. Erst
dann weiß man, was funktioniert. Ein
Haus ist wie ein Mensch– man muss
ihm Zeit geben, zu reifen.
© Tobias Kaser
© Tobias Kaser
© Tobias Kaser
Im eigenen Zuhause in Verdings verbinden sich Arbeit und
Leben. Architektur als Haltung – reduziert, sinnlich, von
Hand und Erfahrung geformt.
Sie haben vorhin vom Loslassen gesprochen
– von Entwürfen, die sich
fast von selbst ergeben. Ein Beispiel
dafür ist die Freiform in Verdings. War
das so ein Moment des Vertrauens?
Absolut. Zuerst plante ich ein traditionelles
Bauernhaus – solide, ordentlich,
typologisch korrekt. Am
Vorabend der Abgabe des Gästehauses
kam der Impuls: Die Hand
schneller als der Gedanke. Alles neu
gezeichnet – intuitiv, frei. Einfach so
hingeworfen, ohne Rechtfertigung.
Am nächsten Tag wurde es ohne
Diskussion genehmigt. Das war der
Augenblick: Wenn eine Idee stimmig
ist, verteidigt sie sich selbst. u
architektur PEOPLE
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iform: Ein organisch modellierter Baukörper, der mit der Topografie verschmilzt – reduziert, fließend, landschaftlich gedacht.
Martin Gruber
© Alex Moling © Alex Moling
Das war ein Wendepunkt?
Danach wusste ich: Ich kann der Architektur
vertrauen.
Wir gehen durch Holzstaub und
Gegenlicht. Hier arbeitet er regelmäßig
– allein, ohne Auftrag.
Das ist mein Labor. Kunst ist frei, Architektur
ist gebunden. In der Kunst
entwickle ich meine Sprache. Man
arbeitet mit Holz, und irgendwann
antwortet es. Das ist Meditation. Es
hilft, Maß und Geduld zu üben. Sensibilität
kann man trainieren – genauso
wie Rechnen oder Denken.
Also eine Art Bildungsauftrag? Architektur
ist ja letztlich keine Privatsache.
Man ist immer auch Spiegel
der Gesellschaft.
Genau. Die Gesellschaft gehört an
den Planungstisch: Handwerker,
Nachbarn, Behörden, Einheimische.
Baurecht kann keine Ästhetik erzwingen.
Gesetze ersetzen kein
Vertrauen. Was ich mir wünschen
würde: mehr Zusammenarbeit, eine
Art Idealismuslobby – keine politische
Richtung, sondern ein Raum
des Vertrauens. Wir brauchen wieder
die Mitte. Das Normale, das Menschliche.
Weniger Einzelkämpfertum,
mehr gemeinsames Gedankengut.
Weniger Bürokratie und dafür fair
bezahlte Arbeit. Das funktioniert nur,
wenn alle am Tisch gewonnen haben.
Was würden Sie den jungen
Architekten mitgeben?
Vertrauen – in den Prozess, in die
Suche, ins Nichtwissen. Sich als Lernender
verstehen, nicht als Lehrender.
Man hat Halbwissen, und das
ist in Ordnung. Die Suche ist das
Schöne. Man kann alles üben. Denken,
Fühlen, Geduld. Daraus wächst
Haltung. Ich zeige meine Projekte oft
erst nach Jahren. Nicht aus Eitelkeit,
sondern aus Respekt. Ein Gebäude
braucht Reife, wie ein guter Wein.
Erst wenn es lebt, wenn Menschen
darin Spuren hinterlassen, darf man
es herzeigen. Architektur ist nichts
Schnelles. Sie ist das Gleichgewicht
der Systeme.
Er lehnt sich zurück, ruhig,
ohne Dramatik:
Die Wahrheit kommt früher oder später
sowieso raus.
Und dann dieser Satz, der wie ein
Mantra wirkt, selbstverständlich
gesprochen:
Wenn man bei sich bleibt und es gut
meint – dann funktioniert es. •
Das eriro in Ehrwald in Tirol: Ein Refugium aus Holz,
Stein und Licht – kraftvoll verwurzelt in der Landschaft,
geprägt von handwerklicher Hingabe.
Freiform: Ein organisch modellierter Baukörper,
der mit der Topografie verschmilzt – reduziert,
fließend, landschaftlich gedacht.
© Alex Moling
© Federico Graziati
© Martin Gruber
www.architektur-online.com
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Martin Gruber
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