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architektur FACHMAGAZIN People #8

Ein Heft über Menschen, nicht über Grundrisse: Was passiert, wenn man Architekt:innen lange genug zuhört? Man erfährt erstaunlich viel – über Verantwortung, über Räume, über Kreisläufe, über Schönheit und manchmal auch über die kleinen Katastrophen des Alltags. Vor allem aber begegnet man Persönlichkeiten. Nicht Renderings, nicht Grundrissen, sondern echten Menschen mit Haltungen, Zweifeln, Ideen und Momenten, die einen zum Nachdenken bringen. Für die achte Ausgabe unserer PEOPLE Reihe haben wir uns wieder genau auf diese Begegnungen eingelassen. Die hier versammelten Stimmen zeigen auf unterschiedlichste Weise, wie breit das Spektrum architektonischen Denkens heute geworden ist. Manche sprechen poetisch, manche pragmatisch, manche mit feiner Ironie. Manche bauen groß, andere forschen im Kleinen. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie lebendig, vielschichtig und menschlich Architektur heute ist.

Ein Heft über Menschen, nicht über Grundrisse:

Was passiert, wenn man Architekt:innen lange genug zuhört? Man erfährt erstaunlich viel – über Verantwortung, über Räume, über Kreisläufe, über Schönheit und manchmal auch über die kleinen Katastrophen des Alltags. Vor allem aber begegnet man Persönlichkeiten. Nicht Renderings, nicht Grundrissen, sondern echten Menschen mit Haltungen, Zweifeln, Ideen und Momenten, die einen zum Nachdenken bringen.

Für die achte Ausgabe unserer PEOPLE Reihe haben wir uns wieder genau auf diese Begegnungen eingelassen. Die hier versammelten Stimmen zeigen auf unterschiedlichste Weise, wie breit das Spektrum architektonischen Denkens heute geworden ist. Manche sprechen poetisch, manche pragmatisch, manche mit feiner Ironie. Manche bauen groß, andere forschen im Kleinen. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie lebendig, vielschichtig und menschlich Architektur heute ist.

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FACHMAGAZIN

WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT

Erscheinungsort Vösendorf, Verlagspostamt 2331 Vösendorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550

PEOPLE

#8


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3

Intro

Ein Heft über Menschen,

nicht über Grundrisse

Was passiert, wenn man Architekt:innen lange genug zuhört? Man erfährt erstaunlich

viel – über Verantwortung, über Räume, über Kreisläufe, über Schönheit

und manchmal auch über die kleinen Katastrophen des Alltags. Vor allem aber

begegnet man Persönlichkeiten. Nicht Renderings, nicht Grundrissen, sondern

echten Menschen mit Haltungen, Zweifeln, Ideen und Momenten, die einen zum

Nachdenken bringen.

Für die achte Ausgabe unserer PEOPLE

Reihe haben wir uns wieder genau auf diese

Begegnungen eingelassen. Die hier versammelten

Stimmen zeigen auf unterschiedlichste

Weise, wie breit das Spektrum architektonischen

Denkens heute geworden ist.

Manche sprechen poetisch, manche pragmatisch,

manche mit feiner Ironie. Manche

bauen groß, andere forschen im Kleinen.

Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie

lebendig, vielschichtig und menschlich Architektur

heute ist.

Den Auftakt bildet Much Untertrifaller von

DTFLR, deren Werk seit Jahrzehnten durch

räumliche Klarheit, Dauerhaftigkeit und gebaute

Haltung besticht. Sein Verständnis

von Architektur als etwas, das Generationen

überdauern muss, legt den Grundstein

für einen thematischen Bogen, der uns unmittelbar

zu Christoph Pichler und Johann

Traupmann (PxT) führt. Ihre dialogische

Entwurfskultur, das Denken in Raumfluss

und Übergängen, verdeutlicht, wie kontinuierliches

Weiterbauen und diskursive Zusammenarbeit

zu architektonischen Identitäten

führt, die sich über Jahrzehnte tragen.

Daran knüpft Lars Krückeberg vom Berliner

Büro GRAFT an – mit einer Haltung,

die Schönheit, gesellschaftliche Verantwortung

und gestalterische Präzision als

untrennbare Einheit begreift. Sein Bild des

„Dreibeins“, dessen Stabilität nur durch das

Gleichgewicht von Funktion, Technik und

ästhetischer Qualität entsteht, öffnet den

Blick auf Architektur als kulturelle Praxis

und als emotional wirksames Erlebnis.

Ganz andere, aber ebenso essentielle Dimensionen

des Bauens beleuchten Anna

Detzlhofer von DnD Landschaftsplanung

und Valentine Troi vom GROWNlab.

Detzlhofer zeigt, wie Freiraumgestaltung

heute zum zentralen Werkzeug der Klimawandelanpassung

wird und warum Städte

Grünräume nicht mehr als Beiwerk, sondern

als gesellschaftliche Infrastruktur begreifen

müssen. Valentine Troi wiederum

verschiebt die Perspektive auf Materialität

selbst: Ihr Labor erforscht biobasierte,

wachsende Werkstoffe – von Hanf über

Kombucha-Cellulose bis Myzel – und macht

spürbar, dass ökologische Innovation nicht

nur technologisch, sondern auch kulturell

gedacht werden muss. Zusammen bilden

diese Positionen ein starkes Plädoyer dafür,

Natur und Stadt, Ressource und Kreislauf

neu zu verknüpfen.

Mit Christine Sohar (MVRDV), Albert

Achammer (ATP) und Harald Oissner (WGA

ZT) weitet sich der Blick über die Entwurfsebene

hinaus – hin zu Fragen der Organisation,

der Verantwortung im großen Maßstab

und der internationalen Planungsrealität.

Sohar spricht über die gesellschaftliche Rolle

eines global agierenden Büros, Achammer

über die Verbindung von Hightech, Verantwortung

und digitaler Planungskultur, und

Oissner über Architektur als unternehmerische

Disziplin, die jenseits des Entwerfens

langfristige Stabilität und strategisches

Denken erfordert. Gemeinsam machen sie

sichtbar, wie tiefgreifend sich das Berufsbild

verändert – und wie wichtig es geworden ist,

Architektur als komplexes Zusammenspiel

vieler Ebenen zu verstehen.

Schließlich führt uns Carolyn Herzog mit

ihrem Studio Hkollektive in die feineren,

atmosphärischen Schichten der Architektur.

Ihr reduziert-sinnlicher Zugang zeigt,

wie Materialien, Licht und Proportionen

zu räumlichen Atmosphären verschmelzen,

die unmittelbar wirken. Daran knüpft

Martin Gruber an, der mit unerschrockenem

Pragmatismus und konsequenter

Hands-on-Mentalität daran erinnert, dass

Architektur Mut braucht – Mut zum Entscheiden,

Mut zum Umsetzen und Mut,

Haltung sichtbar zu machen. Gemeinsam

stehen Herzog und Gruber für eine Architektur,

die sowohl emotional als auch entschlossen

ist und in kleinen wie großen Projekten

eine klare Handschrift hinterlässt.

Die Gespräche dieser Ausgabe zeigen

die Vielfalt zeitgenössischer Ansätze und

möchten den Diskurs über das Bauen von

morgen befeuern. Aus den vielen unterschiedlichen

Perspektiven entsteht so ein

Mosaik, das keinen abschließenden Befund

liefert, sondern einen offenen Dialog – einen,

der dazu einlädt, Architektur weiterzudenken,

über Projekte hinaus und hinein in

unsere gemeinsame Zukunft.

Auch Sie, unsere Leser:innen, sind Teil dieses

weiterführenden Austauschs, indem Sie

die vorgestellten Ideen im Gespräch, in der

Praxis und im eigenen Umfeld weiterdenken.

Ich wünsche eine anregende Lektüre!

Andreas Laser

MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Ortsstraße 212/2/5, 2331 Vösendorf, Österreich

CHEFREDAKTION Andreas Laser(andreas.laser@laserverlag.at) REDAKTION Linda Pezzei, Edina Obermoser, Roland Kanfer LEKTORAT Heidrun Schwinger

GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14

GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser DRUCK Bauer Promotion


architektur PEOPLE

4

Inhalt

PEOPLE

Architektur,die bleibt

Much Untertrifaller / DTFLR

Freiraum Jetzt

Anna Detzlhofer / DnD Landschaftsplanung

Form follows Vision

Christoph Pichler und Johann Traupmann / PxT

Die Schönheit nicht vergessen,

sonst fällt das Dreibein um

Lars Krückeberg / GRAFT

Mutige Entscheidungen

& individuelle Lösungen

Interview mit Sabrina Mehlan, Petra Meng

und Stefanie Wögrath / illiz architektur

Verantwortung übernehmen

Christine Sohar / MVRDV

Wir müssen wieder

intelligenter bauen

Albert Achammer / ATP architekten ingenieure

Vom Gestalter zum Unternehmer

Harald Oissner / WGA ZT

Nachhaltig denken,

präzise handeln

Dietmar Brüderl und Thomas Blacher

Architektur mit Herz und Haltung

Carolyn Herzog / Hkollektive

Orte des Austauschs

und der Teilhabe

Christian Kronaus und Peter Mitterer /

Kronaus Mitterer Architekten

In Resonanz mit der Umgebung

Valentine Troi / GROWNlab

Über Mut und Machen

Martin Gruber

6

10

14

18

26

30

34

40

44

46

50

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56


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architektur PEOPLE

6

Architektur,

die bleibt

Interview mit Much Untertrifaller

DTFLR

Interview: Linda Pezzei

Much Untertrifaller ist ein Mann der ersten Stunde. Seit den

1980er Jahren prägt er die europäische Architekturlandschaft

– von wegweisenden Schulbauten in Vorarlberg und

Frankreich über das Bregenzer Festspielhaus bis hin zu aktuellen

Großprojekten. 100-Stunden-Wochen waren für ihn

als junger Architekt keine Seltenheit, sieben Tage die Woche

zu arbeiten ist für ihn bis heute normal – nicht aus Zwang,

sondern aus Begeisterung für das Entwerfen. Untertrifaller

denkt konsequent im Raum. Während andere schöne Pläne

zeichnen, fragt er: „Wie steht es dann da? Was kann das? Für

wen ist es?“

Diese Haltung hat seine Architektur geprägt: Bauten, die

auch nach 30 oder 40 Jahren noch genauso funktionieren

wie am ersten Tag, Schulen ohne Vandalismus, Räume mit

einer Dauerhaftigkeit, die aus Mut und Vision entsteht.

Im Gespräch mit architektur FACHMAGAZIN erzählt Much

Untertrifaller von den Momenten, in denen aus Beruf Berufung

wurde, von subversiven Räumen, die Lernen verändern,

und von der Verantwortung, die Architektur über Generationen

hinweg tragen muss.

„Räume zu entwickeln ist für mich das Spannendste

überhaupt. Je komplexer die Aufgabe, desto lieber.“

Much Untertrifaller

© Roberta Valerio


www.architektur-online.com

7

DTFLR

Herr Untertrifaller, wann wurde aus

Ihrem Beruf eigentlich Berufung?

Das war schon früh im Studium. Ursprünglich

habe ich Architektur gewählt,

weil ich nicht wusste, was ich

sonst tun sollte – mein Vater war

Architekt, das lag nahe. Doch gegen

Ende des ersten, Anfang des zweiten

Jahres hat mich die Faszination

gepackt. Ich habe Wettbewerbe für

meinen Vater gezeichnet, daneben

eigene Projekte gemacht. Die „realen“

Aufgaben haben mich mehr

interessiert als das Studium. Bald

hatte ich ein eigenes Büro, habe oft

100 Stunden die Woche gearbeitet.

Diese Intensität begleitet mich bis

heute: Ich denke immer im Raum,

Räume entwickeln ist für mich das

Spannendste überhaupt.

College Broons: Licht, Bewegung, Begegnung – die Schularchitektur von

DTFLR schafft offene Lernlandschaften, die Kommunikation fördern

und über Generationen hinweg Bestand haben sollen.

© Frederic Baron

Und dieser Enthusiasmus ist bis

heute geblieben?

Absolut. Auch wenn das Büro heute

eine ganz andere Größenordnung

hat: Ich bin immer noch tief in Entwürfe

und Wettbewerbe eingebunden.

Die Mitarbeiter:innen wundern

sich oft, wie schnell ich erste Lösungen

entwickeln will – aber genau das

treibt mich an.

Gibt es Projekte, die Sie aktuell besonders

beschäftigen?

Es sind eigentlich immer die, an

denen wir gerade arbeiten. Etwa

der Wettbewerb für die Universitätsbibliothek

in Podgorica – ein scheinbar

einfaches Grundstück, das sich

als äußerst komplexe Aufgabe entpuppt

hat. Oder der Wettbewerb für

die „Maison du Danemark“ in Paris,

an dem wir gemeinsam mit Olafur

Eliasson arbeiten – ein dänisches

Kulturzentrum an einem sehr prominenten

Ort. Parallel dazu läuft in

Wien ein Wettbewerb für die Transformation

des alten Campus der

Wirtschaftsuniversität. Diese Vielfalt,

der Wechsel zwischen städtebaulichem

Maßstab und feinsten Details

– das fasziniert mich.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind

Schulen. Woher kommt diese Leidenschaft

für Bildungsbauten?

Vielleicht aus meiner eigenen Schulzeit.

Mein Kindergarten in den

60er-Jahren war ein Neubau mit

großen Glasflächen, mein Gymnasium

ein Bau der 1920er mit hohen

Räumen und großzügigen Erschließungsflächen.

Diese Bewegungsräume

prägen – viel stärker als die

Klassenräume selbst. Genau dort

entsteht Qualität: in den Zonen dazwischen,

den verbindenden Räumen.

Ich nenne sie gern „subversiv“,

weil sie nicht strikt im Programm definiert

sind.

In Frankreich konnten wir diese Qualitäten

besonders stark einbringen:

Transparenz, Lichtführung, Großzügigkeit

in den Erschließungen. Bemerkenswert

ist für mich, dass es in

all den Jahren in unseren Schulen

nie Vandalismus gab. Für mich ein

Zeichen, dass die Nutzer:innen diese

Räume wertschätzen.

u

Offene Lernlandschaften und helle Aufenthaltsbereiche

definieren das pädagogische

Konzept der Volksschule Edlach in Dornbirn,

die auf eine nachhaltige Holzbauweise

setzt und durch große Glasflächen

Innen- und Außenräume für zeitgemäßes

gemeinsames Lernen verbindet.

© Kurt Hoerbst


architektur PEOPLE

8

DTFLR

© Jeudi Wang

Verantwortung über Grenzen hinaus: Beim Lycee Mayotte setzen die Architekten auf lokale

Materialien und angepasste Bauweisen – ein Schulbau, der Nachhaltigkeit kulturell interpretiert.

Sie haben Projekte von Vorarlberg

bis Mayotte realisiert. Wie gelingt es,

die handwerkliche Kultur Ihrer Herkunft

international einzubringen?

Das ist eine große Herausforderung.

In Mayotte zum Beispiel gibt es kaum

handwerkliche Tradition, vieles muss

importiert werden. Wir versuchen,

das Potenzial der vorhandenen Materialien

zu nutzen – vulkanisches

Gestein, handgepresste Erdziegel,

auch Bambus. Es geht darum, aus

dem Ort heraus zu bauen und jedes

Projekt als Unikat zu begreifen. Architektur

darf niemals bloß eine Stilreproduktion

sein.

Sie sprechen oft von Verantwortung.

Was bedeutet architektonische Verantwortung

für Sie?

Gebäude sind Teil der Gesellschaft.

Sie beeinflussen Nachbarschaften, sie

werden mit Steuergeld finanziert, sie

prägen über Jahrzehnte die Umwelt.

Deshalb reicht es nicht, schöne Entwürfe

zu machen – man muss sie auch

umsetzen und langfristig relevant

halten. Ich freue mich, wenn ich heute

sehe, dass unsere frühen Kindergärten

oder Volksschulen noch immer

genauso funktionieren wie am ersten

Tag. Wir wollten nie zeitgeistige Projekte

mit Ablaufdatum schaffen.

Was ist Ihr Ziel, was sollen Ihre Gebäude

langfristig mit Menschen machen?

Langlebigkeit ist entscheidend –

nicht als Momentaufnahme, sondern

mit Blick auf Veränderungen. Nutzerzahlen

ändern sich, Unterrichtsformen

wandeln sich, Kulturbauten

brauchen neue Funktionen. Gute

Architektur muss das aushalten.

Es schmerzt, wenn Gebäude vorschnell

abgerissen werden. Deshalb

beschäftigen uns Fragen wie: Wie

kann man Strukturen weiternutzen,

umbauen, zurückbauen? Dauerhaftigkeit

entsteht nur, wenn man Mut

und Vision hat. Und genau das, finde

ich, braucht Architektur. •

© Bruno Klomfar

Ein ikonischer Kulturbau am Bodensee: Das 2006 erweiterte Festspielhaus

Bregenz steht für die Verbindung von technischer Präzision, räumlicher

Großzügigkeit und zeitloser Eleganz.


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9

DTFLR

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architektur PEOPLE

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DnD Landschaftsplanung

Freiraum Jetzt

Ein Gespräch mit Anna Detzlhofer

Interview: Linda Pezzei Projektfotos: Michael Strahberger

Sie spricht von Wäldchen statt Parkplätzen, von Flächen, die Wasser speichern,

und von Städten, die wieder atmen lernen: Anna Detzlhofer, Landschaftsarchitektin

und Präsidentin der ÖGLA, gehört zu jenen Stimmen, die urbane Lebensräume

neu denken. Mit ihrem Büro DnD Landschaftsplanung prägt sie die

Freiraumkultur Wiens und darüber hinaus und engagiert sich für eine Disziplin,

die längst mehr ist als gestalterisches Beiwerk. Ein Gespräch über den gesellschaftlichen

Wert von Grünraum, die Tücken unterirdischer Garagen – und die

sinnliche Seite von Stadtlandschaft.

Frau Detzlhofer, was hat Sie ursprünglich

für die Landschaftsarchitektur

begeistert?

Mich hat von Anfang an das Gestalten

fasziniert – etwas, das sichtbar

wird, Menschen erreicht und berührt.

Landschaftsarchitektur war

für mich nie nur Natur, sondern immer

auch sozial. Heute ist sie eine

zentrale Disziplin der Klimawandelanpassung.

Das Bewusstsein dafür

wächst: Früher wurde bei Stadtprojekten

zuerst nach Parkplätzen gefragt,

heute nach Bäumen. In Wien

etwa sieht man das in der Neubaugasse

– wie sehr sich die Prioritäten

verschoben haben.

Wie spüren Sie diesen Wandel in Ihrer

täglichen Arbeit – haben sich die

Erwartungen an Freiraumgestaltung

verändert?

Sehr stark. Auf naturwissenschaftlicher

Ebene – etwa bei der Auswahl

hitzetoleranter Baumarten – hat sich

viel getan. Gleichzeitig wächst die

Akzeptanz für wilde, vielfältige Flächen.

Bienen, Artenvielfalt, gemeinschaftliche

Pflege – das alles ist heute

Thema. Entscheidend ist, wie das

moderiert wird: Freiraum funktioniert

nur mit klaren Regeln, aber auch mit

Zonen der Intimität. Grün ist für viele

Menschen zu einem echten Lebensqualitätsfaktor

geworden, zu einem

Asset, mit dem man punkten kann.

© Hannes Buchinger


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DnD Landschaftsplanung

Sie sprechen von einer „Freiraumwende“.

Was bedeutet das genau –

und wo zeigt sich dieser Umbruch

bereits?

Die Freiraumwende bedeutet, dass

blau-grüne Infrastruktur – also Wasser-

und Grünflächen – als gleichwertiger

Bestandteil der Stadtentwicklung

gedacht wird. Es geht um

Flächensicherung, Entsiegelung,

Begrünung auf Tiefgaragen, um

verbindliche Grünflächenanteile bei

Stadterweiterungen. Wien ist hier

sehr weit: Beim Projekt Neues Landgut

wurde der Städtebau überarbeitet,

damit ein Park entstehen konnte.

Das zeigt, dass es funktioniert, wenn

man Freiraum mitdenkt – und nicht

nachträglich hineinquetscht.

Welche Prinzipien sind dabei für klimaresiliente

Städte besonders wichtig?

Ganz klar: Entsiegelung, Schatten,

Wasser. Wir stehen da noch mitten

im Prozess, weil der Untergrund oft

verbaut ist – mit Garagen, Leitungen

oder Kanälen. Trotzdem müssen wir

Lösungen finden, um Regenwasser

zu speichern und wieder den

Pflanzen zuzuführen. Nur so können

Städte künftig mit Hitze und Starkregen

umgehen.

Das führt direkt zum Schlagwort

„Schwammstadt“. Was steckt für Sie

wirklich hinter diesem Konzept?

„Schwammstadt“ ist weniger eine

fixe Definition als ein Prinzip: Regenwasser

nicht ableiten, sondern

speichern und nutzbar machen. Wir

haben verschiedene Systeme realisiert

– etwa am Praterstern nach

dem Stockholm-Prinzip oder über

Grünmulden. Es gibt nicht die eine

Lösung; sie hängt immer von Ort,

Fläche und Nutzung ab. Wichtig ist,

dass wir Wasser als Ressource begreifen,

nicht als Problem.

Wo wird dieses Denken in Ihren Projekten

konkret sichtbar?

Der Promenadenring in St. Pölten

ist eines davon. Dort wurde ein rein

verkehrsdominierter Raum zu einem

Stadtraum mit Aufenthaltsqualität.

Der Asphaltanteil wurde stark reduziert,

der Grünanteil erhöht. Ein

anderes Beispiel ist das Museums-

Quartier in Wien: Die temporäre Begrünung

wird nun dauerhaft – das

war früher eine Steinwüste. Oder das

Neue Landgut, wo ein kleiner Klimawald

besser wächst, als wir erwartet

hatten. Solche Entwicklungen zeigen,

wie viel sich verändern lässt, wenn

Pflege und Bewusstsein stimmen. u

Der öffentliche Raum rund um das MuseumsQuartier wurde

von DND Landschaftsplanung als lebendiger, durchgrünter

Begegnungsort gestaltet. Mobile Pflanzinseln, flexible

Sitzlandschaften und jahreszeitlich wechselnde Vegetation

schaffen einen urbanen Freiraum zwischen Kultur, Alltag

und Stadtleben – ein Ort der Aneignung, des Verweilens

und der Inspiration.


architektur PEOPLE

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DnD Landschaftsplanung

Mit dem „Neuen Landgut“ entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Wiener Frachtenbahnhofs ein vielfältiger, durchgrünter

Stadtraum samt Freiräumen, die ökologische Vielfalt, Aufenthaltsqualität und soziale Begegnung vereinen – mit

artenreichen Wiesen, jungen Baumreihen und wohnungsnahen Rückzugsorten wie Hängematten und Spielbereichen.

Neben Klimaresilienz sprechen Sie

oft auch von Vielfalt – warum ist Diversität

im Stadtraum so zentral?

Indem wir Verwaltungssilos aufbrechen

und Räume multifunktional

denken. Ein schönes Beispiel, Freiräume

neu zu denken, findet man

in der Seestadt Aspern: Dort wird

Regenwasser erlebbar, es entstehen

wechselfeuchte Flutmulden und abwechslungsreiche

Bepflanzungen.

Auch ehemalige Industrieflächen

haben enormes Potenzial, wenn man

ihren Charakter nutzt statt überformt.

Wir brauchen multicodierte

Räume – solche, die mehr als eine

Funktion erfüllen.

Als Präsidentin der ÖGLA vertreten

Sie die Interessen einer ganzen Disziplin.

Wo liegen derzeit die größten

Herausforderungen?

Landschaftsarchitektur ist kein

„nice to have“, sondern ein „must

have“. Leider spiegelt sich das noch

nicht immer in den Budgets wider.

Freiraum ist Gemeinwohl – und das

bringt selten Rendite. Trotzdem

braucht es öffentliche Mittel und

Förderungen, damit gute Projekte

entstehen können. Erfreulich ist,

dass viele Gemeinden engagiert sind

und Kooperationen suchen.

Gerade in komplexen Projekten

scheint die Zusammenarbeit über

Disziplingrenzen hinweg entscheidend

zu sein. Wie erleben Sie das?

Sie ist essenziell. In St. Valentin etwa

wurde ein Platz mit Bürgerbeteiligung

entwickelt – gemeinsam mit Architektur

und Raumplanung. In Wolfurt entstand

aus einem Hochwassergerinne

eine naturnahe Achse für Erholung

und Biodiversität. Solche Projekte zeigen,

wie viel möglich ist, wenn technische,

gestalterische und soziale Kompetenzen

zusammenwirken.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche

Stadtnatur wünschen Sie sich

– und welche Rolle kommt der Landschaftsarchitektur

dabei zu?

Ich wünsche mir Straßen mit mehr

Schatten, Parks mit mehr Vielfalt

und weniger Angst vor Unordnung.

Schönheit darf wieder ein Kriterium

sein – sie ist entscheidend, damit

Menschen Freiräume annehmen

und wertschätzen. Unsere Aufgabe

als Landschaftsarchitekt:innen ist

es, Räume zu schaffen, die emotional

wirken und funktional tragen.

Ich hoffe, dass wir als Profession

künftig das Heft in der Hand halten

– um das Maximum aus dem Freiraum

herauszuholen.

Ein neu interpretierter Stadtraum, der mit

grünen Achsen, Spiel- und Aufenthaltsbereichen

den historischen Ring in St. Pölten als

lebendige Begegnungszone erlebbar macht.


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architektur FACHMAGAZIN

14

PxT

Form

follows

Vision

Interview mit Christoph Pichler und Johann Traupmann von PxT

Interview: Andreas Laser

Seit über 30 Jahren prägen Christoph Pichler und Johann Traupmann als PxT die

österreichische Architekturszene. Entstanden in der Meisterklasse von Wilhelm

Holzbauer, basiert ihre Partnerschaft auf einem unermüdlichen Dialog und einem

gemeinsamen Arbeitsethos, das Architektur als intellektuelle Disziplin begreift.

Im Gespräch blicken die beiden Architekten auf die Anfänge in Wien zurück,

erklären, warum ein produktives Missverständnis oft besser ist als der ursprüngliche

Plan und warum ihr dialogisches Prinzip auch in einem Büro mit

30 Mitarbeitenden noch funktioniert.

© Oskar Schmidt


www.architektur-online.com

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PxT

Herr Pichler, Herr Traupmann, Sie

arbeiten seit über 30 Jahren zusammen.

Wie hat alles begonnen?

Christoph Pichler: Wir haben uns

an der Hochschule für angewandte

Kunst kennengelernt – in der Meisterklasse

von Wilhelm Holzbauer. Da

waren alle Jahrgänge gemeinsam

im Atelier, man saß dicht beieinander,

sah, wie andere denken und arbeiten.

Wir haben schnell gemerkt,

dass wir uns gut verstehen, inhaltlich

wie menschlich. Schon während des

Studiums haben wir einen Wettbewerb

gemeinsam gemacht – da war

ich noch Student, Hannes hatte sein

Diplom schon. 1992 bin ich dann aus

den USA zurückgekommen, Hannes

hat angerufen: „Was machen wir

jetzt?“ Und dann haben wir gleich

hier in Wien-Landstraße mit der Arbeit

begonnen.

Johann Traupmann: Uns verband

von Anfang an ein ähnliches Arbeitsethos.

Viele in der Meisterklasse

hatten großes Talent, aber nicht alle

denselben inneren Antrieb. Wir beide

wollten Architektur nie nur als handwerkliche

Disziplin sehen, sondern

als Möglichkeit, über Weltbilder, Systeme,

sogar über Philosophie nachzudenken.

Mich haben immer ontologische

Fragen interessiert – wie lässt

sich aus einer Idee ein architektonisches

Prinzip entwickeln? Uns ging

es nie um Technik oder bloßes Funktionieren.

Uns interessiert, wie man

Denken in Raum übersetzen kann.

Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit

heute – nach so vielen Jahren

und mit einem größeren Büro?

Pichler: Unser Entscheidungsprozess

hat sich eigentlich nie grundlegend

verändert. Wir arbeiten dialogisch

– man wirft sich Ideen zu,

auch Missverständnisse können

produktiv werden. Oft ist etwas, das

der andere gar nicht so gemeint hat,

der bessere Gedanke.

Das Future Art Lab schließt den Campus der mdw ab – als stiller, konzentrierter

Pavillon für Ton, Film und Forschung. Der Bau vereint komplexe akustische

Anforderungen mit räumlicher Leichtigkeit: massive, entkoppelte Kerne

für die Säle, durchlässige Erschließungsräume für Licht und Begegnung.

Traupmann: Ja, das ist wirklich der

Kern. Wir haben nie gesagt: „Das ist

ein Blödsinn, was du machst.“ Sondern

wir haben immer zuerst das

Potenzial im Entwurf des anderen

gesehen. Daraus entsteht ein Weiterdenken.

Und das versuchen wir

auch im Büro zu kultivieren. Heute

sind wir rund 30 Leute, aber dieses

Prinzip des gegenseitigen Vertrauens

ist geblieben – ohne Ego, ohne

Selbstinszenierung.

Pichler: Entscheidungen entstehen

aus dem Projekt heraus. Man sieht

schnell, was dem Konzept dient –

da geht’s nicht darum, wessen Idee

es war. Das Wichtigste ist, dass das

Projekt davon profitiert. Dieser positiv-dialogische

Prozess war, und ist

bis heute, der Schlüssel unserer Zusammenarbeit.

Würden Sie sagen, es gibt eine

„DNA“ Ihrer Architektur?

Traupmann: Wenn man unsere Projekte

anschaut, gibt es eine gewisse

räumliche Dynamik – Räume, die

fließen, die nicht an der Wand enden,

sondern sich in den Außenraum

fortsetzen. Dieses Denken in Übergängen,

das war uns immer wichtig.

Wir haben früh mit Prinzipien wie

der Faltung oder der Kontinuität

von Boden, Wand und Decke gearbeitet,

um den Raumfluss zu verstärken.

Das zieht sich durch viele

Projekte, egal ob Bildungsbau, Büro

oder Wohnbau.

Besonders deutlich spürt man das

vielleicht im Kulturzentrum Eisenstadt.

Dort haben wir den Bestand so

weit geöffnet und mit dem Neubau

verwoben, dass ein einziger, fließender

Raum entstanden ist – vom Foyer

bis zu den Veranstaltungssälen.

Zur Eröffnung wurde ein Kurzfilm

gezeigt, in dem eine Tänzerin durch

diese Räume tanzt. Das war für uns

ein besonderer Moment, weil jemand

aus einem ganz anderen Medium unsere

Idee des Raumflusses intuitiv

verstanden und übersetzt hat. u

© Hertha Hurnaus

Beim Kultur Kongress Zentrum in Eisenstadt

überformten Pichler & Traupmann

den Bestand mit einer schimmernden Metallhülle,

die Alt und Neu zu einem Ganzen

verbindet. Die neue Struktur integriert

Ausstellung, Saal, Verwaltung und Foyer

zu einem zusammenhängenden Raumgefüge

– offen, durchlässig und lichtgeführt.

© Roland Halbe


architektur PEOPLE

16

PxT

Pichler: Architektur war für uns nie

bloß die Erfüllung eines Raumprogramms.

Sie entsteht aus einer Idee,

aus einem größeren Zusammenhang.

Gebäude sind für uns Ausdruck ihrer

Zeit – sie erzählen, wie wir leben,

arbeiten und denken. Deshalb sagen

wir lieber form follows mission oder

form follows vision: Die Form ergibt

sich nicht aus der Funktion allein,

sondern aus dem inhaltlichen Auftrag,

den ein Bau in sich trägt.

© Toni Rappersberger

Der FH Campus Pinkafeld basiert auf einem modularen Grundsystem, das Effizienz und Anpassbarkeit

verbindet. Jede Einheit kann erweitert, geschaltet oder aufgestockt werden, ohne die strukturelle

Logik zu verlieren. So entsteht ein Campus, der mit- und aus seinen Nutzer:innen wächst.

Sie sind beide seit Jahrzehnten in

der akademischen Lehre tätig. Wie

beeinflusst das Ihre Arbeit?

Traupmann: Lehre ist Reflexion. Wir

haben nur an Universitäten unterrichtet,

die Forschung ernst nehmen

– also Orte, wo man neue Systeme

denken darf. Diese theoretische Arbeit

hat uns immer inspiriert. Ich war

fünfzehn Jahre lang bei Zaha Hadid,

da war das Credo: Push the boundaries.

Nichts wiederholen, immer Neues

wagen. Das hat natürlich zurückgewirkt

in die Praxis. Diese Offenheit

gegenüber Neuem prägt bis heute

auch unsere Arbeit im Büro.

Pichler: Ich habe selbst bei Helmut

Richter begonnen, der ja in Wien

die Hightech-Architektur geprägt

hat. Von ihm habe ich gelernt, wie

wichtig es ist, Studierende nicht zu

bevormunden, sondern ihnen Mut

zu machen, ihre eigenen Gedanken

konsequent durchzudenken. Wenn

man die eigenen Ideen ernst nimmt,

lernt man am meisten – das gilt im

Büro genauso.

© Toni Rappersberger

Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten

Fragen für die nächste Architekt:innengeneration?

Pichler: Die Herausforderungen sind

enorm: Klimawandel, soziale Spannungen,

Digitalisierung. Und gleichzeitig

wird die Architektur in Bereiche

gedrängt, für die sie eigentlich

nicht zuständig ist. Plötzlich sollen

Studierende Materialforschung betreiben,

Lehmziegel testen – was eh

spannend ist –, aber eigentlich wäre

das Aufgabe der Industrie. Unsere

Aufgabe ist Raum, Atmosphäre, Gesellschaft.

Und dann kommt noch die

KI dazu, die vieles infrage stellt.

Traupmann: Digitalisierung verändert

unsere Arbeit massiv, aber sie

sollte nicht das Ziel, sondern das

Werkzeug sein. Wir nutzen BIM seit

vielen Jahren, um präziser und ganzheitlicher

planen zu können. Auch KI

wird ihren Platz finden – solange man

sie nicht mit Kreativität verwechselt.

Architektur entsteht aus einer Idee,

aus einem konzeptionellen Gedanken,

nicht aus Algorithmen.

Sie haben viele Bildungsbauten realisiert.

Was ist dort die größte Fehleinschätzung?

Traupmann: Dass man geistige Arbeit

in mittelmäßige Räume stecken

kann. Gute Lern- und Forschungsumgebungen

brauchen räumliche Qualität,

Atmosphäre, Austausch. Und oft

fehlt genau das. Es wird an der Klimatisierung

gespart, an der Luft, am

Tageslicht – dabei würde kein Büro

so funktionieren. Bildung wird gesellschaftlich

unterschätzt, das sieht

man an der gebauten Umwelt.

Pichler: Man plant oft so, als wären

die Raumprogramme in Stein gemeißelt.

Aber gerade im Bildungsbau

ändern sich die Anforderungen ständig

– neue Ideen, neue Lehrformen,

neue Menschen. Beim FH Campus

in Pinkafeld wollten wir genau das

vermeiden. Wir haben dort ein System

entwickelt, das wie ein Schachbrett

funktioniert: einzelne Module,

die sich erweitern, verschieben oder

austauschen lassen. Der Bau kann

wachsen oder sich zurücknehmen, je

nach Bedarf.

Beim Projekt RAIQA entsteht aus dem

Inneren des ehemaligen Bankhochhauses

ein offener Raum: Die freigelegte

Stahlbetonstruktur wird zur gemeinsamen

Halle für Bank, Hotel und Art Space.

Transparenz, Holzbau und öffentliche

Durchwegung verwandeln das Areal in ein

pulsierendes Stadtquartier.


www.architektur-online.com

17

PxT

© Hertha Hurnaus

© Hertha Hurnaus

Am neuen Quartier „Neues Landgut“ in Wien-Favoriten setzen Pichler & Traupmann beim Willi-

Resetarits-Hof auf Offenheit und Gemeinschaft. Der Hof – eine zeitgemäße Übersetzung des Wiener

Pawlatschenhofs – verbindet Wohnungen, Laubengänge und Terrassen zu einem lebendigen

Ensemble. Vertikalbegrünung, gemeinschaftliche Dachterrassen und eine öffentliche Durchwegung

machen das Gebäude zu einem Modell für verdichtetes, aber durchlässiges Wohnen.

Wie wichtig sind dahingehend partizipative

Prozesse in Ihrer Arbeit?

Pichler: Sehr. Wenn man ernst nimmt,

dass Architektur Ausdruck ihrer Nutzer:innen

sein soll, muss man zuhören.

Beim Future Art Lab etwa hatten wir

es mit Koryphäen aus unterschiedlichen

Fachbereichen zu tun – das war

unglaublich lehrreich. Natürlich gibt

es Punkte, die architektonisch gesetzt

sind, aber viele Lösungen entstehen

aus diesem Dialog.

Traupmann: Das gilt genauso für Büros

oder Wohnbauten – man plant ja

keine anonymen Räume, sondern Lebenswelten.

Der Austausch mit den

künftigen Nutzer:innen macht Projekte

lebendig.

Besonders der Wohnbau steht unter

Druck – Verdichtung, Leistbarkeit,

neue Lebensformen. Welche Antworten

sehen Sie?

Traupmann: Die größte Herausforderung

ist die Kostenfrage. Man

muss ständig Kompromisse eingehen,

um überhaupt realisieren zu

können. Gleichzeitig sind die normativen

Vorgaben so streng, dass

kaum Raum für Innovation bleibt.

Man baut Hochsicherheitstrakte

statt Wohnungen – perfekte Schallschutzwände,

aber wenig Spielraum

für räumliche Qualität.

Pichler: Vieles hängt an Normen, die

eigentlich aus der Logik des Komforts

heraus übersteigert wurden. In-

teressanter wäre, über Flexibilität zu

reden: Wie kann sich eine Wohnung

an verschiedene Lebensphasen anpassen?

Warum ist die Küche immer

im finstersten Eck, weil’s dort keinen

Belichtungsnachweis braucht? Man

müsste die Regeln freier denken.

Traupmann: Das Problem beginnt oft

schon beim Städtebau. Viele Wettbewerbe

arbeiten heute mit vorgegebenen

Kuben oder „Pixeln“, die Bauträgern

zugeteilt werden. Da bleibt

kaum Raum für Idee oder räumliche

Qualität – man kann sich nur noch in

ein fertiges Volumen hineinpressen.

Beim Willi-Resetarits-Hof in Wien

war das anders: Dort hatten wir keine

Vorgaben. Dadurch konnte der

Baukörper aus dem Ort heraus entstehen

– mit einem Hof, der an den

klassischen Pawlatschenhof erinnert,

und konischen natürlich belichteten

Gängen, die Begegnung ermöglichen.

Diese Übergänge zwischen öffentlich

und privat, innen und außen, schaffen

Lebensqualität – und kosten wenig,

wenn man sie klug konzipiert.

Was sind die größten Herausforderungen

für die Architektur in den

kommenden Jahren?

Pichler: Ganz klar: Wie man bauen

kann, ohne dem Planeten weiter zu

schaden. Das Wort Nachhaltigkeit ist

abgenutzt, aber die Aufgabe bleibt.

Wir müssen lernen, Bestehendes

weiterzunutzen. Früher war für mich

das Neue immer spannender als das

Bestehende. Heute denke ich anders.

Die Städte sind voll, der Bestand

ist da – und gerade die Bauten der

1960er- und 70er-Jahre sind erstaunlich

robust – und sie haben oft mehr

Potenzial, als man ihnen auf den ersten

Blick zutraut.

In Innsbruck arbeiten wir derzeit an einem

Hotelprojekt, bei dem wir das Gerippe

eines ehemaligen Hochhauses

freilegen und völlig neu interpretieren

– die Stützen bleiben, außen entstehen

Holzboxen. Das Tragwerk selbst

wird zum Raum. Gerade diese Umnutzung

zeigt, wie aus Bestehendem etwas

völlig Neues entstehen kann.

Traupmann: Genau. Wir lernen gerade,

wie viel Potenzial im Bestand

steckt. Und wenn man das mit konzeptioneller

Offenheit angeht, kann

daraus mehr entstehen als nur ein

„altes Haus mit neuer Fassade“. Es ist

fast eine neue Disziplin.

Pichler: Architektur wird oft auf Gebäude

reduziert, dabei formt sie Gesellschaft.

Jede Schule, jedes Wohnhaus

ist Teil eines größeren Gefüges

– räumlich, aber auch sozial. Das zu

verstehen, ist vielleicht die eigentliche

Aufgabe.

Wenn Sie eine Bauaufgabe frei

wählen könnten – was wäre es?

Traupmann: Ein Museum.

Pichler: (lacht) Ja, ein Museum –

es muss auch kein neues sein.


architektur PEOPLE

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GRAFT

Die Schönheit

nicht vergessen, sonst

fällt das Dreibein um

Interview mit Lars Krückeberg von GRAFT

Interview: Roland Kanfer

GRAFT Architects wurde 1998 in Los Angeles

von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas

Willemeit gegründet. Sven Fuchs und Georg Schmidthals

kamen 2018 als Partner hinzu. Hauptstandort

ist seit 2001 das GRAFTLAB in Berlin. Weitere Büros

folgten 2004 in Peking und 2019 in Shanghai. GRAFT

beschäftigt heute rund 75 Mitarbeiter. Die kollektive

Tätigkeit umfasst ein breites Spektrum von Gebäudetypen

wie Wohn-, Kultur-, Bildungsbauten, institutionelle,

kommerzielle, Masterplan- und Gesundheitsprojekte

auf der ganzen Welt. Lars Krückeberg

spricht über die Vision einer Architektur, die glücklich

macht, die Philosophie des „Grafting“ als Fusion von

Gegensätzen und Ambivalenz sowie die Rolle des

Architekten als Zukunftsschützer.


www.architektur-online.com

19

GRAFT

Wie ist der Name GRAFT entstanden,

welche Überlegung steht dahinter?

1998 gründeten wir als Masterstudenten

der SCI-Arc (Southern California

Institute of Architecture, Anm.)

in Los Angeles ein Büro. Uns war

schnell klar, dass wir kein Akronym

wie Putz, Krückeberg, Willemeit haben

wollten, PKW klingt onehin nicht

gut. Die Reduzierung auf die Signatur

von Stararchitektur empfanden wir

immer als falschen Weg. Wir wollten

eine Denkart in den Vordergrund

stellen. „Grafting“ bedeutet im Englischen

hart arbeiten, aber in der Botanik

übersetzt heißt es Pfropfen. Die

Geschichte dahinter begann mit der

Diplomaufgabe eines Weinguts, als

ich eine Zeit lang in einem Weingut in

Franken gearbeitet habe und dort auf

die Geschichte der Reblaus stieß. Mir

war nicht bewusst, dass der Wein in

Europa vom Aussterben bedroht war.

Europa ohne Wein – unvorstellbar. Die

Lösung war, auf eine amerikanische

Cowboywurzel, die resistent gegen

die Reblaus ist, aber keinen guten

Wein trägt, den europäischen Edelreis

aufzupfropfen. Nur in dieser Kombination,

in diesem Grafting, hat die

Weinkultur überlebt. In der heutigen

Zeit von Dynamisierung, Globalisierung

und Cultural Clashes müssen wir

über Hybridisierung und Fusionieren

nachdenken. Wir nennen das Grafting:

Das Fusionieren von Gedanken,

von vermeintlichen Gegensätzen, löst

ein Problem, sei es ästhetisch oder

soziologisch.

Auf Ihrer Website werden die Bereiche

beschrieben, die Sie abdecken: Architektur,

Design, Streben nach Glück.

Das ist besonders interessant. Kann

die Architektur glücklich machen?

Wir studierten in Deutschland, Italien

und Amerika, was uns geholfen hat,

komplexer zu denken. Wir haben uns

in Amerika gegründet, an der Schnittstelle

der digitalen Revolution in der

Architektur. Das Streben nach Glück

als Teil der amerikanischen Verfassung

hat uns fasziniert. Unsere Projekte,

von der kleinen Klinke bis zu

großen Masterplänen, bedingen sich

gegenseitig. Viele Kollegen verkennen,

wie wichtig Interiordesign oder

narrative Architekturen sind – ein

holistischer Blick führt zu besserer

Architektur. Das Streben nach Glück

geht auf die amerikanische Declaration

of Independence und eigentlich

auf De Rerum Natura von Lukretius

zurück, einen antiken römischen

Text, der davon ausgeht, dass es

möglicherweise doch keine Gottheiten

gibt und dass wir das Glück auf

dieser Erde suchen sollten. Architektur

war für uns immer ein Werkzeug

zum Leben. Wir glauben, dass wenn

man nach Glück sucht, sich das auch

in der Architektur vermittelt. Wir versuchen,

uns gegenseitig zu begeistern,

statt mit Druck und Angst zu

führen und Wettbewerb zu schüren.

Das Streben nach Glück vermittelt

sich an die Mitarbeiter und in der

Arbeit, wodurch bessere Architektur

entsteht, die selbst Glück verspricht.

Wenn man von Anfang an, an den

Nutzer von Architektur denkt, kann

man die Menschen glücklicher machen.

Man könnte es auch beschreiben

als Identität schaffen.

Identität und Schönheit sind die

Kriterien für gute Architektur?

Genau, und darüber lässt sich trefflich

streiten. Heute finden wir oft

dieses deutsche Denken, dass Ar-

chitektur erlitten werden und asketisch

sein muss. Dieses Verbotsdenken,

man dürfe nur noch im Bestand

bauen, ist nicht unseres. Den Begriff

Schönheit kann man mit Identität

oder Vielfalt ersetzen. Ich kann mich

mit einem Ort, einer Architektur, einer

Wohnung identifizieren. Wenn

ein Gebäude nachhaltig ist, Kreislaufwirtschaft

betreibt und wenig

Material einsetzt, ist das alles richtig,

aber es ist zunächst erst mal nur

ein Gebäude entstanden und noch

keine Architektur. Die Konservativen

haben eine klare Vorstellung,

was Schönheit ist: Schönheit war

vorgestern und die müssen wir wiederfinden.

Wir glauben, Schönheit

ist auch in der Zukunft zu finden,

ohne das Gestern zu vergessen. Seit

es den Denkmalschutz gibt, wird

die Vergangenheit geschützt, aber

die Zukunft nicht, um das Denkmal

nicht zu übertreffen. Wir sehen uns

eher als Zukunftsschützer. Ohne

Schönheit und Glück schaffen wir

Architekturen, die sich morgen wieder

abschaffen, weil sie nicht geliebt

werden. Vitruv hat die wunderbare

Trias aufgestellt: Architektur ist Festigkeit,

Nützlichkeit und Schönheit.

Es ist ein Dreibein, und man darf die

Schönheit nicht vergessen, sonst

fällt es um – das war immer ein Ansporn

für uns.

u

Das GRAFTLAB in Berlin soll kollaborative

Formen des Arbeitens fördern. GRAFT

sind dort selbst zuhause.

u

© Patricia Parinejad


architektur PEOPLE

20

GRAFT

Die Schalterkollektion JUNG UNIQUE

gestaltete GRAFT im Stil der Urban Art.

© JUNG

Gibt es für Sie einen Unterschied

zwischen Architektur und Design,

ist Design die Gebrauchsgestaltung

und Architektur was anderes oder

gehört das zusammen?

Das ist eine Begriffsdefinition. Im

Design geht es um visuelle Kommunikation

und Produkte. Architektur

ist allumfassender gedacht. In der

Baugeschichte gibt es die Trennung

zwischen Disegno und Regula in der

Architektur. Regula steht für das Regelhafte

in der Architektur. Disegno

steht für die Freiheit des Architekten,

wie eines Michelangelo oder Le Corbusiers,

der neben den Regeln eigene

Formsprachen erfindet. Deswegen

gehört historisches Design zur Architektur

dazu. Heute wird es begrifflich

anders genutzt, aber wir sehen keinen

großen Unterschied. Wo hört die Architektur

auf, wo fängt die Innenarchitektur

oder der Städtebau an? Solche

Grenzen zu ziehen ist Silo-Denken,

das wir als beengend empfinden.

Eine gängige Definition sagt, dass Design

die Reproduzierbarkeit, die industrielle

Herstellbarkeit bedeutet, während

Architektur Unikate hervorbringt.

Das stelle ich in Frage. Regelhaftigkeit

oder Serienfertigung war historisch

immer Bestandteil der Architektur.

Aber nochmal, der Begriff

Architektur umfasst das eigentlich

alles. Im Wort steckt Archi, der Erste

oder Haupt, und Tekton, der Handwerker.

So begreife ich unseren Beruf:

Wir können nicht alles, aber ein

guter Architekt findet eine Vision zur

Lösung komplexer Fragen und holt

sich Partner – Statiker, Soziologen,

Botaniker – für das, was er nicht kann.

Weil wir Vergangenheit, Schönheit und

Denkmalschutz angesprochen haben.

Sehen Sie GRAFT in einer bestimmten

Architekturtradition verhaftet?

Grafting ist eine Methode. Wir hatten

in Braunschweig einen sehr guten

Professor, der die Brücke schlagen

konnte zwischen der Entwurfsgenese

eines Palladio und eines Louis

Khan. Grafting als Methode des Entwerfens

ist ähnlich. Wir sehen uns

also schon in einer gewissen ästhetischen

Tradition von Ambivalenzen,

aber unsere heutigen Aufgaben sind

gesellschaftlich komplexer, weshalb

wir das Grafting und Fusionieren

weiter denken.

Sie sagen, Zukunft ist ein Möglichkeitsraum,

wo steht da der Architekt

in der Zukunft?

Seine Daseinsberechtigung liegt in

meinen Augen vor allem darin, dass

er durch seine Ausbildung sehr breit

aufgestellt ist und Brückenschläge

schafft, um eine Lösung zu finden,

die andere Professionen in ihren

Spezialgebieten weniger leisten können.

Leider sind aber gleichzeitig die

Das Paris Luxury Office bietet eine moderne

Arbeitsumgebung in einem historischen Gebäude.

Erbsenzähler auf dem Vormarsch mit

dem Trugschluss von Quantifizierung

von Architektur – einem Grundfehler

der Moderne: Wir erfassen den

Menschen, seine Probleme und Bedarfe,

es ist alles zählbar. Wir vergessen

dabei das Bedürfnis nach dem

Interessanten, Unbekannten, Unberechenbaren.

Der Satz Form Follows

Function wäre richtig, wenn man

menschliche Funktionen auch als

komplex, unterschiedlich, differenziert

und teilweise widersprüchlich

definiert. Ansonsten wird der Architekt

sein Dasein in kleinen Bereichen

fristen, eingeengt zwischen Leuten,

die ihm vorschreiben, wie das Haus

in seinem Lebenszyklus funktionieren

muss. Betrieb, Budget und Finanzierbarkeit

werden ihn diktieren.

Viele kleinere Architekturbüros, sind

dramatisch im Rückzug. In Amerika

wurden diese Büros in der Weltwirtschaftskrise

fast komplett verdrängt

oder geschluckt. Die großen akronymen

Firmen kommen jetzt auch

zunehmend auf den europäischen

Markt. Die Frage ist also, wie Architekten

ihre ursprüngliche Stellung

als Bewahrer, Erfinder und vor allem

Verbinder zukünftig verteidigen. Der

Anspruch heute ist vor allem Bauprofit,

weniger Baukunst, eher Quantität

als Qualität. Das ist der große Wandel,

deswegen muss man entweder

seine Nische finden oder generalistisch

und visionär denken. u

© Schnepp Renou



architektur PEOPLE

22

GRAFT

Ist es heute schwieriger, Bauherren zu

überzeugen oder haben sie nicht immer

schon profitorientiert gedacht?

Ich glaube, das war immer so, und es

ist auch heute noch schwierig, Bauherren

zu überzeugen. Sebastiano

Serlio soll gesagt haben, dass gute

Architektur nur in Kombination eines

guten Architektenteams und eines

guten Bauherrn entsteht. Wir haben

viel daran gearbeitet, zu zeigen, dass

gute Architektur ein dialogisches

Verfahren ist. Es gibt bei uns keinen

Lars Krückeberg-Entwurf, es gibt einen

Entwurf von GRAFT. Es war harte

Arbeit, um dahin zu kommen, dass

Bauherren anrufen, die das interessant

finden und sich auf diesen Dialog

einlassen. Und zwar nicht, weil

sie eine Signatur wie Frank Gehry

oder Zaha Hadid wollen, wo man

schon vorher weiß, wie das Gebäude

aussieht. Das ist die Sackgasse der

Signatur. Sie erwarten eine Lösung

für ein komplexes Vorhaben.

Aber braucht es nicht auch Bauherren,

die unabhängig sind vom finanziellen

Rahmen? Die Pyramide im

Louvre hätte wahrscheinlich nie entstehen

können, wenn nicht Mitterrand

zu Pei gesagt hätte, mach das.

Solche Projekte gibt es, aber auch da

gab es ein Budget und einen Zeitrahmen.

Ich glaube, es ist eine Legende,

dass große Architekten immer ohne

Limit bauen können. Es gibt Gegenbeispiele

wie die Elbphilharmonie,

die hat Hamburg viel gebracht, auch

wenn sie teuer war. Gute Architektur

ist nicht davon abhängig, einen verrückten

Bauherrn mit grenzenlosen

Ressourcen zu haben, sondern es

ist ein Dialog. Wir stehen immer in

Abhängigkeiten, gerade bei größeren

Quartiersentwicklungen geht es

immer um Geld. Zum Glück sind aber

häufig Kunden dabei, die verstehen,

dass der Wert eines Projektes steigt,

wenn man Identität schafft.

Architektur im Spannungsfeld

Dienstleistung, Kunst und Wirtschaft

ist also etwas, womit Sie leben können

oder auch müssen?

Wir kommen aus ganz normalen

Haushalten und müssen von dem

leben, was wir tun. Und das funktioniert

nur mit einem neuen Auftrag.

Es gibt den vitruvianischen Trias und

dann gibt es den Trias der Nachhaltigkeit:

Ökologie, Ökonomie und Kultur.

Es gibt wenige Berufe, die genau

in dieser Schnittmenge agieren, der

Architekt ist einer davon. Deswegen

ist es ein besonderer, aber eben auch

schwieriger Beruf.

Die ökonomischen Aspekte sind

also essenziell?

Wenn es sich nicht rechnet, wird es

einfach nicht gemacht. Es obliegt

nicht dem Staat allein, zu bauen.

Deswegen ist der Entwickler das

Feindbild linker Szenen: Der macht

alles kaputt und die Mieten steigen.

Da macht man es sich zu einfach.

Die meisten Städte sind durch Leute

entstanden, die investiert haben. Sie

bieten etwas an, das andere kaufen

oder mieten. Das kann man gut oder

schlecht machen, und als Stadt ist

man in der Pflicht, die Qualität zu

sichern. Im Moment fehlt der private

Sektor im Bau, weshalb wir zu wenig

Wohnungen bauen, Wohnungsknappheit

herrscht und Wohnungen

teurer werden. Die letzten zwölf Jahre

waren Goldgräberjahre mit billigem

Geld, in denen Leute entwickelt

haben, die wenig vom Bauen verstehen,

und die Branche in Misskredit

gebracht haben. Zum Glück sind die

aus dem Markt.

Sind die zunehmenden Regulierungen

und Normierungen im Bauwesen

ein notwendiges Übel oder geht das

zu weit?

Das geht zu weit, eindeutig. Es dauert

alles zu lange und es gibt zu viele

Hürden. In Berlin darf ein neues Gebäude

neben einem Denkmal das alte

nicht übertrumpfen. Das ist Dogma.

Zu Ende gedacht kann so keine Architektur

mehr entstehen, die anders,

womöglich interessanter ist als die

vergangene. Im Umkehrschluss kann

so nur Architektur entstehen die sich

hinter der Vergangenheit wegducken

muss: Wie sollen da Gebäude entstehen,

welche irgendwann selbst unter

Denkmalschutz gestellt werden könnten.

Dazu kommen Hürden wie Brandschutz

und Schallschutz, deren Anforderungen

unsere Neubauten immer

mehr aufrüsten. Fragen Sie mich nicht,

welche Lobbyisten dahinterstehen!

Es ist richtig, den Nutzer zu schützen,

aber das Niveau ist inzwischen so

hoch, dass das Bauen so nicht mehr

bezahlbar ist. 95 Prozent der Bausubstanz

in Deutschland und Österreich

sind Bestand, der diese Standards

nicht erfüllt, und Menschen dort dennoch

völlig normal leben können. Wir

haben uns gut gemeinte Regeln auferlegt,

die aber zu einer Lähmung führen.

Das ist eine Frage der Politik, die

die Gesetze macht.

© GRAFT

Vorschlag für die Neugestaltung der

Mollstraße in Berlin, mit ausgedehnten

Wasserflächen.


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23

GRAFT

Bei den letzten Wienerberger Brick

Days in Wien war die Digitalisierung

Thema. Sie haben dort über die digitale

Handwerkskunst gesprochen,

zwei eigentlich widersprüchliche Begriffe,

nicht?

Es sind genau diese Ambivalenzen,

die beschreiben, wo man Lösungen

finden kann. Die Verteufelung der

Digitalisierung macht keinen Sinn.

Wenn man mit KI handwerklich arbeitet,

wird sie Entwurfsarchitekten

nicht ersetzen, aber helfen, auf den

richtigen Entwurfspfad zu kommen.

Wir haben für unser Diplom in Braunschweig

noch mit der Hand gezeichnet.

Den Master an der SCI-Arc in

Los Angeles haben wir am Computer

entwickelt, also beide Seiten des

digital divides kennengelernt. Nach

anfänglichen Berührungsängsten

war es eine Befreiung, den Computer

zu haben und statt Strichzeichnungen

Welten zaubern und Kunden

überzeugen zu können. Frank Gehry

war der George Lucas der Architektur,

dem es durch Digitalisierung

gelungen ist, Programme aus der

Raumfahrt und Filmanimationsprogramme

für die Architektur zu nutzen,

um komplexe Formen herstellen

zu können. Bei ihm gleicht allerdings

wirklich kein Teil dem anderen, was

teuer ist. Aber er hat es vorgemacht,

wie der Architekt wieder ein Bildhauer

sein kann, weil der Prozess durch

Digitalisierung beherrschbar wird.

© BTTRGmbH

Die dynamische Ziegel-Geometrie im Eingangsbereich des Bricks

Berlin-Schöneberg entstand mithilfe des Computers.

Gibt es eine Grenze beim Computer

als reines Werkzeug und Übernahme

der Rolle als Architekt?

Es ist eine Legende, dass der Computer

alles kann. Er ist ein Werkzeug.

Er hat keinen eigenen Willen. Und

selbst wenn er einen hätte, müsste er

ausgebildet werden, um ästhetische

oder finanzielle Entscheidungen zu

treffen. Aber wie soll ein Computer

entscheiden, was gut oder schlecht

ist? Der Computer ist immer noch

ein sehr intelligenter Bleistift. Die

KI ist nur so gut, wie ich sie füttere.

Ich schaffe ein Bild mit Parametern

und treffe Entscheidungen, das ist

eigentlich der falsche Stein oder da

muss noch ein Fenster rein. Es ist

wie bei jedem Entwurfsprozess, ob

mit einem Kartonmodell oder mit der

KI. Die Entscheidung, was gut oder

schlecht ist, muss ein ausgebildeter

Architekt treffen.

Aber wird sich die Architektur durch

die Verwendung dieser digitalen

Werkzeuge ändern?

Das hat sie schon. Da gibt es die

Lust an Formfindung. Das sind aber

oft aufregende, meist kontextlose

Architekturen, die in den Wüsten

der arabischen Halbinsel oder in extrem

wachsenden Städten in Asien

entstanden sind. In Europa hat man

selten genug Platz um ein selbstreferenziertes

Museum hinzustellen.

Wir als Büro kennen unsere Baugeschichte

sehr gut und leiten teilweise

eine andere Architektur ab, aber

sie ist immer kontextuell. Den reinen

Formalismus empfinden wir als eine

Art Manierismus, mit seinen Stärken

und Schwächen. Gerade sehen wir

die Entwicklung ins Gegenteil: Eine

Forderung zur Askese durch Kreislaufwirtschaft,

Materialreduktion,

vermeintliche Ehrlichkeit, Energiebe-

wusstsein. Da wir schnell und viel für

Leute mit kleinem Geldbeutel bauen

müssen, ist die Gefahr groß, dass

wir in eine Art 50er-Jahre Moderne

zurückfallen, ins serielle Bauen. Die

Kunst wird sein, diesem seriellen

Bauen trotzdem Identität einzuhauchen.

Beim Vortrag in Wien haben

wir ein Berliner Projekt gezeigt: eine

Quartiersentwicklung, Bauen im Bestand,

jeder Ziegel stand dort unter

Denkmalschutz. Wir haben saniert,

umgebaut und Neubauten in Ziegel

ergänzt, deren dynamische Form,

vor allem computergesteuert entworfen

wurden. Es ist so ein ganzes

Stadtviertel entstanden, dass die Geschichte

des Ziegels in die Zukunft

gebracht hat. Das sind die Aufgaben

der europäischen Stadt: Identitäten

nicht negieren, sondern stärken, weiterdenken

und in der Synthese interessanter

machen.

u


architektur PEOPLE

24

GRAFT

© GRAFT

Beim Konzept Hyperloop leitet GRAFT das Gesamtdesign und entwarf Pylonsysteme und Stationen.

Und dann haben Sie interessante

Projekte wie den Hyperloop. Ist das

ein Konzept, oder schon etwas Konkretes?

Das ist viel konkreter als man denkt.

Der Hyperloop ist im Grunde ein Magnetschwebebahnsystem

in einer

Vakuumröhre, bietet die Geschwindigkeit

eines Flugzeugs bei viel geringerem

Energieverbrauch. Das ist

ein sehr konkretes Stück Zukunft.

Welche Rolle spielten GRAFT dabei?

Wir sind im Grunde die Architekturberater.

Wie sehen Pylonen, wie Stationen

aus? Was bedeutet Komfort

in einer Kapsel bei 500 km/h?

Jetzt würde ich zum Abschluss noch

gerne zum Thema Architekturwettbewerbe

kommen. Wie viele Ihrer

Projekte sind aus Wettbewerben

entstanden?

Wir haben da keinen Schlüssel. Wir

sind allerdings nicht das klassische

Wettbewerbsbüro. Gerade in

Deutschland wird unsere eigene Annäherung

an Projekte nicht immer

goutiert. Wir sehen uns immer die

Jury sehr genau an, um einzuschätzen,

ob wir überhaupt eine Chance

haben. Denn neben den ohnehin

schweren Zugängen zu Wettbewerben

ist die Besetzung der Jury wie

ein zweites Auswahlverfahren. Beim

© Aestethica Studio

Wettbewerb für das Museum der

Zukunft neben der Nationalgalerie

in Berlin wollten wir gerne mitmachen.

Es ging darum, wie moderne

Kunst in Zukunft gezeigt und perzipiert

wird. Der Vorsitzende der Jury

sagte bei der Begründung für den

ersten Preis, man sei stolz darauf,

ein futuristisches Projekt verhindert

zu haben – für das Museum der Zukunft!

Da Wettbewerbe enorm viel

Geld verschlingen, muss man schon

sehr genau darauf achten, wo sich

der Einsatz lohnt.

Auch bei geladenen Wettbewerben

machen Sie nicht mit?

Doch schon. Wir haben gerade einen

großen Wettbewerb für den Musikcampus

Bechstein in Berlin gewonnen.

Leider hat der Prozess so lange

gedauert, dass der Bauherr, derzeit

gar nicht bauen kann. Wir haben also

ein zwiegespaltenes Verhältnis zu

Wettbewerben, gerade in Deutschland.

Immerhin gibt es hier aber eine

Wettbewerbskultur – in den USA

werden häufig die „Usual Suspects“

angefragt und dann direkt ausgewählt.

Wobei man sich in Europa bei

offenen Wettbewerben, wie bsw. dem

Guggenheim in Helsinki mit 2000

Teilnehmern, fragen muss, ob die

Teilnahme Sinn macht.

1. Preis beim Wettbewerb für den neuen

Carl Bechstein Campus, Berlin, mit Ausstellungsflächen,

Musiksälen und Studentenwohnungen.


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GRAFT

JUNG UNIQUE x GRAFT.

MADE TO BE DIFFERENT.

Urbane Schalterkollektion: Coole Designs

als Ode an Berlin und die Individualität.

JUNG.GROUP/GRAFT


architektur PEOPLE

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illiz architektur

Mutige Entscheidungen

& individuelle Lösungen

Interview mit Sabrina Mehlan, Petra Meng

und Stefanie Wögrath von illiz architektur

Interview: Edina Obermoser

Sabrina Mehlan, Petra Meng und Stefanie Wögrath – dieses Frauentrio steht hinter illiz architektur. Das

2008 gegründete Büro hat Standorte in Wien und Zürich und besteht inzwischen aus einem 20 bis 30-köpfigen

Team. Im Gespräch geben die drei Architektinnen Einblick in ihre Herangehensweise an unterschiedliche

Bauaufgaben und erläutern, wie es zu ihrem Fokus auf Bildungs-, Sport- und Kommunalbauten kam.

Außerdem sprechen sie über realisierte Projekte, ihren Mut zu kontroversen Entscheidungen und die

größten Unterschiede, die dem Büro beim Bauen in Österreich und der Schweiz begegnen.

© tschinkersten fotografie


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illiz architektur

Wie stellen Sie Ihr Büro jemandem vor,

der Sie nicht kennt? Wer ist illiz architektur

und was macht das Büro aus?

Illiz arbeitet länderübergreifend mit

zwei Bürostandorten in Wien und

in Zürich. Wir haben keinen ausgesprochenen

Fokus, jedoch machen

Planungen für die öffentliche Hand

– das heißt Bauten für Bildung, Sport

und kommunale Infrastruktur – einen

großen Teil unserer Arbeit aus. Dazu

kommen großvolumige Wohnbauten.

illiz ist außerdem eines der wenigen

Büros, das von drei Partnerinnen geführt

wird. Wir haben uns zu Studienbeginn

kennengelernt und sind über

das gemeinsame Gestalten stark

zusammengewachsen. Trotz der Distanz

zwischen Wien und Zürich pflegen

wir einen intensiven Austausch,

der auch unser Team prägt.

In Ihrem Portfolio finden sich Projekte

in unterschiedlichsten Maßstäben

– wie unterscheidet sich dabei Ihre

Herangehensweise?

Natürlich sind die Rahmenbedingungen

und damit das „Material“, mit

dem man arbeitet, ganz unterschiedlich.

Der Entwurfsprozess läuft bei

uns jedoch immer sehr ähnlich ab.

Wir formulieren bei jedem Projekt

früh eine konzeptionelle Idee, die

dann städtebaulich und räumlich,

oft anhand von Arbeitsmodellen und

digitalen Modellen, geprüft und geschärft

wird.

© tschinkersten fotografie

Bei der Erweiterung der Volks- und Mittelschule Auersthal ergänzten die Architektinnen den

Bestand um drei neue Gebäudeteile und legten rund um einen gemeinsamen Innenhof den Fokus

auf die Zwischenbereiche, die Alt und Neu miteinander verbinden.

Wie gehen Sie an Projekte heran, bei

denen es Bestandsbauten miteinzubeziehen

gilt, z.B. bei der Messehalle

9.1 in Zürich oder der Schulerweiterung

Auersthal?

Jede Bauaufgabe ist vollkommen anders

und wir gehen an jedes Projekt

auch neu heran. Die Messehalle 9.1

wurde in eine polysportive Halle für

Freizeitsportler:innen transformiert.

Unser Ziel war es, alle Interventionen

als additive Zutaten ablesbar zu

machen – dabei bekommt die Neugestaltung

fast schon einen provisorischen

Charakter – was uns bei

diesem Projekt richtig schien. Bei an-

deren Projekten wie der Schulsanierung

in Auersthal steht hingegen die

gestalterische Verbindung von Alt

und Neu stärker im Vordergrund. In

Kooperation mit MAGK Architekten

setzte sich die vorhandene Bestandstruktur

dabei aus heterogenen Bauten

unterschiedlichen Datums zusammen.

Bei der gewählten Methode

handelte es sich deshalb eher um

eine klärende und verbindende Intervention.

Unser Ziel ist es, möglichen

Defiziten des Bestands auf die Spur

zu kommen und diese mit unserem

Eingriff zu beheben. Daraus entstehen

oft starke Konzepte. u

Die denkmalgeschützte Messehalle 9.1

in Zürich wurde zu einer multifunktionalen

Sportstätte umgenutzt. Neue

Elemente wie eine eingestellte Garderobenbox

heben sich klar vom Bestand

ab und rücken die markante Tragkonstruktion

in den Vordergrund.

© Nina Baisch


architektur PEOPLE

28

illiz architektur

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Projekte

– ob Neubau oder Bestand

– sich gut in den städtebaulichen,

landschaftlichen und sozialen Kontext

einfügen?

Neubauten „auf der grünen Wiese“

begegnen uns wirklich sehr selten.

Dafür begleitet uns das Thema des

Weiterbauens ständig – ob im ländlichen

Raum oder in der Stadt. Das

bedeutet, dass der Kontext praktisch

immanent ist und wir viel Zeit in die

Frage nach der Haltung zum Bestand

stecken. Es braucht eine Balance

zwischen Rücksicht auf den Kontext

und gestalterische Eigenständigkeit

des Neugebauten. So haben wir

z.B. unsere Feuerwache Speising im

13. Wiener Gemeindebezirk durchgängig

mit einer leuchtend gelben Metallfassade

gestaltet, die durchaus kontrovers

diskutiert wurde. Das Gebäude

besetzt eine Lücke in einem recht homogenen,

vorstädtischen Bezirk mit

einer Farb- und Materialpalette aus

sanften, beige-gelben Putzfassaden.

Wenn man heute vor dem Gebäude

steht, kann man sich eine andere Farbe

überhaupt nicht vorstellen.

Unter Ihren Projekten sind viele

Sport- und Bildungsstätten zu finden.

Wie kam es zu diesem Fokus

und welchen Besonderheiten begegnen

Sie bei deren Planung?

© tschinkersten fotografie

Die neue Feuerwache an der Wiener Speisinger Straße fügt sich volumetrisch unauffällig in den

städtischen Kontext ein, setzt mit ihrer Farbgebung aber ein deutliches Statement. Eine Metallfassade

in kräftigem Gelb verleiht dem Bau seine identitätsstiftende Wirkung.

Unser allererster Wettbewerbsgewinn,

mit dem wir uns selbstständig

gemacht haben, war 2008 das

Kinderbetreuungszentrum in Maria

Enzersdorf. Diese Schule wurde als

konstruktiver Holzbau mit hybrider

Lüftung und im Passivhausstandard

realisiert – was also bereits damals

heutige Standards setzte. Strukturell

war dieser Schulbau jedoch noch als

„Gangschule“ konzipiert. Das heißt

die Erschließungsflächen mussten

grundsätzlich brandlastfrei gehalten

werden und sind demnach als Aufenthaltsflächen

nur bedingt nutzbar.

Das war unser Einstieg in das Thema

Bildungsbauten. Seither hat sich viel

verändert und Raumkonzepte legt

man im Vergleich zu damals ganz

anders an: Im Mittelpunkt steht dabei,

alle geschaffenen Flächen für

die Nutzer:innen möglichst vielfältig

nutzbar zu machen.

Gibt es Beispiele, bei denen Sie die

Herausforderungen beim Planen von

Bildungsbauten besonders gut meistern

konnten und wie?

Ein Bildungsbau, der sich gerade in

der Umsetzung befindet, ist die Sanierung

und Erweiterung der Volksschule

Marco Polo Platz im 21. Bezirk

in Wien. Das Gebäude wurde von

Harry Glück geplant und Anfang der

1980er-Jahre fertiggestellt. Hier war

das Ziel einerseits, den Bestand in

ein zeitgenössisches Raumkonzept

mit offenen Lern- und Kommunikationszonen

zu überführen, und dabei

die markante Formensprache mit

den dreieckigen Fassadennischen

des Bestandsgebäudes zu erhalten.

Das ist uns gut geglückt. Ein

erschwerender Faktor ist, dass die

Sanierung – wie so oft – bei laufendem

Schulbetrieb erfolgen muss. In

mehreren Etappen werden die Schüler:innen

innerhalb des Gebäudes

umgesiedelt und der Neubau für das

Jugendzentrum als Provisorium für

die Schule zwischengenutzt. Themen

dieser Art stellen ein zusätzliches

Handicap dar und müssen

bereits in den konzeptionellen Überlegungen

mitgedacht werden.

Gerade im öffentlichen Bereich sind

Budget und Zeit oft limitiert. Wie gehen

Sie damit um und wie gelingt es

Ihnen trotzdem, innovative Projekte

mit Liebe zum Detail umzusetzen?

Wir haben die Erfahrung gemacht,

dass ein starkes und klares Gebäudekonzept

sozusagen die halbe Miete

ist. Wenn schon im Wettbewerb in

diesem Sinne gut vorgelegt werden

konnte, lassen sich daraus andere gestalterische

Fragen gut ableiten. Definitiv

würden wir uns mehr Zeit und

Muße in der Projektarbeit wünschen.

Diese sind ein wesentlicher Faktor,

wenn es um innovative Detaillösungen

geht, die dann durchaus auch

effizient und damit kostensenkend

sein können. Das Unterwerk in Zürich

Oerlikon ist so ein Beispiel: Hier haben

wir in einem skizzenhaften Wettbewerbsbeitrag

die Idee des „Guckkastens“

entwickelt – ein Gebäude,

das ähnlich den gleichnamigen Vorbildern

aus dem 18. Jahrhundert ein

Gehäuse für fremde und unbekannte

Welten schafft. Durch ein inszeniertes

Schaufenster blicken die Passanten

heute in die 12 m tiefer liegende

Hochspannungsschaltanlage und die

teure Infrastruktur wird so für die Öffentlichkeit

erlebbar.

Welche Rolle spielt das Material Holz

bei Ihren Entwürfen – sowohl gestalterisch

als auch funktional? Was

ist dabei speziell bei Sport- und Bildungsbauten

zu beachten?

Holz ist bei uns oft das Material der

Wahl. Es schafft immer eine warme,


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29

illiz architektur

natürliche und lebendige Atmosphäre,

die wir sehr schätzen. Gerne lassen

wir Tragkonstruktionen in dem

Naturmaterial sichtbar und machen

damit die Struktur zum erfahrbaren,

gestalterischen Element. Die verschiedenen

Verlegarten, Texturen

und Lasuren ermöglichen die Umsetzung

sehr präziser Gestaltungsideen

und machen Holz so auch an der

Fassade zum vielseitigen Allrounder

– was uns sehr gefällt. Am allerliebsten

ist es uns natürlich, wenn

das Holz sichtbar bleiben darf. Für

die Feuerwehr in Rorschacherberg

setzten wir beispielsweise auf eine

Holzfassade in Shou Sugi Ban Technik,

mit der das Material durch eine

verkohlte Oberfläche eine besonders

gute Haltbarkeit erhält. Damit

haben wir bei der Feuerwehr genau

ins Schwarze getroffen. Wir durften

auch einige Schwimmbäder planen:

Das jüngste, die Trainingsschwimmhalle

in der Wiener Großfeldsiedlung,

wurde ebenfalls zu großen Teilen in

Holzbauweise umgesetzt. Grundsätzlich

handelt es sich bei Holz um

ein Material, das mit der aggressiven

und feuchten Hallenbad-Atmosphäre

sehr gut zurechtkommt – anders

als Stahl und auch Stahlbeton. Es ist

allerdings wichtig, dass das Holz gut

belüftet wird und Elemente wie z.B.

die Stützenfüße nicht dauerhaft mit

Wasser in Berührung kommen.

© Roger Frei

Eine geflämmte Holzfassade verleiht der Feuerwehr Rorschacherberg in Zürich nach Umbau und

Erweiterung eine seidige Oberfläche. Die traditionelle japanische Technik schützt das Material vor

Witterung, Insekten und Feuer – und passt perfekt zur Funktion des Gebäudes.

Sie haben Standorte in Wien und Zürich

und realisieren Projekte in beiden

Ländern. Welche Unterschiede begegnen

Ihnen dabei? Gibt es ein Projekt,

bei dem das besonders auffiel?

Das Tempo ist sicher einer der auffallendsten

Faktoren. Es kommt immer

wieder vor, dass unsere österreichischen

Projekte jene in der Schweiz

überholen – was dann bei unserer

gemeinsamen Online-Bürositzung

zu großer Belustigung führt. Erschwerend

kommt in der Schweiz die

Hürde der Urnenabstimmung hinzu,

bei der die Bevölkerung über die

Umsetzung von öffentlichen Projekten

entscheidet und die oft zusätzliche

Projektzeit kostet. Insgesamt

wäre uns vermutlich der goldene

Mittelweg am liebsten. Ansonsten ist

es einfach sehr unterschiedlich für

welche Auftraggeber wir arbeiten. In

Wien sind selbst überschaubare Sanierungsprojekte

für öffentliche Stellen

oft mit sehr vielen verschiedenen

Akteur:innen verbunden, was viel

Zeit und einen hohen Abstimmungsaufwand

erfordert. Projekte für Kommunen

in den Bundesländern werden

hingegen oft recht effizient und

mit kürzeren Entscheidungswegen

umgesetzt. Das ist in der Schweiz

nicht anders. Die Vorschriften sind in

beiden Ländern selbstverständlich

anders, die Zielsetzungen allerdings

recht ähnlich.

Gibt es Themen, die Sie bislang wenig

umgesetzt haben, aber für kommende

Projekte in Planung sind, oder Entwicklungen

bzw. Innovationen, die Sie

künftig stärker verfolgen möchten?

Die Branche setzt sich im Moment

stark mit dem zirkulären Planen und

Bauen auseinander und wir sehen,

dass die öffentliche Hand das Thema

Kreislaufwirtschaft auch zunehmend

ernst nimmt. Diese Entwicklung ist

notwendig und setzt ein wahres Umdenken

aller Akteur:innen voraus.

Das bestandsschonende Weiterbauen

bzw. Umbauen stellt einen wichtigen

Schritt dar, aber in Zukunft

werden sich auch die gestalterischen

Antworten – genauso wie die Sehgewohnheiten

der Nutzer:innen – verändern.

Auf diese Herausforderungen

freuen wir uns.

Holz spielt auch bei der Trainingsschwimmhalle

in der Wiener Großfeldsiedlung

eine zentrale Rolle: Es kleidet

die Fassaden, bildet das Tragwerk der

6 m hohen Halle und schafft im Inneren

– in Kombination mit der raumhohen

Glasfront – eine freundliche Atmosphäre.

© Hertha Hurnaus


architektur PEOPLE

30

MVRDV

Verantwortung

übernehmen

Interview mit Christine Sohar von MVRDV

Interview: Roland Kanfer

Christine Sohar ist Senior Associate beim niederländischen Architekturbüro MVRDV. Gegründet

1993 von Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, prägt das in Rotterdam ansässige Büro

mit weiteren Standorten in Berlin, Paris, Shanghai und New York sowie rund 300 Mitarbeitenden

seit drei Jahrzehnten die Diskussion über urbane Lebensräume. Die aus Graz stammende Architektin,

die nach ihrem Studium an der TU Graz und der TU Delft zunächst bei Ole Scheeren in China

arbeitete und 2016 zu MVRDV kam, ist seit 2025 Senior Associate. Im Interview spricht sie über die

DNA-Elemente, die die Architektursprache des Büros definieren, über den Dialog mit Bauherren zwischen

Vision und Kompromiss – und über die Rolle digitaler Werkzeuge im kreativen Prozess.

Wie sind Sie als Österreicherin

zu MVRDV gekommen?

Ich habe an der TU Delft im Rahmen

des Erasmusprogramms studiert und

meine Masterthesis in Hongkong geschrieben.

Meine berufliche Reise

begann in Peking, wo ich für eineinhalb

Jahre bei Ole Scheeren gearbeitet

habe. In Rotterdam bewarb

ich mich eher zufällig bei MVRDV,

weil dort eine Stelle für deutschsprachige

Architekten ausgeschrieben

war. Das Büro hat mich bereits während

meines Studiums fasziniert, da

MVRDV in den Niederlanden einen

hohen Stellenwert besitzt und sowohl

im Städtebau als auch in der

Architektur prägende Akzente setzt.

MVRDV ist ein Akronym aus den

Namen der drei Gründer Winy Maas,

Jacob van Rijs und Nathalie de Vries.

Sind die Gründer nach wie vor aktiv?

Sie sind an allen Projekten beteiligt.

Wir sprechen mit ihnen je nach Notwendigkeit

wöchentlich oder monatlich

und entwickeln die Projekte dann

gemeinsam weiter. Sie bringen sich

noch sehr stark in die Entwurfsphase

ein. Dass man nicht einen einheitlichen

Stil von MVRDV erkennt, ist

auch eine Charakteristik. Jeder der

drei Gründungsmitglieder hat seinen

eigenen Ansatz. Und das macht auch

das Arbeiten für uns sehr attraktiv.

Winy Maas und Jacob van Rijs arbeiteten

auch bei Rem Kohlhaas. Sieht

sich MVRDV in einer Architekturtradition,

die man da definieren könnte?

Für uns steht sehr stark der Mensch

im Vordergrund und damit verbunden

die Nutzung eines Gebäudes oder


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31

MVRDV

eines Masterplans. Wenn man zum

Beispiel Projekte wie das O Wohnhochhaus

in Mannheim anschaut: Das

ist ein Wohngebäude, aber gleichzeitig

gibt es für die Öffentlichkeit eine

große Freitreppe nach oben auf das

Gebäude, um den umbauten Raum

für die Menschen attraktiv zu machen.

Gleichzeitig ist es auch ein sehr

starker städtebaulicher Ansatz und

für uns sehr wichtig: Architektur, die

sich dem Kontext anpasst. Aber wir

haben keine immer wiederkehrende

Formensprache, sondern gewisse

DNA-Elemente, Ansätze, die wir verfolgen.

Diese beziehen sich immer auf

unsere Standbeine Nachhaltigkeit,

Flexibilität, Dichte und Soziales. Das

sind die Hauptstrukturen. Und es gibt

immer auch einen überraschenden

Moment bei MVRDV. Zum Beispiel

die Markthalle: Die ist ein Wohngebäude,

das wie ein Hufeisen geformt

ist, mit einem wunderschönen Innenraum,

der eine öffentliche Funktion

als Markt für Rotterdam erfüllt. Es

geht uns darum, Themen auch outside

the box zu denken. Am Anfang war

der Wunsch sehr stark vorhanden,

vom Formalismus wegzugehen. Form

braucht eine Funktion und sie braucht

einen Grund. Sie wird nicht nur an einen

Ort gesetzt, der Entwurf wird im

Kontext gestaltet. Für uns sind diese

Beziehungen sehr wichtig, egal ob es

Blickbeziehungen sind, Achsen oder

Verbindungen in die Umgebung.

Bei den Projekten vom MVRDV finden

sich immer wieder Stapelungen.

Ist das nicht doch ein wiederkehrendes

Formalelement?

Wir nennen es Stacks. Wir brechen

damit größere Volumina auf, zum

Beispiel durch Rotation. Dadurch

ergeben sich Terrassierungen. Wie

man mit diesen so entstandenen

Dachflächen umgeht, ist einer unserer

Ansätze. Dass Formen, die entstehen,

einen Nutzen haben und daraus

eine Qualität entsteht. Das ist ein

Update von „Form follows function“.

© Ossip van Duivenbode

Wo sehen Sie MVRDV in dem Dreieck

zwischen Kunst, Wirtschaft

und Dienstleistung für die Bauherren?

Eher als Künstler oder eher als

Dienstleister?

Das hängt vom Projekt ab. Man muss

abwägen, wie viel Freiraum ist gegeben,

was ist für den Standort wichtig,

was für die Leute und was für den Entwickler

oder den Nutzer. Als Architekt

ist man Dienstleister, man möchte

ja etwas entstehen lassen. Aber es

kommt auch der künstlerische Aspekt

hinzu, weil man eine gewisse Einzigartigkeit

generieren möchte. Und wir

sind an gewisse Zwänge gebunden.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt gibt

es im Büro dann schon Diskussionen,

ist es dann noch unser Projekt, ist es

noch das, was wir wollen.

Wie weit geht die

Kompromissbereitschaft?

Es gibt eine gewisse Flexibilität, aber

ab einem gewissen Zeitpunkt würde

hinterfragt werden, warum man uns

als Architekten nimmt. Wenn man ein

einfaches Volumen mit Lochfassade

haben möchte, dann braucht man

nicht zu uns kommen. Es braucht für

uns immer etwas, das einem Objekt

zusätzlich Qualität verleiht. An dem

werden wir festhalten. In der Ausformulierung

kann es aufgrund von Materialänderungen

zu Einsparungen

kommen. Da muss man gemeinsam

mit dem Entwickler abwägen.

Gab es schon Fälle, wo Projekte zurückgelegt

oder Aufträge nicht angenommen

wurden?

Ja, die gab es. Wir haben eine eigene

Abteilung, die prüft, mit welchen

Stake holdern wir arbeiten, wie ist deren

Standpunkt. Wir wiegen stets ab,

ob das Projekt mit unseren Werten

vereinbar ist. Falls wir da keine Möglichkeit

sehen, kann es vorkommen,

dass wir ein Projekt ablehnen müssen.

MVRDV ist auch in der Entwicklung

von Tools und Theorien aktiv. Was

steckt hinter Stichworten wie Farmex,

Solarscape, Carbon Space und

wie wirkt sich das auf die Arbeit und

die Architektur von MVRDV aus?

Carbon Space ist eine Software, die

von uns entwickelt wurde. Es ermöglicht

uns, in einem sehr frühen

Zustand zu prüfen, wie viel CO 2 verbaut

wird. Auf Basis einer Materialdatenbank

erkennt man, welche Eingriffe

in der Architektur stattfinden

könnten oder müssten. Mit diesen

Tools können wir dem Projektentwickler

sagen, wenn wir zum Beispiel

die Konstruktion oben als Leichtbau

gestalten, dann sparen wir Masse für

die Fundamentkon struktion und dadurch

reduziert man den CO 2 -Fußabdruck

des Gebäudes. Wir haben

zum Beispiel analysiert, dass Elemente

wie Auskragungen nur acht

Prozent des Footprints ausmachen.

Das bedeutet, dass man die Gebäudeform

gezielt gestalten kann, um

etwa Auskragungen zu integrieren.

Gleichzeitig lässt sich in anderen

Bereichen gezielt CO 2 einsparen. Mit

Farmax funktioniert das in Bezug auf

die Dichte. Die Niederlande sind ja eines

der dichtest bevölkerten Länder

in Europa. Es gibt viele neue gebaute

Strukturen, die Stadtentwicklung hat

dabei Hochbaupunkte definiert. Wir

haben geprüft, wo solche Hochpunkte

bezüglich der Sonneneinstrahlung

sein können. Solche Tools werden

von unserem eigenen bürointernen

Next-Team entwickelt. Das wird einerseits

durch unsere Projekte finanziert,

andererseits haben wir aber

auch Researchprojekte, beispielsweise

mit der TU Delft.

u

Markthal, Rotterdam


architektur PEOPLE

32

MVRDV

Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI), Heilbronn

Carbon Space war Thema bei Ihrem

Vortrag auf den Wienerberger Brick

Days in Wien. Welche Botschaft haben

Sie den Zuhörern dort vermittelt?

Mit Carbon Space wollten wir zeigen,

dass Architekten mit einfachen Mitteln

analysieren können, wie nachhaltig

ein Projekt ist. Solche Tools

geben uns die Möglichkeit, wieder

aktiver in Entscheidungsprozesse

einzutreten und Verantwortung zu

übernehmen – gegenüber der Öffentlichkeit

und dem Planeten. Architektur

darf nicht nur Dienstleistung

sein. Wir müssen über unsere Arbeit

diskutieren – mit Fakten, nicht nur

mit schönen Bildern. Carbon Space

hilft dabei, den CO 2 -Verbrauch sichtbar

zu machen und den Dialog über

nachhaltiges Bauen anzustoßen.

Solche Werkzeuge können nicht nur

den Entwurfsprozess verbessern,

sondern auch politische und gesellschaftliche

Diskussionen anregen.

Was ist SolarScape?

Das ist sehr ähnlich, ein programmiertes

Tool, um anhand der Sonnen

einstrahlung die maximale Bebaubarkeit

in einer bestehenden

Stadtstruktur zu prüfen. Wenn man

die Sonne mit 45 Grad auf die Volumina

scheinen lässt, entstehen

einander schneidende Kegel. Und

dadurch erhält man das maximale

Bauvolumen, ohne dass ein Baukörper

den anderen verschattet. Wir arbeiten

sehr oft damit, in Bordeaux ist

so ein Masterplan entstanden. Und

in Rotterdam diente es als Basis für

eine Verdichtungsstudie.

© MVRDV

Wie ändert sich durch die Digitalisierung

Ihrer Meinung nach die Architektur

generell?

Ein wichtiges Thema ist derzeit

die Bildbearbeitung. Mit speziellen

Tools können wir im Team Entwürfe

schnell anpassen oder Varianten

testen. So lässt sich der Entwurfsprozess

beschleunigen – allerdings

braucht es dafür weiterhin Fachwissen.

Unsere KI-Tools dienen vor

allem der Konzeptphase: Wir laden

einfache Volumenmodelle hoch und

generieren über Prompts rasch visuelle

Varianten, etwa unterschiedliche

Fassadendesigns. Es geht dabei

weniger um finale Ergebnisse,

sondern um neue Impulse. Das Ziel

ist nicht Standardisierung, sondern

Offenheit für neue Ansätze – das

Experiment bleibt ein zentraler Teil

unserer Architekturpraxis.

Also AI als Hilfsmittel.

Genau. Es hilft uns jetzt nicht, das

Projekt umzusetzen, den Grundriss

zu zeichnen oder das Bild zu erzeugen,

das machen wir noch immer

auf die alte Weise. Aber wir spielen

Szenarien durch. Und das ist bei uns

im Büro so extrem wichtig, dass man

Optionen durchspielt und auch versucht

zu verstehen, wo man an Grenzen

stößt.

Bei dem Projekt Valley hat Computertechnologie

eine sehr große Rolle

gespielt. Wie ist das abgelaufen?

Das war spannend, weil die drei Türme

unterschiedliche Nutzungen haben.

Hier ging es darum, zu prüfen,

wie kann ich auf der einen Seite eine

glatte Fassade entwickeln, die der

Bürostruktur ein Gesicht gibt, und

auf der anderen Seite eine Fassade

mit poröser Struktur, die sich öffnet.

Entstanden ist eine Canyonform, die

gleichzeitig die Balkone und Terrassen

für die Bewohner bildet. Für die

Steinfassade musste geprüft werden,

wie die Steine geschnitten und gelegt

werden können, damit sie alle zum

Schluss zueinander passen. Dafür

wurde vom Next-Team eine Software

geschrieben, die diese Schnittflächen

vereinfacht und so weit reduziert,

dass man nur eine gewisse Anzahl

an gleichen Elementen hat. Das Programm

teilt das Objekt in Elemente

und ermöglicht es, so viele gerade

Schnittflächen wie möglich zu schaffen

und das Verlegemuster automatisch

zu erstellen. Wenn man das

einmal entwickelt hat, kann man es

multiplizieren und es entfällt manuelle

Arbeit. Das kann man in mehreren

Gebäudebereichen anwenden. Wir

haben viele junge Mitarbeiter, die großes

Interesse daran haben, sich auf

diesem Gebiet weiterzubilden. Diese

Kombination aus Erfahrung und Experimentierfreude

ermöglicht Tools,

die den Prozess effizienter machen.

Wird bei MVRDV noch mit Handskizzen

gearbeitet oder läuft das alles

nur mehr digital?

Wir haben noch Skizzenpapier. Bei

den Besprechungen mit Winy, Jacob

oder Nathalie wird oft noch ausgedruckt

und darauf gezeichnet.

Gleichzeitig ist das dreidimensionale

Entwerfen mittlerweile sehr wichtig.

Unsere Besprechungen finden auch

im 3D-Modell statt. Leider werden

weniger Modelle gebaut. Das finde ich

schade – früher wurden viele Modelle

hergestellt, um Kubaturen und Maßstäbe

zu prüfen. Heute passiert das

meist erst am Ende, weil der Aufwand

groß ist. Mit unserer 3D-Software erstellen

wir schnell Visualisierungen,

aber man muss sich trotzdem überlegen,

was man zeigen will. Das hat man

mit einem gebauten Modell manchmal

besser erkannt. Der Denkprozess

ist beim Zeichnen ein anderer. Am

Computer hat man oft dieses finale

Gefühl. Der Vorteil des Stifts ist, dass

man Dinge ausprobieren und verwerfen

kann. In der 3D-Modellierung

macht man oft mehr Schritte als nötig

und verliert sich leicht.


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33

MVRDV

Arbeiten Sie auch mit dem digitalen

Gebäudemodell BIM?

Ja, sehr intensiv. Ein Beispiel ist der

Innovation Park Artificial Intelligence

in Heilbronn. Das Projekt wird komplett

in BIM geplant. Oftmals werden

Entwürfe bereits zu früh sehr

detailliert, da die Anforderungen im

BIM-Prozess durch die Projektvorgaben

sehr hoch sind. Dadurch entstehen

frühzeitig detaillierte Diskussionen,

die gelegentlich auch hinderlich

sein können.

Welchen Stellenwert legt man bei

MVRDV auf Architekturwettbewerbe?

Nehmen Sie daran teil?

Wettbewerbe sind wichtig, um das

Portfolio zu erweitern und in neuen

Ländern Fuß zu fassen. Wir wägen

aber genau ab, wo wir Chancen haben.

Aktuell nehmen wir eher an

geladenen Verfahren teil. In anonymen

Wettbewerben fehlt oft das

Verständnis für unsere Denkweise.

Unsere Entwürfe sind erklärungsbedürftig,

wir arbeiten stark mit Storylines,

jedes Projekt erzählt eine

Geschichte. Das lässt sich anonym

oft schwer vermitteln.

© Ossip van Duivenbode

Valley, Amsterdam

Ihre persönlichen Lieblingsprojekte

von MVRDV?

Mein persönliches Lieblingsprojekt,

an dem ich selbst gearbeitet habe,

ist Traumhaus Funari. Das sind kleine

nebeneinanderstehende Reihenhäuser

mit unterschiedlichsten Fassaden

und Qualitäten. Und hier in

Fuggerei NEXT500 Pavilion, Augsburg

Rotterdam sind es das Boijmans Van

Beuningen Depot und die Markthalle,

die auf die Stadt enorm Einfluss hatten.

Die Idee der Markthalle war, ein

Wohngebäude und einen Markt zu

verbinden und neu zu denken. Und

es wurde dann einfach ein Wohngebäude

mit dem Markt drin entwickelt.

© Saskia Wehler

Und diese sehr einfache Geste zeigt

gleichzeitig, wie man den Stadtraum

verändert, Nutzungen für die Leute

in der Umgebung und gleichzeitig

qualitativen Wohnraum schafft. Das

Hochhaus in Mannheim, das ich

auch geleitet habe, ist eines meiner

Herzensprojekte. Und dann hatte ich

auch noch Glück, für die Fuggerei

zu arbeiten. Das sind Arbeitersiedlungen,

die 1521 von Jakob Fugger

in Augsburg gegründet wurden. Für

das fünfhundertjährige Jubiläum

haben wir einen Pavillon entwickelt,

einen reinen Holzbau.

Worauf kommt es bei MVRDV an?

Wichtig ist uns, dass Architektur

Verantwortung übernimmt. Der Diskurs

darf nicht nur zwischen Kunde

und Architekt stattfinden, sondern

braucht öffentliche Plattformen. Als

international bekanntes Büro haben

wir die Möglichkeit, Themen einzubringen

und politische Gespräche

mitzugestalten. Etwas zu verändern

und zu verbessern, das über den

Entwurf hinausgeht – das ist die

Essenz von MVRDV. Und auch der

Grund, warum ich dort arbeite.


architektur PEOPLE

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ATP architekten ingenieure

Wir müssen wieder

intelligenter bauen

Interview mit Albert Achammer von ATP architekten ingenieure

Interview: Roland Kanfer

Albert Achammer hat 2025 den Vorstandsvorsitz des

internationalen Büros ATP architekten ingenieure in dritter

Generation von seinem Vater Christoph M. Achammer

übernommen. Nach Stationen u.a. bei gmp Architekten

in Hamburg gründete Albert Achammer 2020 dort einen

neuen ATP-Standort mit rund 60 Mitarbeitern. 2024 wird er

Partner. Der ETH-Zürich-Absolvent mit MBA der IESE Business

School spricht im Interview über Architektur zwischen

Hightech und Handwerk, über Künstliche Intelligenz und

über die Zukunft eines Berufs, der wieder Verantwortung

übernehmen muss.

Sie sind jetzt als neuer CEO der gesamten

ATP-Gruppe eingestiegen.

Was möchten Sie anders machen als

Ihr Vater?

Es ist kein Bruch, wie sich das vielleicht

anhört. Ich bin vor fünf Jahren

zum Unternehmen gekommen

und, obwohl ich mit einem von mir

gegründeten Start-up in Hamburg

begonnen hatte, habe ich mir ab

Tag eins den Schuh des zukünftigen

Führungsmitglieds angezogen.

Ich bin ja mittlerweile auch Teil der

Partnerschaft, habe mir nie ein Blatt

vor den Mund genommen und habe

schon angefangen, erste Akzente zu

setzen. In Hamburg konnte ich von

Null an starten, ohne bestehende

Strukturen – das hat mir erlaubt, vieles

neu zu denken.

© Albert Wang

© SpA


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ATP architekten ingenieure

Welche Akzente sind das?

In Hamburg haben wir die Entscheidungsfindung

in der Führung

kollektiv definiert. Wenn man da zu

dritt sitzt und bespricht, was getan

werden soll, dann ist es unnatürlich,

wenn sich einer auf den Stuhl stellt

und die anderen beiden folgen. Solche

am ATP-Standort Innsbruck 75

Jahre lang gewachsenen Prozesse,

die man an anderen Standorten zu

multiplizieren versucht hat, mussten

hinterfragt werden. Wir müssen

uns stärker als Netzwerk verstehen.

Daraus sind unterschiedliche Zugänge

entstanden, wie wir integrale

Planung in einer kleinen Zusammensetzung

definieren. Ich habe in

Hamburg nicht als kleines Architekturbüro

begonnen, das erstmal einen

Dachboden ausbaut, sondern ich bin

mit der ganzen Kraft von ATP aufgetreten

und habe gesagt, ein großes,

komplexes Gebäude schaffen wir.

Wir waren hier zwar nur zu sechst,

aber wir konnten auf über tausend

Mitarbeiter im Hintergrund zugreifen.

Diese enge standortübergreifende

Zusammenarbeit hat unsere

Unternehmenskultur geprägt. Kunden

kommen zu uns und wissen oft

noch gar nicht, was sie brauchen. Wir

können ihnen von der Beratung über

Digitalisierung bis hin zu klassischen

Planungsleistungen und guter Architektur

alles anbieten, je nachdem,

was sie gerade benötigen.

Sie sehen sich nicht nur als

Generalplaner?

Wir sind längst darüber hinaus. Wir

beraten beispielsweise Krankenhäuser

in strategischen Fragen oder

Eigentümer in der digitalen Verwaltung

ihrer Bestände. Das hat mit Architektur

zu tun, geht aber weit über

klassische Planungsleistungen hinaus.

Und das ist enorm bereichernd:

Weil wir Kunden als Gesamtanbieter

von Dienstleistungen noch viel besser

betreuen können. Wir entwerfen

oft auf Basis unvollständiger Informationen

und suchen dafür unterschiedliche

Perspektiven. Entscheidend

ist, dass wir nicht in getrennten

Disziplinen denken, sondern Beratung,

Architektur und Technik vernetzen.

Bei ATP kann jeder jederzeit

jemanden ansprechen und bekommt

Unterstützung oder Rat.

Europäisches Patentamt, Wien

Verringert diese Erweiterung den

Stellenwert der Architektur?

Im Gegenteil. Wenn man den integralen

Gedanken ernst nimmt, ist es

eine Bereicherung. Architekten brauchen

den Input anderer Disziplinen,

um den besten Entwurf zu entwickeln.

Ich habe lange in Deutschland

gelebt, wo alles bis zur Schnittstelle

definiert wird. Für viele Deutsche ist

es ungewohnt, über den Tellerrand

hinauszudenken. Die Österreicher

sind da vielleicht etwas flexibler und

pragmatischer.

Können Sie den Bauherren auch in

Deutschland vermitteln, dass Ihre

Her angehensweise anders ist?

Das hängt vom Bauherrn ab. Die

meisten, mit denen wir sprechen,

verstehen die Idee sofort und finden

sie großartig. Im Tun stößt man

manchmal auf Grenzen. Wir bauen

sehr viel für mittelständische Unternehmen.

Dort wird das sehr wohlwollend

aufgenommen, weil es weniger

darum geht, den Prozess einzuhalten,

sondern darum, ein Gebäude mit

Qualität, innerhalb der Zeit und der

Kosten zu entwickeln und zu bauen.

Sie haben in Hamburg ein Büro aufgebaut,

jetzt führen Sie 1.500 Mitarbeiter.

Wie erleben Sie diesen Sprung,

haben Sie Respekt vor der Aufgabe?

Respekt sollte man auf jeden Fall haben.

Die Vorbereitung in Hamburg

hat mir viel geholfen. Wir haben 2020

gestartet, als ich Hamburg Ende 2024

verlassen habe, waren wir knapp 60

Menschen. Da lernt man, sich zu fokussieren.

Das ist übrigens ein urei-

genes architektonisches Element: ein

klares Konzept zu haben, dieses Konzept

vielleicht mal anzupassen, sich

aber nicht von Nebengeräuschen

ablenken zu lassen, sondern diese

Klarheit durchzuziehen. Ich glaube,

in einer Unternehmensführung ist

das nicht viel anders. Es macht keinen

Unterschied, ob es 60 oder 1500

sind. Die Masse ist größer, die Organisation,

auf die man sich stützen

kann, ist auch eine andere. In meiner

Rolle muss ich mich auf die Themen,

die Strategieentwicklung fokussieren

und mich nicht vom Tagesgeschäft

wegziehen lassen. Ich war immer

schon ein Mensch, der sich nicht so

sehr im Detail verloren hat, sondern

dem es Spaß gemacht hat, sich mit

vielen Themen auseinanderzusetzen.

Ich hatte mit meinem Vater seit Beginn

einen wöchentlichen Termin, wo

wir uns über die Unternehmensthemen

abgestimmt haben.

Ihr Vater hat vor sechs Jahren in diesem

Magazin von den drei Vitruv´schen

Prinzipien Festigkeit, Nutzen,

Anmut gesprochen. Wie definieren

Sie Architektur?

Mein Vater stammt aus einer anderen

Generation und ist, geprägt von

Le Corbusier, stärker der klassischen

Moderne verpflichtet. Dennoch teilen

wir zentrale Prinzipien, die auch

unsere Entwurfshaltung bei ATP prägen:

erstens Einfachheit – die besten

Lösungen sind oft die einfachsten.

Zweitens Beständigkeit – nachhaltige

Architektur ist flexibel nutzbar

und langlebig. Drittens der Genius

Loci – wir entwerfen im Kontext des

© ATP architekten ingenieure/ PIERER.NET

u


architektur PEOPLE

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ATP architekten ingenieure

© ATP architekten ingenieure/Silisight Frankfurt

Rupprecht-Haus, Gevelsberg, DE

Wie verändert sich durch KI die

Arbeit der Planer?

Wir werden nicht weniger, sondern

anders arbeiten. KI wird Routineaufgaben

übernehmen und damit Zeit

für Analyse, Kreativität und Entscheidung

schaffen. Wichtig ist, die

Technologie als Werkzeug zu begreifen,

nicht als Ersatz.

jeweiligen Ortes, in Kroatien anders

als in Zürich oder Wien. In Zürich

wurde ich von der „Analogen Architektur“

um Aldo Rossi geprägt, von

Lehrern wie Roger Diener, Herzog &

de Meuron und Miroslav Šik, die den

Bezug zum Ort ins Zentrum stellten.

Und viertens Integrale Kohärenz

– Architektur als Einheit von

Entwurf, Technik und Tragwerk. Ich

habe bei Volkwin Marg gelernt, dass

Gestaltung nur im Zusammenspiel

mit allen Elementen Sinn ergibt. Die

Vitruv’schen Prinzipien – Festigkeit,

Nutzen und Anmut – fassen das gut

zusammen: Ein Haus soll funktional,

dauerhaft und inspirierend sein.

Ihr Vater war stets ein Verfechter

der Zusammenarbeit zwischen Architekten

und Ingenieuren. Gilt das

auch für Sie?

Das ist für die Identität unseres Unternehmens

ganz wichtig. Wenn Ingenieure

beim Entwurf mitdenken,

können wir ihn viel stärker machen.

Wenn jeder nur in seinem Kasten

denkt, dann wird es am Ende eine additive

Geschichte, die im Zweifelsfall

den roten Faden eher konterkariert

als unterstützt.

Welche Rolle spielt künstliche

Intelligenz bei ATP?

Ich glaube, wir befinden uns, was KI

betrifft, ganz am Anfang und momentan

auf einem Höhepunkt der

ersten euphorischen Welle. Wir merken,

wo es sinnvoll ist, in die Richtung

weiterzugehen und wo man vielleicht

mit klassischer Automatisierung

oder Parametrisierung besser dran

ist und weniger Zeit und Ressourcen

verschwendet. Nichtsdestotrotz gibt

es enorm interessante und mächtige

Anwendungsbeispiele. Präsentationsbilder,

die früher über Nacht gerendert

wurden, entstehen heute in

Sekunden. KI ersetzt uns nicht, sie

erweitert unsere Möglichkeiten. Sie

hilft bei Routineaufgaben und verschafft

Raum für Kreativität. Wir entwickeln

auch eigene Systeme – etwa

eine interne Wissensdatenbank, die

auf frühere Projekte zugreift und

Mitarbeitende unterstützt.

Technologiezentrum Seestadt, Wien

Wie sehen Sie die Zukunft des Bauwesens,

auch im Hinblick auf Herausforderungen

wie Klimawandel?

Wir müssen wieder intelligenter und

ressourcenschonender planen. Jahrzehntelang

war die einfachste Lösung,

Bestehendes abzureißen. Im

Prinzip geht es darum, wieder mehr

Hirnschmalz in die Aufgabe zu stecken

und nicht nur Standardlösungen

zu verfolgen. In einem Wiener

Hotel mit 500 Zimmern prüfen wir,

ob Sanitärkeramik wiederverwendet

werden kann. Das hätten wir vor zehn

Jahren nicht gemacht. Zukünftig

werden wir mehr im Bestand bauen,

denn unsere Welt ist weitgehend gebaut.

Wir brauchen resiliente, flexible

Gebäudetypen, besonders in europäischen

Städten. Gründerzeitbauten

sind dafür ein hervorragendes

Beispiel: gleiche Struktur, verschiedene

Nutzungen. Viele Funktionen

kann ich langfristig nutzbar machen.

Ein zweites Thema ist die Frage der

Kollaboration. Wir haben das große

Glück, dass wir enorm viele Kompetenzen

innerhalb der Unternehmensgruppe

haben, aber bei weitem

nicht alle, die wir brauchen. Früher

hätte man ungern mit anderen Büros

zusammengearbeitet. Heute

ist Kooperation selbstverständlich.

In Hamburg haben wir gemeinsam

mit Diener & Diener Architekten ein

komplexes Projekt umgesetzt, beide

brachten ihre Stärken ein. Ähnliches

hat mein Vater mit Coop Himmelb(l)

au versucht, das ist damals noch gescheitert,

weil es eine andere Welt

war. Ich glaube, wir bewegen uns in

eine Richtung, in der dieses personenbezogene

Architekturbild nicht

mehr so stark ist, sondern wieder das

Projekt und das Kollektiv stärker in

den Fokus rückt.

u

© ATP architekten ingenieure/Kuball


37

www.architektur-online.com

NICHT AUS DER FASSUNG ZU BRINGEN.

ATP Architekten Ingenieure

Neues Folien-Schnelllauftor mit selbstreparierendem Reißverschlusssystem

Fotos: Teckentrup GmbH & Co. KG

Zum Produktvideo

Leise, schnell und absolut reibungslos – so kommt

das Folien-Schnelllauftor HSD-I von Teckentrup für

den Innenbereich daher.

Der Clou: Das Tor ist mit einem integrierten Crash-

Schutz-System ausgestattet, das den Aufprall automatisch

absorbiert. Dabei löst sich der Torbehang

aus der Führungsschiene. Schäden am Tor werden

so effektiv vermieden. Dank eines integrierten Behang-Einlauftrichters

im Schienensystem repariert

sich das Tor selbst, indem das Reißverschlusssystem

beim Hochfahren automatisch wieder einfädelt. Das

sorgt für erhöhte Sicherheit und verbessert zugleich

die Wirtschaftlichkeit.

Folien-Schnelllauftore eignen sich bestens für den Einsatz in industriellen

Umgebungen und Logistikzentren. Sie trennen effektiv

verschiedene Zonen voneinander und ermöglichen zugleich eine

reibungslose Durchfahrt für Flurförderzeuge. Dank schneller Öffnungs-

und Schließmechanismen tragen die Tore maßgeblich zur

Effizienzsteigerung und Energiekostensenkung bei. Der flexible Vorhang

passt sich an und bietet somit optimalen Schutz für Mitarbeiter

und Anlagen.

Das neu entwickelte Teckentrup Folien-Schnelllauftor bietet bereits

standardmäßig eine Reihe fortschrittlicher Funktionen: Das serienmäßige

Lichtgitter mit der höchsten Sicherheitsklasse deckt den

Gefahrenbereich bis zu 2500 mm Torhöhe ab. Bei Erkennung von

Hindernissen stoppt das Tor sofort und öffnet sich. Die Selbstreparaturfunktion

stellt sicher, dass sich der Torbehang nach einem Crash

schnell selbst wieder einfügt, um Ausfälle im Betriebsablauf zu vermeiden.

Auch optisch überzeugt das Tor: Fünf Standardfarben (Karminrot,

Enzianblau, Zinkgelb, Reinorange, Achatgrau) sowie weitere verfügbare

Vorzugsfarben bieten viele Möglichkeiten, Akzente zu setzen.

Weiches Abschlussprofil ohne Stahlschwert:

Mit Kies gefüllt verhindert es das Eindringen

von Zugluft, indem es Bodenunebenheiten

ausgleicht, ebenso mindert es Schäden an

Tor und Umgebung.

Ausgleichsfedern sorgen für einen ruhigen

Torlauf. Sie tragen außerdem ebenso wie

das Abschlussprofil zur Behangspannung

des Folien-Schnelllauftors bei.

Ausgestattet mit dem innovativen

Selbstreparatursystem,

hohen Dauerlaufeigenschaften

sowie einer äußerst

robusten Ausführung verringern

unsere Tore Stillstandzeiten

und reduzieren den

Wartungsaufwand.

Achim Schröter

Key Account Manager Tore,

Teckentrup GmbH & Co. KG

WWW.TECKENTRUP.BIZ


architektur PEOPLE

38

ATP architekten ingenieure

© beyond visual arts

Innovation Center Düren

Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei?

Ich glaube schon. Der Druck steigt

natürlich auch, weil die Anforderungen

an uns Planer viel komplexer

und größer sind, als das früher der

Fall war. Und wir sehen am Markt

gerade eine Konsolidierung von Planungsbüros,

sowohl in Österreich als

auch in Deutschland, die es bis jetzt

nicht gab. Viele Architekturbüros in

Deutschland und Österreich, die keine

geregelte Nachfolge haben, verkaufen

an große Finanzinvestoren,

an Konglomerate. Die größten vier

oder fünf schwedischen Architekturbüros

haben 80 Prozent Marktanteil.

Das gibt es in Österreich und

in Deutschland, Gott sei Dank, noch

nicht, diese Fragmentiertheit trägt

stark zur Qualität unserer Baukultur

bei. Ich glaube, das wird das Gegenmodell

sein zur finanzgetriebenen

Konsolidierung, die wir am Markt

sehen, nämlich dass man anfängt,

Netzwerke zu bauen und in diesen

Netzwerken zu kollaborieren.

Wie stehen Sie zur Debatte Hightech

versus Lowtech im Bauwesen?

Lowtech funktioniert nur mit Hightech-Ingenieuren.

Wenn man den

Entwurfsgrundsatz Beständigkeit

ernst nimmt, dann muss ich ja so

bauen, dass das Haus möglichst lange

besteht. Wenn aber bei komplexer

Haustechnik einmal der Strom ausfällt

und das ganze Haus nicht mehr

funktioniert, dann werde ich diesem

Prinzip nicht gerecht. 2013 habe ich

ein halbes Jahr in Katar gearbeitet.

Was mich damals gewundert hat, war

dieser Architekturimperialismus, den

man in Dubai, in Abu Dhabi, in Katar

sehen konnte, wo man versucht

hat, sich mit westlicher Architektur

zu profilieren. Wir als ATP nicht,

aber viele westliche Architekten sind

dort hingegangen und haben gesagt,

jetzt zeigen wir mal den Arabern,

wie wirklich gute europäische oder

amerikanische Architektur funktioniert.

Rund zehn Jahre später gibt es

eine neue Art von lokalem Selbstbewusstsein.

Es entstehen nicht mehr

die Glaswolkenkratzer in der Wüste,

sondern wieder klassische arabische,

marktähnliche Strukturen, eine

Rückbesinnung auf das, wofür es

jahrhundertelang einen guten Grund

gab. In unseren Breitengraden ist

das Schrägdach so ein Element. Wir

haben jahrzehntelang Flachdächer

gebaut und haben überall Wasserschäden.

Es gibt einen guten Grund,

warum unsere Häuser ein Schrägoder

Satteldach hatten.

Stararchitekten bauen im arabischen

Raum. Wie steht ATP zu Aufträgen in

Ländern mit diktatorischen Regimen?

Wir sind absichtlich nicht dem Hype

nach China oder Arabien gefolgt.

Erstens, weil wir die Kultur nicht

kennen, zweitens, weil uns der Architekturimperialismus

widerstrebt hat

und drittens, weil wir nicht in Ländern

bauen wollen, wo wir der Willkür

eines Regimes ausgesetzt sind.

In Russland hatten wir am Ende ein

Center of Excellence, Graz

Büro mit fast 200 Mitarbeitern, weil

wir in einer Zeit dorthin gegangen

sind, wo es so ausgesehen hat, als

ob Russland sich zu einer demokratischen

Gesellschaft entwickelt. Mit

dem Kriegsausbruch hat man dann

gemerkt, dass das nicht der Fall ist.

Das war ein Dilemma, weil wir natürlich

auch eine Verantwortung gegenüber

unseren Mitarbeitern hatten.

Wir haben das Russlandgeschäft

dann aufgegeben. Es ist nicht mit

unserer Wertehaltung vereinbar.

Welche Bedeutung haben Wettbewerbe

für ATP, geladene und offene?

Offene Wettbewerbe sind wichtig,

aber aus volkswirtschaftlicher

Sicht betrachtet totaler Wahnsinn.

Wir haben lange keine Wettbewerbe

gemacht, weil die Meinung war,

dass wir sie zur Akquisition nicht

benötigen, weil wir direkt angefragt

wurden. Als ich zu ATP gekommen

bin, habe ich das Wettbewerbswesen

wieder forciert, aber nicht nur

zur Projektakquisition, sondern

um präsentieren zu können, dass

wir auch stark im Entwurf sind. Wir

sind sicher nicht das erfolgreichste

Wettbewerbsbüro, aber wir gewinnen

rund zehn Prozent aller unserer

Wettbewerbsprojekte.. Davon werden

dann vielleicht 60 Prozent auch

umgesetzt. Aber der Wettbewerb

ist natürlich ein Lernprozess, wo wir

uns intellektuell und handwerklich

mit anderen großen Büros reiben

können. Die sinnvollsten Wettbewerbsverfahren

sind die, wo eine

Handvoll Büros ausgewählt werden,

die auch eine vernünftige Entlohnung

dafür erhalten, und dann in einem

konzentrierten Dialogverfahren

gearbeitet wird.

© Fischer


www.architektur-online.com

39

querkraft

© Studio Feldmann

Rotunde der Architekturikone Omega Haus

WIR SCHLIESSEN DEN

KREISLAUF

KREIS(LAUF)

WICONA Soluptatur, ist omnis Vorreiter incipic für ilique echtes con zirkuläres et voloratem Bauen qui – mit sus bis porpor zu rentis

100 esecumqui % recyceltem voloreperum End-of-Life-Aluminium. quam ant aliae vel Gemeinsam inverspedio is mit nossimp unseren eriate

Partnern sunt lanihic übernehmen illamus cipsunt wir die voles Rückführung eaqui que moluptae. des Aluminiumschrotts

Dis molupis ius

aus et et Bestandsgebäuden deri blabo. Re net volendis und bereiten nobitas ihn cones in unserem qui tota Hydro quam Recycling ut volute

Werk voluptataest wieder offictotatum auf. So entstehen ut poreribusam neue Fenster, aligendia Türen perum und Fassaden accus, quunt –

und ullaborem. das Aluminium bleibt als wertvoller Rohstoff in der Branche.

Pressen der

Aluminiumprofile

Projekt

ECHTE

KREISLAUF-

WIRTSCHAFT

BY HYDRO

Sammlung

Einschmelzen und OMEGA HAUS, Sortieren Offenbach, undGermany

Gießen der Pressbolzen

Schreddern

So schließt WICONA den Kreislauf – wie bei der Revitalisierung

des Omega Hauses in Offenbach.


architektur PEOPLE

40

WGA ZT

Vom Gestalter zum

Unternehmer

Interview mit Harald Oissner von WGA ZT

Interview: Andreas Laser

Was 1957 als kleines Architekturbüro in Wien begann, ist

heute ein international tätiges Unternehmen mit Standorten

in Wien, Berlin und Frankfurt am Main. Heute, unter der Leitung

von Harald Oissner, agiert die WGA ZT GmbH mit über

100 Mitarbeiter:innen an drei Standorten – Wien, Berlin und

Frankfurt am Main – und deckt ein breites Leistungsspektrum

von Architektur und Generalplanung bis zu Projektentwicklung

und Baumanagement ab. Beim persönlichen Treffen

sprach Harald Oissner über das sich wandelnde Berufsbild

des Architekten, die Herausforderungen zwischen Kostenund

Nachhaltigkeitsdruck – und darüber, warum er überzeugt

ist, dass Architektur auch im Zeichen der voranschreitenden

Digitalisierung ein menschlicher Prozess bleiben wird.

Herr Oissner, Ihr Büro blickt auf eine

lange Tradition seit 1957 zurück. Wie

hat sich Ihr Selbstverständnis als Architekturbüro

in diesen Jahrzehnten

entwickelt?

Die Jahreszahl 1957 braucht eine

kurze Erläuterung. Mein Berufsvorgänger

hat in diesem Jahr ein Büro

gegründet; die GmbH, in der wir uns

heute rechtlich bewegen, besteht

seit 1981 und wurde 1998 zur Ziviltechniker

GmbH. Viel entscheidender

als die Chronologie ist für mich

jedoch, wie sich unser Selbstverständnis

entwickelt hat.

Ich bezeichne uns bewusst nicht

gerne als klassisches Architekturbüro.

Ich verstehe auch mich selbst

vielmehr als Architektur-Unternehmer

– jemand, der Architektur auch

unter wirtschaftlichen und organisatorischen

Gesichtspunkten denkt.

Deshalb war es mir immer wichtig,

unsere Struktur so aufzubauen, dass

man von einem professionell geführten

Betrieb sprechen kann. In unserer

Branche wird Architekten ja oft die

unternehmerische Verantwortung

abgesprochen, als würden wir uns nur

auf die Gestaltung eines Baukörpers

konzentrieren. Dabei tragen wir eine

weit größere Verantwortung, die Planung,

Organistation und Wirtschaftlichkeit

gleichermaßen umfasst.

Diese unternehmerische Haltung

war auch der Treiber für unsere Entwicklung,

zum Beispiel für die Erweiterung

unserer Standorte nach

Deutschland. 2015 hatten wir rund 50

Mitarbeiter:innen und ich habe mich

gefragt, ob der österreichische Markt

langfristig groß genug für ein Büro

dieser Größenordnung ist. Also haben

wir zunächst in Berlin und später

in Frankfurt einen Standort eröffnet.

Das hilft uns heute sehr, Schwankungen

am österreichischen Markt auszugleichen

und das Unternehmen auf

eine breitere Basis zu stellen.

Die Baubranche steht aktuell unter

starkem Druck durch steigende Kosten

und schwierige Finanzierungsbedingungen.

Welche konkreten

Auswirkungen spüren Sie in Ihren

Projekten?


www.architektur-online.com

41

WGA ZT

Wir hatten zuerst Corona, dann einen

unheimlichen Anstieg der Baupreise

und Zinsen. Die direkteste Auswirkung

für uns war der Zusammenbruch

im Wohnbau. Dieser Sektor

machte Ende 2022 noch rund 28 %

unseres Gesamtumsatzes aus – ein

Jahr später waren es nur noch 4,5 %.

Glücklicherweise hatten wir uns bereits

stärker auf Bildungs- und Gesundheitsbauten

konzentriert und

konnten so einiges kompensieren.

Aber aktuell spüren wir den Spardruck

der öffentlichen Hand deutlich.

Viele wichtige Projekte – insbesondere

im Gesundheitswesen – werden

aufgeschoben oder eingestellt. Das

ist kurzfristig eine Entlastung für

Budgets, aber langfristig natürlich

keine nachhaltige Lösung.

Wie gelingt es noch, anspruchsvolle

Projekte unter diesen Bedingungen

wirtschaftlich umzusetzen?

Die enge Verzahnung unserer Disziplinen

hilft uns dabei enorm. Da

wir uns intensiv mit Projektentwicklung

beschäftigen, verstehen wir die

wirtschaftlichen Zwänge unserer

Auftraggeber besser. Das wird sehr

geschätzt. Wir wissen genau, welche

architektonische Maßnahme welche

wirtschaftliche Auswirkung hat, und

können den gestalterischen Prozess

so steuern, dass wir wichtige Punkte

beibehalten und an anderer Stelle

optimieren. Das interne Controlling

sichert zudem ab, dass wir uns selbst

nichts über den Erfolg eines Projektes

vormachen – weder gestalterisch

noch wirtschaftlich.

Besonders gut gelingt das in der Regel

bei öffentlichen Auftraggebern,

etwa im Bildungsbau. Bund, Länder

und Gemeinden nehmen ihre Verantwortung

meist sehr gut wahr und

schätzen unsere Rolle als Architekten.

Dort ist man sich bewusst, dass

die Gebäude langfristig erhalten und

betrieben werden müssen. Der Bewertungszeitpunkt

ist nicht, wie oft

im frei finanzierten Wohnbau, ein

kurzfristiger Verkaufszeitpunkt. Es

handelt sich vielmehr um eine langfristige

Perspektive.

Aufgrund steigender Schülerzahlen wurde die Volksschule Laaer-Berg-Straße 170 im 10. Wiener

Gemeindebezirk erweitert und funktional neu organisiert. Der Zubau fügt sich in den Bestand ein

und schafft eine räumlich und pädagogisch zeitgemäße Lernumgebung. Das Projekt wurde mit der

klimaaktiv Gold-Zertifizierung ausgezeichnet

Es hängt stark vom Bauherrn ab. Ein

großer Bauträger hat meist eigene

Fachabteilungen und ein gutes

Schnittstellenmanagement. Aber

viele Auftraggeber verfügen nicht

über diese Strukturen – für sie ist

es ein großer Vorteil, wenn sie einen

Ansprechpartner haben, der alles abdeckt.

Unser Anspruch ist, dem Bauherrn

Sicherheit zu geben. Wir tun alles,

um den Erwartungen gerecht zu

werden. Schließlich bleibt jedes Gebäude

ein Unikat – und das birgt Risiken.

Da ist Vertrauen entscheidend.

Wie sichern Sie die Qualität über alle

Phasen hinweg? Gibt es etablierte

Kontrollmechanismen?

Wir sind derzeit als einziges Architekturbüro

in drei Bereichen

ISO-zertifiziert: für Qualitätssicherung

(ISO 9001), Umweltmanagement

(ISO 14001) und IT-Sicherheit

(ISO 27001). Diese Systeme helfen

uns, Prozesse risikominimiert zu

steuern. Man darf aber nicht vergessen:

Unser Beruf ist nicht wie

der eines Piloten, der eine Checkliste

abarbeitet. Man kann bei 1.000

Punkten ein Häkchen setzen, und

trotzdem kann das Ergebnis nicht

hervorragend sein. Genau deshalb

glaube ich auch nicht, dass unser

Beruf durch KI ersetzt werden kann.

Unmittelbares, kritische Denken ist

für den Erfolg entscheidend. u

Das House of Health Professions am FH Campus Wien entstand in Arbeitsgemeinschaft mit F + P

Architekten. Als Generalplaner setzte WGA ZT auf eine integrale Planung mit Building Information

Modelling, um das Projekt in allen Phasen des Lebenszyklus digital und ganzheitlich zu begleiten.

© Kurt Hoerbst

Als Generalplaner begleiten Sie Projekte

von der Entwicklung bis zur

Fertigstellung. Wo liegen für Bauherren

die größten Vorteile, wenn alles

„aus einer Hand“ kommt?

© Kurt Hoerbst


architektur PEOPLE

42

WGA ZT

Sie erwähnen KI – wie nutzen Sie

diese Technologien in Ihrem Büro?

Wir testen KI sehr aktiv. Etwa zur Fehlersuche

in Plänen – hier ist sie enorm

effizient. Auch im Entwurfsprozess

nutzen wir sie, um Varianten zu generieren

und Entscheidungen vorzubereiten.

Aber KI ersetzt nie den kreativen

Prozess. Sie ist ein Werkzeug,

kein Ersatz für das eigene Denken.

Und beim Schriftverkehr wird sie

im Büro natürlich verwendet. Ich

persönlich bin dahingehend, aber

zurückhaltend. Texte selbst zu formulieren

bedeutet, über Inhalte zu

reflektieren – und auch das halte ich

für wesentlich.

Kreislaufwirtschaft und modulare

Bauweisen spielen eine immer größere

Rolle. Wie setzen Sie diese Prinzipien

konkret um?

Wir beschäftigen uns damit sehr intensiv,

auch weil es von öffentlichen

Auftraggebern immer stärker nachgefragt

wird. Ein aktuelles Vorzeigeprojekt

ist die Grundschule Schwarzenbek,

wo wir Kreislaufwirtschaft

mit modularer Holzbauweise kombiniert

haben. Die Frage war: Wie können

wir das Gebäude so konzipieren,

dass es später wieder zerlegt und

seine Bestandteile wiederverwendet

werden können? Modulbau ist hier

weit mehr als das Stapeln von Containern.

Die Vorproduktion im Werk

erhöht zudem die Qualität, reduziert

den Personaleinsatz und minimiert

Staub und Lärm auf der Baustelle.

Wie wichtig sind dahingehend Zertifizierungen

wie DGNB oder ÖGNI für

Ihre Arbeit und für Ihre Auftraggeber

geworden?

Das Thema ist immer stärker geworden,

nicht zuletzt, weil Banken bei

der Finanzierung, etwa von Mietprodukten,

danach fragen. Ich sage

immer: Eine Zertifizierung ist besser

als keine. Sie zwingt alle Beteiligten,

sich mit Themen der Langfristigkeit

und Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen,

die sonst vielleicht außen

vor gelassen würden. Wir haben

inzwischen ein eigenes Zertifizierungs-Team

und machen bei fast jedem

Projekt interne „Pre-Checks“,

um zu sehen, wo ein Gebäude landen

würde – auch wenn der Auftraggeber

keine offizielle Zertifizierung

wünscht. Das hilft uns, die Qualität

unserer Projekte kontinuierlich zu

verbessern und das Wissen im gesamten

Team zu verankern.

Sie arbeiten intensiv mit BIM. Sehen

Sie die Digitalisierung primär als

Effizienztreiber oder verändert sie

auch die Art, wie Architektur konzipiert

wird?

Ich sehe sie nicht per se als Effizienztreiber.

Unser Zeiteinsatz pro

Leistungsphase hat sich über die

Jahrzehnte kaum verändert. Was

sich aber verändert hat, ist, dass die

rein mechanische Arbeit heute viel

schneller geht. Das ermöglicht es

uns, die gewonnene Zeit zu nutzen,

um über die eigentlichen architektonischen

Themen viel länger und

intensiver nachzudenken. Ein großer

Vorteil für Bauherren ist die Risikominimierung,

etwa durch die Kollisionsprüfung

zwischen Hochbau und

Gebäudetechnik im BIM-Modell.

Überraschungen auf der Baustelle

lassen sich so vermeiden. Für die erwähnten

Themen Cradle-to-Cradle,

Umweltzertifizierungen und Modulare

Bauweise ist BIM ohnehin praktisch

eine Grundvoraussetzung.

Der Fachkräftemangel betrifft viele

Bereiche des Bauens. Wie gelingt es

Ihnen, Ihr Team langfristig zu motivieren,

und welche Rolle spielt dabei

die Weiterbildung?

Für uns hat sich der Fachkräftemangel

etwas relativiert, da durch den

Rückgang im Wohnbau viele Büros

weniger ausgelastet sind. Die Zahl

der Bewerbungen ist seither enorm

gestiegen. Die Herausforderung liegt

eher in der Erfahrung der Bewerber:innen.

Das ist für uns aber nicht

In Schwarzenbek bei Hamburg wird die

Grundschule in der Breslauer Straße

erweitert und das Jugendzentrum neu

errichtet. Ziel ist ein ökologisches, adaptives

und rückbaubares Gebäude, das soziale,

ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit

vereint. Dank modularer Bauweise

und hohem Vorfertigungsgrad bleibt der

Schulbetrieb während der Bauphasen weitgehend

ungestört.

© WGA ZT GmbH


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43

WGA ZT

© VIS Studio Feldmann

Das Omega-Haus in Offenbach am Main, eine Architekturikone der 1990er-Jahre, wird von der WGA ZT GmbH umfassend

saniert und in ein EGB 55-konformes Multi-Tenant-Gebäude mit angestrebter LEED-Gold-Zertifizierung überführt.

so gravierend, da wir ohnehin eine

andere Strategie verfolgen: Wir arbeiten

oft mit jungen Menschen, die

noch studieren. Wenn wir Potenzial

und Lernbereitschaft erkennen, holen

wir sie direkt von der Universität

zu uns und bilden sie weiter aus. Was

die Langfristigkeit und Unternehmenszugehörigkeit

betrifft, haben

wir damit die größten Erfolge. Die

Weiterbildung, vor allem in Form interner

Schulungen, spielt darüber

hinaus das ganze Arbeitsleben lang

eine große Rolle. Wir versuchen, unseren

Kolleginnen und Kollegen all

das mitzugeben, was wir in diesem

Beruf für wichtig halten.

Fachmagazin: Sie sprechen die Ausbildung

an. Sehen Sie Defizite in der

Lehre an den Hochschulen?

Ja, definitiv. Wir stellen fest, dass wir

oft Leute mit abgeschlossenem Studium

hier haben, die aber über sehr

wenig technisches Wissen verfügen.

Besonders in den Bereichen CAD und

BIM gibt es oft große Defizite. Das

führt dazu, dass Architekturbüros

allgemein in einem sehr starken Ausmaß

selbst ausbilden müssen. Das ist

mit einem erheblichen personellen

und finanziellen Aufwand verbunden,

der für kleinere Büros eigentlich

nicht tragbar ist. Die Architekturausbildung

an sich ist nicht falsch, aber

der Beruf des Architekten ist eben

nicht der eines reinen Gestalters. Architektur

hat wichtige gestalterische

Komponenten, aber sie hat genauso

wichtige technische, funktionale und

wirtschaftliche Komponenten. Und

diese Themen kommen in der Ausbildung

aktuell sehr kurz.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Entwicklungen

werden die Arbeit von

Architekturbüros in den nächsten

Jahren am stärksten prägen?

Die fortschreitende Digitalisierung

und der Einsatz von KI werden sicher

weiterhin sehr prägend sein. Ich bin

aber fest davon überzeugt: Dieser

Beruf ist ohne den Menschen nicht

machbar. Es wird keine künstliche Intelligenz

ohne natürliche Intelligenz

geben. Das schon angesprochene

kritische Denken bleibt der entscheidende

Faktor.

Ich bin außerdem überzeugt, dass

die Aufgaben für Architekten in Zukunft

viel mehr im Bereich des Bestandes

liegen werden. Es ist eine

sehr positive Entwicklung, dass man

heute viel sensibler mit der gebauten

Umwelt umgeht. Wir haben hier aktuell

so viele Projekte wie noch nie.

Was wünschen Sie sich abschließend

von den politischen Rahmenbedingungen,

um die Baukultur zukunftsfähig

zu gestalten?

Ein wichtiges Thema, das auch in unserer

Kammer diskutiert wird, ist die

Vergabe von öffentlichen Aufträgen.

Wir beobachten die Zunahme von Totalunternehmer-

bzw. Generalübernehmerauslobungen.

Der Architekt

ist bei derartigen Verfahren gestalterisch,

technisch und wirtschaftlich

von einem Bau- und Finanzierungkonsortium

abhängig. Hier braucht

es klare Rahmenbedingungen, um die

Qualität und die Rolle der Architektur

zu sichern.

Die Generalsanierung des Studentenheims Canisianum in Innsbruck folgt den Prinzipien Wohnqualität,

Nachhaltigkeit und Klarheit. Durch die behutsame Integration moderner Strukturen in die

denkmalgeschützte Bausubstanz wurde das 1910/11 errichtete Gebäude zeitgemäß erneuert und für

die Zukunft gesichert.

© Kurt Hoerbst


architektur PEOPLE

44

Dietmar Brüderl und Thomas Blacher

Nachhaltig denken,

präzise handeln

Interview mit Dietmar Brüderl und Thomas Blacher

Das Omega-Haus in Offenbach am Main, eine Architekturikone der 1990er-Jahre, wird von der

WGA ZT GmbH umfassend saniert. Im Zuge der Revitalisierung stand die Frage im Mittelpunkt,

wie sich die markante Bandfenster-Fassade energetisch optimieren lässt, ohne sie vollständig

zu erneuern. Gemeinsam mit dem Fassadenbau-Partner Heidenbauer Aluminium entwickelte

WICONA dafür eine maßgeschneiderte Sanierungslösung, die den Bestand weitgehend erhält

und zugleich heutigen energetischen Anforderungen gerecht wird. Im Interview sprechen

Dietmar Brüderl (WICONA Projekt Service) und Thomas Blacher (Heidenbauer Aluminium)

über den Entwicklungsprozess, die technischen Herausforderungen und die Zusammenarbeit

aller Beteiligten – vom ersten Aufmaß bis zur präzisen Umsetzung auf der Baustelle.

Thomas Blacher, Geschäftsführer des Fassadenbau-Unternehmens

Heidenbauer Aluminium (Bruck an der Mur).

Wie ist die Idee zum

Sanierungsfenster entstanden?

Thomas Blacher: Der Impuls kam

aus dem Projekt selbst. Der Bauherr

des Omega Hauses hatte eine

wirtschaftlich tragfähige Sanierung

gefordert – mit möglichst wenig

Eingriff in die bestehende Gebäudestruktur

und hohen Anforderungen

an die Energieeffizienz. Für uns

stellte sich daher vor allem die Frage:

Können wir die vorhandenen Blend-

rahmen erhalten und gleichzeitig die

geforderte energetische Performance

erreichen? Gemeinsam mit WICO-

NA sind wir das Thema dann systematisch

angegangen.

Wie läuft ein solcher Entwicklungsprozess

bei Sanierungsprojekten typischerweise

ab?

Dietmar Brüderl: Wir starten – so

auch beim Omega Haus – immer

mit einer gründlichen Analyse vor

Ort. Entscheidend ist der Zustand

der vorhandenen Fenster- bzw. Fassadenkonstruktion:

Ist der Blendrahmen

noch tragfähig? Sind die

Bauanschlüsse dicht? Welche Anforderungen

werden an die energetische

Sanierung gestellt? Auf

Basis dieser Parameter entwickeln

wir dann gemeinsam mit dem Fassadenbauer

eine projektspezifische

Lösung. Wichtig ist: Wir versuchen

immer, den Eingriff in den Bestand

so gering wie möglich zu halten.

Denn das bedeutet nicht nur deutlich

geringere Kosten und kürzere

Bauzeiten, sondern auch weniger

CO 2 -Emissionen – vor allem im Vergleich

zu einem vollständigen Rückbau

und Neubau der Fassade. Genau

darin liegt der besondere Vorteil einer

selektiven Sanierungslösung, wie

wir sie hier beim Omega Haus sehen.

Was war beim Omega Haus

besonders herausfordernd?

Thomas Blacher: Zum einen natürlich

die Größenordnung – rund

5.000 Fenstereinheiten mussten innerhalb

eines engen Zeitrahmens

effizient und präzise bearbeitet

werden. Gleichzeitig hatten wir es

mit einer Bestandsfassade aus den

1990er-Jahren zu tun, in der sich über

die Jahrzehnte Maßtoleranzen aufgebaut

hatten. Diese sauber auszugleichen

und gleichzeitig eine technisch

dichte, optisch saubere und

logistisch machbare Lösung zu entwickeln,

war die eigentliche Herausforderung.

Gemeinsam mit WICONA

haben wir dafür das Sanierungsfenster

inklusive eines projektspezifischen

Adapterrahmens konzipiert –

so wurde eine serielle Umsetzung bei

hoher Qualität möglich.

Wie sieht die Zusammenarbeit in einem

solchen Renovationsprojekt aus?

Dietmar Brüderl: Sehr eng und auf

Augenhöhe. Wir bringen unser Systemwissen

und unsere konstruktive

Erfahrung ein. Die ausführende Firma

steuert die praktische Fassadenbau-Expertise

und das Know-how

bei der Baustellenlogistik bei. So

kommen wir „Hand in Hand“ immer

zu einer Projektlösung, die optisch,

technisch und wirtschaftlich überzeugt

– und zugleich hohe Anforderungen

an Energieeffizienz und

Nachhaltigkeit erfüllt.


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45

Dietmar Brüderl und Thomas Blacher

Welche energetischen Werte

wurden erreicht?

Thomas Blacher: Die neuen Fenster

und Festverglasungen mit Dreifach-Isolierglas

erreichen einen

U-Wert von unter 0,99 W/m²K und erfüllen

alle vom Bauherrn geforderten

Werte des EGB 55-Standards. Dabei

verfügen sie über eine hervorragende

Luftdurchlässigkeitsklasse 4 nach

EN12207 und Schlagregendichtigkeit

der Klasse 9A nach EN12208.

Wie lief die Montage auf der

Baustelle ab?

Thomas Blacher: Dank hoher Vorfertigung

sehr effizient. Nach digitaler

Bestandserfassung – dem sogenannten

digitalen Zwilling – wurden

die benötigten Elemente im Werk

passgenau produziert und auch

schon vormontiert. Vor Ort wurden

die Adapterrahmen in die Bestandsrahmen

eingesetzt, ausgerichtet

und fixiert. Anschließend erfolgte

die Montage der Flügel. Bis zu 150

Einheiten pro Woche konnte unser

Team auf diese Weise montieren.

Ein Projekt mit Vorbildcharakter?

Thomas Blacher: Absolut. Es zeigt,

was möglich ist, wenn alle Partner

frühzeitig an einem Strang ziehen.

Der Schlüssel liegt in der Kombination

aus systematischer Analyse,

gemeinsamer Entwicklung und pragmatischer

Umsetzung. Dieses Modell

ist auf viele weitere Objekte im Bestand

übertragbar – immer vorausgesetzt,

die Rahmenbedingungen

lassen es zu.

Dietmar Brüderl: Das kann ich nur bestätigen.

Nicht zu vergessen: Auch in

puncto Kreislaufwirtschaft ist das Projekt

vorbildlich, denn die End-of-Life-Materialien

der ausgebauten Bestandsfenster

– also Aluminium, Glas

und EPDM-Dichtungen – wurden systematisch

getrennt und von den Projektpartnern

WICONA, Saint-Gobain

Glass und Semperit in die jeweiligen

Wertstoffkreisläufe zurückgeführt.

Die neuen Fensterflügel wurden aus

unserer nachhaltigen Aluminiumlegierung

Hydro CIRCAL 75R hergestellt.

Damit konnten wir nicht nur wertvolle

Ressourcen, sondern auch deutlich

CO 2 -Emissionen einsparen.

Ist das Sanierungsfenster als

Serienlösung denkbar?

Dietmar Brüderl: Wir sehen hier großes

Potenzial. Aber es ist auch klar,

Dietmar Brüderl, Leiter des WICONA Projekt Service.

dass beim Bauen im Bestand jedes

Projekt individuell ist und es daher

niemals eine Einheitslösung geben

wird. Was wir aber auf jeden Fall

schaffen können, ist ein modulares

Prinzip: ein „Sanierungsbaukasten“,

der sich flexibel an unterschiedliche

Projekte anpassen lässt. Auf dieser

Basis entwickeln wir derzeit weiter

– immer mit dem Ziel, die Sanierung

von Fenstern und Fassaden zukünftig

noch wirtschaftlicher und nachhaltiger

zu machen.


architektur PEOPLE

46

Hkollektive . studio für architektur & design

Architektur mit

Herz und Haltung

Architektin Carolyn Herzog im Interview

Interview: Linda Pezzei Fotos: Karin Pasterer, culinary jetsetters

Schon früh entdeckte Carolyn Herzog

ihre Faszination für Architektur – nicht

aus Familientradition, sondern aus

einem intuitiven Interesse für Räume,

Formen und Atmosphären. Nach

ihrem Studium an der RWTH Aachen

und Erfahrungen in verschiedenen

österreichischen Büros gründete sie

Hkollektive – ein Studio, das für sinnlich

reduzierte Architektur steht. Projekte

wie das stieg’nhaus am Hochkönig

zeigen, wie Bewegung, Materialität und

Raumgefühl bei ihr zu einer selbstverständlichen

Einheit verschmelzen. Ein

Gespräch über Haltung, Materialien,

kollektives Arbeiten – und die leise

Kraft der Architektur.

„Architektur ist nicht nur eine Zeichnung auf Papier:

Es geht um Raum, Licht ...“

Carolyn Herzog


www.architektur-online.com

47

Hkollektive . studio für architektur & design

Sie haben schon als Kind begonnen,

Fassaden zu zeichnen. Wie kam es,

dass Architektur so früh Ihr Thema

wurde – obwohl Ihre Eltern beruflich

einen ganz anderen Weg eingeschlagen

haben?

Das stimmt, es war für mich immer

da. Ich habe schon mit sieben oder

acht Jahren Gebäude gezeichnet.

Für mich war bald klar: Ich will an die

HTL für Hochbau und später Architektur

studieren. Dass ich dann nach

Aachen gegangen bin, lag auch am

technischen Schwerpunkt dort – und

ich habe es nie bereut. Architektur

war für mich nie ein abstraktes Konzept,

sondern immer auch Handwerk

und Umsetzung.

Wie würden Sie heute Ihre architektonische

Haltung beschreiben?

Mir ist wichtig, dass Architektur nicht

nur auf dem Papier funktioniert, sondern

auch in der Realität. Es geht

um den Spagat zwischen Idee und

Umsetzbarkeit. Räume sollen Ruhe

ausstrahlen, nicht überladen sein,

aber auch nicht kahl wirken. Reduktion

aufs Wesentliche – mit Gefühl.

Details wie Türgriffe oder Armaturen

gehören genauso dazu.

Sie sprechen viel von Gefühl im

Raum. Was macht für Sie das Wesen

von Architektur aus?

Bewegung. Für mich beginnt alles

mit dem Fluss, mit dem Rundgang

durch einen Raum. Es darf keine

abrupten Grenzen geben. Und dann

das Material: Holz, Naturstein, Metall

– möglichst pur und echt. Nur

so bleibt Architektur zeitlos. Sie

soll selbstverständlich wirken, leise,

nicht laut.

Ihre Projekte vereinen oft Architektur

und Innenarchitektur nahtlos. Warum

gehört für Sie beides zusammen?

Weil das eine aus dem anderen entsteht.

Architektur schafft den Raum,

die Innenarchitektur bringt den direkten

Kontakt zum Menschen – zu

dem, was man berührt, sieht, benutzt.

Wenn beides aus einem Guss

gedacht wird, verschmilzt es. Für

mich ist das der spannendste Moment:

wenn ich alles mitdenken darf.

u

Beim Projekt stieg’nhaus verantwortete

Carolyn Herzog Architektur und Interior

Design – von der Entwurfs- und Werkplanung

über die Einreich- und Detailplanung

bis hin zur Gestaltung der Fassade. Besonders

die markante Eingangstür zählt zu

ihren liebsten Entwürfen.


architektur PEOPLE

48

Hkollektive . studio für architektur & design

Mit „Hkollektive . studio für architektur

& design“ haben Sie ein Studio

gegründet, das den Gemeinschaftsgedanken

im Namen trägt. Was bedeutet

Kollektiv für Sie?

„H“ steht für Herzog, „kollektive“ für

das Arbeiten im Team – mit Partnern,

die dieselbe Haltung haben, und auch

mit den Bauherr:innen. Gerade bei

Umbauten oder Bestandsprojekten

ist das wichtig. Es geht nicht darum,

alles abzureißen und neu zu bauen,

sondern Räumen Identität und Sinn

zurückzugeben. Dafür braucht es die

richtigen Menschen, die gleich denken

und lösungsorientiert arbeiten.

Minimalismus ist ein zentrales Motiv

Ihrer Arbeit. Wie schaffen Sie es,

dass Räume trotzdem warm und einladend

wirken?

Für mich gilt: nie mehr als drei Materialien

in einem Raum. Dafür aber großflächig,

mit hoher Qualität und spürbarer

Authentizität. Licht setze ich sehr

bewusst ein – weich, warm, nie als

Raster, sondern dort, wo es gebraucht

wird. So entsteht Atmosphäre.

Ein Projekt, das große Aufmerksamkeit

erregt hat, ist das stieg’nhaus am

Hochkönig. Was war Ihre Leitidee?

Das Treppenhaus war von Anfang an

das Herzstück. Anfangs war es kaum

erkennbar, doch nach der Reduktion

wurde es zum zentralen Element. Ich

habe versucht, diese endlose Bewegung,

diese runde Weichheit in den

gesamten Bau zu übertragen – ob

Badewanne, Sauna oder Feuerring:

alles greift dieses Prinzip auf. Selbst

der Name verweist darauf.

Sie arbeiten bevorzugt mit natürlichen

Materialien. Was fasziniert Sie daran?

Im Rahmen ihres ersten Interior-Design-Projekts “Herzogin” hat Carolyn Herzog nicht nur das

gesamte Raumkonzept gestaltet, sondern auch alle Details aus Schwarzstahl, die Leuchten, Stühle,

Tischbeine sowie Beschriftungen und die Weinhalterungen.

Ihre Wandelbarkeit. Holz kann rau

und distanziert wirken oder warm

und einladend – je nach Bearbeitung.

Stein erzählt mit der Zeit eine

Geschichte, Metall entwickelt Patina.

Das ist authentisch und macht Räume

lebendig. Man spürt das Handwerk,

die Spur der Menschen.

Architektur und Interior-Design aus

einer Hand: Für „glemm483” verantwortete

die junge Architektin den

gesamten Prozess – vom Vorentwurf

über die Einreichung bis hin zur Werkund

Detailplanung.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen persönlich

besonders viel bedeutet hat?

Die kleine Wohnung in Saalbach. Mit

kleinem Budget und großem Anspruch

wurden aus zwei Zimmern

drei – damit eine wachsende Familie

auch auf begrenztem Raum weiterhin

hochwertig wohnen und in ihrem

eigenen Zuhause bleiben kann. Solche

Projekte sind herausfordernd,

aber umso erfüllender, weil man

spürt, dass Architektur hier wirklich

etwas bewirkt.

Wenn Sie zurückblicken: Welche Erkenntnis

begleitet Sie durch Ihre bisherige

Laufbahn?

Dass Überzeugungsarbeit dazugehört.

Manchmal muss man lange

kämpfen, bis auch andere an die eigene

Idee glauben. Das ist kräftezehrend

– aber wenn es gelingt, merkt man am

Ende, dass es sich gelohnt hat. Architektur

bedeutet für mich, auf die eigene

Haltung zu vertrauen und sie mit

Leidenschaft umzusetzen. •


ADI

COMPASSO D’ORO

INTERNATIONAL

AWARD


architektur PEOPLE

50

Kronaus Mitterer Architekten

Orte des Austauschs

und der Teilhabe

Interview mit Christian Kronaus und Peter Mitterer

Interview: Andreas Laser

Ein Schulgebäude ist endlich weit mehr als Klassenzimmer, Gang und

Turnsaal. Es ist Lernlandschaft, Lebensraum und sozialer Mikrokosmos.

Das Architekturbüro Kronaus Mitterer prägt diesen Wandel

heute entscheidend mit. Im Interview sprechen Christian Kronaus und

Peter Mitterer darüber, wie sich pädagogische Konzepte in räumliche

Strukturen übersetzen lassen – und warum der „Raum als dritter

Pädagoge“ dabei keine bloße Metapher ist.

© Kronaus Mitterer Architekten


www.architektur-online.com

51

Kronaus Mitterer Architekten

Das Modell der Gemeinschaftsschule

Adlershof zeigt das Prinzip des „Lernkiez

im Park“ in Berlin: eine organisch gegliederte

Struktur, die Innen- und Außenräume

fließend verbindet. Das Raumkonzept

wird hier anschaulich als offenes, vernetztes

Lerngefüge erfahrbar.

© Kronaus Mitterer Architekten

Was ist der grundlegende architektonische

Gedanke, der all Ihre Projekte

verbindet? Gibt es eine Art

„roten Faden“ in der Philosophie von

Kronaus Mitterer?

Unsere Architektur ist stark ortsgebunden

und entwickelt für den

jeweiligen Bauplatz und die jeweilige

Funktion ein maßgeschneidertes

Gebäude. Daher weisen unsere

Projekte eine große gestalterische

Bandbreite auf, wir arbeiten also

stark mit Prototypen. Was die Projekte

aber gemein haben, ist dass

sie sehr gut in ihren städtebaulichen

Kontext eingebettet sind und ein

schlüssiges Weiterbauen der Stadt

zum Ziel haben. Das ist es auch, was

uns an der Architektur interessiert.

Ihr Büro ist besonders für seine Bildungsbauten

bekannt geworden. Inwiefern

ist gerade diese Bauaufgabe

das ideale Feld, um Ihre architektonische

Haltung in die Praxis umzusetzen?

Der moderne Bildungsbau arbeitet

stark mit offenen Raumkonzepten

wie Lernlandschaften, „Marktplätzen“

und Multifunktionszonen. Gleichzeitig

erfordert das „Cluster“- bzw. „Compartment“-Konzept,

das in den letzten

Jahrzehntenten pädagogisch entwickelt

wurde, die Strukturierung der

Schule in kindergerechte Bereiche und

Maßstäbe. Weiters sehen wir, dass die

Verwebung der Schule mit dem Außenraum

in Form von Freiluftklassen,

Sport- und Spielbereichen im Nahbereich

der Lernräume immer wichtiger

wird. All diese Punkte ermöglichen

das Austesten von spannenden und

innovativen Raumkonzepten, was beispielsweise

im Wohnbau nur viel eingeschränkter

möglich ist.

Welche Rolle spielt die Architektur

für das Lernen im 21. Jahrhundert?

Was muss ein modernes Bildungsgebäude

heute leisten, was es vor 30

Jahren noch nicht musste?

In den letzten 30 Jahren hat sich viel

verändert in der Art und Weise, wie

Wissen vermittelt wird. Frontalunterricht

wird zunehmend durch andere

Lernformate wie Kleingruppen

oder individuelle Förderung ersetzt.

Die Unterrichtsräume müssen daher

Teilungs- und Rückzugsmöglichkeiten,

aber auch Transparenzen und

Sichtbeziehungen ermöglichen. Die

Ganztagesschule wird immer mehr

zur Norm und die Kinder verbringen

dadurch viel mehr Zeit in der

Schule, teils auch in den Sommerferien.

Das Gebäude muss darauf

mit vielfältigeren Raumangeboten

und mit Maßnahmen zur Klimaresilienz

reagieren. Das ist eine große

Chance für uns Architektinnen und

Architekten, diese neuen Herausforderungen

mit neuen räumlichen

Antworten zu unterstützen.

Wie übersetzen Sie moderne pädagogische

Konzepte in architektonische

Raumprogramme – insbesondere,

wenn es um offene Lernlandschaften

und die Gestaltung von Zwischenräumen

geht?

Sinnbildlich für die Übersetzung der

neuen pädagogischen Konzepte in

die Architektur ist die Erschließung in

einem Bildungsbau. Wir alle kennen

noch aus früheren Zeiten die schier

endlosen Gänge in einer Schule. Das

war Niemandsland. Die Bedeutung

der Erschließungswege als Kommunikationsflächen

wurde lange unterschätzt

– heute sieht man das anders.

Wir planen diese Wege so, dass der

Austausch untereinander angeregt

wird. Das schließt eine bewusste

Blickführung in die Klassen- und Arbeitsräume

mit ein. Flure werden zu

Zwischenräumen, die sich aufweiten,

wo Leben und Lernen stattfindet.

Sie verbinden Funktionen, schaffen

Übergänge und lösen Grenzen auf. Im

Zusammenspiel von Wegen, Blicken

und Schwellen zeigt sich für uns die

eigentliche Qualität der Architektur.

Zwischenräume geben dem Gebäude

eine soziale Dimension. In unseren

Lernlandschaften entstehen Platzsituationen

und Rückzugsorte, extrovertierte

und introvertierte Bereiche.

Menschen sind unterschiedlich, und

das Raumangebot muss breit genug

sein, um allen einen Platz zu bieten.

In diesen Zonen finden auch offene

Unterrichtsformen statt, etwa Workshops

oder AGs.

Bei der Übersetzung neuer pädagogischer

Konzepte in die Architektur

geht es also darum, dass ungezwungenes

Lernen durch ein vielfältiges

Raumangebot unterstützt wird – und

dass Teilhabe architektonisch erfahrbar

wird.

u


architektur PEOPLE

52

Kronaus Mitterer Architekten

© Schreyer David

Wie eng ist die Zusammenarbeit mit

Pädagoginnen und Pädagogen in der

Entwurfsphase?

Die Zusammenarbeit mit den Nutzerinnen

und Nutzern ist ein wesentlicher

Bestandteil einer ganzheitlichen

Planung. Nur ein Gebäude, das

angenommen wird und auf spezifische

Anforderungen eingeht, ist ein

nachhaltiges Gebäude. Im Bildungsbau

greifen wir sowohl auf Erkenntnisse

aus der Theorie als auch auf

Erfahrungen aus der Praxis zurück.

Die Zusammenarbeit mit den Nutzergruppen

ist ein spannender Prozess

und fördert nicht selten Lösungen

zutage, die uns nie eingefallen wären,

hätten wir isoliert gearbeitet. Gleichzeitig

schafft die Zusammenarbeit

auch Verständnis für ungewöhnliche

räumliche Lösungen auf Seiten der

Pädagoginnen und Pädagogen.

Lernwelten verändern sich rasant.

Wie kann man sicherstellen, dass

Bildungsbauten flexibel und auch in

Zukunft noch funktional sind?

Das ist eine berechtigte Frage. Zum

einen hilft eine Vielzahl nutzungsoffener

und robuster Bereiche, damit

Lernwelten ohne große bauliche Eingriffe

neu bespielt werden können.

Das ist eine gute Lösung für kleinere

Anpassungen. Betrachtet man

den gesamten Lebenszyklus eines

Bildungsbaus, können aber auch

größere Veränderungen notwendig

werden. Dann ist es wichtig, dass

bereits in der Planung die Rückbaubarkeit

mitbedacht wird. Im Wiener

Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof

planen wir derzeit einen

Schulcampus, der ein Pilotprojekt für

die Kreislaufwirtschaft ist. Materialien

werden so verbaut, dass sie später

ohne großen Aufwand recycelt werden

können. Wir erstellen auch eine

detaillierte Auflistung der verbauten

Materialien, um die Rückbaubarkeit

schon im Entwurf mitzudenken.

Oft wird der Raum als „dritter Pädagoge“

bezeichnet. Wie interpretieren

Sie diesen Begriff in Ihrer Arbeit?

Wir können unsere gebaute Umwelt

so gestalten, dass bestimmte

Nutzungen gefördert werden. Im

Bildungsbau setzen wir bewusst Anreize,

damit Tätigkeiten unterstützt

werden. Wir bieten Kernklassen und

Nischen für konzentriertes Arbeiten

an. Wir schaffen aber auch Orte, die

Kommunikation und Austausch fördern.

Eingangs haben wir den langen

Gang in konventionell geplanten

Schulen angesprochen und dass wir

stattdessen offene Kommunikationszonen

bevorzugen. Wir können es

schaffen, dass zum Beispiel der Weg

von der Kernklasse zum Physikraum

unterschiedliche Begegnungen und

wertvolle Einblicke in den Schulalltag

ermöglicht. Wir dürfen nicht vergessen,

dass wir vor allem voneinander

lernen, und den Rahmen dafür bildet

die Architektur.

Mit seiner modularen Clusterstruktur

und großzügigen Terrassen schafft der

Bildungscampus Willi Resetarits in Wien

vielfältige Lernlandschaften. Transparente

Übergänge, natürliche Materialien

und flexible Raumbeziehungen fördern

Kommunikation und Teilhabe.

© Schreyer David


www.architektur-online.com

53

Kronaus Mitterer Architekten

Welche Bedeutung hat die Materialwahl

für die Lernatmosphäre und

das Wohlbefinden der Kinder und

Jugendlichen?

Schadstofffreie, natürliche Materialien,

angenehmes Licht und ein

Bezug zur Außenwelt sind zentrale

Entwurfsaspekte für eine gute

Lernatmosphäre. Wir entwickeln

projektspezifische Material- und

Farbkonzepte, die individuell auf die

jeweilige Situation eingehen und das

Wohlbefinden unterstützen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie

im Kontext eines Schulbaus?

Nachhaltigkeit bedeutet einerseits

ressourcengerecht zu planen und zu

bauen. Es bedeutet aber auch, Schulen

zu bauen, in denen Kinder sich

wohlfühlen, die von den PädagogInnen

als Arbeitsumfeld geschätzt

werden und die einen städtebaulichen

Mehrwert für die Umgebung

bieten. Nur so kann sichergestellt

werden, dass das Gebäude auch über

seine angestrebte Nutzungsdauer

hinaus erhalten wird. Das können nur

individuell geplante Schulen leisten,

modulare Gebäude ohne echten Bezug

zum Ort, egal wie nachhaltig sie

errichtet werden, vermutlich nicht.

Bildungsprojekte sind oft auch wichtige

städtebauliche Bausteine. Welche

Verantwortung trägt ein Schulbau

für sein urbanes Umfeld?

Ein Bildungsbau hat das Potenzial,

als Anker im öffentlichen Raum zu

wirken und ein verbindendes Element

zwischen schulischem und

städtischem Leben zu sein. Wir öffnen

unsere Bildungsbauten bewusst

zur Nachbarschaft und integrieren

gemeinschaftlich nutzbare Flächen

wie Aula oder Sportbereiche mit guter

Zugänglichkeit auch außerhalb

der Schulzeiten. Das führt zu einer

Belebung des Umfelds und schafft

eine Schnittstelle zwischen Lernort

und Stadtraum.

Was sind heute die größten Herausforderungen

bei der Planung und

Umsetzung von Bildungsbauten.

Und wie finden Sie innovative Lösungen

dafür?

Kostendruck, normative Vorgaben

und komplexe Nutzeranforderungen

gehören zum Alltag der Planung,

nicht nur bei Bildungsbauten. Das

führt aber nicht zwangsläufig dazu,

dass die architektonische Qualität

darunter leidet. Im Gegenteil: Einschränkungen

schärfen den Blick für

das Wesentliche. Wichtig ist jedoch,

dass die Auftraggeber:innen mutig

genug sind, neue Wege zuzulassen

und innovative Konzepte zu wagen.

Vermeintlich sichere Konzepte wie

Totalübernehmer, Modulschulen

oder PPP-Modelle verhindern Innovation

und Wettbewerb und kommen

auf Dauer teurer.

Wie wird sich der Bildungsbau weiterentwickeln?

Welche Trends sehen

Sie, und welche Rolle möchte Ihr

Büro dabei spielen?

Bildungsbauten werden weiterhin

eine zentrale gesellschaftliche Rolle

spielen. Der Fokus verschiebt sich

vom Lernraum hin zum Lebensraum.

Schulen werden künftig stärker

hybride Gebäude sein, die unterschiedliche

Nutzungen und auch

unterschiedliche Nutzergruppen

zulassen. Anpassbarkeit wird zum

Schlüsselthema. Nachhaltigkeit und

Klimaresilienz wird immer wichtiger

und die öffentliche Hand kann hier

mit Bildungsprojekten ein Vorreiter

sein. Für uns als Büro ist jeder Schulwettbewerb

weiterhin eine besondere

Aufgabe und eine Möglichkeit,

räumliche Konzepte auszuprobieren

und umzusetzen.

Wenn Sie völlig frei von allen Zwängen

ein Projekt im Bildungsbereich

entwerfen könnten – wie sähe das

aus? Was wäre die zentrale Idee?

Vermutlich eine große Lernlandschaft

auf einer oder mehrerer verschränkter

Ebenen mit fließendem

Übergang zu einem weitläufigen

Außenbereich. Eine Abfolge von

offeneren und intimeren Bereichen

mit spannenden funktionalen und

visuellen Beziehungen. Frei programmierbare

Räume abseits klassischer

Raumprogramme. Alles in

einer robusten und nachhaltigen

Bauweise errichtet. Das Resultat

würde vermutlich mehr an ein zeitgenössisches

Museum als an eine

Schule erinnern. Aber warum sollten

unsere Bildungsbauten nicht

genauso Leuchtturmprojekte sein

wie Kulturbauten?

Der Neubau der Zentralberufsschule Wien in der Seestadt Aspern schafft mit

seinem zweigeschossigen Sockel und den schwebenden Holzbaukörpern eine

prägnante städtebauliche Figur. Transparenz, Offenheit und Nachhaltigkeit prägen

das architektonische Konzept ebenso wie der Gedanke der Gemeinschaft.

© Kronaus Mitterer Architekten, Janoušek & Havlíček


architektur PEOPLE

54

GROWNlab

In Resonanz

mit der Umgebung

Interview mit Valentine Troi

Interview: Linda Pezzei

Ob Skistöcke aus Hanffasern, Möbel aus Kombucha-Cellulose

oder Prototypen mit Myzel-Bindern: Valentine Troi forscht

mit ihrem Team im GROWNlab Innsbruck an Materialien, die

buchstäblich wachsen. Das Labor, 2023 mit Unterstützung

des Landes Tirol gegründet, versteht sich als Schnittstelle

zwischen Landwirtschaft, Forschung und Industrie – und

als Motor einer regional verankerten Bioökonomie. Mitten

im Alpenraum arbeitet Troi daran, fossile Rohstoffe durch

biobasierte Alternativen zu ersetzen und Wertschöpfungsketten

neu zu denken. Im Gespräch erzählt Valentine Troi,

wie sie von der parametrischen Architektur zur Materialforschung

kam, warum Hanf, Flachs und Wolle eine Renaissance

erleben – und weshalb für sie Kreislaufwirtschaft weit mehr

ist als ein Schlagwort.

„Wir entwickeln Werkstoffe, die CO 2

speichern, anstatt es auszustoßen –

und schaffen so Materialien, die nicht

nur technisch funktionieren, sondern

auch gesellschaftlich Sinn ergeben.“

Valentine Troi


www.architektur-online.com

55

GROWNlab

Wie würden Sie das GROWNlab in einem

Satz beschreiben?

Wir entwickeln und prüfen Materialien

aus schnell nachwachsenden, in

Europa verfügbaren Rohstoffen wie

Hanf, Flachs, Wolle oder Hopfen –

damit nachhaltige Produkte schneller

Realität werden.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Die Idee kommt direkt aus der Praxis.

Nach Jahren in der klassischen

Faserwelt habe ich mich bewusst

den Naturfasern zugewandt. Ein

Auftrag für Hanf-Trekkingstöcke war

der Startschuss – er zeigte das Potenzial,

aber auch die Lücken in den

regionalen Wertschöpfungsketten.

Um diese zu schließen, habe ich das

Netzwerkprojekt Alpenhanf 360°

initiiert. Daraus entstand 2023 das

GROWNlab – mit einer Anschubfinanzierung

des Landes Tirol und der

Anbindung an die Universität Innsbruck.

Heute arbeiten wir mit Partnern

aus Landwirtschaft, Forschung

und Industrie in mehreren nationalen

und europäischen Projekten.

Warum gerade Hanf, Flachs und Wolle?

Diese Pflanzen sind hier verfügbar

und haben enormes Potenzial. Hanf

etwa bindet im Wachstum mehr CO 2

als ein gleich großer Fichtenbestand

– und liefert Fasern wie auch Schäben

für Baustoffe. Wolle ist ein unterschätzter

Rohstoff, der in Europa

oft entsorgt werden muss. Wir sehen

unsere Aufgabe darin, solche „Restströme“

in Wert zu setzen. Entscheidend

ist: Unsere Produkte müssen

langlebig sein, sonst stimmt die Klimabilanz

nicht.

Regionale Wertschöpfung klingt

ideal – wo liegen die Hürden?

Ich spreche gern von „Zukunftsmodell

oder Nischenromantik?“. Begeisterte

Akteur:innen gibt es viele,

aber es fehlt oft an Skalierung und

Wirtschaftlichkeit. Noch bewegen

wir uns meist im Pilotsegment. Eine

geförderte Defossilisierung würde

helfen, schneller vom Nischenprojekt

zum Zukunftsmodell zu werden.

Welche Rolle spielt Design

in Ihrer Arbeit?

Eine große. Der natürliche Ursprung

wird bei Ski, Stöcken, Möbeln oder

Akustikpaneelen bewusst geschätzt.

Aber am Ende zählen Haltbarkeit,

Gewicht, Preis und Performance.

Deshalb arbeiten wir an Prozessen

und Dauerhaftigkeit – nur dann funktionieren

Kreisläufe.

Kreislaufwirtschaft – wie

leben Sie das konkret?

Noch ist keine Kette vollständig geschlossen.

Aber wir bauen die Bausteine

Stück für Stück auf: Anbau,

Ernte, Aufbereitung, Prototypen und

End-of-Life-Szenarien. Ziel ist ein

robustes Transfermodell – von regionaler

Biomasse bis zu wiederverwertbaren

Produkten.

Was braucht es, damit die Vision

einer nachhaltigen Alpenökonomie

Realität wird?

Es gibt politischen Willen, aber auch

bürokratische Hürden. Wichtig ist,

kleine Player zu unterstützen und

grenzüberschreitend zu denken. Wir

brauchen Netzwerke und öffentliche

Investitionen, damit sich regionale

Bioökonomie durchsetzt.

Vom Feld ins Labor: Nutzhanf im Rohzustand – von der Pflanze

über den Stängel bis zu den ersten aufbereiteten Fasern.

Und was treibt Sie persönlich an?

Ich brauche technischen Anspruch

und gesellschaftlichen Mehrwert. Der

Auslöser war tatsächlich ein Grashüpfer,

der mir auf die Hand flog –

so perfekt konstruiert, dass mir klar

wurde: Mit der Natur zusammenzuarbeiten

ist die bessere Strategie. •

Lebende Materialien: Prototypen aus Hanf und Myzel zeigen das Potenzial

pilzbasierter Bindemittel für ökologische Bau- und Designlösungen.

Material in Transformation: Aufgespaltene Hanffasern und gebogene

Stängel als Grundlage für biobasierte Composite-Anwendungen.


architektur PEOPLE

56

Martin Gruber

Über Mut

und Machen

Interview mit Martin Gruber

Text & Interview: Linda Pezzei

„Werte sind Gefühle. Und wenn man Architektur entwickelt

und nicht über Liebe spricht, über diese Form von Gefühl und

Werte, dann haben wir etwas versäumt.“

Martin Gruber

Es ist ein klarer Herbsttag in Brixen. Im Büro von

Martin Gruber herrscht konzentrierte Stille – das Gegenteil

von Chaos, obwohl überall Bewegung ist. Der

große, aufgeräumte Tisch, ein Bildschirm am Kopfende,

davor kleine Holzmodelle. Nicht Architektur zum

Passivkonsum, sondern Architektur zum Begreifen:

Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde, Modelle und

Zitate prägen den Raum. Alles wirkt strukturiert, belebt

jedoch von feinen Unregelmäßigkeiten, die von

Handarbeit erzählen.

Später, in Verdings, im Atelier an der Hangkante, umgeben

von einer Schar Holzfiguren – roh und kunstvoll

zugleich, Oberflächen von Wind und Zeit geprägt

– schließt sich der Kreis. Hier wird deutlich: Was er

formt, formt auch ihn. Ein Mensch, der zwischen den

Welten pendelt – zwischen Berechnung und Intuition,

zwischen der Stadt im Tal und der Stille am Berg.

Ein Architekt, der Architektur nicht ersinnt, sondern

empfindet. Der Räume kultiviert wie Gärten, Materialien

sprechen lässt und Gefühle zu Konstruktionen

werden. Für ihn gibt es keine Grenze zwischen Denken

und Tun; Skizze und Modell arbeiten zusammen

– erst im Kopf, dann als Gefühl, das zu einem Raum

wird, der leben darf.

„Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man einige Erfahrungen

hat, aber noch leidenschaftlich für frische

neue Ideen ist“, sagt er ruhig. Der Satz könnte einfach

klingen, ist es aber nicht. Es ist ein Bekenntnis über

Bescheidenheit und Kühnheit zugleich. Denn Martin

Gruber hört hin – auf Ort, Handwerk, Menschen. Er

sagt nein, wenn etwas nicht trägt. Er tritt zurück,

nimmt sich Zeit. Und genau darum geht es in diesem

Gespräch: nicht um fertige Antworten, sondern um

einen Prozess, um das Wagen, Fehler zu machen und

daraus klüger zu werden. Architektur ist für ihn keine

Privatsache, sondern eine öffentliche Übung in Empathie

– ein kollektives Werk, das sich erst bewährt,

wenn es verstanden, gebaut und bewohnt wird.

© Katie McKnoulty


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57

Martin Gruber

Wenn man sich hier umsieht, wird

deutlich, dass zwei Welten nicht getrennt

sein müssen. Im Büro wird geplant,

im Atelier wird mit den Händen

gearbeitet. Gibt es überhaupt eine

Grenze zwischen Denken und Tun?

Es gibt keine. Die eine Seite arbeitet

immer mit der anderen. Skizze und

Klinge – sie gehören zusammen. Ich

entwerfe mit den Händen. Die Hand

ist oft schneller als der Kopf, und genau

das ist wertvoll. Da kommt etwas

ins Fließen, das sich nicht rational erklären

lässt. So entstehen lebendige

Formen. Was mich fasziniert: Jedes

Projekt ist ein Neuanfang. Mit einem

neuen Ort, neuen Bauherren, neuen

Bedingungen – und immer wieder

mit sich selbst. Das klingt repetitiv,

ist aber das Gegenteil. Ich merke oft:

Ich muss mich befreien. Dann entstehen

mehrere Entwürfe gleichzeitig

– vier, fünf manchmal. Es ist nicht

Zögern, es ist Großzügigkeit. Ich will

sehen, was möglich ist. Was darf dieser

Ort sein? Nicht: Was darf ich mit

meinem Namen hier bauen?

Das führt zu einer anderen Frage:

Kultivieren Sie damit nicht genau das

Gegenteil einer Handschrift – wäre es

nicht einfacher, einen erkennbaren

Stil zu haben?

Nein. Eine Haltung, ja. Aber keinen

Stil im klassischen Sinn. Ich will nicht

über meine Formensprache wiedererkannt

werden, sondern über meine

Art, an Probleme heranzugehen.

Das ist der Punkt: Loszulassen. Zehn

Architekten würden aus demselben

Briefing zehn verschiedene Projekte

machen. Diesen experimentellen

Prozess kann ich nicht delegieren –

das muss durch meine Hände gehen.

Und doch sind Sie nicht allein damit.

Nein, aber entscheidend ist: Wir

denken früh zusammen. Nicht erst

in der Ausführung. Ich hole Firmen,

Handwerker, manchmal ältere Einheimische

an den Tisch – in der

Entwurfsphase. Dann kommt Realität

ins Spiel. Ein gutes Konzept verteidigt

sich selbst. Wenn die Handwerker

es verstehen, der Bauherr

es liest und das Amt spürt, dass da

eine Logik dahinter ist – dann trägt

es sich von allein.

Werte sind Gefühle. Dieser Satz

wirkt wie ein Herzschlag durch

unser Gespräch.

Das ist zentral für mich. Am Ende

zählen nicht die monetären Werte.

Wenn der Lebensfilm einmal abläuft,

fragt man sich nicht: Wie viel habe

ich angehäuft? Sondern: Welche Beziehungen

habe ich gepflegt? Mit

wie viel Liebe habe ich gearbeitet?

Architektur ohne Bezug zu Gefühlen

ist leblos. Man merkt das – Räume

ohne Liebe bleiben leer.

Das klingt romantisch.

Ist es aber nicht – es ist radikal.

Vielleicht. Aber wenn man mit Liebe

arbeitet, achtet man auf Details, auf

den Menschen, auf das Material. Das

ist keine Dekoration – das ist Statik.

Das ist Verantwortung.

Die Lektion der Baustelle?

Auf der Baustelle lernt man Demut.

Ich erinnere mich an eine Treppe,

die eine Stufe zu lang war. Sie ragte

in die Tür hinein. Zwei Optionen:

Treppe neu machen oder Tür kürzen.

Ich wählte die Tür. Das war Überwindung.

Aber auch ein Schutz – der

Zimmermann musste nicht alles neu

bauen. Und plötzlich war es richtig.

Näher am Menschen als am Konzept.

Die Architektur ist kein Dogma. Sie

ist Beziehungspflege. Das musste

ich lernen – und noch immer lerne

ich das.

Sie sind auf der Baustelle

groß geworden?

Ja, mein Vater war Baumeister – da

lernt man zeitig, dass jede Linie

zählt. Wenn einer den ganzen Tag an

einer Linie schalt, denkt man genau

nach. Holz zum Beispiel – das lebt.

Es schwindet, verzieht sich, vergraut.

Ich liebe Materialien, die sich

verändern dürfen. Ein gutes Material

erzählt weiter, auch wenn der Architekt

längst nicht mehr da ist.

Genau das sieht man in Ihren Bauten

– sie altern gut.

Weil sie dürfen. Ich fotografiere meine

Projekte nicht gleich nach Fertigstellung.

Ich schaue sie mir nach fünf,

manchmal nach zehn Jahren an. Erst

dann weiß man, was funktioniert. Ein

Haus ist wie ein Mensch– man muss

ihm Zeit geben, zu reifen.

© Tobias Kaser

© Tobias Kaser

© Tobias Kaser

Im eigenen Zuhause in Verdings verbinden sich Arbeit und

Leben. Architektur als Haltung – reduziert, sinnlich, von

Hand und Erfahrung geformt.

Sie haben vorhin vom Loslassen gesprochen

– von Entwürfen, die sich

fast von selbst ergeben. Ein Beispiel

dafür ist die Freiform in Verdings. War

das so ein Moment des Vertrauens?

Absolut. Zuerst plante ich ein traditionelles

Bauernhaus – solide, ordentlich,

typologisch korrekt. Am

Vorabend der Abgabe des Gästehauses

kam der Impuls: Die Hand

schneller als der Gedanke. Alles neu

gezeichnet – intuitiv, frei. Einfach so

hingeworfen, ohne Rechtfertigung.

Am nächsten Tag wurde es ohne

Diskussion genehmigt. Das war der

Augenblick: Wenn eine Idee stimmig

ist, verteidigt sie sich selbst. u


architektur PEOPLE

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iform: Ein organisch modellierter Baukörper, der mit der Topografie verschmilzt – reduziert, fließend, landschaftlich gedacht.

Martin Gruber

© Alex Moling © Alex Moling

Das war ein Wendepunkt?

Danach wusste ich: Ich kann der Architektur

vertrauen.

Wir gehen durch Holzstaub und

Gegenlicht. Hier arbeitet er regelmäßig

– allein, ohne Auftrag.

Das ist mein Labor. Kunst ist frei, Architektur

ist gebunden. In der Kunst

entwickle ich meine Sprache. Man

arbeitet mit Holz, und irgendwann

antwortet es. Das ist Meditation. Es

hilft, Maß und Geduld zu üben. Sensibilität

kann man trainieren – genauso

wie Rechnen oder Denken.

Also eine Art Bildungsauftrag? Architektur

ist ja letztlich keine Privatsache.

Man ist immer auch Spiegel

der Gesellschaft.

Genau. Die Gesellschaft gehört an

den Planungstisch: Handwerker,

Nachbarn, Behörden, Einheimische.

Baurecht kann keine Ästhetik erzwingen.

Gesetze ersetzen kein

Vertrauen. Was ich mir wünschen

würde: mehr Zusammenarbeit, eine

Art Idealismuslobby – keine politische

Richtung, sondern ein Raum

des Vertrauens. Wir brauchen wieder

die Mitte. Das Normale, das Menschliche.

Weniger Einzelkämpfertum,

mehr gemeinsames Gedankengut.

Weniger Bürokratie und dafür fair

bezahlte Arbeit. Das funktioniert nur,

wenn alle am Tisch gewonnen haben.

Was würden Sie den jungen

Architekten mitgeben?

Vertrauen – in den Prozess, in die

Suche, ins Nichtwissen. Sich als Lernender

verstehen, nicht als Lehrender.

Man hat Halbwissen, und das

ist in Ordnung. Die Suche ist das

Schöne. Man kann alles üben. Denken,

Fühlen, Geduld. Daraus wächst

Haltung. Ich zeige meine Projekte oft

erst nach Jahren. Nicht aus Eitelkeit,

sondern aus Respekt. Ein Gebäude

braucht Reife, wie ein guter Wein.

Erst wenn es lebt, wenn Menschen

darin Spuren hinterlassen, darf man

es herzeigen. Architektur ist nichts

Schnelles. Sie ist das Gleichgewicht

der Systeme.

Er lehnt sich zurück, ruhig,

ohne Dramatik:

Die Wahrheit kommt früher oder später

sowieso raus.

Und dann dieser Satz, der wie ein

Mantra wirkt, selbstverständlich

gesprochen:

Wenn man bei sich bleibt und es gut

meint – dann funktioniert es. •

Das eriro in Ehrwald in Tirol: Ein Refugium aus Holz,

Stein und Licht – kraftvoll verwurzelt in der Landschaft,

geprägt von handwerklicher Hingabe.

Freiform: Ein organisch modellierter Baukörper,

der mit der Topografie verschmilzt – reduziert,

fließend, landschaftlich gedacht.

© Alex Moling

© Federico Graziati

© Martin Gruber


www.architektur-online.com

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Martin Gruber

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